Mädchenkram - Supernatural

Snow Blazes and Fire Demons
Flanns Diary zum Tale of Snow Blazes

Lautes Rascheln, eintöniges Motorengeräusch, im Hintergrund läuft Metal der Band Kittie.

“Endlich wieder im Warmen!”

Im Hintergrund singt die Sängerin “You took something from me… Now you disappeared…”

“Was für ein Trip. So viel Schnee und nirgends ein Supermarkt, bei dem man sich mal eben schnell mit dem nötigsten eindecken könnte. So müssen sich die ersten Menschen gefühlt haben. Schrecklich. Vor allem habe ich auch gar keine Lust mich damit auseinanderzusetzen, wie ich in so einer Gottverlassenen Einöde überleben könnte.”

Kittie singt im nächsten Lied etwas lauter: “I think I’d rather crucify then learn!”

“Dabei ist es im groben und ganzen eigentlich recht glimpflich für mich ausgegangen. Niels und Emily haben richtig was abbekommen, während selbst Bart und Irene nicht ohne Schaden davongekommen sind, als wir am Ende diesen Dämonenschatten und seine Dienerin gestellt haben. Natürlich hätte es auch besser ablaufen können, aber Niels und Emely mussten ja unbedingt schon ungeduldig vorpreschen und einer Fährte folgen, während Bart, Irene und ich noch eine Hütte untersuchten, die offenbar demjenigen gehört hatte, der diesen Dämonenschatten in unsere Welt gebracht hat.”

Flann dreht das Autoradio nun komplett ab. Es verbleibt das eintönige Motorengeräusch, wie man es von langen Fahrten auf einer Interstate kennt.

„Dabei hat alles ganz ruhig angefangen: Bin grade bei Irene gewesen, um sie nach einer Recherche für mich zu bitten. Klar hätte ich gerne auch selbst einen Blick auf die Bestände Ihrer Familie geworfen, aber so würde es auch gehen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mein Verhältnis zu Irene seit diesem Vorfall besser ist, als vorher. Zumindest sind die Missverständnisse jetzt beseitigt und wir können auf einer ganz anderen Ebene miteinander kommunizieren. Ich bin kein Psychologe, aber ich denke der Schneeball, den sie mir ins Gesicht schmiss, oder die von mir abgefangene Ohrfeige, die wir beide mit einem Lächeln quittierten, zeugen von einem schon fast vertrauten Umgang, den ich von ihr sonst niemandem gegenüber wahrgenommen habe. Allerdings werde ich den Teufel tun und mir darauf etwas einbilden. Bin schließlich grade dabei alle Brücken abzubrechen, damit sich keiner zu mir auf die Spirale nach Unten gesellen kann.“

Wieder eine Pause in Flanns Redefluss.

„Natürlich wäre da jetzt Niels. Er scheint selbst grade auf seiner Eigenen Spirale zu sitzen und ungebremst in Richtung Hölle zu rutschen. Ist vielleicht wirklich nicht die schlechteste Idee sich mit ihm zusammenzutun und mal eine Dämonenjagt nach unseren Regeln durchzuführen.“

Raschelnde Geräusche und man hört wie Flann einen tiefen Schluck aus einer Flasche nimmt.

„Schweife schon wieder ab. Also ich war bei Irene und Niels kam zu Ihr, um sie zu bitten ihr bei einem Vorfall zur Seite zu stehen, bei dem einer seiner Kommilitonen verschwunden sei. Da ich nun schon mal da war, dachte ich es wäre nur fair, wenn ich im Gegenzug für ihre Hilfe auch Irene ein wenig zur Seite stehen würde. Allerdings wusste ich da noch nicht, das es uns direkt in die Arktis führen würde. Zumindest von der Temperatur her kam es mir so vor. Nachdem ich eingewilligt hatte mitzukommen, ging es eigentlich recht schnell. Haben ein paar Sachen in Irenes großen jeepartigen Wagen geladen und sind los. Auf dem Weg wurde ich von Beiden ein wenig über meine Klamotten belächelt, aber kurz vor dem Zielort hat Irene mir noch schnell ein paar Winterklamotten gekauft, ohne die ich wirklich aufgeschmissen gewesen wäre. Am Zielort angekommen, haben wir dann Bart und Emily getroffen, die mit seinem Wohnwagen Schrägstrich Kuriositätenkabinett angereist waren. So viel Schnee hatte ich bis zu dem Zeitpunkt nur in Filmen gesehen. Niels und Emily schien das aber überhaupt nichts auszumachen, und sie wollten quer zur Straße direkt durch den Schnee zu dem Feuerturm stapfen, wo Niels’ Kommilitone zuletzt gewesen sein musste. Irene, Bart und ich nahmen noch den Jeep, so lange es möglich war mit dem zu fahren.“

Weitere raschelnde Geräusche, dann ist einiges Knacken und Kauen zu vernehmen.

„Dann gab es da oben in dem Turm noch nicht mal ein Klo. Das muss man sich mal vorstellen. Naja, wenigstens hatten die Vormieter noch ein wenig Alkohol zurückgelassen, so dass wir uns den Abend noch gemütlich trinken konnten. Mit ein wenig Whisky angeheitert, blühte Irene für einen kurzen Moment sogar zur Redseligkeit auf, verschwand dann aber schnell im Bett. Emily dagegen schien die Wärme und Nähe der anderen Jäger nicht zu mögen und zog sich sogar freiwillig in die Kälte der Nacht draußen auf dem Turm zurück, um zu ihrer Ruhe zu kommen.“

Man hört wieder Trinkgeräusche.

„Emily war es auch, die einen seltsamen Fleck in der Schneelandschaft sehen konnte, zu dem wir dann am nächsten Morgen aufgebrochen sind. Kann sein, dass ich mich ein wenig lautstark über den Schnee beschwert habe, aber konnte trotzdem erstaunlich gut mit den anderen mithalten. Mitten in der Einöde stießen wir dann auf diese Hütte, die Irene aus einer Eingebung heraus von der Aschefläche aus, die wir dort gefunden hatten, aufgespürt hatte. Nach kurzer Durchsuchung fanden wir eine klappe, die in den Keller führte. Niels hatte wohl einen kurzen Flashback in seine Jugend und wollte auf keinen Fall mit in diesen engen dunklen Raum dort unten. Der Junge muss echt eine beschissene Jugend gehabt haben. Traditionelle Jägerfamilie. Was will man da auch schon erwarten. Naja, Emily ist dann bei ihm geblieben, während wir anderen uns dann im Keller umgesehen haben. Fanden die Überreste einer Leiche, zusammen mit einer Arte Tagebuch, in dem der Verfasser auch die schwarzmagischen Sprüche und Handlungen beschrieben hatte, um sein Ziel zu erreichen: Die Beschwörung eines Dämons, den er zu erpressen suchte, um seine Tochter aus der Hölle zu befreien. Anschließend überraschte mich Irene mit etwas, dass ich mal wieder nicht von Ihr erwartet hätte: Sie redete Bart aus die Leiche sofort zu salzen und zu verbrennen, was ich total von ihm erwartet hatte, und schlug vor den Geist dieses Mannes zu beschwören, um mehr herauszufinden. Mit nur wenigen geübten Handgriffen und erstaunlich wenig Absicherung machte sich Irene an die Arbeit, gleich nachdem Bart überzeugt war. Mit vereinten Kräften bekamen wir aus dem Geist heraus, dass er die Beschwörung des Dämons abgeschlossen hatte, ihn aber aufgrund eines Herzversagens im falschen Augenblick nicht unter Kontrolle bringen konnte. In seiner körperlosen Rauchform musste der Dämon hier ausgeharrt haben, bis ihn schließlich eine Familie im letzten Sommer aus seiner Misere befreite. Dies musste die Quelle der ganzen Asche sein, und war wahrscheinlich auch die Ursache für das Verschwinden der Studenten. Der Geist teilte uns noch mit, dass er es natürlich nicht mehr schaffen konnte seine Tochter zu befreien und dass auch keine Hoffnung mehr dazu bestand. Er wollte also von uns in die ewige Ruhe geschickt werden, sobald wir mit ihm fertig wären, was Bart dann auch bereitwillig erledigte. Bart schien außerdem recht besorgt, dass ich etwas mit dem Buch dieses Schwarzmagiers anstellen könnte und sicherte es sofort nachdem wir hier fertig waren. Keine Ahnung woher seine Sorge stammte, habe aber gerne mitgespielt und so getan als würde es mich tatsächlich stören nicht an das Buch zu kommen. Soll er doch denken, dass ich Interesse daran habe, jemanden aus der Hölle zu befreien.“

Man hört Flann kurz auflachen.

„Bart ist schon ein seltsamer Kauz. Bedroht Julianna auf der einen Seite, dass sie bloß nicht auf die Idee kommen solle, ihre Kräfte für das Dunkle und Habgierige einzusetzen, wie es die Meisten Hexen tun, und will sie auf der anderen Seite vor mir Schützen, der doch mit dem geschaffenen Abstand nichts anderes als ihr Wohl erhalten will. Verdammt, ich meine, es ist ja nicht so, als wüsste ich nicht genau, was ich ihr angetan habe. Uns beiden, um genau zu sein. Kann aber nicht über meinen Schatten springen. Da ist nun mal noch etwas unerledigtes in meinem Leben, dass natürlich ausgerechnet jetzt wieder zu Tage treten und mich mit Hoffnung und Sehnsucht erfüllen muss. Hannah ist noch da draußen und ich werde sie finden. Wenn ich ganz viel Glück habe, schaffe ich es vielleicht sogar uns beide aus der Dunkelheit herauszuziehen wenn es so weit ist. Aber bis es so weit ist, muss ich wohl noch einiges herausfinden.“

Man hört Flann am Radio herumfummeln, und nach wenigen Momenten dröhnt The Pretty Reckless mit der zweiten Strophe von Take Me Down aus den Boxen: „…Standing at the crossroads, A dried up pen in hand, The conversation went like this, ‘Tell me your desire why you pulled me from the fire, and we’ll seal the deal with a kiss’ …".

“Zurück zur Hütte. Während wir noch mit dem Barbeque der Überreste des Schwarzmagiers beschäftigt waren, hatte Niels offenbar eine Spur gefunden, der er ohne zu zögern folgte. Emily wollte ihn nicht allein ziehen lassen und stürmte hinter ihm her, ohne uns ein Wort der Warnung herunterzurufen. Auf diese Weise war der Kampf für die Beiden schon fast verloren, als wir endlich auch ihren Spuren zu einer kleinen Höhle in der Nähe gefolgt waren. Ich bin niemand, der Selbstbeweihräucherung betreibt, aber Aufgrund von Niels’ gnadenloser Selbstüberschätzung habe ich wohl tatsächlich den Tag gerettet, denn am Ende waren es tatsächlich meine Kugeln, die Irene und Bart vor Schlimmerem bewahrten, während Emily und Niels bereits bewußtlos am Boden lagen. Es waren die Mutter der Familie, die letzten Sommer hier oben in einem Feuer umkamen, und eine Art Raubkatze, die wir bei dieser Höhle fanden. Außerdem versuchte der formlose Dämon gerade einen der Studenten zu besetzen, der anscheinend vor kurzen gestorben war. Wir konnten am Ende Sowohl die Frau und die Katze besiegen, als auch den Rauchdämon vertreiben. Konnten sogar Niels’ Kommilitonen, sowie zwei seiner Freunde retten. Niels und Emily mussten aber, genau wie die Studenten, zunächst ins Krankenhaus. Sind noch so lange in dem Ort geblieben, bis wir Niels wieder mit zu Irene nehmen konnten. Emily war schon vorher mit Bart wieder abgedüst. Sie konnte die Krankenhausatmosphäre wohl überhaupt nicht ertragen.”

Man hört Flann ein wenig tiefer durchatmen, während Taylor Momsen die letzten Zeilen des Lieds schmettert: “Sign with the Devil, take me down, won’t you take me down!”

“Der Junge ist echt okay. Ein bisschen verdreht vielleicht und mit nem massiven Knacks aus seiner Jugend, aber ansonsten ein aufrechter junger Mann, der seine schlimmsten Fehler noch vor sich hat. Vielleicht habe ich ihm aus diesem Grund nach seinem Versagen beigestanden. Wer weiß, vielleicht kann ich ja auch mal der gute Samariter sein, den Bart die ganze zeit darzustellen versucht, und dem Jungen in dieser schweren Zeit ein wenig zur Seite stehen und ihn womöglich vom nächsten Fehler abhalten. Habe Ihm zumindest eine Möglichkeit gegeben mich über Irene zu erreichen. Sollte ihr das wohl besser auch noch sagen.”

Man hört Flann wieder im Hintergrund lachen und dann endet die Aufnahme.

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The banned demon

Ich war gerade auf dem Rückweg vom Verbindungshaus und hatte mich wie versprochen bei Bart gemeldet. Wir verabredeten uns auf eine nahegelegenen Parkplatz in Vermont. Er meinte zu mir, das Niels, ein Freund von ihm Hilfe braucht und es einfacher wäre, wenn wir mit seinem Wohnmobil fahren würden. Also parkte ich meine Wagen in nähe von Ethans Wohnung und holte zwei Taschen und mein übliches Equipment aus dem Wagen und verstaute es im Wohnmobil. Danach setzte ich mich auf dem Beifahrersitz und wir fuhren nach Burlington, um uns mit den anderen zu treffen. Dort angekommen warteten Niels, Irene und Flann schon auf uns. Jetzt wunderte mich auch nichts mehr. So klein war die Welt. Wir begrüßten uns kurz. Niels war der junge Mann den ich in Baltimore auf der Silvesterfeier kennengelernt habe. Es war nett ihn wieder zutreffen. Niels erzählte uns auch gleich was los war und worum es ging. Ein Kommilitone von Niels, Will Hensley, ist verschwunden und mit ihm drei seiner Freunde. Sie hatten ein langes Wochenende in Idaho geplant. Mitten im Nichts, auf einem Feuerwachturm der im Winter vermietet wird. Doch seit einigen Tagen sind sie verschwunden, die Suchtrupps haben auch keine Hinweise gefunden, wo die vier abgeblieben sind. Also wollte Niels mal nachschauen gehen, aber nicht alleine.

Wir hatten beschlossen mit zwei Wagen nach Idaho zu fahren. Irene, Niels und Flann wollten zusammen Irene’s Defender nehmen und ich blieb bei Bart im Wohnmobil. Es schien eine lange fahrt zu werden, also nutzte ich die Chance in Ruhe mit Bart zu reden, ihm alles erzählen. Naja zumindest fast alles.

Bis Idaho kamen wir gut durch, etwas schwierig wurde es, als wir mitten durch den Wald mussten. Die Wege waren schneebedeckt, Bart und Irene hatten einige Probleme mit den Wagen voranzukommen. Den Trailer mussten wir an einer Abzweigung vom Hauptweg in einer Bucht zurücklassen. Niels wollte zum Turm laufen und ich fand die Idee auch gut und habe beschlossen mit ihm zu gehen. Niels schlug vor, dass auch Flann mitgeht, aber dieser winkte ab und meinte er geht schon ins Fitness-Studio, dass würde ausreichen. Außerdem war es ihm viel zu kalt. Womit Irene ihn aufzog. Ich warf meine Sachen in Irene’s Auto und nahm nur mit, was ich unbedingt brauchte.
Ich sah wie Niels meinen Bogen bewunderte und meinte der mache keinen Lärm, dann deutete Niels auf seine Winchester und sagte, die sei nicht so leise. Ich musste schmunzel.

Wir gingen nicht an der Straße entlang, sondern mitten durch die Wildnis. Mir machte der Schnee wirklich zu schaffen, ich war es zwar gewohnt durch den Wald und Kälte zu laufen, aber Schnee und Eis eher nicht. Mir machte es auch zu schaffen, dass es so furchtbar hell war. Ich hatte ganz vergessen, wie grell Schnee war, vor allem wenn die letzten Sonnenstrahlen darauf trafen. Ich hatte echt meine Schwierigkeiten damit, aber zum Glück hatte ich eine Sonnenbrille dabei. Niels schien das nichts auszumachen. Es schien fast so als wäre er es gewohnt.

Man was habe ich das vermissst.
Es ist schon komisch wie das leben so spielt.
Damals wollte ich unbedingt dort weg.
Wollte nach Hause und jetzt. Jetzt hier draußen zu sein, herrlich.
Es ist fast wie Freiheit.

Nachdem ich die Sonnenbrille aufgesetzt ging es etwas besser. Wir gingen querfeld einen Hügel hinauf. Von oben sahen wir einen See und den Highway, der Ausblick war gigantisch, nur etwas störte mich, es war ein Stück entfernt im Wald, dort könnte es mal einen Waldbrand gegeben haben. Ich hatte den Eindruck, dass der Schnee an manchen Stellen nicht so hell war, Niels kam es so vor, als würde ein Schatten auf dem Schnee liegen, aber der Schatten passte nicht so recht. Ich wollte eigentlich einen Umweg machen, aber Niels meinte es sei besser, erst zu den anderen zu gehen. Es würde auch schon dämmrig werden. Ich beobachte den Schatten noch eine Weile und sah eine Bewegung am Waldrand. Ich hatte Niels nichts gesagt, schließlich waren wir in einem Wald. Das könnte alles gewesen sein und ich wollte keine Panik machen oder als hysterisch abgestempelt werden. Als wir den Hügel auf der anderen Seite wieder herunter kletterten rutschte ich aus, doch Niels fing mich auf. Als ich wieder festen Boden unter den Füssen hatte, löste ich mich gleich wieder. Niels guckte etwas verwundert, sagte aber nichts.

Meine Güte der hält dich doch für völlig bekloppt.
Na toll, wahrscheinlich denkt er “In der Wildnis mit ner Irren, yeah.”

Wir kamen am Turm an, die anderen waren auch erst kurz vor uns eingetroffen. Irene wirft einen Schneeball nach Flann. Der sich gleich beschwerte, dass der mist Schnee einen Weg in seine Schuhe gefunden hat und wischt sich den Schnee aus dem Gesicht.

Wir hatten uns den Feuerwachturm angemietet und waren sogar die Nachmieter nach Will und seinen Freunden, aber im Turm war kein Hinweis, wahrscheinlich hat der Suchtrupp schon alles weggeschafft. Niels erzählte uns, dass es in der Chatgruppe hieß, sie seien wandern gegangen und nicht zurückkehrt. Wir standen noch eine Weile vor dem Turm und Irene fragte Bart, ob es möglich wäre beschädigte Seelen zu heilen. Flann hingegen schien die ganze Sache hier draußen gar nicht zu gefallen.

Tja, hier draußen in der Wildnis ist das schon was anderes,
als in ein gemachtes Nest zu kommen. Aber ich bin mir echt nicht sicher,
ob es eine gute Idee war ihn mit auf so eine Jagd zu nehme.
Der Überlebt doch keine zwei Stunden hier draußen.

Flann suchte die Toilette und ging den Turm rauf, der Turm hatte jedoch nur ein Plumpsklo, welches draußen steht. Wir holten noch unsere Sachen aus Irene’s Auto, dass auch ein Stück weg vom Turm parken musste. In der Zwischenzeit hatte Flann auch die Toilette gefunden. Nachdem er zurück war und immer noch vor sich hin fluchte platzte es aus mir raus. Ich wollte gar nicht so Barsch sein. Aber ich fragte ihn, warum er überhaupt mitgekommen ist, wenn ihn das hier alles so stört.

Wir inspizierten den Turm. Der war mit dem nötigsten ausgestattet, auf der einen Seite befanden sich der Funk, ein Logbuch, die Feuerwachausrüstung und eine Karte etc. Auf einer weiteren Seite des quadratischen Raumes gab es den Ofen, Gasherd und kleine Schränke, in dem sogar ein paar Lebensmittel vorrätig waren. Auf der letzten Seite gab es zwei große Betten, in die je 2 Leute passen. Ich schaute mir die Betten an.

Na super, dass kann ja heiter werden,
aber erstmal abwarten.

Bart und Irene unterhalten sich in der Zeit leise über heilen oder retten von Seelen. Ich hab es nur am Rande mitbekommen und wollte nicht lauschen, es geht mich nichts an, wenn ich es wissen soll, werden sie es mir sagen. Niels machte ein Feuer im Ofen an und Flann kam gleich dazu und drängelte sich mit an das Feuer. Niels sieht Flann an und die beiden Unterhalten sich leise. Flann lacht auf. Ich ging vor die Tür, um frische Luft zu schnappen, drinnen wurde es mir echt zu warm und ich brauchte einfach einen Moment für mich. Nach einer Weile deuteten die anderen an, dass ich wieder reinkommen sollte. Ich atmete nochmal tief durch und ging dann wieder zu den anderen. Ich erzählte ihnen von dem Schatten oder besser den dunklen Fleck den ich gesehen habe. Von der Bewegung sagte ich nichts, wie gesagt es ist ein Wald, doch im Nachhinein wäre es vielleicht besser gewesen, aber gut ich konnte es ja nicht mehr ändern. Nachdem Flann wieder angefangen hat, bzw. noch gar nicht aufgehört hat rumzunörgeln rutschte mir raus, dass er nicht jammern soll, sondern jetzt mal richtig arbeiten muss. Ich wollte, dass eigentlich gar nicht.

Ich weiß auch nicht warum mich dass so auf die Palme bringt.
Hm, vielleicht weil ihm sonst alles so leicht von der Hand geht. Ach was weiß ich.

Flann sagte nur er habe nicht gewusst, wie schrecklich und kalt es hier ist. Er suchte im Turm nach etwas hochprozentiges und wurde auch fündig. Irene und ich sagten, dass er nicht so viel davon trinken soll, weil er sonst schnell auskühlt, aber was mit trinken würde ich auch. Gute Einschlafhilfe. Niels macht eine Anspielung, dass wohl irgendwas vorgefallen war als Niels und Flann das letzte mal zusammen getrunken hatten und wollte daher lieber nicht mittrinken. Bart hatte auch nur einen kleinen Schluck in seinen Tee gegeben.

Beim Abendessen erzählten Niels und ich wo wir die dunkle Stelle gesehen hatte und dass wir uns die morgen mal ansehen wollten. Irene wollte wissen, wie man eine Seele flicken kann. Sie sagte, es sei “ein guter Bekannter”, um den es gehe. Ich hatte eine vage Vermutung, wer es sein könnte, aber Irene hat sicher viele Bekannte, also verwerf ich diesen Gedanken wieder. Niels schweigt erst und meint kurz darauf, dass sein Vater so etwas gewusst haben könnte. Irene fragte welcher Vater, was mich ein wenig verwirrte. Darauf hin antwortete Niels sein biologischer Vater. Und ich verstand, zumindest zum Teil. Bart und Irene beschlossen mit Niels später da hinzufahren. Dann brauchte ich mir keine Gedanken mehr um Bart zu machen, sollen die drei losziehen und Seelen retten. Bart scheint wegen Niels Vater echt überrascht zu sein.

Ist vielleicht besser so.
Ich merkte schon wieder wie ich klammerte.
Erst Ethan, dann Bart. Mein Gott, sie haben ihre eigene Probleme.
Hör auf den Leuten sprichwörtlich auf den Sack zu gehen.
Wer ist als nächstes dran. Niels. Irene. Flann.
Du hast es alleine aus dem Fegefeuer geschafft.
Krieg dein leben endlich in den Griiff.

Bart sagte noch, dass er einen im Vatikan kennt den er vielleicht einen Brief schreiben könnte. Ansonsten gäbe es da noch einen Massenmörder. Irene bedankte sich und meinte, dass sie das mal im Hinterkopf behalten würde, aber ganz weit hinten. Darauf sprang Flann an und meinte Apropos, Massenmörder, dann fragte er was wir von dem neuen Präsidenten halten würden. Niels antworte bloss, dass er jeden Tag auf einen Brief wartet, dass er ausreisen soll. Ich meinte, dass mich solche Belange nicht interessieren. Irene überlegte, ob sie sich einen australischen Akzent zulegen, ob sie heiraten oder ein Studium anfangen soll. Daraufhin meinte Flann reiche Leute werden nicht ausgewiesen. Niels sagte trocken nein, nur Schwule und Deutsche.
Nachdem Abendessen tranken wir noch Bärenfang. Zumindest Flann, Irene und ich. Nach dem fünften Bärenfang ist Flann aufgetaut und Irene fragte, ob sein Dämoneninteresse mit der Frau aus deinem Traum zu tun hat. Flann setzt sein Pokerface auf und sagte dann, dass sie nicht über irgendwelche Träume reden wollten. Das Gespräch kehrt wieder zurück zu Bart und Irene und der Seelengeschichte. Bart erzählt Irene etwas von einem Messer, das Seelen fressen kann, aber er hat Probleme damit, dies einem zeitweiligen Egomanen in die Hand zu geben.

Ich stand auf und schaute nochmal nach draußen, ich hatte hier ein ganz ungutes Gefühl bei der Sache. Ich machte mich auf dem Weg nach draußen, wollte mich ein wenig umsehen, natürlich wäre ich beim Turm geblieben, na gut aufs Klo musste ich auch. Bart bittet Niels, mich zu begleiten, auch wenn ich das etwas übertrieben fand.

Hmpf, was soll denn schon passieren.
Ich bin kein wehrloses kleines Mädchen. Bestimmt nicht,
aber auf so eine Diskussion wollte ich mich auch nicht einlassen.

Niels meinte dann zu mir ich solle keine Angst haben, er würde vor der Tür warten. Eigentlich war es von mir nur eine Trotzreaktion und natürlich hätte es mich gestört, aber ich sagte ihm, dass er meinetwegen mit rein gehen könne. Ich war echt froh, dass er draußen gewartet hat. Nachdem ich fertig war gingen wir wieder hoch in den Turm. Beim nach oben gehen, fiel mir auf, wie still es war. Niels versuchte mich zu beruhigen und meinte im Winter wäre das normal, dass der Schnee die Geräusche dämmt, die stille fand ich schlimmer als das Knurren, Geheule und die anderen Arten von Geräuschen die mich dort umgeben hatten.

Als es an der Zeit war schlafen zu gehen, teilten wir die Betten ein und es ging problemloser als ich dachte. Bart und Irene teilten sich ein Bett und Flann überlegt kurz, ob er lieber friert oder mit Niels in einem Bett schlafen wollte. Flann fragte Niels jedenfalls, ob er mit ihm ein Bett teilen würde. Dies klang ein bisschen merkwürdig und ich konnte mir ein grinsen nicht verkneifen. Niels zog die Augenbraue hoch und meint dann zu Flann, ob sie das Thema nicht schonmal hatten und er wüsste wie das ausgegangen war. Flann sagte, dass er nicht glaubte, dass Niels beißen würde, doch dieser zierte sich noch etwas. Daraufhin meint Flann, Niels sehe ja nicht aus wie ein Vergewaltiger. Niels antwortete trocken, er sei schwul, nicht Notgeil. Jetzt verstand ich auch die ganzen Anspielungen.

Ich legte mich mit mit meinem Schlafsack und einigen Decken in einer Ecke und las noch ein wenig in dem Buch, welches ich von Bart bekommen habe.

Daher läuft der Hase, eigentlich schade.
Ein Verlust für die Frauenwelt.

Die Nacht verlief relativ ruhig. Ich habe zwar nicht gut schlafen, trotz des Bärenfangs, also stand ich schon sehr früh auf, heizte den Ofen an, machte Kaffee und Tee und bereitete das Frühstück vor. Vielleicht war der Kaffee etwas stark, weiß gar nicht wann ich das letzte mal Kaffee gemacht hatte, aber beschwert hatte sich zumindest niemand.

Ich bemerkte, dass Bart und Niels auch einen sehr unruhigen schlaf hatten. Musste wohl am Jägerleben liegen, obwohl Irene relativ ruhig geschlafen hat, davon abgesehen, dass sie Bart’s unruhigen Schlaf anscheinend störte, so dass sie ihn umklammerte. Selbst Flann schlief unruhig.

Sollte ich mir wegen Irene sorgen machen?
Sie wirkte als hätte sie auch viel mitgemacht, vielleicht verarbeitet sie es besser,
vielleicht kennt sie eine Technik. Hm, sollte ich sie mal fragen?

Nach und nach standen alle auf und frühstückten. Beim Frühstück erzählte Flann noch von einem seltsamen Traum den er hatte und wollte wissen, ob wir auch sowas komisches geträumt hatten, aber uns anderen hatten bloß die üblichen Dämonen heimgesucht.

Wir wollten nach dem Frühstück los, zu der Stelle, die Niels und mir schon gestern aufgefallen war. Flann verzog das Gesicht, man sah ihm an, dass er nicht so begeistert war von unserem vorhaben. Aber was hat er gedacht, dass wäre ein Urlaub. Niels animierte ihn in dem er meinte dann könne er sich heute abend auf den Schnaps freue. Dass überzeugte Flann.

Niels sagte etwas zu Flann, aber ich bekam nur das Ende mit, dass wenn Niels Flann geschlagen hat, es diesmal ein versehen war. Da musste ich lächeln. Irgendwie scheint Flann eine Eigenschaft dafür zu haben, von anderen geschlagen zu werden.

Flann wollte wissen, ob es eine Möglichkeit gab, dass er keinen Schnee in die Hose bekam. Bis auf Socken in die Hose, was Niels vorgeschlagen hat, wussten wir keinen Tipp. Flann ist wirklich nicht für den Winter gemacht, langsam tut er mir ein bisschen leid. Flann sah enttäuscht aus, ich glaube dass hat er nicht gemeint, eher sowas wie Sleeves oder anderen Outdoorkram was man überziehen konnte. Nachdem sich alle vorbereitet hatten gingen wir los. Niels und ich wussten ja , wo wir hin mussten.

Irene hatte ein wenig recheriert und herausgefunden, dass es im Sommer ein Feuer in der gleichen Richtung gab, aber der “Schatten” den wir sahen, war an einer anderen Stelle. Eine Familie mit zwei Kindern waren in dem Bereich ebenfalls verschwunden, zumindest hat man ihre Leichen nicht gefunden.

Ich gehe voran und Niels bleibt mit Flann hinten, Flann zieht aber an Irene vorbei nach vorne, die noch ein wenig verkatert ist. Ich merkte, dass ich auch nicht auf der Höhe war, vielleicht war das doch ein Bärenfang zu viel.

Als wir an die Stelle kamen, sahen wir auch warum der Schnee uns dunkler vorkam. Er sah grauer aus, weil da Asche auf dem Schnee lag. Aber die Stelle ist nicht Rund oder zeigte irgendeine eine andere Art von Auffälligkeit. Es scheint als läge bereits frischer Schnee darüber. Die Bäume sind hier auch verbrannt oder zumindest angekokelt. Irene riecht an dem Schnee und bemerkt, dass er verbrannt riecht. Jetzt wo wir vor Ort sind, bemerkten wir, dass es mehrere Stellen gab, als wir aus der Entfernung gesehen haben. Niels gräbt etwas im Schnee und bemerkt, dass die Stellen nicht tief sind. Es sieht so aus, als sei etwas durch den Schnee gelaufen und hat dabei Asche abgeworfen.

Irene untersuchte die Spuren, die tiefer in den Wald führten. Es sah fast so aus, als sei etwas in den Wald reingelaufen und hätte die Bäume angestoßen. Irene meinte, dass es ein vielleicht ein Ent gewesen sein könnte. Niels fragte verwundert, was ein Ent ist. Irene machte eine Film Anspielung. Niels sagte, dass er nur die Bibel kennt, dann fiel ihm der Film wieder ein.

Aus was für eine schreckliche Familie muss er kommen.

Irene folgte den Spuren zu einer Hütte. Niels zog seine Luger und lud sie durch, ich setzte einen Pfeil auf den Bogen, breit zum Schießen. Die Hütte war sehr gut verborgen, aber war auch ziemlich abgebrannt. Wäre hier kein Feuer ausgebrochen, hätten wir sie wahrscheinlich gar nicht entdeckt. Die Aschespuren führten um die Hütte herum. Flann geht mit Irene direkt mit. Bart, Niels und ich gehen langsam hinterher. Ich hatte ein ganz mieses Gefühl bei der Sache. Dass die Hütte überhaupt noch stand ist ein Wunder, wie verbrannt sie aussah, dennoch betraten Irene und Flann sie langsam. Die beiden haben sich in der Hütte umgesehen. Fanden dort drei verkohlte Gestalten. Wir anderen kamen dazu und mein Eindruck wurde bestätigt, dass das Feuer sei von hier ausgegangen, dass hier ist Ground Zero.

An einer Luke die anscheinend in den Keller führte ist das Feuer ausgebrochen und die Tür zur Luke nicht mehr vorhanden. Niels blieb an der Tür zur Hütte stehen und spielt mit seinen Zungenpiercing rum. Irene streut in der Zwischenzeit etwas Salz auf die Skelette, um auf nummer sicher zu gehen. Niels schien Panik zu kriegen, Bart meinte Niels sollte sich doch oben etwas weiter umsehen. Ich bot mich an, ebenfalls oben zu bleiben, damit Niels nicht alleine ist. Bart fragte dann wo wohl die vierte Leiche abgeblieben ist. Niels geht wieder nach draußen und sackte auf seine Knie und atmet tief durch und murmelt etwas in, wie ich vermutete, Deutsch. Sicher war ich mir aber nicht. Ich ging hinterher und fragte ihn, ob alles in Ordnung sei. Er antwortete etwas verwirrend, meinte dann aber, dass immer, wenn er etwas nicht richtig gemacht hatte sein Stiefvater ihn in den Keller gesperrt hatte. Er hatte häufig Dinge falsch gemacht.

Wusste doch, dass da was faul ist, echt übel.
Ich hatte es besser. Zumindest damals.

Iagte, wir sollten uns hier mal etwas umsehen. Ich spürte dass da noch mehr wach antworte ihm, dass es mir sehr leid tut. Es wirkte so, als wenn Niels noch etwas sagen möchte, aber schweigt dann doch und stand auf und streckte sich. Dann sah er mich an und sr, aber er wird schon was sagen, wenn er soweit ist oder mir vertraut. Schlimme Dinge zu erzählen kann verdammt schwierig sein, dass wusste ich nur zu gut. Niels meinte nur, dass er wohl klar kommt, er hatte es nur zu lange verdrängt. Ich bot ihm an, dass er mit mir reden kann, wenn er mag und Niels sagte, dass das für mich auch gilt.

Wir sahen uns etwas um, um besser sehen zu können, kletterte ich auf einen Baum. Niels ging an der Hütte vorbei und findet schließlich Schneeschuhspuren. Diese kreuzten sich mit den Aschespuren. Niels rannte los und folgte den Spuren. Als ich sah, dass Niels los rannte, sprang ich vom Baum und lief so schnell ich konnte hinterher, was bei dem Schnee gar nicht so einfach war. Dabei vergaß ich, den anderen im Keller Bescheid zu geben. Nochmals durfte ich keinen verlieren. Als ich zu einer Lichtung kam, sah ich eine Felswand, in der eine Höhle war. Es war leises Wehklagen aus der Höhle zu hören. Vor der Höhle waren zwei Gestalten, eine lag am Boden und war schon ziemlich verbrannt und eine schemenhafte Gestalt war darüber gebeugten. Eine dritte Gestalt die stark verbrannt aussah kämpfte gegen Niels. Ich wollte ihm zu Hilfe kommen, doch ein verkohlter Wolf oder Fuchs oder was es einmal gewesen war sprang mir in den Weg.

Das verbrannte Wesen griff Niels an und er schoß auf die Gestalt, was jedoch keine Wirkung zeigte. Er wollte die Waffe wechseln, aber dann schaffte es das verbrannte Wesen Niels anzugreifen und nahm ihn in einen Ringergriff. Dabei wurde Niels leicht angesengt. Niels schaffte es, sich aus dem Würgegriff zu befreien, stolperte aber und fiel hin, dass nutzte das verbrannte Wesen und ging auf Niels zu und flammte nochmal zusätzlich auf und steckte Niels in Brand. Der wälzte sich sofort im Schnee, um das Feuer was ihn entzündete zu löschen. Ich hatte keine Chance näher an Niels ranzukommen. Vor mir war immernoch das Tierwesen, ich schoß einen Pfeil, aber dass Tierwesen war so furchtbar schnell, dass ich es nur an der Pfote traf. Das korrumpierte Tier griff mich an, ich wollte ausweichen war aber zu langsam und es zog mir seine Krallen quer über die Hüfte.

Niels versuchte, sich vor dem Wesen zu retten und wollte auf allen Vieren wegrobben, aber das Wesen setzte ihm nach und dabei verstauchte Niels sich anscheinend das Handgelenk und blieb liegen. Das brennende Wesen lässt von ihm ab und kam langsam auf mich zu.

Das kann ich unmöglich schaffen, dass scheiß Vieh ist schon ein Problem,
aber gegen beide kann ich es nicht aufnehmen, wegrennen ist auch keine Option.
Zumindest lässt es Niels in Ruhe.

Die wabernde Gestalt kam auf Niels zu. Mir wurde schlecht. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte und wenn uns die anderen hier nicht fanden oder zu spät herkamen.

Ich hätte ihnen Bescheid geben müssen. Verdammt.

Das stark verbrannte Wesen kam jetzt auf mich zu, als es merkte, dass von Niels keine Gefahr mehr drohte. Doch diese Kreatur war bei weitem nicht so schnell und ich konnte ihm ausweichen in dem ich einen Schritt nach hinten machte.

Zum Glück kamen in diesem Moment Irene, Flann und Bart. Ich wusste nicht wie lange ich gegen die beiden Wesen durchhalten würde. Irene schießt auf das große brennende Wesen, und auch Flann schießt und trifft es am Knie. Bart ging in den Nahkampf, um mir zu helfen. Er stach mit einem Silbermesser zu und traf das Wesen ins Herz. Das Wolfswesen biss mir ins Bein, ich hatte keine Chance ihm auszuweichen, hinter mir war ein Baum und zur Seite war kein Platz. Irene schießt wieder auf das verbrannte Wesen, das sich verzweifelt wehrt, sie schoß ihm den Arm weg. Das verbrannte Wesen flammte erneut auf und Feuer schlug uns entgegen. Ich war so überrascht von dem Angriff, dass das Feuer mich mit voller Wucht erfasste, ich ging dabei in Flammen auf und warf mich auch sofort in den Schnee, um das Feuer zu löschen. Dann wurde alles schwarz.

In dem Augenblick, als bei mir das Licht ausging war ich wieder im Fegefeuer und die Monster und Alpträume wieder da. Ich sah keinen Ausweg, ich kam nicht daraus. Es war so real.

Im Krankenhaus hat Flann erzählt, dass uns ein Bär angegriffen hätte, der dafür gesorgt hat, dass Niels und ich ins Feuer gefallen sind. Er muss es so überzeugend erzählt haben, dass man ihm, dass anstandslos abgenommen hat.

Ich kam erst im Krankenhaus wieder zu mir. Zuerst war ich irritiert, dann kamen die Erinnerungen. Mir tat alles weh und ich konnte mich kaum bewegen. Es waren unbeschreibliche Schmerzen. Von den anderen habe ich erfahren, dass Niels lebt, er aber auch ganz schön was einstecken musste. Ich war froh, zumindest lebte er. Auch drei der vier verschwunden Studenten konnten wir retten.

Hinterher hörte ich die ganze Geschichte. Ich bin mir nicht mehr sicher, wer sie erzählt hatte. Aber die schemenhafte Gestalt war ein Dämon, den der Mann in die Lavalampe gebannt hatte, aber er hatte Herzinfarkt bekommen bevor er das Ritual beenden konnte. Die Familie ist über die Hütte gestolpert, weil sie sich verlaufen hatten und eines der Kinder hat den Dämon aus der Lampe gelassen und die Seelen waren sofort in die Hölle gefahren. Die Mutter hatte “überlebt”, und der Dämon hat ihr angeboten, dass sie “Ersatzseelen” beschaffen sollte, damit ihre Familie aus der Hölle freikommt. Als die Mutter vorher starb ehe sie genug Seelen beschaffen konnte, an denen sich der Dämon nähren und voll funktionsfähig machen konnte, war der Dämon entsprechend gefrustet.

Ich bin nur eine Nacht Krankenhaus geblieben, dann habe ich mich aus dem Krankenhaus selbst entlassen, die Ärzte waren natürlich nicht so begeistert, aber Bart versicherte ihnen, dass er sich um mich kümmern würde. Naja, wir werden mal sehen. Wir sind mit dem Wohnmobil zurück nach Vermont gefahren. Auf dem Rückweg habe ich die meiste Zeit geschlafen, mit Hilfe von Schmerzmittel. Die Wunden und Verbrennungen taten höllisch weh, ich wachte immer wieder auf. Dann setzte ich mich für einige Minuten auf den Beifahrersitz, bevor ich mich wieder hinlegte. Ab und zu habe ich Bart erwischt, wie er mir frische Verbände anlegte. Ich tat dann so als würde ich es nicht mitbekommen. Ich wusste es musste sein, damit sich die Wunden nicht entzündeten. Es war mir dennoch nicht wirklich recht. Alleine hätte ich es aber wahrscheinlich nicht hinbekommen. Ich wollte nicht, dass er meine ganzen Narben sah, geschweige, dass er mich dafür halb ausziehen musste.
Zurück in Vermont nahm ich mir erstmal ein Motelzimmer, Bart kam jeden Tag vorbei und erneuerte die Verbände, was ich mit zähneknirschend über mich ergehen ließ.
Aber seine Berührungen störten mich kaum noch. Ich zuckte zwar noch bei der ersten Berührung zusammen, aber ansonst ging es.
Jetzt musste ich nur noch über meinen Schatten springen und es bei den anderen auch noch hinkriegen, aber wieder ein Schritt Richtung normalität.

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Fire and Ice
A tale of snow and ashes

Some say the world will end in fire,
Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire
I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice,
I think I know enough of hate
To say that for destruction ice
Is also great
And would suffice.

Robert Frost – Fire and Ice

Stoweman: Seit drei Tagen sind sie verschwunden
DarkStorm08: Wer?
DaVinciGirl: Hensley. Willard, Pickett und Grady, aus dem Football-Team
DarkStorm08: Fuck. In Idaho?
Stoweman: Genau. Heckler, warst du da nicht auch letztes Jahr?
DarkStorm08: Ja, in Beaver Creek. Das ist 400 Meilen weg.
DaVinciGirl: Idaho sieht doch überall gleich aus….
Remembrandt: Sally, du bist echt nicht hilfreich
DarkStorm08: Und, weiß man schon irgendwas?
Remembrandt: Nein, sie suchen noch. Ihr Krempel war wohl noch da, aber Will und die anderen eben nicht. Heckler, du bist doch so ein Outdoorfreak. Du könntest da ja mal gucken ;)
Gravity: Sieht da auch aus wie in Australien, du fühlst dich bestimmt wie zuhause
DarkStorm08: Du meinst Österreich. Und ich bin immer noch aus Bayern…
DaVinciGirl: War gerade Kaffee holen. Fährt Heckler nach Australien?
Remembrandt: ….
Stoweman: Heckler, rufst du die Tage mal durch?
DarkStorm08: Mach ich, Jack. Und Sally: Weißt du überhaupt, wo Australien ist?
DaVinciGirl hat die Unterhaltung verlassen

Niels scrollte sich wieder und wieder durch den Chatverlauf, doch er hatte keine Idee, was mit Will und den anderen passiert war. Vielleicht hatten sie sich einfach nur im Schnee verlaufen. Möglich war es, aber Will war ein umsichtiger Typ, ein guter Sportler, der wusste, was er sich und anderen zumuten konnte. Also hatte Niels beschlossen, wieder ans andere Ende der USA zu fahren, auf die Suche nach Hensley und seinen Kumpels. Er kannte die anderen drei flüchtig, sie waren ab und an auf Wills Parties gewesen. Keiner hatte so gewirkt, als habe er nicht gewusst, auf was er sich einlässt, als sie ihren verlängerten Wochenendtrip in Castle Butte Lookout angekündigt hatten. Umso mehr hatte Niels das Bedürfnis, herauszufinden, was in Idaho geschehen war. Er sah zu der blonden Frau, die das Auto fuhr, mit dem sie sich Richtung Westen begaben. Irene Hooper-Winslow hatte darauf bestanden, dass sie ihr Auto nahmen, der Kombi schien ihr nicht geheuer zu sein. Vielleicht saß der Grund für das größere Auto aber auch einfach auf der Rückbank und versuchte dort, sich hinzulegen. Niels schüttelte lächelnd den Kopf, während er Flann Breugadair dabei zusah, wie der seine Beine sortierte, um möglichst bequem zu liegen.

Niels wusste nicht genau, warum sie den Pokerspieler/FBI-Mitarbeiter/Kellner mit nach Idaho nehmen mussten, aber anscheinend hatte Flann etwas dringendes mit Irene zu besprechen. Zum wiederholten Mal fragte sich Niels, warum er nicht in Burlington zu Bart Blackwood und Emily McMillen in den Trailer gestiegen war, aber irgendetwas hatte ihn davon abgehalten. Er wusste nicht, was für eine Beziehung zwischen dem geheimnisvollen Grufti-Mädchen und dem Gelehrten bestand, und Niels würde sich hüten, einen von beiden zu fragen. Aber er hatte den Eindruck gehabt, dass ein dritter dabei nur gestört hätte.

Stattdessen saß er neben Irene in ihrem Defender und überlegte zum wiederholten Male, ob Flann überhaupt eine Ahnung hatte, worauf er sich einließ. Seiner Kleidung nach zu urteilen schien er zu glauben, dass ein Kapuzenpulli, eine Lederjacke und Jeans ausreichten für den Schnee in Idaho. Generell schien es ihm gar nicht so sehr um Idaho zu gehen, sondern um die Möglichkeit, mit Irene zu reden. Niels fühlte sich so unwohl wie lange nicht mehr. Noch immer wusste er nicht, was zwischen Flann und der Engländerin stand, aber es hatte ersteren nicht davon abgehalten, sie aufzusuchen und sich ihr und Niels anzuschließen.

Während er immer noch versuchte, seine Beine in eine geeignete Position zu bringen, begann Flann zu erzählen, was ihn eigentlich nach Vermont geführt hatte. “Ich interessiere mich für Dämonen, Irene”, erklärte er, und Niels horchte auf. “Ach, du auch?” entfuhr es ihm, bevor er sich auf die Zunge biss. Er war sich nicht sicher, ob er Flann anvertrauen wollte, was ihn in letzter Zeit umtrieb. “Ich war vor kurzem in Delaware, und da habe ich einen Typen getroffen, der wohl seinen Pakt gebrochen hat. Leider war der Gute völlig wahnsinnig”, erzählte Flann jetzt. “Warum hast du plötzlich so ein Interesse an Dämonen und dem Brechen von Pakten?” wollte Irene wissen, ihre Stimme hatte einen scharfen Unterton angenommen. Sie traute dem Iren offensichtlich noch weniger als Niels. “Du bist die einzige Person, die ich kenne, die ein Lager voller übernatürlicher Dinge hat”, wandte Flann ein. Ein leichtes Lächeln umspielte Irenes Lippen. “Du weißt aber schon, dass das meiste davon in England ist. Aber schön, ich werde Charles anrufen.” Niels hatte diesen Namen schon einmal auf der Ölbohr-Plattform gehört, vermutlich war Charles der Hooper-Winslow’sche Haus-und Hofgelehrte. Er stellte sich einen kleinen alten Mann mit riesiger Brille vor, der in einem riesigen Lagerhaus-Museum zwischen lauter Artefakten und alten Büchern saß und nur darauf wartete, dass Irene ihn anrief, weil sie eine Frage hatte. “Mr Heckler, helfen Sie mir mal mit dem Steuer.” Niels zog eine Augenbraue hoch, tat aber wie geheißen, während Irene in England anrief. Kurze Zeit später übernahm sie wieder selbst das Lenkrad. “Charles sagt, er kümmert sich darum.”

“Joe, du musst das nicht tun! Wir finden einen Weg! Joe! Verdammt, hör mir zu!”

Niels’ Gedanken wanderten jetzt, plötzlich war er wieder mitten in einem Wald in Michigan, und er erinnerte sich daran, wie er tatsächlich für eine Sekunde mit dem Gedanken gespielt hatte, seinen Bruder anzurufen in seiner Verzweiflung. Aber wenn es einen Weg gäbe, hätte er dann nicht längst davon gehört? Niels ballte die Faust. Die einzige andere Person, die er kannte und die ihm und Flann hätte helfen können, war vor elf Jahren verstümmelt in einem Müllcontainer in New York gefunden worden. “Mach dir nicht allzuviele Hoffnungen”, meinte er an Flann gewandt, “wenn es einen Weg gäbe, die Hecklers hätten ihn sicher schon gefunden.” Und sie hätten ihn sich von der Kirche versilbern und sich feiern lassen. Flann grinste. “Weißt du, ich setze da auf die Engländer.” Bevor Niels in seinem verletzten Nationalstolz etwas erwidern konnte, schaltete Irene sich wieder ein. “Warum fragst du nicht einfach Bart?” meinte sie dann, und Niels war geneigt, ihr zuzustimmen. Er kannte niemanden, der gebildeter war als Bart Blackwood. Dazu noch war der Gelehrte hilfsbereit und ein guter Zuhörer, er hatte Niels in Dwight seine Sorge genommen, die er seit dem Casino mit sich herumgetragen hatte.

Aber Flann schien nicht so angetan von der Idee. “Ich weiß nicht…” meinte er. “Ich kann gerne anhalten, und du steigst zu ihm in den Trailer”, schlug Irene vor. Flann wehrte ab. “Ich glaube, das ist keine so gute Idee.” Irene warf einen Blick in den Rückspiegel. “Was hast du für ein Problem mit Bart?” wollte sie wissen, sie klang ehrlich überrascht. “Ich weiß nicht, ich glaube, der kann mich nicht leiden”, antwortete Flann, der endlich eine Sitzposition gefunden zu haben schien, die ihm bequem zu sein schien. Niels grinste, als er sich zu Flann umdrehte. “Ich kann mir nicht vorstellen, wieso man dich nicht leiden könnte”, erklärte er, und sein Grinsen wurde noch breiter, als Flann die Augen schloss, demonstrativ gähnte und sich von ihm wegdrehte.

Die Fahrt von Vermont nach Idaho dauerte einige Tage. Flann schlief die meiste Zeit, er versuchte nicht wieder, ein Gespräch über Dämonen oder Bart anzufangen, und Niels zeichnete. Je näher sie Castle Butte kamen, desto heller wurde die Landschaft, ein weißes Tuch aus Schnee hatte sich über die Gegend gebreitet. Niels wurde unruhig, zum einen, weil sie ihrem Ziel näher kamen, zum anderen, weil er sich doch darauf freute, wieder draußen zu sein. So schön New York war, er war ein Waldkind und gehörte in die Natur. Im Gegensatz zu ihm begann Flann bereits zu frieren, als er nur aus dem Fenster sah, und Irene schien Mitleid mit ihm zu haben. Im nächsten Ort – “Somewhere in the middle of nowhere, Idaho” – ging sie mit Flann in einen Laden für Wanderausrüstung und kaufte ihm warme Kleidung, Mütze, Handschuhe sowie Schneeschuhe für sie alle drei. Flann schien überrascht zu sein, dass Irene ihn so ausstattete, und er bedankte sich dafür. Niels hatte den Eindruck, dass er es ausnahmsweise einmal ehrlich meinte.

Hinter dem Ortsausgang wurde es immer schwieriger für den Defender und besonders für Barts Trailer, die schneebedeckten Wege zu befahren. Am Fuß des Castle Butte, auf dem sich der Feuerturm befand, den Will und seine Freund gemietet hatten, gab Bart schließlich auf. Er parkte das Gefährt an einer Abzweigung des Hauptwegs, damit er und Emily zu den anderen in den Defender umsteigen konnten. Auch wenn das Auto Platz für sieben Personen bot, Niels hatte genug von der Autofahrt, er wollte laufen. Irene war dagegen. “Mr Heckler, Sie werden nicht in einer Gegend, in der Menschen verschwunden sind, alleine herumlaufen”, erklärte sie. Niels seufzte, er kannte sich aus im Schnee, in den Wäldern und den Bergen, aber sie hatte recht, ganz alleine sollte er nicht unterwegs sein. “Nehmen Sie Flann mit.” Mit diesen Worten deutete Irene auf den Iren, der frierend neben dem Defender stand. Niels zog eine Augenbraue hoch. “Mich? Bist du wahnsinnig? Irene, es ist kalt!” klagte er und versuchte, ein betrübtes Gesicht zu machen. “Das würde dir aber ganz gut tun”, meinte Niels, während er sich nur schwer ein Lachen verkneifen konnte. “Was? Mir? Ich gehe ins Fitness-Studio!” beschwerte Flann sich jetzt und breitete die Arme aus, aber unter der dicken Daunenjacke war von seinem Bizeps oder einem Six-Pack nichts mehr zu sehen. Niels begann zu lachen. “Sorry, du bist nicht mein Typ”, setzte er noch einen drauf, und Flann verzog das Gesicht. “Darum geht es hier doch gar nicht. Ich laufen jedenfalls nicht durch die Kälte, wenn ich fahren kann.”

“Ich werde dich begleiten.” Emily, die bisher schweigend neben Bart gestanden hatte, kam jetzt mit einem Bogen, Pfeilen und einem Rucksack hinter dem Trailer vor. Kleidungstechnisch hatte sie sich perfekt an das Wetter angepasst. Niels fiel auf, dass sie häufig blinzelte, der Schnee schien sie zu blenden, und sie holte eilig eine Sonnenbrille aus einer Tasche. Mit Schneeblindheit war auch nicht zu spaßen, das wusste Niels. Offensichtlich war Emily wie er auf alles vorbereitet, und ein Bogen als Waffe war definitiv etwas anderes als die Winchester, die er jetzt aus ihrer Tasche holte und schulterte. “Wow, cooles Teil”, bewunderte er Emilys Bewaffnung. “Ist halt leise”, meinte sie. Er nickte. Das konnte man von der Winchester mit Sicherheit nicht behaupten. Aber Niels hatte niemals gelernt, mit Pfeil und Bogen umzugehen, und er musste zugeben, dass er sich mit Feuerwaffen wohler fühlte. Er konnte es nicht verleugnen, er war ein Heckler, und der Umgang mit Gewehren und Pistolen war ihm praktisch in die Wiege gelegt worden.

Niels und Emily verabschiedeten sich von Bart, Irene und Flann, dann gingen sie los. Niels hatte die Strecke bereits im Voraus erkundet, sie mussten ein Stück um den Castle Butte herumgehen, um zu dem Feuerturm zu gelangen. Da er es gewohnt war, einfach querfeldein zu gehen, tat er das auch jetzt, und er war erstaunt, dass es Emily gelang, mühelos mit ihm Schritt zu halten. Sie war auch nicht viel kleiner als er, aber er hätte sie auf den ersten Blick nicht als so zäh eingeschätzt. Aber etwas anderes fiel ihm auf, als Emily einmal kurz ins Straucheln kam und er sie auffing, damit sie nicht der Länge nach hinfiel. Fast so, als habe ihr Niels’ Berührung eine Art elektrischen Schlag versetzt, wich sie zurück und ging auf Abstand. Niels überlegte, ob er etwas sagen sollte, doch dann beschloss er, es zu lassen. Es war nichts Schlimmes passiert, und vielleicht war es Emily einfach unangenehm, von Fremden angefasst zu werden.

“Kurze Pause?” fragte Niels sie, nachdem sie eine Weile gegangen waren, und sie nickte. Er wollte sich umsehen, vielleicht konnte er schon irgendwas entdecken. In einiger Entfernung gab es einen zugefrorenen See, und auch bis zum Highway konnten sie sehen. Niels entdeckte eine Stelle, an der es einen Waldbrand gegeben hatte, und für einen Moment erinnerte er sich wieder an die Geschichte in Beaver Creek mit den drei Hexen.

Sei nicht albern, Heckler. Waldbrände sind etwas völlig natürliches, und nicht überall sind Hexen schuld daran.

Niels seufzte, die Landschaft gab ihm keine Auskunft über das Verschwinden von Will und seinen Freunden. Doch da stieß Emily ihn an. “Da, siehst du das?” wollte sie wissen und deutete auf eine Stelle auf der anderen Seite des Tales, “da ist der Schnee viel dunkler.” Niels kniff die Augen zusammen, tatsächlich, es sah aus, als würde ein Schatten auf dem Schnee liegen. Aber nichts drumherum konnte solche Schatten werfen, wenn er sich die Stelle genau ansah. “Irgendwie passt das nicht zusammen”, meinte er. “Wollen wir uns das genau ansehen?” fragte Emily jetzt, doch Niels schüttelte den Kopf. Es dämmerte bereits, und er hielt es für die bessere Idee, erst zu den anderen zu gehen und ihnen ihre Beobachtung mitzuteilen.

Sie hatten den Turm recht schnell anmieten können, nach Will und den drei Footballern, offensichtlich hatte sich schon herumgesprochen, dass hier Leute verschwunden waren. Als Niels und Emily eintrafen, standen Irene und Bart noch neben Irenes Defender. Sie unterhielten sich leise, während Flann die Treppen des Feuerturms herunterkam und offensichtlich etwas suchte. Als sein Blick auf ein Häuschen fiel, das neben dem Turm stand, verfinsterte sich seine Miene. Niels musste wieder grinsen. Offensichtlich hatten sie alle versäumt, Flann Breugadair darüber aufzuklären, dass die sanitären Einrichtungen auf dem Castle Butte Lookout alles andere als komfortabel waren. Er fluchte, was Niels und Emily wieder ein Lächeln entlockte. Als er die beiden sah, verzog er das Gesicht, als ob es ihre Schuld war, dass es hier nur ein Plumpsklo gab. “Es ist kalt, es ist nass, und eine ordentliche Toilette gibt es hier auch nicht”, beschwerte er sich, und Niels bekam beinahe so etwas wie Mitleid mit ihm. Emily hingegen kannte keine Gnade mit dem Stadtkind. Sie musterte Flann von oben bis unten und fragte ihn dann, warum er überhaupt mitgekommen sei. Der zuckte nur mit den Achseln und verschwand dann im Outhouse.

Die anderen stiegen die Treppen zum Lookout hinauf. Der Feuerturm wurde im Sommer noch immer von den Feuerwächtern genutzt, aber im Winter konnte jeder den Turm anmieten. Es gab einen großen Raum, in dem sich die Ausrüstung für die Feuerwache befand, dann einen Ofen, Gasherd und einen Schrank und in einer Ecke zwei große Betten. Niels richtete sich seelisch darauf ein, auf dem Boden zu schlafen und den anderen die Betten zu überlassen. Das stellte für ihn kein größeres Problem dar. Während er seinen Rucksack abstellte und zum Ofen ging, um Feuer zu machen, betrachtete Irene die Karte, die unter einer Glasplatte auf einem Tisch in der Ecke der Feuerwache befestigt war. Vermutlich wollte sie nachgucken, in welchem Umkreis Will und seine Freunde sich befinden konnten.

Niels packte Holz in den Ofen und warf einen der nebenliegenden Anzünder dazu, damit es schnell warm wurde. Kaum hatte er die Klappe des Ofens geschlossen, stand Flann neben ihm, er rieb sich die Hände und trat immer noch von einem Bein aufs andere, um sich aufzuwärmen. Niels sah ihn an und überlegte, dann aber fiel ihm etwas ein, was er dem Iren schon die ganze Zeit hatte sagen wollen. “Ich meine, ich habe dir gesagt, dass es mir egal ist, wie du heißt, aber ich soll dir einen schönen Gruß von meiner Großmutter sagen. Nachdem sie aufgehört hat zu lachen, hat sie gesagt, ich soll dich nennen wie ich will, aber nicht ‘verdammter Lügner’”, meinte er, und die Erinnerung an die herzlich lachende Deirdre Jameson erschien vor seinem inneren Auge. Meistens hielt Deirdre sich im Hintergrund und sprach nicht viel, aber da sie im Gegensatz zu ihrem Mann fließend gälisch sprach, hatte sie die Erkenntnis, dass jemand sich als “Verdammter Lügner” vorstellte, sehr erheitert. Flann sah zu Niels herunter, der immer noch vorm Ofen kniete, und lachte. “Ich habe mich an den Namen gewöhnt”, erklärte er, während er seine Hände in Richtung Wärme ausstreckte. Niels hob eine Augenbraue. “Und ich soll dich jetzt weiterhin so nennen?” wollte er wissen. “Warum nicht. Ich habe etwas negatives genommen, und etwas positives daraus gemacht.” Niels öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber hatte er im Grunde mit seinen Vornamen nicht das Gleiche gemacht? Nicht, dass einer davon etwas im Stil von Flanns Namen bedeutete, aber “Aaron” war im Grunde eine Rolle gewesen, das Kind Gustav Hecklers. “Niels”, das war er, wie er sein wollte, mit allem, was dazu gehörte. “Niels” war positiv besetzt, während “Aaron” ihn all das erinnerte, was er hatte durchleiden müssen.
Flann sah Niels jetzt an. “Mal ehrlich, wie lange hast du dafür gebraucht, dahinter zu kommen?” fragte er, und sein Unterton wurde scharf. Niels hatte keine Lust, auf eine mögliche Provokation einzugehen. “Wie lange lebe ich jetzt bei Iren? Zwei, drei Monate?” entgegnete er, und dann sah er Flann herablassend an. “Und sorry, du warst da bisher nicht so das Thema.”

Im Gegensatz zu der Tatsache, dass ich Séamus’ unehelicher Sohn bin.

Aber das sagte er Flann nicht, es widerstrebte ihm, den Anderen in seine Familienprobleme hineinzuziehen, zumindest für den Moment. “Außerdem: Flann kann einfach nur ‘rot’ heißen”, fuhr Flann jetzt fort, er wirkte ein wenig beleidigt, und er sah immer noch so aus, als friere er. “Am besten bleibst du für den Rest des Abends hier stehen und bewegst dich nicht”, meinte Niels und grinste. Obwohl er die meiste Zeit gut mit Flann auskam, war es ihm ein Bedürfnis, ihm hier, wo er sich auf sicherem Terrain befand, ab und zu seine Überlegenheit zu zeigen. Es war selten, dass er sich seiner Sache so sicher fühlte wie im Schnee von Idaho.

Aber Flann blieb nicht am Ofen stehen, gemeinsam mit Niels ging er zum Tisch zurück, wo Emily gerade von den Schatten erzählte, die sie und Niels gesehen hatte. Sie deutete auf die Karte, in welcher Entfernung sie sie gesehen hatten. Irene schlug vor, sich das am nächsten Tag anzusehen, doch Flann war nicht begeistert. “Durch den Schnee laufen? Wirklich? Muss das sein?” wollte er wissen, und Emily bedachte ihn mit einem kritischen Blick. “Jetzt musst du eben mal richtig arbeiten”, entgegnete sie. “Wenn ich gewusst hätte, wie schrecklich es hier ist, dann wäre ich nicht mitgefahren. Es ist kalt!” betonte er noch einmal. Dann sah er zu den Betten hinüber, und ihm schien einzufallen, dass es auch in der Nacht kalt werden könnte, falls das Feuer herunterbrannte. Bart und Irene schienen sich bereits abgesprochen zu haben, dass sie sich ein Bett teilten, Bart murmelte etwas von “Verwandtentreffen”, und Niels fiel wieder ein, dass der Gelehrte und die Engländerin entfernt miteinander verwandt waren.
“Niels”, wandte Flann sich jetzt an ihn, und Niels befürchtete schlimmes. Seine Vermutung wurde nur eine Sekunde später bestätigt. “Wie wäre es, wenn wir zusammen ins Bett gehen?” Er sah Niels aufmunternd an, doch der konnte sich ein überraschtes Husten nicht verkneifen. Wieso musste er jetzt an das Casino denken, wo er fälschlicherweise angenommen hatte, Flann habe ihn aus genau dem Grund abgefüllt? “Hatten wir das Thema nicht schon mal?” fragte er, aber Flann sah ihn nur fragend an. “Du weißt, wie das damals ausgegangen ist.” Aber vielleicht hatte Flann ja auch ein gesteigertes Interesse daran, sich wieder einmal von ihm schlagen zu lassen. “Du wirst schon nicht beißen”, entgegnete der Ire, wohl immer noch hoffend, dass der junge Deutsche ihn nicht frieren ließ. Niels verkniff sich eine Bemerkung über irgendwelche Dinge, die er im Bett tat oder nicht tat, das gehörte nicht hierher, und er bemerkte auch, dass Emily und Irene ihn und Flann zweifelnd ansahen. Ihm war das alles sehr unangenehm, und er überlegte, wie er aus der Nummer wieder herauskam, als Flann gerade wieder Oberwasser bekam und noch einen draufsetzte: “Du siehst nicht aus wie ein Vergewaltiger.”

Oh Gott, wenn er mir jetzt gleich noch mit dem Klischee vom Schwulen kommt, der jeden Mann vögeln will, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, überlege ich mir das mit dem Kinnhaken nochmal.

Aber Niels beschloss, sich nicht von Flann provozieren zu lassen – morgen waren sie im Schnee, und es gab bestimmt hundert Dinge, die er ihm dann sagen konnte, und beschränkte sich auf ein knappes “Ich bin schwul, und nicht notgeil.” Flann grinste fröhlich, als ihm klar wurde, dass er heute nacht nicht frieren musste, und Niels war sich nicht sicher, wer von ihnen in diesem Bett mehr Angst haben musste.

Flann jedoch schien sich wieder berappelt zu haben, er durchsuchte die Schränke nach Alkohol. Irene und Emily warnten ihn, dass er es sich mit dem Trinken überlegen sollte, denn je mehr Schnaps er zu sich nehmen würde, desto schneller würde er auskühlen. Niels sah dem Iren dabei zu, wie er Tür um Tür öffnete und konnte sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. “Du legst es darauf an, oder?” wollte er wissen, und als Flann ihn fragend ansah, setzte er hinzu: “Du weißt, was das letzte Mal passiert ist, als wir zusammen getrunken haben.” Wobei Flann damals nicht wirklich etwas getrunken hatte, er hatte dafür gesorgt, dass vor Niels immer ein volles Glas Bourbon stand, während er sich an seinem Glas festgehalten hatte und er den Studenten so betrunken gemacht hatte.
Flann murmelte etwas unverständliches, dann hielt er zwei Flaschen in die Höhe. “Bärenfang” sagte das Etikett der einen, das der anderen behauptete, ebenfalls Hochprozentiges zu enthalten.

Alkohol, Aaron, ist des Teufels. Wer ihm verfällt, verfällt dem Teufel und hat seine Seele verwirkt.

Niels verzog das Gesicht, als er sich daran erinnerte, was sein Stiefvater zum Thema Alkohol gesagt hatte. Ihm fiel ein, wie Angelika ihm einmal erzählt hatte, dass sie sich an Mutters Aufgesetztem bedient und dafür die Prügel ihres Lebens kassiert hatte. Wofür das Zeug im Haus Heckler eigentlich gut gewesen war, hatte Niels nie erfahren, weder Gustav noch Joseph oder Benedikt tranken Alkohol. Vermutlich diente es dazu, die Tschechen bei Verhandlungen über den Tisch zu ziehen.
Irene begann, das Abendessen zuzubereiten, was daraus bestand, dass sie Dosen aus dem Vorratsschrank in einen Topf auf dem Herd leerte. Dann nahm sie auch ein Glas Schnaps und setzte sich an den Tisch. Auch Emily sprach entgegen ihrer vorherigen Warnung an Flann dem Alkohol zu, was Niels ein wenig wunderte. Irene drehte ihr Glas nachdenklich in der Hand und sah dann zu Bart, sie schien das Gespräch wieder aufnehmen zu wollen, dass sie und er vorhin am Defender geführt hatten. “Ich möchte wissen, ob es eine Möglichkeit gibt, eine Seele zu flicken.” Bart sah sie an, als warte er auf eine weitere Erklärung. “Es geht um einen guten Bekannten”, fuhr Irene fort und sah zu Boden.

DAS ist also zwischen Illinois und Idaho mit Cal passiert.

Niels blickte von seinem Zeichenblock auf. Sobald er nichts zu tun hatte, wanderten seine Hände inzwischen automatisch zu Papier und Stift. “Mein Vater könnte so etwas gewusst haben”, meinte er. Irene sah ihn ein wenig genervt an. “Welcher?” wollte sie wissen. “Der richtige. Der biologische”, setzte Niels hinzu. Barts irritierter Blick entging ihm nicht.

Wenn du ihn um Hilfe fragst, solltest du ihm vielleicht vorher die ganze Wahrheit erzählen, Heckler.

“In seinem Haus in Connecticut liegen wohl noch seine ganzen Aufzeichnungen,” erklärte Niels weiterhin. “Dir habe ich das ja schon erzählt”, wandte er sich dann an Bart, und der nickte. Irene überlegte. “Mr Heckler, ich würde mich Bart und Ihnen gerne anschließen”, erklärte sie dann. Niels nickte. Felicity hatte ihm schon gesagt, dass er sich in dem alten Haus einmal umsehen sollte. Bart räusperte sich jetzt. “Ich hätte da noch Kontakte im Vatikan. Vielleicht kann ich denen schreiben, ob ihnen etwas einfällt.” Niels staunte, Gustav Heckler hätte wahrscheinlich einiges dafür gegeben, solche Verbindungen zu haben. Aber wahrscheinlich war es besser, dass er nur das Dorf und den Dorfpfarrer unter seiner Kontrolle hatte.
“Ansonsten gibt es da noch einen Massenmörder…” begann Bart jetzt, aber Irene unterbrach ihn harsch. “Ja danke, das hast du schon gesagt. Behalten wir das mal im Hinterkopf.” Sie machte eine Pause und nahm einen Schluck. “Aber ganz weit hinten.”

“Apropos, Massenmörder, was haltet ihr denn von unserem neuen Präsidenten?” Flann versuchte jetzt das Thema zu wechseln. Niels verzog das Gesicht. Für jemanden wie ihn war die neue Regierung das Schlimmste, was passieren konnte. Er war froh, dass er in New York lebte, und dass er in Cedric Jameson jemanden hatte, der genug Einfluss besaß, um ihn im Notfall zu beschützen, aber Angst hatte er dennoch. Natürlich waren er und Philip auch in München des Öfteren angefeindet worden, was nie dazu beigetragen hatte, dass er sich besser gefühlt hatte. Wenn er außerdem an ihren Nachbarn dachte, der ihnen jedes mal, wenn er sie im Treppenhaus gesehen hatte, höchst unflätige Bemerkungen an den Kopf geworfen hatte, lief es ihm immer noch kalt den Rücken herunter. Aber eine Regierung, die sich auf die Fahnen schrieb, Homosexualität mit Elektroschocks “heilen” zu wollen, das war eine ganz andere Hausnummer. Außerdem hatte er immer noch einen deutschen Pass, und wer wusste schon, wann es dem neuen Staatsoberhaupt einfiel, auch Deutsche ausweisen zu lassen.
Er seufzte. “Ich warte jeden Tag auf meinen Brief, das ich ausreisen soll”, meinte er. Emily verzog keine Miene, sondern erklärte ohne jegliche Regung in der Stimme, dass solche Belange sie nicht interessierten. “Ich habe kein Interesse an den Spinnereien dieses Mannes. Aber ich sollte vielleicht mal nachsehen, ob mein Visum noch gültig ist”, überlegte Irene. Flann sah sie und lächelte. “Du kannst dir ja auch einfach einen amerikanischen Akzent zulegen, wie wäre das?” Sie zog eine Augenbraue hoch. “Ich bekomme dieses Gequake einfach nicht hin. Australisch, das kann ich. Aber das bringt mich nicht weiter.” Sie überlegte kurz. “Mir hat schonmal jemand vorgeschlagen, ich könnte ja heiraten oder ein Studium anfangen”, erzählte sie, während sie zum Herd ging, um die Suppe zu holen. Flann sah ihr nach. “Reiche Leute werden doch sowieso nicht ausgewiesen”, meinte er und prostete ihr zu. Niels schüttelte den Kopf. “Nein, nur Schwule und Deutsche.” In diesem Moment kam Irene mit dem Topf zurück. “Die Suppe ist fertig. Erzählt mal was fröhliches!” forderte sie, während sie sich die Teller füllten.

Doch offensichtlich hatte niemand etwas erheiterndes zu erzählen, schweigend aßen und tranken sie. Nach dem fünften Schnaps wirkte Flann sehr gelöst und endlich entspannt, er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und faltete die Hände überm Bauch. Irene beobachtete ihn genau. “Hat dein Dämoneninteresse etwas mit der Frau aus deinem Traum zu tun?” Niels sah von ihr zu Flann, doch der setzte eine Pokerface auf. “Irene, wir wollen doch nicht über irgendwelche Träume reden”, meinte er lächelnd, während er weiter in einer bequemen Haltung auf seinem Stuhl saß. Niels sah jetzt wieder zu Irene zurück, wie sie reagieren würde. Er hätte gerne gewusst, wovon die beiden sprachen, aber es stand ihm nicht zu, zu fragen. Außerdem hatte er ihr synchrones “Nein!” an Silvester noch lange nicht vergessen. Aber Irene schien auch von Flanns aufgeräumter Art überzeugt zu sein, oder sie wollte nicht streiten, mit einem “Das hat mich nur interessiert”, ließ sie das Thema jetzt wieder fallen.

Bart griff jetzt wieder das Thema “Seelen” auf, und Irene erzählte, dass sie bei ihren Recherchen auf das Thema “Feuer” gestoßen war. Feuer solle die Seele reinigen, deswegen seien so viele Hexen verbrannt worden. Niels schauderte es, immer wenn es um das Thema “Hexen” ging, fragte er sich wieder, wieviele unschuldige Frauen seinem Großvater und seinem Großonkel zum Opfer gefallen sein mochten. Bart fiel ein, dass er von einem Messer wusste, das Seelen fressen konnte, aber er habe Probleme damit, dies einem zeitweiligen Egomanen in die Hand zu geben. Irene nickte zustimmend, das konnte sie verstehen.

Emily erhob sich jetzt und teilte den anderen mit, dass sie noch einmal zur Toilette wollte. Bart sah sie an, ein langer Blick, den Niels nicht deuten konnte. “Könntest du sie begleiten?” bat er den Studenten schließlich, und Niels nickte. Er wusste zwar nicht, was los war, aber es konnte nicht schaden, dass er Emily begleitete, die Stufen waren verschneit und gefroren. Emily jedoch schien das alles übertrieben zu finden. “Keine Angst, ich warte vor der Tür”, erklärte Niels ihr, als sie vor dem Outhouse standen. Sie sagte nichts, sondern schloss wortlos die Tür. Als sie wieder herauskam, sagte sie immer noch nichts, sondern stapfte schweigend die Treppe hinauf. Doch plötzlich blieb sie stehen und drehte sich zu ihm um. “Es ist so ruhig hier”, meinte sie, als sei diese Ruhe etwas schlechtes. Niels lächelte sie an. “Das ist normal. Schnee dämpft alle Geräusche.” Sie nickte, dann ging sie weiter, anscheinend beruhigte sie es, dass ihn die völlige Geräuschlosigkeit der Umgebung nicht störte.
Nur kurze Zeit später beschlossen sie, schlafen zu gehen. Niels machte es sich mit seinem Schlafsack neben Flann bequem und hoffte, dass der einen halbwegs ruhigen Schlaf hatte. Er wusste, dass er den nicht hatte, er war auch in New York noch des öfteren schreiend aufgewacht und hatte sich mehr als einmal im Halbschlaf in Delias Armen wiedergefunden, die beruhigend auf ihn eingeredet hatte.

Es ist heiß, so unbeschreiblich heiß. Gestalten lösen sich aus einem Feuer, ihre Augen schwarz, ihre Gesichter voller Hass. Dämonen. Sie kommen auf ihn zu, greifen nach ihm, ihre Züge verändern sich. Er kennt diese Gesichter. Joseph. Vater. Nein, nicht. Lasst mich gehen. Ich habe doch nichts falsch gemacht. Joseph! Ich bin doch dein Bruder!

Mit einem Aufschrei erwachte Niels. Erschrocken sah er neben sich, doch Flann schien bereits wach zu sein, genau wie Emily, die sich am Ofen zu schaffen machte. Niels blinzelte, dann fiel ihm wieder ein, wo er war: In Castle Butte Lookout, und es war eiskalt. Er zog sich seine Kleidung über und stand auf. Emily hatte bereits Kaffee und Tee gekocht, und es roch nach frischem Toast. Nach und nach gesellten sich auch die anderen zu ihnen, Bart sah aus, als habe er so gut wie gar nicht geschlafen und murmelte etwas mit einem Seitenblick zu Irene, die jedoch nichts sagte, sondern einen großen Schluck Tee nahm.

Beim Frühstück berichtete Flann, dass er sehr merkwürdige Dinge geträumt hatte, von Feuer und Dämonen. Niels zog eine Augenbraue hoch, dann war er also nicht er der einzige gewesen. Aber Flann hatte noch mehr geträumt: Er hatte die Gegend im Sommer gesehen, und dann hatte es gebrannt. Außerdem hatte er noch einen Mann gesehen, der etwas aus einem Buch vorgelesen hatte, und dann waren Gestalten aus einem Feuer gekommen.

Niels entfuhr ein “Nicht schon wieder”, und vier Augenpaare sahen ihn jetzt an. Er entschuldigte sich und erzählte dann von Beaver Creek, wo er, Cal, Barry und Chloe drei Hexen zur Ruhe gebracht hatten, die Menschen mittels Blitzschlag getötet hatten. Irene senkte ihre Teetasse. “Könnte der Schatten, den Sie beide gestern gesehen haben, ein Höllentor gewesen sein?” Niels zuckte mit den Achseln, er hoffte, dass dem nicht so war. “Dann werden wir uns das mal aus der Nähe ansehen”, meinte Irene jetzt voller Tatendrang. Flann schrak zusammen. “Durch den Schnee laufen? Einen Kilometer? Na danke.” Niels grinste und deutete auf die Schnapsflaschen auf dem Tisch. “Freu dich auf hinterher”, erklärte er. Doch Flann begann jetzt ein neues Klagelied. “Irene! Niels! Gibt es eine Möglichkeit, dass ich keinen Schnee in die Hose bekomme?” Niels musste sich das Lachen und die Antwort “Fall einfach nicht hin” verkneifen, doch er riss sich zusammen. “Zieh dir die Socken über die Hosenbeine, und dann die Stiefel drüber”, empfahl er und tat genau das, dann noch ein zweites Paar Socken und die schweren Stiefel. Flann verzog das Gesicht, das schien nicht die Antwort gewesen zu sein, die er hatte hören wollen. “Gibt es da nicht so Sleeves, die man einfach drüberziehen kann? So Outdoorkram halt?” Aber weder Irene noch Niels konnten ihm da weiterhelfen, seufzend erklärte Flann, dass er jetzt noch einmal das Outhouse aufsuchen würde, dann konnten sie los.

Bart fiel jetzt ein, dass er gehört hatte, dass es tatsächlich ein Feuer gegeben hatte in der Richtung, in der Emily und Niels am Vortag den Schatten gesehen hatten. Im Sommer war dort eine Familie mit zwei Kindern ums Leben gekommen. Niels fiel ein, dass er so etwas auch gehört hatte, Sally Vincenzo hatte ihm den Artikel geschickt und ihn allen Ernstes gefragt, ob Will wohl Opfer eines Waldbrandes geworden sein konnte. Aber Sally verwechselte auch Australien mit Österreich und bei ihrer ersten Begegnung war sie erstaunt gewesen, dass Niels es als Deutscher bereits von seinem Baum herunter in die USA geschafft hatte.
“Und er hatte so altmodische Kleidung an, so eine Fellweste. Wie ein Hippie vielleicht”, erklärte Flann gerade und riss damit Niels aus seinen Überlegungen. “Aber ich glaube nicht, dass er ein Hippie war, er war schon älter, so um die 60, 70, und hatte einen sehr verbissenen Gesichtsausdruck. Er schien sehr mit seinem Buch beschäftigt zu sein.” Bart überlegte. “Es könnte sich um eine rituelle Verbrennung gehandelt haben”, meinte er, während er neben Irene herging. Emily bildete den Kopf ihrer Truppe, und Niels versuchte, seinen Schritt zu verlangsamen, um sich Flanns Tempo anzupassen, der jetzt das Schlusslicht gab. Doch kaum waren sie einige Meter gelaufen, meinte der Ire, dass er sich gut fühle, ihn habe wohl der Schnaps beflügelt, und er lief grinsend an Irene vorbei, die ihm ein wenig verkatert nachsah. Niels zog eine Augenbraue hoch, er hoffte, dass Flann sich nicht übernahm und in wenigen Metern japsend und keuchend im Schnee lag, aber bisher zeigte er keine Anzeichen dafür.

Nach einiger Zeit kamen sie an die Stelle, an der Niels und Emily die vermeintlichen Schatten gesehen hatten. In der Tat handelte es sich nicht um Schatten, sondern um Asche, die auf den Schnee gefallen war und ihn dadurch grau gefärbt hatte in länglichen Bahnen. Teilweise hatte es bereits wieder über die Asche geschneit, aber eine Spur von Baum zu Baum war immer noch zu sehen. Die Bäume waren bis zu einer geringen Höhe verbrannt. Irene nahm eine Handvoll und schnupperte daran. Niels hingegen schob die oberste Schicht ein wenig zur Seite, um zu sehen, wie tief die Asche in den Schnee eingedrungen war, doch sie schien nur oberflächlich zu sein.

Irene warf den Schnee wieder zu Boden und sah sich um, nachdenklich ging sie von Baum zu Baum und betrachtete sie. “Irgendetwas ist hier von Baum zu Baum gelaufen. Es könnte ein Ent gewesen sein.” Niels warf ihr einen langen Blick zu. “Ein was?” fragte er. Von Ents hatte er noch nie gehört. Irene sah ihn lächelnd an. “Haben Sie den Herrn der Ringe nicht gelesen, Mr Heckler?” wollte sie wissen. Niels schüttelte den Kopf. Er hatte eine vage Ahnung von den Filmen, aber gelesen hatte er dieses Buch noch nicht. “Nein, habe ich nicht”, entgegnete er, “ich kann nur mit der Bibel dienen.” Irene nickte, machte aber keine weiteren Anstalten, ihn weiter nach irgendwelcher Literatur zu fragen. Stattdessen folgte sie sehr zielstrebig den Aschespuren tiefer in den Wald hinein.

Niels sah, wie Flann ihr folgte, und er bedeutete Emily und Bart, es ihm gleichzutun. Sie erreichten eine Lichtung, auf der eine verbrannte Hütte stand. Flann blieb stehen. “Das ist die Hütte aus meinem Traum!” rief er, während er Irene hinterher ging, die bereits an der Tür des verfallenen Gebäudes stand. Niels sah sich um, sein Wissen um die Natur sagte ihm, dass das Feuer im vergangenen Jahr von diesem Ort ausgegangen sein musste.

Flann wandte sich jetzt an Irene. “Was hat dich hierher geführt?” Sie drehte sich zu ihm um und deutete auf den Boden: “Die Aschehäufchen”. Bart besah sich die Aschespuren, die an der Hütte vorbeizugehen schienen. “Ein schwer verbrannter Mensch könnte diese Spuren hinterlassen haben”, meinte er, und Flann nickte. “Ich habe ein Wesen aus dem Feuer kommen sehen.” Irene öffnete jetzt die Tür und betrat die Hütte, Flann folgte ihr. Aus einem Impuls heraus zog Niels seine Luger, während Emily ihren Bogen von der Schulter nahm und einen Pfeil aus dem Köcher nahm.

“Ich glaube, wir haben hier was gefunden”, rief Irene jetzt. Bart, Emily und Niels betraten die Hütte und sahen sich an, was vor Irene und Flann auf dem Boden lag. Es waren drei verkohlte Gestalten, eine große und zwei kleinere. Mechanisch zog Irene einen Beutel mit Salz aus der Tasche und bestreute die Leichen. “Zur Sicherheit”, erklärte sie. Dann deutete sie auf eine Luke im Boden, um die herum alles schwarz verbrannt war.

Niels’ Puls beschleunigte sich augenblicklich, und ein ihm wohlbekanntes Geräusch verriet ihm, dass er seine üblichen Stressbewältigungsmechanismen angeworfen hatte.

Wann hört das endlich auf?

“Ich geh’ da nicht runter!” stieß er hervor. Flann sah ihn überrascht an, Irene zuckte nur mit den Schultern. Emily sah ihn mitfühlend an. “Ich bleibe mit dir hier oben”, erklärte sie. Bart schien das nicht so zu gefallen, doch er sagte nichts, sondern stieg hinter Irene und Flann in den Keller hinunter.

Niels verließ die Hütte und ging vor der Tür in die Knie. Er atmete tief durch, damit er seinen Ärger über sich nicht an dem baufälligen Gebäude ausließ. Er wollte keine Angst mehr vor Kellern haben, er wollte ein Profi sein. Aber wie damals in New York mit Ethan hatte auch hier niemand etwas gesagt oder ihn für weniger fähig gehalten, weil er sich fürchtete.
“Ich kann das. Ich kann das”, murmelte er, und er merkte, dass er deutsch sprach, aber er glaubte selbst nicht so recht daran. Plötzlich hörte er hinter sich ein Geräusch. “Alles in Ordnung?” wollte Emily wissen. Niels sah sie an. “Nein. Ja. Nein. Ich… immer, wenn ich etwas nicht richtig gemacht habe, hat mein Stiefvater mich in den Keller gesperrt.”

Denk darüber nach, was du getan hast, Aaron, und bete.

Er seufzte. “Und ich habe häufig Dinge falsch gemacht.”

Ein Mann, der sich mit Männern einlässt? Du bist unnatürlich.

Emily sah ihn mitfühlend an. “Verdammt, das… das tut mir leid.” Niels überlegte kurz, ob er Emily die ganze Geschichte erzählen sollte, doch irgendetwas hielt ihn davon ab. Stattdessen stand er auf und streckte sich. “Komm, wir gucken uns hier mal um”, meinte er zu Emily. Er spürte, dass er unruhig wurde, er wollte nicht weiter über Keller nachdenken, und es juckte ihn in den Fingern, herauszufinden, was mit Will und den anderen passiert war.
Emily nickte nur. “Ok.” Sie sah aus, als erwarte sie, dass er noch etwas sagte, aber er schüttelte nur den Kopf. “Ich komme klar. Ich muss. Ich habs nur zu lange verdrängt”, erklärte er. Emily sah ihn an. “Wenn du drüber reden willst…”, meinte sie, doch sie fragte nicht weiter. Niels lächelte ihr zu. “Andersrum gilt das auch.” Dann stapfte er los, um das verbrannte Gebäude herum.

Tatsächlich fand er nicht weit von der Hütte Schneeschuh-Spuren, die sich mit den Aschespuren kreuzten, die Irene gefunden hatte. Er sah sich um. Emily war nicht zu sehen, und auch die anderen drei schienen immer noch mit dem Keller beschäftigt zu sein. Was sollte er tun? Warten und damit riskieren, dass Will und seine Freunde möglicherweise starben, durch die Kälte oder durch das, was hier brennend durch die Wälder irrte, oder alleine losgehen? Was konnte schon passieren? Er war ein guter Jäger, er war ausreichend bewaffnet mit Schrotflinte und Luger, und er kannte sich in verschneiten Wäldern aus.

Mit diesen Gedanken zog er los. Er musste gar nicht weit laufen, da öffnete sich eine Lichtung vor ihm, die an einem Ende durch eine Felswand abgeschlossen wurde. In der Wand befand sich eine Art Höhle, aus der Niels ein Geräusch zu hören glaubte, es klang wie ein Wimmern oder leises Weinen. Vor der Höhle jedoch bot sich ihm ein schauriges Bild: Am Boden lag eine Gestalt, sie sah aus, als sei sie verbrannt, und über diese Gestalt beugten sich zwei weitere Wesen. Eines war nur schemenhaft zu erkennen, es wirkte, als sei es aus Rauch, und das andere sah aus, als sei es irgendwann in Brand geraten und würde immer noch glimmen, wie ein lebendiger Vulkan. Niels blieb stehen und wollte Deckung suchen, doch es war zu spät. Die verbrannte Gestalt hatte ihn bemerkt und kam auf ihn zu.

Niels reagierte wie in Trance, er schoss auf das Wesen. Aber was auch immer da auf ihn zukam, die Kugeln aus der Luger hatten keinen Einfluss. Nervös griff er nach der Winchester, die er über der Schulter hängen hatte und lud sie durch, doch er war zu langsam. Schon war das brennende Wesen bei ihm und packte ihn mit einem Würgegriff. Der Geruch verbrannter Haare verriet Niels, dass er sich um seine Frisur erst einmal keine Sorgen mehr machen musste. Mit einem beherzten Tritt gelang es ihm, das Wesen kurz abzulenken und sich zu befreien. Er machte einen Schritt zurück, um die Winchester aufzuheben, doch während er das Wesen und sein Gewehr im Auge hatte, achtete er nicht auf seine Füße, er stolperte und schaffte es gerade noch, sich wieder zu fangen. Doch dieser kurze Moment hatte gereicht, dass die brennende Gestalt in Windeseile herangeeilt war. Aus ihren Händen erwuchsen rechts und links neue Flammen, und ohne zu zögern, packte es mit seinen brennenden Handflächen nach Niels.

Die Flammen krochen seine Arme hinauf, die Jacke brannte innerhalb weniger Sekunden lichterloh, das Feuer fraß sich durch seine Kleidung und war in kürzester Zeit auf seiner Haut angekommen. Er warf sich zu Boden, doch zu spät, unerbittlich bahnten sich die Flammen ihren Weg über seinen Körper. Nur einmal zuvor in seinem Leben hatte Niels solche Schmerzen gehabt.

Nein. Nein. Ich will nicht sterben.

Er warf sich herum, der Schnee musste das Feuer löschen, dass inzwischen seinen gesamten Oberkörper einzuhüllen schien. Tatsächlich gelang es ihm, die Flammen zu ersticken, doch die Schmerzen waren jetzt unerträglich.

”Exorcizamus te, omnis immundus spiritus, omnis satanica potestas…” Die Worte seines Bruders klingen in seinen Ohren wieder, während jeder Schlag sie in seine Haut eingräbt. Er weiß, er wird sterben in dieser Nacht, er wird hier nie wieder herauskommen. Sie werden ihn totschlagen, weil sie den Dämon nicht aus ihm herausbekommen, denn es gibt keinen Dämon, es gibt nur ihn, nur das, was er ist… Der nächste Schlag trifft ihn, und er schließt die Augen, um sich dem Dunkel hinzugeben und dem, was darin wartet. Bald wird es vorbei sein.

Mit letzter Kraft stützte Niels sich auf und versuchte, auf allen Vieren davonzurobben. Doch er war am Ende, das Wesen war viel schneller als er, und schon hörte er hinter sich das Knistern der Flammen.

Schneller. Weg hier. Nur weg.

Er versuchte, sich noch einmal umzudrehen, doch er die rasche Bewegung forderte ihr Tribut. Ein Knacken in seinem rechten Handgelenk, und jetzt konnte er nicht mehr, er hatte zu hoch gepokert und verloren. Irgendwo hinter sich hörte er das zischende Geräusch eines Pfeils. Also hatte er nicht nur sich selbst in Gefahr gebracht, sondern auch Emily.

Verdammt, ihr darf nichts passieren! Ich wollte sie doch beschützen.

Mit einem erstickten Stöhnen ließ er sich fallen und blieb liegen. Es war vorbei. Seine Augenlider wurden jetzt schwer, doch bevor er sie endgültig schloss, sah er noch, wie das Feuerwesen zu ihm herüberkam, als wolle es sich vergewissern, dass er nicht wieder aufstand. Dann wandte es sich ab und verschwand aus seinem Blickfeld.

Ich sterbe.

Dieser Gedanke hatte etwas erschreckend tröstliches. Bald würde ihn wieder die Dunkelheit holen. Er schloss die Augen und ließ sich fallen.

Er steht im Schnee und betrachtet den jungen Mann, der dort am Boden liegt. Das bin ich, geht es ihm durch den Kopf, doch es beunruhigt ihn nicht, im Gegenteil. Eine Gestalt steht jetzt neben ihm. Jeans, blaues Oberhemd, Lederjacke. Dunkelblonde Haare, stahlblaue Augen, aus denen der Schalk blitzt. “Dad?” Jacob Heckler sieht seinen Sohn an und lächelt. “Ich dachte nicht, dass wir uns so schnell wiedersehen, mein Junge.” “Was tust du hier?” Niels streckt eine Hand nach seinem Vater aus, doch der erwidert die Geste nicht. “Alles wird gut, mein Sohn.” Seine Stimme klingt bedauernd. “Es ist schlimmer als beim letzten Mal.” “Ich weiß. Aber es ist bald vorbei. Bald, mein Junge. Dann kann ich dir alle deine Fragen beantworten.” Er macht einen Schritt auf Niels zu, und der breitet die Arme aus. Plötzlich jedoch verschwindet Jacob hinter einer Wand aus Rauch. “Dad? Dad!” Niels gerät in Panik. Etwas hält ihn gepackt, zieht an ihm, versucht ihn, festzuhalten, er kann nichts mehr sehen. Ein Schmerz durchfährt seine Brust, er beugt sich vornüber, und plötzlich tauchen Bilder vor ihm auf. Seine Mutter, wie sie einen Säugling an sich drückt. Philip. Immer wieder Philip. Joe. Verdammt, Joe. Wie ein Film zieht alles an ihm vorbei. Stirbt er? Nein, es ist dieser vermaledeite Rauch, er macht das. Was ist das? Dann sieht er vor sich einen Schemen, ein Paar schwarze Augen. Nein. Neinneinneinnein.

Mach endlich die Augen auf, Heckler!

Niels blinzelte, eine blonde Frau beugte sich über ihn. Wer war das? “Was war das, das da im Rauch?” fragte er, und während er die Worte aussprach, hörte er, dass sie merkwürdig klangen. Sprach er gerade Deutsch?
“Shhhh.” Irene Hooper-Winslow beugte sich über Niels und sah ihn an. Was war geschehen? Dann spürte er es. “Ma’am. Ich sterbe. Schon wieder”, teilte er ihr mit und versuchte sich an einem Lächeln.

Du bist ein Versager, Aaron.

Irene war nicht nach Lachen zumute. “Unterstehen Sie sich!” Doch die Schmerzen waren schier unerträglich, Niels wagte es nicht, nach unten zu sehen. Es fühlte sich an, als sei er nur noch rohes Fleisch, und ihm wurde übel vom Brandgeruch. “Es tut so weh… es ist wie damals.” Er erinnerte sich vage daran, dass Gustav ihn gepackt und in kaltes Wasser getaucht hatte, um seinen Kreislauf wieder in Gang zu bringen. Jacobs kleiner Bastard hatte sich als zäher erwiesen, als er gedacht hatte.

Irene zog eine Augenbraue hoch. “Das wird Ihnen jetzt kein Trost sein, aber schlimmer wäre, wenn es nicht mehr wehtäte.” Niels versuchte zu nicken, was angesichts der Tatsache, dass sein Hals verbrannt war und er immer noch lag, nicht ohne weiteres möglich war.

Ein junger Mann kam auf ihn und Irene zu, er war groß und dunkelhaarig, und trotz seiner breiten Statur wirkte er wie ein verängstigtes Kind. Als Will Hensley Niels auf dem Boden sah, machte sich ein Ausdruck der Überraschung auf seinem Gesicht breit. “Heckler? Was machst du hier?” Hinter ihm standen zwei weitere junge Männer, die sich ängstlich umsahen, Flann redete auf sie ein. Pickett und Willard. Dann hatte Grady es nicht geschafft.
“Ich sterbe”, erklärte Niels Will, und der sah ihn nur besorgt an. “Mach’ keinen Scheiß, Alter”, sagte er schließlich, dann ging er zu seinen Freunden und Flann, sich immer noch unsicher umsehend.

Bart hatte inzwischen Irene etwas in die Hand gedrückt. Eine Spritze, die sie jetzt Niels in den Oberschenkel bohrte. Niels hatte keine Ahnung, was sie ihm gegeben hatte, aber er fühlte sich plötzlich sehr leicht, und seine Schmerzen verschwanden. Was hatte sie ihm eben gesagt? Er sah sie an, es fiel ihm schwer, die Augen geöffnet zu lassen. “Jetzt tut es nicht mehr weh. Jetzt sterbe ich.” Mit diesen Worten glitt er in die Bewusstlosigkeit hinüber.

Als er wieder zu sich kam, lag er in einem Krankenhausbett, seine Arme, sein Oberkörper und seine Schultern waren mit dicken Verbänden bedeckt. Er bewegte vorsichtig seine Finger. Alle zehn waren noch funktionsfähig, auch wenn sie schmerzten, aber einen Stift und einen Block konnte er nach wie vor ohne Probleme festhalten. An seinem linken Arm hing eine Infusion, er hatte keine Ahnung, was da in seine Adern tropfte, aber anscheinend war auch ein Schmerzmittel dabei. Er versuchte auch, vorsichtig den rechten Unterarm zu heben, aber das tat höllisch weh. Was geschah eigentlich mit Tätowiertinte, wenn man verbrannte?

Jemand räusperte sich neben ihm, und Niels drehte seinen Kopf nach rechts, so gut es ging. Bart saß neben seinem Bett, er sah besorgt aus. “Wo bin ich?” wollte Niels wissen. “Im Krankenhaus, in Missoula. Du hast einiges abbekommen.” Niels gingen tausend Fragen durch den Kopf, doch eine war ihm am wichtigsten. “Was ist mit Emily? Geht es ihr gut?” Bart nickte, auch wenn er nicht glücklich dabei aussah. “Sie lebt. Sie hat auch einige Verbrennungen davongetragen, aber das wird verheilen. Sie will das Krankenhaus morgen wieder verlassen.” Offensichtlich hielt Bart das für keine besonders gute Idee. Niels sah auf seine bandagierten Hände. “Es tut mir leid”, murmelte er. Dann wandte er sich wieder an Bart. “Wie sind wir hierhin gekommen?” Bart verzog das Gesicht. “Flann hat sich eine Geschichte ausgedacht über einen Bärenangriff, bei dem du und Emily ins Lagerfeuer gefallen sind.” Er seufzte. Niels sah ihn an, sagte aber nichts. Offensichtlich hatte Flann nicht nur einfach so dahergeredet, als er vermutet hatte, dass Bart ihn nicht leiden konnte. “Und was ist wirklich passiert?” Er wollte das Gespräch wieder in andere Bahnen lenken, und außerdem wollte er wissen, ob das, was er gesehen hatte, die Wirklichkeit gewesen war. Irgendetwas hatte versucht, in sein Bewusstsein einzudringen, seine Erinnerungen zu stehlen, seine Seele aufzusaugen… Oder hatte er sich das alles nur im Delirium eingebildet?

Bart räusperte sich abermals, dann begann er, zu erzählen. “Die Rauchgestalt, die du gesehen hast, war ein Dämon. Ein alter Schwarzmagier, dessen Überreste Irene, Flann und ich in der Hütte gefunden haben, hatte ihn in eine Lavalampe gebannt. Er wollte ihn so zwingen, ihm seine Tochter aus der Hölle zurückzubringen, deren Pakt abgelaufen war. Dummerweise ist der Alte gestorben, bevor er sein Ritual vollenden konnte. Das konnten wir seinen Aufzeichnungen entnehmen, die ich sicherheitshalber an mich genommen habe. Also war der Dämon seit 50 Jahren in der Lampe eingesperrt. Anscheinend hat die Familie im letzten Jahr die Hütte und die Lampe gefunden und den Dämon aus Versehen befreit. Das erklärt das Feuer. Die brennende Gestalt war übrigens die Mutter der Familie, vermutlich hat sie mit dem Dämon einen Handel geschlossen, dass sie ihm Seelen bringt, damit er stofflich wird.”

Und eine davon wäre beinahe meine geworden.

Hatte er wirklich mit Jacob gesprochen, oder war das schon der Dämon gewesen, der versucht hatte, seine Seele zu stehlen? Niels wusste es nicht. Aber etwas an Barts Schilderung ließ ihn aufhorchen. Da war etwas, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Er wollte ihn so zwingen, ihm seine Tochter aus der Hölle zurückzubringen, deren Pakt abgelaufen war

War es das? War es so… einfach? Man fing einen Dämon ein und zwang ihn, den geliebten Menschen wieder freizugeben? Konnte er so… Joe aus der Hölle holen?

Verdammt, du bist ein Heckler, du bist Jacobs Sohn. Schon vergessen, was mit deinem Dad passiert ist? Du sorgst dafür, dass das Kroppzeug da bleibt, wo es hingehört. Du schließt keine Handel mit ihm ab.

Er sah wieder zu Bart. Der Gelehrte durfte niemals erfahren, was gerade in Niels’ Kopf herumging. Er würde ihn zu Recht übers Knie legen und ihm die Leviten lesen. Aber er würde Hilfe brauchen, wenn er das wirklich wagen wollte.

In diesem Moment klopfte es an der Tür, und bevor Niels “herein” sagen konnte, spazierte Flann ins Zimmer. Bart stand auf und verabschiedete sich, während Niels sich wappnete ob der Sprüche, die er sich jetzt von dem Iren über seinen Zustand anhören durfte. Aber Flann machte keine Anstalten, sich über Niels lustig zu machen, im Gegenteil, er nahm auf dem Stuhl Platz, auf dem eben noch Bart gesessen hatte und sah ihn besorgt an. “Wie geht es dir?” Niels sah ihn überrascht an, dann seufzte er. “Ich kenne das ja schon. Gibt Narben auf den Narben.” Er verzog das Gesicht. “Ich mache das jetzt mal alle vier Jahre.” Es war ihm egal, ob Flann verstand, was er meinte, aber der Ire fragte auch nicht weiter. “Warum hast du das gemacht? Also einfach so vorzustürmen, ohne auf Irene, Bart und mich zu warten?” Niels spürte, wie seine Augen sich zu Schlitzen verengten, als die Wut in ihm aufstieg. Ja, er hatte unüberlegt gehandelt, aber war es nötig, ihn damit aufzuziehen? Dann jedoch bemerkte er, dass Flann ruhig blieb und eher fürsorglich klang als spöttisch.
“Verdammt, ich habe nicht nachgedacht. Vielleicht wollte ich mir etwas beweisen. Ich musste mir 18 Jahre lang anhören, dass ich nichts kann, dass ich nichts tauge, und dass ich zu nichts nütze bin.” Er spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete, als ihm die Beschimpfungen und Schmähungen seines Stiefvaters einfielen. Er lachte auf, als ihm bewusst wurde, dass zumindest auf der körperlichen Seite einiges von dem, was Gustav, Joseph und Benedikt ihm angetan hatten durch das Feuer vernichtet worden war. Was für ein Trost. Der Gedanke an Gustav brachte ihn jedoch noch auf etwas anderes. “Ich will es ihnen beweisen. Dem einen, der nicht hier ist, und dem anderen, der nicht mehr da ist.” Was hätte Jacob wohl dazu gesagt, dass sein Sohn so unvorsichtig gehandelt hatte?
“Also demjenigen, der hier mit dir im Raum ist, hast du das schon bewiesen”, erklärte Flann jetzt. Niels zog eine Augenbraue hoch. “Ich arbeite wirklich gerne mit dir zusammen.” Ob das auch für eine Dämonenjagd galt? So wie er Flann einschätzte, würde der sich auf so etwas einlassen. Und hatte er nicht Irene erst auf der Hinfahrt gefragt, ob sie sich mit dem Brechen von Pakten auskannte? Ja, Flann war definitiv der richtige Ansprechpartner. Niels hoffte, dass Bart das nicht erfuhr, denn er hatte so eine Ahnung, dass der Gelehrte nicht allzu begeistert sein würde über Niels’ neuen Partner. Aber dann fiel ihm etwas ein. Was, wenn Flann ihn wieder einmal belog? Das war kein abwegiger Gedanke. Doch dann sah er den besorgten Ausdruck in den Augen des Älteren. Diesmal schien es dem Iren wirklich ernst mit Niels zu sein. “Flann, ich… “ Niels wollte ihn gleich fragen, doch dann spürte er, wie sich die Müdigkeit in ihm ausbreitete. Schlafen und gesund werden, das war gerade wichtiger als alles andere.
Der Ire erhob sich und gab ihm vorsichtig die Hand. “Melde dich, auf Irenes Handy. Sie kann mich erreichen.” Niels nickte, dann war er auch schon eingeschlafen.

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Kaffee in Vermont
Aussprache nach der Untersuchung der Anstalt in Delaware

Wie abgemacht, trafen sich Bart und Emily eine Woche später, nachdem er mit den beiden zurückgefahren war und sie Ethan abgeliefert hatten, am frühen Nachmittag im Café. Er nickt ihr zu als sie zu sehen ist, er selbst wartet schon vor dem kleinen Laden. Mit ihr zusammen spaziert er ins Innere des Cafés und zieht sich in eine Ecke zurück, weit genug entfernt von den anderen Gästen und dem Personal, dass sie sie nicht all zu leicht belauscht werden können. Er bestellt sich einen Espresso, der Kellner nimmt wohl auch noch ihre Bestellung entgegen. Längere Momente herrscht Schweigen vor im Raum, ehe er sie wieder anschaut. “Wie geht es dir, nach der ganzen Sache?” fragt er sie schließlich.

Emily hat sich einen Kaffee und ein Wasser bestellt.”Es war ein Job, also ganz gut, denke ich. Ich meine so gut kannte ich McKenzi auch nicht. Ich bin ihm bloß einmal übern Weg gelaufen.” Sie setzt sich im Schneidersitz auf den Stuhl. “Und dir? Alles soweit wieder ok? Du hasst ja diese Einrichtungen. Für dich war das ganze ja nicht einfach.” Sie spricht sehr leise, als befürchtete sie belauscht zu werden.

Bart kann nicht anders als leicht zu schmunzeln als sie elegant die Beine in den Schneidersitz bringt. Ihre Manierismen waren schon nicht uninteressant. “Gut. Es ging ja auch im großen und ganzen alles zum besten aus. Erst recht wenn man bedenkt womit wir uns angelegt haben….” einen kurzen Moment wirkt er nachdenklich, lächelt leicht als er ihre leise Frage hört, ihre Stimme leise und beinahe mitleidig. “Am besten du hältst dich in der nächsten Zeit etwas vom Meer fern. Es geht mir gut. Solche Orte sind nur nicht angenehm, weil ich es mir gewohnt bin… Nun, sagen wir einfach man glaubte mir nicht. Das war auch der Grund aus dem ich Erfahrung mit so einer Institution gemacht habe.” erklärt er ihr, “Aber wenn ich nicht im Gebäude bin, ist es schon besser.” Dann betrachtet er sie. “Ich hatte dir ja noch Details versprochen.” Er seufzt leise, “Keine Sorge, ich fühle mich nicht gedrängt.”

Sie lächelt. “Ich habe keine Angst vor denen, ich meine dass war schon ein schwerer Brocken und es war gut, dass ich nicht alleine war. Aber es war bei weitem nicht das schlimmste Monster was mein Weg gekreuzt hat. Aber keine Sorge, ich habe auch nicht das Bedürfnis in nächster Zeit einen Strandurlaub zu machen.” Sie stockt kurz, als der Kellner die Getränke bringt und wartet bis er wieder verschwunden ist, nachdem er sich nochmal vergewissert hat, dass sie keine weiteren Wünsche haben.
Nachdem ihr Blick dem Kellner gefolgt ist, bis er außer Reichweite war, blickt sie Bart wieder an, direkt in die Augen. “Sicher? Ich will dich wirklich nicht drängen oder alte Wunden aufreißen.“ Sie legt den Kopf dabei schief und gibt sich alle Mühe dem Drang zu widerstehen in ihren Haaren oder mit der Tischdeko zu spielen, was ihr auch erstmal gelingt. Die Augen ruhen weiter auf Bart, obwohl er eine gewisse Anspannung bemerkt, die sie nicht abzulegen vermag. Der Kaffee und das Wasser bleiben unangerührt vor ihr stehen.

“Nicht im geringsten.” er lächelt leicht, “Der Hausmeister war… Nicht übermäßig gefährlich. Aber von den Tiefen, wie sie genannt werden, geht schon eher eine Gefahr aus, wenn du in der Nähe des Wassers bist. Sie sind recht stark und können ohne weiteres erfahrene Schwimmer ertränken.” erklärt er ihr und schweigt selbst als der Kellner an den Tisch kommt. Er nimmt seine Tasse in die Hand, erwidert ihren Blick, seine Augen ein warmes Braun, nimmt einen kleinen Schluck, “Du sagtest, du möchtest mir helfen. Das weiß ich sehr zu schätzen und ich finde, du hast dann verdient genau zu wissen worum es geht.” erklärt er ihr mit sanfter Stimme. “Und du weckst damit nichts auf. Das sind Dinge die ich nicht so leicht vergessen kann.” Kurz überlegt er, ehe er erklärt, “Ich komme ähnlich wie du aus einer Familie von Jägern. Allerdings hatte ich kein Interesse daran das Familiengeschäft fortzuführen. Ich habe studiert und einen kleinen Laden aufgemacht. Ich habe geheiratet. Ich hatte eine Tochter. Dann, starb mein Vater. Er lag, als einziges verbrannt, auf dem Sofa seiner Villa und wurde noch ins Krankenhaus gebracht. Er lag schon im sterben als ich dort ankam. Wirklich viel bedeutet hat er mir nie. Er teilte mir den Code für den Tresor in seinem Haus mit. Dort fand ich ein Buch, gebunden in Menschenhaut. Im inneren waren auf Latein und Sumerisch alte Rituale der Zauberei und Hexenkunst beschrieben.” erklärt er und nimmt wieder einen Schluck aus der Tasse.

Sie schmunzelt kurz. „Naja, solange mich das Duschen nicht umbringt, bin ich glaube ich nicht in Gefahr.“ Dann nickt sie und wird wieder etwas ernster, als er das mit der Hilfe anspricht. „Ich danke für dein vertrauen. Das bedeutet mir viel. Wirklich. Und ich meine es so, ich werde dir helfen, egal was und wieviel du erzählen magst.“ Sie hört ihm aufmerksam zu und nickt immer mal bei seinen Erzählungen, lässt ihm aber Zeit. Allmählich scheint sie sich immer mehr zu entspannen und legt ihr Hände in den Schoß.

Er lächelt weiter leicht, eine Sache erfreut ihn tatsächlich; Sie entspannt sich in seiner Nähe, er weiß schon jetzt, so wie er sie kennt, das es ein vertrauensbeweis ist, der nicht sehr häufig vorkommt.
“Ich konnte den Text nicht komplett verstehen und die Thematik war… Unangenehm. Es war ein Buch über Feuerzauberei. Zerstörung, Vernichtung, verbrennen von Menschen um Macht zu gewinnen. Ich hätte es am liebsten weggeworfen, oder vernichtet, aber… Worte haben Macht. Es hätte eine Verschwendung sein können, irgend ein Archäologe… Naja.” kurz scheint er nachzudenken, “Ich habe das Buch einem Kollegen zugeschickt, der sich mit der Hexenkunst in Europa auskannte. Wenige Wochen später erhielt ich das Buch zurück, Laut meinem Kollegen handelte es sich um ein gesuchtes Einzelstück. Die “Principia Ignis” Die Grundlagen des Feuers, oder auch das Buch des Feuers.
Ein paar Tage später…” erneut stockt er und nimmt einen Schluck von seinem Kaffee, “Ein paar Tage später bekam ich besuch von einer Frau. Die Türklingel erklang… Ich schickte meine Tochter nach oben. Ein Geruch von kalter Asche machte sich breit. Sie fragte mich nach dem Buch… Doch weil sie mir unheimlich war und ich mir noch nicht sicher war was genau ich mit dem Buch machen wollte, behauptete ich, ich wüsste nicht von was sie spricht.. Sie erzählte mir, dass der Laden meines Kollegen niedergebrannt wurde. Drohte mir… Dann schoß Feuer aus ihren Fingerspitzen, während sie gemächlich zwischen den Bücherregalen umher wanderte und ein riesiges Feuer legte. Ich warf ihr das Buch zu und… Der Buchrücken riss. Sie kreischte wie Kreide auf einer Tafel und mit einer Handbewegung wurde ich unter meinem Tresen begraben. Sie ging die Treppe hinauf in meine Wohnung und… Mein Nachbar rief die Feuerwehr. Die Flammen breiteten sich rasant aus, sie konnten mich gerade noch so aus dem Verkaufsraum retten. Ich… Sie behaupteten das Kohlenmonoxid hätte meine Frau getötet, wahrscheinlich sei sie im schlaf gestorben, aber… Ich weiß es besser. Nachdem ich wieder gesund war, wurde ich in ein Sanatorium eingewiesen, da Niemand die Frau gesehen hatte.” Dann lehnt er sich leicht vor, spricht noch einmal etwas leiser, “Die Leiche meiner Tochter wurde nie gefunden. Ich begrub Holzasche. Und vor ein paar Monaten, als ich einen Hexer zusammen mit Ethan in Dana Point aufspürte, fand ich dort ein Bild. Ein Bild von der Frau die damals in meinen Laden gekommen ist. Mit meiner Tochter.” Sein Blick besitzt eine merkwürdige Qualität. Der Ausdruck in seinen Augen ist nicht traurig. Nicht wütend. Stattdessen, erstaunlich kalt, kalkulierend. Als ob er in der Lage wäre jedes Gefühl weg zu sperren, wenn es darum ging. “Der Hexer erzählte mir, sie sei die Schülerin der Hexe. Ich jage sie. Ich jage diese Frau. Sie nennt sich Madame Fiora. Oder etwas sehr ähnliches, je nach dem. Und wenn ich sie finde, werde ich sie töten. Danach… Entscheide ich was ich mit dem Buch tue.” einen kurzen Moment schweigt er, ehe er hinzu fügt. “Und ich werde… sehen wie weit meine Tochter ist.” mit diesem merkwürdigen Ausdruck in seinen Augen fixiert er sie, ehe er hinzufügt, “Wenn du mir wirklich helfen willst, musst du einer Sache zustimmen und es mir versprechen. Wenn sie zu weit ist, wenn sie ein Monster ist, werde ich sie töten. Das steht nicht zur Debatte.” erklärt er mit leiser Stimme, beinahe ein Hauchen.

Sie schaut ihn weiter an und lauscht seinen Worten. Ihr Blick verfinstert sich kurz, wenn er über das Buch spricht. Scheint etwas sagen zu wollen, lässt ihm aber Zeit die ganze Geschichte zu erzählen. Sie nimmt auch die Tasse in die Hand und trinkt einen großen Schluck, ohne die Augen von ihm abzuwenden. Wartet bis er geendet hat und spricht dann leise: „Es tut mir leid für deine Frau….“ sie schweigt ein kleinen Augenblick „…und dich. Daher dein unwohlsein, in solchen Gebäuden, verstehe. Was haben die anderen geglaubt was mit deiner Tochter passiert ist? Ich meine, wenn sie keine Überreste gefunden haben?“ Sie schüttelt den Kopf. „Wir haben es nicht leicht, mit dem was wir wissen, ich meine es ist gut, wenn die Leute…“ dabei lässt sie den Blick durchs Kaffee gleiten. „..nicht wissen was da draußen ist, aber dich deshalb für verrückt zu erklären und nicht mal deine Tochter zu suchen…“ Emily wirkt etwas wütend darüber und scheint gleichzeitig etwas verwirrt über Bart`s Blick. Sie fragt sich, ob er wirklich in der Lage wäre die Gefühle weg zusperren und ob das wohl eine gute oder schlechte Eigenschaft wäre.
Dann lächelt sie verschmitzt: „Nur eine tote Hexe ist eine gute Hexe. Hexe, hm. Sie scheinen einen größeres Problem zu sein, als ich vermutet hätte. Kann ein Buch sowas wie ein Vertrautentier sein?“ Emily scheint einen Moment zu grübeln. „Mit Hexen kenn ich mich leider nicht so aus.“ Es wirkt fast wie eine ernste Entschuldigung “Und was das Buch angeht, könntest du es Irene nicht zur Aufbewahrung geben, ich habe gehört sie hat wohl einen sicheren Ort für solche Gegenstände.“ Jetzt wird sie wieder ernster und das Lächeln verschwindet. „Meinst du nach all der Zeit, ist deine Tochter noch zu retten, ich meine du sagtest im Auto es wären jetzt fünf Jahre her. Fünf Jahre bei einer Hexe, dass scheint mir für ihr Alter schon eine Ewigkeit und allzu klein war sie auch nicht mehr.“ Sie scheint für einen Moment in ihre Gedanken abgetaucht zu sein. Und nuschelt dann kaum verständlich was von „Fünf Jahre“, seufzt kurz und blickt ihn wieder an. Scheint nicht zu wissen, was der Blick jetzt für sie bedeutet, lehnt sich ein Stück nach hinten, um den Abstand zwischen ihr Bart aufrechtzuerhalten und sagt dann leise, aber mit kräftiger Stimme „Gut, ich meine hier geht es zwar um deine Tochter, aber dann sind wir uns einig. Und dir sollte bewusst sein, wenn du es nicht kannst, wenn du sie nicht töten kannst, werde ich das machen und mich nicht aufhalten lassen.“ Danach nimmt sie wieder einen Schluck Kaffee. „Danke, dass du mir das anvertraust. Aber erst Mal schulde ich dir noch was und zweitens wäre es mir eine Freude, dir dabei zu helfen.“ Dabei zeigt sich ein leichtes glitzern in ihren Augen.
Nach einem kurzen zögern. „Warum hast du dich eigentlich gegen die Jagd entschieden, damals? Hattest du deinem Vater auch nicht geglaubt?“ Emily schaut ihn fragend an.

“Ich glaubte, sie sei gestorben. Genau wie jeder andere. Das Feuer war… sehr heiss.” erklärt er ihr leise, ehe er den Kopf schüttelt. “Nein, das ist nicht ganz richtig. Es gibt… Gute und böse Hexer und Hexen. Ich habe mich mit einer Gruppe in Italien unterhalten die mir geholfen hat und… Eine Freundin von mir, ein Mädchen das noch zur Uni geht ist selber eine Hexe. Sie hatte sich von einer Gruppe böser Hexen zu… schlimmen Dingen überreden lassen.”
“Sie war damals Sieben Jahre alt. Ich hoffe das die ersten Jahre eher Normale Übungen sind, Stärkung des Geistes und ähnliches. Sie… Ist stark. Ich hoffe sie ist nicht zu sehr verändert.” stellt er fest, “Ich kann nicht sicher sein, aber das ist meine einzige Hoffnung.” Ihre anderen Worte übergeht er. Er kann nicht anders. Wenn er darauf eingehen würde, müsste er wütend auf sie sein. Und das will er nicht, in diesem Moment.
“Ich habe mich damals dazu entschieden nicht zu Jagen, weil es kein Leben war das ich wollte. Auch, weil ich es für einen Wahn meines Vaters hielt. Ich habe nur am Rande davon erfahren, kleinere Andeutungen. Ich dachte er sei auf Geschäftsreisen unterwegs und die esoterischen Dinge seien nur eine Art Hobby.” er schüttelt den Kopf. “Und was das Buch angeht… Es ist eher unwahrscheinlich, das das Buch als Vertrauter fungiert, aber ich habe demletzt von einem Pilz gehört, es ist nicht unmöglich.” meint er nachdenklich, “Und wenn ich es Jemandem übergeben würde, dann meiner eigenen Familie. Die Hooper-Winslows haben eine Tendenz dazu auf unvorsichtige Weise mit ihren Artefakten umzugehen. Deswegen gab es auch eine Spaltung unserer Familien.” erklärt er ihr.

Sie trinkt einen Schluck aus ihrem Wasserglas. “Also war das Foto in Dana Point ein erstes Lebenszeichen?” Sie schaut ihn ungläubig an “Eine Hexe als Freundin. Oki.” Die Skepsis ist ins Gesicht geschrieben. Als sie merkt, dass er nicht weiter darauf eingehen möchte, lässt sie es auch erstmal im Raum stehen.
“Hm, das höre ich nicht zum ersten Mal. Ich versuche es zu verstehen und ein wenig kann ich es auch nachvollziehen. Etwas normalität. Nur ist es schwer für mich. Vor allem wenn ich höre, dass jemand ebenfalls aus einer Jägerfamilie stammt.” Sie blickt aus dem Fenster, löst den Schneidersitz und streckt die Beine einmal aus, bevor sie die Beine wieder an sich heranzieht. Dann sieht sie wieder zu Bart rüber. “Ich kann verstehen, dass du es lieber in deiner Familie lassen willst. Dachte nur, wenn du keinen wüsstest und Irene macht mir nen vernünftigen Eindruck.” Trotz des ernsten Themas lächelt sie, sie scheint seine Gesellschaft zu genießen, auch wenn sie nicht so genau weiß warum.

“Das erste seit dem ich sie verloren habe.” erklärt er ihr leise, er kann sie nicht noch einmal verlieren. “Ja. Sie ist einfach eine junge Frau die den falschen Leuten vertraut hat. Sie ist recht gut darin Leute zu verarzten, aber… Sie kämpft immer mit der Versuchung mehr zu tun.” antwortet er.
“Mein Vater hatte seinen Beruf geheim gehalten, wohl um mich zu schützen, oder weil er vermutete dass andere Leute ihn für verrückt halten könnten. Ersteres scheint mir eher unwahrscheinlich… Immerhin hat er mich ausgebildet. Ich weiß es nicht und seine genaue Motivation… Ist mir eigentlich auch einerlei. Natürlich.” nickt er dann, “Wenn man Niemanden hat, der sich solchen Dingen annehmen kann, sind die HWs. immer noch besser als nichts.”

“Dann hoffen wir, dass deine Freundin stark genug ist, der Versuchung zu widerstehen.” Sie stützt sich mit dem Ellenbogen auf dem Tisch und legt ihren Kopf in die Hände. “Naja, Familien können schon sehr kompliziert sein…..Was wirst du jetzt als nächstes tun? Also ich meine, wenn du jetzt grade kein Anhaltspunkt hast.” Ihre Stimme klingt hell und freundlich.

“Ich passe auf sie auf.” leise lacht er, “Ich habe langsam… Recht viel zu tun, der Ex-Werwolf dem wir demletzt begegnet sind, geht an dieselbe Uni wie sie.” meint er schmunzelnd, betrachtet sie einen Moment, “Sind sie. Aber ich denke das liegt nun einmal in der Natur der Sache. Und… Ich werde weiter Fioras Töchter jagen und verfolgen. Ich weiß mir nicht anders weiter zu helfen.” er nimmt erneut einen Schluck aus der Tasse, trommelt nachdenklich, etwas nervös auf den Tisch mit den Fingern seiner linken. “Was… Was hast du vor?”

Sie grinst “Eine “begabten/Monster” Uni.” Dabei macht sie mit den Fingern die Anführungszeichen. “Wer passt auf die beiden auf, wenn du unterwegs bist?” Sie legt den Kopf in den Nacken und starrt an die Decke. “Mal sehen, irgendwo gibt es immer was zu jagen. Ein genaues Ziel habe ich noch nicht.” Sie senkt den Kopf wieder und schaut ihn an. “Naja, falls du Fiora oder eine ihrer Töchter findest. Ich bin nur ein Anruf entfernt.”

“Wenn man so will.” dann schmunzelt er leicht, “Aber das heisst noch lange nicht das ich mir eine Glatze rassiere.” stellt er fest, auch wen er nicht weiß wie aktuell die junge Frau ist, was solche Sachen angeht. “Julie passt auf ihn auf. Ich kann sie nicht überwachen, Em. Es sind normale Menschen… Normaler als ich wahrscheinlich.” meint er mit einem leichten lächeln. “Aber ich weiß, wie gefährlich es sein könnte, wenn sie zusammenbricht… Deswegen bin ich auch so wütend auf Flann.” meint er mit Gift in der Stimme, mustert sie einen Moment, ehe er vorschlägt, “Was meinst du… Wollen wir ein paar Wochen zusammenarbeiten? Wir scheinen recht gut klar zu kommen.” fragt er sie mit einem leichten lächeln, merkt ihr an, dass sie selbst unsicher scheint, etwas haltlos.

Sie scheint kurz nachzudenken was er meint und lacht dann kurz und leise auf. „Könnte interessant aussehen.“Auf seine Erklärung hin nickt sie Stumm. „Tja, Flann. Ich glaube vor den muss man auf der Hut sein. Ich meine ich habe kein Problem mit ihm, aber ich würde ihm auch nicht zwingend den Rücken zu drehen. Aber was hat er damit zu tun? Ich meine wegen ihm wird sie doch nicht wieder böse, oder?“
Als er den Vorschlag macht sieht man etwas Panik in ihren Augen. „Versteh mich bitte nicht falsch und ähm…ähm….“ sie scheint nach den richtigen Worten zu suchen. „…du scheinst sehr nett zu sein, aber zu lange in meine Nähe ist gefährlich. Glaub mir.“ Ihre Anspannung ist mit einem Schlag wieder da.

Er schmunzelt selbst, hebt nur leicht eine Augenbraue, scheint dann kurz zu überlegen als sie wegen Flann fragt, seufzt dann leise, “Sie ist Flann über den Weg gelaufen, der hat sie angegraben, sich häufiger mit ihr getroffen, ihr Vertrauen erschlichen, sie kamen zusammen… Ich bin mir nicht ganz sicher wie weit das ging, aber ich denke recht weit. Dann ist er abgehauen, hat seine Nummern und sein Handy weggeschmissen und sämtlichen Kontakt mit einem Brief abgebrochen.” brummt er leise.
Kaum merklich schmunzelt er. “Ganz ruhig. Ich wollte dich zu nichts drängen.” meint er zu ihr, “Denk einfach darüber nach, lass dir Zeit. Und glaub mir, ich habe weder vor dir Angst, noch davor dass mir deine Anwesenheit schaden könnte. Und wenn in deiner nähe gefährliche Dinge passieren, wäre es umso wichtiger dass du Leute in deiner Nähe hast, mit denen du zusammenarbeiten kannst. Aber es ist deine Entscheidung.” erklärt er ihr sanft.

“Ok. Das ist gemein. Aber vielleicht stand im Brief eine vernünftige Erklärung oder hat sie dir den gezeigt?” Sie lächelt zögerlich. “In Ordnung. Ich werde darüber nachdenken. Aber du weißt nicht wo du drauf du dich einlässt, wenn du mit mir arbeiten willst. Andererseits, wäre es vielleicht ganz gut. Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen.” Dabei legt sie den Kopf wieder seitlich und mustert Bart einen Augenblick.
Dann schweigt sie eine ganze Weile schaut auf die Tischplatte. “Es ist nur, du hast Yumiko gesehen, ich habe Ethans Bruder beim letzten Auftrag. Ich meine vor diesem hier, schwer verletzt und auch andere sind meinetwegen….” Sie verstummt und fängt an mit dem Wasserglas zu spielen.

“Ich habe ihn mir durchgelesen. Nur ziemlich scheinheilige Dinge…” er schüttelt den Kopf, “Er ist… Ein erbärmlicher Mensch.” erklärt er mit einem Kopfschütteln. Er lächelt bei ihrer Antwort, ehe er nur kurz, beruhigend seine Hand auf ihren Arm liegt. “Dann sag es mir. Dann erkläre mir worauf ich mich einlasse. Ich werde dir zuhören und dann kann ich dir immer noch sagen ob ich mich davon eingeschüchtert fühle, oder?” fragt er sie sanft. “Danke, das ist alles was ich möchte.”
Er lässt sie ruhig da sitzen, nimmt einen weiteren kleinen Schluck von seinem Espresso, bestellt in der Zwischenzeit ein Glas Wasser bei einer vorbei spazierenden Bedienung.
Dann lauscht er ihr, “Yumiko hat einen Fehler gemacht, sie war alleine und hat sich selbst überschätzt und das ist traurig, aber nicht deine Schuld. Ich weiß nicht was alles passiert ist, aber ich kann es mir zum Teil denken und ich finde, Ethan hat recht. Es war ein Unfall. Nicht böswilliger als ein Querschläger.” meint er leise. “Auch mir sind ähnliche Dinge passiert. Das geschieht. Es ist nicht deine Schuld. Weil ich weiß, das du dein bestes tust um solche Dinge zu vermeiden, macht dich das nur zu einem besseren Menschen.”

“Ich weiß nicht was ich dazu sagen soll, ich kenne diese Julie nicht und wie gesagt, Flann oder wie auch immer er heißen mag auch nicht.” Sie zuckt mit den Schultern. “Ist schon gut, wenn du ein Auge auf sie hältst.”
Als er ihren Arm berührt, zuckt sie zusammen, zieht den Arm direkt weg und presst ihn vor sich an die Brust, als hätte Bart ein Messer in den Arm gerammt.
“Ich…ich kann nicht….ich” Sie stottert anfänglich, atmet einmal tief durch. “Nicht hier, nicht jetzt. Wir haben uns doch getroffen, dass ich dir zuhöre.” Sie lächelt ihn an. Emily macht keine Anstalten etwas neues zu bestellen. “Ich habe Yumiko gehen lassen. Sie war alleine. Hatte anscheinend niemanden an den sie sich sonst wenden konnte. Und Alan, ja, dass möchte Ethan gerne glauben, aber ich nicht wirklich geguckt. Es war mir egal, welcher Alan das war.” Der letzte Satz kam nicht wirklich überzeugend rüber.
Dann spricht sie sehr leise, kaum hörbar. “Woher willst du das wissen. Wir kennen uns doch eigentlich gar nicht. Und jetzt fange ich schon wieder von mir an.” Dann etwas lauter. “Verdammt.”
“Hast du eigentlich ein Foto von deiner Frau und deiner Tochter?”

“Schon gut. Mach dir keine Gedanken deswegen. Ich wollte dir nur die Situation erklären…” meint er leise, und winkt mit der rechten Ab. Leicht hebt er, beruhigend, fast entschuldigend seine Hand als sie vor ihm zurückschrickt, geht jedoch nicht genauer darauf ein, er weiß das es ihr nicht wohl wäre.
“Ich bin nicht hier um einen Monolog mit Zuhörer zu halten. Ich bin hier weil ich mich mit dir unterhalten Wollte, Emily.” meint er lächelnd, “Aber wir müssen uns nicht jetzt darüber unterhalten. Erzähl es mir, wenn du es möchtest.” er nimmt einen Schluck vom Wasser. “Du hast Yumiko gehen lassen, wie ich mir sicher bin mit aller Hilfe die du ihr bieten konntest, weil sie eine Jägerin war. Jede Jagd ist ein Risiko. Ich weigere mich zu glauben dass du die Dinge so hättest passieren lassen, wenn du geahnt hättest, oder in der Lage warst sie zu verhindern.” Dann mustert er sie, “Und das andere glaube ich dir nicht. Egal wie unsympathisch er dir war, egal wie wenig du ihn mochtest, du hättest ihn nie absichtlich verletzt. Ich weiß wie schwer es ist Ghoule von den Originalen zu unterscheiden. Außerdem warst du mit Sicherheit in einer Stressituation.” er schüttelt leicht den Kopf, ehe er bei ihrer Frage in ihre Augen blickt und leicht lächelt, “Ich jage Hexen. Sie sind Monster die in menschengestalt umher wandern. Ich habe Erfahrung darin, schlechte Menschen zu erkennen. Wenn ich in deine Augen blicke, sehe ich kein Monster.” erklärt er ihr leise und sanft. Nein, eine verletzte Junge Frau, doch das will er ihr nicht sagen.
Bei ihrer Frage greift er mit langsam Bewegungen an seinen Hals, öffnet eine kleine Goldkette, ehe er ihr ein Kruzifix mit einem Kreis reicht, wo sich die Balken treffen. Er öffnet das kleine Medaillon und zeigt ihr die beiden Bilder darin. Eine Junge Frau mit lachfältchen, vielleicht Mitte 20, schwarze Haare, intelligente Augen. Ein Mädchen, vielleicht fünf Jahre, wildes blondes Haar das gerade hochkonzentriert, mit gekrauster Stirn auf ein Märchenbuch starrt. “Da.” sagt er leise.

Sie nickt und meint dann “Irgendwann mal, wenn…wenn wir unter uns sind.” Und macht mit dem Kopf ein Bewegung Richtung Cafè übergeht seine Geste.. “Ich weiß, dass du kein Vortrag halten willst, ich meinte ja nur, dass meine Probleme warten können.” Sie zieht die Beine hoch und umschlingt sie mit den Armen, dass etwas seltsam wirkt auf dem Stuhl. “Naja, Yumiko und ich waren noch sehr jung, aber wenn ich meine Eltern was gesagt hätte.”Sie stockt kurz. “oder meinen Geschwistern. Wenn ich sie aufgehalten hätte. Ihr gesagt hätte sie solle nicht fortlaufen, nicht allein oder wenn ich mit ihr gegangen wäre.” Ihre Stimme wird leicht brüchig. Trinkt den letzten kleinen Schluck Wasser aus ihrem Glas. “Naja, dann wäre alles anders gekommen.”
Ihre Stimme wird stickig. “War er nicht, nicht wirklich. Ich meine klar, er hält mich wahrscheinlich für eine Kriminelle. Ein Straßenmädchen, was ja auch indirekt stimmt. Er glaubt wahrscheinlich ich bin keine Umgang für Ethan. Aber alles kein Grund ihm eine reinzuwürgen. Er stand plötzlich vor mir und ich habe einfach zu getreten. Ich jage schon seit meinem 11. Lebensjahr. Ich sollte den Unterschied kennen. ” Sie schließt die Augen. atmet tief durch. “Es ist gut zu hören. Irgendwann wirst du verstehen warum.”
Sie schaut sich die Bilder an und lächelt. Ihre Augen ruhen eine ganze Weile auf dem Medaillon, schaut danach hoch in seine. “Hübsch. Deine kleine war…ist niedlich.”

“Ich verstehe.” meint er nur mit einem Nicken in ihre Richtung. Ihre Erzählung hat Zeit. Und er kann verstehen dass sie sich einen privaten Raum wünscht um so ein Thema zu klären. Ehrlich gesagt, nagt ihr Anblick an ihm. Wäre dort Julie gesessen, so zusammengekrümmt, hätte er sie in die Arme genommen, doch sie scheint nicht gut auf Berührungen zu reagieren. “Das war nichtsdestotrotz nie deine Entscheidung. Es war ihre Sache, damals und heute.” Stellt er, mit etwas eindringlicher Stimme, fest. “Und du hast mir erzählt das ihre Familie auch jagte. Es könnte genauso gut sein, dass Yumiko schon vor Jahren gestorben wäre. Und sie ist noch nicht tot. Ich verspreche dir, dass ich mich bemühe ihr zu helfen.” erklärt er, jetzt wieder sanfter.
“Also ist es genauso wie ich es dir gesagt habe. Es war ein Reflex. Du hattest Angst und sei es nur eine körperliche Reaktion. Es war gefährlich, plötzlich war er da und du hast zugeschlagen. Reflexe lassen sich kaum kontrollieren. Du darfst dich deswegen nicht zerfleischen, das hätte genauso gut mir passieren können.” Dann fixiert er sie, “Und das du schon so lange jagst, heisst keineswegs dass du keine Fehler machen darfst. Es heisst, dass es bewundernswert ist, dass dir keine schlimmeren Fehler unterlaufen sind. Das es ein Wunder ist dass du noch lebst und so eine gute Person geblieben bist.”

“Kann sein.” Sie erhebt sich. “Entschuldige mich einen Moment.” Dann geht sie zur Damentoilette. Vergewissert sich, dass sie alleine ist und stellt sich vor den Spiegel und spricht mit sich selbst “Hör auf so rührselig zu sein. Was versprichst du dir davon. Davon wird auch nicht alles gut. Reiß dich verdammt nochmal zusammen. Er ist ein Jäger, so wie die anderen auch.” Dann lässt sie kaltes Wasser über ihr Gesicht fließen, trocknet sich ab und geht wieder zu Bart an den Tisch. Er bemerkt, dass einige Haare rund um ihr Gesicht etwas naß sind. Unterwegs pfeift sie noch eine Bedienung an, ihr einen frischen Kaffee zu bringen.
Sie lässt sich locker, aber vernünftig auf den Stuhl fallen. Seufzt einmal und blickt wieder Richtung Bart sie lächelt kurz und sagt dann ernst aber nicht unhöflich “Mir dürfen diesen Fehler nicht passieren, wenn ich, wenn wir Fehler machen, dann sterben Menschen. Jeder Schritt muss wohl überlegt werden. Ich mache Ethan kein Vorwurf, aber Alan hätte nicht dort sein dürfen.”
Die Bedienung bringt ihr den frischen Kaffee. Emily wartet bis die Bedienung gegangen ist.
Dann schaut sie ihn verschmitzt an, lacht ein wenig“Du hältst mich für eine guten Menschen. Ich hoffe, du hast recht, ich bezweifel, dass manchmal.”
Sie beendet den Satz in Gedanken Du wirst sehen, wie recht du hast Bart. Es gleicht einem Wunder.
Sie wirkt jetzt wieder gefasster, nicht so zerbrechlich wie zuvor. Aber sie scheint die Anspannung komplett gelöst zu haben.

Er nickt ihr nur leicht zu, sie könnte schwören dass der Ausdruck in seinen Augen etwas traurig ist, lässt sie gehen und macht es sich bequem während er auf sie wartet, nippt langsam an seinem Glas Wasser.
Als sie wiederkommt lächelt er immer noch, erfreut und sanft. Sie hätte auch davonlaufen können, es gibt genug Leute die so etwas tun wenn sie unter Druck stehen, sie wäre nicht die Erste. Er lauscht ihren Worten… Und nickt, “Es darf nicht passieren. Damit hast du völlig recht. Aber das tut es. Die Leute die dadurch zu schaden kommen sind genauso Opfer der Monster wie diejenigen die von ihnen getötet werden. In Vielen Fällen geben sie sich sogar Mühe es so einzurichten. Und ich bin mir nicht sicher ob das nicht auch mit ein Teil dieser Situation war. Und er hätte nicht dort sein dürfen. Soweit ich weiß, trägt er einen Teil der Schuld.”
Als er ihr lachen hört, den verschmitzten Ausdruck in ihrem Gesicht, lächelt er selbst erfreut. Er sieht sie viel lieber so. “Das geht mit dem Job einher. Aber ich bin mir sicher.” bestätigt er ihr leise.

Sie trinkt einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse und stellt sie vor sich ab. Sie hört ihn zu kommentiert es nicht weiter. Plötzlich lehnt sie sich ein wenig nach vorne zu ihm rüber. “Du sag mal, wenn dir, dass zu nah geht oder zu persönlich ist, sag es ruhig, aber hast du schon andere Frauen nach deiner Ehefrau gehabt.” Sie blickt ihn forschend und neugierig an.

Er lächelt nur weiter freundlich, drängt sie auch nicht dazu zu sprechen, sitzt einfach nur da, lässt seinen Blick schweifen, betrachtet sie ab und zu. Beinahe erschreckt sie ihn als so plötzlich leben in die Frau kommt, nur damit sich seine Augenbrauen heben. Das muss er erst kurz verdauen, denkt nach was er sagen will, “Nein. Seit dem hatte ich keine Beziehung mehr.” antwortet er ihr.

Sie wirkt etwas enttäuscht, als hätte sie eine andere Antwort erhofft. Dann nickt sie ihm zustimmend zu und lehnt sich wieder etwas zurück. Scheint ein neues Thema zu suchen. Überlegt eine ganze Weile, dann erhellt sich ihr Gesicht wieder. Hofft ein Thema gefunden zu haben, welches Bart interessiert. Sie wollte kein SmallTalk halten, da war sie noch nicht gut drin. Schließlich fragt sie ihn “Du weißt doch sicher fast alles über Hexen oder? Ich meine du kennst dich doch so richtig gut da drin aus? Ich meine, dass ist quasi fast Neuland für mich. Hexen sind nicht so meine Thema, wenn du verstehst was ich meine. Kannst du mir vielleicht alles sagen, was du darüber weißt?”

Er runzelt kaum merklich die Stirne, als sie so enttäuscht wirkt. Er kennt zwar den Grund nicht für die Frage, aber das sie dann enttäuscht reagiert, irritiert ihn noch einmal etwas mehr. “Wenn du irgendwelche Fragen hast… Nunja, stell sie ruhig. Vielleicht kann ich dir trotzdem helfen?” schlägt er vor, er kann ja nicht in ihren Kopf schauen.
“Ich weiß viel über Hexen und die Hexenkunst, das ist richtig. Ich kann dir davon erzählen, oder dir Lektüre geben, wenn du möchtest.” meint er zu ihr, “Im Großen und ganzen hat jede Hexe ein Vertrautentier, dass sie auch vor dem altern bewahrt und sie verwenden gerne Kräuter bei ihren Ritualen.” Leicht schnalzt er mit der Zunge, “Im Großen und ganzen hören die Ähnlichkeiten da auf. Manche von ihnen gehen lieber vorsichtig und versteckt vor, andere Werfen Feuerbälle. Manche mögen Fallen, andere beschwören jenseitige Wesen um ihr Zuhause zu schützen.”

Sie scheint einen Moment über seine Worte nachzudenken, bis sie ihm Antwortet. “Nun ja, es gab da diesen Jungen, den ich sehr mochte und er starb.” Sie schluckt, als hätte sie die Worte lange nicht mehr laut gesagt. “Und Ethan, du weißt um Ethans Problem oder? Ich hatte gehofft, wenn mir jemand sagen würde, es wird wieder. Dann…” sie bricht ab, sieht Bart mit traurigen Augen an und eine einzelne Träne rinnt über ihre Wange. Sie wischt mit dem Handrücken die Träne weg. Trinkt wieder einen Schluck von ihrem Kaffee und zuppelt an ihren Haaren herum.
Sie scheint sich, aber wieder zu fangen und sagt zu ihm. “Eine Lektüre wäre vielleicht für den Anfang gut.” und lächelt dabei. “Mit dem Vertrautentier habe ich auch schon mitbekommen, damit kann man sehr alte Hexen wohl auch töten. Aber ich glaube ein Buch oder sowas würde mir für den Anfang schon helfen.”

Sein lächeln schwindet einen kurzen Moment als er sieht wie traurig sie wird, sein Herz wird schwer als er sieht wie ihre Augen feucht werden. Er hört ihr zu, seufzt kaum hörbar, ehe er über den Tisch greift, sanft dieses Mal ihre Hand festhält, blickt ihr in die Augen. “Es wird nicht besser, aber… Es tut weniger weh mit der Zeit. Man gewöhnt sich daran. Es ist nicht möglich einen Menschen zu vergessen den man geliebt hat, aber man kann lernen andere Leute zu lieben. Wenn du die richtige Person kennenlernst, wird sich das von selbst nach und nach ergeben, da bin ich mir sicher.” Seine Stimme ist sanft, aber fest, lässt sie gehen als er fertig geredet hat.
Einen kurzen Moment schweigt er, ehe er antwortet, “Ich kann dir ein Buch geben, es sollte dir die grundlegendsten Dinge erklären oder bestätigen. Es handelt sich um ein weniger Mythendurchzogenes Werk der Kirche. Keine Sorge, es ist nicht zu religiös gehalten.”

Als er ihre Hand sanft festhält, kneift sie ihre Augen zusammen, kämpft gegen den Drang an sie wegzuziehen. Ihr Atmen wird schneller, alles in ihr schreit, diese Berührung nicht zuzulassen. Nach einer Weile, für Emily fühlen sich die paar Sekunden wie Stunden an. blinzelt sie und sieht immer noch Bart vor sich. Ihr Atmen ist ruhiger geworden, geht aber noch schneller als zuvor. Hört seine Worte und unterdrückt weiter die Panik. “Hm, aber ich glaube, dass will ich nicht. Ich meine, mich nochmal verlieben.” Als er seine Hand zurückzieht, ruht ihre noch für einen Moment auf den Tisch.Dann schaut sie sich um, kneift sich unterm Tisch ins Bein, verzieht dabei kurz das Gesicht.
Dann nickt sie Bart zu. “Wenn es wirklich kein “religiöses” Buch ist, also im herkömmlichen Sinne, wäre ich dir sehr dankbar. Das wäre für mich zumindest ein Anfang. Es scheint ja sehr viele Hexen zu geben, vielleicht sollte ich mich damit auseinandersetzen.”

Mitleidig betrachtet er sie, als sie schließlich ihre Hand zurückzieht. Er lauscht ihrer Antwort, nickt leicht, etwas nachdenklich, ehe er ihr leise antwortet, “Ich kann dich verstehen. Das ist… Zumindest zum Teil deine Entscheidung, aber ein Teil davon hängt auch vom Zufall ab.” meint er, dieses mal mit einem leichten lächeln, ehe er zu ihrer Hand schaut, “Es tut mir Leid. Ich… wollte dir keine solchen unannehmlichkeiten bereiten.” erklärt er ihr sanft, auch wenn ihre Manierismen ihn leicht überraschen.
“Es ist keine Bibel. Nein.” antwortet er ihr mit einem schmunzeln, “Ich kann es dir ausleihen, keine Sorge. Es ist etwas älter, aber nicht all zu leicht zu beschädigen.”

Es huscht ein lächeln über ihr Gesicht und schüttelt dabei energisch den Kopf. “Nein, ich überlasse sowas nicht dem Zufall.” Sie schaut sich ebenfalls ihr Hand an und danach seine. Etwas zögerlich spricht sie. “Schon oki. Es ist nur.” Schweigt einen Augenblick. “Schon gut, macht nichts.”
Dann grinst sie ihn breit an. “Ok, Ich hätte jetzt auch nicht erwartet, dass du mir die Bibel in die Hand drückst. Ich werde auf das Buch aufpassen wie, wie auf mein Augapfel.”
Sie blickt nochmal durch das Fenster nach draußen. “Wie lange wirst du hier sein, gehst du Ethan nochmal besuchen oder musst du bald wieder zurück?”

Er muss selbst lächeln, senkt kurz seinen Blick, “Ich weiß was du meinst. Ich überlasse solche Dinge auch nicht gerne dem Zufall.” sein lächeln wird einen kurzen Moment noch etwas wärmer, “Aber ich habe mich auch nicht dazu entschieden mich in meine Frau zu verlieben.” meint er sanft.
Einen längeren Moment mustert er sie, ehe er langsam nickt, “Gut.” er lächelt sie an, legt seine Hand zurück auf den Tisch. Es freut ihn, das sie es ihm nicht übel nimmt, denkt darüber nach was wohl diesen schrecken vor körperlichem Kontakt bei ihr hervorgerufen hat, ist aber froh darum das sie zumindest Willens scheint, diese Situation zu konfrontieren. “Ich denke ich werde noch eine Weile hier bleiben. Ich habe es nicht eilig an einen anderen Ort zu fahren, das hier ist recht zentral, ich fahre weiter wenn ich von irgendwelchen Vorkommnissen hier in der Nähe höre. Das ist einer der Vorteile daran in einem Wohnmobil zu wohnen.” erklärt er.

Sie legt ihren Kopf etwas schräg. “Und wie ist es dann dazu gekommen? Warum hast du dich für diesen Schritt entschieden.” Sie scheint kurz über ihre nächsten Worte nachzudenken. “Ich…..ich war damals eine andere.”
Auf einmal wechselt sie das Thema. “Hast du keinen normalen Job wie die anderen älteren Jäger.” Sie überlegt kurz, bis ihr einfällt, dass Ethan gar nicht so alt ist. Verbessert sich aber nicht.
“Aber ich gebe dir Recht, dass mit deinem Wohnmobil ist wirklich praktisch. Hast wahrscheinlich immer alles dabei was du brauchst. Ich mag es ja nicht lange an einem Ort zu bleiben. Außerdem wird es doch langweilig, so an einem Ort.”
Sie schaut ihn im ins Gesicht, dann schielt sie auf seine Hand und blickt ihn wieder ins Gesicht. Scheint sich in ihren Gedanken zu verlieren.
Irgendwas reißt sie wieder aus ihren Gedanken raus. “Oki, ich werde mit dir zusammenarbeiten und wir schauen, wie es läuft.” Sie klingt ein bisschen unsicher.

Er lächelt leicht, scheint kurz zu überlegen, ehe er es ihr erzählt, “Ich bin meiner Frau während meines Studiums begegnet, wir haben zusammengearbeitet und… Alles hat sich ergeben. Ich habe sie nach Abschluss meines Studiums geheiratet und nach ein paar Monaten wurde sie schwanger.” leicht zuckt er mit den Schultern. Er nickt nur leicht, “Das waren wir alle.” antwortet er ihr leise.
Kaum merklich muss er schmunzeln, “Nein, ich… Arbeite nicht.” erklärt er leise. “Ich… hatte damals das Anwesen meines Vaters und seine Wertpapiere geerbt. Dann war die Sache mit meinem Laden, ich… Ich habe eine signifikante Summe ausgezahlt bekommen und ich brauche nicht viel.
Bart nickt leicht, “Es ist auch sonst nützlich, als Jäger. Ich kann alles darin transportieren das ich brauche und wenn ich mit anderen Jägern unterwegs bin, kann ich sie im Wohnraum unterbringen und unter umständen können sie sogar etwas schlafen. Verletzte können sich hinlegen. Es kann langweilig werden an einem Ort, aber… Es kommt drauf an, welcher Ort und wer dort ist.” Ihren Blick erwidert er, nur um zu schmunzeln, als sie ganz plötzlich zu einer Entscheidung kommt. “In Ordnung. Nur zu gerne.” antwortet er ihr.

Sie schaut ihn traurig an. “Es tut mir leid, für dich dass du so aus deinem Leben gerissen wurdest und alles verloren hast….Das du jetzt Jagen musst.”
Ihr blick geht für einen Moment wieder zu seiner Hand, bevor sie Bart wieder direkt anblickt. Sie legt vorsichtig ihre Hand ebenfalls auf den Tisch, aber mit etwas Abstand zu seiner Hand. Auf einmal lächelt sie ihn breit an “Das heißt du bist stinkreich´?” Sie flüster als wolle sie, dass es keiner mitkriegt.
Jetzt spricht sie wieder in normaler lautstärke. “Aber dennoch sehr auffällig oder?…Ich weiß nicht, für mich spielt das eigentlich keine Rolle. Ich mache meinen Job und ziehe dann weiter. So ist das leben.” Sie schweigt einen Moment “Jetzt”.
Nach einer Weile “Warum schmunzelst du? Es ist nur ein Versuch.” Dabei schaut sie vor sich auf den Tisch und ihrer Tasse in dem noch ein schluck Kaffee ist, der mit Sicherheit jetzt kalt geworden ist.

Er lächelt nur als sie ihm den traurigen Blick zuwirft. “Schon in Ordnung, ich… Bin nur froh das meine Tochter noch lebt.” meint er leise und beendet das Thema damit.
Aufmunternd, lächelt er ihr zu, als sie ihre Hand in der nähe seiner auf den Tisch legt, ehe er seine Hand ein kleines Stück bewegt, so dass seine Fingerspitze ihre berührt. Sie tut ihm leid, dass selbst der Gedanke an eine Berührung sie schon leicht schreckt. “Wenn man so will, ja. Das meiste Geld ist fest angelegt, damit es mir nicht ausgeht, ich lebe von dem was sich an Zinsen und Dividenden ergibt. Mein Onkel kümmert sich um das meiste finanzielle.” erklärt er ihr, nicht ohne zu schmunzeln ob ihres Tonfalls.
“Ich bin ja recht ähnlich unterwegs wie du. Deswegen spielt es für mich auch nicht all zu sehr eine Rolle, aber ja, wenn man unauffälligkeit will, oder die Möglichkeit schnell zu flüchten ist das wohl eher kontraproduktiv.” stimmt er ihr zu, “Aber man kann den Wagen auch etwas weiter entfernt vom Einsatzgebiet abstellen, das geht auch.”
Beinahe hätte er gelacht, jedoch sieht er ihr an dass ihr die ganze nicht ganz wohl ist, deswegen schweigt er nur, bis auf ein leises, “Natürlich.” ehe er einen Schluck von seinem Wasser nimmt.

Sie lässt ihre Hand dort liegen, obwohl er ihre Finger nur leicht berührt, bleibt sie ruhig dabei. Ihr Atem beschleunigt sich etwas, doch die Hand bleibt ganz ruhig liegen.
Sie nickt zustimmend. “Abgemacht.”
Sie beißt sich auf die Unterlippe scheint darüber nachzudenken. Schaut sich immer mal im Café um, als würde etwas schreckliches passieren.
Sie hält den Atmen an und greift seine Hand, drückt leicht zu als wäre es ein Zustimmung und lässt sie dann auf seiner liegen.
Stößt ein leises kaum hörbares seufzen aus. Blickt sich noch einige Male um, zieht die an Hand wieder weg und legt beide Hände auf ihrem Schoß. Dann schaut sie ihn wieder an “Und jetzt? Willst du noch zu Ethan?” Sie schaut auf die Uhr an der Wand, überlegt wieviel Zeit schon vergangen war, aber eigentlich ist es ihr auch nicht wichtig. Ein oder zwei Tage wird sie hier in Vermont wohl noch aushalten.

Leicht nickt er ihr beruhigend zu, als sie tief durchatmet, aber bei der Berührung ruhig bleibt. Zum einen tut sie ihm Leid, zum anderen wäre eine so ausgeprägte Phobie davor berührt zu werden, womöglich während der Jagd eine Gefahr. Beinahe wirkt er etwas überrascht als sie seine Hand ergreift, hält diese jedoch still damit sie sich an das Gefühl gewöhnen kann, Er sagt nichts als sie nach einigen Momenten ihre Hand wieder weg zieht, lächelt nur kurz, ehe er nach seinem Glas greift als wäre nichts passiert. “Ich überlasse es dir. Wenn du mitkommen möchtest oder noch etwas zu tun hast, gehe ich ihn besuchen. Ansonsten… Wenn du möchtest können wir zu meinem Wagen gehen und ich gebe dir das Buch?”

Sie erhebt sich ohne Worte, zieht einige Dollar aus der Tasche und wirft diese auf den Tisch. Sie wartet bis Bart sich auch erhebt. “Gut, gehen wir zu deinem Auto. Ich…..ich habe tatsächlich hier noch ein zwei Sachen zu erledigen. Danach können wir alles weiter besprechen.” Dann geht sie Richtung Ausgang und zu Barts Wohnmobil.

Bart steht selbst auf, greift in seine Tasche und bezahlt seine eigene Zeche. Dann richtet er seine Kleider, übermäßig warm ist es draussen ja nicht, trinkt sein Wasser aus, ehe er ihr hinterher spaziert zu seinem Wohnmobil. Im Inneren ist es zumindest etwas wärmer als draussen, deutet ihr sie solle es sich bequem machen und macht sich daran im Inneren seines Wagens das Buch ausfindig zu machen, eine Art moderner, englischer Hexenhammer, zusammengestellt aus älteren Papieren von ihm und zwei anderen Jägern. Er setzt sich neben sie und geht mit ihr zusammen die erste Seiten des Buches durch, beantwortet ein paar Fragen, bis es schließlich spät wird.

Sie setzt sich auf die Bank des Wohnmobils, ihre Jacke locker über ihren Schoß gelegt, schaut Bart beim suchen zu. Als er das Buch gefunden hat und sich neben sie setzt, macht sie ein wenig Platz und achtet genau darauf, dass die beiden sich nicht berühren. Sie hört aufmerksam zu, was Bart ihr erzählt. Stellt mal hier und da eine Frage zum Thema. Nachdem alles wichtige gesagt wurde, schaut sie ihn an, lächelt “Danke.” Sie steckt das Buch in ihrer Tasche. “Es ist schon spät, ich sollte gehen.” mit diesen Worten erhebt sie sich, zieht ihren Mantel an und geht zur Tür des Wohnmobils. Dreht sich nochmal um und nickt Bart mit einem lächeln zu. "Ich melde mich, wenn ich hier fertig bin.” Dann geht sie raus in die Kälte.

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Silvesterschiffahrt in Baltimore

Das hat man nun davon, wenn man an Weihnachten doch nachhause fährt, trotz des zu erwartenden innerfamiliären Wahnsinns und obwohl man jetzt mehr denn je allen Grund hat, christliche Feste zum Fürchten zu finden. Man wird gleich geshanghait, die Familie zu repräsentieren. Wenigstens findet die Party auf einem Boot statt. Das Silvesterfeuerwerk im Hafen von Baltimore soll eines der schönsten der Welt sein. Umgeben von Anzugträgern und Glitzergirlies, muss ich mich zusammennehmen. Vielleicht tut mir das ganz gut. Lächelmaske aufsetzen, ablenken. Und es ist schon der halbe Weg nach Nashville. Ich hoffe, es hat keiner vor mir diesen Gefallen schon eingefordert. Wenn mich jeder, dessen Bibliothek ich einsehen möchte, so springen lässt wie Mr. Humphrey, fange ich spätestens bei der Dritten an, mir den Weg einfach freizuschießen.

Francis hat mir nicht viel mehr gesagt, als dass ein Geschäftspartner eine Silvesterfeier auf der “Lisa Greene” im Hafenbecken von Baltimore feiern will. Er liebt es, sich mit reichen und exotischen Gestalten zu umgeben. Und wir sind entweder reich oder exotisch genug, um uns zu qualifizieren.
Die etwas auffällige Polizeipräsenz im Hafenbereich deutet darauf hin, dass auf der Yacht tatsächlich eine Menge Klunker spazierengetragen werden dürften.

Unser Gastgeber, Martin Landry, fasst sich in seiner Begrüßungsansprache angenehm kurz. Dann legen wir ab. Ich stehe an der Reling und genieße die dieselgeschwängerte Seeluft und das sanfte Klopfen des Motors unter meinen Sohlen, denke mir, dass ich die Pumps loswerden sollte, sobald hier ein wenig mehr Champagner geflossen ist. Ob ich mir ein eigenes Boot kaufen sollte? Wann nutzt man das schon? Der Geruch des Hafens weckt Erinnerungen an die Bohrinsel. Oder ist es nicht eher der wirre Haarschopf da hinten, neben der eleganten Dunkelhaarigen, die seine Mutter sein könnte? Was macht denn der Junge hier?

Er wirkt ein wenig blass um die Nase. Klug von ihm, sich nicht unter Deck zu begeben. Der Kleine sollte dringend etwas essen. Ich pflücke mir im Vorbeigehen ein Glas Champagner vom Tablet eines Kellners, der sich gerade genähert hat, und dränge mich zu Niels durch.
“Hallo, Mr. Heckler! Sie sehen verdammt gut aus im Anzug. Ich hätte Sie fast nicht erkannt.” Gott, der Kleine ist niedlich. Es ist ihm peinlich, in der Verkleidung ein bekanntes Gesicht zu treffen. Mit zahlreichen Verlegenheitsgesten unterstreicht er, dass er nur seiner Tante zuliebe hier ist. Überraschung!
Ihn mit den luxuriösen Häppchen zu füttern, ist garnicht so einfach. Er hätte lieber etwas, hm, Männlicheres zu essen, auch wenn er es anders formuliert. Ehrlich gesagt finde ich es ganz nett, einmal wieder von meiner Fastfooddiät abzuweichen. Ich lasse mir Lachsschäumchen, Kaviar und Dorschleberpaté munden, während Niels mir die neuesten Entwicklungen seines ganz privaten Familiendramas auseinandersetzt.
Tante Delia ist nicht nur die Frau seines verstorbenen Onkels, sondern neuerdings auch seine Stiefmutter. Offenbar fand es Jacob Heckler reizvoll, den Familienfrieden der Bayern zu stören, indem er seinem Bruder zeitweilig die Frau streitig gemacht hat. Mag sein, dass ein Teil der skandalösen “Erziehungsmethoden” seines vermeintlichen Vaters der Eifersucht von Gustav Heckler entsprungen ist. Soso. Niels ist also der Sohn von Jacob Heckler. Ein klangvoller Name, den ich nicht zum ersten Mal höre. Der Junge könnte stolz sein. Im Moment scheint ihm aber, mehr als die ganze Kuckuckskindsache an sich, im Magen zu liegen, dass Delia Jameson-Heckler ihren eigenen Schock verarbeitet, indem sie ihn überall als das “Produkt ihres untreuen Ehemannes” vorgezeigt, dessen sie sich großherzig angenommen hat. So guter Stil ist das tatsächlich nicht, aber wer bin ich, über sie zu urteilen?
“Das kam in unserer Familie auch schon vor. Allerdings nicht in diesem Jahrhundert. Glaube ich.”
Niels weiß wohl noch nicht so recht, ob er seine Rolle gut oder schlecht finden soll: “Ich habe jetzt zwei Väter. Einer ist in Bayern, und einer ist tot.”
Er soll aufhören herumzujammern. “Willkommen im Club. Ich habe einen Halbtoten in England.” Und es ist unverändert schwer, einem Helden beim langsamen Vergehen zuzusehen, ohne etwas tun zu können.

Ehe ich den Gedanken äußern kann, tippt mir jemand von hinten auf die Schulter. Als ich mich umdrehe, sehe ich geradewegs in Cals eisige blaue Augen. Mein Magen krampft sich zusammen. Er trägt, mit kühler Lässigkeit, etwas, für das er ein paar Scheine mehr hingelegt haben muss als für die FBI-Verkleidung. Ich möchte die Erscheinung wegblinzeln, die mir mein Gehirn vorspiegelt. Woher sollte jemand wie Cal plötzlich kommen, in einer Umgebung wie dieser? Es muss die Erinnerung an die Vergänglichkeit von Helden gewesen sein, die mich zum Halluzinieren bringt, nicht wahr? Oder hier ist eins dieser Wesen von der Bohrinsel, oder ein Gestaltwandler oder… Das Blinzeln hat keinen Effekt, außer den, dass sich dieses überlegene Beinahelächeln über sein Gesicht zieht. Wie in der Hütte. Der leibhaftige Caleb Fisher.
“Was machst du denn hier?”
“Arbeiten.” Seine Stimme klingt völlig ausdruckslos.
Ich rette mich in Feindseligkeit, mustere ihn von unten bis oben: “Ach, als Kellner, oder wie?”
Cal schnaubt. Hinter ihm ertönt eine bekannte Stimme: “Hallo, Ms. Hooper-Winslow.” Emiliy McMillen hat den Mangel an angemessen teurer Kleidung geschickt durch einen rebellischen Gothic-Stil kaschiert. Wie schon bei unserem ersten Zusammentreffen hält sie mehr Abstand zu anderen Personen als nötig.
“Ah. Dieses Arbeiten.”
Emily rettet mich davor, Cal weiter anzusehen, indem sie fragt, ob ich wegen der Morde da sei. Morde?
Während Niels und Cal irgendein Reviermarkierungsritual durchziehen, erklärt mir die junge Jägerin, dass das hohe Aufkommen an Polizei mitnichten der Gästeschar geschuldet ist, obwohl hier durchaus Reichtum zur Schau gestellt wird. Vorhin hat mich sogar ein indischer Neureicher aufs Plumpste angebaggert, der sich nicht zu schade war, schon im zweiten Satz darauf hinzuweisen, dass sein Hemd aus Goldfäden gesponnen ist, dass es $150.000 gekostet hat und dass die Knöpfe aus Edelsteinen sind. Im Moment versucht er es bei Niels’ Tante, deren mildem Lächeln ich entnehme, dass auch sie noch nie zur Zielgruppe gehört hat. Bis in der Familie dieses Angebers jemand anfängt, den richtigen Stallgeruch zu entwickeln, gehen noch ein paar Generationen ins Land.
Die Sicherheit im Hafengebiet wurde erhöht, weil bereits mehrere Opfer grausamer Attacken in nächster Nähe zu beziehungsweise auf dem Pier gefunden wurden, von dem wir abgelegt haben. Den Leichen fehlten Augen und Zunge. Da sie einen übernatürlichen Täter nicht ausschließen und die Yacht unseres Gastgebers im fraglichen Zeitraum ununterbrochen dort vor Anker lag, sind Emily und Cal als ihr Pluseins dem Hinweis eines Zeugen nachgegangen, der meinte, er hätte eine kindergroße Gestalt hier verschwinden sehen.
Wie nett. Wir sitzen möglicherweise mit einem Monster in einem Boot. Meine einzige Waffe ist eine Haarnadel, und auch unter dem Jackett des Jungen zeichnet sich nichts ab, was nach einer unhandlichen Weltkriegswaffe aussieht.
“Mr Heckler, erinnert Sie das nicht an etwas?” Der Gedanke an unser letztes Erlebnis auf See lässt ihn wieder etwas grünlicher werden.
“Aber hier kann man wenigstens noch ans Ufer schwimmen.”
Ja. Wenn man sich damit nicht direkt in einen Schwarm aus giftigen Tentakeln wirft. Aber soviel Pech werden wir doch nicht haben, oder?

Irgendeinem Schicksalsgott muss ich richtig quer gekommen sein. Plötzlich steht Flann neben uns. Liebenswürdiges Lächeln, Kellnerlivree. Wie selbstverständlich nimmt er den halbleeren Teller von Niels entgegen, der meine Frage von vorhin wiederholt: “Was machst du denn hier?”
Flann muss uns schon länger belauscht haben, denn er grinst: “Arbeiten.”
Niels ist nicht amüsiert. “Ist das auch wieder so eine FBI-Undercover-Aktion? Und wie heißt du diesmal?”
FBI? Der und FBI? Dass ich nicht lache!
“Tatsächlich kennt man mich hier als Steve.”
Okay, das reicht. Einen von der Sorte hätte ich vielleicht verkraftet. Zwei sind zuviel. Ich war hier, um mich auf einer Party zu langweilen wie früher, nicht um einen Tiefschlag nach dem anderen wieder aufzukochen. Ich bin raus.

Nach ein paar Schritten geht mir auf, dass ich nicht viel Spielraum habe, den Herren aus dem Weg zu gehen. Ohne weiter nachzudenken, setze ich mich erst einmal an die Bar.
“Was darf es sein?”
“Martini-Cocktail.”
“Geschüttelt oder gerührt?”
“Ach, vergessen Sie’s. Doppelten Scotch.”

Kaum zu glauben, dass es Zeiten gab, in denen ich fast jeden Abend auf einer anderen Party Martini getrunken und gegen die Langeweile der immer gleichen Gespräche gekämpft habe. Kaum zu glauben, dass einmal zwei davon gereicht haben, um mich sturzbetrunken zu machen.

Das Gespräch zwischen dem kleinen Heckler und dem “FBI” fiel wohl auch eher kurz aus. “Sind Sie ok, Ma’am?”
Ich nicke.
Niels merkt genau, dass ich lüge, aber er fragt nicht weiter. Stattdessen will er wissen, ob ich schon einmal in New York in irgendeiner Galerie war.
“In Galerien war ich nicht mehr, seit ich geschieden bin.”
“Kennen Sie Emily?”
“Wir haben uns kürzlich kennengelernt.”
“Ich sollte meiner… Schwester ausrichten, dass es ihr gutgeht. Von Ethan. Naja.”
“Aha?” Eigentlich ist mir Emiliys Befinden gerade egal. Aber der Junge gibt sich alle Mühe, mich abzulenken. “Sie wirkt ein bisschen, als hätte sie auch schon ein paar Sachen mitgemacht.”
Niels grübelt: “Ich weiß nicht, was da war. Und ich will nicht fragen.”
Da mir die höflichen Antworten ausgehen, verlegt auch er sich aufs Schweigen und Trinken. Ich halte es knapp zwei Minuten aus. Ich bin einfach zu gut erzogen.
“Hmm… Sollte vielleicht mal jemand tun? Nicht, dass es läuft wie bei Parzifal.”
Da hat er eine Bildungslücke. “Wie bei wem?”
“Mittelalterlicher Romanheld. Ist mit der Artussage verbunden. Der Gute versäumt es, den ewig leidenden König zu fragen, war er hat. ‘Oheim, was wirret dir?’ Das wäre die Erlösung für den König.”
“Aha. Aber wen soll ich jetzt fragen, Felicity, Ethan oder Emily?”
“Kommt darauf an.” Kommt darauf an, wie ausführlich und wie ehrlich die Antwort sein soll.
“Felicity hat mal was angedeutet, aber nichts genaues gesagt. Und Ethan… ich weiß nur, dass es da eine Verbindung zwischen ihm und Liz und Emily gibt oder gab.”
“Sieh mal an.”
“Oh, das wussten Sie nicht?” Er wird rot, als hätte er aus Versehen etwas ausgeplaudert, was er nicht sollte. Es könnte mir nicht gleichgültiger sein. Mir genügen meine eigenen Probleme.

Niels blickt sich suchend im Raum um. Ja, ich weiß, ich sollte es nicht an ihm auslassen. Er will nur helfen.
Ich versuche es nocheinmal mit Höflichkeit: “Wollen Sie jetzt auch nach einem kleingewachsenen Mörder suchen?”
“Ich gebe zu, ich bin neugierig.”
Ich folge seinem Blick. Er winkt der Dunkelhaarigen zu, die den Inder inzwischen wieder losgeworden ist. Überflüssigerweise frage ich: “Ihre Tante?”
“Ja.”
Nein, nicht schon wieder das Familienfass aufmachen. Lieber über das reden, worin wir beide gut sind. “Okay… wo fangen wir an?”
“Und wenn ich noch einmal höre heute abend, dass ich ja ganz wie mein Vater aussehe, flippe ich aus. Daher: Lieber Monster jagen.”
“Alles klar.” Ein bißchen muss ich doch grinsen. “Haben Sie ein Bild von Ihrem Vater?”
Niels zieht ein Foto von einem lächelnden Halbgott in den Vierzigern aus der Tasche. “Darf ich vorstellen, Jacob Heckler.”
Irgendwann wird Niels so aussehen, vorausgesetzt, er lebt lang genug. Ich pfeife leise durch die Zähne.
“Schade…”
Er verzieht das Gesicht. “Und er ist einen Jägertod gestorben…. Vermutlich von Dämonen umgebracht.”
“Puh. Naja. So enden die meisten von uns.” So, oder indem sie verrückt werden. Oder indem sie sich irgendwann auf der anderen Seite der Jagd wiederfinden. Ich habe noch keinen getroffen, der aufgehört hat, bevor es zu spät war.
Der Großvater des Jungen will, dass dieser herausfindet, was wirklich passiert ist. Dass er ihn da nicht mal auf eine Reise ohne Ende schickt. Oder ohne Wiederkehr.

Ich denke, ich kann mir gute Ratschläge an dieser Stelle sparen. Wir wollten ein potentielles Monster jagen. “Nehmen wir uns die oberen Teile des Schiffs vor. Zunächst mal Ihrem Magen zuliebe, aber auch, weil ich hoffe, dass das lichtscheue Gesindel eher unten herumkriecht.”
“Sie mögen Flann nicht, oder?” Messerscharfe Beobachtungsgabe. Niels grinst.
“Ich bin ein wenig enttäuscht. Und er heißt nicht Flann.”
“Ich weiß. Aber er heißt auch nicht Steve oder Hank. Wussten Sie, dass er für das FBI arbeitet?” Er grinst schon wieder. “Falls es Sie etwas aufheitert: Ich hab ihm schon mal eine reingehauen.”
Meine Mundwinkel zucken gegen meinen Willen “Das ist eigentlich eine ziemlich gute Idee. Und wenn der für das FBI arbeitet, fresse ich einen Besen.”
“Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er offiziell bei der Polizei von Leavenworth. Als FBI-Mitarbeiter.”
“Okay. Zumindest das muss man ihm lassen. Er scheint echt gut zu sein, in dem, was er macht.” Sonst hätte Grossmann auch unsere IT-Sicherheit nicht von Grund auf neu erarbeiten lassen.
“Was immer das ist. Und jetzt los. Wir sind nicht hier, um uns über ihn zu unterhalten.”
Amen.

Ich lasse meinen Blick über die Gäste streifen und überlege, was ich über die Örtlichkeiten weiß: Die Privatyacht gehörte einem extrem erfolgreichen Kinderbuch-Autoren, Mr. Landry, der ganzjährig darauf gelebt hat, aber vor einer Weile verstorben ist und sie seinem Sohn vererbt hat, unserem Gastgeber. Mit Literatur hat dieser wenig zu tun, soweit ich das beurteilen kann. Seine Geschäfte sind bodenständiger. An den Gästen ist wenig auffällig. 150 Leute, eine bunte Mischung aus Geldadel, Neureichen und mehr oder weniger berühmten Gestalten aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis des Vaters. Buffet für alle Geschmacksrichtungen mit etwas stärkerer Tendenz zur Nouvelle Cuisine. Ich fürchte fast, die 80er kommen zurück. Kellner unauffällig und professionell, selbst der Falsche, sechs schwerbeschäftigte Köche, Stehtische so verteilt, dass jeder Platz findet, ohne sich eingeengt zu fühlen. Alles sehr durchdacht. Privaträume abgeschlossen. Fast abgeschlossen. Abgeschlossen gewesen.

Der goldglänzende Inder, ein Mann von Mitte, Ende Vierzig namens Ashish Murudrajan, der zwei Bodyguards im Schlepptau hat, kam vorhin mit einer jungen Frau aus einer dieser Sperrzonen. Der Zustand ihrer Frisur zeigte deutlich an, dass sie sich das vielbesungene Hemd einmal näher angesehen hat. Und das, was darunterliegt.
Natürlich kann es nur reiner Zufall sein, dass ausgerechnet Flann in der Nähe herumlungert und zum zweiten Mal ein spiegelblankes Glas poliert. Seine Miene ist undurchdringlich. Er spricht leise mit Emily, die daraufhin loszieht, um mit Goldie zu sprechen. Wenn mich nicht alles täuscht, macht sie den Inder aktiv an und betastet sogar den sündhaft teuren Stoff. Seltsam. Zuletzt hat sie noch großen Wert darauf gelegt, Berührungen mit anderen Menschen zu vermeiden. Ich kann nicht genau erkennen, was als nächstes passiert, weil Flann mir mit seinem Champagnertablett die Sicht verdeckt. Aber kurz darauf verschwinden Ashish und Em in der gleichen Kabine, in der schon die letzte Eroberung stattgefunden hat. Ich verspüre das dringende Bedürfnis, mich mit mehr Scotch zu desinfizieren.
Niels klingt, als ginge es ihm ähnlich. “Was zur Hölle machen die beiden da?”
Ich kann es mir in etwa denken. “Der wird sie doch nicht dazu angestiftet haben, dem Typen das Hemd zu klauen?”
“Möglich ist alles… zutrauen würde ich es ihm.” Ganz überzeugt klingt Heckler nicht. “Aber irgendwie… ich glaube, er würde das selber machen. Wo ist denn da der Spaß dabei, andere vorzuschicken?”
Es geht doch nicht um Spaß. Es geht um das Gefühl, schlauer zu sein als andere. Das kann man auch haben, wenn man unschuldige Mädchen ins offene Messer laufen lässt.

Flann klappert mir vor der Kabine etwas zu laut mit dem Geschirrwagen herum. Mir reicht es. Ich gehe auf Konfrontationskurs. “Hey. Was soll das?”
Flann sieht beiläufig auf und antwortet leise: “Nun, der Inder scheint ein wenig seltsam zu sein… Vermuten nen Zusammenhang mit den Morden.”
“Das glaubst du doch selber nicht.”
Niels, der mir gefolgt ist, schnaubt. “Der Inder.”
Ich habe nicht die Geduld, Flanns Spielchen mitzuspielen. “Du willst die Klamotte.”
Flann flüstert fast, die Bodyguards sind ja in der Nähe. Er grinst ob der Anschuldigung. Niels schüttelt den Kopf.
Flann bleibt unerträglich ruhig: “Nein.” Auch er schüttelt den Kopf. “Sowas ist zu schwer wiederzuverkaufen.” Er lächelt wieder eins dieser unverschämt selbstsicheren Lächeln, diesmal unterstrichen von einer entschuldigenden Geste.
Niels kann wohl das Ungesagte nicht ausreichend interpretieren: “Wollt ihr mir erzählen, was los war?”
“Nein.”
“Nein.”
Zumindest darin sind wir uns einig.
“Ok.”
Armer Kleiner, aber: Nein.
Nur weil Flann den Deckel draufhalten will, macht ihn das nicht vertrauenswürdiger. “Also, wieso hast du Emily da mit reingezogen?”
“Sagte doch: Gibt eventuell nen Zusammenhang mit den Morden.”
“Welchen?”
“Sind 5 Leute verstümmelt im Hafen gefunden worden.”
“Das haben wir gehört.”
“Der Typ hatte grade erstaunliches Glück bei einer anderen Frau. War eben auffällig.”
“Das findest du auffällig, bei einem Typen, der vier Kilogramm Gold auf dem Leib trägt?” Für wie blöd hält der Mann mich?
Niels macht macht ein paar Schritte zurück, als wollte er nicht zwischen den Fronten stehen.
“Für wie blöd hältst du mich eigentlich?”
Offenbar ist es jedoch interessant genug, dass der Junge nicht ganz das Weite sucht, sondern nur gespannt auf seinem Zungenpiercing herumkaut.

Cal unterbricht unseren Streit. Er kommt aus der Kabine, in die sich Em und das Goldhähnchen zurückgezogen haben, und sagt uns, was er dort drinnen aus dem Aufschneider herausgequetscht hat. Nachdem Ashish in der Textilbranche seinen ersten Goldrausch erlebt hat, kam er mit mehr Geld, als ihm guttat, nach Amerika, brachte das Vermögen in Rekordzeit durch, ließ sich mit der Mafia ein, war am Boden, lernte eine Anwältin kennen, die ihm einen Dämonendeal verschaffte. Und nun glaubt er, er hätte das Geschäft seines Lebens gemacht, weil er ja Hindu ist und ihm ein westlicher Dämon gar nichts anhaben könne. Mag sein, dass Em und Cal ihm in der Kabine ein paar Zweifel eingeimpft haben, denn er ist leicht grau im Gesicht, als er sie nach einer Weile verlässt, seine Leibwächter zu sich pfeift und in großer Eile Abstand von uns sucht.

Wir lassen ihn ziehen, denn ein Dämonendeal macht noch keinen Mörder. Und der Goldesel hat außerdem ausgespuckt, dass im Zimmer des Schriftstellers eine seltsame Puppe sitzt. Passenderweise ist sie etwa so groß wie ein Kind. Nicht viel Information, aber die Jägerinstinkte der beiden sind angesprungen, und das wirkt ansteckend. Es passt zu der Beobachtung, die die zwei ein wenig früher gemacht haben.
Im “Maschinenraum”, einem kleinen Kabuff, in dem der Motor untergebracht ist, war etwas, das in Richtung Kabinen entkommen ist. Oder zumindest ist die Klappe zum Motorraum nicht richtig verschlossen – vielleicht ist auch etwas hinein und danach wieder weg. Es ist die heißeste Spur, die wir haben.

Also verschaffen wir uns Zugang zum Büro, das sich im Heck befindet und die ganze kurze Seite der Yacht einnimmt. Darin sitzt eine sehr gut gearbeitete Bauchredner-Puppe in einem Sessel. Als Niels sie untersucht, meint er zu erkennen, dass ihre Augen sich bewegt haben, sobald er nicht hingesehen hat. Flann, der noch schnell einen seiner Rolle als Kellner zuträglichen Grund finden musste, sich abzusetzen, kommt kurz nach uns dazu und fragt, was los ist. Niels sagt, dass die Augen der Puppe sich bewegen, und weder er noch Emily haben die Hände an dem Spielzeug. Cal schlägt vor, sie einzuäschern, aber das ist auf einem Schiff keine so brillante Idee. Flann regt an, dass wir sie zerlegen sollten und er sie dann in der Kombüse verbrennen kann.

Puppe, hm? Schriftsteller von Horrorliteratur für “junge Erwachsene”, hm? Ich nehme das Bücherregal näher in Augenschein und finde dort neben den Erstausgaben der jüngeren Werke auch gebundene Manuskripte älteren Datums. Sie sind noch aus einer Zeit als das Mittel der Wahl die Schreibmaschine war.
“Flann. Google mal die Bücher unseres Freundes hier! Chronologisch.”
Alle maschinengetippten Manuskripte sind mit einem abgesperrten Schloss versehen. Es ist auch eine Lücke im Regal. Natürlich ist da eine Lücke. Wie sollte es auch anders sein. Das fehlende Buch handelt von einer bösen Puppe, sagt das Internet: “The Night of the Living Dummy”. Ein relativ frühes Buch. Sogar das Allererste.
Ich glaube nicht, dass sich eine erfundene Gestalt selbständig aus ihrer Geschichte befreien kann, und will wissen, was passiert, wenn ich eins der Bücher aufmache. “The Twelve Screams of Christmas”. Das Schloss ist nicht so hochwertig, dass es einem Bobby Pin standhält.
Die Seiten fangen von selbst an zu flattern, schneller und schneller. Tinte läuft vor meinen Augen zusammen, ein Geräusch, irgendwo zwischen Wind, Pfeifen und Schreien, tönt aus dem Papier.
“Oh, das hätte ich vielleicht doch lassen sollen!”
Es ist ein Geist im Stil eines bösartigen Weihnachtswichtels, der sich aus dem Inhalt des Buchs zusammensetzt, in einem quietschgrünen Anzug mit roter Zipfelmütze, rot-grün-weißem Weihnachtspullover mit Schneemann darauf, rot-grün-weißer Krawatte, gelben Augen und gebleckten Zähnen. Er trägt eine Lichterkette um sich gewickelt, die wild blinkt und leuchtet. Flann zieht mich zurück von dem Wesen, und ich lasse das Buch fallen.

Ganz im Sinne von Weihnachten macht der Geist Anstalten, mich mit seiner Lichterkette zu würgen, was ich unterbinde, indem ich darunter hindurchtauche. Auge um Auge war das Gebot, nicht wahr? Ich greife in die Kette und bemühe mich im Gegenzug, ihn selbst darin einzuwickeln.
Flann wirft mit einem Tablett nach dem Wichtel, der dem Geschoss ausweicht, während er sich aus der blinkenden Fessel befreit.
Cal steht mit der Pistole in der Hand da, hält es aber wohl für klüger, jetzt keine Aufmerksamkeit auf uns zu lenken.

Irgendwo in meinem Rücken müssen Emily und Niels mit der Bauchrednerpuppe ringen, den Geräuschen nach zu urteilen.

Ich knalle den keckernden Weihnachtsgeist mit dem Gesicht voran ins Bücherregal. Es scheint ihm auf jeden Fall weh zu tun, auch wenn er mir nicht die Freude macht, zu Boden zu gehen.

Flann ist mir keine große Hilfe. Er rutscht auf den Boden und greift nach dem Buch, um darin herumzublättern. Vielleicht doch Hilfe. Soll er herausfinden, was das Ding neutralisiert, während ich mich mit dem physischen Anteil herumschlage.
Cal, der sich endgültig gegen das Schießen entschieden hat, geht dazu über, den Geist mit Beleidigungen abzulenken. Darin, zu treffen, wo es wehtut, ist er gut. Der Wicht würdigt seine Anstrengungen, indem er zu einer Art grünen Giftwolke wird und einen Teil seiner Substanz in Richtung Cal bläst. Der bekommt einen Hustenanfall, der ihn zum Rückzug zwingt. Vielleicht hat er sich das verdient. Vielleicht sollte er wissen, wie es mir die zwei Tage ging, aber das ist eine Sache zwischen mir und ihm. Und es ist nicht an einer verdammten Phantasiegestalt, die Leute zu vergiften, die mir – trotz allem – wichtig sind. Ich lange erneut nach der Kette, um den Weihnachtshorror damit zu erdrosseln, doch sie ist so wenig körperlich, dass ich sie nicht richtig zu fassen kriege. Lies schneller, Flann!
Dieser beginnt jetzt, als hätte er meine Gedanken gehört, “Stille Nacht, heilige Nacht” zu singen. Das ist doch nicht sein Ernst, oder?
Die Lichterkette wird noch durchscheinender und rutscht einfach durch meine Hand. Oh, bitte! Muss das jetzt wirklich sein? Ich dachte, ich hätte das gerade erst wieder für ein Jahr hinter mich gebracht. Kinderbuchautoren! Oh Mann.
Na gut, es hilft ja nichts. Kopfschüttelnd hole ich Luft und singe dem Geist gute alte englische Tradition ins Ohr.
“God rest ye merry gentlemen, let nothing you dismay…” Der Giftwichtel hält sich die Ohren zu, wird wieder rauchartiger, schwebt zum Fenster, aber ich bleibe ihm auf den Fersen.
“Remember, Christ the Saviour is born on Christmas day…”
Flann stockt kurz, sein Blick geht an mir vorbei, dorthin, wo die anderen drei sein müssen. Niels’ Stimme korreliert mit rhythmischen Schlägen von Metall auf Holz. “Fuck! Verdammt! Geh. Endlich. Kaputt!” Ich konzentriere mich stärker auf den Geist. Auch Flann setzt wieder ein. Mit einer Strophe, die ich nicht kenne. Egal. Weitersingen. Was tut man nicht alles, um das Übel aus der Welt zu vertreiben? Es gibt keine Peinlichkeit, es gibt nur ungewöhnliche Jagdmethoden.
In einem letzten Befreiungsversuch will der verfluchte Kinderspuk wieder zur Wolke werden und pustet mich an, Flann wirft das Silbertablett nach ihm, und der Gifthauch geht an uns beiden vorbei. Ich kann die Hand des Geistes greifen und ziehe sie ihm vom Ohr weg. Mit einem letzten Heulen vergeht er wieder zu einem langgezogenen Schatten, Tinte, Schrift, und ist abermals eingefangen in seinem Buch. Flann klappt das Machwerk schnell zu und schließt es wieder ab.

Ich drehe mich zu unseren Mitstreitern um und nehme den Anblick auf, der sich mir bietet. Cal hockt auf der Puppe, die er mit seinem Messer an der Kleidung auf den Boden gepinnt hat, und zerrt an deren Jackett herum. Niels steht keuchend mit einem Golfschläger daneben und starrt böse auf ein paar winzige Dellen, die er dem hölzernen Kopf zugefügt hat. Emiliy hockt halb in einem offenen Fenster und liest fieberhaft in einem feuchten Manuskript.
Ich geselle mich dazu, ziehe mir die große Haarnadel aus dem Knoten und steche sie in eins der wild rotierenden Augen, heble einmal, nocheinmal, Cal legt seine Hand um meine und hilft mit, und das Ding kommt mit einem satten Schmatzen frei. Im selben Moment, in dem sich die Verbindung löst, habe ich keinen hölzernen, bemalten Ball mehr in der Hand, sondern ein blickloses, totes, menschliches Auge, mit einem Rest von Sehnerv. Igitt. Cal lässt mich so schnell los, als habe er sich verbrannt.

Nicht, dass es jetzt noch überraschend käme, liest Emiliy vor, dass man der Puppe die Augen entfernen und die Zunge herausreißen muss. Niels hat inzwischen wieder genug Atem und Wut angesammelt, um der Puppe gewaltsam den Mund zu öffnen, so dass Flann der Puppe die Zunge herausreißen kann. Herausschneiden. Mit spitzen Fingern und einem Zigarrenabschneider. Er stellt sich so an, dass es nicht klappt, aber Niels bedeutet ihm, dass sie die Plätze tauschen, und er macht mit der Zunge kurzen Prozess. Auch diese wird, kaum dass die Klinge sie durchtrennt hat, zu einer menschlichen Zunge.

Wir können von Glück sagen, dass draußen die Musik lauter gedreht wurde. Emily hält Wache an der Tür. Doch es scheint uns noch niemand gehört zu haben, oder der zufällige Lauscher vermutet private Gründe für das Poltern und Keuchen und hat genug Anstand, um draußen zu bleiben.

Flann hält jetzt den Kopf der Puppe fest, damit Cal auch das verbliebene Auge ausstechen kann. Ich wische mir die Hand an der Kleidung des kleinen Miststücks ab. Gerade noch rechtzeitig. Die Puppe zieht sich mit einem Aufschrei lang auseinander, wird ebenfalls wieder zu Tintenrauch, Buchstabengewirr, Schrift, und verschwindet wieder in ihrem Buch.
Ich bleibe kurz auf dem Boden sitzen und atme durch, schaue an mir herab. Erstaunlich. Nichts zerrissen, außer den Strümpfen, für die ich natürlich Ersatz in der Handtasche habe. Der blaue Samt meines Kleides zeigt sich von den Kampfhandlungen völlig unbeeindruckt. Die Haarnadel und meine Hände bedürfen einer Reinigung. Die Pumps waren nicht einmal so zuvorkommend, einen Absatz einzubüßen. Zu flach.

Niels bedankt sich bei Flann, entschuldigt sich, dass er vorhin etwas schnippisch war, und überlegt laut, wie er seiner Tante die Würgemale am Hals erklären soll. Flann grinst: “Knutschfleck.” Der Kleine funkelt ihn ein bisschen böse an. Als wenn das den “FBI-Kellner” beeindrucken würde. Aber Delia weiß ohnehin Bescheid.

Schnell kommen wir überein, dass die Bücher vernichtet werden sollten. Ein Krematorium? Das brennt heiß, aber nicht heiß genug. Die Bücher könnten wieder aufgehen, ehe sie vollständig verbrannt sind.
“Müllverbrennungsanlage", sage ich. Warum umständlich, wenn es auch einfach geht? Flann macht sich auf, einen Servierwagen und eine Tischdecke zu holen, damit die heiße Ware unauffällig abtransportiert werden kann.

Cal macht ein nachdenkliches Geräusch, deutet auf die Schreibmaschine, die in einer Ecke des Raum ausgestellt ist, und Niels prüft, ob noch ein Farbband darin ist. Ich sehe es ihm an, bevor er noch einen Finger rührt. Er würde gerne eine Kleinigkeit tippen, doch ich verbiete es ihm. Wir alle hatten den Gedanken sofort, keine Frage, aber er soll die Finger davon lassen. So fängt es immer an. Selbst wenn man es noch so gut meint… Niels orakelt, dass selbst eine Schreibmaschine niemanden aus der Hölle holen kann. Nein, das glaube ich auch nicht. Vielleicht könnte sie eine Seele wieder kitten, wenn man die Worte sehr, sehr sorgfältig wählt. Aber was ist der Preis? Kein Risiko, bevor wir nicht alles, aber auch alles, über das Gerät wissen. Ich entferne das Farbband. Sicher ist sicher.
Da es keine größeren Mühen bereitet, die anderen davon zu überzeugen, dass man die Maschine wahrscheinlich nicht einfach zerstören kann, tut mir jemand den Gefallen, zu fragen, wo man sie sicher unterbringen kann. Ich habe da mit dem Hooper-Winslowschen Archiv genau den richtigen Ort an der Hand. Niemand widerspricht. Als Trophäe würde ich das Schreibgerät nicht einmal bezeichnen, eher als Notfallversicherung. Fall meine Suche zu nichts führt, kann ich immer noch auf Dummheiten zurückgreifen.

Wir finden Landrys Tagebuch. Er schreibt, dass er von einer etwas seltsamen, aber im Buch nicht näher benannten, Person die Schreibmaschine bekommen hat, und dass er irgendwann voller Entsetzen gemerkt hat, dass die Wesen aus den damit geschriebenen Manuskripten kommen. Die ersten Geschichten waren noch Therapie für ihn, weil es ihm damals dreckig ging, deshalb hat er sie weiter geschrieben, und später dann, als er erwachsen war, haben sie sich auch gut verkauft, darum hat er weitergemacht. Die Puppe war ursprünglich sein Freund, den er sich aus Einsamkeit als Teenager herbeigeschrieben hat. Er wurde gemobbt und hatte keine Freunde, dafür jedoch eine blühende Fantasie. Die Puppe wurde eifersüchtig, wenn er Mädchen kennenlernte, und hat diese vergrault, bis Landry irgendwann “die Richtige” – armer Irrer! – kennengelernt hat. Da hat es ihm gereicht, und er hat die Puppe in ihr Buch gesperrt.

Als wir gerade wieder nach oben kommen hält Cal mich am Arm fest. Die letzten Minuten über habe ich es bewusst vermieden, ihn anzusehen und hatte gehofft, dass er es genauso hält. Jetzt zieht er die Stirn in Falten und öffnet den Mund, um etwas zu sagen. Ich schrecke zusammen. Nicht nur wegen der Berührung, die mich eigentlich nicht so aufbringen sollte, sondern auch wegen der Schüsse, die plötzlich von überall her knallen. Kommt da wieder ein weicherer Ausdruck in seinen Augen zum Vorschein, oder ist es nur die Spiegelung der farbenfrohen Raketen? Cals Worte gehen im Pfeifen und Krachen des Feuerwerks unter. Ich hebe die Hand, um ihm das Wort abzuschneiden. Was auch immer er zu sagen hat, ich kann es jetzt nicht hören. Und ich habe ihm nichts zu sagen. Nicht, solange ich noch auf der Suche nach Antworten bin. Nicht einmal, dass ich es bin. Um seine Hand von meinem Arm zu streifen, ist kein Druck nötig. Ich drehe mich um und gehe zur Bar, ohne mich noch einmal umzusehen.

Niels und Flann stoßen dort auf das neue Jahr an. Es kann kaum schlimmer werden als das Alte.
Niels zeigt sich versöhnlich: “Es ist mir egal, wie du heißt, Hauptsache, man kann sich im Kampf auf dich verlassen.”
“Na dann Prost." Flann sagt das. Nicht ich. Doch ich hätte es nicht besser ausdrücken können.
Weil ich keine Lust habe, ihn weiterhin mit einer Beschimpfung anzusprechen, frage ich nach, wie er denn nun wirklich heißt. Brigid, unsere neue IT-Frau, die die Kanzlei seinen Bemühungen um mein Geld zu verdanken hat, schimpft gern und viel über ihren Ex, den “verdammten Lügner”. Auf Gälisch. Er zögert, beugt sich dann leicht theatralisch zu meinem Ohr und flüstert, “Sean”.
Und woher soll ich nun wissen, ob das diesmal die Wahrheit ist?
“Du hättest dir das Leben so viel leichter machen können, wenn du mich von Anfang an belogen hättest, weißt du?”

Von Ashish ist seit dessen Zusammentreffen mit Emily und Cal keine Spur mehr zu sehen, und auch ein Beiboot ist verschwunden. Ich hoffe für ihn, dass er aus seinen nächsten zehn Jahren das Beste macht, und wünschte, ich könnte auch einfach glauben, dass ich nur genug an meinem Schrein beten muss, um sowohl dem Himmel als auch der Hölle zu entgehen, wenn ich soweit bin. Aber irgendetwas sagt mir, dass es so einfach nicht wird.

Den Rest der Nacht unterhalte ich mich mit Delia Jameson-Heckler, die mir stolz berichtet, was Niels alles macht und kann. Der flüchtet sich mit Emily ans Oberdeck, während ich abwechselnd geschüttelte und gerührte Martinis gegen Margaritas antreten lasse und mir von Delia anhöre, wie ähnlich sich Vater und Sohn doch sind, bis ich eine höfliche Ausrede finde, mich zu Landry junior zu begeben.

Der erzählt mir, er habe nach dem Tod seines Vaters das Boot geerbt und neugierig eines der Bücher, das erste im Regal, aufgemacht. Angeblich hat er kein Monster herauskommen sehen, also hat er ein bisschen darin geblättert und das Buch wieder ins Regal gestellt, eher er wieder nach Hause fuhr, und in den Wochen und Monaten seither bis zur Party hat er das Boot auch gar nicht mehr betreten. Sagt er. Ich bin alkoholisiert genug, dass ich ihm glauben will. Eigentlich ist mir auch gleichgültig, ob ich Landry senior gegenübersitze, der sich jung geschrieben und ein neues Leben begonnen hat. Wenn es so war, dann zum letzten Mal. Die Schreibmaschine gehört mir.

Mir gehört auch die Munitionskiste mit den Initialen IHW, die ich am Neujahrstag auf dem Beifahrersitz finde. Obwohl ich weiß, was darin ist, öffne ich sie. Es ist alles vollständig. Kugeln, Klingen, Ketten. Edelmetalle im Wert von… was weiß ich. Kein Betrag, den ich nicht verschmerzt hätte. Schwer wäre es nur gewesen, die Antiquitäten wiederzubeschaffen. Bisher habe ich mir nicht die Mühe gemacht. Einige Teile sind offensichtlich nicht genau dieselben, die Cal mir gestohlen hatte. Ersetzt hat er sie alle. Mit zusammengebissenen Zähnen wuchte ich die Kiste nach hinten, verstaue alles wieder an seinem angestammten Platz. Zeit, nach Nashville zu fahren. Gefallen einfordern.

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The end is the beginning is the end
Silvester 2016

Ending your search for the truth.
X marks the spot of the past that can be caused
Where the secrets are kept, stories are left and the safe stays locked.

(Our last night – Oak Island)

“Niels, Liebes, hast du meine Jacke gesehen? Die blaue, mit den Ankerknöpfen.” Niels seufzte und deutete auf den Sessel, über den Delia die Jacke erst vor wenigen Minuten gehängt hatte, damit sie sie nicht vergaß. “Hast du alles?” fragte sie jetzt. Er nickte stumm und zeigte auf den Kleidersack, in dem sich sein Anzug befand – er hoffte, dass seine Tante das Opfer zu schätzen wusste, das er für sie brachte – und auf die Tasche mit der restlichen Kleidung. Er brauchte nicht viel. Zum wiederholten Male fragte er sich allerdings, was ihn geritten hatte, Delia Heckler zuzusagen, sie auf eine Silvesterparty in Baltimore zu begleiten, die auf einem Schiff stattfand. Seitdem er auf der Bohrinsel gewesen war, wusste er, dass er als Wald- und Bergkind nichts auf dem Meer verloren hatte. Wasser hatte keine Balken, keine Fluchtmöglichkeiten, es war kalt, nass und unheimlich. Aber jetzt hatte er ihr zugesagt, ein wenig wahrscheinlich auch deswegen, weil er ihr gegenüber immer noch leise Schuldgefühle hegte. Niemand hatte von ihr verlangt, dass sie sich um ihn kümmerte und ihn beinahe wie ihr eigenes Kind behandelte. Manchmal vermutete er, dass Felicitys Abreise nach England einer der Gründe dafür waren, und wenn man es rational betrachtete, war er das letzte, was ihr von Jacob geblieben war außer Fotos, Briefen und Erinnerungen. Ob das allerdings ein Grund war, ihn in der High Society von Neuengland herum zu zeigen, bezweifelte er.

“Bist du soweit? Das Taxi wartet.” Delia stand in der Tür, neben ihr ein junger Asiate in einer blauen Jacke, vermutlich der Fahrer. Niels nickte, schnappte sich Tasche, Anzug und einen von Delias Koffern – warum verreisten Frauen eigentlich immer mit soviel Gepäck? – und folgte seiner Tante und dem ebenfalls koffertragenden Asiaten nach unten.

Sie fuhren zum Flugplatz, wo eine kleine Privatmaschine ihn und seine Tante nach Baltimore bringen würde. Fliegen, das wusste er inzwischen, würde sicher niemals zu seinen Hobbies gehören, aber es war erträglich. Erträglicher als eine Fortbewegung auf dem Wasser.
Auf dem Flug erläuterte Delia Niels die Eckdaten der Feier, und was er hörte, beruhigte ihn doch wieder etwas: Der Geschäftsmann Martin Landry, ein Bekannter der Jamesons, hatte von seinem Vater, dem bekannten Schriftsteller Samuel, ein Boot geerbt. Es hatte länger im Hafen von Baltimore gelegen, aber Silvester und das Silvester-Feuerwerk von Baltimore hatten den Sohn wohl dazu bewogen, Freunde und Geschäftskontakte einzuladen und mit ihnen zu feiern. Zwar sollte das Schiff auch wieder ablegen, aber es würde dabei immer in Sichtweite des Hafens bleiben, damit auch keiner der Gäste das Feuerwerk verpasste. Es war immerhin Silvester.

Silvester… Niels dachte an die letzte Silvesterfeier. Er hatte mit Philip und Freunden in München gefeiert und sie hatten sich versichert, dass sie nichts mehr würde trennen können, nachdem sie sich an Weihnachten wieder gestritten hatten. Dreieinhalb Monate später war alles vorbei gewesen. Aber das musste man auch erstmal schaffen, auf der eigenen Geburtstagsparty betrunken mit der Freundin eines Anderen rumzuknutschen. Niels nahm sich vor, sich von Alkohol fernzuhalten an diesem Abend. Das letzte Mal war ja auch nicht besser gelaufen, wenn er sich an das Casino erinnerte und die Tatsache, dass er Flann Breugadair einen Kinnhaken verpasst hatte. Das war ein interessantes Jahr gewesen, stellte Niels jetzt fest: Die Trennung, sein Umzug nach Amerika, wieder ein Jäger sein – diesmal freiwillig – und eine neue Familie. Eine Familie, die ihm näher stand, als er es zunächst vermutet hatte.

Nachdem sie in Baltimore gelandet waren, checkten Delia und Niels in einem Hotel ein. Der Manager begrüßte “Mrs. Heckler und ihren Sohn” als seine Gäste, und Niels verkniff sich ein Grinsen.

Möchten Sie und Ihr Sohn eine gemeinsame Kabine?
Das ist nicht mein Sohn, das ist mein Assistent. Personal Trainer
Keine Angst, ich werde heute nacht nicht das Ufer wechseln

Er hatte Irene Hooper-Winslow seit ihrer Jagd in May Creek nicht mehr gesehen, und er hatte sich häufig gefragt, wie es der Engländerin wohl seitdem ergangen war. Vielleicht würden sie sich im neuen Jahr in irgendeinem Roadhouse begegnen. Heute abend war er “in zivil” unterwegs, er hatte sogar die Luger zuhause gelassen und kein Messer einstecken. Er fühlte sich merkwürdig, so ohne Waffen und im Anzug, aber seine Tante lächelte ihm zuversichtlich zu und erklärte ihm, dass er “ganz zauberhaft” aussähe. Niels zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts, und folgte Delia zur Limousine, die sie an den Hafen bringen sollte. Das Übernatürliche interessierte es herzlich wenig, wie er aussah.

Der Hafen von Baltimore zeichnete sich durch eine ungewöhnlich hohe Polizeipräsenz aus. Niels vermutete, dass dies der aktuellen politischen Lage geschuldet war, aber als sie ausstiegen und das Ehepaar Carlile, Bekannte von Delia, aufgeregt auf sie zukam, wussten sie, was los war: Der sogenannte “Bay Butcher” ging in Baltimore um, wie Mrs Carlile wusste, seit einiger Zeit waren im Hafen verstümmelte Leichen gefunden worden. Den Toten waren die Augen und die Zunge entfernt worden. Niels spürte, dass sich seine Nackenhaare aufstellten.

Nicht schon wieder. Hoffentlich ist das ein ganz normaler Irrer, ich möchte einmal meine Ruhe.

Delia klammerte sich etwas fester an Niels, was die Carliles zum Anlass nahmen, zu fragen, wer denn Delias charmanter Begleiter wäre, ob das wohl ihr Neffe sei…? Niels zwang sich zu einem Lächeln und schüttelte den Carliles die Hand, glücklich darüber, dass seine Tante nicht wieder begann, wildfremden Menschen seine Herkunft auszubreiten. Aber das war gar nicht nötig, Mrs Carlile sah ihn nur verzückt an und zwitscherte, dass die “Familienähnlichkeit mit dem verstorbenen Jacob ja unverkennbar sei”. Niels stellte sich seelisch darauf ein, diesen Spruch an diesem Abend noch des Öfteren zu hören. Mit den Carliles im Schlepptau betraten sie jetzt das Boot, das festlich geschmückt war. Landry hatte sich seine Silvesterfeier wohl auch einiges kosten lassen, überall an Bord gab es Stehtische, die dem Anlass entsprechend dekoriert waren, Kellner huschten herum und brachten Getränke und Häppchen, und ein großes Buffet war aufgebaut worden, um das sich Köche in gestärkten weißen Jacken und mit den typischen Mützen kümmerten. 150 Leute wurden an diesem Abend erwartet, und Niels hoffte, dass seine Tante nicht alle 148 anderen davon kannte.

Ein Kellner huschte gleich heran und bot den Neuankömmlingen ein Glas Champagner an, das Niels höflich, aber bestimmt ablehnte. Wahrscheinlich war es Einbildung, aber er hatte bereits jetzt das Gefühl, dass der Boden unter ihm heftig schwankte, und er spürte eine leichte Übelkeit in sich aufsteigen. Doch er hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, schon kamen die nächsten Freunde von Delia auf ihn und seine Tante zugesteuert, und sie hatten gegenüber den Carliles offensichtlich einen Informationsvorsprung. “Ganz der Papa!” flötete Mrs Teller-Dubois, sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu und flüsterte: “Die jungen Mädchen müssen ja Schlange stehen bei Ihnen. Das haben Sie von Ihrem Vater.”

Vor Niels’ geistigem Auge erschien ein rustikaler Holztisch in einer Lodge in Oregon, er an einem Ende der Bank, neben ihm eine Gruppe junger Frauen. Er musste lächeln, als er an seine Freundinnen Chloe und Coco sowie Aria und Natalie dachte. Ja doch, er kam durchaus mit Frauen aus, vielleicht hatte er das wirklich mit Jacob gemeinsam. Aber in seinem Bett wollte er sie nicht, nur musste Mrs Teller-Dubois das ja nicht unbedingt wissen.

Aber inzwischen hatte etwas anderes die Aufmerksamkeit der Teller-Dubois’, der Carliles und seiner Tante gefesselt. Ein großer breitschultriger Mann in schwarzem Anzug und mit Sonnenbrille betrat jetzt das Deck, er blieb kurz stehen, sagte etwas in sein Funkgerät und schob einen der Kellner beiseite, der gerade mit einem Champagner-Tablett an ihm vorbeiging. Niels fühlte sich plötzlich wie in einem schlechten Film, kam jetzt gleich der Gouverneur von Maryland oder irgendein anderes hohes Tier?

Falls der kleine stämmige Mann mit dem indischen Aussehen, der Brille und dem merkwürdig schimmernden Hemd ein solches war, Niels kannte ihn nicht, seine Tante ebenfalls nicht, und auch ihre Bekannten und Freunde machten zunächst ratlose Gesichter. Hinter dem Inder kam jetzt ein weiterer Bodyguard die Gangway hinauf, und beide hielten sich jetzt rechts und links von dem Inder, der mit einem fröhlichen Grinsen ein Glas Champagner annahm und sich in der Menge umsah.

Die bestens informierte Mrs Teller-Dubois jedoch hatte den Mann erkannt und flüsterte jetzt gut hörbar Delia und Mrs Carlile zu: “Das ist Ashish Murudrajan. Es heißt, er sei Millionär, und das Hemd, das er da trägt, ist aus purem Gold. Seht ihr die Knöpfe? Das sind echte Diamanten!” Niels schüttelte den Kopf. Kleidung musste praktisch sein und Platz für Messer, Waffen und andere Werkzeuge bieten. Sie sollte nicht aus Gold, Silber oder Diamanten bestehen und die Begleitung durch Bodyguards erfordern. Mit einem Augenzwinkern in Richtung Delia bemerkte Mrs Teller-Dubois auch noch, dass der Inder nicht verheiratet sei. Niels beschloss, dass er Mrs Teller-Dubois definitiv nicht leiden konnte, denn Taktgefühl schien für die gute Frau ein Fremdwort zu sein. Doch bevor er der Freundin seiner Tante etwas sagen konnte, trat Martin Landry auf ein kleines Podest und schlug mit einem Löffel gegen sein Champagnerglas. Er begrüßte seine Gäste herzlich und hoffte, dass sie alle einen vergnüglichen Abend haben würden an Bord der Lisa Greene. Niels verzog das Gesicht, “vergnüglich” war kein Adjektiv, das er im Zusammenhang mit Wasser benutzen würde. Aber vielleicht gab es wenigstens etwas vernünftiges zu essen.

Doch er kam nicht besonders weit, Delia und er wurden von weiteren Bekannten aufgehalten. “Sie sehen wirklich aus wie Ihr Vater!” erklärte eine füllige Blondine um die Sechzig ihm, und für einen kurzen Moment hatte Niels die Befürchtung, sie wolle ihn in die Wange kneifen. Er spürte, dass ihm die ungewohnte Aufmerksamkeit langsam ein wenig unheimlich wurde, und er hätte es durchaus begrüßt, wenn seine Tante den Seitensprung ihres Mannes verheimlicht hätte oder es ihm überlassen hätte, wem er wann mitteilte, dass er Jacobs Sohn war. Aber anscheinend gehörte das wie das Bemuttern zu ihrer Strategie, mit der Situation fertig zu werden. Er wusste, dass Delia hin und wieder einen Seelenklempner aufsuchte seit Jacobs Tod, und wahrscheinlich hatte der ihr dazu geraten. Niels seufzte, als er sich an seine Therapiestunde erinnerte. Felicity hatte ihn nach seiner Ankunft gezwungen, zu Dr. Schroeder zu gehen, ihrem Haus- und Hoftherapeuten. Es war eben schick in der High Society, seine Probleme eher anderen für Geld zu erzählen als seinen Freunden. Dr. Schroeder hatte Niels geraten, über seine Vergangenheit zu sprechen, aber das hatte er damals rundheraus abgelehnt. Ein paar Monate später hatte er zwar festgestellt, dass der gute Doktor recht gehabt hatte, aber dafür hatte ihm dann auch die eine Stunde gereicht. Zehn Jahre wollte er keinesfalls in Dr. Schroeders Praxis in Renton verbringen.

Niels entschuldigte sich bei Delia und ihren diversen Bekannten, um endlich ans Büffet zu wechseln. Er hatte Hunger, trotz des leichten Schwindelgefühls. Aber als er die angebotenen Speisen sah, spürte er, wie Widerwille und Seekrankheit in seinem Magen gegeneinander antraten. Kurz dachte er an die merkwürdigen veganen Burritos, die es damals in George gegeben hatte. Wenigstens war da noch das Einwickelpapier zu irgendetwas nütze gewesen, das konnte man von diesen… Dingen nicht behaupten. Was Essen anging, war Niels konservativ, das gab er gerne zu. Zu einer ordentlichen Mahlzeit gehörte Fleisch und Kohlehydrate, gerne auch ein Bier. Er wusste, dass sein Horizont nahrungstechnisch sehr begrenzt war, aber was das anging, war er typisch bayrisch. Während er noch überlegte, was er nun machen sollte, schwankte das Schiff leicht, und Niels sah zu, dass er an die frische Luft kam. Auf dem Weg nach oben bemerkte er eine elegant gekleidete blonde Frau, die gerade von einem hochgewachsenen Kellner mit rotbraunen Haaren ein Glas Champagner angeboten bekam. Irgendetwas an dieser Szenerie erregte Niels’ Aufmerksamkeit, doch da traf wieder eine leichte Welle auf das Boot, und er hielt sich am Geländer fest. Die Frau kam jetzt zur Treppe, offensichtlich wollte sie wieder nach unten gehen. Sie sah Niels kurz an, und der nickte nur, dann aber sah er ein zweites Mal hin. Auch die Blonde sah ihn noch einmal an. “Mr Heckler? Was machen Sie denn hier?” Irene Hooper-Winslow lächelte und gab Niels die Hand. “Mit dem Anzug habe ich Sie gar nicht erkannt,” gestand sie dann. “Den hab ich nur meiner Tante zuliebe angezogen. Und gerade versuche ich, niemandem vor die Füße zu kotzen,” erklärte er und hielt sich gleich wieder die Hand vor den Mund. Irene betrachtete ihn mitfühlend. “Sie müssen etwas essen,” erklärte sie ihm, aber er schüttelte den Kopf, soweit das möglich war. “Doch, Sie müssen etwas im Magen haben. Sonst wird das mit Ihrer Übelkeit nicht besser.” Niels sah sie zweifelnd an. “Haben Sie sich mal angesehen, was es da gibt? Ich möchte was Ordentliches.” Irene schüttelte nur amüsiert den Kopf, dann bedeutete sie Niels, zu warten – er solle auf jeden Fall an der frischen Luft bleiben! – und verschwand nach unten. Als sie zurückkam, brachte sie einen Teller voller Lachs- und Kaviarhäppchen mit. “Essen Sie,” sagte sie mit einem Tonfall, der zwar freundlich klang, aber in Wirklichkeit keine Widerrede duldete. Unter anderen Umständen hätte er gegrinst, denn Irene Hooper-Winslow war vieles, aber nicht unbedingt ein mütterlicher Typ wie Maria Heckler. “Sie sind also mit Ihrer Tante hier?” fragte sie dann, nachdem Niels unter ihrem wachsamen Blick zwei Lachs-Kanapees mehr heruntergewürgt als wirklich gegessen hatte. Wenigstens war es kein veganer Burrito oder irgendein anderer ominöser Hipsterfraß, und er erkannte an Form und Geschmack, was es sein sollte. “Ja. Aber ich habe gerade keine Lust mehr, als das Produkt ihres untreuen Ehemannes herumgezeigt zu werden.” Irene sagte nichts, und Niels konnte im Halbdunkel nicht erkennen, ob sie schmunzelte oder überrascht war. “Naja, der Typ, den ich für meinen Vater gehalten habe, ist nicht mein Vater. Überraschung! Sein Bruder hat vor 22 Jahren beschlossen, dass er eine Auszeit braucht und die dazu genutzt, mit seiner Schwägerin ein Kind zu zeugen. Und jetzt stehe ich hier.” Irene hustete leicht, ob wegen der Seeluft oder aufgrund seiner Enthüllung, war nicht auszumachen. Sie überlegte kurz, dann sagte sie: “Das kam in unserer Familie auch schon vor. Allerdings nicht in diesem Jahrhundert. Glaube ich.” Niels lächelte schief, er wusste ja selbst, dass die Geschichte ein wenig abenteuerlich klang. Bis er die Briefe von Delia bekommen hatte, hätte er auch nicht geglaubt, dass er eigentlich Jacobs Sohn war. Es hatte vieles erklärt, aber manchmal wünschte er sich, dass alles nur ein böser Traum war. Mit einem lebenden Vater, der irgendwo in Bayern hockte und sich eine Welt zurückwünschte, die es niemals gegeben hatte, hatte es sich einfacher leben lassen als mit dem toten Idol Jacob Heckler. Er seufzte und warf Irene einen langen Blick zu. “Ich habe jetzt zwei Väter. Einer ist in Bayern, und einer ist tot.” Irene sah ihn nur an, ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung. “Und ich habe einen halbtoten in England.”

Autsch. Heckler, du bist nicht der einzige, der Probleme hat.

Bevor er noch etwas erwidern konnte, näherte sich ihnen ein Pärchen, eine junge Frau in Niels’ Alter in düsterer Aufmachung und ein Mann Ende Vierzig. Das war doch Cal…? Niels verzog das Gesicht. Er hatte keine gute Erinnerung an seine letzte Begegnung mit dem älteren Jäger.

Du musst das nicht machen
Sir, ist mit Ihrem Sohn alles in Ordnung?

Aber dann dachte er an Dwight, und damals hatte Cal distanziert-freundlich gewirkt. Ein versierter Jäger, von dem er sicher noch etwas hätte lernen können. Was war zwischen Illinois und Idaho passiert? Auch Irene schien nicht wirklich erfreut zu sein über das Auftauchen ihres Freundes. Er tippte ihr auf die Schulter, und sie fuhr herum, eine Hand schützend über ihren Magen gelegt. “Was machst du denn hier?” wollte sie wissen, und sie klang keinesfalls so positiv überrascht wie bei ihrer Begegnung mit Niels. Er musterte sie. “Arbeiten.” “Ach, als Kellner, oder wie?” Nein, sie schien definitv nicht begeistert von dieser Begegnung. Cal schnaubte zur Antwort, sagte aber nichts mehr. Irene beachtete ihn nicht weiter, sondern schenkte ihre Aufmerksamkeit jetzt dem Grufti-Mädchen, das sie mit “Hallo, Ms. Hooper-Winslow” begrüßte. Niels hatte keine Ahnung, wer das war, aber Cal sah nicht so aus, als sei er zum Tabletts durch die Gegend tragen hier. Das konnte nur das andere Arbeiten… oh nein, nicht schon wieder, nicht hier und vor allen Dingen nicht mit Delia an Bord. Sie wusste zwar, was den Jägerberuf ausmachte, aber Niels war sich sicher, dass sie keinen gesteigerten Wert darauf legte, mit der Welt, die für den Tod ihres geliebten Ehemannes verantwortlich war, nähere Bekanntschaft zu machen.

Cal hatte jetzt Niels entdeckt und musterte ihn eingehend. Fuck, was will der denn jetzt von mir? Ruhig bleiben, Heckler, ruhig bleiben. “Bist du nicht der Typ, der damals so rumgeschrien hat?” fragte Cal leise, sein Blick verriet keine Emotion. Ja, reduzier mich doch einfach auf den einen Ausraster, du Arsch. Als ob ich nicht tatkräftig mitgeholfen hätte damals, dass die Hexen nicht weiter Leute anzünden. Er dachte daran, wie er die Hexe Valerie beruhigt hatte, nachdem Chloe mit den Namen durcheinander gekommen war. Ob Jacob schonmal eine Hexe umgebracht hatte? Niels hielt Cals Blick stand. “Möglich,” meinte er nur und versuchte, seine Stimme so unbeteiligt wie möglich klingen zu lassen. Cal zog eine Augenbraue hoch. “Wirklich?” fragte in einem spöttischen Tonfall zurück. Dann sah er Niels noch einmal an und wandte sich ab. Offensichtlich war der junge Mann nicht mehr interessant für ihn.

Irene sah Niels an, als beiden klar wurde, dass dies wohl keine einfache Silvesterparty mit lauter reichen Gästen werden würde. Cal und Emily standen immer noch bei ihnen, ein richtiges Jägertreffen. “Mr Heckler, erinnert Sie das nicht an etwas?” fragte Irene jetzt. Niels spürte, wie seine Übelkeit zurückkam, als er wieder an die Ölbohrplattform vor Alaska dachte. Es war damals ganz schön knapp gewesen, ohne Irene stünde er jetzt nicht mehr hier. Und dank dieses Erlebnis wusste er auch, dass er Wasser allenfalls zum Duschen und zum Trinken mochte. Instinktiv wollte er sich jetzt an der Reling festhalten, doch da stellte er fest, dass er immer noch den Teller in der Hand hatte, tatsächlich war er während seiner Unterhaltung mit Irene leer geworden. Sie hatte recht behalten, körperlich fühlte er sich jetzt auf jeden Fall besser. Er sah sich suchend um, ob er den Teller irgendwo abstellen konnte, da kam auch schon einer der Kellner auf ihn zu. Es war der hochgewachsenen Mann von vorhin, der ihm da schon so seltsam vertraut vorgekommen war. “Was machst du denn hier?” fragte Niels, als er Flann Breugadair erkannte. Das wurde definitiv der Satz des Abends. “Arbeiten,” antwortete Flann. Und das war ein heißer Kandidat für die Antwort des Abends.
Niels sah ihn zweifelnd an. Als er Flann zum letzten Mal gesehen hatte, hatte er einen jungen Officer vom Seattle Police Department auf dem Oktoberfest in Leavenworth begleitet, um Taschendiebe und Trickbetrüger aufzuspüren. Warum ein Mitarbeiter des FBI auch in Casinos pokerte, Geister jagte und jetzt als Kellner herumlief, war Niels jedoch nicht so ganz klar. “Ist das auch wieder so eine FBI-Undercover-Aktion?” wollte er wissen, und als Flann nicht antwortete, setzte er nach: “Und wie heißt du diesmal?”

Das fragt der Richtige, Aaron.

Flann nickte, dann meinte er: “Tatsächlich kennt man mich hier als Steve.” “Und wie sollen wir dich nennen, Steve, Hank oder Flann, oder doch ganz anders?” Niels spürte, dass er seine Wut auf Cal an Flann ausließ, und er biss sich kurz auf die Zunge. Eigentlich waren er und Flann doch schon längst weiter gewesen, sie hatten sich gut verstanden in Leavenworth. Flann reagierte zu Niels’ Überraschung auch nicht so souverän, wie er es erwartet hatte. Er verzog das Gesicht und erklärte mit einem genervten Unterton, dass es ihm egal sei.

Ein anderer Kellner winkte jetzt, und Flann verabschiedete sich von der Gruppe. “Ich muss. Aber wir sehen uns bestimmt noch.” Niels konnte nicht umhin, doch noch einmal zu sticheln. “Bis später, Steve.” Doch das hörte Flann nicht mehr – oder er wollte es nicht mehr hören, weil er sich nicht mit solchen Kleinigkeiten aufhalten wollte.

Heckler, denk doch einmal nach, bevor du redest.

Er spürte jetzt, dass ihn jemand beobachtete, und als er sich umwandte, stand das Grufti-Mädchen hinter ihm. “Niels Heckler,” stellte er sich vor und hielt ihr seine Hand hin. Sie reagierte nicht – er ertappte sich dabei, dass er nachsah, ob sie noch beide Hände hatte – aber vielleicht war sie einfach nur nicht besonders gut erzogen. Auf gutes Benehmen hatte Gustav immer viel Wert gelegt, das hatte Niels am eigenen Leib erfahren. Das Grufti-Mädchen stellte sich als “Emily” vor. Emily? DIE Emily, über deren Wohlergehen er Felicity von Ethan aus hatte informieren sollen? “Bist du mit Felicity verwandt?” fragte sie ihn jetzt. Sie war hübsch, keine Frage, ihre Kleidung elegant, ihre schwarzen Haare zurecht gemacht. Dennoch hatte Niels das Gefühl, dass dies nur eine Facette ihres Wesens war.
“Das ist meine… Schwester.” Inzwischen stolperte er nur noch ab und an, wenn er das neue Verwandschaftsverhältnis zwischen Felicity und ihm angab. “Sag ihr bitte, dass es mir gut geht.” Ok, sie war also DIE Emily. Was immer zwischen ihr, Ethan und Felicity gewesen war, Niels spürte, dass es nicht mit einfachen Worten zu erklären war, und er würde sich hüten, zu fragen. “Bist du wegen der Morde hier?” fragte sie jetzt, sie wirkte ehrlich interessiert an einem Gespräch. Niels fand sie auf Anhieb sympathisch. Er schüttelte den Kopf. “Nein, nur zur Party.” Eigentlich nur zur Party. Aber das kann ich mir ja nun wohl abschminken. “Ich hoffe ja, dass es doch keine Monster gibt. Aber wir sind Jäger, es wird garantiert etwas passieren.” Er dachte an seine Begegnung mit Ethan in New York am Tag vor Heiligabend und das Ehepaar Fitzgerald, das gezwungen gewesen war, als Geister umzugehen. “Nicht mal an Weihnachten hatte ich meine Ruhe,” brummte er. “Monster kennen keine Feiertage,” stimmte Emily ihm zu. “Geister auch nicht,” fügte Niels hinzu.

Cal winkte Emily jetzt zu sich, und sie verabschiedete sich. Niels nickte nur und wollte sich zu Irene umdrehen, als er feststellte, dass er ganz alleine auf dem Oberdeck stand. Er hatte geglaubt, aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrgenommen zu haben, als Flann aufgetaucht war. War sie seinetwegen getürmt? Das sah ihr gar nicht ähnlich. Doch dann erinnerte er sich an das Gespräch mit Flann in Leavenworth, als dieser gemeint hatte, dass er nicht gut auf die Engländerin zu sprechen war. War es die Schuld des FBI-Agenten… Pokerspielers… Kellners, dass sie sich so schnell zurückgezogen hatte? Oder lag es doch an Cal? Niels hatte bisher immer angenommen, dass er und Irene gute Freunde waren, aber ihre Reaktion hatte nicht danach ausgesehen. Was immer da vorgefallen war, es schien die Engländerin nachhaltig erschüttert zu haben

Niels beschloss, Irene zu suchen. Sie hatte ihn wieder einmal mehr oder minder gerettet, wenn es ihr jetzt nicht gut ging, musste er sie zumindest fragen, ob sie in Ordnung war. Das war das Mindeste, was er für sie tun konnte. Er ging die Treppe herunter in den Festsaal, und fand Irene an der Bar, vor sich ein Getränk. Sie sah ins Leere und wirkte nicht so, als sei sie noch in besonderer Feierlaune. Niels stellte sich neben sie und bedeutete dem Kellner, ihm eine Coke zu bringen. Bier gab es hier nicht, wie er festgestellt hatte. Er weigerte sich immer noch, das zu trinken, was die Amerikaner als eben dieses ausgaben.

“Sind Sie ok, Ma’am?” fragte er, in Erwartung, dass sie ihn wegschickte. Doch sie sah ihn nur an, mit einem Gesichtsausdruck, als habe jemand sie geschlagen. Sie nickte, und Niels merkte genau, dass sie log. Aber es stand ihm nicht zu, weiter zu fragen. Lieber das Thema wechseln und unverbindlichen Smalltalk machen. Langsam bekam er darin ja auch etwas Übung. “Waren Sie schonmal in New York im Drawing Center?” wollte er wissen. Sein Fachgebiet, und es schien ihm am Unverfänglichsten. Sie schüttelte jedoch den Kopf. “In Galerien war ich nicht mehr, seit ich geschieden bin.” Niels stutzte kurz, er hatte nicht vermutet, dass Irene schon einmal verheiratet gewesen war, auf ihn hatte sie nicht wie jemand gewirkt, der sich an einen anderen Menschen band.

Niels überlegte, ob er das Gespräch wieder abbrechen sollte, aber dann fiel ihm etwas ein, was er sie schon vorhin hatte fragen wollen. “Kennen Sie Emily?” Sie nickte. “Wir haben uns kürzlich kennengelernt.” “Ich sollte meiner… Schwester ausrichten, dass es ihr gutgeht. Von Ethan. Naja.” Er hatte bis heute keine Idee, worum es damals eigentlich gegangen war, nur, dass es Ethan sehr wichtig gewesen war, dass Felicity wusste, dass Emily in Ordnung war. Irene sah ihn überrascht an. “Aha?” fragte sie, dann wandte sie sich wieder ihrem Drink zu und schwenkte das Glas, “sie wirkt ein bisschen, als hätte sie auch schon ein paar Sachen mitgemacht.” War das das berühmte britische Understatement? Niels nickte. “Ich weiß nicht, was da war. Und ich will nicht fragen.” Er war froh, dass Felicity seit Weihnachten überhaupt wieder mit ihm redete, er verspürte kein großes Bedürfnis, in der Vergangenheit seiner Schwester herum zu stochern. In diesem Moment stellte einer der Kellner – es war nicht Flann, wie Niels beruhigt feststellte – seine Coke vor ihm ab. Niels nahm das Glas und trank einen Schluck, sagte aber nichts mehr.

Irene schließlich brach das Schweigen. “Hmm… Das sollte vielleicht mal jemand tun? Nicht, dass es läuft wie bei Parzival.” Niels sah sie fragend an. “Wie bei wem?” Ihm sagte der Name nichts. Irene nahm einen Schluck von ihrem Drink, dann erklärte sie es ihm. “Mittelalterlicher Romanheld. Ist mit der Artussage verbunden. Der Gute versäumt es, den ewig leidenden König zu fragen, was er hat. Genau das wäre aber die Erlösung für den König.” Jetzt erinnerte Niels sich, so etwas war mal im Deutsch-Unterricht drangekommen. Wahrscheinlich irgendein Reclam-Heft, das er dazu genutzt hatte, die ganze Geschichte in Bildern darzustellen. Aber was dieser Ritter nun mit ihm, Emily, Ethan und Felicity zu tun hatte, war ihm nicht klar, und das sagte er Irene auch. “Aha. Aber wen soll ich jetzt fragen, Felicity, Ethan oder Emily?” Felicity war nach den Feiertagen wieder nach England aufgebrochen, und obwohl sie sich wieder versöhnt hatten, hatte er immer noch Angst, dass sie es sich anders überlegte. Ethan und er hatten vor einer Woche in New York über vieles gesprochen, aber da war Niels nicht auf die Idee gekommen zu fragen, was es mit Emily auf sich hatte. Er hatte damals nicht gewusst, wer sie war, und für ihn war das eine Sache zwischen Ethan und Felicity gewesen. Es war ihm immer noch peinlich, wie er dem Älteren in Meredith mitgeteilt hatte, woher er seinen Namen kannte und dass Felicity Lord Alfred datete. Und Emily? Bis vor ungefähr zehn Minuten hatte er mit dem Namen noch nicht mal ein Gesicht verbinden können.
“Kommt drauf an,” meinte Irene jetzt. Niels überlegte. “Felicity hat mal was angedeutet, aber nichts genaues gesagt.” Jetzt erinnerte er sich, es war um irgendeinen Job in einem leerstehenden Haus gegangen, der nicht so verlaufen war, wie er hätte verlaufen sollen. “Und Ethan… ich weiß nur, dass es da eine Verbindung zwischen ihm und Liz und Emily gibt oder gab.” Jetzt lächelte Irene. “Sieh mal an,” sagte sie nur. Niels spürte, dass er rot anlief.

Vielleicht wäre “Denken vorm Reden” ein guter Vorsatz fürs neue Jahr.

“Oh,” machte er nur, “das wussten Sie nicht?” Aber warum hätte Ethan Irene auch erzählen sollen, dass er mal ein “Es ist kompliziert” mit Felicity Heckler gehabt hatte? Dennoch, Felicity war ein gutes Stichwort. Er sollte sich mal wieder bei Delia melden, schon allein, damit sie wusste, dass er nicht über Bord gegangen war.
Delia Heckler stand in einer Traube von Menschen, die alle sehr reich und wichtig aussahen, inklusive der Carliles und Mrs Teller-Dubois. Er lächelte ihr zu, war aber nicht sicher, ob sie ihn gesehen hatte. “Wollen Sie jetzt auch einen kleingewachsenen Mörder suchen?” fragte Irene ihn unvermittelt. Kleingewachsenen Mörder? Achja, er hatte vorhin mit halbem Ohr mitbekommen, dass Cal und Emily so etwas Irene erzählt hatten und dass die Morde des “Bay Butcher” vielleicht damit zusammenhingen. Und er konnte sich noch so sehr winden und sich einreden, dass er nur ein Partygast war, aber er wusste es längst besser. Seine Jägerinstinkte waren in dem Moment angesprungen, als Cal vom “Arbeiten” gesprochen hatte.

Du bist aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ich, mein Junge.

“Ich gebe zu, ich bin neugierig.” Irene nickte, dann sah sie in Richtung Delia. “Ihre Tante?” wollte sie wissen. “Ja.” Niels winkte Delia zu, die zu ihm herübersah und gerade einer mannigfaltigen Rothaarigen etwas zuflüsterte, wobei die Rothaarige ebenfalls zu in seine Richtung sah und anerkennend nickte. “Ok… wo fangen wir an?” Irene schien sich zu erholen, sie wirkte jetzt wieder voller Tatendrang, zuversichtlich und zupackend. So hatte Niels sie kennengelernt.
Die Rothaarige zwinkerte Niels jetzt zu und flüsterte ihrerseits Delia etwas ins Ohr. Niels verdrehte die Augen. “Wenn ich heute abend noch einmal höre, dass ich ja ganz wie mein Vater aussehe, flippe ich aus.” Sorry, Dad. “Daher bin ich definitiv für Monster jagen.” Irene trank ihren Drink aus. “Alles klar.” Doch dann schien ihr noch etwas eingefallen zu sein. “Haben Sie ein Bild von Ihrem Vater?” Sie lächelte hintergründig. Niels zog das Bild von Jacob aus der Tasche, das ihm Felicity an Heiligabend gegeben hatte, es stammte von einem Familienurlaub in den Catskills. Jacob lächelte in die Kamera, seine stahlblauen Augen strahlten mit der Sonne um die Wette, und Niels fand, dass er allein durch seine lockere und offene Haltung all das verkörperte, was sein älterer Bruder an ihm so gehasst hatte. Als er ihr das Bild hinhielt, pfiff sie leise durch die Zähne, dann meinte sie nur: “Schade”. “Darf ich vorstellen, Jacob Heckler.” Wie immer, wenn die Sprache auf seinen Vater kam, wurde Niels wieder bewusst, dass er niemals die Gelegenheit haben würde, ihm all die Fragen zu stellen, die er ihm stellen wollte, dass er niemals mit ihm über alltägliches sprechen konnte. “Und er ist einen Jägertod gestorben… Vermutlich von Dämonen umgebracht.” Mit Schaudern dachte er an den Zeitungsausschnitt, den er von Cedric bekommen hatte. Er umriss Irene kurz, was er wusste, und sie sah ihn ernst an. “Puh. Naja. So enden die meisten von uns.” Niels bestellte ihnen noch etwas zu trinken, dann erzählte er, was Cedric ihm angeboten hatte und was er bisher wusste. Sie hörte sich seine Geschichte an, dann kam sie jedoch wieder auf das aktuelle Geschehen zurück. “Nehmen wir uns die oberen Teile des Schiffs vor. Zunächst mal Ihrem Magen zuliebe” – bei diesen Worten lächelte sie wieder hintergründig – “aber auch, weil ich hoffe, dass das lichtscheue Gesindel eher unten herumkriecht.” Niels grinste, er wusste genau, wen sie meinte. “Sie mögen Flann nicht, oder?” “Ich bin ein wenig enttäuscht,” gestand sie. “Und er heißt nicht Flann,” setze sie dann hinzu. Das hatte Niels sich schon fast gedacht. “Ich weiß. Aber er heißt auch nicht Steve oder Hank.” Er überlegte kurz, aber das konnte er Irene ruhig erzählen. “Wussten Sie, dass er für das FBI arbeitet?” Und dann fiel ihm noch etwas ein, dass Irene mit Sicherheit gefallen würde, und er musste wieder grinsen. “Falls es Sie etwas aufheitert: Ich hab ihm schon mal eine reingehauen.” Es heiterte sie auf, ein leichtes Grinsen huschte über das Gesicht von Irene Hooper-Winslow. “Das ist eigentlich eine ziemlich gute Idee,” befand sie, dann wurde sie wieder ernst. “Wenn dieser Typ fürs FBI arbeitet, fresse ich einen Besen.” Niels zuckte mit den Achseln. “Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er offiziell bei der Polizei von Leavenworth. Als FBI-Mitarbeiter.” Und er war um Längen entspannter als heute abend. Kellner sein bedeutet wohl ausnahmsweise harte ehrliche Arbeit.

“Ok,” stimmte Irene zu, “zumindest das muss man ihm lassen. Er scheint echt gut zu sein in dem, was er macht.” “Was immer das ist.” Langsam war er sich nicht mehr sicher, ob Flanns Story mit dem FBI und dem Casino nicht auch eine große Lüge war. Er hatte begonnen, den Älteren zu mögen, aber konnte er jemandem vertrauen, der niemals aufrichtig zu ihm gewesen war? Aber er wollte jetzt auch nicht weiter über Flann Breugadair sprechen, das erschien ihm im Moment nicht zielführend. “Jetzt los,” sagte er zu Irene, “wir sind nicht hier, um uns über ihn zu unterhalten.”

Doch als sie sich umdrehten und Richtung Oberdeck gehen wollten, sahen sie, wie Emily sich dem Inder näherte und mit einem aufgesetzten Lächeln sein Hemd berührte. Der Inder seinerseits schien über die Aufmerksamkeit durch die junge Frau sehr angetan, er hielt einen der Kellner, der Sekunden später mit zwei Gläsern Champagner heran huschte. Der Inder sprach kurz mit dem Mann, doch bevor er ein Glas an Emily geben konnte, erschien ein zweiter Kellner, ein hochgewachsener Mann, und rempelte den Millionär an. Er entschuldigte sich und reichte dann ein Glas an Emily, eines an den Inder und verabschiedete sich.
Sowohl Niels als auch Irene hatten beide gesehen, wer der zweite Kellner gewesen war, und sprachlos das Geschehen beobachtet. Niels war der Erste, der die Sprache wiederfand. “Was zur Hölle machen die beiden da?” Irene schüttelte den Kopf. “Der wird sie doch nicht dazu angestiftet haben, dem Typen das Hemd zu klauen?” Niels dachte an das Casino und Flanns Verhalten dort. Es würde nicht zu ihm passen, aber so gut kannte er ihn ja auch nicht – konnte man überhaupt jemanden gut kennen, der einem bei jeder Begegnung einen neuen Namen und einen neuen Beruf nannte? “Möglich ist alles,” gab er zu, “zutrauen würde ich es ihm.” Doch dann überlegte er. “Aber irgendwie… ich glaube, er würde das selber machen. Wo ist denn da der Spaß dabei, andere vorzuschicken?”

Der Gegenstand ihrer Überlegungen stand derweil vor einer Kabine und klapperte lautstark mit einem Geschirrwagen herum. Irene ging schnurstracks auf ihn zu, und Niels hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten, obwohl er einen ganzen Kopf größer war als sie. “Hey. Was soll das?” fragte sie ihn. Wenn ihr Blick hätte töten können, Flann wäre auf der Stelle umgefallen. Aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern sortierte weiter Teller und Gläser. “Nun, der Inder scheint ein wenig seltsam zu sein…Wir vermuten einen Zusammenhang mit den Morden,” erklärte er leise mit einem Seitenblick auf die wartenden Bodyguards, während er gleichmütig das schmutzige Besteck klirrend in eine Plastikwanne warf. Irene verzog das Gesicht. “Das glaubst du doch selber nicht.” Niels zog eine Augenbraue hoch. “Der Inder,” wiederholte er ungläubig, doch weder Irene noch Flann beachteten ihn im Moment. “Du willst die Klamotte,” beschuldigte Irene ihn jetzt, und Flann grinste nur. “Nein,” sagte er dann und schüttelte den Kopf, “sowas ist schwer wiederzuverkaufen.” Irene sah Flann immer noch wütend an, und Niels warf einen Blick von einem zum anderen. Sollte er wieder gehen? Irgendwas war zwischen Flann und Irene vorgefallen, soviel war sicher, aber es ging ihn eigentlich nichts an. Auf der anderen Seite wollte er Irene auch nicht alleine lassen, nachdem es ihr vorhin so schlecht gegangen war. Einen Versuch war es immerhin wert, danach konnte er immer noch verschwinden. “Wollt ihr mir erzählen, was los war?” fragte er vorsichtig. Beinahe synchron drehten sich jetzt beide Köpfe in seine Richtung, und wie aus einem Mund sagten beide “Nein.” “Ok.” Er hatte es immerhin versucht, vorsichtig machte er einen Schritt zurück. Was immer es war, das zwischen Flann und Irene stand, es sollte ihn nicht weiter interessieren, es ging ihn nichts an. In seiner Rolle als Parziwand.. Parzival gefiel er sich erheblich besser. So kam man wenigstens nicht in Schwierigkeiten.
Er überließ Irene und Flann ihren Streitereien und machte sich auf den Rückweg. Doch da sah er auf der anderen Seite des Raumes seine Tante, und sie hatte ein sehr reich und sehr neugierig aussehendes Paar im Schlepptau. Niels hatte keine Lust, sich noch einmal anzuhören, dass er seinem Vater ja so ähnlich war, und für einen Moment überlegte er, ob es nicht an der Zeit war, die Anzugjacke auszuziehen und die Hemdsärmel hochzukrempeln. Auf Felicitys Hochzeit hatte er es so zu fortgeschrittener Stunde geschafft, eine allzu aufdringliche Prinzessin oder Gräfin oder was auch immer in die Flucht zu schlagen. Der englische Hochadel tätowierte sich wohl wenn überhaupt, nur dezent.

Aber dann beschloss er, lieber weiter Irenes Schatten zu sein, und ging zurück zu ihr und Flann. Dort bekam er gerade mit, wie der FBI-Mann ihr mitteilte, was sein, Cal und Emilys Plan war. “Ich sagte doch: Es gibt eventuell einen Zusammenhang mit den Morden.” Irene schien nicht überzeugt. “Welchen?” fragte sie. “Es sind fünf Leute verstümmelt im Hafen gefunden worden,” erklärte er. “Das haben wir gehört,” gab Irene zurück. Emily hatte das erwähnt, als sie auf dem Oberdeck gestanden hatten, sie und Cal waren der Spur eines Zeugen gefolgt, der eine kleinwüchsige Gestalt, möglicherweise ein Kind, an Bord hatte verschwinden sehen. Flann warf einen Blick auf die geschlossene Kabinentür und meinte dann “Der Typ hatte gerade erstaunliches Glück bei einer anderen Frau. War eben auffällig.” Irene schnaubte. “Das findest du auffällig bei einem Typen, der vier Kilogramm Gold auf dem Leib trägt?” Niels musste ihr recht geben, Geld konnte auch den unscheinbarsten Typen zum Lady’s Man machen. Wütend setzte sie hinzu: “Für wie blöd hälst du mich eigentlich?” Niels fühlte sich unglaublich unwohl, und er begann auf seinem Zungenpiercing herum zu kauen. Für einen Moment erschien ihm an Land schwimmen als eine ernsthaft in Betracht zu ziehende Option.

In diesem Moment kam Cal aus der Kabine und erzählte, was er und Emily dort getan hatten. Der Inder hatte in der Tat nicht nur eine junge Frau mittels Drogen gefügig gemacht – Niels ballte eine Faust in der Tasche, als er das hörte – sondern auch seinen Reichtum einem Dämonendeal zu verdanken, nachdem er nach seiner Ankunft in Amerika erst einmal riesige Schulden bei der Mafia angehäuft hatte. Eine gewisse Caroline Bond, Anwältin bei der Kanzlei “Wolfram & Hart” hatte diesen Deal für ihn eingefädelt. Murudrajan hatte angenommen, da er sich als Hindu auf der sicheren Seite fühlte. Emilys und Cals Enthüllung, das den Dämonen sein Glaube herzlich egal war, schien ihn schwer erschüttert zu haben. Mit den Morden schien er aber nichts zu tun zu haben. In der Kabine des Schriftstellers jedoch sitze eine seltsame Puppe, erzählte Cal noch, und die wolle er sich ansehen. Er blickte von Irene zu Flann und dann zu Niels, aber Niels wusste nicht, ob er erwartete, dass er sich ihnen anschloss. Emily jedoch lächelte ihm aufmunternd zu. “Komm mit,” sagte sie und ging voraus, er folgte ihr.

Das Büro des Schriftstellers befand sich im Heck und nahm die ganze kurze Seite der Yacht ein. In der Mitte stand ein wuchtiger Schreibtisch aus dunklem Holz, an einer Wand befand sich ein Bücherregal, in dem eine Menge Kladden standen. Vermutlich die Originale der Manuskripte von Samuel Landry. In einem altertümlichen Sessel, der Niels an das Wohnzimmer der Jamesons erinnerte, saß eine Puppe, ungefähr so groß wie ein vierjähriges Kind, sie trug einen schwarzen Anzug und glotzte ausdruckslos zur Tür. Niels ging ein Stück auf die Puppe zu und sah jetzt, dass es eine Bauchredner-Puppe war, gänzlich aus Holz gefertigt, sogar die Augen, die jetzt zur Seite sahen. Niels zuckte instinktiv zurück. Die Augen konnten sich nicht bewegen. Oder doch?

In diesem Moment kam Flann in das Büro des Schriftstellers und von einem zum anderen. “Was ist los?” wollte er wissen. “Die Augen der Puppe haben sich eben bewegt,” antwortete Niels. Weder er noch Emily, die neben ihm stand, hatten die Hände an der Puppe. “Verbrennen wir sie,” schlug Cal vor, aber Irene schüttelte den Kopf, und auch Niels gab zu bedenken, dass das auf einem Schiff eine dumme Idee war. Auf einer Bohrinsel konnte man so sicher vorgehen, aber selbst da war ihm schon mulmig gewesen, als Irene ihren improvisierten Flammenwerfer auf die Sirenenwesen gerichtet hatte. “Dann zerlegen wir das Ding doch einfach und verbrennen es in der Küche,” schlug Flann vor. Das erschien ihnen eine gute Idee zu sein.

Irene untersuchte derweil das Bücherregal und fuhr mit dem Finger die Buchrücken ab, bis sie zu einer Lücke kam. “Flann, google mal, was Landry so geschrieben hat, und wann es erschienen ist.” Der kam der Aufforderung nach und zog sein Smartphone aus der Tasche. Kurze Zeit später gab er an, dass das fehlende Buch “The Night of the Living Dummy” hieß und von einer bösen Puppe handelte.

Jackpot.

Es war außerdem auch Landrys erstes Buch gewesen, wie der Ire jetzt verkündete. Irene nahm jetzt eines der Bücher aus dem Regal. Es war mit einem Schloss gesichert, aber sie zog einfach eine Nadel aus ihrem Dutt und öffnete es damit.
Kaum hatte sie es aufgeschlagen, begannen die Seiten wie von einem unsichtbaren Windhauch bewegt, zu flattern und ein Geräusch ertönte, das eine Mischung aus Windheulen, Pfeifen und Schreien war. Etwas schien aus dem Buch zu kommen, eine durchscheinende Gestalt in einem quietschgrünen Anzug, sie trug eine rote Zipfelmütze und unter dem Anzug einen dieser in Amerika so beliebten hässlichen rot-grün-weißen Weihnachtspullover mit einem Schneemannmotiv auf der Brust. Der Gipfel der Hässlichkeit dieses Outfits war eine wild blinkende Lichterkette, die sich rund um das Wesen ringelte. Wären nicht seine gelbleuchtenden Augen und die gebleckten Zähne gewesen, der Anblick wäre sicher sehr komisch gewesen. So aber ließ Irene erschrocken das Buch fallen, und Flann zog sie von dem Geist weg.

In demselben Moment, in dem Irene das Buch geöffnet hatte, hob Niels die Puppe hoch, er fasste sie unter den Armen an und hielt sie vor sich, um sie näher zu betrachten. Die Augen der Puppe fuhren zu ihm herum, die Mundöffnung klappte mit einem quietschenden Geräusch herunter, und die Puppe versuchte, nach ihm zu schnappen.

Nicht mit mir, Freundchen. Mit einer Puppe werde ich doch locker fertig.

Er packte die Puppe so, dass ihr Mund nicht mehr so leicht mit irgendwelchen seiner Körperteile in Berührung kommen konnte und hielt sie wie im Heimlichgriff vor der Brust. Sein Plan war, ihr den Kopf abzureißen. Emily sah, was er vorhatte, sie versuchte, nach den Beinen der Puppe zu greifen, doch das hölzerne Wesen begann nun, heftig in Niels’ Griff zu strampeln und zu treten. Es war Emily unmöglich, die Beine zu greifen, die Puppe war zu schnell. Also musste Niels es ohne ihre Hilfe versuchen. Er verstärkte seinen Druck auf das Spielzeug, doch dem Wesen gelang es, mit seinen hölzernen Händen nach oben zu greifen und Niels’ Hals zu erwischen. Für ihre Größe war ihr Griff unnatürlich fest, und Niels spürte, wie ihm die Luft wegblieb.

Nicht die Ohren zuhalten, nicht die Ohren zuhalten, das ist ein Trick, ein Trick, ein..

Kleine Lichtpunkte begannen vor Niels’ Augen zu tanzen, sein Atem wurde flach. War es das jetzt? Jacob Hecklers Sohn wurde auf einer Silvesterparty von einer Bauchredner-Puppe zu Tode gewürgt. Davon würde man sich noch Jahre später in den Roadhouses erzählen – und anschließend herzlich lachen.

Du bist eine Schande für den Namen Heckler, Aaron.
Du hast mir gar nichts zu sagen. Du bist nicht mal mein Vater.

Mit diesem Gedanken zog sich Niels mit letzter Kraft die Puppe vom Hals und ging keuchend hinter dem Sessel zu Boden. Augenblicklich war Emily zur Stelle und trat das hölzerne Wesen in Richtung des Geistes, mit dem Irene gerade kämpfte. Es war ihr gelungen, die Lichterkette dazu zu benutzen, den Geist zu würgen, aber da er immer noch nicht ganz stofflich war, waren ihre Bemühungen noch nicht von Erfolg gekrönt. Flann war neben ihr auf den Boden gerutscht und blätterte hastig in dem Buch, vermutlich suchte er nach einer Möglichkeit, den Geist ein für allemal zu besiegen.

Die Puppe machte derweil einen großen Satz auf Emily zu und versuchte, die Beine der jungen Frau mit ihren Stoff-Extremitäten zu umwickeln und sie so unbeweglich zu machen. Emily duckte sich jedoch, und die Puppe rollte über sie hinweg.

Während er hinter sich Cal husten hörte und Flann plötzlich anhob, “Stille Nacht, heilige Nacht” zu singen, sah Niels sich in der Kabine um. Es musste doch irgendetwas in diesem Raum geben, das sich dazu eignete, diese verdammte Puppe zu Kleinholz zu verarbeiten. Irene fiel gerade in Flanns Lied ein, und beide wurden immer lauter.
Niels’ Blick fiel auf eine Golftasche, die in einer Ecke stand. Besser als nichts, und er suchte sich den Schläger heraus, der seiner Meinung nach am schwersten aussah.

Spielen wir doch eine Runde Golf mit Puppenkopf.

Emily lief an ihm vorbei zum Fenster, sie sah aus, als suche sie ebenfalls etwas. Cal, der sich wohl sicher zu sein schien, dass Irene und Flann auch ohne ihn mit dem Geist fertig wurden, zog sein Messer und nagelte damit die Puppe regelrecht am Boden fest. So war es für Niels um ein Vielfaches leichter, auch den Kopf zu treffen. Er holte mit dem Schläger aus und schlug mit aller Kraft und Wut auf die Puppe ein, aber außer ein paar Kratzern passierte nichts. “Fuck!” entfuhr es ihm. “Verdammt! Geh. Endlich. Kaputt!” Doch das Holz machte keinerlei Anstalten, auch nur zu splittern.

Derweil war es Irene und Flann gelungen, den Geist endgültig wieder in sein Buch zu bannen, mit einem letzten Heulen verging die Gestalt. Niels wollte gerade wieder mit dem Golfschläger ausholen, als er aus dem Augenwinkel wahrnahm, dass Emily vom Fenster zurückkam mit einem Buch in der Hand. Er stellte sich wieder in Position, bereit auszuholen, während er die am Boden liegende Puppe betrachtete. Sein Hemdkragen berührte leicht die Würgemale an seinem Hals, und er überlegte, wie er seiner Tante das erklären sollte.

Cal kniete immer noch am Boden neben der Puppe und versuchte jetzt, ihr ihr Jackett über den Kopf zu ziehen, als Irene sich auf die andere Seite begab und mit ihrer Haarnadel in ein Auge stach. Ein fester Hieb, und mit einem unangenehmen Plöpp-Geräusch entfernte sie das Organ. Niels sah überrascht auf das, was an ihre Haarnadel hing: Es war ein menschliches Auge. In diesem Moment hörte er, wie Emily aus dem Buch vorlas, dass man der Puppe die Augen und die Zunge entfernen musste. Er legte den Golfschläger beiseite und kniete sich jetzt ebenfalls neben die Puppe, um ihr den Mund zu öffnen. Wütend drückte er den beweglichen Kiefer nach unten.

Mal gucken, ob dir das gefällt, Chucky.

Flann nahm etwas aus der Tasche, dass aussah wie eine Miniatur-Guillotine und versuchte damit, die hölzerne Zunge der Puppe abzuschneiden. Aber aus irgendeinem Grund wollte ihm das nicht gelingen. Niels bedeutete ihm, dass er ihm das Werkzeug gab, Flann sollte solange den Mund der Puppe aufhalten. Es klickte, und Niels griff nach dem, was er mit Flanns seltsamer Vorrichtung abgeschnitten hatte. Es fühlte sich schwer und fleischig an, nicht wie erwartet aus Holz, und als er auf seine Hand sah, stellte er fest, dass er eine menschliche Zunge darin hielt.

Er hatte schon vieles gesehen und getan, aber das Entfernen einer menschlichen Zunge hatte bisher nicht dazu gehört. Angewidert ließ er sie fallen, und ihm war jetzt klar, wer der “Bay Butcher” war. Verbrennen war definitiv das Richtige, was sie mit diesem irren Spielzeug machen konnten.
Flann hielt weiterhin den hölzernen Kopf fest, und Cal entfernte jetzt auch noch das andere Auge, ebenfalls menschlich. Die Puppe tat einen letzten Aufschrei und zog sich lang auseinander, so als sei sie auf einmal aus Gummi, dann verschwand sie wieder in dem Buch, das Emily in Händen hielt.

Niels ging zu Flann herüber und gab ihm sein seltsames Werkzeug wieder. “Danke, Mann. Und sorry, wenn ich vorhin etwas schnippisch war.” Er griff sich an den Hals und verzog das Gesicht. “Wie erkläre ich das meiner Tante?” überlegte er laut. Flann grinste schelmisch. “Knutschfleck,” meinte er nur. Niels warf ihm einen langen Blick zu, Flann wusste doch über ihn Bescheid. Aber wahrscheinlich hatte er den Spruch auch verdient nach ihrem Wortgefecht auf dem Oberdeck.

“Wir sollten die Bücher auch verbrennen,” meinte Cal jetzt. Gemeinsam überlegten sie, wo. Ein Krematorium wurde sicher heiß genug, aber es bestand die Gefahr, dass die Bücher sich wieder öffneten. Und wer wusste schon, was Landry noch für nette Zeitgenossen zu Gegenspielern in seinen Romanen gemacht hatte. Irene schlug schließlich vor, dass eine Müllverbrennungsanlage genau das richtige war. Flann entschuldigte sich, er wollte einen Servierwagen und eine Tischdecke holen, damit sie die Bücher unauffällig abtransportieren konnten. Martin Landry würde es nicht unbedingt gutheißen, wenn sie mit dem Werk seines Vaters über seine Silvesterparty zur nächsten Müllverbrennungsanlage spazierten.

“Seht euch das mal an.” Cal war jetzt an dem riesigen Schreibtisch getreten und betrachtete die Schreibmaschine, die darauf stand. Niels gesellte sich zu ihm und sah nach, ob sich noch ein Farbband darin befand. Tatsächlich war dem so, aber er fand kein geeignetes Papier, um etwas auszuprobieren. “Mr Heckler, nicht. Unterstehen Sie sich, etwas darauf zu tippen. Das Ding wird eingepackt und nach England gebracht.” Natürlich, sie hatte den gleichen Gedanken gehabt wie er. Wahrscheinlich hatten sie alle überlegt, was sie schreiben konnten, um sich zu versichern, dass dies das Gerät war, mit dem Landry den Geist und die Puppe in diese Welt geholt hatte. “Ich glaube kaum, dass eine Schreibmaschine jemanden aus der Hölle holen kann,” entgegnete Niels kühl.

Ich hab es geschafft, diese blöde Gitarre in George abzulehnen, um Philip zu vergessen. Ich werde es wohl schaffen, einer Schreibmaschine zu widerstehen, um mir Joe aus der Hölle zurückzuschreiben.
Aber immerhin hast du es dir endlich eingestanden.

Er sah sich auf dem Schreibtisch um, ob er noch etwas anderes fand. Da lag ein dünnes Büchlein, diesmal ohne Schloss. Es war Landrys Tagebuch, in dem er beschrieb, dass er als Jugendlicher viel allein gewesen war und gemobbt wurde. Eines Tages war jemand mit eben jener Schreibmaschine an ihn herangetreten, eine seltsame Person, die aber keinerlei Gegenleistung dafür gefordert hatte. Voller Entsetzen hatte Landry dann gemerkt, dass die Wesen, denen er mit der Schreibmaschine Leben eingehaucht hatte, aus dem Buch kamen. Dennoch waren die ersten Geschichten aber zunächst wie eine Therapie für ihn, deswegen schrieb er immer weiter, und als er erwachsen war, verkauften sie sich bestens. Die Puppe hatte er sich eigentlich als Freund herbeigeschrieben, weil er als Teenager so einsam war und er keine wirklichen Freunde gehabt hatte. Aber als er dann seine Frau – “die Richtige”, wie er sie nannte – kennengelernt hatte, hatte er die Puppe endgültig in das Buch gesperrt, denn sie war schon vorher eifersüchtig auf seine Freundinnen gewesen und hatte versucht, seine Beziehungen zu torpedieren.

Aus dem Gästeraum war jetzt Musik zu hören, die Band spielte “Auld lang syne”. Es war kurz vor Mitternacht, wie sie feststellten, und zu viert machten sie sich auf den Weg nach oben. Niels sah kurz nach seiner Tante, die die Male an seinem Hals wohl bemerkte. “Job,” sagte er nur kurz angebunden, für eine längere Erklärung war auch im neuen Jahr Zeit. Sie sah ihn traurig an, dann umarmte sie ihn wortlos. “Alles gut gegangen?” flüsterte sie ihm zu, als sie ihn wieder losließ, und er nickte . Niels wusste nicht, was er sagen sollte, unsicher sah er zu Irene und Emily, die an der Reling standen. Delia warf einen Blick in ihre Richtung. “Sind das… Kolleginnen?” fragte sie, und Niels nickte. “Dann lass sie nicht warten.”
Niels kam gerade im richtigen Moment wieder zu Emily und Irene, ein Kellner reichte ihnen jeweils ein Glas Champagner. Es war Flann, der auch ein Glas für Niels und sich selbst mitgebracht hatte, er lächelte versöhnlich. “Es ist mir egal, wie du heißt,” gestand Niels ihm jetzt. “Hauptsache, man kann sich im Kampf auf dich verlassen.” Der Ältere stieß mit ihm an. “Na dann Prost.”

Nachdem das Feuerwerk vorüber war – es war wirklich beeindruckend gewesen, fand Niels – ging die Party weiter. Nur einer fehlte: Ashish Murudrajan schien sich aus dem Staub gemacht zu haben, und Emily erzählte, dass sie bei ihrer Suche nach dem Buch bemerkt hatte, dass das Beiboot fehlte. Auch Cal schien verschwunden zu sein, beim Feuerwerk war er nicht mehr bei ihnen gewesen. Niels vermutete nicht, dass der mürrische Mann ebenfalls von Bord gegangen war, aber sicher hatte er sich irgendwohin zurückgezogen. Was stimmte nicht mit Cal?

Niels ging noch einmal zu Delia zurück, und diesmal begleitete Irene ihn. Die beiden Frauen schienen sich gut zu verstehen, für Niels’ Geschmack ein wenig zu gut, als Delia begann, in den höchsten Tönen von seinem Können zu schwärmen, und Irene nur hintergründig lächelnd nickte. “Sein Vater wäre so stolz auf ihn!” erklärte sie der Engländerin. Bevor sie die nächste Lobeshymne anstimmen konnte, ergriff Niels die Flucht. Er war noch nicht soweit, noch lange nicht.

Gemeinsam mit Emily sah er auf dem Oberdeck in die sternenklare Nacht hinaus. Sie schwiegen eine ganze Weile, doch irgendwann brach einer von ihnen das Schweigen, und sie redeten über dies und das und stellten fest, dass sie sich gut verstanden. Schließlich tauschten sie ihre Telefonnummern aus und gaben sich das Versprechen, in Kontakt zu bleiben.

Ich weiß nicht, was meine Schwester, Ethan und du erlebt haben. Ich will es auch gar nicht wissen. Aber sollte ich jemals in die Situation kommen, ich werde verdammt nochmal dafür sorgen, dass es nicht noch einmal passiert.

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Fairytale of New York

Mit einem lauten Knall verabschiedete sich der Kombi mitten auf der Straße Richtung Hell’s Kitchen. “Zefix!” Niels schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad und fluchte, aber das half nichts. Das Auto war immerhin älter als er selbst, da war es zu erwarten gewesen, dass früher oder später das eine oder andere Teil kaputt ging. Auch wenn es sich bei dem Volkswagen um die berühmte deutsche Wertarbeit handelte.

Immer noch vor sich hinfluchend, stieg Niels aus und öffnete die Motorhaube. Sobald er von seinem Auftrag zurück war, nahm er sich vor, würde er Cedric bitten, den Kombi in einer vernünftigen Werkstatt auf Herz und Nieren prüfen zu lassen. Ein guter Jäger brauchte einen verlässlichen fahrbaren Untersatz. Schließlich war es auch im Interesse des alten Jameson, dass Niels in einem Stück und mit seiner Ausrüstung nach Hell’s Kitchen kam. Cedric hatte ihn am Vortag gefragt, ob er sich ein altes Haus ansehen könnte, in dem es angeblich spukte. Ein Klient hatte ihm das Haus verkauft, und Cedric wollte es gerne gewinnbringend weiter verkaufen. Leider war so etwas mit Geistern ziemlich unmöglich, das wusste Niels aus eigener Erfahrung. Er hatte des öfteren mit Gustav, Benedikt und Joseph Geister ausgetrieben, wobei das im Hause Heckler gerne mit der Brachialmethode “Ausgraben, salzen und anzünden” vor sich ging. Aber seit er in Amerika war und die Bekanntschaft mit anderen Jägern gemacht hatte, war Niels nicht mehr sicher, dass dies wirklich das Beste war.

Aus der Motorhaube qualmte es, aber Niels konnte beim besten Willen nicht erkennen, was hier nicht stimmte. Mit Autos kannte er sich nicht aus, er hatte ja noch nicht mal besonders lange einen Führerschein. Vielleicht gab es im Handschuhfach so etwas wie eine Betriebsanleitung. Mit etwas Glück war die auf Deutsch, und er musste nicht erst seine Dictionary-App bemühen, um herauszufinden, wie die Teile überhaupt hießen, aus denen es so munter rauchte.

Er wühlte sich durch das Handschuhfach, aber eine Betriebsanleitung fand er nicht. Stattdessen lagen dort Rechnungen von verschiedenen Dinern aus der Umgebung von Seattle, eine Karte von Oregon, die Karte eines Anwalts aus Portland (was zur Hölle hatte Felicity denn von dem gewollt?) und eine Postkarte aus Vermont, unterschrieben von einem gewissen Mason Brewster. Er schickte Liz “Beste Wünsche” und verblieb mit “Dein Mason – von Herzen.” Niels schüttelte nur den Kopf und warf die Karte zurück. In seiner Vorstellung war ein Mann namens Mason Mitte 50 und trug braune Anzüge aus Tweed. Außerdem hatte er eine Halbglatze und roch nach billigem After Shave. Er dachte an Lord Alfie, den er so interessant fand wie Packpapier, aber was Männer anging, hatten seine Schwester und er definitiv nicht den gleichen Geschmack. Niels seufzte. Während er die Karte gelesen hatte, war ihm wieder bewusst geworden, wie sehr Liz ihm fehlte. Seit sie erfahren hatte, dass Jacob sein Vater war, redete sie nicht mehr mit ihm. Sie fehlte ihm schrecklich, denn sie war seine engste Vertraute gewesen, seine beste Freundin, eben seine Schwester – nur nicht im Blut bisher. Aber nachdem er ihr den Brief seiner Mutter gezeigt hatte, hatte sie ihn rausgeworfen; das letzte Mal hatten sie kurzen Kontakt gehabt, als er ihr im Auftrag von Ethan Gale etwas ausgerichtet hatte. Er wollte mit ihr reden, verstehen, was passiert war, etwas über seinen Vater erfahren. Es war doch nicht seine Schuld, dass er existierte.

Ethan Gale… Nein, in diesem Fall hatten sie definitiv den gleichen Geschmack.

Mit diesem Gedanken beschloss Niels, es doch noch einmal mit einer Reparatur zu versuchen, als ein Auto neben ihm hielt.

¤¤¤

Ein schiefes Lächeln wanderte über Ethans Gesicht, als er sich auf Platz 16A niederließ und aus dem Fenster einen Blick auf das Rollfeld und die Berge dahinter warf. Kein Vergleich zu seinem Rückflug von Wyoming. So gar keiner. Aber ein gutes Zeichen, dass er inzwischen mit Abstand und sogar einer Art trockenen Belustigung an den Rückflug von Wyoming denken konnte.

Er hatte fahren wollen. Immerhin waren es nur knapp fünf Stunden bis Tappan. Aber davon hatten seine Eltern nichts hören wollen. Als Ethan am Telefon erklärte, er käme dann am Freitag vor Weihnachten irgendwann im Laufe des Nachmittags, oder, je nachdem, wie der Verkehr so sein würde, vielleicht auch am Freitag abend, buchte Dad ihm kurzerhand einen Flug. Die 150$ für hin und zurück hätte Ethan sich vielleicht auch gerade noch selbst leisten können, aber andererseits hatte er in letzter Zeit so einiges seines Ersparten rausgeblasen, von daher war er nicht ganz undankbar dafür, dass er das Ticket nicht selbst zahlen musste. Auch wenn er immer noch lieber gefahren wäre. Aber gut. Geschenkter Gaul und all das.
Ethan ließ den Kopf gegen das Polster der Rückenlehne sinken und schloss die Augen. Atmete tief durch. Weihnachten bei der Familie. Das erste Mal seit… Seit. Oh Mann.

Etwas über anderthalb Stunden später schlängelte Ethan sich in einem kompakten Mietwagen – auch der von seinen Eltern gesponsert – aus dem Flughafenparkhaus des John F. Kennedy Airport auf die I-678. Etwa eine Stunde, wenn alles glatt ging. Eine Stunde Gnadenfrist. Sei nicht albern, redete er sich selbst gut zu. Sie freuen sich, dass du kommst. Okay, bis auf Alan vermutlich. Und er freute sich selbst ja auch. Sehr sogar. Eigentlich. Nur… das erste Weihnachten zuhause seit elf Jahren. Seit acht Jahren das erste Weihnachten überhaupt. Weihnachten. Rot-grün-goldener Kitsch. Und bestimmt mehr Fragen. Fragen, die er wieder nicht würde beantworten können. Ganz abgesehen davon, dass, so sehr er sich auf seine Familie freute, er die Feiertage auch unendlich gerne zusammen mit Sam verbracht hätte. Wobei die wiederum sehr froh gewirkt hatte, als er sagte, dass er nicht in Vermont bleiben könne, sondern nach New York müsse. Etwas gemurmelt hatte davon, dass das schon okay sei und Weihnachten ohnehin nicht so ihrs. Und dass sie über die Tage ihre Ruhe bräuchte und rumfahren würde. Okay. So gerne er über das Fest mit Sam zusammengewesen wäre – gar nicht mal groß feiern, einfach nur gemeinsam die Tage verbringen -, irgendwo konnte er das sogar verstehen. Würde er irgendwie am liebsten fast auch. Nein, verdammt. Es ist deine Familie. Reiß dich zusammen. Das wird schon. Muss.

Gelbe Blinklichter vor ihm. Text auf einer Anzeigetafel. Unfall auf der I-678, Vollsperrung. Umleitungsempfehlung über die I-495. Ethan zog eine Grimasse und lenkte den gemieteten Chevrolet im langsamer werdenden Verkehr auf die Ausfahrtsspur. Fand im Stau nach der Abfahrt – klar war da Stau, jeder und sein Onkel Bob wollte diese Umleitung nehmen – die Zeit, die vom Autovermieter großzügigerweise im Handschuhfach hinterlegte Karte zu befragen. Okay. Bei der nächsten Gelegenheit runter von der Interstate. Schlimmer als das hier konnte der freitägliche Stadtverkehr auch nicht mehr werden.

Ein Stück vor dem Lincoln Tunnel wollte Ethan sich gerade wieder den Weg zurück auf den Freeway suchen, da runzelte er die Stirn. Am Straßenrand stand mit hochgeklappter Motorhaube ein silbergrauer Volkswagen-Kombi mit Washingtoner Kennzeichen. Das Auto kannte er doch… Und die Gestalt, die gerade Anstalten machte, sich über den Motorraum beugen zu wollen, kannte er er auch. Zum Glück war Ethan auf der rechten Spur, und zum Glück war vor dem Wagen genug Platz. Er brachte den kleinen Chevy zum Halten und ließ das Fenster herunter. “Niels.”

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Niels sah sich um, als jemand seinen Namen nannte. Das Auto, das neben ihm gehalten hatte, war ein kleiner Chevy, und am Steuer saß – Ethan Gale. Na großartig. Hatte er jetzt auch noch telepathische Fertigkeiten entwickelt? Irenes Frage in May Creek fiel ihm ein, und er seufzte. Nein, das hier musste ein Zufall sein, er hatte viele Fähigkeiten, aber er war sich sicher, dass Telepathie oder Vorhersehung nicht dazu gehörten. Immerhin war morgen Weihnachten, vielleicht war das hier sein persönliches Weihnachtswunder. Momentan konnte er wirklich eines gebrauchen.

“Ethan.” Niels holte tief Luft und wischte die Hände an der Hose ab. In einer Reflexbewegung schob er das Zungenpiercing nach vorne, aber dann merkte er, dass die erwartete Aufregung ausblieb. Vielmehr war er erfreut, den anderen Jäger jetzt zu sehen. Ethan kannte sich garantiert besser mit Autos aus als er.

“Kannst du mir helfen? Ich hab keine Ahnung, was los ist, das Auto ist halt alt,” erklärte Niels dem dunkelhaarigen Mann jetzt, der nur nickte, den Chevy hinter dem Kombi parkte und ausstieg. “Machstn hier?” wollte Ethan jetzt wissen, während er sich über die Motorhaube beugte. “Mein… Großvater… Felicitys Großvater will, dass ich mir ein Haus in Hell’s Kitchen angucke. Angeblich spukts da”, antwortete Niels. Ethan nickte nur. “Ich wohn jetzt hier. Familie. Hatte ich erzählt, glaub’ ich. Ist ‘ne lange Geschichte, falls du sie hören willst.”

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Bei den letzten Worten des Deutschen richtete Ethan, der schon einen ersten flüchtigen Blick auf den Motorblock geworfen hatte – so auf Anhieb war mal nichts zu sehen -, sich wieder auf und drehte sich zu dem Jüngeren um. Der wirkte nicht so angespannt wie bei ihren letzten Begegnungen und anscheinend ehrlich erfreut, ihn zu sehen. “Mmhm. Will.” Ethan hob ein wenig die Schultern und zog den linken Mundwinkel zu einem leichten Lächeln hoch. “Wenn du magst.” Dass er aus Felicitys überraschendem Brief schon wusste, was Sache war, dass Niels’ vermeintliche Cousine einem vergleichsweise Fremden, dem Two-Night-Stand-es-ist-kompliziert-Ex, ihr Herz über ihren plötzlichen Halbbruder ausgeschüttet hatte, das musste der junge Jäger vielleicht nicht sofort wissen. Es fühlte sich für Ethan schon seltsam genug an, auch wenn er sich über den Vertrauensbeweis seitens Fey ziemlich freute.

“Kay”, murmelte Ethan dann gedehnt, während er sich wieder dem Motorraum zuwandte. Mal sehen… Mit geübten Griffen begann er, die üblichen Verdächtigen abzuchecken. Es hatte sich schon mal kein Schlauch gelöst und war in den Lüfter geraten. Es war auch kein Schlauch geplatzt. Die Einspritzpumpe saß fest. Keine Kette war gerissen, und die Nockenwelle sah auch nicht so aus, als habe sie sich verkantet. Aber um das wirklich auszuschließen, müsste man den Motor anlassen. Später, falls nötig. Erstmal weitersuchen. Der Motorblock selbst sah auch noch intakt aus. Kein Loch, kein Pleuel, das irgendwo herausschaute, wo es nicht hingehörte. Okay. Nächste Möglichkeit. Sorgfältig entfernte Ethan die Zahnriemenabdeckung. Betrachtete eingehend, was darunter lag, und verzog das Gesicht, ehe er schließlich seufzte, sich wieder aufrichtete und zu dem Studenten umdrehte. “Wasserpumpe”, erklärte er.
“Die Wasserpumpe ist defekt?” fragte Niels und warf ebenfalls einen interessierten Blick in den Motorraum.
“Geplatzt. Zahnriemensprung. Kopf breit. Ende Gelände.” Ethan deutete auf den Zahnriemenkopf, dem man die Verformung deutlich ansehen konnte, dann auf den gerissenen Zahnriemen und schließlich auf den Spalt in der darunterliegenden Wasserpumpe. “Kanns dir wechseln. Braucht aber n neuen Satz. 150 Dollar oder so. 180 vielleicht. 200 max.” Er machte eine bedauernde Geste, lächelte dann schief. “Gute Nachricht: Geht ohne Bühne. Hast Werkzeug?”

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Niels schüttelte den Kopf. Sicher hatte er Werkzeug, aber nicht das, was Ethan meinte. “Werkzeug”, das hieß im Hause Heckler Messer in verschiedenen Längen und Schusswaffen in verschiedenen Größen. Das hatte er dabei, aber das half nichts. “Sorry, nein. Es sei denn, du kannst das Ding mit einem Ausbein-Messer flicken.” Er lächelte schief. Jetzt war es an Ethan, den Kopf zu schütteln. “Mm-mm. Richtiges Werkzeug. Kofferraum?” Niels ging um das Auto herum, aber er war sich ziemlich sicher, dass es ihm aufgefallen wäre, wenn irgendetwas anderes als seine Waffen und das entsprechende Zubehör im Fond des Wagens gelegen hätten.

“Fuck. Fuckfuckfuck,” entfuhr es ihm jetzt, was ihm eine hochgezogene Augenbraue von Ethan einbrachte. “Ich will diese Nummer in Hell’s Kitchen heute noch durchziehen. Ich hab’s Cedric versprochen.” Dass er sich da etwas überschätzt hatte, wollte er Ethan nicht gestehen, aber er wollte Felicitys Großvater beweisen, dass er tatsächlich Jacobs Sohn war, in jeder Hinsicht. Dann fiel ihm etwas ein. “Sag mal… hast du es sehr eilig? Könntest du mich vielleicht nach Hell’s Kitchen begleiten? Dann ruf ich gerade bei Cedric an, dass er jemanden schickt, der den Kombi abholt.”

Ohne eine Antwort Ethans abzuwarten, fischte Niels sein Smartphone aus der Seitentasche seiner Cargohose und wählte Cedrics Nummer. Der versprach, sich sofort um das Auto zu kümmern und es bei der Gelegenheit auch einer Inspektion unterziehen zu lassen. Allerdings sollte Niels auf den Typen vom Abschleppdienst warten. Er nickte, das hätte er sowieso gemacht. Selbst auf der Straße nach Hell’s Kitchen stand niemand mit einer Winchester, einer P08 und einer Tasche voller Munition.

“Ich warte”, meinte Ethan nur und zündete sich eine Zigarette an. Niels steckte die Hände in die Hosentasche und trat nachdenklich von einem Bein aufs andere. Seit May Creek hatte er das Bedürfnis gehabt, dem Älteren etwas mitzuteilen, was er ihm nicht einfach nur hatte schreiben wollen.

“Ich muss dir was sagen.” Niels biß auf das Zungenpiercing, als Ethan ihn überrascht ansah. “Ich hab gelogen, damals in Meredith. Ich hab durchaus mehr Familie als nur meine Schwester und Felicity.” Ethan sagte nichts, sondern sah ihn weiterhin an und nahm einen Zug aus seiner Zigarette. “Wie du ja spätestens seit der Geschichte mit dem Krankenhaus weißt, hab ich auch noch einen Bruder, Benedikt. Der lebt in Bayern, bei meiner Mutter, meinem… Vater, und meinem anderen Bruder. Richtig komplette heile Familie.” Er verzog das Gesicht, doch Ethan sagte immer noch nichts. “Mein Vater, nein, der Mann, den ich 21 Jahre dafür gehalten habe, und meine Brüder wollten mich zu so einer Art Gotteskrieger machen. Jagen ist unsere heilige Pflicht, blablabla. Deswegen bin ich abgehauen und verschweige den Teil auch lieber.” Das war nur die halbe Wahrheit, aber mehr musste Ethan jetzt nicht wissen. “Felicity hat mich vor bald einem Jahr hierhin geholt, weil ich es zuhause nicht mehr ausgehalten habe. Liebeskummer und so. War bisher auch echt cool, vor allen Dingen ihre Verwandtschaft, ihre Mom und ihre Großeltern. Ihr Dad lebt ja nicht mehr. Leider. Den würde ich gerne einiges fragen.” Er holte tief Luft. “Zum Beispiel, wie es sich anfühlt, wenn sein erwachsener Sohn vor ihm stünde. Ich bin nicht Felicitys Cousin. Ich bin ihr Bruder.” Er holte wieder tief Luft und sah Ethan dann noch einmal lange an. “Sorry. Wollte dich eigentlich gar nicht mit dem Mist zutexten. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, ich sollte mich entschuldigen.”

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‘Hast du es sehr eilig?’ Heh. Was für ein Wespennest von Frage. “Mhm”, brummte Ethan, "geht.” Seiner Stimme mochte man vielleicht anhören, wie hin- und hergerissen er war. Niels zu helfen, würde seine Ankunft in Tappan noch etwas verzögern, ja. Wäre er nicht ganz undankbar für. Aber andererseits: Jetzt auf einen Job zu gehen, nur Stunden vor dem Besuch… ‘Spukhaus’ klang zwar wie reine Routine, aber das hatte nichts, rein gar nichts, zu bedeuten. Darauf konnte Ethan keinen Cent geben. Auch das Bones Gate-Haus letztes Halloween war ’reine Routine’ gewesen. Und wenn ihm jetzt etwas zustieß… Andererseits konnte er Niels auch nicht alleine da reingehen lassen, wenn in dem Haus wirklich was war. Drecksmist, elender.

Bis vor ein paar Monaten hätte sich die Frage gar nicht gestellt. Es war ein ungewohntes Gefühl, nach so vielen Jahren plötzlich andere Leute in seine Überlegungen mit einbeziehen zu müssen. Seine Familie. Aber auch ein warmes, gutes Gefühl, irgendwie, selbst wenn es die Entscheidung jetzt erschwerte. Ethan zog die Unterlippe zwischen den Zähnen hindurch und traf sie. Der Junge brauchte Hilfe. Musste er eben extra vorsichtig sein. “Ich komm mit”, sagte er. “Hab nur kaum was bei.” Keine Weatherby. Keine Remington. Nicht Sheriff Simons Revolver. Seinen Gürtel mit der Grundausrüstung immerhin. Salz natürlich. Sein Fahrtenmesser. Die kleinere Klinge mit der Silberauflage. Und das Weihwasser. Wenigstens das. Er nickte erklärend zu dem kleinen Mietwagen hin. “Flug.” Hoffentlich war Niels besser ausgestattet. Aber das war ja sein eigener Wagen – jetzt, wo Fey nach England gezogen war, wahrscheinlich sogar wirklich -, also stand das zu vermuten.

Ethan zog sein Handy heraus und verfasste eine SMS an seine Eltern. “Bin in NY. Unfall I-678. Vollsperrung. Megastau. Nicht abzusehen, wie lang. Komme später.” Das ’macht euch keine Sorgen’, das ihm in den Fingern steckte, verkniff er sich. Ob sie sich trotzdem Sorgen machen würden, konnte er nicht beeinflussen. Dad mit ziemlicher Sicherheit, egal, was Ethan textete oder nicht textete. Hatte Ethan sich aber selbst zuzuschreiben. Verdammt.

Er sah auf und zu dem Deutschen hinüber, als der verlegen von einem Bein aufs andere trat und zu seinem Geständnis ansetzte. Ethan hörte ihm aufmerksam zu und nickte gelegentlich. Zog eine Grimasse, als der Jüngere von seiner ’heilen’ Familie sprach. Drecksmist. Sowas Ähnliches hatte er sich ja aus Nelsons Bemerkungen und Niels’ eigenen Reaktionen in May Creek schon ungefähr zusammengereimt, aber das? Au. Er nickte wieder bei der Eröffnung, dass Fey und Niels denselben Vater hatten.“Quark”, machte er dann, als der Student fertig war. “Versteh schon. Würd ich auch nicht gleich jedem erzählen. Grad sowas nicht.” Und eine Menge anderer Sachen auch nicht. Ethan musste ein wenig schmunzeln bei dem Gedanken, wie sehr auch das sich aber tatsächlich über das letzte Jahr verändert hatte. Wie ihm im Gespräch mit bestimmten Leuten – Barry, Irene, Sam; vor allem Sam – das Reden inzwischen leichter fiel. Wie gut das tat. Der Gedanke an Sam ließ Ethans Lächeln für einen Moment noch etwas versonnener werden, ehe er sich ins Hier und Jetzt zurückrief. Vielleicht könnte Niels sowas auch helfen. “Kein Mist. Gern texten. Wenn du magst. Nur: kennst mich ja kaum. Niemand sonst? Freundin oder so?”

Ach Dreck. Ethan hätte sich treten können, kaum dass die letzten Worte seinen Mund verließen. Nach einer Freundin fragen, wo der Junge gerade von Liebeskummer gesprochen hatte. Ganz spitzenmäßig. Echt jetzt.
Ethan sah die Straße hinunter. Ewig konnte es nicht mehr dauern, bis der Abschleppwagen kam, aber so lange mussten sie ja auch nicht unbedingt warten, um irgendwelche potentiell verfänglichen Gegenstände aus dem Volkswagen in den Miet-Chevy zu schaffen. “Kram umräumen?” schlug er eilig vor. Irgendwie von dem peinlichen Moment ablenken, falls Niels nicht darüber reden wollte.

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Niels ging zum Kofferraum und holte das Gewehr und die Tasche, in der die Luger, Weihwasser, Salz und das ganze andere Zeug waren, die es brauchte, um ein Haus “sauber” zu bekommen. Die Bibel steckte in seiner Hosentasche, wie immer.

Er überlegte kurz, was Ethan mit “Freundin” gemeint hatte. Sicher, er hatte Chloe auf der Rückfahrt von Leavenworth eingeweiht, und er hatte überlegt, ob er Coco ins Vertrauen zog. Doch seit ihrem Zusammenstoß in Zigzag war ihre Freundschaft nie wieder die alte geworden, Niels überlegte sich zweimal, was er ihr schrieb. Aber dann sah er für einen Moment ein versonnenes Lächeln über Ethans Gesicht huschen, und er verstand. Oh. So eine Freundin. Sollte er ihm jetzt reinen Wein einschenken? Ein Grund, warum er mit Philip so oft gestritten hatte, war, dass sein Freund behauptet hatte, Niels könne nicht zu seiner Sexualität stehen und sei ein “Anknips-Schwuler”. Aber Philip hatte auch gut reden, der hatte mit 16 seinen ersten Freund ins heimische Elternhaus in Augsburg mitbringen dürfen, wo Dr. Berger und seine Gattin ihn sicher ebenfalls mit “Nenn uns Henry und Eva und fühl dich ganz wie zuhause” empfangen hatten.

Was, wenn er Ethan jetzt sagte, dass er keine Freundin hatte und auch keine wollte? Der junge Mann wirkte auf ihn nicht so, als würde ihn das abschrecken, dass Niels auf Männer stand. Er konnte es ja erstmal mit subtilen Hinweisen versuchen. Und wenn sich herausstellte, dass Ethan Gale doch ein Problem mit Schwulen hatte, dann hatte er Pech gehabt. Seit Zigzag war Niels klar, dass er sich nie wieder verstecken würde.

“Ich hab keine Freundin, ich bin Single. Und auch keinen Freund. Ich warte noch auf den Richtigen,” erklärte er. Ja, das konnte man so stehen lassen. Geht doch, Heckler. Er lächelte zufrieden und warf die Taschen in den Fond des Chevy.

In diesem Moment hielt der Abschleppwagen neben ihnen. Der Fahrer stieg aus und fragte Niels, ob er der Enkel von Cedric Jameson sei. Niels kam das immer noch komisch vor, aber er nickte nur. Der Mann vom Abschleppdienst ließ ihn einen Zettel unterschreiben, dass er das Auto abgegeben hatte, und erklärte, dass er alles weitere mit Mr. Jameson regeln würde. Dann lud er den Kombi auf und fuhr davon.

“Das Haus ist nicht weit von hier,” meinte Niels jetzt zu Ethan, und dann fiel ihm etwas ein. “Sorry… Ich… Ich hab dich jetzt bestimmt total überfahren und gar nicht gefragt, was du hier machst, und ob sie… Jemand auf dich wartet.”

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Im ersten Moment wurde Ethan gar nicht so recht bewusst, was Niels da genau gesagt hatte gerade. Dann jedoch fiel der Groschen, als das ‘auf den Richtigen’ einsackte. Huh. Okay. Hatte er gar nicht gemerkt. Idiot, rief er sich dann zur Vernunft. Als ob jeder Schwule das wandelnde Tuckenklischee bedienen würde. Vermutlich bediente sogar die überwiegende Mehrheit das Klischee eben nicht. Aufgefallen war Ethan an dem Jüngeren jedenfalls nichts. Wobei… Niels’ Reaktion in dem verlassenen Krankenhaus kam ihm in den Sinn. Die Reaktion, die ihn damals so überrascht hatte: der erschrockene Aufschrei, als Ethan von dem Vampirgeist verletzt wurde. Huh. Huh und Doppel-Huh. Sollte der Student etwa ein Auge auf ihn geworfen haben? Sei nicht albern, ermahnte Ethan sich selbst. Wandte sich dann an den Deutschen, als ihm auffiel, dass er den Jungen schon einige Sekunden länger, als es vielleicht üblich sein mochte, auf eine Antwort warten ließ. Schüttelte leicht den Kopf.

“Familie”, erläuterte Ethan dann. “Stunde auswärts. Schon Bescheid gesagt.” Er verzog das Gesicht leicht. “Vermutlich trotzdem Sorgen, bis ich da bin.” Und kannst du es ihnen verdenken? Nein. Also. Ethan zuckte ein wenig mit den Schultern und hob den rechten Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln. “Naja. Ist, wie’s ist.”

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Niels bemerkte Ethans kurzes Zögern, und er biß mit einem klickenden Geräusch auf sein Zungenpiercing. Irgendwann würde er ihm doch mal erzählen, dass der junge Mann es ihm durchaus angetan hatte, aber abgesehen von Tim Spencer hatte er bisher noch nie etwas mit einem Hetero angefangen – wobei der auch nicht unbedingt so straight gewesen war, wie es Ethan mit Sicherheit war.

Aber jetzt hatten sie anderes zu tun, und er hatte immer noch ein schlechtes Gewissen, dass er Ethan von seiner Familie fernhielt. Familie, das war für ihn immer noch ein Konzept, das auf Gewalt und Unterwerfung basierte. Gustav, der Patriarch an der Spitze, neben ihm sein Kronprinz Joseph, und alle hatten sich ihnen unterzuordnen: Benedikt, seine Frau, seine Tochter und der kleine Bastard seines Bruders. Besonders der. Unwillkürlich rollte er seine rechte Schulter zurück. Ein ausgekugelter Arm, weil er versucht hatte, sich Gustavs Griff und Gürtel zu entwinden. Eine lange Narbe auf dem Schulterblatt, weil Joseph nicht schnell genug gewesen war. Eine Narbe über die Länge seines rechten Daumens, als er sich im Dunkel des Kellers verletzt und sich die Wunde entzündet hatte. Das bedeutete Familie für ihn: Narben.

Aber dann dachte er an seine Tante. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte ihn ein Familienmitglied gefragt, wie er sich sein Weihnachtsfest wünschte (Angelika hatte es stets vorgezogen, allen Traditionen, die auch nur den Hauch von Religion in sich trugen, aus dem Weg zu gehen). Delia gab sich alle Mühe, ihn zu bemuttern, auch wenn sie ihre traurigen Blicke nicht immer vor ihm verstecken konnte.

“Wenn deine Familie sich Sorgen macht, dann… dann gucke ich, dass ich das hier alleine schaffe,” sagte Niels jetzt. Ethans Familie war mit Sicherheit eine Familie der Sorte Jameson, sie warteten auf ihren Sohn, am Weihnachtsmorgen gab es Geschenke unter dem Baum, und am Kaminsims baumelten die Socken.

Aber Ethan schüttelte jetzt den Kopf. “Geht schon. Steig ein.” Niels nickte, aber vorher wollte er noch etwas erledigen. “Moment, ich muss dir noch was zeigen.” Er bedeutete Ethan, zum Kofferraum zu kommen. Der folgte, und Niels öffnete die Gewehrtasche, so dass die Winchester zum Vorschein kam. “Kannst du mit der umgehen? Ich kann ja nicht mit einer Pistole und einem Gewehr gleichzeitig schießen.” Er grinste. “Sei aber bitte vorsichtig. Die hat meinem Vater gehört, meinem richtigen Vater.” Vorsichtig strich er über den Lauf der Winchester, als ihm klar wurde, dass das alles war, was er von Jacob Heckler besaß neben ein paar Fotos.
Ethan warf einen kurzen Blick auf die Waffe, ehe er kurz und bündig, aber ernsthaft, nickte. “Klar. Danke.”

Niels schloß die Gewehrtasche wieder und klappte den Kofferraum wieder zu. Dann stieg er ein und nannte Ethan die Adresse, die er von Cedric bekommen hatte. Kurze Zeit später hielt der kleine Chevy vor einem alten Haus in einer Seitenstraße in Hell’s Kitchen. Es dämmerte bereits, und im Halbdunkel wirkten die leeren Fensterhöhlen bedrohlich und abweisend. Aber es musste sein, sie hatten einen Job zu erledigen.

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Auf dem Weg nach Hell’s Kitchen blieb Ethan schweigsam, wie meistens. Auch Niels hatte nicht viel zu sagen, aber die Fahrt war ja auch nicht sonderlich lang. Direkt vor dem angeblichen Spukhaus war alles vollgeparkt, aber der Chevy war klein genug, dass Ethan tatsächlich nur ein Haus weiter auf der anderen Straßenseite ein Plätzchen fand, in das er den Mietwagen quetschen konnte.

Nach dem Aussteigen sah Ethan an dem rotbraunen Ziegelgebäude hinauf und legte den Kopf ein wenig schief. “Leer?” Das war gar nicht schlecht, wenn alle Mieter weg waren. Weniger Unbeteiligte. Als Niels nickte, erwiderte Ethan die Geste und ging zum Kofferraum. Kramte seinen Ausrüstungsgürtel samt Messerfutteral aus der Reisetasche und legte beides an, griff sich dann auch noch seine Taschenlampe, ehe er Niels’ Gewehrtasche aus dem Kofferraum holte und sich mit einem dankbaren Lächeln zu dem Studenten deren Gurt über die Schulter warf. Die Waffe musste er nicht mitten in New York offen herumtragen, die konnte er hoffentlich auch noch aus der Tasche holen, wenn sie im Haus waren.

Es war ein seltsames Gefühl, in vergleichsweise ziviler Aufmachung auf einen Job zu gehen. Die hellbraunen Trekkingstiefel waren dieselben, aber wenn Ethan gewusst hätte, dass er jagen gehen müsste, hätte er ältere Jeans und ein robusteres Hemd angezogen, von seinem jobtauglichen Parka ganz zu schweigen. Naja. Musste so gehen. Falls er sich tatsächlich die Klamotten einsauen oder ruinieren sollte, hatte er Ersatz in der Tasche.

Niels hatte einen Schlüssel. Gut so, mussten sie das Schloss nicht knacken. Aber klar. Der Junge hatte so geklungen, als würde das alte Haus seinem Großvater gehören.
Im Flur war es dämmrig. Ethan holte Niels’ Winchester aus ihrer Hülle und checkte sie mit geübten Griffen kurz durch, ehe er sich nach dem Lichtschalter umsah. Eine Sekunde später wurde es hell im Vorraum. Gut. Strom ging noch. Er hob eine Augenbraue Richtung Niels. “Kay. Was wissen wir?”

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Für einen Moment befiel eine leichte Panik Niels, bis Ethan das Licht anschaltete. Dann sah er sich um. Der Flur war voller Staub, die Farbe blätterte von der Wand ab, die Treppenstufen nach oben fehlten teilweise. Unter der Treppe öffnete sich eine Tür in den Keller. Niels fuhr sich nervös durch die Haare, als er Ethans Frage beantwortete. “Das Haus gehört einem gewissen Jason O’Dougall. Er hat es Cedric verkauft, weil er sagt, es spukt hier. O’Dougall ist durch eine Erbschaft an das Haus gekommen. Angeblich hat hier bis vor ein paar Jahren ein irisches Ehepaar gewohnt. Betty und Phelan Fitzgerald. Von deren Neffen hat O’Dougall das Haus geerbt.” Er biß sich auf sein Zungenpiercing. Klick. Klick. Warum wurde er jetzt so nervös? Dann bemerkte er, dass er den Blick nicht von der offenen Kellertür nehmen konnte.

Hast gedacht, weil du nicht mein Sohn bist, hätt’ ich keine Macht mehr über dich? Du gehörst mir, Aaron. Mir allein.

Plötzlich spürte er, wie sein Atem schneller ging, seine Hände fingen an, zu zittern. Das Rauschen in den Ohren begann, und er glitt an der Wand herunter, den Kopf in die rechte Hand gestützt, die linke fest die P08 umklammert, als sei sie sein Rettungsanker. Nicht hier. Nicht jetzt. Er war doch ein Profi. Was sollte Ethan jetzt von ihm denken? Er wollte ihn gerne glauben lassen, dass seine Panikattacken in May Creek eine einmalige Sache waren. Aber vielleicht hatte er sich in den letzten Wochen auch einfach übernommen, und es war insgesamt kein einfaches Jahr für ihn gewesen.

“Nein,” sagte er laut und fest auf Deutsch, es war ihm egal, was Ethan jetzt dachte. “Nein.” Er stand auf und sah sich um. Nichts Außergewöhnliches, einfach ein altes Haus. Dann jedoch merkte er, dass es kälter wurde, sein Atem gefror. Etwas war hier, und es näherte sich ihm. Er drehte sich um, und sah, dass sich hinter Ethan eine Frauengestalt manifestierte, eine ältere Frau in einem altmodischen Kleid, dem Schnitt nach aus den 70er oder frühen 80er-Jahren. Er hob die Luger und bedeutete Ethan mit dem Lauf der Waffe, zur Seite zu gehen. Dann zielte er auf die Frau.

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“Irisches Ehepaar. Alles kl—” Im ersten Moment dachte Ethan, sein Begleiter sei von einem unsichtbaren Gegner angegriffen worden, so unvermittelt ging der Deutsche in die Knie. Aber die Körperhaltung des Jungen wirkte nicht wie von einem Angriff, erkannte Ethan dann. Eher verzweifelt. Oder verängstigt. Oder beides. “Niels?”
Die andere Reaktion des Studenten in dem verlassenen Krankenhaus fiel ihm wieder ein. Wie Niels vor dieser einen Tür so völlig erstarrt war und auf Deutsch vor sich hingestammelt hatte. Seine Bemerkung hinterher vom Licht. Keine guten Erinnerungen. Definitiv. Damals ebensowenig wie jetzt. “Niels. Hey.”
Der junge Jäger sagte etwas auf Deutsch – eine Verneinung, vermutete Ethan – und rappelte sich langsam auf. ‘Okay?’ wollte Ethan eben fragen, da richtete Niels seine Pistole auf ihn. Was zum—?!
Ethan reagierte rein instinktiv. Warf sich zur Seite, aus der Schusslinie. War der Kleine völlig von Sinnen in seiner Panik? Aber jetzt hatte der Student nicht mehr diesen angstverzerrten Ausdruck in den Augen, erkannte Ethan schon in der nächsten Sekunde – und es war kalt geworden im Hausgang. Kondensierender-Atem-kalt. Mit der geliehenen Winchester im Anschlag drehte er sich langsam um. Sah die durchscheinende Gestalt, die mit verkniffenem Gesicht durch den Flur auf die beiden Jäger zukam. Ethan war schon drauf und dran, der Erscheinung eine Fuhre Salz auf den Pelz zu brennen, da blieb diese stehen. Drehte sich zur Briefkastenzeile und streckte eine geisterhafte Hand mit einem geisterhaften Schlüssel darin aus. Der Briefkasten, real wie er war, öffnete sich zwar nicht, aber ein paar Sekunden später zog die Erscheinung die Hand zurück. Jetzt hielt sie einen durchscheinenden Brief darin, drehte sich mit einem noch missmutigeren Gesicht als zuvor wieder um und stapfte davon, den Hausflur entlang auf die Treppe zu. Oder besser: die Gestalt wäre gestapft, wenn sie denn ein Geräusch gemacht hätte.

Hm. Briefkasten. Einen Brief in der Hand. Verdrossenes Gesicht. Auf das Schreiben musste die Frau zu Lebzeiten wohl gewartet haben. Oder wenn sie nicht darauf gewartet hatte, dann musste es doch eine große Bedeutung für sie angenommen haben. Groß genug, dass es jetzt nach ihrem Tod noch immer einen Teil des Spuks bildete.

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Niels kam näher, die Luger wieder gesenkt, und sah sich an, was Ethan entdeckt hatte. “Sorry. Ich hoffe, du dachtest nicht, ich wollte auf dich schießen.” Der dunkelhaarige junge Mann sah ihn nur an, sagte aber nichts. Dann schüttelte er den Kopf. “Ich glaube, hätte mein Vater… Stiefvater… Vater mich jemals dabei erwischt, wie ich auch nur auf einen Menschen anlege, er hätte mich umgebracht.” Jetzt sah Ethan ihn erschrocken an, aber er sagte immer noch nichts. “Ich glaube, ich muss dir noch was sagen… wegen eben. Wegen der Tür. Ich hatte Panik. Wie in May Creek.” Er machte eine Pause, doch Ethan sah ihn nur auffordernd an.
Heute ist wohl der ‘Erzähl es Ethan’-Tag.
Niels verzog das Gesicht und warf einen Blick auf die Pistole in seiner Hand. “Andere Kinder bekommen zur Kommunion ein Fahrrad oder eine Spielkonsole. Ich habe diese Waffe bekommen” – er hob die P08 hoch – ”und die Ansage, dass ich ab sofort ein Mann bin. Andere Dreizehnjährige spielen Fußball oder küssen Mädchen. Ich habe einen Werwolf getötet. Den ersten.” Mit Schaudern dachte er daran, wie er unter Benedikts Anfeuerungsrufen sein komplettes Magazin in das sterbende Wesen gejagt hatte. “Wenn andere Kinder nicht gehorchen, bekommen sie Hausarrest oder Fernsehverbot.” Niels holte tief Luft. Das hier saß so tief, aber er wusste, er musste endlich darüber reden, sonst würde es nie besser werden. “Und ich, ich wurde erst grün und blau geschlagen, und dann in den Keller gesperrt und mehrere Tage in Dunkelheit und ohne Essen da sitzen gelassen. Mein Vater meinte, das reinigt den Geist und gibt mir Gelegenheit, mein Tun zu reflektieren.” Er seufzte. “Ich dachte, ich könnte das alles hinter mir lassen, als ich 18 wurde. Drei Jahre war ich raus, aber hier in Amerika hat das wieder angefangen mit dem Jagen. Und irgendwie ist alles in der Zeit wieder hochgekommen.” Er lächelte grimmig. “Ich bin ein Jäger, der Angst in dunklen Kellerräumen bekommt. Ist doch echt super. Und der Anblick einer offenen Kellertür lässt mich in Panik verfallen. Willst du das hier wirklich mit mir durchziehen?”
Zur Antwort nickte Ethan nur und meinte “Will.” Niels nickte ebenfalls. Er war erleichtert, dass Ethan nicht beschlossen hatte, gleich wieder zu gehen. Aber dann überlegte er. Niemand war bisher schreiend vor ihm davongelaufen, wenn er zugab, dass er Angst hatte. Niemand hatte ihm bisher einen Vorwurf deswegen gemacht.
“Also gut. Die Frau, die hier eben vorbeigegangen ist, könnte Betty Fitzgerald sein. Cedric hat von O’Dougall ein Foto von ihr bekommen, und auch eines von ihrem Mann.” Er verschwieg Ethan, dass der irischstämmige Mann dem alten Jameson die Bilder mit den Worten “Oh mein Gott, oh mein Gott, Tante Betty geht in dem Haus um, tun Sie was, Mr Jameson!” und einer Mordsfahne in die Hand gedrückt hatte. Dann war er am nächsten Tag wiedergekommen und hatte den Kaufvertrag unterschrieben. “Aber ich habe keine Ahnung, warum sie hier umgehen sollte. Laut Mr O’Dougall ist sie eines natürlichen Todes gestorben.” Er sah noch einmal auf den Briefkasten, dann wieder zu Ethan. “Wir sollten versuchen, diesen Brief zu finden.”

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Oh Mann. Drecksmist. Was sagte man auf sowas? Da gab es nichts zu sagen, selbst wenn Ethan sowas gekonnt hätte. Wobei. Eines ging immer. “Leid, Mann. Ehrlich.” Er zögerte einen Moment lang, deutete dann zurück zu der offenen Kellertür und hob leicht die Schultern, ehe er Niels direkt ansah und sich dem einfacheren Thema zuwandte. “May Creek? Selber. Und Meredith.” Ethans Finger fuhren kurz über die dünne, beinahe unsichtbare Narbe, die der Kampf mit Garrity an seiner Schläfe hinterlassen hatte. “Typ ohne Augen? Komplett eingefroren.” Ethan machte eine etwas verlegene Handbewegung. “Passiert. Weißt du vorher nicht. Und wenn doch…” Wieder zuckte er mit den Schultern. “Vermeiden, wenn’s geht. Geht nur nicht immer. Wenn’s passiert: Selber rausziehen. Oder Leute. Oder Pech und gehst drauf. Kann aber immer. Panik oder nicht.”

Drecksmist. Viel zu langer Sermon. Wollte Niels auch garantiert hören. Vor allem das mit dem ’draufgehen kann man ja sowieso jederzeit’. Das wusste der Deutsche selbst, daran musste er jetzt mit Sicherheit nicht nochmal eigens erinnert werden. Und Ethan wollte selbst gerade eigentlich auch nicht daran erinnert werden. Nicht mit dem ersten Weihnachten seit elf Jahren vor der Nase. Reiß dich zusammen, befahl er sich streng. Du kannst jederzeit draufgehen. Jagen oder Flugzeugabsturz oder Autounfall. Oder Hirnschlag. Ist, wie’s ist.
Es war, wie es war, und er konnte nur sein Bestes dazu tun, dass es nicht dazu käme. Dass er in ein paar Stunden seine Familie eben doch sehen würde. Bist all die Jahre nicht draufgegangen, rief er sich zur Vernunft. Wahrscheinlichkeit ist nicht höher oder geringer, nur weil ein Besuch zuhause ansteht. Eher größer, wenn du dich jetzt ablenken lässt.
Okay. Job.

“Brief”, kam Ethan also wieder auf das Wesentliche zurück. “Plan.” Er warf einen Blick auf die Briefkastenzeile – die Wohnung der Fitzgeralds musste im dritten Stock gelegen haben, wenn er die Anordnung richtig interpretierte – und nickte dann zum Treppenhaus hin. Es gab zwar einen Aufzug, aber das Ding sah arg klapprig aus, und ob es überhaupt Strom hatte, war auch noch die Frage.

Auf dem Weg hinauf blieb Ethan ebenso wachsam wie im Flur des dritten Stocks selbst, aber kein Geist zeigte sich. Okay. Dann anders. “Sie haben in 3B gewohnt”, soufflierte Niels, als er Ethans suchenden Blick bemerkte. Alles klar.
Dankenswerterweise hatte der Student auch einen Schlüssel zu Apartment 3B. Duh. Logisch. Aber gut so, dann musste Ethan nicht die Tür einrennen oder sowas.

Drinnen fiel das spärliche Licht des vergehenden Nachmittags durch die staubigen Fenster. Überhaupt war alles staubig. Die altmodischen Möbel. Die Spitzendeckchen auf der Kommode. Die Fotorahmen darauf. Der Spiegel darüber. Und es war kalt hier drin. Natürlich war es kalt. Die Heizung war anscheinend seit Jahren nicht mehr gelaufen. Na ganz spitzenmäßig. Das würde es so viel einfacher machen, den Geist zu bemerken, wenn der wiederkam.

Ethan ging zur Kommode hinüber und zog die erste der sechs Schubladen auf. Vielleicht war dieser ominöse Brief ja hier irgendwo zu finden.

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Niels beobachtete nachdenklich, wie Ethan die Schubladen aufzog. Die Worte des Älteren klangen noch in seinem Kopf nach. Er war dankbar für die Ansprache gewesen, und er hatte Ethan noch nie so viel an einem Stück reden gehört. Offensichtlich bereitete es ihm große Schwierigkeiten, zusammenhängend zu sprechen, und so war Niels noch dankbarer.

Du darfst Angst haben, Heckler. Du darfst nur nicht zulassen, dass sie dein Handeln bestimmt.

Noch während er Ethan zusah, wie der Schublade um Schublade öffnete und sich mit dem gebotenen Respekt durch die Hinterlassenschaft der Fitzgeralds arbeitete, spürte er, dass es hinter ihm kalt… kälter wurde. Es war eisig hier drin, das Metall der Luger brannte unangenehm in seiner Hand. Aber das war etwas anderes, er kannte das. Seine Nackenhaare stellten sich auf, und seine Jägerinstinkte sprangen an. Etwas war hier, und er war sich nicht sicher, ob es Ethan und ihm wohlgesonnen war. War es Betty Fitzgerald? Niels drehte sich um, die P08 im Anschlag. Hinter ihm stand ein alter Mann, dem Aussehen nach zu urteilen, war es Phelan Fitzgerald. Er stand mitten im Zimmer, ein trauriger kleiner alter Mann, sein Blick schien den von Niels zu treffen, aber er machte keine Anstalten, ihn anzugreifen. “Ethan…” Niels behielt Phelan im Auge, doch der blieb stehen und rührte sich nicht. Was hatte Cedric ihm gesagt? Beide Fitzgeralds waren eines natürlichen Todes gestorben, Phelan an einem Herzinfarkt, und Betty war eines Morgens von einer Nachbarin tot in ihrem Bett gefunden worden. Sie hatte ihren Mann nur um wenige Monate überlebt. Beide waren mehrere Jahrzehnte verheiratet gewesen, wahrscheinlich hatte sie ohne ihren Mann nicht leben wollen. Niels spürte, wie sich etwas in ihm verkrampfte. Er hatte auch einmal gedacht, dass er so jemanden gefunden hatte, doch dann war alles vorbei gewesen, bevor es überhaupt begonnen hatte.

In diesem Moment tauchte Betty Fitzgerald wieder auf, sie glitt durch die geschlossene Wohnzimmertür auf ihren Mann zu. Ihre Züge waren jedoch alles andere als liebevoll, sie sah ihren Mann wütend an. Was zur Hölle ging hier vor? Phelan bemerkte seine Frau ebenfalls, er drehte sich um, und sein Blick wurde noch trauriger. Niels war geneigt, die P08 zu senken, aber er war immer noch ein Jäger, und die Fitzgeralds waren immer noch Geister.
Betty blieb jetzt vor ihrem Ehemann stehen und schien etwas zu sagen. Phelan schüttelte nur stumm und traurig den Kopf, woraufhin Betty begann, wütend zu gestikulieren. Nein, so sah große Liebe sicher nicht aus. Phelan ließ die Schultern hängen, schien jedoch nicht zu antworten. Betty ließ derweil nicht locker und redete auf ihren Mann ein, Niels war froh, dass er sie nicht hören konnte, wenn er ihr Gesicht sah, das von Wut und Zorn zu einer hässlichen Fratze verzogen war. Sollte er schießen? Doch momentan schienen sich alle ihre negativen Emotionen gegen ihren Mann zu richten, sie hatte weder Niels noch Ethan bemerkt.

In diesem Moment sah Niels aus dem Augenwinkel, dass Ethan sich umdrehte und etwas in der Hand hielt. “Hab’s!” erklärte er, als die Fitzgeralds ihren Blick in Richtung des jungen Mannes wendeten.

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Es war keine Todesanzeige, wie Ethan eigentlich fast vermutet hätte. Es war auch kein Liebesbrief, sein anderer heißer Tip. Der vergilbte Umschlag, den er in der mittleren Schublade gefunden hatte, war ursprünglich wohl in einem nüchternen Grünlichweiß gehalten gewesen und mit der Maschine beschrieben. Daran, dass es der Brief war, den er unten im Flur bei dem Geist gesehen hatte, bestanden für Ethan nur wenig Zweifel. Denn dieses Schreiben lag nicht in der verschlissenen braunen Kunstledermappe, in der Ethan all die andere offizielle Korrespondenz des Ehepaares gefunden hatte, sondern separat darunter. An den Seiten zerknittert. So, als hätte der Umschlag lange in einer übervollen Tasche gesteckt. Oder als habe jemand ihn zu fest angepackt. Und dann wütend ganz weit außer Sicht geschoben.
Ethan zog das Kuvert aus der Schublade. “Hab’s”, ließ er Niels im Umdrehen wissen – und erstarrte mitten in der Bewegung. Denn in seiner Konzentration auf die Suche nach dem Brief war die Temperatur im Raum sträflich in den Hintergrund seines Bewusstseins gerückt, und er hatte nicht gemerkt, wie die Geister zurückgekommen waren. Unvernünftig, unvernünftig, unvernünftig!

Halb durchsichtig standen die beiden Fitzgeralds in der Mitte des Raumes und zankten. Oder besser, zankte Mrs. Fitzgerald ihren Mann an. Oder besser, hatte Mrs. Fitzgerald ihren Mann angezankt. Bis eben gerade. Denn in dem Moment, als Ethan sich mit dem Fundstück in der Hand umdrehte, richtete sich die Aufmerksamkeit des Geistes – beider Geister – auf ihn, als habe er laut deren Namen gerufen. Während Phelan Fitzgerald bei dem Anblick noch mehr in sich zusammenzusacken schien, verengten Bettys ohnehin schon vor Missgunst verzerrte Augen sich noch mehr. Dann gab sie einen stummen Wutschrei von sich und stürmte auf Ethan los. Bis der den Brief fallengelassen und die Winchester von der Schulter gerissen hatte, war der Geist der alten Irin schon bei ihm.
Die schemenhafte Gestalt packte heftig nach dem Schreiben, als halte Ethan es noch in der Hand. Dann bückte sie sich danach, das Gesicht noch immer von Hass erfüllt, und in Ethans Brustkorb wurde es mit einem Mal eiskalt, als die körperlose Hand, dann der ganze Arm, des Geistes im Bücken in ihn hineinwischte. So eisig, dass die Kälte regelrecht in seinen Adern brannte. Sein Herz setzte einen Schlag lang aus, und als es dann in wieder Gang kam, konnte Ethan förmlich fühlen, wie es mit aller Macht gegen das Erstarren anpulsieren musste. Aber da war noch immer diese geisterhafte Präsenz in ihm. Diese Hand, die in seinem Brustkorb herumfuhrwerkte, und er glaubte nicht, dass sie nur nach dem Brief tastete. Die wollte ihm schaden!
Er zuckte weg, wollte einen Satz nach hinten machen, aber da war die Kommode in seinem Rücken. Kein Platz zum Ausweichen. Also trat Ethan die Flucht nach vorne an, auch wenn ihn das voll durch den Geist hindurch führte und ihn die unerträgliche Kälte beinahe lähmte, sein Herz unregelmäßig zu flattern begann. Aber einen Augenblick später war er durch, und das schreckliche Gefühl des Erfrierens ließ nach. Nur sein Pulsschlag dachte überhaupt nicht daran, sich beruhigen zu wollen. Ethan machte noch zwei Schritte, dann fuhr er herum und jagte die Ladung Salz aus der Winchester mitten in den Geist.

Betty Fitzgerald zischte wütend auf und verschwand, und auch Phelan wurde in diesem Moment immer durchscheinender, bis nichts mehr von ihm zu sehen war. Aber das war nur eine Atempause. Sie mussten herausfinden, was die beiden Geister hier hielt, und zwar schnell, ehe die beiden wiederkamen.
Mit einer Grimasse hob Ethan den Brief vom Boden auf und zog das Schreiben aus dem Umschlag. Es war ein vergilbter Bogen mit dem Briefkopf und Siegel der City of New York (Police Department) an Phelan Fitzgerald unter dieser Adresse. Oder zumindest war das die Anschrift außen auf dem Umschlag, der Brief selbst war adressiert an Police Officer Phelan Fitzgerald, Shield Number 1753, Patrol Services Unit, Precinct 18. Ein Datum aus den späten 1970ern. Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen… Oh oh. Hastig überflog Ethan, der sich seines nur langsam wieder zur Regelmäßigkeit zurückfindenden Herzschlags nur allzu bewusst war, die maschinengeschriebenen Zeilen weiter. Ergebnis der medizinischen Untersuchung… Weitere Tätigkeit als Patrol Officer ausgeschlossen… derzeitige Situation keine Möglichkeit für Versetzung in den Innendienst… Frühverrentung… Au. Ließ sich am Datum bestimmt ausrechnen, wie alt Fitzgerald da genau gewesen war, aber ’Frühverrentung’ klang unschön.

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Niels sah noch, wie Betty herumfuhr und sich auf Ethan stürzte, bevor er irgendetwas tun konnte. Schießen war keine Option, denn dann hätte er den Älteren ganz sicher getroffen, und diese Ironie gönnte er dem Schicksal nicht. Abgesehen davon, dass kein Salz in der P08 war. Regungslos beobachtete er, wie Ethan quasi durch Betty hindurch ging, weil er keinen Platz zum Ausweichen mehr hatte, und er konnte sich ungefähr vorstellen, wie Ethan sich fühlte. Benedikt hatte ihn einmal in einem Geisterhaus vorgeschickt und sich anschließend köstlich amüsiert, als er seinen kleinen Bruder zitternd vor Angst und Kälte in einer Ecke gefunden hatte, nachdem der sich mit dem ganzen Elan seiner neun Jahre dem nicht-stofflichen Wesen in den Weg gestellt hatte. Sollte er Benedikt jemals wieder begegnen, es würde für seinen Bruder eine sehr unangenehme und schmerzhafte Erfahrung werden.
Mit diesem Gedanken nahm er wahr, wie Ethan die Winchester hob und auf Betty Fitzgerald schoss. Augenblicklich verging der Geist, und auch Phelan verschwand wieder. Niels ging zu Ethan hinüber, der jetzt die Winchester abstellte und den Brief aufhob, der ihm dank Betty aus den Händen gefallen war. Wortlos hielt Ethan ihm den Brief hin, und Niels las. “Aber das kann doch nicht der Grund sein, warum beide noch hier sind”, murmelte er. Ethan schüttelte den Kopf. “Mehr Gründe”, meinte er. Niels betrachtete die Kommode. “War das alles, was du gefunden hast?” wollte er dann wissen. Ethan zuckte mit den Achseln, vermutlich hatte er einfach noch nicht weiter gesucht. “Bist du ok?” fragte Niels jetzt. Ethan sah blass aus, er zitterte ein wenig, doch er nickte. “Geht”, antwortete er. Niels sah ihn zweifelnd an, doch Ethan nickte ein zweites Mal. Immer noch unsicher, ob er den Älteren so alleine lassen konnte, ging Niels in Richtung einer offenen Tür. Das riesige Himmelbett wies darauf hin, dass dies einmal das Schlafzimmer der Fitzgeralds gewesen sein musste. Eine dicke Schicht aus Staub lag auf den ehemals weinroten Bezügen und auch auf den beiden kleinen Schränkchen rechts und links vom Bett. Niels überlegte. Wo sollte er zuerst nachsehen? Im Kleiderschrank hinter ihm? In den Nachtkästchen? Unter dem Bett? Widerwillig hob er eine Ecke des Überwurfs und warf einen Blick unter das Himmelbett. Dort war nichts außer Staub, nichts, was ihm irgendwie weiterhalf.

Jetzt mach endlich eines dieser verdammten Schränkchen auf, Heckler.

Er spürte, wie er versuchte, eine Ausrede dafür zu finden, es nicht zu tun, denn es widerstrebte ihm, in den Sachen anderer Leute herumzuwühlen. Zu oft hatte er erlebt, dass Privatsphäre etwas war, was nur anderen zustand, aber nicht ihm.

Tja, da unsere liebe Schwester mit ihren privaten Dingen genauso sorglos umgeht wie du, war es mir ein Leichtes, bei ihrem letzten Besuch bei Mutter einfach ihr Handy zu nehmen und nachzugucken, ob ich deine Emailadresse rauskriege.

Er war nicht sorglos mit seinen Sachen umgegangen, er hatte die Broschüren sehr sorgfältig unter seiner Matratze versteckt, und Benedikt hatte sie dennoch gefunden und nichts Besseres zu tun gehabt, als damit zu Gustav zu rennen. Niels verspürte gerade wieder das heftige Bedürfnis, seinem Bruder die Nase zu brechen. Ein schwacher Trost verglichen mit dem, was Gustav und Joseph mit ihm gemacht hatten, aber ein Trost immerhin.

Er atmete tief ein, dann machte er einen Schritt auf das rechte Schränkchen zu. In der Schublade lagen eine altmodische Brille mit schwarzen Bügeln, eine Pillendose und ein altes Buch, “The Maltese Falcon” von einem gewissen Dashiell Hammett. Niels nahm es in die Hand und blätterte es durch. Ein Krimi, wie es schien. Er hatte sich nie viel aus Krimis gemacht, und aus Büchern allgemein nicht. Erstens hatte es zuhause nur ein Buch gegeben – er trug es immer noch mit sich herum -, und zweitens war Zeit, die er mit Lesen verbrachte, Zeit, die er nicht zum Zeichnen hatte. Das war ein Grund, warum er Filme und Fernsehserien so schätzte. Man hatte immer noch die Hände frei für Zeichenblock und Stift.
Niels legte das Buch zurück und schloss die Schublade wieder. Dies war vermutlich Phelans Seite gewesen, überlegte er, und er ging eilig um das Bett herum, um das andere Schränkchen zu öffnen.
Die Schublade war voll mit Krimskrams: Haarnadeln, eine Tablettenpackung, ein Ausschnitt aus einer Frauenzeitschrift – “10 Tips für einen besseren Schlaf” -, eine Schlafbrille (Tip Nr. 5) und ein Reader’s Digest-Heft. Niels wollte die Schublade gerade wieder schließen, doch da fiel ihm unter dem Reader’s Digest noch ein weiteres Heft auf. Er zog es vorsichtig heraus. Es war mehr ein Büchlein als ein Heft, mit einem schmucklosen braunen Einband und schwarzen Ecken. Niels schlug es auf und hätte es beinahe gleich wieder zugemacht. Aber dann überwand er sich und las Betty Fitzgeralds Tagebuch.

Phelan hat heute um meine Hand angehalten. Richtig altmodisch, er hat vorher Dad um Erlaubnis gefragt. Er ist so toll, so einen Mann habe ich mir immer gewünscht! Ich liebe ihn über alles!

Weihnachten steht vor der Tür, aber mir ist so gar nicht nach Feiern zumute. Ich habe heute Suzy McFarlane getroffen, und sie hat mir von ihrem Haus in den Hamptons vorgeschwärmt. Ach, hätte ich damals meine Träume nicht alle für Phelan aufgegeben, wir hätten es so schön haben können. Phelan sieht das natürlich nicht, der ist es anscheinend zufrieden, den Verkehr zu regeln. Wie gut, dass wir keine Kinder haben!

Heute war ich am Broadway und habe es doch über mich gebracht, für eine Rolle vorzusprechen. Der Produzent hat mich ausgelacht und mir gesagt, dass ich viel zu alt sei. Ich! Alt! Mit 42! Aber er hat ja recht, ich sehe älter aus, und meine Kleidung ist auch weit entfernt vom Broadway-Chic. Ich wollte mir ja ein neues Kleid kaufen, aber Phelan hat mir gesagt, das hätte ich nicht nötig. Ich wäre schön so, wie ich aussehe. Was weiß der denn schon! Ich habe mir natürlich doch dieses hübsche Blaue bei Macy’s im Ausverkauf gekauft, aber Phelan hat nur geschimpft und gesagt, der Preis sei immer noch zu hoch. Aber ich brauche das, ich brauche das Gefühl, das wenigstens etwas von dem Glamour übrig geblieben ist. Aber ich fürchte, es ist nur noch Grau in Grau.

Phelan wurde frühverrentet. Na ganz toll. Ihn scheint das nicht zu stören, aber ich wurde schon von Siobhan O’Dougall darauf angesprochen. Die Schnepfe, die hält sich für was besseres, weil ihr das Haus gehört. Sie mag ja Phelans Cousine sein, aber das wars dann auch mit Familie von ihrer Seite. Missgünstiges Weibsstück! Will wohl wissen, ob sie unsere Wohnung haben kann. Nicht mit mir.

Phelan ist tot, er ist in der Nacht gestorben. Wir haben gestern noch gestritten, und dann ist er ins Bett gegangen und einfach nicht mehr aufgewacht. Oh mein Gott, mein Phelan ist tot! Mein lieber, gütiger Phelan, mein Ein und Alles! Ein Herzinfarkt, sagt der Arzt. Ich bin völlig aufgelöst, wie gut, dass Siobhan hier ist und ihr kleiner Sohn, Jason. Was soll ich denn jetzt ohne ihn tun? Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Leben ohne Phelan sein wird.

Niels spürte, dass er schlucken musste, aber es wurde ihm langsam klarer, was zumindest Betty hier hielt. Warum aber Phelan auch noch umging, darauf hatte er keine Antwort. Er wollte wieder zurück ins Wohnzimmer gehen, als er hinter sich ein Geräusch hörte. Ethan stand in der Tür, in der Hand ein Buch ähnlich dem, was Niels selber gerade festhielt.

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Das Notizbuch lag bei einer ganzen Reihe von Taschenbüchern: Western-, Kriminal- und Spionageromane, die die ganze unterste Schublade ausfüllten. Keines davon ein Klassiker, die standen alle offen im Regal. Das hier waren die billigen Nicht-ganz-Schund-Vertreter ihrer Art, das etwas peinliche Vergnügen, und Ethan war sich ziemlich sicher, dass Betty Fitzgerald nie freiwillig an diese Schublade gegangen war. Also der beste Ort, um sicher zu sein, dass private Aufzeichnungen auch privat bleiben würden.

Vorsichtig zog Ethan, dem noch immer viel kälter war, als es das eigentlich hätte sein dürfen, das schmale Büchlein heraus und schlug es auf, behielt diesmal aber einen Teil seiner Aufmerksamkeit im Raum. Es war weniger ein Tagebuch im eigentlichen Sinn, obwohl es auch ganz klassische, handgeschriebene Einträge enthielt. Aber es klebten auch Eintrittskarten und Zeitungsausschnitte darin, und auf manchen Seiten fanden sich kleine Bilder. Sie waren besser als reine Kritzeleien, wenn auch längst nicht so gekonnt wie die Zeichnungen, die Ethan von Niels gesehen hatte. Trotzdem war die junge Frau auf einer der früheren Seiten im Buch ziemlich deutlich als dieselbe Betty zu erkennen, die oben auf der Kommode aus dem Rahmen ihres Hochzeitsfotos strahlte. Die gezeichnete Gestalt war in ein Ballettröckchen und Spitzenschuhe gekleidet und hatte die Arme zu einer grazilen Tanzfigur erhoben, und sie trug einen konzentrierten, aber freudigen, Ausdruck auf dem Gesicht. Ganz unwillkürlich wanderte Ethans Mundwinkel ein Stückchen nach oben, und als er die Seite eigentlich schon umgeschlagen hatte, blätterte er doch nochmal zurück, um einen letzten Blick auf das kleine Portrait zu werfen. Es sprach so viel Zuneigung aus den dünnen Bleistiftstrichen. So viel Liebe. Nachdenklich kaute Ethan auf seiner Unterlippe herum, während er die nächsten Einträge durchging. Was war neben Phelans Frühverrentung nur geschehen, um aus dem jungen, verliebten Paar diese verbitterten Geister zu machen? Steckte man einfach nicht drin, was am Ende bei rauskam, egal wie verliebt man am Anfang war.
Ethan fiel der Fremde wieder ein, mit dem Mom auf der Gala in Hollywood gewesen war. Bei seinem Besuch im Sommer hatte es zwar nicht so ausgesehen, als wären seine Eltern im Begriff, sich zu trennen, aber das musste nichts heißen. Bei seinem Besuch im Sommer hatten sie wahrlich anderes im Kopf gehabt. Musste er jetzt über Weihnachten mal darauf achten, ob es irgendwelche Anzeichen gab. Bitte nicht. Aber wenn es tatsächlich so wäre… Ethan verzog das Gesicht. Wäre dann halt so, ob es nun auf Ethans Kappe ginge oder ohne sein Verschwinden auch passiert wäre. Falls der fremde Galabegleiter und sein vertrauter Umgang mit Mom denn überhaupt etwas zu bedeuten hatten. Überhaupt nicht gesagt. Reiß dich zusammen. Aber vielleicht eben doch. Samanthas Worte aus Pemkowet gingen ihm durch den Kopf. ’Erstmal den Fluch loswerden, dann sehen wir weiter…’ Dann sehen wir weiter. Keinerlei Garantie, dass Sam sich tatsächlich mit ihm einlassen würde, sobald der Fluch mal weg war. Aber eine Garantie gab es ohnehin nie. Nicht mal dafür, dass Carla und er für den Rest ihres Lebens gehalten hätten, wenn nicht— Ethan schluckte schwer, als ein Gedanke, der ihm all die Jahre bisher irgendwie nie gekommen war, sein Herz beinahe genauso stocken ließ wie die Geisterhand in seinem Brustkorb kurz vorher. Was, wenn auch Carla nie zur Ruhe gefunden hatte? Was, wenn ihr Geist noch irgendwo dort draußen spukte, immer wilder und wütender wurde und auf Vergeltung sann? Reiß dich zusammen, ermahnte er sich wieder, schärfer diesmal. Job zu tun, verdammt. Mit einem Ruck brachte er sich wieder ins Hier und Jetzt und seinen Blick auf die Kladde in seiner Hand.

Die Zeichnung der tanzenden Betty in Phelans Notizbuch musste aus der Zeit vor der Hochzeit stammen, stellte Ethan jetzt fest, denn einige Seiten später fand er eine Reihe von Einträgen, die in relativ kurzer Folge, vermutlich innerhalb einiger Wochen, verfasst worden waren.

Ich will es unbedingt richtig machen. Ich bin mir sicher, dass Betty ‘ja’ sagen wird, aber ich will das volle Programm. Wenn es nur nicht so schwer wäre, ihren Vater mal zu erwischen! Ich würde ja sogar nach Boston fahren, aber ohne Auto ist das etwas schwierig mit dem Dienst.

In drei Wochen kommt Mr. Gilfoyle nach New York, und er hat mich, also uns natürlich, zum Mittagessen eingeladen. Das ist die perfekte Gelegenheit, die ich unbedingt beim Schopf ergreifen muss, denn wer weiß, wann es dann das nächste Mal die Möglichkeit zu einem Treffen gibt. Mr Gilfoyle ist auch nur ein paar Stunden in der Stadt, deswegen ja auch Lunch und kein Dinner.

Ein paar Seiten weiter:

Man hat mich für die Beförderung zum Detective vorgesehen!

Von diesem Satz, dem Phelan in offensichtlicher Hochstimmung zusammen mit einer Skizze der typischen Polizeimarke eines Detectives den größeren Teil einer Seite gewidmet hatte, ging ein mit dicker Linie gezogener Pfeil zu einem stark vergilbten, oft gefalteten Blatt, das auf der anderen Seite des Notizbuchs mit einer relativ lose sitzenden Büroklammer befestigt war. Behutsam faltete Ethan die Seite auseinander. Tatsächlich stand die Nachricht auf demselben Briefpapier wie die Mitteilung über Phelans Frühverrentung, aber dieser Brief hier trug ein Datum aus den frühen 1950ern. Und wie Phelan schrieb, war es tatsächlich die Einladung zu einem Evaluierungsgespräch für die Beförderung in den Rang des Detective Third Grade.

Auf der nächsten Seite folgte die Ernüchterung.

Muss das Gespräch ausgerechnet am selben Tag sein wie das Essen mit Mr. Gilfoyle?!

Darunter war das halbe Blatt mit Kringeln und Strichmännchen und sonstigem Gekritzel gefüllt, als hätte Fitzgerald über das Problem nachgegrübelt und beim Grübeln den Stift nicht aus der Hand gelegt. Seine Lösung fand sich darunter:

Das nächste Beförderungsgespräch kommt bestimmt. Bettys Vater aber so bald nicht wieder nach New York. Außerdem, was macht das denn für einen Eindruck, wenn ich plötzlich absage? Und vor allem, wer weiß, wann ich das nächste Mal die Chance habe, um Bettys Hand anzuhalten?

Nachdenklich sah Ethan auf die Seiten. Huh. Um Bettys Hand angehalten hatte Phelan wohl, dem Hochzeitsfoto nach zu urteilen. Aber die Chance auf eine Beförderung war offenbar nie wieder gekommen. Interessanterweise wirkten die Einträge des Mannes über die Zeit nicht unglücklich mit seinem Schicksal. Keine Erwähnung der verpassten Gelegenheit mehr. Aber seitens Mrs. Fitzgerald dafür vielleicht umso deutlicher, wenn man die Reaktion des Geistes auf den Rentenbrief so betrachtete. Und was Phelan nicht geschrieben, aber gedacht und gefühlt hatte, war natürlich auch längst nicht gesagt.

Langsam ging Ethan zur offenen Schlafzimmertür und winkte dem eben von einer ähnlichen Kladde aufsehenden Niels mit Phelans Tagebuch zu. “Hier.”

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Niels sah auf das Buch in Ethans Hand. “Phelans Tagebuch?” fragte er. Ethan nickte und hielt das Buch Niels mit einer auffordernden Geste hin. Er nahm es an und gab im Gegenzug dazu Ethan Bettys Tagebuch. Es war ihm immer noch unangenehm, zu lesen, was der ehemalige Polizist geschrieben hatte, aber die Fitzgeralds mussten ins Licht geschickt werden. Und daher führte wahrscheinlich kein Weg daran vorbei, ihre persönlichen Aufzeichnungen zu studieren.

Niels betrachtete nachdenklich die Zeichnungen des ehemaligen Officers. Solche Skizzen hatte er von Philip auch einmal gemacht, sie mussten irgendwo in Rosenheim in einer Kiste liegen, und von Joe ebenfalls. Wenn er überlegte, wie oft er beide gezeichnet hatte – den einen nach lebendigem Vorbild, den anderen aus dem Gedächtnis -, dann musste Phelan seine Frau wirklich sehr geliebt haben. Wenn er an den letzten Eintrag aus Bettys Tagebuch dachte, dann hatte sie ihn trotz aller Unzufriedenheiten genauso geliebt. Beide hatten ihre Träume gehabt, und beide schienen sie sie für den anderen aufgegeben zu haben. Ob sie jemals darüber geredet hatten? “Ethan?” Niels hatte jetzt eine Idee. “Mhm?” machte der Ältere nur und sah von seiner Lektüre auf. “Wir müssen ihnen klar machen, dass sie nie aufgehört haben, einander zu lieben. Und dass sie sich vergeben müssen. Sie haben beide ihre Träume aufgegeben, aber dafür hatten sie doch sich.” Er schluckte, als ihm bewusst wurde, dass er es doch mehr vermisste, als er sich hatte eingestehen wollen, jemanden zu haben, nach Hause zu kommen und zu wissen, dass da jemand auf ihn wartete. Aber er war sich eigentlich sicher, dass er so jemanden wieder finden konnte, diese Person existierte mit Sicherheit. Dann jedoch kam ihm ein Wald in Michigan in den Sinn, und seine Laune sank wieder. Er verzog das Gesicht, doch er wollte nicht, dass Ethan mitbekam, was in ihm vorging. Ändern konnte er den Zustand sowieso nicht mehr.

“Könnte klappen”, meinte Ethan jetzt. Niels überlegte, wie er das, was er noch zu sagen hatte, am geschicktesten formulierte. Reden war eben immer noch nicht seine Stärke, und er wollte Ethan nicht verletzen. “Ich… ich glaube, es ist am besten, wenn wir ihnen das hier vorlesen”, erklärte er, während er Phelans Aufzeichnungen hochhielt. “Schaffst du… kannst du…?” Niels brach ab, es war ihm einfach zu unangenehm, Ethan die Frage zu stellen, ob laut lesen für ihn weniger schwierig war als frei zu sprechen. Doch Ethan schien ihn auch so zu verstehen, er nickte. “Muss gehen. Wichtig”, antwortete er. Niels atmete tief durch. “Also dann. Versuchen wir es.” Er ging zurück ins Wohnzimmer und stellte sich in die Mitte des Raumes, dorthin, wo eben noch Betty und Phelan miteinander gestritten hatten. Seine Hoffnung war, dass die beiden auf das Auffinden ihrer Tagebücher reagieren würden und auftauchten. Er hatte keine Lust, es auf Gustavs Methode zu probieren und das alte irische Ehepaar zu beleidigen. Abgesehen davon, dass sein Englisch zwar mit jedem Tag besser wurde, aber “Fuck” war nicht umsonst sein Lieblingsfluch.

“Fertig?” fragte er Ethan, nachdem sie sich beide in das Wohnzimmer gestellt und jeder ein Tagebuch aufgeschlagen hatten: Niels das von Betty, Ethan hielt Phelans in der Hand. Niels begann, den Abschnitt vorzulesen, in dem sie es bedauerte, dass ihr Mann frühverrentet wurde, wieder und wieder. Seine Stimme war zuerst noch leise und brüchig, doch mit jeder Wiederholung wurde er lauter und selbstsicherer. Als es um ihn herum kälter wurde, wusste er, dass die Geister zurückkamen. Auch Ethan las jetzt, langsam, stockend, aber er las, auch bei ihm ging es mit jedem Mal etwas flüssiger, und plötzlich standen die Fitzgeralds vor den beiden jungen Männern. Betty sah wutverzerrt auf Niels, der die P08 hob. Dass die Patronen darin gegen sie nutzlos waren, wusste sie ja nicht, aber er fühlte sich sicherer. Ansonsten hatte Ethan immer noch genug Munition in der Winchester.

Phelan betrachtete Ethan und Niels nachdenklich, als wüsste er nicht, was er von ihnen halten sollte, nachdem sie in seine Wohnung eingedrungen waren und nun sein Tagebuch lasen. Doch dann begann Niels, den Abschnitt vorzulesen, in dem Betty sich über Phelans Heiratsantrag gefreut hatte. Ihm war, als würden sich die Züge der alten Frau etwas entspannen, unsicher sah er zu Ethan. Doch dem schien das auch aufgefallen zu sein, er nickte Niels aufmunternd zu. Die alte Frau war jetzt vor ihm stehen geblieben und schien abzuwarten. Diese Pause nutzte Ethan, um seinerseits aus Phelans Tagebuch vorzulesen, wie Phelan auf seine Beförderung verzichtet hatte, um seiner Frau einen Heiratsantrag machen zu können. “Er hat das für Sie getan”, erklärte Niels dem unstofflichen Wesen, das einmal Betty Fitzgerald gewesen war, und er hatte den Eindruck, dass sie ihn verstand. “Er hat nie… aufgehört… Sie zu lieben.” Er schluckte wieder, als er merkte, dass er noch lange nicht soweit gewesen war. Aber sein eigenes Befinden musste jetzt hinten anstehen, er hatte einen Job zu erledigen.

Ethan sah jetzt Phelan an. “Nie aufgehört”, meinte er bekräftigend zu dem Iren, und auch ihm schien das Ganze nahezugehen. Der kleine Mann schien zu überlegen, dann wandte er sich seiner Frau zu. Auch sie sah zu ihm herüber, und nach einer gefühlten Ewigkeit streckte sie die Hände nach ihm aus. Plötzlich wurde es heller und wärmer im Raum, und die traurigen Züge von Phelan und Bettys wutverzerrtes Gesicht entspannten sich, wurden weicher und begannen, von innen heraus zu leuchten. Mit einem Mal stand ein junges Paar, nicht älter als sie selbst, vor ihnen. Eine grazile Blondine mit einem Spitzenkleidchen, ihr Lächeln so fröhlich, als wolle es mit dem Licht um die Wette strahlen. Ein junger Mann, der aufrecht und selbstbewusst vor seiner Frau stand, seine blaue Uniform makellos, seine Marke glänzend poliert. Seine ganze Mimik, seine Gestik sagten, dass er am Ziel seiner Träume angekommen war: Polizist beim NYPD und die wunderschöne Ballerina an seiner Seite.

Plötzlich jedoch wurde das Licht wieder schwächer, die junge Betty wurde von der alten Betty überlagert, wie ein doppelt belichteter Film, schwarz-weiß gegen Farbe, Liebe gegen Wut. “Er wollte nie, dass Sie Ihre Träume aufgeben”, rief Niels ihr jetzt zu, “Sie müssen ihm vergeben.”

Knochen ausgraben und anzünden war wesentlich einfacher.

Das Bild flackerte noch einmal, so schnell, dass Niels nicht erkennen konnte, was passierte. Dann jedoch löste sich etwas und ging auf Phelan zu. Niels befürchtete, dass Betty zu einem Rachegeist geworden war, doch dann kehrte das Licht zurück. Lautlos formten die Lippen der hübschen Blondine die drei Worte, die sie ihrem Mann zu Lebzeiten nicht mehr hatte sagen können.

Ich liebe dich.

Jetzt schien das Leuchten um das irische Ehepaar anzuschwellen, es wurde für einen kurzen Moment so hell, dass Niels sich schützend den Arm vors Gesicht hielt. Dann verging es, und das Apartment war wieder so dunkel wie zuvor.

Sie waren allein.

Niels spürte, wie die Anspannung von ihm wich, seufzend ließ er sich zu Boden fallen und stützte den Kopf in die Hände. Dann sah er zu Ethan. Der hatte sich ebenfalls gesetzt, die Knie angezogen, sein Kopf ruhte zwischen seinen Armen. “Bist du ok?” fragte Niels den Älteren, doch der antwortete nicht. Niels nickte nur und legte sich auf den Rücken. Lange blieb er so liegen, seine Gedanken wanderten nach München, nach Chicago, und in ein kleines Dorf im Bayrischen Wald. Dann fiel ihm etwas ein. Er nahm die Aufzeichnungen der beiden Fitzgeralds und packte sie in seine Tasche. Er würde sie später Cedric geben, der konnte entscheiden, was damit passierte, aber sie sollten nicht hier bleiben und eventuell einem Bautrupp zum Opfer fallen.

“Ethan?” Niels sah, dass der Ältere immer noch mit gesenktem Kopf am Boden saß. “Ethan, wir müssen gehen.” “Mhm”, machte Ethan nur, stand jetzt aber auf und folgte Niels nach draußen.

Es war inzwischen richtig dunkel geworden, die Gegend immer noch menschenleer, und niemand schien die beiden jungen Männer zu beachten, während sie die Waffen wieder in den Kofferraum des Chevys packten. “Du kannst mich an der nächsten U-Bahn-Haltestelle rauswerfen, wenn du es eilig hast”, meinte Niels, obwohl ihm der Gedanke, Ethan alleine zu lassen, nicht so behagte, und auch er hatte immer noch Redebedarf.

¤¤¤

Der Ältere zündete sich jetzt eine Zigarette an, nahm einen langen Zug und holte dann tief Luft. “Oh Mann.” Das war… anstrengend. Nicht nur das Vorlesen. Da hatte sich zwar bei der dritten oder vierten Wiederholung tatsächlich so etwas wie Übung eingestellt, und wie er zu Niels gesagt hatte: Es war ja auch wichtig gewesen. Trotzdem aber schwierig genug. Aber auch die beiden Geister bei ihrem Kampf um ihre beinahe verloren geglaubte Liebe zu beobachten, mit ihnen zu hoffen und zu bangen und ihren Schmerz mitzuerleben… Nicht das, was Ethan erwartete, wenn er jagen ging, eigentlich. Normalerweise hieß jagen Monster erlegen. Wobei. Gerade Geister. Geister mit traurigen Geschichten. Dimmitt fiel ihm ein, und Monty Clift. Blieb eben doch nicht aus, dass man mitfühlte. Auch wenn einem das das eigene Gepäck nur allzu deutlich wieder ins Gedächtnis rief.

“Die Leute einfach ausgraben und die Knochen anzünden war irgendwie leichter”, meinte Niels mit einem schiefen Lächeln. Wieso hatte eigentlich ausgerechnet sein streng katholischer Stiefvater auf solch einer Brachialmethode bestanden? “Wie geht es dir?” wandte er sich dann an Ethan. “Sorry. Wenn du nicht reden willst… ich wollte nicht… Ich kann auch einfach gehen.”

Ethan schüttelte den Kopf. “Mm-mm. Muss nur…” Mit einer etwas hilflosen Geste zuckte er die Achseln. “Puh.” Muss nur… was? Runterkommen? Fertig rauchen? Nach den vielen verbrauchten Wörtern erst einmal den Speicher wieder füllen? Er brachte ein schiefes Halblächeln zustande und zog wieder an seiner Zigarette. “Geht ok.” Würde schon. Er musste nur zusehen, dass er sich wieder soweit gefangen hatte, bis er in Tappan ankam. “Danke. Dir?”

Niels sah in die Ferne. “Geht schon. Da ist einiges wieder hochgekommen. Ich fürchte, das wird mir noch das eine oder andere Mal passieren. Aber es wird besser.” Schlimmer konnte es auch eigentlich nicht mehr werden, wenn er an Zigzag dachte.

“Mhm”, machte Ethan, als Niels von ‘einiges wieder hochgekommen’ sprach. “Auch.” Für einen Moment überlegte er, ob er dem Jüngeren wortlos seine Zigarettenschachtel hinhalten sollte, aber dann unterbrach er sich im schon begonnenen Bewegungsansatz und steckte das Päckchen stattdessen in die Jackentasche. “Ungesund”, schob er hinterher. “Besser nicht.”

Trotz der angespannten Situation musste Niels jetzt doch grinsen. “Warum machst du es dann?” fragte er Ethan. “Sorry. Rauchen war nie mein Ding. Ich habe nur eine Sucht.” Er schob einen Ärmel der Winterjacke nach oben, so dass der Sleeve sichtbar wurde. Auf beiden Seiten verdeckten die Bilder hier wie auf seinem Rücken die Spuren dessen, was er in seiner letzten Nacht im Keller hatte erleben müssen.

Niels’ Frage ließ Ethan mit einem verlegenen Schmunzeln wieder die Schultern heben. “Gewöhnung. Sucht. Hilft.” Dann betrachtete er interessiert die Motive, die Niels mit dem Hochschieben seines Jackenärmels zum Vorschein brachte, und schnaubte amüsiert. “Ich nun nicht. Nicht mal das Dämonending.”

Niels nickte, er wusste, was Ethan meinte. Er hatte darüber nachgedacht, aber als er angefangen hatte, die Spuren seiner Vergangenheit unter Farbe zu verstecken, war er davon ausgegangen, nie wieder zu jagen. “Ich glaube, das ist meine Therapie. Meine Art, damit fertig zu werden, was ich erlebt habe. Und man kann wunderbar Narben damit verdecken.” Er verzog das Gesicht. “Felicitys Grandpa meinte, er hätte erwartet, dass ich aussehe wie ein afrikanischer Stammeskrieger”, meinte er jetzt und musste wieder grinsen, als er an Cedrics Gesicht dachte. “Fuck. Sie fehlt mir.”

Ethan kaschierte eine etwas unbehagliche Grimasse mit einem weiteren tiefen Zug an der Zigarette. “Schon England?” Kurz sah er zu Niels hin und nickte leicht. “Weit weg. Versteh ich. Aber: Fon? Skype? Feiertage. Gelegenheit?”

“Sie wird wohl für die Weihnachtstage nach New York kommen”, antwortete Niels. Er hatte Angst vor dieser Begegnung. Er hatte Felicity nach seiner Rückkehr aus Leavenworth den Brief seiner Mutter gezeigt, und sie hatte ihm dafür wortlos die Tür gewiesen. Auf Anrufe oder Whatsapp-Nachrichten hatte sie nicht reagiert, und die Mitteilung, dass es Emily gut ging, hatte sie mit einem knappen “Danke” quittiert. “Vielleicht können wir dann reden. Ich kann doch auch nichts für all das hier.”

‘Ich kann doch auch nichts für all das hier.’ Das klang nicht gut. Das klang ganz gewaltig so, als mache Fey ihren unehelichen Halbbruder für die Untreue ihres Vaters verantwortlich. Ethan verzog das Gesicht. “Leid, Mann. Echt. Wünsch’s dir.”
Die Zigarette war inzwischen halb aufgeraucht, und Ethan sah einen Moment lang in die Glut an deren Spitze, ehe er zögernd weitersprach. “Fey… naja.” Drecksmist. Wie sagte er das am besten? Immerhin war sie die Schwester seines Gegenübers. “Sehr absolut, glaub. Schwarz-weiß. Wenig Kompromisse.”

“Sag es ruhig, wie es ist. Sie kann manchmal eine ziemliche Bitch sein.” Niels dachte daran, wie seine Schwester Nelson Akintola abserviert hatte. Sicher, er hatte den redseligen aufdringlichen Afrikaner nicht besonders leiden können, aber er hatte es bestimmt nicht verdient, dass Liz ihn so degradierte. “Sie war halt immer ein Einzelkind. Jetzt muss sie sich die Aufmerksamkeit teilen.” Die Aufmerksamkeit eines Toten. Eines Mannes, den er in Gedanken immer noch als ‘Onkel Jacob’ bezeichnete, weil er sich nicht daran gewöhnen konnte, dass er sein Vater war. “Aber auf der anderen Seite war sie für mich da, als es mir so dreckig ging, dass ich nicht mehr wusste, wie ich weitermachen soll. 2016 war an manchen Stellen ein ziemliches Scheissjahr.” Er atmete tief durch. “Manchmal wache ich auf und denke, ich träume das alles nur. Aber ich weiß nicht, welchen Teil.”

Ethan legte nachdenklich den Kopf schief. “Viel passiert. Sehr viel.” Oh Mann. Wenn das mal nicht die Untertreibung des Jahres war. Ein schwaches Lächeln zog über sein Gesicht. “Letztes Jahr diese Zeit?” Er schnaubte in ehrlicher Belustigung. Letztes Jahr um diese Zeit war genau der Tag gewesen, an dem er nach Baltic aufgebrochen war. Der Tag, an dem er Barry kennengelernt hatte. Und später, in dem Höllenhaus, Artie.
Da hatte er Irene zwar schon gekannt – und Sam, fuhr es ihm durch den Kopf; erstaunlich eigentlich, dass die erste Begegnung mit ihr so völlig unspektakulär abgelaufen war, dass er bei diesem ersten Treffen in Hectorville Ende November noch gar nichts groß an ihr gefunden hatte -, aber die wirklichen Veränderungen hatten in und mit dem Höllenhaus begonnen. Ziemlich unglaubliche Veränderungen, wenn er es sich recht überlegte. Es war tatsächlich ein völlig anderer Ethan, der heute hier stand. Sein Lächeln vertiefte sich. Nein, ‘Scheißjahr’ konnte man seines nun wirklich nicht nennen, auch wenn es richtig tiefe Tiefen gehabt hatte. “Nicht erkannt.”

Niels stutzte. “Was meinst du damit?” Er verstand nicht, was Ethan ihm sagen wollte. Offensichtlich etwas Positives, seinem Lächeln nach zu urteilen. Dann begriff er. “Ich hätte dich vor einem Jahr nicht erkannt?” fragte er, und Ethans Nicken zeigte, dass er richtig geraten hatte. Er überlegte. Vor einem Jahr hatte er gedacht, dass er einfach nur ein Kunststudent sein könnte, dass er vergessen könnte, was passiert war. Er war der festen Überzeugung gewesen, wenn er nur fest daran glaubte, würde all das, was Gustav und seine Brüder ihm angetan hatten, verblassen und nie wieder auftauchen. So funktionierte das menschliche Gehirn aber leider nicht, das hatte er schmerzlich erfahren müssen. Langsam kam mit der vergraben geglaubten Erinnerung auch wieder das Wissen darum, dass Gustav und Joseph billigend in Kauf genommen hatten, dass er hätte sterben können. Dass er beinahe gestorben war, wenn er an den besorgten Ausdruck des Arztes in Rosenheim dachte.
“Vor einem Jahr war ich auch noch ganz anders drauf,” meinte er jetzt in Richtung Ethan. “Ich wollte kein Jäger mehr sein. Ich wollte mit meinem Freund glücklich sein. Hat irgendwie nicht so wirklich geklappt, und ein Großteil davon ist meine eigene Schuld. Weglaufen funktioniert nur bis zu einem bestimmten Punkt.”

Bei Niels’ letzten Worten schnaubte Ethan wieder, aber diesmal eher selbstironisch als belustigt. “Wahr. Zehn Jahre, bei mir. Fast elf.” Er bedachte den Deutschen mit einem aufmerksamen Blick. “Mal drin, schlecht raus, hm? Geht aber. Wenn. Wenn nicht.” Er musste schlucken, als der Stachel der Schuld ihn wieder einmal traf. Hätte er eigentlich damit rechnen können, wenn es schon um das Thema ging, aber trotzdem konnte ihn die Heftigkeit des Gefühls bisweilen immer noch überraschen. Mit einigen hastigen Zügen rauchte er seine Zigarette zuende. Trat den Stummel heftiger aus, als es vielleicht notwendig gewesen wäre, und stieg in den Mietchevy, ehe er Niels von innen die Beifahrertür öffnete und mit der nächsten Handbewegung die Heizung aufdrehte. “Steig ein. Kalt.”

Niels stieg ein und rieb seine Hände aneinander. “Danke nochmal, für alles. Du bist echt in Ordnung. Das hab ich dir glaube ich schonmal gesagt.” Dann überlegte er, als Ethans Worte sich gesetzt hatten. “Zehn Jahre?” fragte er, “du bist zehn Jahre lang weggelaufen? Oh Mann. Krasse Scheiße, Alter. Und ich dachte, ich wäre ein Meister der Verdrängung.” Er schüttelte leicht den Kopf, doch dann fiel ihm ein, dass er seit fast vier Jahren nicht mehr mit seiner Mutter gesprochen hatte, dass Maria Heckler ihn wahrscheinlich noch nicht einmal mehr erkennen würde, wenn er ihr auf der Straße begegnete. Dann wurde ihm bewusst, was er gesagt hatte. “Sorry. Das war… Entschuldigung. Ich wollte nicht… Es tut mir leid. Du hast bestimmt deine Gründe. Und… geht mich nichts an.” Er merkte, wie er sich verhaspelte, etwas, das ihm immer noch häufig passierte, wenn er sich auf unsicherem Terrain bewegte. Gustav hatte versucht, ihm diese Angewohnheit mit Ohrfeigen und der Ansage “Red’ wie ein Mann, Aaron!” auszutreiben, was natürlich absolut kontraproduktiv gewesen war und dazu geführt hatte, dass er zeitweise gar nicht mehr gesprochen hatte. Aber Gustav war es sowieso lieber gewesen, wenn man Jacobs Bastard weder sah noch hörte.

Ethan verzog das Gesicht, schüttelte aber den Kopf. “Hätt ja nix sagen müssen. Und ja. Grund. Monster. Hätte alle umgebracht. Erst jedenfalls. Aber dann? Danach?” Ethan zog wieder eine Grimasse und seufzte. “Mussten denken, ich bin tot, und ich… Feige. Dachte…” Er musste schlucken, als ihm die Enormität seiner eigenen Dummheit wieder ins Bewusstsein trat. “Wusste nicht, wie… Fehler.” Ein Fehler, mit dem er womöglich seine Eltern auseinandergebracht hatte. Durch den er seinem Bruder eine Karriere in irgendeinem geld- und prestigeträchtigen Beruf verwehrt hatte. Stattdessen war Alan zum NYPD gegangen; würde vielleicht, ganz wie Phelan Fitzgerald, nie über den Rang des uniformierten Officers hinauskommen. Und ein Fehler, der vermutlich bedeutete, dass sie in Tappan jetzt voller Sorge im Haus herumtigerten oder aus dem Fenster starrten, weil er noch nicht angekommen war. Ein Wunder, dass sie ihn noch nicht mit SMS zugepflastert oder angerufen hatten, wo er blieb. Als er das Wort wiederholte, tat er es mit ziemlichem Nachdruck. “Fehler.”

“Puh.” Niels wusste nicht wirklich, was er dazu sagen sollte. “Das… das tut mir so leid, ehrlich. Und ich halte dich wahrscheinlich auch noch davon ab, zu deiner Familie zu fahren. Ich bin so ein Idiot.” Er verzog das Gesicht. “Aber… ich habe seit vier Jahren nicht mehr mit meiner Mutter gesprochen. Ich wollte… ich würde. Ich hab’ Angst. Aber sie weiß immerhin, wo ich bin.” Niels hoffte zumindest, dass sie das wusste, und dass Angelika sie auf dem Laufenden hielt, was ihren Jüngsten anging. Der Gedanke an seine Mutter war ein weiteres Kapitel in der Sammlung “Dinge, die wieder nach oben wollen”. Seine Mutter durfte niemals erfahren, was geschehen war. Er wollte das Thema wechseln, und vorhin hatte Ethan etwas erwähnt, das seine Aufmerksamkeit erregt hatte. “Habe ich das richtig verstanden, du warst auch mal kein Jäger?” Er biss auf sein Zungenpiercing, hoffentlich war das nicht zu privat, aber er wollte nicht mehr über Maria Heckler nachdenken. Dafür war er immer noch nicht bereit.

“Gut, dass sie’s weiß.” Das kam beinahe heftig heraus, und Ethan fuhr seinen Tonfall erst wieder einen Zahn herunter, ehe er sich Niels’ Frage zuwandte. “Mhm. Bis sechzehn keine Ahnung. Ich nicht. Familie nicht. Deswegen ja. Zu gefährlich. Und: Wie erklären?” Er schnaubte leicht, als er wieder daran denken musste, wie er im Sommer versucht hatte, den Harrdhu als ‘verrückten Mörder’ darzustellen und so grandios daran gescheitert war. Vor allem bei Alan. Dann runzelte Ethan die Stirn. Das hatte der jüngere Jäger vermutlich gar nicht gemeint mit seiner Frage. Er nickte dem Studenten zu. “Und ja. War mal raus. Knapp ein Jahr. Wollte länger. Eigentlich für immer.” Er biss die Zähne aufeinander. “Aber.”

“Es holt einen wieder ein, egal, wo man hingeht. Man kann es nicht abstellen.” Niels dachte daran, wie Gustav in München bei ihm und Philip aufgetaucht war. Er hatte immer noch keine Ahnung, wie sein Vater das geschafft hatte, aber vielleicht hatte er Benedikt einfach auf seine Frau angesetzt oder ähnliches, das Niels sich gar nicht vorstellen mochte. “In meinem Fall liegt es mir im Blut.” Er hatte jedoch den Eindruck, dass das nicht das war, was Ethan gemeint hatte. “Bei mir war es tatsächlich in Meredith, wo ich wieder so richtig mit dem Übernatürlichen konfrontiert wurde.” Die Gitarre auf dem Festival zählte er jetzt nicht wirklich als Jagd-Erlebnis, das war eine nette Anekdote, die er sogar nicht eingeweihten Personen erzählen konnte. Aber Meredith, das war ein anderes Kaliber gewesen. “Ich wollte es nicht. Aber.”

“Verstehe”, murmelte Ethan. Meredith. Der Name des kleinen Ortes brachte ihm die Bilder wieder ins Gedächtnis. Der Junge mit den herausgeschnittenen Augen. Die beiden schwarzäugigen Dämoninnen. Die Anstrengung des Exorzismus. Der Schmerz in den Ohren. Und das Gespräch mit Niels. Ethan musste ein wenig schmunzeln, als ihm wieder einfiel, wie sicher er sich für eine Sekunde gewesen war, dass der hitzköpfige junge Deutsche ihm eine reinhauen würde, als er erkannte, wen er vor sich hatte. Wie Niels versucht hatte, zurückzurudern, um ihm und Fey ihre Privatsphäre zu lassen. Damals hatte Ethan nur ein ‘kompliziert’ herausgebracht. Aber Niels verdiente es zu wissen, was zwischen seiner Schwester und ihrem Ex gestanden hatte. Ethan atmete tief durch. “Fey. Ging nicht. Musste… Hätte sie umgebracht.”

“Umgebracht?” echote Niels. Wovon verdammt nochmal redete Ethan da? “Was… verdammt, umgebracht?” Hatte er sich verhört? War das ein schlechter Scherz?
Ethan schluckte kurz, ehe er nickte. Das Gesicht verzog. “Fluch.”
Niels überlegte jetzt ernsthaft, ob Ethan ihn zum Narren halten wollte. “Was für ein Fluch denn? Wenn du einer Frau zu nahe kommst, fällt sie tot um?” Flüche waren etwas für Gustav Hecklers engstirniges Weltbild, das hinter dem Ortsschild von Rabenstein endete. Niels hatte niemals damit gerechnet, dass es so etwas wirklich gab.

Ethan zog die Brauen zusammen, als er Niels’ spöttischen Tonfall hörte. “Fast.” Nur mit Mühe presste er das Wort heraus, und beinahe hätte er es dabei belassen. Aber Niels verdiente es zu wissen, warum er Fey abgesägt hatte. “Beim dritten Mal.” Die Erinnerung an Coleens Spottlied dröhnte ihm in den Ohren, überlaut, und Ethan schloss die Augen. Ballte die Fäuste. Nur zweimal hatte er den zweiten Vers je zu hören bekommen. Fanal. Warnung. Beim zweiten Mal jedenfalls. Oh Himmel, wie hatte er ihn beim ersten Mal nur ignorieren können? Einfach abtun? Mit all seiner Erfahrung, all dem Training, das er von Cal bekommen hatte, all seinen Jägerinstinkten, auch wenn es nur zwei Jahre gewesen waren? Zwei Jahre Vollzeitjagd, das hätte genug sein müssen. Er konnte nicht sagen, er habe es nicht wissen können. Er hätte es wissen können. Er hätte es wissen müssen. Ethans Wangenknochen traten noch etwas mehr hervor als normalerweise ohnehin schon, so stark biss er die Kiefer aufeinander.

Fuck. Fuckfuckfuck. Niels hatte einen schlechten Witz machen wollen, hatte wieder schneller geredet als gedacht. Aber das hier war kein schlechter Witz, das hier war verdammt nochmal die Realität. “Fuck”, entfuhr es ihm dementsprechend. “Sorry, es tut mir leid… ich weiß, ich sollte manchmal erst denken und dann reden. Aber ich dachte echt… nein, ich hab überhaupt nicht gedacht. Fuck!” Wütend auf sich selbst und seine Reaktion tat Niels das erstbeste, was ihm in den Sinn kam: Seine Faust in irgendetwas schlagen. Die Innenverkleidung des Chevys war allerdings wenig beeindruckt von seiner Schlagkraft, das graue Kunstleder verzog sich etwas und ging dann in seinen alten Zustand zurück. “Wusste Liz das alles?” wollte er jetzt wissen, nachdem er tief Luft geholt hatte, um sich zu beruhigen.

Reiß dich zusammen. Reiß. Dich. Verdammt. Nochmal. Zusammen. Mit einiger Anstrengung brachte Ethan sich zurück unter Kontrolle und schüttelte den Kopf. Nickte dann und hob schließlich etwas hilflos die Schultern. “Erst nicht. Wusste nicht, dass sie… bescheid wusste. Wie erklären? Fluch? Haha. Eh nicht geplant. Einmal… One Night Stand. Kommt vor. Zweites Mal… Weile später. Plötzlich: Puh. Gefühle. Ging nicht. Durfte nicht. Wie gesagt: wie erklären? Also… feige.” Ethan zog ein verlegenes Gesicht. “Standard-Arsch-Spruch. Nicht du, ich. Besser, dachte ich. Haha.” Er seufzte. “Nur dann: Job. Fey: Jägerin. Also doch erzählt. Ähm. Naja. Als sie fragte. Dachten dann, wir versuchens. Fluch lösen, gemeinsam. Nur…” Ethan seufzte, drehte die Handflächen nach oben. “Doch nicht genug Gefühle.” Da war es dann Fey gewesen, die ihn abgesägt hatte. Aber das musste er Niels nicht unbedingt aufs Brot schmieren.

“Und jetzt? Ich meine, du bist das Ding doch immer noch nicht los. Was machst du jetzt?” Er erinnerte sich an ihr Gespräch vorhin auf der Straße. “Du hast doch eine Freundin, oder? Wie…” Nein, das ging ihn nichts an. Man konnte auch eine Beziehung führen, ohne Sex zu haben, denn anfassen ging ja offensichtlich. “Und Liz hätte ich mehr zugetraut. Aber die scheint ja wirklich in diesen Lord Alfie verknallt zu sein.” Niels schüttelte sich. Er hatte nie herausgefunden, was an ihm Alfred Cochrane-Bannister nicht gepasst hatte: Sein Aussehen, seine Herkunft, seine Sexualität – oder alles zusammen. Er legte auch keinen Wert darauf, es herauszufinden, und er hoffte, dass der Adlige nicht Felicitys Wut auf Niels für sich nutzte und die Kluft zwischen den Geschwistern vertiefen wollte. “Sorry. Der Kerl ist so spannend wie eine Büroklammer und so sexy wie ein Stück Holz. Und ich will eigentlich gar nicht über ihn reden.”

“Ich lebe damit”, antwortete Ethan auf Niels Frage. “Muss ja. Freundin? Geht irgendwie. Händchenhalten und hoffen. Soll n Weg geben, angeblich. Wir suchen. Teil haben wir schon.” Wieder hallten Sams Worte in seinem Kopf nach, und diesmal sprach er sie aus, während er, beinahe als sei das ein Halt für ihn, den Anhänger mit dem Baum des Lebens unter seinem Hemd berührte. “Fluch loswerden, dann weitersehen.” Er sah zu Niels hinüber, lächelte dann schief. “Hab gemeint, was ich in Meredith gesagt hab. Ich wünsch Fey alles Glück.”

“Ich ihr ja auch. Nur vielleicht nicht unbedingt mit Alfred, sondern… “ Mit dir? Schon eher, auch wenn da immer noch dieser ganz leichte Stich war, ein kleines Pieksen in der Magengrube. Er erinnerte sich an Ethans Zögern vorhin, als bei ihm der Groschen gefallen war, dass Niels schwul war. Jetzt oder nie. Irgendwann würde Ethan doch erfahren, wie seine Gefühle ihm gegenüber gewesen waren, und da konnte er es ihm auch gleich selber sagen. “Ich… ich muss dir was sagen. Wegen Meredith. Warum ich damals zu dir und Lyle gekommen bin. Warum ich auch zu euch gekommen bin.” Ethan warf ihm einen langen Blick zu, aber Niels merkte, dass ihn dieser Blick nicht mehr so nervös machte wie damals. Vielmehr musste er an einen anderen Mann denken, dessen Bild sich jetzt vor das von Ethan schob in seinen Gedanken. “Ich… ich… Verdammt, ich wollte dich kennenlernen. Du warst… bist… mein Typ. Ich glaube, ich war schon ein bisschen verknallt in dich.” Ethan sagte nichts, und Niels schob sicherheitshalber hinterher: “Aber das ist vorbei. Und abgesehen davon, du bist nicht nur hetero, sondern der Ex meiner Schwester. Alles safe.”

Oh. Oho. War sein Gedanke vorhin also doch nicht so falsch gewesen. Nur das jetzt so rundheraus bestätigt zu hören… “Ähm. Also. Ähm”, druckste Ethan und schimpfte sich innerlich einen Idioten. Reiß dich zusammen. Ernsthaft jetzt! Nur weil er gesagt hat, dass er mal in dich verknallt war, ist er doch jetzt nicht auf einmal eine Gefahr – oder hast du etwa Angst, der könnte dich umdrehen? Also.
Ethan räusperte sich und versuchte es von neuem. “Vorhin. Als du’s gesagt hast. Fast schon sowas gedacht. Wegen May Creek.”

“Kommst du damit klar?” wollte Niels wissen. “Ich meine, ich kenne genug Leute, die ein Problem mit Schwulen haben.” Er holte tief Luft, bevor er sich seine nächsten Worte überlegte. Aber Ethan hatte ihn ins Vertrauen gezogen, und er hatte ihn bis jetzt noch nicht gebeten, wieder auszusteigen, weil er Angst hatte, dass Niels ihm an die Wäsche ging. “Die ein großes Problem mit Schwulen haben. Wie mein Bruder und mein… Stiefvater. Mein zweiter Bruder hat ihnen gesteckt, dass ich mich darüber informieren wollte, wie ich damit lebe, ich meine, ich bin in einem streng katholischen Elternhaus groß geworden, Schwule sind des Teufels für meinen Stiefvater.” Er stockte kurz. “Das hab ich dann am eigenen Leib erfahren dürfen.” Er schob sich noch einmal den Ärmel hoch, denn aus der Nähe sah man auch unter den Tätowierungen die Narben an seinen Handgelenken. “Sie haben mir regelrecht aufgelauert. Dann wurde ich in den Keller gesperrt und dann…” Niels spürte, wie seine Stimme versagte, er konnte es immer noch nicht aussprechen. Er zog die Winterjacke aus – egal, was Ethan jetzt dachte – und schob seinen Hoodie und das Shirt nach oben. “Das.”

Oh Mann. Oh. Mann. “Scheiße”, entfuhr es Ethan, als er die Narben sah, die von den Tätowierungen auf Niels’ Rücken zwar kunstvoll, aber nicht vollständig verborgen wurden. “Verdammte Scheiße!” Elender Drecksmist, was waren das für Ungeheuer, die einem Verwandten – einem Jugendlichen! – so etwas antaten? Die überhaupt einem Mitmenschen so etwas antaten. Calebs Vater fiel ihm ein. Samanthas Eltern. Lag sowas Jäger-Familien im Blut? Aber Colonel Hagen war kein Jäger gewesen, soweit Ethan wusste, und Sams Eltern hatten bei aller unbarmherzigen Strenge, gnadenlosem Drill und ständigem durch Monster in Lebensgefahr bringen – wofür Ethan sie immer noch aus vollstem Herzen hasste – ihre Tochter niemals derart ausgepeitscht. Sprachlos starrte Ethan den jungen Deutschen an, bis er dann doch irgendwann die Worte wiederfand. “Scheiße, Mann. Das… Oh Mann. Tut mir leid.” Er runzelte die Stirn. “Schwulsein austreiben, oder wie? Oh Mann.” Scheiße. Er wusste echt nicht, was er darauf sagen sollte. Vielleicht am besten das Thema… nicht wechseln, aber auf Niels’ Frage antworten. “Ob ich klar komme? Weiß nicht. Glaub schon. Hoffe. Werd mein Bestes tun. Ist… klingt albern, aber kenne nicht viele Schwule bisher. Gar keine eigentlich. Muss ich vielleicht erst ne Weile verarbeiten. Wenn… Wenn ich komisch zu dir sein sollte, dann deswegen. Nicht wegen dir.” Zögernd fuhr er sich mit der Hand durch die Haare. “Macht das Sinn?”

Niels zog sich die Jacke wieder über, er zitterte, und das nicht nur wegen der Kälte, die in den Chevy kroch. Ethan war der zweite Mensch neben Irene Hooper-Winslow, der wusste, was passiert war, und es fühlte sich immer noch sehr seltsam an. Selbst Felicity und Delia wussten nicht so genau Bescheid. Felicity gegenüber hatte er die Narben nicht erklären müssen, sie war davon ausgegangen, dass es Gustav gewesen war, und vor Delia hatte er sich bisher immer versteckt.
Er nickte auf Ethans Frage. “Wenn das mit Dämonen klappt, warum dann nicht auch bei… sowas? Muss man nur härter durchgreifen. Dämonen bedrohen einen schließlich nicht in seiner Männlichkeit.” Er merkte, wie er sich wieder in den Sarkasmus floh, mit dem er eine Distanz zu dem Erlebten aufbaute. “Und hey, du bist schon mal nicht schreiend weggerannt oder hast mir gesagt, ich sei unnatürlich”, meinte er dann auf Ethans Erklärung hin. “Damit kann ich leben, das ist ok. Wir haben heute beide einiges über den anderen erfahren, was sich setzen muss. Ich würde mich freuen, wenn du mir nicht völlig aus dem Weg gehst, aber ich könnte es verstehen.”

Ethan nickte erst zu Niels’ Worten, schüttelte dann aber gleich darauf den Kopf. “Quark.” Beinahe empört sah er den Studenten an. “Völlig aus dem Weg gehen? Sehen uns eh nicht so oft. Und außerdem: Quark. Nicht so viele gute Jäger da draußen, denen man so viel erzählt hat und von denen man so viel weiß.”
Ein schiefes Lächeln zog über Ethans Gesicht, als ihm bewusst wurde, wie sehr er sich in den letzten Minuten warmgeredet hatte. Nicht, dass er es bedauerte. Er hätte zwar im Leben nicht damit gerechnet, dass er Niels Heckler so viel anvertrauen würde, und der ihm, aber irgendwie fühlte es sich richtig an. “Danke dafür, übrigens. War bestimmt nicht leicht. Weiß das Vertrauen echt zu schätzen.”
Flüchtig überlegte er, wie es Niels wohl damit ging, wegen seiner Neigungen von allen möglichen und unmöglichen Seiten angefeindet zu werden. Und – bei dem Gedanken an die Narben, die der Jüngere ihm eben gerade gezeigt hatte, lief es ihm immer noch kalt den Rücken herunter – Schlimmeres. Viel Schlimmeres. Scheiße. Die eigene Familie, verdammt. Nur, weil der Junge sich von Männern angezogen fühlte. Ja, in der Bibel mochte irgendwo geschrieben stehen, dass Männer nicht mit Männern liegen sollten, aber sogar von den Kirchen war das doch inzwischen schon größtenteils akzeptiert, oder? Ganz abgesehen davon, dass der Herr der Welt sich vermutlich ohnehin keinen Deut darum scherte, wenn der nicht seit der Apokalypse doch wieder angefangen hatte, Interesse an seiner Schöpfung zu zeigen. Und selbst wenn: Nur weil man laut Bibel nicht mit Männern schlafen durfte, hieß das doch noch lange nicht, dass Männer, die sich so fühlten, sich nicht so fühlen dur—
Ach. Du. Scheiße. Ethan konnte ein halb sarkastisches, halb ehrlich amüsiertes Auflachen nicht unterdrücken. Mit einem belustigten Schnauben lehnte er den Kopf in den Nacken und grinste die Autodecke an. Oh Mann. Was für eine unglaubliche Ironie.

“Was?” Niels verstand nicht, was in Ethan vorging, und er würde gerne mitlachen. Was war auf einmal so komisch?

Niels’ Frage, oder besser der indigniert-verständnislose Tonfall, in dem der junge Deutsche sie stellte, hätte Ethan beinahe wieder ein Auflachen entlockt, aber er rief sich zur Ordnung und drehte sich zu dem Studenten um. “Tschuldigung. Ist. Ist mir nur grad” – jetzt konnte er den amüsierten Pruster doch nicht unterdrücken – “was aufgefallen. Fluch. Schlecht formuliert. Ausdrücklich Sex. Händchenhalten geht. Kuscheln geht.” Ethan zögerte kurz, aber weniger, weil es ihm peinlich war oder weil die Worte nicht kommen wollten, sondern diesmal tatsächlich ausnahmsweise für eine kleine, effektvolle Pause. “Und ausdrücklich Frauen.” Er grinste ein Grinsen, das sich der Ironie der Situation vollkommen bewusst war. “Wär doch die Lösung. Scheiß auf den Fluch.” Ein letztes Schnauben, dann wurde Ethan wieder ernst. “Müsst mich nur in n Typen verlieben. ‘Nur’. Ha. Nunmal nicht.” Aber sowas von gar nicht. Ethan stellte fest, dass der Gedanke ihn nicht mit Abscheu erfüllte oder er ihn für widernatürlich hielt; die Vorstellung war nur einfach so vollkommen nicht seins. Fremd. Nichts als kühle, nüchterne Theorie. Und außerdem: Sam. Von ganzem Herzen. “Nix für ungut.” Er lächelte schief. “Also doch weitersuchen. Haben ja schon zwei von drei Sachen. Oh. Übrigens. Danke nochmal. Dein Bild war echt nützlich. Nummer zwei und so.”

“Ich würde dich immer noch nicht von der Bettkante schubsen”, meinte Niels jetzt und musste grinsen. “Aber ich glaube nicht, dass dir das irgendwie hilft oder dass du das wirklich willst. Du stehst auf Frauen. Fertig.” Er grinste immer noch, als er meinte: “Davon abgesehen, für Experimente stehe ich nicht zur Verfügung.” Er hatte noch nie verstanden, was so interessant daran war, einen Hetero zu knacken. Wahrscheinlich war das genauso ein Ding wie eine bestimmte Frau ins Bett zu kriegen. Sicher, er hatte One-Night-Stands gehabt – ganze zwei – aber das war nichts für ihn. In Liebesdingen war er konservativ, und wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre er auch nicht unbedingt Single. Aber dass es mit Philip auseinander gegangen war, das war zu einem großen Teil seine eigene Schuld.
Er schüttelte nur leicht den Kopf, dann fragte er: “Mein Bild? Welches Bild?”

Ethan sah den Studenten einigermaßen erstaunt an. “Zeichnung. Skyline. Barry nichts gesagt? Philadelphia.” Das nächste Wort knurrte er beinahe. “Hexe.”

Niels war überrascht. “Barry hat nichts gesagt. Er hat mich gefragt, ob ich eine Zeichnung für ihn anfertigen könnte, nach einer Beschreibung, die er mir schickt. Er hat mir aber nicht verraten, dass die für dich war.” Er überlegte kurz, dann musste er grinsen, als er an die “Bezahlung” dachte. “Er hat mir eine Kiste Bier geschickt als Dank. Das fand ich großartig, ich hab fast ein bisschen Heimweh bekommen.”

Ethan nickte. “War für mich. Lange Geschichte, aber: Hinweis auf die Hexe. Brauchte was von ihr. Zum Fluchlösen.” Er verzog das Gesicht, als er an das Escherhaus zurückdachte. An die gehirngewaschenen Bewohner. An die vergifteten Kratzer, die Coleens Kater Sam beigebracht hatte. “Habens bekommen. Aber war… unschön.” Kurz presste Ethan die Lippen aufeinander, ehe er den Kopf schüttelte und durchatmete. “Nur noch eins jetzt.” Zukunft. Heh. Wie auch immer das gehen sollte. Musste er sich demnächst auch mal ernsthaft Gedanken drüber machen. Aber eins nach dem anderen. Die Wiccas aus Pemkowet hatten sich auch noch nicht zu dem Ritual geäußert. Ethan straffte sich und sah den jüngeren Jäger direkt an. “Jedenfalls. Dein Bild war wichtig. Also danke.”

Niels spürte, wie er innerlich ein wenig wuchs. “Bitte, gern geschehen. Und wenn du noch irgendwas brauchst – Waffen, Munition, einen Jäger oder einfach jemanden, mit dem du um die Häuser ziehen kannst – dann melde dich.” Er machte eine kurze Pause. “Und ich hab auch zu danken. Das war nicht selbstverständlich, dass du mich begleitest, mir hilfst und das alles. Danke, Mann. Ich hoffe, du kommst noch halbwegs rechtzeitig zu deiner Familie.”

Wieder nickte Ethan. “Klar. Andersrum auch.” Er bedachte den anderen mit einem amüsierten Blick. “Kiste Bier, wie? Wenn du mal in Burlington bist: ganz gute Privatbrauerei.”
Bei der Erwähnung seiner Familie warf Ethan dann einen Blick auf die Uhr. “Geht schon. Stunde Fahrt. Bring dich erst.” Er ließ den Motor des kleinen Mietwagens an und fädelte ihn in den freitaglichen Frühabendverkehr ein.
Manhattan am Tag vor Weihnachten war zwar etwas anstrengend, aber der winzige Chevy nahm deutlich weniger Platz ein als der D21 und fand leichter Lücken im Verkehr. Es dauerte ein bisschen, natürlich dauerte es, aber etwas über eine halbe Stunde später hielt Ethan vor dem Haus in der Upper East Side, das Niels ihm ausdeutete.
Mit einem anerkennenden Blick auf das vornehme Sandsteingebäude stieg er aus und klappte den Kofferraum auf, damit sein Begleiter seine Sachen herausholen konnte.
Ehe der Student nach der Gewehrtasche und der anderen Ausrüstung greifen konnte, hielt Ethan ihm die Hand hin, den Arm nach oben angewinkelt, und als Niels auf dieselbe Weise einschlug, klopfte Ethan ihm in der kurzen Andeutung einer Umarmung auf den Rücken.
“Wünsch dir was. Feier schön.”

Niels erwiderte die unerwartete Geste. “Du auch. Gute Fahrt, und… hoffentlich wird alles gut. Irgendwie. Wenn ich dir nochmal irgendwie helfen kann…” Er nahm seine Ausrüstung aus dem Kofferraum des Chevys und blieb ein wenig unsicher auf dem Bürgersteig stehen. Mit zusammengekniffenen Augen sah er an dem Haus hoch. “Ich… gehe dann. Vielleicht ist Felicity schon da. Also dann. Man sieht sich.” Er lächelte Ethan noch einmal zu, dann beobachtete er, wie der Ältere in den kleinen Chevy stieg und davonfuhr, dann atmete er tief durch.

Alles wird gut. Irgendwie.

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Niels betrat das Haus, grüßte den Portier und fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben. Es schien niemand zuhause zu sein, sicher waren die Jamesons in der Kirche oder bei irgendeiner Wohltätigkeitsveranstaltung. Er betrat sein Zimmer, warf seine Tasche in eine Ecke und machte sich daran, die Winchester und die Luger in ihren Tresor einzuschließen, in Jacobs Arbeitszimmer stand immer noch der Schrank, in dem auch noch einiges andere seiner Ausrüstung lag.
Ein leichtes Grummeln in der Magengegend verriet Niels, dass er schon länger nichts mehr gegessen hatte, und er machte sich auf in Richtung Esszimmer. Er öffnete die Tür und machte gleich wieder einen Schritt zurück, als er Felicity am Tisch stehen sah. “Sorry. Ich wollte nicht… ich wusste nicht…” Sie sah auf, sagte aber nichts. “Wenn du willst, dann gehe ich wieder. Es ist deine Familie, ich sollte nicht stören.” Er hatte zwar keine Idee, wo er hinsollte, aber vielleicht konnte er für die Feiertage bei Chloe unterkommen. Er machte Anstalten, das Esszimmer wieder zu verlassen, als Felicity auf ihn zukam. “Nein, bitte… bleib hier.” Niels sah seine Schwester überrascht an. “Ich möchte mich bei dir entschuldigen.” Immer noch skeptisch, zog er eine Augenbraue hoch, und sie lächelte. “Weißt du, dass du genau wie Dad aussiehst, wenn du das machst?”

Ja, ich weiß, dass ich aussehe wie dein Dad. Das könnte daran liegen, dass ich sein Sohn bin.

“Ich hab dich vermisst, Heckler. Und ich war eine wirklich, wirklich dumme Kuh. Kannst du mir verzeihen?” Sie sah ihn aus großen blauen Augen an, doch er zögerte. Immerhin hatte sie ihn in den letzten Wochen wie Luft behandelt, als sei er ein Aussätziger oder habe darum gebeten, dass sein Leben so eine Wendung nahm.
Als er nicht antwortete, kam sie näher und streckte die Arme aus. “Es tut mir so leid,” murmelte sie, und er merkte, wie schwer es ihr fiel, über ihren Schatten zu springen und einmal zuzugeben, dass nicht alles nach ihrem Willen ging. “Ich war so wütend auf Dad. Wegen dem ganzen hier.” Sie machte eine ausladende Handbewegung, die anscheinend auch Niels und ganz New York mit einschließen sollte, sicher war er sich nicht. Sie wischte sich über die Nase, und Niels bedauerte es in diesem Moment doch, kein Taschentuch dabei zu haben. “Mein Vater ist.. war mein Held. Er war charmant, gutaussehend und der tollste Dad, den ich mir vorstellen konnte. Wir waren die perfekte Kleinfamilie, Mom, Dad und ich. Und dann kommst du plötzlich hier an und alles ist anders.” Niels zog wieder eine Augenbraue hoch. “Glaubst du, für mich ist das einfach? Klar, es erklärt im Nachhinein eine Menge. Aber ich hab nach der ganzen Scheiße in diesem Jahr bestimmt nicht darum gebeten, dass ich zum Abschluss auch noch gesagt kriege, dass ich ein Bastard bin.” Er wurde jetzt langsam wütend, denn Felicitys Bad im Selbstmitleid ging ihm auf die Nerven. “Was willst du eigentlich?” fragte er sie, und er war sich dessen bewusst, wie provokant diese Frage war. Aber anscheinend musste man Felicity mit dem verbalen Äquivalent eines Packen an der Schulter und schütteln kommen. “Ich will mich entschuldigen”, gab sie jetzt trotzig zurück. “Ich habe gestern lange mit Mom geredet. Himmel, wenn sie damit klarkommt, dass ihr Mann fremd gegangen ist und einen Sohn hat, dann sollte mir das doch nicht so schwerfallen.” “Aber?” Niels war sich immer noch nicht ganz sicher, ob das jetzt ein Friedensangebot war. “Kein Aber. Ich will damit sagen, dass du mir verdammt fehlen würdest, wenn es dich nicht gäbe. Und eigentlich ist egal, was uns verbindet. Fakt ist, du kannst nichts dafür, was Dad getan hat. Du bist mein kleiner Bruder, mein Niels. Und ich will dich um nichts in der Welt wieder hergeben.” Tränen standen ihr in den Augen, und jetzt konnte Niels doch nicht anders, er umarmte sie und drückte sie fest an sich. “Du bist wirklich eine dumme Kuh”, flüsterte er in ihre Haare, “aber ich hab’ dich trotzdem lieb.”
Felicity lächelte, als sie sich aus seiner Umarmung löste. “Und jetzt setzen wir uns da rüber, holen uns was zu trinken aus der Küche, und ich erzähle dir alles, was du wissen willst.” Mit diesen Worten ging sie zur Couch, und Niels folgte ihr. Dann jedoch fiel ihm etwas ein, was ihn schon länger umgetrieben hatte. “Liz, meinst du, Jacob… Dad… hätte ein Problem damit, dass ich… wie ich… dass ich auf Männer stehe?” Sie schüttelte energisch den Kopf. “Nein. Vielleicht wäre er nicht gleich begeistert gewesen, aber er hätte definitiv nicht so bescheuert reagiert wie sein Bruder. Dad war schon klar, dass die Welt nicht untergeht, wenn zwei Männer Sex miteinander haben. Und jetzt lass uns Fotos angucken.” Sie zog ein Album aus der Tasche, die neben der Couch stand, und bedeutete Niels, sich neben sie zu setzen. Sie schlug das Album auf und deutete auf ein Bild. Jacob lehnte entspannt an seinem Auto, ein Arm auf das Dach gelegt, er lächelte den Fotografen freundlich an. “Da waren wir in den Catskills. Da war ich elf. Mitten im Urlaub musste Dad weg, weil ein Freund von ihm von einem Geist bedroht wurde. So war er.” Niels lächelte, während er Felicity zuhörte und jedes Wort aufsog. Sie erzählte ihm von weiteren Urlauben, und Niels bekam endlich ein Bild von Jacob, dem Familienvater. Jacob, dem Philanthropen. Jacob, dem Jäger. Irgendwann löste Felicity das Foto vorsichtig aus dem Album und reichte es Niels.
“Damit du Dad immer bei dir hast. Frohe Weihnachten, kleiner Bruder.”

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Bis der kleine Chevy aus Manhattan gekrochen war und die George Washington Bridge hinter sich gelassen hatte, verging nochmal eine gute halbe Stunde. Aber wenigstens war auf der anderen Seite des Hudson River nicht mehr so viel los, und spätestens, als die Straße ein Stück hinter der Brücke in den vierspurigen Palisades Interstate Parkway überging und dieser dann kurz hinter Englewood in den Wald führte, waren nicht mehr sonderlich viele andere Autos unterwegs. Einerseits gut, weil Ethan anstandslos vorankam und es nicht mehr lange dauern würde, andererseits aber nicht so gut, weil er sich nicht mehr so stark auf den Verkehr konzentrieren musste und prompt wieder zu grübeln anfing.

Die Vollsperrung auf der I-678 war inzwischen aufgehoben, teilte ihm der Verkehrsfunk irgendwann mit, der Monsterstau langsam in Auflösung begriffen. Perfektes Timing, was seine Ausrede für die Verzögerung anging. Sehr gut.

Wie im Sommer auch schon, blieb Ethan vor dem Haus seiner Eltern erst einmal ein paar Minuten im Auto sitzen. Rauchen ging in der Mietkarre nicht, aber er atmete tief durch und ging im Geist die Präsentabilitätscheckliste durch. Stiefel: schon lange eingelaufen und das Leder von deutlichen Gebrauchsspuren gezeichnet, aber vorzeigbar. T-Shirt, Hemd und Pullover: völlig in Ordnung. Jeans und Überjacke: etwas staubig von dem verlassenen Geisterapartment. Er klopfte die Hosen ab, so gut es ging, und zog den Mantel kurz aus, um ihm dieselbe Behandlung angedeihen zu lassen. Haare: wirr, aber diesmal hatte er daran gedacht, einen Kamm einzustecken, und bekam seine Frisur einigermaßen gebändigt. Würde nicht lange halten, wie er sich kannte, aber zumindest mal für den Anfang. Kälte und Zittern von dem Kontakt mit Betty Fitzgerald: weg. Gut. Emotionales Gepäck von der Begegnung mit den Geistern und von seinem Gespräch mit Niels: soweit erstmal weggeräumt. Okay. Allgemeines Befinden: wilde Mischung aus Vorfreude und Beklommenheit.

Ethan warf einen Blick aus dem Autofenster zum Haus und dessen festlichem, zum Glück nicht übertriebenem, Lichterschmuck hinüber. Weihnachten. Oh Mann. Er war sich gar nicht mehr sicher, wie er selbst sich in Sachen Weihnachten fühlte. Nicht nach dem, was er inzwischen über die Vorgänge im Himmel wusste. ‘Gott kümmert sich nicht.’ Wie ging das mit dem Fest zu Jesu Geburt überein? Der Freude über das Geschenk der Gnade Gottes in Christus? So gar nicht, eigentlich. Ethan presste die Zähne aufeinander. Natürlich würden sie morgen, am Heiligabend, den Baum schmücken, wie immer. Und Ethan könnte einiges darauf verwetten, dass seine Eltern darauf bestehen würden, dass er sich daran beteiligte. Natürlich würden sie das. Er war zum ersten Mal seit elf verdammten Jahren wieder an Weihnachten zuhause. Ob sie den filigranen silbernen Engel noch hatten, den von dem Ausflug in das Weihnachtsdorf bei Wilmington? Acht war Ethan da gewesen, und er erinnerte sich noch genau an Alans und seine Begeisterung bei dem Gedanken, Santa und die Elfen zu treffen, auch wenn Mom und Dad ihnen da eigentlich schon gesteckt hatten, dass es Santa und die Elfen gar nicht wirklich gab. Garantiert hatten sie den Engel noch. Oh Mann. Den würde jemand anderes am Baum anbringen müssen, sonst konnte Ethan nicht dafür garantieren, dass das Ding die Aktion unversehrt überleben würde. Gnade Gottes. Heh.

Aber so sehr Weihnachten sich eigentlich um die Geburt Jesu drehen sollte, es war eben auch und vor allem ein Familienfest. Oder zumindest musste er es als das sehen. Zeit für die Familie. Mit der Familie. Das Religiöse ausblenden, so gut es ging. Die Zeit mit der Familie genießen. Wenn das denn ging. Musste gehen, verdammt. Wenn da nicht die ganzen unbequemen Themen wären. “Mach einen Deal mit ihnen: Keine Fragen über die Feiertage”, hatte Barry vorgeschlagen, als Ethan bei ihrem letzten Gespräch dem Älteren seine Hin- und Hergerissenheit gebeichtet hatte. Das war ein ziemlich guter Plan. Musste er versuchen, ob er sie dazu kriegen konnte. Oder ansonsten eben: Augen zu und durch. Trotzdem freuen.

Noch einmal atmete Ethan tief durch. Stieg dann aus dem Mietwagen und zündete sich draußen eine Zigarette an. Nur ein paar Züge, dann trat er den Glimmstengel aus und ging auf das lichtergeschmückte Haus zu. Das hell erleuchtete Wohnzimmerfenster war eine warme, wohnliche Oase in der Dunkelheit des Dezemberabends.
Als Ethan klingelte, dauerte es eine Sekunde, dann konnte er eine junge, weibliche Stimme von drinnen hören. Fiona. “Er ist da!"
Und dann ging die Tür auf, und seine Mutter stand vor ihm. Streckte die Arme aus und lächelte ihn an. “Ethan! Komm rein.”

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... this probably won't end well
Get your kicks on route 666

I’m not gonna let the emotions take over
This probably won’t end well, but maybe I can’t tell
Nothing will change, so just go through the motions
It’s better in my mind, believing our own lie

(All that remains – This probably won’t end well)

Seligman, Arizona. Ein Raubvogel zieht seine Kreise über der Stadt. Seine scharfen Augen folgen einem Mann, der eine schmale Straße entlangläuft. Dessen unstete Bewegungen sind die eines verletzten Tieres. Die Nebenstraße, die in die alte Route 66 mündet, ist spärlich beleuchtet. Eins nach dem anderen flackern und verlöschen die Lichter, die der Mann passiert, als er auf die Kreuzung mit dem Hotel und den zwei Cafés zuhält.

Schneller. Die Tankanzeige der Bonneville neigte sich bedrohlich in den roten Bereich. Im Hintergrund wurden die Sirenen schwächer, aber Lucie konnte nicht sagen, ob sie sich einfach enfernte, oder ob nur das Rauschen in ihren Ohren lauter wurde. Ihr Hals war trocken, die Haare klebten ihr am Kopf, der Motorradhelm engte ihre Sicht ein und machte das Atmen schwer. Ihr Herz raste, und das Pochen in ihrem Bein wurde mit jeder Meile stärker. Auch wenn sie wusste, dass es Einbildung war, so hatte sie doch das Gefühl, dass das Blut in Strömen ihr Bein herunterlief. Oliveiro hatte sie stets gewarnt, dass auch Streifschüsse höllisch schmerzen konnten, auch wenn sie nach kurzer Zeit verheilt waren.

Die Nadel der Tankanzeige überschritt jetzt den letzten weißen Strich und zeigte an, dass nicht mehr viel Zeit war, bis die Bonneville einfach streiken würde. Kein schöner Gedanke, mitten im Nichts von Arizona mit einer Schusswunde und einem leeren Tank zu stranden. Da konnte sie gleich beim FBI anrufen und sich an die kanadischen Behörden ausliefern lassen.
Doch da kam ein Ortsschild in der Ferne in ihr Blickfeld.

Welcome to Seligman
Birthplace of historic route 66

Ok, besser als nichts. Sie rauschte mit Vollgas an dem alten Holzschild vorbei, die Hauptstraße entlang. Vielleicht konnte sie hier irgendwo untertauchen. Bis jemand hier auftauchte, und nach ihr fragte, war sie sicher längst über alle Berge.

Restaurants und Geschäfte sausten an ihr vorbei, Route 66 Gift Shop, Route 66 Roadrunner, Black Cat Bar, Historic Route 66 Automotive, Historic Route 66 Motel, Roadkill Café… Roadkill Café? Der Name sagte ihr etwas. Das Roadkill Café war nicht nur ein einfaches Restaurant, sondern auch ein Roadhouse. Nicht unumstritten, wie Lucie wusste, denn während im vorderen Bereich die Touristen speisten, saßen im hinteren die Jäger, die überlegten, wie sie eben jene normalen Leute vor dem Übernatürlichen beschützten und dabei selbst nicht gesehen wurden. Selbst nicht gesehen werden ist ein gutes Stichwort. Das ist genau das, was du willst. Untertauchen, wegducken, verschwinden. Lucy Baker verschwindet in der Menge, und vielleicht kommt Lucy Ann Morrissey wieder heraus.

Sie bremste vorsichtig ab und umrundete das Gebäude, um durch den Hintereingang das Roadhouse zu betreten und damit die Bonneville von der Straße verschwand. Als sie jedoch im Schritttempo auf den Parkplatz fuhr, spürte sie kurz, wie ihr trotz der Hitze eiskalt wurde. Zwei ramponierte SUVs standen hier neben einem schwarzen Crown Vic mit vergitterter Rückbank. Sei nicht albern, Beauchene. Mit so einer alten Karre fährt doch keiner vom FBI mehr rum. Aber was, wenn doch? Hastig sah sie sich um, doch niemand war zu sehen, der irgendwie nach Fed roch oder aussah.

Dafür standen zwei junge Männer vor einem der SUVs, sie unterhielten sich leise. Der eine trug eine Art Jogginghose und dazu ein Hemd, das aussah wie eine Mischung aus Unterhemd und Sporttrikot. Seine nackten Arme waren mit etlichen Tattoos verziert. Auf seinem Kopf saß ein dunkler Hut, seine Augen waren hinter einer Sonnenbrille verborgen. Er legte den Kopf schief und horchte auf die Sirenen, die jetzt wieder ein wenig lauter geworden waren. Blitzschnell ließ er ein Päckchen Munition in seiner Jacke verschwinden.
“Hey Lady,” grüßte er Lucie, während er sie von oben bis unten musterte. “Du wirbelst Staub auf.” Sein Begleiter, ein Typ mit dunklen Haaren und Bart, musterte sie ebenfalls, doch sein Blick wirkte nicht so sehr, als schätze er die Größe ihrer Brüste ab und ob sie gut im Bett war. Lucie verbuchte ihn gleich unter “Mostly harmless”, während sie den Typen mit dem Hut ebenfalls misstrauisch musterte. Er war gefährlich und würde sich nicht mit einfachen Erklärungen zufrieden geben. Der Schüchterne lächelte jetzt vorsichtig. “Verfolger?” fragte er. Lucie nickte. “Ihr habt mich nicht gesehen, und ich habe euch nicht gesehen.” Jetzt nickte der Schüchterne in Richtung des Roadkill Cafés. “Kücheneingang. Nimm das Bike mit rein.” Lucie warf ihm einen dankbaren Blick zu, dann schob sie die Bonneville durch den breiten Eingang in die Küche.

Der Koch sah sie überrascht an. “Ich bin das neue Liefermädchen,” erklärte Lucie ihm, und er nickte nur, während er sich die Hände an seiner Schürze abwischte. “Ich hab kein Motorrad bestellt,” erklärte er trocken, aber er machte keine Anstalten, Lucie davon abzuhalten, die Bonneville in einer Ecke hinter einigen Kisten abzustellen. Während sie den Helm in der Seitentasche verstaute und die Jacke öffnete, fiel ihr Blick aus dem kleinen Fensterchen. Ein ihr wohlbekannter Latino im blauen Anzug stand dort, er redete gerade mit dem Bärtigen. Zum Glück. Wäre es der andere Knabe gewesen, stünde Cruz wahrscheinlich schon hier in der Küche. Sie waren sich einmal so nahe gekommen, dass er sie fast hatte greifen können, und schon damals war ihr der Blick in seinen Augen aufgefallen, der ihr Angst gemacht hatte. Das war nicht einfach nur die Befriedigung gewesen, eine Verbrecherin gefasst zu haben, nein, das war etwas viel Dunkleres gewesen. Es ging ihm nicht nur darum, seinen Job zu machen, es ging ihm um… sie. Um Lucienne Beauchene.

Der Bärtige gestikulierte jetzt wild und zeigte mit ausgestrecktem Arm in verschiedene Richtungen. Lucie erkannte, dass er Cruz signalisierte, wo sie überall hätte hingefahren sein können und welche Strecke sie wohl zur Flucht genutzt haben könnte. Dann deutete er auf den Crown Vic, woraufhin Cruz irritiert seine Stirn runzelte. Aber was immer der Bärtige gesagt hatte, es schien Cruz überzeugt zu haben, er stieg wieder in sein Auto und verschwand in einer Staubwolke. Lucie spürte, wie ihre Knie weich wurden, als die Anspannung nachließ.

Der Schüchterne sah jetzt in ihre Richtung und grinste, als er bemerkte, dass sie ihn durch das Fenster hatte sehen können. Er zwinkerte ihr zu, doch dann guckte er etwas verschreckt. Lucie lächelte, vielleicht war es nicht seine Art, mit fremden Frauen zu flirten, die er gerade vor dem FBI bewahrt hatte. Er winkte noch einmal, dann humpelte er zu seinem Auto und fuhr davon.

Sein Begleiter jedoch kam jetzt in die Küche. Als er Lucie sah, wanderte sein Blick an ihrem blutenden Bein hinauf und verharrte etwas zu lange unterhalb ihres Gesichts. “Ich musste dem Typen meinen Ausweis zeigen, Lady. Du schuldest mir was.” Sie sah ihn herausfordernd an. Typen wie er waren ihr schon häufiger begegnet. Willst du es gleich hier auf dem Küchenboden tun, oder wollen wir noch was trinken und du sagst mir, wie schön meine blauen Augen sind? Aber bevor er irgendetwas in diese Richtung sagen konnte, grunzte der Koch etwas ungehaltenes und kam zu ihnen herüber. Als der Typ mit dem Hut keine Anstalten machte, zu gehen, wurde er deutlicher. “Jake. Hast du nicht was zu erschießen?” Jake merkte nun, dass er nicht weiterkam. “Jajaaaa. Ich merke mir dein Gesicht, Schnecke. Wir sehen uns.” Er deutete mit Zeigefinger und Mittelfinger auf seine Augen, dann auf Lucie. Sicher sehen wir uns. Ich merke mir auch dein Gesicht, Jake. Weil ich dir bei unserer nächsten Begegnung eine reinhauen werde, wenn du mir zu nahe kommst.
Jake tippte sich jetzt an den Hut und ging durch den Vordereingang nach draußen. Erleichtert ließ Lucie sich auf eine Kiste fallen, die an der Wand stand. Sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Hast es also gerade noch einmal geschafft. Du strapazierst dein Glück schon ziemlich über, Beauchene. Eines Tages wird es vorbei sein.

Oder gerade jetzt. Als Lucie gerade von ihrer Beinwunde aufsah, die sie mit Hilfe des Kochs verbunden hatte, stand ein Mann vor ihr. Nein, falsch. Ihr Mann. Wenn man nach den Gesetzen der Feenwelt von Athol ging. Sie spürte, wie das Adrenalin wieder begann, ihren Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen. Hau ab. Lauf. Weit weg. Irgendwohin, wo du ihn niemals wiedersiehst. Wo er nicht mit seinem Lächeln dafür sorgen kann, dass du dich fühlst wie ein alberner Teenie, der alles um sich herum vergisst. Aber vielleicht hast du Glück, und er ist sowieso sauer, weil du ihm einen Fed auf den Hals gehetzt hast. Du kannst dir sicher sein, dass er jetzt auch auf Cruz’ eigener kleinen Liste steht, direkt neben dir. Er hat dafür gesorgt, dass du entkommst, das nimmt Cruz persönlich.

Aber Nick Morrissey wirkte aufgeräumt und halbwegs entspannt, auch wenn seine Kleidung wieder so aussah, als habe er darin geschlafen. “Ach, hallo,” meinte er nur und lächelte ihr zu. Dann fiel sein Blick auf ihr Bein. “Unfall?” Sie biß die Zähne zusammen. “Ich bin ausgerutscht,” erklärte sie. Er nickte, sagte aber nichts. “Du schuldest mir 8000 Dollar, Morrissey.” Bleib sachlich. Nicht, dass er nachher noch denkt, du hättest auf ihn gewartet. Oder würdest dich freuen, ihn zu sehen. “Ja, da war was… Das Geld ist in meinem Auto.” “Und? Wo ist das Problem?” Er kratzte sich verlegen am Hinterkopf, aber seiner charmanten Aura tat dies wie der zerknitterte Anzug und die staubigen Schuhe keinen Abbruch. “Das Auto ist nicht hier, es liegt auf dem Highway im Graben,” meinte er. Sie sah ihn mit großen Augen an. “Du lässt 8000 Dollar in einem Auto im Graben liegen? Bist du von allen guten Geistern verlassen?” “Ich habe schon ein Abschleppunternehmen angerufen, es müsste jederzeit da sein. Und bevor du weiter schimpfst: Der Typ sah so aus, als würde er keine Fragen stellen.” In diesem Moment klingelte Nicks Handy, und er bedeutete ihr mit einem Handzeichen, dass es der Abschleppunternehmer war. Er ging hinaus, Lucie folgte ihm humpelnd. Sie würde ihn jetzt nicht aus den Augen lassen.

Wie er angekündigt hatte, stellte der Abschleppunternehmer, ein wortkarger Hispanic, wirklich keine Fragen, auch nicht, als Nick auf den Beifahrersitz griff, einen alten Rucksack herausholte und ihn Lucie hinhielt. Als sie die Summe hörte, die der Mann nannte, stutzte sie kurz, aber dann holte sie die entsprechenden Scheine aus der Tasche und drückte sie dem Mann in die Hand. Er sah sie etwas überrascht an, aber dann tippte er sich an seine Basecap und stieg wieder in sein Auto. Nick verschränkte die Arme vor der Brust. “Du hättest das nicht machen müssen.” Sie zog eine Augenbraue hoch. “Ach, ich hatte dir doch angekündigt, dass ich was springen lasse. Außerdem muss die Kohle eh gewaschen werden.” Sie humpelte wieder zurück in die Küche, Nick folgte ihr. “Nein… Schon gut.” “Hast du ein Problem damit, dass eine Frau das für dich macht?” Sie war müde und vollkommen fertig, und sie wollte ihn provozieren, damit er nicht auf die Idee kam, sich um sie zu kümmern. Sie konnte für sich selbst sorgen, sie musste für sich selbst sorgen. “Willst du dich nicht hinsetzen?” fragte er jetzt, wahrscheinlich, um das Thema zu wechseln. “Nein, ich wollte gleich noch einen Marathon laufen.” Nick schüttelte den Kopf und lächelte. “Man könnte meinen, wir sind verheiratet,” schmunzelte er. Jetzt hätte Lucie ihn am liebsten angeschrien, ihren ganzen Frust und Schmerz an ihm ausgelassen. Verschwinde einfach wieder, Morrissey. Ich komme bestens ohne dich klar. Wirklich. “Wir sind verheiratet, wenn du dich erinnerst, Morrissey. Zumindest nach den Gesetzen dieser komischen Stadt.” Ein leichter Druck auf ihre linke Brust erinnerte sie daran, dass sie dort immer noch ein kleines schwarzes Kästchen mit sich herumtrug. Der Brillantring, den er ihr in Athol zugeworfen hatte. Nichts als eine eiserne Reserve. Das Ding ist einiges wert – womit hast du den überhaupt bezahlt, Morrissey? – und wenn es hart auf hart kommt, kann ich ihn immer noch zu Geld machen. Ach wirklich. Das ist der einzige Grund, warum du ihn immer noch mit dir rum trägst, statt ihn in ein Schließfach in San Francisco zu sperren oder Oliveiro zu geben.

Sie zog die Jacke aus und rümpfte die Nase. Eine Dusche war jetzt das allerwichtigste, was sie wollte. Sie schwitzte, und wahrscheinlich roch sie inzwischen wie ein Iltis. Selbst das schien Nick momentan nicht zu stören. Während sie und er noch diskutierten, wollte Lucie frische Kleidung und Duschzeug aus ihrer Tasche holen, als sie aufsah. In der Tür zur Küche stand eine schwarzhaarige Frau, die sie etwas unsicher ansah. “Entschuldigung.” Wäre ihre Wimperntusche nicht auf dem Weg Richtung Wangen und ihre Frisur zerdrückt, Lucie hätte das Gefühl gehabt, sie stünde einem Filmstar oder einem Model gegenüber. Sicher, sie war selbst eine gutaussehende Frau, aber die Schwarzhaarige in der Tür war eine Schönheit, und selbst die kleinen Makel konnten nicht darüber hinwegtäuschen. Auch Nick schien das bemerkt zu haben, er ging jetzt auf den Neuankömmling zu und führte sie in die Küche. Das war so klar, Morrissey. Als die Frau näher kam, immer noch etwas unsicher und sich hektisch umblickend, stellte Lucie fest, dass sie ebenfalls eine Dusche nötig gehabt hätte. Sie roch, als habe sie sich am Morgen einfach eine Flasche Parfum über den Kopf gegossen.

“Ich komme wohl ungelegen,” meinte die gefallene Göttin jetzt und sah von Nick zu Lucie. Denkt sie jetzt, wir diskutieren unsere Eheprobleme? Ich will einfach nur meine Ruhe, eine Dusche, mein Geld und dass er verschwindet. Oder ich. Aber auf jeden Fall will ich mindestens einen Bundesstaat Abstand zwischen uns.
Lucie sah sich jetzt suchend um nach ihrer Jeans, sie musste aus der verdreckten und kaputten Lederkluft und endlich wieder ein Mensch werden. “Ich kann Ihnen eine Hose leihen, wenn Sie möchten,” bot die Schwarzhaarige jetzt an. Lucie schüttelte den Kopf. “Ich habe eine, danke. Aber können wir Ihnen irgendwie helfen?” Niemand, der so aussah, kam einfach so zum Hintereingang eines Roadhouses. “Ich brauche Hilfe,” meinte die Fremde jetzt, und Lucie fand, dass sie außerdem so wirkte, als bräuchte sie erstmal etwas zu trinken. “Hast du was zu trinken da?” fragte sie den Koch, und der überlegte kurz und machte eine Kopfbewegung Richtung Vorderraum. Dort war schließlich die Bar. Aber dahin konnte und wollte Lucie nicht gehen, nicht verschwitzt und mit blutiger Motorradkluft. Jetzt verstand der Koch und griff in ein Regal, aus dem er ein Einmachglas holte und eine Flasche Portwein. “Zum Kochen,” erklärte er, aber das war jetzt egal. Alkohol war Alkohol. Nicht, dass sie so viel davon verstand. Der Koch füllte das Einmachglas mit Wasser und stellte es mit dem Portwein vor Lucie ab. “Trinken Sie was,” meinte sie zu der Schwarzhaarigen, doch die blieb beim Wasser. Ok, dann Portwein für mich. Irgendwie musste das Adrenalin wieder runter, auch wenn sie normalerweise nichts trank. Im Zweifelsfall war Nick da, um sie zu beschützen. Auf einmal doch, oder wie? Entscheide dich mal, was du willst. Eines Tages ist er nämlich wirklich weg, wenn du ihn weiter behandelst, als hätte er dir irgendetwas Schlimmes angetan. “Zum Schein heiraten” und “Unverschämt gut aussehen” verstoßen nicht gegen die Genfer Konvention, Beauchene.

“Erzählen Sie mal, was können wir für Sie tun?” fragte Nick jetzt, während die Fremde das Einmachglas in den Händen hielt und ab und an einen Schluck Wasser nahm. “Mein Name ist Teresa Lilywhite. Ich… ich brauche Hilfe. Mein Mann… er verfolgt mich, trotz richterlicher Anweisung. Er ist nicht ganz normal. Hat sich verändert. Er lässt mich nicht in Ruhe. Ich habe solche Angst,” erklärte sie, ihre Hände zitterten. “Ich habe mir sogar eine Waffe besorgt und auf ihn geschossen, aber das hat ihn nicht abgehalten.” Wow. Krasse Scheiße.

“Ich möchte möglichst wenig draußen sein. Sonst findet er mich. Ich habe mir hier in Seligman eine Wohnung genommen. Vorher war ich in Flagstaff, aber da hat er mich gefunden, und davor in Kingman war ich auch nicht sicher vor ihm.” Sie stellte sich jetzt mit durchgedrücktem Rücken gerade hin und sah Nick und Lucie an. “Ich habe mich in diesem Darknet informiert. Über Schutzzeichen.” Sie ging also davon aus, dass etwas Übernatürliches ihren Ehemann antrieb. Vermutlich, wenn sie bereits auf ihn geschossen hatte, und er immer noch herumlief. Aber wenn dem so war, würden die Schutzzeichen auf Dauer nicht reichen, es sei denn, Mrs Lilywhite wollte ihre Wohnung nie wieder verlassen. Genau das sagte sie ihr auch, während sie ihre Gewehrtasche zu sich zog und die Mossberg auspackte. Doch das Schrotgewehr hatte leider nicht die gewünschte Wirkung. “Nein, ich glaube, das hilft nicht. Ich… ich schreibe Ihnen meine Adresse auf, wenn Sie eine Idee haben, wie Sie mir helfen können, Sie finden mich dort.” Hastig schrieb Teresa Lilywhite eine Adresse auf einen Zettel, dann verschwand sie so schnell, wie sie gekommen war.

Nick warf Lucie einen langen Blick zu, aber die wusste nicht, was sie sagen sollte. Stattdessen nahm sie jetzt den Zettel von der Ablage und googelte kurz die Adresse. Ein Appartementblock, in dem man kurzfristig möblierte Wohnungen bekam. Wahrscheinlich stellte man dort auch nicht unbedingt viele Fragen, Lucie kannte solche Häuser. Aber wie man es drehte und wendete, sie konnten die Frau nicht alleine lassen, irgendetwas stimmte nicht an ihrer Geschichte. Lucie seufzte, ihre Ruhe bekam sie wohl erst später.

Sie stand auf und sah erst zum Koch, dann zu Nick. “Ich brauche eine Dusche. Gib mir 20 bis 60 Minuten.” Er nickte nur grinsend. “Soll ich mitkommen?” fragte er, und für einen Moment war sie versucht, seinen Witz ernst zu nehmen. “Später,” meinte sie nur. Es war eine nette Idee, sie fühlte sich immer noch furchtbar angespannt, aber das wäre eben nicht die übliche schnelle Nummer. Nicht mit diesem Mann. Außerdem hatten sie keine Zeit, und sie wollte wirklich einfach nur eine heiße Dusche.

Die Dusche war hilfreich, auch wenn das heiße Wasser in der Schusswunde schmerzte, und Lucie wusste, dass sie den Rest des Tages humpeln würde. Großartig. Rothaarige Frauen fallen nicht unbedingt auf. Rothaarige Frauen, die das Bein nachziehen, wahrscheinlich schon. Als sie zu Nicks Auto gingen, konnte er sich auch eine Bemerkung darüber nicht verkneifen, dass sie hinkte. “Tut es noch weh?” wollte er wissen, und er klang etwas besorgt. Lucie jedoch verzog das Gesicht und presste ein “Nur, wenn ich lache” zwischen den Zähnen hervor. Keine Schwäche zeigen. Es gab einen Job zu erledigen.

Der Appartementblock schien ruhig und menschenleer, beinahe konnte man jede Grille einzeln in der Mittagshitze zirpen hören. Nick packte die Corvette in einiger Entfernung, und gemeinsam gingen sie in das Gebäude, wo es angenehm kühl war. Es roch nach Raumspray, die etwas teurere Sorte, und schon der Eingangsbereich wirkte, als könne man vom Boden essen. Doch insgesamt war es alles zu sauber, zu kühl, zu steril. Wahrscheinlich wurden die Mietverträge in diesem Objekt wöchentlich ausgestellt. Wenn es überhaupt welche gab, und die Mieten nicht ohne Nachfragen im Voraus bezahlt wurden. Aber nein, dafür sah es hier zu gut, zu ordentlich aus. Sei nicht so misstrauisch. Nur weil du in solchen Häusern absteigst, heißt das nicht, dass Mrs Lilywhite das auch tut.

Sie stiegen die Treppen hinauf bis zu dem Stockwerk, wo sich das Appartement von Teresa Lilywhite befand. Als sie um die Ecke bogen, erschrak Lucie. Ein hochgewachsener Mann im Anzug stand vor der Tür und redete auf diese ein, hinter ihm saß ein weiterer Mann, Anfang 30, gut gekleidet, aber unglaublich blass um die Nasenspitze. Fast ein bisschen zu blass. Er starrte ins Leere und schien von dem, was sein Begleiter an der Tür machte, weitestgehend unbeeindruckt zu sein. Lucie spürte, dass sie versucht war, sich hinter Nick zu verstecken. Der Typ im Anzug kam ihr komisch vor. Ein Fed war er nicht, dafür war der Anzug zu teuer, die Körpersprache stimmte nicht. Privatdetektiv? Vielleicht. Machte die Sache sicher nicht besser. Private Eyes standen für Lucie auf einer Stufe mit Kopfgeldjägern. Das einzige, was sie von denen unterschied, war, dass Erstere meistens besser gekleidet waren.

Als Nick den Mann erblickte, verzog er das Gesicht. Kannte er den Typen etwa? Dass Nick es mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nahm, wusste sie ja inzwischen, aber die Frage war, ob er inzwischen auch schon Leute auf sich aufmerksam gemacht hatte, die man besser nicht auf sich aufmerksam machte. Dennoch schritt er unbeirrt auf die Tür zu. Der Anzugtyp erklärte Mrs Lilywhite gerade, dass er kein Dämon war. Ahja. War eine super Taktik und so glaubwürdig. Von der anderen Seite der Tür erklang jetzt Teresas Stimme, sie war ebenso wenig überzeugt wie Lucie von dem, was der Kerl sagte. “Sie könnten auch für einen Dämonen arbeiten!” rief sie. Während Nick stehenblieb und den Typen weiterhin musterte, machte Lucie einen Schritt auf die Tür zu. Sie hatte keine sichtbare Waffe bei ihm gesehen, und wenn es hart auf hart kam, konnte sie sich verteidigen. Kurzer Check, er mochte vielleicht größer als sie sein und untrainiert war er auch nicht, aber mit ihm fertig würde sie werden. Da hatten sich schon ganz andere Kaliber versucht, mit ihr anzulegen und hatten verloren. Außerdem war ja noch Nick… nein. Auf ihren “Ehemann” war bei sowas sicher weniger Verlass, wie sie aus Athol wusste. Sein gutes Aussehen war eben sein Kapital.

Sie seufzte. Brust raus, Kopf hoch, Rücken gerade. Auf ins Gefecht. Lucie spazierte selbstbewusst zur Tür und ignorierte den Anzugtypen erst einmal. Wenn er überrascht war, dann ließ er es sich nicht anmerken. Lucie stellte sich direkt an die Tür und lauschte. “Mrs Lilywhite? Hier ist Lucy Baker, die Frau aus dem Roadhouse. Und mein… Begleiter ist auch hier.” Keine Antwort von drinnen, aber der Kerl hinter ihr stöhnte laut auf. “Sie haben Jäger beauftragt? Das war eine ziemlich schlechte Idee.” Er betrachtete sie im wahrsten Sinne des Wortes von oben herab, mit einem Lächeln, das wohl charmant sein sollte, auf sie aber eher die Wirkung von Rizinusöl hatte. Ok, er wusste also Bescheid über das Übernatürliche. Das erklärte immer noch nicht, wer er war und was er hier machte, außer auf eine geschlossene Tür einzureden.

Nick betrachtete den Typen misstrauisch, und Lucie wollte jetzt nur zu gerne wissen, woher die beiden sich eigentlich kannten. Aber dann hörte sie hinter der Tür ein Geräusch. “Ist er immer noch da? Er ist ein Dämon!” behauptete die aufgeregte Stimme von Teresa Lilywhite. Der Typ im Anzug seufzte tief, dann lockerte er seine Krawatte, zog die Anzugjacke aus und öffnete schließlich das Hemd. Himmel, zog der sich hier ernsthaft gerade aus im Flur? Doch dann zog er das aufgeknöpfte Hemd zur Seite und gab den Blick auf eine Tätowierung auf der linken Schulter frei. “Er zieht sich gerade aus – und er ist kein Dämon”, informierte sie Mrs Lilywhite, was ihr ein Augenrollen von dem Unbekannten einbrachte. Selber schuld, wenn er der Meinung war, hier zu strippen. Blieb die Frage, was ein Typ mit Anti-Dämonen-Tätowierung für ein Problem mit Jägern hatte. So, wie er sich gab und er sprach, vermutlich ein ziemlich großes. Wahrscheinlich gingen er und sein Ego gerne alleine auf die Jagd. Solche Typen brauchten keine Hilfe, die brauchten nur schmückendes Beiwerk.

Teresa Lilywhite war immer noch nicht überzeugt. “Dann ist er etwas anderes Übernatürliches!” Der Rothaarige richtete gerade seine Kleidung, dann bemerkte er mit einem süffisanten Lächeln: “Ich bin auch nichts anderes übernatürliches.” Meine Güte. Fehlt nur noch, dass er gleich “Kleines” zu mir oder Mrs Lilywhite sagt. Er warf ihr einen Blick zu, der ihrerseits bei ihr ein Augenrollen hervorrief. War irgendwo ein Nest von diesen Typen?

“Übernatürlich ist hier allerhöchstens Ihre Arroganz”, meinte sie kühl, “alles andere an Ihnen ist ziemlich mundan.” Glaub ja nicht, dass du mich mit der Masche kriegst. Ich hab schon einen von deiner Sorte an der Backe. Er lächelte sie weiterhin an, dann entgegnete er: “Oh, mundan hat mich schon lange niemand mehr genannt.” Sie seufzte. “Das war kein Kompliment.” Er ließ sich immer noch nicht beirren. “Sicher?” fragte er leichthin mit einer hochgezogenen Augenbraue, und Lucie verspürte das dringende Bedürfnis, irgendetwas nach ihm zu werfen.

“Er kommt auf keinen Fall hier rein!” meldete sich jetzt wieder Teresa Lilywhite von hinter der Tür. Lucie seufzte und klopfte abermals. “Würden Sie denn mich hineinlassen? Sie haben mich gesehen, ich bin keine Dämonin.” Bei diesen Worten glaubte sie hinter sich ein “Tsk” zu hören. “Na gut. Aber nur Sie! Und passen Sie auf, dass Frank Ihnen nicht folgt.” Dann war der blasse Mann in der Ecke tatsächlich Frank. Er sah wirklich nicht gut aus, aber wie sollte man auch aussehen, wenn dreimal auf einen geschossen worden war?

Die Tür öffnete sich einen winzigen Spalt, und Lucie schlüpfte durch die Öffnung in die Wohnung. Ganz wohl war ihr nicht bei dem Gedanken, Nick dort draußen mit dem Untoten und dem Angeber alleine zu lassen, doch er sagte, er wolle sich etwas umsehen. Was sollte ihm schon passieren? Er war ein großer Junge und konnte auf sich aufpassen. Mit diesem Gedanken schob sich Lucie an Teresa vorbei, die die Tür wieder schloss. “Willkommen”, sagte die gefallene Göttin und machte eine Handbewegung, die wohl einladend wirken sollte, aber angesichts des leicht abgewohnten Appartements mit dem zwanzig Jahre alten Mobiliar nur jämmerlich wirkte. Sie hatte versucht, es mit wenigen Mitteln ein wenig geschmackvoll zu personalisieren, obwohl sie noch nicht lange hier wohnen konnte. Was aber definitiv nicht zur Einrichtung passte, waren der Grabesstaub und das Salz auf den Fensterbänken und vor der Tür, Lucie glaubte auch, Eisenspäne zu erkennen. Über der Tür lag ein Kräuterbündel aus Schneeball, und es hätte sie nicht gewundert, wenn Teresa noch irgendwelche Schutzzeichen irgendwo angebracht hatte. “Wow!” entfuhr es ihr, “Lady, Sie sind gegen alles geschützt!” Teresa seufzte tief. “Dann bin ich vor Frank auf jeden Fall sicher”, meinte sie, doch sie wirkte nicht erleichtert, im Gegenteil. Sie wippte nervös mit dem Fuß auf und ab, während sie die Arme vor der Brust verschränkt hatte und sich mit den Fingern auf die Ellbögen trommelte. Lucie sah sie fragend an, doch dann bemerkte sie es auch. Es war ruhig geworden auf dem Flur. Viel zu ruhig. Beunruhigt ging sie zur Tür. “Morrissey?” fragte sie, “alles in Ordnung da draußen?” Dann hörte sie es. Es war ein leises Grollen, wie ein herannahendes Gewitter, doch diese Gewalt war nicht natürlich. Höllenhunde. Verdammte, verfluchte Höllenhunde. Und sie kamen hierher.

“Das sind Höllenhunde da draußen”, sagte sie jetzt auch zu Teresa, doch die setzte sich nur in einen Sessel und umklammerte ihre Knie. Lucie spürte, dass sie sich zum ersten Mal seit langem wieder eingesperrt fühlte. Das hier war sicher gemütlicher als der Frauenknast von Montreal, aber ein Gefängnis war es trotzdem. Ein Gefängnis, das sich Teresa aus ihrer Angst gebaut hatte. Höllenhunde. Nach allem, was sie wusste, waren die Biester unsichtbar, aber das machte sie nicht weniger gefährlich, Im Gegenteil. Normalerweise jagten sie eigentlich nur die, die einen Pakt gemacht hatten und deren Zeit um war, doch darauf wollte Lucie sich nicht verlassen. Sie hasste Nick für das Chaos, dass er in ihrem Kopf und viel mehr in ihrem Herz ausgelöst hatte, sie hasste sich selbst dafür, dass sie es zugelassen hatte. Vielleicht hätte sie doch in den Fluss springen sollen. Aber das war kein Grund, ihn den Höllenhunden auszuliefern. Es wäre eine billige Lösung, aber dann war wirklich die Mörderin, zu der sie die kanadischen Behörden gemacht hatten. “Können wir nicht wenigstens meinen… Nick hereinlassen?” wandte sie sich jetzt an Teresa. Die sah auf. “Aber Frank… “ “Ich verspreche Ihnen, ich passe auf, dass Frank nicht hier reinkommt. Und auf der anderen Seite – wenn die Höllenhunde ihn erwischen, das kann Ihnen doch nur recht sein.” Chapeau, Beauchene. Welche Facette deines Wesens ist denn diese kaltherzige Schlampe? Gib ihr einen Namen, damit du sie nicht vergisst. Du kannst sie sicher noch brauchen, wenn du dich daran gewöhnt hast, über Leichen zu gehen.

Das Knurren wurde lauter, und Lucie war jetzt drauf und dran, die Tür einfach zu öffnen, gegen Teresas Willen. Sie wusste, wo sie hinschlagen musste, damit es wehtat und es keine blauen Flecken gab. Man verdiente sich nicht mit Singen und Klatschen den Respekt der Unterwelt. “Morrissey? Was ist da los?” fragte sie noch einmal durch die geschlossene Tür. “Irgendwas stimmt mit dem Licht nicht”, antwortete er, “und Hank und sein Schatten sind gerade verschwunden.” Hank hieß er also. Das war ja wenigstens mal ein Vorname. In ihrer Vorstellung sahen Hanks zwar nicht unbedingt so aus wie der Typ vor der Tür, und vor allen Dingen klangen sie nicht so aus, als kämen sie von der Ostküste, aber das war im Moment von geringerer Bedeutung. Wichtiger war, dass sie Nick in dieses Appartement bekam.

“Bitte”, wandte sie sich noch einmal an Teresa, doch die reagierte nicht. Lucie wusste, dass sie keine Zeit mehr zu verlieren hatte. Das Knurren war jetzt so laut, als stünden die Höllenwesen direkt auf dem Gang, und es schien immer noch näher zu kommen. “Morrissey!” rief sie Nick durch die Tür zu, und jetzt hörte sie es ganz deutlich. Die Höllenhunde waren hier, gierig schnappten sie nach der erstbesten Seele, die sich ihnen bot. “Schnell!” Lucie riss die Tür auf, gerade so weit, dass Nick hindurch kam. Er hechtete ins Appartement, doch nicht schnell genug, den Hunden war es gelungen, seine Anzugjacke zu erwischen.

Verdammt. Verdammt, verdammt. Lucie spürte für eine winzige Millisekunde das Verlangen, ihm um den Hals zu fallen, ihn festzuhalten und nicht wieder loszulassen. Aber dann weiß er genau, was Sache ist, und war es nicht genau das, was du vermeiden willst? “Morrissey, ist mir dir alles in Ordnung?” Für einen kurzen Moment lächelte er sie an, dann jedoch guckte er an sich herunter. “Bin noch in einem Stück. Aber es ist schade um den Anzug, den mochte ich wirklich.” Lucie spürte, wie ihre Augen sich zu Schlitzen verengten, als sie sich beinahe auf die Zunge biss, um ihm nicht ihre ganze Angst entgegen zu schleudern. “Oh, Hauptsache, gut angezogen, nicht wahr?” Er lächelte verlegen und strich sich den Anzug glatt. “Natürlich. Den Anzug kann ich wohl wegwerfen.” Ist dir dieser dämliche Anzug wirklich wichtiger als alles andere? Du bist so oberflächlich, dass noch nicht mal der Glitzer des Kobolds an dir haften bleiben wollte.

“Wo sind denn dieser Hank und sein Schatten geblieben?” wollte sie jetzt von Morrissey wissen. Er zuckte mit den Achseln “Die sind schon vor einer Weile nach draußen gegangen, keine Ahnung, wo sie hin wollten” antwortete er leichthin. Lucie schüttelte den Kopf. In diesem Moment klapperte es drauße vor dem Fenster, als wolle jemand die Feuerleiter hochklettern. Noch mehr Höllenhunde? Denn die Tiere hatten es Lucie übel genommen, dass sie ihnen die leichte Beute streitig gemacht hatte, und sie sprangen jetzt wie wild gegen die Tür. Lange würde sie das nicht mitmachen, auch wenn die Schutzzeichen hielten.
Doch auf der Feuerleiter waren keine Höllenhunde. Es waren Frank und Hank, der Anzugtyp. Jetzt erblickte Frank Teresa, und er begann, wie wild gegen das Glas zu trommeln. Offensichtlich hatte er durch seinen Zustand übermenschliche Kräfte entwickelt, oder er war extrem auf seine Frau fixiert – beide Tatsachen trugen nicht zu Lucies Beruhigung bei -, jedenfalls gelang es ihm, durch seine Trommelei das Fenster zum Zerbersten zu bringen.
“Teresa! Ich habe dich gefunden! Ich habe dich gefunden!” rief er immer wieder, und Teresa sah aus, als würde sie am liebsten im Boden versinken. Dann aber drehte Frank sich scheinbar verwirrt im Kreis, er sah immer wieder von Hank zu seiner Frau und wirkte, als wisse er nicht, was er tun sollte. Teresa sah ihn nur mit blankem Entsetzen an. Geistesgegenwärtig sprang Lucie auf und ließ die Jalousie herunter. Das hatte nicht unbedingt den gewünschten Effekt, denn jetzt hämmerte Frank gegen die Jalousie. Mit dem Typen stimmte etwas definitiv nicht.

Aber er war nicht der einzige, mit dem nicht alles in Ordnung war. Teresa saß zitternd in einem der Sessel und sah verzweifelt zum Fenster. “Was ist hier los?” wollte Lucie jetzt wissen. “Die Höllenhunde sind doch nicht zum Spaß hier. Und ich bezweifle, dass sie wegen Frank hier sind.” Nick nickte bekräftigend, sagte aber nichts. Schön, er war auf jeden Fall in ihrem Team. Teresa sah sie jetzt an, in ihren Augen war die nackte Angst zu erkennen. “Ich… ich wollte doch nur einen reichen Ehemann”, erklärte sie jetzt mit bebender Unterlippe. “Aber irgendwie hat es mit den Männern an der Ostküste nicht so wirklich geklappt.” Lucie war versucht, die Augen zu rollen. Warum glaubten einige Frauen denn, nur mit einem Typen mit dickem Bankkonto an ihrer Seite ginge es ihnen gut? Selbst war die Frau. Wenn das hieß, in Wahlkampfbüros in Wichita einzubrechen und die Kasse mitgehen zu lassen, dann war das eben so. Aber sicher war sie nicht abhängig von irgendeinem Typen, der sie womöglich noch als sein persönliches Eigentum ansah und mit Schmuck behängte, während sie ihm andernorts zu Diensten sein musste.

“Also habe ich eines Nachts eine Kreuzung aufgesucht, und da kam dann diese dicke Negerin an, so ein Typ Mami. Sie hat mir gesagt, dass sie mir helfen kann, dass ich meinen Traummann bekomme. Also habe ich diesen Pakt mit ihr abgeschlossen. Dann habe ich Frank wieder getroffen, und er hat sich unsterblich in mich verliebt, und wir haben geheiratet.” Sie holte Luft und strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht. “Aber diese Ehe war… sie war nicht so, wie ich sie mir erhofft hatte.” Überraschung. Je crains les Grecs, même lorsqu’ils font des cadeaux. Wären die Menschen nicht so dumm, die Dämonen würden nicht immer wieder leichte Beute machen können. “Das war alles nur seine Schuld. Und dann habe ich auch noch angefangen, von den Höllenhunden zu träumen, weil die zehn Jahre vorbei waren. Ich war in Panik, also habe ich ihn erschossen.” Sie sagte das so lapidar, dass es Lucie kalt den Rücken herunterlief. Instinktiv sah sie sich nach Nick um, doch der stand nur mit verschränkten Armen hinter ihr und lauschte Teresas Erzählung. Ab und an sah er zum Fenster, wo die Jalousie langsam in ihren Einzelteilen baumelte. Auch Teresa warf jetzt einen Blick dorthin, wo ihr erschossener Ehemann stand. “Aber Sie müssen mir glauben, ich habe keine Ahnung, warum er wieder herumläuft und hier ist.” Ihr Blick sagte Lucie, dass sie nicht log, dass sie wirklich nicht wusste, was ihren Ehemann umtrieb – im wahrsten Sinne des Wortes. Lucie war ebenso ratlos – sie sah zu Nick, der versuchte, den innocent bystander zu mimen. Sie verlor langsam die Nerven. “Morrissey, tu doch irgendwas. Und wenn er dir die Nase bricht, dann halte ich dir auch Händchen und sage dir, wie toll du bist – aber mach was!” Er zog jetzt eine Augenbraue hoch und sah sie an. “Was soll ich denn machen?” fragte er, doch sie hatte darauf keine Antwort. Eigentlich wollte sie auch nicht, dass er etwas tat. Eigentlich wollte sie hier weg, weg aus diesem Appartement, weg von ihm.

Draußen auf der Feuerleiter versuchte der Anzugtyp weiter, Frank zu beruhigen. “Woher kennst du den Typen eigentlich?” wollte sie jetzt von Nick wissen, und der verzog leicht das Gesicht. “Lange Geschichte. Das ist auch so ein Pokerspieler. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, haben wir beide versucht, Land zu gewinnen und von der Mafia wegzukommen”, meinte er, und seine Haltung verriet Lucie, dass er nicht weiter darauf eingehen wollte. Na klasse. Tatsächlich noch ein zweiter von der Sorte. Habe ich “Trickbetrüger zu mir” auf der Stirn stehen? Es reicht doch, wenn ich selbst manchmal nicht mehr weiß, wer ich denn eigentlich bin.

Ein ohrenbetäubender Knall gegen die Wohnungstür verriet den dreien in der Wohnung jetzt, dass die Höllenhunde nicht aufgaben, und das Schneeball-Bündel auf dem Türrahmen begann bedrohlich zu wackeln. Die Tür selbst bekam erste Risse, während das Knurren und Heulen immer lauter und bedrohlicher wurde. Auch von unterhalb der Feuerleiter schienen die Geräusche jetzt lauter zu werden. Frank lief immer noch unruhig vor dem Fenster hin und her, während Hank auf ihn einredete. Lucie sah unsicher zu Nick, doch der schien auch keine Idee zu haben. Es gab keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Sollten sie Teresa einfach hier sitzen lassen? Sie hatte Schuld auf sich geladen, und Lucie hatte keine Idee, wie man sie von dieser Schuld befreien konnte. Sie wusste noch nicht soviel über das Übersinnliche, sie war nicht so versiert wie manche von den Jägern, denen sie in Roadhouses begegnet war. Diese Leute jagten oft schon ihr ganzes Leben und wussten Dinge, von denen sie nicht einmal gedacht hätte, dass sie existieren.

“Teresa!” Das flehentliche Rufen des Untoten von draußen war zu hören, und Lucie hörte, wie Hank wieder etwas sagte. Er schien immer noch zu versuchen, Frank zu beruhigen. Lucie schob das Rollo beiseite, damit sie endlich alle zusammen überlegen konnten, wie es weiterging und sagte dann zu Frank: “Pass auf, dass hier niemand hereinkommt. Du musst Teresa beschützen und hier draußen Wache halten.” Das schien er zu verstehen, er blieb folgsam auf dem Absatz stehen und wirkte jetzt recht zufrieden. Soweit man das von jemandem, der eigentlich nicht mehr er selbst war, sagen konnte.

“Warum läuft er immer noch hier herum?” wollte Hank wissen, der offensichtlich mitbekommen hatte, was Teresa erzählt hatte. “Naja,” meinte Nick, “immerhin wollte sie, dass jemand sich unsterblich in sie verliebt.” Lucie begann, eine ihrer Haarsträhnen um den Finger zu wirbeln, in ihrem Hinterkopf nagte etwas. “Aber unsterblich heißt doch genau das. Er hätte gar nicht sterben können nach dieser Logik. Dieser Mann da draußen war tot… ist tot.” Die beiden Männer sahen sie an, als hätte sie ihnen gerade eröffnet, dass die Erde eine Kugel ist. “Jemand hat ihn wiederbelebt und hierhin geschickt. Quasi ein Zombie-Tracker.” Während Lucie noch ihre Überlegungen ausführte, ging Hank zu Frank ans Fenster. “Frank”, begann er, “was ist das letzte, an das du dich erinnern kannst?” Der vermeintliche Untote schien zu überlegen. “Da war eine wunderschöne Stimme.” Er schien in Erinnerungen an diese Stimme zu schwelgen, als Hank ihm bedeutete, die Jacke auszuziehen.

Unter dem Hemd war deutlich eine Wölbung zu sehen. Er schob das Hemd nach oben, und Lucie unterdrückte einen leichten Würgereiz, als sie die hässlich verfärbte Schnittwunde im Rücken des Mannes sah, unter deren Naht sich etwas hervorhob. Hank zog ein Messer aus der Tasche und schnitt die Naht wieder auf. “Was machst du da?” wollte Frank wissen, er war jetzt aufgeregt und wollte sich dem entziehen, was der merkwürdige Typ im Anzug mit ihm machte. Mit einem schmatzenden Geräusch verschwand Hanks Hand in Franks Rücken und kam mit einem kleinen Tongefäß wieder zum Vorschein. Wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte, fiel der junge Mann in sich zusammen. Hank betrachtete das Behältnis in seiner Hand argwöhnisch, vorsichtig öffnete er es und präsentierte den anderen den Inhalt: eine klebrige Masse, die wohl irgendwann mal ein Pulver gewesen war, aber durch Leichenflüssigkeit zu einem widerlichen Klumpen verwandelt worden war. Lucie rümpfte die Nase, und auch Nick war nicht begeistert von dem Anblick. “Voodoo”, murmelte Hank, dann schloss er das Töpfchen wieder

“Aber… aber…” Teresa schien jetzt wieder aus ihrer Starre zu erwachen und sah unsicher von einem zum anderen. “Jemand hat Ihren Mann zum Zombie gemacht”, konstatierte Nick sachlich. “Wer?” wollte sie jetzt wissen, als erwarte sie, dass jemand von den dreien eine Hand heben würde. “Das kann theoretisch jeder gewesen sein, zum Beispiel er”, überlegte Lucie laut und deutete auf Hank, der noch immer unschlüssig mit dem Tongefäß in der Hand auf der Feuerleiter stand. Ein wenig zu laut, denn jetzt griff Teresa nach ihrer Waffe und zielte auf Hank. “Er war doch gleich so verdächtig!” rief sie. So war das nicht gemeint, Lady. Sie werden hier nicht noch jemanden erschießen. Nicht, wenn ich es verhindern kann.
Lucie zögerte nicht lange und stellte sich vor Hank. “Stop!” rief sie. Ihre Knie zitterten, aber sie konnte und wollte nicht zulassen, dass noch ein Unschuldiger starb. “Das würde doch alles gar keinen Sinn machen”, erklärte sie, und sie hoffte, dass Teresa ihr glaubte. Es schien zu funktionieren, kraftlos ließ die Schöne wieder die Waffe sinken und sich in ihren Sessel zurück fallen. Lucie atmete tief durch und sah zu Nick, der ihr nur einen anerkennenden Blick zuwarf. Auch Hank schien beeindruckt zu sein, als sie sich umsah. Er stand derweil immer noch mit dem Voodoo-Gefäß vor dem Fenster und betrachtete es, dann schob er es zurück in die Wunde in Franks Rücken. Augenblicklich erwachte der junge Mann wieder. Hank begann jetzt, leise auf ihn einzureden, was Lucie nicht verstand. Sie wollte es auch nicht verstehen. Ich will nicht mehr hier sein, ich will mich nicht für einen Unsympathen im Anzug erschießen lassen, ich will nach Hause. Nach Hause?

Sie sah zu Nick, der immer noch wirkte, als ginge ihn das alles nichts an. Doch dann schien Leben in ihn zu kommen, er zog ein Pokerdeck aus seiner Tasche, und Lucie erkannte, dass es die Karten waren, die er in Athol gekauft hatte. Verfluchte Feenstadt. “Wir könnten den Dämon noch einmal kontaktieren, mit dem Sie damals Ihren Pakt gemacht haben”, meinte er jetzt zu Teresa. Lucie sah ihn überrascht an. Wusste er etwa, wie man so etwas bewerkstelligen konnte? “Ein neuer Deal?” Aber ging das überhaupt, war Teresas Zeit nicht abgelaufen und gehörte ihre Seele nicht bereits den Höllenhunden? “Das geht?” Sie zweifelte, doch er nickte, während er mit den Karten herumspielte. “Schließlich hab ich das schon einmal gemacht.” Du hast was? Nein, das ist jetzt nicht wahr. Du nicht auch noch. Bin ich nur noch von Irren umgeben? Eine leise Stimme meldete sich in ihrem Hinterkopf. Aber stell dir mal vor, wenn du so einen Deal machst, du könntest alle deine Probleme los sein… Nein! Ich will da gar nicht drüber nachdenken!
Lucie stellte fest, dass sie kurz davor war, Nick eine Ohrfeige zu verpassen. Und noch eine zweite, weil er sie so erschreckt hatte. Doch dann fiel ihr wieder die Geschichte aus O’Finns Magical Emporium ein, und wie interessiert er gelauscht hatte. Ihr “Ehemann” hatte also seine Seele verspielt. Dieser Irre.
Doch bevor sie etwas sagen konnte, zerbarst mit einem gewaltigen Schlag die Wohnungstür. Noch konnten die unsichtbaren Wesen das Appartement nicht betreten, doch das Schneeball-Bündel über der Tür hing nur noch an einem Ästchen auf dem Rahmen. “Schnell!” Lucie ergriff Teresas Arm und zog sie mit sich, als auch dieses letzte Ästchen brach und das Bündel zu Boden fiel. Sie sprang aus dem Fenster auf die Feuerleiter, hier waren sie für einen Moment sicher. Nick sah zu Frank und Hank. “Wir müssen hier weg. Die Höllenhunde sind in der Wohnung.” Hank nickte, doch Frank sah den Pokerspieler nur teilnahmslos an. “Frank, du bleibst hier und verteidigst Teresa!” Der Zombie nickte und sprang von der Feuerleiter, um den Kampf mit den Höllenhunden aufzunehmen. Lucie bezweifelte, dass dies ein gerechter Kampf war, aber es war ein Ablenkungsmanöver, dass sie nutzen mussten.

Zu viert rannten sie zur Straße. Lucie ballte die Faust, Nicks Corvette stand auf der anderen Seite des Hauses. Aber gut sichtbar stand ein Truck, der nicht so aussah, als sei er mit der modernsten Anti-Diebstahl-Technik ausgestattet. Hank knackte die Tür und schloss das Auto kurz – also wirklich die Sorte Pokerspieler – dann fuhren sie los. “Wir können nach Kingman fahren, in mein Haus am Sunset Boulevard”, schlug Teresa vor. “Das habe ich auch gesichert, bis Frank… bis Frank…” Sie brach ab und vergrub den Kopf in den Händen, dann sah sie wieder auf. “Die Schutzzeichen dort sind mit viel mehr Zeit und Ruhe angebracht worden. Das sollte uns helfen.” Lucie zog eine Augenbraue hoch. Sie wusste nicht mehr, was sie glauben sollte.

Teresa schien derweil in Nick einen neuen Ansprechpartner gefunden zu haben. Sie erzählte ihm, dass es Leute gab, die ihre Deals verlängern konnten. Eine alte Bekannte von ihr liefe immer noch herum, obwohl die doch “vor ihr drangewesen” sei. Bei diesen Worten glaubte Lucie für einen kurzen Moment eine Regung in Hanks Gesicht wahrzunehmen, aber vielleicht war das nur das Sonnenlicht. Er fuhr weiterhin konzentriert den Wagen und schien dabei Teresas Ausführungen zu lauschen. Nick versuchte, Teresa behutsam zu erklären, dass es nicht mehr so einfach war, ihren Deal zu verlängern, jetzt, wo die Höllenhunde ihre Witterung bereits aufgenommen hatten. “Aber meine Bekannte…” begann sie wieder. “Ich habe doch nur rumgefragt!” Lucie sah sie jetzt an. “Und vielleicht war genau das der Fehler. Jemand wollte verhindern, dass Sie Ihren Deal verlängern und hat das Untoten-GPS auf Sie angesetzt.” Teresas Unterlippe zitterte, und Lucie hatte Angst, dass sie gleich anfing zu weinen. Doch sie tat nichts dergleichen, sondern wies stattdessen Hank den Weg zu ihrem Haus in Kingman.

Lucie legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch. Wann bin ich eigentlich in diese Gesellschaft geraten? Warum bin ich das? Ich fahre in einem gestohlenen Truck durch Arizona, neben mir eine Mörderin mit Dämonendeal und zwei Trickbetrüger, von denen der eine irgendwie mit mir verheiratet ist. Mieses Karma, Beauchene. Ganz mieses Karma. Eine andere Erklärung gibt es da nicht.

Hank parkte den Wagen jetzt vor einer schicken Stadtvilla, oder eigentlich mehr Stadtrand-Villa, und sie stiegen aus. Die Vögel zwitscherten, entfernt war Strassenlärm zu hören und Kinderlachen. Eine normale gutsituierte Wohngegend. Keine Höllenhunde. Teresa schien sich etwas zu entspannen und ging zur Tür. Mit einem Aufschrei blieb sie jedoch plötzlich stehen. “Alles weg!” rief sie, “es ist alles weg!” Lucie eilte zu ihr, und tatsächlich, es war noch zu erkennen, wo die Zeichen einmal angebracht gewesen waren. Jemand hatte sorgfältig alles entfernt, was Schutz vor Höllenhunden bot. “Ich muss hier weg!” Bevor einer der drei sie aufhalten konnte, rannte Teresa zur Garage des Hauses und fuhr wenige Sekunden später mit einem kleinen Sportwagen davon. Lucie lief ihr ein Stück hinterher, doch natürlich holte sie sie nicht mehr ein. Sie fand nur noch Teresas Handtasche, in der sie nach kurzer Inspektion einen Haufen Bargeld fand sowie unverbrauchte Zutaten für weitere Schutzzeichen.

Lucie ging zurück zu den beiden Männern. Sie hatte das Gefühl, versagt zu haben. Es war ihr nicht gelungen, Teresa zu retten, es war ihr nicht gelungen, Frank zu retten, und sie hatte noch dazu erfahren, dass Nick einen Deal hatte. Sie war müde, ihr Bein schmerzte und sie fühlte sich, als könnte sie eine Woche am Stück schlafen. Missmutig lief sie hinter den beiden Männern ins Haus – was auch immer sie dort noch zu finden hofften – und blieb im Wohnzimmer vor einem großen Blutfleck stehen. Hier war Frank zum ersten Mal gestorben, erschossen von seiner eigenen Ehefrau, die für ihre Kleinmädchenträume ihre Seele gegeben hatte. Was würdest du für deine Kinderträume geben?

Während Hank durch das Haus lief, blieb Nick schweigend neben ihr stehen. Sie tastete nach seiner Hand, und er erwiderte diese Geste. Lass mich nicht allein. Irgendwann zog er sie an sich und hielt sie fest, die Arme schützend um sie gelegt. Bleib bei mir. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, dass sie ganz woanders waren, ohne Höllenhunde, ohne Deals, ohne obsessive Feds und merkwürdige Trickbetrüger. Allein. Nur du und ich. Nie wieder Flucht.

In diesem Moment hörten sie das Geräusch eines startenden Motors, und beinahe zeitgleich kam Hank wie ein Irrer die Treppen heruntergehetzt, er sah sie beide nicht an, sondern rannte nach draußen zur Garage. Wenige Minuten später kam er wieder zurück ins Haus, abgehetzt und mit einem Gesichtsausdruck, den Lucie kannte. Cruz. Er sieht aus wie Agent Cruz. Du bist müde und überreizt, Beauchene. Er sieht aus wie ein Typ, der schnell gerannt ist, nicht mehr. Nick war jedoch wesentlich misstrauischer. “Was war das für ein Motorengeräusch?” wollte er wissen. “Ein Tesla”, meinte Hank und grinste, doch Nick schüttelte den Kopf. “Das war ein Porsche.” Er warf dem Anderen einen langen Blick zu, doch der ließ sich davon nicht beeindrucken. “Ihr seid ok?” fragte er. Wieder dieses Gehetzte. Lucie nickte, und auch Nick bewegte langsam den Kopf. “Dann wünsche ich euch was. Bis bald!” Mit diesen Worten verschwand Hank aus ihrem Blickfeld. Lucie sah Nick fragend an, doch der zuckte nur mit den Achseln. Offenbar konnte er sich auch keinen Reim darauf machen.

Ein Geräusch an der Tür ließ sie beide herumfahren. War Hank doch zurück gekommen? Aber es war nicht Hank, der dort stand, sondern Frank, oder vielmehr das, was von ihm übrig geblieben war. Er hatte es offensichtlich geschafft, den Höllenhunden zu entkommen, aber er war über und über mit Bissen und Kratzspuren übersät, seine Kleidung war nur noch Fetzen. Lucie warf Nick einen Blick zu, und der verstand. Wenn sie schon nicht Teresa hatten helfen können, sie konnten wenigstens ihn erlösen. Lucie ging zu ihm und befahl ihm, sie anzusehen, während Nick sich an seinem Rücken zu schaffen machte und das Tongefäß entfernte. Augenblicklich sackte Frank wieder in sich zusammen, ironischerweise genau dort, wo er bereits einmal den Tod gefunden hatte.

Lucie schluckte. Nicht weinen, Beauchene. Große Mädchen weinen nicht. Und du bist ein großes Mädchen. “Glaubst du… glaubst du das mit dem Porsche?” fragte sie Nick. “Kein Wort. Aber ich habe gerade keine Lust herauszufinden, wer das in dem Auto war.” Sie nickte, das war ihr im Moment auch nicht wirklich wichtig. “Komm”, sagte er nur und legte wieder den Arm um ihre Schulter,” fahren wir zurück nach Seligman.”

Als sie wieder vor dem Roadhouse standen, Nick an seiner Corvette, Lucie bereit, die Bonneville aus der Küche zu holen, merkte sie, wie die Anspannung von ihr abfiel. Sie taumelte kurz, fing sich dann aber wieder. Nick sah sie besorgt an. “Alles in Ordnung?” fragte er, und sie schüttelte den Kopf. “Morrissey, ich will heute nacht nicht alleine sein.” Jetzt war es raus. Geh nicht. Er schien zu überlegen. “Ok. Wir können noch was trinken gehen, wenn du willst…” bot er an. Sie schüttelte den Kopf. “Nein, ich meine, ich will heute nacht nicht alleine sein.” Er zog eine Augenbraue hoch. “Bist du sicher?” Er fasste sie an den Schultern und sah sie lange an. “Ich meine, wir hätten da noch eine Hochzeitsnacht offen…” Er lächelte, und Lucie konnte nicht anders und erwiderte es. War es das, was sie wollte, was sie brauchte? Dem Verlangen nachgeben, sich den Verstand aus dem Leib vögeln, nicht mehr an Morgen denken? Aber am nächsten Tag war immer noch alles wie vorher. Einfach nur um des reinen Aktes willen? Jetzt, hier, mit diesem Mann? Nein, das willst du nicht. Das wäre nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, ein kurzes Vergessen, ein Höhenflug, nach dem du umso tiefer fällst. Nähe. Du brauchst menschliche Nähe und Wärme. Wann vor heute hat dich jemand einfach nur im Arm gehalten? War es sogar noch… davor? Aber sie konnte sich das nicht leisten, wollte sich das nicht leisten. Ich lasse nicht zu, dass meine Gefühle mich übernehmen. Das hier wird nicht gut ausgehen, auch wenn ich mir noch so oft sage, dass sich nichts ändern wird. Aber vielleicht glaube ich dann meiner eigenen Lüge.

“Du kommst mit mir.” Er ließ ihre Schultern los und streckte eine Hand aus, und vorsichtig ergriff sie sie. “Keine Widerrede. Und ich verspreche dir, ich werde nichts versuchen. Du bist eine tolle Frau, aber ich bin schließlich ein Gentleman.” Er grinste breit, und gegen ihren Willen musste Lucie lachen.

Viel später erwachte sie. Die billige Motel-Digitaluhr sagte, dass es kurz vor 5 sei. Lucie sah sich um. Sie lagen auf dem Motebett, Nick hinter ihr, sein Arm um ihre Hüfte gelegt. Er schlief tief und fest. Vorsichtig wand sie sich aus seiner Umarmung und legte ihm die Anzugjacke, die er ihr irgendwann zum Zudecken gegeben hatte, über. Lucie stand auf und sah den schlafenden Mann an. Ich würde bleiben. Aber ich kann nicht. Und eines Tages verrate ich dir vielleicht sogar, wieso. Wieso das mit uns beiden nicht gut ausgehen kann. Sie zog ihre Stiefel an und nahm Rucksack, Jacke und Helm und wollte sich hinaus stehlen, als ihr etwas einfiel. Eilig entnahm sie dem Rucksack einige Geldscheine und legte sie aufs Kopfkissen. Dann nahm sie einen der Zettel für die Minibar-Bestellungen und schrieb eine kurze Nachricht auf die Rückseite.

Lieber Nick,
danke für alles. Das Geld ist für deinen Anzug, weil der alte ja leider den Höllenhunden zum Opfer gefallen ist. Leider kann ich nicht bleiben. Wir werden uns bestimmt wiedersehen.

L.

Sie huschte in die Küche des Roadhouses, wo der Koch bereits mit seinem Tagwerk begann. Er sah sie nur mit hochgezogenen Augenbrauen an, als sie die Bonneville hinausschob. “Du hast niemanden gesehen”, sagte sie und hoffte, dass es nicht allzu sehr wie eine Drohung klang. Er nickte nur und half ihr, das Motorrad nach draußen zu schieben. Sie setzte sich den Helm auf und stieg auf, dann war sie verschwunden.

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Fünf Sekunden Dunkelheit
aus Barrys Tagebuch

Ich habe das Manuskript abgegeben. Endlich. Habe lang genug daran herumgeschrieben, und zusammen mit allem anderen war das ein schwerer Brocken. Kein lustiges Buch. Überhaupt nicht. Hat mich mehr runtergezogen, als ich dachte. Bin erleichtert, dass ich jetzt erst mal was anderes machen kann.

…damit hatte ich zwar eigentlich die Überarbeitung der Kurzgeschichten gemeint, aber mein Dad hatte eigene Ideen. Der hatte elf Vorladungen an eher widerspenstige Zeugen. Mindestens die Hälfte von denen waren bei der irischen Mafia, die restlichen waren Anwälte. Mein Job: Herausfinden, wo die waren. Vorladung abgeben, Quittung einsammeln. Alles nach Chicago bringen.
Aber, sagte ich, ich kann die Quittungen doch per Kurier schicken? Nein, erklärte mein Vater, das geht ü-ber-haupt nicht, der bezahlt doch keinen Kurier, wenn ich das machen kann. Klang logischer, als er’s mir erklärte.

Egal, eine Weile in der Gegend herumfahren klang ganz gut. Mein Arzt verschrieb mir seit der Legalisierung Marihuana statt Ativan – tat mir gut, glaube ich. Tam meinte, ich wäre seither viel verträglicher.
Jedenfalls machte ich mich auf den Weg. Kurvte anderthalb Tage östlich nach Murphy in North Carolina, dann weiter nach Nags Head auf den Outer Banks zu Seamus Cleary. Er war nicht erfreut, mich zu sehen. Hatte ein paar Cousins mit Schrotflinten da. War aber klug genug, es nicht drauf ankommen zu lassen. Ging ja nur um eine Unterschrift und ein paar Papiere.
Abends im Motel fiel mir ein, dass ich vor einigen Tagen im True-Believers-Forum eine Geschichte über einen Geist am Cape Hatteras gelesen hatte. Das war hier um die Ecke. Eigentlich lief ich ja nicht sofort los, wenn jemand etwas Übernatürliches erwähnte, aber diesmal… mir war gerade danach. Vielleicht konnte ich dem Geist ja helfen. Offenbar hatte mir Weihnachten aufs Hirn geschlagen.

Also fuhr ich noch ein paar Meilen bis Cape Hatteras. Kleiner Ort, lebte von Touristen und Fischerei. Viel mit Holz gebaut, merkwürdig verschachtelte Häuser. Die Leute hier klangen alle, als kämen sie geradewegs aus England – war eine ziemlich isolierte Gegend, sprachlich gesehen. Nein, sagte ich mir, deswegen war ich nicht hier. Geist.
Vor dem Diner stand Natalies Klapperkiste. War wohl nicht der einzige, der den Artikel gelesen hatte.

Sie saß drinnen und trank Tee. Setzte mich zu ihr. Ja, sie war auch wegen des Geistes da. „Wir müssen aufhören, uns so zu treffen“, sagte sie. Grinste. Ich erinnerte sie an den ComicCon, da hatten wir uns absichtlich getroffen. Gut, ein Geist war trotzdem involviert gewesen.
Wo wir gerade dabei waren, ging die Tür wieder auf und Emily kam rein. Klar. Jäger treten immer in Rudeln auf. Wäre sicher ein interessantes Thema für einen Statistiker. Ich winkte sie zu uns, stellte die beiden Frauen vor (die kannten sich noch nicht), erwähnte den Geist. Ja, Emily hatte das auch mitbekommen. Also gut. Wir waren alle erst seit kurzem hier, aber Natalie hatte schon ein bisschen nachgeforscht: Die Legende von einem weiblichen Geist im hellen Kleid, der beim Leuchtturm herumspukte, gab es schon seit dem 19. Jahrhundert. Der Geist war harmlos, tat niemandem etwas. War halt gruslig.
In der letzten Zeit gab es aber auch noch andere Geschichten, von Männerstimmen, Rufen, seltsamen Lichtern. Die Gegend hier hatte schon immer den Spitznamen „Friedhof des Atlantiks“ gehabt, aber in den letzten Jahren gab es scheinbar vermehrt Schiffsunglücke, gern an der östlichen Küste von Cape Hatteras.

Gut. Da es schon relativ spät war und das Stadtarchiv heute nicht mehr geöffnet hatte, beschlossen wir, uns mal die Küste anzusehen. Und den Leuchtturm. Markantes Gebäude, schwarz-weiß geringelt, mit einem knallroten Sockel. War eine Touristenattraktion, konnte man besichtigen, hatte aber bereits geschlossen. Wir lasen die Infotafeln, die um den Turm herumstanden: Erster Bau im frühen 19. Jahrhundert. Aber das Meer fraß die Küste, und schließlich musste das Gebäude 1999 versetzt werden, weiter ins Landesinnere. Ja, der ganze Turm. Riesensache. Die Baufirma hatte einen Preis bekommen.
Seit 1999 gab es aber vermehrt Schiffsunglücke. Um genauer zu sein: Mindestens eins pro Jahr, und immer in den ersten Dezemberwochen. Großartig. Ich sah uns schon auf einer Nussschale im Sturm in Richtung Land schlingern, von Wind und Wellen getrieben und ohne jede Orientierung. (Nein, das ist nicht passiert. Meine Vorstellungskraft geht gern mal mit mir durch.)

Verdächtig war das aber allemal. Glücklicherweise hatte es nur wenig Todesopfer gegeben, dank moderner Rettungstechnologie, aber trotzdem. Musste ja nicht sein. Vielleicht konnten wir mit einem Überlebenden sprechen?
Bevor wir uns auf den Rückweg machten, lauschte ich in die Gegend. Ja, da waren Stimmen. Eine wütende Männerstimme, die brüllte: „Findet sie! Findet sie und bringt sie zurück!“ Nur Wut, keine Sorge. Dazwischen Schmerzens- und Todesschreie. Konnte nicht ausmachen, woher das kam, aber vermutlich aus Richtung Leuchtturm.

Ich erzählte Emily und Natalie davon. Aber vorerst konnten wir nicht viel machen, wir brauchten mehr Informationen. Stadtarchiv, morgen. Jetzt noch mal zur Fischerkneipe.
Unterwegs sahen wir eine Frauengestalt in einem altmodischen weißen Kleid, die am Strand entlang rannte. Kam aus Richtung Leuchtturm. (Em und ich sahen die Gestalt, Natalie war mit ihrem Smartphone beschäftigt. Recherchierte vermutlich. Darin war sie richtig gut. Erinnerte mich vage an Jo, nur entspannter.)

Jedenfalls, die Frau. Sah ängstlich aus. Als wäre sie auf der Flucht. Ich ging auf sie zu, vorsichtig. Wollte sie nicht erschrecken. Hatte wohl mal wieder vergessen, dass ich keine allzu beruhigende Erscheinung war. Sie prallte kurz zurück, als sie mich sah. Aber sie hatte nicht vor mir Angst. „Sie kommen, sie kommen!“, keuchte sie.
Ich schaute in die Richtung, aus der sie gekommen war. Niemand zu sehen. Keine Verfolger. Als ich mich wieder zu ihr umdrehte, war sie auch verschwunden. Okay. Hatte ziemlich stofflich gewirkt für einen Geist.

Langsam kam Nebel auf (mir spukten sofort ein paar Geschichten über Leute, die sich an der Ostküste im Nebel verlaufen hatten, durch den Kopf… Seeungeheuer… amorphe Kreaturen, die aus Muschelschalen schlüpften und sich auf die Jagd nach Knochen machten…), aber es war ja nicht weit weg bis zu der Fischerkneipe, und es passierte auch nichts.
Drinnen bestellten wir alle Tee mit Rum. „Ist eine von euch gut darin, mit Leuten zu reden“, fragte ich in die Runde. Emily schnaubte nur. War wohl nicht so gesellig.
„Hast du schon mal dran gedacht, dass der Haken ein bisschen unheimlich ist? Pflegst du das unheimliche Image mit Absicht?“, wollte Natalie wissen.
Ich zuckte die Achseln. „Hab mir die Hand nicht wegen meines Images abgeschlagen“, erklärte ich. Sollte sarkastisch sein, nicht weinerlich. Kam wohl auch so rüber.
„Es gibt so Prothesen, weißt du, die aussehen wie Hände?“, sagte sie.
„Sind teuer“, erwiderte ich. „Gehen leicht kaputt.“ Und waren meistens weiß. Außerdem fand ich die Vorstellung einer künstlichen Hand unheimlich. Ja, ich weiß. Zu viel Fantasie.
„Na, in einer Piratenkneipe wärst du damit genau richtig“, sagte Natalie halblaut. Ich machte leise „Arrrr.“ Sie starrte mich an. „Barry hat einen Witz gemacht“, erklärte sie Emily erstaunt.
Okay, okay, ich weiß, ich sollte das lassen, aber so schlimm fand ich den auch nicht.

Jedenfalls war Natalie dank Ausschlussverfahren unsere Sprecherin und erzählte der Bedienung, dass wir wegen eines Studienprojekts hier wären (ich wurde zum Dozenten erklärt), bei dem es um ein Frühwarnsystem ging. Es gab ja hier sehr viele Unfälle mit Schiffen – kannte sie nicht vielleicht einen Überlebenden? Das würde uns wirklich helfen.
Die Bedienung zögerte kurz, aber Natalie ließ die enthusiastische Studentin raushängen und erfuhr schließlich, dass Andy Merriweather vor acht Jahren auf einem havarierten Schiff gearbeitet hatte. Der kam eigentlich jeden Abend in die Kneipe und würde sicher bald auftauchen.

Solange saßen wir noch da und hörten den Leuten am Nachbartisch zu. Die machten sich gerade über Dave lustig, weil er so abergläubisch war und nicht rausfuhr, obwohl ihm Fang entging.
Natalie mischte sich ein. „Ist es denn nicht sicher, rauszufahren?“ Doch, klar, sagten die meisten Fischer. Dave war anderer Meinung. Seit fünfzehn Jahren passierte hier jeden Dezember etwas, ein Unglück. Der fuhr nicht raus. In die Bucht zwischen Festland und Outer Banks schon, da war es sicher, aber nicht raus auf den Atlantik. Gründe wusste er keine. Vielleicht der Golfstrom, mutmaßte er. Aber ich glaube, darauf kam er erst, nachdem ich ihn nach Änderungen in den nautischen Bedingungen gefragt hatte.

Kurz nach neun kreuzte Andy Merriweather auf, ein alter, wettergegerbter Mann. Natalie erzählte ihm wieder von unserem Frühwarnsystem, und klar, er wollte gern helfen. Damals, vor acht Jahren, arbeitete er auf der Victoria Strait, einem Containerschiff (damals habe sich das ja noch gelohnt. Wir haben nicht erfahren, warum sich das jetzt nicht mehr lohnen sollte; wir haben aber auch nicht gefragt). Jedenfalls kannte er die Küste wie seine Westentasche, kannte die Leuchttürme und ihre Kennungen. Sah einen davon, den hier am Cape Hatteras. Es war neblig, und plötzlich war das Licht weg. Tauchte ein paar Sekunden später wieder auf, ein bisschen weiter die Küste runter. Das Schiff hielt sich an die Lichter und lief ein paar Minuten später auf Grund. Die Victoria Strait erlitt dabei einen Totalschaden, aber es kam niemand ums Leben.
Viel mehr konnte uns der alte Seemann nicht erzählen. Er war sich ziemlich sicher, dass das Licht eine Weile aus war und dann woanders auftauchte, auch wenn die Versicherung ihm das nicht geglaubt hatte. Überhaupt, die Versicherung! Aber mit einem Gläschen Tee mit Rum ließ er sich besänftigen.

Weil mir schon wieder Bilder von einer Fahrt auf dem nebligen, aufgepeitschten Atlantik im Kopf herumgeisterten, fragte ich in die Runde, ob jemand etwas von Schiffen verstand. Nein, weder Emily noch Natalie kannten sich damit aus. Großartig. Ich hatte mit siebzehn das Segelboot meines Vaters gegen eine Pier gefahren. Gab einen Haufen Ärger – eigentlich wollte ich ja damals einen Segelschein machen, aber wir haben dann beschlossen, dass ich das lieber lasse.

Gut, das war nicht hilfreich. Wir zogen uns in unsere Motels zurück (gab ja genug freie Zimmer) und trafen uns am nächsten Morgen wieder. Ab ins Stadtarchiv zur Recherche.
Das war auch weiter kein Problem. Wir – und wenn ich wir sage, meine ich Natalie (ich ließ mich von dem lokalen Dialekt und dessen Verschriftung ablenken) – fanden einen Haufen Dinge heraus: 1812 verschwand Theodosia Alston Burr bei einer Seefahrt von South Carolina nach New York. Sie war die Tochter des Vizepräsidenten Aaron Burr (der den Gründervater Alexander Hamilton bei einem Duell erschossen hatte) und die Ehefrau des Gouverneurs von South Carolina, Joseph Burr. Um ihr Verschwinden rankten sich zahlreiche Legenden: Wurde ihr Schiff von Piraten aufgebracht? War es im Sturm gesunken? Möglicherweise hatte ein Karankawa-Häuptling sie gefunden: Angeblich schenkte sie ihm sterbend ihre Kette. Oder ihr Schiff wurde von Strandpiraten mit falschen Lichtsignalen angelockt und lief auf Grund.
Gutes Stichwort: Strandpiraten. Daran hatte mich schon Merriweathers Geschichte erinnert. Natalie fand heraus, dass Anfang des 19. Jahrhunderts tatsächlich ein berüchtigter Strandpirat auf den Outer Banks sein Unwesen trieb: Robert Stockton. Es gab sogar eine Geschichte, nach der er derjenige war, der das Schiff der Gouverneursfrau aufbrachte. Angeblich war ihm Theodosia in die Hände gefallen. Er hatte gemerkt, dass sie aus gutem Haus war, und nahm sie gefangen, um ihre Familie zu erpressen. Aber sie entkam. Er schickte seine Leute los, und die blutigere Variante der Erzählung berichtete, dass der erste Suchtrupp erfolglos zurückkam und von ihm geköpft wurde. Die zweite Gruppe fand sie, und sie starb im Lager der Piraten an Erschöpfung und ihren Wunden.
Danach, lasen wir in einer Zeitung von 1813, wurde Stockton von den Bürgern der Outer Banks gejagt und in seinem eigenen Lager aufgeknüpft und verscharrt, zusammen mit seinen Spießgesellen. Es war sogar eine gezeichnete Karte dabei: Das Lager war ungefähr da, wo jetzt der Leuchtturm stand.

Außerdem fand Natalie einen Artikel aus der New York Times: Theodosias Mutter war zutiefst erzürnt und wurde mit den Worten „Wer auch immer meiner Tochter etwas angetan hat, der möge keine Ruhe finden, solange auf den Outer Banks noch ein Leuchtturm sein Licht verströmt“ zitiert.

Fein. Dann konnten wir uns ja zusammenreimen, was 1812 beim Untergang von Theodosias Schiff passiert war. Es gab sogar ein Gemälde von ihr, und ja, das war die Frau, die ich gestern Abend gesehen hatte. Aber warum waren die Strandpiraten erst jetzt wieder aktiv?
Ich rief bei der Baufirma an, die damals den Turm versetzt hatte. Sagte dem damaligen Bauleiter auf den Kopf zu, dass wir wüssten, dass sie damals auf dem Gelände Gebeine gefunden hätten. Er stritt es kurz ab, aber nachdem ich ihm mit der Presse gedroht hatte, knickte er ein. Ja, sie hatten Knochen gefunden. Alte Knochen. Interessierten doch bestimmt niemanden mehr. Sie hatten sie ins Fundament gemauert. Dankeschön, ihr Trottel.

Okay. Der Leuchtturm war ziemlich groß, den konnten wir nicht einfach abfackeln. Mal ganz abgesehen davon, dass der noch in Betrieb war. Dynamit hatte auch niemand dabei. (Gut, sowas ließ sich besorgen, aber vielleicht fanden wir eine andere Lösung. Eine etwas weniger justiziable.)

Da der Turm noch offen hatte, als wir mit der Recherche fertig waren, machten wir uns erneut auf den Weg. War ein hoher Turm, 278 Stufen bis ganz nach oben. Einen Wärter gab es nicht mehr, das lief alles elektronisch. Das Männchen an der kleinen Kasse erzählte uns, dass es noch einen Vorratsraum gäbe, aber keinen Keller. Allerdings war der Vorratsraum abgeschlossen.

Wir zogen uns zurück. Emily brachte die Sache mit Theodosias Mutter und ihrem Fluch noch mal auf. Konnten wir da etwas machen? Vielleicht die Türme ausmachen und andere Feuer anmachen? „Lieber nicht“, sagte ich. „Das müsste vom Meer aus exakt gleich aussehen, sonst machen wir nur das Gleiche wie die Strandpiraten.“ Außerdem müssten wir die Blickfrequenz genau nachahmen… Moment. Blinkfrequenz. Wenn alle Türme gleichzeitig nicht leuchteten… vielleicht reichte das?

Das Signal wurde zentral von einem Computer gesteuert, und ja, Natalie meinte, sie könnte das hacken. (Ich dachte ja kurz, wir müssten da einbrechen und einen USB-Stick irgendwo dranklemmen – in den Serien, die Tam gern schaute, war das immer so. Aber natürlich war die Leitstelle per Internet mit den Türmen verbunden.)
Also setzte sich Natalie hin und fing an, auf ihrem Laptop zu tippen. Das dauerte eine Weile, aber sie meinte, sie könnte die Leuchttürme so synchronisieren, dass alle fünf Sekunden lang kein Leuchtsignal sendeten. Das würde hoffentlich reichen und keinen weiteren Schaden anrichten.

Als es dunkel wurde, machten wir uns auf den Weg zum Leuchtturm. Ich stand neben dem Gebäude und lauschte, Emily ging nach unten an den Strand, wo wir Theodosia gesehen hatten.
Der Leuchtturm begann zu blinken. Ich hörte die Stimmen wieder, erst leise, dann klarer. Stocktons Gebrüll. Theodosia tauchte unten am Strand auf, rannte, verfolgt von drei kopflosen Strandpiraten. Der Leuchtturm wurde dunkel. Eins… zwei… drei… vier… fünf… Stocktons Gebrüll verstummte. Die Verfolger wurden durchsichtig und verwehten wie Nebelschwaden. Nur die Frau im weißen Kleid blieb. Redete mit Emily.

Emily versuchte, mit Theodosia in Richtung des Orts zu laufen, aber je weiter sie sich vom Leuchtturm entfernten, umso durchsichtiger wurde die Tote. Schließlich gaben sie es auf und kehrten um.
„Ich will nach Hause“, sagte Theodosia, als Natalie und ich näherkamen. „Mir ist so kalt.“ Sie war jetzt wieder stofflich genug, dass sie sich Emilys Jacke über die Schultern hängen konnte. Aber sie zitterte immer noch. Offensichtlich hatte sie Zutrauen zu der tätowierten Jägerin gefasst, sie erzählte ihr von ihrem Vater, von ihrem Ehemann… sie wollte doch nur zu ihrer Familie.

„Glaubst du an Gott“, fragte ich sie. Theodosia nickte. Hatte ich erwartet. Gut.
„Vielleicht hilft es, wenn du betest“, schlug Natalie vor. „Schließ die Augen und denk an deine Familie“, fügte ich hinzu.
Theodosia biss sich nervös auf die Unterlippe, aber dann tat sie, was wir ihr vorgeschlagen hatten. Betete das Vaterunser. Ich zog meine Jacke aus, schob die Ärmel beiseite. Während sie laut das Vaterunser betete, sprach ich zu den Geistern: Dass sie Hilfe brauchte. Dass sie sich verirrt hatte und hier nicht hingehörte. Dass sie den Weg finden musste. Spürte ein kurzes Ziehen in den Schultern, wie das Zucken von Flügeln.

Die Stimme der toten Frau wurde immer leiser. So, als würde sie sich entfernen. Ihre Gestalt wurde durchscheinender, weniger real, und als sie beim Amen ankam, verschwand sie ganz. Emilys Jacke fiel in den Sand. Ich lauschte, hörte aber nichts außer dem Rauschen des Ozeans. Klang… friedvoll. Seltsames Gefühl. Nichts schlecht, nur sehr, sehr ungewohnt.
Emily klaubte ihre Jacke vorsichtig aus dem Sand. Zog sie nicht wieder an, obwohl es nicht gerade warm war. Warf sie weg, als wir im Ort ankamen. Aberglaube? Wollte sie die Jacke nicht mehr, weil jemand anderes sie getragen hatte? Ich nahm meine Fantasie an die Zügel, bevor ich mir irgendwelche Szenarien ausmalen konnte. Vermutlich war sie einfach nur vorsichtig und hatte mehr Ahnung von solchen Sachen als ich. Sollte ja vorkommen.

Wir gingen also zurück in die Fischerkneipe. Noch mehr Tee mit Rum. Schwiegen eine Weile, bis mir etwas einfiel.
„Soll dich von Kate grüßen“, sagte ich zu Natalie. „Sie mochte deine Zöpfe.“ Natalie grinste, grüßte zurück und fragte, ob Kate auch Rastas wollte – und dann irrte die Konversation irgendwo zwischen „Rasta-Barry“ (oh Mann) und Weihnachtselfen herum. Das Fazit war, dass ich weder grüne Strumpfhosen besaß noch welche besitzen wollte. Es war ziemlich albern. Merkwürdiges Gefühl, so offen mit Leuten zu reden. Immerhin bekam ich heraus, dass Natalie Bibliothekswesen studierte. Hatte mich schon länger gefragt.
Emily interessierte sich für meine Kinder. Wie alt? Gingen sie auch jagen? Nein, taten sie nicht. Sie wollte wissen, ob mir das nicht gefährlich vorkam. Ich versuchte, ihr zu erklären, dass es wohl wesentlich gefährlicher war, Monster zu jagen als das nicht zu tun. Weiß nicht, ob sie es verstand. Erinnerte mich, dass sie aus einer Jägerfamilie stammte. Mann. Na, lenkte sie ein, wenn sie mal eigene Kinder hätte, würde sie das vielleicht auch anders sehen. Ich sagte, das könnte ja noch kommen, aber sie war nicht so angetan von dem Gedanken.

Der Abend klang ruhig aus. Ich wartete noch eine Weile darauf, dass plötzlich Strandpiratengeister auftauchten, oder eine Sturmflut, oder… irgendwas jedenfalls, aber es passierte nichts. Gar nichts. Wir trennten uns schließlich später am Abend. Im Motel träumte ich komisches Zeug von Booten, aber kein Angriff. Fühlte mich aus dem Gleichgewicht geworfen, irgendwie. Wir hatten die Geister vertrieben und Theodosia gerettet, ganz ohne Kampf und Drama. Schön, aber irgendwie fast surreal.

Brach am nächsten Morgen wieder auf. Fuhr nach Norden, Zwischenstation in Washington, Baltimore, New York. Nächster Halt in Amherst, Massachusetts. Rief danach Ethan an, war ja in der Nähe. Trafen uns. Redeten. Philadelphia und Coleen, größtenteils. Ziemlich seltsames Zeug mit Treppen und nicht-euklidischen Räumen. Das machte Ethan fertig. Der kam mit der Ambiguität der Wirklichkeit nicht so gut klar, glaube ich. Gerade weil es da in Philly wohl keine scharfen Grenzen gab, die ihm sagten, wo die Realität aufhörte und wo das Zerrbild begann. Ich war vermutlich keine große Hilfe. Konnte mich immerhin davon abhalten, merkwürdige Kommentare abzugeben. (Aber mir fiel eine sehr niedliche Kurzgeschichte ein. Glücklicherweise hatte ich sie am nächsten Tag schon wieder vergessen.)
Wir sprachen noch über Weihnachten, Familie, alles Mögliche. Fuhr am nächsten Morgen weiter, gab die letzte Vorladung in Cleveland ab, ließ die letzte Quittung unterschreiben. Kam endlich in Chicago an.

…und jetzt sitze ich hier und warte darauf, dass mein Dad mir erzählt, was er eigentlich von mir will.

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We are still in Kansas
Treffen Nick/Lucie in einem Diner irgendwo im Nirgendwo

In einem Diner in der Nähe von Emporia, Kansas, an der Route 35

Lucienne kommt gerade aus dem Norden, hat dort einige “Besorgungen” gemacht. Betritt das Diner in ihrer üblichen Motorradkluft und bestellt erstmal einen Kaffee.

Die letzten beiden Tage hatte Nick sich in einem der örtlichen Casinos aufgehalten, gerne stellte man solche Gebäude eher ins Nichts, irgendwo an einer Straße des Landes an den Rand einer Stadt. So auch in diesem Falle. Vielleicht war das Casino einmal im Besitz eines Indianerstammes gewesen, genauso gut möglich wäre es auch, dass sie sich einfach nur dieser Optik bedienten. So oder so wurde er von ihnen als Starspieler angeheuert. Er wird dafür bezahlt, Poker zu spielen, um zusätzliche Leute anzuziehen. Und wenn er gewinnt? Um so besser, dann hätte er das Turniergeld und seine Gage. Wie üblich hatte sich das Spiel bis tief in die Nacht gezogen und, wie üblich, wie könnte es auch anders sein, holte er sich zwei Schecks bei den Betreibern ab. Auch ihn hat es zufälligerweise in das Diner getrieben – primär deswegen, weil er nun, nebst dem Schlafmangel, die Gläser Bourbon bereut, die er gestern zu sich genommen hat – zumal er gerne während des Spielens vergisst, etwas anderes zu trinken. So brummt sein Schädel ziemlich stark, als er ins Diner hinein geht, sich eine große Tasse Kaffee holt und Rührei mit Speck bestellt. Er nimmt einen tiefen Schluck, blickt sich in dem Diner um… Nur um zu schmunzeln, als er den Hinterkopf von Lucienne erkennt. Ah. Das könnte noch interessant werden. Er schlurft zu ihr hinüber, ehe er hinter ihrem Rücken leicht seine Schultern richtet, seine Anzugjacke zurechtzupft und mit einer sehr überzeugenden Impersonation einer wachen Person, die nicht die letzte Nacht größtenteils in einem verrauchten Raum verbracht hat, sagt: “Ah, Fräulein Baker, schön dich zu sehen…” er lässt sich ihr gegenüber auf die Bank plumpsen.

Lucie sieht von ihrer Zeitung auf und ist erstmal irritiert, mit ihm hat sie hier nicht gerechnet. “Oh.. hi.” Es ist schwer zu erkennen, ob sie überrascht ist, oder ob sie sich freut, ihn zu sehen. Dann ein schmales Lächeln, Blick auf seine Kaffeetasse. “Noch einen? Du siehst aus, als könntest du es brauchen.” Eine Kellnerin bringt Lucie ihr Frühstück, die rührt es jedoch erstmal nicht an. “Was machst du hier? Und sag jetzt nicht, du bist meinetwegen hier. Das glaube ich dir nämlich nicht.” Sie sieht ihn durchdringend an, kann sich dabei aber das Lachen kaum verkneifen.

“Aber, aber,” leicht grinst er, “Würdest du mir nicht glauben, dass mich deine schillernde Persönlichkeit unwiderstehlich hierher lockte?” meint er lächelnd. “Sehe ich so schrecklich aus?” fragt er sie mit einem Zwinkern auf die Frage nach dem Kaffee und lehnt sich leicht vor. “Keine Sorge, ich hab die Tasse zum Wiederauffüllen… Ich glaube, um das zu bereden, hatten wir beim letzten Mal gar keine Gelegenheit. Ich bin Pokerspieler. Ich habe gestern an einem Turnier teilgenommen. Und was machst du hier?”

“Meine… schillernde Persönlichkeit?” Sie lächelt, aber sie fühlt sich wahrscheinlich schon etwas geschmeichelt. Sie macht dann erstmal eine Pause, isst und trinkt doch etwas und sieht ihn dann an, das Kinn auf die Hände gestützt. “Pokerspieler also? Damit kann man Geld verdienen? Interessant.” Kurze Pause. “Ich bin… ähm… auf der Durchreise.” Ihr Tonfall verrät deutlich, dass sie nicht über ihre Durchreise reden will. Sie lässt auch während der ganzen Zeit ihren Rucksack, der neben ihr auf der Bank steht, nicht aus den Augen. In dem stumm geschalteten Fernseher läuft jetzt ein Nachrichtenticker-Band durch, dass in Wichita in einem Wahlkampfbüro mehrere tausend Dollar abhanden gekommen sind, vom Täter fehlt jede Spur. Lucie sieht das auch, scheint aber nicht nervös zu werden, wenn man mal davon absieht, dass sie jetzt mit einer Haarsträhne spielt. “Und was hast du mit dem angebrochenen Tag vor, Morrissey? Bis eben wusste ich ja noch nicht einmal, womit mein… Ehemann sein Geld verdient.” Sie grinst bei diesen Worten, spielt aber weiter mit der Haarsträhne. “Ich bin gerade zu etwas Geld gekommen. Wenn du mir sagst, wo das nächste Casino ist, könnten wir die Bank knacken. Interesse?”

Während sie sich erklärt, leert Nick seine Kaffeetasse, lässt sie sich auffüllen, als die Bedienung vorbei kommt und auch ihm einen Teller auf den Tisch stellt, behält sie einen kurzen Moment im Blick, wirft dem Rucksack einen Blick zu, ehe er sich dem Essen zuwendet und sich hungrig Speck und Eiern widmet, jedoch nicht ohne sie ganz aus den Augen zu lassen. “Nun Miss Morrissey…” meint er mit einem schelmischen Grinsen, “wenn man so gut ist wie ich, kann man durchaus sein Geld damit verdienen.” Seine Augen zucken kurz zu ihrem Spiel mit der Haarsträhne. Interessant. Mit einem Schmunzeln blickt er ihr wieder in die Augen. Kurz heben sich seine Augenbrauen überrascht bei ihrem Vorschlag. “Du würdest dein Geld auf mich verwetten? Hm,” meint er brummend und mustert sie kurz, ehe er mit den Schultern zuckt, “80 Meilen von hier ist eine kleinere Stadt. Dort gibt es ein Casino, das High-Stakes Spiel anbietet. Ich kann dir aber nichts garantieren.” Nun, eigentlich schon. Er gewinnt immer. (Zumindest redet er sich das gerne ein.)

“Ich würde nicht nur mein Geld auf dich setzen, sondern auch mit dir antreten. Aber als brave Ehefrau sollte ich vielleicht nur hinter dir stehen und auf dich setzen.” Sie lächelt jetzt kokett über den Rand ihrer Kaffeetasse. “Und deine Gegner ablenken.” Sie überlegt kurz, guckt ihn dann an. “Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass du das nötig hast.” Sie isst und trinkt jetzt schweigend weiter, während sie aber auch immer die Tür im Blick hat und an Nick vorbeiguckt. Bei manchen Besuchern zuckt sie auch mal zusammen, entspannt sich dann aber wieder, wenn derjenige offensichtlich nicht der ist, auf den sie wartet – oder auf den sie eben nicht wartet. “80 Meilen von hier, sagst du? Warum nicht. Ich habe zur Zeit sowieso nichts besseres vor,” meint sie dann. Dann nochmal kurzes Schweigen, sie überlegt, guckt wieder zur Tür, scheint aber beruhigt zu sein. “Wo wir schonmal hier sind, können wir uns auch besser kennenlernen. Jetzt, wo wir verheiratet sind.” Bei der letzten Bemerkung grinst sie und macht Anführungszeichen in der Luft. “Ich weiß zum Beispiel noch nicht mal, wie alt du bist.”

“Soso, würdest du das?” lächelt er, seine Augen haben die ganze Zeit einen leichten Schlafzimmerblick, ob jetzt aus Absicht oder aus Schlafmangel ist eine andere Frage, mustert sie mit leicht schräg gelegtem Kopf einen Moment, “Ich bin mir sicher, dass du kein Problem haben dürftest, den einen oder anderen abzulenken. Erst recht nicht in einem Abendkleid,” brummt er, mit einem leicht schelmischen Schmunzeln, er denkt bei sich, dass es sich schon fast gehört, ein Kompliment zurückzugeben – nicht, dass es unwahr wäre. Doch während er spricht, behält er ihre nervösen Blicke im Auge, linst kurz selbst zur Türe. Wie nervös sie doch ist, lächelt ihr beruhigend zu, “Hmm, vielleicht wäre es an der Zeit,” murmelt er und grinst schelmisch, “Ich bin 25… Und dich frage ich nicht danach, eine hübsche Frau ist immer 21 und nie älter.” Er zwinkert ihr zu, ehe er einen weiteren Bissen von seinem Essen nimmt, wirft einen Blick auf den Motorradhelm, der wohl neben ihr auf der Bank liegt, “Ach, das Motorrad ist dein übliches Transportmittel? Hm, du machst darauf sicher eine gute Figur. Wo hast du es her?” fragt er neugierig.

Sie geht erstmal nicht auf die Frage ein. “25… soso. Und ja, natürlich 21. Zum wiederholten Mal.” Sie lächelte wieder, aber immer auf der Hut. Dann stellt sie die Kaffeetasse wieder hin und fährt mit dem Finger etwas versonnen durch auf dem Tisch verstreuten Zucker. “Die Bonneville?” fragt sie mit einem Blick auf ihr Motorrad. “Erbstück. Von meinem Großvater. Und ja, übliches Transportmittel, wenn du es so nennen willst. So bin ich schneller, wenn ich es mal… eilig habe.” Sie zeichnet weiter Muster auf dem Tisch, bis eine Bedienung kommt, Lucies Kaffeetasse auffüllt und mit einem schnellen Wischer den Zucker entfernt. “Wir können gerne mal eine Spritztour machen, wenn du willst.” Sie lächelt jetzt breit. “Einen zweiten Helm hab ich.” Sie wirft einen Blick auf seine Kleidung. “Etwas passenderes wäre allerdings nicht schlecht. Also, wenn du willst, sollten wir shoppen gehen.” Wieder ein Schluck Kaffee, ein Lächeln über die Tasse, und dann wieder ein Spielen mit der Haarsträhne. “Deine Frau lässt was springen.” Sie grinst, wirft ihm dabei aber einen tiefen Blick zu und beugt sich etwas vor, die Unterarme auf den Tisch gestützt, der Kopf leicht schräg.

“Ich dachte mir fast so etwas. Wirkt ziemlich alt, aber hübsch…” meint er mit einem Blick auf das Motorrad, nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Kaffeetasse, wischt die letzten Brocken auf seinem Teller auf und lehnt sich leicht zurück, sie betrachtend. “Wenn du es eilig hast? Häufiger so, dass du ziemlich schnell woanders hin musst?” fragt er sie mit einem neugierigen lächeln. “Hmm.” Er schaut sich seine Anzugjacke an, “Ich sehe schon, was du meinst, eine etwas stabilere Jacke wäre vielleicht besser,” stimmt er ihr zu, nur um leicht zu grinsen, als sie sich vor lehnt, lässt es sich natürlich nicht nehmen seinen Blick ein Momentchen wandern zu lassen, ehe er antwortet, “Was bin ich dann, wenn du für mich Geld springen lässt? Dein Boytoy?” grinst er sie an, ehe er sich wieder aufrichtet, “warum nicht, ich finde du hast keinen schlechten Geschmack, und wer bin ich schon, so ein angenehmes Angebot abzulehnen.”

“Natürlich habe ich einen guten Geschmack. Ich hab dich geheiratet.” Sie grinst. “Und Boytoys habe ich mir irgendwie immer anders vorgestellt. Weniger… zerknittert. Mehr so The Real Housewives statt High Stakes Poker.” Sie zieht eine Augenbraue hoch und versteckt sich wieder hinter der Kaffeetasse. Die ist wahrscheinlich längst leer, aber dann sieht man nicht gleich, dass sie rot wird. Sie bestellt noch einen Kaffee. “Und ja, ich habe es häufiger eilig. Heute hast du aber Glück. Mein Terminkalender sagt, ich bin frei.” Sie lächelt ihm aufmunternd zu. Die Kellnerin kommt und füllt Lucies Kaffeetasse nach. Lucie bedankt sich, guckt dann wieder zur Tür und lässt die Tasse fallen. Die Kellnerin entschuldigt sich, Lucie ebenfalls, dann springt sie auf und wischt sich etwas übertrieben die Motorradkluft ab. “Ich… äh.. entschuldigung. Bin gleich wieder da.” Sie sieht nochmal zur Tür, dann huscht sie zwischen anderen Besuchern vorbei zur Toilette.
Falls Nick zur Tür guckt, fällt ihm vielleicht ein Latino auf, Ende 20, Anfang 30, schicker dunkelblauer Anzug, grauer Trenchcoat. Scheint eine der Kellnerinnen etwas zu fragen.

“Ah,” antwortet er ihr nur mit einem spitzbübischen Grinsen. “Das, meine Liebe, erklärt es natürlich,” murmelt er brummend, “aber wirklich? Meinst du nicht, du hast etwas besseres verdient als so ein geschniegeltes Ding?” fragt er, weiter dieses zu selben Teilen charmante und vertrackte Grinsen auf seinen Lippen. Beinahe hat sie etwas mädchenhaftes, als ihre Wangen sich hinter der Tasse leicht röten. Doch noch bevor sie antworten kann, springt sie auf, seine Augenbrauen heben sich leicht überrascht und er folgt ihr mit seinem Blick, als sie davon spaziert, fast schon in die Damentoilette huscht. Hm. Seine Augen wandern mit geübtem Blick dorthin, wo sie zuvor geschaut hat. Komischer Kerl. Vielleicht ein Ex? Wäre schon möglich, immerhin, wenn sie tatsächlich etwas Interesse an ihm hat – und er hatte sie zumindest schon zum Erröten gebracht – könnte der andere Kerl vielleicht in ihr… Beuteschema passen. Aber nein. Sein Blick ist zu kühl, der Anzug zu langweilig. Wahrscheinlich eine Art von Gesetzeshüter, er trägt den üblichen ausgeleierten Anzug, seine Schuhe sind abgewetzt – er sitzt damit also nicht nur an einem Tisch. Er betrachtet, wie der Mann seine Fragen der Kellnerin stellt, und zeitgleich entscheidet sich Nick dazu, die Tasche aus dem Weg zu räumen, rein sicherheitshalber. Mit seiner Schuhspitze fischt er den Rucksack von der Bank, – Gott, was war da drin? Geldbündel?.. Oh nein… Stellt ihn auf den Boden, schiebt ihn mit seinem Fuss unter die Bank, auf der er sitzt, blickt auf und lächelt den Latino an, der mittlerweile an ihn herangetreten ist. “Sir,” brummt Nick und lächelt erneut, bringt Dinge wie seinen Namen hinter sich, kurze Floskeln, die der Mann offensichtlich nur widerspenstig durchläuft, ehe der Latino zum Punkt kommt. “Kennen Sie die Frau, die vorher hier saß? Wo ist sie jetzt?” Der Pokerspieler lächelt. “Oh, Lucy? Sie ist… Hm, ich glaube sie pudert sich gerade die Nase. Ja, ich bin ihr schon, hm, einmal vorher begegnet.
Wir könnten also gerade so gut verheiratet sein,” antwortet er mit einem neuen, breiten Grinsen und einem sarkastischen Unterton in der Stimme.

Ein ganzes Weilchen plappert er den Gesetzeshüter zu, füttert ihn mit Trivia und falschen Details. Erst zehn Minuten später bemerkt dieser, dass er sich festnageln lässt. Amüsiert betrachtet Morrissey, wie der Trenchcoat zur Türe hinaus rauscht, das Motorrad schon lange weg. Er wartet, bis auch die Karre des Latinos auf dem Highway ist, steht dann in einer flüssigen Bewegung auf und greift sich den Rucksack, zahlt sein eigenes und Luciennes Frühstück, ein sattes Trinkgeld gebend, spaziert zur Türe hinaus, geht zu seinem Sportwagen hinüber und setzt sich in diesen, den Rucksack auf den Beifahrersitz legend. Zwei Minuten sitzt er fast regungslos da, zündet sich dann eine Zigarette an, greift nach dem Rucksack, öffnet ihn… Schließt ihn dann wieder, legt ihn zurück neben sich, steckt den Zündschlüssel ins Schloss und fährt los.

Hinter seinem Scheibenwischer findet Nick noch den folgenden Zettel:
“Morrissey, du schuldest mir 8000 Dollar. Die hätte ich gerne wieder. Bis dahin leih ich mir im Gegenzug deinen Nachnamen aus. Muss wohl erstmal verschwinden. Gruß, L.”

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