Mädchenkram - Supernatural

Invincible
Ein Treffen in Albany

Niels betrat das Café mit einem mulmigen Gefühl. Die letzte Woche bei Ethan und sein Aufenthalt in Connecticut hatten ihn ein klein wenig aufgebaut, aber er hatte Angst vor dem Gespräch mit Emily. Er sah auf seine Arme herunter. Die Ärmel des Longsleeves verdeckten zwar die Verbände, aber er wusste ja, dass sie da waren. Dass die Narben nicht wieder verschwinden würden. Noch immer hatte er keine genaue Vorstellung, wie es unter den Verbänden aussah, wieviele Stunden Arbeit in Flammen aufgegangen waren. Das war sein Ding gewesen, das, was ihn ausmachte, seine Art, alles zu vergessen. Was für eine Ironie, dass mit dem Feuer gleichzeitig alles ausgelöscht worden war und das, was er versucht hatte, zu verstecken, wieder nach oben gekommen war.

Niels sah sich um, das Café war recht gut besucht, aber er fand einen Tisch, der etwas abseits war. Perfekt für ein Gespräch über all das, was sie erlebt hatten. Er spürte, dass er zitterte, obwohl es nicht kalt war. Weder Ethan noch Bart hatten ihm also ganz die Angst nehmen können. Die Kellnerin kam und fragte ihn nach seiner Bestellung, und Niels hätte am liebsten Alkohol verlangt, entschied sich aber für das Richtige, einen Kaffee. Dann wartete er und hoffte, dass Emily kam.

Emily fuhr vor dem Café vor, blieb noch einen Moment im Auto sitzen und atmete tief durch. Sie fürchtete sich ein wenig Niels gegenüber zu treten. Sie wusste nicht was sie erwartet, warum Niels mit ihr sprechen wollte, obwohl sie eine wage Ahnung hatte.
Sie erinnerte sich an das Gespräch mit Bart und fragte sich, wie sie immer in Cafés landete. Bei diesen Gedanken musste sie kurz schmunzeln und stieg aus.
Das letzte Gespräch mit Ethan war auch nicht solange her und sie hatte noch immer keine Antwort darauf gefunden. Sie öffnete die Tür, betrat das Cafè und schaute sich um. Als sie Niels erblickte, wirkte er etwas in Gedanken, Emily ging langsam auf den Tisch zu an dem Niels saß. Ihre Bewegungen scheinen immer noch eingeschränkt zu sein.
Sie blieb am Tisch stehen und blickte auf Niels runter. Noch bevor sie sich setzte begrüßte sie ihn. Sie stand einen Moment da, setzte sich dann aber.
“Bevor du anfängst, es….es tut mir wirklich leid.” Sie schaute ihn an und biss sich auf die Unterlippe.

Niels sah auf. Es tat ihr leid? Was tat ihr leid? Dass er ein Vollidiot gewesen war? Dass er, ein Heckler, ein Jäger seit seinem 9. Lebensjahr, der Sohn von Jacob Heckler, es für richtig gehalten hatte, sich alleine einem Dämon und einem Höllenwesen entgegen zu stellen und so ihr beider Leben riskiert hatte? Aber statt ihr das alles zu sagen, stand er nur auf und wollte ihr aus einem Reflex heraus zur Begrüßung die Hand reichen, als ihm wieder einfiel, dass Emily kein Mensch fürs Händeschütteln war. Stattdessen zwang er sich zu einem “Hi, setz dich doch”, bevor er weiter redete. “Was genau tut dir leid?” Seine Stimme klang belegt. “Dass ich dich fast umgebracht habe?” Die Kellnerin kam jetzt, brachte Niels seinen Kaffee und fragte Emily, ob sie auch etwas trinken wollte. Dabei lächelte sie verschwörerisch. Niels seufzte innerlich. Nein, das hier war kein Date, beileibe nicht. Selbst wenn er auf Frauen stehen würde, das hier war das Gegenteil eines Dates. Gab es so etwas wie Anti-Dates?

Emily bemerkte Niels Bewegung und war froh, als er diese wieder abgebrochen hatte. Sie wollte sich nicht wieder und wieder erklären müssen. Sie war jetzt soweit, dass Bart sie berühren konnte und auch Ethan hatte ganz kurz ihre Hand gehalten. Sie war aber noch nicht soweit sich allen anderen auch so zu öffnen. Sie mochte Niels, dass war auch nicht ihr Problem. Aber Niels schien sich dessen bewusst geworden zu sein und dafür war sie dankbar. Emily sah die Kellnerin an und bestellte ein Glas Wasser. Sie musterte die Kellnerin und fragte sich, was sie sich dachte, konnten sich junge Leute nicht einfach so treffen. Sie wollte erst was sagen, behielt es aber für sich. Dafür war sie nicht hierher gekommen. Nicht um einen Streit zu provozieren. Sie blickte der Kellnerin noch mal hinterher und schnaufte leise, dann wendete sie sich wieder Niels zu. Emily guckte Niels geschockt an. “Mich umgebracht? Du? Nein, es war meine eigene Entscheidung die mich in dieser Lage gebracht hat.” Jetzt sprach sie leise und stockte immer wieder. “Das…das ich nicht rechtzeitig da war, dass ich dir nicht helfen konnte. Ich konnte einfach nicht…” Sie brach ab. Emily konnte Niels nicht in die Augen schauen. Sie wunderte sich, wieso gab er sich die Schuld, Sie wusste doch wie gefährlich die Jagd war und sie hat bei weitem schlimmeres erlebt. “Niels, ich wollte dir helfen und konnte es nicht, dass tut mir leid.” Sie zuckte mit den Schultern.

Niels spürte, dass er wütend wurde. Er brauchte keine Hilfe, er schaffte das alleine. Dann fiel sein Blick auf seine Arme. Und wie du das alleine schaffst, Heckler. Ethans Worte kamen ihm in den Sinn. Kram passiert. Und ja. Kram passiert, für den du dich schuldig fühlst. An dem du schuldig bist. Passiert. Bleibt nicht aus. Er hatte ja recht, so verdammt recht. Es war auch nicht nur das, aber wollte er Emily das wirklich alles erzählen? Wobei sie die Wahrheit verdient hatte. Auch wenn es ihr leid tat, sein unüberlegtes Handeln hatte sie doch erst zu der Entscheidung verleitet. Das waren zwar mit Sicherheit nicht die ersten Monster, denen sie sich in den Weg gestellt hatte, wenn er an ihren Bogen dachte und die sicheren Bewegungen, aber er hatte sich geschworen, dass er sie beschützte. Felicity hatte niemals über Emily gesprochen, und er hatte es nicht gewagt, sie oder Ethan nach ihr zu fragen.
Die Kellnerin brachte ihnen jetzt die Getränke, und Niels sah ihr nach, bis sie in sicherer Entfernung verschwunden war. “Aber wenn ich nicht wie ein Irrer vorgerannt wäre, hättest du diese Entscheidung nicht treffen müssen. Abgesehen davon, ich hätte das alles wissen müssen. Ich bin Jäger, seit ich neun Jahre alt war. Es war dumm von mir, zu glauben, dass ich mit einem Dämon und diesem Feuerwesen klar komme. Aber trotzdem… ich wollte dich da nicht mit reinziehen.”

Emily trank einen tiefen Schluck von ihrem Wasser und blickte Niels an. “Mag sein, dass deine Entscheidung mich zu meiner verleitet hat. Mag sein, dass es anders gelaufen wäre, hättest du… hätten wir auf die anderen gewartet, haben wir aber beide nicht. Shit Happens. Es ist passiert und wir leben noch.” Sie lächelt Niels an. “Ich jage schon seit meinen elften Lebensjahr und weiß, worauf ich mich einlasse. Ich habe schon soviele….soviele……Menschen verloren.” Es wirkt so, als ob sie was anderes sagen wollte, aber nicht über die Lippen bringt. Ihr blickt wird etwas traurig. “Ich wollte nicht schuld sein, schon wieder jemanden zu verlieren, ich könnte mir das einfach nicht verzeihen.” Sie schweigt einen Moment bevor sie erneut ansetzt.
“Ich gebe dir auf jeden Fall kein Schuld, allerhöchstens eine Teilschuld, aber auch wenn ich später dazu gekommen wäre, wäre es nicht auszuschließen, dass ich dann nicht ebenfalls so verletzt wurde und es heilt, langsam aber es heilt.” Sie lächelt ihn aufmunternd zu.

Er sah sie nachdenklich an. “Ja, wir leben noch. Auch wenn ich für einen Augenblick dachte, dass das nicht mehr der Fall ist.” Niels dachte an sein ‘Gespräch’ mit seinem Vater. Ob er jemals erfahren würde, ob Jacob wirklich schon bei ihm gewesen war, oder ob der Dämon es ihm hatte einfach machen wollen, als er versucht hatte, seine Seele zu stehlen? Er spürte wieder, wie der Ekel in ihm hochstieg. Der Dämon war in sein Innerstes vorgedrungen, hatte seine guten Erinnerungen durchwühlt, als sei Niels’ Seele ein Selbstbedienungsladen, während die Verletzungen des Feuerwesens ihn zurück in den Keller verfrachtet hatten. Für einen kurzen Moment war es gewesen, als hätte es die letzten vier Jahre niemals gegeben. Das Wissen, dass einem die Seele gestohlen wurde, während man verbrannte, war nicht besser als die Tatsache, dass der eigene Bruder und Vater ihn beinahe totgeschlagen hatten, weil er war, wie er war.
Sein Blick traf den Ems. Ihre grünen Augen ruhten immer noch auf ihm und holten ihn ins Hier und Jetzt zurück. “Du hast mich nicht verloren”, sagte er und versuchte, seine Stimme ruhig klingen zu lassen. Für einen kurzen Moment überlegte er, ob er nach ihrer Hand greifen sollte, aber dann sah er davon ab. Zum einen war das nicht ihr Ding, und zum anderen kannten sie sich nicht so gut. “Im Gegenteil, ohne dich säße ich wahrscheinlich nicht mehr hier. Oder sähe noch viel schlimmer aus.” Er versuchte zu lächeln, dann hob er die Arme. “Es heilt, ja. Ich habe keine Ahnung, wie ich darunter aussehe.” Jetzt musste er doch grinsen. “Feuer reinigt, hat mein… Stiefvater immer gesagt. Der wäre glücklich, dass wahrscheinlich nichts mehr von den Tattoos da ist.” Niels hielt sich die Hand vors Gesicht, als er an Gustav dachte. Seit Idaho war eine Erinnerung an den alten Heckler besonders präsent: Sein Gesichtsausdruck, als er ihn in die Wanne geworfen und im eiskalten Wasser untergetaucht hatte, um zu verhindern, dass Niels an seinen Verletzungen starb. Er schüttelte sich unwillkürlich und nahm schnell einen Schluck Kaffee, damit Emily nicht merkte, was in ihm vorging. “Alte Jägerfamilien”, sagte er schließlich. “Sie bereiten uns auf das vor, was kommen könnte, aber wenn es dann tatsächlich so weit ist, wissen wir nicht mehr, was wir tun sollen.”

Ihre Augen ruhten weiter auf Niels, sie spielte etwas an ihren Wasserglas. Sie machte ein zerknirschtes Gesicht. “Ich hab deswegen auch echt ein schlechtes Gewissen. Vorallem, du hattest ja vorher schon erwähnt, dass deine Kindheit nicht einfach war.” Sie wand ihren Blick ab. “Eigentlich ging es mir gut, ich bin gerne jagen gegangen. Damals zumindest.” Sie schweigt einen Moment. “Ich wollte nicht, dass sowas nochmal passiert. Ich hab meine beste Freundin verloren, nicht tot, aber sie ist…dennoch scheint sie nicht mehr bei uns zu sein. Und dann war da noch. Naja auf jeden Fall hatte ich doch gesagt, ich passe dort draußen auf dich auf, aber ich kam einfach nicht vorbei, das Vieh stellte sich mir immer wieder in den Weg. Ich sah dich dort liegen und konnte einfach nichts dagegen tun. Ich war es nicht die dir das Leben gerettet hat. Die anderen schienen und irgendwie gefunden zu haben. Zum Glück rechtzeitig. Ich war so Dumm und hatte ihnen nicht bescheid gesagt. Dachte mir halt, wird schon gehen, ich hatte einfach nicht darüber nachgedacht.”
Sie sieht seine Verbände hervorblitzen. “Tut es den noch sehr weh? Wie lange wirst du sie noch tragen müssen?” Als er von seinem Stiefvater spricht schaut sie etwas zornig. “Nimm mir das jetzt bitte nicht übel, aber dein Stiefvater ist ein Arsch. Vorallem, wenn er froh ist, was mit dir passiert ist und was er dir angetan hat. So erzieht man keine Kinder und keine Jäger, aber du hast recht, auf die Situationen in die man wirklich kommt, können sie uns nicht vorbereiten.” Emily scheint echt wütend zu sein, aber nicht auf Niels, sondern den Mann den er Vater nennen sollte.
Dann schien Emily etwas abzutriften, sie erinnerte sich wie es war, als sie wieder zu Hause war. Die Ablehnung. Die Blicke von Ihrem Bruder. Sie durfte ihre geliebte kleine Schwester nicht sehen. Nur ihre Mutter hielt zu ihr, macht sie immer noch, unterstützt sie so gut sie konnte, ohne wissen ihres Mannes. Der ebenfalls nicht glaubte, dass seine zweit jüngste Tochter zurück ist. Aber das war nichts im Vergleich was der junge Mann vor ihr durchgemacht hat. Ihre Eltern waren gut zu ihr und ihren Geschwister.

Niels hörte Em aufmerksam zu, als sie von der verlorenen Freundin erzählte. Das klang nicht gut. Das klang verdammt nochmal so richtig beschissen. Fuck. Ob es da irgendeine Möglichkeit, diese Freundin zu finden? Der Verlust schien ihr extrem nahe zu gehen, und er hätte ihr so gerne geholfen. Aber auch wenn sie sagte, dass sie ihm verziehen hatte – zumindest zu einem großen Teil – ob sie jemals wieder mit ihm jagen wollte, würde sich zeigen müssen. Jetzt sprach sie von dem merkwürdigen Tierwesen, das ihr den Weg abgeschnitten hatte. Er hatte später von Bart davon erfahren, dass dieses Wesen sie daran gehindert hatte, rechtzeitig bei ihm zu sein. “Aber du hast es versucht, und allein das zählt. Wie ich bereits sagte, ohne dich wäre es vielleicht noch schlimmer geworden”, meinte er, als sie darauf hinwies, dass sie ihm nicht das Leben gerettet hatte. Tatsächlich war es zur Überraschung aller Flann gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass sie beide hier saßen, schwer verletzt, aber am Leben, und dass Will, Pickett und Willard wieder verhältnismäßig unbeschadet nach Hause hatten zurückkehren können. Will hatte Niels eine lange Mail geschrieben und ihn um Antworten gebeten. Noch wusste Niels nicht, was er Will erzählen sollte und hatte sich mit seinem Krankenhausaufenthalt rausgeredet.
Als sie auf seine Familie zu sprechen kam, spürte er, wie sich alles in ihm zusammenzog. Er fragte sich, was Gustav wohl sagen würde, wenn sie ihm ins Gesicht gesagt hätte, was sie von ihm hielt. Er überlegte, ob er ihr sagen sollte, was der alte Heckler ihm wirklich angetan hatte, doch dann sah er, wie sie innehielt und scheinbar an ihm vorbei sah. Familie schien auch für sie kein gutes Thema zu sein. Verdammt, was war ihr nur zugestoßen?
“Magst du… magst du drüber reden? Über deine Freundin? Deine Familie?”

Als Niels sie anspricht zuckt sie kurz zusammen und reißt sie aus ihren Gedanken.Sie schaut ihn an, erst ein wenig verwirrt, aber fast sich auch gleich wieder.
“Naja, auf jeden Fall ist gut, dass wir uns treffen, wollte dir nämlich nochmal persönlich sagen, dass es mir leid tut.” Dabei lächelt sie Niels an.
“Und jetzt sollten wir es gut sein lassen. Mit unseren Entschuldigungen ist auch keinem geholfen.” Ihr lächeln wird breiter und sie legt den Kopf leicht schief.
Ihr blieb nicht unbemerkt, dass er auf ihre fragen nicht antwortete, aber das war in Ordnung, sie sprach auch nicht gerne über dass was passiert war.
Vielleicht hilft es ja, wenn sie den Anfang machte. Nur nicht hier, wo so viele Menschen waren.
“Hm.” Sie schaut sich um. “Nicht hier, magst du vielleicht etwas “spazieren” gehen. Wo. Hm. Weniger Menschen sind.” Sie blickt ihn fragend an.

“Klar, kein Problem.” Albany war eine schöne Stadt, eine grüne Stadt, und Niels war sowieso lieber im Freien unterwegs. Er rief die Kellnerin herbei und zahlte seinen Kaffee und Emilys Wasser, dann stand er auf. “Nach dir”, meinte er, dann lächelte er. “Dieses Mal.” Sie hatte recht. Es war niemandem geholfen, wenn sie sich dauernd entschuldigten. Sie hatte ihm verziehen, das zählte, sie lebten beide noch, auch das war wichtig, und was noch passiert war – er überlegte, ob er sie einweihen sollte in das, was durch das Feuer wieder in ihm vorging. Was hatte der komische Psychodoc in Seattle noch gesagt? Reden Sie darüber, Mr. Heckler. Sie dürfen nicht verdrängen, was passiert ist. Aber wie konnte man darüber reden, wenn man sich selbst noch immer nicht traute, es richtig auszusprechen? Es in seiner Gänze auszusprechen? Er hatte es selbst gegenüber Ethan nicht zugeben können. Vielleicht war es heute soweit, vielleicht konnte er es wenigstens Emily sagen.
“Es gibt hier in der Nähe einen großen Park, den Tivoli Park. Ich glaube, da können wir uns ungestörter unterhalten”, schlug er vor und öffnete die Tür, um zu seinem Auto zu gehen. “Willst Du mitfahren?”

Emily war froh, nicht dass sie nicht gerne was trinken geht, aber sie mag es einfach nicht, wenn so viel Trubel um sie herum ist und draußen fühlt sie sich einfach viel wohler.
Sie stand auf und ging nach draußen, dort zieht sie sich ihren Mantel über und wartet bis Niels zu ihr aufgeschlossen hat.
“Gerne. Danke übrigens für das Wasser.”
Sie gingen zum Auto und fuhren schweigend zum Park, dieser war fast menschenleer. Sie überlegte wo sie anfangen oder wie weit sie ausholen sollte. Sie wollte Niels nicht langweilen mit ihre Geschichte. Wer weiß, er ist zwar ein Jäger, aber ob er ihr überhaupt glauben würde. Glauben, dass sie es geschafft hat, dass sie nicht lügt.
Sie gingen ein paar Schritte nebeneinander her als sie ansetzt.
“Ich muss dafür etwas weiter ausholen, ich meinem zu verstehen warum ich bin wie ich bin.” Sie blickt zur Seite und muss etwas nach oben schauen um Niels ins Gesicht zu blicken.
“Also.” Dabei blickt sie wieder nach vorn und behält die Umgebung im Auge.
“Ich hatte eine Freundin, sie war damals in meinen Alter, sie war auch aus einer Jägerfamilie. Als ihre Eltern getötet wurden, verschwand sie. Naja, hm,nicht ganz, ich wusste, dass sie den Mörder suchen wollte und habe sie nicht aufgehalten.Dann vor ein paar Wochen, sah ich ich sie zum ersten mal wieder seit dem sie weglief. Sie ist in einer Nervenheilanstalt. Sie redet nicht, erkennt mich nicht, lebt in ihrer kleinen eigenen Welt. Ich war sie nicht mehr Besuchen, weiß auch nicht warum. Ich hatte gehofft, dass sie wieder normal wird, nachdem wir den Geist vernichten haben, der dafür verantwortlich war. Es war ein irrtum.” Sie zuckt mit den Schultern. “Damals hatte ich mein beste Freundin verloren und hatte lange gebraucht bis ich wieder so eine Freundin fand.” Sie überlegte wie sie den Bogen kriegt. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Wenn er jetzt nicht wegläuft oder sie angreift, gibt es vielleicht doch noch Hoffnung für sie. Vielleicht hatte Ethan ja doch recht.
“Ich weiß ja nicht, ob Ethan dir gegenüber irgendwas erzählt hat, aber damals war ich auf der Uni, da wo Ethan Hausmeister ist. Eigentlich war ich nur da wegen meiner Schwester.” Sie lächelt halbherzig.
“Naja, auf jeden Fall sollten Ethan und Felicity ein altes Verbindungshaus untersuchen, welches die Uni geerbt hat. Der Dekan hat gesagt, dass sie unerfahrene Jäger mitnehmen sollten, es wäre nicht gefährlich und daher eine gute Übung…..Pah, von wegen.” Emily schaute wütend zu Boden. Sie schwieg einen Moment, doch dann erzählte sie weiter, ihre Stimme wird leiser. Es fällt ihr sichtlich schwer darüber zu sprechen.
“Dort habe ich dann Eunice kennengelernt und mich gleich mit ihr angefreundet. Sie ist auch mitgekommen, sie war zwar keine Jägerin, aber mutig und tough. Naja, wie auch immer. Jedenfalls war da unter anderen ein Geistermädchen und wollte Eunice mitnehmen. Ich war so dumm, dumm, dumm. Ich hätte es einfach besser wissen müssen. Ich hätte sie aufhalten müssen. Ich war die Jägerin von uns beide.” Sie trat einen kleinen Stein weg. “Eunice packte mich und dann das Geistermädchen. Dann würde es schwarz um uns, plötzlich standen wir mitten im Zwielicht. Mir war erst nicht klar wo wir gelandeten waren, dass kam erst später. Später wurde es mir bewusst, dass wir…wir im….im Purgatory war.” Sie schaute Niels dabei an. Sie suchte Niels Blick, versuchte zu sehen was er denkt, versuchte seine Körperhaltung zu deuten. Dabei zuckte sie wieder mit den Schultern.
“Deshalb fällt es mir so schwer neue Freundschaften zu schließen. Um ehrlich zu sein, habe ich gar keine Freunde, aber es ist ok. Ich glaub es ist besser so.” Dabei spielt sie an ihren Haaren rum.

Niels sah Emily lange an, das Bedürfnis, sie einfach in den Arm zu nehmen, wurde wieder stärker. Aber das würde er nicht tun, je länger er ihr zuhörte, umso klarer wurde ihm, warum sie keine Berührungen zulassen konnte. Niemanden an sich heranlassen. Das Ganze ausklammern. Wenn man nicht darüber nachdachte, dann wurde es nicht wahr. Was sagte man jemandem, der so etwas erlebt hatte? “Kopf hoch, alles wird wieder gut?” Es wurde nicht wieder gut, nie wieder. Anders, ja, aber niemals wieder gut.
“Felicity hat mir nie gesagt, was damals passiert ist”, meinte er jetzt. Im Grunde hatte sie ihm überhaupt nichts gesagt, sie hatte behauptet, dass sie nicht mehr jagen wollte, weil ihre Beziehung zu Lord Alfie wichtiger war, und der gute Lord hatte vom Übernatürlichen keine Ahnung. Niels traute ihm zu, dass er seine Frau eher in eine Anstalt einweisen lassen würde statt anzuerkennen, dass es die Wesen, die sie und ihre Familie bekämpften, wirklich gab. Aber es passte zu Felicity, dass sie die Sache verschwiegen hatte. Wie bei der Geschichte mit Ethan kam sie nicht gut weg dabei, und Niels hatte den Verdacht, dass das ebenfalls ein Grund war. Genau wie sie es mit ihm versucht hatte, als er ihr eröffnet hatte, dass er ihr Bruder war, auch wenn es da Jacobs Bild war, was sie nicht angekratzt wissen wollte.
Als Emily nichts sagte, fuhr Niels fort. “Aber sie und ich, wir kennen uns auch erst seit knapp einem Jahr. Und bis vor kurzem dachte ich auch noch, sie sei meine Cousine.” Er ballte die Faust, bereit, irgendetwas zu schlagen, wie er es immer tat, damit der Schmerz real wurde. “Wir sind Geschwister. Halb-Geschwister, um genau zu sein. Und dieser verdammte Dreckskerl hat es die ganze Zeit gewusst.” Er holte Luft. “Und wahrscheinlich hätte er es gut gefunden, wenn ich dieses Mal endlich verreckt wäre.”

Sie musterte Niels noch eine Weile, aber als er weder anstalten machte sie stehen zu lassen, noch sie anzugreifen beruhigte sie sich wieder etwas.
“Felicity und ich kannte uns nicht wirklich, was sollte sie auch erzählen? Sie hat einige Studenten verloren. Das einer der Studenten gestorben ist. Ich glaube, sowas erzählt man nicht mal so beim Abendbrot.” Emily sticht es im Herz, als sie vom Tod des Studenten spricht. Sie vermisste Jack und machte sie immer noch Vorwürfe, denn eigentlich hat sie seinen Tod zur Verantwortung. Sie seufzte leise und kaum hörbar. “Ich schätze sie hatte ebenso daran zu knabbern wie Ethan.”
Sie nickte als Niels von seinem Stiefvater spricht.
“Du kommst nicht von hier oder? Also aus USA? Wie lange bist du schon hier?” Emily starrte nach vorne.
“Aber das bist du nicht und du kannst es diesem Großkotz zeigen, aus was für ein Holz du geschnitzt bist. Du darfst dich einfach nicht unterkriegen lassen. Ich weiß, es ist nicht einfach. Ich war auch an den Punkt. Der Unterschied ist nur, ich war allein, umgeben von Monstern und den widerlichsten Kreaturen. Du hast hier Freunde, die dir zur Seite stehen.” Dann lächelt sie ihn warm an.

Ich war umgeben von Monstern. Niels schluckte. Ja, sie meinte andere Monster, aber dennoch, er konnte gerade nur an ein Monster denken: An Joseph, wie er ihn festhält, ihn zwingt, das Oberhemd auszuziehen, seine Handgelenke packt und fesselt, viel zu fest, das Seil scheuert die Haut blutig. “Du bist ein Bastard und ein Sodomist, Aaron. Eine Kreatur der Hölle. Und dorthin werden wir dich zurückschicken.”
Als sie von dem toten Studenten sprach, nickte er zustimmend. Dann war Alfie niemals der wahre Grund gewesen, sondern die Tatsache, dass sie dem Jungen nicht hatte helfen können. Aber eine Felicity Heckler hätte sich eher die Zunge abgebissen, als zuzugeben, dass sie etwas nicht geschafft hatte, dass etwas ihre Schuld war. In diesem Punkt waren sie sich überhaupt nicht ähnlich. Aber Felicity war auch nicht in einer Familie aufgewachsen, in der man ihr immer zu verstehen gegeben hatte, dass alles, was sie tat, nicht richtig war. Felicity war Jacobs kleine Prinzessin gewesen. Er war Gustavs und Josephs Punchingball gewesen. Der Gedanke an seine Familie veranlasste ihn dazu, ihre nächste Frage zu beantworten. “Nein, ich bin nicht von hier, meine Familie stammt aus Bayern. Mein Vater… mein richtiger Vater ist vor Jahren nach Amerika gekommen und hat hier Felicitys Mom kennengelernt. Ich bin erst letztes Jahr hierhin gekommen, nachdem mein Freund mich verlassen hat. Naja, ich war es auch irgendwie selber schuld.” Er verzog das Gesicht, als er an Philip dachte. Es war vorbei, er war über ihn hinweg. “Felicity hat mich hierher geholt, damit ich alles hinter mir lassen kann.” Er lachte auf, sein Gespräch mit Ethan an Weihnachten fiel ihm ein.
“Ich wollte kein Jäger mehr sein. Ich wollte alles hinter mir lassen. War eine Spitzenidee. Es ist alles wieder hochgekommen.” Er sah sie an, sie lächelte mitfühlend. “Ich wollte es ihm beweisen. Beweisen, dass ich mehr bin als der kleine Bastard. Total bescheuert, ich weiß, wenn man bedenkt, dass er es war, der mich beinahe umgebracht hat, damals, vor vier Jahren.”

Sie zog eine Augenbraue hoch. “Bayern? Liegt in Deutschland oder? Dafür sprichst du schon ziemlich gut amerikanisch. Ist nen ziemlich weiter weg.” Sie dachte nach und konnte sich nicht vorstellen, den Kontinent zu wechseln. Egal was kommen mag.
“Dass tut mir leid mit deinem Freund. Aber du solltest dir abgewöhnen, dir für alles die Schuld geben. Nutze die Kraft für was sinnvolles” Sie schmunzelte etwas, bei dem was sie sagte. Anderen gute Ratschläge geben ist irgendwie ironisch, wo sie sich doch selbst nicht daran hält und für alles was schief läuft sich die Schuld gibt. Aber es war irgendwie schön hier mit Niels durch den Park gehen, unbeschwert, einmal nicht daran denken wielange sie fort war, wie sie ständig, um ihr Leben gekämpft hat. Sie genoss diese kurzen Momente, dennoch behielt sie ihre Umgebung im Auge, dass kleinste Geräusch ließ sie erneut anspannen. Sie schaffte es nicht, diese Marotte abzulegen, aber vielleicht war es auch besser so.
“Was würdest du statt dessen machen wollen?” sie sah ihn fragend an. Ja an den Punkt war sie auch und musste dann feststellen, dass sich eigentlich nichts anderes konnte als Jagen.
“Du hattest schon gesagt, dass deine Familie alles andere als harmonisch war. Ist das normal bei euch? Also in Deutschland? Es tut mir leid. Ich hoffe, dass es dir hier besser geht.” Sie war wütend, warum tun Leute ihren Kindern sowas an. Es gibt genug echte Monster. Familie sollte da sein, um sich geborgen und wohl zu fühlen. Sie überlegte, ob seine Familie vielleicht besessen oder so wäre, anderes konnte sie sich das Verhalten nicht erklären.
Plötzlich dachte sie an ihrer kleinen Schwester, die sie nicht mehr sehen durfte und es schmerzte sie. An ihrer “Flucht” von zu Hause. Den hasserfüllten Blick von Liam. Zugegeben eine Bilderbuchfamilie waren sie vielleicht nicht, aber sie sind immer gut ausgekommen und hatten fast alle Freiheiten. Wenn ihre Mutter nicht wäre, hätte Emily es jetzt deutlich schwerer, aber dennoch hatte sie Emily gewarnt nicht wieder nach Hause zu kommen, zumindest erstmal nicht. Es tat weh, als sie an ihrer Familie dachte, auch wenn ihre Geschwister häufig keine Zeit hatten, hat sie sie geliebt.

Niels schüttelte den Kopf. “Nein, es ist auch in Deutschland verboten, seine Kinder in den Keller zu sperren und sie zu schlagen, auch wenn es nicht die eigenen Kinder sind. Und es ist nicht verboten, schwul zu sein. Leider gilt für meinen Stiefvater nur das, was in der Bibel steht, und da hat er gelesen, dass man Männer, die Männer lieben, umbringen darf. Oder zumindest versuchen, es ihnen durch einen Exorzismus auszutreiben.” Er spürte, wie die Wut in ihm wieder stärker wurde. Warum hatte er sich damals nicht gewehrt? Um Hilfe gerufen? Hätte seine Mutter ihm geholfen? Oder Benedikt? Wie oft war er diese Möglichkeiten im Kopf durchgegangen, hatte sich vorgestellt, dass er es geschafft hatte, ihnen zu entkommen oder sich zu wehren. Anfangs hatte er sich gefragt, ob alles seine Schuld gewesen war, aber inzwischen wusste er, dass er an vielen Dingen schuld hatte, aber sicher nicht daran, was die beiden ihm angetan hatten.
“Ich wollte Künstler sein. Zeichner. Das ist mein Ding. Und ich will es immer noch.” Er sah auf seine Hände, die inzwischen ohne Verbände waren, die Haut war rot und frisch, und der Arzt hatte ihm gesagt, dass er sie wie gewohnt benutzen sollte, auch wenn es schmerzte. Er hatte bereits gezeichnet, aber es war ihm noch nicht wirklich gelungen, wieder etwas ordentliches zu Papier zu bringen. Vielleicht lag es auch an seiner seelischen Verfassung, er wusste es nicht. Aber für den Fall, dass ihm etwas einfiel, hatte er Stift und Papier griffbereit.
Jetzt sah er zu Emily herüber und lächelte. “Nicht meine Schuld, hm? Ich glaube, diesmal schon. Ich hab eine andere geküsst.” Er lächelte schief. “Das erste und einzige Mal, dass ich eine Frau geküsst habe.” Dann überlegte er und dachte an Ethan, der ihn aufgenommen hatte, an Bart, an Irene, und auch an Flann. Ja, er hatte Freunde. Menschen, denen es nicht egal war, dass er beinahe gestorben war, und die ihm nicht die Schuld dafür gaben, dass er unüberlegt gehandelt hatte, dass er der war, der er war.
Er musterte sie, ihre dunklen Haare, die grünen Augen, die wachsam versuchten, alles zu erfassen. Sie erinnerte ihn damit ein wenig an ein wildes Tier, das wieder in Freiheit war, aber immer noch nicht glauben konnte, dass ihm jetzt nichts mehr passierte. “Wir sind beide nicht schuld an dem, was passiert ist. Du bist nicht schuld an Eunice’ Verschwinden, du hast getan, was du konntest. Zumindest klingt das für mich danach. Du bist nicht schuld, dass ich fast draufgegangen bin. Das hab ich schon ganz gut alleine hinbekommen. Aber verdammt, wenn du irgendjemandem die Schuld an der Sache mit Eunice geben willst, gib sie der Verbindung, gib sie diesem merkwürdigen Geistermädchen, oder gib sie von mir aus auch Felicity. Aber gib sie verdammt nochmal nicht dir. Du wolltest Eunice helfen. Du hast getan, was du konntest, aber manchmal ist das… Andere stärker als wir.” Sie waren zu zweit gewesen, sie waren älter und stärker als er gewesen. “Wir sollten beide nach vorne sehen. Du und ich, wir sind durch die Hölle gegangen – du sogar wortwörtlich. Wir haben das überlebt, wir waren am Ende die Stärkeren. Was kann uns noch passieren?” Er sah sie mit einem ermutigenden Lächeln an. “Und was die Freunde angeht… du hast Freunde. Bart, Ethan… du und ich, wir sind durchs Feuer gegangen. Wenn das nicht zusammenschweißt, dann weiß ich auch nicht.” Er lächelte unsicher. “Ich glaube, das ist die Stelle, wo ich dich umarmen sollte. Aber ich respektiere, dass du das nicht willst, und mir tut es wahrscheinlich immer noch weh. Würdest du… würdest du mir vielleicht die Hand geben?” Er machte eine Pause. “Und… darf ich dich zeichnen?”

“Hm, verstehe.” Ihr tat Niels ihr leid. Er schien eine richtig üble Kindheit gehabt zu haben. Sie seufzte, dass es noch Leute gibt, die denken schwul sein wäre verboten oder eine Krankheit, ging einfach nicht in ihrem Kopf.
Wut stieg in ihr hoch, das Leben eines Jägers ist schon schwer genug, warum mussten es dann die unseren sein, die es noch schwerer machten.
Emily sprach mehr zu sich selbst als zu Niels. “Ein Fanatiker, na toll.”
Sie schaute Niels an, musterte ihn etwas. “Nur weil du nicht auf Frauen stehst? War er so gottesfürchtig oder war es eher eine Ausrede? Mich macht sowas unglaublich wütend.” Emily schien nicht wirklich eine Antwort zu erwarten. “Deinen Stiefvater sollte man wegsperren oder selbst mal verprügeln. Er ist ja noch ein größerer Arsch als ich dachte.”
Sie dachte daran wie sie auf dem Stuhl gefesselt war. Wie ihr Vater und Bruder ihr zu setzten. Obwohl es Niels sehr viel schwerer hatte als sie, fühlte sie sich ein wenig mit ihm verbunden.
“Künstler?” Sie schien etwas überrascht. “Klingt cool. Was hält dich davon ab? Warum besuchst du nicht die Uni und erfüllst deinen Traum?” Sich lachte auf, dann biss sie sich auf die Unterlippe. Wieder ein Fettnäpfchen, nein ein ganzer See. Sie sollte echt erstmal nachdenken, bevor sie spricht. Dann fragte sie leise. “Ich meine, wenn deine Hände wieder in Ordnung sind. Sie heilen doch wieder vollständig oder?”
Sie sah ihn mitleidig an, Niels hatte ein ganz schönes Päckchen zu tragen, aber dafür macht er sich ganz gut wie sie fand. Und verkorkst waren sie alle.
“Eine Frau? Wie dass? Jetzt bin ich verwirrt. Ich dachte, du wärst schwul?” Ihre Stimme klang verwundert, aber freundlich und mit ehrlichem Interesse.
“Ich glaube, dass dann schon vorher was nicht stimmte, es ist nicht schön, aber ich glaube sowas übersteht eine Beziehung üblicherweise, vor allem wenn es noch eine Frau war.” Sie schwieg einen Moment. Dann stutzte sie einen Augenblick “T’schuldigung. Du musst natürlich nicht darauf antworten. Es geht mich ja eigentlich nichts an.”
Sie schloss die Augen, dachte an Eunice und ihr Herz wurde schwer. Sie atmete tief durch. “Irgendwie bin schon schuld. Ich hätte aufpassen müssen, sie nicht aus den Augen lassen. Ich war doch verantwortlich für sie. Ich hatte lange Zeit darüber nachzudenken und ja ich gab Felicity und Ethan und auch dem Dekan die Schuld, aber wie gesagt, wenn man viel Zeit hat, dann kommt die Erkenntnis. Ich hätte Eunice davon abhalten können und habe es nicht getan.”
Dann stimmte sie ihm zu.
“Aber du hast recht, nach vorne schauen ist gut und die meiste Zeit versuche ich das auch. Aber ganz ehrlich, das Leben auf dieser Seite ist sehr viel komplizierter als dort. Sich hier zu recht zu finden fällt mir unheimlich schwer.” Sie zuckte mit den Schultern. “Aber ich werde niemals aufgeben, dass kann ich dir versichern.” Sie erwidert das Lächeln zögerlich und blickte ihn in seine dunkelblauen Augen.
“Versteh mich nicht falsch. Ich mag dich und auch Bart, Ethan und die anderen den ich über den weg gelaufen bin, aber das hat für mich nicht viel mit Freundschaft zu tun. Es ist eher mitteln zum zweck. Tut mir leid. Aber du hast auf jeden Fall recht, ich würde wieder mit dir Jagen gehen wollen.”
Sie wich ein Stück zurück und schien abzuwägen, sie war verunsichert. Andererseits hatte sie Bart und Ethan berührt und es ist nichts passiert, dann war es wahrscheinlich auch ungefährlich Niels die Hand zugeben. Zögerlich hielt sie ihm die Hand hin.
Dann antwortete sie auf seine Frage. “Mich zeichnen? Wenn du magst.”

Niels seufzte und schob seine Mütze aus dem Gesicht, so dass seine Haare zum Vorschein kamen. Wenigstens war bei seiner Frisur und Haarlänge nicht aufgefallen, dass sie verbrannt waren, aber die kurzen Haare hatten ihm zusätzlich das Gefühl gegeben, dass es die letzten vier Jahre nicht gegeben hatte. Dann nahm er Ems Hand, vorsichtig, keinen Druck ausübend, er ließ sie gleich wieder los. “Wenn du uns gerade als Mittel zum Zweck siehst, ist das ok. Es wird der Tag kommen, da wird das anders sein, das kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen. Ich habe keine Ahnung, was man machen muss, und wie das geht, aber ich weiß, dass es so ist.” Er dachte an Ethan und das Haus in New York. Lange ging es ihm auch noch nicht so, dass er von Menschen wieder als “Freunden” dachte. Richtige Freunde, keine College-Bekanntschaften, die die Hälfte von dem, was ihn ausmachte, nicht kannten. “Eins kann ich dir aber versprechen: Du bist nicht alleine. Nicht mehr. Das ist hoffentlich für immer vorbei.”
Er zog seinen Block und einen Stift aus der Tasche und begann, Emily zu zeichnen.

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Ferien im Höllensumpf
aus Barrys Tagebuch

Ich traf Ethan am Flughafen in Atlanta. Er hatte geschrieben, er hätte einen Job im Süden, im Okefenokee-Sumpf, und ich hatte geantwortet, wenn du willst, komme ich mit. Mir war gerade nach einer kleinen Auszeit. Hatte mir vielleicht ein paar Projekte zu viel aufgeladen, Ehesegen hing auch schief (Tam hatte mich versetzt, weil sie ihren Vampir jagen musste) und Vicky zahnte und war quengelig. Alles in allem klang Wir-fahren-in-den-Sumpf-und-schlagen-etwas-tot vergleichsweise amüsant.

(Ihr könnt euch denken, dass es das nicht war, oder? Andererseits… nein, das erkläre ich später. Müsst ihr schon lesen.)

Im Sumpf waren zwei Touristen verschwunden. Es wurde ein Suchtrupp losgeschickt, und der war auch verschwunden. Ethan sollte sich das mal ansehen, bevor noch mehr Leute verloren gingen. Alles klar. Ich verkniff mir einen Spruch darüber, wer uns denn suchen gehen würde, falls wir nicht zurückkämen.
Bart oder Emily jedenfalls nicht. Die waren nämlich ebenfalls in Waycross, Georgia, am Rand des Sumpfs. Eigentlich aus einem anderen Grund: Eine alte Bekannte von Bart – Alexandra Goodwin, eine Antiquitätenhändlerin – hatte ihn angerufen. Ihr war eine Schale mit merkwürdigen Glyphen in die Hände gefallen, und sie wollte seine Meinung dazu hören. Hatte ihm ein Bild geschickt.
Ja, das sagte ihm etwas. Nichts Gutes. Damit konnte man ein Tor in die Hölle öffnen. Oder ein Stück Hölle auf die Erde rufen oder dafür sorgen, dass sich Hölle und Realität überlappen. Dafür brauchte man nur das Blut einer Jungfrau. Alexandra sollte das Ding auf keinen Fall verkaufen!
Machte sie nicht, aber bevor Bart bei ihr ankam, wurde in ihrem Laden eingebrochen und die Schale gestohlen. Das war jetzt etwas über eine Woche her.

Ethan orakelte, es gäbe keine Zufälle, also taten wir uns zusammen. Zuerst zum Antiquariat. Sah ganz gut sortiert aus – weniger Kitsch, mehr echte Kunst. Bei dem Einbruch waren hauptsächlich Sachen gestohlen worden, die wertvoll aussahen: Ein Kästchen mit Silberbeschlägen, vergoldete Kerzenleuchter. Die glänzende bronzene Schale. Eine alte afrikanische Holzstatue war noch da, obwohl sie mehr wert war als Kerzenleuchter und Kästchen zusammen. Die Polizei hatte Joe und Jack Riggs in Verdacht, zwei Methheads aus den Sümpfen. Die waren zum fraglichen Zeitpunkt in der Stadt.
Alexandra zeigte uns Bilder der Schale: Etwa so groß wie eine Radkappe, mit diesen merkwürdigen Zeichen versehen… ich interessiere mich für Schrift, auch wenn ich sie nicht lesen kann, aber diese Dinger machten mir Kopfschmerzen. Bart meinte, die Schale wäre alt. Und nicht menschlichen Ursprungs. (Vermutlich meinte er Dämonen oder so etwas. Ein Teil von mir war neugierig, welche Sprache diesen Zeichen zugrunde lag… der Rest war felsenfest davon überzeugt, dass ich das nicht wissen wollte.)

Mit den Riggs-Brüdern hatten wir eine Spur. Klar, vielleicht war das alles ein grandioser Plan eines perfiden Masterminds, das die Swamper nur als Ablenkung nutzte, aber uns lief die Zeit davon: Die Polizei war dabei, einen neuen Suchtrupp zusammenzustellen, der morgen aufbrechen sollte. Keiner von uns war sehr zuversichtlich, was deren Chancen anging. Glücklicherweise mussten sie noch auf die Taucher warten.
Von einer Polizistin erfuhren wir, wo die Riggs-Brüder ungefähr lebten. Keine Hausnummern im Sumpf, aber irgendwo im Zentrum. Ja, in der Gegend waren auch die Touristen und der Suchtrupp verschwunden. Also mieteten wir ein Boot, packten Ausrüstung zusammen und machten uns auf den Weg.

Wir fuhren eine, zwei Stunden durch den Sumpf. Bin jetzt kein Experte, aber wirkte erstmal normal. Bäume, Wasser, Alligatoren, Moskitos, Vogelgeschrei. Aber dann veränderte sich etwas: Das Licht bekam einen bizarren grün-gelblichen Farbstich, stärker und stärker. Auf dem Wasser schwammen ölige Schlieren. Raubtierhafte Schreie übertönten die Vögel. Ein Alligator, der unter einem Baum lauerte, drehte sich. Sein Bauch brach auf und Tausende von blassen Maden krochen heraus, fielen ins Wasser. Es stank nach Fäulnis, Moder und Verwesung.
Ich nahm ein Paddel, hielt es in eine schillernde Schliere. Keine Verätzung, nur widerwärtiger, stinkender Schleim. Sah, dass uns unter Wasser etwas folgte. Überlegte, ob ich darauf schießen sollte, aber Emily kam mir zuvor. Warf einen Stein nach dem Schemen.

Das schleimige Wasser explodierte. Ein riesiger Alligator schoss auf unser Boot zu. Kurz bevor er uns rammte, sah ich, dass er keine Augen hatte, aber dafür sein Rachen grotesk aufgebrochen und verzogen war.
Er erwischte uns seitlich, tauchte dann wieder ab. Das Boot geriet beim Aufprall ins Schlingern, ich verlor das Gleichgewicht, bekam die Reling nicht zu fassen und fiel in das trübe, schleimige Wasser. Verlor meine Glock, ging kurz unter, hielt aber die Luft an. Kam wieder an die Oberfläche. Das Boot schwankte, aber jemand (vermutlich Ethan) hatte es stabilisiert. Dabei war er wohl ebenfalls ins Wasser gefallen, ich sah, wie Emily ihn wieder an Bord zog.
Versuchte, mich ebenfalls wieder aufs Boot zu hieven, aber das war nicht so einfach, weil der schwere eiserne Haken mich behinderte und ich die Seite nicht richtig zu fassen bekam. Bart streckte mir die Hand entgegen und zerrte mich nach oben. Gerade noch rechtzeitig, bevor der Alligator gewendet hatte und uns wieder angriff.
Jetzt sah ich, was mit seinem Rachen nicht stimmte: Er hatte zwei Mäuler mit fauligen Zahnreihen, die nach uns schnappten. Während ich noch auf die Füße kam, schoss Ethan auf das Monster. Riss vielleicht eine Schuppe aus dem Panzer, schwer zu sagen. Er konnte den Mäulern des Viehs ausweichen, aber beim Abtauchen erwischte der Alligator ihn mit seinem schuppigen Schwanz und brachte ihm eine tiefe, blutige Strieme am Brustkorb bei.
Emily feuerte ihren Bogen ab, traf. Der Alligator tauchte ab und hinterließ eine blutige Schliere auf dem Wasser. Weg war er sicher nicht. Ich beugte mich über die Reling, hielt den Haken als Köder nach unten. Das Biest schnappte danach, kurz hing eins der Mäuler fest. Ich riss ihn ein Stück auf das Boot zu, Bart rief, der Bauch, der Bauch ist die Schwachstelle. Ethan schoss erneut, traf. Der Alligator kam frei und verschwand geräuschlos im Wasser, hinterließ aber eine große blutige Wolke auf der schlierigen Oberfläche. Der hatte erstmal genug.

(Ich hätte dem Ding einen Wecker in den Rachen werfen sollen. Hauptsächlich aus komödiantischen Gründen.)

Emily sicherte mit ihrem Bogen, Bart kümmerte sich um Ethans Wunde. Ich übernahm kurz das Steuer und versuchte, den widerlichen Gestank des fauligen Wassers an meinen Kleidern zu ignorieren. Sah auf meinen Haken, hatte für den Bruchteil einer Sekunde den Eindruck, dass sich da etwas zwischen Sockel und Stumpf bewegte, vielleicht eine Kakerlake oder ein anderes Insekt mit zu vielen Beinen, aber das war nur in meinem Kopf. Hatte vor kurzem eine Geschichte über etwas Ähnliches geschrieben. Hör auf mit der Spinnerei, Jackson, ermahnte ich mich. Da war nichts an meinem Arm.
Aber mit Ethans Wunde stimmte etwas nicht: Eine Art schleimiger Pilz hatte sich dort festgesetzt, bräunliche Fäden breiteten sich über seiner Brust aus. Hastig griff er nach dem Campingkocher, den wir mitgebracht hatten, um die Wunde auszubrennen, aber ich sagte ihm, warte, lass es uns erst einmal mit Salz versuchen. Tut zwar weh, aber vielleicht nicht ganz so sehr wie eine offene Flamme. Okay, sagte Ethan, und ich schmierte eine Handvoll weißer Körner in die Wunde. Nicht sehr geschickt und vor allem nicht tief genug – der Pilz zog sich vor dem Salz ins Fleisch zurück. Wächst noch, murmelte Ethan. Nach innen.
Bart griff sich einen Filzstift, malte einen Kreis und ein paar Zeichen auf Ethans Brust. Dämmte den Pilz ein. Sicher eine Nebenwirkung der Höllensache, das verschwindet wahrscheinlich wieder, wenn wir das Problem klären, erklärte Bart und blinzelte hektisch. Dem war es scheinbar zu hell. Kein Wunder, seine braunen Augen hatten den gleichen Gelbstich wie das höllische Licht. Geschlitzte Pupillen wie bei einer Echse.

Vorsichtig fuhren wir weiter. Ethan und Bart blödelten noch ein bisschen über Iron Man herum, und ob man den Schleimpilz vielleicht als Energiequelle nutzen konnte. Die schauen auch zu viele Superheldenfilme. (Schleimpilzman & The Reptile klingt nach einem sehr abstrusen Comic… ich habe noch nie einen Comic geschrieben, vielleicht sollte ich mal damit anfangen? Genau, weil ich noch nicht genug Projekte habe.) Oder kam das später? Egal.

Nach einiger Zeit sahen wir vor uns ein wucherndes Gehölz, an dem rote Früchte zu hängen schienen. Früchte? Nein. Pulsierende Hautblasen, in denen sich etwas bewegte. Als wir näher kamen, brach ein Moskito aus der Hülle, ein fast taubengroßes Monster. Putzte sich einen Moment. Mehr Hüllen brachen auf, ein Dutzend, zwei… mit durchdringendem Surren erhob sich der Schwarm und flog auf uns zu. Ethan stand am Steuer und werkelte mit ein paar Dosen oder Schläuchen herum, Emily griff sich unser Mückenschutzspray und ein Feuerzeug. Ich nahm mir eine Schrotflinte, die Glock würde mir hier nicht helfen, Bart eine zweite. Wir schossen auf den Schwarm, zersiebten etliche Moskitos. So weit, so gut, aber eins der Viecher erwischte mich seitlich zwischen Schulter und Hals. Blut floss, und hinten an den Bäumen platzten noch mehr Blasen.
Emilys Mückenschutzspray war alle, aber Ethan hatte einen improvisierten Flammenwerfer gebaut, mit dem sie die Moskitos abfackelte. Bart bespritzte die Monster mit Weihwasser. Das half auch, aber es waren viele, und es waren noch längst nicht alle geschlüpft. Wir mussten hier weg, und zwar gestern. Ich deckte Ethan, während er das Boot so schnell wie möglich um das Gehölz herumsteuerte. Fing mir dabei noch einen tiefen Stich am linken Arm ein, aber wir schafften es, dem Schwarm zu entkommen.

Die Stiche schwollen an. Juckten wie die Hölle. Nicht kratzen, Jackson, schon gar nicht mit dem Haken, mit dem du gerade im Wasser herumgerührt hast. Nicht kratzen. Nahm mein Feuerzeug und versuchte, die Stiche abzufackeln, mit gemischtem Erfolg. Bart gab mir ein paar Tabletten. Antihistamine. Ich überlegte kurz, zu nicken und sie unauffällig ins Wasser zu werfen, aber der Mann hatte mich vorhin aus dem Wasser gezogen. Das hier war der falsche Moment für Paranoia. Ich nahm sie. Redete mir ein, dass sie halfen.

Weiter. Tiefer in den Sumpf. Eine Bewegung zwischen den Bäumen. War das ein Mensch? Grünliche Uniform – vielleicht ein Park Ranger? Wir fuhren näher, sahen einen Mann. Einer der Verschwundenen. Bizarr aufgedunsen, angeschwollen. Der kommt mir nicht an Bord, sagte Emily. Er könnte etwas wissen, gab ich zurück. Ging zur Reling, bereit, ihn zu uns zu holen. Bart neben mir. Ethan zögerte einen Augenblick, aber dann wendete er das Boot und fuhr auf den Park Ranger zu. Der stand auf einer kleinen Insel, machte hektische Handbewegungen. Wollte etwas sagen, aber statt Worten kam ein bleicher Hundertfüßer aus seinem Mund gekrochen. Dann noch einer, und noch einer. Sein Körper zuckte in Krämpfen und entleerte sich, Dutzende von unterarmlangen Hundertfüßern und anderen Käfern krochen zwischen ihm und dem Ufer herum.

Emily blieb an Bord und spannte ihren Bogen. Ethan, Bart und ich sprangen an Land, Ethan mit seinem Gewehr, Bart mit weiteren Flaschen Weihwasser. Die beiden beschäftigten die riesigen Viecher, während ich auf den Park Ranger zu rannte, ihn packte, über die Schulter warf und zum Boot schleifte. Ging so weit ganz gut. Ich hatte das Ufer fast erreicht, als ich hinter Emily unseren alten Bekannten sah, den zweimäuligen Alligator. Hinter dir, rief ich ihr zu und ließ den Park Ranger los. Bart sprang an Bord, Emily wich dem Angriff des Monsters aus. Um mich und den bewusstlosen Mann herum wimmelten Hundertfüßer, die versuchten, wieder in ihn hineinzukrabbeln. Verdammt. Ich gab einen ungezielten Schuss auf den Alligator ab, stampfte etliche Insekten platt. Achtete nicht auf meine Verteidigung, trug ja eine schwere Leinenhose, die in meinen Kampfstiefeln stecke. Oder hätte stecken sollen – beim Rennen hatte sich das linke Hosenbein gelöst. Jetzt kroch ein Hundertfüßer auf meinen Unterschenkel. Biss zu. Adrenalin verdrängte den Schmerz – gerade so – ich fegte ihn wieder weg. Rief Ethan zu, er solle sich um den Bewusstlosen kümmern und sprang aufs Boot.
Bart stach mit einem Messer auf den Bauch des Alligators ein, aber das Monster war dort ebenfalls gepanzert. Keine Schwachstelle mehr. Ethan wuchtete den Park Ranger mit Emilys Hilfe an Bord, verlor dabei sein Gewehr. Rannte ans Steuer und fuhr wieder los. Hängte den Alligator ab.

Mein Bein pulsierte schmerzhaft. Bart gab mir noch mehr Tabletten, keine Ahnung, was das war. Ich nahm eine. Fiel nicht tot um. Inspizierte die Wunde, erinnerte mich an Worte wie Nekrose oder Blutvergiftung. Der Biss war knapp über dem Knöchel, leicht gerötet. War das eine dünne rote Linie, die nach oben kroch? Sicher nicht.

Vorerst mussten wir uns um den Park Ranger kümmern. Der Mann fühlte sich seltsam an, seine Haut war weich und gallertartig, als würde sie ihm nicht richtig passen. Bart gab ihm etwas, er wachte auf. Fing an, zu schreien und sich zu kratzen, überall, als müsste er etwas aus sich herausschaben. Ich gab ihm eine Ohrfeige. Sah ihn an. Er schluckte, rückte ein Stück von mir ab. Hörte aber auf mit dem Geschrei und nahm uns wahr. Schön, dass ich unheimlicher bin als die Tatsache, dass gerade eben noch Dutzende von Höllenwesen in ihm herumgekrabbelt waren.
Bart erzählte ihm etwas von chemischen Experimenten. Das beruhigte ihn – gab es hier nicht eine Titaniummine, aus der möglicherweise Gase ausgetreten waren? Ja, das klang viel besser als Höllentor und Gastkörper einer infernalen Infektion.
Die Riggs-Brüder kannte er nicht. Er gehörte zu dem Trupp, der nach dem Ehepaar gesucht hatte. Nein, er wusste nicht, wo die anderen waren, und die beiden Touristen hatten sie auch nicht gefunden. Aber er hatte ein Stück weiter westlich eine Hütte gesehen, die möglicherweise bewohnt war. Gut. Wir ließen uns die Richtung weisen, dann legte ihn Bart mit ein paar Medikamenten flach.

Weiter. Tiefer in den Sumpf. Ja, das war eine dünne rote Linie, die von dem Biss an meinem Knöchel nach oben kroch. Während wir fuhren, sah ich immer wieder nach. Konnte fast zusehen, wie sie länger wurde. Sich übers Knie streckte. Als wir die Hütte endlich fanden, war sie schon fast an meiner Hüfte.

Die Behausung im Sumpf war heruntergekommen. Ursprünglich aus Holz, mit Planen und Wellblech erweitert. Überwuchert von Schleimpilzen und anderen stinkenden Gewächsen. Bewegte sich das Geflecht? Sah fast so aus, aber vielleicht war das nur die Blutvergiftung.
Ich schlug vor, die Hütte einfach mit unserem Benzin zu tränken und abzufackeln. Würde der Schale nicht schaden, und hier draußen hätten wir vielleicht bessere Chancen.
Aber, wendete Bart ein, wenn jemand hier ein Ritual gemacht hat, gibt es vielleicht einen Schutzkreis. Den müssen wir erst zerstören, bevor ich die Schale reinigen kann. Es muss jemand vorgehen, der sich mit so etwas auskennt.
Emily und Ethan fühlten sich offensichtlich nicht sehr befähigt, also sagte ich, klar, kann ich machen. Ist ja nicht so, als wäre ich völlig ahnungslos. Also reinigte ich mir Gesicht und Hände, so gut es ging, zündete eine Zigarette an, blies Rauch in alle vier Richtungen und bat die Geister um Hilfe. Brachte ein kleines Opfer dar, nur ein schmaler Streifen Haut. Tat weh, fühlte sich aber trotzdem gut an.

Also hinein in die Hütte. Keine Schutzzeichen, kein Ritualkreis. Nur die bronzene Schale in der Mitte eines verwahrlosten, überwucherten Zimmers. Daneben lag die Leiche eines Mannes – dürr, ausgemergelt, die wenigen schlechten Zähne im Tod gebleckt. Blut aus einer Kopfwunde über seinem Gesicht, seiner Schulter. Und in der Schale. Blut einer Jungfrau? Offensichtlich. Keine Überraschung, wenn der arme Wicht hier draußen wohnte und nichts tat außer Meth kochen und konsumieren.
Der andere Riggs klebte in einem Schleimpilzgeflecht an der Decke. Er war offensichtlich noch am Leben, aber nicht mehr bei Verstand. Machte leise Geräusche, sprach nicht.

Ich bewegte mich vorsichtig nach vorn, auf die Schale zu. Wurzeln und Ranken griffen nach mir, nach Bart. Ich versuchte, die Pflanzen von ihm fern zu halten, gelang mir nur teilweise. War schwierig, das Zeug richtig zu packen zu kriegen. Bart kam ins Stolpern, humpelte aber weiter.
Emily musste sich am Eingang ebenfalls kurz mit ein paar klebrigen Schleimpilzen herumschlagen, konnte dann ihren Bogen spannen und auf den Eingesponnenen schießen. Einfacher Schuss, aber bevor der Pfeil ihn erreichte, schloss sich eine schützende Pilzschicht um ihn. Bevor Ethan den Raum richtig betreten konnte, tauchte hinter ihm wieder der Alligator auf und griff an. Damit hatte er alle Hände voll zu tun. Später erzählte er mir, dass die Pilzinfektion wieder aufgeflammt war und die Äderchen am Rand des Filzstiftkreises zum Platzen gebracht hatte.

Weiter hinein. Bart erreichte die Schale, fing mit einer Reinigung an. Ich riss weiterhin an den Wurzeln, hielt ein paar von ihm weg, aber eine große Ranke peitschte hart über seinen Arm. Er ließ sich nicht stören. Dann schlängelte eine riesige Wurzel auf ihn zu, fast so dick wie ein junger Baum. Ich warf mich in den Weg, sie packte mich am rechten Fuß und drückte kräftig zu. Gibt es ein Wort für das Geräusch, das Knochen beim Brechen machen? Ich hätte es gebraucht. Die Wurzel schüttelte mich kurz durch – blendender Schmerz – ich stürzte. Verlor für ein paar Momente den Überblick. Hörte Barts Stimme, die die letzten Worte der Reinigung rief. Beinahe unmittelbar ließ der Druck an meinem Fußgelenk nach. Konnte es befreien.

Sah mich um. Das Licht war wieder normal, die Raubtiergeräusche hatten schlagartig aufgehört. Bart kauerte zusammengesunken über der Schale. Etwas stimmte nicht mit ihm – er war sehr blass. Zitterte schwach. Unter seiner Haut bewegten sich Schatten.
Neben der Tür lag ein Bündel Mensch. Der Swamper war aus dem Schleimpilzkokon gefallen. Emily schenkte ihm keine Beachtung, sie lief zu Bart und half ihm dabei, einen Schluck aus der Weihwasserflasche zu nehmen. Er trank, und eine Dampfwolke kam aus seinem Mund. Seine Augen waren immer noch gelb-grün, mit geschlitzten Pupillen. Eine Infektion, erklärte er. Das geht vorbei. Es braucht nur etwas – er nahm noch einen Schluck aus der Flasche – nur etwas Zeit.

Ethan kam heran. Krokodil ist weg, berichtete er. Pilz auch. Die Wunde auf seiner Brust sah gerötet aus, aber sonst nichts. Kein Befall. Das würde heilen. Ich prüfte meinen linken Knöchel: Eine winzige Bisswunde. Kein roter Streifen. Keine Blutvergiftung mehr. Dann der rechte Fuß. Versuchte, ihn aus dem Stiefel zu ziehen. Keine gute Idee. Irgendwas hing da fest. Ethan schnitt das Leder auf, zog es vorsichtig weg. Ein abgebrochenes Knochenstück ragte aus einer blutenden Wunde. Ich wollte es wieder hineinschieben, aber Ethan drückte meine Hand weg und erledigte das. War gut so. Fiel dabei fast in Ohnmacht.
Danach ging er und baute aus ein paar Ästen und anderem eine Art Schiene. Damit konnte ich irgendwie humpeln. Zurück ins Boot. Die Schale nahmen wir mit, den Schleimpilz-Swamper auch. Er lebte noch.
Machten uns auf die Suche nach den anderen Vermissten. Fanden niemanden und gaben kurz vor Sonnenuntergang auf. Das konnte morgen der Suchtrupp erledigen.

Zurück nach Waycross. Duschen. Noch mal duschen. Der Gestank des Sumpfwassers war mit der Reinigung der Schale schwächer geworden, aber ich konnte es immer noch riechen. Nur gut, dass mein Hotelzimmer eine Badewanne hatte und ich dabei sitzen konnte. Stehen war gerade etwas schwierig.
Eigentlich wollte ich ins Bett gehen, aber der Mückenstich am Arm trieb mich in den Wahnsinn, also ging ich runter an die Bar. Fand die anderen drei. Wir redeten noch eine Weile. Fragten uns, was wir mit der Schale machen sollten. Barts Wohnwagen war ja ganz hübsch, aber vielleicht nicht angemessen sicher. Irgendwer hatte die Idee, einen Giftschrank für solche Sachen zu bauen. Für den Fall, dass man sie noch mal brauchte. Emily widersprach vehement: Das Ding würde sie sicherlich nie wieder brauchen. Bart meinte, wer weiß. Vielleicht kann man damit auch Tore schließen. Ethan murmelte etwas davon, dass da ganz sicher keine Jungfrau geopfert werden würde. Bart beruhigte ihn, man bräuchte ja nicht unbedingt die ganze Jungfrau. Ich sagte gar nichts. Dachte, meine Meinung wäre ohnehin klar – ich meine, ich mag keine Waffen. Ehrlich nicht. (Hört auf zu lachen, okay.) Aber wenn es sein muss, benutze ich sie. Die Schale ist auch nichts anderes als eine Waffe – eine extrem gefährliche Waffe, aber das sind sie letzten Endes alle.
Wir waren uns zwar uneinig, was die Schale anging, aber die Idee, einen Safe zu haben, in dem wir solche Sachen verschließen konnten, gefiel uns allen. Ethan schlug vor, Irene in die Sache einzuweihen. Oder war das Bart? Ich hatte meine Zweifel – Irene ist Trophäenjägerin und sie ist sehr stolz auf ihre Familie in England. Die haben mit Sicherheit schon einen Safe. Würde sie bei so einem Projekt überhaupt mitmachen? Ethan meinte, er traut Irene, und fragen sollten wir sie auf jeden Fall. Soll mir recht sein. Irene traue ich eigentlich schon, nur ihrer englischen Familie nicht unbedingt. Hatte aber den Eindruck, das ging zumindest Bart genauso. Ethan sollte mit Irene reden. Klar, wollte er machen, aber er betonte sehr nachdrücklich, dass er sie nicht anlügen würde. Hatte allerdings auch niemand verlangt.
Wo wäre denn ein guter Ort für so einen Safe? Auf dem Roten Hügel? Eher nicht, weil da nicht nur Giffany, sondern auch noch eine ganze Horde Hooper-Winslow-Geister herumspukten. Irgendwo zentral, meinte Bart. Ich hätte fast Chicago vorgeschlagen, aber eigentlich will ich das gar nicht vor meiner Haustür haben. Ein heiliger Ort, sagte ich stattdessen. Einer, der schon verlassen ist, aber an dem es vielleicht noch Naturgeister gibt, die helfen. Bewachen würden wir den Ort nicht können. Ethan wollte dann noch, dass nicht einer allein an den Safe kommt. Ich glaube, den hatte Barts Vielleicht brauchen wir das ja noch mal nervös gemacht. Aber das sehen wir noch. Wir kamen überein, dass ich mich mal umschauen würde. Auf dem Rückweg fiel mir dann ein, dass Ohio möglicherweise nicht so schlecht geeignet sein könnte – viele der Native Americans, die dort mal gelebt hatten, waren vor langer Zeit vertrieben worden, aber der Staat war nicht so dicht besiedelt, dass dort alle heiligen Orte zubetoniert waren.

Etwas später fragte Emily, wie lange Ethan und ich uns schon kennen. Ein Jahr, sagte ich. Überraschte mich selbst. Hatte das Gefühl, es wäre schon länger. Fragte zurück – die beiden kannten sich ja offensichtlich auch.
Ich kenne sie seit einem Jahr und sie mich seit sechs, erklärte Ethan.
Aha, sagte ich. Klingt kompliziert.
Hab dir doch von ihr geschrieben, meinte er mit einem Seitenblick. Emily hörte grimmig zu. Ich wusste im ersten Moment gar nicht, wovon er sprach. Geschrieben?
Halloween, ergänzte er. Ah. Da war etwas. Er hätte auf irgendwelche Leute aufpassen sollen, aber er hatte versagt und sie waren verschwunden. Wohin, hatte er nie gesagt. Irgendjemand von denen war vor kurzem wieder aufgetaucht, und Ethan war unglaublich erleichtert gewesen. Das war also Emily.

Die war nicht eben begeistert.
Was weiß er, fragte sie Ethan barsch.
Er erklärte, was er geschrieben hatte. Sie wirkte etwas beruhigt. Mir war das einigermaßen unangenehm, dass Ethan hier Sachen weitererzählt hatte – Geheimnisse, die nicht seine waren. Fragte mich natürlich, was er alles über mich erzählt hatte. Wie viel von dem, was ich ihm anvertraut hatte, bei Irene oder Sam gelandet war. (Komm schon, Jackson, du hast ihm auch von Tam erzählt. Sei nicht so hart.)

Fragte Emily nach Max. Keine Ahnung, wohin sie verschwunden war, vermutlich woanders hin, aber wer weiß? Wir haben seit über zehn Jahren keine Spur von ihm gefunden, wahrscheinlich ist er längst tot. Aber fragen musste ich. Nein, sagte sie. Kennt sie nicht.

Dann unterhielten sich die beiden weiter über ihre Beziehung und ignorierten mich vollkommen. Keine Ahnung, was zwischen den beiden lief, aber wenn Ethan nicht so oft von Sam gesprochen hätte, wäre ich davon ausgegangen, dass er Interesse an Emily hatte. Wobei, wer weiß. Irgendwann stand ich auf und hinkte nach draußen. Ließ die beiden allein.

Wir blieben noch ein paar Tage in Waycross. Wollten ein Auge auf die Situation haben. Nicht, dass da noch irgendein Höllenwesen durch den Sumpf wanderte. Ich sagte Tam Bescheid. Die war nicht sehr begeistert, aber mir tat der Fuß weh, der Mückenstich juckte und ich fand, sie könnte auch mal länger als eine Übernachtung zu Hause sein. Das war unfair von mir. Das war nicht unsere Abmachung, aber ich hatte wirklich das Gefühl, im Augenblick zweite Geige hinter Vampir-Clive zu sein. Dass unser Telefonat am Valentinstag nicht so großartig lief und sie von ihren Jägerkumpels nach Hause gescheucht worden war, half jetzt nicht. Ich war eifersüchtig auf den untoten Bastard, okay.

Die Suchtrupps fanden die Vermissten schließlich. Das war an dem Tag, an dem Ethan mich zum Arzt schleifte, weil mein Fuß immer stärker anschwoll. Operation, sagte der. Die Knochen sind zertrümmert, das wird nicht so einfach. Also Krankenhaus. Großartig. Na, wenigstens waren hier viele Ärzte und Pfleger schwarz, das reduzierte die Flashbacks erheblich. Gut zu wissen.

Ich fuhr ein paar Tage danach mit Ethan nach Chicago. Emily hatte auch angeboten, mich mitzunehmen, aber das wollte Ethan auf gar keinen Fall. Keine Ahnung, weshalb. Vielleicht wollte er sich nur mit mir unterhalten. Man könnte fast meinen, der mag mich.
Er entschuldigte sich, weil er mein Geschenk verloren hätte. Geschenk? Ach, das Gewehr. Klar. Sagte ihm, er hätte einen gerettet – ob er dächte, mir wäre das Ding wichtiger als ein Leben? Nein, Quark, sagte er. Klang entrüstet. Aber ich war mir bei der Antwort nicht so sicher. Der Ranger war irgendein Typ, das Gewehr war dafür da, jemanden aus meiner Familie zu beschützen. Gab Zeiten, da hätte ich mein Leben nicht für einen Fremden riskiert. Noch gar nicht so lang her. Aber wenn Ethan in der Nähe ist… dann will ich auch der nette Kerl sein, für den er mich hält. Das ging Weihnachten vor einem Jahr los, und es wird immer schlimmer. Im Sumpf wäre Ethan weitergefahren, ohne den Ranger zu retten (vermutlich, weil Emily darauf gedrängt hat). Das war meine Idee, und es war größtenteils pragmatisch, weil er vielleicht Informationen hatte. Aber ein Teil von mir wollte dem armen Kerl einfach nur helfen. Mal schauen, wie schlimm diese Lone-Ranger-Allüren noch werden.

Angesichts der Tatsache, dass wir in dem Sumpf tatsächlich einige Leute gerettet und keine umgebracht haben, war es trotz gebrochenem Bein und entzündetem Mückenstich ganz okay. Manche Leute machen halt Urlaub im Spa. Ich mache Ferien im Höllensumpf.

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Realm of the Alligator

Etwa eine Woche nach seinem Aufbruch nach Georgia kommt Ethan bei Irene auf dem Roten Hügel vorbei, nachdem er sich vorher mit einer SMS ‘Bin zurück. Treffen?’ bei ihr gemeldet hatte. Wenn man genau hinsieht, bemerkt man, dass er größere Dehnbewegungen vermeidet und sich etwas vorsichtig hält.
“Hey”, grüßt er seine britische Freundin.
“Hi”, sagt Irene. “Du siehst fast so aus, wie ich mich fühle.” Ihre Augen sind rot, und sie hat den Abdruck einer Buchkante auf der Stirn. Gähnend öffnet sie ihm die Tür und drückt einen Knopf auf der Kaffeemaschine. Ethan muss seinen Sitzplatz erst von Bücherstapeln befreien. Alles mögliche zum Thema Seele und Psychologie, auch ein ganzer Haufen esoterischer Humbug ist dabei.
Die Jägerin stellt eine Tasse vor ihm ab. “Und? Was hast du angestellt?”

Ethan lässt die Blicke durch den Bauwagen schweifen, nimmt die Thematik der Bücher, die er beiseite rücken muss, durchaus wahr und nickt verstehend. Nimmt dann einen dankbaren Schluck aus der Tasse, die Irene ihm hingestellt hat. “Sumpf.” Er seufzt und verzieht das Gesicht. “Hölle.”
Sie zieht die Augenbrauen hoch, erforscht sein Gesicht, ob er das wörtlich meint, kommt zu dem Schluss, dass es nur eine Umschreibung sein kann, und schiebt Milch und Zucker in seine Richtung.
“Du?” fragt er dann. “Was Neues?”
“Keine bestechenden Erkenntnisse. Oder wenn, dann würde ich sie wahrscheinlich nicht erkennen. Ich fange gerade erst an, zu verstehen, was eine bipolare Störung ist. Wenn ich noch einmal lesen muss, was die lieben guten Engel alles für uns tun, um unsere Seelen zu heilen, dann errichte ich da draußen einen Scheiterhaufen für die Autoren dieses Mists.” Sie schnaubt abfällig. “Erzähl mir lieber vom Sumpf. Hast du Hunger? Ich habe Ravioli und Ravioli. Oder wir gehen runter in den Ort. Mir fällt sowieso die Decke auf den Kopf.”
“Heh”, brummt er, als sie von dem Scheiterhaufen für die Engelsbuchautoren spricht. “Bücher erstmal, sonst?” Er deutet auf die ganzen esoterischen Machwerke auf dem Boden. Irene macht eine wegwerfende Bewegung. “Ort ist gut”, antwortet er dann. “Hab Hunger.”

Eine Weile später haben sie sich einen Platz in dem kleinen, gemütlichen Laden in Montgomery gesucht, zehn Minuten mit dem Auto weg, den Irene irgendwann entdeckt hat und der inzwischen zu sowas wie ihrem Stammrestaurant hier geworden ist, auch wenn für Ethans Ohren drei Viertel der Speisekarte viel zu vornehm klingen. In Ahornsirup und Ouzo glasierte Schweinerippchen mit Pommes Frites nach griechischer Art oder mit Schweinefleisch und Shrimps gefüllte Hühnerschenkel an Hoisin-Sauce, Erdnüssen und grünen Zwiebeln? Echt jetzt. Aber kochen können sie hier, das muss man ihnen lassen. Während sie darauf warten, dass ihre Bestellung gebracht wird, zieht Ethan eine Grimasse. “Sumpf. Mhmmh.” Er brummt, sucht nach einem Anfang.
“Höllentor. Und warum? Unfall, verdammt.” Er knurrt. “Sorry. Vorne anfangen.”
Trotz dieser großspurigen Ankündigung fuhrwerkt Ethan sich dann aber doch erstmal in den Haaren herum, weil die Worte eben doch nicht so leicht kommen wollen.
“Auftrag. Georgia. Leute verschwunden. Ehepaar. Suchtrupp gleich mit. Also Georgia gefahren. Mit Barry. Bart und Em da. Stellt sich raus: Bekannte von Bart. Antiquarin. Einbruch, Krams gestohlen. Glitzerbling: Silber, Gold. Und ne Schale aus Bronze.”
Ethan verzieht das Gesicht bei dem Gedanken an die Schüssel. “Runen drauf. Dämonending. Jungfrau, Höllentor. Sowas. Zusammenhang mit unseren Verschwundenen? Heh. Keine Zufälle.”

Feuchtwarme Sumpfluft. Ethan lenkt das gemietete Motorboot durch Lianen und unter dem dichten Blätterdach des Okefenokee Swamp hindurch, vorbei an matschigen Inseln, umgestürzten Bäumen, Alligatoren, Nurselogs. Die typischen Geräusche eines Sumpfs: Vogelgezwitscher, das Gebrumm von Insekten. Ethan merkt erst gar nicht, wie sich die Umgebung verändert. Wie das Licht nach und nach einen seltsamen, grün-goldenen Ton annimmt. Wie sich ekelhafte, ölige Schlieren auf dem Wasser bilden, die Ethan verdächtig an die öligen Flecken vor dem Halloween-Haus erinnern. Er wirft einen schnellen Blick zu Emily hinüber, aber der Blick der jungen Frau sagt nichts darüber, ob es ihr ähnlich geht. Ein süßlicher Verwesungsgeruch breitet sich über dem schmierigen Wasser aus, und Ethan fällt auf, dass das Vogelgezwitscher irgendwann aufgehört haben muss. Jetzt klingen die Geräusche eher nach Raubtieren, aber was für Raubtiere das sind, könnte Ethan gar nicht so genau sagen. Die Töne wirken irgendwie … unnatürlich. Eine Bewegung auf einer der Inseln: ein Alligator, der dort liegt. Aber dann wird klar, dass es nicht das Tier selbst ist, das sich regt. Die aufgedunsene Leiche bricht auf, und tausende von Maden quellen heraus. Sie fahren weiter, und irgendetwas folgt ihnen unter Wasser. Immerhin wird ihr Boot von der ölig-schleimigen Flüssigkeit, die es durchqueren muss, nicht zersetzt. Ein kleiner Trost. Jedenfalls bis Emily einen Stein nach dem Etwas wirft, das ihnen folgt, und der Alptraum aus dem Wasser bricht.

“Jedenfalls”, spricht Ethan weiter, “Sumpf. Ding hat… Höllenelemente rübergeholt. Viecher mutiert. Riesenmoskitos. Riesentausendfüßler. ‘Gator.”
Bei seinem letzten Wort sieht Ethan unwillkürlich an sich herunter, und seine Hand geht kurz nach oben, Richtung obere Hemdknöpfe. Dass die Bedienung in diesem Moment die Getränke bringt, ist eine dankbare Ablenkung, um die Bewegung in ein Greifen nach dem Glas umzuwandeln… halbwegs jedenfalls. Er wartet ab, bis sie wieder allein am Tisch sind und nimmt einen Schluck von seiner Cola, ehe er weiterspricht.
“Echt unschön. Und was war’s? Verdammter Unfall.” Ethan schnaubt bitter. “Einbruch waren Junkies. Brüder. Streit, Blut fließt. Schale. Jungfrau. Oh Mann. Bart hat’s dann hingekriegt. Schale gereinigt. Hölleneinfluss umgedreht. Alles wieder normal.” Er nimmt noch einen Schluck von seiner Cola und spielt mit der nicht angezündeten Zigarette herum. “Und wenigstens alle am Leben. Touristen. Suchtrupp. Sogar der eine Bruder.”
Was würde er darum geben, hier drin rauchen zu können nach diesem Vortrag. Statt dessen greift Ethan nach seinem Glas, trinkt die Cola in einem Zug leer und winkt der Kellnerin nach einer zweiten. Bier wäre ihm lieber, aber er muss nachher noch zurück nach Burlington. Also besser nicht.

Irene traktiert ihren Caesar Salad mit ungeduldigen Gabelhieben, als hätte auch dieser frei erfundenen Blödsinn über gütige Engel erzählt, hebt ein paarmal den Kopf, während Ethan seine Ellipsen hervorpresst, kommentiert aber nicht, bis sie sicher ist, dass er nichts weiter hinzuzufügen hat.
“Den Teil mit der Jungfrau musst du nochmal näher ausführen. Woher hatten sie die? Oder waren die Junkies etwa noch unberührt?”

Ethan macht sich über seinen Burger her, während er nickt. Kaut erstmal und schluckt den Bissen herunter, ehe er weiterspricht. “Mhmm. Jedenfalls der eine. Auch gewundert. Aus wie fünfzig. Aber…” Er zuckt mit der unverletzten Schulter. “Methheads. Doch nur Jungs.” Ethan schüttelt sich. “Meth. Fieses Zeug.”
Er verzieht das Gesicht. “Der eine muss jetzt damit leben, dass er seinen Bruder umgebracht hat.” Ethan schluckt. Das ist ein Gedanke, den er sich nicht mal ansatzweise vorstellen mag. Will noch etwas sagen, schüttelt dann aber den Kopf und attackiert wieder seinen Burger.

“Und ihr? Alle in Ordnung? Du bist verletzt. Hat es das Viehzeug komplett wieder in die Hölle gezogen?” Irene klingt besorgt. Noch mehr beschädigte Leute in ihrer Umgebung sind das Letzte, was sie braucht.

“Mhmm. Soweit.” Ethan macht eine beruhigende Handbewegung, als er sieht, wie Irenes Stirn sich bei dieser Antwort tiefer runzelt. “Alles wieder weg. Natur wieder normal. Sumpf ist zurückmutiert. Tiere. Pflanzen. Sind paar Tage dageblieben, war nix mehr. Aber: Angeschlagen, ja. Wird wieder. Em gar nicht, zum Glück. Nicht neu jedenfalls. Aber Barry: Fuß gebrochen. Bart: Arm angeknackst. Und ich: naja. ‘Gator angelegt. Schwanzschlag abbekommen.” Wieder wandert Ethans Hand kurz zu der Stelle an seinem Hemd, unter der die Wunde liegt. “Geht schon. Weiß ich wenigstens, dass das Höllenzeug wirklich weg ist.” Er zieht eine Grimasse. “Wobei. Ein Rest war noch da. Bei Bart. Hartnäckig. Wurde aber langsam besser.” Ethan lächelt grimmig. “Weihwasser und so.”
“Was war hartnäckig? Werde mal genauer! Dass Emily in ihrem Zustand mit Euch gegangen ist, war unverantwortlich. Wusstest du, dass sie am ganzen Körper Verbrennungen hat? Sie muss sich doch immer noch bewegen wie eine Holzpuppe. Zumindest Bart wusste das.” Die Falte zwischen Irenes Augenbrauen wird immer steiler. “Und was war da so hartnäckig bei ihm? Welcher Arm? Kann er noch Autofahren? Braucht er Hilfe?”

Ethan blinzelt heftig unter dem Ansturm von Irenes Fragen, prallt beinahe zurück angesichts ihrer Vehemenz. Vor allem, als sie das mit Emilys ‘Verbrennungen am ganzen Körper’ sagt. Drecksmist nein. Feuerdämon, okay, das hat Bart ja erzählt hinterher, aber ‘am ganzen Körper’? Er hatte es so verstanden, dass es Niels deutlich schwerer erwischt hatte, und so hat sich dessen Mail von vor ein paar Tagen ja auch gelesen. Drecksmist. Scheiße, ist er froh, dass das glimpflich abgelaufen ist da im Sumpf. Er hebt die Hand in einem ist-ja-gut-ich-antworte-ja-aber-gib-mir-eine-Sekunde und vergräbt sich erst einmal in seinem Burger, während er in Gedanken schon mal zu formulieren versucht.
“Nicht gewusst”, arbeitet er sich dann sorgfältig eine nach der anderen durch Irenes Fragen. “Emily. Nicht am Anfang. Klar gesehen, dass was war, aber nicht… wieviel. Gefragt, aber drauf bestanden, geht ihr gut.” Er verzieht das Gesicht. Irene schnaubt schon wieder. Aber klar. Richtig abgenommen hat er es der jungen Jägerin ja selbst nicht, auch wenn ihm nicht bewusst war, wie schlimm es sie erwischt hatte. Drecksmist. Hätte er merken sollen. Auch wenn Em die letzte ist, die das von ihm hören will, er fühlt sich wegen Halloween damals immer noch verdammt schuldig. Und wie er ihr schon mal gesagt hat: Er hat nicht vor, ihr nochmal was passieren zu lassen, wenn es irgendwie geht. “Em ist… stur damit. Unabhängig. Kein Wunder. Lang alleine…rumgezogen.” Rumgezogen. Heh. Untertreibung des Jahres. Drecksmist, elender, würde er ihr gerne helfen. Er hat keinerlei Ahnung, ob er irgendwie zu ihr durchgedrungen ist, als sie nach dem Sumpf geredet haben. Heh. Er. Mit Reden. Ja klar. Verdammt.
“Jedenfalls. Hinterher dann von Idaho gehört. Übel. Du denn ok?” Ethan mustert Irene aufmerksam. Seit ihrer Rückkehr aus Idaho hat er sie nicht zu Gesicht bekommen, und er hätte sich vorher erkundigen sollen, wie es ihr geht. Aber die Britin verschränkt nur die Arme, scheint erst einmal nicht in der Laune, ihm zu antworten, will anscheinend erst die Antworten auf ihre eigenen Fragen hören. Na gut.
“Bart… Arm? Rechter. Aber halb so wild. Höllenzeugs war übler. Mir war’s in der Wunde. Pilz oder so. Ausgebreitet. Ging aber weg, als das Tor zuging. Nur Bart… “ Ethan seufzt. “Ist was geblieben. Aber hat es eingedämmt gekriegt und wurde jeden Tag weniger.”
Bis auf die Reptilienaugen. Bart hat vermutlich wirklich recht, wenn er die nächste Zeit erstmal mit Sonnenbrille rumläuft.

Irene lehnt sich zurück und mustert ihn aufmerksam, lässt ihn spüren, wie es sich anfühlt, wenn das Gegenüber nicht mit der Sprache herausrückt. Sie dreht ihr Weinglas in der Hand, nimmt einen bedächtigen Zug, setzt das Glas noch bedächtiger ab.
“Ein Pilz?” Sie stellt sich einen mit Schimmel überzogenen Bücherwurm vor, doch der Gedanke will sie nicht erheitern. “Weniger? Warum ging es bei ihm nicht gleich weg? Wie hat er es eingedämmt? Und was hat er mit der Schale gemacht?”

Ethan zieht eine unglückliche Miene. Ihm ist ja auch klar, dass die Informationen, die er Irene gibt, ihr nicht reichen. Er versucht es ja schon. Dauert halt, weiß sie doch. Verlegen fährt er sich mit den Fingern in die Haare.
“Schleimpilz. Alles überzogen, mit dem er in Berührung kam. Bart war’s aber bisschen anders. Nicht der Pilz, glaub. Eher innerlich. Weiß nicht, warum’s bei ihm so zäh war. Vielleicht, weil es, hm. Geistig war. Ging jedenfalls nicht mit dem Tor weg. Und einmal Weihwasser war nicht genug. Hat viel davon getrunken. Und Ritual half. Wollte aber noch mehr lesen. Wunder dich nicht, wenn du ihn triffst. Hat vielleicht noch Reptilienaugen. Von dem ‘Gator.”
Sie reißt die Augen auf, schüttelt ungläubig den Kopf, schweigt jedoch. Ihr fehlen die Worte.
Dann nimmt Ethan einen Schluck von seiner Cola, sieht Irene eindringlich an und beugt sich in seinem Stuhl vor. Oder will sich vorbeugen. Unterdrückt eine Grimasse und lehnt sich langsam wieder zurück. “Schale. Ja. Ist noch bei Bart. Aber… Muss mit dir reden deswegen. Hatten da ne Idee. Wir alle. Barts Trailer ist geschützt, aber halt… n Trailer. Dachten… vielleicht n Ort. Sicherer Ort. Archiv. Wie von eurer Familie. Nur halt… Naja. Ähm.” Scheiße, wie arrogant das klingt. “Unseres. Was Sicheres. Vielleicht, wo nicht einer alleine ran kann. Nur mehrere von uns zusammen. Schon paar Gedanken gemacht. Aber wollen dich bei haben.”

Eigentlich wollte Irene wissen, wie Bart die Schale gereinigt hat, und nicht, ob er sie als Trophäe für sich selbst beansprucht. Doch dieses vorsichtige Lavieren um die richtige Ausdrucksweise macht ihr sehr schnell klar, was Sache ist. Die Idee vom “sicheren Ort”, der nicht das Archiv der Hooper-Winslows sein soll, trägt über und über die Blackwood-Handschrift. Sie merkt, wie ihre Lippen schmal werden. Wie unverschämt, ausgerechnet Ethan vorzuschicken! Und bestimmt wollen sie nicht nur ihren Rat, sondern vor allem Irenes finanzielle Unterstützung für ihren Plan einholen.
Nachdem sie die ersten paar Bemerkungen, die ihr in den Sinn kamen, heruntergeschluckt hat, holt sie tief Luft und fragt betont liebenswürdig: “Bist du dir sicher, dass mein Cousin nicht noch von ein paar höllischen Rückständen kontaminiert ist, die ihn dazu bringen, das Ding in seiner Nähe haben zu wollen und ausgerechnet den sichersten aller Orte auszuklammern? Oder wie habt ihr euch das vorgestellt, hier in den Staaten einen Platz zu finden oder zu schaffen, der auch nur halb so gut geschützt ist wie unser dreihundert Jahre altes Archiv? Glaubst du, bei uns gibt es keine Vorkehrungen, dass einer alleine an die wirklich gefährlichen Bestände nicht einfach so herankommen kann?
Ihr könnt entweder einen Ort schaffen, der eurer ist. Dann habt ihr keinen hundertprozentigen Schutz. Oder ihr vertraut die Schüssel uns an. Dazu müsst ihr die Kontrolle darüber aufgeben. Aber wozu solltet ihr die auch behalten müssen. Ihr wollt das Ding doch wohl nicht benutzen, oder?” Sie unterstreicht ihre Worte mit einem auf Ethan gerichteten Zeigefinger, den sie langsam auf seine Brust legt, da wo sich der Verband abzeichnet.
“Du kannst ja mal Sams Eltern fragen, wie erfolgreich sie mit ihrem Privatarchiv waren. … Oh, Moment. Ich vergaß. Kannst du nicht.”

Au. Irenes letzte Sätze lassen Ethan zusammenzucken, als habe sie ihm eine Ohrfeige versetzt. Und mit dem Druck ihrer Fingerspitze lässt die Britin ein scharfes Feuer in der Wunde auflodern, das fast so heftig brennt wie das Salz, mit dem Barry versucht hat, den Dämonenpilz einzudämmen. Ethan zieht zischend die Luft ein.

Ein Schwanzschlag. Eigentlich nur ein Schwanzschlag, auch wenn er von den extra stacheligen Schuppen eines mutierten zweiköpfigen Alligators kam. Hätte schlimmer kommen können, und Ethans letzter Schuss hat gesessen. Die Wunde ist schnell verbunden und wäre eigentlich nicht weiter der Rede wert, wenn da nicht dieses Jucken wäre. Dieses Rumoren. Der eitrige Schleim, der durch den Verband nässt und sich bewegt, als sei er lebendig. Sich in Ethan ausbreitet. Ausbrennen, ist sein erster Instinkt. Hat die kleine Propangasflasche des Campingkochers schon in der Hand, ehe Barry ihm in den Arm fällt. Aber das Salz, zu dem der Schriftsteller rät und das er großzügig in Ethans Verletzung verreibt, sorgt neben einem kurzen Verschwimmen der Welt vor Ethans Augen nur dafür, dass der Schleimpilz sich in die Wunde zurückzieht und innen weiterwächst statt außen.

Drecksmist. Ethan bringt seine Atemzüge wieder unter Kontrolle und sieht Irene bedrückt an. “Benutzen? Niemals. Deswegen ja: sicher. Nicht einer alleine.” Er seufzt tief. “ Bart…” Er sucht nach den Worten, aber die wollen nicht kommen. Ethan zieht eine Grimasse, versucht es wieder. “Weiß nicht. Glaub nicht, aber… Vielleicht doch beeinflusst. Sagte… “ Ethan zögert. Barts Sprüche in bezug auf die Schüssel, dass man sie benutzen sollte, wenn nötig, haben ihm genauso wenig gefallen wie Emily. Deswegen war er ja so dahinter her, dass das Ding nicht bei dem Gelehrten bleiben sollte. “Klang so, als traut er euch nicht. Eurem Archiv. Sicherheit da.” Sein Stirnrunzeln vertieft sich. “Beobachten.”
Ethan sucht jetzt ganz direkt Irenes Blick. “Barry meinte: alter heiliger Ort vielleicht. Wollte sich umhören gehen. Vielleicht schon eine Idee. Ohio. Hat gefragt, ob ich mitwill, anschauen. Und ich wollt wegen Bauen überlegen. Aber: Nicht ohne dich.”

“Was? Nicht ohne meine moralische Unterstützung? Oder meine finanzielle?” Die Britin setzt ein schiefes Grinsen auf.
“Nicht ohne dich im Boot.” Bei diesen Worten klingt Ethans Stimme sehr entschieden, ehe er sich dann doch verlegen mit den Fingern in die Haare fährt. “Geld? Weiß nicht. Möglich. Bart keins?” Er schnaubt selbstironisch. “Ich jedenfalls nicht.”

Dass Ethan nicht viel Geld hat, ist kein Geheimnis. Trotzdem ist es nicht das, was ihn am meisten fuchst, als die Weatherby im fauligen Sumpfwasser versinkt.
Barry hat den Park Ranger geschnappt, aus dem die Flut von riesigen Tausendfüßlern hervorgebrochen ist. Glücklicherweise hat der Mann das Bewusstsein verloren. Zurück zum Boot. Ethan fegt Rieseninsekten mit dem Gewehrkolben weg, Bart verspritzt Weihwasser, und Emily verschießt einen Pfeil nach dem anderen mit erschreckender Präzision.
Plötzlich schießt das mutierte schuppige Riesenvieh wieder unter der Wasseroberfläche hervor. Verdammt! Den hatte Ethan doch erlegt – dachte er. Dachte. Aber keine Zeit zu denken jetzt: Als sie am Ufer angekommen sind, muss Barry den Ranger loslassen, um mit seiner einen Hand aufs Boot zu kommen, und Ethan übernimmt, will den Verletzten über Bord hieven. Aber dabei kommt das Gewehr über seiner Schulter ins Rutschen, und Ethan hat die Wahl: Die Waffe oder der Mensch. Die Frage stellt sich gar nicht.
Mit einem dumpfen Platschen landet die Weatherby im Sumpf, verschwindet langsam außer Sicht, und Ethan beißt die Zähne zusammen, während er selbst, von Emily unterstützt, hinter dem Ranger ins Boot rollt und den Steuerhebel packt.
Es ist nicht das Geld, das ein neues Gewehr kosten wird. Es ist nicht mal die Tatsache, dass er jetzt unbewaffnet ist. Aber er hat Barrys Geschenk verloren. Verdammt.

“Ethan, ich habe dir gesagt, was ich machen würde. Wenn Bart Angst hat, dass ich den Pott drüben als meinen Fund ausgebe, weil er mehr hermacht als das Horn von Jericho, dann soll er ihn selber hinüberschaffen. Was er gegen das Archiv hat, verstehe ich nicht. Der Sicherheitsstandard, den ich gewohnt bin, besteht nicht nur aus ein bisschen Hightech. Die richtigen Granaten unter unseren Schutzmaßnahmen stammen aus einer Zeit als menschliche Arbeitskraft noch fast nichts gekostet hat. Das kopiert man nicht mal eben in ein, zwei Jahren hier herüber. Abgesehen davon, dass es meinen finanziellen Rahmen genauso sprengen würde wie den jedes anderen einzelnen Hooper-Winslow. Wenn Euch wohler dabei ist, das Ding auf diesem Kontinent in eine Fluchkiste zu packen und einen Grizzlygeist obendrauf zu setzen, dann tut das. Die Kiste und ein paar weitere Sicherungen kann ich Euch beschaffen. Aber glaubt nicht, dass ich das gutheiße.”

Ethan schüttelt den Kopf. “Nein.” Er macht eine etwas hilflose Handbewegung, nimmt sich die Zeit, um die Worte in seinem Kopf zu sortieren und sorgfältig vorzubereiten, ehe er sie ausspricht. Das ist wichtig hier. “Wollte deinen Rat haben. Wusste bisher nicht so viel über euer Archiv. Sagst, es ist sicher. Sagst, ihr kommt da nicht einzeln dran. Mir reicht das. Ob’s den anderen reicht? Weiß nicht.” Ethan schüttelt den Kopf, zuckt dann mit den Schultern. “Ich weiß nur, das Ding muss weg. Und Bart…“ Er presst die Lippen aufeinander, will eigentlich ungern über andere reden. “Zu bereit, das einzusetzen.”

Irene setzt an, etwas zu sagen, überlegt, formuliert es neu. Ethan beginnt wirklich, auf sie abzufärben. Gut, so wie er kann sie auch. Sie konzentriert ihren Gedankenstrom in einem mit Nachdruck vorgebrachten Wort: “Wozu?”
“Weiß nicht”, wiederholt Ethan unglücklich. “Ganz grundsätzlich. Hat nicht ausgeschlossen, das Ding zu benutzen. Darf nicht.” Er kann einen Schauder nicht unterdrücken. “Höllentor öffnen? Jungfrauenblut? Auch wenn keiner stirbt. Darf nicht. Muss weg.”
Irene wiegt den Kopf hin und her und murmelt: “Sag niemals nie.” Prinzipiell versteht sie beide. Mit leichter Tendenz zu Ethans Einstellung. Barts Bereitschaft, recht früh zu extremen Mitteln zu greifen, ist ihr schon bei ihrem ersten Treffen ins Auge gestochen. Keine gesunde Lebensweise. Sie zückt ihr Handy und verfasst eine knappe Nachricht an ihren Verwandten. “Wie geht es dir?”

Gah. Ethan verzieht das Gesicht. Nein. Klar soll man niemals nie sagen. Und vermutlich sollte er tatsächlich nicht mal ausschließen, dass es nicht eventuell und unter Umständen eine Gelegenheit geben könnte, in der er selbst auch soweit wäre, so extreme Maßnahmen anzuwenden. Aber. Er kann sich gerade nicht vorstellen, was das für Umstände sein könnten. Er hat auch keine Ahnung, was er Irene jetzt darauf antworten soll. Stattdessen wendet er sich den Resten seines Burgers zu, auch wenn der ihm gerade überhaupt nicht mehr schmecken mag. “Drecksmist”, murmelt er leise, schiebt den Teller etwas zu heftig weg und verzieht wieder das Gesicht, als die Bewegung ihn erneut an seine Begegnung mit dem Alligator erinnert. “Weiß doch auch nicht, verdammt.”

“Mach dich jetzt nicht verrückt”, sagt Irene. “Das ist eine Entscheidung, die jetzt nicht an diesem Tisch hier fallen muss. Ich werde mal Bart auf den Zahn fühlen. Du kannst das mit Barry unter vier Augen klären, wenn Blackwood sich nicht gerade einmischt. Lass es erst mal sacken. Siehst du denn eine Gefahr, dass Bart in nächster Zeit irgendetwas Dummes tun könnte?”

Eine Insel mitten in dem schleimigen Grün. Eine größtenteils verfallene Hütte. Ganz eindeutig das Zentrum von dem allen hier, so wie der Dämonenpilz an den windschiefen Holzwänden pulsiert. In Ethans Brust pulsiert er in genau demselben Takt; eine widerwärtige und beinahe intime Verletzung seines Selbst. Versucht sich auszudehnen, über die Linien des Schutzkreises hinaus auszubreiten, den Bart nach der vergeblichen Aktion mit dem Salz in wasser- und schweißfestem Marker auf Ethans Haut gemalt hat. Der Schutzkreis hält, der Pilz kommt darüber nicht weg, aber er drückt immer schmerzhafter an dessen Ränder.
Die Lianen, die von den Bäumen hängen, bewegen sich aus eigener Kraft, und hinter ihnen schäumt das Wasser schon wieder so verdächtig. Der verdammte Alligator ist doch garantiert immer noch nicht tot.
In der Hütte der eine Bruder in Ranken gefangen an der Wand, wahnsinnig kreischend. Der andere Bruder tot am Boden, mit eingeschlagenem Schädel neben der Dämonenschale und mit seinem Blut in ihr. Die Hütte wehrt sich. Barry und Emily bekämpfen sie, halten Ranken und Pilz und Holz nach besten Kräften von Bart fern, während Ethan sich mit einer Planke in der Hand dem Alligator entgegenstellt. Sieht nicht, was Bart in seinem Rücken tut, kann aber Wasser plätschern hören, gefühlt endlos lange, auch wenn es in Wahrheit bestimmt nur ein paar Sekunden sind.
Und dann, plötzlich, sind die Ranken nur noch Ranken. Fällt der Alligator, mit dem Ethan gekämpft hat, ins Wasser zurück, jetzt nur noch einköpfig und mit normalen Alligatorschuppen, keinen mutierten Stacheln mehr. Ist der unerträgliche Druck in seinem Brustkorb, dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, mit einem Mal verschwunden, und die Wunde schmerzt nur noch, wie eine Verletzung von einem Alligatorschwanzschlag das eben tut. Kein Schleimpilz mehr an den Wänden der Hütte. Im Boot richtet der Ranger sich vorsichtig auf.
Bart atmet schwer, dann trinkt er hastig selbst einen Schluck von seinem Weihwasser. Dampf kommt aus seinem Mund. Seine Augen irisieren weiterhin gelblich um geschlitzte Pupillen herum.

Ein paar Sekunden lang denkt Ethan ernsthaft über Irenes Frage nach, schüttelt dann ebenso ernsthaft den Kopf. “Glaub nicht. Hat zwar diese… diese Infektion noch, aber glaub nicht. Hat sich… unter Kontrolle, glaube ich. Hoffe ich. Hatte das die letzten Tage, wurde immer besser. Auch wenn…” Ethan zögert kurz, schnaubt dann beinahe amüsiert. Den Iron Man-Spruch hat er selbst gebracht. Er konnte einfach nicht anders, als Emily ihn fragte, was wäre, wenn die Reinigung der Schale nicht alles wieder normal werden lassen würde. Galgenhumor? Vielleicht. Musste er sich aber jedenfalls nicht wundern, als Bart das fiese grüne Zeug im Filzstiftkreis daraufhin betrachtete wie ein wissenschaftliches Experiment und dem Gelehrten förmlich auf die Stirn geschrieben stand, dass er überlegte, ob und inwieweit sich der Dämonenschleim als magische Kraftquelle einsetzen lassen würde. “Denkt an Dummheiten. Glaub aber nicht, dass er sie auch macht.”
Ethan atmet tief durch und trinkt sein Glas leer. Jetzt wäre ein Bier doch gut, aber er muss immer noch fahren. “Hast recht”, murmelt er dann. “Danke.”

Auf dem Rückweg lässt Ethan die Gedanken frei schweifen. Denkt an nichts Bestimmtes und alles zugleich.

“Arzt.“
“Geht schon. Hast es ja geschient. “
Ethan sieht seinen Freund aufgebracht an. “Bist du irre? Gebrochen. Gips.“ Er atmet tief durch, setzt neu an. Er weiß ja, um was es dem Älteren geht. “Okay, verdammt. Kein Krankenhaus. Aber
Arzt.“ Wieder zögert er. “Bitte.“

“Was weiß er?“ Emily, anklagend. Völlig auf Ethan konzentriert, ganz so, als sei Barry überhaupt nicht da.
Drecksmist. Es sticht. Noch immer. Es fällt Ethan schwer, die Worte auszusprechen, aber muss. Ist ihr Anrecht. “Dass ich Scheiße gebaut habe. Dass ich dich verloren habe. Euch alle. Dass es ein Schock war, dich wiederzutreffen. Erleichterung, aber Schock.“ Vielleicht hätte er es nicht weitererzählen sollen. Vielleicht ist es ein Vertrauensbruch gegenüber Emily. Aber bei irgendwem musste er es loswerden, und Barry ist nun mal einer der drei Menschen auf dieser Welt, bei denen sich die Frage nicht stellt. Aber glücklicherweise nickt die junge Jägerin. Akzeptiert. Es war ihr wohl vor allem wichtig, dass er niemandem verraten hat, wo sie in der Zeit ihres Verschwindens genau war, und das würde Ethan tatsächlich im Traum nicht einfallen. Das ist nicht seins zu erzählen.

“Vielleicht will ich das gar nicht mehr. Freunde meine ich. Denn entweder verliere ich sie, bringe sie in Gefahr, oder sie werden verletzt. Und das kann ich einfach nicht mehr ertragen. Besser, keine Freundschaften zu schließen.”
Emily schielt bedrückt hinter ihren Händen hervor, in denen sie den Kopf vergraben hat.
Bei diesen Worten schüttelt Ethan sehr vehement den Kopf. “Auch gedacht", setzt er ihr entgegen. “Acht Jahre lang. Aber… Nein. Tut weh, klar. Freunde verletzt sehen. Sterben sehen. Vielleicht…”, er schluckt, bekommt die beiden nächsten Worte nur schwer an der plötzlichen Enge in seinem Hals vorbei, “jagen müssen… Aber trotzdem. Trotzdem. Geht ohne, klar. Aber… verlierst was von dir.”
Emily schluckt. Sieht ihn trostlos an. "Wie kann ich ein Freund sein, wenn ich weiß, dass es gefährlich in meiner Nähe ist? Auch dort, als ich im… im, als ich dort drüben war. Es war nicht nur Eunice, die ich zurückließ.” Sie zögert, verzieht dann das Gesicht.
“Es ist ja nicht so, dass ich die Leute nicht mag, aber du hast ja selbst gesehen, was passiert.” Emily lacht bitter auf. "Manchmal komme ich mir vor wie ein Parasit. Ein Parasit, der sich irgendwo festsaugt und erst loslässt, wenn von dem ‘Wirt’” – bei dem Wort malt sie Anführungszeichen in die Luft – “nichts mehr da ist. Aber hey, das ist schon okay für mich. Ich komm damit klar.”
Ein zögernder, um Erlaubnis bittender Griff nach Emilys Hand, den sie zu seinem Erstaunen zulässt, dann ein vorsichtiger kurzer Druck, bevor Ethan seine Hand wieder zurückzieht. “Kanns dir nicht vorschreiben. Deine Sache. Deine Entscheidung. Aber: Bei mir? Macht mir Angst, ja. Oft. Aber…” Er unterbricht sich, starrt einen Moment lang in die Ferne. Sucht nach dem richtigen Ausdruck und wappnet sich für die vielen Worte, die jetzt kommen müssen. Das ist wichtig hier. “Wärmt auch. Und du…”, jetzt sieht er Emily direkt an, spricht diese Worte mit Nachdruck aus, “bist kein Parasit. Glaub jeder von uns denkt das. Mal mehr, mal weniger. Bist du aber nicht. Gefahr kommt mit dem Job. Gehört dazu. Gibt Verluste, ja. Bleibt nicht aus. Schlägt einem Wunden. Tiefe Wunden. Nur…” wieder fährt Ethan sich in die Haare, “… wenn’s soweit ist…” Er bricht ab, zögert, und seine Stimme wird leise. “Will gelebt haben. Wissen, was es heißt, Freunde gehabt zu haben, wenigstens einen oder zwei. Ein Freund gewesen zu sein. Vielleicht einen Freund beschützt zu haben statt nur eines Kampfgefährten.” Ethan bricht wieder ab, schüttelt den Kopf. “Scheiße. Kriegs nicht formuliert. Jedenfalls: Bist kein Parasit. Kay? Und du bist nicht die Gefahr.”

Die Heimfahrt mit Barry. Lange Meilen einträchtigen Schweigens unterbrochen von gelegentlichen Unterhaltungen, wenn einem von beiden etwas einfällt, das er dem anderen erzählen möchte oder von ihm wissen will. Barry von den Kindern und dem geplanten Umzug nach Chicago. Über das Buch, an dem er schreibt, und die Sprache aus dem walisischen Wörterbuch. Die Idee von dem verlassenen Ort in Ohio, wo man vielleicht den Safe hinbauen könnte. Ethan vom Besuch bei seiner Familie zu Weihnachten und von der Sache mit den Ghulen. Der vorsichtigen, sehr vorsichtigen, Annäherung an Alan. Was ein paar Tage in gemeinsamen Krankenzimmer doch ausmachen können. Und von Sam. Ethan versucht, sich seine Unsicherheit in bezug auf Samantha nicht allzu sehr anmerken zu lassen, nicht allzu zweifelnd zu klingen, aber andererseits: wem, wenn nicht seinem besten Freund, kann er anvertrauen, wie tief die ganze Sache für ihn schon geht? Fluch loswerden, dann weitersehen – für ihn selbst wie ein Mantra, an dem er sich festhält, kann Ethan sich manchmal des Gedankens nicht erwehren, dass Sam das eher als Rückversicherung meint: als ein bloß-auf-nichts-einlassen. Barrys Kommentar, er sei da zwar alles andere als fit gewesen und überdies auch kein großer Menschenkenner, er habe aber in Portland durchaus das Gefühl gehabt, dass Sam viel für Ethan empfinde, lässt einen heftigen Schub der Erleichterung durch Ethan branden, aber den versucht er nach Kräften zu unterdrücken. Fluch loswerden, dann weitersehen. Wenn Sam die Worte anders meint, als er sie verstehen will, kann er es ohnehin nicht ändern.
Bei ihrer Übernachtung in Nashville hat keiner von beiden Lust auf Country & Western. Aber da ist ein Kino, und da läuft der neue Lego-Batman. Beide müssen grinsen, als in dem Film sehr deutlich der Spruch vom ‘der will sich nur selbst nicht wehtun’ gemacht wird.

Und dann das überwältigende Gefühl von Deja Vu, als Ethan bei seiner Rückkehr Niels’ E-Mail vorfindet. “Ich hab alles falsch gemacht. Hab nicht auf Verstärkung gewartet, habe Emily in Gefahr gebracht und mich auch. Ich dachte, ich krieg das hin. Von wegen. Die Brandwunden an meinen Armen und meinem Oberkörper sagen was anderes, und die an Emily auch. Hab ich richtig gut hingekriegt. Ich kann Emily nicht mehr unter die Augen treten, und bei Bart habe ich auch so meine Zweifel, und meine Familie… Jedenfalls, ich sitze hier erstmal fest, und vielleicht ist das ganz gut so. Dann kann ich wenigstens niemandem schaden.”
Ethans Antwort enthält ziemlich genau dieselben Argumente, die er auch Emily gegenüber angeführt hat. Nur, weil geschrieben, etwas besser ausgedrückt.

Er wirft einen Blick zu Irene auf dem Fahrersitz. Sie hat darauf bestanden, dass sie diesmal fährt, weil sie der Ansicht war, Ethan solle seinen Arm noch schonen. Er hat die Augenbrauen gehoben und ist wortlos auf die Beifahrerseite gegangen. Ist ja nun nicht so, dass er nicht gerade erst mit dem Auto in Georgia war, aber hey. Die Britin hat eine kleine Falte über der Stirn, fährt konzentriert. Entweder das, oder sie ist selbst in Gedanken versunken. So oder so bemerkt sie seine Aufmerksamkeit nicht.

Das ist wirklich so ein Jägerding, denkt Ethan. Dieses Abkapseln. Keine Bindungen eingehen wollen, aus der Befürchtung heraus, andere in Gefahr zu bringen. Emily. Niels. Sam. Und Cal und Irene. Keiner von beiden hat Ethan eingeweiht, was jetzt genau zwischen ihnen läuft, aber er ist ja nicht blind. Er sieht, wie sehr Irene unter Cals Seelenproblem leidet, wie verbissen sie nach einer Lösung sucht, und wie sie sich eigentlich ebenso verbissen dagegen wehrt, was da mit ihr passiert. Und Cal… heh. Der ist doch ohnehin der sprichwörtliche einsame Wolf. Ob und inwieweit der sich davon je abbringen lassen wird, ist auch noch die Frage, Irene hin oder her. Es wäre fast erstaunlich, dass er damals die zwei Jahre mit Ethan herumgezogen ist, wenn Ethan nicht auch den tief vergrabenen Beschützerinstinkt seines Ziehvaters kennengelernt hätte. Jedenfalls hat Cal in den zwei Jahren ganz schön auf ihn abgefärbt, denkt Ethan mit einem schiefen Lächeln. Im Guten wie im weniger Guten. Immerhin war Ethan bis vor gar nicht so langer Zeit selbst auch vollkommen auf dieser einsamer Jäger-Schiene. Ist es bis zu einem gewissen Grad auch immer noch, trotz allem, was er Emily gesagt hat. Aber eben nicht mehr komplett. Er hat keine Ahnung, wie das genau passiert ist. Er hat es nicht darauf angelegt. Und jedes Wort, das er zu Emily gesagt hat, hat er völlig ernst gemeint. Es macht ihm eine verdammte Scheißangst, ja. Aber er würde es auch nicht mehr missen wollen, jetzt, wo er es wiedergefunden hat.

Später, am Hügel, verabschiedet Ethan sich mit einer verlegenen Umarmung von Irene. Und findet zuhause in Burlington eine Mail von Niels vor. Der Deutsche will ihn besuchen kommen. Heh. Mehr Kontakt. Gut so.

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Snow Blazes and Fire Demons
Flanns Diary zum Tale of Snow Blazes

Lautes Rascheln, eintöniges Motorengeräusch, im Hintergrund läuft Metal der Band Kittie.

“Endlich wieder im Warmen!”

Im Hintergrund singt die Sängerin “You took something from me… Now you disappeared…”

“Was für ein Trip. So viel Schnee und nirgends ein Supermarkt, bei dem man sich mal eben schnell mit dem nötigsten eindecken könnte. So müssen sich die ersten Menschen gefühlt haben. Schrecklich. Vor allem habe ich auch gar keine Lust mich damit auseinanderzusetzen, wie ich in so einer Gottverlassenen Einöde überleben könnte.”

Kittie singt im nächsten Lied etwas lauter: “I think I’d rather crucify then learn!”

“Dabei ist es im groben und ganzen eigentlich recht glimpflich für mich ausgegangen. Niels und Emily haben richtig was abbekommen, während selbst Bart und Irene nicht ohne Schaden davongekommen sind, als wir am Ende diesen Dämonenschatten und seine Dienerin gestellt haben. Natürlich hätte es auch besser ablaufen können, aber Niels und Emely mussten ja unbedingt schon ungeduldig vorpreschen und einer Fährte folgen, während Bart, Irene und ich noch eine Hütte untersuchten, die offenbar demjenigen gehört hatte, der diesen Dämonenschatten in unsere Welt gebracht hat.”

Flann dreht das Autoradio nun komplett ab. Es verbleibt das eintönige Motorengeräusch, wie man es von langen Fahrten auf einer Interstate kennt.

„Dabei hat alles ganz ruhig angefangen: Bin grade bei Irene gewesen, um sie nach einer Recherche für mich zu bitten. Klar hätte ich gerne auch selbst einen Blick auf die Bestände Ihrer Familie geworfen, aber so würde es auch gehen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mein Verhältnis zu Irene seit diesem Vorfall besser ist, als vorher. Zumindest sind die Missverständnisse jetzt beseitigt und wir können auf einer ganz anderen Ebene miteinander kommunizieren. Ich bin kein Psychologe, aber ich denke der Schneeball, den sie mir ins Gesicht schmiss, oder die von mir abgefangene Ohrfeige, die wir beide mit einem Lächeln quittierten, zeugen von einem schon fast vertrauten Umgang, den ich von ihr sonst niemandem gegenüber wahrgenommen habe. Allerdings werde ich den Teufel tun und mir darauf etwas einbilden. Bin schließlich grade dabei alle Brücken abzubrechen, damit sich keiner zu mir auf die Spirale nach Unten gesellen kann.“

Wieder eine Pause in Flanns Redefluss.

„Natürlich wäre da jetzt Niels. Er scheint selbst grade auf seiner Eigenen Spirale zu sitzen und ungebremst in Richtung Hölle zu rutschen. Ist vielleicht wirklich nicht die schlechteste Idee sich mit ihm zusammenzutun und mal eine Dämonenjagt nach unseren Regeln durchzuführen.“

Raschelnde Geräusche und man hört wie Flann einen tiefen Schluck aus einer Flasche nimmt.

„Schweife schon wieder ab. Also ich war bei Irene und Niels kam zu Ihr, um sie zu bitten ihr bei einem Vorfall zur Seite zu stehen, bei dem einer seiner Kommilitonen verschwunden sei. Da ich nun schon mal da war, dachte ich es wäre nur fair, wenn ich im Gegenzug für ihre Hilfe auch Irene ein wenig zur Seite stehen würde. Allerdings wusste ich da noch nicht, das es uns direkt in die Arktis führen würde. Zumindest von der Temperatur her kam es mir so vor. Nachdem ich eingewilligt hatte mitzukommen, ging es eigentlich recht schnell. Haben ein paar Sachen in Irenes großen jeepartigen Wagen geladen und sind los. Auf dem Weg wurde ich von Beiden ein wenig über meine Klamotten belächelt, aber kurz vor dem Zielort hat Irene mir noch schnell ein paar Winterklamotten gekauft, ohne die ich wirklich aufgeschmissen gewesen wäre. Am Zielort angekommen, haben wir dann Bart und Emily getroffen, die mit seinem Wohnwagen Schrägstrich Kuriositätenkabinett angereist waren. So viel Schnee hatte ich bis zu dem Zeitpunkt nur in Filmen gesehen. Niels und Emily schien das aber überhaupt nichts auszumachen, und sie wollten quer zur Straße direkt durch den Schnee zu dem Feuerturm stapfen, wo Niels’ Kommilitone zuletzt gewesen sein musste. Irene, Bart und ich nahmen noch den Jeep, so lange es möglich war mit dem zu fahren.“

Weitere raschelnde Geräusche, dann ist einiges Knacken und Kauen zu vernehmen.

„Dann gab es da oben in dem Turm noch nicht mal ein Klo. Das muss man sich mal vorstellen. Naja, wenigstens hatten die Vormieter noch ein wenig Alkohol zurückgelassen, so dass wir uns den Abend noch gemütlich trinken konnten. Mit ein wenig Whisky angeheitert, blühte Irene für einen kurzen Moment sogar zur Redseligkeit auf, verschwand dann aber schnell im Bett. Emily dagegen schien die Wärme und Nähe der anderen Jäger nicht zu mögen und zog sich sogar freiwillig in die Kälte der Nacht draußen auf dem Turm zurück, um zu ihrer Ruhe zu kommen.“

Man hört wieder Trinkgeräusche.

„Emily war es auch, die einen seltsamen Fleck in der Schneelandschaft sehen konnte, zu dem wir dann am nächsten Morgen aufgebrochen sind. Kann sein, dass ich mich ein wenig lautstark über den Schnee beschwert habe, aber konnte trotzdem erstaunlich gut mit den anderen mithalten. Mitten in der Einöde stießen wir dann auf diese Hütte, die Irene aus einer Eingebung heraus von der Aschefläche aus, die wir dort gefunden hatten, aufgespürt hatte. Nach kurzer Durchsuchung fanden wir eine klappe, die in den Keller führte. Niels hatte wohl einen kurzen Flashback in seine Jugend und wollte auf keinen Fall mit in diesen engen dunklen Raum dort unten. Der Junge muss echt eine beschissene Jugend gehabt haben. Traditionelle Jägerfamilie. Was will man da auch schon erwarten. Naja, Emily ist dann bei ihm geblieben, während wir anderen uns dann im Keller umgesehen haben. Fanden die Überreste einer Leiche, zusammen mit einer Arte Tagebuch, in dem der Verfasser auch die schwarzmagischen Sprüche und Handlungen beschrieben hatte, um sein Ziel zu erreichen: Die Beschwörung eines Dämons, den er zu erpressen suchte, um seine Tochter aus der Hölle zu befreien. Anschließend überraschte mich Irene mit etwas, dass ich mal wieder nicht von Ihr erwartet hätte: Sie redete Bart aus die Leiche sofort zu salzen und zu verbrennen, was ich total von ihm erwartet hatte, und schlug vor den Geist dieses Mannes zu beschwören, um mehr herauszufinden. Mit nur wenigen geübten Handgriffen und erstaunlich wenig Absicherung machte sich Irene an die Arbeit, gleich nachdem Bart überzeugt war. Mit vereinten Kräften bekamen wir aus dem Geist heraus, dass er die Beschwörung des Dämons abgeschlossen hatte, ihn aber aufgrund eines Herzversagens im falschen Augenblick nicht unter Kontrolle bringen konnte. In seiner körperlosen Rauchform musste der Dämon hier ausgeharrt haben, bis ihn schließlich eine Familie im letzten Sommer aus seiner Misere befreite. Dies musste die Quelle der ganzen Asche sein, und war wahrscheinlich auch die Ursache für das Verschwinden der Studenten. Der Geist teilte uns noch mit, dass er es natürlich nicht mehr schaffen konnte seine Tochter zu befreien und dass auch keine Hoffnung mehr dazu bestand. Er wollte also von uns in die ewige Ruhe geschickt werden, sobald wir mit ihm fertig wären, was Bart dann auch bereitwillig erledigte. Bart schien außerdem recht besorgt, dass ich etwas mit dem Buch dieses Schwarzmagiers anstellen könnte und sicherte es sofort nachdem wir hier fertig waren. Keine Ahnung woher seine Sorge stammte, habe aber gerne mitgespielt und so getan als würde es mich tatsächlich stören nicht an das Buch zu kommen. Soll er doch denken, dass ich Interesse daran habe, jemanden aus der Hölle zu befreien.“

Man hört Flann kurz auflachen.

„Bart ist schon ein seltsamer Kauz. Bedroht Julianna auf der einen Seite, dass sie bloß nicht auf die Idee kommen solle, ihre Kräfte für das Dunkle und Habgierige einzusetzen, wie es die Meisten Hexen tun, und will sie auf der anderen Seite vor mir Schützen, der doch mit dem geschaffenen Abstand nichts anderes als ihr Wohl erhalten will. Verdammt, ich meine, es ist ja nicht so, als wüsste ich nicht genau, was ich ihr angetan habe. Uns beiden, um genau zu sein. Kann aber nicht über meinen Schatten springen. Da ist nun mal noch etwas unerledigtes in meinem Leben, dass natürlich ausgerechnet jetzt wieder zu Tage treten und mich mit Hoffnung und Sehnsucht erfüllen muss. Hannah ist noch da draußen und ich werde sie finden. Wenn ich ganz viel Glück habe, schaffe ich es vielleicht sogar uns beide aus der Dunkelheit herauszuziehen wenn es so weit ist. Aber bis es so weit ist, muss ich wohl noch einiges herausfinden.“

Man hört Flann am Radio herumfummeln, und nach wenigen Momenten dröhnt The Pretty Reckless mit der zweiten Strophe von Take Me Down aus den Boxen: „…Standing at the crossroads, A dried up pen in hand, The conversation went like this, ‘Tell me your desire why you pulled me from the fire, and we’ll seal the deal with a kiss’ …".

“Zurück zur Hütte. Während wir noch mit dem Barbeque der Überreste des Schwarzmagiers beschäftigt waren, hatte Niels offenbar eine Spur gefunden, der er ohne zu zögern folgte. Emily wollte ihn nicht allein ziehen lassen und stürmte hinter ihm her, ohne uns ein Wort der Warnung herunterzurufen. Auf diese Weise war der Kampf für die Beiden schon fast verloren, als wir endlich auch ihren Spuren zu einer kleinen Höhle in der Nähe gefolgt waren. Ich bin niemand, der Selbstbeweihräucherung betreibt, aber Aufgrund von Niels’ gnadenloser Selbstüberschätzung habe ich wohl tatsächlich den Tag gerettet, denn am Ende waren es tatsächlich meine Kugeln, die Irene und Bart vor Schlimmerem bewahrten, während Emily und Niels bereits bewußtlos am Boden lagen. Es waren die Mutter der Familie, die letzten Sommer hier oben in einem Feuer umkamen, und eine Art Raubkatze, die wir bei dieser Höhle fanden. Außerdem versuchte der formlose Dämon gerade einen der Studenten zu besetzen, der anscheinend vor kurzen gestorben war. Wir konnten am Ende Sowohl die Frau und die Katze besiegen, als auch den Rauchdämon vertreiben. Konnten sogar Niels’ Kommilitonen, sowie zwei seiner Freunde retten. Niels und Emily mussten aber, genau wie die Studenten, zunächst ins Krankenhaus. Sind noch so lange in dem Ort geblieben, bis wir Niels wieder mit zu Irene nehmen konnten. Emily war schon vorher mit Bart wieder abgedüst. Sie konnte die Krankenhausatmosphäre wohl überhaupt nicht ertragen.”

Man hört Flann ein wenig tiefer durchatmen, während Taylor Momsen die letzten Zeilen des Lieds schmettert: “Sign with the Devil, take me down, won’t you take me down!”

“Der Junge ist echt okay. Ein bisschen verdreht vielleicht und mit nem massiven Knacks aus seiner Jugend, aber ansonsten ein aufrechter junger Mann, der seine schlimmsten Fehler noch vor sich hat. Vielleicht habe ich ihm aus diesem Grund nach seinem Versagen beigestanden. Wer weiß, vielleicht kann ich ja auch mal der gute Samariter sein, den Bart die ganze zeit darzustellen versucht, und dem Jungen in dieser schweren Zeit ein wenig zur Seite stehen und ihn womöglich vom nächsten Fehler abhalten. Habe Ihm zumindest eine Möglichkeit gegeben mich über Irene zu erreichen. Sollte ihr das wohl besser auch noch sagen.”

Man hört Flann wieder im Hintergrund lachen und dann endet die Aufnahme.

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The banned demon

Ich war gerade auf dem Rückweg vom Verbindungshaus und hatte mich wie versprochen bei Bart gemeldet. Wir verabredeten uns auf eine nahegelegenen Parkplatz in Vermont. Er meinte zu mir, das Niels, ein Freund von ihm Hilfe braucht und es einfacher wäre, wenn wir mit seinem Wohnmobil fahren würden. Also parkte ich meine Wagen in nähe von Ethans Wohnung und holte zwei Taschen und mein übliches Equipment aus dem Wagen und verstaute es im Wohnmobil. Danach setzte ich mich auf dem Beifahrersitz und wir fuhren nach Burlington, um uns mit den anderen zu treffen. Dort angekommen warteten Niels, Irene und Flann schon auf uns. Jetzt wunderte mich auch nichts mehr. So klein war die Welt. Wir begrüßten uns kurz. Niels war der junge Mann den ich in Baltimore auf der Silvesterfeier kennengelernt habe. Es war nett ihn wieder zutreffen. Niels erzählte uns auch gleich was los war und worum es ging. Ein Kommilitone von Niels, Will Hensley, ist verschwunden und mit ihm drei seiner Freunde. Sie hatten ein langes Wochenende in Idaho geplant. Mitten im Nichts, auf einem Feuerwachturm der im Winter vermietet wird. Doch seit einigen Tagen sind sie verschwunden, die Suchtrupps haben auch keine Hinweise gefunden, wo die vier abgeblieben sind. Also wollte Niels mal nachschauen gehen, aber nicht alleine.

Wir hatten beschlossen mit zwei Wagen nach Idaho zu fahren. Irene, Niels und Flann wollten zusammen Irene’s Defender nehmen und ich blieb bei Bart im Wohnmobil. Es schien eine lange fahrt zu werden, also nutzte ich die Chance in Ruhe mit Bart zu reden, ihm alles erzählen. Naja zumindest fast alles.

Bis Idaho kamen wir gut durch, etwas schwierig wurde es, als wir mitten durch den Wald mussten. Die Wege waren schneebedeckt, Bart und Irene hatten einige Probleme mit den Wagen voranzukommen. Den Trailer mussten wir an einer Abzweigung vom Hauptweg in einer Bucht zurücklassen. Niels wollte zum Turm laufen und ich fand die Idee auch gut und habe beschlossen mit ihm zu gehen. Niels schlug vor, dass auch Flann mitgeht, aber dieser winkte ab und meinte er geht schon ins Fitness-Studio, dass würde ausreichen. Außerdem war es ihm viel zu kalt. Womit Irene ihn aufzog. Ich warf meine Sachen in Irene’s Auto und nahm nur mit, was ich unbedingt brauchte.
Ich sah wie Niels meinen Bogen bewunderte und meinte der mache keinen Lärm, dann deutete Niels auf seine Winchester und sagte, die sei nicht so leise. Ich musste schmunzel.

Wir gingen nicht an der Straße entlang, sondern mitten durch die Wildnis. Mir machte der Schnee wirklich zu schaffen, ich war es zwar gewohnt durch den Wald und Kälte zu laufen, aber Schnee und Eis eher nicht. Mir machte es auch zu schaffen, dass es so furchtbar hell war. Ich hatte ganz vergessen, wie grell Schnee war, vor allem wenn die letzten Sonnenstrahlen darauf trafen. Ich hatte echt meine Schwierigkeiten damit, aber zum Glück hatte ich eine Sonnenbrille dabei. Niels schien das nichts auszumachen. Es schien fast so als wäre er es gewohnt.

Man was habe ich das vermissst.
Es ist schon komisch wie das leben so spielt.
Damals wollte ich unbedingt dort weg.
Wollte nach Hause und jetzt. Jetzt hier draußen zu sein, herrlich.
Es ist fast wie Freiheit.

Nachdem ich die Sonnenbrille aufgesetzt ging es etwas besser. Wir gingen querfeld einen Hügel hinauf. Von oben sahen wir einen See und den Highway, der Ausblick war gigantisch, nur etwas störte mich, es war ein Stück entfernt im Wald, dort könnte es mal einen Waldbrand gegeben haben. Ich hatte den Eindruck, dass der Schnee an manchen Stellen nicht so hell war, Niels kam es so vor, als würde ein Schatten auf dem Schnee liegen, aber der Schatten passte nicht so recht. Ich wollte eigentlich einen Umweg machen, aber Niels meinte es sei besser, erst zu den anderen zu gehen. Es würde auch schon dämmrig werden. Ich beobachte den Schatten noch eine Weile und sah eine Bewegung am Waldrand. Ich hatte Niels nichts gesagt, schließlich waren wir in einem Wald. Das könnte alles gewesen sein und ich wollte keine Panik machen oder als hysterisch abgestempelt werden. Als wir den Hügel auf der anderen Seite wieder herunter kletterten rutschte ich aus, doch Niels fing mich auf. Als ich wieder festen Boden unter den Füssen hatte, löste ich mich gleich wieder. Niels guckte etwas verwundert, sagte aber nichts.

Meine Güte der hält dich doch für völlig bekloppt.
Na toll, wahrscheinlich denkt er “In der Wildnis mit ner Irren, yeah.”

Wir kamen am Turm an, die anderen waren auch erst kurz vor uns eingetroffen. Irene wirft einen Schneeball nach Flann. Der sich gleich beschwerte, dass der mist Schnee einen Weg in seine Schuhe gefunden hat und wischt sich den Schnee aus dem Gesicht.

Wir hatten uns den Feuerwachturm angemietet und waren sogar die Nachmieter nach Will und seinen Freunden, aber im Turm war kein Hinweis, wahrscheinlich hat der Suchtrupp schon alles weggeschafft. Niels erzählte uns, dass es in der Chatgruppe hieß, sie seien wandern gegangen und nicht zurückkehrt. Wir standen noch eine Weile vor dem Turm und Irene fragte Bart, ob es möglich wäre beschädigte Seelen zu heilen. Flann hingegen schien die ganze Sache hier draußen gar nicht zu gefallen.

Tja, hier draußen in der Wildnis ist das schon was anderes,
als in ein gemachtes Nest zu kommen. Aber ich bin mir echt nicht sicher,
ob es eine gute Idee war ihn mit auf so eine Jagd zu nehme.
Der Überlebt doch keine zwei Stunden hier draußen.

Flann suchte die Toilette und ging den Turm rauf, der Turm hatte jedoch nur ein Plumpsklo, welches draußen steht. Wir holten noch unsere Sachen aus Irene’s Auto, dass auch ein Stück weg vom Turm parken musste. In der Zwischenzeit hatte Flann auch die Toilette gefunden. Nachdem er zurück war und immer noch vor sich hin fluchte platzte es aus mir raus. Ich wollte gar nicht so Barsch sein. Aber ich fragte ihn, warum er überhaupt mitgekommen ist, wenn ihn das hier alles so stört.

Wir inspizierten den Turm. Der war mit dem nötigsten ausgestattet, auf der einen Seite befanden sich der Funk, ein Logbuch, die Feuerwachausrüstung und eine Karte etc. Auf einer weiteren Seite des quadratischen Raumes gab es den Ofen, Gasherd und kleine Schränke, in dem sogar ein paar Lebensmittel vorrätig waren. Auf der letzten Seite gab es zwei große Betten, in die je 2 Leute passen. Ich schaute mir die Betten an.

Na super, dass kann ja heiter werden,
aber erstmal abwarten.

Bart und Irene unterhalten sich in der Zeit leise über heilen oder retten von Seelen. Ich hab es nur am Rande mitbekommen und wollte nicht lauschen, es geht mich nichts an, wenn ich es wissen soll, werden sie es mir sagen. Niels machte ein Feuer im Ofen an und Flann kam gleich dazu und drängelte sich mit an das Feuer. Niels sieht Flann an und die beiden Unterhalten sich leise. Flann lacht auf. Ich ging vor die Tür, um frische Luft zu schnappen, drinnen wurde es mir echt zu warm und ich brauchte einfach einen Moment für mich. Nach einer Weile deuteten die anderen an, dass ich wieder reinkommen sollte. Ich atmete nochmal tief durch und ging dann wieder zu den anderen. Ich erzählte ihnen von dem Schatten oder besser den dunklen Fleck den ich gesehen habe. Von der Bewegung sagte ich nichts, wie gesagt es ist ein Wald, doch im Nachhinein wäre es vielleicht besser gewesen, aber gut ich konnte es ja nicht mehr ändern. Nachdem Flann wieder angefangen hat, bzw. noch gar nicht aufgehört hat rumzunörgeln rutschte mir raus, dass er nicht jammern soll, sondern jetzt mal richtig arbeiten muss. Ich wollte, dass eigentlich gar nicht.

Ich weiß auch nicht warum mich dass so auf die Palme bringt.
Hm, vielleicht weil ihm sonst alles so leicht von der Hand geht. Ach was weiß ich.

Flann sagte nur er habe nicht gewusst, wie schrecklich und kalt es hier ist. Er suchte im Turm nach etwas hochprozentiges und wurde auch fündig. Irene und ich sagten, dass er nicht so viel davon trinken soll, weil er sonst schnell auskühlt, aber was mit trinken würde ich auch. Gute Einschlafhilfe. Niels macht eine Anspielung, dass wohl irgendwas vorgefallen war als Niels und Flann das letzte mal zusammen getrunken hatten und wollte daher lieber nicht mittrinken. Bart hatte auch nur einen kleinen Schluck in seinen Tee gegeben.

Beim Abendessen erzählten Niels und ich wo wir die dunkle Stelle gesehen hatte und dass wir uns die morgen mal ansehen wollten. Irene wollte wissen, wie man eine Seele flicken kann. Sie sagte, es sei “ein guter Bekannter”, um den es gehe. Ich hatte eine vage Vermutung, wer es sein könnte, aber Irene hat sicher viele Bekannte, also verwerf ich diesen Gedanken wieder. Niels schweigt erst und meint kurz darauf, dass sein Vater so etwas gewusst haben könnte. Irene fragte welcher Vater, was mich ein wenig verwirrte. Darauf hin antwortete Niels sein biologischer Vater. Und ich verstand, zumindest zum Teil. Bart und Irene beschlossen mit Niels später da hinzufahren. Dann brauchte ich mir keine Gedanken mehr um Bart zu machen, sollen die drei losziehen und Seelen retten. Bart scheint wegen Niels Vater echt überrascht zu sein.

Ist vielleicht besser so.
Ich merkte schon wieder wie ich klammerte.
Erst Ethan, dann Bart. Mein Gott, sie haben ihre eigene Probleme.
Hör auf den Leuten sprichwörtlich auf den Sack zu gehen.
Wer ist als nächstes dran. Niels. Irene. Flann.
Du hast es alleine aus dem Fegefeuer geschafft.
Krieg dein leben endlich in den Griiff.

Bart sagte noch, dass er einen im Vatikan kennt den er vielleicht einen Brief schreiben könnte. Ansonsten gäbe es da noch einen Massenmörder. Irene bedankte sich und meinte, dass sie das mal im Hinterkopf behalten würde, aber ganz weit hinten. Darauf sprang Flann an und meinte Apropos, Massenmörder, dann fragte er was wir von dem neuen Präsidenten halten würden. Niels antworte bloss, dass er jeden Tag auf einen Brief wartet, dass er ausreisen soll. Ich meinte, dass mich solche Belange nicht interessieren. Irene überlegte, ob sie sich einen australischen Akzent zulegen, ob sie heiraten oder ein Studium anfangen soll. Daraufhin meinte Flann reiche Leute werden nicht ausgewiesen. Niels sagte trocken nein, nur Schwule und Deutsche.
Nachdem Abendessen tranken wir noch Bärenfang. Zumindest Flann, Irene und ich. Nach dem fünften Bärenfang ist Flann aufgetaut und Irene fragte, ob sein Dämoneninteresse mit der Frau aus deinem Traum zu tun hat. Flann setzt sein Pokerface auf und sagte dann, dass sie nicht über irgendwelche Träume reden wollten. Das Gespräch kehrt wieder zurück zu Bart und Irene und der Seelengeschichte. Bart erzählt Irene etwas von einem Messer, das Seelen fressen kann, aber er hat Probleme damit, dies einem zeitweiligen Egomanen in die Hand zu geben.

Ich stand auf und schaute nochmal nach draußen, ich hatte hier ein ganz ungutes Gefühl bei der Sache. Ich machte mich auf dem Weg nach draußen, wollte mich ein wenig umsehen, natürlich wäre ich beim Turm geblieben, na gut aufs Klo musste ich auch. Bart bittet Niels, mich zu begleiten, auch wenn ich das etwas übertrieben fand.

Hmpf, was soll denn schon passieren.
Ich bin kein wehrloses kleines Mädchen. Bestimmt nicht,
aber auf so eine Diskussion wollte ich mich auch nicht einlassen.

Niels meinte dann zu mir ich solle keine Angst haben, er würde vor der Tür warten. Eigentlich war es von mir nur eine Trotzreaktion und natürlich hätte es mich gestört, aber ich sagte ihm, dass er meinetwegen mit rein gehen könne. Ich war echt froh, dass er draußen gewartet hat. Nachdem ich fertig war gingen wir wieder hoch in den Turm. Beim nach oben gehen, fiel mir auf, wie still es war. Niels versuchte mich zu beruhigen und meinte im Winter wäre das normal, dass der Schnee die Geräusche dämmt, die stille fand ich schlimmer als das Knurren, Geheule und die anderen Arten von Geräuschen die mich dort umgeben hatten.

Als es an der Zeit war schlafen zu gehen, teilten wir die Betten ein und es ging problemloser als ich dachte. Bart und Irene teilten sich ein Bett und Flann überlegt kurz, ob er lieber friert oder mit Niels in einem Bett schlafen wollte. Flann fragte Niels jedenfalls, ob er mit ihm ein Bett teilen würde. Dies klang ein bisschen merkwürdig und ich konnte mir ein grinsen nicht verkneifen. Niels zog die Augenbraue hoch und meint dann zu Flann, ob sie das Thema nicht schonmal hatten und er wüsste wie das ausgegangen war. Flann sagte, dass er nicht glaubte, dass Niels beißen würde, doch dieser zierte sich noch etwas. Daraufhin meint Flann, Niels sehe ja nicht aus wie ein Vergewaltiger. Niels antwortete trocken, er sei schwul, nicht Notgeil. Jetzt verstand ich auch die ganzen Anspielungen.

Ich legte mich mit mit meinem Schlafsack und einigen Decken in einer Ecke und las noch ein wenig in dem Buch, welches ich von Bart bekommen habe.

Daher läuft der Hase, eigentlich schade.
Ein Verlust für die Frauenwelt.

Die Nacht verlief relativ ruhig. Ich habe zwar nicht gut schlafen, trotz des Bärenfangs, also stand ich schon sehr früh auf, heizte den Ofen an, machte Kaffee und Tee und bereitete das Frühstück vor. Vielleicht war der Kaffee etwas stark, weiß gar nicht wann ich das letzte mal Kaffee gemacht hatte, aber beschwert hatte sich zumindest niemand.

Ich bemerkte, dass Bart und Niels auch einen sehr unruhigen schlaf hatten. Musste wohl am Jägerleben liegen, obwohl Irene relativ ruhig geschlafen hat, davon abgesehen, dass sie Bart’s unruhigen Schlaf anscheinend störte, so dass sie ihn umklammerte. Selbst Flann schlief unruhig.

Sollte ich mir wegen Irene sorgen machen?
Sie wirkte als hätte sie auch viel mitgemacht, vielleicht verarbeitet sie es besser,
vielleicht kennt sie eine Technik. Hm, sollte ich sie mal fragen?

Nach und nach standen alle auf und frühstückten. Beim Frühstück erzählte Flann noch von einem seltsamen Traum den er hatte und wollte wissen, ob wir auch sowas komisches geträumt hatten, aber uns anderen hatten bloß die üblichen Dämonen heimgesucht.

Wir wollten nach dem Frühstück los, zu der Stelle, die Niels und mir schon gestern aufgefallen war. Flann verzog das Gesicht, man sah ihm an, dass er nicht so begeistert war von unserem vorhaben. Aber was hat er gedacht, dass wäre ein Urlaub. Niels animierte ihn in dem er meinte dann könne er sich heute abend auf den Schnaps freue. Dass überzeugte Flann.

Niels sagte etwas zu Flann, aber ich bekam nur das Ende mit, dass wenn Niels Flann geschlagen hat, es diesmal ein versehen war. Da musste ich lächeln. Irgendwie scheint Flann eine Eigenschaft dafür zu haben, von anderen geschlagen zu werden.

Flann wollte wissen, ob es eine Möglichkeit gab, dass er keinen Schnee in die Hose bekam. Bis auf Socken in die Hose, was Niels vorgeschlagen hat, wussten wir keinen Tipp. Flann ist wirklich nicht für den Winter gemacht, langsam tut er mir ein bisschen leid. Flann sah enttäuscht aus, ich glaube dass hat er nicht gemeint, eher sowas wie Sleeves oder anderen Outdoorkram was man überziehen konnte. Nachdem sich alle vorbereitet hatten gingen wir los. Niels und ich wussten ja , wo wir hin mussten.

Irene hatte ein wenig recheriert und herausgefunden, dass es im Sommer ein Feuer in der gleichen Richtung gab, aber der “Schatten” den wir sahen, war an einer anderen Stelle. Eine Familie mit zwei Kindern waren in dem Bereich ebenfalls verschwunden, zumindest hat man ihre Leichen nicht gefunden.

Ich gehe voran und Niels bleibt mit Flann hinten, Flann zieht aber an Irene vorbei nach vorne, die noch ein wenig verkatert ist. Ich merkte, dass ich auch nicht auf der Höhe war, vielleicht war das doch ein Bärenfang zu viel.

Als wir an die Stelle kamen, sahen wir auch warum der Schnee uns dunkler vorkam. Er sah grauer aus, weil da Asche auf dem Schnee lag. Aber die Stelle ist nicht Rund oder zeigte irgendeine eine andere Art von Auffälligkeit. Es scheint als läge bereits frischer Schnee darüber. Die Bäume sind hier auch verbrannt oder zumindest angekokelt. Irene riecht an dem Schnee und bemerkt, dass er verbrannt riecht. Jetzt wo wir vor Ort sind, bemerkten wir, dass es mehrere Stellen gab, als wir aus der Entfernung gesehen haben. Niels gräbt etwas im Schnee und bemerkt, dass die Stellen nicht tief sind. Es sieht so aus, als sei etwas durch den Schnee gelaufen und hat dabei Asche abgeworfen.

Irene untersuchte die Spuren, die tiefer in den Wald führten. Es sah fast so aus, als sei etwas in den Wald reingelaufen und hätte die Bäume angestoßen. Irene meinte, dass es ein vielleicht ein Ent gewesen sein könnte. Niels fragte verwundert, was ein Ent ist. Irene machte eine Film Anspielung. Niels sagte, dass er nur die Bibel kennt, dann fiel ihm der Film wieder ein.

Aus was für eine schreckliche Familie muss er kommen.

Irene folgte den Spuren zu einer Hütte. Niels zog seine Luger und lud sie durch, ich setzte einen Pfeil auf den Bogen, breit zum Schießen. Die Hütte war sehr gut verborgen, aber war auch ziemlich abgebrannt. Wäre hier kein Feuer ausgebrochen, hätten wir sie wahrscheinlich gar nicht entdeckt. Die Aschespuren führten um die Hütte herum. Flann geht mit Irene direkt mit. Bart, Niels und ich gehen langsam hinterher. Ich hatte ein ganz mieses Gefühl bei der Sache. Dass die Hütte überhaupt noch stand ist ein Wunder, wie verbrannt sie aussah, dennoch betraten Irene und Flann sie langsam. Die beiden haben sich in der Hütte umgesehen. Fanden dort drei verkohlte Gestalten. Wir anderen kamen dazu und mein Eindruck wurde bestätigt, dass das Feuer sei von hier ausgegangen, dass hier ist Ground Zero.

An einer Luke die anscheinend in den Keller führte ist das Feuer ausgebrochen und die Tür zur Luke nicht mehr vorhanden. Niels blieb an der Tür zur Hütte stehen und spielt mit seinen Zungenpiercing rum. Irene streut in der Zwischenzeit etwas Salz auf die Skelette, um auf nummer sicher zu gehen. Niels schien Panik zu kriegen, Bart meinte Niels sollte sich doch oben etwas weiter umsehen. Ich bot mich an, ebenfalls oben zu bleiben, damit Niels nicht alleine ist. Bart fragte dann wo wohl die vierte Leiche abgeblieben ist. Niels geht wieder nach draußen und sackte auf seine Knie und atmet tief durch und murmelt etwas in, wie ich vermutete, Deutsch. Sicher war ich mir aber nicht. Ich ging hinterher und fragte ihn, ob alles in Ordnung sei. Er antwortete etwas verwirrend, meinte dann aber, dass immer, wenn er etwas nicht richtig gemacht hatte sein Stiefvater ihn in den Keller gesperrt hatte. Er hatte häufig Dinge falsch gemacht.

Wusste doch, dass da was faul ist, echt übel.
Ich hatte es besser. Zumindest damals.

Iagte, wir sollten uns hier mal etwas umsehen. Ich spürte dass da noch mehr wach antworte ihm, dass es mir sehr leid tut. Es wirkte so, als wenn Niels noch etwas sagen möchte, aber schweigt dann doch und stand auf und streckte sich. Dann sah er mich an und sr, aber er wird schon was sagen, wenn er soweit ist oder mir vertraut. Schlimme Dinge zu erzählen kann verdammt schwierig sein, dass wusste ich nur zu gut. Niels meinte nur, dass er wohl klar kommt, er hatte es nur zu lange verdrängt. Ich bot ihm an, dass er mit mir reden kann, wenn er mag und Niels sagte, dass das für mich auch gilt.

Wir sahen uns etwas um, um besser sehen zu können, kletterte ich auf einen Baum. Niels ging an der Hütte vorbei und findet schließlich Schneeschuhspuren. Diese kreuzten sich mit den Aschespuren. Niels rannte los und folgte den Spuren. Als ich sah, dass Niels los rannte, sprang ich vom Baum und lief so schnell ich konnte hinterher, was bei dem Schnee gar nicht so einfach war. Dabei vergaß ich, den anderen im Keller Bescheid zu geben. Nochmals durfte ich keinen verlieren. Als ich zu einer Lichtung kam, sah ich eine Felswand, in der eine Höhle war. Es war leises Wehklagen aus der Höhle zu hören. Vor der Höhle waren zwei Gestalten, eine lag am Boden und war schon ziemlich verbrannt und eine schemenhafte Gestalt war darüber gebeugten. Eine dritte Gestalt die stark verbrannt aussah kämpfte gegen Niels. Ich wollte ihm zu Hilfe kommen, doch ein verkohlter Wolf oder Fuchs oder was es einmal gewesen war sprang mir in den Weg.

Das verbrannte Wesen griff Niels an und er schoß auf die Gestalt, was jedoch keine Wirkung zeigte. Er wollte die Waffe wechseln, aber dann schaffte es das verbrannte Wesen Niels anzugreifen und nahm ihn in einen Ringergriff. Dabei wurde Niels leicht angesengt. Niels schaffte es, sich aus dem Würgegriff zu befreien, stolperte aber und fiel hin, dass nutzte das verbrannte Wesen und ging auf Niels zu und flammte nochmal zusätzlich auf und steckte Niels in Brand. Der wälzte sich sofort im Schnee, um das Feuer was ihn entzündete zu löschen. Ich hatte keine Chance näher an Niels ranzukommen. Vor mir war immernoch das Tierwesen, ich schoß einen Pfeil, aber dass Tierwesen war so furchtbar schnell, dass ich es nur an der Pfote traf. Das korrumpierte Tier griff mich an, ich wollte ausweichen war aber zu langsam und es zog mir seine Krallen quer über die Hüfte.

Niels versuchte, sich vor dem Wesen zu retten und wollte auf allen Vieren wegrobben, aber das Wesen setzte ihm nach und dabei verstauchte Niels sich anscheinend das Handgelenk und blieb liegen. Das brennende Wesen lässt von ihm ab und kam langsam auf mich zu.

Das kann ich unmöglich schaffen, dass scheiß Vieh ist schon ein Problem,
aber gegen beide kann ich es nicht aufnehmen, wegrennen ist auch keine Option.
Zumindest lässt es Niels in Ruhe.

Die wabernde Gestalt kam auf Niels zu. Mir wurde schlecht. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte und wenn uns die anderen hier nicht fanden oder zu spät herkamen.

Ich hätte ihnen Bescheid geben müssen. Verdammt.

Das stark verbrannte Wesen kam jetzt auf mich zu, als es merkte, dass von Niels keine Gefahr mehr drohte. Doch diese Kreatur war bei weitem nicht so schnell und ich konnte ihm ausweichen in dem ich einen Schritt nach hinten machte.

Zum Glück kamen in diesem Moment Irene, Flann und Bart. Ich wusste nicht wie lange ich gegen die beiden Wesen durchhalten würde. Irene schießt auf das große brennende Wesen, und auch Flann schießt und trifft es am Knie. Bart ging in den Nahkampf, um mir zu helfen. Er stach mit einem Silbermesser zu und traf das Wesen ins Herz. Das Wolfswesen biss mir ins Bein, ich hatte keine Chance ihm auszuweichen, hinter mir war ein Baum und zur Seite war kein Platz. Irene schießt wieder auf das verbrannte Wesen, das sich verzweifelt wehrt, sie schoß ihm den Arm weg. Das verbrannte Wesen flammte erneut auf und Feuer schlug uns entgegen. Ich war so überrascht von dem Angriff, dass das Feuer mich mit voller Wucht erfasste, ich ging dabei in Flammen auf und warf mich auch sofort in den Schnee, um das Feuer zu löschen. Dann wurde alles schwarz.

In dem Augenblick, als bei mir das Licht ausging war ich wieder im Fegefeuer und die Monster und Alpträume wieder da. Ich sah keinen Ausweg, ich kam nicht daraus. Es war so real.

Im Krankenhaus hat Flann erzählt, dass uns ein Bär angegriffen hätte, der dafür gesorgt hat, dass Niels und ich ins Feuer gefallen sind. Er muss es so überzeugend erzählt haben, dass man ihm, dass anstandslos abgenommen hat.

Ich kam erst im Krankenhaus wieder zu mir. Zuerst war ich irritiert, dann kamen die Erinnerungen. Mir tat alles weh und ich konnte mich kaum bewegen. Es waren unbeschreibliche Schmerzen. Von den anderen habe ich erfahren, dass Niels lebt, er aber auch ganz schön was einstecken musste. Ich war froh, zumindest lebte er. Auch drei der vier verschwunden Studenten konnten wir retten.

Hinterher hörte ich die ganze Geschichte. Ich bin mir nicht mehr sicher, wer sie erzählt hatte. Aber die schemenhafte Gestalt war ein Dämon, den der Mann in die Lavalampe gebannt hatte, aber er hatte Herzinfarkt bekommen bevor er das Ritual beenden konnte. Die Familie ist über die Hütte gestolpert, weil sie sich verlaufen hatten und eines der Kinder hat den Dämon aus der Lampe gelassen und die Seelen waren sofort in die Hölle gefahren. Die Mutter hatte “überlebt”, und der Dämon hat ihr angeboten, dass sie “Ersatzseelen” beschaffen sollte, damit ihre Familie aus der Hölle freikommt. Als die Mutter vorher starb ehe sie genug Seelen beschaffen konnte, an denen sich der Dämon nähren und voll funktionsfähig machen konnte, war der Dämon entsprechend gefrustet.

Ich bin nur eine Nacht Krankenhaus geblieben, dann habe ich mich aus dem Krankenhaus selbst entlassen, die Ärzte waren natürlich nicht so begeistert, aber Bart versicherte ihnen, dass er sich um mich kümmern würde. Naja, wir werden mal sehen. Wir sind mit dem Wohnmobil zurück nach Vermont gefahren. Auf dem Rückweg habe ich die meiste Zeit geschlafen, mit Hilfe von Schmerzmittel. Die Wunden und Verbrennungen taten höllisch weh, ich wachte immer wieder auf. Dann setzte ich mich für einige Minuten auf den Beifahrersitz, bevor ich mich wieder hinlegte. Ab und zu habe ich Bart erwischt, wie er mir frische Verbände anlegte. Ich tat dann so als würde ich es nicht mitbekommen. Ich wusste es musste sein, damit sich die Wunden nicht entzündeten. Es war mir dennoch nicht wirklich recht. Alleine hätte ich es aber wahrscheinlich nicht hinbekommen. Ich wollte nicht, dass er meine ganzen Narben sah, geschweige, dass er mich dafür halb ausziehen musste.
Zurück in Vermont nahm ich mir erstmal ein Motelzimmer, Bart kam jeden Tag vorbei und erneuerte die Verbände, was ich mit zähneknirschend über mich ergehen ließ.
Aber seine Berührungen störten mich kaum noch. Ich zuckte zwar noch bei der ersten Berührung zusammen, aber ansonst ging es.
Jetzt musste ich nur noch über meinen Schatten springen und es bei den anderen auch noch hinkriegen, aber wieder ein Schritt Richtung normalität.

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Fire and Ice
A tale of snow and ashes

Some say the world will end in fire,
Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire
I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice,
I think I know enough of hate
To say that for destruction ice
Is also great
And would suffice.

Robert Frost – Fire and Ice

Stoweman: Seit drei Tagen sind sie verschwunden
DarkStorm08: Wer?
DaVinciGirl: Hensley. Willard, Pickett und Grady, aus dem Football-Team
DarkStorm08: Fuck. In Idaho?
Stoweman: Genau. Heckler, warst du da nicht auch letztes Jahr?
DarkStorm08: Ja, in Beaver Creek. Das ist 400 Meilen weg.
DaVinciGirl: Idaho sieht doch überall gleich aus….
Remembrandt: Sally, du bist echt nicht hilfreich
DarkStorm08: Und, weiß man schon irgendwas?
Remembrandt: Nein, sie suchen noch. Ihr Krempel war wohl noch da, aber Will und die anderen eben nicht. Heckler, du bist doch so ein Outdoorfreak. Du könntest da ja mal gucken ;)
Gravity: Sieht da auch aus wie in Australien, du fühlst dich bestimmt wie zuhause
DarkStorm08: Du meinst Österreich. Und ich bin immer noch aus Bayern…
DaVinciGirl: War gerade Kaffee holen. Fährt Heckler nach Australien?
Remembrandt: ….
Stoweman: Heckler, rufst du die Tage mal durch?
DarkStorm08: Mach ich, Jack. Und Sally: Weißt du überhaupt, wo Australien ist?
DaVinciGirl hat die Unterhaltung verlassen

Niels scrollte sich wieder und wieder durch den Chatverlauf, doch er hatte keine Idee, was mit Will und den anderen passiert war. Vielleicht hatten sie sich einfach nur im Schnee verlaufen. Möglich war es, aber Will war ein umsichtiger Typ, ein guter Sportler, der wusste, was er sich und anderen zumuten konnte. Also hatte Niels beschlossen, wieder ans andere Ende der USA zu fahren, auf die Suche nach Hensley und seinen Kumpels. Er kannte die anderen drei flüchtig, sie waren ab und an auf Wills Parties gewesen. Keiner hatte so gewirkt, als habe er nicht gewusst, auf was er sich einlässt, als sie ihren verlängerten Wochenendtrip in Castle Butte Lookout angekündigt hatten. Umso mehr hatte Niels das Bedürfnis, herauszufinden, was in Idaho geschehen war. Er sah zu der blonden Frau, die das Auto fuhr, mit dem sie sich Richtung Westen begaben. Irene Hooper-Winslow hatte darauf bestanden, dass sie ihr Auto nahmen, der Kombi schien ihr nicht geheuer zu sein. Vielleicht saß der Grund für das größere Auto aber auch einfach auf der Rückbank und versuchte dort, sich hinzulegen. Niels schüttelte lächelnd den Kopf, während er Flann Breugadair dabei zusah, wie der seine Beine sortierte, um möglichst bequem zu liegen.

Niels wusste nicht genau, warum sie den Pokerspieler/FBI-Mitarbeiter/Kellner mit nach Idaho nehmen mussten, aber anscheinend hatte Flann etwas dringendes mit Irene zu besprechen. Zum wiederholten Mal fragte sich Niels, warum er nicht in Burlington zu Bart Blackwood und Emily McMillen in den Trailer gestiegen war, aber irgendetwas hatte ihn davon abgehalten. Er wusste nicht, was für eine Beziehung zwischen dem geheimnisvollen Grufti-Mädchen und dem Gelehrten bestand, und Niels würde sich hüten, einen von beiden zu fragen. Aber er hatte den Eindruck gehabt, dass ein dritter dabei nur gestört hätte.

Stattdessen saß er neben Irene in ihrem Defender und überlegte zum wiederholten Male, ob Flann überhaupt eine Ahnung hatte, worauf er sich einließ. Seiner Kleidung nach zu urteilen schien er zu glauben, dass ein Kapuzenpulli, eine Lederjacke und Jeans ausreichten für den Schnee in Idaho. Generell schien es ihm gar nicht so sehr um Idaho zu gehen, sondern um die Möglichkeit, mit Irene zu reden. Niels fühlte sich so unwohl wie lange nicht mehr. Noch immer wusste er nicht, was zwischen Flann und der Engländerin stand, aber es hatte ersteren nicht davon abgehalten, sie aufzusuchen und sich ihr und Niels anzuschließen.

Während er immer noch versuchte, seine Beine in eine geeignete Position zu bringen, begann Flann zu erzählen, was ihn eigentlich nach Vermont geführt hatte. “Ich interessiere mich für Dämonen, Irene”, erklärte er, und Niels horchte auf. “Ach, du auch?” entfuhr es ihm, bevor er sich auf die Zunge biss. Er war sich nicht sicher, ob er Flann anvertrauen wollte, was ihn in letzter Zeit umtrieb. “Ich war vor kurzem in Delaware, und da habe ich einen Typen getroffen, der wohl seinen Pakt gebrochen hat. Leider war der Gute völlig wahnsinnig”, erzählte Flann jetzt. “Warum hast du plötzlich so ein Interesse an Dämonen und dem Brechen von Pakten?” wollte Irene wissen, ihre Stimme hatte einen scharfen Unterton angenommen. Sie traute dem Iren offensichtlich noch weniger als Niels. “Du bist die einzige Person, die ich kenne, die ein Lager voller übernatürlicher Dinge hat”, wandte Flann ein. Ein leichtes Lächeln umspielte Irenes Lippen. “Du weißt aber schon, dass das meiste davon in England ist. Aber schön, ich werde Charles anrufen.” Niels hatte diesen Namen schon einmal auf der Ölbohr-Plattform gehört, vermutlich war Charles der Hooper-Winslow’sche Haus-und Hofgelehrte. Er stellte sich einen kleinen alten Mann mit riesiger Brille vor, der in einem riesigen Lagerhaus-Museum zwischen lauter Artefakten und alten Büchern saß und nur darauf wartete, dass Irene ihn anrief, weil sie eine Frage hatte. “Mr Heckler, helfen Sie mir mal mit dem Steuer.” Niels zog eine Augenbraue hoch, tat aber wie geheißen, während Irene in England anrief. Kurze Zeit später übernahm sie wieder selbst das Lenkrad. “Charles sagt, er kümmert sich darum.”

“Joe, du musst das nicht tun! Wir finden einen Weg! Joe! Verdammt, hör mir zu!”

Niels’ Gedanken wanderten jetzt, plötzlich war er wieder mitten in einem Wald in Michigan, und er erinnerte sich daran, wie er tatsächlich für eine Sekunde mit dem Gedanken gespielt hatte, seinen Bruder anzurufen in seiner Verzweiflung. Aber wenn es einen Weg gäbe, hätte er dann nicht längst davon gehört? Niels ballte die Faust. Die einzige andere Person, die er kannte und die ihm und Flann hätte helfen können, war vor elf Jahren verstümmelt in einem Müllcontainer in New York gefunden worden. “Mach dir nicht allzuviele Hoffnungen”, meinte er an Flann gewandt, “wenn es einen Weg gäbe, die Hecklers hätten ihn sicher schon gefunden.” Und sie hätten ihn sich von der Kirche versilbern und sich feiern lassen. Flann grinste. “Weißt du, ich setze da auf die Engländer.” Bevor Niels in seinem verletzten Nationalstolz etwas erwidern konnte, schaltete Irene sich wieder ein. “Warum fragst du nicht einfach Bart?” meinte sie dann, und Niels war geneigt, ihr zuzustimmen. Er kannte niemanden, der gebildeter war als Bart Blackwood. Dazu noch war der Gelehrte hilfsbereit und ein guter Zuhörer, er hatte Niels in Dwight seine Sorge genommen, die er seit dem Casino mit sich herumgetragen hatte.

Aber Flann schien nicht so angetan von der Idee. “Ich weiß nicht…” meinte er. “Ich kann gerne anhalten, und du steigst zu ihm in den Trailer”, schlug Irene vor. Flann wehrte ab. “Ich glaube, das ist keine so gute Idee.” Irene warf einen Blick in den Rückspiegel. “Was hast du für ein Problem mit Bart?” wollte sie wissen, sie klang ehrlich überrascht. “Ich weiß nicht, ich glaube, der kann mich nicht leiden”, antwortete Flann, der endlich eine Sitzposition gefunden zu haben schien, die ihm bequem zu sein schien. Niels grinste, als er sich zu Flann umdrehte. “Ich kann mir nicht vorstellen, wieso man dich nicht leiden könnte”, erklärte er, und sein Grinsen wurde noch breiter, als Flann die Augen schloss, demonstrativ gähnte und sich von ihm wegdrehte.

Die Fahrt von Vermont nach Idaho dauerte einige Tage. Flann schlief die meiste Zeit, er versuchte nicht wieder, ein Gespräch über Dämonen oder Bart anzufangen, und Niels zeichnete. Je näher sie Castle Butte kamen, desto heller wurde die Landschaft, ein weißes Tuch aus Schnee hatte sich über die Gegend gebreitet. Niels wurde unruhig, zum einen, weil sie ihrem Ziel näher kamen, zum anderen, weil er sich doch darauf freute, wieder draußen zu sein. So schön New York war, er war ein Waldkind und gehörte in die Natur. Im Gegensatz zu ihm begann Flann bereits zu frieren, als er nur aus dem Fenster sah, und Irene schien Mitleid mit ihm zu haben. Im nächsten Ort – “Somewhere in the middle of nowhere, Idaho” – ging sie mit Flann in einen Laden für Wanderausrüstung und kaufte ihm warme Kleidung, Mütze, Handschuhe sowie Schneeschuhe für sie alle drei. Flann schien überrascht zu sein, dass Irene ihn so ausstattete, und er bedankte sich dafür. Niels hatte den Eindruck, dass er es ausnahmsweise einmal ehrlich meinte.

Hinter dem Ortsausgang wurde es immer schwieriger für den Defender und besonders für Barts Trailer, die schneebedeckten Wege zu befahren. Am Fuß des Castle Butte, auf dem sich der Feuerturm befand, den Will und seine Freund gemietet hatten, gab Bart schließlich auf. Er parkte das Gefährt an einer Abzweigung des Hauptwegs, damit er und Emily zu den anderen in den Defender umsteigen konnten. Auch wenn das Auto Platz für sieben Personen bot, Niels hatte genug von der Autofahrt, er wollte laufen. Irene war dagegen. “Mr Heckler, Sie werden nicht in einer Gegend, in der Menschen verschwunden sind, alleine herumlaufen”, erklärte sie. Niels seufzte, er kannte sich aus im Schnee, in den Wäldern und den Bergen, aber sie hatte recht, ganz alleine sollte er nicht unterwegs sein. “Nehmen Sie Flann mit.” Mit diesen Worten deutete Irene auf den Iren, der frierend neben dem Defender stand. Niels zog eine Augenbraue hoch. “Mich? Bist du wahnsinnig? Irene, es ist kalt!” klagte er und versuchte, ein betrübtes Gesicht zu machen. “Das würde dir aber ganz gut tun”, meinte Niels, während er sich nur schwer ein Lachen verkneifen konnte. “Was? Mir? Ich gehe ins Fitness-Studio!” beschwerte Flann sich jetzt und breitete die Arme aus, aber unter der dicken Daunenjacke war von seinem Bizeps oder einem Six-Pack nichts mehr zu sehen. Niels begann zu lachen. “Sorry, du bist nicht mein Typ”, setzte er noch einen drauf, und Flann verzog das Gesicht. “Darum geht es hier doch gar nicht. Ich laufen jedenfalls nicht durch die Kälte, wenn ich fahren kann.”

“Ich werde dich begleiten.” Emily, die bisher schweigend neben Bart gestanden hatte, kam jetzt mit einem Bogen, Pfeilen und einem Rucksack hinter dem Trailer vor. Kleidungstechnisch hatte sie sich perfekt an das Wetter angepasst. Niels fiel auf, dass sie häufig blinzelte, der Schnee schien sie zu blenden, und sie holte eilig eine Sonnenbrille aus einer Tasche. Mit Schneeblindheit war auch nicht zu spaßen, das wusste Niels. Offensichtlich war Emily wie er auf alles vorbereitet, und ein Bogen als Waffe war definitiv etwas anderes als die Winchester, die er jetzt aus ihrer Tasche holte und schulterte. “Wow, cooles Teil”, bewunderte er Emilys Bewaffnung. “Ist halt leise”, meinte sie. Er nickte. Das konnte man von der Winchester mit Sicherheit nicht behaupten. Aber Niels hatte niemals gelernt, mit Pfeil und Bogen umzugehen, und er musste zugeben, dass er sich mit Feuerwaffen wohler fühlte. Er konnte es nicht verleugnen, er war ein Heckler, und der Umgang mit Gewehren und Pistolen war ihm praktisch in die Wiege gelegt worden.

Niels und Emily verabschiedeten sich von Bart, Irene und Flann, dann gingen sie los. Niels hatte die Strecke bereits im Voraus erkundet, sie mussten ein Stück um den Castle Butte herumgehen, um zu dem Feuerturm zu gelangen. Da er es gewohnt war, einfach querfeldein zu gehen, tat er das auch jetzt, und er war erstaunt, dass es Emily gelang, mühelos mit ihm Schritt zu halten. Sie war auch nicht viel kleiner als er, aber er hätte sie auf den ersten Blick nicht als so zäh eingeschätzt. Aber etwas anderes fiel ihm auf, als Emily einmal kurz ins Straucheln kam und er sie auffing, damit sie nicht der Länge nach hinfiel. Fast so, als habe ihr Niels’ Berührung eine Art elektrischen Schlag versetzt, wich sie zurück und ging auf Abstand. Niels überlegte, ob er etwas sagen sollte, doch dann beschloss er, es zu lassen. Es war nichts Schlimmes passiert, und vielleicht war es Emily einfach unangenehm, von Fremden angefasst zu werden.

“Kurze Pause?” fragte Niels sie, nachdem sie eine Weile gegangen waren, und sie nickte. Er wollte sich umsehen, vielleicht konnte er schon irgendwas entdecken. In einiger Entfernung gab es einen zugefrorenen See, und auch bis zum Highway konnten sie sehen. Niels entdeckte eine Stelle, an der es einen Waldbrand gegeben hatte, und für einen Moment erinnerte er sich wieder an die Geschichte in Beaver Creek mit den drei Hexen.

Sei nicht albern, Heckler. Waldbrände sind etwas völlig natürliches, und nicht überall sind Hexen schuld daran.

Niels seufzte, die Landschaft gab ihm keine Auskunft über das Verschwinden von Will und seinen Freunden. Doch da stieß Emily ihn an. “Da, siehst du das?” wollte sie wissen und deutete auf eine Stelle auf der anderen Seite des Tales, “da ist der Schnee viel dunkler.” Niels kniff die Augen zusammen, tatsächlich, es sah aus, als würde ein Schatten auf dem Schnee liegen. Aber nichts drumherum konnte solche Schatten werfen, wenn er sich die Stelle genau ansah. “Irgendwie passt das nicht zusammen”, meinte er. “Wollen wir uns das genau ansehen?” fragte Emily jetzt, doch Niels schüttelte den Kopf. Es dämmerte bereits, und er hielt es für die bessere Idee, erst zu den anderen zu gehen und ihnen ihre Beobachtung mitzuteilen.

Sie hatten den Turm recht schnell anmieten können, nach Will und den drei Footballern, offensichtlich hatte sich schon herumgesprochen, dass hier Leute verschwunden waren. Als Niels und Emily eintrafen, standen Irene und Bart noch neben Irenes Defender. Sie unterhielten sich leise, während Flann die Treppen des Feuerturms herunterkam und offensichtlich etwas suchte. Als sein Blick auf ein Häuschen fiel, das neben dem Turm stand, verfinsterte sich seine Miene. Niels musste wieder grinsen. Offensichtlich hatten sie alle versäumt, Flann Breugadair darüber aufzuklären, dass die sanitären Einrichtungen auf dem Castle Butte Lookout alles andere als komfortabel waren. Er fluchte, was Niels und Emily wieder ein Lächeln entlockte. Als er die beiden sah, verzog er das Gesicht, als ob es ihre Schuld war, dass es hier nur ein Plumpsklo gab. “Es ist kalt, es ist nass, und eine ordentliche Toilette gibt es hier auch nicht”, beschwerte er sich, und Niels bekam beinahe so etwas wie Mitleid mit ihm. Emily hingegen kannte keine Gnade mit dem Stadtkind. Sie musterte Flann von oben bis unten und fragte ihn dann, warum er überhaupt mitgekommen sei. Der zuckte nur mit den Achseln und verschwand dann im Outhouse.

Die anderen stiegen die Treppen zum Lookout hinauf. Der Feuerturm wurde im Sommer noch immer von den Feuerwächtern genutzt, aber im Winter konnte jeder den Turm anmieten. Es gab einen großen Raum, in dem sich die Ausrüstung für die Feuerwache befand, dann einen Ofen, Gasherd und einen Schrank und in einer Ecke zwei große Betten. Niels richtete sich seelisch darauf ein, auf dem Boden zu schlafen und den anderen die Betten zu überlassen. Das stellte für ihn kein größeres Problem dar. Während er seinen Rucksack abstellte und zum Ofen ging, um Feuer zu machen, betrachtete Irene die Karte, die unter einer Glasplatte auf einem Tisch in der Ecke der Feuerwache befestigt war. Vermutlich wollte sie nachgucken, in welchem Umkreis Will und seine Freunde sich befinden konnten.

Niels packte Holz in den Ofen und warf einen der nebenliegenden Anzünder dazu, damit es schnell warm wurde. Kaum hatte er die Klappe des Ofens geschlossen, stand Flann neben ihm, er rieb sich die Hände und trat immer noch von einem Bein aufs andere, um sich aufzuwärmen. Niels sah ihn an und überlegte, dann aber fiel ihm etwas ein, was er dem Iren schon die ganze Zeit hatte sagen wollen. “Ich meine, ich habe dir gesagt, dass es mir egal ist, wie du heißt, aber ich soll dir einen schönen Gruß von meiner Großmutter sagen. Nachdem sie aufgehört hat zu lachen, hat sie gesagt, ich soll dich nennen wie ich will, aber nicht ‘verdammter Lügner’”, meinte er, und die Erinnerung an die herzlich lachende Deirdre Jameson erschien vor seinem inneren Auge. Meistens hielt Deirdre sich im Hintergrund und sprach nicht viel, aber da sie im Gegensatz zu ihrem Mann fließend gälisch sprach, hatte sie die Erkenntnis, dass jemand sich als “Verdammter Lügner” vorstellte, sehr erheitert. Flann sah zu Niels herunter, der immer noch vorm Ofen kniete, und lachte. “Ich habe mich an den Namen gewöhnt”, erklärte er, während er seine Hände in Richtung Wärme ausstreckte. Niels hob eine Augenbraue. “Und ich soll dich jetzt weiterhin so nennen?” wollte er wissen. “Warum nicht. Ich habe etwas negatives genommen, und etwas positives daraus gemacht.” Niels öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber hatte er im Grunde mit seinen Vornamen nicht das Gleiche gemacht? Nicht, dass einer davon etwas im Stil von Flanns Namen bedeutete, aber “Aaron” war im Grunde eine Rolle gewesen, das Kind Gustav Hecklers. “Niels”, das war er, wie er sein wollte, mit allem, was dazu gehörte. “Niels” war positiv besetzt, während “Aaron” ihn all das erinnerte, was er hatte durchleiden müssen.
Flann sah Niels jetzt an. “Mal ehrlich, wie lange hast du dafür gebraucht, dahinter zu kommen?” fragte er, und sein Unterton wurde scharf. Niels hatte keine Lust, auf eine mögliche Provokation einzugehen. “Wie lange lebe ich jetzt bei Iren? Zwei, drei Monate?” entgegnete er, und dann sah er Flann herablassend an. “Und sorry, du warst da bisher nicht so das Thema.”

Im Gegensatz zu der Tatsache, dass ich Séamus’ unehelicher Sohn bin.

Aber das sagte er Flann nicht, es widerstrebte ihm, den Anderen in seine Familienprobleme hineinzuziehen, zumindest für den Moment. “Außerdem: Flann kann einfach nur ‘rot’ heißen”, fuhr Flann jetzt fort, er wirkte ein wenig beleidigt, und er sah immer noch so aus, als friere er. “Am besten bleibst du für den Rest des Abends hier stehen und bewegst dich nicht”, meinte Niels und grinste. Obwohl er die meiste Zeit gut mit Flann auskam, war es ihm ein Bedürfnis, ihm hier, wo er sich auf sicherem Terrain befand, ab und zu seine Überlegenheit zu zeigen. Es war selten, dass er sich seiner Sache so sicher fühlte wie im Schnee von Idaho.

Aber Flann blieb nicht am Ofen stehen, gemeinsam mit Niels ging er zum Tisch zurück, wo Emily gerade von den Schatten erzählte, die sie und Niels gesehen hatte. Sie deutete auf die Karte, in welcher Entfernung sie sie gesehen hatten. Irene schlug vor, sich das am nächsten Tag anzusehen, doch Flann war nicht begeistert. “Durch den Schnee laufen? Wirklich? Muss das sein?” wollte er wissen, und Emily bedachte ihn mit einem kritischen Blick. “Jetzt musst du eben mal richtig arbeiten”, entgegnete sie. “Wenn ich gewusst hätte, wie schrecklich es hier ist, dann wäre ich nicht mitgefahren. Es ist kalt!” betonte er noch einmal. Dann sah er zu den Betten hinüber, und ihm schien einzufallen, dass es auch in der Nacht kalt werden könnte, falls das Feuer herunterbrannte. Bart und Irene schienen sich bereits abgesprochen zu haben, dass sie sich ein Bett teilten, Bart murmelte etwas von “Verwandtentreffen”, und Niels fiel wieder ein, dass der Gelehrte und die Engländerin entfernt miteinander verwandt waren.
“Niels”, wandte Flann sich jetzt an ihn, und Niels befürchtete schlimmes. Seine Vermutung wurde nur eine Sekunde später bestätigt. “Wie wäre es, wenn wir zusammen ins Bett gehen?” Er sah Niels aufmunternd an, doch der konnte sich ein überraschtes Husten nicht verkneifen. Wieso musste er jetzt an das Casino denken, wo er fälschlicherweise angenommen hatte, Flann habe ihn aus genau dem Grund abgefüllt? “Hatten wir das Thema nicht schon mal?” fragte er, aber Flann sah ihn nur fragend an. “Du weißt, wie das damals ausgegangen ist.” Aber vielleicht hatte Flann ja auch ein gesteigertes Interesse daran, sich wieder einmal von ihm schlagen zu lassen. “Du wirst schon nicht beißen”, entgegnete der Ire, wohl immer noch hoffend, dass der junge Deutsche ihn nicht frieren ließ. Niels verkniff sich eine Bemerkung über irgendwelche Dinge, die er im Bett tat oder nicht tat, das gehörte nicht hierher, und er bemerkte auch, dass Emily und Irene ihn und Flann zweifelnd ansahen. Ihm war das alles sehr unangenehm, und er überlegte, wie er aus der Nummer wieder herauskam, als Flann gerade wieder Oberwasser bekam und noch einen draufsetzte: “Du siehst nicht aus wie ein Vergewaltiger.”

Oh Gott, wenn er mir jetzt gleich noch mit dem Klischee vom Schwulen kommt, der jeden Mann vögeln will, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, überlege ich mir das mit dem Kinnhaken nochmal.

Aber Niels beschloss, sich nicht von Flann provozieren zu lassen – morgen waren sie im Schnee, und es gab bestimmt hundert Dinge, die er ihm dann sagen konnte, und beschränkte sich auf ein knappes “Ich bin schwul, und nicht notgeil.” Flann grinste fröhlich, als ihm klar wurde, dass er heute nacht nicht frieren musste, und Niels war sich nicht sicher, wer von ihnen in diesem Bett mehr Angst haben musste.

Flann jedoch schien sich wieder berappelt zu haben, er durchsuchte die Schränke nach Alkohol. Irene und Emily warnten ihn, dass er es sich mit dem Trinken überlegen sollte, denn je mehr Schnaps er zu sich nehmen würde, desto schneller würde er auskühlen. Niels sah dem Iren dabei zu, wie er Tür um Tür öffnete und konnte sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. “Du legst es darauf an, oder?” wollte er wissen, und als Flann ihn fragend ansah, setzte er hinzu: “Du weißt, was das letzte Mal passiert ist, als wir zusammen getrunken haben.” Wobei Flann damals nicht wirklich etwas getrunken hatte, er hatte dafür gesorgt, dass vor Niels immer ein volles Glas Bourbon stand, während er sich an seinem Glas festgehalten hatte und er den Studenten so betrunken gemacht hatte.
Flann murmelte etwas unverständliches, dann hielt er zwei Flaschen in die Höhe. “Bärenfang” sagte das Etikett der einen, das der anderen behauptete, ebenfalls Hochprozentiges zu enthalten.

Alkohol, Aaron, ist des Teufels. Wer ihm verfällt, verfällt dem Teufel und hat seine Seele verwirkt.

Niels verzog das Gesicht, als er sich daran erinnerte, was sein Stiefvater zum Thema Alkohol gesagt hatte. Ihm fiel ein, wie Angelika ihm einmal erzählt hatte, dass sie sich an Mutters Aufgesetztem bedient und dafür die Prügel ihres Lebens kassiert hatte. Wofür das Zeug im Haus Heckler eigentlich gut gewesen war, hatte Niels nie erfahren, weder Gustav noch Joseph oder Benedikt tranken Alkohol. Vermutlich diente es dazu, die Tschechen bei Verhandlungen über den Tisch zu ziehen.
Irene begann, das Abendessen zuzubereiten, was daraus bestand, dass sie Dosen aus dem Vorratsschrank in einen Topf auf dem Herd leerte. Dann nahm sie auch ein Glas Schnaps und setzte sich an den Tisch. Auch Emily sprach entgegen ihrer vorherigen Warnung an Flann dem Alkohol zu, was Niels ein wenig wunderte. Irene drehte ihr Glas nachdenklich in der Hand und sah dann zu Bart, sie schien das Gespräch wieder aufnehmen zu wollen, dass sie und er vorhin am Defender geführt hatten. “Ich möchte wissen, ob es eine Möglichkeit gibt, eine Seele zu flicken.” Bart sah sie an, als warte er auf eine weitere Erklärung. “Es geht um einen guten Bekannten”, fuhr Irene fort und sah zu Boden.

DAS ist also zwischen Illinois und Idaho mit Cal passiert.

Niels blickte von seinem Zeichenblock auf. Sobald er nichts zu tun hatte, wanderten seine Hände inzwischen automatisch zu Papier und Stift. “Mein Vater könnte so etwas gewusst haben”, meinte er. Irene sah ihn ein wenig genervt an. “Welcher?” wollte sie wissen. “Der richtige. Der biologische”, setzte Niels hinzu. Barts irritierter Blick entging ihm nicht.

Wenn du ihn um Hilfe fragst, solltest du ihm vielleicht vorher die ganze Wahrheit erzählen, Heckler.

“In seinem Haus in Connecticut liegen wohl noch seine ganzen Aufzeichnungen,” erklärte Niels weiterhin. “Dir habe ich das ja schon erzählt”, wandte er sich dann an Bart, und der nickte. Irene überlegte. “Mr Heckler, ich würde mich Bart und Ihnen gerne anschließen”, erklärte sie dann. Niels nickte. Felicity hatte ihm schon gesagt, dass er sich in dem alten Haus einmal umsehen sollte. Bart räusperte sich jetzt. “Ich hätte da noch Kontakte im Vatikan. Vielleicht kann ich denen schreiben, ob ihnen etwas einfällt.” Niels staunte, Gustav Heckler hätte wahrscheinlich einiges dafür gegeben, solche Verbindungen zu haben. Aber wahrscheinlich war es besser, dass er nur das Dorf und den Dorfpfarrer unter seiner Kontrolle hatte.
“Ansonsten gibt es da noch einen Massenmörder…” begann Bart jetzt, aber Irene unterbrach ihn harsch. “Ja danke, das hast du schon gesagt. Behalten wir das mal im Hinterkopf.” Sie machte eine Pause und nahm einen Schluck. “Aber ganz weit hinten.”

“Apropos, Massenmörder, was haltet ihr denn von unserem neuen Präsidenten?” Flann versuchte jetzt das Thema zu wechseln. Niels verzog das Gesicht. Für jemanden wie ihn war die neue Regierung das Schlimmste, was passieren konnte. Er war froh, dass er in New York lebte, und dass er in Cedric Jameson jemanden hatte, der genug Einfluss besaß, um ihn im Notfall zu beschützen, aber Angst hatte er dennoch. Natürlich waren er und Philip auch in München des Öfteren angefeindet worden, was nie dazu beigetragen hatte, dass er sich besser gefühlt hatte. Wenn er außerdem an ihren Nachbarn dachte, der ihnen jedes mal, wenn er sie im Treppenhaus gesehen hatte, höchst unflätige Bemerkungen an den Kopf geworfen hatte, lief es ihm immer noch kalt den Rücken herunter. Aber eine Regierung, die sich auf die Fahnen schrieb, Homosexualität mit Elektroschocks “heilen” zu wollen, das war eine ganz andere Hausnummer. Außerdem hatte er immer noch einen deutschen Pass, und wer wusste schon, wann es dem neuen Staatsoberhaupt einfiel, auch Deutsche ausweisen zu lassen.
Er seufzte. “Ich warte jeden Tag auf meinen Brief, das ich ausreisen soll”, meinte er. Emily verzog keine Miene, sondern erklärte ohne jegliche Regung in der Stimme, dass solche Belange sie nicht interessierten. “Ich habe kein Interesse an den Spinnereien dieses Mannes. Aber ich sollte vielleicht mal nachsehen, ob mein Visum noch gültig ist”, überlegte Irene. Flann sah sie und lächelte. “Du kannst dir ja auch einfach einen amerikanischen Akzent zulegen, wie wäre das?” Sie zog eine Augenbraue hoch. “Ich bekomme dieses Gequake einfach nicht hin. Australisch, das kann ich. Aber das bringt mich nicht weiter.” Sie überlegte kurz. “Mir hat schonmal jemand vorgeschlagen, ich könnte ja heiraten oder ein Studium anfangen”, erzählte sie, während sie zum Herd ging, um die Suppe zu holen. Flann sah ihr nach. “Reiche Leute werden doch sowieso nicht ausgewiesen”, meinte er und prostete ihr zu. Niels schüttelte den Kopf. “Nein, nur Schwule und Deutsche.” In diesem Moment kam Irene mit dem Topf zurück. “Die Suppe ist fertig. Erzählt mal was fröhliches!” forderte sie, während sie sich die Teller füllten.

Doch offensichtlich hatte niemand etwas erheiterndes zu erzählen, schweigend aßen und tranken sie. Nach dem fünften Schnaps wirkte Flann sehr gelöst und endlich entspannt, er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und faltete die Hände überm Bauch. Irene beobachtete ihn genau. “Hat dein Dämoneninteresse etwas mit der Frau aus deinem Traum zu tun?” Niels sah von ihr zu Flann, doch der setzte eine Pokerface auf. “Irene, wir wollen doch nicht über irgendwelche Träume reden”, meinte er lächelnd, während er weiter in einer bequemen Haltung auf seinem Stuhl saß. Niels sah jetzt wieder zu Irene zurück, wie sie reagieren würde. Er hätte gerne gewusst, wovon die beiden sprachen, aber es stand ihm nicht zu, zu fragen. Außerdem hatte er ihr synchrones “Nein!” an Silvester noch lange nicht vergessen. Aber Irene schien auch von Flanns aufgeräumter Art überzeugt zu sein, oder sie wollte nicht streiten, mit einem “Das hat mich nur interessiert”, ließ sie das Thema jetzt wieder fallen.

Bart griff jetzt wieder das Thema “Seelen” auf, und Irene erzählte, dass sie bei ihren Recherchen auf das Thema “Feuer” gestoßen war. Feuer solle die Seele reinigen, deswegen seien so viele Hexen verbrannt worden. Niels schauderte es, immer wenn es um das Thema “Hexen” ging, fragte er sich wieder, wieviele unschuldige Frauen seinem Großvater und seinem Großonkel zum Opfer gefallen sein mochten. Bart fiel ein, dass er von einem Messer wusste, das Seelen fressen konnte, aber er habe Probleme damit, dies einem zeitweiligen Egomanen in die Hand zu geben. Irene nickte zustimmend, das konnte sie verstehen.

Emily erhob sich jetzt und teilte den anderen mit, dass sie noch einmal zur Toilette wollte. Bart sah sie an, ein langer Blick, den Niels nicht deuten konnte. “Könntest du sie begleiten?” bat er den Studenten schließlich, und Niels nickte. Er wusste zwar nicht, was los war, aber es konnte nicht schaden, dass er Emily begleitete, die Stufen waren verschneit und gefroren. Emily jedoch schien das alles übertrieben zu finden. “Keine Angst, ich warte vor der Tür”, erklärte Niels ihr, als sie vor dem Outhouse standen. Sie sagte nichts, sondern schloss wortlos die Tür. Als sie wieder herauskam, sagte sie immer noch nichts, sondern stapfte schweigend die Treppe hinauf. Doch plötzlich blieb sie stehen und drehte sich zu ihm um. “Es ist so ruhig hier”, meinte sie, als sei diese Ruhe etwas schlechtes. Niels lächelte sie an. “Das ist normal. Schnee dämpft alle Geräusche.” Sie nickte, dann ging sie weiter, anscheinend beruhigte sie es, dass ihn die völlige Geräuschlosigkeit der Umgebung nicht störte.
Nur kurze Zeit später beschlossen sie, schlafen zu gehen. Niels machte es sich mit seinem Schlafsack neben Flann bequem und hoffte, dass der einen halbwegs ruhigen Schlaf hatte. Er wusste, dass er den nicht hatte, er war auch in New York noch des öfteren schreiend aufgewacht und hatte sich mehr als einmal im Halbschlaf in Delias Armen wiedergefunden, die beruhigend auf ihn eingeredet hatte.

Es ist heiß, so unbeschreiblich heiß. Gestalten lösen sich aus einem Feuer, ihre Augen schwarz, ihre Gesichter voller Hass. Dämonen. Sie kommen auf ihn zu, greifen nach ihm, ihre Züge verändern sich. Er kennt diese Gesichter. Joseph. Vater. Nein, nicht. Lasst mich gehen. Ich habe doch nichts falsch gemacht. Joseph! Ich bin doch dein Bruder!

Mit einem Aufschrei erwachte Niels. Erschrocken sah er neben sich, doch Flann schien bereits wach zu sein, genau wie Emily, die sich am Ofen zu schaffen machte. Niels blinzelte, dann fiel ihm wieder ein, wo er war: In Castle Butte Lookout, und es war eiskalt. Er zog sich seine Kleidung über und stand auf. Emily hatte bereits Kaffee und Tee gekocht, und es roch nach frischem Toast. Nach und nach gesellten sich auch die anderen zu ihnen, Bart sah aus, als habe er so gut wie gar nicht geschlafen und murmelte etwas mit einem Seitenblick zu Irene, die jedoch nichts sagte, sondern einen großen Schluck Tee nahm.

Beim Frühstück berichtete Flann, dass er sehr merkwürdige Dinge geträumt hatte, von Feuer und Dämonen. Niels zog eine Augenbraue hoch, dann war er also nicht er der einzige gewesen. Aber Flann hatte noch mehr geträumt: Er hatte die Gegend im Sommer gesehen, und dann hatte es gebrannt. Außerdem hatte er noch einen Mann gesehen, der etwas aus einem Buch vorgelesen hatte, und dann waren Gestalten aus einem Feuer gekommen.

Niels entfuhr ein “Nicht schon wieder”, und vier Augenpaare sahen ihn jetzt an. Er entschuldigte sich und erzählte dann von Beaver Creek, wo er, Cal, Barry und Chloe drei Hexen zur Ruhe gebracht hatten, die Menschen mittels Blitzschlag getötet hatten. Irene senkte ihre Teetasse. “Könnte der Schatten, den Sie beide gestern gesehen haben, ein Höllentor gewesen sein?” Niels zuckte mit den Achseln, er hoffte, dass dem nicht so war. “Dann werden wir uns das mal aus der Nähe ansehen”, meinte Irene jetzt voller Tatendrang. Flann schrak zusammen. “Durch den Schnee laufen? Einen Kilometer? Na danke.” Niels grinste und deutete auf die Schnapsflaschen auf dem Tisch. “Freu dich auf hinterher”, erklärte er. Doch Flann begann jetzt ein neues Klagelied. “Irene! Niels! Gibt es eine Möglichkeit, dass ich keinen Schnee in die Hose bekomme?” Niels musste sich das Lachen und die Antwort “Fall einfach nicht hin” verkneifen, doch er riss sich zusammen. “Zieh dir die Socken über die Hosenbeine, und dann die Stiefel drüber”, empfahl er und tat genau das, dann noch ein zweites Paar Socken und die schweren Stiefel. Flann verzog das Gesicht, das schien nicht die Antwort gewesen zu sein, die er hatte hören wollen. “Gibt es da nicht so Sleeves, die man einfach drüberziehen kann? So Outdoorkram halt?” Aber weder Irene noch Niels konnten ihm da weiterhelfen, seufzend erklärte Flann, dass er jetzt noch einmal das Outhouse aufsuchen würde, dann konnten sie los.

Bart fiel jetzt ein, dass er gehört hatte, dass es tatsächlich ein Feuer gegeben hatte in der Richtung, in der Emily und Niels am Vortag den Schatten gesehen hatten. Im Sommer war dort eine Familie mit zwei Kindern ums Leben gekommen. Niels fiel ein, dass er so etwas auch gehört hatte, Sally Vincenzo hatte ihm den Artikel geschickt und ihn allen Ernstes gefragt, ob Will wohl Opfer eines Waldbrandes geworden sein konnte. Aber Sally verwechselte auch Australien mit Österreich und bei ihrer ersten Begegnung war sie erstaunt gewesen, dass Niels es als Deutscher bereits von seinem Baum herunter in die USA geschafft hatte.
“Und er hatte so altmodische Kleidung an, so eine Fellweste. Wie ein Hippie vielleicht”, erklärte Flann gerade und riss damit Niels aus seinen Überlegungen. “Aber ich glaube nicht, dass er ein Hippie war, er war schon älter, so um die 60, 70, und hatte einen sehr verbissenen Gesichtsausdruck. Er schien sehr mit seinem Buch beschäftigt zu sein.” Bart überlegte. “Es könnte sich um eine rituelle Verbrennung gehandelt haben”, meinte er, während er neben Irene herging. Emily bildete den Kopf ihrer Truppe, und Niels versuchte, seinen Schritt zu verlangsamen, um sich Flanns Tempo anzupassen, der jetzt das Schlusslicht gab. Doch kaum waren sie einige Meter gelaufen, meinte der Ire, dass er sich gut fühle, ihn habe wohl der Schnaps beflügelt, und er lief grinsend an Irene vorbei, die ihm ein wenig verkatert nachsah. Niels zog eine Augenbraue hoch, er hoffte, dass Flann sich nicht übernahm und in wenigen Metern japsend und keuchend im Schnee lag, aber bisher zeigte er keine Anzeichen dafür.

Nach einiger Zeit kamen sie an die Stelle, an der Niels und Emily die vermeintlichen Schatten gesehen hatten. In der Tat handelte es sich nicht um Schatten, sondern um Asche, die auf den Schnee gefallen war und ihn dadurch grau gefärbt hatte in länglichen Bahnen. Teilweise hatte es bereits wieder über die Asche geschneit, aber eine Spur von Baum zu Baum war immer noch zu sehen. Die Bäume waren bis zu einer geringen Höhe verbrannt. Irene nahm eine Handvoll und schnupperte daran. Niels hingegen schob die oberste Schicht ein wenig zur Seite, um zu sehen, wie tief die Asche in den Schnee eingedrungen war, doch sie schien nur oberflächlich zu sein.

Irene warf den Schnee wieder zu Boden und sah sich um, nachdenklich ging sie von Baum zu Baum und betrachtete sie. “Irgendetwas ist hier von Baum zu Baum gelaufen. Es könnte ein Ent gewesen sein.” Niels warf ihr einen langen Blick zu. “Ein was?” fragte er. Von Ents hatte er noch nie gehört. Irene sah ihn lächelnd an. “Haben Sie den Herrn der Ringe nicht gelesen, Mr Heckler?” wollte sie wissen. Niels schüttelte den Kopf. Er hatte eine vage Ahnung von den Filmen, aber gelesen hatte er dieses Buch noch nicht. “Nein, habe ich nicht”, entgegnete er, “ich kann nur mit der Bibel dienen.” Irene nickte, machte aber keine weiteren Anstalten, ihn weiter nach irgendwelcher Literatur zu fragen. Stattdessen folgte sie sehr zielstrebig den Aschespuren tiefer in den Wald hinein.

Niels sah, wie Flann ihr folgte, und er bedeutete Emily und Bart, es ihm gleichzutun. Sie erreichten eine Lichtung, auf der eine verbrannte Hütte stand. Flann blieb stehen. “Das ist die Hütte aus meinem Traum!” rief er, während er Irene hinterher ging, die bereits an der Tür des verfallenen Gebäudes stand. Niels sah sich um, sein Wissen um die Natur sagte ihm, dass das Feuer im vergangenen Jahr von diesem Ort ausgegangen sein musste.

Flann wandte sich jetzt an Irene. “Was hat dich hierher geführt?” Sie drehte sich zu ihm um und deutete auf den Boden: “Die Aschehäufchen”. Bart besah sich die Aschespuren, die an der Hütte vorbeizugehen schienen. “Ein schwer verbrannter Mensch könnte diese Spuren hinterlassen haben”, meinte er, und Flann nickte. “Ich habe ein Wesen aus dem Feuer kommen sehen.” Irene öffnete jetzt die Tür und betrat die Hütte, Flann folgte ihr. Aus einem Impuls heraus zog Niels seine Luger, während Emily ihren Bogen von der Schulter nahm und einen Pfeil aus dem Köcher nahm.

“Ich glaube, wir haben hier was gefunden”, rief Irene jetzt. Bart, Emily und Niels betraten die Hütte und sahen sich an, was vor Irene und Flann auf dem Boden lag. Es waren drei verkohlte Gestalten, eine große und zwei kleinere. Mechanisch zog Irene einen Beutel mit Salz aus der Tasche und bestreute die Leichen. “Zur Sicherheit”, erklärte sie. Dann deutete sie auf eine Luke im Boden, um die herum alles schwarz verbrannt war.

Niels’ Puls beschleunigte sich augenblicklich, und ein ihm wohlbekanntes Geräusch verriet ihm, dass er seine üblichen Stressbewältigungsmechanismen angeworfen hatte.

Wann hört das endlich auf?

“Ich geh’ da nicht runter!” stieß er hervor. Flann sah ihn überrascht an, Irene zuckte nur mit den Schultern. Emily sah ihn mitfühlend an. “Ich bleibe mit dir hier oben”, erklärte sie. Bart schien das nicht so zu gefallen, doch er sagte nichts, sondern stieg hinter Irene und Flann in den Keller hinunter.

Niels verließ die Hütte und ging vor der Tür in die Knie. Er atmete tief durch, damit er seinen Ärger über sich nicht an dem baufälligen Gebäude ausließ. Er wollte keine Angst mehr vor Kellern haben, er wollte ein Profi sein. Aber wie damals in New York mit Ethan hatte auch hier niemand etwas gesagt oder ihn für weniger fähig gehalten, weil er sich fürchtete.
“Ich kann das. Ich kann das”, murmelte er, und er merkte, dass er deutsch sprach, aber er glaubte selbst nicht so recht daran. Plötzlich hörte er hinter sich ein Geräusch. “Alles in Ordnung?” wollte Emily wissen. Niels sah sie an. “Nein. Ja. Nein. Ich… immer, wenn ich etwas nicht richtig gemacht habe, hat mein Stiefvater mich in den Keller gesperrt.”

Denk darüber nach, was du getan hast, Aaron, und bete.

Er seufzte. “Und ich habe häufig Dinge falsch gemacht.”

Ein Mann, der sich mit Männern einlässt? Du bist unnatürlich.

Emily sah ihn mitfühlend an. “Verdammt, das… das tut mir leid.” Niels überlegte kurz, ob er Emily die ganze Geschichte erzählen sollte, doch irgendetwas hielt ihn davon ab. Stattdessen stand er auf und streckte sich. “Komm, wir gucken uns hier mal um”, meinte er zu Emily. Er spürte, dass er unruhig wurde, er wollte nicht weiter über Keller nachdenken, und es juckte ihn in den Fingern, herauszufinden, was mit Will und den anderen passiert war.
Emily nickte nur. “Ok.” Sie sah aus, als erwarte sie, dass er noch etwas sagte, aber er schüttelte nur den Kopf. “Ich komme klar. Ich muss. Ich habs nur zu lange verdrängt”, erklärte er. Emily sah ihn an. “Wenn du drüber reden willst…”, meinte sie, doch sie fragte nicht weiter. Niels lächelte ihr zu. “Andersrum gilt das auch.” Dann stapfte er los, um das verbrannte Gebäude herum.

Tatsächlich fand er nicht weit von der Hütte Schneeschuh-Spuren, die sich mit den Aschespuren kreuzten, die Irene gefunden hatte. Er sah sich um. Emily war nicht zu sehen, und auch die anderen drei schienen immer noch mit dem Keller beschäftigt zu sein. Was sollte er tun? Warten und damit riskieren, dass Will und seine Freunde möglicherweise starben, durch die Kälte oder durch das, was hier brennend durch die Wälder irrte, oder alleine losgehen? Was konnte schon passieren? Er war ein guter Jäger, er war ausreichend bewaffnet mit Schrotflinte und Luger, und er kannte sich in verschneiten Wäldern aus.

Mit diesen Gedanken zog er los. Er musste gar nicht weit laufen, da öffnete sich eine Lichtung vor ihm, die an einem Ende durch eine Felswand abgeschlossen wurde. In der Wand befand sich eine Art Höhle, aus der Niels ein Geräusch zu hören glaubte, es klang wie ein Wimmern oder leises Weinen. Vor der Höhle jedoch bot sich ihm ein schauriges Bild: Am Boden lag eine Gestalt, sie sah aus, als sei sie verbrannt, und über diese Gestalt beugten sich zwei weitere Wesen. Eines war nur schemenhaft zu erkennen, es wirkte, als sei es aus Rauch, und das andere sah aus, als sei es irgendwann in Brand geraten und würde immer noch glimmen, wie ein lebendiger Vulkan. Niels blieb stehen und wollte Deckung suchen, doch es war zu spät. Die verbrannte Gestalt hatte ihn bemerkt und kam auf ihn zu.

Niels reagierte wie in Trance, er schoss auf das Wesen. Aber was auch immer da auf ihn zukam, die Kugeln aus der Luger hatten keinen Einfluss. Nervös griff er nach der Winchester, die er über der Schulter hängen hatte und lud sie durch, doch er war zu langsam. Schon war das brennende Wesen bei ihm und packte ihn mit einem Würgegriff. Der Geruch verbrannter Haare verriet Niels, dass er sich um seine Frisur erst einmal keine Sorgen mehr machen musste. Mit einem beherzten Tritt gelang es ihm, das Wesen kurz abzulenken und sich zu befreien. Er machte einen Schritt zurück, um die Winchester aufzuheben, doch während er das Wesen und sein Gewehr im Auge hatte, achtete er nicht auf seine Füße, er stolperte und schaffte es gerade noch, sich wieder zu fangen. Doch dieser kurze Moment hatte gereicht, dass die brennende Gestalt in Windeseile herangeeilt war. Aus ihren Händen erwuchsen rechts und links neue Flammen, und ohne zu zögern, packte es mit seinen brennenden Handflächen nach Niels.

Die Flammen krochen seine Arme hinauf, die Jacke brannte innerhalb weniger Sekunden lichterloh, das Feuer fraß sich durch seine Kleidung und war in kürzester Zeit auf seiner Haut angekommen. Er warf sich zu Boden, doch zu spät, unerbittlich bahnten sich die Flammen ihren Weg über seinen Körper. Nur einmal zuvor in seinem Leben hatte Niels solche Schmerzen gehabt.

Nein. Nein. Ich will nicht sterben.

Er warf sich herum, der Schnee musste das Feuer löschen, dass inzwischen seinen gesamten Oberkörper einzuhüllen schien. Tatsächlich gelang es ihm, die Flammen zu ersticken, doch die Schmerzen waren jetzt unerträglich.

”Exorcizamus te, omnis immundus spiritus, omnis satanica potestas…” Die Worte seines Bruders klingen in seinen Ohren wieder, während jeder Schlag sie in seine Haut eingräbt. Er weiß, er wird sterben in dieser Nacht, er wird hier nie wieder herauskommen. Sie werden ihn totschlagen, weil sie den Dämon nicht aus ihm herausbekommen, denn es gibt keinen Dämon, es gibt nur ihn, nur das, was er ist… Der nächste Schlag trifft ihn, und er schließt die Augen, um sich dem Dunkel hinzugeben und dem, was darin wartet. Bald wird es vorbei sein.

Mit letzter Kraft stützte Niels sich auf und versuchte, auf allen Vieren davonzurobben. Doch er war am Ende, das Wesen war viel schneller als er, und schon hörte er hinter sich das Knistern der Flammen.

Schneller. Weg hier. Nur weg.

Er versuchte, sich noch einmal umzudrehen, doch er die rasche Bewegung forderte ihr Tribut. Ein Knacken in seinem rechten Handgelenk, und jetzt konnte er nicht mehr, er hatte zu hoch gepokert und verloren. Irgendwo hinter sich hörte er das zischende Geräusch eines Pfeils. Also hatte er nicht nur sich selbst in Gefahr gebracht, sondern auch Emily.

Verdammt, ihr darf nichts passieren! Ich wollte sie doch beschützen.

Mit einem erstickten Stöhnen ließ er sich fallen und blieb liegen. Es war vorbei. Seine Augenlider wurden jetzt schwer, doch bevor er sie endgültig schloss, sah er noch, wie das Feuerwesen zu ihm herüberkam, als wolle es sich vergewissern, dass er nicht wieder aufstand. Dann wandte es sich ab und verschwand aus seinem Blickfeld.

Ich sterbe.

Dieser Gedanke hatte etwas erschreckend tröstliches. Bald würde ihn wieder die Dunkelheit holen. Er schloss die Augen und ließ sich fallen.

Er steht im Schnee und betrachtet den jungen Mann, der dort am Boden liegt. Das bin ich, geht es ihm durch den Kopf, doch es beunruhigt ihn nicht, im Gegenteil. Eine Gestalt steht jetzt neben ihm. Jeans, blaues Oberhemd, Lederjacke. Dunkelblonde Haare, stahlblaue Augen, aus denen der Schalk blitzt. “Dad?” Jacob Heckler sieht seinen Sohn an und lächelt. “Ich dachte nicht, dass wir uns so schnell wiedersehen, mein Junge.” “Was tust du hier?” Niels streckt eine Hand nach seinem Vater aus, doch der erwidert die Geste nicht. “Alles wird gut, mein Sohn.” Seine Stimme klingt bedauernd. “Es ist schlimmer als beim letzten Mal.” “Ich weiß. Aber es ist bald vorbei. Bald, mein Junge. Dann kann ich dir alle deine Fragen beantworten.” Er macht einen Schritt auf Niels zu, und der breitet die Arme aus. Plötzlich jedoch verschwindet Jacob hinter einer Wand aus Rauch. “Dad? Dad!” Niels gerät in Panik. Etwas hält ihn gepackt, zieht an ihm, versucht ihn, festzuhalten, er kann nichts mehr sehen. Ein Schmerz durchfährt seine Brust, er beugt sich vornüber, und plötzlich tauchen Bilder vor ihm auf. Seine Mutter, wie sie einen Säugling an sich drückt. Philip. Immer wieder Philip. Joe. Verdammt, Joe. Wie ein Film zieht alles an ihm vorbei. Stirbt er? Nein, es ist dieser vermaledeite Rauch, er macht das. Was ist das? Dann sieht er vor sich einen Schemen, ein Paar schwarze Augen. Nein. Neinneinneinnein.

Mach endlich die Augen auf, Heckler!

Niels blinzelte, eine blonde Frau beugte sich über ihn. Wer war das? “Was war das, das da im Rauch?” fragte er, und während er die Worte aussprach, hörte er, dass sie merkwürdig klangen. Sprach er gerade Deutsch?
“Shhhh.” Irene Hooper-Winslow beugte sich über Niels und sah ihn an. Was war geschehen? Dann spürte er es. “Ma’am. Ich sterbe. Schon wieder”, teilte er ihr mit und versuchte sich an einem Lächeln.

Du bist ein Versager, Aaron.

Irene war nicht nach Lachen zumute. “Unterstehen Sie sich!” Doch die Schmerzen waren schier unerträglich, Niels wagte es nicht, nach unten zu sehen. Es fühlte sich an, als sei er nur noch rohes Fleisch, und ihm wurde übel vom Brandgeruch. “Es tut so weh… es ist wie damals.” Er erinnerte sich vage daran, dass Gustav ihn gepackt und in kaltes Wasser getaucht hatte, um seinen Kreislauf wieder in Gang zu bringen. Jacobs kleiner Bastard hatte sich als zäher erwiesen, als er gedacht hatte.

Irene zog eine Augenbraue hoch. “Das wird Ihnen jetzt kein Trost sein, aber schlimmer wäre, wenn es nicht mehr wehtäte.” Niels versuchte zu nicken, was angesichts der Tatsache, dass sein Hals verbrannt war und er immer noch lag, nicht ohne weiteres möglich war.

Ein junger Mann kam auf ihn und Irene zu, er war groß und dunkelhaarig, und trotz seiner breiten Statur wirkte er wie ein verängstigtes Kind. Als Will Hensley Niels auf dem Boden sah, machte sich ein Ausdruck der Überraschung auf seinem Gesicht breit. “Heckler? Was machst du hier?” Hinter ihm standen zwei weitere junge Männer, die sich ängstlich umsahen, Flann redete auf sie ein. Pickett und Willard. Dann hatte Grady es nicht geschafft.
“Ich sterbe”, erklärte Niels Will, und der sah ihn nur besorgt an. “Mach’ keinen Scheiß, Alter”, sagte er schließlich, dann ging er zu seinen Freunden und Flann, sich immer noch unsicher umsehend.

Bart hatte inzwischen Irene etwas in die Hand gedrückt. Eine Spritze, die sie jetzt Niels in den Oberschenkel bohrte. Niels hatte keine Ahnung, was sie ihm gegeben hatte, aber er fühlte sich plötzlich sehr leicht, und seine Schmerzen verschwanden. Was hatte sie ihm eben gesagt? Er sah sie an, es fiel ihm schwer, die Augen geöffnet zu lassen. “Jetzt tut es nicht mehr weh. Jetzt sterbe ich.” Mit diesen Worten glitt er in die Bewusstlosigkeit hinüber.

Als er wieder zu sich kam, lag er in einem Krankenhausbett, seine Arme, sein Oberkörper und seine Schultern waren mit dicken Verbänden bedeckt. Er bewegte vorsichtig seine Finger. Alle zehn waren noch funktionsfähig, auch wenn sie schmerzten, aber einen Stift und einen Block konnte er nach wie vor ohne Probleme festhalten. An seinem linken Arm hing eine Infusion, er hatte keine Ahnung, was da in seine Adern tropfte, aber anscheinend war auch ein Schmerzmittel dabei. Er versuchte auch, vorsichtig den rechten Unterarm zu heben, aber das tat höllisch weh. Was geschah eigentlich mit Tätowiertinte, wenn man verbrannte?

Jemand räusperte sich neben ihm, und Niels drehte seinen Kopf nach rechts, so gut es ging. Bart saß neben seinem Bett, er sah besorgt aus. “Wo bin ich?” wollte Niels wissen. “Im Krankenhaus, in Missoula. Du hast einiges abbekommen.” Niels gingen tausend Fragen durch den Kopf, doch eine war ihm am wichtigsten. “Was ist mit Emily? Geht es ihr gut?” Bart nickte, auch wenn er nicht glücklich dabei aussah. “Sie lebt. Sie hat auch einige Verbrennungen davongetragen, aber das wird verheilen. Sie will das Krankenhaus morgen wieder verlassen.” Offensichtlich hielt Bart das für keine besonders gute Idee. Niels sah auf seine bandagierten Hände. “Es tut mir leid”, murmelte er. Dann wandte er sich wieder an Bart. “Wie sind wir hierhin gekommen?” Bart verzog das Gesicht. “Flann hat sich eine Geschichte ausgedacht über einen Bärenangriff, bei dem du und Emily ins Lagerfeuer gefallen sind.” Er seufzte. Niels sah ihn an, sagte aber nichts. Offensichtlich hatte Flann nicht nur einfach so dahergeredet, als er vermutet hatte, dass Bart ihn nicht leiden konnte. “Und was ist wirklich passiert?” Er wollte das Gespräch wieder in andere Bahnen lenken, und außerdem wollte er wissen, ob das, was er gesehen hatte, die Wirklichkeit gewesen war. Irgendetwas hatte versucht, in sein Bewusstsein einzudringen, seine Erinnerungen zu stehlen, seine Seele aufzusaugen… Oder hatte er sich das alles nur im Delirium eingebildet?

Bart räusperte sich abermals, dann begann er, zu erzählen. “Die Rauchgestalt, die du gesehen hast, war ein Dämon. Ein alter Schwarzmagier, dessen Überreste Irene, Flann und ich in der Hütte gefunden haben, hatte ihn in eine Lavalampe gebannt. Er wollte ihn so zwingen, ihm seine Tochter aus der Hölle zurückzubringen, deren Pakt abgelaufen war. Dummerweise ist der Alte gestorben, bevor er sein Ritual vollenden konnte. Das konnten wir seinen Aufzeichnungen entnehmen, die ich sicherheitshalber an mich genommen habe. Also war der Dämon seit 50 Jahren in der Lampe eingesperrt. Anscheinend hat die Familie im letzten Jahr die Hütte und die Lampe gefunden und den Dämon aus Versehen befreit. Das erklärt das Feuer. Die brennende Gestalt war übrigens die Mutter der Familie, vermutlich hat sie mit dem Dämon einen Handel geschlossen, dass sie ihm Seelen bringt, damit er stofflich wird.”

Und eine davon wäre beinahe meine geworden.

Hatte er wirklich mit Jacob gesprochen, oder war das schon der Dämon gewesen, der versucht hatte, seine Seele zu stehlen? Niels wusste es nicht. Aber etwas an Barts Schilderung ließ ihn aufhorchen. Da war etwas, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Er wollte ihn so zwingen, ihm seine Tochter aus der Hölle zurückzubringen, deren Pakt abgelaufen war

War es das? War es so… einfach? Man fing einen Dämon ein und zwang ihn, den geliebten Menschen wieder freizugeben? Konnte er so… Joe aus der Hölle holen?

Verdammt, du bist ein Heckler, du bist Jacobs Sohn. Schon vergessen, was mit deinem Dad passiert ist? Du sorgst dafür, dass das Kroppzeug da bleibt, wo es hingehört. Du schließt keine Handel mit ihm ab.

Er sah wieder zu Bart. Der Gelehrte durfte niemals erfahren, was gerade in Niels’ Kopf herumging. Er würde ihn zu Recht übers Knie legen und ihm die Leviten lesen. Aber er würde Hilfe brauchen, wenn er das wirklich wagen wollte.

In diesem Moment klopfte es an der Tür, und bevor Niels “herein” sagen konnte, spazierte Flann ins Zimmer. Bart stand auf und verabschiedete sich, während Niels sich wappnete ob der Sprüche, die er sich jetzt von dem Iren über seinen Zustand anhören durfte. Aber Flann machte keine Anstalten, sich über Niels lustig zu machen, im Gegenteil, er nahm auf dem Stuhl Platz, auf dem eben noch Bart gesessen hatte und sah ihn besorgt an. “Wie geht es dir?” Niels sah ihn überrascht an, dann seufzte er. “Ich kenne das ja schon. Gibt Narben auf den Narben.” Er verzog das Gesicht. “Ich mache das jetzt mal alle vier Jahre.” Es war ihm egal, ob Flann verstand, was er meinte, aber der Ire fragte auch nicht weiter. “Warum hast du das gemacht? Also einfach so vorzustürmen, ohne auf Irene, Bart und mich zu warten?” Niels spürte, wie seine Augen sich zu Schlitzen verengten, als die Wut in ihm aufstieg. Ja, er hatte unüberlegt gehandelt, aber war es nötig, ihn damit aufzuziehen? Dann jedoch bemerkte er, dass Flann ruhig blieb und eher fürsorglich klang als spöttisch.
“Verdammt, ich habe nicht nachgedacht. Vielleicht wollte ich mir etwas beweisen. Ich musste mir 18 Jahre lang anhören, dass ich nichts kann, dass ich nichts tauge, und dass ich zu nichts nütze bin.” Er spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete, als ihm die Beschimpfungen und Schmähungen seines Stiefvaters einfielen. Er lachte auf, als ihm bewusst wurde, dass zumindest auf der körperlichen Seite einiges von dem, was Gustav, Joseph und Benedikt ihm angetan hatten durch das Feuer vernichtet worden war. Was für ein Trost. Der Gedanke an Gustav brachte ihn jedoch noch auf etwas anderes. “Ich will es ihnen beweisen. Dem einen, der nicht hier ist, und dem anderen, der nicht mehr da ist.” Was hätte Jacob wohl dazu gesagt, dass sein Sohn so unvorsichtig gehandelt hatte?
“Also demjenigen, der hier mit dir im Raum ist, hast du das schon bewiesen”, erklärte Flann jetzt. Niels zog eine Augenbraue hoch. “Ich arbeite wirklich gerne mit dir zusammen.” Ob das auch für eine Dämonenjagd galt? So wie er Flann einschätzte, würde der sich auf so etwas einlassen. Und hatte er nicht Irene erst auf der Hinfahrt gefragt, ob sie sich mit dem Brechen von Pakten auskannte? Ja, Flann war definitiv der richtige Ansprechpartner. Niels hoffte, dass Bart das nicht erfuhr, denn er hatte so eine Ahnung, dass der Gelehrte nicht allzu begeistert sein würde über Niels’ neuen Partner. Aber dann fiel ihm etwas ein. Was, wenn Flann ihn wieder einmal belog? Das war kein abwegiger Gedanke. Doch dann sah er den besorgten Ausdruck in den Augen des Älteren. Diesmal schien es dem Iren wirklich ernst mit Niels zu sein. “Flann, ich… “ Niels wollte ihn gleich fragen, doch dann spürte er, wie sich die Müdigkeit in ihm ausbreitete. Schlafen und gesund werden, das war gerade wichtiger als alles andere.
Der Ire erhob sich und gab ihm vorsichtig die Hand. “Melde dich, auf Irenes Handy. Sie kann mich erreichen.” Niels nickte, dann war er auch schon eingeschlafen.

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Kaffee in Vermont
Aussprache nach der Untersuchung der Anstalt in Delaware

Wie abgemacht, trafen sich Bart und Emily eine Woche später, nachdem er mit den beiden zurückgefahren war und sie Ethan abgeliefert hatten, am frühen Nachmittag im Café. Er nickt ihr zu als sie zu sehen ist, er selbst wartet schon vor dem kleinen Laden. Mit ihr zusammen spaziert er ins Innere des Cafés und zieht sich in eine Ecke zurück, weit genug entfernt von den anderen Gästen und dem Personal, dass sie sie nicht all zu leicht belauscht werden können. Er bestellt sich einen Espresso, der Kellner nimmt wohl auch noch ihre Bestellung entgegen. Längere Momente herrscht Schweigen vor im Raum, ehe er sie wieder anschaut. “Wie geht es dir, nach der ganzen Sache?” fragt er sie schließlich.

Emily hat sich einen Kaffee und ein Wasser bestellt.”Es war ein Job, also ganz gut, denke ich. Ich meine so gut kannte ich McKenzi auch nicht. Ich bin ihm bloß einmal übern Weg gelaufen.” Sie setzt sich im Schneidersitz auf den Stuhl. “Und dir? Alles soweit wieder ok? Du hasst ja diese Einrichtungen. Für dich war das ganze ja nicht einfach.” Sie spricht sehr leise, als befürchtete sie belauscht zu werden.

Bart kann nicht anders als leicht zu schmunzeln als sie elegant die Beine in den Schneidersitz bringt. Ihre Manierismen waren schon nicht uninteressant. “Gut. Es ging ja auch im großen und ganzen alles zum besten aus. Erst recht wenn man bedenkt womit wir uns angelegt haben….” einen kurzen Moment wirkt er nachdenklich, lächelt leicht als er ihre leise Frage hört, ihre Stimme leise und beinahe mitleidig. “Am besten du hältst dich in der nächsten Zeit etwas vom Meer fern. Es geht mir gut. Solche Orte sind nur nicht angenehm, weil ich es mir gewohnt bin… Nun, sagen wir einfach man glaubte mir nicht. Das war auch der Grund aus dem ich Erfahrung mit so einer Institution gemacht habe.” erklärt er ihr, “Aber wenn ich nicht im Gebäude bin, ist es schon besser.” Dann betrachtet er sie. “Ich hatte dir ja noch Details versprochen.” Er seufzt leise, “Keine Sorge, ich fühle mich nicht gedrängt.”

Sie lächelt. “Ich habe keine Angst vor denen, ich meine dass war schon ein schwerer Brocken und es war gut, dass ich nicht alleine war. Aber es war bei weitem nicht das schlimmste Monster was mein Weg gekreuzt hat. Aber keine Sorge, ich habe auch nicht das Bedürfnis in nächster Zeit einen Strandurlaub zu machen.” Sie stockt kurz, als der Kellner die Getränke bringt und wartet bis er wieder verschwunden ist, nachdem er sich nochmal vergewissert hat, dass sie keine weiteren Wünsche haben.
Nachdem ihr Blick dem Kellner gefolgt ist, bis er außer Reichweite war, blickt sie Bart wieder an, direkt in die Augen. “Sicher? Ich will dich wirklich nicht drängen oder alte Wunden aufreißen.“ Sie legt den Kopf dabei schief und gibt sich alle Mühe dem Drang zu widerstehen in ihren Haaren oder mit der Tischdeko zu spielen, was ihr auch erstmal gelingt. Die Augen ruhen weiter auf Bart, obwohl er eine gewisse Anspannung bemerkt, die sie nicht abzulegen vermag. Der Kaffee und das Wasser bleiben unangerührt vor ihr stehen.

“Nicht im geringsten.” er lächelt leicht, “Der Hausmeister war… Nicht übermäßig gefährlich. Aber von den Tiefen, wie sie genannt werden, geht schon eher eine Gefahr aus, wenn du in der Nähe des Wassers bist. Sie sind recht stark und können ohne weiteres erfahrene Schwimmer ertränken.” erklärt er ihr und schweigt selbst als der Kellner an den Tisch kommt. Er nimmt seine Tasse in die Hand, erwidert ihren Blick, seine Augen ein warmes Braun, nimmt einen kleinen Schluck, “Du sagtest, du möchtest mir helfen. Das weiß ich sehr zu schätzen und ich finde, du hast dann verdient genau zu wissen worum es geht.” erklärt er ihr mit sanfter Stimme. “Und du weckst damit nichts auf. Das sind Dinge die ich nicht so leicht vergessen kann.” Kurz überlegt er, ehe er erklärt, “Ich komme ähnlich wie du aus einer Familie von Jägern. Allerdings hatte ich kein Interesse daran das Familiengeschäft fortzuführen. Ich habe studiert und einen kleinen Laden aufgemacht. Ich habe geheiratet. Ich hatte eine Tochter. Dann, starb mein Vater. Er lag, als einziges verbrannt, auf dem Sofa seiner Villa und wurde noch ins Krankenhaus gebracht. Er lag schon im sterben als ich dort ankam. Wirklich viel bedeutet hat er mir nie. Er teilte mir den Code für den Tresor in seinem Haus mit. Dort fand ich ein Buch, gebunden in Menschenhaut. Im inneren waren auf Latein und Sumerisch alte Rituale der Zauberei und Hexenkunst beschrieben.” erklärt er und nimmt wieder einen Schluck aus der Tasse.

Sie schmunzelt kurz. „Naja, solange mich das Duschen nicht umbringt, bin ich glaube ich nicht in Gefahr.“ Dann nickt sie und wird wieder etwas ernster, als er das mit der Hilfe anspricht. „Ich danke für dein vertrauen. Das bedeutet mir viel. Wirklich. Und ich meine es so, ich werde dir helfen, egal was und wieviel du erzählen magst.“ Sie hört ihm aufmerksam zu und nickt immer mal bei seinen Erzählungen, lässt ihm aber Zeit. Allmählich scheint sie sich immer mehr zu entspannen und legt ihr Hände in den Schoß.

Er lächelt weiter leicht, eine Sache erfreut ihn tatsächlich; Sie entspannt sich in seiner Nähe, er weiß schon jetzt, so wie er sie kennt, das es ein vertrauensbeweis ist, der nicht sehr häufig vorkommt.
“Ich konnte den Text nicht komplett verstehen und die Thematik war… Unangenehm. Es war ein Buch über Feuerzauberei. Zerstörung, Vernichtung, verbrennen von Menschen um Macht zu gewinnen. Ich hätte es am liebsten weggeworfen, oder vernichtet, aber… Worte haben Macht. Es hätte eine Verschwendung sein können, irgend ein Archäologe… Naja.” kurz scheint er nachzudenken, “Ich habe das Buch einem Kollegen zugeschickt, der sich mit der Hexenkunst in Europa auskannte. Wenige Wochen später erhielt ich das Buch zurück, Laut meinem Kollegen handelte es sich um ein gesuchtes Einzelstück. Die “Principia Ignis” Die Grundlagen des Feuers, oder auch das Buch des Feuers.
Ein paar Tage später…” erneut stockt er und nimmt einen Schluck von seinem Kaffee, “Ein paar Tage später bekam ich besuch von einer Frau. Die Türklingel erklang… Ich schickte meine Tochter nach oben. Ein Geruch von kalter Asche machte sich breit. Sie fragte mich nach dem Buch… Doch weil sie mir unheimlich war und ich mir noch nicht sicher war was genau ich mit dem Buch machen wollte, behauptete ich, ich wüsste nicht von was sie spricht.. Sie erzählte mir, dass der Laden meines Kollegen niedergebrannt wurde. Drohte mir… Dann schoß Feuer aus ihren Fingerspitzen, während sie gemächlich zwischen den Bücherregalen umher wanderte und ein riesiges Feuer legte. Ich warf ihr das Buch zu und… Der Buchrücken riss. Sie kreischte wie Kreide auf einer Tafel und mit einer Handbewegung wurde ich unter meinem Tresen begraben. Sie ging die Treppe hinauf in meine Wohnung und… Mein Nachbar rief die Feuerwehr. Die Flammen breiteten sich rasant aus, sie konnten mich gerade noch so aus dem Verkaufsraum retten. Ich… Sie behaupteten das Kohlenmonoxid hätte meine Frau getötet, wahrscheinlich sei sie im schlaf gestorben, aber… Ich weiß es besser. Nachdem ich wieder gesund war, wurde ich in ein Sanatorium eingewiesen, da Niemand die Frau gesehen hatte.” Dann lehnt er sich leicht vor, spricht noch einmal etwas leiser, “Die Leiche meiner Tochter wurde nie gefunden. Ich begrub Holzasche. Und vor ein paar Monaten, als ich einen Hexer zusammen mit Ethan in Dana Point aufspürte, fand ich dort ein Bild. Ein Bild von der Frau die damals in meinen Laden gekommen ist. Mit meiner Tochter.” Sein Blick besitzt eine merkwürdige Qualität. Der Ausdruck in seinen Augen ist nicht traurig. Nicht wütend. Stattdessen, erstaunlich kalt, kalkulierend. Als ob er in der Lage wäre jedes Gefühl weg zu sperren, wenn es darum ging. “Der Hexer erzählte mir, sie sei die Schülerin der Hexe. Ich jage sie. Ich jage diese Frau. Sie nennt sich Madame Fiora. Oder etwas sehr ähnliches, je nach dem. Und wenn ich sie finde, werde ich sie töten. Danach… Entscheide ich was ich mit dem Buch tue.” einen kurzen Moment schweigt er, ehe er hinzu fügt. “Und ich werde… sehen wie weit meine Tochter ist.” mit diesem merkwürdigen Ausdruck in seinen Augen fixiert er sie, ehe er hinzufügt, “Wenn du mir wirklich helfen willst, musst du einer Sache zustimmen und es mir versprechen. Wenn sie zu weit ist, wenn sie ein Monster ist, werde ich sie töten. Das steht nicht zur Debatte.” erklärt er mit leiser Stimme, beinahe ein Hauchen.

Sie schaut ihn weiter an und lauscht seinen Worten. Ihr Blick verfinstert sich kurz, wenn er über das Buch spricht. Scheint etwas sagen zu wollen, lässt ihm aber Zeit die ganze Geschichte zu erzählen. Sie nimmt auch die Tasse in die Hand und trinkt einen großen Schluck, ohne die Augen von ihm abzuwenden. Wartet bis er geendet hat und spricht dann leise: „Es tut mir leid für deine Frau….“ sie schweigt ein kleinen Augenblick „…und dich. Daher dein unwohlsein, in solchen Gebäuden, verstehe. Was haben die anderen geglaubt was mit deiner Tochter passiert ist? Ich meine, wenn sie keine Überreste gefunden haben?“ Sie schüttelt den Kopf. „Wir haben es nicht leicht, mit dem was wir wissen, ich meine es ist gut, wenn die Leute…“ dabei lässt sie den Blick durchs Kaffee gleiten. „..nicht wissen was da draußen ist, aber dich deshalb für verrückt zu erklären und nicht mal deine Tochter zu suchen…“ Emily wirkt etwas wütend darüber und scheint gleichzeitig etwas verwirrt über Bart`s Blick. Sie fragt sich, ob er wirklich in der Lage wäre die Gefühle weg zusperren und ob das wohl eine gute oder schlechte Eigenschaft wäre.
Dann lächelt sie verschmitzt: „Nur eine tote Hexe ist eine gute Hexe. Hexe, hm. Sie scheinen einen größeres Problem zu sein, als ich vermutet hätte. Kann ein Buch sowas wie ein Vertrautentier sein?“ Emily scheint einen Moment zu grübeln. „Mit Hexen kenn ich mich leider nicht so aus.“ Es wirkt fast wie eine ernste Entschuldigung “Und was das Buch angeht, könntest du es Irene nicht zur Aufbewahrung geben, ich habe gehört sie hat wohl einen sicheren Ort für solche Gegenstände.“ Jetzt wird sie wieder ernster und das Lächeln verschwindet. „Meinst du nach all der Zeit, ist deine Tochter noch zu retten, ich meine du sagtest im Auto es wären jetzt fünf Jahre her. Fünf Jahre bei einer Hexe, dass scheint mir für ihr Alter schon eine Ewigkeit und allzu klein war sie auch nicht mehr.“ Sie scheint für einen Moment in ihre Gedanken abgetaucht zu sein. Und nuschelt dann kaum verständlich was von „Fünf Jahre“, seufzt kurz und blickt ihn wieder an. Scheint nicht zu wissen, was der Blick jetzt für sie bedeutet, lehnt sich ein Stück nach hinten, um den Abstand zwischen ihr Bart aufrechtzuerhalten und sagt dann leise, aber mit kräftiger Stimme „Gut, ich meine hier geht es zwar um deine Tochter, aber dann sind wir uns einig. Und dir sollte bewusst sein, wenn du es nicht kannst, wenn du sie nicht töten kannst, werde ich das machen und mich nicht aufhalten lassen.“ Danach nimmt sie wieder einen Schluck Kaffee. „Danke, dass du mir das anvertraust. Aber erst Mal schulde ich dir noch was und zweitens wäre es mir eine Freude, dir dabei zu helfen.“ Dabei zeigt sich ein leichtes glitzern in ihren Augen.
Nach einem kurzen zögern. „Warum hast du dich eigentlich gegen die Jagd entschieden, damals? Hattest du deinem Vater auch nicht geglaubt?“ Emily schaut ihn fragend an.

“Ich glaubte, sie sei gestorben. Genau wie jeder andere. Das Feuer war… sehr heiss.” erklärt er ihr leise, ehe er den Kopf schüttelt. “Nein, das ist nicht ganz richtig. Es gibt… Gute und böse Hexer und Hexen. Ich habe mich mit einer Gruppe in Italien unterhalten die mir geholfen hat und… Eine Freundin von mir, ein Mädchen das noch zur Uni geht ist selber eine Hexe. Sie hatte sich von einer Gruppe böser Hexen zu… schlimmen Dingen überreden lassen.”
“Sie war damals Sieben Jahre alt. Ich hoffe das die ersten Jahre eher Normale Übungen sind, Stärkung des Geistes und ähnliches. Sie… Ist stark. Ich hoffe sie ist nicht zu sehr verändert.” stellt er fest, “Ich kann nicht sicher sein, aber das ist meine einzige Hoffnung.” Ihre anderen Worte übergeht er. Er kann nicht anders. Wenn er darauf eingehen würde, müsste er wütend auf sie sein. Und das will er nicht, in diesem Moment.
“Ich habe mich damals dazu entschieden nicht zu Jagen, weil es kein Leben war das ich wollte. Auch, weil ich es für einen Wahn meines Vaters hielt. Ich habe nur am Rande davon erfahren, kleinere Andeutungen. Ich dachte er sei auf Geschäftsreisen unterwegs und die esoterischen Dinge seien nur eine Art Hobby.” er schüttelt den Kopf. “Und was das Buch angeht… Es ist eher unwahrscheinlich, das das Buch als Vertrauter fungiert, aber ich habe demletzt von einem Pilz gehört, es ist nicht unmöglich.” meint er nachdenklich, “Und wenn ich es Jemandem übergeben würde, dann meiner eigenen Familie. Die Hooper-Winslows haben eine Tendenz dazu auf unvorsichtige Weise mit ihren Artefakten umzugehen. Deswegen gab es auch eine Spaltung unserer Familien.” erklärt er ihr.

Sie trinkt einen Schluck aus ihrem Wasserglas. “Also war das Foto in Dana Point ein erstes Lebenszeichen?” Sie schaut ihn ungläubig an “Eine Hexe als Freundin. Oki.” Die Skepsis ist ins Gesicht geschrieben. Als sie merkt, dass er nicht weiter darauf eingehen möchte, lässt sie es auch erstmal im Raum stehen.
“Hm, das höre ich nicht zum ersten Mal. Ich versuche es zu verstehen und ein wenig kann ich es auch nachvollziehen. Etwas normalität. Nur ist es schwer für mich. Vor allem wenn ich höre, dass jemand ebenfalls aus einer Jägerfamilie stammt.” Sie blickt aus dem Fenster, löst den Schneidersitz und streckt die Beine einmal aus, bevor sie die Beine wieder an sich heranzieht. Dann sieht sie wieder zu Bart rüber. “Ich kann verstehen, dass du es lieber in deiner Familie lassen willst. Dachte nur, wenn du keinen wüsstest und Irene macht mir nen vernünftigen Eindruck.” Trotz des ernsten Themas lächelt sie, sie scheint seine Gesellschaft zu genießen, auch wenn sie nicht so genau weiß warum.

“Das erste seit dem ich sie verloren habe.” erklärt er ihr leise, er kann sie nicht noch einmal verlieren. “Ja. Sie ist einfach eine junge Frau die den falschen Leuten vertraut hat. Sie ist recht gut darin Leute zu verarzten, aber… Sie kämpft immer mit der Versuchung mehr zu tun.” antwortet er.
“Mein Vater hatte seinen Beruf geheim gehalten, wohl um mich zu schützen, oder weil er vermutete dass andere Leute ihn für verrückt halten könnten. Ersteres scheint mir eher unwahrscheinlich… Immerhin hat er mich ausgebildet. Ich weiß es nicht und seine genaue Motivation… Ist mir eigentlich auch einerlei. Natürlich.” nickt er dann, “Wenn man Niemanden hat, der sich solchen Dingen annehmen kann, sind die HWs. immer noch besser als nichts.”

“Dann hoffen wir, dass deine Freundin stark genug ist, der Versuchung zu widerstehen.” Sie stützt sich mit dem Ellenbogen auf dem Tisch und legt ihren Kopf in die Hände. “Naja, Familien können schon sehr kompliziert sein…..Was wirst du jetzt als nächstes tun? Also ich meine, wenn du jetzt grade kein Anhaltspunkt hast.” Ihre Stimme klingt hell und freundlich.

“Ich passe auf sie auf.” leise lacht er, “Ich habe langsam… Recht viel zu tun, der Ex-Werwolf dem wir demletzt begegnet sind, geht an dieselbe Uni wie sie.” meint er schmunzelnd, betrachtet sie einen Moment, “Sind sie. Aber ich denke das liegt nun einmal in der Natur der Sache. Und… Ich werde weiter Fioras Töchter jagen und verfolgen. Ich weiß mir nicht anders weiter zu helfen.” er nimmt erneut einen Schluck aus der Tasse, trommelt nachdenklich, etwas nervös auf den Tisch mit den Fingern seiner linken. “Was… Was hast du vor?”

Sie grinst “Eine “begabten/Monster” Uni.” Dabei macht sie mit den Fingern die Anführungszeichen. “Wer passt auf die beiden auf, wenn du unterwegs bist?” Sie legt den Kopf in den Nacken und starrt an die Decke. “Mal sehen, irgendwo gibt es immer was zu jagen. Ein genaues Ziel habe ich noch nicht.” Sie senkt den Kopf wieder und schaut ihn an. “Naja, falls du Fiora oder eine ihrer Töchter findest. Ich bin nur ein Anruf entfernt.”

“Wenn man so will.” dann schmunzelt er leicht, “Aber das heisst noch lange nicht das ich mir eine Glatze rassiere.” stellt er fest, auch wen er nicht weiß wie aktuell die junge Frau ist, was solche Sachen angeht. “Julie passt auf ihn auf. Ich kann sie nicht überwachen, Em. Es sind normale Menschen… Normaler als ich wahrscheinlich.” meint er mit einem leichten lächeln. “Aber ich weiß, wie gefährlich es sein könnte, wenn sie zusammenbricht… Deswegen bin ich auch so wütend auf Flann.” meint er mit Gift in der Stimme, mustert sie einen Moment, ehe er vorschlägt, “Was meinst du… Wollen wir ein paar Wochen zusammenarbeiten? Wir scheinen recht gut klar zu kommen.” fragt er sie mit einem leichten lächeln, merkt ihr an, dass sie selbst unsicher scheint, etwas haltlos.

Sie scheint kurz nachzudenken was er meint und lacht dann kurz und leise auf. „Könnte interessant aussehen.“Auf seine Erklärung hin nickt sie Stumm. „Tja, Flann. Ich glaube vor den muss man auf der Hut sein. Ich meine ich habe kein Problem mit ihm, aber ich würde ihm auch nicht zwingend den Rücken zu drehen. Aber was hat er damit zu tun? Ich meine wegen ihm wird sie doch nicht wieder böse, oder?“
Als er den Vorschlag macht sieht man etwas Panik in ihren Augen. „Versteh mich bitte nicht falsch und ähm…ähm….“ sie scheint nach den richtigen Worten zu suchen. „…du scheinst sehr nett zu sein, aber zu lange in meine Nähe ist gefährlich. Glaub mir.“ Ihre Anspannung ist mit einem Schlag wieder da.

Er schmunzelt selbst, hebt nur leicht eine Augenbraue, scheint dann kurz zu überlegen als sie wegen Flann fragt, seufzt dann leise, “Sie ist Flann über den Weg gelaufen, der hat sie angegraben, sich häufiger mit ihr getroffen, ihr Vertrauen erschlichen, sie kamen zusammen… Ich bin mir nicht ganz sicher wie weit das ging, aber ich denke recht weit. Dann ist er abgehauen, hat seine Nummern und sein Handy weggeschmissen und sämtlichen Kontakt mit einem Brief abgebrochen.” brummt er leise.
Kaum merklich schmunzelt er. “Ganz ruhig. Ich wollte dich zu nichts drängen.” meint er zu ihr, “Denk einfach darüber nach, lass dir Zeit. Und glaub mir, ich habe weder vor dir Angst, noch davor dass mir deine Anwesenheit schaden könnte. Und wenn in deiner nähe gefährliche Dinge passieren, wäre es umso wichtiger dass du Leute in deiner Nähe hast, mit denen du zusammenarbeiten kannst. Aber es ist deine Entscheidung.” erklärt er ihr sanft.

“Ok. Das ist gemein. Aber vielleicht stand im Brief eine vernünftige Erklärung oder hat sie dir den gezeigt?” Sie lächelt zögerlich. “In Ordnung. Ich werde darüber nachdenken. Aber du weißt nicht wo du drauf du dich einlässt, wenn du mit mir arbeiten willst. Andererseits, wäre es vielleicht ganz gut. Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen.” Dabei legt sie den Kopf wieder seitlich und mustert Bart einen Augenblick.
Dann schweigt sie eine ganze Weile schaut auf die Tischplatte. “Es ist nur, du hast Yumiko gesehen, ich habe Ethans Bruder beim letzten Auftrag. Ich meine vor diesem hier, schwer verletzt und auch andere sind meinetwegen….” Sie verstummt und fängt an mit dem Wasserglas zu spielen.

“Ich habe ihn mir durchgelesen. Nur ziemlich scheinheilige Dinge…” er schüttelt den Kopf, “Er ist… Ein erbärmlicher Mensch.” erklärt er mit einem Kopfschütteln. Er lächelt bei ihrer Antwort, ehe er nur kurz, beruhigend seine Hand auf ihren Arm liegt. “Dann sag es mir. Dann erkläre mir worauf ich mich einlasse. Ich werde dir zuhören und dann kann ich dir immer noch sagen ob ich mich davon eingeschüchtert fühle, oder?” fragt er sie sanft. “Danke, das ist alles was ich möchte.”
Er lässt sie ruhig da sitzen, nimmt einen weiteren kleinen Schluck von seinem Espresso, bestellt in der Zwischenzeit ein Glas Wasser bei einer vorbei spazierenden Bedienung.
Dann lauscht er ihr, “Yumiko hat einen Fehler gemacht, sie war alleine und hat sich selbst überschätzt und das ist traurig, aber nicht deine Schuld. Ich weiß nicht was alles passiert ist, aber ich kann es mir zum Teil denken und ich finde, Ethan hat recht. Es war ein Unfall. Nicht böswilliger als ein Querschläger.” meint er leise. “Auch mir sind ähnliche Dinge passiert. Das geschieht. Es ist nicht deine Schuld. Weil ich weiß, das du dein bestes tust um solche Dinge zu vermeiden, macht dich das nur zu einem besseren Menschen.”

“Ich weiß nicht was ich dazu sagen soll, ich kenne diese Julie nicht und wie gesagt, Flann oder wie auch immer er heißen mag auch nicht.” Sie zuckt mit den Schultern. “Ist schon gut, wenn du ein Auge auf sie hältst.”
Als er ihren Arm berührt, zuckt sie zusammen, zieht den Arm direkt weg und presst ihn vor sich an die Brust, als hätte Bart ein Messer in den Arm gerammt.
“Ich…ich kann nicht….ich” Sie stottert anfänglich, atmet einmal tief durch. “Nicht hier, nicht jetzt. Wir haben uns doch getroffen, dass ich dir zuhöre.” Sie lächelt ihn an. Emily macht keine Anstalten etwas neues zu bestellen. “Ich habe Yumiko gehen lassen. Sie war alleine. Hatte anscheinend niemanden an den sie sich sonst wenden konnte. Und Alan, ja, dass möchte Ethan gerne glauben, aber ich nicht wirklich geguckt. Es war mir egal, welcher Alan das war.” Der letzte Satz kam nicht wirklich überzeugend rüber.
Dann spricht sie sehr leise, kaum hörbar. “Woher willst du das wissen. Wir kennen uns doch eigentlich gar nicht. Und jetzt fange ich schon wieder von mir an.” Dann etwas lauter. “Verdammt.”
“Hast du eigentlich ein Foto von deiner Frau und deiner Tochter?”

“Schon gut. Mach dir keine Gedanken deswegen. Ich wollte dir nur die Situation erklären…” meint er leise, und winkt mit der rechten Ab. Leicht hebt er, beruhigend, fast entschuldigend seine Hand als sie vor ihm zurückschrickt, geht jedoch nicht genauer darauf ein, er weiß das es ihr nicht wohl wäre.
“Ich bin nicht hier um einen Monolog mit Zuhörer zu halten. Ich bin hier weil ich mich mit dir unterhalten Wollte, Emily.” meint er lächelnd, “Aber wir müssen uns nicht jetzt darüber unterhalten. Erzähl es mir, wenn du es möchtest.” er nimmt einen Schluck vom Wasser. “Du hast Yumiko gehen lassen, wie ich mir sicher bin mit aller Hilfe die du ihr bieten konntest, weil sie eine Jägerin war. Jede Jagd ist ein Risiko. Ich weigere mich zu glauben dass du die Dinge so hättest passieren lassen, wenn du geahnt hättest, oder in der Lage warst sie zu verhindern.” Dann mustert er sie, “Und das andere glaube ich dir nicht. Egal wie unsympathisch er dir war, egal wie wenig du ihn mochtest, du hättest ihn nie absichtlich verletzt. Ich weiß wie schwer es ist Ghoule von den Originalen zu unterscheiden. Außerdem warst du mit Sicherheit in einer Stressituation.” er schüttelt leicht den Kopf, ehe er bei ihrer Frage in ihre Augen blickt und leicht lächelt, “Ich jage Hexen. Sie sind Monster die in menschengestalt umher wandern. Ich habe Erfahrung darin, schlechte Menschen zu erkennen. Wenn ich in deine Augen blicke, sehe ich kein Monster.” erklärt er ihr leise und sanft. Nein, eine verletzte Junge Frau, doch das will er ihr nicht sagen.
Bei ihrer Frage greift er mit langsam Bewegungen an seinen Hals, öffnet eine kleine Goldkette, ehe er ihr ein Kruzifix mit einem Kreis reicht, wo sich die Balken treffen. Er öffnet das kleine Medaillon und zeigt ihr die beiden Bilder darin. Eine Junge Frau mit lachfältchen, vielleicht Mitte 20, schwarze Haare, intelligente Augen. Ein Mädchen, vielleicht fünf Jahre, wildes blondes Haar das gerade hochkonzentriert, mit gekrauster Stirn auf ein Märchenbuch starrt. “Da.” sagt er leise.

Sie nickt und meint dann “Irgendwann mal, wenn…wenn wir unter uns sind.” Und macht mit dem Kopf ein Bewegung Richtung Cafè übergeht seine Geste.. “Ich weiß, dass du kein Vortrag halten willst, ich meinte ja nur, dass meine Probleme warten können.” Sie zieht die Beine hoch und umschlingt sie mit den Armen, dass etwas seltsam wirkt auf dem Stuhl. “Naja, Yumiko und ich waren noch sehr jung, aber wenn ich meine Eltern was gesagt hätte.”Sie stockt kurz. “oder meinen Geschwistern. Wenn ich sie aufgehalten hätte. Ihr gesagt hätte sie solle nicht fortlaufen, nicht allein oder wenn ich mit ihr gegangen wäre.” Ihre Stimme wird leicht brüchig. Trinkt den letzten kleinen Schluck Wasser aus ihrem Glas. “Naja, dann wäre alles anders gekommen.”
Ihre Stimme wird stickig. “War er nicht, nicht wirklich. Ich meine klar, er hält mich wahrscheinlich für eine Kriminelle. Ein Straßenmädchen, was ja auch indirekt stimmt. Er glaubt wahrscheinlich ich bin keine Umgang für Ethan. Aber alles kein Grund ihm eine reinzuwürgen. Er stand plötzlich vor mir und ich habe einfach zu getreten. Ich jage schon seit meinem 11. Lebensjahr. Ich sollte den Unterschied kennen. ” Sie schließt die Augen. atmet tief durch. “Es ist gut zu hören. Irgendwann wirst du verstehen warum.”
Sie schaut sich die Bilder an und lächelt. Ihre Augen ruhen eine ganze Weile auf dem Medaillon, schaut danach hoch in seine. “Hübsch. Deine kleine war…ist niedlich.”

“Ich verstehe.” meint er nur mit einem Nicken in ihre Richtung. Ihre Erzählung hat Zeit. Und er kann verstehen dass sie sich einen privaten Raum wünscht um so ein Thema zu klären. Ehrlich gesagt, nagt ihr Anblick an ihm. Wäre dort Julie gesessen, so zusammengekrümmt, hätte er sie in die Arme genommen, doch sie scheint nicht gut auf Berührungen zu reagieren. “Das war nichtsdestotrotz nie deine Entscheidung. Es war ihre Sache, damals und heute.” Stellt er, mit etwas eindringlicher Stimme, fest. “Und du hast mir erzählt das ihre Familie auch jagte. Es könnte genauso gut sein, dass Yumiko schon vor Jahren gestorben wäre. Und sie ist noch nicht tot. Ich verspreche dir, dass ich mich bemühe ihr zu helfen.” erklärt er, jetzt wieder sanfter.
“Also ist es genauso wie ich es dir gesagt habe. Es war ein Reflex. Du hattest Angst und sei es nur eine körperliche Reaktion. Es war gefährlich, plötzlich war er da und du hast zugeschlagen. Reflexe lassen sich kaum kontrollieren. Du darfst dich deswegen nicht zerfleischen, das hätte genauso gut mir passieren können.” Dann fixiert er sie, “Und das du schon so lange jagst, heisst keineswegs dass du keine Fehler machen darfst. Es heisst, dass es bewundernswert ist, dass dir keine schlimmeren Fehler unterlaufen sind. Das es ein Wunder ist dass du noch lebst und so eine gute Person geblieben bist.”

“Kann sein.” Sie erhebt sich. “Entschuldige mich einen Moment.” Dann geht sie zur Damentoilette. Vergewissert sich, dass sie alleine ist und stellt sich vor den Spiegel und spricht mit sich selbst “Hör auf so rührselig zu sein. Was versprichst du dir davon. Davon wird auch nicht alles gut. Reiß dich verdammt nochmal zusammen. Er ist ein Jäger, so wie die anderen auch.” Dann lässt sie kaltes Wasser über ihr Gesicht fließen, trocknet sich ab und geht wieder zu Bart an den Tisch. Er bemerkt, dass einige Haare rund um ihr Gesicht etwas naß sind. Unterwegs pfeift sie noch eine Bedienung an, ihr einen frischen Kaffee zu bringen.
Sie lässt sich locker, aber vernünftig auf den Stuhl fallen. Seufzt einmal und blickt wieder Richtung Bart sie lächelt kurz und sagt dann ernst aber nicht unhöflich “Mir dürfen diesen Fehler nicht passieren, wenn ich, wenn wir Fehler machen, dann sterben Menschen. Jeder Schritt muss wohl überlegt werden. Ich mache Ethan kein Vorwurf, aber Alan hätte nicht dort sein dürfen.”
Die Bedienung bringt ihr den frischen Kaffee. Emily wartet bis die Bedienung gegangen ist.
Dann schaut sie ihn verschmitzt an, lacht ein wenig“Du hältst mich für eine guten Menschen. Ich hoffe, du hast recht, ich bezweifel, dass manchmal.”
Sie beendet den Satz in Gedanken Du wirst sehen, wie recht du hast Bart. Es gleicht einem Wunder.
Sie wirkt jetzt wieder gefasster, nicht so zerbrechlich wie zuvor. Aber sie scheint die Anspannung komplett gelöst zu haben.

Er nickt ihr nur leicht zu, sie könnte schwören dass der Ausdruck in seinen Augen etwas traurig ist, lässt sie gehen und macht es sich bequem während er auf sie wartet, nippt langsam an seinem Glas Wasser.
Als sie wiederkommt lächelt er immer noch, erfreut und sanft. Sie hätte auch davonlaufen können, es gibt genug Leute die so etwas tun wenn sie unter Druck stehen, sie wäre nicht die Erste. Er lauscht ihren Worten… Und nickt, “Es darf nicht passieren. Damit hast du völlig recht. Aber das tut es. Die Leute die dadurch zu schaden kommen sind genauso Opfer der Monster wie diejenigen die von ihnen getötet werden. In Vielen Fällen geben sie sich sogar Mühe es so einzurichten. Und ich bin mir nicht sicher ob das nicht auch mit ein Teil dieser Situation war. Und er hätte nicht dort sein dürfen. Soweit ich weiß, trägt er einen Teil der Schuld.”
Als er ihr lachen hört, den verschmitzten Ausdruck in ihrem Gesicht, lächelt er selbst erfreut. Er sieht sie viel lieber so. “Das geht mit dem Job einher. Aber ich bin mir sicher.” bestätigt er ihr leise.

Sie trinkt einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse und stellt sie vor sich ab. Sie hört ihn zu kommentiert es nicht weiter. Plötzlich lehnt sie sich ein wenig nach vorne zu ihm rüber. “Du sag mal, wenn dir, dass zu nah geht oder zu persönlich ist, sag es ruhig, aber hast du schon andere Frauen nach deiner Ehefrau gehabt.” Sie blickt ihn forschend und neugierig an.

Er lächelt nur weiter freundlich, drängt sie auch nicht dazu zu sprechen, sitzt einfach nur da, lässt seinen Blick schweifen, betrachtet sie ab und zu. Beinahe erschreckt sie ihn als so plötzlich leben in die Frau kommt, nur damit sich seine Augenbrauen heben. Das muss er erst kurz verdauen, denkt nach was er sagen will, “Nein. Seit dem hatte ich keine Beziehung mehr.” antwortet er ihr.

Sie wirkt etwas enttäuscht, als hätte sie eine andere Antwort erhofft. Dann nickt sie ihm zustimmend zu und lehnt sich wieder etwas zurück. Scheint ein neues Thema zu suchen. Überlegt eine ganze Weile, dann erhellt sich ihr Gesicht wieder. Hofft ein Thema gefunden zu haben, welches Bart interessiert. Sie wollte kein SmallTalk halten, da war sie noch nicht gut drin. Schließlich fragt sie ihn “Du weißt doch sicher fast alles über Hexen oder? Ich meine du kennst dich doch so richtig gut da drin aus? Ich meine, dass ist quasi fast Neuland für mich. Hexen sind nicht so meine Thema, wenn du verstehst was ich meine. Kannst du mir vielleicht alles sagen, was du darüber weißt?”

Er runzelt kaum merklich die Stirne, als sie so enttäuscht wirkt. Er kennt zwar den Grund nicht für die Frage, aber das sie dann enttäuscht reagiert, irritiert ihn noch einmal etwas mehr. “Wenn du irgendwelche Fragen hast… Nunja, stell sie ruhig. Vielleicht kann ich dir trotzdem helfen?” schlägt er vor, er kann ja nicht in ihren Kopf schauen.
“Ich weiß viel über Hexen und die Hexenkunst, das ist richtig. Ich kann dir davon erzählen, oder dir Lektüre geben, wenn du möchtest.” meint er zu ihr, “Im Großen und ganzen hat jede Hexe ein Vertrautentier, dass sie auch vor dem altern bewahrt und sie verwenden gerne Kräuter bei ihren Ritualen.” Leicht schnalzt er mit der Zunge, “Im Großen und ganzen hören die Ähnlichkeiten da auf. Manche von ihnen gehen lieber vorsichtig und versteckt vor, andere Werfen Feuerbälle. Manche mögen Fallen, andere beschwören jenseitige Wesen um ihr Zuhause zu schützen.”

Sie scheint einen Moment über seine Worte nachzudenken, bis sie ihm Antwortet. “Nun ja, es gab da diesen Jungen, den ich sehr mochte und er starb.” Sie schluckt, als hätte sie die Worte lange nicht mehr laut gesagt. “Und Ethan, du weißt um Ethans Problem oder? Ich hatte gehofft, wenn mir jemand sagen würde, es wird wieder. Dann…” sie bricht ab, sieht Bart mit traurigen Augen an und eine einzelne Träne rinnt über ihre Wange. Sie wischt mit dem Handrücken die Träne weg. Trinkt wieder einen Schluck von ihrem Kaffee und zuppelt an ihren Haaren herum.
Sie scheint sich, aber wieder zu fangen und sagt zu ihm. “Eine Lektüre wäre vielleicht für den Anfang gut.” und lächelt dabei. “Mit dem Vertrautentier habe ich auch schon mitbekommen, damit kann man sehr alte Hexen wohl auch töten. Aber ich glaube ein Buch oder sowas würde mir für den Anfang schon helfen.”

Sein lächeln schwindet einen kurzen Moment als er sieht wie traurig sie wird, sein Herz wird schwer als er sieht wie ihre Augen feucht werden. Er hört ihr zu, seufzt kaum hörbar, ehe er über den Tisch greift, sanft dieses Mal ihre Hand festhält, blickt ihr in die Augen. “Es wird nicht besser, aber… Es tut weniger weh mit der Zeit. Man gewöhnt sich daran. Es ist nicht möglich einen Menschen zu vergessen den man geliebt hat, aber man kann lernen andere Leute zu lieben. Wenn du die richtige Person kennenlernst, wird sich das von selbst nach und nach ergeben, da bin ich mir sicher.” Seine Stimme ist sanft, aber fest, lässt sie gehen als er fertig geredet hat.
Einen kurzen Moment schweigt er, ehe er antwortet, “Ich kann dir ein Buch geben, es sollte dir die grundlegendsten Dinge erklären oder bestätigen. Es handelt sich um ein weniger Mythendurchzogenes Werk der Kirche. Keine Sorge, es ist nicht zu religiös gehalten.”

Als er ihre Hand sanft festhält, kneift sie ihre Augen zusammen, kämpft gegen den Drang an sie wegzuziehen. Ihr Atmen wird schneller, alles in ihr schreit, diese Berührung nicht zuzulassen. Nach einer Weile, für Emily fühlen sich die paar Sekunden wie Stunden an. blinzelt sie und sieht immer noch Bart vor sich. Ihr Atmen ist ruhiger geworden, geht aber noch schneller als zuvor. Hört seine Worte und unterdrückt weiter die Panik. “Hm, aber ich glaube, dass will ich nicht. Ich meine, mich nochmal verlieben.” Als er seine Hand zurückzieht, ruht ihre noch für einen Moment auf den Tisch.Dann schaut sie sich um, kneift sich unterm Tisch ins Bein, verzieht dabei kurz das Gesicht.
Dann nickt sie Bart zu. “Wenn es wirklich kein “religiöses” Buch ist, also im herkömmlichen Sinne, wäre ich dir sehr dankbar. Das wäre für mich zumindest ein Anfang. Es scheint ja sehr viele Hexen zu geben, vielleicht sollte ich mich damit auseinandersetzen.”

Mitleidig betrachtet er sie, als sie schließlich ihre Hand zurückzieht. Er lauscht ihrer Antwort, nickt leicht, etwas nachdenklich, ehe er ihr leise antwortet, “Ich kann dich verstehen. Das ist… Zumindest zum Teil deine Entscheidung, aber ein Teil davon hängt auch vom Zufall ab.” meint er, dieses mal mit einem leichten lächeln, ehe er zu ihrer Hand schaut, “Es tut mir Leid. Ich… wollte dir keine solchen unannehmlichkeiten bereiten.” erklärt er ihr sanft, auch wenn ihre Manierismen ihn leicht überraschen.
“Es ist keine Bibel. Nein.” antwortet er ihr mit einem schmunzeln, “Ich kann es dir ausleihen, keine Sorge. Es ist etwas älter, aber nicht all zu leicht zu beschädigen.”

Es huscht ein lächeln über ihr Gesicht und schüttelt dabei energisch den Kopf. “Nein, ich überlasse sowas nicht dem Zufall.” Sie schaut sich ebenfalls ihr Hand an und danach seine. Etwas zögerlich spricht sie. “Schon oki. Es ist nur.” Schweigt einen Augenblick. “Schon gut, macht nichts.”
Dann grinst sie ihn breit an. “Ok, Ich hätte jetzt auch nicht erwartet, dass du mir die Bibel in die Hand drückst. Ich werde auf das Buch aufpassen wie, wie auf mein Augapfel.”
Sie blickt nochmal durch das Fenster nach draußen. “Wie lange wirst du hier sein, gehst du Ethan nochmal besuchen oder musst du bald wieder zurück?”

Er muss selbst lächeln, senkt kurz seinen Blick, “Ich weiß was du meinst. Ich überlasse solche Dinge auch nicht gerne dem Zufall.” sein lächeln wird einen kurzen Moment noch etwas wärmer, “Aber ich habe mich auch nicht dazu entschieden mich in meine Frau zu verlieben.” meint er sanft.
Einen längeren Moment mustert er sie, ehe er langsam nickt, “Gut.” er lächelt sie an, legt seine Hand zurück auf den Tisch. Es freut ihn, das sie es ihm nicht übel nimmt, denkt darüber nach was wohl diesen schrecken vor körperlichem Kontakt bei ihr hervorgerufen hat, ist aber froh darum das sie zumindest Willens scheint, diese Situation zu konfrontieren. “Ich denke ich werde noch eine Weile hier bleiben. Ich habe es nicht eilig an einen anderen Ort zu fahren, das hier ist recht zentral, ich fahre weiter wenn ich von irgendwelchen Vorkommnissen hier in der Nähe höre. Das ist einer der Vorteile daran in einem Wohnmobil zu wohnen.” erklärt er.

Sie legt ihren Kopf etwas schräg. “Und wie ist es dann dazu gekommen? Warum hast du dich für diesen Schritt entschieden.” Sie scheint kurz über ihre nächsten Worte nachzudenken. “Ich…..ich war damals eine andere.”
Auf einmal wechselt sie das Thema. “Hast du keinen normalen Job wie die anderen älteren Jäger.” Sie überlegt kurz, bis ihr einfällt, dass Ethan gar nicht so alt ist. Verbessert sich aber nicht.
“Aber ich gebe dir Recht, dass mit deinem Wohnmobil ist wirklich praktisch. Hast wahrscheinlich immer alles dabei was du brauchst. Ich mag es ja nicht lange an einem Ort zu bleiben. Außerdem wird es doch langweilig, so an einem Ort.”
Sie schaut ihn im ins Gesicht, dann schielt sie auf seine Hand und blickt ihn wieder ins Gesicht. Scheint sich in ihren Gedanken zu verlieren.
Irgendwas reißt sie wieder aus ihren Gedanken raus. “Oki, ich werde mit dir zusammenarbeiten und wir schauen, wie es läuft.” Sie klingt ein bisschen unsicher.

Er lächelt leicht, scheint kurz zu überlegen, ehe er es ihr erzählt, “Ich bin meiner Frau während meines Studiums begegnet, wir haben zusammengearbeitet und… Alles hat sich ergeben. Ich habe sie nach Abschluss meines Studiums geheiratet und nach ein paar Monaten wurde sie schwanger.” leicht zuckt er mit den Schultern. Er nickt nur leicht, “Das waren wir alle.” antwortet er ihr leise.
Kaum merklich muss er schmunzeln, “Nein, ich… Arbeite nicht.” erklärt er leise. “Ich… hatte damals das Anwesen meines Vaters und seine Wertpapiere geerbt. Dann war die Sache mit meinem Laden, ich… Ich habe eine signifikante Summe ausgezahlt bekommen und ich brauche nicht viel.
Bart nickt leicht, “Es ist auch sonst nützlich, als Jäger. Ich kann alles darin transportieren das ich brauche und wenn ich mit anderen Jägern unterwegs bin, kann ich sie im Wohnraum unterbringen und unter umständen können sie sogar etwas schlafen. Verletzte können sich hinlegen. Es kann langweilig werden an einem Ort, aber… Es kommt drauf an, welcher Ort und wer dort ist.” Ihren Blick erwidert er, nur um zu schmunzeln, als sie ganz plötzlich zu einer Entscheidung kommt. “In Ordnung. Nur zu gerne.” antwortet er ihr.

Sie schaut ihn traurig an. “Es tut mir leid, für dich dass du so aus deinem Leben gerissen wurdest und alles verloren hast….Das du jetzt Jagen musst.”
Ihr blick geht für einen Moment wieder zu seiner Hand, bevor sie Bart wieder direkt anblickt. Sie legt vorsichtig ihre Hand ebenfalls auf den Tisch, aber mit etwas Abstand zu seiner Hand. Auf einmal lächelt sie ihn breit an “Das heißt du bist stinkreich´?” Sie flüster als wolle sie, dass es keiner mitkriegt.
Jetzt spricht sie wieder in normaler lautstärke. “Aber dennoch sehr auffällig oder?…Ich weiß nicht, für mich spielt das eigentlich keine Rolle. Ich mache meinen Job und ziehe dann weiter. So ist das leben.” Sie schweigt einen Moment “Jetzt”.
Nach einer Weile “Warum schmunzelst du? Es ist nur ein Versuch.” Dabei schaut sie vor sich auf den Tisch und ihrer Tasse in dem noch ein schluck Kaffee ist, der mit Sicherheit jetzt kalt geworden ist.

Er lächelt nur als sie ihm den traurigen Blick zuwirft. “Schon in Ordnung, ich… Bin nur froh das meine Tochter noch lebt.” meint er leise und beendet das Thema damit.
Aufmunternd, lächelt er ihr zu, als sie ihre Hand in der nähe seiner auf den Tisch legt, ehe er seine Hand ein kleines Stück bewegt, so dass seine Fingerspitze ihre berührt. Sie tut ihm leid, dass selbst der Gedanke an eine Berührung sie schon leicht schreckt. “Wenn man so will, ja. Das meiste Geld ist fest angelegt, damit es mir nicht ausgeht, ich lebe von dem was sich an Zinsen und Dividenden ergibt. Mein Onkel kümmert sich um das meiste finanzielle.” erklärt er ihr, nicht ohne zu schmunzeln ob ihres Tonfalls.
“Ich bin ja recht ähnlich unterwegs wie du. Deswegen spielt es für mich auch nicht all zu sehr eine Rolle, aber ja, wenn man unauffälligkeit will, oder die Möglichkeit schnell zu flüchten ist das wohl eher kontraproduktiv.” stimmt er ihr zu, “Aber man kann den Wagen auch etwas weiter entfernt vom Einsatzgebiet abstellen, das geht auch.”
Beinahe hätte er gelacht, jedoch sieht er ihr an dass ihr die ganze nicht ganz wohl ist, deswegen schweigt er nur, bis auf ein leises, “Natürlich.” ehe er einen Schluck von seinem Wasser nimmt.

Sie lässt ihre Hand dort liegen, obwohl er ihre Finger nur leicht berührt, bleibt sie ruhig dabei. Ihr Atem beschleunigt sich etwas, doch die Hand bleibt ganz ruhig liegen.
Sie nickt zustimmend. “Abgemacht.”
Sie beißt sich auf die Unterlippe scheint darüber nachzudenken. Schaut sich immer mal im Café um, als würde etwas schreckliches passieren.
Sie hält den Atmen an und greift seine Hand, drückt leicht zu als wäre es ein Zustimmung und lässt sie dann auf seiner liegen.
Stößt ein leises kaum hörbares seufzen aus. Blickt sich noch einige Male um, zieht die an Hand wieder weg und legt beide Hände auf ihrem Schoß. Dann schaut sie ihn wieder an “Und jetzt? Willst du noch zu Ethan?” Sie schaut auf die Uhr an der Wand, überlegt wieviel Zeit schon vergangen war, aber eigentlich ist es ihr auch nicht wichtig. Ein oder zwei Tage wird sie hier in Vermont wohl noch aushalten.

Leicht nickt er ihr beruhigend zu, als sie tief durchatmet, aber bei der Berührung ruhig bleibt. Zum einen tut sie ihm Leid, zum anderen wäre eine so ausgeprägte Phobie davor berührt zu werden, womöglich während der Jagd eine Gefahr. Beinahe wirkt er etwas überrascht als sie seine Hand ergreift, hält diese jedoch still damit sie sich an das Gefühl gewöhnen kann, Er sagt nichts als sie nach einigen Momenten ihre Hand wieder weg zieht, lächelt nur kurz, ehe er nach seinem Glas greift als wäre nichts passiert. “Ich überlasse es dir. Wenn du mitkommen möchtest oder noch etwas zu tun hast, gehe ich ihn besuchen. Ansonsten… Wenn du möchtest können wir zu meinem Wagen gehen und ich gebe dir das Buch?”

Sie erhebt sich ohne Worte, zieht einige Dollar aus der Tasche und wirft diese auf den Tisch. Sie wartet bis Bart sich auch erhebt. “Gut, gehen wir zu deinem Auto. Ich…..ich habe tatsächlich hier noch ein zwei Sachen zu erledigen. Danach können wir alles weiter besprechen.” Dann geht sie Richtung Ausgang und zu Barts Wohnmobil.

Bart steht selbst auf, greift in seine Tasche und bezahlt seine eigene Zeche. Dann richtet er seine Kleider, übermäßig warm ist es draussen ja nicht, trinkt sein Wasser aus, ehe er ihr hinterher spaziert zu seinem Wohnmobil. Im Inneren ist es zumindest etwas wärmer als draussen, deutet ihr sie solle es sich bequem machen und macht sich daran im Inneren seines Wagens das Buch ausfindig zu machen, eine Art moderner, englischer Hexenhammer, zusammengestellt aus älteren Papieren von ihm und zwei anderen Jägern. Er setzt sich neben sie und geht mit ihr zusammen die erste Seiten des Buches durch, beantwortet ein paar Fragen, bis es schließlich spät wird.

Sie setzt sich auf die Bank des Wohnmobils, ihre Jacke locker über ihren Schoß gelegt, schaut Bart beim suchen zu. Als er das Buch gefunden hat und sich neben sie setzt, macht sie ein wenig Platz und achtet genau darauf, dass die beiden sich nicht berühren. Sie hört aufmerksam zu, was Bart ihr erzählt. Stellt mal hier und da eine Frage zum Thema. Nachdem alles wichtige gesagt wurde, schaut sie ihn an, lächelt “Danke.” Sie steckt das Buch in ihrer Tasche. “Es ist schon spät, ich sollte gehen.” mit diesen Worten erhebt sie sich, zieht ihren Mantel an und geht zur Tür des Wohnmobils. Dreht sich nochmal um und nickt Bart mit einem lächeln zu. "Ich melde mich, wenn ich hier fertig bin.” Dann geht sie raus in die Kälte.

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Von Ghulen und Hexen

Ich war gerade in irgendeinen Diner in der Nähe von Stockbridge (Massachusetts) und blätterte die Nachrichten durch. Nachdem ich am morgen von Ethan aufgebrochen war.

Es tat schon gut sich mal auszusprechen,
auch wenn ich nicht genau wusste warum ich ausgerechnet zu Ethan gefahren war.
Eigentlich kannten wir uns gar nicht und ich wusste nicht, ob er nur höflich war,
aber es schien ehrliches Interesse zu sein wie es mir ging.

Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ich stieß über mehrere Zeitungsberichte an verschiedenen Tagen. Einer handelte von einem grausigen Fund, wobei Kanalarbeiter Plastiksäcke mit Knochenteilen gefunden hatten, ob es menschliche Knochen waren, wurde nicht gesagt. Der zweite von einem Polizeibeamten Gale der ein Interview gab, aber dabei keinerlei Angaben machte.

Ob das Ethans Bruder war? Ethan hatte erwähnt,
dass er Polizist ist. Aber war das in NY?

Der dritte Bericht der meine Aufmerksamkeit auf sich zog, schien auf dem ersten Blick nichts mit den anderen Zeitungsberichten zu tun zu haben, aber wer glaubt schon an Zufälle. Es ging um Selbstmorde. Man nannte sie die Rumpelstilzchen-Selbstmorde. Ein aufstrebender Börsenmakler schlug sich selbst den Schädel ein, zwei Wochen später schlug ein 23 jähriger Brocker, Hamish M., sich vor Wut den Kopf an einer Skulptur zu Brei. Ein drittes Opfer soll es auch gegeben haben, der auf ähnliche Weise umkam.

Ich studierte die Berichte nochmals und machte mich dann auf dem Weg nach Hell`s Kitchen. In einem Starbucks wollte ich mich erst einmal aufwärmen, bevor ich mit meinen Nachforschungen anfing. Der Laden war sehr voll, also ging ich nach hinten durch und sah Cal an einem Tisch sitzen und mit einer Angestellten diskutieren. Den hatte ich hier nicht erwartet, aber in Baltimore hatten wir ziemlich gut zusammengearbeitet. Ich ging auf ihn zu und er bot mir einen Stuhl an. Er sagte mir, dass er auch gerade erst angekommen sei und noch nichts herausgefunden hatte. Plötzlich stand Ethan bei uns am Tisch. Er schien den den Bericht über oder besser mit seinem Bruder gar nicht gelesen zu haben und war von der Uni geschickt worden.

Vielleicht sollte ich den Dekan mal einen Besuch abstatten.
Aber nein, der hatte ja eigentlich auch keine Schuld.
Ich hatte schon vor lange Zeit aufgegeben ihnen allen die Schuld zu geben, außer mir.
Das tat jetzt auch nichts zur Sache.

Jetzt wo wir schonmal alle hier waren, konnten wir auch der Sache gemeinsam auf dem Grund gehen.

Wir gingen nach draußen, die Fundstelle war in der Nähe in einer Seitenstraße. Wir ignorierten das Absperrband der Polizei und gingen zu dem noch offenen Loch. Die Plastiksäcke schienen in einer Art Tunnel oder Kanalisationsrohr gestopft worden zu sein. Wir schauten uns dort eine Weile um, konnten aber nichts weiter entdecken. Wir überlegten kurz was wir als nächstes tun sollten, also schlug ich vor uns aufzuteilen. Ethan sollte in die Gerichtsmedizin gehen und Cal und ich zur Polizei. Cal meinte aber, dass es keine gute Idee sei, schließlich hatten wir es hier nicht mit Dorfpolizisten zu tun und da musste ich ihm recht geben. Es war immerhin NY und kein kleines Kaff mit einem faulem Sheriff. Also sollte Ethan mit seinem Bruder sprechen, von dem er mittlerweile durch Cal und mich erfuhr, dass er wegen den Knochen interviewt wurde. Ethan wollte nicht, dass hatte er mehrmals zum Ausdruck gebracht, aber es blieb ihm keine Wahl, wenn wir von der Polizei Auskünfte wollten. Also machte Ethan sich auf zum Revier, um mit seinen Bruder zu sprechen. Der war anscheinend nicht so begeistert, aber bereit mit Ethan zu reden.

Ich konnte nur ahnen, was Ethan jetzt durch machte.
Mit seinem Bruder reden, war sicher nicht leicht für ihn.

Cal und ich wollten in der Zwischenzeit mit der Gerichtsmedizinerin sprechen und waren daher ins nahegelegene Krankenhaus gefahren, um uns dort in der Pathologie die Knochen anzusehen. Wir gaben uns also Reporter eines New Yorker Käseblatts aus. Die Pathologin wollte uns eigentlich keine Auskunft geben, aber für 150$ durften wir doch mal ein Blick auf die Knochen werfen. Es waren insgesamt Knochen von 5 verschiedenen Leichen, aber keiner der Körper vollständig. Überall fehlten die Schädel, ansonsten waren es immer unterschiedliche Knochenfragmente die fehlten. Es konnte bisher nur eine Person identifiziert werde und auch nur, weil diese Person zahlreiche Knochenbrüche aufwieß. Sie kam wohl aus einer gewalttätigen Familie. Das Opfer hieß Monica Rivers und war 19 Jahre.

So alt wie ich damals, ob man sie vermisst hat.
Hatte man mich vermisst? Wahrscheinlich und doch konnte ich nicht nach Hause gehen.

Die anderen Leichen konnten nicht identifiziert werden, ohne Schädeln und Zähnen. Nicht einmal die ethnische Zugehörigkeit war zu bestimmen. An den Knochen waren zum Teil Bissspuren zu sehen, sie waren zwar größtenteils gesäubert worden, aber man konnte erkennen, dass es kein Tier war.

Nachdem wir nichts weiter aus der Pathologin raus bekamen, fuhren wir erstmal wieder zum Dinner, um uns dort mit Ethan zu treffen und zu hören, was er bei seinem Bruder erreicht hatte. Er erzählte uns, dass Alan als erster am Tatort war und er eines der Opfer kannte. Alan gab Ethan eine Adresse von einem Jugendzentrum, er sollte sich mit der zuständigen Sozialarbeiterin unterhalten. Höchstwahrscheinlich war Monica Rivers das Opfer, welches er kannte, von den anderen kannte man die Identität ja nicht.

Also fuhren wir zum Jugendzentrum, wo sich die junge Sozialarbeiterin aufhalten sollte. Ihr Name war Jessie Macklin. Jessie arbeitete in einem Jugendzentrum nahe des Witt-Clinton-Parks. Sie war noch eine sehr ambitionierte und idealistische Sozialarbeiterin. Sie schien sehr skeptisch zu sein und ließ sich erst einmal einen Kaffee ausgeben. Danach war sie gewillt zumindest mit uns zu reden. Allein die Erwähnung von Ethans Bruder Alan stimmte sie milder und erzählte uns von Monica. Sie erzählte, dass Monica aus einer ganz üblen Familie kam, daher die ganzen Verletzungen und Brüche. Monica wollte wohl an den Broadway. Sie schaute in den Raum und meinte, dass viel der Jugendlichen da hin wollten. Sie deutete auf ein junges Mädchen und sagte, dass das Jenny war. Sie war Monicas beste Freundin, sie würde uns mehr sagen können.

Jenny war ein junges, naives Mädchen und sie schien auf irgendwelchen Drogen zu sein. Von Jenny erfuhren wir, dass Monica tatsächlich ihre beste Freundin war und sie vor einer Weile festgestellt hatte, dass sie im falschen Körper lebte. Sie wollten gemeinsam Erkundigungen einholen wegen einer Geschlechtsumwandlung und einer Hormontherapie. Soweit war es aber nicht gekommen, sie war mit Officer Gale weggegangen und als sie wieder auftauchte wollte sie nach Los Angeles gehen um Schauspielerin zu werden. Jenny erzählte weiter, dass Monica nichts mehr von ihren gemeinsamen Plan wissen wollte und sie das alleine machen müsse. Es war irgendwie, als habe sie gar nicht gewusst, um was es dabei ging.
Jenny schwärmte noch ein bisschen für Officer Gale. Es mischte sich noch ein Jugendlicher ein, sein Name war Josh und er meinte, dass mit dem Officer irgendetwas nicht stimme.

Ob er wohl Ähnlichkeit mit Ethan hat.

Jenny sagte Josh hätte unrecht, dass mit dem Officer etwas nicht stimmt. Cal wollte mit Josh zu sprechen und ging zu ihm rüber. Josh versuchte gegenüber Cal rum zu posen, dass aber Cal völlig kalt ließ. Dann erzählte Josh, dass Officer Gale öfter Leute aus dem Jugendzentrum mitgenommen hatte und wenn sie wiederkamen seien sie verändert. Das war doch nicht normal und der Officer sei total gruselig. Ihm würde das nicht passieren, mit ihm konnte er nicht so umspringen, er würde sich wehren.

Außer Monica waren noch drei weitere Jugendliche mit Officer Gale mitgegangen und alle drei hatten sich hinterher seltsam verhalten, waren entweder zurück nach Hause gegangen oder in eine andere Stadt gezogen oder was auch immer. Aber Josh glaubte das nicht wirklich.
Jessie hackte da ein und versicherte uns, dass Officer Gale nichts damit zu tun hatte. Sie sagte, dass ihm die Kids hier am Herzen lagen, genauso wie ihr auch. Ich hatte ja den Verdacht, dass sie ein Paar waren oder zumindest Jessie was von ihm wollte.
Erst jetzt schien ihr aufzufallen, dass sie unseren Namen noch nicht kannte und wollte diese von uns wissen. Ethan stellte sich mit seinem Vornamen vor und den schien Jessie etwas zu sagen und fragte Ethan, ob Alan sein Bruder sei. Ethan bestätigte dies, dass wiederum ließ Jessie misstrauischer werden. Er müsste doch am besten wissen, wie dass mit verschwunden Jugendlichen war. Ethan nickte. Ich merkte an, dass es mich wunderte, dass Alan soviel über sein Privatleben erzählte. Da blaffte Jessie mich an, dass er das hat und sie ihm schließlich auch aus ihrem Privatleben erzählte.

Danach ging ich nochmal zu Jenny und gab ihr meine Telefonnummer und etwas Geld. Ich bat sie mich anzurufen sollte sich Alan melden oder sich mit ihr treffen wollen. Jenny gab mir gleich zu verstehen, dass sie aber keinen Dreier machen wollte. Ich versicherte ihr, dass mir nichts ferner liegt. Aber ich dringend mit ihm sprechen müsste und sie beide danach alleine lassen würde. Dies stimmte Jenny milde und versicherte mir mich anzurufen.

Was glaubt sie denn? Erstens kenn ich diesen Alan gar nicht.
Geschweige denn, dass er Ethans Bruder ist und abgesehen davon,
dass es mir unmöglich erscheint irgendwen anzufassen.

Als wir wieder draußen waren hatte ich meine Vermutung geäußert, dass sich das ganz nach einem Shapeshifter oder Ghul anhörte. Ethans Gesichtsausdruck konnte ich entnehmen, dass er wusste, was das für Alan bedeutete. Ethan wollte, nein, musste nochmal mit Alan sprechen. Wir fuhren gemeinsam zum Revier und warteten bis Alan Feierabend hatte. Cal und ich warteten im Wagen und Ethan stieg aus und ging auf Alan zu. Ethan sprach Alan auf Joshs Aussage an und bekam eine ehrliche Antwort. Alan schien aber nicht so begeistert zu sein, von Ethan erneuten auftauchen, aber Ethan war sich ziemlich sicher, dass er kein Ghul war.
Alan fragte Ethan, ob er ernsthaft glaubte, dass er damit zu tun hatte und Ethan verneinte, gab aber zu bedenken, dass es ein Doppelgänger oder Böser Zwilling sein könnte. Cal und ich bekamen im Auto nicht alles mit, aber irgendwie haben die Gesichtsausdrücken Bände geschrieben. Alan lachte auf einmal auf, sagte wohl was abwertendes, ging zu seinem Auto und fuhr weg. Ethan kam wieder zu uns und setzte sich ins Auto.

Ethan erzählte uns, dass Alan keine sichtbaren Verletzungen hatte, aber zu Weihnachten trug er einen Verband um den Arm. Möglicherweise war es ja doch ein Ghul, da es ja reicht, wenn dieser ein Stück von seinem Opfer gefressen hat, aber wenn der Ghul als Alan und Alan auch noch als er selbst rumläuft, war die Gefahr groß, dass der Ghul den echten Alan zur Sicherheit doch noch töten würde. Ethan wollte zu Alan, um diesen zu warnen. Er wollte seine Familie da raus lassen, aber Cal meinte, dass es in diesem Fall besser wäre, wenn er Alan einweihte.

Also fuhren wir zu Alan nach Hause, wurden aber unterwegs von einem Typen im Anzug und Krawatte aufgehalten, der plötzlich auf die Straße sprang und seinen Schädel, an Ethans Auto, mit dem wir unterwegs waren, einschlagen wollte. Ethan schaffte es auszuweichen ohne einen weiteren Unfall zu verursachen. Cal und ich sprangen aus den Fahrzeug, Ethan kam hinterher und zusammen konnten wir den Typen einigermaßen festhalten. Die Umstehenden riefen bereits den Notruf und der Rettungswagen brauchte nicht lange und nahmen den Mann mit. Für Cal und Ethan hat er unglaublich kompetent gewirkt. Ein perfekte Kandidat für Cals Militärgruppe oder für Ethans Hausmeisterei bei Bones Gate. Für mich machte der Anzugträger weder einen besonders kräftigen, noch Gewandten Eindruck. Er roch irgendwie sehr unangenehm und besonders toll kam er mir auch nicht vor. Cal sah auf einmal eine alte Bekannte und Tochter seines Mentors wie ich später erfuhr. Sie kam auf uns zu und schien erstaunt, dass Cal am leben war. Sie stellte sich als Sofia Pacelli vor. Cal fragte nach seinem alten Mentor und erfuhr dass er bereits im letzten Herbst gestorben sei. Cal schien ehrlich betroffen und fragte nach irgendwelchen Geistern die seinen Mentor verfolgt hatten, aber das schien nicht wirklich geklärt zu sein.

Sie selbst war wegen der Rumpelstilzchen-Selbstmorde hier. Sie hatte schon herausgefunden, dass Lindsay Carter was damit zu haben musste, Ms. Carter arbeitete als Life Coach und alle Selbstmörder waren bei ihr gewesen. Sofia hatte sich bereits eine Liste ihrer Mandanten besorgt und wollte mit einem auf der Liste sprechen, als dieser auf die Straße stürmte und vor unser Auto lief. Es schien aber einen langjährigen Kunden zu geben, dem es nach wie vor gut ging, mit diesem wollte Sofia auch noch sprechen. Sie fragte uns, ob wir mal die Carter unter die Lupe nehmen konnten, da sie nur Männer als Kunden annahm. Und Cal sah so aus, als ob er einen Life Coach brauchen konnte. Dann konnten wir auch gleich überprüfen, warum wir so unterschiedlich den Typen wahrgenommen hatten, ob es möglicherweise an irgendwelche Pheromone lag.

Cal sagte ihr, dass wir uns darum kümmern würden. Sofia gab Cal ihre Handynummer, da Cal wohl sein altes Handy oder die Sim weggeworfen hatte. Aber zuerst mussten wir uns um Alan kümmern, dass hatte für Ethan Priorität. Cal und ich waren Ethans Meinung. Für Alan war es nun doch gefährlicher als wir vermutet hatten.
Diesmal hatten wir Ethan nicht alleine zur Tür geschickt, sondern sind mitgegangen. Ethan klingelte und Alan öffnete direkt die Tür, als hatte er auf jemand anderes gewartet.
Der schaute uns irritiert an und wollte wissen was wir, nein was Ethan wollte. Ethan meinte er wollte offen und ehrlich mit ihm sprechen. Die Wahrheit sagen. Alan erwiderte nur, dass es mal was Neues war und das erste Mal wäre. Da Cal und ich dabei waren bat er uns nicht hinein, sondern holte seine Jacke. Wir gingen in ein kleines Café in der Nähe. Ethan bekam kaum ein Wort raus, es schien ihm gegenüber seinem Bruder noch schwer zu fallen als sonst. Doch auf einmal schienen die Worte einfach so aus seinem Mund zu purzeln. Ethan wollte von Alan wissen, ob ihn an Weihnachten etwas gebissen hatte, was Alan mit das gehe Ethan gar nichts an quittierte, doch dann wollte er wissen, woher Ethan das wusste.
Ethan sagte dazu nur, dass er den Verband sah. Alan wollte von Ethan wissen woher wusste, dass ihn etwas gebissen hatte. Denn ein paar Tage vor Weihnachten hatte ihn im De Witt-Clinton-Park eine alte obdachlose Frau angegriffen und gebissen, als er dachte, dass sie hilfe bräuchte. Sie hatte ihn richtig erwischt und ein Stück von Arm raus gebissen.
Cal und ich hatten uns bei den Gespräch zurückgehalte und ließen die beiden Brüder reden, aber es schien nicht so gut zu laufen. Alan schien Ethan für verrückt zu halten. Ethan versuchte Alan die Wahrheit zu sagen, was es nicht besser machte. Er erzählte von den Monster, welches ihn gejagt hat, weswegen er nicht nach Hause konnte. Dann mischte sich Cal noch ein und ich merkte Alan an, dass er uns für verrückt hielt, was ich ihm nicht verübeln konnte. Er stand auf und ging dann und wie hielten ihn nicht auf.

Ein Grund mehr nicht nach Hause zu gehen.
Abgesehen davon dass sie mich nicht da haben wollen.

Wir warten ein Moment und folgten ihm dann. Wir befürchteten, dass der Ghul immernoch Alan töten wollte. Alan stieg in sein Auto und fuhr los. Wir folgten ihm unauffällig. Er fuhr zum De Witt-Clinton.-Park und hielt an, es machte den Eindruck als würde er den Park observieren.
Ethan wirkte unschlüssig, bis mein Telefon ging. Es war Jenny aus dem Jugendzentrum. Sie sagte mir, dass sie sich jetzt mit Officer Gale traf und er sie zu einem Haus am Pier gebracht hatte. Es sei etwas gruselig, dann hörte ich Alans Stimme im Hintergrund der uns ruppig unterbrach. Plötzlich war das Gespräch weg. Panik stieg mir auf, dass junge Mädchen war alleine bei dem verdammten Ghul, der Pier war sehr lang und es gibt viele große Gebäude, wo sollten wir anfangen. Das rüttelt Ethan wach, er sprang aus dem Wagen und ging zu Alan rüber. Ethan wollte, dass er Jennys Handy orten ließ. Ich wusste nicht wie, aber Ethan schaffte es Alan zu überreden. Das Handy befand sich im Hudson River in der Nähe vom Hafen. Alan hatte beschlossen mitzukommen und wir hatten keine Zeit zu diskutieren.

Miese Idee, dass war eine ganz miese Idee.
So gut ich Ethan verstehen kann, aber seinen Bruder den er um alles in
der Welt vor dieser Welt schützen wollte sollte mit. Na wenn das mal gut ging.

Als wir dort ankamen, wo das Telefongespräch abgebrochen ist, standen wir vor einem Schlachthaus. Nachdem wir uns einen Überblick verschafft hatten, sahen wir drei Eingänge die in das Schlachthaus führten. Es gab vorne ein Rolltor für Lastwagen, einen Seiteneingang und eine Hintertür die wohl zum Wohnbereich führte. Ich holte meinen Bogen und Ethan sein Gewehr aus dem Auto. Ich hatte nicht darüber nachgedacht, dass Alan ein Polizist war und es eventuell Probleme mit irgendwelchen Lizenzen gab, aber daraus hatte ich mir auch nichts mehr gemacht seit meiner Rückkehr.

Cal übernahm den Seiteneingang, Ethan und Alan gingen durch das Rolltor und ich bin zum Hintereingang gegangen, welches tatsächlich zu einem Wohnbereich führt.

Ich bewegte mich langsam vorwärts, doch auf einmal kam einer der Ghule aus einem Zimmer gestürmt und griff mich an. Der Ghul sah genauso aus wie Alan. Er griff nach mir und warf mich gegen einen Schrank. Ich hörte sofort ein Knacken und wusste, dass ich mir mehrere Rippen gebrochen hatte. Ich rappelte mich schwer atmend auf und spürte bei jedem Atemzug das stechen. Ich zog mein Messer, welches ich immer im Stiefel hatte und warf es nach dem Alanghul traf aber nicht. Er kam wieder auf mich zu und schleuderte mich durch eine Tür in Richtung Schlachtraum. Ich war so orientierungslos, dass ich nicht bemerkte wie der echte Alan vor mir stand und trat direkt mit voller Wucht nach ihm, Alan flog rücklings in einen Fleischerhaken, der sich tief in seinen Rücken bohrte. Ethan stürzte direkt zu Alan, es tat mir in den Augenblick leid, als ich merkte, dass es nicht der Ghul war, aber jetzt war keine Zeit sich um die verletzten kümmern, nicht solange die Ghule noch lebten. Ich nahm mir dennoch einen kleinen Moment, um mir ein Überblick zu verschaffen. Jenny war auf einer Fleischbank gefesselt. Zwei weitere Ghule waren auch in den Raum.

Na Super. Eine Ghule Familie. Verdammte scheiße.
Drei verdammte Ghuls, einer ist schon schwer zu besiegen, aber drei.
Sie sind stark und unheimlich schnell. Dann habe ich Alan noch verletzt,
warum musste er auch mitkommen.

Einer der Ghule wollte gerade das Mädchen zerlegen und der andere ging auf Cal los. Cal beschloß trotz allem auf den der beim Mädchen war, um sie zu schützen. Der Ghul bei Cal, welcher aussah wie die alte Dame aus dem Park, schnappte sich Cal und warf ihn gegen die Wand, man hörte deutlich seine Rippen knacken.

Ethan kümmerte sich weiter um seinen Bruder und zog ihm den Haken aus den Rücken und stabilisierte ihn, ehe er ebenfalls auf die Ghule losging. Cal zog sich noch eine Gehirnerschütterung zu und Ethan brach sich den Arm bei dem weiteren Kampf. Doch als der erste Ghul endlich zu Boden ging, wollten die anderen beiden verschwinden. Cal jedoch erledigte den Alanghul mit einem Kopfschuss, was der echte Alan mit ansehen musste und der letzte Ghul, was wohl die Mutter war, wurde so rasend und ging auf Ethan los. Biss ihn kräftig in die Seite, bis wir sie schließlich auch erledigen konnten.

Ich gab den Ghulen den Rest indem in ihnen die Köpfe abschlug, mir war egal, ob Alan es mit ansah und dass er Polizist war. Es waren Monster und ich musste sicher gehen, dass sie nicht wieder kehrten. Die Ghule nahmen ihr altes Aussehen an, also kein Alan-Double mehr.

Jenny blutete stark und war hysterisch, aber am Leben. Die Kleine tat mir leid, davon würde sie sich wahrscheinlich nicht wieder erholen. Cal versorgte das Mädchen, ohne ihre Fesseln zu lösen.

Alan war schwer verletzt und voller Panik. Er murmelte immer wieder was davon, dass es Monster gab und seine Waffe nichts ausgerichtet hatte. Wir riefen einen Krankenwagen, jedoch Cal und ich machten uns vorher aus dem Staub, Cal nahm noch seine verschossene Flashbang und Ethans Gewehr mit.

Verdammt, dass wollte ich nicht.
Ich wollte doch keine Menschen verletzen und schon gar nicht Ethans Bruder.
Ich hatte es mal wieder auf der ganzen Linie versaut.
Wie sollte ich denn je Ethan wieder unter die Augen treten.

Cal und ich fuhren zu einem Motel und versorgten unsere Wunden. Cal fragte mich, ob ich Hilfe bräuchte, aber ich verneinte. Ich sagte ihm, dass ich das schon schaffte und allein zu recht kam.

Ethan wurde zumindest nicht verhaftet was gut war. Er hatte sich selbst aus dem Krankenhaus entlassen und sich mit Cal und mir getroffen. Immerhin hatte Cal gesagt, dass wir uns noch um Sophias Fall kümmern. Wir fuhren zu Lindsay Carters Büro, die Assistentin ließ uns nicht vor und sagte dass wir einen Termin bräuchten, aber in letzter Zeit nahm Ms. Carter keine neuen Kunden an, da sie Lieferprobleme ihres Parfüms hat, welches sie ihren Kunden empfiehlt.
Ethan schwafelte die Assistentin voll und sie rief doch bei ihrer Chefin durch. Diese kam zornig zu uns. Sie schien arrogant und überheblich zu sein. Zuerst fiel sie mit ihrer arroganten Art über ihre Assistentin her und danach warf sie uns achtkant raus. Bevor wir raus sind, erzählte uns die Assistentin noch was über das ominöse Parfüm, namens “Success”. Welche Parfümerie sie aufsuchte, sie wusste aber nicht, warum es nicht mehr lieferbar war.

Wir fuhren in die Parfümerie und fragten nach “Success”, die Angestellten sagte, das die exklusive Marke nur von Männern gekauft wurden, auch der Vertriebsberater hat diese Parfüm verkauft und zwar nur dieses. Frauen und Männer in Begleitung hatten es nicht gekauft. Sie selbst fand den Geruch sehr unangenehm, musste wohl so ein Männerding sein. Wir fragten sie nach Ms. Carter und sie erzählte uns, dass sie den Kunden das Parfüm empfohlen hatte. Ms. Carter hatte zumindest keinen direkt Kontakt als Life Coach zur Parfümerie. Die Verkäuferin erzählte uns, dass sie verwundert war, denn sie hatte gehört, dass der Vertriebsberater tot wäre, aber dass muss wohl ein Irrtum gewesen sein, denn er war nachdem sie das hörte im Laden aufgetaucht. Nach Ihrer Beschreibung konnte es nur einer der männlichen Ghul gewesen sein. Leider hatten wir nicht gefragt, seit wann “Success” vertrieben wurde, aber wir vermuteten erst später, als der Ghul die Gestalt angenommen hatte. Dass es keine Lieferung mehr gab, ließ uns daraus schließen, dass es mit dem Tod der Ghule zu tun hatte.

Also fuhren wir nochmal zu Ms. Carter und fingen sie in der Tiefgarage ab. Weder Cals Einschüchterungsversuche, noch Ethans auf den Kopf zusagen brachte was, auch meine offene Drohungen schienen sie nicht aus der Ruhe zu bringen, ganz im Gegenteil sie wagte es mich zurück zu bedrohen und fuhr lachend davon.

Wir werden ja noch sehen, wer zuletzt lacht.

Wir überlegten uns was wir als nächstes machen Ms. Carter verfolgen oder zurück zum Schlachthaus. Wir beschlossen erst nochmal zum Schlachthaus zu fahren, da war noch eine Tür mit okkulten Zeichen, nach dem Kampf war zu viel trubel und es ging alles so schnell, Cal und ich mussten verschwinden. Alan und Ethan waren zu verletzt. Die Gefahr bestand, dass wichtige spuren verwischt wurden. Ms. Carter wird uns schon nicht weglaufen.

Das Schlachthaus war mit Absperrband der Polizei abgesperrt. Die Polizei schien auch noch vor Ort zu sein und zumindest tragen Leute gerade die Schweinehälften raus. Ethan ruft bei Alan an und erfuhr, dass in den Raum ein Labor war, wo aus menschlichen Überresten etwas extrahiert wurden. Aber bis auf Fingerabdrücke, welche noch nicht identifiziert waren, hatten sie nichts nennenswertes gefunden. Ethan gab den Namen von Ms. Carter und meinte dass es ein anonymer Tipp war.

Nachdem Ethan aufgelegt hatte, sahen wir Ms. Carters Auto in der Nähe. Sie schien ebenfalls das Schlachthaus zu beobachten. Es wirkte als wäre sie in einem Zwiegespräch mit einer Taube. Vermutlich ihr Vertrautentier, welches auf ihren Knien ruhte. Es war eigentlich keine Überraschung, dass dieses Drecksstück eine Hexe war.

Cal zog seine Waffe und erschoss die Taube. Ms. Carter war davon völlig überrumpelt und geschockt, dass wir sie ohne Probleme knebeln und fesseln konnten, wer weiß, ob sie nicht auch ohne Tier zaubern konnte. Ethan wollte sie am Leben lassen, da sie nicht alterte als ihr Vertrautentier starb, sie schien noch eine junge Hexe und ein Mensch zu sein. Ohne Vertrautentier konnte sie eh nichts machen und sie würde sowieso im Gefängnis landen, wenn die Polizei ihre Fingerabdrücke überprüften. Also würde sie erstmal kein neues Vertrautentier zähmen können, argumentierte Ethan.

Ich widersprach Ethan, schließlich können Ratten, Kakerlaken oder sonst was genauso gut Vertrautentiere werden oder was man sonst noch so im Gefängnis fand. Ich fand die Hexe am Leben zulassen wäre zu gefährlich. Ich sagte gerade, dass ich keine Lust hatte, eine verdammte Hexe im Nacken sitzen zu haben, als Cal sich umdrehte und mit der noch gezogenen Waffe auf die Hexe schoss.

Ethan wand sich ab und ging wortlos weg. Ich half Cal das Auto und die Hexe im Hudson River zu versenken. Wir hofften, dass die Polizei davon ausgingen, dass sich Ms. Carter absetzen wollte, sonst hätten wir echt ein Problem.

Es störte mich nicht, dass Cal die Hexe umgebracht hat,
ganz im Gegenteil, aber es beunruhigte mich, wie eiskalt Cal dabei geblieben war.

Ethan wollte nochmal zu Alan gehen und mit ihm reden. Also trennten sich unsere Wege wieder. Später bekam ich noch eine SMS von Ethan, ob ich gut weggekommen war. Ich schrieb ihm bloß ein Ja zurück.
Obwohl ich Ethan sagte, dass ich gut aus der Stadt gekommen war, blieb ich noch einige Tage, nur um auf Nummer sicher zu gehen, bevor ich dann die Stadt wirklich verließ.

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Silvesterschiffahrt in Baltimore

Das hat man nun davon, wenn man an Weihnachten doch nachhause fährt, trotz des zu erwartenden innerfamiliären Wahnsinns und obwohl man jetzt mehr denn je allen Grund hat, christliche Feste zum Fürchten zu finden. Man wird gleich geshanghait, die Familie zu repräsentieren. Wenigstens findet die Party auf einem Boot statt. Das Silvesterfeuerwerk im Hafen von Baltimore soll eines der schönsten der Welt sein. Umgeben von Anzugträgern und Glitzergirlies, muss ich mich zusammennehmen. Vielleicht tut mir das ganz gut. Lächelmaske aufsetzen, ablenken. Und es ist schon der halbe Weg nach Nashville. Ich hoffe, es hat keiner vor mir diesen Gefallen schon eingefordert. Wenn mich jeder, dessen Bibliothek ich einsehen möchte, so springen lässt wie Mr. Humphrey, fange ich spätestens bei der Dritten an, mir den Weg einfach freizuschießen.

Francis hat mir nicht viel mehr gesagt, als dass ein Geschäftspartner eine Silvesterfeier auf der “Lisa Greene” im Hafenbecken von Baltimore feiern will. Er liebt es, sich mit reichen und exotischen Gestalten zu umgeben. Und wir sind entweder reich oder exotisch genug, um uns zu qualifizieren.
Die etwas auffällige Polizeipräsenz im Hafenbereich deutet darauf hin, dass auf der Yacht tatsächlich eine Menge Klunker spazierengetragen werden dürften.

Unser Gastgeber, Martin Landry, fasst sich in seiner Begrüßungsansprache angenehm kurz. Dann legen wir ab. Ich stehe an der Reling und genieße die dieselgeschwängerte Seeluft und das sanfte Klopfen des Motors unter meinen Sohlen, denke mir, dass ich die Pumps loswerden sollte, sobald hier ein wenig mehr Champagner geflossen ist. Ob ich mir ein eigenes Boot kaufen sollte? Wann nutzt man das schon? Der Geruch des Hafens weckt Erinnerungen an die Bohrinsel. Oder ist es nicht eher der wirre Haarschopf da hinten, neben der eleganten Dunkelhaarigen, die seine Mutter sein könnte? Was macht denn der Junge hier?

Er wirkt ein wenig blass um die Nase. Klug von ihm, sich nicht unter Deck zu begeben. Der Kleine sollte dringend etwas essen. Ich pflücke mir im Vorbeigehen ein Glas Champagner vom Tablet eines Kellners, der sich gerade genähert hat, und dränge mich zu Niels durch.
“Hallo, Mr. Heckler! Sie sehen verdammt gut aus im Anzug. Ich hätte Sie fast nicht erkannt.” Gott, der Kleine ist niedlich. Es ist ihm peinlich, in der Verkleidung ein bekanntes Gesicht zu treffen. Mit zahlreichen Verlegenheitsgesten unterstreicht er, dass er nur seiner Tante zuliebe hier ist. Überraschung!
Ihn mit den luxuriösen Häppchen zu füttern, ist garnicht so einfach. Er hätte lieber etwas, hm, Männlicheres zu essen, auch wenn er es anders formuliert. Ehrlich gesagt finde ich es ganz nett, einmal wieder von meiner Fastfooddiät abzuweichen. Ich lasse mir Lachsschäumchen, Kaviar und Dorschleberpaté munden, während Niels mir die neuesten Entwicklungen seines ganz privaten Familiendramas auseinandersetzt.
Tante Delia ist nicht nur die Frau seines verstorbenen Onkels, sondern neuerdings auch seine Stiefmutter. Offenbar fand es Jacob Heckler reizvoll, den Familienfrieden der Bayern zu stören, indem er seinem Bruder zeitweilig die Frau streitig gemacht hat. Mag sein, dass ein Teil der skandalösen “Erziehungsmethoden” seines vermeintlichen Vaters der Eifersucht von Gustav Heckler entsprungen ist. Soso. Niels ist also der Sohn von Jacob Heckler. Ein klangvoller Name, den ich nicht zum ersten Mal höre. Der Junge könnte stolz sein. Im Moment scheint ihm aber, mehr als die ganze Kuckuckskindsache an sich, im Magen zu liegen, dass Delia Jameson-Heckler ihren eigenen Schock verarbeitet, indem sie ihn überall als das “Produkt ihres untreuen Ehemannes” vorgezeigt, dessen sie sich großherzig angenommen hat. So guter Stil ist das tatsächlich nicht, aber wer bin ich, über sie zu urteilen?
“Das kam in unserer Familie auch schon vor. Allerdings nicht in diesem Jahrhundert. Glaube ich.”
Niels weiß wohl noch nicht so recht, ob er seine Rolle gut oder schlecht finden soll: “Ich habe jetzt zwei Väter. Einer ist in Bayern, und einer ist tot.”
Er soll aufhören herumzujammern. “Willkommen im Club. Ich habe einen Halbtoten in England.” Und es ist unverändert schwer, einem Helden beim langsamen Vergehen zuzusehen, ohne etwas tun zu können.

Ehe ich den Gedanken äußern kann, tippt mir jemand von hinten auf die Schulter. Als ich mich umdrehe, sehe ich geradewegs in Cals eisige blaue Augen. Mein Magen krampft sich zusammen. Er trägt, mit kühler Lässigkeit, etwas, für das er ein paar Scheine mehr hingelegt haben muss als für die FBI-Verkleidung. Ich möchte die Erscheinung wegblinzeln, die mir mein Gehirn vorspiegelt. Woher sollte jemand wie Cal plötzlich kommen, in einer Umgebung wie dieser? Es muss die Erinnerung an die Vergänglichkeit von Helden gewesen sein, die mich zum Halluzinieren bringt, nicht wahr? Oder hier ist eins dieser Wesen von der Bohrinsel, oder ein Gestaltwandler oder… Das Blinzeln hat keinen Effekt, außer den, dass sich dieses überlegene Beinahelächeln über sein Gesicht zieht. Wie in der Hütte. Der leibhaftige Caleb Fisher.
“Was machst du denn hier?”
“Arbeiten.” Seine Stimme klingt völlig ausdruckslos.
Ich rette mich in Feindseligkeit, mustere ihn von unten bis oben: “Ach, als Kellner, oder wie?”
Cal schnaubt. Hinter ihm ertönt eine bekannte Stimme: “Hallo, Ms. Hooper-Winslow.” Emiliy McMillen hat den Mangel an angemessen teurer Kleidung geschickt durch einen rebellischen Gothic-Stil kaschiert. Wie schon bei unserem ersten Zusammentreffen hält sie mehr Abstand zu anderen Personen als nötig.
“Ah. Dieses Arbeiten.”
Emily rettet mich davor, Cal weiter anzusehen, indem sie fragt, ob ich wegen der Morde da sei. Morde?
Während Niels und Cal irgendein Reviermarkierungsritual durchziehen, erklärt mir die junge Jägerin, dass das hohe Aufkommen an Polizei mitnichten der Gästeschar geschuldet ist, obwohl hier durchaus Reichtum zur Schau gestellt wird. Vorhin hat mich sogar ein indischer Neureicher aufs Plumpste angebaggert, der sich nicht zu schade war, schon im zweiten Satz darauf hinzuweisen, dass sein Hemd aus Goldfäden gesponnen ist, dass es $150.000 gekostet hat und dass die Knöpfe aus Edelsteinen sind. Im Moment versucht er es bei Niels’ Tante, deren mildem Lächeln ich entnehme, dass auch sie noch nie zur Zielgruppe gehört hat. Bis in der Familie dieses Angebers jemand anfängt, den richtigen Stallgeruch zu entwickeln, gehen noch ein paar Generationen ins Land.
Die Sicherheit im Hafengebiet wurde erhöht, weil bereits mehrere Opfer grausamer Attacken in nächster Nähe zu beziehungsweise auf dem Pier gefunden wurden, von dem wir abgelegt haben. Den Leichen fehlten Augen und Zunge. Da sie einen übernatürlichen Täter nicht ausschließen und die Yacht unseres Gastgebers im fraglichen Zeitraum ununterbrochen dort vor Anker lag, sind Emily und Cal als ihr Pluseins dem Hinweis eines Zeugen nachgegangen, der meinte, er hätte eine kindergroße Gestalt hier verschwinden sehen.
Wie nett. Wir sitzen möglicherweise mit einem Monster in einem Boot. Meine einzige Waffe ist eine Haarnadel, und auch unter dem Jackett des Jungen zeichnet sich nichts ab, was nach einer unhandlichen Weltkriegswaffe aussieht.
“Mr Heckler, erinnert Sie das nicht an etwas?” Der Gedanke an unser letztes Erlebnis auf See lässt ihn wieder etwas grünlicher werden.
“Aber hier kann man wenigstens noch ans Ufer schwimmen.”
Ja. Wenn man sich damit nicht direkt in einen Schwarm aus giftigen Tentakeln wirft. Aber soviel Pech werden wir doch nicht haben, oder?

Irgendeinem Schicksalsgott muss ich richtig quer gekommen sein. Plötzlich steht Flann neben uns. Liebenswürdiges Lächeln, Kellnerlivree. Wie selbstverständlich nimmt er den halbleeren Teller von Niels entgegen, der meine Frage von vorhin wiederholt: “Was machst du denn hier?”
Flann muss uns schon länger belauscht haben, denn er grinst: “Arbeiten.”
Niels ist nicht amüsiert. “Ist das auch wieder so eine FBI-Undercover-Aktion? Und wie heißt du diesmal?”
FBI? Der und FBI? Dass ich nicht lache!
“Tatsächlich kennt man mich hier als Steve.”
Okay, das reicht. Einen von der Sorte hätte ich vielleicht verkraftet. Zwei sind zuviel. Ich war hier, um mich auf einer Party zu langweilen wie früher, nicht um einen Tiefschlag nach dem anderen wieder aufzukochen. Ich bin raus.

Nach ein paar Schritten geht mir auf, dass ich nicht viel Spielraum habe, den Herren aus dem Weg zu gehen. Ohne weiter nachzudenken, setze ich mich erst einmal an die Bar.
“Was darf es sein?”
“Martini-Cocktail.”
“Geschüttelt oder gerührt?”
“Ach, vergessen Sie’s. Doppelten Scotch.”

Kaum zu glauben, dass es Zeiten gab, in denen ich fast jeden Abend auf einer anderen Party Martini getrunken und gegen die Langeweile der immer gleichen Gespräche gekämpft habe. Kaum zu glauben, dass einmal zwei davon gereicht haben, um mich sturzbetrunken zu machen.

Das Gespräch zwischen dem kleinen Heckler und dem “FBI” fiel wohl auch eher kurz aus. “Sind Sie ok, Ma’am?”
Ich nicke.
Niels merkt genau, dass ich lüge, aber er fragt nicht weiter. Stattdessen will er wissen, ob ich schon einmal in New York in irgendeiner Galerie war.
“In Galerien war ich nicht mehr, seit ich geschieden bin.”
“Kennen Sie Emily?”
“Wir haben uns kürzlich kennengelernt.”
“Ich sollte meiner… Schwester ausrichten, dass es ihr gutgeht. Von Ethan. Naja.”
“Aha?” Eigentlich ist mir Emiliys Befinden gerade egal. Aber der Junge gibt sich alle Mühe, mich abzulenken. “Sie wirkt ein bisschen, als hätte sie auch schon ein paar Sachen mitgemacht.”
Niels grübelt: “Ich weiß nicht, was da war. Und ich will nicht fragen.”
Da mir die höflichen Antworten ausgehen, verlegt auch er sich aufs Schweigen und Trinken. Ich halte es knapp zwei Minuten aus. Ich bin einfach zu gut erzogen.
“Hmm… Sollte vielleicht mal jemand tun? Nicht, dass es läuft wie bei Parzifal.”
Da hat er eine Bildungslücke. “Wie bei wem?”
“Mittelalterlicher Romanheld. Ist mit der Artussage verbunden. Der Gute versäumt es, den ewig leidenden König zu fragen, war er hat. ‘Oheim, was wirret dir?’ Das wäre die Erlösung für den König.”
“Aha. Aber wen soll ich jetzt fragen, Felicity, Ethan oder Emily?”
“Kommt darauf an.” Kommt darauf an, wie ausführlich und wie ehrlich die Antwort sein soll.
“Felicity hat mal was angedeutet, aber nichts genaues gesagt. Und Ethan… ich weiß nur, dass es da eine Verbindung zwischen ihm und Liz und Emily gibt oder gab.”
“Sieh mal an.”
“Oh, das wussten Sie nicht?” Er wird rot, als hätte er aus Versehen etwas ausgeplaudert, was er nicht sollte. Es könnte mir nicht gleichgültiger sein. Mir genügen meine eigenen Probleme.

Niels blickt sich suchend im Raum um. Ja, ich weiß, ich sollte es nicht an ihm auslassen. Er will nur helfen.
Ich versuche es nocheinmal mit Höflichkeit: “Wollen Sie jetzt auch nach einem kleingewachsenen Mörder suchen?”
“Ich gebe zu, ich bin neugierig.”
Ich folge seinem Blick. Er winkt der Dunkelhaarigen zu, die den Inder inzwischen wieder losgeworden ist. Überflüssigerweise frage ich: “Ihre Tante?”
“Ja.”
Nein, nicht schon wieder das Familienfass aufmachen. Lieber über das reden, worin wir beide gut sind. “Okay… wo fangen wir an?”
“Und wenn ich noch einmal höre heute abend, dass ich ja ganz wie mein Vater aussehe, flippe ich aus. Daher: Lieber Monster jagen.”
“Alles klar.” Ein bißchen muss ich doch grinsen. “Haben Sie ein Bild von Ihrem Vater?”
Niels zieht ein Foto von einem lächelnden Halbgott in den Vierzigern aus der Tasche. “Darf ich vorstellen, Jacob Heckler.”
Irgendwann wird Niels so aussehen, vorausgesetzt, er lebt lang genug. Ich pfeife leise durch die Zähne.
“Schade…”
Er verzieht das Gesicht. “Und er ist einen Jägertod gestorben…. Vermutlich von Dämonen umgebracht.”
“Puh. Naja. So enden die meisten von uns.” So, oder indem sie verrückt werden. Oder indem sie sich irgendwann auf der anderen Seite der Jagd wiederfinden. Ich habe noch keinen getroffen, der aufgehört hat, bevor es zu spät war.
Der Großvater des Jungen will, dass dieser herausfindet, was wirklich passiert ist. Dass er ihn da nicht mal auf eine Reise ohne Ende schickt. Oder ohne Wiederkehr.

Ich denke, ich kann mir gute Ratschläge an dieser Stelle sparen. Wir wollten ein potentielles Monster jagen. “Nehmen wir uns die oberen Teile des Schiffs vor. Zunächst mal Ihrem Magen zuliebe, aber auch, weil ich hoffe, dass das lichtscheue Gesindel eher unten herumkriecht.”
“Sie mögen Flann nicht, oder?” Messerscharfe Beobachtungsgabe. Niels grinst.
“Ich bin ein wenig enttäuscht. Und er heißt nicht Flann.”
“Ich weiß. Aber er heißt auch nicht Steve oder Hank. Wussten Sie, dass er für das FBI arbeitet?” Er grinst schon wieder. “Falls es Sie etwas aufheitert: Ich hab ihm schon mal eine reingehauen.”
Meine Mundwinkel zucken gegen meinen Willen “Das ist eigentlich eine ziemlich gute Idee. Und wenn der für das FBI arbeitet, fresse ich einen Besen.”
“Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er offiziell bei der Polizei von Leavenworth. Als FBI-Mitarbeiter.”
“Okay. Zumindest das muss man ihm lassen. Er scheint echt gut zu sein, in dem, was er macht.” Sonst hätte Grossmann auch unsere IT-Sicherheit nicht von Grund auf neu erarbeiten lassen.
“Was immer das ist. Und jetzt los. Wir sind nicht hier, um uns über ihn zu unterhalten.”
Amen.

Ich lasse meinen Blick über die Gäste streifen und überlege, was ich über die Örtlichkeiten weiß: Die Privatyacht gehörte einem extrem erfolgreichen Kinderbuch-Autoren, Mr. Landry, der ganzjährig darauf gelebt hat, aber vor einer Weile verstorben ist und sie seinem Sohn vererbt hat, unserem Gastgeber. Mit Literatur hat dieser wenig zu tun, soweit ich das beurteilen kann. Seine Geschäfte sind bodenständiger. An den Gästen ist wenig auffällig. 150 Leute, eine bunte Mischung aus Geldadel, Neureichen und mehr oder weniger berühmten Gestalten aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis des Vaters. Buffet für alle Geschmacksrichtungen mit etwas stärkerer Tendenz zur Nouvelle Cuisine. Ich fürchte fast, die 80er kommen zurück. Kellner unauffällig und professionell, selbst der Falsche, sechs schwerbeschäftigte Köche, Stehtische so verteilt, dass jeder Platz findet, ohne sich eingeengt zu fühlen. Alles sehr durchdacht. Privaträume abgeschlossen. Fast abgeschlossen. Abgeschlossen gewesen.

Der goldglänzende Inder, ein Mann von Mitte, Ende Vierzig namens Ashish Murudrajan, der zwei Bodyguards im Schlepptau hat, kam vorhin mit einer jungen Frau aus einer dieser Sperrzonen. Der Zustand ihrer Frisur zeigte deutlich an, dass sie sich das vielbesungene Hemd einmal näher angesehen hat. Und das, was darunterliegt.
Natürlich kann es nur reiner Zufall sein, dass ausgerechnet Flann in der Nähe herumlungert und zum zweiten Mal ein spiegelblankes Glas poliert. Seine Miene ist undurchdringlich. Er spricht leise mit Emily, die daraufhin loszieht, um mit Goldie zu sprechen. Wenn mich nicht alles täuscht, macht sie den Inder aktiv an und betastet sogar den sündhaft teuren Stoff. Seltsam. Zuletzt hat sie noch großen Wert darauf gelegt, Berührungen mit anderen Menschen zu vermeiden. Ich kann nicht genau erkennen, was als nächstes passiert, weil Flann mir mit seinem Champagnertablett die Sicht verdeckt. Aber kurz darauf verschwinden Ashish und Em in der gleichen Kabine, in der schon die letzte Eroberung stattgefunden hat. Ich verspüre das dringende Bedürfnis, mich mit mehr Scotch zu desinfizieren.
Niels klingt, als ginge es ihm ähnlich. “Was zur Hölle machen die beiden da?”
Ich kann es mir in etwa denken. “Der wird sie doch nicht dazu angestiftet haben, dem Typen das Hemd zu klauen?”
“Möglich ist alles… zutrauen würde ich es ihm.” Ganz überzeugt klingt Heckler nicht. “Aber irgendwie… ich glaube, er würde das selber machen. Wo ist denn da der Spaß dabei, andere vorzuschicken?”
Es geht doch nicht um Spaß. Es geht um das Gefühl, schlauer zu sein als andere. Das kann man auch haben, wenn man unschuldige Mädchen ins offene Messer laufen lässt.

Flann klappert mir vor der Kabine etwas zu laut mit dem Geschirrwagen herum. Mir reicht es. Ich gehe auf Konfrontationskurs. “Hey. Was soll das?”
Flann sieht beiläufig auf und antwortet leise: “Nun, der Inder scheint ein wenig seltsam zu sein… Vermuten nen Zusammenhang mit den Morden.”
“Das glaubst du doch selber nicht.”
Niels, der mir gefolgt ist, schnaubt. “Der Inder.”
Ich habe nicht die Geduld, Flanns Spielchen mitzuspielen. “Du willst die Klamotte.”
Flann flüstert fast, die Bodyguards sind ja in der Nähe. Er grinst ob der Anschuldigung. Niels schüttelt den Kopf.
Flann bleibt unerträglich ruhig: “Nein.” Auch er schüttelt den Kopf. “Sowas ist zu schwer wiederzuverkaufen.” Er lächelt wieder eins dieser unverschämt selbstsicheren Lächeln, diesmal unterstrichen von einer entschuldigenden Geste.
Niels kann wohl das Ungesagte nicht ausreichend interpretieren: “Wollt ihr mir erzählen, was los war?”
“Nein.”
“Nein.”
Zumindest darin sind wir uns einig.
“Ok.”
Armer Kleiner, aber: Nein.
Nur weil Flann den Deckel draufhalten will, macht ihn das nicht vertrauenswürdiger. “Also, wieso hast du Emily da mit reingezogen?”
“Sagte doch: Gibt eventuell nen Zusammenhang mit den Morden.”
“Welchen?”
“Sind 5 Leute verstümmelt im Hafen gefunden worden.”
“Das haben wir gehört.”
“Der Typ hatte grade erstaunliches Glück bei einer anderen Frau. War eben auffällig.”
“Das findest du auffällig, bei einem Typen, der vier Kilogramm Gold auf dem Leib trägt?” Für wie blöd hält der Mann mich?
Niels macht macht ein paar Schritte zurück, als wollte er nicht zwischen den Fronten stehen.
“Für wie blöd hältst du mich eigentlich?”
Offenbar ist es jedoch interessant genug, dass der Junge nicht ganz das Weite sucht, sondern nur gespannt auf seinem Zungenpiercing herumkaut.

Cal unterbricht unseren Streit. Er kommt aus der Kabine, in die sich Em und das Goldhähnchen zurückgezogen haben, und sagt uns, was er dort drinnen aus dem Aufschneider herausgequetscht hat. Nachdem Ashish in der Textilbranche seinen ersten Goldrausch erlebt hat, kam er mit mehr Geld, als ihm guttat, nach Amerika, brachte das Vermögen in Rekordzeit durch, ließ sich mit der Mafia ein, war am Boden, lernte eine Anwältin kennen, die ihm einen Dämonendeal verschaffte. Und nun glaubt er, er hätte das Geschäft seines Lebens gemacht, weil er ja Hindu ist und ihm ein westlicher Dämon gar nichts anhaben könne. Mag sein, dass Em und Cal ihm in der Kabine ein paar Zweifel eingeimpft haben, denn er ist leicht grau im Gesicht, als er sie nach einer Weile verlässt, seine Leibwächter zu sich pfeift und in großer Eile Abstand von uns sucht.

Wir lassen ihn ziehen, denn ein Dämonendeal macht noch keinen Mörder. Und der Goldesel hat außerdem ausgespuckt, dass im Zimmer des Schriftstellers eine seltsame Puppe sitzt. Passenderweise ist sie etwa so groß wie ein Kind. Nicht viel Information, aber die Jägerinstinkte der beiden sind angesprungen, und das wirkt ansteckend. Es passt zu der Beobachtung, die die zwei ein wenig früher gemacht haben.
Im “Maschinenraum”, einem kleinen Kabuff, in dem der Motor untergebracht ist, war etwas, das in Richtung Kabinen entkommen ist. Oder zumindest ist die Klappe zum Motorraum nicht richtig verschlossen – vielleicht ist auch etwas hinein und danach wieder weg. Es ist die heißeste Spur, die wir haben.

Also verschaffen wir uns Zugang zum Büro, das sich im Heck befindet und die ganze kurze Seite der Yacht einnimmt. Darin sitzt eine sehr gut gearbeitete Bauchredner-Puppe in einem Sessel. Als Niels sie untersucht, meint er zu erkennen, dass ihre Augen sich bewegt haben, sobald er nicht hingesehen hat. Flann, der noch schnell einen seiner Rolle als Kellner zuträglichen Grund finden musste, sich abzusetzen, kommt kurz nach uns dazu und fragt, was los ist. Niels sagt, dass die Augen der Puppe sich bewegen, und weder er noch Emily haben die Hände an dem Spielzeug. Cal schlägt vor, sie einzuäschern, aber das ist auf einem Schiff keine so brillante Idee. Flann regt an, dass wir sie zerlegen sollten und er sie dann in der Kombüse verbrennen kann.

Puppe, hm? Schriftsteller von Horrorliteratur für “junge Erwachsene”, hm? Ich nehme das Bücherregal näher in Augenschein und finde dort neben den Erstausgaben der jüngeren Werke auch gebundene Manuskripte älteren Datums. Sie sind noch aus einer Zeit als das Mittel der Wahl die Schreibmaschine war.
“Flann. Google mal die Bücher unseres Freundes hier! Chronologisch.”
Alle maschinengetippten Manuskripte sind mit einem abgesperrten Schloss versehen. Es ist auch eine Lücke im Regal. Natürlich ist da eine Lücke. Wie sollte es auch anders sein. Das fehlende Buch handelt von einer bösen Puppe, sagt das Internet: “The Night of the Living Dummy”. Ein relativ frühes Buch. Sogar das Allererste.
Ich glaube nicht, dass sich eine erfundene Gestalt selbständig aus ihrer Geschichte befreien kann, und will wissen, was passiert, wenn ich eins der Bücher aufmache. “The Twelve Screams of Christmas”. Das Schloss ist nicht so hochwertig, dass es einem Bobby Pin standhält.
Die Seiten fangen von selbst an zu flattern, schneller und schneller. Tinte läuft vor meinen Augen zusammen, ein Geräusch, irgendwo zwischen Wind, Pfeifen und Schreien, tönt aus dem Papier.
“Oh, das hätte ich vielleicht doch lassen sollen!”
Es ist ein Geist im Stil eines bösartigen Weihnachtswichtels, der sich aus dem Inhalt des Buchs zusammensetzt, in einem quietschgrünen Anzug mit roter Zipfelmütze, rot-grün-weißem Weihnachtspullover mit Schneemann darauf, rot-grün-weißer Krawatte, gelben Augen und gebleckten Zähnen. Er trägt eine Lichterkette um sich gewickelt, die wild blinkt und leuchtet. Flann zieht mich zurück von dem Wesen, und ich lasse das Buch fallen.

Ganz im Sinne von Weihnachten macht der Geist Anstalten, mich mit seiner Lichterkette zu würgen, was ich unterbinde, indem ich darunter hindurchtauche. Auge um Auge war das Gebot, nicht wahr? Ich greife in die Kette und bemühe mich im Gegenzug, ihn selbst darin einzuwickeln.
Flann wirft mit einem Tablett nach dem Wichtel, der dem Geschoss ausweicht, während er sich aus der blinkenden Fessel befreit.
Cal steht mit der Pistole in der Hand da, hält es aber wohl für klüger, jetzt keine Aufmerksamkeit auf uns zu lenken.

Irgendwo in meinem Rücken müssen Emily und Niels mit der Bauchrednerpuppe ringen, den Geräuschen nach zu urteilen.

Ich knalle den keckernden Weihnachtsgeist mit dem Gesicht voran ins Bücherregal. Es scheint ihm auf jeden Fall weh zu tun, auch wenn er mir nicht die Freude macht, zu Boden zu gehen.

Flann ist mir keine große Hilfe. Er rutscht auf den Boden und greift nach dem Buch, um darin herumzublättern. Vielleicht doch Hilfe. Soll er herausfinden, was das Ding neutralisiert, während ich mich mit dem physischen Anteil herumschlage.
Cal, der sich endgültig gegen das Schießen entschieden hat, geht dazu über, den Geist mit Beleidigungen abzulenken. Darin, zu treffen, wo es wehtut, ist er gut. Der Wicht würdigt seine Anstrengungen, indem er zu einer Art grünen Giftwolke wird und einen Teil seiner Substanz in Richtung Cal bläst. Der bekommt einen Hustenanfall, der ihn zum Rückzug zwingt. Vielleicht hat er sich das verdient. Vielleicht sollte er wissen, wie es mir die zwei Tage ging, aber das ist eine Sache zwischen mir und ihm. Und es ist nicht an einer verdammten Phantasiegestalt, die Leute zu vergiften, die mir – trotz allem – wichtig sind. Ich lange erneut nach der Kette, um den Weihnachtshorror damit zu erdrosseln, doch sie ist so wenig körperlich, dass ich sie nicht richtig zu fassen kriege. Lies schneller, Flann!
Dieser beginnt jetzt, als hätte er meine Gedanken gehört, “Stille Nacht, heilige Nacht” zu singen. Das ist doch nicht sein Ernst, oder?
Die Lichterkette wird noch durchscheinender und rutscht einfach durch meine Hand. Oh, bitte! Muss das jetzt wirklich sein? Ich dachte, ich hätte das gerade erst wieder für ein Jahr hinter mich gebracht. Kinderbuchautoren! Oh Mann.
Na gut, es hilft ja nichts. Kopfschüttelnd hole ich Luft und singe dem Geist gute alte englische Tradition ins Ohr.
“God rest ye merry gentlemen, let nothing you dismay…” Der Giftwichtel hält sich die Ohren zu, wird wieder rauchartiger, schwebt zum Fenster, aber ich bleibe ihm auf den Fersen.
“Remember, Christ the Saviour is born on Christmas day…”
Flann stockt kurz, sein Blick geht an mir vorbei, dorthin, wo die anderen drei sein müssen. Niels’ Stimme korreliert mit rhythmischen Schlägen von Metall auf Holz. “Fuck! Verdammt! Geh. Endlich. Kaputt!” Ich konzentriere mich stärker auf den Geist. Auch Flann setzt wieder ein. Mit einer Strophe, die ich nicht kenne. Egal. Weitersingen. Was tut man nicht alles, um das Übel aus der Welt zu vertreiben? Es gibt keine Peinlichkeit, es gibt nur ungewöhnliche Jagdmethoden.
In einem letzten Befreiungsversuch will der verfluchte Kinderspuk wieder zur Wolke werden und pustet mich an, Flann wirft das Silbertablett nach ihm, und der Gifthauch geht an uns beiden vorbei. Ich kann die Hand des Geistes greifen und ziehe sie ihm vom Ohr weg. Mit einem letzten Heulen vergeht er wieder zu einem langgezogenen Schatten, Tinte, Schrift, und ist abermals eingefangen in seinem Buch. Flann klappt das Machwerk schnell zu und schließt es wieder ab.

Ich drehe mich zu unseren Mitstreitern um und nehme den Anblick auf, der sich mir bietet. Cal hockt auf der Puppe, die er mit seinem Messer an der Kleidung auf den Boden gepinnt hat, und zerrt an deren Jackett herum. Niels steht keuchend mit einem Golfschläger daneben und starrt böse auf ein paar winzige Dellen, die er dem hölzernen Kopf zugefügt hat. Emiliy hockt halb in einem offenen Fenster und liest fieberhaft in einem feuchten Manuskript.
Ich geselle mich dazu, ziehe mir die große Haarnadel aus dem Knoten und steche sie in eins der wild rotierenden Augen, heble einmal, nocheinmal, Cal legt seine Hand um meine und hilft mit, und das Ding kommt mit einem satten Schmatzen frei. Im selben Moment, in dem sich die Verbindung löst, habe ich keinen hölzernen, bemalten Ball mehr in der Hand, sondern ein blickloses, totes, menschliches Auge, mit einem Rest von Sehnerv. Igitt. Cal lässt mich so schnell los, als habe er sich verbrannt.

Nicht, dass es jetzt noch überraschend käme, liest Emiliy vor, dass man der Puppe die Augen entfernen und die Zunge herausreißen muss. Niels hat inzwischen wieder genug Atem und Wut angesammelt, um der Puppe gewaltsam den Mund zu öffnen, so dass Flann der Puppe die Zunge herausreißen kann. Herausschneiden. Mit spitzen Fingern und einem Zigarrenabschneider. Er stellt sich so an, dass es nicht klappt, aber Niels bedeutet ihm, dass sie die Plätze tauschen, und er macht mit der Zunge kurzen Prozess. Auch diese wird, kaum dass die Klinge sie durchtrennt hat, zu einer menschlichen Zunge.

Wir können von Glück sagen, dass draußen die Musik lauter gedreht wurde. Emily hält Wache an der Tür. Doch es scheint uns noch niemand gehört zu haben, oder der zufällige Lauscher vermutet private Gründe für das Poltern und Keuchen und hat genug Anstand, um draußen zu bleiben.

Flann hält jetzt den Kopf der Puppe fest, damit Cal auch das verbliebene Auge ausstechen kann. Ich wische mir die Hand an der Kleidung des kleinen Miststücks ab. Gerade noch rechtzeitig. Die Puppe zieht sich mit einem Aufschrei lang auseinander, wird ebenfalls wieder zu Tintenrauch, Buchstabengewirr, Schrift, und verschwindet wieder in ihrem Buch.
Ich bleibe kurz auf dem Boden sitzen und atme durch, schaue an mir herab. Erstaunlich. Nichts zerrissen, außer den Strümpfen, für die ich natürlich Ersatz in der Handtasche habe. Der blaue Samt meines Kleides zeigt sich von den Kampfhandlungen völlig unbeeindruckt. Die Haarnadel und meine Hände bedürfen einer Reinigung. Die Pumps waren nicht einmal so zuvorkommend, einen Absatz einzubüßen. Zu flach.

Niels bedankt sich bei Flann, entschuldigt sich, dass er vorhin etwas schnippisch war, und überlegt laut, wie er seiner Tante die Würgemale am Hals erklären soll. Flann grinst: “Knutschfleck.” Der Kleine funkelt ihn ein bisschen böse an. Als wenn das den “FBI-Kellner” beeindrucken würde. Aber Delia weiß ohnehin Bescheid.

Schnell kommen wir überein, dass die Bücher vernichtet werden sollten. Ein Krematorium? Das brennt heiß, aber nicht heiß genug. Die Bücher könnten wieder aufgehen, ehe sie vollständig verbrannt sind.
“Müllverbrennungsanlage", sage ich. Warum umständlich, wenn es auch einfach geht? Flann macht sich auf, einen Servierwagen und eine Tischdecke zu holen, damit die heiße Ware unauffällig abtransportiert werden kann.

Cal macht ein nachdenkliches Geräusch, deutet auf die Schreibmaschine, die in einer Ecke des Raum ausgestellt ist, und Niels prüft, ob noch ein Farbband darin ist. Ich sehe es ihm an, bevor er noch einen Finger rührt. Er würde gerne eine Kleinigkeit tippen, doch ich verbiete es ihm. Wir alle hatten den Gedanken sofort, keine Frage, aber er soll die Finger davon lassen. So fängt es immer an. Selbst wenn man es noch so gut meint… Niels orakelt, dass selbst eine Schreibmaschine niemanden aus der Hölle holen kann. Nein, das glaube ich auch nicht. Vielleicht könnte sie eine Seele wieder kitten, wenn man die Worte sehr, sehr sorgfältig wählt. Aber was ist der Preis? Kein Risiko, bevor wir nicht alles, aber auch alles, über das Gerät wissen. Ich entferne das Farbband. Sicher ist sicher.
Da es keine größeren Mühen bereitet, die anderen davon zu überzeugen, dass man die Maschine wahrscheinlich nicht einfach zerstören kann, tut mir jemand den Gefallen, zu fragen, wo man sie sicher unterbringen kann. Ich habe da mit dem Hooper-Winslowschen Archiv genau den richtigen Ort an der Hand. Niemand widerspricht. Als Trophäe würde ich das Schreibgerät nicht einmal bezeichnen, eher als Notfallversicherung. Fall meine Suche zu nichts führt, kann ich immer noch auf Dummheiten zurückgreifen.

Wir finden Landrys Tagebuch. Er schreibt, dass er von einer etwas seltsamen, aber im Buch nicht näher benannten, Person die Schreibmaschine bekommen hat, und dass er irgendwann voller Entsetzen gemerkt hat, dass die Wesen aus den damit geschriebenen Manuskripten kommen. Die ersten Geschichten waren noch Therapie für ihn, weil es ihm damals dreckig ging, deshalb hat er sie weiter geschrieben, und später dann, als er erwachsen war, haben sie sich auch gut verkauft, darum hat er weitergemacht. Die Puppe war ursprünglich sein Freund, den er sich aus Einsamkeit als Teenager herbeigeschrieben hat. Er wurde gemobbt und hatte keine Freunde, dafür jedoch eine blühende Fantasie. Die Puppe wurde eifersüchtig, wenn er Mädchen kennenlernte, und hat diese vergrault, bis Landry irgendwann “die Richtige” – armer Irrer! – kennengelernt hat. Da hat es ihm gereicht, und er hat die Puppe in ihr Buch gesperrt.

Als wir gerade wieder nach oben kommen hält Cal mich am Arm fest. Die letzten Minuten über habe ich es bewusst vermieden, ihn anzusehen und hatte gehofft, dass er es genauso hält. Jetzt zieht er die Stirn in Falten und öffnet den Mund, um etwas zu sagen. Ich schrecke zusammen. Nicht nur wegen der Berührung, die mich eigentlich nicht so aufbringen sollte, sondern auch wegen der Schüsse, die plötzlich von überall her knallen. Kommt da wieder ein weicherer Ausdruck in seinen Augen zum Vorschein, oder ist es nur die Spiegelung der farbenfrohen Raketen? Cals Worte gehen im Pfeifen und Krachen des Feuerwerks unter. Ich hebe die Hand, um ihm das Wort abzuschneiden. Was auch immer er zu sagen hat, ich kann es jetzt nicht hören. Und ich habe ihm nichts zu sagen. Nicht, solange ich noch auf der Suche nach Antworten bin. Nicht einmal, dass ich es bin. Um seine Hand von meinem Arm zu streifen, ist kein Druck nötig. Ich drehe mich um und gehe zur Bar, ohne mich noch einmal umzusehen.

Niels und Flann stoßen dort auf das neue Jahr an. Es kann kaum schlimmer werden als das Alte.
Niels zeigt sich versöhnlich: “Es ist mir egal, wie du heißt, Hauptsache, man kann sich im Kampf auf dich verlassen.”
“Na dann Prost." Flann sagt das. Nicht ich. Doch ich hätte es nicht besser ausdrücken können.
Weil ich keine Lust habe, ihn weiterhin mit einer Beschimpfung anzusprechen, frage ich nach, wie er denn nun wirklich heißt. Brigid, unsere neue IT-Frau, die die Kanzlei seinen Bemühungen um mein Geld zu verdanken hat, schimpft gern und viel über ihren Ex, den “verdammten Lügner”. Auf Gälisch. Er zögert, beugt sich dann leicht theatralisch zu meinem Ohr und flüstert, “Sean”.
Und woher soll ich nun wissen, ob das diesmal die Wahrheit ist?
“Du hättest dir das Leben so viel leichter machen können, wenn du mich von Anfang an belogen hättest, weißt du?”

Von Ashish ist seit dessen Zusammentreffen mit Emily und Cal keine Spur mehr zu sehen, und auch ein Beiboot ist verschwunden. Ich hoffe für ihn, dass er aus seinen nächsten zehn Jahren das Beste macht, und wünschte, ich könnte auch einfach glauben, dass ich nur genug an meinem Schrein beten muss, um sowohl dem Himmel als auch der Hölle zu entgehen, wenn ich soweit bin. Aber irgendetwas sagt mir, dass es so einfach nicht wird.

Den Rest der Nacht unterhalte ich mich mit Delia Jameson-Heckler, die mir stolz berichtet, was Niels alles macht und kann. Der flüchtet sich mit Emily ans Oberdeck, während ich abwechselnd geschüttelte und gerührte Martinis gegen Margaritas antreten lasse und mir von Delia anhöre, wie ähnlich sich Vater und Sohn doch sind, bis ich eine höfliche Ausrede finde, mich zu Landry junior zu begeben.

Der erzählt mir, er habe nach dem Tod seines Vaters das Boot geerbt und neugierig eines der Bücher, das erste im Regal, aufgemacht. Angeblich hat er kein Monster herauskommen sehen, also hat er ein bisschen darin geblättert und das Buch wieder ins Regal gestellt, eher er wieder nach Hause fuhr, und in den Wochen und Monaten seither bis zur Party hat er das Boot auch gar nicht mehr betreten. Sagt er. Ich bin alkoholisiert genug, dass ich ihm glauben will. Eigentlich ist mir auch gleichgültig, ob ich Landry senior gegenübersitze, der sich jung geschrieben und ein neues Leben begonnen hat. Wenn es so war, dann zum letzten Mal. Die Schreibmaschine gehört mir.

Mir gehört auch die Munitionskiste mit den Initialen IHW, die ich am Neujahrstag auf dem Beifahrersitz finde. Obwohl ich weiß, was darin ist, öffne ich sie. Es ist alles vollständig. Kugeln, Klingen, Ketten. Edelmetalle im Wert von… was weiß ich. Kein Betrag, den ich nicht verschmerzt hätte. Schwer wäre es nur gewesen, die Antiquitäten wiederzubeschaffen. Bisher habe ich mir nicht die Mühe gemacht. Einige Teile sind offensichtlich nicht genau dieselben, die Cal mir gestohlen hatte. Ersetzt hat er sie alle. Mit zusammengebissenen Zähnen wuchte ich die Kiste nach hinten, verstaue alles wieder an seinem angestammten Platz. Zeit, nach Nashville zu fahren. Gefallen einfordern.

View
The end is the beginning is the end
Silvester 2016

Ending your search for the truth.
X marks the spot of the past that can be caused
Where the secrets are kept, stories are left and the safe stays locked.

(Our last night – Oak Island)

“Niels, Liebes, hast du meine Jacke gesehen? Die blaue, mit den Ankerknöpfen.” Niels seufzte und deutete auf den Sessel, über den Delia die Jacke erst vor wenigen Minuten gehängt hatte, damit sie sie nicht vergaß. “Hast du alles?” fragte sie jetzt. Er nickte stumm und zeigte auf den Kleidersack, in dem sich sein Anzug befand – er hoffte, dass seine Tante das Opfer zu schätzen wusste, das er für sie brachte – und auf die Tasche mit der restlichen Kleidung. Er brauchte nicht viel. Zum wiederholten Male fragte er sich allerdings, was ihn geritten hatte, Delia Heckler zuzusagen, sie auf eine Silvesterparty in Baltimore zu begleiten, die auf einem Schiff stattfand. Seitdem er auf der Bohrinsel gewesen war, wusste er, dass er als Wald- und Bergkind nichts auf dem Meer verloren hatte. Wasser hatte keine Balken, keine Fluchtmöglichkeiten, es war kalt, nass und unheimlich. Aber jetzt hatte er ihr zugesagt, ein wenig wahrscheinlich auch deswegen, weil er ihr gegenüber immer noch leise Schuldgefühle hegte. Niemand hatte von ihr verlangt, dass sie sich um ihn kümmerte und ihn beinahe wie ihr eigenes Kind behandelte. Manchmal vermutete er, dass Felicitys Abreise nach England einer der Gründe dafür waren, und wenn man es rational betrachtete, war er das letzte, was ihr von Jacob geblieben war außer Fotos, Briefen und Erinnerungen. Ob das allerdings ein Grund war, ihn in der High Society von Neuengland herum zu zeigen, bezweifelte er.

“Bist du soweit? Das Taxi wartet.” Delia stand in der Tür, neben ihr ein junger Asiate in einer blauen Jacke, vermutlich der Fahrer. Niels nickte, schnappte sich Tasche, Anzug und einen von Delias Koffern – warum verreisten Frauen eigentlich immer mit soviel Gepäck? – und folgte seiner Tante und dem ebenfalls koffertragenden Asiaten nach unten.

Sie fuhren zum Flugplatz, wo eine kleine Privatmaschine ihn und seine Tante nach Baltimore bringen würde. Fliegen, das wusste er inzwischen, würde sicher niemals zu seinen Hobbies gehören, aber es war erträglich. Erträglicher als eine Fortbewegung auf dem Wasser.
Auf dem Flug erläuterte Delia Niels die Eckdaten der Feier, und was er hörte, beruhigte ihn doch wieder etwas: Der Geschäftsmann Martin Landry, ein Bekannter der Jamesons, hatte von seinem Vater, dem bekannten Schriftsteller Samuel, ein Boot geerbt. Es hatte länger im Hafen von Baltimore gelegen, aber Silvester und das Silvester-Feuerwerk von Baltimore hatten den Sohn wohl dazu bewogen, Freunde und Geschäftskontakte einzuladen und mit ihnen zu feiern. Zwar sollte das Schiff auch wieder ablegen, aber es würde dabei immer in Sichtweite des Hafens bleiben, damit auch keiner der Gäste das Feuerwerk verpasste. Es war immerhin Silvester.

Silvester… Niels dachte an die letzte Silvesterfeier. Er hatte mit Philip und Freunden in München gefeiert und sie hatten sich versichert, dass sie nichts mehr würde trennen können, nachdem sie sich an Weihnachten wieder gestritten hatten. Dreieinhalb Monate später war alles vorbei gewesen. Aber das musste man auch erstmal schaffen, auf der eigenen Geburtstagsparty betrunken mit der Freundin eines Anderen rumzuknutschen. Niels nahm sich vor, sich von Alkohol fernzuhalten an diesem Abend. Das letzte Mal war ja auch nicht besser gelaufen, wenn er sich an das Casino erinnerte und die Tatsache, dass er Flann Breugadair einen Kinnhaken verpasst hatte. Das war ein interessantes Jahr gewesen, stellte Niels jetzt fest: Die Trennung, sein Umzug nach Amerika, wieder ein Jäger sein – diesmal freiwillig – und eine neue Familie. Eine Familie, die ihm näher stand, als er es zunächst vermutet hatte.

Nachdem sie in Baltimore gelandet waren, checkten Delia und Niels in einem Hotel ein. Der Manager begrüßte “Mrs. Heckler und ihren Sohn” als seine Gäste, und Niels verkniff sich ein Grinsen.

Möchten Sie und Ihr Sohn eine gemeinsame Kabine?
Das ist nicht mein Sohn, das ist mein Assistent. Personal Trainer
Keine Angst, ich werde heute nacht nicht das Ufer wechseln

Er hatte Irene Hooper-Winslow seit ihrer Jagd in May Creek nicht mehr gesehen, und er hatte sich häufig gefragt, wie es der Engländerin wohl seitdem ergangen war. Vielleicht würden sie sich im neuen Jahr in irgendeinem Roadhouse begegnen. Heute abend war er “in zivil” unterwegs, er hatte sogar die Luger zuhause gelassen und kein Messer einstecken. Er fühlte sich merkwürdig, so ohne Waffen und im Anzug, aber seine Tante lächelte ihm zuversichtlich zu und erklärte ihm, dass er “ganz zauberhaft” aussähe. Niels zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts, und folgte Delia zur Limousine, die sie an den Hafen bringen sollte. Das Übernatürliche interessierte es herzlich wenig, wie er aussah.

Der Hafen von Baltimore zeichnete sich durch eine ungewöhnlich hohe Polizeipräsenz aus. Niels vermutete, dass dies der aktuellen politischen Lage geschuldet war, aber als sie ausstiegen und das Ehepaar Carlile, Bekannte von Delia, aufgeregt auf sie zukam, wussten sie, was los war: Der sogenannte “Bay Butcher” ging in Baltimore um, wie Mrs Carlile wusste, seit einiger Zeit waren im Hafen verstümmelte Leichen gefunden worden. Den Toten waren die Augen und die Zunge entfernt worden. Niels spürte, dass sich seine Nackenhaare aufstellten.

Nicht schon wieder. Hoffentlich ist das ein ganz normaler Irrer, ich möchte einmal meine Ruhe.

Delia klammerte sich etwas fester an Niels, was die Carliles zum Anlass nahmen, zu fragen, wer denn Delias charmanter Begleiter wäre, ob das wohl ihr Neffe sei…? Niels zwang sich zu einem Lächeln und schüttelte den Carliles die Hand, glücklich darüber, dass seine Tante nicht wieder begann, wildfremden Menschen seine Herkunft auszubreiten. Aber das war gar nicht nötig, Mrs Carlile sah ihn nur verzückt an und zwitscherte, dass die “Familienähnlichkeit mit dem verstorbenen Jacob ja unverkennbar sei”. Niels stellte sich seelisch darauf ein, diesen Spruch an diesem Abend noch des Öfteren zu hören. Mit den Carliles im Schlepptau betraten sie jetzt das Boot, das festlich geschmückt war. Landry hatte sich seine Silvesterfeier wohl auch einiges kosten lassen, überall an Bord gab es Stehtische, die dem Anlass entsprechend dekoriert waren, Kellner huschten herum und brachten Getränke und Häppchen, und ein großes Buffet war aufgebaut worden, um das sich Köche in gestärkten weißen Jacken und mit den typischen Mützen kümmerten. 150 Leute wurden an diesem Abend erwartet, und Niels hoffte, dass seine Tante nicht alle 148 anderen davon kannte.

Ein Kellner huschte gleich heran und bot den Neuankömmlingen ein Glas Champagner an, das Niels höflich, aber bestimmt ablehnte. Wahrscheinlich war es Einbildung, aber er hatte bereits jetzt das Gefühl, dass der Boden unter ihm heftig schwankte, und er spürte eine leichte Übelkeit in sich aufsteigen. Doch er hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, schon kamen die nächsten Freunde von Delia auf ihn und seine Tante zugesteuert, und sie hatten gegenüber den Carliles offensichtlich einen Informationsvorsprung. “Ganz der Papa!” flötete Mrs Teller-Dubois, sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu und flüsterte: “Die jungen Mädchen müssen ja Schlange stehen bei Ihnen. Das haben Sie von Ihrem Vater.”

Vor Niels’ geistigem Auge erschien ein rustikaler Holztisch in einer Lodge in Oregon, er an einem Ende der Bank, neben ihm eine Gruppe junger Frauen. Er musste lächeln, als er an seine Freundinnen Chloe und Coco sowie Aria und Natalie dachte. Ja doch, er kam durchaus mit Frauen aus, vielleicht hatte er das wirklich mit Jacob gemeinsam. Aber in seinem Bett wollte er sie nicht, nur musste Mrs Teller-Dubois das ja nicht unbedingt wissen.

Aber inzwischen hatte etwas anderes die Aufmerksamkeit der Teller-Dubois’, der Carliles und seiner Tante gefesselt. Ein großer breitschultriger Mann in schwarzem Anzug und mit Sonnenbrille betrat jetzt das Deck, er blieb kurz stehen, sagte etwas in sein Funkgerät und schob einen der Kellner beiseite, der gerade mit einem Champagner-Tablett an ihm vorbeiging. Niels fühlte sich plötzlich wie in einem schlechten Film, kam jetzt gleich der Gouverneur von Maryland oder irgendein anderes hohes Tier?

Falls der kleine stämmige Mann mit dem indischen Aussehen, der Brille und dem merkwürdig schimmernden Hemd ein solches war, Niels kannte ihn nicht, seine Tante ebenfalls nicht, und auch ihre Bekannten und Freunde machten zunächst ratlose Gesichter. Hinter dem Inder kam jetzt ein weiterer Bodyguard die Gangway hinauf, und beide hielten sich jetzt rechts und links von dem Inder, der mit einem fröhlichen Grinsen ein Glas Champagner annahm und sich in der Menge umsah.

Die bestens informierte Mrs Teller-Dubois jedoch hatte den Mann erkannt und flüsterte jetzt gut hörbar Delia und Mrs Carlile zu: “Das ist Ashish Murudrajan. Es heißt, er sei Millionär, und das Hemd, das er da trägt, ist aus purem Gold. Seht ihr die Knöpfe? Das sind echte Diamanten!” Niels schüttelte den Kopf. Kleidung musste praktisch sein und Platz für Messer, Waffen und andere Werkzeuge bieten. Sie sollte nicht aus Gold, Silber oder Diamanten bestehen und die Begleitung durch Bodyguards erfordern. Mit einem Augenzwinkern in Richtung Delia bemerkte Mrs Teller-Dubois auch noch, dass der Inder nicht verheiratet sei. Niels beschloss, dass er Mrs Teller-Dubois definitiv nicht leiden konnte, denn Taktgefühl schien für die gute Frau ein Fremdwort zu sein. Doch bevor er der Freundin seiner Tante etwas sagen konnte, trat Martin Landry auf ein kleines Podest und schlug mit einem Löffel gegen sein Champagnerglas. Er begrüßte seine Gäste herzlich und hoffte, dass sie alle einen vergnüglichen Abend haben würden an Bord der Lisa Greene. Niels verzog das Gesicht, “vergnüglich” war kein Adjektiv, das er im Zusammenhang mit Wasser benutzen würde. Aber vielleicht gab es wenigstens etwas vernünftiges zu essen.

Doch er kam nicht besonders weit, Delia und er wurden von weiteren Bekannten aufgehalten. “Sie sehen wirklich aus wie Ihr Vater!” erklärte eine füllige Blondine um die Sechzig ihm, und für einen kurzen Moment hatte Niels die Befürchtung, sie wolle ihn in die Wange kneifen. Er spürte, dass ihm die ungewohnte Aufmerksamkeit langsam ein wenig unheimlich wurde, und er hätte es durchaus begrüßt, wenn seine Tante den Seitensprung ihres Mannes verheimlicht hätte oder es ihm überlassen hätte, wem er wann mitteilte, dass er Jacobs Sohn war. Aber anscheinend gehörte das wie das Bemuttern zu ihrer Strategie, mit der Situation fertig zu werden. Er wusste, dass Delia hin und wieder einen Seelenklempner aufsuchte seit Jacobs Tod, und wahrscheinlich hatte der ihr dazu geraten. Niels seufzte, als er sich an seine Therapiestunde erinnerte. Felicity hatte ihn nach seiner Ankunft gezwungen, zu Dr. Schroeder zu gehen, ihrem Haus- und Hoftherapeuten. Es war eben schick in der High Society, seine Probleme eher anderen für Geld zu erzählen als seinen Freunden. Dr. Schroeder hatte Niels geraten, über seine Vergangenheit zu sprechen, aber das hatte er damals rundheraus abgelehnt. Ein paar Monate später hatte er zwar festgestellt, dass der gute Doktor recht gehabt hatte, aber dafür hatte ihm dann auch die eine Stunde gereicht. Zehn Jahre wollte er keinesfalls in Dr. Schroeders Praxis in Renton verbringen.

Niels entschuldigte sich bei Delia und ihren diversen Bekannten, um endlich ans Büffet zu wechseln. Er hatte Hunger, trotz des leichten Schwindelgefühls. Aber als er die angebotenen Speisen sah, spürte er, wie Widerwille und Seekrankheit in seinem Magen gegeneinander antraten. Kurz dachte er an die merkwürdigen veganen Burritos, die es damals in George gegeben hatte. Wenigstens war da noch das Einwickelpapier zu irgendetwas nütze gewesen, das konnte man von diesen… Dingen nicht behaupten. Was Essen anging, war Niels konservativ, das gab er gerne zu. Zu einer ordentlichen Mahlzeit gehörte Fleisch und Kohlehydrate, gerne auch ein Bier. Er wusste, dass sein Horizont nahrungstechnisch sehr begrenzt war, aber was das anging, war er typisch bayrisch. Während er noch überlegte, was er nun machen sollte, schwankte das Schiff leicht, und Niels sah zu, dass er an die frische Luft kam. Auf dem Weg nach oben bemerkte er eine elegant gekleidete blonde Frau, die gerade von einem hochgewachsenen Kellner mit rotbraunen Haaren ein Glas Champagner angeboten bekam. Irgendetwas an dieser Szenerie erregte Niels’ Aufmerksamkeit, doch da traf wieder eine leichte Welle auf das Boot, und er hielt sich am Geländer fest. Die Frau kam jetzt zur Treppe, offensichtlich wollte sie wieder nach unten gehen. Sie sah Niels kurz an, und der nickte nur, dann aber sah er ein zweites Mal hin. Auch die Blonde sah ihn noch einmal an. “Mr Heckler? Was machen Sie denn hier?” Irene Hooper-Winslow lächelte und gab Niels die Hand. “Mit dem Anzug habe ich Sie gar nicht erkannt,” gestand sie dann. “Den hab ich nur meiner Tante zuliebe angezogen. Und gerade versuche ich, niemandem vor die Füße zu kotzen,” erklärte er und hielt sich gleich wieder die Hand vor den Mund. Irene betrachtete ihn mitfühlend. “Sie müssen etwas essen,” erklärte sie ihm, aber er schüttelte den Kopf, soweit das möglich war. “Doch, Sie müssen etwas im Magen haben. Sonst wird das mit Ihrer Übelkeit nicht besser.” Niels sah sie zweifelnd an. “Haben Sie sich mal angesehen, was es da gibt? Ich möchte was Ordentliches.” Irene schüttelte nur amüsiert den Kopf, dann bedeutete sie Niels, zu warten – er solle auf jeden Fall an der frischen Luft bleiben! – und verschwand nach unten. Als sie zurückkam, brachte sie einen Teller voller Lachs- und Kaviarhäppchen mit. “Essen Sie,” sagte sie mit einem Tonfall, der zwar freundlich klang, aber in Wirklichkeit keine Widerrede duldete. Unter anderen Umständen hätte er gegrinst, denn Irene Hooper-Winslow war vieles, aber nicht unbedingt ein mütterlicher Typ wie Maria Heckler. “Sie sind also mit Ihrer Tante hier?” fragte sie dann, nachdem Niels unter ihrem wachsamen Blick zwei Lachs-Kanapees mehr heruntergewürgt als wirklich gegessen hatte. Wenigstens war es kein veganer Burrito oder irgendein anderer ominöser Hipsterfraß, und er erkannte an Form und Geschmack, was es sein sollte. “Ja. Aber ich habe gerade keine Lust mehr, als das Produkt ihres untreuen Ehemannes herumgezeigt zu werden.” Irene sagte nichts, und Niels konnte im Halbdunkel nicht erkennen, ob sie schmunzelte oder überrascht war. “Naja, der Typ, den ich für meinen Vater gehalten habe, ist nicht mein Vater. Überraschung! Sein Bruder hat vor 22 Jahren beschlossen, dass er eine Auszeit braucht und die dazu genutzt, mit seiner Schwägerin ein Kind zu zeugen. Und jetzt stehe ich hier.” Irene hustete leicht, ob wegen der Seeluft oder aufgrund seiner Enthüllung, war nicht auszumachen. Sie überlegte kurz, dann sagte sie: “Das kam in unserer Familie auch schon vor. Allerdings nicht in diesem Jahrhundert. Glaube ich.” Niels lächelte schief, er wusste ja selbst, dass die Geschichte ein wenig abenteuerlich klang. Bis er die Briefe von Delia bekommen hatte, hätte er auch nicht geglaubt, dass er eigentlich Jacobs Sohn war. Es hatte vieles erklärt, aber manchmal wünschte er sich, dass alles nur ein böser Traum war. Mit einem lebenden Vater, der irgendwo in Bayern hockte und sich eine Welt zurückwünschte, die es niemals gegeben hatte, hatte es sich einfacher leben lassen als mit dem toten Idol Jacob Heckler. Er seufzte und warf Irene einen langen Blick zu. “Ich habe jetzt zwei Väter. Einer ist in Bayern, und einer ist tot.” Irene sah ihn nur an, ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung. “Und ich habe einen halbtoten in England.”

Autsch. Heckler, du bist nicht der einzige, der Probleme hat.

Bevor er noch etwas erwidern konnte, näherte sich ihnen ein Pärchen, eine junge Frau in Niels’ Alter in düsterer Aufmachung und ein Mann Ende Vierzig. Das war doch Cal…? Niels verzog das Gesicht. Er hatte keine gute Erinnerung an seine letzte Begegnung mit dem älteren Jäger.

Du musst das nicht machen
Sir, ist mit Ihrem Sohn alles in Ordnung?

Aber dann dachte er an Dwight, und damals hatte Cal distanziert-freundlich gewirkt. Ein versierter Jäger, von dem er sicher noch etwas hätte lernen können. Was war zwischen Illinois und Idaho passiert? Auch Irene schien nicht wirklich erfreut zu sein über das Auftauchen ihres Freundes. Er tippte ihr auf die Schulter, und sie fuhr herum, eine Hand schützend über ihren Magen gelegt. “Was machst du denn hier?” wollte sie wissen, und sie klang keinesfalls so positiv überrascht wie bei ihrer Begegnung mit Niels. Er musterte sie. “Arbeiten.” “Ach, als Kellner, oder wie?” Nein, sie schien definitv nicht begeistert von dieser Begegnung. Cal schnaubte zur Antwort, sagte aber nichts mehr. Irene beachtete ihn nicht weiter, sondern schenkte ihre Aufmerksamkeit jetzt dem Grufti-Mädchen, das sie mit “Hallo, Ms. Hooper-Winslow” begrüßte. Niels hatte keine Ahnung, wer das war, aber Cal sah nicht so aus, als sei er zum Tabletts durch die Gegend tragen hier. Das konnte nur das andere Arbeiten… oh nein, nicht schon wieder, nicht hier und vor allen Dingen nicht mit Delia an Bord. Sie wusste zwar, was den Jägerberuf ausmachte, aber Niels war sich sicher, dass sie keinen gesteigerten Wert darauf legte, mit der Welt, die für den Tod ihres geliebten Ehemannes verantwortlich war, nähere Bekanntschaft zu machen.

Cal hatte jetzt Niels entdeckt und musterte ihn eingehend. Fuck, was will der denn jetzt von mir? Ruhig bleiben, Heckler, ruhig bleiben. “Bist du nicht der Typ, der damals so rumgeschrien hat?” fragte Cal leise, sein Blick verriet keine Emotion. Ja, reduzier mich doch einfach auf den einen Ausraster, du Arsch. Als ob ich nicht tatkräftig mitgeholfen hätte damals, dass die Hexen nicht weiter Leute anzünden. Er dachte daran, wie er die Hexe Valerie beruhigt hatte, nachdem Chloe mit den Namen durcheinander gekommen war. Ob Jacob schonmal eine Hexe umgebracht hatte? Niels hielt Cals Blick stand. “Möglich,” meinte er nur und versuchte, seine Stimme so unbeteiligt wie möglich klingen zu lassen. Cal zog eine Augenbraue hoch. “Wirklich?” fragte in einem spöttischen Tonfall zurück. Dann sah er Niels noch einmal an und wandte sich ab. Offensichtlich war der junge Mann nicht mehr interessant für ihn.

Irene sah Niels an, als beiden klar wurde, dass dies wohl keine einfache Silvesterparty mit lauter reichen Gästen werden würde. Cal und Emily standen immer noch bei ihnen, ein richtiges Jägertreffen. “Mr Heckler, erinnert Sie das nicht an etwas?” fragte Irene jetzt. Niels spürte, wie seine Übelkeit zurückkam, als er wieder an die Ölbohrplattform vor Alaska dachte. Es war damals ganz schön knapp gewesen, ohne Irene stünde er jetzt nicht mehr hier. Und dank dieses Erlebnis wusste er auch, dass er Wasser allenfalls zum Duschen und zum Trinken mochte. Instinktiv wollte er sich jetzt an der Reling festhalten, doch da stellte er fest, dass er immer noch den Teller in der Hand hatte, tatsächlich war er während seiner Unterhaltung mit Irene leer geworden. Sie hatte recht behalten, körperlich fühlte er sich jetzt auf jeden Fall besser. Er sah sich suchend um, ob er den Teller irgendwo abstellen konnte, da kam auch schon einer der Kellner auf ihn zu. Es war der hochgewachsenen Mann von vorhin, der ihm da schon so seltsam vertraut vorgekommen war. “Was machst du denn hier?” fragte Niels, als er Flann Breugadair erkannte. Das wurde definitiv der Satz des Abends. “Arbeiten,” antwortete Flann. Und das war ein heißer Kandidat für die Antwort des Abends.
Niels sah ihn zweifelnd an. Als er Flann zum letzten Mal gesehen hatte, hatte er einen jungen Officer vom Seattle Police Department auf dem Oktoberfest in Leavenworth begleitet, um Taschendiebe und Trickbetrüger aufzuspüren. Warum ein Mitarbeiter des FBI auch in Casinos pokerte, Geister jagte und jetzt als Kellner herumlief, war Niels jedoch nicht so ganz klar. “Ist das auch wieder so eine FBI-Undercover-Aktion?” wollte er wissen, und als Flann nicht antwortete, setzte er nach: “Und wie heißt du diesmal?”

Das fragt der Richtige, Aaron.

Flann nickte, dann meinte er: “Tatsächlich kennt man mich hier als Steve.” “Und wie sollen wir dich nennen, Steve, Hank oder Flann, oder doch ganz anders?” Niels spürte, dass er seine Wut auf Cal an Flann ausließ, und er biss sich kurz auf die Zunge. Eigentlich waren er und Flann doch schon längst weiter gewesen, sie hatten sich gut verstanden in Leavenworth. Flann reagierte zu Niels’ Überraschung auch nicht so souverän, wie er es erwartet hatte. Er verzog das Gesicht und erklärte mit einem genervten Unterton, dass es ihm egal sei.

Ein anderer Kellner winkte jetzt, und Flann verabschiedete sich von der Gruppe. “Ich muss. Aber wir sehen uns bestimmt noch.” Niels konnte nicht umhin, doch noch einmal zu sticheln. “Bis später, Steve.” Doch das hörte Flann nicht mehr – oder er wollte es nicht mehr hören, weil er sich nicht mit solchen Kleinigkeiten aufhalten wollte.

Heckler, denk doch einmal nach, bevor du redest.

Er spürte jetzt, dass ihn jemand beobachtete, und als er sich umwandte, stand das Grufti-Mädchen hinter ihm. “Niels Heckler,” stellte er sich vor und hielt ihr seine Hand hin. Sie reagierte nicht – er ertappte sich dabei, dass er nachsah, ob sie noch beide Hände hatte – aber vielleicht war sie einfach nur nicht besonders gut erzogen. Auf gutes Benehmen hatte Gustav immer viel Wert gelegt, das hatte Niels am eigenen Leib erfahren. Das Grufti-Mädchen stellte sich als “Emily” vor. Emily? DIE Emily, über deren Wohlergehen er Felicity von Ethan aus hatte informieren sollen? “Bist du mit Felicity verwandt?” fragte sie ihn jetzt. Sie war hübsch, keine Frage, ihre Kleidung elegant, ihre schwarzen Haare zurecht gemacht. Dennoch hatte Niels das Gefühl, dass dies nur eine Facette ihres Wesens war.
“Das ist meine… Schwester.” Inzwischen stolperte er nur noch ab und an, wenn er das neue Verwandschaftsverhältnis zwischen Felicity und ihm angab. “Sag ihr bitte, dass es mir gut geht.” Ok, sie war also DIE Emily. Was immer zwischen ihr, Ethan und Felicity gewesen war, Niels spürte, dass es nicht mit einfachen Worten zu erklären war, und er würde sich hüten, zu fragen. “Bist du wegen der Morde hier?” fragte sie jetzt, sie wirkte ehrlich interessiert an einem Gespräch. Niels fand sie auf Anhieb sympathisch. Er schüttelte den Kopf. “Nein, nur zur Party.” Eigentlich nur zur Party. Aber das kann ich mir ja nun wohl abschminken. “Ich hoffe ja, dass es doch keine Monster gibt. Aber wir sind Jäger, es wird garantiert etwas passieren.” Er dachte an seine Begegnung mit Ethan in New York am Tag vor Heiligabend und das Ehepaar Fitzgerald, das gezwungen gewesen war, als Geister umzugehen. “Nicht mal an Weihnachten hatte ich meine Ruhe,” brummte er. “Monster kennen keine Feiertage,” stimmte Emily ihm zu. “Geister auch nicht,” fügte Niels hinzu.

Cal winkte Emily jetzt zu sich, und sie verabschiedete sich. Niels nickte nur und wollte sich zu Irene umdrehen, als er feststellte, dass er ganz alleine auf dem Oberdeck stand. Er hatte geglaubt, aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrgenommen zu haben, als Flann aufgetaucht war. War sie seinetwegen getürmt? Das sah ihr gar nicht ähnlich. Doch dann erinnerte er sich an das Gespräch mit Flann in Leavenworth, als dieser gemeint hatte, dass er nicht gut auf die Engländerin zu sprechen war. War es die Schuld des FBI-Agenten… Pokerspielers… Kellners, dass sie sich so schnell zurückgezogen hatte? Oder lag es doch an Cal? Niels hatte bisher immer angenommen, dass er und Irene gute Freunde waren, aber ihre Reaktion hatte nicht danach ausgesehen. Was immer da vorgefallen war, es schien die Engländerin nachhaltig erschüttert zu haben

Niels beschloss, Irene zu suchen. Sie hatte ihn wieder einmal mehr oder minder gerettet, wenn es ihr jetzt nicht gut ging, musste er sie zumindest fragen, ob sie in Ordnung war. Das war das Mindeste, was er für sie tun konnte. Er ging die Treppe herunter in den Festsaal, und fand Irene an der Bar, vor sich ein Getränk. Sie sah ins Leere und wirkte nicht so, als sei sie noch in besonderer Feierlaune. Niels stellte sich neben sie und bedeutete dem Kellner, ihm eine Coke zu bringen. Bier gab es hier nicht, wie er festgestellt hatte. Er weigerte sich immer noch, das zu trinken, was die Amerikaner als eben dieses ausgaben.

“Sind Sie ok, Ma’am?” fragte er, in Erwartung, dass sie ihn wegschickte. Doch sie sah ihn nur an, mit einem Gesichtsausdruck, als habe jemand sie geschlagen. Sie nickte, und Niels merkte genau, dass sie log. Aber es stand ihm nicht zu, weiter zu fragen. Lieber das Thema wechseln und unverbindlichen Smalltalk machen. Langsam bekam er darin ja auch etwas Übung. “Waren Sie schonmal in New York im Drawing Center?” wollte er wissen. Sein Fachgebiet, und es schien ihm am Unverfänglichsten. Sie schüttelte jedoch den Kopf. “In Galerien war ich nicht mehr, seit ich geschieden bin.” Niels stutzte kurz, er hatte nicht vermutet, dass Irene schon einmal verheiratet gewesen war, auf ihn hatte sie nicht wie jemand gewirkt, der sich an einen anderen Menschen band.

Niels überlegte, ob er das Gespräch wieder abbrechen sollte, aber dann fiel ihm etwas ein, was er sie schon vorhin hatte fragen wollen. “Kennen Sie Emily?” Sie nickte. “Wir haben uns kürzlich kennengelernt.” “Ich sollte meiner… Schwester ausrichten, dass es ihr gutgeht. Von Ethan. Naja.” Er hatte bis heute keine Idee, worum es damals eigentlich gegangen war, nur, dass es Ethan sehr wichtig gewesen war, dass Felicity wusste, dass Emily in Ordnung war. Irene sah ihn überrascht an. “Aha?” fragte sie, dann wandte sie sich wieder ihrem Drink zu und schwenkte das Glas, “sie wirkt ein bisschen, als hätte sie auch schon ein paar Sachen mitgemacht.” War das das berühmte britische Understatement? Niels nickte. “Ich weiß nicht, was da war. Und ich will nicht fragen.” Er war froh, dass Felicity seit Weihnachten überhaupt wieder mit ihm redete, er verspürte kein großes Bedürfnis, in der Vergangenheit seiner Schwester herum zu stochern. In diesem Moment stellte einer der Kellner – es war nicht Flann, wie Niels beruhigt feststellte – seine Coke vor ihm ab. Niels nahm das Glas und trank einen Schluck, sagte aber nichts mehr.

Irene schließlich brach das Schweigen. “Hmm… Das sollte vielleicht mal jemand tun? Nicht, dass es läuft wie bei Parzival.” Niels sah sie fragend an. “Wie bei wem?” Ihm sagte der Name nichts. Irene nahm einen Schluck von ihrem Drink, dann erklärte sie es ihm. “Mittelalterlicher Romanheld. Ist mit der Artussage verbunden. Der Gute versäumt es, den ewig leidenden König zu fragen, was er hat. Genau das wäre aber die Erlösung für den König.” Jetzt erinnerte Niels sich, so etwas war mal im Deutsch-Unterricht drangekommen. Wahrscheinlich irgendein Reclam-Heft, das er dazu genutzt hatte, die ganze Geschichte in Bildern darzustellen. Aber was dieser Ritter nun mit ihm, Emily, Ethan und Felicity zu tun hatte, war ihm nicht klar, und das sagte er Irene auch. “Aha. Aber wen soll ich jetzt fragen, Felicity, Ethan oder Emily?” Felicity war nach den Feiertagen wieder nach England aufgebrochen, und obwohl sie sich wieder versöhnt hatten, hatte er immer noch Angst, dass sie es sich anders überlegte. Ethan und er hatten vor einer Woche in New York über vieles gesprochen, aber da war Niels nicht auf die Idee gekommen zu fragen, was es mit Emily auf sich hatte. Er hatte damals nicht gewusst, wer sie war, und für ihn war das eine Sache zwischen Ethan und Felicity gewesen. Es war ihm immer noch peinlich, wie er dem Älteren in Meredith mitgeteilt hatte, woher er seinen Namen kannte und dass Felicity Lord Alfred datete. Und Emily? Bis vor ungefähr zehn Minuten hatte er mit dem Namen noch nicht mal ein Gesicht verbinden können.
“Kommt drauf an,” meinte Irene jetzt. Niels überlegte. “Felicity hat mal was angedeutet, aber nichts genaues gesagt.” Jetzt erinnerte er sich, es war um irgendeinen Job in einem leerstehenden Haus gegangen, der nicht so verlaufen war, wie er hätte verlaufen sollen. “Und Ethan… ich weiß nur, dass es da eine Verbindung zwischen ihm und Liz und Emily gibt oder gab.” Jetzt lächelte Irene. “Sieh mal an,” sagte sie nur. Niels spürte, dass er rot anlief.

Vielleicht wäre “Denken vorm Reden” ein guter Vorsatz fürs neue Jahr.

“Oh,” machte er nur, “das wussten Sie nicht?” Aber warum hätte Ethan Irene auch erzählen sollen, dass er mal ein “Es ist kompliziert” mit Felicity Heckler gehabt hatte? Dennoch, Felicity war ein gutes Stichwort. Er sollte sich mal wieder bei Delia melden, schon allein, damit sie wusste, dass er nicht über Bord gegangen war.
Delia Heckler stand in einer Traube von Menschen, die alle sehr reich und wichtig aussahen, inklusive der Carliles und Mrs Teller-Dubois. Er lächelte ihr zu, war aber nicht sicher, ob sie ihn gesehen hatte. “Wollen Sie jetzt auch einen kleingewachsenen Mörder suchen?” fragte Irene ihn unvermittelt. Kleingewachsenen Mörder? Achja, er hatte vorhin mit halbem Ohr mitbekommen, dass Cal und Emily so etwas Irene erzählt hatten und dass die Morde des “Bay Butcher” vielleicht damit zusammenhingen. Und er konnte sich noch so sehr winden und sich einreden, dass er nur ein Partygast war, aber er wusste es längst besser. Seine Jägerinstinkte waren in dem Moment angesprungen, als Cal vom “Arbeiten” gesprochen hatte.

Du bist aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ich, mein Junge.

“Ich gebe zu, ich bin neugierig.” Irene nickte, dann sah sie in Richtung Delia. “Ihre Tante?” wollte sie wissen. “Ja.” Niels winkte Delia zu, die zu ihm herübersah und gerade einer mannigfaltigen Rothaarigen etwas zuflüsterte, wobei die Rothaarige ebenfalls zu in seine Richtung sah und anerkennend nickte. “Ok… wo fangen wir an?” Irene schien sich zu erholen, sie wirkte jetzt wieder voller Tatendrang, zuversichtlich und zupackend. So hatte Niels sie kennengelernt.
Die Rothaarige zwinkerte Niels jetzt zu und flüsterte ihrerseits Delia etwas ins Ohr. Niels verdrehte die Augen. “Wenn ich heute abend noch einmal höre, dass ich ja ganz wie mein Vater aussehe, flippe ich aus.” Sorry, Dad. “Daher bin ich definitiv für Monster jagen.” Irene trank ihren Drink aus. “Alles klar.” Doch dann schien ihr noch etwas eingefallen zu sein. “Haben Sie ein Bild von Ihrem Vater?” Sie lächelte hintergründig. Niels zog das Bild von Jacob aus der Tasche, das ihm Felicity an Heiligabend gegeben hatte, es stammte von einem Familienurlaub in den Catskills. Jacob lächelte in die Kamera, seine stahlblauen Augen strahlten mit der Sonne um die Wette, und Niels fand, dass er allein durch seine lockere und offene Haltung all das verkörperte, was sein älterer Bruder an ihm so gehasst hatte. Als er ihr das Bild hinhielt, pfiff sie leise durch die Zähne, dann meinte sie nur: “Schade”. “Darf ich vorstellen, Jacob Heckler.” Wie immer, wenn die Sprache auf seinen Vater kam, wurde Niels wieder bewusst, dass er niemals die Gelegenheit haben würde, ihm all die Fragen zu stellen, die er ihm stellen wollte, dass er niemals mit ihm über alltägliches sprechen konnte. “Und er ist einen Jägertod gestorben… Vermutlich von Dämonen umgebracht.” Mit Schaudern dachte er an den Zeitungsausschnitt, den er von Cedric bekommen hatte. Er umriss Irene kurz, was er wusste, und sie sah ihn ernst an. “Puh. Naja. So enden die meisten von uns.” Niels bestellte ihnen noch etwas zu trinken, dann erzählte er, was Cedric ihm angeboten hatte und was er bisher wusste. Sie hörte sich seine Geschichte an, dann kam sie jedoch wieder auf das aktuelle Geschehen zurück. “Nehmen wir uns die oberen Teile des Schiffs vor. Zunächst mal Ihrem Magen zuliebe” – bei diesen Worten lächelte sie wieder hintergründig – “aber auch, weil ich hoffe, dass das lichtscheue Gesindel eher unten herumkriecht.” Niels grinste, er wusste genau, wen sie meinte. “Sie mögen Flann nicht, oder?” “Ich bin ein wenig enttäuscht,” gestand sie. “Und er heißt nicht Flann,” setze sie dann hinzu. Das hatte Niels sich schon fast gedacht. “Ich weiß. Aber er heißt auch nicht Steve oder Hank.” Er überlegte kurz, aber das konnte er Irene ruhig erzählen. “Wussten Sie, dass er für das FBI arbeitet?” Und dann fiel ihm noch etwas ein, dass Irene mit Sicherheit gefallen würde, und er musste wieder grinsen. “Falls es Sie etwas aufheitert: Ich hab ihm schon mal eine reingehauen.” Es heiterte sie auf, ein leichtes Grinsen huschte über das Gesicht von Irene Hooper-Winslow. “Das ist eigentlich eine ziemlich gute Idee,” befand sie, dann wurde sie wieder ernst. “Wenn dieser Typ fürs FBI arbeitet, fresse ich einen Besen.” Niels zuckte mit den Achseln. “Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er offiziell bei der Polizei von Leavenworth. Als FBI-Mitarbeiter.” Und er war um Längen entspannter als heute abend. Kellner sein bedeutet wohl ausnahmsweise harte ehrliche Arbeit.

“Ok,” stimmte Irene zu, “zumindest das muss man ihm lassen. Er scheint echt gut zu sein in dem, was er macht.” “Was immer das ist.” Langsam war er sich nicht mehr sicher, ob Flanns Story mit dem FBI und dem Casino nicht auch eine große Lüge war. Er hatte begonnen, den Älteren zu mögen, aber konnte er jemandem vertrauen, der niemals aufrichtig zu ihm gewesen war? Aber er wollte jetzt auch nicht weiter über Flann Breugadair sprechen, das erschien ihm im Moment nicht zielführend. “Jetzt los,” sagte er zu Irene, “wir sind nicht hier, um uns über ihn zu unterhalten.”

Doch als sie sich umdrehten und Richtung Oberdeck gehen wollten, sahen sie, wie Emily sich dem Inder näherte und mit einem aufgesetzten Lächeln sein Hemd berührte. Der Inder seinerseits schien über die Aufmerksamkeit durch die junge Frau sehr angetan, er hielt einen der Kellner, der Sekunden später mit zwei Gläsern Champagner heran huschte. Der Inder sprach kurz mit dem Mann, doch bevor er ein Glas an Emily geben konnte, erschien ein zweiter Kellner, ein hochgewachsener Mann, und rempelte den Millionär an. Er entschuldigte sich und reichte dann ein Glas an Emily, eines an den Inder und verabschiedete sich.
Sowohl Niels als auch Irene hatten beide gesehen, wer der zweite Kellner gewesen war, und sprachlos das Geschehen beobachtet. Niels war der Erste, der die Sprache wiederfand. “Was zur Hölle machen die beiden da?” Irene schüttelte den Kopf. “Der wird sie doch nicht dazu angestiftet haben, dem Typen das Hemd zu klauen?” Niels dachte an das Casino und Flanns Verhalten dort. Es würde nicht zu ihm passen, aber so gut kannte er ihn ja auch nicht – konnte man überhaupt jemanden gut kennen, der einem bei jeder Begegnung einen neuen Namen und einen neuen Beruf nannte? “Möglich ist alles,” gab er zu, “zutrauen würde ich es ihm.” Doch dann überlegte er. “Aber irgendwie… ich glaube, er würde das selber machen. Wo ist denn da der Spaß dabei, andere vorzuschicken?”

Der Gegenstand ihrer Überlegungen stand derweil vor einer Kabine und klapperte lautstark mit einem Geschirrwagen herum. Irene ging schnurstracks auf ihn zu, und Niels hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten, obwohl er einen ganzen Kopf größer war als sie. “Hey. Was soll das?” fragte sie ihn. Wenn ihr Blick hätte töten können, Flann wäre auf der Stelle umgefallen. Aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern sortierte weiter Teller und Gläser. “Nun, der Inder scheint ein wenig seltsam zu sein…Wir vermuten einen Zusammenhang mit den Morden,” erklärte er leise mit einem Seitenblick auf die wartenden Bodyguards, während er gleichmütig das schmutzige Besteck klirrend in eine Plastikwanne warf. Irene verzog das Gesicht. “Das glaubst du doch selber nicht.” Niels zog eine Augenbraue hoch. “Der Inder,” wiederholte er ungläubig, doch weder Irene noch Flann beachteten ihn im Moment. “Du willst die Klamotte,” beschuldigte Irene ihn jetzt, und Flann grinste nur. “Nein,” sagte er dann und schüttelte den Kopf, “sowas ist schwer wiederzuverkaufen.” Irene sah Flann immer noch wütend an, und Niels warf einen Blick von einem zum anderen. Sollte er wieder gehen? Irgendwas war zwischen Flann und Irene vorgefallen, soviel war sicher, aber es ging ihn eigentlich nichts an. Auf der anderen Seite wollte er Irene auch nicht alleine lassen, nachdem es ihr vorhin so schlecht gegangen war. Einen Versuch war es immerhin wert, danach konnte er immer noch verschwinden. “Wollt ihr mir erzählen, was los war?” fragte er vorsichtig. Beinahe synchron drehten sich jetzt beide Köpfe in seine Richtung, und wie aus einem Mund sagten beide “Nein.” “Ok.” Er hatte es immerhin versucht, vorsichtig machte er einen Schritt zurück. Was immer es war, das zwischen Flann und Irene stand, es sollte ihn nicht weiter interessieren, es ging ihn nichts an. In seiner Rolle als Parziwand.. Parzival gefiel er sich erheblich besser. So kam man wenigstens nicht in Schwierigkeiten.
Er überließ Irene und Flann ihren Streitereien und machte sich auf den Rückweg. Doch da sah er auf der anderen Seite des Raumes seine Tante, und sie hatte ein sehr reich und sehr neugierig aussehendes Paar im Schlepptau. Niels hatte keine Lust, sich noch einmal anzuhören, dass er seinem Vater ja so ähnlich war, und für einen Moment überlegte er, ob es nicht an der Zeit war, die Anzugjacke auszuziehen und die Hemdsärmel hochzukrempeln. Auf Felicitys Hochzeit hatte er es so zu fortgeschrittener Stunde geschafft, eine allzu aufdringliche Prinzessin oder Gräfin oder was auch immer in die Flucht zu schlagen. Der englische Hochadel tätowierte sich wohl wenn überhaupt, nur dezent.

Aber dann beschloss er, lieber weiter Irenes Schatten zu sein, und ging zurück zu ihr und Flann. Dort bekam er gerade mit, wie der FBI-Mann ihr mitteilte, was sein, Cal und Emilys Plan war. “Ich sagte doch: Es gibt eventuell einen Zusammenhang mit den Morden.” Irene schien nicht überzeugt. “Welchen?” fragte sie. “Es sind fünf Leute verstümmelt im Hafen gefunden worden,” erklärte er. “Das haben wir gehört,” gab Irene zurück. Emily hatte das erwähnt, als sie auf dem Oberdeck gestanden hatten, sie und Cal waren der Spur eines Zeugen gefolgt, der eine kleinwüchsige Gestalt, möglicherweise ein Kind, an Bord hatte verschwinden sehen. Flann warf einen Blick auf die geschlossene Kabinentür und meinte dann “Der Typ hatte gerade erstaunliches Glück bei einer anderen Frau. War eben auffällig.” Irene schnaubte. “Das findest du auffällig bei einem Typen, der vier Kilogramm Gold auf dem Leib trägt?” Niels musste ihr recht geben, Geld konnte auch den unscheinbarsten Typen zum Lady’s Man machen. Wütend setzte sie hinzu: “Für wie blöd hälst du mich eigentlich?” Niels fühlte sich unglaublich unwohl, und er begann auf seinem Zungenpiercing herum zu kauen. Für einen Moment erschien ihm an Land schwimmen als eine ernsthaft in Betracht zu ziehende Option.

In diesem Moment kam Cal aus der Kabine und erzählte, was er und Emily dort getan hatten. Der Inder hatte in der Tat nicht nur eine junge Frau mittels Drogen gefügig gemacht – Niels ballte eine Faust in der Tasche, als er das hörte – sondern auch seinen Reichtum einem Dämonendeal zu verdanken, nachdem er nach seiner Ankunft in Amerika erst einmal riesige Schulden bei der Mafia angehäuft hatte. Eine gewisse Caroline Bond, Anwältin bei der Kanzlei “Wolfram & Hart” hatte diesen Deal für ihn eingefädelt. Murudrajan hatte angenommen, da er sich als Hindu auf der sicheren Seite fühlte. Emilys und Cals Enthüllung, das den Dämonen sein Glaube herzlich egal war, schien ihn schwer erschüttert zu haben. Mit den Morden schien er aber nichts zu tun zu haben. In der Kabine des Schriftstellers jedoch sitze eine seltsame Puppe, erzählte Cal noch, und die wolle er sich ansehen. Er blickte von Irene zu Flann und dann zu Niels, aber Niels wusste nicht, ob er erwartete, dass er sich ihnen anschloss. Emily jedoch lächelte ihm aufmunternd zu. “Komm mit,” sagte sie und ging voraus, er folgte ihr.

Das Büro des Schriftstellers befand sich im Heck und nahm die ganze kurze Seite der Yacht ein. In der Mitte stand ein wuchtiger Schreibtisch aus dunklem Holz, an einer Wand befand sich ein Bücherregal, in dem eine Menge Kladden standen. Vermutlich die Originale der Manuskripte von Samuel Landry. In einem altertümlichen Sessel, der Niels an das Wohnzimmer der Jamesons erinnerte, saß eine Puppe, ungefähr so groß wie ein vierjähriges Kind, sie trug einen schwarzen Anzug und glotzte ausdruckslos zur Tür. Niels ging ein Stück auf die Puppe zu und sah jetzt, dass es eine Bauchredner-Puppe war, gänzlich aus Holz gefertigt, sogar die Augen, die jetzt zur Seite sahen. Niels zuckte instinktiv zurück. Die Augen konnten sich nicht bewegen. Oder doch?

In diesem Moment kam Flann in das Büro des Schriftstellers und von einem zum anderen. “Was ist los?” wollte er wissen. “Die Augen der Puppe haben sich eben bewegt,” antwortete Niels. Weder er noch Emily, die neben ihm stand, hatten die Hände an der Puppe. “Verbrennen wir sie,” schlug Cal vor, aber Irene schüttelte den Kopf, und auch Niels gab zu bedenken, dass das auf einem Schiff eine dumme Idee war. Auf einer Bohrinsel konnte man so sicher vorgehen, aber selbst da war ihm schon mulmig gewesen, als Irene ihren improvisierten Flammenwerfer auf die Sirenenwesen gerichtet hatte. “Dann zerlegen wir das Ding doch einfach und verbrennen es in der Küche,” schlug Flann vor. Das erschien ihnen eine gute Idee zu sein.

Irene untersuchte derweil das Bücherregal und fuhr mit dem Finger die Buchrücken ab, bis sie zu einer Lücke kam. “Flann, google mal, was Landry so geschrieben hat, und wann es erschienen ist.” Der kam der Aufforderung nach und zog sein Smartphone aus der Tasche. Kurze Zeit später gab er an, dass das fehlende Buch “The Night of the Living Dummy” hieß und von einer bösen Puppe handelte.

Jackpot.

Es war außerdem auch Landrys erstes Buch gewesen, wie der Ire jetzt verkündete. Irene nahm jetzt eines der Bücher aus dem Regal. Es war mit einem Schloss gesichert, aber sie zog einfach eine Nadel aus ihrem Dutt und öffnete es damit.
Kaum hatte sie es aufgeschlagen, begannen die Seiten wie von einem unsichtbaren Windhauch bewegt, zu flattern und ein Geräusch ertönte, das eine Mischung aus Windheulen, Pfeifen und Schreien war. Etwas schien aus dem Buch zu kommen, eine durchscheinende Gestalt in einem quietschgrünen Anzug, sie trug eine rote Zipfelmütze und unter dem Anzug einen dieser in Amerika so beliebten hässlichen rot-grün-weißen Weihnachtspullover mit einem Schneemannmotiv auf der Brust. Der Gipfel der Hässlichkeit dieses Outfits war eine wild blinkende Lichterkette, die sich rund um das Wesen ringelte. Wären nicht seine gelbleuchtenden Augen und die gebleckten Zähne gewesen, der Anblick wäre sicher sehr komisch gewesen. So aber ließ Irene erschrocken das Buch fallen, und Flann zog sie von dem Geist weg.

In demselben Moment, in dem Irene das Buch geöffnet hatte, hob Niels die Puppe hoch, er fasste sie unter den Armen an und hielt sie vor sich, um sie näher zu betrachten. Die Augen der Puppe fuhren zu ihm herum, die Mundöffnung klappte mit einem quietschenden Geräusch herunter, und die Puppe versuchte, nach ihm zu schnappen.

Nicht mit mir, Freundchen. Mit einer Puppe werde ich doch locker fertig.

Er packte die Puppe so, dass ihr Mund nicht mehr so leicht mit irgendwelchen seiner Körperteile in Berührung kommen konnte und hielt sie wie im Heimlichgriff vor der Brust. Sein Plan war, ihr den Kopf abzureißen. Emily sah, was er vorhatte, sie versuchte, nach den Beinen der Puppe zu greifen, doch das hölzerne Wesen begann nun, heftig in Niels’ Griff zu strampeln und zu treten. Es war Emily unmöglich, die Beine zu greifen, die Puppe war zu schnell. Also musste Niels es ohne ihre Hilfe versuchen. Er verstärkte seinen Druck auf das Spielzeug, doch dem Wesen gelang es, mit seinen hölzernen Händen nach oben zu greifen und Niels’ Hals zu erwischen. Für ihre Größe war ihr Griff unnatürlich fest, und Niels spürte, wie ihm die Luft wegblieb.

Nicht die Ohren zuhalten, nicht die Ohren zuhalten, das ist ein Trick, ein Trick, ein..

Kleine Lichtpunkte begannen vor Niels’ Augen zu tanzen, sein Atem wurde flach. War es das jetzt? Jacob Hecklers Sohn wurde auf einer Silvesterparty von einer Bauchredner-Puppe zu Tode gewürgt. Davon würde man sich noch Jahre später in den Roadhouses erzählen – und anschließend herzlich lachen.

Du bist eine Schande für den Namen Heckler, Aaron.
Du hast mir gar nichts zu sagen. Du bist nicht mal mein Vater.

Mit diesem Gedanken zog sich Niels mit letzter Kraft die Puppe vom Hals und ging keuchend hinter dem Sessel zu Boden. Augenblicklich war Emily zur Stelle und trat das hölzerne Wesen in Richtung des Geistes, mit dem Irene gerade kämpfte. Es war ihr gelungen, die Lichterkette dazu zu benutzen, den Geist zu würgen, aber da er immer noch nicht ganz stofflich war, waren ihre Bemühungen noch nicht von Erfolg gekrönt. Flann war neben ihr auf den Boden gerutscht und blätterte hastig in dem Buch, vermutlich suchte er nach einer Möglichkeit, den Geist ein für allemal zu besiegen.

Die Puppe machte derweil einen großen Satz auf Emily zu und versuchte, die Beine der jungen Frau mit ihren Stoff-Extremitäten zu umwickeln und sie so unbeweglich zu machen. Emily duckte sich jedoch, und die Puppe rollte über sie hinweg.

Während er hinter sich Cal husten hörte und Flann plötzlich anhob, “Stille Nacht, heilige Nacht” zu singen, sah Niels sich in der Kabine um. Es musste doch irgendetwas in diesem Raum geben, das sich dazu eignete, diese verdammte Puppe zu Kleinholz zu verarbeiten. Irene fiel gerade in Flanns Lied ein, und beide wurden immer lauter.
Niels’ Blick fiel auf eine Golftasche, die in einer Ecke stand. Besser als nichts, und er suchte sich den Schläger heraus, der seiner Meinung nach am schwersten aussah.

Spielen wir doch eine Runde Golf mit Puppenkopf.

Emily lief an ihm vorbei zum Fenster, sie sah aus, als suche sie ebenfalls etwas. Cal, der sich wohl sicher zu sein schien, dass Irene und Flann auch ohne ihn mit dem Geist fertig wurden, zog sein Messer und nagelte damit die Puppe regelrecht am Boden fest. So war es für Niels um ein Vielfaches leichter, auch den Kopf zu treffen. Er holte mit dem Schläger aus und schlug mit aller Kraft und Wut auf die Puppe ein, aber außer ein paar Kratzern passierte nichts. “Fuck!” entfuhr es ihm. “Verdammt! Geh. Endlich. Kaputt!” Doch das Holz machte keinerlei Anstalten, auch nur zu splittern.

Derweil war es Irene und Flann gelungen, den Geist endgültig wieder in sein Buch zu bannen, mit einem letzten Heulen verging die Gestalt. Niels wollte gerade wieder mit dem Golfschläger ausholen, als er aus dem Augenwinkel wahrnahm, dass Emily vom Fenster zurückkam mit einem Buch in der Hand. Er stellte sich wieder in Position, bereit auszuholen, während er die am Boden liegende Puppe betrachtete. Sein Hemdkragen berührte leicht die Würgemale an seinem Hals, und er überlegte, wie er seiner Tante das erklären sollte.

Cal kniete immer noch am Boden neben der Puppe und versuchte jetzt, ihr ihr Jackett über den Kopf zu ziehen, als Irene sich auf die andere Seite begab und mit ihrer Haarnadel in ein Auge stach. Ein fester Hieb, und mit einem unangenehmen Plöpp-Geräusch entfernte sie das Organ. Niels sah überrascht auf das, was an ihre Haarnadel hing: Es war ein menschliches Auge. In diesem Moment hörte er, wie Emily aus dem Buch vorlas, dass man der Puppe die Augen und die Zunge entfernen musste. Er legte den Golfschläger beiseite und kniete sich jetzt ebenfalls neben die Puppe, um ihr den Mund zu öffnen. Wütend drückte er den beweglichen Kiefer nach unten.

Mal gucken, ob dir das gefällt, Chucky.

Flann nahm etwas aus der Tasche, dass aussah wie eine Miniatur-Guillotine und versuchte damit, die hölzerne Zunge der Puppe abzuschneiden. Aber aus irgendeinem Grund wollte ihm das nicht gelingen. Niels bedeutete ihm, dass er ihm das Werkzeug gab, Flann sollte solange den Mund der Puppe aufhalten. Es klickte, und Niels griff nach dem, was er mit Flanns seltsamer Vorrichtung abgeschnitten hatte. Es fühlte sich schwer und fleischig an, nicht wie erwartet aus Holz, und als er auf seine Hand sah, stellte er fest, dass er eine menschliche Zunge darin hielt.

Er hatte schon vieles gesehen und getan, aber das Entfernen einer menschlichen Zunge hatte bisher nicht dazu gehört. Angewidert ließ er sie fallen, und ihm war jetzt klar, wer der “Bay Butcher” war. Verbrennen war definitiv das Richtige, was sie mit diesem irren Spielzeug machen konnten.
Flann hielt weiterhin den hölzernen Kopf fest, und Cal entfernte jetzt auch noch das andere Auge, ebenfalls menschlich. Die Puppe tat einen letzten Aufschrei und zog sich lang auseinander, so als sei sie auf einmal aus Gummi, dann verschwand sie wieder in dem Buch, das Emily in Händen hielt.

Niels ging zu Flann herüber und gab ihm sein seltsames Werkzeug wieder. “Danke, Mann. Und sorry, wenn ich vorhin etwas schnippisch war.” Er griff sich an den Hals und verzog das Gesicht. “Wie erkläre ich das meiner Tante?” überlegte er laut. Flann grinste schelmisch. “Knutschfleck,” meinte er nur. Niels warf ihm einen langen Blick zu, Flann wusste doch über ihn Bescheid. Aber wahrscheinlich hatte er den Spruch auch verdient nach ihrem Wortgefecht auf dem Oberdeck.

“Wir sollten die Bücher auch verbrennen,” meinte Cal jetzt. Gemeinsam überlegten sie, wo. Ein Krematorium wurde sicher heiß genug, aber es bestand die Gefahr, dass die Bücher sich wieder öffneten. Und wer wusste schon, was Landry noch für nette Zeitgenossen zu Gegenspielern in seinen Romanen gemacht hatte. Irene schlug schließlich vor, dass eine Müllverbrennungsanlage genau das richtige war. Flann entschuldigte sich, er wollte einen Servierwagen und eine Tischdecke holen, damit sie die Bücher unauffällig abtransportieren konnten. Martin Landry würde es nicht unbedingt gutheißen, wenn sie mit dem Werk seines Vaters über seine Silvesterparty zur nächsten Müllverbrennungsanlage spazierten.

“Seht euch das mal an.” Cal war jetzt an dem riesigen Schreibtisch getreten und betrachtete die Schreibmaschine, die darauf stand. Niels gesellte sich zu ihm und sah nach, ob sich noch ein Farbband darin befand. Tatsächlich war dem so, aber er fand kein geeignetes Papier, um etwas auszuprobieren. “Mr Heckler, nicht. Unterstehen Sie sich, etwas darauf zu tippen. Das Ding wird eingepackt und nach England gebracht.” Natürlich, sie hatte den gleichen Gedanken gehabt wie er. Wahrscheinlich hatten sie alle überlegt, was sie schreiben konnten, um sich zu versichern, dass dies das Gerät war, mit dem Landry den Geist und die Puppe in diese Welt geholt hatte. “Ich glaube kaum, dass eine Schreibmaschine jemanden aus der Hölle holen kann,” entgegnete Niels kühl.

Ich hab es geschafft, diese blöde Gitarre in George abzulehnen, um Philip zu vergessen. Ich werde es wohl schaffen, einer Schreibmaschine zu widerstehen, um mir Joe aus der Hölle zurückzuschreiben.
Aber immerhin hast du es dir endlich eingestanden.

Er sah sich auf dem Schreibtisch um, ob er noch etwas anderes fand. Da lag ein dünnes Büchlein, diesmal ohne Schloss. Es war Landrys Tagebuch, in dem er beschrieb, dass er als Jugendlicher viel allein gewesen war und gemobbt wurde. Eines Tages war jemand mit eben jener Schreibmaschine an ihn herangetreten, eine seltsame Person, die aber keinerlei Gegenleistung dafür gefordert hatte. Voller Entsetzen hatte Landry dann gemerkt, dass die Wesen, denen er mit der Schreibmaschine Leben eingehaucht hatte, aus dem Buch kamen. Dennoch waren die ersten Geschichten aber zunächst wie eine Therapie für ihn, deswegen schrieb er immer weiter, und als er erwachsen war, verkauften sie sich bestens. Die Puppe hatte er sich eigentlich als Freund herbeigeschrieben, weil er als Teenager so einsam war und er keine wirklichen Freunde gehabt hatte. Aber als er dann seine Frau – “die Richtige”, wie er sie nannte – kennengelernt hatte, hatte er die Puppe endgültig in das Buch gesperrt, denn sie war schon vorher eifersüchtig auf seine Freundinnen gewesen und hatte versucht, seine Beziehungen zu torpedieren.

Aus dem Gästeraum war jetzt Musik zu hören, die Band spielte “Auld lang syne”. Es war kurz vor Mitternacht, wie sie feststellten, und zu viert machten sie sich auf den Weg nach oben. Niels sah kurz nach seiner Tante, die die Male an seinem Hals wohl bemerkte. “Job,” sagte er nur kurz angebunden, für eine längere Erklärung war auch im neuen Jahr Zeit. Sie sah ihn traurig an, dann umarmte sie ihn wortlos. “Alles gut gegangen?” flüsterte sie ihm zu, als sie ihn wieder losließ, und er nickte . Niels wusste nicht, was er sagen sollte, unsicher sah er zu Irene und Emily, die an der Reling standen. Delia warf einen Blick in ihre Richtung. “Sind das… Kolleginnen?” fragte sie, und Niels nickte. “Dann lass sie nicht warten.”
Niels kam gerade im richtigen Moment wieder zu Emily und Irene, ein Kellner reichte ihnen jeweils ein Glas Champagner. Es war Flann, der auch ein Glas für Niels und sich selbst mitgebracht hatte, er lächelte versöhnlich. “Es ist mir egal, wie du heißt,” gestand Niels ihm jetzt. “Hauptsache, man kann sich im Kampf auf dich verlassen.” Der Ältere stieß mit ihm an. “Na dann Prost.”

Nachdem das Feuerwerk vorüber war – es war wirklich beeindruckend gewesen, fand Niels – ging die Party weiter. Nur einer fehlte: Ashish Murudrajan schien sich aus dem Staub gemacht zu haben, und Emily erzählte, dass sie bei ihrer Suche nach dem Buch bemerkt hatte, dass das Beiboot fehlte. Auch Cal schien verschwunden zu sein, beim Feuerwerk war er nicht mehr bei ihnen gewesen. Niels vermutete nicht, dass der mürrische Mann ebenfalls von Bord gegangen war, aber sicher hatte er sich irgendwohin zurückgezogen. Was stimmte nicht mit Cal?

Niels ging noch einmal zu Delia zurück, und diesmal begleitete Irene ihn. Die beiden Frauen schienen sich gut zu verstehen, für Niels’ Geschmack ein wenig zu gut, als Delia begann, in den höchsten Tönen von seinem Können zu schwärmen, und Irene nur hintergründig lächelnd nickte. “Sein Vater wäre so stolz auf ihn!” erklärte sie der Engländerin. Bevor sie die nächste Lobeshymne anstimmen konnte, ergriff Niels die Flucht. Er war noch nicht soweit, noch lange nicht.

Gemeinsam mit Emily sah er auf dem Oberdeck in die sternenklare Nacht hinaus. Sie schwiegen eine ganze Weile, doch irgendwann brach einer von ihnen das Schweigen, und sie redeten über dies und das und stellten fest, dass sie sich gut verstanden. Schließlich tauschten sie ihre Telefonnummern aus und gaben sich das Versprechen, in Kontakt zu bleiben.

Ich weiß nicht, was meine Schwester, Ethan und du erlebt haben. Ich will es auch gar nicht wissen. Aber sollte ich jemals in die Situation kommen, ich werde verdammt nochmal dafür sorgen, dass es nicht noch einmal passiert.

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