Mädchenkram - Supernatural

Geständnisse

Da Niels ein paar Tage in Ottawa bleiben will, fahren Ethan und Emily am nächsten Morgen alleine nach Watertown zurück. Wie abgesprochen, machen sie den Schlenker über den Grenzübergang im Trout River State Forest, auch wenn der Schlagbaum jetzt verlassen ist, wie Jacques Gauthier das ja schon angekündigt hatte. Während der mehrstündigen Fahrt bleibt es größtenteils still im Auto; viel zu sagen haben die beiden Jäger sich nicht. Aber irgendwann, als sie schon fast an ihrem Ziel angekommen sind, dreht Emily sich halb zu Ethan um und fragt in beinahe beiläufig klingendem Ton: “Alles klar bei dir? Hast du noch Schmerzen? Wie schlimm war der Blitz?”
Ethan brummt ein bisschen. “Geht”, gibt er dann zu. “Wie… Stromschlag. Steckdose fassen mal tausend." Mal einer Gazillion wohl eher, aber das sagt er nicht. Viel zu lang.
“Vielleicht sollten wir damit zu einem Arzt, mit Strom ist nicht zu spaßen."
“Mhmm”, macht Ethan. Vielleicht tatsächlich. Aber was ihm vor allem im Kopf nachhallt, ist die Formulierung. Wir. ‘Vielleicht sollten wir damit zu einem Arzt.’ Wie so oft in letzter Zeit muss er daran denken, wie die junge Jägerin auf dem Heimweg von Unity etwas ganz Ähnliches gesagt hat, genau wie bei ihrem Gespräch, als sie die erste Fluchkiste abholen kam. Wie so oft muss er daran denken, dass—
“Es tut mir leid, dass ich dich da in dem Haus so angefahren habe”, fährt Emily fort. “Bitte entschuldige. Es ist nur…”, Sie zögert einen Moment, dann bricht es doch wieder heftig aus ihr heraus: “Was glaubst du, wie ich mich fühle, wenn du dir was einfängst, was für mich bestimmt ist? Ethan, ich brauche niemanden, der auf mich aufpasst, okay."
“Mhmm”, brummt er wieder, “weiß. Brauchst du nicht. Tut mir leid.”
Wieder fahren sie ein paar Minuten, ohne etwas zu sagen, bis Ethan kurz vor Watertown auf den Parkplatz von Silent Petes Roadhouse fährt, wo Emilys Cabrio steht, wie sie es vorgestern verlassen haben. Er hat den Pickup gerade zum Halten gebracht, da spricht Emily weiter. “Ich meine… warum?”
Ethan stellt den Motor ab und schweigt eine Weile, während er mühsam die Worte zusammensucht und extra ausführlich formuliert.
“Ich weiß, dass du niemand brauchst, der auf dich aufpasst. Weiß ich wirklich. Hättest den Blitz vermutlich besser abgekonnt als ich. Das… Das war… Nicht nachgedacht. Einfach gemacht. Reiner Instinkt. Ich… ich hätt’s nicht ertragen, wenn…" Verlegen bricht er ab.

Für einige Momente starrt Emily ihn wortlos an, doch dann durchbricht sie ihr Schweigen. “Wenn?” Dann aber scheint sie zu vermuten, was Ethan ihr sagen will, und steigt aus dem D21 aus, also hört sie nicht, wie er leise die Antwort gibt. “Wenn dir was passiert wär.”
Emily steigt kurze Zeit später wieder ein, da es ohne Jacke doch sehr kalt ist. Leise beginnt sie zu sprechen, auch wenn sie dabei sichtlich schluckt. "Okay, worauf willst du hinaus? Was genau willst du?”
Ethan sieht ihr forschend ins Gesicht, streckt dann sehr vorsichtig die Hand nach ihrer aus, hält aber kurz vorher an, wagt es nicht, sie zu berühren.
“Ich…”
Sie rührt sich nicht, scheint kaum zu atmen. Ein leichtes Zittern geht durch ihren Körper. Sie ist angespannt mit jeder Faser ihres Körpers.
Schweigend sieht sie Ethan an.
Er mustert sie weiterhin, lange, schweigend, und dann, beinahe wie von selbst, wagt er es doch: überwindet er den letzten Zentimeter zwischen ihnen und streicht mit den Fingerspitzen unendlich zart und vorsichtig über ihren Handrücken. Sieht ihr dabei beinahe furchtsam in die Augen, als habe er Angst, dass von der Berührung ein Zauber bricht und sie flüchtet.
Da, wo eben nur ein Hauch einer Atmung war, setzt diese dafür jetzt umso stärker ein. Sie kämpft gegen den Drang an, wieder aus dem Auto zu springen. Bei dieser kleinen, kaum merklichen Berührung stellen sich ihre Nackenhaare auf.
Sie spricht leise, ihre Stimme zittert ein wenig. “Du?”
Seine Augen haben sich förmlich an ihren Zügen festgesogen, und als er jetzt zu sprechen beginnt, kommen die Worte langsam, vorsichtig, stockend und aus den tiefsten Tiefen seines Seins herausgezogen, und doch gleichzeitig ohne Zögern, wie auch immer das gehen mag, und obwohl er so langsam spricht, sind die Sätze vollständig. “Ich will nicht, dass dir etwas zustößt, weil… weil ich es nicht ertragen hätte, wenn dir was passiert. Ich will, dass es dir gut geht. Wirklich gut geht. Ich will, dass du glücklich bist. Ich will nicht, dass du gehst, weil es wehtut, wenn du dich abwendest. Ich will sein, wo du auch bist.” Er zögert einen Moment. “Ich weiß, das willst du nicht hören. Es ist das letzte, was du hören willst, und ich sollte es dir gar nicht sagen. Du willst keine Freunde, geschweige denn— Es tut mir leid. Vergiss, dass ich was gesagt habe. Scheiße. Tut mir leid." Aber trotz dieser letzten Worte streifen Ethans Fingerspitzen noch immer zart über ihren Handrücken. Als er verstummt, schluckt er schwer, als könne er selbst nicht glauben, was er da gerade alles gesagt hat, und macht ein resigniertes Gesicht, das sagt: Das war’s, jetzt geht sie.

Emily starrt Ethan ungläubig an, versucht, das eben Gehörte irgendwie zu verarbeiten. Diesmal hört sie tatsächlich für mehrere Augenblicke auf zu atmen. Zieht langsam ihre Hand weg, bevor ihr Atem wieder einsetzt. Langsam steigt sie zum zweiten Mal aus dem Wagen und lehnt sich dagegen. Versucht durchzuatmen und ruhig zu bleiben. Sie kann nicht mehr denken oder zumindest keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie bleibt mehrere Minuten draußen in der eisigen Kälte stehen und steigt dann wieder ein.
Sie sieht ihn ernst an. “Erstens habe ich keine Ahnung, ob ich es besser weggesteckt hätte, aber schon mal dran gedacht, wie ich mich gefühlt hätte, wenn es schlimmer gewesen wäre. Und zweitens…” sie kommt ins Stocken, atmet nochmal tief durch, bevor sie weiterspricht, langsam und sehr sorgfältig. “Ich weiß nicht, was du dir dabei denkst.” Sie blickt dabei auf ihre Hände. “Aber du hast eine Freundin. Ich kann verstehen, wenn du dich vielleicht einsam und verlassen fühlst, weil sie nicht hier ist, aber so jemand bin ich nicht, okay. Und falls es irgendwelche Schuldgefühle sind, wegen dem, was damals passiert ist, die brauchst du auch nicht haben. Und zuletzt, es geht mir gut, klar. Verlagere nicht deine Probleme auf mich. Okay.”
Sie schweigt kurz. “Und wenn du so bei der Jagd reagierst, sollten wir vielleicht nicht mehr gemeinsam auf die Jagd gehen.” Emilys Stimme klingt zum Ende sehr unsicher.
Er schüttelt leise den Kopf. “Keine Schuldgefühle. Nicht mehr. Und du hast gefragt. Tut mir leid. Ist so. Du bist mir wichtig. Wie wichtig, hab ich eben… Ich meine. Dass ich… mich in den Blitz geworfen hab. War… Naja. Hab… Hab was erkannt.” Er schnaubt etwas. “Also nicht direkt da bei dem Kampf. Da hab ich einfach. Weißt schon. Nicht gedacht. Nur reagiert. Aber dann. Danach. Fahrt jetzt. Erkannt, dass… Naja. Willst du nicht hören. Aber. Nein. Keine Freundin. Nicht mehr.” Er schnaubt bitter. "Na egal. Vergiss es. Und jagen…“ Ethan schüttelt den Kopf und sieht sie zerknirscht an. “Nein. Jagen gut zusammen, denke ich. Gutes Team. Aufeinander verlassen und all das.”’
Sie schluckt schwer. Leise, kaum hörbar sagt sie: “Ja, ich habe gefragt, aber ich konnte doch nicht ahnen, dass… dass du.” Sie bricht ab, setzt aber sofort neu an. “Ich konnte doch nicht ahnen, dass sowas kommt, woher denn auch.”
Sie sieht verwirrt aus. “Und das gestern, mir ist nichts passiert, na gut, auch dein Verdienst, aber ich weiß, was ich tue, und ich hatte die Sache unter Kontrolle. Nochmal: Ich brauche keinen Aufpasser. Du kannst nicht das ganze Böse von mir fernhalten, Ethan.”
Dann schaut die Ethan verlegen an. “Du hast ja recht, aber so funktioniert das einfach nicht, wenn ich mir Sorgen machen muss, dass du… du… sowas Dummes machst.”
Er wirft hilflos die Hände in die Höhe und steigt jetzt selbst aus, wandert auf dem menschenleeren Parkplatz einige Kreise in der klirren Kälte herum, bevor er wieder einsteigt. Er atmet mehrere Male tief durch und formuliert immer noch so ungewohnt vollständig. “Vergiss das mit dem ‘Verdienst’. Ich bin nur froh, dass dir nichts passiert ist. Aber ja, auch nochmal: Ich weiß, dass du keinen Aufpasser brauchst. Ich weiß, dass du weißt, was du tust. Ich weiß, dass ich nicht alles Böse von dir fernhalten kann.” Unbewusst fährt er sich mit den Händen durch die Haare, atmet wieder durch. “Ich weiß das. Aber.” Wieder berührt er vorsichtig ihren Handrücken. “Bist mir wichtig. Kann’s nicht ändern. Kann’s nicht abstellen. Wenn das dumm ist…” Etwas verlegen hebt er die Schultern.

Sie schaut ihm nach, wie er aussteigt, vor dem Wagen herumtigert und wieder einsteigt. Als er wieder ihren Handrücken berührt, lässt sie die Hand ruhig liegen, kein Zucken oder Rucken durchfährt sie. Sie schließt die Augen und sie scheint all ihre Willenskraft dafür aufbringen zu müssen, die Hand ruhig liegen zu lassen. Sie spricht mit geschlossenen Augen, langsam und bewusst atmend. “Ethan, ich will nicht undankbar klingen, ehrlich nicht, aber es ist keinem damit geholfen, wenn wir beide draufgehen, verstehst du. Versteh das nicht falsch, ich leg es nicht darauf an, aber wenn es passiert, dann ist das so.”
Ethan schnaubt. “Kann immer passieren. Auch klar. Als ob ich’s drauf anlegen würd.” Beinahe ungehalten funkelt er sie an, und seine Stimme klingt ein bisschen rauh, als er weiterspricht, Zeugnis davon, wie ihre Worte ihn getroffen haben. “Werd schon nicht nochmal. Keine Sorge.”
Bei Ethans Reaktion zieht Emily fast gleichgültig die Schultern nach oben, und ihre Antwort klingt ein wenig trotzig. “Gut.” Doch dann lenkt sie ein. “Du weißt, dass das ‘so’ nicht gemeint war. Es ist nur… ach, ist jetzt auch egal.” Sie wirkt über Ethans Bitterkeit ein wenig betreten. Wundert sich aber nicht, sie kann ihn ja auf eine Art verstehen und weiß nur zu gut, dass die Menschen manchmal so auf sie reagieren.
Ethan schnaubt wieder. “War es nicht?” Dann aber sieht er Emily an und verzieht das Gesicht, macht eine knappe Handbewegung wie ein Abwinken… oder wie eine Entschuldigung. “Schon gut.” Er zögert, kämpft mit sich, ob er das Folgende wirklich aussprechen soll, überwindet sich dann aber doch. “Nach der Sache mit Irene und der Schale? Ich war so kurz davor.” Er schluckt. “Auch wieder hinzuwerfen, mein ich. So kurz davor, meiner Familie zu sagen, sie brauchen neue Namen, neue Identitäten, und ich darf die niemals erfahren, damit ich keine Gefahr mehr für sie bin. So kurz davor, einen Schnitt zu machen. Bones Gate verlassen. Keine Freunde mehr. Besser. Gefahr zu groß. Keiner, der mich braucht. Andere Jäger? Sicher nicht. Artie? Hat die Jacksons. Nur die Straße. Wie früher. Aber: wäre einfach. Wäre feige. Wäre… Scheiße. Ja, tut weh. Zerreißt einen. Nur…” Er schluckt, sucht nach den Worten, “vor paar Monaten noch gesagt: trotzdem. Jetzt… beweisen. Gerede oder Ernst.”

Emily hört erst ruhig zu, was Ethan zu sagen hat, bevor sie selbst das Wort ergreift. Sie kanalisiert ihre Unsicherheit in Wut. “Ach ja? Auch wieder? Du hättest beinahe hingeworfen? Glaubst du vielleicht, mir macht es Spaß, die Leute vor den Kopf zu stoßen? Glaubst du, ich hätte nicht gerne Freunde? Aber ich weiß, dass ich es mir nicht erlauben kann. Es tut mir weh, wenn ich euch zusammen sehe, dich und die anderen, aber dennoch weiß ich, wo mein Platz ist, und ich halte mich eisern an das Gelernte.”
Dann sagt sie leise: “Einzig und allein das Überleben zählt. Ich kann es mir nicht leisten…” Emily bricht ab und schaut aus dem Fenster dem Schneetreiben zu, dann blickt sie Ethan mit ernstem Gesichtsausdruck an. “Und willst du damit etwa andeuten, ich wäre feige, weil ich auf der Straße lebe, nicht zu meiner Familie zurückkehre? Mich ihr nicht stellen will? Immer unterwegs bin?” Sie presst die Lippen aufeinander und schließt die Augen, unterdrückt jede weitere Frage.
“Nein”, erwidert Ethan erst nur knapp, führt seinen Gedanken dann aber doch näher aus. “Ich sage nicht, dass du feige bist.” Sein Blick, mit dem er die andere Jägerin streift, drückt unmissverständlich aus, wie aufgewühlt er gerade ist. “Ich sage, ich wär’s. Wenn. Ich hab vorher groß getönt. Du nicht.”
“Ich will mich nicht streiten”, versucht sie zu erklären, auch wenn es ein wenig unbeholfen klingt. Dann wechselt sie das Thema und fragt zögerlich: "Wie jetzt ‘keine Freundin’, was ist mit Sam? Ich dachte es wäre alles in Ordnung zwischen euch?” Sie sieht Ethan mitleidig an.
Ethan schluckt erneut, sieht in die Ferne, dann Emily an. Drecksmist, klar, das weiß sie ja noch gar nicht. Woher auch? “Sam… Tja. Hab mir was vorgemacht. Die ganze Zeit. Oder fast.” Ethan schnaubt wieder, bevor er weiterspricht. “Fluch loswerden, dann weitersehen. Hah. Irgendwann…” – er zögert kurz, geht auf die genauen Umstände, wann und wie das passiert ist, doch nicht genauer ein, “klar geworden.”
Emily blickt Ethan verwundert an. “Warum hah? Das war doch euer Ding, oder etwa nicht? Fluch loswerden, dann weitersehen. Klar geworden… vorgemacht? Sorry, geht mich nichts an.” Verlegen schaut sie aus dem Seitenfenster. Dann nuschelt sie: “Mir wäre der Fluch ja egal gewesen, und zwar völlig egal. Aber nun ja, jeder ist anders.”
“Anders verstanden”, brummelt Ethan mit einem ratlosen Schulterzucken, ohne sich mit Emilys Bemerkung vom ‘nichts angehen’ länger aufzuhalten. ”Für mich: Festhalten. Für sie: Wegschieben. Glaub ich wenigstens. Aber stimmt schon. Sam oder nicht Sam. Nicht fair dir gegenüber. Fluch ist noch da.” Ethan verzieht das Gesicht, ballt für einen Moment die Fäuste. "Egal. Tut mir leid. Vergiss, dass ich irgendwas gesagt habe.” Auf Emilys leise nachgeschobenen Zusatz schüttelt er den Kopf und verzieht das Gesicht. “Sam auch behauptet. Immer gesagt, so eine blöde Hexe, so ein blöder Fluch, macht ihr keine Angst. Heh. Fluch nicht. Aber… was danach kommen könnte, anscheinend.” Ethan schnaubt.

Emily nickt stumm. Dann: “Tut mir leid… das mit Sam. Vielleicht bloß ein Mißverständnis? Vielleicht wirds ja wieder.”
Ethan schüttelt den Kopf. “Glaub nicht”, murmelt er, geht aber nicht näher darauf ein.
Vorsichtig geht ihre Hand Richtung Ethans, dann jedoch hält sie inne und kann sich nicht überwinden, die Bewegung zu vollenden, und zieht ihre Hand wieder zurück. Sie schluckt sichtlich. “Aber wie soll man das Gesagte vergessen? Und was hat der Fluch mit nicht fair zu tun?” Emily guckt irritiert.
Kurz darauf sagt sie leise zu Ethan: “Mal abgesehen vom Fluch. Der mich ehrlich nicht juckt. Wie stellst du dir das jetzt vor?” Emily seufzt. ”Ich meine, wie soll das zukünftig laufen? Hoffen, dass unsere Wege sich nicht mehr kreuzen?”

Bei Emilys erster Frage muss er dann beinahe schmunzeln. “Anderes Wort für so tun als ob”, erklärt er, verzieht bei der zweiten hingegen schmerzlich das Gesicht. “Schon gut. Nur… nur laut gedacht. Verg— Tu so, als hätt ich’s nicht gesagt.”
Dann presst er die Lippen aufeinander. Unterdrückt den Stich, den die Vorstellung, sie überhaupt nicht mehr zu sehen, und wenn es nur als Jägerkollegen sein sollte, in ihm auslöst. “Und: weiß nicht. Wege kreuzen, klar. Gutes Team und so. Ich werde nichts mehr davon sagen – wundert mich eh, dass ich’s konnte. Und du… naja. Wirst du sein.”

Emily guckt bedrückt, innerlich hat sie gemischte Gefühle, einerseits ist sie froh und weiß nicht so recht warum, aber andererseits macht sie das auch traurig. Sie geht jedoch nicht weiter darauf ein, sie hat das Gefühl, dass dies kein Thema ist, vorüber Ethan gerne spricht, und vermutet, dass sie selbst im Moment die Letzte ist, mit der er darüber sprechen möchte.
“Ich weiß schon, was das heißt, aber wie soll das funktionieren? Und so tun als ob, hm”, sie zuckt mit den Schultern. “Naja, wenn du das sagst. Wenn es das ist, was du willst? Dann versuche ich, es zu vergessen.” Sie sieht Ethan ernst an. “Gutes Team?… sind wir das jetzt noch?” Sie wendet sich ab mit der Hand am Türgriff. “Vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt gehe.”

Ethan schnaubt und bedenkt Emily mit einem ungläubigen Blick. “Bist du doch, die das will.” Er schüttelt sich eine Zigarette aus der Packung, hält sie zwischen den Fingern, zündet sie aber nicht an. Überlegt und hebt dann die Schultern. “Sind. Hoff ich jedenfalls. Müssen wir sehen.” Aber schon hat Emily die Hand am Türgriff, und Ethan sackt ein bisschen in sich zusammen. “Mmhm. Vielleicht wirklich. Wenn’s dir lieber ist.” Er starrt aus dem Fenster, bevor er sich zu Emily wendet, seine Stimme betont sachlich klingen lässt, so schwer das auch fällt. “Naja. Vielleicht ganz gut. Vielleicht die Luft gereinigt und so.”

Emily verharrt mit der Hand am Türgriff, sieht Ethan unglücklich an. Sie presst die Lippen zusammen und steigt aus. Draußen geht sie in die Hocke und atmet schwer, danach lehnt sie sich gegen Ethans Auto und haut mit der Faust dagegen, bis ihr bewusst wird, dass es ja gar nicht ihr Wagen ist, und flucht hörbar. Sie spricht mit sich selbst. "Das hat gar nichts gereinigt, sondern nur komplizierter gemacht.” Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie das Verlangen zu rauchen. Jetzt ist sie es, die neben dem Auto auf und ab geht. “Was jetzt, was jetzt.” Emily ist sich bewusst, dass es wahrscheinlich besser wäre, einfach zu gehen. Ethan war schließlich auch der Meinung, obwohl sie es ihm nicht wirklich abgekauft hat. Doch irgendwas hindert sie daran, sie will so nicht mit ihm auseinander gehen. Sie blickt ins Innere des Autos und steigt wieder ein. Sie schaut Ethan nicht an. “Sag mir, dass das alles nur ein Traum ist und ich gleich aufwache? Sag, dass das hier nicht wirklich passiert.”

Im Auto hat Ethan die Hand zur Faust geballt, auf das Lenkrad gestützt und die Stirn dagegen geschlagen, dann wütend “Idiot!” gezischt. Er weiß doch, dass sie keinerlei Freundschaften will, verdammt, und mehr als das schon gleich gar nicht!
Als Emily jetzt wieder einsteigt und von ‘Traum’ spricht, reibt er sich das Ohr. “Heh. Erklärung. Gute sogar. Ich mein.” Gegen seinen Willen überzieht ein selbstironisches Grinsen sein Gesicht. “Ernsthaft. Kann gar nicht. Ganze Sätze? Niemals.”
Sie schluckt wieder. “Es ist kein Traum, oder?”
Ebenso schlagartig, wie es gekommen ist, verlässt das Grinsen Ethans Gesicht. “Können so tun, als ob.”

Emily schüttelt den Kopf und ringt mit sich. “Pass auf.” Sie atmet tief durch. “Es ist ja nicht so, als würde ich dich nicht mögen, aber wir können nicht… ich kann nicht… nein, das geht einfach nicht.” Dabei kneift sie ihre Augen zusammen. “Ethan, es tut mir leid, ehrlich, aber mir fallen so viele Dinge ein, die dagegen sprechen.” Sie öffnet die Augen wieder und presst die Lippen aufeinander.

“Kay”, brummelt Ethan zu Emilys Kopfschütteln, “nicht so tun.” Er strafft sich und atmet einmal tief durch. “Kay. Puh.” Aber als sie dann weiterspricht, dreht er sich zu ihr um und sieht sie mit leicht verengten Augen forschend an. Er hatte es auf sich beruhen lassen wollen, aber jetzt muss er doch fragen. “Dagegen sprechen? Fluch, meinst du? Und nicht kann? Wegen… Ach so. Ja klar. Keine Freunde.” Er seufzt. “Verstehe.”

Emily hebt den Kopf und sieht Ethan mit neutralem Gesichtsausdruck an. “Sorry. Aber nicht alles dreht sich um dich und deinen Fluch.” Ihre Stimme klingt ruhig und sachlich, und sie bemüht sich, so emotionslos wie nur möglich zu klingen. Sie sieht zur Zigarette und dann wieder Ethan an, welcher mit der Zigarette in der Hand spielt. Emily versucht, die Situation etwas aufzulockern und vom Thema abzulenken. “Willst du rauchen?”

“Hey. War ne Frage. Wollte nicht… kay, war egoistisch. Tut mir leid. Geht mich auch nichts an. Oder… doch. Tut’s.” Er sieht sie ganz direkt an. “Was spricht dagegen?”
Bei ihrem Blick auf seine Zigarette nickt er stumm, macht schon Anstalten, sie anzuzünden, lässt das Feuerzeug dann aber doch wieder zuklappen. Wirft einen Blick nach draußen und nickt in Richtung Roadhouse. “Vielleicht rein?” Er versucht das Rauchen im Auto zu vermeiden, wenn er mit Nichtrauchern fährt, seit Irene, die aufgehört hat, ihm deswegen mal den Kopf gewaschen hat. Bei ihrem Besuch vorgestern machte Silent Pete nicht den Eindruck, als würde er sich an Zigaretten stören. Und drinnen geht Emily der Rauch vielleicht nicht ganz so auf die Nase wie hier im Auto. Falls sie nicht die Gelegenheit nutzt und abhaut, versteht sich. Okay, könnte er auch nicht ändern, wenn. Aber er hofft es nicht. Zögernd sieht er die andere Jägerin an.

Emily schaut ihn überrascht an auf sein ‘es geht ihn etwas an’. Sie schaut nochmal auf die Zigarette, dann zum Roadhouse. Sie nickt knapp und steigt aus dem D21, holt ihren Kram aus Ethans Auto und bringt ihn zu ihrem eigenen, wo sie ihn verstaut. Sollte es doch nicht gut laufen, kann sie sofort abhauen. Dann geht sie zum Eingang, wo Ethan bereits wartet und ihr mit der Zigarette im Mund entgegensieht, ob sie wirklich kommt. Die beiden Jäger betreten das Roadhouse, und Emily nickt Silent Pete kurz zu und schenkt dem alten Jäger ein Lächeln. Geht auf ihn zu und bestellt sich einen Schnaps und einen Tee, während Ethan dem Roadhouse-Wirt kurz Bescheid gibt, dass sie zwar wieder im Land sind, Niels aber noch ein paar Tage in Kanada bleiben wollte. Sie setzt sich an einen Tisch in der Ecke mit Blick zur Tür. Emily wartet, bis auch Ethan bestellt und sich zu ihr gesetzt hat. “Um auf deine Frage von eben zu kommen. Hm. Wo soll ich anfangen, erstens…”, sie zögert kurz, “… ist immer noch mein Bruder hinter mir her, und ich werde da mit Sicherheit niemanden mit reinziehen, dann bin ich keine Frau, mit der man alt werden kann. Ich bin auch nicht sesshaft, niemand, den man seiner Familie vorstellt, vor allem ist es tödlich für beide Seiten und macht uns angreifbar und und und…"
Sie schüttelt traurig den Kopf. “Außerdem hast du dich gerade mit deiner Familie versöhnt, und Alan fände es sicher auch nicht prickelnd. Vom Altersunterschied ganz zu schweigen.”
Emily schaut Ethan dabei nicht an, sondern auf die Tischplatte vor sich. Sie kann ihm gerade nicht ins Gesicht, geschweige denn in die Augen schauen.

Emily mag zwar vielleicht angestrengt auf die Tischplatte starren, aber Ethan, der sich bei Pete erst einmal nichts weiter als einen Tee bestellt hat, betrachtet die junge Frau nachdenklich eine Weile, während er im Geist sorgfältig die Worte zusammensucht. “Du hast es vorhin selbst gesagt”, erklärt er dann. “Wär mir egal. Völlig egal. Bruder, reinziehen, sesshaft, nicht sesshaft, vorstellen, nicht vorstellen, egal.” Er verzieht das Gesicht ein bisschen. “Angreifbar, ja. Zugegeben. Aber auch stärker. Wenn… Scheiße. Kitschig. Gah. Sorry.” Schnell unterdrückt er den nicht ausgesprochenen Gedanken und geht lieber auf ihren nächsten Punkt ein. “Und Familie… Würden die schon ihren Kopf drumrum kriegen.” Ihr letztes Argument hingegen hat ihn völlig verwirrt, und diese Verwirrung hört man auch aus seiner Stimme heraus, als er fragt: “Altersunterschied? Zwei Jahre? Drei?” Er zuckt mit den Schultern. “Und?”

Emily bemerkt Ethans Verwirrung und ist selbst irritiert, scheint aber schnell den Haken zu finden und murmelt leise mehr zu sich selbst als zu Ethan: “Richtig, hier ist ja nur ein Jahr vergangen.”
Dann wendet sie sich Ethan zu, schaut erst in seine Augen, dann scheint ihr Blick etwas tiefer zu gehen. Emily räuspert sich, bevor sie anfängt zu sprechen. “Hör zu, ich schätze, die Entfernung war nicht der einzige Grund für eure Trennung, aber du kannst nicht wirklich eine Kaputte, sorry dafür, gegen eine andere austauschen wollen? Und sobald du jemand Neues kennenlernst, werde ich dann auch einfach ausgetauscht? Außerdem: nicht stärker, sondern schwächer, unachtsamer. Hast du doch gestern gemerkt.” Sie seufzt. “Außerdem könnte ich es nicht ertragen, wenn mein Bruder dir was antut, es ist, hm… Familiensache."
Dann blickt sie auf und sieht ihn doch wieder direkt an. “Wie konnten uns damals nicht mal leiden. Weiß nicht, was jetzt anders wäre.”

Ethan runzelt die Stirn. “Drecksmist, nein. Niemals. Ich meine… Scheiße…” Er bricht ab, muss wieder erst nach den Worten suchen. “Nein. Niemals. Hab nie, würde nicht… Nicht ’austauschen’. Quark.” Er stottert, bricht wieder ab. “Ist nur: wenig Erfahrung mit… mit Gefühlen. Weiß nur… Oh Mann. Drecksmist.” Er schluckt, setzt neu an. “Wie erklären?” Er hebt unwillkürlich die Hand an die Kehle, wo er bis zum Sommer den Anhänger mit dem Lebensbaum getragen hat, als könne ihm die Geste irgendwie dabei helfen, eine Erklärung zu finden. “Sam ging… sehr tief bei mir. Komplett verliebt. Seligkeit. Wenn. Wenn sie. Naja. Wusste nie richtig, ob. Wie. Hat nie gesagt, dass sie… Immer nur ‘Fluch loswerden, dann weitersehen’. Nie ’wir’.” Er lässt die Schultern hängen, aber dann strafft er sich. “Und doch. Wäre stärker. Gestern? Nicht unachtsam. Steh dazu. Füreinander da sein. Wie richtig gutes Team halt. Nur… noch mehr.” Er zögert kurz und überlegt, ob er das noch weiter auswalzen soll, geht aber dann lieber auf Emilys letzten Satz ein. “Damals: nein. Konnten wir nicht. Heute: Anders. Ganz anders.” Ethan sieht Emily forschend an. “Du immer noch? Nicht ausstehen, mein ich?” Er zögert, atmet dann tief durch, bevor er überzeugt erklärt: “Glaub ich dir nicht.”

Emily reibt sich mit den Händen durchs Gesicht und lässt ihre Hände dort einen Moment ruhen, bevor sie die Hände wegnimmt und seufzend sagt: “Nein, heute nicht mehr. Hast ja recht. Nur, ach weiß auch nicht.”
Als er davon spricht, dass er sie nicht austauschen würde und an seine Kehle greift, als würde er nach was greifen wollen, und ihr erzählt, wie sehr er in Sam verliebt war und wie tief sie ihm ging, wird Emilys Blick skeptisch und sagt zögerlich. “Du hast dich noch nicht wirklich von ihr gelöst, oder? Du vermisst sie noch und liebst sie noch immer, habe ich recht.” Emily bemüht sich um einen neutralen Gesichtsausdruck. Doch geht ein Schatten über ihr Gesicht. Sie atmet tief durch und wechselt dann das Thema. “Füreinander da sein? Gutes Team? Hm.” Sie scheint noch was sagen zu wollen, schluckt es runter und spricht dann leise und sanft. “Das war zum Teil Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Wie ich schon sagte, ich mag dich und will nicht, dass du dein Leben für mich riskierst.” Auf sein ‘Nur… noch mehr’ geht sie nicht weiter ein und übergeht es geflissentlich.

Die Frage nach Samantha lässt Ethan energisch den Kopf schütteln. “Doch. Glaub schon. Anfangs… ja. Hat gedauert. War…” Er beugt sich vor und vergräbt die Finger in den Haaren, wie so oft, wenn die Gedanken nicht zu Sätzen werden wollen. “Nach Unity”, versucht er es dann, stockend und mit Pausen: “Heimfahrt. Klar geworden. Immer weniger gehört. Also vorher auch schon. Februar England, kaum Kontakt. Klar, Zeitverschiebung. Fünf Stunden, abends schlecht, morgens schlecht. Dicke Mauern. Immer kurz. Knapp. So gern Stimme mehr gehört, aber ging nicht. E-Mails: auch knapp. Echt vermisst. Dachte: Kay. Geht nicht anders. Geht rum. Irgendwann. Sie kommt wieder. Nur immer stärker Eindruck: Geht nur mir so. Vermisse sie mehr als sie mich. Wenn wir nicht grad reden, bin ich ganz weit weg von ihren Gedanken. Gar nicht da. Und dann, Unity, Heimfahrt. Wie du ‘wir’ gesagt hast.” Schnell macht er eine abwehrende Handbewegung: “Weiß. Hieß nix. War nur… naja. ‘Wir’ wie gutes Team halt. Beim Fluchlösen helfen, weil Team, nicht weil mehr. Aber. Von Sam nicht mal das. Fluchlösen ja, wollte auch in England forschen, aber eben so gut wie nie ‘wir’. Heimfahrt: Augen geöffnet, irgendwie. Also: Brief. Versucht zu beschreiben. Wie’s mir vorkam. Und dass… dass es mir inzwischen genauso ging. Dass sie nicht mehr ständig bei mir war. Dachte… dachte, vielleicht kommt was. Ausgemalt, dass sie heimkommt. Vor der Tür steht. Ausgemalt, wie ich selbst hinfahr. Aber kein Geld. Ausgemalt, dass sie antwortet: ‘Nein, irrst dich. Ist nicht so. Bist noch bei mir.’ Aber…” Ethan hebt etwas die Schultern, schnaubt ironisch, “Reaktion? Knapper ging kaum. Heh.” Er schnaubt wieder. “Also ja. Anfangs schon. Immer noch gehofft. Aber…” – jetzt wird Ethan sichtlich verlegen und stockt noch etwas mehr als ohnehin schon, bevor er es doch ausspricht – “immer öfter an dich gedacht. Also nein. Nicht mehr.” Nach dieser endlos langen Rede, während derer er Emily lieber nicht angesehen hat, trinkt Ethan seinen Tee in einem Zug leer und signalisiert Silent Pete, dass er gerne noch einen hätte. Also eigentlich hätte er tatsächlich lieber ein Bier, aber erstens ist das nichts für das Wetter und zweitens muss er noch fahren.

Emily hebt den Blick und sieht Ethan an, sie schaut mitleidig. “Es tut mir leid. Ich hätte dir gewünscht, dass es funktioniert, vor allem, da sie ja selbst Jägerin ist.” Dann guckt sie etwas zerknirscht. "Ist es meine Schuld? War es, weil ich wieder aufgetaucht bin? Habe ich dein Leben durcheinander gebracht? Also wenn, dann tut es mir wirklich sehr leid.” Ihre Hand bewegt sich in seine Richtung, bricht die Bewegung aber wieder ab, stattdessen trinkt sie ihren Schnaps leer und deutet Silent Pete an, dass sie noch einen möchte.
Emily seufzt sehr leise und spricht mit belegter Stimme. “Ethan.” Sie schweigt einen Moment bevor sie weiterspricht, hadert noch ein bisschen mit sich. “Genau das wollte ich vermeiden. Dass ist einer der Gründe, warum ich keine Freundschaften will. Das macht das Leben unnötig kompliziert.” Sie atmet schwer, ihre Stimme klingt immer noch erstickt. “Egal, was deine Gründe für deine Entscheidung waren. Du weißt, mit mir würde es dir nicht besser gehen. Ich kann dir nicht den Halt bieten, den du brauchst, und dir auch nicht die Zuneigung geben, die du verdienst. Klar, ich helfe dir, den Fluch loszuwerden, wenn du das noch willst. Habe es dir irgendwie versprochen, und dazu stehe ich. Aber sieh es ein, bei der kleinsten Berührung schreit alles in mir, und es verlangt viel von mir, das bisschen Berührung überhaupt zuzulassen. Ganz abgesehen davon, dass ich nie länger als zwei oder drei Tage an einem Ort bin. Ich glaube nicht, dass das wirklich dein Wunsch ist.” Damit schließt sie ihre Erklärung und sieht ihn mit traurigem Blick an. “Es tut mir leid, wenn ich dir falsche Signale gegeben habe, das war nicht meine Absicht.”

Als Emily davon spricht, dass er ‘Halt brauche’, sieht Ethan mit einem schnellen, ungläubig-sarkastischen Blick zu ihr hin, unterbricht sie aber nicht. Dann ist sie fertig, und er zögert einen Moment lang, sucht nach der richtigen Formulierung. “Ort wär mir egal. Berühren…” Er zuckt ein bisschen hilflos mit den Schultern. “Würd auch gehen, irgendwie. Ohne, mein ich. Nur: bräuchte halt…” – kurz zögert er wieder, und etwas wie ein Schmerz geht über seine Züge, bevor er aufspringt und erregt einige Schritte im Gastraum auf- und abgeht – “Grundlage. Zuneigung. Ohne die…” Er atmet durch, und sein Gesicht nimmt einen entschlossenen Ausdruck an, ebenso wie seine Stimme einen sachlichen Tonfall bekommt, als er sämtliche Emotionen radikal nach unten drängt. “Naja. Ist, wie’s ist. Hast keine, also hast keine. Werd’s nicht wieder ansprechen. Und…” – jetzt wird seine Stimme doch wieder etwas weicher, persönlicher – “nicht gewusst. Dir das so sehr wehtut, mein ich. Wenn ich… Tut mir leid. Werd nicht mehr… Kommt nicht nochmal vor.” Ethan nickt entschieden, drängt erneut irgendetwas nach unten und bleibt vor ihr stehen. Er hat seine Miene jetzt wieder sorgfältig unter Kontrolle; von dem Schmerz ist nichts mehr zu sehen, oder jedenfalls nicht auf Anhieb. “Aber: keine Schuld. Wär so oder so passiert. Und Fluch: ja. Bitte. Bist schon eingeweiht. Muss aktiver forschen. Schon wieder zu lange. Dämon. Hexenring. Alles. Wenn du hilfst, schneller.”

Stur schaut Emily vor sich auf die Wand und hört Ethan zu. Mit jedem seiner Worte werden ihre Lippen schmaler, und ihre Gesichtszüge versteinern. Sie wagt es nicht, ihn anzusehen, nimmt aber sehr wohl die veränderte Stimmlage wahr. Als Ethan geendet hat, presst sie hervor: “Okay, dann hätten wir das ja geklärt.” Sie schaut immer noch angestrengt mit steinerner Miene die Wand an. Ihre Stimme klingt steif, aber nicht wegen dem, was sie sagt, sondern das ist eher ihrer Mimik geschuldet. “Gut, dann lass es mich wissen, wenn du Hilfe brauchst, selbst, wenn es nur um Nachforschungen geht. Wir werden das schon zusam— … wir kriegen das schon hin und beenden den Fluch.” Sie lächelt ein wenig und sieht zu Ethan hin.
Doch irgendwie spürt sie Ethans Schmerz, ob es der Tonfall ist oder etwas an der Körpersprache, aber das Lächeln verschwindet genauso schnell wieder, wie es gekommen war. Sie erhebt sich und geht zum Tresen herüber und lässt sich den Schnaps direkt dort geben. Während Silent Pete Ethan seinen Tee bringt und nicht auf Emily achtet, vergräbt sie ihr Gesicht kurz in den Händen und atmet sichtlich schwer. Sie zischt leise: “Verdammt. Jetzt hast du es geschafft, und glücklicher macht es dich trotzdem nicht.”
Emily kippt den Schnaps herunter und geht wieder zum Tisch, dreht erst nochmal ab, bevor sie doch auf Ethan zusteuert und sich neben ihn stellt, ganz nah, dass vielleicht gerade ein Blatt zwischen die beiden passen würde, diesmal scheint sie es zu sein, die seine Nähe sucht. Dann, es ist mehr ein Hauchen, und Ethan muss aufpassen, damit er es versteht. “Ich will dich doch nur beschützen, vor mir beschützen.” Emily ist froh, dass das Roadhouse im Moment leer ist und bis auf Silent Pete keiner mitbekommt, was dort gerade passiert. Sie schweigt einen Moment, scheint nach Worten zu suchen. Spricht dann leise, aber mit fester Stimme weiter. “Du warst so… ehrlich und aufrichtig.” Sie schließt ihre Augen, ringt nach Worten. “Ja. Alles in mir schreit, wenn ich berührt werde… aber es ist auch schön und fehlt mir.”
Dann stellt sich Emily vor ihn, immer noch so nah, dass kaum etwas zwischen sie passt. Der Drang, Abstand zu nehmen oder gar sich einfach ins Auto zu setzen und loszufahren, ist groß, aber sie verdrängt ihn mit aller Macht. Sie versucht, seinen Blick einzufangen, und Ethan kann Furcht und leichte Panik erkennen. Es scheint ihr unheimlich schwer zu fallen, und sie spricht die folgenden Worte, ohne ihn anzusehen. “Ethan. Ich… ich… mag dich auch… umso… umso schwerer fällt es mir. Ich weiß einfach nicht, wie, und habe eine Heidenangst davor. Denn das kann ich nicht kontrollieren. Also stoß ich alle von mir weg. Ich kann nicht gut mit Menschen.” Sie zuckt mit den Schultern und lässt den Kopf hängen.

Emilys kühles ‘dann wäre das ja geklärt’ quittiert Ethan mit einem knappen Nicken und weiterhin sorgfältig angestrengt neutralem Gesicht, aber als sie gleich im nächsten Atemzug das Wort ‘wir’ in den Mund nimmt, da zieht er doch kurz hörbar die Luft ein, und seine Kiefer verhärten sich einen Moment lang. Stumm und dankbar für die Ablenkung sieht er Silent Pete dabei zu, wie der alte Jäger, nachdem er Ethan seinen Tee gebracht hat, umständlich den schweren Vorhang richtet, der an der Tür als Windfänger dient. Entweder er hat Schwierigkeiten, oder er will diskret sein und seinen beiden Gästen ihre Ruhe lassen. Da der stumme Barkeeper alles andere als ungeschickt wirkt, ist es vermutlich eher Letzteres. Aber deswegen jedenfalls bemerkt Ethan erst spät, dass Emily vom Tresen zurück- und auf ihn zukommt – und dann ist sie bei ihm, so unendlich nah, und Ethan erstarrt. Rührt nicht einen Muskel, und vor Anspannung treten die Sehnen in seinem Hals deutlich hervor. Als sie dann von seiner Seite weg und vor ihn tritt, davon spricht, dass sie ihn mag, wird seine Starre wenn möglich noch größer, und an den geballten Fäusten kann man erkennen, wie sehr er gerade um Fassung kämpft. “Em…“ Ganz weich murmelt er das, bewegt, und so leise, dass die eine Silbe ihres Namens kaum zu verstehen ist, also versucht er es erneut. “Nicht”, flüstert er, und in seiner Stimme schwingen all die unterdrückten Emotionen mit, die gerade doch wieder an die Oberfläche drängen wollen, “Tu das nicht. Bitte…” Seine geballten Fäuste krampfen sich noch fester zusammen, weil alles in ihm danach schreit, eben doch die Arme um sie zu legen. Aber er gewinnt den Kampf. Regt sich nicht. “Ich… ich kann das nicht, wenn…“

Emily bemerkt Ethans Anspannung direkt neben sich, und aus dem Augenwinkel sieht sie, wie seine Sehnen unter der Haut hervortreten. Sie spürt, wie sich seine Fäuste ballen und er augenscheinlich mit sich kämpft. Sie vernimmt den Hauch ihres Namens und die Bitte, ihm nicht so nahe zu kommen, und sie wendet sich von ihm ab, geht zum Fenster und sieht nach draußen und dem Schneetreiben zu.

Als Emily von ihm wegtritt, irrlichtert in Ethans Blick eine Mischung aus Bedauern und Erleichterung, und noch immer bewegt er sich nicht. Aber er wendet die Augen nicht von ihr ab, folgt wie gebannt ihren Bewegungen. Bei ihrem Geständnis von der Angst vor dem Kontrollverlust hat Ethan langgezogen und tief ausgeatmet und langsam genickt. Jetzt fängt er erst wieder kühl und leidenschaftslos an zu reden, aber das hält er nur die ersten drei Worte lang durch. “Verstehe. Kontrolle. Ja.” Dann zögert er einen Moment, und jetzt klingt seine Stimme bewegt von all den Emotionen, die er eben doch nicht so einfach wegschließen kann, wie er das gerne wollte. “Auch Angst. Scheißangst. Weißt nie… Nicht mehr nur du. Unkalkulierbar.” Wieder einmal hebt er hilflos die Schultern. “Angreifbar. Verwundbar. Keine Garantien. Keine Sicherheit. Keine Versprechen. Stimmt schon. Aber… aber trotzdem.” Er hält inne, seufzt. Sieht bedrückt zu ihr, wie sie mit hängenden Schultern am Fenster steht. “Kann dir nur eins versprechen. Wenn… wenn du’s wirklich willst. Werd… werd ich’s respektieren. Klar. Muss ja. Außerdem: bestimmt besser. Eh keine gute Gesellschaft.”
Sie steht noch immer mit dem Rücken zu ihm, betrachtet ihre Hand, wo er sie so sanft und zaghaft berührt hat, als wäre sie aus Porzellan. Sie bekommt eine leichte Gänsehaut bei der Erinnerung, und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Dann dreht sie sich zu Ethan um, und das Lächeln verschwindet wieder. Sie blickt ihn an, kommt zwei kleine Schritte näher und bleibt dann stehen. “Das darfst du nicht denken. Du solltest dich nicht schlechter machen, als du bist, und nur wegen…” sie scheint ein Wort zu suchen “…der, wie soll ich sagen, Sprachbarriere? heißt ja nicht, dass deine Gesellschaft nicht gut ist.”

Die Bemerkung von der ’Sprachbarriere’ entlockt ihm ein Schnauben. “Nicht nur reden”, wirft er ein. “Alles halt.” Felicitys Beschreibung dafür kommt ihm in den Sinn, und er gibt das Zitat mit einem schiefen, ironischen Lächeln wieder. “Nicht gerade der geselligste Mensch auf diesem Planeten.” Er zuckt mit den Achseln. “Ist so.”
Er verzieht das Gesicht zu einem traurigen Lächeln. “Naja. Jedenfalls: danke. Weiß es zu schätzen. Echt. War bestimmt nicht leicht grad.”
Emily zuckt bitter mit den Schultern. “Ist jetzt eh alles egal.”
Sie zögert einen Moment lang, und ihre Stimme wird brüchig. “Sorry. Jetzt hab ich es noch viel schlimmer gemacht. Ich sagte dir ja, ich bin Gift, und jetzt zieh ich dich auch noch mit in meinen Sumpf. Ethan, das wollte ich nicht, wirklich.”

Dass Emily so bitter weiterspricht, lässt sein Lächeln verschwinden. Nachdem sie verstummt, sieht Ethan sein Gegenüber einen endlosen Herzschlag lang nur wortlos an. Dann jedoch schüttelt er abrupt den Kopf und überwindet mit zwei schnellen Schritten die Entfernung zwischen ihnen. Packt sie mit beiden Händen an den Schultern und schüttelt sie, nicht gewalttätig, aber mit Nachdruck. “Kein Gift”, sagt er heftig. “Hörst du? Du bist kein Gift! Du bist…” Er bricht ab, und jetzt ist er es, der ganz nah bei ihr steht, ihr eindringlich in die Augen sieht, als wolle er in deren tiefste Tiefen blicken. Und sich dann unvermittelt vorbeugt, seine Hände von ihren Schultern an ihren Kopf hebt, um sie festzuhalten, und sie küsst, nachdrücklich und ausgiebig, auch wenn er gleichzeitig ein bisschen so wirkt, als sei er völlig überrascht von sich selbst.
Der Moment wirkt zeitlos, aber schließlich endet der Kuss. Ethan löst sich von Emily, lässt sie los und tritt die zwei Schritte wieder zurück. Sein Gesicht ist eine Mischung aus Verlegensein und Entschlossenheit. “Kein. Gift.” wiederholt er leise.

Emily schaut erschrocken Ethan an, der so plötzlich wie aus dem Nichts vor ihr steht. Sie hat keine Angst, es war nur die plötzliche Bewegung, die sie erschreckt hat. Sie wehrt sich nicht gegen Ethan, sie ist völlig überrumpelt und lässt sich von ihm schütteln. Sie versucht, etwas zu sagen, ihm zu widersprechen, aber es kommt keine anständige Silbe heraus, nur unzusammenhängendes Gebrabbel. Jetzt, wo er so ganz nah bei ihr steht, hört sie seinen Atem, spürt ihn auf ihrer Haut, als er mit ihr spricht, und seine Hände an ihren Schultern, aber sein aufregender Duft ist es, der sie völlig aushebelt, er riecht erdig, irgendwie waldig und nach einer Mischung aus dem Tee den er eben getrunken hat und kaltem Zigarettenrauch, mit einer Note seines Aftershaves. Andere fänden den Geruch vielleicht abstoßend, jedoch Emily nicht, das Einzige, was sie eventuell gestört hätte, wäre der Zigarettenqualm gewesen, aber jetzt, wo er ihr so unglaublich nahe gekommen ist, spielt dieses Detail keine Rolle für sie. Sie saugt den Geruch regelrecht ein, und ihr Kopf ist leer und doch so voll, eine Millionen Gedanken kreisen darin, daher wehrt sie sich auch nicht, als Ethan ihren Kopf umfasst und sie küsst. Sie erwidert den Kuss, schließt ihre Augen und legt eine Hand langsam in seinen Nacken und zieht ihn näher an sich. Dann ist es, als würde ihr bewusst werden, was sie da tut, und sie nimmt langsam die Hand nach vorn und drückt Ethan sanft von sich weg. Schaut ihn eine Zeitlang an und räuspert sich. Sie setzt mehrere Male an, um etwas zu sagen, bevor es ihr gelingt. “Wir können das nicht… wir sollten das nicht.” Sie bricht ab, schaut erst auf den Boden und scharrt mit dem Fuß, sieht dann aber auf und ihn schüchtern an, verlegen lächelt Emily. “Oder?” Wieder eine kleine Pause. “Doch?” Zweifel und Skepsis kann man in ihren Gesicht lesen. “Und Sam? Wenn sie zurückkommt? Was dann?”

Dass Emily ihn nicht wegstößt, sondern sich in seinen Kuss hineinlehnt und ihn mit gleicher Intensität zurückgibt, raubt Ethan den Atem, auch noch, nachdem sie ihn dann sachte von sich geschoben hat. Solange Emily nach Worten sucht, sagt er ebenfalls nichts, sondern lässt seine Atmung sich beruhigen und wartet, bis sie sich soweit gefangen hat, dass sie wieder reden kann. Während er ihr dabei zusieht, wie sie um Fassung ringt, fährt er sich verlegen mit der Hand durch die Haare. An seinem Daumen, dort, wo dieser unter ihrem Kiefer ruhte, als er sie festgehalten hat, haftet der Duft ihres Patchouli-Parfums und dringt jetzt unverfälscht an seine Sinne, nachdem er sich zuvor, bei ihrem Kuss, mit dem leichten Kokosduft ihres Haars und ihrer Haut vermischt hatte.
Als Emily zu sprechen anfängt, schüttelt Ethan erst protestierend den Kopf, hört aber bei ihrer Frage gleich wieder damit auf und erwidert das Lächeln vorsichtig. “Doch”, murmelt er leise, aber überzeugt, fängt dann Emilys Blick ein und sieht ihr in die tiefblauen Augen. “Und wenn Sam zurückkommt… kommt sie zurück. Ich wünsch ihr alles Glück der Welt. Aber. Nicht mehr mit mir. Hab nicht umsonst im Labyrinth dich gesehen.” Wieder beugt er sich vor, aber diesmal streift er nur mit den Lippen die ihren, unendlich sachte, die Berührung einer Feder, kaum überhaupt ein Kuss zu nennen, ehe er sich wieder zurücklehnt. “Denk an dich.” In dem letzten Wort schwingt Hoffnung ebenso mit wie das Versprechen, sich nichts, rein gar nichts, zu erwarten.

“Also vielleicht. Ich meine falls doch.” Emily erwidert den Blick und ihre Pupillen bewegen sich heftig. Sie sucht nach einer Formulierung. “Also wenn, dann sollten wir es für uns behalten. Denke ich.” Nach einer kurzen Pause fügt sie leise hinzu: “Kiyoshi würde mir den Kopf waschen, wenn er hiervon wüsste.” Ihr Blick wird todernst. Als Ethan das über Sam sagt, nickt sie vorsichtig, wirkt aber noch nicht völlig überzeugt. “Labyrinth? Mich gesehen? Was meinst du?” Emily scheint sichtlich verwirrt zu sein.
Obwohl sie den Kopf zurückzieht, erwischen Ethans Lippen die ihren ganz zaghaft. Danach sieht sie ihn ein wenig wütend an. “Nicht.” Emily scheint ihre Fassung und die Kontrolle wieder zurück zu haben und zieht sich etwas zurück, nur wenige kleine Schritte, bis Emily wieder am Fenster steht.

Im selben Moment, in dem Emily sich der federleichten Berührung seiner Lippen entzieht und ihm ihr ungehaltenes ‘nicht’ entgegenhält, macht Ethan ein verlegenes Gesicht und hebt entschuldigend die Hände. “Hast recht. Tut mir leid.” Er tut die paar wenigen Schritte zurück zum Tisch und setzt sich wieder. Mit dem Kopf in den Händen starrt er gedankenverloren vor sich auf die Tischplatte, und dass er eben das Maislabyrinth erwähnt hat, scheint er gar nicht mehr zu wissen – oder zumindest geht er auf Emilys Frage für’s Erste nicht ein.
Bei Emilys Verwendung des Wortes “Falls” zuckt kurz eine Regung über Ethans Gesicht, die er aber sofort unterdrückt, und er reagiert auch nicht mit Worten, lediglich mit einer Miene, der man ansehen kann, wie es dahinter arbeitet, auf ihr ‘für uns behalten’. Die Erwähnung von Kiyoshi allerdings lässt ihn innehalten und den Kopf schieflegen. “Weiß nicht. Vielleicht. Aber: Selbst Nachfahre. Jon. Also… hm. Selbst auch?”

Langsam und unsicher folgt sie Ethan und setzt sich gegenüber auf einen Stuhl. Emily schaut kurz irritiert, als eine kurze Regung durch sein Gesicht geht, die so schnell verschwindet, wie sie gekommen war. Um Ethan nicht zu lange angucken zu müssen, beschäftigt sie sich mit ihrem Tee der in der Zwischenzeit kalt geworden ist, und trinkt einen Schluck. “Das mit Kiyoshi ist kompliziert, und es verändert einen, wenn man dort ist. Vor allem, wenn man so lange dort ist wie er. Ich bin sicher, er wäre enttäuscht von mir.” Sie macht ein zerknirschtes Gesicht, bevor sie ihre Füße auf den schmalen Stuhl zieht und ihre Arme um die Knie legt. Sie schaut, wo sich Silent Pete gerade befindet, und deutet ihm an, dass sie noch einen letzten Schnaps möchte.

“Mmm”, macht Ethan langsam. “Keine Ahnung. Vielleicht enttäuscht. Aber: Freund. Familie. Sieht man Dinge nach.”
Als Emily daraufhin Pete nach einem weiteren Schnaps signalisiert, schenkt Ethan ihr einen aufmerksamen Blick. “Hilft dir das?” fragt er ruhig. Weder seine Stimme noch seine Gesichtszüge enthalten eine Anklage, nur aufrichtiges, vielleicht ein wenig zweifelndes, Interesse.

“Weiß nicht, wie er vorher war. Anders als Jon.” Sie zuckt mit den Schultern. “Und jetzt, er ist nicht hier. Muss selbst entscheiden, bin auf mich gestellt.” Sie seufzt schwer.
Silent Pete bringt den Schnaps zum Tisch und verschwindet schnell wieder, deutet den beiden an, dass er in den ‘Keller’ muss.
Emily löst ihre Umklammerung, sieht Silent Pete hinterher und kippt den Schnaps runter. Mit dem Pinnchen in der Hand klopft sie unterbewusst auf den Tisch, sie spricht leise, als wäre es ihr etwas unangenehm, dass Ethan sie drauf anspricht. “Manchmal. Nicht immer.” Dann fügt sie noch hinzu. “Niemals vor oder während eines Jobs.” Sie lächelt halbherzig und weiß genau, dass das für viele ein Problem ist, und auch, wenn Ethan keinerlei Anzeichen des Missfallens gezeigt hat, ist ihr bewusst, dass es ihm höchstwahrscheinlich auch nicht wirklich passt.

Ethan wirft einen Blick auf das Glas in Emilys Hand und nickt. “Kay”, sagt er, und noch immer klingt seine Stimme ruhig und völlig wertfrei. Der besorgte Ausdruck in seinen Augen, so sorgfältig Ethan auch versuchen mag, diesen zu kaschieren, zeigt jedoch tatsächlich, dass Emilys Antwort ihn nicht so richtig glücklich macht. “Immerhin”, murmelt er, als sie ihm versichert, während eines Jobs keinen Alkohol anzurühren.
Seine eigene Reaktion allerdings ist ihm offenbar ein bisschen peinlich, oder er will nicht, dass Emily denken soll, er mische sich in Angelegenheiten ein, die ihn nichts angehen, denn mit einem verlegenen Lächeln und einer entschuldigenden Handbewegung wechselt er das Thema, hin zu Emilys Frage von gerade eben. “Mhmm, Labyrinth. Job vor paar Monaten. Kurz vor” – er nickt Emily zu – “erste Kiste geholt hast.” Er fährt sich mit der Hand durch die Haare und zündet sich jetzt doch eine Zigarette an, achtet aber darauf, den Rauch nicht in Emilys Richtung zu blasen. “Maislabyrinth. Leute verschwunden. Auch reingezogen. Art Traumwelt. Oder Vorstellungswelt.” Ethan stockt, und für einen Moment geht sein Blick ins Leere, als eine Erinnerung in ihm aufsteigt. Fast unmerklich schüttelt er sich, dann spricht er weiter. “Alte Schnitzerei im Labyrinth. Wahrscheinlich deswegen. Wieder rausgefunden. Soweit so gut. Nur: Irene getroffen. Nicht so gut gelaufen. Und: Umstände. Konnte nix machen.” Frustriert zuckt Ethan mit den Achseln.

Einen kurzen Moment lang geht ihr Blick vor sich auf den Tisch, bis sie ihn wieder hebt und ihn bei seiner Bemerkung finster ansieht. Für den abrupten Themenwechsel ist Emily sehr dankbar.
Emily lässt Ethan erzählen; ihr fällt auf, dass er kurz ins Stocken gerät, das verraten ihre Augen, doch sie sagt nichts dazu. Als Ethan seine Erzählung beendet hat, sagt sie vorsichtig: “Das tut mir leid. Das mit Irene. Noch immer keine Lösung?” Sie hat schneller gesprochen als gedacht. “Sorry, halte mich da besser raus, aber habt ihr sie gefunden, die Verschwundenen, meine ich?” Dann muss Emily aber doch nachhaken. “Was ist mit dem Artefakt passiert, hat es Irene sich unter dem Nagel gerissen?” sie legt den Kopf schief und schaut resigniert. “Vermutlich keine andere Wahl gehabt.” Emily schnauft wütend.

“Mmhm”, macht Ethan seufzend, “hat. Wollte, ich soll’s einsammeln und schicken. Gesagt: mach’s selber.” Bei den letzten beiden Worten schwingt in Ethans Tonfall ein bisschen von der Bitterkeit mit, die er in Iowa gegenüber Irene an den Tag gelegt hat. Er scheint noch etwas anfügen zu wollen, schüttelt aber dann doch nur den Kopf und sieht kurz ins Leere, ehe er sich Emilys vorletzter Frage zuwendet. “Keine Wahl. Waren nicht alleine. Bart. Flann. Familie: Mutter, Kind. Schock genug für die da drin. Immerhin: mit rausgebracht. Aber die anderen? Die verschwunden waren?” Ethan verzieht das Gesicht, stößt hörbar die Luft aus und schüttelt einmal den Kopf.

Sie legt den Kopf schief bei Ethans Erzählungen und weshalb er Irene ziehen lassen musste. “Verstehe. Schon klar. Wahrscheinlich gar nicht so einfach, aber gut, dass ihr die Familie retten konntet.” Nachdem Ethan den Kopf geschüttelt hat, guckt sie etwas zerknirscht. “Man kann sie nicht alle retten”, sagt sie und starrt an Ethan vorbei. Ihr fällt auf, dass Ethan noch etwas sagen möchte, jedoch dazu schweigt. Emily zögert einen Moment, fragt dann aber doch nach. “Da ist noch mehr, oder? Warum sagst du nicht, was du denkst oder eigentlich sagen willst.” Sie blickt Ethan wieder an. “Sorry, wirst schon deine Gründe haben. Dachte nur, dass…” etwas verunsichert “…dass wir uns alles sagen können. Oder täusche ich mich? Sie sucht den Augenkontakt. “Ich will nicht, dass du Dinge erzählst, die du nicht willst, aber ich will auch nicht, dass du das Gefühl hast, über Dinge schweigen zu müssen. Mir nicht alles zu sagen zu können, um mich nicht zu verletzen oder so.” Sie senkt den Blick wieder und beginnt am Holztisch herumzudoktern, um sich zu beschäftigen. Dann sagt sie etwas abwesend: “Nochmal sorry, bin ja auch nicht gerade so offen wie nen Buch. Vergiss es einfach wieder.”

Ganz unwillkürlich ruft Emilys schüchterner Vorstoß ein Lächeln auf Ethans Gesicht. Irgendwo in seinem Bauch löst sich ein kleiner Klumpen auf, von dem er gar nicht gemerkt hatte, dass er da war, und lässt sich stattdessen in seinem Hals nieder, aber hier auf gute Art und Weise. Schon komisch, dass ein guter Kloß sich fast ganz genauso anfühlt wie ein schlechter: Beide machen das Reden noch schwieriger als ohnehin schon. Gerührt erwidert Ethan den von Emily gesuchten Augenkontakt, während er das Hindernis wegschluckt. Will gerade doch endlich etwas antworten, da rudert sein Gegenüber schon wieder hastig zurück. Ethans spontanes Lächeln wird erst zu einem kurzen, ironischen Grinsen, als sie ihm den Spruch vom ‘Vergessen’ zurückgibt, weicht dann aber einem ernsthaften Gesichtsausdruck, und er versucht, Emilys auf die Tischplatte gerichteten Blick wieder einzufangen. Gleichzeitig streckt er instinktiv die Hand über den Tisch, um nach ihrer zu greifen, ehe er gerade noch rechtzeitig innehält und die angefangene Bewegung in ein verlegenes durch-die-Haare-Fahren umwandelt. “Nein”, sagt er leise, “täuschst dich nicht. Gerne alles sagen. Alles von dir wissen.” Forschend sieht er Emily an, oder zumindest soviel von ihrem Gesicht, wie er bei ihrem gesenkten Kopf von ihren Zügen erkennen kann. “Ist… “, jetzt kommt das Lächeln doch wieder, ganz schwach, “Anfang? Grundlage? Bedürfnis jedenfalls. Nur… nicht ganz einfach.” Schnell hebt er eine Hand, damit sie nicht protestieren kann, nur für den Fall. “Nicht wegen dir. Allgemein. Worte finden. Ich versuch’s, kay?” Ethan macht eine etwas hilflose Handbewegung. “Wollte sagen: Beinahe aneinander. Ich Irene erwürgt oder Irene mich erschossen. So wütend. Und dabei… Freundin. Sollte doch eigentlich… Hilfe suchen. Helfen versuchen statt angreifen. Naja. Und vorher… ” – jetzt kommt Ethan doch auf Emilys Frage von vorhin zu sprechen- “da drin. Traumwelt. Dinge gesehen. Dinge bekämpft. Du warst da. Geister-du. Und Geister-Sam.” Das letzte kommt leise, langsam, aber doch ohne zu zögern. Alles sagen.

Ethans Bewegung lässt Emily halb aufblicken, so sieht sie gerade noch, wie er sich mit der Hand durch die Haare fährt. Die Bewegung davor hat Emily nicht sehen können. Sie lächelt zurückhaltend und sieht Ethan direkt in die Augen. “Was willst du denn wissen? Eigentlich gibt es da nicht viel zu sagen, das meiste weißt du bereits. Ich gehe auf die Jagd, seitdem ich elf bin, hatte…” sie verzieht das Gesicht, “…bis zu meiner Rückkehr hatte ich ein recht gutes Verhältnis zu meiner Familie.” Sie zuckt mit den Schultern. “Bin dann zur Uni und.” Sie kann den Blick nicht länger halten und schaut zur Seite weg. “Jetzt sitze ich mit dir hier.” Diesmal ist es Emily, die nicht wagt, alles zu sagen.
Emilys ausweichende Antwort entgeht Ethan nicht. Forschend sieht er sie an, und wenn da ein Anflug von Enttäuschung über sein Gesicht geflogen sein sollte, weil die junge Jägerin ihrer eigenen Aufforderung zur Offenheit nicht nachkommt, drängt Ethan diese Enttäuschung schnell und rigoros nach unten. Sie hat es ja selbst gesagt, sie ist kein offenes Buch. “Mmhmm”, macht er leise. “Andersrum auch, kay? Also: Gründe. Aber wenn… falls… ich meine… ach, egal.” Verlegen räuspert er sich und setzt anders an. “Wollt nur sagen. Falls du doch mal erzählen willst.”
Sie steht wieder auf und geht im Gastraum auf und ab, dabei verschränkt sie die Arme. Ihm halb zugewandt meint sie: “Wie ich schon sagte, ist nicht viel und auch nicht sonderlich spannend.” Sie scheint eine Weile über das, was Ethan sagte, nachzudenken und zuckt mit den Schultern. Emily lächelt Ethan verunsichert an. “Sorry, ich rede soviel und dann auch noch so einen Blödsinn.”
Mit einem leichten Kopfschütteln sieht er sie an. “Kein Blödsinn.” Ethan lehnt sich zurück und legt für eine Weile die Hände in den Nacken, betrachtet die hölzerne Decke des Roadhouses. “Hör dir gern zu.”
Sie verzieht den Mund und beißt sich kurz auf die Unterlippe, fängt wieder an, an ihrem Piercing zu spielen, und ihre Gedanken schweifen ab. “Tut mir leid”, sagt sie dann. “Ich weiß, dass du Irene retten willst, und auf die Gefahr, dass du böse wirst, aber so kann das mit Irene nicht weitergehen. Wirklich nicht.” Bevor Ethan darauf was erwidern kann, spricht sie schnell weiter. “Und ich meine nicht zwingend töten.” Dann verändert sich Ihr Blick, und sie schaut irritiert Ethan an. “Ich? In Geistergestalt? Wie jetzt? Ich meine, also… ich verstehe es nicht ganz, glaub ich.” Sie stammelt etwas, wird ein wenig rot und leicht nervös. Nach Sam fragt sie nicht nochmal.
“Sorry, wenn ich dich nerve, dass du reden sollst.” Sie lächelt entschuldigend. “Wir könnten uns auch ne Weile anschweigen.”
Ethan seufzt. “Irene. Stimmt. Muss ne Lösung her.” Noch ein Seufzer. “Nur… keine weit und breit.” Ethan verzieht das Gesicht. “Drecksmist. Fühl mich so verdammt hilflos.” Mit einem tiefen Atemzug schüttelt Ethan den Kopf und beantwortet lieber Emilys Frage. “Labyrinth: war… Naja. Traumwelt. Bilder von früher gesehen. Wir alle. Alte Ängste oder so. Und die Geister. Hm. Eigentlich keine Geister. Wirkten nur so. Eher… Naja… Vorstellungen halt. Haben uns angegriffen. Weiß nicht, warum gerade du. Oder… “ Ethan blickt zu Boden, wagt es nicht so richtig, Emily bei den nächsten Worten ins Gesicht zu sehen. “Naja… Wusste da noch nicht. Oder wollt’s nicht zugeben. Jetzt… doch.” Er schluckt leicht, verzieht das Gesicht. Nimmt einen letzten Zug an seiner Zigarette und drückt den Glimmstengel dann mit einer verlegenen Geste aus. Vielleicht sollten sie doch bei Anschweigen bleiben. Kann er so unendlich viel besser.

Sie zuckt die Schultern. “Naja, vielleicht sind ja Sensenmänner doch eine Option. Ich meine, ich würde für euch…” sie schaut gleichgültig in die Ferne. “Ich meine, die könnten ja.” Sie schafft es nicht, die Sätze vollständig auszusprechen, da sie weiß, wie Ethan vermutlich regieren würde, und für einen Moment überkommt Emily das Verlangen, Ethans Hand zu drücken, aber irgendwas in ihr sperrt sich dagegen. Nach Ethans Erklärung mit der Geistererscheinung nickt Emily bloß, aber sie wird leicht rot und dreht sich schnell weg, es scheint heftig in ihr zu arbeiten. Sie braucht eine Weile, bis sie sich wieder gesammelt hat. “Pass auf, ich will dir ja alles erzählen, was du wissen möchtest. Wirklich.” Ihr Gesprächspartner merkt, wie sie um die nächsten Worte kämpft. “Es ist nur so schwer.” Sie seufzt. “Da gibts Dinge, über die man nicht unbedingt gerne spricht, wie zum Beispiel, dass ich nie eine Beziehung hatte oder ich meine damals beste Freundin hängen lassen habe, die jetzt in irgendeinem Sanatorium vor sich hin siecht.” Sie schaut vor sich auf den Boden und beugt sich etwas nach vorne, bevor sie leise fortfährt: “Sowas erzähle ich nicht grad rum.” Sie klingt ein wenig niedergeschlagen. Es dauert einige Minuten, dann schielt sie von unten zu Ethan hoch. “Jäger sein, das ist einfach. Gib mir ein Monster, und ich regel das, aber alles andere. Naja.” Sie verzieht den Mund, druckst eine ganz Weile rum und sagt schließlich in einem Flüsterton: “Und jetzt habe ich Angst, überhaupt jemandem nahe zu kommen, geschweige denn, dass ich ertragen kann, berührt zu werden. Ethan, ich fürchte, wieder dort zu landen, wieder weggezogen zu werden, wenn mich jemand berührt, und egal was ich tue, ich kann diese Angst nicht abschütteln. Ich glaube nicht, dass ich es nochmal schaffe zurückzukommen. Und wer gibt schon gerne zu, dass er Angst hat. Das macht einen angreifbar, verletzlich, das kann, nein, das darf ich mir nicht erlauben. Du darfst niemandem davon erzählen, okay, niemandem.” Sie mustert Ethans Gesicht, schüttelt sich kurz, steht wieder auf und räuspert sich, zupft an ihrer Kleidung und ist wie ausgewechselt. “Vielleicht sollten ich jetzt besser fahren. Man sieht sich.” Emilys Stimme ist klar und kräftig. Sie lächelt halbherzig und macht sich langsam auf Richtung Tür.

Scheiße. Drecksmist, elender. Eben saßen sie noch hier, ganz einträchtig beieinander, und jetzt? Ethan springt auf, geht der anderen Jägerin mit großen Schritten nach. “Emily.” Holt sie auf halber Strecke, etwa auf Höhe des Tresens, ein und tritt vor sie, so dass sie zwar jederzeit problemlos an ihm vorbei käme, aber zumindest für einen kurzen Moment innehalten muss. “Em. Warte.” Ethan holt tief Luft und versucht, ihren Blick einzufangen. “Kannst jetzt nicht fahren. Drei Schnäpse.” Dann fährt er sich mit einem Kreis aus Daumen und Zeigefinger über den Mund. “Ich sag’s keinem. Versprochen.” Er sieht Emily aufmerksam in die Augen. “Versteh das. Mit der Angst, mein ich. Muss… müsste… würde… ich meine… Hab das ernst gemeint, vorhin. Dass es ohne gehen würde, mein ich.” Schnell unterbricht er sich. “Drecksmist. Willst du grad nicht hören. Wollte nur sagen… Versteh das. Auch dass du’s nicht rumerzählst. Logisch nicht. Würd ich auch nicht. Wollte… tut mir leid. Wollte dir nicht wehtun. Alles, nur das nicht. Niemals. Keine Wunden aufreißen. Und auch sonst nicht. Und… tut mir sehr, sehr leid wegen deiner Freundin.” Ethan lässt die Schultern hängen, seufzt schwer. “Aber. Jedenfalls. Nicht fahren.” Das kommt völlig überzeugt, nur als Ethan dann weiterspricht, klingt seine Stimme doch unsicher bei dem Vorschlag. “Vielleicht hat Pete Zimmer. Oder Motel”, fährt er fort, macht aber keinerlei Anstalten, seinen Geldbeutel zu ziehen, um Silent Pete zu bezahlen, oder gar das Roadhouse zu verlassen.

Sie hört Ethan hinter sich herrufen und kann von den Geräuschen ausmachen, dass er hinter ihr herkommt. Er überholt sie und stellt sich Emily in den Weg. Sie spürt seine Augen auf sich und erwidert seinen Blick. Bei seinen Worten werden ihre Lippen werden schmal, und sie sieht ein wenig missmutig aus. ”Es waren nur drei kleine Schnäpse, und ich habe schon mehr getrunken und bin noch gefahren.” Es passt ihr gar nicht, dass Ethan ihr sagen will, was sie kann oder nicht. Doch als er diese Geste macht, vergisst sie ihre weitere Standpauke und wird ganz hibbelig.
Sie kann dem Blick nicht länger standhalten. “Ethan, nicht. Hör auf, dich zu entschuldigen. Ich benehme mich wie die Axt im Walde, und du entschuldigst dich noch dafür.“ Sie scheint wütend zu sein, aber eher auf sich selbst. “Dann zeig ich dir die kalte Schulter, und selbst dafür entschuldigst du dich. Ethan, es tut mir leid, ehrlich, dass ich ständig so durchdrehe. Das hast du echt nicht verdient, und es ist dir gegenüber alles andere fair.”
Sie sieht ihm wieder direkt in die Augen, verliert sich fast darin. “Du tust mir nicht weh. Ehrlich nicht. Es sind meine Fehler und Probleme. Du kannst rein gar nichts dafür und ich sollte mich bei dir entschuldigen. Sorry. Du hast genug eigene Probleme.”
Sie schließt die Augen, schluckt schwer und ihr Herz schlägt bis zum Hals. “Was ich sagen will ist, ich finde es schön…” Sie zögert einen Augenblick und dann kommen die Worte langsam, aber sehr deutlich, “…hier mit dir.” Sie lehnt sich leicht nach vorne und haucht einen Kuss auf seine Wangen, ohne ihn zu berühren. Leichte Röte steigt in Emilys Gesicht.
Sie schaut von Ethan zum Tisch, dann zur Tür und Silent Pete, der leise und unauffällig wieder hinter dem Tresen steht, und wieder zurück zu Ethan, bevor sie ihn am Ärmel seines Pullovers packt, ihn zurück zum Tisch zieht und sich auf dort auf die Holzbank setzt. Locker versucht sie Ethan ebenfalls auf die Bank zu ziehen, es wäre ein Leichtes für Ethan, sich dagegen zu sperren. Ihr Herz pocht noch immer wie wild, als drohe es jeden Moment aus ihrer Brust zu springen, und sie weiß selber nicht, was sie damit bezwecken will.
Ihr Hals ist wie zugeschnürt, sie will noch was sagen, aber es erscheint ihr in dem Augenblick unmöglich. Emily hebt eine Hand, lässt sie jedoch sofort wieder fallen. Sie befürchtet, dass Ethan spürt, wie sehr ihr Herz klopft. Sie starrt ihn stumm an, ihre Mundwinkel zucken leicht.

Sie ist verärgert. Klar ist sie das. Ethan kennt Emily gut genug, um zu wissen, dass das gerade alles andere als schlau war, die junge Jägerin so rundheraus am Fahren hindern zu wollen. Aber er konnte sie tatsächlich nicht einfach so gehen lassen, nicht mit so viel Alkohol in sich, egal, was sie sagt, ganz abgesehen davon, dass er sie schlicht nicht gehen lassen will, Alkohol hin oder her. Also wundert Ethan sich nicht, als Emily so heftig reagiert. Was ihn viel mehr verblüfft, ist die Tatsache, dass sie nach dem ersten Aufflammen von Verärgerung dann tatsächlich gegen sich selbst wettert und im Gegenteil sogar Ethan gegen sich selbst verteidigt. Er lässt sie reden, und auch als sie fertig ist, sagt er nichts. Sieht sie nur an, während sein Blick erst forschend über ihre Züge wandert und sich dann, als sie ihm den Beinahekuss gibt, an ihren blauen Augen festheftet. Sagt kein Wort, als sie ihn an seinem Pullover zurück zum Tisch lotst und ihn dann neben sich auf die Sitzbank zieht. Noch immer sieht er Emily ununterbrochen an, trinkt ihren Anblick in sich hinein, ihre Gegenwart, ihre Nähe. Streckt, als Emily die Hand hebt und wieder fallen lässt, wortlos die eigene Hand nach ihrer aus und streicht in wenigen Millimetern Abstand über ihren Handrücken und die Oberseiten ihrer Finger, so nah, dass es beinahe einer Berührung gleichkommt, ohne jedoch tatsächlich eine Berührung zu sein. Fährt dann in demselben Beinahe-Abstand mit vorsichtigen Fingerspitzen langsam ihren Arm hinauf, über ihre Schultern und bis hin zu ihrer Wange, und auch die streichelt er, ohne sie wirklich zu streicheln. Währenddessen hat er Emilys Blick nicht freigegeben, hat mit ernstem Ausdruck auf dem Gesicht etwas in ihren Augen gesucht, und vielleicht auch gefunden, denn jetzt zieht, während Ethan noch immer schweigt, der Anflug eines Lächelns über seine Züge. Er lehnt sich zurück gegen die Sitzbank und legt in Emilys Rücken einen Arm über deren Lehne, so dass man meinen könnte, er wolle die junge Jägerin im Arm halten. Aber auch hier achtet er darauf, sie nicht zu berühren; nicht direkt jedenfalls, auch wenn sein Arm ihr sehr nahe kommt. Mit einem tiefen, zufriedenen Seufzer und noch immer mit diesem ganz feinen Lächeln auf dem Gesicht schließt Ethan die Augen.

Emily vertieft sich in Ethans Augen, es kommt ihr vor, als wäre sie eine Gefangene, dennoch fühlt es sich gut an, auf eine merkwürdige Art und Weise. Ethan scheint in ihr etwas auszulösen, was sie selbst nicht ganz versteht. Emily fühlt sich ungewohnt wohl, was sie etwas nervös werden lässt. Sie spürt seine Hand auf ihrer, obwohl Ethan sie nicht berührt, einzelne Muskeln beginnen leicht zu zucken, aber sie rührt sich nicht einen Millimeter von der Stelle. Aus den Augenwinkel sieht sie mehr, als dass sie es spürt, wie Ethans Hand über Emilys Oberarm hoch zu ihrem Gesicht wandert, bis hin zu ihrer Wange, und auch hier berührt er sie nicht, auch wenn sie seine Wärme spürt. Gänsehaut macht sich über ihren ganzen Körper breit, ein Gefühl, welches sie in der Art nicht kennt und noch nie empfunden hat. Immer noch ruhen Emilys Augen still auf Ethan, beobachten ihn genau. Sie nimmt seinen Arm hinter ihrem Rücken wahr, welcher sie ebenfalls nicht berührt, und doch macht sich Panik in ihr breit, welche sie mit aller Macht niederkämpft, und so kann sie ihren Fluchtinstinkt unterdrücken. Emilys Atmung wird immer flacher, ihr Herz scheint sich allmählich wieder zu beruhigen. Sie beobachtet ihn, wie er seine Augen schließt und ein leichtes Lächeln sein Gesicht zeichnet. Sie mustert ihn eindringlich und beobachtet seine Atmung. Emily traut sich nicht, sich zu bewegen, geschweige das kleinste Geräusch zu machen. Sie schielt zu Ethan rüber der noch immer mit geschlossenen Augen, sich nicht rührend, neben ihr sitzt. Die Zeit scheint still zu stehen. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, welches gleich wieder verblasst, als ihr etwas bewusst wird. Nach einer Weile zieht sie die Beine vorsichtig an, umschlingt sie mit dem Armen und legt ihren Kopf darauf ab und lässt sich nach hinten fallen, darauf achtend, dass sie Ethans Arm nicht berührt, und starrt mit ernstem grübelnd Blick ins Leere; es hat den Anschein, als würde ihr etwas bewusst werden, aber dennoch könnte man meinen, dass sie einen Entschluss gefasst hat.

Mit geschlossenen Augen lauscht Ethan den leisen Geräuschen, die Silent Pete vorne an der Bar macht. Er ist sich Emilys Gegenwart überdeutlich bewusst, auch und gerade, als sie sich neben ihm zurücklehnt und dann reglos an seiner Seite sitzt. Ethan versinkt in der Ruhe des Moments, verliert für eine Weile jegliches Zeitgefühl, aber irgendwann kommt er doch wieder zu sich, öffnet die Augen und sieht mit verlegener Miene zu der jungen Frau. Fährt sich in einer unsicheren Geste mit den Fingern durch die Haare. Stellt fest, dass nichts von dem, was er sagen möchte, den Weg hinaus findet, also bleibt er stumm.

Emily senkt den Blick wieder und beobachtet Ethan, auch als dieser die Augen wieder öffnet und sich mit der Hand durch die Haare fährt. “Ethan?” Ihre Stimme ist eher ein Raunen. “Machen wir einen Fehler? Ich glaube, das hier ist nicht richtig.” Sie löst einen Arm aus der Umklammerung und winkt ab, um Ethan zu zeigen, dass sie nicht wirklich eine Antwort erwartet, danach legt sie ihren Arm wieder zurück um ihre Beine. Ihr Kopf ruht noch immer auf den Knien. Auch wenn Emily es für einen Fehler hält, sie genießt den Moment mit Ethan, hier in der Einsamkeit. Ihr liegt etwas auf der Zunge, doch bringt sie es nicht übers Herz, die Stille noch einmal zu durchbrechen, vor allem, da sie Ethan angeboten hatte, nur schweigend dazusitzen.
Sie löst ihre Augen von Ethan und blickt vor sich auf den Tisch und die Teetassen.

Die zögernd ausgesprochene Frage lässt Ethans Blick forschend über Emilys Züge wandern und ihn einen Moment lang in sich hineinhorchen, ehe er ernsthaft den Kopf schüttelt. “Kein Fehler. Fühlt sich nicht so an.” Er mustert die junge Frau an seiner Seite eingehend. “Nicht richtig?” Ethan legt den Kopf ein wenig schief und schüttelt ein weiteres Mal, langsamer und leichter jetzt und nachdenklich, den Kopf. “Das hier, jetzt? Warum?” Ein drittes Kopfschütteln, knapp, aber überzeugt. Ethan pausiert einen Moment, während dessen er Emily eingehend mustert. Er bemerkt, dass sie drauf und dran ist, etwas zu sagen, sich die Worte dann aber doch versagt. “Hmm?” macht er leise und vorsichtig, will sie nicht zum Sprechen drängen, wenn sie das nicht möchte. Selbst sieht er jetzt aus dem Fenster, auf den verschneiten Parkplatz, wo ihre beiden Autos langsam unter einer dünnen Schneeschicht verschwinden.

Emily seufzt, löst ihre Umklammerung. “Tut mir leid, ich kann nicht. Zumindest jetzt nicht, sorry.” Sie steht auf und wechselt auf den Stuhl und setzt sich Ethan gegenüber. Sie fürchtet, was passieren könnte, wenn sie da weiter sitzen bliebe. Sie hat das Gefühl, im Moment sich selber nicht vertrauen zu können. Sie zieht ein Bein an, umschlingt dieses wieder mit ihren Armen. Sie schüttelt erst den Kopf, scheint es sich dann aber anders zu überlegen. Emily braucht einige Minuten, bis sie die Worte ausspricht, die ihr im Kopf rumspuken. “Was ist das.” Sie schweigt einen Moment. “Zwischen uns, meine ich.” Sie versucht, Ethans Blick einzufangen, versucht, seine Mimik zu lesen. “Was tun wir hier überhaupt?” In ihrer Stimme schwingt Zweifel mit, und in ihrem Gesicht spiegelt sich Unsicherheit.

Als Emily sich wieder auf einen der Stühle am Tisch setzt, hebt Ethan beide Hände in einer Geste des Druckwegnehmens. Scheint erst etwas sagen zu wollen und es sich anders zu überlegen, murmelt dann leise und mit einem vorsichtigen Lächeln: “Hey. Alle Zeit.” In den Minuten, in denen sie dann um Worte ringt, wartet Ethan geduldig, weiß er selbst doch nur allzu gut, wie es ist, wenn das Hindernis im Hals nichts von dem hinauslässt, was man eigentlich sagen möchte. Scheint es tatsächlich zufrieden zu sein, einfach weiter hier zu sitzen, bis sie dann zu sprechen beginnt, und hört aufmerksam zu, als sie es tut. Über ihre Fragen denkt er eine Weile ernsthaft nach, ehe er langsam und sehr sorgfältig formuliert: “Was das zwischen uns ist? Nicht sicher. Aber etwas. Etwas, das sich richtig anfühlt. Etwas, das vielleicht wachsen kann. Etwas, das mich berührt. Etwas, das… “ Ein wenig hilflos fährt er sich wieder mit den Fingern durch die Haare, zögert, als scheue er sich vor der eigenen Courage, überwinde sich dann aber doch, “ … mir Angst einjagt. Und Hoffnung macht. Von dem ich nicht will, dass es endet.” Mit ernstem Ausdruck fängt er ihren Blick auf, erwidert diesen mit einer Spur Unsicherheit, weil er keinerlei Ahnung hat, wie Emily auf seine offenen Worte reagieren wird, aber ohne jeden Zweifel. “Und tun? Hm. Sitzen. Reden. Schweigen.” Eine kleine Pause. “Wachsen lassen.”

Emily nickt, schaut weiter Ethan an und meint tonlos: “Danke.” Als er auf ihre Frage antwortet und sagt, was er denkt, lässt sie die Worte im Kopf Revue passieren. Panik macht sich breit, und das Verlangen aufzuspringen und wegzulaufen ist groß, doch sie bleibt ruhig sitzen. “Hoffnung?” Ihr Zweifel und ihre Unsicherheit verschwinden ein Stück weit, da sie bemerkt, dass Ethan selber nicht ganz sicher ist. Sie mustert ihn, und ein Anflug eines Lächelns macht sich breit. Irgendwie mag sie seine Marotte. Sie wird aber gleich wieder ernst. “Woher weiß man, dass es sich richtig anfühlt? Was, wenn ich es nicht schaffe, wir uns nie wirklich nah kommen können?” Emily ärgert sich, sie wollte nicht weiter fragen, sie wollte Ethan nicht nötigen zu antworten.
Dennoch kann sie sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen und wiederholt seine Worte in Gedanken. Sie atmet tief aus und das Schmunzeln verschwindet wieder. Sie spricht die nächsten Worte leise und zaghaft aus. “Vielleicht sollten wir es lassen, bevor es zu spät ist und jemand verletzt wird. Jetzt gibt es noch ein Zurück.”
Sie verzieht den Mund. “Ach, vergiss einfach, was ich gesagt habe. Sorry. Wachsen lassen klingt gut.” Sie lächelt verlegen, lehnt sich seufzend zurück und schließt die Augen.

“Weiß man irgendwie.” Ethans Stimme klingt leise und nachdenklich. Ungewohnt weich. Und ungewohnt flüssig, auch wenn er zwischen den einzelnen Sätzen immer noch Pausen einlegt. “Wenn du viel an wen denkst. Wenn du immer merkst, dass der da ist. Wenn du immer weißt, wo der im Raum grad ist, auch wenn du nicht hinsiehst. Wenn er – wenn sie – für dich leuchtet. Wenn du willst, dass es wem gut geht. Wenn du’s nicht ertragen kannst, dass es derjenigen schlecht geht. Wenn du dir wünschst, Teil von ihrem Leben zu sein.” Bevor Ethan weiterspricht, macht er mit der Hand eine Drehbewegung. “Und weiß man nie. Ob du’s schaffst. Ob wir’s schaffen. Ob wir was werden. Sieh dir Sam und mich an.” Einen Moment lang schaut Ethan zu Boden. “Auch lange gedacht. Falsch gedacht. Kannst es nicht wissen. Kannst nur hoffen. Und dein Bestes dafür geben. Alles dafür tun, was du nur kannst. Weißt nie mit Sicherheit, ob es ewig hält. Aber kannst währenddessen so handeln, als ob.” Er mustert Emily eingehend und lächelt schwach. “Gesagtes vergessen?” gibt er ihr amüsiert ihre Worte von vorhin zurück, “kay. Krieg ich hin.” Aber gleich darauf wird er wieder ernst. “Versuchen. Eben wachsen lassen. Wenn – falls – nicht… Falls du’s nicht schaffst – oder falls ich’s nicht schaffe – oder es sonstwie nichts wird…“ Unterschwellig verrät Ethans Stimme, dass ihm das keineswegs egal wäre, aber das sagt er nicht laut. Stattdessen lächelt er Emily schief an. “Risiko geh ich ein.”

Während Emily Ethans Worte regelrecht aufsaugt, öffnet sie wieder die Augen. Sie mag seine weiche Stimme und wundert sich, wie es kommt, dass er jetzt so flüssig sprechen kann. Ethan kann erkennen, wie sie versucht, das eben Gehörte zu erfassen, und sich wieder die alte Unsicherheit breit macht. “Hmm. Okay.” Als Ethan ‘Sam und ihn’ in einem Satz erwähnt, zieht es sich in ihr zusammen und löst einen für sie unbekannten Schmerz aus. Emily schaut Ethan eine Weile schweigsam an, bevor sie langsam anfängt zu sprechen. “Wenn, also nur falls… und damit will ich nicht sagen, dass es so sein wird, aber ich meinte es ernst, dass wir es dann für uns behalten sollten.” Dann schaut sie ihn ernst an und greift das Thema von eben nochmal auf, Emilys Stimme ist aber ruhig und sanft, wenn auch sehr bestimmend. “Und du sagst mir nie wieder, was ich kann und was nicht, und du wirst mich nie wieder am Fahren hindern.” Sie mustert seine Gesichtszüge, versucht abzulesen, was er denkt. Sie muss leicht schmunzeln, als Ethan ihr den Spruch mit dem Vergessen zurückgibt, seufzt dann aber leise und wendet den Blick ab. “Es ist verwirrend und klingt kompliziert. Hört sich nicht sehr nach Hoffnung an.” Sie zieht die Stirn kraus. “Risiko eingehen? Für jemanden, den man im Prinzip nicht kennt?”

Nach der langen, langen Rede eben schweigt Ethan eine ganze Weile. Beobachtet Emily dabei, wie sie sich wieder aufrichtet und das Gehörte verarbeitet. Als sie dann zum zweiten Mal das ‘für sich behalten’ erwähnt, arbeitet es wieder genauso in seinem Gesicht wie zuvor, aber diesmal scheitert sein Versuch zu antworten wenigstens nicht. Oder zumindest nicht vollständig. “Mmm. Weiß nicht. Schwierig. Anfangs klar. Kein Ding. Eh besser. Aber dann? Spä—”
Abrupt bricht Ethan ab, als ihm klar wird, dass er Dinge annimmt, die ihm anzunehmen überhaupt nicht zustehen, und er hustet verlegen. Eilt sich, das Thema zu wechseln, indem er auf Emilys Tadel antwortet. “Mmm. Schon. Also normal nicht. Tut mir leid. Aber. Gefährlich. Will nicht, dass dir was passiert.” Seine Stimme klingt selbst auch ruhig und sanft, ohne Vorwurf darin, aber ebenfalls sehr überzeugt, bevor er schief lächelt. “Hatten wir ja schon.”
Halb rechnet er damit, dass Emily wieder auffahren wird, aber zumindest für den Moment hört sie ihm ruhig zu, also spricht er weiter, wechselt wieder das Thema. “Verwirrend, ja. Kompliziert, ja. Aber trotzdem. Hoffnung, ja. Nicht sicher. Nur Hoffnung. Aber warm. Hier drin.” Bei den letzten beiden Worten zeigt Ethan kurz auf seinen Brustkorb, bevor er weiterspricht. “Risiko? Immer eins. Nie komplett sicher. Vorher, mein ich. Aber ja. Würd ich eingehn.” Bei diesen Worten fährt er sich wieder einmal mit den Händen durch die Haare, weil ihm bewusst wird, wie dieses Eingeständnis für die rational denkende Emily klingen muss. Er ist ja über sich selbst überrascht.

Emily dreht den Kopf in Ethans Richtung, schaut ihn lange an und sieht jetzt, wie es in ihm arbeitet. “Ich glaube, ich kann dich sogar verstehen, also warum es dir nicht passt. Und falls du dir Sorgen machst, dass es wie bei Sam laufen könnte, das ist es nicht, es geht mir auch nicht darum, dass ich es verheimlichen will, also schon, aber nicht so, wie du es wahrscheinlich vermutest. Ich würde es schon ernst meinen. Es wäre nur sicherer. Für uns beide.” Sie überschlägt sich halb und wirkt etwas fahrig in ihren Ausführungen bei dem Versuch, Ethan zu erklären, was sie meint, und ist sich unsicher, ob ihr Gegenüber das wohl verstanden hat, was sie ihm sagen wollte. Sie mustert ihn eine Weile, als er mitten im Satz abbricht und verlegen aufhustet.
Zum Thema, warum Ethan sie nicht hat fahren lassen, nickt Emily verstehend, auch wenn es ihr nicht wirklich passt, und lässt es dabei bewenden, sie geht nicht weiter darauf ein. Sie hatte gesagt, was sie zu sagen hatte, und Ethan hat ihr dazu eine Antwort gegeben, damit will sie das Thema ruhen lassen. Emily wendet sich ab und dreht sich zu Silent Pete um und bestellt sich einen starken Kaffee. Irgendwas in Emilys Augen hat sich verändert, und sie schaut skeptisch, während Ethan sich auf dem Brustkorb deutet. Über Emilys Gesicht huscht für einen kurzen Augenblick ein Lächeln, nachdem Ethan sich durch die Haare fährt, doch sie wird sofort wieder ernst.
“Schon richtig: sicherer”, brummt Ethan halbherzig. “Kein. Kein Ansatzpunkt. Aber. Schwierig. Weil, naja.… würde…”, unsicher unterbricht er sich, sieht einen Moment lang in die Ferne, “würd dazu stehen wollen. Mich, hm. Dazu bekennen. Schwierig, das… geheim zu halten. Zu lügen. Sicherer ja, aber… naja. Schwierig eben. Weißt du?” Ethan räuspert sich verlegen. Er klingt irgendwie beinahe ein bisschen enttäuscht. Oder bedrückt? Oder beides? Schwer zu sagen.
“Ich verstehe dich ja, so ist es nicht, aber… ach, weiß auch nicht. Das würde alles verkomplizieren, und es wäre keine Lüge, wenn wir nicht vor anderen darüber sprechen.” Sie wendet ihren Blick zu Ethan und sagt leise: “Dazu bekennen? Aber wir wissen doch selbst nicht, was das hier ist und wohin das führt, da gibts doch noch gar nichts zu bekennen.” Sie spielt leicht nervös mit einer ihrer Haarsträhnen, hört Bedrücktheit oder Enttäuschung in seiner Stimme, geht aber nicht darauf ein. Nach einer Weile legt Emily ihre Arme, halb ausgestreckt, auf dem Tisch ab. Leicht zögerlich sagt sie dann: “Vielleicht sollten wir über was anderes reden, vielleicht.” Sie überlegt kurz. “Über… keine Ahnung… was anderes halt.” Sie überlegt kurz. “Was wirst du machen, wenn du wieder in Vermont bist?” Silent Pete stellt den Kaffee vor Emily ab und zieht sich danach sofort wieder zurück. Emily lächelt erst Silent Pete dankend an, dann zaghaft Ethan.
“Noch nicht”, murmelt er leise auf ihr ’nichts zu bekennen’ hin. “Irgendwann. Hoff’s.” Ethan wirft Emily, der Haarsträhne, mit der sie spielt, einen kurzen Blick zu, schaut dann wieder ins unbestimmte Nichts. “Wär keine Lüge, stimmt. Würd nur vielleicht irgendwann… Schwer. Anstrengend. Weiß auch nicht.”
Mit einem abrupten Kopfschütteln reißt Ethan sich von dem Gedanken los. “Ja. Hast recht. Anderes Thema.” Seine Stimme klingt bemüht sachlich. “Erstmal Tappan. Snoopy holen. Dann: weiß nicht. Werden wollen, dass ich Silvester bleibe. Aber.” Mit einem entschiedenen “mm-mm” schüttelt er den Kopf, hebt dann leicht die Schultern. “Irgendwo raus.” Vorsichtig schaut er sie an. “Du? Weißt schon, wohin?”

Emily trinkt einen großen Schluck aus ihrer Kaffeetasse, ihr wird etwas unbehaglich zumute, versucht das Gefühl mit aller Gewalt zu unterdrücken. Setzt erst an, etwas sagen zu wollen, entscheidet sich dann doch dagegen. Diesmal ist es Emily, die sich durch die Haare fährt; sie erhebt sich und fängt an vor dem Tisch hin und her zu tigern. Einige Minuten läuft sie auf und ab, schaut zur Tür, dann wieder auf Ethan, murmelt leise irgendwelche unverständlichen Worte und setzt sich dem Jäger wieder gegenüber. Steckt sich eine Strähne hinters Ohr. Sie nickt, natürlich, sie hatte ihn von seiner Familie weggeholt. ”Klar, hoffentlich sind sie nicht allzu wütend, weil ich dich dort weggeholt habe.” Auf Ethans Frage hin wird sie nachdenklich, was sie antworten soll und beschließt, es erstmal vage zu halten. “Hm, hab da was, wo ich Silvester verbringe.” Sie rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her und schaut Ethan unsicher an.
Mit einem undefinierbaren Ausdruck im Gesicht beobachtet Ethan, wie Emily im Raum umherstreift. Er schüttelt sich eine weitere Zigarette aus der Schachtel und zündet sie an, nimmt ein paar Züge, bis sie sich wieder setzt. “Mm-mm”, brummt er kopfschüttelnd, “dir nix zu tun. Hätt ja auch so. Fi glaubt eh: Geheimagent. Mom: Gangster oder Terrorist oder so. Dad: Keine Ahnung.” Er zuckt etwas mit den Schultern. “Nicht zu ändern.” Er winkt Silent Pete nach einem weiteren Tee und lächelt schief. Irgendwie hätte er ja doch ganz gerne ein Bier. Aber besser nicht.
“Hm, sicher? Aber wenn ich nicht angerufen hätte, dann…” Emily sieht etwas geknickt aus. “Naja, vielleicht besser als die Wahrheit. Und Alan? Hält er dicht? Sie trinkt ihren Kaffee aus und bestellt sich sofort noch einen, als Ethan sich einen Tee bestellt hat. “Wäre es denn schlimm, mit ihnen Silvester zu feiern? Ich meine, sie wären dir so wichtig?” Emily schaut interessiert fragend. ”Oder bereust du es doch?”

“Hält”, nickt Ethan. “Will auch nicht, dass es rauskommt. Und: Schalenerpressung geholfen. Hätt er nicht müssen.” Bei der Erinnerung an die Erpressung verzieht Ethan das Gesicht; die ganze Episode ist immer noch ein ziemlich wunder Punkt bei ihm. “Und nein. Nicht schlimm”, fährt er nach einer längeren nachdenklichen Pause fort, “schon wichtig. Sehr sogar. Nur… anstrengend. Schön, aber anstrengend. Feierstimmung. Fragen. Erstmal genug.” Ethan erwidert Emilys fragenden Blick offen. “Bereuen? Den Kontakt? Nein.”
“Gut.” antwortet Emily auf Ethans Aussage bezüglich Alan. Dann verzieht auch Emily leicht das Gesicht, als Ethan die Schale erwähnt, nickt bloß und antwortet mit einem leisen “Okay.” Als Ethan weitererzählt, wiederholt Emily nochmal: “Okay.”
Sie trinkt den Kaffee, den Silent Pete ihr in der Zwischenzeit gebracht hat. “Ich denke, ich werde bald losmüssen, sieht nicht so aus, als hätte er hier Zimmer zu vermieten. Und das Wetter scheint schlechter zu werden.”
Ohne weiter zu fragen oder zu schauen, ob es stimmt, was sie sagt, steht sie auf. “Also bis dann.” Sie lächelt Ethan an und streicht hauchzart über seine Hand.
Ethan blinzelt verwirrt, als Emily so unverhofft aufsteht. “Oh.” Er kann nicht verhindern, dass die Enttäuschung aus seiner Stimme herausklingt, bevor die leise Berührung an seiner Hand ihm unwillkürlich ein Lächeln entlockt. Erst hebt er stumm die Hand und nickt Emily zum Abschied zu, aber dann nimmt er doch allen Mut zusammen. “Uh… Hast. Hast bestimmt. Andere Pläne. Aber. Vielleicht… Silvester?”

Die Enttäuschung in Ethans Stimme entgeht Emily nicht, und sie sieht ihn erst still an. Als er sie anschließend fragt, ob sie Silvester mit ihm verbringen will, fragt sie unsicher: “Mit zu deinen Eltern?” und schüttelt skeptisch den Kopf, das muss sie falsch verstanden haben, was soll sie auch bei seiner Familie. Sie winkt ab, um anzudeuten, dass sie die Frage nicht ernst meint. “Sorry, was meinst du? Sehen? Nach Silvester?
Unsicher fährt Ethan sich mit den Fingern durch die Haare, sieht sich im Raum um, dann fängt er Emilys Blick ein. “Sehen”, bestätigt er. “Würd gern. Aber nicht nach. An. Also… falls. Ähm.” Verlegen bricht er ab, setzt vergebens neu an, bevor er schnell klarstellt: “Nicht Eltern.” Ja, Dad wird seinen Geburtstag feiern wollen, ja, sie werden vermutlich enttäuscht sein, aber das kann Ethan nicht ändern. Fi und Alan werden unter Garantie Silvester auch nicht mit Mom und Dad feiern. “Geh nur Snoop holen.”
“Hm.” Emily sieht nachdenklich aus und setzt sich wieder. “Hab die Hütte und Lebensmittel schon.” Das Wort ‘Lebensmittel’ sagt sie etwas seltsam. Emily scheint nicht wirklich abgeneigt, doch Ethan ein zweites Mal seiner Familie entziehen kann sie einfach nicht, auch wenn es eine schöne Abwechslung wäre, nicht wieder alleine dorthin zurückzukehren. “Ich denke, ich habe dich schon lange genug von deiner Familie ferngehalten. So oft wirst sie sicherlich auch nicht sehen.”
Wieder fuhrwerkt Ethan sich in den Haaren herum, dann schüttelt er entschieden den Kopf. “Passt schon”, brummt er. “Außer… naja. Magst nicht. Dann klar.”
Wenn sie nicht möchte, kann er ihr das nicht verdenken. Aber, verdammt, wäre es schön.
Sie lehnt sich zurück und mustert ihn eine ganze Weile. “Naja, ähm, wenn du willst. Ist aber nichts Tolles. Und nur ein Bett. Müsste wer auf der Couch schlafen. Dann schick ich dir nachher die Koordinaten, dann kannst du Snoopy abholen, und ich besorge noch ein paar Decken und Lebensmittel.” Emily grinst Ethan schüchtern an, verschränkt verlegen die Arme hinter dem Kopf und wird leicht rot bei dem Gedanken, mit ihm irgendwo in einer verlassen Hütte alleine zu sein.
Ethan schnaubt amüsiert bei ihrer Warnung, die Hütte sei nichts Tolles. Als ob er bisher je etwas “Tolles” gebraucht hätte. Er geht oft genug einfach so raus in die Wildnis, ohne jede Hütte. Hütte und ’nichts Tolles’ klingt abgelegen, also genau richtig für seinen Geschmack. “Passt”, wiederholt er. Sein amüsierter Gesichtsausdruck vertieft sich, vermischt sich mit einer Spur Ironie. “Solang sie nicht abbrennt. Oder der Weg hin vermint ist.”
Dann wird er ernst, als er ihre Verlegenheit bemerkt, und mustert Emily aufmerksam. “Sicher?”

Verwirrt schaut Emily Ethan an, als er das mit dem Abbrennen und Verminen sagt. “Hm? Warum sollte. Denke nicht, dass seit Weihnachten jemand dort war. Außerdem ziemlich tief im Wald versteckt.” Dann zuckt sie mit den Schultern. “Wär’ okay für mich.”
“Oh.” Schulterzucken und ’okay für sie’ klingt alles andere als begeistert. Verdammt. Da hat er sich eindeutig zu weit aus dem Fenster gelehnt. “Nee. Lass. Blöde Idee. Muss nicht.”
Emily zieht die Stirn kraus und mustert ihn einen Augenblick nachdenklich. Ihre Enttäuschung, dass er sich umentschieden hat, kann sie nicht verbergen, so sehr sie sich auch bemüht. “Blöde Idee?” Sie beißt auf ihr Unterlippenpiercing. “Versteh schon.” Ihr Blick wird etwas traurig.
Überrascht blinzelt Ethan und mustert sein Gegenüber. “Naja. Wenn. Ich meine. Weil. Also. Nicht drängen. Nicht überreden. Ist dir ja lieber, wenn nicht.” Auch er kann den enttäuscht-flachen Tonfall bei seinen ersten Worten nicht ganz unterdrücken, ebensowenig wie die aufkeimende Hoffnung in der Frage, die folgt: “Oder?”
“Dachte, wenn es wirklich geht, wegen Familie und so, dann, ähm, kommst du vielleicht schon mit. Störst nicht und quatsch Bedrängen.” Emily tut sich bei ihren nächsten Worten schwer, meint sie aber grundehrlich. “Ich… ich… also würde mich wirklich freuen.” Sie lächelt etwas verlegen, und die Röte steigt ihr ins Gesicht. “Keine blöde Idee.”
Ethan spürt, wie sich bei Emilys Worten eine ungewohnte Leichtigkeit in ihm ausbreitet. Ein… ja. Doch. Ein lange nicht gekanntes Glücksgefühl. Aufrichtig lächelt er Emily an. “Ich… freu mich auch.” Er kramt seinen Geldbeutel heraus und sucht das Geld für die Zeche zusammen. Auf einmal ist es ihm nicht mehr so arg, dass sie gleich beide in getrennte Richtungen aufbrechen werden, wie es ihm vor ein paar Minuten noch schien. “Kay. Ich hol Snoop. Schreibst mir wo?” Er lächelt wieder, bevor seine Züge sich für einen Moment eintrüben, die Düsternis aber gleich wieder verschwindet. "Und wegen der Minen? Erzähl ich dir dann.”

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Bad Company
Voodoo Trappings

Hazing clouds rain on my head
Empty thoughts fill my ears
Find my shade by the moonlight
Why my thoughts aren’t so clear
Demons dreaming
Breathe in, breathe in
I’m coming back again

(Godsmack – Voodoo)

Sie tanzen. In schnellen Bewegungen, ihre Körper verschmelzen mit der Musik, es ist ein einziger Reigen aus Farben und Leibern, im Fackelschein auf der dunklen Lichtung. Zwischen ihnen geisterhafte Wesen, die sich wie selbstverständlich dem Tanz anschließen. Meine Verwandten, meine lieben Basen und Vettern, sie tun, was so normal für ihresgleichen ist, sich der Tänzer bemächtigen, sie reiten, ihre Gliedmaße gehören jetzt den geisterhaften Schatten, und die Ekstase erreicht ihren Höhepunkt.
“Tetelo! Tetelo!”
Wie mit einer Stimme rufen sie jetzt nach ihr, und eine Frau tritt in den Kreis. Oder ist es doch eine große Katze? Die Flammen lassen alles verschwimmen, wer sind wir, wer bin ich?
“Oluwasegun! Komm zurück!”

“Celeste…”
Der Klang ihrer Stimme ließ mich auffahren. Ich war schweißgebadet, ganz so, als hätte ich wirklich getanzt, und die Decke des Bettes völlig zerwühlt. Als ich an mir heruntersah, stellte ich fest, dass ich immer noch meine Anzughose und ein Hemd trug, jedoch keine Schuhe oder Strümpfe. Ich wollte mich aufsetzen, doch jeder Muskel in meinem Körper schmerzte. Schließlich gelang es mir, und ich bemerkte, dass die Säume meiner Hosenbeine und meine Füße lehmverkrustet waren.

Wo bist du gewesen?

Die Stimme in meinem Kopf blieb stumm, was mich ein wenig verwunderte, denn bisher war “The Big Easy” für Eshu das göttliche Äquivalent zu dem Süßigkeitenladen für ein Kind gewesen. Er hatte ständig auf mich eingeredet und mich immer wieder für eine kurze Zeit übernommen, so dass ich mich gefragt hatte, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, in diese Stadt zu kommen. Andererseits, was hätte ich dem Dekan erzählen sollen? Entschuldigen Sie, ich glaube, der Orisha in meinem Kopf sollte besser nicht in die Nähe von Voodoo kommen? Nein, solange er niemanden mehr umbrachte, war alles in Ordnung. Er und ich waren eins, auch wenn mich das in Schwierigkeiten bringen sollte. Aber was konnte mir noch Schlimmeres passieren.

Mit diesen Gedanken stand ich auf, noch immer unter Schmerzen und ging duschen. Das heiße Wasser sorgte dafür, dass meine Muskeln sich wieder ein wenig lockerten, und auch der Lehm wurde von meinem Körper gewaschen.
Zumindest äußerlich frisch, ging ich zum Frühstück im Hotel-Restaurant. Auf dem Tisch, den mir der freundliche Kellner wies, lag eine Zeitung, und einem Instinkt folgend griff ich danach und schlug sie auf.

Der Voodoo-Killer hat wieder zugeschlagen!

Die Schlagzeile irritierte mich, doch ich las weiter, während der Kellner mir Kaffee einschenkte. Offensichtlich waren in den letzten acht Wochen immer wieder Menschen in New Orleans ermordet worden, und an den Tatorten hatte man Voodoo-Paraphernalia gefunden: Schwarze Federn, Blut, Vévés und dergleichen. Die Polizei tappte im Dunkeln und konnte weder ein Motiv ausmachen noch einen Verdächtigen vorweisen. Die an den Tatorten gefundenen Gegenstände seien zudem nicht echt, behauptete man, und alle Opfer seien von außerhalb gewesen, was wohl implizieren sollte, dass für die Einwohner keine Gefahr bestand.

Ich nahm einen Schluck Kaffee und las weiter den Artikel, dessen Schreibe unglaublich reißerisch war, bis ich zum nächsten Abschnitt kam:
“… allen Opfern wurde das Herz herausgerissen”. Hustend spuckte ich den Kaffee in hohem Bogen auf die Zeitung und die Tischdecke dahinter, so dass sofort der freundliche Kellner herbeigeeilt kam und mir zuerst einen Lappen reichte und dann eifrig Kaffee nachschenkte.

War es möglich? Hatte Eshu sich selbständig gemacht in der Nacht und war durch die Stadt gezogen und hatte den sieben Männern das Herz herausgerissen? Nein, verbesserte ich mich, war ich durch die Stadt gezogen und hatte die Morde begangen? Aber dann sah ich noch einmal auf den Zeitraum, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich in den letzten acht Wochen so oft unbemerkt nach New Orleans gereist war. Abgesehen davon, die kürzeste Verbindung ging immer noch durch die Luft, und Eshu hasste Flugzeuge, das wusste ich aus eigener Erfahrung. Also zumindest die ersten sechs Morde konnte ich ausschließen, und dann überfiel mich die Erinnerung an die Hütte im nigerianischen Hochland. Den Geruch von Blut würde ich nie wieder vergessen, das Gefühl, ein menschliches Herz in der Hand zu halten. Nein, nichts dergleichen war heute morgen in meinem Hotelzimmer zu spüren gewesen, aber ich verspürte dennoch das Bedürfnis, mich zu vergewissern, dass ich wirklich nicht verantwortlich war.

Nach einer weiteren Tasse Kaffee und einem kleinen Frühstück – der Hunger war mir vergangen, aber ich musste etwas essen – machte ich mich auf den Weg zum Polizeipräsidium. Immerhin war ich promovierter Afrikanist, es wäre also kein großes Problem, dort meine Hilfe anzubieten und dabei gleichzeitig herauszufinden, was wirklich passiert war.

Der wachhabende Beamte nahm meine Vorstellung gleichgültig hin, aber von weitem konnte ich hören, dass er offensichtlich einige Schwierigkeiten mit meinem Nachnamen hatte. Ich seufzte, das war ich inzwischen gewohnt. Wenigstens hatte er mich nicht gefragt, wo ich herkam und woher ich so gut Englisch sprach.
Kurze Zeit später kam der Mann zurück und bedeutete mir, ihm zu folgen. Er führte mich in ein kleines Büro, wo an einem Schreibtisch ein Mann saß, der mir durchaus bekannt war: Special Agent Jonathan Saitou vom FBI. Es war lange her, dass wir uns das letzte Mal gesehen hatten, tatsächlich kam es mir vor, als sei es eine Ewigkeit, wenn ich bedachte, was passiert war seit unserem letzten Zusammentreffen.

Agent Saitou begrüßte mich, er war offensichtlich gerade in das Studium der Akten zu dem Fall vertieft gewesen.
“Sie kennen sich doch mit so etwas aus?”, fragte er mich und schob mir ein Foto über den Tisch, auf dem etwas zu sehen war, dass aussah wie ein Ausschnitt aus einem haitianischen Vévé. Ich nickte, auch wenn Voodoo und Voudoun eigentlich nur Randerscheinungen meines Studienfaches waren. Aber wie der Agent sagte, ich kannte mich damit aus. Anscheinend war er froh, Hilfe zu haben, denn er fütterte mich umgehend mit allen Informationen, die er hatte. Ich war jetzt wohl offizieller Berater des FBI, was ich angesichts meiner morgendlichen Überlegungen ein wenig seltsam fand, aber ich sagte nichts dazu. Der Agent würde früh genug merken, dass ich nicht mehr alleine war in meinem Kopf.

Ich las mir den Bericht durch, den er mir gegeben hatte, und erfuhr, was es genau mit dem “Voodoo-Killer” auf sich hatte: Bisher hatte es in den letzten acht Wochen sieben Morde gegeben; das jüngste Mordopfer war gestern erst gefunden worden. Alle Mordopfer stammten aus Chicago, alle waren Männer unterschiedlichen Alters, und alle schienen in irgendeiner Verbindung zur dortigen Mafia zu stehen. Ich merkte, wie ich kurz stutzte bei dieser Information. Was hatte die Mafia mit Voodoo zu tun? Aber genau diese Frage stellte die Polizei sich mit Sicherheit auch.
Ich fuhr mit meiner Lektüre fort, denn das war lange noch nicht alles, was ich bisher erfahren hatte. Alle Leichen-Fundorte befanden sich im Freien, im Grünen, einige am Wasser; am Lake Pontchartrain oder im Bayou St. John, aber andere auch in städtischen Parks. Die Tatzeit war jeweils mitten in der Nacht; Zeugen gab es keine: niemand hatte etwas gesehen oder gehört. An allen Tatorten wurden Hinweise auf Voodoo gefunden: Blut von Ziegen und Hühnern, Hühnerfedern, Mehl, Wachs von schwarzen und roten haushaltsüblichen Kerzen, Fasern, eine Schlangenschuppe, ein Fetzen Leopardenfell. Das gesamte Programm also. Kein Wunder, dass Eshu sich hier so wohlfühlte. Rot und schwarz, seine Farben. Wieder fragte ich mich, ob er nicht doch an einem Ritual in der letzten Nacht teilgenommen hatte, und ob ich zumindest für den letzten Mord verantwortlich war.
Mein Verdacht wurde auch mit dem nächsten Absatz nicht zerstreut, es waren Fußspuren von den bloßen Füßen mehrerer Personen gefunden worden. Passte einer davon zu meinen Füßen? Oder sah der Lehm auf einem der Bilder so aus wie der, den ich am Morgen in der Dusche des Hotels abgewaschen hatte?
Ich blätterte schnell weiter, um meine Bedenken wieder zu zerstreuen. Jetzt folgte eine Liste mit weiteren Dingen, die die Spurensicherung im Boden gefunden hatte, da waren unter anderem die Druckstellen eines Segé Madoulé, eines rituellen Kindersargs, sowie in den Boden gezeichnete oder mit Mehl gestreute Muster. Letztere waren jedoch wieder verwischt worden, an jedem Tatort waren lediglich Reste davon übrig.
Hier waren noch mehr Fotos zu sehen wie das, was mir Agent Saitou gleich nach der Begrüßung gereicht hatte. Als ich alle Bilder sah, erkannte ich auch, dass es sich tatsächlich um ein Vévé handelte, also ein rituelles Muster für Voodoo-Zeremonien, von denen jeder Stamm bzw. jede Voodoo-Gemeinschaft ihr eigenes verwendete. Es gelang mir, aus den Einzelfotos das komplette Vévé zusammenzusetzen, ich fotografierte es mit meinem Smartphone. Die Symbole darauf waren mir durchaus vertraut, sie standen für bestimmte Loas, von denen ich die allgemein bekannten – Dambala, Ogoun Badagris, Erzulie und Papa Gédé – identifizieren konnte. Ein Zeichen jedoch hatte ich noch nie gesehen, vermutlich war es ein lokaler Loa oder der einer Gruppierung, die nur hier ansässig war.

Ich berichtete Agent Saitou meine Gedanken zu seinem Bericht, und er hörte mir interessiert zu.
“Was genau hat es mit diesen Loas auf sich?”, wollte er dann wissen. Er stützte die Arme auf den Tisch und faltete die Hände, wobei er mich erwartungsvoll ansah. Ich nickte nur, wenn ich überall solche interessierten und gelehrigen Zuhörer hätte, wäre meine Arbeit noch einmal so schön.
“Loas sind Geister, die als Gottheiten verehrt und angerufen werde. Diese Geister können die Geister von Elementaren, Tieren, Orten, aber auch von Personen sein, die sich zu Lebzeiten besonders hervorgetan haben und nach ihrem Tod zu Loas werden. Bei den Voodoo-Zeremonien, denen ein Priester, ein sogenannter Houngan und eine Priesterin, eine Mamaloa, vorsitzen, tanzen sich die Gläubigen in Extase und rufen unter Anleitung der Priester die Loa an, erflehen ihre Gunst und Gnade. Es ist gang und gebe, dass die angerufenen Loa erscheinen und die Gläubigen besetzen; dieser Vorgang wird “reiten” genannt, als sei der Loa der Reiter und der Gläubige das Pferd.”
Ich machte eine kurze Pause und fasste mir an die Stirn. Ein Zucken in meinem Rücken hatte mich abgelenkt, ich befürchtete, dass Eshu jeden Moment genau das tun würde, was ich dem Agent eben beschrieben hatte. Unsere Beziehung ging zwar tiefer und war dauerhafter als die zwischen Loa und Voodoo-Anhänger, aber im Grunde war es genau das Gleiche.
Ich war bereit, zu flüchten, doch außer einem kurzen Schmerz passierte nichts. Mit einem Seufzen fiel mir ein, dass ich auch nicht mehr der Jüngste war, und ich fuhr mit meinem Vortrag fort.
“Menschenopfer sind im Vodoun zwar theoretisch nicht ausgeschlossen – wenn der Loa eines fordern würde, dann müssten die Gläubigen es bringen – kommen aber in der gelebten Praxis des Voodoo eigentlich niemals vor.”
“Danke, das hat mir schon sehr geholfen”, bedankte der Agent sich, dann stand er auf.
“Ich wollte mir den jüngsten Tatort noch einmal ansehen. Wollen Sie mich begleiten?” Ich nickte, denn ich war einfach zu neugierig, zu erfahren, was es mit all dem auf sich hatte.

Wir fuhren zur Strandpromenade des Lake Pontchartrain, wo auf einer Rasenfläche immer noch das gelbe polizeiliche Absperrband flatterte. Gerade, als der Agent mir etwas erklären wollte, fielen mir zwei junge Frauen auf, die zu uns herübersahen. Die eine war zierlich, ihre blonden Haare hoben sich gegen die schlichte dunkle Kleidung ab. Die andere hatte dunkle Rastazöpfe und trug eine große dunkle Hornbrille, sie kam mir vage bekannt vor.
Als die beiden näher kamen, sah ich auch, woher ich sie kannte: Das war Natalie Bishop, die bei mir in einem Ethnologieseminar saß. Außerdem war ich ihr auch auf dieser seltsamen Gala in Hollywood begegnet, aber das war inzwischen so weit weg, dass ich es fast vergessen hatte.
Sie kam jetzt näher und begrüßte mich lächelnd.
“Dr. Akintola, was machen Sie denn hier?”, wollte sie wissen. Ich zog nur eine Augenbraue hoch und betrachtete meine Studentin, die ich eigentlich ein paar hundert Meilen nördlich in der University of Vermont vermutet hatte.
“Ich denke, das Gleiche könnte ich Sie auch fragen, Miss Bishop”, gab ich zurück, wobei ich mir Mühe gab, nicht den strengen Dozenten raushängen zu lassen.
“Der Fachbereich Bibliothekswesen hat mich hergeschickt, ich sollte für sie bei einer Auktion ein Buch ersteigern. Mary Ann – Miss Young – wollte das ebenfalls, aber wir sind beide überboten worden.” Sie klang jedoch nicht im Geringsten enttäuscht, offenbar hatte das Zusammentreffen mit der anderen Frau sie für den Verlust entschädigt.
Ich betrachtete Mary Ann Young nachdenklich. Als Erstes fiel mir das Kreuz auf, das sie um den Hals trug. Es wirkte nicht, als sei es nur Schmuck, und ich spürte, dass ich keinen gesteigerten Wert darauf legte, nähere Bekanntschaft mit ihr zu machen. Als Anglikaner war es mir nicht möglich, die Church of Nigeria formell zu verlassen, aber im Geiste gehörte ich ihr seit dem Tod meiner Frau nicht mehr an. Alles, was den Ruch von Christentum an sich hatte, war mir inzwischen zutiefst suspekt.
“Woher kennen Sie sich?” wollte Agent Saitou jetzt wissen, und ich stellte ihm Natalie vor. “Ich hab’ Sie auch auf dieser Gala gesehen. Die, wo es… seltsame Zwischenfälle gab”, ergänzte Natalie, dann deutete sie wieder auf ihre Begleiterin.
“Miss Young kenne ich übrigens aus New Mexico. Da gab es auch einen Zwischenfall, den haben wir mit Barry Jackson zusammen geklärt.” Bei diesen Worten warf ich einen zweifelnden Seitenblick auf die Geistliche, doch sie nickte nur. Mir lag eine spitze Bemerkung auf der Zunge, doch ich schluckte sie herunter und machte die Damen mit Agent Saitou bekannt, den ich ebenfalls als Eingeweihten vorstellte.
“Wie uns das alles immer wieder zusammenführt”, meinte Natalie Bishop leichthin, und Mary Ann ergänzte: “Es gibt keine Zufälle. Alles ist vorherbestimmt.”
Jetzt war es mit meiner Ruhe vorbei.
“Solange Sie nicht glauben, dass der da Sie hergebracht hat”, erklärte ich ihr abfällig, wobei ich auf ihr Kreuz deutete. Sie ließ sich von mir jedoch nicht irritieren.
“Gott führt alle unsere Wege”, meinte sie, und ich war mir sicher, dass sie diesen Unsinn wirklich glaubte. Aber ich beließ es dabei, ihre Aussage mit einem verächtlichen Schnauben abzukanzeln und nichts mehr zu sagen. Vielleicht würde ja auch Mary Ann Young eines Tages begreifen, dass ihr lieber Gott sich weder für sie noch für irgendjemand anderen auf diesem Planeten interessierte.

“Aber was machen Sie denn nun hier?” wollte Natalie jetzt wissen. Vermutlich wollte sie das Gespräch wieder in unverfänglichere Gefilde bringen. Agent Saitou und ich erzählten den beiden Frauen, was passiert war, allerdings ohne allzu viele Details zu verraten, denn immerhin waren das laufende Ermittlungen.
“Wer könnte denn ein Interesse an solchen Morden haben?” fragte Mary Ann Young, nachdem wir unseren Bericht abgeschlossen hatten.
“Da gibt es einige. Vielleicht die örtliche Mafia, oder ein anderes Verbrechersyndikat”, vermutete Agent Saitou.
“Was ist denn mit Spuren?” wollte Natalie jetzt wissen, während sie einen Blick zurück auf das Areal warf, um das noch das gelbe Absperrband flatterte.
“Einige, aber ich kann Ihnen natürlich keine Einzelheiten nennen”, antwortete der Agent. Ich überlegte einen Moment, aber dann zog ich mein Telefon aus der Innentasche meiner Jacke und hielt Saitou das Bild des Vévé hin.
“Wir könnten uns im French Quarter umsehen, dort finden wir sicher jemanden, der uns sagen kann, was das für ein Symbol ist, das ich nicht kenne”, schlug ich vor.
Der Agent nickte, und er fragte die beiden jungen Frauen, ob sie sich uns anschließen wollten. Da sie beide im Moment nichts zu tun hatten – sie hatten erst morgen einen Termin mit der Käuferin des Buches – nickten sie und begleiteten uns zum Wagen des Agents.

Das French Quarter war das Viertel, das am ehesten typisch New Orleans war. Es war auch das touristische Viertel, hier reihten sich Cafés und Restaurants an Voodoo-Läden, die teilweise Nippes und teilweise echtes Ritualzubehör verkauften, an den Häusern sah man die Balkone am zweiten Stock, die so gerne fotografiert wurden, und überallher ertönte Musik: Zydeco, Bluegrass und Cajun, und ab und an ertönte das Trommeln eines Straßenmusikers. Es war ein buntes Treiben, das noch von den verschiedenen Gerüchen, die von überall her auf uns einströmten, unterstrichen wurde.

Ich hätte es wissen müssen.

Es ging so rasend schnell, dass ich nicht einmal mit ihm reden konnte, und auf einmal spürte ich, wie drei Augenpaare auf mir ruhten. Mein Gefühl hatte mich nicht getrogen, er hatte es schon wieder getan. Instinktiv sah ich auf meine Hände, aber sie waren sauber, kein Blut war zu sehen.
“Können Sie uns das erklären?” wollte Agent Saitou wissen, und seine ganze Körpersprache sagte, dass er nicht gerade begeistert war über das, was passiert war. Auch Miss Bishops Gesichtsausdruck sprach Bände, und ich hoffte, dass Eshu ihr nicht allzu nahe getreten war. Hübsche Frauen waren nunmal etwas, was ihn sehr interessierte.
“Ja, kann ich”, antwortete ich, denn leugnen war völlig zwecklos. “Aber nicht hier. Vielleicht können wir uns irgendwo zurückziehen.” Der Agent und die beiden Frauen nickten, und kurze Zeit später saßen wir in einer ruhigen Ecke in einem kleinen Café, und ich begann zu erzählen: Von der Apokalypse, und wie Eshu sich in meinem Kopf eingerichtet hatte. Dass er mich bisweilen übernahm, und ich dann nicht wusste, was passiert war.
“Und das war also Ihr… Mitbewohner, den wir da eben gesehen haben?” Agent Saitou schien skeptisch zu sein, er sah mich misstrauisch an.
“Nennen Sie ihn bitte nicht ‘Mitbewohner’. Er ist… etwas Anderes.”

Er ist ein Teil von mir. Die Yoruba glauben, dass Zwillinge sich eine Seele teilen. Zweimal wurde meine Seele bereits halbiert, als Daya verschwand und als Celeste starb. Eshu hat diesen Platz eingenommen. Er ist meine zweite Hälfte, mein dunkler Zwilling. Wir sind für immer miteinander verbunden, denn ein drittes Mal wird es nicht geben.

“Wie Sie meinen.” Der Agent schien nicht zufrieden zu sein, aber er sagte nichts mehr dazu. Stattdessen berichtete mir Natalie jetzt freimütig, was ihr widerfahren war. Ein Handkuss und Komplimente, von oben herab, das sah ihm ähnlich. Aber sie lächelte schon wieder, offensichtlich nahm sie weder mir noch ihm die ganze Sache besonders übel.
“Aber es gibt doch Mittel und Wege, so etwas loszuwerden.” Mary Ann Young sah mich fragend an, und für einen Moment war ich versucht, ihr meine Verachtung ins Gesicht zu schleudern. Christen… glaubten, ihr lieber Gott sei ein Allheilmittel für alles.
“Vielleicht möchte ich das gar nicht?” fragte ich sie, und als sie mich nur betroffen ansah, merkte ich, dass mein Tonfall doch schärfer gewesen war, als ich beabsichtigt hatte. Mary Ann Young war kein Mitglied der Glaubenskongregation, das versuchte, mich unter Druck zu setzen, sie war kein fanatischer Ozark-Christ, und schon gar nicht war sie ein Engel, der aus lauter Langeweile den Himmel in Brand stecken wollte. Im Gegenteil, sie wirkte freundlich und offen, und sie meinte die Dinge, die sie sagte, aufrichtig und ehrlich.

“Wann gedachten Sie, uns mitzuteilen, dass Sie nicht alleine unterwegs sind?” wollte Agent Saitou wissen, und als ich nicht gleich antwortete, setzte er hinzu: “Verstehen Sie mich nicht falsch, aber gerade in Anbetracht der Umstände hätte ich schon gerne gewusst, zu was Sie in der Lage sind.”
Bevor ich antworten konnte, sprang mir Miss Young zur Seite:
“Hören Sie, das ist ja nun nichts, was man den Leuten gleich auf die Nase bindet. Ich kenne Dr. Akintola erst seit ein paar Stunden, und ich kann verstehen, dass er mir das nicht erzählt hat.”
Der Agent schüttelte den Kopf, dann stellte er die Frage, vor der ich mich den ganzen Tag gefürchtet hatte:
“Kann dieser… Orisha für diese Morde verantwortlich sein? Ist das möglich?”
“Ich… Nun, ich hätte in mehreren Nächten von Vermont hierhin fliegen müssen, und glauben Sie mir, es gibt wenige Dinge, die Eshu hasst, aber Flugzeuge gehören dazu.”
“Aber ist es theoretisch möglich? Könnte er jemanden töten? Oder hat er das sogar schon einmal getan?” Der Agent ließ nicht locker, und für einen Moment überlegte ich, ob ich ihm alles erzählen sollte. Aber ich spürte einen Widerwillen, diese Geschichte Menschen zu erzählen, die mir nicht so nahestanden wie beispielsweise Ethan. Selbst Cornelius wusste nur Bruchstücke von dem, was passiert war, und er war immerhin Familie.
“Ja, theoretisch ist das möglich. Aber warum hätte er das tun sollen?” Ich hoffte, dass diese Frage den Agent ablenkte, denn ich war mir ja selbst nicht sicher, ob ich nicht zumindest in den letzten Mord verwickelt gewesen war.
“Sagen Sie mir das, Sie sind der Experte. Ich will vor allen Dingen sicher sein, dass Ihr Orisha nicht gefährlich ist und dass diese Gruppe bei ihren Ritualen neben den anderen Loas nicht auch Eshu dazu holt”. Agent Saitou blieb ruhig wie immer, doch sein Tonfall nahm eine Schärfe an, die ich bisher nicht bei ihm gehört hatte. Daher schluckte ich meine Bemerkung herunter, dass wenn überhaupt, Elegba erscheinen würde.
“Ich kann Ihnen keine hundertprozentige Garantie darauf geben, denn es ist möglich, dass der Orisha noch andere Avatare hat, aber das Vévé hatte kein Symbol, das auf Eshu oder Elegba hingedeutet hat.”
Der Agent nickte, und für den Moment schien er mit dieser Aussage zufrieden. Schweigend tranken wir unsere Getränke, die wir mehr zur Tarnung vor uns stehen hatten.

Das Vévé war immer noch unsere wichtigste Spur, und so beschlossen wir, die Läden im French Quarter abzulaufen, vielleicht konnte uns dort jemand weiterhelfen.
Gleich im ersten Laden, den wir betraten – alt, klein, dunkel und bis unter die Decke vollgestopft mit allerlei Zeug – wurden wir Zeuge, wie der Besitzer gerade eine alte Kreolin bediente. Sie schien zu zögern, die Zutaten für den Zauber wirklich zu kaufen, immer wieder berief sie sich auf ihren “Herrn Jesus” und die Jungfrau Maria, aber dennoch glaubte sie, dass ihre Nachbarin sie mit einem Fluch belegt hatte, so dass sie nicht mehr schlafen konnte. Der Verkäufer des Ladens überzeugte sie jedoch, ein Gris Gris zu kaufen, ein Amulett, das sie unter der Vordertreppe ihrer Nachbarin vergraben sollte. Dann würde jeder Fluch, mit der die Nachbarin sie belegt habe, auf eben diese zurückgeworfen.

Ich hörte diesen Ausführungen mit Interesse zu, während ich mich gleichzeitig in dem Laden umsah. Vieles von dem, was hier in Kistchen, Gläsern und Tütchen herumstand, war nur Nippes für die Touristen, die sich gerne gruseln wollten, aber eine Menge der Zutaten waren echt und in den falschen Händen nicht ungefährlich. Da der Ladeninhaber auf mich nicht den Eindruck eines völligen Idioten machte, der Touristen das Geld aus der Tasche ziehen wollte, zog ich mein Telefon aus der Anzugtasche und wartete, bis die alte Dame gegangen war. Dann trat ich an den Verkaufstresen und hielt dem Mann das Bild hin.
“Haben Sie das hier schon einmal gesehen? Gehört das zu einer der Voodoogruppen der Stadt?” wollte ich wissen. Der Mann sah mich mit großen Augen an, er schluckte und begann hektisch, etwas in seinem Kassenbuch aufzuschreiben.
“Nein. Nie gesehen. Kann ich sonst etwas für Sie tun? Wenn nicht, verschwenden Sie bitte nicht meine Zeit. Ich bin sehr beschäftigt.” Man musste kein großer Psychologe sein, um zu sehen, dass der Mann log, aber ich wusste, dass mir die nötigen Druckmittel fehlten. Ich gab Agent Saitou ein Zeichen, und er kam näher.
“Sind Sie sicher?” fragte er den Verkäufer, doch der schüttelte nur energisch den Kopf.
“Sir, ich bin vom FBI und ermittle in einer Mordsache. Es wäre also gut, wenn Sie mit uns kooperieren würden.” Aber selbst der Ausweis des Agents schien ihn nicht zu beeindrucken, er sah durch uns hindurch und schrieb eifrig Zahlen und Kürzel auf das Karopapier.
“Sie können uns vertrauen.” Mary Ann Young war unbemerkt zu uns an den Tresen getreten, mit einem warmen Lächeln sah sie den Mann an.
“Ich… äh… ich habe die Waren, die Sie brauchen, nicht hier vorne. Ich muss dafür erst ins Lager”, erklärte der jetzt und erhob dabei seine Stimme. Er ging langsam in Richtung eines Vorhangs hinter seinem Verkaufstisch. Ich wartete nicht ab, sondern folgte ihm, und meine Begleiter schlossen sich mir an.
Kaum standen wir alle im Warenlager des Ladens, winkte der Verkäufer uns alle nahe zu sich heran, dann flüsterte er:
“Es gibt in dieser Stadt ein Voodoo-Kartell, das den Drogenhandel und auch das übrige organisierte Verbrechen in seiner Hand hat. Die sehen alles, die hören alles, und die wissen auch, wenn Leute mit jemandem reden.” Er war jetzt kurz davor zu weinen, und ich spürte, wie sehr er sich vor der Rache des Kartells fürchtete.
“Wenn die rauskriegen, dass ich geredet habe, dann bin ich tot. Und es wird kein schöner Tod.” Nervös sah er in Richtung Laden, dann zur Hintertür, dann wieder zu uns.
“Wenn Sie befürchten, dass man Ihnen etwas antut, kann ich eine Unterbringung in einem Safehouse für Sie arrangieren”, meinte Agent Saitou, und der Mann atmete auf.
“Wir brauchen aber noch einen Namen”, fuhr der Agent fort, und augenblicklich war wieder das nervöse Flackern in den Augen des Verkäufers zu sehen.
“Gedde. Maddox Gedde.” Es war beinahe nicht zu verstehen, weil der Mann so leise flüsterte.
Kaum hatte er den Namen ausgesprochen, sahen Mary Ann und Natalie sich überrascht an.
“Wir haben Ihnen doch von der Versteigerung erzählt. Dort wurden wir von einer Miss Gedde überboten. Malia Gedde. Wir haben eine Verabredung mit ihr, morgen früh, damit wir das Buch kopieren können”, erzählte Mary Ann jetzt.

Wir verabschiedeten uns von dem Verkäufer und verließen den Laden. Kaum vor der Tür, entschuldigte Agent Saitou sich und zückte sein Telefon. Er hatte einige Anrufe zu machen.
“Ob dieser Maddox Gedde der Vater von Malia ist?” überlegte Natalie, dann nahm auch sie ihr Telefon zur Hand und begann, etwas darauf einzutippen. Kurze Zeit später konnte sie uns mitteilen, dass Maddox Gedde mitnichten der Vater von Malia war, sondern ihr Bruder – ihr Zwillingsbruder, um genau zu sein. Diese Information ließ mich aufhorchen, aber Natalie hatte noch mehr herausgefunden. Seit dem Tod der Eltern führten die Geschwister die Geschäfte der Familie, die sich hauptsächlich mit Immobilien, Holdings und Investment beschäftigten. Die Geddes selbst waren seit 1800 in New Orleans ansässig und gehörten zu den prominentesten Familien der Stadt. Maddox Gedde schien das Bad in der Menge zu mögen, während seine Schwester sich eher zurückhielt und sich den schönen Künsten widmete: Oper, Ballett und klassische Konzerte waren die Veranstaltungen, auf denen man sie antreffen konnte. Außerdem betätigte sie sich karitativ in verschiedenen Einrichtungen, auch wenn auf den meisten Fotos für die Presse auch ihr Bruder in die Kamera lächelte.

Während Agent Saitou ein erneutes Telefonat führte, rief ich Cornelius an. Mein Schwager war schließlich nicht nur ein renommierter Professor, sondern kannte sich auch in übernatürlichen Kreisen aus.
“Nelson. Wie schön, dass du anrufst.”
Cornelius klang aufgeräumt wie immer, im Hintergrund hörte ich leise Klaviermusik. So gut kannte ich ihn inzwischen schon, dass ich wusste, dass er sich dann im Büro befand.
“Störe ich?” fragte ich vorsichtig.
“Nein. Was kann ich für dich tun?” Wahrscheinlich würde er immer noch so höflich reagieren, wenn ich ihm die ganze Wahrheit über das, was in Nigeria geschehen war, erzählen würde. Aber ich verwarf diesen Gedanken wieder und konzentrierte mich auf das, was ich wissen wollte.
“Sagen dir die Namen Malia und Maddox Gedde was? Zwillinge, ziemlich reich, stehen in Zusammenhang mit Voodoo.” Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, hätte ich mir am liebsten auf die Zunge gebissen. Vielleicht war es nur mein schlechtes Gewissen, aber ich glaubte zu hören, wie Cornelius Luft einsog. Zwillinge. Während meine Seele sich wieder aufgefüllt hatte durch Eshu, war seine für immer zerrissen worden, als Celeste ermordet worden war. Für einen kurzen Moment hatte ich Angst, dass Professor Hamilton einfach auflegte, aber dann sprach er in seinem leisen und freundlichen Dozenten-Tonfall weiter.
“Diese Geschwister jetzt nicht, aber der Name ‘Gedde’ durchaus. Sie stammen von einer bekannten Praktiziererin ab, die 1790 nach dem Sklavenaufstand von Santo Domingo nach New Orleans kam. Mehr weiß ich jetzt allerdings nicht.”
“Danke.” Ich wollte mich verabschieden, aber er hielt mich noch zurück.
“Nelson, komm bald wieder nach Cambridge. Und ich meine nach Cambridge, nicht zum Mount Auburn.”
Ich seufzte leise, aber ich versprach ihm, dass ich mich melden und bald wieder vorbeikommen würde.

Nachdem ich aufgelegt hatte, berichtete ich kurz, was mein Schwager mir erzählt hatte. Auch Agent Saitou hatte neue Informationen für uns, er hatte sich beim FBI in Chicago nach den Fällen erkundigt, und dort hatte man anscheinend nur auf seinen Anruf gewartet. Einer der in Chicago ansässigen Mafiaclans, die Familie Cantozzi, hatte versucht, in New Orleans Fuß zu fassen und in letzter Zeit Vertreter ihres Clans in den Süden geschickt. Seit Kurzem schienen sie jedoch wieder zurückzurudern, was dieses Vorhaben anging.

“Hm,” machte Natalie jetzt, “ob der Voodoozirkel die fehlenden Herzen den Cantozzis vielleicht zur Abschreckung geschickt hat? Oder” – jetzt begannen ihre Augen hinter der Brille zu leuchten – “vielleicht wollten die Geddes mit den Herzen ihre Opfer als Zombies wieder beleben.” Ich lächelte, aber dann schüttelte ich den Kopf. Zumindest letzteres hielt ich für unwahrscheinlich, und ersteres wäre beim FBI in Chicago sicher bekannt gewesen. Aber mir gefiel ihr Eifer, und so sagte ich nichts.

Am nächsten Tag begleiteten Agent Saitou und ich Natalie und Mary Ann Young zu ihrem Termin bei Malia Gedde.
Die Geddes wohnten mitten im Garden District, ein Viertel, das aussah wie aus einer anderen Zeit. Weiße Südstaatenvillen mit den typischen Säulenveranden ragten hinter akkurat gestutzten Büschen hervor, und das Anwesen, dessen Auffahrt wir nun hochgingen, war keine Ausnahme. Alles war makellos gepflegt und sah aus wie aus einem Katalog oder einem Film. Der Butler, der uns nun in einer perfekten Livree die Tür öffnete, erstaunte mich daher keineswegs, erst recht nicht, als er mit Oxford-Akzent fragte:
“Ja bitte? Sie wünschen?”
“Wir haben eine Verabredung mit Ms. Gedde”, erklärte Natalie ihm lächelnd, die Miene des Mannes verzog sich jedoch nicht im Geringsten.
“Oh wirklich? Interessant. Was ist die Natur Ihrer Verabredung?”
“Wir sind hier wegen eines Buches, das Miss Gedde gestern auf einer Auktion ersteigert hat. Sie hat mir und meiner Kollegin hier -” mit einer Handbewegung deutete sie auf Mary Ann – “angeboten, es anzusehen und eine Kopie zu machen für die Universität.” Natalie lächelte weiter, ein ehrliches, aufmunterndes Lächeln, doch noch immer prallte ihr fröhliches Naturell an dem Mann ab.
“Oh wirklich? Interessant. Bitte warten Sie hier.”
Er drehte sich um und verschwand im Inneren des Hauses, und Natalie ließ es sich nicht nehmen, den Akzent des Mannes nachzuahmen, während dieser noch in Hörweite war:
“Oh wirklich? Interessant!”
Wenn er es wirklich gehört hatte, war der Butler der Geddes zu sehr Profi, um sich auch nur eine Kleinigkeit anmerken zu lassen.

Einige Minuten später kehrte der Butler zurück und bedeutete uns, ihm zu folgen. Er führte uns in ein Besuchszimmer und erklärte dann, dass Miss Gedde gleich kommen würde.
Während wir warteten, sahen wir uns in dem Zimmer um. Jeder von uns untersuchte den Raum wahrscheinlich aus einem anderen Grund, mich interessierte in erster Linie die afrikanische Kunst, vieles davon Yoruba- und Ibo-Artefakte, aber auch einige namibianische und kenianische Stücke waren darunter. Über alles schien das altertümliche Porträt einer afrikanischen Frau zu wachen, die eine große Ähnlichkeit mit dem Foto von Malia Gedde hatte, das Natalie uns gezeigt hatte.
In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Malia selbst trat ein. Sie war noch jung, vielleicht Ende 20, Anfang 30, und ziemlich hübsch. Zu einer anderen Zeit hätte ich eine Frau wie sie gefragt, ob sie mit mir einen Kaffee trinken geht und mich dabei angestellt wie ein verliebter Teenager.
Sie lächelte ein wenig unsicher angesichts des Besuchs, schließlich hatte sie nur Natalie und Mary Ann erwartet. Dennoch begrüßte sie uns alle mit der Professionalität einer Person, die es gewohnt war, sich schnell auf neue Situationen mit fremden Menschen einzustellen. Agent Saitou, ebenfalls ganz Profi, kam gleich zur Sache und fragte die junge Frau nach dem Bild.
“Oh, das ist Tetelo, meine Vorfahrin. Eine überaus beeindruckende Persönlichkeit nach allem, was ich weiß. Sie hat sich allen Widerständen zum Trotz als schwarze Frau einen Platz erarbeitet zu einer Zeit, als Sklaverei an der Tagesordnung war und damit den Grundstock für das gelegt, was Sie hier sehen.” Über ihre Familie zu sprechen, schien ein sicheres Pflaster für Malia zu sein, sie lächelte Agent Saitou freundlich an. Dann jedoch kam sie auf den düsteren Teil der Vergangenheit zu sprechen.
“Allerdings war ihr selbst kein glückliches Ende beschieden. Sie wurde von einem Lynchmob verbrannt, weil man sie verdächtigt hat, dass sie die Männer, die sie in die Sklaverei verschleppt hatten, umgebracht hat.” Mit diesen Worten wandte sie sich wieder ab und reichte jetzt Natalie und Mary Ann das Buch, dann rief sie nach dem Butler, der den beiden jungen Frauen dabei helfen sollte, ihre Kopie anzufertigen.
Mich interessierte die Geschichte Tetelos immer noch, da der Name etwas in meinem Kopf zum Klingeln brachte, aber ich konnte mich nicht mehr genau erinnern, was es war.
“Woher kam Ihre Vorfahrin?” fragte ich sie daher.
“Benin”, antwortete Malia leise, und ich nickte nur. Benin. Eine Yoruba wahrscheinlich, kein Wunder, dass Cornelius sie als Voodooienne kannte.

In diesem Moment kamen Natalie und Mary Ann wieder ins Zimmer, und Agent Saitou sah zuerst zu den beiden jungen Frauen, dann zu Malia Gedde.
“Praktizieren Sie Voodoo?” wollte er von ihr wissen.
Wenn sie eine Schauspielerin war, dann eine sehr gute, denn die Frage des Agents schien sie nicht im Geringsten zu überraschen. Sie nickte, und der Agent fuhr fort und fragte sie jetzt nach den Morden.
“Davon… davon weiß ich nichts. Also ich meine, ich habe davon gehört, aber sonst… Nein, ich weiß nichts.”
Ich sah zu ihr herüber, ihr Atem ging ein wenig schneller, ihre Hand, in der sie eine Tasse hielt, zitterte leicht. Mein Blick fiel wieder auf das Porträt ihrer Ahnin, während meine Hand zu dem Kettenanhänger um meinen Hals wanderte. Dann drehte ich mich um und sprach sie an.
“Es ist doch so. Sie wachen manchmal auf und haben Spuren an sich, die Sie sich nicht erklären können.” Es war ein Schuss ins Blaue gewesen, dass Malia das Gleiche widerfuhr wie mir, aber offensichtlich hatte ich getroffen.
“Ja… ja”, stammelte sie jetzt, dann brach sie in Tränen aus. Im selben Augenblick hasste ich mich für das, was ich der jungen Frau antat, und offensichtlich taten Mary Ann und Agent Saitou das ebenfalls, denn beide warfen mir böse Blicke zu. Ich konnte es ihnen nicht verdenken, es war nicht meine Art, jemanden so aus dem Konzept zu bringen, aber es würde auch nichts bringen, weiter um den heißen Brei herumzureden, wenn Menschenleben auf dem Spiel standen. Ich wollte nie wieder an so etwas schuld sein.
“Ich… ich habe seit einem Jahr des Öfteren solche Erinnerungslücken. Meine Urahnin… sie ist ein Loa geworden, und früher hat sie bei den Ritualen meine Mutter geritten. Und seit meine Mutter tot ist, bin ich es wohl nun, die ihr als Wirt dient. Aber das ist doch völlig normal, das gehört zum Voodo doch dazu! Aber doch keine Menschenopfer!”
Malia Gedde sah aufgebracht vom Agent zu mir, dann wieder zu Agent Saitou.

Menschenopfer gehörten weder zu ihrer Religion noch zu meiner. Aber dennoch, sie und ich, wir hatten getötet, diejenigen, die sich unserer Körper bemächtigt hatten, hatten getötet. Die Eine aus Habgier, der Andere aus Rache. Plötzlich stand ich nicht mehr in dem geschmackvoll eingerichteten Haus der Geddes, sondern in einer Hütte in Nigeria, vor mir der zusammengesunkene Körper eines Menschen, in meiner Hand, noch warm und schlagend, sein Herz.
“Das Gefühl, wie es ist, aufzuwachen und ein menschliches Herz in der Hand zu halten, werden Sie niemals vergessen”, stieß ich rauh hervor, mehr zu mir selbst, aber jeder im Raum hatte es gehört. Malia begann wieder zu weinen, während die anderen Drei entsetzt zu mir herübersahen. Besonders Agent Saitou schien diese Enthüllung gar nicht zu gefallen.
“Von wegen nicht gefährlich”, schnaubte er. Ich wandte mich ab. Wenn er mich verhaften wollte, musste er sich wahrscheinlich mit dem Vatikan anlegen. Was für eine Ironie, wenn ausgerechnet ein Diener des Christengottes mich retten würde.

“Wie geht es jetzt weiter?” wollte Malia schließlich wissen, nachdem sie sich wieder beruhigt hatte. Sie ließ mich jedoch immer noch nicht aus den Augen und hielt nach wie vor Mary Anns Hand. Agent Saitou atmete tief durch, dann bedeutete er Malia, dass sie sich setzen sollte. Er erklärte ihr in allen Einzelheiten, was genau passiert war, und dass ihr Bruder wohl nicht der reiche Wohltäter war, der gerne Partyhopping betrieb, sondern ein skrupelloser Gangster, der sie für seine Machenschaften benutzt hatte.
“Ich will das nicht mehr. Wie haben Sie das geschafft?”
Malia sah jetzt zu mir, und ich musste schlucken. Sollte ich ihr sagen, dass ich es akzeptiert hatte? Dass es ein Teil von mir geworden war? Dass der Preis, den ich für die Rache und eine vollständige Seele gezahlt hatte, mein Körper war, der nun nicht mehr mir alleine gehörte?
“Wenn Sie möchten, können wir beide uns gerne später ausführlich unterhalten”, bot ich ihr an, dann fuhr ich fort: “Aber jetzt ist es wahrscheinlich vordringlicher, dass der Agent sich um Ihren Bruder kümmert und wir anderen um Ihre Vorfahrin. Es sei denn, Sie möchten….”
“Nein!” Malia war jetzt aufgesprungen und stellte sich vor Agent Saitou. “Veranlassen Sie alles, was nötig ist. Und Sie… wie wollen Sie sich um meine Vorfahrin kümmern?”
Während der Agent das Zimmer verließ, um mit seinen Vorgesetzten zu telefonieren, überlegte ich, ob ich Malia Gedde wirklich erzählen wollte, was nötig war, um sie von ihrer mörderischen Ahnherrin zu befreien. Aber das war die einzige Möglichkeit, die mir einfiel, und ich glaubte, dass Natalie leicht nickte. Wahrscheinlich war sie mit dem Übernatürlichen vertrauter, als ich zunächst angenommen hatte.
“Es gibt eine sichere Methode, dass sie nie wieder zurückkehrt. Wir müssen ihre sterblichen Überreste mit Salz bestreuen und dann anzünden”, erklärte ich Malia und bemühte mich dabei so zu klingen, als würde ich einem Studenten eine Aufgabe erläutern. Sie nickte, während sie sich wieder hinsetzte und unschlüssig ihr Glas hin- und herschob. Für einen Moment herrschte Schweigen im Zimmer, dann sah sie mich wieder an mit ihren großen dunklen Augen.
“Und das funktioniert?”
Ich nickte. Wenn ich eines von Felicity gelernt hatte, dann das, und zur Not könnte ich Ethan oder Cal anrufen, sie würden mir helfen können.
“Dann machen Sie das. Bitte. Sagen Sie mir, was Sie brauchen.”
Damit war es entschieden, heute nacht würden wir also Tetelos Loa-Dasein ein Ende machen.

Einige Tage später saß ich mit Malia Gedde auf der Terrasse eines Restaurants. Es war ein Lokal der gehobeneren Preisklasse, wo man die junge Frau durchaus erkannte, aber wo sie sicher sein konnte, dass ihre Privatsphäre gewahrt blieb. Keiner von uns beiden hatte Interesse daran, am nächsten Tag in einer der Klatschspalten zu erscheinen.
“Wie fühlen Sie sich?” fragte ich sie, nachdem wir gegessen hatten.
“Nun, ich habe eine Menge Arbeit, jetzt wo Maddox… weg ist. Aber ich habe auch viele Menschen, die mir dabei helfen, Ordnung in das Chaos zu bringen”, erzählte sie, und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und ließ sie strahlen. Dann jedoch überlegte sie, dass ich das nicht gemeint hatte, und sie trank einen Schluck Weißwein, bevor sie fortfuhr.
“Ich schlafe gut, und ich habe keinerlei Aussetzer mehr gehabt. Was immer Sie und die beiden Frauen getan haben, es hat dafür gesorgt, dass Tetelo mich in Ruhe lässt”, berichtete sie, und ich nickte zustimmend.
“Was ist mit Ihnen? Was ist passiert?” wollte sie dann wissen. Für einen Augenblick zögerte ich, immerhin kannten sie und ich uns noch nicht sehr lange. Aber sie würde verstehen können, was geschehen war, und so erzählte ich ihr von Nigeria, von Celeste, von der Entführung und dem, was Eshu getan hatte. Sie war die zweite Person, der ich mich anvertraute, und sie war eine verständnisvolle Zuhörerin, die keine Fragen stellte. Zu vertraut war ihr das, was ich ihr erzählte.
Als ich sie später nach Hause brachte und sie sich von mir mit einem Lächeln verabschiedete, war ich mir sicher, eine Freundin gewonnen zu haben.

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Siren's Song
Auf dem Heimweg von Leavenworth

Von Leavenworth zurück nach Burlington sind es ca. 3000 Meilen. Fünf Tage Interstate, bei denen Ethan und Emily sich mit dem Fahren abwechseln und entsprechend lange Tagesstrecken einlegen. Ein Abstecher in einen kleinen Ort in Kentucky ist auch mit drin, wo Emily ihr Motelzimmer gleich für mehrere Tage mietet und dort die Fluchkisten deponiert, die Ethan gemeinsam mit Bart für sie gebaut hat und die ja überhaupt der Grund waren, warum Emily bei ihm im Auto nach Leavenworth mitgefahren ist, statt ihren eigenen Wagen zu nehmen – in ihren kleinen Geo Metro hätten die ganzen Kisten einfach nicht in einem Schwung reingepasst.
Ethan weiß natürlich, dass dieses Kaff in Kentucky nicht der endgültige Lagerort für die Fluchkisten sein kann. Aber Ethan fragt nicht. Ethan weiß, dass Emily ihm mit Absicht nicht sagt, wo genau sie ihre eigene Sicherungsverwahrung für Krams eingerichtet hat, weil sie ihm seit der Sache mit der Schale nicht mehr traut. Ist ihr gutes Recht. Das sollte ihm eigentlich auch egal sein; was kümmert es ihn, ob ihm irgendwer traut oder nicht. Irgendwie ist es ihm aber doch nicht egal. Es tut weh, verdammt weh sogar, also lässt Ethan das Thema ruhen. Nicht daran rühren.

Den nächsten Übernachtungsstop machen sie am Lake Erie. Ethan ist ganz dankbar für die Tatsache, dass es bis Pemkowet eine zu kurze Tagesetappe wäre, auch wenn er die ‘Hunters’ Lodge’ wirklich mag. Aber da hängen zu viele Erinnerungen dran. Und außerdem ist er sich nicht ganz sicher, wie seine Begleiterin auf den weißen Hexenzirkel des Örtchens reagieren würde. Also ist es ganz gut, dass sie noch ein gutes Stück weiterfahren bis Dunkirk, NY, wo Ethan vor Jahren auch schon mal war.
Das Hotel, bei dem er Halt macht, ist direkt am See gelegen und hat einen großen Garten und einen schönen Blick. Und auch wenn das Zimmer mit den zwei Einzelbetten darin samt seiner Einrichtung schon alt sein mag, wie überhaupt die ganze Anlage schon etwas altmodisch wirkt, so ist es doch hell und anständig sauber. Deutlich sauberer jedenfalls als das Motel, an dem sie eine Meile zuvor vorbeigekommen sind und wo Ethan zuerst hin wollte. Er weiß gar nicht so genau, warum, normalerweise macht alt und heruntergekommen ihm nichts aus, und vielleicht wären die Zimmer innen drin ja blitzblank gewesen. Aber irgendwas an dem Motel hat ihn abgehalten. Irgendwas hat einen Instinkt angeworfen und eine Antenne zucken lassen, und so hat er Emily angesehen, den Kopf geschüttelt und ist weitergefahren. Hier jetzt in diesem Hotel breitet er seine Plane mit der Teufelsfalle darauf besonders sorgfältig aus und befestigt sie mit Reißnägeln am Teppichboden, was er in den Nächten zuvor in den anderen Motels nicht getan hat.

Als Ethan an dem anderen Motel vorbei gefahren ist, hat Emily nichts gesagt und Ethan einfach nur zugenickt. Da Emily bei den vorherigen Übernachtungen alles gemanagt hat, überlässt sie dieses Mal Ethan das Ruder und lässt ihn alles machen. Im Zimmer schmeißt Emily sich aufs Bett, welches nahe dem Fenster steht, und beobachtet ihn dabei, wie er die Plane festmacht. “Stimmt was nicht mit dem Hotel?” Sie schaut ernst und erhebt sich wieder und beginnt, Salz vor das Fenster und die Lüftungsschächte zu streuen und das Hotelzimmer mit abzusichern. Danach lässt sie sich wieder auf das Bett fallen.

Mit einem prüfenden Blick sieht Ethan sich im Zimmer um. Einen Turmalin haben sie keinen, aber ansonsten sieht es hier so sicher aus, wie es für eine Einmalunterkunft eben geht. “Nicht das hier. Das andere.” Mit dem Kinn nickt er ungefähr in Richtung Westen, wo das Dunkirk Motel steht. “Vor Jahren schon mal da. Damals nicht so. Jetzt: weiß nicht. Irgendwas.” Ethan runzelt die Stirn und überlegt, bis er den Finger darauf legen kann, was es war, das seine Antennen hat zucken lassen. Der völlig leere Parkplatz. Und die Tatsache, dass das Gelände in einen leichten Schlechtwetterdunst gehüllt war. Ein leichter Schlechtwetterdunst, der kurz vorher begann und kurz hinterher wieder endete, aber zum See hin deutlich zuzunehmen schien… wo doch eigentlich im Rest des Ortes blauer Himmel zu sehen ist. Nichts wirklich Greifbares also. Aber.

Emily vertraut Ethan dahingehend blind, wenn er der Meinung ist, dass das Zimmer sicher genug ist, oder zumindest sagen würde, wenn es nicht der Fall wäre. Sie sieht aus dem Fenster, auch wenn die Richtung nicht ganz stimmt. “Glaub weiß, was du meinst. Vielleicht sollten wir das mal überprüfen, nur um sicher zu gehen.” Sie schaut fragend Ethan an. “Ich meine, wenn wir schonmal hier sind.” Sie zieht ihr Handy vor und recherchiert ein bisschen. “Hm, angeblich noch offen, die Bewertungen scheinen nicht so toll zu sein. Kaum Gäste wohl.”
“Mmhmm”, nickt Ethan nachdenklich. “Vielleicht echt besser.” Er setzt sich auf sein Bett und holt sein eigenes Telefon heraus. Tippt etwas darauf herum und runzelt die Stirn. “Hmmmm.” Angestrengt überlegt er, ob er schon mal irgendwas von irgendwelchen Monstern gehört hat, die da, wo sie sind, Nebel auslösen. Nichts, was ihm so auf Anhieb einfällt. Vielleicht gibt das Internet eine Spur her. “Idee?” fragt er in Emilys Richtung.

Emily überlegt einen Moment. “Also Ende letzten Jahres war ich in North Carolina, da war es auch so nebelig, aber anders, außerdem waren da, hm, Piratengeister am Werk, glaube nicht, dass es hier ähnlich liegt. Oder das in Delaware, aber da war kein Nebel mit im Spiel.”
Emily verfällt ins Grübeln. “Eine Hexe?” Dabei schüttelt sie den Kopf. “Vermutlich auch nicht. Seelenverzehrer haben auch keine Verbindung mit Nebel. Vielleicht sowas wie eine Seeschlange? Die können doch mit Sicherheit sowas.” Sie zuckt die Schultern und schaut fragend. “Wir sollten auf jeden Fall mit den Besitzern reden.” Dabei lächelt sie verlegen, weil sie genau weiß, dass weder Ethan noch sie selbst die großen Redner sind.

“Mhmmm”, macht Ethan wieder. “Wie Delaware glaub ich nicht. Hexe? Hm.” Der Gedanke lässt ihn innehalten und sich unwillkürlich schütteln. “Eine von den Großen, wenn. Feuer und Erde, also warum nicht Wasser? Aber hmmm. Warum hier? Na vielleicht. Hinterkopf behalten.” Ethan überlegt einen Moment. “Seeschlange? Schon eher. Aber hier im See? Nie gehört. Hmm.” Etwas mehr Tippen auf dem Telefon lässt ihn einen interessierten Laut von sich geben. “Doch. ‘Bessie’. Seekuh. Huh.” Ethan sieht von dem kleinen Bildschirm auf und zu Emily hinüber. “Hatte mal was in Maine oben. Kanadische Grenze. Höhle. Nebel drin und davor. Monster. ‘Grootslang’. Holländer mitgebracht. Oder einfach holländischer Name. Halb Schlange, halb Elefant. Hmmm.” Nachdenklich nickt er seiner Begleiterin zu. “Reden, jeden Fall.” Er grinst schief. “Oder versuchen.”
“Ich glaub auch weniger, dass wir es hier mit einer Hexe zu tun haben.” Sie sieht zu, wie Ethan noch ein wenig auf seinem Telefon rumdrückt und quittiert seine nächste Bemerkung mit einem “Auch möglich.” Sie erhebt sich, lässt sich von Ethan die Autoschlüssel geben und holt noch einen weiteren Rucksack rein und verschwindet damit ins Bad. Als sie wieder rauskommt, hat sie sich umgezogen und voll ausgerüstet. Sie trägt eine Hose mit vielen Taschen, wovon die meisten mit irgendwas gefüllt sind. Ethans Jägerblick erkennt sofort, dass sie ein Messer am Gürtel trägt und vermutlich ein zweites im Stiefel stecken hat, für einen Laien nicht sofort erkennbar. Sie gibt Ethan den Schlüssel wieder. Etwas an Emily wirkt anders, ihre Bewegungen, ihr Blick, sie scheint jetzt vollkommen im Jägermodus zu sein, und ihr Auftreten ist viel sicherer geworden. Emilys Augen scheinen zu leuchten. Sie wirkt einen Hauch distanzierter, ohne wirklich distanziert zu sein. Dennoch erwidert sie Ethans schiefes Lächeln. “Klappt schon irgendwie. Okay, wollen wir?”
“Sekunde.” Jagdtaugliche Klamotten hatte Ethan den Tag über schon an, aber jetzt schnallt er sich seinen Ausrüstungsgürtel um und prüft kurz und mit der Gewohnheit zahlloser Male, ob das Messer mit genau der richtigen Festigkeit in der Hülle sitzt und dass kein Verschluss einer Gürteltasche verhakt ist. Schließlich zieht er die Jacke darüber, in der ebenfalls etliches an Zeug steckt – muss keiner auf den ersten Blick sehen, was er alles an Kram bei sich hat; es ist schon blöd genug, dass sowohl die Mossberg als auch die Remington vermutlich im Auto werden bleiben müssen.
An Ethans Haltung ist zu sehen, dass auch er komplett in den Jagdmodus umgeschaltet hat und sich ganz in seinem Element befindet, als er Emily zunickt. “Können.”

Mit dem Auto sind es nur wenige Minuten bis zu dem so unnatürlich vernebelten Motel. Ethan stellt den D21 auf dem völlig leergefegten Parkplatz ab, nickt Emily wieder zu und steigt aus.
Der Ort strahlt eine unheimliche Aura aus. Emily greift aus alter Gewohnheit auf dem Rücksitz und seufzt leise. Ihren Bogen, der dort unter einer Decke liegt, sollte sie wohl besser erstmal nicht mitnehmen. Sie nickt Ethan zu, erwidert sein Nicken und steigt ebenfalls aus. Sondiert den leeren Parkplatz und das Gebäude, setzt sich dann in Bewegung zur Rezeption. Sie spürt, dass hier was ganz und gar nicht stimmt, kann es aber einfach nicht richtig greifen.
Bevor sie hinein geht, dreht sie sich nochmal in Ethans Richtung. “Wollen wir sie gleich konfrontieren oder erstmal dumm stellen?”
Ethan zieht prüfend die Luft durch die Nase ein. Es liegt ein Dunst von Wasser in der Luft, beinahe wie an der Küste, und dabei ist das hier doch ein Binnensee. Aus der Nähe wirkt das Motel nochmal düsterer und unheimlicher, wirklich ganz anders als damals, als er vor einigen Jahren hier Halt gemacht hat.
Auf Emilys Frage jetzt hebt er leicht die Schultern. “Erst mal nur fragen, denk ich. Zimmer frei, dann Thema drauf. Wenn sie was wissen, zucken die schon.”
Sonderlich glaubwürdige Übernachtungsgäste geben sie ohne Gepäck zwar vielleicht nicht ab, aber hey, wer sagt denn, dass sie ihr Gepäck nicht erstmal im Auto gelassen haben.
Emily betritt die Rezeption, geht direkt zum Schalter und drückt einige Male auf die Klingel. Ein älterer Mann kommt aus dem hinteren Bereich und murmelt etwas von “Ein alter Mann ist doch kein D-Zug”, seine Miene wird aber gleich freundlicher, als er die beiden Gäste sieht. “Was kann ich für Sie tun?” Emily lehnt sich leicht gegen den Tresen. “Wir hätten gerne ein Zimmer für eine Nacht.” Der Alte schmunzelt etwas, sieht draußen den D21 stehen. “Flitterwochen?” Emilys Gesichtszüge entgleisen etwas. “Nein, keine Flitterwochen oder dergleichen. Aber wo wir gerade dabei sind, gibt es hier keine anderen Gäste?” Der Mann nickt. “Oh, Verzeihung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Und nein, wir haben keine weiteren Gäste, Sie wären hier ganz ungestört.” Dabei wirkt sein Blick etwas skeptisch. Emily fragt unbeirrt weiter, bevor der Alte doch noch auf komische Gedanken kommt. “Ist das Wetter mit Absicht so trübe? Haben Sie irgendwo eine Maschine oder sowas?” Der Mann schaut Emily merkwürdig an und schüttelt den Kopf. Er meint, er wisse auch nicht, was los sei, aber das sei ihm auch schon aufgefallen, doch hat er keine Erklärung dafür.

Ethan, der bei dem Wort ‘Flitterwochen’ ebenfalls ein bisschen gezuckt hat, mustert auf dessen Auskunft hin den Mann eingehend, aber der scheint tatsächlich die Wahrheit zu sagen. “Schon länger?” will er schließlich wissen, was ihm ein “Seit einigen Wochen immer wieder” einbringt. “Mmhm”, macht Ethan. “Ganzen Tag?” Vor allem tagsüber, wie es scheint, aber durchaus auch nachts. Ethan wirft Emily einen Blick zu, nickt leicht und sieht dann wieder zu dem Alten und nickt dem auch zu. “Zimmer. Ja.” Er schiebt dem Besitzer Geld über den Tresen und bekommt einen Schlüssel ausgehändigt. Sieht flüchtig auf die Zimmernummer und nickt wieder. Bringt ein knappes “Danke” heraus und sieht zu Emily, ob die noch etwas fragen will.
Sie sieht den alten Mann eindringlich an. “Wann waren denn die letzten Gäste vor uns hier?” Der Rezeptionist sieht abwechselnd von Emily zu Ethan und bleibt bei Emily wieder hängen. “Ungefähr drei Wochen.” – “Und irgendwelche seltsamen Vorkommnisse?” Der Mann überlegt kurz. “Es sollen Leute ertrunken sein, aber bei dem Mistwetter kein Wunder, wer geht dabei schon baden. Zum Glück ist unseren Gästen bisher nichts passiert. Aber warum wollen Sie das alles wissen? Tuen Sie sich einen Gefallen und lassen Sie das Baden sein, solange das Wetter so schlecht ist.” Emily antwortet ihm nicht darauf, sondern nickt dem Alten zu. “Danke.” Danach sieht sie Ethan an, nickt ihm ebenfalls zu und geht wieder raus. Der Mann sieht den beiden misstrauisch hinterher. Als sie draußen und ein Stück vom Rezeptionshäuschen weg sind, regt Emily sich erst noch ein wenig auf, was ihm denn einfalle und ob Männer und Frauen nicht einfach nur so unterwegs sein könnten und ob sie denn aussähen wie ein verliebtes Pärchen. Aber so schnell sie sich in Rage redet, genauso schnell beruhigt sie sich auch wieder und beißt kurz die Zähne zusammen. Danach richtet Emily ihren Blick auf Ethan. “Zimmer ansehen? Glaub zwar nicht, dass wir was finden, aber schauen sollten wir trotzdem mal.”
Ethan muss ein bisschen schmunzeln angesichts von Emilys Empörung, aber er verkneift sich das, so gut er kann, vor allem, da der letzte Spruch ihm irgendwo tief drinnen doch so etwas wie einen Stich versetzt. Statt dessen schnaubt er sarkastisch. “Baden. Oktober. Heh.” Okay. Das Wetter diese Woche ist mit etwas über 20° Grad tatsächlich angenehm warm. War es auch schon in Leavenworth. Aber trotzdem. Viel wärmer als um die 15° Grad dürfte das Wasser um diese Jahreszeit trotzdem nicht sein. Und ob es da so viel Spaß macht, baden zu gehen? Naja. Mit Neoprenanzug vielleicht. Surfen oder so. Anders als Irene – er zuckt kurz zusammen bei dem Gedanken an die seelenlose Britin – ist Ethan nicht so der Wassersportler und kann das nicht so beurteilen. Mit zusammengepressten Lippen schüttelt er den Gedanken weg und nickt Emily zu. “Zimmer.”
“Naja, ganz abwegig ist es ja nicht. Also nicht hier, wo so viele Menschen sind.” Sie grinst Ethan schelmisch an. “Und nicht bei diesem Wetter. Damit hat er schon recht.” Als Ethan still wird und sie sieht, wie er die Lippen zusammenpresst, schaut sie etwas besorgt. “Alles in Ordnung? Ist dir was aufgefallen?”, aber Ethan schüttelt stumm den Kopf.
Am Zimmer angekommen, gehen die beiden Jäger hinein. Es sieht schon etwas schäbig aus, abgefetzte Möbel. Im Holz scheint auch der eine oder andere Holzwurm zu leben. Sämtliche Sitzgelegenheiten wie auch die Betten knarzen unheimlich, aber das Zimmer ist, bis auf ein paar schwarze Schimmelflecken zwischen den Kacheln im Bad, weitestgehend sauber. Emily beginnt das Zimmer systematisch abzusuchen, kann aber nichts Auffälliges oder Verdächtiges finden. Sie stößt einen kleinen Fluch aus. “Verdammt. Nichts, wie schon vermutet. Hast du was gefunden?” wendet sie sich fragend an den anderen Jäger.
“Mm-mm”, verneint Ethan. Er schüttelt den Kopf, runzelt etwas die Stirn. “Drei Wochen keine Gäste. Puh. Hotel? Ewig. Hm.”
Er sieht die lange Reihe der Zimmereingänge entlang, mustert den bis auf den D21 völlig leeren Parkplatz. “Kommen keine Leute, weil’s unheimlich ist, oder wurd’s unheimlich, weil keine Leute mehr kommen?”
Während Emily das Zimmer absucht, öffnet Ethan das Fenster, lehnt sich hinaus und inspiziert die Fensterbank und die Außenwand, soweit er sie von hier drinnen aus sehen kann. Aber da sind weder okkulte Symbole zu sehen noch sonstige Hinweise auf das, was dem Motel die Gäste abhält. Ethan zieht die Brauen zusammen und späht Richtung See, aber der ist im diesigen Nebelwetter nur zu erahnen, obwohl das Ufer gar nicht weit entfernt ist. “Nebel”, brummt er. “Passt nicht. Irgendwas.”
Emily lässt sich auf das knarrende Sofa fallen. “Hm, könnte mir vorstellen, weil es unheimlich ist. War bei uns ja ähnlich. Also weißt schon, wie ich das meine. Aber verstehe nicht, warum er nicht versucht hat, was dagegen zu machen. Am Motel scheint es nicht zu liegen, wenn es wahr ist und den Gästen noch nichts passiert ist.”
Ethan antwortet, ohne seinen Blick von der Landschaft draußen zu nehmen. “Mmmh. Weiß. Und eben. Versteh ich nicht. Kostet doch Geld ohne Ende.” Bei Emilys Erwähnung von ‘wenn es wahr ist’ zieht Ethan sein Handy heraus und tippt ein paar Minuten lang konzentriert darauf herum. “Scheint so”, sagt er schließlich. “Jedenfalls nichts zu finden. Keine Todesfälle direkt hier. Keine Berichte.”
Emily erhebt sich wieder. “Verdammt, was geht hier vor?” Sie stellt sich neben Ethan ans Fenster und schaut ebenfalls in die Nebelbank hinein. “Ich hab ein ganz ungutes Gefühl.”
Als Emily neben ihn ans Fenster tritt, sieht Ethan kurz zu ihr hinüber und bedenkt sie mit einem schiefen Lächeln. “Mmhmm.” Er legt den Kopf schief und späht wieder Richtung See. “Draußen umsehen?”

Emilys Blick ist weiter auf den Nebel gehaftet. “Okay, also nichts bekannt. Wird dann wohl stimmen.” Sie stößt sich von der Fensterbank ab und geht Richtung Tür. “Ja, vielleicht finden wir dort irgendwas Brauchbares.” Sie geht mit Ethan raus und die paar Meter zum Strand hinunter. Dieser scheint auf dem ersten Blick menschenleer zu sein. “Hm, damals hat Bart gesagt, ich solle mich vom Wasser fernhalten, als das mit McKenzie war. Ob er wohl immer noch der Meinung ist?” Jetzt wirft sie Ethan ein schiefes Lächeln zu. Dann stellt sie sich direkt ans Wasser und schaut einfach in die Ferne und lauscht, dabei schließt sie die Augen und versucht sich ganz auf ihre Umgebung einzulassen, irgendetwas zu spüren oder zu hören.
Draußen am Seeufer atmet Ethan tief die neblige Luft ein. “Mhmhm”, brummt er auf Emilys Bemerkung wegen Bart. Kann sein, kann auch nicht sein. Ist ihm aber auch gerade relativ egal, ehrlich gesagt. “Weiß nicht.” Während Emily die Augen schließt und beinahe zu wittern scheint, lässt Ethan die seinen offen, verengt sie nur ein wenig, schaltet sein Denken aus und lässt den Blick schweifen. Vertraut darauf, dass sein Unterbewusstsein ihn wird anhalten lassen, wenn es etwas zu bemerken gibt. Aber da ist nichts. Nichts bis auf dieses seltsame lokalisierte Wetter. Und etwas, weiter entfernt am Strand, im Nebel kaum auszumachen, eine Gestalt, die da im Sand zu sitzen scheint.
Ethan wartet, bis Emily die Augen wieder öffnet und nickt zu der Gestalt hin. “Da.”

Emily öffnet langsam die Augen wieder und mustert Ethan für einen Augenblick, bevor sie in die Richtung schaut, in die er zeigt. Sie macht den Eindruck, als wolle sie etwas sagen, schüttelt dann aber mit den Kopf und nickt Ethan zu. Richtig zu erkennen ist die Gestalt nicht, aber sie sollten mal rübergehen und mit ihr sprechen, vielleicht ist sie öfter hier und hat was beobachtet. “Lass uns das genauer anschauen, vielleicht weiß der oder die etwas. Oder?” Ihr Gesicht verfinstert sich. Vorsichtig nähert Emily sich der Gestalt. Durch das Wetter und vor allem dem Nebel müssen sie nahe ran, um die Gestalt zu erkennen. Es scheint eine junge Frau in Badebekleidung, genauer gesagt in einem Neoprenanzug. An der Wasserkante liegt kaum erkennbar ein Surfbrett. Auch wenn Emily nicht sehr gut darin ist, würde sie die junge Frau auf Anfang Zwanzig schätzen. Sie blickt kurz Ethan an, ob er vielleicht das Reden übernehmen will, die junge Frau ist vielleicht ihm gegenüber aufgeschlossener. Dann lächelt sie ihm knapp zu und lässt sich ein Stück hinter Ethan fallen.
“Plan.” Wieder lächelt Ethan Emily an, durchsetzt von einer Spur zustimmenden Inbetrachtziehens der Möglichkeit, als die andere Jägerin der Verdacht äußert, die Person am Strand könne selbst mit dem was-auch-immer-es-ist hier zusammenhängen. Als Emily ihn dann fragend ansieht und ihm gleich darauf den Vortritt lässt, bedenkt er sie kurz mit einem amüsierten ‘das meinst du jetzt nicht ernst’-Blick. Aber den wiederum meint er selbst nicht sonderlich ernst – so wenig er sich darum reißen mag, bei der Unterhaltung mit der Surferin den Wortführer zu geben, Emily hat ja recht, elender Drecksmist. Vielleicht bekommt er zu der jungen Frau wirklich den besseren Draht. Langsam geht er zu ihr hin und hebt grüßend die Hand, als sie neugierig aufschaut. “Tag”, sagt Ethan zur Einleitung. “Surfwetter?”
Die junge Fremde lächelt strahlend, und mit diesem Lächeln geht Ethan auf, wie hübsch sie tatsächlich ist. Quark. Vergiss hübsch. Umwerfend schön. Sie hebt die Hand an den Kopf, zieht ein Haargummi ab, und eine blonde Lockenmähne löst sich. Ethan ist sich der aufwallenden Haarpracht derart bewusst, dass es genausogut eine Zeitlupe in einem Film sein könnte. Baywatch oder so. “Hi!” sagt sie fröhlich, ganz auf Ethan konzentriert, als wäre Emily gar nicht da, “und wie!”

Sie zuckt mit den Schultern und lächelt ihn mit einem ‘und ob das mein Ernst ist’-Lächeln, das beinahe ein Grinsen ist, an. Emily beobachtet die Szenerie mit Abstand und spürt einen tiefsitzenden Schmerz in der Brust, als sie von Weitem sieht, wie die junge Frau Ethan anstrahlt und dabei auch noch ein Haargummi entfernt und eine Strähne sich löst. Ihr entgeht nicht, wie Ethan die junge Frau ansieht. Die Blonde blickt für einen Sekundenbruchteil zu Emily, und ihr Mundwinkel geht für diesen Augenblick unmerklich nach oben. Emily schaut verstimmt zu den beiden, versucht sich aber nichts weiter anmerken zu lassen. Sie presst die Lippen zusammen und geht etwas näher an die beiden ran, bleibt aber weiterhin auf Abstand, schließlich will sie die Frau nicht verschrecken. Sie atmet einige Male tief durch und geht nur so nah ran, dass sie gerade hören kann, was gesprochen wird. Sie lässt die beiden nicht aus den Augen, nähert sich aber auch nicht weiter.
Ethan mustert die blonde Surferin aus ganz leicht verengten Augen. „Mhmmm“, macht er in etwas skeptischem Tonfall und sieht hinaus auf das vom Nebel verhangene Wasser. „Trüb hier“, konstatiert er dann trocken. Nickt mit dem Kinn nach links, den Strand hinunter. „Bessere Orte.“
Das Lächeln der Fremden wird, wenn das überhaupt möglich ist, noch etwas breiter. „Wegen des Nebels? Ach nein. Ich mag den Nebel“, schnurrt sie, und ihre Stimme wird tiefer, rauchiger. “Er macht so eine romantische Stimmung. Und wenn man nicht so weit sehen kann, ist das so…” – sie wirft die Haare in den Nacken und senkt die Stimme, so dass man sich zu ihr vorbeugen muss, wenn man hören will, was sie sagt, “… intim.”
Ethan unterdrückt ein Kopfschütteln. Das ist schon ziemlich dreist, wie ungeniert die junge Frau mit ihm flirtet.
“Ähm”, brummt er in absichtlich kühlem und nüchternem Tonfall, “kann sein. Sind Sie dann oft hier, Miss?” Vielleicht hat sie ja irgendwas gesehen, wenn ja.
Die Fremde zieht einen Schmollmund, was Ethan erst so richtig ins Bewusstsein ruft, wie rot und wie voll ihre Lippen sind. Als seien sie nur zum Küssen gemacht. “Ach. ’Miss’. Sag’ doch nicht ‘Miss’. Das klingt entweder nach kleinem Mädchen oder nach alter Jungfer. Und sehe ich aus wie eines von beiden?” Sie zwinkert vertraulich. “Man nennt mich Pearl.” Sie sieht Ethan an, als sei die Antwort auf ihre Frage die wichtigste Auskunft der Welt. “Und wie heißt du?”
Hm. Irgendwie ist ihm ein bisschen unwohl bei dem Gedanken, dieser offenherzigen Fremden seinen Namen zu verraten. Das ist normalerweise schon nichts, mit dem er hausieren geht, und in diesem Falle schon mal gleich gar nicht. Ethan deutet ein entschuldigendes Lächeln an, schüttelt leicht den Kopf und öffnet den Mund zu einem ’tut doch nichts zur Sache’. “Ethan”, antwortet er. Ach, verdammt. Das wollte er doch gar nicht. “Also, sind Sie oft hier?”
“Warum?” säuselt die Fremde, “Willst du etwa wissen, wie die Chancen stehen, mich hier zu treffen? Ziemlich gut, kann ich dir versichern.” Wieder zwinkert Pearl ihm zu, und Ethan kann spüren, wie seine Verlegenheit wächst. Seine Verlegenheit und sein Unbehagen – er will sich doch gar nicht von dieser blonden Schönheit anflirten lassen!
“Nein”, brummt er, noch sachlicher als eben schon. “Wollte fragen: Was gesehen? Was aufgefallen?”
“Oh, mir fallen eine Menge Dinge auf”, lächelt Pearl. “Irgendwas im Besonderen?”
Ethan runzelt die Stirn. “Irgendwas halt.”
“Hmmmm…” Pearl macht ein grüblerisches Gesicht. Ihr Mund sieht hinreißend aus, wenn sie nachdenkt. Und die Grübchen um ihre Augen. “Vielleicht? Aber das ist nichts für…” – die blonde Surferin wirft einen Blick auf Emily – “… drei. Triff dich nachher mit mir, dann zeige ich es dir.”
Ähm. Nein. Ganz bestimmt nicht. Ethan schüttelt entschieden den Kopf. “Lass mal”, brummt er knapp.
“Spielverderber”, neckt die Blonde ihn. Wieder sieht sie zu Emily, bevor sie wie in einer zufälligen Geste den Reißverschluss ihres Surfanzugs ein Stückchen öffnet und die Stimme verführerisch senkt. “Ich glaube, du bist Feuer und Flamme, du willst aber nur nicht, dass der Trauerkloß da drüben es mitbekommt. Weißt du was, der Trauerkloß muss es nicht mitbekommen. Triff dich mit mir, und verspreche dir, du wirst es für den Rest deines Lebens nicht vergessen!”
Richtig. Das würde er nicht. Weil es irgendwie falsch wäre. Und weil er immer wieder daran denken würde, dass es falsch war. “Nein”, wiederholt er grimmig.
Für einen winzigen Moment geht eine Regung wie helle, ungezügelte Wut über Pearls Gesicht, ist aber so schnell verschwunden, dass Ethan sich nicht sicher sein kann, was er da gesehen hat. “Lass mich kein drittes ‘Nein’ hören”, murmelt die Blondine. Sie beugt sich vor und streichelt kurz über Ethans Wange, dann legt sie die roten Lippen an sein Ohr und flüstert. “Du wirst zu mir kommen, sobald es dunkel ist. Du wirst alleine kommen. Du wirst Aschenputtel da drüben nichts davon erzählen. Und du wirst vergessen, dass ich dir dies befohlen habe.” Sie lehnt sich zurück und haucht ihm einen Luftkuss zu. “Bis später!”
Ethan schluckt. Was zum Geier bildet die sich ein? “Wir müssen los”, knurrt er und durchbohrt die Surferin mit einem ungehaltenen Blick. “Spaß noch und so.”

Die junge Frau spricht gegenüber Ethan von Romantik und wird immer leiser und geheimnisvoller, dann beugt sich Ethan vor, um die Surferin besser zu verstehen, und es wirkt fast so, als würden die beiden miteinander tuscheln, obwohl Ethans Gesichtsausdruck eher ein Mißfallen ausdrückt. Emily kann kaum verstehen, was die beiden bereden, als wenn es Absicht wäre, zumindest von der jungen Frau ausgehend. Da hat Emily ohnehin schon die ganze Zeit das Gefühl, dass sie ein Dorn in ihren Augen ist. Emilys Gesichtszüge werden hart und kalt. Nicht gegenüber Ethan, aber gegenüber dieser Surferin. Irgendwas stimmt mit der nicht. Irgendwas sagt ihr, dass diese Frau mit Vorsicht zu genießen ist. Ihre Jägersinne springen an. Die junge Frau, die sich bei Ethan als Pearl vorgestellt hat, beachtet sie nicht einmal oder besser gesagt kaum. Sie macht sich sogar einen Spaß daraus, ungeniert mit Ethan zu flirten. Emily seufzt leise, auch wenn Ethan nicht wirklich darauf eingeht, wenn er wollen würde, wäre es seine Sache, aber Emily wird das Gefühl nicht los, dass mit dieser Pearl etwas nicht stimmt.
Pearl scheint tatsächlich um jeden Preis Ethan rumkriegen zu wollen. Emily ist bewusst, dass Ethan letztendlich auch nur ein Mann ist, aber er ist auch Jäger, der müsste doch merken, dass mit der was nicht stimmt.
Als sie dann noch ihren Reißverschluss ein Stück öffnet und ihre Reize zur Schau stellt, ist das Maß voll und sie geht doch direkt zu den beiden und baut sich leicht vor Pearl auf. Sie will Ethan nicht in die Parade fahren, aber jetzt ist echt mal gut. “Hör mal zu, wir wollen nur wissen, ob dir hier was Ungewöhnliches aufgefallen ist oder nicht. Und damit meine ich nicht, mit wievielen Männern du hier so rumgemacht hast.” Pearl dreht sich nur kurz zu Emily um, funkelt sie dabei regelrecht an und faucht: “Das geht dich gar nichts an. Ich habe mich hier gerade ganz nett mit ‘Ethan’ unterhalten. Also warum gehst du nicht einfach woanders spazieren.” Ethans Namen sagt sie ganz, ganz weich und lässt sich viel Zeit, seinen Namen auszusprechen. Danach wendet sie sich von Emily ab und schenkt ihre ganze Aufmerksamkeit Ethan. Sie strahlt ihn verführerisch an und schenkt ihm ihr breites Lächeln. Emily schaut mit gemischten Gefühlen auf die beiden, sie ist gerade stinksauer auf die Surferin, zwar versucht sie, das zu verbergen, aber vollkommen gelingt ihr das nicht.
Pearl spricht wieder leise auf Ethan ein, sodass Emily, obwohl sie direkt daneben steht, kaum etwas verstehen kann.
Ethan muss irgendwas gesagt haben, was der Surferin missfiel, denn auch wenn sie es aus ihrer Position nicht richtig erkennen konnte, hat sie eben kurz eine Art Fratze gesehen.
Pearl lässt nicht locker und wispert Ethan etwas zu und kommt ihm unverschämt nah. Und Emily ist sich sicher, wären sie nicht bei einem Job, wäre sie längst weg gewesen. Auch wenn Emily den Vorschlag gemacht hat, Ethan solle mit der jungen Frau sprechen, das hat sie nicht erwartet. Emily schaut die beiden an. Dann spricht sie Pearl nochmal an, bei dem zweiten Versuch Ethan rumzukriegen. “Dein Ernst. Er hat doch gesagt, dass er nicht will.“ Dabei sieht sie unsicher Ethan an. “Oder?” Ethan nickt und lässt die Surferin auflaufen und dreht sich weg, um zu gehen. Verabschieden tut Emily sich nicht von Pearl, sondern geht mit Ethan einfach mit. Emily folgt ihm, und als sie hofft, dass sie außer Hörweite sind, beginnt sie leise zu sprechen: “Ich glaube, mit der stimmt was nicht. Ich verstehe ja nichts vom Surfen, aber ich glaube nicht, dass gute Surfer bei Nebel rausgehen. Die weiß mit Sicherheit was oder hat damit zu tun.” Sie hält einen Moment inne, bevor sie fortfährt. “Naja, vielleicht hättest du zum Schein darauf eingehen sollen. Vielleicht hätten wir doch was erfahren.” Ethan kann spüren, dass der Vorschlag durchaus ernst gemeint war, ein Mittel zum Zweck halt. Emily schaut etwas zerknirscht. “Sorry, dass ich mich da eingemischt habe.”
Ethan atmet tief durch. “Puuuuuh. Die war…” … Wunderschön. Begehrenswert. Umwerfend. Diese Augen. Diese Lippen. Die nur zu erahnenden, aber unverkennbaren sinnlichen Kurven unter dem engen Surfanzug… Nein. Wütend schüttelt Ethan den Kopf. “… unmöglich.” Mit einem Stirnrunzeln sieht er zurück in die Richtung, wo sie hergekommen sind. Wo Pearl auf ihn wartet. Auf ihn wartet, um ihn etwas erleben zu lassen, das— nein, verdammt! “Kann sein. Kein Plan vom Surfen, aber ja. Möglich.”
Emilys Zerknirschtheit lässt ihn entschieden abwinken. “Gut so.” Er war ja echt… enttäuscht… Nein, verdammt! … dankbar, dass Emily ihm zu Hilfe gekommen ist. Wenn es ihr egal gewesen wäre, dann… dann… Dann hätte dem Treffen mit Pearl nichts im Weg gestanden. Nein verdammt! Er will sich doch gar nicht mit der Surferin treffen! Und er will sich auch nicht mit ihr einlassen, wie Emily das eben vorgeschlagen hat. Unglücklich verzieht er das Gesicht. “Nicht. Nein. Das… Wär falsch. Nicht mal zum Schein.” Er zögert, sieht die andere Jägerin hilfesuchend an. “Muss… Muss doch anders gehen.” Er schaut in die andere Richtung den Strand entlang. “Weitersuchen?”
“Ethan, darf ich dich fragen, was sie dir zugeflüstert hat? Musst du mir natürlich nicht sagen, nur sie hat so zufrieden geschaut.” Etwas wie Sorge ist in ihrem Gesicht zu erkennen.
Emily sieht Ethan nicht an, sie schaut eher auf den nebelverhangenen See, bevor sie nochmal nachdenklich einen Blick zurück wirft. “Irgendwas. Irgendwas ist mit der.” Sie schüttelt kurz den Kopf.
Auf Ethan letzte Frage antwortet sie nur knapp. “Mhmm.” Sie scheint in irgendwie in Gedanken zu sein.
“Darfst. War nur nicht wichtig. Nur dass…” Ethan bricht ab. Überlegt einen Moment, runzelt dann die Stirn. “Weiß es schon gar nicht mehr. Egal. Nicht wichtig.”
Es ist wirklich nicht wichtig. Denn da hinten wartet Pearl. Pearl mit ihren sanften, verlockenden Rundungen. Mit ihrer blonden Mähne, die nur danach ruft, dass Ethan seine Hände darin vergräbt. Mit ihrem Duft, den Ethan sich so lebhaft vorstellen kann, dass er ihn beinahe in der Nase zu spüren meint. Mit ihren vollen, roten Lippen, die sich den seinen nähern, um ihn zu küssen. Ihre vollen, roten Lippen in zarter Liebkosung an seinem Ohr, die ihm feurige Worte zuflüstern. Feurige Worte, leidenschaftliches Versprechen von… was? Er weiß es nicht nicht mehr, aber er muss es auch gar nicht wissen.
Ethan stutzt, und seine Augen weiten sich. “Em. Da stimmt was nicht.”

Emily schaut im ersten Moment skeptisch, nimmt ihm das anfangs nicht ganz ab. Nicht wichtig, was eine bildhübsche Schönheit ihm ins Ohr säuselt? Will er sie verarschen, für wie blöd hält er sie? Er kann doch tun und lassen, was er will. Aber was, wenn er die Wahrheit sagt und es wirklich nicht mehr weiß? Was, wenn sie doch eine Hexe ist? Aber dann spricht Ethan davon, dass etwas nicht stimme. Sie sieht ihn besorgt an. “Was meinst du?“ Emily ist drauf und dran, zurückzugehen und der blonden Schnepfe die Wahrheit rauszuprügeln, aber sie versucht Ruhe zu bewahren, es ist eine Jagd wie jede andere auch.

Da ist dieser ständige Gedanke an Pearl. Die Vorstellung davon, wie sie sich aus ihrem Neoprenanzug schält. Nichts, rein gar nichts darunter trägt. Sich am Seeufer räkelt, ihm keinen ihrer Reize vorenthält. Nicht ein einziger Hauch von Gefühlen. Nur zwei Körper im Rausch. Und ist das nicht genau das, was er will? Was er braucht und wonach er sich sehnt, mit jeder Faser seines Seins?
Nein, verdammt! Ist es nicht! Mit einer enormen Anstrengung reißt Ethan sich von den Bildern in seinem Kopf los, wendet sich Emilys Frage zu. Was nicht stimmt, will sie wissen. Stimmt denn etwas nicht? Quark. Alles in Ordnung. Und doch… und doch… Etwas ist da. Ein winziges Glöckchen.
“Pearl… Ich weiß, dass sie was geflüstert hat. Ich weiß auch, was. Jedenfalls wenn ich nicht dran denke. Aber wenn… wenn ich’s greifen will…” Ethan beißt die Zähne zusammen vor Anstrengung, beinahe schmerzlich. “Komm nicht dran. Aber… warum nicht? Müsste doch…” Seine Stimme wird leiser, und er hat etwas Farbe verloren unter der Sonnenbräune. “Fühlt. Fühlt sich an wie.” Er bekommt das Wort kaum heraus. “Damals.”

“Merkwürdig. Vielleicht aufschreiben. Ich hab doch gesehen, dass sie was gesagt hat.” Emilys Blick wird finster, so richtig finster. “Ich schnapp mir das Püppchen jetzt, und glaub mir, die wird reden und sagen, was sie gemacht hat, und den verdammten Zauber oder was auch immer es war von dir nehmen.” Sanft streift sie seine Hand, was man schnell als Zufall abtun könnte, dann dreht sie sich um und stapft wutentbrannt zurück, wo sie Pearl zurückgelassen haben.

Zauber. Ja. Es fühlt sich an wie ein Zauber. Immer, wenn Ethan versucht, die Worte zu erhaschen, die Pearl ihm zugeflüstert hat, gleiten seine Gedanken daran ab. Und dazu diese Gewissheit, dass es nicht von Bedeutung ist, während er gleichzeitig weiß, dass es eben doch von Bedeutung sein müsste; die Alarmglocke, die nur kurz geklingelt hat und dann verstummt ist… Das hat Ethan ganz ähnlich schon einmal erlebt.
Als Emily jetzt wütend zu der Stelle zurückgeht, wo sie mit der blonden Surferin geredet haben, ist eine Hälfte von Ethan ihr einerseits zutiefst dankbar. Die andere Hälfte von ihm jedoch findet die ganze Aufregung für etwas derart Unwichtiges völlig albern.
Während er der anderen Jägerin nachgeht, überlegt Ethan, wie er Pearl am besten mit seinem Verdacht konfrontieren kann. Aber warum konfrontieren? Da ist Pearl, die wunderschöne, verführerische Pearl, die nur auf ihn wartet. Wenn er sie wiedersieht, wird er ganz andere Dinge tun, als sie mit seinem albernen Verdacht zu konfrontieren. Nein, verdammt! Wird er nicht!
Angespannt stapft Ethan am Strand entlang – und bleibt gleich darauf abrupt stehen. Ist zu einer Hälfte erleichtert und zur anderen Hälfte völlig frustriert. Denn der Stand ist leer. Pearl ist verschwunden. “Oh”, macht Ethan. Sieht sich um – er will sie, er braucht sie, nein, verdammt, er will sie zur Rede stellen! – und runzelt die Stirn. “Mist.”

Zurück an der Stelle, wo Pearl eben noch saß, ist keine Menschenseele mehr, es führen einige Spuren zum Wasser. Das Surfbrett, welches am Ufer lag, ist ebenfalls verschwunden. Emily, noch immer verärgert, stapft die paar Schritte zum Ufer runter und versucht durch den dichten Nebel, der schlimmer zu werden scheint, hindurchzuschauen.
Kann aber beim besten Willen nichts erkennen. Dann brüllt sie einmal halblaut. “Verdammt. Wo steckt diese Schlampe, verfluchtes Miststück.”
Emily bleibt noch kurz stehen, versucht nochmal auf dem Wasser etwas zu erkennen und stapft dann wieder zurück zu Ethan.
Packt sich seinen Kopf ohne jede Scheu und dreht ihn vielleicht etwas unsanft nach links und rechts, schaut in seine grauen Augen und mustert sein Gesicht. “Hm, nichts zu sehen.” Dann lässt sie ihn wieder los und blickt sich nochmal in der Gegend um. Sie dreht sich Ethan wieder zu. “Oh und Mist? Ist das alles, was du dazu sagen kannst? Sie verdreht dir mit irgendeiner Art Zauber oder so den Kopf, und du sagst nur ‘Oh’ und ‘Mist’?” Sie beißt vor Wut die Zähne aufeinander und ihre Lippen werden ganz schmal. “Sorry, kannst wahrscheinlich nichts dafür.” Sie steht eine Weile hilflos am Strand herum. “Was jetzt? Morgen Mittag nochmal wiederkommen? Erstmal zurückfahren oder hier warten oder hier im Hotel?”
Emily tigert vor Ethan hin und her und wirft ihm immer mal ein sorgenvollen Blick zu, langsam wird Emily etwas nervös. “Wir müssen herausfinden, was sie gesagt oder getan hat. Vielleicht hilft uns das weiter.”

Ethan ballt die Fäuste. “Weiß. Sorry. Fühlt sich… Kanns dir nicht beschreiben.” Er starrt auf das Wasser, fährt bei Emilys nächsten Worten aber zu ihr herum und schüttelt mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf. Auch dieser Gedanke ist irgendwie wie in Watte gepackt, ganz weit entfernt und ihm beinahe schon wieder entglitten, aber er hält eisern daran fest. “Nicht morgen. Nicht warten. Was gemacht. Rauskriegen.” Er geht an den Rand des Wassers und kniet sich neben die Spuren, starrt darauf, als könnten sie ihm verraten, wo Pearl hin ist. Aber die gehen direkt in den See, geben keinen Hinweis auf eine Richtung. Ethan presst die Lippen aufeinander. “Bloß wie?”
Er stutzt, blinzelt. Tippt sich mit dem Zeigefinger mehrmals nachdenklich auf die Oberlippe. “Warte”, sagt er langsam. “Ist mit dem Brett weg. Nicht mit dem Auto. Also… Vielleicht wer gesehen. Als sie. Aus dem Nebel kam, mein ich. Kein Surf-Wetter. Vielleicht wem aufgefallen.”
Oder vielleicht auch nicht. Wenn nicht, ist es auch egal. Warum regt Emily sich eigentlich so auf?
Die Gleichgültigkeit ist nicht seine, das spürt er, aber er kann sie nicht vollständig wegschieben, so sehr er sich darum bemüht. Und das Wissen darum, dass die Gleichgültigkeit nicht seine ist, dass Pearl irgendwas mit seinem Kopf angestellt hat (wie Coleen, schießt es kurz durch seine Gedanken) und er noch nicht einmal darüber wütend sein kann, macht es nur um so schlimmer. In einer Mischung aus Hilflosigkeit, Verwirrung und Verzweiflung, gepaart eben mit dieser verdammten Gleichgültigkeit, die nicht die seine ist, sieht er die andere Jägerin an.

Seine ruhige Art und seine Gleichgültigkeit verunsichert Emily wieder, sie ist sich nicht sicher, ob es nur am Zauber liegt. Sie greift nach einem Stein und schleudert ihn wütend im hohen Bogen in den See, dort schlägt er dumpf ins Wasser, was man durch den Nebel nicht sehen kann. Sie stellt sich neben Ethan. “Wer soll denn was gesehen haben, hier ist ja keiner.” Zerknirscht schaut sie wieder in den Nebel und rauft sich die Haare, sie lässt sich rückwärts in den Sand fallen und vergräbt ihr Gesicht in den Händen.
Okay, so funktioniert das nicht. Denk nach, Emily, denk nach. Sie erhebt sich wieder, klopft sich grob den Sand von der Kleidung. “Wir sollten nochmal zum Hotel gehen, wenn sie öfter hier ist, weiß der Besitzer vielleicht was. Wer sie ist oder wo sie herkommt.” Dann geht sie Richtung Hotel zurück.

Drecksmist, elender. Die verlockende, alles versprechende, wundervolle Pearl, das verdammte Miststück, mag etwas mit seinem Kopf angestellt haben, aber jetzt, wo Ethan das weiß, kann er es beiseite schieben. Warum sich Sorgen darüber machen? Nein, verdammt! Jetzt, wo er es weiß, kann er, wird er, alles daransetzen, verdammt nochmal herauszufinden, was es ist und wie es sich umkehren lässt!
“Warte”, ruft er der wütend in Richtung Hotel stapfenden Emily hinterher. “Nicht hier. Draußen.” Ethan nickt dorthin, wo der Nebel endet – oder wo er zumindest seinen Erwartungen nach enden müsste. So weit kann diese komische Nebelzone sich doch nicht strecken, elender Drecksmist.
Emily bleibt abrupt stehen, dreht sich verwundert zu Ethan um. “Hast vielleicht recht. Gut, du fragst hier draußen weiter, ich gehe und rede mit dem Hotelbesitzer. Danach werde ich noch zu der Lifeguard Station gehen.” Sie schaut auf die Uhr. “Hmm, in zwei Stunden am Hotel?” Sie geht noch ein paar Schritte, bevor sie sich nochmal umdreht. “Ethan. Und sei vorsichtig, ja.” Ein halbes Lächeln kommt zum Vorschein, bevor sich umdreht und hoch zum Hotel geht.

Entschlossen wendet Ethan sich erst einmal nach Nordosten den Strand hinauf. Und tatsächlich wird die dichte Suppe einige hundert Yards weiter langsam schwächer und hat sich dann noch ein Stück weiter irgendwann aufgelöst. Erst ist niemand zu sehen, weder auf dem Wasser noch an Land, aber dort hinten geht ein älterer Mann mit seinem Hund spazieren. Langsam, um den Typen möglichst nicht zu verschrecken, joggt er auf den Spaziergänger zu. Hebt noch aus einiger Entfernung die Hand, um den Mann zum Warten aufzufordern. Der Typ pfeift seinen Hund zu sich und sieht Ethan wachsam, aber nicht übermäßig feindselig an. “Tschuldigung”, versucht Ethan sein Glück, “Wen gesehen gerade? Surferin?” “Eine Surferin?” fragt der Mann misstrauisch zurück, “Vielleicht. Aber warum wollen Sie das wissen? Was wollen Sie von ihr?” Was Ethan von ihr will? Heh. Was wohl. Ihre roten Lippen küssen und sie aus ihrem Anzug schälen und das Versprechen einfordern, das sie ihm vorhin gegeben hat. NEIN, elender Drecksmist! Sie schütteln, bis Antworten rauskommen, verdammt! Sie zwingen, dass das verdammt nochmal aufhört! “Vorhin getroffen”, brummt Ethan. “Noch was fragen.”
Die Auskunft scheint dem Mann zu reichen, oder zumindest sperrt er sich nicht weiter. “Ich habe wirklich eine Surferin gesehen”, gibt er zu. “Kam mir ein bisschen komisch vor, weil sie aus der Nebelwand kam. Aber naja, vermutlich hat der Nebel sie überrascht, der zog ja ziemlich plötzlich auf. Sie fuhr Richtung Leuchtturm.” Mit diesen Worten zeigt der ältere Herr weiter Richtung Nordosten, zur Spitze der Landzunge, auf der sie sich gerade befinden. “Komisches Wetter heute”, fährt er dann fort. “Da oben am Leuchtturm zieht auch schon wieder Nebel auf.”
“Huh”, macht Ethan. Interessant. “Sonst was aufgefallen?”
Der Mann schüttelt den Kopf. “Nichts. Nur Leyya” – er zeigt auf seine Boxer-Hündin, die ihren Namen hört und fröhlich wedelt – “mochte sie nicht. Hat vermutlich den Neoprengeruch in die Nase bekommen.”
Neopren? Riecht das überhaupt? “Mmmhm”, macht Ethan, “danke. Schönen Tag noch”. Er hebt die Hand zum Abschied, während der Mann und seine Hündin langsam weiter den Strand entlangspazieren. Die beiden sind schon einige Schritte weiter, da fällt Ethan noch etwas ein. Elende Watte im Kopf, verdammt. “Oh! Moment!”
Der Spaziergänger hält an, dreht sich nochmal um. “Ja?”
“Sind Sie oft hier?”
“Fast jeden Tag, ja.”
“Schon öfter gesehen? Die Surferin, mein ich.”
Der ältere Herr überlegt einen Moment. “Im Sommer sind ja viele Surfer hier, aber jetzt im Herbst? Hm, Sie haben recht. Ich glaube, ich habe sie wirklich schon ein paarmal gesehen. Auch am Strand, aber immer nur aus der Ferne. Lustigerweise immer, wenn das Wetter so neblig war wie heute. Sie scheint das zu mögen.”
“Mmhmm. Danke.”
Jetzt geht der Mann endgültig weiter, und auch Ethan wendet sich ab. Huh. Interessant.

Konzentrier dich, ermahnt Emily sich selber, er weiß was er tut. Sie dreht sich noch ein paarmal um, bis Ethan aus ihrem Blickfeld verschwunden ist. Etwas mulmig ist ihr bei der Sache zwar zumute, aber schließlich ist Ethan ein erfahrener Jäger und weiß, was er sich zutrauen kann, wenn er alleine ist, aber andererseits ist da auch diese Pearl, die ihm gehörig den Kopf mit einem Zauber oder was auch immer verdreht hat. Aber er machte jetzt nicht den Eindruck, als wäre er hilflos, und wenn was ist, wird er sich schon bei ihr melden.
Beim Hotel angekommen, geht sie direkt zur Rezeption, drückt auf die Rufklingel und wartet auf den alten Mann, welcher auch nach kurzer Zeit angeschlurft kommt. “Ja bitte, was kann ich für Sie… ach Sie sind es? Stimmt etwas nicht mit dem Zimmer?” Emily schaut einen Moment irritiert. “Zimmer? Achja, eh, neee, das scheint schon in Ordnung zu sein. Wollte mal fragen, ob Sie die junge Surferin kennen, die sich wohl öfter unten am See aufhält. Hm, Pearl nennt sie sich, glaub ich.” Der Mann wirkt etwas erbost. “Ich weiß, von wem Sie reden, aber nein, nicht näher, und den Namen habe ich noch nie gehört. Habe die junge Frau nur einige Male aus der Ferne gesehen, sie macht sich öfter an junge Männer heran und verschwindet dann mit ihnen, muss wohl hier in der Nähe wohnen, so oft, wie sie da sein soll. Ich selber habe sie nur ein paarmal gesehen.” “Eine Ahnung, wo sie mit denen hingeht oder wo sie wohnt?” Der Mann verengt ein bisschen die Augen. “Sie sollten sich einen Gefallen tun und sich von ihr fernhalten. Und passen Sie gut auf den jungen Mann auf.” Dann stutzt er kurz. “Wo steckt er denn, lässt er eine Dame wie Sie hier alles regeln?” Emily atmet einmal tief durch. “Er ist nur, hm, ein Arbeitskollege und hat gerade andere Dinge zu tun. Aber danke. Wo finde ich denn die Lifeguard Station?” “Oh, dann verzeihen Sie vielmals, aber woher das ganze Interesse?” Emily flucht innerlich, dass war anscheinend zu viel des Guten. Sie bemüht sich um ein freundliches Lächeln, was dem Alten aber zu genügen scheint. Dann beschreibt er ihr noch den Weg, wie sie zu der Station kommt. Emily bedankt sich nochmal und macht sich auf dem Weg.
An der Station sitzen zwei gelangweilte Männer mittleren Alters die sich, als Emily die Räumlichkeiten betritt, erfreut aufblicken, auf sie zugehen und ihr die Hand hinhalten. “Schönen guten Tag, kann man Ihnen behilflich sein?” Sie schaut kurz auf die Hände und macht eine abwehrende Bewegung. Die beiden schauen sich kurz an und lassen ihre Hände wieder sinken. “Also Miss, wo drückt der Schuh?” Kurz und knapp tischt Emily den beiden das Gleiche auf wie dem Hotelbesitzer, aber viel Neues lernt sie von den beiden nicht auch nicht wirklich. Aber immerhin erfährt sie, dass nicht alle Toten wirklich ertrunken sind, sondern einige schon vorher tot waren, vermutlich Herzinfarkt oder sowas, aber Genaueres können sie auch nicht sagen.
Die beiden erzählen Emily bereitwillig alles Nötige, aber was es mit dem Nebel auf sich hat oder wie er zustande kommt, dafür haben sie auch keine Erklärung. Den Namen Pearl haben sie schon mal gehört und die junge Frau auch gesehen, aber als sie zu ihr hin gingen, war sie auf einmal wie von Geisterhand verschwunden.
Emily schaut kurz auf die Uhr und verabschiedet sich von den beiden, dann geht sie gedankenverloren zurück zum Hotel und wartet am Auto auf Ethan.

Zum Leuchtturm ist es nicht weit. Etwas über eine Meile oder so. Dort ist man zwar kurz vor Schließung, aber das ist vielleicht gar nicht das Schlechteste. Ethan wartet ab, bis die Leute das Museum absperren und gehen wollen, bevor er sie anspricht. Hier oben ist es zwar ein bisschen trübe und diesig, aber nicht neblig, und es scheint auch nicht, als zöge es sich dichter zusammen. Komisch… eigentlich hatte Ethan schon fast gedacht, dass Pearl irgendwie mit dem Nebel zu tun hat. Dass sie den Nebel ruft, oder verursacht, oder ihn mit dünnen Banden um sich herum webt – wie eine Liebkosung, wie die zarte Berührung ihrer Fingerspitzen auf Ethans Wange, wie der warme Hauch ihres Atems auf seiner Haut, ihrer Lippen an seinem Ohr… Nein, verdammt! Wütend schüttelt er den Kopf und marschiert auf den Leuchtturm und das angrenzende Museumsgebäude zu.
Nur wissen die Leute dummerweise dort auch nicht sonderlich viel. Dass in letzter Zeit, seit einigen Monaten vielleicht, immer mal wieder dichter Nebel aufzieht, ja. Dass Menschen ertrunken aufgefunden wurden, einige davon aber tatsächlich auch ohne Wasser in den Lungen. Dass sich seit einer Weile, einigen Monaten vielleicht, tatsächlich eine blonde junge Frau, oft im Surferdress, manchmal aber auch in einem leichten blauen Sommerkleid oder schlicht in einem Badeanzug oder Bikini, häufiger am Strand aufhält, manchmal alleine, aber häufig sei sie wohl auch auf einem Date.
Bei dieser letzten Auskunft fährt ein heißer Stich der Eifersucht durch Ethan, den er mit einiger Mühe niederkämpft, während gleichzeitig ein Bild von Pearl im überaus knappen Bikini, dessen sie sich langsam und demonstrativ entledigt, vor seinem inneren Auge erscheint. Das Bild kämpft er mit ebensolcher Mühe nieder, fragt stattdessen, ob – Pearl, will er sagen, will er zärtlich raunen – die junge Frau auch schon mal zum Leuchtturm selbst gekommen sei, vielleicht eben auf einem ihrer – er bekommt das Wort kaum heraus – Dates. Aber nein, das nie, sie scheint sich mit Strandspaziergängen und Surf- oder Schwimmtouren zu begnügen, und die jungen Männer und Frauen, mit denen man sie aus der Ferne gesehen hat, wohl auch.
Mmhm. Da es hier wohl nichts weiter herauszufinden gibt, macht Ethan sich auf den Rückweg. Er lässt sich Zeit, wandert nicht die Straße entlang, sondern erst den felsigen Grünstreifen, dann den Strand hinunter und sieht sich dabei aufmerksam um. Aber in der etwa halben Stunde, die er unterwegs ist, findet er nichts von Bedeutung, und langsam wird es dämmrig, dann dunkel. Die zwei Stunden, die Emily genannt hat, sind beinahe vorüber. Ethan muss unwillkürlich ein bisschen lächeln, als er an sie denkt, an die Worte, die sie ihm mitgegeben hat und die von ihrer Sorge um ihn zeugen, und für einen Moment verschwindet jeder Gedanke an Pearl aus seinem Geist. Für diesen kurzen Moment fühlt er sich leicht und frei, aber dann tritt wieder das Bild der blonden Surferin vor seine Augen, wie sie ihre Mähne ausschüttelt und ihn mit ihrem vollen Kussmund anlächelt, und Ethan muss alle Kraft aufbieten, um das Bild nach unten zu drängen.
Eine Meile südlich des Leuchtturms ist wieder Nebel aufgezogen, aber das macht nichts. Das Hotel wird er trotzdem finden, so verwinkelt ist die Landschaft hier nicht. Und wenn er dort ist, dann wird er Emily sagen, was—
„Ethan.“ Die Stimme dringt aus der Dunkelheit an seine Ohren, weich wie Samt, und dann tritt Pearl auf lautlosen, bloßen Füßen auf ihn zu. „Du bist gekommen. Wie schön.“ Sie lächelt ihn an, und Ethan sieht nichts außer ihrem Lächeln. “Natürlich bist du das. Du konntest ja gar nicht anders. Komm.”

Als Ethan nicht auftaucht, geht Emily alleine zum Strand und schreibt Ethan von unterwegs eine kurze SMS, damit er weiß, wo sie ist. Sie macht sich zwar Gedanken, weil er ihr nicht mal geschrieben hat, aber gut, wer weiß schon, was ihn aufgehalten hat. Sie bewegt sich in der Dunkelheit verborgen. Als sie die Stelle erreicht, wo sie Pearl zuletzt gesehen hatte, versteckt sich Emily hinter einem Mäuerchen, das den Strand von der Promenade trennt, und beobachtet den Strand.
Sie hat sich gerade niedergelassen, als sie eine Stimme hört. Sie kann sehen, wie Ethan sich mit jemandem unterhält, der vom Ufer zu kommen scheint. Ist das etwa Pearl? Hat sie ihn abgefangen, oder war das beabsichtigt? Theoretisch schien Ethan ja nichts dagegen gehabt zu haben, wenn Emily ihn begleitet hätte, es war doch ihre Idee, sich aufzuteilen. Emily beobachtet die Szenerie erst einmal und wartet ab, um auf gar keinen Fall zu früh einzugreifen. Sie schaut die beiden Gestalten an und beobachtet, was sie tun. Während sie dort ausharrt, kreisen ihre Gedanken. Was, wenn er hier doch nur seinen Spaß will, vielleicht sieht sie selbst schon Monster, wo keine sind, und schließlich ist Ethan erwachsen und kann machen, was er will. Aber fest steht, dass mit dieser Pearl etwas nicht stimmt, das war mehr als deutlich. Auf ihre Jägerinstinkte konnte sie sich bis jetzt immer verlassen. Ethan wirkt auch etwas kühl und ablehnend gegenüber Pearl. Doch die Surferin macht sich ungeniert weiter an Ethan heran, und die Annäherungsversuche gehen eindeutig von ihr aus. Eigentlich sollte es Emily egal sein, aber nein, es ist ihr nicht egal. Sie knurrt leise. “Verdammt nochmal.” Ethan steht offensichtlich unter einem Zauber. Sie seufzt nochmal leise und versucht sich auf das Geschehen vor sich zu konzentrieren.
Emily sieht, wie Pearl sich Ethan nähert und auf ihn einzureden scheint, auch wenn Emily kein Wort versteht, aber noch traut sie sich nicht näher heran. Aber wie Pearl mit ihm umgeht, scheint es fast vertraut zu sein, zumindest von Pearl aus betrachtet. Sie atmet ruhig, wartet auf den richtigen Zeitpunkt, um loszuschlagen. Die Schlampe wird sich das nächste Mal gut überlegen, ob sie nochmal irgendwelche Männer bezirzt und verzaubert. Emily geht Ethans Gesichtsausdruck einfach nicht aus dem Kopf, als er sagte, dass etwas nicht stimme und dass es sich anfühle wie damals. Sollte die Surferin das sein, was sie vermutet, dann stellt sich die Frage nicht, ob Emily Pearl verschont oder nicht, dann wird sie sie töten.

Ethan zieht die Stirn in Falten. Wie meint sie das, ‘du konntest nicht anders’? Zögernd geht er auf die Surferin zu: Es kann ja nichts schaden, sich anzuhören, was sie will.
“Komm”, wiederholt Pearl, “wir gehen schwimmen.”
Schwimmen? Jetzt? Gut, es mag ein für Mitte Oktober ungewöhnlich warmer Tag gewesen sein, aber dieser Einfall wäre Ethan jetzt nicht gekommen. Und wie kommt Pearl auf die Idee, er würde mit ihr schwimmen gehen? “Jetzt?” spricht er seinen Gedanken laut aus, und die blonde Surferin lächelt ihn verführerisch an. “Ja, jetzt”, schnurrt sie mit rauchig-samtiger Stimme und zwinkert ihm dann in eindeutiger Geste zu, “schwimmen… und mehr. Sag nicht, du hast noch nie ohne gebadet? Na komm. Du wirst dich jetzt doch nicht zieren, mein Großer, oder?” Ihre Stimme hat einen seltsamen Unterton. Lauernd. Beinahe triumphierend. So, als könne sie sich im Leben nicht vorstellen, dass er ablehnen könnte.
Aber warum sollte er auch? Es ist dunkel, und das Wasser plätschert so einladend an den Strand. Ja, er hat tatsächlich Lust, schwimmen zu gehen. Ja, warum nicht? Mit langsamen, beinahe tranceartigen Bewegungen zieht Ethan seine Jacke aus und nimmt den Ausrüstungsgürtel ab, lässt beides in einem unordentlichen Haufen zu Boden fallen, bevor er die obersten Knöpfe seines Hemdes öffnet und es über den Kopf streift. Doch in der Bewegung des Ausziehens kommen seine Finger an das Halstuch, das Emily ihm überlassen hat und das er seitdem relativ häufig trägt, weil es tatsächlich ziemlich nützlich ist und sich außer seinem eigentlichen Zweck auch noch für alle möglichen anderen Aufgaben einsetzen lässt. Die Berührung mit dem dunklen Stoff ist wie ein Stromschlag, wie ein frischer Wind, der einen Dunst wegweht. Ethan hält inne. Was zum Geier tut er da? Er kann jetzt nicht schwimmen gehen. Er will jetzt nicht schwimmen gehen! Nicht mit ihr! Er sieht Pearl an und schüttelt den Kopf.
Die Miene der jungen Frau wandelt sich. Kurz zieht etwas wie Wut über ihr Gesicht, und auch wenn sie Ethan weiter anstrahlt, wirkt ihr Lächeln für einen Moment gezwungen. Ihre Stimme bleibt zwar samtig, nimmt aber ganz versteckt einen scharfen Klang an, als sie sagt: “Du willst mir diesen Wunsch doch nicht abschlagen.”
Pearl hat gar nicht mehr ihren Neoprenanzug an, fällt es Ethan jetzt auf. Stattdessen trägt sie einen Badeanzug, der trotz der Dunkelheit ihre endlos langen Beine aufblitzen lässt. Lasziv wirft die Surferin ihre blonde Mähne hinter die Schulter und kommt einen Schritt näher. “Wir werden schwimmen gehen.”
Ja. Sie werden schwimmen gehen. Ethan knotet das Halstuch auf und legt dann auch Stiefel, Socken und Jeans ab, bevor er sein Gegenüber ansieht. “Na gut.”
Pearl lächelt. “So ist es besser.” Mit einem anzüglichen Lächeln deutet sie auf seine Boxershorts. “Und den Rest auch noch.”
Nein. Nein. Auf keinen Fall. Mit der blonden Fremden schwimmen gehen, vielleicht. Aber nicht ganz ohne. Nein. Wieder schüttelt Ethan den Kopf, und diesmal sieht Pearl beinahe etwas verwirrt aus, kommt es ihm vor, bevor sie die Zähne zusammenbeißt und ihn ungehalten anstarrt. “Zieh. Sie. Aus.”
Ja. Ohne die Shorts wäre er freier. Ungezwungener. Aber das kann er nicht bringen. Das wäre völlig falsch. “Nein”, sagt er fest.
Zwischen Nase und Oberlippe spürt Ethan Wärme. Ganz unwillkürlich berührt er die Stelle, und als er seine Hand wieder wegnimmt, ist die Spitze seines Zeigefingers feucht und klebrig, und er riecht Blut. Sämtliche Alarmglocken schrillen in Ethans Kopf, aber nur leise und in weiter Ferne. Pearl sieht auf die Stelle und seufzt beinahe unmerklich, dann winkt sie ab. “Du darfst sie anlassen”, erklärt sie huldvoll, “aber komm jetzt. Ich werde dir eine Zeit bereiten, wie du sie noch nie erlebt hast.”
Damit streckt sie die Hand aus, und Ethan ergreift sie. Folgt ihr ins Wasser.

Emily schaut sich halb interessiert, halb ungläubig an, was Ethan da eigentlich treibt. Fassungslos schaut sie zu, wie Ethan langsam ein Kleidungsstück nach dem anderen ablegt. Sie sieht, wie er zögerlich innehält, als er das Tuch berührt, aber kurz darauf doch den Rest seiner Kleidung abstreift. Dann beobachtet sie, wie Pearl Ethans Hand greift und zusammen mit ihm zum Wasser geht. Jetzt kann Emily nicht mehr warten, Ethan scheint zur Zeit völlig unter Pearls Fuchtel zu stehen.
Sie springt so leise wie möglich über das Mäuerchen und geht zügig auf beide zu. Als sie nah genug ran ist, wirft sie eines der Messer auf Pearl. Pearl sieht Emily zwar kommen, schafft es aber nicht mehr ganz, dem Messer auszuweichen. Das Messer zieht knapp an Ethan vorbei, streift aber nur Pearls Schulter und landet im seichten Wasser.
“Glaubst du wirklich, ich lass ihn einfach von dir umbringen, du Drecksvieh?“
Pearl zieht kurz eine Grimasse in Emilys Richtung, greift sich mit der freien Hand kurz an ihren Hals, wo sie eine Kette mit einer einzelnen Perle trägt, die kurz aufleuchtet. Ganz schwach kann Emily erkennen, dass die kleine Wunde an der Schulter sich wieder schließt. Pearl wirft Emily einen siegessicheren Blick zu und will mit Ethan weitergehen.
Emily schaut voller Verachtung und Zorn auf Pearl und folgt ihnen zügig zum Ufer. Sie befürchtet, wenn sie einmal im Wasser sind, dann gibt es keine Chance, Ethan zu retten. “Ethan, tu es nicht.”

Das kühle Wasser des Lake Erie berührt Ethans Fußsohlen wie eine Liebkosung. Dasselbe Wasser streichelt auch Pearls zarte Haut, ist ihm überdeutlich bewusst, ebenso wie ihre Lungen dieselbe Luft atmen wie die seinen. Der Gedanke lässt ihn wohlig erschaudern, aber irgendetwas daran ist falsch. Irgendetwas daran stimmt nicht, und er drängt ihn nach unten. Er will auch nicht, dass sie ihm eine Zeit bereitet. Nicht so. Schwimmen gehen, ja. Aber nicht das. Da. Da ist. Da gibt es. Einen Grund, warum nicht. Aber was für einen? Sein Kopf ist ganz vernebelt. Er muss übermüdet sein oder sowas. Eine erfrischende Schwimmtour mit der blonden Schönen an seiner Seite ist vielleicht gerade das Richtige, um ihn wieder zu sich zu bringen. Noch ein Schritt. Das Wasser umspielt seine Knöchel, und seine Zehen graben sich in den weichen Sand unter dessen Oberfläche. Gut fühlt sich das an. So weich. So weich wie Pearls Haut, wenn sie nachher, nach dem Schwimmen—
Eine Klinge zischt an ihm vorbei, ritzt Pearls Schulter. Kurz zieht die blonde Surferin die Luft ein, dann ein sanftes Leuchten an ihrer Halsgrube. Ein sanftes Leuchten an ihrer Halsgrube und ein Kratzer, der sich schließt. Pearl lächelt triumphierend, und Ethan kann den Blick nicht von diesem Lächeln abwenden. Der Druck um Ethans Hand verstärkt sich, zieht an ihm. Er folgt.
“Ethan. Tu’ es nicht.”
W— waswer? Diese Stimme. Emily. Emily. Ihre Warnung, nein, vor allem der besorgte Klang ihrer Stimme, reißt ihn aus dem Nebel. Abrupt bleibt Ethan stehen. “Emily…” Sein Kopf dröhnt. Was tut er hier? Das will er doch gar nicht tun. Auf gar keinen Fall. Pearl… Pearl hat irgendwas mit ihm gemacht, hat ihn beeinflusst. Wie Coleen. Es fühlt sich genauso an wie in dem Hexenhaus. Und vorher wie… wie. Wie als er die Warnungen des Fluchs gehört, aber nicht beachtet hat. Aber jetzt ist er wieder bei sich. “Raus aus meinem Kopf!!” brüllt er die blonde Hexe an und stürzt sich wütend auf sie.
Überraschung geht über Pearls Gesicht, dann hebt sie die Hand. “Stop”, zischt sie in Ethans Richtung, und für eine Sekunde kann er richtiggehend spüren, wie etwas wie eine Druckwelle von ihr ausgeht. Von ihr aus und in ihn hinein, und das Gefühl der klebrigen Wärme auf seinem Gesicht verstärkt sich. Und dann hat er nur noch Pearls Duft in der Nase, sieht, wie ihr blondes Haar ihr feingeschnittenes Gesicht umspielt, wie die Perle an ihrem Hals dessen Schwung betont, und er will endlich mit ihr allein sein.

Emily bemerkt, wie ein Ruck durch Ethan geht und er kurz stehen bleibt, dann aber von Pearl weitergezogen wird. Plötzlich brüllt Ethan Pearl an und scheint sie anzugehen. Emily weiß nicht genau, was es war, aber der Zauber scheint gelöst, sie ist nur noch ein paar Meter entfernt, dann kann sie Ethan zu Hilfe kommen, aber auch Pearl brüllt Ethan etwas entgegen und abrupt hört Ethan auf mit seinen Bewegungen und steht für mehrere Augenblicke einfach nur da. Sie wirft einen flüchtigen Blick auf Ethan, mustert ihn kurz, bevor sie den Blick abwendet und sich Pearl zuwendet.
“Verdammt! Nein.” Emily sprintet los und reißt Pearl um, dass sie beide im knietiefen Wasser landen. Emilys Kleidung saugt sich sofort mit dem kalten Seewasser voll und wird unendlich schwer und klebt an ihrer Haut. Pearl spricht zornig auf Emily ein. “Langsam fängst du wirklich an zu nerven, du Göre. Ethan gehört jetzt mir.”
Emily war durchaus bewusst, dass sie im Wasser die schlechteren Karten hat. Womöglich zieht Pearl sogar ihre Kraft aus dem Wasser, aber das ist Emily egal, solange sie es schafft, Pearl von Ethan abzulenken. Plötzlich packt Pearl Emily, schleudert sie auf den Rücken und drückt sie unter Wasser. MistMistMist. Dumme Idee, das war so eine dumme Idee. Emily hält die Luft an, so gut sie kann, schluckt aber Wasser, während sie sich zur Wehr setzt und es nur mit Mühe und Not schafft, sich loszureißen. Sie kann Pearls Griff um ihren Hals lockern und tritt Pearl vor die Brust, dass sie mit einer Hebelbewegung rücklings nach hinten stolpert. Emily kommt schnaufend und spuckend nach oben und braucht kurz, um sich zu sammeln und zu orientieren, sie muss reflexartig husten und hustet Wasser mit heraus, sie weiß, sie darf Pearl nicht entkommen lassen. Sie spürt, wie die Kälte unter ihre Haut kriecht und der Wind an ihr zerrt.
Fluchend steht Pearl ein Stück weg. “Miststück!” brüllt sie Emily entgegen. Emily brüllt schwer atmend zurück: “Ethan gehört niemandem, er kann selbst entscheiden, mit wem er seine Zeit verbringt. Aber du musstest ja einen Zauber auf ihn legen, Dreckshexe. Er will dich doch gar nicht.” Der letzte Satz kommt nur mit halber Lautstärke raus. Aus dem Augenwinkel sieht Emily ihr Messer aufblitzen.
Emily will sich zwischen die Schönheit und Ethan bringen, bemerkt jedoch zu spät, dass sich Algen um ihre Beine geschlungen haben, so dass sie auch keine Chance hat, an ihr Messer zu kommen. Pearl grinst nur süffisant.
Das erste Mal seit langer Zeit fühlt sie sich hilflos, und sie verspürt Angst, gar nicht um ihr eigenes Leben, sondern dass sie es nicht schafft, Ethan zu retten.

Fasziniert starrt Ethan in Pearls Gesicht. Sie ist so schön. Und ihre Miene enthält ein Versprechen, das nur ihm allein gilt und das sie einlösen wird, sobald sie endlich Zeit füreinander haben. Er kann es kaum erwarten zu sehen, wo sie ihn hinführen will. Auf eine Insel im See vielleicht? Oder an ein lauschiges Plätzchen am Strand? Aber eigentlich tut das rein gar nichts zur Sache. Er spürt auch das Blut auf seinem Gesicht nicht mehr. War da je welches? Und wenn.
Mit einem Mal wird Pearl von einer wütenden Gestalt von den Füßen geworfen. Sogar derart aus dem Gleichgewicht gebracht, sieht sie noch wunderschön aus, ja sogar noch mehr als vorher. Wie das Wasser sie umspielt… sie damit eins zu werden scheint… Es ist wirklich und ganz ihr Element, und Ethan kann sie nur bewundernd betrachten. Die blonde Surferin lässt sich von der überraschenden Attacke kein Stück beeindrucken, sondern faucht ihre Angreiferin nur ungehalten an und dreht dann kurzerhand den Spieß um, indem sie ihre Gegnerin unter Wasser drückt. Was hat sie gesagt? Ethan gehört jetzt ihr? Ja. Wenn sie das sagt, wird es wohl stimmen. Es fühlt sich richtig an. Aber irgendwie auch nicht. Es fühlt sich richtig an, aber nur… nur… nur an der Oberfläche. Irgendwas daran, beinahe komplett darunter verborgen, kommt ihm unpassend vor. Gegen wen kämpft Pearl da eigentlich… Ethan runzelt die Stirn. Er müsste es eigentlich wissen… oder müsste er? Ist es nicht völlig unerheblich? Nein. Ein kleines Stimmchen sagt ihm, dass es das nicht ist. Dann kommt Pearls Gegnerin hustend und japsend wieder an die Wasseroberfläche, sichtlich geschwächt, und eine kalte Hand krampft sich in Ethans Innerem zusammen. Das ist Emily, und Pearl hat sie beinahe ertränkt! „Er will dich doch gar nicht“, sagt sie gerade, und auch das fühlt sich richtig an, und zwar jetzt wirklich richtig. Ganz ohne diese Falschheit unter der Oberfläche, auch wenn Emilys Stimme zweifelnd und zögernd dabei klingt und dieser unsichere Tonfall Ethan irgendwie einen Stich versetzt, den er sich selbst nicht erklären kann. Die junge Jägerin sieht aus, als wolle sie sich zur Seite werfen, aber sie kann nicht. Irgendetwas hält sie fest, und ihr Gesicht spricht von… nicht Verzweiflung. Aber… etwas. Etwas, das Ethan von ihr so nicht kennt. Angst.
Ethan spürt, wie all diese Überlegungen durch seinen Kopf wandern und dabei die Watte von seinen Gedanken wegblasen. Da ist Emily, und sie ist in Gefahr, und er muss ihr helfen!
Das, wonach sie sich eben strecken wollte, ist das Messer, das sie nach Pearl geworfen hatte. Emily wird von Algen festgehalten, erkennt Ethan jetzt, und kann sich deswegen nicht bewegen, aber er kann es endlich wieder. Bevor Pearl merken kann, dass er ihrer Kontrolle entkommen ist, macht Ethan einen Sprung zu der Waffe hin und schnappt sie sich, macht sich dann an Emilys Fesseln zu schaffen. Er hat keine Ahnung, ob er es irgendwie hinkriegen kann, jetzt den Einflüsterungen der Hexe nicht mehr zu unterliegen, aber er muss einfach. Er muss. Mit einem letzten Schnitt lösen sich die Algen von Emilys Füßen, und Ethan atmet erleichtert auf. „Bleib draußen“, zischt er dann wütend in Richtung der blonden Surferin.

“Warte… nicht… töte… “ zögernd stammelt Emily vor sich her und versucht Ethan halbherzig davon abzubringen, ihr zu helfen. Sie fasst ihn an seine Schulter und berührt diese eher zaghaft. Jetzt erkennt sie auch, dass er aus der Nase blutet. Erneut wallt Wut in ihr auf. “Dafür wirst du sterben, Schlampe.” Ethan macht gerade den letzten Schnitt, und sie ist wieder frei, sie stellt sich sofort vor ihn, aber nicht für lange, denn Pearl kommt eben auf die beiden zu und will Ethan davon abhalten. Emily spricht mit Ethan, ohne ihn anzusehen. “Geh, ich krieg das hier schon hin.” Sie bewegt sich zügig auf Pearl zu, schlägt ihr voller Wucht mit der Faust ins Gesicht und stößt sie dann Richtung Strand. Etwas überrascht taumelt die Surferin ein wenig zurück, die blonde Schönheit hatte zwar mit einem Angriff seitens Emily gerechnet, jedoch nicht mit einem Fausthieb. Aber dessen Wirkung hält nicht lange an, und Pearl fängt sich wieder und will sich von Emily nicht zurückdrängen lassen, denn Pearl will auf gar keinen Fall will aus dem Wasser raus.

Im ersten Moment versteht Ethan nicht, was Emily ihm da sagt. Dann wird es ihm klar: Sie will, dass er sich Pearl vorknöpfen soll, statt die Algen zu zerschneiden und Emily zu befreien, aber das ist keine Option. Ethan weiß nicht, wie lange er die Kontrolle behalten kann, und wenn Pearl ihn wieder unter ihre Fuchtel bekommt und Emily ist noch gefangen, dann… dann.
Sobald er sie freigeschnitten hat, will Emily ihn wegschicken – er weiß warum: damit er außerhalb von Pearls Einflussbereich in Sicherheit kommt -, aber das ist genausowenig eine Option. Er kann Em nicht alleine lassen. Und er hat eine Rechnung mit diesem Miststück offen, verdammt. Mit einem wilden Knurren wirft er sich auf die blonde Surferin. Was sie auch sonst tut, er muss alles versuchen, damit sie ihn nicht nochmal kriegt. Mund zuhalten. Nein. Ausknocken. Besser ausknocken. Sicherer.
Aber bevor Ethan bei seiner Gegnerin angekommen ist, treibt Emily sie mit einem Faustschlag ein Stück in Richtung Ufer. Für einen kurzen Augenblick strauchelt die Blondine, und kurz geht ihre Hand zu der Perle an ihrem Hals, bevor sie erstaunlich schnell ihre Balance wiederfindet. Mit einem hektischen Blick sieht Ethan sich um. Hexe… wasserverbunden… wo ist ihr Vertrautentier? Bestimmt auch im Wasser. Ein Otter vielleicht, oder eine Wasserschlange? Aber da ist nichts zu sehen. Seltsam. Aber keine Zeit für einen längeren Blick. Zuschlagen. Ganz ähnlich wie Emily jagt Ethan mit voller Wucht der Surferin die Faust ins Gesicht – aber anders als Emily nicht auf ihren Wangenknochen, sondern in einem seitlichen Schlag gegen ihren Kiefer. Pearls Kopf ruckt zur Seite, und Ethan denkt schon, sie fällt von dem Treffer um, aber wieder behält die Hexe das Gleichgewicht. Und täuscht Ethan sich, oder hat ihr Gesicht für einen ganz kurzen Moment… geflackert, als liege eine Tarnung darüber?

Die Perle um Pearls Hals leuchtet wieder kurz auf, und ihre Blessuren, die sie am Kopf davon getragen hat, verschwinden wie zuvor der Schnitt, den Emily ihr beigebracht hatte. Pearl schaut Ethan, der direkt vor ihr steht, tief in die Augen, und es geht wieder eine Druckwelle von ihr aus, wenn auch diesmal nur sehr schwach. “Du willst mich doch gar nicht verletzen. Du willst ihr wehtun”, sagt sie und zeigt dabei auf Emily. “Wegen ihr können wir unsere Zweisamkeit nicht genießen. Sie ist uns im Weg. Du musst sie loswerden.” Sie geht noch einen Schritt näher auf Ethan zu und versucht sanft über seine Wange zu streicheln und ihm einen Kuss zu geben.
Emily steht noch etwas entfernt und erstarrt kurz bei dem Anblick, wie Pearl sich ein weiteres Mal um Ethan bemüht. Sie ruft Ethan noch entgegen: “Nein. Ethan. Sei vorsichtig.”
Sie zieht ihr zweites Messer, bewegt sich langsam auf die beiden zu, traut sich derzeit aber nicht näher an die beiden heran und versucht, beide gleichermaßen im Auge zu behalten. Beobachtet Ethan genau, sie weiß nicht was sie tun soll, wenn er sich jetzt tatsächlich gegen sie stellt. Sie versucht weiter auf Ethan einzureden. “Wir müssen sie aus dem Wasser schaffen.”

Wieder kann Ethan die Präsenz spüren, die ihm in den Kopf fährt, den Willen, der nicht sein eigener ist. Aber anders als eben ist es zwar ein Bewusstsein dieses fremden Willens, aber der ist eher ein… ein… eher ein Vorschlag. Anders kann er es nicht beschreiben. Er erwidert Pearls Blick und merkt dabei, wie beinahe so etwas wie ein grimmiges Lächeln über sein Gesicht zieht. Als die Blondine dann auf ihn zukommt und die Hand hebt, um seine Wange zu streicheln, tritt er einen Schritt beiseite, und das grimmige Lächeln vertieft sich noch um eine Spur. “Nein.”
Pearl faucht wütend auf, und ihre Augen verändern sich, werden für einen Moment zu einem irisierenden Lila-Grün. “Du… du…”, zischt sie außer sich und sieht hektisch, beinahe verzweifelt, zwischen Ethan und Emily hin und her. Dann fährt sie mit einem Mal herum und wirft sich ins kniehohe Wasser, will offensichtlich schwimmend abhauen, auch wenn das Wasser so nah am Ufer eigentlich noch viel zu flach ist, um zu schwimmen. Aber irgendwie bewegt die Blondine sich viel geschmeidiger und geschickter, als sie das eigentlich dürfte. Und irgendwie… irgendwie bewegt sie sich nicht, wie ein Mensch das tun würde. Ihre Beine… Im Wasser kann Ethan das nicht so richtig sehen, aber es geht eine Verwandlung mit Pearl vor. Oder vielleicht wirft sie auch nur den Zauber ab, mit dem sie sich die ganze Zeit über getarnt hatte, denn plötzlich schlagen lila-grün irisierende Flossen im flachen Wasser, und lila-grün irisierende Schuppen ziehen sich einen schlanken Fischschwanz entlang bis zu Pearls Hüfte, vom selben Lila-Grün, wie ihre Augen es eben schon waren und wie ihre Haare es plötzlich sind. “Nein!” ruft Ethan wieder und wirft sich ihr hinterher. Doch keine Hexe, aber ganz egal, was sie ist, sie darf nicht entkommen! Die Sirene ist schnell, verdammt schnell. Fast ist sie schon aus seiner Reichweite, aber mit seinem – Emilys – Messer bringt er ihr dennoch einen Schnitt in ihren Fischschwanz bei, den Pearl durch ihre Fluchtbewegung selbst noch verlängert. Sie kreischt auf und hält inne, während ihre Flosse aufpeitscht, und erneut geht Pearls Hand an ihren Hals, und die Wunde schließt sich.

Als Pearl aufkreischt und kurz innehält, nutzt Emily die Gelegenheit: Sie springt Pearl in den Weg und greift sie mit ihrem Zweitmesser an, fügt ihr aber nur einen Kratzer am Arm zu. Gleich darauf sticht sie aber noch einmal mit dem Messer zu und erwischt die verwandelte Surferin an der Schulter, wo sie ihr einen tiefen Stich versetzt. Wieder faucht die Nixe, aber diesmal in Emilys Richtung, und funkelt sie finster an. Sie versucht, an Emily vorbei zu kommen, doch Emily erwischt sie ein drittes Mal am Rücken und verursacht auch dort eine leichte Verletzung.
Pearl zuckt zurück und scheint für diesen Moment zwischen Ethan und Emily gefangen zu sein. Pearl hat Schwierigkeiten, beide Jäger im Auge zu behalten; sie verharrt eine Zeitlang zwischen ihnen und nutzt den Augenblick, um sich wieder mit Hilfe ihrer Perle zu heilen. Die Perle leuchtet ein letztes Mal auf, verblasst aber schnell; es scheint fast so, als reiche ihre Kraft nicht aus, um all ihre Wunden zu schließen. Die tiefe Wunde an ihrer Schulter verschwindet ganz, und auch die am Rücken scheint sich halbwegs zu schließen, doch nicht vollständig, und so bleibt ein kleiner Ritz am Rücken zurück, ebenso wie der Schnitt am Arm. Die Nixe schlägt mit ihrem Fischschwanz wild um sich und trifft Emily an der Seite, so dass Emily ein ganzes Stück zur Seite weggeschleudert wird und kurz unter Wasser taucht, aber auch Emily fängt sich wieder und taucht mit grimmigem und leicht schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck auf.

Fieberhaft fliegt Ethans Blick schnell zu Emily, dann zu der halb verheilten Wunde an Pearls Rücken und dem Schnitt an ihrem Arm. Zählt eins und eins zusammen. Die verdammte Perle ist leer, das Miststück kann sich nicht mehr heilen. Dann jetzt! Mit einem schnellen Sprung ist Ethan bei der Sirene und jagt ihr das Messer zwischen die Rippen. Pearl zuckt zur Seite weg, so dass der Stich nicht so tödlich trifft, wie Ethan das gehofft hatte, aber dennoch ist die Wunde tief und fängt sofort an zu bluten. Ethan hebt den Arm, um ein weiteres Mal zuzustechen – keine Perle mehr, sie kann nicht heilen! –, aber da fährt Pearl in einer geschmeidigen Bewegung zu ihm herum, dass das Wasser aufspritzt, und schneller, als er reagieren kann, hat sie ihn gepackt und hält ihn fest. Pearls Fingernägel, die länger geworden sind, beinahe Krallen jetzt, graben sich schmerzhaft in seine Oberarme, als die Nixe ihn zu sich zieht und heftig den Mund auf seinen presst. Pearls Lippen fühlen sich kühl auf seinen an, kühl und einladend, oder zumindest würden sie das, wenn Ethan nicht so angewidert davon wäre. Dem Himmel sei Dank ist da nichts, rein gar nichts mehr von Pearls voriger Beeinflussung. “N—”, bekommt Ethan gerade noch so heraus, will die Sirene eben mit Gewalt von sich schieben, da werden ihre Lippen erst warm, dann heiß. Sie zieht scharf die Luft ein, saugt sich förmlich an ihm fest, und Ethans eigene Lippen werden taub, und er kann spüren, wie etwas an ihm zerrt. Etwas… etwas aus ihm herausfließt, langsam erst, dann immer mehr. Sein Blick fällt auf Pearls Augen, die weit geöffnet sind und in eine unergründliche Ferne starren, auf ihre Kehle, die in einem regelmäßigen Takt pulsiert, und auf die Perle, die in genau demselben pulsierenden Takt in ihrem sanften Leuchten aufstrahlt. Auf Pearls Arm, wo der Kratzer, den Emily ihr beigebracht hat, eben verschwindet, genauso wie die tiefe Schnittwunde in ihrer Seite sich langsam zu schließen beginnt. Ethan verschwimmt das Bild vor Augen, und die Knie drohen ihm einzuknicken – oder würden einknicken, wenn er nicht von Pearl aufrecht gehalten würde. Drecksmist, elender, die heilt sich… Lädt ihre Perle wieder auf, an ihm… Er versucht die verwandelte Surferin wegzustoßen, aber sie hat ihn zu fest gepackt, und er hat keine Kraft… keine Kraft mehr… Von den Außenrändern seines Blickfeldes her schrumpft seine Sicht nach innen, wird die Welt grau. Nicht viel Zeit… Ungeschickt tastet er mit der freien Hand herum, bis seine Finger den Halsschmuck berühren… sich darum legen und einen Griff finden… und Ethan dann alle verbliebene Kraft zusammennimmt und dem Miststück das Lederband samt Perle vom Hals reißt.
Die Nixe schreit wütend auf, und ihre Hand fliegt zu ihrer Kehle. Ein entsetzter Blick tritt in ihre Augen, und sie löst sich von Ethan, stößt ihn mit Gewalt weg, dass er im Wasser landet, während Pearl sich umwendet und sich mit einem Sprung zur Flucht in die Fluten wenden will.

Nachdem Emily wieder auftaucht und sich kurz orientiert hat, starrt sie gefühlte endlose Minuten auf Ethan und Pearl und muss mit ansehen, wie die Nixe sich Ethan krallt und ihren widerlichen Mund auf seinen drückt. Emily sieht, dass Ethan sich zu wehren versucht, aber aus irgendeinem Grund es nicht schafft. Ganz im Gegenteil, es sieht beinahe so aus, als verließen ihn die Kräfte, und irgendwas pulsiert an Pearls Hals, wahrscheinlich die verdammte Perle. Zorn kocht in Emily hoch. Das darf doch echt nicht wahr sein, was nimmt die Schlampe sich eigentlich raus? Da Pearl noch mit Ethan beschäftigt ist, merkt diese nicht, wie Emily sich ihr langsam von hinten nähert. Emily versucht möglichst keine Wellen zu schlagen, um die Nixe zu überraschen, doch da schafft Ethan es mit Mühe, Pearl die Perle zu entreißen. Mit einem Mal kommt wieder Bewegung in die beiden, als die Nixe Ethan wegstößt und sich umdreht, um zu fliehen, die Seehexe macht einen Satz und springt geradewegs in Emilys Arme, die geistesgegenwärtig ihr Messer nach vorne hält und Pearl hineinspringen lässt. Emily erwischt die Seehexe nicht tödlich, kann diese aber mit ihrem Messer aufspießen, und da Pearl jede Möglichkeit der Heilung verloren hat, drängt Emily sie langsam zum Strand zurück, beugt sich vor und flüstert leise in ihr Ohr: “Miststück, damit hast du nicht gerechnet, oder? Dafür wirst du jetzt sterben.”
Emilys Augen leuchten ein wenig, und sie drückt die Sirene langsam weiter Richtung Ufer, bis sie fast im seichten Wasser angekommen sind, da bäumt sich Pearl nochmal auf, lässt sich nach hinten fallen und schlägt mit ihrem Fischschwanz zu. Emily kann dem zwar ausweichen, muss aber von Pearl ablassen. Die schwer blutende Sirene bleibt im seichten Wasser sitzen und sucht nach einem Ausweg.
Erst jetzt kommt Emily dazu, einen Blick nach Ethan zu werfen, ohne Pearl wirklich aus den Augen zu lassen. Sie merkt sofort, dass es Ethan alles andere als gut geht, aber das wundert sie auch nicht, von so einem Fischding abgeschlabbert zu werden, ist sicher alles andere als angenehm, und wer weiß, was sie noch mit ihm gemacht hat. Aber er scheint noch er selbst zu sein, und Emily atmet erleichtert auf. Sobald sich Emily der Sirene nähern will, schlägt sie wild um sich, und so bleibt Emily erstmal auf Abstand und hält sie nur in Schach.

Mühevoll rappelt Ethan sich aus dem Wasser auf. Er schwankt etwas und wäre fast wieder umgekippt, kommt aber doch irgendwie auf die Beine. Mit ihrer wild peitschenden Schwanzflosse hält Pearl, die aus einer tiefen neuen Wunde im Bauch blutet, gerade Emily auf Distanz, während sie sich, die andere Jägerin dicht auf den Fersen, langsam wieder etwas mehr auf das offene Wasser zubewegt, und deswegen kann auch Ethan nur schwer an die Sirene heran. Ihm ist ziemlich schwindlig, aber das Miststück darf nicht entkommen, egal wie schwummrig er sich fühlt. Wütend wirft er sich erneut in den Weg der Nixe, die ihm mit ihren krallenartigen Fingernägeln einen Kratzer quer über das Schlüsselbein beibringt. Dann jedoch hält sie inne und sieht Ethan mit ihren verwandelten lila-grünen Augen mitleidheischend an. „Ich wollte doch nur eine schöne Zeit mit dir verbringen… Ethan…“
So wütend, wie das bei dem Schwindel geht, der ihn gerade etwas verschwommen sehen lässt, funkelt Ethan die Meerjungfrau an. „Umbringen. Wie die anderen. Sieh mich an und streit’s ab.“
„Nein”, wispert Pearl, “ich…“ Aber dann bricht die Nixe ab, richtet sich mit funkelnden Augen auf, und ihre Zähne verändern sich, werden länger und spitzer. „Futter, ihr seid Futter“, zischt sie, „und du hättest es genossen!“
Mit diesen Worten schnellt sie, von ihrer Schwanzflosse angetrieben, auf Ethan los und schnappt mit ihren Hauern nach ihm. Nadelspitze Fangzähne rammen sich in seinen Oberarm, den er schützend hochreißt, bevor er mit der Messerhand zustößt und ihr die Klinge wieder, wenn auch etwas wackelig, in die Seite jagt.
Irgendwann muss die verdammte Hexe doch sterben, verdammt!

Emily bekommt mit, dass Ethan wackelig auf den Beinen ist, kann ihm aber nicht helfen, zu groß ist die Gefahr, dass die Sirene flieht. Emily muss mit ansehen, wie Pearl sich verändert und sich auf Ethan stürzt.
“Drecksstück!” schreit Emily die Sirene an, springt Ethan zur Hilfe und wirft sich von hinten auf die Seenixe, packt sie am Hals und versucht sie mühevoll von Ethan wegzuziehen. Pearl kreischt wütend auf, als Emily sie von Ethan wegzerrt.
Pearl dreht sich geschmeidig im Wasser und steht jetzt in voller Größe vor Emily, sie wirkt irgendwie größer als vorher, und Emily schreckt zwei Schritte zurück. Die Sirene greift Emily an den Oberarmen, sodass ihre spitzen Krallen sich in ihr Fleisch bohren.
Emily versucht sich sich zu befreien, aber die Seehexe hat eine Menge Kraft. Die leichten Wunden an ihren Armen brennen, und je länger Pearl sie festhält, umso schlimmer wird es, aber sich darüber Gedanken zu machen, hat Emily keine Zeit. Pearl hat Emily fest im Griff. “Ich werde euch beide aussaugen, und es wird mir eine Freunde sein.” Emily, die weiter versucht, sich loszureißen, verlässt langsam die Kraft im Wasser. Mit einem letzten Unterfangen gibt Emily Pearl eine Kopfnuss. Die ehemalige Surferin lässt kurz locker und schüttelt sich, doch Emily kommt nicht schnell genug weg und wird von der Sirene eingeholt. Diesmal packt die Sirene Emily am Hals, zieht sie zu sich heran und neigt ihren Kopf in Emilys Richtung, um ihr die Lebensenergie auszusaugen.

Oh nein. Das verdammte Biest wird garantiert niemanden mehr aussaugen, und Emily schon gleich gar nicht. Da die Fischfrau von ihm abgelassen und die andere Jägerin am Wickel hat, ist Ethan wieder einigermaßen frei in seinen Bewegungen. Wenn ihm nur nicht so schwummrig vor Augen wäre… Die Sirene hat Emily derart fest gepackt und hält sie so nah an sich gepresst, dass an Zustechen nicht zu denken ist. Von hinten ja, das würde gehen, aber Ethan kennt sich mit Nixenanatomie kein Stück aus. Die Schlampe muss jetzt sterben, und er hat keine Ahnung, wo ihre lebenswichtigen Organe sitzen. Kurz schüttelt Ethan den Kopf, um ihn etwas klarer zu bekommen, dann springt er Pearl in einer Art Football-Tackle auf den Rücken. Sie ist größer geworden mit ihrer letzten Verwandlung, länger und dünner – und das betrifft auch ihren Hals, der jetzt fast ein bisschen so aussieht wie auf diesen Bildern von Afrikanerinnen manchmal. Ethan reißt die Sirene mit sich – Emily auch, aber das kann er gerade nicht ändern – und bekommt irgendwie ihren Kopf und ihre Schultern zu fassen. Wendet alle Kraft auf, die er noch in sich findet, und dreht dem Miststück den Hals um. Lautlos sackt Pearls Körper in sich zusammen und verschwindet halb im niedrigen Wasser. Rührt sich nicht mehr. “Drecksmist”, flucht Ethan, während er sich zu der halb unter der Leiche begrabenen Emily dreht, um sie besorgt hochzuziehen. “Geht’s dir gut?”

Emily weiß im ersten Augenblick gar nicht richtig, wie ihr geschieht, als sie von den Füßen gerissen wird und unter Wasser geht. Doch als Pearl sich über ihr nicht mehr rührt, der Druck an ihren Oberarmen nachlässt und sie von Ethan nach oben gezogen wird, atmet sie erstmal durch, bevor sie antworten kann. “Das war knapp. Aber ja, alles in Ordnung soweit, und bei dir? Siehst schrecklich aus.“ Emily sieht erschöpft und ramponiert aus, und mehrere dünne, verschmierte Blutfäden rinnen langsam ihren Armen herab, aber sie lächelt.
Sorgenvoll betrachtet sie Ethan, wie er sich etwas schwankend auf den Beinen hält und sichtlich mitgenommen vor ihr steht. Emily taucht ihren Ärmel ins Wasser und tupft vorsichtig das Blut von Ethans Nase und aus seinem Gesicht. Sie hält immer wieder ihren Ärmel ins Wasser und lässt ihn vollsaugen, da sie jetzt sowieso schon völlig durchnässt und durchgefroren ist, macht ihr das jetzt auch nichts mehr aus. Mit viel Feingefühl wischt sie das leicht klebrige, verschmierte und angetrocknete Blut ab. Sie bemüht sich krampfhaft, jeglichen Augenkontakt zu vermeiden. Als sie fertig ist, wäscht sie ihren Ärmel aus und räuspert sich. “Vielleicht solltest du dir jetzt wieder etwas anziehen….” Dabei mustert sie ihn von oben bis unten, lächelt schief und vermeidet immer noch, ihm in die Augen zu schauen. “….Sonst erkältest du dich noch.“ Sie schmunzelt leicht, wendet ihren Blick wieder ab und verlässt mit diesen Worten das Wasser.

Verlegen lässt Ethan Emily in dem Moment los, als sie wieder auf den Füßen ist. “Heh”, brummt Ethan dann, als Emily davon spricht, wie schrecklich er aussehe, und erwidert ihr Schmunzeln, “schon mal besser.” Schon mal deutlich besser. Aber auch schon schlechter, wenn er ehrlich ist: Immerhin sind sie beide noch am Leben und vor allem beide noch auf den Beinen.
Angesichts von Emilys Fürsorglichkeit vertieft sich sein Schmunzeln einen Moment später noch etwas. “Ähm, ja… anziehen”, murmelt er dann, deutet aber im nächsten Moment auf die Nixenleiche vor ihnen: “Muss weg.” Ethan fühlt sich immer noch ziemlich wackelig auf den Beinen, aber es hilft ja alles nichts. Wenn der Körper nicht zerfällt, und danach sieht es gerade nicht aus, dann kann der hier nicht bleiben. Und sie können sich auch nicht darauf verlassen, dass es an dieser Stelle eine Strömung auf den See hinaus gibt. “Hier”, sagt er und hält Emily Pearls Kette hin, weil die Gefahr zu groß ist, dass er die sonst im See verliert, dann packt Ethan seufzend die tote Sirene an ihrem Fischwanz und zerrt sie gemeinsam mit Emily nordwärts Richtung Leuchtturm, dorthin, wo der Strand endet und die Felsen beginnen. Dort wird der See schlagartig tiefer, und noch ein Stück weiter finden sie weit genug unterhalb der Wasserlinie einen Spalt im Gestein, in dem sie den Leichnam so verkanten können, dass er so schnell nicht auftauchen wird und auch von oben nicht gesehen werden kann. Der Nebel hat sich mit Pearls Tod verzogen, fällt Ethan jetzt auf, aber glücklicherweise ist es dunkel und außer Emily und ihm kein Mensch zu sehen.
Erschöpft kehrt Ethan zu seinen Sachen zurück und streift sich mit unwillkürlichem Zittern seine Kleider wieder über. Doch ganz schön kühl so.

Bevor Emily das Wasser vollständig verlassen kann, spricht Ethan sie auf die Leiche an, und er hat recht, da sie sich nicht in Luft auflösen wird, müssen sie sich was überlegen. Sie wendet sich ihm wieder zu. “Oh, du hast recht. Ja… ähm.” Sie scheint eine Weile zu überlegen, doch Ethan deutet Richtung Leuchtturm. Er übergibt Emily die Perle zur Aufbewahrung, und sie steckt die Perle erstmal in eine ihrer Taschen und verschließt diese vernünftig, sodass die Perle nicht am Ende noch verloren gehen kann.
Emily schaut Ethan besorgt an, wagt ihm aber nicht zu sagen, dass sie das auch alleine machen könnte. Er sieht zwar angeschlagen aus, sie weiß aber, dass er sie das nicht alleine machen lassen würde. So gut glaubt sie ihn schon zu kennen, und sie ist für jegliche Diskussionen einfach zu erschöpft.
Emily packt den Oberkörper der Sirene und bewegt sich hinter Ethan her, sie macht sich Sorgen, dass ihn die Kraft verlässt, die Sirene hat ihm ganz schön zugesetzt, aber dafür sind sie zu zweit, und sie lässt ihn nicht aus dem Augen.
Nachdem die beiden Jäger die Leiche bei den Felsen im See versenkt und verkantet haben, meint Emily leise zu Ethan: “Meinst du, das reicht so?” Sie schaut etwas skeptisch, vertraut Ethan aber dahingehend, dass das so gehen wird. Jetzt, wo sie die Leiche entsorgt haben, fällt Emily auch auf, dass der Nebel sich gelegt hat, und sie kehrt mit Ethan zu der Stelle zurück, wo seine Kleidung liegt.
Sie geht das Ufer zum Strand hinauf und entfernt sich einige Schritte. Emily wird hier außerhalb des Wassers erst richtig bewusst, wie kalt es eigentlich ist, aber da sie nichts zum Wechseln dabei hat, muss sie jetzt warten, bis sie wieder im Hotel sind.

“Du blutest.” Vorher ist ihm das gar nicht so richtig aufgefallen, und glücklicherweise scheinen die Kratzer weder sonderlich tief noch sonstwie gefährlich, aber zusammen mit Emilys durchnässter Kleidung und dem stetig auffrischenden Wind gefallen sie Ethan gar nicht. “Müssen zurück.” Seine Jacke hat Ethan nicht übergezogen; die hält er jetzt seiner Begleiterin hin. Das Motel, wo der D21 steht, ist näher dran, aber Emily braucht – Quark, brauchen sie beide – ein heißes Bad, wenn sie sich nicht erkälten wollen, und beim schnellen Blick durch das Motelzimmer vorhin wirkte dessen Badewanne alles andere als vertrauenerweckend.
Emily macht den Eindruck, als wolle sie wegen ihrer nassen Sachen sein Auto schonen und lieber laufen, aber das kommt gar nicht in Frage. Das ist über eine Meile: nochmal knapp eine halbe Stunde zu Fuß, mit dem Auto dagegen nur ein zwei, drei Minuten. Ethan bedenkt die andere Jägerin mit einem ‘du spinnst wohl’-Blick und macht ihr demonstrativ die Tür auf. “Nur Wasser.”
Zurück am Hotel haben sie Glück und werden von niemandem gesehen, oder zumindest nicht aus der Nähe. Im Zimmer geht Ethan ins Bad und lässt heißes Wasser in die Wanne laufen, dass es dampft, kommt dann wieder heraus und deutet auf die Badezimmertür. “Du zuerst.” Besorgt sieht er Emily an, bis die im Bad verschwunden ist, dann lässt er sich auf sein Bett fallen. Eigentlich will er nur ein bisschen durchschnaufen, aber ehe er es sich versieht, ist Ethan erschöpft eingeschlafen.

Emily schaut auf einen ihrer Arme. “Hm, nicht so schlimm, geht schon”, versucht Emily ihre Verletzungen herunterzuspielen, und im Gegensatz zu Ethans sind sie tatsächlich nicht weiter schlimm. “Ja, sollten wir, und zusehen, dass wir dich ins Warme kriegen.” Sie lächelt matt.
Sie lehnt die Jacke dankend ab und geht mit Ethan zum Auto hoch. Zuerst will sie nicht einsteigen, um Ethans Wagen nicht zu ruinieren, aber Ethan besteht darauf, indem er sie auffordernd anschaut und ihr dann noch demonstrativ die Tür aufhält. Etwas widerwillig steigt sie ein, ist aber letzten Endes ganz froh, die Meile nicht laufen zu müssen, so durchnässt, wie sie ist. Mit dem Auto ist es nur ein Katzensprung bis zum Hotel, wo auch ihre Sachen liegen. Zum Glück ist es mittlerweile auch spät genug, dass kaum jemand auf den Straßen ist, oder zumindest begegnen sie niemandem.
Als die beiden Jäger das Zimmer betreten und Ethan gleich ins Bad verschwindet, lässt Emily sich auf einen Stuhl nieder, stützt den Kopf auf ihre Hände und schließt kurz die Augen.
Sie blickt verwundert auf, als Ethan sie kurze Zeit später anspricht und wieder aus dem Bad kommt. “Sicher?” fragt Emily nach, aber Ethan nickt nur bestimmt. Sie schnappt sich ihre Tasche und verschwindet im Bad.
Emily nimmt die Perle aus der Tasche und legt sie in die Seifenablage. Dann entledigt sie sich ihrer nassen Kleidung und schmeißt sie erstmal in eine Ecke. Vor dem Spiegel beginnt sie vorsichtig, die Wunden zu reinigen, so gut es eben geht, und blickt sich ihre Rippen an, die langsam blau werden, über die verschiedenen Narben und restlichen Schnittwunden sieht sie hinweg. “Hm, ich sollte mir langsam echt was einfallen lassen.”
Emily hatte nicht vorgehabt, Ethan solange warten zu lassen, aber das Bad tut wirklich gut, sodass sie kurz eindöst. Danach verbindet sie noch halbwegs ihre Wunden und legt einen straff anliegenden Verband um den Torso. Emily spült die Wanne aus und lässt Ethan ebenfalls ein heißes Bad ein.
Nachdem sie sich einen Jogginganzug übergezogen hat, nimmt sie die Perle aus der Schale und verlässt nach etwa einer Stunde das Bad.
Sie will Ethan gerade Bescheid geben, dass er jetzt ins Bad kann, als sie bemerkt, dass er wohl in der Zwischenzeit eingeschlafen ist. Sie überlegt kurz, ob sie ihn wecken soll, entschließt sich aber dagegen.
Sie dreht das Wasser wieder ab und zieht ihm langsam seine Schuhe aus, ohne ihn zu wecken. Emily schaut den schlafenden Jäger an und wägt kurz ab, beschließt dann, es dabei zu belassen. Vorsichtig legt sie Ethan ihre eigene Zudecke über und sucht noch eine Wolldecke heraus, welche sie auch über ihn legt, und dreht die Heizung höher, damit ihm nicht kalt wird.
Sie macht die Lichter aus und setzt sich dann an das Kopfteil ihres Bettes gelehnt hin und starrt im Dunkeln auf die Perle. Hin und wieder schaut sie zu Ethan rüber und achtet darauf, dass er zugedeckt bleibt.

Zuerst schläft Ethan wie ein Stein, aber nach einigen Stunden beginnt ein Empfinden sich in seine Sinne zu drängen, erst mit wirren Bildern von Feuer und Lava, dann allmählich mit dem Bewusstsein, dass es nicht nur ein Traum ist: Ihm ist heiß. Viel zu heiß. Eine Weile ist Ethan zu tief in seinem Schlaf gefangen, als dass er auf dieses Wissen reagieren könnte, aber irgendwann wacht er mit einem Japsen auf davon. Über ihm türmen sich Decken, und die Luft im Zimmer selbst ist sehr warm. Alles ist ruhig, nichts regt sich in dem dunklen Raum; es muss noch mitten in der Nacht sein. Ethan wirft die Decken von sich und tritt ans Fenster, öffnet es kurz einen Spalt weit, um einen hoch willkommenen Zug von der kühlen, klaren Nachtluft zu nehmen.
An der Wand unter dem Fenster bullert die Heizung auf höchster Stufe. Ethan dreht das Gerät auf eine etwas erträglichere Einstellung herunter und tappt, noch immer schlaftrunken, mit seinen Schlafsachen ins Bad, wo er sich umzieht, die Zähne putzt und für mehrere Sekunden kaltes Wasser über sein Handgelenk laufen lässt. Als er danach ins Zimmer zurückkehrt, fühlt er sich nicht mehr ganz so überhitzt, wenn auch jetzt deutlich zu wach für die Uhrzeit. Aber die Müdigkeit wird schon wiederkommen, und erst einmal ist Ethan froh, dass der Schwindel und die Schwummrigkeit verschwunden sind.
Jetzt, wo er nicht mehr im Halbdämmer steckt, bemerkt Ethan auch, dass Emily gar nicht in ihrem Bett liegt, sondern mit angezogenen Knien dasitzt und ihn beobachtet. Mit einem schiefen Lächeln, weil er sich ein bisschen albern fühlt, dass ihm das nicht vorher aufgefallen ist, hebt er die Hand, trägt dann Emilys Decke zu ihrem Bett hinüber und hält sie ihr wortlos hin – sie soll nicht frieren, nur weil Ethan sich nicht wachhalten konnte.

Emily nimmt die Decke dankbar entgegen und legt sich gleich schlafen, jetzt wo sie gesehen hat, dass es Ethan soweit gut geht. Emily schläft sehr unruhig und schreckt einige Male hoch. Nach dem dritten Hochschrecken schläft sie nicht mehr wirklich, sondern döst mehr oder minder nur noch. Nach einer ganzen Weile öffnet Emily die Augen und sieht zu Ethan herüber. Kurz danach setzt sie sich auf. “Guten Morgen. Ich hoffe, du konntest schlafen.” Ihre Stimme klingt etwas kratzig. “Wie gehts dir?”
Sie steht auf, geht ins Bad und macht sich frisch. Nach ca. zwanzig Minuten kommt sie aus dem Bad, geht zu ihrem Nachttisch und verstaut die Perle, welche im Tuch gewickelt war, sicher in der Hosentasche. Schweigend sammelt Emily ihre Sachen zusammen und stopft sie unordentlich in die Tasche. Als sie fertig ist, durchbricht sie ihr Schweigen. “Vielleicht sollten wir bald fahren, was meinst du?”

Nachdem er Emily ihre Decke zurückgegeben hat, kehrt Ethan in sein Bett zurück und liegt eine Weile wach, bevor er doch relativ bald wieder einschläft. Als er aufwacht, ist im Zimmer alles ruhig, und so bleibt er liegen, verschränkt die Hände hinter dem Kopf und lässt die Ereignisse des vorigen Tages noch einmal vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Unwillkürlich fährt ihm ein Schauder den Rücken hinunter: Das war knapp gestern. Verdammt knapp. Emily rührt sich kurze Zeit später. Beim Klang ihrer Stimme öffnet Ethan die Augen und nickt ihr zu. “Mmhm”, erwidert er, “konnte. Du?” Als Emily nach einem lockeren “klar, immer”, das er ihr zwar nicht so recht abnehmen will, aber nicht kommentiert, im Bad verschwunden ist, bleibt Ethan noch einen Moment liegen, bevor er aufsteht und schon einmal zu packen beginnt, die Teufelsfalle vom Boden löst und zusammenfaltet sowie die sonstigen Sicherungen entfernt, soweit sie bei der Reinigung des Zimmers auffallen würden. Als das Bad frei ist, geht er ebenfalls unter die Dusche und macht sich soweit fertig, wirft dann den Rest seiner Sachen in den Rucksack. “Sollten”, antwortet er jetzt auf Emilys Frage von vorhin, “aber geht. 400 Meilen rum.”

400 Meilen mögen nicht so übermäßig viel sein für eine Tagesetappe, aber acht Stunden Fahrt sind es doch, also sollten sie tatsächlich nicht allzu spät los. Nach einem Hotelfrühstück, das im Preis immerhin mit inbegriffen ist, sind sie eine Weile später wieder auf der I-90. Während die Meilen unter den Rädern des Pickup verschwinden, herrscht größtenteils Schweigen in der Fahrerkabine, aber es ist ein angenehmes, einträchtiges Schweigen. Irgendwann allerdings entfährt Ethan ein amüsiertes Prusten. “Was?” will Emily wissen. “Dachte nur grad”, erwidert er, “Motel. Der Alte. Wird sich schön wundern. Zimmer. Bezahlt, aber nicht genutzt.”
Ein Grinsen geht über Emilys Gesicht. “Na, dann haben wir ja vielleicht noch was Gutes getan. Vielleicht hat er Glück und er bekommt noch die Kurve, jetzt wo… wo sie weg ist.”
Nach ca. 200 Meilen machen sie eine Mittagspause und essen in einem Diner eine Kleinigkeit. Danach übernimmt Emily das Steuer und fährt die restliche Strecke bis zu Ethan nach Hause. Die Fahrt verläuft ohne Probleme, und Emily steuert den D21 direkt neben ihren kleinen Geo Metro auf dem Parkplatz. Dort macht sie den Motor aus und schaut Ethan an. Jetzt wird Emily doch ein wenig verlegen und lächelt Ethan an. “Das war es dann, wir sind wieder zurück.” Langsam steigt Emily aus dem D21, räumt ihre Taschen von Ethans Auto in ihr eigenes und überreicht Ethan die Schlüssel. “Ähm… also bis demnächst. Ich melde mich, okay?”
“Okay”, macht Ethan, selbst ziemlich verlegen. “Fahr vorsichtig, ja?” Er fährt sich durch die Haare und lächelt schief. “Und… danke.” Er beißt sich auf die Unterlippe, weil die Assoziationskette immer noch in einen schmerzhaften Stich mündet, ganz gleich, ob es ihm eigentlich egal sein sollte oder nicht. “Soll. Sollen. Perle zerstören? Oder. Willst sie sichern?”
“Immer.” lächelt Emily verlegen. “Danke? Wofür? Du meinst wegen, ähm, Pearl? Nicht dafür. War nen Job, dafür waren wir da. Nicht bedanken.” Sie macht eine abwinkende Handbewegung, bevor sie Ethan ernst anschaut. “Idee? Zerstören. Sonst würde ich die Perle erst einmal mitnehmen.” Sie schweigt nachdenklich einen Moment. “Bis uns was einfällt.”
“Zerstören”, stimmt Ethan zu. “Wenn’s geht.” Er überlegt einen Moment. “Hammer”, sagt er dann. “Oder erst Hitze, dann Hammer. Oder Säure.”
“Klar. Versuchen, aber nicht hier draußen. Vielleicht lieber rein?” Fragend deutet sie mit den Kopf Richtung Ethans Wohnung. “Oder wo anders hin, aber nicht so in der Öffentlichkeit.”
Ethan wirft Emily einen leise belustigten ‘für wie unerfahren hältst du mich eigentlich’-Blick zu und nickt Richtung Haus. In seiner Bones Gate-Werkstatt wäre zwar mehr Ausrüstung, aber erst einmal will er es mit dem Kram versuchen, den er zuhause hat. Mit etwas Glück sollte das schon reichen – und wenn nicht, kann er den schwereren Hammer oder das Beizmittel immer noch holen gehen.
Ihre Lippen werden erst schmal, dann verzieht sie den Mund zu einem Lächeln. “Weißt schon, wie ich das meine. Könnte verstehen, wenn du es nicht in deiner Wohnung haben willst.”
Nachdem Ethan diese Bemerkung mit dem Anflug eines Lächelns und einem “passt schon” quittiert und dann Richtung Haus geknickt hat, setzt sie sich in Bewegung.

In der Wohnung bedeutet er Emily, es sich bequem zu machen, während er den Kram zusammensucht. Kurze Zeit später liegt ein festes Brett als Unterlage bereit, und er hat etwas Essigessenz in ein Glas gefüllt. Das Zeug müsste eigentlich gut geeignet dafür sein, so ein Naturprodukt wie eine Perle zu zersetzen – wenn das Ding nicht irgendwie übernatürlich haltbarer ist, als es sein sollte, versteht sich. Er deutet auf das Glas und macht eine fragend-auffordernde Geste zu Emily, die sich in den Sessel gesetzt und gewartet hat, bis Ethan alles bereit gestellt hatte, und ihm jetzt etwas zögerlich die Perle übergibt.
Ohne weitere Umstände lässt Ethan die Perle in das Glas mit der Essigessenz gleiten. Er ist bei weitem kein Experte, was chemische Reaktionen angeht, aber das ist so ein scharfes Zeug, das erfüllt den Zweck bestimmt. Die beiden Jäger lassen ungefähr eine halbe Stunde verstreichen, damit die ätzende Flüssigkeit ihr Werk tun kann, dann fischt Ethan mit einer Zange vorsichtig die Perle aus dem Glas. Zersetzt hat sie sich in dem Säurebad nicht, aber sie sieht immerhin deutlich angegriffen aus. Verschwunden ist ihr zuvor sanfter Glanz, und bei Berührung fühlt sie sich rauh und spröde an. Sehr gut. Ethan legt die kleine Kugel auf das Brett und deckt ein Küchenhandtuch darüber, damit die Teile nicht in alle Richtungen wegfliegen, dann hebt er den ebenfalls bereitliegenden Hammer und lässt ihn mit einer abrupten Bewegung, in der all seine Wut über die verdammte Meerschlampe und ihre verdammten Zaubereien steckt, auf die Perle heruntersausen. Es gibt ein leises ‘Knack’, dann verschwindet der winzige Widerstand, den der Hammer überwinden musste, und als Ethan nachsieht, liegen da wirklich nur noch kleinste Perlmuttstückchen, die er einsammelt und wieder in das Glas wirft. Wenn die Reste sich in der Essigessenz vollständig auflösen, um so besser. Wenn nicht, auch kein Beinbruch. Dann schüttet er morgen eben ein paar letzte Krümel weg. Mit einem leisen Gefühl der Genugtuung dreht Ethan sich zu Emily, die der ganzen Prozedur interessiert gefolgt ist, um und nickt ihr mit einem schiefen Lächeln zu. “So.”
Emily erwidert Ethans Nicken zufrieden und erhebt sich dann. “Ich sollte jetzt fahren.” “Mmhm. Klar”, macht er zustimmend und steht ebenfalls auf. “Pass auf dich auf.” Sie mustert Ethan noch einmal von oben bis unten, um sicher zu gehen, dass es ihm tatsächlich gut geht. Dann lächelt sie und geht Richtung Tür. “Also, machs gut, wir sehen uns.”
Emily hebt zusätzlich die Hand zur Verabschiedung und verlässt Ethans Wohnung. Draußen sieht sie auf die Uhr und geht dann schnellen Schrittes zu ihrem Wagen. Es ist schon ziemlich spät am Nachmittag, und sie will heute noch ein ganzes Stück weit kommen.

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Return to Leavenworth
Welcome to the family

We’re finally alone at last
Oh how I’ve waited for this day to come
There’s just something about you that rubs me wrong
You’re not worth my attention
I built this with my own two hands
If you could spare me the time
Stop using me as your next misconception

(A day to remember – Welcome to the family)

Es war ein wenig wie nach Hause kommen, stellte Niels fest, als er aus dem Abfertigungsbereich des SeaTac International trat. Doch damals hatte Felicity auf ihn gewartet, nicht ein irischer Mittdreißiger, der immer noch behauptete, dass sein Name “Verdammter Lügner” war. Aber Flann hatte ihm in New York nach seiner überstürzten Flucht aus dem Mayflower angeboten, seine Waffen mitzunehmen, wofür Niels sehr dankbar gewesen war. Natürlich hätte er Gewehr, Pistole und die Messer auch einchecken können am Flughafen, aber er hatte wenig Lust auf die Prozedur gehabt, und warum sollte er es kompliziert machen, wenn es auch einfach ging. Was den Transport seiner Waffen anging, vertraute er Flann. Was den Rest anging – das war nur Gewäsch eines Dämons, der in Spiegeln gehaust und kleine Mädchen erschreckt hat, Heckler. Hör auf, darüber nachzudenken.

Flann stand an einem der Zeitungsstände und studierte die Ausgaben des National Enquirers und ähnlicher Blätter. Er schien sich diesmal als Geheimagent getarnt zu haben, zu einer schwarzen Windbreakerjacke trug er eine leicht getönte Sonnenbrille und eine Baseballkappe mit dem Logo der Chicago Cubs. “Alter. Ist das die Touristen-Maskerade?” Niels musterte seinen Mitjäger grinsend von oben bis unten. “Alles Tarnung”, antwortete Flann trocken, dann fuhr er fort: “Naja, vielleicht hätte ich besser eine Cap der Seattle Mariners genommen, das stimmt”, meinte Flann, während er die Mütze abnahm und betrachtete. “Mich darfst du sowas nicht fragen. Ich hab keine Ahnung davon”, entgegnete Niels. Er hatte einmal mit Felicity ein Baseball-Spiel besucht, in seiner Erinnerung war es dabei um Hot Dogs, schales Bier und irgendwas mit einem Ball und einem Schläger gegangen, außerdem hatte Felicity ihm die körperlichen Vorzüge jedes Spielers angepriesen. Sport war etwas, das man selber machte, nichts, wobei man anderen zusah.
“Das ist aber gut, um sich eine andere Identität zu geben”, meinte Flann jetzt, und Niels zog nur eine Augenbraue hoch. “Wenn du meinst, das ist echt nicht mein Fall”, brummte er, denn er wollte das Thema wechseln. Nicht, dass Flann noch auf die Idee kam, dass sie sich auch dringend ein Spiel der Mariners ansehen mussten. “Es eignet sich, um Smalltalk zu machen. Aber ich gebe dir recht. Sport ist ziemlich langweilig”, antwortete der Ire, was ihm einen erneuten Blick mit hochgezogener Augenbraue von Niels einbrachte. “Du gehst ja auch in sowas wie Fitnessstudios”, erklärte er Flann, als ihm ihr kurzes Wortgefecht in Idaho einfiel. “Das ist halt das, was man in den richtig guten Hotels so hat. Und dank meiner blonden Freundin steige ich nur noch in solchen Etablissements ab”, entgegnete der. Niels hatte eine Ahnung, wen Flann mit seiner “blonden Freundin” meinte, auch wenn er nicht wusste, wieso die Engländerin und der Ire auf einmal wieder so dicke waren, dass sie ihm teure Hotels bezahlte. Gut, sie hatte keine Seele mehr, wenn er Ethan da richtig verstanden hatte, wobei das noch lange nicht alles erklärte. Aber Niels musste zugeben, dass er auch gar nicht so genau wissen wollte, was vorgefallen war. Je weniger Ahnung er davon hatte, um so besser. Außerdem hatte er gerade ein viel weltlicheres Problem: Er hatte Hunger. “Willst du auch was?” fragte er Flann, während er das nächste Flughafen-Fast Food-Restaurant ansteuerte. Der Ire nickte, und Niels war froh, dass sie jetzt vorerst ein Thema hatten, bei dem er sich bestens auskannte und auf sicherem Terrain bewegte. Mit Essen konnte man nie etwas falsch machen.

Die Siedlung, in der Georg Aumayr lebte, wirkte noch genauso verschlafen wie vor einem Jahr. Das einzige, was das Bild trübte, war das gelbe Absperrband der Polizei, das vor dem Haus im Wind flatterte, sowie das Polizeisiegel an der Tür. Niels sprang aus Flanns Wagen und sah sich panisch um. Was zur Hölle war hier passiert?
Ein Mann steckte den Kopf aus dem Nachbarhaus und sah Niels und Flann ein wenig mißtrauisch an. “Wenn Sie zu Aumayr wollen, da war heute nacht die Polizei da. Ist wohl irgendwas passiert, was, weiß ich aber auch nicht”, erzählte er, dann musterte er die beiden Fremden noch einmal und schloss die Tür wieder.
“Flann!” Niels sah den Iren an, als müsste der die Antwort kennen, doch der zuckte nur mit den Achseln. “Wir müssen zur Polizei! Oder nein, ich weiß es, hast du noch die Nummer von diesem Schrader? Der war doch letztes Jahr dein Schatten.” Flann schüttelte den Kopf. “Ich hab die Nummer nicht mehr. Nein halt, ich hab das Handy nicht mehr.” Niels bedachte ihn mit einem langen Blick, irgendwie hatte er so etwas schon vermutet. “Hast du überall im Land deine Handys weggeworfen?” wollte er wissen, bemüht, seine Stimme nicht sarkastischer klingen zu lassen als beabsichtigt. Flann ließ sich jedoch von dem leicht panisch werdenden jungen Mann nicht aus der Ruhe bringen. “He, ich nutze immer eine Mülltonne”, erklärte er leichthin. “Wenigstens bist du umweltbewusst”, gab Niels zwischen zusammengebissenen Zähnen zurück. Dann aber stellte er fest, dass es wenig zielführend war, wenn er seine Angst und die daraus resultierende Wut an seinem Begleiter ausließ. “Lass uns zur Polizei fahren. Ich will wissen, was hier passiert ist, und wo Aumayr ist”, meinte er dann, doch Flann hielt ihn zurück. “Wenn du zur Polizei willst, nehme ich die Hände vom Steuer”, erklärte er, und als er Niels’ fragenden Blick bemerkte, setzte er hinzu: “Ich überlasse dir das Reden”. Niels verdrehte die Augen, er hatte jetzt keine Zeit für eine von Flanns Lektionen. “Wir könnten auch in den Krankenhäusern in der Umgebung nachfragen, ob Georg dort eingeliefert wurde”, sagte er, doch das brachte ihm erst recht einen tadelnden Blick von Flann ein. “Du willst ja nur nicht zur Polizei”, bemerkte er spitz. “Vorschlag: Du fährst zur Polizei, und ich gucke, ob ich in den Krankenhäusern was rauskriege. Und du darfst auch meinen Wagen nehmen.” Niels wusste nicht, ob er sich dafür bedanken sollte, dass er mit einem ausgemusterten FBI-Fahrzeug beim Sheriffbüro aufkreuzen durfte, aber der Crown Vic war besser als nichts. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen stieg er in den Ford und fuhr zur Polizeistation.

Niels parkte den Crown Vic auf dem Besucherparkplatz, als ihm noch etwas einfiel. Er holte sein Smartphone aus der Tasche und wählte Emilys Nummer. Die junge Frau nahm sofort ab. “Hi, Niels. Ich bin fast da”, meinte sie, im Hintergrund war ein gleichmäßiges Motorgeräusch zu hören. “Der alte Aumayr… er liegt im Krankenhaus”, erzählte Niels ihr jetzt, was Emily einen Laut des Erstaunens entlockte. “Ich bin gerade bei der Polizei und hoffe, dass ich was rauskriege”, berichtete Niels weiter. Em machte “Mhm”, dann aber fragte sie, ob sie sich auf dem Fest treffen wollten. “Ja, klingt gut. Bis später”. Niels legte auf und atmete tief durch. Das wäre doch gelacht, wenn er es nicht ohne Flann hinbekam, sich in die Polizeistation von Leavenworth zu lügen.

Er betrat das Gebäude und lächelte den wachhabenden Officer freundlich an. “Hi, ich bin der… Enkel von Georg Aumayr, und ich habe gehört, dass mein Großvater überfallen wurde. Können Sie mir etwas dazu sagen?” Offensichtlich überzeugte Niels’ Akzent den Mann, denn der fragte gar nicht weiter nach Papieren oder einem anderen Ausweis. “Aumayr, sagen Sie? Ja, da wurde bereits ein Verdächtiger festgenommen.” Niels atmete erleichtert auf, auch, weil der Officer seine Lüge so bereitwillig geschluckt hatte, doch der Mann zog die falschen Schlüsse und fuhr fort mit seinem Bericht. “Der Verdächtige wurde verhaftet, weil er ungefähr zur Tatzeit aus dem Haus des Opfers kam, und ein Nachbar konnte ihn beschreiben.” Niels dachte kurz an den Alten, der Flann und ihn informiert hatte, der war sicher der Typ, der Tag und Nacht seine Nachbarn beobachtete.
“Er weist außerdem Kampfspuren auf, die mit denen in Aumayrs Haus übereinstimmen. Leider spricht der Mann kein Englisch, sondern nur Deutsch”, meinte der Polizist jetzt und sah Niels erwartungsvoll an. Deutsch? Hatten die Aumayrs sich in der alten Heimat solche Feinde gemacht, dass diese sie nun in Amerika ausfindig gemacht hatten?
“Wir haben einen Dolmetscher aus Seattle angefordert, aber es heißt, es dauert noch, bis der da ist.” Niels überlegte nicht lange. “Ich spreche Deutsch. Ich kann das machen”, bot er an. So konnte er schneller herausfinden, was mit dem alten Mann passiert war. “Ok, dann kommen Sie mit”, antwortete der Wachhabende und bedeutete Niels, ihm zu folgen.
Er brachte den jungen Mann in ein kleines Büro, in dem ein weiterer Officer saß. Der sah nur kurz auf, nickte aber, als sein Kollege ihm erklärte, wer Niels war und was er vorgeschlagen hatte. Dann zog er ein Schriftstück hervor und reichte es Niels. “Wir müssen Sie noch vereidigen, aber das ist nur eine Formsache”. Der junge Mann las sich das Formular durch, unterschrieb es und reichte es dem Polizisten, der es kurz überflog. “Dann kommen Sie mal mit”, erklärte er und führte Niels in den Verhörraum.

Der Verdächtige saß zusammengesunken auf dem Stuhl, den Kopf in die Hände gestützt, soweit ihm das möglich war, denn eine Hand war mit Handschellen an den Tisch gekettet. Es handelte sich um einen blonden Mann Anfang, Mitte 30, seine Kleidung wirkte abgetragen und nicht wirklich modisch. Als Niels eintrat, sah der Mann auf. Für einen Moment hatte Niels das Gefühl, er sei mit Eiswasser übergossen worden. Unterbewusst hatte er so eine Ahnung gehabt, dass dieser Moment kommen würde, dass er sich eines Tages auch diesem Teil seiner Familie würde stellen müssen. Aber er hätte den Ort und den Zeitpunkt gerne selbst bestimmt. Eine Polizeistation an der Westküste hatte nicht zu dem gehört, was er sich vorgestellt hatte, um seinem Bruder Benedikt die Nase zu brechen.

“Was machst du denn hier?” war alles, was er hervorbringen konnte. “Bruder”, antwortete Benedikt übertrieben freundlich und versuchte, die Arme auszubreiten, so weit ihm das möglich war. “Na, hast du es also doch rausgeschafft aus dem Kaff? Und super gemacht, gleich mal verhaftet worden”. Niels spürte, wie sich die Wut auf Benedikt, die sich in den letzten vier Jahren noch gesteigert hatte, Bahn brechen wollte. Aber er musste einen kühlen Kopf bewahren, so gerne er seine Rache jetzt gehabt hätte. “Du kannst froh sein, dass du angekettet bist, sonst hätte ich dir längst die Nase gebrochen”, setzte er jetzt hinzu, aber auch das schien Benedikt nicht wirklich aus der Ruhe zu bringen. Dann aber setzte er sich gerade hin und fixierte Niels, der ihm gegenüber jetzt Platz genommen hatte. “Behandelst du so deine Familie?” fragte er leise. “Ich durchsuche zumindest nicht ihr Zimmer und erzähle alles brühwarm weiter”, gab Niels ebenso leise zurück. “Man soll seinem Vater gehorchen. Ich wurde christlich erzogen. Was erwartest du?” Jetzt lehnte Benedikt sich wieder zurück und lächelte, dieses überhebliche, besserwisserische Lächeln, das Niels dazu brachte, die Fäuste zu ballen. “Wo steht denn in der Bibel, dass man seinem jüngeren Bruder nachspionieren soll und ihn an den Vater verrät?” Er war drauf und dran, Benedikt haarklein auseinanderzusetzen, was Joseph und Gustav ihm angetan hatten, aber er war sich sicher, dass der Ältere das ohnehin wusste. Wahrscheinlich hatten sie ihm noch auf die Schulter geklopft und für seine Wachsamkeit gratuliert. “Du bist schon sehr cool, mit deinen Tattoos und den Piercings”, entgegnete Benedikt jetzt betont gleichgültig, dann beugte er sich vor. “Ich hab dich gesucht, Kleiner. Ich hab mich ein bisschen durchgefragt und rausgekriegt, dass du hier bist.” Niels glaubte seinem Bruder kein Wort, aber das war jetzt auch nicht so wichtig. “Alter, die verdächtigen dich des versuchten Mordes, ist dir das eigentlich klar?” Er hatte durchaus kein Problem damit, wenn sein Bruder im Knast verrottete, aber er fürchtete, dass eine Verhandlung womöglich Gustav und Joseph auf den Plan gerufen hätte – und seine Mutter. “Mach dir mal nicht in die Hose, Kleiner. Ich hab falsche Papiere und die Polizei kann mir nichts, die können nicht zu meiner wahren Jäger-Identität durchdringen.” Benedikt lächelte jetzt wieder selbstgefällig, und Niels konnte nur noch den Kopf schütteln. “Du bist echt noch bescheuerter als ich dachte, Benedikt. Die Polizei kann dir sehr wohl was, wenn sie nämlich den Namen ‘Heckler’ mit den Tschechen und den Waffendeals in Verbindung bringt.” Und im Zweifelsfall würde dabei herauskommen, dass auch ein gewisser Aaron Heckler am Waffenschmuggel beteiligt gewesen war. Er mochte zwar zur Tatzeit minderjährig gewesen sein, aber dennoch, er kannte die Namen und Verbindungen. Gustav hatte auch den Bastard seines Bruders zu einem Kriminellen gemacht, Priesterseminar hin oder her.
Gustav war allerdings ein gutes Stichwort. Bevor Niels seinem Bruder jedoch triumphierend ihr neues Verwandschaftsverhältnis auseinandersetzen konnte, wurde die Tür des Verhörraums geöffnet, und Jamie Schrader trat ein. “Mr Heckler”, begrüßte er Niels, dann öffnete er die Akte, die er in der Hand hielt. “Und… Mr Heckler?” fragte er in Richtung Benedikt, der nur nickte, und der Ausdruck der Ratlosigkeit auf dem Gesicht des jungen Polizisten wurde größer. “Das ist mein Bruder”, gab Niels jetzt zu, es hatte keinen Zweck mehr, um den heißen Brei herumzureden. “Ich hatte keine Ahnung, dass er hier sein würde, glauben Sie mir. Und ich will genau wie Sie herausfinden, was hier passiert ist. Deswegen würde ich gerne dolmetschen.” Aus den Augenwinkeln nahm Niels wahr, dass Benedikt angestrengt versuchte, der Unterhaltung zwischen ihm und Schrader zu folgen, doch es gelang ihm offensichtlich nicht.
“Kann ich Sie einen Moment unter vier Augen sprechen?” wollte Schrader wissen, “das mit Ihrem Bruder ist etwas… unorthodox.” Niels stand auf, lächelte den Polizisten an, dann warf er einen Blick zurück in Richtung Benedikt. “Halbbruder”, flüsterte er auf Deutsch, doch wenn der es gehört hatte, dann reagierte er nicht.
“Officer Schrader, ich…”, begann Niels, als sie im Flur standen, doch Jamie unterbrach ihn. “Das heißt jetzt Detective Schrader. Ich wurde vom Seattle Police Department mit dem Fall betraut, schließlich war ich letztes Jahr schon hier.” Er rieb sich kurz die Nase, als müsse er nachdenken. “Sie wissen schon, dass da ein Interessenkonflikt besteht?” Niels nickte, das war ihm durchaus bewusst, und er hätte es verstanden, wenn Schrader ihn der Polizeistation verwiesen hatte. “Nunja, aber wenn Sie schon mal hier sind… der Dolmetscher aus Seattle lässt noch auf sich warten.” Er sah wieder in seine Akte und dann wieder zu Niels. “Und das ist Ihr Bruder?” fragte er, als könne er sich nicht vorstellen, dass die beiden Männer verwandt waren. “Jein. Halbbruder. Wir haben die gleiche Mutter, aber nicht den gleichen Vater. Abgesehen davon, ich habe meinen Bruder seit vier Jahren nicht mehr gesehen.”

Das schien Schrader zu genügen, er betrat jetzt wieder den Verhörraum und bedeutete Niels, sich zu setzen. Dann begann er mit seinem Verhör: Was Benedikt von Aumayr gewollt hatte, was passiert war, als Benedikt bei Aumayr angekommen war, wie lange Benedikt schon im Land war, warum er Kampfspuren trug, wenn er doch abstritt, den alten Mann niedergeschlagen zu haben. Er wiederholte die Fragen mehrmals, und Niels übersetzte sie jedesmal, so gut er konnte.
Benedikt fixierte Niels während seiner Aussage mit seinen stahlblauen Augen, er sah den jungen Detective nur selten an. Aber Niels ließ sich nicht von Benedikt provozieren, er war jetzt Profi und würde sich vor Jamie Schrader nicht die Blöße geben, seinen Bruder anzugreifen.
“Ich wollte mich bei Aumayr über meinen Bruder erkundigen. Ich hab den Kleinen ein wenig im Auge behalten und wusste, dass er und der alte Mann Kontakt hatten. Aber als ich ankam, war Aumayr schon bewusstlos. Da hab ich den Notruf angerufen. Das mit 911 wusste ja sogar ich, Fernsehen und so – ich kann die Sprache zwar nicht und habe nichts sagen können, aber ich habe das Telefon aktiv hängen gelassen”, erzählte Benedikt, und dieser Satz entlockte Niels doch eine Bemerkung abseits der Befragung. “Der Alte hat dich fernsehen lassen?” Er erinnerte sich nur daran, wie Gustav Heckler vor allen Dingen Fernsehen als “Teufelszeug” verdammt hatte. “Ich bin vielleicht nicht gerade nach München abgehauen, aber ich hab mir auch meine kleinen Rebellionen gegönnt”, entgegnete Benedikt mit einem Lächeln. Niels ballte die Faust, sobald er und sein Bruder alleine waren, würde er ihm gerne mitteilen, warum er abgehauen war. Vielleicht würde er ihm auch mal zeigen, wie das Abschiedsgeschenk ausgesehen hatte, dass Joseph und Gustav ihm dank seiner tatkräftigen Mithilfe gemacht hatten.
“Nachdem ich den Notruf angerufen habe, hab ich mich dann verzogen. Aber anscheinend hat mich jemand gesehen, jedenfalls wurde ich kurze Zeit später verhaftet.” Niels fragte sich für einen Moment, ob Aumayrs Nachbar auch irgendwann schlief.
Die Kampfspuren erklärte Benedikt mit einer Prügelei in einer Biker-Bar zwei oder drei Orte weiter. Dort habe es auch ein Motel gegeben. Unter anderen Umständen hätte Niels wahrscheinlich gelacht, das sah Benedikt so ähnlich, irgendwo im Nichts Streit mit einem Bikerchapter anzufangen.
Schrader nahm diese Aussage mit einem skeptischen Gesichtsausdruck zur Kenntnis, machte sich Notizen und klappte dann mit einem Seufzer die Akte zu. “Sie verstehen, dass ich das überprüfen muss”, erklärte er Benedikt, und Niels übersetzte.
Niels überlegte kurz, dann stellte er Schrader die Frage, die ihm schon seit einiger Zeit im Kopf herumging. “Wurde Kaution gestellt?” wollte er wissen. Cedric würde nicht begeistert sein, für Gustavs leiblichen Sohn Geld ausgeben zu müssen, aber irgendwie glaubte Niels nicht, dass sein Bruder fähig dazu war, einen wehrlosen alten Mann zu überfallen. Das war nicht sein Stil. Sein Stil war es, seinen kleinen Bruder ans Messer zu liefern, damit er selbst besser dastand.
Schrader bedeutete Niels, dass das Verhör nun vorbei war und er den Raum verlassen musste. Niels stand auf, dann fiel ihm noch etwas ein. “Warum bist du hier in Amerika?” fragte er Benedikt, und zum ersten Mal schien die selbstsichere Fassade des Älteren zu bröckeln. “Ich wollte einfach weg”, murmelte er und sah Niels ernst an. Auch wenn der wusste, dass seine älteren Brüder sich nicht unbedingt heiß und innig liebten, so hatte er im Augenblick kein Mitleid mit Benedikt. “War doch klar, dass du es abbekommst, wenn keiner mehr da ist, der unter dir steht”, entgegnete er kühl und verließ den Raum, um Cedric anzurufen.

Der alte Jameson war nicht erfreut gewesen, als Niels ihm berichtete, für wen er da die Kaution stellen sollte. Diese war entsprechend hoch, Benedikt war nicht nur Ausländer, sondern auch ohne festen Wohnsitz. Seufzend versprach Felicitys Großvater, die Summe zu entrichten, Niels war ihm mehr als dankbar.

Niels verabschiedete sich von Schrader und machte sich auf Richtung Festgelände. Seine Gedanken waren jedoch immer noch in der Polizeistation. Benedikt also. Sicher, Joseph wäre noch schlimmer gewesen, aber er bezweifelte nach wie vor, dass Gustavs Kronprinz jemals weiter als bis hinter die deutsch-tschechische Grenze oder nach Straubing kam. Joseph hasste alles Fremde und Andersartige, das hatte Niels am eigenen Leib erfahren. Aber vor seinem geistigen Auge liefen wie ein Film die Gelegenheiten ab, die Benedikt genutzt hatte, um ihn fertig zu machen. Im Gegensatz zu Gustav und Joseph war sein zweiter Bruder eher für Psychoterror gewesen, die unsubtile physische Gewalt des Vaters und des ältesten Bruders gegen den Jüngsten war nicht sein Ding. Niels seufzte, wiedersehen wollen hatte er keinen der Drei. Sein Blick fiel auf die Rückbank des Crown Vic, wo seine Waffentasche lag. Ob es auffiel, wenn er Benedikt einfach so erschoss? Er war ein guter Schütze, ein Schuss würde reichen. Aber dann siegte der Pragmatismus: für einen Toten bekam Cedric seine Kaution nicht zurück, und man würde Benedikt so oder so abschieben. Wieviel besser wäre es, wenn er dann nach Rabenstein fuhr und erst Gustavs leibliche Söhne umbrachte, um dem alten Mann dann zu sagen, dass er über alles Bescheid wusste, bevor er ihm das gleiche Schicksal wie seinen Söhnen angedeihen ließ.

Mit diesen düsteren, aber ungemein befriedigenden Gedanken parkte er den Ford in der Nähe des Festgeländes.
Flann wartete bereits auf ihn, neben ihm stand Emily. Zu Niels’ Überraschung war Emily nicht allein gekommen, Ethan hatte sie begleitet. Der dunkelhaarige Jäger wirkte noch nachdenklicher und einsilbiger als sonst, und Niels fiel auf, dass er nicht mehr den geschnitzten Holzanhänger trug. Flann dagegen schien gute Laune zu haben, als er Niels sah, streckte er die Hand aus. Der wusste erst nicht, was der Ire von ihm wollte, doch dann zog er den Autoschlüssel aus der Tasche und gab ihn Flann.
“Der Arzt sagt übrigens, dass es Aumayr den Umständen entsprechend gut geht. Er liegt zwar im künstlichen Koma, aber er wird durchkommen.” Diese Nachricht erleichterte Niels, aber seine Laune hob sie nur bedingt. “Was ist los?” wollte Emily jetzt wissen. Niels schüttelte nur den Kopf. “Ich habe einen Geist aus meiner Vergangenheit gesehen”, erklärte er. “Aus deiner Vergangenheit? Ein Job, den du nicht fertig gemacht hast?” fragte Em jetzt weiter. “Schön wärs. Mein Bruder ist hier. Benedikt. Er sitzt jetzt im Polizeigewahrsam, weil die denken, er hätte versucht, Aumayr umzubringen. Ich bin mir sicher, er wars nicht, aber trotzdem… Er ist hier. Hat sich falsche Papiere besorgt, angeblich wollte er zu mir.” Niels begann, auf seinem Zungenpiercing herumzukauen. Eigentlich hatte er sich diesen Übersprungsmechanismus abgewöhnt, aber das Auftauchen seines Bruders kratzte einige alte Wunden auf.
Em und Ethan nickten nur, beide kannten Niels’ Geschichte und vor allen Dingen Ethan wusste, was Benedikt getan hatte. Flann jedoch feixte, als er hörte, wie der mittlere Heckler ins Land gekommen war. “Den sollte ich mal kennenlernen”, erklärte er grinsend. Niels bedachte den Iren mit dem Heckler-Blick.”Oh, ihr würdet euch sicher gut verstehen”, ätzte er, doch Flann ließ sich davon nicht beeindrucken.
“Was hast du jetzt vor?” wollte Emily wissen. Niels sah an ihr vorbei zum Festgelände. “Jetzt? Jetzt kümmere ich mich erstmal um das Ritual.” Bevor am nächsten Tag die Massen auf den Platz stürmten, mussten die Freimaurer-Zeichen und die Weißwürste rund um das Gelände angebracht werden.
“Wir sehen uns mal bei Aumayr um”, meinte Flann und sah Ethan und Emily auffordernd an. Ethan zuckte nur mit den Achseln, und Emily nickte grimmig. Niels war nicht hundertprozentig wohl bei dem Gedanken, dass die Drei das Haus des alten Mannes durchsuchten, aber auf der anderen Seite, wenn sie dabei Beweise für Benedikts Unschuld fanden, sollte ihm das nur recht sein. Er verabschiedete sich von Ethan, Emily und Flann und machte sich dann auf zu dem Metzger, von dem Aumayr die Weißwürste für das Ritual bekam. Es war keine Zeit, sich jetzt einen Kopf zu machen um eine Person, er musste ein Fest beschützen.

Einige Stunden später trafen sich die Vier wieder vor dem Festgelände, und Niels sah schon an den Gesichtern seiner Mitjäger, dass sie etwas Interessantes gefunden hatten. Emily reichte ihm eine kleine Kiste, die sie, wie sie kurz erklärte, unter dem Herrgottswinkel der Aumayrs im Wohnzimmer gefunden hatten. Niels öffnete das Kästchen vorsichtig. Es enthielt mehrere Säckchen, dem Geruch nach Kräuter, sowie ein Büchlein, das handgeschriebene Notizen enthielt. Der Schrift nach zu urteilen, waren sie von Traudl Aumayr. “Kannst du damit was anfangen?” wollte Emily wissen. “Anscheinend waren die Aumayrs nicht nur dafür zuständig, das Fest zu schützen, sondern die ganze Stadt. Sie haben sie vor den Angehörigen der Wilden Jagd beschützt”, erklärte Niels, während er durch das Buch blätterte. “Allerdings sollte dieser Schutz permanent sein, er ist in allen vier Himmelsrichtungen angebracht worden. Hier steht…” – Niels versuchte, die Schrift der alten Frau zu entziffern – “dass er an vier Strommasten in der Stadt angebracht wurde.” Er überlegte kurz. “Wahrscheinlich wurde einer der vier Masten entfernt, und jetzt konnte jeder in die Stadt. Vielleicht hat irgendein Monster den alten Aumayr angegriffen.”
“Gestaltwandler”, meinte Ethan jetzt, was ihm eine hochgezogene Augenbraue von Niels einbrachte. “In Aumayrs Haus war ein Gestaltwandler”, soufflierte Flann. Das entlockte dem jungen Mann ein “Holy Fuck”. Begegnet war er noch keinem dieser Wesen, aber gehört hatte er natürlich von ihnen. Es war eine Erklärung für das, was passiert war, wobei es immer noch nicht erklärte, was Benedikt wirklich bei Aumayr gesucht hatte.
“Ich glaube, heute abend finden wir das fehlende Zeichen nicht mehr”, meinte Flann und deutete in Richtung Festgelände. “Lasst uns was trinken gehen”. Niels nickte, auch wenn ihm nicht wirklich nach Feiern zumute war, aber heute abend würden sie nichts mehr ausrichten können.

Am nächsten Morgen trafen sich die Vier zum Frühstück, in dem gleichen Café, in dem Niels vor einem Jahr mit Chloe, Flann und Lyle gegessen hatte. Er erinnerte sich daran, wie begeistert Chloe gewesen war vom Weißwurstfrühstück, und an Lyle, der dem Ganzen eher skeptisch gegenüber gestanden hatte. Während er sich so umsah, stellte er fest, dass die einzige Konstante in diesem Jahr Flann war, der dankend die ihm angebotenen Weißwürste ablehnte und bei Brezeln blieb. Niels merkte, dass seine Zweifel wieder ein wenig stärker wurden, aber er spielte dieses Gefühl herunter. Wahrscheinlich war das eine Übersprungshandlung wegen Benedikt, weil der und Flann sich im Verhalten doch manchmal ein wenig ähnlich waren.

Nach dem Frühstück fuhren die vier Jäger in Flanns Auto die Schutzpunkte ab. Sie fanden recht schnell das fehlende Zeichen: Im Westen der Stadt, wo der Highway 2 nach nach Leavenworth hineinführte, waren die Strommasten erneuert worden. Die alten Masten lagen noch an der Straße, so dass sie ein wenig Schutz boten, aber dennoch, sie mussten auf die neuen Masten übertragen werden.
Niels hatte sich in Traudl Aumayrs Aufzeichnungen eingelesen, für das Ritual war es erforderlich, dass er das Symbol in das Holz ritzte und dabei die Kräuter aus dem Kästchen verbrannte. Dazu musste er eine Beschwörung auf Deutsch aufsagen.

Der junge Mann zog sein Messer und begann, die Zeichen aus dem Buch in den Mast zu schnitzen. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass sich von Westen ein Pickup näherte, aus dem zwei Männer stiegen. Sie blieben genau vor der Stadtgrenze stehen und sahen mißtrauisch zu den vier Jägern herüber. “Hört auf damit. Graffiti ist verboten. Das ist nicht gut”, sagte der Eine, während sein Begleiter mit verschränkten Armen stumm neben ihm stand.
“Müssen das hier machen”, erklärte Ethan ihnen. “Das ist schon gut, dass das nicht gemacht wird”, antwortete der Fremde. Der dunkelhaarige Jäger machte jetzt einen Schritt zur Seite und stellte sich so hin, dass er zwischen Niels und den beiden Hillbillys stand. Das beeindruckte die Beiden jedoch nicht wirklich, sie stießen weiterhin zweideutige Drohungen aus und warfen den Jägern finstere Blicke zu.
Als es an das Verbrennen der Kräuter ging, konnte Niels nicht anders, er drehte sich mit der Schale um in Richtung der zwei Hillbillys. “Seht ihr das? Ihr könnt gerne stehen bleiben und warten, bis ich es verbrannt habe, aber dann kommt ihr nicht mehr nach Hause.” Sie waren eher unbeeindruckt, schließlich standen sie immer noch außerhalb der Stadtgrenze, und so dumm waren sie nicht, dass sie auf Niels’ Bluff hineinfielen.
Schließlich stellte Em sich vor Ethan. “Wollt ihr wirklich eine Frau schlagen?” Das schien bei den Beiden tatsächlich zu ziehen – Niels wusste jedoch genau, dass Emily locker mit den zwei Hillbillys den Boden hätte wischen können. Derjenige der Beiden, der bisher immer gesprochen hatte, nahm seine dreckige Basecap vom Kopf, fuhr sich durch die Haare und erklärte dann mit einem betretenen Gesichtsausdruck: “Äh, nein, Ma’am”. Dann stieß er seinen Kollegen an, der nur nickte, und beide machten sich auf zurück zu ihrem Auto.
Niels sah ihnen kurz nach, dann beendete er ohne weitere Störungen das Ritual. Als er sich umdrehte, stand Flann gut gelaunt neben Emily und Ethan, offensichtlich war er die ganze Zeit mit irgendetwas am Auto beschäftigt gewesen und hatte die beiden Hillbillys verpasst. “War was?” fragte er lächelnd, während er die Hände in die Hosentaschen steckte. Niels, Emily und Ethan warfen sich nur einen vielsagenden Blick zu, doch zunächst sagte keiner etwas.
Die Begegnung mit den beiden Typen, die für die Jäger entschieden zu gut über das Ritual Bescheid gewusst hatten, führte sie zu einer anderen Überlegung: Was war mit dem Gestaltwandler? Konnte es sein, dass er wegen Benedikt hier vor Ort war?

“Müssen ihn abfangen”, meinte Ethan, der sehr nachdenklich aussah. Niels nickte, noch saß Benedikt sicher im Polizeigewahrsam. “Wir könnten ihn auch als Köder verwenden”, schlug Emily vor. Niels wollte gerade protestieren, da fuhr sie fort: “Zumindest sollten wir dabei sein und eingreifen können, wenn der Gestaltwandler zuschlagen will”.
Sie fuhren zur Polizeistation, um Benedikt in Empfang zu nehmen, doch der wachhabende Officer erklärte ihnen zu ihrem Bedauern, dass Niels’ Bruder bereits gegangen war. Die Kaution war gestellt worden, und Benedikt war unter der Auflage, die Stadt nicht zu verlassen, aus dem Gewahrsam entlassen worden.
Den Vier war klar, dass sie ihn suchen mussten, bevor ihn doch der Gestaltwandler fand. “Wie sieht dein Bruder überhaupt aus?” wollte Emily wissen. Niels überlegte kurz, dann zog er das Foto von Jacob, das er immer mit sich herumtrug, aus dem Geldbeutel und reichte es den anderen. “Er sieht ungefähr so aus, nur etwa zehn Jahre jünger. Und ein bisschen mehr wie ich”, erklärte Niels. Die Gene der Hecklers kannten eben keine große Variation.

Leavenworth war zum Glück kein besonders großer Ort, und so wurden die Jäger nach einiger Zeit und eifrigem Herumfragen fündig. Ein Mann hatte gesehen, dass Benedikt in Richtung einer Insel im Wenatchee River, fast schon außerhalb im Süden, gegangen war.
Es dämmerte bereits, als die Vier dort eintrafen, und Niels stellte fest, dass sie keine Minute zu spät waren: Eine über zwei Meter große ziegenartige Gestalt auf zwei Beinen beugte sich gerade über Benedikt, der reglos auf dem Boden lag. Offensichtlich hatte das Wesen ihn bereits bewußtlos geschlagen und wollte ihn jetzt endgültig ausschalten.
Niels fackelte nicht lange, sondern zog die Luger. “Wenn einer meinen Bruder kaltmacht, dann bin ich das!” schleuderte er der Kreatur entgegen, die er bei näherem Hinsehen als eine Habergoaß erkannte. Die Ziegen-Wesen waren Mitglieder der Wilden Jagd, sie stahlen Kinder und konnten Menschen durch ihr Gemecker lähmen.

Emily stürzte sich mit ihren Messern auf die Habergoaß und brachte es damit aus dem Gleichgewicht, doch die Kreatur begann jetzt mit ihrem Gemecker. Niels spürte, wie seine Beine ihm nicht mehr gehorchten und er in die Knie gingen, auch Flann ging es nicht besser. Ethan und Emily schafften es jedoch, dem Geräusch zu widerstehen, Ethan griff sich jetzt einen Ast, um die Habergoaß anzugreifen. Er versuchte, auf den Kehlkopf des Wesens einzuprügeln, doch der Ast brach.
Schließlich gelang es Niels, zumindest den lähmenden Effekt des Gemeckers abzuschütteln. Flann schien das Geräusch mehr getroffen zu haben, er versuchte zwar, sich vom Boden hochzudrücken, doch es gelang ihm nicht.
Emily griff jetzt nach etwas, das die Habergoaß um den Hals trug, aber sie bekam es nicht zu fassen. Stattdessen konzentrierte das Gemecker der Geiß jetzt auf die junge Frau.
Ethan kam ihr zu Hilfe und versuchte, den Gestaltwandler festzuhalten, doch so recht gelingen wollte es ihm nicht.
Niels wollte sich wieder aufsetzen, er musste seinem Bruder helfen. Mit Habergoaßen war nicht zu spaßen. So ganz wollten seine Beine ihm jedoch nicht gehorchen. Gerade, als er dachte, dass er nie wieder vom Boden hochkam, stand Flann neben ihm und hielt ihm die Hand hin. Niels griff zu, und Flann zog ihn nicht nur hoch, sondern stützte ihn auch für einen kurzen Moment. Als er endlich wieder gerade stehen konnte, legte Niels die P08 an und schoss ein zweites Mal. Diesmal traf er das Wesen in die Schulter.
Die Geiß schrie auf, doch nicht, weil Niels’ Kugel sich in ihr Fleisch bohrte, sondern weil es Emily gelungen war, ihr das Amulett, das sie um den Hals getragen hatte, zu entreißen. Das bereitete dem Wesen offensichtlich große körperliche Schmerzen, und Niels hatte einen Verdacht, warum. Das Amulett musste die Wirkung der Freimaurer-Zeichen aufgehoben haben, und nun, da sich das Wesen innerhalb des Bannkreises befand, entfalteten die Zeichen ihre volle Wirkung.
Es meckerte erneut, doch diesmal verfiel nur Ethan in die lähmende Starre, dann machte es Anstalten, zu fliehen.
Niels zielte erneut, als Flann ein “Wartet…” einwarf. Er ignorierte den Iren und schoss. Diesmal traf die Kugel die Geiß mitten in die Brust, sie fiel mit einem erstickten Seufzen nach hinten. Emily hastete auf das Wesen zu und gab ihm mit ihren Messern den Rest.

Niels steckte hastig die Luger zurück ins Holster, dann lief er zu Benedikt, der immer noch bewusstlos am Boden lag. Er blutete aus einer Kopfwunde, weitere Verletzungen konnte Niels nicht erkennen. Er versuchte es mit Schütteln und leichten Schlägen auf die Wangen, doch nichts half. “Alter, du stirbst hier nicht, bevor ich mit dir fertig bin!” Doch selbst die Drohung weckte Benedikt nicht auf.
In diesem Moment deutete Flann auf die tote Habergeiß, die sich jetzt wieder verwandelte. Zu Niels’ Entsetzen war der Tote kein Unbekannter: es war der Mechaniker Bob Meyers aus May Creek, der Mann, zu dem Benedikt ihn im letzten Jahr geschickt hatte. “Ich glaube, der wollte nichts Böses… der hat sich nur verteidigt… der hat gar nicht angegriffen… ich sagte doch: ‘wartet’…”
Niels war nicht gewillt, ihm zuzustimmen, Meyers hatte versucht, Benedikt umzubringen, und wenn nicht bald etwas geschah, dann war er vielleicht sogar erfolgreich. Flehend sah er zu Ethan. “Ethan, tu was!” bat er, und der dunkelhaarige Jäger beugte sich mit der ihm eigenen stoischen Ruhe zu Benedikt herunter und leistete erste Hilfe. Er tastete nach dem Puls und gab Entwarnung, Benedikt würde sich wieder erholen. Niels half seinem Bruder auf und legte sich dessen Arm um die Schulter. Emily kam ihm zu Hilfe, sie stützte Benedikt auf der anderen Seite, gemeinsam brachten sie ihn in das Motel.

Niels betrachtete seinen bewusstlosen Bruder. Wenn er jetzt ein Kissen nahm und fest zudrückte, konnte er alles Meyers in die Schuhe schieben. Doch in diesem Moment schlug Benedikt wieder die Augen auf.
“Wo bin ich? Was ist… oh, hallo Kleiner.” Er lächelte schwach, doch als er sah, dass Niels das Lächeln nicht im Geringsten erwiderte, wurde er wieder ernst. Vorsichtig setzte er sich auf, dann tastete er nach seiner Stirn. “Was hast du da draußen gemacht, und was ist da passiert?” wollte Niels jetzt wissen. “Ich… ich hatte Schulden. Bei Meyers. Er wollte, dass ich ihm helfe”, antwortete Benedikt. Niels zog eine Augenbraue hoch, ließ seinen Bruder jedoch einfach weiterreden. “Er stammte ursprünglich aus Norditalien, und es war kein Zufall, dass ich dir letztes Jahr seine Adresse geschickt habe. Wir kannten uns schon länger. Und natürlich wusste ich, was er ist.” Niels schüttelte den Kopf. “Du weißt, dass er tot ist?” wollte er dann wissen. Benedikt nickte. “Ich hab mir sowas gedacht. Wobei ich mich frage, warum. Der Typ war doch harmlos.” “Genau, deswegen hat er dich niedergeschlagen. Fuck, Alter, ich dachte, er bringt dich um!” Benedikt sah seinen Bruder überrascht an, offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet, dass er Niels doch noch soviel bedeutete, dass der sich um sein Leben sorgte. “Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich würde dir am liebsten immer noch die Nase brechen für das, was du mir angetan hast”, erklärte Niels, während er Benedikt wütend anfunkelte. “Und jetzt verrate mir endlich, was du hier machst”, schob er dann hinterher.
Benedikt schien das alles nicht so ernst zu nehmen wie Niels. “Ich hab dich immer im Auge behalten, weißt du. Als du in München warst, in deiner Kommune”, meinte er. Niels zog abermals eine Augenbraue hoch. “Kommune? Ich hab mit meinem Freund zusammengewohnt”, entgegnete er, und gegen seinen Willen musste er schmunzeln. Sicher, Philip und er waren nach außen zwei normale Studenten gewesen, die gerne mit Freunden gefeiert hatten. Aber ‘Kommune’? Einmal mehr begriff Niels, wie sehr sein Lebensstil sich von dem seiner Brüder und seiner Eltern unterschied. “Und du hattest dann solche Sehnsucht nach mir, dass du mich gesucht hast?” wollte er wissen, denn die Nummer mit der neu entdeckten Bruderliebe kaufte er Benedikt nicht ab. Nicht nach dem, was er ihm angetan hatte. Tatsächlich schüttelte Benedikt jetzt den Kopf. “Nein… Auch. Aber eigentlich habe ich Meyers geholfen, dass er in die Stadt kommt. Mit dem Amulett, das er um den Hals trug”, berichtete er, und er sah Niels nicht an beim Sprechen. “Was war mit Aumayr?” Niels würde seinen Bruder jetzt nicht mehr vom Haken lassen. “Er und Bob hatten einen Streit wegen der Schutzzeichen um die Stadt. Aumayr wollte sie erneuern, und Meyers wollte, dass er das lässt, weil das für die ganzen Wesen in der Umgebung viel praktischer ist. Jetzt müssen sie einen großen Umweg um Leavenworth fahren.” Niels nickte, dass Meyers nicht ganz astrein gewesen war, hatten sie schon im letzten Jahr vermutet, als er indirekt zugegeben hatte, dass er sich mit dem örtlichen Werwolfsrudel mehr oder weniger verbündet hatte. Die Hillbillys vom Nachmittag gehörten mit Sicherheit auch dazu.
“Naja, und dann haben die Beiden haben sich gestritten, und dann… dann lag der Alte am Boden.” Benedikt machte eine Pause und sah Niels lange an. “Naja, ich hab noch versucht, ihn davon abzuhalten, aber er hat nicht auf mich gehört. Aber immerhin hab ich den Notruf gewählt, das musst du mir schon anrechnen.” Niels verzichtete jetzt darauf, den Kopf zu schütteln, er würde sonst an diesem Abend nicht mehr damit aufhören.
“Hast du gar nichts beim Alten gelernt? Eine Habergeiß! Die stehlen Kinder!” Niels stellte für einen Moment entsetzt fest, dass er jetzt so klang wie Gustav, aber er wusste auf der anderen Seite auch, dass er recht hatte. Immerhin hatte der zur Geiß verwandelte Meyers auch versucht, Benedikt umzubringen.
“Das sind doch nur Märchen”, tat der Niels’ Einwurf ab, aber Niels kannte seinen Bruder gut genug, um zu wissen, wann er nicht ganz die Wahrheit sagte. Bevor er jedoch etwas erwidern konnte, klopfte es, und Emily steckte ihren Kopf ins Zimmer. “Alles ok bei euch?” wollte sie wissen. Offensichtlich beruhigte es sie, dass beide Brüder noch gesund und munter waren, denn sie nickte nur und schloss die Tür wieder, ohne ein Wort zu sagen.
“Die ist ja niedlich”, meinte Benedikt anschließend, als sie außer Hörweite war. Er sah Niels mit einem breiten Grinsen an. “Stimmt schon. Aber sie ist nur eine Freundin. Ich bin immer noch schwul.” Niels verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte, sich von seinem Bruder nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Benedikt schnaubte nur. “Ja, ich weiß, und nicht, dass es mir gefallen würde.” Niels ließ die Arme sinken und ballte die Fäuste. “Nein, es hat dir so wenig gefallen, dass du es gleich dem Alten erzählen musstest.” Er machte einen Schritt auf Benedikt zu. “Er und Joseph dachten, dass sie das mit einem Exorzismus aus mir rausprügeln können.”
Jetzt war es raus, und zu Niels’ Überraschung war die vier Jahre lang angestaute Wut plötzlich verschwunden. Stattdessen spürte er, wie seine Augen sich mit Tränen füllten – nein, er würde sich nicht die Blöße geben und vor Benedikt auch nur noch ein einziges Mal weinen. Die Zeiten waren vorbei, trotzdem drehte er sich um, damit sein Bruder nicht sah, wie es um ihn stand. Und es war etwas anderes, die Geschichte einem Familienmitglied zu erzählen, sie dem Mann zu erzählen, den er für all das verantwortlich machte, als Irene, Ethan oder Emily.
Als Niels sich jedoch umdrehte, sah er nur Erstaunen und Entsetzen in Benedikts Blick. “Ich… ich wusste nichts davon”, sagte er nur leise. “Du hast also nicht gewusst, dass sie mich fast umgebracht haben? Dass sie mich beinahe totgeschlagen haben?” Niels begann zu zittern, als die Erinnerung ihn wieder zu überrollen drohte. “Sie haben dich ja nicht umgebracht”, erklärte Benedikt vorsichtig, dann stand er auf. “Es tut mir leid, Kleiner. Ich hatte keine Ahnung, dass sie das mit dir machen”. Mit einer schnellen Bewegung hatte er Niels in den Arm genommen und drückte ihn an sich.
Der junge Mann war völlig überrumpelt, Gesten der Zuneigung waren im Hause Heckler äußerst selten gewesen und Mutter Maria vorbehalten. Benedikt ließ seinen Bruder aber schon wieder los und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. “Wenn ich es mir recht überlege, deine Nase sieht so, wie sie ist, ganz gut aus. Ich verschiebe das mit dem Brechen auf später”, meinte Niels leise. Ein seltsames Gefühl breitete sich in ihm aus, während er seinen Bruder betrachtete. Es gab keinen Grund, Benedikt nicht zu glauben, Niels war sich sicher, dass er die Wahrheit sagte. Benedikt war genauso Josephs und Gustavs Opfer gewesen wie er.

Die beiden Brüder setzten sich jetzt nebeneinander aufs Bett. Sie begegneten sich immer noch mit einer gewissen Distanz, aber das, was sie scheinbar unüberwindbar getrennt hatte, war fürs Erste aus dem Weg geräumt.
“Warum bist du wirklich hier?” wollte Niels jetzt wissen. Benedikt holte tief Luft, offensichtlich war das ein wunder Punkt. “Zuhause zerfällt gerade alles, nachdem du weg bist. Vater… er hat Krebs.” Niels fühlte sich, als habe man ihm in den Bauch geschlagen, sein Magen begann, zu revoltieren, und für einen Moment glaubte er, sich übergeben zu müssen. “Was ist mit Joseph?” fragte er dann, um sich nichts anmerken zu lassen und das Thema zu wechseln. Die Erwähnung des ältesten Bruders entlockte Benedikt nur ein verächtliches Schnauben. “Joseph. Du kennst ihn. Er ist ein Fanatiker.” Niels nickte, niemals würde er den Blick vergessen, als Joseph ihm angekündigt hatte, was er und Gustav mit ihm vorhatten. Sein Bruder war keinen Deut besser als die meisten Wesen, die zu jagen er sich auf die Fahne geschrieben hatte. “Joseph macht natürlich weiter, hat geheiratet und so. Aber ich… für mich war da irgendwie kein Platz. Und nachdem ich dich in München immer beobachtet habe…” Benedikt sah Niels an und lächelte, ein warmes, brüderliches Lächeln. “Woher wusstest du, wo ich bin?” fragte Niels. “Mutter hat mir das verraten.” “Und woher wusste der Alte, wo ich bin? Hast du ihm das gesagt?” Die neue Vertrautheit drohte, ihre ersten Risse zu bekommen, als Niels sich vorstellte, dass Benedikt Gustav erzählt hatte, wo der jüngste Bruder war. “Nein, von mir wusste er das nicht”, antwortete Benedikt, er wirkte überrascht und ein wenig empört. Niels seufzte, dann blieb nur die Möglichkeit, die er immer befürchtet hatte, und nach der er seine Mutter eines Tages würde fragen müssen. “Dann… dann weiß er es von Mutter, und wenn sie es ihm nicht freiwillig gesagt hat, hat er sich die Info sicher mit Gewalt geholt.” Das Verhältnis seiner Eltern – seiner Mutter und seines Stiefvaters – war etwas, über das er nicht nachdenken wollte, denn er hatte so eine Ahnung, dass die Gewalt, die Gustav gegenüber seinen Kindern gezeigt hatte, vor seiner Frau sicher nicht halt gemacht hatte. Schließlich hatte er genau gewusst, dass sie ihn mit seinem Bruder betrogen und ein Kind von ihm bekommen hatte.
“Ich hoffe nicht”, warf Benedikt leise ein, aber Niels war in Gedanken bereits wieder bei seinem Stiefvater. Krebs. Verdammt. Gustav würde vermutlich sterben, einfach so, und sich der Rache entziehen. Für einen Moment sah Niels rot, mit voller Wucht rammte er seine Faust in die Hotelzimmerwand. Vier hellrote Flecken bildeten sich dort, wo seine Haut mit dem Putz kollidiert war. In diesem Moment öffnete die Zimmertür sich wieder, und Em sah ein wenig besorgt ins Zimmer. “Ich wollte nur nachsehen, ob alles in Ordnung ist”, meinte sie mit einem Seitenblick auf Niels’ Hand. Bevor Niels etwas sagen konnte, verlangte Benedikt in gebrochenem Englisch nach Eis für seinen Kopf und Niels’ Hand. Em lächelte, dann schloss sie die Tür wieder.

Niels ließ sich rückwärts auf das Bett fallen. “Gustav ist nicht mein Vater.” Er atmete tief durch, dabei war es einfacher gewesen, als er gedacht hatte. Benedikt zog eine Augenbraue hoch, eine Geste, die bei Niels das Gefühl auslöste, in einen Spiegel zu sehen. “Nicht? Wer dann?” fragte er vorsichtig. “Jacob.” Niels sah zur Seite. “Jacob? Aber wie…?” “Ich vermute mal, auf dem üblichen Weg.” Benedikt machte eine abwertende Handbewegung. “Das meine ich nicht. Jacob hat doch hier in Amerika gelebt”, erklärte er.
“Tja, als du, der Alte und Joseph wieder mal irgendwelche Waffendeals mit den Tschechen ausgemacht habt, hat er die Gunst der Stunde genutzt und Mutter besucht. Und da bin ich.” Er lachte verbittert auf, während er zur Decke sah und versuchte, sein momentanes Gefühlschaos wieder in den Griff zu kriegen. “Gustav hat es gewusst, die ganze Zeit. Und er hat mich am Leben gelassen, um sich an Jacob zu rächen. Ich war sein Werkzeug.”
Die Enthüllung, dass sein kleiner Bruder nur sein Halbbruder war, schien Benedikt erst einmal sprachlos zu machen, und so redete Niels einfach weiter.
“Ich wollte ihm das alles sagen, dass ich das weiß, und dann hätte ich ihm die Kehle durchgeschnitten.” Seine Hand wanderte in Richtung Hosentasche zu einem seiner Fahrtenmesser. Nicht umsonst hatte Gustav Heckler seinen Söhnen beigebracht, mit der Klinge umzugehen und das Werkzeug scharf zu halten, aber sicher hatte er niemals damit gerechnet, dass der Bastard seines Bruders plante, dieses Wissen eines Tages gegen ihn einzusetzen.
“Aber ich vermute, er wird so oder so sterben. Langsam und qualvoll.” Wütend ballte Niels die Faust, ungeachtet der Schmerzen in seiner Hand. “Du kennst ihn. Er lehnt jede Behandlung ab. Du wirst dich also beeilen müssen”, meinte Benedikt, und der Unterton in seiner Stimme ließ vermuten, dass er ebenfalls nicht sehr bedauerte, dass Gustav nicht mehr lange zu leben hatte. Niels nickte, während er das Messer aus der Tasche zog. “Aber Mord ist nie gut.” Benedikt sah seinen Bruder durchdringend an, und der Heckler-Blick sorgte dafür, dass Niels seine Waffe wieder zurücksteckte. “Du hast sicher recht.” Gustav würde sterben, aber Joseph war immer noch am Leben und er würde sich Niels’ Vergeltung nicht entziehen können.
Für einen Moment saßen die beiden Brüder schweigend auf dem Bett, bis Niels etwas einfiel. “Was hast du jetzt vor?” wollte er wissen. Benedikt zuckte mit den Achseln, so weit war sein Plan wohl nicht gediehen. “Willst du erstmal mit nach New York kommen? Cedric wird wissen wollen, für wen er da die Kaution gestellt hat.” Für einen kurzen Moment hatte Niels ein wenig Angst vor der Reaktion seiner Tante, aber er würde es ihr hoffentlich erklären können.
“Den ‘Großen Apfel’ wollte ich schon immer mal sehen”, erklärte Benedikt, “da gibt es sicher auch tolle Frauen.” Er grinste jetzt, was Niels zum Lachen brachte. “Aber ich bezweifle, dass du so gut ankommst, wenn du die Sprache nicht sprichst”, stichelte er. “Dann kannst du mir ja helfen.” Benedikt ließ sich nicht davon entmutigen, dass sein kleiner Bruder ihm sprachlich überlegen war. “Benedikt, ich bin schwul. Ich hab nichts mit Frauen am Hut.” Er verdrehte ein wenig die Augen, hoffentlich musste er seinem Bruder jetzt nicht noch erklären, dass er Frauen zwar sehr gerne mochte und durchaus mit ihnen flirten konnte, davon aber Abstand nahm, weil er keine falschen Hoffnungen wecken wollte. Die Knutscherei mit seiner Kommilitonin war eine Erfahrung, die er auf vielen Ebenen nicht wiederholen wollte.
“Ach, das mein ich doch gar nicht. Du sollst mir nur mit der Sprache helfen.” Benedikt grinste immer noch, offensichtlich war er davon überzeugt, dass die Frauen in New York nur auf ihn gewartet hatten.

Es klopfte ein drittes Mal. Auch wenn sie es wahrscheinlich niemals zugeben würde, wahrscheinlich war Em doch ein wenig neugierig, abgesehen davon, dass sie sich Sorgen machte. Niels winkte sie jedoch herein, um sie Benedikt jetzt ganz offiziell vorzustellen. “Das ist Emily. Em, das ist mein Bruder Benedikt. Und übrigens, sie ist eine Jägerin. Hier in Amerika können das auch Frauen werden.” Diese Seitenhieb hatte er sich nicht verkneifen können, aber er prallte ungehört an Benedikt ab. Der war viel mehr damit beschäftigt, Emily eingehend zu mustern. “Ihr kommt klar?” wollte die junge Frau dann wissen, bevor sie wieder zur Tür ging. Niels nickte nur lächelnd, und Emily verabschiedete sich wieder.
Benedikt sah ihr anerkennend nach. “Sie ist wirklich niedlich”, sagte er dann. Niels schüttelte den Kopf. “Lass die Finger von ihr. Erstens will sie nicht, und zweitens, wenn sie doch irgendwann will, ist eher Ethan derjenige, der ihre Aufmerksamkeit hat.” Ethan hatte zwar eine Freundin – Sam – die zur Zeit im Ausland war, aber das war ja nur ein Grund, kein Hindernis. Ethan und Emily waren ein eingespieltes Team, sie verstanden sich und hatten einen gemeinsamen Hintergrund, der sie zusammengeschweißt hatte und bei dem Dritte – Felicity ausgenommen – außen vor waren. Es würde ihn nicht wundern, wenn die Beiden eines Tages ein Paar waren.
“Was, der Dunkelhaarige?” fragte Benedikt ungläubig, und Niels beschloss, die Überraschung seines Bruders auszunutzen und noch einen draufzusetzen. “Genau der, und meine hatte er auch schon.” Er grinste, und als Benedikt Anstalten machte, etwas zu erwidern, warf er ein: “Und ja, das weiß er.” Für einen Augenblick dachte er an das Gespräch in dem kleinen Mietwagen, am Vorabend des letzten Weihnachtsfests.
“Soso. Du stehst also auf Dunkelhaarige”, erklärte Benedikt kopfschüttelnd. “Du bist sicher, dass er das weiß? Soll ich nochmal nachfragen?” Er lachte, und Niels wusste, diesmal waren die Sprüche seines Bruders gut gemeint, harmloser Spott, der seine wahren Gefühle verschleierte.
Vielleicht würden sie es doch noch eines Tages schaffen, richtige Brüder zu werden.

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Mirrors
Spieglein, Spieglein an der Wand...

Images are fading
There’s nothing in the mirror
End is now, end is here
If you let me back in
Nothing would be different
End is here
Now all I am is a dead reflection

(Silverstein – Wake up)

“Findest du nicht, dass das etwas ist, was wir uns ansehen sollten?”

Niels sah nachdenklich auf das Logo der Sicherheitsfirma, das gut sichtbar auf dem Bauzaun vor dem ausgebrannten Gebäude des ehemaligen Luxus-Kaufhauses Mayflower angebracht war. Flann hatte sich wieder gemeldet, nach etlichen Wochen Funkstille, und befunden, dass es eine gute Idee war, wenn er und Niels sich das alte Kaufhaus näher ansahen, denn zwei Nachtwächter der Sicherheitsfirma hatten unter rätselhaften Umständen Selbstmord begangen. Wie sich herausgestellt hatte, waren diese beiden nicht die ersten gewesen, die sich im Zusammenhang mit dem Mayflower das Leben genommen hatten, und es war auch niemand von ihnen im Kaufhaus selbst gestorben, aber es war offensichtlich seltsam genug, dass es Flann auf den Plan gerufen hatte. Der wiederum hatte sich an Niels gewandt, immerhin lebte der junge Deutsche jetzt in New York, und ihm vorgeschlagen, sich als Angestellter der Sicherheitsfirma zu bewerben. Schließlich wurde ein Nachfolger für den Verstorbenen gesucht. Wie in Chicago hatte Flann Niels gefälschte Papiere besorgt, und so bewarb sich ein junger Ire namens Ryan O’ Malley bei der Sicherheitsfirma.
“Ich komme in ein paar Tagen nach, und du kannst bis dahin sicher einen Overall oder ähnliches rausschmuggeln.” Natürlich, Niels konnte sicher auch Dienstkleidung für Mr Wie-auch-immer klauen. Für einen Moment war er versucht gewesen, Flann zu fragen, was der sich einbildete, aber dann wurde ihm wieder bewusst, dass er die Sache in Missouri nicht ohne die Hilfe des Iren geschafft hätte. Und so schwieg er und begann mit seinem Auftrag.

Lorenzo Bianchi von der Sicherheitsfirma schüttelte Niels fest die Hand. “Mr O’Malley, Sie haben den Job! Wir können Verstärkung gut gebrauchen.” Niels wusste nicht, ob er jetzt erleichtert sein sollte, denn seine Jägerinstinkte waren schon von Weitem angesprungen, als das Kaufhaus in sein Blickfeld gekommen war. Die Bretterwand, die als Bauzaun diente, mochte zwar weltlichen Abschaum abwenden, aber das Übernatürliche ließ sich selten von ein wenig Holz beeindrucken. “Ich zeige Ihnen jetzt mal Ihren neuen Arbeitsplatz”, erklärte Bianchi und riss Niels aus seinen Gedanken. Gemeinsam gingen sie auf das riesige Gebäude zu, dessen verrußte Fassade wenig einladend wirkte. Überall lag Schutt und Müll herum, die breite Freitreppe des ehemaligen Luxuskaufhauses war eine einzige Trümmeransammlung. “Die Versicherung sagt, hier darf nichts verändert werden. Gibt wohl immer noch Rechtsstreitigkeiten”, erklärte Bianchi ungefragt, während er mit seiner Taschenlampe herumwedelte.
Auch im Inneren sah es nicht viel besser aus, trotz Sicherheitsfirma schienen es immer wieder Squatter ins Gebäude geschafft zu haben. Außerdem hatte das Löschwasser Schäden angerichtet, es roch nach Schimmel und altem Rauch. Niels war froh, dass er seine schweren Stiefel trug und nicht die Vans, er bezweifelte, dass diese das richtige Schuhwerk gewesen wären.

Bianchi leuchtete mit der Stablampe in alle Ecken, erklärte Niels, was sich wo befand, wie er seinen Rundgang zu absolvieren hatte, und wie oft er in der Nacht durch die Ruine laufen sollte. Niels nickte immer nur und machte “Mhm”, um dem Wachmann den Eindruck zu vermitteln, dass er wirklich Interesse hatte und den Job wollte. Gerade, als er zu Bianchis Ausführungen bezüglich des dritten Stockwerks wieder nur einen Laut der Zustimmung äußern wollte, fiel sein Blick auf einen Spiegel auf der anderen Seite des Raums. Die Wand war verdreckt von Graffiti und Brandspuren, auf dem Boden lag Unrat und Geröll. Der Spiegel selbst jedoch war sauber poliert, Niels konnte sich gut erkennen. Er sah zu Bianchi, doch der Ältere schien den Spiegel nicht zu beachten, ja, mehr noch, er schien ihn sogar aktiv zu meiden. Als Niels sich umsah, stellte er fest, dass auch alle anderen Spiegel im Raum aussahen wie neu. “Mr Bianchi?” fragte er, denn seine Jägerinstinkte sorgten jetzt dafür, dass sich seine Nackenhaare aufstellten. “Ja, mein Junge?” Der Italiener drehte sich um und stemmte die Hände in die Hüften. “Sagen Sie, warum sind denn die Spiegel hier alle so sauber? Sind die neu?” Bianchi zögerte kurz, dann erzählte er. “Carson hat die Spiegel immer geputzt. Carson… das war Ihr Vorgänger. Tragische Geschichte. Wir dachten, es ginge wieder aufwärts mit ihm. Und dann das.” Niels nickte verständnisvoll, aber eigentlich hatte er nur Augen für den Spiegel. Vorsichtig ging er näher an das Glas heran, und seine Instinkte hatten ihn nicht getäuscht, denn es wurde auf einmal kalt. Sehr kalt. Unnatürlich kalt. Niels sah, wie sein Atem kondensierte, und für einen Moment glaubte er, den Abdruck einer Hand im Spiegel zu erkennen. Ein Geist im Spiegel? Das versprach, interessant zu werden.

Niels konnte es kaum erwarten, den Rundgang mit Bianchi abzuschließen und das Gebäude zu verlassen, er musste dringend Flann anrufen. “Du hattest recht”, berichtete er dem Iren, “da stimmt etwas ganz und gar nicht.” Dann erzählte er ihm, was er beobachtet hatte. “Ich bin alleine auf meiner Schicht. Es ist also ein Leichtes, dich da reinzuschmuggeln”, beendete Niels seinen Bericht, und gerade, als er auflegen wollte, fiel ihm noch etwas ein. “Bring mir meine Winchester mit. Und Salz. Ich denke, das können wir brauchen.”

Er wollte das Telefon wieder wegstecken und sich Richtung U-Bahn aufmachen, als ihm jemand auf die Schulter tippte. Niels fuhr herum und sah Emily vor sich stehen. Neben ihr stand ein Mann Mitte 40, dessen Erscheinen ihn nicht halb so positiv stimmte wie das von Emily.
Cal verzog jedoch keine Miene, sondern grüßte Niels nur knapp. “Du bist auch wegen des Hauses hier?” fragte er dann mit einem Seitenblick auf das ausgebrannte Kaufhaus. Niels nickte nur, während er überlegte, ob er Flann erwähnen sollte. Aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass das keine gute Idee war. “Wir sollten da rüber ins Café gehen”, schlug Cal jetzt vor, “Infos austauschen.”
Kurze Zeit später saßen die drei in der Ecke eines kleinen Cafés, jeder eine Tasse Kaffee vor sich, und Cal erzählte, was er im Vorfeld bereits herausgefunden hatte: Die Selbstmorde waren auf unterschiedliche Weise begangen worden, der Ex-Polizist Carson beispielsweise hatte sich die Pulsadern geöffnet, sein Vorgänger Gary Lewis hatte sich selbst die Kehle durchgeschnitten. Carson hatte sich sehr intensiv mit dem Brand auseinandergesetzt, bevor er gestorben war. Das Feuer selbst hatte ein Buchhalter namens Terry Benedict gelegt, der auch verdächtigt wurde, seine Frau und seine Kinder zuvor getötet zu haben. Bei dem Brand selbst waren 60 Menschen ums Leben gekommen.
Benedict saß seitdem in einer geschlossenen Anstalt, nachdem er das Feuer in der zweiten Etage des Kaufhauses gelegt hatte, hatte er wohl immer wieder inkohärentes Zeug von sich gegeben. Es war auch nicht mehr ermittelbar, welches Motiv er gehabt hatte, ob er seine Kollegen oder die Kunden treffen wollte mit seinem Amoklauf.

Dies alles klang nach Dingen, die bei Niels alle Alarmglocken schrillen ließen, und wie es der Zufall wollte, klingelte in diesem Moment sein Telefon. Es war Flann, der ihn wissen ließ, dass er jetzt bei den Jamesons vor der Tür stand. Niels erzählte ihm, dass er Emily und Cal getroffen hatte und nun ebenfalls kommen würde. Cal zog skeptisch eine Augenbraue hoch, als Niels erklärte, dass sie erst nach Downtown Manhattan mussten. “Du hast nix dabei?” fragte er, und Niels glaubte, einen abschätzigen Tonfall in den Worten des Älteren zu hören. Natürlich, er war ja nur ein grüner Junge, der noch nie in seinem Leben einen Geist, eine Hexe oder einen Dämonen gesehen hatte. “Ich gehe eigentlich nicht mit der Schrotflinte zum Bewerbungsgespräch”, entgegnete er scharf, doch das prallte an Cal ab. “Ich gehe sowieso nie zum Bewerbungsgespräch”, meinte er kühl. Niels wollte noch etwas erwidern, doch da hatte sich schon Emily eingeschaltet. “Könnt ihr zwei euch später streiten?” wollte sie wissen, und es war an ihrer ganzen Mimik zu erkennen, dass dies nur eine rhetorische Frage war.

Kurze Zeit später parkte Cals Auto in der Nähe der Wohnung der Jamesons. Als Niels das Haus betrat, begrüßte ihn der Portier bereits und erklärte, dass “sein Cousin schon in der Wohnung warte.” Niels stutzt kurz, aber dann fiel ihm ein, dass damit nur einer gemeint sein konnte. Er bedankte sich bei dem Portier, der sich angesichts von Cal und Emily sicher fragte, welchen Umgang die Familie Jameson neuerdings pflegte.

In der Wohnung wartete Flann tatsächlich schon. Kaum war Niels eingetreten, wollte er etwas sagen, aber Niels ließ ihn nicht zu Wort kommen, sondern wies ihm sowie Cal und Emily die Tür zum Wohnzimmer. “Wartet da”. Er selbst ging ins Arbeitszimmer und holte die Winchester, die Luger und die Munition aus dem Safe. Aus einem Schrank nahm er Salz und die anderen Utensilien, die für eine Geisterjagd erforderlich waren. Als er fertig gepackt hatte, ging er zurück ins Wohnzimmer, wo Em gerade ausführte, dass es doch “nur ein abgebranntes Kaufhaus” war. Niels sah sie lange an. “Es ist ein abgebranntes und bewachtes Kaufhaus, Emily”, erklärte er mit Nachdruck. “Gut, und wie viele Wachen hast du gesehen?” wollte sie dann wissen, und bevor Niels antworten konnte, schob sie hinterher: “Und weil es Wachen gibt, geht man auch nie vorne rein.” Er seufzte, denn er war sich ziemlich sicher, dass das die Retourkutsche für seine Ansage war. “Es sind genug, und sie passen nicht nur vorne auf. Ihr könnt doch bis zu meiner Schicht warten, da bin ich alleine und lass euch rein.” Das schien Emily und auch Cal zufrieden zu stellen, beide nickten, sagten aber nichts mehr. Flann jedoch wollte jetzt wissen, was eigentlich genau passiert war. Niels sah ihn überrascht an, hatten die anderen drei das noch nicht geklärt, als er seine Sachen geholt hatte? Aber Cal und Em begannen jetzt dem Iren detailliert zu erzählen, was sich in dem Kaufhaus abgespielt hatte und was es mit Terry Benedict auf sich hatte. “Vielleicht kannst du dir mal die Anstalt angucken, wo der Typ einsitzt”, schlug Emily vor, nachdem sie ihren Bericht beendet hatten. Sie selbst wollte mit Cal die Familie des Ex-Polizisten Carson aufsuchen.

Niels dagegen schloss sich Flann an, mehr Zeit als nötig musste er mit Cal nicht verbringen. Außerdem wären drei Jäger ein wenig zuviel des Guten, um eine trauernde Familie zu befragen.
“Was hälst du von Em und Cal?” wollte der Ältere wissen, während sie sich in seinem Crown Vic auf den Weg machten. “Ich glaube, die beiden wären ja am liebsten sofort losgestürmt.” Niels nickte. “Mit Emily komme ich gut aus, ich mag sie. Aber Cal… der hält mich doch immer noch für einen kleinen Jungen.” In Niels’ Gedanken überlagerte in diesem Moment das Bild Gustav Hecklers das von Cal. War das der Grund, warum er den älteren Jäger so wenig mochte? Weil er ihn an seinen Stiefvater erinnerte?
“Du solltest nicht immer beweisen wollen, was du kannst. Das führt zu Fehlern”, erklärte Flann jetzt. Niels wollte etwas erwidern, doch dann fiel ihm ein, dass Flann ihm genau das bereits vor ein paar Monaten in Idaho gesagt hatte. “Ich weiß”, meinte er nur, während er den Ärmel hochschob, so dass die Brandnarben zum Vorschein kamen.

Bevor sie an der Klinik ankamen, hielt Flann noch an einer Tankstelle. Ehe Niels fragen konnte, war der Ire ausgestiegen und im Shop verschwunden. Kurz darauf kehrte er zurück, er winkte dabei mit einer Schachtel Pralinen und sah sehr siegessicher aus. “Die Schwestern stehen auf sowas”, erklärte er, während er die Packung Niels reichte und dann den Motor startete. Niels zog nur eine Augenbraue hoch. “Was Frauen wollen, weißt du besser als ich.” Seine Schwestern hatte er jedenfalls nie mit Schokolade bestechen können. Flann lachte. “Pralinen sind zumindest ein Türöffner”, erklärte er.

Leider wirkte dieser Türöffner bei der Schwester am Empfang der Klinik überhaupt nicht. Flann hatte sich und Niels als Reporter des Weekly Midnight Observers ausgegeben und mit einem gewinnenden Lächeln erklärt, dass er und sein junger Kollege einen Artikel schrieben über die Todesfälle im Zusammenhang mit dem Kaufhaus. Die Schwester betrachtete Flann von oben bis unten, dann begann sie etwas in ihren Computer einzutippen. “Terry Benedict war hier Patient, das stimmt schon. Aber er ist vor drei Jahren verstorben.” Damit wandte sie sich wieder ihren Akten zu. Flann sah zu Niels, als er bemerkte, dass er weder mit Pralinen noch mit seinem Charme bei der Schwester weiterkam. Er ging einen Schritt zurück und schob Niels damit in den Fokus der Frau. “Bitte, Schwester, es ist doch sein erster Auftrag, und Sie können meinen jungen Kollegen nicht so entmutigen.” Die Schwester blickte wieder auf und erklärte dann in einem typischen Oberschwesterntonfall: “Junger Mann, wenn Sie mich mal hätten ausreden lassen, dann hätte ich Ihnen schon vor fünf Minuten gesagt, dass Sie mit Dr. Cook sprechen können.” Niels stellte fest, dass die Schwester zwar mit Flann sprach, aber ihn dabei ansah, und offensichtlich gefiel ihr, was sie sah. Er setzte sein breitestes Lächeln auf, wobei er sich fast sicher war, dass man sehen musste, dass es falsch war, und bedankte sich bei der Frau für ihre Mühen. Sie lächelte ihm zu, dann erklärte sie, dass sie Dr. Cook Bescheid geben würde, aber es könnte wohl noch eine halbe Stunde dauern, dann war die Schicht zu ende. Bis dahin konnten die beiden vermeintlichen Reporter in einer Wartezone Platz nehmen.

“Gut gemacht”, meinte Flann jetzt, während er und Niels sich setzten. Niels schob die Hände in die Jackentasche. “Ich sags nicht gerne, aber langsam gewöhne ich mich daran, den Leuten Märchen aufzutischen", meinte er, während er es sich bequem machte. Flann nahm neben ihm Platz. “Sieh es nicht als Märchen. Du musst es als die Wahrheit sehen, die die Leute gerne hören wollen. Bestätige ihr Weltbild und schon ist alles in Ordnung.” Niels sah ihn an und überlegte kurz.“Ok, das klingt plausibel. Seltsam, aber plausibel.” Unwillkürlich musste er grinsen, als ihm etwas einfiel. “Alternative Fakten, wie?” fragte er. Flann nickte. "Im Prinzip schon, ja”, antwortete er. “Also sind wir sowas wie Politiker”, stellte Niels fest, doch da schüttelte der Ire den Kopf. “Haha… nein. Die sind nur die Amateurversion von uns.”
Niels musste über diese Aussage grinsen, dann kam ihm ein anderer Gedanke. “Ich hab immer noch ein Problem damit, den Leuten einen falschen Namen zu nennen. Gewöhn ich mich irgendwann daran? Als ich Weatherby war, hätte Barry mir beinahe die Fresse poliert.” Die Erinnerung an den paranoiden Indianer gehörte gerade nicht zu den Dingen, an die er gerne zurück dachte. Flann strich sich über das Kinn. “Hmm… naja, einen anderen Namen zu nennen heißt auch wirklich in eine Rolle hineinzuspringen. Ist ein wenig Selbstbetrug drin. Vielleicht ist es das, was dich daran stört… meine mit Deinem Hintergrund…" Niels sah ihn fragend an. "Wie meinst du das? Mit meinem Hintergrund? Ich hab drei Jahre versucht zu verstecken, dass ich auf Männer stehe”. "Na eben das. War es dir von Anfang an selbst klar, oder hast Du vorher versucht dich selbst vom Gegenteil zu überzeugen?” Niels überlegte, aber dann fiel ihm wieder die Klassenfahrt ein, auf der ihn Mark geküsst hatte. Richtig geküsst, mit Zunge, weil er eine Wette verloren hatte. Ob er gewusst hatte, was er damit in Niels ausgelöst hatte? “Letzteres. Ich war total irritiert, dass mir das so nahe ging, dass mich ein Junge geküsst hat. Das sollte nur eine Wette sein.” Stattdessen hatte er wochenlang unter dem seltsamen Gefühl gelitten, dass seine Schwester ihm später lächelnd und durch seine Haare streichend als Liebeskummer übersetzt hatte.
Die Erinnerung an Mark war auch immer verbunden mit der Erinnerung an Gustav, und Niels fielen die Worte seines Stiefvaters ein: “Du sollst nicht bei einem Mann liegen, wie man bei einer Frau liegt, das wäre ein Gräuel”, zitierte er grimmig die Bibel, dann setzte er erklärend hinzu: “Aber ich hab schließlich vorgebetet bekommen, dass das eine Sünde ist und so.” Flann nickte wieder. “Nun, ich könnte mir vorstellen, das das der Grund für dein Unbehagen ist… nur so eine Vermutung… und ob es dann weggehen wird? Vielleicht nur, wenn Du es als etwas anderes als Selbstbetrug ansiehst.” Niels wurde jetzt ein wenig aufgebrachter, als er spürte, wie seine Vergangenheit sich wieder einmal Bahn brechen wollte, und er war nicht gewillt, dies zuzulassen. Diese Zeiten waren vorbei. Doch sein Tonfall war immer noch schärfer als beabsichtigt, als er Flann erklärte: “Ich war 18 Jahre lang nicht ich selbst. Mein Stiefvater hat mich aufgezogen, um sich an seinem Bruder zu rächen. Vielleicht sollte ich es aus der Perspektive betrachten. Im Kern weiß ich immer, wer ich bin. Niels Heckler." Flann blieb ruhig, dann meinte er: “Das ist ja auch gut so. Um jemand anderes zu sein, musst Du deine eigentliche Identität nicht vergessen. Allerdings erlaubt dir eine andere Identität auch Dinge zu tun, die Niels Heckler nicht tun würde." Dann begann er zu grinsen, und die Anspannung, die sich für einen Moment in Niels angebahnt hatte, fiel wieder in sich zusammen. Er konnte nicht anders, Flanns Grinsen war ansteckend und ließ ihn seine Kindheit schnell wieder vergessen. “Man kann viel über sich selbst erfahren, indem man jemand anderes ist”, meinte Flann, und Niels musste an die Gemeinde in Missouri denken, der er eiskalt eine Lüge aufgetischt hatte, warum er zu ihnen gekommen war. “Ja, das hab ich in Missouri gemerkt.” Flann nickte wieder. “Gut”, meinte er, dann setzte er hinzu: “Wirst merken, dass Täuschung auch der Weg zu echter Empathie ist.” Niels beugte sich vor und fuhr sich durch die Haare. Er war sich immer noch nicht sicher, wohin das alles führen würde, aber er war sich sicher, dass Flann es ernst mit ihm meinte. Er vertraute dem Älteren, sofern man jemandem vertrauen konnte, der einem nicht mal seinen wahren Namen verriet. Aber er fühlte sich wohl in Flanns Gegenwart, er behandelte ihn auf Augenhöhe und nicht so herablassend wie Cal, mit dem er wahrscheinlich viel mehr gemeinsam hatte. Deswegen war es für ihn auch selbstverständlich, die nächste Frage zu stellen. “Aber demnächst muss ich wieder Niels sein. Ich muss wieder nach Leavenworth. Willst du mich begleiten?" Flann sah ihn überrascht an. “Leavenworth? … Dort wo deine Familie gelebt hat?” wollte er wissen. Niels musste unwillkürlich grinsen. “Nein, wir Bayern sind nicht alle miteinander verwandt.” Flann verzog kurz das Gesicht, und Niels fuhr fort: “Der Ort mit dem Oktoberfest und den Wolpertingern. Ich muss doch gucken, dass die Viecher das Fest nicht stören”. Jetzt erinnerte der Ire sich wieder. “Ach ja, der kleine Ort im Westen… erinnere mich. Wozu brauchst Du mich da?” fragte er interessiert. “Ich denke, ein zweiter Jäger kann nie schaden”, meinte Niels, was dazu führte, dass Flann wieder grinste. “Scheint sowieso so zu sein, dass wo auch immer etwas passiert, mindestens vier von uns auf der Matte stehen. Aber ok, begleite dich gerne. Sag mir einfach bescheid.”

In diesem Moment erschien die Schwester von der Rezeption und erklärte Niels mit einem freundlichen Lächeln, dass Dr. Cook nun Zeit für ihn und seinen Kollegen habe. Flann hingegen würdigte sie keines weiteren Blickes.

Dr. Cook war ein wenig erstaunt, dass ausgerechnet jetzt zwei Reporter bei ihm vorsprachen, um etwas über Terry Benedict zu erfahren. “Ich weiß nicht, ob ich das mit der Schweigepflicht in Einklang bringen kann”, begann er, während er die Hände faltete und über den Rand seiner Brille hinweg Niels und Flann betrachtete. Niels machte sich bereit, Flanns Lüge von seiner ersten Story wieder aufzunehmen, da sprach der Arzt weiter. “Aber ich habe eine Abhandlung über die stark ausgeprägte Art der paranoiden Schizophrenie geschrieben, unter der Benedict litt. Dann sollte es kein Problem sein, wenn ich Ihnen auch diese Informationen gebe.” Niels atmete auf, den Arzt hätte er mit seinem Charme sicher nicht so schnell beeindruckt.
“Wissen Sie, Benedict hatte große Angst vor Spiegeln. Darüber hinaus hat er ständig ein bestimmtes Wort wiederholt: ‘Esseker’. Hier in der Klinik und auch in der Verhandlung, wir haben nie herausgefunden, wen oder was er damit meinte. Es konnte auch nie rekonstruiert werden, warum er die Morde begangen hat.” Der Arzt beugte sich vor und stützte sich mit den Ellbogen auf dem Schreibtisch ab, die Hände immer noch gefaltet. “In der Gerichtsverhandlung und auch später hat er immer konsistent darauf bestanden, dass er die Mord nicht begangen hat, sondern dass ‘die Spiegel’ seine Familie getötet haben.” “Konsistent? Nicht kohärent?” unterbrach Flann den Arzt jetzt. Dr Cook schob sich leicht irritiert die Brille zurück, dann ging er auf Flanns Frage ein. “Nunja. Er hat konsistent die Spiegel beschuldigt. Aber er hat nicht kohärent gesprochen, sondern eher… nunja, sagen wir, wirr dahergebrabbelt.” Der Arzt machte eine kurze Pause und setzte einen betroffenen Gesichtsausdruck auf. “Nun, und vor drei Jahren hat Benedict sich dann umgebracht. Er hat sich den Kopf am Waschbecken im Waschraum eingeschlagen.” Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen im Raum, als ob alle drei Männer eine Schweigeminute für den Verstorbenen eingelegt hätten.
Niels war der Erste, der das Schweigen brach. “Haben Sie irgendetwas Seltsames an Mr Benedict festgestellt? Schwarze Augen zum Beispiel?” wollte er wissen. Flann griff den Faden auf: “Und hat es vielleicht auch nach Schwefel gerochen?” Dr Cook schien über diese Frage sehr überrascht zu sein, er nahm die Brille ab und putzte sie ausgiebig mit seinem Kittel. “Nein… nein. Nichts von dem”, antwortete er. Bevor er die Gegenfrage stellen konnte, warum seine Besucher dies wissen wollten, stand Flann auf und reichte ihm die Hand zur Verabschiedung. Der Arzt schüttelte sie, immer noch ein wenig verwirrt, und Niels wurde den Eindruck nicht los, dass er ihn ein weniger länger als üblich ansah. Dann jedoch hatten er und Flann das Sprechzimmer verlassen, und Niels konnte Flann sagen, was er vermutete. “Das war wohl doch kein Dämon, der Benedict zu seinen Morden verleitet hat.” Aber was war es dann gewesen?

Sie fuhren zurück in die Stadt, wo sie sich mit Emily und Cal trafen. Die beiden hatten einiges interessantes bei Carsons Witwe herausgefunden: Der Vorfall, der dazu geführt hatte, dass Carson seinen Job nicht mehr ausüben konnte, hatte ihren Ehemann schwer getroffen. Er hatte begonnen zu trinken und war depressiv geworden. In der Folge hatte das Paar sogar eine kleine Ehekrise, während der Mr. Carson zu seiner Schwester gezogen war. Irgendwann war er zurückgekommen, er hatte dem Alkohol abgeschworen und sich Antidepressiva verschreiben lassen, und er schien das Traum wirklich verarbeiten zu wollen. Sogar einen neuen Job hatte er angenommen, als Nachtwächter in dem ausgebrannten Kaufhaus. Mrs Carson hatte sich gerade darauf eingestellt, dass ihr Leben wieder in gewohnten Bahnen verlief, da hatte ihr Mann angefangen, alle Spiegel im Haus abzuhängen, und jene, die sich nicht entfernen ließen, hatte er übermalt. Cal hatte in der Küche sogar die Edelstahlablage und das Spülbecken zerkratzt vorgefunden.
Carson hatte auch immer wieder das Wort ‘Esseker’ wiederholt. Bei der Erwähnung dieses Begriffs warfen Niels und Flann sich einen wissenden Blick zu.
Des Weiteren hatte Carson seiner Frau gesagt, dass die Spiegel gefährlich seien. Er hatte sogar auf einen Spiegel geschossen, und hatte ihr gesagt, dass sie “es” dann schon sehen werde, aber außer, dass der Spiegel zersprungen war, war nichts passiert.
Als er angefangen hatte, sich mit dem Brand im Mayflower zu beschäftigen, hatte seine Frau sich noch gefreut, weil es so aussah, dass ihr Mann sich wieder für etwas interessierte. Dann jedoch sei das Feuer zu einer Obsession geworden.
Außerdem hatte der kleine Sohn der Carsons, Mikey, angefangen mit seinem Spiegelbild zu reden, nachdem sein Vater die neue Stelle angetreten hatte. Sie sei einmal in Mikeys Zimmer gekommen, der auf dem Bett saß und mit seinem Spiegelbild sprach. Sie hatte ihren Sohn dann gerufen, und als er aufstand und zu ihr kam, sei es ihr so vorgekommen, als sei sein Spiegelbild stehen geblieben und habe ihm nachgesehen.
Emily war es gelungen, Mrs Carson zu überreden, dass sie mit Mikey reden durfte. Der kleine Junge hatte ihr bereitwillig erzählt, dass er im Traum durch den Spiegel mit seinem Vater sprechen konnte und ihn ihm Kaufhaus sah. Seine Mutter habe ihm zwar gesagt, Daddy sei jetzt im Himmel, aber so sehe der Himmel bestimmt nicht aus. Sein Vater irre durch dunkle Gänge, und Mikey kam es so vor, als sehe er ihn wie durch eine Scheibe.
Durch den Spiegel sah Mikey aber nicht nur seinen Vater, sondern er konnte auch mit einem gewissen ‘Yekim’ sprechen. Der sei aber verschwunden, als Mr Carson gestorben war.

Während Emily noch eine Besorgung gemacht hatte, war Cal in ein Archiv gefahren und hatte dort in alten Zeitungen gestöbert. Dabei hatte er wie Flann und Niels herausgefunden, dass Benedict immer wieder ‘Esseker’, aber auch ‘Mörder’ gerufen hatte, als er das Kaufhaus angezündet hatte.

Emily zog ihr Telefon aus der Tasche und googlete jetzt die Geschichte des Kaufhauses, während Niels den Namen ‘Yekim’ eingeben wollte, als ihm auffiel, dass das einfach nur ‘Mikey’ in Spiegelschrift war. Mit einem verlegenen Lächeln teilte er den anderen seine Erkenntnis mit.
Emilys Gesichtsausdruck hingegen sprach Bände, als sie vorlas, was sie gefunden hatte: Bis ins Jahr 1952 war das Kaufhaus eigentlich eine Nervenheilanstalt gewesen, in der ein Dr. Muller eine experimentelle Heilmethode für Schizophrenie angewandt hatte. Eine seiner Patientinnen war eine gewisse Anna Esseker, deren Familie immer noch Upstate New York lebte. Flann tippte den Nachnamen ein, aber er fand nichts, was dazu passte, auch nicht, als er das Wort spiegelverkehrt eingab.
Emily las weiter vor, dass es in der Psychiatrie 1952 einen Massenmord gegeben hatte, bei dem ungefähr 80 Menschen ums Leben gekommen waren, einmal durch die gesamte Klinik. Angeblich war ein Kind daran beteiligt, dessen Name in den Akten jedoch nicht zu finden war, vermutlich sollte es so auch im Nachhinein immer noch geschützt bleiben. Nach den Morden war die Klinik geschlossen und zum Kaufhaus umgebaut worden, das 1955 eröffnet worden war.
Cal fluchte, als er Ems Bericht hörte. “Wann lernen die Leute eigentlich, dass sie keine Schulen, Kaufhäuser, Krankenhäuser oder andere Einrichtungen, wo viele Menschen hinkommen an derart spukträchtigen Orten errichten?” ereiferte er sich, und Niels konnte ihm in diesem Fall nur zustimmen, denn dann war es an den Jägern, zum Aufräumen zu kommen.

Die Zeit war schneller vergangen, als sie alle vermutet hatten, und Niels musste jetzt seine Schicht als Nachtwächter beginnen.
Bianchi wies ihn kurz ein, gab ihm seine Uniform und eine Waffe sowie letzte Anweisungen. Anscheinend waren die übrigen Mitarbeiter der Sicherheitsfirma froh, dass “O’Malley” jetzt die Nachtschicht übernahm, denn sie verabschiedeten sich alle recht schnell von Niels. Vorgestellt hatte sich ihm keiner, sie rechneten wohl nicht damit, dass er lange durchhielt.

Nach einer halben Stunde ging Niels zu der Stelle, die er mit den anderen vereinbart hatte, und schob zwei Bretter in dem Zaun zur Seite. Nacheinander kamen Cal, Emily und Flann zum Vorschein.
Emily grinste, als sie Niels’ Aufzug sah mit der schwarzen Stoffhose und dem hellblauen Hemd. “Ich wollte mich schon lange wieder so fühlen wie früher in der Kirche”, erklärte er ihr, denn Oberhemden trug er nur noch, wenn es sich nicht anders vermeiden ließ. Auf Silvesterempfängen oder Hochzeiten beispielsweise.
Während Emily es bei einem Lächeln beließ, konnte Flann sich nicht verkneifen, Niels’ Outfit zu kommentieren. “Ah, der vierte Sänger der Village People”, meinte er nur grinsend, während er Niels seine Tasche reichte. “Dann muss ich erst noch tanzen lernen”, gab der junge Mann zurück, dann holte er die Luger hervor und steckte sie in das Holster. Es gab wenig, wobei er seinem älteren Bruder beipflichten würde, aber Benedikts Worte über Niels und seine Beziehung zu seiner Waffe entsprachen definitiv der Wahrheit, wie er inzwischen zugeben musste. Die P08 war ein Teil von ihm, eine Verlängerung seines Arms und seines Willen. Der lächerliche Taurus-Revolver, den Bianchi ihm gegeben hatte, war keine Waffe, nur ein billiges Werkzeug. Mit einem grimmigen Lächeln packte er den silbernen Revolver in seine Tasche und verstaute diese hinter einem großen Schutthaufen. Dann lud er die Winchester durch, Flann hatte ihm ausreichend Salz mitgebracht.
Während er sich noch seinen Waffen widmete, überlegten die anderen bereits, wo sie anfangen sollten mit ihrer Suchen nach dem, was sich in der Ruine verbarg. “Wir sollten das Gebäude vom Keller bis zum Dach durchsuchen”, schlug Emily vor. Niels schüttelte den Kopf. “Ich halt das für wenig zielführend. Lasst uns lieber dort beginnen, wo das Feuer ausgebrochen ist.”

Sie hatten kaum die zweite Etage betreten, als Niels glaubte, in einem der Spiegel eine Bewegung auszumachen. Tatsächlich, da wurde eine Tür geöffnet. Als er sich jedoch umdrehte, war die gleiche Tür verschlossen. Er machte den anderen ein Zeichen und berichtete ihnen kurz seine Beobachtung. Sie waren sich einig, dem Hinweis des Spiegels zu folgen. Doch bevor sie die Tür erreichten, die Niels gesehen hatte, mussten sie eine Reihe alter Umkleidekabinen passieren. Wohin sie blickten, überall an den Wänden hingen die von Carson polierten blitzsauberen Spiegel. Da! Wieder eine Bewegung. Niels überlegte nicht lange, sondern schoss mit der Winchester auf das Glas. Augenblicklich zerbarst es in tausend Scherben, nur um sich danach gleich wieder zusammenzusetzen, als habe die Schrotladung es niemals getroffen. “Ich glaube, es hat keinen Zweck, sie zu zerstören”, stellte Cal resigniert fest, während Niels auf den Spiegel zuging. Er betrachtete das Glas, das trotz seiner Sauberkeit nicht sein Spiegelbild zeigte, sondern nur Teile einer Gestalt, die am Rand seines Blickfelds zu stehen schien. Vorsichtig berührte Niels den Spiegel, doch augenblicklich zog er seine Hand zurück. Auf seiner Handfläche war eine Schnittwunde zu sehen, nicht tief, aber dennoch schmerzhaft. “Der Spiegel beißt”, konstatierte er, während er ein Taschentuch aus der Hosentasche nestelte und um seine Hand wickelte.
Plötzlich erfüllte ein Wimmern den Raum, und Flann verschob den Spiegel so, dass die Gestalt, die eben nur an seinen Rändern zu sehen gewesen war, deutlich sichtbar wurde. Sie lag am Boden und krümmte sich, offenkundig vor Schmerzen, ihre Haut war verbrannt von Feuer.

Niels sah in den Spiegel und erschrak. Sein ganzer Körper stand in Flammen, er brannte lichterloh, und für einen Moment wollte er sich zu Boden werfen, um sich selbst zu löschen. Dann jedoch stellte er fest, dass das Feuer nur sein Spiegelbild betraf, er selbst war unversehrt. Er zog scharf die Luft ein und warf einen Seitenblick zu Emily. Er glaubte, in ihren Augen ein leichtes Flackern zu sehen, aber sie sagte nichts, und Niels würde sich nicht die Blöße geben, sie an sein Versagen in Idaho zu erinnern.

“Da hinter der Wand ist noch etwas”, meinte Cal jetzt, während er auf einen Plan des Kaufhauses sah, den er wohl ebenfalls aus dem Archiv hatte. Er begann mit einem der herumliegenden Metallteile auf die Wand einzuschlagen, bis er ein ausreichend großes Loch geschlagen hatte, dass es ihnen allen erlaubte, hindurchzusteigen in die dahinter liegenden Räumlichkeiten.

Sie standen in einem der Büros, das seltsamerweise noch voll eingerichtet war. Eine dicke Staubschicht lag auf dem Tisch, dem Schreibtischstuhl und dem Schrank, auf den Cal jetzt zuging. Er öffnete ihn und zog alte Akten hervor, die er durchblätterte. Offensichtlich waren sie im Büro des Arztes Miller gelandet, der die “Spezialbehandlungen” durchgeführt hatte, denn jetzt legte Cal eine Akte auf den Tisch, die einen ihnen wohlbekannten Namen trug: “Anna Esseker”. Die Akte enthielt neben Papieren auch Fotos, die ein durch und durch verängstigtes Mädchen zeigten, Niels bekam Mitleid mit ihr, besonders, als er hörte, dass die Behandlungsräume des Arztes sich im Keller befanden. Cal zeigte jetzt auf ein Datum. “Sie wurde drei Tage vor den Morden entlassen.” Damit konnte sie nicht das Kind sein, das für die Toten veranwortlich war, darin waren sie sich alle einig. Cal wollte die Akte gerade wieder zurückstellen, als sein Blick auf einen Zettel fiel. Es war eine Liste von Namen, und einer davon war “Anna Esseker”. “Was ist das?” wollte Emily wissen. “Das sind die Mordopfer”, antwortete Cal, und Niels stutzte. Wie konnte das Mädchen auf dieser Liste stehen, wenn sie drei Tage vorher entlassen worden war? “Hm, vielleicht haben sie das so gedreht, um sie zu schützen”, überlegte Flann, “möglicherweise lebt sie sogar noch.” Doch seine Überlegung verhallte ungehört.

“Und jetzt?” fragte Emily. “Jetzt gehen wir in meine Lieblingsetage”, erklärte Niels grimmig. Nacheinander stiegen sie wieder durch das Loch in der Wand und machten sich auf den Weg zur Treppe nach unten. Plötzlich rief Emily etwas, dann schubste sie plötzlich Cal zur Seite, so dass sie beide zu Boden gingen. Bevor Niels oder Flann reagieren konnten, fiel ein Kronleuchter von der Decke und prallte dort auf, wo Cal noch wenige Sekunden zuvor gestanden hatte. Langsam rappelten sich die beiden wieder auf, wobei Cal sich mit dem Ärmel über die Stirn fuhr und eine feine rote Linie hinterließ. Er sah auf seinen Ärmel und dann zu Emily. “Danke für die schnelle Reaktion. Das hätte schlimmer ausgehen können.”
Flann runzelte die Stirn. “Jetzt müssen wir auch noch aufpassen, was uns potentiell treffen könnte. Also gut die Spiegel im Auge behalten.”

Sie gelangten jedoch ohne weitere Zwischenfälle in den Keller. Das Untergeschoss des ehemaligen Kaufhauses präsentierte sich als ein Ort voller dunkler Gänge, in denen knöchelhoch das Wasser stand. Durch Schächte fiel ein wenig Licht hinein, doch im Großen und Ganzen war es hier dunkel.
Niels spürte, wie er zu zittern begann, leichte Panik stieg in ihm auf.

In diesem Moment wurde es hell, Cal hatte einen Lichtschalter gefunden und umgelegt. Flann sah sich um. “Wenigstens sind hier keine Spiegel”, stellte er fest, aber Niels schüttelte den Kopf. “Dafür jede Menge Erinnerungen”, flüsterte er. Auch Cal war nicht zufrieden. “Vielleicht keine Spiegel. Aber jede Menge Wasser.” Er ging ein Stück und sah die Wände hoch. “Verdammt! Dieser Idiot von einem Arzt!” schimpfte er plötzlich los. “Was hat der denn damit zu tun?” wollte Flann jetzt wissen. “Die schlimmsten Monster sind die Menschen selbst”, erklärte Cal ihm, und Niels konnte ihm da nur beipflichten. “Ein Werwolf, der folgt seinen Trieben. Der kann nicht anders. Aber Menschen… die wissen, was sie tun. Die sind viel schlimmer.” Niels nickte unmerklich, doch Flann schien immer noch nicht überzeugt. “Erinnerst du dich daran, was ich dir damals im Casino gezeigt habe?” fragte Niels den Iren. Der schien noch ein wenig zu überlegen, doch dann nickte er. “Vielleicht habt ihr beide recht”, meinte er, doch etwas anderes hatte bereits seine Aufmerksamkeit gefesselt. Vorsichtig hob Flann jetzt eine Puppe hoch, die im Wasser gelegen hatte, und sie alle erkannten das Spielzeug: Die kleine Anna hatte es auf einem der Bilder ängstlich an sich gepresst.

Niels spürte, wie sein Herzschlag schneller wurde, aber die ganz große Panik blieb zu seinem Erstaunen aus. Dennoch ließ er sich etwas zurückfallen, als sie weitergingen. Doch es bestand keine Gefahr, dass er zurückblieb oder weglief, Emily blieb auf seiner Höhe und sah zu ihm hinüber.

Wie kommt es, dass sie immer bei mir ist? Ich will nicht, dass sie auf mich aufpasst. Ich müsste auf sie aufpassen.

Während Niels und Emily hinter den anderen hergingen, war Cal bereits wieder damit beschäftigt, eine Wand aufzustemmen. Diesmal ging es leichter, denn hier unten war die Mauer nicht ganz so massiv wie im dritten Stock. Sie folgten ihm durch den Durchbruch und standen in dem seltsamsten Raum, den Niels jemals gesehen hatte. Er war rund, nicht besonders groß, und vom Boden bis zur Wand mit Spiegeln ausgekleidet. In der Mitte stand auf einer Art Podest ein Stuhl, an dessen Armlehnen und Beinen sich Lederriemen befanden. Auch der Kopf konnte mit Hilfe eines Riemens fixiert werden. Niels lief ein Schauer den Rücken herunter, als er sich vorstellte, wie viele Menschen hier von Dr. Miller gefesselt worden waren – auch das Mädchen Anna.
Der Boden des Raumes war ebenfalls mit Wasser bedeckt – das Löschwasser war durch alle Ritzen gedrungen – was Cal zu einem missbilligenden Brummen veranlasste: “Das war es dann wohl mit Salz”. Niemand widersprach ihm.

Niels sah sich in dem Raum um und betrachtete schließlich sein Spiegelbild. Wie er hielt es die Winchester fest, doch dann hob es sie an und führte sie langsam Richtung Kinn. Niels spürte, wie seine Hand die Bewegung mitmachen wollte, doch das würde er unter keine Umständen zulassen. Mit zusammengebissenen Zähnen hielt er seinen Arm unten, er begann zu schwitzen unter der Anstrengung, denn der Wunsch, sich einfach die Waffe an den Kopf zu halten, wurde stärker. Aber er war es auch.
“Ja, ich habe Angst. Aber wenn ich eins weiß, dann, dass sie keine Macht mehr über mich haben. Glaubst du nicht, dass ich nicht daran gedacht habe, jede verfickte Nacht, wie einfach es wäre, wenn ich mir einfach das Gehirn aus dem Schädel blase? Dass dann alles vorbei wäre? Aber ich habe es nicht gemacht, und ich habe überlebt. Ich bin stärker als sie.”
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da ließ die Gestalt im Spiegel die Waffe mit einem bösen Lächeln in der Luft klicken, und der Druck auf Niels’ Hand verschwand. Er ging in die Knie und ließ den Kopf sinken, um tief durchzuatmen. Aber er hatte es geschafft. Er hatte widerstanden.
Aus den Augenwinkeln sah er jetzt, wie Flann sich eine Hand an die Kehle führte und zuzudrücken schien, kurzzeitig sah es aus, als wolle der Ire sich selbst erwürgen. Doch dann riß er seine Hand zurück und schien wieder ganz der Alte zu sein. Gerade wollte Niels aufstehen und zu ihm gehen, als er hinter sich ein Klirren hörte. Emily, ihr Gesicht nur noch eine Maske aus Trauer und Schmerz, schlug in blinder Wut auf die Spiegel ein, die zerbarsten, nur um sich gleich darauf wieder zusammenzusetzen, als sei nichts geschehen. Niels sprang auf und stellte sich zwischen Emily und den nächsten Spiegel. “Em! Nicht!” Sie hob die Faust, scheinbar bereit, auch ihn zu schlagen, dann ließ sie die Hand jedoch sinken. “Hör auf damit, das bringt doch nichts. Schon’ deine Kräfte lieber für echte Gegner”, erklärte er ihr, und am liebsten hätte er sie in den Arm genommen. Aber er wusste genau, dass sie das niemals zulassen würde, und schon gar nicht hier. Also ging er stattdessen nahe an einen der Spiegel heran. “Wer bist du?” fragte er in den Raum hinein. Die Antwort war ein kreischendes Geräusch, bei dem sie sich alle die Ohren zuhielten. “Bring mir Esseker”, war das Ergebnis des Kreischens, geritzt in das Glas.

“Ok, das war deutlich”, meinte Cal trocken und sah seine Mitjäger an. “Vielleicht lebt Anna Esseker ja wirklich noch”, erklärte Flann. “Aber wer geht dann hier um? Der Arzt?” Niels war sich nicht sicher, mit was sie es zu tun hatten. “Ein Dämon vielleicht?” überlegte Em. Sie trat an einen der Spiegel heran und warf eine Handvoll Salz dagegen. Dann griff sie in ihre Tasche und zog ein Fläschchen mit Weihwasser heraus, das sie über dem Spiegel auskippte. Ihr Spiegelbild zuckte etwas zurück, aber ansonsten passierte nichts.
Da sie hier nichts mehr ausrichten konnten, gingen sie zurück in den dritten Stock, in das Büro des Arztes. Aber auch hier war nichts Außergewöhnliches festzustellen, nichts, was sie beim ersten Mal übersehen haben könnten. “Flann, was ist mit der Puppe? Halt sie mal vor einen Spiegel”, schlug Niels vor, doch der Spiegel zeigte ihnen nur, dass die Puppe genau das war: ein altes Spielzeug, durchzogen von Feuchtigkeit und Schimmel. “Ein kleines Mädchen soll 80 Menschen umgebracht haben? Überall im Krankenhaus? Das passt doch nicht”, meinte Cal jetzt. “Massenselbstmord”, flüsterte Emily. War das die Erklärung für das, was im Mayflower geschehen war?

Niels sah, dass Flann wieder anheben wollte, etwas zu sagen, wahrscheinlich seine Theorie darüber, dass Anna noch lebte. Bevor der Ire jedoch sprechen konnte, hatte Niels sein Smartphone aus der Tasche gezogen und eine Nummer gewählt. “Cedric? Ich brauche deine Hilfe. Kannst du etwas über Anna Esseker herausfinden?” Felicitys Großvater schien wenig überrascht, dass Niels ihn mitten in der Nacht anrief, er versprach, sich darum zu kümmern und zurückzurufen. Keine fünf Minuten später erhielt Niels einen ausführlichen Bericht über Anna Esseker: Es gab in keinem Register, Sozialversicherungsverzeichnis oder ähnlichem mehr einen Eintrag über das Mädchen oder jetzt vielmehr die Frau, aber dennoch, etwas hatte ihn stutzig gemacht, und es könnte durchaus sein, dass sie noch am Leben war. Ihre Familie zumindest lebte auch immer noch Upstate New York. Auch wenn es keiner von ihnen erwarten konnte zu erfahren, ob sie mit ihrer Vermutung recht hatte, beschlossen sie, die Fahrt zu den Essekers auf den nächsten Tag zu verschieben. Niels hatte außerdem noch eine ganz reguläre Nachtschicht zu Ende zu bringen.

Zu seiner Erleichterung hatte Flann ihm angeboten, bei ihm zu bleiben. Auch wenn Niels mit Geistern und Dämonen vertraut war, solange sie nicht wussten, was sich in dem alten Kaufhaus abspielte, mochte er nicht alleine hier sein. Vielleicht war er beim nächsten Mal nicht so stark, wenn das Wesen wieder seine tiefsten Ängste berührte und ihn dazu bringen wollte, sich zu erschießen.
Der Ire war ungewöhnlich schweigsam, stellte Niels fest, und er fragte sich, ob es etwas mit dem zu tun hatte, was er im Spiegel gesehen hatte. Es war nicht seine Art, private Dinge zu erfragen, aber dieses Mal siegte seine Neugier über seine Höflichkeit. “Flann, was hast du im Spiegel gesehen?” wollte er wissen. Der Ire sah auf. “Meine Ex-Freundin”, meinte er nur, und Niels machte nur “Oh”. Er wollte nicht weiter nachfragen, denn in seinem Kopf begannen gerade einige Puzzlestückchen, sich zu einem ganzen zusammenzusetzen.

Am nächsten Morgen trafen sie sich früh, gleich nach Niels’ Nachtschicht, um die Essekers aufzusuchen. Die Gegend wurde immer ländlicher, das Haus der Essekers selbst lag sehr abgeschieden mitten im Nichts.
Sie hielten an, und Niels ging die Auffahrt hinauf, um zu klopfen. Ein junger Mann öffnete ihnen. Er wirkte wenig überrascht, als Niels nach Anna fragte, stattdessen drehte er den Kopf nach hinten und brüllte in das Haus hinein: “Grandpa! Hier will jemand was wegen Großtante Anna!”

Ein alter Mann erschien, sein Blick war feindselig, und bevor einer der Jäger etwas sagen konnte, schleuderte er ihnen ein “Was auch immer Sie gehört habe, es stimmt nicht, gehen Sie!” entgegen. Er wollte die Tür schließen, aber Cal war schneller. “Wissen Sie eigentlich, wie viele Menschen im Zusammenhang mit Ihrer Schwester in diesem verdammten alten Kasten gestorben sind? Wissen Sie, wieviele Opfer das Feuer gefordert hat? Die Selbstmorde, haben Sie davon eine Ahnung?” Esseker schien für einen Moment versucht, dem Jäger die Tür vor der Nase zuzuschlagen, aber dann verzog sich sein Gesicht zu einem Ausdruck der Überraschung. “Da war dieses Massaker… Von einem Feuer weiß ich nichts. Und von was für Selbstmorden sprechen Sie?” Verwirrt bat er die vier Jäger ins Haus und führte sie ins Wohnzimmer. “Anna… Anna ist meine Schwester”, begann er, dann fuhr er fort. “Sie war… Eines Tages hat sie begonnen, sich seltsam zu benehmen. Wir wussten nicht, was das war, kein Arzt konnte ihr helfen, sie bekam auf einmal schwarze Augen, und es hat immer nach Schwefel gerochen in ihrem Zimmer. Meine Eltern haben irgendwann auch einen Priester hinzugezogen, aber das hat nichts geholfen.” Er machte eine kurze Pause und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht, seine Stimme wurde leiser. “Also haben sie sie in die Klinik gebracht. Dr Miller hat wollte es mit seiner neuen Methode versuchen, sie war noch im experimentellen Stadium, aber wir haben uns an jeden Strohhalm geklammert.” Esseker holte noch einmal tief Luft. “Irgendwie hat das auch funktioniert, Anna schien geheilt. Aber sie hatte plötzlich furchtbare Angst vor Spiegeln, und daher haben meine Eltern beschlossen, sie an einen Ort zu bringen, an dem es keine Spiegel gibt. Sie ist in einem Kloster, hier, Upstate New York. Und als sie hörten, dass es dieses Massaker gab, da haben sie sie für tot erklären lassen.”

Niels spürte, wie seine Wut immer weiter anstieg, während er dem alten Mann zuhörte. Schließlich konnte er nicht mehr an sich halten, er schlug sich selbst die Faust in die flache Hand. “Ich wusste, wir haben etwas übersehen. Es ist ein verfluchter Dämon! Und was waren das denn für Priester, jeder kann einen Dämon exorzieren, mein Stiefvater konnte das, er hat das dauernd gemacht, also was haben sie getan? Was? Was?” Er hatte sich in Rage geredet und war wieder kurz davor, auszurasten, als Flann ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legte. “Die Leute hier können nichts dafür”, meinte er mit einem mitfühlenden Blick, und Niels wusste, dass er recht hatte.

Sie verabschiedeten sich von Esseker und seinem Enkel und fuhren zu dem Kloster, in dem Anna lebte. Die Nonnen waren ein wenig überrascht, als die vier Jäger auftauchten, doch sie ließen sie zu der alten Frau vor.
Anna hörte sich mit ruhiger Miene an, was die Jäger ihr zu berichten hatten, dann seufzte sie “Ich hatte so lange meinen Frieden und meine Ruhe. Aber ich will nicht, dass so viele Menschen sterben wegen dieses Dämons, und daher sollte ich mit Ihnen mitkommen und ihn wieder in mich aufnehmen.” Sie lächelte vorsichtig bei diesen Worten, und Niels war es nicht ganz wohl bei diesem Gedanken. Cal jedoch formulierte seine Ablehnung gleich in Worte: “Nein. Sie werden das ganz sicher nicht tun. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das überlebt, wenn der Dämon erst in sie hineinfährt und dann exorziert wird.”
Die alte Frau schluckte, sagte aber nichts dazu. “Dr Miller hat nichts Übernatürliches gemacht, wenn Sie das wissen wollen. Er hat mich in diesen Raum mit den vielen Spiegeln gebracht und dafür gesorgt, dass ich nicht mehr blinzeln konnte. Dann ist er irgendwann aus mir ausgefahren und in die Spiegel… der Dämon, wenn Sie das so nennen. Das hat Dr Miller bei allen Patienten mit Schizophrenie gemacht.” Niels erinnerte sich dunkel, so etwas hatten sie in den Aufzeichnungen des Arztes gelesen. “Er wollte damit erreichen, dass die verschiedenen Persönlichkeiten einander sehen müssen in den Spiegeln, dass sie nicht ausweichen können und dass so aus vielen wieder Einer wird.” Die alte Frau wandte sich jetzt an Cal. “Aber ich war nicht wie die anderen Kranken. Der Dämon ist zwar durch die Spiegel aus mir gefahren, aber dann ist er in die Spiegel gegangen. Gott, ich spüre noch heute die Wut, eine unfassbare Wut, und dieses Zerren tief in mir drin, als wollte mir jemand die Seele aus dem Leib reißen.” Niels schluckte, als er das hörte, und seine Hand wanderte unbewusst zu seiner Brust. Er war sich sicher, dass er das Gefühl niemals wieder vergessen würde.

Sie verabschiedeten sich von der alten Frau und verließen das Kloster, unschlüssig, was sie tun sollten. Dann sprach Cal, während er sich eine Zigarette anzündete. “Ich mache das. Ich werde den Dämon aufnehmen.” Niels fuhr herum.. “Weißt du, was das für ein Gefühl ist, wenn ein Dämon in dir ist?” wollte er wissen, wobei er eine Augenbraue hob. “Ich hab schon Schlimmeres durchgestanden”, entgegnete der Ältere. Niels überlegte. “Ich kann es auch probieren.” Er wollte es nicht noch einmal fühlen, aber er wollte auch nicht, dass jemand anderer das durchmachen musste. “Nein. Ich mache das.” Cals Stimme ließ keine Widerrede zu, und Niels wusste, dass der ältere Jäger recht hatte. Nicht umsonst hatte Jason ihm mit Asche das Symbol auf die verbrannte Haut tätowiert.

“Also gut. Ihr macht das mit dem Exorzismus, und ich mache den Rest”. Cal sah in die Runde, während er auf den Stuhl kletterte und sich von Niels und Flann festschnallen ließ. Wohl war keinem der Vier bei der Sache, aber sie wussten, dass es keine anderen Möglichkeit gab – denn selbst ein Brand hatte dem Dämon bisher nicht geschadet.

Niels hielt die Winchester fest umklammert, während er mit den Worten begann, die er schon so oft gesprochen hatte, und Emily und Flann fielen ein.

Exorcizamus te, omnis immundus spiritus

Neben ihm explodierte der erste Spiegel, die Scherben trafen ihn im Gesicht und an der Hand. Als er sich jedoch über die Stirn fuhr, war kein Blut an seinen Händen. Er wollte gerade weitersprechen, da wirbelte ein unsichtbarer Lufthauch die Scherben auf, und kurze Zeit später war Niels eingehüllt in einen wahren Tornado aus Glas. Er glaubte, ersticken zu müssen, Glasstaub setzte sich in seiner Lunge fest und zerschnitt mit winzigen Kanten seine Blutgefäße. Er hustete, doch das machte alles schlimmer.

omnis satanica potestas, omnis incursio infernalis adversarii

Niels hustete ein letztes Mal, dann war es vorbei. Er sah zu seinen Gefährten hinüber, aber er konnte nicht erkennen, ob und wie der Dämon versuchte, sie davon abzuhalten, den Exorzismus zu sprechen. Cal schien starke Schmerzen zu haben, er wand sich in den Fesseln. Sein Blick ging ins Leere, dann traf er Niels, und der junge Mann erschrak. Dort, wo Cals Augen hätten sein müssen, waren nur Spiegel, in denen er sich selbst sehen konnte, hundertfach gebrochen.

“Hallo Aaron.”

Niels fuhr herum. Im Spiegel hinter ihm sah er sein Spiegelbild, und es war doch nicht sein Spiegelbild. Der andere Niels grinste böse. “Na? Mal wieder auf Dämonenjagd?” Bevor er etwas entgegen konnte, hatte sein Spiegelbild ihn einmal umrundet – wie war das möglich?
“Komm, ich zeig dir was.” Ehe Niels antworten konnte, erschien Jacob Heckler im Spiegel und sah seinen Sohn mit einem Blick an, aus dem nur Verachtung sprach.

“Das ist dein Vater, Aaron. Nein, eigentlich nur dein Erzeuger. Er hatte doch keinerlei Interesse an dir, wenn du mal darüber nachdenkst. Er hatte seinen Spaß mit deiner Mutter, und sie wollte unbedingt ein Kind von ihm. Er ist wieder gegangen und hat sie und dich seinem Bruder ausgeliefert. Wenn du ihn jemals interessiert hättest, dann hätte er sich doch um dich gekümmert. Er wollte dich nicht. Niemals.“

“Nein, das ist nicht wahr!”

Jacob sah Niels weiterhin abschätzig an. “Natürlich ist es das, und das weißt du auch. Ich hatte doch schon eine Familie. Eine Tochter, die eine viel bessere Jägerin ist als du. Du bist doch komplett unfähig. Ich bin mir nicht mal wirklich sicher, ob du mein Sohn bist. Wer weiß, mit wem deine Mutter es noch getrieben hat.”

Mit einem Wutschrei holte Niels aus und trieb den Kolben der Winchester in den Spiegel. Augenblicklich formierten die Scherben sich zu einem Gebilde, das aussah wie eine Hand, die nach Niels griff und ihn zu würgen begann.

omnis legio, omnis congregatio et secta diabolica

Keuchend versuchte Niels sich aus dem Griff zu befreien, während das Spiegelgebilde ihn in Richtung Emily drehte. Die junge Frau sprach weiter den Exorzismus, dabei duckte sie sich vor unsichtbaren Scherben.

“Sieh sie dir an. Emily, die tapfere kleine Emily. Du hast sie schon einmal in Lebensgefahr gebracht. Und jetzt? Schon wieder. Einer von uns wird sie sich schnappen. Oder ein Monster. Du weißt, wo sie war. Willst du riskieren, dass sie dorthin wieder zurück muss? Ethan wird dich dafür hassen, genau wie Felicity. Lass sie gehen, Aaron. Emily ist ohne dich besser dran.”

Ergo, omnis legio diabolica, adiuramus te…cessa decipere humanas creaturas, eisque æternæ perditionìs venenum propinare…

Es wurde für einen kurzen Moment dunkel, und plötzlich hatte Niels das Gefühl, dass er alles nur noch sehr gedämpft hörte. Auch das Licht fühlte sich ganz anders an, hinter ihm war es dunkel, aber vor ihm hell. Er wollte einen Schritt nach vorne machen, doch er prallte gegen eine unsichtbare Wand. Vorsichtig tastete er nach dem, was ihn aufgehalten hatte, und dann dämmerte es ihm. Er war im Spiegel. Mit der Faust hämmerte er gegen das Glas, Flann und Emily mussten wissen, dass der Niels da draußen nicht der richtige Niels war, sondern ein Dämon, der sie jeden Moment holen würde.

“Hallo Collegeboy. Schön dich zu sehen.”

Niels drehte sich vorsichtig um, denn er wusste genau, wer hinter ihm stand. “Joe?” Der Ältere lächelte, dann kam er auf ihn zu und küsste ihn, lange und leidenschaftlich. Niels erwiderte den Kuss, während Joes Hände tiefer wanderten. Wie gerne würde er sich ihm jetzt hingeben, hier und jetzt, alles vergessen, endlich hatte er ihn wieder, den Mann seiner Träume…

“Du liebst Joe.”
“Ja, und? Er ist zur Hölle gefahren.”
“Ja, weil du ihn nicht gerettet hast.“
“Was hätte ich denn tun sollen?”
“Alles. Wolltest du nicht deine Familie für ihn hergeben? Wer ist dir wichtiger? Der Fanatiker, der Sadist und der Opportunist, oder die Liebe deines Lebens?”
“Er ist nicht….”
“Oh bitte, Aaron. Wen willst du denn noch belügen? Oh, richtig. Mir fallen da so einige ein.”
Der Dämon schnippte mit den Fingern, und plötzlich standen mehrere Personen vor Niels: Ethan, Bart Blackwood, Jonathan Saitou. Hinter ihnen noch jemand, von dem Niels allerdings hoffte, dass er ihn niemals wieder in der Realität würde sehen müssen: Sein Bruder Benedikt.
“Siehst du sie? Was würden sie sagen, wenn sie wüssten, dass du vorhast, deinen Lover aus der Hölle zu holen?”
Niels rieb sich die Schläfen mit den Handflächen. “Ich will nicht…”
“Und wie du das willst. Ich bin allerdings über die Wahl deines Helfers überrascht.”

Vade, satana, inventor et magister omnis fallaciæ, hostis humanæ salutis…Humiliare sub potenti manu Dei

Das Licht änderte sich abermals, und Niels fand sich jetzt in dem Spiegelraum wieder. Scherben umwirbelten ihn, mikrofeine Schnitte bildeten sich in seiner Kleidung und auf seiner Haut. Diesmal war es keine Illusion, Niels spürte den Schmerz wie tausende Nadelstiche.
“Du bist doch echt bescheuert”, erklärte er dem Dämon, während er sich das Gesicht abwischte. “Glaubst du, das tut mir weh?” Er zog einen Ärmel hoch und deutete lachend auf das Bild auf seiner Haut. “Ich weiß, was Schmerz ist. Ich wurde geschlagen, ausgepeitscht und verbrannt. Und Tätowieren ist auch nicht ohne.”
Der Dämon war jedoch wenig beeindruckt von Niels’ Gegenwehr. “Jajaja. Du bist so stark, Aaron. Wenn du dir das noch ein paar Mal sagst, stimmt es vielleicht. Und du glaubst, es hilft, wenn du dir ein Zeichen auf die Haut malst? Aaron, wir können jederzeit in dich eindringen, einfach so. Jederzeit. Du wirst es nicht merken, aber irgendwann ist einer von uns in dir, nährt sich von dir, ergreift von deiner Seele Besitz.” Niels’ Hand wanderte zu seiner Brust, als er spürte, wie ein leichter Hauch über die Tätowierung zu streichen schien. “Jäger sind da nicht anders als andere Menschen. Vielleicht sogar noch besser, ihr kennt die ganzen Geheimnisse”. Der Spiegel-Niels fuhr ihm grinsend durchs Gesicht, die Geste war beinahe zärtlich. “Nur eine Frage der Zeit, Aaron”.

contremisce et effuge, invocato a nobis sancto et terribili nomine…quem inferi tremunt…

Eine weitere Scherbe traf Niels, dann noch eine und noch eine. Er wusste, irgendwann würde ihn ein größeres Stück treffen, und vielleicht nicht da, wo seine Kleidung es abhielt. Aber er musste da jetzt durch, fest umklammerte er die Winchester, während sein Blick zu Flann wanderte.

“Flann? Du traust ihm? Er ist ein Betrüger, ein Verbrecher. Er wird dich in dem Moment fallen lassen, in dem du ihn am dringendsten brauchst.”
“Nein!” Niels widersprach vehement, aber er wusste selbst, dass er nicht sicher war. Wie konnte man jemandem vertrauen, den man nicht wirklich kannte, von dem man nichts wusste?
“Oh doch. Er denkt nur an sich selbst. Du bist für ihn nur ein Werkzeug. Und hasst du es nicht, Werkzeug für jemanden zu sein, Aaron?” Für einen kurzen Moment glaubte Niels, Gustav in einem der Spiegel zu sehen, voller Wut zog er jetzt die Luger und schoss auf das Spiegelbild seines Stiefvaters. Doch Gustav Heckler lachte nur, er verschwand aus dem Spiegel und tauchte dann im nächsten wieder auf.

“Aaron… der alte Mann ist doch kein Gegner für dich. Nein, halt. Er hat etwas, was du willst. Stimmt doch, oder?”

Neben Gustav stand jetzt plötzlich Maria, und Niels ließ die Luger sinken.

“Oha, da hab ich ja ins Schwarze getroffen.” Gustav Heckler lachte, während seine Augen plötzlich Spiegel wurden, und legte die Fingerspitzen aneinander. “Mutter…” Niels spürte, wie sein Gesicht feucht wurde, als er Maria dort stehen sah, auch wenn er wusste, dass sie nicht echt war. “Du hast sie im Stich gelassen. Bist einfach abgehauen, Aaron. Einfach gegangen. Dein Leben war dir wichtiger als ihres.”
“Was sollte ich denn machen?”
“Sie wird sterben, Aaron. Du hast ihr das Herz gebrochen, bist einfach verschwunden. Sie hat keine Ahnung, wo du bist, was du tust. Sie hält dich für tot.”

Ab insidiis diaboli, libera nos, Domine. Ut Ecclesiam tuam secura tibi facias libertate servire, te rogamus, audi nos…

Ein lauter Schrei ertönte im Raum, und Niels konnte nicht sagen, ob es sein Schrei oder der von Cal war. Als er aufsah, fuhr eine schwarze Rauchwolke aus dem Jäger auf, der jetzt bewusstlos in dem Stuhl zusammensank. Niels, Emily und Flann rannten zu ihm, und Flann tastete nach seinem Puls. “Er lebt.” Niels holte tief Luft und sah seine Mitjäger an. Sie alle hatten zahlreiche Schnittwunden, wo die Scherben sie getroffen hatten, aber das würde heilen. “Wir müssen ihn hier rausbringen”, meinte Emily jetzt, während die beiden Männer die Riemen an Cals Hand- und Fußgelenken lösten. Vorsichtig legten Flann und Niels sich jeweils einen Arm des älteren Jägers um die Schulter, und geleitet von Emily brachten sie Cal ins Freie. Keiner von ihnen sagte ein Wort, und Niels fragte sich, was der Dämon Flann und Emily in den Spiegeln gezeigt haben mochte.

Als sie bei Cals Auto standen, wurde Flann ein wenig nervös. “Ihr beide, schafft ihr das alleine?” Niels nickte, es war kein großes Ding, Cal zu jemandem zu bringen, der ihm wieder auf die Füße half. Aber warum hatte der Ire es so eilig? “Ich… ich melde mich, wegen Leavenworth. Machs gut. Du auch, Emily.” Er winkte noch einmal, dann war er verschwunden. Niels sah ihm nach.

Und du vertraust ihm wirklich, Aaron?

View
Phantom fear
Total Eclipse

I met the devil and God and couldn’t tell them apart
I thought I found the end
But it was only the start

(Architects – Gravity)

Oh hey, diesen Thread sehe ich ja jetzt erst!
Da habe ich aber auch einen Kandidaten.

Mein gruseligster Ort der USA ist ohne Frage Blackwell, MO.
Dass dort häufig seltsame Lichterscheinungen gesehen werden sollen, ist ja einschlägig bekannt, und auch, dass dort manchmal der Fluss bergauf läuft und solche Sachen und Trommeln aus dem Flusstal herauf klingen, wenn man über die alte Brüche geht, und all sowas. Und dass man Geister sieht und Stöhnen hört und so. Ihr müsst es nur mal googeln.

Aber letztens ist mir was passiert… Ich bin extra hingefahren, weil ich mir die Erscheinungen mit eigenen Augen ansehen wollte – ich sammele ja sowas, und das wollte ich mir nicht entgehen lassen.
Und klar, für Leuchterscheinungen muss man hingehen, wenn es dunkel wird. Da schien mir schon auf dem Highway alles viel, viel dunkler, als es sein dürfte, als würde das Licht verschluckt.
Und der ganze Ort selbst war leergefegt! Nicht ein Haus, wo wer gewesen wäre! Und als ich mich dann am nächsten Tag dort im Ort umgesehen habe, waren die Leute total komisch und abweisend und ganz ganz seltsam drauf. Die waren garantiert eine Sekte. Ich habe da ganz seltsame Kreuze gesehen. Und ein Stück auswärts habe ich Spuren eines finsteren Rituals gefunden. Ich sage euch, da stimmt was nicht! Aber alleine konnte ich da nichts ausrichten, also bin ich wieder weg. Aber ich muss da echt nochmal hin, und dann mit Verstärkung, und der Sache auf den Grund gehen!

Niels hatte den Forenpost mehrmals gelesen. Er war sich nicht sicher, ob es in Blackwell wirklich etwas von Interesse gab, zumal “Sekte” eher ein Reizwort für ihn war. Aber es war ein Jahrhundert-Ereignis, eine totale Sonnenfinsternis, und Niels war sich zumindest dessen sicher, dass das nicht nur den einen oder anderen Spinner, sondern vielleicht auch handfeste übernatürliche Wesen anlockte.
Da Entfernungen inzwischen keine Rolle mehr für ihn spielten, hatte er den Kombi mit seinen Waffen und seinen Zeichensachen gepackt und sich auf den Weg nach Missouri gemacht. Vom CD-Player brüllte Sam Carter sich die Seele aus dem Leib, wobei er erklärte, dass im “Land of the free” nichts umsonst war. Niels war für den Moment nicht geneigt, ihm zuzustimmen. Für ihn war “Land of the free” kein leeres Versprechen, er spürte jeden Tag, wie er amerikanischer wurde und das kleine bayrische Dorf hinter sich ließ. Immer häufiger merkte er, dass er vergaß, seine Kommilitonen zu korrigieren und er von Niels zu Neil wurde. Was war schon ein Name? Solange er wusste, wer er war, reichte das völlig aus, denn Namen waren Schall und Rauch. Und er wusste sehr wohl, wer er war: Ein Jäger. Ganz gleich, welchen Namen er sich gab, er würde immer ein Jäger bleiben.

Der Kombi näherte sich jetzt DeSoto, und an den Straßenrändern sah Niels bereits überall Menschen und Autos stehen. Die Highway Patrol war dabei, Straßen und Wege zu kontrollieren, besonders solche, die in die Wälder führten, was Niels’ ursprünglichen Plan des Wild-Campens zunichte machte. Also musste er sich wohl oder übel einen Campingplatz suchen.

Schließlich wurde er in DeSoto in einen Trailerpark geleitet, der sich fast am anderen Ende der Stadt fand und auf dem auch nicht mehr wirklich viel Platz war. Der Betreiber sah Niels zunächst zweifelnd an, aber als der junge Mann ihm versicherte, dass es für ihn kein Problem war, im Auto zu schlafen, wies er Niels einen völlig überteuerten Stellplatz für den Kombi zu.
Nachdem er das Auto abgestellt hatte, begann Niels sich umzusehen. Es herrschte eine Art Volksfeststimmung und überall gab es Souvenirbuden, an denen man T-Shirts und Nippes kaufen konnte. Aber das interessierte Niels im Moment nicht, er hatte Hunger. Essen konnte er schließlich immer und überall, das würde sich sicher nicht so schnell ändern. Zu seinem Glück gab es auch in Missouri Menschen, die sich einer Ernährungsweise verschrieben hatten, die Niels zusagte, und so ließ er vegane Burritos und dergleichen links liegen und widmete sich einem Burger und Fritten.

Er ging zurück zu seinem Auto, wo er sich auf den Fahrersitz setzte und seine Mahlzeit mit einer Flasche Mountain Dew herunterspülte. Plötzlich hatte er den Eindruck, dass er beobachtet wurde, und er sah auf. Vor ihm stand ein Mädchen, noch keine 18 wahrscheinlich, dunkle Haare und Kleidung, die sicher ihre besten Tage hinter sich hatte. Niels erkannte sie auf Anhieb: Es war Aria, Lyles Freundin, die er im vorigen Jahr in Portland kennengelernt hatte. Sie kam auf ihn zu und lächelte unsicher. Niels wischte sich die fettigen Finger an der Hose ab und reichte ihr die Hand. “Aria, richtig?” fragte er sie, und sie nickte. “Du bist Niels?” wollte sie dann wissen. Er nickte grinsend und kauend, dann besann er sich wieder auf seine Manieren und bot Aria etwas zu trinken an. Sie lehnte ab, setzte sich jedoch ihm gegenüber ins Gras. Suchend sah sie sich um, und Niels bemerkte jetzt den Rucksack und das Wurfzelt, das sie unter dem Arm trug. “Hast du einen Schlafplatz?” fragte er sie. “Nein, und ich glaube, für das Zelt ist hier nicht wirklich Platz”, überlegte sie. “Du kannst bei mir im Auto pennen. Da ist Platz genug”, bot er ihr an. Bei dem Gedanken daran, dass sie irgendwo an der Straße schlief, wo Himmel und Menschen und sicher auch Typen, die nicht das Beste für ein Mädchen im Sinne hatten, herumliefen, war Niels überhaupt nicht wohl. Sie kannten sich zwar nicht gut, aber Aria sollte klar sein, dass er zumindest nicht versuchen würde, sich an sie heranzumachen. Er hatte nie jüngere Geschwister gehabt, aber wenn, dann wären sie sicher so wie Aria.

“Hast du Lust, noch ein bisschen hier rumzulaufen?” wollte Niels dann von Aria wissen, nachdem sie ihre Sachen im Auto verstaut hatte. Das Mädchen nickte schüchtern und folgte Niels dann über den Campingplatz zur Hauptstraße. Niels erkannte Kennzeichen aus allen Bundesstaaten, und den Autos nach zu urteilen, parkte hier Banker neben Hausfrau, Reich neben Arm und Republikaner neben Demokrat. Für heute waren alle Meinungsverschiedenheiten vergessen, heute gab es nur DAS Großereignis. Niels spürte, dass er ein wenig aufgeregt war, er beschloss, Angelika anzurufen, und ihr Fotos zu schicken, und auch Felicity musste er von diesem Ereignis berichten. Er sah zu Aria hinüber, die gerade einen Stand mit T-Shirts betrachtete und ein paar zerknüllte Dollar-Scheine aus der Tasche hervorzog. Ob sie auch jemanden hatte, dem sie von diesem Ereignis berichten würde? In diesem Moment näherte sich ein hochgewachsener dunkelhaariger Mann Aria und sprach sie an. Niels zögerte kurz, dann erkannte er Agent Saitou, und er ging zu dem FBI-Mann und dem Mädchen. “Mr Heckler”, bemerkte der Agent und schüttelte Niels die Hand. Niels erwiderte die Geste, auch wenn ihm wieder einfiel, unter welchen Umständen der Agent und er sich zum ersten Mal begegnet waren. Die P08 lag gemeinsam mit der Winchester in einer Waffentasche gut versteckt unter Wolldecken im Kofferraum seines Autos, die Zeiten, in denen er die Waffe wie ein Verbrecher im Hosenbund getragen hatte, waren ein für allemal vorbei.

“Sind Sie auch wegen der Sonnenfinsternis hier?” wollte der Agent jetzt von den Beiden wissen, und Niels nickte. “Auch. Aber ich habe auch die Befürchtung, dass etwas Übernatürliches passieren könnte.” Er erzählte dem Agent von dem Foreneintrag, seine Erläuterungen wohlweislich so vage wie möglich haltend. Natürlich vertraute er Jonathan Saitou, aber er musste ihn trotzdem nicht gleich auf die direkte Fährte des “True Believers”-Forum setzen. Schon gar nicht nach dem, was dort vor einigen Wochen losgewesen war. “Glauben Sie das auch, Mr Heckler?” fragte der FBI-Mann jetzt. “Sir, das ist mein Job. Wenn etwas dran ist, dann kann ich die Leute retten, und wenn nicht – dann bin ich immerhin Zeuge eines Jahrhundert-Ereignisses geworden.” Der Agent nickte zustimmend, und Niels fuhr fort. “Aber wenn es da wirklich brennende Kreuze gibt, dann ist das eher Ihr Zuständigkeitsbereich.” Auch dies quittierte der FBI-Mann mit einem Nicken, dann fragte er Niels und Aria nach ihren Unterkünften und wechselte so das Thema.

Agent Saitou und Niels hatten am Vorabend beschlossen, dass sie sich die Vorfälle in Blackwell gemeinsam ansehen wollten, und Aria hatte stillschweigend eingewilligt, die beiden Männer zu begleiten. Niels hatte die Tasche mit seinen Waffen über der Schulter, und bevor er in das Auto das FBI-Manns einstieg, reichte er ihm grinsend ein Stück Papier. Der Agent nahm es, sah es sich an und gab es Niels wortlos zurück.
Der warf einen kurzen Blick auf das Papier, nach der Luger und der Winchester inzwischen sein wertvollster Besitz, etwas, das er wie viele andere Dinge Cedric zu verdanken hatte: Seine Weapon Permit. Niemand würde jetzt noch Fragen stellen zu der Weltkriegswaffe, mit der Ludwig Heckler weltliche und übernatürliche Gegner erschossen hatte, niemand würde noch wissen wollen, dass Niels die Waffe mit Hilfe von Felicity und ihren Kontakten ins Land geschmuggelt hatte.
Zufrieden warf Niels die Tasche in den Fond des Wagens, dann stieg er auf der Beifahrerseite in das schwarze Auto des FBI-Agents. Aria kletterte auf die Rückbank, und gemeinsam fuhren sie Richtung Blackwell.

Zu Beginn kamen ihnen immer noch viele Autos entgegen, sie waren das einzige Fahrzeug, das von DeSoto wegfuhr. Dann aber wurden auch die entgegenkommenden Autos immer weniger, bis sie schließlich Blackwell erreichten.
Die Bezeichnung “Ortschaft” war schon fast übertrieben, befand Niels, es handelte sich um ein paar Häuser und eine kleine Kirche. Autos waren jetzt weit und breit keine mehr zu sehen, und Agent Saitou parkte seinen Wagen ein wenig abseits der Siedlung. Niels fiel auf, dass es außer den Häusern und der Kirche noch eine abgesperrte Eisenbrücke gab, er beschloss, das im Hinterkopf zu behalten. Gemeinsam gingen sie auf die Kirche zu, die vielmehr ein kirchenähnliches Haus war. Auf der Tür war ein seltsames Kreuz angebracht, und als Niels das Zeichen erkannte, konnte er ein Stöhnen nicht unterdrücken.

Fellowship of Aaron. Die Bruderschaft Aarons. Widerliches Gesocks. Ungläubiges Pack.

Niels schüttelte sich, als ihm die Worte seines Stiefvaters ins Gedächtnis kamen, und er so vehement auf seinen so verhassten ersten Vornamen gestoßen wurde. Inzwischen wusste er, dass auch dieser Name zu Gustavs Racheplan gehört hatte. Aaron… der Priester. Gustav hatte beschlossen, ihn ins Priesterseminar zu schicken, das wusste er von Angelika, als er sich einmal darüber gewundert hatte, dass er im Gegensatz zu seinen Geschwistern ein Gymnasium hatte besuchen dürfen.

“Er wollte, dass du wirst wie Onkel Ludwig. Unbarmherzig und kalt. Ein Priester ohne Gewissen, der alles tötet, was nicht in sein Weltbild passt.”
Ein Priester. Niemals Kinder haben, niemals heiraten. Jacobs Linie wäre für immer ausgelöscht, denn Felicity zählte für Gustav nicht. Felicity war nur eine Frau. Niels holte tief Luft, als ihm wieder bewusst wurde, wie tief der Hass seines Stiefvaters auf seinen Bruder gesessen haben musste. Eines Tages würde er den wahnsinnigen alten Mann mit all dem konfrontieren, was er erfahren hatte. Und dann würde er ihn für immer zum Schweigen bringen.

Im Garten eines der Häuser waren zwei Frauen mit der Gartenarbeit beschäftigt. Beide trugen altmodische hochgeschlossene Kleider und hatten ihre Haare streng zurückgekämmt und aufgesteckt. Ein Junge lief zwischen ihnen umher, er war ungefähr 12 oder 13. Beide stellten sich jetzt mit den Händen in den Hüften vor ihn und begannen, ihn wortreich zu schelten, bevor sie ihn anwiesen, weiter seine Arbeit zu machen.

Er wischte sich den Schweiß aus der Stirn, dann nahm er wieder einen Scheit und die Axt und schlug zu. Seine Arme schmerzten, aber er musste fertig werden mit der Arbeit, heute noch. Sein Vater wollte ihn später mit auf die Jagd nehmen. Das ist es, was Männer tun, und er ist ein Mann.
“He, Heckler! Kommst du mit? Wir gehen eine Runde kicken”. Robbie Lechner stand am Tor und winkte ihm zu, unterm Arm einen abgewetzten Fußball. Er hielt inne mit der Axt und überlegte. Nichts würde er lieber tun, als mit den anderen Jungen aus dem Dorf Fußball spielen. Aber wenn er jetzt ging, seine Arbeit vernachlässigte, dann würde der Keller auf ihn warten oder Schlimmeres. Er darf sich nicht dem Müßiggang hingeben, das öffnete der Sünde Tür und Tor. Aber was konnte es schon schaden, wenn er ein Stündchen wegging? Sein Vater würde es nicht merken.
“Aaron! Bist noch nicht fertig?” Gustav Heckler stand in der Tür, seine Hand wanderte betont langsam zu seinem Gürtel. “Gleich, Vater, gleich.” Er sah zu Robbie hinüber, der nur schief lächelte und sich dann mit einer Handbewegung verabschiedete. Er hatte schließlich Geschichten über den alten Heckler gehört, wie alle Kinder im Dorf.
Er sah ihm nach, und schmerzlich wurde ihm wieder bewusst, dass er niemals ein normaler Junge sein würde.

Niels schüttelte sich, während er feststellte, dass er sich mit dem Jungen in dem Garten sehr gut identifizieren konnte. Würde er auch eines Tages Reißaus nehmen oder war er schon so indoktriniert, dass er nicht in Frage stellte, was die Älteren ihm sagten?
“…diese Gruppierung ist eigentlich in Utah ansässig”, hörte er jetzt den Agent, der eilig etwas in sein Smartphone tippte. Niels sah auf, er hatte tatsächlich einen Moment nicht zugehört. Kurze Zeit später berichtete Saitou mit leiser Stimme, dass der “Orden von Aaron” eine mormonische Splittergruppe war, und dass es hier in Blackwell die “Bruderschaft von Aaron” gab, eine eher harmlose religiöse Gruppierung. Sie standen auf keiner Watchlist als kreuzverbrennende Rassisten oder ähnliches, aber sie waren beim FBI als religiöse Sekte gelistet, mit dem Vermerk, dass sie Fundamentalisten waren.

Niels bat den Agent kurz um seinen Autoschlüssel, den der ihm auch verwundert aushändigte. Kurze Zeit später kehrte er zurück und zog sich seinen schwarzen Hoodie über. “So wie ich aussehe, redet sonst keiner ein Wort mit mir,” meinte er dann, als er den Reißverschluss hochzog. Er überlegte, die Piercings zu entfernen, entschied sich aber dagegen. Solange er nicht darauf herumkaute, bemerkte niemand das in seiner Zunge, und das Augenbrauenpiercing fiel nicht so auf. Die Tunnels hatte er schon vor einer ganzen Weile abgelegt, die Löcher waren nach dem Brand einfach zu schnell wieder zusammengewachsen.

Er holte tief Luft, bevor er sich an den Agent wandte. Er tat es nicht gerne, aber er war sich sicher, dass er das Richtige tat. “Agent Saitou, ich kenne solche Leute, ich habe immerhin 18 Jahre bei ihnen gelebt. Zwar nicht bei Mormonen, sondern bei Katholiken, aber mein Stiefvater würde hier nicht weiter auffallen.” Im Gegenteil, Gustav hätte diesen Ort wahrscheinlich als das Paradies angesehen. “Am besten reden Sie mit den beiden Frauen. Ich bin doch zu auffällig” – er hätte auf den Parkway Drive-Hoodie verzichten sollen, wie er jetzt feststellte – “und Aria ist ein Mädchen.” Er sah mit einer entschuldigenden Geste zu ihr hinüber, aber sie zuckte nur mit den Achseln. Dann fragte sie leise: “Reden solche Leute denn mit den Behörden, Agent Saitou?” Der Agent seufzte und sah nachdenklich geradeaus. “Das ist bei solchen Gruppierungen immer schwierig. Gerade, wenn es um Missbrauchsfälle oder Kinderehen geht.”

“Und wenn ich will, dann schlag’ ich den Bub grün und blau! Das ist mein Kind!” Die Dame vom Jugendamt zitterte ein wenig, aber sie weicht nicht zurück. Der Polizist hinter ihr sah sie nur hilflos an, er kannte den alten Heckler und wusste, dass er nur wenig ausrichten konnte. “Herr Heckler, ich muss mit Aaron sprechen. Seine Lehrerin macht sich Sorgen…” In diesem Moment erschien Joseph in der Tür und lächelte die Dame mit einem falschen Lächeln an. “Gehen Sie. Meinem Bruder fehlt nix. Der fällt halt gern über seine eigenen Füße.”
Oben auf dem Treppenabsatz zog der Junge die Luft ein und hoffte, dass sie ihn nicht hörten. Seine Lehrerin, das wusste er jetzt schon, würde nächste Woche nicht mehr da sein. Der Arm von Gustav Heckler war lang.

“Und was Sie vergessen haben: Homosexualität wird bei solchen Leuten auch gerne mit einem Exorzismus bestraft”. Niels sah den FBI-Agent wütend an, als stünde Jon Saitou stellvertretend für alle Behörden-Mitarbeiter, denen es nicht gelungen war, Niels aus den Fängen seines Stiefvaters zu befreien. Der Agent sah den jungen Mann lange an, sagte aber nichts. Stattdessen ging er zu den beiden Frauen herüber, um mit ihnen zu reden, aber sie schienen wenig erpicht darauf, dem Agent Auskunft zu geben. “Sie sind doch auch nur so ein Spinner!” hörte Niels eine der beiden sich ereifern, und die andere gab zu bedenken, dass sie und ihre Gemeinde in Ruhe Gottesdienst zur Sonnenfinsternis feiern wollten.

Manchmal ist es von Vorteil, wenn du einfach ein Anderer bist.

Mit den Worten des Iren im Ohr tastete Niels nach seiner Bibel. Egal, was da kommen mochte, dieses Buch war immer ein Teil von ihm, würde immer ein Teil von ihm sein, und es hatte ihm bereits gute Dienste erwiesen.
Er zog die Bibel aus der Tasche und ging zu den beiden Frauen hin. “Entschuldigen Sie…”, begann er, den Blick gesenkt. “Mein Name ist… Aaron. Und ich glaube, das es kein Zufall war, dass der Herr mich zu Ihnen geführt hat.” Jetzt hob er den Kopf und lächelte, ein unaufrichtiges Lächeln, das jedoch genau seinen Zweck erfüllte. “Ich bin weit weg von Zuhause und suche eine Gemeinschaft zum Gebet.” Er sah die beiden Frauen erwartungsvoll an und stellte fest, dass es ihm erstaunlich leichtfiel, sie zu belügen. “Meine Gefährten” – bei diesen Worten deutete er auf Aria und Jon – “suchen Gott. Vergeben Sie Ihnen, wenn Sie Ihnen zu nahe getreten sind.” Jetzt lächelte auch die jüngere der beiden Frauen. “Nun, der Gottesdienst ist eine Sache, die nur Gemeindemitgliedern vorbehalten ist. Aber wenn Sie möchten, können Sie gerne an unserer Andacht teilnehmen.” Die Ältere schien immer noch nicht ganz überzeugt, kritisch musterte sie die Drei, und besonders an Aria und ihrer zerschlissenen Kleidung blieb ihr Blick ein wenig länger haften. Doch dann machte sie der Jüngeren ein Zeichen, und diese verschwand gemeinsam mit dem Jungen hinterm Haus.

Kurze Zeit später kehrte die Frau mit einem älteren Mann zurück, der in prachtvolle Gewänder gekleidet war. Niels erkannte auf den ersten Blick, dass dies das Ornat eines altisrealischen Priesters war. Was immer hier vor sich ging, die Sache mit dem alttestamentarischen Glauben schien dieser Gruppe sehr ernst zu sein.
Der Priester sah Niels durchdringend an, dann fragte er die Frauen, ob der junge Mann derjenige sei, der Gott suche. Bevor Niels etwas erwidern konnte, deutete eine der Frauen auf den Agent und Aria. “Das ist der junge Mann, der die Gemeinschaft sucht”, flüsterte sie mit einem Seitenblick auf Niels. “Nun, stimmt das, was die Schwestern hier sagen?” wollte der Hohepriester jetzt von ihm wissen. Niels schluckte kurz, aber dann fing er sich wieder. Sicher, der Priester war eine imposante Gestalt, aber letztlich war er nur ein Mensch. Menschen waren einfach zu handeln, wenn man ihnen sagte, was sie hören wollten. Also nickte er nur und hielt dem Älteren die Bibel hin. “Ich bin weit weg von Zuhause und meiner Familie, und ich suche nur ein paar Menschen, denen ich mich im Gebet anschließen kann.”
Niels wagte es nicht, den Hohepriester anzusehen, immerhin war ihm lange eingetrichtert worden, dass die Geistlichkeit eine Autorität war, die man nicht belog. Aber dann stellte er fest, dass ihm die Worte erstaunlich leicht fielen, leichter, als er vermutet hatte.
Er wollte gerade erleichert Luft holen, als der Ältere die Bibel aufschlug und sein Blick an den Zeichnungen der Sirenenwesen hängenblieb. Er zog skeptisch eine Augenbraue nach oben, sagte jedoch nichts. Niels glaubte, ein Geräusch wie “Hmpf” zu hören, doch dann gab der Priester ihm das Buch zurück und bedeutete ihm, Saitou und Aria mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. “Begleiten Sie uns doch zur Andacht in der Kirche.”
Die ganze Gemeinde ging jetzt in einer Art Prozession zu der kleinen Kirche, die Älteren zuerst, ganz zum Schluss die Kinder. Niels, Aria und Saitou folgten ihnen und nahmen im hinteren Teil des Raumes Platz.

Niels sah sich um. Der schmucklose Raum war bis auf den letzten Platz besetzt, an den Wänden standen die Jüngeren, während die Älteren auf den vorderen Bänken Platz genommen hatten. Am anderen Ende des Raums stand ein steinerner Altar, wie alles andere war er auch sehr karg gehalten, eins der seltsamen Kreuze und zwei Kerzen standen darauf, die ein schummriges Licht verbreiteten. Niels sah sich um, und zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass dies das erste Mal seit einer sehr langen Zeit war, dass er wieder in einer Kirche war. Natürlich war dies hier nicht zu vergleichen mit der Pfarrkirche von Rabenstein, aber dann wurde ihm bewusst, wann er das letzte Mal einen Gottesdienst besucht hatte. Er schluckte, als er spürte, wie die altbekannte Panik in ihm aufstieg. Nicht hier. Nicht jetzt. Was sollte die Gemeinde denken? Aria? Der Agent?

Die Angst niederkämpfend, suchte Niels sich einen Fixpunkt im Raum. Der Altar schien ihm dafür bestens geeignet, doch dann fielen ihm die dunklen Flecke auf dem Stein auf. Blut. Das war Blut. Er holte tief Luft, und der Geruch von Kerzenwachs, kaltem Stein und Weihrauch stieg ihm in die Nase. Ihm wurde plötzlich eiskalt, so als habe jemand ihn in kaltes Wasser geworfen. Er warf dem Agent einen flehenden Blick zu, doch der sah ihn nicht.

Niels stand vor dem Tor des Holy Cross Cemetery in Brooklyn und sah seine Tante fragend an. “Nun geh schon. Grab 6, Reihe 14. Ich komme später nach.” Sie drückte ihm eine Grableuchte in die Hand und schob ihn sanft in Richtung Eingang.
Grab 6 entpuppte sich als schmuckloser Marmorblock, und Niels musste ihn umrunden, denn er kam von der falschen Seite. Aber er hatte sowieso eine Ahnung, wer hier lag.

Jacob Ludwig Heckler
17.2.1961 – 6.9.2005
Geliebter Ehemann und Vater

Niels ging in die Knie. “Dad…”, murmelte er, als ihm bewusst wurde, dass er in der ganzen Zeit, die er in New York verbracht hatte, noch nicht ein einziges Mal hier gewesen war. Ausgerechnet jetzt, wo er sich so sehr schämte, der Sohn Jacobs zu sein, wo er sich fühlte wie ein Versager, weil er Emily beinahe in den sicheren Tod geschickt hatte, da brachte Delia ihn hierher? Sie hatte eine sehr seltsame Art von Humor.
Er stellte die Kerze auf dem Grab ab und setzte sich vor den Grabstein. “Hallo Dad. Ich bins. Niels. Dein Sohn. Ich glaube, du hast schon von mir gehört.” Niels zog den Brief seiner Mutter und den Vaterschaftstest aus der Hosentasche. “Steht zumindest hier, dass wir verwandt sind. Naja. Was soll ich sagen…” Er spielte einen Moment gedankenverloren mit den Schriftstücken in seiner Hand, dann steckte er sie wieder ein. Tief seufzend wollte er aufstehen, als er eine Berührung an seiner Schulter spürte. Irritiert fuhr er herum, bereit, sich gegen einen eventuellen Feind zu verteidigen. Immerhin war er auf einem Friedhof.
Doch hinter ihm stand eine ältere Dame, sie lächelte ihn gütig mit einem Großmutter-Lächeln an. “Entschuldigen Sie… ich wollte Sie nicht stören, aber ich habe gehört, wie Sie mit Ihrem Vater gesprochen haben. Ich gestehe, ich bin neugierig, was für eine Sprache war das?” Niels lächelte jetzt zurück und stand auf. Er war einen guten Kopf größer als die Dame, und sollte sie sich doch als etwas anderes als als eine gewöhnliche nette alte Lady entpuppen, war er ihr trotz fast verheilter Verbrennungen immer noch überlegen. “Deutsch. Ich… mein Vater und ich, wir stammen aus Deutschland”, sagte er jetzt. “Oh, das dachte ich mir fast”, meinte sein Gegenüber freudestrahlend. “Sind Sie ausgewandert?” wollte sie dann wissen. Niels überlegte, und seine Gedanken schweiften für einen kurzen Moment ab in Richtung Rabenstein. “Ja. Ja, das könnte man so sagen.”

Wir sind geflohen. Wir sind ihnen entkommen, Dad, und wir haben überlebt. Weil wir stärker waren als sie.

Die Andacht schien kaum begonnen zu haben, da war sie auch schon wieder vorbei, und der Hohepriester machte Niels, Agent Saitou und Aria ein Zeichen, dass es jetzt Zeit war für sie, zu gehen, er würde keine Widerrede dulden. Niels ließ sich nicht lange bitten, er stürzte ins Freie, sein Magen revoltierte angesichts der Ereignisse. Er lief, er rannte, nur weg von dieser Kirche, dann übergab er sich.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter, vorsichtig und beschützend. Als Niels aufsah, bemerkte er, dass Agent Saitou hinter ihm stand, er sah den jungen Mann beunruhigt an. “Alles in Ordnung mit Ihnen?” fragte er besorgt. Niels zog ein Taschentuch aus der Hose und wischte sich das Gesicht ab. “Entschuldigen Sie. Aber das… das war doch zuviel für mich.” Der Agent nickte nur. “Ich kann verstehen, wenn Ihnen das hier alles nahe geht. Es ist auch nicht immer einfach, solchen Gemeinschaften zu entkommen.” Niels lachte verbittert auf. “Naja, Gemeinschaft. Mein Stiefvater und meine Halbbrüder.” Der Agent runzelte die Stirn, dann meinte er: “Ich hoffe, Ihre Familie hat keine Tiere geopfert.” Niels schüttelte den Kopf. “Nein, das Blut war immer nur meins.”

Wehe, du verreckst hier, du Bastard.

Er richtete sich auf und sah Aria und Saitou an. Der Agent schien Anstalten zu machen, ihm noch eine Frage zu stellen, aber Niels wollte nicht mehr über seinen fanatischen Stiefvater sprechen. Es war vorbei, er war in Sicherheit. “Ich hätte gerne etwas zu trinken”, meinte er. Aria nickte und verschwand am Auto, dann kehrte sie mit seiner Wasserflasche zurück, und Niels nahm einen tiefen Schluck.

“Und jetzt?” wollte er dann wissen. Schließlich waren sie nicht hier, um über die Hecklers und seine Kindheit zu sprechen, sondern weil hier etwas Seltsames vor sich ging. In diesem Moment öffnete sich die Tür der Kirche, und die Gemeinde kam in einer Prozession heraus. Sie gingen jedoch nicht zurück zur Siedlung, sondern liefen hinunter zum Flussufer.

Saitou sah zu Niels, und der nickte. Wenn sie wissen wollten, was hier vor sich ging, mussten sie den Leuten zum Fluss folgen. Zu dritt schlichen sie in einigem Abstand hinter der Gemeinde her, die sich jetzt am Ufer sammelte und offensichtlich ein Ritual vorbereitete. Ein Gemeindemitglied reichte dem Hohepriester einen Fisch, der ihn zunächst in die Luft hielt, dann schnitt er das Tier auf und verteilte die Eingeweide auf dem Boden. Währenddessen hatte eine Frau ein Huhn an den Beinen gepackt und ließ es wie ein altertümliches Spielzeug über ihrem Kopf kreisen. Auf den weichen Lehmboden hatten die Leute Zeichen gemalt, die Niels’ geschultes Auge als Schutzzeichen erkannte. Und noch etwas fiel ihm auf: Hier wurde definitiv nichts beschworen, sondern es sollte im Boden bleiben, es sollte nicht erwachen und entkommen.

Es wurde immer dunkler, durch den Halbschatten des Mondes wurde die Szenerie in einen seltsamen Sepiaton getaucht, der in den Augen brannte. “Der Höhepunkt des Rituals wird wohl mit der Sonnenfinsternis zusammenfallen”, flüsterte Niels Aria und dem Agent zu. Er begann zu zittern, aber nicht aus Angst, sondern weil er spürte, wie sich ETWAS im Boden bewegte. Es war selten, dass er solche Schwingungen wahrnahm, aber Gustav hatte ihm beigebracht, sich solchen Dingen nicht zu verschließen.
Aria jedoch schien wirklich Angst zu haben, unruhig sah sie von Niels zu Saitou, ihre Fäuste geballt in ihren übergroßen Pulloverärmeln versteckt. Aus einem Impuls heraus streckte Niels seinen Arm aus und zog das Mädchen an sich, das sein Gesicht an seiner Schulter verbarg. Er hielt sie fest, bis das Ritual vollendet war und die Gemeinde sich wieder auf den Weg zurück ins Dorf machte.

“Bist du ok?” Aria nickte, und Niels löste ihre Umarmung vorsichtig auf. Er musste etwas überprüfen, während das Mädchen und Saitou weiterhin in der Böschung warteten. Die merkwürdigen Schwingungen, die er während des Rituals gespürt hatte, er wollte unbedingt wissen, was das gewesen war.

Niels umrundete die Schutzzeichen, mit Bedacht, damit er keins zerstörte. Etwas war hier, da war er sich sicher. Ein Dämon? Oder vielleicht ein Engel? Mit Dämonen kannte er sich nun aus, unbewusst wanderte seine Hand wieder zu seiner Brust, als müsste er sich immer noch vergewissern, dass es den Höllenwesen nicht mehr möglich sein würde, in sein Bewusstsein einzudringen. Engeln war er bisher noch nicht begegnet, aber nach allem, was er wusste, war das auch etwas, das er nicht so schnell ändern wollte. Abgesehen davon, Engel schliefen selten in der Erde. Was aber war es dann, was hier im Boden lag?
Er setzte sich hin und strich vorsichtig über den Boden. Ein wohliges Gefühl überkam ihn. Etwas schlief hier, es war jetzt ruhig und zufrieden, das Ritual hatte dafür gesorgt, dass es nicht im Geringsten das Bedürfnis verspürte, hervorzubrechen und Unheil anzurichten.
Niels blieb noch einige Augenblicke sitzen und ließ die Eindrücke auf sich wirken. Dann stand er wieder auf und ging zu Saitou und Aria zurück, die in der Böschung warteten.

“Das Ritual war nichts Böses. Die Leute wollten dafür sorgen, dass etwas da bleibt, wo es ist, sie wollten es nicht beschwören”, erklärte er ihnen. Saitou nickte, dann machte er sich daran, zu gehen. Niels hielt ihn zurück. “Agent Saitou, ich… ich möchte trotzdem wissen, was hier vor sich geht.” Er machte eine kurze Pause. “Und ich glaube, es ist eine gute Idee, wenn wir nochmal ins Dorf gehen und mit dem Priester reden. Es kann nur in seinem Interesse sein, wenn all das hier” – er machte eine ausschweifende Handbewegung – “vor neugierigen Blicken geschützt wird. Die nächste Sonnenfinsternis kommt bestimmt.”

Während sie miteinander gesprochen hatten, hatte Aria immer wieder ängstlich von einem zum anderen gesehen. “Was, wenn sie gemacht haben, dass die Sonne überhaupt nie wiederkommt?” fragte sie dann, während sie nervös zu Niels sah. “Das ist Aberglaube”, erklärte er ihr im Brustton der Überzeugung. Hundertprozentig sicher war er sich nicht, aber das musste das Mädchen nicht wissen. Und hätte Gustav ihm das nicht beigebracht, wenn es so wäre?
Agent Saitou war jedoch nicht so überzeugt wie Niels. “Bei allem, was ich in letzter Zeit gesehen habe, wer weiß, ob das nicht auch möglich ist”, meinte er, blieb den beiden jungen Leuten allerdings eine Erklärung schuldig, was genau er in letzter Zeit gesehen hatte.

Während sie gewartet hatten, war die Gemeinde wieder in die Kirche gezogen. Aus ihrem Versteck beobachteten Niels, Saitou und Aria, wie sich die Menschen anschließend wieder in ihre Häuser verteilten. Mit einem Nicken verständigten sich die drei darauf, zum Haus des Hohepriesters zu gehen.
Ohne Umschweife klopfte der Agent an die Tür. Der alte Mann öffnete und sah die drei mißtrauisch an. “Was wollen Sie?” fragte er mit scharfem Unterton. “Sir, ich denke, es wäre besser, wenn wir das drinnen besprechen”, antwortete Saitou. Der Priester zögerte einen Moment, aber dann öffnete er die Tür ein Stück weiter und ließ sie eintreten.

Niels überlegte, ob er dem Agent das Reden überlassen sollte, aber da spürte er schon, wie sich sein Mund öffnete und er zu reden begann. “Sie und ich, Sir, wir spielen doch im gleichen Team”, meinte er. “Sie wissen, was ich bin. Wer ich bin. Sie haben meine Bibel gesehen.” Der alte Mann nickte seufzend und setzte sich. “Ich weiß, junger Mann. Aber es gibt leider einige… Mitglieder ihrer Zunft, die das nicht so sehen. Die denken, dass das, was wir hier tun, bekämpft werden muss. Weil es böse ist.” Er sah zu Boden, und für einen Moment war nichts mehr zu sehen von dem mächtigen Hohepriester, der mit seinem Ritual dafür sorgte, dass Was-auch-immer nicht aus seinem Gefängnis entkam. “Sir, Sie können mir vertrauen. Ich weiß, dass Sie und Ihre Gemeinde sich darum kümmern, dass das, was da unten am Fluss schläft, auch weiter schläft.” Niels hoffte, dass er den alten Mann mit seinen Worten erreichte, denn immerhin war er wesentlich jünger, und er hatte den Älteren vorhin rundheraus angelogen. Doch der Priester reagierte nicht auf Niels, sondern wandte sich jetzt wieder an Jon Saitou. “Meine Gemeinde und ich… unsere Gruppierung, wir beschützen überall im Land Stellen wie diese. Sie können es als eine Art Riss betrachten, durch den Dinge in die Welt kommen würden, die Sie sich nicht im Entferntesten ausmalen können.” Niels wollte widersprechen, aber der Agent bedeutete ihm zu schweigen. “Sir, wenn Sie mir die Bemerkung erlauben… Sie und Ihre Gemeinde provozieren durch Ihr Verhalten aber auch ein wenig, dass hier immer wieder Leute auftauchen und wissen wollen, was hier passiert.” Der Priester blickte auf und warf dem Agent einen Blick zu, den Niels nicht deuten konnte. “Nun, Sie leben hier recht zurückgezogen, sind sehr mißtrauisch gegenüber Fremden und führen ein für Außenstehende seltsames Ritual durch. Ich respektiere Ihre Lebensweise, aber vielleicht wäre es eine Idee, dass Sie sich Fremden gegenüber nicht ganz so verschlossen zeigen. Ich kenne Amish-Gemeinden, denen es geholfen hat, dass sie eine Tankstelle oder einen Gasthof in der Nähe ihrer Siedlung errichtet haben”, erläuterte Saitou. Für einen Moment schwieg der Priester, und Niels konnte nicht erkennen, ob er die Worte des FBI-Mannes annahm oder sie gleich aus seinem Haus werfen würde. Dann jedoch holte er tief Luft und stand auf. “Ich danke Ihnen”, sagte er, während er Saitou die Hand reichte, “ich werde darüber nachdenken, was Sie gesagt haben. Ich denke, Sie haben recht, und ich hoffe, wir können eine Lösung finden.” Der Agent nickte nur und schüttelte dem Älteren die Hand, dann wandte er sich zum Gehen. Auch Niels und Aria verabschiedeten sich von dem Priester, gemeinsam gingen alle drei zum Auto des Agents zurück.

Schweigend fuhren sie zurück zum Campingplatz, auf dem immer noch Volksfeststimmung herrschte. Als Niels sich von dem FBI-Agent verabschieden wollte, hielt dieser ihn für einen kurzen Moment zurück. “Mr Heckler, lassen Sie sich von niemandem sagen, wie Sie zu sein haben und wer Sie sein müssen.” Niels verstand erst nicht, aber dann wurde ihm klar, was Saitou meinte. Er hatte ihm, ohne es wirklich zu wollen, durch seine Flashbacks einiges über sich offenbart. “Sir, ich weiß, wer ich bin. Und ich weiß, was ich bin. Mir wurde zwar klargemacht, dass es nicht erwünscht ist, dass ich so bin, wie ich bin, aber ich hatte nur zwei Möglichkeiten: Sterben oder Überleben. Ich habe mich fürs Überleben entschieden.” Damit war das Thema für Niels beendet. Seine Sexualität war nichts, wofür er sich schämen musste, nichts Außergewöhnliches, und er würde sich nicht mehr verstecken. Vor Gustav und Joseph nicht, vor dem Agent nicht und vor niemandem sonst. Als er seine Gewehrtasche schulterte, fiel ihm ein, dass es jetzt knapp ein Jahr her war, dass Coco unbewusst sein Innerstes wieder nach Außen gekehrt hatte, als er Iggy geküsst hatte. Es hatte geschmerzt, sich dem zu stellen, was mit ihm passiert war, aber man sprach schließlich nicht umsonst von Wachstumsschmerz. Mit einem Lächeln ging Niels zu seinem Auto und verstaute seine Waffen, dann ging er zu Jon und Aria, die bereits an einem Stand auf ihn warteten.

View
Heart of Darkness
Of gods and monsters

Yoruba
The heart is pumping for my life
the mind is happy and I
I will love you til the day I die

(Takida – Curly Sue)

“.. Daher freuen wir uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Ihre Teilnahme am Forschungsstipendium “Westafrika – Tradition im Wandel der Zeiten” genehmigt wurde. Wir bitten Sie, in Oxford am Eingangsseminar von Prof. Dr. Alexander Murray teilzunehmen. Sollte dies nicht möglich sein, melden Sie sich….”

Ungläubig starrte ich auf den Brief, der eindeutig das Siegel der Oxford University trug. Warst du das? fragte ich automatisch meinen Mitbewohner, doch der blieb stumm. Tatsächlich wäre das auch nicht seine Handschrift. Wobei, vielleicht wollte er wieder nach Hause. Nichts hatte uns so gut zusammengebracht wie der Besuch des Heiligen Haines, als ich im Herbst in Nigeria gewesen war. Ich hatte zwar gehofft, dass er mich wieder verließ, aber anscheinend wäre das zuviel des Guten gewesen. Später war ich auch gar nicht böse darum gewesen, als wir in Philadelphia die Hexe Coleen gesucht hatten. Nach allem, was Ethan erzählt hatte, hätte mich nur Eshu vor dieser Frau beschützen können, wenn ich es geschafft hätte, ihr näher zu kommen. Ethan… ich musste mich von ihm verabschieden. Während meiner Zeit in Burlington waren wir so etwas wie Freunde geworden, auch wenn ich es Anfang Januar mit meiner Fürsorge für ihn wohl etwas übertrieben hatte. Zumindest war er ziemlich schnell aufgebrochen, als Bart Blackwood und eine junge Frau, die ich nicht kannte, hier aufgetaucht waren. Vielleicht war es an der Zeit, dass ich meine Mitmenschen sich selbst überließ und nicht dauernd versuchte, ihnen zu helfen.

Noch immer sah ich auf den Brief in meiner Hand. Sollte ich annehmen? Der genannte Termin war nicht mehr lange, und es gab einiges zu regeln, wenn ich für ein Jahr in Afrika sein sollte. Ich musste mit Dekan McKinnon sprechen, und mir dann überlegen, was ich mit der Wohnung machte. Sollte ich sie behalten? Wer wusste, ob ich noch einmal hierhin zurückkehren würde. Ich mochte Vermont, ich mochte Amerika, aber die Frage war, ob Amerika in einem Jahr noch einen schwarzen Geisteswissenschaftler aus Nigeria mochte. Aber nur deswegen konnte ich nicht auf diese Chance verzichten. Murray war eine Koryphäe auf seinem Gebiet, und er würde exzellente Leute um sich versammelt haben. Ganz abgesehen davon, dass ich die Ethnologie sträflich vernachlässigt hatte im letzten Jahr.

Fliegen wir nach Hause?
Ja, allerdings. Freust du dich?
Natürlich! Ich sollte dich öfter in ein Flugzeug setzen, wenn ich sie nicht so verabscheuen würde.
Sie bringen dich nach Hause.
Sie sperren mich ein!

Dem hatte ich nichts mehr entgegen zu setzen, denn seit meinem Flug nach Lagos wusste ich, wie sehr der Herr der Wege interessanterweise die Reisemöglichkeit durch die Luft hasste. Er hatte mich in seinem Namen rebellieren lassen, und es war ein Wunder, dass mich die Sky Marshals nicht gleich einkassiert hatten. Bei Fly Emirates hatte ich jedenfalls Flugverbot dank Eshu.

Dieses Mal würde ich allerdings gerne ohne Handschellen ankommen.
Manchmal bist du furchtbar langweilig, Oluwasegun.

Damit konnte ich leben, und ich machte mich daran, meine Sachen zu sortieren. McKinnon hatte sofort Zeit für mich. Er hatte Verständnis für mein Anliegen, auch wenn er nicht begeistert war, dass ich kaum ein halbes Jahr, nachdem ich meine Stelle angetreten hatte, schon wieder kündigte. Mein Vermieter war entspannter, solange jeden Monat die Miete auf seinem Konto landete, konnte ich die Wohnung behalten, er würde sich für mich auch nach einem Untermieter umsehen. Gut, warum nicht, die Möbel in der Wohnung waren sowieso seine, und das einzig wertvolle, das ich besaß – den ibeji – würde ich wohl oder übel an meine Eltern schicken müssen.
Als ich das alles geregelt hatte, ging ich bei Ethan vorbei. Er schien nicht zuhause zu sein, und als ich im Verbindungshaus von Bones Gate nachfragte, sagte man mir, dass er unterwegs sei. Warum hatte ich das wieder nicht mitgekriegt? Achja, weil ich in Cambridge zu einem Symposium gewesen war. Und weil ich eigentlich nichts mehr mit dieser Welt zu tun haben wollte.

Also rief ich ihn an. “Hallo Ethan, hier ist Nelson. Du warst leider nicht zuhause, also auf diesem Weg. Ich fliege übermorgen nach England, und von da aus nach Lagos, für ein Jahr. Also nicht nach Lagos, sondern nach Westafrika. Ich melde mich dann von da aus. Schade, dass wir uns nicht mehr gesehen haben, aber ich vermute, du rettest gerade wieder die Welt. Kann man nichts machen. Ich melde mich, sobald ich angekommen bin. Ich wünsche dir alles Gute!”

Vielleicht ein wenig zuviel des Guten, aber ich hatte diesem Mann doch einiges zu verdanken. Und ich mochte ihn wirklich. Ich dachte an unser Gespräch, kurz nachdem ich überlegt hatte, ob ich meinem Leben ein Ende bereiten sollte. Mit seiner Einladung nach Burlington hatte er mich davor bewahrt, mir Felicitys Hochzeit ansehen zu müssen. Tatsächlich hatte ich seit dem Tag, an dem sie mir die Tür gewiesen hatte, keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, und manchmal ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich hoffte, dass Eshu ihr Hochzeitsgeschenk ausgesucht hatte. Ich wusste von nichts, aber es sähe ihm ähnlich, ihr irgendetwas sehr peinliches zu schicken. Nein, ich musste mit einer Frau, die mit ihren Freunden so umging, nichts mehr zu tun haben. Für mich war sie gestorben, und ich überlegte, ob Wroxley Hall – malerisch gelegen zwischen Nottingham und Manchester im Nichts – wohl die zugige Bruchbude war, die ich mir vorstellte. Mit diesem grimmigen Gedanken buchte ich ein One-Way-Ticket nach London – mit Delta Airlines – und ein Zugticket nach Oxford. Langsam machte sich so etwas wie Vorfreude in mir breit. Endlich wieder Forschungsarbeit leisten, vor Ort mit den Leuten sprechen. In Gedanken formulierte ich bereits die Paper, die ich verfassen konnte, um sie auf Konferenzen vorzustellen. Konferenzen… ich musste Barry und Irene Bescheid sagen, dass ich erst einmal weg war. Sollte ich auch meinen Eltern Bescheid sagen? Meine Mutter redete inzwischen gar nicht mehr mit mir, sie hielt mich für einen Versager, der offensichtlich betrunken in Flugzeugen randalierte und nichts vorzuweisen hatte außer einem Doktortitel in Fächern, von denen sie nichts verstand. In der Hinsicht konnte ich Eshu sogar ein wenig dankbar sein. Mein Vater schrieb mir ab und zu, aber seit ich wusste, dass Daya noch lebte – wo immer sie auch war – fiel es mir schwer, ihm zu vertrauen. Aber mich bei ihm melden musste ich mich doch. Wer wusste, wann ich ihn das nächste Mal sah.

Hallo Ethan,
leider habe ich Dich nicht persönlich angetroffen, also mache ich es auf diesem Weg. Es hat sich für mich kurzfristig eine Möglichkeit ergeben, die ich nicht abschlagen kann. Ich habe ein Forschungsstipendium in Westafrika erhalten. Ein Jahr lang quer durch Togo, Benin und Nigeria. Irgendein anderer Teilnehmer ist wohl abgesprungen, und ich war der erste auf der Nachrückerliste. Das muss ich in der Aufregung im letzten Jahr völlig vergessen haben.
Jedenfalls, es geht jetzt alles ziemlich schnell (Visum brauche ich ja nicht, ich bin immer noch nigerianischer Staatsbürger), und wenn du zurückkommst, bin ich schon in Lagos. Meine Wohnung habe ich untervermietet, und ich denke, wir hören vielleicht ab und an voneinander.
Ich wünsche Dir alles Gute, auch in Bezug auf die Zukunft und dass du das fehlende Puzzleteil findest.

Liebe Grüße,
Nelson

Liebe Irene,
wenn Du das hier liest, bin ich wahrscheinlich schon wieder in Lagos. Diesmal etwas länger, ich habe kurzfristig die Möglichkeit bekommen, an einem Forschungsstipendium teilzunehmen. Ein Jahr lang quer durch Westafrika.
Ich wünsche Dir alles Gute. Grüß Cal von mir.

Gruß,
Nelson

Hallo Barry,
ich möchte mich auf diesem Weg von Dir verabschieden. Ich werde beruflich ein Jahr nach Afrika gehen, und ich weiß noch nicht, ob ich wiederkommen werde. Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute und vielleicht sehen wir uns ja irgendwann mal wieder auf einer Tagung (Ohne Ägyptologen).

Gruß,
Nelson

Zwei Tage später stand ich auf dem Flughafen in New York und ließ die Kontrollen über mich ergehen. Sie waren nicht so streng, wie ich angenommen hatte, aber vermutlich waren die Behörden auch froh über jeden Ausländer, der das Land verließ. Ich war es gewohnt, dass man mich härter kontrollierte, ich hatte eben die Hautfarbe dafür. Spätestens, wenn ich den Sicherheitskräften mit meinem Oxford-Akzent antwortete, waren sie meistens doch relativ kleinlaut. Ich fürchtete mich mehr vor der Einreise nach England, die Nachrichten ließen mich nichts Gutes vermuten.

Wir fliegen nach England? Ich dachte, es geht nach Hause?
Geht es ja auch. Aber zunächst muss ich mich mit den anderen Forschern treffen.
Ich will nicht nach England! Da ist es kalt und nass, und die Leute sehen alle seltsam aus!

Ich seufzte. Ich hatte von dem babalawo gelernt, dass ich am besten damit fuhr, wenn ich Eshu die meiste Zeit wie ein trotziges Kind behandelte, ein uraltes und sehr mächtiges Kind, und ihm ab und an seinen Willen ließ. Dann fiel mein Blick auf die New York Times, deren Titelseite ein Foto des neuen Präsidenten zierte. Ich hatte das trotzige Kind zum Glück nur in meinem Kopf, in Amerika führte es den ganzen Staat. Und ich hielt Eshu trotz allem sogar für den Fähigeren von beiden.

Beim Check-In fiel mir eine rothaarige Frau auf, die etwa in meinem Alter war. Irgendetwas an ihr erregte meine Aufmerksamkeit, und es war nicht nur die Tatsache, dass sie umwerfend gut aussah. Sie lächelte der Angestellten der Fluglinie zu und sagte etwas, doch ich verstand sie nicht. Ob es möglich war, mit ihr ins Gespräch zu kommen? Aber was sollte ich sagen? In Sachen Frauen war ich eine absolute Niete, seit Felicity war mein Liebesleben so öde wie die Vorstädte von Detroit. Ich beschloss also, meinem Glück nicht auf die Sprünge zu helfen, reichte der netten Dame von Delta meine Bordkarte und hoffte, dass Eshu in den nächsten acht Stunden ruhig blieb.

Verdient hättest du es, Oluwasegun. Du hast mir gesagt, dass wir nach Hause fliegen. Ich hasse England!
Das tut mir ganz furchtbar leid für dich.

Tatsächlich hatte ich schreckliche Angst, dass etwas passierte. Immerhin war er ein Orisha, ein Gott, ein Wesen, das ich in seiner Gänze immer noch nicht begriff. Doch wenn er etwas angestellt hatte, ich bekam es nicht mit, ich schlief die meiste Zeit oder las in dem Buch, das Murray als Literatur für das morgige Seminar angegeben hatte. Trotzdem glaubte ich, dass die Stewardess mich ein wenig ängstlich ansah, als ich das Flugzeug verließ. Aber vielleicht war das auch nur meine Paranoia, die ich langsam entwickelte, wenn mein Mitbewohner zugegen war.

Ich nahm die U-Bahn in die Stadt und überlegte kurz, ob ich einen Tag hierbleiben sollte. Die Lichter des Piccadilly Circus blendeten mich, das Stimmgewirr und der Lärm der Straßen erfüllte mich mit einem seltsamen Hochgefühl. Vielleicht konnte ich nach Soho, und dort in einen Club…

Hör auf damit!
Was?
Wir haben keine Zeit für deine Vergnügungen!
Ich kann sie mir einfach nehmen, das weißt du.
Wenn ich im Gefängnis sitze oder Schlimmeres, hast du auch nichts davon.
Du bist so ekelhaft pragmatisch, Oluwasegun.

Marylebone Station war wie jeder Bahnhof in London voller Menschen, dennoch bemerkte ich, dass die rothaarige Frau aus dem Flugzeug ebenfalls auf dem Bahnsteig stand. Wartete sie etwa auch auf den Zug nach Oxford? Bevor ich weiter überlegen konnte, fuhr der Zug der Oxford to Bicester Line ein, und im Gewirr der einsteigenden und aussteigenden Fahrgäste verlor ich sie aus den Augen.

Ich suchte mir einen Sitzplatz und wollte gerade mein Gepäck in der Ablage verstauen, als ich hinter mir eine weibliche Stimme hörte. “Verzeihen Sie, ist der Platz hier noch frei?” Amerikanischer Akzent, Ostküste. Ich drehte mich um und sah genau in die smaragdgrünen Augen der Rothaarigen. “Äh… ja. Natürlich. Setzen Sie sich doch.” Sie lächelte, wobei sie eine Reihe makelloser weißer Zähne entblößte. Dann schien sie mich eingehend zu mustern. “Ich kenne Sie irgendwoher”, meinte sie dann nachdenklich, nachdem ich mich gesetzt hatte.

Was hast du gemacht?
Ich bin völlig unschuldig! Wirklich!

“Sind Sie nicht Dr. Akintola?” fragte sie mich plötzlich, nachdem sie ihre Musterung meiner Person beendet hatte. “In der Tat. Nelson Akintola.” Meine Güte, was war passiert, dass mich inzwischen Leute in der Öffentlichkeit ansprachen? War ich wieder auf Youtube gelandet? Sie lächelte. “Ich habe Ihre Sendung gesehen”, erklärte sie. Oh mein Gott. Ich hatte gehofft, dass mich niemals mehr jemand auf “Doctor Africa” ansprach, eine Sendung, die ich für einen Sender an der Westküste gemacht hatte und die es irgendwie ins Kabelfernsehen geschafft hatte. Anscheinend hatte irgendjemand es für eine gute Idee gehalten, einen Schwarzen mit britischem Akzent vor die Kamera zu stellen und Kindern zu erklären, was es mit dem schwarzen Kontinent auf sich hatte, und irgendwie war diese Rolle mir zugefallen. Ich hasste die Sendung inzwischen aus tiefstem Herzen, weil ich unter anderem nur mit massiven Drohungen hatte verhindern können, dass die Kostümbildnerin mich in einen Xhosa-Umhang steckte. Meine Ablehnung hatte sie beleidigt mit einem “Ach, da gibt es Unterschiede?” quittiert. “Doctor Africa” war mir peinlicher als jedes Youtube-Video, das von mir existieren mochte.
“Und Sie wollen sich trotzdem noch mit mir unterhalten?” rutschte mir jetzt gegenüber der Rothaarigen raus. Sie lachte, ein glöckchenhelles, mädchenhaftes Lachen, das in mir den Wunsch weckte, sie häufiger zum Lachen zu bringen, nur um diesen Klang zu hören. “Natürlich. Ich bin allerdings auch eine große Bewunderin Ihrer akademischen Arbeiten.” Sie strich sich eine Strähne ihrer kupferfarbenen Haare aus ihrem Gesicht, das sich durch eine ebenmäßige vornehme Blässe auszeichnete. Sie war definitiv eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen hatte. “Oh, verzeihen Sie, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Dr. Celeste Hamilton, Geschichte und Philosophie, Schwerpunkt afrikanisches Mittelalter, University of Yale.” Sie reichte mir die Hand, und ich schüttelte sie ein wenig verlegen. Jetzt war ich mir sicher, dass ich ihr niemals das Wasser würde reichen können. Schön und klug. Vergiss es, solche Frauen stehen nicht auf nervöse Geisteswissenschaftler, in deren Kopf sich ein gottähnliches Wesen breitgemacht hat.
“Fahren Sie etwa auch nach Oxford?” wollte sie jetzt wissen. Ich nickte nur. “Oh mein Gott, Sie sind auch der Forschungsreise von Murray zugeteilt? Ich auch!” Sie wirkte jetzt wie ein Teenie-Mädchen, das entdeckt, dass ihr Lieblings-Popstar in ihrer Heimatstadt ein Konzert gibt. “Ja, ich wurde kurzfristig nachnominiert”, erklärte ich. “Dann habe ich ja wirklich Glück gehabt. Ich habe Ihren Aufsatz über die Zusammenhänge zwischen der Kultur der Yoruba und dem Engelsglauben der katholischen Kirche im letzten Jahr gelesen. Sehr interessant, und sehr lebendig geschrieben.” Ich seufzte kurz. Kunststück, wenn man es mit drei Engeln und einem Orisha zu tun gehabt hatte.
Sie wirkte jetzt wieder ernst, während sie mit mir meinen Aufsatz diskutierte, den ich für ein ethnologisches Fachblatt verfasst hatte. Damit befand ich mich auf sicherem Terrain und konnte nicht viel falsch machen. Offensichtlich sah sie das auch so, denn als der Zug eineinviertel Stunde auf dem Bahnhof in Oxford einfuhr, lächelte sie immer noch. “Sie müssen mir unbedingt mehr erzählen”, erklärte sie, als wir vor dem Bahnhofsgebäude auf ein Taxi warteten. “Gerne”, antwortete ich, “wir sehen uns ja morgen im Seminar.” Sie machte ein erstauntes Gesicht. “Oh, ich dachte mehr an ein gemütlicheres Ambiente. Sie sind doch Brite, oder? Zeigen Sie mir einen dieser Tea Rooms, von denen ich schon soviel gehört habe.” “Sehr gerne. Aber ich bin kein Brite, ich bin eigentlich Nigerianer”, antwortete ich und dann dämmerte es mir. Fragte sie mich gerade allen Ernstes nach einem Date? “Nigerianer? Umso besser. Dann bekomme ich gleich noch eine Einweisung in die Landeskunde aus erster Hand.” Sie streckte mir die Hand zum Abschied hin und machte sich dann daran, ihr Gepäck in das erste ankommende Taxi zu verladen. Bevor sie einstieg, hielt sie noch einmal inne. “Ich wohne übrigens im Burlington House. Und ich erwarte Sie morgen um 17 Uhr zum Tee.” Dann schloss sie die Tür und ich sah dem abfahrenden Taxi nach. Ich hatte also tatsächlich ein Date mit Dr. Celeste Hamilton.

Mit einem Hochgefühl erwachte ich am nächsten Morgen. Lag es an der Aussicht auf einen 5 o’ Clock Tea mit Dr. Hamilton, die ich äußerst sympathisch fand? Oder weil ich wieder in England war? Oder es war einfach der Jetlag, und ich war eigentlich vollkommen übermüdet. Nach dem Frühstück machte ich mich auf zum Magdalen College, wo Professor Murray das Eingangsseminar abhielt. Eine ganze Woche lang würden wir von früh bis spät über die Forschungsschwerpunkte sprechen. Meine Kollegen waren im Gegensatz zu mir wahrscheinlich alle bestens vorbereitet und hatten bereits dutzende Paper in der Tasche, während ich noch nicht einmal wusste, wer alles mitfahren würde – wenn man von Murray und Dr. Hamilton absah.

Professor Alexander Murray war ein kleiner dicklicher Schotte, dessen rotblonde Haare in einem wirren Kranz von seinem ansonsten kahlen Schädel abstanden. Er schnaufte und schien trotz des Winterwetters zu schwitzen, und ich fragte mich für einen Moment, ob das nigerianische Klima wirklich das richtige für ihn war. Er begrüßte mich mit einem breiten Highland-Akzent, und ich war für einen Moment froh, dass in meinem Namen kein ‘r’ vorkam. “Das ist gut, dass Sie bei uns sind, Dr. Akintola”, erklärte er mir dann. “Sie sprechen doch Yoruba?” “Das, und Igbo, Hausa, Arabisch, Edo, Französisch… Ich kann Ihnen auch auf Deutsch ein Taxi rufen.” Das hatte ich von Felicity gelernt, als wir mal überlegt hatten, ob wir einen Abstecher in die Heimat ihres Vaters machen sollten. Leider war nie etwas aus der Reise geworden. Damals hatte ich das sehr bedauert, jetzt war das für mich nur eine nette Anekdote aus einem früheren Leben. War ich endlich über sie hinweg?
“Oh, da sind Sie ja! Ich hatte schon Sorge, dass Sie nicht kommen.” Celeste Hamilton stand in der Tür und strahlte mich fröhlich an. “Sie kennen sich?” wollte Professor Murray wissen, offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet. “Ja, wir sind uns gestern im Zug begegnet. Ich habe bereits mit Dr. Akintola über seinen hervorragenden Aufsatz aus der letzten Social Anthropology gesprochen.” Sie machte eine Pause, dann zwinkerte sie mir zu. “Ich werde heute abend schon eine kurze Einführung in die Landeskunde bekommen.” Murray holte ein Taschentuch aus der Jacke und tupfte sich die Stirn, und ich konnte ihn verstehen, mir wurde auch gerade ziemlich warm. Flirtete sie etwa mit mir? Sie zwinkerte noch einmal und lächelte kokett, dann macht sie auf dem Absatz kehrt und verschwand wieder im Seminarraum. Kein Wunder, dass Felicity nur noch ein müdes Schulterzucken bei mir auslöste. Meine Gedanken waren längst auf dem Weg zu einer Anderen.

Neben Professor Murray, Dr. Hamilton und mir bestand die Gruppe noch aus vier weiteren Akademikern: Dem Linguisten Dennis Welsh, den Anthropologen Max und Ruth Kearney sowie dem Theologen und Archäologen Raymond Vigier von der Sorbonne.
Dr. Welsh war ein junger Mann, der gerade seinen Doktor gemacht hatte und als Postdoc über die Yoruba-Sprache forschen wollte. Er war sehr jung und sehr hip, und ich hatte den Eindruck, einer selbstsicheren Variante von Felicitys Cousin gegenüberzusitzen. Neben Welsh saß das Ehepaar Kearney, beide Experten auf ihrem Gebiet. Die Kearneys sahen aus wie das fleischgewordene Britenklischee, sie wirkten trocken und humorlos. Zumindest von Max wusste ich, dass der Eindruck täuschte, ich hatte einige Vorlesungen bei ihm besucht. Er war brillant, mit einem trockenen schwarzen Humor und einem Sarkasmus ausgestattet, der schon so manche Studentin zum Weinen gebracht hatte. Seine Frau kannte ich nicht, aber da sie es mehrere Jahre mit einem Mann wie Max ausgehalten hatte, schätzte ich sie ähnlich ein.
Jean-Raymond Vigier war ein schweigsamer Mann mit dunklem Bart und stechend blauen Augen, er wirkte sehr vergeistigt. Tatsächlich konnte ich nicht herausfinden, ob sein Schweigen seinem Akzent geschuldet war – er sprach diese grauenvolle Mischung aus Englisch und Französisch, die selbst gebildeten Franzosen so eigen ist – oder ob das einfach seine Art war. Ein wenig erinnerte er mich an Barry, aber den Indianer hatte ich nach unserem Erlebnis auf der Konferenz und dem Gespräch in Camden Town sympathisch gefunden, ob Vigier das Gleiche gelang, wagte ich zu bezweifeln.

Es war eine spannende Runde an diesem Tag, und ich stellte schnell fest, dass Dr.Dr. Ruth Kearney ihrem Mann in nichts nachstand. Sie erinnerte mich ein wenig an Irene, auch wenn sie nicht so jung und so hübsch war. Dennis Welsh war mir auf Anhieb unsympathisch, und das lag nicht nur an seiner Ähnlichkeit mit Niels Heckler. Er war schrecklich von sich überzeugt und außerdem der Meinung, dass jedes weibliche Wesen seinem Charme erliegen müsse. Mit einem leichten Anflug von Eifersucht nahm ich wahr, dass er es in einer Pause im Speisesaal des Colleges auch bei Celeste versuchte, doch die lächelte nur, und der junge Mann zog von dannen. Dafür hatte sich eine der Studentinnen, die uns begleiten würden, scheinbar sofort in ihn verguckt, seufzend sah sie ihm nach, und ich schüttelte nur den Kopf. “Nicht aufregen”, meinte Celeste Hamilton auf einmal neben mir, “er ist so jung und so schön.” Sie nahm einen Schluck Irn Bru und betrachtete dabei Welsh, der sich in der Bewunderung der jungen Frau sonnte, aber gleichzeitig weiter mit Dr. Hamilton flirten wollte. “Und so gar nicht mein Fall.” Mit diesen Worten lächelte sie mir zu und verließ den Speisesaal, und ich stellte fest, dass ich mir nichts mehr wünschte, als dass es bereits 17 Uhr war.

Nach quälend langen vier Stunden war es dann endlich soweit. Wie ein aufgeregter Teenager vor seiner ersten Tanzparty stand ich vor dem Burlington House, einem winzigen Hotel am anderen Ende der Stadt. Ich hatte den Taxifahrer gebeten zu warten, obwohl ich etwas Angst hatte, dass er das umsonst tat und Celeste Hamilton es sich anders überlegt hatte. Aber das hatte sie nicht, pünktlich kam sie aus dem Hotel und lächelte mir zu, als ich ihr die Wagentür aufhielt. “Vielleicht steht in Ihrem Pass, dass Sie Nigerianer sind, aber ich finde, Sie benehmen sich durchaus wie ein britischer Gentleman,” erklärte sie mir. “Vielen Dank für die Blumen”, entgegnete ich, und ich hoffte, dass sie nicht merkte, wie nervös ich war. “Wohin fahren wir?” wollte sie dann wissen. “The Rose Tea Room. In der Nähe der Bodleiana.” Sie zog eine Augenbraue hoch. “Ich habe noch nicht viel von der Stadt gesehen. Ihnen ist klar, dass wir anschließend einen Verdauungsspaziergang machen müssen?” War mir das klar? Natürlich war mir das klar! Mit dieser Frau würde ich auch den Mount Everest besteigen, wenn sie das wollte. Ich nickte nur, und den Rest der kurzen Fahrt verbrachten wir schweigend.

“The Rose” war die perfekte Mischung aus klassischem Tea Room und modernem Restaurant, und mit den nötigen Connections konnte man hier auch kurzfristig einen entsprechenden Tisch bekommen. Ich wollte mich gerne ungestört mit Celeste Hamilton unterhalten, daher hatte ich um einen Eckplatz in der Nähe der Fenster gebeten. Es hatte mich drei Anrufe bei ehemaligen Studienkollegen gekostet, diesen Platz zu bekommen, und ich hoffte, dass es die Mühe wert war. Immerhin hatte ich jetzt zwei Einladungen zum Golf und eine zum Angeln sowie die Bitte, einer 14jährigen und ihrer Mutter Vermont zu zeigen, inklusive amerikanischer Shopping Malls.

“Schön hier”, meinte Dr. Hamilton, nachdem sie Platz genommen hatte. “Haben Sie hier studiert?” “Auch. Und in Cambridge”, antwortete ich. “Wenn Sie mir jetzt noch sagen, dass Sie in Eton waren, glaube ich Ihnen das mit dem Nigerianer nicht mehr”, erklärte sie mir und lachte dabei ihr Glöckchen-Lachen. “Schuldig im Sinne der Anklage, Abschlussjahrgang 2000. Möchten Sie jetzt meinen Pass sehen?” fragte ich sie. Lächelnd schüttelte sie den Kopf und machte eine gespielt ablehnende Handbewegung. “Später vielleicht, Nelson.” Sie machte eine Pause, und mir war nicht entgangen, dass sie schon zur vertrauteren Anrede übergegangen war. Sicher, es war in Amerika sehr viel üblicher, sich mit dem Vornamen anzusprechen, aber nicht unbedingt nach einem Tag. “Waren Sie denn noch nie in England, Dr. Hamilton?” Verflucht, ich war zu verkrampft, es gelang mir nicht, mit ihr gleich zu ziehen. “Celeste”, sagte sie jetzt und hielt mir die Hand hin. Ich ergriff sie überrascht. “Nelson. Oder Oluwasegun, wie Sie mögen… wie Du magst.” Sie betrachtete mich eingehend. “Oluwasegun. Das gefällt mir. Was bedeutet das?” “‘Gott ist siegreich’”, antwortete ich, und zum ersten Mal wurde mir die Ironie meines Yoruba-Namens bewusst. “Interessant. Darf ich dich dann so nennen?” Ich zögerte. Niemand außer meiner Großmutter und meinem… Mitbewohner hatte mich bisher so genannt, selbst für meinen traditionsbewussten Vater war ich immer “Nelson” gewesen. Felicity dagegen hatte es stets vorgezogen, mich Akintola zu nennen – ich wusste bis heute nicht, warum. Aber sie nannte ihren eigenen Cousin ja auch “Heckler”. Vielleicht war das irgendwas Deutsches. Und Celeste Hamilton war nicht Felicity Heckler. “Aber gerne doch”, hörte ich mich sagen, und es fühlte sich erstaunlich gut für mich an. Ungewohnt, aber doch gut.
Wir unterhielten uns über alles Mögliche, ich erfuhr, dass sie bereits einmal verheiratet gewesen war – mit einem Mann, der, wie sie mir kichernd gestand, ein Typ wie Dr. Welsh gewesen war – während ich ihr erzählte, dass ich Seattle wegen einer Frau verlassen hatte. Ich sah, wie sie meine rechte Hand in Augenschein nahm, aber ich konnte an ihrem Gesicht nicht ausmachen, ob sie die Erkenntnis, dass sich daran kein Ehering befand, erleichterte. Von unseren Reisegefährten hatten wir beide weitestgehend den gleichen Eindruck, auch Celeste hatte sich gefragt, ob Murray wohl den Strapazen des afrikanischen Hochlandes gewachsen war. Der Theologe Vigier kam uns beiden seltsam vor, aber seit meinem Erlebnis mit den Engeln hielt ich mich sowieso fern von allem, was nur entfernt nach Kirche oder Christentum roch. Celeste fand es dafür sehr spannend, dass ich als getaufter Anglikaner weiter am Yoruba-Glauben festhielt, als Philosophin hatte sie sich natürlich auch damit beschäftigt. Ich fand es sehr angenehm, mich mit jemandem darüber zu unterhalten, der nicht der Meinung war, dass wir Yoruba alle Voodoo praktizierten und Leute verhexten. Tatsächlich hatte ich von Voodoo kaum Ahnung, da wusste sogar mein Kollege Bart Blackwood mehr.
Als wir wieder auf persönlichere Dinge zu sprechen kamen, überraschte Celeste mich. Sie fragte mich nach Geschwistern, was ich wahrheitsgemäß mit “eine Schwester” beantwortete. “Ich habe einen Bruder, Cornelius. Wir sind Zwillinge.” Beinahe hätte ich mich an meinem Tee verschluckt. “Nicht wirklich, oder?” entfuhr es mir, und sie sah mich irritiert an. Ich antwortete nicht, sondern zog ein Foto aus meiner Brieftasche. Es war zerknittert und angestoßen, aber seit diesem Abend in Seattle trug ich es immer mit mir herum. Ich musste nicht auf das Bild gucken, ich wusste, was darauf zu sehen war: Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen, beide festlich herausgeputzt, an ihrem vierten Geburtstag. Daya hielt meine Hand und lächelte mit hervor gerecktem Kinn offensiv in die Kamera, während ich mich etwas zurückhielt. Ich war zwar der ältere von uns beiden, aber Daya die abenteuerlustigere. Ich dachte kurz an das vergangene Jahr, Daya wäre nicht ängstlich vor dem Piper davongelaufen oder hätte sich betrunken im Angesicht der Apokalypse.
Celeste nahm das Bild in die Hand und sah mich lächelnd an. “Dann sind wir also beide die Hälfte von jemand anderem. Aber bei einem Yoruba war das auch durchaus zu erwarten.” Dann merkte sie, dass ich das Bild in meiner Hand ansah, und sie griff nach meiner Hand. Ihre Berührung holte mich wieder in die Gegenwart zurück. “Sie ist nicht mehr hier, oder?” wollte sie wissen, und ich schüttelte den Kopf. “Das tut mir leid.” “Es ist dreißig Jahre her, und sie fehlt mir immer noch, jeden Tag.” Celeste sah mich an, offensichtlich war ihr das Thema jetzt etwas peinlich, dabei hatte ich ja die Sprache auf Daya gebracht. “Vielleicht sollten wir die Örtlichkeit wechseln?” meinte sie dann, um mich auf andere Gedanken zu bringen. “Wolltest Du nicht sowieso noch Oxford sehen?” fragte ich zurück, und sie nickte. Also zahlte ich, und wir verließen den Tea Room.

Das Wetter war unfassbar britisch, es war dunkel, winterlich kalt und regnete Bindfäden, doch Celeste Hamilton schien das nichts auszumachen. Irgendwoher zauberte sie einen Regenschirm hervor, den sie mit einer Hand festhielt, und mit der freien Hand hakte sie mich bei mir unter. Ich hielt sie auf. “Du wirst mir das mit dem Nigerianer einmal mehr nicht glauben, aber den Schirm halte ich.” Sie lachte, gab mir aber den Schirm. “Gegen britische Gentlemen hat die Emanzipation keine Chance”, meinte sie, “wenn das meine Mutter wüsste.” Wie ich eben auch erfahren hatte, war Celestes Mutter Adalynn Hamilton Autorin mehrerer Bücher über die Rolle der Frau in den Neuengland-Staaten und außerdem eine bekannte Frauenrechtlerin. Die Hamiltons waren nicht nur eine sehr alte, sondern auch sehr gebildete Familie, ihr Bruder war Professor für Jura und Rechtsgeschichte in Harvard. “So ein kluger Mann und so ein staubtrockenes Zeug”, hatte sie gesagt und gelacht.
“Das werde ich ihr als These für ihr nächstes Buch schreiben”, erklärte sie dann, während sie sich wieder bei mir unterhakte, den Mantelkragen hochgeklappt. “Ist dir kalt?” fragte ich, und sie nickte. Dann jedoch bekam sie große Augen. “Nein, du wirst nicht deinen Mantel ausziehen, Oluwasegun. Ich fürchte, wenn ich das annehme, steht Mom morgen vor meiner Tür und schimpft mit mir.” Jetzt war es an mir zu lachen, aber tatsächlich hatte ich für einen Moment darüber nachgedacht, ihr meinen Mantel zu reichen. “Dann fürchte ich, musst du frieren, im Namen der Frauen von Neu-England”, antwortete ich mit einem Grinsen. “Männer”, meinte sie nur, aber an ihrem Gesichtsausdruck erkannte ich, dass sie das alles überhaupt nicht ernst meinte. Ich merkte, dass ich diese Kabbelei durchaus genoss, und ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich das das letzte Mal gemacht hatte. Im College? Mit Felicity? Es wollte mir beim besten Willen nicht wieder einfallen, denn im Moment zählte nur die Gegenwart.

Wir gingen an der Radcliffe Camera vorbei, und auch zur Bodleian Library, die sie mit vielen “Ooohs” und “Aaahs” bewunderte und mich dann fragte, ob ich denn auch mal Harry Potter begegnet war. Ich schüttelte den Kopf, Zauberlehrlinge gehörten zum Glück nicht zu den übernatürlichen Wesen, deren Bekanntschaft ich bisher machen durfte, oder die in meinem Kopf eingezogen waren.

Du bist so unglaublich ruhig, das macht mir ein wenig Angst.
Ich genieße gerade die Aussicht, Oluwasegun. Sie ist wunderschön.
Du tust was?
Genau. Ich harre der Dinge, die da kommen werden. Und sag mir nicht, dass du nicht auch schon daran gedacht hast.
Nein!
Oluwasegun… Das mit dem Interpretieren der Wahrheit solltest du wirklich weiterhin mir überlassen. Du bist immer noch miserabel darin.

Wir betrachteten noch das Christ Church College und das Merton College von außen, doch schließlich mussten wir uns Regen und Winter geschlagen geben. Eine Erkältung konnte keiner von uns jetzt brauchen. Ich rief ein Taxi und begleitete Celeste noch zum Burlington House Hotel, was sie zu einer weiteren spöttischen, aber wohl gemeinten Bemerkung über Gentlemen veranlasste.
Vor der Hoteltür wollte ich mich von ihr verabschieden, langsam spürte ich den Jetlag wieder, und ich wollte doch ins Bett. Sie sah mich lange an aus ihren smaragdgrünen Augen. “Vielen Dank für den schönen Abend, Oluwasegun”, meinte sie, dann beugte sie sich vor und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. “Wir sehen uns morgen.” Mit diesen Worten verschwand sie durch die Tür des Burlington House, und ich sah ihr nach. Wie nannten die Amerikaner das? First Base? Und gab es da nicht so eine Art Regel mit drei Dates… ? Oh Gott, was geschah hier gerade? Bahnte sich da wirklich etwas mit Celeste Hamilton an? Nicht, dass ich es nicht begrüßt hätte, aber es war absolut nichts alltägliches für mich. Hatte ich mich im letzten Jahr so sehr verändert, dass ich auf einmal ganz anders auf meine Mitmenschen wirkte?
In diesem Moment hupte der Taxifahrer. “Sir, die Uhr läuft!” Nein, ich war immer noch derselbe, etwas weltfremde Nelson, der vergaß, dass ein missgelaunter Pakistani mit laufendem Motor auf ihn wartete, während er einer schönen Frau nachsah. Aber anscheinend gab es da draußen Menschen, denen genau das gefiel.

Die nächsten Tagen vergingen wie im Flug, was nicht nur an der Gesellschaft von Celeste Hamilton lag. Tagsüber wurde unsere Reiseroute festgelegt, Themen für Paper gesammelt und die letzten organisatorischen Kleinigkeiten geklärt. Abends ging ich mit Celeste aus und zeigte ihr Oxford, und einmal gesellte sich auch mein ehemaliger Kommilitone Griffiths zu uns, mit dem ich noch immer gut befreundet war. Als Celeste sich kurz entschuldigte, weil sie sich “die Nase pudern musste”, fragte er mich, wie lange Celeste und ich denn schon zusammen seien und warum ich ihm nichts davon erzählt hatte. Als ich ihm erklärte, dass sie lediglich eine Kollegin war, lachte er nur. “Wenn das nur eine Kollegin ist, mein lieber Nelson, dann bin ich der Premierminister.” “Griff… “, begann ich, “da ist nichts, wir sind wirklich nur gute Freunde.” Griffiths lachte. “Ja, das kenne ich. Meine gute Freundin und ich sind seit bald fünf Jahren verheiratet.” Er klopfte mir auf die Schulter, als Celeste zurück an den Tisch kam. Ich lenkte das Gespräch schnell auf Unverfänglicheres – sogar der Brexit schien mir ein leichteres Thema zu sein als meine Beziehung zu Celeste. Ich wollte nicht darüber nachdenken, natürlich mochte ich sie, aber ich hatte Angst. Ich war zu oft enttäuscht worden. Aber dann lächelte sie mir zu und sagte etwas zu Griff, und sein Blick in meine Richtung sagte mehr als tausend Worte. Vielleicht sollte ich den Dingen einfach ihren Lauf lassen.

Am Abend vor dem Abflug lud ich Celeste noch einmal zum Essen ein. Kurzzeitig dachte ich wieder an die Regel mit den drei Dates, aber die hatten wir definitiv schon hinter uns. Bisher war nichts passiert, sie hatte nichts gesagt, und ich wollte das, was da zwischen uns gerade entstand, nicht durch eine unüberlegte Bemerkung wieder kaputt machen.
Wir unterhielten uns über den morgigen Flug – zum Glück ging er mit British Airways, so dass ich nicht in die Verlegenheit kam, ihr oder jemandem anderen erklären zu müssen, warum ich bei Fly Emirates Flugverbot hatte – und einige andere Dinge, doch ich hatte den Eindruck, dass sie nicht ganz bei der Sache war. Würde ich gleich zu hören bekommen, dass ich zwar ein unglaublich netter Typ war, aber sie überhaupt keine Gefühle für mich hatte, und die ganze Sache nur ein Ausrutscher gewesen war? Als der Kellner kam, um uns zu fragen, ob wir noch ein Dessert wollten, lehnte sie ab, ließ sich jedoch noch Wein nachschenken. Musste sie sich Mut antrinken, um mich abzuservieren?
Der Kellner verschwand wieder lautlos in einer Ecke, und sie sah mich lächelnd über den Rand des Glases an. “Vielleicht sollten wir woanders hingehen”, meinte sie dann. “Bitte?” Ich war mir nicht sicher, ob ich sie richtig verstand, aber nach abservieren klang das definitiv nicht. Im Gegenteil. “Nun, nur Du und ich und eine Flasche Wein. Noch sind wir ja in Gefilden, wo wir das können und dürfen.” Sie lachte und winkte den Kellner. Celeste Hamilton war keine Frau, die lange fackelte. Für einen kurzen Moment jedoch dachte ich daran, was das letzte Mal mit Alkohol und einer schönen Frau passiert war.

Oluwasegun. Das hier ist echt. Das ist nicht Doktor Liz.
Danke für den Hinweis, das weiß ich selbst.
Warum überlegst du dann? Es gibt kein Aber, Oluwasegun. Wir waren zu lange allein.
Das heißt, du willst…?
Bitte. Nur ein einziges Mal, sie wird es nicht mal bemerken. Oh, und du wirst gleich eine Überraschung erleben.

Bevor ich weiter fragen konnte, war die Präsenz in meinem Kopf wieder verschwunden. Dafür kehrte der Kellner mit einem Karton zurück, den er Celeste in die Hand drückte. Eilig zahlte ich, dann holte ich unsere Mäntel und führte Celeste zum Ausgang. “Zu dir oder zu mir?” fragte sie, als wir vor dem Restaurant standen und zwinkerte verschwörerisch. Dann lachte sie wieder ihr Glöckchen-Lachen. “Oh, das wollte ich schon immer mal sagen.” Sie sah mich herausfordernd an. “Also? Wo gehen wir hin?” Sie lächelte, und ihr Lächeln ging mir durch und durch. Ich wollte diese Frau, am liebsten hier und jetzt. “Zu… mir?” schlug ich vor, und kaum hatte ich ausgesprochen, da hatte sie schon ihr Handy gezückt und ein Taxi bestellt.

Es war die längste Taxifahrt meines Lebens, während ich neben Celeste auf der Rückbank saß, und ich überlegte ernsthaft, ob es eine Möglichkeit gab, diese Fahrt zu beschleunigen oder es sofort zu tun. Waren das meine Gedanken? Über sowas hätte ich doch vor einem halben Jahr nicht mal ernsthaft nachgedacht. Aber mein Zimmer schien mir die bessere Wahl zu sein. Zumindest, wenn wir nicht erwischt werden wollten.

Ich schloß die Tür auf, und bedeutete Celeste mit einer gespielten Verbeugung, einzutreten. Sie betrat das Zimmer und warf ihre Pumps augenblicklich in eine Ecke, dann kam sie mit der Weinflasche in der Hand auf mich zu. Mit der freien Hand fuhr sie meine Brust über den Stoff meines Hemdes hinauf zu meinem Kragen. “Trinken wir die jetzt oder hinterher?” Bevor ich auch nur “Hinterher” sagen konnte, hatte sie sich auf die Zehenspitzen gestellt und küsste mich, lange und leidenschaftlich. Ich erwiderte den Kuss und drückte sie fest an mich, doch dann löste ich mich wieder von ihr. “Was?” fragte sie, ihr Atem ging schneller. “Willst du da stehenbleiben?” wollte ich wissen, nahm ihr die Flasche aus der Hand und führte sie sanft in Richtung Bett. Sie setzte sich, und ich nahm neben ihr Platz. Bevor ich noch irgendetwas weiter sagen konnte, küsste sie mich ein zweites Mal, während ihre schlanken weißen Finger mein Hemd öffneten. Ich lehnte mich zurück und ließ sie gewähren, ihre Hände auf meiner Haut fühlten sich warm und vertraut an. Wie hatte ich das vermisst. War das wirklich schon so lange her?

Jetzt gesellten sich ihre Lippen zu ihren Fingern, und ich konnte mich nicht mehr länger zurückhalten, ein Stöhnen entrang sich meiner Kehle. Wenn sie auch nur einen Zentimeter tiefer ging, würde ich explodieren. Sie hielt kurz inne und sah zu mir hoch. Im Halbdunkel schien ihr blasses Gesicht von innen heraus zu leuchten, ihre grünen Augen dagegen waren nur zwei dunkle Punkte, die mich fixierten. “Bitte hör nicht auf”, bat ich sie atemlos, während ich meine Hand nach ihr ausstreckte. Sie lächelte hintergründig und hielt meine Hand für eine Moment fest. “Ich fange gerade erst an”, flüsterte sie, dann stand sie auf und zog ihre Bluse aus.

Du wirst eine Überraschung erleben.

Eshus Worte fielen mir ein, in dem Moment, in dem Celeste die Knöpfe des weißen Kleidungsstücks geöffnet hatte und es nun auszog. Über ihrer linken Brust war ganz deutlich das Symbol zu sehen, das ich von Felicity kannte und von Bildern ihres Vaters. Die Anti-Dämonen-Tätowierung. Ich hatte genug Ahnung von den Dingern, dass ich wusste, dass das da nicht nur eine Schmuckverzierung war. Celeste Hamilton war also eingeweiht. Das war wirklich eine Überraschung. Leider war es auch wie eine kalte Dusche für mich.

Sie bemerkte mein Zögern und kam jetzt zurück zum Bett, wo sie sich neben mich legte.”Was ist los? Doch kalte Füße bekommen? Gibt es eine andere?” Ich schüttelte den Kopf. “Nein… das nicht.” Sollte ich es ihr erzählen? Aber wie? Ich wollte sie immer noch, mehr als ich jemals eine Frau begehrt hatte. Also entschied ich mich für die Flucht nach vorn. “Was bist du?” fragte ich sie. Sie wich ein wenig zurück, dann merkte sie, dass mein Blick auf ihrer Tätowierung heftete. “Ich.. oh. Das meinst du. Du kennst das?” Ich nickte, während meine linke Hand an meinen rechten Arm wanderte. Die Narben, die mir die Pranken des Bärengeistes geschlagen hatten, würden nie wieder verschwinden. “Du bist ein Jäger?” fragte sie mich dann, und ich überlegte, was ich antwortete. “Nein”, sagte ich schließlich. “Ich bin kein Jäger. Aber ich weiß durchaus Bescheid über all das.” Oh, ich weiß sogar mehr als das. Ich habe mit drei Jägern die Apokalypse verhindert, dafür wohnt in meinem Kopf jetzt ein Trickstergott, der gerne mit dir schlafen möchte. Wie ich auch. “Schön. Wenn du Bescheid weißt über das Übernatürliche… ich bin eine Hexe. Eine weiße, um genau zu sein. Die Hamiltons können ihren Stammbaum bis zu den ersten Siedlern zurückverfolgen. Sie wurden aus Salem vertrieben, weil sie sich nicht an den dunklen Ritualen beteiligen wollten.” Eine Hexe. DAS war eine noch viel größere Überraschung. Doch dann fiel mir ein, was sie über Daya gesagt hatte. Sie hatte gefragt, ob sie “nicht mehr hier war”, nicht, ob sie tot war. Also hatte sie eine Ahnung, was mit meiner Schwester passiert war.
“Vielleicht sollte ich jetzt besser gehen”, meinte sie, als ich nichts sagte, und sie stand auf und machte Anstalten, ihre Sachen zusammenzusuchen. “Nein, bitte bleib. Ich hab damit kein Problem, ich…” Sie sah mich an, und ich machte es mir jetzt einfach. Ich zog das Hemd aus – offen war es ja sowieso – und streckte ihr den rechten Arm entgegen. “Was… “ Dann sah sie die Narben, fünf lange Linien, die sich fast um meinen Oberarm zogen. “Der Bärengeist der Kiowa. Ich war bereit, für ihn mein Leben zu opfern, um die Apokalypse zu verhindern.” Sie machte große Augen, setzte sich aber wieder und strich vorsichtig über meinen Arm. “Die Apokalypse. Das haben wir gespürt, Cornelius und ich.” “Ist er auch…?” begann ich, aber sie legte mir den Finger auf die Lippen. “Ja, das ist er.” Sie sah mich jetzt unsicher an. “Willst du jetzt wirklich mit mir über Hexen und Jäger reden?” Ich seufzte. Eigentlich wollte ich gerade überhaupt nicht mit ihr reden, sondern Taten folgen lassen. Aber war sie noch bereit dazu, nachdem sie für einen kurzen Moment gedacht hatte, ich sei ein Jäger oder noch schlimmer, ein Feind? “Wenn du mich so fragst… kein Stück. Das ist ein Teil meines Lebens, den ich gerne ausblende.” Ich dachte an Ethan, an Barry, an Irene und Cal, und an das, was wir bisher zusammen erlebt hatten. Aber in diesem Moment waren sie alle mehrere tausend Kilometer entfernt, und Wyoming, Philadelphia und Camden Town genauso. Die Wirklichkeit war die wunderschöne Frau neben mir, die ich mit jeder Faser meines Körpers begehrte. “Ich… Celeste, der Abend hat so schön begonnen. Und ich mag dich wirklich sehr.” Jetzt lächelte sie. “Das ist gut, denn das beruht auf Gegenseitigkeit.” Sie wandte sich mir zu. “Ich habe nur leider viel zu oft mitbekommen, dass Männer deswegen mit mir schlafen wollen, weil sie denken, Hexen wären irgendetwas besonders. Für einen Moment hatte ich Angst, dass du auch einer von denen bist.” Ich schüttelte den Kopf. “Bis vor fünf Minuten hatte ich noch nicht mal eine Ahnung davon, was du bist. Glaub mir, ich will aus ganz anderen Gründen mit dir schlafen.” Weil du wunderschön und klug bist. Weil ich dabei bin, mich in dich zu verlieben. Weil du mich zum Lachen bringst, weil du einfach so unkompliziert bist. Sie sah mich zweifelnd an. “Möchtest du vielleicht erst einmal etwas trinken? Oder wir reden nur. Oder…” Bevor ich noch etwas sagen konnte, beugte sie sich vor, schlang die Arme um meinen Hals und küsste mich noch einmal leidenschaftlich. “Oder wir machen jetzt einfach das, wofür wir hergekommen sind”, flüsterte sie mir ins Ohr. Ich ließ mich fallen, denn es gab nichts, was ich lieber getan hätte.

Ich erwachte davon, dass jemand mich an der Schulter anstieß. “Verzeihung,” murmelte eine verschlafene Stimme neben mir. Celeste hob den Kopf und sah mich an. Selbst nach dieser Nacht, in der wir nicht wirklich viel Schlaf bekommen hatten, sah sie wunderschön aus. “Guten Morgen… Wie spät ist es?” Ich sah auf den Nachttischwecker. “Kurz vor 7.” Es war noch Zeit, der Flug ging erst am Abend. Sie nickte, dann vergrub sie ihren Kopf an meinem Arm. “Das war schön”, beschied sie mir mit einem leichten Gähnen. Nachdenklich sah ich sie an. Eine Million Fragen gingen mir durch den Kopf, aber wirklich wichtig war nur eine: Was war das hier? Ein One Night Stand? Eine Affäre? Oder doch mehr? Ich wusste, ich wollte letzteres, aber ich traute mich nicht, die Frage zu stellen.
Sie drehte sich wieder zu mir um und öffnete die Augen. “Du siehst so nachdenklich aus”, meinte sie, “was ist los?” “Celeste… ich… was ist das hier?” Sie lächelte, während sie mit ihren Fingern gedankenverloren die Narben an meinem rechten Arm nachzog. “Das, mein lieber Oluwasegun, ist eine nackte Frau in einem Hotelbett, die es gerne sehen würde, wenn wir noch einmal genau das machen, was wir letzte Nacht getan haben.” Als sie merkte, dass mir nicht nach Scherzen zumute war, wurde sie schlagartig wieder ernst. “Oh. Das meinst du.” Sie überlegte, einen quälenden Moment zu lang für mich, und ich stellte mich darauf ein, dass das hier doch eine Felicity-Nummer wurde, aber dann griff sie nach meiner Hand. “Nun, ich bin erwachsen, du bist erwachsen. Wir sind beide ungebunden.” Für einen Moment überlegte sie, dann fuhr sie fort. “Nein, ich glaube, es muss heißen, wir waren beide ungebunden. Das war doch, was du wissen wolltest?” Sie lächelte schelmisch. Gott, wo hatte diese Frau sich mein Leben lang versteckt? Mit wenigen Worten hatte sie alle meine Ängste beiseite gefegt. Ich nickte nur, dann zog ich sie an mich, den Arm um ihre Taille gelegt, um ihr ihren Wunsch zu erfüllen.

Als wir später sehr vertraut miteinander gemeinsam am Bahnhof auftauchten, schien keiner unserer Mitreisenden besonders überrascht. Professor Murray nickte nur, genau wie Monseigneur Vigier. Über Ruth Kearneys faltiges Gesicht huschte ein Lächeln, während es Max überhaupt nicht zu interessieren schien, dass Celeste und ich jetzt ein Paar waren. Offensichtlich waren wir vom Standpunkt der Anthropologie aus nicht besonders spannend. Einzig Dennis Welsh sah mich ein wenig misstrauisch an, aber das ignorierte ich gekonnt. Er konnte es ja bei der Studentin versuchen, die ihn immer noch verliebt ansah, und die er seinerseits zu übersehen schien. Im Zug versuchte sie den schmollenden jungen Doktor jedenfalls erfolglos in ein Gespräch über Afrika und das Wetter zu verwickeln. Für eine Weile hörte ich ihren Ausführungen über Lichtschutzfaktor 50 zu, bis ich mich Celeste zuwand. “Meinst du, sie kriegt ihn rum?” fragte ich leise. Sie sah zurück zu den Sitzen, wo Welsh scheinbar interessiert “Aha” und “Hm” und “Wirklich?” von sich gab, während die Studentin gerade von ihrem Sommerurlaub auf den Malediven erzählte, wo es ja auch so warm gewesen war, und weswegen sie das Klima in Nigeria sicher gut aushalten würde. “Ich setze 20 Dollar, dass er sie alleine deswegen heute abend auf sein Zimmer mitnimmt, damit sie ruhig ist. Und weil er seinen Frust abbauen muss.” Sie grinste, und einmal mehr wusste ich, warum ich diese Frau so großartig fand. “Wie gut, dass wir das nicht nötig haben”, meinte ich. Sie zog eine Augenbraue hoch. “Was? Dass ich dir erzähle, wie schnell ich Sonnenbrand bekomme? Oder wie sehr mich zwei Wochen Beach Resort im Indischen Ozean für diese Reise abgehärtet haben?” Sie kicherte und küsste mich auf die Wange. “Die Wahrheit ist, ich habe keine Ahnung, wie es wird. Aber die Hauptsache ist, wir sind zusammen.” Mit diesen Worten kuschelte sie sich an meine Schulter und döste, bis wir in Marylebone Station einfuhren.

Als wir in Heathrow ankamen, wurde mir doch etwas mulmig zumute. Ich musste dringend noch etwas erledigen, bevor wir abflogen, denn ich wollte nicht, dass Celeste oder irgendjemand anderer erfuhr, dass ich nicht alleine flog. Ich entschuldigte mich bei Celeste, die mich etwas irritiert ansah, dann verschwand ich auf der Flughafentoilette. Ich sah mich um, niemand außer mir war zu sehen. Zum Glück hatte das Reinigungspersonal das Räumchen mit den Putzutensilien offen gelassen, so dass ich mit Hilfe eines Wischmop die Tür verriegeln konnte. Sorry, für eilige Geschäfte musste dann eben einer der anderen Waschräume herhalten. Ich hatte nicht vor, irgendjemandem jetzt mein Spiegelbild zu offenbaren. Tief Luft holend lehnte ich mich auf eines der weißen Keramik-Waschbecken.

Ich muss mit dir reden.

Ich sah, wie ein rot-schwarzes Leuchten durch meine Augen fuhr, dann stellte der Nelson im Spiegel sich gerade hin, verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte, ein durchtriebenes Lächeln, zu dem ich niemals fähig gewesen wäre.

Ja?
Ich werde gleich ein Flugzeug besteigen, und ich würde es begrüßen, wenn du dich zurückhältst.
Du weißt, wie sehr ich diese Dinger verabscheue. Und eure Reisen sind so schrecklich langweilig.

Ich war darauf vorbereitet, daher griff ich rechts und links in meine Hosentaschen und holte zwei Fläschchen hervor.

Was ist das?
Rechts ist ein Aufputschmittel. Das ist die einfache Variante. Mein Geist wird zu wach für dich sein.
Willst du es drauf ankommen lassen?
Links ist Hühnerblut mit Kräutern aus dem heiligen Hain. Es schmeckt widerlich, aber du weißt, was es macht.
Es bannt mich für 12 Stunden, jaja. Warum willst du so etwas mit uns machen?
Weil ich zum einen gerne in einem Stück, ohne Handschellen und ohne Taser in Lagos ankommen will. Und weil zum anderen da draußen eine Frau auf mich wartet, die ich wirklich nicht verschrecken will, weil ich sie sehr gerne habe.
Oh, sag das doch gleich. Ich werde dir das nicht kaputt machen.

Für einen Moment war ich geneigt, ihm zu glauben, doch dann erinnerte ich mich an das Gespräch vor Felicitys Haustür, wie sie mir wütend die SMS gezeigt hatte, die er in meinem Namen an sie geschickt hatte, und wie sie mich von ihrem besten Freund und Trauzeugen quasi zu einem Statisten in ihrem Leben degradiert hatte.

Oluwasegun, du bist so ein kluger Mann. Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass ich das mit Absicht gemacht habe?
Was?
Deine Doktor Liz liebt genau einen Menschen: Sich selbst.
Das ist nicht wahr, sie…
Doch, das ist wahr, und das weißt du auch. Frag bei Gelegenheit mal den Jungen. Ich habe dir bereits gesagt, dass das mit Celeste Hamilton echt ist. Ich werde mich zurückhalten, wenn du nichts von diesen Sachen nimmst. Unter einer Bedingung.

Ich ahnte, worauf das hinauslief, aber ich fragte trotzdem.

Die lautet?
Ich will mit ihr schlafen. Nur ein einziges Mal.
Nein.
Na gut, dann halte ich mich nicht zurück.

Ich hob die Fläschchen. Mein Spiegelbild hörte augenblicklich auf zu lächeln.

Ritalin oder Ayam Cemani?
Spielverderber.

Ibeji
Home is where the heart is
I’ve been told

(Avenged Sevenfold – Coming home)

Sieben Stunden später landete das Flugzeug in Lagos. Eine drückende Hitze schlug uns entgegen, und ich ertappte mich dabei, wie ich nach Miss Malé 2015 Ausschau hielt. Doch sie hielt sich tapfer, obwohl sie sich vorsichtig bei Welsh eingehakt hatte, der sich offensichtlich in sein Schicksal ergeben hatte. “Ich glaube, die Wette gewinnst du”, flüsterte ich Celeste zu. “Weibliche Intuition”, erklärte sie mir und tippte sich an die Schläfe. “Und außerdem, vielleicht hab ich ja ein wenig mit den Fingern gewackelt und nachgeholfen.” Ich sah sie mit großen Augen an. Wollte sie mich auf den Arm nehmen? Jetzt begann sie zu lachen, und als sie meinen Gesichtsausdruck sah, lachte sie noch lauter. “Du hast das nicht wirklich geglaubt, oder?” Ich schüttelte schnell den Kopf und machte mir eine geistige Notiz, dass ich mich noch genauer mit Weißen Hexen beschäftigen musste. Immerhin sah es so aus, als würde ich einige Zeit in der Gegenwart einer ebensolchen verbringen.

Lagos war ein Moloch, die bevölkerungsreichste Stadt Afrikas, es war laut, heiß und stickig. Tausende Gerüche hingen in der Luft, alle möglichen Sprachen waren zu hören, Igbo, Hausa, Yoruba, Englisch und die vielen kleineren Dialekte, die nicht zu den sogenannten decamillionaire languages gehörten. Autos hupten auf den vielbefahrenen Straßen, durch die wir zu unserem Hotel fuhren in einem der ruhigeren Stadtviertel, überall wurde gebaut und der neue Reichtum des wirtschaftlichen Zentrums des Landes zur Schau gestellt.
Ich spürte eine seltsame Anspannung, aber gleichzeitig auch eine unglaubliche Freude. Ich war zuhause. Zuhause. Ich holte tief Luft und versuchte, die Stadt mit allen Sinnen wahrzunehmen, als wir endlich vor dem Hotel standen.
Celeste betrachtete mich lächelnd. “Wie fühlst du dich?” wollte sie wissen. “Großartig”, erklärte ich ihr und drückte sie an mich, doch sie wand sich vorsichtig aus meiner Umarmung und verzog das Gesicht. “Wenn du erlaubst, ich hätte gerne erst eine Dusche.” Ich ließ sie augenblicklich los, darauf hätte ich selbst kommen können. Doch dann lächelte sie wieder. “Und dann will ich sehen, was dieses Land noch so alles aus dir macht.”

Das Victoria Plaza war sicher nicht eines der ersten Häuser am Platz, aber doch sehr komfortabel. Außerdem war der Portier schnell bereit, Celestes und mein Einzelzimmer gegen ein Doppelzimmer zu tauschen. Während sie duschte und sich umzog, griff ich zum Telefonhörer. “Gabriel Akintola”, meldete sich eine mir wohlvertraute Stimme, doch ich hätte am liebsten wieder aufgelegt. “Hallo baba, ich bin es, Nelson”, antwortete ich leise. “Junge! Wie schön, dass du anrufst. Wie geht es dir?” Ich schluckte, mein Vater klang so gut gelaunt wie immer, auch wenn ich seit einigen Jahren vermutete, dass dies nur Fassade war. “Ich bin in Lagos. Das Forschungsprojekt, du erinnerst dich?” “Aber ja! Wann kommst du vorbei?” Hatte er vergessen, was passiert war? Dass meine Mutter mir die Tür gewiesen hatte, weil ihr Sohn “verrückt und ein Trinker geworden sei”, weil ich nichts vorzuweisen hatte im Leben und sie sich laut gefragt hatte, warum sie überhaupt soviel Geld für meine Ausbildung ausgegeben hatte, wenn aus mir doch nur ein amerikanischer Idiot geworden war. Ich hatte mich zurückgehalten und ihr nicht gesagt, dass es das Geld meines Vaters war, dass sie da angab, und dass sie nicht viel dafür getan hatte außer ihn als Krankenschwester zu umgarnen und sich von ihm schwängern zu lassen. Ich hatte es satt, dass sie mich bei jedem Besuch mit ihren Vorwürfen überschüttete.
“Ich… ich glaube, das ist keine gute Idee”, antwortete ich meinem Vater. Es herrschte kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung, dann fing er sich wieder. “Du solltest wirklich mit ihr reden, mein Junge.” Ich holte tief Luft, bereit für eine Antwort, die ihm sicher nicht gefiel, als er weitersprach. “Nun gut. Ich schicke dir Amadi vorbei, er soll dich abholen und nach Victoria Island bringen.” Ich wollte ihn unterbrechen, ich wollte nicht nach Hause. “Wir gehen ins Restaurant, wenn du deine Mutter nicht sehen willst. Amadi ist dann in etwa zwei Stunden bei dir.” Ich gab meinem Vater noch die Adresse des Hotels, dann verabschiedete ich mich und legte auf.
Ein Geräusch aus dem Badezimmer ließ mich herumfahren, doch es war nur Celeste, die leise vor sich hinschimpfend einen Haartrockner suchte. Nein, ich wollte meine Mutter beim besten Willen nicht treffen. Natürlich, das mit Celeste und mir war noch viel zu frisch, um es der Öffentlichkeit zu präsentieren, aber ich wusste jetzt schon, wie sie reagieren würde. Als ich frisch an der Uni war und ihr begeistert von meiner Freundin Isobel erzählt hatte, hatte sie mich nur traurig angesehen und mir erklärt, ob ich denn nicht unsere Kultur aufrecht erhalten wollte und ein nettes nigerianisches Mädchen heiraten wollte. Meine Antwort darauf war, dass sie mich vielleicht nicht in ein Land voller Weißer hätte schicken sollen, wenn sie das hätte verhindern wollen, worauf ich mir eine Ohrfeige eingefangen hatte. Danach hatte sie in regelmäßigen Abständen gefragt, wann ich gedachte, mich in Nigeria niederzulassen, und ihr Enkelkinder zu schenken. Ich schauderte kurz bei dem Gedanken, dass sie mich das vielleicht mit Hintergedanken fragte, wenn sie oder mein Vater oder womöglich beide mit Dayas Verschwinden zu tun hatten.

“Mit wem hast du telefoniert?” Celeste kam aus dem Badezimmer, nur mit einem Handtuch bekleidet, die Haare noch feucht, anscheinend war ihre Suche nach einem Haartrockner nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Sie roch unbeschreiblich gut, nach etwas Blumigen und Vanille, und ich musste mich sehr zusammenreißen, als sie sich neben mich aufs Bett kniete. “Mit meinem Vater. Wir treffen uns in zwei Stunden zum Essen.” Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. “Dann haben wir ja noch etwas Zeit für uns.” Sie stand auf, ließ das Handtuch fallen, dann machte sich mit einem koketten Lächeln daran, mein Hemd zu öffnen. Augenblicklich waren alle Gedanken an meine Eltern und meine Probleme mit ihnen nicht mehr wichtig.

Zwei Stunden später stand ich frisch geduscht und umgezogen vorm Hotel, als Amadi pünktlich vorfuhr. Er war seit ich denken konnte, ein Angestellter meines Vaters, ein schweigsamer Bär von einem Mann, der jetzt jedoch breit lächelte, als er mich sah. “Junge, du siehst gut aus”, meinte er und umarmte mich so heftig, dass mir die Luft wegblieb. “Steig ein. Dein Vater wartet schon.”
Amadi fuhr mich nach Victoria Island, wo mein Vater bereits in einem sehr exklusiven Restaurant auf mich wartete. Er sah gut aus – sogar besser, als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er war inzwischen vollkommen kahl, aber nicht aufgrund seines Alters, sondern weil er sich die Haare bis auf die Kopfhaut abrasierte. Dafür hatte er inzwischen einen ansehnlichen grauen Bart und trug eine runde Lesebrille. Noch immer war mein Vater ein großer Mann, größer als ich, was mir immer erst dann bewusst wurde, wenn ich vor ihm stand. Aber was meine Körpergröße anging, da kam ich eher nach meiner Mutter. Sie war klein und zierlich, und auch ihre Tochter war da keine Ausnahme, zumindest als ich das eine Mal einen kurzen Blick auf sie werfen konnte.
“Nelson!” Mein Vater umarmte mich, dann führte er mich zu einem Tisch, an dem er schon auf mich gewartet hatte. Ein Kellner kam und brachte uns schweigend die Karte. “Erzähl, wie geht es dir? Was macht die Wissenschaft? Und wie geht es dir in Amerika?” Während ich das Angebot studierte, prasselten die Fragen meines Vaters auf mich ein. Ich beschloss, erst einmal etwas zu Essen auszuwählen, bevor ich antwortete, so konnte ich mir meine Antworten besser überlegen. Am einfachsten war es, die politische Großlage zu diskutieren, auch in Nigeria war der US-Präsident aus den Tagesgesprächen nicht wegzudenken. “Ich bin jetzt an der University of Vermont, in Burlington”, erzählte ich ihm, auch wenn er das eigentlich schon wusste. “Ach jaja, du erwähntest das. Wie gefällt dir die Ostküste?” Ich berichtete von Vermont, das mir inzwischen zur zweiten Heimat geworden war, erwähnte kurz Ethan und Irene als “Freunde, die ich dort kennengelernt hatte” – das war ja nicht einmal gelogen – und erzählte von meinen Studien. Mein Vater hörte mir aufmerksam zu, während wir Getränke und später unser Essen bekamen.
Schließlich stellte er die Frage, die ihn als Vater wahrscheinlich am meisten interessierte, die er aber aus Höflichkeit hintan gestellt hatte. “Und privat? Wenn ich mich richtig erinnere, gab es da doch mal diese Dr. Hecker…” “Heckler”, korrigierte ich ihn, und mein anschließendes Seufzen ließ ihn besorgt eine Augenbraue hochziehen. “Sie hat geheiratet, einen englischen Lord, und lebt jetzt in England.” Mein Vater sah immer noch besorgt aus, also war es wohl doch eine gute Idee, ihm die Neuigkeit zu verkünden. “Nun, aber ich habe jemanden kennengelernt. Ihr Name ist Celeste Hamilton, aber es ist noch alles ganz frisch.” Jetzt lächelte er, ein breites, zufriedenes Lächeln. “Wunderbar. Erzähl mir ein bisschen von ihr. Und jetzt weiß ich auch, warum du so gut aussiehst, Junge.” Ich erzählte meinem Vater also von der wunderschönen rothaarigen Frau, die jetzt vermutlich immer noch zufrieden lächelnd in unserem Hotelbett schlief, und die dafür sorgte, dass ich begann, mich wieder wie ein ganzer Mensch zu fühlen. “Möchtest du sie mir… uns vorstellen?” fragte mein Vater schließlich. Ich schüttelte energisch den Kopf. “Nein, nein, das möchte ich nicht… noch nicht. Ich frage sie gerne, aber ich weiß nicht, ob das nicht noch zu früh ist.” Meiner Mutter wollte ich sie schon dreimal nicht vorstellen, ich hatte keine Lust auf vorwurfsvolle Blicke, weil ich schon wieder eine Weiße datete, und erst recht wollte ich nicht, dass Yewande Celeste mit Fragen nach einer Hochzeit und Kindern überfiel. Im Moment war ich vollkommen zufrieden mit dem, was wir hatten. Wir waren zusammen, und das allein zählte.

Als ich zurückkam ins Hotel, war Celeste wach, sie las die Tageszeitung und wirkte sehr konzentriert. Ich zog das Jackett aus und setzte mich neben sie. “Oh, hallo”, begrüßte sie mich. “Wie war euer Essen?” Ich seufzte, zog die Schuhe aus und legte mich neben sie auf die Bettdecke. Obwohl die Klimaanlage auf Hochtouren lief, war mir immer noch warm, vielleicht war ich die heimische Küche nicht mehr gewohnt. In Vermont brauchte man selten Essen, das einen ins Schwitzen brachte. “Heiß”, antwortete ich, ich war immer noch in Gedanken bei dem Restaurantbesuch. Zwar war das Gespräch mit meinem Vater sehr angenehm gewesen, aber mir schwirrte immer noch die eine Frage im Hinterkopf herum: Wo ist meine Schwester? Was zur Hölle habt ihr mit meiner Schwester gemacht, du und Mom? Am meisten Angst machte mir, dass beide vielleicht gar nichts damit zu tun gehabt hatten, sondern dass es am Ende meine Großmutter gewesen war, die die Schuld an Dayas Verschwinden trug. Aber warum hätten sie sich dann an diesem einen Abend in Seattle zusammentun sollen gegen das, was mich angegriffen hatte? Noch immer hatte ich keine Ahnung, wer oder was das gewesen war.
“Du wirkst nachdenklich”, meinte Celeste, während sie die Zeitung beiseite legte und sich mir zuwand. “Nein, es war wirklich ein schöner Abend.” Sie sah mich an. “Ja, genau. Wir kennen uns vielleicht noch nicht lange, aber dafür recht intensiv, und ich glaube nicht, dass du gerade ehrlich bist.” Ich erwiderte nichts, sondern schüttelte nur den Kopf. Eshu hatte recht, lügen konnte ich überhaupt nicht. Meine Mutter hatte immer sofort gewusst, wenn ihr Sohn nicht die Wahrheit sagte, und auch bei Felicity damals hatte ich mit meinen Ausreden wenig Erfolg gehabt. Offensichtlich war ich auch für Celeste ein offenes Buch.
“Du erinnerst dich an das, was ich über meine Schwester gesagt habe?” fragte ich sie. “Ja, sie ist tot… oder so etwas ähnliches.” Ich nickte. “Eher so etwas ähnliches.” Und dann begann ich, ihr alles zu erzählen: Die Begegnung an dem Abend in Seattle, die Visionen, die mich damals nach Arizona und später nach Campti geführt hatten, Sarahs Aussage über den dritten Weg und das Schweigen meiner Eltern. Celeste nickte nur, ab und an stellte sie eine Zwischenfrage, aber im Großen und Ganzen nahm sie das alles so hin. Wie gut, dass meine Freundin nicht nur klug, sondern auch mit dem Übernatürlichen vertraut war.
“Aber es gab doch eine Beerdigung? Wer lag denn dann im Sarg, wenn du damals gesehen hast, wie etwas Daya weggeschleppt hat?” Ich nickte, und die Erinnerung an den Tag nach Dayas Verschwinden war immer noch präsent, so als wäre es gestern gewesen. Mein Vater, der schweigend durchs Haus gelaufen war, während meine Mutter versucht hatte, mich zu trösten und meine nächtliche Beobachtung als Versuch, das Erlebte zu verarbeiten, abgetan hatte. Meine Großmutter, die meine Mutter nur zornig angesehen hatte, und dann verschwunden war, um den babalawo zu holen. Als ich begehrte, meine Schwester noch einmal zu sehen, um mich von ihr zu verabschieden, wurde mir gesagt, dass Daya fortgebracht worden war, und man mir den Anblick ersparen wollte. Damals hatte ich das hingenommen, ich war sechs Jahre alt, und man hatte mir gerade einen Teil meines Selbst weggenommen, einen Teil, der nie wieder nachwachsen würde. Seit diesem Tag war da immer diese Leere in mir gewesen, der Platz in meinem Herzen, wo eigentlich meine Schwester sein sollte.

Ich betrachtete Celeste. Konnte sie diesen Platz wirklich ausfüllen? Wir waren doch erst ganz am Anfang, wie sie bereits gesagt hatte, kannten wir uns kaum, aber ich hatte selten ein so gutes Gefühl bei einer Beziehung gehabt wie bei dieser. Wir interessierten uns für die gleichen Themen, wir konnten über die gleichen Witze lachen, und auch auf anderer Ebene funktionierte diese Beziehung so gut wie lange keine mehr. Nein, eigentlich wie keine vorher. “Und was denkst du jetzt?” wollte Celeste wissen, nachdem ich mit meinem Bericht geendet hatte und ich sie für eine Weile nur schweigend angesehen hatte. “Dass ich wirklich Glück habe”, antwortete ich. Sie zog eine Augenbraue hoch. “Das freut mich.” Sie beugte sich vor und küsste mich lächelnd. Dann wurde sie wieder ernst. “Ich weiß es zu schätzen, dass du mir diese Sache erzählt hast. Das ist nicht selbstverständlich.” Ich sah sie überrascht an, doch sie legte mir einen Finger an die Lippen. “Nein, nicht jetzt. Du und ich, das ist… ich weiß es nicht. Überleg doch mal, vor zehn Tagen kannten wir uns noch nicht einmal, und jetzt liegen wir hier nebeneinander im Bett und du erzählst mir solche Dinge. Ich glaube nicht, dass mir das jemals vorher passiert ist.” Sie küsste mich noch einmal. “Celeste, ich…” Für einen Moment musste ich an Felicity denken, als wir am nächsten Morgen in ihrem Bett aufgewacht waren und uns klar geworden war, dass dies das Ende unserer Freundschaft oder der Beginn von etwas Neuem sein musste. Sie hatte das einige Zeit in der Schwebe gelassen, und mir dann eine Email geschickt, dass ich so ein guter Freund sei und sie das nicht aufs Spiel setzen wollte. Eine Email! Ich dachte an Eshus Worte, und vielleicht hatte er wirklich recht, und Felicity liebte nur sich selbst. Aber Felicity war Geschichte, endgültig, und Celeste war die Gegenwart. “Geht es dir zu schnell?” wollte sie jetzt wissen, sie klang ein wenig besorgt. Ich schüttelte den Kopf. Immerhin war ich derjenige, der sie gefragt hatte, ob sie mit mir zusammen sein wollte. “Mir? Bestimmt nicht. Ich hatte mehr Angst, dass ich dich vielleicht überfahre, nur weil wir einmal im Bett waren..” Jetzt begann sie zu lachen. “‘Einmal im Bett’ nennst du das? Ich wollte dich von Anfang an, was glaubst du, warum ich dich nach einem Date gefragt habe? Normalerweise falle ich nicht so mit der Tür ins Haus.” Das überraschte mich jetzt doch. Ich hatte mich nie als den Typ Mann gesehen, der Frauen durch besondere Attraktivität auffiel. Eigentlich hatte ich mich gerade nach der Sache mit Felicity als den Typen gesehen, mit dem man gut reden konnte, der zum Ausheulen da war und der sprang, aber für den Sex und die Beziehungen waren andere zuständig. Isobel hatte mich für einen Typen abserviert, der inzwischen für die UKIP im EU-Parlament saß, ihre Nachfolgerin hatte mir rundheraus erklärt, dass ich es nicht wert war, dass sie wartete, während ich in Amerika war, geschweige denn, dass sie mich begleitete. Und dann kam Felicity. Für einen Moment spürte ich noch einmal den Stich, den sie mir versetzt hatte, als sie mir Alfred vorgestellt hatte. Nein, diese Frau hatte immer nur sich selbst geliebt. Wahrscheinlich war selbst Niels nur ein Mittel zum Zweck gewesen.
Ich sah Celeste an, betrachtete sie, wie sie nur mit einem weißen Trägerhemd bekleidet neben mir lag, und der Ausdruck in ihren grünen Augen sagte mehr als tausend Worte. Wir waren vielleicht noch am Anfang, aber es war der Beginn von etwas ganz Großem.

Die nächsten beiden Tage verbrachten wir in Lagos, bevor die Reise Richtung Norden beginnen sollte. Wir hatten noch einiges zu tun, zum Beispiel uns neu einzukleiden. Es war für mich ungewohnt, die Anzüge, Hemden und handgefertigten Schuhe beiseite zu lassen und Jeans, T-Shirts und feste Stiefel zu tragen, aber ich musste an Irene und den Roten Hügel denken und mein völlig falsches Schuhwerk. Celeste kicherte, als sie mich in dieser Aufmachung sah, dann bedauerte sie, dass T-Shirts keine Knöpfe hatten. “Ich hab mich schon daran gewöhnt, dir die Hemden aufzuknöpfen”, meinte sie mit einem gespielten Schmollen, und ich demonstrierte ihr nur zu gerne die Vorteile von T-Shirts.

Später am Abend wachte ich wieder auf, irgendetwas hatte mich geweckt. “Daya?” flüsterte ich in die Dunkelheit, doch ich erhielt keine Antwort. Dann musste es etwas anderes gewesen sein.

Was ist los?

Auch hier nur Schweigen. War es die ungewohnte Umgebung? Die bevorstehende Reise in den Norden? Oder etwas mit Celeste? Ich betrachtete sie, sie schlief tief und fest, ihre roten Haare wie eine Mähne um sie herum ausgebreitet. Sollte ich sie wecken? Aber was sollte ich ihr sagen? “Ich kann nicht schlafen”? Nein, das klang etwas kindisch. Sie drehte sich jetzt im Schlaf um, ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie war so wunderschön, und ich konnte immer noch nicht glauben, dass diese Frau ausgerechnet mich ausgesucht hatte. Mein Blick fiel auf die Mini-Bar, und vor meinem geistigen Auge erschien ein abgewohntes Motelzimmer in Sundance, Wyoming. Abgesehen von einem Feierabend-Bier mit Ethan hatte ich seit diesem Tag nichts mehr getrunken, und im Moment hatte ich auch nicht das Bedürfnis danach. Dennoch gingen meine Gedanken zu diesen Tagen im August zurück. Vielleicht hatte es keine Apokalypse gegeben, aber meine Welt war danach nicht mehr dieselbe gewesen. Ich hatte in den Abgrund gesehen, hatte Dinge gesehen, die ich nicht für möglich gehalten hatte. Engel, Dämonen, Geister, Höllenhunde… Meine Fahrt nach Kansas mit Cal fiel mir ein, und ich musste schmunzeln. Er hatte mich gehasst, dessen war ich mir sicher, und ich konnte ihn verstehen. Aber viel reden war offensichtlich meine Taktik, um das Erlebte zu bewältigen. Männer wie Cal redeten nicht, Männer wie Cal handelten. Ich hatte ihn seit diesem Tag im August nicht mehr gesehen, und die alte Frau, die mich auf der University Bridge angesprochen hatte, fiel mir ein. Ihre Freunde brauchen Sie. Die Engländerin. Und der schweigsame junge Mann. Vielleicht auch der alte Jäger.
Plötzlich wusste ich, warum ich nicht hatte schlafen können: Ich hatte Heimweh. Zum ersten Mal wünschte ich mir, nach Hause zu fliegen und mit Celeste durch Burlington zu spazieren, ihr Ethan und Irene vorzustellen, und endlich nach Arkansas zu fahren, um Barry zu besuchen und seine Familie kennenzulernen.
Vorsichtig stand ich auf und ging zu meiner Tasche, um mein Notebook zu holen. Als ich wieder zum Bett kam, blinzelte Celeste mich verschlafen an. “Was machst du da?” wollte sie wissen. “Oh, ich wollte dich nicht wecken, ich hab nur den Laptop geholt.” Sie sah selbst so verschlafen aus wie eine Göttin, und ich beugte mich zu ihr herunter und küsste sie. “Was willst du mitten in der Nacht mit dem Laptop?” “Ich… ich hatte Heimweh. Ich wollte meinen Freunden schreiben. Du erinnerst dich, Ethan, Irene und Barry?” Sie lächelte und gähnte. “Ja, natürlich.” Sie fuhr sich durch die Haare, dann zog sie die Decke hoch und drehte mir den Rücken zu. “Gute Nacht, Oluwasegun. Nächstes Jahr will ich die Leute alle kennenlernen, aber jetzt will ich schlafen.” Ich sah sie lächelnd an. Nächstes Jahr schien so weit weg, aber ich würde sie beim Wort nehmen.

Ich klappte den Laptop auf und überlegte, was ich schreiben sollte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich Ethan allein ließ, er war immer noch auf der Suche nach einem Mittel gegen den Fluch. Sollte ich Celeste einweihen? Aber irgendwie war ich mir sicher, dass Ethan nicht begeistert wäre, wenn ich seine Geschichte mit der ganzen Welt teilte, auch wenn er Celeste sicher mögen würde. Abgesehen davon, seit ihrer Enthüllung in unserer ersten Nacht und dem Gespräch über Daya hatten wir nicht mehr über das Übernatürliche gesprochen, und ich war sehr froh darüber. Es gab genug andere Themen, über die wir reden konnten.

Nachdem ich meine Emails geschrieben hatte, saß ich eine Weile im Bett und sah auf den Bildschirm. In Vermont war es jetzt 19 Uhr, Zeit, sich auf ein Bier zu treffen oder Essen zu gehen. Die Studenten machten sich fertig für die Abendveranstaltungen, und der Campus befand sich in dieser besonderen Zeit zwischen Tag und Abend. Ich hatte wirklich Heimweh, interessanterweise hatte ich dieses Gefühl bei Seattle nie gehabt. Das bestätigte mich nur noch einmal in meinem Entschluss, nach Möglichkeit nie wieder einen Fuß in diese verregnete graue Stadt am Ende der Welt zu setzen. Meine Zukunft hieß Neu-England. Allerdings blieb abzuwarten, ob sie in Vermont oder in Connecticut stattfand.

Nachdenklich las ich noch einmal die Antwort von Irene auf meine Abschiedsmail. Sie vermutete, dass ich aufgrund der politischen Großlage das Land verlassen hatte. Aber als Schwarzer hatte ich schon immer mit Anfeindungen zu kämpfen gehabt, in England, in Seattle und im ach so liberalen Vermont. Ein Anzug und teure Schuhe halfen da nur bedingt, das machte mich manches Mal nur umso verdächtiger, denn wie sollte einer wie ich schon zu Geld kommen, wenn nicht durch kriminelle Umtriebe. Nein, Rassismus war in meinem Leben allgegenwärtig, war er schon immer gewesen, und daran würde sich so schnell nichts ändern. Die einzige Befürchtung, die ich hatte, war, dass ich nicht wieder in Amerika einreisen durfte, weil man mich für einen Moslem hielt. Aber das waren momentan reine Gedankenspiele, denn ich hatte festgestellt, dass etwas anderes in Irenes Mail meine Aufmerksamkeit gefesselt hatte:

Wenn du übrigens bei deinen Forschungen auf eine Möglichkeit stoßen solltest, wie man eine beschädigte Seele flickt – und ich meine keine Psychotherapie, sondern Ernsteres – , dann lass es mich baldigst wissen.

Ich erinnerte mich an den Moment, in dem De Vries AC hinterrücks erstochen hatte. Cal hatte sich für den Bruchteil einer Sekunde an die Brust gefasst, und ich hatte zunächst vermutet, dass er einen Herzinfarkt hatte. Bei seiner Lebensweise wäre das nicht verwunderlich, er rauchte und trank, und seine Ernährung war bestimmt auch nicht von Whole Foods. Aber dann hatte er sich wieder aufgerichtet und gewirkt, als sei nichts gewesen, und am Morgen nach der Apokalypse hatte ich nur das Weite gesucht, weil ich nicht wollte, dass jemand erfuhr, dass mein Kopf nicht mehr länger mir allein gehörte. Irenes Zeilen jedoch lasen sich so, als sei doch wesentlich mehr passiert. Ich fluchte, etwas, was ich nur höchst selten tat, und ich war froh, dass Celeste gerade nicht im Zimmer war.
Ich hatte Irene gefragt, ob ich mit meiner Vermutung bezüglich Cal recht hatte, und zwischen den Zeilen las ich, dass dem so war.

Ich möchte nicht, dass meine Antwort deine Motivation schmälert. Bitte schick mir einfach jede Information, die du findest.

Glaubte sie wirklich, dass ich für Cal eine Ausnahme machen würde? Wir waren keine Freunde, würden sicher auch nie welche werden, aber wir hatten das damals in Wyoming nur deswegen überlebt, weil wir alle vier zusammen gearbeitet hatten. Genau das schrieb ich ihr auch. Und wenn sie der Meinung war, dass ich es nicht für Cal tat, dann tat ich es für sie. Irene war aufbrausend, arrogant und manchmal nur in kleinen Dosen zu ertragen, aber viel wichtiger war, dass sie loyal und zuverlässig war. Außerdem hatte ich in ihr quasi einen “fellow Brit” gefunden. Für Irene, Ethan und auch für Cal und Barry würde ich alles tun. Ich betrachtete diese Menschen als meine Freunde, und zwar anders als Griff oder meine anderen Studienfreunde. Keiner von ihnen würde verstehen, was ich im letzten Jahr durchgemacht hatte, warum ich bereit gewesen war, von der University Bridge zu springen. Diese vier Menschen jedoch wussten genau, was in mir vorging, und womit ich kämpfte.

Orisha
‘Cause I am the monster in your mind
The reason for your sleepless night
I’m the monster in your head
Still waiting in your bed
Can’t escape I’ll be your fate
‘Cause I’m the monster in your mind

(Broach – Monster in your mind)

Am nächsten Tag begann unsere eigentliche Forschungsreise. Mit zwei Jeeps und einem klapprigen Minibus ging es auf die Fahrt nach Abuja. Bei uns im Wagen saß neben dem Ehepaar Kearney und dem Fahrer, einem schweigsamen Hausa, auch noch der Guide, Adebayo. Obwohl er unverkennbar auch ein Hausa war, trug er einen Yoruba-Namen. Sein Vater sei Yoruba gewesen, was mich etwas stutzen ließ. Meine Leute waren in der Hauptsache Christen, während die Hausa fast ausschließlich Muslime waren, und in Nigeria vertrug sich das eine mit dem anderen so überhaupt nicht. Aber ich wollte Adebayo nicht danach fragen, und es war auch letztlich nicht wichtig. Er war ein fröhlicher junger Mann, der sich eigentlich sein Geld damit verdiente, Touristen zu führen im Auftrag einer Reiseagentur. Dass er nun für ein Jahr unser Guide sein sollte, hatte ihm sehr geschmeichelt, und gab ihm gleichzeitig die Möglichkeit, genug Geld zu sparen, damit er endlich seine Verlobte heiraten konnte. Er hatte ausgehandelt, dass wir ihn in sein Dorf im Norden begleiten würden, denn Murray wollte auch alles über die Gebräuche der Hausa wissen.

Als wir kurz Rast machten, zog Adebayo sein Smartphone aus der Tasche und zeigte mir das Bild eines jungen Mädchens, vielleicht 18 oder 20. “Meine Verlobte. Thamina. Wir werden hoffentlich bald heiraten.” Er grinste, und ich konnte sehen, dass es ihm wirklich ernst war. Dann sah er an mir vorbei zu Celeste, die sich gerade mit Ruth Kearney und einem der Techniker unterhielt. “Ist die weiße Lady deine Frau?” fragte er, denn er hatte durchaus unseren vertrauten Umgang miteinander gesehen. Ich schüttelte den Kopf. “Meine… Freundin.” Adebayo nickte. “Aha”, machte er nur, das Konzept “Freundin” war ihm natürlich vertraut, aber es war eher ungewöhnlich in der streng religiösen Gesellschaft der Hausa. Ich runzelte die Stirn, kam da etwa noch Ärger auf Celeste und mich zu? Ich erinnerte mich an ihre Aussage, bevor wir zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten: “Noch sind wir in Gefilden, wo wir das können und dürfen.” Würde das irgendwann ein Problem werden? Ich wollte niemanden in seinen religiösen Gefühlen verletzen, also mussten wir wohl sehr vorsichtig sein.

Abuja war eine Stadt ohne Seele und Tradition, vor 50 Jahren aus dem nigerianischen Lehm gestampft, eine​ Planstadt voller weißer Gebäude und gerader Straßen. Gegenüber Lagos wirkte sie geradezu steril unafrikanisch, aber Murray hielt einen Besuch der nigerianischen Hauptstadt für unabdingbar. Ich fühlte mich hier nicht wohl, oder besser, Eshu fühlte sich hier nicht wohl.

Dieser Ort besitzt kein Herz, keine Seele. Er ist eigentlich tot.
Aber wir machen hier nunmal Station. Schaffst du das?
Möglich.

Ich seufzte. “Was ist los?” Celeste und ich saßen auf unserem Hotelbett, sie hatte bis eben gelesen, während ich versucht hatte, die Anspannung des Tages loszuwerden. Bei Eshus Bemerkung über die Seele war mir wieder etwas eingefallen, aber ich brauchte einen klaren Kopf. “Ich muss hier raus”, erklärte ich ihr, denn ich befürchtete, dass bereits ein rot-schwarzer Schatten durch meine Augen huschte.

Muss das sein? Warte, bis ich vor der Tür bin
Eines Tages wird sie es sowieso erfahren müssen. Warum dann nicht jetzt?
Weil ich das gerne bestimmen will!
Oh, Oluwasegun, wann begreifst du endlich, dass ich derjenige bin, der das Sagen hat? Ich bin ein Orisha!
Wenn ich mir eine Kugel in den Kopf jage, bist du die längste Zeit einer gewesen!
Sachte, sachte. Warum so aggressiv? Und du hasst Schusswaffen. Punkt für mich.

Unruhig lief ich im Zimmer auf und ab, weil ich es nicht wagte, in den Spiegel zu sehen. “Es tut mir leid, aber ich muss dringend vor die Tür”, wiederholte ich, während Celeste mich nur misstrauisch ansah. “Hast du einen Sonnenstich? Oder irgendwas genommen? Ich meine, die Medikamente für die Malaria-Prophylaxe sind nicht so ohne…” überlegte sie, aber ich schüttelte den Kopf. “Nein, nein, es ist nichts, es ist nur…” Ein Ruck durchfuhr meine Wirbelsäule, und ich wusste, gleich war ich nicht mehr ich selbst. “Soll ich dich begleiten?” fragte Celeste jetzt, aber ich schüttelte nur wortlos den Kopf und stürmte hinaus.

Als ich mich umsah, war es bereits dunkel, und ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Von irgendwoher ertönte Musik, die Straßen waren weitestgehend leer, und ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Er hatte es also schon wieder getan. Ich sah an mir herunter. Meine Kleidung war in Ordnung, meine Brieftasche hatte ich noch, auch mein Telefon war noch da, aber ich hatte kein Netz. In meinen Hosentaschen befanden sich keine Tütchen mit weißem Pulver oder Pillen, keine Geldbündel zweifelhafter Herkunft und auch keine Telefonnummern mir unbekannter Frauen. Ich erinnerte mich kurz daran, dass ich in Seattle in einer Absteige wach geworden war, neben mir eine Latina, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, und die ich auch nicht näher hatte kennenlernen wollen. Sie war immerhin in Begleitung einer Blondine und eines menschlichen Kleiderschranks gewesen – das schloss ich aus den anderen zwei Personen in dem Zimmer – und unserem Bekleidungszustand nach zu urteilen, hatten wir nicht nur über Wetter und Politik diskutiert. Ich hatte in Windeseile meine Kleidung zusammen gerafft, mich vor der Tür angezogen und dann das nächste Krankenhaus aufgesucht. Es waren die längsten 48 Stunden meines Lebens gewesen, bis die Ärzte mir mitgeteilt hatten, dass Eshus Orgie keine weiteren Folgen gehabt hatte.

Was hast du diesmal gemacht?
Nur ein wenig Sightseeing. Ein paar Kartenspiele. Nichts Ernstes.

Vor meinem inneren Auge erschien das Bild einer Spielhölle mit dubiosen Gestalten, die nicht gerade erbaut waren, dass Eshu sie abgezockt hatte. Wahrscheinlich hatte ich auch deswegen kein Geld mehr in den Taschen. Irgendwie musste ich aber wieder zurück ins Hotel kommen, und so beschloss ich, ein Stück zu laufen. Vielleicht fand ich dann heraus, wo ich war, oder ein Taxi, im Hotel hatte ich ja noch Geld. Außerdem konnte ich so ein wenig nachdenken, denn Eshus Alleingang hatte mich auf eine Idee gebracht. Ich zog mein Telefon aus der Tasche. Ein wenig Netz.

Irene,
was sagen Dir die Orishas? Könnte das vielleicht eine Lösung sein?

Bevor ich mehr schreiben konnte, fiel mein Blick auf einen Taxistand. Vielleicht kam ich doch schneller wieder ins Hotel, als ich gedacht hatte.

Das war ich dir schuldig.

Eilig drückte ich auf “Senden”, ohne mich von ihr zu verabschieden, und stieg in ein Taxi.

Am nächsten Morgen hatte ich eine Antwort von Irene. Ich stellte mir vor, wie sie seufzend und die Augen verdrehend die Mail las, und genauso kam mir ihre Antwort vor.

Orishas? Nicht viel. Wollen sie mir sagen, dass du von einem besessen bist und jetzt nur noch in kryptischen Andeutungen sprechen kannst?
IHW

Ich schüttelte den Kopf, als ich ihre Nachricht las. Bevor ich etwas erwidern konnte, piepste mein Telefon erneut, und eine Email von Barry erschien in meinem Posteingang.

Hallo Nelson,
ich hätte es fast vergessen: Du hast mich zu dieser Kurzgeschichte inspiriert, “Der Trickster im Elfenbeinturm”. Würde eine kurze Widmung davor schreiben, “für Nelson” oder “für Dr. Nelson Akintola” oder “für N.”
Weiß nicht genau, was dir am liebsten wäre.
Grüße
BJ

Barry hatte es also tatsächlich getan und Eshus Geschichte in einer seiner Arbeiten einfließen lassen. Ich war gespannt, was er sich hatte einfallen lassen, denn bisher hatte ich noch keines seiner Bücher gelesen, ich war kein großer Freund von Trivialliteratur.
“Was machst du da?” wollte Celeste jetzt wissen, während sie ihre Sachen packte für das erste Seminar an der Universität von Abuja. “Ich schreibe noch ein paar Mails. Ich bin gleich soweit.” Sie nickte, dann kam sie zu mir herüber und schlang ihre Arme um mich. “Alles in Ordnung mit dir? Du warst gestern abend so komisch. Und ich muss gestehen, dass ich mir etwas Sorgen gemacht habe. Als ich dich angerufen habe, klang deine Stimme so seltsam.” Ich fuhr zusammen. Hoffentlich war das nicht wieder so wie bei Felicity, warum hatte er mir nichts gesagt? Seine Worte in Heathrow fielen mir wieder ein. Danach zu urteilen, würde er unserer Beziehung nicht schaden, aber wenn man sich auf eines nicht verlassen durfte, dann auf das Wort eines Tricksters.
“Was…. wieso?” Ich wollte Celeste gerne sagen, was passiert war, aber ich konnte mich immer noch nicht dazu durchringen. “Du klangst irgendwie viel afrikanischer als sonst”, erklärte sie, dann lächelte sie. “Ich glaube, du warst mit irgendwelchen Ortsansässigen unterwegs, soviel habe ich verstanden. Der Akzent ist grauenhaft.” Ich spürte, wie mir ein Stein vom Herzen fiel, ich löste mich vorsichtig aus Celestes Armen und küsste sie. Sie lachte, dann versuchte sie, mir vorzusprechen, wie es klang, wenn Eshu sprach, was aus ihrem Mund noch seltsamer klang als aus meinem. “Ich gehe schon mal nach unten, Ruth wollte mir etwas geben.” Ich nickte, mir war eingefallen, dass ich den Akku meines Tablets nicht eingepackt hatte. Kaum war Celeste aus dem Zimmer, spürte ich, wie mir schwindelig wurde. Nicht schon wieder. Abuja war keine Stadt für Eshu, es wurde Zeit, dass wir hier verschwanden.

Er hatte inzwischen nicht nur gelernt, SMS zu verschicken und ein Telefon zu bedienen, wie ich später feststellte, nein, auch Emails waren inzwischen kein Problem mehr für den Herrn der Wege. Barry hatte er um eine Widmung gebeten – na, wenn er meinte, auch der Indianer wusste Bescheid über denjenigen, der meinen Kopf zu seiner Zweitwohnung erkoren hatte. Als kritischer empfand ich seine Mail an Irene. Auch wenn sie ebenfalls wusste, wer ihr da geschrieben hatte, die Forderung, dass sie seine Hilfe bezahlte, konnte ich nicht gutheißen. Trickster-Gefallen kamen selten ohne Gegenleistungen, das wusste niemand besser als ich. Aber dennoch, ich hatte das Gefühl, dass ich mit meiner Idee auf dem richtigen Weg war. Und wenn der Seiteneffekt war, dass Eshu in meinem Namen durch die Gegend mailte, konnte ich damit leben. Er hatte mir schon wesentlich Schlimmeres angetan.

Auf dem Weg nach Kaduna einige Tage später hatte ich endlich die Zeit, mich bei Irene und Barry zu entschuldigen. Ich versprach Irene, das ich mich melden würde, sobald ich ein wenig mehr herausgefunden hatte. Barry hingegen schickte mir als Antwort die Geschichte, die er über den Trickster geschrieben hatte, er redete sich damit heraus, dies vergessen zu haben, weil er ein gebrochenes Bein hatte. Ich spürte, wie ich eine Augenbraue hochzog, das klang nicht gut. Ich erinnerte mich an Ethans Mail, in der er mir von einem Höllentor berichtet hatte, und dass die Sache nicht ganz so glimpflich abgelaufen war. Vermutlich hatte sich Barry dabei verletzt.
Ich las die Geschichte und musste doch das eine oder andere Mal schmunzeln, was mir wiederum eine hochgezogene Augenbraue von Celeste einbrachte. Wortlos reichte ich ihr das Telefon, und plötzlich machte sich ein Ausdruck auf ihrem Gesicht breit, den ich bisher ein einziges Mal gesehen hatte, nämlich in dem Moment, als sie mich mehr oder weniger erkannt hatte. “Du kennst Barry W. Jackson? DEN Barry W. Jackson?” Die Geschichte interessierte sie im Moment zum Glück nicht so sehr, was ich begrüßte, denn ich wollte ihr immer noch nicht erzählen, was Barry inspiriert hatte. “Äh… ja”, war alles, was ich herausbrachte, denn bisher hatte ich noch nicht einmal gewusst, dass Barry einen zweiten Vornamen hatte, der mit “W” begann. Ich war wirklich ein toller Freund. “Ich liebe seine Bücher. Wo habt ihr euch kennengelernt?” Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass wir uns auf einer Konferenz getroffen hatten, wobei ich die Begegnung mit Dr. Fairchild wohlweislich verschwieg. Meine Freundin musste nicht wissen, wer von meinen Bekannten alles ein Jäger war, das würde sie noch früh genug erfahren.
Unsere restliche Korrespondenz beschränkte sich darauf, dass wir über Westafrika redeten, ich lud Barry und Ethan ein, mich eines Tages hierhin zu begleiten. Außerdem hoffte ich, dass sie im nächsten Jahr beide Celeste kennenlernen würden. Für den Moment konnte ich meine Sorge um Irene und Cal ein wenig beiseite schieben, denn ich wusste, was immer auch kommen mochte, ich würde es nicht alleine durchstehen müssen, und sie auch nicht.

Celeste
I feel it all the time
Felt it all around you
You had me under spell right from the start
But I don’t have a telepathic heart

(Starset – Telepathic)

Die folgenden Tage vergingen wie im Flug. Tagsüber widmete ich mich meinen Studien und Irenes Forschungen, während die Abende und die Nächte Celeste gehörten. Ich hätte niemals für möglich gehalten, dass ich einem anderen Menschen noch einmal so nahe sein würde. Dennoch stand immer noch etwas zwischen uns, aber ich war immer noch nicht gewillt, ihr zu sagen, dass wir im Grunde genommen unter ständiger Beobachtung standen und ich nicht alleine in meinem Kopf war. Eshu hatte sich seit Abuja nicht mehr gemeldet, vielleicht, weil wir das Yoruba-Land schon lange verlassen hatten. Dennoch befand ich mich seinetwegen in einem ständigen Zustand der Wachsamkeit. Ich hatte Angst, dass er sich eines Tages doch einfach nahm, was er wollte, und an meiner Stelle mit Celeste schlief. Natürlich konnte ich das verhindern, indem ich ihr einfach reinen Wein einschenkte, aber ich wusste einfach nicht, wie. Ich liebte diese Frau von ganzem Herzen, und ich hatte immer noch Angst, dass sie mich wieder verließ, auch wenn diese Angst von Tag zu Tag weniger wurde. Wir waren einfach auch ein gutes Team, wir konnten über die gleichen Dinge lachen, über die gleichen Themen sprechen – auch wenn ich bei Barrys Romanen passen musste, womit Celeste mich immer wieder aufzog.

Eines Abends wirkte sie jedoch sehr nachdenklich. Sie lag in meinem Arm, die warme Luft strich über unsere Körper. Ich spürte, wie mir die Augen zufielen, aber noch wollte ich nicht schlafen, irgendetwas hielt mich wach. Celeste hatte ihre Augen geschlossen, schweigend fuhr sie mit ihren Fingerspitzen über meine Brust. “Ich muss dir etwas sagen”, begann sie plötzlich, “ich weiß, es ist noch viel zu früh, aber ich weiß nicht, wann ich das nächste Mal Gelegenheit dazu habe.” Ich strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, während ich diese wunderbare Frau, deren Kopf an meiner Schulter ruhte, betrachtete. “Du kannst mir alles sagen”, erklärte ich. Sie sah zu mir hoch, und der Blick aus ihren smaragdgrünen Augen ging mir durch und durch. Das hier war nicht einfach nur eine Liebelei unter Kollegen, das hier war mehr. Viel mehr. Celeste lächelte, während sie mich betrachtete. “Du machst mich glücklich, Oluwasegun. In jeder Hinsicht. Und deswegen sage ich dir etwas, was ich hoffentlich nicht bereue.” Sie machte eine kleine Pause, aber ich ahnte es. Wenn sie es nicht sagte, dann wäre es gleich an mir. “Ich liebe dich, Oluwasegun”, flüsterte sie. Ich küsste sanft ihre Haare, die nach Vanille dufteten. “Ich liebe dich auch, Celeste”, antwortete ich leise, obwohl ich mir sicher war, dass ich das, was ich fühlte, eigentlich nicht in Worte fassen konnte.

Es war eine lange Fahrt von Kaduna in das Dorf, aus dem Adebayo stammte. Während Celeste mit dem Kopf an meiner Schulter schlief, durchforstete ich meine Bücher. Inzwischen hatte auch Ethan mir geschrieben und mich um eine Lösung für Cal gebeten, und ich überlegte, ob ich nicht einfach meine Sachen einpacken und nach Hause fliegen sollte. Aber würde Celeste mich begleiten? War ich bereit, sie zurückzulassen für meine Freunde?
Plötzlich stoppte der Bus, der Fahrer sprang hinaus, gefolgt von Adebayo und Professor Murray. Celeste wachte auf und sah mich verschlafen an. “Was ist los?” murmelte sie. Ich antwortete nicht, sondern bedeutete ihr, sitzen zu bleiben, ich wollte erst einmal nach dem Rechten sehen.
Eine Gruppe Menschen stand vor dem Bus und redete auf Adebayo ein, der verzweifelt versuchte, Ruhe in die Menge zu bringen. Als sie mich sahen, stürmten sie auf mich ein, während sie Murray ignorierten. “Ruhe!” rief ich, bei meinen Studenten klappte das schließlich auch meistens. Tatsächlich gelang es mir, einige der Menschen zum Schweigen zu bringen, und ein alter Mann trat vor. Er trug traditionelle Hausa-Kleidung und musterte mich ein wenig misstrauisch. “Wir müssen euch warnen, Sahib. Es ist nicht sicher in dieser Gegend.” Adebayo neben mir machte große Augen und schob sich nachdenklich seinen Kufi aus der Stirn. “Was meinst du damit?” fragte er den Alten. Der begann nun, in einem wirren Gemisch aus Arabisch und Hausa auf Adebayo einzureden, bis der junge Mann ihm bedeutete, einen Gang zurückzuschalten. “Hier in der Gegend haust der Herzfresser”, erklärte der Alte nun und senkte auch seine Stimme. Ich sah zu Adebayo, doch der schüttelte nur den Kopf. “Das ist eine Legende, die seit einiger Zeit in den Dörfern hier umgeht”, meinte er, doch er wirkte dabei keineswegs besonders sicher. Ich übersetzte rasch für Murray, was der alte Mann gesagt hatte, denn so konnte ich Zeit zum Nachdenken gewinnen. Vor etwas mehr als einem Jahr hätte ich den Alten als Spinner abgetan, als jemanden, der in einer Welt des Aberglaubens und der Märchen lebt. Aber inzwischen wusste ich es besser, und ich würde mich hüten, das, was der alte Mann sagte, ins Reich der Legende zu verweisen.
Murray jedoch war ganz Wissenschaftler in diesem Moment. Nichts konnte ihn in seiner Rationalität erschüttern. “Sagen Sie dem Mann, dass wir seine Bedenken zur Kenntnis genommen haben”, meinte er und machte Anstalten, wieder in den Bus zu steigen. Ich nickte und wollte gerade übersetzen, als in meinem Kopf ein Bild auftauchte.

Celeste liegt auf einer Art Operationstisch, um sie herum Schläuche, Apparaturen, blinkende Monitore. Neben ihr steht ein Mann, er trägt einen weißen Kittel, und in seiner Hand hält er ein menschliches Herz. Celestes Herz.

So schnell, wie die Vision erschienen war, war sie auch wieder verschwunden, aber ich schüttelte dennoch energisch den Kopf. “Dr Akintola, ist mit Ihnen alles in Ordnung?” fragte Murray mich besorgt. “Ja.. Ja. Alles in Ordnung. Vielleicht ist mir gerade ein Moskito zu nahe gekommen”, log ich und hoffte, dass der Schotte mir glaubte. Aber Murray interessierte sich wieder mehr für seine eigene Bequemlichkeit, er brummte etwas und stieg zurück in den Bus. Ich wandte mich wieder dem Alten zu und erklärte ihm, was Murray gesagt hatte, doch meine Gedanken waren noch bei der Vision.
Sicher, es war nicht das erste Mal gewesen, dass mir so etwas passierte, ich dachte an Anansis Schleier oder die Vision vom Feuer, bevor ich nach Arizona aufgebrochen war. Aber bisher waren das nur Bruchstücke gewesen, Teile eines Ganzen, das ich mir vor Ort selber zusammensetzen musste. Niemals zuvor hatte ich so klar gesehen, und das machte mir in Kombination mit dem, was ich gesehen hatte, mehr Angst als alles, was ich jemals zuvor erlebt hatte.

Am Abend erreichten wir Adebayos Dorf, und der alte Mann und seine Warnung waren längst kein Thema mehr. Ich hatte Celeste zwar erzählt, was er gesagt hatte, aber meine Vision wohlweislich für mich behalten. Außerdem versuchte ich mir einzureden, dass Daya diesmal nicht aufgetaucht war in meinen Gedanken, also konnte es gar keine echte Vision gewesen sein. Die Vorstellung, dass Celeste irgendetwas zustoßen könnte, war äußerst unangenehm, nichts wollte ich lieber verhindern.
Doch Adebayo schaffte es schließlich, mich aus meinen Gedanken zu holen, wenn auch unfreiwillig. Nachdem wir abgeladen hatten, kamen ein paar Leute aus dem Dorf zu uns, neben den Ältesten auch eine junge hübsche Frau, die mir vage bekannt vorkam, und eine ältere Frau mit verbitterten Zügen. Die junge Frau lächelte Adebayo schüchtern zu, was ihr einen Seitenblick der Älteren und einem der Männer einbrachte, und dann wusste ich auch wieder, wo ich sie schon einmal gesehen hatte: Sie war Adebayos Verlobte. “Das ist Thamina. Und das ist Ayda, meine Mutter”, stellte der Guide nun die beiden Frauen am Ende der Runde vor. Hätten Blicke töten können, wäre ich in diesem Moment gestorben. “Du bist nicht, was du zu sein scheinst”, sagte Ayda nur und machte das Zeichen gegen den bösen Blick. Ich spürte, wie ich zu zittern begann. Ich sah zu Celeste, die nur eine Augenbraue hochzog und mich fragend ansah. Ich deutete vorsichtig auf meinen rechten Arm, immerhin waren die Narben inzwischen für Jedermann sichtbar. Sie waren übrigens das einzige, was mir bisher das Interesse von Max Kearney eingebracht hatte, der mit ernster Miene gefragt hatte, um welches Tier es sich denn gehandelt habe, und welche Geschichte dahinter steckte. Ich hatte ihm meine übliche Coverstory von einem Wildtierangriff bei einem Ausflug erzählt, aber ich bezweifelte, dass er mir geglaubt hatte. Die Wahrheit hätte er wahrscheinlich noch weniger geglaubt, oder mich danach über Engel, Dämonen und fanatische Christen aus dem Südwesten ausgefragt. Ich wusste, dass Vigier mich schon einige Male beobachtet hatte, aber gesagt hatte der Franzose bisher nichts. Einem Priester würde ich meine Erlebnisse noch viel weniger gerne anvertrauen als einem Anthropologen.

Während Murray, Welsh, Vigier, die Kearneys und ich in einem der mitgebrachten Zelte unterkamen, wurde Celeste zusammen mit der Studentin von Ayda regelrecht abgeführt zu ihrer Hütte. Natürlich, es kam nicht in Frage, dass die beiden Frauen unverheiratet eine Unterkunft mit Männern teilten, die weder ihre Väter noch ihre Ehemänner waren. Murray fand diese Entwicklung wohl äußerst spannend, Welsh schien erleichtert zu sein, Miss Malé endlich los zu sein, aber ich war nicht wirklich angetan von der Tatsache, dass Celeste und ich getrennt wurden. Sie lächelte mir zu, aber wirklich glücklich schien sie auch nicht zu sein. Aber mit einer Frau wie Ayda wollte ich mich um keinen Preis anlegen. Lieber noch würde ich meine Mutter anrufen und um Verzeihung bitten.

In den kommenden Tagen sahen wir uns nur tagsüber, abends wurde Celeste mit der Studentin Sophie von Ayda regelrecht weggesperrt. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, dass die alte Frau nun unsere Beziehung in der Hand hatte, zumal wir während der Arbeit nicht wirklich Zeit hatten für uns allein. Auch Celeste machte Aydas rigoroses Eingreifen zu schaffen, sie wurde gereizt und ließ ihren Frust an mir oder unseren Mitarbeitern aus. Ich war ein friedfertiger Mensch, doch auch ich hatte meine Grenzen, und als sie mich eines Morgens wieder anfuhr, wurde es mir zu bunt. “Celeste, wir müssen reden.” Sie sah mich wütend an, doch sie nickte nur und folgte mir nach draußen. Ich führte sie etwas abseits von allem und bedeutete ihr, sich zu setzen. “Dieser alte Drache macht mich fertig!” entfuhr es ihr, kaum dass wir außer Hörweite waren. Ich überlegte, ob ich lachen sollte, aber sie sah wirklich wütend aus. “Sie ist eine Hexe, Oluwasegun. Und ich weiß, wovon ich spreche. Sie behauptet, du wärst besessen. Als ob ich das nicht gemerkt hätte!” Sie hatte sich in Rage geredet, aber ich nahm sie trotzdem in den Arm und drückte sie an mich. “Hey.. hey. Es wird alles gut. In sechs Wochen sind wir in Benin, und vor allen Dingen wieder in einer Stadt.” Ich wusste, sechs Wochen konnten verdammt lang sein, aber was sollte ich sagen? Vor allen Dingen wollte ich das Thema davon ablenken, dass ich besessen war, denn Ayda war der Wahrheit damit gefährlich nahe gekommen. Celeste verbarg ihren Kopf an meiner Schulter und schniefte. “Länger halte ich das auch nicht mehr aus. Du fehlst mir.” Ihre Hände arbeiteten sich jetzt unter meinem Shirt den Rücken hinauf, und ich ahnte, worauf das hinauslief. “Hier?” fragte ich sie nur, und sie nickte lächelnd. “Wo denn sonst? Willst du unter den Augen des Drachen meine Ehre in den Dreck ziehen?” “Aber…” Der Gedanke, mitten im Wald mit ihr zu schlafen, so sehr ich sie begehrte, behagte mir nicht im Geringsten. “Ich… Nein. Es muss doch noch eine andere Möglichkeit geben.” Freundlich, aber bestimmt löste ich ihre Hände von meinem Rücken. Celeste sah mich enttäuscht an. “Wo denn? Bei euch im Zelt auf dem Feldbett mit Murray und Welsh und dem Priester als Zuhörer? Oder willst du den Drachen ablenken?” Ich wollte gerade nachgeben, als mir eine Idee kam. “Celeste, kannst du nicht… kannst du Aydas und Sophies Schlaf nicht etwas nachhelfen? Du weißt schon, so ein bisschen mit den Fingern schnipsen…” Ich fand meinen Plan grandios, aber Celeste funkelte mich wütend an. “Du erwartest wirklich, dass ich die beiden verhexe?” “Naja…” “Das ist ein Schadenszauber, Oluwasegun. Ich hoffe, du weißt, dass ich damit gegen den Kodex des Covens verstoßen würde.” Ich seufzte. “Du sollst ihnen nicht schaden. Nur dafür sorgen, dass sie etwas tiefer schlafen. Und es ist ja für einen guten Zweck.” Sie überlegte, und da ihr die Alternative anscheinend noch weniger gefiel, nickte sie. “Aber wirklich nur, solange du bei mir bist.” Ich drückte sie an mich. “Was immer du sagst.”

Ich erfuhr nicht, was Celeste tat, aber weder Ayda noch Sophie bekamen etwas mit. Ayda erklärte lediglich nach einiger Zeit, dass sie so tief schlafe wie schon lange nicht mehr, wobei sie jedoch immer einen misstrauischen Blick in Celestes Richtung warf. Auch Sophie fühlte sich plötzlich sehr ausgeruht, und ich fand, dass sie zum ersten Mal wirkte, als habe sie diese Reise angetreten, weil sie etwas lernen wollte und nicht, weil sie Nigeria mit einem Feriencamp verwechselt hatte.

Eines Abends schlich ich mich aus der Hütte hinaus, um wieder in das Zelt zu gehen, als ich ein Geräusch hinter mir hörte. “Was tust du da?” Ich fuhr herum. Adebayo stand hinter mir und sah mich wütend an. “Ich… äh. Tja. Ich hatte was… vergessen. In Dr. Hamiltons Hütte.” Ich zeigte auf die Tür und hoffte, dass er mir glaubte, doch Adebayo war zu schlau für meine gestammelte Ausrede. “Das geht nicht. Das gehört sich nicht. Das Dorf redet sowieso schon über dich und die weiße Frau. Es tut mir leid, aber wenn ihr weiter hier mit uns leben wollt, solltet ihr euch an die Regeln halten.” Ich sah ihn entsetzt an. Würde er mich jetzt bei Murray verpfeifen? Ich war 36, nicht 16, und Celeste war genauso alt, also was sollte das hier? “Es tut mir leid, aber ich werde mit Professor Murray sprechen.” “Adebayo… Meinst du, das ist wirklich nötig?” Aber der Guide war jetzt wütend, in seinen Augen hatten wir die Gesetze gebrochen, und das war nichts, was er auf sich beruhen lassen würde. “Ja. Aber jetzt geh schlafen. Wir reden morgen weiter.” Ich ging davon, was blieb mir anderes übrig, aber tief in meinem Inneren ärgerte ich mich, dass ich mich von dem jungen Mann so hatte einschüchtern lassen.

Am nächsten Morgen empfing mich ein ernst dreinblickender Professor Murray, er war in Begleitung von Adebayo. Gemeinsam gingen wir in eine der Hütten.
“Er hat mir alles erzählt”, erklärte Murray und sah mich lange an, “was haben Sie dazu zu sagen, Dr. Akintola?” Bevor ich etwas sagen konnte, reichte Adebayo mir eine Kalebasse. “Trink das, das löst die Zunge.” Ich sah ihn fragend an, doch er bedeutete mir, zu trinken. Dann grinste er plötzlich breit. “Du kannst schon mit Doktor Celeste zusammen sein, Oluwasegun. Heirate sie.” Ich hustete, und ich wusste nicht, ob es von dem scharfen Zeug war, was er mir gegeben hatte – Amerika hatte mich doch weicher gemacht, als ich dachte – oder von seinem Vorschlag. “Heirate sie”, wiederholte er, und jetzt wurden seine Züge ernst. “Wenn ihr heiratet, dann könnt ihr in eurer Hütte tun und lassen, was ihr wollt. Aber solange du nicht mit ihr verheiratet bist, ist das, was ihr da tut, Sünde.” Ich wollte widersprechen, aber er hatte recht. Sowohl der Islam wie auch meine eigene Religion lehnten ab, dass Celeste und ich ohne eine Legitimation unserer Verbindung zusammenlebten. Aber heiraten? Nur, damit wir ungestört miteinander schlafen konnten? Das war vielleicht etwas übertrieben. Wir kannten uns doch kaum. Abgesehen davon, was ging die Bewohner des Dorfes an, was wir taten?
Ich sah zu Murray, doch dessen Miene verriet nicht, was er dachte, wortlos reichte ich ihm die Kalebasse. Er betrachtete sie neugierig und nahm einen Schluck, dann sah er von mir zu Adebayo. Offensichtlich faszinierte ihn das Schauspiel.
“Liebst du sie?” wollte Adebayo jetzt wissen. “Was?” fragte ich irritiert zurück. “Ob du sie liebst”, insistierte er, wobei er wirkte, als ließe er mir nur eine bestimmte Zeitspanne für meine Antwort. “Ich… also…” Ich begann zu stottern, ich hatte nicht erwartet, dass der Guide mir so eine persönliche Frage stellte. “Ja oder nein? Das ist doch nicht so schwer, Doktor. Du gehst jetzt da raus und fragst sie, ob sie deine Frau werden will. Wenn sie ja sagt, ist alles gut. Dann werde ich mit Ayda und den Ältesten sprechen, und wir werden euch ein Fest ausrichten. Sagt sie nein, solltest du dir ein anderes Mädchen suchen.” Sein Pragmatismus machte mich für einen Moment sprachlos, was nun wahrlich nicht so einfach war. Ich warf ihm einen langen Blick zu, doch das prallte an unserem Guide ab. “Deine Entscheidung”, meinte er nur noch, dann verließ er die Hütte.
“Sie wissen, dass er recht hat”, meinte Murray jetzt. Ich nickte, obwohl ich mir noch immer nicht sicher war, ob ich nicht ausversehen in eine Sendung mit Versteckter Kamera geraten war oder etwas anderes. “Sir, ich… Ich brauche etwas Zeit.” Mein Kopf war voll mit tausend Fragen, vor allen Dingen der wichtigsten: Würde sie “ja” sagen? Aber das wollte ich nicht mit Murray ausmachen, das war eine Sache, über die ich mir allein klar werden musste. Ich verabschiedete mich von dem Schotten und ging hinaus.

Ich überlegte, ob ich nicht doch als erstes Celeste aufsuchte, aber dann entschied ich mich anders. Ich brauchte Zeit zum Nachdenken, Zeit für mich allein. Heiraten. Das war eine gewaltige Entscheidung, selbst wenn sie nur für die konservativen Gemüter der Dörfler gedacht war. Ich hatte immer von einer Frau und auch von einer Familie geträumt, aber den Zeitpunkt wollte ich selbst bestimmen und nicht von einem Hausa-Dorfältesten festgelegt wissen. Und wer garantierte mir, dass Celeste überhaupt einwilligte? Sicher, sie hatte mir gesagt, dass sie mich liebte, und ich wusste, ich liebte sie. Wenn es nach mir ginge, würde ich diese Frau festhalten und nie wieder gehen lassen. Sie war alles, was ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hatte, sie war klug, scharfsinnig, schlagfertig und gut aussehend, und vor allen Dingen hatte sie es geschafft, dass ich mich zum ersten Mal seit 30 Jahren wieder vollständig gefühlt hatte. Mein Herz sagte mir eindeutig, dass ich heiraten sollte, dass sie die Richtige war. Mein Kopf hingegen hieß mich einen Narren, dass ich tatsächlich erwog, eine Frau, mit der ich gerade einen Monat zusammen war, für immer an mich zu binden. Was würden meine Eltern sagen? Was würden meine Freunde sagen? Was würde Celeste sagen?

So saß ich eine ganze Weile in dem kleinen Waldstück auf dem lehmigen Boden. Ich hatte erwartet, dass Eshu einen Kommentar zu der ganzen Sache abgeben würde, aber er blieb stumm. Heiraten war wohl nicht sein Fall. Stattdessen gesellte sich irgendwann Ruth Kearney zu mir. “Ich habe gehört, was Murray und Adebayo von Ihnen verlangen”, sagte sie und setzte sich neben mich. Eine ganze Weile blieb sie schweigend neben mir sitzen, dann wandte sie sich mir zu. “Ich weiß, dass Sie jetzt überlegen, ob das nicht alles zu kurzfristig ist, und ob Ihre Gefühle stark genug sind.” Ich sah sie an, erwiderte aber nichts. Eigentlich wollte ich alleine sein, aber ich wusste nicht, wie ich das der älteren Frau erklären sollte. “Ich will Ihnen mal etwas erzählen.” Ihr Ton duldete keine Widerrede, ob ich wollte oder nicht, sie würde mir jetzt ihre Geschichte erzählen. “Hören Sie, ich bin seit fast 40 Jahren verheiratet, und glauben Sie mir, Max und ich haben nicht dieses neumodische Getue gemacht. Wir haben miteinander gearbeitet, und irgendwann hat er mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehen wollte. Das habe ich gemacht, ein paar Mal und dann hat er um meine Hand angehalten. Es erschien mir logisch, denn er und ich haben uns perfekt ergänzt. Romantik hat dabei keine große Rolle gespielt. Aber dennoch, ich kann mir nicht vorstellen, wie es einmal ohne ihn wäre.” Sie wirkte dabei völlig nüchtern. “Was ich damit sagen will: Sie und Dr. Hamilton kennen sich vielleicht noch nicht sehr lange, aber ich kann Ihnen sagen, wie ich das sehe. Ich sehe zwei sehr glückliche Menschen, die sich anscheinend gefunden haben, und ich wüsste nicht, was dagegen spricht, dass Sie sie heiraten.” Sie machte eine Pause. “Oder glauben Sie, dass Sie vielleicht doch noch eine Andere finden? Ob mit oder ohne Trauschein, Sie werden jeden Tag etwas Neues an ihr finden, und es wird Ihnen vielleicht nicht alles gefallen. So ist das in einer Ehe. Also können Sie sie auch gleich beginnen.” Ich nickte, eine andere wollte ich nicht, ich liebte Celeste, und sie liebte mich. Selbst wenn sie das nicht gesagt hätte, das war eine unumstößliche Wahrheit. “Das dachte ich mir. Dann gehen Sie zu ihr und sagen Sie ihr das.” Ich stand auf und wollte mich auf den Weg machen und Celeste suchen, da hielt sie mich auf. “Ich glaube, das hier können Sie gleich brauchen.” Sie reichte mir einen altmodischen silbernen Ring, den ich ein wenig überrascht ansah. “Mein Verlobungsring.” “Aber… das kann ich nicht annehmen.” Ich wollte ihr den Ring zurückgeben. Ruth Kearney tat etwas, was ich an ihr bisher noch nicht gesehen hatte. Sie lächelte und schloss meine Hand um den Ring. “Doch, das können Sie. Ich bin mir sicher, dass Max es gutheißen würde. Er mag Sie, und er mag Celeste. Und jetzt gehen Sie endlich, Dr. Akintola!”

Celeste saß mit den Frauen vor Aydas Hütte, und mein Auftauchen sorgte für ein kollektives Kichern. Normalerweise wäre es mir nicht gestattet gewesen, mich ihr so einfach zu nähern, aber wir waren sowieso die merkwürdigen Ausländer, also ging das schon in Ordnung. “Kann ich dich mal sprechen?” fragte ich sie, und sie stand mit einem fragenden Blick auf. “Was gibt es denn?” Ich führte sie etwas von den Frauen fort, so dass Ayda uns immer noch in Sicht-, aber nicht mehr in Hörweite hatte. Sie sprach vielleicht nicht besonders gut Englisch, aber sie sprach es, und ich wollte meine Neuigkeit – wenn es eine geben sollte – gerne selbst bekannt geben und nicht von Adebayos Mutter verkündet wissen. “Lebt dein Vater noch?” wollte ich jetzt von Celeste wissen. Sie sah mich mit großen Augen an. “Bitte was? Was ist das denn für eine Frage? Nein, tut er leider nicht mehr, aber meine Mutter…” Ich unterbrach sie. “Nein, ich glaube, für das hier muss ich deinen Vater fragen. Oder deinen Bruder.” Nervös zupfte ich mit den Fingern an den Ärmeln meines Hemdes. “Oluwasegun, ist das das hier, was ich denke, das es ist?” Celeste sah mich misstrauisch an, und ich konnte nicht anders. Das würde bei weitem nicht so feierlich werden, wie ich mir das immer vorgestellt hatte. “Ja, ich denke schon. Adebayo hat mir vorhin ins Gewissen geredet, dass ich gefälligst eine ehrbare Frau aus dir mache. Er hat gesehen, wie ich aus deiner Hütte gekommen bin und eins und eins zusammengezählt.” Zu meiner Überraschung begann sie jetzt, laut zu lachen, und für einen Moment fühlte ich mich an mein Telefonat mit Felicity in Sundance Erinnert. “Er hat recht. Ich sage ja, allerdings unter einer Bedingung.” Für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen. Sie sagte tatsächlich ja? Und ganz gleich, was sie für eine Bedingung stellte, ich würde sie erfüllen. Selbst wenn es so etwas unwahrscheinliches wie den Stein der Weisen oder ähnliches war.
“Ich möchte einen richtig klassischen Antrag. Mit Kniefall und allem. Und wenn wir wieder in England sind, heiraten wir richtig. In Oxford.” Sie strahlte mich an, und bevor sie weiter reden konnte, ging ich auf die Knie und ergriff ihre rechte Hand. Nervös zog ich Ruth Kearneys Verlobungsring aus der Hosentasche und steckte ihn an ihren Ringfinger. Er war ein wenig zu groß, aber was machte das in diesem Moment? Ich hoffte, dass sie es sich wegen dieser Kleinigkeit nicht anders überlegte.
“Celeste Hamilton, willst Du mich heiraten?” Für einen kurzen Moment schwieg sie, und ich befürchtete, dass sie es sich anders überlegt hatte. Doch dann erlöste sie mich. “Ja, ich will. Ich will deine Frau werden.” Mit diesen Worten bedeutete sie mir, aufzustehen, dann fiel sie mir um den Hals und küsste mich. Ich erwiderte den Kuss, bis ich hinter uns ein Räuspern hörte. “Nicht in der Öffentlichkeit!” raunte Thamina, aber ich lachte nur. “Mach eine Ausnahme. Wir haben uns gerade verlobt.”

Die Stimmung im Dorf schien sich schlagartig geändert zu haben, offensichtlich war die anstehende Feier ein großes Ereignis. Ich sah dem ganzen noch skeptisch entgegen, immerhin war ich ein Yoruba, ein Christ, und nicht hier heimisch, Celeste noch weniger. Aber den Dorfbewohnern schien das nichts auszumachen, dauernd kamen Leute mit Glückwünschen auf uns zu, und wenn ich gedacht hatte, dass ich Celeste nun öfter sehen durfte, dann hatte ich mich getäuscht. Ständig waren irgendwelche Frauen um sie, nahmen Maß für Gewänder und brachten Stoffe, oder sie lehrten Celeste die traditionelle Hausa-Zeremonie. Ich hingegen hatte das Glück, Adebayo an meiner Seite zu haben. Er hatte beschlossen, die Aufgabe des Trauzeugen zu übernehmen, und dazu gehörte hier auch, dass er alles von mir fernhielt, was mich von meiner eigentlichen Aufgabe – lächeln und Ja-sagen – abhielt.

Eines Abends hatte ich es jedoch geschafft, Adebayo, die Frauen und unsere Kollegen abzuschütteln, denn für das, was ich jetzt vorhatte, konnte ich keine Zeugen brauchen. Jetzt, wo wir verlobt waren und hoffentlich auch den Rest unseres vor uns liegenden Lebens miteinander verbringen würden, musste ich mich Celeste endlich offenbaren. Vielleicht würde sie mich danach nicht mehr heiraten wollen, aber das Risiko musste ich eingehen.

Ich traf mich mit Celeste in Aydas Hütte, die alte Frau war mit Sophie und ihrer zukünftigen Schwiegertochter unterwegs. Celeste wirkte ruhig und entspannt, das war ein Punkt für mich, aber Angst hatte ich dennoch. Aber es musste sein.
“Ich muss dir etwas sagen”, begann ich, dann lauschte ich in mein Inneres. Hoffentlich war er zugegen und ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen.

Du kannst jetzt rauskommen.
Wirklich?
Und wehe, du fasst sie an. Das ist meine Verlobte.
Schade. Sie gefällt mir wirklich gut.

Ich spürte, wie mein Rücken gerade wurde, geradezu schmerzhaft zog sich meine Wirbelsäule auseinander, meine Schultern schienen breiter zu werden, und für einen Moment huschte ein rot-schwarzes Leuchten durch meine Augen. Dank der Allgegenwärtigkeit von Smartphones und dem Drang meiner Studenten in Seattle, ihren Lehrkörper auf Youtube bloß zu stellen, wusste ich, wie ich aussah, wenn Eshu das Steuer übernahm.

“Sei mir gegrüßt, Celeste, Tochter von Richard.” Celeste starrte ungläubig auf ihren Verlobten, der jetzt plötzlich so anders klang. War er doch besessen? Hatte Ayda recht gehabt? Aber das hätte sie doch gemerkt, immerhin war sie mit dem Übernatürlichen vertraut. Seine Reaktion auf ihre Tätowierung fiel ihr ein. Sei nicht dumm, schalt sie sich, er ist kein Dämon, das hier ist etwas anderes. “Sei… sei mir auch gegrüßt, wer immer du bist” antwortete sie unsicher. Was war mit seiner Stimme passiert? Sie erinnerte sich an das seltsame Telefonat in Abuja. Der Akzent klang entfernt wie der von Adebayo und den anderen Menschen, die sie kennengelernt hatte und die halbwegs englisch sprachen, aber er wirkte viel älter, viel archaischer. Sie hatte plötzlich das Gefühl, dass in der Hütte ein Feuer brannte, in dem Kräuter und Weihrauch verbrannt wurden, der Geruch war so präsent, dass ihre Augen begannen, zu brennen. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und streckte ihre Hand nach ihm aus, und er griff danach und zog sie so mit einem Ruck an sich. Nein, das war nicht ihr Oluwasegun, das war jemand anderer, aber dennoch wollte sie jetzt mit ihm schlafen, sich ihm hingeben. Waren das wirklich ihre eigenen Gedanken?

Er hielt sie immer noch fest an sich gepresst, als er weitersprach. “Werte Dame, ich bin der Herr der Straßenkreuzungen, Wege und Türen. Der Vermittler. Manchen nennen mich einen Trickster, einige kennen mich als Elegba, aber für mein Volk bin ich Eshu.” Sie lachte auf. “Du bist ein Gott?” fragte sie unglaublich. “Ja und nein. Ich bin ein Orisha, ja, aber Euer Verlobter, werte Dame, ist ein Mensch. Ich habe ihn für einige Zeit als meine Heimstatt erkoren, nachdem ich ihm half, die Apokalypse zu verhindern. Er ist bisweilen recht kurzweilig.” Kurzweilig? Was war denn das für eine Aussage?
“Ich verstehe nicht…” Celeste spürte, wie sich ihre Lippen den seinen näherten, er sollte nicht mehr reden, er sollte sie einfach nehmen, sich ihres Körpers bedienen, wie er es wollte… Nein!
Sie war eine Weiße Hexe, eine von Dreizehn, Adalynns Tochter, und eine Hexe seit dem Tag, an dem sie zur Frau geworden war. Das hier waren nicht ihre Gedanken und nicht ihre Gefühle, der… Gott vor ihr beeinflusste sie. “Ich fühle mich geehrt, Orisha”, sagte sie schließlich und bemühte sich, ihre Stimme fest klingen zu lassen, “aber ich würde es begrüßen, wenn Ihr wieder meinen Verlobten zurückholt. Ihm gehört mein Herz, wenn Ihr versteht.” Ein wissendes Lächeln huschte über sein Gesicht, fast ein Raubtiergrinsen, und kurz schauderte sie. Dann plötzlich war der grausame Zug in Oluwaseguns Gesicht verschwunden, und seine dunklen Augen sahen sie beunruhigt an.

Celeste war zumindest noch da, und sie sah nicht so aus, als habe er versucht, ihr etwas anzutun oder ihr auf eine andere Weise​ zu schaden. “Wow”, sagte sie schließlich nach einer Weile, “also hatte Ayda recht. Wie… wie geht das?” Ich holte tief Luft, und dann erzählte ich es ihr. Das Öffnen der Tore, Eshus Hilfe und der Preis, den ich gezahlt hatte: Felicity, mein Job und beinahe auch mein Leben. Von der Reise nach Nigeria im letzten Jahr und dem Flug.
Sie hörte mir zu, doch an ihrem Gesichtsausdruck sah ich, dass sie mit sich rang, wie sie mit mir umgehen sollte. “Oluwasegun… es tut mir leid. Ich… ich liebe dich. Aber ich brauche erst einmal Zeit, das alles zu verarbeiten.” Ich schluckte und nickte, aber ich war gewillt, ihr alle Zeit der Welt zu geben. Wenn es bedeutete, dass wir uns trennten, dann musste ich das akzeptieren, ich würde sie nicht aufhalten, ganz gleich, wie weh es tat.

Sie nickte noch einmal, dann drehte sie sich wortlos um und verschwand. Ich ging ebenfalls hinaus und blinzelte in die Sonne.

Mag sie mich nicht?
Du stellst Fragen… ich glaube, darum müssen wir uns keine Sorgen mehr machen.
Warum? Sie liebt dich doch
Bist du sicher?
Ja, natürlich. Sie hat mir widerstanden, das schaffen nicht viele.
Aber…
Oluwasegun!

Auch wenn die Begegnung glimpflich abgelaufen war, ich hielt mich zurück, was Celeste anging. Sie hatte mich um Zeit gebeten, und sie sollte sie bekommen. Die Hochzeitsvorbereitungen gingen nach wie vor weiter, offensichtlich hatte sie die Veranstaltung nicht abgesagt. Das stimmte mich hoffnungsvoll, aber vielleicht hatte sie es auch vergessen.
Wir verrichteten unsere Arbeit wie immer, aber die seltsame Stimmung und unser sachlicher Umgang miteinander machten mich mürbe.

Eines Abends ging in Richtung meines Zeltes, als Sophie aufgeregt angerannt kam. “Dr. Akintola! Dr. Akintola!” rief sie schon von weitem, und ich drehte mich überrascht um. Meistens beschränkte meine Konversation mit Sophie sich auf “Guten Morgen” und “Gut geschlafen?”. Aber jetzt wirkte sie völlig aufgelöst, ihre Haare hatten sich aus dem Zopf gelöst, und ihr Gesicht war gerötet vom Rennen. “Was ist passiert?” fragte ich sie. Ohne Luft zu holen, begann sie zu sprechen. “Dr. Hamilton… Sie ist… verschwunden.” Ich sah sie entsetzt an. “Was meinen Sie mit ‘Verschwunden’?” Mir wurde plötzlich eiskalt. Hatte sie sich verlaufen? Oder war sie womöglich sogar abgereist? Aber dann würde Sophie nicht vor mir stehen, als sei sie von einer Meute Hunde gehetzt worden. “Sie sagte,… sie wolle… spazierengehen.” “Sophie”, sagte ich, und bemühte mich, meine Stimme fest klingen zu lassen, “atmen Sie bitte tief durch und sagen Sie mir dann, was passiert ist.” Sophie sah mich dankbar an, sie nahm zwei Atemzüge, die mir wie Ewigkeiten vorkamen. “Mrs. Ayda wollte uns eben abholen, aber Dr. Hamilton sagte, dass sie noch ein wenig spazieren gehen wollte. Das war vor zwei Stunden. Normalerweise ist sie pünktlich, und ich habe sie schon überall gesucht. Bitte, Dr. Akintola, Sie wissen doch sicher, wo sich Dr. Hamilton aufhält. Ist Sie vielleicht bei Ihnen?” Ich überlegte blitzschnell, was ich sagen sollte, damit Sophie nicht noch aufgeregter wurde, denn das arme Mädchen war kurz vor dem Kreislaufzusammenbruch. “Ich… ähm… also.. Sie gehen am Besten zurück zu Mrs. Ayda, und ich werde Dr. Hamilton suchen.” Meine Gedanken rasten, während ich mir die schlimmsten Schreckensszenarien ausmalte. Wir waren hier in einer Gegend, in der es durchaus zu Rebellenausfällen kommen konnte, und jemand, der so offensichtlich europäisch aussah wie Celeste, würde ein gutes Lösegeld abgeben – nachdem man ihr Dinge angetan hatte, über die ich nicht nachzudenken wagte. Meine Vision fiel mir wieder ein. Nein, das durfte ich nicht zulassen, ihr durfte nichts passieren. Fieberhaft überlegte ich, wo ich Celeste suchen sollte. Zwei Stunden waren in dieser Gegend eine Ewigkeit, wenn man sich nicht auskannte, und ich spürte, wie meine Wut auf Sophie wuchs. Dann aber wurde mir klar, dass das Mädchen sicher auch nichts dafür konnte, sie hatte auf Celeste gewartet, die nicht erschienen war.

Ich verließ das Dorf in Richtung des Mangrovenwäldchens, von dem ich wusste, dass Celeste es sehr schätzte zum Meditieren. Aber dort war sie nicht, es war keine Spur von ihr zu sehen. Ich wollte schon kehrt machen und Adebayo und Welsh suchen, damit sie mir bei der Suche halfen, als ich etwas helles auf dem Boden liegen sah. Es lief mir eiskalt den Rücken herunter, als ich Celestes Schal erkannte, mit dem sie sich die Haare beim Arbeiten hochband. Ich hob den Schal auf und betrachtete ihn. Es war kein Blut daran zu sehen, aber das musste nichts heißen. Vorsichtig ging ich weiter. “Celeste!” rief ich in das Wäldchen, “Celeste, wo bist du?” Plötzlich hörte ich ein Geräusch vor mir, und jetzt hielt mich nichts mehr. So schnell ich konnte, lief ich weiter.

Celeste stand auf einer Lichtung an einer Art Teich, wie erstarrt blickte sie in das Wasser. “Celeste!” rief ich noch einmal, und dann drehte sie sich um. Ihre Augen waren vor Schreck geweitet, ihre Haut noch blasser als sonst, und ich sah Kratzer an ihren Armen und Beinen, so als sei sie Hals über Kopf durchs Unterholz gerannt. “Oluwasegun”, sagte sie nur überrascht, dann verdrehte sie die Augen und sank in sich zusammen.
Ich fing sie gerade noch rechtzeitig auf und hielt sie, als sie plötzlich die Augen wieder aufschlug. “Wo ist sie?” fragte sie mich. Ich sah sie verständnislos an. “Wo ist wer?” fragte ich, bis mir einfiel, dass sie vermutlich Sophie meinte. “Sophie ist im Dorf, ihr geht es gut”, sagte ich und versuchte, meine Stimme fest und beruhigend klingen zu lassen. “Nein, ich meine nicht Sophie. Ich wollte ein wenig allein sein und meditieren, und dann war da diese Frau….” Bei jeder anderen Person hätte ich jetzt wahrscheinlich erstmal auf einen Hitzschlag getippt und Fieber gemessen, aber ich hatte schon gelernt, dass Celeste als Weiße Hexe durchaus in der Lage war, Visionen und Vorhersehungen zu haben. “Wie sah sie aus?” fragte ich stattdessen. “Sie war nicht besonders groß und blond, dem Aussehen nach war sie Britin oder Amerikanerin. Unser Alter ungefähr. Sie hatte eine dicke Jacke an und sah aus, als ginge sie auf die Jagd. Sie war auf einmal da, ich habe sie nicht kommen sehen, ich wollte doch nur meine Ruhe haben, und ihr Gesicht – Oluwasegun, ich habe noch nie jemanden gesehen, der so aussah. Erst wirkte sie völlig verzweifelt, aber dann…So etwas habe ich noch nie gesehen” Celeste sah zu mir hoch, ihr Gesicht noch immer von Angst und Schrecken gezeichnet. Ich hielt sie fest, und sie machte keinerlei Anstalten, sich von mir zu lösen, im Gegenteil. Ihre Hand suchte meine, und sie drückte sie fest. “Ich bin so froh, dass du mich gefunden hast”, erklärte sie mir dann, “ich wollte nur in Ruhe meditieren, aber da waren so viele Hintergrundgeräusche. Oluwasegun, etwas passiert hier. Ich weiß nicht, was es ist, und ob es gut oder schlecht ist. Aber ich weiß, dass ich es nicht ohne dich schaffe und auch nicht schaffen will. Du bist, was du bist. Es ist nicht einfach, und es wird auch nicht einfach, aber ich will mit dir zusammen sein.” Sie machte eine Pause und tippte mir lächelnd vorsichtig an die Stirn. “Und wenn es sein muss, auch mit ihm.” Ich beugte mich vor und küsste sie, und sie erwiderte den Kuss. “Wir sollten zurückgehen”, meinte ich dann, doch sie lächelte nur. “Oh nein, mein Lieber. Wir sind endlich allein, und das werde ich ausnutzen.” Ich ließ sie gewähren, denn ich war so unglaublich glücklich, dass wir wieder vereint waren, dass mir völlig entgangen war, dass die Frau, die Celeste gesehen haben wollte, bis ins kleinste Detail der Beschreibung von Irene Hooper-Winslow entsprochen hatte.

Man sagt, dass die Hochzeit einer der wichtigsten Tage im Leben eines Menschen ist. Das mag stimmen, doch es war auch einer der aufregendsten, intensivsten und ereignisreichsten in meinem Leben. Im Nachhinein ging alles furchtbar schnell, es war immer jemand um uns herum, und ich konnte mich nicht mehr an wirklich viel erinnern. Dauernd waren Menschen um uns herum, wir wurden in traditionelle Gewänder gesteckt, und es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Geistliche uns unser Ja-Wort abnahm. Aber damit hatten wir es noch lange nicht geschafft, die traditionellen Feierlichkeiten gingen bis in die Abendstunden. Und auch wenn wir jetzt verheiratet waren, Celeste und ich hatten keine freie und ruhige Minute, bis wir spät in der Nacht in Aydas Hütte gebracht wurden.
“Und, wie fühlst du dich?” wollte ich wissen, während ich den Umhang von ihren Schultern strich und ihren Nacken küsste. Sie legte den Kopf an meine Schulter und ließ mich mit einem Seufzer gewähren. “Sehr gut”, flüsterte sie, während sie sich daran machte, das Gewand vor der Brust zu öffnen. Ayda hatte sie beinahe begleitet, aber ich hatte die alte Frau freundlich, aber bestimmt darauf hingewiesen, dass die Sache mit der Jungfrau, der Einweisung und dem Beweis ausfiel.
Celeste ließ das Gewand zu Boden gleiten und drehte sich um, nackt, wie Gott sie geschaffen hatte, und schlang mir die Arme um den Hals. “Du hast entschieden zuviel an, Oluwasegun”, meinte sie, dann machte sie sich an meiner Kleidung zu schaffen. Mit einer eleganten Handbewegung hatte sie mich aus dem Gewand befreit. Meine Ehefrau. Meine wunderbare, wunderschöne Ehefrau. Ich machte einen Schritt zurück, um sie zu betrachten, denn so ganz konnte ich noch nicht glauben, dass sie jetzt ganz und für immer zu mir gehörte. “Was?” fragte sie leise. “Entschuldige. Aber ich fühle mich von zeit zu Zeit so, als sei das hier ein Traum”, gestand ich. Sie lächelte. “Da sind wir schon zwei.” Dann wurde sie für einen Moment ernst. “Bereust du es?” “Machst du Witze? Celeste, ich liebe dich. Ich liebe dich mehr als alles auf der Welt.” Das schien sie zu beruhigen. “Ich liebe dich auch, Oluwasegun. Das hier… es ging so unglaublich schnell, aber es fühlt sich gut an. Richtig.” Sie kam zu mir und küsste mich, wobei sie ihren Körper gegen meinen presste. Gott, sie machte mich wahnsinnig, in einem so positiven Sinn, den ich niemals mehr für möglich gehalten hatte. Am liebsten würde ich sie gar nicht mehr loslassen, diesen Augenblick zur Ewigkeit werden lassen. “Was denkst du gerade?” fragte sie mich leise. Doch ich schwieg und sah ihr nur in die Augen. Sie lächelte, dann entwand sie sich mir wie eine Katze und machte einen Schritt auf die Bettstatt zu, die die Frauen für uns gemacht hatten. “Lass uns die Nacht endlich beginnen”, meinte sie, während sie sich hinlegte. Ich beugte mich zu ihr herunter und küsste sie ein weiteres Mal, während meine Hände tiefer wanderten.
Und lass sie am besten nie wieder enden.

Viel später in dieser Nacht lagen wir nebeneinander und lauschten in die Dunkelheit, als Celeste sich plötzlich erhob. “Was?” fragte ich sie, aber sie bedeutete mir zu schweigen. “Ich habe noch etwas für dich. Ein Geschenk.” Ich sah sie überrascht an, woher hatte sie mitten in der Wildnis ein Geschenk herbekommen? Doch bevor ich fragen konnte, kam sie zurück und bedeutete mir, ihr die flache Hand hinzuhalten. Eine silberne Kette fiel in meine Hand, daran ein Anhänger in Form eines Schlüssels. “Was ist das? Der Schlüssel zu deinem Herzen?” fragte ich lachend, und sie sah mich nur aus ihren smaragdgrünen Augen an. “Möglich. Aber ich werde dir zu gegebener Zeit erklären, was es damit auf sich hat.” Nachdenklich sah ich das Schmuckstück in meiner Hand an, dann blickte ich wieder zu Celeste. “Wieso…”, begann ich, aber sie legte mir den Finger an die Lippen, während sie mit der anderen Hand über meinen Arm strich. “Es sind noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang, und die will ich nicht mit Reden verbringen, Mr Hamilton.” Ich wollte etwas erwidern, aber sie lächelte nur schelmisch. “Oh, habe ich dir das nicht gesagt? Du wirst natürlich meinen Nachnamen annehmen und in mein Hexenhäuschen in New Haven ziehen.” Ich sah, wie sie sich bemühte, nicht laut loszulachen, und ich zog sie einfach nur an mich und hielt sie fest. “Ich gehe mit dir überall hin”, murmelte ich in ihre Haare, bevor wir uns wieder fallen ließen.

Eshu
And when all the fires burn
When everything is overturning
There’s no thing that I won’t go through
Even if I have to die for you

(Starset – Die for you)

Sie sehen ihn nicht, beachten ihn nicht. Der kleine Junge sitzt in einer Ecke, und alle scheinen seine Anwesenheit vergessen zu haben. Dabei will er doch nur, dass sie ihm erklären, was passiert ist. Etwas ist in dieser Nacht geschehen, und er will es verstehen. Sie sollen ihm sagen, was sie mit ihr gemacht haben, warum dieses… Wesen in ihr Kinderzimmer eingebrochen ist. Warum es sie mitgenommen hat. Aber sie sagen es ihm nicht. Sie habe Fieber gehabt, sie sei gestorben in der Nacht.
Aber das ist nicht wahr, und sie müssen das wissen, sie müssen ihn anhören! Er hat versucht, mit seiner Mutter zu sprechen, aber sie hat ihm nur über den Kopf gestrichen, ihn “mein Kleiner” genannt und ihn dann fortgeschickt. Sein Vater ist am Boden zerstört, er sitzt apathisch in einer Ecke und bemerkt noch nicht einmal das Kind, das versucht, seinen Schoß zu erklimmen.
Was ist nur los? Wo ist seine Schwester? Was haben sie mit Daya gemacht?

Die Äste peitschen mir ins Gesicht, aber ich spüre den Schmerz nicht. Wo bin ich? Was ist passiert? Aber da höre ich hinter mir schon wieder das Geräusch. Motoren. Waffen. Schreie.

Lass mich nur machen
Ich will nicht sterben!
Du wirst nicht sterben. Das lasse ich nicht zu.
Ich will nicht..

Das Etwas in meinem Kopf drängt mich beiseite, stößt mich aus meinem eigenen Bewusstsein, bis ich ins Dunkel falle.

Der Geruch von Weihrauch und Lotus vermischt sich mit dem Rauch in der Hütte. Es ist unerträglich heiß, als die alte Frau das Huhn packt und ihm mit einem gekonnten Schnitt die Kehle durchschneidet. Das Blut tropft in die Schale, langsam, wie Sirup. Der Junge betrachtet das Schauspiel; obwohl er es schon so viele Male gesehen hat, fasziniert es ihn immer wieder aufs Neue.
Die alte Frau wirft jetzt etwas in das warme Blut und murmelt ein paar Worte. Er kann sie bald mitsprechen, aber noch ist das nicht seine Aufgabe, er muss noch lernen.
“Du bist so ein kluger Junge, Oluwasegun. Shango hat dich gesegnet, und Eshu beschützt dich auf deinen Wegen. Du wirst einmal ein weiser Mann sein.” Sie taucht ihre Finger in das Blut und will ihm damit ein Zeichen auf den nackten Oberkörper malen, als die Tür aufgestoßen wird.
“Fass mein Kind nicht an, du Hexe!” Das Gesicht der Frau ist wutverzerrt, als sie den Jungen am Arm packt und nach draußen ziehen will. Die alte Frau sieht erstaunt auf. “Ich habe dir gesagt, was ich tue. Es ist wichtig für ihn. Schließlich ist seine Schwester nicht mehr da.” “Und ich verbiete es! Das ist Hexerei! Nelson geht ins Internat, so weit wie möglich weg von dir!” Der Junge sieht ängstlich zu seiner Mutter. Internat? Weg von seiner Großmutter? Aber bevor er etwas sagen kann, hat sie sein Handgelenk fest umschlossen und zieht ihn mit sich mit. Er weiß, er wird seine Großmutter lange Zeit nicht mehr sehen.

Alles dreht sich um mich. Die Bäume scheinen immer näher zu kommen. Meine Beine schmerzen, meine Lungen brennen. Wie weit bin ich schon gerannt?
Die Luft ist feucht und schwer, das Atmen fast unmöglich. Luft. Ich brauche Luft. Und Nahrung. Wann habe ich das letzte Mal etwas gegessen? Was habe ich überhaupt gegessen? Mein Blick fällt auf mein Handgelenk. Die Uhr ist stehen geblieben, schon vor… Tagen. Wie lange bin ich unterwegs? Wohin bin ich unterwegs? Und… wer bin ich eigentlich?

Das Land ist trist und grau, soviel kann er sehen. Als er aus dem Flugzeug steigt, spürt er die Kälte. Die Menschen sehen ihn an, als sei er ein Außerirdischer. Aber vielleicht ist er das auch, seine Haut ist dunkler als ihre, seine Sprache ist nicht ihre, dies ist nicht seine Heimat. Eine Frau kommt auf ihn zu und fragt ihn nach seinem Namen. Sie sieht nett aus, aber sie ist so weiß, so hell. So rein. Er nickt nur und folgt ihr.
Sie bringt ihn zu einem Kleinbus, vorbei an all den kalten Orten, den kalten Menschen. In dem Bus sitzen bereits drei Jungen, ihre Haut ist ebenfalls dunkler als die der Frau. Ihr Englisch ist seltsam gefärbt, und sie starren ihn an. Er nennt ihnen seinen Namen, leise, schüchtern. Sie nennen ihm ihre, und dann klopfen sie ihm auf die Schulter und beginnen, auf ihn einzureden. “Capoeira” ist eines der Worte, das er aus dem Redeschwall heraushört.
Togues. Cantigas. Roda.

Capoeira

“Oluwasegun?” Ich habe das Gefühl, als müsste ich die rothaarige Frau kennen. Sie ist mir so vertraut, plötzlich fühle ich mich leer, und eine tiefe Trauer erfasst mich. Wer ist sie? Ich strecke meine Hand nach ihr aus, aber sie lächelt nur, dann dreht sie sich um und verschwindet. Wo ist sie? Ich weiß nur, dass ich sie wiedersehen will.

Er tanzt, schneller, schneller. Hinter ihm stehen die Dämonen, vor ihm die Engel. Es ist das letzte Gefecht, die letzte Schlacht. Wer ist Freund, und wer ist Feind?

Sie sieht ihn an, lange und nachdenklich. “Ich bin mir noch nicht sicher, ob das hier nicht ein Fehler war. Ich brauche Zeit, Nelson.” In diesem Moment weiß er bereits, dass sie ihn nicht liebt, auch wenn sein Herz sich weiter an diesen Gedanken klammern möchte.

Ich will die rothaarige Frau wiedersehen. Da ist etwas in mir, das mir sagt, dass sie mir sagen kann, wer ich bin, was ich bin. Sie wird mich wieder zurückbringen.

Er sieht auf den Laptop und liest die Email. Einmal, zweimal. Die Engländerin und sein Freund haben versucht, eine Seele zu retten und haben dabei eine andere verloren. Man fürchtet um seine Sicherheit. Aber er, er kann ihnen helfen. Kann er ihnen wirklich helfen?
“Du hast es doch schon einmal getan. Warum akzeptierst du nicht endlich, dass du bist wie ich?” Die rothaarige Frau will ihm gut zureden, aber er will nicht sein wie sie. Er hat dem Übernatürlichen abgeschworen, damals. Das ist eine Welt, mit der er nichts mehr zu tun haben will. Er sagt ihr das, aber sie lässt nicht locker. “Du warst im Herzen der Finsternis. Du kannst nicht zurück. Du weißt das, und du musst ihnen helfen, so, wie du es gelernt hast.” Warum versteht sie es nicht? Warum quält sie ihn so? Er reißt sich los, er muss alleine sein, er braucht frische Luft.

Als er später zurückkehrt, stehen da die Männer auf dem Dorfplatz. Sie zwingen die Weißen mit vorgehaltener Waffe, in ihre Autos zu steigen. Auf dem Dorfplatz liegt die Leiche eines jungen Mannes. Es ist der Guide, sie haben ihn einfach erschossen.
Jetzt sieht er die rothaarige Frau, sie scheint in seine Richtung zu blicken. Er muss zu ihr, er muss sie retten, aber da hört er die Stimme.

Wenn du das tust, sterben wir beide. Ich werde jetzt dafür sorgen, dass du in Sicherheit bist.

Ihm wird schwarz vor Augen, etwas drängt ihn an den Rand seines Bewusstseins. Als er wieder zu sich kommt, ist es dunkel, und um ihn herum nichts als die Stimmen der Tiere und das Waldland. Sie ist fort, und er kann sie nicht wiederfinden.

Ich laufe weiter, immer weiter. Zwischendurch scheine ich meinen Hunger gestillt zu haben, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Ist das Blut auf meiner Kleidung?

Der Arzt steht vor dem Operationstisch, auf dem die rothaarige Frau liegt. Sie ist an Maschinen angeschlossen, Schläuche führen aus ihrem Körper heraus, aber sie ist nicht bewusstlos. Ein Skalpell blitzt auf, ein schneller Schnitt, dann versenkt der Arzt seine Hände in ihrem Brustkorb. Ein lautloser Schrei formt sich auf ihren Lippen, als sie bemerkt, dass sie stirbt. Triumphierend hält der Mann das Herz in die Höhe, dann legt er es vorsichtig in eine Schale neben sich. Für die Frau vor sich hat er nur einen verächtlichen Seitenblick übrig. “Schafft sie weg,” bedeutet er seinen Untergebenen neben ihm mit einer Kopfbewegung.
Als die beiden Helfer sich daran machen, die Apparaturen zu lösen, geht der eine plötzlich zu Boden, auf seiner Brust erscheint ein roter Fleck, der sich rasch ausbreitet. Dann fällt der zweite, auch er scheint von einem Schuss getroffen zu sein. Aber es ist nichts und niemand zu sehen. Scharfschützen?
Jetzt bersten die Scheiben des Raums, und Bewaffnete stürmen herein. Sie reagieren professionell, keine überflüssige Bewegung und Sprache ist zu sehen und zu hören. Die Frau auf dem Operationstisch beachten sie nicht, sie haben Wichtigeres zu tun.

In der Ferne sehe ich eine Hütte, oder vielmehr einen Hüttenkomplex. Drei Häuser stehen in Hufeisen-Anordnung auf einer Lichtung. Davor Militärjeeps. Ich erkenne sie, sie waren in dem Dorf. Sie haben die Menschen weggebracht. Aber es sind zuviele, viel zu viele, und da, steht da ein Hubschrauber? Was geht hier vor?

Ich schleiche mich an, näher, immer näher. Niemand beachtet mich, niemand sieht mich, obwohl Bewaffnete überall herumstehen, ich höre Stimmen, die militärische Befehle bellen. Als sei ich unsichtbar, gehe ich durch die Männer hindurch, betrete die Hütte, gehe den Gang hinunter. Ich weiß nicht, wo ich hinwill, aber etwas sagt mir, dass ich zu diesem Raum muss, diesem einen Raum, dort finde ich, was ich suche.

Schließlich öffne ich eine Tür, immer noch hält mich niemand auf, obwohl auch hier zwei Männer stehen. Es ist dunkel in dem Raum, aber ich sehe sofort den Operationstisch in der Mitte, und darauf…

… Celeste. Fassungslos starrte ich auf meine Frau, die leblos auf dieser Bahre lag, in ihrer Brust ein Loch, dort, wo ihr Herz sein sollte. Das hier war nicht wahr, das hier war irgendein ganz schlechter Film, oder ein Albtraum. Gleich würde ich aufwachen, in Lagos in unserem Hotel, sie würde neben mir liegen, mich anlächeln und mich fragen, ob ich schlecht geschlafen hätte. Aber das hier war kein Traum, das war die Wirklichkeit. Niemand würde mir jetzt helfen können, niemand… außer einem.

Verdammt, tu doch etwas!
Es tut mir leid, Oluwasegun. Ich kann nichts mehr tun
Du bist ein Gott, verdammt nochmal!
Aber auch ich kann nicht gegen das Schicksal arbeiten.
DU BIST EIN GOTT!
Ich schrie Eshu gedanklich meine gesamte Verzweiflung entgegen, während ich Celeste verzweifelt über das Gesicht strich. Wer konnte mir sonst helfen außer ihm?
Ihre Seele ist fort, und dort wo sie ist, kann ich sie nicht erreichen. Lass sie gehen, Oluwasegun.

Nein.
Ich würde meine Frau nicht den irren Engeln überlassen, niemals. Auch wenn der Krieg im Himmel beigelegt sein mochte, wer wusste denn schon, was diesen wahnsinnigen gelangweilten Kindern als nächstes einfiel?
Da hörte ich wieder die Stimme in meinem Kopf, sie war voller Bedauern, aber auch Zuversicht und Kraft lagen in ihr.

Ich kann etwas für dich tun.

Mit diesen Worten spürte ich, wie die Präsenz in meinem Kopf mich wieder beiseite drängte, mich einschloss und meinen Körper übernahm. Wie die vielen Male davor sah ich mich selbst vollständig von außen, mein Körper gehörte mir nicht mehr, er war nun eine Hülle, die von etwas anderem beseelt wurde. Bevor ich vollständig aus dem Bewusstsein verschwand, sah ich, wie ich… wie Eshu aufstand, der rot-schwarze Schimmer huschte über seine Augen, nur, wer wusste, was das zu bedeuten hatte, konnte es sehen. Er ging auf den Mediziner zu, der jetzt im Raum stand, neben ihm zwei Bewaffnete, die offensichtlich zum nigerianischen Militär gehörten. Niemand hielt ihn auf, alle starrten ihn gebannt an. “Lasst ihn los.” Die Stimme war uralt, seit Jahrhunderten sprach niemand mehr so, das Knistern von Feuer lag in ihr, die Geräusche der Mangrovenwälder, der Geruch von Lehm und namenlosen Schrecken. Die Soldaten gehorchten, sie mussten dieser Stimme gehorchen, auch wenn sie nicht wussten, warum sie das taten. Jetzt stand er genau vor dem Mann, der Celeste getötet hatte. “Sieh mich an.” Der Arzt versuchte, an ihm vorbeizusehen, aber es gelang ihm nicht, und er konnte das Leuchten und die Stimme deuten, er wusste, wer da vor ihm stand. “Trickster”, sagte er nur und spuckte aus. “Richtig. Und nun sieh, was passiert, wenn man mich erzürnt.” Seine Hand stieß in den Brustkorb des Mannes, durch Muskelgewebe und Knochen, als seien sie nichts, bis sie zu fassen bekam, was sie suchte. Sénicier sah ihn für einen kurzen Moment überrascht an, dann begriff er, als er die Hand spürte. Mit einem Ruck riss der Mann ihm das Herz aus dem Leib.

Er/Nelson betrachtet das Herz. Es schlägt noch, pumpt weiter obwohl es vom Körper getrennt ist. Der Arzt keucht, ringt um Luft, er/Nelson hält ihn im Leben, lässt ihn leiden. Der Mann hat sein/Nelsons Herz gebrochen, der Hexe ihres gestohlen, er soll leiden, soll den Schmerz erfahren, immer und immer wieder, er soll LEIDEN! Für IMMER! Für die Ewigkeit! Er/Nelson kann die Hexe nicht zurück holen, ihre Seele ist fort, hinter einem Schleier, den er/Nelson nicht durchdringen kann. Aber Rache, Rache, die gibt es, süße eiskalte Rache, er/Nelson presst das pochende Herz in seiner Hand zusammen und genießt die Angst und den Schmerz in den Augen des anderen. Er/Nelson drückt es zusammen, langsam, immer weiter, immer mehr, immer…

“Dr. Akintola, was tun Sie da?”

Entsetzt sah ich auf den blutigen Klumpen in meiner Hand, dann auf den Mann vor mir, der in dem Moment, in dem Murray mich angesprochen hatte, in sich zusammengefallen war wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte. Dann dämmerte es mir. Eshu hatte sich offenbart, vor allen Leuten, und er hatte Celeste gerächt. Für mich. Aber wie erklärte ich, dass ich einen Mann getötet hatte? Dass ich meine Hand in seinem Brustkorb versenkt hatte, als sei er aus Butter?

“Professor Murray…” Mein Blick wanderte von dem Herzen wieder zurück zu dem Professor, der zusammen mit unseren anderen Reisegefährten in der Tür stand, flankiert von mehreren Soldaten. Offensichtlich war ich genau gleichzeitig mit der nigerianischen Armee eingetroffen, wo auch immer wir hier waren. Ich sah wieder zu Celeste, wie sie auf dem Tisch lag, ihre Augen geweitet vor Schreck und Schmerz. Hatte sie etwa noch gelebt, als… als man ihr das Herz aus dem Körper gerissen hatte?

Ich drehte mich um und wollte wieder zu ihr zurückgehen, als mich jemand an der Schulter fasste. Es war Vigier. Der Priester sah im Gegensatz zu meinen anderen Kollegen ausgeruht und gesund aus. “Dr Akintola, lassen Sie mich das machen.” Er hielt mir eine Schale hin und bedeutete mir, den blutigen Klumpen, den ich in der Hand hielt, dort hinein zu legen. Ich tat es, dann brach ich mit einem tiefen Schluchzer zusammen.
Es war alles verloren.

Oluwasegun
My heart’s an artifice, a decoy soul
Who knew the emptiness could be so cold?
I’ve lost the parts of me that make me whole
I am the darkness
I’m a monster

(Starset – Monster)

Wir wurden zunächst nach Kaduna gebracht, wo man uns notdürftig versorgte. Meine Reisegefährten und die meisten der Soldaten begegneten mir mit höflicher Distanz, der einzige, der scheinbar kein Problem mit mir hatte, war Monseigneur Vigier. Aber auch er fragte mich nicht, wen oder was er gesehen hatte, als meine Hand in den Brustkorb des seltsamen Arztes gewandert war.

Nachdem wir versorgt worden waren, brachte ein Hubschrauber des Militärs uns nach Lagos. Dort wurden wir weiter untersucht, und Regierungsbeamte und Angestellte des Militärs begannen, uns Fragen zu stellen. Ich hatte jedoch keine Ahnung, was ich ihnen erzählen sollte, denn langsam setzten sich die Puzzlestückchen in meinem Kopf wieder zusammen. Offenbar hatte ich mich mit Celeste gestritten, nachdem ich eine Nachricht von Ethan bekommen hatte, in der er mir berichtet hatte, dass der Versuch, Cals Seele zu retten, grausam schief gegangen war: Cal besaß nun anderthalb Seelen, und Irene gar keine mehr. Bevor Celeste und ich unsere Zelte hatten abbrechen können, um nach Amerika zurückzukehren, waren die seltsamen Bewaffneten aufgetaucht. Sie hatten Adebayo erschossen und die restliche Gruppe mitgenommen, während ich im Wald unterwegs gewesen war. Entgegen erster Befürchtungen waren die Männer jedoch keine Rebellen gewesen, sondern sie arbeiteten für einen gewissen Dr. Sénicier. Wie sich herausgestellt hatte, war eben dieser Sénicier der Mann, den die Einheimischen als den “Herzfresser” kannten.

Der Franzose hatte sich vor einigen Jahren nach Nigeria zurückgezogen, nachdem ihm in Frankreich die Approbation entzogen worden war. Kein Wunder, immerhin hatte der Arzt mit menschlichen Herzen experimentiert. Offensichtlich war er der Meinung gewesen, dass es im nigerianischen Hinterland weniger auffiel, was er trieb. Um seine Forschungen zu “finanzieren”, ließ der gute Doktor regelmäßig Reisegruppen und Forscher entführen und für sie Lösegeld zahlen. Das hatte er auch mit unserer Gruppe versucht, aber aus einem Grund, den Mr Ayodele vom Außenministerium nicht nachvollziehen konnte, war das Geld diesmal nicht eingetroffen. Sénicier hatte gedroht, seine Geiseln umzubringen, und anscheinend war das Militär zu spät gewesen, und der irre Arzt hatte seine Drohung an Celeste wahr gemacht. Meine geliebte Frau hatte den Preis gezahlt für die Unfähigkeit der Regierung. Jetzt lag ihr Körper in der Pathologie des Krankenhauses in Lagos und wartete darauf, nach Cambridge überführt zu werden. Wie sollte ich jemals ohne sie weiterleben?

Eines Morgens besuchte Monseigneur Vigier mich. Ich war nie besonders warm geworden mit dem Priester, und um so mehr verwunderte mich sein Besuch. Mir fiel wieder ein, dass er kurz vor der Entführung abgereist war. Aber was sollte ich auch auf ihn achten, ich war wie ein Tier durch den Wald gehetzt, in meinem Kopf ein Orisha, der versucht hatte, mich zu beschützen.

Vigier lächelte freundlich und erkundigte sich nach meinem Befinden, doch dann sah er mich ernst an. “Ich weiß genau, was Sie getan haben. Nein”, verbesserte er sich, “wer es getan hat.” Ich sah ihn mit großen Augen an. “Sie können es abstreiten, aber meine Nachforschungen bei allen Leuten, die gesehen haben, wie Sie Ihre Hand in den Brustkorb meines Landsmannes versenkt haben, haben dasselbe ergeben. Ein Dämon ist es nicht, das hätte ich früher gemerkt. Lassen Sie mich raten… ein Naturgeist?” Ich schluckte. “Orisha”, brachte ich schließlich hervor, und biss mir im gleichen Moment auf die Zunge. Was wollte der Priester von mir? Wollte er mich erpressen? Doch dann sprach er weiter. “Zumindest Ihre Forschungsgruppe glaubt, dass sie durch Dehydrierung eine Halluzination hatte. Was die Soldaten angeht… an ihrer Stelle würde ich nicht zu laut herumerzählen, was sie gesehen haben. Ich glaube, in manchen Gegenden ist das keine gute Idee. Ansonsten werden meine Leute und ich für ein paar Drogentests sorgen, die mit Sicherheit alle positiv sind.” Er lehnte sich zurück und lächelte jetzt wieder, selbstzufrieden, aber ich war noch verwirrter als vorher.
“Was wollen Sie von mir?” fragte ich ihn schließlich. “Ich habe meine Frau verloren, den Menschen, der mir am meisten auf diesem Planeten bedeutet hat, und Sie erzählen mir was von Halluzinationen?” Jetzt stand der Priester auf und zog eine Karte aus seiner Hemdtasche. “Dr Akintola, Sie sind ein Mörder. Kein Gericht der Welt wird Ihnen die Wahrheit abkaufen. Momentan glaubt jeder, dass Francois Sénicier erschossen wurde von seinen eigenen Leuten. Aber vielleicht brauche ich irgendwann mal Ihre Hilfe, oder die Ihres Gastes, und dann könnte es sein, dass sich ein Gericht hier oder in den USA dafür interessiert, was wirklich passiert ist. Ich denke, wir verstehen uns.” Er kam zu mir herüber und legte die Karte auf den Nachtschrank, dann ging er hinaus, immer noch selbst zufrieden lächelnd.
Ich nahm die Karte und sah sie an. “Mgr. Raymond Vigier, OP”. Der verdammte Priester war nicht irgendein Geistlicher, Monseigneur Vigier war ein Hund des Herrn.

Auch meine Eltern kamen mich in den Tagen im Krankenhaus besuchen. Mein Vater hatte es sich nicht nehmen lassen, seine Kontakte spielen zu lassen, und mir eine Art Suite besorgt. Jetzt saßen wir an einem kleinen Couchtisch auf Korbsesseln und tranken Kaffee, und hätte ich nicht diesen albernen Bademantel angehabt, es hätte eine Hotel-Suite sein können.
Meine Mutter hatte offensichtlich vergessen, dass sie ihren Sohn für einen Trinker und Nichtsnutz hielt, als sie mich gesehen hatte, war sie mit Lauten des Entsetzens und der Überraschung auf mich zugestürmt und hatte mich umarmt. “Mein Baby”, stieß sie immer wieder hervor, was ihren Auftritt noch grotesker machte. Ihr “Baby” war ein Mann von 36 Jahren, der soeben zum Witwer geworden war und außerdem ein Mörder. Aber dann beruhigte sie sich wieder, und sie ließ mich los, zumindest solange, dass ich aufstehen konnte. Dann fasste sie wieder meine Hand. Ihre Augen waren verweint, und ich hatte meine Mutter bisher nur ein einziges Mal so gesehen: Bei Dayas vermeintlicher Beerdigung. Irgendwie war es seltsam, dass sie jetzt auf einmal wie eine Glucke um mich herumlief, aber auf der anderen Seite war ich ihr dankbar, dass sie für mich da war.
“Ich bin so froh, dass du lebst”, erklärte sie mir dann, und ich wusste, dass sie das aus tiefstem Herzen meinte. Einer spontanen Reaktion folgend, umarmte ich sie, und sie erwiderte die Geste. “Es tut mir so leid”, flüsterte sie. Ich kannte meine Mutter gut genug um zu wissen, dass ihr diese Aussage unendlich schwer gefallen war, und so ließ ich es dabei bewenden. Vielleicht hatte diese ganze Sache wenigstens etwas Gutes gehabt.

Während wir den Kaffee tranken, berichteten mir meine Eltern, dass Mr Ayodele an sie herangetreten war, weil die Regierung das Lösegeld nicht so schnell hatte aufbringen können. Meine Eltern wiederum hatten sich an Irene gewandt, denn sie wussten, dass die Engländerin ebenfalls vermögend genug war, um ihnen zu helfen. Alleine hatten sie die Summe, die Mr Ayodele ihnen genannt hatte, nicht zusammen bekommen. Doch nachdem sie Irene eingeschaltet hatten, war etwas Merkwürdiges passiert: Anstatt das Geld bei ihnen eintraf, verschwand alles, was sie auf ihren Konten hatten. Meine Eltern waren im Moment praktisch insolvent. Mein Vater versuchte die ganze Sache mit Humor zu sehen, er hatte noch Immobilien, die er im Notfall veräußern konnte, aber meine Mutter machte sich furchtbare Sorgen, was ihre Freunde und Bekannten von ihr denken sollten. Mir jedoch war klar, dass hinter der ganzen Sache nur eine stecken konnte, und kalte Wut breitete sich in mir aus. Irene. Seele hin oder her, sie hatte dafür gesorgt, dass das Geld nicht eintraf und dass Celeste ermordet worden war. Sie hatte mir meine Frau genommen. Ich ballte die Faust und schwor mir, dass ich sie würde leiden lassen für das, was sie mir und Celeste angetan hatte. Vielleicht waren wir einmal Freunde gewesen, aber das war nun vorbei. Wenn ich mir ihr fertig war, würde sie sich wünschen, dass ich mit ihr das Gleiche angetan hatte wie Sénicier mit Celeste. Und wer immer ihr geholfen hatte, ihn würde das gleiche Schicksal ereilen.

Noch jemand wünschte mich zu sehen, und das war die Begegnung, vor der ich am meisten Angst hatte. Da Celeste und ich nicht offiziell verheiratet waren – es gab keine Papiere, die belegten, dass sie und ich wirklich Mann und Frau waren – musste jemand den Papierkram für die Überführung erledigen, und daher hatte sich Dr Cornelius Hamilton angekündigt. Wie würde er auf mich reagieren, den Mann, der seine Schwester im Stich gelassen hatte, der Mitschuld trug an ihrem Tod?

Ich hatte einige Mails mit meinem Schwager ausgetauscht, und ihn gebeten, dass wir uns in der Lobby des Hotels, in dem ich inzwischen wohnte, trafen. Ich verspürte trotz der Versöhnung mit meiner Mutter keinen Drang, nach Hause zurückzukehren.
Nervös lief ich in der Lobby auf und ab und hoffte, dass ich Cornelius Hamilton erkennen würde, ich kannte ihn nur von Fotos, die mir Celeste gezeigt hatte. Doch dann betrat ein rothaariger Mann in einem weißen Hemd und Leinenhosen das Hotel, und mir war sofort klar, dass er das sein musste. Er sprach kurz mit dem Portier, dann kam er auf mich zu, seine Miene verriet keine Regung, aber seine Züge waren mir so vertraut, dass ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenkrampfte. “Cornelius Hamilton”, stellte er sich vor und reichte mir die Hand. Ich nannte ihm meinen Namen, dann schwieg ich. Was sollte ich ihm sagen? Dass ich seine Schwester im Stich gelassen hatte wegen eines kleinlichen Streits? Dass ich genau wusste, wie sich das anfühlte, wenn man quasi amputiert worden war? “Sie sind also der Ehemann meiner Schwester.” Es klang, als beantworte er die Frage eines Studenten. Vermutlich war diese Distanziertheit seine Art, mit der Trauer umzugehen. An seiner Stelle hätte ich mich erst einmal niedergeschlagen. “Ja”, war alles, was ich hervorbrachte. Cornelius begutachtete mich von oben bis unten, und ich merkte, dass ich seinem Blick nur schwer standhalten konnte. Es war das gleiche Smaragdgrün, das ich so geliebt hatte.. liebte, es war ja nicht vorbei, nur weil sie nicht mehr da war. “Hat sie sehr gelitten?” fragte er plötzlich unvermittelt. Hatte sie? Der Irre hatte ihr das Herz aus der Brust gerissen, ich wollte nicht wissen, was das für ein Gefühl war. “Nein”, log ich, “sie war sofort tot.” Woher sollte ich es wissen, ich war nicht da gewesen, ein Orisha hatte sich meiner bemächtigt, war mit mir in den Wald geflohen, hatte dafür gesorgt, dass ich irgendwo zwischen Leben und Tod gewesen war. Wie oft war ich in den letzten zwei Wochen mitten in der Nacht hochgeschreckt, weil ich Celestes schmerzverzerrtes Gesicht vor mir gesehen hatte. Jedesmal packte sie dann meine Hand und drückte zu, während ihre funkelnden grünen Augen sagten ‘Es ist deine Schuld, Oluwasegun. Nur deine Schuld. Nicht die des Arztes und nicht die von Irene. Nur deine’.

“Sie sind kein guter Lügner, Dr. Akintola”, beschied Professor Hamilton mir, während er eine Augenbraue hob. “Aber es ehrt Sie, dass Sie mich schützen wollen. Es war nicht einfach…” “Ich weiß genau, wie Sie sich fühlen. Ich habe meine Zwillingsschwester verloren, als wir beide sechs Jahre alt waren”, unterbrach ich ihn, ich musste es ihm jetzt sagen. Tatsächlich erfüllte diese Enthüllung ihren Zweck, Cornelius verzog einen Mundwinkel nach oben. “Es ist, als würde ein Teil von mir fehlen. Ein essentieller Teil.” Er sah mich an, dann sank er plötzlich weinend in meine Arme. Unbeholfen hielt ich meinen Schwager fest, der jetzt von heftigen Schluchzern geschüttelt wurde. Vorsichtig führte ich ihn aus der Lobby in einen etwas privateren Bereich, wo uns nicht so viele Gäste sahen.

“Bitte kommen Sie mit mir nach Massachusetts. Sie waren vielleicht nur eine kurze Zeit mit meiner Schwester verheiratet, aber ich will Sie nicht ihrer Familie vorenthalten”, sagte er schließlich. Ich spürte, wie meine Knie weich wurden. Celestes Mutter, ihre Schwägerin, ihre Tanten, Onkel… Würde ich das aushalten? “Ich.. ich..”, stammelte ich, doch Cornelius hatte sich schon wieder gefangen, mit seiner Professorenstimme sprach er weiter. “Zuerst einmal: Wir sind jetzt eine Familie. Nennen Sie.. nenn mich Cornelius.” Er hielt mir noch einmal die Hand hin, und ich schüttelte sie. “Nelson.” Nie wieder sollte mich jemand Oluwasegun nennen, dieses Privileg war jetzt nur noch einem vorbehalten, und der lebte in meinem Kopf.

Mit Cornelius’ Hilfe organisierte ich die Überführung nach Cambridge, und er und seine Mutter organisierten die Beerdigung. Ich sprach auch einige Male mit Adalynn Hamilton, doch wohl war mir dabei nie. Sie war freundlich zu mir, so freundlich, wie man eben zu einem Schwiegersohn war, den man noch nie gesehen hatte und den man erst nach dem Tod der Tochter kennenlernen würde.

Meine Eltern waren überhaupt nicht angetan davon, dass ich wieder nach Amerika wollte, aber ich musste zurück nach Burlington. Dort war ich inzwischen zuhause, und ich wollte so nahe wie möglich bei meiner Frau sein. Auch wenn ich mich immer noch vor den Hamiltons fürchtete, ich musste zurück, denn es galt vor allen Dingen auch, Irene zu finden. Ich hatte meine Rachegedanken immer noch nicht aufgegeben, und ich überlegte, ob ich Ethan oder Cornelius einweihen sollte. Doch dann verwarf ich den Gedanken wieder, Ethan war zu gutherzig, und Cornelius würde die falschen Schlüsse ziehen.

Er und ich begannen, eine vorsichtige Freundschaft zu schließen, und so sprachen wir eines Abends auf der Hotel-Terrasse auch über das Erbe der Hamiltons. Ich verschwieg ihm, dass der Streit über meine Fähigkeiten ein Grund gewesen war, weswegen ich von der restlichen Gruppe getrennt worden war – offiziell war ich unseren Häschern entkommen und durch den Wald geirrt. Die Ärzte hatten gesagt, dass es an ein Wunder gegrenzt hatte, dass ich nicht völlig dehydriert gewesen war, aber ich erinnerte mich dunkel daran, dass ich Nahrung zu mir genommen hatte. Ich betete, dass ich niemals erfuhr, mit was Eshu mich gefüttert hatte, denn ich war mir sicher, dass es mir nicht gefallen hätte.
“Sie hat also etwas in dir gesehen, was du nicht wahrhaben wolltest?” fragte Cornelius mich jetzt, während er sich etwas Chardonnay nachschenkte. “Ich weiß es nicht. Ich habe mich nie als babalawo gesehen, obwohl meine Großmutter wohl genau das im Sinn hatte. Sie wollte mich ausbilden.” Cornelius nahm jetzt das Glas und sah mich nachdenklich über dessen Rand an. “Es ist keine Frage der Ausbildung, Nelson”, sagte er schließlich lächelnd. “Es ist eine Frage des Blutes. Und ohne Zweifel liegt es dir im Blut.” Ich wollte etwas erwidern, aber dann fiel mir meine Schwester ein. Wenn es der eine Zwilling konnte, warum auch nicht der andere? Ich verfügte über Fähigkeiten, die nicht jedem zur Verfügung standen, und es wurde Zeit, dass ich sie endlich einsetzte.

Cornelius
I’ve been dancing with your ghost
Some might say that we have stole the show
All the memories that are haunting me
I refuse to let you go
I’ve been dancing with your ghost

(No Resolve – Dancing with your ghost)

Die Beerdigung war das Schlimmste, was ich je erlebt hatte. Die Hamiltons waren eine große und alte Familie, und mehr als einem der älteren Generation schien es aufzustoßen, dass Celeste einen Schwarzen geheiratet hatte. Niemand sagte etwas – schließlich gehörte man zur besseren neuenglischen Gesellschaft, und immerhin hatte ich einen Doktortitel – aber die Blicke sagten oft mehr als tausend Worte. Unsere Ehe hatte hier keine Gültigkeit, ich war nur geduldet, nur eine Randnotiz im Leben von Doktor Celeste Magdalena Hamilton. Cornelius gab sich alle Mühe, mich zu unterstützen, und auch Adalynn vermittelte mir, dass sie mich durchaus als Schwiegersohn willkommen hieß, auch wenn der Rest der Familie das vielleicht nicht tat. Aber auch ihre traurigen Blicke konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie mich jederzeit wieder gegen ihre Tochter eingetauscht hätte.

Später am Abend fand ich mich auf dem Mount Auburn Cemetery wieder, an Celestes Grab.
“Hallo Celeste”, sagte ich leise, während ich auf das Blumenmeer herabsah. “Du fehlst mir so unglaublich.” Ich fiel auf die Knie. Wie konnte ich weiterleben, wenn sie nicht mehr bei mir war? Alles in mir zog sich zusammen, und ich ließ den Tränen freien Lauf. Endlich konnte ich weinen.

Ich wusste nicht, wie lange ich so dort kniete, aber plötzlich war Cornelius bei mir. “Nelson?” fragte er vorsichtig und berührte meine Schulter. Ich sah mich um. “Lass mich allein”, bat ich ihn schroff, doch er blieb. “Nein, das werde ich nicht tun. Glaube mir, das hätte sie nicht gewollt”, erklärte er mir. “Was? Dass ein Irrer ihr das Herz herausreißt? Dass ich nicht da war, um das zu verhindern? Cornelius, ich hätte es verhindern können. Ich war nicht da, ich habe sie umgebracht, ich…” Für einen Moment sah er mich nur wütend an, dann verpasste er mir einen Kinnhaken. Ich hätte dem vergeistigten Professor niemals so einen Schlag zugetraut, und der Schmerz holte mich zurück, während seine grünen Augen mich wütend anfunkelten. “Du bist nicht schuld an ihrem Tod. Du hast getan, was du konntest. Der einzige, der schuld hat, ist dieser Verrückte, der geglaubt hat, das Herz einer Hexe würde ihm irgendetwas bringen.” Ich rieb mir das Kinn, aber Cornelius hatte recht. Nur hatte ich das Gefühl, dass ich etwas tun musste.

Man kann die Dinge auch wissen, ohne nur Jäger zu sein

Ethans Worte kamen mir in den Sinn, mit denen er mich hatte trösten wollen, damals, nach der Apokalypse, als ich schon einmal geglaubt hatte, dass ich alles verloren hatte. Ich hatte nichts vom Übernatürlichen wissen wollen, hatte es verdrängen und vergessen wollen. Aber es hatte mich eingeholt, und es hatte mir das Liebste auf Erden genommen. Das würde ich kein zweites Mal zulassen. Ich musste mich dem stellen und es bekämpfen, damit es anderen nicht so ging wie mir.

Cornelius stand unschlüssig neben mir. “Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe”, meinte er schließlich, “aber ich weiß, dass Celeste nicht gewollt hätte, dass du in Trauer versinkt.” Er machte eine Pause. “Sie hat dich wirklich sehr geliebt. Das wusste ich vom ersten Moment an, als sie dich getroffen hat.” Er lächelte bei dem Gedanken. “Wir sind Zwillinge. Wir wussten alles voneinander, wir waren uns so nahe wie sonst niemand. Aber wem sage ich das?” Ich stand unschlüssig vor ihm, dann musste ich jedoch ebenfalls lächeln. “Alles?” fragte ich, und er grinste für einen Moment verschmitzt. “Alles.”
Dann zog er einen Umschlag aus der Tasche und reichte ihn mir. “Ich habe noch etwas für dich.” Ich öffnete das Kuvert und zog eine offizielle Urkunde des Staates Massachusetts hervor. Eine Heiratsurkunde.

Certificate of marriage
Dr. Nelson Oluwasegun Akintola, geb. 5.12.1980 in Lagos, Nigeria und Dr. Celeste Magdalena Hamilton, geb. 29.8.1980 in New Haven, Connecticut

“Ist das ein schlechter Scherz?” wollte ich von Cornelius wissen, aber er wirkte nicht, als wolle er scherzen. “Das war das Mindeste,was ich noch tun konnte. Ich habe doch gesehen, wie sehr du gelitten hast, weil du keine offizielle Befugnis hattest. Jetzt seid ihr zumindest vor dem Gesetz miteinander verheiratet”, erklärte er. Dann machte er eine Pause, bevor er weitersprach. “Willkommen in der Familie, Bruder.”

Augustine
Pouring the fuel, fanning the flames
Breaking the habit and melting the chains
Embracing the fear, chasing the fight
The glow of the fire will light up the night
The bridges are burning, the heat’s on my face
Making the past an unreachable place
Pouring the fuel, fanning the flames
I know this is the point of no return

(Starset – Point of no return)

Ich verabschiedete mich am nächsten Tag von Cornelius und Adalynn, auch wenn ich beiden anmerkte, dass sie mich gerne noch länger bei sich behalten hätten. Aber ich ertrug es nicht mehr, ihre Trauer zu sehen, die sie hinter ihrer Freundlichkeit versteckten. Ich hatte dafür gesorgt, dass ihnen die Schwester und die Tochter genommen worden war, und ich fühlte mich nicht wohl bei dem Gedanken, weiter bei ihnen zu sein. Ich versprach, mich zu melden, und Cornelius ermahnte mich halb im Scherz, dass ich nicht vergaß, was ich seiner Schwester versprochen hatte.

Kurz bevor ich ins Auto stieg, kam er noch einmal zu mir und reichte mir ein Kästchen. Ich sah ihn fragend an, aber er bedeutete mir, es zu öffnen. In dem Kästchen lag ein kleines Schloß, ähnlich dem Schlüssel, den Celeste mir in unserer Hochzeitsnacht überreicht hatte. “Was ist das?” fragte ich ihn. “Das ist für dich. Sie hat es kurz vor ihrer Abreise bei einem Notar deponiert, mit einem Vermerk, dass es für ihren Ehemann sei.” Bevor ich etwas antworten konnte, sprach er weiter. “Ich weiß nicht, was sie dir damit sagen wollte. Aber du bist jetzt einer von uns, einer von Dreizehn. Ich bin mir sicher, dass es damit zu tun hatte.”

Ich weiß nicht, wann ich das nächste Mal Gelegenheit dazu habe.

Eiskalt durchfuhr mich die Erkenntnis, dass Celeste die ganze Zeit gewusst haben musste, dass sie starb. Es war ihr Schicksal gewesen. Aber wieso fühlte ich mich dann immer noch so verdammt schuldig?

Auf dem Weg nach Burlington kam ich durch Montpelier, Vermont. Einem plötzlichen Impuls folgend hielt ich vor der St. Augustine Church, einer schmucklosen grauen Steinkirche. “Visit St. Augustine Church” verhieß das Schild. Ohja. Ich war zwar immer noch Anglikaner, aber das war doch egal. Für meine Zwecke reichte es, ich musste ein dringendes Gespräch führen. Ein Gespräch, das ich bereits seit einem Jahr vor mir herschob, und das dringender als jemals zuvor war.
Ein graues mageres Kätzchen saß vor der Tür und betrachtete mich aufmerksam aus goldgrünen Augen. Irgendetwas an diesen Augen wirkte so unendlich vertraut, als habe das Tier nur auf mich gewartet. Cornelius’ Erklärung zu Vertrautentieren fiel mir ein. Natürlich, ich war ja jetzt ein Hexer, und dieses kleine Fellbündel wahrscheinlich mein Familiar. Wir würden in Burlington einen Turm beziehen und den Stein der Weisen suchen. Vielleicht konnte ich ihr auch beibringen, auf einem Besen zu reiten oder mich beim Brauen von Tränken zu unterstützen. Ich schluckte, als ich merkte, dass ich gerade drauf und dran war, meinen Zynismus, meine Wut und meine Verzweiflung an diesem kleinen Wesen auszulassen. Was konnte das Kätzchen dafür? Sie hatte Celeste nicht getötet, sie hatte nicht beschlossen, dass man mir das Liebste nahm. Sie war einfach nur eine kleine Katze, die darauf hoffte, dass die Besucher der St. Augustine Church ihr etwas zu essen gaben, sie streichelten und unter dem Kinn kraulten.

Kurz tätschelte ich dem Kätzchen den Kopf, dann betrat ich die Kirche. Sie war leer und dunkel, ich war allein. Langsam ging ich den Gang hinunter zum Altar. Würde mich jemand aufhalten? Mich, den Mörder, den Mann, der manchmal ein Orisha war? Doch nichts geschah, kein Engel erschien, um mich zu richten, der Boden tat sich nicht auf. Ich betrachtete das Kruzifix, leidend sah der Heiland an mir vorbei in eine andere Welt. Es war ihm egal. Es war ihnen allen egal, Vater, Sohn und heiligem Geist. Sie hatten mir ohne zu zögern das Liebste genommen, die Seele meiner Frau in ihrem Himmel eingeschlossen. Futter für die Engel und ihre kleinlichen Parteigänge.

“Du hast mir meine Frau weggenommen”, beschuldigte ich das Kruzifix. “Du hast dafür gesorgt, dass ein guter Mann seine Seele verliert, und dass jetzt seine Geliebte da draußen herumrennt und über Leichen geht, obwohl sie ihm nur helfen wollte. Du hast dafür gesorgt, dass mein Freund Ethan mit einem Fluch leben muss, der verhindert, dass er jemals wieder glücklich wird. Du bist so ein schlechter Vater, dass deine Kinder untereinander Krieg geführt haben, weil sie sich so langweilen.” Keine Antwort. Hatte ich wirklich erwartet, dass Vater, Sohn und heiliger Geist mir antworteten? Sie hatten die Menschen vergessen, hatten die Engel vergessen und die Schöpfung vergessen. Die Welt würde vor die Hunde gehen, und dem einzigen, der etwas daran ändern konnte, war sie völlig gleichgültig.

“Nicht einmal die Apokalypse hat dich interessiert.” Bei dem Gedanken daran, dass meine Freunde beinahe gestorben wären, dass ich nur mit Hilfe eines gottähnlichen Wesens die Tore hatte schließen können, spürte ich wieder eiskalte Wut in mir aufsteigen. Ich griff in meine Hosentasche und zog ein kleines Holzkreuz hervor, das mir meine Mutter im Krankenhaus geschenkt hatte. “Du und ich, wir sind fertig miteinander.” Mit diesen Worten warf ich das Kreuz auf die Altarstufen und verließ ohne einen weiteren Blick die Kirche.

Die Katze saß immer noch vor der Tür, jetzt kam sie auf mich zu und umstrich meine Beine. “Willst du mit?” fragte ich sie, und ein klagendes Maunzen war die Antwort. “Dann lass uns fahren, Augustine. Ich glaube, wir gehören beide nicht hierher.” Mit diesen Worten hob ich sie hoch und ging zum Auto, um mich auf den Weg nach Burlington zu machen. Es galt, Rache zu nehmen, Seele hin oder her, und einen Fluch zu brechen.

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Pritzker's Junior Witch Club
Smiggle, smiggle, make them giggle...

Am I meant to be something?
Is this the song I’m supposed to sing?
These questions need answers

Is my life already scripted?
Fighting still cannot change the words
These questions need answers

(Our last night – Fate)

“… und das ist Miss Bishop. Sie wird uns in der Bibliothek unterstützen bei der Einführung der neuen Bibliothekssoftware.” Beinahe hätte Niels seinen Kaffee über Mr Andrews, den Kunstlehrer, gespuckt, als er Natalie Bishop erkannte. Sie stand neben Direktorin Reese und sah in die Menge, und natürlich trafen ihr und Niels’ Blick sich. Das konnte selbst die Fensterglas-Brille nicht verhindern, die er sich besorgt hatte, damit Aaron Weatherby wie ein seriöser Lehrer für Deutsch und Kunst wirkte – und nicht wie ein junger Mann, den ein irischer Betrüger mit einer falschen Identität ausgestattet an die A.N. Pritzker School in Chicago geschickt hatte.

Niels sah auf den gefälschten Führerschein. “Aaron Weatherby”. Aushilfslehrer für Deutsch und Kunst. Wenigstens hatte Flann ihn den Namen aussuchen lassen, bevor er ihm die Papiere gegeben hatte. Ethans Lieblingswaffe und sein ihm bisher so verhasster erster Vorname waren das erste, was ihm in den Sinn gekommen waren.
Er war sich immer noch nicht sicher, ob er das Richtige tat, aber Flann hatte ihm gesagt, dass das hier einfach war. Kinderzeichnungen sollte er anfertigen lassen und ihm dann schicken. Was zur Hölle hatte der Ire sich dabei gedacht? Hätte er Niels nicht wegen der Anti-Dämonen-Tätowierung geholfen, der junge Mann hätte es sich anders überlegt. Schließlich kannte er Flann – so gut, wie man jemanden wie Flann eben kennen konnte – und wusste, auf was er sich einließ. Und was sollte schon passieren? Im Grunde genommen war er schon ein bisschen neugierig, ob die Leute ihm die Tarn-Identität abnahmen und ob er als Aushilfslehrer mit falschem Namen durchging. Und wenn er dafür seinen eigentlichen Vornamen benutzen musste, dann war das eben so. “Aaron” war ein Werkzeug gewesen, und so konnte sein Name es ebenfalls sein.

Als sich das Lehrerzimmer leerte, passte Niels Natalie ab. Zum einen wollte er sie begrüßen, er freute sich ehrlich, sie zu sehen, und zum anderen wollte er ihr sagen, dass er nicht “Niels” hieß. Zumindest nicht hier, und nicht jetzt.
Natalie schien auf Niels gewartet zu haben, sie kam lächelnd auf ihn zu. “Was machst du hier?” fragte sie. “Ich bin als Aushilfslehrer unterwegs. Und falls dich jemand fragt: Ich heiße hier Aaron Weatherby. Mehr kann ich dir leider nicht sagen.” Weil ein Mann, den wir als Hank Williams kennengelernt haben, sehen will, ob ich seinen Ansprüchen genüge. “Hier gehen merkwürdige Dinge vor sich”, wechselte er schnell das Thema. Jetzt hatte er Natalies Aufmerksamkeit von seiner Person abgelenkt, mit großen Augen hörte sie ihm zu, wie er von den seltsamen Vorfällen der letzten Wochen erzählte: Eine Vitrine war zerstört worden, nachdem ein Feuerlöscher wie von Geisterhand angestoßen worden war, ein Bücherregal war wie aus dem Nichts umgekippt und hatte beinahe eine Schülerin getroffen. Natalie schnaubte, als sie Niels’ Bericht hörte. „Ich bin 20 Jahre durchs Leben gegangen, ohne was mitzubekommen, und im letzten Jahr kann ich an keinen Baum treten, ohne dass eine Hexe rausfällt!“ erklärte sie. Niels sah sie nur an und hob eine Augenbraue. „Wenigstens hast du zwanzig ruhige Jahre gehabt“, antwortete er dann leise. Natalie nickte nur, und Niels wollte das Thema schnell wieder in andere Bahnen lenken, als die Tür des Büros der Direktorin sich öffnete. Heraus kam eine wohlbekannte Gestalt: Barry Jackson.

Als der Indianer Natalie sah, verzog sich sein Gesicht, und Niels überlegte, ob das wohl ein Lächeln war. Er begrüßte die junge Frau, dann wandte er sich Niels zu. Bevor der junge Mann etwas sagen konnte, erklärte Natalie, dass Niels hier “Aaron Weatherby” hieß, und Niels war sich sicher, dass der Gesichtsausdruck, den Barry jetzt aufsetzte, sicher kein Lächeln war. “Du heißt nicht Weatherby, Heckler”, erklärte der Indianer, und Niels konnte nur mühsam ein Seufzen unterdrücken. Er wusste selbst, wie er hieß. Er wusste selbst, wer er war.

Die Auffahrt war nicht lang, und so konnte Niels das Haus von unten bereits sehen. Das Tor war verschlossen, und gut sichtbar war das Schild der Sicherheitsfirma zu sehen, die das altehrwürdige Herrenhaus bewachte, das einmal das Zuhause von Jacob Heckler und seiner Familie gewesen war. Rabenstein House. Niels stieg aus dem Auto aus und ging am Zaun entlang. Wie gerne würde er das Tor öffnen und einfach die Auffahrt hochgehen, das Haus betreten und seinem Vater wenigstens einmal in diesem Leben nahe sein. Aber er war sich sicher, dass weder Felicity noch Tante Delia daran gedacht hatten, den Wachleuten zu sagen, dass Jacob Heckler einen Sohn hatte, und er wollte keinen Verdacht erregen. Natürlich konnte er sich ausweisen, aber er hatte kein Interesse an einer Konfrontation.
Stattdessen blieb er unten vor dem Eingangsschild stehen, die Hände in den Hosentaschen. Rabenstein House. Der Name löste etwas tief in Niels aus, ein Gefühl, das er nicht kannte, und das sich zu dem bisherigen schlechten Gewissen und der Schuld gesellte. Trotz allem, was geschehen war, war Jacob immer noch ein Heckler. Der Sohn von Korbinian, und der Neffe von Ludwig Heckler, dem Schrecken vom Rachel. Ein Jäger der alten Schule, einer Tradition verpflichtet, die Niels immer abgelehnt hatte. Er war sich sicher, dass Jacob ihn nie so behandelt hätte, wie Gustav es getan hatte, aber auch sein Vater hätte ihn zu einem Jäger gemacht.

Du kannst ihnen nicht entkommen. Einmal Jäger, immer Jäger.

Niels holte tief Luft, als er spürte, wie die Panik wieder in ihm aufstieg. Noch nie zuvor in seinem ganzen Leben hatte er sich so entwurzelt gefühlt. Er war nur ein Bastard, ein Niemand, und alles, was er zustande gebracht hatte, war, anderen Menschen zur Last zu fallen mit seinen Ängsten und sie mit seinem kindischen Verhalten sogar in Lebensgefahr zu bringen. Schluchzend sank er vor dem Zaun in sich zusammen.
Er musste eine Zeit lang so da gesessen haben, als sein Smartphone piepsend seine Aufmerksamkeit verlangte.

Bruderherz, wie geht es dir? Seit der Skype-Session hab ich nichts mehr von dir gehört. Mache mir Sorgen. Angelika.

Niels wischte sich die Tränen ab, stand auf und ging eine Antwort tippend zum Auto zurück. Er war nicht allein, seine Schwester würde wahrscheinlich in die Hölle gehen, um ihn dort herauszuholen – beide Schwestern. Schließlich fiel ihm wieder ein, was ihm Angelika erzählt hatte, nachdem er ihr gesagt hatte, dass sie nur Halbgeschwister waren. “Weißt du eigentlich, warum du Niels heißt? Das war seine Idee. Er hat dir deinen Namen gegeben.”

“Was machst du hier?” wollte Barry wissen, seine dunklen Augen schienen Niels geradezu sezieren zu wollen. “Ich habe einen Auftrag”, gab Niels zurück. Es ging Barry schließlich nichts an, warum Flann ihn hierher geschickt hatte. “Ich rufe die Polizei, wenn du mir nicht sagst, was du hier tust. Meine Kinder gehen auf diese Schule”, erklärte Barry jetzt. Niels spürte, wie Wut in ihm aufstieg. Was glaubte der Ältere eigentlich, wer er war? Die Welt drehte sich doch nicht um ihn und seine Kinder. “Es geht hier nicht um deine Kinder. Und es geht dich nichts an, was ich hier mache. Ich arbeitete hier als Aushilfslehrer”, entgegnete Niels betont ruhig, auch wenn er merkte, dass er eigentlich längst nicht mehr so ruhig war. Was wollte Barry von ihm? Waren sie beim letzten Mal so unversöhnlich auseinander gegangen? Eigentlich nicht, wenn Niels sich erinnerte. Das war in Idaho im letzten Jahr gewesen – verfluchtes Idaho, in Zukunft würde Niels einen großen Bogen um diesen Bundesstaat machen. “Meine Kinder gehen auf diese Schule, also geht es mich sehr wohl etwas an”, wiederholte Barry, sein Unterton wurde scharf. “Sag mir, was du hier machst, sonst rufe ich die Polizei.” Niels schätzte kurz seine Chancen ab, ob es ihm gelingen würde, Barry einfach niederzuschlagen, aber zum einen war dies hier kein Ort für so etwas, und zum anderen war Barry vielleicht älter als er, aber mit Sicherheit auch geübter im Nahkampf. Außerdem wollte er dem Haken nicht zu nahe kommen, er sah aus, als könnte er häßlich wehtun. Wahrscheinlich war das mit ein Grund, warum der Indianer ihn trug.
“Es. Geht. Dich. Nichts. An.” Niels betonte jetzt jede Silbe einzeln, aber Barry wollte sich nicht beruhigen. “Schön. Aber wir beide gehen jetzt trotzdem zu Direktorin Reese und sprechen mit ihr. Sie wird deine Geschichte ja wohl bestätigen.” Niels stöhnte innerlich auf. Er sollte nicht auffallen, und was würde die Direktorin sagen, wenn ein wütender Vater mit ihrem Kunst- und Deutsch-Aushilfslehrer in ihr Büro stürmte und dort eine Szene machte?
“Wenn du hier bist, dann geht hier doch bestimmt etwas vor. Etwas Übernatürliches.” Daher wehte also der Wind. Niels stöhnte jetzt auch laut auf. “Es geht nicht um die Jagd bei meinem Auftrag, wenn du das meinst”, erklärte er, und jetzt schien Barry endlich einzulenken. Er ließ den Türknopf los und drehte sich zu Niels und Natalie um. “Gut, aber ich behalte das im Auge.” Mit diesen Worten wandte er sich Natalie zu und ignorierte Niels. Niels tat es ihm gleich und verabschiedete sich von Natalie, er hatte noch einiges zu tun.

Auf dem Weg zum Lehrerzimmer kamen ihm zwei seiner Schülerinnen entgegen, Alexandra und Rochelle. Beide waren 14 Jahre alt und besuchten seinen Deutsch-Kurs. Niels hatte manchmal den Eindruck, dass ihr Eifer für den Kurs nicht nur der Sprache, sondern auch seiner Anwesenheit geschuldet war, aber das war nur eine Vermutung.
Die beiden Mädchen kicherten, als Niels an ihnen vorbeiging, und vielleicht war seine Vermutung doch nicht nur das. Er lächelte vor sich hin und fuhr sich durch die Haare, die endlich wieder eine annehmbare Länge hatten, dann nahm er die Fensterglas-Brille ab und steckte sie in die Hemdtasche. Vielleicht war Barry auf Ärger aus. Aber er war nicht mehr der kleine Junge, der sich von anderen herumschubsen ließ. Er war gewachsen in den letzte Monaten. Was er zunächst für einen Rückfall in seine Vergangenheit gehalten hatte, hatte sich als eine Art zweite Geburt herausgestellt. Feuer reinigt, Aaron. Deswegen muss die Hexe brennen. Ja, Feuer reinigte. Feuer reinigte von allem, was einen zurückhielt, von den bösen Erinnerungen und dem Wissen, dass man nur als Werkzeug großgezogen worden war. Niels war nie ein Kind gewesen, nie ein Mensch. Nur das Werkzeug der ultimativen Rache. Genau das war ihm klar geworden, nachdem er sich mit Ethan getroffen hatte, nachdem er sich mit Emily ausgesprochen hatte. Vielleicht trug er den gleichen Nachnamen wie Gustav, Jospeh und auch Benedikt, aber damit endeten ihre Gemeinsamkeiten. Sollte er jemals nach Hause zurückkehren, es gäbe nur eine Sache, die er noch tun würde, fünftes Gebot hin oder her.

Am nächsten Tag hielt Niels wie gewohnt seinen Unterricht ab. Natalie hatte ihm eine SMS geschickt, dass sie sich in die Kameras der Schule eingehackt hatte, um zu sehen, ob sie dabei etwas interessantes sehen konnte. Niels hatte zwar Zweifel, dass sie damit einen Geist würde wirklich sehen können, aber falls die seltsamen Vorfälle doch einen ganz weltlichen Ursprung hatten, dann konnte sie den Übeltäter damit vielleicht auf frischer Tat ertappen.

Viel Zeit, um über Natalies Pläne nachzudenken, hatte Niels jedoch nicht, er musste sich schließlich um seine Schüler kümmern. Besonders Caitlyn, die sonst immer gute Leistungen in seinem Deutsch-Unterricht zeigte, stotterte heute furchtbar, was sie sehr mitzunehmen schien. Nach der Stunde kam sie zu ihm und entschuldigte sich, doch Niels sah sie nur lächelnd an. "Hey, wir haben doch alle mal einen schlechten Tag. Ich weiß doch, dass du sonst eine gute Schülerin bist”, versuchte er sie aufzumuntern. Caitlyn sah ein wenig verlegen zu Boden, dann meinte sie: “Ich weiß ja auch nicht. Vielleicht lag es daran, dass wir heute die Bio-Arbeit schreiben, und ich so aufgeregt bin.” Niels erinnerte sich daran, dass er gestern die Fünfer-Clique um Rochelle und Alexandra und ihre Freundinnen Madison, Alondra und Leticia hatte ermahnen müssen, weil die Mädchen sich lieber über die Arbeit unterhalten hatten statt seinem Unterricht zu folgen.

Niels wartete, bis auch der letzte Schüler den Klassenraum Richtung Caféteria verlassen hatte, dann schloss er ab und ging ebenfalls zum Mittagessen.
Als er die Caféteria betrat, fiel ihm als erstes Barry auf. Na wunderbar, der hat mir gerade noch gefehlt. Offenbar war der Indianer der Meinung, dass Niels eine Gefahr für seine Kinder darstellte, so wie er ihn beobachtete. Niels beschloß, sich nicht von ihm provozieren zu lassen, sondern holte sich betont lässig sein Essen ab und setzte sich dann zu Mr. Andrews, mit dem er ohnehin noch ein Kunstprojekt besprechen musste.

Nach dem Essen hatte Niels eine Freistunde, weswegen er in der Caféteria sitzenblieb. Barry schien sich verzogen zu haben, wahrscheinlich war er in die Bibliothek gegangen. Der junge Mann hegte keinerlei Interesse, dem Älteren noch einmal über den Weg zu laufen. Was immer Barry für ein Problem mit ihm hatte, er wollte es nicht vertiefen und riskieren, dass doch jemand die Zeugnisse, die Flann ihm gegeben hatte, näher überprüfte. Kurzzeitig überlegte er, ob er den Iren anrufen sollte, aber Flann rief man nicht an. Flann schickte man, wenn überhaupt, eine SMS und hoffte, dass er sich meldete.
Also nahm Niels seinen Zeichenblock aus der Tasche, um zu zeichnen. Seine Finger waren immer noch ein wenig steif, aber es ging von Tag zu Tag besser, bald wären sie wieder so wie früher, wenn man von dem Narbengewebe darauf absah. Niels schob sich die Ärmel nach oben, um zu beginnen. Sein Blick fiel auf die farbigen Motive, die auf seinem Unterarm das Schlimmste versteckten.

Das “Moth and Dagger” war kein besonders auffälliger Tattooladen, und Niels hatte immer noch keine Idee, warum Flann ihn ausgerechnet hierhin geschickt hatte. Aber offensichtlich konnte Jason die Anti-Dämonen-Tätowierung machen, und genau so etwas brauchte er. Nie wieder sollte ein Dämon die Gelegenheit haben, sich an seiner Seele gütlich zu tun. Er schüttelte sich bei dem Gedanken daran und überlegte dann, ob es nicht zu früh war, dass er sich wieder tätowieren ließ. Aber nachdem die Verbände endlich verschwunden waren und deutlich geworden war, dass es ohne Nachstechen nicht gehen würde, konnte es ihm nicht schnell genug gehen.

Der Arzt und die Jamesons waren natürlich nicht so begeistert gewesen, als Niels gesagt hatte, dass er nach San Francisco fliegen wollte, und vor allen Dingen, als er gesagt hatte, warum. Aber schließlich hatte der Arzt gesagt, dass zumindest vom medizinischen Standpunkt nichts gegen neue Tätowierungen sprach, und es sei ja auch ein Stück weit Therapie für Niels, um mit dem Erlebten fertig zu werden.

Niels betrat den Laden mit einem mulmigen Gefühl. Er hatte sich immer noch keine gute Coverstory überlegt. Flann hatte ihm eingeschärft, dass er ihn nicht erwähnen sollte, aber was sollte er dann sagen?
“Kann ich dir helfen?” Bevor Niels noch einen Gedanken daran verschwenden konnte, was er jetzt genau Jason erzählen sollte, damit er an die Anti-Dämonen-Tätowierung kam, hatte der ihn schon angesprochen. Er musste es sein, denn sonst sah Niels nur noch zwei Frauen, die mit Kundschaft beschäftigt waren. “Bist du… bist du Jason?” fragte Niels und wollte im gleichen Moment den Laden verlassen. Der Mann musterte ihn eingehend und sagte dann nach einer gefühlten Ewigkeit. “Der bin ich. Was kann ich für dich tun?” Niels schob die Ärmel hoch und zeigte Jason wortlos die Bildfetzen auf seinen Armen. Der Tätowierer pfiff durch die Zähne. “Fuck. Heißes Date gehabt, Kleiner?” Er ging zu einem Schreibtisch und schlug ein Buch auf. In diesem Moment kam Niels die rettende Idee. Er sah sich um, aber die beiden Frauen waren in ihre Arbeit vertieft, und sonst war niemand im Laden. Beiläufig fasste er sich an die Hosentasche und schob die Bibel nach oben, so dass sie aus der Hosentasche fiel und aufgeklappt vor Jasons Tisch liegenblieb. Als habe das Schicksal ihn unterstützen wollen, fiel ausgerechnet der Zettel mit dem Anti-Dämonen-Zeichen heraus. Niels bückte sich und wollte die Bibel wieder aufheben, doch Jason hatte genau das gesehen, was er hatte sehen sollen. “Oh, so einer bist du also”, meinte er nur und sah Niels an. “Ich… das hab ich bei den Sachen meines Vaters gefunden. Der hatte dieses Zeichen tätowiert….” Jason grinste jetzt breit. “Schon klar. Na wenigstens muss ich es dir nicht einbrennen. Mit dem Feuer gespielt hast du ja bereits. Komm mit, wir kriegen das und den Rest mit Sicherheit hin.”

Mit einem Lächeln auf den Lippen in Erinnerung an seine Zeit in San Francisco wollte Niels sich gerade seinen Zeichnungen widmen, als die Tür aufging und eine Gruppe Jugendlicher hereinkam. Niels sah sie sich eingehend an, er erkannte Caitlyn, Rochelle, Alexandra und noch ein paar andere seiner Schüler aus dem Deutschkurs. Sollte jetzt nicht eigentlich die Biologie-Arbeit stattfinden?
Er stand auf und ging zu Caitlyn herüber. “Was ist denn hier los?” fragte er sie. Sie sah ihn mit großen Augen an. “Mr Taylor ist bei der Schulschwester, es geht ihm nicht so gut. Die Arbeit fällt aus.” Niels zog eine Augenbraue hoch. Umfallende Regale und anderes mochten eins sein, aber das hier kam ihm verdächtig vor, und wenn es gegen andere Menschen ging, dann war dies definitiv etwas, was er sich ansehen sollte. Er packte seine Zeichensachen ein und gab der Klasse zu verstehen, dass sie sich in die Bibliothek begeben und bei Ms Bishop melden sollten. Er selbst begab sich zur Krankenstation, um nach dem Biologielehrer zu sehen.

Schwester Susan saß hinter ihrem Schreibtisch und sah kurz auf, als Niels hereinkam. “Wie geht es Mr Taylor?” wollte er wissen. “Naja, den Umständen entsprechend. Er wird etwas falsches gegessen haben”, meinte Schwester Susan. Niels erinnerte sich daran, dass er den Biologielehrer vorhin in der Caféteria gesehen hatte, wo er mit Begeisterung das Gleiche wie alle anderen gegessen hatte. “Aber ich habe auch in der Caféteria gegessen, und bisher ist doch auch sonst niemand bei Ihnen gewesen, oder?” wollte er jetzt von der Krankenschwester wissen. Die sah ihn nur über den Rand ihrer Lesebrille an. “Nein, bisher nicht. Mr Weatherby, Ihre Sorge ehrt Sie, aber es könnte auch sein, dass Mr Taylor sich einfach einen Virus eingefangen hat. Ich habe sicherheitshalber einen Krankenwagen gerufen, damit sich ein Arzt Mr Taylor ansehen kann.” Ein Virus. Oder Magie? Niels überlegte, ob jemand den Lehrer verhext hatte. Das war eine Möglichkeit, die er nicht ausschließen wollte, und die er dringend mit jemandem besprechen musste.

Natalie wartete bereits in der Bibliothek. “Was soll ich denn mit den ganzen Kindern machen? Du bist hier als Lehrer eingestellt”, beschwerte sie sich, aber Niels bedeutete ihr, dass er ihr alles erklären würde. Er hielt die Jugendlichen an, sich mit ihren Hausaufgaben zu beschäftigen, dann zog er Natalie in ihr kleines Büro neben der Bibliothek. “Hier ist Hexerei im Spiel, Natalie. Diese ganzen Vorfälle, und jetzt die plötzliche Erkrankung von Mr Taylor. Meine Jägersinne sind angesprungen.” Natalie hörte ihm zu, die Arme vor der Brust verschränkt. Niels hatte bereits einen Verdacht, den er gegenüber der jungen Frau äußerte. “Ich weiß nicht, ob meine Schülerinnen was damit zu tun haben, aber es würde mich nicht wundern.” Er machte eine Handbewegung Richtung Bibliothek, wo Alexandra, Rochelle, Madison, Alondra und Leticia einträchtig ihre Schreibaufgaben machten. “Kannst du nicht mit ihnen reden? Du bist doch ein Mädchen.” Niels sah Natalie mit einem aufrichtigen Lächeln an, denn er hatte tatsächlich überhaupt keine Ahnung, wie man mit Mädchen sprach, zumindest nicht in dem Alter. Seine Klassenkameradinnen hatten den seltsamen Aaron stets gemieden, und Niels hatte nie das Bedürfnis gehabt, sich mit einer von ihnen näher zu beschäftigen.
Natalie grinste jetzt. “Kann ich machen, aber was bringt dich darauf, dass es diese Fünf waren?” Niels berichtete ihr, dass ein Mädchen, das einen Unfall hatte, ebenfalls aus dieser Klasse war, und ein anderes Mädchen, dem einer der seltsamen Vorfälle passiert war, ging zumindest in die gleiche Klassenstufe. Sie war Favoritin beim Sportfest gewesen und hatte sich kurz vor einem Wettlauf den Knöchel verknackst. Rochelle hatte den Lauf gewonnen, und Alexandra war Zweite geworden.

In diesem Moment klopfte es an der Tür, und ohne ein “Herein” abzuwarten, betrat Barry das Zimmerchen. Niels warf ihm einen langen Blick zu, aber anscheinend war der Indianer gegen den Heckler-Blick immun, oder er wollte ihn immer noch nicht beachten. Aber auf der anderen Seite war Barry ein versierter Jäger, und je mehr Leute in das Geschehen hier eingeweiht waren, desto besser. Niels und Natalie erzählten Barry alles, und der Ältere schlug vor, die Mädchen zunächst zu beobachten.

Alle fünf wirkten jedoch so, als könnten sie kein Wässerchen trüben, leise vor sich hinkichernd, steckten sie die Köpfe zusammen und gingen ihrer Arbeit nach. Aber irgendwas an diesem Bild wirkte für Niels so, als würde es nicht zu dem Rest passen, und als Madison Rochelle einen Stift reichte, wusste er, was es war: Die Fünf hatten alle das gleiche Schreibmäppchen in Form einer Voodoo-Puppe. Wussten die Mädchen, mit was für Mächten sie sich da anlegten? Mit Sicherheit nicht. Also schlenderte er durch die Reihen und tat so, als beobachte er die Stillarbeit der Schüler, bis er am Tisch der Fünfer-Clique ankam. Er hob Alexandras Mäppchen hoch und sah es sich an.
Das Mäppchen war aus Segeltuch gefertigt, das bereits gebraucht wirkte. Seemannsgeister? Niels hoffte, dass das nicht der Fall war, mit dem Meer und seinen Geistern kannte er sich nicht aus. Er drehte das Mäppchen um und las den Aufnäher auf der Rückseite: “Hurricane Matthew Disaster Relief Foundation”. Die Firma, die das Mäppchen hergestellt hatte, nannte sich Smiggle, Natalie würde dazu sicher was im Netz herausfinden. “Das ist ja schon ein ungewöhnliches Mäppchen”, meinte Niels jetzt zu Alexandra, die verlegen lächelte. “Ja, das ist cool, oder? Madison hat die mitgebracht, als sie in Australien war. Für jede von uns!” Sie wurde ein wenig rot, als sie das erzählte, und Niels war sich nicht sicher, ob es seinetwegen war oder weil sie einfach aufgeregt war. Er legte das Mäppchen wieder auf den Tisch und besah sich die übrigen Püppchen. Bei dreien sah er auf den Köpfen die Spuren von Klebstoff, und er konnte auch Einstechlöcher erkennen.

Fuck. Fuckfuckfuck. Sie spielen mit Mächten, die sie nie im Leben umreißen.

Niels kehrte zu Natalie und Barry zurück und nannte ihnen den Namen der Firma. Natalie fand heraus, dass Smiggle sehr viele bunte Accessoires machte, unter anderem auch die Mäppchen. Diese waren ursprünglich als Unterstützung für die Hurrikan-Opfer gedacht, wurden aber wieder aus dem Programm genommen, weil Eltern sich über Mobbing beschwert hatten.

“Vielleicht können wir das Problem mit Weihwasser entschärfen?” schlug Barry vor. Niels sah ihn an. “Wie stellst du dir das vor?” wollte er wissen. “Naja, wir lösen einen Feueralarm aus und füllen Weihwasser in die Sprinkleranlage.” Niels nickte, das könnte tatsächlich funktionieren. “Aber du könntest auch erstmal mit einem der Mädchen reden”, meinte Natalie mit einem Seitenblick zu Alexandra. Niels sah sich um. Tatsächlich, die Kleine schien ihn zu mögen. Er beschloss, sie nach der Stunde abzufangen, denn es bestand schließlich immer noch die geringe Möglichkeit, dass sich hier nichts Übernatürliches abspielte und alles ein Zufall war – oder sehr dumme mundane Streiche.

Es war nicht schwierig für Niels, Alexandra alleine zu sprechen, sie stand vor dem Wasserspender an der Bibliothek, ihre Freundinnen waren nirgends zu sehen. “Ich weiß, was ihr mit den Mäppchen gemacht habt”, erklärte Niels ihr geradeheraus. Alexandra wurde bleich. “Aber… aber.. das ist doch nicht echt. Wir haben nur damit rumgespielt!” verteidigte sie sich. Niels schüttelte den Kopf. “Ich kenne mich mit so etwas aus, und glaube mir, das ist echter, als du dir denkst.” Oder wünschst. Das Mädchen sah nun so aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, und beinahe bekam Niels ein schlechtes Gewissen. “Kann ich mir dein Mäppchen bis morgen ausleihen? Ich würde gerne etwas ausprobieren. Du bekommst es auch bestimmt zurück.” Er lächelte, und Alexandra lächelte verlegen zurück. “Aber nur, weil Sie es sind, Mr. Weatherby”, sagte sie leise und reichte ihm das Mäppchen und ein Schächtelchen. “Die Nadeln gehören auch dazu”, meinte sie, dann drehte sie sich um und lief davon.

Niels kehrte in die Bibliothek zurück, wo Natalie und Barry noch warteten. “Und jetzt?” wollte er wissen. Barry antwortete nicht, sondern ging zum Computer, tippte etwas und kam schließlich mit einem Ausdruck eines Fotos von sich selbst zurück. “Pack das da rein”, wies er Niels an, dann reichte er Natalie die Nadeln. “Jetzt sehen wir ja, ob das funktioniert”, meinte er, nachdem Natalie einige Nadeln in das Püppchen gesteckt hatte. “Spürst du denn was?” wollte Niels wissen, er war skeptisch, dass das so einfach ging. Barry schüttelte den Kopf. “Nicht wirklich. Wir müssen das Mädchen nochmal fragen, wie sie das genau gemacht haben.” Niels nickte, aber Alexandra war erst am nächsten Tag wieder da. Dann fiel ihm etwas ein. “Wenn die Fünf wirklich Hexen sind, stehe ich jetzt vermutlich auf ihrer Abschussliste.”

Wieder schneller gedacht als gehandelt, Heckler?

Barry stimmte ihm zu. “Wenn du willst, kannst du mit zu mir kommen”, meinte er. Niels schüttelte den Kopf. “Ich weiß, wie ich mich schütze.” Unbewusst wanderte seine Hand in Richtung Brust, wo sich die frische Anti-Dämonen-Tätowierung befand. Außerdem legte er keinen gesteigerten Wert darauf, mehr Zeit mit Barry zu verbringen als nötig. Aber für alle Fälle war es ihm lieber, wenn Natalie ihn begleitete. Er reichte ihr die Bibel, und sie sah das Buch interessiert an, dann jedoch bemerkte Niels ihren fragenden Blick. Natürlich, das Buch war auf Deutsch, das konnte sie zwar lesen, aber wirklich nutzen würde es nicht.
“Du könntest dich in einen Salzkreis legen. Oder Eisenspäne”, schlug Barry jetzt vor. Niels seufzte. Auf diese Idee wäre er ja nie im Leben gekommen. Wenn Barry ihm gleich noch vorschlug, Schneeball auf die Türrahmen zu legen, oder ähnliches, würde er dem Indianer vielleicht doch mal zeigen, wer die Hecklers waren und worin seine Ausbildung bestanden hatte. Er war seit seinem neunten Lebensjahr ein Jäger, der Sohn eines Jägers, aufgezogen von einem Jäger. Er würde niemals etwas anderes tun können, so sehr er sich das wünschte. Auch Aaron Weatherby, der Kunstlehrer, konnte das niemals ändern.
“Ich könnte dir Eisenspäne be…” “Danke, ich habe alles da”, unterbrach Niels Barry und atmete tief durch. Sein Problem war ein pubertärer Hexenclub, nicht ein übereifriger paranoider Übervater.

In seiner kleinen Wohnung, die nicht weit von der Schule lag, zog Niels als erstes einen Salzkreis versetzt mit Eisenspänen um seine Couch. Auch das Mäppchen platzierte er in einem Salzkreis. Er überließ Natalie das Bett, als sie später schlafen gingen, und kaum lag er auf der Couch, hörte er an Natalies gleichmäßigem Atem, dass sie eingeschlafen war. Er selbst drehte sich noch hin und her, schlafen war nichts, was ihm leicht fiel. Tagsüber hatte er seine Dämonen inzwischen bestens im Griff, aber nachts holten sie ihn in regelmäßigen Abständen wieder ein. Die Tatsache, dass er sich zur Zielscheibe der Junghexen gemacht hatte, und Barrys seltsames Verhalten trugen nicht gerade dazu bei, dass er die Ruhe herbeisehnte. Doch irgendwann konnte er die Augen nicht mehr aufhalten, und er fiel in einen unruhigen Schlaf.

Die Flammen hüllen ihn ein, aber sie verbrennen ihn nicht. Er kann sich nicht bewegen, das Feuer hat ihn eingeschlossen. Eine Gestalt löst sich aus der Glut, sie hat kein Gesicht, nur schwarze Augen sind zu sehen. “Ich will dich”, raunt sie ihm zärtlich zu und beginnt, mit ihren Händen seinen Oberkörper hochzufahren. Die Tätowierung scheint sie nicht zu stören, die Finger fühlen sich an wie glühende Eisen auf seiner Haut. Er bekommt keine Luft mehr, etwas schnürt ihm die Kehle zu, er will das nicht, nein, die Hände graben sich jetzt in seine Haut, graben sich tiefer, bis in sein Herz, in seine Seele…

“Nein!” Niels fuhr schreiend und keuchend auf, er war schweißgebadet. Im Hals verspürte er ein leichtes Kratzen. War das eine Nebenwirkung seines Traums, oder hatten die Mädchen tatsächlich versucht, ihn zu verhexen? Er sah auf die Uhr. 5 Uhr. Keine Zeit, zu der er freiwillig aufstand, zumal Natalie noch schlief, aber er konnte nicht wieder einschlafen.
Er stand auf und duschte ausgiebig, dann machte er Kaffee und Frühstück. Natalie war inzwischen ebenfalls wach, sie reckte sich und gähnte. Niels schenkte ihr eine Tasse Kaffee ein und reichte sie ihr. “Tut mir leid, falls ich heute nacht unruhig war”, meinte er. Es war ihm immer noch peinlich, wenn Leute mitbekamen, dass er nicht schlafen konnte. Mehr als einmal hatte seine Tante ihn wie ein kleines Kind getröstet, wenn er schreiend aufgewacht war, und mehr als einmal hatte Niels sich furchtbar dafür geschämt. Aber Delia hatte nie etwas gesagt, sie hatte ihn nur festgehalten und gewartet, bis er wieder eingeschlafen war. Manchmal fragte Niels sich, was er ohne seine Tante und ihre Eltern in den letzten Monaten gemacht hätte. Wahrscheinlich wäre er jetzt nicht hier.

Natalie nickte nur verschlafen und nippte an ihrem Kaffee, offensichtlich schien sie trotz Allem gut geschlafen zu haben. Schließlich tappte sie ins Bad und kam dann deutlich frischer wieder zurück, bereit, wieder an die Arbeit zu gehen.

Niels suchte Alexandra und fragte sie rundheraus nach dem Mäppchen. “Ok, wie genau habt ihr das gemacht, du und die anderen?” wollte er wissen. “Sie müssen ein Bild von jemandem reintun, und am besten noch ein Haar oder so etwas von der Person”, erklärte sie. “Dann müssen Sie sich etwas wünschen… Madison hat sich zum Beispiel gewünscht, dass Caitlyn gestern in Ihrem Unterricht anfängt zu stottern, oder Rochelle hat sich gewünscht, dass sie das Wettrennen beim Sportfest gewinnt.” Dann machte sie plötzlich eine Pause und sah Niels lange an. “Aber Mr Weatherby, das funktioniert doch nicht wirklich. Das war doch alles nur ein Spiel!” Niels schüttelte den Kopf. “Ich gehe jetzt in die Bibliothek, und du wirst in etwa fünf Minuten nachkommen.” Auf keinen Fall wollte er gesehen werden, wie er alleine mit einer Schülerin dort hinging, man konnte nie wissen, wer ihm daraus einen Strick drehen wollte.

Er ging vor und stellte fest, dass nicht nur Natalie in der Schulbibliothek war. Auch Barry hatte sich wieder an der Schule eingefunden, was Niels nur noch ein müdes Augenbrauen-Hochziehen entlockte. Offensichtlich war der Ältere immer noch nicht überzeugt davon, dass Niels mitnichten vorhatte, seinen Kindern zu schaden. Aber gut, dann konnte der Indianer ihn bei den Junghexen unterstützen. Bevor Alexandra kam, erzählte Niels ihm und Natalie, was das Mädchen gesagt hatte. Zum Glück hatte er noch ein Passfoto von sich einstecken, dass er auf das Mäppchen kleben konnte, dann riß er sich ein Haar aus und schob es hinein.

Keine Sekunde zu früh betrat Alexandra die Bibliothek. Unsicher sah sie von Niels zu Barry und Natalie, aber als der junge Mann ihr aufmunternd zunickte, kam sie näher. Niels schob sich den Ärmel hoch, dann reichte er Alexandra das Mäppchen und die Nadeln. “Stich zu”, meinte er nur, “meinem Arm macht das nichts mehr aus.” “Aber… aber.” Alexandra sah ungläubig auf die vernarbte Haut, auf der sich die ersten Bilder fanden. Jason hatte seine Arbeit gut gemacht, bei Narben war die Gefahr groß, dass die Tinte verlief und das Motiv undeutlich wurde. “Stich zu.” Niels hätte niemals gedacht, dass er jemanden dazu auffordern würde, ihm weh zu tun, aber er wusste, er musste das Mädchen überzeugen. Er spürte ein Kribbeln, aber keinen Schmerz. “Stich fester zu”, ermunterte er sie, aber Alexandra sah ihn nur an, ihre Mundwinkel verzogen sich. “Ich.. kann nicht… Ich mag Sie doch!” entfuhr es ihr jetzt. “Das reicht jetzt”, ging Barry dazwischen, und Niels warf ihm einen langen Blick zu. Alexandra sah wieder unsicher von einem zum anderen, aber dann fasste sie sich ein Herz. “Ich… ich habe diese Narben gesehen, Mr Weatherby, und ich wollte nur, dass es Ihnen besser geht.” Niels sah sie an und wusste, dass sie es ernst meinte. “Es geht mir gut, Alexandra. Und die Narben verheilen jeden Tag mehr.” Während er sie so ansah, war er plötzlich doch froh, dass sie ihm nichts Schlimmeres gewünscht hatte. Es gab noch Hoffnung für sie. Ob das allerdings auch für ihre Freundinnen galt, konnte er nicht sagen. Aber jetzt mussten sie Nägel mit Köpfen machen.

Niels wies Alexandra an, Madison, Rochelle, Alondra und Leticia in die Bibliothek zu beordern. Ohne große Worte zu machen, bat er die fünf Mädchen in Natalies kleines Büro. Als sie Barry sahen, zuckten sie kurz zusammen, wie Niels zufrieden feststellte. Wenn der Indianer eines beherrschte, dann die Kunst, Leute einzuschüchtern. Das wusste er aus May Creek nur noch zu gut.

“Ich komme gleich zur Sache”, erklärte Niels den Mädchen und hielt das Mäppchen hoch, “ich weiß genau, was ihr gemacht habt. Glaubt mir, Voodoo ist kein Kinderspiel, und das hier waren keine harmlosen Streiche. Ihr hättet Leute ernsthaft verletzen können.” Dann fiel ihm Mr Taylor ein, und er korrigierte sich: “Ihr habt Menschen verletzt. Das mit Mr Taylor ist Körperverletzung. Was, wenn Schwester Susan nicht gleich einen Krankenwagen gerufen hätte, oder er eigentlich ein schwaches Herz hat, und ihr hättet ihn umgebracht? Wolltet ihr das wirklich riskieren?” Er sah sie wütend an, eine nach der anderen, und der Hecklerblick tat sein Übriges zu Barrys düsterem Auftreten hinter ihm. Vier der Mädchen blickten betreten unter sich, nur Madison war nicht überzeugt. “Aber das war doch irgendwie cool…” versuchte sie sich zu rechtfertigen. Niels beugte sich vor. “Du findest es also cool, Menschen zu verletzen und zu riskieren, dass sie sterben?”

”Ich will dich bluten sehen, Aaron. Ich will dich leiden sehen.”

So schnell, wie Joseph vor seinem inneren Auge erschienen war, so schnell war er auch wieder verschwunden. Niels atmete tief durch. Madison war nur eine verwöhnte Vierzehnjährige, keine geborene Sadistin, die ihre Befriedigung aus dem Leiden anderer Menschen zog.
“Naja… so, wie Sie das sagen, klingt das wirklich nicht mehr cool, Mr Weatherby”, gab sie schließlich zu. “Bitte sagen Sie niemandem, was wir gemacht haben!” bat sie dann. Niels nickte. “Ich will alle eure Mäppchen, und dann reden wir nicht mehr von der Sache. Ach, und noch was.” Die Mädchen hielten inne, als er sich selbst unterbrach. “Habt ihr versucht, mich zu verhexen?” Rochelle nickte schließlich. “Wir dachten doch, wenn Sie keine Stimme mehr haben, können Sie niemandem etwas sagen…” Niels war versucht zu grinsen, als seine Hand wie so oft in den letzten Wochen unbewusst zu seiner Brust wanderte. “Glaubt mir, ich weiß genau, wie ich mich schützen muss. Um mich zu verhexen, müsst ihr früher aufstehen.” Ungefähr 13 Jahre früher.

Die Mädchen nickten, und nur widerwillig gaben sie ihre Mäppchen ab. Aber Niels ließ nicht locker. “Ich bin vielleicht nicht mehr lange hier, aber er” – er deutete nach hinten auf Barry – “ist nach wie vor in der Gegend, seine Kinder gehen auf diese Schule.” Das schien das beste Argument zu sein, schnell legten die Fünf die Voodoo-Mäppchen auf Natalies Schreibtisch, dann rannten sie hinaus.

“Ich nehm die mit”, meinte Barry, “hier in der Nähe gibt es einen Park, wo wir sie verbrennen können.” Niels nickte, er hatte keine Zweifel, dass Barry das richtige tat, aber verbrennen konnte er sie gerne alleine.

Am Nachmittag ging Niels noch mit Natalie einen Kaffee trinken und erzählte ihr von seinen Erlebnissen in Idaho, worüber sie nur den Kopf schüttelte. Sie unterhielten sich über einiges anderes, als Niels aus dem Augenwinkel eine Bewegung vor dem Café wahrnahm. Stand Barry etwa dort und beobachtete ihn? Himmel, der Mann war ja noch paranoider, als er bisher angenommen hatte! Er beschloss jedoch, ihn zunächst zu ignorieren, dann zahlte er und verließ mit Natalie das Café. Sie verabschiedete sich, und Niels machte sich auf den Weg nach Hause.

Wie vermutet, hielt Barry ihn an seiner Haustür auf. “Ich muss mit dir reden”, begann er, noch bevor Niels seine Luger ziehen konnte. “Muss dir was erklären, okay?” Er sah zerknirscht aus, so als ob es ihm doch leid tat, dass er Niels die letzten Tage gestalkt hatte. Niels war skeptisch, ließ die Waffe aber stecken und blieb stehen.
Barry atmete tief durch, und dann begann er, zu sprechen, er sah Niels kein einziges Mal an, während er das tat. “Als meine Tochter drei war, ist sie entführt worden. Irgendwelche Kultisten. Haben sie schwer verletzt. Jemand anderes hat versucht, meinen Sohn vor seiner Geburt zu ermorden. Letztes Jahr wollte eine Hexe meine jüngste Tochter… sie wollte sie als Zutat für ihre Suppe, damit sie wieder Kraft bekommt.” Er holte noch einmal tief Luft und sah dann auf. “Das sind meine Kinder, He.. Weatherby. Ich habe Angst um sie. Noch nicht so lange her, da hat jemand die Familie eines Bekannten bedroht und ich… ich hab überreagiert. Tut mir leid. Weiß, wie es ist, wenn man nicht über Sachen reden kann.”
Niels sah ihn lange an. Das waren natürlich schlimme Geschichten, die Barrys Kindern da widerfahren waren, aber glaubte der Ältere allen Ernstes, Niels sei jemand, der Kindern so etwas antat? Er warf Barry einen durchdringenden Blick zu, dann antwortete er ihm. “Erstens: Du kannst immer noch Niels zu mir sagen. Und zweitens: Tut mir leid, dass mit deinen Kindern. Aber ich bin sicher keine Gefahr für sie. Ich wusste ja nicht mal, dass sie hier sind.” “Ich glaube, du wusstest nicht mal, dass ich welche habe”, Barry zuckte die Schultern. “Ist nicht unbedingt was, was ich an die große Glocke hänge. Aber… jemand, der dich besser kennt als ich, hat mir das gleiche gesagt, und ich habe nachgedacht… hätte ich vielleicht früher machen sollen.”
Niels entspannte sich etwas, aber er war immer noch auf der Hut. “Ich hätte gedacht, dass du mich besser einschätzen kannst. Und es ehrt dich, dass du so für deine Familie da bist. Ist etwas, was ich so nicht kenne. Aber hey, du hast wenigstens nicht die Polizei gerufen.” “War kurz davor, aber… wie gesagt. Wenn man ein paar Sachen weiß, geht offen und ehrlich nicht immer so gut.” Barry schaute Niels nachdenklich an, und der junge Mann hatte den Eindruck, dass es dem Älteren wirklich ernst wahr. Anscheinend war er nicht der einzige, der erst redete und dann nachdachte. “Bin nicht Mr. Menschenkenntnis, okay, aber… als ich dich das letzte Mal getroffen habe, hätte ich gesagt, du bist ein direkter Typ. Keiner, der sich verstellt. Aber hey, Jäger, das gehört wohl dazu.”
“Ich bin auf jeden Fall kein Typ, der sich an Kindern vergreift.” Und es hat nichts mit meinem Jägersein zu tun, dass ich hier bin und einen falschen Namen habe.
Barry blinzelte. “Nee. Das hab ich auch nicht vermutet.” Dann machte er eine kurze Pause “Okay, nicht ganz richtig. Wie gesagt, die Kids sind schon mal bedroht worden, und mindestens zwei Sachen sind noch offen. Dachte weniger, dass du denen selbst schaden willst, aber deine Auftraggeber…” Er machte eine hilflose Handbewegung. “Manchmal geht meine Fantasie mit mir durch. Sorry.”
“Aber wie gesagt, es hat nichts mit der Jagd zu tun, und auch nicht mit dir oder deiner Familie.” Niels war nicht gewillt, Barry auch nur ein Quentchen von dem zu erzählen, was Flann mit ihm gemacht hatte, das war eine Sache zwischen dem Iren und ihm.
Barry atmete durch. “Okay. Du bist vermutlich in der besseren Position, das zu beurteilen. Fällt mir nur manchmal schwer, dem Urteil anderer zu vertrauen, wenn es um meine Kinder geht. Es ist halt mein Job als Vater, die zu beschützen.” Er machte wieder eine Pause, als sei ihm eingefallen, dass das vielleicht nicht das beste Thema war, das er mit Niels besprechen sollte, und Niels musste an ihr Gespräch in May Creek denken.

Ich will nicht werden wie mein Vater.

Barry wechselte jetzt rasch das Thema. “Bier trinkst du noch, oder?” fragte er. “Ja, natürlich.” Niels rang sich ein vorsichtiges Lächeln ab. “Und so sehen also Väter aus, die sich um ihre Kinder kümmern.”

Dad, hättest du mich genauso beschützt?

Barry gab eine Mischung aus Lachen und Schnauben von sich. “Hab’s von meinem Vater nicht anders gelernt und ich verstehe auch nicht – echt nicht – wie jemand sein kleines Kind anschauen und es nicht einfach nur beschützen wollen kann. Echt nicht.” Er klang sehr leidenschaftlich dabei, und Niels zog eine Augenbraue hoch. Er könnte Barry sagen, wie man es schaffte, dass man sein Kind nicht beschützen wollte. Man sah es nicht als Kind an. “Man sieht es einfach als Werkzeug an.” Zu seinem Unmut klang er dabei verbitterter als er wollte, aber die Erkenntnis, dass er nie mehr gewesen war, war immer noch zu frisch. Sie hatten ihn nicht umgebracht, weil er ihnen lebend wahrscheinlich einfach nützlicher gewesen war.

Barrys erste Reaktion zeigte Unglauben, dann sah er fast betreten aus. “Ich weiß nicht. Kann das schwer nachempfinden. Will ich auch gar nicht. Wie kalt muss es in einem Menschen sein, der sein Kind anschaut und es nur als… als Werkzeug betrachtet.” Er schüttelte hilflos den Kopf. “Tut mir leid, Mann.”
Niels spürte, wie er sich verkrampfte, er wollte nicht über Gustav sprechen. "Es ist vorbei”, sagte er nur. “Und ich hoffe, dass er eines Tages seine gerechte Strafe dafür bekommt,” setzte er hinzu.

Mein ist die Rache, spricht der Herr, nicht wahr, Gustav?

“Wenn er irgendwann mal rausfindet, was er da eigentlich verpasst hat…” Barry schien das Thema immer noch nicht kalt zu lassen, aber Niels wollte nicht mehr darüber reden. Jacob und er würden niemals eine Vater-Sohn-Beziehung führen wie die, die Barry beschrieb, dafür war vor elf Jahren gesorgt worden. Und Gustav würde niemals Vatergefühle für den Bastard seines Bruders entwickeln. “Hast du nicht was von Bier gesagt?” fragte er stattdessen.
“Ja”, Barry hob eine Stofftasche hoch, “Versöhnungsgeschenk.” Der Beutel klirrte, offensichtlich enthielt er einige Flaschen. "Gibt aber auch gute Craftbeerläden hier. Wenn du Bock hast”, meinte er dann. Niels überlegte kurz, aber was sollte schon passieren? Nach diesem Gespräch würde Barry ihn sicher nicht hier auf offener Straße massakrieren, und ein Craftbeerladen klang auch nach neutralem Boden. “Solange wir nicht mehr über Väter quatschen, gerne”, meinte er, und Barry schien sichtlich erleichtert. “Alles klar. Gibt genug andere Themen.”
Der Besuch in dem Laden wurde dennoch ein wenig seltsam, da Niels feststellte, dass er Barry immer noch nicht über den Weg traute. Aber sie fanden einige unverfängliche Gesprächsthemen, wie das Wetter, Bier und Chicago. Barry war erst vor kurzem wieder hierher gezogen, nachdem er der Stadt lange den Rücken gekehrt hatte. Niels gab widerwillig zu, dass der im letzten Jahr bereits ein paar Tage in der Stadt gewesen war. Barry schien zu warten, ob Niels mehr dazu sagen wollte, aber er wollte nicht. Noch weniger als von seinem Vater wollte er Barry von Joe erzählen.
Barry wechselte schließlich das Thema und fragte, ob Niels einen Blog mit seiner Kunst habe. Sowas hatte Niels nicht, und er hatte auch kein Bedürfnis danach. Er wollte seine Ruhe, er wollte nicht in der Öffentlichkeit stehen. Bei seinem Namen war es viel zu leicht herauszufinden, wer er wirklich war, und was seine Familie tat. Barry schien das zu bedauern, er meinte, dass die meisten seiner Schriftstellerbekannten so etwas hatten, weil sie bekannt werden wollten. Aber vielleicht sei das bei Schriftstellern so.
Schließlich verabschiedete Barry sich und meinte “Vielleicht sieht man sich. Muss in den nächsten Wochen ein bisschen rumreisen.” Niels nickte nur und verabschiedete sich ebenfalls.
“Man sieht sich.”

View
Falls

“Es ist soweit komm”

Wieder und wieder geht Ethan der Text von Calebs SMS durch den Kopf, während er den Nissan nach Südwesten lenkt. Sich den GPS-Koordinaten, die auch noch in Cals Nachricht standen, immer weiter nähert. Der Ort ist in New York, nicht weit weg vom Ferris Lake, hat Ethans Studium der Karten ergeben: irgendwo in den Weiten der Adirondack Forest Preserve, aber außerhalb der ganzen Wilderness Areas da in der Gegend.

Nein. Ethan ist sich alles andere als sicher, dass es wirklich soweit ist. Er weigert sich, das zu glauben. Aber scheiße, wenn es wirklich— “Ich brauche dein Versprechen, Ethan. Sobald es kein Zurück mehr gibt…” “Nein. Ich geb dich nicht auf. Gibt Wege. Möglichkeiten. Pemkowet. Nelson.” “Versprich es mir. Ich kann das nur dir anvertrauen.” “Nein… Es muss…” “Versprich es mir.” “Na gut, verdammt. Ich versprech’s. Falls.” “Sieht eher aus wie wenn.” “FALLS.

Scheiße. Wenn falls wirklich gekommen sein sollte, entgegen all ihrer Mühen und Versuche…
Nelson. Nelson sagte, er hat es fast. Ethan muss sich überzeugen. Muss ganz sicher sein. Hoffentlich nicht. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht. Aber wenn… Seine eigene Stimme klingt ihm im Ohr, gepresst und widerstrebend, aber doch mit einer Einwilligung. FALLS.

Bei einer kurzen Pause findet Ethan eine Nachricht von Irene vor. “Cal ist vermutlich in seiner Waldhütte. Fahre jetzt hin. ETA 4h. Treffen dort?”, dazu ein Anhang mit einem Landkartenausschnitt und einer Google Maps-Wegbeschreibung. Sieht aus wie genau die Koordinaten, die Ethan auch hat. Drecksmist, elender! Wenn wirklich falls sein sollte, dann kann er Irene da nicht brauchen. Es hat schon seinen Grund, dass er ihr von seinem Versprechen nichts gesagt hat. Was hätte er ihr auch sagen können? ’Ich habe deinem Geliebten versprochen, dass ich ihn jagen komme, falls notwendig, und jetzt gehe ich sehen, ob es wirklich notwendig ist, und falls es tatsächlich notwendig sein sollte, dann werde ich ihn erschießen, ganz gleich, ob du etwas dagegen hast oder wie sehr das dein Herz bricht’? Ha. Ja klar. Das kann er seiner britischen Freundin nicht antun. Sie leidet schon genug unter der Situation. Und falls es wirklich keinen anderen Ausweg mehr gibt, kann er sich von ihr nicht aufhalten lassen. Er darf sich nicht aufhalten lassen. Er hat es versprochen. Auch wenn Irene ihn hinterher hasst. Auch wenn er selbst sich hinterher hasst. Er hat es versprochen. Ethan beißt die Zähne zusammen und steckt sein Handy wieder weg, ohne auf die Mail geantwortet zu haben. Beim Losfahren legt er den Gang viel härter ein, als er müsste, und sein Gesicht ist eine Maske, sein Blick starr auf die Straße gerichtet. Scheiße. Cal. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht.

Runter von der Interstate. Rauf auf eine State Road. Irgendwann führt die State Road in den Wald. Durch ihn hindurch, wenn er darauf bleiben würde. Tut Ethan aber nicht. Er muss abbiegen auf eine normale Straße. Davon wieder abbiegen auf eine schmälere. Weitere Meilen. Nochmal abbiegen. Nochmal. Gravel Road. Holprigere Gravel Road. Schlaglöchrig-buckelige Dirt Road. Gut, dass der Pickup so viel Bodenfreiheit hat.

Es dürften noch so eineinhalb, zwei Meilen bis zu seinem Ziel sein, als Ethan auf ein Hindernis stößt. Mit ein paar Baumstämmen und einem ausgebrannten Auto – nicht Cals Dodge, stellt Ethan mit Erleichterung fest – ist der Weg regelrecht verbarrikadiert. Aber bis ganz zu den angegebenen Koordinaten wäre er ohnehin nicht gefahren. Ist der Weg jetzt halt länger. Auch recht. Ethan wendet und stellt den D21 ein Stück weiter hinten ab, wo er hoffentlich nicht sofort gesehen wird.

Vom Auto aus geht Ethan erst wieder zu der Barriere zurück. Okay… von hier aus einen Bogen schlagen, damit er hintenrum bei der Hütte – von der Ethan noch nie gehört hat, die muss sein Mentor sich nach ihrem Zerwürfnis zugelegt haben – ankommt.
Ethan wirft einen Blick auf das GPS-Gerät, das Barry ihm zum Geburtstag geschenkt hat. Überschlägt im Kopf ungefähr die Route. Okay. Von der Straße ist er schon mal runter. Und jetzt ein Stück nach— Klack.

Für den Bruchteil einer Sekunde kann Ethan dieses ‘Klack’ nicht einordnen, so unverhofft passiert es und so wenig passt es in diese Gegend. Denn das war kein knackender Ast. Das war mechanisch. Aber dann flutet die Erkenntnis in seinen Kopf, und er erstarrt zur Salzsäule. Eine Mine Cal hat Minen gelegt das war’s es ist nicht wie im Film jetzt geht sie hoch warum sollte es im echten Leben Minen geben die explodieren wenn man von ihnen runtergeht statt wenn man auf sie drauftritt sowas gibts nur im Film—

Aber die Mine explodiert nicht. Einen endlosen Herzschlag lang. Zwei. Drei, und Ethan lebt immer noch. Vielleicht gibt es solche Minen ja doch nicht nur im Film. Oder vielleicht hat er einen Blindgänger erwischt. Aber das ist eine Möglichkeit, auf die er sich nicht verlassen kann. Scheiße. Bloß stehenbleiben. Kopf nicht verlieren. Sonst ist er tot. Oder zumindest schwer verstümmelt, was hier draußen im Nirgendwo wohl so ziemlich auf dasselbe hinauslaufen dürfte.

Mit zusammengebissen Zähnen sieht Ethan sich um. Was weiß er über den Druckpunkt von Landminen? Fünfzehn, zwanzig Pfund? Irgendwie so. Kay. Mal sehen. Das Stück Holz da: viel zu leicht. Der Baumstamm: viel zu schwer. Klar, schwer ist gut, aber den kriegt er im Leben nicht bewegt. Der ausgerissene Stumpf da hinten: vermutlich auch zu schwer. Und: außer Reichweite. Jede Menge lose herumliegender Äste. Helfen alle nichts. Vorsichtig und immer darauf bedacht, sein Gewicht auf dem verdammten Ding unter ihm zu halten, dreht Ethan sich im Kreis, lässt den Blick suchend auch über das Gelände hinter sich schweifen. Komm schon. Irgendwas. Mehr nutzloses Holz. Erde. Steine. Aber keiner auch nur ansatzweise groß genug. Außer… da vielleicht. Halb unter einem kleinen Busch verborgen. Schwer zu sehen. Aber der könnte vielleicht… wenn er nicht zu weit weg ist, um ranzukommen.

Ethan geht in die Hocke. Lässt sich unendlich langsam auf die Knie nieder – Scheiße Scheiße Scheiße, bloß den Druckpunkt nicht verlieren – und tastet sich dann Inch um Inch zu dem Stein vor, den er unter dem Busch gesehen hat. Erst denkt er, er kommt nicht dran, ohne zu viel Gewicht von der Mine wegzuverlagern – wenn sie jetzt hochgeht, reißt sie ihm immerhin bloß die Knie weg, fährt ihm der sarkastische Gedanke durch den Kopf – aber dann streckt er sich noch ein bisschen vor, und dann noch ein Stück – zwanzig Pfund es muss nicht alles draufbleiben nur zwanzig Pfund rum – und schließlich berühren seine Fingerspitzen den Stein. Aber nur das. Und nur mit den Fingerspitzen kriegt er den nicht bewegt. Nicht ohne dass er sich noch weiter vorlehnt und damit riskiert, die verdammte Mine doch auszulösen. Scheiße, elende! Okay. Okay. Kopf bewahren, verdammt. Das ist ein Stein, und einer, der schwer genug ist, wie es aussieht. Er muss nur drankommen. Er braucht eine Verlängerung. Ein Seil. Klar. Seil.

Vorsichtig verlagert Ethan sein Gewicht zurück nach hinten, bis er wieder voll auf der Mine kniet. Rucksack. Rolle Seil drin. Idiot. Hätte er gleich dran denken können. Kurz darauf hat er ein Stück von dem dünnen, aber sehr reißfesten Nylonseil abgeschnitten und es zu einer Schlaufe gebunden. Nächster Schritt. Über den Stein bugsieren. Nach einer Reihe von Fehlversuchen, inklusive einem Moment des Horrors, in dem er sicher ist, jetzt hat er das Gleichgewicht verloren, ist auch das geschafft. Okay. Ziehen. Nicht zu stark. Bloß nicht hintenüber fallen.

Es braucht ein paar Anläufe und zwei, drei Neuanbringungen der Seilschlaufe, aber irgendwann hat Ethan den Stein nah genug herangezogen, dass er ihn anheben kann. Langsam richtet er sich auf. Geht in die Hocke und legt den Felsbrocken zwischen seinen Füßen ab, bevor er erst den rechten, dann den linken an dem neuen Gewicht auf der Mine vorbeimanövriert und auf dem Gesteinsblock balanciert. Ein paarmal schnauft Ethan durch, immer schneller, wie ein Mann, der sich dafür stählt, gleich ein Stück Schrapnell aus sich selbst herausoperieren zu müssen oder sowas in der Art. Dann, ohne wissentlich die Entscheidung zu treffen, dass jetzt der Moment gekommen ist, hält er die Luft an und springt.

Sam er hätte Sam eine Nachricht was wenn der Stein nicht schwer genug ist—

Er ist schwer genug. Oder vielleicht ist die Mine tatsächlich ein Blindgänger. Ethan stößt tief und langgezogen den angehaltenen Atem aus, während ihm erst jetzt so richtig bewusst wird, dass ihm Schweißperlen auf der Stirn stehen. Scheiße. Eine Mine. Und schon sehr bald bemerkt Ethan jetzt, wo er darauf achtet, dass das bei weitem nicht die einzige Falle dieser Art war. Sehr, sehr vorsichtig bewegt er sich weiter und stellt fest, dass hier ziemlich viel von dem Zeug liegt. Scheiße. Cal hat tatsächlich Minen ausgelegt, und zwar nicht zu knapp.

Mit jedem sich langsam beruhigenden Herzschlag versteinern auch Ethans Gesichtszüge ein wenig mehr. Drecksmist. Elender Drecksmist. Es sieht wirklich fast so aus wie falls. Schweren Herzens holt Ethan das Zielfernrohr, das er vor einer Weile mit größtem Widerwillen gekauft hat, aus den tiefsten Tiefen seines Rucksacks und schraubt es auf die Mossberg, bevor er sich in noch weiterem Bogen als vorher wieder in Richtung Hütte aufmacht. Den Rest des Weges über bleibt Ethan wachsam, aber so viele Minen sind es am Ende doch nicht: Zum Glück war Cals Vorrat an Sprengfallen wohl nicht unbegrenzt.

Die Hütte liegt da wie verlassen. Die Tür ist geschlossen. Die Fensterläden sind geschlossen. Sorgfältig die Deckung wahrend, schleicht Ethan sich in eine Position, von der aus er sowohl den Eingang als auch eine Seite des Gebäudes im Auge behalten kann, und legt sich mit dem Gewehr im Anschlag auf die Lauer. Er muss sehen, wer ein- und ausgeht. Sehen, was passiert. Er muss wirklich ganz sicher sein.

Aber nichts passiert. Nichts regt sich. Erst nach einer ganzen Weile tut sich etwas, und das nicht an der Hütte, sondern auf dem Weg. Eine Gestalt zu Fuß. Irene. Dicker angezogen als normal für die Jahreszeit: garantiert eine kugelsichere Weste unter der Jacke. Scheiße, Ethan hat zu lange beobachtet; er wusste doch, dass sie auch hierher kommen wollte! Aber okay, muss er einfach warten, bis sie mit Cal geredet hat und wieder weg ist. Die Bewegungen der Britin sind langsam und bedächtig und ihre Augen konsequent auf den Boden gerichtet: Vermutlich hat sie auch bemerkt, dass das Gelände vermint ist, war aber schlauer als Ethan und ist in keine reingetreten. Auf dem Weg zur Hütte und in deren direkter Umgebung scheinen aber auch gar keine zu liegen – klar, Cal muss ja vielleicht auch selber mal raus da.

Wenn er überhaupt drin ist. Es regt sich nämlich immer noch nichts in dem Blockhaus. Wachsam nähert Irene sich dem Gebäude. Lauscht. Sucht sorgfältig den Eingang ab, nach Fallen und Drähten offensichtlich, scheint aber keine zu finden. Lauscht wieder. Ethan überlegt gerade, ob er sich ihr doch zu erkennen geben soll, da öffnet die Britin die Tür und verschwindet im Dunkeln.
Kaum ist sie drinnen, dringt aus der Hütte ein ohrenbetäubender Knall, gepaart mit einem gleißenden Licht. Scheiße. Blendgranate. Cal ist doch da drin. Hat die ganze Zeit da drin gewartet. Aber nur eine Sekunde später kommt Ethans alter Mentor heraus und wirft die Tür zu und den Riegel vor. Dann schnippt er mit einer beiläufigen Geste etwas weg, und sofort schlagen Flammen an der Hüttenwand hoch. Mit unbewegtem Gesicht, das im Sucher des Zielfernrohrs so nah wirkt, als könne Ethan es berühren, wirft Cal einen Blick auf sein Handwerk und zieht sich dann von dem brennenden Holzhaus zurück.

Verdammt! Elender Drecksmist! Der will tatsächlich Irene umbringen! Nicht nur Ethan, von dem Caleb ja weiß, dass er hierher unterwegs ist, um ihn auszuschalten, und wo Ethan es dem Älteren im seelenlosen Zustand nicht mal verdenken kann, dass er das um jeden Preis verhindern will. Sondern Irene. Das ist der Moment, vor dem es Ethan mit jeder Faser seines Seins gegraut hat. Für den er fast alles gegeben hätte, dass er nicht eintritt. Es ist falls.

Ethan presst die Lippen aufeinander. Die Zeit bremst ab, während der Lauf seines Gewehrs Cal unerbittlich folgt und Ethans ganzes Sein aus nichts besteht als dem Bild in seinem Sucher. Cal hält an, dreht sich um. Steht ganz still und entspannt da, während sein Blick mit der Waffe im Anschlag auf die Hütte gerichtet ist. Falls. Die Zeit steht still. Nichts existiert mehr auf der Welt außer Cals Kopf im Sucher und Ethans Finger am Abzug. Ein Herzschlag. Äonen später ein weiterer. Falls. Er hat es versprochen. Und Irene ist da in der Hütte. Eingesperrt in der verriegelten Hütte, die immer stärker zu brennen beginnt. Das ist nicht mehr Cal. Das ist nicht mehr Cal. Er hat es versprochen. Ethan krümmt den Zeigefinger um den Abzugshebel. In dem eingefrorenen Moment flackern dutzende Bilder vor seinen Augen vorbei. Gemeinsam unterwegs. Calebs sardonisches Grinsen, Ethans amüsiert-ironiebewusstes dagegen. Der Harrdhu. In der Höhle mit den Schattendingern, Rücken an Rücken, die Dunkelheit von ihrem Mündungsfeuer zerrissen. Das Zerwürfnis. Sein Schlag in Dimmitt. Aneinanderklickernde Bierflaschen am Schrein. Er kann es nicht. Er muss. Irene ist da drin. Und er hat es versprochen. Er hat es versprochen. Einen Moment lang schließt Ethan die Augen. Dann drückt er ab.

Der Schuss kracht, aber in der allerletzten Sekunde reißt Ethan die Mossberg doch um einen Hauch zur Seite, und die Kugel bohrt sich in den Baum direkt neben Calebs Kopf. Splitter fliegen, und Cal hechtet ins Unterholz. Ethan sprintet los, im Zickzack auf die Hütte zu. Sein Ziehvater wird die Überraschung gleich abgeschüttelt und sich wieder aufgerappelt haben, und dann sind die Rollen vertauscht. Aber er konnte Cal nicht einfach so abschießen, nicht aus dem Hinterhalt, ach was, vergiss Hinterhalt, er konnte es nicht, Punkt, und jetzt zieht er den Kopf ein und schlägt Haken und rennt, was er nur kann, denn Irene ist in der Hütte und wird in den Flammen umkommen, wenn er nichts tut. Er muss sie da rausholen.

An der Tür. Schnell. Riegel. Glüht noch nicht, aber fehlt nicht mehr so viel. Schmerzhaft heiß. Scheiß drauf. Während Ethan mit dem störrischen Schließmechanismus kämpft, ist ihm nur allzu bewusst, was für eine fette Zielscheibe er gerade auf dem Rücken hat. Aber hilft ja alles nichts. Irene muss raus da. Fast geschafft. Ein letzter Ruck an dem verdammten Ding und—

Ein harter Schlag in seiner Schulter, gepaart mit einem durchdringenden Stechen, reißt Ethan nach vorne, noch bevor er den Schuss hört. Er steht so nah vor der Tür, dass die ihn abfängt und er nicht zu Boden geht, er gleichzeitig aber auch ein paar Splitter abbekommt, die von der Tür wegspritzen, als die Kugel an der Vorderseite seiner Schulter wieder austritt und in das Holz einschlägt. Für einen Moment droht der Schmerz des Treffers ihn mit sich zu reißen, aber dann kickt das Adrenalin ein, und das unerträgliche Brennen tritt in den Hintergrund, geht in der Dringlichkeit der Aufgabe beinahe unter. Irgendwie bekommt Ethan den Riegel den Rest des Wegs herausgezogen. Er reißt die Tür auf und stürmt in die Hütte, raus aus der direkten Sichtlinie, und Calebs nächster Schuss pfeift hinter ihm in den Türpfosten.

Er hatte damit gerechnet, dass Irene drinnen fieberhaft an einem Weg nach draußen arbeitet. Oder vielleicht auch, dass sie es schon nicht mehr aus eigener Kraft rausschafft und er ihr helfen muss. Womit Ethan nicht gerechnet hat, ist, dass Irene in der Mitte des Raumes in einem hastig aufgemalten Zirkel kniet und hustend und in einem erstickten Singsang ein Ritual wirkt. Scheiße. Will sie etwa— Aber das ist kein Dämonenritual, das die Britin da veranstaltet, soviel erkennt Ethan auf die Schnelle, auch wenn er nicht einschätzen kann, was genau sie da tut. Ist aber auch egal, was genau es ist. Die Hütte ist schon jetzt voller Qualm, die Flammen schlagen aus den Wänden und haben gerade schon auf das Dach übergegriffen, es ist nur noch eine Frage von Sekunden, bis auch der Boden zu brennen anfängt, und Irene muss raus hier!
Ethan tritt auf seine britische Freundin zu, tiefer in die wabernde Hitze hinein, aber ehe er auch nur Anstalten machen kann, die Hand nach ihr auszustrecken, richtet Irene, ohne in ihrem Gesang innezuhalten oder auch nur darin zu stocken, ihre silberfarbene Browning auf ihn. ‘Lass mich machen, Ethan.’ Sie muss es gar nicht aussprechen, die Drohung ist auch so unmissverständlich.

Ein Plan. Sie hat einen Plan, sonst würde sie nicht so darauf bestehen! Plan ist gut. Plan ist Hoffnung. Aber die verdammte Hütte brennt! Getrieben sieht Ethan von der Engländerin zu den Wänden und wieder zurück. Versucht gerade abzuschätzen, wie lange sie für ihr Ritual noch brauchen wird, versucht, die Hoffnung eines Plans gegen die Gefahr durch das Feuer und den Rauch abzuwägen, da spürt er eine kalte, metallische Berührung am Hinterkopf. Scheiße, verfluchte! Überrumpelt wie der letzte Anfänger! “Hör auf damit”, kommt Cals emotionslose Stimme von direkt hinter ihm, und der Druck an Ethans Schädel verstärkt sich, “sonst ist er tot.”

Irene hört nicht auf. Ihr Gesicht nimmt eine akzeptierend-steinerne Miene an, und ihre Lippen ziehen sich entschlossen zusammen. Ethan erkennt den Ausdruck genau. Das ist Irenes eigenes Falls. Sie wird nicht aufhören. Ethan kann es ihr nicht mal verdenken. Er nimmt einen tiefen Atemzug. Dann war es das jetzt. Aber nicht einfach so. Nicht kampflos.
Ethan spannt sich an. Er ist drauf und dran, loszuschnellen und gegen jede Chance zu versuchen, so wegzukommen, dass der Treffer vielleicht doch nicht tödlich wäre, da lässt der Druck an seinem Hinterkopf urplötzlich nach. “Jetzt erschieß mich endlich, du Arschloch!”

Im Herumwirbeln reißt Ethan das Gewehr hoch. Sieht Cals verzweifelten, flehenden Blick. Drückt ab und könnte selbst nicht sagen, ob er es tut, um zu töten oder um außer Gefecht zu setzen. Aber die Frage stellt sich nicht. Denn im selben Moment wie Ethan feuert auch Irene, immer noch ohne Unterbrechen ihres Rituals, und von dem heftigen Aufprall aus nächster Nähe und dem Knacken seitlich in seinem Brustkorb – Gummigeschoss. Rippe. Gebrochen vermutlich, oder mindestens geprellt – wird Ethans Gewehrlauf aus der Bahn gerissen, und seine Kugel fetzt in einem Streifschuss, der den Älteren benommen zurücktaumeln lässt, an Calebs Schläfe entlang. Auch den neuen Schmerz drängt Ethan nieder und setzt seinem Mentor nach, raus aus der brennenden Blockhütte, wirft sich draußen auf den anderen Jäger und reißt ihn zu Boden.

“Halte durch, verdammt!” brüllt er Cal zu, während er die Mossberg nach hinten über die Schulter reißt, damit der Gewehrkolben nach vorne zeigt, “Irene hat n Plan!” Ethan hat keine Ahnung, was das für ein Plan sein mag, aber es ist einer Plan ist gut Plan ist Hoffnung alles ist besser als falls und es sah so aus als sei Irene gleich fertig Cal muss nur durchhalten nur noch ein bisschen er selbst bleiben—

Aber schon haben die Augen des Jägers wieder ihren kalten, gefühllosen Ausdruck angenommen, also zieht Ethan die begonnene Bewegung durch. Will seinen Ersatzvater mit einem Kolbenhieb ausknocken, aber die durchschossene Schulter behindert ihn, und so hat Ethans Schlag nicht die Wucht, die er gebraucht hätte. Cal bekommt das Gewehr ebenfalls zu packen, und sie ringen verbittert darum. Bei dem Gerangel knallt der Lauf der Mossberg einmal seitlich in Ethans Gesicht, aber das ist es nicht, was ihn umwirft. Was Ethan umwirft, ist der plötzliche scharfe Tritt gegen seinen Knöchel, mit dem Cal ihn aus dem Gleichgewicht bringt und sich dann auf ihn rollt. Verbissen ringen die beiden Männer weiter um die Waffe. Aber in Ethans Schulter brennt flüssiges Feuer, und er kann dem Druck, den Caleb auf den Schaft ausübt, nicht genügend Kraft entgegensetzen. Unerbittlich zwingt der Ältere die Mündung unter Ethans Kinn. Tastet mit einer Hand nach dem Abzug, findet ihn, und Ethan kann nichts mehr tun.

Sam bist immer bei mir ich wünschte—

Cal zuckt zusammen. Der ältere Jäger schwankt, seine Hand, die eben noch am Abzug lag, fällt zur Seite weg, und der Druck des Gewehrlaufs unter Ethans Kinn lässt nach. Mit einem wortlosen Ausruf der Anstrengung bäumt Ethan sich auf, stößt seinen Mentor von sich herunter und zur Seite weg. Eine Spritze mit fedrig-puscheligem Ende steckt in dessen Rücken, sieht Ethan. Betäubungspfeil. Erst jetzt bemerkt er, dass Irene ihr was-auch-immer-es-war beendet haben muss, denn sie ist aus dem Blockhaus gekommen und kniet jetzt keuchend und hustend davor, ein Betäubungsgewehr in der Hand. Aber keine Zeit, darüber nachzudenken, weil Cal, wenn auch unkoordiniert, nach seiner Pistole langt, die zwischen ihnen am Boden liegt. Selbst auch noch liegend, tritt Ethan die Knarre weg. Cal krabbelt hinterher, streckt sich danach, und Ethan ist zu weit weg, um die Waffe nochmal außer Reichweite zu befördern. Er könnte es auch gar nicht, denn jetzt ebbt das Adrenalin in seinem Blut schlagartig ab, und die Welt verschwimmt vor Ethans Augen. Durch den Schleier sieht er eine Bewegung vor sich, dort, wo Irene vor der Hütte kniet, die aus unerfindlichen Gründen nicht mehr brennt. Eine weitere Gestalt. Was, wer…

„Du hast ihn gefunden.“
Die Stimme kennt Ethan. Er kommt nur im ersten Moment nicht darauf, muss um den Nebel herum denken, der sich in seinem Gehirn zu formen beginnt. Dann hat er es. Mara. Mara, der Engel vom Roten Hügel. Mit einiger Anstrengung zwingt Ethan seine Augen dazu, auf die Frau scharfzustellen. Sie sieht müde aus. Müde und abgespannt. „Tu’ es!“ zischt Irene, die inzwischen aufgestanden ist, und Mara schüttelt mit einem schweren Seufzer den Kopf. Mit einem resigniert-unglücklichen Ausdruck auf den feinen Zügen tritt der Engel auf Irene zu und greift in die Engländerin hinein, greift in sie hinein, als wäre es ein gut gemachter Special Effect in einem Science Fiction- oder Horrorfilm. Und ganz so, als wäre es ein Horrorfilm, fängt Irene an zu schreien, gellend und langgezogen und durchdringend, und sie bricht erst ab, als Mara die Hände wieder aus ihr herauszieht. Mit den Händen ist etwas mitgekommen: ein sanftes, wohltuendes Leuchten, das die Engelsfrau jetzt mit traurigen Augen betrachtet, ehe sie sachte mit den Fingerspitzen darüberstreicht. „Was hast du nur mit deiner Seele getan, Kind“, sagt sie bekümmert. „Mit etwas so Heiligem sollte man sorgsamer umgehen.“ Mit diesen Worten dreht Mara sich um, macht die paar Schritte auf Cal zu, der wegzukommen versucht, aber viel zu langsam ist und viel zu unkoordiniert, und schiebt das lichte Strahlen in ihn. Auch Cal schreit, als würde ihm bei lebendigem Leib die Haut abgezogen, und auch er hört erst auf, als Maras Hände ihn wieder verlassen.

Ethans Sicht verschwimmt schon wieder. Die Stimme der Engelsfrau scheint aus weiter Ferne zu kommen, als sie verwundert sagt: „Oh.“ „Was ist los?“ will Irene wissen, aber es klingt gar nicht sonderlich interessiert. „Ich kann eure Seelen nicht voneinander trennen. Sie haben sich… verbunden… Ich kann dir nichts zurückgeben, mein Kind.“

Mühevoll zwingt Ethan seinen Blick zu Irene. Die steht mit leicht schiefgelegtem Kopf da, als horche sie ein bisschen verwirrt in sich hinein. Ein bisschen verwirrt, aber nicht beunruhigt. Eher neugierig. Dann zuckt sie die Schultern. „Macht nichts. Mir fehlt nichts.“ Die Stimme der Britin ist jetzt völlig entspannt.
Was… wie… Irenes Seele… in Cal… verbunden… nichts zurückgeben… Ethan kann es nicht greifen, nicht richtig erfassen, nur dass es schrecklich ist, soviel kann er durch den Nebel und den glühenden Schmerz hindurch erkennen. „Aber das…“, stammelt Ethan zu der verschwommenen Gestalt vor ihm, „das… sie… dann gib ihr meine!“
Doch Mara schüttelt den Kopf. „Nein, Kind“, sagt sie matt. „Das würdest du nicht wollen. Ich habe ohnehin hier schon viel mehr getan, als ich hätte tun dürfen. Und ich vermag es auch gar nicht, so erschöpft, wie ich bin.“
Ethan will protestieren, aber seine Stimme gehorcht ihm nicht mehr. Sein Körper gehorcht ihm nicht mehr. Er kippt nach hinten, auf den weichen Waldboden, und ehe seine Sinne weichen, hört er gleichmäßige Schritte, die sich langsam entfernen.

Seine nächste Empfindung ist ein Rütteln am Hals, von dem das Feuer in seiner Schulter und die Axt in seinem Brustkorb wieder voll in Aktion treten. Dann eine Stimme. “Verdammt nochmal, warum hast du sie das machen lassen, du Arschloch?” Cal. Das ist Cals Stimme. Ethan blinzelt die Augen auf, versucht, auf den Jäger zu fokussieren, der ihn am Kragen gepackt hält. “Wa… was… wer?”
“Sie hat mir ihre verfickte Seele gegeben, verdammt!” tobt Cal weiter. “Jetzt habe ich ihre, und sie hat gar keine mehr! Warum zum Teufel hast du mich nicht erschossen, du Arsch?”
Ethan sackt in sich zusammen. “Konnte nicht”, gibt er leise zu.
Cal nimmt die Hände von Ethans Kragen, und der richtet sich vorsichtig auf, bis er sitzt, und vergräbt dann den Kopf in den Händen. “Drecksmist”, murmelt er tonlos. Oder vielleicht hat er das Wort auch nur gedacht. Er ist sich nicht ganz sicher.
“Ist ja nicht deine Schuld”, brummt Cal. “Warum bin ich nicht einfach bei der verdammten Apokalypse draufgegangen?”
Und es war doch Ethans Schuld. Versprochen. Er hatte es versprochen. “Konnte nicht”, wiederholt er bedrückt. “Und dann… Dachte, Irene hat ‘n Plan. Hoffnung. War kurz davor. So kurz…”
“Vergiss es.”
Heh. Wenn das mal so einfach wäre. In Ethan wirbeln die Gedanken. Wenn er es getan hätte… Entgegen aller Wahrscheinlichkeit ist Cal wieder er selbst, im Prinzip war es also tatsächlich gar nicht falls, also hat Ethan sich ja vielleicht doch nichts vorzuwerfen, wenn man es genau nimmt, aber er war so kurz davor, und Irene… Scheiße. Irene.

Eine Bewegung neben sich lässt Ethan zur Seite blicken. Sein Ziehvater sitzt in haargenau derselben Haltung da wie Ethan selbst, vorgebeugt mit dem Kopf in den Händen, aber jetzt tastet er mit einer Hand nach der Innentasche seiner Jacke und zerbeißt einen Fluch zwischen den Zähnen. Keine Frage, was Cal sucht. Wortlos zieht Ethan seine eigenen Zigaretten heraus und hält dem Älteren die Packung hin. Schweigend rauchen sie, bis Cal seine Kippe ausdrückt und aufschaut. “Scheiße. Was machen wir denn jetzt?”
Ethans Antwort ist Ausdruck seiner Ratlosigkeit. “Was wir immer machen. Irgendwas.”
Das lässt Cal auflachen, halb bitter, halb amüsiert, woraufhin Ethan entmutigt den Kopf schüttelt. Irgendwas wird ihnen schon einfallen. Klar. Heh. Strohhalm. Wieder mal.
Caleb wird konkreter. “Wir müssen sie finden”, sagt er, “und zwar dringend.”
Während Ethan noch nickt, spricht der Ältere schon weiter. “Aber wir müssen echt aufpassen. Wenn sie so drauf ist wie ich, dann will sie ihre Seele nicht wieder, auf gar keinen Fall. Deswegen wird sie sich mit allem wehren, was sie hat. Ich war ja in dem Zustand schon zu allem fähig, auch ohne meine Leute. Die hätte ich ja auch noch holen können. Die und jede Menge Ausrüstung. Und jetzt stell dir nur mal vor, wie das bei Irene mit ihren ganzen HW-Ressourcen aussieht.”

Drecksmist, elender. Nein, das will Ethan sich lieber nicht ausmalen. Aber die Vorstellung steht nur allzu deutlich vor seinen Augen. “Müssen sie finden”, brummt er.
“Aber vorsichtig”, mahnt Cal. “Je weniger Leute von der Sache wissen, um so besser. Gibt zu viele Jäger, die sich denken würden ‘keine Seele, kein Mensch’ und versuchen würden, die Gelegenheit zu nutzen.”
Stimmt. An die große Glocke hängen dürfen sie das keinesfalls. Aber: “Nelson. Lösung. Fast fertig. Weiß Irene. Will ihn vielleicht ausschalten.” Und: “Sam.” Ethan verzieht das Gesicht bei dem Gedanken an seine Freundin. Wie unerträglich weit sie weg ist. Wie gern er ihre Stimme hören würde. “England grad. HW-Archiv. Findet da vielleicht was.”
Cal runzelt die Stirn und sagt eindringlich: “Aber nur Sam. Kein anderer Hooper-Winslow. Gerade die würden doch nur zu gern auf den Zug springen. Irene hat gerade keine Seele? Ja wunderbar, ist sie kein Mensch mehr! Schalten wir sie aus! Weniger Konkurrenz um das Erbe!”
Schon will Ethan zustimmend nicken, da fällt ihm noch jemand ein. “Bart auch. Und Barry."
Denn da ist ja auch noch die Schale. Besser, Irene kriegt die nicht in dem Zustand.

Ehe sie aufbrechen, verarzten sie einander. Schusswunden oder nicht, da haben sie ja genug Übung drin. Außerdem macht Cal erst noch seine ganzen Minen unschädlich. Soll ja auch mal Wanderer geben hier in der Gegend.
Und dann suchen sie Irene. Gehen jeder noch so kleinen Möglichkeit nach, die ihnen einfällt, wo die Britin sein könnte. Hier in den Adirondacks hat sie niemand gesehen, aber so dumm wird sie nicht gewesen sein, anzuhalten, solange sie noch in der Gegend ist, und ihren Verfolgern einen Hinweis darauf zu hinterlassen, in welche Richtung sie gefahren ist. Und es gibt zu viele kleine Waldstraßen hier, auf denen der silberne Defender garantiert von niemandem bemerkt worden ist, bis Irene fast an der I-90 war. Und die I-90 führt quer durch das ganze verdammte Land.
Sie checken das Hotel an den Niagarafällen, von dem Cal sagt, dass er Irene dort mal getroffen hat. Sie checken weitere Hotels, von denen der ältere Jäger weiß. Orte, von denen Ethan weiß. Sie befragen Kontakte, vorsichtig. Aber nichts. War ja so klar.

Irgendwann gehen ihnen die Ideen aus. Echte Spuren hatten sie ja ohnehin keine. Keinem von beiden passt es so recht, aber sie müssen aufgeben, vorerst jedenfalls. Cal hat seine Soldaten, um die er sich kümmern muss, und Ethan selbst muss sich auch mal wieder bei Bones Gate blicken lassen und was arbeiten. Das, und er muss mit Barry nach Ohio. Dringend. Denn die Höllenschale darf auf keinen Fall zu Irene.

View
Soul Food
Showdown mit Hindernissen

Aber sprich nur ein Wort
(Irene)

Burlington Airport. Eine schmale blonde Frau durchbricht mit schnellen Schritten die Stille der Flughafenkapelle. Sie eilt an den schmalen Sitzreihen entlang bis auf wenige Meter vor dem großen stilisierten Kruzifix, zu welchem sie mit bebenden Schultern aufsieht. Ihre Fäuste sind geballt. In ihrem Blick mischen sich Furcht und Zorn. Ihre Lippen bewegen sich lautlos. Zwischen stummen Bitten formen sie immer wieder ein Wort. Mara.
Mara. Bitte. Mara. Hilf!
“Mara!”
Die Pose der Blonden wird ungehaltener.
“Mara!”
Ihre Faust kracht auf die Lehne der Bank zu ihrer Rechten.
“Mara! Wo bist du, wenn man dich braucht?”
Stille.
“Ihr hattet unsere Hilfe!” Suchend, als würde sie die Ankunft einer dringend herbeigewünschten Person erwarten, sieht sie sich um, ihre Stimme ein mühsam beherrschtes Flüstern. “Wir haben euch Aziraphel und Selathiel vom Hals geschafft. Ist das euer Dank?”
Der schallisolierte Raum der Ruhe lässt nicht einmal die Geräusche der in unmittelbarer Nähe startenden Flugzeuge herein.
MARA!”
Mit einem wütenden Aufschrei reißt die Frau die glänzende Messingschale, die als Weihwasserbecken dient, von ihrem Sockel und schleudert sie auf das Kreuz.
“Wer glaubt ihr eigentlich, dass ihr seid?”
Das Schweigen der Kapelle ist Antwort genug.
Zitternd starrt sie die Schale an, bis diese ihren klingenden Tanz auf dem Kirchenboden beendet hat, dann das Kruzifix. Sie streicht sich über die Augen, eine Geste der Niederlage, und verlässt die Kapelle. Sollte sie vorher noch den Glauben an einen gütigen Himmel gehabt haben, ist er hier zurückgeblieben.

Sie bereiten uns unser Leben lang darauf vor, bloß nicht die größte Dummheit zu begehen. Sie erzählen uns, dass es nie gut ausgeht, dass der Preis immer höher ist als gedacht. Sie lehren uns die Namen der Großeltern, Onkel, Tanten und Cousins, die nachgegeben haben und die Familie damit fast mit in den Abgrund gerissen haben. Sie sprechen von den Opfern, die es gekostet hat, den Schaden zu begrenzen. Worauf sie uns nicht vorbereiten können, das ist der Schmerz, der Ekel, der Selbsthass, den es mit sich bringt, zuzusehen und nichts zu tun. Sie schweigen sich darüber aus, denn auf der anderen Seite haben sie uns auch dazu erzogen, Verantwortung zu übernehmen und die Last übernatürlicher Bedrohungen anderen Schultern abzunehmen und sie selbst zu tragen.
Und so passiert es doch immer wieder.
Uns gibt es nur in drei Sorten: Jene, die bisher das Glück hatten, noch nicht in Versuchung zu kommen, jene, die nicht mehr in den Spiegel sehen können, und diejenigen, deren Seele verloren ist.

Mitten auf dem Flug zurück von Toronto geht mir auf, was Cal auf dem Hotelparkplatz mit “falls” gemeint hat, und fast 40 Jahre Gehirnwäsche und Vorbereitung auf diesen Moment sind wie weggewischt. Falls wir uns nicht wiedersehen…
Ich hätte beinahe gelacht, weil ich mir inzwischen so sicher bin, dass irgendetwas, das sich darüber köstlich amüsiert, uns immer wieder aufeinander zutreibt. Als wenn wir uns nicht bei der nächsten Gelegenheit wieder irgendwo treffen könnten, wo der Ausgang verschlossen ist. Ich dachte, dieses Spiel des Schicksals wäre das größte Problem, bis wir eine Heilung gefunden haben. Jetzt gefriert mir das Blut in den Adern bei der Erkenntnis, dass er die nächste Gelegenheit nicht abwarten will. Dass er nicht mehr an Heilung glaubt.
Und ich habe noch zu Barry gesagt, dass wir in Zimmer 1408 jemanden treffen könnten, den man vom Selbstmord abhalten muss.
Kaum ist das Flugzeug auf dem Boden, verfasse ich eine Nachricht, auf die er nicht reagiert. Mein Ausraster in der Kapelle nach der zweiten unbeantworteten bleibt ohne Folgen. In jeder Hinsicht. Schallschutz in alle Richtungen. Keine Antworten zu bekommen, wird so langsam der Inbegriff meiner Existenz. Bis nachhause zerbreche ich mir den Kopf, was ich tun soll, wenn es schon zu spät ist. Aber es kann einfach noch nicht zu spät sein. Nicht nach diesem Abschied, oder? Falls.
Ich halte mich an dem Gedanken fest, dass er sich nicht einfach die Pistole in den Mund stecken will, nicht jemand wie er, sonst hätte er es schon getan. Er wird einen Sinn in dem sehen wollen, was er tut. Hoffe ich. Irgendeine Selbstmordmission. Irgendein Monster, das zu groß für ihn ist. Irgendetwas, das man nicht von jetzt auf gleich findet. Zeit, ich brauche Zeit. Bitte, Giffany, Götter, irgendwer, gebt mir Zeit.

Die Flüchtlinge beim Mount Ida sind nicht mehr unter der Nummer zu erreichen, die zuletzt als sicher galt. Also fahre ich hin. Zwei Tage verschwendet. Noch mehr, wenn sie keine Informationen haben. Wahrscheinlich haben sie keine, bestimmt haben sie keine. Ich verschwende meine Zeit. Fliegen ginge schneller, aber ich will alles Nötige bei mir haben für… was auch immer. Am Steuer, wenn auch seit Jahren auf der falschen Seite, habe ich wenigstens die Illusion von Kontrolle über irgendetwas. Unterwegs mache ich an jeder Kirche Halt, die ich sehe, und bete zu Mara. Mal mehr mal weniger zornig. Wo ist sie? Was hält sie auf? Kennt man keine Dankbarkeit im Himmel? Ist sie in irgendeiner Schlacht gefallen? Hört man mich dort oben überhaupt?

Wider Erwarten sind die Deserteure noch heil. Nur übervorsichtig. Ich wünschte, ich könnte Verständnis aufbringen. Meine Bitte um Hilfe bei der Kontaktaufnahme, zugegeben nicht mehr besonders freundlich vorgebracht, löst erst einmal eine riesige Diskussion um die Sicherheit aus. Die meisten von ihnen sind der Meinung, dass Mara sich schon gezeigt hätte, wenn es in Ihrer Macht stünde. Sie sind bereit, noch länger wie eine brave Schafherde zu warten, bis sich der Engel von alleine herbequemt, egal, wie lange es noch dauert. Die Suche nach einem alternativen Jenseits haben sie weitgehend eingestellt. Offenbar ist es ihnen nicht gelungen, den Glauben an einen am eigenen Leibe erlebten Himmel gegen den Glauben an eine diffuse Vorstellung irgendeines fremden Totenreichs auszutauschen. Überraschung. Die Flüchtlinge wollen auf keinen Fall, dass ich mein Vorhaben auch nur in der Nähe des Bergs ausführe. Harris ist es schließlich, der mit Engels…, der lange genug geduldig auf die anderen einredet, bis er sie soweit hat, ihr Wissen zu teilen. Eher ihre Vermutungen. Wie ein Sigillum Dei Æmeth aussehen muss, weiß ich bereits von Charles, meine vorhandene Kristallkugel wird von den beiden Deserteuren, die ein solches Ritual im Einsatz gesehen haben, für zu klein befunden. Obwohl ich nicht weiß, ob es einen Unterschied macht, gehe ich in den nächstbesten Laden der Kristallhochburg, und kaufe eine größere. So viel Zeitverschwendung! Alberto meint zu wissen, wie die Kerzen stehen sollten, Carlotta widerspricht ihm dauernd, aber ich glaube, er hat recht. Meine bisherigen Erfahrungen sagen mir, dass das, was er beschreibt, eher einem klassischen Ritualaufbau gleicht, wie ich ihn mir von Hermetikern des beginnenden 20. Jahrhunderts erwarte. Bei näherer Betrachtung des ziemlich einfach gehaltenen Ablaufs, den wir rekonstruieren, frage ich mich, ob Charles mir die Gebrauchsanweisung für das Siegel absichtlich vorenthalten hat, um mich vor gefährlichen Ideen zu schützen. Egal jetzt. Wenn es nicht funktioniert, kann ich ihn genau das fragen.

Mit den besten Wünschen bedacht und von sehr skeptischen Blicken verfolgt, nehme ich Abschied von Harris und seinen Gefährten, verspreche, mindestens eine halbe Tagesreise hinter mich zu bringen, ehe ich es wage, Mara gewaltsam zu rufen. So vernünftig bin ich gerade noch, auch wenn ich jede Minute zähle. Völlig korrekt kann das, was wir ermittelt haben, nicht sein. Wenn ich versehentlich alle Heerscharen des Himmels herabbeschwöre, sollte ich in möglichst menschenleerer Gegend sein.
Für alle Fälle male ich auf die Rückseite des Stücks Tapete, das mein Sigillum Dei Æmeth trägt, die Rune, mit der ich einen Engel wieder dorthin schicken kann, wo er hingehört, und bete, dass mir der Versuchsaufbau nicht so sehr um die Ohren fliegt, dass es mich umbringt. Tot bin ich ihm keine Hilfe.

“Ich bin ja hier,” tönt eine müde Stimme hinter mir. Ich fahre so schnell herum, dass ich eine Kerze umreiße, die zischend verlischt. Irgendwie hatte ich mir eingebildet, dass sie durch die Kristallkugel zu mir sprechen würde, wenn überhaupt. Sie sieht genauso erledigt aus wie bei unserem ersten Zusammentreffen auf dem Red Hill. Vielleicht sogar mehr. “So ähnlich muss sich für euch Menschen Tinnitus anfühlen. Du kannst jetzt aufhören, so zu schreien.”
“Wo warst du?” fahre ich sie konsterniert an.
“Im Himmel.”
“Du weißt, was ich meine! Ich habe dich tagelang gerufen.”
“Ich habe es gehört.” Sie hebt eine Hand, aber jetzt ist es endgültig vorbei mit meiner Geduld. Ich will ihre Gründe nicht hören, selbst wenn es in ihren Augen gute Gründe sein mögen.
“Wir hätten dich gebraucht. Wir haben Monate auf ein Lebenszeichen von dir gewartet. Wir hätten Hilfe gebraucht. Stattdessen habt ihr uns Selathiel und AC alleine erledigen lassen und stillschweigend zugesehen, wie wir mit den Folgen kämpfen. Wir haben die nächste Apokalypse verhindert und ihr macht euch noch nicht einmal etwas daraus, dass Cals Seele ausblutet. Wie tickt ihr eigentlich? Ist das eure übliche Vorgehensweise, so mit Menschen umzugehen?”
Ich hole Luft, um die Enttäuschung von Monaten in einem weiteren Schwall von Worten herauszulassen, und viel fehlt nicht, dann würde ich ihr die Faust ins Gesicht rammen, da löst sich vor meinen Augen ihre Lichtgestalt aus dem gebeugten Frauenkörper und taucht die verlassene Kirche, in der ich meine Anrufung durchgeführt habe, in überirdische Helligkeit. Das Rauschen von Flügeln kratzt schmerzhaft über meine Trommelfelle und ihre Stimme hallt in meinem Kopf: “Und wer glaubst du, dass du bist, Sterbliche? Für wie wichtig hältst du dich?”

Cal hat mir von einem Priester erzählt, der erblindet sein soll, weil er einen Engel in seiner wahren Gestalt gesehen hat. Das Strahlen, das den deVries-Engel letztes Weihnachten umgab, das Fay die Augen herausgebrannt hat, war von ähnlicher Qualität. Doch nicht halb so … göttlich. Bevor ich herausfinde, ob es mir genauso gehen wird, wenn ich direkt hineinsehe, verberge ich mein Gesicht in der Armbeuge und drehe mich von ihr weg. Das Gewicht des Lichts drückt mich zu Boden und presst mir die Luft aus den Lungen. Als es nachlässt, ich wieder atmen kann und die tanzenden Sterne vor meinen Augen verschwinden, liege ich auf den Knien vor dem Engel. Sie legt mir ihre Hände auf den Kopf. Ihr Gesicht ist wieder gütig.
“Ich kann deinen Schmerz fühlen, Mein Kind.”
Da ist keine Spur mehr von Drohung. Schlucken muss ich trotzdem.
“Aber?” frage ich verzagt. Es ist vorbei. Sie kann oder will mir nicht helfen. Cal wird sterben.
“Ist dir in den Sinn gekommen, dass ich dich die ganze Zeit gehört habe, aber nicht kommen konnte? "
“Nein. Ja. Was helfen mir denn Vermutungen? Wir haben nichts von dir gehört. Du hättest ebensogut tot sein können wie einfach nur uninteressiert. Wenigstens ein Lebenszeichen…”
“Ich war verwundet. Geschwächt. Seit kurz vor Endes des Kriegs. Selbst jetzt war es noch nicht leicht, diesen Körper wieder in Besitz zu nehmen. Ohne deine fürchterliche Stümperei hier, hätte ich es nicht auf mich genommen. Du hast mir Kopfschmerzen gemacht.” Sie verzieht die Mundwinkel. Vielleicht ist es nur der Nachhall des himmlischen Glanzes, vielleicht funkeln da aber auch kleine Schweißperlen auf ihrer Stirn.
“Das… das tut mir leid. Ich kann nicht länger warten.”
“Ich weiß. Du warst sehr deutlich.” Sie zieht die Augenbrauen zusammen. “Du denkst, ich könnte einfach zu ihm hingehen und seine Seele heilen. Das kann ich nicht.”
Die ohnmächtige Wut kocht wieder in mir hoch. Ich kämpfe sie nieder.
“Was kannst du tun?”
Ihre Stimme wird noch weicher. “Ich kann nicht einfach aus der leeren Luft ein neues Stück Seele schaffen, um ihn wieder aufzufüllen, wenn du das meinst. Das kann nur einer.”
Einer. Sie muss nicht dazusagen, für wie wahrscheinlich sie es hält, dass der Eine ausgerechnet jetzt zurückkommt, um ausgerechnet Cal zu retten.
“Aber wenn du es nicht erschaffen musst!”
“Willst du ein Stück von deiner geben?”
“Ich bin es ihm schuldig.”
“Nein, das bist du nicht. Er hat dich von deiner Schuld freigesprochen.”
“Das kann er gar nicht.”
“Ach, Ihr Menschen!” Sie seufzt und lässt sich schwer auf eine der morschen Bänke fallen, die sie eigentlich gar nicht mehr tragen dürfte.
Nach einem forschenden Blick in mein Gesicht fragt sie: “Warum willst du das? Weißt du, wie weh es tut, wenn deine Seele zerrissen wird?”
Nein, weiß ich nicht. Und es tut nichts zur Sache. Was ist schon der kurze Schnitt einer Amputation gegen den chronischen Schmerz, mit dem ich seit der Apokalypse herumlaufe?
“Seine Seele ist mir wichtiger als meine.”
“Es ist mir verboten.”
“War es AC auch verboten?”
“Ja. Er hat seine Strafe erhalten.”
“Durch uns. Es hat uns erst in diesen Teufelskreis gebracht. Und er konnte es trotzdem.”
“Ich kann nicht. Ich darf nicht.”
“Dann weißt du, wohin ich mich als nächstes wende. Kannst du das verantworten?”
“Du solltest es doch besser wissen.”
“Sollte ich? Er will sich umbringen. Selbstmord. Der sichere Weg in die Hölle. Für alles, was er für die Menschheit getan hat, für siebeneinhalb Milliarden von uns, soll er in die Hölle gehen? Nicht, solange ich noch ein Wörtchen mitzureden habe.”
“Du hast ebensoviel getan.”
“Ich habe nicht von vornherein meine Seele und mein Leben riskiert. Vielleicht ist es endlich an der Zeit, dass ich gleichziehe.”
“Ich kann nicht ein Stück aus einer gesunden Seele reißen, um eine verletzte zu flicken, von der ich nicht weiß, wie groß der Schaden ist. Was, wenn es nicht reicht und ihr dann beide das gleiche Problem habt?”
“Kannst du das nicht sehen?”
“Nein. Dazu müsste ich in seiner Nähe sein.”
“Wo ist das Problem?”
“Ich kann ihn nicht orten.”
“Wie meinst du das, nicht orten?” Mir wird ganz kalt. Ist er schon tot?
“Wie du sagtest, blutet seine Seele aus. Wie ein Puls. An, aus, an, aus. Sie müsste aktiv sein, damit ich ihn finden könnte. Das ist sie gerade nicht.”
“Aber er lebt noch?”
“Ich vermute es.”
“Du vermutest!”
“Sie müsste aktiv sein.”
Ich setze mich auf den Boden und raufe mir die Haare, atme tief durch.
Selbstmordmission. Zu großes Monster. Bitte!

“Was passiert, wenn sie ganz ausläuft?”
Sie antwortet nicht.
“Könntest du sie austauschen?”
“Das würde nichts ändern.”
“Doch. Für mich würde es alles ändern.”
“Das Problem zu verschieben? Weshalb willst du das?”
“Weil. Weil es sich so gehört! Mir stehen viel mehr Möglichkeiten zur Verfügung, eine Heilung zu begünstigen. Ich kann mir den besten Psychotherapeuten leisten. Meine Familie kann sich um mich kümmern.”
Sie seufzt. “Ist das alles?”
“Cal wüsste, womit er rechnen muss, wenn ich eine kaltherzige Phase habe, und könnte mich von Dummheiten abhalten… Bitte, Mara! Ich kann ihn nicht noch einmal so sehen. Und ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass es ihn umbringt.”
“Du müsstest ihn noch einmal sehen. Du müsstest ihn finden.”
Mir bricht der Schweiß aus beim Gedanken, dass wieder dieser kalte, berechnende Blick auf mir liegen könnte, und mir wird übel. Aber so sei es. Ich nicke langsam.
“Das kann ich.”
“Dann ruf mich, wenn du ihn gefunden hast. Ich sammle in der Zwischenzeit neue Kräfte.”
“Wie?” will ich noch fragen. Doch außer dem kurzen Geräusch eines Flügelschlags vernehme ich schon keinen Ton mehr von ihr. Meine weiteren Fragen bleiben unbeantwortet. Wie schwach sie gerade wirklich ist, was ich den Deserteuren sagen kann, ob sie versuchen wird, ihn zu finden, sobald es ihr wieder möglich ist. Ich lasse mich nach hinten sinken, spüre eine Minute dem kalten Boden unter meinen Schultern nach, verdränge die Vorstellung, dass Cal bereits ebenso irgendwo liegt, kalt und leblos, weil er mir zuvorgekommen ist. Fast möchte ich zu der namenlosen Macht beten, die uns immer wieder zusammentreffen lässt. Bitte, lass es noch einmal geschehen! Dann ziehe ich mein Mobiltelefon und tippe eine Nachricht an den einzigen Menschen, auf den ich mich verlassen kann.

Soul Food
(Cal)

Langsam spricht es sich rum. Irene und Ethan haben zu viele Leute gefragt, das Netz zu weit geworfen. Noch hat niemand die Verbindung zu ihm geschlossen, aber es ist nur eine Frage der Zeit. Er hat keine Lust, sich mit noch mehr Leuten auseinander zu setzen, die ihn “retten” wollen.
Oder ihn ausschalten wollen.
Stattdessen wird er das Problem beseitigen. Erst den Jungen, dann die Frau. Seine schwache Seite wird darüber nicht glücklich sein, aber er hat sich inzwischen gut genug unter Kontrolle, um sich an irgendwelchen Selbstmordversuchen zu hindern.
Für alle Fälle kontaktiert er ausgewählte Leute seiner Truppe, die einspringen können, wenn etwas schief geht. Aber für den Anfang will er nicht, dass sie ihm zwischen den Beinen herumspringen. Oder Einwände haben, Zivilisten zu erschießen.
Das wird er ihnen abgewöhnen, wenn er erst seine Seele los ist. Befehle werden dann widerspruchslos befolgt. Er wird sich voll auf die Truppe konzentrieren, die so viel lohnenswerter ist als diese “Jagd”, die weder Geld noch Ruhm einbringt.
Ohne Gewissen wird er ein so guter Anführer sein wie sein Vater.
Nein. Er wird besser sein.

Nachdem er das Schlachtfeld zu seinen Gunsten vorbereitet hat – ein paar Minen und andere Fallen auf den wahrscheinlichsten Wegen und ein Dummy in der Hütte – wirft er mit einer einfachen SMS den Köder aus.

Nicht der Junge nähert sich zuerst der Waldhütte, sondern die Frau. Irgendjemand muss geredet haben. Ärgerlich, aber kein großes Problem. Dann ist sie eben zuerst dran.
Er bringt sich im Inneren in Position. Die Tür öffnet sich und Irene kommt herein, die Waffe im Anschlag und in schlecht versteckter kugelsicherer Weste.
Die ihr nichts bringen wird.
Er aktiviert die Flashbang-Granate, hat die Tür hinter ihr geschlossen und den Riegel vorgelegt, bevor sie sich von dem Knall erholt hat. Das verwitterte Holz des Hauses hat den Brandbeschleuniger aufgesaugt wie ein Schwamm. Er lässt das Feuerzeug fallen, und in Sekundenschnelle steht die ganze Wand in Flammen. Unwillkürlich hebt er einen Arm, um sich von der Hitze abzuschirmen.
Seltsam. Sie hätte spätestens jetzt anfangen sollen, einen Weg nach draußen zu suchen. Panisch gegen Türen und Fenster zu schlagen, vielleicht das Dach probieren. Stattdessen hört er… Gesang?
Wie auch immer. Lange hält sie nicht durch. Mit ein paar Schritten ist er wieder zwischen den Bäumen und visiert das Haus an.
Splitter fliegen ihm um die Ohren, als ein Schuss in den Stamm neben ihm einschlägt. Er wirft sich auf den Boden und kriecht ins Unterholz, wo er vor dem Schützen verborgen ist. Das war der Junge, keine Frage. Und wie vermutet, kann der seinen alten Gefährten nicht einfach so erschießen.
Oder Irene verbrennen lassen. Er beobachtet, wie Ethan auf die Tür zurennt und sich am Riegel zu schaffen macht. Direkt in seinem Schussfeld. Unmöglich, auf die Entfernung zu verfehlen.
Aber die Kugel trifft nur Ethans Schulter. Fleischwunde. Nicht tödlich. Er runzelt die Stirn über sein eigenes Versagen. Keine Zeit, darüber nachzudenken. Er erinnert sich, woher er den Sprechgesang kennt. Engelsbeschwörung. Oh nein. So leicht wird er es den beiden nicht machen.
Der Junge steht wie angewurzelt in der Türöffnung. Über seine Schulter ist Irene zu sehen, die mit ihrer Waffe auf Ethan zielt. Die Flammen und der Rauch lassen ihre Gestalt unwirklich wabern.
Also macht er das Gleiche von Hinten. “Aufhören, oder ich erschieße ihn”, sagt er zu der Frau.
Sie hört nicht auf. Während sein Finger sich krümmt, dreht der Junge leicht seinen Kopf, die Muskeln angespannt…

…ich reiße die Pistole weg und brülle ihn an: “Jetzt erschieß mich doch endlich, du Arschloch!” Er fährt herum, Gewehr im Anschlag. Es knallt. Heißes, feuchtes Brennen an meiner Schläfe. Ich taumele zurück, nur für eine Sekunde erleichtert. Mein Kopf dröhnt wie eine gesprungene Glocke. Schmerz heißt Leben. Er hat verfehlt, auf die Entfernung, ist irgendwie gestolpert und…

…seine Sicht verschwimmt immer wieder. Auch nicht tödlich, der Streifschuss, aber seine Gedanken wollen sich nicht richtig versammeln.
Irene schießt in einem Schwall aus Funken aus der Hütte und fällt auf die Knie, hustet und spuckt.
Im nächsten Augenblick ist Ethan über ihm, schreit was von Durchhalten und Irenes Plan, will ihm mit dem Gewehrkolben eine noch schlimmere Gehirnerschütterung verpassen. Aber die kaputte Schulter hat dem Jungen Kraft genommen. Die Waffe lässt sich abfangen. Sie ringen einen Moment um das Gewehr, Ethan über ihm, er unten. Mit einer scharfen Bewegung tritt er gegen den Knöchel seines Gegners. Es knackt und der Junge knickt mit einem Knurren um. Jetzt sind die Rollen vertauscht, er liegt auf Ethan, die Hände noch am Gewehr, und zwingt die Mündung unter das Kinn des Jungen. Mit einer Hand tastet er nach dem Abzug. Peng. Du bist tot.
Plötzlich fühlt er einen Stich im Rücken. Die Welt strudelt von ihm weg. Seine Arme wollen nicht mehr auf ihn hören. Die Finger zucken und verfehlen den Abzug.
Ethan schüttelt ihn ab. Er landet in Tannennadeln und Erde, die ihm keinen Halt geben, als er versucht wegzukriechen. Seine Pistole liegt neben ihm, so nahe. Er grapscht danach, aber bevor er seine Hand zwingen kann, sich zu schließen, hat schon jemand dagegen getreten und die Waffe außer Reichweite gefegt.
Noch ist es nicht vorbei. Er kann das Ruder noch rumreißen. Er muss nur…
“Du hast ihn gefunden”, sagt eine müde Stimme. Mara, der Engel. Im Hintergrund ersterben die Flammen.
Vielleicht fühlt er in dem Augenblick tatsächlich etwas wie Enttäuschung. Er hatte so viele Pläne für die Zeit ohne Seele.
“Tu es einfach!” fährt Irene Mara an. Der Engel schüttelt stumm seinen Kopf, aber greift nach Irene, taucht seine Hand in die Brust der Jägerin wie in Wasser. Irene brüllt, was ihre verrauchte Lunge noch hergibt. Sie hört abrupt auf, als Mara ihre Hände herauszieht. In ihnen ruht ein warmes Leuchten. Die Engelsfrau streichelt es sanft. “Du hättest besser mit deiner Seele umgehen sollen. Man sollte etwas so Heiliges nicht so beschädigen.”
Mit dem Funkeln in ihren Händen tritt der Engel auf ihn zu. Die Wärme und das Licht sind nicht zu ertragen. Er rudert mit Armen und Beinen wie ein hilfloses Insekt, versucht doch noch zu entfliehen, aber die paar Zentimeter helfen nicht. Mara beugt sich über ihn und…

…oh verdammte Kacke jemand hat alle Gefühle gleichzeitig angestellt ich bin todtraurig ekstatisch scheiße scheiße hört das irgendwann auch mal auf bloß nicht aufhören…
Alles pulst gleichzeitig durch meinen Schädel, zerrt mich in tausend unterschiedliche Richtungen. Stimmen. Ich konzentriere mich verzweifelt darauf, um nicht unterzugehen.
“Oh. Das hätte nicht passieren dürfen.” Mara, erstaunt. “Ich kann die Seelen nicht mehr trennen. Sie sind… verschmolzen.”
“Macht nichts. Mir fehlt nichts.” Irene, kühl und entspannt.
“Du kannst doch nicht… Sie kann doch nicht… Dann gib ihr meine Seele!” Ethan, verzweifelt.
“Ich habe schon zu viel hier angerichtet. Seelen sind keine Kleider, die man einfach so weitergeben sollte. Was willst du ohne Seele tun? Und ich… ich schaffe das auch nicht mehr.” Mara wieder, erschöpft.
Ein Geräusch, als würde etwas Schweres auf den Waldboden fallen. “Drecksmist.” Ethan, leise.
Schritte entfernen sich.
Stille, für eine halbe Ewigkeit. Dann ein letztes Mal Mara: “Ja… ich… ich komme sofort.”

Irgendwann flaut der Orkan in meinem Inneren so weit ab, dass ich meine Augen wieder aufmachen und halbwegs klar denken kann. Ethan liegt in einiger Entfernung regungslos auf dem Boden. Sonst ist niemand zu sehen.
Klar. Irene ist weg. Ohne Seele. Die habe jetzt ich. Was zur verfickten Hölle hat sie sich dabei gedacht? Hat ihr jemand das Hirn geklaut und mit Mist ersetzt? Warum tut sie sowas… für mich? Eine kleine Stimme wendet ein, dass ich genau weiß, warum, und dass ich das gleiche tun werde. Oder vielleicht erwürge ich sie. Oder gestehe ihr meine unsterbliche Liebe. Oder beides gleichzeitig.
Mein Blick fällt auf Ethan, der sich immer noch nicht rührt. Scheiße, der Schulterschuss war doch nicht tödlich? Oder? ODER? Auf Armen und Beinen krabbele ich zu ihm rüber. Er atmet noch.
Ich fühle mich immer noch, als hätte mir jemand eine Stromleitung direkt in den Arsch gelegt, und ich habe keine verfickte Ahnung, wie ich diesen ganzen beschissenen Schlamassel wieder lösen soll, und ich muss das lösen, jetzt SOFORT. Weil das nicht geht, packe ich Ethan am Kragen und fange an, ihn zu schütteln.
“Verdammte Scheiße, warum hast du sie das machen lassen?!”
Seine Augen gehen auf. “Ha? Was… was machen… wer?”
“Ich habe ihre Seele, verfickt noch mal, und sie hat keine mehr! Warum hast du mich nicht einfach erschossen, du Volltrottel?”
Er wehrt sich nicht. “Konnte nicht.”
Ich lasse ihn los, setze mich auf den Boden und vergrabe den Kopf in den Händen. “War ja auch nicht deine Schuld.” Weil es meine Schuld war. “Warum bin ich bei der Apokalypse nicht einfach gestorben? Dann hätten wir den ganzen Scheiß jetzt nicht.”
Ethan, der jetzt genau so da sitzt wie ich, sagt: “Dachte, Irene hätte einen Plan. War kurz davor. So kurz…” Er schüttelt seinen Kopf.
“Vergiss es”, sage ich. Es war nicht fair von mir, das von ihm zu verlangen. Ich will gar nicht wissen, ob ich Irene abknallen könnte, wenn es zu schlimm wird. Ich will auch nicht wissen, ob die Antwort “ja” oder “nein” sein sollte.
Automatisch greife ich nach meinen Kippen, aber sie sind nicht da, weil meine andere Seite sie weggeworfen hat. Ist ja ungesund.
Ungefragt erscheint eine Zigarette vor meiner Nase. Ich nehme sie dankbar aus Ethans Fingern, denn genau das brauche ich jetzt, eine schöne Tasse Tee, aber nicht diesen amerikanischen Mist in Beuteln, sondern einen guten Breakfast Tea mit einem Spritzer Vollmilch.
Tee? Verfickter Tee?! Ich stöhne. Was denn jetzt noch alles? Kriege ich gleich meine Tage? Lieber an was anderes denken. Ich frage: “Scheiße, was machen wir denn jetzt?”
Ethan zuckt mit den Schultern. “Wie immer. Irgendwas.”
Das bringt mich zum Lachen. Jap. Unsere beste Strategie ist “irgendwas”. War sie schon immer.
“Wir müssen sie finden, sofort”, sage ich. “Aber wenn es ihr geht wie mir, will sie ihre Seele bloß nicht wieder haben. Sie wird sich mit allem wehren, was sie hat. Ihr könnt scheißfroh sein, dass ich anscheinend auch ohne Seele Einzelgänger bin. Ich hätte hier locker mit zwei gepanzerten SUVs und zwanzig Mann auftauchen können. Jetzt stell dir mal vor, was jemand mit Irenes Ressourcen alles anstellen kann.” Ich fühle schon wieder Panik in mir aufkommen. Wir haben keine Zeit, verdammt noch mal! “Okay. Okay.” Ich versuche, mich selbst zu beruhigen. “Wir müssen sie suchen. Aber vorsichtig. Es sollten nur die Leute was von der Sache wissen, denen sie gefährlich werden könnte.” Da zähle ich mit Sicherheit drunter. Wenn ich tot bin, ist ihre Seele auch hin. “Genügend Jäger werden sich denken ‘Keine Seele, kein Mensch’ und lieber schießen, das brauchen wir nicht auch noch.”
Ethan nickt und wir sitzen einen Moment lang schweigend herum. Dann sage ich: “Äh… soll ich dir ein Pflaster auf die Schusswunde kleben?”

Nachdem ich meine Fallen wieder entschärft habe, machen wir uns auf die Suche. Wir fragen in der Umgebung nach Irene, aber niemand hat eine blonde Britin oder ihr Auto gesehen. Wir fahren zum Roten Hügel, in der schwachsinnigen Hoffnung, dass sie dort sein könnte, vielleicht um noch etwas mitzunehmen. Aber die Baustelle ist verlassen. Die Glocke an dem fast fertigen Schrein klingelt verloren.
Wir zapfen alle Kontakte an, die uns einfallen. Wir besuchen Luxushotels, in denen sie mal übernachtet hat. Wir versuchen sogar, den nutzlosen Engel zu rufen.
Nichts. War ja klar, dass sie uns das nicht so einfach machen würde.
Wir trennen uns. Ethan muss mal wieder arbeiten und ich meine Truppe wieder holen. Einige von denen haben Kontakte zu echten Militärs und zur Polizei, vielleicht kommt dabei etwas heraus. Ich kann noch mal die Runde machen, zu den weniger vertrauenswürdigen… Personen, die ich schon zu meinem eigenen Problem befragt habe. Irgendwer wird doch Seelen verpflanzen können. Das muss leichter sein, als sie zu heilen.
Dann schnappe ich mir Irene und sie bekommt den Seelenmischmasch reingedrückt. Ob sie will oder nicht.

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