Mädchenkram - Supernatural

Falls

“Es ist soweit komm”

Wieder und wieder geht Ethan der Text von Calebs SMS durch den Kopf, während er den Nissan nach Südwesten lenkt. Sich den GPS-Koordinaten, die auch noch in Cals Nachricht standen, immer weiter nähert. Der Ort ist in New York, nicht weit weg vom Ferris Lake, hat Ethans Studium der Karten ergeben: irgendwo in den Weiten der Adirondack Forest Preserve, aber außerhalb der ganzen Wilderness Areas da in der Gegend.

Nein. Ethan ist sich alles andere als sicher, dass es wirklich soweit ist. Er weigert sich, das zu glauben. Aber scheiße, wenn es wirklich— “Ich brauche dein Versprechen, Ethan. Sobald es kein Zurück mehr gibt…” “Nein. Ich geb dich nicht auf. Gibt Wege. Möglichkeiten. Pemkowet. Nelson.” “Versprich es mir. Ich kann das nur dir anvertrauen.” “Nein… Es muss…” “Versprich es mir.” “Na gut, verdammt. Ich versprech’s. Falls.” “Sieht eher aus wie wenn.” “FALLS.

Scheiße. Wenn falls wirklich gekommen sein sollte, entgegen all ihrer Mühen und Versuche…
Nelson. Nelson sagte, er hat es fast. Ethan muss sich überzeugen. Muss ganz sicher sein. Hoffentlich nicht. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht. Aber wenn… Seine eigene Stimme klingt ihm im Ohr, gepresst und widerstrebend, aber doch mit einer Einwilligung. FALLS.

Bei einer kurzen Pause findet Ethan eine Nachricht von Irene vor. “Cal ist vermutlich in seiner Waldhütte. Fahre jetzt hin. ETA 4h. Treffen dort?”, dazu ein Anhang mit einem Landkartenausschnitt und einer Google Maps-Wegbeschreibung. Sieht aus wie genau die Koordinaten, die Ethan auch hat. Drecksmist, elender! Wenn wirklich falls sein sollte, dann kann er Irene da nicht brauchen. Es hat schon seinen Grund, dass er ihr von seinem Versprechen nichts gesagt hat. Was hätte er ihr auch sagen können? ’Ich habe deinem Geliebten versprochen, dass ich ihn jagen komme, falls notwendig, und jetzt gehe ich sehen, ob es wirklich notwendig ist, und falls es tatsächlich notwendig sein sollte, dann werde ich ihn erschießen, ganz gleich, ob du etwas dagegen hast oder wie sehr das dein Herz bricht’? Ha. Ja klar. Das kann er seiner britischen Freundin nicht antun. Sie leidet schon genug unter der Situation. Und falls es wirklich keinen anderen Ausweg mehr gibt, kann er sich von ihr nicht aufhalten lassen. Er darf sich nicht aufhalten lassen. Er hat es versprochen. Auch wenn Irene ihn hinterher hasst. Auch wenn er selbst sich hinterher hasst. Er hat es versprochen. Ethan beißt die Zähne zusammen und steckt sein Handy wieder weg, ohne auf die Mail geantwortet zu haben. Beim Losfahren legt er den Gang viel härter ein, als er müsste, und sein Gesicht ist eine Maske, sein Blick starr auf die Straße gerichtet. Scheiße. Cal. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht.

Runter von der Interstate. Rauf auf eine State Road. Irgendwann führt die State Road in den Wald. Durch ihn hindurch, wenn er darauf bleiben würde. Tut Ethan aber nicht. Er muss abbiegen auf eine normale Straße. Davon wieder abbiegen auf eine schmälere. Weitere Meilen. Nochmal abbiegen. Nochmal. Gravel Road. Holprigere Gravel Road. Schlaglöchrig-buckelige Dirt Road. Gut, dass der Pickup so viel Bodenfreiheit hat.

Es dürften noch so eineinhalb, zwei Meilen bis zu seinem Ziel sein, als Ethan auf ein Hindernis stößt. Mit ein paar Baumstämmen und einem ausgebrannten Auto – nicht Cals Dodge, stellt Ethan mit Erleichterung fest – ist der Weg regelrecht verbarrikadiert. Aber bis ganz zu den angegebenen Koordinaten wäre er ohnehin nicht gefahren. Ist der Weg jetzt halt länger. Auch recht. Ethan wendet und stellt den D21 ein Stück weiter hinten ab, wo er hoffentlich nicht sofort gesehen wird.

Vom Auto aus geht Ethan erst wieder zu der Barriere zurück. Okay… von hier aus einen Bogen schlagen, damit er hintenrum bei der Hütte – von der Ethan noch nie gehört hat, die muss sein Mentor sich nach ihrem Zerwürfnis zugelegt haben – ankommt.
Ethan wirft einen Blick auf das GPS-Gerät, das Barry ihm zum Geburtstag geschenkt hat. Überschlägt im Kopf ungefähr die Route. Okay. Von der Straße ist er schon mal runter. Und jetzt ein Stück nach— Klack.

Für den Bruchteil einer Sekunde kann Ethan dieses ‘Klack’ nicht einordnen, so unverhofft passiert es und so wenig passt es in diese Gegend. Denn das war kein knackender Ast. Das war mechanisch. Aber dann flutet die Erkenntnis in seinen Kopf, und er erstarrt zur Salzsäule. Eine Mine Cal hat Minen gelegt das war’s es ist nicht wie im Film jetzt geht sie hoch warum sollte es im echten Leben Minen geben die explodieren wenn man von ihnen runtergeht statt wenn man auf sie drauftritt sowas gibts nur im Film—

Aber die Mine explodiert nicht. Einen endlosen Herzschlag lang. Zwei. Drei, und Ethan lebt immer noch. Vielleicht gibt es solche Minen ja doch nicht nur im Film. Oder vielleicht hat er einen Blindgänger erwischt. Aber das ist eine Möglichkeit, auf die er sich nicht verlassen kann. Scheiße. Bloß stehenbleiben. Kopf nicht verlieren. Sonst ist er tot. Oder zumindest schwer verstümmelt, was hier draußen im Nirgendwo wohl so ziemlich auf dasselbe hinauslaufen dürfte.

Mit zusammengebissen Zähnen sieht Ethan sich um. Was weiß er über den Druckpunkt von Landminen? Fünfzehn, zwanzig Pfund? Irgendwie so. Kay. Mal sehen. Das Stück Holz da: viel zu leicht. Der Baumstamm: viel zu schwer. Klar, schwer ist gut, aber den kriegt er im Leben nicht bewegt. Der ausgerissene Stumpf da hinten: vermutlich auch zu schwer. Und: außer Reichweite. Jede Menge lose herumliegender Äste. Helfen alle nichts. Vorsichtig und immer darauf bedacht, sein Gewicht auf dem verdammten Ding unter ihm zu halten, dreht Ethan sich im Kreis, lässt den Blick suchend auch über das Gelände hinter sich schweifen. Komm schon. Irgendwas. Mehr nutzloses Holz. Erde. Steine. Aber keiner auch nur ansatzweise groß genug. Außer… da vielleicht. Halb unter einem kleinen Busch verborgen. Schwer zu sehen. Aber der könnte vielleicht… wenn er nicht zu weit weg ist, um ranzukommen.

Ethan geht in die Hocke. Lässt sich unendlich langsam auf die Knie nieder – Scheiße Scheiße Scheiße, bloß den Druckpunkt nicht verlieren – und tastet sich dann Inch um Inch zu dem Stein vor, den er unter dem Busch gesehen hat. Erst denkt er, er kommt nicht dran, ohne zu viel Gewicht von der Mine wegzuverlagern – wenn sie jetzt hochgeht, reißt sie ihm immerhin bloß die Knie weg, fährt ihm der sarkastische Gedanke durch den Kopf – aber dann streckt er sich noch ein bisschen vor, und dann noch ein Stück – zwanzig Pfund es muss nicht alles draufbleiben nur zwanzig Pfund rum – und schließlich berühren seine Fingerspitzen den Stein. Aber nur das. Und nur mit den Fingerspitzen kriegt er den nicht bewegt. Nicht ohne dass er sich noch weiter vorlehnt und damit riskiert, die verdammte Mine doch auszulösen. Scheiße, elende! Okay. Okay. Kopf bewahren, verdammt. Das ist ein Stein, und einer, der schwer genug ist, wie es aussieht. Er muss nur drankommen. Er braucht eine Verlängerung. Ein Seil. Klar. Seil.

Vorsichtig verlagert Ethan sein Gewicht zurück nach hinten, bis er wieder voll auf der Mine kniet. Rucksack. Rolle Seil drin. Idiot. Hätte er gleich dran denken können. Kurz darauf hat er ein Stück von dem dünnen, aber sehr reißfesten Nylonseil abgeschnitten und es zu einer Schlaufe gebunden. Nächster Schritt. Über den Stein bugsieren. Nach einer Reihe von Fehlversuchen, inklusive einem Moment des Horrors, in dem er sicher ist, jetzt hat er das Gleichgewicht verloren, ist auch das geschafft. Okay. Ziehen. Nicht zu stark. Bloß nicht hintenüber fallen.

Es braucht ein paar Anläufe und zwei, drei Neuanbringungen der Seilschlaufe, aber irgendwann hat Ethan den Stein nah genug herangezogen, dass er ihn anheben kann. Langsam richtet er sich auf. Geht in die Hocke und legt den Felsbrocken zwischen seinen Füßen ab, bevor er erst den rechten, dann den linken an dem neuen Gewicht auf der Mine vorbeimanövriert und auf dem Gesteinsblock balanciert. Ein paarmal schnauft Ethan durch, immer schneller, wie ein Mann, der sich dafür stählt, gleich ein Stück Schrapnell aus sich selbst herausoperieren zu müssen oder sowas in der Art. Dann, ohne wissentlich die Entscheidung zu treffen, dass jetzt der Moment gekommen ist, hält er die Luft an und springt.

Sam er hätte Sam eine Nachricht was wenn der Stein nicht schwer genug ist—

Er ist schwer genug. Oder vielleicht ist die Mine tatsächlich ein Blindgänger. Ethan stößt tief und langgezogen den angehaltenen Atem aus, während ihm erst jetzt so richtig bewusst wird, dass ihm Schweißperlen auf der Stirn stehen. Scheiße. Eine Mine. Und schon sehr bald bemerkt Ethan jetzt, wo er darauf achtet, dass das bei weitem nicht die einzige Falle dieser Art war. Sehr, sehr vorsichtig bewegt er sich weiter und stellt fest, dass hier ziemlich viel von dem Zeug liegt. Scheiße. Cal hat tatsächlich Minen ausgelegt, und zwar nicht zu knapp.

Mit jedem sich langsam beruhigenden Herzschlag versteinern auch Ethans Gesichtszüge ein wenig mehr. Drecksmist. Elender Drecksmist. Es sieht wirklich fast so aus wie falls. Schweren Herzens holt Ethan das Zielfernrohr, das er vor einer Weile mit größtem Widerwillen gekauft hat, aus den tiefsten Tiefen seines Rucksacks und schraubt es auf die Mossberg, bevor er sich in noch weiterem Bogen als vorher wieder in Richtung Hütte aufmacht. Den Rest des Weges über bleibt Ethan wachsam, aber so viele Minen sind es am Ende doch nicht: Zum Glück war Cals Vorrat an Sprengfallen wohl nicht unbegrenzt.

Die Hütte liegt da wie verlassen. Die Tür ist geschlossen. Die Fensterläden sind geschlossen. Sorgfältig die Deckung wahrend, schleicht Ethan sich in eine Position, von der aus er sowohl den Eingang als auch eine Seite des Gebäudes im Auge behalten kann, und legt sich mit dem Gewehr im Anschlag auf die Lauer. Er muss sehen, wer ein- und ausgeht. Sehen, was passiert. Er muss wirklich ganz sicher sein.

Aber nichts passiert. Nichts regt sich. Erst nach einer ganzen Weile tut sich etwas, und das nicht an der Hütte, sondern auf dem Weg. Eine Gestalt zu Fuß. Irene. Dicker angezogen als normal für die Jahreszeit: garantiert eine kugelsichere Weste unter der Jacke. Scheiße, Ethan hat zu lange beobachtet; er wusste doch, dass sie auch hierher kommen wollte! Aber okay, muss er einfach warten, bis sie mit Cal geredet hat und wieder weg ist. Die Bewegungen der Britin sind langsam und bedächtig und ihre Augen konsequent auf den Boden gerichtet: Vermutlich hat sie auch bemerkt, dass das Gelände vermint ist, war aber schlauer als Ethan und ist in keine reingetreten. Auf dem Weg zur Hütte und in deren direkter Umgebung scheinen aber auch gar keine zu liegen – klar, Cal muss ja vielleicht auch selber mal raus da.

Wenn er überhaupt drin ist. Es regt sich nämlich immer noch nichts in dem Blockhaus. Wachsam nähert Irene sich dem Gebäude. Lauscht. Sucht sorgfältig den Eingang ab, nach Fallen und Drähten offensichtlich, scheint aber keine zu finden. Lauscht wieder. Ethan überlegt gerade, ob er sich ihr doch zu erkennen geben soll, da öffnet die Britin die Tür und verschwindet im Dunkeln.
Kaum ist sie drinnen, dringt aus der Hütte ein ohrenbetäubender Knall, gepaart mit einem gleißenden Licht. Scheiße. Blendgranate. Cal ist doch da drin. Hat die ganze Zeit da drin gewartet. Aber nur eine Sekunde später kommt Ethans alter Mentor heraus und wirft die Tür zu und den Riegel vor. Dann schnippt er mit einer beiläufigen Geste etwas weg, und sofort schlagen Flammen an der Hüttenwand hoch. Mit unbewegtem Gesicht, das im Sucher des Zielfernrohrs so nah wirkt, als könne Ethan es berühren, wirft Cal einen Blick auf sein Handwerk und zieht sich dann von dem brennenden Holzhaus zurück.

Verdammt! Elender Drecksmist! Der will tatsächlich Irene umbringen! Nicht nur Ethan, von dem Caleb ja weiß, dass er hierher unterwegs ist, um ihn auszuschalten, und wo Ethan es dem Älteren im seelenlosen Zustand nicht mal verdenken kann, dass er das um jeden Preis verhindern will. Sondern Irene. Das ist der Moment, vor dem es Ethan mit jeder Faser seines Seins gegraut hat. Für den er fast alles gegeben hätte, dass er nicht eintritt. Es ist falls.

Ethan presst die Lippen aufeinander. Die Zeit bremst ab, während der Lauf seines Gewehrs Cal unerbittlich folgt und Ethans ganzes Sein aus nichts besteht als dem Bild in seinem Sucher. Cal hält an, dreht sich um. Steht ganz still und entspannt da, während sein Blick mit der Waffe im Anschlag auf die Hütte gerichtet ist. Falls. Die Zeit steht still. Nichts existiert mehr auf der Welt außer Cals Kopf im Sucher und Ethans Finger am Abzug. Ein Herzschlag. Äonen später ein weiterer. Falls. Er hat es versprochen. Und Irene ist da in der Hütte. Eingesperrt in der verriegelten Hütte, die immer stärker zu brennen beginnt. Das ist nicht mehr Cal. Das ist nicht mehr Cal. Er hat es versprochen. Ethan krümmt den Zeigefinger um den Abzugshebel. In dem eingefrorenen Moment flackern dutzende Bilder vor seinen Augen vorbei. Gemeinsam unterwegs. Calebs sardonisches Grinsen, Ethans amüsiert-ironiebewusstes dagegen. Der Harrdhu. In der Höhle mit den Schattendingern, Rücken an Rücken, die Dunkelheit von ihrem Mündungsfeuer zerrissen. Das Zerwürfnis. Sein Schlag in Dimmitt. Aneinanderklickernde Bierflaschen am Schrein. Er kann es nicht. Er muss. Irene ist da drin. Und er hat es versprochen. Er hat es versprochen. Einen Moment lang schließt Ethan die Augen. Dann drückt er ab.

Der Schuss kracht, aber in der allerletzten Sekunde reißt Ethan die Mossberg doch um einen Hauch zur Seite, und die Kugel bohrt sich in den Baum direkt neben Calebs Kopf. Splitter fliegen, und Cal hechtet ins Unterholz. Ethan sprintet los, im Zickzack auf die Hütte zu. Sein Ziehvater wird die Überraschung gleich abgeschüttelt und sich wieder aufgerappelt haben, und dann sind die Rollen vertauscht. Aber er konnte Cal nicht einfach so abschießen, nicht aus dem Hinterhalt, ach was, vergiss Hinterhalt, er konnte es nicht, Punkt, und jetzt zieht er den Kopf ein und schlägt Haken und rennt, was er nur kann, denn Irene ist in der Hütte und wird in den Flammen umkommen, wenn er nichts tut. Er muss sie da rausholen.

An der Tür. Schnell. Riegel. Glüht noch nicht, aber fehlt nicht mehr so viel. Schmerzhaft heiß. Scheiß drauf. Während Ethan mit dem störrischen Schließmechanismus kämpft, ist ihm nur allzu bewusst, was für eine fette Zielscheibe er gerade auf dem Rücken hat. Aber hilft ja alles nichts. Irene muss raus da. Fast geschafft. Ein letzter Ruck an dem verdammten Ding und—

Ein harter Schlag in seiner Schulter, gepaart mit einem durchdringenden Stechen, reißt Ethan nach vorne, noch bevor er den Schuss hört. Er steht so nah vor der Tür, dass die ihn abfängt und er nicht zu Boden geht, er gleichzeitig aber auch ein paar Splitter abbekommt, die von der Tür wegspritzen, als die Kugel an der Vorderseite seiner Schulter wieder austritt und in das Holz einschlägt. Für einen Moment droht der Schmerz des Treffers ihn mit sich zu reißen, aber dann kickt das Adrenalin ein, und das unerträgliche Brennen tritt in den Hintergrund, geht in der Dringlichkeit der Aufgabe beinahe unter. Irgendwie bekommt Ethan den Riegel den Rest des Wegs herausgezogen. Er reißt die Tür auf und stürmt in die Hütte, raus aus der direkten Sichtlinie, und Calebs nächster Schuss pfeift hinter ihm in den Türpfosten.

Er hatte damit gerechnet, dass Irene drinnen fieberhaft an einem Weg nach draußen arbeitet. Oder vielleicht auch, dass sie es schon nicht mehr aus eigener Kraft rausschafft und er ihr helfen muss. Womit Ethan nicht gerechnet hat, ist, dass Irene in der Mitte des Raumes in einem hastig aufgemalten Zirkel kniet und hustend und in einem erstickten Singsang ein Ritual wirkt. Scheiße. Will sie etwa— Aber das ist kein Dämonenritual, das die Britin da veranstaltet, soviel erkennt Ethan auf die Schnelle, auch wenn er nicht einschätzen kann, was genau sie da tut. Ist aber auch egal, was genau es ist. Die Hütte ist schon jetzt voller Qualm, die Flammen schlagen aus den Wänden und haben gerade schon auf das Dach übergegriffen, es ist nur noch eine Frage von Sekunden, bis auch der Boden zu brennen anfängt, und Irene muss raus hier!
Ethan tritt auf seine britische Freundin zu, tiefer in die wabernde Hitze hinein, aber ehe er auch nur Anstalten machen kann, die Hand nach ihr auszustrecken, richtet Irene, ohne in ihrem Gesang innezuhalten oder auch nur darin zu stocken, ihre silberfarbene Browning auf ihn. ‘Lass mich machen, Ethan.’ Sie muss es gar nicht aussprechen, die Drohung ist auch so unmissverständlich.

Ein Plan. Sie hat einen Plan, sonst würde sie nicht so darauf bestehen! Plan ist gut. Plan ist Hoffnung. Aber die verdammte Hütte brennt! Getrieben sieht Ethan von der Engländerin zu den Wänden und wieder zurück. Versucht gerade abzuschätzen, wie lange sie für ihr Ritual noch brauchen wird, versucht, die Hoffnung eines Plans gegen die Gefahr durch das Feuer und den Rauch abzuwägen, da spürt er eine kalte, metallische Berührung am Hinterkopf. Scheiße, verfluchte! Überrumpelt wie der letzte Anfänger! “Hör auf damit”, kommt Cals emotionslose Stimme von direkt hinter ihm, und der Druck an Ethans Schädel verstärkt sich, “sonst ist er tot.”

Irene hört nicht auf. Ihr Gesicht nimmt eine akzeptierend-steinerne Miene an, und ihre Lippen ziehen sich entschlossen zusammen. Ethan erkennt den Ausdruck genau. Das ist Irenes eigenes Falls. Sie wird nicht aufhören. Ethan kann es ihr nicht mal verdenken. Er nimmt einen tiefen Atemzug. Dann war es das jetzt. Aber nicht einfach so. Nicht kampflos.
Ethan spannt sich an. Er ist drauf und dran, loszuschnellen und gegen jede Chance zu versuchen, so wegzukommen, dass der Treffer vielleicht doch nicht tödlich wäre, da lässt der Druck an seinem Hinterkopf urplötzlich nach. “Jetzt erschieß mich endlich, du Arschloch!”

Im Herumwirbeln reißt Ethan das Gewehr hoch. Sieht Cals verzweifelten, flehenden Blick. Drückt ab und könnte selbst nicht sagen, ob er es tut, um zu töten oder um außer Gefecht zu setzen. Aber die Frage stellt sich nicht. Denn im selben Moment wie Ethan feuert auch Irene, immer noch ohne Unterbrechen ihres Rituals, und von dem heftigen Aufprall aus nächster Nähe und dem Knacken seitlich in seinem Brustkorb – Gummigeschoss. Rippe. Gebrochen vermutlich, oder mindestens geprellt – wird Ethans Gewehrlauf aus der Bahn gerissen, und seine Kugel fetzt in einem Streifschuss, der den Älteren benommen zurücktaumeln lässt, an Calebs Schläfe entlang. Auch den neuen Schmerz drängt Ethan nieder und setzt seinem Mentor nach, raus aus der brennenden Blockhütte, wirft sich draußen auf den anderen Jäger und reißt ihn zu Boden.

“Halte durch, verdammt!” brüllt er Cal zu, während er die Mossberg nach hinten über die Schulter reißt, damit der Gewehrkolben nach vorne zeigt, “Irene hat n Plan!” Ethan hat keine Ahnung, was das für ein Plan sein mag, aber es ist einer Plan ist gut Plan ist Hoffnung alles ist besser als falls und es sah so aus als sei Irene gleich fertig Cal muss nur durchhalten nur noch ein bisschen er selbst bleiben—

Aber schon haben die Augen des Jägers wieder ihren kalten, gefühllosen Ausdruck angenommen, also zieht Ethan die begonnene Bewegung durch. Will seinen Ersatzvater mit einem Kolbenhieb ausknocken, aber die durchschossene Schulter behindert ihn, und so hat Ethans Schlag nicht die Wucht, die er gebraucht hätte. Cal bekommt das Gewehr ebenfalls zu packen, und sie ringen verbittert darum. Bei dem Gerangel knallt der Lauf der Mossberg einmal seitlich in Ethans Gesicht, aber das ist es nicht, was ihn umwirft. Was Ethan umwirft, ist der plötzliche scharfe Tritt gegen seinen Knöchel, mit dem Cal ihn aus dem Gleichgewicht bringt und sich dann auf ihn rollt. Verbissen ringen die beiden Männer weiter um die Waffe. Aber in Ethans Schulter brennt flüssiges Feuer, und er kann dem Druck, den Caleb auf den Schaft ausübt, nicht genügend Kraft entgegensetzen. Unerbittlich zwingt der Ältere die Mündung unter Ethans Kinn. Tastet mit einer Hand nach dem Abzug, findet ihn, und Ethan kann nichts mehr tun.

Sam bist immer bei mir ich wünschte—

Cal zuckt zusammen. Der ältere Jäger schwankt, seine Hand, die eben noch am Abzug lag, fällt zur Seite weg, und der Druck des Gewehrlaufs unter Ethans Kinn lässt nach. Mit einem wortlosen Ausruf der Anstrengung bäumt Ethan sich auf, stößt seinen Mentor von sich herunter und zur Seite weg. Eine Spritze mit fedrig-puscheligem Ende steckt in dessen Rücken, sieht Ethan. Betäubungspfeil. Erst jetzt bemerkt er, dass Irene ihr was-auch-immer-es-war beendet haben muss, denn sie ist aus dem Blockhaus gekommen und kniet jetzt keuchend und hustend davor, ein Betäubungsgewehr in der Hand. Aber keine Zeit, darüber nachzudenken, weil Cal, wenn auch unkoordiniert, nach seiner Pistole langt, die zwischen ihnen am Boden liegt. Selbst auch noch liegend, tritt Ethan die Knarre weg. Cal krabbelt hinterher, streckt sich danach, und Ethan ist zu weit weg, um die Waffe nochmal außer Reichweite zu befördern. Er könnte es auch gar nicht, denn jetzt ebbt das Adrenalin in seinem Blut schlagartig ab, und die Welt verschwimmt vor Ethans Augen. Durch den Schleier sieht er eine Bewegung vor sich, dort, wo Irene vor der Hütte kniet, die aus unerfindlichen Gründen nicht mehr brennt. Eine weitere Gestalt. Was, wer…

„Du hast ihn gefunden.“
Die Stimme kennt Ethan. Er kommt nur im ersten Moment nicht darauf, muss um den Nebel herum denken, der sich in seinem Gehirn zu formen beginnt. Dann hat er es. Mara. Mara, der Engel vom Roten Hügel. Mit einiger Anstrengung zwingt Ethan seine Augen dazu, auf die Frau scharfzustellen. Sie sieht müde aus. Müde und abgespannt. „Tu’ es!“ zischt Irene, die inzwischen aufgestanden ist, und Mara schüttelt mit einem schweren Seufzer den Kopf. Mit einem resigniert-unglücklichen Ausdruck auf den feinen Zügen tritt der Engel auf Irene zu und greift in die Engländerin hinein, greift in sie hinein, als wäre es ein gut gemachter Special Effect in einem Science Fiction- oder Horrorfilm. Und ganz so, als wäre es ein Horrorfilm, fängt Irene an zu schreien, gellend und langgezogen und durchdringend, und sie bricht erst ab, als Mara die Hände wieder aus ihr herauszieht. Mit den Händen ist etwas mitgekommen: ein sanftes, wohltuendes Leuchten, das die Engelsfrau jetzt mit traurigen Augen betrachtet, ehe sie sachte mit den Fingerspitzen darüberstreicht. „Was hast du nur mit deiner Seele getan, Kind“, sagt sie bekümmert. „Mit etwas so Heiligem sollte man sorgsamer umgehen.“ Mit diesen Worten dreht Mara sich um, macht die paar Schritte auf Cal zu, der wegzukommen versucht, aber viel zu langsam ist und viel zu unkoordiniert, und schiebt das lichte Strahlen in ihn. Auch Cal schreit, als würde ihm bei lebendigem Leib die Haut abgezogen, und auch er hört erst auf, als Maras Hände ihn wieder verlassen.

Ethans Sicht verschwimmt schon wieder. Die Stimme der Engelsfrau scheint aus weiter Ferne zu kommen, als sie verwundert sagt: „Oh.“ „Was ist los?“ will Irene wissen, aber es klingt gar nicht sonderlich interessiert. „Ich kann eure Seelen nicht voneinander trennen. Sie haben sich… verbunden… Ich kann dir nichts zurückgeben, mein Kind.“

Mühevoll zwingt Ethan seinen Blick zu Irene. Die steht mit leicht schiefgelegtem Kopf da, als horche sie ein bisschen verwirrt in sich hinein. Ein bisschen verwirrt, aber nicht beunruhigt. Eher neugierig. Dann zuckt sie die Schultern. „Macht nichts. Mir fehlt nichts.“ Die Stimme der Britin ist jetzt völlig entspannt.
Was… wie… Irenes Seele… in Cal… verbunden… nichts zurückgeben… Ethan kann es nicht greifen, nicht richtig erfassen, nur dass es schrecklich ist, soviel kann er durch den Nebel und den glühenden Schmerz hindurch erkennen. „Aber das…“, stammelt Ethan zu der verschwommenen Gestalt vor ihm, „das… sie… dann gib ihr meine!“
Doch Mara schüttelt den Kopf. „Nein, Kind“, sagt sie matt. „Das würdest du nicht wollen. Ich habe ohnehin hier schon viel mehr getan, als ich hätte tun dürfen. Und ich vermag es auch gar nicht, so erschöpft, wie ich bin.“
Ethan will protestieren, aber seine Stimme gehorcht ihm nicht mehr. Sein Körper gehorcht ihm nicht mehr. Er kippt nach hinten, auf den weichen Waldboden, und ehe seine Sinne weichen, hört er gleichmäßige Schritte, die sich langsam entfernen.

Seine nächste Empfindung ist ein Rütteln am Hals, von dem das Feuer in seiner Schulter und die Axt in seinem Brustkorb wieder voll in Aktion treten. Dann eine Stimme. “Verdammt nochmal, warum hast du sie das machen lassen, du Arschloch?” Cal. Das ist Cals Stimme. Ethan blinzelt die Augen auf, versucht, auf den Jäger zu fokussieren, der ihn am Kragen gepackt hält. “Wa… was… wer?”
“Sie hat mir ihre verfickte Seele gegeben, verdammt!” tobt Cal weiter. “Jetzt habe ich ihre, und sie hat gar keine mehr! Warum zum Teufel hast du mich nicht erschossen, du Arsch?”
Ethan sackt in sich zusammen. “Konnte nicht”, gibt er leise zu.
Cal nimmt die Hände von Ethans Kragen, und der richtet sich vorsichtig auf, bis er sitzt, und vergräbt dann den Kopf in den Händen. “Drecksmist”, murmelt er tonlos. Oder vielleicht hat er das Wort auch nur gedacht. Er ist sich nicht ganz sicher.
“Ist ja nicht deine Schuld”, brummt Cal. “Warum bin ich nicht einfach bei der verdammten Apokalypse draufgegangen?”
Und es war doch Ethans Schuld. Versprochen. Er hatte es versprochen. “Konnte nicht”, wiederholt er bedrückt. “Und dann… Dachte, Irene hat ‘n Plan. Hoffnung. War kurz davor. So kurz…”
“Vergiss es.”
Heh. Wenn das mal so einfach wäre. In Ethan wirbeln die Gedanken. Wenn er es getan hätte… Entgegen aller Wahrscheinlichkeit ist Cal wieder er selbst, im Prinzip war es also tatsächlich gar nicht falls, also hat Ethan sich ja vielleicht doch nichts vorzuwerfen, wenn man es genau nimmt, aber er war so kurz davor, und Irene… Scheiße. Irene.

Eine Bewegung neben sich lässt Ethan zur Seite blicken. Sein Ziehvater sitzt in haargenau derselben Haltung da wie Ethan selbst, vorgebeugt mit dem Kopf in den Händen, aber jetzt tastet er mit einer Hand nach der Innentasche seiner Jacke und zerbeißt einen Fluch zwischen den Zähnen. Keine Frage, was Cal sucht. Wortlos zieht Ethan seine eigenen Zigaretten heraus und hält dem Älteren die Packung hin. Schweigend rauchen sie, bis Cal seine Kippe ausdrückt und aufschaut. “Scheiße. Was machen wir denn jetzt?”
Ethans Antwort ist Ausdruck seiner Ratlosigkeit. “Was wir immer machen. Irgendwas.”
Das lässt Cal auflachen, halb bitter, halb amüsiert, woraufhin Ethan entmutigt den Kopf schüttelt. Irgendwas wird ihnen schon einfallen. Klar. Heh. Strohhalm. Wieder mal.
Caleb wird konkreter. “Wir müssen sie finden”, sagt er, “und zwar dringend.”
Während Ethan noch nickt, spricht der Ältere schon weiter. “Aber wir müssen echt aufpassen. Wenn sie so drauf ist wie ich, dann will sie ihre Seele nicht wieder, auf gar keinen Fall. Deswegen wird sie sich mit allem wehren, was sie hat. Ich war ja in dem Zustand schon zu allem fähig, auch ohne meine Leute. Die hätte ich ja auch noch holen können. Die und jede Menge Ausrüstung. Und jetzt stell dir nur mal vor, wie das bei Irene mit ihren ganzen HW-Ressourcen aussieht.”

Drecksmist, elender. Nein, das will Ethan sich lieber nicht ausmalen. Aber die Vorstellung steht nur allzu deutlich vor seinen Augen. “Müssen sie finden”, brummt er.
“Aber vorsichtig”, mahnt Cal. “Je weniger Leute von der Sache wissen, um so besser. Gibt zu viele Jäger, die sich denken würden ‘keine Seele, kein Mensch’ und versuchen würden, die Gelegenheit zu nutzen.”
Stimmt. An die große Glocke hängen dürfen sie das keinesfalls. Aber: “Nelson. Lösung. Fast fertig. Weiß Irene. Will ihn vielleicht ausschalten.” Und: “Sam.” Ethan verzieht das Gesicht bei dem Gedanken an seine Freundin. Wie unerträglich weit sie weg ist. Wie gern er ihre Stimme hören würde. “England grad. HW-Archiv. Findet da vielleicht was.”
Cal runzelt die Stirn und sagt eindringlich: “Aber nur Sam. Kein anderer Hooper-Winslow. Gerade die würden doch nur zu gern auf den Zug springen. Irene hat gerade keine Seele? Ja wunderbar, ist sie kein Mensch mehr! Schalten wir sie aus! Weniger Konkurrenz um das Erbe!”
Schon will Ethan zustimmend nicken, da fällt ihm noch jemand ein. “Bart auch. Und Barry."
Denn da ist ja auch noch die Schale. Besser, Irene kriegt die nicht in dem Zustand.

Ehe sie aufbrechen, verarzten sie einander. Schusswunden oder nicht, da haben sie ja genug Übung drin. Außerdem macht Cal erst noch seine ganzen Minen unschädlich. Soll ja auch mal Wanderer geben hier in der Gegend.
Und dann suchen sie Irene. Gehen jeder noch so kleinen Möglichkeit nach, die ihnen einfällt, wo die Britin sein könnte. Hier in den Adirondacks hat sie niemand gesehen, aber so dumm wird sie nicht gewesen sein, anzuhalten, solange sie noch in der Gegend ist, und ihren Verfolgern einen Hinweis darauf zu hinterlassen, in welche Richtung sie gefahren ist. Und es gibt zu viele kleine Waldstraßen hier, auf denen der silberne Defender garantiert von niemandem bemerkt worden ist, bis Irene fast an der I-90 war. Und die I-90 führt quer durch das ganze verdammte Land.
Sie checken das Hotel an den Niagarafällen, von dem Cal sagt, dass er Irene dort mal getroffen hat. Sie checken weitere Hotels, von denen der ältere Jäger weiß. Orte, von denen Ethan weiß. Sie befragen Kontakte, vorsichtig. Aber nichts. War ja so klar.

Irgendwann gehen ihnen die Ideen aus. Echte Spuren hatten sie ja ohnehin keine. Keinem von beiden passt es so recht, aber sie müssen aufgeben, vorerst jedenfalls. Cal hat seine Soldaten, um die er sich kümmern muss, und Ethan selbst muss sich auch mal wieder bei Bones Gate blicken lassen und was arbeiten. Das, und er muss mit Barry nach Ohio. Dringend. Denn die Höllenschale darf auf keinen Fall zu Irene.

View
Soul Food
Showdown mit Hindernissen

Aber sprich nur ein Wort
(Irene)

Burlington Airport. Eine schmale blonde Frau durchbricht mit schnellen Schritten die Stille der Flughafenkapelle. Sie eilt an den schmalen Sitzreihen entlang bis auf wenige Meter vor dem großen stilisierten Kruzifix, zu welchem sie mit bebenden Schultern aufsieht. Ihre Fäuste sind geballt. In ihrem Blick mischen sich Furcht und Zorn. Ihre Lippen bewegen sich lautlos. Zwischen stummen Bitten formen sie immer wieder ein Wort. Mara.
Mara. Bitte. Mara. Hilf!
“Mara!”
Die Pose der Blonden wird ungehaltener.
“Mara!”
Ihre Faust kracht auf die Lehne der Bank zu ihrer Rechten.
“Mara! Wo bist du, wenn man dich braucht?”
Stille.
“Ihr hattet unsere Hilfe!” Suchend, als würde sie die Ankunft einer dringend herbeigewünschten Person erwarten, sieht sie sich um, ihre Stimme ein mühsam beherrschtes Flüstern. “Wir haben euch Aziraphel und Selathiel vom Hals geschafft. Ist das euer Dank?”
Der schallisolierte Raum der Ruhe lässt nicht einmal die Geräusche der in unmittelbarer Nähe startenden Flugzeuge herein.
MARA!”
Mit einem wütenden Aufschrei reißt die Frau die glänzende Messingschale, die als Weihwasserbecken dient, von ihrem Sockel und schleudert sie auf das Kreuz.
“Wer glaubt ihr eigentlich, dass ihr seid?”
Das Schweigen der Kapelle ist Antwort genug.
Zitternd starrt sie die Schale an, bis diese ihren klingenden Tanz auf dem Kirchenboden beendet hat, dann das Kruzifix. Sie streicht sich über die Augen, eine Geste der Niederlage, und verlässt die Kapelle. Sollte sie vorher noch den Glauben an einen gütigen Himmel gehabt haben, ist er hier zurückgeblieben.

Sie bereiten uns unser Leben lang darauf vor, bloß nicht die größte Dummheit zu begehen. Sie erzählen uns, dass es nie gut ausgeht, dass der Preis immer höher ist als gedacht. Sie lehren uns die Namen der Großeltern, Onkel, Tanten und Cousins, die nachgegeben haben und die Familie damit fast mit in den Abgrund gerissen haben. Sie sprechen von den Opfern, die es gekostet hat, den Schaden zu begrenzen. Worauf sie uns nicht vorbereiten können, das ist der Schmerz, der Ekel, der Selbsthass, den es mit sich bringt, zuzusehen und nichts zu tun. Sie schweigen sich darüber aus, denn auf der anderen Seite haben sie uns auch dazu erzogen, Verantwortung zu übernehmen und die Last übernatürlicher Bedrohungen anderen Schultern abzunehmen und sie selbst zu tragen.
Und so passiert es doch immer wieder.
Uns gibt es nur in drei Sorten: Jene, die bisher das Glück hatten, noch nicht in Versuchung zu kommen, jene, die nicht mehr in den Spiegel sehen können, und diejenigen, deren Seele verloren ist.

Mitten auf dem Flug zurück von Toronto geht mir auf, was Cal auf dem Hotelparkplatz mit “falls” gemeint hat, und fast 40 Jahre Gehirnwäsche und Vorbereitung auf diesen Moment sind wie weggewischt. Falls wir uns nicht wiedersehen…
Ich hätte beinahe gelacht, weil ich mir inzwischen so sicher bin, dass irgendetwas, das sich darüber köstlich amüsiert, uns immer wieder aufeinander zutreibt. Als wenn wir uns nicht bei der nächsten Gelegenheit wieder irgendwo treffen könnten, wo der Ausgang verschlossen ist. Ich dachte, dieses Spiel des Schicksals wäre das größte Problem, bis wir eine Heilung gefunden haben. Jetzt gefriert mir das Blut in den Adern bei der Erkenntnis, dass er die nächste Gelegenheit nicht abwarten will. Dass er nicht mehr an Heilung glaubt.
Und ich habe noch zu Barry gesagt, dass wir in Zimmer 1408 jemanden treffen könnten, den man vom Selbstmord abhalten muss.
Kaum ist das Flugzeug auf dem Boden, verfasse ich eine Nachricht, auf die er nicht reagiert. Mein Ausraster in der Kapelle nach der zweiten unbeantworteten bleibt ohne Folgen. In jeder Hinsicht. Schallschutz in alle Richtungen. Keine Antworten zu bekommen, wird so langsam der Inbegriff meiner Existenz. Bis nachhause zerbreche ich mir den Kopf, was ich tun soll, wenn es schon zu spät ist. Aber es kann einfach noch nicht zu spät sein. Nicht nach diesem Abschied, oder? Falls.
Ich halte mich an dem Gedanken fest, dass er sich nicht einfach die Pistole in den Mund stecken will, nicht jemand wie er, sonst hätte er es schon getan. Er wird einen Sinn in dem sehen wollen, was er tut. Hoffe ich. Irgendeine Selbstmordmission. Irgendein Monster, das zu groß für ihn ist. Irgendetwas, das man nicht von jetzt auf gleich findet. Zeit, ich brauche Zeit. Bitte, Giffany, Götter, irgendwer, gebt mir Zeit.

Die Flüchtlinge beim Mount Ida sind nicht mehr unter der Nummer zu erreichen, die zuletzt als sicher galt. Also fahre ich hin. Zwei Tage verschwendet. Noch mehr, wenn sie keine Informationen haben. Wahrscheinlich haben sie keine, bestimmt haben sie keine. Ich verschwende meine Zeit. Fliegen ginge schneller, aber ich will alles Nötige bei mir haben für… was auch immer. Am Steuer, wenn auch seit Jahren auf der falschen Seite, habe ich wenigstens die Illusion von Kontrolle über irgendetwas. Unterwegs mache ich an jeder Kirche Halt, die ich sehe, und bete zu Mara. Mal mehr mal weniger zornig. Wo ist sie? Was hält sie auf? Kennt man keine Dankbarkeit im Himmel? Ist sie in irgendeiner Schlacht gefallen? Hört man mich dort oben überhaupt?

Wider Erwarten sind die Deserteure noch heil. Nur übervorsichtig. Ich wünschte, ich könnte Verständnis aufbringen. Meine Bitte um Hilfe bei der Kontaktaufnahme, zugegeben nicht mehr besonders freundlich vorgebracht, löst erst einmal eine riesige Diskussion um die Sicherheit aus. Die meisten von ihnen sind der Meinung, dass Mara sich schon gezeigt hätte, wenn es in Ihrer Macht stünde. Sie sind bereit, noch länger wie eine brave Schafherde zu warten, bis sich der Engel von alleine herbequemt, egal, wie lange es noch dauert. Die Suche nach einem alternativen Jenseits haben sie weitgehend eingestellt. Offenbar ist es ihnen nicht gelungen, den Glauben an einen am eigenen Leibe erlebten Himmel gegen den Glauben an eine diffuse Vorstellung irgendeines fremden Totenreichs auszutauschen. Überraschung. Die Flüchtlinge wollen auf keinen Fall, dass ich mein Vorhaben auch nur in der Nähe des Bergs ausführe. Harris ist es schließlich, der mit Engels…, der lange genug geduldig auf die anderen einredet, bis er sie soweit hat, ihr Wissen zu teilen. Eher ihre Vermutungen. Wie ein Sigillum Dei Æmeth aussehen muss, weiß ich bereits von Charles, meine vorhandene Kristallkugel wird von den beiden Deserteuren, die ein solches Ritual im Einsatz gesehen haben, für zu klein befunden. Obwohl ich nicht weiß, ob es einen Unterschied macht, gehe ich in den nächstbesten Laden der Kristallhochburg, und kaufe eine größere. So viel Zeitverschwendung! Alberto meint zu wissen, wie die Kerzen stehen sollten, Carlotta widerspricht ihm dauernd, aber ich glaube, er hat recht. Meine bisherigen Erfahrungen sagen mir, dass das, was er beschreibt, eher einem klassischen Ritualaufbau gleicht, wie ich ihn mir von Hermetikern des beginnenden 20. Jahrhunderts erwarte. Bei näherer Betrachtung des ziemlich einfach gehaltenen Ablaufs, den wir rekonstruieren, frage ich mich, ob Charles mir die Gebrauchsanweisung für das Siegel absichtlich vorenthalten hat, um mich vor gefährlichen Ideen zu schützen. Egal jetzt. Wenn es nicht funktioniert, kann ich ihn genau das fragen.

Mit den besten Wünschen bedacht und von sehr skeptischen Blicken verfolgt, nehme ich Abschied von Harris und seinen Gefährten, verspreche, mindestens eine halbe Tagesreise hinter mich zu bringen, ehe ich es wage, Mara gewaltsam zu rufen. So vernünftig bin ich gerade noch, auch wenn ich jede Minute zähle. Völlig korrekt kann das, was wir ermittelt haben, nicht sein. Wenn ich versehentlich alle Heerscharen des Himmels herabbeschwöre, sollte ich in möglichst menschenleerer Gegend sein.
Für alle Fälle male ich auf die Rückseite des Stücks Tapete, das mein Sigillum Dei Æmeth trägt, die Rune, mit der ich einen Engel wieder dorthin schicken kann, wo er hingehört, und bete, dass mir der Versuchsaufbau nicht so sehr um die Ohren fliegt, dass es mich umbringt. Tot bin ich ihm keine Hilfe.

“Ich bin ja hier,” tönt eine müde Stimme hinter mir. Ich fahre so schnell herum, dass ich eine Kerze umreiße, die zischend verlischt. Irgendwie hatte ich mir eingebildet, dass sie durch die Kristallkugel zu mir sprechen würde, wenn überhaupt. Sie sieht genauso erledigt aus wie bei unserem ersten Zusammentreffen auf dem Red Hill. Vielleicht sogar mehr. “So ähnlich muss sich für euch Menschen Tinnitus anfühlen. Du kannst jetzt aufhören, so zu schreien.”
“Wo warst du?” fahre ich sie konsterniert an.
“Im Himmel.”
“Du weißt, was ich meine! Ich habe dich tagelang gerufen.”
“Ich habe es gehört.” Sie hebt eine Hand, aber jetzt ist es endgültig vorbei mit meiner Geduld. Ich will ihre Gründe nicht hören, selbst wenn es in ihren Augen gute Gründe sein mögen.
“Wir hätten dich gebraucht. Wir haben Monate auf ein Lebenszeichen von dir gewartet. Wir hätten Hilfe gebraucht. Stattdessen habt ihr uns Selathiel und AC alleine erledigen lassen und stillschweigend zugesehen, wie wir mit den Folgen kämpfen. Wir haben die nächste Apokalypse verhindert und ihr macht euch noch nicht einmal etwas daraus, dass Cals Seele ausblutet. Wie tickt ihr eigentlich? Ist das eure übliche Vorgehensweise, so mit Menschen umzugehen?”
Ich hole Luft, um die Enttäuschung von Monaten in einem weiteren Schwall von Worten herauszulassen, und viel fehlt nicht, dann würde ich ihr die Faust ins Gesicht rammen, da löst sich vor meinen Augen ihre Lichtgestalt aus dem gebeugten Frauenkörper und taucht die verlassene Kirche, in der ich meine Anrufung durchgeführt habe, in überirdische Helligkeit. Das Rauschen von Flügeln kratzt schmerzhaft über meine Trommelfelle und ihre Stimme hallt in meinem Kopf: “Und wer glaubst du, dass du bist, Sterbliche? Für wie wichtig hältst du dich?”

Cal hat mir von einem Priester erzählt, der erblindet sein soll, weil er einen Engel in seiner wahren Gestalt gesehen hat. Das Strahlen, das den deVries-Engel letztes Weihnachten umgab, das Fay die Augen herausgebrannt hat, war von ähnlicher Qualität. Doch nicht halb so … göttlich. Bevor ich herausfinde, ob es mir genauso gehen wird, wenn ich direkt hineinsehe, verberge ich mein Gesicht in der Armbeuge und drehe mich von ihr weg. Das Gewicht des Lichts drückt mich zu Boden und presst mir die Luft aus den Lungen. Als es nachlässt, ich wieder atmen kann und die tanzenden Sterne vor meinen Augen verschwinden, liege ich auf den Knien vor dem Engel. Sie legt mir ihre Hände auf den Kopf. Ihr Gesicht ist wieder gütig.
“Ich kann deinen Schmerz fühlen, Mein Kind.”
Da ist keine Spur mehr von Drohung. Schlucken muss ich trotzdem.
“Aber?” frage ich verzagt. Es ist vorbei. Sie kann oder will mir nicht helfen. Cal wird sterben.
“Ist dir in den Sinn gekommen, dass ich dich die ganze Zeit gehört habe, aber nicht kommen konnte? "
“Nein. Ja. Was helfen mir denn Vermutungen? Wir haben nichts von dir gehört. Du hättest ebensogut tot sein können wie einfach nur uninteressiert. Wenigstens ein Lebenszeichen…”
“Ich war verwundet. Geschwächt. Seit kurz vor Endes des Kriegs. Selbst jetzt war es noch nicht leicht, diesen Körper wieder in Besitz zu nehmen. Ohne deine fürchterliche Stümperei hier, hätte ich es nicht auf mich genommen. Du hast mir Kopfschmerzen gemacht.” Sie verzieht die Mundwinkel. Vielleicht ist es nur der Nachhall des himmlischen Glanzes, vielleicht funkeln da aber auch kleine Schweißperlen auf ihrer Stirn.
“Das… das tut mir leid. Ich kann nicht länger warten.”
“Ich weiß. Du warst sehr deutlich.” Sie zieht die Augenbrauen zusammen. “Du denkst, ich könnte einfach zu ihm hingehen und seine Seele heilen. Das kann ich nicht.”
Die ohnmächtige Wut kocht wieder in mir hoch. Ich kämpfe sie nieder.
“Was kannst du tun?”
Ihre Stimme wird noch weicher. “Ich kann nicht einfach aus der leeren Luft ein neues Stück Seele schaffen, um ihn wieder aufzufüllen, wenn du das meinst. Das kann nur einer.”
Einer. Sie muss nicht dazusagen, für wie wahrscheinlich sie es hält, dass der Eine ausgerechnet jetzt zurückkommt, um ausgerechnet Cal zu retten.
“Aber wenn du es nicht erschaffen musst!”
“Willst du ein Stück von deiner geben?”
“Ich bin es ihm schuldig.”
“Nein, das bist du nicht. Er hat dich von deiner Schuld freigesprochen.”
“Das kann er gar nicht.”
“Ach, Ihr Menschen!” Sie seufzt und lässt sich schwer auf eine der morschen Bänke fallen, die sie eigentlich gar nicht mehr tragen dürfte.
Nach einem forschenden Blick in mein Gesicht fragt sie: “Warum willst du das? Weißt du, wie weh es tut, wenn deine Seele zerrissen wird?”
Nein, weiß ich nicht. Und es tut nichts zur Sache. Was ist schon der kurze Schnitt einer Amputation gegen den chronischen Schmerz, mit dem ich seit der Apokalypse herumlaufe?
“Seine Seele ist mir wichtiger als meine.”
“Es ist mir verboten.”
“War es AC auch verboten?”
“Ja. Er hat seine Strafe erhalten.”
“Durch uns. Es hat uns erst in diesen Teufelskreis gebracht. Und er konnte es trotzdem.”
“Ich kann nicht. Ich darf nicht.”
“Dann weißt du, wohin ich mich als nächstes wende. Kannst du das verantworten?”
“Du solltest es doch besser wissen.”
“Sollte ich? Er will sich umbringen. Selbstmord. Der sichere Weg in die Hölle. Für alles, was er für die Menschheit getan hat, für siebeneinhalb Milliarden von uns, soll er in die Hölle gehen? Nicht, solange ich noch ein Wörtchen mitzureden habe.”
“Du hast ebensoviel getan.”
“Ich habe nicht von vornherein meine Seele und mein Leben riskiert. Vielleicht ist es endlich an der Zeit, dass ich gleichziehe.”
“Ich kann nicht ein Stück aus einer gesunden Seele reißen, um eine verletzte zu flicken, von der ich nicht weiß, wie groß der Schaden ist. Was, wenn es nicht reicht und ihr dann beide das gleiche Problem habt?”
“Kannst du das nicht sehen?”
“Nein. Dazu müsste ich in seiner Nähe sein.”
“Wo ist das Problem?”
“Ich kann ihn nicht orten.”
“Wie meinst du das, nicht orten?” Mir wird ganz kalt. Ist er schon tot?
“Wie du sagtest, blutet seine Seele aus. Wie ein Puls. An, aus, an, aus. Sie müsste aktiv sein, damit ich ihn finden könnte. Das ist sie gerade nicht.”
“Aber er lebt noch?”
“Ich vermute es.”
“Du vermutest!”
“Sie müsste aktiv sein.”
Ich setze mich auf den Boden und raufe mir die Haare, atme tief durch.
Selbstmordmission. Zu großes Monster. Bitte!

“Was passiert, wenn sie ganz ausläuft?”
Sie antwortet nicht.
“Könntest du sie austauschen?”
“Das würde nichts ändern.”
“Doch. Für mich würde es alles ändern.”
“Das Problem zu verschieben? Weshalb willst du das?”
“Weil. Weil es sich so gehört! Mir stehen viel mehr Möglichkeiten zur Verfügung, eine Heilung zu begünstigen. Ich kann mir den besten Psychotherapeuten leisten. Meine Familie kann sich um mich kümmern.”
Sie seufzt. “Ist das alles?”
“Cal wüsste, womit er rechnen muss, wenn ich eine kaltherzige Phase habe, und könnte mich von Dummheiten abhalten… Bitte, Mara! Ich kann ihn nicht noch einmal so sehen. Und ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass es ihn umbringt.”
“Du müsstest ihn noch einmal sehen. Du müsstest ihn finden.”
Mir bricht der Schweiß aus beim Gedanken, dass wieder dieser kalte, berechnende Blick auf mir liegen könnte, und mir wird übel. Aber so sei es. Ich nicke langsam.
“Das kann ich.”
“Dann ruf mich, wenn du ihn gefunden hast. Ich sammle in der Zwischenzeit neue Kräfte.”
“Wie?” will ich noch fragen. Doch außer dem kurzen Geräusch eines Flügelschlags vernehme ich schon keinen Ton mehr von ihr. Meine weiteren Fragen bleiben unbeantwortet. Wie schwach sie gerade wirklich ist, was ich den Deserteuren sagen kann, ob sie versuchen wird, ihn zu finden, sobald es ihr wieder möglich ist. Ich lasse mich nach hinten sinken, spüre eine Minute dem kalten Boden unter meinen Schultern nach, verdränge die Vorstellung, dass Cal bereits ebenso irgendwo liegt, kalt und leblos, weil er mir zuvorgekommen ist. Fast möchte ich zu der namenlosen Macht beten, die uns immer wieder zusammentreffen lässt. Bitte, lass es noch einmal geschehen! Dann ziehe ich mein Mobiltelefon und tippe eine Nachricht an den einzigen Menschen, auf den ich mich verlassen kann.

Soul Food
(Cal)

Langsam spricht es sich rum. Irene und Ethan haben zu viele Leute gefragt, das Netz zu weit geworfen. Noch hat niemand die Verbindung zu ihm geschlossen, aber es ist nur eine Frage der Zeit. Er hat keine Lust, sich mit noch mehr Leuten auseinander zu setzen, die ihn “retten” wollen.
Oder ihn ausschalten wollen.
Stattdessen wird er das Problem beseitigen. Erst den Jungen, dann die Frau. Seine schwache Seite wird darüber nicht glücklich sein, aber er hat sich inzwischen gut genug unter Kontrolle, um sich an irgendwelchen Selbstmordversuchen zu hindern.
Für alle Fälle kontaktiert er ausgewählte Leute seiner Truppe, die einspringen können, wenn etwas schief geht. Aber für den Anfang will er nicht, dass sie ihm zwischen den Beinen herumspringen. Oder Einwände haben, Zivilisten zu erschießen.
Das wird er ihnen abgewöhnen, wenn er erst seine Seele los ist. Befehle werden dann widerspruchslos befolgt. Er wird sich voll auf die Truppe konzentrieren, die so viel lohnenswerter ist als diese “Jagd”, die weder Geld noch Ruhm einbringt.
Ohne Gewissen wird er ein so guter Anführer sein wie sein Vater.
Nein. Er wird besser sein.

Nachdem er das Schlachtfeld zu seinen Gunsten vorbereitet hat – ein paar Minen und andere Fallen auf den wahrscheinlichsten Wegen und ein Dummy in der Hütte – wirft er mit einer einfachen SMS den Köder aus.

Nicht der Junge nähert sich zuerst der Waldhütte, sondern die Frau. Irgendjemand muss geredet haben. Ärgerlich, aber kein großes Problem. Dann ist sie eben zuerst dran.
Er bringt sich im Inneren in Position. Die Tür öffnet sich und Irene kommt herein, die Waffe im Anschlag und in schlecht versteckter kugelsicherer Weste.
Die ihr nichts bringen wird.
Er aktiviert die Flashbang-Granate, hat die Tür hinter ihr geschlossen und den Riegel vorgelegt, bevor sie sich von dem Knall erholt hat. Das verwitterte Holz des Hauses hat den Brandbeschleuniger aufgesaugt wie ein Schwamm. Er lässt das Feuerzeug fallen, und in Sekundenschnelle steht die ganze Wand in Flammen. Unwillkürlich hebt er einen Arm, um sich von der Hitze abzuschirmen.
Seltsam. Sie hätte spätestens jetzt anfangen sollen, einen Weg nach draußen zu suchen. Panisch gegen Türen und Fenster zu schlagen, vielleicht das Dach probieren. Stattdessen hört er… Gesang?
Wie auch immer. Lange hält sie nicht durch. Mit ein paar Schritten ist er wieder zwischen den Bäumen und visiert das Haus an.
Splitter fliegen ihm um die Ohren, als ein Schuss in den Stamm neben ihm einschlägt. Er wirft sich auf den Boden und kriecht ins Unterholz, wo er vor dem Schützen verborgen ist. Das war der Junge, keine Frage. Und wie vermutet, kann der seinen alten Gefährten nicht einfach so erschießen.
Oder Irene verbrennen lassen. Er beobachtet, wie Ethan auf die Tür zurennt und sich am Riegel zu schaffen macht. Direkt in seinem Schussfeld. Unmöglich, auf die Entfernung zu verfehlen.
Aber die Kugel trifft nur Ethans Schulter. Fleischwunde. Nicht tödlich. Er runzelt die Stirn über sein eigenes Versagen. Keine Zeit, darüber nachzudenken. Er erinnert sich, woher er den Sprechgesang kennt. Engelsbeschwörung. Oh nein. So leicht wird er es den beiden nicht machen.
Der Junge steht wie angewurzelt in der Türöffnung. Über seine Schulter ist Irene zu sehen, die mit ihrer Waffe auf Ethan zielt. Die Flammen und der Rauch lassen ihre Gestalt unwirklich wabern.
Also macht er das Gleiche von Hinten. “Aufhören, oder ich erschieße ihn”, sagt er zu der Frau.
Sie hört nicht auf. Während sein Finger sich krümmt, dreht der Junge leicht seinen Kopf, die Muskeln angespannt…

…ich reiße die Pistole weg und brülle ihn an: “Jetzt erschieß mich doch endlich, du Arschloch!” Er fährt herum, Gewehr im Anschlag. Es knallt. Heißes, feuchtes Brennen an meiner Schläfe. Ich taumele zurück, nur für eine Sekunde erleichtert. Mein Kopf dröhnt wie eine gesprungene Glocke. Schmerz heißt Leben. Er hat verfehlt, auf die Entfernung, ist irgendwie gestolpert und…

…seine Sicht verschwimmt immer wieder. Auch nicht tödlich, der Streifschuss, aber seine Gedanken wollen sich nicht richtig versammeln.
Irene schießt in einem Schwall aus Funken aus der Hütte und fällt auf die Knie, hustet und spuckt.
Im nächsten Augenblick ist Ethan über ihm, schreit was von Durchhalten und Irenes Plan, will ihm mit dem Gewehrkolben eine noch schlimmere Gehirnerschütterung verpassen. Aber die kaputte Schulter hat dem Jungen Kraft genommen. Die Waffe lässt sich abfangen. Sie ringen einen Moment um das Gewehr, Ethan über ihm, er unten. Mit einer scharfen Bewegung tritt er gegen den Knöchel seines Gegners. Es knackt und der Junge knickt mit einem Knurren um. Jetzt sind die Rollen vertauscht, er liegt auf Ethan, die Hände noch am Gewehr, und zwingt die Mündung unter das Kinn des Jungen. Mit einer Hand tastet er nach dem Abzug. Peng. Du bist tot.
Plötzlich fühlt er einen Stich im Rücken. Die Welt strudelt von ihm weg. Seine Arme wollen nicht mehr auf ihn hören. Die Finger zucken und verfehlen den Abzug.
Ethan schüttelt ihn ab. Er landet in Tannennadeln und Erde, die ihm keinen Halt geben, als er versucht wegzukriechen. Seine Pistole liegt neben ihm, so nahe. Er grapscht danach, aber bevor er seine Hand zwingen kann, sich zu schließen, hat schon jemand dagegen getreten und die Waffe außer Reichweite gefegt.
Noch ist es nicht vorbei. Er kann das Ruder noch rumreißen. Er muss nur…
“Du hast ihn gefunden”, sagt eine müde Stimme. Mara, der Engel. Im Hintergrund ersterben die Flammen.
Vielleicht fühlt er in dem Augenblick tatsächlich etwas wie Enttäuschung. Er hatte so viele Pläne für die Zeit ohne Seele.
“Tu es einfach!” fährt Irene Mara an. Der Engel schüttelt stumm seinen Kopf, aber greift nach Irene, taucht seine Hand in die Brust der Jägerin wie in Wasser. Irene brüllt, was ihre verrauchte Lunge noch hergibt. Sie hört abrupt auf, als Mara ihre Hände herauszieht. In ihnen ruht ein warmes Leuchten. Die Engelsfrau streichelt es sanft. “Du hättest besser mit deiner Seele umgehen sollen. Man sollte etwas so Heiliges nicht so beschädigen.”
Mit dem Funkeln in ihren Händen tritt der Engel auf ihn zu. Die Wärme und das Licht sind nicht zu ertragen. Er rudert mit Armen und Beinen wie ein hilfloses Insekt, versucht doch noch zu entfliehen, aber die paar Zentimeter helfen nicht. Mara beugt sich über ihn und…

…oh verdammte Kacke jemand hat alle Gefühle gleichzeitig angestellt ich bin todtraurig ekstatisch scheiße scheiße hört das irgendwann auch mal auf bloß nicht aufhören…
Alles pulst gleichzeitig durch meinen Schädel, zerrt mich in tausend unterschiedliche Richtungen. Stimmen. Ich konzentriere mich verzweifelt darauf, um nicht unterzugehen.
“Oh. Das hätte nicht passieren dürfen.” Mara, erstaunt. “Ich kann die Seelen nicht mehr trennen. Sie sind… verschmolzen.”
“Macht nichts. Mir fehlt nichts.” Irene, kühl und entspannt.
“Du kannst doch nicht… Sie kann doch nicht… Dann gib ihr meine Seele!” Ethan, verzweifelt.
“Ich habe schon zu viel hier angerichtet. Seelen sind keine Kleider, die man einfach so weitergeben sollte. Was willst du ohne Seele tun? Und ich… ich schaffe das auch nicht mehr.” Mara wieder, erschöpft.
Ein Geräusch, als würde etwas Schweres auf den Waldboden fallen. “Drecksmist.” Ethan, leise.
Schritte entfernen sich.
Stille, für eine halbe Ewigkeit. Dann ein letztes Mal Mara: “Ja… ich… ich komme sofort.”

Irgendwann flaut der Orkan in meinem Inneren so weit ab, dass ich meine Augen wieder aufmachen und halbwegs klar denken kann. Ethan liegt in einiger Entfernung regungslos auf dem Boden. Sonst ist niemand zu sehen.
Klar. Irene ist weg. Ohne Seele. Die habe jetzt ich. Was zur verfickten Hölle hat sie sich dabei gedacht? Hat ihr jemand das Hirn geklaut und mit Mist ersetzt? Warum tut sie sowas… für mich? Eine kleine Stimme wendet ein, dass ich genau weiß, warum, und dass ich das gleiche tun werde. Oder vielleicht erwürge ich sie. Oder gestehe ihr meine unsterbliche Liebe. Oder beides gleichzeitig.
Mein Blick fällt auf Ethan, der sich immer noch nicht rührt. Scheiße, der Schulterschuss war doch nicht tödlich? Oder? ODER? Auf Armen und Beinen krabbele ich zu ihm rüber. Er atmet noch.
Ich fühle mich immer noch, als hätte mir jemand eine Stromleitung direkt in den Arsch gelegt, und ich habe keine verfickte Ahnung, wie ich diesen ganzen beschissenen Schlamassel wieder lösen soll, und ich muss das lösen, jetzt SOFORT. Weil das nicht geht, packe ich Ethan am Kragen und fange an, ihn zu schütteln.
“Verdammte Scheiße, warum hast du sie das machen lassen?!”
Seine Augen gehen auf. “Ha? Was… was machen… wer?”
“Ich habe ihre Seele, verfickt noch mal, und sie hat keine mehr! Warum hast du mich nicht einfach erschossen, du Volltrottel?”
Er wehrt sich nicht. “Konnte nicht.”
Ich lasse ihn los, setze mich auf den Boden und vergrabe den Kopf in den Händen. “War ja auch nicht deine Schuld.” Weil es meine Schuld war. “Warum bin ich bei der Apokalypse nicht einfach gestorben? Dann hätten wir den ganzen Scheiß jetzt nicht.”
Ethan, der jetzt genau so da sitzt wie ich, sagt: “Dachte, Irene hätte einen Plan. War kurz davor. So kurz…” Er schüttelt seinen Kopf.
“Vergiss es”, sage ich. Es war nicht fair von mir, das von ihm zu verlangen. Ich will gar nicht wissen, ob ich Irene abknallen könnte, wenn es zu schlimm wird. Ich will auch nicht wissen, ob die Antwort “ja” oder “nein” sein sollte.
Automatisch greife ich nach meinen Kippen, aber sie sind nicht da, weil meine andere Seite sie weggeworfen hat. Ist ja ungesund.
Ungefragt erscheint eine Zigarette vor meiner Nase. Ich nehme sie dankbar aus Ethans Fingern, denn genau das brauche ich jetzt, eine schöne Tasse Tee, aber nicht diesen amerikanischen Mist in Beuteln, sondern einen guten Breakfast Tea mit einem Spritzer Vollmilch.
Tee? Verfickter Tee?! Ich stöhne. Was denn jetzt noch alles? Kriege ich gleich meine Tage? Lieber an was anderes denken. Ich frage: “Scheiße, was machen wir denn jetzt?”
Ethan zuckt mit den Schultern. “Wie immer. Irgendwas.”
Das bringt mich zum Lachen. Jap. Unsere beste Strategie ist “irgendwas”. War sie schon immer.
“Wir müssen sie finden, sofort”, sage ich. “Aber wenn es ihr geht wie mir, will sie ihre Seele bloß nicht wieder haben. Sie wird sich mit allem wehren, was sie hat. Ihr könnt scheißfroh sein, dass ich anscheinend auch ohne Seele Einzelgänger bin. Ich hätte hier locker mit zwei gepanzerten SUVs und zwanzig Mann auftauchen können. Jetzt stell dir mal vor, was jemand mit Irenes Ressourcen alles anstellen kann.” Ich fühle schon wieder Panik in mir aufkommen. Wir haben keine Zeit, verdammt noch mal! “Okay. Okay.” Ich versuche, mich selbst zu beruhigen. “Wir müssen sie suchen. Aber vorsichtig. Es sollten nur die Leute was von der Sache wissen, denen sie gefährlich werden könnte.” Da zähle ich mit Sicherheit drunter. Wenn ich tot bin, ist ihre Seele auch hin. “Genügend Jäger werden sich denken ‘Keine Seele, kein Mensch’ und lieber schießen, das brauchen wir nicht auch noch.”
Ethan nickt und wir sitzen einen Moment lang schweigend herum. Dann sage ich: “Äh… soll ich dir ein Pflaster auf die Schusswunde kleben?”

Nachdem ich meine Fallen wieder entschärft habe, machen wir uns auf die Suche. Wir fragen in der Umgebung nach Irene, aber niemand hat eine blonde Britin oder ihr Auto gesehen. Wir fahren zum Roten Hügel, in der schwachsinnigen Hoffnung, dass sie dort sein könnte, vielleicht um noch etwas mitzunehmen. Aber die Baustelle ist verlassen. Die Glocke an dem fast fertigen Schrein klingelt verloren.
Wir zapfen alle Kontakte an, die uns einfallen. Wir besuchen Luxushotels, in denen sie mal übernachtet hat. Wir versuchen sogar, den nutzlosen Engel zu rufen.
Nichts. War ja klar, dass sie uns das nicht so einfach machen würde.
Wir trennen uns. Ethan muss mal wieder arbeiten und ich meine Truppe wieder holen. Einige von denen haben Kontakte zu echten Militärs und zur Polizei, vielleicht kommt dabei etwas heraus. Ich kann noch mal die Runde machen, zu den weniger vertrauenswürdigen… Personen, die ich schon zu meinem eigenen Problem befragt habe. Irgendwer wird doch Seelen verpflanzen können. Das muss leichter sein, als sie zu heilen.
Dann schnappe ich mir Irene und sie bekommt den Seelenmischmasch reingedrückt. Ob sie will oder nicht.

View
Zimmer 1408
Klaustrophobische Verhältnisse

Klack. Die Tür zu Zimmer Nummer 1408, President’s Hotel, Toronto, fällt ins Schloss. Augenblicklich wird mir unwohl. Noch unwohler. Das war ein Fehler, Barry, denke ich. Warum habe ich noch einen Schritt in den Raum gemacht, statt gleich umzudrehen und das Weite zu suchen? Mir gegenüber steht der große böse Wolf, ein EMR-Gerät in der Hand, seine Brauen schießen kurz nach oben, ziehen sich dann zusammen, während Barry ungerührt das Zimmer betritt. “Fisher.”
“Wenn ihr beide da seid, dann kann ich ja gehen”, haspelt der Wolf eilig und macht ein paar große Schritte an mir vorbei zur Tür. Ich ziehe unwillkürlich die Schultern hoch. Die bekannte Wolke aus kaltem Rauch umgibt ihn. Trotzdem. Oder gerade deswegen. Mein Magen ballt sich zusammen, während ich das Unausweichliche beobachte, die Szenerie vor mir irgendwie surreal und schrecklich langsam, weil ich sie vorausahnen konnte, kaum, dass ich ihn sah. Seine Hand packt den Türknauf, dreht, rüttelt, dreht noch weiter, rüttelt stärker. Keine Chance. Wir sind eingesperrt. Kälte durchläuft meine Blutbahnen. Gefangen.
Meine Phobie gaukelt mir das Gefühl von Felswänden rings um mich herum vor, die gebleckten Zähne, das Kläffen und Knurren. Ich haste in die Mitte dessen, was das Wohnzimmer der altmodischen Suite darstellt, um die Erinnerung abzuschütteln, mir zu beweisen, dass ich nicht eingeengt bin, genug Platz habe, um mich zu verteidigen. Meine Waffe ist geladen, ich bin wehrhaft. Ich bin nur in einem Hotelzimmer, kein Grund zur Beunruhigung. Die beiden Raubtiere hier sind menschliche Jäger, kein Grund zur Panik. Nur nicht direkt ansehen, nicht reizen. Ruhig atmen. Langsam ein, Luft kurz anhalten, langsam aus. Wiederholen.
Während ich das antrainierte Programm abspule, nehme ich die Umgebung in mich auf. Distanzen bis zu den Wänden, Fluchtwege (Fenster), Laufwege (Schlafzimmer, Bad), Deckung (Trennwände mit eingelassenen Regalen, Sofa, Sessel), bis mein Blick wieder bei Cal landet. So wie er mich ansieht, könnte man meinen, dass ich die Schlange bin und er das Kaninchen. Ein Kaninchen, das jetzt eine Pistole zieht, immer noch so alptraumhaft langsam. Meine eigene Hand findet ebenfalls ganz automatisch den Weg zur Browning. Er sieht mehr an mir vorbei als in meine Augen, als er die Waffe am Lauf greift und mir hinhält. Friede? Für den Moment? Eine schwache Geste. Wenn seine Stimmung umschlägt, wird er jede Menge andere Möglichkeiten finden, Barry und mich dem Spuk des Zimmers zu opfern, wenn das die Chance mit sich bringt, dass er sich selbst befreien kann. Vorsichtig schließe ich meine Hand um den Griff, frage mich, ob er mir ansieht, dass ich mir vorstelle, seine eigene Waffe gegen ihn zu richten, halte sie einen Moment zu lang so fest, stecke sie in meinen Hosenbund. Gefährlich, aber ich muss spüren können, dass das Ding bei mir ist. Die Geste wirkt. Ich atme noch einmal tief ein.
Barry beobachtet unser Schauspiel. Dem würde ich das Schießeisen am liebsten auch gleich wegnehmen. Er hatte die Pistole schon gezogen, als ich die Türe aufschloss. Und obwohl ich darauf hinwies, dass wir wahrscheinlich jemanden vom Selbstmord abhalten müssen, denn soviel wussten wir über das Zimmer, in dem sich einer der bekannteren und ziemlich fähigen Jäger umgebracht hatte, senkte er sie lediglich zögernd, statt sie wegzustecken. Er war schon gegenüber dem hilflosen Weibchen an der Rezeption so auf Krawall gebürstet, dass sie ihm den Ersatzschlüssel gegeben hat, nur weil sie von ihm ein paar Sekunden böse angestarrt wurde. Ich hätte eher so lange Geldscheine vor sie hingeblättert, bis ihr klar geworden wäre, dass ich nicht lockerlasse. Und ich habe auch so eine Idee, warum die andere so verheulte Augen hatte. Es war ja nicht Cal, der die Suite angemietet hat, sondern Barry.
Wenigstens fragt er nicht. Das mag ich an der Zusammenarbeit mit Jackson, dass man in seiner Nähe in aller Ruhe ein psychisches Wrack sein kann, ohne mit Fragen oder, schlimmer noch, guten Ratschlägen behelligt zu werden. Trotzdem wünschte ich, Ethan hätte selbst fahren können. Dann wäre jetzt ein bedachter Mensch mit den beiden eingeschlossen. Egoistisch, ich weiß, aber angesichts all des Ballasts zwischen uns und der Unfähigkeit meines Gehirns, seine Arbeit ordentlich zu verrichten, wenn ich weiß, dass ich keinen Ausweg habe, nur vernünftig. Ich muss mich zusammenreißen. Ethan wäre gegenüber Menschen, denen er auf Teufelkommraus vertrauen möchte, zu unvorsichtig. Ich muss da durch. Wahrscheinlich überleben wir diesen Ort nicht. Ich will hier raus. Atmen.

“Irgendein Schicksalsgott kann uns wirklich nicht leiden.”
Cal zuckt mit den Schultern. “Überrascht dich das?”
“Nein. Ich wüsste nur langsam gerne, welcher, oder womit wir das ausgelöst haben.”
Reden. Reden ist gut. Der kurze Austausch löst meine Anspannung soweit, dass ich mich noch einmal genauer umsehen kann, mit Augen für die andere Gefahr. Das Zimmer wurde, dem Stil nach, seit der Eröffnung des Hotels im Jahr 1911 baulich kaum verändert. Bereits eine Woche nach Inbetriebnahme des Ladens ist hier der Erste aus dem Fenster gesprungen. Ein erfolgreicher Geschäftsmann. Kein erkennbarer Grund.
An den Wänden hängen Bilder, wie ich sie von zuhause kenne. Eine Fregatte bei sanftem Wellengang, ein Familienporträt, Jäger hoch zu Ross, die von Hunden umtollt werden. Einige Einrichtungsgegenstände sind neuer. Die festen Installationen altmodischer, als es ein Fünf-Sterne-Haus erlauben sollte.
Mit leicht belegter Stimme informiert uns Cal, dass die EMR-Ausschläge im ganzen Zimmer gleich hoch sind. Es ist definitiv Strahlung vorhanden, aber gleichmäßig verteilt, mehr wie Hintergrundrauschen.

Ein Geräusch aus dem Bad unterbricht ihn. Sein Kopf zuckt zur Tür. Barry und er gehen nachsehen, während ich mir einen Moment gönne, um Salz aus meinem Rucksack zu fischen und einen Kreis zu ziehen, in dem wir uns alle drei niederlassen können, Kriegsrat halten. Aus der geöffneten Badezimmertür dringt Dampf. Einige Sekunden, nachdem die beiden hineingegangen sind, endet das Geräusch laufenden Wassers. Noch während ich die letzten Körner auf den Teppich rieseln lasse, schreitet ein Mann im eleganten grauen Anzug mit verzweifelt-entschlossenem Ausdruck an mir vorbei.
“Hier ist ein Geist”, teile ich den beiden mit. Ich bemühe mich, nicht beunruhigt zu klingen, aber ich bin beunruhigt. Ich bin eingesperrt. Ich will hier raus. Sollen sich andere Leute um das verdammte Zimmer kümmern. Nur die Angst davor, offen Schwäche zu zeigen, hält mich davon ab, an der Tür zu rütteln wie verrückt oder so lange darauf zu schießen, bis nur noch Späne davon übrig sind. Der halbdurchsichtige Anzugträger öffnet das Fenster, atmet tief ein und stürzt sich vor unseren Augen mit einem Seufzer hinaus.

Cal sieht ihm nach, heftet den Blick einen Moment lang auf eine Stelle weit unten und zuckt zusammen, als ihm das Schiebefenster wie eine Guillotine auf die Finger kracht. Mit einem Fluch befreit er seine Hand, hält sie erst einmal fest, atmet zwischen den Zähnen hindurch, untersucht, ob etwas gebrochen ist. Ich weiß, ich sollte helfen, aber ich kann nicht. Meine Beine weigern sich, den Kreis zu verlassen, und über meine Lippen kommt keiner der Sätze, die in meinem Kopf Karussell fahren. Geschieht dir recht. Alles noch heil? Lass mal sehen. Bleib mir vom Leib! Habt Ihr gemerkt, dass da draußen Nacht ist? Es sollte doch Mittag sein.

Angekündigt von einem kurzen elektronischen Knistern, tönt plötzlich Rockmusik aus dem Schlafzimmer. Dort steht ein altmodisches Bett, daneben ein Radiowecker mit roten LED-Zahlen, die gerade auf einen Timer springen 59:59. Das Lied ist irgendeines dieser ikonischen Werke aus den Sechzigern, deren unerträgliche Fröhlichkeit im eklatanten Gegensatz zum Text stehen. Cal reißt den Wecker vom Nachttisch, wirft ihn auf den Boden und macht ihm mit zwei kräftigen Tritten den Garaus. Ich sehe dem Apparat beim Sterben zu, werfe dann einen Blick auf meine eigene Uhr und merke mir die Uhrzeit. Irgendetwas wird in einer Stunde passieren. Und es wäre besser, wir hätten den genauen Zeitpunkt auf dem Radar.
Auf dem Kopfkissen liegen drei Schokoladentäfelchen, die ich vorher sicher nicht dort gesehen habe. Drei. In einem Doppelbettzimmer. Auch meinen Mitgefangenen fallen sie zum ersten Mal auf. Ich will die beiden nicht weiter beunruhigen, erkläre aber auf Nachfrage meine Theorie: “Nahrung.” Alle Opfer der Suite, die sich hier umgebracht haben, taten dies innerhalb der ersten Stunde nach dem Check-In. Wahrscheinlich war es nur für die Außenwelt eine Stunde. “Damit wir nicht verhungern?”

Barry geht zur Mini-Bar und macht eine Bestandsaufnahme vom Inhalt. Echter Champagner, akzeptabler Sekt, Whiskey, Gin, Wodka, mehrere Sorten Bier, französisches Wasser, Bitter Lemon, Cola, Orangensaft. “Immerhin können wir uns besaufen.” Ich bin mir nicht sicher, ob er versucht, zu scherzen. Ein bisschen Angst mit Alkohol wegspülen kommt mir gar nicht so verkehrt vor, doch Cal schüttelt den Kopf. “Normalerweise jederzeit, aber jetzt möchte ich erstmal nichts zu mir nehmen, was dieses Zimmer anbietet.”
Verdammt, er hat recht. Hat er kurz gezögert, als er die Erklärung ablieferte? Saufen ist auch nicht gut für ihn. Er sagte, es gibt nur noch gut für ihn. Ist es schon umgeschlagen? Vorsichtig mustere ich ihn von der Seite. Wenn er sich wenigstens eine Kippe anstecken würde, dann wüsste ich, mit welchem Cal wir es gerade zu tun haben. Rücksicht oder Egoismus? Das Gesicht, das er zieht, drückt mehr Sorge als Kalkül aus. Ich hoffe, dass wir noch möglichst lange von der anderen Seite verschont bleiben. Bedeutet diese Hoffnung, dass ich mich schon mit dem Gedanken an einen längeren Aufenthalt abfinde? Nein, nein, so nicht. Nicht mit mir. Ich lasse mich nicht einsperren.

Wir müssen etwas tun. Die Quelle der Anomalie muss hier drin sein. Sie muss einfach. Wenn uns etwas von außen eingeschlossen hat, haben wir keine Chance. Den Gedanken weise ich weit von mir. Schlage vor, dass wir jeden Gegenstand hier drin einzeln verbrennen, bis wir den gefunden haben, an dem der Fluch, oder was auch immer, hängt. Barry legt gerade den Telefonhörer beiseite, nickt. Er hat versucht, den Zimmerservice zu rufen. Man kann ja träumen. Dann zückt er sein Mobiltelefon und tippt eine kurze Nachricht, starrt noch kurz mit gerunzelter Stirn aufs Display, ehe er es wieder wegsteckt.

Während wir suchen, sticht uns ins Auge, dass sich die Bilder verändert haben. Die Stirnen der Familienmitglieder zieren Zornesfalten, ihre Münder sind schmal zusammengepresst, das Schiff liegt schräg auf einer Welle der deutlich rauer gewordenen See. Die Hunde auf dem Jagdbild schnappen nacheinander und nach den Beinen der Pferde. Und, mein Herz setzt einen Schlag aus, der Hotelplan zeigt keine anderen Zimmer mehr als unseres. Ruhe bewahren. Atmen.

Ist hier ein ähnlicher Dämon am Werk wie der grauenvolle Weihnachtsengel? Vielleicht. Barry spricht den Gedanken laut aus. Ich nicke. Cal fragt, wovon wir reden, und bekommt von mir einen Minimalbericht über die Ereignisse, die mir inzwischen so weit weg erscheinen. Einen Weltuntergang weit weg. Ein Dämon oder Racheengel, was genau es war, macht keinen Unterschied, der uns in eine eigene höllische Dimension zog und versuchte, uns dort solange mit unseren Schuldgefühlen zu konfrontieren, bis wir aufgaben. Diejenigen, die aufgegeben hatten, waren bei der letzten Konfrontation mit ihrer Schuld gestorben. Die unangenehmen Details erspare ich uns. Er weiß wahrscheinlich sowieso, womit ich mich dort herumgeschlagen habe. War oft genug unser Thema.
Immerhin, meint Barry, würde das Zimmer uns noch keine falschen Gefühle einpflanzen, oder? Ich kann nicht anders, ich muss auflachen. Es klingt etwas schrill. Als wenn das nötig wäre! Er braucht uns doch nur anzusehen. Offensichtlich dringt die Erkenntnis bei ihm auch langsam durch, denn er legt die Stirn in Falten und zieht die Schultern etwas weiter hoch.

Der einhändige Jäger erzählt, er sei einmal in einem Gefängnis für Geister gewesen. Damals hätte einfach ein Schutzsymbol diese festgehalten. Vielleicht sollten wir einmal unter dem Teppichboden nachsehen, ob es so simpel ist. Oder unter der Tapete.
Bevor wir überhaupt anfangen können, den Raum ernsthaft zu verwüsten, taucht eine weibliche Gestalt in der typischen Mode der Fünfziger auf. Auch sie bewegt sich auf das Fenster zu. Jackson scheint sie entweder aufhalten zu wollen, oder er möchte mit ihr sprechen, genau wird es mir nicht klar, denn es geht zu schnell. Sie nimmt ihn überhaupt nicht wahr, kommt nicht einmal ins Stocken, als sie durch ihn hindurchläuft. Er krümmt sich und stößt eine weiße Atemwolke aus. Scheußliches Gefühl, ich kenne das. Auch die Frau springt in den Tod. Nur diesmal, sagt der Privatdetektiv, der ihr nachspäht, liegt unten keine Leiche. Ich bilde mir ein, der Ausblick sei vorhin weiter gewesen. Bis zu Häusern auf der anderen Straßenseite. Vielleicht ist es auch nur die Dunkelheit, gepaart mit meiner Klaustrophobie.

Ich sehe auf die Uhr. Wir sind erst eine halbe Stunde da und haben bereits zwei Selbstmorde beobachtet. Wenn auch nur ein Drittel der Leute zu Geistern geworden ist, haben wir noch einige vor uns. Weiter jetzt mit dem Vandalismus, ehe ich genauer darüber nachdenken kann, wie lange wir noch hierbleiben müssen. Wir könnten schneller vorankommen, wenn ich mich überwinden würde, eines meiner Bowiemesser an Cal abzugeben, der mit einem halb so großen Taschenmesser arbeitet, das die Kunstfasern schnell stumpf werden lassen. Doch er dreht mir den Rücken zu. Gut. So ist es mir auch lieber. Unter dem Teppich finden sich keine Ritualkreise.
Als ich gerade den letzten Streifen Bodenbelag fallen lasse und mir beim Aufsehen den Schweiß aus der Stirn wische, tut sich vor mir nicht das Schlafzimmer auf, sondern der Garten von Winslow Manor. Mein Vater sitzt auf der Terrasse, im Rollstuhl, mit leerem Blick, seine Wangen sind noch voller als jetzt. Mutter zieht ihn in den Schatten. Ich kann mich nicht an den genauen Tag erinnern. Das war kurz bevor ich Großbritannien verlassen habe, um mich von ebendiesen frustrierenden Nachmittagen abzulenken, an denen wir uns gegenseitig versichert haben, dass uns zwar gerade die Ideen ausgegangen sind, aber uns bestimmt bald etwas einfällt, um Vaters Zustand zu verbessern, was wir mit unserem und seinem Gewissen vereinbaren können. Gleich kommt Ian dazu und verdirbt allen noch mehr die Laune. Ja, da ist er schon, und sein verächtlicher Blick trifft eine jüngere Irene. Eine, die noch nichts davon weiß, dass sie nicht davonlaufen kann, um Seelenfrieden zu finden, sondern dass es ein paar Jahre später erst richtig losgeht… Ich wende mich ab.
Keine Lust, Fragen der beiden Männer zu provozieren, mich zu erklären. Mein halb zu Boden gerichteter Blick streift Cals Hände, die sich eben zu Fäusten ballen. Es ist besser, wenn ich mich nicht noch einmal umdrehe, um zu sehen, was ihm die Erscheinung über mich verrät. Warum hat das Zimmer genau diesen Tag herausgepickt? Es muss der Moment gewesen sein, wo ich entschieden habe, England zu entfliehen. Es macht sich über mich lustig. Du kannst nicht davonlaufen, will es mir sagen. Wir werden sehen. Ich lasse mich nicht einsperren.

Einsperren. Zusperren. Abschließen. Meine Augen bleiben an einem Knauf hängen. Er gehört zu einer Tür, einer schmalen Tür im Durchgang zum Schlafzimmer. Nicht die Schlafzimmertür, sondern eine Art Schranktür in der schmalen Seite der Wand. Einer Wand, die breit genug gebaut ist, dass ein ganzer Mensch hineinpassen könnte. Die Breite und Bauart hat mich schon die ganze Zeit irritiert, ich konnte nur den Finger nicht darauf legen, warum mir die Optik des Durchgangs aufstößt. Mit einem Schnauben fasse ich den Türknauf und zerre heftig daran. Nichts rührt sich. Ich ziehe das Messer und hebele an den schwächsten Stellen oberhalb und unterhalb des Schlosses herum. Keine Regung, kein Splittern. Das war zu erwarten. Aber es bringt mich genug auf, um meine Wut an der Tür auszulassen. Dahinter muss etwas sein. Und wenn ich es in die Finger bekomme… Die Spiegelscheibe der Tür zerbirst unter meinem Faustschlag, und Blut spritzt in alle Richtungen. Ich habe einen tiefen Schnitt in der Hand. Nur die Tür zeigt sich unbeeindruckt. Trotz des gesprungenen Glases sitzt sie fest, als wäre sie nur eine aufgemalte Attrappe. Mein Blut tropft auf den Boden. Ich gehe mit meinem Verbandszeug ins Bad, bevor ich etwas noch Dümmeres tue.

Der Anblick erwischt mich kalt. An die Badewanne gelehnt sitzt die Leiche eines Mannes, eine Pistole unter den erschlafften Fingern. Von seinem Kopf ist nicht mehr viel übrig. Auf dem Duschvorhang kleben rote Spritzer und Schlieren. Ich ziehe scharf die Luft ein und trete den Rückzug an, pralle gegen Cal, der mir gefolgt ist, schrecke noch mehr zusammen, entschuldige mich automatisch. Wofür eigentlich? Ich habe ihn nur angerempelt. Doch, dafür. Für meine Panik, dafür, dass ich nicht weiß, wie ich mit seiner Anwesenheit umgehen soll, für alles, was passiert ist. Für alles.
Als ich mich umdrehe, ist der Tote nicht mehr da. Hat Cal ihn gesehen? Oder muss er jetzt glauben, dass ich langsam durchdrehe?
Er streicht kurz über meinen Arm, zieht die Finger sofort wieder weg. Alle Härchen an meinem Körper stellen sich auf.
“Soll ich helfen?”
Ich möchte nichts lieber, als meinen Kopf gegen seine Schulter sinken lassen. Mein Instinkt schreit, lauf weg. Wenn ich das zulasse, geht es mir wie mit der Höhlensache. Konfrontationstherapie ist nötig.
“Ja.”
Gefasst trete ich zurück ins Badezimmer, halte meine Hand umklammert, während er anfängt, mit einer Pinzette kleine Glasstücke zu entfernen. Konzentriere mich nur auf die Wunde, gebe hin und wieder einen sachlichen Kommentar ab, wenn er mehr Desinfektionsmittel verwenden soll, die Bandage zu fest wickelt oder zu locker, kämpfe gegen den Drang an, ihm meine Hand zu entziehen. Ich weiß nicht, ob er es spürt, ob er versucht, meinen Blick zu erhaschen. Ich sehe starr auf den Verband und seine Hände, die meine ein paar Augenblicke zu lang umschließen, nachdem alles sitzt und sicher verklebt ist. Locker nur, so dass ich sie jederzeit wegziehen könnte, was ich unterlasse. Therapie. Ich kann ihm nicht helfen, wenn ich Angst vor ihm habe. Und so vertreibe ich meinen Fluchtinstinkt in den hintersten Winkel meines Bewusstseins, wo er hingehört.
Trotzdem kann ich ihm nicht in die Augen sehen. Es gibt nichts, was ich sagen könnte, denn sowohl das eine als auch das andere würde die jeweils falsche Seite mithören. Also presse ich die Lippen fest aufeinander.
Draußen rüttelt Barry geräuschvoll an der Spiegeltür herum.
Der Moment ist vorbei. Abrupt erhebt er sich aus der Hocke und geht zurück ins Wohnzimmer. Ich folge.

Wir stehen vor der Wand und überlegen, was wir damit anstellen können. Irgendetwas muss da drin sein. Barry kratzt mit seinem Haken an der Tapete herum und reißt ein Stück ab. Dahinter erscheint löchriges Mauerwerk. Und aus den Löchern sickert Blut.
Gut. Wenn es bluten kann, kann man es töten. Ich trete mehrfach gegen die freigelegte Stelle, greife mit den bloßen Fingern der gesunden Hand in eins der Löcher und ziehe einen lockeren Ziegel heraus. Und wie es bluten kann! Der Strahl schießt mir so schnell ins Gesicht, dass ich gerade noch den Mund zuklappen kann und ansonsten voll davon erwischt werde. Hinter mir geben die Männer Unmutslaute von sich. Auch sie kriegen die Dusche ab. Das Blut versiegt, pulst erneut, versiegt, doch etwas habe ich im wahrsten Sinne losgetreten. Die Klimaanlage jault auf und schickt uns einen Schwall warmer Luft entgegen, der heißer und heißer wird. Cal geht zum Fenster, öffnet es und schließt es wieder. Hinter der Scheibe sehe ich nur noch tiefste Schwärze.
Zynisch kommentiert er: “Langsam wird es ungemütlich hier. Da sollten wir jetzt wirklich nicht mehr rausklettern.” Ich schließe mich der Einschätzung an.

Das Blut, das immer noch in trägen Schüben an der Wand herunterläuft wird klumpiger. Bei meinem nächsten Rundumblick ist das Fenster zugemauert. Auf den Bildern befindet sich das Schiff jetzt in einem schweren Sturm, die Familie ist im Begriff sich zu attackieren, und die Jagdgesellschaft zerfetzt sich bereits gegenseitig.
Darauf aufmerksam gemacht, krächzt Barry: “Wir bringen uns jetzt bitte nicht gegenseitig um.”
Cal knurrt leise: “Eher bringe ich mich selbst um.”
“Das tust du nicht!”
Es wird mir erst bewusst, nachdem es heraus ist. Ich habe nicht nur dieselben Worte benutzt wie er in Wyoming, sondern auch den exakt selben Tonfall.
Er antwortet nicht. Richtet nur den Blick ins Wohnzimmer, sinnierend, als müsse er über meinen Einwand erst nachdenken. Schüttelt dann langsam den Kopf.

Ich halte das nicht aus. Frustriert packe ich mir die Stehlampe vom Tisch neben dem Fenster und prügle damit auf die Mauer ein. Die Wandlampe gibt nach, kracht herunter, stößt eine Vase um, aus der Kakerlaken über meine Füße laufen. Es knirscht unter meinen Stiefeln. Erinnerungen überfluten mich, an meinen Vater, den Autounfall, wie ich davon hörte, wie mir der Mut abhanden kam, als ich meinen Helden an Schläuche und piepsende Geräte angeschlossen daliegen sah, als wollte er nie mehr aufwachen. Ich werde gegen Ian verlieren, weil mir der Mut fehlt. Alles werde ich verlieren, weil mir der Mut fehlt. Vielleicht sollte ich doch das Messer nehmen? Wie die Frau auf dem Bett? Ihre durchgeschnittene Kehle erinnert mich an deVries… Mexiko. Ich habe geschworen, es nicht noch einmal soweit kommen zu lassen, dass jemand meinetwegen seine Seele verliert. Tot bin ich niemandem eine Hilfe. Ich muss leben. Ich muss einen Weg finden, eine Seele zu retten. Ich muss hier heraus.
Schlag um Schlag vertreibe ich die aufgezwungenen Gedanken und Gefühle.
Die Leiche verschwindet.
An ihrer Statt sehe ich nun plötzlich Barry liegen, eine leere Packung Schlaftabletten und eine halbe Flasche Whisky neben sich. Er liegt ganz ruhig.
“Scheiße!”
Cal wirft ihn vom Bett und macht sich sofort an die Herzmassage, während ich ins Bad rase und eine Handvoll Salz mit Wasser mische, die ich ihm einflöße. Ausgerechnet Barry. Was für ein Idiot! Gerade er müsste doch von uns den größten Überlebensinstinkt haben. Er muss zurückkommen. Was soll ich seiner Frau erzählen, die mich umbringen wird, wenn wir ohne ihn aus dem Hotel kommen? Seinen Kindern? Artie? Oh, bitte Barry, mach keinen Scheiß!
Mit einem Husten kommt er zu sich, würgt und erbricht sich mehrfach heftig. Blass und zittrig, aber eindeutig am Leben, stützt er sich auf den Ellbogen. Ich habe noch nie jemanden an Schlafmittel sterben sehen, aber ich bin mir einigermaßen sicher, dass man die Leute normalerweise nicht so schnell wieder hinbekommt. Die Relikte des Selbstmordversuchs sind verschwunden. Das Ding in der Wand wollte ihn mit dem puren Placeboeffekt ins Jenseits befördern. Der Schock sitzt dennoch tief genug bei mir. Ich muss ihn einfach anschreien.
“Bist du total bescheuert???”
“Hast du das noch nicht gewusst?”
“Du hast sie ja wirklich nicht mehr alle. Mach das nicht nochmal!”

Ein Flackern in der Luft unterbricht uns. Neben uns plärrt wieder der Wecker los. Verdammt, wir haben die Zeit vergessen. Ich könnte mich ohrfeigen. Alle Schäden, die wir angerichtet haben, sind verschwunden. Nur Jacksons Mageninhalt und mein Blut im Durchgang haben sich nicht aufgelöst. Die Bilder sind wieder so friedlich wie am Anfang. Draußen vor dem Fenster sehen wir eine friedliche nächtliche Stadtkulisse. Barry fragt, ob nicht jemand den Wecker erschießen will. Cal zertrampelt das Ding aufs Neue.

Die Vermutung mit der Zeitschleife ist nun vollends bestätigt. Was bringt uns das?
“Vielleicht müssen wir die Tür eine ganze Stunde lang bearbeiten oder zur richtigen Zeit versuchen, durchzukommen? Genau dann, wenn der Wecker auf Null steht?”
Soviel Geduld bringt Cal nicht auf. Er holt eine Whiskeyflasche voll klarer Flüssigkeit hervor und sprüht etwas davon auf die Tür. Es zischelt.
Ausgezeichnet. Ich krame eine Spritze hervor, ziehe etwas von dem Weihwasser darin auf und stochere damit im Schloss herum. Zuerst tut sich gar nichts, dann gibt etwas nach, und Dampf kommt aus der Öffnung. Ich drücke noch etwas mehr Weihwasser an die Stelle. Der Knauf bewegt sich. Ich reiße die Tür auf.

Hinter dem geborstenen Spiegel liegt tiefste bodenlose, allumfassende Dunkelheit. Eine greifbare Schwärze wie die der Nephilimtore, die nach mir ruft und an mir zerrt. Ich falle, falle in die Erinnerung. Vor mir formt sich wieder Winslow Manor aus dem Dunkel. Eine Konstante alter Jägertradition, die weitergeführt werden sollte von einer starken Hand, die kein Zögern und keine Verzagtheit kennt. Nicht von meiner. Von Ians Hand. Er hebt den Kopf und sieht mir mit erwartungsvoller Überheblichkeit direkt ins Herz. Seine Mundwinkel verziehen sich. Der vorwurfsvolle Blick meiner Mutter sagt, los, verschwinde schon! Und der Kopf meines Vaters rollt kraftlos zur Seite. Doch vielleicht hat mir einmal zu oft ein boshaftes Wesen die immergleichen Bilder vorgegaukelt. Vielleicht bin ich es auch inzwischen so gewohnt, Widerstand zu leisten gegen die Hoffnungslosigkeit. Ich bin in erster Linie Jägerin, nicht Erbin. Es ist mir schon lange egal, wer am Ende die größte Trophäe anschleppt. Es ist meine Verantwortung, Übel wie diese Schwärze zu bekämpfen. Bevor ich wirklich in die Tiefe kippe, fange ich mich am Türrahmen ab.
Der Knall eines Schusses lässt meine Ohren dröhnen. Das Zimmer zuckt zusammen, verschwimmt kurz. Eine Welle läuft unter meinen Sohlen hindurch. Von brüllend heiß wechselt die Temperatur augenblicklich zu solch arktischer Kälte, dass unsere Gesichter von klirrenden Atemwolken verhüllt werden. Als ich mich umblicke, verändern sich die Szenerien der Bilder im Zeitraffer. Cal schleudert das restliche Weihwasser in die Schwärze. Der Sturm aus dem Bild greift auf den Raum über und tränkt uns mit eisiger Gischt.
Ich stoße die Nadel in die Schwärze, taste, fühle etwas Nachgiebiges, ein Herz, ramme die Spritze mit dem Rest Weihwasser hinein. Es pulsiert wild, aber nicht mehr im einheitlichen Rhythmus. Raureif bildet sich auf meinen Armen. Aus den Gemälden stürmen Gestalten. Vom Seefahrerbild ergießt sich eine Flut von Meerwasser in den Raum.
Barry spricht ganz nah an meinem Ohr: “Ich hab dich gesehen” und schießt in das Herz.
Ein regelrechtes Erdbeben erschüttert das Zimmer. Die Bilder fallen von der Wand, deren Insassen erreichen uns nicht mehr mit ihren Klauen und Zähnen, sie versinken im Meer um uns herum, das sich zurückzieht wie eine Tsunamiwelle nach getanem Zerstörungswerk, die Angreifer zurückschwemmt in ihre Bilder.
Barry schießt noch ein paar Mal in die Kammer. Aus Reflex zähle ich mit. Sieben.

Cal öffnet die Tür nach draußen. Sie geht auf. Noch nie war ich so dankbar, dass mir jemand eine Tür aufgehalten hat. Während ich hinausstürze und mich an der gegenüberliegenden Wand abstütze, dringt leise an mein Bewusstsein, dass durch das Fenster wieder Sonne scheint. Ganz normale Verkehrsgeräusche finden ihren Weg zu uns. Das Zimmer ist immer noch verwüstet. Es gibt keine Anzeichen mehr vom Wassereinbruch und dem übernatürlichen Blut des dunklen Herzens, doch die Spuren, die wir selbst verursacht haben, und die des Erdbebens sind noch da. In der Kammer ist ein herzförmiges Loch in der Wand, sonst nichts, sagen die zwei, als sie nachkommen. Man sollte es vorsichtshalber verschließen, meint Barry. Cal streut noch Salz hinein, ehe wir uns auf den Weg nach unten machen. Ich will es gar nicht sehen. Mich bekommen keine sieben Pferde mehr in diesen Raum. Ich stehe im Flur und fahre mir mit beiden Händen durch die Haare, beobachte die entspannten Gesichter der wenigen Hotelgäste hier oben, die offensichtlich keine Schüsse gehört haben. Barry fragt, ob alles in Ordnung ist, muss sich mit einem knappen, halbwahren “Ja.” begnügen, sieht auf sein Mobiltelefon, atmet hörbar aus, entspannt sich sichtlich.

“Sollen wir weg?”
Barry hat das Zimmer gemietet. Er kann sich schlecht herausreden, wenn der Zustand des Zimmers dem Personal auffällt. Lakonisch meint er, er könnte das Chaos mit seiner emotionalen Schriftstellernatur erklären. Ich weiß schon wieder nicht, ob er das ernst meint.

An der Rezeption ist die Aufregung groß. Für die Leute vom Hotel sind nur zwanzig Minuten vergangen. Ich lache sie aus. Narren.
Barry macht ihnen weis, das Zimmer sei schon verwüstet gewesen, als wir hineingekommen wären.
“Was? Aber… die Zimmermädchen gehen doch auch rein, und da war alles ganz ordentlich.”
“Sie gehen da rein und kommen wieder raus?”
“Einmal die Woche, nur im Team.”
Ich nicke verstehend. “Lassen Sie mich raten, einer hält immer die Tür auf?”
So ist es.

Der Manager will mit uns sprechen, da man uns schon so gut wie tot glaubte, nachdem wir das verfluchte Zimmer betreten haben. Er wirkt extrem erleichtert, dass wir wieder draußen und wohlauf sind. Damit hat er nicht gerechnet. Sieht auch aus, als sei er in den letzten zwanzig Minuten tausend Tode gestorben, weil es ihm nicht gelungen ist, uns aufzuhalten.
Er bietet uns Getränke an, würde gern noch einmal mit uns hochgehen, aber ich hebe sofort abwehrend die Hände. Keiner von uns hat ein Bedürfnis, auch nur das Stockwerk erneut zu betreten.
Barry weist ihn an, ihm eine Rechnung über Miete und Reparaturen zu schicken. Ich erkläre mich bereit, mich an den Kosten zu beteiligen, wenn es nötig wird.
Der Hotelier kann es immer noch nicht fassen. Er stammelt, es habe noch nie jemand länger als eine Stunde in dem Zimmer überlebt. Barry macht ihm Vorwürfe, dass er das Zimmer trotzdem vermietet, auch wenn er wüsste, dass es Leute umgebracht hat, muss sich im Gegenzug sagen lassen, dass er, der lange genug mit Paragraphen um sich geworfen hat, der Erste seit dreißig Jahren sei, dem man es nicht hätte abschlagen können. Das Zimmer sei böse, davon sei er überzeugt.
Ich habe keine Lust mehr auf die kleinliche Streiterei. Ich will an die frische Luft. “Vielleicht war das Zimmer böse, aber jetzt ist es tot.”
Meiner Meinung nach können sie es jetzt wieder vermieten, Cal verzieht zweifelnd das Gesicht, als ich das sage. Ob sie sich das getrauen, ist die andere Frage.

Als wir endlich draußen sind, schlägt Barry Kaffee vor. Ich sage zu, ehe mir aufgeht, dass er damit meint, ob wir uns gemeinsam irgendwo hinsetzen und miteinander sprechen wollen. Das wird jetzt bestimmt interessant.

Hauptsächlich reden er und Cal. Wir sollten das im Auge behalten, findet Barry. Nicht, dass dieses Herz eine Art Haustier des Managers war. Ich bin mir zwar sicher, dass das Ding tot ist und tot bleibt, und selbst wenn der Hotelier der brillante Lügner war, für den ihn Jackson halten will, dass er dann so schnell kein zweites Spielzeug dieser Art herbeischaffen wird, aber wenn der Detektiv unbedingt paranoid sein will, dann soll er eben. Mich drückt der nachlassende Adrenalinpegel in die Kissen. Recht viel mehr als ein paar desinteressierte “Hmms” sind von mir nicht zu erwarten.
Nach und nach versandet auch das Gespräch zwischen den beiden Männern. Und als wir uns lange genug angeschwiegen haben, genügt es, dass ich meinen Geldbeutel ziehe, um sie auch zum Aufbruch zu bewegen.

Auf dem Parkplatz räuspert sich Cal ein paarmal, sagt dann, “Irene.”
Ich bleibe stehen. Hier draußen gelingt es mir, ihm in die Augen zu sehen. Dafür fällt es ihm schwer.
“Was ich da in der Hütte gemacht habe, es tut mir leid. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass das nicht ich selbst war. Aber das wäre gelogen.” Er atmet durch. “Also, falls wir uns nicht mehr sehen, weißt du das jetzt.”
Ich verdaue noch die unerwartete Entschuldigung, da dreht er sich schon um und haut ab. Keine Ahnung, was ich damit jetzt anfangen soll.
“Mir auch,” murmele ich.

Ich stehe noch herum wie bestellt und nicht abgeholt, frage mich, ob Cal jetzt irgendwie erwartet, dass ich ihm hinterherlaufe, oder ob er wirklich glaubt, dass das Schicksal uns einmal Luft holen lässt, bevor es uns wieder aufeinanderwirft, da kommt auch noch Barry, erzählt irgendetwas davon, dass er meint, wir könnten nicht mehr miteinander reden. Ich muss ihn anstarren wie ein Mondkalb. Was will er denn jetzt mit seinen Luxusproblemen? Ich kehre die Handflächen nach außen.
“Was soll ich darauf jetzt sagen?” Offenbar weiß er das auch nicht. “Das tut mir auch leid?”
Vielleicht war das jetzt wieder das Falsche, vielleicht gibt es keine richtige Antwort. Jedenfalls dreht auch er sich weg und schleicht davon. Und weil ich nicht einmal weiß, ob ich hysterisch lachen oder weinen möchte, tue ich es ihm nach einem vorwurfsvollen Blick in den Himmel gleich.

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Herz der Finsternis
aus Barrys Tagebuch

Dan Salinger war tot. Selbstmord, angeblich. Tam hatte den alten Jäger gekannt. War felsenfest überzeugt, dass er sich nicht umgebracht hatte. Irgendwas hatte ihn dazu gezwungen, oder er war vergiftet worden, oder verflucht.
Eigentlich wollte sie gehen, um das zu untersuchen. „Keine Chance“, sagte ich. „Du hast noch nicht ein Stück von deinem Kram gepackt, und wir ziehen in zwei Wochen um. Ich kümmere mich darum.“ Das passte ihr nicht, aber sie wollte auch nicht, dass ich für sie packe. Entscheidungen, Entscheidungen.
Ich rief Ethan an. Erzählte ihm von Salingers Tod. Dass er in Toronto ein Hotelzimmer untersucht hatte. Dort waren in den letzten neunzig Jahren über fünfzig Leute gestorben, alle im gleichen Raum. Der alte Jäger vermutlich auch. Hm, machte Ethan, er hatte keine Zeit, aber er wollte Irene anrufen. Ein paar Stunden später hatte ich eine Mail mit Ankunftsdaten. Okay.
Rief im President Hotel an. Wollte Zimmer 1408 mieten. Kein anderes. Genau dieses. „Das steht gerade nicht zur Verfügung“, erklärte mir eine freundliche Stimme. Tat es nicht? Aha. Erklärte der Stimme unmissverständlich, dass ich schon gebucht hatte, dass in ihren Geschäftsbedingungen etwas von „freier Zimmerwahl“ stand und dass ich nun mal eben dieses Zimmer wollte. Warf ihnen ein paar Verbraucherschutzparagraphen um die Ohren. Die galten zwar für Illinois und nicht für Ontario, aber die Stimme hatte weniger Ahnung von Gesetzen als ich, also bekam ich das Zimmer.
Flog am nächsten Morgen los. Irene treffen. Hatte schon länger keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt.
Kam mittags in Toronto an. President Hotel. Fünf Sterne, schicke Lobby. Heulendes Mädchen an der Rezeption, eine andere Empfangskraft redete auf sie ein. Ging ja gut los.
Irene tauchte mit ein paar Pappbechern Kaffee auf. Ich nickte ihr zu, nahm einen. Kein längeres Gerede. Ich ging zur Rezeption, wollte meinen Schlüssel. Die nicht-heulende Angestellte erklärte mir, es täte ihr furchtbar leid, aber da wäre jemand gekommen und hätte ihrer Kollegin den Schlüssel abgenommen.
Das war ein Fünf-Sterne-Hotel. Hatten die keine Security? Ich war noch genervt vom Flug und wollte Irene wohl irgendwie beweisen, dass ich alles im Griff hatte, also starrte ich die junge Frau durchdringend an. Ersatzschlüssel, verlangte ich. Sie stotterte etwas vom Manager, wollte ich nicht vielleicht mit dem… Nein. Ich wollte den Ersatzschlüssel. Mit zitternden Fingern rückte sie ihn heraus, heulte jetzt fast selbst. Ich nahm ihr den Schlüssel ab, während sie weiter stammelte, und ging zurück zu Irene.
„Problem“, sagte ich. „Da ist jemand vor uns ins Zimmer gegangen.“ Sie zuckte die Schultern. Wusste nicht, wer das hätte sein können.
Also keine Zeit für Recherche oder Nachforschungen. Wir fuhren direkt nach oben, in den 14. Stock (eigentlich war es der 13., aber irgendjemand war abergläubisch). Oben erst mal nichts zu sehen, ein normaler Gang. 1408 war ganz am Ende und hatte als einziges eine Tür, die man mit einem echten Schlüssel statt mit einer Karte öffnen konnte. Ich gab den Schlüssel Irene, zog meine Waffe. Sie hob nur eine Augenbraue. Meinte, es wäre wohl wahrscheinlicher, dass wir jemanden vom Selbstmord abhalten mussten. Ich war nicht überzeugt, aber ich senkte die Waffe. Sie schloss auf, wir betraten den Raum.
Drinnen war Cal Fisher gerade damit beschäftigt, mit einem EMR-Gerät nach Geistern zu suchen. Er fuhr herum, als wir hereinkamen, und vielleicht bildete ich mir das ein, aber ich meinte, kurz zu sehen, wie seine Hand in Richtung Waffe zuckte. Aber er erkannte Irene. Richtete sich auf. Bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck. Sagte: „Wenn ihr hier seid, kann ich ja gehen.“ Ging zur Tür. Rüttelte am Türknauf. Bekam sie nicht auf. Er machte das noch einmal mit mehr Nachdruck, aber nein. Wir waren eingeschlossen. Großartig.
Irene lief zügig in die Mitte des Raums und blieb stehen. Sah aus, als müsste sie gegen irgendetwas ankämpfen. Erinnerungen? Fluchtinstinkt? Keine Ahnung. Vielleicht wollte sie sich auch nur einen Überblick verschaffen.
Ich schloss kurz die Augen. Lauschte in das Zimmer. Stimmengewirr, alle verzweifelt, hoffnungslos. „Es ist zwecklos.“ „Ich komme nie hier raus.“ „Warum hört das nicht auf?“ Kamen von überall, keine stärker als die andere.
Als ich mich wieder umsah, hatte Fisher gerade seine Pistole gezogen und reichte sie Irene. Die nahm sie ihm vorsichtig ab und steckte sie in ihren Hosenbund. „Irgendein Schicksalsgott kann uns nicht leiden“, sagte sie. Vermutlich nur zu ihm. Hatte den Eindruck, dass die beiden einen Haufen Ballast, eine Menge Erinnerungen mit sich herumschleppten, so vorsichtig, wie sie miteinander umgingen. Keine Spekulationen, Jackson. Was auch immer da zwischen Irene und Fisher war, es sah nicht aus, als wäre es einfach. Für keinen von beiden.
Statt den beiden weiter zuzusehen, verschaffte ich mir einen kurzen Überblick über unser Gefängnis. Zimmer 1408 war eine Suite mit Wohn- und Schlafraum, einem Bad und einer Küchenzeile. Alles sauber und gepflegt, aber technisch nicht auf dem neuesten Stand. Mehrere Bilder an den Wänden: Ein Schiff auf See und ein Familienportrait im Wohnzimmer, eine Jagdszene im Schlafzimmer. Teppich auf dem Boden, Tapete an der Wand.
Als nächstes holte ich mein Handy raus. Hatte Empfang. Fing an, im Internet nachzuforschen. Wünschte mir kurz Natalie her, aber nein, die musste wirklich nicht mit uns eingesperrt sein. War aber auch nicht so schwierig: Das Hotel wurde 1911 gebaut. Eine Woche nach der Eröffnung sprang ein erfolgreicher Fabrikant aus einem Fenster im 14. Stock.
Hatte den anderen beiden gerade davon erzählt, als aus dem Bad ein Geräusch kam. Irene blieb in der Mitte des Raums, Fisher und ich gingen nachsehen. Keine Dusche, nur eine große alte Badewanne. Der Wasserhahn lief, Handtücher lagen unordentlich auf dem Boden. Das war vorher nicht so gewesen, aber die Stimmen der Geister hatten sich nicht verändert. Ich griff nach dem Wasserhahn, um ihn zuzudrehen, und verbrannte mir fast die Finger. Fisher gab mir kommentarlos ein Handtuch, mit dem ich das heiße Metall anfassen konnte.
Kaum hörte das Wasser auf zu fließen, als Irene aus dem Wohnzimmer rief: „Hier ist ein Geist!“ Wieder rüber. Irene stand sicher in einem Salzkreis. Ein gutgekleideter Mann Mitte Vierzig lief an ihr vorbei. War ein bisschen durchsichtig. Ging zum Fenster, schob es nach oben und stürzte sich hinaus. Ich hörte einen Schrei und die Worte „so lange, schon so lange“.
Fisher folgte ihm, sah nach draußen. Normale nächtliche Szenerie, Licht in den anderen Häusern, Autos auf den Straßen – allerdings war es gerade noch Vormittag gewesen. Während er da stand und beobachtete, krachte das Fenster nach unten und traf seine Hand. Nichts gebrochen, nur eine Quetschung, aber vielleicht sollten wir lieber nicht hinausklettern. War vermutlich ohnehin sinnlos.

„There must be some way out of here, said the joker to the thief…“

Aus dem Schlafzimmer ertönte Musik. Dünner, blecherner Klang. Ein Radio aus den 90ern, das Musik aus den 60ern spielte. Gerade als wir in den Raum kamen, sprangen die rot leuchtenden Zahlen auf 59:59 und fingen an, die Sekunden herunter zu zählen. Fisher riss das Gerät aus der Wand, trampelte darauf herum. Die zerstörten Zahlen blinkten weiter, aber die Musik hörte auf. Gut. Die Stimmung war schon angespannt genug.
Auf dem Kopfkissen lagen drei Schokotäfelchen. Generische Hotelschokolade, aber die waren vorher noch nicht da. Irene hatte eine beunruhigende Vermutung. Wollte sie erst nicht erzählen, aber dann: „Was ist, wenn das Nahrung ist? Damit wir nicht verhungern?“
Ich überprüfte daraufhin den Kühlschrank. Nichts zu essen, aber genug Alkohol für eine kleine Party. „Immerhin können wir uns besaufen“, erklärte ich trocken. Fisher meinte, er würde hier wohl erstmal nichts trinken. Alles klar. So viel dazu. (Irgendwann treffe ich mal jemanden, der meine Witze versteht. Jemanden außer Tam oder Brian, meine ich.)
Wir spekulierten ziellos herum. Es musste doch etwas geben, dass uns hier gefangen hielt. Einen Fokus innerhalb des Zimmers. Vielleicht sollten wir einfach alles absuchen und nacheinander verbrennen. Irgendwann würden wir es schon finden.
Ich probierte das Telefon. Es funktionierte. Ich rief den Zimmerservice, sagte denen, wir wären eingesperrt, die sollten uns rauslassen. Funktionierte natürlich nicht, wollte nur die offensichtliche Lösung ausschließen. Schrieb an Tam: „Bin im Zimmer. Schick eine Nachricht.“
Auf der Suche nach einem Hinweis stellten wir fest, dass die Bilder sich verändert hatten: Über dem Schiff braute sich ein Sturm zusammen, die Familie im Portrait stritt sich, bei der Jagdszene standen sich Jäger und Hunde bedrohlich gegenüber. Auf dem Hotelplan war nur noch Zimmer 1408 zu sehen.
„Erinnert mich an Weihnachten“, murmelte ich, halb zu mir selbst. Irene nickte, Fisher schaute fragend. Sie brachte ihn kurz auf Stand: Verfluchtes Haus, das niemanden hinausließ. Racheengel, Schuldgefühle. Keine Erwähnung von Carlisle oder deVries. Immerhin hatte bisher nichts versucht, uns Gedanken und Gefühle in den Kopf zu pflanzen. Irene lachte zynisch auf, als ich das sagte, und ich horchte in mich hinein. Hatte ich etwas übersehen? Dachte nicht. Hatte ein paar Zweifel, was meine Frau anging, aber das war nichts Neues. (Okay, so im Nachhinein hätte es mich misstrauisch machen können, dass ich sofort an Tam dachte. Nicht an meine anderen Probleme. Nicht an das, wovon ich immer noch Panikattacken bekomme.)
Ich verdrängte den Gedankengang. Hörte weiterhin das Jammern der Geister, obwohl ich mich nicht mal darauf konzentrierte. Mir kam eine Idee. „War mal in einem Gefängnis für Geister“, sagte ich. Erwähnte nicht, dass das auch ein Gefängnis für Menschen gewesen war. „Wurden durch ein Schutzsymbol festgehalten.“ Vielleicht sollten wir unter dem Teppich schauen. Oder unter der Tapete.
Bevor wir anfangen konnten, das Zimmer ernsthaft zu verwüsten, tauchte wieder ein Geist auf. Diesmal eine junge Frau. Lief aufs Fenster zu. Ich stellte mich ihr in den Weg. Dachte, vielleicht kriege ich Kontakt. Aber nein. Sie ging einfach durch mich durch. Kalt, aber ich hatte schon kältere Geister gespürt. Nur noch ein Schemen. Auch sie sprang aus dem Fenster, aber diesmal war unten keine Leiche zu sehen. War es draußen dunkler als vorher?
Wir rissen den Teppichboden auf. Keine Ritualkreise, keine Symbole. Aber als ich hochsah, schaute ich nicht mehr ins Schlafzimmer des Hotels. Das war unser Wohnzimmer in Stuttgart, Tam und ich standen uns gegenüber. „Ach ja?“, sagte sie und starrte mein Abbild wütend an. „Immer, wenn du auf irgendwas keine Lust hast, bist du plötzlich verkrüppelt!“ Mein jetziges Ich atmete scharf ein. Das war letztes Jahr gewesen, eine harmlose Diskussion, die langsam zu einem erbitterten Streit eskaliert war. Wir wollten uns irgendwann nur noch gegenseitig weh tun. Ich hörte mein vergangenes Ich sagen: „Wir sind für dich doch nur eine Belastung, du kannst es doch gar nicht abwarten, wegzukommen!“ Hätte gern die Augen geschlossen. Nicht gesehen, wie ihre Hand sich ballte. Nicht gehört, wie ich verächtlich sagte: „Ich kann nicht mit dir reden, wenn du reagierst wie ein Höhlenmensch.“ Nicht zugeschaut, wie ich mich umdrehte und ging, oder wie sie einen Blumentopf griff und hinter mir herwarf.
Mit dem Klirren der Scherben kam ich wieder zu mir. Verdammt. Irene und Fisher starrten beide in Richtung der Szene, die jetzt verschwunden war. Nur noch das Schlafzimmer, aber ihre angespannten Gesichter… hatten sie das auch gesehen? Wenn ja, sagte keiner etwas. Ich schaute weg von ihnen, suchte nach etwas anderem, etwas, das ich tun konnte. Vielleicht die Tapete.
„Hey“, sagte Irene. „Schaut mal.“ Deutete auf die Wand zwischen Wohn- und Schlafzimmer. Eine sehr breite Wand, fast zwei Fuß tief, mit einer verspiegelten Tür. Warum war uns das vorher nicht aufgefallen? Irene rüttelte heftig am Schloss, konnte die Tür aber nicht öffnen. Schlug frustriert auf den Spiegel, bis er zersprang und sie ihre Hand an einer Scherbe schnitt.
Sie wollte ins Bad, um die Hand zu verbinden. Fisher hinterher. Ich wollte gar nicht wissen, worüber sie sprachen. Ihre Blicke nicht sehen. Wir waren so wütend gewesen, Tam und ich. Verdammt noch mal. Hatten zwei SMS das Gift wirklich geheilt? Kam mir damals so vor, aber kurz nachdem ich den Streit noch mal gesehen hatte… dünn, Jackson. Sehr dünn.
Um nicht einfach nur herumzustehen wie das dritte Bein am Rollschuh, schaute ich mir die schmale Kammer noch mal an. Irene hatte zwar den Spiegel eingeschlagen, aber das machte keinen Unterschied: Die Tür war zu. Dahinter konnte ich nichts hören, gar nichts. Sogar die Geisterstimmen waren leiser geworden, als würden sie sich davon fernhalten. Hm.
Als Irene und Fisher aus dem Bad wiederkamen, machten wir uns erst mal an die Tapete. War nicht sehr fest verleimt, ließ sich leicht abreißen. Dahinter: Bröckelndes Mauerwerk. Löchrige Fugen. Aus einer davon tropfte eine zähe rote Flüssigkeit. Blut. Irene griff die Wand regelrecht an, riss einen Stein heraus, gefolgt von einem heftigen Blutschwall, der uns alle erwischte. Schön. Ließ nur langsam nach, aber dafür starb die Klimaanlage, und die Temperatur stieg rapide an.
Fisher ging zum Fenster. Draußen nur noch Schwärze, keine anderen Häuser, keine Straße. „Langsam wird es ungemütlich“, sagte er trocken. „Wir sollten da jetzt besser nicht rausklettern.“
Wir schabten noch eine Weile an dem Putz auf der Mauer herum, ohne größeren Erfolg. Keine Symbole. Beim nächsten Blick zum Fenster war es zugemauert. Die Bilder hatten sich wieder verändert: Das Schiff schlingerte im Sturm, die Familie kämpfte miteinander, in der Jagdszene zerfleischten sich Jäger und Hunde. Großartig. „Wir bringen uns jetzt bitte nicht gegenseitig um“, sagte ich. Hatte selbst keinen Drang dazu, aber wer weiß. Musste auf alles gefasst sein. Meine Hand war nicht an der Waffe, aber auch nicht weit weg davon.
Fisher schüttelte den Kopf. „Eher bringe ich mich selber um“, erklärte er. Klang sachlich. Gut, schoss es mir durch den Kopf. Du bist gefährlicher als sie. Hielt mich davon ab, das laut zu sagen. War vermutlich besser so, denn Irene widersprach vehement: „Das tust du nicht!“
Sie griff eine Stehlampe. Fing an, auf die Wand einzuprügeln, während Fisher versonnen in Richtung Schlafzimmer starrte. Das kam mir in dem Moment beides relativ normal vor.
Griff nach meinem Handy. Wollte Tam noch mal schreiben. Hatte eine Nachricht von ihr. „Bleib bloß weg, du Arsch! Will dich nie wieder sehen.“ Ich blinzelte. Starrte auf den Bildschirm. Das war doch nicht echt. Oder? Oder? Warum sollte das nicht echt sein? Vielleicht hatte sie die Schnauze voll von mir. Davon, wie ich andere Frauen ansah. Lucie. Irene. Dass ich ständig mit einer Frauentruppe jagen ging. Ally. Natalie. Emily. Von meinem Misstrauen. Meiner grundlosen Eifersucht. Grundlos? Ha. Was war denn mit Bobby, mit Clive? War die Nachricht nur der Versuch, mir die Schuld an allem zuzuschieben? Während ich noch mit meinen Gedanken rang und versuchte, mich zu sortieren, fiel mein Blick auf eine Flasche Bourbon auf dem Sideboard. Daneben eine Schachtel Silenor. Schlaftabletten. Damit hatte ich mich schon mal umgebracht, und vielleicht war es besser… Besser als dieses ständige Misstrauen. Die ständige Angst, sie zu verlieren. Die ewige Sorge um die Kinder. Die Furcht vor dem Monster in mir. Davor, irgendwann nicht zurückzufinden und ihnen weh zu tun. Sicher war es besser. Für alle. Für Tam, die endlich frei war und keinen verkrüppelten Klotz mehr am Bein hatte. Für meine Kinder, denen ich ohnehin ein miserabler Vater war, weil… weil… Weil was? Moment. Stopp. Das waren nicht meine Gedanken. Ich war kein miserabler Vater – vielleicht nicht Vater des Jahres, aber auch nicht miserabel. Es war nicht besser für meine Kinder, wenn ich jetzt starb. Tam… um Tam konnte ich mir später Gedanken machen. Aber ich musste leben, für meine Kinder, und ich musste hier rauskommen. Irgendwie. Mir kam eine Idee. Silenor hatte mir schon einmal geholfen, einen Ausweg zu finden. Ohne zu zögern griff ich nach der Pillendose. Nahm zwanzig, dreißig Tabletten auf einmal. Spülte sie mit dem Bourbon hinunter.
(Wow, das war ja eine clevere Idee. Immerhin brachte ich mich nicht um, weil ich sterben wollte, sondern weil ich leben wollte. Klingt paradox, aber ein Teil von mir glaubt gar nicht, dass ich sterben kann.)
Es ging ziemlich schnell. Mein Kopf drehte sich, meine Augen wurden schwer. Ich blinzelte in den Raum, sah Fisher ins Nichts starren, Irene mit geballten Fäusten… Ich konnte die Lider nicht offen halten. Musste ich auch nicht. Ich ließ mich fallen. Fiel, und fiel, und schwebte dann über meinem Körper. Sah mich um. Überall Geister. Einige alt, wenige neu. Dan Salinger, der immer wieder den Kopf schüttelte und etwas davon murmelte, er hätte es nur gut gemeint. Sie standen ineinander, konnten sich nicht sehen. Jeder in seiner eigenen kleinen Hölle.
Aber sie hielten alle Abstand von der düsteren Kammer zwischen den Zimmern. Ich bewegte mich darauf zu. Beeil dich besser, Jackson, sagte ich mir. Du hast nicht viel Zeit. Erreichte die Tür. Dahinter lauerte etwas Großes, etwas Finsteres. Ich streckte die Arme aus, um die Krähen von meinen Schultern zu rufen und unserem Feind entgegenzutreten, aber zu spät: Ein Ruck ging durch mich und riss mich zurück. Noch einer. Zwischen den Geistern sah ich Irene und Fisher, die neben meinem Körper knieten. Fisher schlug mir auf die Brust, wieder und wieder. Mit jedem Schlug wurde ich näher und näher gezerrt, bis ich schließlich wieder in den leblosen Körper schlüpfte. Dachte, ich hätte kurz eine alte Frau gesehen, die mich missbilligend anstarrte, aber das war sicher nur ein Geist.
Mit einem tiefen Atemzug kam ich wieder zu mir. Übergab mich sofort. Nicht sehr angenehm mit einem blau geschlagenen Brustkorb.
„Bist du total bescheuert?“, herrschte mich Irene an, nachdem ich damit fertig war.
„Hast du das noch nicht gewusst?“ Haha. Ja, das sollte ein Witz sein. Wie üblich lachte keiner.
„Du hast sie ja wirklich nicht mehr alle. Macht das nicht nochmal!“
Eigentlich wollte ich salutieren und irgendwas Sarkastisches sagen, aber in diesem Moment fing das
Radio an, wieder zu spielen.

You can check out any time you like but you can never leave…

Großartig. Das Ding war wieder ganz. Draußen war der Nachthimmel zu sehen, die Bilder zeigten friedliche Szenen, die Risse im Teppich und in der Tapete waren verschwunden. Die roten LED-Zahlen standen auf 59:59 und zählten den Countdown noch einmal runter.
„Kann mal jemand das Ding erschießen“, fragte ich. Fisher stand auf und zertrampelte das Radio erneut. Seine Pistole hatte immer noch Irene.
Und jetzt? Eine Stunde lang auf die Kammertür einschlagen? Oder auf den richtigen Zeitpunkt warten? Fisher hatte genug. Er grub eine Flasche aus seinem Rucksack – sah nach einer Wodka-Flasche aus, aber er knurrte „Weihwasser“, als er den Inhalt auf die Tür spritzte. Es zischte. Nicht laut, und sie sprang nicht auf, aber es gab eine Reaktion.
Das motivierte Irene. Sie machte sich mit einer Weihwasserspritze und ein paar Dietrichen an der Tür zu schaffen – war nicht ganz einfach, so angespannt, wie sie da saß, aber schließlich bewegte sich der Knauf und sie konnte die Tür aufreißen. Dahinter: Schwärze. Tiefe Schwärze, das Licht des Zimmers drang keinen Millimeter vor. Irene starrte hinein, schwankte einen Moment, als würde sie vornüber stürzen, aber sie fing sich am Rahmen.
Ich hatte ein Ziel und die Waffe schon in der Hand, bevor ich nachdenken konnte. Schoss in die Schwärze, bevor sie wieder anfing, nach mir zu greifen. Das Zimmer zuckte zusammen. Kann ich nicht anders beschreiben – eine Schockwelle ging durch den ganzen Raum, die Klimaanlage sprühte Funken, die Szenerie auf den Bildern änderte sich im Zeitraffer. Fisher nahm seine Flasche mit Weihwasser, warf sie in die Kammer. Die Klimaanlage gab ein schrilles Kreischen von sich, die Temperatur fiel in Bruchteilen von Sekunden um etwa fünfzig Grad, und ein Sturm tobte um uns herum. Beherzt griff Irene in die Finsternis und rammte ihre Spritze gezielt hinein. Der Raum pulsierte weiterhin, aber jetzt nicht mehr regelmäßig, sondern hektisch. Tachykardie, schoss mir durch den Kopf. Kammerflimmern. Wie passend. Raureif überzog alles, einige Gestalten stolperten halb geformt aus dem Familienportrait, und ein eisiger Wasserschwall strömte aus dem Meeresbild.
Ich ging ein paar Schritte vor, spürte plötzlich die Krähen auf meinen Schultern. Es konnte sterben. Gut. Ich schoss noch einmal. Sagte: „Ich habe dich gesehen.“ Oder die Krähen sagten das. Bin mir nicht sicher.
Die Gestalten aus den Bildern fielen haltlos in sich zusammen und verschwanden. Die Wände, die Decke, der Boden schüttelten sich wie bei einem schweren Erdbeben. Oder wie im Todeskrampf. Ich schoss noch ein paar Mal in die Kammer, obwohl die Schwärze sich langsam auflöste. Sicher war sicher.
Fisher ging zur Tür nach draußen. Öffnete sie, kein Problem. Draußen schien die Sonne, heller Tag. Ein paar Leute liefen über den Gang, nicht sonderlich aufgeregt. Hatten die Schüsse wohl nicht gehört.
Zimmer 1408 war verwüstet. Umgestürzte Möbel, zerschmetterte Tassen und Teller aus der Mini-Küche. Irenes Blut im Bad, mein Erbrochenes auf dem Boden waren noch da, aber das Wasser aus dem Bild und das Blut aus dem Mauerwerk nicht. In der Wand der Kammer klaffte ein herzförmiges Loch. „Sollten wir zumauern“, erklärte ich müde. Ich verstand etwas vom Umbringen, nicht vom Zumauern. Fisher fing an, Salz in die Öffnung zu schütten. Gute Idee.
Irene war rausgelaufen, sobald sich die Tür öffnete. Stand auf dem Gang und sammelte sich. Ich fragte sie, ob sie in Ordnung war. Sie winkte ab.
Während ich auf Fisher wartete, schaute ich mein Handy an. Eine neue Nachricht. Tam. Entwarnung. Alles gut. Hätte erleichtert sein sollen, aber ich konnte es nicht fühlen. War noch zu nah am Tod, vielleicht. Oder zu verwirrt.
Wollte raus hier. Ging aber nicht. Hatte ja das Zimmer gemietet, konnte jetzt nicht einfach so abhauen. Runter in die Hotellobby. Erstaunte Gesichter. Musste wohl doch mit dem Manager reden. Irene und Fisher kamen mit.
„Sie waren nur zwanzig Minuten dort oben!“, sagte der Hotelmann aufgeregt. Wollte mehr wissen. Noch mal mit uns nach oben gehen. Ich erzählte eine konfuse Geschichte über die Zerstörung, aber ehrlich, seine war nicht viel besser. Wöchentliche Reinigung, bei der immer einer die Tür aufhalten musste. Zimmer war angeblich dreißig Jahre nicht vermietet worden – ich hätte es ja nur bekommen, weil ich mit dem Gesetz gedroht hatte! Bullshit. Der Typ hätte den Raum zumauern können. Oder behaupten, es würde gerade renoviert. Sagte ich ihm nicht. Hatte keine Lust, mich zu streiten. Er ging mir massiv auf die Nerven, und ich traute ihm nicht. Zu aufgeregt. Zu neugierig. Der Mann hatte Glück, dass es so viele Zeugen gab, die gesehen hatten, wie wir mit ihm reingingen.
Ich stand auf. Erklärte, er solle mir eine Rechnung schicken. „Aber…“ Keine Ahnung, was er noch wollte. Wir gingen. Kaffee trinken, schlug ich vor. Die beiden sahen sich nicht an, kamen aber mit. Wir sprachen kurz über den Manager. Konnte es sein, dass der ein Komplize des Zimmers war? Vielleicht. Wollten wir im Auge behalten.
Danach nippten wir an unseren Tassen. Schwiegen uns an. Irene und Fisher hätten vielleicht gern geredet, oder wären vielleicht gern einfach weggelaufen. Keine Ahnung. „Kompliziert“, hatte Ethan später über die beiden gesagt.
Schließlich gab sich Fisher einen Ruck. Stand auf und ging. Irene folgte ihm. Vielleicht wollte sie ihm nur seine Waffe zurückgeben. Vielleicht wollte sie ihm etwas sagen. Oder etwas von ihm hören. Keine Ahnung. Ich bin sowieso kein großer Menschenkenner, und ich stand gerade noch ein Stück neben mir. Hatte Schwierigkeiten, mich auf die Reihe zu kriegen. (Vielleicht sollte ich über meine „Sterben ist auch nur eine extreme Problemlösungsstrategie“-Philosophie nachdenken. Nur weil es einmal… okay, zweimal funktioniert hat. Dreimal. Oder war das schon viermal? Fuck.)
Als ich rausging, sah ich Irene auf dem Parkplatz neben ihrem Mietwagen stehen. Ging zu ihr rüber. Hatte keine klare Idee, was ich eigentlich von ihr wollte. Hätte ich mir vorher überlegen sollen. Egal. Faselte etwas davon, dass wir nicht mehr reden würden. Dass mir das leid täte. Sie sah mich verständnislos an, oder sie war mit den Gedanken woanders. Was sie jetzt sagen sollte, wollte sie wissen. Gute Frage. Jedenfalls behauptete sie, es täte ihr auch leid. Klang nicht sehr überzeugend. Ich beschloss, sie in Ruhe zu lassen.
Ging ins Hotel. Schlief ein paar Stunden. Rief zu Hause an, aber es ging keiner ans Telefon. Vermutlich mussten die Kids gerade ins Bett. Wollte etwas essen, trinken. Landete in einer Bar. In einer Bar für Erwachsene, wo man hingeht, um Leute für eine Nacht zu treffen. Aß eine Enchilada, bekam den Bourbon nicht herunter. Schob ihn einer Frau rüber. Nachdenklicher Blick, dann meinte sie, ich könnte ihr wenigstens einen neuen bestellen. Tat ich.
Musste kurz weg. Vertrug die Enchilada nicht. Fragte mich, was ich da gerade machte. Warum ich das machte. Das ist doch bescheuert, Jackson. Du brauchst einen Tritt in den Arsch.
Schrieb Ethan eine SMS, „tritt mich mal“. Ging raus, rauchen. Wusste nicht, ob ich zurückgehen sollte oder nicht. Hatte Glück. Ethan rief an. „Besuchen“, erklärte er. „Okay“, sagte ich.
Mitten in der Nacht von Toronto nach Burlington? Mietwagen, natürlich. Trank einen oder zwei Liter Kaffee, besorgte mir ein Auto und fuhr los. Nicht allzu schnell, ab und zu eine Pause, aber gegen Morgen war ich in Vermont. Traf Ethan, als er gerade zur Arbeit wollte. Schlief erst noch mal eine Weile.
Dann redeten wir. Tranken Bier, und danach wusste ich mehr über Fishers Problem, und vermutlich – so im Nachhinein – auch über Irenes.
Fand langsam wieder zu mir selbst zurück. Hatte gerade beschlossen, dass ich Tam wirklich gern wiedersehen und ihr romantischen Kram erzählen würde, als sie anrief. Notfall. Sie musste sofort los, irgendwer war in Todesgefahr. Konnte ich schnell nach Hause kommen? Brian und Mandy würden sich morgen früh um die Kids kümmern, aber…
Ich schluckte kurz. Verzog das Gesicht. Atmete durch. Keine Sorge, sagte ich ihr. Ich würde den nächsten Flug nach Hause nehmen. Wünschte ihr gute Jagd. Sie sollte Rückendeckung mitnehmen. Tam klang unsagbar erleichtert. Meinte, sie würde so schnell wie möglich heimkommen.

„Okay“, sagte ich ruhig und verbannte das Misstrauen, die Eifersucht und den ganzen Klumpen aus Angst und Sorge aus meinem Geist. Konnte froh sein, dass ich sie gefunden hatte. Wieder gefunden hatte. „Pass auf dich auf.“

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Von Marathon nach Little Rock
Intermezzo: Barry & Emily

Als Barry und Emily auf dem Rückweg waren, fragte Barry nach Lucie – ob sie sie schon länger kannten.
Emily antworte Barry wahrheitsgemäß, dass sie Lucie nicht kannte, ebenso wenig wie Mary Ann. Aber Lucie schien zu wissen, was sie tat. Nach einen kurzen Moment sagte Emily “Aber wie du sicher von Ethan weißt, bin ich noch nicht lange zurück.”
Barry nickte schweigend.
Nach einer Weile fragte Emily, wo Barry denn rausgeschmissen werden will.
Er meinte nur knapp, dass er wieder in Little Rock raus wollte, wenn’s ginge.
“Klar gehts das” meinte Emily lächelnd.
Barry wollte Emily nicht zu Last fallen und sagte: “Wenn du lieber woanders lang möchtest oder die Schnauze voll von mir hast, auch gerne irgendwo anders mit einem Flughafen. Aber eigentlich fliege ich nicht so gerne.”
“Nee, passt schon, ich hab dich abgeholt, dann bringe ich dich auch wieder zurück, wohin auch immer du willst” sagte Emily auf die Straße achtend. “Warum sollte ich die Schnauze voll haben.” Ihre Stimme klang überrascht.
Barry war erleichtert, dass Emily ihn fuhr und er nicht fliegen musste. Er zuckte mit den Achseln “Hatte den Eindruck, dir geht zu viel Gesellschaft vielleicht auf die Nerven.” Pause. "Könnte auch falsch liegen. Sorry. ich bin nicht grad Mr. Menschenkenntnis.”
Emily nickte. “Das ist wohl wahr, zu viel Gesellschaft mag ich nicht und zu viel Nähe auch nicht, aber es ist mal ganz nett, nicht alleine unterwegs zu sein. Diese Lucie scheint es dir ja echt angetan zu haben” Sie grinste mit leicht schiefen Blick, dann schmunzelte sie. “Bin ich auch nicht.”
Barry atmete tief durch. “Naja. Ich find sie interessant… Oh Mann.” Er schüttelte den Kopf. “Ich bin verheiratet, ich sollte das langsam mal lernen. Aber will dich nicht zutexten. Dachte nur, du kennst sie vielleicht, weil ihr so eingespielt wart.” Barry schwieg einen Moment bevor er fragte.“Du erinnerst dich aber noch an die Sachen, die vor Halloween 2015 passiert sind.”
Emily schien ein wenig verwirrt. “Was meinst du damit? Was solltest du lassen?” Sie schaute zu ihm rüber. “Eingespielt? Fandest du? Ich nicht. Da war nichts Eingespieltes dran.” Nach einer längeren Pause “Joa. Ist schon etwas her, aber an die Zeit vor Halloween kann ich mich erinnern."
Barry erklärte: “Ich sollte aufhören, andere Frauen ‘interessant zu finden. Das ist schon mal fast schiefgegangen." Achselzuckend. “Hatte so den Eindruck.” Grinst schief. “Hey, ihr seid zusammen aufs Klo gegangen.” Dann meinte er “Das ist gut.”
Emilys Neugier brach durch. “Sorry, wenn ich frage, und du musst natürlich nicht antworten, aber sowas ist doch immer ein Anzeichen, dass da was nicht in Ordnung ist in deiner Beziehung. Ähm, ich meinte, Ehe.” Sie schaute verwundert zu ihm rüber. “Achso, das meinst du. Weiß auch nicht, warum sie mich gerufen hat. Hätte genauso gut Nat oder Mary Ann, hieß sie so, gewesen sein können.” Sie schaute fragend zu ihm herüber. “Was hättest du auch mit der Info anfangen wollen, wenn ich sie näher gekannt hätte?”
Barry seufzte. “Ist schwierig, weil wir beide viel Ballast schleppen… Jagen ist aufregend, und danach… wenn du gewonnen hast… da ist dieses High, und das will raus, okay. Dann küsst du halt die Falsche.” Dachte kurz nach. “Ging ihr wohl auch mal so. Aber ich liebe sie. Auch wenns weh tut. Ist nicht einfach, aber ist es nie.” Er räusperte sich “Wegen Lucie: Keine Ahnung. Sie war halt schnell dabei, hat keine Fragen gestellt. Wer wir sind. Dachte, die kennt jemanden.”
Emily versuchte, sich zu entschuldigen. “Wie gesagt, es geht mich ja auch nichts an. Sorry.” Sie nickte. “Aber du hast recht, sie war echt schnell dabei.”
Barry meinte daraufhin: “Schon okay. Ist nur fair, wenn du meine Schwächen kennst. Zumindest eine davon.” Er überlegte kurz. “Mag keine Krankenhäuser. Oder Flugzeuge.”
Sie starrte nach vorne auf die Straße. “Danke für dein Vertrauen. Aber was meinst du damit, es ist nur fair, wenn ich deine Schwächen kenne?” Dann seufzte sie leise. “Ich meine, mit wem du dich einlässt und obwohl du verheiratest bist. Das geht mich nichts an und ist deine Sache.”
Barry sah überrascht zu Emily. “Ich hab dich um Hilfe gebeten. Schulde dir was. Ist nicht okay, wenn du sowas nicht weißt. Kann immer mal ein Sukkubus oder sowas kommen. Außerdem will ich nicht, dass du denkst, ich bin so ein Arsch, dass mir das egal ist. Dass ich nicht weiß, dass ich ein Idiot bin.”
Emily stimmte Barry zu. “Achso, das mit dem Krankenhäusern kann ich echt gut verstehen, leider lässt es sich manchmal nicht vermeiden.” Dabei macht sie ein zerknirschtes Gesicht. Nach einer Weile: “Naja, es ist dein Leben. Tu, was dich glücklich macht. Außerdem halte ich dich nicht für einen Idioten. Du wirst deine Gründe haben. Und es ist oki.” Sie zuckte mit den Schultern.
Barry fing an, sich zu entschuldigen. “Danke. Sorry fürs Zulabern mit dem Gefühlskram.”
Emily lächelte ihn an. “Schon oki. Wenn es dir gut tut, mach ruhig.”
Barry überlegte eine Weile. “Und danke für die Hilfe. Ferrera hat mir damals die Nüsse aus dem Feuer geholt.” Er lächelte zurück. "Hey, ich kann stundenlang über meine Gefühle reden. Sogar Gedichte rezitieren. " Das Lächeln wurde zum Grinsen, damit sah er Jahre jünger aus als mit dem grimmigen Blick.
“War ja nicht ganz so schwierig zum Glück, sowas erledige ich mit geschlossenen Augen. Mit Menschen kann ich nicht so, vor allem nicht mit denen, die nicht wissen, was wir wissen.” Sie schaute ihn baff an. “Oh, ein Mann der über Gefühle reden kann und will, mal was neues.” Sie lachte kurz auf, aber es ein heiteres Lachen. “Weißt du eigentlich, dass du viel freundlicher aussiehst, wenn du lachst, solltest du öfter mal machen”
Barry wurde ernst. “Gab Zeiten, da wollte ich nicht freundlich aussehen. Gibt Leute, die denken, freundlich heißt schwach. Oder harmlos. Weiß gar nicht, ob ich das jetzt so will. Gibt kaputte Leute.” Kurze Pause. “Ich meine nicht dich, okay. Zu dir ist freundlich okay, aber ist noch nicht so lange her, dass ich mir das bei jemandem außerhalb meiner Familie nicht geleistet hätte.”
Emily dachte kurz nach. “Hm, da sind die Leute selber schuld, wenn sie dich für harmlos halten. Ich weiß, nicht was für Leute du kennst, und ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel, aber das ist Schwachsinn." Das Lächeln verschwand. “Es ist schon oki, ich weiß ja selbst, dass ich kaputt bin, mache mir da nichts vor. Ich tu, was getan werden muss. Also es ist schon oki.” Nach kurzem Schweigen. “Dann kann ich mich ja richtig geehrt fühlen.”
Barry sah Emily an. “Wollte nicht sagen, dass du kaputt bist. Du klingst, als würdest du denken, du könntest nie wieder glücklich werden.”
Sie ließ für einen Bruchteil das Lenkrad los und hob beschwichtigend die Hände. “Ich weiß, aber die meisten wollen einfach nur höflich sein. Versteh mich nicht falsch, es ist für mich oki und mir gehts gut.”
“Alles klar.” Er sah nicht unbedingt aus, als würde er das so richtig glauben, aber er akzeptierte das. Nach einer Weile meinte Barry: "Mit ’kaputte Typen’ hab ich solche gemeint, die Spaß daran haben, Leute fertig zu machen… alle, die schwächer wirken, oder hilflos sind oder vielleicht auch nur anders – es gibt Menschen, die freuen sich an der Angst und dem Schmerz anderer. Glaube nicht, dass du so jemand bist." Selbst Em bekam mit, dass seine Stimme immer rauer geworden war, dass er viel konzentrierter atmete und angespannter da saß.
Sie sah etwas nachdenklich aus. “Oki. Aber dennoch gibt es verschiedene Arten von kaputten Typen, aber ist ja auch egal. Du hast recht, so einer bin ich nicht, oder hoff es zumindest.” Sie sah ihn von der Seite an. “Stimmt was nicht? Soll ich mal anhalten?”
Er brauchte einen Moment. “Ich glaube, ich könnte eine rauchen. Ja.”
Sie fuhr an den nächsten Highway Stop und hielt an, blieb noch einen Moment sitzen und öffnete dann die Fahrertür zum aussteigen. “Nimm dir soviel Zeit, wie du brauchst.” Dann musterte sie ihn nochmal nachdenklich und stieg aus, blieb aber am Auto stehen, reckte und streckte sich.
Er atmete kurz durch, bevor er vorsichtig rausging, immer noch sehr angespannt. Verschreckte möglicherweise ein paar Leute mit seinem intensiven Blick. Rauchte langsam, das hatte fast eher etwas von einem Ritual. Kam dann wieder, ruhiger und wieder gefasst.
Emily schaute ihm nach, gab ihm aber die Zeit, die er anscheinend brauchte.
“Tut mir leid”, meinte er, als er wieder einstieg. “Schlechte Erinnerung. Kannte so jemanden.”
Sie stieg wieder ein und schaute ihn lange an. “Dir muss gar nichts leid tun.” Dann lächelte sie etwas mitleidig. “Tut mir leid für dich. Ich hoffe, er gehört jetzt nicht mehr zu deinen Leben. Wenn du noch einen Moment brauchst? Ich warte solange,”
“Passt schon.” Er überlegte. “Die Erinnerung an den Typen gehört zu meinem Leben. Nicht schön, aber ist halt ein Teil von mir. Dass ich das überlebt habe. Der Typ ist tot. Sein Geist ist auch tot. Nur noch eine Erinnerung.”
Sie atmete einmal tief durch, bevor sie den Motor startete. “Das ist gut. Also, dass er nicht mehr lebt. Die Erinnerungen sind die, die uns auffressen. Nicht das Übel selbst.” Dann fuhr sie wieder auf den Highway auf.
“Erinnerung ist Inspiration.” Das klang ein bisschen formelhaft, wie ein Mantra, das er sich erzählte. “Auffressen ist so eine Sache. Muss halt irgendwie raus.”
Emilys Blick wurde etwas starr, schien sich jetzt mehr auf die Straße konzentrieren.“Hm. Inspirationen? Gehen wir dafür nicht jagen? Du schreibst Bücher, wenn ich mich recht erinnere. Was ist eigentlich aus dem geworden, was du beim Sumpf geschrieben hast?” Emily schien das Thema wechseln zu wollen.
Barry war der Themenwechsel ganz recht. “Ja, ich schreibe Bücher”, gab er zurück. “Ich geh aber nicht deswegen jagen. Das mache ich, weil ich ab und zu… keine Ahnung. Kann nicht immer nur still sitzen. Ablenkung.” Stirnrunzeln. “Oh. Ich glaube, du hast recht. Hab ich nie so gesehen, aber – ja. Klar. Was ich grad schreibe? Jein. Eins ist grad beim Editor, ich arbeite an einer Anthologie, mit einem anderen hab ich angefangen, und dann schreibe ich auch noch ein wissenschaftliches Paper über Sprachen.”
Emily schien in Gedanken versunken zu sein. “Ich jage, seitdem ich 11 bin. Also fast mein ganzes Leben”, dann sprach sie sehr leise, mehr zu sich selbst, “und darüber hinaus.” Wieder schaute sie zu ihm rüber. “Nimm es mir nicht übel, aber damit kann ich nicht viel anfangen. Ich lese auch sehr wenig, wenn ich ehrlich bin." Dabei wirkte sie verlegen.
Barry schüttelte den Kopf. “Seit du 11 bist….Meine Tochter ist elf, und ich mach mir Sorgen, weil sie einen Blog schreibt. Wenn ich mir vorstelle, die bei sowas wie der Höhle dabei zu haben…”
Emily zuckte mit den Schultern “So ist das, wenn man aus einer Jägerfamilie stammt. Aber meine Eltern haben mich zu nichts gezwungen, was ich nicht auch wollte. Ich war sogar mal auf ner Uni, ganz kurz.” Bei dem Gedanken versteinerte ihr Gesicht für einen Augenblick. “Dort, wo Ethan arbeitet. aber das weißt du ja.”
“So genau hat er gar nichts gesagt. Wäre nicht drauf gekommen, dass du das bist.” Dachte kurz nach. "Meine Mutter stammt aus einer Soldatenfamilie, aber meine Cousins waren deutlich älter als elf, bevor sie in den Krieg gezogen sind.”
Wieder zuckte sie mit den Schultern. “Es ist, wie es ist. Kann man nichts machen.”
“Hmmm.” Man konnte merken, dass er da nicht unbedingt zustimmte, aber einsah, dass eine Diskussion fruchtlos war. Nach einer Weile Schweigen: “Wir sind ein ganz gutes Team, du und Nat und ich.”
“Stimmt. Nat kann gut mit dem Laptop. Ich finde es nur schwierig, sie in Situation wie die Mine zu bringen. Wenn ich mich selbst in Gefahr bringe, ja bitte, aber jemand wie Nat oder diese MaryAnn, das widerstrebt mir irgendwie. Ich mag keine Leute in Gefahr bringen.”
“Hmm. Verständlich.” Er dachte kurz nach. “Ich habe Natalie irgendwo im Norden getroffen, da war sie grade dabei, einen Familienfluch zu untersuchen. War ein Untoter, der dahinter steckte. Der hätte sie umgebracht, wenn nicht noch ein paar andere in der Gegend gewesen wären, aber das hat sie nicht abgeschreckt. Sie will mehr wissen und nachforschen, und es ist mir lieber, sie macht das, wenn Leute dabei sind, die mit Gefahr umgehen können. In dem Fall hier, ja, da habe ich sie um Hilfe gebeten, aber es war ihre Entscheidung, mit zur Höhle zu kommen. Mit reinzugehen. Nicht meine, schon gar nicht deine.”
Emily antwortete. “Zum Glück ist auch nichts groß passiert. Lucie scheint ja die Bisse recht gut wegstecken zu können. Es ist gut, wenn sie weiß, was los ist, aber vielleicht sollte ihr jemand trotzdem zeigen, wie man mit Waffen umgeht. Man kann sich nicht immer darauf verlassen, dass jemand in der Nähe ist und hilft.” Nach einer kurzen Pause. “Willst du eigentlich direkt nach Hause oder musst du noch was anderes erledigen?”
“Generell wär’s mir lieber, sie geht mit Rückendeckung los. Selbst bei erfahrenen Leuten keine schlechte Idee.” Dann: “Muss nach Hause. Großer Umzug von Arkansas nach Chicago. Und wenn ich nicht da bin, kriegen die Kids nur Pommes mit Hotdogs.”
Emily stimmte Barry zu. “Klar wäre das besser, aber nicht immer ist eine da und nicht immer kann man sich auf die verlassen, und sich für alle Fälle zur Wehr setzen, ist auch nie verkehrt.” Sie lachte auf. “Eine vollwertig ausgeglichene Mahlzeit. Verstehe schon. Wann ist es soweit?”
“Umzug? Die nächsten Tage.” Barry verzog das Gesicht. “Bin mal gespannt, wie weit die jetzt sind mit Packen.”
Emily war verwundert. “Oh, dann machst du noch solche Ausflüge? Wenn das mal keinen Stress gibt. Deine Kinder haben wahrscheinlich nicht viel gepackt.” Sie kicherte leise an den Gedanken und erinnerte sich an ihre Kindheit zurück. “Dann wünsche ich dir auf jeden Fall Glück und alles Gute in eurer neuen Bleibe.”
Barry lachte. “Vermutlich haben die überhaupt nichts gemacht, ja. Hatte ein paar Freunde gebeten, mal zu schauen… bin mal gespannt. Hoffentlich haben die jetzt nicht alle Chemiebaukästen zwischen ihrem Spielzeug. Danke, auf jeden Fall. Weiß ja nicht, was du für Pläne hast, aber wenn du mal in der Nähe bist, meld dich.”
Emily schaute etwas besorgt. “Du scheinst seltsame Freunde zu haben.” Dabei grinste sie übers ganze Gesicht. “Klar, wenn ich mal in der Nähe bin, werde ich mich melden.”
Bei den seltsamen Freunden nickte Barry. “Ja, schon. Aber wenn du mit jemandem durch die Hölle gehst, dann ist der Rest auch egal. Ich war ja mal ein ganz normaler Student, bis ich mich zur falschen Fahrgemeinschaft gemeldet habe.”
Emily stockte kurz als Barry das mit der Hölle erwähnte, und umfasste das Lenkrad fester, so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden. Ihre Stimme war ein wenig belegt, dennoch versuchte sie, relativ normal und ruhig zu sprechen. “Falsche Fahrgemeinschaft?”
Wenn Barry das auffiel, sagte er nichts dazu. Der nickte nur. “Wollte nach Daytona Beach, mit einem Nerd und einer Biologiedozentin. Dann hat uns ein Fluch erwischt, und als wir den lösen wollten, sind wir über diverse Sachen gefallen… wurden dann von verfluchten Bikern quer durch die Staaten gehetzt. Blutige Sache. Kam am Anfang nicht so gut klar damit.”
Emily nickte und meinte dann “Wenn man da reingeworfen wird, kann ich mir echt denken, dass das ziemlich übel ist.”
Barry stimmte zu. “Ich hab erst versucht, zu saufen, und dann, mich umzubringen. Hätte auch fast geklappt, und danach… naja. Es ist, wie es ist.”
Sie lächelte ihn aufmunternd an. “Du scheinst dich mittlerweile gefangen zu haben. Ich weiß, wie das jemanden verändert. Aber du hast eine Familie, zu der du gehen kannst. Das ist viel wert, vor allem, wenn deine Frau sogar versteht, von was du sprichst.”
“Die kannte ich damals noch nicht”, sagte Barry. “Zumindest, soweit ich weiß. Oder wusste.” Er schüttelte den Kopf. “Ist kompliziert. Jedenfalls war sie schon Jägerin, als wir uns getroffen haben. Insofern verstehen wir uns schon.”
Emily sah etwas verwirrt aus, als hätte sie mit so einer Antwort nicht gerechne, schwieg aber darüber. “Wie lange machst du das schon?”
Barry dachte kurz nach. “Seit etwa dreizehn Jahren jetzt.”
Emily nickte stumm.
Barry meinte: “War früher intensiver, aber das hat der Familie nicht gut getan. Und die ist mir wichtiger.”
Emily klang etwas verbittert, schien es aber aufrichtig und ehrlich zu meinen. “Man sollte sie halten, solange man kann. Es ist ein wichtiger Ankerpunkt.”
Barry nickte. Sah etwas überrascht aus, aber durchaus positiv überrascht. “Deswegen wollte ich auch wieder nach Chicago. Habe da eine ziemlich große Familie. War komisch, als mich letztes Jahr eine Frau anrief und meinte ‘hier ist Nicky, du kennst dich doch mit komischem Kram aus’ und ich erst mal keine Ahnung hatte, wer die eigentlich ist.”
Neugierig fragte Emily: “Und wer war Nicky?” Sie schien einen Augenblick nachzudenken. “Ich meine das ernst mit der Familie, auch wenn ich mittlerweile die meiste Zeit lieber alleine durch die Gegend ziehe.”
“Nicky ist die Frau meines Cousins Clancy. Hätte ich mal wissen können, aber ich war zu lang weg.” Er lächelte zustimmend. “Solange du nicht zehn Jahre durch die Gegend ziehst, ohne mit ihnen zu sprechen…”
Sie seufzte schwer. “Darauf wird es hinauslaufen, wenn ich denn solange überlebe.”
Barry blinzelte überrascht. “Das war… unerwartet.” Wartete eine Weile, ob da noch was kam. Tat es nicht, also sagte er irgendwann. “Emily, wenn du Rückendeckung brauchst, sag Bescheid.”
Sie schmunzelte. “Klar. So war das auch nicht gemeint, aber es ist halt gefährlich. Jedes mal, wenn wir uns dem Monster gegenüber stehen. Ich glaube, ich kann schon recht gut abschätzen, was ich mir zutrauen kann. Und würde für alle Fälle immer Hilfe anfordern, aber gut zu wissen, dass ich auf dich zählen kann.”
Barry sagte: “Gefährlich, klar. Deswegen gehen Tam und ich nicht zusammen jagen. Damit einer noch da ist, wenn etwas passiert. Und, hey, du hast mir auch geholfen, ohne mit der Wimper zu zucken.”
“Naja, üblicherweise weiß ich auch, was ich tue.” Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, weil sie genau wusste, dass es so nicht richtig war. “Und wenn einer von euch ganz mit dem Jagen aufhört? Was erzählt ihr den Kindern, wo ihr seid, und finden sie es nicht seltsam, wenn ihr immer alleine weggeht?”
“Aufhören? Das kriegen wir beide nicht hin. Ich eher als sie, aber ohne Gefahr hin und wieder fehlt mir auch was. Ich werd unruhig, und ich will lieber nicht wissen, was passiert, wenn das überhand nimmt. Die Kinder wissen, was wir machen, zumindest grob. Mein Pflegesohn war jahrzehntelang in einer Höllendimension gefangen, bevor wir ihn Weihnachten vor einem Jahr rausgeholt haben.”
“Oki. Naja, ich dachte halt wegen der Kinder.” Sie schaute Barry verwundert an. “Kommt er klar? Ich meine, dein Pflegesohn?”
Barry überlegte eine Weile. “Wird besser”, sagte er schließlich. "Nicht gut, aber wird besser. Hat mehr Willenskraft als jeder, den ich kenne. Hatte dort fast verlernt, zu sprechen, aber er hat die Hoffnung nie aufgegeben. "
Wieder seufzte sie leise. “Das ist gut, dass er nicht aufgibt. Das wird er wahrscheinlich dort gelernt haben, ich schätze, man lernt dort einen gewissen Überlebensinstinkt. Hoffe, er schafft es. Ich meine, ein relativ normales Leben zu führen mit der Zeit.”
“Hoffe ich auch. Ist einer Gründe für den Umzug – der braucht Unterstützung, und in Stuttgart gibt es eine Schule für Kids mit Problemen. Für alle Kids mit irgendwelchen Problemen, und das hilft nicht. Ist in Chicago einfacher.” Ein bisschen später. “Normales Leben ist ja auch immer so eine Sache. Ich hoffe, er findet ein bisschen Frieden.”
Emily sagte: “Ahh, oki. Das klingt plausibel. Ich hoffe, dass euch der Umzug das Leben leichter macht. Aber wahrscheinlich hilft es schon viel, wenn er weiß, dass er von euch geliebt wird.”
“Hoffe ich doch”, erwiderte Barry. “Denke, es ist gut für ihn, dass wir verstehen… oder zumindest eine Ahnung haben, was er da durchgemacht hat.”
Ihre Stimme wurde sehr leise. “Ich will dir oder euch nicht zu nahe treten, aber ich glaube, dass ihr nicht ansatzweise versteht, was er durchmacht oder durchgemacht hat. Das meine ich jetzt auch nicht böse.” Sie schwieg einen Moment, bevor sie weitersprach. “Ich hoffe, du bist nicht böse oder sauer. Es ist nur..”, dann hört sie mitten im Satz auf. Ihre Miene ist nichts sagend.
Nachdenklicher Blick. “Ich bin nicht sauer, aber ich denke nicht, dass du nicht weißt, was Tam oder ich durchgemacht haben. Kann man nicht aufrechnen.”
“So habe ich das auch nicht gemeint”, sagte Emily, ”Ich glaube schon, dass ihr viel Scheiß miterlebt habt und ich wollte auch nicht sagen, dass es nicht schlimm war. Ich denke aber, dass es auf eine andere Art schlimm war, und dass man sich nicht vorstellen kann, was der Junge in der anderen Dimension erlebt hat.” Ihr Blick wirkte traurig. “Sorry, ich rede manchmal schneller als ich denke.”
Barry lag irgendwas auf der Zunge. “Kein Problem, und du hast vermutlich recht. Denke, es tut ihm trotzdem gut, wenn er jemanden hat, mit dem er reden kann. Jemanden, der weiß, dass es andere Welten gibt. Dass man verloren gehen kann, und dass aufwachen… oder zurückkommen schwierig ist. Und wenn man nur lernen muss, wieder zu laufen.”
Emily antwortete: “Auf jeden Fall, ich habe ja nie behauptet, dass es nicht gut wäre. Ich denke, es ist gut, wenn man viel mit ihm spricht. Gerade, wenn er mit der Sprache Probleme hat. Ein Umzug ist sicher ein guter Ansatz. Das zeigt ja, dass ihr euch Gedanken um den Jungen macht.”
“Er ist Familie.” Barry hielt das offensichtlich für eine vollkommen ausreichende Erklärung.
Emily nickte. “Wie gesagt, es ist gut, wenn man eine hat, auf die man sich stützen kann.”
“Ja. Bin froh über die.” Er lehnte sich zurück, atmete durch. Schwieg eine Weile. Schaute aus dem Fenster. Wirkte relativ zufrieden damit, leise vor sich hin zu dösen und ab und zu mal ein paar Worte zu wechseln.
Emily setzte Barry dann an dem abgesprochenen Punkt in Little Rock ab.
Barry bedankte sich nochmal, spendierte ihr einen Kaffee. Sie lächelte. Dankte für den Kaffee. “Bis zum nächsten Mal.” Dann rauschte sie davon.

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Fledermausdialekte
aus Barrys Tagebuch

Die Gefängnisküche war voller Dampf. Stank nach Glutamat und anderen Chemikalien. Ich atmete schwer, als ich mich hinter einen Tisch duckte. Meine gebrochene Schulter pulsierte im Takt mit dem Blut, das durch meine Adern raste. Der Verband am frischen Stumpf war voller roter Flecken.
Nick O’Callan, Breiger und der Kerl mit dem Hakenkreuz auf der Stirn schlenderten in die Küche. Ein paar Sträflinge gingen ihnen aus dem Weg. Einer zeigte in meine Richtung. Fuck.
O’Callan griff sich eine Bratpfanne. Größtenteils Plastik, aber ich war gerade erst aus der Krankenstation raus. Langsam stand ich auf. Machte mich auf Prügel und schlimmeres gefasst. Ballte meine linke – meine einzige – Hand.
Die drei Neonazis fächerten sich langsam auf. Siegesgewiss. Was sollte noch dazwischen kommen? Harris hatte Wachdienst in diesem Block, und der würde ihnen eher seinen Schlagstock leihen als sie aufhalten.
Hinter mir das Geräusch schwerer Schritte. Eine harte Stimme. „Hola, El Oso.“ Germán Fererra. Kein Nazi. Kein Hollow Man. Vor allem kein Freund von O’Callan. Stellte sich neben mich. Aus dem Dampf schälten sich noch mehr Gestalten, drei, vier Surenos. Lokale Gang, hatten Kontakte zu Verbündeten von mir aus L.A. Die hatten mich „El Oso“ – der Bär – genannt.
Die Neonazis wichen zurück. Versuchten, unbeeindruckt zu wirken. „Ich krieg dich noch, Jackson“, sagte O’Callan. Deutete an, wie er mit der Handkante auf den Kehlkopf schlug, und lachte böse, bevor er die Küche verließ.
„Él no te gusta“, erklärte mir Fererra sachlich. Ich nickte. Für heute hatte der Latino mir das Leben gerettet.

„Hola, El Oso.“ Fererras Stimme klang rau am Telefon. Rau und hohl. Hatte länger nichts mehr von ihm gehört – er kam ein Jahr nach mir aus Greenfield raus, handelte eine Weile mit Waffen. Fand eine Frau, kehrte den Surenos den Rücken. Zog nach Südtexas und versuchte, ein ehrliches Leben zu führen. Schickte ab und zu eine Postkarte.
Jetzt war seine Frau gestorben. Er konnte nicht genau sagen, woran, faselte etwas von einem Racheengel und Schuld. Seine Schuld. Klang vollkommen fertig. „Kannst du kommen“, fragte er. „Kannst du kommen und mir sagen, dass ich nicht verrückt werde.“ Außer seiner Frau waren noch andere Leute gestorben.
Klar, sagte ich. Kein Problem. Ich schuldete ihm was.
Als ich auflegte, fiel mir auf, dass ich nicht fahren konnte. Mein gebrochener Fuß steckte in einer Schiene – ich konnte laufen, aber nicht Auto fahren. Rief Natalie an, landete auf der Sprachbox. Also Emily. Die war zwar nicht in der Nähe, aber sie meinte, sie holt mich ab. Okay. Dann rief Natalie zurück. Mir fiel ein, wie gut sie darin war, Dinge zu recherchieren. Fragte sie, ob sie auch mitwollte. Klar wollte sie. Ganz wohl war mir nicht dabei, sie in diese Sache reinzuziehen, aber es ging um eine alte Schuld. (Sehr sinnvoll, einen Haufen neuer Schulden anzuhäufen, um eine alte zu tilgen, aber so läuft es nun mal.)

Wir fuhren in Little Rock los, trafen Natalie knapp zwei Tage später in El Paso. Weiter nach Marathon. Kamen vormittags an. Klopften. Fererra machte auf. Sah fertig aus. Müde. Gebrochen. Alt. Verdammt, und er war mal so ein bärenstarker Kerl gewesen.
Ging zu ihm. Sagte ihm, wie leid es mir tat. Worte, aber ich hatte zwei Tage Zeit gehabt, um nach den richtigen zu suchen. Schienen zu helfen, zumindest ein bisschen. Stellte dann Emily und Natalie vor. Fererra hatte selbst Besuch: Mary-Ann Young und Lucie Morrissey. Mary-Ann war blond, kurze Haare, Seelsorgerin oder Bewährungshelferin oder so etwas. Ich erinnerte mich vage, dass er den Namen schon früher erwähnt hatte.
Lucie war ungefähr in Emilys Alter, trug Motorradkleidung, aber keine Kutte. Hielt sich zurück, als Mary-Ann fragte, warum Fererra so viele Leute eingeladen hatte. Die Seelsorgerin wirkte misstrauisch. Konnte ich ihr nicht verdenken. Hatte offenbar Angst, dass ihr Schützling in alte Gewohnheiten zurück fiel.

Ich versuchte zwar, die Sache behutsam anzugehen, aber es kam ziemlich schnell raus, dass es um etwas Übernatürliches ging. Fererra meinte, er wolle nur wissen, ob er irre ist oder nicht. Und ich hatte sowas doch schon gesehen?

…vorsichtig schlurfte ich über den Hof. Schaffte es nicht allzu weit, gerade so bis zur nächsten Bank. Mein Kopf drehte sich. Setzte mich mühsam hin.
Neben mir eine Bewegung. Fererra. Glück gehabt.
„Du siehst Schieße aus, El Oso. War das O’Callan?“ Er nickte zu der frischen Wunde in meinem Gesicht.
„Harris“, gab ich zurück. „Wollte wissen, wer mir den Arm gebrochen hat.“
Fererra schnaubte überrascht. „Wer war’s denn? O’Callan? Die Hollow Men?“
Ich schüttelte den Kopf. „Hast du den Schrei nicht gehört?“
„Dachte, das warst du.“
„Nicht meine Stimme.“ Ich musterte ihn. „Du bist schon sechs Jahre hier. Erzähl mir nicht, dass du den Schrei noch nie gehört hast.“
Er atmete scharf ein. „La Mujer Quemada.“ Die verbrannte Frau. „Das ist nicht dein Ernst.“
Ich hielt mich davon ab, die Schultern zu zucken. „Ich habe sie angesehen. Das mag sie nicht.“ Ich senkte meine Stimme. „Was auch immer du tust, Fererra: Wenn du etwas Verbranntes riechst und leichte Schritte hörst – schau nicht hin.“
Eigentlich wollte er mir nicht glauben, aber er hatte den Schrei der toten Frau gehört: Einen markerschütternd hohen Wut- und Schmerzensschrei, den sie ausstieß, wenn sie ein Opfer gefunden hatte. Schwer zu vergessen, auch wenn man nicht an Übernatürliches glaubte.

La Mujer Quemada, sagte ich leise und blickte kurz auf meinen rechten Unterarm. Fererra leckte sich nervös über die Lippen, fing dann aber an, zu erzählen. Er und seine Frau hatten ein Geschäft in Terlingua, einer nahegelegenen Geisterstadt. Oder Ex-Geiststadt. Mittlerweile hatten sich dort ein paar Künstler angesiedelt und zogen Touristen an.
Vor drei Tagen wollte das Ehepaar zu einem Konzert, als eine dunkle Gestalt aus dem Nichts auftauchte, Lilia Fererra angriff und nur ihren leblosen, mit kleinen Wunden übersäten Körper zurückließ. Tod durch Blutverlust, hieß es. Vielleicht Fledermäuse oder so etwas.
Fererra wusste nicht recht, wie groß das Monster gewesen war. Vielleicht menschengroß. War aus der Luft gekommen. Es gab noch vier andere Opfer: Einen Farmer, einen Trucker und ein Touristenehepaar. Alle starben nachts, angeblich hatte niemand etwas gesehen.
Mary-Ann war erstaunt, dass wir so zielgerichtete Fragen stellten. Was wollten wir da eigentlich erreichen? Ich bin Privatdetektiv, sagte ich, als ob das alles erklären würde. Sie war nicht recht zufrieden, wollte wissen, warum wir nicht einfach zur Polizei gingen. Emily lachte freudlos und meinte, die hätten doch keine Ahnung.
Fererra murmelte wieder etwas vom Racheengel und seinen Sünden, aber ich sagte ihm, dass das ziemlich egozentrisch war. Warum sollte ein Racheengel ein Touristenehepaar umbringen, um ihn zu bestrafen? Er machte große Augen, widersprach aber nicht.

Das war alles ein bisschen viel für die arme Mary-Ann. Emily, Lucie und ich versuchten, ihr schonend beizubringen, dass es merkwürdige Dinge auf dieser Welt gab, und Leute, die sich damit auskannten. Sie sah nicht überzeugt aus, widersprach aber nicht. Wollte mitkommen. Interessante Reaktion.

Bevor wir nach Terlingua fuhren, bat ich Natalie, sich mal nach lokalen Legenden und Ereignissen umzuhören. Okay, hätte sie vermutlich auch so gemacht. Während sie auf ihrem Smartphone herumtippte, sprach ich Lucie an. Die hatte sich wie selbstverständlich in die Gruppe integriert und behauptet, Bescheid zu wissen. Ich fragte, ob sie sich wehren konnte. Ja, sagte sie. Okay. Dann los.

Terlingua war eine Mischung aus mexikanischer Geisterstadt, amerikanischem Kitsch und künstlerischem Freigeist. Auf dem Ortsschild stand „Ghostown“. Natalie schüttelte sich über so viel sprachliche Barbarei. (Ich vermutete ja, dass es Absicht war, aber das machte es nicht besser. Jedenfalls war sie mir in diesem Augenblick noch sympathischer als sonst.)
Als wir ankamen, hatte Natalie bereits ein paar Dinge herausgefunden: Terlingua war früher eine Minenstadt gewesen. Zinnober. War mal eine richtig große Nummer, aber dann war die Mine ausgebeutet, es gab eine Überschwemmung. Die Leute verließen die Stadt. Später siedelten sich hier Künstler an, machten eine Künstlerkolonie und eine Touristenattraktion aus dem Ort. (Emily wollte wissen, ob es ein Oberhaupt des Ortes gäbe. Fererra meinte, nein, die wären alle sehr individualistisch. Ich musste bei der Vorstellung eines Oberkünstlers grinsen.)
Es gab ziemlich viele Fledermäuse hier in der Gegend, erzählte Natalie weiter. Die mexikanische Blütenfledermaus (Leptonycteris nivalis), die mexikanische Langzungenfledermaus (Glossophaga morenoi), die Peters-Kinnblattfledermaus (Mormoops megalophylla, auch Geisterfledermaus genannt). 1967 hatte sich sogar mal eine Kammzahnvampirfledermaus (Diphylla ecaudata) hierher verirrt, aber normalerweise lebten die hier nicht. Bisher hatte es aber noch keine Probleme mit den Fledermäusen gegeben.

Wir schlenderten durch den Ort (okay, ich hinkte). Fanden die Stelle, an der Lilia gestorben war. Keine Spuren, nur ein bisschen Blut am Boden.
Also weiter recherchieren. Ich ging mit Natalie in ein Café, um sie ein bisschen zu unterstützen, während sich die anderen im Ort umhörten. Wir fanden nicht viel mehr heraus, außer dass diese Geschichte mit der verirrten Kammzahnvampirfledermaus interessant genug war, dass Dr. Douglas Bateman, ein Biologe, eine Abhandlung darüber geschrieben hatte. (Dr. Bateman, der Fledermausforscher. Der hatte sicher auch schon jeden Witz gehört.) Allerdings ging aus der Abhandlung eigentlich nur hervor, dass er nicht wusste, was die hier gemacht hatte oder wie sie hierher gekommen war. Der Wind, vielleicht. Außerdem hackte sich Natalie kurzerhand in die Aufzeichnungen der Pathologie in El Paso und fand ein paar Fotos der Wunden, die zum Tod der Opfer geführt hatten. Kleine Bisse. Kein großes Vieh.
Emily und die beiden anderen schauten sich die Stellen an, an denen die anderen Leute gestorben waren. Generell zu wenig Blut. Redeten mit ein paar Leuten, landeten dann bei Cynta Lopez. Die führte Touristen in die Minen, nicht so richtig offiziell, aber auch nicht illegal. Ja, da lebten verschiedene Fledermauskolonien. Sie wusste von zwei oder drei Höhlen, wo die Schwärme nisteten. Die Tiere waren in der letzten Zeit aktiver als sonst, aber Cynta war aber dieses Jahr noch nicht bei den Höhlen gewesen. Touristensaison hatte noch nicht angefangen.

Wir trafen uns wieder. Was jetzt? Vielleicht die Höhlen ansehen, aber erst mal mit Dr. Bateman reden. Den hatte Cynta als Experten für Fledermäuse erwähnt.
Er saß im Starlight Saloon, ein rüstiger Achtzigjähriger mit zerzaustem Bart und entspannter Mine. Flankiert von drei Frauen in den Fünfzigern, die sich gerade munter mit ihm unterhielten und ein bisschen flirteten. Harmlos, aber die konnten wir da gerade nicht brauchen.
Also lehnte ich mich an die Theke des Saloons und starrte sie an. Beute, sagte mein Blick. Hindernis. Die drei fingen schnell an, sich unwohl zu fühlen. Nervös zu werden. In ihren Köpfen Gründe zu finden, nicht mehr in meinem Blickfeld zu sein. Drei, vier Minuten, dann gingen sie. Gut.

Dr. Bateman war über den hektischen Aufbruch vielleicht ein bisschen überrascht, aber er ließ sich schnell ablenken, als Lucie an seinen Tisch kam. Vorgab, ein interessierter Laie zu sein, fast sowas wie ein Fan. Klar durfte sie sich setzen und mit ihm über Fledermäuse reden. Vermutlich hätte sie mit ihm auch über Godzilla oder das Bruttosozialprodukt von Paraguay reden können – diesen niedlichen „Oh, du großer starker Mann, erklär mir die Welt“-Augenaufschlag hatte sie richtig gut drauf. Fand sogar ich anziehend, und ich stehe eigentlich nicht auf die Hilfloses-Kleines-Mädchen-Masche.
Bateman war jedenfalls hin und weg. Bot ihr an, sie könnte ihn „Dr. Doug“ nennen. Nett. Erzählte ihr gern von Fledermäusen. Die meisten tranken kein Blut, nur etwa drei oder vier Arten. Auch die konnten keine Kuh austrinken, aber es kam vor, dass sie Menschen angriffen.
Dann wurde es interessant. Dr. Doug… Dr. Bateman erzählte von der Kammzahnvampirfledermaus, die sich vor fünfzig Jahren hierher verirrt hatte. Ob Lucie wusste, dass jede Fledermausart ihren eigenen Sonardialekt hatte? Nicht? Jedenfalls hatte die Kammzahnvampirfledermaus einen oder mehrere Schwärme in der Umgebung von Terlingua mit ihrem Sonardialekt angesteckt, und weil das hier eine ziemlich isolierte Gegend war, hatte sich ein eigener Dialekt daraus gebildet. Hochinteressant. Musste mich zurückhalten, nicht sofort aufzuspringen und ihn genauer auszufragen. Isolierte Dialekte! Mann.
Lucie lenkte das Gespräch aber erst mal auf den Herkunftsort der Diphylla. War es denn möglich, dass die jemand hergebracht hatte? Gute Frage, fand Dr. Doug. Was studierte sie denn eigentlich?
Das hatte sie sich scheinbar nicht überlegt. Verzog sich mit einer hastigen Entschuldigung auf die Toilette, kurz darauf gefolgt von Emily.
Bevor Bateman abhauen konnte, setzte ich mich zu ihm. Eigentlich wollte ich ihn ja nur davon abhalten, zu verschwinden, aber die Frage nach den Sonardialekten war aus meinem Mund, bevor ich wirklich nachdenken konnte. Er war nur sehr kurz reserviert, dann führten wir plötzlich eine lebhafte Diskussion über Dialektvarianzen, Umweltfaktoren und andere externe Einflüsse. Ich merkte gar nicht, dass Lucie irgendwann zurückkam und erst mal zuhörte.
Schließlich wurde ihr die Diskussion wohl zu akademisch. Wollen wir nicht gehen und uns ein paar Fledermäuse anschauen, schlug sie vor. Klar wollten wir – Bateman, weil er sie niedlich fand, ich, weil ich mich wieder daran erinnerte, was ich hier machte. Okay. Niedlich fand ich sie auch.

Also los. Auf zu den Bergen um Terlingua. Bateman war zwar rüstig, aber er war auch ein alter Mann, und ich bin zwar keine Heulsuse (wenn es um körperliche Schmerzen geht, okay, alles andere… na ja), aber so schnell ging es mit der Schiene eben nicht. Außerdem trug ich auch noch Lucies Tasche, damit sie sich besser bei Dr. Doug einhaken konnte. War ziemlich schwer. Ich erfuhr später auch, warum. Jedenfalls genug Zeit für Emily, Mary-Ann und Natalie, noch ein paar Waffen zu holen und uns zu folgen.
Lucie fesselte Dr. Dougs Aufmerksamkeit zwar immens, aber irgendwann mussten ihm die drei Frauen, die uns folgten, doch auffallen. (War ich jetzt echt mit vier attraktiven Frauen unterwegs gewesen? Ich komme mir gerade vor wie James Bond, nur… hm… amerikanischer. Kein Wunder, dass Tam so komisch geschaut hat.)
Jedenfalls tat ich so, als wäre ich furchtbar überrascht, als ich Emily, Mary-Ann und Natalie hinter uns sah. Hab euch fast vergessen, murmelte ich wenig überzeugend. Bevor Bateman reagieren konnte, stellte Lucie mit großen Augen eine interessierte Frage über Fledermausohren, und er wendete sich wieder ihr zu. Wow. War doch mal echt nett, mit jemandem zu arbeiten, der mit Menschen gut umgehen konnte.

Gemeinsam kamen wir an einem alten Minenschacht an. Ein Schild warnte vor Einsturzgefahr, aber bislang sah der Gang halbwegs stabil aus. Hoch genug, dass ich aufrecht darin stehen konnte, war er jedenfalls.
Kaum hatten wir den Schacht betreten, da fuhr Lucie herum und ließ die Maske fallen. Beschuldigte Dr. Doug, gemeinsame Sache mit der Kammzahnvampirfledermaus zu machen, sie auf Leute zu hetzen und für die Toten verantwortlich zu sein. Bateman reagierte entrüstet. Was für ein Blödsinn, sagte er und schüttelte den Kopf abwehrend. Klang aufrichtig.
Bevor er jetzt seinerseits aggressiv werden konnte, zeigten wir ihm das Foto der Verletzungen, die die Toten erlitten hatten. Waren das Fledermäuse? Ja, sagte er schockiert. Die Wunden stammten schon von Fledermäusen… aber… nein, das war doch Blödsinn.
Wir mussten nicht lange bohren, bis er uns den Blödsinn erzählte. Vor vielen Jahren hatte er in einem alten Forschungsbericht eine Legende über die Kammzahnvampirfledermaus gelesen: Einmal in vielen Generation wurde ein Tier geboren, das besondere Kräfte hatte und andere Fledermäuse mit seinem Sonardialekt beeinflussen und unterjochen konnte. Diese Mutation benutzte die anderen Tiere dann als Gehilfen bei der Jagd und griff mit Vorliebe Menschen an. Das kam nicht häufig vor, vielleicht aller fünfzig Jahre.
Als wir daraufhin die Waffen auspackten, wurde er blass, protestierte aber nicht. Lucie hatte eine verdammte Mossberg in der Tasche, die sie professionell durchlud. Okay. Wow. Toughe Frau, große Waffe – das war schon mehr mein Beuteschema. Mir fiel auf, dass ich vielleicht aufhören sollte, sie anzustarren. Echt jetzt, Jackson, erklärte ich mir selbst. Hast du nicht genug Probleme?

Ich schüttelte meine Gedanken durch. Sah, wie Emily Mary-Ann ein Messer gab. Überlegte kurz, aber verdammt, die Seelsorgerin war eine Freundin von Fererra. Bot ihr meine Ruger an. Sie griff zu. Nahm sie, als wäre das nicht das erste Mal, dass sie eine hielt. Gut.
Natalie schaute ein bisschen verloren. War nicht bewaffnet. Verdammt. Ich hatte nur die drei Pistolen dabei. Andererseits hatte ich Natalie mitgeschleppt. Konnte sie jetzt nicht unbewaffnet herumlaufen lassen. Gab ihr die Glock 21, auch wenn es mir fast weh tat. Hatte ja noch die Glock 17. Das würde schon reichen, erklärte ich mir selbst. Glaubte es nicht so richtig.

Die Schrotladung traf mich hart an der linken Seite, als ich versuchte, zu Moore zu kommen. Er war hinter dem Schrank aus dünnem Blech in Deckung gegangen, aber O’Callan und seine Jungs hatten beim Aufstand Waffen erbeutet, darunter auch eine Maschinenpistole, mit der sie den Schrank durchlöcherten. Hastig hievte ich mich in die magere Deckung. Moore lag mit glasigen Augen auf der Seite, atmete noch, aber ich sah auf den ersten Blick, dass er es nicht mehr lange machen würde. Fuck.
O’Callan ballerte noch einmal mit der Schrotflinte in meine Richtung, aber er zielte zu hoch und verfehlte mich größtenteils. Ich erwiderte das Feuer nicht – er hatte noch Deckung, und ich hatte nur zwei Kugeln in dem kleinen Revolver, den ich einem toten Wachmann abgenommen hatte.
Dann: Ein heftiger Schusswechsel im Gang. O’Callan strauchelte in die Krankenstation, auf der Moore und ich uns verschanzen wollten, gefolgt von ein paar anderen seiner Nazis.
Mit zusammengebissenen Zähnen fand O’Callan sein Gleichgewicht wieder. Zog eine Desert Eagle aus dem Hosenbund und zielte in meine Richtung.
„Diesmal“, erklärte er, „diesmal rettet…“
Ich erschoss ihn. Erst schießen, dann reden. Erschoss noch einen, sah dann die Surenos, wie sie die restlichen Nazis vertrieben. Fererra schaute zur Tür hinein.
„Jackson“, sagte er und nickte mir zu. „Hätte ich mir denken können. Bist du okay?“
Ich sah an mir runter. Blutete heftig, hatte starke Schmerzen im Unterbauch. Hörte das Johlen der Geister in meinem Kopf. Dazwischen: Moores verwunderte, desorientierte Stimme. Sein Körper neben mir hatte aufgehört zu atmen. Ich schloss kurz die Augen. Verdammt. Moore war ein Freund gewesen.
„Alles in Ordnung“, rief ich Fererra zu. Meine Stimme war brüchig, aber so klang sie oft. „Halte hier die Stellung. Sichere Zone.“
Er nickte und wollte gehen, als mir etwas einfiel. „Nicht genug Waffen“, stieß ich hervor. „Lass mir eine Pistole da.“

Erinnerungen. Lange her. Hör auf, nachzudenken, Jackson. Bleib bei der Sache. Minenschacht. Ich stellte mich vor Natalie – die war irgendwie… Familie. Mitakuye oyasin, und so weiter. Lucie mit ihrer Mossberg auf meiner rechten Seite, Emily mit ihrem Bogen hinter uns. Dr. Batman… Bateman… und Natalie mit Taschenlampen dahinter.
Vorsichtig bewegten wir uns in den Schacht. Hinter uns ging die Sonne gerade unter. Ein, zwei verirrte Fledermäuse kamen uns entgegen – der Schwarm erwachte.
Nach kurzer Zeit erreichten wir einen großen Raum. Keine Höhle, sondern ein zentraler Minenschacht, groß genug für einen Kinosaal. Überall an den Wänden hingen kleine dunkle Gestalten, die sich langsam regten. Gut, dass Natalie uns vorher gezeigt hatte, wie eine Diphylla im Vergleich zu einer Mormoops oder einer Leptonyceris aussah – heller, kleiner als die Mormoops, aber deutlich größer als die Leptonyceris.
Unser Erscheinen schreckte die Tiere auf. Einen Moment lang flatterten sie ziellos umher, aber dann formierten sie sich präzise zu einer – nein, zwei beinahe humanoiden Gestalten. Emily rief uns zu, die Diphylla wäre im rechten Kopf, dann rasten die beiden Schwärme in unsere Richtung.
Lucie schoss mit ihrer Mossberg auf unsere Angreifer, dünnte den Schwarm aus. Ich sah die Kammzahnvampirfledermaus nicht, feuerte auf das morsche Gebälk in der Decke. Traf eine labile Strebe, Holzteile stürzten auf die kleinen Tiere und verschütten etliche. Mary-Ann feuerte in den Schwarm hinein, Natalie leuchtete mit dem Strahl der Taschenlampe auf den vagen Kopf der unförmigen Gestalt, die auf mich und Lucie zuschwankte. Emily ließ ihren Pfeil von der Sehne. Traf die Diphylla, aber nicht, bevor der Schwarm mich und Lucie erreichte. Die Fledermäuse hatten scharfe Zähne, griffen furchtlos an, verbissen sich in Kleidung und Haut.
Aber als Emilys Pfeil die Kammzahnvampirfledermaus traf, verlor der Schwarm seinen Zusammenhalt. Irritiert flatterten die Tiere um uns herum und huschten schließlich durch den Schacht nach draußen. Ich klaubte eine verwirrte Mormoops aus meinen Haaren und ließ sie fliegen.
Hinter uns, im Zentralschacht, stürzten weiterhin Balken von der Decke. War wohl eine wichtige Strebe gewesen, die ich getroffen hatte.
Hastig verließen wir den Schacht. Ich stützte Lucie, die deutlich mehr abbekommen hatte als ich. Draußen fragte ich sie, ob sie zu einem Arzt oder ins Krankenhaus wollte, aber sie verneinte vehement. Gut, also versorgte ich ihre Wunden. Hatte den Eindruck, das war nicht das erste Mal, dass jemand sie nach einer Jagd zusammenflickte.
Wies sie darauf hin, dass sie Antibiotika brauchte. Bisse von Fledermäusen entzünden sich gern, und die Tiere übertragen Krankheiten. Tollwut, zum Beispiel. Fragte sie, ob sie jemanden kannte. Sie nickte. Gut.

Wir kehrten nach Marathon zurück. Ich versorgte meine eigenen Wunden (waren nur Kratzer, aber Tollwut brauchte ich keine), setzte mich dann noch mit Fererra zusammen. Erzählte ihm von dem Fledermausschwarm, verbrämte die Sache möglichst wissenschaftlich. Sonar und so. Er nickte, erleichtert, dass es kein Rachegeist war. Sprach von seiner Frau, von seinem Leben. Von Mary-Ann, die ihn unterstützt hatte. Und Lucie?, warf ich ein. Nein, Lucie kannte er gar nicht. Jedenfalls nicht richtig. Die hatte ihn nur besucht. Er wollte nicht sagen, warum, und ich wollte es auch nicht so genau wissen.

Am nächsten Tag fuhr ich mit ihm, Emily und Natalie zurück nach Terlingua. Einkaufen. Plüschskelette für die Kinder, scharfe Saucen für die Küche. Überlegte, irgendwann mal mit den Kids herzukommen, einfach nur so. Als Touristen. Wäre doch mal lustig. (Genau. Das hatte ja in Cancún schon so gut funktioniert.)

Gegen Nachmittag fuhren Emily und ich wieder los. Kamen diesmal tatsächlich ins Reden. Sie erinnerte sich an die Zeit, bevor sie verschwunden war. Hätte mir klar sein können, sie kannte Ethan ja offensichtlich. Keine Parallelen zu dem, was Tam passiert war.
Allzu tiefgreifend wurde es zwar nicht, aber ich fühlte mich danach wohler in ihrer Gegenwart, und andersrum auch. Glaube ich zumindest. Sie versicherte ein bisschen zu oft, dass sie völlig okay war, aber was sollte ich dazu sagen? Habe auch schon oft behauptet, es wäre alles in Ordnung, obwohl es meilenweit entfernt davon war.
Zwei Tage später setzte sie mich wieder in Little Rock ab. Trank noch einen Kaffee mit mir. Smalltalk, Kleinkram. Aber entspannt. Hoffe ja, dass ich sie bald mal wiedersehe. Ich glaube, ich mag sie.

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Batman must die

Ich bekam einen Anruf von Barry. Es hatte mich schon sehr gewundert, dass er ausgerechnet mich angerufen hat. Ethan war wohl anderweitig beschäftigt und ein Bekannter oder Freund von Barry bat ihn um Hilfe. Er fragte mich, ob ich ihn in Little Rock abholen könnte. Barry erzählte mir, dass sein Bekannter Germán Ferrera heißt und seine Frau auf unnatürliche Art und Weise umgekommen war. Mehr Information hatte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auf dem Hinweg trafen wir noch Natalie, die Barry ebenfalls angerufen hatten, da sie sehr gut recherchieren konnte. Gemeinsam fuhren wir nach Marathon in Texas.

Dort angekommen gingen wir zur Haustür, Barry voran. Ein Mann mittleren Alters öffnete uns die Tür. Er hatte kurze schwarze Haare und einen ebenso schwarzen Schnauzbart, ein rundes Gesicht und einen kleinen Bauchansatz. Er sah völlig fertig aus.
Barry spricht den Mann auf spanisch an, ich glaube es war eine Begrüßung und eine Beileidsbekundung, da ich keine spanisch spreche war es aber bloß eine Vermutung. Er schien den Mann fast nicht wiedererkannt zu haben, dennoch stellte er Natalie und mich nun auf amerikanisch vor. Dies war also Barry alter Bekannter Germán Ferrera. Er bat uns hinein und brachte uns ins Wohnzimmer wo bereits zwei Frauen die unterschiedlicher nicht sein könnten auf dem Sofa saßen. Die eine hatte langes dunkelbraunes Haar und eine Motorradkluft an, die andere junge Frau hatte kurze aschblond und sehr adrett gekleidet. Ferrera stellte uns die beiden als Mrs. Morrissey und Mrs. Mary Ann Young vor.

Ich fragte ich mich, ob die beiden auch wegen dem Tod seiner Frau hier waren.

Mary Ann wollte wissen, weshalb Ferrera so viele Leute angerufen hat. Er meinte jedoch nur, dass er das gar nicht hat, er habe nur Barry und sie angerufen und Natalie und ich auf wunsch von Barry mitgekommen seien.

Ferrera beginnt dann zu erzählen, dass er und seine Frau ein Restaurant in Terlingua hatten, welches inzwischen zu einem Künstlerstädtchen mit vielen Touristen und einem Chili Cookoff geworden war. Lilia, seine Frau, hatte dort eine Galerie und Atelier. An dem Abend wollten die beiden zu einem Konzert, auf dem Rückweg wollte Lilia noch die Abendstimmung einfangen. Plötzlich kam ein großer Schatten aus der Luft herab und hatte Lilia niedergerissen. Sie hatte entsetzlich geschrien und als er endlich bei ihr ankam, war der Schatten auch schon wieder verschwunden und Lilia tot. Er glaubte, dass er etwas wegfliegen gesehen hatte. Lilia hatte viele kleine Wunden, die ein wenig nach Bisswunden aussahen. Der Arzt meinte sie sei am Blutverlust gestorben.
Dabei sprach Ferrera immer wieder von einem Racheengel, wegen seiner Vergangenheit als Krimineller.

Mary Ann wirkte auf mich verwirrt, vermutlich hatte sie bisher nichts mit den übernatürlichen zu tun. Barry war dann so gnädig und versuchte Mary Ann aufzuklären, dass uns Ferrera gerufen hat, weil seine Frau auf unnatürlichem Art und Weise gestorben war. Mary Ann sagte, sie verstehe immer noch nicht ganz, also erklärte Ferrera, dass er glaubte für seine Vergangenheit bestraft werden sollte. Barry war halt jemand, der sich damit auskennt.

Mir wurde es zu blöd, wenn da draußen etwas ist, dass Menschen tötet mussten wir so schnell wie möglich die Fährte aufnehmen. Also fragte ich ohne große umschweife, wie groß das Wesen war, und wieviele Opfer es noch gegeben hatte.
Er antwortete dass es noch 4 weitere Opfer gab. Ein Farmer, ein Trucker und ein Touristenpaar, das in den Flitterwochen war. Alle sind nachts umgebracht worden. Mary Ann ist erstaunt, dass wir so gezielte fragen stellte. Er sagte, dass er sei Privatdetektiv sei. Mary Ann bemerkt jedoch, dass Lucies ihr Gesicht kurz verzog. Mary Ann wollte die Polizei informieren, die solle sich darum kümmern. Darauf hin musste auflachen und meinte, dass die Polizei wahrscheinlich gar nicht helfen könne.
Ferrera meine die gängige Theorie ist, dass es Fledermäuse gewesen sein sollen, doch war es keine Fledermaus was er gesehen hatte. Er glaubte weiterhin an den Racheengel. Wir fragten, warum er ausgerechnet ein Paar in den Flitterwochen angegriffen hat? Barry meinte außerdem, dass sei es sehr egozentrisch zu denken, dass es seinetwegen gewesen war, vielleicht hat Lilia ja auch was gemacht. Ich fragte ihn wie es aussah und wie groß es war und Ferrera dachte kurz nach und meinte dass etwas menschengroßes seine Frau angegriffen und aussaugte hatte.

Irgendwas stimmte hier nicht. Sie waren zwar Blutleer, aber es sah mir nicht nach Vampire aus, wenn es viele kleinen Bissspuren gab. Auch wenn es menschengroß war. Ich zerbrach mir den Kopf. Kam, aber zu keinen Ergebnis.
Und was ich von den beiden neuen halten sollte, war mir auch noch nicht ganz klar.

Marry Ann sah völlig verwirrt zwischen uns Jäger hin und her. Dann erklärten wir ihr, was es mit den Jägern auf sich hat, auch wenn das Wort “Jäger” dabei nicht benutzten.

Ich wollte noch wissen, ob es dort einen Bürgermeister oder so etwas gab. Eine Art Oberhaupt und wie die Leute auf Fremde reagieren, ob sie offen dafür sind. Ferrera sagte, dass Terlingua ein Touristenort ist und sie sehr offen gegenüber Fremden sind. Und er verneinte, dort gab es an für sich keine eigene Polizei. Nach dem Morden fuhr zwar mal ein Streifenwagen vorbei. aber Polizei per Se gab es nicht in diesem Ort.

Natalie recherchierte in der Zwischenzeit über Terlingua. Es war ein alter Minenort, Zinnober-Bergwerk, 1944 waren die Minen ausgebeutet und wurde überflutet worden, danach war die Stadt verlassen und wurde zu einer Geisterstadt, bis die Künstler sich dort niedergelassen hatten.
Natalie forschte auch nach, wie es mit Fledermäuse in Terlingua aussah. Es schien hier einne Menge von denen zu geben. 1967 wurde sogar ein Kammzahnvampir aus Mexiko in einem verlassenen Tunnel gefunden.

Wir waren uns schnell einig, dass wir uns das vor Ort ansehen musste. Mary Ann und Lucie fuhren zusammen mit dem Motorrad. Barry wollte zuvor aber noch wissen, ob Lucie Bescheid wusste und ob sie bewaffnet sei. Sie war misstrauisch, meint aber, sie wüsste sich zu helfen. Barry meinte, dass wäre wichtig, damit man sich nicht im Weg rumsteht. Er sei bewaffnet, deutete auf mich und meinte ich wäre ebenfalls bewaffnet, Natalie eher nicht. Lucie sagte trocken, dann spiele ich eher in eurer Liga als in der der Kleinen mit dem Laptop.

Ich fing an die Frau zu mögen. Ich hätte wohl auch nicht anders reagiert.

Wir fuhren nach Terlingua und es war sehr individuell. Der Großteil der Häuser waren kleine Steinhäuser, aber einige Minenhäuser wurden umfunktioniert wie zum Beispiel das Hotel. Dort trafen wir uns vor einen kleine Cafe oder sowas.

Ich wollte mir direkt die Tatorte anschauen, als erstes den wo Lilia gestorben war. Barry und Natalie wollten im Internet recherchieren, ob es nach weitere oder ähnliche Vorkommnisse gab und auch ob sie an die Autopsieberichte kam.
Ich untersuchte in der Zwischenzeit die Tatorte, dort war noch immer Blut auf dem Boden. Ich sah aus den Augenwinkel wie Lucie schluckte, ignorierte es aber, wahrscheinlich hätte sie eh nicht drüber sprechen wollen. Ich suchte noch etwas die Gegend ab, konnte aber keine weitere Spuren entdecken. Ich sah mich um, ob es in der unmittelbaren Nähe irgendwelche Höhlen gab.
Mary Ann und Lucie begleiteten mich, naja, folgten mir auf etwas Abstand. Sie sprachen leise miteinander, bzw. hatte ich den Eindruck als würde Marry Ann Lucie neugierig fragen was sie über das ganze wusste.

Ich befragte Ferreira nach den Minen, ob Touristen da einfach reingehen konnten, aber er verneinte, es gab hier wohl sowas wie eine selbsternannte Minenführerin namens Cynta Lopez. Ich bedankte mich knapp und suchte diese Cynta auf. Sie machte relativ viel für die Touristen. Sie machte ebenso Wanderführungen, Ausritte und solche Dinge, aber wenn es um Fledermäuse geht, sollte ich Dr. Doug fragen. Sie erzählte weiter, dass sie vor einigen Wochen die Minen untersucht habe und die Fledermäuse ungewöhnlich unruhig waren und scheinbar wach, obwohl es mitten am Tag war. ich fragte sie weiter nach dem Touristenpaar, aber die waren nicht auffällig ein typisches Paar halt, die gerade in den Flitterwochen waren. Ich fragte noch, ob es möglich wäre bei Gelegenheit eine Führung zu den Fledermaushöhlen zu bekommen und sie stimmte zu, obwohl sie es eigentlich ungern macht, da die Tiere ja ihre ruhe brauchen.
Auch hier bedankte ich mich und ich ging mit den anderen beiden zurück zum Cafe wo wir Barry und Natalie zurückgelassen hatten.

Na, dass wir ja immer besser. Tollwütige Fledermäuse oder eine Art Fledermausmensch. Da schüttelt es sich mir echt. Gibt es gar kein Halt mehr für die verdammten Monster.

Im Cafe tauschten wir uns aus. Natalie erzählte mehr von der Kammzahnvampir-Fledermaus und einem Dr. Douglas Bateman der sie untersucht hat. Er hat auch eine Abhandlung über diese Art von Fledermaus geschrieben, aber warum sie in Terlingua war, war unerklärlich. Jedoch war die Kammzahnvampir-Fledermaus eine von drei wirklichen Blutsaugern. Natalie erzählte noch von den Gerichtsmedinerakten, dass es kleine Bisswunden waren, was wieder auf die Fledermäuse hindeutete, aber keine Erklärung dafür war, was Ferrar gesehen hatte.

Ich fasste kurz zusammen, was ich, nein wir, rausgefunden hatten, aber das war nicht viel. Zumindest gab es einen Namen der beiden Untersuchungen über den Weg lief, also suchten wir diesen Dr. Bateman auf.

Ich fragte Natalie, ob sie an die Obduktionsberichte kommt. Mary Ann fragte, ob das wirklich sein musste, dass war immerhin illegal. Barry meinte auch wir sollten es erstmal so versuchen, also ließ ich es darauf beruhen.

Wir fanden Dr. Doug im Starlight mit einem Bier in der Hand. Er saß an einem Tisch mit drei etwas jüngeren Frauen. Barry schüchtert die Drei ein und sie zogen relativ schnell Leine. Lucie ging zu Dr. Bateman rüber und fing an ihn zu bezirzen. Sie tat so als würde sie sich unglaublich für Fledermäuse interessieren. Sie schien zu versuchen ihn dazu zu bringen, dass er mit ihr zur Höhle geht. Als Dr. Bateman Lucie nach ihrem Fachgebiet fragt, sprang sie auf und flüchtete auf die Toilette. Noch in der Tür winkte zu mir zu und deutete mir an, dass ich ihr folgen sollte.

Oh, verdammt. Was sollte das jetzt werden? Ich bin eigentlich keine Frau die unbedingt zu zweit aufs Klo geht und hatte nicht den Eindruck, als würde Lucie so eine fragen sein. Vorallem wir kennen uns doch gar nicht.

Ich stand auf, ging ihr dann hinterher und fragte, was es gibt. Sie erzählte mir, was sie plante, nämlich Dr. Bateman hier raus zu locken und Richtung Höhlen bringen oder zu einer Seitenstraße und ihm dann richtig auf den Zahn fühlen.

Als wir zurückkamen saß Barry bereits bei Dr. Bateman am Tisch. Sie unterhielten sich über irgendwelche Fledermausdialekte, Barry schien das ernsthaft zu Interessieren.

Ich fand Barry schon sehr merkwürdig. Auf einer Art ließ er den harten Kerl raushängen, aber andererseits war er irgendwie sensible. Noch komischer waren seine Interessen, muss wohl so sein, wenn man Schriftsteller war.

Lucie setzte sich wieder dazu und wollte ihren Plan in die Tat umsetzen. Sie baggerte noch ein wenig Dr. Bateman an und tatsächlich hatte sie ihn überzeugt zu den Höhlen zu gehen. Barry meinte, dass er auch mitkomme, da er sich ja sehr für die Dialekte interessierte.

Natalie, Mary Ann und ich gingen mit Abstand hinterher. Ich machte nach ein Schlenker zum Wagen und holte meine Waffen aus dem Auto. Der Mineneingang war mannshoch und Wasser stand in der Mine. Barry schaffte es, dass der Rest der Gruppe auch mitkommt, indem er behauptete, dass er nur vergessen hat, dass wir auch dabei waren, wegen den ganzen Dialekten. Lucie lenkte Dr. Bateman so ab, dass er dem nicht hinterfragte.
In der Höhle hatte Lucie ihre Maske fallen gelassen und Dr. Bateman mit ihrem Verdacht konfrontiert, dass er etwas mit den Toten zu tun hat, und dass er eigentlich die Kammzahnvampir-Fledermaus ausgesetzt oder abgerichtet hat.

Dr. Bateman war wirklich entrüstet und Barry deutete Natalie an, dass sie ihm das Bild der Leiche zeigt. Dr. Bateman war sicher, dass das eine Fledermaus war und er erzählte, dass er einen merkwürdigen Aufsatz gefunden hat, dass es seltene Mutationen unter dem Kammzahnvampir-Fledermäusen gab und sie andere Fledermäuse beeinflussen kann, aber er habe gedacht, es seien nur Spinnereien und nichts wahres dran.

Es musste also eine mutierte Kammzahnvampir-Fledermaus hergefunden haben, alles deutete daraufhin. Noch bevor sie weiter in die Höhle gehen, gab ich Mary Ann mein Ersatzmesser. Es war Mittags eine Zeit wo Fledermäuse eigentlich schlafen, aber dennoch flatterten sie munter kreuz und quer durch die Höhle. Langsam schienen sie eine menschliche Gestalt anzunehmen, doch dann teilten sich auf und gingen auf Barry und Lucie los. Ich beobachtete die Fledermäuse und erkannte dann die Kammzahnfledermaus im imagienären Kopf der humanoiden Gestalt. Lucie schießt mit Ihrer Mosberger auf die Fledermaus, trifft sie aber nicht richtig. Barry schießt in die Decke und einige Steine lösen sich von der Decke und erwischt einige der Fledermäusen die auf den Boden gerissen wurden. Natalie leuchtet die Fledermaus an und Mary Ann versucht auf sie zu schießen, kann sie aber nur streifen. Die Fledermäuse bei Barry und Lucie greifen die beiden an, Barry wird zum Glück nur etwas gekratzt nichts ernsthaftes, jedoch Lucie wird von mehreren Fledermäusen gebissen. Ich setzte einen Pfeil auf den Bogen und konzentriete mich, meine Atmung wurde immer langsamer und ruhiger. Ich blendete die Personen links und rechts neben mir aus, ebenso wie die anderen Fledermäuse. Nur ich und die Kammzahnvampir-Fledermaus waren jetzt noch präsent. Ich zielte, einen Augenblick, zwei Augenblicke, dann ließ ich den Pfeil los der schnellte nach vorne und traf sie und pinnte sie an einen Balken fest. Ich ließ den Bogen sinken. Aus der Fledermaus wich sofort alles Leben und durchbrach den Einfluss auf die anderen Fledermäuse, die auseinander flogen. Ich zog den Pfeil aus dem Balken und der Fledermaus und trat noch mal drauf, dass sie wirklich Mus war. Dr. Bateman rief zwar noch ein zögerliches Halt, aber da war es schon zu spät. Ich machte den Pfeil etwas sauber und ging langsam raus, mit den Worten das wars. Auf dem Weg nach draußen gab mir Mary Ann noch mein Messer wieder und ich steckte es mir wieder in den Stiefel.

Barry versorgte Lucies Wunden, sie wollte zu keinen Arzt, aber sie kennt da wen, der ihr die Medikamente besorgen kann. Barry gab ihr noch den Hinweis, dass die auf jeden Fall was gegen Tollwut nehmen soll, bei Fledermäusen weiß man ja nicht.

Das scheint ja ne Art Jägerkrankheit zu sein, aber ich kann sie nur zu gut verstehen. Es scheinen echt viele mit Ärzten und der Gleichen ein Problem zu haben

Nach dem es Lucie wieder besser ging, sind alle noch in einen Souvenirshop und haben allerlei Krempel gekauft. Barry auch. Ich denke für seine Familie. Wir blieben nach einen Tag und Ferrera bedankte sich bei uns, dann fuhren Barry und ich zurück. Unterwegs unterhielten wir uns sogar etwas. Er wollte mehr über Lucie erfahren, was ich jedoch nicht konnte. Dann unterhielten wir uns über seine Familie, vorallem seinen Pflegesohn der anscheinend in einer Parallelwelt festhing und von dem Umzug der bevor stand. Ich erzählte ihm, dass ich lieber alleine bin, nicht andauernd, aber dass ich doch lieber für mich bin.
In Little Rock ließ ich Barry wieder raus, er meinte von da kommt er gut weg und wenn ich mal in Chicago bin, solle ich mich doch melden. Dann spendierte er mir noch einen Kaffee und ich fuhr weiter.

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Invincible
Ein Treffen in Albany

Niels betrat das Café mit einem mulmigen Gefühl. Die letzte Woche bei Ethan und sein Aufenthalt in Connecticut hatten ihn ein klein wenig aufgebaut, aber er hatte Angst vor dem Gespräch mit Emily. Er sah auf seine Arme herunter. Die Ärmel des Longsleeves verdeckten zwar die Verbände, aber er wusste ja, dass sie da waren. Dass die Narben nicht wieder verschwinden würden. Noch immer hatte er keine genaue Vorstellung, wie es unter den Verbänden aussah, wieviele Stunden Arbeit in Flammen aufgegangen waren. Das war sein Ding gewesen, das, was ihn ausmachte, seine Art, alles zu vergessen. Was für eine Ironie, dass mit dem Feuer gleichzeitig alles ausgelöscht worden war und das, was er versucht hatte, zu verstecken, wieder nach oben gekommen war.

Niels sah sich um, das Café war recht gut besucht, aber er fand einen Tisch, der etwas abseits war. Perfekt für ein Gespräch über all das, was sie erlebt hatten. Er spürte, dass er zitterte, obwohl es nicht kalt war. Weder Ethan noch Bart hatten ihm also ganz die Angst nehmen können. Die Kellnerin kam und fragte ihn nach seiner Bestellung, und Niels hätte am liebsten Alkohol verlangt, entschied sich aber für das Richtige, einen Kaffee. Dann wartete er und hoffte, dass Emily kam.

Emily fuhr vor dem Café vor, blieb noch einen Moment im Auto sitzen und atmete tief durch. Sie fürchtete sich ein wenig Niels gegenüber zu treten. Sie wusste nicht was sie erwartet, warum Niels mit ihr sprechen wollte, obwohl sie eine wage Ahnung hatte.
Sie erinnerte sich an das Gespräch mit Bart und fragte sich, wie sie immer in Cafés landete. Bei diesen Gedanken musste sie kurz schmunzeln und stieg aus.
Das letzte Gespräch mit Ethan war auch nicht solange her und sie hatte noch immer keine Antwort darauf gefunden. Sie öffnete die Tür, betrat das Cafè und schaute sich um. Als sie Niels erblickte, wirkte er etwas in Gedanken, Emily ging langsam auf den Tisch zu an dem Niels saß. Ihre Bewegungen scheinen immer noch eingeschränkt zu sein.
Sie blieb am Tisch stehen und blickte auf Niels runter. Noch bevor sie sich setzte begrüßte sie ihn. Sie stand einen Moment da, setzte sich dann aber.
“Bevor du anfängst, es….es tut mir wirklich leid.” Sie schaute ihn an und biss sich auf die Unterlippe.

Niels sah auf. Es tat ihr leid? Was tat ihr leid? Dass er ein Vollidiot gewesen war? Dass er, ein Heckler, ein Jäger seit seinem 9. Lebensjahr, der Sohn von Jacob Heckler, es für richtig gehalten hatte, sich alleine einem Dämon und einem Höllenwesen entgegen zu stellen und so ihr beider Leben riskiert hatte? Aber statt ihr das alles zu sagen, stand er nur auf und wollte ihr aus einem Reflex heraus zur Begrüßung die Hand reichen, als ihm wieder einfiel, dass Emily kein Mensch fürs Händeschütteln war. Stattdessen zwang er sich zu einem “Hi, setz dich doch”, bevor er weiter redete. “Was genau tut dir leid?” Seine Stimme klang belegt. “Dass ich dich fast umgebracht habe?” Die Kellnerin kam jetzt, brachte Niels seinen Kaffee und fragte Emily, ob sie auch etwas trinken wollte. Dabei lächelte sie verschwörerisch. Niels seufzte innerlich. Nein, das hier war kein Date, beileibe nicht. Selbst wenn er auf Frauen stehen würde, das hier war das Gegenteil eines Dates. Gab es so etwas wie Anti-Dates?

Emily bemerkte Niels Bewegung und war froh, als er diese wieder abgebrochen hatte. Sie wollte sich nicht wieder und wieder erklären müssen. Sie war jetzt soweit, dass Bart sie berühren konnte und auch Ethan hatte ganz kurz ihre Hand gehalten. Sie war aber noch nicht soweit sich allen anderen auch so zu öffnen. Sie mochte Niels, dass war auch nicht ihr Problem. Aber Niels schien sich dessen bewusst geworden zu sein und dafür war sie dankbar. Emily sah die Kellnerin an und bestellte ein Glas Wasser. Sie musterte die Kellnerin und fragte sich, was sie sich dachte, konnten sich junge Leute nicht einfach so treffen. Sie wollte erst was sagen, behielt es aber für sich. Dafür war sie nicht hierher gekommen. Nicht um einen Streit zu provozieren. Sie blickte der Kellnerin noch mal hinterher und schnaufte leise, dann wendete sie sich wieder Niels zu. Emily guckte Niels geschockt an. “Mich umgebracht? Du? Nein, es war meine eigene Entscheidung die mich in dieser Lage gebracht hat.” Jetzt sprach sie leise und stockte immer wieder. “Das…das ich nicht rechtzeitig da war, dass ich dir nicht helfen konnte. Ich konnte einfach nicht…” Sie brach ab. Emily konnte Niels nicht in die Augen schauen. Sie wunderte sich, wieso gab er sich die Schuld, Sie wusste doch wie gefährlich die Jagd war und sie hat bei weitem schlimmeres erlebt. “Niels, ich wollte dir helfen und konnte es nicht, dass tut mir leid.” Sie zuckte mit den Schultern.

Niels spürte, dass er wütend wurde. Er brauchte keine Hilfe, er schaffte das alleine. Dann fiel sein Blick auf seine Arme. Und wie du das alleine schaffst, Heckler. Ethans Worte kamen ihm in den Sinn. Kram passiert. Und ja. Kram passiert, für den du dich schuldig fühlst. An dem du schuldig bist. Passiert. Bleibt nicht aus. Er hatte ja recht, so verdammt recht. Es war auch nicht nur das, aber wollte er Emily das wirklich alles erzählen? Wobei sie die Wahrheit verdient hatte. Auch wenn es ihr leid tat, sein unüberlegtes Handeln hatte sie doch erst zu der Entscheidung verleitet. Das waren zwar mit Sicherheit nicht die ersten Monster, denen sie sich in den Weg gestellt hatte, wenn er an ihren Bogen dachte und die sicheren Bewegungen, aber er hatte sich geschworen, dass er sie beschützte. Felicity hatte niemals über Emily gesprochen, und er hatte es nicht gewagt, sie oder Ethan nach ihr zu fragen.
Die Kellnerin brachte ihnen jetzt die Getränke, und Niels sah ihr nach, bis sie in sicherer Entfernung verschwunden war. “Aber wenn ich nicht wie ein Irrer vorgerannt wäre, hättest du diese Entscheidung nicht treffen müssen. Abgesehen davon, ich hätte das alles wissen müssen. Ich bin Jäger, seit ich neun Jahre alt war. Es war dumm von mir, zu glauben, dass ich mit einem Dämon und diesem Feuerwesen klar komme. Aber trotzdem… ich wollte dich da nicht mit reinziehen.”

Emily trank einen tiefen Schluck von ihrem Wasser und blickte Niels an. “Mag sein, dass deine Entscheidung mich zu meiner verleitet hat. Mag sein, dass es anders gelaufen wäre, hättest du… hätten wir auf die anderen gewartet, haben wir aber beide nicht. Shit Happens. Es ist passiert und wir leben noch.” Sie lächelt Niels an. “Ich jage schon seit meinen elften Lebensjahr und weiß, worauf ich mich einlasse. Ich habe schon soviele….soviele……Menschen verloren.” Es wirkt so, als ob sie was anderes sagen wollte, aber nicht über die Lippen bringt. Ihr blickt wird etwas traurig. “Ich wollte nicht schuld sein, schon wieder jemanden zu verlieren, ich könnte mir das einfach nicht verzeihen.” Sie schweigt einen Moment bevor sie erneut ansetzt.
“Ich gebe dir auf jeden Fall kein Schuld, allerhöchstens eine Teilschuld, aber auch wenn ich später dazu gekommen wäre, wäre es nicht auszuschließen, dass ich dann nicht ebenfalls so verletzt wurde und es heilt, langsam aber es heilt.” Sie lächelt ihn aufmunternd zu.

Er sah sie nachdenklich an. “Ja, wir leben noch. Auch wenn ich für einen Augenblick dachte, dass das nicht mehr der Fall ist.” Niels dachte an sein ‘Gespräch’ mit seinem Vater. Ob er jemals erfahren würde, ob Jacob wirklich schon bei ihm gewesen war, oder ob der Dämon es ihm hatte einfach machen wollen, als er versucht hatte, seine Seele zu stehlen? Er spürte wieder, wie der Ekel in ihm hochstieg. Der Dämon war in sein Innerstes vorgedrungen, hatte seine guten Erinnerungen durchwühlt, als sei Niels’ Seele ein Selbstbedienungsladen, während die Verletzungen des Feuerwesens ihn zurück in den Keller verfrachtet hatten. Für einen kurzen Moment war es gewesen, als hätte es die letzten vier Jahre niemals gegeben. Das Wissen, dass einem die Seele gestohlen wurde, während man verbrannte, war nicht besser als die Tatsache, dass der eigene Bruder und Vater ihn beinahe totgeschlagen hatten, weil er war, wie er war.
Sein Blick traf den Ems. Ihre grünen Augen ruhten immer noch auf ihm und holten ihn ins Hier und Jetzt zurück. “Du hast mich nicht verloren”, sagte er und versuchte, seine Stimme ruhig klingen zu lassen. Für einen kurzen Moment überlegte er, ob er nach ihrer Hand greifen sollte, aber dann sah er davon ab. Zum einen war das nicht ihr Ding, und zum anderen kannten sie sich nicht so gut. “Im Gegenteil, ohne dich säße ich wahrscheinlich nicht mehr hier. Oder sähe noch viel schlimmer aus.” Er versuchte zu lächeln, dann hob er die Arme. “Es heilt, ja. Ich habe keine Ahnung, wie ich darunter aussehe.” Jetzt musste er doch grinsen. “Feuer reinigt, hat mein… Stiefvater immer gesagt. Der wäre glücklich, dass wahrscheinlich nichts mehr von den Tattoos da ist.” Niels hielt sich die Hand vors Gesicht, als er an Gustav dachte. Seit Idaho war eine Erinnerung an den alten Heckler besonders präsent: Sein Gesichtsausdruck, als er ihn in die Wanne geworfen und im eiskalten Wasser untergetaucht hatte, um zu verhindern, dass Niels an seinen Verletzungen starb. Er schüttelte sich unwillkürlich und nahm schnell einen Schluck Kaffee, damit Emily nicht merkte, was in ihm vorging. “Alte Jägerfamilien”, sagte er schließlich. “Sie bereiten uns auf das vor, was kommen könnte, aber wenn es dann tatsächlich so weit ist, wissen wir nicht mehr, was wir tun sollen.”

Ihre Augen ruhten weiter auf Niels, sie spielte etwas an ihren Wasserglas. Sie machte ein zerknirschtes Gesicht. “Ich hab deswegen auch echt ein schlechtes Gewissen. Vorallem, du hattest ja vorher schon erwähnt, dass deine Kindheit nicht einfach war.” Sie wand ihren Blick ab. “Eigentlich ging es mir gut, ich bin gerne jagen gegangen. Damals zumindest.” Sie schweigt einen Moment. “Ich wollte nicht, dass sowas nochmal passiert. Ich hab meine beste Freundin verloren, nicht tot, aber sie ist…dennoch scheint sie nicht mehr bei uns zu sein. Und dann war da noch. Naja auf jeden Fall hatte ich doch gesagt, ich passe dort draußen auf dich auf, aber ich kam einfach nicht vorbei, das Vieh stellte sich mir immer wieder in den Weg. Ich sah dich dort liegen und konnte einfach nichts dagegen tun. Ich war es nicht die dir das Leben gerettet hat. Die anderen schienen und irgendwie gefunden zu haben. Zum Glück rechtzeitig. Ich war so Dumm und hatte ihnen nicht bescheid gesagt. Dachte mir halt, wird schon gehen, ich hatte einfach nicht darüber nachgedacht.”
Sie sieht seine Verbände hervorblitzen. “Tut es den noch sehr weh? Wie lange wirst du sie noch tragen müssen?” Als er von seinem Stiefvater spricht schaut sie etwas zornig. “Nimm mir das jetzt bitte nicht übel, aber dein Stiefvater ist ein Arsch. Vorallem, wenn er froh ist, was mit dir passiert ist und was er dir angetan hat. So erzieht man keine Kinder und keine Jäger, aber du hast recht, auf die Situationen in die man wirklich kommt, können sie uns nicht vorbereiten.” Emily scheint echt wütend zu sein, aber nicht auf Niels, sondern den Mann den er Vater nennen sollte.
Dann schien Emily etwas abzutriften, sie erinnerte sich wie es war, als sie wieder zu Hause war. Die Ablehnung. Die Blicke von Ihrem Bruder. Sie durfte ihre geliebte kleine Schwester nicht sehen. Nur ihre Mutter hielt zu ihr, macht sie immer noch, unterstützt sie so gut sie konnte, ohne wissen ihres Mannes. Der ebenfalls nicht glaubte, dass seine zweit jüngste Tochter zurück ist. Aber das war nichts im Vergleich was der junge Mann vor ihr durchgemacht hat. Ihre Eltern waren gut zu ihr und ihren Geschwister.

Niels hörte Em aufmerksam zu, als sie von der verlorenen Freundin erzählte. Das klang nicht gut. Das klang verdammt nochmal so richtig beschissen. Fuck. Ob es da irgendeine Möglichkeit, diese Freundin zu finden? Der Verlust schien ihr extrem nahe zu gehen, und er hätte ihr so gerne geholfen. Aber auch wenn sie sagte, dass sie ihm verziehen hatte – zumindest zu einem großen Teil – ob sie jemals wieder mit ihm jagen wollte, würde sich zeigen müssen. Jetzt sprach sie von dem merkwürdigen Tierwesen, das ihr den Weg abgeschnitten hatte. Er hatte später von Bart davon erfahren, dass dieses Wesen sie daran gehindert hatte, rechtzeitig bei ihm zu sein. “Aber du hast es versucht, und allein das zählt. Wie ich bereits sagte, ohne dich wäre es vielleicht noch schlimmer geworden”, meinte er, als sie darauf hinwies, dass sie ihm nicht das Leben gerettet hatte. Tatsächlich war es zur Überraschung aller Flann gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass sie beide hier saßen, schwer verletzt, aber am Leben, und dass Will, Pickett und Willard wieder verhältnismäßig unbeschadet nach Hause hatten zurückkehren können. Will hatte Niels eine lange Mail geschrieben und ihn um Antworten gebeten. Noch wusste Niels nicht, was er Will erzählen sollte und hatte sich mit seinem Krankenhausaufenthalt rausgeredet.
Als sie auf seine Familie zu sprechen kam, spürte er, wie sich alles in ihm zusammenzog. Er fragte sich, was Gustav wohl sagen würde, wenn sie ihm ins Gesicht gesagt hätte, was sie von ihm hielt. Er überlegte, ob er ihr sagen sollte, was der alte Heckler ihm wirklich angetan hatte, doch dann sah er, wie sie innehielt und scheinbar an ihm vorbei sah. Familie schien auch für sie kein gutes Thema zu sein. Verdammt, was war ihr nur zugestoßen?
“Magst du… magst du drüber reden? Über deine Freundin? Deine Familie?”

Als Niels sie anspricht zuckt sie kurz zusammen und reißt sie aus ihren Gedanken.Sie schaut ihn an, erst ein wenig verwirrt, aber fast sich auch gleich wieder.
“Naja, auf jeden Fall ist gut, dass wir uns treffen, wollte dir nämlich nochmal persönlich sagen, dass es mir leid tut.” Dabei lächelt sie Niels an.
“Und jetzt sollten wir es gut sein lassen. Mit unseren Entschuldigungen ist auch keinem geholfen.” Ihr lächeln wird breiter und sie legt den Kopf leicht schief.
Ihr blieb nicht unbemerkt, dass er auf ihre fragen nicht antwortete, aber das war in Ordnung, sie sprach auch nicht gerne über dass was passiert war.
Vielleicht hilft es ja, wenn sie den Anfang machte. Nur nicht hier, wo so viele Menschen waren.
“Hm.” Sie schaut sich um. “Nicht hier, magst du vielleicht etwas “spazieren” gehen. Wo. Hm. Weniger Menschen sind.” Sie blickt ihn fragend an.

“Klar, kein Problem.” Albany war eine schöne Stadt, eine grüne Stadt, und Niels war sowieso lieber im Freien unterwegs. Er rief die Kellnerin herbei und zahlte seinen Kaffee und Emilys Wasser, dann stand er auf. “Nach dir”, meinte er, dann lächelte er. “Dieses Mal.” Sie hatte recht. Es war niemandem geholfen, wenn sie sich dauernd entschuldigten. Sie hatte ihm verziehen, das zählte, sie lebten beide noch, auch das war wichtig, und was noch passiert war – er überlegte, ob er sie einweihen sollte in das, was durch das Feuer wieder in ihm vorging. Was hatte der komische Psychodoc in Seattle noch gesagt? Reden Sie darüber, Mr. Heckler. Sie dürfen nicht verdrängen, was passiert ist. Aber wie konnte man darüber reden, wenn man sich selbst noch immer nicht traute, es richtig auszusprechen? Es in seiner Gänze auszusprechen? Er hatte es selbst gegenüber Ethan nicht zugeben können. Vielleicht war es heute soweit, vielleicht konnte er es wenigstens Emily sagen.
“Es gibt hier in der Nähe einen großen Park, den Tivoli Park. Ich glaube, da können wir uns ungestörter unterhalten”, schlug er vor und öffnete die Tür, um zu seinem Auto zu gehen. “Willst Du mitfahren?”

Emily war froh, nicht dass sie nicht gerne was trinken geht, aber sie mag es einfach nicht, wenn so viel Trubel um sie herum ist und draußen fühlt sie sich einfach viel wohler.
Sie stand auf und ging nach draußen, dort zieht sie sich ihren Mantel über und wartet bis Niels zu ihr aufgeschlossen hat.
“Gerne. Danke übrigens für das Wasser.”
Sie gingen zum Auto und fuhren schweigend zum Park, dieser war fast menschenleer. Sie überlegte wo sie anfangen oder wie weit sie ausholen sollte. Sie wollte Niels nicht langweilen mit ihre Geschichte. Wer weiß, er ist zwar ein Jäger, aber ob er ihr überhaupt glauben würde. Glauben, dass sie es geschafft hat, dass sie nicht lügt.
Sie gingen ein paar Schritte nebeneinander her als sie ansetzt.
“Ich muss dafür etwas weiter ausholen, ich meinem zu verstehen warum ich bin wie ich bin.” Sie blickt zur Seite und muss etwas nach oben schauen um Niels ins Gesicht zu blicken.
“Also.” Dabei blickt sie wieder nach vorn und behält die Umgebung im Auge.
“Ich hatte eine Freundin, sie war damals in meinen Alter, sie war auch aus einer Jägerfamilie. Als ihre Eltern getötet wurden, verschwand sie. Naja, hm,nicht ganz, ich wusste, dass sie den Mörder suchen wollte und habe sie nicht aufgehalten.Dann vor ein paar Wochen, sah ich ich sie zum ersten mal wieder seit dem sie weglief. Sie ist in einer Nervenheilanstalt. Sie redet nicht, erkennt mich nicht, lebt in ihrer kleinen eigenen Welt. Ich war sie nicht mehr Besuchen, weiß auch nicht warum. Ich hatte gehofft, dass sie wieder normal wird, nachdem wir den Geist vernichten haben, der dafür verantwortlich war. Es war ein irrtum.” Sie zuckt mit den Schultern. “Damals hatte ich mein beste Freundin verloren und hatte lange gebraucht bis ich wieder so eine Freundin fand.” Sie überlegte wie sie den Bogen kriegt. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Wenn er jetzt nicht wegläuft oder sie angreift, gibt es vielleicht doch noch Hoffnung für sie. Vielleicht hatte Ethan ja doch recht.
“Ich weiß ja nicht, ob Ethan dir gegenüber irgendwas erzählt hat, aber damals war ich auf der Uni, da wo Ethan Hausmeister ist. Eigentlich war ich nur da wegen meiner Schwester.” Sie lächelt halbherzig.
“Naja, auf jeden Fall sollten Ethan und Felicity ein altes Verbindungshaus untersuchen, welches die Uni geerbt hat. Der Dekan hat gesagt, dass sie unerfahrene Jäger mitnehmen sollten, es wäre nicht gefährlich und daher eine gute Übung…..Pah, von wegen.” Emily schaute wütend zu Boden. Sie schwieg einen Moment, doch dann erzählte sie weiter, ihre Stimme wird leiser. Es fällt ihr sichtlich schwer darüber zu sprechen.
“Dort habe ich dann Eunice kennengelernt und mich gleich mit ihr angefreundet. Sie ist auch mitgekommen, sie war zwar keine Jägerin, aber mutig und tough. Naja, wie auch immer. Jedenfalls war da unter anderen ein Geistermädchen und wollte Eunice mitnehmen. Ich war so dumm, dumm, dumm. Ich hätte es einfach besser wissen müssen. Ich hätte sie aufhalten müssen. Ich war die Jägerin von uns beide.” Sie trat einen kleinen Stein weg. “Eunice packte mich und dann das Geistermädchen. Dann würde es schwarz um uns, plötzlich standen wir mitten im Zwielicht. Mir war erst nicht klar wo wir gelandeten waren, dass kam erst später. Später wurde es mir bewusst, dass wir…wir im….im Purgatory war.” Sie schaute Niels dabei an. Sie suchte Niels Blick, versuchte zu sehen was er denkt, versuchte seine Körperhaltung zu deuten. Dabei zuckte sie wieder mit den Schultern.
“Deshalb fällt es mir so schwer neue Freundschaften zu schließen. Um ehrlich zu sein, habe ich gar keine Freunde, aber es ist ok. Ich glaub es ist besser so.” Dabei spielt sie an ihren Haaren rum.

Niels sah Emily lange an, das Bedürfnis, sie einfach in den Arm zu nehmen, wurde wieder stärker. Aber das würde er nicht tun, je länger er ihr zuhörte, umso klarer wurde ihm, warum sie keine Berührungen zulassen konnte. Niemanden an sich heranlassen. Das Ganze ausklammern. Wenn man nicht darüber nachdachte, dann wurde es nicht wahr. Was sagte man jemandem, der so etwas erlebt hatte? “Kopf hoch, alles wird wieder gut?” Es wurde nicht wieder gut, nie wieder. Anders, ja, aber niemals wieder gut.
“Felicity hat mir nie gesagt, was damals passiert ist”, meinte er jetzt. Im Grunde hatte sie ihm überhaupt nichts gesagt, sie hatte behauptet, dass sie nicht mehr jagen wollte, weil ihre Beziehung zu Lord Alfie wichtiger war, und der gute Lord hatte vom Übernatürlichen keine Ahnung. Niels traute ihm zu, dass er seine Frau eher in eine Anstalt einweisen lassen würde statt anzuerkennen, dass es die Wesen, die sie und ihre Familie bekämpften, wirklich gab. Aber es passte zu Felicity, dass sie die Sache verschwiegen hatte. Wie bei der Geschichte mit Ethan kam sie nicht gut weg dabei, und Niels hatte den Verdacht, dass das ebenfalls ein Grund war. Genau wie sie es mit ihm versucht hatte, als er ihr eröffnet hatte, dass er ihr Bruder war, auch wenn es da Jacobs Bild war, was sie nicht angekratzt wissen wollte.
Als Emily nichts sagte, fuhr Niels fort. “Aber sie und ich, wir kennen uns auch erst seit knapp einem Jahr. Und bis vor kurzem dachte ich auch noch, sie sei meine Cousine.” Er ballte die Faust, bereit, irgendetwas zu schlagen, wie er es immer tat, damit der Schmerz real wurde. “Wir sind Geschwister. Halb-Geschwister, um genau zu sein. Und dieser verdammte Dreckskerl hat es die ganze Zeit gewusst.” Er holte Luft. “Und wahrscheinlich hätte er es gut gefunden, wenn ich dieses Mal endlich verreckt wäre.”

Sie musterte Niels noch eine Weile, aber als er weder anstalten machte sie stehen zu lassen, noch sie anzugreifen beruhigte sie sich wieder etwas.
“Felicity und ich kannte uns nicht wirklich, was sollte sie auch erzählen? Sie hat einige Studenten verloren. Das einer der Studenten gestorben ist. Ich glaube, sowas erzählt man nicht mal so beim Abendbrot.” Emily sticht es im Herz, als sie vom Tod des Studenten spricht. Sie vermisste Jack und machte sie immer noch Vorwürfe, denn eigentlich hat sie seinen Tod zur Verantwortung. Sie seufzte leise und kaum hörbar. “Ich schätze sie hatte ebenso daran zu knabbern wie Ethan.”
Sie nickte als Niels von seinem Stiefvater spricht.
“Du kommst nicht von hier oder? Also aus USA? Wie lange bist du schon hier?” Emily starrte nach vorne.
“Aber das bist du nicht und du kannst es diesem Großkotz zeigen, aus was für ein Holz du geschnitzt bist. Du darfst dich einfach nicht unterkriegen lassen. Ich weiß, es ist nicht einfach. Ich war auch an den Punkt. Der Unterschied ist nur, ich war allein, umgeben von Monstern und den widerlichsten Kreaturen. Du hast hier Freunde, die dir zur Seite stehen.” Dann lächelt sie ihn warm an.

Ich war umgeben von Monstern. Niels schluckte. Ja, sie meinte andere Monster, aber dennoch, er konnte gerade nur an ein Monster denken: An Joseph, wie er ihn festhält, ihn zwingt, das Oberhemd auszuziehen, seine Handgelenke packt und fesselt, viel zu fest, das Seil scheuert die Haut blutig. “Du bist ein Bastard und ein Sodomist, Aaron. Eine Kreatur der Hölle. Und dorthin werden wir dich zurückschicken.”
Als sie von dem toten Studenten sprach, nickte er zustimmend. Dann war Alfie niemals der wahre Grund gewesen, sondern die Tatsache, dass sie dem Jungen nicht hatte helfen können. Aber eine Felicity Heckler hätte sich eher die Zunge abgebissen, als zuzugeben, dass sie etwas nicht geschafft hatte, dass etwas ihre Schuld war. In diesem Punkt waren sie sich überhaupt nicht ähnlich. Aber Felicity war auch nicht in einer Familie aufgewachsen, in der man ihr immer zu verstehen gegeben hatte, dass alles, was sie tat, nicht richtig war. Felicity war Jacobs kleine Prinzessin gewesen. Er war Gustavs und Josephs Punchingball gewesen. Der Gedanke an seine Familie veranlasste ihn dazu, ihre nächste Frage zu beantworten. “Nein, ich bin nicht von hier, meine Familie stammt aus Bayern. Mein Vater… mein richtiger Vater ist vor Jahren nach Amerika gekommen und hat hier Felicitys Mom kennengelernt. Ich bin erst letztes Jahr hierhin gekommen, nachdem mein Freund mich verlassen hat. Naja, ich war es auch irgendwie selber schuld.” Er verzog das Gesicht, als er an Philip dachte. Es war vorbei, er war über ihn hinweg. “Felicity hat mich hierher geholt, damit ich alles hinter mir lassen kann.” Er lachte auf, sein Gespräch mit Ethan an Weihnachten fiel ihm ein.
“Ich wollte kein Jäger mehr sein. Ich wollte alles hinter mir lassen. War eine Spitzenidee. Es ist alles wieder hochgekommen.” Er sah sie an, sie lächelte mitfühlend. “Ich wollte es ihm beweisen. Beweisen, dass ich mehr bin als der kleine Bastard. Total bescheuert, ich weiß, wenn man bedenkt, dass er es war, der mich beinahe umgebracht hat, damals, vor vier Jahren.”

Sie zog eine Augenbraue hoch. “Bayern? Liegt in Deutschland oder? Dafür sprichst du schon ziemlich gut amerikanisch. Ist nen ziemlich weiter weg.” Sie dachte nach und konnte sich nicht vorstellen, den Kontinent zu wechseln. Egal was kommen mag.
“Dass tut mir leid mit deinem Freund. Aber du solltest dir abgewöhnen, dir für alles die Schuld geben. Nutze die Kraft für was sinnvolles” Sie schmunzelte etwas, bei dem was sie sagte. Anderen gute Ratschläge geben ist irgendwie ironisch, wo sie sich doch selbst nicht daran hält und für alles was schief läuft sich die Schuld gibt. Aber es war irgendwie schön hier mit Niels durch den Park gehen, unbeschwert, einmal nicht daran denken wielange sie fort war, wie sie ständig, um ihr Leben gekämpft hat. Sie genoss diese kurzen Momente, dennoch behielt sie ihre Umgebung im Auge, dass kleinste Geräusch ließ sie erneut anspannen. Sie schaffte es nicht, diese Marotte abzulegen, aber vielleicht war es auch besser so.
“Was würdest du statt dessen machen wollen?” sie sah ihn fragend an. Ja an den Punkt war sie auch und musste dann feststellen, dass sich eigentlich nichts anderes konnte als Jagen.
“Du hattest schon gesagt, dass deine Familie alles andere als harmonisch war. Ist das normal bei euch? Also in Deutschland? Es tut mir leid. Ich hoffe, dass es dir hier besser geht.” Sie war wütend, warum tun Leute ihren Kindern sowas an. Es gibt genug echte Monster. Familie sollte da sein, um sich geborgen und wohl zu fühlen. Sie überlegte, ob seine Familie vielleicht besessen oder so wäre, anderes konnte sie sich das Verhalten nicht erklären.
Plötzlich dachte sie an ihrer kleinen Schwester, die sie nicht mehr sehen durfte und es schmerzte sie. An ihrer “Flucht” von zu Hause. Den hasserfüllten Blick von Liam. Zugegeben eine Bilderbuchfamilie waren sie vielleicht nicht, aber sie sind immer gut ausgekommen und hatten fast alle Freiheiten. Wenn ihre Mutter nicht wäre, hätte Emily es jetzt deutlich schwerer, aber dennoch hatte sie Emily gewarnt nicht wieder nach Hause zu kommen, zumindest erstmal nicht. Es tat weh, als sie an ihrer Familie dachte, auch wenn ihre Geschwister häufig keine Zeit hatten, hat sie sie geliebt.

Niels schüttelte den Kopf. “Nein, es ist auch in Deutschland verboten, seine Kinder in den Keller zu sperren und sie zu schlagen, auch wenn es nicht die eigenen Kinder sind. Und es ist nicht verboten, schwul zu sein. Leider gilt für meinen Stiefvater nur das, was in der Bibel steht, und da hat er gelesen, dass man Männer, die Männer lieben, umbringen darf. Oder zumindest versuchen, es ihnen durch einen Exorzismus auszutreiben.” Er spürte, wie die Wut in ihm wieder stärker wurde. Warum hatte er sich damals nicht gewehrt? Um Hilfe gerufen? Hätte seine Mutter ihm geholfen? Oder Benedikt? Wie oft war er diese Möglichkeiten im Kopf durchgegangen, hatte sich vorgestellt, dass er es geschafft hatte, ihnen zu entkommen oder sich zu wehren. Anfangs hatte er sich gefragt, ob alles seine Schuld gewesen war, aber inzwischen wusste er, dass er an vielen Dingen schuld hatte, aber sicher nicht daran, was die beiden ihm angetan hatten.
“Ich wollte Künstler sein. Zeichner. Das ist mein Ding. Und ich will es immer noch.” Er sah auf seine Hände, die inzwischen ohne Verbände waren, die Haut war rot und frisch, und der Arzt hatte ihm gesagt, dass er sie wie gewohnt benutzen sollte, auch wenn es schmerzte. Er hatte bereits gezeichnet, aber es war ihm noch nicht wirklich gelungen, wieder etwas ordentliches zu Papier zu bringen. Vielleicht lag es auch an seiner seelischen Verfassung, er wusste es nicht. Aber für den Fall, dass ihm etwas einfiel, hatte er Stift und Papier griffbereit.
Jetzt sah er zu Emily herüber und lächelte. “Nicht meine Schuld, hm? Ich glaube, diesmal schon. Ich hab eine andere geküsst.” Er lächelte schief. “Das erste und einzige Mal, dass ich eine Frau geküsst habe.” Dann überlegte er und dachte an Ethan, der ihn aufgenommen hatte, an Bart, an Irene, und auch an Flann. Ja, er hatte Freunde. Menschen, denen es nicht egal war, dass er beinahe gestorben war, und die ihm nicht die Schuld dafür gaben, dass er unüberlegt gehandelt hatte, dass er der war, der er war.
Er musterte sie, ihre dunklen Haare, die grünen Augen, die wachsam versuchten, alles zu erfassen. Sie erinnerte ihn damit ein wenig an ein wildes Tier, das wieder in Freiheit war, aber immer noch nicht glauben konnte, dass ihm jetzt nichts mehr passierte. “Wir sind beide nicht schuld an dem, was passiert ist. Du bist nicht schuld an Eunice’ Verschwinden, du hast getan, was du konntest. Zumindest klingt das für mich danach. Du bist nicht schuld, dass ich fast draufgegangen bin. Das hab ich schon ganz gut alleine hinbekommen. Aber verdammt, wenn du irgendjemandem die Schuld an der Sache mit Eunice geben willst, gib sie der Verbindung, gib sie diesem merkwürdigen Geistermädchen, oder gib sie von mir aus auch Felicity. Aber gib sie verdammt nochmal nicht dir. Du wolltest Eunice helfen. Du hast getan, was du konntest, aber manchmal ist das… Andere stärker als wir.” Sie waren zu zweit gewesen, sie waren älter und stärker als er gewesen. “Wir sollten beide nach vorne sehen. Du und ich, wir sind durch die Hölle gegangen – du sogar wortwörtlich. Wir haben das überlebt, wir waren am Ende die Stärkeren. Was kann uns noch passieren?” Er sah sie mit einem ermutigenden Lächeln an. “Und was die Freunde angeht… du hast Freunde. Bart, Ethan… du und ich, wir sind durchs Feuer gegangen. Wenn das nicht zusammenschweißt, dann weiß ich auch nicht.” Er lächelte unsicher. “Ich glaube, das ist die Stelle, wo ich dich umarmen sollte. Aber ich respektiere, dass du das nicht willst, und mir tut es wahrscheinlich immer noch weh. Würdest du… würdest du mir vielleicht die Hand geben?” Er machte eine Pause. “Und… darf ich dich zeichnen?”

“Hm, verstehe.” Ihr tat Niels ihr leid. Er schien eine richtig üble Kindheit gehabt zu haben. Sie seufzte, dass es noch Leute gibt, die denken schwul sein wäre verboten oder eine Krankheit, ging einfach nicht in ihrem Kopf.
Wut stieg in ihr hoch, das Leben eines Jägers ist schon schwer genug, warum mussten es dann die unseren sein, die es noch schwerer machten.
Emily sprach mehr zu sich selbst als zu Niels. “Ein Fanatiker, na toll.”
Sie schaute Niels an, musterte ihn etwas. “Nur weil du nicht auf Frauen stehst? War er so gottesfürchtig oder war es eher eine Ausrede? Mich macht sowas unglaublich wütend.” Emily schien nicht wirklich eine Antwort zu erwarten. “Deinen Stiefvater sollte man wegsperren oder selbst mal verprügeln. Er ist ja noch ein größerer Arsch als ich dachte.”
Sie dachte daran wie sie auf dem Stuhl gefesselt war. Wie ihr Vater und Bruder ihr zu setzten. Obwohl es Niels sehr viel schwerer hatte als sie, fühlte sie sich ein wenig mit ihm verbunden.
“Künstler?” Sie schien etwas überrascht. “Klingt cool. Was hält dich davon ab? Warum besuchst du nicht die Uni und erfüllst deinen Traum?” Sich lachte auf, dann biss sie sich auf die Unterlippe. Wieder ein Fettnäpfchen, nein ein ganzer See. Sie sollte echt erstmal nachdenken, bevor sie spricht. Dann fragte sie leise. “Ich meine, wenn deine Hände wieder in Ordnung sind. Sie heilen doch wieder vollständig oder?”
Sie sah ihn mitleidig an, Niels hatte ein ganz schönes Päckchen zu tragen, aber dafür macht er sich ganz gut wie sie fand. Und verkorkst waren sie alle.
“Eine Frau? Wie dass? Jetzt bin ich verwirrt. Ich dachte, du wärst schwul?” Ihre Stimme klang verwundert, aber freundlich und mit ehrlichem Interesse.
“Ich glaube, dass dann schon vorher was nicht stimmte, es ist nicht schön, aber ich glaube sowas übersteht eine Beziehung üblicherweise, vor allem wenn es noch eine Frau war.” Sie schwieg einen Moment. Dann stutzte sie einen Augenblick “T’schuldigung. Du musst natürlich nicht darauf antworten. Es geht mich ja eigentlich nichts an.”
Sie schloss die Augen, dachte an Eunice und ihr Herz wurde schwer. Sie atmete tief durch. “Irgendwie bin schon schuld. Ich hätte aufpassen müssen, sie nicht aus den Augen lassen. Ich war doch verantwortlich für sie. Ich hatte lange Zeit darüber nachzudenken und ja ich gab Felicity und Ethan und auch dem Dekan die Schuld, aber wie gesagt, wenn man viel Zeit hat, dann kommt die Erkenntnis. Ich hätte Eunice davon abhalten können und habe es nicht getan.”
Dann stimmte sie ihm zu.
“Aber du hast recht, nach vorne schauen ist gut und die meiste Zeit versuche ich das auch. Aber ganz ehrlich, das Leben auf dieser Seite ist sehr viel komplizierter als dort. Sich hier zu recht zu finden fällt mir unheimlich schwer.” Sie zuckte mit den Schultern. “Aber ich werde niemals aufgeben, dass kann ich dir versichern.” Sie erwidert das Lächeln zögerlich und blickte ihn in seine dunkelblauen Augen.
“Versteh mich nicht falsch. Ich mag dich und auch Bart, Ethan und die anderen den ich über den weg gelaufen bin, aber das hat für mich nicht viel mit Freundschaft zu tun. Es ist eher mitteln zum zweck. Tut mir leid. Aber du hast auf jeden Fall recht, ich würde wieder mit dir Jagen gehen wollen.”
Sie wich ein Stück zurück und schien abzuwägen, sie war verunsichert. Andererseits hatte sie Bart und Ethan berührt und es ist nichts passiert, dann war es wahrscheinlich auch ungefährlich Niels die Hand zugeben. Zögerlich hielt sie ihm die Hand hin.
Dann antwortete sie auf seine Frage. “Mich zeichnen? Wenn du magst.”

Niels seufzte und schob seine Mütze aus dem Gesicht, so dass seine Haare zum Vorschein kamen. Wenigstens war bei seiner Frisur und Haarlänge nicht aufgefallen, dass sie verbrannt waren, aber die kurzen Haare hatten ihm zusätzlich das Gefühl gegeben, dass es die letzten vier Jahre nicht gegeben hatte. Dann nahm er Ems Hand, vorsichtig, keinen Druck ausübend, er ließ sie gleich wieder los. “Wenn du uns gerade als Mittel zum Zweck siehst, ist das ok. Es wird der Tag kommen, da wird das anders sein, das kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen. Ich habe keine Ahnung, was man machen muss, und wie das geht, aber ich weiß, dass es so ist.” Er dachte an Ethan und das Haus in New York. Lange ging es ihm auch noch nicht so, dass er von Menschen wieder als “Freunden” dachte. Richtige Freunde, keine College-Bekanntschaften, die die Hälfte von dem, was ihn ausmachte, nicht kannten. “Eins kann ich dir aber versprechen: Du bist nicht alleine. Nicht mehr. Das ist hoffentlich für immer vorbei.”
Er zog seinen Block und einen Stift aus der Tasche und begann, Emily zu zeichnen.

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Demonology and heartache
A very trickster valentine

Am I being too cryptic?
Am I being too obscure?
Love kills, romance is dead
And I don’t even trust myself
But I love you

(Atreyu – Demonology and heartache)

“Cariña!” Oliveiro sah auf, als Lucie die Werkstatt betrat. Er stand auf und küsste sie zur Begrüßung auf die Wange. “Gut siehst du aus. Sehr gut sogar.” Als sie nicht antwortete, sondern einfach nur rot wurde und lächelte, begann er zu grinsen. “The luck of the Irish. Ich wusste es!” Sie lächelte immer noch, während sie den Helm auf die Seite legte und die Lederjacke auszog. “Sagen wir es so. Ich denke, die Ehe kann als vollzogen betrachtet werden”, meinte sie, was ihr einen erhobenen Zeigefinger von Oliveiro einbrachte, aber mit einem Augenzwinkern. “Sehr gut. Das war ja nicht mehr mit anzusehen, wie du hier rumgeschlichen bist, seit du aus Arizona zurück warst.” Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber er hob wieder die Hand. “Du warst zu lange alleine. Das tut niemandem gut. Ich hab’ mir schon Sorgen gemacht.” “Ja, Papa.” Immer noch lächelnd, nahm sie Platz. Oliveiro setzte sich ebenfalls wieder und sah sie jetzt ernster an als zuvor. “Cariña, nicht, dass wir uns falsch verstehen. Solange ich diesen Typen nicht mit eigenen Augen gesehen habe, traue ich ihm nicht weiter als bis zur Türschwelle, aber er scheint dir gut zu tun. Und das ist wichtig.” Er sammelte die Papiere, die auf dem Tisch lagen, zusammen. “Und jetzt erzähl. Konntest du McKenzie helfen?” Lucie verdrehte die Augen. “Der ist wieder drauf, glaube ich. Erst hat er mich vollgeheult, aber dann wusste er angeblich von nichts mehr.” Oliveiro fluchte auf spanisch, als er das hörte, aber dann ließ er das Thema wieder fallen. Es gab wichtigeres, wie beispielsweise das Liebesleben seiner Ziehtochter. “Aber was war es sonst? Wie kam es, dass du diesmal nicht weggelaufen bist?” Sie lächelte. “Trickstermagie. Simple Trickstermagie, lieber Duarte.”

Vor zwei Wochen, in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort

“Du musst mir helfen, Luce!” Dave McKenzie hatte beinahe angefangen zu heulen, als er Lucy angerufen hatte. Verflucht. Sie war einfach zu gutherzig. Aber er war der Mann, der die Kontakte gehabt hatte, um die Bonneville über die Grenze nach Michigan zu bringen. Also konnte sie ihn nicht einfach hängen lassen. “Was brauchst du?” fragte sie, und bereute ihre Frage im gleichen Moment. Dave begann ihr wortreich von einem japanischen Schwert zu erzählen und beschrieb es in allen Einzelheiten. Himmel, hatte der Mann noch nie von Fotos und dem Internet gehört? Aber sie sagte nichts, sondern machte sich Notizen, während sie immer wieder ein “Mhm” von sich gab. Minnesota also. Warum nicht. Musste sie sich dick anziehen, aber irgendwas war ja immer.

Doch entgegen aller Befürchtungen war es in Eden Valley, Minnesota, sehr warm. Viel zu warm für diese Jahreszeit. Überall schienen schon die Blumen zu blühen, Vögel zwitscherten, und die Sonne wärmte merkwürdige Szenerien. Anscheinend hatte Eden Valley Paris als Hauptstadt der Liebe abgelöst. Überall auf den Straßen sah sie Paare, Dreiergruppen, ja sogar Vierergruppen, in allen möglichen und eher obskuren Kombinationen. Schob der Typ da eine Sexpuppe durch die Gegend? Und da, war der junge Mann nicht ein wenig zu jung für die alte Dame mit der rosa Häkelmütze? Lucie schüttelte den Kopf. Etwas fiel aus ihren Haaren zu Boden, und neugierig sah sie nach. Ein Herzchen lag auf dem Gehweg, daneben plötzlich noch eins, und noch eins. Es regnet Herzchen. Ok. Geistige Notiz: Hier stimmt etwas nicht. Lucie seufzte. Eine Stadt voller Verliebter. Hoffentlich tauchte jetzt nicht auch noch Nick auf.

Ein Stück weiter war ein großer Platz, auf dem Cafés ihre Außenbereiche aufgebaut hatten. Nicht weit entfernt befand sich ein kleiner Markt, dessen Blumenstände wahrscheinlich Rekordumsätze verbuchten. Lucie steuerte eines der Cafés an, als sie plötzlich eine ihr wohlbekannte Gestalt sah. Nick Morrissey saß an einem der Tische, ihm gegenüber ein rothaariges Mädchen, das ihn traurig ansah. In der Hand hielt sie eine Rose. Beide wirkten sehr vertraut, und Lucie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Das wolltest du doch. Er sollte dich vergessen. Blöd, wenn man Gefühle nicht kontrollieren kann, nicht wahr? Sie überlegte, ob sie ihn einfach ignorieren sollte, aber es nagte an ihr. Was willst du eigentlich? Er bleibt doch seinem Beuteschema treu. Hübsche rothaarige Frauen. Nur dass diese sicher fast zehn Jahre jünger als du ist. Tja, keine 30 und schon aufs Abstellgleis geschoben. So schnell geht das.

Sie spürte, wie sich ihre Beine in Richtung des Tisches begaben, scheinbar ohne ihr aktives Zutun. “Hi”, sagte sie und musterte die Rothaarige. Süß war sie, keine Frage, aber eher noch ein Mädchen als schon wirklich Frau. In ein oder zwei Jahren würde sie eine echte Schönheit werden. “Oh, hallo Lucie”, begrüßte Nick sie. Er sah zu dem Mädchen hinüber und schien zu überlegen, wie er sie vorstellte. “Amüsierst du dich gut?” hörte sie sich fragen. Verdammt. Lass ihn und das Mädchen alleine, und in zwei Wochen ist Nick Morrissey Geschichte. Aber sie spürte deutlich, dass sie das nicht konnte. Nick setzte jetzt an, um der Rothaarigen und seiner… Ehefrau eine Ausrede zu präsentieren. “Ich weiß jetzt nicht, wie legal das war…” Wollte er jetzt ernsthaft dem Mädchen erzählen, dass ein Kobold sie getraut hatte, damit sie seine Feenwelt verlassen konnten? Das konnte er viel schneller und ohne heißen Brei haben. “Du bist erwachsen, ich bin erwachsen, ich würde sagen, wir sind verheiratet.” Die Augen der Rothaarigen wurden groß, und für einen kurzen Moment hatte Lucie fast so etwas wie Mitleid mit ihr. Aber dann betrachtete sie sie noch einmal von oben bis unten. Sie war wirklich ein Hingucker, und Lucie fand, dass es besser war, wenn zwischen ihr und Nick ein Abstand von mindestens zwei Bundesstaaten bestand. Das schien die Rothaarige auch so zu sehen, eine Entschuldigung murmelnd, stand sie auf und ging.

Lucie ließ sich auf den freien Platz fallen. Nick sah sie an und lächelte, dann zog er eine weitere Rose aus seinem Ärmel. Himmel, wie hatte er das gemacht? Das musste doch unglaublich unbequem sein. Aber sie hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn er reichte ihr die Rose mit einem Lächeln. Lucie beschloss, ihn zu ignorieren. Dieser ganze Rosa-Herzchen-Scheiß ging ihr unglaublich auf die Nerven. “Was machst du hier?” wollte sie wissen. Wenn er jetzt wieder behauptete, dass es ihretwegen war, würde sie ihm eine reinhauen. “Ich suche etwas… ein Artefakt. Für einen Kontaktmann.” Aha, das klang schon mal besser als sein übliches Süßholzgeraspel. “Ich suche ein japanisches Schwert”, erklärte sie ihm, doch anstatt etwas zu sagen, nickte er nur. Sie fühlte sich bestätigt, ihm jetzt alles zu erzählen, doch als sie fertig war, merkte sie, dass er ihr gegenüber jetzt einen Informationsvorsprung hatte. Er hatte nämlich nicht mit einem Wort erwähnt, was er suchte. Wunderbar, Beauchene. Du solltest wirklich dafür sorgen, dass du den Kerl los wirst. Du wirst nicht nur weich, sondern auch nachlässig. Aber bevor sie sich weiter für ihre Unachtsamkeit schelten konnte, stand Nick auf. “Es ist so ein herrlicher Tag, meine Liebe. Und ich sollte meine Ehefrau doch ein wenig ausführen.” Sie zog nur die Augenbraue hoch, sagte aber nichts. Es hatte doch alles keinen Zweck. Nick zahlte, dann gingen sie los.

Die Stadt war überall frühlingshaft und voller Liebe, die Bäume und Blumen standen in voller Blüte. Eine leichte Brise ging, die den Geruch der blühenden Pflanzen mit sich trug und verspielt eine Strähne von Lucies Haaren, die sich aus dem Zopf gelöst hatte, verwehte. Etwas kitzelte ihre Nase, und sie musste niesen. Sofort reichte ein junger Mann ihr unaufgefordert ein Taschentuch, mit einem Lächeln ging er weiter. Die junge Frau, die neben ihm ging, wirkte auch nicht im geringsten eifersüchtig, nein, sie lächelte ebenfalls. Wow, was immer hier vorging, das war doch mit Sicherheit nicht normal. Ob das wohl etwas mit dem Schwert zu tun hatte? Aber McKenzie hatte nicht erwähnt, dass es irgendwelchen Einfluß auf das Wetter hatte. Was also ging hier vor? Sie sah sich um und auf einmal spürte sie, wie etwas ihren linken Arm festhielt. Was…? Hielt sie gerade wirklich Händchen mit Nick? Ach du meine Güte. Wir sind doch keine Teenager.

Die Straße führte sie schließlich in einen Park. Auf den Rasenflächen waren wie überall kleine Gruppen und Paare zu sehen, der Blütengeruch war unverändert stark. In der Mitte des Parks stand ein weißer Holz-Pavillon, in dem Lucie einen jungen Mann sitzen sah, offensichtlich ein Indianer. Immer wieder betraten Menschen den Pavillon, doch Lucie fiel auf, dass der junge Mann sie alle fortschickte. Aber war hier nicht die neue Hauptstadt der Liebe? Verwundert sah sie, dass diese Tatsache auch Nick aufgefallen war. Er zog sie mit sich und betrat den Pavillon. Hatte die merkwürdige Stimmung ihn etwa angesteckt? “Was hast du vor?” wollte sie wissen, doch er antwortete nicht.
Der Indianer sah hoch und betrachtete Nick und Lucie neugierig. Dann jedoch schüttelte er den Kopf. “Ich will nur mit dir reden”, erklärte Nick, “ich habe keinerlei Absichten in Sachen Liebe.” Der Indianer lächelte versonnen, dann meinte er: “Mein Herz gehört auch schon einer anderen.” Lucie verstand jetzt gar nichts mehr. Wer war der Typ, und warum schienen alle auf ihn so abzufahren? Natürlich, er sah gut aus, aber sie hatte eigentlich anderes zu tun. Eigentlich auch anderes, als mit Nick Morrissey Händchen zu halten. Und für einen Dreier war sie schon gar nicht zu haben.
Nick war derweil in ein Gespräch mit dem jungen Mann vertieft, aber er schien nicht überzeugt zu sein von dem, was der Indianer sagte. Der lächelte jedoch nur weiter versonnen, dann griff er nach ihrer beider Hände und drückte sie. “Ihr seid so ein schönes Paar.” Sind wir? Wir sind noch nicht mal ein Paar, wir sind nur verheiratet. “Ich würde eine Ausnahme für euch machen, aber Liebe ist etwas so wundervolles.” Sein Lächeln wurde breiter, und Lucie hatte für einen Moment den Eindruck, dass er versuchte, Nick zu kopieren. Sie wollte nur weg von diesem seltsamen Typen, und so verabschiedete sie sich schnell. Nick folgte ihr und blieb neben ihr stehen. “Wer zur Hölle war das?” wollte sie wissen. “Coyote”, flüsterte Nick nur. Lucie verstand ihn nicht, was für ein Kojote? Er bemerkte ihren irritierten Blick. “Coyote. Ein Trickster. Und ich glaube, er ist schuld an dem Ganzen hier.” Das war tatsächlich eine sehr glaubhafte Erklärung für dieses Gefühlschaos hier. Sie nickte, doch dann fiel ihr wieder etwas ein. “Hättest du das Angebot angenommen?” wollte sie wissen. Er sah sie für einen Moment überrascht an. “Angebot?” “Hättest du mit dem Indianer geschlafen?” Er machte eine Pause, und Lucie fiel auf, dass sie einen Moment zu lang war. Interessant. “Nein”, beeilte er sich dann zu sagen, “natürlich nicht!” Natürlich nicht.

Sie gingen ein Stück weiter, Lucie in Gedanken bei dem Schwert, das sie für McKenzie besorgen sollte. Plötzlich klingelte Nicks Handy. Er sah irritiert auf das Display, meldete sich dann aber. “Morrissey?” Jemand schien auf ihn einzureden, er nickte nur und machte gelegentlich “Mhm” und “Aha” während des Telefonats. Schließlich beendete er das Telefonat und sah Lucie ernst an. “Das war Kyle”, sagte er, als müsse sie genau wissen, wer das war. Sie zuckte mit den Achseln, einen Kyle kannte sie nicht. “Na, der Typ aus dem Pavillon”, meinte Nick dann. Warum rief der denn Nick an? Wollte er ihn bitten, dass er es sich noch einmal anders überlegte und doch mit ihm schlief? Anscheinend stand ihr genau diese Frage ins Gesicht geschrieben, denn Nick schüttelte jetzt den Kopf. “Er wollte mir mitteilen, dass das, was wir suchen, sich in einem Hotel befindet.” Gut, es schien wohl um das Schwert zu gehen, und nicht um irgendwelche amourösen Verwicklungen. “Und hat Kyle dir auch verraten, in welchem Hotel?” Herrje, musste sie ihm alles aus der Nase ziehen?
Nick seufzte, natürlich hatte Kyle ihm auch das verraten. Während Lucie überlegte, wie sie vorgehen sollten, schlug Nick vor, dass sie vielleicht erst einmal das Hotel aufsuchten. Sie warf ihm einen bösen Blick zu. Er war so ekelhaft pragmatisch im Moment.

Das Hotel war nicht das erste Haus am Platz, aber doch ein komfortables Haus, in dem man Wert darauf legte, dass der Gast sich wohl fühlte. Es hatte nur zwei Etagen und war nicht besonders groß, es sollte also kein Problem sein, das Schwert hier zu finden. Und dann zu verschwinden. Auf Nimmerwiedersehen, Morrissey.
Während sie noch ihren Überlegungen nachhing, ging Nick zur Rezeption und erzählte dem Concierge, dass er vom FBI sei. Dem Concierge entfuhr ein entsetztes “FBI!”, und Lucie schlug sich innerlich vor die Stirn. Noch lauter, und die ganze Stadt wusste davon. Nick ließ sich jedoch nicht beirren Er müsse das Auto eines bestimmten Engländer abschleppen lassen, er wurde terroristischer Aktivitäten verdächtigt. Aha, das war wohl der Typ, der das Schwert hatte. Lucie behielt die Umgebung im Auge und sah sich um. Ihr Blick fiel auf eine ihr bereits bekannte Gestalt, das rothaarige Mädchen, mit dem Nick im Café geflirt… geredet hatte, stand in der Lobby, neben ihr eine kleinere blonde Frau, sie war gut gekleidet, altersmäßig schätzte Lucie sie auf Mitte, Ende Dreißig. Lucie wollte sich die Kleine und ihre blonde Begleiterin näher ansehen, da hatte Nick schon den Concierge überzeugt, dass er das Auto abschleppen ließ und den Engländer anrief, damit er ungestört das Zimmer durchsuchen konnte.

Der Plan ging auf, kurze Zeit, nachdem ein Abschleppunternehmen die schwarze Karosse des Engländers an den Haken genommen hatte, kam der Mann wütend die Treppe herunter und fuhr den Concierge an, was ihm einfiele. Lucie betrachtete den Engländer aus sicherer Entfernung. Er war groß und blond, etwa Ende Dreißig, und seine Züge verrieten ihr, dass er ein Mann war, der gewohnt war zu bekommen, was er wollte. Bekam er es nicht so, nahm er es sich auch einfach mit Gewalt. Dafür war mit Sicherheit der hünenhafte Schwarze mit der Melone hinter ihm zuständig, der stumm und bedrohlich in die Gegend​ sah. Solche Typen wie der Blonde waren ihr schon begegnet, und sie wusste genau, welche Knöpfe sie drücken musste. Das kleine rothaarige Dummchen würde schon ziehen bei einem wie ihm. Hoffentlich wollte er danach nicht mehr, aber sie musste Nick die nötige Zeit verschaffen, falls der Concierge einknickte oder das Abschleppunternehmen nicht schnell genug war. Sie schlich nach draußen und begann mit den Vorbereitungen.

Ok, Beauchene, du kannst das. Eilig löste sie ein paar Schrauben, von denen sie genau wusste, wie sie sie wieder festmachen musste im Notfall, dann war ihr Äußeres dran. Sie fuhr sich durch die Haare, bis sie ausreichend derangiert, aber immer noch sexy aussehen mussten. kniff sich in die Wangen, damit sie mädchenhaft erröteten, und dieses Shirt musste dran glauben, als sie den Ausschnitt ein wenig tiefer legte und ihre Brüste im BH nach oben schob. Es war kein Spiegel zur Hand, so dass sie sich so darauf verlassen musste, dass ihre Maskerade saß. Kräftig mit den Augenlidern schlagen, so dass sie aussah, dass sie ein wenig geweint hatte, und dann auf ins Gefecht.

“Sir, können Sie mir helfen?” Der Blonde drehte sich zu ihr um, sein Gesicht immer noch wutverzerrt. Als er jedoch ihren Aufzug sah, huschte ein raubtierhaftes Grinsen über seine Züge. “Worum geht es?” wollte er wissen, während er dem Hünen hinter sich ein Handzeichen gab. Sie begann, mit einer Haarsträhne zu spielen und erzählte dem Blonden mit vielen Seufzer und leichten Schluchzern, dass ihr Motorrad nicht mehr ansprang, und es sei doch gerade erst in der Werkstatt gewesen, was man denn da machen könne, sie habe ja keine Ahnung… “Ich sehe mir das mal an”, erklärte er jetzt. Lucie wies vor die Tür, und hauchte ein “Danke”, wobei sie ein wenig zu heftig ausatmete. Er grinste wieder, ging dann aber mit ihr nach draußen. Natürlich entdeckte er die losen Schrauben, mit einem “Ach, das haben wir gleich, Mädchen”-Grinsen zog er sie wieder fest. “Oh, vielen, vielen Dank, Sir.” Lucie tat inzwischen das Gesicht weh vom Lächeln und mit den Augenlidern-Klappern, doch wenn sie auf Nummer sicher gehen wollte, musste sie ihn noch ein wenig hinhalten. “Sie sind Engländer, nicht wahr?” fragte sie und hakte sich bei ihm unter, als sie wieder hineingingen. Offenbar war auch er nicht gegen den Charme dieses Ortes gefeilt, er ließ es geschehen und schien jetzt sogar zu lächeln. Hoffentlich wollte er sie jetzt nicht noch zu einem Drink einladen oder mehr. Sowas hatte sie immer nur im äußersten Notfall getan, und das hier war sicher keiner. Zu ihrem Glück beließ der Engländer es jedoch bei ein paar Plattitüden, dann verabschiedete er sich, er wolle jetzt in sein Zimmer. Nein! Nicht!

Lucie zog hastig ihr Telefon aus der Tasche und wählte Nicks Nummer. Er meldete sich mit einem fröhlichen “Hallo, Mrs. Morrissey”, was ihr unter anderen Umständen sehr gefallen hätte, aber jetzt musste er aus dem Zimmer verschwinden. “Raus da, raus!” zischte sie ihn an, dann legte sie auf. Kurze Zeit später piepste ihr Handy, es war eine SMS von Nick.

Zu dritt sind wir schon, magst du nicht die Vierte sein?

Sie verdrehte die Augen, das sah ihm ähnlich, aus allem einen Witz zu machen. Ein zweites Piepsen verkündete ihr die Zimmernummer, und mit einem Seufzen machte sie sich auf den Weg nach oben. Sie klopfte an die Tür, wartete jedoch nicht, bis jemand sie hereinbat, sondern trat einfach ein. Nick lümmelte sich auf einem Sessel, während die blonde Frau aus der Eingangshalle und das rothaarige Mädchen, mit dem er vorhin so eifrig geflirtet hatte, auf dem Bett saßen. Lucie zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts, sondern nahm neben Nick auf der Lehne des Sessels Platz. “Vielleicht sollten wir uns erst einmal alle vorstellen”, meinte die Blonde, während sie Lucie musterte. Nick grinste nur, machte dann aber den Anfang. “Mein Name ist Nick Morrissey, ich bin Pokerspieler und neuerdings auch Akquisitor für … Dinge. Das da ist Lucy Morrissey, meine Frau.” Lucie sah an sich herunter, sie wirkte eher wie eine Aushilfs-Schlampe als wie eine brave Ehefrau. Ihr Shirt verriet mehr, als es verhüllte, ihre Wangen waren noch immer gerötet, und ihre Haare waren durcheinander vom Strähne-auf-den-Finger-wickeln. Mehr als ein mattes “Hi!” und ein Winken in die Runde brachte sie gerade nicht zustande, zu peinlich war ihr ihre momentane Aufmachung.
“Mein Name ist Irene Hooper-Winslow, und ich bin die Cousine des Herren nebenan.” Lucie zog eine Augenbraue hoch. Was für eine interessante Enthüllung, und was für eine Art von Familie war das, die sich gegenseitig so behandelte? Sicher hatte die Engländerin sie nicht hier alle versammelt, weil sie ihrem Cousin ein paar Blumen schenken wollte. Doch bevor sie darauf eine Antwort erhielt, meldete das Mädchen sich zu Wort, das bisher ein Eichhörnchen auf ihrer Schulter gestreichelt hatte. “Ich bin Julie, und ich bin hier, weil es hier komisch ist.” Lucie nickte, besser hätte sie es auch nicht formulieren können. Irene sah noch einmal zu Lucie. “Wollen Sie sich vielleicht frisch machen? Da drüben ist das Bad.” Lucie nickte dankbar, dann stand sie auf. “Na, wie lief es denn mit deinem Lover?” wollte Nick wissen, als sie schon beinahe im Badezimmer angekommen war. Sie drehte sich um und sah ihn wütend an. Nichts ist passiert, Morrissey, und das weißt du genau. Während sie die Türklinke ein wenig zu heftig herunterdrückte, glaubte sie, Julie murmeln zu hören “So redet man nicht mit seiner Frau.” Oh doch. Wenn man ein Pokerspieler namens Morrissey ist, für den auch die Ehe nur ein einziges Spiel ist, schon.

Sie warf sich kaltes Wasser ins Gesicht und machte sich einen Pferdeschwanz mit einem Haargummi, dass sie in der Hosentasche gefunden hatte. Dann ging sie wieder ins Zimmer. “Ich glaube übrigens nicht, dass Ihr Cousin einen Verdacht hegt”, erklärte sie Irene. “Ich habe mir große Mühe gegeben, so zu wirken, als sei das Leuchten in meinen Augen das Licht, das zu den Ohren hineinscheint.” “Achja, das kannst du ja gut. Ich denke da an die Gelegenheit, wo du dich als Reporter-Assistentin ausgegeben hast”, meinte Nick. Klang da etwa Anerkennung in seiner Stimme mit? “Wenn Sie dann mal fertig sind mit sich loben, können wir dann weitermachen?” Irene sah ungehalten von Nick zu Lucie. “Sie wollten über das Schwert referieren, Mr. Morrissey.” Nick lächelte in ihre Richtung, doch dann begann er zu erzählen.

Er berichtete, dass er das Schwert – ein weißes Katana – im Auftrag eines Sammlers besorgen sollte, und wie er und Lucie auf den Indianer Kyle getroffen waren. Lucie spürte, dass sie errötete, als Nick erzählte, dass Coyote für sie und Nick eine Ausnahme gemacht hätte. Nanu, Beauchene. Seit wann so prüde?
Nick berichtete weiterhin, dass der Indianer ihn anschließend angerufen hatte, obwohl er ihm nie seine Telefonnummer gegeben hatte, und ihm dann gesagt hatte, dass er das Schwert hier im Hotel finden konnte. Die Tätowierung des Indianers habe ihn außerdem darauf gebracht, dass er entweder mit dem Trickster-Gott Coyote eng verbunden war oder sogar selbst der Trickster war.

Bei der Erwähnung des Tricksters wurde Irene hellhörig. Anscheinend hegte ihr Cousin einen Groll gegen einen Trickster, seit er von einer USA-Reise nach Hause gekommen war und irgendetwas – oder irgendwer – ihn zutiefst gedemütigt hatte. Aber wie passte die dunkelhaarige Frau da hinein, die sie und Julie gesehen haben wollten? War sie vielleicht Japanerin, wo es um ein japanisches Schwert ging? “Ein Fuchsgeist”, überlegte sie. Lucie hatte noch nie von Fuchsgeistern gehört, und McKenzie hatte auch nichts in diese Richtung erwähnt. Allerdings nahm McKenzie auch gerne mal Dinge, die ihn noch ganz andere Dinge sehen ließen.

Irene erzählte, dass Ian mit einer dunkelhaarigen Frau gesprochen hatte, eine Asiatin, vielleicht sogar Japanerin. Sollte sie ihm helfen, den Trickster einzufangen oder sogar umzubringen. Aber das gebe keine gute Trophäe ab. Lucie sah sie verständnislos an, was auch immer die Engländerin damit meinte. Wahrscheinlicher war, dass er Coyote binden und töten wollte.

Sie wollte auch noch mehr über das Schwert herausfinden, daher zückte sie ihr Handy und suchte eine Weile im Internet. Schließlich teilte sie ihre Erkenntnisse mit den anderen: Wenn es sich um einen Fuchsgeist, eine Kitsune, handelte bei der schwarzhaarigen Frau, so war sie auch ein Trickster, aber einer, der sich auch mit Verführung auskannte. Außerdem waren Fuchsgeister Boten der Göttin Inari. Gelegentlich heiratete einer dieser Götterboten auch einen Menschen, aber sobald der Mensch das herausgefunden hatte, musste der Geist ihn verlassen. Eine Legende erzählte von einem Schmied, der einen Fuchsgeist betrogen hatte, als er ein Schwert für den Kaiser schmieden sollte. Der Geist hatte dem Schmied seine Perle gegeben, die jeder Fuchsgeist besaß, und der Schmied hatte ihn daraufhin im Schwert gebannt.

“Kyle hat mir gesagt, dass sein Herz einer anderen gehört”, berichtete Nick jetzt, “aber er würde eine Ausnahme machen.” Natürlich musste er dieses Thema noch einmal auf den Tisch bringen, als ob nicht bereits jeder im Raum wusste, wie unwiderstehlich er war. Konnte es sich bei der Unbekannten um den Fuchsgeist handeln? Und war es sinnvoll, ihn zu warnen, dass er sich nicht mit ihr einließ, und dass alles nur Lug und Trug war, von dem Engländer eingefädelt? “Er hat mich auf die Spur des Schwertes gebracht, und wenn er weiß, wo es ist, dann rechnet er damit, dass wir die richtigen Schlüsse ziehen”, meinte Nick anschließend. “Entweder geht er davon aus, dass wir es an uns bringen, oder zumindest die Perle entfernen.” Irene schien eine Idee zu haben. “Herrschaften. Interesse an einer Straftat für den guten Zweck?” Nick sah zu Lucie, doch die zuckte nur mit den Achseln. Es würde ihr schon gelingen, die Waffe an sich zu bringen, und von einer Perle hatte McKenzie nichts gesagt. Der wollte ein wertvolles Schwert, und das würde er bekommen. Also nickte sie, und Nick tat es ihr gleich.

Ihr Plan war recht einfach: Ian Hooper-Winslow und sein Schatten, der auf den Namen Gallagher hörte, mussten voneinander getrennt und abgelenkt werden. Gallagher sollte vergiftet werden, damit er Durchfall bekam, das würde ihn lange genug von seinem Boss fernhalten. War das Schwert noch bei Ian, würde Lucie es mitnehmen, ansonsten war es an Nick, es Gallagher zu entwenden, sobald der zur Toilette ging. Julie wollte sich als Kellnerin verkleiden und Gallagher das Essen oder Getränk bringen, in dem sich das Abführmittel befand.

Während Lucie das Restaurant etwas eher betrat als die anderen, verkleidet mit einer blonden Perücke, bezogen auch die anderen ihre Posten. Julie verschwand in der Küche, während Irene sich zu ihrem Cousin an den Tisch setzte. Seinem Raubtiergrinsen nach zu urteilen, fühlte er sich seiner Sache sehr sicher, aber auf Irene schien er damit keinen Eindruck zu machen. Die Frau war tough, so ein Typ würde sie nicht so schnell nervös machen.
Julie gelang es derweil, mit einem strahlenden Lächeln den etwas verunsichert dreinblickenden Gallagher davon zu überzeugen, dass er das Getränk nahm, dass sie ihm reichte. Love is in the air, und auch an einem schweigenden Bodyguard ging das nicht spurlos vorüber. Er lächelte ihr zu – zumindest interpretierte Lucie diese Grimasse als Lächeln – und trank. Perfekt!

Julie ging weiter zwischen den Tischen durch, um ihre Kellnerinnen-Maskerade noch ein wenig aufrecht zu erhalten. Lucie beobachtete sie. So, wie das Mädchen sich anstellte, wirkte sie, als habe sie nie etwas anderes gemacht, als sich einfach in ein Restaurant zu schleichen und sich als jemand auszugeben, der sie nicht war. Ach komm, Beauchene. Was hast du denn gemacht? Zugegeben, in ihrem Alter hast du gedacht, dass dein größtes Problem ist, ob Lucas Berrou mit dir nach der Vorlesung einen Kaffee trinken geht. Damals. In der anderen Zeit. Im Davor.
Jetzt kam Julie an Lucies Tisch, und Lucie konnte nicht anders, als ihr ein Kompliment zu machen. “Du bist ein Naturtalent”, meinte sie. Julie lächelte unsicher und ging dann weiter.

Inzwischen war Gallagher Richtung Toiletten verschwunden, sein Boss jedoch schien gerade seinen vermeintlichen Triumph über seine Cousine auszukosten. Lucie stand auf, beiläufig ging sie an dem Tisch vorbei und nahm die Rolle mit dem Schwert von der Stuhllehne. Langsam, um keinen Verdacht zu erregen, ging sie hinaus. Geschafft. Aber warum eigentlich nicht einfach auf die Bonneville steigen und abhauen? Was hatte sie mit Julie zu schaffen, oder mit Irene? Oder Nick… Der Gedanke an Nick versetzte ihr einen kleinen Stich, aber sie kämpfte den Gedanken daran, dass sie ihn betrügen würde, herunter. Sie war bisher immer bestens alleine klar gekommen.

Sie nahm die Perücke ab und wollte sie gerade gegen den Helm tauschen, als sie hinter sich ein Geräusch hörte. “Wo willst du hin?” Nick stand hinter ihr und sah sie ernst an. “Wolltest du etwa mit dem Schwert abhauen?” Sie machte einen Schritt auf ihn zu. Wenn sie das hier durchzog, war diese alberne Scharade, die sich ihre Ehe nannte, endlich Geschichte. “Weißt du was, Morrissey? Ich habe keine Lust mehr, auf andere Rücksicht zu nehmen.” Er schüttelte nur leicht den Kopf, dann meinte er: “Glaubst du nicht, dass der Trickster wütend wird, wenn er seinen Fuchsgeist nicht bekommt?” Was interessierte sie dieser Fuchsgeist? “Warst du schon mal im Knast, Morrissey?” fragte sie ihn jetzt, und er zog erstaunt eine Augenbraue hoch. “Naja, so eine Nacht im Gewahrsam, oder so…”, erklärte er dann. “Ich rede nicht von einer Nacht im Gewahrsam. Ich rede von fünf verdammten Jahren. Da ist man auf sich gestellt, und jeder ist sich selbst der nächste. Ich denke nur noch an mich selbst.” Sein Blick verriet nicht, was er dachte, aber er war offensichtlich nicht gewillt, sie ziehen zu lassen. “Das ist deine Antwort auf alles, einfach abhauen, oder?” Warum nur durchschaute er sie immer wieder? Was machte er mit ihr? “Komm mit, wir gehen ins Hotel zurück. Abgesehen davon, was sollen die anderen denken?” Lucie zögerte. Noch ein Schritt, und sie saß auf der Bonneville. Dann war alles vorbei, für immer. Aber warum zögerst du dann? Warum stehst du immer noch hier, knallst ihm deine Story vor den Latz und gehst nicht einfach? Das ist nicht die Schuld des Tricksters, Beauchene, denn das war schon vorher so. Man nennt das Loyalität. Vertrauen. Liebe. Ekelhafte Dinge, die du nicht brauchen kannst.
“Was ist denn hier los?” Julie sah von Lucie zu Nick und erfasste blitzschnell die Situation. “Meine Frau wollte sich gerade mit dem Schwert absetzen.” Morrissey, du bist wirklich das Allerletzte! Verpfiff er sie gerade? Soviel zu seiner netten Rede und seinem Appell an ihre Loyalität. Jeder ist sich selbst der Nächste.
Lucie wandte sich an Julie. “Du solltest niemals heiraten.” Das Mädchen sah sie überrascht an, anscheinend hatte sie so etwas auch nicht im Sinn gehabt. Sie überlegte kurz, dann meinte sie “Aber jetzt will erstmal keiner mehr mit irgendwelchen Schwertern abhauen, ja? Dann ist ja gut.” Nichts ist gut. Überhaupt nichts.

Aber Lucie hatte keine andere Wahl, sie folgte den anderen zurück ins Hotel. Als sie das Zimmer betraten und Lucie das Schwert auf den Tisch legte, begann das Eichhörnchen auf Julies Schulter zu zetern und zu keckern. “Clover, beruhig dich! Ich lasse nicht zu, dass der Fuchsgeist dir etwas tut!” Lucie beobachtete die seltsame Szenerie, und dann dämmerte es ihr. “Du bist eine Hexe!” entfuhr es ihr. Offensichtlich befürchtete Irene, dass Lucie damit ein Problem hatte, besitzergreifend legte sie dem Mädchen den Arm um die Schulter und erklärte: “Lassen Sie den Flammenwerfer stecken. Das ist meine Hexe.” Julie schien das jedoch nicht so zu sehen. “Ich gehöre immer noch mir selbst”, entgegnete sie ungehalten, “und Clover vielleicht. Und…” Ihre Stimme wurde dünn, und sie brach ab. Oh. Ohoh. Das klang nach handfestem Liebeskummer. The first cut is the deepest. Lucie wusste noch genau, wie weh das tat. Ob Lucas sich noch an sie erinnerte?

“Ich… Er hat gesagt, dass es etwas Ernstes ist, und dann hat er sich einfach nicht mehr gemeldet. Er hat mir einen Brief geschrieben, dass es nicht an mir liegt, sondern an ihm…” Aha. Na klar. Lucie nahm Julie in den Arm und hielt sie fest. “Wenn er dir sagt, dass es nicht an dir liegt, sondern an ihm, dann hat er recht, weil er ein verdammtes Arschloch ist.” Julie schniefte und nickte. “Manchmal wäre es schön, das Herz zu beeinflussen”, setzte Lucie hinzu. Julie sah sie aus großen Augen an. “Damit wir uns in die Richtigen verlieben?” Lucie sah zu Nick, der wie selbstverständlich im Sessel saß und gute Laune zu haben schien. “Oder dass es nicht mehr stärker als unser Kopf ist.”

In diesem Moment klatschte Irene in die Hände und unterbrach das Gespräch. Vermutlich hatten Frauen wie sie nie Liebeskummer. Sie sah Lucie auffordernd an, und sie reichte ihr das Schwert. “Sollten wir den Trickster anrufen?” wollte Nick wissen, doch Irene schüttelte den Kopf. “Nein, ich glaube, es ist eine bessere Idee, die rechtmäßige Besitzerin der Perle zu rufen. Der Trickster könnte auf dumme Ideen kommen.” Sie sah zu Julie, die schnell ein Taschentuch verschwinden ließ, und bedeutete ihr, den Fuchsgeist zu rufen. Offenbar konnte das Eichhörnchen ihr dabei helfen, den Namen des Geistes zu rekonstruieren, um ihn zu rufen. Ganz gleich, was es war, plötzlich stand eine dunkelhaarige Frau mit asiatisch anmutenden Gesichtszügen im Zimmer. Sie verbeugte sich in Richtung Julie. “Meister, du hast mich gerufen?” Julie nickte eifrig und wiederholte das Wort, das sie für den Namen gehalten hatte. Die Kitsune lächelte. “Das ist nicht mein Name. Nur eine Formel, um mich zu beschwören.” Julie wurde kurz rot, doch dann fing sie sich wieder. “Wir wollen dir deine Perle zurückgeben.” Der Fuchsgeist legte den Kopf schief und sah Julie misstrauisch an. “Natürlich willst du das, Meister.” Nach einer kurzen Pause überging das Mädchen den Tonfall des Geistes einfach und fragte nach Ian. “Hat dein vorheriger Auftraggeber dir aufgetragen, dich mit dem jungen Mann einzulassen?” Der Fuchsgeist nickte. “Ja, das hat er. Er wollte, dass ich ihn verführe und dass ich ihn in die Höhle bringe, damit er ihn erniedrigen und töten kann.” Jetzt machte sie ihrerseits eine kurze Pause und sah von einem zum anderen. “Ich fühle mich dem jungen Mann – wenn man ihn denn so nennen kann, so jung ist er nicht mehr – durchaus freundschaftlich verbunden.” Irene seufzte. “Wäre es dann möglich, dass du und Coyote euch in eine menschenleere Gegend zurückzieht, damit ihr nicht noch mehr Unheil stiftet und endlich diese überbordenden Liebesgefühl hier in der Stadt aufhören.” Der Fuchsgeist nickte lächelnd in Richtung der beiden Frauen, dann verbeugte sie sich, als ob sie gehen wollte.

“Erinnert du dich noch an deinen vorherigen Meister?” wollte Nick jetzt wissen. Die Kitsune nickte wieder. Morrissey, was hast du vor? “Dann sollte es dir doch ein leichtes sein, ein zweites Schwert anzufertigen.” Er sah zu Lucie, und sie spürte, wie ihr die Luft wegblieb. Hatte er das wirklich eben gefragt? Sie überlegte, ob sie etwas sagte, aber seine Frage hatte ihr die Sprache verschlagen. Hatte sie ihn die ganze Zeit falsch eingeschätzt? Lag ihm am Ende doch etwas an ihr? Sie formte ein tonloses “Danke” in seine Richtung, und er zwinkerte nur.

Irene bat die Kitsune jetzt, dass sie ihren Cousin nicht umbrachte, immerhin sei er Familie, aber der Fuchsgeist lächelte nur ein wenig verschlagen und erklärte ihr, dass umbringen langweilig sei. Auch Julie hatte noch eine Bitte: Der Fuchsgeist möge in Zukunft keine Eichhörnchen mehr fressen, wenn es ihr möglich war. Diese Bitte schien dem Fuchsgeist weniger zu behagen als die von Irene, aber sie sagte sie dennoch zu.

Julie überreichte dem Geist schließlich die Perle, und aus der Frau wurde plötzlich ein neunschwänziger Fuchs. Sie lief in Richtung Fenster, doch bevor sie hinaussprang, drehte sie sich noch einmal um. “Es würde euch allen hier gut tun, wenn ihr das mit den Beziehungen etwas lockerer angehen lasst und ehrlicher zu euch selbst seid.” Lucie hatte das Gefühl, dass die dunklen Augen des Tieres bis auf den Grund ihrer Seele sahen, aber dann wandte die Kitsune sich wieder dem Fenster zu und war verschwunden.

Plötzlich fand sich Lucie mit dem Schwert in der Hand wieder. Offensichtlich war die ganze Sache jetzt vorbei, und sie war die neue Besitzerin der Waffe. Zumindest solange, bis sie McKenzie erreicht hatte. Sie zog ihr Telefon aus der Tasche und rief ihn an. “McKenzie? Ich hab dein Schwert.” “Was für ein Schwert? Wovon redest du? Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.” Verdammt, McKenzie. Was auch immer du nimmst, nimm endlich weniger. Oder hör ganz auf. Aber wenn du das nächste Mal drauf bist, bleib weg von einem Telefon. Lucie legte wütend auf und drückte der erstaunten Irene das Schwert in die Hand. “Das können Sie behalten.” Und für dieses Ding habe ich alles riskiert? Sie schüttelte den Kopf. Nein, für McKenzie würde sie mit Sicherheit gar nichts mehr riskieren.

Julie stand ein wenig verloren im Raum und sah durch das offene Fenster der Kitsune nach. “Locker angehen lassen” konnte sie im Moment nichts, Tränen standen ihr in den Augen. Sie sah hilfesuchend zu Irene, doch die hatte es plötzlich sehr eilig. Sie nahm das Schwert und ihre restlichen Sachen und verabschiedete sich hastig. Lucie seufzte. Hatte sie nicht genug mit ihrem eigenen Herz zu kämpfen? Aber wenn sie an ihr Gespräch mit Nick vorhin dachte, war da wahrscheinlich sowieso nichts mehr zu machen. Genau das, was du wolltest. Aber gut anfühlen tut es sich trotzdem nicht.

“Komm, wir gehen nach nebenan”, schlug sie Julie vor, denn Irene hatte ihr noch schnell mitgeteilt, dass sie das Nebenzimmer für sie reserviert hatte. Nick war jetzt aufgestanden und betrachtete die Minibar, er machte keine Anstalten, die beiden Frauen aufzuhalten.

Sie setzten sich auf das Bett, und Julie begann, von dem Mann zu erzählen, der ihr das Herz gebrochen hatte. Charmant sei er gewesen, und er habe sich wirklich um sie bemüht, obwohl er doch ein gutes Stück älter als sie war. Flann hieß er, und er sah natürlich auch gut aus und überhaupt. Er hatte sie nie bedrängt, im Gegenteil, auch wenn Lucie zwischen den Zeilen raushörte, dass sie sich an die klassischen amerikanischen Date-Regeln gehalten hatten. Als er sich eines Tages nicht mehr gemeldet hatte, hatte Julie sich zunächst nichts dabei gedacht. Sie war sowieso mit ein paar Freundinnen unterwegs gewesen. Aber nach diesem Ausflug hatte sie statt der erwarteten Nachricht nur einen Brief bekommen, in dem er sich von ihr verabschiedet hatte und ihr gesagt hatte, dass er noch etwas erledigen musste, und dass es nicht an ihr läge. Lucie schüttelte den Kopf. Das klang nach der klassischen “Ich habe bekommen, was ich wollte”-Masche, aber das sagte sie Julie nicht. Sie musste nicht wissen, dass sie auf einen der ältesten Tricks der Welt hereingefallen war, und wenn Lucie sie so ansah, gleich beim ersten Mal. “Vergiss den Typen”, erklärte sie dem Mädchen. Zu ihrem Erstaunen zog Julie jetzt unter Schniefen und Nasewischen ihr Telefon aus der Tasche und tippte darauf herum, bis sie zu den Fotos kam.
Bei dem Bild eines Mannes mit rotbraunen Haaren hielt sie kurz inne, während Lucie auf das Bild sah und erstarrte. Ihr lächelte ein wohlbekanntes Gesicht entgegen. Hank Williams. Nein, moment, wie hatte Julie ihn genannt? Finn? Flann? Der Schnösel im Anzug aus Seligman. Das war der Kerl, der Julie hatte sitzen lassen? Dieser verdammte Dreckskerl! Aber das sah ihm ähnlich, einem jungen Mädchen das Blaue vom Himmel herunterlügen und sich dann aus dem Staub machen, wenn er bekommen hatte, was er wollte. Verdammt nochmal, hatte er gewusst, dass er der Allererste gewesen war? Wenn nicht, sie würde es ihm gerne beibringen, sollte sie ihn das nächste Mal treffen. Das war ein gutes Stichwort. Solche Typen musste man da treffen, wo es weh tat. Bei ihrer Ehre oder zwischen den Beinen. Häufig war das sowieso ein- und dasselbe.
“Du kennst ihn?” Julie klang ehrlich überrascht. “Allerdings. Er hat sich Hank genannt, in Arizona, und er war in Begleitung eines Zombies unterwegs.” Lucie erinnerte sich an den Gang in dem seltsamen Appartementhaus, an die arrogante Art, mit der der Mann sie versucht hatte, abzubügeln. Plötzlich wurde ihr noch etwas klar. Er hatte sich niemals vorgestellt, dass er “Hank” hieß, wusste sie von Nick. Vielleicht war der Name, den er Julie genannt hatte, auch nicht sein wirklicher Name. Ein Betrüger in jeder Hinsicht.
“Also dann war er in Arizona”, meinte Julie mehr zu sich selbst. Lucie überlegte, ob sie Julie erzählen sollte, wie Hank-Flann-Wie auch immer in dem Haus der Lilywhites reagiert hatte, irgendetwas hatte ihn damals aufgescheucht. Aber Julie ging es schlecht genug, sie brauchte sich nicht noch mehr Sorgen zu machen, und bestimmt nicht um so einen Typen. “Vergiss den Kerl”, sagte sie stattdessen, “der hat dich die ganze Zeit betrogen und liebt nur sich selbst.” Julie nickte und lächelte schief. Lucie jedoch spürte, wie sie unruhig wurde. Arizona. Das Motel. Du wusstest es doch damals schon. Er hätte sich genauso wie dieser Dreckskerl benehmen können, sich einfach nehmen können, was er will, und stattdessen hat er dich einfach nur im Arm gehalten und gewartet, bis du nicht mehr gezittert hast. Glaubst du immer noch, dass das alles ein Spiel ist für ihn, Beauchene?

“Ich… Kann ich dich allein lassen?” wollte sie von Julie wissen. Das Mädchen nickte, und Lucie glaubte, dass das Eichhörnchen, das aus ihren Haaren hervorlugte, ebenfalls nickte. Nein, allein war Julie sowieso nicht, Clover war bei ihr. Sie lächelte, dann stand sie auf und ging nach nebenan.

Nick stand an der Minibar, in der Hand ein Glas mit Bourbon. Zunächst schien er sie gar nicht zu beachten, doch dann drehte er sich um, in seinem Gesicht war keine Regung zu sehen. Sie spürte, wie ihr Mut wieder sank. Es war besser, wenn sie einfach ging und nie wieder zurückkam. “Oh. Ich… Meine Tasche.” Eilig griff Lucie nach der Motorradtasche, die neben dem Sofa stand. Er schwenkte weiter scheinbar unbeteiligt seinen Bourbon und sah ihr zu, wie sie ihre Sachen einpackte. Weg hier. Du hast dich unmöglich gemacht. Gefühle sind was für Leute, die sie sich leisten können. Für die süße Rothaarige nebenan vielleicht, aber nicht für dich. Doch dann blieb sie in der Tür stehen und sah sich noch einmal um. “Es… es tut mir leid.” Nick zog nur eine Augenbraue hoch. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit drehte sich immer noch, es hatte etwas hypnotisches. “Was?” fragte er dann nach einer gefühlten Ewigkeit. “Alles. Was ich vorhin zu dir gesagt habe. Aber… ich weiß nicht, was ich machen soll. Am liebsten würde ich gehen und warten, bis es wieder vorbei ist.” Klingt total durchdacht, Beauchene. Sitz deine Gefühle einfach aus. Millionen unglückliche Paare, die genau das probiert haben, können nicht irren. “Bis was vorbei ist?” Tat er jetzt so unschuldig, oder wusste er wirklich nicht, worum es ging? “Ich…” Du bringst alles durcheinander, Morrissey, alles! Mein Herz, meinen Verstand, alles. “Ich kann das nicht mehr, das alles hier. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Du und ich…” Gibt es überhaupt ein Du und ich, ein Wir, oder ist das eines deiner Spiele? Er sah sie an, lange. Durchdringend. Nicht mehr der fröhliche charismatische Nick, er schien jetzt richtig verstimmt zu sein. Du hast den Bogen überspannt. Er ist nicht schuld an allem, das bist alleine du. “Das hab ich schon gemerkt.” Na bravo. Du hättest es dir auch einfach auf die Stirn tätowieren lassen können – unauffälliger wäre das auch nicht gewesen. “Und jetzt?” Er zuckte mit den Achseln. “Ich bin nicht gut für dich”, setzte sie hinzu. Ich bringe dich in Gefahr, und ich bin alleine besser dran. Sie war drauf und dran, ihm wieder ihre ganze Verzweiflung entgegen zu schleudern, doch dann besann sie sich eines Besseren. Er hatte die Wahrheit verdient. Zumindest einen Teil. “Das mit uns kann einfach nicht gut ausgehen. Ich bringe dich in Gefahr. Meinetwegen ist jetzt auch das FBI hinter dir her.” Zu ihrer Überraschung schmunzelte er jetzt. “Na und? Ich stehe sowieso bei denen auf der Watchlist. Das ist mir ziemlich egal.” Wenn er nicht von selbst gehen wollte, musste sie schwerere Geschütze auffahren. “Was glaubst du, warum ich im Knast war? Warum mich das FBI sucht?” Sie machte eine Pause, als er nicht reagierte, sondern seinem Bourbon mehr Aufmerksamkeit als ihr zu widmen schien. “Ich hab’ wegen Mordes gesessen.” Jetzt ist es raus. Lauf, Morrissey. Deine Frau ist eine kaltblütige brutale Mörderin, zumindest denkt das das FBI. Und die SPVM. “Ich…bin abgehauen, ich bin auf der Flucht.” Sie hatte sich in Rage geredet, und als er zu grinsen begann, wusste sie auch, warum. Der von Oliveiro so mühsam antrainierte kalifornische Akzent war verschwunden, und sie war fast ins Französische zurückgefallen. “Mon dieu! Ich bin noch nichtmal Amerikanerin. Ich bin Kanadierin.” Selbst das schien ihm egal zu sein. “Ich habe den Mord nicht begangen”, erklärte sie jetzt, das California Girl wieder mühsam zurückholend, “ich bin unschuldig.”

Der Blick des Richters ist unerbittlich, als er das Urteil verkündet. ”Lucienne Beauchene, ich verurteile Sie wegen heimtückischen Mordes an Thierry und Hélène Beauchene zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Die Strafe tritt sofort in Kraft”.
“Ich war das nicht! Ich habe meine Großeltern nicht umgebracht! Glauben Sie mir doch, bitte!” Der Richter beachtet sie nicht, bedeutet den Polizisten, sie aus dem Saal zu bringen. Sie legen ihr Handschellen ab und führen sie ab. Wie eine Verbrecherin. Ihr Leben in wenigen Sätzen ausgelöscht. Sie wehrt sich nicht weiter. Es hat keinen Zweck mehr. Es ist vorbei. Für immer.

Er trank jetzt einen Schluck, sagte aber immer noch nichts. Himmel, was brachte diesen Mann eigentlich aus der Ruhe? “Stehst du auf meiner Seite, oder gehen wir getrennte Wege?” Jetzt war es raus. Glaubte er ihr? Glaubte er, dass sie nicht wie all die anderen war, die neben ihr ihr Dasein gefristet hatten und behauptet hatten, dass sie unschuldig waren?
Nick machte einen Schritt auf sie zu. “Du bist diejenige, die immer abhaut. Ich habe nie irgendwelche Anstalten gemacht, wegzugehen.” Lucies Herz machte einen Satz. “Und wenn wir uns sowieso immer wieder über den Weg laufen, kann ich auch bei dir bleiben.” Jetzt lächelte er, das Nick-Lächeln, das sie am Anfang so gehasst hatte, und von dem sie niemals gedacht hätte, dass sie es einmal so vermissen würde. Mit einem leisen Seufzen fiel sie ihm um den Hals, und er erwiderte die Umarmung.

Geh. Nie. Wieder. Weg.

Es war viel später an diesem Abend, als sie wieder aufwachte. Von irgendwoher hörte sie leises Schluchzen. Nick? Nein, das war eindeutig eine weibliche Stimme. Julie! Lucie löste sich aus Nicks Umarmung. Sie waren irgendwann Arm in Arm in dem Hotelbett eingeschlafen, ohne weiter zu reden, denn im Moment bedurfte es keiner Worte, um das auszudrücken, was sie fühlten und dachten. Ich bin auch eine tolle Freundin. Erst der Kleinen erzählen, dass Hank ein großes Arschloch ist – Lucie spürte, wie wieder die Wut in ihr auf den arroganten Jäger hochstieg – und sie dann in ihrem Kummer allein lassen. Sie stand auf und sah auf den schlafenden Nick. Wenn ich jetzt gehe, denkst du dann, dass ich wieder abgehauen bin? Weggelaufen, weil du hinter die Fassade geguckt hast? Weil du weißt, wie ich mich fühle, was ich für dich fühle? Ich komme wieder. Dieses Mal laufe ich nicht weg.

Leise, um ihn nicht aufzuwecken, schlüpfte sie aus dem Zimmer, hinüber zu Julie. Das Eichhörnchen saß auf ihrem Kopfkissen und sah sie aus großen Augen an, doch wenn es etwas sagte, Lucie konnte es nicht verstehen. “Hey”, meinte sie nur und setzte sich auf die Bettkante, “hey. Alles wird gut.” Julie blinzelte sie unter Tränen an. “Aber… “ “Nichts aber. Der Kerl ist das Allerletzte. Und sollte ich ihm noch einmal begegnen, sag’ ich ihm das auch genauso.” Gleich nachdem seine Kronjuwelen Bekanntschaft mit meinen Knien gemacht haben. Julie versuchte ein Lächeln. “Versprochen?” Lucie nahm ihre Hand und drückte sie. “Versprochen.” Julie schniefte. “Bleibst du bei mir?” wollte sie dann wissen. Lucie überlegte kurz. Was, wenn Nick aufwachte? Noch war alles neu und fragil, und sie wollte sein Vertrauen nicht gleich wieder missbrauchen. Aber Julie brauchte jetzt Trost, sie war noch lange nicht über das hinweg, was Flann ihr angetan hatte. Sie fischte ihr Telefon aus der Hosentasche und schickte ihm eine Nachricht.

Bin bei Julie, ihr gings nicht gut. Ich bin wirklich geblieben. Sehe dich morgen früh. L.

Hoffentlich las er sie rechtzeitig, aber das hier war jetzt wichtiger. Julie rutschte zur Zeit und griff nach der Fernbedienung. “Wir können ein bisschen fernsehen”, schlug sie vorsichtig vor, und Lucie nickte. Ihr war gerade so merkwürdig warm. War das die Nachwirkung des Tricksters? Oder vielleicht das Bewusstsein, dass sie zum ersten Mal seit sie so alt wie Julie gewesen war, endlich wieder ein Stück Normalität hatte? Du wirst weich, Beauchene. Ja, und es macht leider verdammt viel Spaß.

Sie erwachte vom Schlagen der Türen auf dem Gang. Wo war sie? Ihr Blick fiel auf die schlafende Julie, das Eichhörnchen neben ihr, sein Schwanz ringelte sich wie ein roter Plüschschal um ihren Hals, so dass man nicht sehen konnte, wo Julies Haare endeten und Clovers Fell begann. Lucie ging auf Zehenspitzen wieder nach nebenan, doch das Zimmer war leer. Für einen Moment hatte sie die schreckliche Befürchtung, dass er gegangen sein könnte, dass er sie diesmal verlassen hatte. Reiß dich zusammen, Beauchene. Ein Blick aus dem Fenster verriet ihr, dass die Corvette immer noch da stand, wo sie hingehörte. Er ist noch hier, und du wirst ihn finden.

Hastig zog sie sich Schuhe an und lief in den Speisesaal. Tatsächlich, da saß er und trank Kaffee. Als sie näherkam, blickte er auf, seine ganze Körperhaltung verriet sein Erstaunen. “Guten Morgen, Mrs Morrissey”, begrüßte er sie. “Ich bin noch da”, sagte sie lächelnd und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. “Und ich habe nicht vor, das so schnell zu ändern.”

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Eden Valley Valentine
Love is in the Air

Ian hat gute Laune. Ungewöhnlich. In der Tat ist es für meinen Cousin so ungewöhnlich, dass mich gleich zwei Familienmitglieder an einem Tag kontaktiert haben, um mir mitzuteilen, dass er sich einmal mehr in die USA aufgemacht hat, um irgendetwas zu erjagen, von dem er zu glauben scheint, dass es ihn an die Spitze katapultieren wird. Er hat wieder angefangen Leute herumzukommandieren, als wäre er bereits der Boss. Habe ich nicht schon genug Probleme? Fast möchte ich ihnen sagen, dass es mir egal ist, ob er ihnen fortan höchstoffiziell auf der Nase herumtanzt, wenn sie selber nichts unternehmen, um ihn zu übertreffen. Doch ich weiß, dass es ungerecht ist, und ich schulde ihnen etwas, und ich sehe Vaters eingefallene Wangen vor mir, wenn ich daran denke, was das Erbe bedeutet.
Also greife ich mir ein Päckchen Müsliriegel und rede mir ein, dass mir Ablenkung guttut.

Sein Aufenthaltsort ist Eden Valley in Minnesota. Müssen sie in den Staaten eigentlich alles nach der Bibel benennen? Die Stadt wird mir nicht sympathischer dadurch, dass sie ein Sonnenloch mitten im Winter ist. Es sollte hier trüb und grau sein, wie es sich für die Jahreszeit gehört. Doch davon haben weder der Himmel noch die Pflanzen, noch die Leute etwas gehört. Überall Blüten und lächelnde Gesichter. Die Sprachsteuerung meins Mobiltelefons, dumm wie Toastbrot, hat mir (“Das habe ich leider nicht verstanden, Irene!”) bei der x-ten Anfrage irgendetwas von Wundern und Herzregen zu erzählen versucht, woraufhin ich das Gerät schlafen gelegt und das Radio eingeschaltet habe. Auf den Arm nehmen kann ich mich selber.
Kaum zwei Meter über die Stadtgrenze ertappe ich mich dabei, wie ich die Worte eines Liedes subvokalisiere. “I can’t fight this feeling anymore.”
Dämliches Radio. Aus.

Statt auf die Lokalnachrichten zu warten, könnte ich mir auch eine Zeitung kaufen. Oder mit echten Menschen sprechen. Wenn ich hier jemanden finden sollte, der gesprächsbereit scheint und nicht händchenhaltend mit einem mehr oder weniger passenden Gegenpart glückselig über die kirschblütenbeflockten Wege tänzelt. Ich schalte das Radio ein und fühle mich leicht beleidigt. Warum dürfen die alle so glücklich sein und ich nicht? “I wanna love you, but I better not touch…” Ist das der Dank dafür, wenn man sein Leben riskiert hat, um die Menschheit zu retten, ja? Alle Welt hat eitel Sonnenschein, nur die Retterin wird vom Retter vergiftet.
“I wanna kiss you, but your lips are venomous poison!” Warum ist das verdammte Radio schon wieder an?

Vor einem Eiscafé finde ich einen Parkplatz. Dort erwarten mich Seelenfutter in Form eines riesigen Bechers voll Vanilleeis mit frischen, süßen Erdbeeren und Nachrichten in Form einer Tageszeitung voller Artikel über den Frühling, Frühlingsblumen, Frühlingsgärten, Frühjahrskonzerte, Buchtipps zu Liebesromanen, Ratgebern für Frühlingsgärtner, den ersten, zweiten und dritten Frühling und Artikel über ungewöhnliche Ereignisse, die alle in Zusammenhang mit – wer hätte das gedacht? – Frühlingsgefühlen stehen. Mir schwant, dass es keinen guten Einfluss auf mich haben wird, länger in diesen Gefilden zu verweilen. Ich glaube, ich gehe lieber wieder. Gleich nach dem Eisbecher. Nur noch ein wenig die Sonne genießen, bis ich Ian das Feld überlasse und wieder in die Kälte und Einsamkeit von Vermont zurückkehre. Ein bisschen Wehmut darf ich mir auch einmal erlauben. Aus den Lautsprechern des Cafés tönt “All Out Of Love”. Danke auch.

Auf halbem Wege durch den Eisberg fällt ein schmaler Schatten auf mich. Vor meinem Tisch steht das Hexlein aus Pemkowet. Sie hält eine Rose in der Hand, hat aber ansonsten einen Rette-mich-Gesichtsausdruck, dass ich mich sofort frage, welcher Kerl ihr wohl eine Abfuhr erteilt hat. Oder welche Frau. Oder welche zwei Frauen. Wenn man sich hier so umsieht, ist ja gerade alles möglich. Die Atmosphäre wirkt schon ziemlich… verhext.
“Hallo…”
“Warst du das?”
Charmante Begrüßung, ich weiß.
“Was?”
Ich beschreibe mit dem Zeigefinger einen Kreis in der Luft.
“Nein!”
Sie wird so rot wie die Rosen der alten Dame, über deren wildwuchernden Dornbusch gleich eine halbe Seite lang berichtet wurde. Dass man über Grünzeug so viel Worte verlieren kann!
Cal hätte wahrscheinlich “Ja, klar” gesagt und breit gegrinst. Im Hintergrund behauptet Jon Bon Jovi, üble Medizin sei alles, was er braucht. Idiot.
Nach einigem Gestammel und Gestottere hat mich Julianna davon überzeugt, dass sie nicht für die seltsame Stimmung verantwortlich ist, sondern hier, um deren Quelle zu finden. Sie befürchtet überschäumendes Hexenwerk oder Ähnliches. Es gibt wohl eine Geschichte von einer indianischen Hexe, die hier vor ein paar hundert Jahren lebte, die erst gut war und dann böse wurde. Ein Zusammenhang ist nicht undenkbar.

Da die ganze Umgebung in puren Frühling getaucht scheint, müsste es allerdings eine recht mächtige – oder sehr, sehr emotionale – Hexe sein. Ich denke, wir könnten es genausogut mit einem Naturgeist oder einer Gottheit zu tun haben, die es übertrieben hat. Einen direkten Zusammenhang mit Ian kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Mein Cousin taugt zu vielem, aber nicht zum Liebesboten. Eigentlich, da sind wir uns schnell einig, scheint das hier alles nicht böse gemeint zu sein, nur viel zuviel. Julianna erzählt mir eine ganz ähnliche Geschichte, die sie kürzlich erlebt hat, von traumfressenden Geistern und einer jungen Hexe, die es auch nur gut meinte. Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht. Ich spreche aus Erfahrung.

Wir wandern durch die Reihen der frischverliebten Paare, die sich gelegentlich auch mitten auf der Straße zu neuen Konstellationen zusammenfinden, zum Stadtarchiv, um mehr über die Vorfälle und die indianische Hexe zu erfahren. Ich frage mich, wie peinlich die Sache der Bevölkerung sein wird, wenn der Spuk vorüber ist. Vielleicht verdrängen oder rationalisieren sie es. Für den Moment freue ich mich jedoch für die Leute, dass sie eine kurze Zeit glücklich sein können. Manche vielleicht zum ersten Mal im Leben. Moment, was tue ich da?
Mir drängt sich wieder das Bild des sehr jungen Mannes auf, der an der Seite seiner sehr alten Freundin debil in die Kamera grient. Wir sollten schnellstens Ergebnisse erzielen, bevor ich auf die Idee komme, mit einem Highschool Quarterback durchs Stroh zu rollen oder Schlimmeres. Gegen das hier war ja Giffanys Kirschblütenschule ein Kinderspielplatz.

Kurz vor dem Archiv sehe ich einen blonden Schopf, der mir verdächtig bekannt vorkommt, das Gebäude verlassen, gefolgt von einer Melone, unter der sich die massige Gestalt von Gallagher durch die Tür schiebt. Geistesgegenwärtig ziehe ich Julie hinter einen Baum. Den Überraschungsvorteil möchte ich noch eine Weile auf meiner Seite haben. Besonders gute Deckung bietet die Pflanze nicht. Sollte Ian in unsere Richtung sehen, müssen wir uns wohl mit dem alten Knutschtrick behelfen…. Oh Mann! Ich bin kaum mehr als eine Stunde im Ort und fühle mich schon wie in einer überdrehten Liebeskomödie.
Julianna macht ein sehr niedliches Gesicht, als ich ihr erkläre, dass es sich bei dem überheblich auftretenden Blonden um Familie handelt. Um nicht gleich die Instinkte von Jäger und Bodyguard anspringen zu lassen, indem wir ihnen folgen, schicken wir ihnen Clover hinterher. Ich bin gespannt, wie die Berichterstattung funktioniert, wenn das rote Fellknäuel zurückkehrt, und hoffe, dass es unterwegs keinem Eichhörnchenmann begegnet. Die Aufmerksamkeitsspanne des Tiers scheint mir trotz übernatürlicher Fähigkeiten arg begrenzt.

Während Clover also den spannenden Teil erledigen darf, kümmern wir uns um unsere Bildung. Der Archivar, ein schüchternes älteres Männlein, das so gar nichts mit Charles gemein hat, will uns abwimmeln, obwohl ich doch eigens aus England gekommen bin. Julies Augenaufschlag hat er jedoch nichts entgegenzusetzen. Nicht nur dürfen wir das Archiv nach Feierabend benutzen, wir werden auch auf eine Tasse Kaffee, respektive Tee eingeladen und während unserer Nachforschungen verhalten angehimmelt. Er heißt Bernard. Seine Freunde nennen ihn Bernie.

Julie findet eine Legende über die Weise Frau der ansässigen Cheyenne, und je nach Auslegung hat sie sich in einen Geisterhund verliebt, oder andersherum. Das Paar hatte auch Kinder miteinander. Irgendwann wollte der Hund mit den Kindern fortgehen, aber die Frau hat es verhindert und ihn eingesperrt. Das war dann wohl der Moment, in dem die gute Hexe böse wurde. Die Kinder wurden zu Sternen. Davor ist etwas ähnliches passiert wie jetzt hier in Eden Valley, nur über Jahre hinweg. Meine Güte! Jahre? Und wenn es sich wieder genauso zuträgt, kommt dann die unglückliche Phase auch noch, die in der Legende geschildert wird?

Noch viel bohrender drängt sich mir allerdings die Frage auf, was für eine Trophäe bei dieser Sache herumkommen soll. Denn Ian ist ganz sicher nicht hierhergereist, um ein paar Glückshormone zu tanken.

Nachdem wir Bernie versprochen haben, bald auf die Einladung zurückzukommen – es ist ja schon sehr niedlich, wie sich sein grauer Teint ins Rosige verfärbt – warten wir in der Sonne auf das Eichhörnchen, das auch nicht lange braucht, um sich wieder zu zeigen und seine Herrin aufgeregt anzuschnattern. Julianna nimmt es auf den Arm und liebkost es ausgiebig. Währenddessen scheint zwischen den beiden eine Art gedanklicher Kommunikation stattzufinden. Sie müssen wirklich eine innige Verbindung haben. Irgendwie rührend.
Was meine junge Helferin berichten kann, ist selbstverständlich durch die Wahrnehmung eines Nagetiers gefiltert und daher nicht ganz einfach nachzuvollziehen: Ian hat mit einer Frau gesprochen, die eigentlich auch ein Raubtier ist. Deshalb hatte Clover Angst. Der Mann, Ian wahrscheinlich, hatte ein Messer. Er hat der Frau gesagt, sie solle sich um IHN kümmern (wer auch immer ER ist) und dafür sorgen, dass ER ihr weiter vertraut. Sie ist einfach aufgetaucht und einfach wieder verschwunden.

Interessant. Hat sich mein Cousin irgendwie Gewalt über den Geist der Cheyenne verschafft?
Julie will wissen, wie die Frau genau aussah: Dunkelhäutig? Dunkelhaarig? Helle Haut und dunkle Haare, befindet Clover. Ob es sich bei der Frau wohl um einen Naturgeist handelt? Ein Kind des Hunds? Das entspräche der Beschreibung “gleichzeitig ein Raubtier”. Ich würde mich auch nicht allzusehr wundern, wenn es gar ein Kreuzungsdämon wäre.
Julie schluckt. “Du hast aber eine hohe Meinung von deinen Verwandten.”
“Ja, mein absoluter Lieblingsverwandter.”
Allerdings muss ich ihr zustimmen, gerade Ian sollte mit Dämonen nichts zu tun haben wollen.

Wenig überraschend führt uns das Tier zum besten Hotel der Stadt. Es ist noch ein Zimmer für mich frei. Ich muss gar nicht fragen, wo Ian einquartiert ist. Das ist mir von vornherein klar.
Während ich mich wieder zu Julie begebe, betritt ein unverschämt gut aussehender dunkelhaariger Mann die Lobby, Typ Herzensbrecher. Lässt mich ein wenig an Charles denken, als ich ihn kennenlernte, und ich frage mich, ob Saras dahingeschluderte Prophezeiung im Zirkuszelt nicht doch einen Kern Wahrheit hatte. Der Teil mit der Zusammenarbeit hat ja schonmal gestimmt. Ich kann nicht umhin, dem Typen einen Augenblick hinterherzusehen.
Auch der Rezeptionist wirkt angetan. Er beugt sich dienstbeflissener als mir gegenüber zu dem Gentleman vor, reißt nach kurzem Gemurmel die Augen auf und wiederholt laut “FBI?”. Das lässt mich meinen Schritt verlangsamen. Stellt diese Behörde so sehr nach optischen Gesichtspunkten ein? Dem Neuankömmling fehlt die elegante Ernsthaftigkeit eines Jonathan Saitou, aber er trägt ein ähnlich lässiges Selbstbewusstsein wie Flann zur Schau.
Bevor ich den Gedanken weiterspinnen kann, flüstert Julianna etwas, das wie “glaubt der doch selbst nicht” klingt. Ich bin mir nicht sicher. Es kann ja nicht jeder, der sich als FBI-Agent vorstellt, ein Lügner sein. Jonathan ist der lebende Beweis. Ich würde mich auch keine Sekunde wundern, wenn Ian von den Staatsdienern gesucht würde. Andererseits ist der Trick bei den Jägern der Vereinigten Staaten einfach zu beliebt. Und die Verbrechensrate dürfte hier am Ort gerade auf ein Minimum gesunken sein.
Wir beobachten den Fed eine Weile, wie er mit dem Concierge diskutiert. Der führt ein Telefonat, dann fährt ein Abschleppwagen vor und kassiert Ians Jaguar ein, woraufhin der Rezeptionist erneut zum Hörer greift und sich kurz darauf mit einem erzürnten Engländer samt Bodyguard auseinandersetzen darf. Gallagher trägt einen länglichen Gegenstand mit sich, der in ein Tuch gewickelt ist. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht schlüpfe ich an selbigem vorbei, die Treppe hoch, während Julianna durch ein theatralisches Straucheln die Aufmerksamkeit auf sich ziehen will, damit ich nicht entdeckt werde. Da sie mit ihrem Versuch nicht so besonders viel Erfolg hat – ich hätte ihr sagen sollen, dass mein Vetter kein hilfsbereiter Mann ist -, bin ich recht froh über die Ankunft einer brünetten Dame, die nicht nur die bessere Szene macht, sondern auch Ians Geschmack zu treffen scheint. Zum Glück muss ich mir das Süßholzraspeln nicht ansehen. Eilig springe ich die Stufen hinauf, immer zwei auf einmal nehmend.

Oben habe ich kaum die richtige Tür identifiziert, als sich auch schon der augenscheinliche FBI-Agent nähert. Ich lehne mich nonchalant vor der Tür an die Wand: “Kann ich mal Ihren Ausweis sehen?”
Er lächelt ein charmantes Lächeln. “Hach, da war der Concierge wohl etwas laut.”
In dieses Lächeln möchte man sich sofort hineinlehnen und ihm alles verzeihen. Aber ich habe keine Zeit für Flirtspielchen, und mein Herz ist schon ausreichend gebrochen für drei. Im Übrigen würde mir ein echter Fed jetzt seine Legitimation zeigen. Ich sage ihm auf den Kopf zu, dass er ein Lügner ist, und frage, was er in diesem Zimmer will.
“Ich bin hier wegen seines Schwerts.”
“Ich hoffe, das ist keine Umschreibung und Sie meinen ein echtes Schwert”.
Das tut er. Ein Katana, um genau zu sein. Hmm. Mein Mitleid hält sich ja in Grenzen, wenn Ian bestohlen wird, aber ob ich gleich dem Möchtegerndieb Tür und Tor öffnen muss? Wie sich herausstellt, ist das gar nicht nötig. Er hat einen Schlüssel, ein ziemlich überzeugendes Argument, dass ich ihm den Vortritt lassen sollte. Die Zeit drängt schließlich. Besser, wir untersuchen das Zimmer zusammen, als uns hier zu streiten, bis die Chance vorbei ist.
Wie zu erwarten war, liegt Ians Kram überall verstreut. Das kommt davon, wenn man statt eines Butlers einen umgemodelten Türsteher mit sich herumschleppt, der einem die Haare vom Kopf frisst und sonst nur die Hände in die Taschen steckt.

Der Nicht-wirklich-Fed sieht sich nach der Klinge um, ich verkneife mir den Hinweis, dass es sich dabei aller Wahrscheinlichkeit nach um das tuchumhüllte Etwas handelt, das Gallagher bei sich führt, und blättere durch die Unterlagen, die mir in die Finger fallen. Viel zu früh nähern sich schnelle Schritte, nach einer Schrecksekunde sehe ich Julianna in der Tür stehen. Sie deutet lautlos an, dass sie den Flur im Auge behalten wird. Braves Mädchen.

Unter den Papieren befindet sich eine Karte von der Umgebung der Stadt, in der eine Höhle eingezeichnet ist, passend zu der Legende von der Weisen Frau und dem Geisterhund, und Notizen zu einem Ritualkreis, die beschreiben, wie man darin jemanden einsperren kann. Mein zufälliger Komplize findet ein altes Buch, eine Übersetzung von japanischen Legenden. Darin ist eine Seite markiert: Kogitsune Maru, eine Legende von einem Schmied, der ein Schwert mit Hilfe eines Fuchsgeistes geschmiedet haben soll. Laut den beiliegenden Anmerkungen ist diese nicht die einzige Variante der Legende.

Über das Buch hinweg sieht mich der Mann mit funkelnden Augen an. Ob ich mir eine Zusammenarbeit in der Sache vorstellen könne? Das muss ich mir noch überlegen, es geht ja hier immerhin um Familie.
Er grinst breit: “Du bist in sein Zimmer eingebrochen.” Ganz schön frech, der Junge.
“Nein, Sie sind eingebrochen, und ich habe Sie ertappt.” Mein Lächeln könnte liebenswürdiger nicht sein.
“Ich könnte schwören, dass du gelacht hast, als er nach unten kam wegen des Autos. "
“Das entbehrte ja auch nicht einer gewissen Komik.” Ich beschließe, dass er mir für den Moment zu sympathisch ist, als dass ich ihn in Ians Rachen werfen möchte.
“Was hat es denn nun mit diesem Schwert auf sich, wegen dem Sie hier sind?”
“Ein Sammlerstück, dass ich für jemanden wiederbeschaffen soll, dem es abhanden gekommen ist.”
Soso. Noch ehe ich weiterbohren kann, vibriert seine Jackettasche, seine Hand schießt hinein und bereits beim Blick aufs Display dreht er sich zur Tür und bedeutet mir mit einem Nicken, dass es Zeit wird, zu gehen.
“Hallo, Mrs. Morrissey…” Aus dem Smartphone tönt eine weibliche Stimme: “Raus da, sofort raus!”
Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Ich winke meine Helfer zu mir und schleuse sie in mein eigenes Zimmer, kurz bevor ich auf dem Gang den bekannten Schritt vernehme. Der Repoman schreibt schmunzelnd eine Nachricht auf dem Mobiltelefon, während ich mir Notizen mache zu dem, was ich über die japanische Legende behalten habe. Wenig später klopft es, die Brünette aus der Lobby betritt den Raum, ohne auf mein Herein zu warten, und setzt sich neben den geladenen Gast. Kein Wunder, dass sie vorhin so passend aufgetaucht ist.

“Ah,” sage ich, “wäre es dann langsam an der Zeit für eine Vorstellungsrunde?”
Mein Besucher nickt und beginnt widerspruchslos: "Mein Name ist Nick Morrissey, ich bin Pokerspieler und neuerdings auch Akquisitor für … Dinge. Das da ist Lucy Morrissey, meine Frau.” Lucy sieht immer noch sehr nach Damsel in Distress aus mit geröteten Wangen und lockerem Shirt. Ich frage mich, ob sie so gut schauspielert oder ob sie wirklich noch Adrenalin pumpt. Sie winkt in die Runde. Ich stelle mich ebenfalls vor, mit vollem Namen und halte es auch für angebracht, die Herrschaften darauf hinzuweisen, dass ich die Cousine des Herren nebenan bin. Meine kleine Hexe winkt ebenfalls: “Ich bin Julie, und ich bin hier, weil es hier komisch ist”. Man muss sie einfach liebhaben.
Auf mein Angebot, dass sie sich gerne hier frischmachen kann, verschwindet Lucy im Bad. Morrissey fragt ihr hinterher: “Na, wie liefs denn mit deinem Lover?”
Julie errötet bei dem Spruch leicht und murmelt leise, aber erbost: “So redet man nicht mit seiner Frau.” Hmm. Getroffener Hund bellt? Aus dem Bad schallt das Radio: “Without looooooove, where would you be now?”

Lucy kommt wieder in den Raum und erzählt, dass der Brite ihrer Meinung nach wahrscheinlich keinen Verdacht hegt, weil sie sich große Mühe gegeben hat, wie eine dumme Schnalle zu wirken, die nicht Motorrad fahren kann.
Nick säuselt mit samtiger Stimme: “Achja, das kannst du ja gut; ich denke da an die Gelegenheit, wo du dich als Reporter-Assistentin ausgegeben hast…”
Das Geturtel anzuhören, ist wie ein Haar im Mund zu haben. “Wenn Sie mal fertig sind mit Sichloben, könnten wir dann weitermachen? Sie wollten über das Schwert referieren.”

Morrissey fasst also noch einmal die Informationen zusammen, die er über die Klinge hat. Ein Sammler, der ein wertvolles altes Katana dringend zurückhaben möchte, hat ihn beauftragt, das Ding hier wiederzubeschaffen. Als er und seine Frau die Gegend erkundet haben, stach ihnen ein gutaussehender Indianer ins Auge, der alle Avancen – und von denen wurden ihm viele gemacht – an sich abprallen ließ. Er sei schon bestens versorgt. Für Nick und Lucy, erklärte er augenzwinkernd, sei er aber bereit, eine Ausnahme zu machen. Dinge, die ich gar nicht so genau wissen möchte. Dieser Typ jedenfalls, Kyle, rief kurz nach Beendigung des Gesprächs Nick an, der ihm seine Nummer gar nicht gegeben hatte, um ihm zu sagen, er könne das, was er suche, in diesem Hotel in Ians Zimmer finden. Die Tätowierung, die der Indianer trug, lasse den Schluss zu, dass er eng verbunden mit dem Geist Coyote sei, wenn nicht gar Coyote selbst. Oh dear.

Haben das Schwert und diese Begegnung etwas miteinander zu tun? Ich tippe auf ja. Ian hegt einen Groll gegen einen Trickster. Welchen, das weiß ich nicht genau. Er hat dafür gesorgt, dass alle, die die Geschichte kennen, sich hüten würden, Genaueres zu erzählen. Aber er kam von einer seiner USA-Reisen offensichtlich zutiefst gedemütigt heim. Es würde passen. Wenn es um ein japanisches Schwert geht: War die dunkelhaarige Frau vielleicht Japanerin? Die Kitsune, die bei der Herstellung des Schwertes dem Schmied geholfen haben soll? Will Ian Trickstergeist gegen Trickster ausspielen? Will er ernsthaft Coyote in diesem Ritualkreis, von dem in seinen Unterlagen die Rede ist, einsperren? Aber das gibt keine Trophäe ab, überlege ich laut. Wahrscheinlich wird er versuchen, ihn zu binden und dann zu töten. Er kann doch nicht im Ernst glauben, dass ihm das wirklich gelingt. Ein uralter Quasigott lässt sich doch nicht von einem dahergelaufenen Jäger von der Insel austricksen. Was glaubt er, wer er ist?
Allein dieser Gedankengang lässt mich zu der Überzeugung gelangen, dass es genau das ist, was Ian vorhat. Den Trickster austricksen, demütigen, Gleiches mit Gleichem vergelten. Und sich dann dessen Kopf auf einem Holzbrett an die Wand schrauben, um aus seiner früheren Niederlage einen Sieg zu machen. Das wäre wahrlich eine unfassbare Trophäe. Und es würde die gesamte Familie vermutlich auch auf die Abschussliste sämtlicher Trickstergottheiten aller Kulturen setzen. Ian muss aufgehalten werden.

Um zu verstehen, wie genau der Zusammenhang zwischen dem Katana, Ians Anwesenheit hier und der seltsamen Liebestollheit in der ganzen Stadt ist, will ich erst einmal mehr über das Schwert herausfinden. Japanische Fuchsgeister sind auch Trickster üblicherweise, vielleicht nicht so mächtig wie Coyote, aber, und hier wird es interessant, mit dem Nebenaspekt der Verführung. Gern treten sie als schöne Menschenfrauen auf. Sie sind häufig Boten einer Göttin, Inari. Es gibt Legenden, in denen sie Menschen heiraten, doch wenn herauskommt, dass die schöne Frau ein Geist ist, verschwindet sie auf Nimmerwiedersehen und lässt den Mann mit den gemeinsamen Kindern zurück. Wir finden eine Geschichte, in der der Fuchsgeist vom Schmied betrogen wurde. Jener sollte das Schwert für den Kaiser herstellen und bat den Geist um Hilfe, allerdings mit Hintergedanken. Mittels einer Perle, die die Essenz der Kitsune trägt, wurde diese in oder an das Schwert gebunden: Damit kann ein Mensch den Geist kontrollieren. Der Fuchs in der Legende hat seine Perle sogar freiwillig gegeben. Ich will es gar nicht hören. Vermutlich aus Verliebtheit.

Kyle hatte gesagt, dass sein Herz einer anderen gehört. Ist die Unbekannte die Fuchsfrau? Ist es sinnvoll, ihn zu warnen, dass er sich nicht mit der Dame einlassen soll, und dass alles hier Lug und Trug ist? Nein. Nick Morrissey hat schon erzählt, dass der Indianer ihn auf die Spur des Schwerts gebracht hat. Wenn dieser weiß, wo es ist, dann rechnet er auch damit, dass wir auf seiner Seite agieren und es Ian mindestens einmal wegnehmen oder ihn soweit beschäftigen, dass er es ihm selbst abluchsen kann, wenn nicht sogar, dass wir uns ihm und seiner Geliebten verbunden genug fühlen, die Perle herauszulösen und ihr die Freiheit zu schenken. Bei mir jedenfalls drückt es genau die richtigen Knöpfe. Niemand sollte so gefangen und ausgenutzt sein. Kein Mensch, kein Geist und kein Gott, und schon gar kein Liebender.
Ich lächle in die Runde. “Herrschaften. Interesse an einer Straftat für den guten Zweck?”

Julies Augen beginnen zu leuchten. Lucy und Nick sehen sich an. Vorsichtig herumlavierend gesteht Mrs. Morrissey, dass sie das Schwert ebenfalls für jemanden besorgen soll, der aber nicht der gleiche Auftraggeber ist, wie der ihres Mannes – oho! -, da die beiden aber jeweils nur ein altes Katana anschleppen sollen, von einem magischen Schwert mit Perlmutteinlage jedoch nicht die Rede war, einigen wir uns darauf, dass der Fuchsgeist befreit wird. Was mit der dann nicht mehr so wertvollen Waffe geschieht, ist mir im Prinzip egal. Sollen das die Morrisseys untereinander ausfechten.

Ein Problem bei unserem Vorhaben ist zunächst einmal Gallagher. Ich finde wirklich, Ian sollte lieber einen Butler haben. So ein Bodyguard steht überall nur im Weg herum und hält ehrenwerte Diebe davon ab, nahe genug an seinen Boss heranzukommen. Irgendwie müssen wir ihn von Ian trennen und diesen dann ausreichend ablenken, dass ihm einer von uns das Katana abnehmen kann.

Mir fallen nicht viele Szenarien ein, in denen der große Schwarze seinen Arbeitgeber aus den Augen lassen würde. Ihn bewachen ist schließlich sein Job, und er ist gut darin. Er muss schnell und für eine absehbare Zeitspanne aus dem Spiel genommen werden. Noch dazu so, dass Ian keinen Verdacht schöpft. Da die Erfahrung noch ziemlich frisch ist, komme ich mir wirklich schmutzig vor, dass ich den Vorschlag mache. Aber ich weiß zumindest, dass er außer einem angeschlagenen Ego relativ wenig Schaden davontragen wird, als ich vorschlage, den Leibwächter mit einem Abführmittel zu vergiften, damit er sich eine Weile lang an einen Ort zurückzieht, den wir überwachen können. Also am besten im Restaurant.
Lucy bietet sich an, das Schwert zu entwenden, wenn es zu diesem Zeitpunkt weiterhin bei Ian ist. Nick soll es Gallagher abnehmen, falls der es hat, wenn er auf die Toilette verschwindet. Julie will sich als Kellnerin verkleiden und Gallagher das Essen oder ein Getränk bringen. Meine Aufgabe wird es sein, Cousin Größenwahn abzulenken. Das sollte nicht allzu schwer werden.

Mit dem unfeinen Plan habe ich mir selbst die Laune verhagelt. Nicht, dass sie vorher besonders gut gewesen wäre. Die ausgeprägte Emotionalität, die hier in der Luft liegt, hat mir sowieso schon zu schaffen gemacht. Jetzt kreisen meine Gedanken wieder die ganze Zeit darum, wie aus einer Bettgeschichte eine so kaputte, bizarre Frage um die Rettung einer Seele entstehen konnte. Ich will ihn vergessen, ihn nie wieder sehen, die Erinnerung an dieses schmale Lächeln loswerden oder meinetwegen auch solange auf ihn einprügeln, bis er derjenige ist, der auf dem Boden liegt und sich übergibt. Und dann gehen, mich einfach umdrehen und gehen. Und alles hinter mir lassen, was diese unsinnige, schmerzhafte, aus der Verzweiflung geborene Verbindung überhaupt erst hat entstehen lassen. Gleichzeitig wünsche ich mir, noch einmal seine Hand in meinem Haar zu spüren, ihn für immer festzuhalten und einfach mit einem langen Kuss, der seine Seele wieder auffüllt, von seinem zerstörerischen Weg abzubringen. Naive Märchenwünsche, geboren aus dem Zauber der blühenden Märchenstadt.

Wir verfolgen Ian in ausreichendem Abstand zu Fuß. In meinem Kopf laufen mit jedem Schritt Szenen ab, in denen ich erkennen muss, dass es keine Märchenlösung gibt. Szenen, in denen es am Ende ich bin, die den Abzug betätigt, um das Schlimmste zu verhindern. Mir ist kalt trotz der lauen Frühlingluft.
An einer Ampel stehen wir neben einem Auto, in dem vier ekelhaft verliebte Teenager frenetisch mitgrölen:
“… Oh baby refrain from breaking my heart.
I’m so in love with you, I’ll be forever blue.
That you give me no reason, you know you’re making me work so hard.
That you give me no, that you give me no,
That you give me no, that you give me no
Souououououl,.…”
Ich sehe in die begeisterten Gesichter mit den geröteten Wangen und frage mich, was sie aus diesem Text heraushören. Nicht dasselbe wie ich, mit Sicherheit.
“And if i should falter, would you open your arms out to me?
We can make love not war, and live with peace in our hearts.
I’m so in love with you, I’ll be forever blue.
What religion or reason could drive a man to forsake his lover
Don’t you tell me no, don’t you tell me no,
Don’t you tell me no, don’t you tell me no
Soooooouuul,
I hear you calling… "
Kinder, könnt ihr bitte einfach weiterfahren, bevor ich Euch wehtun muss?
Erde an Irene, du hast einen Job zu erledigen. Konzentriere dich!

Beinahe hätte uns Ian abgehängt, doch die Preisklasse weist uns den Weg. Im Restaurant sitzt er bereits an einem Tisch, Gallagher steht hinter ihm. Ich frage Julie, ob sie nicht einfach Magie einsetzen will, um an Gallagher heranzukommen. Die Diskussion um den Zweck, der die Mittel heiligt, ist noch nicht komplett durch zwischen uns zweien. Julie lehnt vehement ab.
“Na gut, dann vertraue ich darauf, dass du das auch so hinbekommst.”
Lucy Morrissey hat sich so geschickt verkleidet, dass kaum jemand, der sie ansieht, auf die Idee käme, sie könne das aufgelöste Wesen aus der Hotellobby sein, das mit seinem Motorrad nicht umgehen kann. Der Tisch, den sie wählt, ist gerade im richtigen Abstand zu dem meines Cousins, dass sie alles überblicken kann, was sich dort zuträgt, ohne selbst aufzufallen.
Julie wendet sich an zwei Kellnerinnen und redet eifrig auf sie ein. Die machen große Augen, kichern, nicken verschwörerisch und ziehen sie in den privaten Bereich des Restaurants. Kurz darauf kommen die drei zurück, Julianna in einer Kellnerinnenuniform und sichtlich aufgeregt. Die hilfreichen “Kolleginnen” statten sie mit einem Tablett und einer Tasse Kaffee aus, die sie schüchtern lächelnd und sogar etwas errötend dem breiten Mann hinhält. Der will zwar zunächst ablehnen, kann aber wohl dank dem Zauber von Eden Valley ihrem Augenaufschlag nicht dauerhaft widerstehen.

Damit es weniger auffällt, dass sie nur den einen Gast bedient hat, tut Julie noch einige Minuten so, als würde sie kellnern. Sie geht zu Lucy an den Tisch. Deren wohlwollendem Blick und den Lippenbewegungen glaube ich zu entnehmen, dass sie etwas im Bereich von "Du bist ein Naturtalent” zu der Kleinen sagt. Das ist Julianna wohl nicht so angenehm, denn sie zieht sich einigermaßen schnell zurück. Ich lasse mir Zeit, bis Ian zur Hälfte durch seine Vorspeise ist, dann setze ich mich zu ihm an den Tisch.
“Hallo, Ian.”
“Wenn ich mal der Hausherr in Winslow Manor bin, muss ich die Sicherheit verstärken.”
Ich gebe mich überrascht.
“Naja, du bist doch nicht zufällig hier.”
“Du etwa schon? Dass ich nicht lache!”

Kaum, dass ich es mich versehe, sind wir in ein Streitgespräch verwickelt. Und ich muss aufpassen, dass ich noch einen Teil meiner Aufmerksamkeit auf Gallagher und meine Komplizen richte. Sucht er das Herz der Venus, ziehe ich den Möchtegernhausherren auf, oder ob er wohl auf der Suche nach der Wahren Liebe sei. Er lässt mich wissen, dass ich keine Ahnung habe, im Trüben stochere, weil ich eine Trophäe ja nicht einmal sähe, wenn sie vor meiner Nase baumele. Ich käme immer zu spät, weil ich kein Talent hätte. Ich gebe zurück, er habe ja auch noch nichts bekommen. Das lässt ihn nur die Nase rümpfen. Ich könne ja mein Bestes tun, um ihn zu überholen, aber ich sei ja schon immer etwas weich gewesen. Zum Glück ist die Kabbelei für mich nur Mittel zum Zweck, sonst würde ich ihn nicht nur auslachen. Irgendwann wird Gallagher blass und zappelig, beugt sich zu Ian, der ihm genervt bedeutet, er könne sich entfernen, wenn es denn unbedingt sein müsse. Ich schiebe mein schlechtes Gewissen beiseite und nutze die Gelegenheit für meinen Überraschungsangriff. Ich spiele ihm vor, dass ich die gute Stimmung, die uns alle beeinflusst, nutzen will und mit Ian zusammenarbeiten möchte. Wenn er mich unbedingt für sanft und dumm halten muss, bitte, diese Show kann ich ihm liefern. Und während er mich mit Spott überhäuft, schlendert Lucy beiläufig an uns vorbei und nimmt in einer fließenden Bewegung das Schwert mit.

Ich gebe ihr einen kurzen Vorsprung, schlüpfe dann in die Rolle der Blondine, der langsam das Licht aufgeht, dass sie Grund hat, beleidigt zu sein, und verziehe mich wie ein schmollender Teenager.
Draußen stehen die drei anderen, als wollten sie unbedingt noch auf den letzten Drücker entdeckt werden. Ich komme gerade rechtzeitig dazu, um Julie sagen zu hören: “Aber jetzt will niemand mehr mit irgendwelchen Schwertern abhauen, ja? Dann ist ja gut.”
Nein! Die undurchsichtigen Gestalten hatten doch tatsächlich unlautere Absichten? Mein Glaube an die Menschheit ist zutiefst erschüttert. Nicht.
Da offensichtlich irgendjemandes Gewissen oder ähnliches ausreichend stimuliert wurde, und die Klinge noch da ist, lotse ich die drei zurück auf mein Zimmer, wo wir den nächsten Kriegsrat halten.

Das Eichhörnchen auf Juliannas Schultern zappelt aufgeregt herum, versteckt sich immer wieder unter ihren langen roten Haaren, spitzt wieder hervor, schnattert ihr ins Ohr und zerrt mit den Zähnen an ihrem Kragen. Alles in allem erweckt es stark den Eindruck, dass es lieber jetzt als gleich Abstand von dem Katana und seinem unfreiwilligen Bewohner gewinnen möchte.
Mrs. Morrissey wird wohl gerade in diesem Moment klar, was es mit dem eher exotischen Haustier auf sich hat. “Du bist eine Hexe!”
Ehe sie daraus die falschen Schlüsse zieht, schlage ich einen drohenden Tonfall an: “Lassen Sie den Flammenwerfer stecken. Das ist meine Hexe”. Vorsorglich lege ich auch noch schützend den Arm um Julie, die die Schultern zusammenzieht und mault: “Ich gehöre immer noch mir selbst. Und Clover vielleicht. Und…” sie bricht ab. Da kam wohl eine Erinnerung hoch, die sie genausowenig haben will, wie ich meine. Armes Mädchen, du hast noch so viel vor dir.
Ohne Not springt die Morrissey auf den Hundeblick der Kleinen an und fragt nach. Muss das sein? Julie fängt an zu jammern über den Kerl, der ihr Herz gestohlen hat, um sich dann zu verdrücken, nachdem er bekommen hat, was er wollte. Hat man sowas schon gehört? Ich kann ein Augenrollen nicht unterdrücken. Lucy tröstet sie mit unerwartet realistischen Worten: “Wenn er dir sagt, dass es nicht an dir liegt, sondern an ihm, dann hat er recht, weil er ein verdammtes Arschloch ist.” Sie nimmt Julie in den Arm und streicht ihr über das Haar. “Manchmal wäre es schön, das Herz zu beeinflussen.”
“Damit wir uns in die Richtigen verlieben?”
“Oder dass es nicht mehr stärker als unser Kopf ist.” Wie recht sie hat. Der Seitenblick zu ihrem Angetrauten entgeht mir nicht. Ihm auch nicht, doch er übergeht das Gehörte mit einem leisen Lächeln und mustert konzentriert das Schwert.
“Geben Sie her,” sage ich, um mich von dem unerträglichen Gesülze abzulenken. Die Waffe ist in sich schon ein Kunstwerk, auch ganz ohne Magie. Imogen könnte ein besseres Urteil abgeben als ich. Sie muss sich später mit der Geschichte begnügen, wie ich es um seine Besonderheit gebracht habe. Hoffentlich bekommt sie keinen Herzschlag.
Nick fragt, ob wir gleich den Trickster anrufen sollen, aber ich will keinem solchen Wesen das Schicksal einer unglücklichen Frau anvertrauen, auch wenn die ebenfalls von seiner Sorte ist.
“Lieber rufen wir ersteinmal die rechtmäßige Besitzerin der Perle. Nicht, dass der Coyote auch auf dumme Ideen kommt. "

Julie wird von ihrem Unglück abgelenkt, indem wir sie die Beschwörungsformel rekonstruieren lassen, auch wenn wir diese zunächst fälschlicherweise für den Namen der Geisterfrau halten. Diese erscheint und spricht Julie als “Meister” an, klärt höflich den Irrtum auf und erwartet ihre Befehle. Mir bleibt bei ihrem Anblick die Spucke weg. So überirdisch anmutig kann wahrlich kein Mensch sein. Für einen solchen wandelnden Traum kann man schon einmal eine ganze Stadt in den Wahnsinn stürzen, wenn man ein mächtiger Geist ist.
Julie redet nicht lange um den heißen Brei. “Wir wollen dir deine Perle zurückgeben.”
“Ja, natürlich, Meister.” Sie glaubt ihr nicht. Den gütigen Herrn, der ihr ihre Freiheit ganz bestimmt wieder schenkt, wenn sie nur noch eben diese und diese (und diese Aufgabe auch noch) für ihn erledigt, hat ihr wahrscheinlich jeder zweite Besitzer der Waffe vorgespielt.
“Hat dein vorheriger Auftraggeber dir aufgetragen, dich mit einem jungen Mann einzulassen?”
Ja, er hat befohlen, dass sie ihren früheren Liebhaber erneut verführt, damit sie ihn auf Zuruf in die Höhle bringen kann, wo Ian ihn erniedrigen und töten will. Sie fühlt sich dem “jungen Mann” – der so jung nicht ist, es ist wirklich Coyote höchstselbst – aber durchaus “freundschaftlich” verbunden.
Ich bitte den Fuchsgeist, dass sie mit Coyote in eine menschenleere Gegend geht, wenn wir sie freilassen, damit sie nicht mehr Unruhe stiften können und damit diese überbordenden Liebesgefühle hier in der Gegend aufhören. Sie legt den Kopf schief, durchbohrt mich mit ihrem Blick bis ins Mark und nickt langsam. Möglicherweise beginnt sie tatsächlich, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass wir sie freilassen könnten.

Nick fragt den Fuchs, ob er sich an seinen vorherigen Meister erinnert, und ob er eventuell ein zweites Schwert anfertigen lassen kann, mit einem Seitenblick auf Lucy. Die formt ein tonloses “Danke”. Auch das kann die Kitsune erledigen. Wobei ihr vorsichtiger Blick bei jeder Zusage zu Julianna schnellt, und sie erst zustimmt, wenn diese ihr Einverständnis mit der Erfüllung des Wunsches signalisiert. Mir drückt es ein bisschen das Herz zusammen, als ich mich in ihre Lage versetze. Die Freiheit so dicht vor Augen, aber nicht in der Lage, den Glücksbringern zu vertrauen, bis sie wirklich sicher sein kann.
Ich habe eine grobe Vorstellung davon, wie die Fuchsfrau mit ihren früheren Meistern umgehen könnte, sobald sie wieder Herrin ihrer selbst ist, daher bitte ich sie vorsichtshalber ebenfalls, Ian nicht gleich umzubringen, immerhin ist er Familie. Am Ende müsste ich ihn noch rächen. Sie lacht mich beinahe aus, und versichert mir, töten sei ja langweilig, wo bliebe denn da der Spaß. Ich weiß nicht, ob ich meinem Vetter einen Gefallen getan habe, aber generell gelten Kitsune ja als eher gute Geister. Ich traue ihr zu, dass sie ihm eine Lehre erteilt, die ihr Ziel nicht verfehlt.
Julie ringt ihr noch das Versprechen ab, in Zukunft keine Eichhörnchen mehr zu fressen, wenn es irgendwie geht, was ich etwas übertrieben finde, aber da kann sie wohl nicht aus ihrer Haut.
Langsam wird die schwarzhaarige Schönheit ungeduldig, und ich spreche, bevor wir doch noch denselben Fehler machen wie alle unsere Vorgänger: “Ist gut jetzt. Gib sie ihr endlich.”
Mir würden noch eine Menge Wünsche einfallen, aber lieber habe ich zwei dankbare Geister irgendwann in der Zukunft in der Hinterhand, als jetzt all mein Pulver mit ein paar Schüssen ins Blaue zu verschießen.

Die Frau bekommt ihre Perle zurück. Sie wird wieder zum neunschwänzigen Fuchs, was bedeutet, dass sie erheblich älter und mächtiger ist, als ich erwartet hätte. Neun ist die maximale Anzahl an Schwänzen, die Kitsune im Laufe ihre Lebens ansammeln.
Sie springt auf das Fensterbrett, tritt mit den Hinterbeinen auf und ab und zuckt mit den funkenschlagenden Schwanzspitzen, dreht sich dann aber noch einmal um, sieht uns der Reihe nach an und doziert spöttisch, dass wir alle gut daran täten, das mit den Beziehungen etwas lockerer anzugehen und etwas ehrlicher zu uns selbst zu sein. Jaja, weise Worte. Verschwinde schon endlich!

Lucy atmet auf, ruft ihren Kontakt an, um ihm die frohe Kunde zu überbringen, dass sie die heiße Ware übergeben kann, aber der weiß auf einmal von nichts mehr.
“Mafia? Schulden?” fragt sie konsterniert, schüttelt dann den Kopf und legt auf. Sie drückt mir das Schwert in die Hand. “Können Sie behalten”.
Da der Auftraggeber ihres Mannes gerade auch größere Probleme bekommt, als seine Sammlung wieder zu komplettieren – die Fuchsfrau hat ihm alles genommen, außer dem nackten Leben, und ich frage mich, ob ich Ian mehr hätte schützen müssen, aber jetzt ist es zu spät -, bleibt es in der Folge tatsächlich dabei, dass die Klinge mir zufällt. Einige Tage später bekommt das gute Stück einen besonders schönen Platz in einer Vitrine in meinem Wohnzimmer auf Winslow Manor, gut sichtbar von der Türe aus.

Von meinen Mitstreitern verabschiede ich mich nach getanem guten Werk sehr schnell, weil Julie schon wieder Tränen in den Augen hat und mir nicht der Sinn danach steht, ein liebeskrankes Mädchen zu trösten und mir dessen Herzschmerz anzuhören. Sie soll froh sein, wenn der Verführer nicht auch noch vor seinen Freunden mit der Eroberung prahlt, und es unter “wieder was gelernt” verbuchen.

Da der Frühling von Eden Valley nicht schlagartig endet, lasse ich es lieber nicht darauf ankommen, hier noch eine ganze Nacht zu verbringen. Ich schwinge mich hinters Steuer und wähle den schnellsten Weg aus dem Ort.
Der DJ mit der Weichspülerstimme legt Supertramp auf. “Give A Little Bit”. Ja, natürlich. Großartiger Plan. Ersteinmal wissen, wie!
Ich fummele diese Metallbügel aus dem Handschuhfach, die man braucht, um das Autoradio zu entfernen, und werfe es aus dem Fenster.

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