Mädchenkram - Supernatural

The Empty Sound of Loneliness

Es war mitten in der Nacht, als ich diesen Anruf bekam. Er war verstörend und abgehackt. Ich hörte immer wieder nur ein rauschen, aber ich war mir sicher, dass es Yumiko war. Yumiko stammt ebenfalls aus einer Jägerfamilie. Unsere Väter waren Jagdkollegen, dass schweißte uns Mädchen zusammen. Wir waren fast in einem Alter, sie war zumindest damals etwa 1 Jahr älter als ich. Meine Geschwister hatten ja nie Zeit für mich und so freundete ich mich mit Yumiko an. Wir haben schon viel scheiße zusammen gebaut. Es war auf unser Art und Weise eine schöne Zeit. Als Yumiko’s Eltern umgebracht wurden, verschwand sie und tauchte unter. Ich hatte nichts mehr von ihr gehört, ich hatte sie gesucht, Zeitungsannoncen geschrieben und Radio durchsagen gemacht, aber sie wollte nicht gefunden werden. Es zerrieß mir das Herz. Ich dachte noch oft an Yumiko und vermisste sie. Doch dann ging ich auf die Uni und schon bald fand ich neue Freunde und die Erinnerung an Yumiko verblasste. Wie gesagt bis zu diesem Anruf, dass sie meine Hilfe brauchte. Es muss 4 Jahre her sein, nach der hiesigen Zeitrechnung. Ich habe noch nicht einmal gewusst wo sie meine Nummer her hat. Hat sie zu Hause angerufen?

Bei dem Gedanken dreht sich schon wieder mein Magen um, darf ich überhaupt noch zu Hause sagen. Es hatte in einem riesigen Knall geendet und ich bin einfach mit Sack und Pack verschwunden. Ja, wie damals Yumiko. Ich redete mir ein, dass es etwas anderes war, aber belüge ich mich mich nur selbst? Ob sie weiß was passiert ist, haben sie ihr alles erzählt und sie hat mich trotzdem angerufen? Ich muss zu ihr hin, ich muss, will es ihr erklären und vor allem will ich wissen was mit ihr geschehen ist. Ob sie die Mörder ihrer Eltern gefunden hat?

Ich fuhr also noch in der selben Nacht los und fuhr bis Rome (Georgia) durch. Dort suchte ich das nächste Road House auf, ein schicker Laden, dass muss ich schon sagen, hatten sogar einen Erste-Hilfe-Raum. Ich sah mich ein wenig ratlos um und wusste gar nicht genau wo ich anfangen sollte. Aus den Nachrichten habe ich gehört, dass Yumiko nach Cahaba Center for Mental Health gebracht wurde, bzw. ich habe ein Bild gesehen, dort war sie als Jane Doe eingeliefert worden. Ich bekam zufällig mit wie ein Mann den ich auf Mitte / Ende 30 schätzte, ebenfalls zur Klinik wollte.

Er stellte sich mir als Mr. Blackwood vor. Leider war er nicht wegen Yumiko da, ich hatte gehofft, dass er sie kennt. Es gab aber eine weitere Patientin die er aufsuchen wollte. Während des Gesprächs kam raus, dass es nur eine Bekannte war, von der er Informationen haben wollte. Einen Frau Namens Ambra (ein Pseudonym?), ich erzählte ein wenig von Yumiko, dass sie eine alte Freundin ist und wir uns aus den Augen verloren und ich durch zu Fall mitbekommen habe, dass sie anscheinend hier gelandet ist und ich herausfinden wollte was mit ihr passiert war. So beschließe ich mit Mr. Blackwood, denn ich auch Bart nennen durfte, vermutlich sein Vorname, gemeinsam zur Klinik hochzufahren.

Vor dem Mental Health Center zögert Bart, es scheint als wolle er nicht reingehen. Er zündete sich eine Zigaretten an und rauchte sich erstmal eine. Ich versteh nicht was die da dran finden, ich mag es auf jeden Fall nicht und finde es ein wenig widerlich. Als Bart fertig war, beschließt er dann doch mit mir reinzugehen. Am Empfang sprechen wir kurz mit der Empfangsdame und sie ruft den behandelnden Arzt der uns abholen kommt. Dr. Ramon Gondzales kam auf uns zu und begrüßte uns. Er fragte uns über die Beiden aus. Bei welcher Versicherung sie seien. Ob es noch Verwandte gibt, bzw. wo diese aufzufinden waren. Und wer wohl die Krankenhausrechnungen übernehmen würde. Wir konnten nicht soviel dazu sagen. Was sollte ich auch sagen, dass sie eine Jägerin ist. Wohl kaum. Mir behagte dieses Thema nicht, vor allem wäre es Yumiko garantiert nicht recht, wenn der blöde Arzt zu viel über sie wusste. Als wir seine Fragen zu seiner Unzufriedenheit beantwortet hatten, erzählte er uns wo sie gefunden wurden und dass sie ziemlich dehydriert waren. Seit dem zeigen die beiden auch kaum eine Reaktion. Beide wurden am gleichen Ort gefunden. Wir betraten den Tagesraum der Klinik, Amber saß an einem Tisch vor einem Puzzle, ohne wirklich die Puzzleteile zu beachten und Yumiko befand sich am Fenster und starrte nach draußen, bzw. ins Leere. Der Arzt erklärte uns, dass ihre Kognitive Prozesse stark gestört sind, kann aber nicht erklären woran das liegt. Bart nahm sich Amber an und versuchte mit ihr zu reden, bekam aber nichts raus. Dort bekam ich mit halben Ohr mit, dass es sich bei Amber wohl um eine Hexe handelte mit einen Mops-Familiär. Als Bart fragte, wo ihr Hund sei konnte man ihm keine Antwort geben, ein Hund sei nicht gefunden worden. Ich hatte mehr Interesse an Yumiko und so setze ich mich neben sie. Ich sprach leise auf sie ein. Fasste ihr sogar am Oberschenkel, eigentlich mochte ich das nicht und alles in mir widerstrebte dem, aber ich hatte mich überwunden. Doch auch darauf reagierte sie nicht. Ich konnte sie doch nicht verloren haben, ich musste was tun. Ich schaute in die Richtung in der sie starrte und nach dem was der Arzt gesagt hat, muss dass in etwa die gleiche Richtung gewesen sein. Es tat schon weh, sie so zu sehen, es war nichts mehr von meiner alten Freundin da.

Bart und ich wollten die persönlichen Sachen der beiden sehen. Yumikos Waffen und die beiden Autos wurden beschlagnahmt. Der Arzt fragte mich, was es mit den Waffen auf sich hat und ich zuckte nur mit den Schulteren. War ich echt so eine gute Lügnerin. Unter Yumikos Sachen fand ich nur eine Messerscheide, dass Messer hat wohl auch die Polizei. Ein bisschen Kleinkram den sie wohl immer in der Taschen bei sich hatte, ihr Handy und ihr Notizbuch. Das Handy war leer, ich steckte es mir denn noch heimlich ein genauso wie ihr Notizbuch. In dem Buch stand, dass sie Ambra verfolgt hat, sie scheint bemerkt zu haben dass sie kein wohlwollendes Medium ist, sondern schon eine fiese gemeine Hexe. Das Handy war schon seit längerem nicht aufgeladen worden.

In Ambras Sachen war wohl nur etwas Schmuck, einige Kleider, Hygieneartikel und einiges an Hexenkram was dazwischen versteckt worden war. Weiterhin befand sich ein Buch das wohl mit einem Zauber versiegelt worden war, welchen nur sie selbst entfernen konnte und ein Flyer eines Vergnügungspark aus den 70er unter ihren Sachen. Der Park befand sich in der Nähe von Fort Payne, aber der muss schon eine ganze weile geschlossen sein. Was also wollten sie dort. Bart steckte das Buch und den Flyer ein sowie auch einige von ihren Tinkturen. Nachdem wir uns die Sachen angesehen haben, gingen wir nochmal in den Aufenthaltsraum wo wir sie unverändert vorfanden. Bart sprach noch mal mit Ambra und konnte sie dazu bringen das Buch öffnen. Keine Ahnung wie er das geschafft hat. In den Buch standen allerlei Rezepte und noch was über Spiegelzauberei. Ein paar Orte an denen sie wahrscheinlich solche Spiegel gesucht hatte, anscheinend kann man dafür nicht irgendwelche Spiegel benutzen, auf jeden Fall scheint sie damit was großes vor gehabt zu haben. Ein Eintrag zum Spiegelkabinett führte direkt zum Canyon Land Park, der Vergnügungspark hier in der nähe.

Als Bart und ich bei den Arzt und Personal nachhakten fanden wir heraus, dass dieser Zustand nicht zum ersten mal aufgetreten war. In den letzten 7 Jahren gab es 11 Fälle und alle wurden in der gleichen Gegend gefunden. Im Naturschutzgebiet, wo sich auch dieser Vergnügungspark befindet. Ein Debuty scheint sich auch schon erkundigt zu haben. Wir fragte nach dem Namen und bekamen den auch direkt. Ihr Namen war Shawnelle Towney.

Bevor wir zum Naturschutzgebiet fuhren, um uns dort umzusehen, fuhren wir erst einmal zu diesem Debuty. Wir gingen ins Departement und fragten uns nach Ms. Towney durch. Als wir sie fanden und sagten worum es geht, ging sie mit uns nach draußen und ein Stück „spazieren“. Sie erzählte uns, dass sie ist der Meinung ist, dass es am Canyan Land Park liege, vielleicht Gase im Boden oder irgendein Dampf oder so etwas. Sie meinte auch, dass ginge jetzt schon ca. 20 Jahre so. Wir erfuhren von ihr, dass der Vergnügungspark schon in den 70er geschlossen wurde. In den 90ern haben dann ein paar Leute eine Revival-Tour gemacht, welche durch die Geisterbahn führte und am Ende „Jesus“ fanden.

So ein Schwachsinn

Aber die kamen alle wohlbehalten zurück, kurz danach sind die ersten verwirrten Personen aufgetaucht. Der Deputy, der das untersuchen sollte, endete genauso und ist seit einer Klinik und nicht wieder normal geworden. Das Sheriff’s Department hatte seit dem nur versucht die Bevölkerung von dort fern zu halten. Sie hatten keine Spur gefunden, wonach die Personen den giftigen Dampf eingeatmet haben sollten, bzw. das Gas herkam. Sie haben bloß die Wege zu wuchern lassen und alle Wegweiser entfernt.

Ms. Shawnelle Towney erzählte uns, dass sie gerne den CDC (Centers for Disease Control and Prevention) darauf ansetzen wollte, aber der hiesige Sheriff wollte davon nichts wissen und meinte, dass würde auch so reichen. Da würde ja kein Weg mehr hinführen und der Nationalpark wäre ja groß genug. Nach dem sie uns alles berichtet hatte und nichts mehr von Bedeutung sagen konnte, machten wir uns auf den Weg zum Nationalpark, um den Vergnügungspark zu suchen.

Auf dem Parkplatz vom Nationalpark gab es noch ein Kiosk wo wir uns Getränke und ein bisschen Proviant holten, wir wussten ja nicht wie schnell wir wieder da raus waren. Dort arbeitete nur ein desinteressierten Angestellte, die wohl noch nie was vom Canyon Land Park gehört hat. Es gab irgendwann mal ein Shuttlebus der aber schon lange nicht mehr fährt.

Zuerst blieben wir lange auf dem breiten Weg des Nationalparks, irgendwann schlugen uns dann in den Wald und gingen eine Weile Querfeld ein. Durch eine alte Karte wussten wir in etwa vor der Park liegen musste. Ms. Shawnelle Towney hatte recht, die Wege zum Vergnügungspark waren tatsächlich überwuchert und von umgestürzten Bäumen umgeben. Auf dem Weg zum Vergnügungspark entdeckten wir den Kadaver vom Ambras Vertrautentier. Er scheint schon eine Weile tot und angefressen worden zu sein, aber nichts deutete auf etwas übernatürliches hin. Nun ja, so ein Mops hat hier draußen wohl kaum eine Überlebenschance. Vielleicht hat den Hund auch das erwischt was die Menschen hier verrückt werden ließ. Er muss wohl desorientiert gewesen sein. Das halb aufgefressene Halsband steckte Bart sich ein. Um auf Nummer sicher zu gehen, steckten wir das Tier in brannt, nach dem wir ordentlich Salz darauf gekippt haben.

Wir sind noch eine Weile durch Unterholz gekrochen und fanden letztendlich den Park. Wir verschafften uns erst einmal einen groben Überblick und bemerkten schnell, dass er aufgebaut war wie ein fünfspeichiges Rad. An den Wegen waren Buden und Tiergehege aufgebaut, die schon alle recht zerfallen aussahen. Wir nährten uns dem Zentrum, dort stand ein großes Holzgebäude in der Form eines Zeltes. Ich hörte auf einmal diese Violinmusik die Bart anscheinend nicht hörte. Auf einmal waren geisterhafte Schemen zu sehen, ich war mir sichere das nicht eingebildete zu haben. Bart sah sie auch. Mir wurde ganz mulmig zumute, ist das hier auch eine Art Tor in eine andere Welt, führt das Tor auch ins Fegefeuer. So in Gedanken versunken erschreckte ich mich vor einen der Schemen und schoß einen Pfeil. Doch ich habe nur die alte Bretterbude dahinter getroffen. Mit einem Augenschlag sah sie aber nicht mehr alt und verrottet aus, sondern wie zu ihren Glanzzeiten. Plötzlich sagte ein Mann hinter der Bude „Sie haben eine Rose getroffen.“ und reicht mir diese. Dieser Augenblick verging so schnell wie er gekommen war und es war wieder nur die alte Bretterbude und mein Pfeile steckte hinten in der Wand. Möglich das dies mal eine Schießbude gewesen ist. Wir gingen weiter und kamen am Zentrum an, dies schien ein Spiegelkabinett und Geisterbahn zu sein. Die Spiegel waren größtenteils kaputt, die Rahmen morsch. Das Spiegelkabinett hatte einen Übergang zum Geisterhaus. Es waren dunkle Gänge mit ebenso dunkle Nischen, aus denen wahrscheinlich spukige Puppen und ähnliches heraus gesprungen waren. Als wir um eine Ecke bogen sahen wir eine dunkle Gestalt, die aus der Wand sprang, nicht vor uns, sondern vor zwei anderen Leuten. Wo kamen die denn auf einmal her. Die dunkle Gestalt sah vage wie ein Gorilla aus. Die Gestalt brüllt kurz und verschwindet wieder. Die anderen Leute waren auf einmal auch verschwunden.

Vielleicht jemand im Gorillakostüm?

Es war nicht groß und als wir wieder nach draußen kamen hörte ich wieder Violinmusik und nach Regen. Und immer wieder hörten wir lachenden Menschen und Violinmusik. Es schien fast als würden sich hier zwei Realitäten überschneiden. Also lag ich gar nicht so weit entfernt mit meiner Vermutung. Ich wusste es eigentlich besser, aber ich musste mir sicher sein, also fasste ich einen der Schemen der bei mir in der nähe stand an. Es war ein junger Mann der auf einmal klar und deutlich vor mir stand. Als ich ihn fragte welches Jahr wir haben antwortet er mir verwirrt mit „2011“. Er schien sehr glücklich hier zu sein, er fand es sehr schön hier „Hier gibt es Zuckerwatte.“ Ich bemerkte es gar nicht, aber Bart sah wohl wie ich selbst schemenhaft wurde, so erzählte er mir es hinterher. Er fasste mich nur ganz kurz an die Schulter und ich wurde wohl sichtbar realer. Ich hätte am liebsten den ganzen Park niedergebrannt, aber Bart überzeugte mich, dass es erstens nicht helfen wird, zweitens das Feuer sich ausbreiten könnte und drittens man es vom weiten sieht.

Ich brauchte einen neuen Blickwinkel, also klettert ich auf eine der Buden und sah jetzt eindeutig das der ganze Park wie ein Rad angelegt war und nicht wie ich erst vermutete ein Pentagramm. Ich schaute zum Geisterhaus, welches das größte Gebäude / Bude war und sah dort einen riesigen Totenschädel prangen abgeblättert und reglos. Nach dem ich mir den Totenschädel genauer ansah, veränderte er sich langsam von alt und vergammelt zu neu mit schwarzer Kapuze auf Furnierholz mit rotglühenden Glühbirnenaugen. Wieder ließ ich einen Pfeil in seine Richtung schnellen.

Nun vernahm auch Bart die Violinmusik, er konzentrierte sich auf das Schild am Eingang, welches die Witterung unleserlich werden ließ. Auch dies schien jetzt erneuert zu sein und er konnte erkennen was darauf stand ~ Idolinos Geisterhaus – wo die Realität zum Zerrbild wird~. Bart sah zu mir rauf und meinte das er den Namen auch auf den Flyer gelesen hatte, vielleicht der damalige Besitzer.

Hm, vielleicht haben wir im Spiegelkabinett irgendetwas übersehen. Dieser Ort machte mich immer nervöser. Wir gingen rein und suchten den Mittelpunkt. Ich deute auf eine Tür und meinte seltsamer Weise ist mir diese Tür vorher gar nicht aufgefallen. Bart konnte sich auch nicht erinnern. Ohne Vorwarnung habe ich die Tür eingetreten, ich hatte jetzt echt die Schnauze voll von diesem Ort. Ich wollte meine Yumiko zurück, ich wollte diesen grässlichen Ort so schnell wie möglich verlassen und notfalls mit Gewalt. Wenn ich eins dort drüben gelernt habe, dann das Gewalt sehr wohl eine Lösung ist. Die Tür splitterte aus den Angeln und wir standen im intakten Spiegelkabinett. Bart konzentriert sich auf mich und sah das ich wieder schemenhaft wurde, aber auch er sah das Spiegelkabinett im alten Glanz erstrahlte. Er packte mich wieder an die Schulter, aber bevor ich Wiederworte geben konnte hatte er schon losgelassen.

Es ist irgendwie seltsam, als wenn er mich hier halten würde. Schon komisch. Ich hatte furchtbare Angst, aber dieser Fremde von dem ich quasi nichts wusste, konnte mich zurück ins hier und jetzt halten. Ich sollte aber mein Glück wirklich nicht überstrapazieren.

Ich wollte keine Zeit mehr verlieren und zerschlug die Spiegel einen nach dem anderen. Bart wollte mich zurückhalten, aber das ließ ich nicht zu. Aus der eingetretenen Tür kommt ein Pierrot mit einer Violine und fleht mich an damit aufzuhören. Ohne darüber nach zu denken packt ich ihn und schleudert ihn in einen Spiegel. Der Spiegel zerbricht und der Pierrot blutet aus mehren Schnittwunden. Auf dem bodenliegend sagte er, er sei Idolino und das dies sein Vergnügungspark sei. Ich wolle ihm klar machen, dass wir schon 2016 hatten und der Park schon lange geschlossen hatte und ich glaube, dass er nicht mehr am leben sei. Aber seit meiner Rückkehr kann ich nicht so gut mit Menschen. Ich weiß, ich stoß ihnen schnell vor dem Kopf und halte sie für unfähig.

Naja zu 90% stimmt das ja auch.

Natürlich glaubt dieser dumm Geist mir kein Wort, auch nicht dass er Menschen und ihre Familien zu Grunde richtete. Ich hoffte, dass Bart in dieser Hinsicht etwas talentierter war. Er wies Idolino darauf hin, dass seine blutenden Wunden verschwunden sind und er bereits viele, viele Jahre tot sei. Langsam lässt sich Idolino davon überzeugen. Idolino fing an zu jammern, dass er den Park schließen musste, weil er nicht genug Geld eingenommen hatte. Dann wurde es dunkel, aber dann kamen Leute und haben ihn geweckt. Doch auch die sind wieder gegangen und so er lockte neue Gäste mit seiner Violine an. Glücklich sollten sie werden, sich entspannen und amüsieren und den Alltag eine Weile vergessen, dass war sein Wunsch. Er wollte sich nicht eingestehen, dass das alles ein Ende haben sollte. Bart und ich überzeugten Idolino, dass es nicht gut für die Leute war, dass sie sogar daran sterben. Zögernd übergab er mir seine Violine, mit einem kräftigen schlag auf dem Boden zerstörte ich das Instrument und die geisterhafte Realität verschwand.

Als wir nach draußen kamen war alles normal. Ich atmete tief durch. Ich bin noch immer hier.

Wir fuhren sofort zurück zur Klinik. Als wir dort ankamen hatten Yumiko und Amber einen Zusammenbruch. Als wir sie am nächsten Tag besuchten, waren sie untröstlich, aber sie nahmen zumindest schon wieder ihre Außenwelt wahr. Yumiko und Amber sind zwar noch nicht ganz bei sich. Sie meinten sie waren so glücklich. Bart schien noch ein paar Infos aus Amber kriegen zu wollen und fragte sie nach ihren Lehrmeisterin, aber Amber stammelte nur was von „wollte sie nicht kommen, ich dachte, sie würde kommen.“ Mehr war nicht aus Ihr raus zu bekommen. Yumiko sprach nicht wirklich mit mir. Ich verabschiedete mich und gab dem Arzt noch meine Nummer. Er sagte mir , dass sie verlegt wird, aber er meine Nummer weitergebe und ich bei Veränderung benachrichtigt werde.

Ich fuhr mit Bart noch zurück ins Road House, wir unterhielten uns noch kurz und tauschten Nummern aus. Bevor ich dann ging, sagte er mir noch, dass ich davon ausgehen kann, dass er sich um Yumikos Behandlungs- und Unterbringungskosten aufkommen wird oder zumindest dafür sorgen wird, dass es ihr gut geht und nicht fallen gelassen wird. Er meinte es gehört sich nicht Jäger fallen zu lassen, wenn es sie erwischt. Ich bedankte mich vielmals dafür und sagte dass ich leider nicht die finanziellen Möglichkeiten habe, aber ich schuldete ihm auf jeden Fall einen gefallen.

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Die Geschichte vom Höllenloch
aus Barrys Tagebuch

Die Geschichte vom Höllentor

Vor kurzem kam ein Paket an. Von Bartolomäus Blackwood. Drin war ein alter Coup Stick, wie ihn meine Vorfahren benutzt haben.
Es lag ein Brief dabei. Und ein Bild, ein sehr altes Bild. Muss vor dem Bürgerkrieg gemacht worden sein. Zwei Weiße, ein Schwarzer, ein Asiate und ein Indianer. Ein Dakota, der Kleidung nach. Das Bild war zu körnig, um Details zu erkennen, aber in dem Brief behauptete Bart, die fünf Männer wären die Vorfahren von ihm, Ethan, Gideon, Jonathan Saitou und mir gewesen. Der Coup Stick hatte meinem Urahn gehört. Einem Mdewakantonwan namens Mat’ho.

…wow. Okay. Ich schaute mir den Stab genauer an. Ja, konnte sein. Der Name war wahrscheinlich verkürzt, aber wenn das Foto in den 1850ern gemacht wurde, dann war das vermutlich Mat’ho Iȟaha, der Lachende Bär. Urgroßvater meines Urgroßvaters, wenn ich das richtig in Erinnerung hatte. Mein eigener Großvater hatte mir ein paar Geschichten von ihm erzählt, als ich jünger war. Musste ein witziger Bursche gewesen sein, jedenfalls gab es vier verschiedene Erzählungen, wie er zu seinem Namen gekommen war – eine unwahrscheinlicher als die andere.

In der Nacht, nachdem das Paket angekommen war, hatte ich einen sehr seltsamen Traum. Oder eine Vision. Konnte mich am nächsten Morgen jedenfalls sehr gut daran erinnern.

Es fing damit an, dass ich aufwachte (oder dachte, ich wäre aufgewacht). Ich ging zielstrebig durchs Haus, direkt in die Küche. Dort stand ein Mann, ein Indianer in altertümlicher Kleidung: Wildlederhosen, weiche Schuhe. Kein Hemd. Die langen Haare zu zwei Zöpfen geflochten und mit Federn und Holzperlen geschmückt. Es war das normalste der Welt, dass er so gekleidet war: Er sah nicht aus, als hätte er sich extra so zurechtgemacht, sondern so, als wäre das seine Alltagskleidung.

Als ich hereinkam, beäugte der Indianer gerade General Bob interessiert, der auf der Arbeitsplatte saß und ihn ebenfalls beobachtete. Der alte Kater hatte dort nichts verloren, aber das war mir im Moment egal.

„Hey“, sagte ich. (Eigentlich sagte ich „Hau“, aber das ist dank diverser Filme und Bücher so sehr zum Klischee geworden, dass ich es lieber übersetze… Aber ich sprach meinen Besucher nicht auf Englisch an. Nur zur Erklärung.)
Er sah auf. Musterte mich von oben bis unten. „Hey. Du bist bestimmt mein Nachfahr“, entgegnete er und grinste. „Mein Name ist Lachender Bär, aber das hast du sicher sofort erkannt.“
„Ist nicht unerwartet“, sagte ich und versuchte, General Bob von der Arbeitsfläche zu scheuchen. Der Kater sprang hoheitsvoll auf das Regal mit der Kaffeemaschine und ignorierte mich ansonsten.
„Du hast bestimmt auch einen Namen“, erklärte mein Besucher und sah mich auffordernd an.
„Ja“, sagte ich. „Sie nennen mich Geht-immer-einen-Schritt-zu-weit. Oder“, ich hielt mich gerade so davon ab, das Gesicht zu verziehen, „Verrückter Bär.“
Er lachte. „Das ist ein schöner Name, Nachfahr. Gefällt mir. – Du hast hoffentlich viele Pferde.“
Ich überlegte kurz, ob ich die Pferdestärken des Highlanders mit erwähnen sollte. Entschied mich dagegen. Ich war nicht ganz sicher, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Wie ich mit ihm sprechen sollte.
„Zwei“, erklärte ich also.
„Zwei“, wiederholte er enttäuscht. Schaute auf meinen Armstumpf. Betrachtete mich mitleidig. „Deine Familie versorgt dich sicher gut.“
„Die Zeiten haben sich geändert“, erwiderte ich. „Ich kann mich um mich selbst kümmern. Und um meine Familie.“
„Oh“, machte er. Klang erfreut, aber nicht ganz überzeugt. „Nun, ich hatte natürlich mehr Pferde. Ich war Akicita, und egal, was die Leute sagen, ich war verdammt gut darin.“
„Habe nie etwas anderes gehört“, sagte ich. „Bin Geschichtenerzähler. Gerate immer wieder in Kämpfe. Gewinne meistens. Nicht immer, aber ich lebe noch.“
„Geschichtenerzähler?“ Erst ein skeptischer Blick (vermutlich wegen meiner Stimme), dann hellte sich seine Mine auf. „Sehr gut. Vermutlich bin ich deswegen hier, damit ich dir meine Geschichte erzählen kann, und du kannst sie deinen Kindern erzählen. Oder deinen Neffen und Nichten. Oder deinem Tier hier.“ Er deutete auf General Bob, der sich mittlerweile neben ihm niedergelassen hatte und mit einer Pfote faul nach einer Feder schlug.
„Ich habe Kinder“, sagte ich und nahm den Kater auf den Arm, bevor er Lachender Bärs Schmuckfedern anknabbern konnte. Er wehrte sich einen Moment, wurde dann aber ruhig und fing an, zu schnurren. Ungewöhnlich, aber das hier war ja auch ein Traum. „Vier Stück.“
Der Krieger grinste anerkennend. „Nicht schlecht. Und das alles mit Geschichtenerzählen.“ Ohne weitere Umstände setzte er sich auf die Arbeitsplatte. „Ich würde mir deine Geschichten wirklich gern anhören – vor allem, wie du zu deinem Namen gekommen bist – aber ich bin hier, um selbst zu erzählen.“
Ich verbrachte noch ein bisschen Zeit damit, General Bob auf den Boden zu setzen (er sprang sofort wieder auf die Arbeitsplatte und setzte sich wie selbstverständlich auf Lachender Bärs Schoß – sonst war der alte Kater nicht so umgänglich) und uns einen Kaffee zu machen.

„Pass auf“, fing mein Vorfahr an. „Die ganze Sache begann, als eine weiße Frau unserem Heiligen Mann eine Pfeife stahl. Keine gewöhnliche Pfeife, sondern eine besondere, die den Geistern geweiht war. Ich war selbst nicht dabei, aber der Heilige Mann erzählte mir, dass sich ihre Augen schwarz färbten und sie das Leder seines Tipis einfach mit bloßen Händen zerrissen hatte. Sie war von einem bösen Geist besessen, meinte er. Wollte ich nicht gehen, um die Pfeife zurückzuholen? Ich hatte mich gerade wieder mal mit unserem Heyoka gestritten, weil der so ein humorloser Knochen war, also war ich ganz froh, eine Weile wegzukommen.
Ich folgte der schwarzäugigen Frau. Sie war sehr schnell unterwegs, und sie musste nicht schlafen. Gut, ich wäre ihr natürlich Tag und Nacht gefolgt, aber das konnte ich Mond nicht zumuten. Mein Lieblingspferd“, er lächelte und fing an, General Bob zu streicheln. „Irgendwann würde sie schon anhalten. Ich war drei, vier Tage unterwegs, als ich den Reiter sah. Er trug die Kleidung der Weißen und hatte ein hübsches Pferd, also überlegte ich, ob ich ihn überfallen sollte – es war wirklich ein gutes Pferd – aber als ich näherkam, sah ich, dass er kein Weißer war. Aber auch kein Dakota oder Cheyenne oder Ojibwa. Das machte mich neugierig, also ritt ich offen auf ihn zu. Im Näherkommen sah ich, dass er zwei lange Messer trug, eins so“, er zeigte mit den Händen eine kurze Klinge, „und eins so.“ Eine längere Klinge. „Ich begrüßte ihn also und wir kamen ins Reden. Er sprach zwar kein Dakota, aber Englisch – das hatte ich schon länger gelernt. Also konnten wir uns verständigen. Sein Name war Kiyoshi Yamaoka, er kam von weither und war ein Krieger. Ein Ältester aus seinem Stamm war ebenfalls von einer hellhaarigen Weißen mit schwarzen Augen umgebracht worden, also taten wir uns zusammen. Er schien ein ganz brauchbarer Bursche zu sein – wir sprachen kurz über Ehre und Tod und waren uns da weitgehend einig.“
Hm. Nach allem, was ich über die japanische Kultur wusste, hatten die beiden sich wohl nicht allzu eingehend unterhalten. Aber das musste ich ihm jetzt nicht erklären.
„Also ritten wir gemeinsam weiter. In der Nähe war eine Siedlung der Weißen, eigentlich auf unserem Land, aber der Heilige Mann hatte schon immer gesagt, dass wir da ohnehin nicht hinwollten. Als wir ankamen, sahen wir ein paar bärtige Weiße, die einen anderen Weißen anpöbelten. Das passte einem schwarzen Mann nicht, und er trieb sein Pferd zwischen sie. Dann kam noch ein Weißer, wedelte mit den Armen und versuchte, die Bartmänner zu vertreiben. Die nörgelten zwar noch ein bisschen, gingen dann aber doch ein Stück weiter. Der weiße Friedensstifter trug einen Stern – ich nehme an, du weißt, was das heißt?“
Ich war fast neugierig auf seine Erklärung, aber andererseits wollte ich wissen, wie die Geschichte weiterging. Also nickte ich nur.
„Sehr gut. Der Sternmann wollte gerade mit dem Schwarzen und dem anderen in ein Haus gehen, als er mich und Kiyoshi sah. Er winkte und meinte, wir sollten doch auch mitkommen. Gut, das erschien mir ganz klug. Wenn in dem Ort besessene Frauen herumliefen, wusste er vielleicht, wo wir sie finden konnten. Kiyoshi band sein Pferd an, ich ließ Mond einfach stehen. Die würde schon kommen, wenn ich pfiff. Und es war normalerweise ganz lustig, wenn ein weißer Mann versuchte, sie zu stehlen.“ Er zwinkerte mir zu. Grinste schon wieder. Mein Vorfahr war offenbar ziemlich leicht zu amüsieren.

„Drin stellte sich der Sternmann als Sheriff Simon Gale vor.“ So, Ethans Vorfahr war ein Sheriff, der illegal auf Indianerland siedelte. Interessant. „Der andere Weiße war Reverend Uriel Blackwood, eine Art Heiliger Mann, und der Schwarze hieß Isaac Mahama. Vor kurzem war hier in der Gegend der Vorgänger von Simon ermordet worden, und der alte Heilige Mann war ebenfalls verschwunden. Außerdem fehlten noch ein Ehepaar und ein Bärenjäger – gut, der hatte sich vielleicht auch mit dem falschen Bären angelegt, aber das wusste eben niemand. Kiyoshi erzählte von der schwarzäugigen Frau, die seinen Ältesten umgebracht hatte. Er wollte ihm zwar zu Hilfe kommen, aber die Frau machte nur eine Handbewegung und schleuderte ihn durch mehrere Wände durch. Dann brachte sie den Ältesten um und stahl ein heiliges Schwert. Als Kiyoshi erzählte, dass sein Ältester an die Wand genagelt und zerrissen worden war, wurde Simon ganz aufgeregt – genauso war sein Vorgänger gestorben! Nun, meinte Kiyoshi, vielleicht war es dieselbe Kreatur.
Simon blinzelte ihn erstaunt an. Was meinte er mit Kreatur? Das war doch sicher ein Mann mit einem wilden Tier. Einem zahmen wilden Tier. Ich überlegte kurz, ob ich ihm eine spannende Geschichte auftischen sollte, aber das zahme wilde Tier konnte ich vermutlich ohnehin nicht überbieten. Also war ich vernünftig – auch das kam vor, egal, was mein Vater sagte – und erzählte, dass unser Heiliger Mann dachte, die Frau wäre von einem bösen Geist besessen gewesen. Simon blinzelte schon wieder überrascht, aber Uriel verstand das. Der kannte sich mit bösen Geistern aus, und der alte Heilige Mann, der vor ihm hier war, wohl auch.“

Lachender Bär nahm einen Schluck von seinem Kaffee. Machte ein überraschtes Gesicht. Trank noch mal. „Ich bin mir nicht sicher, ob das widerlich und lecker ist“, erklärte er dann. Versuchte, General Bob auch etwas davon zu geben, aber der fauchte nur und verkrümelte sich zu mir.
„Ich fragte nach hellhaarigen Frauen, die noch nicht so lange in der Stadt waren“, fuhr er dann fort. „Simon überlegte und meinte dann, der Saloon sei vor kurzem fertig geworden, und es wären ungefähr ein halbes Dutzend Mädchen angekommen, die dort arbeiten sollten.“ Er zwinkerte mir zu. „Wir unterhielten uns eine Weile über diese Mädchen, aber ich hatte den Eindruck, das war den beiden Weißen irgendwie unangenehm. Schließlich fingen Simon und Uriel an, Pläne zu schmieden und Bedenken zu hegen, weil diese Schwarzäugigen ja gefährlich waren“, Lachender Bär schnaubte, „Na, es ist ja vieles gefährlich, aber es wird selten besser, wenn man herumsitzt und plant, statt etwas zu tun.“ Er sah mich an, als würde er Widerspruch erwarten.
„Habe meinen Namen nicht bekommen, weil ich zu lang und intensiv plane“, sagte ich mit einem schiefen Lächeln. „Ich gehe den Schritt zu weit in Richtung Gefahr.“

Jetzt lachte er wirklich. Ich ertappte mich, wie ich selbst auch grinste.

„Obwohl du ein Geschichtenerzähler bist und kein Krieger“, sagte er und klopfte mir anerkennend auf die Schulter. „Nicht schlecht. Du kannst von mir aus gern weiter Verrückter Bär heißen.“
„Danke, Großväterchen“, gab ich zurück. „Das ist aber nett von dir.“
Er prustete in seinen Kaffee. „Zu dumm, dass ich dir kein Pferd schenken kann“, sagte er schließlich. „Aber lass mich weiter erzählen… Wo war ich? Ah. Während Simon und Uriel noch überlegten, ging ich zum Saloon. Kiyoshi hatte offenbar auch genug von dem Gerede, er kam mit. Ein bisschen später tauchten dann auch Simon, Uriel und Isaac im Saloon auf.
Simon ging erst mal mit einer älteren Frau namens Veilchen in ein Nebenzimmer, ließ aber die Tür offen. Danach gingen die fünf jüngeren Mädchen auch hinein, aber die Tür blieb offen und es passierte gar nichts.“ Er sah mich fragend an. „Verstehst du das? Das waren hübsche Mädchen!“
„Hast du nicht gesagt, dass eine davon von einem bösen Geist besessen sein könnte?“
„Oh. Stimmt. Guter Punkt.“ Er zuckte die Achseln. „Als sie wieder rauskamen, stand Kiyoshi auf und setzte seinen Hut ab. Von den Mädchen waren drei hellhaarig, und er konnte nicht genau sagen, welche jetzt die richtige war. Aber er dachte, dass diejenige, die seinen Ältesten umgebracht hat, ihn schon erkennen würde. Das klappte auch gut – fast ein bisschen zu gut: Erst bekam Veilchen schwarze Augen. Dann alle fünf Mädchen. Das waren etwas mehr, als wir erwartet hatten, aber Kiyoshi ließ sich davon nicht einschüchtern: Er stürmte auf die Frauen zu. Veilchen machte eine Handbewegung, und er flog durchs Fenster nach draußen. Na schön, was sollte schon passieren – ich nahm meinen Coup Stick und stupste eine damit an. Es war auch gar nicht so schwierig, sie zu treffen, aber dann flog ich auch aus dem Saloon und landete direkt neben Kiyoshi. Er schaute ein bisschen verwundert, weil ich lachte, aber ganz ehrlich, das war schon irgendwie lustig. Ich hatte sie berührt und war nicht verletzt, also hatte ich gewonnen. Na, irgendwie zumindest.“ Er grinste schon wieder. Was für eine Frohnatur.

„Jetzt schau nicht so“, lachte er, beugte sich zu mir hinüber und zog General Bob am Schwanz. Der Kater reagierte darauf erstaunlich gelassen. Ging einfach weg. Wurde wohl altersmilde. „Für eine erste Begegnung mit einem stärkeren Feind war das doch gut gelaufen. Uriel kam aus eigener Kraft aus dem Saloon, Isaac taucht kurz darauf auch auf. Der war scheinbar auf der anderen Seite rausgeworfen worden. Ich hatte gerade meinen Bogen genommen und auf den Saloon angelegt, als Simon ebenfalls durchs Fenster flog.
Ich schoss auf eines der Mädchen – ich erwartete zwar nicht, dass das viel brachte, aber wir hätten ganz schön dumm geschaut, wenn es doch so einfach gewesen wäre. Na, war es nicht: Der Pfeil flog rein, dann flog er wieder raus und erwischte meine Eulenfeder.“ Lachender Bär zeigte mir eine zerzauste Feder an seinem linken Zopf.
„Da hast du Glück gehabt.“ Ich erinnerte mich an Afghanistan. Damals waren die Kugeln auch zurückgekommen, aber sie hatten Leute getötet und nicht nur gestreift.
„Glück?“, erwiderte er. „Ich denke nicht. Unser Heiliger Mann hat mir einen Beutel mitgegeben, der mich vor dem bösen Geist schützen sollte. – Na gut, also zogen wir uns zurück. Es gab ein heiliges Haus in dem Ort, aber jemand hatte es so beschädigt, dass es keinen Schutz mehr bot. Trotzdem besprachen wir uns dort. Wir hatten die Konfrontation alle weitgehend unbeschadet überstanden, aber siegreich waren wir nicht gerade gewesen. Das waren mehr böse Geister, als einer von uns erwartet hatte – die wollten doch etwas erreichen. Das gesegnete Schwert und die geweihte Pfeife hatten sie sicher nicht zufällig gestohlen. Konnte sein, dass es noch mehr Gegenstände gab. Wir wussten nicht genug, also kamen wir überein, dass die beiden Weißen sich mit Leuten unterhalten sollten, die schon sehr lange hier waren, während der Rest von uns sich die Umgebung anschaute.
Gesagt, getan. Simon und Uriel redeten erst mit dem Totengräber und erfuhren, dass der alte Friedhof unheimlich war und dass man dort seltsame Mauern und Löcher im Boden gefunden hatte. Von einer alten Frau hörten sie außerdem, dass zwei der Stadtgründer kurz nacheinander von Wölfen zerrissen worden waren. Außerdem erwähnte sie, dass es nie irgendwelchen Ärger mit den Dakota oder anderen Stämmen gegeben hatte. Vielleicht hätten sich die Weißen mal Gedanken machen sollen, warum das so war.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. Hielt wohl nicht viel von den Siedlern.

„Ich pfiff Mond herbei. Hinter einem der Häuser klapperte etwas, dann fluchte jemand, und schließlich kam mein Pferd angetrabt.“ Er grinste breit. „Kann sein, dass es sich nur verlaufen hatte. Das war ein eigensinniges Pferd. Wir ritten als erstes einmal quer durch den Ort, und Kiyoshi meinte, die Häuser wären seltsam angeordnet. Nicht alle, aber die fünf ältesten standen in einer Art Kreis. Isaac fand das auch merkwürdig.
Wir verließen den Ort und schauten uns weiter um. Am Fuß des Hügels, auf dem die Häuser standen, fanden wir die Überreste eines riesigen Medizinrads – keine Ahnung, wer das gebaut hatte. Unsere sind normalerweise viel kleiner. Es war zerstört, jemand hatte Steine herausgerissen. Das war schon eine Weile her, vielleicht eine oder zwei Generationen. Schließlich fanden wir eine Spalte, die in den Hügel hineinführte. Ich machte ein kleines Grasfeuer, damit wir etwas sehen konnten, und wir folgten einem gewundenen Gang, bis wir zu einer großen Höhle kamen.
Aus der Höhle gingen fünf Treppen nach oben. Ich habe einen sehr guten Orientierungssinn, ich war mir sicher, dass diese Treppen genau in die fünf Häuser führten, die uns vorher aufgefallen waren.“ Hätte er mir diesen Orientierungssinn nicht vererben können? Ich bemühte mich, ein neutrales Gesicht zu machen.
„In der Mitte der Höhle war ein Loch im Boden. Im Schein des schwachen Graslichts konnten wir den Boden nicht erkennen, nur schwarze Schatten. Isaac warf einen Stein hinein, aber wir hörten keinen Aufprall. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht mit diesem Loch – es war im Durchmesser fast zwei Mannslängen groß, und etwas Böses ging von ihm aus. Das war einerseits natürlich schlecht, aber andererseits wussten wir jetzt, was die bösen Geister hier wollten. Nicht genau, aber es hatte sicher mit dem Loch zu tun.“

Lachender Bär machte eine Pause und hielt mir seine leere Tasse hin. „Ich muss noch mehr davon trinken, um herauszufinden, ob mir das schmeckt oder nicht. Vielleicht ist es besser, wenn ich etwas dazu esse.“ Ich machte uns einen neuen Kaffee und kramte ein Snickers aus dem Kühlschrank (es war immer noch ziemlich heiß in Arkansas, und Tam räumte immer alles Mögliche in den Kühlschrank). Er knabberte erst vorsichtig, dann mit wachsender Begeisterung an dem Schokoriegel.
„Das ist gut“, erklärte er kategorisch. „Ich glaube, davon könnte ich noch mehr essen.“
Nachdem er drei Snickers und einen Müsliriegel vertilgt hatte, nahm er den Faden wieder auf.

„Wir trafen uns wieder mit den beiden Weißen. Gerade, als wir in das frühere heilige Haus gehen wollten, kam ein weißer Mann mit einem seltsamen Hut auf uns zu und sprach uns aufgeregt an. Er machte Bilder von Menschen, sagte er. Mit einem Gerät. Und wir sahen doch interessant aus – durfte er vielleicht ein Bild von uns machen? Ich war ein bisschen misstrauisch, aber ich war auch gespannt, was passieren würde. Also mussten wir uns aufstellen, ernst dreinschauen und eine Weile still stehen. Dann kam ein heller Blitz – mir fällt gerade auf, das hätten wir später gut brauchen können, aber daran hat keiner gedacht – und er meinte, er wäre fertig. Allerdings war das Bild noch nicht da, er musste erst sein Gerät überzeugen, es zu zeichnen. Kann auch sein, dass das ein Scherz war, der Humor der weißen Leute ist ja manchmal etwas unklar.“
„Nein, kein Scherz“, sagte ich. „Warte.“ Ging und holte das Bild von den fünf Männer, das mir Bart geschickt hatte. Er betrachtete es interessiert. War offensichtlich beeindruckt. Ich fragte mich einen Moment, ob ich mein Handy holen und ein Selfie mit ihm machen sollte, aber das kam mir dann doch etwas albern vor.
„Zauberei, oder wie?“, fragte er. Ich fing an, ihm etwas von Lichtbrechung und Chemikalien zu erzählen, aber er winkte ab und zwinkerte mir zu. „Schon gut. Ich merke es, wenn Leute Dinge erfinden.“
Mein Gehirn machte ein paar Vorschläge für plausible Geschichten, wie die Bilder wirklich entstanden, aber vermutlich war Lachender Bär nicht hier, um sich von mir veralbern zu lassen. Stattdessen schenkte ich ihm noch einen Kaffee ein.

„Nachdem der Weiße mit dem Hut sein Gerät bedient hatte und wieder seiner Wege gegangen war, redeten wir. Dass die bösen Geister etwas mit dem Loch vorhatten, bezweifelte keiner, und dass wir sie aufhalten mussten, war auch allen klar. Vermutlich hing der Plan mit den Häusern zusammen, also ging Simon los, um mit einem der Weißen zu reden, die dort wohnten. Das war der Sohn von einem der Männer, den die Wölfe gefressen hatten. Er war nervös und wollte Simon möglichst schnell loswerden, also ging der Sheriff wieder. Gemeinsam drangen wir danach von unten über die Treppe in sein Haus ein, Kiyoshi packte ihn und hielt ihn über das Loch. Er sollte uns den Plan erzählen, sonst würde er ihn fallen lassen.
Der Weiße war ein Feigling und erzählte uns alles: Sein Vater hatte einen Handel mit den bösen Geistern gemacht, um hier siedeln zu können. Jetzt hatten die bösen Geister ihn um Hilfe gebeten, um ihren Meister aus dem Loch zu holen – der war dort eingesperrt. Unser Gefangener war einer von fünf Männern, die in Roben und Masken bei dem Ritual anwesend sein sollten, um den Geistern in den Mädchen ihre Kraft zu geben. Er grinste dabei schwach, offenbar glaubte er, dass er bei dieser Geschichte mit einem der Mädchen schlafen durfte. Die Kraft wurde gebraucht, um fünf Artefakte aufzuladen, die bei der Befreiung eine Rolle spielen sollten. Morgen Nacht sollte das Ritual stattfinden.
Kiyoshi und ich sahen uns an. Vermutlich waren das Schwert und die Pfeife zwei der Artefakte. Bis morgen Nacht hatten wir noch Zeit, um uns vorzubereiten.
Die Weißen fingen dann an, darüber zu reden, was sie jetzt mit dem Gefangenen machen sollten. Einsperren war aus irgendwelchen Gründen schwierig, also stellte ich dem Feigling ein Bein, nachdem Kiyoshi ihn am Rand des Lochs abgesetzt hatte. Wie erwartet stolperte er und fiel in das Loch.“ Lachender Bär machte eine ungeduldige Handbewegung. „Simon war aufgebracht, erzählte etwas von Mord und seinen Gesetzen. Ich verzichtete darauf, ihm zu sagen, dass er hier auf unserem Land war und seine Gesetze kein Gewicht für mich hatten. Das wäre eine längere Diskussion geworden – weiße Leute reden einfach zu gern. Getan hat er dann natürlich nichts.“ Ethans und mein Vorfahr waren wohl keine guten Freunde gewesen.

„Ich schlug vor, die Mädchen einfach in das Loch zu stoßen, aber Uriel, Simon und Isaac wollten das nicht. Die Mädchen waren ja nur besessen, wir mussten die bösen Geister loswerden, möglichst ohne ihren Wirten zu schaden. Ich wusste nicht, wie das gehen sollte, aber Uriels Vorgänger war ein Spezialist für so etwas gewesen: Ein Exorzist. Also teilten wir uns auf: Simon und Kiyoshi gingen los, um die Einwohner der anderen Häuser auszuschalten oder einzusperren – plötzlich war das nämlich kein Problem mehr – Isaac und Uriel wollten die Besitztümer des alten Heiligen Mannes durchsuchen, ich ging los, um ein paar Kräuter zu finden und die Geister um Unterstützung zu bitten.
Wir waren alle erfolgreich: Simon und Kiyoshi brachten Roben und Masken, Isaac und Uriel hatten einen ganzen Haufen geweihte Dinge gefunden… Messer, Öl, sprechende Zeichen, die ihnen einen Austreibungsspruch verrieten. Ich rieb meine Pfeile mit einer Mischung aus Kräutern und Uriels Öl ein, und Kiyoshi band noch Papiere mit Symbolen um den Schaft. Das sollte ja wohl helfen.
Die Zeit verging, wir kleideten uns in Roben und Masken und gingen in die Häuser. Kurz nachdem wir alle verteilt an den Treppen standen, tauchten die Frauen auf. Sie hatten auch Roben an, die sie aber schnell auszogen. Darunter waren sie nackt, ganz bleich und mit Zeichen bemalt. Jede von ihnen hatte einen Gegenstand dabei: Das lange Messer von Kiyoshis Ältestem, die Pfeife meines Stamms, drei andere Sachen, die ich nicht genau erkennen konnte. Jeweils eine von ihnen kam auf einen von uns zu, während Veilchen zum Loch ging. Sie machte einen Schritt darauf zu, aber sie fiel nicht hinein, sondern schwebte genau darüber – aber das Loch war nicht mehr ganz schwarz, sondern pulsierte im Rhythmus der Worte, die die Besessenen jetzt anstimmten.“ Mit den Händen gestikulierte Lachender Bär den Takt, sprang dann auf und zeigte an, wie er etwas von sich warf.
„Es war Zeit, das Ritual zu unterbrechen! Ich setzte die Maske ab, entledigte mich der Robe und hob meinen Bogen. Der Pfeil flog genau auf Veilchen zu und traf sie an der Schulter! Sie taumelte, fiel und kam am Rand des Lochs auf.
Uriel zündete das heilige Öl an, das sofort hell aufflackerte. Dabei sprach er die Worte, die die bösen Geister austreiben sollten, aber das dauerte eine Weile – wir mussten mit den Dämoninnen kämpfen. Wir hatten Glück, sie kamen nicht auf die Idee, sich alle auf Uriel zu konzentrieren, und sie konnten ihre Kräfte in dem Kreis der Flammen nicht verwenden. Also tänzelten Simon und Isaac um die Mädchen herum, ich berührte meine Gegnerin ein paar Mal mit dem Coup Stick. Kiyoshis Gegnerin hatte das Schwert seines Ältesten dabei – er schaffte es, ihr die Waffe zu entreißen und sie damit zu köpfen.
Gerade in diesem Moment war Uriel fertig mit seinem Spruch, zähe schwarze Wolken krochen den Mädchen aus Mund und Nase oder aus dem blutenden Hals. Kiyoshi trieb die Geister mit dem Schwert vor sich her, und wir anderen griffen ebenfalls nach den Gegenständen, die die Besessenen in den Händen gehalten hatten – ich trug in der linken Hand die heilige Pfeife, in der rechten ein scharfes Messer aus hellem Metall, das Uriel geweiht hatte. Mit diesen Gegenständen gelang es uns, die bösen Geister zum Loch zu zwingen. Das war ja einfach gewesen!“ Er grinste mich breit an, machte eine kurze Pause und sprach dann weiter.

„Unsere Erleichterung hielt nicht lange an, denn wir hatten Veilchen vergessen. Die trug den bösen Geist immer noch in sich, und es gelang ihr, trotz ihrer Verletzung das Ritual weiter fort zu führen. Das schwarze Wabern im Loch breitete sich aus, und als die Rauchschwaden der anderen bösen Geister hineinfuhren, schälte sich eine riesige Gestalt aus dem Dunkel! Das Monster sah menschlich aus, hatte aber riesige Hörner, klauenbewehrte Arme und ein Maul mit spitzen Zähnen, mit denen es ein Pferd hätte verschlucken können. Es wurde von Ketten gehalten, deren Glieder dicker waren als der Oberschenkel eines fetten Mannes, aber Veilchen Ritual hatte die Fesseln geschwächt. Eine nach der anderen zerriss das Monster sie.
Uriel fing wieder an, seine heiligen Worte zu rezitieren, aber er brauchte Zeit. Ich lachte – einen so mächtigen Gegner hatte ich noch nie getroffen! Mit einem lauten Schrei sprang ich auf ihn zu, landete auf seiner Schulter und stach ihm das helle Messer in den Hals. Wütend bäumte er sich auf und brüllte wild. Kiyoshi hatte nur darauf gewartet und sprang ihm mit der Schwertklinge voran in das geöffnete Maul! Gemeinsam stachen wir auf das Monster ein, das ziellos um sich schlug. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie es Simon erschlug, der sich vor Isaac gestellt hatte. Uriel wurde von einer Kette getroffen, die durch den Raum peitschte, als der böse Geist sie zerriss, aber er wankte nicht und sprach seine Worte trotzdem weiter.
So sehr das Monster auch tobte, es konnte dem Spruch des Heiligen Mannes nicht widerstehen – langsam schlangen sich die Ketten wieder um seine Glieder und zogen es mit sich nach unten. Kiyoshi und ich verpassten den richtigen Moment, um wieder nach oben zu springen, und es wurde dunkel um uns. Wir sahen nur noch das Glosen der Augen des bösen Geistes. Kiyoshi zerteilte eines davon mit seiner Klinge, ich blies heiligen Rauch aus der geweihten Pfeife, und mit vielen blutenden Wunden zogen wir uns von dem gebundenen Monster zurück. Wir hörten es noch eine Weile toben, aber dann kamen andere Geräusche und andere Gefahren… aber das erzähle ich vielleicht ein anderes Mal.“
Er setzte sich wieder auf die Arbeitsplatte, nahm einen genüsslichen Schluck Kaffee und strahlte mich an. „Du musst zugeben, das war eine gute Geschichte.“

„Beeindruckend“, sagte ich beifällig. Er schaute mich weiter erwartungsvoll an, aber klatschen konnte ich nicht. „Ich werde sie meinen Kindern… all meinen Verwandten erzählen.“ Jetzt sah er zufrieden aus.
„Sehr gut“, meinte er. „Deswegen bin ich hier… und … na, so ganz zu Ende ist die Sache noch nicht.“
„Ich weiß. Uriels Nachfahr hat mir gesagt, wir müssten das Ritual wiederholen.“
„Das ist gut. Am besten, du findest einen Akicita, der das machen kann.“ General Bob saß wieder neben ihm auf der Arbeitsplatte und kaute vorsichtig auf einem der Lederbänder herum, mit denen seine Hose befestigt war.
„Kann ich selber machen“, erklärte ich. Er lächelte mitleidig und schaute zu meinem rechten Arm.
„Aber es gibt doch sicher noch Nachfahren, die Akicita sind“, sagte er. „Du hast selbst gesagt, du bist Geschichtenerzähler.“
„Es gibt noch Nachfahren, die Akicita sind“, stimmte ich zu, „aber es hat einen Grund, dass du zu mir gekommen bist und nicht zu ihnen. Ich kenne die Nachfahren aller Männer, die bei deiner Geschichte dabei waren. Habe Uriels Nachfahren schon bei mehr als einem Ritual geholfen.“
„Das war vermutlich aber nicht so gefährlich.“
Ich dachte an den Feuerdämon. „Kann sein. Gefährlich genug.“

Er war nicht überzeugt, aber er diskutierte nicht weiter. Stattdessen nahm er dem Kater das Lederbändel weg. Der starrte ihn böse an und angelte mit der Pfote hinterher.

„Ich habe nie gehört, dass du zurück zu deiner Familie gekommen wärst“, sagte ich schließlich, während Lachender Bär den Kater mit dem Bändel ärgerte.
„Hm? Nein, wir sind nie wieder herausgekommen. Ich glaube, wir sind ein paar Mal dort gestorben, und danach kommt man nicht wieder hinaus. Das ist ansonsten schon schwierig genug.“ Er grinste mich an. „Nur den Traum hier, den habe ich hinbekommen. Vermutlich auch nur, weil das Bannritual am Loch schwächer wird.“ Sein Grinsen wurde breiter. „Hey, wenn euer Ritual nicht klappt, kann ich vielleicht ganz raus und dir auf die Nerven gehen.“
„Nimm es mir nicht übel, Lachender Bär, aber wir werden unser Bestes tun, damit es funktioniert.“
Er lachte nur. Schüttelte dann den Kopf.
„Du lachst nicht viel“, erklärte er. „Lass mich dir einen Rat geben, Nachfahr: Mach das ab und zu.“

Großartig. Psychotherapie von einem Akicita aus dem 19. Jahrhundert. Als nächstes würde er versuchen, mir die Freuden des Skalpierens näher zu bringen.

„Ist gerade schwierig“, gab ich dann zu. „Zu viele schlechte Erinnerungen.“
Unwillkürlich lachte er auf. Schon wieder. „Aber Lachen ist der beste Weg, um damit fertig zu werden.“ Er runzelte die Stirn. „Das ist ja grässlich. Du willst doch nicht einer dieser Typen werden, die mit steinerner Miene vor sich hin grübeln. Schau dir dieses Tier an!“ Er griff sich General Bob und hob ihn hoch. Das gefiel dem Kater nun weniger, und er fing an, sich zu wehren. „Das ist ein lustiges Tier!“ Er schüttelte ihn kurz, bis General Bob ihn gleichzeitig mit beiden Pfoten kratzte und fest in die Hand biss. Dann ließ Lachender Bär seinen Gefangenen laufen, und der Kater kletterte prompt in das Regal mit den Gewürzen, warf ein paar runter und fauchte meinen Vorfahren an.
„Siehst du“, rief Lachender Bär aus. „Komm schon, das war doch witzig!“

Nein, ich fand das nicht witzig. Vorsichtig klaubte ich den Kater wieder aus dem Regal und kraulte ihn. Brauchte eine Weile, bis er sich beruhigte.

„Ich könnte mit den Messern da jonglieren“, schlug mein Vorfahr vor. „Möglicherweise lachst du dann.“
„Wenn du dich an einem Messer schneidest, darfst du die Sauerei aufwischen“, gab ich trocken zurück. „Dann lächele ich vielleicht.“
Er sah mich misstrauisch an. „Ich bin mir nicht sicher, wie ernst du das jetzt gemeint hast.“
Ich schnaubte amüsiert. „Nicht sehr“, gab ich zu.
„Immerhin hast du gelächelt. Ich werte das als gutes Zeichen.“
Dann sprang er von der Arbeitsplatte. „Ich muss gehen“, sagte er. „Sei vorsichtig, nimm einen Krieger zum Ritual mit und verpatz es nicht.“
„Werde ich nicht“, versprach ich. Dachte an Barts Apokalypsen-Event.
„Vergiss nicht zu lachen, Verrückter Bär.“ Mit diesen Worten ging er durch die Glastür nach draußen. Ja, das war Panzerglas, aber ich glaube, das merkte er gar nicht.

General Bob sprang von meinem Schoß. Sah meinem Vorfahren hinterher, dann wieder zu mir. Maunzte fragend.
… er war schon nicht mehr ganz jung gewesen, als wir ihn vor elf Jahren bekommen hatten. In der letzten Zeit hatte er nur noch geschlafen. Sein rechtes Knie war nicht mehr in Ordnung, und er hörte nicht mehr gut.
„Geh schon“, sagte ich zu ihm. „Pass auf ihn auf. Werde dich vermissen.“
Er strich mir noch einmal um die Beine, dann rannte er los, hinter Lachender Bär her. Wie ein geölter Blitz. So schnell war er seit Jahren nicht mehr gewesen. Verschwand durch die Glastür in der Nacht.

Die Kinder fanden ihn am nächsten Morgen. Wir begruben den Kater im Garten, unter dem Apfelbaum. Leb wohl, General Bob.

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Les Abeilles du Mal
aus Barrys Tagebuch

Auf Französisch ist einfach alles schöner. Ich meine, Bienen des Bösen klingt wie der Titel eines Groschenromans, aber Les Abeilles du Mal ist Niveau, Kunst und Poesie mit einem Hauch von Ruchlosigkeit.

…als ob euch der Titel meiner Aufschriebe interessieren würde. Ich brauche die eigentlich nur, damit die Dateien einen aussagekräftigen Namen haben und ich nicht zwischen BerkeleyEdward, PortlandVogel und MayCreekEarl herumsuchen muss. Deswegen diesmal also Französisch.

Eigentlich hätte das hier wohl der Bericht werden sollen, wie ich mit Ethan und ein paar anderen losging, um Coleen aufzumischen. Wir wussten dank Ally, dass sie sich in Philadelphia aufhielt. Hatten uns dort verabredet. Wurde aber nichts: Am Tag vorher ließ ich mich beim Fahren von einem Schatten ablenken, und landete dank eines zu schnellen Beemers mitsamt dem Highlander im Bayou. Wäre alles nicht so schlimm gewesen, wenn ich mir nicht das Handgelenk verstaucht hätte. Das war es dann mit irgendwelchen Expeditionen zur Hexe.
Danach saß ich eine Woche herum und schonte die Hand – ich konnte die Finger noch benutzen, aber ich sollte das Gelenk möglichst ruhig halten, und das hieß im Klartext: Herumsitzen und meinen Gedanken beim Kreiseln zuschauen. Immerhin bekam ich die Panikattacken besser in den Griff. (Reines Wunschdenken, aber das soll ja auch helfen.)

Nachdem Tam dann ein paar Tage in New Mexiko herumreiste und zusammen mit Bobby und Stinger ein Chupahuevo jagte (wenn ihr nicht wisst, was das ist – besser so), ließ ich mich von Phil überreden, mal wieder nach Boston zu fliegen. Unsere Cousine Lesley hatte dort einen Termin bei einer schmierigen Anwaltskanzlei, die angeblich für den irischen Mob arbeitete, und außer ihr fand niemand, dass sie da allein hingehen sollte.
Zu meiner Erleichterung kam es nicht zu einer Schießerei oder anderen Handgreiflichkeiten (ach, sei ehrlich, Jackson – ein bisschen enttäuscht warst du schon, oder?). Nur spitze Bemerkungen, ein Haufen hochgestochenes Geschwafel voller Paragraphen und die eine oder andere Anzüglichkeit, mit der Lesley aber gut klar kam. Am Ende bekam wir, was wir haben wollten (Papier), ich setzte meine Cousine in ihr Flugzeug und ging erleichtert los, um Gideon zu treffen.

Der freute sich enorm, mich zu sehen. Hey, hast du schon von der Leiche gehört, wollte er wissen. Hielt mir einen Zeitungsartikel hin.
Die sterblichen Überreste von Cory Saller, 54, die vor ungefähr vier Wochen aus dem Krankenhaus in Houlton verschwunden sind, wurden vor kurzem von Wanderern entdeckt. Polizeiangaben zufolge war der Leichnam stark verstümmelt. Sheriff Burkheiser schließt satanistische Umtriebe nicht aus.
Gideon hatte schon mit Irene geredet. Die beiden wollten sich morgen in einem Roadhouse bei Houlton in Maine treffen. Hatte ich Lust, mitzukommen?
Klar hatte ich. Nach der erzwungenen Untätigkeit in den letzten Wochen wäre ich auch mitgekommen, um ein Pikachu zu jagen. Verstümmelte Leiche, Satanisten… was konnte da schon schiefgehen? (Eine Menge, und das wusste ich eigentlich auch, aber so ein bisschen Adrenalin konnte ich gerade gut gebrauchen.)

Wir fuhren am nächsten Morgen los, kamen gegen Mittag an. Gideon war ein sehr guter Fahrer, aber auch ein sehr schneller. Großartig. Da bekam ich nicht nur Adrenalin, sondern konnte gleich noch üben, Panikattacken in den Griff zu bekommen. Das hatte ich mir doch gewünscht.
Das Roadhouse am Ortsrand von Houlton war halbwegs sauber und sehr gesittet. Voller Kanadier. An einem runden Tisch saß Irene. Sie strahlte, als sie Gideon sah. Bei mir strahlte sie nicht, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Professionelle Höflichkeit war schon in Ordnung. Vermutlich besser für alle Beteiligten.

Während wir unser weiteres Vorgehen besprachen, setzte sich eine junge Frau zu uns an den Tisch. Schwarz gefärbte Haare, dunkel geschminkte Augen, Metall im Gesicht. Ein paar Tätowierungen, ein paar Narben. Emily.
Sie war auch wegen der verstümmelten Leiche hier. Schlug vor, wir könnten zusammenarbeiten. Klang plausibel, aber Irene war skeptisch. Wollte wissen, ob Emily überhaupt Erfahrung hatte. Ja, sagte die junge Frau nur. Hatte sie.
Gideon versuchte, die Stimmung aufzulockern. Holte einen Stuhl, stellte uns vor. Irene streckte ihr die Hand hin. Emily schaute sie nur skeptisch an. (Das war der Moment, wo sie mir sympathisch wurde.) Sie schütteln wohl keine Hände, sagte Irene. Ich fasse nicht gern Leute an, erklärte Emily kühl. Interessant. Ich fragte mich, was ihr passiert war. (Hör bloß auf, schon wieder Frauen interessant zu finden, Jackson. Du bist verheiratet, okay.)

Wir beschlossen, uns aufzuteilen: Irene und Emily zum Krankenhaus, wo die Pathologie untergebracht war, Gideon und ich zum Sheriff. Hatte mir schon gedacht, dass Nachforschungen angebracht waren, und war entsprechend seriös gekleidet. (Das war später nicht mehr so ideal, weder bei den Hippies noch im Wald, aber ich greife vor.)
Sheriff Burkheiser war in meinem Alter, ehrgeizig, aber leider auch völlig überfordert. Ja, die Leiche von Saller war vor vier Wochen verschwunden. Nein, es war nicht die einzige – da waren noch drei oder vier paar Leichen von Obdachlosen, die danach verloren gegangen waren. (Woher kamen eigentlich diese ganzen toten Obdachlosen? Houlton war ein kleiner Ort, und dass innerhalb von einem Monat plötzlich drei Obdachlose gestorben waren, kommt mir im Nachhinein eher unwahrscheinlich vor. Aber das fiel zu diesem Zeitpunkt weder Gideon noch mir auf, und Burkheiser versuchte relativ schnell, von diesem Thema wegzukommen.) Außerdem waren ein paar Wanderer verschwunden, erst ein Ehepaar, dann ein einzelner junger Mann aus Chicago. Es gab zwar eine Suche nach den Vermissten, aber viele Leute hatte der Sheriff nicht zur Verfügung.
Sallers Leiche wurde vor ein paar Tagen von ein paar Wanderern im Wald in der Nähe von Ludlow entdeckt, als deren Hund die Überreste ausgrub. Er musste schon einige Zeit im Wald gelegen haben, der Körper wies die üblichen Fraßspuren auf, aber außerdem war er völlig blutleer, die inneren Organe, Augen, selbst das Gehirn fehlten. Das war nicht normal, und Burkheiser wirkte ziemlich ratlos. Eigentlich wollte er nicht an satanistische Umtriebe glauben, aber was sollte es denn sonst sein?

Wir stellten noch ein paar Fragen, fanden heraus, dass die Wanderer in der Nähe des Nationalparks verschwunden waren, nicht weit vom Fundort der Leiche entfernt. Großartig, sagte ich zu Gideon, als wir uns vom Sheriff verabschiedet hatte. Schon wieder ein Wald in Maine. Er lachte nur, meinte, wir hätten ja ein GPS-Gerät. Dachte wohl, ich würde mir zu viele Sorgen machen. Vielleicht hatte er recht, aber die Satellitenabdeckung in Maine war ein Witz, und ich konnte mich noch gut an die zwei Wochen erinnern, die ich gar nicht so weit weg von hier herumgeirrt war.

Aber zuerst zurück zum Roadhouse. Irene und Emily hatten sich im Krankenhaus als Reporterinnen ausgegeben und waren von einem sehr enthusiastischen Pfleger zur Pathologie gebracht worden. Unterwegs erklärte er ihnen, dass die Theorie von Satanisten Blödsinn wäre – wer glaubte denn sowas? Nein, dahinter steckten Organhändler. Und Aliens. Gut, dass es noch Leute gibt, die die Wahrheit von den Hypes der Lügenpresse unterscheiden können. Das macht einem doch Hoffnung.

Die Pathologin Dr. Rose McIlrath war glücklicherweise etwas bodenständiger. Trotzdem ließ sie sich von den Reporterinnen um den Finger wickeln, zeigte ihnen die Leiche und erlaubte Irene sogar, Fotos zu machen. Die hatte nämlich außer den Fraßspuren auch Schnitte im Bauchbereich entdeckt.
Schließlich rückte McIlrath mit einem seltsamen Fund heraus: Einer Biene, die an der Leiche hing. Tot, natürlich, aber im Wald hier gab es gar keine Bienen, zumindest jetzt nicht mehr. Sheriff Burkheiser hatte ihr erzählt, dass in Houlton eine Entomologin wohnte, Dr. Helena Taylor, die sich möglicherweise damit auskannte, aber bisher war die Pathologin noch nicht dazu gekommen, sie zu kontaktieren. Irene überredete sie, ihr die Biene zu überlassen – war ja kein Beweisstück oder so. (Irene musste zwei Dokumente unterschreiben, eins für die Fotos, eins für die Biene. Erinnerte mich ein bisschen an Nick auf der ComicCon, nur dass sie mit „Sally Thiel“ unterschrieb statt mit „Agent Mulder“. Ich brauchte einen Moment, bis mir einfiel, worauf sich das bezog.)

Als nächstes wollten wir mit Dr. Taylor wegen der Biene reden. Sie war eine Frau Ende Vierzig, gut gekleidet und unbefangen. Freute sich offensichtlich, dass jemand kam, um sie nach Insekten zu fragen.
Die Biene war eine ostafrikanische Hochlandbiene, erklärte sie. Die gab es hier gar nicht. Vielleicht hatte Saller etwas damit zu tun, der sammelte doch seltene Tiere. Gut, Dr. Taylor wusste nicht, ob dazu auch Bienen gehörten, aber mit dem Artenschutzabkommen nahm er es jedenfalls nicht so genau. Sie erwähnte in diesem Zusammenhang die Umweltschutzorganisation EcoWars, die nicht nur gegen die artfremde Tierhaltung, sondern auch gegen Sallers Geschäftspraktiken protestiert hatten. Er betrieb hier in der Gegend ein großes Sägewerk.

Das interessierte Gideon. Auf der Facebook-Seite von EcoWars stand, dass ihr Anführer Vincent Nakamura war. Der hatte kein gutes Wort für Saller übrig. Klang auch nach dem Tod des Fabrikanten unversöhnlich. Kündigte für die kommenden Tage eine große Aktion in Houlton an, schrieb aber nicht, was er genau machen wollte.

Emily hatte sich ebenfalls am Internet versucht: Dr. Helena Taylor hatte bis vor kurzem in Boston an der Universität gelehrt. Jetzt nicht mehr. Warum? Stand nicht dabei.

Ohne das jetzt allzu genau ausführen zu wollen: Wir fuhren in den Wald. Fanden nichts. Fuhren zu Cory Sallers Witwe. Fanden einen Haufen Tiere, die man nicht privat halten durfte, und einige seltene Trophäen, die Saller nie hätte erlegen dürfen. Immerhin fand ich den Austausch zwischen dem Tierpfleger und Emily ganz interessant: Da sie offensichtlich nicht auf exotische Tiere stand, wollte er wissen, was sie stattdessen mochte. Rockmusik? Autos? Gegenstände, sagte sie. Ich fragte mich, was für Gegenstände sie meinte (und musste meine Vorstellungskraft gleich mal wieder aus dem nicht jugendfreien Bereich abholen).
Im veganen Umweltcamp von EcoWars verbrachten wir ein paar netten Stunden. Erzählten, wir wären Reporter, die etwas über die Umweltzerstörung berichten wollten. Erfuhren, dass Nakamura geplant hatte, Sallers Leiche zu klauen und dann à la Oliver Cromwell vor Gericht zu stellen. (Ich stand ein bisschen auf dem Schlauch, als er von Cromwell sprach, weil ich vor einiger Zeit Wolf Hall und Bring Up the Bodies gelesen hatte. Da ging es um einen anderen Cromwell).

(Mann. Was soll das mit den Klammern diesmal? Ständig diese Seitenkommentare… ignoriert sie einfach, okay. Weiß nicht, was mit mir los ist.)

Jedenfalls, Hippies. Nakamura war fanatisch, wurde richtig wild, wenn er über seine Thesen sprach. Seine Freundin fand das beunruhigend – später erzählte sie uns, dass er vor ein paar Monaten von der Uni geflogen war, weil er eine Affäre mit einer Dozentin hatte. Einer wesentlich älteren Frau, die ihren Job auch verloren hatte. Ihr Name? Dr. Helena Taylor. Biologin.
Seltsam. Im Gespräch mit uns hatte sie nicht erwähnt, dass sie EcoWars näher kannte.

Schien so, als wäre das die einzige Spur. Wir überlegten, ob wir bei Dr. Taylor einbrechen oder sie nur beobachten sollten, aber schließlich klingelte Irene bei ihr. Eigentlich wollten wir nur wissen, ob sie überhaupt da war, aber die ehemalige Dozentin freute sich über jegliche Art von Besuch und lud Irene auf einen Kaffee ein. Drinnen lamentierte sie eine Weile über Männer (alles Schweine), kam bei dem Thema Insekten ins Schwärmen (sie war in Kenia gewesen und hatte dort Bienen untersucht) und musste schließlich nach einem Blick auf die Uhr hektisch aufbrechen.

Wir folgten ihr. Sie fuhr zum Waldrand, parkte ihren Wagen. Während der Fahrt legte ich die leichte Schiene an, die mir der Arzt wegen der verstauchten Hand empfohlen hatte. Brauchte ich sonst nicht, aber wenn ich das Gelenk belasten wollte, konnte ein bisschen Unterstützung nicht schaden.
Emily sprach mich drauf an. Wir redeten kurz, nichts Besonderes. Nur ein lockeres Gespräch. Kommt nicht so oft vor. Die meisten Leute halten Abstand zu mir. (Sei vorsichtig, Jackson. So fing das mit Irene auch an.)

Es war später Nachmittag, als wir Dr. Taylor in den Wald folgten. Dauerte nicht lang, bis wir eine Blockhütte zwischen den Bäumen fanden. Keine breiteren Zufahrtswege. Wir teilten uns auf, schlichen um das Gebäude. Schreckten die Entomologin fast auf, als jemand auf einen Ast trat – ich weiß nicht, wer das war, ich war auf der anderen Seite. Schaute durch ein Fenster.
Sah einen Raum voller medizinischer Geräte. Auf einer Art OP-Tisch lag der junge Wanderer aus Chicago, Brian Bruce, angeschlossen an ein Herzfrequenzmessgerät, das einen schwachen Herzschlag zeigte. Lebte also noch. War allerdings bedeckt von einem Schwarm Bienen, die auf ihm herumkrochen.
Dr. Taylor war auch im Raum, in einen weißen Kittel gekleidet. Wurde von den Bienen offenbar nicht belästigt. Weiter hinten standen ein paar Gläser mit menschlichen Innereien. Charmant.

Wir zogen uns ein Stück zurück. Besprachen uns. Klar, wir mussten Bruce retten und Dr. Taylor aufhalten, aber wie? Kam uns nicht klug vor, einfach in einen Bienenschwarm hineinzulaufen, vor allem nicht, wenn die Entomologin ihn möglicherweise kontrollieren konnte. Also machten sich Irene und Emily daran, aus harzigem Holz ein paar Brandpfeile und eine Fackel herzustellen. Emily hatte einen modernen Jagdbogen bei sich. Nützlich, wenn man nicht viel Lärm machen will. Oder brennende Pfeile in eine Holzhütte schießen möchte.
An und für sich war ich nicht so schlecht ausgerüstet – die Schiene würde meinen linken Arm schützen und durch meine Lederjacke würden die Insekten auch nicht kommen. Die Stoffhose war nicht so ideal, hier wäre eine Jeans besser gewesen. Egal. Überlegte, ob ich irgendwas über mein Gesicht ziehen konnte, hatte aber keine Burka dabei. Also löste ich den Zopf. Waren die langen Haare vielleicht mal für etwas gut, wenn sich ein paar Bienen darin verfingen.

Zurück zur Hütte. Emily schoss einen Brandpfeil durch eins der Fenster, ich öffnete die Tür und stürmte hinein. Irene mit der rußenden Fackel direkt hinter mir. Der Pfeil steckte tief in der Wand, rauchte heftig. Dr. Taylor war weiter hinten im Raum, ich und Irene erreichten Bruce mit wenigen Schritten. Ich wollte ihn hochziehen, Bienen hin oder her, aus dem Raum tragen. Sein Herz schlug noch.
Ich griff nach ihm. Einzelne Insekten flogen hoch, und jetzt, als ich vor ihm stand, sah ich den langen, klaffenden Schnitt in seinem Bauch. Offengehalten von ein paar Klammern. Überall Bienen, auf ihm, in ihm. Ich sah hoch zu seinem Gesicht, und die Tiere waren in seinen Augen. Stöhnte er? Vielleicht, aber das Summen der Bienen war zu laut, und so genau wollte ich nicht hinhören.
Den konnten wir nicht retten. Keine Chance. Ich wich zurück. Das Messgerät zeigte immer noch einen Herzschlag an.

Wendete mich mit einem Ruck von ihm ab. Ein zweiter Brandpfeil zischte durch den Raum, der Rauch wurde stärker. Flammen fingen an, die Wände hochzukriechen.
Dr. Taylor kam auf uns zu. Ich überließ Brian Bruce und die Bienen Gideon, der nach uns hereingekommen war, und griff sie an. Schlug ihr auf die Schläfe. Wollte nicht herausfinden, was sie noch machen konnte. Die Bienen waren benommen vom Rauch, aber ein paar hatten mich gestochen. Hingen noch in meiner Haut.
Die Entomologin taumelte nach meinem Schlag. Fiel nicht, aber sie war angeschlagen und wehrte sich nicht, als ich sie aus der Hütte zerrte. Murmelte etwas von der Bienenkönigin. Draußen schlug ich noch mal zu, gleiche Stelle. Sie brach zusammen.

Irene blieb bei ihr, um sie zu fesseln. Ich ging wieder rein. Wollte die Bienenkönigin finden. Die Hütte brannte an mehreren Stellen, überall Qualm. Schwer, etwas zu sehen, aber ich konnte erkennen, dass Bruces Körper brannte. Gideon und Emily fanden die Bienenkönigin, ein fast faustgroßes Insekt. Tränkten sie mit Benzin, steckten sie an. Dann raus. Draußen flog der Schwarm desorientiert um das Feuer herum, aber die Bienen griffen uns nicht mehr an.

Das war es dann. Zeit, die Polizei zu rufen. Die anderen drei hatten kein Interesse daran, hier zu bleiben und abzuwarten, aber wir konnten Dr. Taylor schlecht einfach liegen lassen. Also wartete ich bei der Hütte, während Irene, Gideon und Emily sich auf den Rückweg nach Houlton machten.
Sheriff Burkheiser tauchte schnell auf. Ließ sich von mir erzählen, was ich gesehen hatte. War angemessen entsetzt, verhaftete Helena Taylor und bedankte sich ein paar Mal bei mir. Dauerte eine Weile, bis alles gesichert und alle Aussagen aufgenommen waren.

In der Zwischenzeit schauten sich die anderen drei im Haus der Entomologin um. Fanden heraus, dass Dr. Taylor bei ihrem Besuch in Kenia eine Legende gehört hatte: Wer vom Gelee Royal der ostafrikanischen Geisterbiene (Apis mellifera carnivora) aß, der sollte ewig jung bleiben. Zumindest dann, wenn derjenige den Schwarm vorher mit Menschenfleisch gefüttert hatte. Offenbar war Helena Taylor nicht gut damit zurechtgekommen, dass Vincent Nakamura ihr gesagt hatte, sie wäre zu alt für ihn. Irene und die anderen nahmen das Material vorsichtshalber mit.

Wir trafen uns im Roadhouse wieder. Tauschten uns aus. Als die anderen erzählten, dass Taylor ewige Jugend wollte, musste ich fast lachen – die Schauspielerin mit dem Verjüngungssymbionten, die wir auf der Gala in Los Angeles aufgehalten hatten, hieß auch Taylor.
Wurde dann noch ein ganz gemütlicher Abend. Emily wollte wissen, woher wir uns kannten, dann erwähnte sie, dass sie aus einer Jägerfamilie kam. Hatte aber den Kontakt abgebrochen. Gründe nannte sie keine. Als ich sagte, dass ich Ethan noch besuchen wollte, lud Irene mich spontan ein, mit ihr zu fahren. Der Schrein war in der Nähe von Burlington (das wusste ich), und sie wohnte dort (das wusste ich nicht). Dachte kurz nach, nahm das Angebot dann an.

Sie fuhr pünktlich um halb sieben Uhr morgens los, ich war ausnahmsweise mal rechtzeitig fertig. (Nein, Tam war nicht so glücklich darüber gewesen, dass ich mit Irene fuhr. Nicht, dass sie etwas gesagt hätte. Ich beschloss, den Unterton zu überhören.) Die Fahrt war lang und schweigsam. Irgendwann fragte ich, ob es sie störte, wenn ich arbeiten würde. Nein, tat es nicht. Wir sprachen kaum miteinander. Nur das Nötigste.
In Burlington kam sie noch mit zu Ethan. Ich hatte Bier dabei, irgendwann tauchte Nelson auf. Brachte Kuchen und rettete den Abend vor der Stille. Wurde ganz entspannt.

Ging früh schlafen. Wollte eigentlich nicht so lang bleiben, aber Ethan schaute mich derartig enttäuscht an… Mann. Also redete ich mit Tam und den Kids und hängte noch zwei Tage dran. Hauptsache, ich war am Montag zum Elternabend wieder da, sagte Tam, aber das war mir sowieso wichtig. Bevor dann solcher Blödsinn wie Die Erde könnte aber auch flach sein als valide wissenschaftliche Position im Lehrplan auftauchte.
Schlief bei Ethan auf der Couch. Arbeitete tagsüber und besuchte eine von Nelsons Vorlesungen. War interessant, aber ehrlich, ich könnte ihm auch zuhören, wenn er ein Telefonbuch vorlas. (Ich bin immer noch neidisch auf seine Stimme. Immerhin kann ich Batman besser nachmachen. Ist doch auch schön.)

Am Samstag fuhren wir zum Schrein. Relativ groß, aber noch nicht ganz fertig. Ich sprach kurz mit dem Geist, hieß sie noch mal willkommen. Brachte ihr Tabak mit.
Merkwürdige Gegend. Ein Hügel aus nassem roten Lehm. Die Spritzer der feuchten Erde auf meiner Jeans sahen aus wie Blutflecken. Irene wohnte in einem Trailer – einem komfortablen Edel-Trailer, aber das war nicht ganz das Domizil, das ich mir vorgestellt hatte, als ich sie kennenlernte. Möglicherweise hatte ich schon die ganze Zeit eine völlig falsche Vorstellung von ihr. Wäre nicht das erste Mal, das mir sowas passiert.

Hatte natürlich im Schlaf geredet. Machte ich schon immer, aber in der letzten Zeit deutlich mehr. Ethan sprach mich drauf an, wir redeten über Whittaker, über meine Ehe, über Tam. Über meine Pläne, vielleicht doch zurück nach Chicago zu ziehen. Hatte ihm wohl schon erzählt, dass ich besessen war, jedenfalls fragte er danach. Gut, was sollte ich dazu sagen, mir geht’s prima, alles im Lot.
Dann sprachen wir kurz über Philadelphia, und er erzählte mir nichts Neues. Gar nichts. Gut, musste er nicht. Aber ich war enttäuscht. Dachte, wir reden auch über schwierige Sachen, und zwar nicht nur dann, wenn es mich betrifft. Vielleicht bin ich zu empfindlich. Oder ich erwarte zu viel, aber ich kann im Moment nicht gut damit umgehen. (Du bist ein Emo, Jackson. Echt jetzt. Hör auf, die Leute mit deinen Gefühlen vollzutexten – andere Leute machen das auch nicht dauernd. Siehe Ethan.)

Wir gingen am nächsten Abend noch mit Nelson in den Pub (war lustig, ich hatte bei den Hippies einen Joint bekommen und den am Tag geraucht, entsprechend entspannt war ich), dann musste ich heimfliegen. War nicht schön, und es wird nicht besser. Eher im Gegenteil. (Ich hatte am Flughafen vor dem Flug schon fast eine Panikattacke. Egal.)

Und jetzt komme ich gerade vom Elternabend, der genauso idiotisch war, wie ich befürchtet hatte. Warum müssen die Kinder überhaupt Spanisch lernen? Wir sind doch nicht in Mexiko! oder Warum bringt die Schule unseren Kindern nicht bei, wie man eine Waschmaschine bedient, das wäre doch viel nützlicher als Algebra?
Ich kann echt nicht schnell genug hier wegkommen.

View
The Guardian of Leavenworth

When I try rewind I can’t design,
a way to go back to that place and time
I remember that moment
that changed everything I know
Everything I know

(I Prevail – Lifelines)

Noch immer gingen Niels die Worte seiner Tante Delia im Kopf herum. Er hatte mit einem lockeren Verwandtenbesuch in New York gerechnet, mit einem besseren Kennenlernen seiner Tante und ihrer Eltern. Niels hatte nie Großeltern gehabt, Korbinian Heckler war ebenso wie seine Frau vor der Geburt seiner Enkel gestorben. Deshalb, und auch, weil die weltgewandten und liberalen Jamesons so anders waren als seine Familie, hatte er Cedric und Deirdre gleich ins Herz geschlossen, und sie ihn. Schon kurz nach seiner Ankunft hatten sie ihm angeboten, sie mit Vornamen anzusprechen, und ihm bedeutet, dass er in ihrer Familie willkommen war.

Bis Delia die Bombe hatte platzen lassen.

Die Briefe lagen zusammengefaltet in seiner Zeichentasche, er hatte sie gefragt, ob er sie behalten durfte. Er hatte es bisher nicht übers Herz gebracht, irgendwem davon zu erzählen, irgendwie redete er sich ein, wenn er es nicht tat, dann wurde es nicht wahr. Auch Chloe, die neben ihm saß und sich versonnen die Landschaft ansah, hatte er nichts gesagt. Er überlegte, mit Lyle darüber zu reden, aber sein Freund reagierte immer etwas seltsam, wenn es um Familienangelegenheiten ging, hatte er den Eindruck.

“Wie hieß unser Hotel nochmal?” wollte Chloe jetzt wissen und holte Niels aus seinen Gedanken. “Da liegt ein Flyer,” antwortete er, während er auf die Straße nach Leavenworth einbog. Seine Kommilitonen hatten ihn immer damit aufgezogen, dass es in dem kleinen Ort in Washington ein Oktoberfest gebe, und er dringend dorthin musste. Als Lyle ihn darauf angesprochen hatte, hatte er beschlossen, dass er diesen Besuch schnell hinter sich bringen musste, damit Will und Jimmy endlich Ruhe gaben. Noch vor ein paar Wochen hätte er sicher tausend Ausflüchte gefunden, um das Fest nicht besuchen zu müssen, denn er war nicht 8000 Kilometer weit geflogen, um sich wieder in Bayern zu finden. Aber jetzt war es irgendwie anders, er freute sich darauf, Chloe und Lyle ein Stück seiner Heimat zu zeigen.

Schon von weitem waren die Werbebanner deutscher Brauereien zu sehen, und Niels musste grinsen. Endlich wieder normales Bier. Er bog auf den Hotelparkplatz ein und parkte den Kombi. Chloe stieg aus und begann sofort, Fotos zu machen, während Niels ihr Gepäck aus dem Kofferraum holte. Als er nach seiner Zeichentasche griff, verrutschte die Decke, unter der seine Waffen lagen. Kurz wurde der Blick auf die Winchester frei, und Niels fielen Felicitys Worte ein.

Ich dachte, du solltest die haben. Hat meinem Vater gehört, und ich könnte mir keine besseren Hände dafür vorstellen.
Natürlich nicht.

Schnell schlug er die Decke wieder zurück. “Was war das?” wollte Chloe wissen, aber Niels wiegelte ab. “Familienerbstück,” sagte er schnell. Immerhin entsprach das der Wahrheit, und mehr musste sie in diesem Moment nicht wissen. “Gehen wir uns noch etwas den Ort angucken?” fragte er dann. Er musste auf andere Gedanken kommen. Sie nickte eifrig und hielt ihre Kamera hoch. Obwohl ihm nicht danach war, musste Niels lachen.

Leavenworth war ein winziger Ort, der während jedes Oktober-Wochenendes gefühlt das Zehnfache seiner Einwohnerzahl beherbergte. An jeder Ecke gab es bayrisch anmutende Musik zu hören, Trachten wurden ausgeführt, und alles war in Weiß und Blau gehalten. Niels entdeckte bei ihrem Streifzug sogar ein Tattoostudio, das von einem Ehepaar mittleren Alters geführt wurde. Das ganze Häuschen war ebenfalls bayrisch geschmückt, so dass es erst auf den zweiten Blick auffiel. Niels blieb kurz stehen, und Chloe sah ihn lächelnd an. “Willst du..?” begann sie, aber er wiegelte ab. “Gerade nicht. Hab dir doch vorhin das neue gezeigt.” Auf seiner rechten Wade standen jetzt die Worte “Panta rhei”. “Dann lass uns weitergehen. Ich will irgendetwas echt bayrisches probieren. Und Fotos machen,” erklärte Chloe und zog ihn weiter. “Diese Weißwurst… wo gibt es die?” wollte sie dann wissen, und Niels begann, ihr wortreich zu erklären, dass es abends keine Weißwürste gab in Bayern. Seine düsteren Gedanken waren fürs erste vergessen.

Am nächsten Tag gingen sie los, um das Festgelände und damit Lyle zu besuchen. Der junge Mann arbeitete bei einer Craftbeer-Brauerei namens “Sierra Nevada” und hatte Niels vor einigen Wochen eine Email geschickt, ob sie sich nicht treffen konnten. Seit der Sache in New Hampshire hatten sie sich nicht mehr gesehen.

Ein Schild am Eingang des Geländes wies darauf hin, dass keine Waffen erlaubt waren, aber die Luger lag neben der Winchester im Kofferraum des Kombis. Niels hoffte inständig, dass er weder die Pistole noch die Schrotflinte doch brauchen würde, aber die Erfahrung hatte ihn schon oft eines besseren belehrt. Dennoch wollte er sich auf keine Diskussion am Eingang einlassen, im Gegensatz zu Chloe. Sie war aufgefordert worden, ihre Kamera abzugeben, was sie gar nicht gerne tat. Niels wusste, dass die Kamera für Chloe quasi ein Teil ihres Selbst war, ähnlich wie seine Waffe für ihn. Sie versuchte verzweifelt, den Wachmann davon zu überzeugen, dass sie doch einen Presseausweis besaß, aber anscheinend war es der falsche Verband, oder der Wachmann war der Überzeugung, dass New Yorker Ausweise hier nicht galten. Sie musste ohne ihre Kamera aufs Gelände.

Lyle wartete bereits auf Niels an einem der Gebäude, und zu Niels’ Überraschung war er nicht allein. Ein hochgewachsener Mann mit rotblonden Haaren und Bart stand bei ihm, er trug einen Anzug und wirkte seltsam vertraut. Niels war sich jedoch sicher, den Mann noch nie gesehen zu haben, bis er näher kam und ihn nun von oben bis unten mustern konnte. Der Mann betrachtete ihn ebenfalls von unten nach oben, dann verzog er einen Mundwinkel zu einer Art Grinsen. Niels war irritiert. “Kennen wir uns irgendwoher?” fragte er, denn er wurde das Gefühl nicht los, diesen Mann schon mal gesehen zu haben, aber er wusste beim besten Wille nicht, wo.

“Ja, das tun wir,” sagte der Rothaarige jetzt zu Niels’ Erstaunen. “Hank Williams, du erinnerst dich? Aus dem Casino?” Niels nickte langsam, denn er hatte das Gefühl, dass ein Eimer Eiswasser über ihm ausgekippt worden war.

Ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Vorhin hattest du noch andere Klamotten an, aber benommen wie ein Maus auf Ecstasy hast du dich da auch schon. Subtil ist anders.
Reden ist ja nicht so deine Stärke
Hier ist meine Visitenkarte. Meld dich mal, wenn du Hilfe brauchst und Eloquenz gefragt ist

Dieses verfluchte Casino. Er hatte dort nicht nur Bart Blackwood und Natalie kennengelernt, nein, auch Hank Williams – oder wie dieser Mann auch immer heißen mochte – war dort gewesen. Eine Bekanntschaft, die Niels nicht vertiefen wollte, zu sehr hatte ihn der Cowboy damals auflaufen lassen und ihm versucht klarzumachen, dass er eigentlich nur ein grüner Junge war. Der Gipfel dieser Provokationen war ein Kinnhaken von Niels gewesen, durch den er beinahe des Casinos verwiesen worden war.
“Ich erinnere mich,” presste Niels zwischen den Zähnen hervor. Dann betrachtete er den Mann noch einmal. Er war sich sicher, dass Hank weder einen Bart noch blaue Augen gehabt hatte. “Ich war undercover da,” erklärte der Mann jetzt, als habe er Niels’ Gedanken gelesen. “Aha,” machte Niels nur. Das war eine ziemlich billige Erklärung dafür, dass er Niels so an der Nase herumgeführt hatte. “Und wie heißt du wirklich?” fragte er dann, denn er war sich sicher, dass auch der Name “Hank Williams” Teil der Scharade gewesen war. “Flann Breugadair. Freut mich.” Er hielt Niels eine Hand hin, und der schlug widerwillig ein. Erfreut war er über diese Begegnung keinesfalls.

Jetzt kam Chloe hinzu, der Wachmann hatte ihr trotz allem nicht erlaubt, ihre Kamera mitzunehmen. “Hallo!” begrüsste sie jetzt Flann, und Niels zog eine Augenbraue hoch. Wen kannte Chloe eigentlich nicht? Bei Gelegenheit musste er sie nach Bart und Irene fragen, mit Sicherheit waren sie auch keine Unbekannten für sie. Flann schien froh zu sein, dass Chloe da war, er begrüsste sie ein wenig zu überschwenglich. Dann erkundigte er sich nach ihrer Kamera, und als er hörte, dass sie sie nicht hatte mitbringen dürfen, winkte er einen jungen Mann in Niels’ Alter heran und sprach kurz mit ihm. Der junge Mann nickte, und gemeinsam mit Chloe verschwanden sie in Richtung Eingang.

Lyle hatte die ganze Szenerie mit großen Augen beobachtet. “Flann ist jetzt beim FBI,” informierte er Niels, “und er und der andere Polizist” – damit meinte er wohl den jungen Mann – “sind hier, um zu arbeiten.” Das war Niels herzlich egal. Er hatte gehofft, Hank oder Flann oder wie auch immer dieser Typ nun heißen mochte, und dessen Akzent so verflucht vertraut klang, niemals wieder zu sehen. Aber anscheinend gab es an jedem Ende der Welt einen Iren aus New York. “Was war das denn mit dem Casino?” wollte Lyle jetzt wissen. Niels hatte keine Lust, über diese Begegnung zu sprechen, ihm war die ganze Sache immer noch unglaublich peinlich. “Lange Geschichte. Es war nicht mein bester Tag. Ich hab mich provozieren lassen,” antwortete er kurz angebunden. Lyle schien das nicht zu genügen, aber Niels wollte nicht mehr dazu sagen. Er brauchte jetzt ein Bier. Vielleicht konnte er sich dann dieses Zusammentreffen doch noch irgendwie schöntrinken.

Lyle begleitete ihn, und wenig später kam auch Chloe dazu, die anscheinend mit Flanns Hilfe ihre Kamera bekommen hatte. Begeistert erzählte sie, wie er und sein Begleiter, Officer Jamie Schrader, es geschafft hatten, den Wachmann davon zu überzeugen, dass sie die Kamera dringend brauchte. Niels verdrehte die Augen bei ihrer Lobeshymne und trank weiter sein Weißbier. Lyle schien die Begegnung mit Flann ebenfalls verunsichert zu haben, er rutschte unruhig auf der Bank hin und her. Schließlich sagte er: “Bin ich schuld, dass immer etwas passiert? Immer, wenn ich Flann treffe?” Niels sah ihn lange an, und Lyle wurde ruhiger. Aha, er konnte es also doch, der Blick hatte seine Wirkung nicht verfehlt.

Du bist aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ich, mein Junge.

“Was ist denn bis jetzt passiert?” wollte er dann von Lyle wissen. “Oh, da war dieser Tisch in New York, bei den netten jüdischen Antiquaren, da war ein Dämon drin, aber das wussten sie nicht, und dann diese Mumie in Chicago…” Jetzt sprudelten die Ereignisse nur so aus Lyle heraus. “Kann ja auch sein, dass es passiert, wenn ich da bin.” Er grinste Lyle über den Rand seines Bierglases zu, und jetzt musste der junge Mann lachen.

In diesem Moment betrat ein dunkelhaariger junger Mann die Bühne im Festzelt und ließ sich vom Bandleader der Kapelle das Mikro geben. Mit breitem bairischen Akzent (Niels hoffte inständig, dass er für die Ohren anderer Menschen nicht auch so klang) bat der junge Mann eine gewisse Trisha auf die Bühne. Trisha kam dieser Aufforderung nach. Als sie auf der Bühne stand, fiel der junge Mann in die Knie und fragte sie, ob sie ihn heiraten wollte. Mit einem begeisterten Aufschrei nahm Trisha den Heiratsantrag an. Chloe beobachtete derweil das ganze Geschehen durch ihre Kamera, aber etwas ungewöhnliches konnte sie an dem Pärchen nicht feststellen.

Nach dem erfolgreichen Heiratsantrag musste Lyle sich wieder verabschieden. Seine Pause war vorbei, er musste wieder an seinen Stand, um zu arbeiten. Niels und Chloe blieben noch, dann schlenderten sie über das Festgelände. An einem der Souvenir-Stände kaufte Niels eine Tasse für seine Tante. Er hatte keine Ahnung, ob Delia Gefallen an bayrischen Souvenirs hatte, aber sie hatte einen Bayern geheiratet und dessen… Neffen aufgenommen.

“Lass uns zu Lyles Stand gehen,” schlug Chloe jetzt vor, nachdem sie an einem der zahlreichen Essensständen eine Kleinigkeit gegessen hatten. Niels nickte, und sie hakte sich bei ihm unter.
Der Stand von Sierra Nevada Craft Beer befand sich am anderen Ende des Festgeländes. Es war ein relativ kleiner Stand, neben Lyle arbeiteten noch zwei andere Mitarbeiter dort. Der junge Mann begrüßte sie und reichte ihnen eines der Biere der Brauerei zum Probieren. Niels winkte ab, amerikanisches Bier war ihm suspekt. Außerdem erinnerte er sich im Moment leider viel zu gut daran, was das letzte Mal passiert war, als er betrunken gewesen war. Zu seinem Glück war Flann gerade nirgendwo zu sehen.

Sierra Nevada Craft Beer hatte nicht nur einen Platz am Zaun erhalten, sondern auch nicht weit von den Toiletten. Eine Menge Leute rannten an dem kleinen Stand vorbei in Richtung des entsprechenden Schilds. Niels schmunzelte, anscheinend war dort gerade eine Menge los. Aber dann fiel ihm auf, dass die Leute nicht hin zu den Toiletten liefen, sondern von dort weg, und zwar schnellen Schrittes. Einige gaben auch Laute des Entsetzens oder sogar Schmerzensschreie von sich, und Niels stellte fest, dass er plötzlich sehr merkwürdige Assoziationen hatte. Zum Glück sahen weder Chloe noch Lyle, dass er grinsen musste. Seit wann hatte er denn so eine schmutzige Fantasie?
Chloe fiel jetzt auch auf, dass hinter ihnen etwas nicht stimmte. Sie sah durch ihre Kamera, nahm aber nichts ungewöhnliches wahr. Niels hingegen sah, dass Flann und sein Schatten Schrader auch auf dem Weg zu den Waschräumen waren. Das war für ihn mehr als genug Grund, sich nicht dorthin zu begeben.

Lyle hingegen war jetzt neugierig geworden. Seine Schicht war beendet, und Chloe hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass irgendwas am Zaun bei den Waschräumen stattfand. Also ging er schnurstracks dorthin, Chloe folgte ihm. Niels blieb am Stand zurück, er hatte keine Lust, herauszufinden, was dort vor sich ging. Er war zum Feiern gekommen, und nicht, um irgendwelche Leute bei… was auch immer zu beobachten. Aber dann gewann doch seine Neugier überhand, und er ging langsam zum Zaun. Zu seinem Unmut sprangen jetzt auch noch seine Jägerinstinkte an.

Als er Niels sah, kam Lyle sofort auf ihn zugelaufen. Er hielt etwas in der Hand, das sich bei näherem Hinsehen als Fellbüschel mit Federn entpuppte. “Weisst Du, was das ist?” wollte Lyle wissen. Niels nahm ihm das Büschel ab und begann zu lachen. Das letzte Mal hatte er so etwas vor ungefähr vier Jahren gesehen, in einer Falle mitten im Wald. Lyle sah ihn jedoch nur verständnislos an, er verstand nicht, warum Niels lachte. “Das ist Wolpertinger-Fell,” erklärte Niels jetzt, aber das schien Lyle auch nicht weiter zu bringen. Niels erzählte ihm und auch Chloe, was es mit den Wolpertingern auf sich hatte. An sich waren die Tiere harmlos für Menschen, aber beide stimmten ihm zu, dass es besser war, wenn sie nicht auf dem Gelände waren. Offensichtlich hatten sie ja auch schon bereits mehrere Besucher des Festes gebissen oder gekratzt.

“Was machen wir denn jetzt?” wollte Lyle wissen. Niels nahm aus den Augenwinkeln eine hochgewachsene Gestalt wahr, jemand, den er nicht wirklich um einen Gefallen bitten wollte. Aber es half nichts, tatsächlich konnten nur Flann und sein Lehrling etwas ausrichten. Niels biß die Zähne zusammen und ging zu dem Iren und seinem Begleiter herüber. Schrader sah ihn irritiert an, aber Flann konnte sich ein leises Schmunzeln nicht verkneifen. “Ich.. wir brauchen deine Hilfe,” presste Niels hervor. Aber statt des erwarteten dummen Spruchs nickte Flann nur und hörte sich an, was passiert war. Niels verriet ihm erst einmal nicht, dass es sich um Wolpertinger handelte, schließlich hatte er keine Lust, dass der junge Officer die falschen Fragen stellte. Offensichtlich war der junge Mann schon so nervös genug, immer wieder sah er Bestätigung suchend zu Flann herüber.

Während er Schrader bedeutete, weiterhin die Waschräume im Auge zu behalten, organisierte Flann Absperrband und Befestigungspfosten, so dass sie den Kaninchenbau, in dem Lyle und Chloe den Wolpertinger gesehen hatten, abriegeln konnten. “Vertragen Wolpertinger Alkohol?” wollte Lyle jetzt von Niels wissen. Niels verkniff sich ein erneutes Lachen, als er sich vorstellte, wie Gustav und Joseph mit dem Aufgesetzten seiner Mutter Wolpertinger jagen gingen. Wolpertinger-Jagd war im Hause Heckler etwas sehr ernstzunehmendes. Immerhin war Gustav der Hüter des Bayrischen Waldes, zumindest gab er sich gerne so, und Joseph war sein rechtmäßiger Nachfolger.

“Ich weiß es nicht, ehrlich nicht. Ich nehme mal an, sie vertragen keinen,” antwortete Niels. “Dann probieren wir es aus,” beschloß Lyle und ging zu einem der nächststehenden Bierstände. Als er zurückkam, war auch Officer Schrader dazu gekommen, er hielt sich weiterhin an Flann und beobachtete Niels und Chloe kritisch. Fragend sah er jetzt zu Lyle, der sich mit zwei Flaschen Bier und einem Schälchen näherte. Niels hoffte, dass sein junger Freund sich nicht verplapperte, aber Lyle hatte sich schon eine Coverstory ausgedacht. Gut gelaunt erklärte er Schrader, dass sie auf der Farm immer die Kaninchen betrunken gemacht hatten. Der junge Officer schien diese Erklärung zu glauben, er verabschiedete sich von der Gruppe, um weiter an den Waschräumen nach dem Rechten zu sehen.

Lyle stellte das Schälchen auf und goss Bier hinein. Kurze Zeit später sahen sie, dass die Oberfläche Wellen schlug, offensichtlich hatte das Bier den Wolpertinger angelockt, und er trank. Als das Schälchen leer war, schüttete Lyle Bier nach, und wieder kräuselte sich die Oberfläche. Hinter ihnen hörte Niels einen Mann seiner Begleiterin erzählen, dass er zwei Kaninchen mit Geweih und Flügeln gesehen hatte. Zum Glück war der Mann nicht mehr wirklich nüchtern, die Frau kicherte nur und meinte “Aber sicher doch. Du solltest jetzt mal auf Wasser umsteigen.”

“Sieh mal.” Chloe hielt Niels jetzt ihre Kamera hin, durch die sie die ganze Zeit die Szenerie beobachtet hatte. Niels warf einen Blick durch den Sucher und stellte fest, dass ein Wolpertinger begierig das Bier aus dem Schälchen schleckte, während hinter ihm ein zweites Tier zu sehen war.

Oh fuck. Die blöden Viecher vermehren sich doch schneller als sonstwas.

“Sie können nicht hier raus,” meinte Chloe jetzt und erzählte Niels, dass sie den Wolpertinger durch ihre Kamera beobachtet hatte. Das Tier war innerhalb des Geländes am Zaun entlang gelaufen, sogar dort, wo der große Eingangsbereich war. Es schien, als könnte es nicht aus dem Festgelände hinaus. Niels überlegte. Es gab Schutzzauber gegen Wolpertinger, das wusste er, das hatte sein Vater… Gustav ihn oft genug wiederholen lassen, wieder und wieder. Aber wer hatte dafür gesorgt, dass die Tiere innerhalb des Festgeländes waren? Wollte jemand dem Fest schaden?

Niels hatte eine Idee. Mit einem nur schwer unterdrückten boshaften Grinsen wandte er sich an Flann. “Jemand hat mir gesagt, wenn ich jemanden brauche, der für mich das Reden übernimmt, dann soll ich ihm Bescheid sagen.” Flann nickte mit einem wissenden Lächeln, aber er sagte nichts. “Frag doch mal deinen Schatten, ob er uns sagen kann, ob es hier vor Ort irgendwelche Leute gibt, die sich mit Hexenzaubern und sowas auskennen.” “Das kann ich machen.” Flann ging, um Schrader zu suchen, und Niels beschloß, ihn zu begleiten. Offensichtlich hatte der Ältere nichts dagegen. Niels schickte Chloe noch schnell eine Nachricht, damit sie und Lyle wussten, wo er war.

Jamie war sichtlich überrascht, dass sein Vorgesetzter und ein ihm fremder junger Mann ihn nach Leuten fragten, die sich mit Zauberei und Esoterik auskannten. Stotternd erklärte er, dass er aus Seattle stammte und sich daher in Leavenworth nicht wirklich auskannte. “A… aber… ich könnte jemanden beim Sheriff’s Department fragen,” meinte er dann, als er sah, dass Flann und Niels nicht locker ließen. “Tun Sie das,” entgegnete Flann, “wir werden Sie begleiten.” Diese Ankündigung trug nicht dazu bei, dass Jamie weniger nervös war, und Niels nahm das mit einem Schmunzeln zur Kenntnis.

Noch ein paar Bourbon dazu, und ein, zwei dumme Bemerkungen, und wer weiß, was dann noch passiert…

Außerhalb des Festgeländes patrouillierten Männer des Sheriff’s Department und auch des Chelan County Sheriff’s Office. Letztere hatten einen Liaison Officer abgestellt, Sergeant Bruce Long. Er empfing Jamie, Flann und Niels, und nachdem Jamie sie vorgestellt hatte, überließ er nur allzugern Flann das Reden. Dieser erfand eine ungemein glaubhafte Geschichte von einem Schamanen, der versucht hatte, dem Fest mit einem Schadenszauber zu schaden und dazu das Wolpertingerfellbüschel verwendet hatte. Niels musste feststellen, dass Reden tatsächlich etwas war, das Flann um einiges besser als er konnte. Er hätte vermutlich rumgestottert oder wäre wie ein typischer Heckler mit der Tür ins Haus gefallen.

Auf die Frage nach den Esoterikern oder “Spinnern”, wie Sergeant Long es ausdrückte, nannted dieser Doc und Gesha vom Tattoo-Haus sowie Andrea McCarthy vom “Crystal Palace”, einem Laden für “Esoterik-Kram”. Aber er konnte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand in der Stadt dem Fest schaden wollte, alle Einwohner der Stadt waren stolz auf ihr Oktoberfest. “Vielleicht noch die Mitarbeiter von jemandem,” überlegte er, und Flann wandte ein: “Oder Konkurrenz von einem anderen Fest.” Aber das glaubten alle vier noch weniger.

Der Liaison Officer verabschiedete sie, nachdem sie alles erfahren hatten, was sie wissen wollten. Er entschuldigte sich noch einmal, dass er ihnen nicht weiterhelfen konnte, aber er musste nun auch wieder an die Arbeit.
Vor dem Gebäude blieben Niels, Flann und Jamie kurz stehen und berieten sich. Jamie entschuldigte sich noch einmal wortreich, dass er nicht hatte helfen können. Niels wusste nicht, was ihn in diesem Moment ritt, aber er klopfte dem Gleichaltrigen auf die Schulter und meinte “Sie werden sicher mal ein toller Detective!” Jamie wurde rot, und Niels sah, dass Flann bei seiner Bemerkung schmunzeln musste.

Tante Delia, was war er für ein Mensch?
Jacob war ein Mann mit Witz und Esprit. Und er wusste, wie man mit Leuten umgeht.

Jamie verabschiedete sich mit hochrotem Kopf, und Niels und Flann berieten kurz, ob sie ins Tattoo-Studio gehen sollten. Sie waren sich aber schnell einig, dass das keine besonders gute Spur war, stattdessen wollten sie wieder zurück aufs Festgelände. Auf dem Weg dorthin stellte Niels eine Frage, die er schon seit ihrer Ankunft beim Sheriff hatte stellen wollen.
“Du machst das mit Absicht, oder?” wollte er von Flann wissen. Der sah ihn fragend an. “Na, dass du Schrader oder mich so verunsicherst.” Flann lächelte hintergründig. “Was meinst du?” fragte er dann zurück. “Du weißt genau, was ich meine. Aber ist schon gut.” Irgendwie hatte Niels keine Lust mehr, sich mit Flann zu streiten. “Er muss noch viel lernen,” erklärte Flann und warf einen Blick zurück, wo Jamie gerade telefonierte. “Musste ich auch noch viel lernen?” Jetzt wollte Niels die Wahrheit wissen über das Hanks… Flanns Aktion im Casino. Der grinste inzwischen ganz offensichtlich. Niels schob die Hände in die Hosentaschen. “Naja, solange er dir keine reinhaut.” Er konnte sich das Grinsen ebenfalls nicht länger verkneifen. Flann musterte Niels kurz, dann meinte er nur trocken: “Er hat ja auch ein etwas weniger hitziges Temperament als du.”

Aber wenn er wollte, dann konnte er auch richtig austeilen. Besonders, wenn er das Gefühl hatte, andere werden ungerecht behandelt. Er hatte durchaus Temperament.

Den Rest des Wegs zum Festgelände liefen sie schweigend nebeneinander her, aber es war ein einvernehmliches, kein peinliches Schweigen. Hank Williams war ein besserwisserischer Großkotz gewesen, mit Flann Breugadair ließ es sich vielleicht sogar aushalten.

Sie fanden Lyle und Chloe auf dem Festgelände wieder. Beide waren nicht untätig gewesen, Chloe hatte einige Schutzzeichen fotografiert, die Niels durchaus bekannt vorkamen. Er seufzte. Zunft-Zeichen freimaurerischen Ursprungs, etwas, das bei Gustav gleich nach den Prostestanten und Hexen kam und noch vor der Bundesregierung, dem Ministerpräsidenten und dem Bürgermeister. Und für jedes falsch benannte Zeichen hatte es wieder Schläge gegeben.

Ich werd’ ihn zu einem von uns machen.

“Ich weiß, was das für Zeichen sind.” Ruhig erzählte er den anderen drei, was es mit den Symbolen auf sich hatte. Zu seinem Erstaunen merkte er, dass er zum ersten Mal von seinem Vater… von Gustav sprechen konnte ohne Groll und Panikattacken. Zufrieden verschränkte er die Arme vor der Brust. Vielleicht wurde doch noch alles gut.

Chloe erzählte von einem Ehepaar, Georg und Traudl Aumayer, die so etwas wie die Beschützer des Festes gewesen waren. Beide waren ursprünglich aus Deutschland eingewandert und hatten sich seither immer um das Fest gekümmert. Besonders Traudl hatte sich um das Fest verdient gemacht, aber leider war sie vor einem Dreivierteljahr verstorben. Georg aber lebte noch vor Ort. Niels hätte nichts dagegen gehabt, den alten Mann jetzt noch aufzusuchen, aber Chloe gab zu bedenken, dass es am nächsten Tag vielleicht besser war, ihm einen Besuch abzustatten.

“Gehen wir noch was trinken, wenn wir schonmal hier sind?” fragte Flann jetzt Chloe und Niels. Beide nickten und gaben Lyle Bescheid, dass er später zu ihnen kommen sollte, sobald er Feierabend hatte. Kurze Zeit später gesellte der junge Mann sich dann zu ihnen.
Sie setzten sich, und Flann holte ihnen Getränke. Niels war immer noch etwas mißtrauisch, das letzte Mal, als er und Flann Alkohol getrunken hatten, war er beinahe des Lokals verwiesen worden. Doch der Ältere schien ehrlich bemüht zu sein, als er sich erkundigte, was Niels seit ihrem Zusammentreffen in Lame Deer getrieben hatte. Niels erzählte von seinen Erlebnissen in Dwight, und auch von May Creek, wobei er aber Benedikts Rolle außen vor ließ, er behauptete nur schnell, dass das so “ein Familiending” war. Er war dankbar, dass Flann nicht weiterfragte. “Dann war ich mit dieser Engländerin, die ich in Dwight kennengelernt habe, noch auf einer Ölbohrinsel,” erzählte er, und schon die Erinnerung an die sirenenhaften Monster sorgte dafür, dass er sich unwillkürlich an den Rücken fasste.

Narben machen interessant.

“Engländerin?” wollte Flann jetzt wissen. “Ja, Irene Hooper-Winslow. Sie ist schon klasse. Sie hat mir zweimal das Leben gerettet,” antwortete Niels. Und ich ihr auch. “Irene… Soso,” machte Flann und nahm einen tiefen Schluck. “Du kennst sie?” Flann warf ihm einen langen Blick zu. “Das kann man so sagen.” Jetzt mischte Lyle sich ein. “Ich hab’ sie auch nicht in so guter Erinnerung,” gestand er. Niels sah seinen jungen Freund überrascht an, aber er sagte nichts. Stattdessen fragte er Flann mit einer hochgezogenen Augenbraue und einem Grinsen, ob Irene ihm wohl auch schon eine reingehauen hatte. Das brachte den FBI-Mann zum Lachen.

Niels wechselte jetzt das Thema und erzählte von Felicitys Hochzeit und dem anschließenden Besuch in New York bei den Jamesons. “Oh, deine Familie,” bemerkte Lyle, “wie war es?”

Ich muss dir etwas sagen. Es geht um deinen Vater, Niels. Deinen richtigen Vater.

“Ich.. ich habe Dinge erfahren, die ich nicht unbedingt wissen wollte,” antwortete Niels. Lyle sah ihn fragend an. “Naja, ich muss mich erst dran gewöhnen.” Niels spürte, dass er noch nicht bereit war, über seine Familie zu sprechen, und das, was Tante Delia ihm offenbart hatte. Lyle schien das jedoch nicht zu merken, er fragte weiter, was gewesen sei. “Sag doch mal, Niels, du kommst ja aus Deutschland. Ist das Oktoberfest hier mit dem in München vergleichbar?” Flann sah Niels an, und der junge Mann las ehrliches Interesse in den Augen des Älteren. Niels war dankbar über die Ablenkung, und so wandte er sich Flann zu und erzählte ihm vom Oktoberfest in München, wo er mit Philip gewesen war. Der Ältere hörte ihm interessiert zu und stellte einige Zwischenfragen, und irgendwann wechselte das Gespräch zu anderen Themen. Niels merkte, wie er im Laufe des Abends immer mehr Vertrauen zu Flann Breugadair fasste, mehr, als er zu Hank Williams jemals hätte haben können.

Als sie das Festzelt verließen, schwankte Chloe bereits ein wenig. Während ihrer Recherche am Nachmittag hatte sie offensichtlich mit einigen einheimischen Mädchen etwas getrunken, und daher war sie jetzt nach den letzten Bieren etwas angeheitert. “Oh, seht mal, ein Wolpertinger!” rief sie plötzlich und deutete in Richtung eines weiteren Zeltes. “Man muss also betrunken sein, um die Tiere zu sehen,” folgerte Lyle, und das schien ihm gar nicht zu behagen, wie Niels bemerkte. Tatsächlich hatte Lyle auch den ganzen Abend keinen Tropfen Alkohol angerührt.

Sie verabredeten sich für den nächsten Tag, um mit Georg Aumayr zu sprechen, dann gingen die Vier fürs Erste getrennte Wege.
Chloe war als erste wieder auf den Beinen, munter klopfte sie an Niels’ Tür. Der war gerade aus der Dusche gekommen, seit seinem 18. Geburtstag gönnte er sich den Luxus des Langschlafens. Um 5 Uhr aufstehen, um erst zu beten und dann mehrere Kilometer durch den Wald zu rennen, würde er nur noch, wenn man ihm eine geladene Waffe an den Kopf hielt. “Geh schon mal vor,” bat er Chloe, dann zog er sich fertig an, zupfte seine Haare zurecht und schnappte sich seine Zeichentasche.

Chloe saß bereits in dem Café, in dem sie sich mit Lyle und Flann verabredet hatten. Als Niels eintraf, servierte die Kellnerin ihr gerade Weißwürste. “Du kommst gerade rechtzeitig,” erklärte Chloe, als sie Niels sah, “zeig mir mal, wie man die Dinger isst.” Niels grinste, kam der Aufforderung aber nach. “Willst du auch?” wollte Chloe wissen, aber Niels verzichtete dankend. Er lebte jetzt in einem Land, das zwar nichts von Alkohol verstand, dafür aber von sehr süßen, kalorien- und kohlehydrathaltigen Frühstücksprodukten. Und noch war er in einem Alter, wo er essen konnte, was er wollte, dick werden würde er nicht.

Und wenn es dir wie ihm ergehen sollte, wirst du auch nicht alt.

Lyle war jedoch wesentlich interessierter an Chloes Frühstück, er probierte gerne. Niels sah den beiden amüsiert zu, während er bei Pancakes und French Toast blieb. Während sie aßen, kam auch Flann herein, die Haare noch feucht vom Duschen. Er ließ sich auf die Bank neben Niels fallen, was dieser mit einem “Na, auch wach?” kommentierte. “Guten Morgen allerseits,” entgegnete Flann, obwohl er nicht unbedingt danach aussah. Er bestellte nur einen großen Kaffee, offensichtlich war er noch weniger Frühaufsteher als Niels.

Als er so wach erschien, dass man ihn ansprechen konnte, beschlossen sie, endlich Georg Aumayr aufzusuchen. Der alte Mann wohnte nicht weit entfernt vom Café, und er öffnete sofort, nachdem sie geklopft hatten. Niels begrüßte ihn mit einem freundlichen “Grüß Gott”, aber dann ließ er schnell Chloe und Lyle den Vortritt. Was sollte er auch sagen? “Ich komme aus Bayern und bin ein Jäger?”

Lyle spann schnell eine Geschichte zusammen, dass Chloe eine Reporterin sei, die ein Porträt über Leavenworth und das Oktoberfest mache und Geschichten dazu sammele. Das schien den alten Mann zu überzeugen, er bat sie herein. Chloe ging zuerst, dicht gefolgt von Lyle, dann kam Niels. Als er das Wohnzimmer betrat und die urtümliche bayrische Einrichtung sah, inklusive Herrgottswinkel, spürte er, dass er die Panik noch lange nicht unter Kontrolle hatte. Für einen Augenblick fürchtete er, dass sich die Küchentür öffnete, und Gustav hereinkam, oder Benedikt und Joseph durch die Hintertür eintraten. Einer von ihnen – oder alle drei – hatten sich sicher wieder irgendetwas überlegt, womit sie ihn quälen konnten. “Alles in Ordnung?” Flann sah ehrlich besorgt aus, als er Niels seine Hand auf die Schulter legte. “Nein. Das ist alles gerade viel zu sehr zuhause.” Der Ältere verstand, immerhin hatte er im Casino einen kurzen Einblick in Niels’ Familiengeschichte bekommen.

Georg Aumayr bot ihnen Kaffee und Kuchen an, und Lyle ging ihm beim Geschirr zur Hand, was der Alte mit einem “Oh, Sie sind aber ein netter junger Mann” kommentierte. Chloe begann derweil zu erzählen, dass es ihr hauptsächlich um die Seele des Festes ging. Der alte Mann strahlte und begann, in einem stark bayrisch gefärbten Englisch zu erzählen. Er und seine Frau waren vor zwanzig Jahren aus Deutschland hergekommen, wegen ihrer Tochter, als sie in den Ruhestand gegangen waren. Die Tochter lebte in Seattle, aber sie hatten sich hier niedergelassen, weil sie gehört hatten, hier sei alles wie zuhause.

Niels zuckte bei diesen Worten kurz zusammen, nervös kramte er in seiner Zeichentasche nach Stift und Zettel, um sich abzulenken. Dabei fiel sein Blick auf den Brief seiner Mutter.

Deine Mutter ist eine kluge Frau.

Cedrics Worte hallten in seinen Ohren wieder, und er wusste, dass Felicitys Großvater recht hatte. Zuhause, das waren nicht nur Gustav, Joseph und Benedikt. Zuhause war auch Maria, die Frau, die ihn zur Welt gebracht und beschützt hatte. Er musste ihr unbedingt schreiben, wenn er zuhause… zurück in Seattle war.

“Das Fest wird also beschützt,” sagte Chloe jetzt und riß Niels aus seinen Gedanken. “Woher wissen Sie das?” wollte der alte Aumayr wissen, seine Stimme nahm einen mißtrauischen Unterton an. “Sie und ihre Frau haben das Fest beschützt, das haben wir gehört,” schob Lyle jetzt hinterher. “Ist das so eine Tradition?” fragte Chloe, doch der alte Mann wurde jetzt nervös. “Dieser damische depperte Gleisner!” schimpfte er auf Deutsch. Dass ihn jetzt außer Niels niemand mehr verstehen konnte, schien ihn nicht zu kümmern. “Wen meinen’s?” fragte Niels auf Deutsch zurück, doch Aumayr war jetzt wütend. “Sie wissen doch gar nicht, worum es geht,” erklärte er, wieder auf Englisch, “und glauben würden Sie mir auch nicht. Und überhaupt – ich will nichts darüber in der Zeitung lesen.” Er machte eine abwehrende Handbewegung, als wollte er sie hinaus komplimentieren. Niels stand auf und zog die Heckler-Bibel aus der Hosentasche. “Glauben Sie mir, ich hab schon mehr gesehen, als Sie sich vorstellen können,” sagte er auf Deutsch und reichte dem alten Mann das Büchlein, dessen Seiten von Heckler-Generationen mit Notizen, Gebeten, Segens- und Bannsprüchen und Anmerkungen beschrieben worden waren, und in dem jede Menge lose Blätter mit den gleichen Dingen lagen. Die neuesten Zettel waren von Niels selbst, es waren kurze Abrisse zu seinen Jagden in Barrow, May Creek und Dwight, in einem Gemisch aus Englisch und Deutsch.

Der alte Mann betrachtete das Buch und blätterte es durch, dann gab er es Niels mit einer hochgezogenen Augenbraue zurück. Offensichtlich hatte es ihn jedoch überzeugt, er begann jetzt von einem gewissen Tyrone Gleisner zu erzählen, der vor ein paar Jahren hier vor Ort ein Hotel übernommen hatte und dafür bayrische Fabelwesen hatten importieren lassen, darunter auch ein Wolpertinger-Pärchen. Dass die Tiere für das menschliche Auge unsichtbar waren, hatte Gleisner nicht gewusst – oder niemand hatte es ihm gesagt. Jedenfalls waren die Tiere in dem Moment entkommen, als die Kiste geöffnet worden war. Georg und Traudl waren früher in Deutschland Metzger gewesen und wussten daher, was man gegen die Wolpertinger unternehmen musste. Die Tiere liebten frische Weisswürste über alles. Niels nickte, er erinnerte sich an Gustavs Erzählung. Es sei ein altes Zunftgeheimnis, wie man die Wolpertinger in Schach hielt. Vor allen Dingen Traudl hatte sich darum gekümmert, auch schon zuhause in Deutschland, und dann auch hier in Leavenworth.

“Aber jetzt ist Traudl nicht mehr da, und ich.. ich hab was falsch gemacht”, sagte Aumayr jetzt. “Ich habe nicht richtig zugehört, wenn Traudl die Beschwörungen aufgesagt hat, wenn ich die Weißwürste versteckt und die Zeichen gemalt habe. Und den Teil ihrer Aufzeichnung, wo das steht, wie es geht, kann ich nicht lesen.” Er wirkte jetzt richtig niedergeschlagen. “Kann ich… können wir die Aufzeichnungen mal sehen?” wollte Niels wissen. Er hatte die besseren Augen als Aumayr, und als Kunststudent vielleicht auch die Möglichkeit, die Handschrift der Metzgerin zu entziffern. Auch Flann erklärte sich bereit, mit Niels einen Blick in die Aufzeichnungen zu werfen.

Lyle hatte eine andere Idee. “Vielleicht… vielleicht ist Traudl ja noch da. Also auf dem Friedhof. Dann… dann kann ich sie fragen,” flüsterte er Niels und Chloe zu. Die Reporterin meinte, sie wolle ihn begleiten, und gemeinsam verließen die beiden das Häuschen.
Niels nahm sich jetzt die Aufzeichnungen vor. Recht schnell hatte er herausgefunden, dass die Weißwürste außerhalb des Geländes ausgelegt werden mussten, damit die Wolpertinger draußen blieben. Aumayr aber hatte sie innerhalb des Geländes versteckt. Niels erklärte dem alten Mann auf englisch und immer wieder in sein heimatliches Idiom zurückfallend, was passiert war. Es fiel ihm nicht leicht, dabei diplomatisch zu bleiben, doch es gelang ihm. Obwohl er nur die Hälfte des Gesprächs verstanden hatte, nickte Flann zufrieden und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Offensichtlich hatte Niels gelernt.

In diesem Moment piepste Niels’ Smartphone, es war eine Nachricht von Chloe. Sie schrieb, dass sie und Lyle Traudl “mitbrachten”. Niels seufzte, und Flann sah auf. “Was ist los?” “Eine Nachricht von Chloe. Sie und Lyle.. du weisst bestimmt, dass Lyle Geister mit sich herumtragen kann.” Flann sah ihn erstaunt an. “Nein, das wusste ich nicht.” “Wie erklären wir das Aumayr?” überlegte Niels jetzt und sah Flann lange an. Der wusste, was Niels von ihm erwartete. “Du bist der, der reden kann. Ich kann Leuten allerhöchstens erzählen, was ein Geist ist.” Der FBI-Mann verzog das Gesicht, doch er wusste, dass Niels recht hatte. Er erklärte Aumayr wortreich, dass seine Frau noch nicht gegangen war, weil sie noch etwas zu erledigen habe. Lyle sei jedoch ein Medium und könne daher mit den Geistern reden, auch mit Traudl Aumayr. Georg Aumayr sah Flann irritiert an. “Medium?” fragte er dann, “ist das sowas wie diese Damen in dieser Fernsehsendung mit den Kristallkugeln?” Flann seufzte. “Ich glaube, der junge Mann weiß noch nicht mal, was eine Fernsehsendung ist, aber ja, so in etwa.”

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Georg Aumayr sah unsicher von Niels zu Flann, doch dann ging er und öffnete. Er wirkte überrascht, als Chloe und Lyle vor der Tür standen, doch dann umarmte er Lyle vorsichtig. Der junge Mann erwiderte die Umarmung, dann aber zog er sich zurück und sprach laut und heftig mit Georg in breitestem Bairisch. Niels übersetzte für die anderen, obwohl er einige Schmähwörter, mit denen Traudl ihren Mann bedachte, lieber ausließ. Schließlich wandte sie – Lyle – sich an den Rest der Gruppe. “Wir müssen zum Festgelände.”

Zurück auf dem Gelände entfernte Traudl/Lyle die Schutzzeichen, die Georg angebracht hatte. Als sie an dem Kaninchenbau ankamen, in dem Lyle und Chloe am Vorabend die Wolpertinger hatten verschwinden sehen, schlüpfte zunächst ein Wolpertinger heraus, dann drei Jungtiere und schließlich ein zweites Elterntier. Die Tiere rannten eilig davon. Traudl erneuerte auch hier die Schutzzeichen und legte die Weißwürste aus, die Chloe kurz nach ihrem Eintreffen bei der Food Prep Station geholt hatte. Dazu murmelte sie eine Beschwörung, die außer ihrem Ehemann nur Niels verstand, immerhin war sie auf bairisch.

Als sie fertig war, war der Zeitpunkt gekommen, an dem Traudl und Georg sich endgültig voneinander verabschieden mussten. Niels, Flann und Chloe gingen ein Stück weiter, um den Eheleuten die nötige Privatsphäre zu gönnen. Schließlich kamen Lyle und Georg zu ihnen. Lyle war kreidebleich, Niels und Chloe stützten ihn und führten ihn zu einer Bank. Er setzte sich schweratmend, wollte aber für den Moment keine Hilfe. Währenddessen redete der alte Aumayr auf Flann ein und ließ sich nur schwer von diesem beruhigen. “Ich brauche doch einen Nachfolger, bin ja schon nicht mehr der Jüngste. Vielleicht kann meine Tochter das hier übernehmen, wenn ich mal nicht mehr bin. Aber die ist ja auch schon 50, und sie wohnt in Seattle, ach, wie soll das nur enden.” Er schien wirklich verzweifelt zu sein.
In diesem Moment stupste Lyle Niels an. “Warum machst du das nicht?” wollte er wissen. Niels sah ihn erstaunt an. Er sollte in Leavenworth das Oktoberfest vor Wolpertingern beschützen? Mit Zunftzeichen und Beschwörungen? Ein Heckler lockte Wolpertinger in Fallen und drehte ihnen dann den Hals um, ein Heckler beschützte keine Feste vor Fabelwesen. Außerdem dachte er an Cedrics Aufgabe. Er hatte anderes zu tun.

“Ich kann nicht. Ich will nicht hierhin ziehen müssen. Ich habe.. ich muss noch was erledigen,” sagte er, doch Lyle ließ das nicht als Ausrede gelten. “Sieh ihn dir an. Und ich glaube nicht, dass du hierher umziehen musst,” meinte er, immer noch um Luft ringend und blass. Niels sah zu Georg Aumayr, der immer noch verzweifelt bei Flann stand, der FBI-Mann hatte ihm jetzt eine Hand auf die Schulter gelegt und versuchte, ihn zu beruhigen.

Niels begann, auf seinem Zungenpiercing herumzukauen, doch dann überlegte er es sich, und er ging zu Georg und Flann. “Muss derjenige, der dieses… Ritual durchführt, von hier sein? Oder können Sie das jedem beibringen?” fragte er den alten Mann. Der schien zuerst nicht zu begreifen, was Niels ihm anbot, doch dann breitete sich ein dankbares Lächeln auf seinem Gesicht aus. “Du willst meine Arbeit machen? Oh, du würdest mich so glücklich machen!” Flann warf Niels einen vielsagenden Blick zu, doch er sagte nichts. Vielleicht war ihm wie Lyle bereits der gleiche Gedanke gekommen. “Ich lass euch mal allein,” sagte er diplomatisch, “wir sehen uns, Heckler.”

“Ich zeig dir gleich, wie man das macht,” sagte der alte Aumayr eifrig, die Tatsache, Niels das Ritual beizubringen, schien seine Lebensgeister neu entfacht zu haben. “Wie heißt du nochmal?” fragte er, während er die Mappe mit Traudls Aufzeichnungen aus einer Tasche holte. “Niels Aaron Heckler,” antwortete Niels. “Ahjaja. Und wo kommst her?” wollte der alte Aumayr wissen, er war längst ins Bairische gewechselt. “Niederbayern, das hör ich. Aber wo genau? Aus’m Wald?” Niels nickte langsam. “Rabenstein,” antwortete er, und als der Alte ihn weiterhin auffordernd ansah, fuhr er fort: “Zwiesel. Wo das Glas herkommt.” Aumayr nickte wieder. “Kenn’ ich, kenn’ ich. Wie kommst du denn nach Amerika?” Niels überlegte, ob er ihm die ganze Geschichte erzählen sollte, doch er entschied sich für die Kurzvariante, die noch nicht einmal gelogen war. “Studium. Und ich hab Verwandtschaft hier.” “Ist schon schön hier. Und umziehen brauchst nicht, wenn du da Sorge hast. Einmal im Jahr herkommen, das reicht schon. Ich glaub, für so junge Leut wie dich ist das hier auf Dauer kein Ort.” Er lachte, dann reichte er Niels die Mappe. “Lies dir das schon einmal durch, dann fangen wir an.”

Den Rest des Festes verbrachte Niels damit zu lernen, wie man die Wolpertinger in Schach hielt. Chloe nutzte derweil die Erlaubnis, ihre Kamera mitnehmen zu dürfen und fotografierte alles, was ihr vor die Linse kam. Flann arbeitete weiter mit Officer Schrader am Eingang des Festes und brachte dem jungen Officer bei, wie man Taschendiebe aufspürte und dabei selbst unauffällig blieb. Sie trafen sich noch ab und an, aber nur Lyle blieb diesen Treffen fern. Es hatte ihn sehr mitgenommen, Medium für Traudl Aumayr zu sein.

Am letzten Abend unternahm Niels dennoch einen letzten Vorstoß, noch einmal mit Lyle zu reden. Er ging zum Sierra Nevada-Stand, begleitet von Flann, der sich erst einmal mit einem der anderen Mitarbeiter unterhielt.

“Willst du drüber reden?” fragte Niels Lyle, doch der winkte ab. “Worüber reden?” Niels nickte, offensichtlich wollte sein Freund nicht über das Erlebte sprechen. “Sorry, wenn ich dich in diese Hüter-Sache reingequatscht habe,” meinte Lyle jetzt, und für Niels war das ein noch deutlicheres Zeichen, dass er nicht über Traudl sprechen wollte. “Schon ok. Ich wollte einfach nicht nach Leavenworth umziehen,” meinte er lächelnd. “Ich hab noch was zu.. erledigen. Sachen. Also ich meine, ich muss da noch so eine Sache erledigen,” fuhr er dann fort. Lyle sah ihn verständnislos an, doch dann kam Niels eine Idee. “Ich soll… ich muss.. ich muss einen Mord aufklären. Vielleicht kannst du mir dabei helfen.” Jetzt schüttelte Lyle energisch den Kopf. “Einen Mord aufklären? Ich glaube, dafür bin ich der Falsche.” Er reichte Niels eine Flasche Sierra Nevada, doch dieser mochte jetzt nichts trinken. “Aber du könntest doch Jon… Agent Saitou fragen. Den kennst du doch.” Niels verzog das Gesicht. Ja, der Fed, der ihn beinahe hätte hochnehmen können, weil er mit einer nicht lizensierten Waffe in New Hampshire rumgelaufen war. Er hatte nicht den Eindruck, dass er und Agent Saitou an diesem Tag Freunde geworden waren. Doch dann fiel sein Blick auf Flann. Er hätte nicht gedacht, dass er und Hank – Flann, verbesserte er sich – sich bei ihrem erneuten Aufeinandertreffen so gut verstehen würden. Und Fragen kostete bekanntlich nichts. Doch da war noch etwas, was Lyle vielleicht wissen sollte. “Der Mord wurde von einem oder mehreren Dämonen begangen, und…”

In diesem Moment gesellte Flann sich mit einem breiten Lächeln und einer Flasche Sierra Nevada in der Hand wieder zu ihnen, und Niels schob den unausgesprochenen Gedanken beiseite.

…und der Typ, den sie umgebracht haben, war mein Vater.

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White Noise
aus Barrys Tagebuch

Wo fange ich an? Vielleicht mit Tam, die zu mir ins Arbeitszimmer kam, meinen Monitor ausmachte und mich fragte: „Was ist los mit dir?“

Ich lehnte mich zurück. War ihr nicht böse, konnte mich ohnehin nicht richtig auf die Revisionen konzentrieren. Zu viele Ideen. Zu viele Geräusche. Zu viele Worte in meinem Kopf.
Seit Portland. Ich war knapp drei Wochen vorher hingefahren, um gegen Garrity auszusagen. Und um Davy Whittaker umzubringen. Die Aussage gegen Garrity war reine Formsache, weil sich sein Verteidiger und der Staatsanwalt schon geeinigt hatten. Die Sache mit Whittaker… nach unser Konfrontation im Empire Builder war er nach Tucson, Nebraska, gefahren und hatte den Geist des Milchmanns gefunden. Sich mit ihm verbündet. Das ging für niemanden gut aus: Whittaker tot, der Geist vernichtet, ich eine Weile von einem psychopathischen Sadisten besessen und kontrolliert. Hatte seither Flashbacks und Panikattacken. Versuchte, mich in meiner Arbeit zu vergraben.

„Du hast zwei Aufträge abgelehnt“, sagte Tam. „Leichter Kram, beides hier in der Nähe.“
Ich zuckte die Schultern. „Bin noch nicht soweit“, erklärte ich leise. „Braucht Zeit.“
Sie sah nicht aus, als würde sie mir glauben. Wir sprachen eine Weile, kamen dann überein, dass ich den nächsten Auftrag übernehmen würde, der reinkam. Konnte mich nicht ewig verstecken.

Der Anruf kam aus Laurel, Montana. Großartig. Montana hieß Flugzeug, wenn ich keine zwei Tage mit dem Auto herumschaukeln wollte. Wenigstens konnte ich bei einem Flashback im Flugzeug mangels Waffen niemanden erschießen.
Winston Kilpatrick hatte sich umgebracht, aber sein Schwager glaubte nicht, dass es wirklich Selbstmord war. Wollte, dass sich das jemand anschaute. Also gut. Wäre lieber zu Hause geblieben. Vielleicht sollte ich… egal, was ich sollte. Sorry, aber ich mache jetzt einfach weiter. Das Geheule kommt später. Okay?

Danke, lieber Leser. Ich überstand den Flug irgendwie, kam abends in Billings an. Überlegte kurz, Ally zu kontaktieren. Lieber nicht. Vielleicht nach dem Auftrag.
Fuhr am nächsten Tag nach Laurel. War nicht weit weg. Hielt vor Heidi’s Coffee Cabin, weil ich eines der Autos erkannte. Das war Natalies Rostlaube. Was machte die hier? Sah, wie sie ausstieg, sprach sie an. Sie war auf dem Weg zu Ally, wollte sie besuchen. Hatte nur angehalten, um einen Kaffee zu trinken. Also gingen wir zusammen rein.

Nicht viel los in der Coffee Cabin. Nur ein Tisch mit drei Leuten besetzt: Ein rundlicher Polynesier, ein Weißer im Anzug und ein rothaariges Mädchen. Die Kellnerin war damit beschäftigt, an einem alten Radio herumzufummeln, also störten wir sie erst mal nicht, sondern setzten uns vorn an den Tresen. Das dauerte eine Weile, Natalie sah immer wieder zu der Gruppe am Tisch hinüber.
„Ich glaube, ich kenne die“, sagte sie schließlich stirnrunzelnd. Stand auf und ging hinüber, sprach die Gruppe an. Nein, der Mann erinnerte sich nicht, Natalie je getroffen zu haben, aber das Mädchen war eine Bekannte von Ally. Allgemeine Vorstellung: Der Anzugtyp hieß Flann Breugadair, die Rothaarige Julie Hill und der Polynesier Kamalani Washington. Der strahlte Natalie an, gab ihr einen Handkuss und machte ein schwülstiges Kompliment. Sie wurde trotzdem rot und kicherte. Merkwürdig. So hatte ich sie nicht eingeschätzt.
Dann schenkte der Polynesier mir ein markiges Kopfnicken und einen betont männlichen Blick. Wollte der sich beliebt machen? Schade, dass er es nicht auch mit einem Handkuss versucht hatte. Das hätte ich authentischer gefunden als dieses Genicke.

Das Eichhörnchen lenkte mich von ihm ab. Ein graues, ziemlich großes Tier sprang aus Julies Tasche auf den Tisch und schnupperte an Washington herum. Die sind normalerweise nicht so zahm – als ich das letzte Mal eins aus der Nähe gesehen hatte, war mir das Viech zwischen die Beine gerannt, als ich auf Malgorzata zulief. Auf die Hexe. Und Julie hatte brandrote Haare. Verdammt. War sie eine Hexe? Was wollte sie hier? Hatte sie etwas mit den Selbstmorden zu tun, und vor allem: Was hatte sie mit Ally vor?
…oder ich war zu paranoid. Ja, ich hatte schlechte Erfahrungen mit Hexen gemacht, aber Bianca war nicht bösartig gewesen. Vielleicht sollte ich aufhören, meine Vorurteile auf dieses Mädchen zu projizieren. Ich war nicht deVries. Trotzdem. Konnte nichts schaden, sie im Auge zu behalten. Sie und ihr Eichhörnchen.

Ich setzte mich nicht zu der Gruppe, sondern kehrte zum Tresen zurück. Die Kellnerin machte immer noch an ihrem Radio herum. Sehr konzentriert, bis sie dann den Sender fand, den sie gesucht hatte. Drehte sich um und strahlte.
Während ich auf meinen Kaffee wartete, hörte ich zu. War ein lokaler Sender, eine Talkshow. Spencer White, der Moderator, plauderte munter mit allen möglichen Leuten – Annabelle, die unbedingt zu Justin Bieber wollte, einem Typen, der sich über seinen rasenmähenden Nachbarn aufregte – versuchte, mit einem Spendenaufruf zu helfen oder kluge Ratschläge zu geben. War… irgendwie interessant. Fesselnd. Normalerweise hörte ich solche Shows nicht, aber White hatte eine Stimme, die zum Zuhören einlud. Es war nicht das, was er sagte (sein Wortschatz war nicht außergewöhnlich vielfältig), nicht einmal, wie er das sagte, sondern da war etwas in den Zwischentönen, das mich faszinierte. Das mich dazu brachte, weiter zu lauschen.
Ich sprach die Kellnerin an. Ja, sie hörte die Show öfter. Eigentlich immer, wenn sie lief. Nein, selber dort anrufen wollte nicht. Warum auch? Sie wirkte wie ein junges Mädchen, als sie darüber sprach, aber sie war schon um die Vierzig.
Während ich mit ihr redete, kam Julie dazu. Bat sehr höflich darum, das Radio leiser zu stellen. Die Kellnerin wollte erst nicht, weil sie Angst hatte, den Sender wieder zu verlieren, wenn sie an den Knöpfen herumdrehte, aber Julie ließ nicht locker – blieb freundlich, aber ließ sich auch nicht von ihrem Willen abbringen, bis die Kellnerin endlich nachgab.

Schließlich war die Show vorbei. Ich setzte mich in die Nähe der anderen Gruppe, hörte zu. Offenbar hatte Washington den Spitznamen Buddha. Nachvollziehbar: Wohlgenährt, kahlköpfig, breites Grinsen. Julie fragte ihn, warum er Flann Kekoa nennen würde. Er wollte ihr das nicht sagen, sondern beschränkte sich auf mysteriöse Andeutungen. Google half: Kekoa ist hawaiianisch für Krieger. Aber auch dazu wollte er sich nicht klar äußern, sondern grinste nur. Der Kerl erinnerte mich an Don Spending mit seinem jovialen Getue und seiner besserwisserischen Art. Nein, ich wollte ihn nicht sofort erschießen, aber er sprach ja auch nicht mit mir.

Natalie schloss sich an, als ich ging. Die beiden anderen hatten wohl auch genug von dem Buddha-Geschwafel und kamen uns nach. Draußen erklärte ich Natalie, dass ich wegen Winston Kilpatrick und seinem Selbstmord hier war. Flann wurde aufmerksam, meinte, er wäre auch wegen dem Mann hier. Stellte ein paar Fragen, wollte selbst aber nichts erzählen. Hatte eine Visitenkarte mit seinem Namen drauf, keine Funktion, kein Titel. Komischer Typ. Schien an Julie interessiert zu sein, obwohl sie mindestens zehn Jahre jünger war als er. Na, das ging mich nichts an.
Kilpatrick war im Ort als Wohltäter bekannt gewesen, aber Natalie grub schnell einen kritischen Artikel aus: Er konnte ziemlich ungemütlich werden, wenn man ihm in die Quere kam. Vielleicht hatte er auch Steuern hinterzogen.
Jemand schlug vor, wir könnten doch zusammenarbeiten. War mir recht. Ich wollte Julie lieber nicht aus den Augen lassen. (Nicht, weil sie so hübsch war. Gar nicht mein Typ, viel zu weiß, und – sei ehrlich, Jackson – viel zu jung. Ging nur um die Hexensache, und nein, ich wollte ihr nichts tun, nur… bereit sein, okay? Bin erst vor kurzem böse überrumpelt worden.)

Wir fuhren zu Kilpatricks Haus, um mehr herauszufinden (Natalie fuhr. Das ist das Beste daran, immer irgendwelche Jäger zu treffen – es findet sich immer ein Fahrer.) Brian Graffin, sein Schwager, ließ uns ins Haus. Zeigte das Arbeitszimmer, erzählte, seine Schwester wäre tief getroffen – dreißig Jahre verheiratet und sie hatten sich immer noch geliebt.
Aber in der letzten Zeit war sein Schwager ein bisschen seltsam geworden. Graffin hatte ihn einmal im Auto warten lassen, und als er zurückkam, hatte Kilpatrick Tränen in den Augen. War ansonsten nicht so nah am Wasser gebaut. Ja, das Radio lief. Ein paar Tage später, vor etwa zwei Wochen, hatte Kilpatrick sich hier im Haus erhängt. Aber er hatte Feinde, und Graffin war sicher, dass etwas nicht stimmte.
Wir durchsuchten das Arbeitszimmer. Sprachen mit seinem Assistenten Brett, der auch nicht glaubte, dass Kilpatrick ein Selbstmörder war. Auf seinem Rechner fanden sich ein paar E-Mails, die ziemlich unfreundlich waren, sowohl von ihm als auch an ihn. Schien sich mit Tyler Holland aus dem Stadtrat gar nicht gut zu verstehen. Flann fand zwei kleine schwarze Notizbücher, eines mit unsauberen Kontobewegungen, eins mit Namen wie „Sharona“ oder „LaToya“. Er steckte beide ein.
Julie schaute sich intensiv im Raum um, keine Ahnung, was sie suchte oder fand ( Spuren beseitigen, schoss mir durch den Kopf. War mehr ein Reflex als ein echter Verdacht). Natalie durchforstete mit ihrem Laptop die Mediathek des Senders nach Spuren. Sie fand zunächst drei Namen: Jeremy Browning, Glenda McCall und Luke Gordon – auch diese drei hatten sich in den letzten Monaten erhängt.

Während sie weiterhin nach einer Verbindung zwischen Spencer Whites Sendung und den Toten suchte, sprachen wir anderen mit Kilpatricks Witwe. Die war sichtlich aufgelöst und schien ehrlich um ihren Mann zu trauern. Sie erzählte uns, dass ihr Mann immer diese Show im Radio gehört hatte – wie viele andere in ihrem Bekanntenkreis. Penetrant, sagte sie. Man kommt gar nicht daran vorbei.

Wir gingen wieder. Zogen uns zurück, warteten auf Natalies Ergebnisse. Tasteten kurz vorsichtig ab, ob wir mit den jeweils anderen frei über übernatürliche Einflüsse spekulieren konnten. War kein Problem.
Natalie fand heraus, dass alle vier Selbstmörder auf Bitte anderer Leute von Spencer White angerufen worden waren. Zu allen hatte er „Mach dich frei, erzähl’s Spencer“ gesagt und einen Jingle gespielt. Er rief auch noch andere Leute an, die sich nicht umbrachten, aber immer, wenn er diesen Satz sagte, gab es eine Weile später eine Selfmadeleiche. Interessant, dass Tyler Holland aus dem Stadtrat Spencer gebeten hatte, Kilpatrick anzurufen. Der war ja nun sicher kein Freund von ihm.
Über Spencer selbst war nicht viel herauszufinden: Junger Mann, zweiundzwanzig Jahre alt, hier aus der Gegend. Keine Auffälligkeiten, hübscher weißer Knabe mit blonden Haaren und nettem Lächeln.
In der Mediathek war sogar die Aufnahme von dem Gespräch mit Kilpatrick gespeichert. Ich hörte mir Whites Stimme ein paar Mal an, aber er klang tatsächlich wie ein Junge aus Montana, mittlere Bildungsschicht. Nicht sonderlich eloquent, wie schon festgestellt.
Auch Julie hörte sich die Aufnahme ein paar Mal an. Kam zurück, als wir gerade überlegten, ob White das mit Absicht machte oder ob es vielleicht ein Trittbrettfahrer oder ein kranker Fan war, der den Satz zum Anlass nahm, Leute zu ermorden. Nein, meinte Julie zu dieser These. Die Magie ist in der Stimme drin.
Ich warf ihr einen scharfen Blick zu. Hexe!, klingelte ein Alarm in meinem Kopf. Sie zuckte zusammen, trat einen halben Schritt auf Flann zu und murmelte, sie wäre ja nicht sicher.

Was nun? Direkt zum Sender? Oder erst mal nur beobachten? Beobachten gab zwar Billable Hours, aber eine längere Observation erschien mir unnötig, wenn wir auch einfach mit White sprechen konnten. Nach kurzer Debatte beschlossen wir, als Reporter vom Community College in Billings aufzutreten, die einen Artikel über lokale Radiosender schreiben wollten.
Klappte ganz gut. Flann erzählte unsere Geschichte dem Mädchen am Empfang, die ihn sehr sympathisch zu finden schien und sofort White anrief. Nach kurzer Zeit tauchte White selbst auf und lud uns freundlich in sein Studio ein.
Flann fing mit belanglosem Smalltalk an, unterstützt von Julie. Ich fragte nach den Selbstmorden, aber White wiegelte ab. Davon wusste er nichts. Noch mehr Smalltalk, Julie erwähnte seine Catchphrase „Mach dich frei“. Ja, er war eben für Freiheit. Der Staat sollte sich nicht überall einmischen, Waffen und Kram, und sollte doch jeder heiraten, wen er wollte.
„Auch eine Sechszehnjährige ihren Vater“, fragte ich. Dachte an Lisa. An die anderen Sekten in den Ozarks und ihre merkwürdigen religiösen Sitten. Gut, da ruderte er ein bisschen zurück. Und die Selbstmorde – ja, sollte sich doch jeder umbringen, wenn er Lust dazu hatte. War doch seine Entscheidung.
Flann beugte sich zu Julie, wollte ihr vielleicht etwas sagen, brach dann aber jäh ab und hörte White zu. Schien förmlich an seinen Lippen zu hängen.
Julie ließ nicht so leicht locker, setzte ihn wegen der Selbstmörder unter Druck. White erzählte ihr die Geschichte eines Jungen, der an der Schule gemobbt wurde und der sich auch nicht umgebracht hatte. Jeder hätte die Wahl. Aber Julie bohrte weiter, und das gefiel ihm nicht. „Ihr geht jetzt besser“, sagte er harsch.

Da hatte er wohl recht. Ich stand sofort auf und ging zur Tür, die anderen hinter mir her. Erst als wir draußen waren, merkte ich, dass das eben nicht meine Entscheidung gewesen war. Ich hatte einfach gemacht, was er sagte.
Mir wurde kurz, aber heftig übel. Erst die Besessenheit vor ein paar Wochen, jetzt das. Einen Augenblick konnte ich einen anderen Geist in meinem spüren. Wäre fast umgefallen, weil mir so schwindlig war. Schwindel, Jackson. Vertigo. Was gibt es noch für Worte? Aus dem Gleichgewicht, Gleichgewicht, Balance, komm schon, finde die Balance wieder … Ich schluckte heftig, einmal, zweimal. Atmete durch. Glücklicherweise waren die anderen auch damit beschäftigt, sich innerlich zu sortieren. Dauerte eine Weile, bis jemand etwas sagte.
Woher kamen Whites Kräfte? Aus ihm selbst? Zauberei? Ein Pakt mit einem Dämon, oder vielleicht ein Artefakt? Machte er das absichtlich oder unbewusst? Das war mir eigentlich egal. Jemand, der Leuten im Kopf herumstocherte, musste aufgehalten werden. Möglichst endgültig aufgehalten.

Wir fuhren zu seiner Wohnung. Wenig los in seiner Gegend. Er wohnte in einem alten Studio-Apartment, in das wir einbrachen. Ich behielt die Straße im Auge. Keine Ahnung, wer die Tür geöffnet hat, oder ob sie einfach offen stand.
Allerdings fanden wir nichts – keine okkulten Schriften, keine unheiligen Artefakte, keinen mit Blut geschriebenen Vertrag. Nicht, dass ich wirklich danach gesucht hätte. Als die anderen gehen wollten, sagte ich, „Ich bleibe hier. Bringe die Sache zu Ende.“
„Nein!“, rief Julie aufgebracht. „Das können wir nicht machen, wir wissen doch noch gar nicht, ob er das absichtlich macht. Vielleicht können wir mit ihm reden, ihn überzeugen, solche Dinge nicht zu tun.“
„Wir haben schon mit ihm geredet“, entgegnete ich. „Hast ja gesehen, wie das lief.“
Flann schlug vor, wir könnten ja vielleicht was mit seinem Kehlkopf machen. Ich kämpfte einen winzigen Augenblick nach Luft (einatmen… ausatmen… einatmen… ausatmen… das ruhige Piepen der Maschine…), sagte ihm dann, „Mir hat mal jemand den Kehlkopf eingeschlagen. Wäre fast krepiert, aber jemand wusste, wie ein Luftröhrenschnitt geht. Wenn das keiner von euch kann… ist vermutlich angenehmer für ihn, wenn ich ihn einfach erschieße.“
Aber Julie schüttelte den Kopf. „Das können wir nicht machen“, sagte sie. „Vielleicht ist Spencer gar nicht böse… vielleicht will er das gar nicht.“ Sie sah fast verzweifelt aus. Was verband sie mit diesem Typen? Mein Misstrauen loderte wieder auf. War sie nur dabei, um White zu beschützen?

Egal. Ich zuckte die Schultern und stimmte zu, erst mal weiter nachzuforschen. Warum auch nicht. Die Sache hatte im Augenblick keine Eile. Erschießen konnte ich White auch später.
Jemand – Flann oder Julie, glaube ich – schlug vor, dass nur einer oder zwei mit ihm reden könnten, während der Rest Gehörschutz trug. Ohrenstöpsel oder so. Das erinnerte mich an etwas… „Jessica Jones“, sagte ich. „Kopfhörer.“ Natalie verstand mich und nickte. „Gute Serie“, sagte sie.
„Hmm“, machte ich. Dachte an Kilgrave, den Antagonisten der Serie. Der konnte Leute mit einem Befehl zu allem bringen. „Wenn zwei ihn hören können und zwei nicht – was hält White davon ab, die zwei dazu zu bringen, die anderen anzugreifen?“ Damit war diese Idee gestorben.

Aber Natalie hatte eine andere Spur gefunden. Vor Jahren war Spencers Mutter ermordet worden. Der Mörder hatte ihre Zunge herausgeschnitten. Das klang zunächst nach einem kranken Psychopathen, aber vielleicht hatte sie ähnliche Kräfte gehabt wie ihr Sohn. Möglich, dass ein Jäger sie umgebracht hatte.

Flann meinte, das Dying of the Light wäre hier in der Nähe. Ein Roadhouse. Wir fuhren hin, trafen einen alten Jäger, den Flann kannte.
Der Alte hatte tatsächlich von der Frau gehört. „Eine Sirene“, meinte er. „Eine Acheloidin, wie das wohl heißt. Ist damals von einem Jäger erlegt worden. Er hat ihr die Zunge rausgeschnitten, was anderes bringt die Viecher nicht um. Kugeln tun ihnen weh, aber sie sterben nicht dran.“
Dann stritt er sich noch ein bisschen mit Julie herum. Zog den kürzeren.

Wir waren ein Stück weiter, aber nicht weit genug. Zumindest nicht weit genug für Julie. Die fand immer noch, dass White unschuldig sein könnte und wir ihn nicht einfach umbringen konnten. Ich schwankte zwischen Misstrauen ihr gegenüber und der Erinnerung an einen ähnlich idealistischen Jungen. Der hätte auch gefunden, dass wir Leute nicht auf Verdacht umbringen konnten. Verdammt.
Glücklicherweise löste White das Dilemma für uns: Während der Diskussion klingelte Flanns Handy. Er ging dran, wurde plötzlich blass und erstarrte. Der Lautsprecher war nicht an, aber selbst so konnten wir das Plärren des Jingles aus dem Gerät hören. Vorsichtig legte Flann auf.
„Das war er“, sagte er. „Er hat seinen Spruch zu mir gesagt… ‚mach dich frei und erzähl’s Spencer‘.“

Ich zog eine Augenbraue hoch und sah Julie an. Die kümmerte sich erstmal um Flann, fragte ihn, ob er Selbstmordgedanken hatte. Der Jäger versuchte, die Sache herunterzuspielen, aber so ganz glaubte sie ihm offensichtlich nicht. Trotzdem, ob er jetzt Suizidgedanken hatte oder nicht – das war eindeutig ein Angriff gewesen. Soviel zu ‚vielleicht weiß er ja gar nicht, was er da tut‘.
Schließlich drehte sich Julie zu mir um und nickte mit zusammengepressten Lippen. Sie wollte das nicht tun, wirklich nicht. Aber sie sah keine andere Möglichkeit.
„Du musst nicht mitkommen“, sagte ich zu ihr.
„Doch, muss ich“, erwiderte sie. „Ich kann mich nicht aus der Verantwortung stehlen.“
Innerlich schüttelte ich den Kopf. Manchmal ist Wegsehen das Beste, was du machen kannst, aber das sagte ich nicht laut. War damit beschäftigt, den Schatten dieses idealistischen Jungen aus meinem Kopf zu vertreiben.
„Wir sollten ihn uns greifen und wegbringen“, sagte ich. „Irgendwo außerhalb der Stadt, wo uns niemand hört. Besser, wir knebeln und fesseln ihn… ist leichter, ein wehrloses Opfer umzubringen.“ Entsetzte Blicke, und verdammt, das hatte ich nicht laut sagen wollen. Klar ist es einfacher, aber normalerweise bin ich nicht so dumm, solche Sachen anderen Leuten zu erzählen. Musste nicht jeder wissen, wie wenig es mir ausmachte, zu töten.
Konnte nicht mehr zurück. Redete kalt weiter, über Kopfhörer und Ohrstöpsel. Schob irgendwelche Gefühle beiseite, dafür hatte ich jetzt keinen Raum. Schon gar nicht für diesen Jungen, der ich mal gewesen war.

Räumte Asian Dub Foundation, 21/7 und JayZ auf meinen Player. Ella Fitzgerald flog raus. Der Rest verstopfte sich die Ohren ebenfalls. Angespannt fuhren wir zurück zu Whites Wohnung. Warteten eine Weile.

„…Knock knock I’m at your neighbor house…“

Dauerte nicht lang, dann tauchte White auf. Stieg aus dem Auto, lief zu seiner Wohnung. Wir verließen unseren Wagen ebenfalls und gingen auf ihn zu. Die Musik sprang um auf La Haine. Wie passend.

„…Ask the questions later raise the 45…“

Ich ging auf ihn zu. Er sah mich kommen, lächelte triumphierend, verächtlich. Fing an zu sprechen. Wie ein Fisch im Aquarium. Ich hörte kein Wort.

„…act on on instinct you know the truth from a lie…“

Stand vor ihm. Er sah zu mir hoch, plötzlich Zweifel in seinen Augen. Wich einen Schritt zurück, redete weiter. Ich hörte nur die Musik.

„…are you the judge the jury and the executioner…“

Schlug ihm meinen Haken ins Gesicht. Volltreffer. Er ging zu Boden, Blut tropfte aus seiner Nase.
Wir knebelten ihn, fesselten ihn. Sperrten ihn in den Kofferraum seines Wagens. Niemand hatte uns gesehen.

Ich nahm die Kopfhörer vorsichtig wieder raus. Stieg ins Auto. Flann konnte Lippen lesen, er erzählte, was White gesagte hatte: „Ich werde diese Stadt besser machen, ich habe diese Menschen umgebracht, weil ich es kann, weil ich die Macht habe… den Typ mit dem Rasenmäher erwische ich vielleicht auch noch…“ Nett. Nicht mal Julie fiel noch etwas zu seiner Verteidigung ein.

Wir fuhren raus nach Norden, in die Wildnis. Schroffe Gegend. Bogen von der Straße ab, ruckelten über steiniges Gelände in eine schmale Schlucht, die von niedrigen Büschen und ein paar schlanken Bäumen gesäumt war. Hielten an.
Flann stieg aus und starrte die Bäume gedankenverloren an. Murmelte etwas davon, ob die Äste wohl das Gewicht eines Mannes tragen würden? Hatten wir eigentlich ein Seil dabei. Julie folgte ihm besorgt, als er auf die Bäume zu trottete. Redete leise auf ihn ein. Gut. Waren die schon mal abgelenkt.
Ich steckte mir die Kopfhörer wieder in die Ohren, bevor ich White aus dem Kofferraum holte. Er lebte noch, obwohl er weder durch die gebrochene Nase noch durch den Knebel richtig gut Luft bekommen konnte. Zerrte ihn nach draußen, ein Stück vom Wagen weg. Natalie war neben mir, Flann und Julie standen unter den Bäumen. Sie zog ihn an sich und küsste ihn.

White kniete vor mir, als ich meine Waffe zog. Sah mich ängstlich an, flehend. Bitte nicht, bettelten seine Augen. Aber die hatten keine Macht. Ich hielt die Pistole unter sein Kinn und drückte ab. Er fiel, seine Muskeln verkrampften sich ziellos. Ich beugte mich über ihn und schnitt seine Zunge heraus. White hörte auf, sich zu bewegen. Er war tot.

„…nos recuerdan —si acaso— no como almas perdidas y violentas…“

Ich atmete durch. Zerrte die Kopfhörer mit dem Haken aus den Ohren. Sah Julie, die ein Stück weiter hinten stand, kreidebleich. Sie starrte den Toten an, als hätte sie noch nie einen gesehen (hatte sie ja vielleicht auch nicht, Jackson. Schon mal dran gedacht?). Flann kam auf sie zu. Sah erleichtert aus, nicht mehr so niedergeschlagen. Sagte leise etwas zu ihr, und sie entspannte sich ein kleines Bisschen.

Neben mir, neben der Leiche, stand Natalie. Konnte ihren Blick nicht recht deuten.
„War hübscher als der Draugr“, sagte ich schließlich. „Aber trotzdem ein Monster.“ So wie du, Jackson, sagte eine leise Stimme in meinem Inneren.
„Aber der Draugr… der war viel monströser“, erwiderte sie unsicher.
Ich lächelte bitter. „Der Draugr war am Anfang ein Unschuldiger, der ermordet wurde. White ist freiwillig zum Monster geworden.“ Und was davon bist du?

Flann kam rüber zu uns. Erklärte, der Einfluss hätte mit Whites Tod aufgehört. Gut. Wir beschlossen, die Leiche noch zu salzen und zu verbrennen. Keine Ahnung, was aus toten Monstern wird, aber Spencers Whites Geist brauchte sicher niemand.
Während Natalie und Flann gingen, um Salz und Benzin zu holen, lauschte ich angestrengt. Nicht, dass da doch ein Geist war, der an etwas anderem als dem Körper hing. Und ich hörte etwas: Nicht White, sondern eine feine, tröstende Stimme: „Es wird schon wieder alles gut. Wirklich.“
Es war das Eichhörnchen auf Julies Schulter, das ihr gut zuredete. Ein Vertrautentier. Also doch eine Hexe. Ich sah Natalie an. „Wusstest du, dass sie eine Hexe ist?“, fragte ich.
Natalie schüttelte den Kopf. Sie hatte das rothaarige Mädchen nur mal auf einem von Allys Fotos gesehen. Wusste nichts über sie.

Also ging ich rüber zu Julie. Keine Ahnung, was ich wollte. Einen Grund, sie zu erschießen? Sie nicht zu erschießen?
„Sag mal, isst du Neugeborene, um deine Kräfte zu verstärken“, fragte ich.
Sie glotzte mich entsetzt an. „Was? Nein!“, entgegnete sie vehement. Klang ehrlich, soweit ich das beurteilen konnte. Ich war immer besser darin, mir Motive anderer Leute auszudenken als sie wirklich zu erkennen.
Beschloss, es gut sein zu lassen. Ihr zu glauben. Dieses Mädchen war nicht mein Feind.

Wir warfen Whites Überreste in eine schmale Felsspalte, nachdem wir alles abgefackelt hatten. Fuhren zurück nach Laurel, entsorgten den Wagen des Toten. Die anderen wollen noch mal ins Café, aber ich ging nicht mit. Glaubte nicht, dass sie traurig deswegen waren.
Schrieb einen Bericht für Kilpatricks Schwager. Behauptete, manchmal würden bestimmte Klangwellen Mikro-Aneurysmen verursachen, die dann zu suizidalem Verhalten führen. Klartext: Ja, der hatte sich selbst aufgehängt, aber nicht wegen euch, sondern weil er krank war. Hätte niemand merken können. Überlegte, ob ich Spencer White oder Tyler Holland erwähnen sollte, aber lieber nicht. Besser, wenn Whites Verschwinden möglichst wenig Aufmerksamkeit erregte.

Fuhr weiter nach Billings. Stellte das Radio an, hörte eine sanfte Moderatorenstimme. Wäre fast in den Yellowstone River gefahren, bis ich mich wieder im Griff hatte. Irgendwie klang der Typ für mich wie White, oder wie der Milchmann. Großartig.
Musste klarkommen, bevor ich in ein Flugzeug stieg. Fand im Hotel einen Flyer: MoAv Coffee House, Poetry Slam. Heute. Okay, warum nicht. Machte ich nicht allzu oft (ich bin nicht spontan genug, um wirklich gut zu sein), aber vielleicht half es ja.
Fuhr abends hin. War eine ganz gute Aufstellung, viele Studenten, aber auch andere. Keine echten Profis dabei. Wollte grade zur Bühne gehen, als ich an der Theke Julie sah. Setzte mich schnell wieder hin, schaute weg. Verdammt. Konnte mich da nicht hinstellen und über meine Gefühle reden, nicht mal in einem Gedicht über Kreuzkümmel oder etwas Ähnlichem. Nicht vor dem Mädchen, das gesehen hatte, wie ich einem wehrlosen Jungen… einem gefesselten Monster in den Kopf schoss und nichts dabei empfand.

Verkrümelte mich also. Flog am nächsten Tag nach Hause. Ging. Irgendwie. Nicht so richtig gut, vor allem dann nicht, als ich den Gurt anlegen musste. Egal.

Und jetzt? Jetzt stürze ich mich in die Arbeit. Ich habe genug zu tun, und ja, ich weiß, das ist feige, ich sollte zu einem Therapeuten oder in eine Traumagruppe oder so gehen, aber ich muss meinen Roman fertig editieren, ein paar Kurzgeschichten überarbeiten, den Walisern wegen dem Wörterbuch auf die Nerven gehen, höflich in Santa Monica wegen Forschungsgeldern anfragen, Fanpost beantworten, auf meinem Blog posten, die Kinder herumfahren, einkaufen, etwas zu essen kochen…
Da hat so was wie – nenn es beim Namen, Jackson, komm schon, du bist doch angeblich gut mit Worten – so etwas wie PTSD nun mal keine Priorität.

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Jacob's Legacy

Ein Klicken verriet Niels, dass er auf seinem Zungenpiercing kaute. Er war nervös, und er fühlte sich unwohl. Felicity hatte ihn gezwungen, ein Hemd anzuziehen, sich zu rasieren (er wusste immer noch nicht, was es in seinem Gesicht groß zu rasieren gab) und sich zu kämmen. Er schüttelte immer noch den Kopf, wusste seine Cousine eigentlich, wie schwierig es war, dass er seine Haare jeden Morgen so hinbekam, dass sie eben nicht gekämmt aussahen? Jahrelang hatte er einen braven Mittelscheitel und eine “Frisur” haben müssen, jetzt waren seine Haare seine Sache. Aber Felicity wollte, dass er einen guten Eindruck machte auf ihre Großeltern und ihre Mutter, und so hatte er ihr nachgegeben. Abgesehen davon sollte er sich erkenntlich zeigen für die Tatsache, dass er von ihr eine Schrotflinte und ein Auto bekommen hatte, das war mehr, als er jemals besessen hatte. Dafür konnte er sich auch mal die Haare runterkämmen und ein weißes Oberhemd tragen. Trotzdem war er nervös, wenn er ehrlich war, fürchtete er sich auch ein wenig vor Felicitys Mutter. Wie würde sie auf ihn reagieren, den Sohn des Mannes, der sie nach dem Tod ihres Ehemannes so wüst beschimpft hatte?

Jetzt saß er seit guten zwei Stunden im Wohnzimmer von Felicitys Häuschen in den Außenbezirken von Seattle und wartete darauf, dass die Jamesons kamen. Der Flieger aus New York hatte Verspätung, was dazu führte, dass Felicity kopflos durchs Haus rannte, eine Vase von rechts nach links und wieder nach rechts schob, am Tischtuch zog und sich bestimmt hundertmal die Haare auf und wieder zumachte.

“Darling, du siehst zauberhaft aus.” Lord Alfred kam aus dem Obergeschoss und betrat das Wohnzimmer, wo Felicity gerade vor dem Spiegel stand. Niels fragte sich zum wiederholten Male, warum seine Cousine unbedingt jemanden heiraten wollte, der aussah wie der jüngere Bruder von Prinz Charles. Alfred war wie immer tadellos gekleidet, die Bügelfalte an seiner Hose war so akkurat, dass sie fast messerscharf wirkte, seine Schuhe waren blank gewienert, und seine zurückweichenden Haare hatte er sich in einen Scheitel gelegt, der aussah, als habe er ihn mit dem Lineal gezogen. Niels sah auf seine Vans hinunter, die er am Vortag in die Waschmaschine geworfen hatte, und überlegte, ob er die Ärmel des Hemdes hochkrempeln sollte. “Niels Aaron Heckler, wage es nicht!” Zum wiederholten Male fragte Niels sich, ob seine Cousine auch im Hinterkopf Augen hatte. “Meinst Du, deine Großeltern und deine Mutter haben noch nie einen Tätowierten gesehen?” fragte er und streckte ihr die Zunge heraus. Felicity drehte sich um und kam auf ihn zu. “Natürlich haben sie das. Aber Großvater ist etwas… konservativ. Bitte, Niels. Sei lieb.” Sie sah ihn mit großen Augen an, und er konnte nicht anders, als breit zu grinsen. “Ja, Neil, Sie sollten sich den Gepflogenheiten anpassen,” mischte sich jetzt Alfred ein, der es offenbar genoß, dem jungen Mann vor Augen zu führen, als wie anders er ihn wahrnahm. Niels’ Grinsen verschwand, und er bedachte ihn mit einem langen Blick aus seinen dunkelblauen Augen. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, klopfte es an der Tür.

Felicity rannte in den Flur und öffnete. Eine große dunkelhaarige Frau um die Fünfzig betrat das Haus, von Kopf bis Fuß in schwarz gehüllt: Ein schwarzes Hütchen, eine schwarze Sonnenbrille, ein schwarzes Kostüm und schmucklose schwarze Pumps. An ihrem Arm untergehakt ging eine alte Frau mit weißen Locken, sie trug ein sommerliches Kleid und eine helle Strickjacke und lächelte fröhlich, als sie Felicity sah. Ihnen folgte ein großer weißhaariger Mann von etwa 80; er trug einen grauen Anzug und bewegte sich mit Hilfe eines Spazierstocks fort. Als Felicity das sah, schlug sie kurz entsetzt die Hände vor den Mund. “Großvater! Was ist passiert?” Cedric Jameson lachte nur, während er seine Enkelin begrüßte. “Lizzy-Kind, dein alter Großvater ist eben nicht mehr der Jüngste.”

Niels war während der Jameson-Heckler’schen Begrüßung im Hintergrund geblieben, er war hier genauso wie die Jamesons nur ein Gast.

Felicitys Großvater mochte er jedoch sofort, nachdem der alte Jameson erst Alfred kräftig die Hand geschüttelt hatte und ihn mit einem “Na, Sie sind aber mutig, eine Irin zu heiraten,” begrüsst hatte, was Alfred mit einem schmallippigen Lächeln quittiert hatte. Jetzt kam er auf Niels zu. “Ah, der junge Heckler. Nach der Beschreibung meiner Enkelin habe ich eigentlich erwartet, dass Sie aussehen wie ein afrikanischer Stammeskrieger.” Er lächelte dabei, und Niels konnte nicht umhin, ebenfalls zu grinsen. “Ich arbeite daran, Sir,” antwortete er, was ihm ein Schulterklopfen des alten Mannes einbrachte. “Sehr gut, Mr Heckler. Weitermachen!” Er lachte kehlig, und Niels lächelte.

Jetzt schob Jameson seine Frau nach vorne, die Niels lächelnd ansah. “Séamus?” fragte sie dann und reichte ihm die Hand. Niels zuckte kurz, er verstand nicht, was sie meinte. Dann korrigierte sie sich. “Ach, entschuldigen Sie. Ich habe Sie mit Lizzies Vater verwechselt.” Sie lächelte immer noch, und Niels beschloß, dass er trotz der Verwechsung auch Deidre Jameson sehr sympathisch fand. Ihr Mann trat an sie heran und flüsterte: “Liebes, das ist Niels, Jacobs Neffe.” An Niels gewandt fügte er hinzu: “Entschuldigen Sie, meine Frau hat Jacob immer auf gälisch angesprochen, deswegen der Name.” Niels nickte nur, dann schob sich auch schon Delia Heckler in sein Gesichtsfeld, und er spürte, wie er blass wurde.

Sie blieb kurz stehen und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Es kam Niels vor wie eine Ewigkeit, dass Felicitys Mutter ihn so ausführlich betrachtete. Dann erlöste sie ihn, indem sie ihm lächelnd die Hand reichte. “Entschuldigen Sie, es ist nur… die Ähnlichkeit…”

Ich sehe aus wie Onkel Jacob?

Er hatte einmal ein Foto von seinem Onkel gesehen, Felicity hatte es in ihrem Schlafzimmer stehen. Damals war ihm keine besondere Familienähnlichkeit aufgefallen, Jacob war ebenfalls dunkelblond wie er, und er hatte blaue Augen, stahlblau wie Angelika. Wenn er sich überhaupt an einen anderen Heckler erinnert gefühlt hatte, dann an seine Schwester. Felicity hatte nie erwähnt, dass er sie an ihren Vater erinnerte, aber nun war Delia innerhalb kürzester Zeit die zweite Person, die die Ähnlichkeit bemerkte, also musste doch etwas dran sein.

Er atmete tief durch und erwiderte Delias Lächeln. “Niels Heckler, Ma’am.” Delia hielt einen Augenblick irritiert inne, dann setzte sie wieder ihr New York-Lächeln auf. “Natürlich. Delia Jameson. Ich bin dann wohl Ihre… Tante.” Sie machte eine kurze Pause. “Nennen Sie… nenn mich Delia. Wir sind doch eine Familie.” Jetzt war ihr Lächeln aufrichtig, und Niels spürte, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel.

Felicity forderte jetzt ihre Gäste auf, ins Wohnzimmer zu gehen. Das Ehepaar Jameson ging voran, gefolgt von einem immer noch sauertöpfisch dreinblickenden Alfie, dann kam Delia. Niels wartete kurz, bis Felicity zu ihm kam. “Hast du es ihr gesagt?” fragte er nur, und seine Cousine nickte. “Natürlich. Glaubst du, ich lasse sie und dich ins offene Messer rennen? Du hast gerade ein weiteres neues Familienmitglied bekommen, Großer.” Niels umarmte seine Cousine spontan. Als er sie wieder freigab, sah Felicity ihn lächelnd an. “Und wenn ich es mir richtig überlege, Niels, dann haben Ma und Grandma recht. Du bist wirklich wie mein Vater.”

Der Rest des Tages verbrachte Niels entspannt im Kreis von Felicitys Familie, die, wie er sich immer wieder in Erinnerung rief, nun auch seine Familie war. Es war spät, als er ins Bett ging, aber er war sich sicher, dass er sich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt hatte. Sein Kopf war voll mit neuen Eindrücken und Gedanken, aber sie waren nicht unbedingt negativ. Doch jetzt war er müde, und er wollte nur noch schlafen. Kaum hatte er sich ausgezogen und ins Bett gelegt, war er auch schon eingeschlafen.

”Hallo, Junge.” Er steht in einer dunklen Gasse, irgendeine Grossstadt, es ist Nacht, es ist kalt. Ist er wieder in Chicago? Er hält Ausschau nach Joe, aber er kann nichts erkennen. Nein, halt, da ist jemand. Ein Mann, ungefähr Mitte 40. Er trägt eine dunkle Lederkombi wie ein Motorradfahrer, seine stahlblauen Augen und das verschmitzte Lächeln verraten sofort die Familienzugehörigkeit.

“Onkel Jacob?” Niels geht auf seinen Onkel zu. Jetzt hat er das Gefühl, in einen Spiegel zu sehen. Verdammt, sie sehen sich wirklich ähnlich. War das der Grund…?

“Vielleicht. Vielleicht hat er uns auch einfach nur abgelehnt, weil wir anders waren als er.”

“Wo bin ich?”

“Das ist der Ort, wo ich gestorben bin. Wo ich in eine Falle gelockt wurde.”

“Aber was tue ich hier?”

“Du bist ein Heckler, Niels Aaron. Ein Jäger. Kannst du es dir nicht denken?”

Sein Onkel legt ihm eine Hand auf die Schulter. Sie fühlt sich schwer an, väterlich. Echt.

“Aber warum denn ich? Was ist mit Felicity, deiner Tochter?” Niels weiß, dass seine Cousine ihm jagdtechnisch kaum in etwas nachsteht.

“Weil du genau wie sie mein Fleisch und Blut bist.”

Niels schüttelt den Kopf. “Wie meinst du das?”

“Wie ich es sage. Außerdem.. du hast jetzt meine Winchester, Junge.” Jetzt grinst Jacob Heckler, und Niels hat für einen kurzen Moment das Gefühl, Benedikt anzusehen.

“Sprich mit Cedric. Er weiß, was zu tun ist.”

Niels nickt, obwohl er verwirrt ist. Das sind gerade zu viele Informationen für ihn, aber er will alles tun, was sein Onkel möchte. Nicht umsonst ist Jacob sein großes Vorbild.

“Mach’ ich, Onkel Jacob.”

“Du bist aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ich, mein Junge.” Jacob Heckler sieht Niels durchdringend an. Der Heckler-Blick. Natürlich, auch er beherrscht ihn. Dann wendet er sich um, um zu gehen, doch er dreht sich noch einmal um.

“Niels? Sag Lizzie, dass ich sie liebe, und dass ich will, dass sie glücklich ist.”

Als Niels aufwachte, hörte er bereits hektisches Geklapper aus dem Untergeschoss, und der Geruch von frischen Backwaren, Spiegelei und Speck sowie Kaffee zog durchs Haus. Er stand auf, zog sich an und ging nach unten.

Der Tisch war gedeckt, und alle saßen bereits daran – sogar Alfred. “Sie sind spät auf, Neil,” bemerkte der Engländer süffisant, aber Niels ignorierte ihn. Ihm steckte noch der Traum von letzter Nacht in den Knochen, und er hatte keine Lust, mit dem spiessigen Lord irgend etwas zu diskutieren. Stattdessen bedachte er ihn mit einem langen Blick und schob das Zungenpiercing zwischen die Lippen. Der Barbell erfüllte seine Wirkung, ertappt und pikiert sah Alfred in die andere Richtung und schmierte sich weiter Marmite auf sein Brot.
Niels schenkte sich Kaffee ein und packte Bacon und Eier auf seinen Teller, schweigend aß er. Plötzlich nahm er aus den Augenwinkeln wahr, dass ihn jemand beobachtete. Als sein Blick in die Richtung ging, stellte er fest, dass es Cedric Jameson war, der ihn, gestützt auf seinen Stock, unverwandt ansah.

Sprich mit Cedric.

Niels setzte sich gerade hin und erwiderte den Blick von Felicitys Großvater. Cedric Jameson entspannte sich ebenfalls ein wenig, sagte aber nichts. Schweigend setzten die beiden Männer ihr Frühstückt fort.

Als Felicity die Tafel aufhob, wollte Niels wieder nach oben gehen. Er wollte seine Ruhe, doch da hielt Cedric ihn auf. “Ich möchte Sie gerne unter vier Augen sprechen, Niels. Gibt es hier einen Ort, wo wir ungestört sind?” Niels überlegte, sein Zimmer war zwar nicht groß, und aufgeräumt war es auch nicht, da er es meistens als Durchgangslager nutzte, aber ungestört waren sie dort sicher. Aber mit einem Blick auf den Gehstock des alten Mannes schlug er lieber Felicitys Arbeitszimmer vor.

Cedric folgte ihm in das kleine Zimmer, wo er in einem Sessel Platz nahm. Niels zog sich den Schreibtischstuhl heran. Als er Felicitys Großvater gegenüber saß, wurde ihm bewusst, dass er nur ein T-Shirt zu seinen verschlissenen Jeans trug. Nervös fuhr er sich durch die Haare und zog sich dann am T-Shirt-Ärmel. “Interessante Motive,” bemerkte Cedric jetzt mit einem Schmunzeln, und Niels ließ überrascht seinen Ärmel los. “Ich… entschuldigen Sie. Felicity sagte… “ Cedric winkte ab. “Junger Mann, ich bin vielleicht alt, aber nicht weltfremd. Abgesehen davon wollte ich mit Ihnen nicht über Ihren Körperschmuck sprechen.”

Niels seufzte, was ihm ein erneutes Schmunzeln einbrachte. “Ich sage Ihnen was, Niels. Sie mögen noch jung und ungestüm sein, aber ich erkenne Potenzial, wenn ich es sehe.” Niels wollte den Mund öffnen, doch Jameson winkte ab. “Lassen Sie mich ausreden. Ihre Aufmachung ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber insgesamt erinnern Sie mich sehr an Ihren Onkel.” Jetzt wusste er nicht, ob er sich geschmeichelt fühlen sollte. Er kannte Jacob Heckler nur aus der rosarot verbrämten Sicht von dessen Tochter und der überaus negativen Sicht seines Vaters, der seinen Bruder fast ebenso wie seinen Sohn verabscheut hatte.

…Gustav schwenkt einen Brief mit schwarzem Rand, Niels kann vage eine ausländische Marke erkennen. “Wisst ihr, was das ist?” Er lächelt böse, und sein Sohn weiß, dass dieses Lächeln nie etwas Gutes bedeutet. Gustav Heckler lächelt nicht. Joseph und Benedikt nicken nur, aber Niels ist sich sicher, sie wissen auch nichts, aber sie tun gerne klug. “Das ist ein Brief aus Amerika.” Joseph hustet, und Benedikt zieht eine Grimasse. Niels sieht seine Brüder an. Was ist das Besondere an Amerika? Er weiß, dass das weit weg ist. Soll er fragen? Aber Joseph schüttelt nur unmerklich den Kopf und macht eine Handbewegung. Frag, Aaron, und du bekommst es mit mir zu tun. Also besser nicht fragen.

“Jacob ist tot. Euer Onkel, dieser elende Feigling. Verreckt isser. Das hat die Schixn mir geschrieben, mit der er verheiratet war.”

Niels ist entsetzt. Sollte man so über jemanden reden, der gerade verstorben ist? Er macht den Mund auf und gleich wieder zu, als Benedikt ihm einen Klaps auf den Hinterkopf gibt. Man stört Vaters Predigten nicht.

“Beim Jagen isser umgekommen. Beim Jagen! Ein Heckler!” Jetzt schreit er fast, und Niels bekommt Angst. Die Augen seines Vaters bekommen einen fanatischen Glanz. “Das ist die gerechte Strafe für sein Verhalten! Hat sich abgesetzt wie ein gemeiner Dieb, zur Hure Babylon, hat die Schixn geheiratet und seiner Tochter das Jagen beigebracht! Einer Frau! Widernatürlicher Kretin!” Gustav spuckt aus. Benedikt und Joseph nicken nur, aber Niels versteht kein Wort. Allerdings kann er seinen verstorbenen Onkel in diesem Moment nur bewundern. Sich von Gustav abzusetzen, erfordert Mut und Rückgrat. Er wünscht sich in diesem Moment nichts mehr, als wie sein Onkel zu sein.

“Ihr Onkel war ein guter Mann, ein guter Katholik und ein guter… Jäger. Ja, ich weiß genau, womit Ihre Familie sich ihren Lebensunterhalt verdient.” Cedric machte wieder eine Pause, und Niels fragte sich, worauf Felicitys Großvater hinauswollte. “Und eben weil er gut war, glaube ich, dass sein Tod kein Zufall war.” Jameson stützte sich auf seinen Gehstock und beugte sich vor. “Ich will Ihnen einen Deal vorschlagen, Niels. Ich finanziere Ihr Studium, und Sie finden heraus, wer Jacob umgebracht hat.” Niels schluckte. “Bitte? Ich verstehe nicht… “ “Mein lieber Niels, Sie sind ein Jäger. Ein guter sogar, wie ich gehört habe. Und Sie sind auch ein Künstler und Student. Wenn Sie beides wollen, brauchen Sie Geld. Ich habe Geld und ich bitte Sie dafür um einen winzigen Gefallen. Schlagen Sie ein?”

Niels zögerte. Was konnte er ausrichten, wenn es noch nichtmal der Polizei gelungen war, herauszufinden, wer oder was Jacob Heckler umgebracht hatte? Aber Cedric war nun schon der Zweite, der ihn um diesen Gefallen bat.

Der alte Mann schien zu merken, dass Niels noch überlegte, ob er auf sein Angebot einging. “Sie müssen nicht sofort zusagen. Aber Sie sollten eines wissen. Ich habe Ihren Onkel wie einen Sohn geschätzt. Er kam ganz allein und mittellos nach Amerika, aber er hat nie geklagt, nie gejammert. Als er mich um die Hand meiner Tochter gebeten hat, habe ich keinen Moment gezögert, auch nicht, als er mir alles über Ihre Familie erzählt hat. Er hat meine Tochter geliebt und ihr gut getan. Seit seinem Tod ist Delia immer noch in Trauer. Sie lässt es sich nicht anmerken, aber solange sie nicht weiß, was genau damals in dieser Gasse passiert ist, wird sie niemals nach vorne sehen können.” Sein Blick wurde ernst. “Ich habe Ihnen alles Material zusammenstellen lassen, dass ich finden konnte. Sehen Sie es sich an. Sie haben als Jäger auch ganz andere Kontakte als ich.”

In Niels’ Kopf rasten die Gedanken. Die Aussicht, keine finanziellen Sorgen mehr zu haben, war verlockend, aber er wusste nicht, ob er der Aufgabe gewachsen war.

Sie haben als Jäger auch ganz andere Kontakte als ich.

Niels dachte an Irene Hooper-Winslow und seine neue Freundin Chloe Bush, die Journalistin. Mit Bart Blackwood kannte er außerdem jemanden, der über ein großes theoretisches Wissen verfügte. Immerhin hatte er dem Gelehrten schon vor einigen Wochen von Jacobs Haus erzählt, in dem wohl immer noch Unterlagen seines Onkels lagen. Jetzt bekam das Ganze eine ganz neue Wendung: Was, wenn Felicity ihn damals schon in die gleiche Richtung hatte bringen wollen wie ihr Großvater jetzt?

Ich wünschte, Du hättest meinen Vater kennengelernt. Er war so ein großartiger Mann. Ihr hättet euch so wunderbar verstanden.

Cedric war inzwischen aufgestanden und ging langsam zur Tür. “Wie gesagt, überlegen Sie es sich,” meinte er noch, als er die Tür öffnete. Niels dachte an Felicitys Worte. Zu seiner eigenen Überraschung hörte er sich sagen: “Mr Jameson? Ich nehme Ihr Angebot an.” Jameson drehte sich wieder um und lächelte zufrieden. “Nichts anderes habe ich erwartet. Fangen Sie sofort an.”

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Panta rhei

I can’t escape all these thoughts in my mind
They’re waiting to haunt me night after night
I feel it in my bones and everything I know
It’s underneath my skin and it won’t let go
They know me all too well, but only time will tell
If this is who I am, do I know myself?

(I Prevail – Scars)

“Und wusstest du, dass die Fassung für den US-Markt eine halbe Stunde länger ist?” Niels schüttelte lächelnd den Kopf, während er weiter zuhörte, wie seine Freundin Coco ihm Filmfakten über “Shining” erzählte, nachdem sie die Timberline Lodge besucht hatten, wo Teile des Films gedreht worden waren. Er interessierte sich eigentlich nicht so für Filme, aber die Aussicht, endlich wieder einmal Zeit mit Coco zu verbringen, hatte ihn dazu gebracht, mit ihr nach Oregon zu fahren. Außerdem war er froh über jeden Augenblick, den er nicht mit seiner Cousine verbringen musste. Seit ihr bester Freund sich so seltsam benommen hatte und sie in letzter Minute den Trauzeugen hatte austauschen müssen, war Felicity gereizt und dünnhäutig. Er hatte ihr versprochen, wieder da zu sein, wenn die Jamesons kamen, aber vorher wollte er seine Ruhe. Das bedeutete, Zeit mit seinen Freunden zu verbringen, keine Geister zu jagen, keine Monster und vor allen Dingen, sich von Erinnerungen an seine Jugend fernzuhalten.

“Wo fahren wir eigentlich hin?” wollte Coco jetzt wissen. “Zum Zigzag Inn. Da wartet eine Freundin auf uns.” Er bog auf den Parkplatz ein und schickte Chloe eine Whatsapp, das sie nun vor Ort waren. Augenblicklich kam die Reporterin aus dem Inn, und Niels stieg aus, um sie zu begrüssen. Coco folgte ihm, und bevor Niels die beiden jungen Frauen einander vorstellen konnte, sahen die beiden sich lächelnd an und fingen an, in dem Frauen so eigenen schnellen hohen Tempo zu reden und zu kichern. “Wir kennen uns,” erklärte Coco, und Chloe nickte. Niels war erstaunt, aber als sie ihm kurz umrissen, woher, war ihm einiges klar. Die Jägerwelt war einfach so verdammt klein. Auch er umarmte jetzt Chloe zur Begrüssung. Es war zwar noch nicht so lange her, dass sie sich gesehen hatten, aber er hatte die Reporterin ein wenig vermisst, wenn er ehrlich war. Sie war so etwas wie seine Seelenverwandte.

“Lasst uns reingehen,” meinte Chloe dann und ging auf die Tür zu. Die öffnete sich in diesem Moment, und eine Niels’ bekannte Frau kam heraus. Sie hatte schwarze Rastazöpfe und trug eine große Brille, hinter der ein waches Paar dunkle Augen erkennend zu Niels blickten. Sie lächelte, und er winkte ihr zu. “Hi Natalie,” begrüßte er sie. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass nicht alles an diesem verfluchten Casino schlecht gewesen war, er hatte dort Bart Blackwood kennengelernt – und auch Natalie. Bis auf eine Email hatten sie bisher nicht viel Kontakt gehabt, aber Niels beschloß insgeheim, dass das anders werden musste.

“Hi,” sagte Natalie und lächelte, “die Welt ist so klein.” Niels nickte, und machte sich dann daran, Coco und Chloe seine Bekanntschaft vorzustellen. Chloe und Coco tauschten sich gerade über ihre Erlebnisse einem Wachsfigurenkabinett aus, als sich Chloe plötzlich aus der Gruppe löste und auf ein Mädchen zuging, dass etwas verloren auf dem Parkplatz herumstand. Sie hatte dunkle Haare, die ihr in die Stirn fielen, doch immer noch den Blick frei liessen auf ein Paar dunkle Augen, das trotzig und fast abweisend auf die Gruppe blickte. Ihre Kleidung wirkte so, als habe sie alles, was sie besaß, übereinander angezogen, und offensichtlich besaß sie einen Großteil der Kleidung auch schon länger.

Chloe unterhielt sich kurz mit dem Mädchen, dann gingen sie zu Chloes Motorrad, das das Mädchen begeistert betrachtete. Als Coco gerade Natalie eine Geschichte vom Wachsfigurenkabinett erzählte (Niels hatte die Story schon mehr als einmal gehört), und der Name “Lyle” fiel, horchte das Mädchen jedoch auf und kam herüber.

“Ihr kennt Lyle?” fragte sie leise. Niels sah sie überrascht an, aber er nickte, genau wie Coco. “Ich.. ich hab ihn vor kurzem in Chicago kennengelernt. Er war mit mir in einem Diner, und.. und da ist er ziemlich schnell abgehauen.” Sie klang ehrlich besorgt, und Niels lächelte ihr zu. “He, keine Sorge. Lyle geht es gut. Er ist inzwischen in Kalifornien und arbeitet da.” Wohlweislich verschwieg er ihr, dass Lyles erste Arbeit als “Poolboy” weniger mit Wasser als mit sexuellen Gefälligkeiten für seine Arbeitgeberin zu tun gehabt hatte. Als das Mädchen ihn fragend ansah, fügte er hinzu: “Lyle ist ein Freund von mir.” Er hielt ihr die Hand hin. “Hi. Ich bin übrigens Niels. Das sind Coco und Natalie. Chloe kennst du ja bereits.” Das Mädchen schüttelte vorsichtig, aber mit festem Griff seine Hand und sagte dabei: “Ich bin Aria.”

“Wollen wir nicht reingehen?” fragte Chloe jetzt, “ich bin am Verhungern!” Jetzt merkte Niels, dass er auch dringend etwas essen wollte. Sie fanden einen Tisch, der genug Platz für alle fünf bot. Die Kellnerin kam sehr zügig und nahm ihre Bestellungen auf. “Macht ihr hier Ferien?” fragte sie dann interessiert mit einem freundlichen Lächeln. “Durchreise,” sagte Aria schnell, während Chloe sich ausführlicher mit der Frau unterhielt. Sie fragte nach Golfplätzen, was ihr einen erstaunten Gesichtsausdruck von Coco und auch von Niels einbrachte. Golfer waren in seiner Vorstellung reiche alte Typen, die nur vorgaben, Golf zu spielen und eigentlich die Sekretärin flachlegten oder “wichtige Geschäfte” besprachen, statt wirklich etwas zu tun.

Um das Gespräch wieder in andere Bahnen zu lenken, fragte Niels die Kellnerin nach interessanten Motiven in der Umgebung. Er wollte zeichnen, und Coco erkundigte sich nach der Möglichkeit, Soundeffekte aufzuzeichnen. Chloe schloß sich an, sie konnte ein paar gute Fotomotive gebrauchen.
Die Kellnerin war jetzt ganz in ihrem Element. “Oh, da gibt es hier ja nun eine ganze Menge,” erklärte sie begeistert und begann, die Sehenswürdigkeiten aufzuzählen: Den Mount Hood, die Timberline Lodge, etliche Seen in der Umgebung, und am Dollar Lake gab es richtig gruselige Waldstück, wo es vor ein paar Jahren gebrannt hatte. Beim letzten Punkt warfen sich Niels und Chloe einen langen Blick zu. Mit gruseligen Waldstücken, in denen es gebrannt hatte, kannten sie sich aus, seit sie gemeinsam in Beaver Creek gewesen waren. Offenbar waren sie sich auch beide darin einig, dass sie dort nicht hin wollten. “Wandern,” schlug die fröhliche Kellnerin jetzt vor, “wäre das eine Idee?” Niels nickte, wobei er sich sicher war, dass die Kellnerin und seine Begleiterinnen unter Wandern etwas anderes verstanden als er. Er war mehrtägige Gewaltmärsche durch den Bayrischen Wald und Tschechien gewöhnt, mit schwerem Gepäck und Bewaffnung. Manchmal fragte er sich, wie sein Vater, seine Brüder und er es geschafft hatten, diese Märsche durchzuziehen, ohne von irgendeiner Behörde erwischt zu werden.

“Aber seid vorsichtig beim Wandern. In den letzten Wochen sind ziemlich viele Leute im Sandy River ertrunken,” fuhr die Kellnerin jetzt fort. Chloe sah sie interessiert an, und Niels wusste, dass jetzt ihre Journalisteninstinkte ansprangen. Ob man ihm auch ansah, wenn er auf Jäger umschaltete?
Routiniert fragte die junge Frau die Bedienung jetzt aus, wo die Leute ertrunken waren, ob es Unfälle waren und wie es dazu hatte kommen können. Die Kellnerin schien nur auf jemanden wie Chloe gewartete zu haben, bereitwillig und ausführlich erzählte sie, dass die meisten Leute auf einer Brücke an den Ramona Falls umgekommen waren, wie bereits in den Jahren 2004 und 2014. Besonders tragisch war der Fall eines Mannes, der nicht weit vom Fluß gewohnt hatte und in der Nähe seines Hauses zu Tode gekommen war.

Chloe nickte nur, aber dann verabschiedete die Frau sich, sie musste noch andere Gäste bedienen. Die Reporterin sah triumphierend in die Runde. “Wollen wir schwimmen gehen?” fragte sie. Niels verschränkte die Arme vor der Brust. Schwimmen bedeutete, dass er sich ausziehen musste, und er wollte nicht, dass Coco oder Chloe seinen Rücken sahen. “Ich kann nicht schwimmen,” murmelte er. Coco sah ihn überrascht an. “Waaaas?” entfuhr es ihr, “du kannst nicht schwimmen?” Jetzt wusste es das gesamte Lokal. Er schüttelte den Kopf. “Willst du vielleicht noch lauter schreien?” fragte er sie. Natürlich konnte er schwimmen, sogar recht gut, schließlich war er mit sechs Jahren von seinem Vater in den eiskalten Rachelsee geworfen worden und hatte die Wahl zwischen Schwimmen und Ertrinken gehabt.

Coco war jedoch in Fahrt. “Ich kann es dir beibringen,” erklärte sie gut gelaunt, aber Niels wehrte ab. “Ich will es auch nicht lernen.” Ich will nicht, dass du siehst, dass mein Rücken aussieht wie eine Landkarte. Bevor Coco weiter auf ihn einreden konnte, kam die Kellnerin nochmal zurück an ihren Tisch und erklärte, dass die Seen der Umgebung sowieso viel schöner seien zum Schwimmen. Sie empfahl den Mirror Lake sowie den Lost Lake.

Chloe hielt die Frau noch einmal zurück, sie wollte etwas über die meteorologischen Gegebenheiten in der Gegend wissen. Ihre journalistische Neugier war noch nicht befriedigt. In Zigzag gab es keine entsprechende Station, aber vielleicht in Sandy, das war die nächste größere Stadt. Aber in der Ranger Station nebenan bei Lorie Hutton, dort könnte Chloe nähere Informationen bekommen. Lorie sei eine gute Freundin ihrer Schwester.

Während Chloe auf die Kellnerin einredete, beobachtete Niels Aria. Das Mädchen war definitiv um einiges jünger als er und seine Freundinnen, er schätzte sie auf 16 oder 17. Sie blickte immer wieder zur Tür, so als erwarte sie, dass jemand hereinkäme. Um sie abzulenken, zog er seinen Zeichenblock aus der Tasche und reichte ihn ihr. “Bist du Künstler?” fragte sie interessiert, und Niels nickte. “Jep. Kunststudent, um genau zu sein.” Sie nickte ebenfalls und sah die Zeichnungen durch. Das Porträt von Lyle, dass er nach Meredith gezeichnet hatte, fesselte ihre Aufmerksamkeit, und Niels kam nicht umhin, zu lächeln. Wie war das noch mit “Mädchen interessieren mich nicht”? “Wenn du willst, kannst du das Bild haben,” meinte er, und der Hauch eines Lächelns erschien auf Arias Gesicht. “Wirklich?” fragte sie, aber dann nahm sie die Zeichnung aus dem Block und faltete sie vorsichtig zusammen. Sie reichte Niels den Block, der ihn wieder einpackte.

“Ich will zu dieser Ranger Station,” verkündete Chloe jetzt, aber Niels hielt sie zurück. “Können wir bitte erstmal was essen?” Er schlug die Karte auf, die ihm alles mögliche bot, was für ihn die amerikanische Küche ausmachte, aber auf einem Einlegeblatt warb der Zigzag Inn auch damit, frischen Lachs aus der Region anzubieten. “Ich wäre dabei,” erklärte Natalie jetzt in Richtung Chloe und Coco nickte ebenfalls. Auch Aria wollte mit, aber wenn Niels sie sich so ansah, bezweifelte er, dass sie die richtige Kleidung dafür trug oder dass sie besonders outdoor-erprobt war. Wobei.. draußen schlafen war sie sicher gewohnt, aber anders als er mit Sicherheit.

Natalie packte jetzt eine Wanderkarte aus und deutete auf den Ramona Falls Trail. Sie hatte sich bereits einen Plan zurecht gelegt für eine Wanderung: Da sie mit zwei Autos hier waren, könnten sie doch einen Autoshuttle machen, und ein Auto bei der Timberline Lodge lassen. Niels stimmte ihr zu, das klang nach einer guten Idee, auch in Hinblick auf seine Begleiterinnen. Ihn trieb jedoch noch etwas anderes um. “Habt ihr denn alle Wanderzeug dabei?” fragte er mit einem Seitenblick auf Aria, “sonst müssen wir morgen noch was besorgen.” Aria wollte protestieren, aber Niels hielt sie zurück. “Sorry, aber das, was du da anhast, ist vieles, aber nicht waldtauglich.” “Was? Ich bin viel draußen! Und überhaupt, was..” protestierte sie, doch Niels war jetzt in Fahrt und fiel ihr ins Wort. “Ich kenne mich da aus. Ich habe die ersten 18 Jahre meines Lebens in einem Wald verbracht.” Verflucht, er begann, wie Gustav zu klingen. Aber wenn er eines wusste, dann war es, wie man im Wald überlebte. Neben dem Wissen, wie Dämonen, Vampire und Konsorten zu erledigen waren, lernte ein Heckler, sich selbst im Wald zu versorgen. Er hätte gerne darauf verzichtet, und statt dieses Wissens eine normale Kindheit gehabt, aber gelernt war gelernt.

Am Ende des Tages bist du doch immer noch einer von uns.
Fick dich, Benedikt. Auch wenn du verdammt nochmal recht hast.

“Boah, du bist so ein Chauvi!” echauffierte Coco sich jetzt, und Niels hob eine Augenbraue. “Was denn?” verteidigte er sich, “wenn ich nunmal recht habe…” Doch Coco ließ das nicht gelten, sie hatte sich bereits auf Arias Seite geschlagen. Er schüttelte den Kopf. Frauen würde er nie verstehen.

Nachdem sie gegessen hatten, beschlossen sie, zur Ranger Station zu gehen, auch wenn immer noch die Frage nach der Wanderung im Raum stand. Natalie meinte, dass es heute schon etwas spät sei, sonst müssten sie im Wald übernachten. Niels grinste in Richtung Coco. “Ich hab kein Problem damit, im Wald zu schlafen.” Er tat das zwar nicht gerne, seit er in München gewesen war, hatte er es genau ein einziges Mal getan, aber er konnte es. “Oh, Camping. Das ist cool,” meinte Coco jetzt, aber Niels schüttelte den Kopf. “Ich rede nicht von Camping. Ich rede davon, im Wald zu schlafen. Ohne Schlafsack und so.” Sie sah ihn an und schien zu überlegen, dann erklärte sie, dass es vielleicht doch keine gute Idee war. Als sie das letzte Mal campen gewesen war, sei sie einem Geist begegnet, das sei nicht so schön gewesen. “Wir können ja erst morgen losgehen,” beschwichtigte die diplomatische Natalie, die wohl fürchtete, dass die Diskussionen weitergingen. “Bis dahin können wir Aria noch ausstatten.” Und weil sie auch gleich ein weiteres Problem lösen wollte, bot sie dem Mädchen an, bei ihr zu übernachten. Niels war einverstanden, und auch Coco schien mit dieser Lösung einverstanden zu sein.
Die Ranger Station war recht klein, es gab nur eine diensthabende Rangerin, die in ihrer Uniform abweisend und kühl wirkte. Aber als Chloe erzählte, dass die nette Kellnerin sie geschickt hatte, wurden ihre Züge weich, und sie gab bereitwillig Auskunft über die Mount Hood Wilderness und die richtigen Verhaltensweisen: Müll war wieder mitzunehmen, offenes Feuer verboten. Die Wege waren nicht zu verlassen, und wollte man angeln, Pilze sammeln oder im größeren Stil Beeren pflücken, musste eine Genehmigung erteilt werden. Niels ertappte sich dabei, dass er beinahe grinste, weil er sich vorstellte, wie sein Vater, der Behörden für eine Ausgeburt des Teufels hielt, eine Genehmigung beantragte, etwas im Wald mitzunehmen. Der bayrische Wald gehörte den Hecklers, wenn man Gustavs Tiraden Glauben schenken durfte, sie beschützten ihn seit Jahrhunderten.

Lorie führte weiter aus, dass man sich vor einer Wanderung in einer Ranger Station anmeldete und am Ende auch wieder abmeldete. Falls ein Wanderer mal vermisst wurde, konnte man so feststellen, wo er oder sie sich aufhielt.

Die Rangerin warnte sie auch, dass sie vor dem Überqueren der Creeks und Flüsse vorsichtig sein sollten. Besonders der Sandy River sei in diesem Sommer besonders unberechenbar, wie sie bereits von der Kellnerin wussten, waren hier ja schon Menschen ertrunken. Sie reichte Chloe eine Broschüre über die Flüsse, dann wischte sie sich verstohlen über das Gesicht. “Entschuldigen Sie… Der District Ranger, er ist das letzte Opfer gewesen. Das ist so traurig, seine arme Frau, die arbeitet ja auch hier.” Sie kämpfte mit den Tränen, doch dann fing sie sich wieder. Sie reichte Chloe noch einige weitere Broschüren, dann verabschiedete sie die jungen Leute mit einem Lächeln.

Am nächsten Morgen fuhren sie wie geplant mit zwei Autos – Natalies Kleinbus und Niels’ Kombi – zunächst zum Ramon Falls Trailhead und dann zurück zur Timberline Lodge, mit dem Kombi. Niels überlegte, ob er eine seiner Waffen mitnehmen sollte, oder vielmehr durfte. Da er sich nicht auf Jagd eingestellt hatte, hatte er sich nicht mit den Waffengesetzen Oregons vertraut gemacht. Aber sowohl die Luger wie auch die Winchester lagen zusammen mit entsprechender Munition im Kofferraum. Doch dann fuhren sie an einer jungen Frau vorbei, die mit ihrem Gepäck Rast auf einem Stein in der Nähe der Straße machte, und Niels sah, dass sie in einem Halfter am Bauch gut sichtbar eine Pistole trug. Zumindest seine Luger konnte er also mitnehmen, ohne dass er Probleme bekam.

Du bist doch mit deiner Knarre verheiratet.

Sie parkten den Kombi auf dem Parkplatz, der voller Menschen war. Doch kaum waren sie ein paar Meter gelaufen, wurde es ruhiger, die Menschenmassen nahmen ab, und die Natur wurde ihr einziger Begleiter. Niels atmete tief durch, zum einen fühlte er sich wie zuhause, aber zum anderen bedeutete das auch, dass damit vermutlich unweigerlich auch die Erinnerungen kamen. Er versuchte, seine Unruhe zu verbergen, aber weder Coco noch Chloe bemerkten etwas.

Sie passierten die Baumgrenze, und gingen jetzt wieder langsam bergab, bis sie zum Sandy River kamen. Auf einem Schild wurde an die Wanderin Sarah Bishop erinnert, die hier vor 12 Jahren ertrunken war. Sarah Bishop war eine erfahrene Wanderin und gute Schwimmerin gewesen, wie das Schild informierte. “Siehst du, sie kannte sich auch aus,” erklärte Niels Coco, weil er immer noch nicht verwunden hatte, dass sie ihn am Vortag einen Chauvi genannt hatte. Eines Tages würde er ihr reinen Wein einschenken und erzählen, woher er sich so gut auskannte, aber er spürte, dass er noch nicht bereit dazu war. Sie stand ihm zu nahe, bei Irene Hooper-Winslow und Hank Williams war es einfacher gewesen.

An der Stelle, an der der Timberline Trail auf den Ramona Falls Trail traf, machten sie eine Rast. Die Mädchen versorgten teilweise ihre schmerzenden Füße, wobei Niels anerkennend zur Kenntnis nahm, dass Aria sich entgegen seiner Befürchtungen am wenigsten beklagte. Die Kleine war zäh und schien einiges gewohnt zu sein. Er zeichnete sie mit ein paar Strichen und überlegte, ob er das Bild irgendwann Lyle schicken sollte. Ein kurzes Blitzen teilte ihm mit, dass Chloe Fotos machte, unter anderem von ihm, und er schnitt eine Grimasse. Sie grinste, machte aber unbeirrt weiter Bilder, bis Natalie die Pause aufhob und zum Weitergehen mahnte.

Sie gingen noch 3,5 Meilen weiter auf dem Trail, und Natalie informierte sie unter Brille-wieder-auf-die-Nase-schieben, dass sie das Schlimmste hinter sich hatten. Niels fragte sich zwar, was an der bisherigen Strecke schlimm gewesen war, aber er rief sich in Erinnerung, dass er nicht der Maßstab für die Mädchen war. Er war jetzt guter Dinge, das Zeichnen am Flussufer hatte ihn wieder runtergefahren. Vielleicht wurde dieser Ausflug doch ganz lustig und vor allen Dingen völlig harmlos.

Als sie an den Sandy River kamen, wo ein schmaler Steg über den Fluss führte, ging er drauf zu und stellte sich auf den Steg. Mit ausgebreiteten Armen winkte er den Mädchen zu, und Chloe wollte ein Foto machen, doch dann ließ sie die Kamera wieder sinken. Der Ausdruck in ihren Augen verhieß nichts Gutes. “Niels, komm sofort da weg,” sagte sie, und ihre Stimme klang ernst. Er konnte jetzt sehen, dass auch Coco einen Blick durch Chloes seltsame Kamera warf, worauf sie ihm nur zunickte. Er seufzte und kam zu den beiden zurück. “Was denn? Hier ist doch nichts,” bemerkte er. Chloe und Coco bedachten ihn beide mit einem langen Blick. “Und ob,” meinte Chloe und reichte ihm die Kamera. Er sah sich an, wo er eben noch gestanden hatte, und schluckte. Das Wasser war aufgewühlt, der Steg unterspült, und die ganze Szenerie liess ihn ein wenig schaudern.

Gemeinsam kletterten sie die Böschung herunter und sahen sich um. Chloe entdeckte einen Stein, auf den ein Rune gezeichnet war. Niels hob eine Augenbraue, er kannte das Symbol. Es war ein universelles Schutzzeichen, dass sein Vater ihm beigebracht hatte. Gustav hatte sie ihn und seinen Brüdern allerdings aus einem anderen Grund gelehrt: Die Schutzrunen waren in seinen Augen Zeichen weißer Hexen. Diesen Teil verschwieg Niels seinen Begleiterinnen jedoch, als er ihnen erzählte, was es mit dem Zeichen auf sich hatte.
Chloe überlegte laut, ob der Stein falsch angebracht worden war, denn es waren ja trotz des Zeichens Menschen gestorben. “Der ist ganz richtig angebracht,” presste Niels zwischen den Zähnen hervor. “Glaub mir doch einfach, ich kenn mich da aus!”

Du bist ein Heckler und ein Jäger. Du bist etwas Besonderes, du bist mehr als die anderen Menschen.. Vergiss das niemals. Niemals!

Chloe sah ihn überrascht an, aber dann sagte sie nur ruhig: “Vielleicht sind die Zeichen aber auch erst hinterher angebracht worden.” Niels nickte, vielleicht hatte sie recht. “Lasst uns einfach mal den Fluss hinauf gehen,” schlug Natalie jetzt vor. Niels seufzte, er fürchtete, dass es doch etwas Übernatürliches war, das hier auf sie wartete. Vielleicht war er auch deswegen abgelenkt, aber kurze Zeit später rutschte er ab und konnte sich nur mit Mühe halten. Aria hielt ihm noch die Hand hin, aber er lehnte gekränkt ab. Das wäre ja noch schöner, wenn er sich von dem Mädchen hätte helfen lassen müssen. Wenn das sein Vater… Nein. Missmutig stapfte er weiter.

“Hier, seht mal.” Natalie hatte einen weiteren Stein gefunden, an einem Überweg, der nur aus zwei Baumstämmen zu bestehen schien. Offensichtlich hatte jemand versucht, alle Flussquerungen zu schützen. “Aber selbst wenn ein Stein fehlt, wäre der Schutz intakt,” erklärte Niels, denn auf jedem Stein war das gleiche Symbol. Jeder Übergang war für sich geschützt.

Sie gingen zurück zur ersten Brücke und dann flussabwärts, wo der Fluss breiter und gemächlicher wurde. Plötzlich blieb Chloe stehen, und kurz danach auch die anderen, als sie sahen, weswegen die Reporterin angehalten hatte: Auf einem Stein in der Wiese am Flussufer saß ein Mädchen – ein verdammt hübsches Mädchen, wie Niels anerkennend feststellen musste. Er schmunzelte, als er an Chloes Gesichtsausdruck sehen konnte, dass sie es genauso sah. Das Mädchen war Anfang 20, sicher nicht älter als er, sie hatte offene hellblonde lange Haare und trug ein weißes Sommerkleidchen und war barfuß. Als sie in Richtung der Gruppe sah, konnte man sehen, dass sie geweint hatte.

Niels sah sie mißtrauisch an. Ihre Kleidung und ihre ganze Aufmachung passten nicht wirklich in die Gegend. Er überlegte kurz, ob sie ein Geist war, aber ihn fröstelte nicht. Was war sie dann? Chloe machte sich scheinbar weniger Gedanken – oder aber sie war von dem Mädchen an sich angezogen. Lächelnd ging sie auf sie zu. “Hi, können wir dir helfen? Was ist los?” fragte sie. Die Blonde sah auf und lächelte Chloe ebenfalls an. “Iggy,” schluchzte sie dann, “er macht immer mit anderen rum.” “Und wer ist Iggy?” fragte Chloe zurück. “Na Iggy. Mein Freund.” Das Mädchen lächelte jetzt wieder, dann stand sie auf und ging auf Chloe zu. “Ich finde es gut, dass ihr da seid,” erklärte sie. “Die anderen hängen immer ohne mich ab neuerdings, und Iggy..” Jetzt schluchzte sie wieder. “Wie heißt du eigentlich?” fragte Natalie sie jetzt. “Sandy,” antwortete das Mädchen, ohne den Blick von Chloe zu nehmen. “Wie der Fluß?” wollte Coco wissen. Niels betrachtete das Mädchen noch einmal, und dann fiel ihm wieder etwas ein.

Flussgeister. Heidnische Wesen, die dafür sorgen, dass das Wasser trüb’ wird und Leut’ ertrinken. Wenn ihr sowas findet, sorgt dafür, dass es stirbt. Der Herr will nicht, dass sowas auf seiner Erde wandelt! Denkt doch nur einmal an die Lorelei. Das ist nicht nur ein Gedicht, das ist die Wahrheit. Dreckspack, widerliches!

“Bist du der Fluss?” fragte er sie, und seine Stimme nahm einen scharfen Unterton an. Die Mädchen sahen ihn überrascht an, doch keine von ihnen sagte etwas. Sandy legte den Kopf schief, doch sie sah ihn immer noch nicht an, ihre Augen ruhten weiter auf Chloe. “Bin ich der Fluss? Ist der Fluss ich?” überlegte sie in einem merkwürdigen Singsang, ihre Stimme schwankte ab und an zwischen Höhen und Tiefen. Dann lächelte sie versonnen. “Ich bin ein Kind des Flusses. Die Flusstochter.” Niels spürte, wie seine Hand zur Luger wanderte, doch dann besann er sich eines Besseren. Offensichtlich ging keine Gefahr von ihr aus, und Chloe schien auch eher begeistert von der Anhimmelei des Flussmädchens zu sein.

“Und wer ist jetzt Iggy?” wollte Natalie wissen, “und vor allen Dingen: Warum sitzt du hier rum und heulst wegen ihm?” Sie schob ihre Brille wieder auf die Nase und sah Sandy streng an. “Iggy.. der macht dauernd mit anderen rum. Dabei ist er doch mein Freund! Mit mir verbunden!” Sandy schob trotzig eine Unterlippe vor und sah aus, als wollte sie gleich wieder anfangen zu weinen. Niels unterdrückte ein Seufzen, doch die Mädchen kümmerten sich um Sandy. Das musste so ein Frauending sein. Als er Liebeskummer gehabt hatte, waren seine Kumpels auf die Idee gekommen, mit ihm einen trinken zu gehen. Aber keiner hatte so ein Getue gemacht wie Coco, Chloe, Natalie und Aria.

Sandy fühlte sich durch die Aufmerksamkeit offensichtlich bestätigt, ihren Kummer mit dem untreuen Iggy weiter auszuführen. “Er hat mit Stella rumgemacht, und mit Claire, und auch mit Henry, aber eigentlich ist der mit Cal, und Stella mit Bear…” Jetzt sah Niels auf. Irgendwo hinter Henry hatte er den Faden verloren. “Wer ist jetzt Iggy?” fragte er irritiert. “Na mein Freund!” erklärte Sandy im Brustton der Überzeugung und sah Niels an, als sei das Allgemeinwissen und er schrecklich dumm. Gut, er fühlte sich auch gerade so, aber das wollte er nicht von einem weinenden Flussmädchen mit Liebeskummer unter die Nase gerieben bekommen.

“Aber wir gehören doch zusammen! Das ist so, wie es sein muss!” erklärte Sandy jetzt trotzig, und Niels seufzte diesmal laut. Genau das hatte er vor einem halben Jahr auch mal gedacht. Nur war er damals der Untreue gewesen.

Es war nur ein verdammter Kuß, der nichts zu bedeuten hatte!

“Ist Iggy auch ein Fluß?” wollte Chloe wissen. Sandy nickte heftig. Chloe fragte weiter. “Ist das Wasser mit etwas verunreinigt worden?” Jetzt reagierte Sandy sehr heftig. “Verunreinigt? Menschen sind so schlimme Umweltverschmutzer!” Ihre Stimme kippte, und auf einmal war sie nicht mehr mädchenhaft-hell, sondern die Stimme eines erwachsenen Mannes. Niels machte einen Schritt zurück und tastete wieder nach der Luger.

Natalie konsultierte derweil wieder ihre Karte, ob sie einen Fluß fand, der “Iggy River” oder “Iggy Creek” hieß. Aber alles, was sie fand, war der Zigzag River, der in den Sandy River mündete. Daneben gab es allerdings auch noch einen Henry Creek, einen Caldwell Creek, einen Still Creek und einen Clear Creek. “Aber müsste er dann nicht Ziggy heißen?” überlegte Niels laut. “Er heißt doch Ziggy. Aber das hört er nicht so gerne,” antwortete Sandy. Niels zog eine Augenbraue hoch. Ein Flussgeist mit Attitüde. Na, das konnte ja noch etwas werden.

“Wir würden diesen Iggy und die anderen gerne mal kennenlernen,” erklärte Chloe jetzt, die immer noch neben Sandy saß. Die sah Chloe etwas überrascht an, stand dann jedoch auf und bedeutete Chloe, Niels und den anderen, ihr zu folgen. Sie führte die Gruppe zu einer Wiese, die ein Treffpunkt der Flusskinder war, laut Sandy trafen sie sich dort zum Tanzen.
Sandy und Chloe gingen eng nebeneinander her, was Niels ein Schmunzeln entlockte. Was ihn jedoch skeptisch bleiben ließ, war die Tatsache, dass Sandys Stimme ab und zu ein sehr tiefes und männliches Timbre annahm, und auch ihr Bewegungsablauf plötzlich der eines erwachsenen Mannes war. Verschwieg Sandy ihnen etwas?

Die Wiese lag an der Flussmündung des Zigzag Rivers in den Sandy River, und Chloe sah durch ihre Kamera. Auch der Zigzag River wirkte aufgewühlter als sonst, aber nicht so düster wie der Sandy River, eher munter-verspielt.

Während Chloe noch durch ihren Sucher sah, kam ein junger Mann auf die Wiese. Er trug eine türkisgrüne Hose, die er mit einer Kordel um die Hüfte befestigt hatte, und eine offene Weste aus dem gleichen Stoff, seine dunklen Haare lagen in wilden Wellen, und aus seinen Augen, deren Farbe der seiner Kleidung glich, blitzte der Schalk. Niels sah den jungen Mann an und kam sich wieder so vor wie in der neunten Klasse, als er unsterblich in seinen Klassenkameraden Marc verliebt gewesen war. Marc hatte ihn aufgrund einer verlorenen Wette geküsst, und während es für ihn nur ein Spiel gewesen war, hatte Niels sich in Marc verguckt und wochenlang gelitten.

Der junge Mann grinste in Richtung Sandy, die ihn mit sauertöpfischer Miene als “Iggy” vorstellte. Iggy lachte fröhlich angesichts dieser Vorstellung und wirkte im Gegensatz zu seiner Freundin sehr gelöst. “Ach, Sandy, sei nicht so spiessig,” erklärte er ihr mit einem breiten Grinsen, das Niels’ Knie weich werden ließ. “Sei mal offen für Neues!” Er lachte, ein ansteckendes, fröhliches Lachen. “Entspann dich, Süße, es ist doch Sommer.” Mit diesen Worten ging er auf die Gruppe zu und musterte sie eingehend, auch Niels, der spürte, dass er nervös wurde.

Iggy schien zu bemerken, dass er bei Niels die richtigen Knöpfe gedrückt hatte, er grinste ihn an und meinte dann: “Setz dich doch.” Völlig perplex gehorchte Niels dem jungen Mann. Sandy jedoch reagierte abweisend auf Iggys lockere Art: Sie küsste Chloe, während alle um sie herumstanden. Aria und Coco sahen irritiert weg, während Niels nur noch Augen für Iggy hatte.

Nicht ablenken lassen, Heckler. Nicht ablenken…

“Was passiert da mit den Flüssen? Wird irgendwas eingeleitet?” fragte er Iggy, und er merkte, dass sein Unterton schärfer war, als er eigentlich wollte. Iggy sah ihn fragend an. “Wir wissen, dass etwas passiert ist.” In kurzen Worten umriss er dem Flusskind, was Lorie ihnen erzählt hatte. “Kann es sein, dass Sandy die Leute umgebracht hat?” Iggy schüttelte lächelnd den Kopf, er verstand nicht so recht, wovon Niels redete. “Aber die anderen und ich… wir haben im Moment so viel Spaß. Wir probieren ein bißchen rum, weißt du. Die ausgetretenen Pfade verlassen.” Niels verzog das Gesicht, aber Iggy lachte wieder. “Umgebracht hab’ ich niemanden, und die anderen bestimmt auch nicht. Aber Sandy.. vielleicht war sie eifersüchtig.” Sein Blick wanderte zu Sandy, die immer noch verliebt mit Chloe turtelte, die beiden jungen Frauen schienen die Welt um sich herum vergessen zu haben.

Für einen kurzen Moment schien Iggy ernst zu werden, seine türkisgrünen Augen ruhten auf Niels. Der holte tief Luft, als er merkte, dass er jetzt viel lieber andere Dinge mit Iggy getan hätte als über Ertrunkene zu sprechen. “Hat Sandy vielleicht Kontakt zu Menschen gesucht?” Iggy wiegte den Kopf hin und her, er schien das nicht für völlig unmöglich zu halten. “Aber Menschen sterben, wenn sie zu lange im Wasser sind,” erklärte Natalie jetzt, die neben Niels saß und ihn immer wieder schmunzelnd ansah. Das Flusskind sah die junge Frau an, als habe sie ihm eben die Erkenntnis des Jahrhunderts offenbart. “Was? Krass!” Er dehnte die Worte, sein Entsetzen war ihm deutlich anzumerken. “Sandy muss damit aufhören,” setzte Coco nach, und Iggy drehte sich wieder zu seiner Freundin. “Sandy, du musst damit aufhören, Menschen unter Wasser zu ziehen! Die sterben!” rief er ihr zu, doch Sandy warf ihm nur einen bösen Blick zu.

Iggy schüttelte den Kopf, er wirkte auf einmal richtig niedergeschlagen. Niels überlegte, wie er den jungen Mann aufheitern konnte und fischte aus seinem Rucksack eine Flasche Mountain Dew. Er wusste, dass das Zeug Metall entrosten konnte, aber er liebte es trotz allem. Daher bot er Iggy jetzt eine Flasche zur Aufheiterung an. Der nahm sie, öffnete sie unter vorsichtigem Schnuppern, trank dann aber einen großen Schluck. Seine Miene hellte sich augenblicklich wieder auf, er strahlte Niels an. “Das prickelt,” erklärte er, und Niels musste sich zurückhalten, es nicht Chloe gleichzutun und ihn gleich hier an Ort und Stelle zu küssen.

“Ich lasse mir von dir gar nichts sagen!” fuhr Sandy jetzt Iggy an, aber Chloe legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. “Er hat recht, weißt du. Menschen sterben, wenn sie unter Wasser sind. Wir können da nicht atmen. Du musst damit aufhören.” Sandy sah unschlüssig von Iggy zu Chloe, aber die nickte nur. Das Mädchen seufzte und legte dann den Kopf an Chloes Schulter. “Willst du nicht mit mir weggehen?” fragte die Reporterin, während sie geistesabwesend mit einer von Sandys Haarsträhnen spielte. Das Flussmädchen überlegte. “Wie kann ich weggehen? Ich gehöre doch hierher. Ich bin hier. Wie kann ich dann woanders sein?” Coco sah zu den beiden herüber, und meinte dann mit einem Augenzwinkern, ob es nicht eine Möglichkeit sei, Flusswasser in eine Flasche abzufüllen. Chloe bedachte sie mit einem Blick, von dem Niels nicht sagen konnte, ob sie die Möglichkeit tatsächlich in Erwägung zog, oder ob sie Coco in diesem Moment weit weg wünschte.

“Was war denn nun genau los?” wollte Niels jetzt wissen, er wollte Iggy in ein Gespräch verwickeln. “Hmm… Das hat so vor fünf Wochen ungefähr angefangen. Aber nicht, als wir aufgewacht sind. Aufwachen tun wir schon vorher, und dann sind wir den ganzen Sommer wach. Zuerst mit Cal, und dann hat Henry auch angefangen, herum zu experimentieren. Danach Bear und Stell und Rocky und Claire. Hackett und Katy, die haben sich rausgehalten, aber die haben ja nur Augen füreinander. Ramona und Minikahda haben auch nicht mitgemacht, und Sal.. der auch nicht.” Niels rollte mit den Augen, bei den ganzen Namen wurde ihm schwindlig. Abgesehen davon interessierte ihn auch nicht, wer da mit wem und warum. Ihn interessierte nur noch Iggy.

Natalie packte wieder ihre Karte aus und studierte sie eingehend, dann stellte sie fest, dass die Namen, die Iggy aufgezählt hatte, die Namen der Flüsse waren. Alle Wasserläufe hingen zusammen, aber die Flusskinder, die sich bisher rausgehalten hatten, waren weit weg vom Caldwell Creek, Henry Creek und Zigzag River, während der Bear Creek, der Still Creek und der Rockwood Creek näher dran waren. Daher war es naheliegend, dass sie sich mit Cal und Henry ebenfalls besprachen. Iggy führte sie bereitwillig flussaufwärts, wo zwei gutaussehende junge Männer am Flussufer standen. Als sie die Gruppe sahen, kamen sie lächelnd auf sie zu, und kurze Zeit später stellte Niels fest, dass Cal Natalie und Henry Coco überaus interessiert ansah. Während Natalie mit einem koketten Lächeln diese Aufmerksamkeit erwiderte, schien Coco nicht zu bemerken, dass Henry sich zu ihr hingezogen fühlte. Sie sah immer wieder zu Niels herüber, der ihr aufmunternd zuzwinkerte.

“Hey, Cal, weißt du, wann das angefangen hat, dass du so bist, wie du jetzt bist, und wo?” wollte Iggy gut gelaunt wissen, und das Flusskind des Caldwell Creek überlegte. Dann bestätigte er Iggys Aussage, dass es vor ungefähr fünf Wochen begonnen hatte, aber das Wo konnte er nur schwer beschreiben. Aber er konnte sie an den Ort führen und es ihnen zeigen.

Während er vorweg ging, hob Chloe ihre Kamera und sah die drei Jungs an. Um alle drei schien etwas zu flimmern, teilte sie Niels und Coco mit, vor allen Dingen um Cal. Aber die anderen Flusskinder fanden nicht, dass er anders aussah als sonst. Vor allen Dingen wirkte Cal von allen Dreien am wenigsten überdreht. Was also konnte dafür gesorgt haben, dass die Flusskinder sich so verändert hatten? Vielleicht gab es Hinweise auf Umweltverschmutzer, eine neue Fabrik oder Gift, Coco wollte das sofort googlen. Doch ihre Suche nach “Caldwell Creek” ergab keine Hinweise auf Fabriken oder Müllhalden oder ähnliches. Aber auf Umwegen kam sie auf der Seite des Zigzag Inn heraus, wo sie am Vortag gegessen hatten: Die Speisekarte leuchtete ihr auf dem Smartphone-Display entgegen, in der von Lachs die Rede war, der aus einem Familienbetrieb stammte, der die Tiere im Caldwell Creek züchtete. Das war also eine erste Spur.

Sie gingen am Ufer entlang zur Lachsfarm. Diese entpuppte sich als ein wirklich kleiner Familienbetrieb, die ganze Anlage bestand aus einem kleinen einstöckigen Wohnhaus und einigen Lachsgehegen, die im Bach großzügig abgesteckt waren. Hier ging es eindeutig nicht um Massenproduktion, sondern um Qualität. Als die Gruppe näherkam, trat ihnen ein Mann entgegen, er trug Arbeitskleidung und hielt eine Schrotflinte vor sich. Niels zog die Luft zwischen den Zähnen ein. Genauso hätte sein Vater auch reagiert, oder nein, so hatte er reagiert, mehr als ein Forstamts-Mitarbeiter hatte beinahe die Bekanntschaft mit Gustav Hecklers Schrot gemacht.
Entsprechend war Niels’ Laune, und er fiel gleich mit der Tür ins Haus. “Womit verseuchen Sie das Wasser?” wollte er wissen. Der Mann sah ihn noch mißtrauischer an, und Coco bedeutete ihm, dass er ruhig sein sollte. Mit einem honigsüßen Lächeln wandte sie sich an den Besitzer der Lachsfarm. “Hören Sie nicht auf ihn, er ist Veganer und militanter Umweltschützer,” erklärte sie. Niels warf ihr einen bösen Blick zu, aber sie beachtete ihn nicht. Er hatte mal wieder schneller geredet als gedacht. “Wir waren gestern im Zigzag Inn und haben Ihren fantastischen Lachs probiert – also bis auf ihn” – wieder warf sie Niels wieder einen entsprechenden Blick zu – “und dann haben wir uns gefragt, wo der Fisch wohl herkommt. Wir sind nämlich sehr interessiert an nachhaltiger Ernährung, und meine Freundin hier” – jetzt deutete sie auf Chloe – “ist Journalistin und möchte gerne einen Bericht über Ihren Betrieb machen.”

Niels sah Coco überrascht an. Im Leben hätte er nicht gedacht, dass seine Freundin so gut lügen konnte, denn der Farmbesitzer, der sich jetzt als Chuck Williamson vorstellte, schien ihr jedes Wort zu glauben. Geschmeichelt lächelnd ließ er die Flinte sinken und reichte Coco die Hand. Oregon sei eine Bio-Region, erklärte er stolz, und mit einem Seitenblick auf Niels setzte er hinzu, dass er es hier sogar einen Betrieb gab, der nichts als Walnuss- und Cashew-Paste für Veganer herstellte.

Neben Williamson und seiner Frau Lorna lebten noch dessen Mutter und die Tochter Abby in dem kleinen Haus. Abby war in Arias Alter, und so beschloß Aria, sich mit ihr zu unterhalten.
Kurze Zeit später kehrte sie zurück und zeigte den anderen ein Foto auf ihrem Telefon. Abby hatte ihren Eltern ein pflanzlich-biologisches Mittel zur Vermehrungsförderung der Fische geschenkt, das sie im Internet bestellt hatte. Ihr Vater hatte immer gefürchtet, dass er mit seinen Mitteln keine Chance gegen herkömmliche Betriebe hatte.
Natalie googlete nach dem Mittel und stellte fest, dass es sich bei dem Haupt-Inhaltsstoff um Oxytocin handelte, ein Hormon, dass auch als “Sex- und Kuschelhormon” bekannt war. Es senkte Hemmungen und reduzierte die Distanz – als sie das vorlas, warf Niels einen Blick auf Chloe und Sandy, die immer noch aneinander hingen. Allerdings sorgte Oxytocin auch dafür, dass man sich der eigenen Gruppe enger verbunden fühlte als Fremden. Hergestellt wurde das Mittel von einer unbekannten Firma, von der noch keiner etwas gehört hatte, und die tatsächlich auch nur solche Dinge herstellte.

Sie alle waren sich einig, dass das Hormon dafür verantwortlich war, dass die Flusskinder sich auf einmal so benahmen, aber wie verhinderten sie, dass das Zeug weiter ins Wasser gelangte? Coco hatte schließlich die rettende Idee. Sie machte dem Fischzüchter weis, dass es keine gute Idee war, das Mittel auf lange Sicht zu verwenden, da es irgendwann zu Inzucht führen würde. Außerdem würden zu viele Fische in einem Becken sich auch gegenseitig auffressen. Williamson kratzte sich am Kopf, das waren Argumente, die ihm einleuchteten, aber er fürchtete immer noch um die Konkurrenzfähigkeit seines kleinen Betriebes. Coco wusste auch darauf eine Antwort. “Sie haben doch jetzt beim Zigzag Inn einen Fuß in der Tür,” meinte sie mit einem gewinnenden Lächeln, “und dann können Sie bald ein viertes Becken anlegen. Die Restaurants der Gegend werden dann bestimmt auch auf Sie zukommen. Regional und bio, das will doch heutzutag jeder gerne haben.” Williamson lächelte jetzt ebenfalls, er versprach, das Mittel nicht mehr zu nutzen.

Aria fügte hinzu, dass Abby sich vielleicht ein anderes Geburtstagsgeschenk überlegen könnte – Radiowerbung war nicht so teuer wie das Oxytocin. Coco versprach, dass sie einen entsprechenden Spot einsprechen könnte. Die Williamsons strahlten über die überraschende Unterstützung, damit hatten sie nicht gerechnet. Freundlich verabschiedeten sie sich, auch von Niels.

Gemeinsam gingen sie zurück zu der Wiese, auf der sie Iggy getroffen hatten. Er hatte vorgeschlagen, noch etwas zu feiern. Irgendwie hatte Niels eine Ahnung, dass keines der Flusskinder umrissen hatte, was mit ihnen passiert war, aber sie hatten gute Laune, und in einigen Wochen wäre alles wieder wie zuvor.

Auf der Wiese warteten bereits die anderen Flusskinder, sie begrüssten die Gruppe unter großem Hallo und stellten sich vor, doch Niels war egal, wer sie alle waren. Ihn interessierte nur einer. Langsam ging er auf Iggy zu und stellte sich neben ihn. Der junge Mann lächelte ihn an. “Ich finde dich echt interessant,” erklärte er Niels und begann dann, vorsichtig dessen Arme zu berühren. Anscheinend waren Tätowierungen etwas völlig Neues für ihn. “Haben diese Bilder für Dich eine Bedeutung?” wollte er dann wissen, während er das Muster auf Niels’ Unterarm nachfuhr, immer und immer wieder. Niels holte tief Luft, die Berührung von Iggys kühlen, aber zärtlichen Händen erregte ihn. “Das.. Ja.” Mehr bekam er in diesem Moment nicht heraus, und da hatte Iggy sich schon vorgebeugt und küsste ihn leidenschaftlich. Der Kuß war angenehm, kühl und ein wenig salzig. Iggy wusste definitiv, was er da tat. Niels zog ihn an sich, um sich voll und ganz auf den jungen Mann einzulassen, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Coco stand neben ihnen und sah sie mit unverhohlenem Entsetzen und Abscheu an.

Fuck. Ich dachte, das wäre geklärt.

Er machte sich von Iggy los, der ihn verwirrt ansah, jedoch nichts sagte und drehte sich um. Coco sah ihn wütend an. “Das hätte ich nie von dir gedacht,” spie sie ihm entgegen, der Abscheu in ihrer Stimme ließ Niels zurückweichen. “Was? Dass ich schwul bin? Da habe ich nie ein Geheimnis draus gemacht,” entgegnete er, und er spürte, dass er wütend wurde. “Das ist so.. so widernatürlich,” ereiferte Coco sich, “wie kannst du nur? Das ist so.. ih. Zwei Männer. Das geht gar nicht. Das ist nicht normal.” Niels sah sie wütend an. “Willst du mich vielleicht auch heilen?” fragte er sie, sein Unterton wurde scharf. Er musste sich beherrschen, nicht laut zu schreien, Coco nicht für das anzubrüllen, was sein Vater und Joseph ihm angetan hatten. Sie hatte keine Ahnung, durch welche Hölle er gegangen war.

“Du kommst in die Hölle!” Ihre Stimme überschlug sich fast. Er ballte die Faust in der Hosentasche. Zu. Auf. Zu. Auf. Bis drei zählen. Manchmal half das, Philip hatte ihm das beigebracht. “Da war ich schon.” Es half nichts. Noch unbarmherziger als in Alaska oder May Creek kehrte die Erinnerung zurück, wie eine Welle kam sie auf ihn zugerollt und riss ihn mit. Keine seiner Taktiken, mit denen er sich sonst immer hatte zu helfen wissen, schlug an. Die Panik war unerbittlich, er spürte, wie sein Herz schneller schlug und die Angst ihm beinahe die Kehle zuschnürte. Seine Beine gehorchten ihm nicht mehr, am liebsten würde er hier und jetzt weinend in die Knie gehen und sie um Verzeihung bitten für das, was er getan hatte, er war ein schlechter Mensch, er war widernatürlich, eine Kreatur des Teufels, er hatte es verdient…

”Wie kannst du nur? Aaron, du bist widernatürlich! Es muss sein! Es ist zu deinem Besten.” Angst. Er hat so unglaubliche schreckliche Angst. Was geschieht hier? Er will schreien, seinen Vater bitten, ihn dieses eine Mal gehen zu lassen, aber Joseph hält ihm den Mund zu. “Denk nicht mal dran. Sei ein Mann, Aaron, sei einmal ein Mann.” Sein Bruder nimmt seine Hand weg, um seine Bibel aufzuschlagen. Dann hört er das Geräusch hinter sich. Nein, das wagen sie nicht. Das nicht.. das nicht! Es ist sein letzter Gedanke, als auch schon ein brennender Schmerz wieder und wieder seinen Rücken durchfährt, bis ihn eine gnädige Dunkelheit zu sich holt.

Nein. Niemals wieder würde er zulassen, dass ihn jemand so sehr verletzte, körperlich wie seelisch wie in jener Nacht. Er war damals fast gestorben, und er hatte überlebt. Niemals wieder würde jemand ihm so etwas antun, und niemand, auch nicht Coco, durfte ihm wieder vorwerfen, dass er der war, der er jetzt war. Er war nicht widernatürlich oder anormal, er war einfach ein junger Mann, der auf Männer stand.

Coco sah ihn noch immer zornig an, Tränen der Wut glitzerten in ihren Augen. Dann drehte sie sich um und ging weg. Aria reagierte geistesgegenwärtig und folgte ihr, und auch Niels lief ihr nach. Trotz allem bedeutete sie ihm eine Menge. “Lass uns reden,” rief er ihr nach. Sie drehte sich um, doch ihr Blick war immer noch unversöhnlich. “War es das jetzt? Willst du nie wieder mit mir reden?” fragte er sie. Sie funkelte ihn böse an. “Weiß ich nicht, bist du so drauf?” entgegnete sie scharf. “Du warst diejenige, die so reagiert hat, bloß, weil ich einen Kerl geküsst habe.” Er spürte, dass seine Wut wieder etwas stieg, aber er wollte nicht im Streit mit Coco auseinander gehen. “Es war halt ein Schock,” räumte sie ein und sah auf ihre Schuhspitzen. “Ich dachte, du weißt das.” Niels erinnerte sich an den Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten, auf dem Festival, als sie ihn davon abgehalten hatte, wegen Philip auf der verfluchten Gitarre zu spielen. “Nein, ich wusste das nicht! Und jetzt, jetzt weiß ich es seit 2 Minuten. Gib mir bitte Zeit, das zu verarbeiten.” Ihr Tonfall wurde wieder versöhnlicher, und Niels nickte nur. Er ging einige Schritte zurück, wo Aria und Iggy standen. “Kannst du dich um sie kümmern?” fragte er Aria und sah in die Richtung, in die Coco verschwunden war. Das Mädchen nickte und lief los. Iggy dagegen blieb stehen und sah Niels ruhig an, der merkte, dass seine Erregung wieder abflaute. Ihm war nicht nach Sex.

“Alles in Ordnung?” fragte Iggy jetzt, und ein Ausdruck von Mitgefühl lag in seinen türkisgrünen Augen. Niels schüttelte den Kopf. Iggy legte ihm den Arm um die Schulter und führte ihn wieder zurück zu der Wiese. “Wenn du willst, erzähl mir, was passiert ist. Aber ich kann dich auch ablenken.” Iggy grinste und küsste Niels auf den Mund. Er wollte noch abwehren, aber dann beschloß er, dass sie sich auch später unterhalten konnten. Lächelnd erwiderte er den Kuss.

Niels erwachte am nächsten Morgen auf der Wiese, es war kalt und feucht um ihn herum vom Morgentau. Iggys Kopf ruhte auf seiner Schulter, der junge Mann schlief noch, er lächelte im Schlaf. Niels machte sich vorsichtig von ihm los und sah in den Himmel, an dem langsam die Sonne aufging. Die Nacht war kurz gewesen, aber sehr schön, aber er fühlte sich von einer seltsamen Unruhe gepackt. Langsam zog er sich an, dann weckte er Iggy. “Du willst gehen?” fragte der junge Mann schlaftrunken. “Ich… ich muß. Es war… echt toll.” Iggy grinste. “Ohja. Und jetzt?” Niels schüttelte den Kopf. Tauschte man mit einem Flusskind Telefonnummern? Wie sagte man jemandem, der von Zeit und Orten keine Vorstellung hatte, dass es eine einmalige Sache gewesen war? Er mochte Iggy sehr gerne, aber definitiv nicht so sehr, dass er hier bleiben und mit ihm alt werden wollte. Alterten Flüsse überhaupt?

Aber der Zufall kam ihm zuhilfe. “Du bist schon ein toller Typ. Aber ich glaube, ich will mich nicht festlegen. Der Sommer ist so schön und es gibt noch so viel zu entdecken.” Mit diesen Worten drehte Iggy sich auf den Rücken und starrte seinerseits in den Himmel, breit grinsend. Niels stutzte kurz, doch dann musste er lachen. Iggy hatte ihm gerade nach allen Regeln der Kunst eine Abfuhr erteilt, und zu seiner Beruhigung stellte er fest, dass es ihn nicht störte. Er nahm seine Zeichentasche und begann, das im Gras liegende Flusskind zu zeichnen. Iggy ließ es sich nicht nehmen, später auch etwas zu Papier zu bringen, und dann wandten sie sich wieder anderen Dingen zu.

Viel später am Tag kehrte Niels zu dem Häuschen zurück, dass er, Chloe und Coco gemietet hatten. Chloe war noch nicht wieder da, aber Coco saß auf dem Sofa in dem kleinen Gemeinschaftsraum, Aria neben sich. Als sie Niels sah, stand das Mädchen auf und entschuldigte sich mit einem “Ich hole mal etwas zu trinken.” Niels setzte sich zu Coco auf die Couch und sah sie aufmunternd an. Sie war blaß, ihre Haare ungewaschen und die Augen verquollen. Den Flaschen auf dem Tisch nach zu urteilen, hatten sie und Aria einiges in der Nacht getrunken. “Ich habe Kopfschmerzen,” erklärte Coco, und Niels konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. “Willst du.. reden?” fragte er sie dann vorsichtig, doch sie schüttelte den Kopf. Er sah sie an, dann legte er den Arm um sie und zog sie an seine Schulter. Sie ließ es geschehen, und so beschloß er, dass es nichts zu reden gab in diesem Moment. “Wollen wir morgen rausgehen und du zeichnest deine Klangcollagen auf?” Sie nickte stumm an seiner Schulter. In diesem Moment kam Aria wieder in den Raum. Mit einem zufriedenen Grinsen quittierte sie die Tatsache, dass Coco und Niels sich nicht an die Gurgel gegangen waren, dann setzte sie sich und schob ihnen einen Pizza-Flyer zu. Niels lächelte ihr zu, während er Coco immer noch im Arm hielt.

Sie verbrachten noch einige Tage in Zigzag, draußen, mit den Flusskindern und auch allein. Natalie wich Cal nicht mehr von der Seite, während Sandy und Chloe ein Herz und eine Seele waren. Auch wenn Iggy Niels beziehungstechnisch eine Abfuhr erteilt hatte – worum Niels froh war -, seine Nähe genoß er durchaus. Und langsam schien sich Coco an den Gedanken zu gewöhnen, dass Niels eine Affäre mit einem anderen Mann hatte. Sie ging zwar immer noch weg, wenn sie sah, dass die beiden sich küssten, aber zu einem Ausbruch wie am ersten Abend war es nicht mehr gekommen.

Dafür wurde Niels immer unruhiger und nachdenklicher.

Am Tag ihrer Abreise erbat er sich von Coco und Aria, die beide mit ihm nach Seattle fahren wollten, einen Moment für sich allein. Verwundert gewährten ihm die Mädchen die Bitte, und Niels ging zurück in die Hütte. Er setzte sich auf den Boden und lehnte sich an die Wand, die Arme auf die Knie gestützt. Die letzte Nacht war wieder kurz und intensiv gewesen, aber dennoch hatte sie einen schalen Beigeschmack hinterlassen. Wie die Nacht in Dwight, oder die letzte Studentenparty, oder… Joe. Nein. Das war etwas anderes gewesen. Ganz anders. Niels spürte plötzlich ein Ziehen in der Magengrube, ein Gefühl, von dem er glaubte, dass es im Hiawatha National Forest geblieben war.

Verfluchte Scheiße. Aber diesmal ist es endgültig, dieses Mal gibt es kein Happy End.

Er sah zur Decke und blinzelte die aufsteigenden Tränen weg, als ihn ein durchdringendes Piepsen aus seinen Tagträumen riß. Wütend riß er das Smartphone aus der Hosentasche. Es war eine Nachricht von Felicity. Sie wollte, dass er nach Hause kam, wegen des Familienbesuchs. Familie… Das war es, was ihm fehlte. Wieder zu jemandem gehören. Wieder eins mit jemandem sein. Keine bedeutungslosen Nummern mehr. Damit war jetzt Schluß. Irgendwo gab es ihn, den Typen, der auf ihn wartete. Und bis dahin konnte er auch warten.

Niels stand auf, nahm seine Tasche und ging zum Kombi, wo Coco und Aria bereits standen, um mit ihm nach Seattle zu fahren.

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Ring of Fire
aus Barrys Tagebuch

Ich habe Beth Taylor umgebracht.
Endlich.

…jetzt habe ich wieder Zeit für meine Aufzeichnungen. Gut, ich muss immer noch das Ende schreiben und wenigstens einmal kurz drüber schauen, bevor ich das Manuskript einreiche, aber Beths Tod war der Höhepunkt. Ich brauche eine Pause.

Und die verbringe ich damit, zu schreiben. Sehr gut, Jackson. Sehr entspannend.

Ich bin bei meinen Aufzeichnungen an einer konfusen Stelle stehen geblieben, weil nebenher so viel passiert ist (oder gerade nicht passiert ist): Clive, der Vampirkönig, die Fast-Apokalypse in Wyoming, die Windpockenplage hier zu Hause. Aber ich glaube, das sortiere ich woanders. Das ist kompliziert, nicht nur chronologisch, sondern auch… emotional, irgendwie. Ich nenne das Ding dann Gefühlsduselei in B-Moll oder so.

Jetzt geht es aber erst mal um die Sache in Idaho. (Ich sehe schon die Fragezeichen vor mir: Idaho? Was soll schon in Idaho passieren? Wo ist Idaho noch mal genau?)

Es fing mit meinem Dad an. Beim letzten Telefonat erzählte er mir beiläufig, er hätte Rusty neulich getroffen. Rusty Cage, von Our World First, einer Umweltorganisation. Hauptsächlich mit Wäldern befasst. Ich kannte Rusty schon seit… keine Ahnung, dreißig Jahren? War ein alter Freund von Dad. Hatte mir mal ein Schaukelpferd gebaut.
Jedenfalls hatte Rusty ein Problem und brauchte einen Privatdetektiv. Nämlich mich. Ich zögerte ein wenig, weil ich eigentlich nicht schon wieder los wollte, aber Dad bequatschte mich. Schaukelpferd, Umweltschutz und so weiter.

Also flog ich nach Boise, Idaho. Traf mich mit Rusty. Versuchte, über seine Reaktion auf meinen Haken hinwegzusehen. War eine Weile her, dass wir uns das letzte Mal getroffen hatten.
Nach anfänglichem Zögern taute er auf und erzählte mir wort- und gestenreich vom Sawtooth National Forest in der Nähe von Hailey. Vor drei Jahren hatte es dort einen Großbrand gegeben, der im August mehr als drei Wochen wütete. Seither kam es dort immer mal wieder zu kleineren Feuern, bei denen ein paar Leute ums Leben gekommen waren. Rusty vermutete Brandstiftung – er hatte diverse Ideen, wer dahinterstecken könnte, die mir alle nicht sonderlich realistisch vorkamen, aber gut. Ich würde mir die Sache mal anschauen.

Ich war nicht der einzige, den Rusty kontaktiert hatte – es gab da noch eine Reporterin, die er auf die Geschichte gestoßen hatte und die jetzt auch recherchieren sollte. Chloe Bush. Ich rief sie an und verabredete mich mit ihr in einem Kaffeeladen in Hailey.
Sie war nicht allein unterwegs: Irgendwo hatte sie Cal Fisher ausgegraben. Von dem hatte ich nun schon viel gehört – von Sunny, von Ethan – ihn aber noch nie getroffen. Sah aus wie ein hartgesottener Typ. Gefährlich. Kein netter Kerl.

Außerdem war Niels Heckler in dem Kaffeeladen. Was für ein Zufall. Immerhin kannte der sowohl Cal als auch mich. Machte das Gespräch einfacher. Chloe hatte Cal über Irene angeheuert – sie wusste nicht, meinte sie, dass ich auch Jäger bin. Ich sagte leise, Privatdetektiv, aber ich glaube, das hörte keiner. (Beim nächsten Mal sage ich Dichter. Die Gesichter will ich sehen.)
Niels meinte, er wäre ja eigentlich nur zum Zeichnen hier. Ich zuckte die Schultern. Du musst selbst wissen, ob du mitwillst, sagte ich ihm. Er schaute nicht ganz glücklich, aber er blieb da.

Es gab in Hailey ein Büro von Our World First, in dem wir Rowena Myerson trafen. Dort erfuhren wir, dass es bei dem großen Feuer 2013 zwei Todesopfer unter den Feuerwehrleuten gegeben hatte. Seither hatte es zehnmal gebrannt, und jedes Mal gab es einen Toten. Vom Blitz getroffen, berichtete Rowena. Alle. Möglicherweise waren die Waldbrände dadurch ausgelöst worden.
Kam uns seltsam vor. Chloe stellte einen Haufen Fragen über Gewitter und Wälder (keine Ahnung, ob sie wirklich so wenig wusste oder ob sie Rowena nur zum Reden ermuntern wollte) – keine sonderlich neuen Erkenntnisse, aber die Feuer entzündeten sich alle in derselben Gegend, in der auch das große Feuer seinen Ursprung gehabt hatte. Die meisten Toten waren Wanderer, aber es war auch ein Forstarbeiter dabei. Hätte der nicht wissen müssen, dass Gewitter gefährlich sind? Hm, ja, schon, meinte Rowena. Komisch eigentlich.

Wir gaben ihr den Auftrag, mal im meteorologischen Institut nachzufragen, ob für den jeweiligen Zeitraum wirklich ein Gewitter gemessen wurde. Nur zur Sicherheit. Sie schaute nicht mal überrascht, Chloes Fragen hatten sie so ausgelaugt, dass sie sich über nichts mehr wunderte.

Danach Kriegsrat. Zu viele Leute, die am Blitzschlag gestorben waren, für so ein beschränktes Areal. Das wollten wir uns genauer ansehen. Niels meinte, er wäre in einem Wald aufgewachsen und würde sich auskennen. Okay.
Irgendwann bei diesen Gespräch müssen wir auf das Thema „Familie“ gekommen sein. Niels meinte, Familie wäre scheiße. Die anderen beiden nickten zustimmend. Ich sagte nichts dazu. Wozu auch? Aber meine vage Sympathie für den jungen Deutschen nahm ab.

Wir fuhren mit Niels‘ und Cals Autos zu einem Wanderparkplatz in der Nähe; Chloe und ich waren mit dem Flugzeug gekommen. Als wir an den Wagen unsere Ausrüstung einpackten, sah ich in Cals Kofferraum Waffen: Gewehre. Pistolen. Äxte. Messer. Granaten. Eine Landmine. Nicht schlecht. Ich fragte mich, wo er das Zeug herhatte. An so was kam man nicht so leicht ran.
War aber nicht so wichtig. Unter Niels‘ Führung folgten wir dem Beaver Creek Trail, einem schmalen, naturbelassenen Wanderweg, der in das verbrannte Gebiet hineinführte. Um zu dem Ort zu kommen, wo der Forstarbeiter vor zwei Wochen gestorben war, mussten wir den Pfad verlassen, aber wir fanden das Gebiet schnell. In der Luft hing noch ein vager Brandgeruch, der Ruß war so frisch, dass er stellenweise noch an unseren Kleidern hängenblieb.
Dort, wo der letzte Brand begonnen hatte, stand ein Baum mit einer seltsamen Verdickung. Sah fast aus wie… Köpfe? Tierköpfe? Chloe betrachtete die Gebilde durch den Sucher ihrer Kamera – meinte dann, es wären Bärenköpfe, ein jüngerer, ein älterer.

Ich ging nicht weiter auf ihre Kamera ein. Brian hatte auch mal so ein ähnliches Gerät, aber das hat er irgendwann zerstört. Sollte wohl nur aufpassen, dass Chloe keine Fotos von mir macht. Schien sie aber auch nicht vorzuhaben.

Bärenköpfe, hm? Ich konzentrierte mich auf mein rechtes Ohr – irgendwas… ja. Ich hörte etwas. Schreie. Schmerzensschreie, und das Prasseln von Feuer. Wo kam das her? Vorsichtig ging ich in eine Richtung. Kam zu einem anderen Baum. Sah vage menschlich aus, die Äste ausgestreckt wie Arme, die Wurzeln verknotet wie langgestreckte Füße.
Aber das war nicht alles. Das war nicht nur ein Schrei. Ich suchte weiter, fand noch zwei andere Bäume, die mit ein bisschen Fantasie menschlich aussahen. Wieder das Geräusch von Feuer unter den gequälten Rufen, bei beiden. Chloe sah durch ihre Kamera, sagte, in jedem Baum wäre eine Frau: Eine junge, eine alte und eine irgendwo dazwischen.
Alle Brände hatten ihren Ursprung im Dreieck zwischen diesen Bäumen. Außerdem lag nicht nur der ersten Baum mit den beiden Bärenköpfen darin, sondern wir fanden noch einen weiteren mit einem Bärenkopf, laut Chloe weder jung noch alt. Genau wie die Frauen. Als ich mein Ohr an den Baum legte, hörte ich den Bär brüllen: Wut, Verzweiflung, Schmerz.

Da wir nicht dauernd zwischen Hailey und dem Wald hin- und herfahren wollten, beschlossen wir, einen der Bäume zu fällen. Ich gab Niels meine Axt. Der maulte zwar ein bisschen, aber er sah dann doch ein, dass das ein Job für jemanden mit zwei Händen war (okay, vielleicht war das auch nur Sarkasmus. Ich hatte die Ohren voller Schmerzensschreie und war möglicherweise etwas humorbefreit). Außerdem hatte er sowas schon mal gemacht.
Die Axt biss ein paar Mal ins Holz, und die Schreie veränderten sich. Wurden lauter. Wütend. Dann peitschten zwei Äste nach Niels. Um ihre Spitzen loderten blasse Flammen. Chloe rief eine Warnung, ich stellte mich den wild um sich schlagenden Ästen in den Weg. Niels sprang zur Seite, rollte sich ab und zog seine Luger. Cal hatte eine Machete in der Hand und schlug damit probeweise nach den Ästen, ohne einen richtig zu treffen. Aus dem Stamm schälte sich eine rußige, vage weibliche Gestalt. Auf Chloes Versuche, mit ihr zu sprechen, reagierte sie nicht; vielleicht ließen wir ihr auch zu wenig Zeit. Ich nahm die Axt, wollte einen Ast abschlagen, verfehlte. Bewegte mich zu weit nach vorn und stand plötzlich vor der schattigen Gestalt, die nach mir griff und versuchte, mich in eine Umarmung zu ziehen. Auch wenn ich kein Feuer sehen konnte, fühlte es sich trotzdem an, als würde sie in Flammen stehen – sie erwischte Schulter und Rücken, bevor ich aus ihrer Reichweite kam. Schönes Gefühl.

Niels schoss auf den Baum, Holz splitterte, aber sonst kein Effekt. Cal schlug mit der Machete einen Ast ab. Störte den Geist scheinbar nicht. Chloe rief, da ist etwas im Wald, etwas Großes, es kommt auf uns zu. Großartig.
Ich ließ die Axt fallen, benutzte den Haken. Mein Ersatzhaken, ein schweres Ding aus Gußeisen. Immerhin, Eisen hilft gegen Geister, und ich riss einige schattige Fetzen aus der Gestalt. Die Gestalt versuchte erneut, mich zu packen, aber meine schmerzende Schulter motivierte mich, ihr aus dem Weg zu bleiben.
Hinter mir bellte die Luger wieder, und was auch immer Niels für Munition verwendete, sie war effektiv: Das Geschoss durchschlug die Gestalt in der Körpermitte und hinterließ ein großes Loch. Beim Baum entsorgte Cal den zweiten Ast.
Chloes Warnung wurde drängender. Wir hatten keine Zeit mehr. Ich machte wieder ein paar Schritte auf den Geist zu. Jetzt, durch das große Loch, sah ich ein dumpfes Glühen im Brustkasten der Gestalt. Mit dem Haken griff ich danach und riss es heraus. Ein paar Flammen tropften zu Boden, loderten auf, bildeten fast ein Muster. Ich trat sie aus.
Das reichte: Die Gestalt verschwand abrupt. Die näher kommenden Geräusche im Wald brachen ab. Der Baum wehrte sich nicht mehr, als Cal ihn fällte. Dabei fand er zwischen den Wurzeln ein paar Knochen – wir suchten genauer, fanden noch mehr. Anzünden und salzen, und die Schreie, die mir die ganze Zeit im Ohr klangen, hörten auf. Gut.

Nachdem wir den Geist erledigt hatten, frischte der Wind auf, und während wir mit Baum und Knochen beschäftigt waren, zogen sich dunkle Wolken zusammen. Ein Gewitter. Zeit, den Wald fürs erste zu verlassen.

In Hailey setzten wir uns im Diner wieder zusammen, nachdem Niels meine Verbrennungen versorgt hatte. Machte er gut, war wohl auch nicht so schlimm. Der Krähe auf der rechten Schulter war jedenfalls nichts passiert, aber das hätte mich auch gewundert.

Chloe hatte die Fahrt genutzt und schon einmal die Geschichte der Stadt gegoogelt: Offenbar hatte es da vor ein paar Generationen mal eine Hexenverfolgung gegeben. Chloe wollte wissen, ob es sowas überhaupt gab, und ich erklärte ihr, ja, Hexen gibt es, und vielleicht gibt es auch nette Hexen, aber die können sehr, sehr bösartig werden. Dachte an Coleen und Ethans Fluch. An Malgorzata und ihre Suppe. An die Hexe von Crested Butte und die verschwundenen Kinder.
Niels echauffierte sich dann, sein Vater glaubte ja wohl, dass Hexenverbrennungen auch heutzutage noch eine gute Idee wären. Das wäre ja wie zu Hause hier! Er wolle mit so etwas nichts zu tun haben. Ich sagte ihm, musst du auch nicht. Ist deine Entscheidung. Cal fügte hinzu, er könnte ja auch was anderes machen, solle dann aber dabei bleiben. Niels meinte, na, einer muss es ja machen. Ich sagte ihm, musst ja nicht du sein. Wir kommen auch ohne dich klar. Da ging mir sein Genörgel schon auf die Nerven.
Er sprang erregt auf. Ich bin ein guter Jäger, erklärte er lautstark. Ich kann das! Dann fing er wieder mit dem Gezeter über seinen Vater an. Ich sagte ihm, sei mal leiser hier. Er keifte mich an, ich bin so laut, wie ich will! Das war mir dann doch zu dumm. Auf dem Niveau diskutierte ich mit Pete, aber der war vier. Mein verächtliches Schnauben ging in Chloes Worten unter. Jetzt sei mal nicht so bockig, sagte sie. Klang wie Kate, wenn sie ihren kleinen Bruder zurechtwies.
Mit einem beleidigten Gesichtsausdruck ließ sich Niels wieder auf seinen Stuhl fallen und verschränkte die Arme. Hatte dem eigentlich niemand gesagt, dass er seine Gefühle in seiner Kunst abarbeiten sollte und nicht an anderen Leuten?
Cal fand das ganze Geplänkel scheinbar sehr amüsant. Er lachte. Niels schaute noch beleidigter. Kein Wunder. Ich beherrschte mich und lachte nicht mit.

Am nächsten Morgen trafen wir uns beim Stadtarchiv. Niels war wieder dabei, Cal wirkte… anders als am Vortag. Fokussierter vielleicht. Irgendein Instinkt warnte mich, ihm nicht den Rücken zuzudrehen. Okay. Störte mich nicht.
Das Stadtarchiv war alt, staubig und hatte noch ein Kartenregister. Wir suchten eine Weile, dann ging Cal, um eine zu rauchen. Gute Idee. Ich folgte ihm, bot ihm eine Kippe an. Er nahm sie, obwohl er noch eigene hatte. Wir rauchten schweigend, ungefähr eine Minute, dann tauchte Niels auf. Großartig. Ich bot ihm auch eine an, aber er rauchte nicht.
Tut mir leid wegen gestern, murmelte Niels. Schaute zerknirscht. Warum erzählte er das draußen, und nicht, als Chloe dabei war?
Schon gut, sagte ich. Cal rauchte desinteressiert weiter. Niels stand noch eine Weile herum wie Falschgeld. Erklärte schließlich, er wollte nicht so werden wie sein Alter. Schön für ihn. Ich überlegte kurz – offensichtlich wollte er über seine Vaterkomplexe reden, aber ehrlich gesagt, ich hatte keine Lust, mir das anzuhören. Wollte in Ruhe rauchen, aber das war ja wohl nicht möglich. Also sagte ich ihm, dann lass es, und ging wieder nach drinnen. Der Kleine brauchte einen Therapeuten und keinen… Schriftsteller.

Drinnen hatte Chloe mittlerweile die entscheidenden Informationen gefunden: Vor etwa 150 Jahren hatten am Beaver Creek drei Frauen gewohnt, Valerie, Susan und Theodora Drayper. Waren angeblich Hebammen, hatten zahme Bären. Schließlich überzeugte Thornton Taylor die anderen Einwohner von Hailey, dass die drei Frauen Hexen waren und verbrannt werden mussten. Das war 1866, da zog das Argument noch.

Gegen Mittag meldete sich Rowena von Our World First mit den Ergebnissen der Meteorologen: Ja, es gab ungewöhnlich viele Gewitter im Naturschutzgebiet. Mehr seit dem großen Feuer von 2013. Seltsamerweise hatte es in der Gegend regelmäßig große Brände gegeben: Am 07. August 1964 und am 07. August 1915 waren ebenfalls Feuer ausgebrochen.
Die Mathematik war einfach: Aller 49 Jahre war ein Feuer ausgebrochen, das erste 49 Jahre, nachdem die Hexen verbrannt worden waren. Sieben mal sieben Jahre, und sieben ist für Hexen eine wichtige Zahl. Außerdem hatten wir selbst gesehen, dass in einen der Bäume 2013 ein Blitz eingeschlagen war – vielleicht in die anderen auch? Vielleicht nutzten die Hexen die Blitze, um sich zu stärken? Und jetzt griffen sie Leute an? Warum?

Kurze Nachforschungen brachten uns darauf, dass die Leute, die vom Blitz getroffen worden waren, alle hier aus der Gegend stammten. Nachfahren derjenigen, die die Hexen damals verbrannt hatten, vielleicht. Also Rache? Klang plausibel. Klang nach Hexen. Wenn die jemals wohlwollend gewesen waren, jetzt waren sie es nicht mehr.

Chloe wollte trotzdem mit ihnen reden. Für den Fall, dass das nichts brachte, schlug Cal vor, die Bäume mit Plastiksprengstoff zu verdrahten und in die Luft zu sprengen. War einfacher, als sie zu fällen. Gefiel mir. Ich bin von Brian schon gewohnt, dass Dinge in die Luft gesprengt werden. Niemand fragte, wo Cal den Sprengstoff her hatte.
Allerdings sagte ich Niels, er solle mal darauf achten, ob noch Wanderer im Wald waren. Kollateralschaden musste nicht sein. Warf nur unangenehme Fragen auf.

Zurück im Wald sprach Chloe zunächst die alte Frau an. Euch ist Unrecht geschehen, erklärte sie. Fragte mich ja, was sie so sicher machte, aber die Alte reagierte. Ich war der einzige, der ihre Stimme hörte, also sprachen wir über ein paar Ecken miteinander. Theodora Drayper wollte hauptsächlich Frieden (das zeigte sie wohl dadurch, dass sie willkürlich Leute ermordete, aber das erwähnte ich nicht), Taylor sollte Abbitte leisten. Der war nun leider schon tot, aber Chloe überzeugte sie, dass ihr ein Begräbnis auch Frieden bringen würde. Fein, sie ließ uns also die Knochen ausgraben, und weiter ging es zur nächsten Hexe.
Da gab es eine kleine Verwirrung wegen des Namens, Niels übernahm die Gesprächsführung, aber im Grunde lief es auf das gleiche hinaus: Wir würden ihnen Frieden bringen. Niels erwähnte etwas von geweihter Erde, und wir gruben auch diese Knochen aus.

Fuhren ein Stück den Beaver Creek entlang, weg von dem Baumdreieck. Hoben eine flache Grube aus, um die Knochen zu salzen und abzufackeln. Chloe runzelte die Stirn, meinte, sie hätte gedacht, Jäger würden ihr Wort halten. Wir hätten doch ein Begräbnis versprochen.
Cal zuckte die Achseln. Dem war das egal, der wollte hier nur fertig werden. Ich sagte Chloe, dass die Hexen so am ehesten ihren Frieden finden würden. In den Himmel kämen sie nach den ganzen Morden sowieso nicht. Sie schaute unzufrieden, aber sie ließ uns machen.

Nachdem die Knochen verbrannt waren, hörten die Schreie auf. Auch die der Bären. Deren Geister waren ebenfalls aus den Bäumen verschwunden. Vielleicht waren sie jetzt frei von den Hexen. (Meine Bereitschaft, Hexen nur als verfolgte Frauen anzusehen, hatte seit der Geschichte mit Malgorzata stark abgenommen. Merkt man vermutlich.)

Danach blieb nur noch, einen Bericht für Our World First zu schreiben. Chloe fand eine halbwegs plausibel klingende Erklärung: Brandlöcher durch die häufigen Blitzschläge, die sich immer wieder entzündeten. Keine Brandstiftung, keine Verschwörung, alles ganz natürlich. Ich rief Brian an, um herauszufinden, ob das jemanden mit einem wissenschaftlichen Hintergrund überzeugen würde, und er meinte, ja, das könne schon passieren. Theoretisch zumindest. Alles klar, damit musste Rusty leben. Der grummelte zwar, aber insgesamt war er zufrieden.

Cal verschwand direkt nach der Einäscherung, aber Niels und Chloe beschlossen, noch ein bisschen zu bleiben und zu zeichnen oder zu fotographieren. Großartig. Dann konnten sich die beiden ja gleich über ihre gräßlichen Familien austauschen.
Ich stieg am Friedman Memorial Airport in ein Flugzeug nach Salt Lake City, dann nach Denver, dann nach Little Rock. Fliegen ist gräßlich, und ich hätte den Umstieg in Salt Lake City fast verpasst, aber ich kam nach Hause. Zu meiner Frau, zu meinen Kindern. Zu meiner Familie.

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Bears and Witches
Beaver Creek, Idaho

Er hatte es ihr gesagt. Einmal, zweimal, dreimal. Anzug, vielleicht, Fliege, wenn es sein musste, aber seine Tunnels und die Piercings blieben an Ort und Stelle. Er musste ja weder den Jamesons noch irgendjemandem, der in diesen Adels-Gelbe Seiten auftauchte, seine Zunge zeigen. Außer, sie fragten ihn, ob es in Deutschland immer noch einen Kaiser gab, oder ob er wusste, was es mit fliessend Wasser und Strom auf sich hatte. Kurzzeitig hatte er sogar überlegt, die Sleeves auf die Hände auszuweiten, aber er brauchte seine Hände, verbundene Handrücken waren beim Zeichnen eher hinderlich.

Aber er hatte es geschafft, er war glutenfreien Menüs, vegetarischer Austernpastete, der Auslage gefühlt aller Floristen von Seattle und einem Heer kichernder Frauen entkommen und hatte endlich seine Ruhe.

Niels Heckler war in Idaho angekommen.

Niels freute sich unglaublich auf eine Runde entspanntes Zeichnen. Felicity hatte ihm kurz nach seiner Ankunft einen Bildband geschenkt über den Nordwesten, seine neue Heimat, und er hatte schnell beschlossen, dass die Wälder Idahos ein lohnendes Motiv für eine Zeichensession waren. Die neue Vegetation hatte ihn gereizt, und 2013, das Jahr des letzten großen Feuers, war auch sein Schicksalsjahr gewesen. Nicht umsonst prangte in schwarzer Farbe XIX/III/MMXIII auf seinem rechten Schulterblatt.
19.3.2013. Der Tag, an dem aus Aaron Niels wurde. Sein Geburtstag. Niels’ Geburtstag

Als er aus dem Auto stieg, atmete er tief durch. Freiheit. Die Luft roch nach Freiheit, wie sie es fast überall in Amerika tat. Außer vielleicht in einem kleinen Krankenhaus am Rande der Stadt May Creek. Er zuckte innerlich, als er daran dachte, was sein Bruder ihm angekündigt hatte, aber wenn Benedikt jetzt in diesem Moment vor der Tür der Harry Truman Student’s Hall stand, hatte er Pech gehabt. Dann musste er eben selbst sehen, wie er klar kam in Amerika. Vielleicht konnte er es ja zur Abwechslung mal mit ehrlicher Arbeit versuchen.

Die Vorstellung, dass Benedikt, der noch schlechter Englisch sprach als er selbst, versuchte, in Seattle einen Job zu finden, amüsierte Niels. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf betrat er das Café und setzte sich an einen Tisch. Er hatte kaum seinen Kaffee erhalten, da fiel sein Blick auf ein ihm wohlbekanntes Gesicht. Barry Jackson stand im Gang und unterhielt sich mit einer hübschen jungen Frau. Sie hatte lange dunkle Haare und trug lockere Kleidung, Niels fand sie auf Anhieb sympathisch. Jetzt gesellte sich auch noch eine dritte Person zu den beiden: Irenes Freund Cal, den er schon in Dwight kennengelernt hatte. Irgendetwas an dem militärisch wirkenden Mann war anders seitdem, stellte Niels fest, aber vielleicht hatte er einfach nur einen schlechten Tag oder war krank. Wobei er sich nicht so recht vorstellen konnte, dass Männer wie Cal krank wurden.

Was taten Barry und Cal hier, und wer war die hübsche junge Frau? War sie auch eine Jägerin? Sie machte nicht den Eindruck, aber bei der Gesellschaft hielt er es nicht für völlig unmöglich. Niels überlegte, ob er einfach so tun sollte, als habe er die drei nicht gesehen. Aber Benedikt hatte recht: Am Ende des Tages war er immer noch ein Heckler und ein Jäger, und es juckte ihn in den Fingern, herauszufinden, was die drei hier taten. Eigentlich war er ja nur zum Zeichnen hier, aber er wusste, er würde es bereuen, sich nicht zu zeigen und wenigstens “Hallo” zu sagen. Vielleicht war die Dunkelhaarige ja einfach nur eine Verwandte von Cal, und er ein guter Bekannter von Barry. Vielleicht aber auch nicht.

Niels stand auf und ging zu dem kleinen Grüppchen. “Hi,” sagte er und begrüßte Barry, diesmal wohlweislich ohne Handschlag. Cal dagegen reichte er die Hand. Die junge Frau stellte sich als “Chloe Bush” vor. Sie war Reporterin und tatsächlich mit Barry verabredet gewesen. Es ging wohl um eine Serie von Waldbränden, die Barry und Chloe untersuchen sollten. Irgendeine Umwelt-Organisation vermutete, dass es im Sawtooth National Forest zu Brandstiftungen gekommen war. “Kennt sich jemand im Wald aus?” fragte Barry zweifelnd und sah von einem zum anderen. “Ich bin praktisch in einem aufgewachsen,” entgegnete Niels leichthin. Er spürte einen leichten Stich. Hatte er etwa schon wieder Heimweh?

Kein Wald der Welt kann es wert sein, sich wieder in die Hände von Gustav Heckler zu begeben.

Chloe wollte sich in die örtliche Niederlassung der Umwelt-Organisation begeben, um dort Nachforschungen anzustellen, und die beiden Männer wollten sie begleiten. Niels zögerte kurz, als Barry ihn auffordernd ansah. “Ich wollte doch eigentlich nur zeichnen,” murmelte er. “Du musst nicht mitkommen,” meinte Barry, aber das war genau das Falsche, was er zu einem Heckler sagen konnte. Jetzt war nicht nur Niels’ Jägerinstinkt, sondern auch sein Ehrgeiz geweckt. In Windeseile trank er seinen Kaffee aus und lief hinter den anderen her, während er sich seine Tasche wieder umhängte.

Das Büro der Umwelt-Organisation wurde von einer jungen Frau namens Rowena Myerson geleitet, Niels schätzte, dass sie nur wenig älter als er und Chloe war. Sie wirkte sehr engagiert – wahrscheinlich musste man das sein, wenn man mitten im Nichts dafür sorgen wollte, dass die Umweltverschmutzung nicht zunahm. Chloe begann gleich, der jungen Frau einige Fragen zu stellen, hauptsächlich über die Brände. Wann hatte es gebrannt? Wo hatte es gebrannt? War ein Muster festzustellen? Niels merkte recht schnell während Chloes Fragestunde, dass die Reporterin entweder aus der Großstadt kam oder in einer Wüste aufgewachsen war, von Wäldern hatte sie keine Ahnung.

Rowena bemühte sich, Chloes Fragen so gut es ging, zu antworten. Niels wusste bereits, dass es zum letzten Mal 2013 ein großes Feuer gegeben hatte, fast den gesamten August über hatte es in der Gegend gebrannt, und auch damals hatte es Todesopfer gegeben. Doch was an den kürzlich ausgebrochenen Feuern seltsam war, dass es jedesmal Tote gegeben hatte, und alle Toten waren durch Blitzschlag gestorben.

Blitzschlag? Niels wusste, wie man sich bei Gewitter im Wald zu verhalten hatte, und er ging davon aus, dass die Leute das hier in der Gegend auch wussten. Und soviele Tote auf einmal war schon sehr seltsam. Noch seltsamer war, dass es nach jedem Blitzeinschlag gebrannt hatte. Von so etwas hatte er noch nie gehört, und sein Vater hatte dafür gesorgt, dass seine Söhne mehr oder weniger eins geworden waren mit dem Wald. Eines der wenigen Dinge, für das Niels ihm dankbar war.

Rowena merkte an, dass sie nicht wusste, ob es jedesmal auch ein Gewitter gegeben hatte, sie wollte das aber in Erfahrung bringen. Allerdings kam es hier schon vor, dass sich Gewitter sehr plötzlich bildeten. Aber insgesamt wirkte die ganze Geschichte schon sehr merkwürdig.

Chloe bedankte sich bei Rowena für ihre Ausführungen. Als sie wieder vor der Tür des kleinen Büros stand, war klar, was sie als nächstes tun mussten: Eine Besichtigung der Tatorte war unumgänglich.

Vor der Tür lächelte Chloe etwas unsicher und sah dann von Cal und Niels zu Barry. “Umziehen?” fragte sie ihn, und er nickte nur. Sein Anzug und ihre High Heels waren definitiv nicht outdoor-tauglich, im Gegensatz zu Niels’ Cargohosen und Stiefeln und Cals Aufmachung.
Die beiden kehrten kurze Zeit später zurück, und mit den Autos fuhren sie zu einem Wanderparkplatz. Von dort kamen sie auf den Beaver Creek Trail, der auch durch das verbrannte Gebiet führte.

Niels packte seine Sachen in einen Rucksack und schnallte sich das Holster für die Luger um, während Barry noch den Inhalt von Cals Kofferraum bewunderte. Niels warf einen kurzen Seitenblick auf das Auto des Jägers, aber wirklich überraschend fand er das jetzt nicht. Jäger-Ausrüstung halt, zum größten Teil Standard. Wobei er sich sicher war, dass im Heckler-Keller keine Granaten und Minen lagen.

Anscheinend hatte er sich durch seine Ansage, dass er praktisch in einem Wald aufgewachsen war, zum Anführer der Gruppe gemacht, und so ging Niels voran in den Wald. Nach einiger Zeit verließen sie den offiziellen Wanderweg, um zu der Stelle zu kommen, an der ein Forstarbeiter ums Leben gekommen war, jemand, der sich definitiv hier auskannte. Niels bemerkte, dass es immer noch nach Rauch roch hier, der Wald hatte sich außerdem in den zwei Wochen, die das Feuer bereits her war, noch nicht wirklich erholt. Barry fragte sich laut, ob es keine Zeugen gab für die Brände, waren die Leute denn alle allein unterwegs gewesen?

Chloe nahm ihre Kamera aus der Tasche und begann, Bilder zu machen. Typisch Reporterin. Barry hingegen blieb wie angewurzelt an einer Stelle stehen und schien in den Wald hinein zu horchen. So ähnlich hatte er bereits in dem alten Krankenhaus in May Creek dagestanden, erinnerte sich Niels, und ein Schauer lief ihm über den Rücken, als er darüber nachdachte.

“Hier!” Chloe deutete auf einen Baum, an dem sich zwei Auswölbungen befanden, die Niels entfernt an Tierköpfe erinnerten. “Das sind zwei Bären,” erklärte sie, und Niels fragte sich, woher sie das so genau wusste. Sah sie so etwas durch ihre Kamera? Er musste sie unbedingt danach fragen.

Unterdessen war Barry in eine andere Richtung gegangen, Niels, Cal und schließlich auch Chloe folgten ihm. Der Indianer war vor einem seltsam geformten Baum stehen geblieben, auf den Chloe sofort ihre Kamera richtete.

“Oh. Ohoh,” machte sie nur, und zeigte den anderen das Bild. Niels war erstaunt. Über dem Bild des Baumes lag das Bild einer Frau Mitte 30, sie trug ein altmodisch wirkendes Kleid, und ihr bleiches Gesicht hatte einen schmerzverzerrten Ausdruck. Hatte jemand ihre Seele vor langer Zeit in den Baum gesperrt? Irgendjemand brachte die Überlegung auf, sich die Stadtgeschichte vorzunehmen, oder nach den Knochen der Frau zu suchen, um sie zu verbrennen. Doch Barry winkte für den Moment ab und bedeutete ihnen, leise zu sein, offensichtlich hatte er noch etwas gehört. Er ging einige Schritte weiter und kam zu einer Stelle, an der zwei weitere seltsam geformte Bäume standen. Genau hier, im Dreieck zwischen den drei Bäumen, waren die Menschen an den Blitzschlägen gestorben.

Chloe sah noch einmal durch ihre Kamera und nickte nur. “In diesem Baum,” sie deutete auf den verformten Baum zu ihrer Linken, “sehe ich eine sehr junge Frau. Und in diesem” – sie deutete auf den Baum auf der rechten Seite – “eine alte Frau.” “Maiden, Mother, Crone?” mutmaßte Barry. Niels nickte, von dieser Dreiteilung hatte er auch schon gehört. Heidnisches Hexengewäsch hatte sein Vater das genannt, und seinen Söhnen wieder und wieder erklärt, dass solche Frauen ihr Leben verwirkt hatten.

“Da ist noch was.” Chloe zeigte auf einen dritten knollenförmig verwachsenenen Baum. “Dort sind noch zwei Bären gefangen,” meinte Barry, und sie nickte nur. Ihnen allen war klar, dass diese Bäume etwas mit den Toten zu tun hatten, und Eile war geboten. Keiner wollte erst nach Hailey zurückfahren und dort ermitteln, während weitere Wanderer in Gefahr waren.

Barry zog eine Axt aus seinem Rucksack und sah von einem zum anderen. “Kennt sich jemand mit sowas aus?” fragte er. Niels seufzte. “Ist das eine Fangfrage?” wollte er wissen, doch der Indianer schien den Sarkasmus in seiner Stimme nicht zu bemerken. Stattdessen drückte er ihm die Axt in die Hand, und Niels legte seinen Rucksack ab und begab sich zu dem Baum, in dem Chloe die Maiden gesehen hatte.

“Wie kann ich mich eigentlich gegen einen Blitz schützen?” wollte Chloe jetzt wissen, als befürchte sie, der Baum könnte Blitze auf sie schleudern. “Sei einfach nicht geerdet,” empfahl Niels ihr, dem leicht irritierten Nicken der Reporterin entnahm er jedoch, dass sie nicht genau wusste, wovon er sprach. Sie war wohl doch ein Stadtkind.

Niels wog die Axt ein paar Mal in den Händen, dann schlug er zu. Es war lange her, dass er auf diese Weise Holz gemacht hatte, aber er war sich sehr sicher, dass Bäume nicht so reagieren sollten wie dieser. Kaum hatte er eine Kerbe in das Holz geschlagen, da peitschten auch schon zwei Äste nach ihm, an ihren Enden loderten weiße Flammen.

Fuck.

“Niels, pass auf!” Chloes Warnung kam im selben Moment, und er ließ sich geistesgegenwärtig fallen, als Barry vor ihn sprang, und zog die Luger. Cal lief mit einer Machete auf die Äste zu und hackte grimmig auf sie ein. Eine schattenartige Gestalt löste sich aus dem Baum und glitt in Richtung Barry und Niels. Chloe rief etwas, offensichtlich versuchte sie, mit dem Geist zu reden, doch die Gestalt war zu wütend, um auf die junge Frau zu hören.

Barry griff nach der am Boden liegenden Axt, um mit seiner linken Hand auf den Baum einzuschlagen, doch er bewegte sich dabei zu weit nach vorn, und die schattenhafte Gestalt erwischte ihn mit ihren feurigen Händen an der Schulter. Niels, noch immer am Boden liegend, schoß auf den Geist und traf. Cal gelang es unterdessen, einen der Äste, die immer noch wild nach Barry und Niels peitschten, abzuschlagen.

Der Geist versuchte, ein zweites Mal nach Barry zu schlagen, doch Niels schoß ein zweites Mal auf ihn und riß ein großes Loch in das Gewebe. Barry nahm die Axt in seine linke Hand und schlug damit nach der Gestalt, und diesmal traf auch er. Cal war es unterdessen gelungen, den zweiten Astarm abzuschlagen, genau im richtigen Moment, denn Niels hörte Chloe rufen “Da kommt etwas aus dem Wald!” Barry verlor keine Zeit, wich dem Geist noch einmal aus und riß dann mit seinem Haken das brennende Herz aus dem Baum.

Augenblicklich war es totenstill im Wald.

Cal nahm seine Machete und zerlegte den Baum, Niels kam es vor, als sei er ziemlich wütend. Doch plötzlich stoppte er. “Hier ist jemand vergraben,” sagte er und deutete auf Knochen im Boden. Die drei Männer sahen sich nur kurz an, sie wussten alle, was zu tun war. Während Cal Salz auf die Knochen streute, entzündete Niels ein Streichholz und warf es in das Grab. Schweigend sahen sie auf den brennenden Knochenhaufen, als plötzlich ein Grollen zu hören war. Ein Gewitter zog auf.

Sie waren sich alle einig, dass sie keine Lust hatten, herauszufinden, ob dieses Gewitter natürlichen Ursprungs war oder die Rache des Waldes für das Verbrennen der Knochen. Als die ersten Tropfen fielen, hatten sie wieder ihre Fahrzeuge erreicht und fuhren zurück nach Hailey.
Auf dem Parkplatz berieten sie kurz. “Wir könnten die Bäume mit Handgranaten sprengen,” meinte Cal, doch nur Chloe war von diesem Plan nicht gleich überzeugt. “Sollten wir nicht erst einmal recherchieren, was hier überhaupt passiert ist?” fragte sie in die Runde. Niels sah von einem zum anderen, doch Cal sagte nichts, und Barry schüttelte nur müde den Kopf. Er schien Schmerzen zu haben an seiner Schulter, wo ihn der brennende Ast getroffen hatte. “Soll ich mir das mal angucken?” wollte Niels wissen. Barry betrachtete ihn skeptisch, offenbar traute er dem jungen Mann nicht wirklich zu, dass er sich in Erster Hilfe auskannte.

Wenn du wüsstest. Das kam gleich nach dem Schießen und noch vor der Bibelstunde.

Es war später an diesem Abend, als sie sich wieder im Diner trafen. Chloe hatte bereits erste Recherchen getätigt und sich mit den Sagen und Legenden der Gegend vertraut gemacht. Es war zwar nicht explizit erwähnt worden, doch hatte sie zwischen den Zeilen auch herausgelesen, dass es hier noch im 19. Jahrhundert zu Hexenverfolgungen gekommen war. Niels verdrehte die Augen. “Das ist ja wie Zuhause hier.” Hexenverfolgungen waren nichts aus dem letzten Jahrhundert, wie Chloe vielleicht denken mochte, er erinnerte sich nur allzu lebhaft daran, wie sein Vater immer wieder gegen Hexen gewettert hatte.

Die Hexe sollst Du nicht leben lassen, Aaron, das lehrt uns die Heilige Schrift. Wenn Du so ein gottloses Weib findest, sorge dafür, dass sie niemandem mehr schadet.

Niels war sich nicht sicher, ob sein Vater wirklich eine Hexe umgebracht hatte, aber sein Großvater und sein Großonkel mit Sicherheit, und seinem Bruder Joseph traute er ebenfalls zu, dass er Frauen ermordete, die er für Hexen hielt.

“Hexenverfolgung ist bestimmt nichts aus der Vergangenheit,” erklärte er, und er spürte, wie Wut in ihm aufstieg. Die anderen sahen ihn an. Er wollte nicht wie sein Vater werden, oder wie sein Bruder Joseph. “Wie zuhause ist das hier. Da wurden auch noch Hexen verfolgt, und mit der Bibel argumentiert.. ich dachte, ich hätte das alles hinter mir gelassen.”

“Du musst das nicht machen,” erklärte Barry ruhig, aber bestimmt, während das Essen gereicht wurde. Niels funkelte ihn böse an. Vielleicht bevorzugte er nicht die gleichen Methoden wie sein Vater und seine Brüder, aber er war ein Heckler und ein Jäger. “Meinst du, ich kann das nicht?” wollte er von dem Indianer wissen, und er hörte, wie seine Stimme einen bedrohlichen Unterton annahm. “Es gibt ja noch andere,” mischte Cal sich jetzt ein. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Wütend sprang Niels auf und ging die beiden älteren Männer an. “Ich bin gut darin! Ich kann das!” rief er, doch sein Wutausbruch beeindruckte alle anderen am Tisch nicht. Chloe lächelte ihm mütterlich zu und meinte: “Sei doch nicht so bockig.” Barry sah ihn nur weiter ungerührt an. “Sei mal leiser hier,” erklärte er ihm, doch Niels war jetzt in Rage. “Ich bin so laut, wie es mir passt!” herrschte er den älteren Mann an. Cal begann zu lachen, und er lachte auch noch, als die Bedienung kam und ihn fragte, ob denn mit seinem Sohn alles in Ordnung sei. Missmutig stocherte Niels in seinem Essen herum und vermied es für den Rest des Abends, die anderen anzusehen.

Am nächsten Morgen trafen sich die Vier am Stadtarchiv von Hailey. Während Chloe im Archiv recherchierte, wartete Niels mit den Händen in der Hosentasche vor der Tür. Mit Archiven kannte er sich nicht aus, alles, was er darüber wusste, war, dass sie sich meistens in Kellern befanden. Außerdem war es ihm unangenehm, den anderen zu begegnen, er hatte sich am Vorabend wie ein Idiot benommen. Nervös kaute er auf seinem Zungenpiercing herum, als Barry und Cal vor die Tür traten, um zu rauchen. Niels gesellte sich zu ihnen, die Zigarette, die Barry ihm anbot, lehnte er jedoch ab. Rauchen hatte ihn nie interessiert. Er holte tief Luft, um dann das auszusprechen, was ihm schon den ganzen Morgen im Kopf herumging. “Tut mir leid wegen gestern,” murmelte er. Cal sah ihn nur ausdruckslos an, während Barry zwischen zwei Zügen “schon gut” meinte. “Ich will nicht so werden wie mein Vater,” setzte Niels hinzu. Cal sagte immer noch nichts, aber Barry drückte mit den Worten “Dann lass es,” seine Zigarette aus und ging wieder ins Archiv.

Als wenn das so einfach wäre. Ich bin ein Heckler, und das hat er mir ein ums andere Mal klar gemacht.

Auch Cal ging wieder hinein, während Niels vor sich hingrübelnd, die Hände in den Hosentaschen, zum Himmel sah. War es wirklich so einfach? Er hatte immer alles unternommen, sich nicht so zu benehmen wie sein Vater, sich von ihm abzusetzen. Seufzend sah er auf seine Arme. Nichts von dem, was er da sah, hätte seinem Vater gefallen, nein, verbesserte er sich in Gedanken, es hatte ihm nicht gefallen, als er in München aufgetaucht war. Mit Schaudern erinnerte er sich an die Beschimpfungen, die über sich hatte ergehen lassen müssen.

”Hab ich dir nichts beigebracht? Hast dir nicht gemerkt, was ich erzählt habe! Lässt sich bemalen wie ein Wilder! Gottloses Zeug, gottlos! Was hab ich da nur groß gezogen!” Er hebt die Hand, doch diesmal ist Niels schneller. Er packt seinen Vater am Arm und hält ihn fest. “Geh,” sagt er, seine Stimme bricht beinahe. Die Tür wird aufgeschlossen. Philip kommt herein, ein “Hallo, Schatz” begleitet ihn. Sein Blick verfinstert sich, als er Gustav sieht. “Gehen Sie. Sofort.” Niels lässt seinen Vater los, und mit einem letzten Blick verschwindet Gustav. “Widernatürlich. Gottlos!” hört Niels ihn noch auf dem Flur rufen, bevor er weinend in Philips Arme sinkt.

In diesem Moment kam Chloe aus dem Archiv, gefolgt von Barry und Cal. Sie strahlte, offensichtlich war sie fündig geworden. “Theodora, Valerie und Susan Drayper,” erklärte sie, doch niemand verstand, was sie damit meinte. Dann berichtete sie, dass sie herausgefunden hatte, dass die drei Frauen vor über hundert Jahren hier am Beaver Creek gelebt hatten, sie waren bei den Dörflern als Hexen verschrien gewesen und hatten zahme Bären bei sich gehabt. Man hatte sie eines Tages in ihrer Hütte verbrannt, auf Veranlassung eine gewissen Thornton Taylor hin, der Arzt in Hailey gewesen war. Der Arzt hatte den Frauen ihren Ruf als Weise Frauen geneidet und sich so ihrer entledigen wollen.

Plötzlich klingelte Chloes Telefon, und nach einem kurzen Wortwechsel schaltete sie auf Lautsprecher. Es war Rowena Myerson von der Umweltorganisation, sie hatte sich über die Gewitter schlau gemacht und wollte jetzt Chloe ihre Erkenntnisse mitteilen. Es hatte viele Gewitter im Naturschutzgebiet gegeben, seit 2013 hatten sie zugenommen. Auch große Brände hatte es mehrere gegeben, einen am 7. August 1915 und einen am 7. August 1964. Bei der Erwähnung des Datums sahen sich alle an. 49 Jahre. Sieben mal sieben Jahre. Eine für Hexen bedeutsame Zahl. Vor zwei Jahren war in einen der drei Hexenbäume außerdem ein Blitz eingeschlagen. Stärkten die Gewitter die Hexen? Es war eine Möglichkeit, die sie bedenken mussten.

“Was machen wir jetzt?” fragte Barry. Während Cal dafür war, die Bäume einfach zu sprengen, war Chloe für eine diplomatischere Lösung. Niels sah sie an und stellte fest, dass er sie zwar sehr mochte, aber in Sachen Geister und Dämonen hatte sie noch einiges zu lernen. Cal aber lenkte ein, wenn Chloe mit den Bäumen reden wollte, sollte sie das tun, aber zur Sicherheit würde er einen Draht zwischen den Bäumen spannen, um sie in die Luft zu jagen.

Sie fuhren wieder in den Wald hinaus, und nachdem Cal den Draht zwischen den Bäumen gespannt hatte, begann Chloe mit dem Baum zu reden, in dem sie Theodora Drayper, die älteste der drei Drayper-Damen, gesehen hatte. “Theodora? Sind Sie da?” Ein Rauschen ging durch den Wald. “Euch ist Unrecht geschehen,” fuhr Chloe fort, die das Rauschen als Zustimmung interpretierte. “Jaaaa….” war auf einmal eine flüsternde heisere Stimme zu hören, “Taylor soll Abbitte leisten.” “Aber Tayor ist lange tot,” antwortete Chloe. “Wäre euch geholfen, wenn eure Knochen in geweihter Erde liegen?” fragte sie dann. “Jaaaa…” kam es von irgendwoher, leise, uralt und bedrohlich. Ein Ast neigte sich auf den Boden, und Niels vermutete, dass dort die Knochen lagen.

Beschwingt von ihrem Erfolg ging Chloe zum nächsten Baum, doch ihr Glück war nur von kurzer Dauer. “Susan…,” begann sie, aber sie kam nicht weit, ein wütendes Grollen ertönte. Niels erinnerte sich an die Ausführungen der Reporterin, und er war sich sicher, dass hier Valerie lag, und so rief er schnell “Valerie, Valerie, Valerie.” Das Grollen verstummte, aber jetzt hatte Niels die volle Aufmerksamkeit des Geistes.

Wunderbar. Wieso muss ich eigentlich immer mit den Leuten reden?
Reiss dich zusammen, Heckler, du kannst das. Und du brauchst niemanden, der dir dabei hilft.

“Wollen Sie.. willst Du.. vielleicht Frieden?” fragte er vorsichtig. Zustimmendes Rauschen. Niels nickte den anderen zu, und Cal begann, die angezeigten Gräber auszuheben. Chloe wartete gespannt darauf, dass die drei Männer die Knochen nun aushoben und irgendwohin brachten, doch stattdessen packte Cal Salz aus. Niels sah zweifelnd von ihm zu Chloe. Ihm war nicht ganz wohl dabei, dass sie nicht nur die Geister, sondern auch die Reporterin belogen hatten. Er erklärte ihr, dass es nicht so einfach war, die Knochen in geweihter Erde beizusetzen, ohne einen Geistlichen in Hailey lief da seiner Meinung nach nichts. Die Reporterin schien immer noch nicht überzeugt, und so kam Barry Niels zu Hilfe. “Überleg doch mal, wieviel Schuld die drei auf sich geladen haben. Sie haben gemordet. Unschuldige Menschen,” sagte er leise Chloe nickte langsam. Sie setzte sich auf einen umgefallen Baumstamm und sah den drei Männern dabei zu, wie sie die Knochen von Theodora und Valerie salzten und anzündeten.

Als sie sich später umsahen, bemerkten sie, dass auch die Bärenköpfe aus den Bäumen verschwunden waren. Chloe und Barry beschlossen, in ihren Bericht für die Umweltorganisation etwas von Brandlöchern durch Blitzeinschläge zu schreiben. Das würde niemand nachprüfen können, denn die Brände würden jetzt sicher aufgehört haben. Die Hexen vom Beaver Creek waren gebannt.

Cal verabschiedete sich sehr schnell, wortlos packte er sein Equipment zusammen und fuhr davon. Barry, Niels und Chloe fuhren zurück nach Hailey, wo sie noch einen Kaffee tranken, doch dann sagte auch der Indianer Lebewohl. Niels sah Chloe gespannt an. “Und was machen wir beiden jetzt?” fragte er. Die Reporterin sah ihn erwartungsvoll an, und er fuhr fort: “Ich will jetzt endlich in Ruhe zeichnen. Hast Du Lust, mitzukommen? Du könntest Fotos machen.” Jetzt lächelte sie, und gemeinsam fuhren sie mit dem Kombi wieder zurück in die Wälder.

Niels packte seinen Zeichenblock aus und machte ein paar Skizze zum Warmwerden. “Du bist gut,” meinte Chloe und setzte sich neben ihn auf einen Fels. “Danke. Leider sieht das nicht jeder so.”

Zeichnen? Zeichnen? Wie kommst du denn auf solche Gedanken? Und was ist das überhaupt für ein Unsinn? Du bist ein Jäger, Aaron, ein Jäger!

Chloe sah ihn fragend an, und Niels seufzte. “Mein Vater findet, Zeichnen ist nichts, was ein Mann tun sollte. Er ist ziemlich konservativ.” Die Reporterin nickte. “Sowas kenne ich,” meinte sie nur. “Ich bin froh, dass ich von meiner Familie weg bin. War eine beschissene Zeit.” Er senkte den Kopf und zeichnete eifrig weiter, der Stift kratzte über das Papier des Skizzenblocks. “Ohja, Familie. Meine war nicht mit meiner Partnerwahl einverstanden,” meinte Chloe dann, und Niels sah erstaunt auf. Das kam ihm sehr bekannt vor, und unwillkürlich musste er lächeln. Offensichtlich waren Chloe und er sich näher, als er bisher angenommen hatte. “Meine auch nicht,” erklärte er, und augenscheinlich verstand sie, sie lächelte ebenfalls. Er mochte Chloe Bush.

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Gefühlsduselei in B-Moll
aus Barrys Tagebuch

Wie angedroht. Ein Text über Windpocken und die Apokalypse. Und meine Gefühle. Yay. Wer das nicht lesen will – gut. Geht dich auch nichts an.

Eine chronologische Zuordnung ist schwierig, aber machbar. Ich versuch mich mal dran, keine Ahnung, ob das klappt. Eigentlich will ich nur… ach, egal. Ich weiß nicht, was ich will. Das ist so ein bisschen der Punkt, nicht wahr? Wenn ich das wüsste, könnte ich mir das Gequatsche sparen.

Fangen wir damit an, dass Kate sich schlecht fühlte. Leichtes Fieber. Dann, ein bis zwei Tage später, juckende rote Bläschen. Großartig. Hätte sie nicht gegen Windpocken geimpft sein sollen? Ich rief Dr. Hornbach an, und der erklärte mir munter, nein, er würde gegen sowas nicht impfen. Könnte zu Spätfolgen und wasnichtalles führen, und die meisten Eltern wollten das ja auch gar nicht. Mann. Was für ein Idiot.

Jedenfalls hatte Kate Windpocken. Ich versuchte, die anderen abzuschirmen, aber natürlich zu spät. Als sich bei Artie die ersten Bläschen bildeten, rief Ethan an. Er hatte den Heyoka getroffen, und der hatte ihm erzählt, er sollte auf gar keinen Fall nach Iktomis Schleier suchen. Bloß nicht nach Norden fahren und die ehrenwerte und biedere Gesellschaft von Fabray aufsuchen! Ethan wollte jetzt von mir wissen, ob er das richtig verstanden hatte: Er sollte nach Süden fahren, Fabray finden und nach Iktomis Schleier forschen? „Ja“, sagte ich. „Ich glaube schon.“

Tam war gerade nicht zu Hause, die versuchte noch, Clive zu finden. Um ihn umzubringen, sagte sie. „Du kannst von ihm halten, was du willst, aber er war mal ein guter Mann“, erklärte sie mir. „Er würde nicht als Vampir herumlaufen wollen.“ Okay. Sollte sie mal machen. Ich hoffe ja immer noch, dass der irgendwann mal hier auftaucht, um mich aus dem Weg zu räumen.

Sie rief kurz nach Ethan an. Keine Spur von Clive, aber angeblich war das Trickstertuch in Huntsville, TN, aufgetaucht. „Glaube ich nicht“, sagte ich. Erzählte ihr von dem Telefonat mit Ethan. „Mag sein“, meinte sie. „Aber irgendwer macht da einen Riesenwirbel… die Sache ging durch alle möglichen Roadhouses. Vielleicht ist es eine Falle.“ Also musste sie da natürlich hin. Mit Bobby und Stinger. Sollte mich wohl beruhigen.
Nach Hause kommen konnte Tam gerade ohnehin nicht – wir wussten nicht, ob sie die Windpocken als Kind gehabt hatte. Ich selbst war ziemlich überzeugt, dass das bei mir der Fall war; ich erinnerte mich, dass ich im Herbst im Garten unseres neuen Hauses saß, krank war und die Schatzinsel und die ersten zwei Teile der Sally Lockhart Mysteries durchschmökerte. Da war ich etwa zehn. Mein Dad bestätigte mir das beim nächsten Telefongespräch.

Zwei Tage später rief Don bei mir an. Irene wollte irgendwas über Naturgeister wissen. Und da fragte sie Don? Egal. Ich meldete mich bei ihr. „Was passiert, wenn zu viele Naturgeister erledigt werden?“, wollte sie wissen. „Hat das irgendwelche Konsequenzen?“ Ich schnaubte. „Klar“, sagte ich. „Schau dich um. Nennt sich Klimawandel.“ Ist vielleicht ein bisschen verkürzt, aber bestimmt nicht falsch. Je mehr die Natur unter Druck gerät, umso mehr ändert sie sich. Passt sich an, ob das den Menschen gut tut oder nicht.
Kurz darauf, gegen Abend, meldete sich Nelson. „Ich glaube, ich muss mit Bär reden… was sollte ich da beachten?“ Ich erzählte ihm, wie die Dakota mit Bär umgingen. Hätte vielleicht erwähnen sollen, dass andere Stämme das anders handhaben, aber ich war ein bisschen übermüdet. Mittlerweile hatte auch Pete die ersten Pockenbläschen, alle waren krank und nörgelig und brauchten Aufmerksamkeit.
„Bär mag Fische und Honig“, fiel mir noch ein. Vielleicht besser, es erst mal damit zu versuchen, bevor man sich irgendwelche Körperteile abschnitt.

Freitag oder Samstag rief Ethan noch mal an, glaube ich. Erzählte etwas davon, dass es jetzt losginge. Ich bin mir aber wirklich nicht sicher – ich fühlte mich überhaupt nicht gut. Schob das auf die schlaflosen Nächte und die kranken Kinder. Schön, also ging die Apokalypse los? Aha. Bin ziemlich sicher, dass ich ihm Glück wünschte.
Rief danach meine Eltern per Skype an. Ina war auf einem Kurs gewesen, hatte das mit den Windpocken nur am Rande mitbekommen. Jetzt sah sie mich an und fragte: „Sag mal, hast du dich angesteckt?“ „Kann nicht sein“, gab ich zurück. „Ich hatte die schon.“ „Nein, hattest du nicht“, antwortete sie. „Als ich zehn war?“ „Das waren die Masern.“ Großartig. Mein Dad schaute überrascht, dann zerknirscht. Klar. Der war damals gar nicht zu Hause gewesen, weil er in Washington irgendeine Sammelklage vorbringen musste.
„Ich komme“, sagte Ina. Ich war unangemessen erleichtert – ich meine, ich bin fünfunddreißig und sollte meine Mutter nicht mehr brauchen, um alltägliche Krisen zu meistern. Na ja. So ganz alltäglich war das nicht.

Sonntag hörte ich von Ethan. „Welt steht noch“, erklärte er. Klang nicht sonderlich triumphierend. Glaube ich. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt Fieber, nicht nur ein bisschen, sondern richtig hoch. Ich gratulierte ihm zu dem Sieg, aber er hat wohl gemerkt, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. „Geh zum Arzt, Barry“, sagte er. Zwei- oder dreimal, bis ich zustimmte.

Okay. Irene, Ethan, Cal und Nelson hatten die Welt gerettet, während ich Windpocken hatte. Meine Ärztin erzählte etwas von Bettruhe, verschrieb mir Aciclovir, um einer Hirnhautentzündung vorzubeugen und meinte, ich solle mich verdammt noch mal ausruhen.
Die nächsten Tage konnte ich auch gar nichts anderes machen. Schlafen, nach den Kindern sehen, vielleicht ein paar Mails beantworten… noch ein paar Sätze am Buch… Nein, lieber nicht.

Mir fiel schließlich auf, dass ich keine Ahnung hatte, ob Ethan mich angerufen oder ob ich nur seine Stimme gehört hatte. Kurzer Schreck, aber er schrieb mir eine sehr knappe SMS. Lebte noch. Aber irgendwas kam mir merkwürdig vor. Schrieb Irene an. Hörte, dass alle überlebt hatten, auch wenn keiner glücklich war. DeVries hatte es psychisch nicht so gut überstanden, Irene kümmerte sich um ihn. Er brauchte ein Heim, meinte sie. Meiner Meinung nach brauchte der eine Kugel in den Kopf, aber das sagte ich ihr nicht. Ich glaube, sie hatte immer noch Schuldgefühle.

Ethan war dann erst mal weg von der Bildfläche. Keine Anrufe, keine Mails. Seine Mutter meinte, er wäre campen. Artie kam nicht gut damit zurecht – kein Wunder, erst meldete sich Ethan zweimal die Woche, dann plötzlich gar nicht mehr. Gerade, als die Kids krank waren. Keine gute Zeit für den Jungen; plötzlich war Ethan weg, Tam unterwegs, ich krank… viel zu viel Veränderung und Unsicherheit. Artie hatte Alpträume, konnte die Wände des Hauses nicht mehr ertragen, lief raus, schlich rein, wieder und wieder. Wenn Kate und meine Mutter nicht gewesen wäre, wäre er vermutlich ganz weggelaufen.

Irgendwann kam Tam wieder, frisch gegen Windpocken geimpft. Die konnte Artie abfangen, sich um die anderen Kinder kümmern, bis ich wieder auf den Füßen war. Ina fuhr zurück nach Chicago, ein bisschen Normalität kehrte ein.
Tam erzählte wilde Geschichten von den Ereignissen in Huntsville: Sie und Bobby hatten bemerkt, dass zwei japanische Touristen von Dämonen besessen waren. Folgten den Besessenen (und ihrer Gruppe) zum Sightseeing zu einem Filmdreh, versuchten einen Exorzismus, aber die Dämonen sprangen weiter, der Filmdreh wurde zerlegt – hätte ein Horrorfilm werden sollen. Wurde dann eine Horrorshow. Schlussendlich gelang es Bobby, eine Dämonenfalle zu zeichnen, Tam lockte den besessenen Regisseur und den besessenen Hauptdarsteller hinein. Beide trieben die Dämonen aus.
So weit, so gut, aber leider hatten sie den Auftritt von Clive, dem Vampirfürsten, am Loki’s Gulch in der Nähe von Huntsville verpasst. Der hatte einige Jäger (darunter auch Stinger) in die Falle gelockt, ein halbes Dutzend getötet, aber ein paar waren findiger – Clive wollte das Trickstertuch, und sie behaupteten, sie hätten es. Drohten, es zu verbrennen, wenn er sie nicht gehen ließ. Entkamen der Falle. Jetzt hatte Clive ein leicht angesengtes Stück Stoff, von dem er dachte, dass es das Trickstertuch war; Stinger hatte ein anderes Stück Stoff, von dem er dachte, dass es das Trickstertuch war; und das echte Trickstertuch konnte in Huntsville keiner finden. Tam meinte, Victoria Blackwood hätte vermutet, dass es vielleicht mehrere davon gäbe – wäre doch typisch Trickster, nicht nur ein Tuch in Umlauf zu bringen, oder? Klang plausibel. Mal schauen, was Stinger mit dem Ding anrichten wird.

Schließlich meldete sich Ethan wieder per Skype. Artie war erleichtert, die anderen auch. Ist ja nicht so, als würde Ethan nur mit Artie reden – Kate und Pete hatten ihn auch vermisst. Nach einem längeren Gespräch (Ethan war wieder ziemlich wortkarg, aber die Kids hatten viel zu erzählen), erwischte ich ihn noch mal allein. Wollte ihm eigentlich ganz klar sagen, dass ich sein Verhalten unverantwortlich fand, aber er sah dermaßen fertig aus, dass ich mich viel milder ausdrückte.
Trotzdem sah er schuldbewusst aus. Meinte, er hätte halt mal rausgemusst. Wollte nicht, dass Artie mitbekommt, wie es ihm geht. Nein, ich sagte ihm nicht, dass er da seine Gefühle vor Arties gestellt hatte. War ja nicht so, als wäre der Kleine ohne ihn allein auf der Welt. Stattdessen beruhigte ich ihn. Tam und ich hätten das schon im Griff gehabt. Das würde schon wieder. Familie und so.

Irgendwann rückte er mit der Sprache heraus, was eigentlich bei der Apokalypse (bzw. der Nicht-Apokalypse) passiert war. Der Anfang fiel ihm relativ leicht: Irene, Ethan, Nelson und Cal hatten das Trickstertuch – das echte – in Louisiana gefunden, bei einem Zirkus. Bekamen dann mit, dass es in Wyoming zwei Tore gab, hinter denen gefallene Engel gefangengehalten wurden. Kamen auf die Idee, das Tuch zu benutzen, um die Tore umzudrehen und dazu zu bringen, keine Sachen rauszulassen, sondern alles einzusaugen, was nicht auf diese Welt gehörte. Hatten Kontakt zu einer mehr oder weniger toten Indianerin, die Cal kannte und die ihnen Unterstützung durch Dämonen beschaffen konnte. Nelsons Kontakt zu Bär brachte ihnen weitere Unterstützung.
Die brauchten sie wohl auch: Am Tor hatten sich zwei Engel mit ihren Anhängern versammelt, dazu noch Baphomet (ein gefallener Engel) mit seinen Leuten. Alle wollten das Tor öffnen, vor allem Selathiel, ein Erzengel. Das war die, die mit der christlichen Sekte aus den Ozarks geredet hatte und die von diesen Leute begleitet wurde.
Der andere Engel, Aziraphel, hatte Kontakt zu Cal. Der wollte Selathiel eigentlich in den Rücken fallen, aber er war selbst so ein unangenehmer Zeitgenosse, dass Cal ihm in den Rücken fiel und seine Pläne an Selathiel verriet. Die brachte Aziraphel daraufhin prompt um. Ethan murmelte, der Preis dafür wäre sehr hoch gewesen, aber er sagte nicht, was das für ein Preis gewesen war.

Es kam also zum Showdown mit Selathiel, Baphomet und deren Leuten auf der einen Seite und Irene, Cal, Ethan, Naturgeistern und Dämonen auf der anderen. Nelson musste das Ritual sprechen, mit dem das Trickstertuch aktiviert wurde.
Die Tore wurden geöffnet, die gefallenen Engel kamen heraus und besetzten die auserwählten Gefäße: Marcus deVries und Jo Baker (dass es sich bei Cals „alter Bekannten“ um die blonde Jägerin handelte, wurde mir erst später klar). Aber dann griff Nelsons Ritual, das Trickstertuch machte seine Arbeit, alle Engel und Dämonen wurden durch das Tor zurück in den Käfig gezwungen. So weit, so schön. DeVries und Jo war das nicht gut bekommen, scheinbar hatte selbst die kurze Besessenheit alle Lichter ausgeknipst. Oder die beiden gefallenen Engel hatte deVries und Jo mit sich in den Käfig gerissen. Wer weiß.

Das unschöne Problem, das Ethan jetzt mit sich herumschleppte? Beim Kampf hatte er Nelson vor den Christen aus den Ozarks beschützen müssen. „Gute Leute eigentlich“, meinte er. Und er hatte sie umgebracht. Okay. Das war es also, was an ihm fraß. Na, da war er bei mir genau an der richtigen Adresse… ich habe keine Ahnung, ob die Leute, die ich umgebracht habe, gut waren oder nicht. Eher nicht, vermute ich, aber ich habe mir da nie Gedanken gemacht.
Andererseits weiß ich, dass die meisten Menschen ein Problem damit haben, andere Leute umzubringen. Wollte in dem Moment auch nicht gerade heraushängen lassen, dass es mir nicht so ging.
„Tut mir leid“, sagte ich schließlich. Lahm, ich weiß. Aber ich sah ja, dass Ethan litt, und das tat mir schon leid. Ich bin kein Vollsoziopath. Nur manchmal ein Monster.
„Na ja“, sagte er. „Gewöhnen und so.“
Er wollte sich daran gewöhnen, Leute umzubringen? Ethan? Okay, warum nicht.
„Und das willst du“, sagte ich vorsichtig. „Dich dran gewöhnen.“ Lieber noch mal rückversichern.
„Muss wohl. Ist passiert“, gab er zurück.
Ach so. Er wollte sich daran gewöhnen, dass er Leute umgebracht hatte. Das ergab in dem Kontext mehr Sinn.
Ethan machte eine hilflose Handbewegung und redete weiter. „Die waren sicher, sie sind die Guten. Musste für die so aussehen. Sie – für den Engel. Wir – mit den Dämonen. Gute Leute.“
Da hätte ich wirklich gern irgendwas Schlaues gesagt. ‚Hüte dich vor Leuten, die überzeugt sind, dass sie das Richtige tun‘? So was? Ich ließ es. Ethan brauchte emotionale Unterstützung, keine intellektuellen Sprüche, und das konnte ich ihm nicht geben. Meine emotionale Reaktion darauf war irgendwo zwischen „Ja und?“ und „Mach dir keinen Kopf, besser sie als du.“ Keine Ahnung. Vielleicht wäre das hilfreich gewesen? Was weiß ich.
Er zuckte noch mal die Schultern.
„Welt steht noch“, sagte er resigniert. Offenbar hatte er gemerkt, dass ich ihm da nicht so richtig helfen konnte.
Puh. „Welt steht noch“, stimmte ich zu.

Das war dann auch das Ende des Gesprächs, aber nicht das Ende dieses Texts. Mir ist nämlich etwas klar geworden in den letzten Tagen. Hat mit Ethan zu tun, und mit Cal.

Wenn ich mit Ethan unterwegs bin, versuche ich, ein netter Kerl zu sein. Das ging schon direkt nach St. Trinity los. Offenbar ist mir das Haus viel mehr unter die Haut gegangen, als ich dachte. Als ich die ganzen Toten in der Halle sah – und ich glaube, das waren nur die Leute, die ich persönlich umgebracht habe, aber so genau merke ich mir die Gesichter normalerweise nicht – und haargenau wusste, dass die Schuldgefühle nicht meine waren, da akzeptierte ich, dass ich ein Monster bin. Ich sah das glasklar. Und nein, so richtig gefiel mir das nicht. Ich will ja kein Monster sein, das gewissenlos Leute umbringt.
Deswegen war ich freundlich zu Ethan. Zu Artie. Später dann zu Giffany, sogar zu Steve, dem Junkie aus May Creek. Deswegen kam diese Lone-Ranger-Geschichte wieder zum Vorschein – ich bin keiner von den Guten, aber… ich will mehr sein als nur ein Monster. Schon allein für meine Familie.

In der letzten Zeit – in den letzten Jahren – war ich ziemlich oft nett. Habe niemanden getötet. Leute gerettet, die ich gar nicht so gut kannte. All das. Fing an, zu glauben, dass ich ja vielleicht doch nicht so schlimm bin.

Dann traf ich Cal. Gerade am zweiten Tag. Desinteressiert an den Problemen anderer, nur auf die einfachste Lösung aus. Völlig unbewusst glich ich mich an, ließ Niels auflaufen, hatte kein Interesse an einer versöhnlichen Lösung. Und es fühlte sich gut an. Es fühlte sich natürlich an.

Und jetzt? Monster oder Lone Ranger?

…oder beides. Menschen können zwei Sachen auf einmal sein – Jäger und Schriftsteller, Krüppel und Actionheld, Monster und Lone Ranger. Das darf ich nur nicht vergessen. Nicht vor lauter „Leute retten“, „Mitleid haben“ und „emotionale Beziehungen führen“ darüber hinweg sehen, was ich gemacht habe. Wozu ich fähig bin.

So. Das ist der Punkt. Und um den zu beweisen, fahre ich demnächst wieder in den Nordwesten und erschieße Davy Whittaker.

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