Mädchenkram - Supernatural

Coal Miner's Seed
aus Barrys Tagebuch

Coal Miner’s Seed

Wow. Okay, einfach nur: Wow. Ich habe auf eBay ein Buch ersteigert – es war nur eine Seite drin, ein Ausschnitt, aber das war ein Wörterbuch. Walisisch – Indianisch, angeblich. Unbekannte Sprache, die aber Merkmale aus der Caddo- und aus der Sioux-Sprachfamilie enthielt. Gut, eigentlich war es nur ein Lexem, das mir auffiel, aber trotzdem. Hatte ja nicht viel gesehen. Nicht hyperventilieren, Jackson, wahrscheinlich ist das nur Zufall. Aber wenn nicht… egal. Als hätte ich gerade Zeit für ein Paper, und walisisch kann ich auch nicht. Trotzdem.

Das hier ist aber nicht der Text, in dem ich erzähle, wie wertvoll und wichtig dieser Fund ist. Das hier ist das Action-Tagebuch, und ja, es gab Action. Ich hätte vielleicht nicht mit Ethan losziehen sollen. Oder Browns Fluch hat sich nach ein paar ruhigen Jahren wieder aktiviert. Großartig.

Jedenfalls musste Ethan nach dem Baumhausbau zurück nach Vermont, das Wörterbuch war in Oak Hill, Ohio – direkt auf dem Weg. Also sagte ich dem Verkäufer, ich würde es abholen. Die Post verlor ohnehin zu viele Sendungen.
Wir kamen nach einer längeren Fahrt an. Unterwegs hatte ich Ethan eine Weile zugetextet, es dann gemerkt und mich entschuldigt. Er meinte nur, er fände das Thema grundsätzlich ja ganz interessant, auch wenn er nicht viel von dem verstand, was ich sagte. Gut, meinte ich, wenn dich das tatsächlich interessiert… ich kann das auch verständlicher erklären. Tut es schon, meinte er, also fing ich mit „Was ist eigentlich eine Sprachfamilie?“ an. Wäre auch ein nettes Gespräch geworden, aber natürlich hatte meine Stimme irgendwann keine Lust mehr. Immerhin: Ethan redete mehr auf der Fahrt. Deutlich mehr. War schon in Stuttgart so gewesen. Nicht mehr so wortkarg. Lag vermutlich an dem Treffen mit seinen Eltern. Oder an Sam.

(Schon wieder 300 Worte oder eine halbe Seite mit nicht-Action verbraucht. Ich muss mehr auf meinen inneren Lektoren hören. So geht das nicht. Könnte den Absatz über Ethan löschen, oder diesen Rant hier, aber das mache ich nicht. Für Leute, die nur den Action-Teil lesen wollen: Überfliegt den Rest und steigt bei BAM wieder ein.)

Ich holte das Buch ab. Eine relativ schmale Kladde, ziemlich fragil, also steckte ich sie vorsichtig in die Tasche und verzichtete darauf, darin herumzublättern. Okay, ein schneller Blick. Ja, das sah gut aus. Sehr gut. Riss mich dann am Riemen, aber ich habe mit Sicherheit gegrinst wie ein Honigkuchenpferd, als ich damit zum Wagen lief. (Tolles Wort: Honigkuchenpferd.)
Als nächstes fuhren wir zum örtlichen Pub. Draußen schon eine Tafel: Walisische Spezialitäten. Keine Ahnung, was das sein konnte. Irgendwas mit Schaf, vielleicht? Wir gingen rein. Große Überraschung: An einem Ecktisch saßen zwei bekannte Gestalten. Irene Hooper-Winslow und Bart Blackwood. Oh Mann. Was machten die denn hier?

Wir gingen rüber, sagten Hi. Bildete ich mir das nur ein oder war Irenes Begrüßung diesmal tatsächlich einen Hauch weniger frostig als in Seattle? Keine Ahnung. War ja auch egal. (Nein, war es nicht. Ich war gern mit Irene befreundet gewesen, bis mir meine Triebe in die Quere kamen.) Was bringt euch denn hierher? fragte Irene. Ich erzählte von dem Buch, etwas ausführlicher, als es unbedingt nötig gewesen wäre. Sie und Bart waren nur hier, weil sie Informationen austauschen wollten. Hätte mich ja auch gewundert, wenn die sich nicht gekannt hätten.
Keine Fälle? Keine verschwundenen Personen, kein Familienfluch? Sah erst mal nicht so aus. Einfach nur ein zufälliges Treffen, ein walisisches Essen, und dann gingen wir alle unserer Wege? Nein. Natürlich nicht. Wäre ja zu einfach.

Die Kellnerin – Gwendolyn – wirkte nervös. Fast schon zappelig. Schaute uns immer wieder von der Seite an, als wollte sie etwas erzählen. Schließlich fragte ich sie, ob alles in Ordnung wäre. Sie schüttelte halb den Kopf. Sind Sie von der Polizei? fragte sie. Oder vom FBI? Ich erklärte, ich wäre Privatdetektiv. Das schien ihr zu reichen. Erzählte uns von ein paar mysteriösen Todesfällen beim Bergwerk – drei in den letzten vier Wochen, und niemand wusste, was los war. Die Polizei interessierte es scheinbar auch nicht sehr.

Zwei Männer, Ennis und David, waren vom Förderturm gestürzt. Selbstmord, war die offizielle These, aber Ennis war Gwendolyns Cousin gewesen, und verlobt, und glücklich – der hatte sich bestimmt nicht umgebracht. Die Frau, Linda, die in der Verwaltung gearbeitet hatte, war vor ein Auto gelaufen. Das klang zwar nicht unbedingt nach massiven übernatürlich Umtrieben, aber man konnte ja nie wissen. Immerhin waren Ethan, Irene und Bart hier. Und ich. Drei Jäger und ein… Privatdetektiv. Schriftsteller. Was auch immer.

Also beschlossen wir, uns das mal anzuschauen. Erstes Ziel war, wie so oft, der örtliche Sheriff. Unterwegs fiel mir auf, dass der Ort ganz schön heruntergekommen war. Nicht völlig verfallen, aber ungepflegt. Schlaglöcher in den Straßen, eine abgesperrte Kirche. Die Leute, die wir sahen, wirkten müde und abweisend. Nicht direkt feindselig, aber unfreundlich. Die mochten keine Fremden hier.
So auch auf der Polizeiwache. Zwei gelangweilte Männer, eine Frau, die desinteressiert ihre Fingernägel feilte. Der Sheriff, Colwyn Morgan, hätte aus dem Wikipedia-Artikel über ländliche Ordnungshüter stammen können: Weiß, übergewichtig, mit einem Schnauzbart. Immerhin war er etwas munterer als der Rest. Hatte nichts gegen Privatdetektive und gab bereitwillig Auskunft: Leider wusste er nicht viel mehr als Gwendolyn. Das Kohlebergwerk war die Lebensader der Stadt und lief eigentlich ziemlich gut. Viele Unfälle gab es da aber nicht.

Fein. Bevor wir zum Bergwerk fuhren, brauchten wir erst mal eine Unterkunft. Es war schon Abend, und ich wollte eigentlich nicht im Auto schlafen.
Oak Hill hatte nur ein einziges Hotel, das Horse & Arms. Sah altmodisch aus, war es auch, von einem ältlichen Ehepaar betrieben, den Vaughns. Die Wirtin war gleich ganz begeistert von Irenes Akzent – sie war ja vor Jahren schon mal in London gewesen, und überhaupt waren ihre Vorfahren alle Waliser. (Genau, weil sich Engländer und Waliser ja heiß und innig lieben.) Irene lächelte freundlich und ließ sie von der älteren Frau zu einer Tasse Tee einladen, während Mr. Vaughn uns unsere Zimmer zeigte. Die waren adäquat, aber nicht gerade modern. Immerhin gab es Betten… ich hätte mich nach der langen Fahrt gern hingelegt, aber das ging ja schlecht. Es waren ja Leute gestorben, und das war jetzt mein Problem. Wo kam diese Lone-Ranger-Mentalität eigentlich wieder her?

Von Mrs. Vaughn erfuhr Irene die Namen der Bergwerksbesitzer: Alun Baines und Jeremiah Cadwallader. Die Toten waren vage mit ihnen verwandt gewesen, aber eigentlich waren die meisten Leute in Oak Hill miteinander verwandt. Idyllisch.
Auf die Frage, warum die Einheimischen Fremden gegenüber so reserviert waren, erklärte uns Mr. Vaughn, nein, das wäre nicht so, Oak Hill wäre ein gastfreundlicher walisischer Ort. Gut, vielleicht machte sich jemand Sorgen, dass wir vom FBI wären, oder von einer Umweltbehörde, die das Bergwerk schließen wollte. Nein, das war noch nicht vorgekommen, aber man hörte ja so viel. Ja, im Moment gab es eine kleine Durststrecke, aber das werde man schon meistern.
Ethan fand die Paranoia des Hotelbesitzers verdächtig, aber mir kam das nicht so seltsam vor. Viel merkwürdiger fand ich ein gut gehendes, rentables Kohlebergwerk in Privatbesitz. Kohle war schon seit Jahren auf dem absteigenden Ast (zum Glück).

Nachdem wir unser Gepäck verstaut hatten, macht wir uns auf den Weg zum Bergwerk. Die Sonne stand schon ziemlich tief, als wir ankamen, also trennten wir uns: Irene und Ethan wollten sich das Gelände außerhalb des Werks anschauen, Bart und ich mit den Leuten hier über die Unfälle sprechen.
Wir hatten Glück: Mr. Cadwallader war noch da und bereit, mit uns zu reden. Von der jungen Angestellten aus der Verwaltung erfuhren wir vorher, dass Linda sehr korrekt war – unwahrscheinlich, dass sie aus Unachtsamkeit vor ein Auto gelaufen wäre.
Jeremiah Cadwallader war ebenfalls beunruhigt wegen der Toten – sie hielten sich doch hier immer an alle Sicherheitsbestimmungen, und dann so etwas. Das war nicht gut für das Bergwerk. Bart stellte ein paar Fragen nach dem Zugang zum Förderturm, Cadwallader bot an, ihn uns zu zeigen.
Um in den Turm zu kommen, musste man durch eine verschlossene Drahttür. Das Schloss war nicht sonderlich kompliziert, aber ich fand keine Spuren davon, dass sich hier jemand unerlaubt Zutritt verschafft hatte. Bin allerdings auch nicht Sherlock Holmes (nicht mal Magnum, P.I. Mein Lehrgang über Schlösser war schon eine Weile her. Könnte ich mal wieder auffrischen. Wenn ich mal Zeit habe. Klar, Jackson. Wolltest du nicht gerade eben noch Walisisch lernen?)

Schloss hin, Schloss her, David hatte Zugang zum Turm, Ennis hätte sich einen Schlüssel besorgen können und Linda hatte da nichts verloren. Cadwallader erlaubte uns, auf den Turm zu klettern, aber es gab keine Treppe, nur ein paar Drahtstreben. Puh. Selbst wenn ich völlig fit gewesen wäre, hätte ich das nicht unbedingt riskiert – man brauchte schon zwei Hände, um da hochzuklettern, und der Haken hält mein Gewicht zwar kurz. Gibt immer das Risiko, dass er anfängt, abzurutschen. Wollte ich nicht riskieren. Bart war ja auch dabei, der konnte das besser. (Hurra, ich hatte Leute zum Herumschicken. Kam mir komisch vor, war aber praktisch.)

Bart und Cadwallader klettern hoch und schauten sich um. Während sie oben waren, bekam ich eine SMS von Irene, ich sollte doch mal schauen, ob ich irgendwo einen Bericht mit aktuellen Ertragszahlen des Bergwerks finden konnte. Da ich jetzt eigentlich nicht das Büro der Geschäftsführung durchwühlen wollte, schrieb ich zurück, wir könnten uns ja mal die Quartalsberichte anschauen. Vielleicht standen die ja auf der Website des Unternehmens.

Als er mit Cadwalleder vom Turm zurückkam, nahm mich Bart kurz zur Seite. Er hatte oben auf einer der Zwischenplattform einen Knopf gefunden: Klein, schwarz, glänzend. Nicht von einem Arbeitsoverall, nicht mal von einem Anzug. Strickjacke vielleicht, oder eine Bluse.
Wir zeigten den Knopf Cadwallader, aber der konnte auch nicht sagen, wem der gehören könnte. Einem Arbeiter vermutlich eher nicht.

Später trafen wir Irene und Ethan wieder beim B&B. Die beiden hatten am Zaun um das Gelände ein langes, rotbraunes Haar gefunden. Sah menschlich aus. Vielleicht waren die Vorfälle ja ganz normale Morde – Irene hatte das schon ganz am Anfang gemutmaßt. Trotzdem. Irgendwas stimmte hier nicht.
Die Quartalszahlen des Bergwerks waren gut, verblüffend gut, wenn man die allgemeine Konjunktur für Kohle betrachtete. Nur in den letzten vier Wochen waren die Absatzzahlen zurückgegangen.

Schließlich gingen wir schlafen. Wurde eine kurze Nacht, weil wir am nächsten Morgen unbedingt die Frühschicht anschauen mussten, ob da jemand lange rotbraune Haare hatten. Das hätte ich nun ganz gern delegiert, weil ich wirklich unsagbar erschöpft war, aber das ging ja nicht. Ich war der Typ mit der Lizenz. (Außerdem, ganz ehrlich, wollte ich mir vor Irene keine Blöße geben. Blöd, was? Und Ethan sollte weiterhin denken, dass der Sonnentanz ja eigentlich ganz einfach gewesen wäre. Tja, und Bart. Reichte, dass ich nicht auf den Turm gekommen war.)

Morgens fiel uns niemand mit der richtigen Haarfarbe und -länge auf. Nur Alun Baines und ein junger Mann, der ihm relativ ähnlich sah. Kamen gemeinsam aufs Gelände. Vielleicht sein Sohn? Es war allerdings noch viel zu früh, um jetzt schon dort aufzutauchen, also gingen wir in den Pub, um ein walisisches Frühstück zu uns zu nehmen. Mit frittiertem Brot. Schmeckte erstaunlich gut.
Während wir aßen, fragte ich Irene nach walisischen Bergbaugeistern. Die kam doch aus Westengland und kannte sich mit übernatürlichem Kram aus. Allerdings offenbar nicht mit Bergwerken, denn sie zückte ihr Handy und rief Charles an. (Ich glaube, das ist ihr Butler; andererseits scheucht sie jeden so herum.) Der konnte nicht großartig weiterhelfen – er kannte die Knocker, die im Bergwerk auf Stützbalken klopften, um Bergleute zu warnen oder Stollen zum Einsturz zu bringen. Gut, von denen hatte ich auch schon gehört.
Kurz bevor wir wieder zum Bergwerk aufbrachen, rief Charles noch mal an. Über walisische Monster hatte er nichts gefunden, aber er hatte ein paar Fakten über das Bergwerk in Oak Hill aufgetan: Das war schon immer im Familienbesitz der Cadwalladers und der Baines‘ gewesen. Der älteste Sohn von J. Hopthorne Baines, einem der beiden Gründer, war im Alter von 21 Jahren ermordet worden, und seither starben die männlichen Baines ganz gern mal in diesem Alter. Erinnerte mich an Columbus in North Dakota. Und an die Thompsons in Maine. Bart musste offenbar auch daran denken, so grimmig, wie er dreinschaute.
Charles verlor noch ein paar missbilligende Worte über Irenes Essgewohnheiten, als sie von dem frittierten Brot erzählte. Definitiv ein Butler. Oder ihr Onkel. Mein Hirn malte mir das Bild eines steifen, sarkastischen Briten um die Sechzig mit Monokel und Meerschaumpfeife, aber ich glaube, mein Hirn war da nicht ganz auf der Höhe. Vermutlich war Charles in Wirklichkeit ein cooler Typ.

Wo war ich? Bei der Familie Baines. Ich erinnerte mich an den jungen Mann, der mit Alun Baines gekommen war. Fragte Gwendolyn, ob der Bergwerksbesitzer einen Sohn hatte. Ja, sagte sie. Gareth Baines. Vor fünf Wochen 21 Jahre alt geworden. Er arbeitete im Augenblick in der Minenverwaltung. War der Augenstern seiner Eltern, weil seiner Mutter Schwierigkeiten hatte, Kinder zu bekommen. Irene wollte wissen, ob Mrs. Baines vielleicht lange rotbraune Haare hatte? Gwendolyn nickte.

Das sah nicht sehr erfreulich aus. Ein erstaunlich gut gehendes Bergwerk, Söhne, die mit 21 starben – konnte ein Pakt sein. Vielleicht mordete die Mutter, um ihren einzigen Sohn zu retten?
Bevor wir Baines damit konfrontierten, sahen wir uns erst noch die kleine Ausstellung im Bergwerk an. Sahen ein paar Bilder der Bergwerksgründer, Dokumente, Kennzahlen, Fotos. Ein Stück Kohle in einer Glasvitrine. Ein Stammbaum. Gareth Baines war nicht nur der direkte Nachfahr von J. Hopthorne Baines, sondern auch des anderen Gründers, weil seine Mutter Theresa die Schwester von Jeremiah Cadwallader war.

Unser nächstes Ziel war Alun Baines. Aus seinem Büro drangen bereits erregte Stimmen, als wir uns näherten: Jeremiah Cadwallader und ein anderer Mann, vermutlich Baines. Cadwallader erklärte, es wäre jetzt schon fünf Wochen her, Baines entgegnete erregt, nein, er lasse sich nicht erpressen. Cadwallader sagte ärgerlich, er würde Baines noch eine Woche Zeit geben, dann würde er es selbst machen. Stürmte aus dem Büro und knallte die Tür hinter sich zu. Irene folgte ihm, fragte, worum es gegangen war. Er meinte, nur um irgendwelche Sicherheitsrichtlinien. Irene redete noch eine Weile mit ihm, schlug vor, externe Sicherheitsleute einzustellen. Die Leute hier würden doch sicherlich nichts tun, wenn die Frau des Chefs auf Gelände wollte? Er reagierte verärgert. Was denn seine Schwester damit zu tun hätte? Nichts, meinte Irene, war nur ein Beispiel. Er sagte, die interessiert sich überhaupt nicht für das Bergwerk.

In der Zwischenzeit sprachen wir mit Alun Baines. Zeigten ihm den Knopf. Fragten ihn, ob er einen älteren Bruder hatte, der mit 21 gestorben war. Sagten ihm schließlich auf den Kopf zu, dass sein Sohn in Gefahr war. Dass wir helfen konnten.
Er leugnete natürlich. Nicht lange, allerdings. Ich sagte ihm, dass wir sowas nicht zum ersten Mal sahen. Erzählte von Maine, von den verschwundenen Mädchen in jeder Generation. Ja, gab er zu, sein Vorfahr J. Hopthorne Baines hat einen Pakt mit… mit einem Wesen geschlossen, dass es dem Bergwerk immer gut geht, solange in jeder Generation der erstgeborene Sohn geopfert wird. Aber er wollte seinen Sohn nicht umbringen. Gut für ihn. Wir versprachen, ihm zu helfen.

Er rief seine Frau an und bat sie, zum Bergwerk zu kommen. Wir zeigten ihr Knopf und Haar und wollten wissen, was sie getan hatte. Nichts, sagte sie. Gar nichts. Klang für mich nicht sehr glaubwürdig. Dachte, ihre Verwirrung wäre gespielt. Ethan glaubte ihr, Irene nicht. Sagte zu ihr, Sie haben diese Leute ermordet. Aber Thereas Baines wusste von nichts davon. Als Linda überfahren wurde, hatte sie geschlafen… sie war doch müde, so müde… dann war da diese Delle in ihrem Auto…
Scheinbar war sie besessen gewesen, als sie die Morde beging. Bevor wir ins Archiv gingen, um nach J. Hopthornes Unterlagen zu suchen, wollte Bart noch prüfen, ob der Dämon immer noch in ihr steckte. Sie zögerte. Ich sagte ihm, er sollte das Weihwasser erst über meinen Arm gießen, und mir machte das auch nichts aus. Aber als er mit dem Fläschchen auf sie zuging, wurden ihre Augen schwarz.

BAM (Jetzt: Action!)

Theresa Baines war von einem Dämon besessen und versuchte, zu fliehen. Bart stimmte einen Exorzismus an, ich packte sie von hinten und hielt sie fest. Irene griff ihre Beine, Ethan nahm sich einen Golfschläger und keilte sie damit weiter ein. Kein sehr starker Dämon, wir hielten sie mühelos fest, während Bart den Exorzimus beendete. Theresa sackte schlaff zusammen.

…das war es dann erst mal wieder mit der Action. Es kommt aber noch mehr. Muss trotzdem noch ein paar Dinge dazwischen erzählen.
Irene erklärte den beiden Baines, wie man sich gegen Besessenheit schützen konnte. Zeigte ihr Brandmal, meinte aber, eine Tätowierung täte es auch. Zog noch eine Teufelsfalle um die beiden, zur Sicherheit.

Im Archiv fand Bart nach kurzer Suche das Tagebuch von Iouan Hopthorne Baines. Der hatte als braver Geschäftsmann akribisch über alles mögliche Buch geführt, darunter auch über den Pakt. Den hat er geschlossen, damit es dem Bergwerk gut ging – um ihn zu erfüllen, musste in jeder Generation der Erstgeborene geopfert werden, und ein Stück Kohle, das Hopthorne aus Wales mitgebracht hatte, musste im Bergwerk bleiben. Das war vermutlich das Exponat aus dem kleinen Museum.
Sollte der Pakt gebrochen werden, ging es mit dem Unternehmen bergab und der Dämon würde Rache üben. Gut, das mit dem Bergwerk war kein Problem – das war auch Baines egal – aber wir würden den Dämon davon abhalten müssen, Rache zu üben.

Bart schlug vor, zunächst den Pakt zu brechen: Kohle raustragen, und Alun musste dem Pakt dreimal abschwören. Danach den Dämon von der Kohle in ein anderes Gefäß bannen. Was für ein anderes Gefäß? Sollte ja etwas sein, was eine Weile vorhielt. Ethan schlug vor, da es ja eine Art Feuerdämon war, könnten wir ihn im Wasser bannen… in einen See oder so? Ich meinte, vielleicht wäre etwas Symbolisches besser. Ein Stein, der mit Wasser assoziiert ist? Ein Aquamarin, erklärte Bart. Das wäre gut. Den konnten wir dann in einem abgearbeiteten Stollen des Bergwerks verschütten.

Wir machten uns an die Vorbereitungen: Irene fuhr nach Columbus, um einen Stein zu besorgen. Fand einen faustgroßen Aquamarin, der früher in einer Kirche an einem Heiligenbild hing. Perfekt. Ethan fertigte eine Fassung für den Stein an. Ich koordinierte mich mit Bart, um den hebräischen Banntext ins Englische zu übertragen.
Schließlich waren wir bereit: Alun sagte sich von dem Pakt los, wir holten die Kohle und fuhren damit in die verfallene Kirche. Altar war noch da, das Kreuz nicht umgedreht, also sollten wir davon profitieren können. Okay, das Gemäuer war einsturzgefährdet, aber irgendwas ist ja immer.
Bart trug für das Ritual einen reinweißen Anzug, Ethan schleppte eine Plane mit einer Teufelsfalle an, und los ging es.

BAM
(noch mal)

Mitten im Ritual kam ein Wind auf, erst nur eine kleine Böe, die an den Brettern vor den Fenstern rüttelte, dann ein stärkerer Windstoß, der die abgeschlossene Tür aufsprengte. Direkt vor uns manifestierte sich eine wabernde Gestalt mit lodernden Augen, mehr als menschengroß. Ethan schoss mit seiner Schrotflinte danach, traf aber nicht richtig. Ich stellte mich vor Bart, um ihn abzuschirmen. Der Dämon schlug nach mir, ich wehrte den Schlag ab, aber er war so heiß, dass meine Jacke an der Stelle zu Asche zerfiel. Kein großer Schaden, nur eine Brandblase.
Ich weiß nicht, was Irene dann ritt – sie musste doch das Hitzewabern um den Dämon gesehen haben – aber sie sprang ihn an. Allerdings war der Dämon noch gar nicht vollständig manifestiert, oder er bestand nur aus Feuer, jedenfalls stürzte sie durch seine Gestalt hindurch und fing dabei Feuer. Fiel zu boden und wälzte sich, um die Flammen zu löschen. Immerhin hatte sie in einer Hinsicht Erfolg: Der Dämon wendete seinen Blick von Bart ab und starrte sie an. Grinste er? Vielleicht.
Bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte, was ich tat, schlug ich mit dem Haken einmal quer durch den Dämon. Erklärte ihm, dass er viel zu schwach war, um mit uns fertig zu werden. Sein Blick ging von Irene zu mir, ich sah Wut und Hass in seinen brennenden Augen, und der verdammte Haken wurde heißer und immer heißer… Ethan schoss, traf aber nicht… der Dämon holte aus…

Bart beendete das Ritual mit einem lauten Ruf, und der Dämon schrumpfte rapide, raste auf den Aquamarin zu und wurde darin gefangen. Hoffentlich für die nächsten paar Jahrtausende.

Ethan rannte zu mir, schüttete mir Weihwasser über den Arm. Nett von ihm, half auch, aber ich schubste ihn weg, sagte ihm, er sollte sich um Irene kümmern. Macht er dann auch. Ich löste hastig die Riemen, die den Sockel am Arm hielten, riss den glühenden Haken irgendwie weg, natürlich zu spät, der Liner schmolz schon. Ich benutzte die Plane mit der Teufelsfalle, um mir die Polymerreste von der Haut zu schaben. War ungefähr so angenehm, wie es klingt.
Der nächstbeste Mediziner war der Betriebsarzt des Bergwerks, also fuhren wir dahin zurück. Bart verwahrte den Aquamarin, während Irene und ich versorgt wurden. Brandsalbe, die letzten Fetzen des Liners vom Stumpf entfernt, in der nächsten Zeit keine Prothese aufziehen. Hatte ich mir schon gedacht, und der Haken war ohnehin geschmolzen.

Ethan und Bart gingen los, um den Aquamarin im Bergwerk zu verschütten. Oder einzubetonieren. Oder beides. Das habe ich nur am Rand mitbekommen. Weder Irene noch ich hatten große Lust, mitzugehen. Statt dessen saßen wir auf der Veranda des B&B, tranken kalte Getränke und flachsten über Gletscher, Champagnerkühler und Marshmallows. Ziemlich freundschaftlich. Lag vermutlich an den Schmerzmitteln.

Nachdem der Aquamarin bestmöglich versorgt war, fuhr mich Ethan nach Columbus. Unterwegs merkte ich so langsam, wie fertig ich eigentlich war – kaputt vom Sonnentanz, dann noch die Brandwunden am Arm… ich hätte ihn fast gebeten, mich wieder heimzufahren. Habe ich natürlich nicht gemacht. Hatte den Flug ja schon gebucht. Unterwegs nach Little Rock hatte ich eine kurze Panikattacke, die mir einen Besuch beim Flughafendoc bescherte. Der erklärte mir sehr freundlich, ich möge mich bitteschön ausruhen gehen. Keine Sorge, sagte ich, habe ich vor.

Und jetzt bin ich ausgeschlafen und kann endlich das Wörterbuch einscannen, bzw. Artie zeigen, wie das geht. Der ist viel geschickter als ich. Danach schicke ich das Resultat an Professor Williams von der School of Welsh an der University of Cardiff und bitte ihn, jemanden zu suchen, der mir den walisischen Part übersetzt. Und hoffe, dass ich mal ein bisschen Zeit habe, um mich zu erholen.

…meinen Roman sollte ich eigentlich auch mal fertigschreiben. Die Deadline im September rückt immer näher, und Beth, die dumme Nuss, ist immer noch nicht tot.

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Rumours and Visions
Ein Zwischenspiel

Zwischenspiel – Rumors and Visions

Eigentlich habe ich ja schon angefangen, die Ereignisse in Oak Hill aufzuschreiben, aber ich hätte das Zwischenstück mit dem Powwow ganz gern noch dabei. Außerdem habe ich die Oak-Hill-Datei nicht auf diesem Rechner und kann nicht daran weiterschreiben. (Mein Hirn ist gerade noch im Energiesparmodus unterwegs.)

Nachdem wir uns am Flughafen in Sioux Falls getroffen hatten, fuhr ich also mit Cousin Calvin zum Reservat. Der schaute mich ab und zu skeptisch von der Seite an (vermutlich, weil mir so schwindelig war, dass ich mich am Sitz festhalten musste). Meinte schließlich: „Dir geht es nicht gut“. Ich wollte den Kopf schütteln, aber das war keine gute Idee. Wenigstens hatte ich nicht viel im Magen.
Nach einem kurzen Aufenthalt am Straßenrand gab ich zu, dass ich möglicherweise eine Gehirnerschütterung hatte.
„So willst du aber nicht tanzen“, sagte er alarmiert.
„Ich muss“, sagte ich. „Habe es versprochen.“
Er überlegte, platzte dann heraus: „Das schaffst du nicht.“
Ich zuckte die Schultern. „Sollen die Ältesten entscheiden.“
Wir fuhren weiter, er ungewöhnlich schweigsam. Schließlich sagte ich: „Familie. Nicht von hier. Ziemlich neu, aber Familie. Hat Probleme, jemand hat ihm etwas… geraubt, wir müssen den Räuber finden. Andere Spuren sind zu schwach, und ich habe es ihm versprochen, okay?“

(Ja, ich verwende diesmal Anführungszeichen. Mag ich normalerweise nicht, aber hier ist so viel wörtliche Rede, dass sogar ich das verwirrend finde, und ich war dabei.)

Cal dachte einen Moment nach. Nicht sehr lange, ist nicht seine Stärke.
„Familie, hm?“, sagte er. „Okay, ich helfe dir. Ich tanze für dich, du tanzt für ihn.“
Großzügiges Angebot, aber so war er. Alles für die Familie. Ich glaube, ich nickte nur. Oder ich habe etwas Sentimentales gesagt, aber das habe ich dank der Gehirnerschütterung vergessen.

Wir kamen ziemlich spät in Santee an. Die Kinder schliefen bereits, und Tam saß draußen. Rauchte. Wollte los. „Oh Mann“, sagte sie, als sie mich sah. „Du siehst nicht gut aus.“
„Gehirnerschütterung“, gab ich zurück.
„Werwolf?“, fragte sie.
„Vampir“, antwortete ich. „Von einem Geist besessen.“
Ihr Blick wanderte kurz zu der Bandage an meinem Hals. „Schlafen?“ fragte sie. „Oder… hm, reden?“ Sie sah nicht aus, als wüsste sie, was ihr lieber war.
Eigentlich wollte ich tatsächlich lieber schlafen, aber andererseits hatte ich sie gebeten, mir zu vertrauen. Wenn sie jetzt dazu bereit war… lieber nicht warten. Konnte alles Mögliche passieren.

Also redeten wir. Hauptsächlich sie. „Clive“, fing sie an. „Er ist gestorben. Wir haben gegen diese Vampirsekte gekämpft, und sie haben ihn von der Mauer geschossen. Ich war zu weit weg, konnte nicht helfen. Ging davon aus, dass er tot ist. Das war eine hohe Mauer.“
Sie zündete noch eine Zigarette an. „Hab ihn vor einiger Zeit wiedergetroffen“, fuhr sie dann leise fort. Sah mich dabei nicht an. „Als du in Maine warst.“ Nahm noch einen Zug. „Er ist ein Vampir.“
Wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Tam hasste Vampire, aber Clive… Clive mochte sie. War ja immer noch mit ihm jagen gegangen, nachdem sie die Affäre beendet hatte. Aber gut, ich war auch mit Irene unterwegs gewesen. Ich sagte erst mal gar nichts.
Sie sah mich nicht an. „Hat mich kontaktiert“, erzählte sie. „Die Sekte hat ihn zum Vampir gemacht. Denken jetzt, er ist ihr Auserwählter… warten auf was. Er wusste nicht, was, aber was Großes. Hätte sich selbst umgebracht, aber… hatte vielleicht eine Chance, noch was zu erreichen.“ Unruhig spielten ihre Finger mit ihrer Zigarette. „Sagt, er braucht meine Hilfe.“

Großartig. Das klang nicht gut. Das klang vor allem, als wollte sie ihm tatsächlich helfen. Klar wollte sie.
„Muss los“, sagte sie schließlich nach einer längeren Pause. Mir ging auf, dass sie auf eine Antwort gewartet hatte. „Ich komm wieder?“, fügte sie mit einem fragenden Unterton hinzu.
Ich schluckte. „Sei vorsichtig“, sagte ich rau. Mein Kopf dröhnte, ich sprach wieder durch eine meterdicke Wand aus Schmerzen. „Vampire sind Lügner… trau ihm nicht.“
Sie sah mich endlich an. Unsicher. Hatte sie selten so unsicher gesehen.
Mir fiel etwas ein. „Rückendeckung.“ Verstand sie hoffentlich.
Sie nickte langsam, hob die Hand zum Abschied. Drehte sich um und wollte gehen.
„Hey“, sagte ich. Versuchte, nach ihr zu greifen, verfehlte sie meilenweit. Wäre fast von der Bank gefallen, auf der ich saß. „Ernsthaft. Nimm jemanden mit. Bobby, oder wen auch immer.“
Tam hatte meine Bewegung gesehen. Kam zurück. Lächelte schief. Beugte sich zu mir herunter und küsste mich.

Das erste Mal, seit… seit unserer Aussprache.

Dann ging sie. Wäre ihr gern ein Stück gefolgt, hätte sie in den Arm genommen, wenigstens kurz, aber tatsächlich schaffte ich es kaum ins Bett.

Es vergingen ein paar Tage. Ab und zu eine SMS von Tam – „Alles in Ordnung“, „Gelbes Wunderland“ und so weiter – ansonsten Ruhe. Habe viel geschlafen. Schließlich war es Zeit, und wir fuhren mit den Kindern nach Pine Ridge. Sprachen mit den Ältesten. War nicht so einfach, sie zu überreden. Ich bin nur Iye Ska, Halbblut, aber mein Großvater hatte einen sehr guten Ruf, also hörten sie wenigstens zu. „Der Sonnentanz ist nicht für Außenseiter“, sagte einer der Ältesten, als ich ihm von Ethan erzählte. „Für meine Familie“, antwortete ich ihm.
Schließlich erklärten sie, wir müssten Calvins Tanz abwarten. Wenn ein Schatten auf ihn fiel, war das ein Zeichen, dass die Geister mein Vorhaben nicht billigten. Dann würden sie mir keinen Tanz erlauben.

Ich will jetzt nicht so sehr ins Detail gehen: Ich durfte tanzen. Ich hatte eine Vision. Die werde ich aufschreiben, für meinen Sohn, für seinen Bruder.

Ich stand auf einer weiten Ebene. Wogendes Gras, am Horizont die Konturen eines entfernten Gebirges. Eine Straße durchschnitt die Weite, ein schnurgerader, staubiger Weg. Über meinen Kopf dunkle Gewitterwolken, schwarz geschwollen von Regen, der nicht fiel. Ab und zu zuckte ein Blitz wie eine Drohung durch die finsteren Gebilde, aber kein Donner, immer nur die Drohung einer gewaltsamen Explosion. Aber in meinem Rücken spürte ich die Sonne.
Vor mir auf der Straße lief ein Mann mit langsamen, gut geplanten Schritten. Sah nicht auf zu den Wolken, die ihm folgten. Ethan. Der Weg vor ihm war unsicher. Wurde das Licht weiter vorne heller? Freundlicher? Stand da etwas am Wegesrand? Bevor ich meinen Blick abwendete, meinte ich, einen Baum zu sehen. Aber das war die Zukunft, und es bringt selten Glück, zu genau hinzuschauen und zu viel zu erfahren. Ohnehin wollte ich die Vergangenheit sehen. Also drehte ich mich um, ging den Weg zurück. Immer noch die Sonne im Rücken.
Folgte den Wolkenbergen am Himmel bis zu ihrem Ursprung. War ein gutes Stück zu laufen, lange, einsame Jahre. Schließlich kam ich an einem Baumstumpf vorbei, hier hatte der Blitz eingeschlagen. Jetzt war es nicht mehr weit. Nur ein paar wenige Schritte, dann sah ich ein Wesen: Eine kleine, verkümmerte Gestalt, aufgerissene, hungrige Augen, gierige Hände, die nach etwas griffen, das sie nicht erreichen konnten. Abgemagert und ausgemergelt. Noch einmal langte sie vorsichtig in die Luft, grapschte nach etwas, konnte es nicht fassen. Zorn in dem dürren Gesicht, in den fahlen Augen. Dünne Schreie zerrissen die Luft, machtlose Schreie. Doch dann tauchte ein Schatten hinter ihr auf, ein Schatten mit dunkelrot glosenden Augen. Legte zwei grobe Pranken auf ihre mageren Schultern und fiel mit einer Stimme wie Scherben in ihre Schreie ein. Der Himmel verdunkelte sich. Wolken zogen sich zusammen, immer und immer wieder, das Auge, der Ursprung des Sturms. Doch der Wind berührte mich kaum, denn ich hatte die Sonne im Rücken.
Ich sah, wie die Gestalt zusammensackte, erschöpft und müde. Sich wieder aufrappelte, verwirrt um sich sah. Davontaumelte. Ich folgte ihr, und der Schatten folgte ihr auch. Ein dunkler Weg vor uns, keine gerade Straße. Immer wieder griff der Schatten nach der schmächtigen Figur, umgarnte sie, wob sie ein in ein Netz, erst filigran, aber bald schwerer und schwerer, bis nicht Fäden an ihr hingen, sondern Ketten. Sie torkelte unter der Last, aber sie ließ die Verstrickung zu, und es wurde dunkler und immer dunkler um sie. Ich jedoch sah noch genug, denn das Licht der Sonne schien hinter mir.
Es war ein langer, verschlungener Weg. Ich dachte, sie würde irgendwann einfach von dem Schatten verschluckt werden, aber nach langen Jahren begehrte sie auf. Versuchte, zu fliehen, den Schatten zurückzulassen. Rannte, für einen Moment ihrer Ketten ledig. Aber das Wesen, der Schatten, spielte nur mit ihr. Wie eine Katze mit einer Maus. Wie ein Schulhoftyrann mit einem schwächeren Kind. Stieß sie, stellte ihr Schlingfallen, ließ sie immer wieder entkommen, nur um ihr dann den Weg zu versperren. Schließlich holte er zum letzten, vernichtenden Schlag aus, um sie endgültig wieder zurückzuholen, und ich konnte nicht… ich konnte einfach nicht daneben stehen. Ich wusste genau, wer und was sie war und was sie getan hatte, aber ich bewegte mich schon an ihre Seite, bevor ich genauer darüber nachdenken konnte. Stellte mich in den Weg. Der Schatten traf uns beide, schwer. Ich hörte einen Augenblick quietschende Bremsen, spürte den harten Schlag an meinem rechten Bein, den Schmerz. Es war der gleiche Schlag, der sie auch traf. Davonwirbelte, mitten in den Schatten hinein. Ein Blick zeigte mir den schwachen Glanz der Sonne in meinem Rücken.
Dann folgte ich ihr. Ja, ich wusste, dass ich sie nicht retten konnte, aber ich musste es doch wenigstens versuchen. So einfach sollte der grausame Schatten nicht gewinnen.
Es war kalt in der Schwärze, und still, so still. Ich versuchte, zu rufen, aber meine Stimme war nur ein heiseres Krächzen. Tastete blind nach vorne, eine Berührung, eine schmale menschliche Hand, ich hatte sie. Einen Augenblick lang hielt ich sie fest, vor meinen Augen blitzte das Bild einer Stadt auf – eine moderne Stadt, Wolkenkratzer, Skyline, keine Berge – dann entglitt sie mir. Fiel geräuschlos in die Tiefe, und mir wurde jäh bewusst, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ich hatte die Sonne verloren.

Sehr dramatisch, mein Lieber. Du hast sie ja wiedergefunden. Gut, wenn die Kinder nicht gewesen wären – wenn es nicht genau vier Kinder gewesen wären… wer weiß? Vielleicht hätte ich den Weg zurück nicht gefunden. Aber Kate, meine hellsichtige Tochter, wusste, wann sie nach mir rufen musste, also folgte ich dem Klang ihrer Stimme aus dem Dunkel. Sah das Licht der Sonne über mir. Ich war zurück.

Dann gab es einen Haufen Ärger. Visionen sind Botschaften, und man soll sich nicht einmischen in das, was man sieht. Wer weiß, was da zurückgekommen wäre, wenn ich es nicht geschafft hätte. Einer der Ältesten hätte mich am liebsten sofort rausgeworfen, „Respektlos“, sagte er, „leichtsinnig“, sagten andere. Letzten Endes durfte ich dann doch bleiben. Ich habe die Gespräche nicht so genau gehört – ich hatte viel Kraft gebraucht, um aus dem Schatten zu entkommen. Zu viel Kraft. Und mein rechtes Bein war verletzt, genau da, wo das Auto mich in der Vision erwischt hatte. Keine offene Wunde zu sehen, aber eine lange, verästelte Narbe. Sah am Anfang neu und rot aus, ist aber mittlerweile schon fast wieder verblasst. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Coleen genau so eine Narbe am Bein hat. Nur dürfte ihre nicht so schnell heilen wie meine.

Ich musste mich erst mal eine Weile erholen. Konnte nicht schlafen, ohne das Gefühl zu haben, wieder in die Schwärze gezogen zu werden. Großartig. Nach längerer Diskussion machte dann einer der Ältesten mit mir einer Reinigungszeremonie. Danach ging es besser.

Während ich mit den Vorbereitungen und den Nachwehen des Sonnentanzes beschäftigt war, passierten noch andere Dinge. Ich hatte meine Verwandten gebeten, die Ohren offen zu halten, was merkwürdige Geschichten rund um Ethans Apokalypse anging. Wie zu erwarten war, kam dabei nicht sonderlich viel heraus, aber ein paar Dinge fielen doch auf: Die Geister waren aktiver als sonst. Das war seltsam, aber nicht unbedingt schlecht. Ganz im Gegenteil.
Eine alte Geschichte wurde öfter erzählt als sonst: Vor langer Zeit kamen ein paar Weiße und gingen an einen heiligen Ort. Dort kämpften sie miteinander und öffneten zwei alte Tore, die schon immer dort waren und die eigentlich verschlossen hätten bleiben sollen. Aber das interessierte die Weißen entweder nicht oder sie waren zu dumm, um die Gefahr zu bemerken. Hinter den Toren waren böse Geister eingesperrt, mächtige böse Geister, und fast wären sie herausgekommen. Das konnte allerdings ein Heyoka verhindern, der Iktomis Schleier benutzte, um die Kraft der Tore umzukehren, sodass sie nicht etwa böse Geister hinausließen, sondern böse Geister hineinsaugten. In den meisten Legenden war der Heyoka ein Lakota (gut, wir waren auf Pine Ridge, da ist der Held immer ein Lakota), aber ich habe auch eine Geschichte gehört, da war es ein Cheyenne (der Erzähler war ein Cheyenne). Wie dem auch sei, danach war alles gut, die Weißen verschwanden wieder und der Heyoka galt als Held. Ich hatte diese Erzählung schon vorher gehört, von meinem Großvater, also war das nichts Neues.

Allerdings erzählte mir Kate später, dass auf dem offiziellen Teil des Powwows, der eher für Touristen veranstaltet wurde, ein paar merkwürdige Christen unterwegs gewesen wären. „Die kamen aus unserer Gegend“, meinte sie. „Ozarks und so. Haben aber niemanden entführt.“ Die hatten sich allerdings auch für die Geschichte interessiert. Wollten wissen, wo dieses ominöse Tor denn war? Hatte ihnen wohl zunächst niemand erzählt, aber die waren angeblich sehr freizügig mit ihrem selbstgebrauten Bier. Vielleicht hatten sie es ja doch rausbekommen.

Bevor wir abfuhren, passierte noch eine seltsame Sache: Ein Heyoka lief mir über den Weg. Leicht zu erkennen: Er trug seine Kleidung falsch herum. Ich kannte ihn nicht, aber er hängte sich bei mir ein, offensichtlich betrunken. „Hey, weißt du, dass alle sagen, du wärst total irre?“, fragte er mich mit einem glücklichen Grinsen. „Die reden von nichts anderem! Mann, gut, dass du ein Typ bist, der weiß, wann er aufhören muss!“ Er nahm noch einen Schluck aus seiner Flasche.
Ich lachte. Was sollte ich sonst machen? Er hatte ja recht, besonders weise hatte ich mich nicht angestellt. „Ich brauchte eine Antwort“, sagte ich ihm. „Musste was dafür geben.“
Er nickte übertrieben ernsthaft, wie es Betrunkene tun. „Ja Mann“, meinte er, fuchtelte mir dann mit den Händen vor dem Gesicht herum und zwickte mir in die Nase. „Hah!“, rief er. „Ich habe deine Nase! Ein großes Opfer, mein irrer Bärenfreund… was ist deine Frage?“ Er schwankte ein bisschen, und ich stützte ihn kurz.
„Ich wüsste ganz gern, wo Iktomis Schleier ist“, meinte ich dann. Was hätte ich ihn sonst fragen sollen? Die Antwort war, wie erwartet, nicht besonders erhellend. Der Heyoka beugte sich zu mir vor, atmete mir seinen Bieratem ins Gesicht und flüsterte verschwörerisch: „Du musst nach oben sehen!“ Mit einem Finger deutete er in den Himmel. „Nach oben! Auf jeden Fall nach oben.“ Er nickte zur Bekräftigung, bis ihm auffiel, dass er beim Deuten meine Nase verloren hatte. Dann fing er an, ein unflätiges Lied zu singen. Kurz schaute ich auf den Boden, sah aber nur die Spuren von ein paar Autoreifen. Ein Lastwagen vielleicht, oder der Truck eines Powwow-Besuchers.
Ich lieferte ihn bei ein paar Verwandten ab, denen er prompt erklärte, ich hätte ihm gesagt, ich würde darauf bestehen, dass man mich von nun an „Verrückter Bär“ nannte. Großartig. Wenn ich Pech hatte, blieb das hängen.

Wir fuhren also heim. Calvin brachte uns nach Stuttgart, ich hätte die Strecke nicht fahren können. War auch gut so, denn zwei Tage später stand Ethan vor der Tür und wollte das Baumhaus bauen.

Dazu später mal mehr. Jetzt bin ich müde und sollte schlafen.

So. Ich bin ausgeschlafen, jedenfalls so halbwegs. Gut, dass Vicky so ein friedliches Kind ist. Grade schläft sie, aber das hält bestimmt nicht lange an. Egal, so lange kann ich mit Ethan weitermachen.

Der hatte sich bei seiner Familie gemeldet, während ich in Nebraska und South Dakota war. Nach zehn Jahren Stille war das ein großer Schritt, und er war extrem nervös deswegen. Aber es war alles gut gegangen, zumindest halbwegs. Jedenfalls war er danach entspannter und – tatsächlich – gesprächiger.

Genaueres erfuhr ich, als er in Stuttgart auftauchte. Hatte extra Urlaub genommen dafür, aber gut, er war auch mit dem Auto gekommen und hatte einen großen Werkzeugkoffer mitgebracht.
Erzählte mir von der Begegnung mit seiner Familie: Von seinem Vater, der sich dafür entschuldigte, dass er die Hoffnung aufgegeben hatte, von seiner Mutter, die ihre Gefühle erst mal hinter einer Fassade versteckte. Von seinem Bruder, der ihm als einziger Vorwürfe machte und bohrende Fragen stellte. Und von seiner jüngeren Schwester, die eine große Pinnwand mit einer Karte und Zeitungsartiklen in ihrem Schrank versteckte – alles, was ihr helfen konnte, ihn zu finden. Er war sehr stolz auf sie, weil sie sich so viel Arbeit gemacht und so gründlich nachgeforscht hatte. Ich fand das eher beunruhigend. Das Mädchen war erst achtzehn, und sie verbrachte ihre Zeit damit, Pins in eine Wand zu stecken und Ausschau nach ihrem verschwunden Bruder zu halten? So, wie Ethan das erzählte, klang sie ziemlich fokussiert – was würde sie jetzt machen, nachdem er wieder aufgetaucht war?
Aber ich wollte ihm die Freude an seiner kleinen, fleißigen Schwester nicht verderben, und vielleicht lag ich ja auch total daneben. Vielleicht führte sie ansonsten ein erfülltes Teenagerleben mit Partys und Freunden. „Sie klingt sehr entschlossen“, sagte ich also. „Das ist ja schon mal nichts Schlechtes.“

Danach erzählte ich ihm vom Powwow. Von der Legende von Iktomis Schleier und dem Heyoka. Wo der Schleier war? Keine Ahnung. Vielleicht in Hooper-Winslow Manor, meinte Ethan. Im Keller. Das glaubte ich zwar nicht, aber wer weiß, was Irenes Vorfahren hier weggeschleppt hatten. (Außerdem stelle ich mir Hooper-Winslow Manor immer noch wie Hogwarts vor, wo kleine Jägerkinder lernen, wie man einen Fluch bricht, eine Mantikore fachgerecht aus dem Boden zieht oder einen Boggart einschüchtert. Das ist vermutlich albern. Oder auch nicht.)
Ich erzählte auch von dem Heyoka, ließ aber die Sache mit meinem Namen aus. Den kennt Ethan sowieso nicht. Die komischen Christen erwähnte ich auch. „Leute aus den Ozarks. Da kommt auch nichts Gutes her.“ Okay, das war engstirnig. „Mag sein, dass es da auch gute Leute gibt.“
„…aber du hast noch keine getroffen“, ergänzte Ethan. Ich nickte automatisch, bis mir auffiel, dass das nicht stimmte. Erzählte ihm von Lisa, die uns damals geholfen hatte, Katie wiederzufinden.

Nächstes Thema war dann die Vision vom Sonnentanz. Ja, ich habe heruntergespielt, wie gefährlich das war, und wie viel Kraft mich das gekostet hat. Der hätte sich sonst nur wieder entschuldigt oder mit diesem Dackelblick bedankt. Wäre mir zu sentimental.
Die Narbe am Bein konnte ich nicht überspielen, aber die war schon ziemlich verblasst. Trotzdem noch deutlich zu erkennen. Mir fällt gerade ein, dass ich mal Gideon fragen könnte, was für Verletzungen bei so einer Narbe normalerweise dahinterstecken würden.

Um von meinem Bein abzulenken, fragte ich Ethan, ob er jemanden kannte, der zeichnen konnte. Jemanden, der die Stadt zeichnen konnte, die ich gesehen hatte. Vielleicht konnten wir dann Ally bitten, daraus ein digitales Modell zu erstellen und per Suchalgorithmus durchs Internet zu jagen, um auf ähnliche Skylines oder Häusersilhouetten aufmerksam zu werden.
„Niels“, schlug Ethan vor. „Der hatte doch dauernd einen Zeichenblock dabei, und ich glaube, der studiert sowas.“ Ich konnte mich zwar nicht an einen Zeichenblock erinnern, aber okay. Würde ich ihn mal anschreiben. Mal schauen, ob er antwortete.

Dann schlug sich Ethan vor die Stirn. Seine Mutter! Klar, die war Illustratorin. Konnte auf jeden Fall zeichnen. Machte aber nichts, je mehr Bilder, desto besser. Außerdem war ja nicht gesagt, dass Niels meine Anfrage überhaupt beantworten würde.

Am nächsten Tag musterte Ethan das Brett, das wir in den Baum genagelt hatte, sehr skeptisch. Das würde runtermüssen, meinte er. Okay, sollte mir recht sein. Besonders sicher war mir das nie vorgekommen. „Du bist der Handwerker“, meinte ich. „Ich habe nicht mal zwei linke Hände.“ Lahmer Witz. Ethan lachte jedenfalls nicht. Nickte nur ernst.
Dann fing er an, an dem armen Baum herumzuhämmern und zu -sägen. Die Kids wollten alle helfen (außer Vicky, offensichtlich), durften sie auch, natürlich. Neben dem Baumhaus an sich baute Ethan dann auch noch ein paar Kindermöbel aus Ästen. Das Gebilde da oben war kein Haus mehr, das war eine Villa! (Persönlich mochte ich das Brett. Es ließ so viel Raum für Fantasie – das konnte ein Schiff sein, oder ein Zaubererturm, oder ein fliegender Teppich… aber gut, die Baumvilla war natürlich sicherer, und die konnte ja auch alles mögliche sein. Im Moment ist sie die geheime Superheldenagentenbasis des Allgemeinen OMIkrons, glaube ich.)

Immerhin dauerte der Bau ein paar Tage. Es war immer noch ziemlich heiß, deswegen wurde morgens und abends gebaut und tagsüber ausgeruht. Zumindest von Ethan und den Kids. Ich hatte eine Deadline im Nacken – das blöde Ding musste bis September fertig werden, und ich war in der letzten Zeit nicht zu meinem regulären Schreibpensum gekommen. (Weil ich ständig aufschreiben musste, was passiert ist und wie ich mich dabei fühlte. Klingt jetzt platt, aber irgendwie muss ich den ganzen Kram ja verarbeiten. Stoisches Schweigen kann ich nur deswegen, weil ich hier das Papier vollsülzen darf.)

Mittendrin tauchte Tam wieder auf. Spät abends, Ethan und die Kinder schliefen schon, ich grübelte noch herum, wie Beth Taylor nun genau sterben würde, als sie schrieb, sie wäre in fünf Minuten da. Ich zögerte einen Moment, ließ dann Beth Beth sein (die kriegte ich schon noch tot), hinkte in die Küche und setzte einen Kaffee auf.
Sie kam rein. Bewegte sich vorsichtig, vermutlich verletzt. Hatte Kratzer am Hals.
„Hey“, sagte sie. „Du siehst immer noch nicht gut aus, Jackson.“
Ich hob eine Augenbraue. „Partnerlook“, gab ich zurück. Sie schnaubte amüsiert, verzog dann das Gesicht. Nahm sich einen Kaffee. Ließ sich von mir erzählen, was beim Powwow passiert war.
Lachte, als ich vom Heyoka erzählte.
„Passt zu dir“, sagte sie. Ich verdrehte die Augen.
Dann erzählte sie. Ja, Clive hatte sie hintergangen. Seine Sekte wollte ihn opfern, um den Vampirgott Camasotz zu beschwören. Er wollte seine Sekte opfern, um Camasotz‘ Kraft an sich zu reißen, dann Tam auch zur Vampirin machen, damit sie endlich zusammen sein konnten. Offensichtlich hatte er immer noch Gefühle für sie. Großartig.
Letzten Endes hatte dann niemand so recht bekommen, was er wollte: Die Sekte bekam keinen Vampirgott, Clive bekam zwar mehr Kraft, aber nicht so viel, wie er gehofft hatte, und Tam konnte Clive nicht erledigen. Gut, dass sie Rückendeckung mitgenommen hatte: Uriah Johansson (okay), Bobby Hickman (aha) und ausgerechnet Stinger. Der hatte sich zwar kompetent angestellt und die Sektentypen im Schach gehalten, dabei allerdings so viel Chaos angerichtet, dass Clive entkommen konnte. Ja, so kannte ich ihn.

Schließlich ging sie ins Bett, und ich auch. Getrennte Betten, immer noch. Aber wir waren ja auch beide verletzt.

Nach fast einer Woche war das Baumhaus fertig, und wir feierten das mit einer Grillparty. Also kamen J.D. und P.J., Charlene und Lucretia (ihre Nichte aus New York, die jetzt aushilfsweise bei uns arbeitet), Jonathaniel Ryerson und ein paar andere Kids. Ethan beäugte J.D. etwas misstrauisch – klar, der hatte ja mitbekommen, dass ich mit den Hollow Men normalerweise nicht so richtig gut kann. Legte sich aber im Laufe des Abends. Brian war auch da, und ich schärfte ihm noch mal ein, keine blöden Witze auf Ethans Kosten zu reißen.
„Aber…“, sagte Brian.
„Nein“, sagte ich. „Laß den in Ruhe. Und auch keine dummen Sprüche über mich, okay. Glaube nicht, dass er deinen Humor teilt.“
„Tust du auch nicht“, wendete Brian ein.
Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Stimmt, aber ich bin dein Freund.“ Ich verzog das Gesicht, um zu zeigen, was ich davon hielt. Er verdrehte die Augen und hielt sich weitgehend von Ethan fern. Brav.

Am nächsten Tag war ich als erster wach. Hatte ziemlich gute Laune, wegen der Party, und weil Tam und ich im selben Bett geschlafen hatten. Stöberte ziellos auf eBay herum und machte einen möglicherweise spektakulären Fund. Möglicherweise. Ganz vielleicht. Vermutlich eher nicht.

…und jetzt kann ich endlich mit der Oak-Hill-Geschichte weitermachen. Mann. Vielleicht sollte ich einen Blog schreiben.

(Natürlich schreibe ich einen Blog, aber einen offiziellen ich-bin-ein-Schriftsteller-Blog. Rachel hat gesagt, das gibt wichtige Publicity. Ich fürchte, das meiste, was dort steht, ist von hinten bis vorne ausgedacht. Vor allem die Geschichten mit dem Hund. Wir haben gar keinen Hund.)

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Nächtlicher Anruf

Ethan hat keine Bedenken, weil er Sam nach Mitternacht anruft. Das ist in den Wochen seit Portland öfter vorgekommen – in beide Richtungen. Dass sie nach dem dritten Klingeln drangeht, bestätigt ihn in seiner Entscheidung. Sam klingt müde, aber nicht so, als hätte sie schon geschlafen. “Hey”, begrüßt sie ihn.
‪Irgendetwas raschelt im Hintergrund.‬
‪"Hey." Ethans Stimme klingt ein klein wenig anders als sonst. “Stör ich?”‬
‪"Nein. Tust du nicht. Alles… ok?“‬
‪”Ja. Nein. Ja. Doch. Durcheinander.“‬
Pause. Ein Atemzug, ehe er weiterspricht.
‪”Bin… bin grad in Tappan. Bei… bei meiner Familie.“‬
‪”Oh." Kurze Pause. “Das ist gut. Hoffe ich?”‬
‪Jetzt schwingt hörbar ein Lächeln in Ethans Stimme mit. “Ja. Sehr sogar.”‬
‪Sie atmet erleichtert aus. “Das ist schön.”‬
‪"Sind alle schon im Bett. Glaub, die schlafen genauso wenig wie ich." Er klingt belustigt.‬

‪Ein leises Lachen von Sam. “Du bist also noch da?”‬
‬‪"Mmmh. Konnte nicht weg. Wollte auch gar nicht. Die…“‬ Er atmet tief durch. ‬‪”Oh Mann. Versteh’s ja.“‬‬
‪Ethan zögert einen Moment, nimmt noch einen tiefen Atemzug.
‬‪Sam wartet geduldig.
‬‪”Die wollten unbedingt, dass ich in meinem alten Zimmer schlafe. Klar. Ist ja … meins. Nur… Oh Mann.“‬
‬‪”Uff", entfährt es ihr. “Vermutlich ziemlich komisch, oder?‬“
‪”Total.“‬

‪”Schmales Bett?" Er kann ihr Grinsen hören‬. ‪"Fall nicht raus.“‬
‬‪Ethan hat ebenfalls ein Schmunzeln in der Stimme. “Wenn du da wärst, würd’s arg eng.”‬
‬Ganz kurz zögert er. ‪"Wär trotzdem schön, wenn du da wärst.“‬
‬‪”Sor…" hatte sie gerade schon angesetzt, kichert dann aber kurz leise, ehe das Lachen verstummt.‬
‬‪Stattdessen gibt sie ein zustimmendes “Mh” von sich‬. ‪"Wenns dir helfen würde."‬
‬‪Vielleicht kann sie sein Stirnrunzeln hören, den leisen Widerspruch. “Weil du da wärst.”‬
‬‪"Ich mein… klar. Tut mir leid.“‬
‬‪”Nein. Nicht so gemeint.“‬
‬‪”Wär wirklich schön."‬

‪Jetzt hat Ethan wieder ein Lächeln in der Stimme. “Würd’s dir gern zeigen. Basketball-Bettwäsche und alles.”‬
‬Im selben Moment fängt Sam auch an zu reden. “Aber ich finds toll, dass du zu ihnen bist. Ich mein… hatten das ja schon. Sie sind noch da.”‬
‬Dann: ‪"Basketball? Echt? Die haben sie gelassen?“‬
‬‪”Sag’s doch. Total seltsam. Nix angerührt.“‬
‬‪”Glaub ich.“‬
‬‪“Also… schon neu bezogen und so.”‬
‬‪"Uff."

‪"Wie… haben sie’s aufgenommen?“‬
‬‪”Puh. Wie lang hast du Zeit?" Ethans selbstironischer Tonfall zeugt davon, wie genau er um seine Kommunikationsprobleme weiß.
‬‪"Falsche Frage. Wenns danach geht…" Sie seufzt. “Zuviel.”‬
‬‪"Mein ja nur. Könnte dauern.“‬
‬Es folgt ein kurzes Zögern, während er das letzte Wort ihrer Antwort noch einmal auf sich wirken lässt. Erkennt, was sie damit sagen wollte. Dann: ‪”Tut mir leid. Wie gehts dir? Was macht der Fuß?“‬
‬‪”Also… viel Zeit. Kann nicht viel tun grade. Es geht schon. Muss ihn halt hochhalten, sonst wird er dick und tut weh. Hoffe, dass Jacky mir morgen was anderes zu lesen oder so mitbringt. Egal. Erzähl, wenn du’s erzählen willst.“‬
‬‪”Mmmh. Will.“‬
‬‪”Sonst schreiben?“‬
‬‪”Mm-mm. Schön so.“‬ Ein Herzschlag Pause. ‪”Deine Stimme hören."‬
‬‪Sie macht ebenfalls eine kurze Pause. “Oh. Klar.”‬

‪"War… naja. Puh.“‬ ‬‪Ethan zögert. Sucht nach einem Anfang.
‪”Kam an, wollten grad weg. Dad hat mich erst gar nicht erkannt. Musste sich erstmal hinsetzen."‬
“Verständlich“, stimmt Sam ihm zu.
‬‪”Mom… Mom war…" Das fällt ihm jetzt hörbar schwerer. ‪"Hat sich… wie sag ich das…“‬
‪Ethan zuckt etwas hilflos mit den Schultern, auch wenn Sam das nicht sehen kann.
‪”Überrumpelt?“‬
‬‪”Auch. Und dann Maske. Perfekte Hausfrau. Salat, Eistorte. Teller richten. All sowas, weißt du?“‬
‬‪”Ach du Scheiße." Dann direkt: “Sorry! Du weißt…. sorry. Oh Mann.”‬
‪"Ist ok. Genau das hab ich auch gedacht. Völlig un-Mom. Hat mich … puh.“‬
‬‪”Mh. Wusste vermutlich nicht, was sie tun soll.“‬
‬‪‪”Ja. Vermutlich. Ist aber noch aufgetaut. Vorhin dann." Da ist Ethans Erleichterung nicht zu überhören.‬
‬‪"Das ist gut.“‬
‬‪”Dad war… der wollte mich gar nicht loslassen. Hatte glaub Angst, wenn er blinzelt, bin ich wieder weg. Kann ich ihm nicht mal verdenken.“‬
‬‪”Stimmt. War halt schon lange.“‬
‬‪”Oh Mann. Ja. Ich hätte viel früher.“‬ Er seufzt.‬
‬‪”Es ist nie zu spät. Du hattest Gründe.“‬
‬‪”Mmmh. Es ist nur…" Ethan zögert, sucht nach den Worten, ‬schneidet dann doch offensichtlich ein anderes Thema an als das, auf das er eigentlich hatte kommen wollen.

‪"Fi hat mich gesucht, weißt du." Sam kann hören, wie Ethan ein beeindrucktes Schnauben von sich gibt. ‪"Hat mir ihre Karte gezeigt. Wo sie alles war.“‬
‬‪”Fi?“‬
‬‪”Fiona. Meine Schwester. 18 jetzt.“‬
‬‪”Ah. Das… cool. Mit 18?“‬
‬‪”Jahr oder zwei. Die Karte war über und über voll. Jede noch so kleine Spur.“‬
‬”Krass.“‬
‬‪”Mhmmhm.“‬ Ein kurzes Atemholen. ‪”War sogar in Dimmitt. Hat mich umgehauen.“‬
‬‪”Wow. Ja… mich grade auch. Als wir schon weg waren?“‬
‬‪”Muss wohl. War beim Sheriff. Der kannte Albert ja lange. Hat sie überzeugt.“
‬Wieder macht Ethan eine kleine Pause. ‪"Dad wusste davon. Mom nicht. Die wär ausgeflippt.“‬
‬‪”Ui. Heftig.“‬
‪Schweigen. Sam weiß wohl gerade nicht, wie sie ihre Gedanken in Worte fassen soll.‬ Dann spricht sie weiter.
‪”Besser, dass sie das jetzt nicht mehr muss. Ich mein… du weißt schon.“‬
‬‪”Mmmmh.“‬

Ein amüsiertes Schnauben, als Ethan ein Gedanke kommt.
‪”Und sie denkt, ich bin Geheimagent.“‬
‬Sam prustet amüsiert.‬ ‪”Naja – gar nicht so weit weg, oder?“‬
‬‪”Stimmt.“‬
‬‪”Hast du ihnen viel erzählt? Oder wirst du noch?“‬
‬Auf diese Frage folgt erst einmal ein Seufzer. Dann:‬ ‬‪”Bisher nicht. Nur… Naja. Hab aus dem Harrdhu einen Mörder gemacht.“‬
‪”Klingt vernünftig"‬, bekräftigt Samantha.

‪Ethans Stimme wird ernst, ja traurig. ‪"Alan hat’s nicht gereicht.“‬
‬‪”Mist.“‬
‬‪”Der war… puh. Misstrauisch reicht nicht.“‬
‬‪”Tut mir leid.“‬
‬‪”Mmhm. Danke dir.“‬ Eine kleine Pause, in der Ethan zu überlegen scheint.‬
‪”Der… weiß nicht. Hat irgendwas erwartet. Weiß aber nicht was. Ist dann gegangen.“‬
‬‪”Ok“, erwidert Sam. ‬‪"Vielleicht mal was für später. Wenn du meinst, er könnte es… vertragen.“‬
‬‪”Der…" Zögern. “Vielleicht. Er ist zur Polizei. Ich glaub…”‬
‬‪"Draußen?“‬
‬‪”Hm?“‬
‬‪”Ist er richtig draußen unterwegs? Ich mein… wenn ja, ists vielleicht besser, wenn du ihm irgendwann mal was sagst.“‬
‬‪”Mmhm…“‬
‬‪”Wenns an der Zeit ist. Sorry, will mich da gar nicht so einmischen, aber du weißt ja selbst, wie sich manchmal Leute, die nichts wissen….“‬
‬‪”Mm-mm. Gibt kein ‘einmischen’. Nicht von dir. Bin nur am Denken."‬
‬‪Sam gibt ein zustimmendes “Mhmh” von sich.‬
‬‪"Weißt du…“‬ Er klingt nachdenklich.
‬‪”Mh?“‬
‬‪”Hab überlegt, ob ich ihm was sagen soll. Aber… wären die falschen Gründe gewesen.“‬
Ethan spricht zögernd, als müsse er seine undefinierten Gefühle erst mühselig in Worte gießen.
‬‪”Wär gewesen, weil sein Misstrauen so weh tat. Nicht, weil… weil’s für ihn besser wäre.“‬
‬‪”Klar. Vermutlich hätte er dich so auch nicht ernst genommen.“‬
‬‪”Hab auch Fi hingehalten. Sagte ihr, ich kann’s nicht versprechen. Aber vielleicht.“‬
‬‪”Hat sie auf der Suche nach dir was mitbekommen?“‬
‬‪”Klang nicht so. Aber nicht direkt gefragt.“‬

‪”Gut“, sagt Sam ermutigend. ‬‪"Wird sich alles geben. Mach dir noch nicht zu viele Gedanken. Sei erstmal bei ihnen.“‬
‬‪”Mmmh. Hab ich vor. Paar Tage oder so.“‬
‬‪”Klingt gut.“‬
‬‪”Hab auch bestimmt zehnmal versprechen müssen, nicht wieder abzutauchen. Hoch und heilig.“‬
‬‪”Überfordert euch nicht. War für alle.. naja eine bestimmt nicht einfache Zeit.“‬
‬‪Ein zustimmendes Mmmh.
‬‪”Machs auch nicht, ja?“, versichert sich Sam dann. „Das… naja. Wäre schlimm für sie. Und für dich.“‬
‬‪”Niemals.“‬ ‪Das kommt mit Nachdruck.
‬‪”Gut.“‬
‬‪”Hab ihnen gesagt, dass ich nicht versprechen kann, dass mir nix passiert. Dass ich keinen Unfall habe oder so. Aber… dass ich nie, niemals, wieder absichtlich wegbleibe. Mein ich auch so.“‬
‬‪”Kannst ja immerhin vielleicht dafür sorgen, dass jemand ihnen bescheid gibt.“‬
‬‪”Mmmmhm.“‬ ‪Da klingt Ethan nachdenklich, als grübele er tatsächlich, wem er diesen Auftrag geben könne.

‪Sam scheint ebenfalls nachzudenken.
‬‪”Finds gut, dass du da warst. Und finds gut, dass… naja. Du da bist und sie dich nicht gleich wieder weggejagt haben. Spricht für sie." Am Ende ist ein Lächeln in Sams Stimme zu hören‬.
‬‪Ein tiefer Atemzug. ‪"Ja." Ethan hat ebenfalls ein Lächeln in der Stimme. “Ich hab sie vermisst.”
“Und dich vermiss ich auch“, fügt er nach einem kurzen Moment des Schweigens leise hinzu.
Eine kurze Pause seitens Sam. “Ich dich auch.”
‪"Denk ich“, fährt sie dann fort. ‬‪"Ich mein… bin grade nicht die beste Gesellschaft.“‬
‬‪Ethan zuckt die Schultern, auch wenn Sam das nicht sehen kann.
‪”Als ob ich bessere Gesellschaft wär." Bei dem ersten Satz klingt er halb belustigt, dann wird seine Stimme mitfühlend.‬ ‪"Grad anstrengend, hm?“‬

‪”Klar! Du liegst nicht nörgelnd auf einem Sofa.“‬
‬‪Er schnaubt. ‪”Ich liege in einem Bett mit Basketball-Bettwäsche umgeben von meinem 16-jährigen Ich.“‬
‬‪”Oh Gott." Sie muss lachen‬.
‬‪Ein amüsiertes Prusten von Ethans Ende der Leitung. Er scheint sich zu freuen, dass er sie zum Lachen gebracht hat.‬
‬‬‪"Ich frag mich grade, wie der 16 jährige Ethan so war.“‬
‪”Hmmm. Redseliger.“‬ Er scheint ernsthaft über die Frage nachzudenken, will eben noch etwas sagen, ihr vielleicht anbieten, dass sie ihn alles fragen kann, oder vielleicht von sich aus noch etwas aus der Zeit erzählen, aber da spricht Sam schon weiter.
‬‪”Aber nicht so einer, der unter der Bettdecke heimlich telefoniert…. nee, das ist eher so ein Mädchending, oder?"‬
‪‪Ethan lacht leise. “Nur jetzt grad. Sonst kommt Mom noch rein.”‬
‬‪Sam kichert. “Und denkt wer weiß was…”‬
‬‪"Oh ja." Ethan lacht mit ihr.‬
‬‪"Nachher gibts noch Hausarrest."‬
‬‪Wieder ein belustigtes Schnauben. “Wenn’s nach denen ginge, würd ich eh sofort in Vermont kündigen und wieder hier einziehen.”‬
‬‪"Gott bewahre! Obwohl…. wenn sie die Bettwäsche wechseln…“‬
‬‪Er lacht leise auf.‬
‬‪”Es sei denn, du stehst immer noch drauf“, neckt sie ihn.
‬‪"Himmel hilf, nein!"
‬"Beruhigend.“‬
‬‪Er schmunzelt, was man am Klang seiner Stimme vielleicht auch auf der anderen Seite des Hörers mitbekommen kann.
‬‪”Was magst du eigentlich für Bettzeug?"‬
‬‪Zeitgleich fragt Sam: “Bleibst also noch ein paar Tage da?”‬
‬Dann: ‪"Äh… saubere? Weiß nicht. Bin da nicht so anspruchsvoll.“‬
‬‪”Ein paar." Er lacht dann leise bei ihrer Antwort. ‪"Auch nicht.“‬
‬‪”Dann ist ja gut.“‬
‬‪”Wobei. Schade eigentlich. Dachte… Geburtstagsgeschenk." Auch Ethans Tonfall ist unverkennbar scherzhaft.
‬‪"Ähm….“‬
‬‪Ethan prustet amüsiert bei dem skeptischen Klang ihrer Stimme.‬

‪Dann wird er ziemlich schlagartig ernst. ‪”Hör mal…“‬
‬‪”Ja?" Sam klingt ob des plötzlichen Wechsels im Tonfall besorgt.‬
‬‪"Irene schon mit dir geredet?“‬
‬‪”Nein. Wollte ja eigentlich zu ihr. Aber dann kam das mit dem Fuß dazwischen.“‬
‬‪”Mmmmh.“‬
‬‪”Ist was mit ihr?“‬
‬‪”Nein“, druckst Ethan herum. ‬‪"Ja. Nein. Nicht so. Geht ihr gut.“‬
‬“‪Oooh kay?”‬
‬‪"Verdammt. Tut mir leid. Eigentlich nicht an mir, das anzusprechen. Nur… Drecksmist."
‬‪"Was ist los?" Sam klingt jetzt ernsthaft besorgt‬.
‬‪"Nichts fürs Telefon, eigentlich. Weißt du schon, wann du wieder fit bist? Ungefähr?“‬
‬‪”Keine Ahnung. 1-2 Wochen vielleicht‬.“
‬‪"Kay." Man kann Ethans Stimme anhören, dass er gerade echt hin und hergerissen ist.‬
‬‪"Ich mein… so früh wie möglich halt. Wenns warten kann… kann ich was tun?“‬
‬Ein ‪Zögern an Ethans Ende der Leitung, dann ein tiefes Durchatmen. ‪”Cal und Irene meinen, es kommt was. Was Großes. Und ich glaub ihnen das."‬
Ethans Stimme klingt bei der Erwähnung von Cal völlig normal; offensichtlich hat sich da seit Dimmitt ein bisschen was geändert.
‬‪Schweigen. Dann: “Aha?”‬
‪‬‪"Drecksmist. Irene killt mich. Aber… Weltuntergang und so. Zerstrittene Fraktionen im Himmel. Engel, die die Apokalypse auslösen wollen.“‬
‬‪”Was? Sorry, aber das klingt… " Sam sucht offensichtlich nach Worten‬.
‬‪"Weiß, wie’s klingt."‬ ‪Ein Seufzer. “Irene glaubt’s. Cal glaubt’s. Hab selbst was gesehen letztens. Am Haus.“ Kurze Pause. ‪”Ach verdammt. Tut mir leid.“‬
‬‪”Das … klingt alles ziemlich abgefahren…. Wissen sie, wann da was abgehen soll?“‬
‬‪”Gar nicht. Leider. Oder zum Glück. Wochen? Monate? Jahre? Wollt dich eigentlich nicht belasten. Nur…“‬ Wieder ein Zögern. ‪”Wenn das kommt… musst du’s wissen, find ich.“‬
‬‪”Ok… Kann das grad noch nicht einordnen. Vielleicht wirklich, wenn wir…. uns das nächste Mal sehen.“‬
‬‪”Mmmhmm."‬

Sam klingt erleichtert. ‬‪"Danke.“‬
‬‪”Sorry. Erzähl mir was. Wer ist Jacky?“‬
‬‪”Öhm… Wohne bei ihr. Musste ja irgendwo hin.“‬
‬‪”Klar. Alte Freundin?“‬ Ethan stockt kurz. Dann: ‪”Tut mir leid. Neugierig.“‬ Er klingt aber ehrlich interessiert.‬
‬‪”Sozialarbeiterin hier in Chicago. Sind uns vor ein paar Jahren begegnet.“‬
‬‪‪”Kay. War noch nie richtig in Chicago, glaub. All die Jahre nicht.“‬
‬‪”Ist eine Stadt wie viele andere. Weiß nicht.“‬
‬‪”Viel Wind?“‬
‬‪”Wind?“‬
‬‪”Heißt’s doch. Chicago. Windy City.“‬
‬‪”Achso! Naja weiß nicht. Kann schon sein."‬
‬Leises, entschuldigendes Lächeln in der Stimme. “Nicht wichtig.”‬
‬‪"Klar. Schon ok. Sehe grade auch nicht viel mehr als ein kleines Wohnzimmer mit Kochzeile.“‬
‬‪”Verstehe." Das klingt mitfühlend.

Einen Moment lang herrscht Schweigen auf beiden Seiten, ehe Ethan wieder ansetzt. ‪"Hey. Könnt dich besuchen kommen." Seine Stimme klingt halb scherzhaft, halb völlig ernst gemeint – so, als wolle er in beide Richtungen eine Interpretationsmöglichkeit haben, je nachdem, wie Sam auf den Vorschlag reagiert.
‬‪Sie schnaubt leise. “Musst du nicht. Bin grad echt nicht gut zu ertragen, glaub ich. Deine Familie ist wichtiger. Wir sehen uns bestimmt bald.”‬
‬Er nickt, auch wenn sie das nicht sehen kann. ‪"Kay. Werd bald gesund, du.“‬
‬‪”Klar. Nur ein Kratzer:“‬
‬‪”Heh. Irene auch gesagt.“‬
‬‪”Mh." Einen kurzen Moment lang denkt sie nach. “Wieder so ein H-W Ding, vermute ich.”‬
‬Ethans Stimme klingt amüsiert. “Garantiert.”‬
‬‪"Wir sind halt hart im Nehmen.“‬
‬‪”Nie bezweifelt.“‬
‬‪”Immerhin.“‬

‪”Kay. Glaub Jacky kommt grade heim. Kannst du schlafen?“‬
‪”Wird schon. Du?“‬ ‬Und nein, er weiß jetzt schon, dass er höchstvermutlich die halbe Nacht lang wachliegen wird, aber das ist kein Grund, sie länger aufzuhalten.
‪”Klar. Muss.“‬
‬‪‪”Kay.“‬
‬‪”Finds echt gut. Also das mit deiner Familie. Danke, dass du angerufen hast.“‬
‬‪”Hey. Ehrensache.“‬ Ein kurzes Zögern, ehe er leise sagt: ‪”Wen, wenn nicht dich." Dann spricht Ethan in normaler Lautstärke weiter. ‪"Danke für’s Zuhören."
‪Im Hintergrund sind Geräusche zu hören. “Jederzeit. Machs gut. Bis bald.”‬
‬‪"Bis dann.“‬
‬‪Sam legt dann auch recht schnell auf, aber Ethan hört noch den Bruchteil einer anderen weiblichen Stimme im Hintergrund, ehe die Verbindung abbricht‬.
‬‪”Ich denk an dich“, murmelt er, als Sam gerade schon am Auflegen ist oder vermutlich sogar schon aufgelegt hat.
‪Vielleicht hat sie es noch gehört‬… ‬‪Vielleicht nicht‬.

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Family Time

Je näher das Wochenende kommt, desto nervöser wird Ethan. Nicht, dass er auf die Idee käme, einen Rückzieher zu machen – nicht ernsthaft jedenfalls; nicht so, dass er jemanden bräuchte, um ihn in den Hintern zu treten, wie Irene das so schön ausgedrückt hat –, aber die Gedanken an seine Familie beschäftigen ihn inzwischen in jeder wachen Minute. Wie er in Seattle schon zu Barry sagte: Es gehen ihm tausend Szenarios im Kopf herum, und er sehnt den Moment, in dem er seiner Familie endlich wieder unter die Augen tritt, ebenso sehr herbei, wie er sich davor fürchtet.

Er hatte Sam fragen wollen, ob sie ihn begleiten würde. Aber das ist eine Bitte, die man nicht aus der Entfernung ausspricht, und so hat er das in ihren Telefonaten nicht erwähnt. Wollte warten, bis sie am Red Hill ankäme. Aber nun hat Sam unterwegs einen Unfall gehabt – nichts Lebensbedrohliches, dem Himmel sei Dank, aber der Bänderriss im linken Fuß bedeutet, dass sie ein paar Tage, eher Wochen, kein Auto fahren kann, und das wiederum bedeutet, dass sich ihre Ankunft in Hectorville verzögern wird.
So liebend gern er sie dabei hätte, Ethan kann nicht warten, bis Sam ankommt. Und so macht er sich am Samstag gegen Mittag alleine auf den Weg nach Tappan, New York.

Ethan hat sich präsentabel hergerichtet, so gut er konnte. Frisch rasiert, saubere Jeans, sauberes Hemd. Halbschuhe statt seiner üblichen, über die Knöchel reichenden Outdoor-Stiefel. Die Haare waren auch irgendwann mal glattgekämmt. Als er losfuhr, um genau zu sein, aber das ist vier Stunden her.
Vor dem Haus seiner Eltern bleibt er ein paar Minuten lang im Auto sitzen, raucht und spricht sich Mut zu. Atmet dann ein paarmal tief durch. Daran, einen Kamm einzustecken, hat er natürlich nicht gedacht, also fährt er sich jetzt mit den Händen über die Haare, um sie wenigstens einigermaßen flachzudrücken, ehe er aussteigt und zur Tür geht.

Gerade will er klingeln, da wird die Tür von innen aufgezogen. Heraus tritt Ethans Vater: älter. Grauer. Aber unverkennbar Dad. In Jeans und langärmeligem Hemd, ganz ähnlich wie Ethan selbst. In der Tür dreht er sich noch einmal um, sagt etwas in den Flur hinein, zu irgendwem, der ihm anscheinend folgt. Dann wendet er sich wieder nach vorne und bemerkt jetzt erst den Besucher auf der Schwelle. Einen Herzschlag lang treffen sich ihre Blicke, ohne dass Dad ihn erkennt – ein Fremder, wer sind denn Sie? –, dann wird er übergangslos so weiß wie die Wand. Schlägt eine Hand vor den Mund und hält sich mit der anderen am Türrahmen fest.
Ethan setzt zum Sprechen an, aber es kommt kein Ton aus seinem Mund. Versucht es nochmal. Seine Stimme ein raues, tonloses Krächzen: „Hi Dad…“

Dad sagt nichts. Starrt Ethan nur unverwandt an, für eine gefühlte Ewigkeit. Dann zwei Worte, die nach ‘mein Junge’ klingen, aber so gepresst und leise, dass Ethan sich nicht sicher sein kann.
Von hinten stößt eine Gestalt beinahe mit Dad zusammen. Klein und zierlich, lange, dunkle Haare, eine Schüssel in der Hand. „Dad, was ist l—“ Fiona. Oh Himmel, wie erwachsen ist Fiona geworden!

Bei seiner Schwester bleibt der Moment des Nicht-Erkennens, den Dad hatte, völlig aus. Fiona erstarrt sofort, es fällt ihr alles aus dem Gesicht, und auch die Schüssel rutscht ihr beinahe aus den Fingern. „Mom! Mom, komm schnell!!“ Nach wenigen Sekunden taucht auch ihre Mutter im Gang auf, in einem leichten Sommerkleid, die Haare schnell-aber-kunstvoll zusammengenommen, wie sie es immer macht, wenn sie weggehen möchte, es aber kein Anlass ist, zu dem sie sich wirklich auftakeln müsste.
Als sie Ethan sieht, stutzt sie einen kurzen Moment lang, ringt um Fassung, und über ihr Gesicht flackert etwas, undefinierbar. Doch sofort legt sich eine undurchdringliche Maske darüber, und sie setzt ein Lächeln auf, das für Ethan zwar einerseits schon irgendwie froh, aber andererseits dennoch unendlich gekünstelt wirkt.
„Oh“, flötet sie, „das ist ja eine Überraschung! Ja dann… Lasst uns doch wieder hineingehen und etwas essen! Oh, und wir müssen wohl den Nachbarn Bescheid geben, dass uns etwas dazwischen gekommen ist…“

Ethan sieht von einem zum anderen. Fasziniert. Verwirrt. So richtig entspricht das irgendwie keinem der tausend Szenarien, die er sich vorher für diesen Moment ausgemalt hat. In Bruchstücken vielleicht, aber nicht so. „Hi“, sagt er wieder, leise und verlegen. Beißt sich dann auf die Lippe, als seinem Vater jegliche Kraft aus den Beinen weicht und er sich erst einmal auf die Türschwelle setzt. Zu Ethan aufsieht wie zu einem Geist, die Hand immer noch vor den Mund geschlagen.

„Ich… tut mir leid… Ich… ich… hätte eher kommen sollen…“, stottert Ethan hilflos.
Dad schüttelt nur wortlos den Kopf, aber es wirkt nicht wie ein Widerspruch zu dem, was Ethan gesagt hat. Eher immer noch wie völliger Unglaube. Mom murmelt indessen etwas von „Essen finden“, dann fällt ihr Blick auf die Salatschüssel, an der Fiona sich festhält. „Oh! Wir haben ja etwas!“ Sie greift sich die Schüssel und huscht wieder ins Haus, dreht sich aber schon nach wenigen Schritten um. „Fiona, Schatz, deckst du den Tisch?“, bittet sie ihre Tochter, woraufhin die ebenfalls nach drinnen verschwindet, ohne nach ihrem ersten Ausruf auch nur ein Wort gesagt zu haben.

Jetzt rappelt Dad sich auf. Nimmt Ethan wortlos in den Arm. Der erwidert die Umarmung, etwas ungelenk anfangs, dann flüssiger. Der ältere Gale drückt seinen Sohn fest an sich, ehe er unvermittelt zu weinen beginnt. „Ich hätte es nicht glauben dürfen… hätte dich nicht aufgeben dürfen…“, flüstert er unter Tränen. Einen Moment lang hat Ethan keinerlei Ahnung, wie er reagieren soll, bis er mit einem Mal merkt, wie sich etwas in ihm löst und er von lautlosem Schluchzen geschüttelt wird. Er könnte gar nicht sagen, wie lange sie so da stehen. Aber vermutlich nicht so lange, wie es sich anfühlt, ehe sie sich vorsichtig voneinander trennen. Den beiden Frauen ins Haus folgen, ohne dass Douglas dabei Ethans Arm loslässt. Er sieht immer wieder zu seinem Sohn, starrt ihn an wie eine Fata Morgana. Oder als würde Ethan sofort wieder verschwinden, wenn sein Vater auch nur eine Sekunde lang den Kontakt unterbräche.

Drinnen sieht Ethan sich gleichermaßen neugierig wie beklommen um. Die Einrichtung hat sich in den Jahren seiner Abwesenheit nur wenig verändert, aber gerade genug, dass sich doch alles irgendwie seltsam anfühlt. Die Fotos an der Flurwand sind ein Querschnitt durch die Jahre, zeigen die Gale-Kinder beim Wachsen und die wechselnden Frisuren und Moden der jeweiligen Zeit – nur die Bilder von Ethan selbst sind 2005 stehengeblieben. Ein Missklang. Wie ein einzelnes Brett, das in einer ansonsten geraden Wand schief heraussteht. Oh Mann.
Im Wohnzimmer, wo sie sich etwas verlegen hinsetzen, dreht Dad sich zu ihm um. „Geht es dir gut?“ Ethan lächelt. Nickt. „Ja. Jetzt ja.“

Aus der Küche dringt einige Minuten lang hektisches Geklapper, dann Moms Stimme, vollkommen unter Kontrolle, vom Telefonanschluss im Flur. Etwas von „unerwartetem Besuch“, mit dem sie sich bei ihrem Gesprächspartner für das Fehlen entschuldigt. „Beim nächsten Mal wieder, Liebes.“ Klick.

Kurze Zeit später kommt Mom ins Wohnzimmer, die Hände voll mit mehreren kunstvoll aufeinander drapierten Schüsseln und Schalen. Lädt ihre Last auf dem Esstisch ab und rückt alles minutiös darauf zurecht. „Ethan ist zurück!”, sagt Dad, immer noch genauso ungläubig wie anfangs.
„Ich hab’s euch gesagt!” wirft Fiona ein, die den Tisch inzwischen fertig gedeckt hat. „Ich hab euch gesagt, der ist nicht tot!” Dann sieht sie Ethan unverwandt an. Unverwandt und richtiggehend wütend. „Wo warst du?!”
„Ich…” Er hatte sich so viele Antworten überlegt. So viele Ausreden. Sie alle wieder verworfen. Aber verworfen oder nicht, jetzt ist sein Kopf ohnehin wie leergefegt.
„Lass’ ihn doch”, kommt sein Vater ihm zu Hilfe. „Er ist doch gerade erst angekommen.” Fi murmelt etwas, aber sie lässt ihn. Für jetzt jedenfalls, sagt ihr Blick.

Im höflich-halbinteressierten Nachbarinnen-Klatschbasenton fragt Mom stattdessen nach Ethans Leben. Ob er verheiratet sei? Familie habe? Kinder?
Ethan schüttelt den Kopf. Nicht verheiratet. Keine Kinder. Aber dass da jemand ist, gibt er zu.
„Alan?” fragt er dann.
Die Frage hat einen betrübten Blickaustausch zwischen den restlichen Gales und ein betretenes Schweigen zur Folge, und Ethan spürt, wie sich eine eiserne Klammer um sein Herz legt. Nein. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht.
„Alan wohnt nicht mehr hier”, erklärt Dad schließlich mit einem undefinierbaren Unterton. Oh. Oh puh. Aber gut, Alan ist immerhin jetzt auch schon dreiundzwanzig, da ist es ja eigentlich kein Wunder, dass er ausgezogen ist.

Ethan will eben weiter auf das Thema eingehen, da klingelt es an der Tür. „Das wird er sein”, sagt Mom mit hoffnungsvoller Miene, und tatsächlich kommt eine Minute später ein junger Mann herein. Ethan blinzelt, versucht den Dreizehnjährigen mit dem Erwachsenen in Einklang zu bringen. Alan trägt Lederjacke, schwarzes Hemd, Jeans. Einen halb entschuldigenden, halb herausfordernden Gesichtsausdruck.
Hat eine Bemerkung auf den Lippen, die schlagartig abbricht, als sein Blick auf Ethan fällt. Eine Regung geht über sein Gesicht, gleich wieder verschwunden. Aber glücklich ist Alan nicht, seinen älteren Bruder zu sehen, soviel ist mal sicher. Er knurrt ein ‘Hi’ in die Runde – zum Rest der Familie. Definitiv nicht zu Ethan.

„Alan!” freut sich Dad. „Du bist spät dran, aber sieh nur: Ethan ist zurück!” „Seh ich”, knurrt Alan und bedenkt seinen Bruder mit einem mehr als finsteren Blick.
„Setz’ dich, wir essen hier”, fügt Mom in ihrem geschäftigen Hausfrauenton, der so völlig un-Mom ist, dazu. „Wir gehen doch nicht zu den Forsyths rüber; Ethan ist zurück!” „Jahaaa”, brummt Alan und lässt sich schwer auf einen der Stühle am Esstisch fallen. Dann sieht er vorwurfsvoll von einem zum anderen. „Woher wollt ihr überhaupt wissen, dass das wirklich Ethan ist?”
„Was?!” Dad ist empört. „Dein Bruder ist wieder da, und du…”
„Schon klar”, knurrt Alan. „Ethan, die Lichtgestalt. Kann ja nichts falsch sein.”
„Alan…”
Oh Mann.
„Hat aber recht”, versucht Ethan zu vermitteln. „Macht ‘n Gentest.”

Von einem Gentest allerdings will niemand was hören. Vor allem Dad nicht, der Ethan irgendwie die ganze Zeit über immer noch nicht losgelassen hat. So, wie Alan zu ihnen beiden herübersieht, ist dem das nicht entgangen. Und so, wie Alan zu ihnen herübersieht, passt ihm das ganz und gar nicht. Okay, Ethan passt es auch nicht so richtig; es wird ihm sogar langsam unangenehm, aber was will er machen, sich losreißen? Wobei bei seinem kleinen Bruder noch mehr hineinzuspielen scheint. Da ist ein Ausdruck auf dessen Gesicht, gut versteckt hinter dem verdrießlichen Gesichtsausdruck, eine Art Sehnsucht… Ethan muss schlucken, um eine plötzliche Beklemmung in seiner Brust herum. Oh Mann.

Vielleicht hat Mom etwas von der Spannung gemerkt. Vielleicht will sie aber auch nur ihre eigene Nervosität überspielen, als sie energisch nach der Eistorte ruft, die im Gefrierfach auf genau eine solche Gelegenheit warte. Ethan hebt abwehrend die Hände. „Muss doch nicht”, will er anfangen, aber da hat er die Rechnung ohne seine Mutter gemacht.
„Ethan Frederick Gale, du bist nach zehn Jahren wieder da; du wirst mit deiner Familie diese Eistorte essen!”
Jetzt wird Ethans Handbewegung verlegen-beschwichtigend. „Okay, okay. Ich esse ja Torte.”
Fiona geht in die Küche, kommt kurz darauf mit Tellern, Besteck und der Eistorte zurück. Verteilt großzügig Stücke davon um den Tisch herum, aber niemand isst davon. Oder zumindest isst niemand mehr als der Form halber. Nicht mal Mom, und die bemüht sich sehr.

„Wo warst du nur all die Zeit?” Das ist Dad. „Ich meine… Wir… ich… wir dachten, du wärst tot, und… Warum hast du dich nie gemeldet?“
Ethan seufzt tief. „Dachte, Gründe. Aber was irgendwann mal gute Gründe waren…“ Er zuckt etwas hilflos mit den Schultern und ist sich sehr bewusst, dass er gerade Barry zitiert. „Irgendwann nicht mehr so wichtig.“ Verlegen senkt er den Kopf. „Es tut mir leid.“
„Aber du… du bleibst doch? Ich meine… jetzt, wo du zuhause bist…“
Oh Mann. Ethan bekommt ein entschuldigendes Lächeln zustande. „Naja… hab ‘n Job… ‘ne Wohnung…“
Dad sieht enttäuscht aus. „Ja, aber… du… du wirst doch jetzt nicht wieder in der Versenkung verschwinden, oder?“
Auf diese Frage muss Ethan nicht lange überlegen. Ganz entschieden schüttelt er den Kopf. „Nein. Versprochen.“ Er zögert einen Moment lang. „Kann. Kann nicht versprechen, dass mir nichts zustößt. Dass… dass ich keinen Unfall habe oder so. Aber… auf keinen Fall einfach so.“
Dad nickt, scheint aber nicht so richtig überzeugt. „Aber jetzt, wo du hier bist… bleibst du doch?“ wiederholt er. „Eine Weile wenigstens?“ Er sieht zu Alan. „Du bleibst doch auch… oder?“
Alan runzelt die Stirn. „Ich wüsste nicht, warum“, erwidert er kühl. „Ich meine… Ethan ist ja wieder da, dann braucht mich ja keiner. Also wieso soll ich bleiben?“
Au. Au, verdammt. Etwas krampft sich in Ethan zusammen, als Alans Worte ihm verdeutlichen, wie groß die Wunde ist, die sein Verschwinden gerissen hat. Was für ein unerreichbar hohes Podest das gewesen sein muss, auf das Dad ihn in seiner Abwesenheit offenbar gehoben hat. So unerreichbar hoch, dass Alan keine Chance hatte, da jemals dranzureichen. Oh Mann.
„Weil ich dich zehn Jahre nicht gesehen habe“, sagt er leise. „Weil ich mich freue, wenn du bleibst.“
Weil du mein Bruder bist. Aber dieser letzte Satz findet seinen Weg nicht hinaus, auch wenn Ethan sich selbst darüber wundert, dass das Reden so leicht geht heute abend. Naja. Vergleichsweise leicht. Leichter als sonst, auch wenn er immer noch genug Pausen macht, während er um ein Wort kämpft. Vielleicht, weil die Umgebung so vertraut ist, größtenteils jedenfalls. Weil sie eine Verbindung ist zu seinem früheren, gesprächigeren Selbst. Und weil es seine Familie ist, mit der er da redet. Und die Worte wichtig.

Alan knurrt etwas, sichtlich unbeeindruckt, bleibt aber sitzen. Wendet dann seine volle Aufmerksamkeit Ethan zu. „Was ist in der Nacht eigentlich passiert?“ fragt er vorwurfsvoll. „Was ist passiert, dass du es zehn Jahre lang nicht nötig hattest, uns mal mitzuteilen, dass du noch am Leben bist?“
Drecksmist. Aber es war ja klar, dass die Frage irgendwann kommen würde, und so einigermaßen hat er sich ja im Kopf darauf vorbereiten können. Also versucht Ethan es mit einer ausweichenden Halbwahrheit. Dass da dieser verrückte Mörder gewesen sei, der ihn verfolgt habe, unaufhaltsam. Dass er monatelang nicht nach Hause konnte, weil das zu gefährlich für alle gewesen wäre. Dass er sie beschützen wollte. Und dass er es, als es dann irgendwann doch wieder sicher war, einfach nicht mehr geschafft habe.
Dad ist bleich geworden bei der Erzählung, hat Ethans Arm noch fester gedrückt als ohnehin schon die ganze Zeit. Erklärt ihm wieder, dass er jetzt doch zuhause sei. Fragt, ob er bleibe. Und dass er doch nicht wieder von der Bildfläche verschwinden werde, oder? Ethan schüttelt den Kopf. Wird er nicht.

„Aber was hast du denn dann all die Jahre über gemacht?“ will seine Mutter wissen.
Ethan zuckt die Schultern. „Rumgezogen.“
Rumgezogen?“ wiederholt Mom pikiert. „Mit einem Zirkus?“
Darauf kann Ethan nur den Kopf schütteln. Auf die Idee, dass man das Wort so verstehen könnte, wäre er nicht mal gekommen. „Nein. So halt.“
„Er hat nicht in einem Kinderbuch gelebt, Mom!“ wirft auch Fiona spitz ein. Dann fährt sie zu Ethan herum. „Ich hab dich gesucht!“ Ihr anklagender Tonfall macht nicht ganz deutlich, ob sie wütend auf die anderen ist, die sich ihr nicht angeschlossen haben, oder auf Ethan, der nicht aufzufinden war.

Alan aber lässt nicht locker. „Ein verrückter Mörder. Soso. Und warum bist du nicht zur Polizei gegangen, wie es das Naheliegendste von der Welt gewesen wäre?“ Seine Stimme trieft nur so vor Zweifel.
Ethan schüttelt wieder den Kopf. Weil der Harrdhu alle umgebracht hätte, aber das kann er nicht sagen. Aber die andere Angst, die ihn damals umtrieb – die Angst, die ihn neben Cals Bedenken wegen des Risikos hauptsächlich davon abhielt, sich wieder zu melden, als der Harrdhu aus dem Weg geschafft war – die kann er aussprechen.
„Weil ich Angst hatte!” hält er Alan entgegen. „Angst, die denken, ich hab was zu tun mit… mit. Mit der Sache. Und dann war’s zu spät. Habs nicht mehr geschafft.“
„Aber jetzt hast du es geschafft“, ermutigt Dad ihn. „Du bist hier. In deinem Zuhause.“
„Gehst du dann wenigstens jetzt zur Polizei?“ fordert Alan.
Ethan blinzelt. Stimmt, der Fall ist ja vermutlich offiziell nie abgeschlossen worden. Er nickt.
„Ja. Ja klar. Kann ich machen.“
Alan bedenkt ihn mit einem durchdringenden Blick.
„Die Familien der anderen Jungs brauchen Klärung“, sagt er heftig. „Einen Abschluss. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie das ist? Zehn Jahre lang derart im Ungewissen zu sein?“
„Ja“, schießt Ethan zurück, nur um gleich darauf in sich zusammenzusacken. „Nein. Nein. Tut mir leid, verdammt.“
„Ethan!“ Dad, natürlich. „Nicht fluchen!“
Er fährt sich verlegen durch die Haare. „Sorry.“

„Und was ist mit dem Mörder?“
„Der ist tot.“ Drecksmist. Ethan könnte sich genau in dem Moment treten, in dem die Worte seinen Mund verlassen.
Und tatsächlich bedenkt Alan ihn sofort mit einem durchdringenden Blick, während Mom die Hand vor den Mund schlägt. „Was?! Warst etwa… Hast etwa du…?“
„Nein. Ich habe ihn nicht umgebracht.“ Was technisch gesehen sogar stimmt. Es war Cal, der den Harrdhu erlegt hat.
Alan verengt misstrauisch die Augen. „Und woher weißt du dann, dass er tot ist?“
„Hinterher mitbekommen.“ Was technisch gesehen auch stimmt. Wenn man ‘hinterher’ als die Sekunde direkt nach dem Umfallen des Monsters betrachtet.

„Aber wenn er tot war… Warum bist du dann so lange weggeblieben?“ Das ist Fiona, und ihre Stimme klingt anklagend. Feindselig. Warum hast du uns das angetan, sagt sie nicht. Muss sie auch gar nicht.
Ethan verzieht das Gesicht. Seufzt schwer. „Wollte euch nicht wehtun. Dachte ich. Aber in Wahrheit… wollte ich mir selbst nicht wehtun.“ Schon seltsam, fährt es ihm durch den Kopf. Wie diese Erkenntnis aus der Pixelwelt noch nach Monaten immer wieder nachhallt.

„Wie… wie ist es denn mit euch?“ versucht er dann das Thema zu wechseln. „Geht es euch g—“ Er unterbricht sich. Drecksmist. “Nein. Blöde Frage, sorry. Aber… ich meine…“ Er wirft einen hilflosen Blick in die Runde. „Was ist mit euch?“
Fiona hat gerade die High School beendet, berichtet Mom mit einem Anflug von Stolz. Mit einem richtig guten Abschluss. Und Alan ist nach dem College zur Polizei gegangen. Da schwingt etwas Enttäuschung mit, gut verborgen hinter dem bemüht heiteren Ton. Dad hat sein Ingenieurbüro, und Mom selbst zeichnet noch. Sie hat auch gerade einen neuen Auftrag.
„Möchtest du die Bilder vielleicht nachher sehen? Das hast du doch immer so gemocht.“ Ethan nickt ein „Klar, gerne“ und verkneift sich die Bemerkung, dass er schon weiß, um was für einen Auftrag es sich handelt. Der Umstand, dass er weiß, was für ein Auftrag das ist, ändert auch rein gar nichts daran, dass ihn tatsächlich interessiert, was Mom da für Barrys Cousine gezeichnet hat.

„Lenk nicht ab“, knurrt Alan. Ja. Es wundert Ethan gar nicht, dass sein kleiner Bruder zur Polizei gegangen ist. Oder vielleicht andersrum. Dass er so beharrlich am Thema bleibt, eben weil er Polizist ist. „Rück lieber mal mit der Sprache raus. Du bist also ‘rumgezogen’, soso. Fein. Nur erklärt hast du damit trotzdem nichts. Du bist einfach rumgezogen?“
Ethan nickt. „Hat mich nicht an einem Ort gehalten. Halbes Jahr auf der Flucht, und danach…“ Er zuckt leicht mit den Schultern. „Keine Ruhe gefunden.“
Die Bemerkung lässt Dad besorgt dreinsehen. „Hast du das heute auch noch? Ich meine, wirst du etwa wieder abtauchen?“
Ethan schüttelt den Kopf. „Nein, Dad. Ich versprech’s.“
„Fein.” Alan wieder. “Aber was hast du die ganze Zeit gemacht?“
Ethan zuckt wieder mit den Schultern. „Hier einen Job, da einen Job. Unterschiedlich. Vermont, jetzt. Weile schon.“
Der letzte Teil seiner Antwort lässt Fiona aufhorchen. „Vermont?“ platzt es aus ihr heraus. „So nah?! So nah, und jetzt… Tauchst hier einfach so auf!“
Ihr Tonfall ist seltsam. Enttäuscht, ja, wütend, ja, aber gar nicht so sehr auf Ethan selbst, kommt es ihm vor. Oder zumindest nicht nur. Wobei. Vermutlich bildet er sich das auch einfach nur ein.

„Ich hab dich ü-ber-all gesucht!” fährt seine Schwester jetzt fort. „Da war dieser Typ in der Zeitung, in Texas war das, der sah aus, wie ich mir vorstellte, dass du inzwischen aussehen würdest, also bin ich hingefahren und hab mit dem Sheriff geredet. Aber der kannte den schon von Kind auf, das konntest also nicht du sein.“
Mom hat in dem Moment die Hand vor den Mund geschlagen, als Fi sagte, sie war in Texas. „Wie konntest du nur? Einfach wegfahren… und wir… wir wussten nicht…“
„Ich wusste davon“, wirft Dad ein. Das macht die Sache aber auch nicht besser, weil Mom nun auf ihn losgeht, wie er ihr das verheimlichen konnte, und Dad zu erklären versucht, dass es Fiona wichtig gewesen sei und dass er es ihr deswegen erlaubt habe, auch wenn er unglücklich darüber war, weil alles mögliche hätte passieren können und…
Aber das Hin und Her zwischen seinen Eltern bekommt Ethan gar nicht so richtig mit. Während die miteinander diskutieren, starrt er seine Schwester aus großen Augen an.
„Du warst in Dimmitt?“
„Ja, i— Moment, wie, was weißt du von Dimmitt?“
„Zeitung“, erklärt Ethan. „Bild. Der Typ. Albert. Dachte Alan. Musste hin.“
„Hä?“ Das ist Alan, sein Tonfall misstrauisch, ja verächtlich. „Was dachtest du?“
Ethan wirft ihm einen Blick zu. „Na dass du das vielleicht wärst. Musste hin.“

Alan schnaubt nur. Sonderlich beeindruckt scheint ihn das Geständnis nicht zu haben. Statt dessen will er wieder wissen, was Ethan denn nun gemacht habe in der ganzen Zeit.
„Verfolgt werden“, versucht Ethan es wieder. „Konnte nicht zurück. War nicht sicher. Hätte euch alle in Gefahr gebracht. Und dann… dann war es sicher, und dann hab ich wen kennengelernt. Hab mich niedergelassen. Dachte, jetzt kann ich euch endlich wieder kontaktieren, nur dann… dann ist meine Freundin gestorben, und dann…”
Er kommt ins Stocken. Oder Fi unterbricht ihn. Oder beides. Definitiv beides.
„Wie ist sie gestorben?“
Ethan verzieht das Gesicht. Atmet tief durch. „Hirnschlag. Aneurysma. Danach… bin ich weitergezogen. Hat mich wieder nicht an einem Ort gehalten.“ Er zögert. „War ‘ne Weile nicht ganz… stabil.“
Fionas Wut scheint verraucht, zumindest für den Moment. „Das ist doch auch absolut verständlich! Wenn einem sowas passiert!“
„Der arme Junge“, bedauert Dad ihn. „So ganz alleine!“
„War nicht alleine“, murmelt Ethan. „Hatte Hilfe.“ Die zwei Jahre vor Portland jedenfalls. Danach… Andere Geschichte. Aber dieser Tonfall in Dads Stimme eben war so… weinerlich. Nein. Falsches Wort. Aber irgendwie so, dass bei Ethan ein Protestreflex angesprungen ist.

Alan ist auch schon auf den Barrikaden. „Was heißt hier ‘der arme Junge’? Das war ja wohl seine Entscheidung! Der wird ja wohl zwischendrin auch mal an einem Telefon vorbeigekommen sein oder an einer Polizeistation – und überhaupt! Zehn Jahre sind eine lange Zeit; wer weiß, ob es nicht gefährlich ist?“

Elender Drecksmist. Hat er gerade seine Familie in Gefahr gebracht? Aber… nein. Der Harrdhu ist lange tot, Ethan hatte unterwegs kein Auto längere Zeit an sich dranhängen, und falls wirklich etwas wäre – er wirft einen schnellen Blick durch den Raum. Das Messer, mit dem Fiona die Eistorte geschnitten hat, ist gut groß und wuchtig. Die Kuchengabeln bestehen aus reinem Silber – das feine Kaffeebesteck für die besonderen Anlässe eben. Die Stehlampe, aus der man mit einem schnellen Griff eine Stromfalle machen kann. Die Vorhänge, um etwas einzufangen oder zumindest lange genug zu behindern. Unter den Tisch oder zur Tür oder aus dem Fenster schubsen, wen er erreichen kann, den Rest hinterherkommandieren. Sich selbst dazwischenwerfen. Nein. Es wird nichts sein. Aber falls… nur falls… doch… Er wird nicht zulassen, dass seiner Familie etwas passiert. Ethan sieht seinen Bruder direkt an.
„Wär nicht gekommen, wenn es gefährlich wäre.“

Alan schnaubt. „Klar, dass du das sagst. Aber hey… so wie du aussiehst – woher wissen wir, dass nicht du gefährlich bist?“
Au. Verdammt. Argument. „Hast recht“, erwidert Ethan trocken. „Wisst ihr nicht.“ Er zögert einen Moment lang, hadert mit sich, ob er das jetzt wirklich bringen soll, und ist gleichzeitig amüsiert ob der Ironie. „Special Agent Jonathan Saitou vom FBI.“
„Hä? Was soll uns der Name jetzt schon wieder sagen?“
„Der kennt mich“, führt Ethan aus. „Fragt den, wenn ihr wollt.“
Alans Augenbrauen ziehen sich zusammen. „Was hast du mit dem FBI zu tun?“
Drecksmist. War so klar. „Zusammenarbeit“, murmelt Ethan.
„Als Informant??“ Das ist Fiona, die ihn unverwandt ansieht. Ihre Augen leuchten richtiggehend.
„Nee“, wiegelt Ethan schnell ab. „Kenn den halt.“

„Was ist in der Nacht jetzt eigentlich genau passiert?“, beharrt Alan. „Das hast du immer noch nicht gesagt.“
Ethan holt tief Luft und versucht es nochmal. „Da war der Mörder. Hansen Road aufgelauert. Hatte Klingen. Messer. Jungs erwischt. Mich erwischt.“ Er öffnet die obersten Knöpfe seines Hemdes. Zieht es soweit über die Schulter herunter, dass man die Narben sehen kann, was ein erschrecktes Luftholen bei Mom auslöst. Knöpft das Hemd dann wieder zu. „Bin nur gerannt und gerannt und gerannt.“ Er macht eine unbestimmte Handbewegung. „Einfach nur Glück gehabt.“
Alan runzelt die Stirn. „Und der Mörder ist dann gestorben. Aber du hast ihn nicht umgebracht.“
„Nein“, bestätigt Ethan. „Hab ich nicht.“
„Hat er dir etwas angetan?“ fragt sein Vater voller Besorgnis.
Ethan schüttelt den Kopf. Nicht so, wie Dad denkt, jedenfalls. Der scheint nur sein „Nein“ nicht so recht zu glauben.
„Aber jetzt bist du ja hier“, sagt Dad. „Du bleibst doch, oder? Ich meine, du… du tauchst nicht wieder unter, oder?“
Ach, Dad. Ethan kann ja verstehen, dass sein Vater Angst hast, er würde wieder abhauen. Aber wie oft muss er es denn noch versprechen?
„Mm-mm. Mach ich nicht.“

Moms Gesichtsausdruck hat sich verändert. Nach dem Schrecken über die Narben gerade sieht sie jetzt beinahe misstrauisch drein. „Weil du Hilfe hattest… Ethan, bist du etwa ein Terrorist?“
Er müsste beinahe lachen, wenn ihm nicht so viel daran gelegen wäre, ihren Argwohn zu zerstreuen. Und außerdem kann er es ihnen nicht mal verdenken.
„Nein, Mom“, formuliert Ethan sehr sorgfältig. „Ich bin kein Terrorist.“
„Oder hast du dich einer Sekte angeschlossen?“
„Nein, Mom. Ich bin in keiner Sekte. Ich bin Hausmeister. In Vermont.“

„Hausmeister.“ Das ist Dad, und sein sorgfältig kontrollierter Tonfall zeugt von Enttäuschung. „Beim FBI?“
„Nein. Uni. University of Vermont.“
Jetzt mischt sich Fiona wieder ein, die nach ihrer Frage eben still dagesessen hat, in der es aber offenbar ziemlich arbeitet. „’Hausmeister’, ja klaaaaaar!“
Oho. Offensichtlich denkt sein kleines Schwesterchen wegen seiner FBI-Bemerkung, er sei Geheimagent oder sowas. Hmmm. Vielleicht gar nicht schlecht. Könnte von der nicht aussprechbaren Wahrheit ablenken.
„Aber du wolltest doch immer studieren und… und…“, stottert Mom indessen, bricht dann hilflos ab.
„Joah“, brummt Ethan, „halt nicht. Hausmeister.“ Reib es rein, Mom. Es ist nun mal, wie es ist. Leb damit.
Dad hat sich wieder einigermaßen von der Enttäuschung gefangen, oder zumindest gibt er das vor. „Der Hausmeister an Fionas Schule hat sich in Abendkursen fortgebildet. Das könntest du doch auch tun?“
Während Ethan noch überlegt, wie er auf diesen gutgemeinten Vorschlag reagieren soll, kommt unerwartete Schützenhilfe von Fi und ihrer Fehleinschätzung. „Maaaann, Dad! Wenn der undercover ist, hat er keine Zeit für Abendkurse!“
Ihr Bruder schnaubt verächtlich. „Undercover. Ja klaaar.“
„Garantiert!“ schießt ihm Fiona entgegen.
„Dann frag ihn doch, was er die ganze Zeit gemacht hat, vielleicht gibt er dir ja Antwort!“
Mom sieht entnervt zwischen ihren beiden jüngeren Sprösslingen hin und her. „Kinder! Euer Bruder ist zurück, nicht streiten!“
Ja. Das wäre Ethan allerdings auch mehr als recht. Von dem Gezänk seiner Geschwister, auch wenn es nicht ernst gemeint sein mag, fühlt er sich überfordert und unbehaglich, und von Dads Klammern und Moms Stepford-Getue noch viel mehr. Ja, er hat es verdient, und ja, sie verarbeiten damit irgendwie das, was er ihnen angetan hat, und es ist wie es ist, und er wird es aushalten. Er muss. Er wird. Aber trotzdem.

„Na immerhin siehst du… sportlich aus“, versucht Dad jetzt seine Enttäuschung über die unpassende Berufswahl seines Ältesten zu verdrängen. „Als seist du viel draußen.“
„Bin auch viel draußen“, murmelt Ethan, dankbar über die einfache Antwort, bei der er in keiner Weise irgendwie ausweichen muss.
„Ja“, fällt Mom ein, „du bist ja schon immer gern und viel draußen rumgelaufen, mit Jesse und Ryan und— oh.“ Sie schweigt betreten.

„War so oft drauf und dran“, entfährt es Ethan. „Auf der Gala. Hab dich da gesehen, Mom.“
Seine Mutter sieht ihn überrascht an. „Auf was für einer Gala?“
Er hebt leicht die Schultern. „Da letztens. Hollywood.“
Mom reißt ungläubig die Augen auf. „In Hollywood?“
„Mhmhm.“
„Und ich dachte noch, ich hätte deine Stimme gehört“, sinniert sie, „aber als ich mich umdrehte, war da niemand. Aber warum hast du nicht…“
Verlegen verzieht Ethan das Gesicht. Fährt sich mit beiden Händen in die Haare. „Wollte ja. Aber war feige. Hab dich gesehen, aber dann war….“
Beinahe hätte er sich verplappert. Um ein Haar wäre ihm ein ‘aber dann war der Mann bei dir nicht Dad’ herausgerutscht, aber in letzter Sekunde kann er sich stoppen. Zum Glück hat er ohnehin schon den ganzen Abend gestockt beim Reden, so dass es hoffentlich nicht auffällt, als er den Satz anders beendet, als er das ursprünglich vorhatte. „… da so viel los. So viele Leute. Der ganze Saal. Konnte nicht. Feige. Tut mir so leid.“
Mom sieht ihn gerührt an. „Ach, Ethan.“ Wenn er noch ein Kind gewesen wäre, dann hätte sie ihm jetzt durch das Haar gewuschelt, ihm ein Stück Schokolade gegeben und ihn nach draußen zum Spielen geschickt. Genau der Tonfall war das.
Er lächelt schwach. Jetzt klingt Mom wenigstens nicht mehr so fürchterlich aufgesetzt.

„Darf ich dir was zeigen, Ethan?“
Ethan sieht zu seiner Schwester. „Klar.“ Dann blinzelt er verlegen, wirft einen Blick in die Runde. „Ähm. Entschuldigt ihr uns einen Moment?“
„Sicher“, sagt Mom. Alan zieht finster, aber kommentarlos, die Brauen zusammen, und Dad macht ein Gesicht, als habe er Angst, dass sein Sohn sich in Luft auflöst, sobald er den Raum verlässt, aber er nickt. Also folgt Ethan Fiona neugierig, und nicht wenig erleichtert, der seltsamen Stimmung im Wohnzimmer für den Moment entkommen zu sein, die Treppe hinauf in deren Zimmer.
Oben angekommen, öffnet die junge Frau ihren Schrank und wirft erst einmal achtlos zahllose Kleidungsstücke auf ihr Bett. Ethan fragt sich schon, ob sie ihren Modegeschmack mit ihm teilen will, aber dann wird ihm klar, dass die ganzen Klamotten vor allem zur Tarnung dienen. Dass sie das verbergen, was sich an der Rückwand des Schranks befindet. Ethan muss zweimal hinsehen, ehe er erkennt, was es ist. Eine Karte der Vereinigten Staaten, ja klar, das war schon gleich beim ersten Blick ersichtlich. Aber über und über mit Pins besät. Mit Löchern, wo früher einmal Pins gesteckt haben. Und mit dünnen Fäden, die zwischen ein paar der Stecknadeln gespannt sind. Als er das erst mal kapiert hat, ist der Sinn und Zweck der Karte eindeutig. Sie zeigt all die Spuren, denen Fiona nachgegangen sein muss, um ihn zu finden.
„Da warst du überall? Wow.“

Geknickt sieht seine Schwester ihn an. „Hab ich überhaupt irgendwo richtig gelegen? Hat überhaupt irgendwas gestimmt?“
Ethan betrachtet die Karte sehr sorgfältig und ganz aus der Nähe, ehe er nickt. Fi muss ganz schön rumgekommen sein, wenn er sich die Karte so ansieht. Bestimmt 50 Nadeln, und viel mehr Löcher. Im Nordwesten von Texas ist ein Loch. Natürlich. Die falsche Albert-Fährte. Dass Ethan tatsächlich auch in Dimmitt war, das wusste Fi ja bis eben nicht.
Viele der Pins zeigen Orte, die Ethan im Leben noch nicht gesehen hat. Andere stecken in Großstädten, wo Ethan natürlich schon mal war, mehr als einmal sogar, aber wo er keine Möglichkeit hat zu sagen, ob Fiona einer echten Spur dorthin gefolgt ist oder einer unzusammenhängenden Information.
Aber die Namen einiger Kleinstädte erkennt er wieder. Spencer, Tennessee. Da war er mit Cal, ziemlich am Anfang. Shandon, Kalifornien. Das war da, wo diese ganze Schulklasse verschwunden war, so vor fünf, sechs Jahren. Ethan verzieht das Gesicht. Ein ganzer Bus voller Schüler verschollen. Am Leben, als er sie fand? Vier. Ganze vier. Limestone, Maine, zwei Meilen von der kanadischen Grenze. Ethans linker Mundwinkel zieht sich ganz leicht nach oben, als er sich daran erinnert, wie er dort oben seinen Job angeboten bekommen hat. Crested Butte, Colorado. Und Baltic, Connecticut. Huh.

Nacheinander zeigt Ethan auf die fünf Stecknadeln. „Da.”
Fiona berührt den Baltic-Pin leicht mit der Fingerspitze. „Echt? Woooow. Bei dem war ich eigentlich fast sicher, dass du das nicht sein kannst, weil das Foto so unscharf war. Aber ich wollte nichts unversucht lassen.”
„Foto?”
Fi nickt und kramt aus der hinteren Ecke des Schranks einen richtig dicken Ordner hervor, blättert darin und zieht dann ein körniges Zeitungsfoto heraus. Reicht es Ethan hin. Der schnaubt ein bisschen ungläubig – das Bild zeigt Barry und Irene und ihn mit den geretteten Teenagern vor der alten Schule. Das Bild ist viel zu ungenau, um groß Details zu erkennen, aber an ihrer Körperhaltung wird die Erschöpfung trotzdem deutlich. Kein gestelltes Foto, sie sind alle in Bewegung, Artie eng an Ethan gedrängt. Das war direkt, bevor sie in die Krankenwagen gestiegen sind, fällt Ethan ein. Wer hat denn da fotografiert? Einer der Polizisten vielleicht? Egal.

Seine Schwester sieht indessen verlegen auf den prallgefüllten Ordner in ihrer Hand. „Weißt du, ich war so enttäuscht, weil ich dich nicht gefunden habe”, sagt sie leise. „Und dann kamst du einfach von selbst. Das war total egoistisch von mir. Tut mir leid.”
Ethan schüttelt sachte den Kopf. „Schon gut.”
„Ich wollte dich unbedingt heimbringen”, spricht Fi weiter. „Da war die ganze Zeit dieser Schatten über der Familie. Dieses unsichtbare, Ethan-förmige Loch. Alan hat das echt nicht gut weggesteckt.”
Ethan seufzt. „Hab ich gemerkt.” Er lässt den Kopf hängen. „Es tut mir leid.” Wieder mal.
„Es hat schon auch seinen Grund, warum er Polizist geworden ist, weißt du.”
Und nicht etwas Besseres. Au. Verdammt.
„Mmhmm. Verständlich.”

Verlegen und auch ein bisschen neugierig sieht Ethan sich im Zimmer um. Alles sehr aufgeräumt. Möbel aus hellem Holz, auf dem Schreibtisch die sorgfältig gestapelten und sortierten Überreste der Lernerei für die Abschlussklausuren. Keine Poster an den Wänden, sondern Fotos, die Fi und einige andere Mädchen zeigen – Freundinnen offensichtlich. Wenig Kleinkram, der einfach so herumsteht, aber viele Parfümflaschen und Schminkutensilien. Ein großer Standspiegel. Zahlreiche vollgestellte Bücherregale.

Ethan muss lächeln, als sein Blick auf das Regalbrett mit Oz-Romanen fällt. „Hab erst vor kurzem wieder einen bekommen.” Fi sieht zu ihm. „Hmmm?” „Zauberer”, erklärt Ethan. „Hatte all die Jahre keinen, stell dir vor.” „Muss das langweilig gewesen sein”, sinniert Fi, was Ethan ein weiteres Schmunzeln entlockt. „Rumgezogen”, erläutert er dann. „Wenig Gepäck. Und habs nicht so mit Büchern, eigentlich.”
„Solltest du aber”, rät ihm seine Schwester. „Bücher sind toll.”
„Mmmhm”, macht Ethan. „Mein bester Freund ist Schriftsteller.”
„Oh? Kenn ich den?”
Ethan macht ein fragendes Gesicht. „Barry Jackson?”
„Nie gehört. Was schreibt der so?” „Horrorthriller”, erwidert er. ‘Mindfuck’ hat Barry es mal selbst genannt, aber das Wort kommt Ethan irgendwie nicht so recht über die Lippen, auch wenn er den Begriff natürlich von zahllosen Filmen kennt.
Fi schüttelt sachte den Kopf. “Sowas lese ich nicht”, lässt sie ihren Bruder wissen. „Eigentlich mehr Sachbücher.” Ethan nickt. „Paar Sachbücher hab ich auch.”

Ein Moment vergeht schweigend, dann sieht Fiona Ethan direkt an. „Erzähl denen da unten irgendwas, um sie zu beruhigen.”
Ethan verzieht das Gesicht. „Mag die nicht anlügen.”
Diese Bemerkung lässt Fi kurz seltsam dreinschauen, aber dann nickt sie. „Erzählst du es mir irgendwann?”
Drecksmist. Er sollte nicht. Er sollte auf gar keinen Fall. Das ist viel zu gefährlich. Aber andererseits hat Fiona so viel Mühe in die Suche nach ihm gesteckt, so viel Herzblut…
Ethan bedenkt seine Schwester mit einem langen, forschenden Blick. Seufzt. „Kann’s dir nicht versprechen”, sagt er schließlich langsam. „Aber okay. Mal sehen.”
Fi lächelt ihn an. „Mehr brauch ich jetzt gar nicht hören.”

„Wieder runter?” fragt Ethan dann, nachdem er Fionas Karte noch einmal ausgiebig bewundert hat.
„Geh schon mal vor”, empfiehlt Fi. „Ich muss den Schrank wieder einräumen. Jetzt ist es zwar eigentlich egal, aber Mom weiß nichts von der Karte, und es wäre mir ganz recht, das bleibt so.”

Unten zieht Ethan einen Stuhl zu Alans und setzt sich neben den Jüngeren. Sucht nach den richtigen Worten, während Dad verstohlen zu ihnen herüberschaut und dann seiner Frau einen Stubs gibt. „Sieh nur, Dorothy. Unsere Söhne. Zusammen. Hättest du je gedacht, dass…” Gerührt bricht er ab und tastet nach Moms Hand.
Ethan wirft einen vorsichtigen Blick nach links. „Oh Mann.”
Alan sieht seinen Bruder finster an. „Wenn du mir was sagen willst, sag’s.”
Oh Mann, Alan. Ich würde dir so gerne alles sagen. Das wäre so eine Erleichterung. Vielleicht würde dann dieses Misstrauen in deinen Augen verschwinden. Auch wenn ich’s nur zu gut verstehe. Würde mir ja nicht anders gehen. Aber ich kann nicht. Es geht nicht.
Ethan verzieht das Gesicht. „Es tut mir leid.” Alles. Dass er es Alan nicht sagen kann. Dass Dad diesen Heiligenschein um Ethan gezogen hat, nachdem er verschwunden war; einen Heiligenschein, den er so überhaupt gar nicht verdient. Dass es Alan so dreckig gegangen ist, während er weg war. Dass er schuld daran ist, wie es Alan jetzt geht. ‘Es tut mir leid.’ So kleine Worte. So wirkungslos. Was können sie auch helfen? Was kann Alan sich dafür kaufen? Gar nichts.

Sein kleiner Bruder schnaubt bitter. „Und was soll ich darauf jetzt antworten?”
Dass du die Entschuldigung annimmst. Dass es vielleicht nicht okay ist, aber dass wir irgendwann wieder klarkommen, du und ich. Verdammt, Alan, du bist mein Bruder.
„Musst gar nichts antworten. Sollst es nur wissen.”
Alan schnaubt wieder. Deutet ein Ausspucken an. „Warum soll ich mir das geben. Ich geh jetzt.” Abrupt steht er auf, schiebt seinen Stuhl mit einer heftigen Bewegung unter den Tisch.
Die drei übrigen Gales, Ethan ebenso wie seine Eltern, reagieren auf ganz genau dieselbe Art und Weise. „Alan, bleib, bitte!”
Aber der schüttelt nur angewidert den Kopf. „Hey, vielleicht geh ich für zehn Jahre, mal sehen, ob euch das auffällt!”
Und damit ist er aus der Tür.

Ethan folgt seinem Bruder in den Flur. Aber auf sein „Alan, warte!” reagiert der nicht, sondern reißt die Haustür auf und stürmt in die Dämmerung hinaus. Knallt die Tür hinter sich zu. Um ein Haar wäre Ethan ihm nach, hat die Tür schon wieder geöffnet, aber auf der Schwelle hält er inne, lässt Alan doch gehen. Kehrt ins Wohnzimmer zurück, wo er sich schwer auf seinen Stuhl fallen lässt und den Kopf in den Händen vergräbt.
Es wäre beinahe zum Lachen, wenn es nicht so weh tun würde. Von seiner ganzen Familie hat er sich an diesem Abend gerade Alan am Nächsten gefühlt. Okay, Fiona auch, oben in ihrem Zimmer, aber den Rest des Abends über? Alan, definitiv. Der wusste ja nicht, warum Ethan ihm nicht die gewünschten Antworten geben konnte, und hatte völlig recht, nicht aufzugeben – und wenn Ethan an seiner Stelle gewesen wäre, hätte er ganz genau dieselben bohrenden Fragen gestellt.
„Drecksmist”, entfährt es ihm. Und natürlich hat Dad es gehört. „Ethan! Anstand!”
Jaja. „Sorry.”

„Ich werde Alan anrufen.” Das ist Mom, die ihr Handy schon herausgekramt hat.
Ethan schüttelt den Kopf. Das wird nichts helfen, so geladen, wie sein kleiner Bruder gerade ist. „Lass ihn.”
Dads Stimme ist schneidend. „Du wirst jetzt nicht deiner Mutter vorschreiben, dass sie in ihrem eigenen Haus ihren Sohn nicht anrufen darf!”
Ethan lässt die Schultern sinken. Wirft in einer abwehrenden, zerknirschten Geste beide Hände in die Luft. Entschuldige. Du hast natürlich recht. Ich bin ein Eindringling hier. Ich war fast elf Jahre lang nicht da. Es geht mich gar nichts an, und natürlich habe ich Mom nichts vorzuschreiben.

Mit einem tiefen Seufzen sieht Dad Ethan an. „Ich hätte dich niemals aufgeben dürfen. Mir nicht einreden lassen dürfen, dass du tot sein musst. Wir sind schuld daran – ich bin schuld daran, dass…” Er stockt, setzt neu an. „Wir sind nicht für dich da gewesen.”
Ethan schüttelt den Kopf. „Nicht eure Schuld!” hält er seinem Vater entgegen. In ziemlich heftigem Tonfall, aber seine eigene Anspannung macht sich jetzt auch bemerkbar.
„Doch, natürlich”, beharrt Dad. „Wir sind deine Eltern! Wir waren für dich verantwortlich! Wir waren nicht da, als dieser Mörder dich umbringen wollte, wir waren nicht da, als deine Freundin gestorben ist…"
„Aber ihr wart an dem Abend nicht dabei! Ihr konntet nichts dafür, was passiert ist!”

Jetzt beginnt Moms perfekte Hausfrauen-Fassade, die sie beinahe den ganzen Abend lang so sorgfältig aufrecht gehalten hat, erstmals zu bröckeln. „Ethan, fahr deinen Vater nicht an! Du verschwindest für zehn Jahre völlig spurlos, und dann tauchst du auf einmal wieder auf und erwartest, es muss alles so sein wie früher und -” „Nein!” bricht es aus Ethan heraus, bricht ein ganzer Damm in ihm, und die Worte bahnen sich in zusammenhängenden, ganzen Sätzen, wie er sie seit Jahren nicht über die Lippen bekommen hat, ihren Weg nach draußen. Strömen aus seinem Mund wie Blut aus der Halsschlagader. „Nein, das erwarte ich nicht! Das geht doch gar nicht, das kann doch keiner erwarten! Ich kann euch nicht mal verdenken, wenn ihr mich hochkant rauswerft und nie wieder sehen wollt! Und wenn das so ist, dann ist es so! Aber ich wollte wenigstens, dass ihr wisst, dass es mir gutgeht! Dass ich am Leben bin!”

Jetzt fällt Moms Maske ganz und gar. Einen Herzschlag lang ringt sie sichtlich um Kontrolle, dann fällt sie in sich zusammen und beginnt haltlos zu weinen. Wortlos schließt Dad die Arme um sie.

Alles in Ethan schreit danach, auch zu seiner Mutter zu gehen. Sie ebenfalls in den Arm zu nehmen. Sie zu trösten, irgendwie. Er macht einen zaghaften Schritt auf Mom zu, aber er bringt den Mut nicht auf. Steht zögernd und mit gesenktem Kopf vor seinen Eltern.
„Ich… ist vielleicht besser, wenn ich gehe…”
Dad sieht entsetzt auf und zu seinem Sohn hin. „Nein, du kannst doch jetzt nicht wieder gehen! Nicht, nachdem du so lange fort warst!”
Ethan erwidert Douglas’ Blick kläglich. Muss sich anstrengen, um das Geständnis an dem Hindernis in seinem Hals vorbei zu bugsieren. „Ich hab das so oft gewollt, euch zu kontaktieren. Aber erst war es nicht sicher, und als es dann endlich sicher gewesen wäre, war…” Da ist es doch wieder. Das Stocken. Das Versagen bei dem Versuch, seine Gedanken einigermaßen verständlich aus dem Mund zu bekommen. „war die… die Mauer schon so hoch gezogen. War… war das Gewicht schon… schon so schwer.”
Ich konnte nicht. All die Jahre. Verschwendet. Verloren. Es tut mir so unendlich leid.
Unsicher steht Ethan da. Zweifelnd. Hat keinerlei Ahnung, was er tun soll. Er würde am liebsten flüchten, aber Flucht kommt nicht in Frage. Das ist er seiner Familie schuldig. Und sich selbst.

Vielleicht kann sein Vater sehen, wie es in Ethan arbeitet. Oder vielleicht arbeitet es ganz ähnlich in Dad selbst. „Keine Mauer“, versichert er Ethan entschieden. „Kein Gewicht. Wir sind doch eine Familie. Deine Familie.”
„Du bist doch unser Kind!” setzt Mom heftig hinzu. „Es ist so vieles so anders, aber das ändert sich doch nie, du bist doch unser Kind!!”
Dad nickt. „Wir haben dich so vermisst.”
„Ich euch auch.” Die Worte klingen rau von dem Kloß in seinem Hals, an dem sie vorbei müssen, und irgendwie wirken die Gestalten seiner Eltern verdächtig verschwommen gerade.
Durch den Schleier sieht Ethan Mom auf ihn zukommen, ehe sich einen Moment später ihre Arme um ihn legen und Ethan die Umarmung erwidert, so fest er nur kann. Von der anderen Seite drückt Dad sowohl seinen Sohn als auch seine Frau an sich, und kurze Zeit später kommt auch Fiona dazu, die offenbar fertig ist mit Aufräumen oben.
Ethan lässt das Kinn auf Moms Schulter sinken und schließt die Augen, und es ist ihm egal, dass die anderen vielleicht bemerken könnten, wie etwas von ihm abfällt, das beinahe elf Jahre lang auf ihm gelastet hat wie ein unverrückbarer Berg. Wie er den Tränen freien Lauf lässt. Nichts zu verbergen. Sie sind seine Familie. Er ist zuhause.

So stehen sie als kleines Knäuel, als Familie, bis sie sich irgendwann langsam voneinander lösen. Und jetzt doch noch etwas essen, von Fionas Salat, der die ganze Zeit über vergessen auf dem Tisch gestanden hat. Und zum Nachtisch gibt es Eistorte. Geschmolzen. Egal.

Alan fehlt. Alan fehlt sehr. Auch wenn es keinerlei Vergleich ist, glaubt Ethan jetzt wenigstens ansatzweise zu verstehen, was Fi vorhin mit dem Ethan-förmigen Loch gemeint hat. Denn zumindest für ihn fühlt sich das Alan-förmige Loch im Raum gerade ungefähr ähnlich groß an. Die Feindseligkeit seines Bruders schmerzt gewaltig. Aber daran lässt sich ja vielleicht etwas ändern. Das hofft Ethan jedenfalls von ganzem Herzen. Mit der Zeit vielleicht.

Natürlich wollen sie seine Kontaktdaten. Adresse. Telefon. E-Mail. Skype-Kennung. Gibt er ihnen alles. Gibt er ihnen gerne. Vermutlich wird er sein Versprechen noch ungefähr zehn Millionen Mal wiederholen müssen, aber das ist keine Überraschung nach dem, was war, und ein kleiner Preis. Er sagt es gerne zehn Millionen Mal, wenn er muss. Er wird den Kontakt nicht abreißen lassen. Natürlich wird er das nicht. Sie sind seine Familie. Er. Wird. Nie. Wieder. Spurlos. Verschwinden.

Genauso natürlich wollen sie, dass er über Nacht bleibt. Und genauso natürlich sagt Ethan zu. Gar keine Frage. Ob es gleich mehrere Tage werden, wie seine Familie das gerne hätte, oder er am Montag früh wieder zurück muss, das kann er jetzt noch nicht sagen. Das hängt von Bones Gate ab. Aber zumindest morgen gehört ihnen. Und eigentlich sollten ein paar Tage freimachen doch drin sein. Ethans Arbeitszeiten sind ohnehin ziemlich unregelmäßig.

Beinahe, nur beinahe, bereut Ethan seine Zusage, als Mom und vor allem Dad darauf bestehen, dass er in seinem alten Zimmer übernachtet. Die haben darin nichts verändert. So gar nichts. Niemand hat darin etwas angerührt. Okay, doch. Die Bettwäsche haben sie gewechselt, dem Himmel sei Dank. Immerhin. Sonst wäre das Projekt ‘Ethan schläft in seinem Jugendzimmer’ ganz, ganz schnell gestorben. Auch so ist es schon beklemmend genug, von seinen alten Sachen umgeben zu sein, und er hätte das Gästezimmer am anderen Ende des Flurs eindeutig vorgezogen. Aber er kann ja auch irgendwo verstehen, dass sie gerne wollen, dass er sein altes Zimmer nimmt. Immerhin ist es seines. Auch wenn sie es inzwischen zu einem Schrein gemacht haben. Gut, dass Giffany das nicht weiß, denkt er mit einem schiefen Grinsen, als er sich auf sein Bett fallen lässt. Die würde sonst vielleicht noch eifersüchtig.

Einschlafen kann Ethan trotzdem nicht. Lange sitzt er auf seinem Bett und sieht sich um. Nimmt immer wieder irgendwelche von seinen alten Sachen in die Hand, dreht sie hin und her. Es fühlt sich so seltsam an, in diesem Zimmer zu sein. Irgendwann hat er genug. Es ist ziemlich spät, nach Mitternacht, aber das macht hoffentlich nichts. Er greift nach seinem Handy. Und wählt Samanthas Nummer.

View
Hospital Horror

Als Irene anruft, befürchtet Ethan schon irgendeine Katastrophe. Denn eigentlich wollten sie sich ja am Nachmittag wie immer auf dem Red Hill treffen; immerhin steht der Schrein kurz vor seiner Fertigstellung.

Glücklicherweise ist es keine Katastrophe. Nur die Information, dass Ethan nicht nach Hectorville kommen muss, weil die Hausherrin selbst nicht da sein wird – und ob er vielleicht Lust hat, sie zu begleiten.
Oh Mann. Irene und ihre kurzfristigen Einsätze. Wenigstens gibt sie ihm diesmal ein klein bisschen mehr Vorwarnung als von abends um elf bis morgens um acht.

Es geht um einen von Irenes Bekannten, der Hilfe brauchen kann. Irgendwelche Fälle von verschwundenen Obdachlosen bei Seattle. Heh. Ist ja nicht so, als wäre Ethan gerade im Nordwesten gewesen.
Jedenfalls hat Irenes Bekannter anscheinend etwas von einer ‘schlagkräftigen Truppe’ gesagt. Ob drei dann reichen? Als Ethan die Frage vorsichtig in den Raum stellt, stimmt seine britische Freundin ihm umgehend zu. Noch jemand wäre sicher gut. Ob Ethan jemanden kenne?

Klar kennt Ethan jemanden. Jemanden, dem er ohne Zögern sein Leben anvertrauen würde. Schon ohne Zögern sein Leben anvertraut hat. Sogar mehrere Jemande, wenn er so darüber nachdenkt, wird ihm dann zu seinem eigenen Erstaunen klar. Aber Sam ist gerade mit ihrem Bus unterwegs zum Red Hill und auf die Schnelle vermutlich nicht zu einem Flugzeug zu bekommen.

Barry, logisch. Aber Barry kann er ja wohl schlecht erwähnen gerade. Ethan verzieht das Gesicht.
Cal fällt ihm noch ein. Aber zu Cal hat Irene den besseren Draht – wenn sie den hätte mitnehmen wollen oder können, hätte sie den schon angesprochen, vermutet Ethan. Hm. Irgendwen empfehlen, den er nicht so gut kennt? Mhhhm. Ungern. Er kann es drehen und wenden, wie er will, er kommt immer wieder auf Barry zurück. Wäre eigentlich gar keine Frage, wenn nicht. Grrrr.

Irene braucht nicht lange, bis sie darauf kommt, um welchen Namen er herumgrummelt. „Boaaah, Ethan, ich weiß genau, wen du meinst!“ Sie murmelt etwas Unverständliches in den Hörer. „Na okay“, seufzt die Britin dann, „frag ihn doch erstmal, ob er überhaupt Zeit hat und ob er überhaupt mitkommen will. Ein kompetenter Jäger ist er ja.“

Barry meldet sich nicht mit Namen, als Ethan bei ihm anruft. Hebt einfach wortlos ab, wartet, dass Ethan etwas sagt. Das kennt der ja nun schon. Trotzdem fühlt es sich immer noch etwas seltsam an, so ins Dunkel des Telefons zu sprechen. „Barry?“
Kurze Pause. „Ethan.“
„Hey. Wie g… Alles klar?“
Pause. „Mmhm.“
Okay. Das hört sich jetzt nicht so an, als ginge es Barry sonderlich gut. Es hört sich aber auch nicht so an, als würde sein Freund zu dem Thema in irgendeiner Form ins Detail gehen wollen. Na gut. Dann zum Geschäft.
„Frage.“

Er gibt erst einmal die Eckdaten des Auftrags weiter, zögernd und mit noch mehr Pausen als üblich, weil er nur allzu genau weiß, was am Ende kommen muss. Kommen wird.
Und dann ist sonst alles gesagt, führt kein Weg mehr daran vorbei.
„Nur: Problem.“
„Hmm?“
„Irene.“
Schweigen. Einige Atemzüge lang. Ethan könnte sich treten. Es ist ihm ziemlich unangenehm, den Vorschlag überhaupt zu machen.
„Sorry. Musst nicht. Würd nicht… Will dich nicht zu einer Begegnung mit Irene zwingen.“
„Hm“, macht Barry schließlich. Ethan kann seinem Tonfall nichts, rein gar nichts, entnehmen. Pause. „Naja. Früher oder später muss ich Irene ja wiedertreffen.“
„Okay“, erwidert Ethan, einigermaßen erleichtert. „Zeit? Kannst“, er zögert einen Moment, „weg?“
Wieder so eine undefinierbare Pause durch den Hörer. „Bin eh grad in Seattle.“
„Okay.“ Irgendwie hat Ethan das Bedürfnis, die Stimmung ein klein wenig aufzulockern. „Tret dich auch.“
Schweigen. Na das hat ja ganz spitzenmäßig geklappt. Drecksmist.

Sie treffen Barry am Flughafen. Der sieht echt angespannt aus, erwidert Ethans erfreutes Begrüßungslächeln nur ganz minimal und gibt sich generell ziemlich kühl. Puh. Vielleicht war es doch ein Fehler, ihn in Irenes Nähe zu bringen. Die Britin ist nämlich auch gerade alles andere als ungezwungen.

Am Hotel treffen sie auf Irenes Kontakt, von dem Ethan überrascht feststellt, dass er ihn kennt. Es ist Niels Heckler, der junge Deutsche aus Meredith. Felicitys Cousin. Den scheint entweder Ethans oder Barrys Anwesenheit ziemlich aus dem Konzept zu bringen, denn auf Ethans „kennen uns“ bei Irenes Vorstellung nickt er nur ziemlich nervös und murmelt ebenfalls was von „wir sind uns schon begegnet”. Dann versucht er, Barry die Hand zu schütteln, womit er bei dem Älteren allerdings auf Granit beißt.

Die preiswerten Hotelzimmer hat nicht Irene gebucht, sondern Niels, dem die Britin von Burlington aus noch eine SMS geschickt hatte. Barry braucht seines aber gar nicht, der war ja schon in der Stadt und hat entsprechend schon eine Unterk – oh. Das hätte er vielleicht erwähnen sollen, fällt Ethan jetzt verspätet ein. Also wartet der Schriftsteller mit Niels in der Lobby, während Irene und Ethan ihre Sachen auf die Zimmer bringen.

Als sie zu ihren Begleitern zurückkehren, sitzen die schweigend da. Aber irgendwie kommt es Ethan nicht so vor, als sei das ein einträchtiges, angenehmes Schweigen, und mit den unterschiedlichen Stimmungen von Nichtreden kennt er sich ja nun einigermaßen aus. Kann er den beiden aber nicht verdenken; ihm selbst ist ja auch gerade ziemlich unwohl zumute.

Bei der sachlichen Besprechung der Lage löst sich die allgemeine Anspannung ein bisschen. Niels, der Auftraggeber, erzählt noch einmal, um was es eigentlich geht. Er habe einen Brief von seinem Bruder bekommen, der ihn auf die Sache in May Creek aufmerksam gemacht habe. Es seien mehrere Obdachlose verschwunden, aber Werwölfe seien wohl nicht verantwortlich. Bei der Erwähnung eines Bruders wandert Ethans Augenbraue nach oben. Immerhin hat Niels in Meredith noch zu ihm gesagt, er habe niemanden mehr außer seiner Schwester und Felicity. Aber gut. Geht ihn nichts an, ob der Junge sonst noch Familie hat und was da die Hintergründe sind.

Stattdessen fragt Ethan nach Ausrüstung. Er selbst konnte von seinen Sachen kaum etwas mitbringen, oder zumindest nicht die Waffen. Und – da wieder mal nur Handgepäck – das Weihwasser auch nicht. Barry hat auch nicht so viel dabei, sagt er, aber sie sollten doch erst einmal mit Niels’ Kontaktmann – Bob Meyers heißt der wohl laut dem Brief, den der Deutsche bekommen hat – sprechen, um zu hören, was sie eigentlich überhaupt brauchen.

Er habe seine Waffe, erklärt Niels. Was für eine Waffe, will Barry wissen, worauf der junge Jäger mit „Luger P08“ antwortet. Klar. Die alte Pistole hat Ethan ja auch in Meredith schon bei ihm gesehen. Vermutlich hat er die auf dem Flug einfach eingecheckt. Sollte Ethan vielleicht mit seinen Gewehren das nächste Mal auch machen, wenn er fliegen muss. Aber er ist auf Flügen einfach soviel lieber nur mit Handgepäck unterwegs, wenn es irgendwie geht.

Ethan hat allerdings keine Ahnung, was Niels alles für Munition für seine Waffe hat. In Meredith hat er irgendwas von Salz erwähnt, wenn Ethan sich richtig erinnert.
„Silberkugeln?“ fragt er daher. „Nein“, erwidert Niels. „Weihwassergeschosse?“ Wieder verneint der Student.
Ausrüstung“, befindet Ethan.

Der Deutsche ruft kurz bei diesem Meyers an, erfährt aber nicht viel Neues. Gut, sowas sollte man ja auch nicht am Telefon besprechen. Der Junge zieht nur mit einem Mal ein sehr überraschtes Gesicht und wiederholt offensichtlich etwas in den Hörer, das sein Gesprächspartner gerade von sich gegeben haben muss: „Sie haben mit ihm telefoniert?“

Da sie zwei Autos haben, teilen sie sich auf. Barry wirft Ethan die Schlüssel seines Mietwagens zu, während Irene bei Niels einsteigt. Ethan schnaubt leicht. Das Auto kennt er doch. Das ist Felicitys. Oder war es zumindest mal, so selbstverständlich, wie der Junge mit dem Gefährt umgeht.

’Bob’s Garage’, wie in verblassten Lettern über dem Eingang zu der kleinen Werkstatt zu lesen ist, wirkt ziemlich heruntergekommen. Der Eigentümer und Namensgeber kommt auf einem Rollbrett unter einem alten – wirklich alten, kein Vergleich zu Ethans Nissan, der ja auch schon so an die 20 Jahre auf dem Buckel hat; das Ding ist ein Ford aus den 1970ern, wenn Ethan sich nicht täuscht – Pickup hervorgefahren, rappelt sich auf und schüttelt Niels die Hand. Die Ölspuren hat er vorher nicht beseitigt – das tut der Deutsche jetzt eilig selbst.
Ohne mit der Wimper zu zucken, streckt Irene ihm die Hand hin, macht damit deutlich, dass sie überhaupt kein Problem damit hat, jetzt auch ölverschmierte Finger zu bekommen – aber da wäscht der Mann sich dann doch eilfertig die Hände, ehe er der Britin die Hand schüttelt. Ethan beobachtet die kleine Szene mit leiser Belustigung, und ein Seitenblick verrät ihm, dass Barry ähnlich amüsiert ist wie er selbst.

Mit seinem italienischen Akzent erklärt Meyers, er habe schon von Irene gehört. Moment. ‘Bob Meyers’? Italienischer Akzent? Das Aussehen des Mannes – rundes Gesicht, eisengrauer Schnurrbart und Haare, nicht sonderlich groß – könnte jedenfalls zu beidem passen.
Er begrüßt Barry, der ihm einen abschätzenden Blick zuwirft und sich dann als „Jackson“ vorstellt. Zuletzt kommt der Typ dann zu Ethan hinüber und hält ihm die Hand hin. Beim knappen Händedruck nennt Ethan seinen Vornamen, was ihm ein „Bob“ von dem Werkstattbesitzer einbringt.

Die Werkstatt mag heruntergekommen sein, das Werkzeug, das darin zum Einsatz kommt, ist es nicht. Das ist richtig gute Markenqualität. Und in der Ecke der kleinen Werkshalle steht ein alter, sehr gut gepflegter roter Chevy Impala mit Fellbezügen über den Sitzen. Ethan sieht genauer hin. Keine normalen Fellbezüge. Das könnte direkt Werwolfsfell sein oder sowas. Oho.

Neben einem Impala mit unbestimmbaren Sitzbezügen hat der Mann aber auch eine richtig gute Kaffeemaschine. Echt italienisch, scheint es. Ehe Bob das Monstrum anwirft, fragt er, ob irgendjemand keinen Kaffee möchte. Niemand meldet sich.

Mit den Tassen in der Hand reden sie dann. Oder besser, redet erst einmal nur Bob Meyers. Benedikt Heckler, Niels’ Bruder, habe ihn da auf etwas gestoßen. Und dann habe er gestern mit Freaky Earl gesprochen. Der habe irgendwas von Steve erzählt, der irgendwas von Lucy gesagt habe, dann aber schnell weggewollt. Sei arg nervös gewesen. Vielleicht Drogen? Aber sie sollen doch mal mit Nanook —

Ethan hat schon vor etwa drei Sätzen die Hand gehoben, um ihn in seinem Redefluss zu stoppen. Jetzt merkt es der Italiener, unterbricht sich und sieht Ethan fragend an. „Was gibt es?“
“Freaky Earl?“
„Ja“, erklärt Bob. „Der heißt Earl. Und ist verrückt.“ Ethan rollt mit den Augen. Duh. Soweit war er auch schon. Er macht eine kleine, vielleicht einen Hauch ungeduldige, auffordernde Handbewegung.
Ein hier ansässiger Obdachloser, führt Bob jetzt endlich aus. Danke. Hätte Ethan sich ja nun eigentlich auch denken können, aber hey.
Diese Leute wollten aber nichts mit Schnüfflern zu tun haben, fährt der Garagenbesitzer fort. Die seien für die fast so schlimm wie die Polizei. Deswegen sollten sie lieber mit Nanook reden, Der sei ein Eskimo und –
“Inuit”, wird er von Barry unterbrochen.
“Von mir aus”, macht Bob. “So einer wie du halt.”
Der Spruch lässt Ethan wieder mit den Augen rollen, und auch Barry macht ein finsteres Gesicht, äußert sich aber nicht weiter dazu. Fragt statt dessen, wieviele Leute denn nun eigentlich verschwunden sind. Bekommt aber keine richtige Antwort. Vielleicht wäre wer verschwunden. Vielleicht auch nicht. Nanook könne da sicher mehr sagen. Er selbst, Bob, wisse ja nur von Benedikt Hecklers Anruf, dass –

Diesmal ist es Niels, der den Mechaniker unterbricht. „Moment, der hat Sie angerufen? Mit einem Telefon? Will der etwa hier auftauchen???“
Von auftauchen habe er nichts erwähnt, meint Bob, aber der junge Deutsche vergewissert sich extra noch ein weiteres Mal, ob Benedikt auch wirklich nichts davon gesagt habe, selbst herkommen zu wollen. Und so nervös, wie er sich umsieht, rechnet der Kleine tatsächlich fast damit, dass sein Bruder jede Sekunde aus dem Hinterzimmer hüpfen könnte. Okay. Keine gute Beziehung. Als wenn Ethan das nicht schon geahnt hätte. Aber geht ihn nichts an.

Nanook habe jedenfalls erzählt, er habe mit Steve gesprochen, und der habe mit Lucy gesprochen, aber die sei weg. Vielleicht irgendwas mit Drogen.
Wo dieser Nanook denn zu finden sei, will Barry wissen. Der hänge gern vor dem örtlichen Starbucks herum, teilt Bob ihnen mit, ehe er sich mit seinem ganzen italienischen Charme daran macht, Irene anzuflirten. Die allerdings bleibt kühl und lässt den Mechaniker gnadenlos abblitzen, und auch Niels stellt sich dazwischen, um den Typen abzulenken. Fragt nach Ausrüstung, wird von Bob aber auf später vertröstet. „Sprecht doch erstmal mit Nanook.”

Der will ja sehr dringend, dass sie mit dem Inuit reden. Zu dringend? Ein leises Misstrauen meldet sich in Ethans Hinterkopf, aber als der deutsche Student draußen Irene darüber informiert, dass ihm etwas aufgefallen ist, geht es nicht um Bobs Vertrauenswürdigkeit.

„Der steht wohl auf Sie, Ma’am”, lässt Niels die Britin wissen. „Oder auf Ihren Namen.”
Irene nickt wenig überrascht. „Das mit dem Namen kommt schon mal vor.”
„Also mich hat noch nie jemand wegen meines Namens angebaggert”, konstatiert Niels, was Irene zu dem trockenen Kommentar veranlasst: „Vielleicht sind Sie auch einfach nur in den falschen Kreisen unterwegs, Mr Heckler.”
“In Jägerkreisen bewege ich mich nicht so viel”, schießt der Junge zurück, aber die Engländerin schüttelt den Kopf. „Ich wollte sagen, Sie erwarten wohl, von den falschen Leuten angegraben zu werden”, stellt sie klar.
Was auch immer sie damit meint. Aber Ethan hat ohnehin nur mit halbem Ohr zugehört. Er ist noch bei Bobs seltsam ausweichendem Verhalten.

Vor dem Starbucks des kleinen Ortes hockt eine Gestalt, die ziemlich sicher dieser Nanook sein muss. Inuit. Schulterlange, von grauen Fäden durchzogene Haare und ein schütterer Bart. Billige, abgetragene Klamotten, heruntergetretene Schuhe. Hält eine alte, graue Baseballkappe mit undefinierbarem Aufdruck umgedreht vor sich, den Blick nach unten gerichtet. Niels kehrt kurz zu dem 7-Eleven zurück, an dem sie ein Stück weiter hinten vorbeigekommen sind, aber als er mit zwei Flaschen Bier in der Hand wiederkommt und damit zu dem Inuit weitergehen will, hält Barry ihn auf. „Warte mal”, sagt er leise. „Du weißt nicht, ob das wirklich ein Säufer ist.”

Niels macht ein undefinierbares Gesicht, aber er bleibt hinter Ethan, als der bis zum Starbucks weitergeht, auf den Mann zutritt und ihm einen 5$-Schein in die Mütze legt. Bei der Bewegung vor sich sieht Nanook auf. Fixiert Ethan mit einem wachen, eindringlichen Blick, der Ethan durch und durch geht. Kein Säufer, definitiv. Es kommt ihm vor, als wolle der Obdachlose auf den Grund seines Herzens schauen. Ruhig erwidert er den Blick der dunklen Augen. Schau nur. Keine Geheimnisse hier. Einmal angeschlagener Jäger, bei dem vielleicht nur ein klein bisschen was hätte anders laufen müssen, damit er heute in ganz ähnlicher Lage wäre. Von tot mal ganz zu schweigen. Ich würde gern wissen, welche Umstände es bei dir waren, dass du heute hier sitzt, Kamerad.

Während die beiden Männer einander noch mustern, ergreift Niels das Wort. “Bob schickt uns.”
Nanooks Blick schweift für einen kurzen Moment zu dem Deutschen, ohne zu antworten, ehe er sich wieder auf Ethan konzentriert. Sie ihren stummen Dialog noch einen Moment lang fortsetzen. “Gehört, Leute verschwunden”, erklärt Ethan schließlich. Nanook sagt nichts dazu, aber er sieht für einen Moment auf die andere Straßenseite. Zu einer Gasse, aus der ein paar Füße herausschauen. Also Füße an Beinen, unter einer Lage Zeitung oder was auch immer das ist. Ethan nickt dem Inuit dankend zu und geht dann, gefolgt von den anderen, über die Straße.

Unter der Zeitung schläft laut schnarchend ein junger Typ mit Tattoos und Piercings und geweiteten Ohrlöchern. Die Dekoration sieht sogar relativ teuer aus, als wäre der Junge aus gar keinen so schlechten Verhältnissen gekommen, ehe er in die Obdachlosigkeit abrutschte. Von der Aufmachung her wirkt der Kerl beinahe ein bisschen wie Niels, nur viel heruntergekommener. Und süchtig. Mindestens mal nach Alkohol, denn den riecht man drei Meilen gegen den Wind. Vermutlich aber auch nach mehr, so eingefallen, wie sein Gesicht ist und wie unfokussiert er dreinschaut und redet, als sie ihn vorsichtig aufwecken.

Niels, im selben Alter und mit seinen eigenen zahlreichen Tätowierungen der logische Ansprechpartner, übernimmt das Reden. Der Obdachlose ist tatsächlich der von Meyers erwähnte Steve, und er ist ziemlich durch den Wind. Was sie denn wollten, fragt er groggy. Wissen, was mit Lucy passiert sei, erwidert der Deutsche. Die Erwähnung des Namens ruft bei Steve eine sichtbare Reaktion hervor. Woher sie das wüssten?
Niels antwortet nicht, oder zumindest kommt es Ethan so vor, als wisse er nicht so recht, was er darauf sagen solle, also schaltet er selbst sich kurz ein. “Bob.”

Niels zieht den jungen Mann hoch und bietet ihm dann ein Bier an. Steve freut sich riesig darüber, trinkt in langen, durstigen Zügen. Und zwar nicht nur, weil ihm der Alkohol gefehlt hat. Dem fehlt eindeutig einfach die Flüssigkeit. Ethan wendet sich ab und geht in den Starbucks, im exakt selben Moment, wie auch Barry die exakt selbe Idee hat. Aber während Ethan selbst eine Flasche Wasser ersteht, lässt Barry sich eine Schachtel Donuts füllen.

Als Ethan mit seinem Kauf aus dem Café kommt, steht Barry, der an der Kasse vor ihm dran war, bei Nanook. Der Mann mit der Baseballkappe hat einen von Barrys Donuts in der Hand und nickt dem Schritsteller eben mit einem ‘Mmmmhm’ sachte zu.

Gemeinsam gehen sie zu den anderen zurück. Denen hat Steve indessen von Lucy erzählt. Seine Freundin, vor vier Tagen verschwunden. Da hätten sie sich am alten Schrottplatz treffen wollen, aber Lucy sei nie aufgetaucht. Selbst habe er nicht bei ihr anrufen können, weil kein Guthaben mehr auf seinem Handy sei, sagt er gerade. Niels holt sein eigenes Telefon heraus und ruft die Nummer an, die der junge Obdachlose ihm nennt, aber er bekommt nur das Klingeln, keine Antwort. Dass Lucy abgehauen sein könnte, glaube er nicht, sagt Steve dann.

Ethan gibt ihm die Flasche. Erst leuchten Steves Augen auf, aber als er erkennt, dass es kein Bier ist, ist er sichtlich enttäuscht. Einen Schluck trinkt er trotzdem, wenn auch eher widerwillig. Barrys Donuts hingegen schnappt der junge Süchtige sich begeistert, steckt sich gleich einen ganzen Kuchenkringel in den Mund und würde am liebsten sofort einen zweiten hinterherstopfen, wie es scheint.

Nächste logische Station: der Schrottplatz. Steve will ihnen zeigen, wo sie hin müssen, aber der Junge ist entschieden unsicher auf den Beinen. Barry bemerkt dann auch noch, dass seine Schnürsenkel offen sind, und hält ihn auf, damit er sich erstmal die Schuhe bindet. Die Aktion Schuhe sichern verläuft etwas umständlich – Steve muss sich bei Barry abstützen, weil er sonst umgefallen wäre. Die Schachtel mit den Donuts, die der Schriftsteller ihm gegeben hat, lässt er bei seinen Bemühungen nicht los; die Flasche Wasser hingegen stellt er neben sich ab. Und lässt sie, als die Schuhe endlich gebunden sind und die kleine Gruppe ihren Weg fortsetzt, prompt stehen. Ethan unterdrückt eine Grimasse. Super. Ganz spitzenmäßig. Hätte er das Wasser mal besser Nanook angeboten.

Auf den ersten Blick wirkt der Schrottplatz völlig verlassen. Die Verkäuferhütte scheint leer. Niels versucht noch einmal Lucys Nummer, aber auch wenn aus dem Telefon wieder ein Klingelton kommt, ist auf dem Gelände selbst nichts zu hören. Okay. Könnte natürlich auch auf lautlos stehen, aber sie haben keine Möglichkeit, das zu überprüfen. Ethan späht durch das schmutzige Fenster des Schuppens, kann aber nichts erkennen.

Niels hingegen hat etwas bemerkt. Geht auf ein paar verlassene Autos zu, die etwas weiter hinten auf dem Platz stehen. Klopft laut gegen eines der Fahrzeugwracks. Es folgt Scheppern, Geklapper, dann eine panische Stimme, auch aus der Entfernung einigermaßen zu verstehen: „Wer bist du denn, wer bist du denn, was willst du von mir?“

Weitere Panik folgt, als die anderen sich ebenfalls vorsichtig nähern. „So viele von euch! Was wollt ihr, habt ihr Waffen, lasst mich in Ruhe!“ Niels gelingt es, den Typen – zerrissene Kleidung, wirrer hellbrauner Rauschebart, unsteter Blick: Freaky Earl – einigermaßen zu beruhigen, oder zumindest soweit, dass er nicht sofort wegrennt, dann können sie ihn nach Lucy fragen. Er habe nicht gesehen, dass irgendwer Lucy in einen weißen Lieferwagen gezerrt habe, nein! „Was für ein weißer Lieferwagen war das?“, will Niels wissen und erfährt, dass der früher mal Zeitungen ausgeliefert habe, Earl habe den schon öfter gesehen. Der habe schon öfters Leute geholt und sei jetzt auch hinter Earl her, deswegen habe der sich hier versteckt. Das sei hier gewesen, dass der Typ Lucy geschnappt habe. Nur einer, aber der sei stark gewesen. Lucy habe sich erst gewehrt, aber dann habe der Typ sie geschlagen, da war sie ruhig, und da habe Earl in seinem Versteck dann auch gar keinen Mucks mehr von sich gegeben. Beschreiben kann er den Mann nicht. Der habe einen Hoodie getragen und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Lange sei das nicht her. Keine Woche. Auf dem Transporter habe seitlich etwas gestanden, erzählt Earl dann. Blaue Buchstaben und ein Logo von einem Flügel. Daran habe er den Van auch wiedererkannt.

Weißer Lieferwagen mit blauer Schrift und einem Flügel als Logo? Das klingt schwer nach diesem Kurierdienst. Hermes. Aber als Niels seinen Zeichenblock aus der Tasche holt, auf eine leere Seite blättert und den Obdachlosen das Bild aufmalen lässt, das er gesehen hat, kommt ein viel ausladenderer Engelsflügel dabei heraus als das stilisierte Hermes-Logo.
Barry erkennt das Motiv. Es gehöre zu einem Wohltätigkeitsverein namens ‘Charity One’, mit dem sein Vater vor Jahren zu tun gehabt habe. Als Niels kurzerhand die beiden Wörter neben den von Earl gezeichneten Flügel schreibt, erkennt der die Kombination tatsächlich als die Aufschrift des Lieferwagens.

Ethan befragt das Internet und stellt fest, dass die Organisation seit ca. 15 Jahren nicht mehr existiert. Während er mit Suchen beschäftigt war, hat Irene mit ihrem Kontaktmann vor Ort telefoniert. Als sie den weißen Transporter erwähnte, sei Bob eingefallen, dass er kürzlich einen von diesen alten ‘Charity One’-Vans gesehen habe: vor dem Linda Vista Hospital, einem alten, auf seinen Abbruch wartenden Krankenhaus. Das sei seit Jahren geschlossen. Bestimmt über zehn.

Ach. Vielleicht ganz zufällig etwa genauso lange wie auch die Wohltätigkeitsorganisation? Ethan bemüht die noch geöffnete Suchmaschine erneut und findet heraus: Ja. Nicht auf den Tag genau, aber schon so ungefähr. Ach nein. Überraschung.

Ein gepresster Atemzug neben ihm lässt Ethan von seinem Telefon aufsehen. Barry ist unter seiner Bräune fahl geworden, ringt nach Luft. Nicht so schlimm wie auf dem Flug letztens, aber definitiv eine Panikattacke, aus der er sich mit sichtlicher Anstrengung gerade wieder selbst herauszieht.

Im Flugzeug hat sein Freund etwas von einer eisernen Lunge erzählt, an der er mit seinem eingeschlagenen Kehlkopf hing. Vielleicht ist das der Grund für Barrys unverkennbare Phobie vor Krankenhäusern. Vielleicht auch nicht. Aber was es nun sein mag, er hat sie. Drecksmist. Armer Kerl.
„Geht das?“ fragt Ethan leise. „Krankenhaus?“
Barry nickt. „Geht schon.“
Ethan nickt ebenfalls. „’Kay.“ Bin da, Kumpel. Papiertüte hab ich zwar diesmal keine zur Hand, aber bin da.

Jetzt bedenkt Irene den Detektiv mit einem strengen Blick. „Du könntest draußen Wache halten, das wäre auch nützlich.“
Barry schüttelt den Kopf und sagt, er komme mit hinein. Das allerdings lässt Irenes Blick, ebenso wie ihre Stimme, noch schärfer werden. Richtiggehend kalt. „Wir sind alle füreinander verantwortlich. Wenn du da drin nicht funktionierst, nutzt du niemandem was. Dann bleib besser draußen.“
Darüber denkt Barry ein paar Herzschläge lang nach, erklärt dann aber, es werde gehen. Es müsse ja.
Die Engländerin mustert ihn noch einmal skeptisch aus verengten Augen, antwortet aber „Okay.“ Sonst nichts.
Ethan wirft seiner britischen Freundin einen stummen Blick zu, aber sie zuckt nur mit der Schulter. ‘Ich hab’ nur ausgesprochen, wie es ist’, sagt dieses Schulterzucken. ‘Wenn er uns da drin zusammenklappt, nutzt er uns nicht nur nichts, sondern er ist ein echtes Risiko.’ ‘Ich weiß. Ich kann es ja sogar nachvollziehen. Aber gefallen muss es mir nicht, oder?’, nickt Ethan mit unglücklicher Miene zurück.

Ehe sie aber zu diesem Krankenhaus fahren, brauchen sie dringend Ausrüstung. Von Bob, der sich als ziemlich großzügig herausstellt, bekommen sie alles Nötige. Einen gut ausgestatteten Werkzeugkasten, weil das Krankenhaus ja verlassen und abgesperrt ist. Den nimmt Ethan umgehend und kommentarlos an sich. Und eine Waffe. Über eine in der Wand versteckte Geheimtür folgt Ethan dem Garagenbesitzer wachsam und auf der Hut vor Hintergedanken seitens Bob in ein gesichertes Hinterzimmer. Zahlreiche Schutzzeichen sind hier zu sehen, auch ein paar Trophäen. Zähne zum Beispiel, die von einem Wendigo stammen könnten, wenn Ethan sich überlegt, dass sie sich hier im Pacific Northwest befinden.
Dankenswerterweise hat der Italiener keine Hintergedanken. Stattdessen bietet er Ethan die Auswahl aus unterschiedlichsten Schusswaffen, und Ethan greift sich ein Gewehr, dazu normale und Steinsalzmunition. Auch ein paar Silberkugeln bekommt er, das sei besser, befindet Bob, auch wenn es sich sicher nicht um Werwölfe handele. Das hätten die Jungs— äh, die Wolfsbrut, sonst schon gesagt. Ethan wirft dem anderen Jäger einen Blick zu, der den Älteren wissen lässt, dass ihm der Versprecher nicht entgangen ist, ohne etwas dazu zu sagen. Aber wenn Meyers mit den örtlichen Werwölfen befreundet ist, dann waren die Felle in seinem Chevy vorne wohl eher doch nicht von einem Werwolf, sondern vielleicht doch eher von demselben Wendigo, von dem die Zähne stammen. Die Silberkugeln hätte Bob übrigens gerne zurück, ergänzt er dann noch, das Zeug sei teuer. Ethan nickt ihm zu. Er hatte jetzt nicht vor, den anderen Jäger um seine Munition zu erleichtern.

Zurück bei den anderen wünscht der Mechaniker ihnen Glück. “Lasst euch nicht erwischen.”
“Sollten wir noch irgendwas wissen?” fragt Barry.
Bob zuckt die Schultern. Er selbst sei noch nie in dem Krankenhaus gewesen, das sei seit 15 Jahren geschlossen, und so lange wohne er noch nicht hier. Er kenne nur die üblichen Schauergeschichten.

Bei dem Wort ‘Schauergeschichten’ wirft Ethan ihm einen ungläubigen Blick zu. Schauergeschichten? Hallo? Der Mann redet mit Jägern!
Bob scheint seinen Blick richtig zu deuten, denn er geht noch ein bisschen ins Detail. Alles nur Gerüchte, wohlgemerkt, nichts Genaues. Über seltsame Todesfälle. Ein irrer Pfleger. Ein mörderischer Hausmeister, ein psychotischer Arzt; die Ermordeten im Keller verbrannt. Der offizielle Schließungsgrund sei der Konkurs des Krankenhauses gewesen, und jetzt gebe es keine andere wirtschaftlich rentable Nutzungsmöglichkeit mehr, außer das Gebäude verfallen zu lassen und irgendwann abzureißen. Bis dahin: immer wieder irgendwelche Jugendliche, die das alte Krankenhaus für Mutproben nutzen. Bei dieser Information geht ein Blick zwischen Barry, Irene und Ethan hin und her. Jugendliche und Mutproben. War ja so klar.

“Aber keine Satanssekte?” Das ist Barry. Sein Tonfall klingt trocken: irgendwo zwischen sarkastisch und völlig ernsthaft. Eher völlig ernsthaft, wenn Ethan sich das so überlegt. Aber nein, nichts von einer Satanssekte, versichert Bob.

Während Irene überprüft, ob es im Internet irgendwelche offiziellen Berichte über die von Bob erwähnten Gerüchte und Schauergeschichten gibt (keinen einzigen, was für sich genommen auch schon interessant ist), und Ethan nach irgendwelchen Verbindungen zwischen dem Krankenhaus und der Wohlfahrtsorganisation sucht (ein Pfleger, der im Krankenhaus arbeitete, dann zu Charity One wechselte, bis der Verein aufgelöst wurde), geht Barry vor die Tür. Als sie ihn draußen treffen, tritt der Schriftsteller gerade eine Zigarette aus und wirkt kühl und gelassen.

Niels hingegen macht einen ziemlich nervösen Eindruck. Ob sie Taschenlampen hätten, will er wissen, er habe nämlich keine. Ethan deutet an seinen Gürtel, aber Barry reicht mit der Bemerkung, er könne sowieso nicht viel damit anfangen, eine große Maglite an den Deutschen weiter.

Vor, oder besser neben, dem verlassenen Krankenhaus steht tatsächlich der weiße Lieferwagen mit dem blauen Flügellogo. Ethan späht durch die Rückfenster, aber durch die Scheiben ist nichts zu erkennen. Er versucht sich am Schloss, aber das blöde Ding widersetzt sich, also muss doch Gewalt herhalten, Lärm oder nicht. Die Gewalt hilft nur nichts, denn in dem Van findet sich zwar jede Menge Schmutz und Müll, aber kein echter Hinweis. Drecksmist.

Irene hat indessen die Fenster untersucht. Die Haupteingangstür war ja ohnehin zugenagelt, aber auch die Fenster sind allesamt mit Graffiti bemalt, mit Brettern verschlagen und blind von Staub und Dreck.
Aber Niels findet ihnen einen Eingang: Unter einem Busch, einige Meter vom Gebäude entfernt, ist eine Klappe versteckt, unter der ein Gang in den Keller des Hospitals führt.
Ethan klopft ihm auf die Schulter und hebt den Daumen, und die Anerkennung scheint den Jüngeren echt zu freuen. Nur Irene verzieht das Gesicht. “Oh. Hm. Hallo auch, Klaustrophobie.” “Nur, wenn es dunkel ist”, murmelt Niels und schaltet Barrys Taschenlampe ein.

“Da ist irgendwas”, warnt Barry. “Eine Stimme. Gefahr.” “Das geht ja gut los”, brummt Irene.
Zum Glück für die Platzangst der Engländerin ist der Gang nur kurz, dann stehen sie im Keller. Die drei anderen Jäger haben ihre Pistolen in der Hand, Niels und Irene dazu jeweils eine Taschenlampe. Ethan befestigt seine Lampe mit Panzerband an seinem Gewehr, damit er gleichzeitig leuchten und zielen kann. Dann wird ihm bewusst, dass er hier drinnen schon die ganze Zeit ein Brummen hört. Klingt wie ein Generator oder sowas.

Die Gänge sind über und über mit Graffiti beschmiert. Alte, zerbrochene Möbel oder sonstiger Müll hier und da. Es ist ein Krankenhaus, kein Hotel, aber der Geruch nach alt und unbewohnt ist derselbe, und Ethan erwartet beinahe, dass gleich irgendwo diese gruselige Engelsfigur herumliegt, von der sie an Weihnachten in das Höllenhaus gezogen wurden. Ein Blick auf Barry und Irene und ihre konzentrierten Gesichter zeigt ihm, dass die beiden genau denselben Gedanken haben. Hallo, Déjà Vu. Wieder mal.

Der Korridor führt zu einem Raum, der irgendwann einmal als Krematorium gedient haben muss. Zumindest lassen darauf die Klappe in der Wand und die Ausstattung – Bahren mit Rollen, Waschbecken und eine Badewanne, alles aus leicht zu reinigendem Edelstahl – darauf schließen.
Mit einem Mal schreit Niels neben ihm auf und dreht sich mit schreckensweiten Augen im Kreis. Seine Blicke zucken angstvoll hierhin und dahin.
„Was los?“
„Das Blut!“ japst der Deutsche. Er wirkt jetzt fast panisch. „Überall Blut! Seht ihr es denn nicht?“
Kann Ethan nicht behaupten. Das Mobiliar ist sauber – erstaunlich sauber sogar dafür, wie lange es schon unbenutzt hier steht. Vorsichtig legt er dem Jüngeren eine Hand auf den Arm, der sich jetzt förmlich an ihn klammert. „Und da… die Leiche!“
„Nein. Ganz ruhig.“
„Sehen Sie solche Dinge sonst auch?“ will Irene wissen, aber das verneint der Junge vehement. „Dann hätte mein Vater mich umgebracht.“ Na ganz spitzenmäßig. Mehr Beweise für die tolle Familie, aus der Niels stammen muss. Ist aber egal jetzt.
„Dann hat Sie etwas beeinflusst“, erklärt die Britin mit gelassener Stimme.
„Sieh hin“, versucht Ethan den jungen Jäger zu beruhigen. „Alles leer.“ Niels sieht sich nochmals um, und langsam fasst er sich tatsächlich wieder, löst sich mit einer verlegenen Geste von Ethan. Atmet tief durch und nickt, aber so ganz scheint er die Vision doch noch nicht abgeschüttelt zu haben, denn seine Augen haben noch immer diesen leicht geweiteten Ausdruck, wie ein Pferd kurz vor dem Durchgehen.

Barry hat hier wieder etwas gehört, sagt er: dieselbe Stimme, die ihn beim Reinkommen vor der Gefahr gewarnt hat, jetzt klar als weiblich zu erkennen. In diesem Raum habe ‘er’ sie umgebracht, aber wer ‘er’ sei, habe sie nicht gesagt, und wer sie selbst sei, wusste sie nicht mehr. Vielleicht Lucy. Aber sie habe ihm eine Richtung gewiesen, in der ‘er’ zu finden sei.

Na dann weiter, in eben diese Richtung. Tatsächlich werden die Krankenhausgänge immer unheimlicher, je weiter sie kommen. Viel Graffiti an den Wänden, darunter mehrfach „You can’t hide“. Irgendwann eine weitere Aufschrift: die beiden Worte „Safety“ und „Death“, mit Pfeilen darunter, die in die jeweils entgegengesetzte Richtung zeigen. Natürlich kommen sie aus Richtung Sicherheit. Und sie müssen weiter in Richtung Tod. Klar. Nichts anderes hat Ethan erwartet.

Wieder ein Stück weiter – sie sind gerade an einer geschlossenen Tür vorbeigekommen – hält der Deutsche plötzlich an. Nein. Er hält nicht einfach an. Er erstarrt völlig, und seine Augen sind weit, weit fort. Niels’ Lippen bewegen sich, lautlos erst, dann formen sie hörbare Laute. Ethan versteht nicht, was der Junge da so verzweifelt auf Deutsch stammelt, aber ein Wort, ‘Vater’, klingt ihm verdächtig nach dem englischen ‘father’. Was auch immer es ist, um das er seinen Vater anfleht, das klingt nicht gut. Das klingt gar nicht gut.
„Hey“, sagt Ethan behutsam, ehe er dem Studenten die Hand auf die Schulter legt, leicht, um ihn nicht noch mehr zu verschrecken. „Hey. Ist okay.“

Tatsächlich kommt Niels aus seiner Erinnerung zurück, macht aber keine Anstalten weiterzugehen. „Hört ihr das?“
Ethan lauscht. Nichts. Er wirft einen Blick zu den anderen, aber die scheinen ebenfalls keine Geräusche wahrzunehmen. Dann geht sein Blick wieder zu dem jüngeren Jäger. „Was?“
Ein Kratzen, erklärt Niels. Leise aber unverkennbar. „Da ist jemand drin!“
Jemand… oder etwas. Der Deutsche besteht darauf, dass da etwas sein muss, auch wenn die anderen nichts hören können, und alle sind sich einig, dass sie nachsehen müssen. Es gibt kaum etwas Dümmeres, als sich nicht nach hinten abzusichern, wenn ein Verdacht besteht. Einfach weitergehen können sie also nicht, solange sie nicht wissen, was da genau ist.

Ethan geht als erster durch die Tür, wachsam und mit dem Gewehr im Anschlag, aber der Raum ist leer. Leer von Menschen oder Monstern jedenfalls, wenn schon nicht von Möbeln. Da steht ein altes, demoliertes Bett, daneben ein Nachtschrank, keines von diesen Dingern, wie sie für Krankenhäuser üblich sind, sondern ein alter Beistellschrank in dunklem Holz, der nicht ganz so heruntergekommen wirkt wie die meisten anderen Einrichtungsgegenstände hier. An der hinteren Wand hat jemand mit unregelmäßigen roten Buchstaben „The End is Near“ geschrieben, und in einer Art morbiden Trance tritt Ethan näher, betrachtet die Worte. Das Rot ist in Wahrheit ein Rostbraun, und von den Buchstaben laufen getrocknete Fäden an der Wand nach unten. Das ist Blut. Eindeutig.

Ethan schluckt und zieht die Schublade des Nachttischs auf. Hätte er das mal besser gelassen. Denn in dem Schränkchen findet er einige vertrocknete abgerissene Fingerkuppen. Und mit einem Mal hat er das Bild so lebhaft vor Augen, als sei er selbst der bedauernswerte Insasse dieses Raumes gewesen. Die Enge. Die Endlosigkeit. Der langsame Fall in den Wahnsinn. Die Verzweiflung. Das Wissen, dass der Verstand mehr und mehr schwindet, unerbittlich. Die Ausweglosigkeit. Das Schreien. Das Toben. Das stille Weinen. Das reglose Liegen über Stunden und Tage. Der letzte Funken Klarheit, der verfliegt. Und der einzige Weg, sich Luft zu verschaffen, dem Schmerz statt zu geben. Sich die Fingerspitzen abzutrennen, um diese Worte im eigenen Blut an die Wand zu malen. Hysterisch lachend und hoffnungslos weinend zugleich.

Erst als Ethan aus dem Raum gestolpert ist, wird ihm klar, dass er nicht mehr vor dem Nachttisch steht. „Was ist da drin?“ will die Britin wissen, aber Ethan schüttelt den Kopf. „Besser nicht. Unschön.“
Irene wäre nicht Irene, wenn sie sich von dieser Warnung abhalten ließe, und geht natürlich doch in den Raum. Kommt eine Minute später wieder heraus, nicht im geringsten beeindruckt. „Der Gefangene da drin ist verrückt geworden“, teilt sie den anderen ungerührt mit. „Hat sich selbst die Fingerkuppen abgerissen, um in Blut schreiben zu können. Aber das ist lange her.“

Die Trophäenjägerin ist es dann auch, die die Spuren entdeckt. Blutstropfen und Schleifspuren auf dem Boden, aber auch Anzeichen dafür, dass etwas an der Decke entlanggekrochen ist. Sich da regelrecht entlanggekrallt hat. Als Irene an die Decke deutet, ihnen die Spuren zeigt, muss Ethan unwillkürlich an alte Schwarzweißfilme denken. Nosferatu, B-Filme der 1950er, irgendwie sowas. Aber was es in Wirklichkeit sein könnte, hat er keine Ahnung. „Als wären es zwei“, hört er Irene murmeln, ist sich aber nicht ganz sicher, was sie damit meint.

Um eine Ecke. Und dort, am Ende des Ganges, mit einem Mal, ein rotes Licht. Sie bleiben abrupt stehen, sehen einander an. Draußen dürfte es inzwischen dunkel geworden sein, fällt Ethan auf, und den anderen wird mit ziemlicher Sicherheit gerade dasselbe klar. „Sollen wir morgen wiederkommen?“ schlägt die Britin vor, „Wenn es Tag ist?“
Keine schlechte Idee, eigentlich, aber es ist zu spät. Eine Bewegung da vorne, unbestimmt. Und mit einem Mal werden die Taschenlampen heller. Und heller, mit einem seltsamen Knistern. Ethan reagiert zu langsam. Irene reagiert zu langsam. Nur Niels schaltet geistesgegenwärtig seine Lampe aus, während die anderen beiden mit einem hässlichen ‘Plopp’ ausbrennen und den Gang in das gespenstische Fast-Dunkel des roten Lichtes vor ihnen stürzen. Und in diesem Licht wird an der Wand dort hinten für einen kurzen Moment der Schriftzug ‘DIE’ sichtbar. Sterbt. Sterbt alle.

Jetzt aktiviert der Deutsche seine Lampe wieder. Es dauert einen endlosen Herzschlag lang, bis die Maglite anspringt, aber sie springt an. Vorsichtig treten sie durch die Tür.
Irgendein Etwas am Rande des Lichtkegels, den Niels in Richtung der Rückwand lenkt. Wachsam, beinahe widerwillig, schickt der junge Jäger den Strahl seiner Lampe weiter, bringt zum Vorschein, was da oben in einer Ecke lauert. Eine Gestalt, zusammengekauert und sprungbereit. Ausgemergelter, bleicher Körper, etwas übergroßer, haarloser Kopf, die Augen tiefdunkel in dem weißen Gesicht. Lange, spitze Zähne.
Das Wesen zischt sie an, und Kälte erfüllt den Raum. Eisige Kälte. Ethan beißt die Zähne zusammen. Ist nur Kälte. Unnatürliche Kälte mitten im Sommer. Wird wieder weggehen. Stört ihn erstaunlicherweise auch gar nicht so sehr.
Irene jedoch schüttelt sich, und Niels wird wieder zunehmend nervös. Das Licht seiner Lampe zuckt unruhig umher, was die Sache nicht gerade erleichtert.

Sie folgen alle demselben Instinkt. Feuern allesamt auf die Gestalt. Aber schon ist die Kreatur nicht mehr da, wo sie eben noch war – scheiße, ist das Biest schnell – und so ist der deutsche Student der einzige, dessen Kugel trifft. Zwar nur mit einem Streifschuss, nichts weiter als ein Kratzer, aber er entlockt dem Monster dennoch ein wütendes Zischen. Die Bestie hebt eine Hand, wischt damit von rechts nach links, und mit einem Mal fliegen sämtliche Gegenstände durch die Luft, die in dem Raum so herumlagen.
Ethan kann wie durch ein Wunder ausweichen, Niels ebenso. Aber Barry wird von einem Stück Gerümpel heftig am Kopf getroffen, Irene mit voller Wucht am Oberkörper. Verdammt!

Beide lassen sich von den Treffern aber nicht aufhalten. Während die drei Männer die Kreatur, die inzwischen auf dem Boden angekommen ist, weiter angreifen, starrt Irene ihren Gegner einen Moment lang unverwandt an. „Das ist ein von einem Geist besessener Vampir!“ ruft sie dann. Huh.
Ändert jetzt aber erstmal nichts an der Taktik. Schießen, möglichst etwas koordinierter als eben bei der ersten Salve, damit auch mal ein Schuss sitzt oder zwei. Sowohl Ethan selbst als auch Niels haben Salz geladen, und einige weitere Treffer bringen das Doppelmonster so aus dem Gleichgewicht, dass der Geist sich aus seinem Wirt löst und, für den Augenblick jedenfalls, erst einmal verschwindet.

Dass er auf einmal selbst wieder die Herrschaft über seinen eigenen Körper hat, verwirrt den Vampir sichtlich. Aber Barry blutet am Kopf, wo er von dem herumfliegenden Gerümpel getroffen wurde, und so stürzt der Blutsauger sich auf ihn. Irene reagiert schneller als Ethan, wirft sich dem Vampir mit einem Messer in jeder Hand entgegen und reißt ihn weg. Ethan prügelt der Kreatur den Kolben seiner Remington in den Nacken, während eine weitere von Niels’ Kugeln das Monstrum noch einmal empfindlich trifft.
Der Vampir wird langsamer, ist aber noch immer schnell genug, um herumzuwirbeln und dem direkt hinter ihm stehenden Ethan seine Krallen quer über den Bauch zu reißen. Eine scharfes Brennen, das Gefühl warmen Blutes unter dem zerfetzen Hemd, aber nichts, was Ethan im Moment groß behindern würde. Ein entsetztes „Ethan!“ von Niels. Huh. So lange kennen sie sich doch noch gar nicht.

Mit ihren beiden Messern setzt Irene der Bestie nach. Dem Angriff weicht der Vampir mühelos aus – aber damit landet er genau in Barrys Schusslinie. Und der bläst dem Gegner förmlich den Kopf weg.
Kopf förmlich weggeblasen reicht aber nicht. Der muss ganz ab. Mechanisch, als wisse er selbst nicht so ganz, was er da eigentlich tut, zieht der Schriftsteller eine Axt aus dem Rucksack. Hält sie etwas desorientiert in der Hand, bis Ethan ihm die Waffe abnimmt und den Vampir enthauptet.

Aber den Geist haben sie nur vertrieben mit ihrem Salz. Wenn sie nichts unternehmen, kommt der wieder. Barry konzentriert sich eine Weile, scheint zu lauschen, zu suchen – und sagt dann, da sei etwas. Unter dem Boden des Raumes. Ziemlich genau … da.
Sobald sie erst einmal die Ränder des Betonpfropfens ausgemacht haben, mit dem das Loch im Fußboden verstopft wurde, geht der Rest vergleichsweise einfach. Nach einer Weile angestrengten Grabens legen die beiden jüngeren Jäger einen ausgetrockneten Leichnam frei, dem die Fingerspitzen fehlen.

Die Leiche sollte ganz verbrannt werden, soviel ist klar. Da darf nichts fehlen, sonst können sie den Geist nicht weiterschicken. Ethan hat nur herzlich wenig Lust, dieses Zimmer da hinten noch einmal zu betreten, also gehen Irene und Niels die fehlenden Fingerkuppen holen, dann werden die Überreste gesalzen und angezündet.
„Es war eine Frau“, sagt Barry schließlich leise. „Der Geist. Sie hat sich bedankt, ehe sie ging.“

„Lucy“, fällt Ethan da ein. „Wo ist Lucys Leiche? Oder zum Vampir gemacht? Sie… und die anderen?“ Sonderlich wahrscheinlich ist das nicht, zugegeben, aber sicher ist sicher. Nicht dass sie den Obervampir erledigt haben, seine Brut aber vor lauter Erleichterung völlig vergessen. „Gehen wir sie suchen“, befindet Irene. „Nicht, dass sie wirklich zu einem Vampir geworden ist.“ „Würde ja zum Namen passen“, murmelt Barry, was Ethan ein amüsiertes Schnauben entlockt, die Sache aber nicht weniger ernst macht. Also durchsuchen sie das alte Gebäude noch einmal gründlich, finden aber nichts. Keine weiteren Vampire. Aber auch keine Leichen. Das Krematorium allerdings sieht so aus, als wäre es vor kurzem noch in Betrieb gewesen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mörder Lucy und die anderen darin verbrannt hat, ist ziemlich hoch. Puh. Dann nichts wie raus hier.

Niels will mit Steve reden gehen, sagt er, als sie draußen sind, aber nicht alleine. Ethan bietet an, den deutschen Jäger zu begleiten – ehe ihm auffällt, wie schlecht es Barry eigentlich geht. Der Schriftsteller taumelt, kann sich kaum mehr auf den Beinen halten. Irene steht neben ihm, und Barry stützt sich auf sie, sieht so aus, als habe er sich schon den halben Weg aus dem Krankenhaus heraus auf sie gestützt. Dem geht es gar nicht gut, und Irene auch nicht. Elender Drecksmist. Ethan könnte sich treten, dass er das nicht vorher bemerkt hat. Und er selbst hat ja auch ein paar unschöne Kratzer abbekommen. Nix Steve, oder zumindest nicht sofort. Erstmal zu einem Arzt.

Arzt bedeutet Notarzt bedeutet Notaufnahme bedeutet Krankenhaus. Gar nicht gut für Barry, der im Auto prompt eine kleine Plastikdose aus der Tasche holt und ein paar Tabletten herausschüttelt. Ethan bekommt das nur flüchtig mit, weil er die Augen auf der Straße hat, aber es scheint ihm dieselbe Tablettendose zu sein, die er schon am Flughafen von L.A. bei Barry gesehen hat und die nach Garritys Villa im Hotel in Portland auf Barrys Nachttisch stand. So offen, wie der Ältere das Zeug da abgestellt hatte, konnte Ethan gar nicht anders, als den Namen des Medikaments mitzubekommen. Und dass das ein Beruhigungsmittel ist, konnte Ethan erkennen, auch ohne dass er den Namen erst groß im Internet recherchieren musste. Er hat vor ein, zwei Jahren diesen völlig belanglosen, aber annähernd unterhaltsamen Actionfilm gesehen, in dem das Weiße Haus von Terroristen übernommen wird und ein Polizist, der gerade mit seiner kleinen Tochter die Besuchertour macht, alle retten darf. Ethan kann sich nicht mehr an jedes Detail aus dem Film erinnern, aber dass der Kerl, der sich gegen Ende als der Bösewicht herausstellt, darin seine Angstzustände mit genau diesen Tabletten bekämpft, soviel ist hängengeblieben.

Im Krankenhaus teilen sie sich auf. Niels wartet in der Eingangshalle, während die anderen drei sich behandeln lassen. Ethan mit seinen Krallenrissen – die er als den Angriff eines jungen Bären wegerklärt, nichts Ungewöhnliches für den Nordwesten – ist als erster fertig und wartet im Gang vor den Behandlungszimmern auf seine Freunde, ehe sie gemeinsam wieder zu Niels zurückkehren. Unterwegs bleibt Irene mit Barry ein paar Schritte zurück und steckt dem mit einer leisen Bemerkung etwas zu. Einen Briefumschlag, wie es scheint, aber Ethan fragt nicht. Es sieht nicht so aus, als würden die zwei da ein geheimes Rendezvous planen, und alles andere geht ihn nichts an.

In der Eingangshalle steckt Niels eben sein Handy weg, als die anderen zu ihm stoßen. Sein Gesicht macht deutlich, dass es kein sehr angenehmes Gespräch gewesen sein kann. Aber wenigstens haut er nicht seine Faust in irgendwelche Betonträger.
Eigentlich wollten sie ja jetzt zu Steve. Aber Steve kommt zu ihnen. Oder besser gesagt, beim Verlassen des Krankenhauses bemerken sie draußen den jungen Mann, wie er gerade von einem Rettungssanitäter eine kleine Tüte im Empfang nimmt und dem im Gegenzug dafür einige Geldscheine in die Hand drückt. Ahaaa.

Sie warten, bis der junge Obdachlose alleine ist, dann gehen sie zu ihm hinüber, Niels voran. „Habt ihr Lucy gefunden?” fragt Steve sofort nach dem Hallo. „Lucy ist tot”, erwidert Niels bedrückt, und Steve sackt in sich zusammen. „Wie… Was… was ist passiert?” „Kidnapper. Ermordet”, erklärt Ethan leise, als Niels auf die Frage zögert, nicht die richtigen Worte zu finden scheint. Dem Jungen steigen die Tränen in die Augen, aber er nickt. Spielt mit etwas in seiner Tasche. Ziemlich sicher das Tütchen mit den Drogen. Wendet sich mit hängenden Schultern ab. Drecksmist. Wenn sie den jetzt einfach gehen lassen, nimmt der aus Trauer eine Überdosis. Barry tut, was sie vermutlich alle denken. Hält den Kleinen auf. “Ich lass’ dich so nicht gehen”, erklärt er grimmig und starrt Steve unverwandt mit seinem schärfsten Blick an. “Gib mir das Zeug.”
Steve zittert unter diesem Blick wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange, aber er gibt Barry die Plastiktüte.

Nachdem Ethan Bob den Werkzeugkasten, sein Gewehr und die nicht verschossene Munition zurückgebracht hat, fahren sie Steve in eine Entzugsklinik nach Seattle. Vor dem Eingang zögert Barry. Holt die Dose mit seinen Tabletten heraus und wiegt sie einen Moment lang nachdenklich in der Hand, ehe er Ethan die Dose hinhält. Der wirft seinem Freund einen Blick zu, Marke ‘Bist du sicher, dass du mir die wirklich geben willst?’ Barry hält ihm die Tabletten weiter hin. “Könnte ich nehmen”, erklärt er. “Kommt mir aber grad falsch vor.” Ethan nickt und steckt die Dose ein. “Okay.”

Im Krankenhaus wird Steve freundlich aufgenommen, und die Ärztin erklärt, das mit den Kosten würden sie schon irgendwie aus dem Stiftungsfonds regeln. Das ist dann der Moment, in dem Irene ihre Platin-Kreditkarte zückt und erklärt, alle anfallenden Kosten zu decken, und da bekommt der Junge dann auch das Vorzugsprogramm.

Hinterher nimmt Ethan noch kurz Niels beiseite. Versucht dem jungen Deutschen zu erklären, was Irene und Barry und ihn in dem Krankenhaus geritten hat. „Déjà Vu.”
Die Antwort verwirrt Ethan kurz. „Naja, schon irgendwie”, sagt Heckler nämlich. Ethan blinzelt. Oh. Da hat Niels den Kommentar wohl als Frage verstanden. „Ach, du auch?” murmelt er deswegen. Niels zuckt die Achseln. „Naja. Wenigstens hatte die arme Frau noch Licht.”
Ethan überlegt kurz, ob er näher auf diese Bemerkung eingehen oder den Jüngeren auf seinen Bruder ansprechen soll, aber er wüsste nicht, was er sagen sollte. Aus Niels’ Andeutungen heraus denkt er sich ohnehin schon seinen Teil. Und tiefergehende Fragen zu stellen, steht ihm nicht zu.

Ehe sie sich trennen, verspricht Niels, der direkt hier in Seattle wohnt, wie sich herausstellt, öfter mal nach Steve zu schauen. Barry soll wegen seiner Gehirnerschütterung möglichst erst einmal nicht schlafen, also fährt Ethan den Schriftsteller in sein Hotel, um ihn wachzuhalten.

Es wird eine lange Nacht, und hinterher kann Ethan gar nicht mehr so genau sagen, worüber sie alles geredet haben, oder in welcher Reihenfolge. Er erzählt Barry von den Ereignissen auf dem Red Hill, von der Apokalypse, die kommen wird, wenn Cal und Irene recht haben. Und dass er ihnen glaubt. Barry nimmt das Ganze ziemlich gelassen, erklärt, dass es ja noch andere Geister außer Engeln gebe, Naturgeister und so, und dass er sich auf dem Powwow, auf das er bald fahren werde, ja mal umhören könne. Vielleicht wisse ja dort jemand etwas. Bei dem Powwow will der Ältere ja auch dieses Ritual vollziehen, diesen Sonnentanz. Versuchen, ob er damit etwas über Ethans Fluch herausfinden kann. Danach sollten sie sich treffen, befindet Barry.
Vom Timing her kommt das sogar ungefähr hin, denn Ethan will so bald wie möglich nach Tappan. Gleich am nächsten Wochenende, am besten. Gar nicht mehr lange aufschieben. Inzwischen brennt Ethan das Bedürfnis, seine Familie wiederzusehen, richtiggehend unter den Nägeln, auch wenn ihm tausend mögliche Szenarien durch den Kopf jagen und er tatsächlich befürchtet, dass sie ihn hochkant rauswerfen könnten, wenn er vor der Tür steht. Aber dann war er wenigstens dort. „Ich glaube nicht, dass sie dich rauswerfen”, versucht Barry ihn zu beruhigen. „Könnt’s ihnen nicht verdenken”, murmelt Ethan.

Im Gegenzug vertraut Barry Ethan an, dass die Situation bei den Jacksons zuhause gerade schwierig sei. Tam und er sich gegenseitig wehgetan hätten. Dass sie aber beide einander gebeten hätten, einander zu vertrauen, und dass es hoffentlich schon wieder werde. Puh. Hässlich, aber hoffentlich nicht unkittbar.
Von Sam erzählt Ethan dann auch. Dass auch das kompliziert sei – als ob Barry sich das nicht denken könnte, angesichts des Fluchs. Dass Sam aber immerhin so klang, als würde sie warten wollen. Auch wenn Ethan das nicht von ihr verlangen kann.
“Hast du es von ihr verlangt, oder hat sie es angeboten?”, will Barry daraufhin wissen, und das ist natürlich eine sehr relevante Frage. Die Ethan nur dummerweise gar nicht richtig beantworten kann, weil bei der Begegnung zwischen Sam und ihm so unendlich viel nur mit Andeutungen ausgesprochen wurde. Und mit Händedrücken und Umarmungen. Und.

Er fragt nach der ComicCon. Da ist anscheinend der mörderische Geist eines Comicautoren umgegangen, aber Barry, Ally und Natalie konnten ihn stoppen. Und ja, das Bild, das Barry ihm geschickt hat, war tatsächlich von einem Mädel in einem Giffany-Kostüm. Aber klar, vor Romance Academy 7 gab es ja noch die Teile 1-6, und die waren anscheinend tatsächlich mal, oder sind es sogar noch immer, ziemlich beliebt.
In dem Zusammenhang erzählt Ethan auch etwas mehr von Giffany und dem kleinen, niedlichen Schrein, den Irene ihr auf dem Red Hill gebaut hat. Dem neuen, größeren, der so gut wie fertig ist. Und dass die Kami ihnen gegen die Höllenhunde tatsächlich beigestanden hat. „Grüß sie von mir”, bittet Barry, und Ethan nickt. Das wird er gerne machen, sobald er das nächste Mal nach Hectorville kommt.

Irgendwann erklärt Barry Ethan, wo seine Phobie vor Krankenhäusern herkommt. Dass die Mitglieder einer Satanssekte Barry für ihren Ritter gehalten und ihn etliche Tage lang in einem verlassenen Krankenhaus festgehalten hätten, um seinen Willen zu brechen und ‘das Monster zum Vorschein zu bringen’. Dass sie ihn da gefoltert haben, sagt Barry nicht. Muss er aber auch gar nicht. Puh. Verdammt. Armer Kerl. Kein Wunder, dass er Krankenhäuser nicht ertragen kann. Und daher auch seine ganz ernstgemeinte Frage an Bob.

Ethan wiederum entschuldigt sich, dass er den Älteren in die ganze Sache hier mit hineingezogen habe. Eigentlich hatte er ihn und Irene ja auseinanderhalten wollen, aber… “Schon gut”, wird er von seinem Freund unterbrochen. „Irgendwann musste es ja passieren, dass wir uns treffen. Besser so mit Vorwarnung. Ich habe mich jetzt auch mehr im Griff.” Darauf nickt Ethan sehr nachdrücklich. „Gut.”

Ob er Niels schon länger kenne, will Barry wissen. Ethan zuckt mit den Schultern. „Paar Wochen.”
„Ist das ein Nazi?”
Ethan sieht seinen Freund völlig verblüfft und mit fragendem Gesicht an.
„Er hat eine Wehrmachtswaffe”, erläutert Barry. „Und er hat keine zwei Worte mit mir geredet.”
Oh. Wenn er das so sagt. Hm. Ist Ethan zwar nicht aufgefallen und kommt ihm auch nicht so vor, aber er kann ja demnächst mal darauf achten.

Die Pilzhexe sprechen sie kurz an. Und sind sich einig, dass sie dieses Problem so bald wie möglich angehen müssen. Idealerweise, solange die Hexe noch geschwächt ist und ehe sie wieder neue Kraft schöpft.

Schließlich bringt Ethan das Thema noch auf Portland und auf Barrys Heimfahrt. Dass er den Älteren ja eigentlich an den Zug hatte bringen wollen und sich gewundert – um nicht zu sagen ziemliche Sorgen gemacht – hat, als er Barry an dem Tag und in der Folgezeit so gar nicht erreichen konnte. Dass er am Bahnhof war, aber Barry nicht unter den Reisenden entdecken konnte. Erfährt, dass der Schriftsteller von der Polizei direkt zum Zug gebracht wurde, weil er gedacht hatte, Ethan wolle die Zeit lieber mit Sam verbringen. Und dass der Handyakku leer gewesen sei.

Außerdem war Barrys Heimfahrt alles andere als gut. Na ganz spitzenmäßig.
Ob Ethan sich an die zwei Typen aus dem Roadhouse erinnere, die draußen telefoniert hätten. Klar erinnert sich Ethan. Nur allzu gut.
Barry nickt und erzählt weiter, dass er dem Typen begegnet sei, den sie angerufen hätten. Und dass es unschön geworden sei. Au. Verdammt.
Das sei ein Jäger, erklärt der Ältere dann, dessen Bruder er getötet habe. Der besitze einen ganzen Zoo voller Monster und wolle Barry jetzt ebenfalls umbringen.
„Helf dir“, sagt Ethan sofort.
„Willst du dich da wirklich reinhängen?“ will Barry wissen.
„Wenn du Hilfe brauchst, ja.“
„Ich hab den Bruder aber wirklich umgebracht“, verdeutlicht ihm Barry in ernstem Tonfall.
Über diese Eröffnung muss Ethan einen Moment nachdenken, aber sie ändert eigentlich nichts.
„Wenn du Hilfe brauchst, häng ich mich da rein“, formuliert er sorgfältig, damit auch wirklich gar kein Zweifel an seiner Absicht besteht.
Barry zögert. „Na mal sehen“, brummt er dann. „Gegen die Monster vielleicht.“

Jedenfalls, sagt Barry, muss er den Typen finden, bevor der Typ Barrys Bruder findet. Ob das denn so leicht sei, will Ethan wissen. Nicht so schwierig, erwidert der Ältere. Sein Vater sei relativ bekannt.
Hm. Ethan denkt nach, hebt dann die Hände in einer entschuldigenden Geste.
Nein, klar, meint Barry daraufhin, es sei ja auch eher unwahrscheinlich, dass Ethan die Society von Chicago kenne. Und sein Vater sei ja auch kein Promi oder so, sondern Anwalt. Aber der engagiere sich viel wohltätig und habe deswegen in diesen Kreisen einen gewissen Namen. Deswegen habe Barry ja auch das Logo von dieser Charity One erkannt.
Aber jedenfalls sei es nicht unmöglich herauszufinden, dass Bernard Jackson, der Schriftsteller, einen Vater hat, der Anwalt in Chicago ist, und sobald man das mal wisse, sei es zu dessen zweitem Sohn kein großer Schritt.
Au. Da könnte er recht haben.

Die Reihenfolge ihrer anderen Themen mag verschwommen sein, aber zuletzt sprechen sie über das Powwow in South Dakota, zu dem Barry direkt von hier aus aufbrechen wird. Mit dem Flugzeug, wie er schließlich etwas widerwillig zugibt. Au.
Nur allzu gut erinnert Ethan sich an Barrys Anfall auf dem Weg nach Portland. Ohne zu zögern bietet er dem Älteren an, ihn zu fahren, auch wenn ihn das schlechte Gewissen zwickt, seine britische Freundin schon wieder einen Rückflug alleine antreten zu lassen.
Und mit seinen nächsten Worten schafft es Barry, das schlechte Gewissen gleich nochmal zu verstärken.
„Irene ist verletzt.“
„Du auch.“

Ethan ist ziemlich hin und hergerissen, aber am Ende bleibt es doch beim ursprünglichen Plan. Das Flugticket sei schon bezahlt, ein Mietauto würde extra kosten, und diese Kosten werde Barrys Cousin mit Sicherheit nicht übernehmen. Und mit dem Auto zu fahren, würde zu lange dauern; Tam, die gerade mit den Kindern in Pine Ridge warte, wolle los, um ihr Wasauchimmer zu erledigen, für das sie Barry um Vertrauen gebeten hat. Und Irene habe der Kälteangriff des Vampirgeists heute ganz schön zugesetzt. Etwa so wie Barry von dem Geist des Comicautors auf der Con angefroren worden sei, und das sei schon eher unschön gewesen. Die Britin brauche vielleicht Wärme, und vor allem Gesellschaft. „Ich hätte ja angeboten, sie aufzuwärmen“, sagt Barry, „aber das wäre von mir nicht passend gewesen.“
Ethan brummt missmutig. Der Ältere hat ja recht, und er will Irene nicht im Stich lassen, aber Barry eben auch nicht. Verdammt!
„Das geht schon mit dem Flugzeug“, legt der Schriftsteller nach. „Ich kriege schon keinen Herzinfarkt.“
Na gut, verdammt. Dann eben so. Zögernd, und mit mehr schlechtem Gewissen, bietet Ethan Barry dessen Tabletten wieder an. Er sollte nicht. Barry hat einen Grund gehabt, ihm die zu anzuvertrauen, nämlich dass er nicht von der Gegenwart der Medikamente in Versuchung geführt werden wollte, und sie ihm jetzt wiederzugeben, fühlt sich an wie ein Verrat.
Barry nimmt die Dose an, erklärt aber, dass er hofft, er werde für den Flug auch ohne die Dinger auskommen. Aber dann habe er sie wenigstens in der Tasche, falls er sie doch brauche.
Na gut. Muss jetzt wohl so sein. Elender Drecksmist.

Inzwischen ist es richtig, richtig spät geworden. Oder besser: richtig, richtig früh. Im Verlauf des Gesprächs ist Barry auch schon immer mal wieder beinahe weggenickt, und jetzt kann er die Auge gar nicht mehr offenhalten. Ethan bekommt seinen Freund noch irgendwie ins Bett bugsiert, dann fährt er in sein eigenes Hotel zurück. Glücklicherweise ist um diese Uhrzeit auf den Straßen so gut wie nichts los, und er kommt unfallfrei an, auch wenn die Müdigkeit ihm im Blut pulsiert und er nur noch in sein Bett fallen will.
Irene soll bloß nicht erwarten, dass er morgen – heute. Nachher. Gleich. Drecksmist – früh aufsteht. Oder im Flieger groß wach sein wird.

View
Haunted Blood
aus Barrys Tagebuch

Eigentlich sollte ich nicht am Bildschirm arbeiten. Kein Fernseher, kein Computer, am besten auch kein Handy, hatte die Ärztin gesagt. Aber sie hatte auch gesagt, ich sollte im Krankenhaus bleiben.

…womit sie vermutlich recht hatte. Mit beidem. Ich kann meine Augen kaum fokussieren, Schwindel und Übelkeit werden auch nicht gerade besser. Trotzdem. Egal. Will nicht ins Leere starren und darüber nachdenken, dass ich gleich in ein Flugzeug steigen muss. Komm schon, Jackson, du bist in ein heruntergekommenes Krankenhaus gelaufen als wäre es nichts, und jetzt gruselst du dich vor einem Flieger?

Okay, das ergibt keinen großen Sinn. Ich habe eine Gehirnerschütterung, angeblich eine schwere, also müsst ihr damit leben. Muss ich ja auch.

Fing vor… hm, ein paar Tagen an. War zurück vom ComicCon, das blaue Auge heilte. Tam fing mich abends ab. Sagte, ohne mich anzuschauen, dass sie nicht mitkam auf die Rez. Musste was erledigen. Zögerte. Kannst du mir noch mal vertrauen, fragte sie schließlich. Sah mich nicht an.
Ich dachte nach. Konnte ich? Keine Ahnung. Musste ich wohl, sonst hätte ich den Ring gleich ablegen können. Sagte schließlich, ich versuch’s. Aber findest du es fair, mich um Vertrauen zu bitten, wenn du mir nicht vertraust? Wenn du mir nicht erzählst, was los ist?
Tam schaute jäh auf. Blinzelte. Ich… fing sie an. Zögerte noch eine Weile, wollte dann erst mal nachdenken. Gab wenigstens zu, dass ich nicht ganz unrecht hatte.
Dann hätten wir uns fast noch mal gestritten, aber stattdessen redeten wir. Fazit: Nicht immer nur schweigend irgendwas erwarten. Das machten wir nämlich beide gern. Schön, dass uns das nach sieben Jahren auch mal aufgefallen war.

Darum geht es aber gar nicht. Ich frage mich, wem ich das alles erzähle. Vielleicht sollte ich damit aufhören und nur noch Fakten berichten. Das wär’s doch mal.
…nee. Macht euch keine Hoffnungen. Ich schreibe viel zu gern, und in meinem augenblicklichen Zustand werde ich einen Teufel tun und meinen neuen Roman anfassen. Dann lieber noch ein bisschen Nabelschau. Keine Angst – es gibt auch Action. Die Gehirnerschütterung kommt nicht daher, dass ich auf einer Bananenschale ausgerutscht bin.

Jedenfalls rief mich Phil an. Hör mal, sagte er, Alex ist in Seattle, er sollte da ein paar Dokumente holen, aber sein Kontakt will nicht recht. Sagte etwas von einem Bubi, dem er das Zeug garantiert nicht gibt. Flieg mal bitte nach Seattle und gib deinem Neffen ein bisschen Rückendeckung.
Seattle. Klar. Ist ja auch der nächste Weg. Ich hatte doch sowieso nichts Besseres zu tun, als in der Gegend herumzureisen und auf Cousin Charlies Ältesten aufzupassen. Aber ich glaube, ich habe schon erwähnt, wie unglaublich gut Phil darin ist, Leute zu überreden. Umweltskandal, großes Ding, komm schon, nachher passiert Alex noch was.
Ich reichte ihn an Tam weiter. Sollte der ihr erklären, dass sie jetzt unsere Kinder nach Santee fahren musste, statt ihrer ominösen Mission nachzugehen. Ich hörte ein paar Neins und Abers von ihr, dann einige Hmmms und schließlich ein widerwilliges Na schön. Verdammt, ist der gut.

Also verabredeten wir uns in Santee und ich flog nach Seattle. Ging mit meinem Neffen Alex zu einem sehr, sehr nervösen Reporter. Hatte den Jungen ein paar Jahre nicht gesehen, damals war er Mountainbike-Fan und wollte Sportblogger oder so was werden; jetzt war er ein Babyanwalt. Trainee. Was auch immer. Redete zu viel, aber das lag in der Familie. Ich war auch mal so.
Jedenfalls erklärte ich dem Journalisten schließlich, er könnte Alex die Dokumente geben oder er könnte sie mir geben. Wie es ihm lieber war. Der Kerl schluckte, wollte dann nicht genau wissen, wie ich das meinte, und gab Alex eine dicke Mappe mit Papieren. Wir sollten vorsichtig sein, meinte er dann. Ihn hatte die Recherche schon seinen Job gekostet.

Fein. Das war ja einfach gewesen. Musste nur noch Alex in seinen Flieger setzen und selbst abreisen. Traf vorher noch Nelson Akintola, der mir etwas von einer Mama Adisa erzählte, die in Portland lebte und sich mit Vodun auskannte. Die Adresse hatte er von Bart, und er wollte da bald mal hin, um nach seiner Vision zu suchen. Bald, nicht jetzt. Bart sollte auch mit. Okay, sagte ich. Gib mir Bescheid. (Portland? Ich hätte nach einer Vodun-Expertin ja in Louisiana gesucht und nicht in Portland, aber er war der Afrikanistik-Experte. Außerdem konnte ich bei der Gelegenheit vielleicht Whittakers Spur aufnehmen. Den hatte ich nicht vergessen.)

Gerade, als ich mich von Nelson verabschiedet hatte, klingelte mein Handy. Ethan. Druckste herum. Verstümmelte ein paar Sätze. (Ja, beschwer dich halt, Jackson. Du lässt ständig das Subjekt weg.) Schließlich verstand ich, dass Irene in Seattle war und Rückendeckung brauchte. Vielleicht waren da ein paar Obdachlose verschwunden. Oder so.
Dachte einen flüchtigen Moment daran, Tam anzurufen und um… na, um Rat zu fragen, aber es ging darum, Leuten zu helfen, also gab es eigentlich keine Zweifel. Okay, sagte ich. Ich komme. Ethan meinte, ich müsste nicht, und er wollte mich zu nichts überreden. Schon gut, gab ich zurück. Ich laufe Irene sowieso früher oder später über den Weg, warum nicht jetzt. Na dann, erklärte Ethan, er würde sich mit ihren Ankunftsdaten melden.

Passte ganz gut. Ich zog Funktionskleidung an, besorgte mir zwei saubere Glocks, brachte Alex zu seinem Flug und wartete dann auf Ethan und Irene. War ein bisschen angespannt. Hatte nichts mehr von Irene gehört. Oder von dem Brief, den ich geschrieben hatte.
Beide kamen durch das Gate. Ethan sichtlich erfreut, Irene sehr distanziert. Hielt mich selbst auch zurück. Wäre mir seltsam vorgekommen, Ethan strahlend zu begrüßen und Irene zu ignorieren.

(Okay, soll ich jetzt noch schreiben, wie es war, Irene wieder zu sehen? Kühl. Sie hatte Sonnenbrand und wirkte angespannt – und das, was mich an ihr am meisten angezogen hatte, war die Tatsache, dass sie so unbekümmert war. Hat sich dann wohl erledigt. Gut gemacht.)

Weiter zu einem Hotel, wo Niels auf uns wartete. Ein Bekannter von Irene, er hatte sie wegen der verschwundenen Leute kontaktiert. Sie hatte ihn gleich mal instruiert, uns allen Hotelzimmer zu beschaffen.
Niels Heckler war ungefähr in Alex‘ Alter, beide Arme tätowiert und Tunnels in den Ohren. Stand vor einem billigen Motel. Zuckte förmlich zusammen, als er Ethan sah. Irene wollte die beiden vorstellen, aber die kannten sich schon. Was war da passiert? Habe ich auch später nicht so recht aus Ethan herausbekommen.
Jedenfalls war der junge Mann nervös. Nannte Irene ständig „Ma’am“ (so alt war sie nun auch wieder nicht), versuchte, mir die Hand zu schütteln.
(Irgendwann finde ich heraus, wie ich mit so einer Situation umgehe, ohne dass es peinlich wird. Hey, vielleicht sollte ich einen flotten Witz reißen, darin bin ich doch so gut.)

Ethan und Irene gingen, um einzuchecken. Ich stand mit Niels in der Lobby und beäugte den Kaffeeautomaten misstrauisch. Nee. So verzweifelt war ich nicht. Versuchte, mich mit Niels zu unterhalten – der hatte einen interessanten Akzent. Deutsch, offensichtlich, südlich, wenn mich mein Sprachgefühl nicht trog (und das tut es ziemlich selten). Aber der wollte nicht mit mir reden. Keine Ahnung, warum. Vermutlich mochte er mich einfach nicht. Kommt ja vor. Vielleicht wegen der Hand vorhin. Oder er war generell angespannt. Oder er unterhielt sich nicht gern mit Leuten, die nicht weiß waren. Sollte mir egal sein.

Die anderen beiden kamen wieder. Kurzer Informationsabgleich: Es gab wohl Werwölfe oder ähnliches in der Gegend, aber die waren es nicht. Niels‘ Bruder hatte ihn auf die Situation mit den verschwundenen Obdachlosen aufmerksam gemacht und ihn gleich noch mit einem Kontakt versorgt: Bob Meyers, der in May Creek wohnte. Mit dem sollten wir mal sprechen.
Irene stieg zu Niels ins Auto, ich warf Ethan die Schlüssel zu meinem Mietwagen zu. Kam mir ein bisschen dekadent vor, ihn zum Fahrer zu machen, aber er kann’s besser als ich. Bei Irene hatte ihn das ja auch nicht gestört.

May Creek war ein Nest, Bob Meyers‘ Autowerkstatt bestand aus einer Garage voller Werkzeug und anderem Kram. Bob selbst war ein kleiner, beweglicher Typ, nicht mehr allzu jung. Lag unter einem Wagen, als wir ankamen. Gab Niels seine ölbeschmierte Hand und grinste, als der junge Mann versuchte, sich den Dreck unauffällig an der Hose abzuwischen. Für Irene wusch er sich die Hände dann aber doch. Sprach mit einem italienischen Akzent, vielleicht echt, vielleicht nicht. Konnte ich nicht feststellen. Okay, ich war die Chicago-Italiener so gewohnt, dass alles andere merkwürdig für mich klang.
Bot uns Kaffee an. Hatte eine Lavazza-Maschine, gut in Schuss. Keine Ölschmierer dran.

Erzählte dann, dass ihn Niels‘ Bruder Benedikt angerufen hatte. Das überraschte den jungen Mann. Der hat hier angerufen, fragte er ungläubig. Mit einem Telefon?!? Will der etwa auch hier vorbeikommen? Der Gedanke schien ihn nicht gerade zu beruhigen.
Das wusste Bob nicht. Vermutlich nicht, meinte er, wenn er Niels Bescheid gegeben hatte. Jedenfalls hatte ihn Benedikt da auf etwas gebracht – konnte schon sein, dass Leute verschwunden waren. Freaky Earl war gestern ganz aufgekratzt gewesen, hatte Steve und Lucy erwähnt. Aber wenn wir mehr wissen wollten, fragten wir besser Nanook. Der war ein Eskimo oder sowas. Inuit, sagte ich. Bob gestikulierte seine Unwissenheit. So einer wie du jedenfalls, meinte er zu mir.
(Ethan verzog bei den Worten das Gesicht. Nett von ihm, aber ich hatte schon Schlimmeres gehört. Wenigstens nannte Bob mich nicht ‚Häuptling‘. Das kann ich nicht leiden, auch wenn viele Leute das witzig finden.)

Okay, also auf zu Nanook. Vorher versuchte Bob noch, mit Irene zu flirten, aber sie ließ ihn eiskalt abblitzen. Niels, der liebe Junge, baute sich daraufhin zwischen den beiden auf und sprach Bob in scharfem Tonfall auf Ausrüstung an. Offenbar fühlte er sich bemüßigt, Irene zu beschützen. Ethan schmunzelte amüsiert, ich spürte, wie meine Augen sich quasi von selbst verdrehten. War der Kleine etwa in Irene verschossen? Oder dachte er wirklich, sie bräuchte einen großen starken Mann als Beschützer? (Das klingt jetzt sehr erwachsen von mir, aber ganz ehrlich, ich hätte fast das gleiche gemacht. Konnte mich aber zurückhalten. Weisheit des Alters und so.)
Oh, danach unterhielten sich Irene und Niels noch darüber, ob Bob sie nur wegen ihres Namens angeflirtet hatte. Niels meinte, ihn hätte ja noch nie jemand wegen seines Namens angeflirtet, Irene sagte, vielleicht wäre er in den falschen Kreisen unterwegs. Allerdings. Allein die Wortspiele, die sich bei jemanden namens Heckler – wie Heckler & Koch – ergaben, sollten das doch eigentlich fast sicherstellen.

Wir trafen Nanook vor einem Starbucks. Der saß da und schaute der Sonne beim Scheinen zu. Konnte nicht sagen, ob er ein Inuit war oder was anderes, er sah zu abgerissen aus – alte Klamotten, wirre Haare, spärlicher, ungepflegter Bart. Niels ging sofort los, um zwei Flaschen Bier für ihn zu kaufen. Ich sagte ihm, er solle mal abwarten, vielleicht war der gar kein Säufer. (Wenn er einer war, hätte ich ihm das Bier schon gegönnt. Wollte nur nicht automatisch davon ausgehen. Musste an Aiden denken, den kleinen Cheyenne. Was aus dem wohl geworden war?)

Ethan warf Nanook einen Schein in den Hut, der vor ihm stand. Erntete einen klaren, sehr durchdringenden Blick. Offensichtlich kein Säufer. Niels erklärte Nanook, dass Bob ihn schicken würde, aber der Obdachlose konzentrierte sich auf Ethan. Haben gehört, es sind Leute verschwunden, sagte der. Schaute fragend. Nanook wies mit dem Kinn auf eine kleine Gasse, oder besser: Auf zwei Füße, die aus der Gasse ragten. Ethan ging rüber, fand einen jungen Mann, der unter einem großen Stück Karton schlief. Tätowiert, abgerissen, stank nach Fusel. Schnarchte.
Als Ethan ihn vorsichtig an der Schulter rüttelte, wachte er auf. Schaute uns desorientiert an. Häh, wer seid ihr denn? wollte er wissen. Niels gab ihm ein Bier, redete mit ihm. Steve hieß der junge Mann, Lucy war seine Freundin, und ja, sie war echt verschwunden. Zumindest hatte er nichts von ihr gehört.

Der brauchte mehr als nur Bier, also ging ich rüber zum Starbucks. Ethan hatte die gleiche Idee, oder zumindest eine ähnliche: Er kaufte Wasser, ich kaufte eine Schachtel Donuts. Auf dem Rückweg bot ich Nanook einen davon an. Der überlegte einen Moment, nahm sich dann einen mit Schokoglasur. Ich erwähnte, hier würde etwas nicht stimmen. Er brummte Zustimmung. Ich wartete noch, bis Ethan auch bezahlt hatte, aber mehr sagte er nicht. Okay.

Steve hatte Niels in der Zwischenzeit von Lucy erzählt: Sie war schon ein paar Tage weg, obwohl er sich doch mit ihr auf dem alten Schrottplatz verabredet hatte. Nein, er dachte nicht, dass sie einfach abgehauen war. Er hätte sie angerufen, aber sein Handy hatte kein Guthaben mehr. Niels versuchte es selbst, aber ohne Erfolg.

Irene wollte zum Schrottplatz. Der war ganz in der Nähe, also konnten wir laufen. Steve trottete uns hinterher, die Donuts im Arm, die ich ihm gegeben hatte. Schien ziemlich ausgehungert. Verwahrlost. Hatte einen offenen Schnürsenkel. Ich sagte ihm, er solle seinen Schuh richtig binden, ganz automatisch. Pete vergisst das auch dauernd, oder die Dinger gehen wieder auf. Während Steve seinen Schuh umständlich richtete (er wollte die Donuts nicht aus der Hand geben), fragte ich mich, seit wann ich so weichherzig geworden war, dass mich ein hoffnungsloser obdachloser Säufer kümmerte. Wollte ich den jetzt auch noch adoptieren? Mann.

Am Schrottplatz fand Niels erstmal Freaky Earl in seinem Versteck zwischen ein paar Wracks. Schreckte ihn auf. Nach kurzer Panik darüber, wer wir waren und was wir wollten, erzählte er uns, dass Lucy in einen weißen Lieferwagen gezerrt worden war. Großartig. Biotecta hatte in L.A. auch immer weiße Lieferwägen gehabt und Leute reingezerrt. Aber die gab es nicht mehr.
Der hat früher mal Zeitungen ausgeliefert, plauderte Earl weiter. Der Wagen hat schon andere geholt, und er will mich auch holen, aber ich habe mich versteckt! Klang ein bisschen paranoid, der Gute, aber das musste ja nichts heißen. Er erzählte uns noch, dass der Typ, der Lucy entführt hatte, ziemlich kräftig war und einen Kapuzenpulli trug. Auf dem Wagen, sagte er, da war so ein Logo. Was für eins, fragte Niels. Ein blaues, erwiderte Earl hilfreich.
Schließlich bekam Niels aus ihm heraus, dass das Logo ein bisschen aussah wie ein Flügel. Ein blauer Flügel? Das kannte ich doch?

Klar kannte ich das. Dad hatte vor etwa zwanzig Jahren mal ein paar Blöcke von einer wohltätigen Organisation bekommen, mit ihrem Logo drauf. Ricky liebte das Logo, rannte durchs ganze Haus und faltetet Papierflugzeuge aus allen Blättern, die er in die Finger bekam. Das waren ganz schön viele, und wir haben die kleinen Flieger noch Wochen später überall gefunden. Der Name der Organisation war Charity One. Kamen aus Seattle.
Erzählte den anderen davon (minus Ricky und den Papierflugzeugen), irgendjemand fragte das Internet und bekam heraus, dass es die schon seit zwölf bis fünfzehn Jahren nicht mehr gab. Irene rief Bob an, fragte ihn. Klar, sagte er, jetzt, wo du das erwähnst – ich habe einen Lieferwagen mit dem Logo vor ein paar Tagen gesehen. Beim Linda Vista Hospital, das ist ein altes, leerstehendes Krankenhaus.

Ein altes, leerstehendes Krankenhaus.

Der Flur, grau in grau, Schimmel und Moder an den Wänden. Abblätternde Farbe an der Decke, aber kein Müll, keine Graffitis. Am Ende des Flurs eine offene Tür, ein Raum, aus dem hektisches Licht flackert und immer wieder in unregelmäßigem Rhythmus grell aufblitzt. Kreischender Lärm kommt aus dem Raum, und es zieht mich dort hin, ich müsste dort sein, auf dem Bett, aber ich will nicht, ich will nicht…

Mühsam riss ich mich zusammen. Fuhr mir mit einer Hand übers Haar, und ich konnte meine Hand bewegen. Meine Haare waren lang, keine Stoppeln. Ich war nicht in Tucson, Nebraska. Ich war in… wie hieß das Nest… May Creek, Washington. Ethan neben mir sah mich mitfühlend an. Der wusste gar nichts von Tucson, aber der wusste, wie ich aussehe, wenn ich eine Panikattacke habe. Geht das, fragte er vorsichtig. Mit dem Krankenhaus? Ja, geht schon, sagte ich. Fühlte mich immer noch ein Stück neben mir. Verdammte Flashbacks. Hatte gedacht, das hört irgendwann mal auf.
Irene musterte mich skeptisch. Schlug vor, ich könnte ja draußen Wache halten, wäre bestimmt auch nützlich. Nein, sagte ich, ich komme mit. Das überzeugte sie nicht. Wenn du da drin nicht funktionierst, dann bleib besser draußen, sagte sie. Kalte Stimme, kaltes Gesicht. Die wusste schließlich, was in dem Krankenhaus passiert war. Nicht genau, aber genug.
Tat trotzdem weh, vor allem, weil noch andere dabei waren. Aber was hatte ich erwartet? Fokus auf die Situation, Jackson, ermahnte ich mich. Du kannst später lamentieren, dass sie dich nicht mehr mag. (Nein, das mache ich nicht. Hat keinen Wert. War nicht unerwartet.)

Ich dachte nach. Konnte ich das? In ein verlassenes Krankenhaus gehen und entführte Leute suchen? Andere Frage: Konnte ich da wirklich danebenstehen und meine geistigen Wehwehchen pflegen? Nein, natürlich nicht. Geht schon, sagte ich ihr. Muss ja gehen. Okay, sagte sie. Sonst nichts, aber immerhin glaubte sie mir. (Komm, erzähl dir ruhig, dass ihr jetzt noch gute Freunde sein könnt. Sicher doch. Da wird sich Tam aber freuen.)

Zunächst fuhren wir noch mal zu Bob, um Ausrüstung zu holen. Werkzeugkasten, Waffen und so weiter. Niels meinte, er hätte eine Waffe. Was für eine, fragte ich. P08, antwortete er. Großartig. Nicht, dass das eine schlechte Pistole wäre, aber die meisten Leute, von denen ich weiß, dass sie so ein Ding haben, sind bei der Aryan Nation. Oder einem anderen Naziverein. Hoffentlich war Niels keiner von diesen Typen.

Während die anderen sich ausruhten oder noch mal das Krankenhaus googelten, zog ich mich zurück. Wollte mich vorbereiten. Zündete eine Zigarette an, langsam. Atmete ein. Aus. Mit jedem Atemzug stieß ich eine Emotion aus: Wut und Hass. Angst und Zorn. Und alles andere auch. Wurde ruhig. Fand die Klarheit, die ich normalerweise nur habe, wenn ich kämpfe. Keine Gefühle, das war nur überflüssiger Ballast.

(Wenn sich jetzt jemand fragt, warum ich das nicht mache, um meine Flugangst oder andere Probleme zu überwinden: Weil es mir nicht guttut. Gar nicht. Sollte ich es je nicht schaffen, aus diesem kalten Zustand zurückzukommen, werde ich endgültig zum Monster. Und es ist gar nicht so leicht, zurückzukommen. Ist angenehm, nichts zu empfinden.)

Ich ging wieder zu den anderen. Hörte mir an, was sie herausgefunden hatten: Immer wieder seltsame Tode im Krankenhaus – ein irrer Pfleger, ein mörderischer Hausmeister, ein psychotischer Arzt. Passierte gern im Keller. Die Klinik wurde dann vor einigen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen und verfiel seitdem vor sich hin. Ab und zu gingen Jugendliche rein, als Mutprobe.
Niels fragte nach einer Taschenlampe. Wirkte nervös, als der Keller erwähnt wurde. Ich gab ihm meine große Maglite. Konnte sie sowieso nicht selbst nehmen.
Wir brachen auf. Kamen kurz vor Sonnenuntergang an. Heruntergekommenes Gebäude, blinde oder verrammelte Fenster. Der Lieferwagen stand vor dem Hintereingang. Ethan fummelte erst am Schloss der Hecktür herum, schlug dann die Scheibe ein. Drinnen war nur Dreck und Unrat. Kein Hinweis auf die Entführten oder den Entführer.

Niels rief vom Gebäude aus. Hatte eine versteckte Klappe unter einem Busch entdeckt. Ethan klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Irene meinte, Hallo, Klaustrophobie. Niels nickte. Ich schlug nicht vor, sie sollten draußen bleiben. Mussten die selber wissen.
Als ich die Klappe mit dem Haken hochzog, lauschte ich. Fühlte Kälte auf meiner Haut, hörte eine Stimme, die flüsterte: Gefahr.

Das hatten wir uns schon gedacht. Ich ging vor, Niels folgte mit der Taschenlampe, die anderen beiden hinterher. Drinnen hörten wir das Brummen eines Generators. (Warum ist eigentlich niemand auf die Idee gekommen, nach einem Lichtschalter zu suchen?)
Die Gänge hier waren voller Graffiti, an einigen Stellen lag Gerümpel und Müll. Es roch nach Moder und feuchtem Gestein. Erinnerte mich an St. Trinity, und nicht nur mich. Irene und Ethan reagierten genauso aufmerksam. Hielten bestimmt auch Ausschau nach dem Spottengel.
Wir kamen in ein Krematorium, großer Raum, eine Badewanne, zwei kalte Eisenbahren. Niemand zu sehen, alles blank gewischt. Niels schrie auf. Blut, rief er, überall Blut, und da, in der Wanne, seht ihr denn die Leiche nicht? Ich sah keine Leiche, Irene und Ethan auch nicht. Ethan beruhigte den jungen Mann, der sich fast an ihn klammerte. Irene fragte ihn, ob er sonst auch solche Sachen sehen würde. Er antwortete, nein, sonst hätte mich mein Vater umgebracht. Schien ja aus einer netten Familie zu stammen.

Da mich das Drama in dem Moment wenig interessierte, lauschte ich wieder. Hörte eine weibliche Stimme, die sagte, hier hat er mich umgebracht. Fragte sie, wer sie sei. Sie überlegte eine Weile, gab schließlich beschämt zu, dass sie es nicht wusste. Lucy, schlug ich vor. Kann sein, meinte sie. Wo ist er, fuhr ich fort. Der, der dich umgebracht hat? Irgendwas berührte meine rechte Hand. Ja, genau die, die nicht mehr da ist. Schien sie zu greifen, hochzuziehen, in eine Richtung zu deuten. Probeweise drückte ich mit der rechten Hand zu. Der Druck wurde erwidert, ich spürte das. Meine Gelassenheit wankte, also ließ ich sie los.

Niels hatte sich in der Zwischenzeit beruhigt. Wir gingen weiter, in die Richtung, die mir der Geist gewiesen hatte. Erst stand an der Wand, du kannst dich nicht verstecken, ungefähr fünfmal hintereinander. Dann kamen wir an zwei gesprayten Pfeilen vorbei, der eine zeigte zurück: Sicherheit, der andere nach vorn, genau dahin, wo wir hinwollten: Tod. War ja klar.
Hielt uns nicht auf. Weiter. Liefen an einer geschlossenen Tür vorbei. Niels blieb stocksteif stehen. Hört ihr das nicht, sagte er. Dieses Kratzen? Nein, wir hörten das nicht. Irene versuchte, ihm gut zuzureden, aber er schüttelte den Kopf, Panik in den Augen. Vater, sagte er auf Deutsch, der Dialekt so stark, dass ich ihn kaum verstand. Bitte nicht. Ich mache es nicht wieder. Der war nicht mehr in dem Keller hier. Der war woanders. An einem Ort, der ihm Angst einjagte.

Ich hielt mich zurück. Wollte jetzt kein Mitleid mit dem Jungen empfinden. Half ihm bestimmt nicht, wenn ihm noch jemand gut zuredete, vor allem nicht ich. Es ist nicht real, erklärte Irene, und Ethan nickte. Aber da drin ist etwas, sagte Niels, jetzt wieder auf Englisch. Können wir bitte nachschauen? Okay, warum nicht. Eine geschlossene Tür im Rücken war sowieso keine gute Idee. Ethan ging rein, Irene und Niels hinterher. Ich sicherte in Richtung Tod.
Zwei Minuten, dann kam Ethan kreidebleich aus dem Raum. Das Schränkchen, keuchte er. Schaut da nicht rein. Niels folgte ihm, aber Irene musste noch nachsehen, was da war. Fingerkuppen, berichtete sie ungerührt, als sie den Raum verließ. Jemand war eingesperrt, hat mit Blut an die Wand geschrieben. Das Ende ist nah. Hat sich die Finger entweder selbst mit der Schrankschublade verstümmelt, oder jemand anderes hatte ihm/ihr das angetan. Schien Ethan mitzunehmen.

Irene behielt die Fassung. Untersuchte Spuren – Schleifspuren auf dem Boden, Blutstropfen, Kratzer an der Decke. Als wäre da etwas langgekrochen. Ethan murmelte etwas (im Nachhinein glaube ich, es war ein Filmtitel), meine Phantasie malte mir munter ein paar gruslige Monster aus (eine Mischung aus dem Augenmonster in Pans Labyrinth, einer Riesenspinne und einer frischen Amputationsnarbe, falls es jemand wissen will). Glücklicherweise fiel es mir normalerweise ziemlich leicht, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Diesmal auch. Weiter.

Vor uns flackerte ein rotes Licht. Irgendjemand schlug vor, es wäre doch möglicherweise eine kluge Idee, nach Sonnenaufgang wieder zu kommen. Schließlich wäre die Gestalt, die Lucy entführt hatte, nachts aufgetreten und war tagsüber vielleicht schwächer? Klang vernünftig, aber ich hatte den Fokus jetzt. Gehen und wiederkommen? Kam mir nicht klug vor. Bevor ich viel sagen konnte, nahm mir das Monster die Entscheidung jedoch ab: Plötzlich flackerten die Taschenlampen, wurden heller und heller. Gaben ein schrilles elektronisches Pfeifen von sich. Niels war der einzige, der schnell genug richtig reagierte: Er knipste seine Lampe hastig aus, während sich die Leuchtmittel der anderen überluden und durchbrannten. Erst dann stellte er die Maglite wieder an, sie flackerte kurz, aber sie war nicht kaputt. Nicht schlecht, Herr Heckler.
Rechts von uns leuchtete kurz eine Lampe auf, erhellte die Buchstaben STIRB. Als Niels die Taschenlampe in diese Richtung hielt, sahen wir das Monster, das in einer Ecke an der Decke hing wie eine überdimensionierte Spinne: Humanoid, bleich, abgemagert. Lange Zähne, getrocknetes Blut am Kinn. Zischte uns an, und es wurde kalt. Sehr kalt. So kalt wie auf der ComicCon, als Steve Thrash mich angriff. Irene schauderte zusammen, und Niels wurde wieder nervöser. Ließ das Licht unruhig über den Raum irrlichtern. Nicht so hilfreich.

Okay, wir schossen. Alle. Aber das Vieh war schnell, sehr schnell, und wir waren überrascht und unkoordiniert. Nur Niels traf mit einem Streifschuss, nicht mehr als ein Kratzer, aber immerhin. Die Gestalt fauchte, machte eine herrische Bewegung, und das ganze Gerümpel, das in dem Raum herumlag, flog los – ein brüchiger alter Schrank, Bretter, eine Art Eimer. Ein altes Skateboard ohne Räder. Traf mich voll am Kopf.
Kurzer Filmriss. Ein Abflussrohr fiel von der Decke, der Vampir taumelte. Vampir? Oder Geist? Hatte irgendwer gesagt, das wäre ein Vampir, der von einem Geist besessen war? Mir fehlte irgendwas, nur Sekunden, denke ich. Fühlte mich benommen, distanziert, wie betrunken. Spürte eine Flüssigkeit, die meinen Kopf hinunterrann. Warm. Kam das aus dem Abflussrohr? Hörte einen Schuss, betrachtete nachdenklich meine Hand. Ja, die hatte geschossen.
Übergangslos hing der Vampir an meinem Hals. Tam hatte mir einen Haufen Griffe beigebracht, um mich davor zu schützen, aber was sollte ich jetzt machen? Irene sprang den Vampir an, nur mit einem Messer bewaffnet. Trieb ihn von mir weg.
Ethan prügelte mit seinem Gewehr nach dem Monster, Niels schoss. Irene sprang ihn wieder an. Jemand schrie entsetzt: Ethan! War das Niels? Auf einmal fiel der Lichtkegel auf das Gesicht des Vampirs: Angeschlagen, verwirrt, hungrig. Das war mein Feind. Ich wusste, was zu tun war: Ich schoss auf seinen Kopf, traf. Sein halber Schädel flog weg, und er ging zu Boden.

Irritiert trat ich zurück. Mir fiel ein halber Witz ein, über Vampire und Kopfschmerzen, aber die Pointe fehlte. Wir müssen ihn köpfen, sagte jemand. Köpfen? Damit kannte ich mich aus. Holte die Axt aus dem Rucksack, dann hatte plötzlich Ethan sie in der Hand und hackte damit nach dem Vampir. Irgendwas stimmte hier nicht.
Ich versuchte, mich zu konzentrieren. War gar nicht so leicht, da war… ich hörte etwas. Eine Stimme. Oder ein Kratzen. Oder beides. Unter dem Beton. Da war etwas… der Geist. Die Leiche, die zu dem Geist gehörte. Erzählte es den anderen, und Ethan und Niels machten sich an die Arbeit. Gruben tatsächlich einen toten Körper aus. Nur die Fingerkuppen fehlten. Irene ging los, um sie aus dem Zimmer weiter vorn? hinten? zu holen. Niels schüttete Alkohol über die Gebeine, Ethan zündete sie an. Ich sah eine weibliche Gestalt, die ins Licht ging. Sie flüsterte, Danke. (Das habe ich mir vermutlich eingebildet. Ich kann Geister hören, nicht sehen.)

Während die anderen beschäftigt waren, versuchte ich, herauszufinden, was mit mir nicht stimmte. Mir floss immer noch die Flüssigkeit über die Kopfhaut… da war ein Nebel zwischen mir und allem anderen… Kopfschmerzen, Kopfschmerzen, hatte der Vampir Kopfschmerzen?
Nein, ging mir schließlich auf. Ich hatte Kopfschmerzen. Die Flüssigkeit war mein Blut, das aus einer Platzwunde lief. Jäh lichtete sich der Nebel, der Schmerz schlug zu, mir wurde schwindelig. Fast wäre ich zusammengebrochen, vor meinen Augen schwarze Flecken. Aber die kannte ich schon. Alte Freund, könnte man sagen. Und das war nicht meine erste Gehirnerschütterung. Erklärte, warum ich mich so desorientiert fühlte. Sachen sah, die vielleicht gar nicht da waren.

Wo ist Lucys Leiche, fragte jemand. Vielleicht ist sie zum Vampir geworden… wir sollten sie suchen, sagte jemand anderes. Passt ja zum Namen, warf ich ein. Einer der anderen gab ein amüsiertes Schnauben von sich. Ethan wahrscheinlich. Ich sah erst jetzt das Blut auf seinem aufgerissenen Hemd, aber er bewegte sich nicht, als würde es ihm viel ausmachen.

Wir gingen also los, um nach Lucy zu suchen, und nach anderen Vampiren. Fanden niemanden. Bemerkten schließlich, dass das Krematorium erst kürzlich benutzt worden war.
Auf dem Weg fing ich an, zu taumeln. Mir war schwindlig, mein Kopf fühlte sich an, als würde meine eigene Axt darin stecken. Ein paar Mal tastete ich nach der Wunde, nur um sicher zu gehen, dass das nicht der Fall war. Fiel hinter den anderen zurück. Schließlich tauchte Irene neben mir auf, stützte mich, ohne ein Wort zu sagen. Hätte es ohne sie nicht geschafft, weiter zu laufen.

Als wir aus dem Haus (der Klinik) kamen, wollte Niels gleich los, um Steve zu erzählen, dass Lucy tot war. Aber nicht allein, meinte er. Ethan nickte sofort und meinte, er käme mit. Bevor die beiden sich allerdings in Niels‘ Auto schwingen und in den Monduntergang brausen konnten, fiel Ethan auf, dass es mir nicht so richtig gut ging, und Irene auch nicht. Also Planänderung: Erst mal zum Notarzt.
Das hieß natürlich: Noch ein Krankenhaus. Großartig. Meine Gelassenheit war kurz nach dem Kampf verschwunden. Bevor wir losfuhren, schluckte ich eine Ativan. Nein, zwei. Oder? Ich weiß es nicht mehr so genau. Ich wollte nur nicht, dass es Ethan sieht. (Ja, das spricht dafür, dass du das total unter Kontrolle hast. Richtig?)

Suchtpotential hin oder her, eine schlechte Idee war es trotzdem nicht. Die Ärztin, die sich um mich kümmerte, hatte oberflächliche Ähnlichkeit mit Dr. Carlisle – ähnliches Alter, weiß, dunkle, schulterlange Haare, Brille. Grob die gleiche Figur. Wollte schon aufspringen, keine Ahnung, was ich machen wollte, aber der blendende Schmerz in meinem Schädel bei der schnellen Bewegung hielt mich davon ab. Glück gehabt, Dr. Ledenhoff. Nach kurzer Diskussion rasierte sie nur einen schmalen Streifen Haare ab – ich muss das nähen, Mr. Jackson, das geht nicht anders – gab mir einen Haufen Tabletten und bestand darauf, dass ich drei verschiedene Formulare unterschrieb, bevor sie mich gehen ließ. Viel trinken, empfahl sie, und schlafen Sie besser die nächsten paar Stunden nicht ein.
Irene war auch beim Arzt gewesen. Die war ebenfalls von den herumfliegenden Möbeln getroffen worden. Hatte eine angeknackste Rippe. Hielt mich auf, bevor wir zu den anderen beiden zurückgingen, und gab mir einen Brief. Meinen eigenen, den ich ihr nach der Gala geschrieben hatte, ein bisschen blutig und mit einem kleinen Loch, aber ungeöffnet. Ich habe in der letzten Zeit viel zu viel vom Innenleben anderer Leute mitbekommen, erklärte sie.
(Das war größtenteils eine Erleichterung. Aus diesem Brief konnte nichts Gutes entstehen. Größtenteils? Ach, mein innerer Emo war natürlich beleidigt. Blöder, egozentrischer Vollidiot. Geh heulen, Kleiner.)

Als wir das Krankenhaus verließen, sahen wir Steve, der gerade bei einem Sanitäter Geld gegen ein Plastiksäckchen tauschte. Niels fing ihn ein paar Meter weiter ab. Erzählte ihm, dass Lucy tot war. Steve wurde blass, wollte wissen, was passiert war. Ermordet, erklärte Ethan. Steve nickte traurig. Fasste etwas in seiner Tasche fester, vermutlich die Drogen. Wollte mit hängenden Schultern gehen. Warte, sagte ich ihm. Ich lass dich nicht mit diesem Zeug gehen. Er sah mich an, hoffnungslos. Tränen in den Augen. Gib mir die Drogen, sagte ich ihm. Starrte ihn an. (Genau, einschüchtern ist sicher die beste Methode, mit einem verstörten Menschen umzugehen.) Er zögerte, zauderte, aber schließlich gab er mir das Plastiksäckchen doch. Tabletten.
Dann stand er da. Zitterte wie ein Schaf auf der Schlachtbank. Wir packten ihn ins Auto und fuhren ihn zur nächsten Klinik nach Seattle. Zur Suchtberatung.
Noch ein Krankenhaus. Großartig. Ich hätte fast noch eine Ativan genommen, aber… kam mir verlogen vor, Steve zu sagen, das Zeug ist schlecht für dich, und selbst welche zu nehmen. Gab Ethan die ganze Dose. Der sah erleichtert aus. Verdammt, hatte er das vorher doch mitbekommen? (Und wenn ja? Wäre das so schlimm? Ist ja nicht so, als würdest du das Zeug zum Spaß nehmen… Klar, Jackson, red’s dir nur schön.)

Steve wurde im Krankenhaus aufgenommen, und nachdem Irene die magischen Worte „ich zahle“ gesagt und ihre Kreditkarte gezückt hatte, wurde er auch in ein anständiges Zimmer gebracht. Er würde gut behandelt werden, versicherte uns ein Arzt. Schön zu sehen, dass der Kapitalismus auch bei solchen Dingen funktionierte. Niels wohnte hier in der Gegend und wollte ab und zu nach Steve sehen.

Ethan brachte mich dann in mein Hotel. Die Leute an der Rezeption schauten zwar etwas sparsam, so blutüberströmt, wie wir beide waren, aber hey, ich war auf Geschäftsreise. Kapitalismus und so.

Auf dem Zimmer konnte ich dann nicht ins Bett, weil ich ja nicht schlafen sollte. Schade. Ich war ziemlich müde, meine Augen fokussierten sich nicht so richtig, mir war abwechselnd entweder schwindelig und übel oder ich hatte höllische Kopfschmerzen. Ab und zu auch beides zusammen.
Also redeten wir. Ich habe ziemlich viel von dem Gespräch wieder vergessen oder gar nicht so richtig mitbekommen, oft erforderte es alle Konzentration, die ich aufbringen konnte, überhaupt halbwegs kohärente Sätze zu bilden. Je später es wurde, desto unsicherer bin ich mir – ich dämmerte ab und zu mitten im Gespräch weg, träumte wirres Zeug, schrak wieder auf. Glaube nicht, dass Ethan irgendwann aufstand und mir wortgewandt und eloquent ein episches Gedicht über einen Nacktnasenwombat vortrug. Und von grüngewandelten Holzgurkenmachern, die im Sonnenlicht rückwärts werden, hatten wir es bestimmt auch nicht.

Woran ich mich erinnere: Ethan hatte vorher schon gesagt, dass er mit mir reden wollte. Aber nicht über Sam und den Fluch, wie ich vermutet hatte, sondern über die Apokalypse. Ja, ich weiß. Muy Drama.
Ethan war allerdings ziemlich überzeugt davon, dass da etwas kommen würde, und Irene glaubte auch daran. Krieg im Himmel, verschiedene Fraktionen unter Engeln, Apokalypse ausgefallen, jemand will einen Neustart. Oder so. War versucht, ihm von der Satanssekte zu erzählen, die dachte, die Apokalypse wäre ja schon passiert und wir müssten jetzt erst mal tausend Jahre Herrschaft Satans auf Erden überstehen.
Okay, sagte ich, wenn das wirklich so ist, dann hat sicher jemand was gemerkt. Auf dem Powwow sind Leute, die sich auskennen. Ich frag mal rum.
Dann erzählte Ethan noch etwas von Flüchtlingen aus dem Himmel, und in meinem Kopf tanzten ein paar Weihnachtsengel herum. Dass die so aussahen wie der aus St. Trinity, hat mich nicht sehr beruhigt.
Es ging dann noch ein bisschen hin und her: Familie (meine und seine), Sam (will warten), Cal Fisher (glaubt auch an die Apokalypse, hat Ethan gerettet… war das nicht der Typ mit dem Indianerfriedhof? Muss Sunny mal fragen), Baumhaus (kommt), Irene (schwierig), Niels (kein Hinweis auf Rassismus, Familienprobleme – hätten ihn einladen sollen), Giffany (hat einen Schrein), Krankenhäuser (ich hab Ethan irgendwas von Tucson erzählt… keine Ahnung, wie viel), Reiseplanung (Ethan wollte mich fahren, aber dann hätte ich Tam verpasst, die wollte nämlich los, also musste ich fliegen), Pilzhexe & Hexen allgemein (sollten wir uns drum kümmern), Stinger (ist ein Trottel).

Außerdem erzählte ich ihm von Whittaker, dessen Bruder ich umgebracht hatte. Ethan bot mir sofort Hilfe an. Ich versuchte, ihm das auszureden. Ihm klarzumachen, dass ich Whittakers Bruder wirklich getötet hatte. Er schaute nachdenklich und meinte, er wollte mir helfen. Na gut, Whittaker hat einen ganzen Zoo voller Monster. Da kann ich Hilfe vielleicht brauchen, auch wenn ich das Problem lieber durch eine Kugel auf 500m Entfernung lösen würde.

Jedenfalls schlief ich irgendwann endgültig ein. Ethan vielleicht auch, keine Ahnung. Der hatte ja auch was abgekriegt. Gegen Mittag fuhren wir schließlich zum Flughafen. Waren ziemlich spät dran, keine Chance, Irene noch mal zu treffen. War ja vielleicht auch besser so. Mir ging es ohnehin nicht gut, wie eingangs erwähnt. Das würde ja ein Spaß werden mit dem Flugzeug.

Nachtrag aus Sioux Falls:
Wurde es dann auch. Mir war den ganzen Flug von Seattle nach Denver speiübel. Immerhin keine Panikattacke, obwohl ich keine Tablette genommen hatte. Dafür hätte ich auch keine Zeit gehabt. Zwischen Denver und Sioux Falls döste ich vage vor mich hin, zu matt für alles außer Kopfweh.

Jetzt sitze ich in einem No-Name-Diner, starre ein Stück Apfelkuchen an und warte auf meinen Cousin Calvin. Der wollte heute auch kommen, und selber fahren kann ich nicht. Soll er machen, muss ich nur warten. Mal schauen, ob er Ernesto dabeihat.

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Das Blutrote Phantom
aus Barrys Tagebuch

Kurz nach Weihnachten hatte mich Rachel überredet, endlich mal eine größere Lesung zu halten. Auf der ComicCon in San Diego, im Sommer. Damals klang das noch weit weg, und ich war ziemlich angeschlagen, also sagte ich ja.

Erst überlegten wir, mit der ganzen Familie hinzufahren, aber als ich Fotos von den Menschenmassen sah, wurde mir klar, dass ich das weder Tam noch Artie zumuten konnte. Beide wirkten erleichtert, als ich vorschlug, nur mit Kate hinzufahren. Pete war allerdings wütend – der wäre unglaublich gerne mitgegangen, aber dafür war er einfach noch zu klein.

Tam war eine ganze Weile weg gewesen, kam erst kurz vor unserer Abfahrt wieder. Mitten in der Nacht, schweigsam, zurückgezogen. Etwas fraß an ihr, aber sie wollte nicht darüber reden. Wenigstens war sie wieder da, ein paar Kratzer, eine Prellung, sonst nichts. Ich drängte sie nicht. Hatte ich nie.
Wir lebten einen sehr stillen, seltsamen Tag vor uns hin, bevor ich los musste. Ich glaube, wir hatten beide Angst vor einem neuen Streit. Ist auch nicht so, als würden wir normalerweise besonders viel miteinander reden, aber diesmal lag so viel Unausgesprochenes in der Luft… Ich musste einfach warten, bis sie so weit war. Konnte ich ganz gut.

Einen Tag vor der ComicCon flogen Kate und ich los. Mit ein paar Ativan hatte ich die Flugangst soweit unter Kontrolle, dass ich meine Tochter nicht nervös machte. Nach fast sieben Stunden Flug und Fahrt kamen wir am Cottage an, das relativ klein war und ziemlich weit weg von allem lag. Dafür war das WLAN großartig.
Am nächsten Morgen war Kate unglaublich früh wach und schon längst angezogen, als ich aus der Dusche kam. Wir kämpften ein bisschen mit ihren Haaren, weil sie ja unbedingt die gleiche Frisur wollte wie Rey aus Star Wars, aber wir haben es hingekriegt. Sah gut aus, fand ich.
Wir fuhren los, fanden sofort einen Parkplatz und waren folglich viel zu früh. Konnten immerhin ausgiebig frühstücken. Danach: Warten auf Ally und Natalie. Leute in absonderlichen Kostümen anschauen. Relativ viele Blutrote Phantome – ein Flyer klärte uns auf, dass das eine Comicserie im Retrostil war, die jetzt verfilmt werden sollte. Die Promotion lief auf Hochtouren, wir sahen schon draußen vier Phantome, drei Goldene Halluzinellen (der weibliche Love-Interest des Helden, und nein, die hießen nicht so, aber sie trugen knappe goldene Kleidchen und 50er-Jahre-Science-Fiction-Make-up) und einen Gargantua (der böse Wissenschaftler, der zum Monster wird). Ansonsten fanden wir die beiden Bronies am besten, die sich als Fluttershy und Twilight Sparkle verkleidet hatten, und ich bekam einen kurzen Schreck, als ich ein Mädchen in Schuluniform mit rosa Haaren sah. Giffany-Cosplay. Großartig. Ich machte ein Foto und schickte es Ethan. Überlegte kurz, es auch an Irene zu schicken. Ließ es bleiben.

Eine halbe Stunde vor der offiziellen Öffnungszeit kamen zwei junge Frauen auf uns zu: Eine davon sah aus wie der Pinhead aus Clive Barkers Büchern des Bluts, nur mit mehr Dekolleté, die andere wie eine Piratin. Erst, als sie mich begrüßte, erkannte ich Ally – das Pinheadgirl. Natalie war die Piratin, das war leichter. Kate war völlig fasziniert von beiden und ignorierte sogar, dass sie als ‚niedlich‘ bezeichnet wurde.
Wir gingen rein, durch den VIP-Eingang, nicht durchs Gedränge. Meine Waffen musste ich trotzdem abgeben. Gut, verständlich. Sie hatten allerdings keinen vernünftigen Metalldetektor und fanden die Ruger nicht, also blieb die bei mir. Nicht, dass ich vorgehabt hätte, in der Menschenmenge zu schießen. Die Lektion hatte ich schon in Las Vegas gelernt. Trotzdem, ich war schon nervös genug wegen der Lesung und den vielen Leuten, da musste ich nicht völlig ohne Waffen herumlaufen. Ja, mir war klar, dass das kaputt war. Aber besser, als wieder eine Ativan zu schlucken, um meine Nerven zu beruhigen. Oder? Keine Ahnung. Weniger Introspektion, Jackson, schau dir lieber die Blutroten Phantome an. Nein, nicht die knapp gekleideten Halluzinellen.

Als erstes gingen wir Allys Freundin Caroline besuchen. Die hatte einen Stand mit Cosplay-Accessoires, war ein bisschen aufgedreht. Meinte, sie würde schon auf Kate aufpassen. Kate versicherte mir und Ally prompt, dass sie auch auf Caroline aufpassen würde. Das brachte Allys Freundin aus dem Konzept, sie lachte nervös auf. Ich entschuldigte mich für mein sarkastisches Kind, das sich dann auch bemühte, zerknirscht dreinzuschauen und interessierte Fragen zu stellen. Gut. Ich konnte meine Tochter unmöglich mit zur Lesung nehmen – Thanie: Gateway ist kein Buch für Kinder.

Danach ging es weiter, Ally interessierte sich für Spiele und Filme, Natalie mehr für Comics. Wir schauten bei Marvel vorbei, bei DC, fanden einen merkwürdigen kleinen Stand mit Supernatural-Romanen und einem hyperaktiven weiblichen Fan (das sind diese Paperbacks über zwei Brüder, die mit ihrem Auto herumfahren und Monster jagen), die Ghosthunter Society, die aber eher Flaschengeister jagte… und noch mehr. Viel mehr. War anstrengend.
Die Blicke der Leute auf meine Prothese waren auch anstrengend. Ich glaube, die meisten gingen davon aus, dass der Haken nur Teil eines Kostüms war. Einer kam sogar zu mir rüber und meinte, cool, Mann, das ist echt cool, ich kenne den Charakter, Spitzenverkleidung! Ich sagte ihn, das ist keine Verkleidung. Sah ihn unfreundlich an. Untypische Reaktion: Er strahlte mich begeistert an. Großartig, sagte er, du gehst da voll drin auf, und diese Stimme! Ich war zu perplex, um eine passende Antwort zu finden. Er machte eine Daumen-hoch-Geste und ließ mich schließlich in Ruhe. Gut. Was hatte der überhaupt gemeint, er kannte den Charakter? Musste Ally mal fragen.

Wir standen gerade bei der Ghosthunter Society – Gary, einer ihrer Messe-Boys, erzählte Kate jede Menge Unfug über Geister, sie hörte höflich, aber skeptisch zu – als ein aufgeregter Mitstreiter zu ihm kam und meinte, bei der Preview vom Blutroten Phantom wäre etwas passiert. Vielleicht gab es eine Leiche, das wusste er nicht, oder vielleicht sogar einen Geist? Davon wollte Gary nichts hören, der glaubte nicht an Geister. Aber unser Interesse war geweckt.
Ich schaute kurz, ob Nelson vielleicht auch hier war. Bisher war er jedes Mal dabei gewesen, wenn auf einer Veranstaltung eine Leiche aufgetaucht war. Aber nein, kein Nelson. Auch keine anderen Jäger, die ich kannte.

Hinter der Preview-Area, in einem dunklen Servicegang, bemühten sich gerade zwei Sanitäter, einen Mann wiederzubeleben. Der Liegende hatte drei Löcher in der Brust, Blut in einer großen Pfütze unter ihm, keine Chance, den noch zu retten. Ich sagte Kate, sie sollte da nicht hingehen, nicht hinschauen und sich nicht vom Fleck rühren. Sie nickte mit großen Augen, blieb aber ruhig. Hatte den Toten wahrscheinlich trotz meiner Warnung schon gesehen.
Dann ging ich zu den Sanitätern. Hat schon jemand die Polizei gerufen, fragte ich. Nein, stammelte einer der Sanis und kramte nach seinem Handy. Der ist tot, erklärte mir der andere. Ich nickte. Sagte ihnen, sie sollten schauen, dass hier nicht überall Leute herumtrampelten.

Während die beiden ihren Schock verdauten, sahen sich die beiden Studentinnen die Leiche an. Diese Wunden, meinte Natalie, ich glaube, die könnten von einem Sai stammen. Einem Parierdolch. So eine Waffe verwendete das Blutrote Phantom gern. Ja, das hatte ich gesehen. Es rannten ja genug Leute mit Plastik- oder Latexsais auf der Convention herum. Aber die Wunden hier stammten von einer echten Waffe.
Ally fand den Ausstellerausweis des Toten: James Carmichael, Pinewood Studios. Das waren die, die den Film über das Phantom produzieren wollten. Wir überlegten gerade, ob es sich hier vielleicht einfach nur um ein Verbrechen und damit um eine Angelegenheit für die Polizei handeln könnte, als es Ally unvermittelt fürchterlich kalt wurde. Ein Cold Spot, sagte sie. Das heißt doch, dass hier ein Geist sein muss!
Aufgeregt machte sie sich auf den Weg zur Ghosthunter Society. Sie meinte, sie hätte da ein EMP-Messgerät gesehen – selbst wenn es kaputt war, konnte sie es vielleicht reparieren. Kate nahm sie gleich mit. Die war im Augenblick bei Caroline sicher besser aufgehoben.

Während wir auf die Polizei warteten, tauchte noch ein anderer Typ auf, der sich für die Sache interessierte. Gutaussehender Kerl, vielleicht Ende Zwanzig, trug einen Anzug und eine FBI-Plakette – keine echte, es stand „Agent Mulder“ drauf. Aber das half ihm, die neugierigen Gaffer zu verscheuchen.
Natalie kannte ihn. Fragte ihn, ob er wegen eines Pokerspiels hier sei. Oder eher Magic? Die beiden hatten sich scheinbar bei einem Pokerturnier kennengelernt, er war professioneller Spieler. Okay. Nannte sich Nick Morrissey, und wenn das sein richtiger Name war, fresse ich meinen Haken.
Ally kam zurück, genervt. Das EMP-Gerät von der Ghosthunter Society war nur eine Attrappe. Fand ich nicht weiter schlimm. Den Cold Spot hatte sie ja auch ohne Gerät bemerkt, und ich hatte zwar keinen Geist gehört, aber das konnte sich ändern.

Wenn Geister involviert waren, würde die Polizei nicht viel tun können. Also mussten wir uns darum kümmern. Kurz fragte ich mich, warum eigentlich – hatte ich mit der Lesung und dem Diversity Panel nicht schon genug zu tun? Aber ich wollte Ally und Natalie nicht allein losziehen lassen.

Wir fingen bei der Produktionsfirma an. Nick begleitete uns, der kannte sich offenbar auch mit Übernatürlichem aus. Okay. Der sah aus, als wäre er gut darin, mit Leuten zu reden. Der Chef von Pinewood Studios sprach gerade mit der Polizei, aber wir konnten uns mit seiner Assistentin unterhalten. Die war sehr auskunftsfreudig, erzählte uns, dass Jimmy Carmichael der Drehbuchautor des Films über das Blutrote Phantom war, dass er total beliebt bei allen wäre und dass sein Tod ein großer Verlust sei. Es gab zwar Fans, die mit der Produktionspolitik nicht so glücklich waren, aber die gab es ja immer.
Außerdem erfuhren wir, dass die Rechte für die Verfilmung bei Pinewood Studios lagen. Der Autor, der sich Steve Thrash genannt hatte, war tot – eigentlich, erklärte die Assistentin, hätte er die Rechte wohl gar nicht verkaufen wollen, aber dann beging er Selbstmord und die Rechte waren beim Verlag gelandet… so ganz klar war ihr die Geschichte nicht. Jedenfalls war Steve vor fünf oder sechs Jahren gestorben. Sein alter Verlag Kamikaze Komiks war natürlich auch auf der Messe und hatte einen großen Stand mit einer Neuauflage seines Werks.

Das Drehbuch interessierte uns. Ich erinnerte mich vage an Ezra Longstein, der einen Regisseur auf seine Todesliste gesetzt hatte, weil er eine Verfilmung nicht mochte. Nick alias Agent Mulder ging also zu Maximilian Haverworth, dem Produzenten der Pinewood Studios, und erklärte, dass in dem Drehbuch möglicherweise Hinweise enthalten wären und er es gern anschauen würde. Haverworth zögerte. Er hatte Angst, dass das Drehbuch im Internet landen könnte, also ließ er Nick eine Unterlassungserklärung unterschreiben. Der zeichnete tatsächlich mit „Agent Mulder“, aber glücklicherweise war der Filmemacher mit den Gedanken ganz woanders.
Ich überflog Jimmys Arbeit. Naja. Kein schlechtes Drehbuch, aber ziemlich uninspiriert. Durchschnitt, orientiert an den letzten 53 Marvel-Filmen. Konnte verstehen, dass ein Autor sich darüber ärgerte.

Unser nächstes Ziel war natürlich Kamikaze Komiks. Auch hier führte Nick das Wort, redete mit dem Verlagsleiter Egon Rottweiler. Der beteuerte, dass ihm Steves Tod ja ganz nah ging, schlimme Geschichte – der arme Kerl, ein Künstler eben, vollkommen unfähig, mit Geld umzugehen. Ein bisschen labil, erst war er pleite und musste die Rechte an seinem Comic verkaufen, dann verließ ihn seine Freundin. Also fuhr er mit seinem blutroten Cabrio über eine Klippe. Tragisch. Immer so emotional, diese Künstler.
Egon Rottweiler war ein Vollidiot und ging mir massiv auf die Nerven. Selbst wenn sein Bedauern nicht nur geheuchelt gewesen wäre – Künstler müssen emotional sein, sonst kommt nur zweitklassiger, wiedergekäuter Schund wie in Jimmys Drehbuch dabei heraus. Ohne Emotionen wäre ja bestimmt alles leichter, keine Panikattacken, keine Selbstzweifel, keine Alpträume, aber eben auch keine Kunst, und eigentlich wollte ich über Steve reden und nicht über… Künstler allgemein. Lassen wir es dabei, okay?

Jedenfalls warf ich ein paar sarkastische Bemerkungen ins Gespräch ein. Rottweiler maulte mich an, wer ich denn überhaupt sei. Ich zeigte ihm meine PI-Lizenz, und er knickte ein. Warum auch immer. Er beteuerte noch ein paar Mal, wie leid ihm die Sache mit Steve tat. Klang trotzdem nicht aufrichtig. Steve war ihm scheißegal.
Von Jimmy Carmichaels Tod wusste Rottweiler allerdings nichts. War überrascht, als er davon hörte. Nein, er hatte sich nicht mit ihm gestritten. Warum auch?

Wir zogen uns zurück und berieten. Mir fiel eine Geschichte ein, die Rachel mal erzählt hatte: Von einem Agenten, der einen viel zu hohen Prozentsatz für seine Leistungen berechnete, nebenher noch mehr abzweigte und seinen Künstler damit in den Ruin trieb. Ob das Steve auch passiert war? Würde erklären, warum er als erfolgreicher Autor pleitegegangen war.

Während wir noch dastanden und berieten, gab es Aufruhr am Kamikaze-Komiks-Stand. Sie hatten Rottweiler ermordet aufgefunden, genauso wie Jimmy. Irgendwer erzählte, es wäre das Blutrote Phantom gewesen – eins der vielen, die hier über die Messe huschten. Das sprach dafür, dass tatsächlich Steve Thrashs Geist dahintersteckte.
Als wir zum Stand liefen, hörte ich eine der Mitarbeiterinnen am Stand schimpfen, dass die Klimaanlage kaputt wäre. Ständig ist es so kalt, beklagte sie sich, und der Luftzug weht die Comics weg. Dauernd musste sie hier wieder aufräumen.
Kalt? Klang nach einem Geist. Ich versuchte, der Kälte zu folgen, schaffte es auch. Lauschte. Rief leise, Steve? Direkt an meinem Ohr eine Stimme – Steve gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch das Blutrote Phantom! Okay, sagte ich, und was willst du? Rache, war die Antwort. Rache an Haverworth, an Carmichael, an Rottweiler, an seinem Agenten, an seiner Freundin… die haben mich umgebracht, klagte der Geist. Das war doch deine eigene Entscheidung, sagte ich ihm. Das gefiel ihm nicht, und er griff mich an. Nicht körperlich, aber seine Kälte war um mich herum, und dann plötzlich auch in mir, eisige Finger schlugen sich in meinen Geist. Schmerzhaft. Meine Sympathie mit Steve erlosch schlagartig. Auch dieses Rache-Geschwätz… die hatten ihn nicht die Klippe runtergeworfen, das war seine Idee.
Also sagte ich leise, aber deutlich, und mit aller Verachtung, die ich aufbringen konnte: Feigling. Das gefiel ihm noch viel weniger, aber ich war auf ihn vorbereitet. So leicht kam er nicht noch mal in meinen Geist, auch wenn mir die Zähne von seinem ersten Angriff klapperten.

Den anderen war wohl aufgefallen, dass ich angespannt mitten in der Menge stand und ins Leere starrte. Anfing, zu zittern. Die Kälte war auch für sie spürbar. Natalie holte einen Salzstreuer aus ihrem Rucksack und warf das Salz in einem weiten Bogen um mich. Schlagartig ließ die Kälte nach, der Angriff hörte auf. Steve – das Blutrote Phantom – war erst mal weg.

Neue Beratung. Wie konnten wir den Geist loswerden? Normalerweise hätten wir Leiche salzen und anzünden können, aber Steves Auto hatte beim Sturz die Klippe hinunter filmreif Feuer gefangen, seine Überreste waren verbrannt. Unrealistisch? Ein bisschen. Vielleicht hatte ihn tatsächlich jemand ermordet, aber bestimmt nicht alle Ziele seines Rachefeldzugs gemeinsam.
Natalie meinte, Kamikaze Komiks hätte die Erstausgabe vom Blutroten Phantom am Stand. Okay, in Ermangelung besserer Ideen beschlossen wir, den Comic zu stehlen. Hoffentlich bekam Kate das nicht mit.

Als erstes brauchten wir eine Ablenkung. Das machten Nick und Natalie, die sich vor dem Stand von Kamikaze Komiks lauthals über irgendwelchen Nerdkram stritten. Währenddessen schlenderten Ally und ich zu der Glasvitrine. Das Schloss sah ziemlich einfach aus, ich konnte Ally ein paar Tipps geben – selber aufmachen ging schlecht. Dafür brauchte man zwei Hände. War für sie aber kein Problem, sie zog einen der Pins aus ihrem Kopf… aus ihrem Kostüm, stocherte in dem Schloss und es ging auf. So weit, so gut.
Dann nahm sie die Erstausgabe, und in dem Moment, als sie das Heft berührte, tauchte hinter ihr das Blutrote Phantom auf. Diesmal nicht nur als Kälte, sondern körperlich manifestiert. Griff sie am Hals und würgte sie, bevor ich etwas tun konnte. Super.

Ich rief Ally zu, sie sollte mir das Heft geben. Machte sie auch, und prompt ließ das Phantom sie los und stürzte auf mich zu. Ich wich aus, blieb in Bewegung, wollte gerade den anderen zurufen, sie sollten Salz und Feuer besorgen, als mich der manifestierte Geist mit einem kräftigen Schlag am Kopf erwischte. Egal. Natalie und Nick waren auch ohne Zuruf auf die richtige Idee gekommen, Natalie gab ihm ihren Salzstreuer und eilte zu Ally, Nick verschanzte sich hinter einem Tisch und ließ sein Feuerzeug auflodern. Aus dem Stand sprang ich über den Tisch (Applaus von einigen Zuschauern, die das wohl für einen Publicity Stunt hielten, danke auch), hielt ihm das Heft hin, er steckte es an, dann noch Salz drüber. Das Blutrote Phantom versuchte, erneut nach mir zu schlagen, aber zu spät. Es löste sich in feine Aschefäden auf und jammerte dabei: Mein Lebenswerk!

Es war immer noch ziemlich chaotisch, Leute riefen, rannten hin und her, jeder hatte alles gesehen und irgendwer hatte bestimmt ein Foto gemacht. Ein paar Leute von Kamikaze Komiks kamen angerannt, regten sich wegen des zerstörten Comics auf. Nick erklärte ihnen, es wäre eins der Blutroten Phantome gewesen. Vermutlich das gleiche, das auch Rottweiler umgebracht hatte. Offenbar war er glaubwürdig genug, jedenfalls hörten wir diese Geschichte in den nächsten zwei Tagen noch in verschiedenen Versionen.

Aber wir hatten die Sache erledigt. Ally hatte ein paar Blutergüsse am Hals, aber das war keine schlimme Verletzung. Konnte sie mit ihrem Kostüm weitgehend überdecken. Mein rechtes Auge fing an, zuzuschwellen. Großartig. Ich wollte meine Lesung ja auf jeden Fall mit einem blauen Auge halten. Aber… vielleicht konnte ich sie deswegen absagen? Ally meinte, nein, auf keinen Fall. Sie kannte ein paar Make-up-Spezialisten unter den Cosplayern, die konnten das bestimmt überschminken. Hurra.

Das drohte mir aber erst am nächsten Tag. Jetzt holte ich Kate wieder ab. Die diskutierte gerade mit Caroline über Seximus und Diversity. Besser als über Leichen, schätze ich.
Aber als wir uns ein paar Bagels holten, merkte ich, dass die Sache – der Tote – meine Tochter noch beschäftigte. Wir setzten uns also draußen in die Sonne und sprachen darüber. Über den Geist, über Rache. Alles Mögliche. Familie. Riefen Tam, Vicky und die Jungs an, machten Fotos von kostümierten Leuten, von seltsamen Merchandising-Artikeln, von absurden Comic-Waffen. Kaufen ein paar Sachen ein, bestellten andere.

Am nächsten Tag war die Lesung. Viel besser als erwartet. Meine Stimme ließ mich nicht im Stich, die Zuhörer waren sehr höflich, und die Fragen, die mir zu persönlich waren, konnte ich mit ein paar allgemeinen Floskeln beantworten. Tatsächlich waren die meisten Leute wirklich nett, und einige Sachen, die sie sagten, sehr gut beobachtet. Okay, ja, ich gebe ja zu, es war schon schmeichelhaft, Fans zu treffen. Leute, die meine Bücher mochten. Die mich nicht deswegen anstarrten, weil ich verkrüppelt war oder unheimlich aussah. War eine nette Abwechslung.

…vielleicht fahre ich nächstes Jahr wieder hin.


Hier mal das Bild, das Barry an Ethan schickt:

giffany_cosplay.jpg

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Salamander on the rocks

Hitze. Eine wahnsinnige, rote, allumfassende und alles verschlingende Hitze. Die Stimme einer Frau. “..und das Feuer entfachen.”

Schweißgebadet wachte ich auf. “Daya?” fragte ich in die Dunkelheit, doch da war niemand, nur das Ticken der Uhr und das leise Summen des Kühlschranks. Ich atmete tief durch, als mein Blick auf den Ibeji fiel. Daya war nicht hier, auch wenn ich gerade ihre Stimme gehört hatte. Seufzend warf ich einen Blick auf den Wecker.
5:30. Keine Zeit, um aufzuwachen. Aber seit ich aus Maine zurück war, schlief ich nicht mehr besonders gut. Ich wusste zwar mit Sicherheit, dass ich nicht verrückt wurde, dank sei Bart Blackwood und Barry Jackson. Zwei Männer, die mit Sicherheit noch viel mehr gesehen hatten als ich, und die immer noch aufrecht standen.

Ich ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Der war auch schonmal voller, dachte ich mir, aber wenn man immer nur durch Amerika flog, um Engel und Knochengeister zu jagen, kommt man halt nicht zum Einkaufen. Ich machte mir einen Kaffee und setzte mich an den Küchentisch, den Kopf in die Hände gestützt.

War ich gestern nicht noch ein einfacher Universitätsdozent gewesen? Was war passiert, dass meine Welt so völlig aus den Fugen geraten war? Das waren doch nicht nur die Engel und der Geist in Camden. Mein Blick fiel auf die Pinnwand neben dem Küchentisch. Neben meinen Vorlesungszeiten, einer Einkaufsliste und dem Lieferzettel von Luigis Pizza Club hing dort ein Foto. Es zeigte drei Leute bei einem Ausflug in den Park: Mich, eine junge hübsche Frau mit honigblonden Haaren sowie neben ihr ein junger Mann, der etwas verdriesslich dreinsah und sich bemühte, mit dem Metall im Gesicht und den Tattoos an den Armen sehr böse auszusehen. Ich musste grinsen, als ich an Neil – Niels Heckler dachte. Wusste der Junge eigentlich, dass sein martialisches Auftreten ihn noch verletzlicher erschienen liess? Manchmal hatte ich das Bedürfnis, ihn einfach in den Arm zu nehmen und zu drücken, aber ich hatte keine Lust, dass der kleine Heckler das nachher falsch verstand und mir Blumen schickte. Abgesehen davon war ich mir sicher, dass er mich nicht leiden konnte. Ich hatte ihm zwar nichts getan, aber mehr als zwei Worte hatte er mit mir noch nie gewechselt.
Neben Niels stand seine Cousine Felicity. Sie lächelte in die Kamera und wirkte locker und entspannt. Verdammt, warum war ich so feige und sagte ihr nicht einfach, was los war? Warum flog ich lieber durchs Land und liess sie diese englische Mumie heiraten? Ich war doch auch sonst nicht auf den Mund gefallen. Aber die Angst, dass sie nein sagen könnte und unsere Freundschaft dann für immer dahin war, war anscheinend größer als mein Wunsch, sie endlich ganz nahe bei mir zu haben.

5:45. Einschlafen würde ich jetzt auch nicht mehr, also beschloß ich, eine Runde zu laufen. Vielleicht würde mir das helfen, den Kopf wieder freizukriegen.

Feuer. Überall Feuer. Alles verzehrendes Feuer, dass sich in jede Pore frisst.

Nein, keine Chance. Ich musste Felicity anrufen.
“Heckler?” gähnte sie so unverschämt charmant ins Telefon.
Heirate nicht, Liz. Ich liebe dich.

“Ich bin’s, Akintola. Sorry, wenn ich dich geweckt habe. Ich.. ich.. hatte wieder einen Traum.” Sie war schlagartig hellwach. “Was war es diesmal?” fragte sie.

Ich erzählte ihr, was ich geträumt hatte, und sie machte nur “Hmhmhmm.” Dann: “Ich rufe dich zurück.” Kurze Zeit später klingelte mein Telefon. “Sagt dir Bagdad etwas? Das in Arizona, nicht im Irak. Spontane Selbstentzündungen. Ich schätze, deine Schwester will, dass du da mal hinfliegst.” Seufzend bedankte ich mich und erkundigte mich noch nach ihrem Auto – ihr komischer Cousin war damit irgendwie über alle Berge. Sie beruhigte mich, Niels war auf dem Rückweg von Montana.
Verdammt, Kleiner, von mir aus kannst du die Route 66 auf- und abfahren, dann kann ich nämlich glänzen und das tun, was Alfie nicht macht – deiner Cousine ein neues Auto vor die Tür stellen.
Aber eigentlich war ich auch froh darüber, dass der buntbemalte junge Mann zurückkam. So hatte ich wenigstens keinen Grund mehr für ein teures Geschenk und das Gefühl, dass ich mir Felicitys Liebe erkaufen würde.

Ich legte auf und buchte noch für den gleichen Tag einen Flug nach Arizona. Langsam war es echt an der Zeit, mir Vielfliegermeilen zuzulegen. Ich packte ein paar Sachen ein – es war heiß in Arizona, aber ich war Hitze gewohnt, trotzdem wollte ich nicht rumlaufen, als sei ich gerade unter einem Stein hervorgezogen worden.

Als in Bagdad eintraf, hatte ich bereits das Gefühl, gegrillt worden zu sein. Ich war offensichtlich zu lange aus Lagos weg, als dass die Hitze mir gar nichts mehr ausgemacht hätte. Während ich noch überlegte, wo ich als erstes hingehen sollte, um etwas über die Selbstentzündungen zu erfahren, erspähte ich vor der Mall von Bagdad einen mir wohlbekannten Land Rover. Es überraschte mich allerdings nicht wirklich, ihn dort zu sehen. Mit Sicherheit war sie aus dem gleichen Grund wie ich hier. Wobei ich mich fragte, ob sie inzwischen wieder fit genug war, als ich Irene Hooper-Winslow das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie mit kreidebleichem Gesicht auf der Luftmatratze vor dem Bauwagen auf dem Gelände des ehemaligen Domus Ruber gelegen und mir versucht zu erklären, dass sie keine weibliche Pflegekraft brauchte.

Ich betrat die Mall und sah mich um. Recht schnell hatte ich Irene in einem Eiscafé ausgemacht – was für eine hervorragende Idee – wo sie in Begleitung einer mir unbekannten dunkelhaarigen Schönheit und von Cal saß.

Oh. Grandios. Cal.

Meinen Ärger über die Anwesenheit des Mannes, dessen Gesellschaft ich auf der Fahrt nach Arkansas gelernt hatte zu hassen, herunterschluckend, betrat ich das Café und begrüsste die beiden. Cal war anzusehen, dass er genauso begeistert war wie ich, dass wir uns hier trafen, und er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Irene jedoch schien die Spannungen zwischen uns nicht zu bemerken – oder aber sie wollte sie nicht bemerken, sie stellte mir stattdessen die junge Frau vor, die mit am Tisch saß: Chloe Bush, eine Reporterin. Sie war mir deutlich sympathischer und angenehmer als Gesellschaft als Cal.
Aber bevor ich meine Bekanntschaft mit Ms Bush vertiefen und die zu Irene auffrischen konnte, mahnte Cal zur Eile. Der alte Spielverderber. Er wollte mit irgendeiner Melina reden, die offensichtlich mehr wusste über die Selbstentzündungen.

Wir gingen also wieder auf die Straße, als Irene auf einmal Cal anstieß und auf etwas zeigte. Irgendein Tier, schien mir, dass jetzt schnell unter ein Auto huschte. Sie ging zu dem Auto, und Cal folgte ihr. Als sie ihre Hand auf die Motorhaube legte, gab sie einen kurzen Laut des Entsetzens von sich und schüttelte die Hand dann, als habe sie sich verbrannt.

Ich kam etwas näher und sah jetzt, dass tatsächlich ein Tier zwischen Irenes Beinen durchsauste. Es war ein Feuersalamander, aber er schien mir größer zu sein als die Exemplare, die ich in Eton in der Naturkundlichen Sammlung gesehen hatte. Chloe, ganz Reporterin, hatte derweil ihre Kamera gezückt und begann, wie wild Fotos zu machen – oder sah sie doch einfach nur durch den Sucher?

Irene, Cal und ich liefen hinter dem Tier her, und ich merkte, wie mir immer heißer wurde, und das lag sicher nicht nur daran, dass ich mich in der Hitze von Bagdad, Arizona, schnell bewegte. Das Tier vor uns schien seinen Namen zu recht zu tragen, als Irene nach ihm greifen wollte, zog sie ihre Hand zurück, als habe sie sich verbrannt. Ms Bush begann, das Tier weg von den Häusern und den Autos zu scheuchen, und ich überlegte, ob es eine Möglichkeit gab, die Kreatur unbeschadet einzufangen.

Cal kam auf die unglaublich innovative Idee, das Tier zu erstechen. Das war wohl seine Antwort auf alles: Erst schlagen, dann fragen. Ich beschloß, es tierfreundlicher anzugehen. Leider war “Flugtauglichkeit” wohl nichts, worauf man bei Burberry besonderen Wert legte, denn als ich mein Jacket nach dem Salamander warf, rannte dieser unbeirrt weiter in ein Erdloch, in dem wir ihn noch fiepen und herumwuseln hörten.

Cal sah mich nur wütend an. “Das hast du ja ganz toll hinbekommen,” meinte er nur kopfschüttelnd. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. So kam er mir bestimmt nicht. “Das ist doch Ihre Antwort auf alles, was Sie nicht kennen: Es einfach umbringen,” hielt ich ihm entgegen. “Willst du warten, bis es losgeht und den nächsten Menschen anzündet?” fragte er zurück. Warum duzte mich dieser impertinente Mensch eigentlich die ganze Zeit?

“Vielleicht hätten wir gesehen, ob das Tier in ein Nest läuft oder zu einer bestimmten Person,” erklärte ich. Bei dem, was ich bis jetzt gesehen hatte, hielt ich es nicht für ausgeschlossen, dass hier irgendwo ein Irrer herumlief, der Salamander züchtete, die Menschen in Brand steckten, um irgendeinen dämonischen Pakt zu erfüllen. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass ich damit gar nicht so falsch lag, bis auf die Sache mit dem Dämonenpakt.
Cal brummte als Erwiderung jetzt nur etwas, dass vage nach “mit Jones reden” klang.

Irene sah uns derweil belustigt an, dann bat sie Cal um seinen Flachmann. Natürlich zog der Paramilitär einen silbernen Flachmann aus seiner Hemdtasche – oh gott, was war dieser Typ eigentlich für ein wandelndes Klischee – und reichte ihn der Britin. Sie drehte die Flasche auf und schüttete sehr zur Überraschung von uns anderen drei den Inhalt in das Erdloch.

Es gab eine Verpuffung, und Irenes Gesichtsausdruck sagte mir, dass sie genau das erwartet hatte. Das anschließende Fiepen verriet uns jedoch, dass der Salamander noch lebte.

Cal hatte jetzt offensichtlich genug, nachdem Irene seinen Stoff weggekippt hatte und ich ihn davon abgehalten hatte, etwas umzubringen. Mit grimmigem Gesichtsausdruck stapfte er in Richtung Feuerwache, wo er sich mit Melina Jones treffen wollte.

Da ich dagegen war, das Tier zu töten – irgendetwas in mir sagte mir, dass es nicht richtig war – fand ich, dass es angemessen war, eine Falle zu bauen. Ein Eimer und Grillkohle waren schnell besorgt, nachdem mir eingefallen war, dass Salamander sich der Sage nach von Feuer ernährten.

Als ich aus dem Supermarkt zurückkam, hörte ich, wie Irene mit jemandem namens Charles telefonierte. Offensichtlich jemand, der sich in okkulter Materie gut auskannte, denn als sie das Gespräch beendet hatte, berichtete sie uns, was Charles ihr gesagt hatte. Nach der mittelalterlichen Mystik handelte es sich bei dem kleinen Kerlchen, der gerade in dem Loch vor sich hinfiepte, um eine Elementarkreatur, und er war wesentlich gefährlicher als er aussah. Seine Spezies zog es vor, ihre Larven in menschlichen Wirten ausbrüten zu lassen, und sie ernährten sich von Hitze und Brennbarem, wie ich bereits richtig gewusst hatte.

Weiterhin hatte Charles berichtet, dass die größten aus dem Mittelalter bekannten Exemplare wohl um die fünf Meter lang waren. Wieviel Fuß waren das? Ich rechnete und befand: Definitiv zuviele. Langsam dämmerte mir, dass Cal wohl doch recht gehabt hatte.
Mit gewöhnlichen Waffen war den Salamandern nicht beizukommen, dagegen waren sie immun. Silber half – Silber half immer, behauptete Felicity – aber noch mehr hassten die Tiere Kälte.
Charles wusste auch, was man tun konnte, wenn einen die Larve getroffen hatte: Wenn man sie ortete, musste die Person kühl gehalten werden und dann konnte die Larve herausgeschnitten werden.

Achso. Das war ja überhaupt kein Problem, in der Gluthitze von Arizona einen kühlen Platz zu finden.

Woher die Tiere überhaupt kamen, das konnte Charles auch noch beantworten (Dieser Mann schien ein wandelndes okkultes Lexikon zu sein, und ich war immer der Meinung, ich hätte schon Ahnung). Sie wurden entweder beschworen oder kamen natürlich vor, beide Möglichkeiten lösten bei uns nicht gerade Begeisterungsstürme aus. Die Tatsache, dass die Tiere in den Vereinigten Staaten nicht heimisch waren, beruhigte uns nur unwesentlich

Aber bevor wir uns Sorgen machen konnten, woher nun genau die Tiere kamen, mussten wir uns erstmal um den Salamander in dem Loch vor uns kümmern. Irene füllte die Kohle in den Eimer und zündete sie an. Einfache Sache, aber ich musste ihr trotzdem ein Kompliment machen. “Ich mag die Art, wie Sie denken.” Sie sah mich verwirrt an. “Äh.. simpel?” Gut, wenn sie das so sehen wollte, ich hatte es anders gemeint.

Der Salamander liess nicht lange auf sich warten und kam aus dem Loch gekrabbelt, um sich sein Futter in dem Eimer abzuholen, und ich verschloß den Eimer. Leider war der inzwischen so heiß, dass ich mir dabei auch die Hand verbrannte, aber das war es mir wert. Außerdem machten Narben angeblich interessant.
Während der Eimer auf dem Boden stand, hörten wir immer wieder Geräusche daraus, wie kleine Explosionen. Offensichtlich lud das Tier sich durch die glühenden Kohlen selbst auf. Der Eimer strahlte inzwischen auch einiges an Hitze ab und würde es nicht lange machen, wenn wir nicht bald einen kühleren Ort fanden. Chloe schlug vor, ein Eiscafé oder eine Metzgerei aufzusuchen, eben irgendeinen Ort, an dem Lebensmittel gefroren aufbewahrt wurden.
Aber was war mit den Fragen, die man uns sicher stellen würde? Niemand wollte erklären müssen, dass in dem Eimer ein Salamander rumwuselte, dessen Larven Menschen in Brand setzen konnten.

So musste also erstmal Crushed Ice herhalten, das wir in den Eimer füllten. Das Tier wurde langsamer, aber das Eis schmolz auch vor sich hin. Lange würde das nicht halten.

Chloe war sehr schweigsam gewesen, während Irene berichtet hatte, was ihr ihr Telefon-Joker gesagt hatte, anscheinend hatte sie eine Idee gehabt. “Der Polizist im Eiscafé,” sagte sie schließlich. Ich sah sie fragend an, von welchem Polizist sprach sie? Dann erinnerte ich mich, dass am Nebentisch vorhin ein Mann in Polizeiuniform gesessen hatte, der unglaublich geschwitzt hatte, ob es nun wegen der Hitze und seines Leibesumfangs gewesen war oder aus einem anderen Grund.

Gemeinsam gingen wir zurück ins Eiscafé, wo Chloe den Mann nicht etwa ansprach, sondern ein Foto von ihm machte. Oder sah sie einfach nur durch den Sucher? Ich hörte kein Klicken, aber ich verstand von Fotografie auch soviel wie eine Kuh vom Fahrrad fahren. Plötzlich ließ Chloe die Kamera wieder sinken und ging zielstrebig auf eine junge Frau zu, die alleine an einem Tisch saß und einen Eiskaffee schlürfte.

Mit einem freundlichen Lächeln – ganz Reporterin – setzte sie sich an den Tisch und erzählte der jungen Frau eine von vorne bis hinten erlogene, aber ungemein glaubwürdige Story über einen Virus, der von Tieren auf Menschen übertragen würde und schuld an den Selbstentzündungen war. Ich sah Chloe bewundernd zu, wie sie die junge Frau behutsam, aber bestimmt davon überzeugte, sich zu einem Arzt zu begeben. Sie musste einen wirklich guten Job machen, ich beschloß, mir ihren Namen zu merken.

Wir verließen das Café wieder, wobei Irene schließlich einfiel, dass sie noch eine Kühlbox im Auto hatte, die groß genug war, und dort hinein kam der kleine Kerl, der immer noch im Eimer saß. Das würde zwar nicht lange halten, aber immerhin besser als nichts.

Inzwischen war auch Cal zurückgekehrt von seinem Treffen mit Melina. Sie hatte ihm Näheres über die Selbstverbrennungen erzählt, nichts daran schien auf einen okkulten Hintergrund zu deuten. Die Opfer waren alle im Freien verbrannt, sie alle hatten sich überhitzt gefühlt und darüber geklagt, wie heiß ihnen war. Bei Eliza Montes, einer Sachbearbeiterin der Kupfermine, war sogar ihr Freund Zeuge der Selbstentzündung geworden. Auf die Frage nach dem Salamander hatte Melina gesagt, dass Kinder eine Echse oder eine Schlange gesehen haben wollten.

Dann hatte sie Cal einen Facebook-Eintrag gezeigt, den Bobby Marks, ein Tourist, verfasst hatte. Er hatte ein Foto mit Tierspuren gepostet, die er sich nicht erklären konnte, draußen in den Bergen war das gewesen. Mehr wusste Melina auch nicht, aber sie hatte Cal empfohlen, mit einem gewissen Herimano de Salvo zu sprechen, einem Reptilienexperten, der außerhalb der Stadt eine Echsenfarm besaß.

Das ließ uns aufhorchen, und wir waren uns alle vier einig, dass dieser de Salvo unser nächster Ansprechpartner sein musste. Vorher aber rief Cal noch einmal bei Melina an und sagte ihr, dass sie beim County anrufen sollte, um eine Warnung durchzugeben, dass durch die Salamander eine Seuche eingeschleppt worden war. Außerdem sollte sie sich nach einem ausreichend großen Kühlraum für die bereits Infizierten umhören.

Die Echsenfarm wirkte so, als sei dort schon länger nicht mehr aufgeräumt worden. Überall standen leere Terrarien herum und Gehege, dazwischen standen Schilder, auf denen Besucher darauf hingewiesen wurden, was sie zu tun hatten, wenn sie einem der Tiere über den Weg liefen. Einen Laden gab es auch, aber der war geschlossen.

Cal ging schnurstracks zur Eingangstür und klopfte. Eins musste man dem Mann lassen, er kam ohne Umschweife zur Sache. Ein unrasierter, leicht benommen aussehender Mittdreissiger öffnete die Tür, und Cal hielt ihm sofort ein Bild des Salamanders unter die Nase. “Schonmal gesehen?” wollte er wissen, und de Salvo blinzelte. “Ich hab alles unter Kontrolle,” murmelte er, “das kann nicht passieren.” In diesem Moment hielt Irene dem Echsenforscher ihre Waffe unters Kinn, und Cal schob ihn zurück in die Wohnung. De Salvo begann zu protestieren, doch gegen Irene und Cal hatte er keine Chance.

“Wo ist das Echsenvieh?” fragte Cal, nachdem wir uns alle in die Küche der kleinen Wohnung begeben hatten. Herimano schüttelte benommen den Kopf. Seiner roten Gesichtsfarbe nach zu urteilen, hatte er zumindest eine Larve im Körper.

Das Feuer entfachen..

Plötzlich hatte ich den Eindruck, dass ich Dayas Stimme hörte. Was meinte sie nur?
“.. Sie züchten die Salamander in Ihrem Körper?” Das war Irenes Stimme. Cal stand schweigend neben dem Echsenforscher, der jetzt etwas von “Alles unter Kontrolle” und “Seltenen Tieren” murmelte. Widerwillig gab er zu, dass es in den Berge noch ein weiteres Weibchen gab und er sich freiwillig als Wirt für dessen Jungtiere zur Verfügung gestellt hatte.

Ich spürte, wie Zorn in mir aufstieg. Was war dieser Herimano nur für ein selbstgerechtes Arschloch? Es war überhaupt nicht meine Art, mich so gehen zu lassen, aber dieser Typ hatte es nicht besser verdient. “Sie haben mit Menschenleben gespielt!” fuhr ich ihn an. Er sah mich an, als habe ich ihm eröffnet, ich sei der Herrgott persönlich. Seine glasigen Augen sahen an mir vorbei, und ich hatte nicht übel Lust, ihn einfach zu packen und jede Larve einzeln aus seinem Körper zu holen. Auch Irene war nicht viel besser auf den Echsenfreund zu sprechen, sie schlug vor, ihn fernab jeder Kühlung an einen Stuhl zu fesseln, bis er uns verriet, wo sich das Tier versteckt hielt.

Chloe jedoch versuchte, die Lage wieder zu beruhigen. Offensichtlich war sie diplomatischer veranlagt als ich im Moment oder die Britin. Herimano schien jedoch beruhigt zu sein, er konzentrierte sich jetzt auf die Reporterin. “Ich will nicht, dass die Tiere umgebracht werden,” stieß er hervor, dann zeigte er auf mich. “Leute wie der sind schuld an allem! An der globalen Erwärmung! Klimasünder!” Wäre es nicht so unglaublich absurd gewesen, ich hätte laut losgelacht. Los, Herimano, sag mir auch noch, dass Schwarze generell schuld an allem sind, damit ich genug Gründe habe, dir eine reinzuzimmern.

War das wirklich ich, der diese Gedanken hegte?
Daya, liebe Daya, hast du das gemeint, als du sagtest, ich solle das Feuer entfachen?
Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass Cal grinste. War wohl unglaublich komisch, wie der Bücherwurm sich aufregte, was?

“Und überhaupt.. Tote? Was für Tote? Ich weiß von nichts. Die da unten interessieren sich ja nicht für mich, und ich mich nicht für sie.” In seiner trotzigen Haltung erinnerte mich de Salvo jetzt an Felicitys bunten Cousin, der hatte auch ab und an solche Anwandlungen. Allerdings wäre der sicher nicht auf so blöde Ideen gekommen. Oder?

Aber bevor ich mich weiter aufregen konnte, hatte Chloe den Echsenmann schon wieder beruhigt. Widerwillig erklärte er sich bereit, uns zu helfen, als Irene ihn fragte, was er denn nun vorschlage, was wir tun sollten. Er wollte das zweite Weibchen einfangen, um es vor den Menschen zu schützen – wie edel von ihm, wer schützte denn die Menschen vor Leuten wie ihm? Aber er war zumindest so kooperativ, dass er meinte, die junge Frau aus dem Café müsse die Stelle an ihrem Arm, wo die Larve saß, kühlen, dann könnte die Larve herausoperiert werden.

Aber wie kühlten wir denn nun das Muttertier? Irgendjemand – ich glaube, es war Chloe oder Irene – warf flüssigen Stickstoff in den Raum. Klar, das Zeug war definitiv geeignet, und es war verfügbar. Und auch der Transport stellte kein Problem dar, denn de Salvo hatte einen alten Feuerwehrwagen, mit dem er auch die Tiere gekühlt hatte, die er aus den Bergen geholt hatte. Wir überlegten, ob wir uns Schutzanzüge besorgen sollten, um einer Infizierung vorzubeugen, aber da wir nun wussten, was wir im Falle eines Falles zu tun hatten, verzichteten wir darauf.

Mit Hilfe einer Karte, die wir von Melina Jones hatten, und mit den Facebook-Bildern von Bobby Marks gelang es uns, das Gebiet, wo das Muttertier sich aufhalten konnte, einzugrenzen. Irene fand Spuren, die auf eine Klippe mit wenig Vegetation, aber vielen natürlichen Höhlen hindeutete. Dort wollten wir beginnen. De Salvo bestand darauf, uns zu begleiten, immerhin war es sein Auto, und er wollte sichergehen, dass wir dem Tier nichts antaten.
Ja sicher, Herimano. Träum weiter.

Die Klippe stellte sich als Sandsteinfelsen heraus, und Chloe zückte sogleich ihre Kamera, um zu gucken, wo sich das Weibchen aufhielt. Sie deutete auf eine Höhle, wo sie einen Lichtschein gesehen hatte.

Cal bereitete eine Falle für das Tier vor, indem er eine Spur aus brennenden Briketts legte, und neben dem Auto entzündete er ein großes Feuer. Bevor er sonst noch was tat, fiel mir ein, dass ich mal gelesen hatte, dass die Tiere an ihrem Kopf eine Schwachstelle hatten. Wenn er schon mit dem Schlauch mit dem eiskalten Wasser auf das Muttertier hielt, dann am besten dorthin.
Chloe knipste ein paar Mal mit ihrer Kamera, und bevor ich sie fragen konnte, warum sie in dieser Situation Fotos machte, wurde mir bewusst, dass sie das Tier blenden wollte. Cleveres Mädchen!

Irene und Cal hielten den Feuerwehrschlauch auf das Tier, während Chloe vor ihm wegrannte. Während ihres Foto-Stunts war sie ziemlich nahe herangekommen. Trotzdem spuckte das Tier nach ihr und traf sie. Schnell warf ich ihr einen Kühlpack zu, nachdem ich aus dem Auto ausgestiegen war. Hoffentlich blieb Herimano trotzdem weiterhin auf dem Beifahrersitz sitzen.

Cal gelang es derweil, das Tier ein wenig zu betäuben, indem er mit dem Wasserstrahl auf das Maul hielt. Natürlich wehrte das Salamanderweibchen sich, sie warf Feuer nach dem Jäger, der jedoch nur kurz zuckte, als die Flammen ihn trafen. Wütend und getroffen zog sich das Weibchen schließlich zum Feuer zurück.

Chloe wollte das Feuer löschen, damit das Weibchen keine Möglichkeit mehr hatte, sich mehr oder weniger aufzuladen, und trat mit ihren Füßen Sand in die Grube. Natürlich blieb das auch für sie nicht ohne Folgen, an ihrem schmerzverzerrten Gesichtsausdruck konnte ich sehen, dass sie sich ziemlich verbrannt haben musste.

Aber trotz unserer Bemühungen war das Weibchen immer noch aktiv, zwar langsamer, aber sie bewegte sich immer noch. Denk nach, Akintola, denk nach, irgendwo tief in meinem Hinterkopf hatte ich das Gefühl, dass ich schon einmal mehr über Feuersalamander gewusst hatte. Wasser.. Pfütze.. Kälte..

“Cal! Halten Sie mit dem Schlauch unter das Weibchen!” rief ich ihm zu, obwohl ich nicht erwartete, dass er auf mich hörte. Aber tatsächlich, er tat, was ich ihm vorgeschlagen hatte, und legte eine Eiswasserpfütze unter dem Tier an. Das war im wahrsten Sinne des Wortes der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, wütend schnaubend versuchte das Weibchen noch einmal, nach Cal zu schnappen, aber ihre Bewegungen waren inzwischen so langsam, dass sie nach einem Schritt betäubt zusammenbrach.

Cal zog ein Messer aus dem Gürtel und ging auf das Tier zu. Irene, die genau wusste, was er vorhatte, ging zum Feuerwehrauto und verwickelte Herimano in ein Gespräch. “Sagen Sie..” begann sie und führte den Echsenforscher von dem Salamander-Weibchen weg, “wie kann man denn so ein Tier sicher transportieren? Sie haben da doch Erfahrung..”
Als Cal sich sicher sein konnte, dass sie und Herimano außer Sicht – und Hörweite waren, schnitt er mit einer schnellen Handbewegung dem Weibchen den Kopf ab. Währenddessen kümmerte ich mich um Chloe, die die Larve in ihrem Arm schon mit dem Kühlpack schockgefrostet hatte, aber ihre Brandwunden mussten zumindest verbunden werden.

Irenes Ablenkung war zwar gut, aber nicht gut genug, denn plötzlich drehte er sich um und kam auf uns zugelaufen und zeterte rum. Bei allen Göttern, was immer dieser Mann nahm, er sollte es niedriger dosieren oder so hoch, dass er niemanden mehr störte. Er machte mich unglaublich wütend.

“Hören Sie, vielleicht sollten wir das FBI anrufen,” schlug ich ihm vor, während ich versuchte, meine Stimme so freundlich wie möglich klingen zu lassen. Die Nummer von Agent Saitou hatte ich bereits in meinem Handy rausgesucht. “Ja! Das ist eine gute Idee! Sie Umweltsünder! Das FBI! Eine gute Idee!” Meine Güte, ich konnte förmlich die Ausrufezeichen am Ende jedes Satzes hören.

Aber im Gegensatz zu uns hatte Herimano kein Telefon dabei, und so wurde er von Irene wieder abgelenkt, die ihm erklärte, dass sie ihm helfen wollte, die Babysalamander einzusammeln, die mit Sicherheit in den Bergen noch herumliefen. Außerdem wollte sie mit ihm in die Stadt, damit er der jungen Frau half, die noch eine Larve im Arm hatte.

Als die beiden auf Herimanos Farm in Irenes Auto stiegen, warf Cal mir einen Blick zu. “Wir räumen hier auf,” meinte er nur, und es bedurfte keiner weiteren Worte. Ich war noch nie irgendwo eingebrochen oder hatte etwas illegaleres getan als Falschparken, aber es fühlte sich… gut an. Gemeinsam sorgten wir dafür, dass keiner der Salamander, die sich in den Terrarien im Keller der Farm befanden, noch irgendeiner Menschenseele gefährlich werden konnten. Nachdem wir fertig waren, traten wir schnell den Rückzug an, denn mit Sicherheit hatte Herimano inzwischen das FBI angerufen, oder die Polizei, und weder Cal noch ich wollten den Gesetzeshütern begegnen.

“Gut gemacht,” meinte Cal, als wir wieder in der Stadt waren, und klopfte mir auf die Schulter. Ich war überrascht. Mit einem Lob von ihm hätte ich niemals gerechnet.

Wir trafen uns noch einmal im Café, um etwas zu trinken und uns voneinander zu verabschieden. Chloe schien nachdenklich, sie war der Meinung, dass wir dem Echsenforscher vielleicht doch unrecht getan hatten. Ich widersprach ihr, meiner Meinung nach war der Typ ein gemeingefährlicher Irrer. Und manche Tierarten vertragen sich einfach nicht mit Menschen.
Irene schien eine ähnliche Meinung zu haben, sie gab zu bedenken, was alles hätte passieren können, wenn Herimano doch nicht mehr alles unter Kontrolle gehabt hätte, oder wenn er krank geworden wäre. Abgesehen davon war sie guter Dinge, ihr war es gelungen, einen der Salamander tiefzukühlen und als Forschungsobjekt zu behalten.

Ich trat noch am selben Tag den Rückflug nach Seattle an. Erschöpft von den heutigen Ereignissen, schlief ich ein in dem Moment, in dem das Flugzeug abhob, und träumte seltsame Dinge, wie von einer Frau, die einen bunten Schleier trug, und einer Straße, die in ein Sumpfgebiet führte.

Das Feuer. Das Feuer wird kommen, und es wird alles verbrennen.

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Eine mörderische Mumie
Lyle. Flann, Sam, Jon, Bart

Lyle war gerade in Chicago angekommen, als er bestohlen wurde. Er war unaufmerksam und hatte die historische Hinweistafel über einen Mafioso studiert, als ihn eine junge Frau anrempelte. Sie lächelte nett, entschuldigte sich, und er dachte sich nicht viel dabei, bis ihm auffiel, dass das Geld, das er in der Hosentasche gehabt hatte, weg war. Das war schade, es waren fast 300 Dollar gewesen, die er auf einer Baustelle verdient hatte. Na gut, er würde schon etwas finden. Wenigstens war seine Tasche mit Jonathans Buch noch da.

Leider war es gar nicht so einfach, in Chicago irgendwo unterzukommen. Aber es war ja Sommer, das Wetter war gut, und Marjorie, eine ältere Frau ohne Wohnsitz, die viel mit Aliens redete, empfahl Lyle, sich mal beim Field Museum of Natural History umzuschauen. „Da kannste gut pennen“, sagte sie.
Tatsächlich gab es bei dem Museum eine etwas abgelegene Stelle in der Nähe eines Kanals, an der sich ein paar Obdachlose versammelten. Die Abluftschächte des Museums waren gut geeignet, um dort zu schlafen – im Sommer kam kühle Luft, im Winter warme. Aber die Leute waren nervös und aufgeregt. Lyle erfuhr, dass letzte Woche vier Menschen ermordet worden waren. Die Polizei hatte ihre Leichen vor einigen Tagen aus dem Kanal gefischt, den Frauen waren die Köpfe abgetrennt worden, den Männern das Herz herausgeschnitten. „Aber niemand kümmert sich darum“, schimpfte eine Frau in einem verschlissenen rosa Hausanzug, „interessiert sich ja keiner für uns Penner.“

Das klang einigermaßen merkwürdig. Lyle beschloss, sich mal in der Gegend umzuschauen. Zufällig traf er dabei Bartolomäus Blackwood, der im Museum zu tun hatte – er war ziemlich erstaunt, den älteren Mann hier zu treffen, aber es war keine Zeit für sentimentale Begrüßungen, wenn Leute starben. Mr. Blackwood meinte, Lyle sollte sich mal bei den Obdachlosen hier genauer umhören. „Ich hole uns solange etwas zu essen.“ Das war mal eine gute Idee. So viel hatte Lyle heute noch nicht zu sich genommen, einen alten Muffin und ein paar Scheiben Käse.
Aber als er zu der Gruppe bei den Abluftschächten kam, lief ihm eine weitere Bekannte über den Weg: Sam, die Jägerin, die er bei der Geschichte mit der bösen alten Frau getroffen hatte. Sie hatte ihm damals ein paar gute Tipps gegeben, aber er hatte den Eindruck, dass sie nicht sehr erfreut war, ihn hier zu treffen. Trotzdem kamen sie überein, ihre spärlichen Informationen auszutauschen und gemeinsam weiter zu forschen. Sam kannte eines der Opfer, einen Mann namens Truman, und war deswegen besonders daran interessiert, den Mörder zu finden.

Während Sam sich angeregt mit Larry, einem betrunkenen Philosophen, über Traum und Realität unterhielt, bemerkte Lyle einen Beobachter: Einen Asiaten in einem Anzug, der ihm freundlich zunickte, sich aber zurückhielt. Jonathan Saitou! Der FBI-Agent. Lyles Herz klopfte merkwürdig schnell, als er ihn sah. War er hier, um den Fall zu untersuchen? Falls ja, konnte Lyle ihm hoffentlich helfen.

Als Mr. Blackwood zurückkam, erzählte Larry gerade, dass er gesehen hatte, wie Truman eine Treppe hinuntergestürzt war. Oder hatte Larry das nur geträumt? Er wusste es nicht genau. Aber falls ja, dann hatte er auch geträumt, dass ihm jemand niedergeschlagen hatte, und jetzt tat ihm der Kopf weh. Merkwürdiger Traum. Immerhin hatte er eine kräftige Beule am Schädel.
An der Treppe fand Lyle keine Spuren, also machte er sich auf den Weg zum Kanal. Er hoffte, dort etwas zu finden, aber es hatte in den letzten Tagen viel geregnet. Jegliche Spuren waren weggewaschen.

Allerdings fand er am Ufer des Kanals etwas anderes, oder besser gesagt: Jemanden anderes. Der Fall der ermordeten Obdachlosen lockte Jäger offenbar an wie die Fliegen, denn auch Flann Breugadair war da. Den kannte Lyle ja schon aus New York.

Nachdem sich alle vorgestellt hatten, tauschten Flann und Jonathan Informationen aus: Alle Opfer waren niedergeschlagen worden, die Herzen waren fachmännisch aus dem Brustkorb entfernt worden (nicht unbedingt von einem Chirurgen, eher von einem erfahrenen Metzger). Die Waffe war scharf, vermutlich ein großes Messer, die Kante glatt, aber kein Skalpell. Alle waren ausgeblutet, aber keine Spuren von Vampirzähnen.
Die Jäger spekulierten ein wenig. Was konnte das sein? Vampire benutzten eigentlich keine Messer. Vielleicht ein Blutopfer? Gab es einen Zusammenhang mit dem Museum?

Sam googelte kurz und fand heraus, dass neben einer Piratenausstellung und Sue, dem Tyrannosaurus Rex, auch noch ein weiteres Highlight angepriesen wurde: Der aztekische Hohepriester Itzli war vor kurzem mit seinem Obsidianmesser wiedervereint worden. Das klang allerdings ominös, weil die Azteken ja gern Menschen geopfert hatten. Sam meinte zwar, das wäre doch zu einfach, aber in Ermangelung anderer Ideen ging die Jägertruppe erst mal ins Museum. Flann kaufte ein Gruppenticket, also konnte auch Larry mit.

Drin kaufte sich Mr. Blackwood als erstes eine Replik des Obsidianmessers von Itzli, ein teures aus echtem Stein. Der Rest sah sich die kleinen Itzli-Figürchen und Miniatur-Sues an, die man im Museumshop ebenfalls kaufen konnte.
Während die Gruppe in Richtung der Azteken-Ausstellung ging, unterhielten sich Bart Blackwood und Sam über eine gewissen Julie, die Jon wohl auch kannte und grüßen ließ. Lyle hatte sie noch nicht getroffen, aber er merkte sich den Namen. Vielleicht lief er ihr ja mal über den Weg.

Schließlich kamen die Jäger in dem Raum an, in dem die Mumie ausgestellt wurde. Der alte Aztekenpriester stand auf einem Podest in einem Glaskasten, vor ihm lag das Obsidianmesser in einer anderen Vitrine. Es war auch eine Museumsangestellte da, Gloria Romero Borgia, die Flann gern seine vielen Fragen beantwortete: Die Mumie im Glaskasten war echt. Das Messer wurde ursprünglich mit ihr gefunden, aber die Familie derjenigen, die den Fund gemacht hatten, wollten es dem Museum zunächst nicht überlassen. Erst vor kurzem starb der letzte Nachfahr und sie konnten das Artefakt überführen.
Ms. Romero redete sehr gern über Itzli und die Azteken. Sie schlief gerade relativ wenig, weil sie so mit der Ausstellung beschäftigt war, aber die würde auch nur drei Monate dauern, weil die Mumie lichtempfindlich war.
Es gab eine Plakette neben den Vitrinen, auf der stand, dass Itzli der Hohepriester von Huizilopochtli, dem aztekischen Gott der Sonne, war. Der brauchte ständig Blut und Herzen, damit er weiter scheinen konnte, und Itzli hatte ihm Leute geopfert, damit das auch passierte. Erst letzte Woche war das Blumenfest gewesen, bei dem immer sehr viele Opfer gebracht wurden. Also genau dann, als die Obdachlosen ermordet wurden.

Schon wieder so eine merkwürdige Religion. Die Geschichte mit dem Pessachritual war ja noch harmlos gewesen, aber das hier? Lyle flachste mit Flann herum, dass sie sich immer dann trafen, wenn seltsame religiöse Dinge passierten – was würde es beim nächsten Mal sein? Buddhisten? Amerikanische Ureinwohner? Gut, Azteken waren ja amerikanische Ureinwohner, also war das vielleicht abgehakt.

Jonathan fragte Ms. Romero, ob es Legenden über Flüche gäbe. „Nein“, sagte sie, „gar nicht. Itzli selbst war kerngesund, angeblich ist er 208 Jahre alt geworden. Das ist eine wichtige Zahl bei den Azteken, weil denen die 52 sehr heilig war. Niemand weiß, woran er gestorben ist – die Mumie wurde vor hundert Jahren gefunden, zusammen mit dem Messer, aber es hat nie jemand eine Todesursache gefunden.“
Ach, und das Blumenfest war zwar nun vorbei, aber genau heute war ein anderes Fest, und es war genau das Ende eines 52jährigen Zyklus. Also ein wichtiger Termin.

Während dieser Gespräche hatte sich Sam schon mal die Glasvitrinen angeschaut. Nachdem Ms. Romero gegangen war, erklärte sie den anderen, dass der Kasten mit der Mumie gut gesichert war, mit Alarmanlagen und Schlössern. Ganz alleine wäre ein potentiell untoter Hohepriester da nicht herausgekommen. Aber: An dem Dolch waren Blutspuren! Das reichte Agent Saitou, um seine Marke zu zücken und sich mal die Bänder des Überwachungsvideos zeigen zu lassen. Wie nicht anders zu erwarten, zeigte sich tatsächlich etwas: Letzte Woche hatte es in jeder der Nächte, in denen ein Obdachloser ermordet wurde, Bildstörungen gegeben. Jonathan konnte nichts weiter erkennen, aber er beschloss, gemeinsam mit den Jägern in dieser Nacht im Museum zu bleiben.

Larry tappte in der Zwischenzeit munter durch die Ausstellung und unterhielt sich kurz mit Ms. Romero. „Was ist denn mit dem Job, den Sie mir versprochen haben?“, wollte er wissen. Sie wiegelte ab – es war ihr offenbar unangenehm, daran erinnert zu werden. Aber sie ließ ihn auch nicht rauswerfen. Lyle hatte beinahe den Eindruck, dass sie ein schlechtes Gewissen Larry gegenüber hatte.

Nachdem Agent Saitou alle mit Funkgeräten ausgestattet hatte, die man sich ins Ohr stöpseln konnte, folgten Lyle und Flann Larry aus dem Museum. Eigentlich wäre Lyle ja lieber bei Jonathan geblieben, aber was sollte er schon gegen eine Mumie ausrichten? Besser, er blieb da aus dem Weg. Immerhin konnten sie über Funk zuhören, wie Bart noch ein paar Informationen über Itzli erzählte: Der Hohepriester hatte früher über tausend Menschen geopfert, galt bei seinem Volk aber als weise und war sehr beliebt – schließlich hat die Sonne ja immer geschienen. Angeblich hatte er sich damals für Unsterblichkeit interessiert und sogar seine Seele in sein Lieblingsmesser gebannt.

Während Lyle und Flann also Larry Gesellschaft leisteten, flackerte drin das Licht. Ms. Romero tauchte auf, ihre Augen verdreht, sodass man nur noch das Weiße sah. In Trance ging sie auf die Mumie zu. Sam sprach sie an, aber sie reagierte nicht, also nahm die Jägerin ihr kurzerhand den Schlüssel zur Vitrine ab und warf ihn Mr. Blackwood zu. Jonathan legte der Kuratorin Handschellen an, und sie brach ohnmächtig zusammen.
Bartholomäus benutzte den Schlüssel sofort, schloss die Vitrine auf und griff nach dem Messer. Flann und Lyle hörten nur Sams Protest, aber plötzlich knisterte es heftig in der Leitung – irgendetwas ging drinnen vor. Da Larry nicht in Gefahr zu sein schien, rannten die beiden los, Flann voran, gefolgt von Lyle.

Im Ausstellungsraum war die Mumie zum Leben erwacht und hatte sich aus dem Glaskasten befreit. Der untote Hohepriester fixierte Mr. Blackwood, der sein Messer trug, und ging auf ihn zu. Sam zog ihr Schwert und schlug kräftig nach Itzli – kräftig genug, um seinen Arm abzutrennen. Davon ließ die Gestalt sich allerdings kaum beeindrucken, sie konzentrierte sich, sammelte Energie und warf dann einen Kugelblitz nach Mr. Blackwood. Das war ein Volltreffer, der Jäger ging zu Boden und ließ das Messer fallen.

Während sich Jonathan und Sam mit Itzli herumschlugen, hob Flann das Messer auf. Lyle schaute sich um und entdeckte eine Feueraxt. Vielleicht konnten sie das Messer damit zerstören?
Itzli lag mittlerweile unter Jonathan, weiterhin geplagt von Sams Angriffen, aber sein Arm war wieder an ihm dran. Dafür fehlte ihm nach einer weiteren Attacke der Kopf. Auch das behinderte ihn jedoch nur wenig, er war immer noch auf den Obsidiandolch fixiert.

Flann tauschte mit ein paar schnellen Bewegungen das echte Messer gegen die Kopie aus, die Mr. Blackwood einige Stunden zuvor gekauft hatte. Bartholomäus nahm die Fälschung und rannte davon, in der Hoffnung, Itzli hinter sich her zu locken. Derweil landete das Messer bei Lyle, der erfolglos versuchte, die Waffe mit der Feueraxt zu zerschlagen. Aber der Obsidian war viel zu hart. Lyle überlegte fieberhaft, ob es vielleicht eine gute Idee war, Itzli mit seiner eigenen Waffe anzugreifen, als Sam ihm zurief: „Das Messer ist der Sitz seiner Seele! Versuch, ihn damit zu treffen!“, und Flann ergänzte: „Sein Herz, seine Seele muss in sein Herz!“

Hastig stolperte Lyle auf Itzli zu und stach eher halbherzig zu – aber der Hohepriester war von Jonathan gut am Boden fixiert worden, und es war gar nicht schwierig, das Herz zu treffen. Fast wie bei einem Kalb oder einer Ziege auf der Farm. Der Liegende zuckte kurz krampfartig, wie eins der Schlachttiere. Lyle ließ das Messer los und ging ein paar Schritte zurück. Hatte er? Hatte er ihn… erledigt?
Es sah ganz so aus, denn die Mumie bewegte sich nicht mehr. Stattdessen gingen sämtliche Alarmanlagen des Museums an, Sirenen schrillten und die automatischen Schutztüren schlossen sich. Gut, das gab Lyle ein wenig Zeit, sich wieder zu sortieren und sein Gesicht unter Kontrolle zu bekommen.

Es tauchten eine Menge Wachleute und Polizisten auf, aber Jonathan konnte sie überzeugen, dass alles in Ordnung war. Flann fabulierte eine sehr glaubhafte Geschichte über einen Kurzschluss im Alarmsystem herbei, der zu den Schäden an der Mumie geführt hatte. Den echten Obsidiandolch tauschte Mr. Blackwood kurzerhand gegen die Kopie, damit kein weiterer Schaden entstehen konnte.

Später sprachen die Jäger miteinander. Lyle warnte Jonathan und Bartholomäus, und auch Flann: „Es kann sein, dass ihr seltsame Mails von mir bekommt. Wenn ich besessen bin. Ich kann das nicht so gut kontrollieren. Seid bitte nicht böse, ja?“ Mr. Blackwood war besorgt und wollte, dass Lyle sich mindestens einmal pro Woche bei ihm oder Jonathan meldete, aber das konnte der junge Mann nicht garantieren. Wollte er auch gar nicht, um die Wahrheit zu sagen. Das kam ihm zu… verpflichtend vor.
Wenigstens schienen die drei Männer nicht allzu befremdet zu sein. Lyle befürchtete immer noch, dass er Niels damit abgestoßen hatte. Jedenfalls war keine neue Mail mehr von dem Künstler gekommen. Na gut, was sollte der auch mit jemandem wie Lyle anfangen, mal realistisch gesehen.

Bevor sie sich trennten, fragte Jonathan Lyle, ob er in Ordnung sei. Er meinte offensichtlich den Kampf und den Stoß mit dem Obsidianmesser, aber Lyle verstand ihn mit Absicht miss und redete lieber über seine Pläne, sich einen Job zu suchen. Er wusste selbst nicht so recht, warum. Vielleicht wollte er sich erst mal selbst darüber klarwerden, was er von dem Kampf und dem Todesstoß halten sollte.

Immerhin hatte die ganze Geschichte ein Gutes für Lyle: Ms. Romero schenkte ihm eine Jahreskarte fürs Museum. Das war großartig! Lyle fand einen Job in der Nähe, bei einem Walmart, und ging jeden Abend, um sich die Ausstellungen anzusehen. Das war wirklich lehrreich, und so ganz langsam hatte Lyle nicht mehr das Gefühl, der ahnungsloseste Mensch im ganzen Land zu sein…

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Öl und Meerwasser
Ausgerechnet Alaska. Again

In Boston herrschte nach der Sache mit den erschlichenen Überweisungen dicke Luft. Also verschob Irene ihren Besuch fürs Erste. Die Wogen würden sich glätten. Francis würde sich diesen Verwundetes-Reh-Ausdruck wieder aus dem Gesicht wischen. Neue Sicherheitsmaßnahmen würden eingeführt werden. Im Prinzip war alles halb so wild. Der Aufschneider hatte gezeigt, wozu er in der Lage war, hatte das Geld zurücküberwiesen und kam sich jetzt bestimmt mächtig gerissen vor. Auf der Fahrt zu Sunny beruhigte Irene ihr Gemüt damit, sich auszumalen, was sie ihm alles antun würde. Bei Ankunft war sie wieder so weit mit sich im Reinen, dass sie Flann sogar ein wenig dankbar war. Er hatte ihr genau zum richtigen Zeitpunkt vor Augen geführt, dass man noch so tiefe Einblicke in das Innenleben seiner Mitmenschen bekommen konnte und sie trotzdem kein Stück kannte. Sollte sie je neugierig genug gewesen sein, sich zu fragen, was Barry ihr wohl in seinem Katerstimmungsbrief hatte mitteilen wollen, dann war sie jetzt ausreichend kuriert.

Endlich einmal wieder ein Roadhouse mit Stil. Für Irenes nomadische Verhältnisse war das Dying of the Light so etwas wie ihr zweites Wohnzimmer geworden. Und nicht nur sie schätzte offensichtlich eine brauchbare Teekarte und Musik, über die man nicht hinwegschreien musste. Beim Hereinkommen erspähte sie den jagenden jungen Künstler aus Deutschland, der sie in Dwight unterstützt hatte. Er sah etwas verschreckt von seinem Zeichenblock hoch. Sie winkte ihm einen Gruß und hielt direkt auf Sunny zu, bestellte ein Kännchen English Breakfast Tea und ließ sich Jacksons Schreiben aushändigen.
Als sie ein Feuerzeug zückte, um gleich Nägel mit Köpfen zu machen, wurde Sunny zickig. Kein offenes Feuer in ihrem Café. Irene verzichtete darauf, sich über den Unterschied zwischen Briefen und Zigaretten zu streiten.
Draußen schnippte sie das Feuer erneut an. Und wieder aus. Ihr Handy klingelte. Der Familienrufton. Francis klang immer noch so beleidigt, als hätte Irene selbst ihn bestohlen.
“Lies einmal deine e-mails. Es klingt dringend.”

Seufzend steckte sie Feuerzeug und Brief in die Jackentasche und befasste sich mit dem Anliegen ihrer Verwandtschaft.

“Liebe Irene,
wegen dir haben wir jetzt diese amerikanische Ölförderfirma an der Backe, deshalb ist es auch deine Verantwortung, da nach dem Rechten zu sehen. Auf einer der Ölförderplattformen vor der Küste von Alaska (in der Nähe von Barrow) sind drei Personen verschwunden und zwei unter verdächtigen Umständen verstorben. Einer davon hatte Einstiche am ganzen Körper und wurde ausgesaugt. Nein, nicht nur Blut, auch die Organe, die verflüssigt wurden.
Also beschütze unsere Investition und den Familienruf und löse dieses Problem. Zieh dir einen Schal an, es könnte kalt werden.”

Eigentlich klang das gar nicht so schlecht. Eigentlich hob das ihre Laune sogar. Natürlich nicht die Tatsache, dass da Leute gestorben waren. Aber es klang nach Jagd. Und etwas so Simples wie Monster abknallen kam ihrem Naturell so viel eher entgegen als sich über zwischenmenschliche Probleme Gedanken zu machen. Draufhalten, abdrücken. Wenn es hochkam, musste man vorher vielleicht noch eine Falle stellen. Im schlimmsten Fall vor der Polizei fliehen.
Besser hätte sie es nicht erwischen können, als die Nachricht genau in diesem Moment zu erhalten, vor einem Roadhouse, in dem ein Heckler saß. Eilig schritt sie auf seinen Tisch zu und strahlte ihn an.
“Mister Heckler! Sagen Sie, sind Sie gerade frei? Waren Sie schonmal auf einer Bohrinsel? Interesse?”

Niels sah von seinem Zeichenblock auf, auf den er gerade mit wenigen Strichen ein Porträt der Roadhouse-Wirtin gezeichnet hatte. Vor ihm stand eine blonde Frau, Ende 30, die ihm zunächst nur vage bekannt vorkam, dann konnte er sie wieder zuordnen: Irene Hooper-Winslow, eine Jägerin, die ihm schon vor kurzem in Dwight begegnet war. Obwohl Irene sicher einen ganzen Kopf kleiner war als er, besaß sie eine Ausstrahlung, die ihn einschüchterte. Als sie ihn ansprach, sprang er auf und reichte ihr schnell die Hand. “Ja… ja. Nein. Ja.” Felicity hatte ihn mehr oder weniger gezwungen, als ihre Vertretung zu arbeiten, weil sie ja ihren Alfie heiraten musste. Was fand sie nur an diesem Kerl? Zum Kuckuck, sie hätte einen Mann wie Ethan haben können!

Wenigstens hatte sie ihm Geld geschickt, damit er sich neue Klamotten zulegen konnte. Außerdem hatte er an ihre Anweisung gedacht, und sich ein Holster für die Luger zugelegt. Es war noch ungewohnt, die Waffe jetzt sichtbar unterm Arm zu haben, aber das war sicher die bessere Alternative, als sich nochmal vor einem Fed zu blamieren oder schlimmeres.

“Ich mache die Vertretung für meine Cousine,” erklärte Niels jetzt, nachdem er sich etwas gefangen hatte. Irene sah ihn freundlich an, und er fasste das als Aufforderung auf, weiterzureden. “Die muss heiraten.” Irene lächelte hintergründig. “Sagen Sie ihr herzlichen Glückwunsch, und sie soll sich das gut überlegen.” Niels seufzte. “Ja, das hab ich ihr auch gesagt.”

Dem jungen Heckler war schon am Flughafen anzumerken, dass er nicht viel Erfahrung mit Luftreisen hatte. Während des ganzen Fluges klebte er die meiste Zeit mit der Nase am Fenster und zeichnete. Jedenfalls immer dann, wenn Irene die Augen aufschlug. Ihr Schlafbedürfnis war immer noch immens. Dafür heilte der Muskellappen, den der Höllenhund aus ihrem Bein gerissen hatte, so mustergültig fest, wie er nur heilen konnte. Das bisschen restliche Schonhaltung war mehr Gewohnheit als echte Schmerzvermeidung. Lächelnd stellte sie sich vor, wie sie mit ihrer Mutter im Gleichschritt über die große Terrasse auf Winslow Manor humpelte. Lilian Hooper-Winslow hatte sich ihr steifes Bein recht unspektakulär bei einem Motorradunfall zugezogen. Ihre selbstmörderische Fahrweise war ein Quell stetiger, sanfter Vorwürfe, die sie von Irene zu hören bekam. Auf der Jagd war sie schon immer eine so umsichtige Planerin gewesen, dass sie Zeit ihres Lebens kaum einen Kratzer davongetragen hatte. Irene schien dieses Ungleichgewicht in den letzten Jahren kompensieren zu müssen, indem sie sich langsam aber sicher eine Landkarte der Gewalt auf ihrem Körper anlegte, mit dem eigenartigen Kreis in ihrer Seite, den die Hand des Schwarzen Mannes hinterlassen hatte, als bisherige Krönung der Kuriosität.

Von Barrow aus trug sie ein Helikopter hinaus auf die aufgewühlte See. Hecklers Augen wurden noch größer, als er die meterhohen Wellen sah. Seine Haut nahm schnell einen fahlen Grünton an. Fast unhörbar über den Lärm der Rotorblätter, gestand er Irene, dass er außer nach Seattle noch nie geflogen war. Und das Meer hatte er auch noch kein einziges Mal aus der Nähe gesehen. Da war das hier der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser. Die Pilotin vor ihnen schien ihre helle Freude an dem ungemütlichen Wetter zu haben. Anstatt hinzusehen, wo sie in der steifen Brise hinflog, drehte sie sich fortwährend zu ihren beiden Passagieren um, um mit manischem Grinsen das großartige Wetter zu kommentieren.
“Ihr habt Euch ja wirklich genau den richtigen Zeitpunkt ausgesucht. Das wird noch besser heute nacht!”
Nachdem das Fluggerät holpernd die Kufen auf der Bohrinsel aufgesetzt hatte, war auch Irene nicht böse über das Ende der wackeligen Reise. Kurzfristig hatte sie das Gefühl, sich wie ein Seemann beim ersten Landgang nach Wochen zu bewegen. Sofort kroch ihr der eisige, feuchte Wind unter die Kleider.

Die Begrüßung durch den Chef der Plattform brachten sie schreiend hinter sich.
“Sind Sie die Frau von der Firma?”
Irene nickte. Hatte man sie als Trägerin irgendeiner besonderen Funktion angekündigt? Eigentlich war es egal. Sie hatte die Mehrheit der Anteile und damit automatisch das Recht, sich hier herumzutreiben, solange sie wollte.
Mr. Christian Briggs war ein kleiner, korrekter Mann mit Brille, der sie zu einem Aufbau aus Containern führte, in dem die Büros und Baracken angesiedelt waren. Überall roch es durchdringend nach Öl. Selbst der beginnende Sturm konnte das Industriearoma nicht völlig vertreiben.
Aus dem Bürocontainer schlug ihnen Wärme entgegen. Das Heulen des Windes war hier drinnen auf ein erträgliches Maß gesunken, so dass sie sich in Ruhe über die Fälle unterhalten konnten.

Auf der Plattform waren drei Leute verschwunden und zwei gestorben. Einen der Toten hatte man regelrecht mumifiziert aufgefunden, seine Innereien waren verflüssigt und ausgesogen worden. Die Leiche befand sich schon nicht mehr in Barrow, sondern in der nächsten größeren Stadt, die ein Hochsicherheitslabor hatte, weil die untersuchenden Mediziner eine Seuche befürchteten. Zum Glück schien es den Behörden wohl nicht dringend genug, um eine abgelegene Bohrinsel gleich unter Quarantäne zu stellen und Irene damit den Zutritt zu erschweren. Oder ihre Familie hatte mit Geld um sich geworfen und so den Amtsschimmel verlangsamt.
“Sind Sie Medizinerin?” fragte Briggs hoffnungsvoll.
“Jägerin,” antwortete Irene trocken. “Mit dem Job kommt auch eine gewisse Ahnung von Anatomie und Physiologie.”
“Ah.” Wenn ihn die Antwort nicht ganz zufrieden stellte, dann war er zu höflich, um ihre Kompetenz direkt anzuzweifeln.

Von Briggs erfuhren sie die Namen der Opfer. Quinn Dodson, der Ausgesaugte, war Ingenieur gewesen. Daron Kinney, der zweite Tote, ein einfacher Arbeiter, war zwar nicht mumifiziert, sondern erfroren, hatte aber die gleichen Einstiche vorne und seitlich am Körper wie Dodson. Verschwunden waren der Arbeiter Omar Terry, der IT-Techniker Alvaro Valencia und die Technikerin Debbie Perry.

Niels, der bisher schweigsam zugehört hatte, fragte vorsichtig, ob es möglich war, dass die Leute sich einfach abgesetzt hatten. Briggs schien die Frage zu irritieren. Es flöge ja nur zweimal am Tag der Hubschrauber auf die Plattform, erklärte er. Irene fielen noch ein paar andere Methoden ein, wie jemand, der es darauf anlegte, die metallene Insel verlassen könnte, aber kein Grund, warum man dafür auf den Komfort eines Fluges verzichten sollte, der nicht mit sehr viel krimineller Energie zu tun hatte. Für den Moment wollte sie lieber an eine interessante Jagdbeute als an Schmugglerbanden und Menschenhandel glauben.

Alle Angestellten waren innerhalb der letzten zehn Tage verschwunden oder gestorben. Den Erfrorenen hatte eine Cassie George aus der IT gefunden, die laut Briggs durch den Fund sehr verstört war. Irene fragte sich, warum er das eigens erwähnte, da so ein Leichenfund üblicherweise diese Reaktion mehr oder minder stark hervorrief. War Cassie noch verstörter, als sie hätte sein sollen? Vorsichtig lenkte Irene das Gespräch auf die Stimmung der Besatzung. Die sei tatsächlich gerade schwierig, gestand Briggs. Er schob das Phänomen allerdings auf die Todes- und Vermisstenfälle. Jedenfalls nach außen hin. Die Jägerin kam zu dem Schluss, dass er etwas verschwieg; irgendetwas, das ihm wohl zu seltsam vorkam, um gleich vor der fremden Frau damit herauszurücken. Sie vermerkte sich das Nachbohren für später, wenn der Mann vielleicht ein bisschen Vertrauen gefasst hatte, sofern es diesem stocksteifen Papiertiger überhaupt möglich war, aufzutauen. Sie schätzte ihn wie jemanden ein, der auch am Strand von Honolulu Krawatte zur Badehose tragen würde und der seine eigene Frau siezte. Hätte sie nicht gewusst, wer von den beiden Männern im Raum der Deutsche war… Betont professionell bat sie darum, die Fundorte der Leichen sehen zu dürfen. Der kleine Bürohengst nickte ergeben und stand selbst auf, um sie durch den stählernen Irrgarten zu geleiten. Obwohl es ihm sichtlich unangenehm war, sich mit diesen außergewöhnlichen Ereignissen zu befassen, die sich aller Planbarkeit und Kontrolle entzogen, konnte er es offenbar nicht auf sich sitzen lassen, die lästige Pflicht an einen Untergebenen zu delegieren.

Bevor sie sich ins Innere der Plattform wagen durften, wies ihnen Briggs noch ihre Unterkunft zu.
“Möchten Sie und Ihr Sohn eine gemeinsame Kabine?”
Heckler zuckte zusammen.
“Das ist nicht mein Sohn, das ist mein Assistent.”
Nun war es an dem bebrillten Zahlenschubser zu zucken. Ein kleines Teufelchen auf Irenes Schulter, das Spaß daran hatte, ihm dabei zuzusehen, wie er sich wand, verführte sie zu dem Zusatz: “Personal Trainer.”
Seinen Gesichtsausdruck hätte sie fotographieren mögen. Schon überlegte sie, wie sie noch einen draufsetzen konnte, als Niels grinsend hinzufügte: “Keine Angst, ich werde heute nacht nicht das Ufer wechseln.”
So wie dem Kleinen der Schalk aus den Augen blitzte, hatte er genausoviel Spaß daran, den trockenen Knochen aus der Reserve zu locken, wie sie. Es fiel ihr schwer, das Lachen zu unterdrücken. Und noch schwerer, als Briggs in absoluter Humorlosigkeit antwortete, der Helikopter ginge auch erst am nächsten Morgen wieder.

Nachdem die beiden ihr weniges Gepäck in zwei verschiedene Schlafräume geworfen hatten, machten sie sich auf, die Stellen zu untersuchen, an denen man die Toten gefunden hatte. Die Erste war im Außenbereich der mittleren Ebene, gar nicht so weit entfernt von der nächsten Tür, aber weit genug, dass ein Hilferuf über die allgegenwärtigen Geräusche von Industrie und See leicht überhört werden konnte. Die Zweite, im Inneren der Plattform, lag weiter unten, nahe dem eigentlichen Förderturm. Der Raum war laut, ziemlich dunkel, voller Rohre und mit mehreren Lüftungsschächten versehen, die in verschiedene Richtungen abzweigten. Mit Schaudern spähte Irene in die schwarzen Rechtecke und wünschte sich innig, dass der Mörder kein Wesen sein möge, das durch die Belüftungsanlagen käme. Wenn sie da hineinkriechen müsste, das wäre das Ende ihrer Jagd. Allein die Vorstellung trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Sie würde alles weitere dem Kunststudenten überlassen müssen. Wo war der eigentlich?
Er hatte sich am Kopf der Treppe postiert, die Hände tief in den Taschen vergraben, den Kopf zwischen den Schultern, und sah so aus, wie Irene sich beim Gedanken an eine Höhle voller Wölfe fühlte. Oh, großartig. Zwei Klaustrophobiker. Auf einem Stück Stahl mitten in stürmischer See. Das konnte noch lustig werden.

Der nächste Weg führte sie zu Siluq Johnson, dem Arzt der Plattform. Seine Expertise beschränkte sich auf die üblichen Arbeitsunfälle, Erkältungen, Seekrankheit. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, was mit den beiden Toten passiert war, und hatte auch gar keine Ausrüstung, um die Leichen fachgerecht zu untersuchen. Daher hatte er sie schnellstens ausfliegen lassen.
Der Mann, den Cassie George gefunden hatte, war wohl einfach nach draußen gelaufen, ohne sich vor der Kälte zu schützen, hatte aber auch Einstichwunden. Dr. Johnson konnte sich bei ihm als einzigem einen Mord vorstellen. Vielleicht hatte ihn jemand absichtlich ausgesperrt? Dagegen sprach, dass es zuviele Möglichkeiten gegeben hätte, die warmen Innenräume wieder zu betreten. Im sommerlichen Alaska hatte es milde null Grad Celsius. Keine Witterung, in der man innerhalb von Minuten erfror. Jemand hätte das Opfer schon draußen festbinden und die Fessel später wieder lösen müssen.

Die ersten Opfer waren vor 10 Tagen verschwunden, vor zwei Wochen hatten sich bereits mehrere Leute bei Johnson darüber beklagt, dass sie geliebte Menschen, Freunde und Verwandte, auf der Plattform halluzinierten. Seine Position als Vertrauensperson der Mannschaft verbat ihm, den Jägern Namen zu nennen, doch Niels schlug vor, dass er die Leute, die bereit waren, sich ihnen anzuvertrauen, zu ihm und der Britin schicken konnte. Sie würden später in der Kantine zu finden sein.
Zu dem, was das ausgesaugte Opfer getötet hatte, stellte Irene dem Arzt eine Reihe von Fragen, bis er ihr den Laborbericht aushändigte. Die Verflüssigung der Organe erinnerte sie an die Gifte mancher Spinnen und Schlangenarten. Vielleicht eine Arachnide, dachte sie bei sich. Aber Spinnen und Kälte? Ein kaltblütiges schlangenartiges Ungeheuer war es bestimmt nicht.

Der Untersuchungsbericht des Labors besagte, dass das Gift am ehesten von einem Rochen, nicht von einer Spinne stammen könne. Es verursachte Lähmungen, stimmte aber mit keinem bekannten Toxin vollständig überein.
Nach einer kurzen Besprechung unter vier Augen begaben sie sich in die Werkskantine, um die Gerüchteküche anzuzapfen.

Niels folgte Irene Hooper-Winslow mit etwas Abstand. Das dunkle Untergeschoss hatte in ihm höchst unangenehme Erinnerungen hervorgerufen, und die gesamte Umgebung machte ihn nervös und faszinierte ihn zugleich. Am liebsten würde er alles zeichnen, das half ihm normalerweise, runter zu kommen, doch das war gerade leider nicht möglich. Also schob er die Hände zu Fäusten geballt in die Jackentasche und versuchte, ein finsteres Gesicht zu machen, ein Klicken an seinen Vorderzähnen verriet ihm, dass er unbewusst das Zungenpiercing nach vorne geschoben hatte und darauf herumkaute.

Er fror, obwohl er es gewohnt war, bei jedem Wind und Wetter draußen zu sein, aber die deutsche Mittelgebirgsluft des Bayrischen Waldes war doch etwas ganz anderes im Vergleich zur Küste Alaskas. Zum Glück hatte er sich wetterfeste Kleidung besorgt, auch wenn er jetzt nicht mehr so schnell an seine Waffe kam, wie er es gerne gehabt hätte. Aber die Alternative hieß, mit einer Wehrmachtspistole am Holster über die Plattform zu laufen, und er hatte bisher noch niemanden hier gesehen, der eine Waffe trug. Subtil war anders – eben unter der Daunenjacke. Er fühlte sich, als hätte ihm jemand die Hände festgebunden.

Deine Waffe ist ein Teil von dir, Aaron. Die Verlängerung deines Arms und deines Willens.

In der Kantine waren bereits einige Leute versammelt. Die Leute fuhren hier 24h-Schichten, und es war bald Schichtwechsel. Die Nacht brach herein – oder das, was man zu dieser Jahreszeit als Nacht bezeichnete. Niels spürte, wie ihm die Augen brannten von dem seltsamen Dämmerzustand. Er war so etwas nicht gewöhnt, er war ein Waldkind, das Wasser, das Nordlicht, der Ölgeruch, das war nicht seine Welt. Doch der aufziehende Sturm verdunkelte den Horizont, und er fragte sich, ob das soviel besser war. Was hatte der Arzt gesagt? Die Leute waren alle nachts gestorben? Na wunderbar, dann war es ja gleich soweit.

Seufzend sah Niels in die Gesichter der Leute, die in der Kantine saßen. Einige betrachteten ihn und Irene mit unverhohlener Neugier – fragten die sich jetzt auch, ob sie seine Mutter war? Oder er ihr Toyboy? Er verkniff sich ein Grinsen, als er an Mr Briggs’ Gesicht dachte. Keuscher als mit einem Schwulen an ihrer Seite konnte Irene Hooper-Winslow kaum schlafen, auch wenn seine Einlassung offensichtlich von der menschlichen Büroklammer nicht verstanden worden war.

Andere Gesichter sahen sie weniger freundlich an, die Leute betrachteten ihn und Irene wohl als Eindringlinge.
Vielleicht solltest du dein gewinnendes Lächeln einsetzen, Heckler. Wo das ja auch immer so gut funktioniert.

Irene hatte sich derweil wohl einen geeigneten Gesprächskandidaten ausgesucht und steuerte auf ihn zu. Niels merkte, dass er Durst hatte, und da er wusste, dass Getränke jeglicher Art die Zunge lockerten, holte er drei Becher Kaffee vom Tresen der Kantine. Vorsichtig balancierte er die Heißgetränke in Richtung Tisch, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung am Fenster wahrnahm. Ein junger Mann mit hellblonden Haaren war dort vorbeigegangen, und vor Schreck ließ Niels den Kaffee fallen.

“Fuck!” entfuhr es ihm, und Irene sah sich irritiert zu ihm um.

Philip. Da draußen am Fenster war Philip vorbeigelaufen. Das war nicht möglich, Philip war tausende von Kilometern entfernt, außerdem war es in München jetzt – wie spät war es gerade in Deutschland? Es wollte ihm nicht einfallen.

Irene war jetzt aufgestanden und kam zu ihm. “Was haben Sie gesehen, Mr Heckler?” fragte sie mit ernster Miene. Niels überlegte. Er konnte ihr doch nicht sagen, dass er da draußen seinen Ex-Freund hatte vorbeilaufen sehen und dass ihn das aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, sie sollte ihn für einen Profi halten, und nicht für einen liebeskranken Teenie. “Ähm.. da war jemand. Am Fenster. Aber bestimmt habe ich mich geirrt…” Noch bevor er weitersprechen konnte, zog Irene Hooper-Winslow ihn am Ärmel nach draußen. In der Kantine wurde Protest laut, als kalte nasse Seeluft hereinströmte, doch das war der Britin egal. Zielstrebig rannte sie nach draußen, und Niels folgte ihr.

Er zog sich die Kapuze über den Kopf und den Schal über Mund und Nase, denn der aufkommende Sturm peitschte ihm die kalten Wassertropfen wie kleine Dolche ins Gesicht. Die Wellen schlugen bereits bis zur Plattform hoch, und Niels fragte sich für einen Moment, wie sicher sie auf diesem stählernen Ungetüm waren. Doch ihm blieb nicht viel Zeit zum Überlegen, in der Ferne sah er plötzlich eine Gestalt. Philip? Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Er hatte ihm soviel zu sagen, was nicht in einem Telefonat zwischen Michigan und München zu sagen gewesen war.
“Wer sind Sie?” rief er gegen den Sturm, doch es kam keine Antwort. Das Heulen des Windes und das Peitschen der Wellen trugen seinen Ruf aufs Meer hinaus, er hätte es sich ebenso schenken können, zu rufen. Doch die Person schien ihn gehört zu haben, sie winkte ihm freundlich zu, und bewegte sich ins Innere der Bohrinsel. Das Dunkel, das Niels vor noch gar nicht allzu langer Zeit an den heimischen Keller erinnert hatte, schien ihm jetzt gar nicht mehr so erschreckend. Er war jetzt schließlich nicht mehr allein, Philip war bei ihm, und jetzt würde wieder alles so werden wie früher.
Niels lächelte, als Philip mit ausgebreiteten Armen näherkam, mit den fliessenden Bewegungen, die dem jungen Mann so eigen waren.

Alter, ich hab dich so vermisst. Weisst Du eigentlich, was du mir bedeutest?

Niels schloß Philip in seine Arme und drückte ihn fest an sich. Gott, das fühlte sich so gut an. So echt. Er spürte den Geruch von Philips Haut, seiner Haare, seines Körpers. Zufrieden schloss er die Augen und atmete tief ein. Wie sehr hatte ihm das gefehlt, wie sehr hatte er sich gewünscht, Philip wieder so zu halten, er wollte ihn nie wieder loslassen.
Ein leichter Stich durchfuhr ihn am Bein, doch er ignorierte es, genau wie das Zupfen und Genestele an seiner Jacke. Alles war jetzt egal. Er hatte Philip wieder, und nur das zählte im Moment.

Irene kannte Philip nicht. Irene wusste nicht, wie Philip aussah. Irene sah auch nicht Philipp, sie sah ihren Vater. Wohlauf, mit von der Meeresluft geröteten Wangen, Selbstsicherheit ausstrahlend. Ein rotblonder Bär von einem Mann. Auch in ihr breitete sich die wohlige Gewissheit aus, dass alles gut werden würde, jetzt wo er da war und all ihre Probleme fortwischen würde. Hätte er sich nur nicht so seltsam verhalten und den deutschen Jägerssohn umarmt statt seiner eigenen Tochter. Wie konnte er? Er würde nie… Ein Alarmsignal begann in ihrem Kopf zu schrillen. Wenn Sir Roger den jungen Heckler in die Arme schloß wie seinen verlorenen Sohn, dann stimmte etwas ganz und gar nicht. Entweder mit dem Bild, das sie von ihrem Vater hatte oder mit dem Bild von ihrem Vater, das sie vor Augen hatte. Dem Trugbild von ihrem Vater, das das unheimliche Wesen erschuf, das sich am Rande ihrer Wahrnehmung bewegte. Ein schlangenförmiger Körper, wie ein einzelner Tentakel, der sich steil vor Heckler aufgerichtet hatte und gerade damit begann, ihn mit seinem Kopfteil zu umklammern. Mit gifttriefenden Dornen bewehrte Hautlappen, die es wie eine Kobra aufgefaltet hatte, bogen sich um den jungen Jäger und drangen zu beiden Seiten durch seine Kleidung. Der ganze Anblick war umso bizarrer, als er immer noch von Irenes Idealbild ihres Vaters überlagert wurde, der schon seit Jahren apallisch in seinem Rollstuhl saß und nicht mehr im Ansatz so aussah, wie sie ihn in ihrer Erinnerung bewahrte. Mit einem unwirschen Kopfschütteln befreite sie sich von der Illusion. Es fühlte sich an, als zöge sich die Welt wie Gummi auseinander, um sogleich wieder die Form anzunehmen, die das Tentakelwesen ihr aufzwingen wollte. Ein kleiner Schrei der Empörung und Enttäuschung entkam ihr, als sie beide Messer aus ihren Stiefeln zog und hinter das Monster sprang, um ihm den versilberten Stahl in die Seiten zu stoßen, bevor sie erneut der Täuschung erliegen konnte.

Kaum war das Ding verletzt, ließ der telepathische Druck nach, gegen den sie hatte ankämpfen müssen. Erst mit dem Verhallen der Illusion bemerkte sie, wie sehr sie der innere Kampf wirklich beansprucht hatte. Das war knapp gewesen.
In Hecklers Gesicht arbeitete es. Der glückliche Ausdruck verschwamm langsam zu einem der Verwirrung, gefolgt von Erkenntnis und Schmerz. Mit Kraft riss er sich aus der Umklammerung und zerrte unter der durchlöcherten Jacke seine alte Armeepistole hervor. In einer fließenden Bewegung zielte er auf die Mitte des Monsters, in der mehrere Mäuler schlürfende Geräusche verursachten, und feuerte los. Das Wesen zog sich einige Meter zurück, bis es kollabierte und schwer auf den Boden aufschlug.
Irene nahm sich nicht die Zeit, nachzusehen, ob es ganz tot war, denn sie bemerkte, wie Heckler schwankte und sich an einem Rohr festhielt. Mit glasigen Augen bemühte er sich, seine Gliedmaßen zu koordinieren. Eilig sprang sie ihm zur Seite und rief: “Ich bringe Sie zu Doktor Johnson. Versuchen Sie, wach zu bleiben. Es ist nicht weit.”

Wachbleiben. Das sagte sie so leicht. Niels spürte, wie seine Beine schwer wurden, und er sich in die gnädigen Arme einer Ohnmacht begeben wollte. Schon alleine deswegen, weil er sich so unglaublich schämte für das, was passiert war. Wie hatte er sich nur so täuschen lassen können?
Kämpf dagegen an, Heckler. Du bist stark genug.

Als ob seine Beine ihm nicht gehören würden, bewegte Niels sich auf Irene zu, die ihn geistesgegenwärtig stützte. Das fiel ihr nicht so leicht, sie war immerhin einen ganzen Kopf kleiner als er. Doch irgendwie schaffte sie es, ihn durch den Sturm und den Regen wieder nach oben zu bringen. Vielleicht war es die Kälte, oder die Meerluft, als sie auf der Krankenstation eintrafen, spürte Niels wieder seine Beine, und die bleierne Müdigkeit verschwand.

Gerade rechtzeitig, denn kaum hatten sie die Tür geöffnet, bot sich ihnen ein grauenhafter Anblick. Der Inuit lag mit verdrehten Gliedmaßen auf dem Boden, unter ihm breitete sich eine Lache aus klarer Flüssigkeit aus. Über ihm stand… Joe.

Niels stutzte. Erst Philip, jetzt Joe? Was war das für ein grausames Spiel, das man hier mit ihm spielte? Wer gaukelte ihm hier vor, dass die beiden Männer, die ihm am meisten im Leben bedeutet hatten, hier vor ihm standen? Vor allen Dingen war Joe tot. Er war zur Hölle gefahren, weil er diesen verdammten Dämonendeal hatte eingehen müssen.
Der dunkelhaarige Mann drehte sich jetzt zu Niels um, er lächelte, und es war dieses Lächeln, das Niels durch und durch gegangen war.

He, Collegeboy. Was macht so einer wie du hier?

Für einen Moment war Niels versucht, auf Joe zuzugehen, der sich jetzt auch ihm näherte, doch dann sah er den Älteren noch einmal genau an. Er hatte Joe so oft gezeichnet in den letzten Wochen, dass jedes Detail an dessen Körper ihm so bekannt vorkam als sei es sein eigener.
Wer auch immer da jetzt auf ihn zukam, es war nicht Joe. Niels blinzelte heftig, doch das Bild blieb: Es war nicht Joe. Es war noch nicht mal ein Mensch, was sich da auf ihn und die Britin zubewegte, sondern eines der Tentakelwesen, das ihn eben angelockt und gebissen hatte. Niels machte sich daran, seine Waffe zu ziehen, als er sah, dass Irene offensichtlich diesmal nicht so geistesgegenwärtig war. Mit einem seligen Lächeln ging sie auf das Monster zu, dass sich sofort daran machte, mit einem schmatzenden Geräusch seine Rüssel überall über die Britin auszubreiten. Sie schien das nicht zu bemerken, immer noch lächelnd schloß sie die Augen und schien sich ganz in die unheilige Umarmung begeben zu wollen. Schlürfend legte das Wesen einen Tentakel um ihre Beine und machte sich daran, seine Mahlzeit zu vollenden.

Niels überlegte fieberhaft, was er tun sollte. Schießen war ihm zu heikel, er hatte Angst, dass er in dem Gewirr aus Tentakeln, Rüsseln und Mäulern Irene traf statt des Wesens. An die Messer in den Stiefeln der Britin kam er nicht mehr heran, dort schlängelte sich der Tentakel vorbei. Denk nach, Heckler, denk nach! Sein Blick fiel auf die Ablage des Doktors, wo ein Skalpell lag. Besser als nichts. “Irene! Nicht einschlafen!” rief Niels ihr zu, als er aus den Augenwinkeln sah, dass die Britin immer mehr in den Schlaf sinken wollte. Sich auf seine gute Kinderstube besinnend, setzte er hinzu: “Ma’am!” Das Wesen ließ jetzt ein Stück von der Britin ab, und Niels zögerte nicht lange, sondern schoß.

Si vis pacem, para bellum. Wie passend.

Mit einem Fauchen stieß das Wesen noch einmal zu, Irene taumelte, doch dann berappelte sie sich. Sie zog die Messer aus ihren Stiefeln und brachte dem von Niels’ Schuss durchsichtige Flüssigkeit absondernden Monster noch zwei tiefe Schnittwunden bei. Mit einem schlürfenden Geräusch und eine Spur aus Blut hinterlassend, kroch das Wesen die Wand hinauf und verschwand im Luftschacht.
“Ma’am, sind Sie in Ordnung?”
“Geht so”. Erschöpft sank Irene auf dem Boden zusammen. Sie sah deutlich mitgenommer aus als Niels, obwohl er auch einige Einstiche in den Beinen und den Armen hatte.
“Mr Heckler? Sehen Sie nach, ob der Arzt hier Adrenalinspritzen hat.” Niels stutzte. Wie sahen denn zum Kuckuck Adrenalinspritzen aus? Im Hause Heckler hatten es stets Jodtinktur und Pflaster getan sowie Schimpftiraden seines Vaters. Abgesehen davon wirkte die Britin so, als brauche sie auch erstmal Verbandszeug und keine Spritzen.

Er sammelte zusammen, was er finden konnte, und machte sich daran, Irenes Wunden zu versorgen. Sie hatte sich bereits die Jacke ausgezogen und auch den Pullover, so dass sie obenrum nur noch in Unterwäsche dasaß. Niels zuckte kurz – so nah war er einer Frau noch nie gekommen. Aber er war auch Profi, fachkundig tupfte er die Jodtinktur auf die Einstiche und klebte Pflaster darüber. Dabei fiel sein Blick auf vier verzerrte Brandnarben.

Teufelsfallen. Das ist ganz schön krass.

Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, das anzusprechen. Er dachte nur kurz daran, was seinen Rücken zierte, und wie es dazu gekommen war, und verzog das Gesicht.

Nachdem er die Britin versorgt hatte, zog er die Jacke und den Hoodie aus und betrachtete seine Arme. Am linken Oberarm zeigte sich noch die feine Linie des Messers aus Chicago, ansonsten schien diesmal keins seiner Tattoos so arg in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein. “Der Job kommt mich teuer zu stehen,” murmelte er mehr zu sich selbst. “Ja, die Bezahlung ist Scheiße,” meinte die Britin mit einem leisen Lächeln. Niels drehte sich zu ihr um, immer noch die Jacke unter dem Arm. “Sie werden dafür bezahlt?” fragte er erstaunt. Ihm war stets eingetrichtert worden, dass Jagen seine heilige Pflicht war, und der Herrgott es ihm mit einem Platz im Himmel vergelten würde und der Rettung seiner unsterblichen Seele. Von Geld war da irgendwie nie so wirklich die Rede gewesen.

Irene schüttelte den Kopf. “Nein, ich zahle dafür, dass ich das machen darf. Mir gehört der Laden hier.” Niels fiel die Kinnlade herunter. Irene Hooper-Winslow war nicht nur Jägerin, sondern Besitzerin der Ölbohrplattform. Damit hätte er nicht gerechnet.
“Wow.” Er erinnerte sich an Gustav Heckler, der ab und an Leuten in der Gemeinde gegen einen Obolus geholfen hatte. “Mein Alter… mein Vater hat manchmal Geld genommen fürs Jagen. Aber nur bei Leuten, die so extrem katholisch und gläubig sind wie er. Mein Vater sagt, Jagen ist unsere heilige Pflicht, die uns der Herr auferlegt hat.” Er hatte sich jetzt wieder ein Stück weit in Rage geredet, die Erinnerung daran, wie ihm diese Pflicht immer und immer wieder klargemacht wurde, kam wieder hoch.
Die Britin sah ihn nur stumm an, Niels glaubte, für einen kurzen Moment ein Flackern in ihren Augen zu sehen – Angst?

Er lachte bitter auf und breitete seine Arme aus, so dass seine Tätowierungen in vollem Umfang zu sehen waren, von den Handwurzelknochen zogen sich die Sleeves in die Ärmel seines T-Shirts hinauf bis zum Schlüsselbein.
Sieh nur, Vater. Für jeden deiner Schläge ein Stich. Und ich bin noch lange nicht fertig.

“Sehen Sie mich an,” sagte er zu Irene, und er gab sich Mühe, seine Stimme so sarkastisch wie möglich klingen zu lassen, damit er nicht von seinen Gefühlen überwältigt wurde.
“Ich bin ein Geweihter Gottes.”

Irene starrte den über und über tätowierten Jungen einen Moment lang ungläubig an – sollte sie sich so in ihm getäuscht haben? War der Deutsche ein genauso verbohrter Fanatiker wie DeVries und die Spinner der kommenden Entrückung? Warum glaubten die Leute immer, ihren Jagdtrieb mit Religion begründen zu müssen? – bis der beißende Spott durch ihr schläfriges Gehirn drang. Seufzend entspannte sie sich wieder. Der kleine Adrenalinschub half, das Gift aus ihrem Körper zu treiben. Dennoch verbiss sie sich jeden Kommentar. Keine Zeit für philosophische Gespräche jetzt.

Was nun? Da draußen waren also mehrere dieser seltsamen Ungeheuer, die Leuten vorgaukelten, geliebte Menschen zu sein. Das hieß, die ganze Besatzung der Bohrinsel schwebte in höchster Gefahr. Selbst Irene, die nicht zum ersten Mal von etwas Übernatürlichem beeinflusst wurde, hatte kaum genug geistige Abwehrkräfte gegen auch nur eines davon. Wären sie oder Heckler den Dingern jeweils alleine begegnet, lägen sie bereits als leblose Mumien irgendwo da draußen auf dem kalten Stahl. Also mussten sie auf jeden Fall zusammenbleiben und sich gegenseitig beschützen. Und die Mannschaft warnen. Die meisten Leute würden sie um diese Uhrzeit mit Sicherheit in der Kantine finden, also dorthin zuerst.

Es waren viele der hier Beschäftigten dort versammelt, aber nicht alle, und die Anwesenden waren aufgeregt, spürten, dass sich die Gefahr von mehreren Seiten näherte, redeten durcheinander, manche schwiegen auch grimmig und starrten nur aus den Fenstern. In dem Stimmengewirr konnte Irene einzelne Rufe ausmachen von Angestellten, die Verwandte und Freunde gesehen haben wollten, von besorgten Stimmen, die meinten, es ginge etwas nicht mit rechten Dingen zu. Eine Atmosphäre kurz vor dem Umkippen.
Als sie hereinkamen hefteten sich wieder die Blicke auf sie, einige voll Hoffnung, dass sie eine sinnvolle Erklärung für die nun allgegenwärtigen Halluzinationen bringen mochten, manche lauernd, forschend, einige die sagten “Eindringlinge”. Auch ihr zerzaustes Aussehen wurde zur Kenntnis genommen. Irene war froh darum, eine dunkle Jacke gewählt zu haben, die die Blutflecken an ihren Flanken nicht so stark zutage treten ließ. Eine aufgebrachte Frau zeigte auf sie. "Das hat doch erst angefangen, als die kamen.” Niels reagierte übertrieben. Er schoss in die Decke.
Instinktiv duckte sich Irene und schnauzte ihn an: “Welcher Idiot hat Sie denn erzogen?”
Hatte der Junge noch nie etwas von Querschlägern gehört? Und was, wenn die Kugel den Container durchdrang? Da oben konnten Menschen sein. Immerhin, die Aufmerksamkeit aller Beteiligten hatte er jetzt.

Irene musste ihre gesamte Überzeugungsgabe aufwenden, um die Meute einigermaßen zur Räson zu bringen. Bei den meisten schien sie durchzudringen, als sie zur Antwort auf die Diskussionen, wer welche Personen gesehen haben wollte, kühl bemerkte: "Das war kein Mensch. Das war etwas, das irgendein Gas verströmt, von dem wir halluzinieren. Bleiben sie hier drin und halten sie zusammen. Sorgen sie dafür, dass keiner hinausläuft.”
Ein Mann mit südländischem Akzent jedoch war völlig aufgelöst. "Das war Maria, aber das kann gar nicht sein, weil sie tot ist, aber das war Maria!”
Irene deutete noch auf ihn und wies ein paar vernünftiger wirkende Mannschaftsmitglieder an, ihn zur Not gewaltsam festzuhalten, als der Kerl sich auch schon vom Ersten losriss, der seinen Arm packen wollte, und zur Tür hechtete. Sowohl sie als auch Heckler sprangen in seine Richtung, doch er war schneller, wand sich durch den schmalen Türspalt, den der Wind sofort wieder zudrückte, und lief in dem Augenblick, als die Jäger die Tür wieder aufgestemmt hatten, direkt in eines der widerlichen Tentakeldinger hinein. Das fackelte nicht lange, sondern ließ sich einfach mitsamt seiner Beute über die Reling fallen. Sofort verschluckte eine tiefschwarze Sturmwelle Mensch und Monster.
Stumm sah Irene in die Schwärze. Der Sturm umtoste sie. Riesige Wellen leckten über den Boden der ersten Ebene, erprobten die Festigkeit der Pfeiler auf denen sie stand. Die Tiefe zerrte an ihren Gedanken. Eisiger Schneeregen peitschte ihr ins Gesicht. Mit einer kurzen Geste bedeutete sie Heckler, schnell wieder nach drinnen zu fliehen. Sie mussten die Opferzahlen möglichst gering halten. Nach gleich vier Angriffen, innerhalb gut einer Stunde, zweifelte Irene nicht daran, dass es heute nacht noch mehr Tote geben würde. Aber sie war hier, weil die Leute ihre Verantwortung waren. Sie musste retten, was zu retten war. Keine Zeit, sich Vorwürfe zu machen, weil sie für einen zu Rettenden zu langsam war. Nicht nachdenken. Nicht daran denken, dass sie hier eingesperrt war, mit einer Gruppe panischer werdender Menschen und einer unbestimmten Anzahl an Seeungeheuern. Mitten auf dem Meer, bei Nacht und Sturm. Nicht nachdenken, handeln.

In der Kantine lehnte sie sich gegen die Tür und kämpfte gegen das schlechte Gefühl in der Magengegend an, fragte die Nächststehenden, wo ihre Kollegen um diese Zeit seien. Wo man hinmüsse, um die potentiellen Opfer einzusammeln. Alle, die sie auftreiben könnten, wollten sie hierherbringen. Sie schärfte den Leuten ein, sie dürften die Tür nur auf Klopfzeichen hin öffnen, in der Hoffnung, dass die Monster nicht intelligent genug waren, um das Muster zu verstehen. Der Einfachheit halber vereinbarten sie das SOS-Signal. Es hatte nichts mit der Rettung von Seelen zu tun. Die Buchstabenfolge war einst schlicht deshalb als Notsignal gewählt worden, weil sie noch mit keiner Bedeutung belegt war. Dieser belanglose kleine Gedanke huschte ihr durch den Kopf, während sie sich bemühte, ihrer Stimme Autorität zu verleihen. Sie saß hier fest.
Save our Souls. Die Arbeiter in der Kantine dachten es ebenfalls.
Wir kommen hier nicht weg.
Save our Souls.

Niels, der helle Kopf, hatte sich besser im Griff. Er kam auf die Idee, eine Durchsage zu machen, dass die Arbeit am Bohrloch wegen akuter Gefahr sofort einzustellen sei und alle Anwesenden sich in der Kantine einzufinden hätten. Das dafür nötige Funkgerät war in Mr. Briggs Büro, teilte man ihnen mit. Gut. Raus. Raus war gut. Lieber über den glitschigen Stahl gegen den Regen anrennen, als hier drin darauf zu warten, dass die Tentakel kamen. Raus. Rennen. Funken. Save our Souls!

Zum Glück hatten sich keine weiteren Monster auf dem Weg zwischen der Messe und Briggs’ Büro breitgemacht, und auch im Büro war niemand zu sehen – weder Briggs noch irgendwelche Trugbilder oder die Tentakelwesen. Niels beäugte jedoch den Luftschacht mißtrauisch. War das letzte Wesen nicht auch dadurch verschwunden?
Wachsam machte er sich daran, die P08 nachzuladen. Großonkel Ludwig schien seinen Munitionsverbrauch immer sehr gering gehalten zu haben, dass er sich nie eine Trommel für die Pistole zugelegt hatte – oder aber das Ding lag noch irgendwo im Rest des Arsenals, das Gustav im Keller hütete, und da wollte Niels nicht wirklich danach suchen.

Irene machte sich derweil am Funkgerät zu schaffen, aber ihre Bemühungen schienen nicht von Erfolg gekrönt. “Mr Heckler, wissen Sie, wie man das bedient?” fragte sie mit Stirnrunzeln, doch Niels schüttelte den Kopf. Funkgeräte gehörten in eine andere Zeit, er war ein Kind des Smartphone-Zeitalters. Außerdem hätte sein Vater wahrscheinlich auch ein Funkgerät schon für Teufelswerk gehalten.

Mit einem lauten Seufzer schaffte Irene es schließlich, das Funkgerät in Betrieb zu nehmen. “Achtung, Achtung! Ein dringender Notfall ist aufgetreten! Bitte begeben Sie sich sofort in die Messe!” rief sie in das Sprechteil, und Niels versuchte sie mit einem “Das ist keine Übung!” zu unterstützen. Nachdem die Britin ihre Durchsage beendet hatte, wollten die beiden zur Messe zurück, Niels zog die Tür auf. Doch da hörten sie bereits die schmatzenden Geräusche von zwei sich nähernden Tentakelmonstern.

Fuck. Zwei von den Drecksviechern.

Niels spürte, wie die telepathische Kontrolle der Wesen ihm wieder vorgaukeln wollte, dass dort geliebte Menschen vor ihm standen, doch seine Wut auf die Monster, die ihm so übel mitgespielt hatten, gewann, und so stand er weiterhin vor den beiden häßlichen grauen Wesen, die mit ihren unzähligen Mäulern und Ärmchen schlürfend und schmatzend auf ihn und die Britin zukamen. Offensichtlich war diese nicht in der Lage gewesen, sich zu befreien, mit einem seligen Gesichtsausdruck hielt sie weiter auf das Monster zu.

“Das ist eine Falle!” rief Niels ihr zu, doch sie schien ihn nicht zu hören

Ach, verdammt.

Er legte an und schoß auf das Wesen, das Irene gerade umarmen wollte. Ein hohes Kreischen war zu hören, und augenblicklich begann das Tentakelwesen zu bluten, eine klare, schleimige Flüssigkeit. Offensichtlich hatte das genügt, die Britin aus ihrer Starre zu wecken, sie zog jetzt ihre Messer und ging das Monster selber an.
Seinem Gefährten schien das gar nicht zu behagen, dass Niels das erste Wesen angegriffen hatte. Es näherte sich dem jungen Mann von hinten und fiel ihm in den Rücken, wo es sich festbiß.

Er versuchte, das Wesen abzuschütteln, aber es gelang ihm nicht. Nadelscharfe Mandibeln bohrten sich durch seine Kleidung in die Haut, und er unterdrückte mit Mühe einen Schmerzensschrei. Was sollte er jetzt tun? Er konnte sich schlecht selbst in den Rücken schießen, und noch war Irene mit dem anderen Wesen beschäftigt. Aber wenn er es zuließ, dass das Wesen sich weiter in seinen Rücken bohrte, dann war er sicher bald auch ausgesaugt.

Aber er konnte es zerquetschen, das Wesen hatte keinen Panzer, und gegen die Metallwand würde es sicher keine Chance haben. Mit aller Kraft warf Niels sich gegen die Wand und hoffte, dass das Monster seinen Griff dadurch lockern würde. Er hatte seine Rechnung jedoch ohne das Wesen gemacht. Wütend zischend bohrte es seine Tentakeln tiefer in Niels’ Haut.

Er spürte, wie das Narbengewebe, das seinen Rücken überzog, aufbrach, und das Gift des Monsters in die offenen Wunden rann. Ihm schossen die Tränen in die Augen vor Wut und Schmerz. Was auch immer das Wesen da in seinen Rücken pumpte, es wirkte schnell, er spürte, wie seine Zehen und seine Finger begannen, taub zu werden. In einer letzten Willensanstrengung griff er nach seinem Rücken und bekam das Wesen zu packen. Es brannte wie die Hölle, als er sich die Mandibeln aus der Haut riß, doch dann war schon Irene da, und unterstützte ihn mit ihren Messern.

“Zurück ins Büro,” sagte sie nur und zog Niels mit sich zurück in Briggs’ Office. Er wollte protestieren, dass sie ihn schon wieder rettete, aber er spürte, wie seine Beine taub wurden und er sich nicht mehr lange würde halten können. Mit letzter Kraft folgte er der Britin, die die schwere Stahltür hinter sich zuwarf und sie verriegelte.

Niels sank zu Boden, sein Rücken fühlte sich an, als sei er von tausend Nadeln zerstochen wurden. Oder geschlagen worden. Grimmig dachte er an damals, an die Angst und die Schmerzen. In seinen Ohren rauschte es, und er spürte, wie sich eine bleierne Müdigkeit über ihn legen wollte.

“Ich muss mir das ansehen.” Irene holte ihn unsanft wieder zurück. Er blinzelte und wollte protestieren, aber er war zu schwach. Folgsam zog er Hoodie und T-Shirt aus, wenn auch sehr langsam. Er wollte nicht, dass sie sah, was sie nun sehen würde, aber er wusste, dass sie recht hatte.

Wenn sie etwas an den tiefen Narben auf seinem Rücken ungewöhnlich fand, dann sagte sie nichts, und er war ihr dankbar dafür. Irgendwie hatte er den Eindruck, dass er einer Frau wie Irene Hooper-Winslow auch nicht mit der abgeschmackten Geschichte von der schweren Kindheit kommen konnte, wie er es damals bei Philip getan hatte. Das entsprach zwar auch der Wahrheit, aber eben nicht der ganzen.

Aaron, du bist widernatürlich. Wir mussten doch etwas unternehmen.

Niels sah nicht gut aus, als er sich schwankend und schrecklich schwerfällig freimachte. Er war totenblass, die Augen auf Halbmast, der Atem flach. Doch seine Gesichtsfarbe kehrte zurück, noch während Irene ihn untersuchte und verpflasterte. Sein Rücken hatte auch schon Schlimmeres abbekommen als die paar Piekser. Unter den Tätowierungen zerklüfteten eine Menge langer Narben seine Haut. Das Toxin schien zwar schnell zu wirken, jedoch nur in großer Menge Schaden anzurichten. Sobald das Adrenalin strömte, erholte man sich recht zügig wieder davon. Ganz ähnlich wie beim Schwarzen Mann, dachte Irene. Welch schreckliche Vorstellung, wenn dieses Ungeheuer, das nicht auf eine Plattform weit draußen im Meer begrenzt war, über die Fähigkeit der telepathischen Kontrolle verfügt hätte. Ob diese Dinger vor der Tür die Erzählungen über Sirenen mit beeinflusst hatten? Echte Sirenen waren humanoid. Doch die meisten Personen, die dem einen oder dem anderen Monster begegneten und überlebten, hatten nur ein Trugbild in Erinnerung. Sie sollte Charles anrufen und ihn dazu ausfragen. Wenn ein Telefonat bei diesem Wetter möglich war. Daran hätte sie ruhig eher denken können.
Ein kurzer Versuch ergab, dass sie ohne seine Hilfe auskommen musste. Alles, was sie von Charles’ bruchstückhaft durchs Telefon krächzender Stimme erfuhr, war, dass er sie nicht verstand.

Ihr Herz hüpfte schmerzhaft in ihrer Brust, als sie sich erneut bewusst wurde, dass sie mit der ganzen Verantwortung für eine wehrlose Bohrmannschaft und einen angeschlagenen, schießwütigen Kunststudenten allein im Zentrum eines Angriffs stand, der weit jenseits ihrer bisherigen Erfahrung war. Womit zum Henker konnte man diesen marinen Ungeheuern beikommen? Wie viele waren das? Lauerten sie noch vor der Tür? Und was ließ sich in einem Bürocontainer mit einer Fläche von acht mal zwanzig Fuß an potentiellen Waffen finden? Acht mal zwanzig Fuß, umschlossen von Stahl, und ein Lüftungsschacht, durch den ein Monster ohne Probleme kriechen konnte, während sie beide hier drin zwischen Büromobiliar und Stahlwänden eingekeilt waren. Die Bilder einer Höhle tauchten wieder vor ihr auf. Reißzähne und ein tiefes Grollen aus fünf großen grauen Kehlen. Nein, es war nur der Donner. Sie war auf dem Meer, umgeben von Stahl, auf einem Meisterwerk der Ingenieurskunst, das schon hundert gleichartigen Stürmen standgehalten hatte. Es würde auch diesem standhalten. Und es würde auch noch stehen, wenn die dornigen Angreifer den letzten Ölbohrer ausgesaugt hatten… Schluss jetzt. Nicht hilfreich. Sie musste an den bevorstehenden Kampf denken. Sie war wehrhaft. Etwas würde ihr einfallen. Sie würde Waffen finden, die besser halfen als Schießeisen und Silbermesser. Etwas, das den Viechern fremd war? Sie kamen aus dem Wasser, oder? Das Öl? Feuer? Feuer! Welches Lebewesen fürchtet nicht das Feuer?
Heckler und sie durchsuchten den Container nach Brennbarem. Briggs hatte noch nicht mal einen Flachmann im Schreibtisch. Niels beschwerte sich über die Gewissenhaftigkeit ihres Angestellten: "Sie sollten jemand anderen einstellen, wenn das alles vorbei ist”.
Für den Moment zog sie es ernsthaft in Erwägung. Dann fand sie endlich eine Sprühdose mit Deo, einem sterbenslangweiligen Deodorant, das nur für Briggs gemacht schien. Als Flammenwerfer würde das Ding zu höheren Weihen kommen. Beide atmeten auf. Immerhin etwas.
Ein kurzes Nicken auf beiden Seiten, ein Schnippen, ein Funke. Dann stürmten sie in die Dunkelheit.
Es gelang.
Die Flamme hielt die Wesen lange genug auf Abstand, dass die Jäger einen Vorsprung gewannen, den sie bis zur Kantine ausbauen konnten. Dort erfuhren sie, dass immer noch Leute in den Quartieren waren, die auf die Durchsage nicht reagiert hatten. Sie versicherten sich bei den Insassen des Aufenthaltsraums, dass die weiter alles verbarrikadiert halten würden und nur auf SOS öffneten. Dann holten sie tief Luft und stürzten sich wieder in den Sturm, der inzwischen so laut war, dass sie ihr eigenes Wort nicht mehr verstanden, geschweige denn die Geräusche der Tentakeldinger wahrnahmen. Auf dem Weg zu den Quartieren verirrten sich Irene und Niels auch fast und mussten erneut vor drei Monstern davonlaufen. Bei wievielen Sichtungen waren sie nun? Oder konnten das immer die gleichen Drei sein? Nein, so schnell krochen sie nicht. Unmöglich. Und diese drei waren nicht verletzt.

Der Erste, den sie aufstöberten, war ein Arbeiter, der in seiner Koje lag und las, während laute Musik aus seinen Kopfhörern drang. Wenn er die Nacht überlebte, würde er in ein paar Jahren taub sein. Hecklers unsubtiler Ansatz, ihn zum Aufstehen zu bewegen, fiel auf wenig fruchtbaren Boden: “Aufstehen und mitkommen! Wir müssen zur Messe.”
Und das mit dem Akzent. Kein Wunder, dass der Typ sauer wurde. Irene schüttelte den Kopf und legte all ihre Sorge um die Mannschaft in die Worte: “Sir, Sie sind in Gefahr. Bitte folgen Sie uns.”
Danach wurde es leichter. Irene übernahm das Reden, Niels sicherte die Umgebung. Je mehr Leute ihnen folgten, umso einfacher war es, deren Kollegen zum Mitkommen zu bewegen.

Als sie zurück in die Messe kamen, saßen zwei der ungefähr zehn Leute mit Ducttape an Stühle gefesselt zwischen ihren Kollegen. Ein Mann sah Irene und Niels entschuldigend an, aber beide verstanden: Die Wesen hatten zu den beiden gesprochen, ihnen geliebte Menschen vorgegaukelt, um sie nach draußen zu locken.

Es mussten noch Menschen im Untergeschoss sein, erklärte der Mann jetzt, dort hatte man den Ruf sicher nicht gehört. Irene seufzte, und Niels konnte an ihrem Gesichtsausdruck sehen, dass sie darüber nachdachte, wie man die Leute retten konnte, ohne dass sie alle von den Wesen angefallen wurden. Sie brauchten mehr Waffen – nur mit Revolver und Messern waren sie zu langsam. Feuer, das war die Waffe der Wahl.

Zum Glück gab es in der Küche direkt neben der Messe Gasflaschen, und die konnte man anzünden, wenn es kritisch wurde. Aber sie waren zu zweit. Niels versicherte Irene, dass er einsatzfähig war – sein Rücken behauptete etwas anderes, aber das würde er auch noch überstehen. Dann war es jetzt halt noch eine Narbe mehr, was machte das schon. Dinah war eine gute Künstlerin und hatte noch nie infrage gestellt, was sie da eigentlich unter den Farben aus ihrer Tätowiernadel versteckte.

“Gehen wir,” sagte er nur, und Irene nickte. Sie hatten keine andere Wahl. Wenn sie nicht wollten, dass noch mehr Menschen starben, mussten sie gehen.

Niels überließ Irene auch diesmal das Reden, das war wohl die bessere Idee, jetzt war nicht die Zeit zum Diskutieren. Einige der Leute waren bereits verletzt, hatten sich aber von den Wesen befreien können, andere wollten sich dem jungen Mann und der Britin nicht anschließen, doch letztlich gelang es ihnen, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie ihnen folgen mussten. Gerade rechtzeitig, denn noch mehr Wesen kamen jetzt auf sie zu, und Irene bedeutete Niels, die Leute in Sicherheit zu bringen.

Dann zündete sie die Gasflaschen.

Eine riesige Feuerwalze bewegte sich auf die Wesen zu, die mit einem hohen Kreischen vergingen. Niels hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, aber nicht mit einer P08 in der Hand, und nicht, wenn er derjenige war, der den kühlen Kopf bewahren sollte, um den Anderen ein Vorbild zu sein.
Zurück in der Messe übernahm Irene wieder das Kommando. “Wir bleiben hier drin, bis es Tag wird. Die Viecher sind nachtaktiv. Und es sind viele. Sichert die Fenster. Die Türen verbarrikadieren!”
Niemand widersprach ihr, denn inzwischen schien auch der letzte begriffen zu haben, dass sie in wirklich tiefen Schwierigkeiten steckten. Niels war nicht begeistert von der Aussicht, eingesperrt zu sein – ich war schon zu oft und zu lange ein Gefangener – doch immerhin funktionierte der Strom noch halbwegs, so dass es nicht dunkel war. Dunkelheit war am schlimmsten, er konnte alles ertragen, aber nicht, wenn es dunkel war und er nicht wegkonnte. Irene schien es ähnlich zu gehen, immer wieder ging sie unruhig auf und ab, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht oder holte tief Luft, die Hände in die Hüften gestemmt. Kurz nachdem jemand angefangen hatte, die Fenster abzukleben, damit die Mannschaft nicht dauernd die Seeungeheuer, oder das, was sie ihnen vorgaukelten, vor Augen hatte, fing sie an, immer wieder eine Ecke des Klebebands zu lösen und ungeduldig nach draußen zu spähen. Dazwischen tigerte sie in möglichst weiten Kreisen durch den Saal, prüfte etwa einmal die Minute das Magazin ihrer Browning und spielte nervös mit den beiden Bowiemessern herum.
Hatte sie ähnliches erlebt wie er? Er erinnerte sich an die Teufelsfallen auf ihrem Rücken. Fragen wollte er sie nicht danach, sie hatte seine Narben gesehen und geschwiegen, und so stand es ihm mit Sicherheit nicht zu, ihr das so zu vergelten.

Der Sturm toste um die Plattform, es war ein fast unheiliges Heulen, mit dem er an den Aufbauten rüttelte. Immer wieder schraken die Leute in der Messe zusammen, wenn etwas gegen das metallene Gebäude schlug, doch nichts versuchte, in die Messe einzudringen.

Niels warf Irene einmal einen kurzen Blick über die Schulter nach draußen, als sie wieder an einem der Fenster die angeklebte Folie etwas anhob. Überall auf der Plattform waren jetzt die Wesen zu sehen, wie sie hin und her krochen, ein Schwarm aus Dutzenden grauen unförmigen Leibern mit tausenden Mündern und Rüsseln und Dornen, begierig darauf wartend, einen der Insassen des Containers mit ihren Trugbildern zu verwirren und ihnen das Leben aus dem Leib zu saugen.

Plötzlich erhob sich etwas aus der Gischt, ein Wesen, wie Niels es noch nie gesehen hatte, auch nicht in irgendeinem der Bücher seines Vaters. Es war haushoch, und seinem Aussehen nach kam es aus den tiefsten Tiefen der See. Mit seinen Lichttentakeln erinnerte es entfernt an die anderen Wesen, die über die Plattform waberten, aber es war hundertmal größer.
Doch so schnell, wie sich das Monster aus der Tiefe erhoben hatte, so schnell war es wieder verschwunden, und Niels fragte sich, ob er sich die Erscheinung nicht vielleicht eingebildet hatte.

Eine Mittsommernacht dauert niemals lange – nicht am Polarkreis, wie Niels nun feststellte, und langsam wurde es wieder hell. Umso heller es wurde, desto mehr verschwanden die Wesen, und der Sturm legte sich.

Niels war erleichtert. Die Wunden auf seinem Rücken brannten immer noch, aber er hatte es geschafft, nein, sie hatten es geschafft. Als der erste Sonnenstrahl in die Messe drang, durch einen Spalt zwische Folie und Fenster, sah er Irene an, die immer noch unruhig auf und ab ging. Er lächelte, und langsam erwiderte sie sein Lächeln. Die Menschen in der Messe erwachten zu neuem Leben, und die beiden, die immer noch an ihre Stühle gefesselt waren, sahen sich verwirrt um.

Die Folien wurden von den Fenstern entfernt und die Türen entsichert, nun ging es ans Aufräumen. Niels und Irene beteiligten sich an der Suche nach den Vermissten, einige der Menschen konnten nur noch tot gefunden werden, andere tauchten nie wieder auf. Trotz des strahlenden Morgens war die Stimmung gedrückt.
Irene probierte aus, ob sie jetzt Handy-Empfang hatte, sie rief nochmal Charles an, den sie am Abend zuvor nicht hatte erreichen können. Während sie und Niels auf den Hubschrauber warteten, sprach sie mit ihm und fragte ihn nach den Wesen. Außerdem sollte er noch einem gewissen Francis Bescheid sagen, dass er die Anteile an der Plattform wieder verkaufte, doch anscheinend war das jetzt keine Option mehr, dem Gesprächsverlauf nach zu urteilen, den Niels jetzt mitbekam. Die Hooper-Winslows würden sich auch weiterhin darum kümmern, die Besatzung der Plattform vor Angriffen der Monster zu beschützen. Verluste hin oder her.

Nachdem sie das Gespräch beendet hatte, sah die Britin den jungen Mann nachdenklich an, der da auf der Reling lehnte, und sich ab und an streckte, um seinen Rücken zu entlasten. “Soetwas Ähnliches wie Sirenen,” sagte sie schließlich. “Sie tauchen in Schwärmen auf und überfallen Schiffe, Boote, Küsten und eben auch Ölbohrplattformen. Jetzt im Sommer ist wohl ihre Paarungs- und Fressphase. Das große Ding, das wir da gesehen haben, scheint so etwas wie die Königin zu sein. Den Rest des Jahres leben sie vermutlich in der Tiefsee. Das erste, das wir erledigt haben, lasse ich gerade einfrieren, damit es nach England überführt und untersucht werden kann.” Niels überlegte. Hieß das, dass sie im nächsten Jahr wiederkommen mussten? Sie schien seine Gedanken zu erraten und nickte. “Aber nicht allein.” Damit konnte er durchaus leben.

Eine Weile standen sie schweigend an der Reling, bis Niels etwas einfiel.
“Ma’am… Darf ich Sie etwas fragen, auch wenn es mich nichts angeht?” Irene nickte. “Was haben Sie gesehen, als die Wesen uns… in ihrem Bann hatten?” Sie holte kurz Luft und sah aufs Meer hinaus. “Meinen Vater. Und Sie?” Niels überlegte kurz. Eigentlich hatte er keine Lust, darüber zu sprechen, wen er liebte, aber nun hatte er das Gespräch angefangen, und außerdem hatte er sie mit seinem Spruch bei Mr Briggs schon in die Richtung gelenkt.
“Meinen… Exfreund.” Irene verzog keine Miene. “Das ist bitter.” “Und beim zweiten Mal eine… Liebschaft.”

Nenn es doch endlich beim Namen, Heckler. Du warst verknallt.

“Es war so real. Ich wusste, das beide nicht hier sein können, aber es war so real.” Er hasste sich noch immer dafür, dass er sich hatte überrumpeln lassen, dass er in den Armen… Flügeln dieses Monsters gelegen hatte und es wirklich und wahrhaftig für Philip gehalten hatte.

“Ich hätte es auch besser wissen müssen…” Irene klang melancholisch, ihr Gesicht verriet jedoch nicht, was sie in diesem Moment dachte. Niels streckte sich wieder, die vorgebeugte Haltung auf der Reling war auf die Dauer unbequem. Kurz verzog er das Gesicht wegen der Schmerzen. “Ich glaube, ich sollte dann in Barrow mal einen Arzt aufsuchen,” meinte er nur. Irene sah ihn aufmunternd an. “Narben machen interessant. Das bringt das Jagen eben so mit sich.”
Niels schüttelte den Kopf. So etwas hatte sein Vater auch immer gesagt, mit der Aufforderung, nicht zu weinen, egal, wie sehr es schmerzte, oder wie tief die Wunde war. Sogar beim letzten Mal hatte er es ihm gesagt – oder war es Joseph gewesen, der ihn aufgefordert hatte, alles wie ein Mann zu ertragen, wie ein richtiger Mann?

“Oder die Familie,” antwortete er tonlos und sah sie ernst an. Irene stutzte. “Glauben Sie, dass mein Vater begeistert war, dass sein Sohn schwul ist?” Niels spürte, dass er nicht wie sonst, wütend wurde, sondern ganz sachlich blieb. Wenn er dem nachgab, was er damals gefühlt hatte, wäre er jetzt nicht hier. “Da hat er zum einzigen Mittel gegriffen, das er kannte und versucht, es durch einen Exorzismus aus mir… herauszuprügeln. Das da” – er machte eine Handbewegung nach hinten – “sind ein Drittel Jagen und zwei Drittel Familie.”
Er hielt sich die Hände vors Gesicht, als er merkte, dass die Erinnerung noch immer frisch war und wieder hochkam, doch jetzt, wo er es zum ersten Mal gegenüber jemand Fremden formuliert hatte, kam es ihm so vor, als sei das alles jemand anderem passiert, und nicht ihm. Er wollte sich dem nicht stellen, noch nicht.

“Ich glaube, das Jagen zieht solche Leute an,” meinte Irene jetzt, und Niels wusste, was sie meinte. Spinner. Religiöse Fanatiker. Typen, die glaubten, die Bibel sei ein Gesetzbuch und weltliche Gerichte würden für sie nicht gelten.

“Kennen Sie einen Mann namens Marcus DeVries?” wollte sie dann wissen. Niels schüttelte den Kopf. “Das ist so jemand wie Ihr Vater. Nehmen Sie sich vor ihm in Acht, mit dem ist nicht zu spaßen. Die Staaten sind zwar voll von solchen Spinnern, aber DeVries ist nochmal ein ganzes Kaliber härter.” Niels nickte. Sein Bedarf an religiösen Spinnern war für den Rest seines Lebens gedeckt, er hatte nicht vor, sich noch einmal in die Nähe von solchen Leuten zu begeben, die auch nur annähernd das Gedankengut seines Vaters und seiner Brüder teilten. Er versprach ihr, sich vor diesem DeVries zu hüten, das fiel ihm nicht schwer.

“Ich… Ma’am… Wenn Sie wieder Hilfe brauchen, dann helfe ich Ihnen gerne. Aber das nächste Mal bitte nicht auf so einer Ölbohrplattform.” Sie lächelte jetzt. “Wüste würde mir ganz gut gefallen.”
“Wald. Ich bin für Wald. Ich bin praktisch in einem aufgewachsen, da kenne ich mich aus.”

Heimweh, Heckler?

Sie reichte ihm die Hand, und er schlug ein. “Bis zum nächsten Mal auf weiter Flur.”
In diesem Moment landete der Hubschrauber, um sie endlich wieder an Land zu bringen.

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