Mädchenkram - Supernatural

Heart of Darkness
Of gods and monsters

Yoruba
The heart is pumping for my life
the mind is happy and I
I will love you til the day I die

(Takida – Curly Sue)

“.. Daher freuen wir uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Ihre Teilnahme am Forschungsstipendium “Westafrika – Tradition im Wandel der Zeiten” genehmigt wurde. Wir bitten Sie, in Oxford am Eingangsseminar von Prof. Dr. Alexander Murray teilzunehmen. Sollte dies nicht möglich sein, melden Sie sich….”

Ungläubig starrte ich auf den Brief, der eindeutig das Siegel der Oxford University trug. Warst du das? fragte ich automatisch meinen Mitbewohner, doch der blieb stumm. Tatsächlich wäre das auch nicht seine Handschrift. Wobei, vielleicht wollte er wieder nach Hause. Nichts hatte uns so gut zusammengebracht wie der Besuch des Heiligen Haines, als ich im Herbst in Nigeria gewesen war. Ich hatte zwar gehofft, dass er mich wieder verließ, aber anscheinend wäre das zuviel des Guten gewesen. Später war ich auch gar nicht böse darum gewesen, als wir in Philadelphia die Hexe Coleen gesucht hatten. Nach allem, was Ethan erzählt hatte, hätte mich nur Eshu vor dieser Frau beschützen können, wenn ich es geschafft hätte, ihr näher zu kommen. Ethan… ich musste mich von ihm verabschieden. Während meiner Zeit in Burlington waren wir so etwas wie Freunde geworden, auch wenn ich es Anfang Januar mit meiner Fürsorge für ihn wohl etwas übertrieben hatte. Zumindest war er ziemlich schnell aufgebrochen, als Bart Blackwood und eine junge Frau, die ich nicht kannte, hier aufgetaucht waren. Vielleicht war es an der Zeit, dass ich meine Mitmenschen sich selbst überließ und nicht dauernd versuchte, ihnen zu helfen.

Noch immer sah ich auf den Brief in meiner Hand. Sollte ich annehmen? Der genannte Termin war nicht mehr lange, und es gab einiges zu regeln, wenn ich für ein Jahr in Afrika sein sollte. Ich musste mit Dekan McKinnon sprechen, und mir dann überlegen, was ich mit der Wohnung machte. Sollte ich sie behalten? Wer wusste, ob ich noch einmal hierhin zurückkehren würde. Ich mochte Vermont, ich mochte Amerika, aber die Frage war, ob Amerika in einem Jahr noch einen schwarzen Geisteswissenschaftler aus Nigeria mochte. Aber nur deswegen konnte ich nicht auf diese Chance verzichten. Murray war eine Koryphäe auf seinem Gebiet, und er würde exzellente Leute um sich versammelt haben. Ganz abgesehen davon, dass ich die Ethnologie sträflich vernachlässigt hatte im letzten Jahr.

Fliegen wir nach Hause?
Ja, allerdings. Freust du dich?
Natürlich! Ich sollte dich öfter in ein Flugzeug setzen, wenn ich sie nicht so verabscheuen würde.
Sie bringen dich nach Hause.
Sie sperren mich ein!

Dem hatte ich nichts mehr entgegen zu setzen, denn seit meinem Flug nach Lagos wusste ich, wie sehr der Herr der Wege interessanterweise die Reisemöglichkeit durch die Luft hasste. Er hatte mich in seinem Namen rebellieren lassen, und es war ein Wunder, dass mich die Sky Marshals nicht gleich einkassiert hatten. Bei Fly Emirates hatte ich jedenfalls Flugverbot dank Eshu.

Dieses Mal würde ich allerdings gerne ohne Handschellen ankommen.
Manchmal bist du furchtbar langweilig, Oluwasegun.

Damit konnte ich leben, und ich machte mich daran, meine Sachen zu sortieren. McKinnon hatte sofort Zeit für mich. Er hatte Verständnis für mein Anliegen, auch wenn er nicht begeistert war, dass ich kaum ein halbes Jahr, nachdem ich meine Stelle angetreten hatte, schon wieder kündigte. Mein Vermieter war entspannter, solange jeden Monat die Miete auf seinem Konto landete, konnte ich die Wohnung behalten, er würde sich für mich auch nach einem Untermieter umsehen. Gut, warum nicht, die Möbel in der Wohnung waren sowieso seine, und das einzig wertvolle, das ich besaß – den ibeji – würde ich wohl oder übel an meine Eltern schicken müssen.
Als ich das alles geregelt hatte, ging ich bei Ethan vorbei. Er schien nicht zuhause zu sein, und als ich im Verbindungshaus von Bones Gate nachfragte, sagte man mir, dass er unterwegs sei. Warum hatte ich das wieder nicht mitgekriegt? Achja, weil ich in Cambridge zu einem Symposium gewesen war. Und weil ich eigentlich nichts mehr mit dieser Welt zu tun haben wollte.

Also rief ich ihn an. “Hallo Ethan, hier ist Nelson. Du warst leider nicht zuhause, also auf diesem Weg. Ich fliege übermorgen nach England, und von da aus nach Lagos, für ein Jahr. Also nicht nach Lagos, sondern nach Westafrika. Ich melde mich dann von da aus. Schade, dass wir uns nicht mehr gesehen haben, aber ich vermute, du rettest gerade wieder die Welt. Kann man nichts machen. Ich melde mich, sobald ich angekommen bin. Ich wünsche dir alles Gute!”

Vielleicht ein wenig zuviel des Guten, aber ich hatte diesem Mann doch einiges zu verdanken. Und ich mochte ihn wirklich. Ich dachte an unser Gespräch, kurz nachdem ich überlegt hatte, ob ich meinem Leben ein Ende bereiten sollte. Mit seiner Einladung nach Burlington hatte er mich davor bewahrt, mir Felicitys Hochzeit ansehen zu müssen. Tatsächlich hatte ich seit dem Tag, an dem sie mir die Tür gewiesen hatte, keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, und manchmal ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich hoffte, dass Eshu ihr Hochzeitsgeschenk ausgesucht hatte. Ich wusste von nichts, aber es sähe ihm ähnlich, ihr irgendetwas sehr peinliches zu schicken. Nein, ich musste mit einer Frau, die mit ihren Freunden so umging, nichts mehr zu tun haben. Für mich war sie gestorben, und ich überlegte, ob Wroxley Hall – malerisch gelegen zwischen Nottingham und Manchester im Nichts – wohl die zugige Bruchbude war, die ich mir vorstellte. Mit diesem grimmigen Gedanken buchte ich ein One-Way-Ticket nach London – mit Delta Airlines – und ein Zugticket nach Oxford. Langsam machte sich so etwas wie Vorfreude in mir breit. Endlich wieder Forschungsarbeit leisten, vor Ort mit den Leuten sprechen. In Gedanken formulierte ich bereits die Paper, die ich verfassen konnte, um sie auf Konferenzen vorzustellen. Konferenzen… ich musste Barry und Irene Bescheid sagen, dass ich erst einmal weg war. Sollte ich auch meinen Eltern Bescheid sagen? Meine Mutter redete inzwischen gar nicht mehr mit mir, sie hielt mich für einen Versager, der offensichtlich betrunken in Flugzeugen randalierte und nichts vorzuweisen hatte außer einem Doktortitel in Fächern, von denen sie nichts verstand. In der Hinsicht konnte ich Eshu sogar ein wenig dankbar sein. Mein Vater schrieb mir ab und zu, aber seit ich wusste, dass Daya noch lebte – wo immer sie auch war – fiel es mir schwer, ihm zu vertrauen. Aber mich bei ihm melden musste ich mich doch. Wer wusste, wann ich ihn das nächste Mal sah.

Hallo Ethan,
leider habe ich Dich nicht persönlich angetroffen, also mache ich es auf diesem Weg. Es hat sich für mich kurzfristig eine Möglichkeit ergeben, die ich nicht abschlagen kann. Ich habe ein Forschungsstipendium in Westafrika erhalten. Ein Jahr lang quer durch Togo, Benin und Nigeria. Irgendein anderer Teilnehmer ist wohl abgesprungen, und ich war der erste auf der Nachrückerliste. Das muss ich in der Aufregung im letzten Jahr völlig vergessen haben.
Jedenfalls, es geht jetzt alles ziemlich schnell (Visum brauche ich ja nicht, ich bin immer noch nigerianischer Staatsbürger), und wenn du zurückkommst, bin ich schon in Lagos. Meine Wohnung habe ich untervermietet, und ich denke, wir hören vielleicht ab und an voneinander.
Ich wünsche Dir alles Gute, auch in Bezug auf die Zukunft und dass du das fehlende Puzzleteil findest.

Liebe Grüße,
Nelson

Liebe Irene,
wenn Du das hier liest, bin ich wahrscheinlich schon wieder in Lagos. Diesmal etwas länger, ich habe kurzfristig die Möglichkeit bekommen, an einem Forschungsstipendium teilzunehmen. Ein Jahr lang quer durch Westafrika.
Ich wünsche Dir alles Gute. Grüß Cal von mir.

Gruß,
Nelson

Hallo Barry,
ich möchte mich auf diesem Weg von Dir verabschieden. Ich werde beruflich ein Jahr nach Afrika gehen, und ich weiß noch nicht, ob ich wiederkommen werde. Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute und vielleicht sehen wir uns ja irgendwann mal wieder auf einer Tagung (Ohne Ägyptologen).

Gruß,
Nelson

Zwei Tage später stand ich auf dem Flughafen in New York und ließ die Kontrollen über mich ergehen. Sie waren nicht so streng, wie ich angenommen hatte, aber vermutlich waren die Behörden auch froh über jeden Ausländer, der das Land verließ. Ich war es gewohnt, dass man mich härter kontrollierte, ich hatte eben die Hautfarbe dafür. Spätestens, wenn ich den Sicherheitskräften mit meinem Oxford-Akzent antwortete, waren sie meistens doch relativ kleinlaut. Ich fürchtete mich mehr vor der Einreise nach England, die Nachrichten ließen mich nichts Gutes vermuten.

Wir fliegen nach England? Ich dachte, es geht nach Hause?
Geht es ja auch. Aber zunächst muss ich mich mit den anderen Forschern treffen.
Ich will nicht nach England! Da ist es kalt und nass, und die Leute sehen alle seltsam aus!

Ich seufzte. Ich hatte von dem babalawo gelernt, dass ich am besten damit fuhr, wenn ich Eshu die meiste Zeit wie ein trotziges Kind behandelte, ein uraltes und sehr mächtiges Kind, und ihm ab und an seinen Willen ließ. Dann fiel mein Blick auf die New York Times, deren Titelseite ein Foto des neuen Präsidenten zierte. Ich hatte das trotzige Kind zum Glück nur in meinem Kopf, in Amerika führte es den ganzen Staat. Und ich hielt Eshu trotz allem sogar für den Fähigeren von beiden.

Beim Check-In fiel mir eine rothaarige Frau auf, die etwa in meinem Alter war. Irgendetwas an ihr erregte meine Aufmerksamkeit, und es war nicht nur die Tatsache, dass sie umwerfend gut aussah. Sie lächelte der Angestellten der Fluglinie zu und sagte etwas, doch ich verstand sie nicht. Ob es möglich war, mit ihr ins Gespräch zu kommen? Aber was sollte ich sagen? In Sachen Frauen war ich eine absolute Niete, seit Felicity war mein Liebesleben so öde wie die Vorstädte von Detroit. Ich beschloss also, meinem Glück nicht auf die Sprünge zu helfen, reichte der netten Dame von Delta meine Bordkarte und hoffte, dass Eshu in den nächsten acht Stunden ruhig blieb.

Verdient hättest du es, Oluwasegun. Du hast mir gesagt, dass wir nach Hause fliegen. Ich hasse England!
Das tut mir ganz furchtbar leid für dich.

Tatsächlich hatte ich schreckliche Angst, dass etwas passierte. Immerhin war er ein Orisha, ein Gott, ein Wesen, das ich in seiner Gänze immer noch nicht begriff. Doch wenn er etwas angestellt hatte, ich bekam es nicht mit, ich schlief die meiste Zeit oder las in dem Buch, das Murray als Literatur für das morgige Seminar angegeben hatte. Trotzdem glaubte ich, dass die Stewardess mich ein wenig ängstlich ansah, als ich das Flugzeug verließ. Aber vielleicht war das auch nur meine Paranoia, die ich langsam entwickelte, wenn mein Mitbewohner zugegen war.

Ich nahm die U-Bahn in die Stadt und überlegte kurz, ob ich einen Tag hierbleiben sollte. Die Lichter des Piccadilly Circus blendeten mich, das Stimmgewirr und der Lärm der Straßen erfüllte mich mit einem seltsamen Hochgefühl. Vielleicht konnte ich nach Soho, und dort in einen Club…

Hör auf damit!
Was?
Wir haben keine Zeit für deine Vergnügungen!
Ich kann sie mir einfach nehmen, das weißt du.
Wenn ich im Gefängnis sitze oder Schlimmeres, hast du auch nichts davon.
Du bist so ekelhaft pragmatisch, Oluwasegun.

Marylebone Station war wie jeder Bahnhof in London voller Menschen, dennoch bemerkte ich, dass die rothaarige Frau aus dem Flugzeug ebenfalls auf dem Bahnsteig stand. Wartete sie etwa auch auf den Zug nach Oxford? Bevor ich weiter überlegen konnte, fuhr der Zug der Oxford to Bicester Line ein, und im Gewirr der einsteigenden und aussteigenden Fahrgäste verlor ich sie aus den Augen.

Ich suchte mir einen Sitzplatz und wollte gerade mein Gepäck in der Ablage verstauen, als ich hinter mir eine weibliche Stimme hörte. “Verzeihen Sie, ist der Platz hier noch frei?” Amerikanischer Akzent, Ostküste. Ich drehte mich um und sah genau in die smaragdgrünen Augen der Rothaarigen. “Äh… ja. Natürlich. Setzen Sie sich doch.” Sie lächelte, wobei sie eine Reihe makelloser weißer Zähne entblößte. Dann schien sie mich eingehend zu mustern. “Ich kenne Sie irgendwoher”, meinte sie dann nachdenklich, nachdem ich mich gesetzt hatte.

Was hast du gemacht?
Ich bin völlig unschuldig! Wirklich!

“Sind Sie nicht Dr. Akintola?” fragte sie mich plötzlich, nachdem sie ihre Musterung meiner Person beendet hatte. “In der Tat. Nelson Akintola.” Meine Güte, was war passiert, dass mich inzwischen Leute in der Öffentlichkeit ansprachen? War ich wieder auf Youtube gelandet? Sie lächelte. “Ich habe Ihre Sendung gesehen”, erklärte sie. Oh mein Gott. Ich hatte gehofft, dass mich niemals mehr jemand auf “Doctor Africa” ansprach, eine Sendung, die ich für einen Sender an der Westküste gemacht hatte und die es irgendwie ins Kabelfernsehen geschafft hatte. Anscheinend hatte irgendjemand es für eine gute Idee gehalten, einen Schwarzen mit britischem Akzent vor die Kamera zu stellen und Kindern zu erklären, was es mit dem schwarzen Kontinent auf sich hatte, und irgendwie war diese Rolle mir zugefallen. Ich hasste die Sendung inzwischen aus tiefstem Herzen, weil ich unter anderem nur mit massiven Drohungen hatte verhindern können, dass die Kostümbildnerin mich in einen Xhosa-Umhang steckte. Meine Ablehnung hatte sie beleidigt mit einem “Ach, da gibt es Unterschiede?” quittiert. “Doctor Africa” war mir peinlicher als jedes Youtube-Video, das von mir existieren mochte.
“Und Sie wollen sich trotzdem noch mit mir unterhalten?” rutschte mir jetzt gegenüber der Rothaarigen raus. Sie lachte, ein glöckchenhelles, mädchenhaftes Lachen, das in mir den Wunsch weckte, sie häufiger zum Lachen zu bringen, nur um diesen Klang zu hören. “Natürlich. Ich bin allerdings auch eine große Bewunderin Ihrer akademischen Arbeiten.” Sie strich sich eine Strähne ihrer kupferfarbenen Haare aus ihrem Gesicht, das sich durch eine ebenmäßige vornehme Blässe auszeichnete. Sie war definitiv eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen hatte. “Oh, verzeihen Sie, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Dr. Celeste Hamilton, Geschichte und Philosophie, Schwerpunkt afrikanisches Mittelalter, University of Yale.” Sie reichte mir die Hand, und ich schüttelte sie ein wenig verlegen. Jetzt war ich mir sicher, dass ich ihr niemals das Wasser würde reichen können. Schön und klug. Vergiss es, solche Frauen stehen nicht auf nervöse Geisteswissenschaftler, in deren Kopf sich ein gottähnliches Wesen breitgemacht hat.
“Fahren Sie etwa auch nach Oxford?” wollte sie jetzt wissen. Ich nickte nur. “Oh mein Gott, Sie sind auch der Forschungsreise von Murray zugeteilt? Ich auch!” Sie wirkte jetzt wie ein Teenie-Mädchen, das entdeckt, dass ihr Lieblings-Popstar in ihrer Heimatstadt ein Konzert gibt. “Ja, ich wurde kurzfristig nachnominiert”, erklärte ich. “Dann habe ich ja wirklich Glück gehabt. Ich habe Ihren Aufsatz über die Zusammenhänge zwischen der Kultur der Yoruba und dem Engelsglauben der katholischen Kirche im letzten Jahr gelesen. Sehr interessant, und sehr lebendig geschrieben.” Ich seufzte kurz. Kunststück, wenn man es mit drei Engeln und einem Orisha zu tun gehabt hatte.
Sie wirkte jetzt wieder ernst, während sie mit mir meinen Aufsatz diskutierte, den ich für ein ethnologisches Fachblatt verfasst hatte. Damit befand ich mich auf sicherem Terrain und konnte nicht viel falsch machen. Offensichtlich sah sie das auch so, denn als der Zug eineinviertel Stunde auf dem Bahnhof in Oxford einfuhr, lächelte sie immer noch. “Sie müssen mir unbedingt mehr erzählen”, erklärte sie, als wir vor dem Bahnhofsgebäude auf ein Taxi warteten. “Gerne”, antwortete ich, “wir sehen uns ja morgen im Seminar.” Sie machte ein erstauntes Gesicht. “Oh, ich dachte mehr an ein gemütlicheres Ambiente. Sie sind doch Brite, oder? Zeigen Sie mir einen dieser Tea Rooms, von denen ich schon soviel gehört habe.” “Sehr gerne. Aber ich bin kein Brite, ich bin eigentlich Nigerianer”, antwortete ich und dann dämmerte es mir. Fragte sie mich gerade allen Ernstes nach einem Date? “Nigerianer? Umso besser. Dann bekomme ich gleich noch eine Einweisung in die Landeskunde aus erster Hand.” Sie streckte mir die Hand zum Abschied hin und machte sich dann daran, ihr Gepäck in das erste ankommende Taxi zu verladen. Bevor sie einstieg, hielt sie noch einmal inne. “Ich wohne übrigens im Burlington House. Und ich erwarte Sie morgen um 17 Uhr zum Tee.” Dann schloss sie die Tür und ich sah dem abfahrenden Taxi nach. Ich hatte also tatsächlich ein Date mit Dr. Celeste Hamilton.

Mit einem Hochgefühl erwachte ich am nächsten Morgen. Lag es an der Aussicht auf einen 5 o’ Clock Tea mit Dr. Hamilton, die ich äußerst sympathisch fand? Oder weil ich wieder in England war? Oder es war einfach der Jetlag, und ich war eigentlich vollkommen übermüdet. Nach dem Frühstück machte ich mich auf zum Magdalen College, wo Professor Murray das Eingangsseminar abhielt. Eine ganze Woche lang würden wir von früh bis spät über die Forschungsschwerpunkte sprechen. Meine Kollegen waren im Gegensatz zu mir wahrscheinlich alle bestens vorbereitet und hatten bereits dutzende Paper in der Tasche, während ich noch nicht einmal wusste, wer alles mitfahren würde – wenn man von Murray und Dr. Hamilton absah.

Professor Alexander Murray war ein kleiner dicklicher Schotte, dessen rotblonde Haare in einem wirren Kranz von seinem ansonsten kahlen Schädel abstanden. Er schnaufte und schien trotz des Winterwetters zu schwitzen, und ich fragte mich für einen Moment, ob das nigerianische Klima wirklich das richtige für ihn war. Er begrüßte mich mit einem breiten Highland-Akzent, und ich war für einen Moment froh, dass in meinem Namen kein ‘r’ vorkam. “Das ist gut, dass Sie bei uns sind, Dr. Akintola”, erklärte er mir dann. “Sie sprechen doch Yoruba?” “Das, und Igbo, Hausa, Arabisch, Edo, Französisch… Ich kann Ihnen auch auf Deutsch ein Taxi rufen.” Das hatte ich von Felicity gelernt, als wir mal überlegt hatten, ob wir einen Abstecher in die Heimat ihres Vaters machen sollten. Leider war nie etwas aus der Reise geworden. Damals hatte ich das sehr bedauert, jetzt war das für mich nur eine nette Anekdote aus einem früheren Leben. War ich endlich über sie hinweg?
“Oh, da sind Sie ja! Ich hatte schon Sorge, dass Sie nicht kommen.” Celeste Hamilton stand in der Tür und strahlte mich fröhlich an. “Sie kennen sich?” wollte Professor Murray wissen, offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet. “Ja, wir sind uns gestern im Zug begegnet. Ich habe bereits mit Dr. Akintola über seinen hervorragenden Aufsatz aus der letzten Social Anthropology gesprochen.” Sie machte eine Pause, dann zwinkerte sie mir zu. “Ich werde heute abend schon eine kurze Einführung in die Landeskunde bekommen.” Murray holte ein Taschentuch aus der Jacke und tupfte sich die Stirn, und ich konnte ihn verstehen, mir wurde auch gerade ziemlich warm. Flirtete sie etwa mit mir? Sie zwinkerte noch einmal und lächelte kokett, dann macht sie auf dem Absatz kehrt und verschwand wieder im Seminarraum. Kein Wunder, dass Felicity nur noch ein müdes Schulterzucken bei mir auslöste. Meine Gedanken waren längst auf dem Weg zu einer Anderen.

Neben Professor Murray, Dr. Hamilton und mir bestand die Gruppe noch aus vier weiteren Akademikern: Dem Linguisten Dennis Welsh, den Anthropologen Max und Ruth Kearney sowie dem Theologen und Archäologen Raymond Vigier von der Sorbonne.
Dr. Welsh war ein junger Mann, der gerade seinen Doktor gemacht hatte und als Postdoc über die Yoruba-Sprache forschen wollte. Er war sehr jung und sehr hip, und ich hatte den Eindruck, einer selbstsicheren Variante von Felicitys Cousin gegenüberzusitzen. Neben Welsh saß das Ehepaar Kearney, beide Experten auf ihrem Gebiet. Die Kearneys sahen aus wie das fleischgewordene Britenklischee, sie wirkten trocken und humorlos. Zumindest von Max wusste ich, dass der Eindruck täuschte, ich hatte einige Vorlesungen bei ihm besucht. Er war brillant, mit einem trockenen schwarzen Humor und einem Sarkasmus ausgestattet, der schon so manche Studentin zum Weinen gebracht hatte. Seine Frau kannte ich nicht, aber da sie es mehrere Jahre mit einem Mann wie Max ausgehalten hatte, schätzte ich sie ähnlich ein.
Jean-Raymond Vigier war ein schweigsamer Mann mit dunklem Bart und stechend blauen Augen, er wirkte sehr vergeistigt. Tatsächlich konnte ich nicht herausfinden, ob sein Schweigen seinem Akzent geschuldet war – er sprach diese grauenvolle Mischung aus Englisch und Französisch, die selbst gebildeten Franzosen so eigen ist – oder ob das einfach seine Art war. Ein wenig erinnerte er mich an Barry, aber den Indianer hatte ich nach unserem Erlebnis auf der Konferenz und dem Gespräch in Camden Town sympathisch gefunden, ob Vigier das Gleiche gelang, wagte ich zu bezweifeln.

Es war eine spannende Runde an diesem Tag, und ich stellte schnell fest, dass Dr.Dr. Ruth Kearney ihrem Mann in nichts nachstand. Sie erinnerte mich ein wenig an Irene, auch wenn sie nicht so jung und so hübsch war. Dennis Welsh war mir auf Anhieb unsympathisch, und das lag nicht nur an seiner Ähnlichkeit mit Niels Heckler. Er war schrecklich von sich überzeugt und außerdem der Meinung, dass jedes weibliche Wesen seinem Charme erliegen müsse. Mit einem leichten Anflug von Eifersucht nahm ich wahr, dass er es in einer Pause im Speisesaal des Colleges auch bei Celeste versuchte, doch die lächelte nur, und der junge Mann zog von dannen. Dafür hatte sich eine der Studentinnen, die uns begleiten würden, scheinbar sofort in ihn verguckt, seufzend sah sie ihm nach, und ich schüttelte nur den Kopf. “Nicht aufregen”, meinte Celeste Hamilton auf einmal neben mir, “er ist so jung und so schön.” Sie nahm einen Schluck Irn Bru und betrachtete dabei Welsh, der sich in der Bewunderung der jungen Frau sonnte, aber gleichzeitig weiter mit Dr. Hamilton flirten wollte. “Und so gar nicht mein Fall.” Mit diesen Worten lächelte sie mir zu und verließ den Speisesaal, und ich stellte fest, dass ich mir nichts mehr wünschte, als dass es bereits 17 Uhr war.

Nach quälend langen vier Stunden war es dann endlich soweit. Wie ein aufgeregter Teenager vor seiner ersten Tanzparty stand ich vor dem Burlington House, einem winzigen Hotel am anderen Ende der Stadt. Ich hatte den Taxifahrer gebeten zu warten, obwohl ich etwas Angst hatte, dass er das umsonst tat und Celeste Hamilton es sich anders überlegt hatte. Aber das hatte sie nicht, pünktlich kam sie aus dem Hotel und lächelte mir zu, als ich ihr die Wagentür aufhielt. “Vielleicht steht in Ihrem Pass, dass Sie Nigerianer sind, aber ich finde, Sie benehmen sich durchaus wie ein britischer Gentleman,” erklärte sie mir. “Vielen Dank für die Blumen”, entgegnete ich, und ich hoffte, dass sie nicht merkte, wie nervös ich war. “Wohin fahren wir?” wollte sie dann wissen. “The Rose Tea Room. In der Nähe der Bodleiana.” Sie zog eine Augenbraue hoch. “Ich habe noch nicht viel von der Stadt gesehen. Ihnen ist klar, dass wir anschließend einen Verdauungsspaziergang machen müssen?” War mir das klar? Natürlich war mir das klar! Mit dieser Frau würde ich auch den Mount Everest besteigen, wenn sie das wollte. Ich nickte nur, und den Rest der kurzen Fahrt verbrachten wir schweigend.

“The Rose” war die perfekte Mischung aus klassischem Tea Room und modernem Restaurant, und mit den nötigen Connections konnte man hier auch kurzfristig einen entsprechenden Tisch bekommen. Ich wollte mich gerne ungestört mit Celeste Hamilton unterhalten, daher hatte ich um einen Eckplatz in der Nähe der Fenster gebeten. Es hatte mich drei Anrufe bei ehemaligen Studienkollegen gekostet, diesen Platz zu bekommen, und ich hoffte, dass es die Mühe wert war. Immerhin hatte ich jetzt zwei Einladungen zum Golf und eine zum Angeln sowie die Bitte, einer 14jährigen und ihrer Mutter Vermont zu zeigen, inklusive amerikanischer Shopping Malls.

“Schön hier”, meinte Dr. Hamilton, nachdem sie Platz genommen hatte. “Haben Sie hier studiert?” “Auch. Und in Cambridge”, antwortete ich. “Wenn Sie mir jetzt noch sagen, dass Sie in Eton waren, glaube ich Ihnen das mit dem Nigerianer nicht mehr”, erklärte sie mir und lachte dabei ihr Glöckchen-Lachen. “Schuldig im Sinne der Anklage, Abschlussjahrgang 2000. Möchten Sie jetzt meinen Pass sehen?” fragte ich sie. Lächelnd schüttelte sie den Kopf und machte eine gespielt ablehnende Handbewegung. “Später vielleicht, Nelson.” Sie machte eine Pause, und mir war nicht entgangen, dass sie schon zur vertrauteren Anrede übergegangen war. Sicher, es war in Amerika sehr viel üblicher, sich mit dem Vornamen anzusprechen, aber nicht unbedingt nach einem Tag. “Waren Sie denn noch nie in England, Dr. Hamilton?” Verflucht, ich war zu verkrampft, es gelang mir nicht, mit ihr gleich zu ziehen. “Celeste”, sagte sie jetzt und hielt mir die Hand hin. Ich ergriff sie überrascht. “Nelson. Oder Oluwasegun, wie Sie mögen… wie Du magst.” Sie betrachtete mich eingehend. “Oluwasegun. Das gefällt mir. Was bedeutet das?” “‘Gott ist siegreich’”, antwortete ich, und zum ersten Mal wurde mir die Ironie meines Yoruba-Namens bewusst. “Interessant. Darf ich dich dann so nennen?” Ich zögerte. Niemand außer meiner Großmutter und meinem… Mitbewohner hatte mich bisher so genannt, selbst für meinen traditionsbewussten Vater war ich immer “Nelson” gewesen. Felicity dagegen hatte es stets vorgezogen, mich Akintola zu nennen – ich wusste bis heute nicht, warum. Aber sie nannte ihren eigenen Cousin ja auch “Heckler”. Vielleicht war das irgendwas Deutsches. Und Celeste Hamilton war nicht Felicity Heckler. “Aber gerne doch”, hörte ich mich sagen, und es fühlte sich erstaunlich gut für mich an. Ungewohnt, aber doch gut.
Wir unterhielten uns über alles Mögliche, ich erfuhr, dass sie bereits einmal verheiratet gewesen war – mit einem Mann, der, wie sie mir kichernd gestand, ein Typ wie Dr. Welsh gewesen war – während ich ihr erzählte, dass ich Seattle wegen einer Frau verlassen hatte. Ich sah, wie sie meine rechte Hand in Augenschein nahm, aber ich konnte an ihrem Gesicht nicht ausmachen, ob sie die Erkenntnis, dass sich daran kein Ehering befand, erleichterte. Von unseren Reisegefährten hatten wir beide weitestgehend den gleichen Eindruck, auch Celeste hatte sich gefragt, ob Murray wohl den Strapazen des afrikanischen Hochlandes gewachsen war. Der Theologe Vigier kam uns beiden seltsam vor, aber seit meinem Erlebnis mit den Engeln hielt ich mich sowieso fern von allem, was nur entfernt nach Kirche oder Christentum roch. Celeste fand es dafür sehr spannend, dass ich als getaufter Anglikaner weiter am Yoruba-Glauben festhielt, als Philosophin hatte sie sich natürlich auch damit beschäftigt. Ich fand es sehr angenehm, mich mit jemandem darüber zu unterhalten, der nicht der Meinung war, dass wir Yoruba alle Voodoo praktizierten und Leute verhexten. Tatsächlich hatte ich von Voodoo kaum Ahnung, da wusste sogar mein Kollege Bart Blackwood mehr.
Als wir wieder auf persönlichere Dinge zu sprechen kamen, überraschte Celeste mich. Sie fragte mich nach Geschwistern, was ich wahrheitsgemäß mit “eine Schwester” beantwortete. “Ich habe einen Bruder, Cornelius. Wir sind Zwillinge.” Beinahe hätte ich mich an meinem Tee verschluckt. “Nicht wirklich, oder?” entfuhr es mir, und sie sah mich irritiert an. Ich antwortete nicht, sondern zog ein Foto aus meiner Brieftasche. Es war zerknittert und angestoßen, aber seit diesem Abend in Seattle trug ich es immer mit mir herum. Ich musste nicht auf das Bild gucken, ich wusste, was darauf zu sehen war: Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen, beide festlich herausgeputzt, an ihrem vierten Geburtstag. Daya hielt meine Hand und lächelte mit hervor gerecktem Kinn offensiv in die Kamera, während ich mich etwas zurückhielt. Ich war zwar der ältere von uns beiden, aber Daya die abenteuerlustigere. Ich dachte kurz an das vergangene Jahr, Daya wäre nicht ängstlich vor dem Piper davongelaufen oder hätte sich betrunken im Angesicht der Apokalypse.
Celeste nahm das Bild in die Hand und sah mich lächelnd an. “Dann sind wir also beide die Hälfte von jemand anderem. Aber bei einem Yoruba war das auch durchaus zu erwarten.” Dann merkte sie, dass ich das Bild in meiner Hand ansah, und sie griff nach meiner Hand. Ihre Berührung holte mich wieder in die Gegenwart zurück. “Sie ist nicht mehr hier, oder?” wollte sie wissen, und ich schüttelte den Kopf. “Das tut mir leid.” “Es ist dreißig Jahre her, und sie fehlt mir immer noch, jeden Tag.” Celeste sah mich an, offensichtlich war ihr das Thema jetzt etwas peinlich, dabei hatte ich ja die Sprache auf Daya gebracht. “Vielleicht sollten wir die Örtlichkeit wechseln?” meinte sie dann, um mich auf andere Gedanken zu bringen. “Wolltest Du nicht sowieso noch Oxford sehen?” fragte ich zurück, und sie nickte. Also zahlte ich, und wir verließen den Tea Room.

Das Wetter war unfassbar britisch, es war dunkel, winterlich kalt und regnete Bindfäden, doch Celeste Hamilton schien das nichts auszumachen. Irgendwoher zauberte sie einen Regenschirm hervor, den sie mit einer Hand festhielt, und mit der freien Hand hakte sie mich bei mir unter. Ich hielt sie auf. “Du wirst mir das mit dem Nigerianer einmal mehr nicht glauben, aber den Schirm halte ich.” Sie lachte, gab mir aber den Schirm. “Gegen britische Gentlemen hat die Emanzipation keine Chance”, meinte sie, “wenn das meine Mutter wüsste.” Wie ich eben auch erfahren hatte, war Celestes Mutter Adalynn Hamilton Autorin mehrerer Bücher über die Rolle der Frau in den Neuengland-Staaten und außerdem eine bekannte Frauenrechtlerin. Die Hamiltons waren nicht nur eine sehr alte, sondern auch sehr gebildete Familie, ihr Bruder war Professor für Jura und Rechtsgeschichte in Harvard. “So ein kluger Mann und so ein staubtrockenes Zeug”, hatte sie gesagt und gelacht.
“Das werde ich ihr als These für ihr nächstes Buch schreiben”, erklärte sie dann, während sie sich wieder bei mir unterhakte, den Mantelkragen hochgeklappt. “Ist dir kalt?” fragte ich, und sie nickte. Dann jedoch bekam sie große Augen. “Nein, du wirst nicht deinen Mantel ausziehen, Oluwasegun. Ich fürchte, wenn ich das annehme, steht Mom morgen vor meiner Tür und schimpft mit mir.” Jetzt war es an mir zu lachen, aber tatsächlich hatte ich für einen Moment darüber nachgedacht, ihr meinen Mantel zu reichen. “Dann fürchte ich, musst du frieren, im Namen der Frauen von Neu-England”, antwortete ich mit einem Grinsen. “Männer”, meinte sie nur, aber an ihrem Gesichtsausdruck erkannte ich, dass sie das alles überhaupt nicht ernst meinte. Ich merkte, dass ich diese Kabbelei durchaus genoss, und ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich das das letzte Mal gemacht hatte. Im College? Mit Felicity? Es wollte mir beim besten Willen nicht wieder einfallen, denn im Moment zählte nur die Gegenwart.

Wir gingen an der Radcliffe Camera vorbei, und auch zur Bodleian Library, die sie mit vielen “Ooohs” und “Aaahs” bewunderte und mich dann fragte, ob ich denn auch mal Harry Potter begegnet war. Ich schüttelte den Kopf, Zauberlehrlinge gehörten zum Glück nicht zu den übernatürlichen Wesen, deren Bekanntschaft ich bisher machen durfte, oder die in meinem Kopf eingezogen waren.

Du bist so unglaublich ruhig, das macht mir ein wenig Angst.
Ich genieße gerade die Aussicht, Oluwasegun. Sie ist wunderschön.
Du tust was?
Genau. Ich harre der Dinge, die da kommen werden. Und sag mir nicht, dass du nicht auch schon daran gedacht hast.
Nein!
Oluwasegun… Das mit dem Interpretieren der Wahrheit solltest du wirklich weiterhin mir überlassen. Du bist immer noch miserabel darin.

Wir betrachteten noch das Christ Church College und das Merton College von außen, doch schließlich mussten wir uns Regen und Winter geschlagen geben. Eine Erkältung konnte keiner von uns jetzt brauchen. Ich rief ein Taxi und begleitete Celeste noch zum Burlington House Hotel, was sie zu einer weiteren spöttischen, aber wohl gemeinten Bemerkung über Gentlemen veranlasste.
Vor der Hoteltür wollte ich mich von ihr verabschieden, langsam spürte ich den Jetlag wieder, und ich wollte doch ins Bett. Sie sah mich lange an aus ihren smaragdgrünen Augen. “Vielen Dank für den schönen Abend, Oluwasegun”, meinte sie, dann beugte sie sich vor und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. “Wir sehen uns morgen.” Mit diesen Worten verschwand sie durch die Tür des Burlington House, und ich sah ihr nach. Wie nannten die Amerikaner das? First Base? Und gab es da nicht so eine Art Regel mit drei Dates… ? Oh Gott, was geschah hier gerade? Bahnte sich da wirklich etwas mit Celeste Hamilton an? Nicht, dass ich es nicht begrüßt hätte, aber es war absolut nichts alltägliches für mich. Hatte ich mich im letzten Jahr so sehr verändert, dass ich auf einmal ganz anders auf meine Mitmenschen wirkte?
In diesem Moment hupte der Taxifahrer. “Sir, die Uhr läuft!” Nein, ich war immer noch derselbe, etwas weltfremde Nelson, der vergaß, dass ein missgelaunter Pakistani mit laufendem Motor auf ihn wartete, während er einer schönen Frau nachsah. Aber anscheinend gab es da draußen Menschen, denen genau das gefiel.

Die nächsten Tagen vergingen wie im Flug, was nicht nur an der Gesellschaft von Celeste Hamilton lag. Tagsüber wurde unsere Reiseroute festgelegt, Themen für Paper gesammelt und die letzten organisatorischen Kleinigkeiten geklärt. Abends ging ich mit Celeste aus und zeigte ihr Oxford, und einmal gesellte sich auch mein ehemaliger Kommilitone Griffiths zu uns, mit dem ich noch immer gut befreundet war. Als Celeste sich kurz entschuldigte, weil sie sich “die Nase pudern musste”, fragte er mich, wie lange Celeste und ich denn schon zusammen seien und warum ich ihm nichts davon erzählt hatte. Als ich ihm erklärte, dass sie lediglich eine Kollegin war, lachte er nur. “Wenn das nur eine Kollegin ist, mein lieber Nelson, dann bin ich der Premierminister.” “Griff… “, begann ich, “da ist nichts, wir sind wirklich nur gute Freunde.” Griffiths lachte. “Ja, das kenne ich. Meine gute Freundin und ich sind seit bald fünf Jahren verheiratet.” Er klopfte mir auf die Schulter, als Celeste zurück an den Tisch kam. Ich lenkte das Gespräch schnell auf Unverfänglicheres – sogar der Brexit schien mir ein leichteres Thema zu sein als meine Beziehung zu Celeste. Ich wollte nicht darüber nachdenken, natürlich mochte ich sie, aber ich hatte Angst. Ich war zu oft enttäuscht worden. Aber dann lächelte sie mir zu und sagte etwas zu Griff, und sein Blick in meine Richtung sagte mehr als tausend Worte. Vielleicht sollte ich den Dingen einfach ihren Lauf lassen.

Am Abend vor dem Abflug lud ich Celeste noch einmal zum Essen ein. Kurzzeitig dachte ich wieder an die Regel mit den drei Dates, aber die hatten wir definitiv schon hinter uns. Bisher war nichts passiert, sie hatte nichts gesagt, und ich wollte das, was da zwischen uns gerade entstand, nicht durch eine unüberlegte Bemerkung wieder kaputt machen.
Wir unterhielten uns über den morgigen Flug – zum Glück ging er mit British Airways, so dass ich nicht in die Verlegenheit kam, ihr oder jemandem anderen erklären zu müssen, warum ich bei Fly Emirates Flugverbot hatte – und einige andere Dinge, doch ich hatte den Eindruck, dass sie nicht ganz bei der Sache war. Würde ich gleich zu hören bekommen, dass ich zwar ein unglaublich netter Typ war, aber sie überhaupt keine Gefühle für mich hatte, und die ganze Sache nur ein Ausrutscher gewesen war? Als der Kellner kam, um uns zu fragen, ob wir noch ein Dessert wollten, lehnte sie ab, ließ sich jedoch noch Wein nachschenken. Musste sie sich Mut antrinken, um mich abzuservieren?
Der Kellner verschwand wieder lautlos in einer Ecke, und sie sah mich lächelnd über den Rand des Glases an. “Vielleicht sollten wir woanders hingehen”, meinte sie dann. “Bitte?” Ich war mir nicht sicher, ob ich sie richtig verstand, aber nach abservieren klang das definitiv nicht. Im Gegenteil. “Nun, nur Du und ich und eine Flasche Wein. Noch sind wir ja in Gefilden, wo wir das können und dürfen.” Sie lachte und winkte den Kellner. Celeste Hamilton war keine Frau, die lange fackelte. Für einen kurzen Moment jedoch dachte ich daran, was das letzte Mal mit Alkohol und einer schönen Frau passiert war.

Oluwasegun. Das hier ist echt. Das ist nicht Doktor Liz.
Danke für den Hinweis, das weiß ich selbst.
Warum überlegst du dann? Es gibt kein Aber, Oluwasegun. Wir waren zu lange allein.
Das heißt, du willst…?
Bitte. Nur ein einziges Mal, sie wird es nicht mal bemerken. Oh, und du wirst gleich eine Überraschung erleben.

Bevor ich weiter fragen konnte, war die Präsenz in meinem Kopf wieder verschwunden. Dafür kehrte der Kellner mit einem Karton zurück, den er Celeste in die Hand drückte. Eilig zahlte ich, dann holte ich unsere Mäntel und führte Celeste zum Ausgang. “Zu dir oder zu mir?” fragte sie, als wir vor dem Restaurant standen und zwinkerte verschwörerisch. Dann lachte sie wieder ihr Glöckchen-Lachen. “Oh, das wollte ich schon immer mal sagen.” Sie sah mich herausfordernd an. “Also? Wo gehen wir hin?” Sie lächelte, und ihr Lächeln ging mir durch und durch. Ich wollte diese Frau, am liebsten hier und jetzt. “Zu… mir?” schlug ich vor, und kaum hatte ich ausgesprochen, da hatte sie schon ihr Handy gezückt und ein Taxi bestellt.

Es war die längste Taxifahrt meines Lebens, während ich neben Celeste auf der Rückbank saß, und ich überlegte ernsthaft, ob es eine Möglichkeit gab, diese Fahrt zu beschleunigen oder es sofort zu tun. Waren das meine Gedanken? Über sowas hätte ich doch vor einem halben Jahr nicht mal ernsthaft nachgedacht. Aber mein Zimmer schien mir die bessere Wahl zu sein. Zumindest, wenn wir nicht erwischt werden wollten.

Ich schloß die Tür auf, und bedeutete Celeste mit einer gespielten Verbeugung, einzutreten. Sie betrat das Zimmer und warf ihre Pumps augenblicklich in eine Ecke, dann kam sie mit der Weinflasche in der Hand auf mich zu. Mit der freien Hand fuhr sie meine Brust über den Stoff meines Hemdes hinauf zu meinem Kragen. “Trinken wir die jetzt oder hinterher?” Bevor ich auch nur “Hinterher” sagen konnte, hatte sie sich auf die Zehenspitzen gestellt und küsste mich, lange und leidenschaftlich. Ich erwiderte den Kuss und drückte sie fest an mich, doch dann löste ich mich wieder von ihr. “Was?” fragte sie, ihr Atem ging schneller. “Willst du da stehenbleiben?” wollte ich wissen, nahm ihr die Flasche aus der Hand und führte sie sanft in Richtung Bett. Sie setzte sich, und ich nahm neben ihr Platz. Bevor ich noch irgendetwas weiter sagen konnte, küsste sie mich ein zweites Mal, während ihre schlanken weißen Finger mein Hemd öffneten. Ich lehnte mich zurück und ließ sie gewähren, ihre Hände auf meiner Haut fühlten sich warm und vertraut an. Wie hatte ich das vermisst. War das wirklich schon so lange her?

Jetzt gesellten sich ihre Lippen zu ihren Fingern, und ich konnte mich nicht mehr länger zurückhalten, ein Stöhnen entrang sich meiner Kehle. Wenn sie auch nur einen Zentimeter tiefer ging, würde ich explodieren. Sie hielt kurz inne und sah zu mir hoch. Im Halbdunkel schien ihr blasses Gesicht von innen heraus zu leuchten, ihre grünen Augen dagegen waren nur zwei dunkle Punkte, die mich fixierten. “Bitte hör nicht auf”, bat ich sie atemlos, während ich meine Hand nach ihr ausstreckte. Sie lächelte hintergründig und hielt meine Hand für eine Moment fest. “Ich fange gerade erst an”, flüsterte sie, dann stand sie auf und zog ihre Bluse aus.

Du wirst eine Überraschung erleben.

Eshus Worte fielen mir ein, in dem Moment, in dem Celeste die Knöpfe des weißen Kleidungsstücks geöffnet hatte und es nun auszog. Über ihrer linken Brust war ganz deutlich das Symbol zu sehen, das ich von Felicity kannte und von Bildern ihres Vaters. Die Anti-Dämonen-Tätowierung. Ich hatte genug Ahnung von den Dingern, dass ich wusste, dass das da nicht nur eine Schmuckverzierung war. Celeste Hamilton war also eingeweiht. Das war wirklich eine Überraschung. Leider war es auch wie eine kalte Dusche für mich.

Sie bemerkte mein Zögern und kam jetzt zurück zum Bett, wo sie sich neben mich legte.”Was ist los? Doch kalte Füße bekommen? Gibt es eine andere?” Ich schüttelte den Kopf. “Nein… das nicht.” Sollte ich es ihr erzählen? Aber wie? Ich wollte sie immer noch, mehr als ich jemals eine Frau begehrt hatte. Also entschied ich mich für die Flucht nach vorn. “Was bist du?” fragte ich sie. Sie wich ein wenig zurück, dann merkte sie, dass mein Blick auf ihrer Tätowierung heftete. “Ich.. oh. Das meinst du. Du kennst das?” Ich nickte, während meine linke Hand an meinen rechten Arm wanderte. Die Narben, die mir die Pranken des Bärengeistes geschlagen hatten, würden nie wieder verschwinden. “Du bist ein Jäger?” fragte sie mich dann, und ich überlegte, was ich antwortete. “Nein”, sagte ich schließlich. “Ich bin kein Jäger. Aber ich weiß durchaus Bescheid über all das.” Oh, ich weiß sogar mehr als das. Ich habe mit drei Jägern die Apokalypse verhindert, dafür wohnt in meinem Kopf jetzt ein Trickstergott, der gerne mit dir schlafen möchte. Wie ich auch. “Schön. Wenn du Bescheid weißt über das Übernatürliche… ich bin eine Hexe. Eine weiße, um genau zu sein. Die Hamiltons können ihren Stammbaum bis zu den ersten Siedlern zurückverfolgen. Sie wurden aus Salem vertrieben, weil sie sich nicht an den dunklen Ritualen beteiligen wollten.” Eine Hexe. DAS war eine noch viel größere Überraschung. Doch dann fiel mir ein, was sie über Daya gesagt hatte. Sie hatte gefragt, ob sie “nicht mehr hier war”, nicht, ob sie tot war. Also hatte sie eine Ahnung, was mit meiner Schwester passiert war.
“Vielleicht sollte ich jetzt besser gehen”, meinte sie, als ich nichts sagte, und sie stand auf und machte Anstalten, ihre Sachen zusammenzusuchen. “Nein, bitte bleib. Ich hab damit kein Problem, ich…” Sie sah mich an, und ich machte es mir jetzt einfach. Ich zog das Hemd aus – offen war es ja sowieso – und streckte ihr den rechten Arm entgegen. “Was… “ Dann sah sie die Narben, fünf lange Linien, die sich fast um meinen Oberarm zogen. “Der Bärengeist der Kiowa. Ich war bereit, für ihn mein Leben zu opfern, um die Apokalypse zu verhindern.” Sie machte große Augen, setzte sich aber wieder und strich vorsichtig über meinen Arm. “Die Apokalypse. Das haben wir gespürt, Cornelius und ich.” “Ist er auch…?” begann ich, aber sie legte mir den Finger auf die Lippen. “Ja, das ist er.” Sie sah mich jetzt unsicher an. “Willst du jetzt wirklich mit mir über Hexen und Jäger reden?” Ich seufzte. Eigentlich wollte ich gerade überhaupt nicht mit ihr reden, sondern Taten folgen lassen. Aber war sie noch bereit dazu, nachdem sie für einen kurzen Moment gedacht hatte, ich sei ein Jäger oder noch schlimmer, ein Feind? “Wenn du mich so fragst… kein Stück. Das ist ein Teil meines Lebens, den ich gerne ausblende.” Ich dachte an Ethan, an Barry, an Irene und Cal, und an das, was wir bisher zusammen erlebt hatten. Aber in diesem Moment waren sie alle mehrere tausend Kilometer entfernt, und Wyoming, Philadelphia und Camden Town genauso. Die Wirklichkeit war die wunderschöne Frau neben mir, die ich mit jeder Faser meines Körpers begehrte. “Ich… Celeste, der Abend hat so schön begonnen. Und ich mag dich wirklich sehr.” Jetzt lächelte sie. “Das ist gut, denn das beruht auf Gegenseitigkeit.” Sie wandte sich mir zu. “Ich habe nur leider viel zu oft mitbekommen, dass Männer deswegen mit mir schlafen wollen, weil sie denken, Hexen wären irgendetwas besonders. Für einen Moment hatte ich Angst, dass du auch einer von denen bist.” Ich schüttelte den Kopf. “Bis vor fünf Minuten hatte ich noch nicht mal eine Ahnung davon, was du bist. Glaub mir, ich will aus ganz anderen Gründen mit dir schlafen.” Weil du wunderschön und klug bist. Weil ich dabei bin, mich in dich zu verlieben. Weil du mich zum Lachen bringst, weil du einfach so unkompliziert bist. Sie sah mich zweifelnd an. “Möchtest du vielleicht erst einmal etwas trinken? Oder wir reden nur. Oder…” Bevor ich noch etwas sagen konnte, beugte sie sich vor, schlang die Arme um meinen Hals und küsste mich noch einmal leidenschaftlich. “Oder wir machen jetzt einfach das, wofür wir hergekommen sind”, flüsterte sie mir ins Ohr. Ich ließ mich fallen, denn es gab nichts, was ich lieber getan hätte.

Ich erwachte davon, dass jemand mich an der Schulter anstieß. “Verzeihung,” murmelte eine verschlafene Stimme neben mir. Celeste hob den Kopf und sah mich an. Selbst nach dieser Nacht, in der wir nicht wirklich viel Schlaf bekommen hatten, sah sie wunderschön aus. “Guten Morgen… Wie spät ist es?” Ich sah auf den Nachttischwecker. “Kurz vor 7.” Es war noch Zeit, der Flug ging erst am Abend. Sie nickte, dann vergrub sie ihren Kopf an meinem Arm. “Das war schön”, beschied sie mir mit einem leichten Gähnen. Nachdenklich sah ich sie an. Eine Million Fragen gingen mir durch den Kopf, aber wirklich wichtig war nur eine: Was war das hier? Ein One Night Stand? Eine Affäre? Oder doch mehr? Ich wusste, ich wollte letzteres, aber ich traute mich nicht, die Frage zu stellen.
Sie drehte sich wieder zu mir um und öffnete die Augen. “Du siehst so nachdenklich aus”, meinte sie, “was ist los?” “Celeste… ich… was ist das hier?” Sie lächelte, während sie mit ihren Fingern gedankenverloren die Narben an meinem rechten Arm nachzog. “Das, mein lieber Oluwasegun, ist eine nackte Frau in einem Hotelbett, die es gerne sehen würde, wenn wir noch einmal genau das machen, was wir letzte Nacht getan haben.” Als sie merkte, dass mir nicht nach Scherzen zumute war, wurde sie schlagartig wieder ernst. “Oh. Das meinst du.” Sie überlegte, einen quälenden Moment zu lang für mich, und ich stellte mich darauf ein, dass das hier doch eine Felicity-Nummer wurde, aber dann griff sie nach meiner Hand. “Nun, ich bin erwachsen, du bist erwachsen. Wir sind beide ungebunden.” Für einen Moment überlegte sie, dann fuhr sie fort. “Nein, ich glaube, es muss heißen, wir waren beide ungebunden. Das war doch, was du wissen wolltest?” Sie lächelte schelmisch. Gott, wo hatte diese Frau sich mein Leben lang versteckt? Mit wenigen Worten hatte sie alle meine Ängste beiseite gefegt. Ich nickte nur, dann zog ich sie an mich, den Arm um ihre Taille gelegt, um ihr ihren Wunsch zu erfüllen.

Als wir später sehr vertraut miteinander gemeinsam am Bahnhof auftauchten, schien keiner unserer Mitreisenden besonders überrascht. Professor Murray nickte nur, genau wie Monseigneur Vigier. Über Ruth Kearneys faltiges Gesicht huschte ein Lächeln, während es Max überhaupt nicht zu interessieren schien, dass Celeste und ich jetzt ein Paar waren. Offensichtlich waren wir vom Standpunkt der Anthropologie aus nicht besonders spannend. Einzig Dennis Welsh sah mich ein wenig misstrauisch an, aber das ignorierte ich gekonnt. Er konnte es ja bei der Studentin versuchen, die ihn immer noch verliebt ansah, und die er seinerseits zu übersehen schien. Im Zug versuchte sie den schmollenden jungen Doktor jedenfalls erfolglos in ein Gespräch über Afrika und das Wetter zu verwickeln. Für eine Weile hörte ich ihren Ausführungen über Lichtschutzfaktor 50 zu, bis ich mich Celeste zuwand. “Meinst du, sie kriegt ihn rum?” fragte ich leise. Sie sah zurück zu den Sitzen, wo Welsh scheinbar interessiert “Aha” und “Hm” und “Wirklich?” von sich gab, während die Studentin gerade von ihrem Sommerurlaub auf den Malediven erzählte, wo es ja auch so warm gewesen war, und weswegen sie das Klima in Nigeria sicher gut aushalten würde. “Ich setze 20 Dollar, dass er sie alleine deswegen heute abend auf sein Zimmer mitnimmt, damit sie ruhig ist. Und weil er seinen Frust abbauen muss.” Sie grinste, und einmal mehr wusste ich, warum ich diese Frau so großartig fand. “Wie gut, dass wir das nicht nötig haben”, meinte ich. Sie zog eine Augenbraue hoch. “Was? Dass ich dir erzähle, wie schnell ich Sonnenbrand bekomme? Oder wie sehr mich zwei Wochen Beach Resort im Indischen Ozean für diese Reise abgehärtet haben?” Sie kicherte und küsste mich auf die Wange. “Die Wahrheit ist, ich habe keine Ahnung, wie es wird. Aber die Hauptsache ist, wir sind zusammen.” Mit diesen Worten kuschelte sie sich an meine Schulter und döste, bis wir in Marylebone Station einfuhren.

Als wir in Heathrow ankamen, wurde mir doch etwas mulmig zumute. Ich musste dringend noch etwas erledigen, bevor wir abflogen, denn ich wollte nicht, dass Celeste oder irgendjemand anderer erfuhr, dass ich nicht alleine flog. Ich entschuldigte mich bei Celeste, die mich etwas irritiert ansah, dann verschwand ich auf der Flughafentoilette. Ich sah mich um, niemand außer mir war zu sehen. Zum Glück hatte das Reinigungspersonal das Räumchen mit den Putzutensilien offen gelassen, so dass ich mit Hilfe eines Wischmop die Tür verriegeln konnte. Sorry, für eilige Geschäfte musste dann eben einer der anderen Waschräume herhalten. Ich hatte nicht vor, irgendjemandem jetzt mein Spiegelbild zu offenbaren. Tief Luft holend lehnte ich mich auf eines der weißen Keramik-Waschbecken.

Ich muss mit dir reden.

Ich sah, wie ein rot-schwarzes Leuchten durch meine Augen fuhr, dann stellte der Nelson im Spiegel sich gerade hin, verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte, ein durchtriebenes Lächeln, zu dem ich niemals fähig gewesen wäre.

Ja?
Ich werde gleich ein Flugzeug besteigen, und ich würde es begrüßen, wenn du dich zurückhältst.
Du weißt, wie sehr ich diese Dinger verabscheue. Und eure Reisen sind so schrecklich langweilig.

Ich war darauf vorbereitet, daher griff ich rechts und links in meine Hosentaschen und holte zwei Fläschchen hervor.

Was ist das?
Rechts ist ein Aufputschmittel. Das ist die einfache Variante. Mein Geist wird zu wach für dich sein.
Willst du es drauf ankommen lassen?
Links ist Hühnerblut mit Kräutern aus dem heiligen Hain. Es schmeckt widerlich, aber du weißt, was es macht.
Es bannt mich für 12 Stunden, jaja. Warum willst du so etwas mit uns machen?
Weil ich zum einen gerne in einem Stück, ohne Handschellen und ohne Taser in Lagos ankommen will. Und weil zum anderen da draußen eine Frau auf mich wartet, die ich wirklich nicht verschrecken will, weil ich sie sehr gerne habe.
Oh, sag das doch gleich. Ich werde dir das nicht kaputt machen.

Für einen Moment war ich geneigt, ihm zu glauben, doch dann erinnerte ich mich an das Gespräch vor Felicitys Haustür, wie sie mir wütend die SMS gezeigt hatte, die er in meinem Namen an sie geschickt hatte, und wie sie mich von ihrem besten Freund und Trauzeugen quasi zu einem Statisten in ihrem Leben degradiert hatte.

Oluwasegun, du bist so ein kluger Mann. Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass ich das mit Absicht gemacht habe?
Was?
Deine Doktor Liz liebt genau einen Menschen: Sich selbst.
Das ist nicht wahr, sie…
Doch, das ist wahr, und das weißt du auch. Frag bei Gelegenheit mal den Jungen. Ich habe dir bereits gesagt, dass das mit Celeste Hamilton echt ist. Ich werde mich zurückhalten, wenn du nichts von diesen Sachen nimmst. Unter einer Bedingung.

Ich ahnte, worauf das hinauslief, aber ich fragte trotzdem.

Die lautet?
Ich will mit ihr schlafen. Nur ein einziges Mal.
Nein.
Na gut, dann halte ich mich nicht zurück.

Ich hob die Fläschchen. Mein Spiegelbild hörte augenblicklich auf zu lächeln.

Ritalin oder Ayam Cemani?
Spielverderber.

Ibeji
Home is where the heart is
I’ve been told

(Avenged Sevenfold – Coming home)

Sieben Stunden später landete das Flugzeug in Lagos. Eine drückende Hitze schlug uns entgegen, und ich ertappte mich dabei, wie ich nach Miss Malé 2015 Ausschau hielt. Doch sie hielt sich tapfer, obwohl sie sich vorsichtig bei Welsh eingehakt hatte, der sich offensichtlich in sein Schicksal ergeben hatte. “Ich glaube, die Wette gewinnst du”, flüsterte ich Celeste zu. “Weibliche Intuition”, erklärte sie mir und tippte sich an die Schläfe. “Und außerdem, vielleicht hab ich ja ein wenig mit den Fingern gewackelt und nachgeholfen.” Ich sah sie mit großen Augen an. Wollte sie mich auf den Arm nehmen? Jetzt begann sie zu lachen, und als sie meinen Gesichtsausdruck sah, lachte sie noch lauter. “Du hast das nicht wirklich geglaubt, oder?” Ich schüttelte schnell den Kopf und machte mir eine geistige Notiz, dass ich mich noch genauer mit Weißen Hexen beschäftigen musste. Immerhin sah es so aus, als würde ich einige Zeit in der Gegenwart einer ebensolchen verbringen.

Lagos war ein Moloch, die bevölkerungsreichste Stadt Afrikas, es war laut, heiß und stickig. Tausende Gerüche hingen in der Luft, alle möglichen Sprachen waren zu hören, Igbo, Hausa, Yoruba, Englisch und die vielen kleineren Dialekte, die nicht zu den sogenannten decamillionaire languages gehörten. Autos hupten auf den vielbefahrenen Straßen, durch die wir zu unserem Hotel fuhren in einem der ruhigeren Stadtviertel, überall wurde gebaut und der neue Reichtum des wirtschaftlichen Zentrums des Landes zur Schau gestellt.
Ich spürte eine seltsame Anspannung, aber gleichzeitig auch eine unglaubliche Freude. Ich war zuhause. Zuhause. Ich holte tief Luft und versuchte, die Stadt mit allen Sinnen wahrzunehmen, als wir endlich vor dem Hotel standen.
Celeste betrachtete mich lächelnd. “Wie fühlst du dich?” wollte sie wissen. “Großartig”, erklärte ich ihr und drückte sie an mich, doch sie wand sich vorsichtig aus meiner Umarmung und verzog das Gesicht. “Wenn du erlaubst, ich hätte gerne erst eine Dusche.” Ich ließ sie augenblicklich los, darauf hätte ich selbst kommen können. Doch dann lächelte sie wieder. “Und dann will ich sehen, was dieses Land noch so alles aus dir macht.”

Das Victoria Plaza war sicher nicht eines der ersten Häuser am Platz, aber doch sehr komfortabel. Außerdem war der Portier schnell bereit, Celestes und mein Einzelzimmer gegen ein Doppelzimmer zu tauschen. Während sie duschte und sich umzog, griff ich zum Telefonhörer. “Gabriel Akintola”, meldete sich eine mir wohlvertraute Stimme, doch ich hätte am liebsten wieder aufgelegt. “Hallo baba, ich bin es, Nelson”, antwortete ich leise. “Junge! Wie schön, dass du anrufst. Wie geht es dir?” Ich schluckte, mein Vater klang so gut gelaunt wie immer, auch wenn ich seit einigen Jahren vermutete, dass dies nur Fassade war. “Ich bin in Lagos. Das Forschungsprojekt, du erinnerst dich?” “Aber ja! Wann kommst du vorbei?” Hatte er vergessen, was passiert war? Dass meine Mutter mir die Tür gewiesen hatte, weil ihr Sohn “verrückt und ein Trinker geworden sei”, weil ich nichts vorzuweisen hatte im Leben und sie sich laut gefragt hatte, warum sie überhaupt soviel Geld für meine Ausbildung ausgegeben hatte, wenn aus mir doch nur ein amerikanischer Idiot geworden war. Ich hatte mich zurückgehalten und ihr nicht gesagt, dass es das Geld meines Vaters war, dass sie da angab, und dass sie nicht viel dafür getan hatte außer ihn als Krankenschwester zu umgarnen und sich von ihm schwängern zu lassen. Ich hatte es satt, dass sie mich bei jedem Besuch mit ihren Vorwürfen überschüttete.
“Ich… ich glaube, das ist keine gute Idee”, antwortete ich meinem Vater. Es herrschte kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung, dann fing er sich wieder. “Du solltest wirklich mit ihr reden, mein Junge.” Ich holte tief Luft, bereit für eine Antwort, die ihm sicher nicht gefiel, als er weitersprach. “Nun gut. Ich schicke dir Amadi vorbei, er soll dich abholen und nach Victoria Island bringen.” Ich wollte ihn unterbrechen, ich wollte nicht nach Hause. “Wir gehen ins Restaurant, wenn du deine Mutter nicht sehen willst. Amadi ist dann in etwa zwei Stunden bei dir.” Ich gab meinem Vater noch die Adresse des Hotels, dann verabschiedete ich mich und legte auf.
Ein Geräusch aus dem Badezimmer ließ mich herumfahren, doch es war nur Celeste, die leise vor sich hinschimpfend einen Haartrockner suchte. Nein, ich wollte meine Mutter beim besten Willen nicht treffen. Natürlich, das mit Celeste und mir war noch viel zu frisch, um es der Öffentlichkeit zu präsentieren, aber ich wusste jetzt schon, wie sie reagieren würde. Als ich frisch an der Uni war und ihr begeistert von meiner Freundin Isobel erzählt hatte, hatte sie mich nur traurig angesehen und mir erklärt, ob ich denn nicht unsere Kultur aufrecht erhalten wollte und ein nettes nigerianisches Mädchen heiraten wollte. Meine Antwort darauf war, dass sie mich vielleicht nicht in ein Land voller Weißer hätte schicken sollen, wenn sie das hätte verhindern wollen, worauf ich mir eine Ohrfeige eingefangen hatte. Danach hatte sie in regelmäßigen Abständen gefragt, wann ich gedachte, mich in Nigeria niederzulassen, und ihr Enkelkinder zu schenken. Ich schauderte kurz bei dem Gedanken, dass sie mich das vielleicht mit Hintergedanken fragte, wenn sie oder mein Vater oder womöglich beide mit Dayas Verschwinden zu tun hatten.

“Mit wem hast du telefoniert?” Celeste kam aus dem Badezimmer, nur mit einem Handtuch bekleidet, die Haare noch feucht, anscheinend war ihre Suche nach einem Haartrockner nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Sie roch unbeschreiblich gut, nach etwas Blumigen und Vanille, und ich musste mich sehr zusammenreißen, als sie sich neben mich aufs Bett kniete. “Mit meinem Vater. Wir treffen uns in zwei Stunden zum Essen.” Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. “Dann haben wir ja noch etwas Zeit für uns.” Sie stand auf, ließ das Handtuch fallen, dann machte sich mit einem koketten Lächeln daran, mein Hemd zu öffnen. Augenblicklich waren alle Gedanken an meine Eltern und meine Probleme mit ihnen nicht mehr wichtig.

Zwei Stunden später stand ich frisch geduscht und umgezogen vorm Hotel, als Amadi pünktlich vorfuhr. Er war seit ich denken konnte, ein Angestellter meines Vaters, ein schweigsamer Bär von einem Mann, der jetzt jedoch breit lächelte, als er mich sah. “Junge, du siehst gut aus”, meinte er und umarmte mich so heftig, dass mir die Luft wegblieb. “Steig ein. Dein Vater wartet schon.”
Amadi fuhr mich nach Victoria Island, wo mein Vater bereits in einem sehr exklusiven Restaurant auf mich wartete. Er sah gut aus – sogar besser, als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er war inzwischen vollkommen kahl, aber nicht aufgrund seines Alters, sondern weil er sich die Haare bis auf die Kopfhaut abrasierte. Dafür hatte er inzwischen einen ansehnlichen grauen Bart und trug eine runde Lesebrille. Noch immer war mein Vater ein großer Mann, größer als ich, was mir immer erst dann bewusst wurde, wenn ich vor ihm stand. Aber was meine Körpergröße anging, da kam ich eher nach meiner Mutter. Sie war klein und zierlich, und auch ihre Tochter war da keine Ausnahme, zumindest als ich das eine Mal einen kurzen Blick auf sie werfen konnte.
“Nelson!” Mein Vater umarmte mich, dann führte er mich zu einem Tisch, an dem er schon auf mich gewartet hatte. Ein Kellner kam und brachte uns schweigend die Karte. “Erzähl, wie geht es dir? Was macht die Wissenschaft? Und wie geht es dir in Amerika?” Während ich das Angebot studierte, prasselten die Fragen meines Vaters auf mich ein. Ich beschloss, erst einmal etwas zu Essen auszuwählen, bevor ich antwortete, so konnte ich mir meine Antworten besser überlegen. Am einfachsten war es, die politische Großlage zu diskutieren, auch in Nigeria war der US-Präsident aus den Tagesgesprächen nicht wegzudenken. “Ich bin jetzt an der University of Vermont, in Burlington”, erzählte ich ihm, auch wenn er das eigentlich schon wusste. “Ach jaja, du erwähntest das. Wie gefällt dir die Ostküste?” Ich berichtete von Vermont, das mir inzwischen zur zweiten Heimat geworden war, erwähnte kurz Ethan und Irene als “Freunde, die ich dort kennengelernt hatte” – das war ja nicht einmal gelogen – und erzählte von meinen Studien. Mein Vater hörte mir aufmerksam zu, während wir Getränke und später unser Essen bekamen.
Schließlich stellte er die Frage, die ihn als Vater wahrscheinlich am meisten interessierte, die er aber aus Höflichkeit hintan gestellt hatte. “Und privat? Wenn ich mich richtig erinnere, gab es da doch mal diese Dr. Hecker…” “Heckler”, korrigierte ich ihn, und mein anschließendes Seufzen ließ ihn besorgt eine Augenbraue hochziehen. “Sie hat geheiratet, einen englischen Lord, und lebt jetzt in England.” Mein Vater sah immer noch besorgt aus, also war es wohl doch eine gute Idee, ihm die Neuigkeit zu verkünden. “Nun, aber ich habe jemanden kennengelernt. Ihr Name ist Celeste Hamilton, aber es ist noch alles ganz frisch.” Jetzt lächelte er, ein breites, zufriedenes Lächeln. “Wunderbar. Erzähl mir ein bisschen von ihr. Und jetzt weiß ich auch, warum du so gut aussiehst, Junge.” Ich erzählte meinem Vater also von der wunderschönen rothaarigen Frau, die jetzt vermutlich immer noch zufrieden lächelnd in unserem Hotelbett schlief, und die dafür sorgte, dass ich begann, mich wieder wie ein ganzer Mensch zu fühlen. “Möchtest du sie mir… uns vorstellen?” fragte mein Vater schließlich. Ich schüttelte energisch den Kopf. “Nein, nein, das möchte ich nicht… noch nicht. Ich frage sie gerne, aber ich weiß nicht, ob das nicht noch zu früh ist.” Meiner Mutter wollte ich sie schon dreimal nicht vorstellen, ich hatte keine Lust auf vorwurfsvolle Blicke, weil ich schon wieder eine Weiße datete, und erst recht wollte ich nicht, dass Yewande Celeste mit Fragen nach einer Hochzeit und Kindern überfiel. Im Moment war ich vollkommen zufrieden mit dem, was wir hatten. Wir waren zusammen, und das allein zählte.

Als ich zurückkam ins Hotel, war Celeste wach, sie las die Tageszeitung und wirkte sehr konzentriert. Ich zog das Jackett aus und setzte mich neben sie. “Oh, hallo”, begrüßte sie mich. “Wie war euer Essen?” Ich seufzte, zog die Schuhe aus und legte mich neben sie auf die Bettdecke. Obwohl die Klimaanlage auf Hochtouren lief, war mir immer noch warm, vielleicht war ich die heimische Küche nicht mehr gewohnt. In Vermont brauchte man selten Essen, das einen ins Schwitzen brachte. “Heiß”, antwortete ich, ich war immer noch in Gedanken bei dem Restaurantbesuch. Zwar war das Gespräch mit meinem Vater sehr angenehm gewesen, aber mir schwirrte immer noch die eine Frage im Hinterkopf herum: Wo ist meine Schwester? Was zur Hölle habt ihr mit meiner Schwester gemacht, du und Mom? Am meisten Angst machte mir, dass beide vielleicht gar nichts damit zu tun gehabt hatten, sondern dass es am Ende meine Großmutter gewesen war, die die Schuld an Dayas Verschwinden trug. Aber warum hätten sie sich dann an diesem einen Abend in Seattle zusammentun sollen gegen das, was mich angegriffen hatte? Noch immer hatte ich keine Ahnung, wer oder was das gewesen war.
“Du wirkst nachdenklich”, meinte Celeste, während sie die Zeitung beiseite legte und sich mir zuwand. “Nein, es war wirklich ein schöner Abend.” Sie sah mich an. “Ja, genau. Wir kennen uns vielleicht noch nicht lange, aber dafür recht intensiv, und ich glaube nicht, dass du gerade ehrlich bist.” Ich erwiderte nichts, sondern schüttelte nur den Kopf. Eshu hatte recht, lügen konnte ich überhaupt nicht. Meine Mutter hatte immer sofort gewusst, wenn ihr Sohn nicht die Wahrheit sagte, und auch bei Felicity damals hatte ich mit meinen Ausreden wenig Erfolg gehabt. Offensichtlich war ich auch für Celeste ein offenes Buch.
“Du erinnerst dich an das, was ich über meine Schwester gesagt habe?” fragte ich sie. “Ja, sie ist tot… oder so etwas ähnliches.” Ich nickte. “Eher so etwas ähnliches.” Und dann begann ich, ihr alles zu erzählen: Die Begegnung an dem Abend in Seattle, die Visionen, die mich damals nach Arizona und später nach Campti geführt hatten, Sarahs Aussage über den dritten Weg und das Schweigen meiner Eltern. Celeste nickte nur, ab und an stellte sie eine Zwischenfrage, aber im Großen und Ganzen nahm sie das alles so hin. Wie gut, dass meine Freundin nicht nur klug, sondern auch mit dem Übernatürlichen vertraut war.
“Aber es gab doch eine Beerdigung? Wer lag denn dann im Sarg, wenn du damals gesehen hast, wie etwas Daya weggeschleppt hat?” Ich nickte, und die Erinnerung an den Tag nach Dayas Verschwinden war immer noch präsent, so als wäre es gestern gewesen. Mein Vater, der schweigend durchs Haus gelaufen war, während meine Mutter versucht hatte, mich zu trösten und meine nächtliche Beobachtung als Versuch, das Erlebte zu verarbeiten, abgetan hatte. Meine Großmutter, die meine Mutter nur zornig angesehen hatte, und dann verschwunden war, um den babalawo zu holen. Als ich begehrte, meine Schwester noch einmal zu sehen, um mich von ihr zu verabschieden, wurde mir gesagt, dass Daya fortgebracht worden war, und man mir den Anblick ersparen wollte. Damals hatte ich das hingenommen, ich war sechs Jahre alt, und man hatte mir gerade einen Teil meines Selbst weggenommen, einen Teil, der nie wieder nachwachsen würde. Seit diesem Tag war da immer diese Leere in mir gewesen, der Platz in meinem Herzen, wo eigentlich meine Schwester sein sollte.

Ich betrachtete Celeste. Konnte sie diesen Platz wirklich ausfüllen? Wir waren doch erst ganz am Anfang, wie sie bereits gesagt hatte, kannten wir uns kaum, aber ich hatte selten ein so gutes Gefühl bei einer Beziehung gehabt wie bei dieser. Wir interessierten uns für die gleichen Themen, wir konnten über die gleichen Witze lachen, und auch auf anderer Ebene funktionierte diese Beziehung so gut wie lange keine mehr. Nein, eigentlich wie keine vorher. “Und was denkst du jetzt?” wollte Celeste wissen, nachdem ich mit meinem Bericht geendet hatte und ich sie für eine Weile nur schweigend angesehen hatte. “Dass ich wirklich Glück habe”, antwortete ich. Sie zog eine Augenbraue hoch. “Das freut mich.” Sie beugte sich vor und küsste mich lächelnd. Dann wurde sie wieder ernst. “Ich weiß es zu schätzen, dass du mir diese Sache erzählt hast. Das ist nicht selbstverständlich.” Ich sah sie überrascht an, doch sie legte mir einen Finger an die Lippen. “Nein, nicht jetzt. Du und ich, das ist… ich weiß es nicht. Überleg doch mal, vor zehn Tagen kannten wir uns noch nicht einmal, und jetzt liegen wir hier nebeneinander im Bett und du erzählst mir solche Dinge. Ich glaube nicht, dass mir das jemals vorher passiert ist.” Sie küsste mich noch einmal. “Celeste, ich…” Für einen Moment musste ich an Felicity denken, als wir am nächsten Morgen in ihrem Bett aufgewacht waren und uns klar geworden war, dass dies das Ende unserer Freundschaft oder der Beginn von etwas Neuem sein musste. Sie hatte das einige Zeit in der Schwebe gelassen, und mir dann eine Email geschickt, dass ich so ein guter Freund sei und sie das nicht aufs Spiel setzen wollte. Eine Email! Ich dachte an Eshus Worte, und vielleicht hatte er wirklich recht, und Felicity liebte nur sich selbst. Aber Felicity war Geschichte, endgültig, und Celeste war die Gegenwart. “Geht es dir zu schnell?” wollte sie jetzt wissen, sie klang ein wenig besorgt. Ich schüttelte den Kopf. Immerhin war ich derjenige, der sie gefragt hatte, ob sie mit mir zusammen sein wollte. “Mir? Bestimmt nicht. Ich hatte mehr Angst, dass ich dich vielleicht überfahre, nur weil wir einmal im Bett waren..” Jetzt begann sie zu lachen. “‘Einmal im Bett’ nennst du das? Ich wollte dich von Anfang an, was glaubst du, warum ich dich nach einem Date gefragt habe? Normalerweise falle ich nicht so mit der Tür ins Haus.” Das überraschte mich jetzt doch. Ich hatte mich nie als den Typ Mann gesehen, der Frauen durch besondere Attraktivität auffiel. Eigentlich hatte ich mich gerade nach der Sache mit Felicity als den Typen gesehen, mit dem man gut reden konnte, der zum Ausheulen da war und der sprang, aber für den Sex und die Beziehungen waren andere zuständig. Isobel hatte mich für einen Typen abserviert, der inzwischen für die UKIP im EU-Parlament saß, ihre Nachfolgerin hatte mir rundheraus erklärt, dass ich es nicht wert war, dass sie wartete, während ich in Amerika war, geschweige denn, dass sie mich begleitete. Und dann kam Felicity. Für einen Moment spürte ich noch einmal den Stich, den sie mir versetzt hatte, als sie mir Alfred vorgestellt hatte. Nein, diese Frau hatte immer nur sich selbst geliebt. Wahrscheinlich war selbst Niels nur ein Mittel zum Zweck gewesen.
Ich sah Celeste an, betrachtete sie, wie sie nur mit einem weißen Trägerhemd bekleidet neben mir lag, und der Ausdruck in ihren grünen Augen sagte mehr als tausend Worte. Wir waren vielleicht noch am Anfang, aber es war der Beginn von etwas ganz Großem.

Die nächsten beiden Tage verbrachten wir in Lagos, bevor die Reise Richtung Norden beginnen sollte. Wir hatten noch einiges zu tun, zum Beispiel uns neu einzukleiden. Es war für mich ungewohnt, die Anzüge, Hemden und handgefertigten Schuhe beiseite zu lassen und Jeans, T-Shirts und feste Stiefel zu tragen, aber ich musste an Irene und den Roten Hügel denken und mein völlig falsches Schuhwerk. Celeste kicherte, als sie mich in dieser Aufmachung sah, dann bedauerte sie, dass T-Shirts keine Knöpfe hatten. “Ich hab mich schon daran gewöhnt, dir die Hemden aufzuknöpfen”, meinte sie mit einem gespielten Schmollen, und ich demonstrierte ihr nur zu gerne die Vorteile von T-Shirts.

Später am Abend wachte ich wieder auf, irgendetwas hatte mich geweckt. “Daya?” flüsterte ich in die Dunkelheit, doch ich erhielt keine Antwort. Dann musste es etwas anderes gewesen sein.

Was ist los?

Auch hier nur Schweigen. War es die ungewohnte Umgebung? Die bevorstehende Reise in den Norden? Oder etwas mit Celeste? Ich betrachtete sie, sie schlief tief und fest, ihre roten Haare wie eine Mähne um sie herum ausgebreitet. Sollte ich sie wecken? Aber was sollte ich ihr sagen? “Ich kann nicht schlafen”? Nein, das klang etwas kindisch. Sie drehte sich jetzt im Schlaf um, ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie war so wunderschön, und ich konnte immer noch nicht glauben, dass diese Frau ausgerechnet mich ausgesucht hatte. Mein Blick fiel auf die Mini-Bar, und vor meinem geistigen Auge erschien ein abgewohntes Motelzimmer in Sundance, Wyoming. Abgesehen von einem Feierabend-Bier mit Ethan hatte ich seit diesem Tag nichts mehr getrunken, und im Moment hatte ich auch nicht das Bedürfnis danach. Dennoch gingen meine Gedanken zu diesen Tagen im August zurück. Vielleicht hatte es keine Apokalypse gegeben, aber meine Welt war danach nicht mehr dieselbe gewesen. Ich hatte in den Abgrund gesehen, hatte Dinge gesehen, die ich nicht für möglich gehalten hatte. Engel, Dämonen, Geister, Höllenhunde… Meine Fahrt nach Kansas mit Cal fiel mir ein, und ich musste schmunzeln. Er hatte mich gehasst, dessen war ich mir sicher, und ich konnte ihn verstehen. Aber viel reden war offensichtlich meine Taktik, um das Erlebte zu bewältigen. Männer wie Cal redeten nicht, Männer wie Cal handelten. Ich hatte ihn seit diesem Tag im August nicht mehr gesehen, und die alte Frau, die mich auf der University Bridge angesprochen hatte, fiel mir ein. Ihre Freunde brauchen Sie. Die Engländerin. Und der schweigsame junge Mann. Vielleicht auch der alte Jäger.
Plötzlich wusste ich, warum ich nicht hatte schlafen können: Ich hatte Heimweh. Zum ersten Mal wünschte ich mir, nach Hause zu fliegen und mit Celeste durch Burlington zu spazieren, ihr Ethan und Irene vorzustellen, und endlich nach Arkansas zu fahren, um Barry zu besuchen und seine Familie kennenzulernen.
Vorsichtig stand ich auf und ging zu meiner Tasche, um mein Notebook zu holen. Als ich wieder zum Bett kam, blinzelte Celeste mich verschlafen an. “Was machst du da?” wollte sie wissen. “Oh, ich wollte dich nicht wecken, ich hab nur den Laptop geholt.” Sie sah selbst so verschlafen aus wie eine Göttin, und ich beugte mich zu ihr herunter und küsste sie. “Was willst du mitten in der Nacht mit dem Laptop?” “Ich… ich hatte Heimweh. Ich wollte meinen Freunden schreiben. Du erinnerst dich, Ethan, Irene und Barry?” Sie lächelte und gähnte. “Ja, natürlich.” Sie fuhr sich durch die Haare, dann zog sie die Decke hoch und drehte mir den Rücken zu. “Gute Nacht, Oluwasegun. Nächstes Jahr will ich die Leute alle kennenlernen, aber jetzt will ich schlafen.” Ich sah sie lächelnd an. Nächstes Jahr schien so weit weg, aber ich würde sie beim Wort nehmen.

Ich klappte den Laptop auf und überlegte, was ich schreiben sollte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich Ethan allein ließ, er war immer noch auf der Suche nach einem Mittel gegen den Fluch. Sollte ich Celeste einweihen? Aber irgendwie war ich mir sicher, dass Ethan nicht begeistert wäre, wenn ich seine Geschichte mit der ganzen Welt teilte, auch wenn er Celeste sicher mögen würde. Abgesehen davon, seit ihrer Enthüllung in unserer ersten Nacht und dem Gespräch über Daya hatten wir nicht mehr über das Übernatürliche gesprochen, und ich war sehr froh darüber. Es gab genug andere Themen, über die wir reden konnten.

Nachdem ich meine Emails geschrieben hatte, saß ich eine Weile im Bett und sah auf den Bildschirm. In Vermont war es jetzt 19 Uhr, Zeit, sich auf ein Bier zu treffen oder Essen zu gehen. Die Studenten machten sich fertig für die Abendveranstaltungen, und der Campus befand sich in dieser besonderen Zeit zwischen Tag und Abend. Ich hatte wirklich Heimweh, interessanterweise hatte ich dieses Gefühl bei Seattle nie gehabt. Das bestätigte mich nur noch einmal in meinem Entschluss, nach Möglichkeit nie wieder einen Fuß in diese verregnete graue Stadt am Ende der Welt zu setzen. Meine Zukunft hieß Neu-England. Allerdings blieb abzuwarten, ob sie in Vermont oder in Connecticut stattfand.

Nachdenklich las ich noch einmal die Antwort von Irene auf meine Abschiedsmail. Sie vermutete, dass ich aufgrund der politischen Großlage das Land verlassen hatte. Aber als Schwarzer hatte ich schon immer mit Anfeindungen zu kämpfen gehabt, in England, in Seattle und im ach so liberalen Vermont. Ein Anzug und teure Schuhe halfen da nur bedingt, das machte mich manches Mal nur umso verdächtiger, denn wie sollte einer wie ich schon zu Geld kommen, wenn nicht durch kriminelle Umtriebe. Nein, Rassismus war in meinem Leben allgegenwärtig, war er schon immer gewesen, und daran würde sich so schnell nichts ändern. Die einzige Befürchtung, die ich hatte, war, dass ich nicht wieder in Amerika einreisen durfte, weil man mich für einen Moslem hielt. Aber das waren momentan reine Gedankenspiele, denn ich hatte festgestellt, dass etwas anderes in Irenes Mail meine Aufmerksamkeit gefesselt hatte:

Wenn du übrigens bei deinen Forschungen auf eine Möglichkeit stoßen solltest, wie man eine beschädigte Seele flickt – und ich meine keine Psychotherapie, sondern Ernsteres – , dann lass es mich baldigst wissen.

Ich erinnerte mich an den Moment, in dem De Vries AC hinterrücks erstochen hatte. Cal hatte sich für den Bruchteil einer Sekunde an die Brust gefasst, und ich hatte zunächst vermutet, dass er einen Herzinfarkt hatte. Bei seiner Lebensweise wäre das nicht verwunderlich, er rauchte und trank, und seine Ernährung war bestimmt auch nicht von Whole Foods. Aber dann hatte er sich wieder aufgerichtet und gewirkt, als sei nichts gewesen, und am Morgen nach der Apokalypse hatte ich nur das Weite gesucht, weil ich nicht wollte, dass jemand erfuhr, dass mein Kopf nicht mehr länger mir allein gehörte. Irenes Zeilen jedoch lasen sich so, als sei doch wesentlich mehr passiert. Ich fluchte, etwas, was ich nur höchst selten tat, und ich war froh, dass Celeste gerade nicht im Zimmer war.
Ich hatte Irene gefragt, ob ich mit meiner Vermutung bezüglich Cal recht hatte, und zwischen den Zeilen las ich, dass dem so war.

Ich möchte nicht, dass meine Antwort deine Motivation schmälert. Bitte schick mir einfach jede Information, die du findest.

Glaubte sie wirklich, dass ich für Cal eine Ausnahme machen würde? Wir waren keine Freunde, würden sicher auch nie welche werden, aber wir hatten das damals in Wyoming nur deswegen überlebt, weil wir alle vier zusammen gearbeitet hatten. Genau das schrieb ich ihr auch. Und wenn sie der Meinung war, dass ich es nicht für Cal tat, dann tat ich es für sie. Irene war aufbrausend, arrogant und manchmal nur in kleinen Dosen zu ertragen, aber viel wichtiger war, dass sie loyal und zuverlässig war. Außerdem hatte ich in ihr quasi einen “fellow Brit” gefunden. Für Irene, Ethan und auch für Cal und Barry würde ich alles tun. Ich betrachtete diese Menschen als meine Freunde, und zwar anders als Griff oder meine anderen Studienfreunde. Keiner von ihnen würde verstehen, was ich im letzten Jahr durchgemacht hatte, warum ich bereit gewesen war, von der University Bridge zu springen. Diese vier Menschen jedoch wussten genau, was in mir vorging, und womit ich kämpfte.

Orisha
‘Cause I am the monster in your mind
The reason for your sleepless night
I’m the monster in your head
Still waiting in your bed
Can’t escape I’ll be your fate
‘Cause I’m the monster in your mind

(Broach – Monster in your mind)

Am nächsten Tag begann unsere eigentliche Forschungsreise. Mit zwei Jeeps und einem klapprigen Minibus ging es auf die Fahrt nach Abuja. Bei uns im Wagen saß neben dem Ehepaar Kearney und dem Fahrer, einem schweigsamen Hausa, auch noch der Guide, Adebayo. Obwohl er unverkennbar auch ein Hausa war, trug er einen Yoruba-Namen. Sein Vater sei Yoruba gewesen, was mich etwas stutzen ließ. Meine Leute waren in der Hauptsache Christen, während die Hausa fast ausschließlich Muslime waren, und in Nigeria vertrug sich das eine mit dem anderen so überhaupt nicht. Aber ich wollte Adebayo nicht danach fragen, und es war auch letztlich nicht wichtig. Er war ein fröhlicher junger Mann, der sich eigentlich sein Geld damit verdiente, Touristen zu führen im Auftrag einer Reiseagentur. Dass er nun für ein Jahr unser Guide sein sollte, hatte ihm sehr geschmeichelt, und gab ihm gleichzeitig die Möglichkeit, genug Geld zu sparen, damit er endlich seine Verlobte heiraten konnte. Er hatte ausgehandelt, dass wir ihn in sein Dorf im Norden begleiten würden, denn Murray wollte auch alles über die Gebräuche der Hausa wissen.

Als wir kurz Rast machten, zog Adebayo sein Smartphone aus der Tasche und zeigte mir das Bild eines jungen Mädchens, vielleicht 18 oder 20. “Meine Verlobte. Thamina. Wir werden hoffentlich bald heiraten.” Er grinste, und ich konnte sehen, dass es ihm wirklich ernst war. Dann sah er an mir vorbei zu Celeste, die sich gerade mit Ruth Kearney und einem der Techniker unterhielt. “Ist die weiße Lady deine Frau?” fragte er, denn er hatte durchaus unseren vertrauten Umgang miteinander gesehen. Ich schüttelte den Kopf. “Meine… Freundin.” Adebayo nickte. “Aha”, machte er nur, das Konzept “Freundin” war ihm natürlich vertraut, aber es war eher ungewöhnlich in der streng religiösen Gesellschaft der Hausa. Ich runzelte die Stirn, kam da etwa noch Ärger auf Celeste und mich zu? Ich erinnerte mich an ihre Aussage, bevor wir zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten: “Noch sind wir in Gefilden, wo wir das können und dürfen.” Würde das irgendwann ein Problem werden? Ich wollte niemanden in seinen religiösen Gefühlen verletzen, also mussten wir wohl sehr vorsichtig sein.

Abuja war eine Stadt ohne Seele und Tradition, vor 50 Jahren aus dem nigerianischen Lehm gestampft, eine​ Planstadt voller weißer Gebäude und gerader Straßen. Gegenüber Lagos wirkte sie geradezu steril unafrikanisch, aber Murray hielt einen Besuch der nigerianischen Hauptstadt für unabdingbar. Ich fühlte mich hier nicht wohl, oder besser, Eshu fühlte sich hier nicht wohl.

Dieser Ort besitzt kein Herz, keine Seele. Er ist eigentlich tot.
Aber wir machen hier nunmal Station. Schaffst du das?
Möglich.

Ich seufzte. “Was ist los?” Celeste und ich saßen auf unserem Hotelbett, sie hatte bis eben gelesen, während ich versucht hatte, die Anspannung des Tages loszuwerden. Bei Eshus Bemerkung über die Seele war mir wieder etwas eingefallen, aber ich brauchte einen klaren Kopf. “Ich muss hier raus”, erklärte ich ihr, denn ich befürchtete, dass bereits ein rot-schwarzer Schatten durch meine Augen huschte.

Muss das sein? Warte, bis ich vor der Tür bin
Eines Tages wird sie es sowieso erfahren müssen. Warum dann nicht jetzt?
Weil ich das gerne bestimmen will!
Oh, Oluwasegun, wann begreifst du endlich, dass ich derjenige bin, der das Sagen hat? Ich bin ein Orisha!
Wenn ich mir eine Kugel in den Kopf jage, bist du die längste Zeit einer gewesen!
Sachte, sachte. Warum so aggressiv? Und du hasst Schusswaffen. Punkt für mich.

Unruhig lief ich im Zimmer auf und ab, weil ich es nicht wagte, in den Spiegel zu sehen. “Es tut mir leid, aber ich muss dringend vor die Tür”, wiederholte ich, während Celeste mich nur misstrauisch ansah. “Hast du einen Sonnenstich? Oder irgendwas genommen? Ich meine, die Medikamente für die Malaria-Prophylaxe sind nicht so ohne…” überlegte sie, aber ich schüttelte den Kopf. “Nein, nein, es ist nichts, es ist nur…” Ein Ruck durchfuhr meine Wirbelsäule, und ich wusste, gleich war ich nicht mehr ich selbst. “Soll ich dich begleiten?” fragte Celeste jetzt, aber ich schüttelte nur wortlos den Kopf und stürmte hinaus.

Als ich mich umsah, war es bereits dunkel, und ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Von irgendwoher ertönte Musik, die Straßen waren weitestgehend leer, und ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Er hatte es also schon wieder getan. Ich sah an mir herunter. Meine Kleidung war in Ordnung, meine Brieftasche hatte ich noch, auch mein Telefon war noch da, aber ich hatte kein Netz. In meinen Hosentaschen befanden sich keine Tütchen mit weißem Pulver oder Pillen, keine Geldbündel zweifelhafter Herkunft und auch keine Telefonnummern mir unbekannter Frauen. Ich erinnerte mich kurz daran, dass ich in Seattle in einer Absteige wach geworden war, neben mir eine Latina, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, und die ich auch nicht näher hatte kennenlernen wollen. Sie war immerhin in Begleitung einer Blondine und eines menschlichen Kleiderschranks gewesen – das schloss ich aus den anderen zwei Personen in dem Zimmer – und unserem Bekleidungszustand nach zu urteilen, hatten wir nicht nur über Wetter und Politik diskutiert. Ich hatte in Windeseile meine Kleidung zusammen gerafft, mich vor der Tür angezogen und dann das nächste Krankenhaus aufgesucht. Es waren die längsten 48 Stunden meines Lebens gewesen, bis die Ärzte mir mitgeteilt hatten, dass Eshus Orgie keine weiteren Folgen gehabt hatte.

Was hast du diesmal gemacht?
Nur ein wenig Sightseeing. Ein paar Kartenspiele. Nichts Ernstes.

Vor meinem inneren Auge erschien das Bild einer Spielhölle mit dubiosen Gestalten, die nicht gerade erbaut waren, dass Eshu sie abgezockt hatte. Wahrscheinlich hatte ich auch deswegen kein Geld mehr in den Taschen. Irgendwie musste ich aber wieder zurück ins Hotel kommen, und so beschloss ich, ein Stück zu laufen. Vielleicht fand ich dann heraus, wo ich war, oder ein Taxi, im Hotel hatte ich ja noch Geld. Außerdem konnte ich so ein wenig nachdenken, denn Eshus Alleingang hatte mich auf eine Idee gebracht. Ich zog mein Telefon aus der Tasche. Ein wenig Netz.

Irene,
was sagen Dir die Orishas? Könnte das vielleicht eine Lösung sein?

Bevor ich mehr schreiben konnte, fiel mein Blick auf einen Taxistand. Vielleicht kam ich doch schneller wieder ins Hotel, als ich gedacht hatte.

Das war ich dir schuldig.

Eilig drückte ich auf “Senden”, ohne mich von ihr zu verabschieden, und stieg in ein Taxi.

Am nächsten Morgen hatte ich eine Antwort von Irene. Ich stellte mir vor, wie sie seufzend und die Augen verdrehend die Mail las, und genauso kam mir ihre Antwort vor.

Orishas? Nicht viel. Wollen sie mir sagen, dass du von einem besessen bist und jetzt nur noch in kryptischen Andeutungen sprechen kannst?
IHW

Ich schüttelte den Kopf, als ich ihre Nachricht las. Bevor ich etwas erwidern konnte, piepste mein Telefon erneut, und eine Email von Barry erschien in meinem Posteingang.

Hallo Nelson,
ich hätte es fast vergessen: Du hast mich zu dieser Kurzgeschichte inspiriert, “Der Trickster im Elfenbeinturm”. Würde eine kurze Widmung davor schreiben, “für Nelson” oder “für Dr. Nelson Akintola” oder “für N.”
Weiß nicht genau, was dir am liebsten wäre.
Grüße
BJ

Barry hatte es also tatsächlich getan und Eshus Geschichte in einer seiner Arbeiten einfließen lassen. Ich war gespannt, was er sich hatte einfallen lassen, denn bisher hatte ich noch keines seiner Bücher gelesen, ich war kein großer Freund von Trivialliteratur.
“Was machst du da?” wollte Celeste jetzt wissen, während sie ihre Sachen packte für das erste Seminar an der Universität von Abuja. “Ich schreibe noch ein paar Mails. Ich bin gleich soweit.” Sie nickte, dann kam sie zu mir herüber und schlang ihre Arme um mich. “Alles in Ordnung mit dir? Du warst gestern abend so komisch. Und ich muss gestehen, dass ich mir etwas Sorgen gemacht habe. Als ich dich angerufen habe, klang deine Stimme so seltsam.” Ich fuhr zusammen. Hoffentlich war das nicht wieder so wie bei Felicity, warum hatte er mir nichts gesagt? Seine Worte in Heathrow fielen mir wieder ein. Danach zu urteilen, würde er unserer Beziehung nicht schaden, aber wenn man sich auf eines nicht verlassen durfte, dann auf das Wort eines Tricksters.
“Was…. wieso?” Ich wollte Celeste gerne sagen, was passiert war, aber ich konnte mich immer noch nicht dazu durchringen. “Du klangst irgendwie viel afrikanischer als sonst”, erklärte sie, dann lächelte sie. “Ich glaube, du warst mit irgendwelchen Ortsansässigen unterwegs, soviel habe ich verstanden. Der Akzent ist grauenhaft.” Ich spürte, wie mir ein Stein vom Herzen fiel, ich löste mich vorsichtig aus Celestes Armen und küsste sie. Sie lachte, dann versuchte sie, mir vorzusprechen, wie es klang, wenn Eshu sprach, was aus ihrem Mund noch seltsamer klang als aus meinem. “Ich gehe schon mal nach unten, Ruth wollte mir etwas geben.” Ich nickte, mir war eingefallen, dass ich den Akku meines Tablets nicht eingepackt hatte. Kaum war Celeste aus dem Zimmer, spürte ich, wie mir schwindelig wurde. Nicht schon wieder. Abuja war keine Stadt für Eshu, es wurde Zeit, dass wir hier verschwanden.

Er hatte inzwischen nicht nur gelernt, SMS zu verschicken und ein Telefon zu bedienen, wie ich später feststellte, nein, auch Emails waren inzwischen kein Problem mehr für den Herrn der Wege. Barry hatte er um eine Widmung gebeten – na, wenn er meinte, auch der Indianer wusste Bescheid über denjenigen, der meinen Kopf zu seiner Zweitwohnung erkoren hatte. Als kritischer empfand ich seine Mail an Irene. Auch wenn sie ebenfalls wusste, wer ihr da geschrieben hatte, die Forderung, dass sie seine Hilfe bezahlte, konnte ich nicht gutheißen. Trickster-Gefallen kamen selten ohne Gegenleistungen, das wusste niemand besser als ich. Aber dennoch, ich hatte das Gefühl, dass ich mit meiner Idee auf dem richtigen Weg war. Und wenn der Seiteneffekt war, dass Eshu in meinem Namen durch die Gegend mailte, konnte ich damit leben. Er hatte mir schon wesentlich Schlimmeres angetan.

Auf dem Weg nach Kaduna einige Tage später hatte ich endlich die Zeit, mich bei Irene und Barry zu entschuldigen. Ich versprach Irene, das ich mich melden würde, sobald ich ein wenig mehr herausgefunden hatte. Barry hingegen schickte mir als Antwort die Geschichte, die er über den Trickster geschrieben hatte, er redete sich damit heraus, dies vergessen zu haben, weil er ein gebrochenes Bein hatte. Ich spürte, wie ich eine Augenbraue hochzog, das klang nicht gut. Ich erinnerte mich an Ethans Mail, in der er mir von einem Höllentor berichtet hatte, und dass die Sache nicht ganz so glimpflich abgelaufen war. Vermutlich hatte sich Barry dabei verletzt.
Ich las die Geschichte und musste doch das eine oder andere Mal schmunzeln, was mir wiederum eine hochgezogene Augenbraue von Celeste einbrachte. Wortlos reichte ich ihr das Telefon, und plötzlich machte sich ein Ausdruck auf ihrem Gesicht breit, den ich bisher ein einziges Mal gesehen hatte, nämlich in dem Moment, als sie mich mehr oder weniger erkannt hatte. “Du kennst Barry W. Jackson? DEN Barry W. Jackson?” Die Geschichte interessierte sie im Moment zum Glück nicht so sehr, was ich begrüßte, denn ich wollte ihr immer noch nicht erzählen, was Barry inspiriert hatte. “Äh… ja”, war alles, was ich herausbrachte, denn bisher hatte ich noch nicht einmal gewusst, dass Barry einen zweiten Vornamen hatte, der mit “W” begann. Ich war wirklich ein toller Freund. “Ich liebe seine Bücher. Wo habt ihr euch kennengelernt?” Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass wir uns auf einer Konferenz getroffen hatten, wobei ich die Begegnung mit Dr. Fairchild wohlweislich verschwieg. Meine Freundin musste nicht wissen, wer von meinen Bekannten alles ein Jäger war, das würde sie noch früh genug erfahren.
Unsere restliche Korrespondenz beschränkte sich darauf, dass wir über Westafrika redeten, ich lud Barry und Ethan ein, mich eines Tages hierhin zu begleiten. Außerdem hoffte ich, dass sie im nächsten Jahr beide Celeste kennenlernen würden. Für den Moment konnte ich meine Sorge um Irene und Cal ein wenig beiseite schieben, denn ich wusste, was immer auch kommen mochte, ich würde es nicht alleine durchstehen müssen, und sie auch nicht.

Celeste
I feel it all the time
Felt it all around you
You had me under spell right from the start
But I don’t have a telepathic heart

(Starset – Telepathic)

Die folgenden Tage vergingen wie im Flug. Tagsüber widmete ich mich meinen Studien und Irenes Forschungen, während die Abende und die Nächte Celeste gehörten. Ich hätte niemals für möglich gehalten, dass ich einem anderen Menschen noch einmal so nahe sein würde. Dennoch stand immer noch etwas zwischen uns, aber ich war immer noch nicht gewillt, ihr zu sagen, dass wir im Grunde genommen unter ständiger Beobachtung standen und ich nicht alleine in meinem Kopf war. Eshu hatte sich seit Abuja nicht mehr gemeldet, vielleicht, weil wir das Yoruba-Land schon lange verlassen hatten. Dennoch befand ich mich seinetwegen in einem ständigen Zustand der Wachsamkeit. Ich hatte Angst, dass er sich eines Tages doch einfach nahm, was er wollte, und an meiner Stelle mit Celeste schlief. Natürlich konnte ich das verhindern, indem ich ihr einfach reinen Wein einschenkte, aber ich wusste einfach nicht, wie. Ich liebte diese Frau von ganzem Herzen, und ich hatte immer noch Angst, dass sie mich wieder verließ, auch wenn diese Angst von Tag zu Tag weniger wurde. Wir waren einfach auch ein gutes Team, wir konnten über die gleichen Dinge lachen, über die gleichen Themen sprechen – auch wenn ich bei Barrys Romanen passen musste, womit Celeste mich immer wieder aufzog.

Eines Abends wirkte sie jedoch sehr nachdenklich. Sie lag in meinem Arm, die warme Luft strich über unsere Körper. Ich spürte, wie mir die Augen zufielen, aber noch wollte ich nicht schlafen, irgendetwas hielt mich wach. Celeste hatte ihre Augen geschlossen, schweigend fuhr sie mit ihren Fingerspitzen über meine Brust. “Ich muss dir etwas sagen”, begann sie plötzlich, “ich weiß, es ist noch viel zu früh, aber ich weiß nicht, wann ich das nächste Mal Gelegenheit dazu habe.” Ich strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, während ich diese wunderbare Frau, deren Kopf an meiner Schulter ruhte, betrachtete. “Du kannst mir alles sagen”, erklärte ich. Sie sah zu mir hoch, und der Blick aus ihren smaragdgrünen Augen ging mir durch und durch. Das hier war nicht einfach nur eine Liebelei unter Kollegen, das hier war mehr. Viel mehr. Celeste lächelte, während sie mich betrachtete. “Du machst mich glücklich, Oluwasegun. In jeder Hinsicht. Und deswegen sage ich dir etwas, was ich hoffentlich nicht bereue.” Sie machte eine kleine Pause, aber ich ahnte es. Wenn sie es nicht sagte, dann wäre es gleich an mir. “Ich liebe dich, Oluwasegun”, flüsterte sie. Ich küsste sanft ihre Haare, die nach Vanille dufteten. “Ich liebe dich auch, Celeste”, antwortete ich leise, obwohl ich mir sicher war, dass ich das, was ich fühlte, eigentlich nicht in Worte fassen konnte.

Es war eine lange Fahrt von Kaduna in das Dorf, aus dem Adebayo stammte. Während Celeste mit dem Kopf an meiner Schulter schlief, durchforstete ich meine Bücher. Inzwischen hatte auch Ethan mir geschrieben und mich um eine Lösung für Cal gebeten, und ich überlegte, ob ich nicht einfach meine Sachen einpacken und nach Hause fliegen sollte. Aber würde Celeste mich begleiten? War ich bereit, sie zurückzulassen für meine Freunde?
Plötzlich stoppte der Bus, der Fahrer sprang hinaus, gefolgt von Adebayo und Professor Murray. Celeste wachte auf und sah mich verschlafen an. “Was ist los?” murmelte sie. Ich antwortete nicht, sondern bedeutete ihr, sitzen zu bleiben, ich wollte erst einmal nach dem Rechten sehen.
Eine Gruppe Menschen stand vor dem Bus und redete auf Adebayo ein, der verzweifelt versuchte, Ruhe in die Menge zu bringen. Als sie mich sahen, stürmten sie auf mich ein, während sie Murray ignorierten. “Ruhe!” rief ich, bei meinen Studenten klappte das schließlich auch meistens. Tatsächlich gelang es mir, einige der Menschen zum Schweigen zu bringen, und ein alter Mann trat vor. Er trug traditionelle Hausa-Kleidung und musterte mich ein wenig misstrauisch. “Wir müssen euch warnen, Sahib. Es ist nicht sicher in dieser Gegend.” Adebayo neben mir machte große Augen und schob sich nachdenklich seinen Kufi aus der Stirn. “Was meinst du damit?” fragte er den Alten. Der begann nun, in einem wirren Gemisch aus Arabisch und Hausa auf Adebayo einzureden, bis der junge Mann ihm bedeutete, einen Gang zurückzuschalten. “Hier in der Gegend haust der Herzfresser”, erklärte der Alte nun und senkte auch seine Stimme. Ich sah zu Adebayo, doch der schüttelte nur den Kopf. “Das ist eine Legende, die seit einiger Zeit in den Dörfern hier umgeht”, meinte er, doch er wirkte dabei keineswegs besonders sicher. Ich übersetzte rasch für Murray, was der alte Mann gesagt hatte, denn so konnte ich Zeit zum Nachdenken gewinnen. Vor etwas mehr als einem Jahr hätte ich den Alten als Spinner abgetan, als jemanden, der in einer Welt des Aberglaubens und der Märchen lebt. Aber inzwischen wusste ich es besser, und ich würde mich hüten, das, was der alte Mann sagte, ins Reich der Legende zu verweisen.
Murray jedoch war ganz Wissenschaftler in diesem Moment. Nichts konnte ihn in seiner Rationalität erschüttern. “Sagen Sie dem Mann, dass wir seine Bedenken zur Kenntnis genommen haben”, meinte er und machte Anstalten, wieder in den Bus zu steigen. Ich nickte und wollte gerade übersetzen, als in meinem Kopf ein Bild auftauchte.

Celeste liegt auf einer Art Operationstisch, um sie herum Schläuche, Apparaturen, blinkende Monitore. Neben ihr steht ein Mann, er trägt einen weißen Kittel, und in seiner Hand hält er ein menschliches Herz. Celestes Herz.

So schnell, wie die Vision erschienen war, war sie auch wieder verschwunden, aber ich schüttelte dennoch energisch den Kopf. “Dr Akintola, ist mit Ihnen alles in Ordnung?” fragte Murray mich besorgt. “Ja.. Ja. Alles in Ordnung. Vielleicht ist mir gerade ein Moskito zu nahe gekommen”, log ich und hoffte, dass der Schotte mir glaubte. Aber Murray interessierte sich wieder mehr für seine eigene Bequemlichkeit, er brummte etwas und stieg zurück in den Bus. Ich wandte mich wieder dem Alten zu und erklärte ihm, was Murray gesagt hatte, doch meine Gedanken waren noch bei der Vision.
Sicher, es war nicht das erste Mal gewesen, dass mir so etwas passierte, ich dachte an Anansis Schleier oder die Vision vom Feuer, bevor ich nach Arizona aufgebrochen war. Aber bisher waren das nur Bruchstücke gewesen, Teile eines Ganzen, das ich mir vor Ort selber zusammensetzen musste. Niemals zuvor hatte ich so klar gesehen, und das machte mir in Kombination mit dem, was ich gesehen hatte, mehr Angst als alles, was ich jemals zuvor erlebt hatte.

Am Abend erreichten wir Adebayos Dorf, und der alte Mann und seine Warnung waren längst kein Thema mehr. Ich hatte Celeste zwar erzählt, was er gesagt hatte, aber meine Vision wohlweislich für mich behalten. Außerdem versuchte ich mir einzureden, dass Daya diesmal nicht aufgetaucht war in meinen Gedanken, also konnte es gar keine echte Vision gewesen sein. Die Vorstellung, dass Celeste irgendetwas zustoßen könnte, war äußerst unangenehm, nichts wollte ich lieber verhindern.
Doch Adebayo schaffte es schließlich, mich aus meinen Gedanken zu holen, wenn auch unfreiwillig. Nachdem wir abgeladen hatten, kamen ein paar Leute aus dem Dorf zu uns, neben den Ältesten auch eine junge hübsche Frau, die mir vage bekannt vorkam, und eine ältere Frau mit verbitterten Zügen. Die junge Frau lächelte Adebayo schüchtern zu, was ihr einen Seitenblick der Älteren und einem der Männer einbrachte, und dann wusste ich auch wieder, wo ich sie schon einmal gesehen hatte: Sie war Adebayos Verlobte. “Das ist Thamina. Und das ist Ayda, meine Mutter”, stellte der Guide nun die beiden Frauen am Ende der Runde vor. Hätten Blicke töten können, wäre ich in diesem Moment gestorben. “Du bist nicht, was du zu sein scheinst”, sagte Ayda nur und machte das Zeichen gegen den bösen Blick. Ich spürte, wie ich zu zittern begann. Ich sah zu Celeste, die nur eine Augenbraue hochzog und mich fragend ansah. Ich deutete vorsichtig auf meinen rechten Arm, immerhin waren die Narben inzwischen für Jedermann sichtbar. Sie waren übrigens das einzige, was mir bisher das Interesse von Max Kearney eingebracht hatte, der mit ernster Miene gefragt hatte, um welches Tier es sich denn gehandelt habe, und welche Geschichte dahinter steckte. Ich hatte ihm meine übliche Coverstory von einem Wildtierangriff bei einem Ausflug erzählt, aber ich bezweifelte, dass er mir geglaubt hatte. Die Wahrheit hätte er wahrscheinlich noch weniger geglaubt, oder mich danach über Engel, Dämonen und fanatische Christen aus dem Südwesten ausgefragt. Ich wusste, dass Vigier mich schon einige Male beobachtet hatte, aber gesagt hatte der Franzose bisher nichts. Einem Priester würde ich meine Erlebnisse noch viel weniger gerne anvertrauen als einem Anthropologen.

Während Murray, Welsh, Vigier, die Kearneys und ich in einem der mitgebrachten Zelte unterkamen, wurde Celeste zusammen mit der Studentin von Ayda regelrecht abgeführt zu ihrer Hütte. Natürlich, es kam nicht in Frage, dass die beiden Frauen unverheiratet eine Unterkunft mit Männern teilten, die weder ihre Väter noch ihre Ehemänner waren. Murray fand diese Entwicklung wohl äußerst spannend, Welsh schien erleichtert zu sein, Miss Malé endlich los zu sein, aber ich war nicht wirklich angetan von der Tatsache, dass Celeste und ich getrennt wurden. Sie lächelte mir zu, aber wirklich glücklich schien sie auch nicht zu sein. Aber mit einer Frau wie Ayda wollte ich mich um keinen Preis anlegen. Lieber noch würde ich meine Mutter anrufen und um Verzeihung bitten.

In den kommenden Tagen sahen wir uns nur tagsüber, abends wurde Celeste mit der Studentin Sophie von Ayda regelrecht weggesperrt. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, dass die alte Frau nun unsere Beziehung in der Hand hatte, zumal wir während der Arbeit nicht wirklich Zeit hatten für uns allein. Auch Celeste machte Aydas rigoroses Eingreifen zu schaffen, sie wurde gereizt und ließ ihren Frust an mir oder unseren Mitarbeitern aus. Ich war ein friedfertiger Mensch, doch auch ich hatte meine Grenzen, und als sie mich eines Morgens wieder anfuhr, wurde es mir zu bunt. “Celeste, wir müssen reden.” Sie sah mich wütend an, doch sie nickte nur und folgte mir nach draußen. Ich führte sie etwas abseits von allem und bedeutete ihr, sich zu setzen. “Dieser alte Drache macht mich fertig!” entfuhr es ihr, kaum dass wir außer Hörweite waren. Ich überlegte, ob ich lachen sollte, aber sie sah wirklich wütend aus. “Sie ist eine Hexe, Oluwasegun. Und ich weiß, wovon ich spreche. Sie behauptet, du wärst besessen. Als ob ich das nicht gemerkt hätte!” Sie hatte sich in Rage geredet, aber ich nahm sie trotzdem in den Arm und drückte sie an mich. “Hey.. hey. Es wird alles gut. In sechs Wochen sind wir in Benin, und vor allen Dingen wieder in einer Stadt.” Ich wusste, sechs Wochen konnten verdammt lang sein, aber was sollte ich sagen? Vor allen Dingen wollte ich das Thema davon ablenken, dass ich besessen war, denn Ayda war der Wahrheit damit gefährlich nahe gekommen. Celeste verbarg ihren Kopf an meiner Schulter und schniefte. “Länger halte ich das auch nicht mehr aus. Du fehlst mir.” Ihre Hände arbeiteten sich jetzt unter meinem Shirt den Rücken hinauf, und ich ahnte, worauf das hinauslief. “Hier?” fragte ich sie nur, und sie nickte lächelnd. “Wo denn sonst? Willst du unter den Augen des Drachen meine Ehre in den Dreck ziehen?” “Aber…” Der Gedanke, mitten im Wald mit ihr zu schlafen, so sehr ich sie begehrte, behagte mir nicht im Geringsten. “Ich… Nein. Es muss doch noch eine andere Möglichkeit geben.” Freundlich, aber bestimmt löste ich ihre Hände von meinem Rücken. Celeste sah mich enttäuscht an. “Wo denn? Bei euch im Zelt auf dem Feldbett mit Murray und Welsh und dem Priester als Zuhörer? Oder willst du den Drachen ablenken?” Ich wollte gerade nachgeben, als mir eine Idee kam. “Celeste, kannst du nicht… kannst du Aydas und Sophies Schlaf nicht etwas nachhelfen? Du weißt schon, so ein bisschen mit den Fingern schnipsen…” Ich fand meinen Plan grandios, aber Celeste funkelte mich wütend an. “Du erwartest wirklich, dass ich die beiden verhexe?” “Naja…” “Das ist ein Schadenszauber, Oluwasegun. Ich hoffe, du weißt, dass ich damit gegen den Kodex des Covens verstoßen würde.” Ich seufzte. “Du sollst ihnen nicht schaden. Nur dafür sorgen, dass sie etwas tiefer schlafen. Und es ist ja für einen guten Zweck.” Sie überlegte, und da ihr die Alternative anscheinend noch weniger gefiel, nickte sie. “Aber wirklich nur, solange du bei mir bist.” Ich drückte sie an mich. “Was immer du sagst.”

Ich erfuhr nicht, was Celeste tat, aber weder Ayda noch Sophie bekamen etwas mit. Ayda erklärte lediglich nach einiger Zeit, dass sie so tief schlafe wie schon lange nicht mehr, wobei sie jedoch immer einen misstrauischen Blick in Celestes Richtung warf. Auch Sophie fühlte sich plötzlich sehr ausgeruht, und ich fand, dass sie zum ersten Mal wirkte, als habe sie diese Reise angetreten, weil sie etwas lernen wollte und nicht, weil sie Nigeria mit einem Feriencamp verwechselt hatte.

Eines Abends schlich ich mich aus der Hütte hinaus, um wieder in das Zelt zu gehen, als ich ein Geräusch hinter mir hörte. “Was tust du da?” Ich fuhr herum. Adebayo stand hinter mir und sah mich wütend an. “Ich… äh. Tja. Ich hatte was… vergessen. In Dr. Hamiltons Hütte.” Ich zeigte auf die Tür und hoffte, dass er mir glaubte, doch Adebayo war zu schlau für meine gestammelte Ausrede. “Das geht nicht. Das gehört sich nicht. Das Dorf redet sowieso schon über dich und die weiße Frau. Es tut mir leid, aber wenn ihr weiter hier mit uns leben wollt, solltet ihr euch an die Regeln halten.” Ich sah ihn entsetzt an. Würde er mich jetzt bei Murray verpfeifen? Ich war 36, nicht 16, und Celeste war genauso alt, also was sollte das hier? “Es tut mir leid, aber ich werde mit Professor Murray sprechen.” “Adebayo… Meinst du, das ist wirklich nötig?” Aber der Guide war jetzt wütend, in seinen Augen hatten wir die Gesetze gebrochen, und das war nichts, was er auf sich beruhen lassen würde. “Ja. Aber jetzt geh schlafen. Wir reden morgen weiter.” Ich ging davon, was blieb mir anderes übrig, aber tief in meinem Inneren ärgerte ich mich, dass ich mich von dem jungen Mann so hatte einschüchtern lassen.

Am nächsten Morgen empfing mich ein ernst dreinblickender Professor Murray, er war in Begleitung von Adebayo. Gemeinsam gingen wir in eine der Hütten.
“Er hat mir alles erzählt”, erklärte Murray und sah mich lange an, “was haben Sie dazu zu sagen, Dr. Akintola?” Bevor ich etwas sagen konnte, reichte Adebayo mir eine Kalebasse. “Trink das, das löst die Zunge.” Ich sah ihn fragend an, doch er bedeutete mir, zu trinken. Dann grinste er plötzlich breit. “Du kannst schon mit Doktor Celeste zusammen sein, Oluwasegun. Heirate sie.” Ich hustete, und ich wusste nicht, ob es von dem scharfen Zeug war, was er mir gegeben hatte – Amerika hatte mich doch weicher gemacht, als ich dachte – oder von seinem Vorschlag. “Heirate sie”, wiederholte er, und jetzt wurden seine Züge ernst. “Wenn ihr heiratet, dann könnt ihr in eurer Hütte tun und lassen, was ihr wollt. Aber solange du nicht mit ihr verheiratet bist, ist das, was ihr da tut, Sünde.” Ich wollte widersprechen, aber er hatte recht. Sowohl der Islam wie auch meine eigene Religion lehnten ab, dass Celeste und ich ohne eine Legitimation unserer Verbindung zusammenlebten. Aber heiraten? Nur, damit wir ungestört miteinander schlafen konnten? Das war vielleicht etwas übertrieben. Wir kannten uns doch kaum. Abgesehen davon, was ging die Bewohner des Dorfes an, was wir taten?
Ich sah zu Murray, doch dessen Miene verriet nicht, was er dachte, wortlos reichte ich ihm die Kalebasse. Er betrachtete sie neugierig und nahm einen Schluck, dann sah er von mir zu Adebayo. Offensichtlich faszinierte ihn das Schauspiel.
“Liebst du sie?” wollte Adebayo jetzt wissen. “Was?” fragte ich irritiert zurück. “Ob du sie liebst”, insistierte er, wobei er wirkte, als ließe er mir nur eine bestimmte Zeitspanne für meine Antwort. “Ich… also…” Ich begann zu stottern, ich hatte nicht erwartet, dass der Guide mir so eine persönliche Frage stellte. “Ja oder nein? Das ist doch nicht so schwer, Doktor. Du gehst jetzt da raus und fragst sie, ob sie deine Frau werden will. Wenn sie ja sagt, ist alles gut. Dann werde ich mit Ayda und den Ältesten sprechen, und wir werden euch ein Fest ausrichten. Sagt sie nein, solltest du dir ein anderes Mädchen suchen.” Sein Pragmatismus machte mich für einen Moment sprachlos, was nun wahrlich nicht so einfach war. Ich warf ihm einen langen Blick zu, doch das prallte an unserem Guide ab. “Deine Entscheidung”, meinte er nur noch, dann verließ er die Hütte.
“Sie wissen, dass er recht hat”, meinte Murray jetzt. Ich nickte, obwohl ich mir noch immer nicht sicher war, ob ich nicht ausversehen in eine Sendung mit Versteckter Kamera geraten war oder etwas anderes. “Sir, ich… Ich brauche etwas Zeit.” Mein Kopf war voll mit tausend Fragen, vor allen Dingen der wichtigsten: Würde sie “ja” sagen? Aber das wollte ich nicht mit Murray ausmachen, das war eine Sache, über die ich mir allein klar werden musste. Ich verabschiedete mich von dem Schotten und ging hinaus.

Ich überlegte, ob ich nicht doch als erstes Celeste aufsuchte, aber dann entschied ich mich anders. Ich brauchte Zeit zum Nachdenken, Zeit für mich allein. Heiraten. Das war eine gewaltige Entscheidung, selbst wenn sie nur für die konservativen Gemüter der Dörfler gedacht war. Ich hatte immer von einer Frau und auch von einer Familie geträumt, aber den Zeitpunkt wollte ich selbst bestimmen und nicht von einem Hausa-Dorfältesten festgelegt wissen. Und wer garantierte mir, dass Celeste überhaupt einwilligte? Sicher, sie hatte mir gesagt, dass sie mich liebte, und ich wusste, ich liebte sie. Wenn es nach mir ginge, würde ich diese Frau festhalten und nie wieder gehen lassen. Sie war alles, was ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hatte, sie war klug, scharfsinnig, schlagfertig und gut aussehend, und vor allen Dingen hatte sie es geschafft, dass ich mich zum ersten Mal seit 30 Jahren wieder vollständig gefühlt hatte. Mein Herz sagte mir eindeutig, dass ich heiraten sollte, dass sie die Richtige war. Mein Kopf hingegen hieß mich einen Narren, dass ich tatsächlich erwog, eine Frau, mit der ich gerade einen Monat zusammen war, für immer an mich zu binden. Was würden meine Eltern sagen? Was würden meine Freunde sagen? Was würde Celeste sagen?

So saß ich eine ganze Weile in dem kleinen Waldstück auf dem lehmigen Boden. Ich hatte erwartet, dass Eshu einen Kommentar zu der ganzen Sache abgeben würde, aber er blieb stumm. Heiraten war wohl nicht sein Fall. Stattdessen gesellte sich irgendwann Ruth Kearney zu mir. “Ich habe gehört, was Murray und Adebayo von Ihnen verlangen”, sagte sie und setzte sich neben mich. Eine ganze Weile blieb sie schweigend neben mir sitzen, dann wandte sie sich mir zu. “Ich weiß, dass Sie jetzt überlegen, ob das nicht alles zu kurzfristig ist, und ob Ihre Gefühle stark genug sind.” Ich sah sie an, erwiderte aber nichts. Eigentlich wollte ich alleine sein, aber ich wusste nicht, wie ich das der älteren Frau erklären sollte. “Ich will Ihnen mal etwas erzählen.” Ihr Ton duldete keine Widerrede, ob ich wollte oder nicht, sie würde mir jetzt ihre Geschichte erzählen. “Hören Sie, ich bin seit fast 40 Jahren verheiratet, und glauben Sie mir, Max und ich haben nicht dieses neumodische Getue gemacht. Wir haben miteinander gearbeitet, und irgendwann hat er mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehen wollte. Das habe ich gemacht, ein paar Mal und dann hat er um meine Hand angehalten. Es erschien mir logisch, denn er und ich haben uns perfekt ergänzt. Romantik hat dabei keine große Rolle gespielt. Aber dennoch, ich kann mir nicht vorstellen, wie es einmal ohne ihn wäre.” Sie wirkte dabei völlig nüchtern. “Was ich damit sagen will: Sie und Dr. Hamilton kennen sich vielleicht noch nicht sehr lange, aber ich kann Ihnen sagen, wie ich das sehe. Ich sehe zwei sehr glückliche Menschen, die sich anscheinend gefunden haben, und ich wüsste nicht, was dagegen spricht, dass Sie sie heiraten.” Sie machte eine Pause. “Oder glauben Sie, dass Sie vielleicht doch noch eine Andere finden? Ob mit oder ohne Trauschein, Sie werden jeden Tag etwas Neues an ihr finden, und es wird Ihnen vielleicht nicht alles gefallen. So ist das in einer Ehe. Also können Sie sie auch gleich beginnen.” Ich nickte, eine andere wollte ich nicht, ich liebte Celeste, und sie liebte mich. Selbst wenn sie das nicht gesagt hätte, das war eine unumstößliche Wahrheit. “Das dachte ich mir. Dann gehen Sie zu ihr und sagen Sie ihr das.” Ich stand auf und wollte mich auf den Weg machen und Celeste suchen, da hielt sie mich auf. “Ich glaube, das hier können Sie gleich brauchen.” Sie reichte mir einen altmodischen silbernen Ring, den ich ein wenig überrascht ansah. “Mein Verlobungsring.” “Aber… das kann ich nicht annehmen.” Ich wollte ihr den Ring zurückgeben. Ruth Kearney tat etwas, was ich an ihr bisher noch nicht gesehen hatte. Sie lächelte und schloss meine Hand um den Ring. “Doch, das können Sie. Ich bin mir sicher, dass Max es gutheißen würde. Er mag Sie, und er mag Celeste. Und jetzt gehen Sie endlich, Dr. Akintola!”

Celeste saß mit den Frauen vor Aydas Hütte, und mein Auftauchen sorgte für ein kollektives Kichern. Normalerweise wäre es mir nicht gestattet gewesen, mich ihr so einfach zu nähern, aber wir waren sowieso die merkwürdigen Ausländer, also ging das schon in Ordnung. “Kann ich dich mal sprechen?” fragte ich sie, und sie stand mit einem fragenden Blick auf. “Was gibt es denn?” Ich führte sie etwas von den Frauen fort, so dass Ayda uns immer noch in Sicht-, aber nicht mehr in Hörweite hatte. Sie sprach vielleicht nicht besonders gut Englisch, aber sie sprach es, und ich wollte meine Neuigkeit – wenn es eine geben sollte – gerne selbst bekannt geben und nicht von Adebayos Mutter verkündet wissen. “Lebt dein Vater noch?” wollte ich jetzt von Celeste wissen. Sie sah mich mit großen Augen an. “Bitte was? Was ist das denn für eine Frage? Nein, tut er leider nicht mehr, aber meine Mutter…” Ich unterbrach sie. “Nein, ich glaube, für das hier muss ich deinen Vater fragen. Oder deinen Bruder.” Nervös zupfte ich mit den Fingern an den Ärmeln meines Hemdes. “Oluwasegun, ist das das hier, was ich denke, das es ist?” Celeste sah mich misstrauisch an, und ich konnte nicht anders. Das würde bei weitem nicht so feierlich werden, wie ich mir das immer vorgestellt hatte. “Ja, ich denke schon. Adebayo hat mir vorhin ins Gewissen geredet, dass ich gefälligst eine ehrbare Frau aus dir mache. Er hat gesehen, wie ich aus deiner Hütte gekommen bin und eins und eins zusammengezählt.” Zu meiner Überraschung begann sie jetzt, laut zu lachen, und für einen Moment fühlte ich mich an mein Telefonat mit Felicity in Sundance Erinnert. “Er hat recht. Ich sage ja, allerdings unter einer Bedingung.” Für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen. Sie sagte tatsächlich ja? Und ganz gleich, was sie für eine Bedingung stellte, ich würde sie erfüllen. Selbst wenn es so etwas unwahrscheinliches wie den Stein der Weisen oder ähnliches war.
“Ich möchte einen richtig klassischen Antrag. Mit Kniefall und allem. Und wenn wir wieder in England sind, heiraten wir richtig. In Oxford.” Sie strahlte mich an, und bevor sie weiter reden konnte, ging ich auf die Knie und ergriff ihre rechte Hand. Nervös zog ich Ruth Kearneys Verlobungsring aus der Hosentasche und steckte ihn an ihren Ringfinger. Er war ein wenig zu groß, aber was machte das in diesem Moment? Ich hoffte, dass sie es sich wegen dieser Kleinigkeit nicht anders überlegte.
“Celeste Hamilton, willst Du mich heiraten?” Für einen kurzen Moment schwieg sie, und ich befürchtete, dass sie es sich anders überlegt hatte. Doch dann erlöste sie mich. “Ja, ich will. Ich will deine Frau werden.” Mit diesen Worten bedeutete sie mir, aufzustehen, dann fiel sie mir um den Hals und küsste mich. Ich erwiderte den Kuss, bis ich hinter uns ein Räuspern hörte. “Nicht in der Öffentlichkeit!” raunte Thamina, aber ich lachte nur. “Mach eine Ausnahme. Wir haben uns gerade verlobt.”

Die Stimmung im Dorf schien sich schlagartig geändert zu haben, offensichtlich war die anstehende Feier ein großes Ereignis. Ich sah dem ganzen noch skeptisch entgegen, immerhin war ich ein Yoruba, ein Christ, und nicht hier heimisch, Celeste noch weniger. Aber den Dorfbewohnern schien das nichts auszumachen, dauernd kamen Leute mit Glückwünschen auf uns zu, und wenn ich gedacht hatte, dass ich Celeste nun öfter sehen durfte, dann hatte ich mich getäuscht. Ständig waren irgendwelche Frauen um sie, nahmen Maß für Gewänder und brachten Stoffe, oder sie lehrten Celeste die traditionelle Hausa-Zeremonie. Ich hingegen hatte das Glück, Adebayo an meiner Seite zu haben. Er hatte beschlossen, die Aufgabe des Trauzeugen zu übernehmen, und dazu gehörte hier auch, dass er alles von mir fernhielt, was mich von meiner eigentlichen Aufgabe – lächeln und Ja-sagen – abhielt.

Eines Abends hatte ich es jedoch geschafft, Adebayo, die Frauen und unsere Kollegen abzuschütteln, denn für das, was ich jetzt vorhatte, konnte ich keine Zeugen brauchen. Jetzt, wo wir verlobt waren und hoffentlich auch den Rest unseres vor uns liegenden Lebens miteinander verbringen würden, musste ich mich Celeste endlich offenbaren. Vielleicht würde sie mich danach nicht mehr heiraten wollen, aber das Risiko musste ich eingehen.

Ich traf mich mit Celeste in Aydas Hütte, die alte Frau war mit Sophie und ihrer zukünftigen Schwiegertochter unterwegs. Celeste wirkte ruhig und entspannt, das war ein Punkt für mich, aber Angst hatte ich dennoch. Aber es musste sein.
“Ich muss dir etwas sagen”, begann ich, dann lauschte ich in mein Inneres. Hoffentlich war er zugegen und ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen.

Du kannst jetzt rauskommen.
Wirklich?
Und wehe, du fasst sie an. Das ist meine Verlobte.
Schade. Sie gefällt mir wirklich gut.

Ich spürte, wie mein Rücken gerade wurde, geradezu schmerzhaft zog sich meine Wirbelsäule auseinander, meine Schultern schienen breiter zu werden, und für einen Moment huschte ein rot-schwarzes Leuchten durch meine Augen. Dank der Allgegenwärtigkeit von Smartphones und dem Drang meiner Studenten in Seattle, ihren Lehrkörper auf Youtube bloß zu stellen, wusste ich, wie ich aussah, wenn Eshu das Steuer übernahm.

“Sei mir gegrüßt, Celeste, Tochter von Richard.” Celeste starrte ungläubig auf ihren Verlobten, der jetzt plötzlich so anders klang. War er doch besessen? Hatte Ayda recht gehabt? Aber das hätte sie doch gemerkt, immerhin war sie mit dem Übernatürlichen vertraut. Seine Reaktion auf ihre Tätowierung fiel ihr ein. Sei nicht dumm, schalt sie sich, er ist kein Dämon, das hier ist etwas anderes. “Sei… sei mir auch gegrüßt, wer immer du bist” antwortete sie unsicher. Was war mit seiner Stimme passiert? Sie erinnerte sich an das seltsame Telefonat in Abuja. Der Akzent klang entfernt wie der von Adebayo und den anderen Menschen, die sie kennengelernt hatte und die halbwegs englisch sprachen, aber er wirkte viel älter, viel archaischer. Sie hatte plötzlich das Gefühl, dass in der Hütte ein Feuer brannte, in dem Kräuter und Weihrauch verbrannt wurden, der Geruch war so präsent, dass ihre Augen begannen, zu brennen. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und streckte ihre Hand nach ihm aus, und er griff danach und zog sie so mit einem Ruck an sich. Nein, das war nicht ihr Oluwasegun, das war jemand anderer, aber dennoch wollte sie jetzt mit ihm schlafen, sich ihm hingeben. Waren das wirklich ihre eigenen Gedanken?

Er hielt sie immer noch fest an sich gepresst, als er weitersprach. “Werte Dame, ich bin der Herr der Straßenkreuzungen, Wege und Türen. Der Vermittler. Manchen nennen mich einen Trickster, einige kennen mich als Elegba, aber für mein Volk bin ich Eshu.” Sie lachte auf. “Du bist ein Gott?” fragte sie unglaublich. “Ja und nein. Ich bin ein Orisha, ja, aber Euer Verlobter, werte Dame, ist ein Mensch. Ich habe ihn für einige Zeit als meine Heimstatt erkoren, nachdem ich ihm half, die Apokalypse zu verhindern. Er ist bisweilen recht kurzweilig.” Kurzweilig? Was war denn das für eine Aussage?
“Ich verstehe nicht…” Celeste spürte, wie sich ihre Lippen den seinen näherten, er sollte nicht mehr reden, er sollte sie einfach nehmen, sich ihres Körpers bedienen, wie er es wollte… Nein!
Sie war eine Weiße Hexe, eine von Dreizehn, Adalynns Tochter, und eine Hexe seit dem Tag, an dem sie zur Frau geworden war. Das hier waren nicht ihre Gedanken und nicht ihre Gefühle, der… Gott vor ihr beeinflusste sie. “Ich fühle mich geehrt, Orisha”, sagte sie schließlich und bemühte sich, ihre Stimme fest klingen zu lassen, “aber ich würde es begrüßen, wenn Ihr wieder meinen Verlobten zurückholt. Ihm gehört mein Herz, wenn Ihr versteht.” Ein wissendes Lächeln huschte über sein Gesicht, fast ein Raubtiergrinsen, und kurz schauderte sie. Dann plötzlich war der grausame Zug in Oluwaseguns Gesicht verschwunden, und seine dunklen Augen sahen sie beunruhigt an.

Celeste war zumindest noch da, und sie sah nicht so aus, als habe er versucht, ihr etwas anzutun oder ihr auf eine andere Weise​ zu schaden. “Wow”, sagte sie schließlich nach einer Weile, “also hatte Ayda recht. Wie… wie geht das?” Ich holte tief Luft, und dann erzählte ich es ihr. Das Öffnen der Tore, Eshus Hilfe und der Preis, den ich gezahlt hatte: Felicity, mein Job und beinahe auch mein Leben. Von der Reise nach Nigeria im letzten Jahr und dem Flug.
Sie hörte mir zu, doch an ihrem Gesichtsausdruck sah ich, dass sie mit sich rang, wie sie mit mir umgehen sollte. “Oluwasegun… es tut mir leid. Ich… ich liebe dich. Aber ich brauche erst einmal Zeit, das alles zu verarbeiten.” Ich schluckte und nickte, aber ich war gewillt, ihr alle Zeit der Welt zu geben. Wenn es bedeutete, dass wir uns trennten, dann musste ich das akzeptieren, ich würde sie nicht aufhalten, ganz gleich, wie weh es tat.

Sie nickte noch einmal, dann drehte sie sich wortlos um und verschwand. Ich ging ebenfalls hinaus und blinzelte in die Sonne.

Mag sie mich nicht?
Du stellst Fragen… ich glaube, darum müssen wir uns keine Sorgen mehr machen.
Warum? Sie liebt dich doch
Bist du sicher?
Ja, natürlich. Sie hat mir widerstanden, das schaffen nicht viele.
Aber…
Oluwasegun!

Auch wenn die Begegnung glimpflich abgelaufen war, ich hielt mich zurück, was Celeste anging. Sie hatte mich um Zeit gebeten, und sie sollte sie bekommen. Die Hochzeitsvorbereitungen gingen nach wie vor weiter, offensichtlich hatte sie die Veranstaltung nicht abgesagt. Das stimmte mich hoffnungsvoll, aber vielleicht hatte sie es auch vergessen.
Wir verrichteten unsere Arbeit wie immer, aber die seltsame Stimmung und unser sachlicher Umgang miteinander machten mich mürbe.

Eines Abends ging in Richtung meines Zeltes, als Sophie aufgeregt angerannt kam. “Dr. Akintola! Dr. Akintola!” rief sie schon von weitem, und ich drehte mich überrascht um. Meistens beschränkte meine Konversation mit Sophie sich auf “Guten Morgen” und “Gut geschlafen?”. Aber jetzt wirkte sie völlig aufgelöst, ihre Haare hatten sich aus dem Zopf gelöst, und ihr Gesicht war gerötet vom Rennen. “Was ist passiert?” fragte ich sie. Ohne Luft zu holen, begann sie zu sprechen. “Dr. Hamilton… Sie ist… verschwunden.” Ich sah sie entsetzt an. “Was meinen Sie mit ‘Verschwunden’?” Mir wurde plötzlich eiskalt. Hatte sie sich verlaufen? Oder war sie womöglich sogar abgereist? Aber dann würde Sophie nicht vor mir stehen, als sei sie von einer Meute Hunde gehetzt worden. “Sie sagte,… sie wolle… spazierengehen.” “Sophie”, sagte ich, und bemühte mich, meine Stimme fest klingen zu lassen, “atmen Sie bitte tief durch und sagen Sie mir dann, was passiert ist.” Sophie sah mich dankbar an, sie nahm zwei Atemzüge, die mir wie Ewigkeiten vorkamen. “Mrs. Ayda wollte uns eben abholen, aber Dr. Hamilton sagte, dass sie noch ein wenig spazieren gehen wollte. Das war vor zwei Stunden. Normalerweise ist sie pünktlich, und ich habe sie schon überall gesucht. Bitte, Dr. Akintola, Sie wissen doch sicher, wo sich Dr. Hamilton aufhält. Ist Sie vielleicht bei Ihnen?” Ich überlegte blitzschnell, was ich sagen sollte, damit Sophie nicht noch aufgeregter wurde, denn das arme Mädchen war kurz vor dem Kreislaufzusammenbruch. “Ich… ähm… also.. Sie gehen am Besten zurück zu Mrs. Ayda, und ich werde Dr. Hamilton suchen.” Meine Gedanken rasten, während ich mir die schlimmsten Schreckensszenarien ausmalte. Wir waren hier in einer Gegend, in der es durchaus zu Rebellenausfällen kommen konnte, und jemand, der so offensichtlich europäisch aussah wie Celeste, würde ein gutes Lösegeld abgeben – nachdem man ihr Dinge angetan hatte, über die ich nicht nachzudenken wagte. Meine Vision fiel mir wieder ein. Nein, das durfte ich nicht zulassen, ihr durfte nichts passieren. Fieberhaft überlegte ich, wo ich Celeste suchen sollte. Zwei Stunden waren in dieser Gegend eine Ewigkeit, wenn man sich nicht auskannte, und ich spürte, wie meine Wut auf Sophie wuchs. Dann aber wurde mir klar, dass das Mädchen sicher auch nichts dafür konnte, sie hatte auf Celeste gewartet, die nicht erschienen war.

Ich verließ das Dorf in Richtung des Mangrovenwäldchens, von dem ich wusste, dass Celeste es sehr schätzte zum Meditieren. Aber dort war sie nicht, es war keine Spur von ihr zu sehen. Ich wollte schon kehrt machen und Adebayo und Welsh suchen, damit sie mir bei der Suche halfen, als ich etwas helles auf dem Boden liegen sah. Es lief mir eiskalt den Rücken herunter, als ich Celestes Schal erkannte, mit dem sie sich die Haare beim Arbeiten hochband. Ich hob den Schal auf und betrachtete ihn. Es war kein Blut daran zu sehen, aber das musste nichts heißen. Vorsichtig ging ich weiter. “Celeste!” rief ich in das Wäldchen, “Celeste, wo bist du?” Plötzlich hörte ich ein Geräusch vor mir, und jetzt hielt mich nichts mehr. So schnell ich konnte, lief ich weiter.

Celeste stand auf einer Lichtung an einer Art Teich, wie erstarrt blickte sie in das Wasser. “Celeste!” rief ich noch einmal, und dann drehte sie sich um. Ihre Augen waren vor Schreck geweitet, ihre Haut noch blasser als sonst, und ich sah Kratzer an ihren Armen und Beinen, so als sei sie Hals über Kopf durchs Unterholz gerannt. “Oluwasegun”, sagte sie nur überrascht, dann verdrehte sie die Augen und sank in sich zusammen.
Ich fing sie gerade noch rechtzeitig auf und hielt sie, als sie plötzlich die Augen wieder aufschlug. “Wo ist sie?” fragte sie mich. Ich sah sie verständnislos an. “Wo ist wer?” fragte ich, bis mir einfiel, dass sie vermutlich Sophie meinte. “Sophie ist im Dorf, ihr geht es gut”, sagte ich und versuchte, meine Stimme fest und beruhigend klingen zu lassen. “Nein, ich meine nicht Sophie. Ich wollte ein wenig allein sein und meditieren, und dann war da diese Frau….” Bei jeder anderen Person hätte ich jetzt wahrscheinlich erstmal auf einen Hitzschlag getippt und Fieber gemessen, aber ich hatte schon gelernt, dass Celeste als Weiße Hexe durchaus in der Lage war, Visionen und Vorhersehungen zu haben. “Wie sah sie aus?” fragte ich stattdessen. “Sie war nicht besonders groß und blond, dem Aussehen nach war sie Britin oder Amerikanerin. Unser Alter ungefähr. Sie hatte eine dicke Jacke an und sah aus, als ginge sie auf die Jagd. Sie war auf einmal da, ich habe sie nicht kommen sehen, ich wollte doch nur meine Ruhe haben, und ihr Gesicht – Oluwasegun, ich habe noch nie jemanden gesehen, der so aussah. Erst wirkte sie völlig verzweifelt, aber dann…So etwas habe ich noch nie gesehen” Celeste sah zu mir hoch, ihr Gesicht noch immer von Angst und Schrecken gezeichnet. Ich hielt sie fest, und sie machte keinerlei Anstalten, sich von mir zu lösen, im Gegenteil. Ihre Hand suchte meine, und sie drückte sie fest. “Ich bin so froh, dass du mich gefunden hast”, erklärte sie mir dann, “ich wollte nur in Ruhe meditieren, aber da waren so viele Hintergrundgeräusche. Oluwasegun, etwas passiert hier. Ich weiß nicht, was es ist, und ob es gut oder schlecht ist. Aber ich weiß, dass ich es nicht ohne dich schaffe und auch nicht schaffen will. Du bist, was du bist. Es ist nicht einfach, und es wird auch nicht einfach, aber ich will mit dir zusammen sein.” Sie machte eine Pause und tippte mir lächelnd vorsichtig an die Stirn. “Und wenn es sein muss, auch mit ihm.” Ich beugte mich vor und küsste sie, und sie erwiderte den Kuss. “Wir sollten zurückgehen”, meinte ich dann, doch sie lächelte nur. “Oh nein, mein Lieber. Wir sind endlich allein, und das werde ich ausnutzen.” Ich ließ sie gewähren, denn ich war so unglaublich glücklich, dass wir wieder vereint waren, dass mir völlig entgangen war, dass die Frau, die Celeste gesehen haben wollte, bis ins kleinste Detail der Beschreibung von Irene Hooper-Winslow entsprochen hatte.

Man sagt, dass die Hochzeit einer der wichtigsten Tage im Leben eines Menschen ist. Das mag stimmen, doch es war auch einer der aufregendsten, intensivsten und ereignisreichsten in meinem Leben. Im Nachhinein ging alles furchtbar schnell, es war immer jemand um uns herum, und ich konnte mich nicht mehr an wirklich viel erinnern. Dauernd waren Menschen um uns herum, wir wurden in traditionelle Gewänder gesteckt, und es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Geistliche uns unser Ja-Wort abnahm. Aber damit hatten wir es noch lange nicht geschafft, die traditionellen Feierlichkeiten gingen bis in die Abendstunden. Und auch wenn wir jetzt verheiratet waren, Celeste und ich hatten keine freie und ruhige Minute, bis wir spät in der Nacht in Aydas Hütte gebracht wurden.
“Und, wie fühlst du dich?” wollte ich wissen, während ich den Umhang von ihren Schultern strich und ihren Nacken küsste. Sie legte den Kopf an meine Schulter und ließ mich mit einem Seufzer gewähren. “Sehr gut”, flüsterte sie, während sie sich daran machte, das Gewand vor der Brust zu öffnen. Ayda hatte sie beinahe begleitet, aber ich hatte die alte Frau freundlich, aber bestimmt darauf hingewiesen, dass die Sache mit der Jungfrau, der Einweisung und dem Beweis ausfiel.
Celeste ließ das Gewand zu Boden gleiten und drehte sich um, nackt, wie Gott sie geschaffen hatte, und schlang mir die Arme um den Hals. “Du hast entschieden zuviel an, Oluwasegun”, meinte sie, dann machte sie sich an meiner Kleidung zu schaffen. Mit einer eleganten Handbewegung hatte sie mich aus dem Gewand befreit. Meine Ehefrau. Meine wunderbare, wunderschöne Ehefrau. Ich machte einen Schritt zurück, um sie zu betrachten, denn so ganz konnte ich noch nicht glauben, dass sie jetzt ganz und für immer zu mir gehörte. “Was?” fragte sie leise. “Entschuldige. Aber ich fühle mich von zeit zu Zeit so, als sei das hier ein Traum”, gestand ich. Sie lächelte. “Da sind wir schon zwei.” Dann wurde sie für einen Moment ernst. “Bereust du es?” “Machst du Witze? Celeste, ich liebe dich. Ich liebe dich mehr als alles auf der Welt.” Das schien sie zu beruhigen. “Ich liebe dich auch, Oluwasegun. Das hier… es ging so unglaublich schnell, aber es fühlt sich gut an. Richtig.” Sie kam zu mir und küsste mich, wobei sie ihren Körper gegen meinen presste. Gott, sie machte mich wahnsinnig, in einem so positiven Sinn, den ich niemals mehr für möglich gehalten hatte. Am liebsten würde ich sie gar nicht mehr loslassen, diesen Augenblick zur Ewigkeit werden lassen. “Was denkst du gerade?” fragte sie mich leise. Doch ich schwieg und sah ihr nur in die Augen. Sie lächelte, dann entwand sie sich mir wie eine Katze und machte einen Schritt auf die Bettstatt zu, die die Frauen für uns gemacht hatten. “Lass uns die Nacht endlich beginnen”, meinte sie, während sie sich hinlegte. Ich beugte mich zu ihr herunter und küsste sie ein weiteres Mal, während meine Hände tiefer wanderten.
Und lass sie am besten nie wieder enden.

Viel später in dieser Nacht lagen wir nebeneinander und lauschten in die Dunkelheit, als Celeste sich plötzlich erhob. “Was?” fragte ich sie, aber sie bedeutete mir zu schweigen. “Ich habe noch etwas für dich. Ein Geschenk.” Ich sah sie überrascht an, woher hatte sie mitten in der Wildnis ein Geschenk herbekommen? Doch bevor ich fragen konnte, kam sie zurück und bedeutete mir, ihr die flache Hand hinzuhalten. Eine silberne Kette fiel in meine Hand, daran ein Anhänger in Form eines Schlüssels. “Was ist das? Der Schlüssel zu deinem Herzen?” fragte ich lachend, und sie sah mich nur aus ihren smaragdgrünen Augen an. “Möglich. Aber ich werde dir zu gegebener Zeit erklären, was es damit auf sich hat.” Nachdenklich sah ich das Schmuckstück in meiner Hand an, dann blickte ich wieder zu Celeste. “Wieso…”, begann ich, aber sie legte mir den Finger an die Lippen, während sie mit der anderen Hand über meinen Arm strich. “Es sind noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang, und die will ich nicht mit Reden verbringen, Mr Hamilton.” Ich wollte etwas erwidern, aber sie lächelte nur schelmisch. “Oh, habe ich dir das nicht gesagt? Du wirst natürlich meinen Nachnamen annehmen und in mein Hexenhäuschen in New Haven ziehen.” Ich sah, wie sie sich bemühte, nicht laut loszulachen, und ich zog sie einfach nur an mich und hielt sie fest. “Ich gehe mit dir überall hin”, murmelte ich in ihre Haare, bevor wir uns wieder fallen ließen.

Eshu
And when all the fires burn
When everything is overturning
There’s no thing that I won’t go through
Even if I have to die for you

(Starset – Die for you)

Sie sehen ihn nicht, beachten ihn nicht. Der kleine Junge sitzt in einer Ecke, und alle scheinen seine Anwesenheit vergessen zu haben. Dabei will er doch nur, dass sie ihm erklären, was passiert ist. Etwas ist in dieser Nacht geschehen, und er will es verstehen. Sie sollen ihm sagen, was sie mit ihr gemacht haben, warum dieses… Wesen in ihr Kinderzimmer eingebrochen ist. Warum es sie mitgenommen hat. Aber sie sagen es ihm nicht. Sie habe Fieber gehabt, sie sei gestorben in der Nacht.
Aber das ist nicht wahr, und sie müssen das wissen, sie müssen ihn anhören! Er hat versucht, mit seiner Mutter zu sprechen, aber sie hat ihm nur über den Kopf gestrichen, ihn “mein Kleiner” genannt und ihn dann fortgeschickt. Sein Vater ist am Boden zerstört, er sitzt apathisch in einer Ecke und bemerkt noch nicht einmal das Kind, das versucht, seinen Schoß zu erklimmen.
Was ist nur los? Wo ist seine Schwester? Was haben sie mit Daya gemacht?

Die Äste peitschen mir ins Gesicht, aber ich spüre den Schmerz nicht. Wo bin ich? Was ist passiert? Aber da höre ich hinter mir schon wieder das Geräusch. Motoren. Waffen. Schreie.

Lass mich nur machen
Ich will nicht sterben!
Du wirst nicht sterben. Das lasse ich nicht zu.
Ich will nicht..

Das Etwas in meinem Kopf drängt mich beiseite, stößt mich aus meinem eigenen Bewusstsein, bis ich ins Dunkel falle.

Der Geruch von Weihrauch und Lotus vermischt sich mit dem Rauch in der Hütte. Es ist unerträglich heiß, als die alte Frau das Huhn packt und ihm mit einem gekonnten Schnitt die Kehle durchschneidet. Das Blut tropft in die Schale, langsam, wie Sirup. Der Junge betrachtet das Schauspiel; obwohl er es schon so viele Male gesehen hat, fasziniert es ihn immer wieder aufs Neue.
Die alte Frau wirft jetzt etwas in das warme Blut und murmelt ein paar Worte. Er kann sie bald mitsprechen, aber noch ist das nicht seine Aufgabe, er muss noch lernen.
“Du bist so ein kluger Junge, Oluwasegun. Shango hat dich gesegnet, und Eshu beschützt dich auf deinen Wegen. Du wirst einmal ein weiser Mann sein.” Sie taucht ihre Finger in das Blut und will ihm damit ein Zeichen auf den nackten Oberkörper malen, als die Tür aufgestoßen wird.
“Fass mein Kind nicht an, du Hexe!” Das Gesicht der Frau ist wutverzerrt, als sie den Jungen am Arm packt und nach draußen ziehen will. Die alte Frau sieht erstaunt auf. “Ich habe dir gesagt, was ich tue. Es ist wichtig für ihn. Schließlich ist seine Schwester nicht mehr da.” “Und ich verbiete es! Das ist Hexerei! Nelson geht ins Internat, so weit wie möglich weg von dir!” Der Junge sieht ängstlich zu seiner Mutter. Internat? Weg von seiner Großmutter? Aber bevor er etwas sagen kann, hat sie sein Handgelenk fest umschlossen und zieht ihn mit sich mit. Er weiß, er wird seine Großmutter lange Zeit nicht mehr sehen.

Alles dreht sich um mich. Die Bäume scheinen immer näher zu kommen. Meine Beine schmerzen, meine Lungen brennen. Wie weit bin ich schon gerannt?
Die Luft ist feucht und schwer, das Atmen fast unmöglich. Luft. Ich brauche Luft. Und Nahrung. Wann habe ich das letzte Mal etwas gegessen? Was habe ich überhaupt gegessen? Mein Blick fällt auf mein Handgelenk. Die Uhr ist stehen geblieben, schon vor… Tagen. Wie lange bin ich unterwegs? Wohin bin ich unterwegs? Und… wer bin ich eigentlich?

Das Land ist trist und grau, soviel kann er sehen. Als er aus dem Flugzeug steigt, spürt er die Kälte. Die Menschen sehen ihn an, als sei er ein Außerirdischer. Aber vielleicht ist er das auch, seine Haut ist dunkler als ihre, seine Sprache ist nicht ihre, dies ist nicht seine Heimat. Eine Frau kommt auf ihn zu und fragt ihn nach seinem Namen. Sie sieht nett aus, aber sie ist so weiß, so hell. So rein. Er nickt nur und folgt ihr.
Sie bringt ihn zu einem Kleinbus, vorbei an all den kalten Orten, den kalten Menschen. In dem Bus sitzen bereits drei Jungen, ihre Haut ist ebenfalls dunkler als die der Frau. Ihr Englisch ist seltsam gefärbt, und sie starren ihn an. Er nennt ihnen seinen Namen, leise, schüchtern. Sie nennen ihm ihre, und dann klopfen sie ihm auf die Schulter und beginnen, auf ihn einzureden. “Capoeira” ist eines der Worte, das er aus dem Redeschwall heraushört.
Togues. Cantigas. Roda.

Capoeira

“Oluwasegun?” Ich habe das Gefühl, als müsste ich die rothaarige Frau kennen. Sie ist mir so vertraut, plötzlich fühle ich mich leer, und eine tiefe Trauer erfasst mich. Wer ist sie? Ich strecke meine Hand nach ihr aus, aber sie lächelt nur, dann dreht sie sich um und verschwindet. Wo ist sie? Ich weiß nur, dass ich sie wiedersehen will.

Er tanzt, schneller, schneller. Hinter ihm stehen die Dämonen, vor ihm die Engel. Es ist das letzte Gefecht, die letzte Schlacht. Wer ist Freund, und wer ist Feind?

Sie sieht ihn an, lange und nachdenklich. “Ich bin mir noch nicht sicher, ob das hier nicht ein Fehler war. Ich brauche Zeit, Nelson.” In diesem Moment weiß er bereits, dass sie ihn nicht liebt, auch wenn sein Herz sich weiter an diesen Gedanken klammern möchte.

Ich will die rothaarige Frau wiedersehen. Da ist etwas in mir, das mir sagt, dass sie mir sagen kann, wer ich bin, was ich bin. Sie wird mich wieder zurückbringen.

Er sieht auf den Laptop und liest die Email. Einmal, zweimal. Die Engländerin und sein Freund haben versucht, eine Seele zu retten und haben dabei eine andere verloren. Man fürchtet um seine Sicherheit. Aber er, er kann ihnen helfen. Kann er ihnen wirklich helfen?
“Du hast es doch schon einmal getan. Warum akzeptierst du nicht endlich, dass du bist wie ich?” Die rothaarige Frau will ihm gut zureden, aber er will nicht sein wie sie. Er hat dem Übernatürlichen abgeschworen, damals. Das ist eine Welt, mit der er nichts mehr zu tun haben will. Er sagt ihr das, aber sie lässt nicht locker. “Du warst im Herzen der Finsternis. Du kannst nicht zurück. Du weißt das, und du musst ihnen helfen, so, wie du es gelernt hast.” Warum versteht sie es nicht? Warum quält sie ihn so? Er reißt sich los, er muss alleine sein, er braucht frische Luft.

Als er später zurückkehrt, stehen da die Männer auf dem Dorfplatz. Sie zwingen die Weißen mit vorgehaltener Waffe, in ihre Autos zu steigen. Auf dem Dorfplatz liegt die Leiche eines jungen Mannes. Es ist der Guide, sie haben ihn einfach erschossen.
Jetzt sieht er die rothaarige Frau, sie scheint in seine Richtung zu blicken. Er muss zu ihr, er muss sie retten, aber da hört er die Stimme.

Wenn du das tust, sterben wir beide. Ich werde jetzt dafür sorgen, dass du in Sicherheit bist.

Ihm wird schwarz vor Augen, etwas drängt ihn an den Rand seines Bewusstseins. Als er wieder zu sich kommt, ist es dunkel, und um ihn herum nichts als die Stimmen der Tiere und das Waldland. Sie ist fort, und er kann sie nicht wiederfinden.

Ich laufe weiter, immer weiter. Zwischendurch scheine ich meinen Hunger gestillt zu haben, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Ist das Blut auf meiner Kleidung?

Der Arzt steht vor dem Operationstisch, auf dem die rothaarige Frau liegt. Sie ist an Maschinen angeschlossen, Schläuche führen aus ihrem Körper heraus, aber sie ist nicht bewusstlos. Ein Skalpell blitzt auf, ein schneller Schnitt, dann versenkt der Arzt seine Hände in ihrem Brustkorb. Ein lautloser Schrei formt sich auf ihren Lippen, als sie bemerkt, dass sie stirbt. Triumphierend hält der Mann das Herz in die Höhe, dann legt er es vorsichtig in eine Schale neben sich. Für die Frau vor sich hat er nur einen verächtlichen Seitenblick übrig. “Schafft sie weg,” bedeutet er seinen Untergebenen neben ihm mit einer Kopfbewegung.
Als die beiden Helfer sich daran machen, die Apparaturen zu lösen, geht der eine plötzlich zu Boden, auf seiner Brust erscheint ein roter Fleck, der sich rasch ausbreitet. Dann fällt der zweite, auch er scheint von einem Schuss getroffen zu sein. Aber es ist nichts und niemand zu sehen. Scharfschützen?
Jetzt bersten die Scheiben des Raums, und Bewaffnete stürmen herein. Sie reagieren professionell, keine überflüssige Bewegung und Sprache ist zu sehen und zu hören. Die Frau auf dem Operationstisch beachten sie nicht, sie haben Wichtigeres zu tun.

In der Ferne sehe ich eine Hütte, oder vielmehr einen Hüttenkomplex. Drei Häuser stehen in Hufeisen-Anordnung auf einer Lichtung. Davor Militärjeeps. Ich erkenne sie, sie waren in dem Dorf. Sie haben die Menschen weggebracht. Aber es sind zuviele, viel zu viele, und da, steht da ein Hubschrauber? Was geht hier vor?

Ich schleiche mich an, näher, immer näher. Niemand beachtet mich, niemand sieht mich, obwohl Bewaffnete überall herumstehen, ich höre Stimmen, die militärische Befehle bellen. Als sei ich unsichtbar, gehe ich durch die Männer hindurch, betrete die Hütte, gehe den Gang hinunter. Ich weiß nicht, wo ich hinwill, aber etwas sagt mir, dass ich zu diesem Raum muss, diesem einen Raum, dort finde ich, was ich suche.

Schließlich öffne ich eine Tür, immer noch hält mich niemand auf, obwohl auch hier zwei Männer stehen. Es ist dunkel in dem Raum, aber ich sehe sofort den Operationstisch in der Mitte, und darauf…

… Celeste. Fassungslos starrte ich auf meine Frau, die leblos auf dieser Bahre lag, in ihrer Brust ein Loch, dort, wo ihr Herz sein sollte. Das hier war nicht wahr, das hier war irgendein ganz schlechter Film, oder ein Albtraum. Gleich würde ich aufwachen, in Lagos in unserem Hotel, sie würde neben mir liegen, mich anlächeln und mich fragen, ob ich schlecht geschlafen hätte. Aber das hier war kein Traum, das war die Wirklichkeit. Niemand würde mir jetzt helfen können, niemand… außer einem.

Verdammt, tu doch etwas!
Es tut mir leid, Oluwasegun. Ich kann nichts mehr tun
Du bist ein Gott, verdammt nochmal!
Aber auch ich kann nicht gegen das Schicksal arbeiten.
DU BIST EIN GOTT!
Ich schrie Eshu gedanklich meine gesamte Verzweiflung entgegen, während ich Celeste verzweifelt über das Gesicht strich. Wer konnte mir sonst helfen außer ihm?
Ihre Seele ist fort, und dort wo sie ist, kann ich sie nicht erreichen. Lass sie gehen, Oluwasegun.

Nein.
Ich würde meine Frau nicht den irren Engeln überlassen, niemals. Auch wenn der Krieg im Himmel beigelegt sein mochte, wer wusste denn schon, was diesen wahnsinnigen gelangweilten Kindern als nächstes einfiel?
Da hörte ich wieder die Stimme in meinem Kopf, sie war voller Bedauern, aber auch Zuversicht und Kraft lagen in ihr.

Ich kann etwas für dich tun.

Mit diesen Worten spürte ich, wie die Präsenz in meinem Kopf mich wieder beiseite drängte, mich einschloss und meinen Körper übernahm. Wie die vielen Male davor sah ich mich selbst vollständig von außen, mein Körper gehörte mir nicht mehr, er war nun eine Hülle, die von etwas anderem beseelt wurde. Bevor ich vollständig aus dem Bewusstsein verschwand, sah ich, wie ich… wie Eshu aufstand, der rot-schwarze Schimmer huschte über seine Augen, nur, wer wusste, was das zu bedeuten hatte, konnte es sehen. Er ging auf den Mediziner zu, der jetzt im Raum stand, neben ihm zwei Bewaffnete, die offensichtlich zum nigerianischen Militär gehörten. Niemand hielt ihn auf, alle starrten ihn gebannt an. “Lasst ihn los.” Die Stimme war uralt, seit Jahrhunderten sprach niemand mehr so, das Knistern von Feuer lag in ihr, die Geräusche der Mangrovenwälder, der Geruch von Lehm und namenlosen Schrecken. Die Soldaten gehorchten, sie mussten dieser Stimme gehorchen, auch wenn sie nicht wussten, warum sie das taten. Jetzt stand er genau vor dem Mann, der Celeste getötet hatte. “Sieh mich an.” Der Arzt versuchte, an ihm vorbeizusehen, aber es gelang ihm nicht, und er konnte das Leuchten und die Stimme deuten, er wusste, wer da vor ihm stand. “Trickster”, sagte er nur und spuckte aus. “Richtig. Und nun sieh, was passiert, wenn man mich erzürnt.” Seine Hand stieß in den Brustkorb des Mannes, durch Muskelgewebe und Knochen, als seien sie nichts, bis sie zu fassen bekam, was sie suchte. Sénicier sah ihn für einen kurzen Moment überrascht an, dann begriff er, als er die Hand spürte. Mit einem Ruck riss der Mann ihm das Herz aus dem Leib.

Er/Nelson betrachtet das Herz. Es schlägt noch, pumpt weiter obwohl es vom Körper getrennt ist. Der Arzt keucht, ringt um Luft, er/Nelson hält ihn im Leben, lässt ihn leiden. Der Mann hat sein/Nelsons Herz gebrochen, der Hexe ihres gestohlen, er soll leiden, soll den Schmerz erfahren, immer und immer wieder, er soll LEIDEN! Für IMMER! Für die Ewigkeit! Er/Nelson kann die Hexe nicht zurück holen, ihre Seele ist fort, hinter einem Schleier, den er/Nelson nicht durchdringen kann. Aber Rache, Rache, die gibt es, süße eiskalte Rache, er/Nelson presst das pochende Herz in seiner Hand zusammen und genießt die Angst und den Schmerz in den Augen des anderen. Er/Nelson drückt es zusammen, langsam, immer weiter, immer mehr, immer…

“Dr. Akintola, was tun Sie da?”

Entsetzt sah ich auf den blutigen Klumpen in meiner Hand, dann auf den Mann vor mir, der in dem Moment, in dem Murray mich angesprochen hatte, in sich zusammengefallen war wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte. Dann dämmerte es mir. Eshu hatte sich offenbart, vor allen Leuten, und er hatte Celeste gerächt. Für mich. Aber wie erklärte ich, dass ich einen Mann getötet hatte? Dass ich meine Hand in seinem Brustkorb versenkt hatte, als sei er aus Butter?

“Professor Murray…” Mein Blick wanderte von dem Herzen wieder zurück zu dem Professor, der zusammen mit unseren anderen Reisegefährten in der Tür stand, flankiert von mehreren Soldaten. Offensichtlich war ich genau gleichzeitig mit der nigerianischen Armee eingetroffen, wo auch immer wir hier waren. Ich sah wieder zu Celeste, wie sie auf dem Tisch lag, ihre Augen geweitet vor Schreck und Schmerz. Hatte sie etwa noch gelebt, als… als man ihr das Herz aus dem Körper gerissen hatte?

Ich drehte mich um und wollte wieder zu ihr zurückgehen, als mich jemand an der Schulter fasste. Es war Vigier. Der Priester sah im Gegensatz zu meinen anderen Kollegen ausgeruht und gesund aus. “Dr Akintola, lassen Sie mich das machen.” Er hielt mir eine Schale hin und bedeutete mir, den blutigen Klumpen, den ich in der Hand hielt, dort hinein zu legen. Ich tat es, dann brach ich mit einem tiefen Schluchzer zusammen.
Es war alles verloren.

Oluwasegun
My heart’s an artifice, a decoy soul
Who knew the emptiness could be so cold?
I’ve lost the parts of me that make me whole
I am the darkness
I’m a monster

(Starset – Monster)

Wir wurden zunächst nach Kaduna gebracht, wo man uns notdürftig versorgte. Meine Reisegefährten und die meisten der Soldaten begegneten mir mit höflicher Distanz, der einzige, der scheinbar kein Problem mit mir hatte, war Monseigneur Vigier. Aber auch er fragte mich nicht, wen oder was er gesehen hatte, als meine Hand in den Brustkorb des seltsamen Arztes gewandert war.

Nachdem wir versorgt worden waren, brachte ein Hubschrauber des Militärs uns nach Lagos. Dort wurden wir weiter untersucht, und Regierungsbeamte und Angestellte des Militärs begannen, uns Fragen zu stellen. Ich hatte jedoch keine Ahnung, was ich ihnen erzählen sollte, denn langsam setzten sich die Puzzlestückchen in meinem Kopf wieder zusammen. Offenbar hatte ich mich mit Celeste gestritten, nachdem ich eine Nachricht von Ethan bekommen hatte, in der er mir berichtet hatte, dass der Versuch, Cals Seele zu retten, grausam schief gegangen war: Cal besaß nun anderthalb Seelen, und Irene gar keine mehr. Bevor Celeste und ich unsere Zelte hatten abbrechen können, um nach Amerika zurückzukehren, waren die seltsamen Bewaffneten aufgetaucht. Sie hatten Adebayo erschossen und die restliche Gruppe mitgenommen, während ich im Wald unterwegs gewesen war. Entgegen erster Befürchtungen waren die Männer jedoch keine Rebellen gewesen, sondern sie arbeiteten für einen gewissen Dr. Sénicier. Wie sich herausgestellt hatte, war eben dieser Sénicier der Mann, den die Einheimischen als den “Herzfresser” kannten.

Der Franzose hatte sich vor einigen Jahren nach Nigeria zurückgezogen, nachdem ihm in Frankreich die Approbation entzogen worden war. Kein Wunder, immerhin hatte der Arzt mit menschlichen Herzen experimentiert. Offensichtlich war er der Meinung gewesen, dass es im nigerianischen Hinterland weniger auffiel, was er trieb. Um seine Forschungen zu “finanzieren”, ließ der gute Doktor regelmäßig Reisegruppen und Forscher entführen und für sie Lösegeld zahlen. Das hatte er auch mit unserer Gruppe versucht, aber aus einem Grund, den Mr Ayodele vom Außenministerium nicht nachvollziehen konnte, war das Geld diesmal nicht eingetroffen. Sénicier hatte gedroht, seine Geiseln umzubringen, und anscheinend war das Militär zu spät gewesen, und der irre Arzt hatte seine Drohung an Celeste wahr gemacht. Meine geliebte Frau hatte den Preis gezahlt für die Unfähigkeit der Regierung. Jetzt lag ihr Körper in der Pathologie des Krankenhauses in Lagos und wartete darauf, nach Cambridge überführt zu werden. Wie sollte ich jemals ohne sie weiterleben?

Eines Morgens besuchte Monseigneur Vigier mich. Ich war nie besonders warm geworden mit dem Priester, und um so mehr verwunderte mich sein Besuch. Mir fiel wieder ein, dass er kurz vor der Entführung abgereist war. Aber was sollte ich auch auf ihn achten, ich war wie ein Tier durch den Wald gehetzt, in meinem Kopf ein Orisha, der versucht hatte, mich zu beschützen.

Vigier lächelte freundlich und erkundigte sich nach meinem Befinden, doch dann sah er mich ernst an. “Ich weiß genau, was Sie getan haben. Nein”, verbesserte er sich, “wer es getan hat.” Ich sah ihn mit großen Augen an. “Sie können es abstreiten, aber meine Nachforschungen bei allen Leuten, die gesehen haben, wie Sie Ihre Hand in den Brustkorb meines Landsmannes versenkt haben, haben dasselbe ergeben. Ein Dämon ist es nicht, das hätte ich früher gemerkt. Lassen Sie mich raten… ein Naturgeist?” Ich schluckte. “Orisha”, brachte ich schließlich hervor, und biss mir im gleichen Moment auf die Zunge. Was wollte der Priester von mir? Wollte er mich erpressen? Doch dann sprach er weiter. “Zumindest Ihre Forschungsgruppe glaubt, dass sie durch Dehydrierung eine Halluzination hatte. Was die Soldaten angeht… an ihrer Stelle würde ich nicht zu laut herumerzählen, was sie gesehen haben. Ich glaube, in manchen Gegenden ist das keine gute Idee. Ansonsten werden meine Leute und ich für ein paar Drogentests sorgen, die mit Sicherheit alle positiv sind.” Er lehnte sich zurück und lächelte jetzt wieder, selbstzufrieden, aber ich war noch verwirrter als vorher.
“Was wollen Sie von mir?” fragte ich ihn schließlich. “Ich habe meine Frau verloren, den Menschen, der mir am meisten auf diesem Planeten bedeutet hat, und Sie erzählen mir was von Halluzinationen?” Jetzt stand der Priester auf und zog eine Karte aus seiner Hemdtasche. “Dr Akintola, Sie sind ein Mörder. Kein Gericht der Welt wird Ihnen die Wahrheit abkaufen. Momentan glaubt jeder, dass Francois Sénicier erschossen wurde von seinen eigenen Leuten. Aber vielleicht brauche ich irgendwann mal Ihre Hilfe, oder die Ihres Gastes, und dann könnte es sein, dass sich ein Gericht hier oder in den USA dafür interessiert, was wirklich passiert ist. Ich denke, wir verstehen uns.” Er kam zu mir herüber und legte die Karte auf den Nachtschrank, dann ging er hinaus, immer noch selbst zufrieden lächelnd.
Ich nahm die Karte und sah sie an. “Mgr. Raymond Vigier, OP”. Der verdammte Priester war nicht irgendein Geistlicher, Monseigneur Vigier war ein Hund des Herrn.

Auch meine Eltern kamen mich in den Tagen im Krankenhaus besuchen. Mein Vater hatte es sich nicht nehmen lassen, seine Kontakte spielen zu lassen, und mir eine Art Suite besorgt. Jetzt saßen wir an einem kleinen Couchtisch auf Korbsesseln und tranken Kaffee, und hätte ich nicht diesen albernen Bademantel angehabt, es hätte eine Hotel-Suite sein können.
Meine Mutter hatte offensichtlich vergessen, dass sie ihren Sohn für einen Trinker und Nichtsnutz hielt, als sie mich gesehen hatte, war sie mit Lauten des Entsetzens und der Überraschung auf mich zugestürmt und hatte mich umarmt. “Mein Baby”, stieß sie immer wieder hervor, was ihren Auftritt noch grotesker machte. Ihr “Baby” war ein Mann von 36 Jahren, der soeben zum Witwer geworden war und außerdem ein Mörder. Aber dann beruhigte sie sich wieder, und sie ließ mich los, zumindest solange, dass ich aufstehen konnte. Dann fasste sie wieder meine Hand. Ihre Augen waren verweint, und ich hatte meine Mutter bisher nur ein einziges Mal so gesehen: Bei Dayas vermeintlicher Beerdigung. Irgendwie war es seltsam, dass sie jetzt auf einmal wie eine Glucke um mich herumlief, aber auf der anderen Seite war ich ihr dankbar, dass sie für mich da war.
“Ich bin so froh, dass du lebst”, erklärte sie mir dann, und ich wusste, dass sie das aus tiefstem Herzen meinte. Einer spontanen Reaktion folgend, umarmte ich sie, und sie erwiderte die Geste. “Es tut mir so leid”, flüsterte sie. Ich kannte meine Mutter gut genug um zu wissen, dass ihr diese Aussage unendlich schwer gefallen war, und so ließ ich es dabei bewenden. Vielleicht hatte diese ganze Sache wenigstens etwas Gutes gehabt.

Während wir den Kaffee tranken, berichteten mir meine Eltern, dass Mr Ayodele an sie herangetreten war, weil die Regierung das Lösegeld nicht so schnell hatte aufbringen können. Meine Eltern wiederum hatten sich an Irene gewandt, denn sie wussten, dass die Engländerin ebenfalls vermögend genug war, um ihnen zu helfen. Alleine hatten sie die Summe, die Mr Ayodele ihnen genannt hatte, nicht zusammen bekommen. Doch nachdem sie Irene eingeschaltet hatten, war etwas Merkwürdiges passiert: Anstatt das Geld bei ihnen eintraf, verschwand alles, was sie auf ihren Konten hatten. Meine Eltern waren im Moment praktisch insolvent. Mein Vater versuchte die ganze Sache mit Humor zu sehen, er hatte noch Immobilien, die er im Notfall veräußern konnte, aber meine Mutter machte sich furchtbare Sorgen, was ihre Freunde und Bekannten von ihr denken sollten. Mir jedoch war klar, dass hinter der ganzen Sache nur eine stecken konnte, und kalte Wut breitete sich in mir aus. Irene. Seele hin oder her, sie hatte dafür gesorgt, dass das Geld nicht eintraf und dass Celeste ermordet worden war. Sie hatte mir meine Frau genommen. Ich ballte die Faust und schwor mir, dass ich sie würde leiden lassen für das, was sie mir und Celeste angetan hatte. Vielleicht waren wir einmal Freunde gewesen, aber das war nun vorbei. Wenn ich mir ihr fertig war, würde sie sich wünschen, dass ich mit ihr das Gleiche angetan hatte wie Sénicier mit Celeste. Und wer immer ihr geholfen hatte, ihn würde das gleiche Schicksal ereilen.

Noch jemand wünschte mich zu sehen, und das war die Begegnung, vor der ich am meisten Angst hatte. Da Celeste und ich nicht offiziell verheiratet waren – es gab keine Papiere, die belegten, dass sie und ich wirklich Mann und Frau waren – musste jemand den Papierkram für die Überführung erledigen, und daher hatte sich Dr Cornelius Hamilton angekündigt. Wie würde er auf mich reagieren, den Mann, der seine Schwester im Stich gelassen hatte, der Mitschuld trug an ihrem Tod?

Ich hatte einige Mails mit meinem Schwager ausgetauscht, und ihn gebeten, dass wir uns in der Lobby des Hotels, in dem ich inzwischen wohnte, trafen. Ich verspürte trotz der Versöhnung mit meiner Mutter keinen Drang, nach Hause zurückzukehren.
Nervös lief ich in der Lobby auf und ab und hoffte, dass ich Cornelius Hamilton erkennen würde, ich kannte ihn nur von Fotos, die mir Celeste gezeigt hatte. Doch dann betrat ein rothaariger Mann in einem weißen Hemd und Leinenhosen das Hotel, und mir war sofort klar, dass er das sein musste. Er sprach kurz mit dem Portier, dann kam er auf mich zu, seine Miene verriet keine Regung, aber seine Züge waren mir so vertraut, dass ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenkrampfte. “Cornelius Hamilton”, stellte er sich vor und reichte mir die Hand. Ich nannte ihm meinen Namen, dann schwieg ich. Was sollte ich ihm sagen? Dass ich seine Schwester im Stich gelassen hatte wegen eines kleinlichen Streits? Dass ich genau wusste, wie sich das anfühlte, wenn man quasi amputiert worden war? “Sie sind also der Ehemann meiner Schwester.” Es klang, als beantworte er die Frage eines Studenten. Vermutlich war diese Distanziertheit seine Art, mit der Trauer umzugehen. An seiner Stelle hätte ich mich erst einmal niedergeschlagen. “Ja”, war alles, was ich hervorbrachte. Cornelius begutachtete mich von oben bis unten, und ich merkte, dass ich seinem Blick nur schwer standhalten konnte. Es war das gleiche Smaragdgrün, das ich so geliebt hatte.. liebte, es war ja nicht vorbei, nur weil sie nicht mehr da war. “Hat sie sehr gelitten?” fragte er plötzlich unvermittelt. Hatte sie? Der Irre hatte ihr das Herz aus der Brust gerissen, ich wollte nicht wissen, was das für ein Gefühl war. “Nein”, log ich, “sie war sofort tot.” Woher sollte ich es wissen, ich war nicht da gewesen, ein Orisha hatte sich meiner bemächtigt, war mit mir in den Wald geflohen, hatte dafür gesorgt, dass ich irgendwo zwischen Leben und Tod gewesen war. Wie oft war ich in den letzten zwei Wochen mitten in der Nacht hochgeschreckt, weil ich Celestes schmerzverzerrtes Gesicht vor mir gesehen hatte. Jedesmal packte sie dann meine Hand und drückte zu, während ihre funkelnden grünen Augen sagten ‘Es ist deine Schuld, Oluwasegun. Nur deine Schuld. Nicht die des Arztes und nicht die von Irene. Nur deine’.

“Sie sind kein guter Lügner, Dr. Akintola”, beschied Professor Hamilton mir, während er eine Augenbraue hob. “Aber es ehrt Sie, dass Sie mich schützen wollen. Es war nicht einfach…” “Ich weiß genau, wie Sie sich fühlen. Ich habe meine Zwillingsschwester verloren, als wir beide sechs Jahre alt waren”, unterbrach ich ihn, ich musste es ihm jetzt sagen. Tatsächlich erfüllte diese Enthüllung ihren Zweck, Cornelius verzog einen Mundwinkel nach oben. “Es ist, als würde ein Teil von mir fehlen. Ein essentieller Teil.” Er sah mich an, dann sank er plötzlich weinend in meine Arme. Unbeholfen hielt ich meinen Schwager fest, der jetzt von heftigen Schluchzern geschüttelt wurde. Vorsichtig führte ich ihn aus der Lobby in einen etwas privateren Bereich, wo uns nicht so viele Gäste sahen.

“Bitte kommen Sie mit mir nach Massachusetts. Sie waren vielleicht nur eine kurze Zeit mit meiner Schwester verheiratet, aber ich will Sie nicht ihrer Familie vorenthalten”, sagte er schließlich. Ich spürte, wie meine Knie weich wurden. Celestes Mutter, ihre Schwägerin, ihre Tanten, Onkel… Würde ich das aushalten? “Ich.. ich..”, stammelte ich, doch Cornelius hatte sich schon wieder gefangen, mit seiner Professorenstimme sprach er weiter. “Zuerst einmal: Wir sind jetzt eine Familie. Nennen Sie.. nenn mich Cornelius.” Er hielt mir noch einmal die Hand hin, und ich schüttelte sie. “Nelson.” Nie wieder sollte mich jemand Oluwasegun nennen, dieses Privileg war jetzt nur noch einem vorbehalten, und der lebte in meinem Kopf.

Mit Cornelius’ Hilfe organisierte ich die Überführung nach Cambridge, und er und seine Mutter organisierten die Beerdigung. Ich sprach auch einige Male mit Adalynn Hamilton, doch wohl war mir dabei nie. Sie war freundlich zu mir, so freundlich, wie man eben zu einem Schwiegersohn war, den man noch nie gesehen hatte und den man erst nach dem Tod der Tochter kennenlernen würde.

Meine Eltern waren überhaupt nicht angetan davon, dass ich wieder nach Amerika wollte, aber ich musste zurück nach Burlington. Dort war ich inzwischen zuhause, und ich wollte so nahe wie möglich bei meiner Frau sein. Auch wenn ich mich immer noch vor den Hamiltons fürchtete, ich musste zurück, denn es galt vor allen Dingen auch, Irene zu finden. Ich hatte meine Rachegedanken immer noch nicht aufgegeben, und ich überlegte, ob ich Ethan oder Cornelius einweihen sollte. Doch dann verwarf ich den Gedanken wieder, Ethan war zu gutherzig, und Cornelius würde die falschen Schlüsse ziehen.

Er und ich begannen, eine vorsichtige Freundschaft zu schließen, und so sprachen wir eines Abends auf der Hotel-Terrasse auch über das Erbe der Hamiltons. Ich verschwieg ihm, dass der Streit über meine Fähigkeiten ein Grund gewesen war, weswegen ich von der restlichen Gruppe getrennt worden war – offiziell war ich unseren Häschern entkommen und durch den Wald geirrt. Die Ärzte hatten gesagt, dass es an ein Wunder gegrenzt hatte, dass ich nicht völlig dehydriert gewesen war, aber ich erinnerte mich dunkel daran, dass ich Nahrung zu mir genommen hatte. Ich betete, dass ich niemals erfuhr, mit was Eshu mich gefüttert hatte, denn ich war mir sicher, dass es mir nicht gefallen hätte.
“Sie hat also etwas in dir gesehen, was du nicht wahrhaben wolltest?” fragte Cornelius mich jetzt, während er sich etwas Chardonnay nachschenkte. “Ich weiß es nicht. Ich habe mich nie als babalawo gesehen, obwohl meine Großmutter wohl genau das im Sinn hatte. Sie wollte mich ausbilden.” Cornelius nahm jetzt das Glas und sah mich nachdenklich über dessen Rand an. “Es ist keine Frage der Ausbildung, Nelson”, sagte er schließlich lächelnd. “Es ist eine Frage des Blutes. Und ohne Zweifel liegt es dir im Blut.” Ich wollte etwas erwidern, aber dann fiel mir meine Schwester ein. Wenn es der eine Zwilling konnte, warum auch nicht der andere? Ich verfügte über Fähigkeiten, die nicht jedem zur Verfügung standen, und es wurde Zeit, dass ich sie endlich einsetzte.

Cornelius
I’ve been dancing with your ghost
Some might say that we have stole the show
All the memories that are haunting me
I refuse to let you go
I’ve been dancing with your ghost

(No Resolve – Dancing with your ghost)

Die Beerdigung war das Schlimmste, was ich je erlebt hatte. Die Hamiltons waren eine große und alte Familie, und mehr als einem der älteren Generation schien es aufzustoßen, dass Celeste einen Schwarzen geheiratet hatte. Niemand sagte etwas – schließlich gehörte man zur besseren neuenglischen Gesellschaft, und immerhin hatte ich einen Doktortitel – aber die Blicke sagten oft mehr als tausend Worte. Unsere Ehe hatte hier keine Gültigkeit, ich war nur geduldet, nur eine Randnotiz im Leben von Doktor Celeste Magdalena Hamilton. Cornelius gab sich alle Mühe, mich zu unterstützen, und auch Adalynn vermittelte mir, dass sie mich durchaus als Schwiegersohn willkommen hieß, auch wenn der Rest der Familie das vielleicht nicht tat. Aber auch ihre traurigen Blicke konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie mich jederzeit wieder gegen ihre Tochter eingetauscht hätte.

Später am Abend fand ich mich auf dem Mount Auburn Cemetery wieder, an Celestes Grab.
“Hallo Celeste”, sagte ich leise, während ich auf das Blumenmeer herabsah. “Du fehlst mir so unglaublich.” Ich fiel auf die Knie. Wie konnte ich weiterleben, wenn sie nicht mehr bei mir war? Alles in mir zog sich zusammen, und ich ließ den Tränen freien Lauf. Endlich konnte ich weinen.

Ich wusste nicht, wie lange ich so dort kniete, aber plötzlich war Cornelius bei mir. “Nelson?” fragte er vorsichtig und berührte meine Schulter. Ich sah mich um. “Lass mich allein”, bat ich ihn schroff, doch er blieb. “Nein, das werde ich nicht tun. Glaube mir, das hätte sie nicht gewollt”, erklärte er mir. “Was? Dass ein Irrer ihr das Herz herausreißt? Dass ich nicht da war, um das zu verhindern? Cornelius, ich hätte es verhindern können. Ich war nicht da, ich habe sie umgebracht, ich…” Für einen Moment sah er mich nur wütend an, dann verpasste er mir einen Kinnhaken. Ich hätte dem vergeistigten Professor niemals so einen Schlag zugetraut, und der Schmerz holte mich zurück, während seine grünen Augen mich wütend anfunkelten. “Du bist nicht schuld an ihrem Tod. Du hast getan, was du konntest. Der einzige, der schuld hat, ist dieser Verrückte, der geglaubt hat, das Herz einer Hexe würde ihm irgendetwas bringen.” Ich rieb mir das Kinn, aber Cornelius hatte recht. Nur hatte ich das Gefühl, dass ich etwas tun musste.

Man kann die Dinge auch wissen, ohne nur Jäger zu sein

Ethans Worte kamen mir in den Sinn, mit denen er mich hatte trösten wollen, damals, nach der Apokalypse, als ich schon einmal geglaubt hatte, dass ich alles verloren hatte. Ich hatte nichts vom Übernatürlichen wissen wollen, hatte es verdrängen und vergessen wollen. Aber es hatte mich eingeholt, und es hatte mir das Liebste auf Erden genommen. Das würde ich kein zweites Mal zulassen. Ich musste mich dem stellen und es bekämpfen, damit es anderen nicht so ging wie mir.

Cornelius stand unschlüssig neben mir. “Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe”, meinte er schließlich, “aber ich weiß, dass Celeste nicht gewollt hätte, dass du in Trauer versinkt.” Er machte eine Pause. “Sie hat dich wirklich sehr geliebt. Das wusste ich vom ersten Moment an, als sie dich getroffen hat.” Er lächelte bei dem Gedanken. “Wir sind Zwillinge. Wir wussten alles voneinander, wir waren uns so nahe wie sonst niemand. Aber wem sage ich das?” Ich stand unschlüssig vor ihm, dann musste ich jedoch ebenfalls lächeln. “Alles?” fragte ich, und er grinste für einen Moment verschmitzt. “Alles.”
Dann zog er einen Umschlag aus der Tasche und reichte ihn mir. “Ich habe noch etwas für dich.” Ich öffnete das Kuvert und zog eine offizielle Urkunde des Staates Massachusetts hervor. Eine Heiratsurkunde.

Certificate of marriage
Dr. Nelson Oluwasegun Akintola, geb. 5.12.1980 in Lagos, Nigeria und Dr. Celeste Magdalena Hamilton, geb. 29.8.1980 in New Haven, Connecticut

“Ist das ein schlechter Scherz?” wollte ich von Cornelius wissen, aber er wirkte nicht, als wolle er scherzen. “Das war das Mindeste,was ich noch tun konnte. Ich habe doch gesehen, wie sehr du gelitten hast, weil du keine offizielle Befugnis hattest. Jetzt seid ihr zumindest vor dem Gesetz miteinander verheiratet”, erklärte er. Dann machte er eine Pause, bevor er weitersprach. “Willkommen in der Familie, Bruder.”

Augustine
Pouring the fuel, fanning the flames
Breaking the habit and melting the chains
Embracing the fear, chasing the fight
The glow of the fire will light up the night
The bridges are burning, the heat’s on my face
Making the past an unreachable place
Pouring the fuel, fanning the flames
I know this is the point of no return

(Starset – Point of no return)

Ich verabschiedete mich am nächsten Tag von Cornelius und Adalynn, auch wenn ich beiden anmerkte, dass sie mich gerne noch länger bei sich behalten hätten. Aber ich ertrug es nicht mehr, ihre Trauer zu sehen, die sie hinter ihrer Freundlichkeit versteckten. Ich hatte dafür gesorgt, dass ihnen die Schwester und die Tochter genommen worden war, und ich fühlte mich nicht wohl bei dem Gedanken, weiter bei ihnen zu sein. Ich versprach, mich zu melden, und Cornelius ermahnte mich halb im Scherz, dass ich nicht vergaß, was ich seiner Schwester versprochen hatte.

Kurz bevor ich ins Auto stieg, kam er noch einmal zu mir und reichte mir ein Kästchen. Ich sah ihn fragend an, aber er bedeutete mir, es zu öffnen. In dem Kästchen lag ein kleines Schloß, ähnlich dem Schlüssel, den Celeste mir in unserer Hochzeitsnacht überreicht hatte. “Was ist das?” fragte ich ihn. “Das ist für dich. Sie hat es kurz vor ihrer Abreise bei einem Notar deponiert, mit einem Vermerk, dass es für ihren Ehemann sei.” Bevor ich etwas antworten konnte, sprach er weiter. “Ich weiß nicht, was sie dir damit sagen wollte. Aber du bist jetzt einer von uns, einer von Dreizehn. Ich bin mir sicher, dass es damit zu tun hatte.”

Ich weiß nicht, wann ich das nächste Mal Gelegenheit dazu habe.

Eiskalt durchfuhr mich die Erkenntnis, dass Celeste die ganze Zeit gewusst haben musste, dass sie starb. Es war ihr Schicksal gewesen. Aber wieso fühlte ich mich dann immer noch so verdammt schuldig?

Auf dem Weg nach Burlington kam ich durch Montpelier, Vermont. Einem plötzlichen Impuls folgend hielt ich vor der St. Augustine Church, einer schmucklosen grauen Steinkirche. “Visit St. Augustine Church” verhieß das Schild. Ohja. Ich war zwar immer noch Anglikaner, aber das war doch egal. Für meine Zwecke reichte es, ich musste ein dringendes Gespräch führen. Ein Gespräch, das ich bereits seit einem Jahr vor mir herschob, und das dringender als jemals zuvor war.
Ein graues mageres Kätzchen saß vor der Tür und betrachtete mich aufmerksam aus goldgrünen Augen. Irgendetwas an diesen Augen wirkte so unendlich vertraut, als habe das Tier nur auf mich gewartet. Cornelius’ Erklärung zu Vertrautentieren fiel mir ein. Natürlich, ich war ja jetzt ein Hexer, und dieses kleine Fellbündel wahrscheinlich mein Familiar. Wir würden in Burlington einen Turm beziehen und den Stein der Weisen suchen. Vielleicht konnte ich ihr auch beibringen, auf einem Besen zu reiten oder mich beim Brauen von Tränken zu unterstützen. Ich schluckte, als ich merkte, dass ich gerade drauf und dran war, meinen Zynismus, meine Wut und meine Verzweiflung an diesem kleinen Wesen auszulassen. Was konnte das Kätzchen dafür? Sie hatte Celeste nicht getötet, sie hatte nicht beschlossen, dass man mir das Liebste nahm. Sie war einfach nur eine kleine Katze, die darauf hoffte, dass die Besucher der St. Augustine Church ihr etwas zu essen gaben, sie streichelten und unter dem Kinn kraulten.

Kurz tätschelte ich dem Kätzchen den Kopf, dann betrat ich die Kirche. Sie war leer und dunkel, ich war allein. Langsam ging ich den Gang hinunter zum Altar. Würde mich jemand aufhalten? Mich, den Mörder, den Mann, der manchmal ein Orisha war? Doch nichts geschah, kein Engel erschien, um mich zu richten, der Boden tat sich nicht auf. Ich betrachtete das Kruzifix, leidend sah der Heiland an mir vorbei in eine andere Welt. Es war ihm egal. Es war ihnen allen egal, Vater, Sohn und heiligem Geist. Sie hatten mir ohne zu zögern das Liebste genommen, die Seele meiner Frau in ihrem Himmel eingeschlossen. Futter für die Engel und ihre kleinlichen Parteigänge.

“Du hast mir meine Frau weggenommen”, beschuldigte ich das Kruzifix. “Du hast dafür gesorgt, dass ein guter Mann seine Seele verliert, und dass jetzt seine Geliebte da draußen herumrennt und über Leichen geht, obwohl sie ihm nur helfen wollte. Du hast dafür gesorgt, dass mein Freund Ethan mit einem Fluch leben muss, der verhindert, dass er jemals wieder glücklich wird. Du bist so ein schlechter Vater, dass deine Kinder untereinander Krieg geführt haben, weil sie sich so langweilen.” Keine Antwort. Hatte ich wirklich erwartet, dass Vater, Sohn und heiliger Geist mir antworteten? Sie hatten die Menschen vergessen, hatten die Engel vergessen und die Schöpfung vergessen. Die Welt würde vor die Hunde gehen, und dem einzigen, der etwas daran ändern konnte, war sie völlig gleichgültig.

“Nicht einmal die Apokalypse hat dich interessiert.” Bei dem Gedanken daran, dass meine Freunde beinahe gestorben wären, dass ich nur mit Hilfe eines gottähnlichen Wesens die Tore hatte schließen können, spürte ich wieder eiskalte Wut in mir aufsteigen. Ich griff in meine Hosentasche und zog ein kleines Holzkreuz hervor, das mir meine Mutter im Krankenhaus geschenkt hatte. “Du und ich, wir sind fertig miteinander.” Mit diesen Worten warf ich das Kreuz auf die Altarstufen und verließ ohne einen weiteren Blick die Kirche.

Die Katze saß immer noch vor der Tür, jetzt kam sie auf mich zu und umstrich meine Beine. “Willst du mit?” fragte ich sie, und ein klagendes Maunzen war die Antwort. “Dann lass uns fahren, Augustine. Ich glaube, wir gehören beide nicht hierher.” Mit diesen Worten hob ich sie hoch und ging zum Auto, um mich auf den Weg nach Burlington zu machen. Es galt, Rache zu nehmen, Seele hin oder her, und einen Fluch zu brechen.

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Pritzker's Junior Witch Club
Smiggle, smiggle, make them giggle...

Am I meant to be something?
Is this the song I’m supposed to sing?
These questions need answers

Is my life already scripted?
Fighting still cannot change the words
These questions need answers

(Our last night – Fate)

“… und das ist Miss Bishop. Sie wird uns in der Bibliothek unterstützen bei der Einführung der neuen Bibliothekssoftware.” Beinahe hätte Niels seinen Kaffee über Mr Andrews, den Kunstlehrer, gespuckt, als er Natalie Bishop erkannte. Sie stand neben Direktorin Reese und sah in die Menge, und natürlich trafen ihr und Niels’ Blick sich. Das konnte selbst die Fensterglas-Brille nicht verhindern, die er sich besorgt hatte, damit Aaron Weatherby wie ein seriöser Lehrer für Deutsch und Kunst wirkte – und nicht wie ein junger Mann, den ein irischer Betrüger mit einer falschen Identität ausgestattet an die A.N. Pritzker School in Chicago geschickt hatte.

Niels sah auf den gefälschten Führerschein. “Aaron Weatherby”. Aushilfslehrer für Deutsch und Kunst. Wenigstens hatte Flann ihn den Namen aussuchen lassen, bevor er ihm die Papiere gegeben hatte. Ethans Lieblingswaffe und sein ihm bisher so verhasster erster Vorname waren das erste, was ihm in den Sinn gekommen waren.
Er war sich immer noch nicht sicher, ob er das Richtige tat, aber Flann hatte ihm gesagt, dass das hier einfach war. Kinderzeichnungen sollte er anfertigen lassen und ihm dann schicken. Was zur Hölle hatte der Ire sich dabei gedacht? Hätte er Niels nicht wegen der Anti-Dämonen-Tätowierung geholfen, der junge Mann hätte es sich anders überlegt. Schließlich kannte er Flann – so gut, wie man jemanden wie Flann eben kennen konnte – und wusste, auf was er sich einließ. Und was sollte schon passieren? Im Grunde genommen war er schon ein bisschen neugierig, ob die Leute ihm die Tarn-Identität abnahmen und ob er als Aushilfslehrer mit falschem Namen durchging. Und wenn er dafür seinen eigentlichen Vornamen benutzen musste, dann war das eben so. “Aaron” war ein Werkzeug gewesen, und so konnte sein Name es ebenfalls sein.

Als sich das Lehrerzimmer leerte, passte Niels Natalie ab. Zum einen wollte er sie begrüßen, er freute sich ehrlich, sie zu sehen, und zum anderen wollte er ihr sagen, dass er nicht “Niels” hieß. Zumindest nicht hier, und nicht jetzt.
Natalie schien auf Niels gewartet zu haben, sie kam lächelnd auf ihn zu. “Was machst du hier?” fragte sie. “Ich bin als Aushilfslehrer unterwegs. Und falls dich jemand fragt: Ich heiße hier Aaron Weatherby. Mehr kann ich dir leider nicht sagen.” Weil ein Mann, den wir als Hank Williams kennengelernt haben, sehen will, ob ich seinen Ansprüchen genüge. “Hier gehen merkwürdige Dinge vor sich”, wechselte er schnell das Thema. Jetzt hatte er Natalies Aufmerksamkeit von seiner Person abgelenkt, mit großen Augen hörte sie ihm zu, wie er von den seltsamen Vorfällen der letzten Wochen erzählte: Eine Vitrine war zerstört worden, nachdem ein Feuerlöscher wie von Geisterhand angestoßen worden war, ein Bücherregal war wie aus dem Nichts umgekippt und hatte beinahe eine Schülerin getroffen. Natalie schnaubte, als sie Niels’ Bericht hörte. „Ich bin 20 Jahre durchs Leben gegangen, ohne was mitzubekommen, und im letzten Jahr kann ich an keinen Baum treten, ohne dass eine Hexe rausfällt!“ erklärte sie. Niels sah sie nur an und hob eine Augenbraue. „Wenigstens hast du zwanzig ruhige Jahre gehabt“, antwortete er dann leise. Natalie nickte nur, und Niels wollte das Thema schnell wieder in andere Bahnen lenken, als die Tür des Büros der Direktorin sich öffnete. Heraus kam eine wohlbekannte Gestalt: Barry Jackson.

Als der Indianer Natalie sah, verzog sich sein Gesicht, und Niels überlegte, ob das wohl ein Lächeln war. Er begrüßte die junge Frau, dann wandte er sich Niels zu. Bevor der junge Mann etwas sagen konnte, erklärte Natalie, dass Niels hier “Aaron Weatherby” hieß, und Niels war sich sicher, dass der Gesichtsausdruck, den Barry jetzt aufsetzte, sicher kein Lächeln war. “Du heißt nicht Weatherby, Heckler”, erklärte der Indianer, und Niels konnte nur mühsam ein Seufzen unterdrücken. Er wusste selbst, wie er hieß. Er wusste selbst, wer er war.

Die Auffahrt war nicht lang, und so konnte Niels das Haus von unten bereits sehen. Das Tor war verschlossen, und gut sichtbar war das Schild der Sicherheitsfirma zu sehen, die das altehrwürdige Herrenhaus bewachte, das einmal das Zuhause von Jacob Heckler und seiner Familie gewesen war. Rabenstein House. Niels stieg aus dem Auto aus und ging am Zaun entlang. Wie gerne würde er das Tor öffnen und einfach die Auffahrt hochgehen, das Haus betreten und seinem Vater wenigstens einmal in diesem Leben nahe sein. Aber er war sich sicher, dass weder Felicity noch Tante Delia daran gedacht hatten, den Wachleuten zu sagen, dass Jacob Heckler einen Sohn hatte, und er wollte keinen Verdacht erregen. Natürlich konnte er sich ausweisen, aber er hatte kein Interesse an einer Konfrontation.
Stattdessen blieb er unten vor dem Eingangsschild stehen, die Hände in den Hosentaschen. Rabenstein House. Der Name löste etwas tief in Niels aus, ein Gefühl, das er nicht kannte, und das sich zu dem bisherigen schlechten Gewissen und der Schuld gesellte. Trotz allem, was geschehen war, war Jacob immer noch ein Heckler. Der Sohn von Korbinian, und der Neffe von Ludwig Heckler, dem Schrecken vom Rachel. Ein Jäger der alten Schule, einer Tradition verpflichtet, die Niels immer abgelehnt hatte. Er war sich sicher, dass Jacob ihn nie so behandelt hätte, wie Gustav es getan hatte, aber auch sein Vater hätte ihn zu einem Jäger gemacht.

Du kannst ihnen nicht entkommen. Einmal Jäger, immer Jäger.

Niels holte tief Luft, als er spürte, wie die Panik wieder in ihm aufstieg. Noch nie zuvor in seinem ganzen Leben hatte er sich so entwurzelt gefühlt. Er war nur ein Bastard, ein Niemand, und alles, was er zustande gebracht hatte, war, anderen Menschen zur Last zu fallen mit seinen Ängsten und sie mit seinem kindischen Verhalten sogar in Lebensgefahr zu bringen. Schluchzend sank er vor dem Zaun in sich zusammen.
Er musste eine Zeit lang so da gesessen haben, als sein Smartphone piepsend seine Aufmerksamkeit verlangte.

Bruderherz, wie geht es dir? Seit der Skype-Session hab ich nichts mehr von dir gehört. Mache mir Sorgen. Angelika.

Niels wischte sich die Tränen ab, stand auf und ging eine Antwort tippend zum Auto zurück. Er war nicht allein, seine Schwester würde wahrscheinlich in die Hölle gehen, um ihn dort herauszuholen – beide Schwestern. Schließlich fiel ihm wieder ein, was ihm Angelika erzählt hatte, nachdem er ihr gesagt hatte, dass sie nur Halbgeschwister waren. “Weißt du eigentlich, warum du Niels heißt? Das war seine Idee. Er hat dir deinen Namen gegeben.”

“Was machst du hier?” wollte Barry wissen, seine dunklen Augen schienen Niels geradezu sezieren zu wollen. “Ich habe einen Auftrag”, gab Niels zurück. Es ging Barry schließlich nichts an, warum Flann ihn hierher geschickt hatte. “Ich rufe die Polizei, wenn du mir nicht sagst, was du hier tust. Meine Kinder gehen auf diese Schule”, erklärte Barry jetzt. Niels spürte, wie Wut in ihm aufstieg. Was glaubte der Ältere eigentlich, wer er war? Die Welt drehte sich doch nicht um ihn und seine Kinder. “Es geht hier nicht um deine Kinder. Und es geht dich nichts an, was ich hier mache. Ich arbeitete hier als Aushilfslehrer”, entgegnete Niels betont ruhig, auch wenn er merkte, dass er eigentlich längst nicht mehr so ruhig war. Was wollte Barry von ihm? Waren sie beim letzten Mal so unversöhnlich auseinander gegangen? Eigentlich nicht, wenn Niels sich erinnerte. Das war in Idaho im letzten Jahr gewesen – verfluchtes Idaho, in Zukunft würde Niels einen großen Bogen um diesen Bundesstaat machen. “Meine Kinder gehen auf diese Schule, also geht es mich sehr wohl etwas an”, wiederholte Barry, sein Unterton wurde scharf. “Sag mir, was du hier machst, sonst rufe ich die Polizei.” Niels schätzte kurz seine Chancen ab, ob es ihm gelingen würde, Barry einfach niederzuschlagen, aber zum einen war dies hier kein Ort für so etwas, und zum anderen war Barry vielleicht älter als er, aber mit Sicherheit auch geübter im Nahkampf. Außerdem wollte er dem Haken nicht zu nahe kommen, er sah aus, als könnte er häßlich wehtun. Wahrscheinlich war das mit ein Grund, warum der Indianer ihn trug.
“Es. Geht. Dich. Nichts. An.” Niels betonte jetzt jede Silbe einzeln, aber Barry wollte sich nicht beruhigen. “Schön. Aber wir beide gehen jetzt trotzdem zu Direktorin Reese und sprechen mit ihr. Sie wird deine Geschichte ja wohl bestätigen.” Niels stöhnte innerlich auf. Er sollte nicht auffallen, und was würde die Direktorin sagen, wenn ein wütender Vater mit ihrem Kunst- und Deutsch-Aushilfslehrer in ihr Büro stürmte und dort eine Szene machte?
“Wenn du hier bist, dann geht hier doch bestimmt etwas vor. Etwas Übernatürliches.” Daher wehte also der Wind. Niels stöhnte jetzt auch laut auf. “Es geht nicht um die Jagd bei meinem Auftrag, wenn du das meinst”, erklärte er, und jetzt schien Barry endlich einzulenken. Er ließ den Türknopf los und drehte sich zu Niels und Natalie um. “Gut, aber ich behalte das im Auge.” Mit diesen Worten wandte er sich Natalie zu und ignorierte Niels. Niels tat es ihm gleich und verabschiedete sich von Natalie, er hatte noch einiges zu tun.

Auf dem Weg zum Lehrerzimmer kamen ihm zwei seiner Schülerinnen entgegen, Alexandra und Rochelle. Beide waren 14 Jahre alt und besuchten seinen Deutsch-Kurs. Niels hatte manchmal den Eindruck, dass ihr Eifer für den Kurs nicht nur der Sprache, sondern auch seiner Anwesenheit geschuldet war, aber das war nur eine Vermutung.
Die beiden Mädchen kicherten, als Niels an ihnen vorbeiging, und vielleicht war seine Vermutung doch nicht nur das. Er lächelte vor sich hin und fuhr sich durch die Haare, die endlich wieder eine annehmbare Länge hatten, dann nahm er die Fensterglas-Brille ab und steckte sie in die Hemdtasche. Vielleicht war Barry auf Ärger aus. Aber er war nicht mehr der kleine Junge, der sich von anderen herumschubsen ließ. Er war gewachsen in den letzte Monaten. Was er zunächst für einen Rückfall in seine Vergangenheit gehalten hatte, hatte sich als eine Art zweite Geburt herausgestellt. Feuer reinigt, Aaron. Deswegen muss die Hexe brennen. Ja, Feuer reinigte. Feuer reinigte von allem, was einen zurückhielt, von den bösen Erinnerungen und dem Wissen, dass man nur als Werkzeug großgezogen worden war. Niels war nie ein Kind gewesen, nie ein Mensch. Nur das Werkzeug der ultimativen Rache. Genau das war ihm klar geworden, nachdem er sich mit Ethan getroffen hatte, nachdem er sich mit Emily ausgesprochen hatte. Vielleicht trug er den gleichen Nachnamen wie Gustav, Jospeh und auch Benedikt, aber damit endeten ihre Gemeinsamkeiten. Sollte er jemals nach Hause zurückkehren, es gäbe nur eine Sache, die er noch tun würde, fünftes Gebot hin oder her.

Am nächsten Tag hielt Niels wie gewohnt seinen Unterricht ab. Natalie hatte ihm eine SMS geschickt, dass sie sich in die Kameras der Schule eingehackt hatte, um zu sehen, ob sie dabei etwas interessantes sehen konnte. Niels hatte zwar Zweifel, dass sie damit einen Geist würde wirklich sehen können, aber falls die seltsamen Vorfälle doch einen ganz weltlichen Ursprung hatten, dann konnte sie den Übeltäter damit vielleicht auf frischer Tat ertappen.

Viel Zeit, um über Natalies Pläne nachzudenken, hatte Niels jedoch nicht, er musste sich schließlich um seine Schüler kümmern. Besonders Caitlyn, die sonst immer gute Leistungen in seinem Deutsch-Unterricht zeigte, stotterte heute furchtbar, was sie sehr mitzunehmen schien. Nach der Stunde kam sie zu ihm und entschuldigte sich, doch Niels sah sie nur lächelnd an. "Hey, wir haben doch alle mal einen schlechten Tag. Ich weiß doch, dass du sonst eine gute Schülerin bist”, versuchte er sie aufzumuntern. Caitlyn sah ein wenig verlegen zu Boden, dann meinte sie: “Ich weiß ja auch nicht. Vielleicht lag es daran, dass wir heute die Bio-Arbeit schreiben, und ich so aufgeregt bin.” Niels erinnerte sich daran, dass er gestern die Fünfer-Clique um Rochelle und Alexandra und ihre Freundinnen Madison, Alondra und Leticia hatte ermahnen müssen, weil die Mädchen sich lieber über die Arbeit unterhalten hatten statt seinem Unterricht zu folgen.

Niels wartete, bis auch der letzte Schüler den Klassenraum Richtung Caféteria verlassen hatte, dann schloss er ab und ging ebenfalls zum Mittagessen.
Als er die Caféteria betrat, fiel ihm als erstes Barry auf. Na wunderbar, der hat mir gerade noch gefehlt. Offenbar war der Indianer der Meinung, dass Niels eine Gefahr für seine Kinder darstellte, so wie er ihn beobachtete. Niels beschloß, sich nicht von ihm provozieren zu lassen, sondern holte sich betont lässig sein Essen ab und setzte sich dann zu Mr. Andrews, mit dem er ohnehin noch ein Kunstprojekt besprechen musste.

Nach dem Essen hatte Niels eine Freistunde, weswegen er in der Caféteria sitzenblieb. Barry schien sich verzogen zu haben, wahrscheinlich war er in die Bibliothek gegangen. Der junge Mann hegte keinerlei Interesse, dem Älteren noch einmal über den Weg zu laufen. Was immer Barry für ein Problem mit ihm hatte, er wollte es nicht vertiefen und riskieren, dass doch jemand die Zeugnisse, die Flann ihm gegeben hatte, näher überprüfte. Kurzzeitig überlegte er, ob er den Iren anrufen sollte, aber Flann rief man nicht an. Flann schickte man, wenn überhaupt, eine SMS und hoffte, dass er sich meldete.
Also nahm Niels seinen Zeichenblock aus der Tasche, um zu zeichnen. Seine Finger waren immer noch ein wenig steif, aber es ging von Tag zu Tag besser, bald wären sie wieder so wie früher, wenn man von dem Narbengewebe darauf absah. Niels schob sich die Ärmel nach oben, um zu beginnen. Sein Blick fiel auf die farbigen Motive, die auf seinem Unterarm das Schlimmste versteckten.

Das “Moth and Dagger” war kein besonders auffälliger Tattooladen, und Niels hatte immer noch keine Idee, warum Flann ihn ausgerechnet hierhin geschickt hatte. Aber offensichtlich konnte Jason die Anti-Dämonen-Tätowierung machen, und genau so etwas brauchte er. Nie wieder sollte ein Dämon die Gelegenheit haben, sich an seiner Seele gütlich zu tun. Er schüttelte sich bei dem Gedanken daran und überlegte dann, ob es nicht zu früh war, dass er sich wieder tätowieren ließ. Aber nachdem die Verbände endlich verschwunden waren und deutlich geworden war, dass es ohne Nachstechen nicht gehen würde, konnte es ihm nicht schnell genug gehen.

Der Arzt und die Jamesons waren natürlich nicht so begeistert gewesen, als Niels gesagt hatte, dass er nach San Francisco fliegen wollte, und vor allen Dingen, als er gesagt hatte, warum. Aber schließlich hatte der Arzt gesagt, dass zumindest vom medizinischen Standpunkt nichts gegen neue Tätowierungen sprach, und es sei ja auch ein Stück weit Therapie für Niels, um mit dem Erlebten fertig zu werden.

Niels betrat den Laden mit einem mulmigen Gefühl. Er hatte sich immer noch keine gute Coverstory überlegt. Flann hatte ihm eingeschärft, dass er ihn nicht erwähnen sollte, aber was sollte er dann sagen?
“Kann ich dir helfen?” Bevor Niels noch einen Gedanken daran verschwenden konnte, was er jetzt genau Jason erzählen sollte, damit er an die Anti-Dämonen-Tätowierung kam, hatte der ihn schon angesprochen. Er musste es sein, denn sonst sah Niels nur noch zwei Frauen, die mit Kundschaft beschäftigt waren. “Bist du… bist du Jason?” fragte Niels und wollte im gleichen Moment den Laden verlassen. Der Mann musterte ihn eingehend und sagte dann nach einer gefühlten Ewigkeit. “Der bin ich. Was kann ich für dich tun?” Niels schob die Ärmel hoch und zeigte Jason wortlos die Bildfetzen auf seinen Armen. Der Tätowierer pfiff durch die Zähne. “Fuck. Heißes Date gehabt, Kleiner?” Er ging zu einem Schreibtisch und schlug ein Buch auf. In diesem Moment kam Niels die rettende Idee. Er sah sich um, aber die beiden Frauen waren in ihre Arbeit vertieft, und sonst war niemand im Laden. Beiläufig fasste er sich an die Hosentasche und schob die Bibel nach oben, so dass sie aus der Hosentasche fiel und aufgeklappt vor Jasons Tisch liegenblieb. Als habe das Schicksal ihn unterstützen wollen, fiel ausgerechnet der Zettel mit dem Anti-Dämonen-Zeichen heraus. Niels bückte sich und wollte die Bibel wieder aufheben, doch Jason hatte genau das gesehen, was er hatte sehen sollen. “Oh, so einer bist du also”, meinte er nur und sah Niels an. “Ich… das hab ich bei den Sachen meines Vaters gefunden. Der hatte dieses Zeichen tätowiert….” Jason grinste jetzt breit. “Schon klar. Na wenigstens muss ich es dir nicht einbrennen. Mit dem Feuer gespielt hast du ja bereits. Komm mit, wir kriegen das und den Rest mit Sicherheit hin.”

Mit einem Lächeln auf den Lippen in Erinnerung an seine Zeit in San Francisco wollte Niels sich gerade seinen Zeichnungen widmen, als die Tür aufging und eine Gruppe Jugendlicher hereinkam. Niels sah sie sich eingehend an, er erkannte Caitlyn, Rochelle, Alexandra und noch ein paar andere seiner Schüler aus dem Deutschkurs. Sollte jetzt nicht eigentlich die Biologie-Arbeit stattfinden?
Er stand auf und ging zu Caitlyn herüber. “Was ist denn hier los?” fragte er sie. Sie sah ihn mit großen Augen an. “Mr Taylor ist bei der Schulschwester, es geht ihm nicht so gut. Die Arbeit fällt aus.” Niels zog eine Augenbraue hoch. Umfallende Regale und anderes mochten eins sein, aber das hier kam ihm verdächtig vor, und wenn es gegen andere Menschen ging, dann war dies definitiv etwas, was er sich ansehen sollte. Er packte seine Zeichensachen ein und gab der Klasse zu verstehen, dass sie sich in die Bibliothek begeben und bei Ms Bishop melden sollten. Er selbst begab sich zur Krankenstation, um nach dem Biologielehrer zu sehen.

Schwester Susan saß hinter ihrem Schreibtisch und sah kurz auf, als Niels hereinkam. “Wie geht es Mr Taylor?” wollte er wissen. “Naja, den Umständen entsprechend. Er wird etwas falsches gegessen haben”, meinte Schwester Susan. Niels erinnerte sich daran, dass er den Biologielehrer vorhin in der Caféteria gesehen hatte, wo er mit Begeisterung das Gleiche wie alle anderen gegessen hatte. “Aber ich habe auch in der Caféteria gegessen, und bisher ist doch auch sonst niemand bei Ihnen gewesen, oder?” wollte er jetzt von der Krankenschwester wissen. Die sah ihn nur über den Rand ihrer Lesebrille an. “Nein, bisher nicht. Mr Weatherby, Ihre Sorge ehrt Sie, aber es könnte auch sein, dass Mr Taylor sich einfach einen Virus eingefangen hat. Ich habe sicherheitshalber einen Krankenwagen gerufen, damit sich ein Arzt Mr Taylor ansehen kann.” Ein Virus. Oder Magie? Niels überlegte, ob jemand den Lehrer verhext hatte. Das war eine Möglichkeit, die er nicht ausschließen wollte, und die er dringend mit jemandem besprechen musste.

Natalie wartete bereits in der Bibliothek. “Was soll ich denn mit den ganzen Kindern machen? Du bist hier als Lehrer eingestellt”, beschwerte sie sich, aber Niels bedeutete ihr, dass er ihr alles erklären würde. Er hielt die Jugendlichen an, sich mit ihren Hausaufgaben zu beschäftigen, dann zog er Natalie in ihr kleines Büro neben der Bibliothek. “Hier ist Hexerei im Spiel, Natalie. Diese ganzen Vorfälle, und jetzt die plötzliche Erkrankung von Mr Taylor. Meine Jägersinne sind angesprungen.” Natalie hörte ihm zu, die Arme vor der Brust verschränkt. Niels hatte bereits einen Verdacht, den er gegenüber der jungen Frau äußerte. “Ich weiß nicht, ob meine Schülerinnen was damit zu tun haben, aber es würde mich nicht wundern.” Er machte eine Handbewegung Richtung Bibliothek, wo Alexandra, Rochelle, Madison, Alondra und Leticia einträchtig ihre Schreibaufgaben machten. “Kannst du nicht mit ihnen reden? Du bist doch ein Mädchen.” Niels sah Natalie mit einem aufrichtigen Lächeln an, denn er hatte tatsächlich überhaupt keine Ahnung, wie man mit Mädchen sprach, zumindest nicht in dem Alter. Seine Klassenkameradinnen hatten den seltsamen Aaron stets gemieden, und Niels hatte nie das Bedürfnis gehabt, sich mit einer von ihnen näher zu beschäftigen.
Natalie grinste jetzt. “Kann ich machen, aber was bringt dich darauf, dass es diese Fünf waren?” Niels berichtete ihr, dass ein Mädchen, das einen Unfall hatte, ebenfalls aus dieser Klasse war, und ein anderes Mädchen, dem einer der seltsamen Vorfälle passiert war, ging zumindest in die gleiche Klassenstufe. Sie war Favoritin beim Sportfest gewesen und hatte sich kurz vor einem Wettlauf den Knöchel verknackst. Rochelle hatte den Lauf gewonnen, und Alexandra war Zweite geworden.

In diesem Moment klopfte es an der Tür, und ohne ein “Herein” abzuwarten, betrat Barry das Zimmerchen. Niels warf ihm einen langen Blick zu, aber anscheinend war der Indianer gegen den Heckler-Blick immun, oder er wollte ihn immer noch nicht beachten. Aber auf der anderen Seite war Barry ein versierter Jäger, und je mehr Leute in das Geschehen hier eingeweiht waren, desto besser. Niels und Natalie erzählten Barry alles, und der Ältere schlug vor, die Mädchen zunächst zu beobachten.

Alle fünf wirkten jedoch so, als könnten sie kein Wässerchen trüben, leise vor sich hinkichernd, steckten sie die Köpfe zusammen und gingen ihrer Arbeit nach. Aber irgendwas an diesem Bild wirkte für Niels so, als würde es nicht zu dem Rest passen, und als Madison Rochelle einen Stift reichte, wusste er, was es war: Die Fünf hatten alle das gleiche Schreibmäppchen in Form einer Voodoo-Puppe. Wussten die Mädchen, mit was für Mächten sie sich da anlegten? Mit Sicherheit nicht. Also schlenderte er durch die Reihen und tat so, als beobachte er die Stillarbeit der Schüler, bis er am Tisch der Fünfer-Clique ankam. Er hob Alexandras Mäppchen hoch und sah es sich an.
Das Mäppchen war aus Segeltuch gefertigt, das bereits gebraucht wirkte. Seemannsgeister? Niels hoffte, dass das nicht der Fall war, mit dem Meer und seinen Geistern kannte er sich nicht aus. Er drehte das Mäppchen um und las den Aufnäher auf der Rückseite: “Hurricane Matthew Disaster Relief Foundation”. Die Firma, die das Mäppchen hergestellt hatte, nannte sich Smiggle, Natalie würde dazu sicher was im Netz herausfinden. “Das ist ja schon ein ungewöhnliches Mäppchen”, meinte Niels jetzt zu Alexandra, die verlegen lächelte. “Ja, das ist cool, oder? Madison hat die mitgebracht, als sie in Australien war. Für jede von uns!” Sie wurde ein wenig rot, als sie das erzählte, und Niels war sich nicht sicher, ob es seinetwegen war oder weil sie einfach aufgeregt war. Er legte das Mäppchen wieder auf den Tisch und besah sich die übrigen Püppchen. Bei dreien sah er auf den Köpfen die Spuren von Klebstoff, und er konnte auch Einstechlöcher erkennen.

Fuck. Fuckfuckfuck. Sie spielen mit Mächten, die sie nie im Leben umreißen.

Niels kehrte zu Natalie und Barry zurück und nannte ihnen den Namen der Firma. Natalie fand heraus, dass Smiggle sehr viele bunte Accessoires machte, unter anderem auch die Mäppchen. Diese waren ursprünglich als Unterstützung für die Hurrikan-Opfer gedacht, wurden aber wieder aus dem Programm genommen, weil Eltern sich über Mobbing beschwert hatten.

“Vielleicht können wir das Problem mit Weihwasser entschärfen?” schlug Barry vor. Niels sah ihn an. “Wie stellst du dir das vor?” wollte er wissen. “Naja, wir lösen einen Feueralarm aus und füllen Weihwasser in die Sprinkleranlage.” Niels nickte, das könnte tatsächlich funktionieren. “Aber du könntest auch erstmal mit einem der Mädchen reden”, meinte Natalie mit einem Seitenblick zu Alexandra. Niels sah sich um. Tatsächlich, die Kleine schien ihn zu mögen. Er beschloss, sie nach der Stunde abzufangen, denn es bestand schließlich immer noch die geringe Möglichkeit, dass sich hier nichts Übernatürliches abspielte und alles ein Zufall war – oder sehr dumme mundane Streiche.

Es war nicht schwierig für Niels, Alexandra alleine zu sprechen, sie stand vor dem Wasserspender an der Bibliothek, ihre Freundinnen waren nirgends zu sehen. “Ich weiß, was ihr mit den Mäppchen gemacht habt”, erklärte Niels ihr geradeheraus. Alexandra wurde bleich. “Aber… aber.. das ist doch nicht echt. Wir haben nur damit rumgespielt!” verteidigte sie sich. Niels schüttelte den Kopf. “Ich kenne mich mit so etwas aus, und glaube mir, das ist echter, als du dir denkst.” Oder wünschst. Das Mädchen sah nun so aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, und beinahe bekam Niels ein schlechtes Gewissen. “Kann ich mir dein Mäppchen bis morgen ausleihen? Ich würde gerne etwas ausprobieren. Du bekommst es auch bestimmt zurück.” Er lächelte, und Alexandra lächelte verlegen zurück. “Aber nur, weil Sie es sind, Mr. Weatherby”, sagte sie leise und reichte ihm das Mäppchen und ein Schächtelchen. “Die Nadeln gehören auch dazu”, meinte sie, dann drehte sie sich um und lief davon.

Niels kehrte in die Bibliothek zurück, wo Natalie und Barry noch warteten. “Und jetzt?” wollte er wissen. Barry antwortete nicht, sondern ging zum Computer, tippte etwas und kam schließlich mit einem Ausdruck eines Fotos von sich selbst zurück. “Pack das da rein”, wies er Niels an, dann reichte er Natalie die Nadeln. “Jetzt sehen wir ja, ob das funktioniert”, meinte er, nachdem Natalie einige Nadeln in das Püppchen gesteckt hatte. “Spürst du denn was?” wollte Niels wissen, er war skeptisch, dass das so einfach ging. Barry schüttelte den Kopf. “Nicht wirklich. Wir müssen das Mädchen nochmal fragen, wie sie das genau gemacht haben.” Niels nickte, aber Alexandra war erst am nächsten Tag wieder da. Dann fiel ihm etwas ein. “Wenn die Fünf wirklich Hexen sind, stehe ich jetzt vermutlich auf ihrer Abschussliste.”

Wieder schneller gedacht als gehandelt, Heckler?

Barry stimmte ihm zu. “Wenn du willst, kannst du mit zu mir kommen”, meinte er. Niels schüttelte den Kopf. “Ich weiß, wie ich mich schütze.” Unbewusst wanderte seine Hand in Richtung Brust, wo sich die frische Anti-Dämonen-Tätowierung befand. Außerdem legte er keinen gesteigerten Wert darauf, mehr Zeit mit Barry zu verbringen als nötig. Aber für alle Fälle war es ihm lieber, wenn Natalie ihn begleitete. Er reichte ihr die Bibel, und sie sah das Buch interessiert an, dann jedoch bemerkte Niels ihren fragenden Blick. Natürlich, das Buch war auf Deutsch, das konnte sie zwar lesen, aber wirklich nutzen würde es nicht.
“Du könntest dich in einen Salzkreis legen. Oder Eisenspäne”, schlug Barry jetzt vor. Niels seufzte. Auf diese Idee wäre er ja nie im Leben gekommen. Wenn Barry ihm gleich noch vorschlug, Schneeball auf die Türrahmen zu legen, oder ähnliches, würde er dem Indianer vielleicht doch mal zeigen, wer die Hecklers waren und worin seine Ausbildung bestanden hatte. Er war seit seinem neunten Lebensjahr ein Jäger, der Sohn eines Jägers, aufgezogen von einem Jäger. Er würde niemals etwas anderes tun können, so sehr er sich das wünschte. Auch Aaron Weatherby, der Kunstlehrer, konnte das niemals ändern.
“Ich könnte dir Eisenspäne be…” “Danke, ich habe alles da”, unterbrach Niels Barry und atmete tief durch. Sein Problem war ein pubertärer Hexenclub, nicht ein übereifriger paranoider Übervater.

In seiner kleinen Wohnung, die nicht weit von der Schule lag, zog Niels als erstes einen Salzkreis versetzt mit Eisenspänen um seine Couch. Auch das Mäppchen platzierte er in einem Salzkreis. Er überließ Natalie das Bett, als sie später schlafen gingen, und kaum lag er auf der Couch, hörte er an Natalies gleichmäßigem Atem, dass sie eingeschlafen war. Er selbst drehte sich noch hin und her, schlafen war nichts, was ihm leicht fiel. Tagsüber hatte er seine Dämonen inzwischen bestens im Griff, aber nachts holten sie ihn in regelmäßigen Abständen wieder ein. Die Tatsache, dass er sich zur Zielscheibe der Junghexen gemacht hatte, und Barrys seltsames Verhalten trugen nicht gerade dazu bei, dass er die Ruhe herbeisehnte. Doch irgendwann konnte er die Augen nicht mehr aufhalten, und er fiel in einen unruhigen Schlaf.

Die Flammen hüllen ihn ein, aber sie verbrennen ihn nicht. Er kann sich nicht bewegen, das Feuer hat ihn eingeschlossen. Eine Gestalt löst sich aus der Glut, sie hat kein Gesicht, nur schwarze Augen sind zu sehen. “Ich will dich”, raunt sie ihm zärtlich zu und beginnt, mit ihren Händen seinen Oberkörper hochzufahren. Die Tätowierung scheint sie nicht zu stören, die Finger fühlen sich an wie glühende Eisen auf seiner Haut. Er bekommt keine Luft mehr, etwas schnürt ihm die Kehle zu, er will das nicht, nein, die Hände graben sich jetzt in seine Haut, graben sich tiefer, bis in sein Herz, in seine Seele…

“Nein!” Niels fuhr schreiend und keuchend auf, er war schweißgebadet. Im Hals verspürte er ein leichtes Kratzen. War das eine Nebenwirkung seines Traums, oder hatten die Mädchen tatsächlich versucht, ihn zu verhexen? Er sah auf die Uhr. 5 Uhr. Keine Zeit, zu der er freiwillig aufstand, zumal Natalie noch schlief, aber er konnte nicht wieder einschlafen.
Er stand auf und duschte ausgiebig, dann machte er Kaffee und Frühstück. Natalie war inzwischen ebenfalls wach, sie reckte sich und gähnte. Niels schenkte ihr eine Tasse Kaffee ein und reichte sie ihr. “Tut mir leid, falls ich heute nacht unruhig war”, meinte er. Es war ihm immer noch peinlich, wenn Leute mitbekamen, dass er nicht schlafen konnte. Mehr als einmal hatte seine Tante ihn wie ein kleines Kind getröstet, wenn er schreiend aufgewacht war, und mehr als einmal hatte Niels sich furchtbar dafür geschämt. Aber Delia hatte nie etwas gesagt, sie hatte ihn nur festgehalten und gewartet, bis er wieder eingeschlafen war. Manchmal fragte Niels sich, was er ohne seine Tante und ihre Eltern in den letzten Monaten gemacht hätte. Wahrscheinlich wäre er jetzt nicht hier.

Natalie nickte nur verschlafen und nippte an ihrem Kaffee, offensichtlich schien sie trotz Allem gut geschlafen zu haben. Schließlich tappte sie ins Bad und kam dann deutlich frischer wieder zurück, bereit, wieder an die Arbeit zu gehen.

Niels suchte Alexandra und fragte sie rundheraus nach dem Mäppchen. “Ok, wie genau habt ihr das gemacht, du und die anderen?” wollte er wissen. “Sie müssen ein Bild von jemandem reintun, und am besten noch ein Haar oder so etwas von der Person”, erklärte sie. “Dann müssen Sie sich etwas wünschen… Madison hat sich zum Beispiel gewünscht, dass Caitlyn gestern in Ihrem Unterricht anfängt zu stottern, oder Rochelle hat sich gewünscht, dass sie das Wettrennen beim Sportfest gewinnt.” Dann machte sie plötzlich eine Pause und sah Niels lange an. “Aber Mr Weatherby, das funktioniert doch nicht wirklich. Das war doch alles nur ein Spiel!” Niels schüttelte den Kopf. “Ich gehe jetzt in die Bibliothek, und du wirst in etwa fünf Minuten nachkommen.” Auf keinen Fall wollte er gesehen werden, wie er alleine mit einer Schülerin dort hinging, man konnte nie wissen, wer ihm daraus einen Strick drehen wollte.

Er ging vor und stellte fest, dass nicht nur Natalie in der Schulbibliothek war. Auch Barry hatte sich wieder an der Schule eingefunden, was Niels nur noch ein müdes Augenbrauen-Hochziehen entlockte. Offensichtlich war der Ältere immer noch nicht überzeugt davon, dass Niels mitnichten vorhatte, seinen Kindern zu schaden. Aber gut, dann konnte der Indianer ihn bei den Junghexen unterstützen. Bevor Alexandra kam, erzählte Niels ihm und Natalie, was das Mädchen gesagt hatte. Zum Glück hatte er noch ein Passfoto von sich einstecken, dass er auf das Mäppchen kleben konnte, dann riß er sich ein Haar aus und schob es hinein.

Keine Sekunde zu früh betrat Alexandra die Bibliothek. Unsicher sah sie von Niels zu Barry und Natalie, aber als der junge Mann ihr aufmunternd zunickte, kam sie näher. Niels schob sich den Ärmel hoch, dann reichte er Alexandra das Mäppchen und die Nadeln. “Stich zu”, meinte er nur, “meinem Arm macht das nichts mehr aus.” “Aber… aber.” Alexandra sah ungläubig auf die vernarbte Haut, auf der sich die ersten Bilder fanden. Jason hatte seine Arbeit gut gemacht, bei Narben war die Gefahr groß, dass die Tinte verlief und das Motiv undeutlich wurde. “Stich zu.” Niels hätte niemals gedacht, dass er jemanden dazu auffordern würde, ihm weh zu tun, aber er wusste, er musste das Mädchen überzeugen. Er spürte ein Kribbeln, aber keinen Schmerz. “Stich fester zu”, ermunterte er sie, aber Alexandra sah ihn nur an, ihre Mundwinkel verzogen sich. “Ich.. kann nicht… Ich mag Sie doch!” entfuhr es ihr jetzt. “Das reicht jetzt”, ging Barry dazwischen, und Niels warf ihm einen langen Blick zu. Alexandra sah wieder unsicher von einem zum anderen, aber dann fasste sie sich ein Herz. “Ich… ich habe diese Narben gesehen, Mr Weatherby, und ich wollte nur, dass es Ihnen besser geht.” Niels sah sie an und wusste, dass sie es ernst meinte. “Es geht mir gut, Alexandra. Und die Narben verheilen jeden Tag mehr.” Während er sie so ansah, war er plötzlich doch froh, dass sie ihm nichts Schlimmeres gewünscht hatte. Es gab noch Hoffnung für sie. Ob das allerdings auch für ihre Freundinnen galt, konnte er nicht sagen. Aber jetzt mussten sie Nägel mit Köpfen machen.

Niels wies Alexandra an, Madison, Rochelle, Alondra und Leticia in die Bibliothek zu beordern. Ohne große Worte zu machen, bat er die fünf Mädchen in Natalies kleines Büro. Als sie Barry sahen, zuckten sie kurz zusammen, wie Niels zufrieden feststellte. Wenn der Indianer eines beherrschte, dann die Kunst, Leute einzuschüchtern. Das wusste er aus May Creek nur noch zu gut.

“Ich komme gleich zur Sache”, erklärte Niels den Mädchen und hielt das Mäppchen hoch, “ich weiß genau, was ihr gemacht habt. Glaubt mir, Voodoo ist kein Kinderspiel, und das hier waren keine harmlosen Streiche. Ihr hättet Leute ernsthaft verletzen können.” Dann fiel ihm Mr Taylor ein, und er korrigierte sich: “Ihr habt Menschen verletzt. Das mit Mr Taylor ist Körperverletzung. Was, wenn Schwester Susan nicht gleich einen Krankenwagen gerufen hätte, oder er eigentlich ein schwaches Herz hat, und ihr hättet ihn umgebracht? Wolltet ihr das wirklich riskieren?” Er sah sie wütend an, eine nach der anderen, und der Hecklerblick tat sein Übriges zu Barrys düsterem Auftreten hinter ihm. Vier der Mädchen blickten betreten unter sich, nur Madison war nicht überzeugt. “Aber das war doch irgendwie cool…” versuchte sie sich zu rechtfertigen. Niels beugte sich vor. “Du findest es also cool, Menschen zu verletzen und zu riskieren, dass sie sterben?”

”Ich will dich bluten sehen, Aaron. Ich will dich leiden sehen.”

So schnell, wie Joseph vor seinem inneren Auge erschienen war, so schnell war er auch wieder verschwunden. Niels atmete tief durch. Madison war nur eine verwöhnte Vierzehnjährige, keine geborene Sadistin, die ihre Befriedigung aus dem Leiden anderer Menschen zog.
“Naja… so, wie Sie das sagen, klingt das wirklich nicht mehr cool, Mr Weatherby”, gab sie schließlich zu. “Bitte sagen Sie niemandem, was wir gemacht haben!” bat sie dann. Niels nickte. “Ich will alle eure Mäppchen, und dann reden wir nicht mehr von der Sache. Ach, und noch was.” Die Mädchen hielten inne, als er sich selbst unterbrach. “Habt ihr versucht, mich zu verhexen?” Rochelle nickte schließlich. “Wir dachten doch, wenn Sie keine Stimme mehr haben, können Sie niemandem etwas sagen…” Niels war versucht zu grinsen, als seine Hand wie so oft in den letzten Wochen unbewusst zu seiner Brust wanderte. “Glaubt mir, ich weiß genau, wie ich mich schützen muss. Um mich zu verhexen, müsst ihr früher aufstehen.” Ungefähr 13 Jahre früher.

Die Mädchen nickten, und nur widerwillig gaben sie ihre Mäppchen ab. Aber Niels ließ nicht locker. “Ich bin vielleicht nicht mehr lange hier, aber er” – er deutete nach hinten auf Barry – “ist nach wie vor in der Gegend, seine Kinder gehen auf diese Schule.” Das schien das beste Argument zu sein, schnell legten die Fünf die Voodoo-Mäppchen auf Natalies Schreibtisch, dann rannten sie hinaus.

“Ich nehm die mit”, meinte Barry, “hier in der Nähe gibt es einen Park, wo wir sie verbrennen können.” Niels nickte, er hatte keine Zweifel, dass Barry das richtige tat, aber verbrennen konnte er sie gerne alleine.

Am Nachmittag ging Niels noch mit Natalie einen Kaffee trinken und erzählte ihr von seinen Erlebnissen in Idaho, worüber sie nur den Kopf schüttelte. Sie unterhielten sich über einiges anderes, als Niels aus dem Augenwinkel eine Bewegung vor dem Café wahrnahm. Stand Barry etwa dort und beobachtete ihn? Himmel, der Mann war ja noch paranoider, als er bisher angenommen hatte! Er beschloss jedoch, ihn zunächst zu ignorieren, dann zahlte er und verließ mit Natalie das Café. Sie verabschiedete sich, und Niels machte sich auf den Weg nach Hause.

Wie vermutet, hielt Barry ihn an seiner Haustür auf. “Ich muss mit dir reden”, begann er, noch bevor Niels seine Luger ziehen konnte. “Muss dir was erklären, okay?” Er sah zerknirscht aus, so als ob es ihm doch leid tat, dass er Niels die letzten Tage gestalkt hatte. Niels war skeptisch, ließ die Waffe aber stecken und blieb stehen.
Barry atmete tief durch, und dann begann er, zu sprechen, er sah Niels kein einziges Mal an, während er das tat. “Als meine Tochter drei war, ist sie entführt worden. Irgendwelche Kultisten. Haben sie schwer verletzt. Jemand anderes hat versucht, meinen Sohn vor seiner Geburt zu ermorden. Letztes Jahr wollte eine Hexe meine jüngste Tochter… sie wollte sie als Zutat für ihre Suppe, damit sie wieder Kraft bekommt.” Er holte noch einmal tief Luft und sah dann auf. “Das sind meine Kinder, He.. Weatherby. Ich habe Angst um sie. Noch nicht so lange her, da hat jemand die Familie eines Bekannten bedroht und ich… ich hab überreagiert. Tut mir leid. Weiß, wie es ist, wenn man nicht über Sachen reden kann.”
Niels sah ihn lange an. Das waren natürlich schlimme Geschichten, die Barrys Kindern da widerfahren waren, aber glaubte der Ältere allen Ernstes, Niels sei jemand, der Kindern so etwas antat? Er warf Barry einen durchdringenden Blick zu, dann antwortete er ihm. “Erstens: Du kannst immer noch Niels zu mir sagen. Und zweitens: Tut mir leid, dass mit deinen Kindern. Aber ich bin sicher keine Gefahr für sie. Ich wusste ja nicht mal, dass sie hier sind.” “Ich glaube, du wusstest nicht mal, dass ich welche habe”, Barry zuckte die Schultern. “Ist nicht unbedingt was, was ich an die große Glocke hänge. Aber… jemand, der dich besser kennt als ich, hat mir das gleiche gesagt, und ich habe nachgedacht… hätte ich vielleicht früher machen sollen.”
Niels entspannte sich etwas, aber er war immer noch auf der Hut. “Ich hätte gedacht, dass du mich besser einschätzen kannst. Und es ehrt dich, dass du so für deine Familie da bist. Ist etwas, was ich so nicht kenne. Aber hey, du hast wenigstens nicht die Polizei gerufen.” “War kurz davor, aber… wie gesagt. Wenn man ein paar Sachen weiß, geht offen und ehrlich nicht immer so gut.” Barry schaute Niels nachdenklich an, und der junge Mann hatte den Eindruck, dass es dem Älteren wirklich ernst wahr. Anscheinend war er nicht der einzige, der erst redete und dann nachdachte. “Bin nicht Mr. Menschenkenntnis, okay, aber… als ich dich das letzte Mal getroffen habe, hätte ich gesagt, du bist ein direkter Typ. Keiner, der sich verstellt. Aber hey, Jäger, das gehört wohl dazu.”
“Ich bin auf jeden Fall kein Typ, der sich an Kindern vergreift.” Und es hat nichts mit meinem Jägersein zu tun, dass ich hier bin und einen falschen Namen habe.
Barry blinzelte. “Nee. Das hab ich auch nicht vermutet.” Dann machte er eine kurze Pause “Okay, nicht ganz richtig. Wie gesagt, die Kids sind schon mal bedroht worden, und mindestens zwei Sachen sind noch offen. Dachte weniger, dass du denen selbst schaden willst, aber deine Auftraggeber…” Er machte eine hilflose Handbewegung. “Manchmal geht meine Fantasie mit mir durch. Sorry.”
“Aber wie gesagt, es hat nichts mit der Jagd zu tun, und auch nicht mit dir oder deiner Familie.” Niels war nicht gewillt, Barry auch nur ein Quentchen von dem zu erzählen, was Flann mit ihm gemacht hatte, das war eine Sache zwischen dem Iren und ihm.
Barry atmete durch. “Okay. Du bist vermutlich in der besseren Position, das zu beurteilen. Fällt mir nur manchmal schwer, dem Urteil anderer zu vertrauen, wenn es um meine Kinder geht. Es ist halt mein Job als Vater, die zu beschützen.” Er machte wieder eine Pause, als sei ihm eingefallen, dass das vielleicht nicht das beste Thema war, das er mit Niels besprechen sollte, und Niels musste an ihr Gespräch in May Creek denken.

Ich will nicht werden wie mein Vater.

Barry wechselte jetzt rasch das Thema. “Bier trinkst du noch, oder?” fragte er. “Ja, natürlich.” Niels rang sich ein vorsichtiges Lächeln ab. “Und so sehen also Väter aus, die sich um ihre Kinder kümmern.”

Dad, hättest du mich genauso beschützt?

Barry gab eine Mischung aus Lachen und Schnauben von sich. “Hab’s von meinem Vater nicht anders gelernt und ich verstehe auch nicht – echt nicht – wie jemand sein kleines Kind anschauen und es nicht einfach nur beschützen wollen kann. Echt nicht.” Er klang sehr leidenschaftlich dabei, und Niels zog eine Augenbraue hoch. Er könnte Barry sagen, wie man es schaffte, dass man sein Kind nicht beschützen wollte. Man sah es nicht als Kind an. “Man sieht es einfach als Werkzeug an.” Zu seinem Unmut klang er dabei verbitterter als er wollte, aber die Erkenntnis, dass er nie mehr gewesen war, war immer noch zu frisch. Sie hatten ihn nicht umgebracht, weil er ihnen lebend wahrscheinlich einfach nützlicher gewesen war.

Barrys erste Reaktion zeigte Unglauben, dann sah er fast betreten aus. “Ich weiß nicht. Kann das schwer nachempfinden. Will ich auch gar nicht. Wie kalt muss es in einem Menschen sein, der sein Kind anschaut und es nur als… als Werkzeug betrachtet.” Er schüttelte hilflos den Kopf. “Tut mir leid, Mann.”
Niels spürte, wie er sich verkrampfte, er wollte nicht über Gustav sprechen. "Es ist vorbei”, sagte er nur. “Und ich hoffe, dass er eines Tages seine gerechte Strafe dafür bekommt,” setzte er hinzu.

Mein ist die Rache, spricht der Herr, nicht wahr, Gustav?

“Wenn er irgendwann mal rausfindet, was er da eigentlich verpasst hat…” Barry schien das Thema immer noch nicht kalt zu lassen, aber Niels wollte nicht mehr darüber reden. Jacob und er würden niemals eine Vater-Sohn-Beziehung führen wie die, die Barry beschrieb, dafür war vor elf Jahren gesorgt worden. Und Gustav würde niemals Vatergefühle für den Bastard seines Bruders entwickeln. “Hast du nicht was von Bier gesagt?” fragte er stattdessen.
“Ja”, Barry hob eine Stofftasche hoch, “Versöhnungsgeschenk.” Der Beutel klirrte, offensichtlich enthielt er einige Flaschen. "Gibt aber auch gute Craftbeerläden hier. Wenn du Bock hast”, meinte er dann. Niels überlegte kurz, aber was sollte schon passieren? Nach diesem Gespräch würde Barry ihn sicher nicht hier auf offener Straße massakrieren, und ein Craftbeerladen klang auch nach neutralem Boden. “Solange wir nicht mehr über Väter quatschen, gerne”, meinte er, und Barry schien sichtlich erleichtert. “Alles klar. Gibt genug andere Themen.”
Der Besuch in dem Laden wurde dennoch ein wenig seltsam, da Niels feststellte, dass er Barry immer noch nicht über den Weg traute. Aber sie fanden einige unverfängliche Gesprächsthemen, wie das Wetter, Bier und Chicago. Barry war erst vor kurzem wieder hierher gezogen, nachdem er der Stadt lange den Rücken gekehrt hatte. Niels gab widerwillig zu, dass der im letzten Jahr bereits ein paar Tage in der Stadt gewesen war. Barry schien zu warten, ob Niels mehr dazu sagen wollte, aber er wollte nicht. Noch weniger als von seinem Vater wollte er Barry von Joe erzählen.
Barry wechselte schließlich das Thema und fragte, ob Niels einen Blog mit seiner Kunst habe. Sowas hatte Niels nicht, und er hatte auch kein Bedürfnis danach. Er wollte seine Ruhe, er wollte nicht in der Öffentlichkeit stehen. Bei seinem Namen war es viel zu leicht herauszufinden, wer er wirklich war, und was seine Familie tat. Barry schien das zu bedauern, er meinte, dass die meisten seiner Schriftstellerbekannten so etwas hatten, weil sie bekannt werden wollten. Aber vielleicht sei das bei Schriftstellern so.
Schließlich verabschiedete Barry sich und meinte “Vielleicht sieht man sich. Muss in den nächsten Wochen ein bisschen rumreisen.” Niels nickte nur und verabschiedete sich ebenfalls.
“Man sieht sich.”

View
Falls

“Es ist soweit komm”

Wieder und wieder geht Ethan der Text von Calebs SMS durch den Kopf, während er den Nissan nach Südwesten lenkt. Sich den GPS-Koordinaten, die auch noch in Cals Nachricht standen, immer weiter nähert. Der Ort ist in New York, nicht weit weg vom Ferris Lake, hat Ethans Studium der Karten ergeben: irgendwo in den Weiten der Adirondack Forest Preserve, aber außerhalb der ganzen Wilderness Areas da in der Gegend.

Nein. Ethan ist sich alles andere als sicher, dass es wirklich soweit ist. Er weigert sich, das zu glauben. Aber scheiße, wenn es wirklich— “Ich brauche dein Versprechen, Ethan. Sobald es kein Zurück mehr gibt…” “Nein. Ich geb dich nicht auf. Gibt Wege. Möglichkeiten. Pemkowet. Nelson.” “Versprich es mir. Ich kann das nur dir anvertrauen.” “Nein… Es muss…” “Versprich es mir.” “Na gut, verdammt. Ich versprech’s. Falls.” “Sieht eher aus wie wenn.” “FALLS.

Scheiße. Wenn falls wirklich gekommen sein sollte, entgegen all ihrer Mühen und Versuche…
Nelson. Nelson sagte, er hat es fast. Ethan muss sich überzeugen. Muss ganz sicher sein. Hoffentlich nicht. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht. Aber wenn… Seine eigene Stimme klingt ihm im Ohr, gepresst und widerstrebend, aber doch mit einer Einwilligung. FALLS.

Bei einer kurzen Pause findet Ethan eine Nachricht von Irene vor. “Cal ist vermutlich in seiner Waldhütte. Fahre jetzt hin. ETA 4h. Treffen dort?”, dazu ein Anhang mit einem Landkartenausschnitt und einer Google Maps-Wegbeschreibung. Sieht aus wie genau die Koordinaten, die Ethan auch hat. Drecksmist, elender! Wenn wirklich falls sein sollte, dann kann er Irene da nicht brauchen. Es hat schon seinen Grund, dass er ihr von seinem Versprechen nichts gesagt hat. Was hätte er ihr auch sagen können? ’Ich habe deinem Geliebten versprochen, dass ich ihn jagen komme, falls notwendig, und jetzt gehe ich sehen, ob es wirklich notwendig ist, und falls es tatsächlich notwendig sein sollte, dann werde ich ihn erschießen, ganz gleich, ob du etwas dagegen hast oder wie sehr das dein Herz bricht’? Ha. Ja klar. Das kann er seiner britischen Freundin nicht antun. Sie leidet schon genug unter der Situation. Und falls es wirklich keinen anderen Ausweg mehr gibt, kann er sich von ihr nicht aufhalten lassen. Er darf sich nicht aufhalten lassen. Er hat es versprochen. Auch wenn Irene ihn hinterher hasst. Auch wenn er selbst sich hinterher hasst. Er hat es versprochen. Ethan beißt die Zähne zusammen und steckt sein Handy wieder weg, ohne auf die Mail geantwortet zu haben. Beim Losfahren legt er den Gang viel härter ein, als er müsste, und sein Gesicht ist eine Maske, sein Blick starr auf die Straße gerichtet. Scheiße. Cal. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht.

Runter von der Interstate. Rauf auf eine State Road. Irgendwann führt die State Road in den Wald. Durch ihn hindurch, wenn er darauf bleiben würde. Tut Ethan aber nicht. Er muss abbiegen auf eine normale Straße. Davon wieder abbiegen auf eine schmälere. Weitere Meilen. Nochmal abbiegen. Nochmal. Gravel Road. Holprigere Gravel Road. Schlaglöchrig-buckelige Dirt Road. Gut, dass der Pickup so viel Bodenfreiheit hat.

Es dürften noch so eineinhalb, zwei Meilen bis zu seinem Ziel sein, als Ethan auf ein Hindernis stößt. Mit ein paar Baumstämmen und einem ausgebrannten Auto – nicht Cals Dodge, stellt Ethan mit Erleichterung fest – ist der Weg regelrecht verbarrikadiert. Aber bis ganz zu den angegebenen Koordinaten wäre er ohnehin nicht gefahren. Ist der Weg jetzt halt länger. Auch recht. Ethan wendet und stellt den D21 ein Stück weiter hinten ab, wo er hoffentlich nicht sofort gesehen wird.

Vom Auto aus geht Ethan erst wieder zu der Barriere zurück. Okay… von hier aus einen Bogen schlagen, damit er hintenrum bei der Hütte – von der Ethan noch nie gehört hat, die muss sein Mentor sich nach ihrem Zerwürfnis zugelegt haben – ankommt.
Ethan wirft einen Blick auf das GPS-Gerät, das Barry ihm zum Geburtstag geschenkt hat. Überschlägt im Kopf ungefähr die Route. Okay. Von der Straße ist er schon mal runter. Und jetzt ein Stück nach— Klack.

Für den Bruchteil einer Sekunde kann Ethan dieses ‘Klack’ nicht einordnen, so unverhofft passiert es und so wenig passt es in diese Gegend. Denn das war kein knackender Ast. Das war mechanisch. Aber dann flutet die Erkenntnis in seinen Kopf, und er erstarrt zur Salzsäule. Eine Mine Cal hat Minen gelegt das war’s es ist nicht wie im Film jetzt geht sie hoch warum sollte es im echten Leben Minen geben die explodieren wenn man von ihnen runtergeht statt wenn man auf sie drauftritt sowas gibts nur im Film—

Aber die Mine explodiert nicht. Einen endlosen Herzschlag lang. Zwei. Drei, und Ethan lebt immer noch. Vielleicht gibt es solche Minen ja doch nicht nur im Film. Oder vielleicht hat er einen Blindgänger erwischt. Aber das ist eine Möglichkeit, auf die er sich nicht verlassen kann. Scheiße. Bloß stehenbleiben. Kopf nicht verlieren. Sonst ist er tot. Oder zumindest schwer verstümmelt, was hier draußen im Nirgendwo wohl so ziemlich auf dasselbe hinauslaufen dürfte.

Mit zusammengebissen Zähnen sieht Ethan sich um. Was weiß er über den Druckpunkt von Landminen? Fünfzehn, zwanzig Pfund? Irgendwie so. Kay. Mal sehen. Das Stück Holz da: viel zu leicht. Der Baumstamm: viel zu schwer. Klar, schwer ist gut, aber den kriegt er im Leben nicht bewegt. Der ausgerissene Stumpf da hinten: vermutlich auch zu schwer. Und: außer Reichweite. Jede Menge lose herumliegender Äste. Helfen alle nichts. Vorsichtig und immer darauf bedacht, sein Gewicht auf dem verdammten Ding unter ihm zu halten, dreht Ethan sich im Kreis, lässt den Blick suchend auch über das Gelände hinter sich schweifen. Komm schon. Irgendwas. Mehr nutzloses Holz. Erde. Steine. Aber keiner auch nur ansatzweise groß genug. Außer… da vielleicht. Halb unter einem kleinen Busch verborgen. Schwer zu sehen. Aber der könnte vielleicht… wenn er nicht zu weit weg ist, um ranzukommen.

Ethan geht in die Hocke. Lässt sich unendlich langsam auf die Knie nieder – Scheiße Scheiße Scheiße, bloß den Druckpunkt nicht verlieren – und tastet sich dann Inch um Inch zu dem Stein vor, den er unter dem Busch gesehen hat. Erst denkt er, er kommt nicht dran, ohne zu viel Gewicht von der Mine wegzuverlagern – wenn sie jetzt hochgeht, reißt sie ihm immerhin bloß die Knie weg, fährt ihm der sarkastische Gedanke durch den Kopf – aber dann streckt er sich noch ein bisschen vor, und dann noch ein Stück – zwanzig Pfund es muss nicht alles draufbleiben nur zwanzig Pfund rum – und schließlich berühren seine Fingerspitzen den Stein. Aber nur das. Und nur mit den Fingerspitzen kriegt er den nicht bewegt. Nicht ohne dass er sich noch weiter vorlehnt und damit riskiert, die verdammte Mine doch auszulösen. Scheiße, elende! Okay. Okay. Kopf bewahren, verdammt. Das ist ein Stein, und einer, der schwer genug ist, wie es aussieht. Er muss nur drankommen. Er braucht eine Verlängerung. Ein Seil. Klar. Seil.

Vorsichtig verlagert Ethan sein Gewicht zurück nach hinten, bis er wieder voll auf der Mine kniet. Rucksack. Rolle Seil drin. Idiot. Hätte er gleich dran denken können. Kurz darauf hat er ein Stück von dem dünnen, aber sehr reißfesten Nylonseil abgeschnitten und es zu einer Schlaufe gebunden. Nächster Schritt. Über den Stein bugsieren. Nach einer Reihe von Fehlversuchen, inklusive einem Moment des Horrors, in dem er sicher ist, jetzt hat er das Gleichgewicht verloren, ist auch das geschafft. Okay. Ziehen. Nicht zu stark. Bloß nicht hintenüber fallen.

Es braucht ein paar Anläufe und zwei, drei Neuanbringungen der Seilschlaufe, aber irgendwann hat Ethan den Stein nah genug herangezogen, dass er ihn anheben kann. Langsam richtet er sich auf. Geht in die Hocke und legt den Felsbrocken zwischen seinen Füßen ab, bevor er erst den rechten, dann den linken an dem neuen Gewicht auf der Mine vorbeimanövriert und auf dem Gesteinsblock balanciert. Ein paarmal schnauft Ethan durch, immer schneller, wie ein Mann, der sich dafür stählt, gleich ein Stück Schrapnell aus sich selbst herausoperieren zu müssen oder sowas in der Art. Dann, ohne wissentlich die Entscheidung zu treffen, dass jetzt der Moment gekommen ist, hält er die Luft an und springt.

Sam er hätte Sam eine Nachricht was wenn der Stein nicht schwer genug ist—

Er ist schwer genug. Oder vielleicht ist die Mine tatsächlich ein Blindgänger. Ethan stößt tief und langgezogen den angehaltenen Atem aus, während ihm erst jetzt so richtig bewusst wird, dass ihm Schweißperlen auf der Stirn stehen. Scheiße. Eine Mine. Und schon sehr bald bemerkt Ethan jetzt, wo er darauf achtet, dass das bei weitem nicht die einzige Falle dieser Art war. Sehr, sehr vorsichtig bewegt er sich weiter und stellt fest, dass hier ziemlich viel von dem Zeug liegt. Scheiße. Cal hat tatsächlich Minen ausgelegt, und zwar nicht zu knapp.

Mit jedem sich langsam beruhigenden Herzschlag versteinern auch Ethans Gesichtszüge ein wenig mehr. Drecksmist. Elender Drecksmist. Es sieht wirklich fast so aus wie falls. Schweren Herzens holt Ethan das Zielfernrohr, das er vor einer Weile mit größtem Widerwillen gekauft hat, aus den tiefsten Tiefen seines Rucksacks und schraubt es auf die Mossberg, bevor er sich in noch weiterem Bogen als vorher wieder in Richtung Hütte aufmacht. Den Rest des Weges über bleibt Ethan wachsam, aber so viele Minen sind es am Ende doch nicht: Zum Glück war Cals Vorrat an Sprengfallen wohl nicht unbegrenzt.

Die Hütte liegt da wie verlassen. Die Tür ist geschlossen. Die Fensterläden sind geschlossen. Sorgfältig die Deckung wahrend, schleicht Ethan sich in eine Position, von der aus er sowohl den Eingang als auch eine Seite des Gebäudes im Auge behalten kann, und legt sich mit dem Gewehr im Anschlag auf die Lauer. Er muss sehen, wer ein- und ausgeht. Sehen, was passiert. Er muss wirklich ganz sicher sein.

Aber nichts passiert. Nichts regt sich. Erst nach einer ganzen Weile tut sich etwas, und das nicht an der Hütte, sondern auf dem Weg. Eine Gestalt zu Fuß. Irene. Dicker angezogen als normal für die Jahreszeit: garantiert eine kugelsichere Weste unter der Jacke. Scheiße, Ethan hat zu lange beobachtet; er wusste doch, dass sie auch hierher kommen wollte! Aber okay, muss er einfach warten, bis sie mit Cal geredet hat und wieder weg ist. Die Bewegungen der Britin sind langsam und bedächtig und ihre Augen konsequent auf den Boden gerichtet: Vermutlich hat sie auch bemerkt, dass das Gelände vermint ist, war aber schlauer als Ethan und ist in keine reingetreten. Auf dem Weg zur Hütte und in deren direkter Umgebung scheinen aber auch gar keine zu liegen – klar, Cal muss ja vielleicht auch selber mal raus da.

Wenn er überhaupt drin ist. Es regt sich nämlich immer noch nichts in dem Blockhaus. Wachsam nähert Irene sich dem Gebäude. Lauscht. Sucht sorgfältig den Eingang ab, nach Fallen und Drähten offensichtlich, scheint aber keine zu finden. Lauscht wieder. Ethan überlegt gerade, ob er sich ihr doch zu erkennen geben soll, da öffnet die Britin die Tür und verschwindet im Dunkeln.
Kaum ist sie drinnen, dringt aus der Hütte ein ohrenbetäubender Knall, gepaart mit einem gleißenden Licht. Scheiße. Blendgranate. Cal ist doch da drin. Hat die ganze Zeit da drin gewartet. Aber nur eine Sekunde später kommt Ethans alter Mentor heraus und wirft die Tür zu und den Riegel vor. Dann schnippt er mit einer beiläufigen Geste etwas weg, und sofort schlagen Flammen an der Hüttenwand hoch. Mit unbewegtem Gesicht, das im Sucher des Zielfernrohrs so nah wirkt, als könne Ethan es berühren, wirft Cal einen Blick auf sein Handwerk und zieht sich dann von dem brennenden Holzhaus zurück.

Verdammt! Elender Drecksmist! Der will tatsächlich Irene umbringen! Nicht nur Ethan, von dem Caleb ja weiß, dass er hierher unterwegs ist, um ihn auszuschalten, und wo Ethan es dem Älteren im seelenlosen Zustand nicht mal verdenken kann, dass er das um jeden Preis verhindern will. Sondern Irene. Das ist der Moment, vor dem es Ethan mit jeder Faser seines Seins gegraut hat. Für den er fast alles gegeben hätte, dass er nicht eintritt. Es ist falls.

Ethan presst die Lippen aufeinander. Die Zeit bremst ab, während der Lauf seines Gewehrs Cal unerbittlich folgt und Ethans ganzes Sein aus nichts besteht als dem Bild in seinem Sucher. Cal hält an, dreht sich um. Steht ganz still und entspannt da, während sein Blick mit der Waffe im Anschlag auf die Hütte gerichtet ist. Falls. Die Zeit steht still. Nichts existiert mehr auf der Welt außer Cals Kopf im Sucher und Ethans Finger am Abzug. Ein Herzschlag. Äonen später ein weiterer. Falls. Er hat es versprochen. Und Irene ist da in der Hütte. Eingesperrt in der verriegelten Hütte, die immer stärker zu brennen beginnt. Das ist nicht mehr Cal. Das ist nicht mehr Cal. Er hat es versprochen. Ethan krümmt den Zeigefinger um den Abzugshebel. In dem eingefrorenen Moment flackern dutzende Bilder vor seinen Augen vorbei. Gemeinsam unterwegs. Calebs sardonisches Grinsen, Ethans amüsiert-ironiebewusstes dagegen. Der Harrdhu. In der Höhle mit den Schattendingern, Rücken an Rücken, die Dunkelheit von ihrem Mündungsfeuer zerrissen. Das Zerwürfnis. Sein Schlag in Dimmitt. Aneinanderklickernde Bierflaschen am Schrein. Er kann es nicht. Er muss. Irene ist da drin. Und er hat es versprochen. Er hat es versprochen. Einen Moment lang schließt Ethan die Augen. Dann drückt er ab.

Der Schuss kracht, aber in der allerletzten Sekunde reißt Ethan die Mossberg doch um einen Hauch zur Seite, und die Kugel bohrt sich in den Baum direkt neben Calebs Kopf. Splitter fliegen, und Cal hechtet ins Unterholz. Ethan sprintet los, im Zickzack auf die Hütte zu. Sein Ziehvater wird die Überraschung gleich abgeschüttelt und sich wieder aufgerappelt haben, und dann sind die Rollen vertauscht. Aber er konnte Cal nicht einfach so abschießen, nicht aus dem Hinterhalt, ach was, vergiss Hinterhalt, er konnte es nicht, Punkt, und jetzt zieht er den Kopf ein und schlägt Haken und rennt, was er nur kann, denn Irene ist in der Hütte und wird in den Flammen umkommen, wenn er nichts tut. Er muss sie da rausholen.

An der Tür. Schnell. Riegel. Glüht noch nicht, aber fehlt nicht mehr so viel. Schmerzhaft heiß. Scheiß drauf. Während Ethan mit dem störrischen Schließmechanismus kämpft, ist ihm nur allzu bewusst, was für eine fette Zielscheibe er gerade auf dem Rücken hat. Aber hilft ja alles nichts. Irene muss raus da. Fast geschafft. Ein letzter Ruck an dem verdammten Ding und—

Ein harter Schlag in seiner Schulter, gepaart mit einem durchdringenden Stechen, reißt Ethan nach vorne, noch bevor er den Schuss hört. Er steht so nah vor der Tür, dass die ihn abfängt und er nicht zu Boden geht, er gleichzeitig aber auch ein paar Splitter abbekommt, die von der Tür wegspritzen, als die Kugel an der Vorderseite seiner Schulter wieder austritt und in das Holz einschlägt. Für einen Moment droht der Schmerz des Treffers ihn mit sich zu reißen, aber dann kickt das Adrenalin ein, und das unerträgliche Brennen tritt in den Hintergrund, geht in der Dringlichkeit der Aufgabe beinahe unter. Irgendwie bekommt Ethan den Riegel den Rest des Wegs herausgezogen. Er reißt die Tür auf und stürmt in die Hütte, raus aus der direkten Sichtlinie, und Calebs nächster Schuss pfeift hinter ihm in den Türpfosten.

Er hatte damit gerechnet, dass Irene drinnen fieberhaft an einem Weg nach draußen arbeitet. Oder vielleicht auch, dass sie es schon nicht mehr aus eigener Kraft rausschafft und er ihr helfen muss. Womit Ethan nicht gerechnet hat, ist, dass Irene in der Mitte des Raumes in einem hastig aufgemalten Zirkel kniet und hustend und in einem erstickten Singsang ein Ritual wirkt. Scheiße. Will sie etwa— Aber das ist kein Dämonenritual, das die Britin da veranstaltet, soviel erkennt Ethan auf die Schnelle, auch wenn er nicht einschätzen kann, was genau sie da tut. Ist aber auch egal, was genau es ist. Die Hütte ist schon jetzt voller Qualm, die Flammen schlagen aus den Wänden und haben gerade schon auf das Dach übergegriffen, es ist nur noch eine Frage von Sekunden, bis auch der Boden zu brennen anfängt, und Irene muss raus hier!
Ethan tritt auf seine britische Freundin zu, tiefer in die wabernde Hitze hinein, aber ehe er auch nur Anstalten machen kann, die Hand nach ihr auszustrecken, richtet Irene, ohne in ihrem Gesang innezuhalten oder auch nur darin zu stocken, ihre silberfarbene Browning auf ihn. ‘Lass mich machen, Ethan.’ Sie muss es gar nicht aussprechen, die Drohung ist auch so unmissverständlich.

Ein Plan. Sie hat einen Plan, sonst würde sie nicht so darauf bestehen! Plan ist gut. Plan ist Hoffnung. Aber die verdammte Hütte brennt! Getrieben sieht Ethan von der Engländerin zu den Wänden und wieder zurück. Versucht gerade abzuschätzen, wie lange sie für ihr Ritual noch brauchen wird, versucht, die Hoffnung eines Plans gegen die Gefahr durch das Feuer und den Rauch abzuwägen, da spürt er eine kalte, metallische Berührung am Hinterkopf. Scheiße, verfluchte! Überrumpelt wie der letzte Anfänger! “Hör auf damit”, kommt Cals emotionslose Stimme von direkt hinter ihm, und der Druck an Ethans Schädel verstärkt sich, “sonst ist er tot.”

Irene hört nicht auf. Ihr Gesicht nimmt eine akzeptierend-steinerne Miene an, und ihre Lippen ziehen sich entschlossen zusammen. Ethan erkennt den Ausdruck genau. Das ist Irenes eigenes Falls. Sie wird nicht aufhören. Ethan kann es ihr nicht mal verdenken. Er nimmt einen tiefen Atemzug. Dann war es das jetzt. Aber nicht einfach so. Nicht kampflos.
Ethan spannt sich an. Er ist drauf und dran, loszuschnellen und gegen jede Chance zu versuchen, so wegzukommen, dass der Treffer vielleicht doch nicht tödlich wäre, da lässt der Druck an seinem Hinterkopf urplötzlich nach. “Jetzt erschieß mich endlich, du Arschloch!”

Im Herumwirbeln reißt Ethan das Gewehr hoch. Sieht Cals verzweifelten, flehenden Blick. Drückt ab und könnte selbst nicht sagen, ob er es tut, um zu töten oder um außer Gefecht zu setzen. Aber die Frage stellt sich nicht. Denn im selben Moment wie Ethan feuert auch Irene, immer noch ohne Unterbrechen ihres Rituals, und von dem heftigen Aufprall aus nächster Nähe und dem Knacken seitlich in seinem Brustkorb – Gummigeschoss. Rippe. Gebrochen vermutlich, oder mindestens geprellt – wird Ethans Gewehrlauf aus der Bahn gerissen, und seine Kugel fetzt in einem Streifschuss, der den Älteren benommen zurücktaumeln lässt, an Calebs Schläfe entlang. Auch den neuen Schmerz drängt Ethan nieder und setzt seinem Mentor nach, raus aus der brennenden Blockhütte, wirft sich draußen auf den anderen Jäger und reißt ihn zu Boden.

“Halte durch, verdammt!” brüllt er Cal zu, während er die Mossberg nach hinten über die Schulter reißt, damit der Gewehrkolben nach vorne zeigt, “Irene hat n Plan!” Ethan hat keine Ahnung, was das für ein Plan sein mag, aber es ist einer Plan ist gut Plan ist Hoffnung alles ist besser als falls und es sah so aus als sei Irene gleich fertig Cal muss nur durchhalten nur noch ein bisschen er selbst bleiben—

Aber schon haben die Augen des Jägers wieder ihren kalten, gefühllosen Ausdruck angenommen, also zieht Ethan die begonnene Bewegung durch. Will seinen Ersatzvater mit einem Kolbenhieb ausknocken, aber die durchschossene Schulter behindert ihn, und so hat Ethans Schlag nicht die Wucht, die er gebraucht hätte. Cal bekommt das Gewehr ebenfalls zu packen, und sie ringen verbittert darum. Bei dem Gerangel knallt der Lauf der Mossberg einmal seitlich in Ethans Gesicht, aber das ist es nicht, was ihn umwirft. Was Ethan umwirft, ist der plötzliche scharfe Tritt gegen seinen Knöchel, mit dem Cal ihn aus dem Gleichgewicht bringt und sich dann auf ihn rollt. Verbissen ringen die beiden Männer weiter um die Waffe. Aber in Ethans Schulter brennt flüssiges Feuer, und er kann dem Druck, den Caleb auf den Schaft ausübt, nicht genügend Kraft entgegensetzen. Unerbittlich zwingt der Ältere die Mündung unter Ethans Kinn. Tastet mit einer Hand nach dem Abzug, findet ihn, und Ethan kann nichts mehr tun.

Sam bist immer bei mir ich wünschte—

Cal zuckt zusammen. Der ältere Jäger schwankt, seine Hand, die eben noch am Abzug lag, fällt zur Seite weg, und der Druck des Gewehrlaufs unter Ethans Kinn lässt nach. Mit einem wortlosen Ausruf der Anstrengung bäumt Ethan sich auf, stößt seinen Mentor von sich herunter und zur Seite weg. Eine Spritze mit fedrig-puscheligem Ende steckt in dessen Rücken, sieht Ethan. Betäubungspfeil. Erst jetzt bemerkt er, dass Irene ihr was-auch-immer-es-war beendet haben muss, denn sie ist aus dem Blockhaus gekommen und kniet jetzt keuchend und hustend davor, ein Betäubungsgewehr in der Hand. Aber keine Zeit, darüber nachzudenken, weil Cal, wenn auch unkoordiniert, nach seiner Pistole langt, die zwischen ihnen am Boden liegt. Selbst auch noch liegend, tritt Ethan die Knarre weg. Cal krabbelt hinterher, streckt sich danach, und Ethan ist zu weit weg, um die Waffe nochmal außer Reichweite zu befördern. Er könnte es auch gar nicht, denn jetzt ebbt das Adrenalin in seinem Blut schlagartig ab, und die Welt verschwimmt vor Ethans Augen. Durch den Schleier sieht er eine Bewegung vor sich, dort, wo Irene vor der Hütte kniet, die aus unerfindlichen Gründen nicht mehr brennt. Eine weitere Gestalt. Was, wer…

„Du hast ihn gefunden.“
Die Stimme kennt Ethan. Er kommt nur im ersten Moment nicht darauf, muss um den Nebel herum denken, der sich in seinem Gehirn zu formen beginnt. Dann hat er es. Mara. Mara, der Engel vom Roten Hügel. Mit einiger Anstrengung zwingt Ethan seine Augen dazu, auf die Frau scharfzustellen. Sie sieht müde aus. Müde und abgespannt. „Tu’ es!“ zischt Irene, die inzwischen aufgestanden ist, und Mara schüttelt mit einem schweren Seufzer den Kopf. Mit einem resigniert-unglücklichen Ausdruck auf den feinen Zügen tritt der Engel auf Irene zu und greift in die Engländerin hinein, greift in sie hinein, als wäre es ein gut gemachter Special Effect in einem Science Fiction- oder Horrorfilm. Und ganz so, als wäre es ein Horrorfilm, fängt Irene an zu schreien, gellend und langgezogen und durchdringend, und sie bricht erst ab, als Mara die Hände wieder aus ihr herauszieht. Mit den Händen ist etwas mitgekommen: ein sanftes, wohltuendes Leuchten, das die Engelsfrau jetzt mit traurigen Augen betrachtet, ehe sie sachte mit den Fingerspitzen darüberstreicht. „Was hast du nur mit deiner Seele getan, Kind“, sagt sie bekümmert. „Mit etwas so Heiligem sollte man sorgsamer umgehen.“ Mit diesen Worten dreht Mara sich um, macht die paar Schritte auf Cal zu, der wegzukommen versucht, aber viel zu langsam ist und viel zu unkoordiniert, und schiebt das lichte Strahlen in ihn. Auch Cal schreit, als würde ihm bei lebendigem Leib die Haut abgezogen, und auch er hört erst auf, als Maras Hände ihn wieder verlassen.

Ethans Sicht verschwimmt schon wieder. Die Stimme der Engelsfrau scheint aus weiter Ferne zu kommen, als sie verwundert sagt: „Oh.“ „Was ist los?“ will Irene wissen, aber es klingt gar nicht sonderlich interessiert. „Ich kann eure Seelen nicht voneinander trennen. Sie haben sich… verbunden… Ich kann dir nichts zurückgeben, mein Kind.“

Mühevoll zwingt Ethan seinen Blick zu Irene. Die steht mit leicht schiefgelegtem Kopf da, als horche sie ein bisschen verwirrt in sich hinein. Ein bisschen verwirrt, aber nicht beunruhigt. Eher neugierig. Dann zuckt sie die Schultern. „Macht nichts. Mir fehlt nichts.“ Die Stimme der Britin ist jetzt völlig entspannt.
Was… wie… Irenes Seele… in Cal… verbunden… nichts zurückgeben… Ethan kann es nicht greifen, nicht richtig erfassen, nur dass es schrecklich ist, soviel kann er durch den Nebel und den glühenden Schmerz hindurch erkennen. „Aber das…“, stammelt Ethan zu der verschwommenen Gestalt vor ihm, „das… sie… dann gib ihr meine!“
Doch Mara schüttelt den Kopf. „Nein, Kind“, sagt sie matt. „Das würdest du nicht wollen. Ich habe ohnehin hier schon viel mehr getan, als ich hätte tun dürfen. Und ich vermag es auch gar nicht, so erschöpft, wie ich bin.“
Ethan will protestieren, aber seine Stimme gehorcht ihm nicht mehr. Sein Körper gehorcht ihm nicht mehr. Er kippt nach hinten, auf den weichen Waldboden, und ehe seine Sinne weichen, hört er gleichmäßige Schritte, die sich langsam entfernen.

Seine nächste Empfindung ist ein Rütteln am Hals, von dem das Feuer in seiner Schulter und die Axt in seinem Brustkorb wieder voll in Aktion treten. Dann eine Stimme. “Verdammt nochmal, warum hast du sie das machen lassen, du Arschloch?” Cal. Das ist Cals Stimme. Ethan blinzelt die Augen auf, versucht, auf den Jäger zu fokussieren, der ihn am Kragen gepackt hält. “Wa… was… wer?”
“Sie hat mir ihre verfickte Seele gegeben, verdammt!” tobt Cal weiter. “Jetzt habe ich ihre, und sie hat gar keine mehr! Warum zum Teufel hast du mich nicht erschossen, du Arsch?”
Ethan sackt in sich zusammen. “Konnte nicht”, gibt er leise zu.
Cal nimmt die Hände von Ethans Kragen, und der richtet sich vorsichtig auf, bis er sitzt, und vergräbt dann den Kopf in den Händen. “Drecksmist”, murmelt er tonlos. Oder vielleicht hat er das Wort auch nur gedacht. Er ist sich nicht ganz sicher.
“Ist ja nicht deine Schuld”, brummt Cal. “Warum bin ich nicht einfach bei der verdammten Apokalypse draufgegangen?”
Und es war doch Ethans Schuld. Versprochen. Er hatte es versprochen. “Konnte nicht”, wiederholt er bedrückt. “Und dann… Dachte, Irene hat ‘n Plan. Hoffnung. War kurz davor. So kurz…”
“Vergiss es.”
Heh. Wenn das mal so einfach wäre. In Ethan wirbeln die Gedanken. Wenn er es getan hätte… Entgegen aller Wahrscheinlichkeit ist Cal wieder er selbst, im Prinzip war es also tatsächlich gar nicht falls, also hat Ethan sich ja vielleicht doch nichts vorzuwerfen, wenn man es genau nimmt, aber er war so kurz davor, und Irene… Scheiße. Irene.

Eine Bewegung neben sich lässt Ethan zur Seite blicken. Sein Ziehvater sitzt in haargenau derselben Haltung da wie Ethan selbst, vorgebeugt mit dem Kopf in den Händen, aber jetzt tastet er mit einer Hand nach der Innentasche seiner Jacke und zerbeißt einen Fluch zwischen den Zähnen. Keine Frage, was Cal sucht. Wortlos zieht Ethan seine eigenen Zigaretten heraus und hält dem Älteren die Packung hin. Schweigend rauchen sie, bis Cal seine Kippe ausdrückt und aufschaut. “Scheiße. Was machen wir denn jetzt?”
Ethans Antwort ist Ausdruck seiner Ratlosigkeit. “Was wir immer machen. Irgendwas.”
Das lässt Cal auflachen, halb bitter, halb amüsiert, woraufhin Ethan entmutigt den Kopf schüttelt. Irgendwas wird ihnen schon einfallen. Klar. Heh. Strohhalm. Wieder mal.
Caleb wird konkreter. “Wir müssen sie finden”, sagt er, “und zwar dringend.”
Während Ethan noch nickt, spricht der Ältere schon weiter. “Aber wir müssen echt aufpassen. Wenn sie so drauf ist wie ich, dann will sie ihre Seele nicht wieder, auf gar keinen Fall. Deswegen wird sie sich mit allem wehren, was sie hat. Ich war ja in dem Zustand schon zu allem fähig, auch ohne meine Leute. Die hätte ich ja auch noch holen können. Die und jede Menge Ausrüstung. Und jetzt stell dir nur mal vor, wie das bei Irene mit ihren ganzen HW-Ressourcen aussieht.”

Drecksmist, elender. Nein, das will Ethan sich lieber nicht ausmalen. Aber die Vorstellung steht nur allzu deutlich vor seinen Augen. “Müssen sie finden”, brummt er.
“Aber vorsichtig”, mahnt Cal. “Je weniger Leute von der Sache wissen, um so besser. Gibt zu viele Jäger, die sich denken würden ‘keine Seele, kein Mensch’ und versuchen würden, die Gelegenheit zu nutzen.”
Stimmt. An die große Glocke hängen dürfen sie das keinesfalls. Aber: “Nelson. Lösung. Fast fertig. Weiß Irene. Will ihn vielleicht ausschalten.” Und: “Sam.” Ethan verzieht das Gesicht bei dem Gedanken an seine Freundin. Wie unerträglich weit sie weg ist. Wie gern er ihre Stimme hören würde. “England grad. HW-Archiv. Findet da vielleicht was.”
Cal runzelt die Stirn und sagt eindringlich: “Aber nur Sam. Kein anderer Hooper-Winslow. Gerade die würden doch nur zu gern auf den Zug springen. Irene hat gerade keine Seele? Ja wunderbar, ist sie kein Mensch mehr! Schalten wir sie aus! Weniger Konkurrenz um das Erbe!”
Schon will Ethan zustimmend nicken, da fällt ihm noch jemand ein. “Bart auch. Und Barry."
Denn da ist ja auch noch die Schale. Besser, Irene kriegt die nicht in dem Zustand.

Ehe sie aufbrechen, verarzten sie einander. Schusswunden oder nicht, da haben sie ja genug Übung drin. Außerdem macht Cal erst noch seine ganzen Minen unschädlich. Soll ja auch mal Wanderer geben hier in der Gegend.
Und dann suchen sie Irene. Gehen jeder noch so kleinen Möglichkeit nach, die ihnen einfällt, wo die Britin sein könnte. Hier in den Adirondacks hat sie niemand gesehen, aber so dumm wird sie nicht gewesen sein, anzuhalten, solange sie noch in der Gegend ist, und ihren Verfolgern einen Hinweis darauf zu hinterlassen, in welche Richtung sie gefahren ist. Und es gibt zu viele kleine Waldstraßen hier, auf denen der silberne Defender garantiert von niemandem bemerkt worden ist, bis Irene fast an der I-90 war. Und die I-90 führt quer durch das ganze verdammte Land.
Sie checken das Hotel an den Niagarafällen, von dem Cal sagt, dass er Irene dort mal getroffen hat. Sie checken weitere Hotels, von denen der ältere Jäger weiß. Orte, von denen Ethan weiß. Sie befragen Kontakte, vorsichtig. Aber nichts. War ja so klar.

Irgendwann gehen ihnen die Ideen aus. Echte Spuren hatten sie ja ohnehin keine. Keinem von beiden passt es so recht, aber sie müssen aufgeben, vorerst jedenfalls. Cal hat seine Soldaten, um die er sich kümmern muss, und Ethan selbst muss sich auch mal wieder bei Bones Gate blicken lassen und was arbeiten. Das, und er muss mit Barry nach Ohio. Dringend. Denn die Höllenschale darf auf keinen Fall zu Irene.

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Soul Food
Showdown mit Hindernissen

Aber sprich nur ein Wort
(Irene)

Burlington Airport. Eine schmale blonde Frau durchbricht mit schnellen Schritten die Stille der Flughafenkapelle. Sie eilt an den schmalen Sitzreihen entlang bis auf wenige Meter vor dem großen stilisierten Kruzifix, zu welchem sie mit bebenden Schultern aufsieht. Ihre Fäuste sind geballt. In ihrem Blick mischen sich Furcht und Zorn. Ihre Lippen bewegen sich lautlos. Zwischen stummen Bitten formen sie immer wieder ein Wort. Mara.
Mara. Bitte. Mara. Hilf!
“Mara!”
Die Pose der Blonden wird ungehaltener.
“Mara!”
Ihre Faust kracht auf die Lehne der Bank zu ihrer Rechten.
“Mara! Wo bist du, wenn man dich braucht?”
Stille.
“Ihr hattet unsere Hilfe!” Suchend, als würde sie die Ankunft einer dringend herbeigewünschten Person erwarten, sieht sie sich um, ihre Stimme ein mühsam beherrschtes Flüstern. “Wir haben euch Aziraphel und Selathiel vom Hals geschafft. Ist das euer Dank?”
Der schallisolierte Raum der Ruhe lässt nicht einmal die Geräusche der in unmittelbarer Nähe startenden Flugzeuge herein.
MARA!”
Mit einem wütenden Aufschrei reißt die Frau die glänzende Messingschale, die als Weihwasserbecken dient, von ihrem Sockel und schleudert sie auf das Kreuz.
“Wer glaubt ihr eigentlich, dass ihr seid?”
Das Schweigen der Kapelle ist Antwort genug.
Zitternd starrt sie die Schale an, bis diese ihren klingenden Tanz auf dem Kirchenboden beendet hat, dann das Kruzifix. Sie streicht sich über die Augen, eine Geste der Niederlage, und verlässt die Kapelle. Sollte sie vorher noch den Glauben an einen gütigen Himmel gehabt haben, ist er hier zurückgeblieben.

Sie bereiten uns unser Leben lang darauf vor, bloß nicht die größte Dummheit zu begehen. Sie erzählen uns, dass es nie gut ausgeht, dass der Preis immer höher ist als gedacht. Sie lehren uns die Namen der Großeltern, Onkel, Tanten und Cousins, die nachgegeben haben und die Familie damit fast mit in den Abgrund gerissen haben. Sie sprechen von den Opfern, die es gekostet hat, den Schaden zu begrenzen. Worauf sie uns nicht vorbereiten können, das ist der Schmerz, der Ekel, der Selbsthass, den es mit sich bringt, zuzusehen und nichts zu tun. Sie schweigen sich darüber aus, denn auf der anderen Seite haben sie uns auch dazu erzogen, Verantwortung zu übernehmen und die Last übernatürlicher Bedrohungen anderen Schultern abzunehmen und sie selbst zu tragen.
Und so passiert es doch immer wieder.
Uns gibt es nur in drei Sorten: Jene, die bisher das Glück hatten, noch nicht in Versuchung zu kommen, jene, die nicht mehr in den Spiegel sehen können, und diejenigen, deren Seele verloren ist.

Mitten auf dem Flug zurück von Toronto geht mir auf, was Cal auf dem Hotelparkplatz mit “falls” gemeint hat, und fast 40 Jahre Gehirnwäsche und Vorbereitung auf diesen Moment sind wie weggewischt. Falls wir uns nicht wiedersehen…
Ich hätte beinahe gelacht, weil ich mir inzwischen so sicher bin, dass irgendetwas, das sich darüber köstlich amüsiert, uns immer wieder aufeinander zutreibt. Als wenn wir uns nicht bei der nächsten Gelegenheit wieder irgendwo treffen könnten, wo der Ausgang verschlossen ist. Ich dachte, dieses Spiel des Schicksals wäre das größte Problem, bis wir eine Heilung gefunden haben. Jetzt gefriert mir das Blut in den Adern bei der Erkenntnis, dass er die nächste Gelegenheit nicht abwarten will. Dass er nicht mehr an Heilung glaubt.
Und ich habe noch zu Barry gesagt, dass wir in Zimmer 1408 jemanden treffen könnten, den man vom Selbstmord abhalten muss.
Kaum ist das Flugzeug auf dem Boden, verfasse ich eine Nachricht, auf die er nicht reagiert. Mein Ausraster in der Kapelle nach der zweiten unbeantworteten bleibt ohne Folgen. In jeder Hinsicht. Schallschutz in alle Richtungen. Keine Antworten zu bekommen, wird so langsam der Inbegriff meiner Existenz. Bis nachhause zerbreche ich mir den Kopf, was ich tun soll, wenn es schon zu spät ist. Aber es kann einfach noch nicht zu spät sein. Nicht nach diesem Abschied, oder? Falls.
Ich halte mich an dem Gedanken fest, dass er sich nicht einfach die Pistole in den Mund stecken will, nicht jemand wie er, sonst hätte er es schon getan. Er wird einen Sinn in dem sehen wollen, was er tut. Hoffe ich. Irgendeine Selbstmordmission. Irgendein Monster, das zu groß für ihn ist. Irgendetwas, das man nicht von jetzt auf gleich findet. Zeit, ich brauche Zeit. Bitte, Giffany, Götter, irgendwer, gebt mir Zeit.

Die Flüchtlinge beim Mount Ida sind nicht mehr unter der Nummer zu erreichen, die zuletzt als sicher galt. Also fahre ich hin. Zwei Tage verschwendet. Noch mehr, wenn sie keine Informationen haben. Wahrscheinlich haben sie keine, bestimmt haben sie keine. Ich verschwende meine Zeit. Fliegen ginge schneller, aber ich will alles Nötige bei mir haben für… was auch immer. Am Steuer, wenn auch seit Jahren auf der falschen Seite, habe ich wenigstens die Illusion von Kontrolle über irgendetwas. Unterwegs mache ich an jeder Kirche Halt, die ich sehe, und bete zu Mara. Mal mehr mal weniger zornig. Wo ist sie? Was hält sie auf? Kennt man keine Dankbarkeit im Himmel? Ist sie in irgendeiner Schlacht gefallen? Hört man mich dort oben überhaupt?

Wider Erwarten sind die Deserteure noch heil. Nur übervorsichtig. Ich wünschte, ich könnte Verständnis aufbringen. Meine Bitte um Hilfe bei der Kontaktaufnahme, zugegeben nicht mehr besonders freundlich vorgebracht, löst erst einmal eine riesige Diskussion um die Sicherheit aus. Die meisten von ihnen sind der Meinung, dass Mara sich schon gezeigt hätte, wenn es in Ihrer Macht stünde. Sie sind bereit, noch länger wie eine brave Schafherde zu warten, bis sich der Engel von alleine herbequemt, egal, wie lange es noch dauert. Die Suche nach einem alternativen Jenseits haben sie weitgehend eingestellt. Offenbar ist es ihnen nicht gelungen, den Glauben an einen am eigenen Leibe erlebten Himmel gegen den Glauben an eine diffuse Vorstellung irgendeines fremden Totenreichs auszutauschen. Überraschung. Die Flüchtlinge wollen auf keinen Fall, dass ich mein Vorhaben auch nur in der Nähe des Bergs ausführe. Harris ist es schließlich, der mit Engels…, der lange genug geduldig auf die anderen einredet, bis er sie soweit hat, ihr Wissen zu teilen. Eher ihre Vermutungen. Wie ein Sigillum Dei Æmeth aussehen muss, weiß ich bereits von Charles, meine vorhandene Kristallkugel wird von den beiden Deserteuren, die ein solches Ritual im Einsatz gesehen haben, für zu klein befunden. Obwohl ich nicht weiß, ob es einen Unterschied macht, gehe ich in den nächstbesten Laden der Kristallhochburg, und kaufe eine größere. So viel Zeitverschwendung! Alberto meint zu wissen, wie die Kerzen stehen sollten, Carlotta widerspricht ihm dauernd, aber ich glaube, er hat recht. Meine bisherigen Erfahrungen sagen mir, dass das, was er beschreibt, eher einem klassischen Ritualaufbau gleicht, wie ich ihn mir von Hermetikern des beginnenden 20. Jahrhunderts erwarte. Bei näherer Betrachtung des ziemlich einfach gehaltenen Ablaufs, den wir rekonstruieren, frage ich mich, ob Charles mir die Gebrauchsanweisung für das Siegel absichtlich vorenthalten hat, um mich vor gefährlichen Ideen zu schützen. Egal jetzt. Wenn es nicht funktioniert, kann ich ihn genau das fragen.

Mit den besten Wünschen bedacht und von sehr skeptischen Blicken verfolgt, nehme ich Abschied von Harris und seinen Gefährten, verspreche, mindestens eine halbe Tagesreise hinter mich zu bringen, ehe ich es wage, Mara gewaltsam zu rufen. So vernünftig bin ich gerade noch, auch wenn ich jede Minute zähle. Völlig korrekt kann das, was wir ermittelt haben, nicht sein. Wenn ich versehentlich alle Heerscharen des Himmels herabbeschwöre, sollte ich in möglichst menschenleerer Gegend sein.
Für alle Fälle male ich auf die Rückseite des Stücks Tapete, das mein Sigillum Dei Æmeth trägt, die Rune, mit der ich einen Engel wieder dorthin schicken kann, wo er hingehört, und bete, dass mir der Versuchsaufbau nicht so sehr um die Ohren fliegt, dass es mich umbringt. Tot bin ich ihm keine Hilfe.

“Ich bin ja hier,” tönt eine müde Stimme hinter mir. Ich fahre so schnell herum, dass ich eine Kerze umreiße, die zischend verlischt. Irgendwie hatte ich mir eingebildet, dass sie durch die Kristallkugel zu mir sprechen würde, wenn überhaupt. Sie sieht genauso erledigt aus wie bei unserem ersten Zusammentreffen auf dem Red Hill. Vielleicht sogar mehr. “So ähnlich muss sich für euch Menschen Tinnitus anfühlen. Du kannst jetzt aufhören, so zu schreien.”
“Wo warst du?” fahre ich sie konsterniert an.
“Im Himmel.”
“Du weißt, was ich meine! Ich habe dich tagelang gerufen.”
“Ich habe es gehört.” Sie hebt eine Hand, aber jetzt ist es endgültig vorbei mit meiner Geduld. Ich will ihre Gründe nicht hören, selbst wenn es in ihren Augen gute Gründe sein mögen.
“Wir hätten dich gebraucht. Wir haben Monate auf ein Lebenszeichen von dir gewartet. Wir hätten Hilfe gebraucht. Stattdessen habt ihr uns Selathiel und AC alleine erledigen lassen und stillschweigend zugesehen, wie wir mit den Folgen kämpfen. Wir haben die nächste Apokalypse verhindert und ihr macht euch noch nicht einmal etwas daraus, dass Cals Seele ausblutet. Wie tickt ihr eigentlich? Ist das eure übliche Vorgehensweise, so mit Menschen umzugehen?”
Ich hole Luft, um die Enttäuschung von Monaten in einem weiteren Schwall von Worten herauszulassen, und viel fehlt nicht, dann würde ich ihr die Faust ins Gesicht rammen, da löst sich vor meinen Augen ihre Lichtgestalt aus dem gebeugten Frauenkörper und taucht die verlassene Kirche, in der ich meine Anrufung durchgeführt habe, in überirdische Helligkeit. Das Rauschen von Flügeln kratzt schmerzhaft über meine Trommelfelle und ihre Stimme hallt in meinem Kopf: “Und wer glaubst du, dass du bist, Sterbliche? Für wie wichtig hältst du dich?”

Cal hat mir von einem Priester erzählt, der erblindet sein soll, weil er einen Engel in seiner wahren Gestalt gesehen hat. Das Strahlen, das den deVries-Engel letztes Weihnachten umgab, das Fay die Augen herausgebrannt hat, war von ähnlicher Qualität. Doch nicht halb so … göttlich. Bevor ich herausfinde, ob es mir genauso gehen wird, wenn ich direkt hineinsehe, verberge ich mein Gesicht in der Armbeuge und drehe mich von ihr weg. Das Gewicht des Lichts drückt mich zu Boden und presst mir die Luft aus den Lungen. Als es nachlässt, ich wieder atmen kann und die tanzenden Sterne vor meinen Augen verschwinden, liege ich auf den Knien vor dem Engel. Sie legt mir ihre Hände auf den Kopf. Ihr Gesicht ist wieder gütig.
“Ich kann deinen Schmerz fühlen, Mein Kind.”
Da ist keine Spur mehr von Drohung. Schlucken muss ich trotzdem.
“Aber?” frage ich verzagt. Es ist vorbei. Sie kann oder will mir nicht helfen. Cal wird sterben.
“Ist dir in den Sinn gekommen, dass ich dich die ganze Zeit gehört habe, aber nicht kommen konnte? "
“Nein. Ja. Was helfen mir denn Vermutungen? Wir haben nichts von dir gehört. Du hättest ebensogut tot sein können wie einfach nur uninteressiert. Wenigstens ein Lebenszeichen…”
“Ich war verwundet. Geschwächt. Seit kurz vor Endes des Kriegs. Selbst jetzt war es noch nicht leicht, diesen Körper wieder in Besitz zu nehmen. Ohne deine fürchterliche Stümperei hier, hätte ich es nicht auf mich genommen. Du hast mir Kopfschmerzen gemacht.” Sie verzieht die Mundwinkel. Vielleicht ist es nur der Nachhall des himmlischen Glanzes, vielleicht funkeln da aber auch kleine Schweißperlen auf ihrer Stirn.
“Das… das tut mir leid. Ich kann nicht länger warten.”
“Ich weiß. Du warst sehr deutlich.” Sie zieht die Augenbrauen zusammen. “Du denkst, ich könnte einfach zu ihm hingehen und seine Seele heilen. Das kann ich nicht.”
Die ohnmächtige Wut kocht wieder in mir hoch. Ich kämpfe sie nieder.
“Was kannst du tun?”
Ihre Stimme wird noch weicher. “Ich kann nicht einfach aus der leeren Luft ein neues Stück Seele schaffen, um ihn wieder aufzufüllen, wenn du das meinst. Das kann nur einer.”
Einer. Sie muss nicht dazusagen, für wie wahrscheinlich sie es hält, dass der Eine ausgerechnet jetzt zurückkommt, um ausgerechnet Cal zu retten.
“Aber wenn du es nicht erschaffen musst!”
“Willst du ein Stück von deiner geben?”
“Ich bin es ihm schuldig.”
“Nein, das bist du nicht. Er hat dich von deiner Schuld freigesprochen.”
“Das kann er gar nicht.”
“Ach, Ihr Menschen!” Sie seufzt und lässt sich schwer auf eine der morschen Bänke fallen, die sie eigentlich gar nicht mehr tragen dürfte.
Nach einem forschenden Blick in mein Gesicht fragt sie: “Warum willst du das? Weißt du, wie weh es tut, wenn deine Seele zerrissen wird?”
Nein, weiß ich nicht. Und es tut nichts zur Sache. Was ist schon der kurze Schnitt einer Amputation gegen den chronischen Schmerz, mit dem ich seit der Apokalypse herumlaufe?
“Seine Seele ist mir wichtiger als meine.”
“Es ist mir verboten.”
“War es AC auch verboten?”
“Ja. Er hat seine Strafe erhalten.”
“Durch uns. Es hat uns erst in diesen Teufelskreis gebracht. Und er konnte es trotzdem.”
“Ich kann nicht. Ich darf nicht.”
“Dann weißt du, wohin ich mich als nächstes wende. Kannst du das verantworten?”
“Du solltest es doch besser wissen.”
“Sollte ich? Er will sich umbringen. Selbstmord. Der sichere Weg in die Hölle. Für alles, was er für die Menschheit getan hat, für siebeneinhalb Milliarden von uns, soll er in die Hölle gehen? Nicht, solange ich noch ein Wörtchen mitzureden habe.”
“Du hast ebensoviel getan.”
“Ich habe nicht von vornherein meine Seele und mein Leben riskiert. Vielleicht ist es endlich an der Zeit, dass ich gleichziehe.”
“Ich kann nicht ein Stück aus einer gesunden Seele reißen, um eine verletzte zu flicken, von der ich nicht weiß, wie groß der Schaden ist. Was, wenn es nicht reicht und ihr dann beide das gleiche Problem habt?”
“Kannst du das nicht sehen?”
“Nein. Dazu müsste ich in seiner Nähe sein.”
“Wo ist das Problem?”
“Ich kann ihn nicht orten.”
“Wie meinst du das, nicht orten?” Mir wird ganz kalt. Ist er schon tot?
“Wie du sagtest, blutet seine Seele aus. Wie ein Puls. An, aus, an, aus. Sie müsste aktiv sein, damit ich ihn finden könnte. Das ist sie gerade nicht.”
“Aber er lebt noch?”
“Ich vermute es.”
“Du vermutest!”
“Sie müsste aktiv sein.”
Ich setze mich auf den Boden und raufe mir die Haare, atme tief durch.
Selbstmordmission. Zu großes Monster. Bitte!

“Was passiert, wenn sie ganz ausläuft?”
Sie antwortet nicht.
“Könntest du sie austauschen?”
“Das würde nichts ändern.”
“Doch. Für mich würde es alles ändern.”
“Das Problem zu verschieben? Weshalb willst du das?”
“Weil. Weil es sich so gehört! Mir stehen viel mehr Möglichkeiten zur Verfügung, eine Heilung zu begünstigen. Ich kann mir den besten Psychotherapeuten leisten. Meine Familie kann sich um mich kümmern.”
Sie seufzt. “Ist das alles?”
“Cal wüsste, womit er rechnen muss, wenn ich eine kaltherzige Phase habe, und könnte mich von Dummheiten abhalten… Bitte, Mara! Ich kann ihn nicht noch einmal so sehen. Und ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass es ihn umbringt.”
“Du müsstest ihn noch einmal sehen. Du müsstest ihn finden.”
Mir bricht der Schweiß aus beim Gedanken, dass wieder dieser kalte, berechnende Blick auf mir liegen könnte, und mir wird übel. Aber so sei es. Ich nicke langsam.
“Das kann ich.”
“Dann ruf mich, wenn du ihn gefunden hast. Ich sammle in der Zwischenzeit neue Kräfte.”
“Wie?” will ich noch fragen. Doch außer dem kurzen Geräusch eines Flügelschlags vernehme ich schon keinen Ton mehr von ihr. Meine weiteren Fragen bleiben unbeantwortet. Wie schwach sie gerade wirklich ist, was ich den Deserteuren sagen kann, ob sie versuchen wird, ihn zu finden, sobald es ihr wieder möglich ist. Ich lasse mich nach hinten sinken, spüre eine Minute dem kalten Boden unter meinen Schultern nach, verdränge die Vorstellung, dass Cal bereits ebenso irgendwo liegt, kalt und leblos, weil er mir zuvorgekommen ist. Fast möchte ich zu der namenlosen Macht beten, die uns immer wieder zusammentreffen lässt. Bitte, lass es noch einmal geschehen! Dann ziehe ich mein Mobiltelefon und tippe eine Nachricht an den einzigen Menschen, auf den ich mich verlassen kann.

Soul Food
(Cal)

Langsam spricht es sich rum. Irene und Ethan haben zu viele Leute gefragt, das Netz zu weit geworfen. Noch hat niemand die Verbindung zu ihm geschlossen, aber es ist nur eine Frage der Zeit. Er hat keine Lust, sich mit noch mehr Leuten auseinander zu setzen, die ihn “retten” wollen.
Oder ihn ausschalten wollen.
Stattdessen wird er das Problem beseitigen. Erst den Jungen, dann die Frau. Seine schwache Seite wird darüber nicht glücklich sein, aber er hat sich inzwischen gut genug unter Kontrolle, um sich an irgendwelchen Selbstmordversuchen zu hindern.
Für alle Fälle kontaktiert er ausgewählte Leute seiner Truppe, die einspringen können, wenn etwas schief geht. Aber für den Anfang will er nicht, dass sie ihm zwischen den Beinen herumspringen. Oder Einwände haben, Zivilisten zu erschießen.
Das wird er ihnen abgewöhnen, wenn er erst seine Seele los ist. Befehle werden dann widerspruchslos befolgt. Er wird sich voll auf die Truppe konzentrieren, die so viel lohnenswerter ist als diese “Jagd”, die weder Geld noch Ruhm einbringt.
Ohne Gewissen wird er ein so guter Anführer sein wie sein Vater.
Nein. Er wird besser sein.

Nachdem er das Schlachtfeld zu seinen Gunsten vorbereitet hat – ein paar Minen und andere Fallen auf den wahrscheinlichsten Wegen und ein Dummy in der Hütte – wirft er mit einer einfachen SMS den Köder aus.

Nicht der Junge nähert sich zuerst der Waldhütte, sondern die Frau. Irgendjemand muss geredet haben. Ärgerlich, aber kein großes Problem. Dann ist sie eben zuerst dran.
Er bringt sich im Inneren in Position. Die Tür öffnet sich und Irene kommt herein, die Waffe im Anschlag und in schlecht versteckter kugelsicherer Weste.
Die ihr nichts bringen wird.
Er aktiviert die Flashbang-Granate, hat die Tür hinter ihr geschlossen und den Riegel vorgelegt, bevor sie sich von dem Knall erholt hat. Das verwitterte Holz des Hauses hat den Brandbeschleuniger aufgesaugt wie ein Schwamm. Er lässt das Feuerzeug fallen, und in Sekundenschnelle steht die ganze Wand in Flammen. Unwillkürlich hebt er einen Arm, um sich von der Hitze abzuschirmen.
Seltsam. Sie hätte spätestens jetzt anfangen sollen, einen Weg nach draußen zu suchen. Panisch gegen Türen und Fenster zu schlagen, vielleicht das Dach probieren. Stattdessen hört er… Gesang?
Wie auch immer. Lange hält sie nicht durch. Mit ein paar Schritten ist er wieder zwischen den Bäumen und visiert das Haus an.
Splitter fliegen ihm um die Ohren, als ein Schuss in den Stamm neben ihm einschlägt. Er wirft sich auf den Boden und kriecht ins Unterholz, wo er vor dem Schützen verborgen ist. Das war der Junge, keine Frage. Und wie vermutet, kann der seinen alten Gefährten nicht einfach so erschießen.
Oder Irene verbrennen lassen. Er beobachtet, wie Ethan auf die Tür zurennt und sich am Riegel zu schaffen macht. Direkt in seinem Schussfeld. Unmöglich, auf die Entfernung zu verfehlen.
Aber die Kugel trifft nur Ethans Schulter. Fleischwunde. Nicht tödlich. Er runzelt die Stirn über sein eigenes Versagen. Keine Zeit, darüber nachzudenken. Er erinnert sich, woher er den Sprechgesang kennt. Engelsbeschwörung. Oh nein. So leicht wird er es den beiden nicht machen.
Der Junge steht wie angewurzelt in der Türöffnung. Über seine Schulter ist Irene zu sehen, die mit ihrer Waffe auf Ethan zielt. Die Flammen und der Rauch lassen ihre Gestalt unwirklich wabern.
Also macht er das Gleiche von Hinten. “Aufhören, oder ich erschieße ihn”, sagt er zu der Frau.
Sie hört nicht auf. Während sein Finger sich krümmt, dreht der Junge leicht seinen Kopf, die Muskeln angespannt…

…ich reiße die Pistole weg und brülle ihn an: “Jetzt erschieß mich doch endlich, du Arschloch!” Er fährt herum, Gewehr im Anschlag. Es knallt. Heißes, feuchtes Brennen an meiner Schläfe. Ich taumele zurück, nur für eine Sekunde erleichtert. Mein Kopf dröhnt wie eine gesprungene Glocke. Schmerz heißt Leben. Er hat verfehlt, auf die Entfernung, ist irgendwie gestolpert und…

…seine Sicht verschwimmt immer wieder. Auch nicht tödlich, der Streifschuss, aber seine Gedanken wollen sich nicht richtig versammeln.
Irene schießt in einem Schwall aus Funken aus der Hütte und fällt auf die Knie, hustet und spuckt.
Im nächsten Augenblick ist Ethan über ihm, schreit was von Durchhalten und Irenes Plan, will ihm mit dem Gewehrkolben eine noch schlimmere Gehirnerschütterung verpassen. Aber die kaputte Schulter hat dem Jungen Kraft genommen. Die Waffe lässt sich abfangen. Sie ringen einen Moment um das Gewehr, Ethan über ihm, er unten. Mit einer scharfen Bewegung tritt er gegen den Knöchel seines Gegners. Es knackt und der Junge knickt mit einem Knurren um. Jetzt sind die Rollen vertauscht, er liegt auf Ethan, die Hände noch am Gewehr, und zwingt die Mündung unter das Kinn des Jungen. Mit einer Hand tastet er nach dem Abzug. Peng. Du bist tot.
Plötzlich fühlt er einen Stich im Rücken. Die Welt strudelt von ihm weg. Seine Arme wollen nicht mehr auf ihn hören. Die Finger zucken und verfehlen den Abzug.
Ethan schüttelt ihn ab. Er landet in Tannennadeln und Erde, die ihm keinen Halt geben, als er versucht wegzukriechen. Seine Pistole liegt neben ihm, so nahe. Er grapscht danach, aber bevor er seine Hand zwingen kann, sich zu schließen, hat schon jemand dagegen getreten und die Waffe außer Reichweite gefegt.
Noch ist es nicht vorbei. Er kann das Ruder noch rumreißen. Er muss nur…
“Du hast ihn gefunden”, sagt eine müde Stimme. Mara, der Engel. Im Hintergrund ersterben die Flammen.
Vielleicht fühlt er in dem Augenblick tatsächlich etwas wie Enttäuschung. Er hatte so viele Pläne für die Zeit ohne Seele.
“Tu es einfach!” fährt Irene Mara an. Der Engel schüttelt stumm seinen Kopf, aber greift nach Irene, taucht seine Hand in die Brust der Jägerin wie in Wasser. Irene brüllt, was ihre verrauchte Lunge noch hergibt. Sie hört abrupt auf, als Mara ihre Hände herauszieht. In ihnen ruht ein warmes Leuchten. Die Engelsfrau streichelt es sanft. “Du hättest besser mit deiner Seele umgehen sollen. Man sollte etwas so Heiliges nicht so beschädigen.”
Mit dem Funkeln in ihren Händen tritt der Engel auf ihn zu. Die Wärme und das Licht sind nicht zu ertragen. Er rudert mit Armen und Beinen wie ein hilfloses Insekt, versucht doch noch zu entfliehen, aber die paar Zentimeter helfen nicht. Mara beugt sich über ihn und…

…oh verdammte Kacke jemand hat alle Gefühle gleichzeitig angestellt ich bin todtraurig ekstatisch scheiße scheiße hört das irgendwann auch mal auf bloß nicht aufhören…
Alles pulst gleichzeitig durch meinen Schädel, zerrt mich in tausend unterschiedliche Richtungen. Stimmen. Ich konzentriere mich verzweifelt darauf, um nicht unterzugehen.
“Oh. Das hätte nicht passieren dürfen.” Mara, erstaunt. “Ich kann die Seelen nicht mehr trennen. Sie sind… verschmolzen.”
“Macht nichts. Mir fehlt nichts.” Irene, kühl und entspannt.
“Du kannst doch nicht… Sie kann doch nicht… Dann gib ihr meine Seele!” Ethan, verzweifelt.
“Ich habe schon zu viel hier angerichtet. Seelen sind keine Kleider, die man einfach so weitergeben sollte. Was willst du ohne Seele tun? Und ich… ich schaffe das auch nicht mehr.” Mara wieder, erschöpft.
Ein Geräusch, als würde etwas Schweres auf den Waldboden fallen. “Drecksmist.” Ethan, leise.
Schritte entfernen sich.
Stille, für eine halbe Ewigkeit. Dann ein letztes Mal Mara: “Ja… ich… ich komme sofort.”

Irgendwann flaut der Orkan in meinem Inneren so weit ab, dass ich meine Augen wieder aufmachen und halbwegs klar denken kann. Ethan liegt in einiger Entfernung regungslos auf dem Boden. Sonst ist niemand zu sehen.
Klar. Irene ist weg. Ohne Seele. Die habe jetzt ich. Was zur verfickten Hölle hat sie sich dabei gedacht? Hat ihr jemand das Hirn geklaut und mit Mist ersetzt? Warum tut sie sowas… für mich? Eine kleine Stimme wendet ein, dass ich genau weiß, warum, und dass ich das gleiche tun werde. Oder vielleicht erwürge ich sie. Oder gestehe ihr meine unsterbliche Liebe. Oder beides gleichzeitig.
Mein Blick fällt auf Ethan, der sich immer noch nicht rührt. Scheiße, der Schulterschuss war doch nicht tödlich? Oder? ODER? Auf Armen und Beinen krabbele ich zu ihm rüber. Er atmet noch.
Ich fühle mich immer noch, als hätte mir jemand eine Stromleitung direkt in den Arsch gelegt, und ich habe keine verfickte Ahnung, wie ich diesen ganzen beschissenen Schlamassel wieder lösen soll, und ich muss das lösen, jetzt SOFORT. Weil das nicht geht, packe ich Ethan am Kragen und fange an, ihn zu schütteln.
“Verdammte Scheiße, warum hast du sie das machen lassen?!”
Seine Augen gehen auf. “Ha? Was… was machen… wer?”
“Ich habe ihre Seele, verfickt noch mal, und sie hat keine mehr! Warum hast du mich nicht einfach erschossen, du Volltrottel?”
Er wehrt sich nicht. “Konnte nicht.”
Ich lasse ihn los, setze mich auf den Boden und vergrabe den Kopf in den Händen. “War ja auch nicht deine Schuld.” Weil es meine Schuld war. “Warum bin ich bei der Apokalypse nicht einfach gestorben? Dann hätten wir den ganzen Scheiß jetzt nicht.”
Ethan, der jetzt genau so da sitzt wie ich, sagt: “Dachte, Irene hätte einen Plan. War kurz davor. So kurz…” Er schüttelt seinen Kopf.
“Vergiss es”, sage ich. Es war nicht fair von mir, das von ihm zu verlangen. Ich will gar nicht wissen, ob ich Irene abknallen könnte, wenn es zu schlimm wird. Ich will auch nicht wissen, ob die Antwort “ja” oder “nein” sein sollte.
Automatisch greife ich nach meinen Kippen, aber sie sind nicht da, weil meine andere Seite sie weggeworfen hat. Ist ja ungesund.
Ungefragt erscheint eine Zigarette vor meiner Nase. Ich nehme sie dankbar aus Ethans Fingern, denn genau das brauche ich jetzt, eine schöne Tasse Tee, aber nicht diesen amerikanischen Mist in Beuteln, sondern einen guten Breakfast Tea mit einem Spritzer Vollmilch.
Tee? Verfickter Tee?! Ich stöhne. Was denn jetzt noch alles? Kriege ich gleich meine Tage? Lieber an was anderes denken. Ich frage: “Scheiße, was machen wir denn jetzt?”
Ethan zuckt mit den Schultern. “Wie immer. Irgendwas.”
Das bringt mich zum Lachen. Jap. Unsere beste Strategie ist “irgendwas”. War sie schon immer.
“Wir müssen sie finden, sofort”, sage ich. “Aber wenn es ihr geht wie mir, will sie ihre Seele bloß nicht wieder haben. Sie wird sich mit allem wehren, was sie hat. Ihr könnt scheißfroh sein, dass ich anscheinend auch ohne Seele Einzelgänger bin. Ich hätte hier locker mit zwei gepanzerten SUVs und zwanzig Mann auftauchen können. Jetzt stell dir mal vor, was jemand mit Irenes Ressourcen alles anstellen kann.” Ich fühle schon wieder Panik in mir aufkommen. Wir haben keine Zeit, verdammt noch mal! “Okay. Okay.” Ich versuche, mich selbst zu beruhigen. “Wir müssen sie suchen. Aber vorsichtig. Es sollten nur die Leute was von der Sache wissen, denen sie gefährlich werden könnte.” Da zähle ich mit Sicherheit drunter. Wenn ich tot bin, ist ihre Seele auch hin. “Genügend Jäger werden sich denken ‘Keine Seele, kein Mensch’ und lieber schießen, das brauchen wir nicht auch noch.”
Ethan nickt und wir sitzen einen Moment lang schweigend herum. Dann sage ich: “Äh… soll ich dir ein Pflaster auf die Schusswunde kleben?”

Nachdem ich meine Fallen wieder entschärft habe, machen wir uns auf die Suche. Wir fragen in der Umgebung nach Irene, aber niemand hat eine blonde Britin oder ihr Auto gesehen. Wir fahren zum Roten Hügel, in der schwachsinnigen Hoffnung, dass sie dort sein könnte, vielleicht um noch etwas mitzunehmen. Aber die Baustelle ist verlassen. Die Glocke an dem fast fertigen Schrein klingelt verloren.
Wir zapfen alle Kontakte an, die uns einfallen. Wir besuchen Luxushotels, in denen sie mal übernachtet hat. Wir versuchen sogar, den nutzlosen Engel zu rufen.
Nichts. War ja klar, dass sie uns das nicht so einfach machen würde.
Wir trennen uns. Ethan muss mal wieder arbeiten und ich meine Truppe wieder holen. Einige von denen haben Kontakte zu echten Militärs und zur Polizei, vielleicht kommt dabei etwas heraus. Ich kann noch mal die Runde machen, zu den weniger vertrauenswürdigen… Personen, die ich schon zu meinem eigenen Problem befragt habe. Irgendwer wird doch Seelen verpflanzen können. Das muss leichter sein, als sie zu heilen.
Dann schnappe ich mir Irene und sie bekommt den Seelenmischmasch reingedrückt. Ob sie will oder nicht.

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Zimmer 1408
Klaustrophobische Verhältnisse

Klack. Die Tür zu Zimmer Nummer 1408, President’s Hotel, Toronto, fällt ins Schloss. Augenblicklich wird mir unwohl. Noch unwohler. Das war ein Fehler, Barry, denke ich. Warum habe ich noch einen Schritt in den Raum gemacht, statt gleich umzudrehen und das Weite zu suchen? Mir gegenüber steht der große böse Wolf, ein EMR-Gerät in der Hand, seine Brauen schießen kurz nach oben, ziehen sich dann zusammen, während Barry ungerührt das Zimmer betritt. “Fisher.”
“Wenn ihr beide da seid, dann kann ich ja gehen”, haspelt der Wolf eilig und macht ein paar große Schritte an mir vorbei zur Tür. Ich ziehe unwillkürlich die Schultern hoch. Die bekannte Wolke aus kaltem Rauch umgibt ihn. Trotzdem. Oder gerade deswegen. Mein Magen ballt sich zusammen, während ich das Unausweichliche beobachte, die Szenerie vor mir irgendwie surreal und schrecklich langsam, weil ich sie vorausahnen konnte, kaum, dass ich ihn sah. Seine Hand packt den Türknauf, dreht, rüttelt, dreht noch weiter, rüttelt stärker. Keine Chance. Wir sind eingesperrt. Kälte durchläuft meine Blutbahnen. Gefangen.
Meine Phobie gaukelt mir das Gefühl von Felswänden rings um mich herum vor, die gebleckten Zähne, das Kläffen und Knurren. Ich haste in die Mitte dessen, was das Wohnzimmer der altmodischen Suite darstellt, um die Erinnerung abzuschütteln, mir zu beweisen, dass ich nicht eingeengt bin, genug Platz habe, um mich zu verteidigen. Meine Waffe ist geladen, ich bin wehrhaft. Ich bin nur in einem Hotelzimmer, kein Grund zur Beunruhigung. Die beiden Raubtiere hier sind menschliche Jäger, kein Grund zur Panik. Nur nicht direkt ansehen, nicht reizen. Ruhig atmen. Langsam ein, Luft kurz anhalten, langsam aus. Wiederholen.
Während ich das antrainierte Programm abspule, nehme ich die Umgebung in mich auf. Distanzen bis zu den Wänden, Fluchtwege (Fenster), Laufwege (Schlafzimmer, Bad), Deckung (Trennwände mit eingelassenen Regalen, Sofa, Sessel), bis mein Blick wieder bei Cal landet. So wie er mich ansieht, könnte man meinen, dass ich die Schlange bin und er das Kaninchen. Ein Kaninchen, das jetzt eine Pistole zieht, immer noch so alptraumhaft langsam. Meine eigene Hand findet ebenfalls ganz automatisch den Weg zur Browning. Er sieht mehr an mir vorbei als in meine Augen, als er die Waffe am Lauf greift und mir hinhält. Friede? Für den Moment? Eine schwache Geste. Wenn seine Stimmung umschlägt, wird er jede Menge andere Möglichkeiten finden, Barry und mich dem Spuk des Zimmers zu opfern, wenn das die Chance mit sich bringt, dass er sich selbst befreien kann. Vorsichtig schließe ich meine Hand um den Griff, frage mich, ob er mir ansieht, dass ich mir vorstelle, seine eigene Waffe gegen ihn zu richten, halte sie einen Moment zu lang so fest, stecke sie in meinen Hosenbund. Gefährlich, aber ich muss spüren können, dass das Ding bei mir ist. Die Geste wirkt. Ich atme noch einmal tief ein.
Barry beobachtet unser Schauspiel. Dem würde ich das Schießeisen am liebsten auch gleich wegnehmen. Er hatte die Pistole schon gezogen, als ich die Türe aufschloss. Und obwohl ich darauf hinwies, dass wir wahrscheinlich jemanden vom Selbstmord abhalten müssen, denn soviel wussten wir über das Zimmer, in dem sich einer der bekannteren und ziemlich fähigen Jäger umgebracht hatte, senkte er sie lediglich zögernd, statt sie wegzustecken. Er war schon gegenüber dem hilflosen Weibchen an der Rezeption so auf Krawall gebürstet, dass sie ihm den Ersatzschlüssel gegeben hat, nur weil sie von ihm ein paar Sekunden böse angestarrt wurde. Ich hätte eher so lange Geldscheine vor sie hingeblättert, bis ihr klar geworden wäre, dass ich nicht lockerlasse. Und ich habe auch so eine Idee, warum die andere so verheulte Augen hatte. Es war ja nicht Cal, der die Suite angemietet hat, sondern Barry.
Wenigstens fragt er nicht. Das mag ich an der Zusammenarbeit mit Jackson, dass man in seiner Nähe in aller Ruhe ein psychisches Wrack sein kann, ohne mit Fragen oder, schlimmer noch, guten Ratschlägen behelligt zu werden. Trotzdem wünschte ich, Ethan hätte selbst fahren können. Dann wäre jetzt ein bedachter Mensch mit den beiden eingeschlossen. Egoistisch, ich weiß, aber angesichts all des Ballasts zwischen uns und der Unfähigkeit meines Gehirns, seine Arbeit ordentlich zu verrichten, wenn ich weiß, dass ich keinen Ausweg habe, nur vernünftig. Ich muss mich zusammenreißen. Ethan wäre gegenüber Menschen, denen er auf Teufelkommraus vertrauen möchte, zu unvorsichtig. Ich muss da durch. Wahrscheinlich überleben wir diesen Ort nicht. Ich will hier raus. Atmen.

“Irgendein Schicksalsgott kann uns wirklich nicht leiden.”
Cal zuckt mit den Schultern. “Überrascht dich das?”
“Nein. Ich wüsste nur langsam gerne, welcher, oder womit wir das ausgelöst haben.”
Reden. Reden ist gut. Der kurze Austausch löst meine Anspannung soweit, dass ich mich noch einmal genauer umsehen kann, mit Augen für die andere Gefahr. Das Zimmer wurde, dem Stil nach, seit der Eröffnung des Hotels im Jahr 1911 baulich kaum verändert. Bereits eine Woche nach Inbetriebnahme des Ladens ist hier der Erste aus dem Fenster gesprungen. Ein erfolgreicher Geschäftsmann. Kein erkennbarer Grund.
An den Wänden hängen Bilder, wie ich sie von zuhause kenne. Eine Fregatte bei sanftem Wellengang, ein Familienporträt, Jäger hoch zu Ross, die von Hunden umtollt werden. Einige Einrichtungsgegenstände sind neuer. Die festen Installationen altmodischer, als es ein Fünf-Sterne-Haus erlauben sollte.
Mit leicht belegter Stimme informiert uns Cal, dass die EMR-Ausschläge im ganzen Zimmer gleich hoch sind. Es ist definitiv Strahlung vorhanden, aber gleichmäßig verteilt, mehr wie Hintergrundrauschen.

Ein Geräusch aus dem Bad unterbricht ihn. Sein Kopf zuckt zur Tür. Barry und er gehen nachsehen, während ich mir einen Moment gönne, um Salz aus meinem Rucksack zu fischen und einen Kreis zu ziehen, in dem wir uns alle drei niederlassen können, Kriegsrat halten. Aus der geöffneten Badezimmertür dringt Dampf. Einige Sekunden, nachdem die beiden hineingegangen sind, endet das Geräusch laufenden Wassers. Noch während ich die letzten Körner auf den Teppich rieseln lasse, schreitet ein Mann im eleganten grauen Anzug mit verzweifelt-entschlossenem Ausdruck an mir vorbei.
“Hier ist ein Geist”, teile ich den beiden mit. Ich bemühe mich, nicht beunruhigt zu klingen, aber ich bin beunruhigt. Ich bin eingesperrt. Ich will hier raus. Sollen sich andere Leute um das verdammte Zimmer kümmern. Nur die Angst davor, offen Schwäche zu zeigen, hält mich davon ab, an der Tür zu rütteln wie verrückt oder so lange darauf zu schießen, bis nur noch Späne davon übrig sind. Der halbdurchsichtige Anzugträger öffnet das Fenster, atmet tief ein und stürzt sich vor unseren Augen mit einem Seufzer hinaus.

Cal sieht ihm nach, heftet den Blick einen Moment lang auf eine Stelle weit unten und zuckt zusammen, als ihm das Schiebefenster wie eine Guillotine auf die Finger kracht. Mit einem Fluch befreit er seine Hand, hält sie erst einmal fest, atmet zwischen den Zähnen hindurch, untersucht, ob etwas gebrochen ist. Ich weiß, ich sollte helfen, aber ich kann nicht. Meine Beine weigern sich, den Kreis zu verlassen, und über meine Lippen kommt keiner der Sätze, die in meinem Kopf Karussell fahren. Geschieht dir recht. Alles noch heil? Lass mal sehen. Bleib mir vom Leib! Habt Ihr gemerkt, dass da draußen Nacht ist? Es sollte doch Mittag sein.

Angekündigt von einem kurzen elektronischen Knistern, tönt plötzlich Rockmusik aus dem Schlafzimmer. Dort steht ein altmodisches Bett, daneben ein Radiowecker mit roten LED-Zahlen, die gerade auf einen Timer springen 59:59. Das Lied ist irgendeines dieser ikonischen Werke aus den Sechzigern, deren unerträgliche Fröhlichkeit im eklatanten Gegensatz zum Text stehen. Cal reißt den Wecker vom Nachttisch, wirft ihn auf den Boden und macht ihm mit zwei kräftigen Tritten den Garaus. Ich sehe dem Apparat beim Sterben zu, werfe dann einen Blick auf meine eigene Uhr und merke mir die Uhrzeit. Irgendetwas wird in einer Stunde passieren. Und es wäre besser, wir hätten den genauen Zeitpunkt auf dem Radar.
Auf dem Kopfkissen liegen drei Schokoladentäfelchen, die ich vorher sicher nicht dort gesehen habe. Drei. In einem Doppelbettzimmer. Auch meinen Mitgefangenen fallen sie zum ersten Mal auf. Ich will die beiden nicht weiter beunruhigen, erkläre aber auf Nachfrage meine Theorie: “Nahrung.” Alle Opfer der Suite, die sich hier umgebracht haben, taten dies innerhalb der ersten Stunde nach dem Check-In. Wahrscheinlich war es nur für die Außenwelt eine Stunde. “Damit wir nicht verhungern?”

Barry geht zur Mini-Bar und macht eine Bestandsaufnahme vom Inhalt. Echter Champagner, akzeptabler Sekt, Whiskey, Gin, Wodka, mehrere Sorten Bier, französisches Wasser, Bitter Lemon, Cola, Orangensaft. “Immerhin können wir uns besaufen.” Ich bin mir nicht sicher, ob er versucht, zu scherzen. Ein bisschen Angst mit Alkohol wegspülen kommt mir gar nicht so verkehrt vor, doch Cal schüttelt den Kopf. “Normalerweise jederzeit, aber jetzt möchte ich erstmal nichts zu mir nehmen, was dieses Zimmer anbietet.”
Verdammt, er hat recht. Hat er kurz gezögert, als er die Erklärung ablieferte? Saufen ist auch nicht gut für ihn. Er sagte, es gibt nur noch gut für ihn. Ist es schon umgeschlagen? Vorsichtig mustere ich ihn von der Seite. Wenn er sich wenigstens eine Kippe anstecken würde, dann wüsste ich, mit welchem Cal wir es gerade zu tun haben. Rücksicht oder Egoismus? Das Gesicht, das er zieht, drückt mehr Sorge als Kalkül aus. Ich hoffe, dass wir noch möglichst lange von der anderen Seite verschont bleiben. Bedeutet diese Hoffnung, dass ich mich schon mit dem Gedanken an einen längeren Aufenthalt abfinde? Nein, nein, so nicht. Nicht mit mir. Ich lasse mich nicht einsperren.

Wir müssen etwas tun. Die Quelle der Anomalie muss hier drin sein. Sie muss einfach. Wenn uns etwas von außen eingeschlossen hat, haben wir keine Chance. Den Gedanken weise ich weit von mir. Schlage vor, dass wir jeden Gegenstand hier drin einzeln verbrennen, bis wir den gefunden haben, an dem der Fluch, oder was auch immer, hängt. Barry legt gerade den Telefonhörer beiseite, nickt. Er hat versucht, den Zimmerservice zu rufen. Man kann ja träumen. Dann zückt er sein Mobiltelefon und tippt eine kurze Nachricht, starrt noch kurz mit gerunzelter Stirn aufs Display, ehe er es wieder wegsteckt.

Während wir suchen, sticht uns ins Auge, dass sich die Bilder verändert haben. Die Stirnen der Familienmitglieder zieren Zornesfalten, ihre Münder sind schmal zusammengepresst, das Schiff liegt schräg auf einer Welle der deutlich rauer gewordenen See. Die Hunde auf dem Jagdbild schnappen nacheinander und nach den Beinen der Pferde. Und, mein Herz setzt einen Schlag aus, der Hotelplan zeigt keine anderen Zimmer mehr als unseres. Ruhe bewahren. Atmen.

Ist hier ein ähnlicher Dämon am Werk wie der grauenvolle Weihnachtsengel? Vielleicht. Barry spricht den Gedanken laut aus. Ich nicke. Cal fragt, wovon wir reden, und bekommt von mir einen Minimalbericht über die Ereignisse, die mir inzwischen so weit weg erscheinen. Einen Weltuntergang weit weg. Ein Dämon oder Racheengel, was genau es war, macht keinen Unterschied, der uns in eine eigene höllische Dimension zog und versuchte, uns dort solange mit unseren Schuldgefühlen zu konfrontieren, bis wir aufgaben. Diejenigen, die aufgegeben hatten, waren bei der letzten Konfrontation mit ihrer Schuld gestorben. Die unangenehmen Details erspare ich uns. Er weiß wahrscheinlich sowieso, womit ich mich dort herumgeschlagen habe. War oft genug unser Thema.
Immerhin, meint Barry, würde das Zimmer uns noch keine falschen Gefühle einpflanzen, oder? Ich kann nicht anders, ich muss auflachen. Es klingt etwas schrill. Als wenn das nötig wäre! Er braucht uns doch nur anzusehen. Offensichtlich dringt die Erkenntnis bei ihm auch langsam durch, denn er legt die Stirn in Falten und zieht die Schultern etwas weiter hoch.

Der einhändige Jäger erzählt, er sei einmal in einem Gefängnis für Geister gewesen. Damals hätte einfach ein Schutzsymbol diese festgehalten. Vielleicht sollten wir einmal unter dem Teppichboden nachsehen, ob es so simpel ist. Oder unter der Tapete.
Bevor wir überhaupt anfangen können, den Raum ernsthaft zu verwüsten, taucht eine weibliche Gestalt in der typischen Mode der Fünfziger auf. Auch sie bewegt sich auf das Fenster zu. Jackson scheint sie entweder aufhalten zu wollen, oder er möchte mit ihr sprechen, genau wird es mir nicht klar, denn es geht zu schnell. Sie nimmt ihn überhaupt nicht wahr, kommt nicht einmal ins Stocken, als sie durch ihn hindurchläuft. Er krümmt sich und stößt eine weiße Atemwolke aus. Scheußliches Gefühl, ich kenne das. Auch die Frau springt in den Tod. Nur diesmal, sagt der Privatdetektiv, der ihr nachspäht, liegt unten keine Leiche. Ich bilde mir ein, der Ausblick sei vorhin weiter gewesen. Bis zu Häusern auf der anderen Straßenseite. Vielleicht ist es auch nur die Dunkelheit, gepaart mit meiner Klaustrophobie.

Ich sehe auf die Uhr. Wir sind erst eine halbe Stunde da und haben bereits zwei Selbstmorde beobachtet. Wenn auch nur ein Drittel der Leute zu Geistern geworden ist, haben wir noch einige vor uns. Weiter jetzt mit dem Vandalismus, ehe ich genauer darüber nachdenken kann, wie lange wir noch hierbleiben müssen. Wir könnten schneller vorankommen, wenn ich mich überwinden würde, eines meiner Bowiemesser an Cal abzugeben, der mit einem halb so großen Taschenmesser arbeitet, das die Kunstfasern schnell stumpf werden lassen. Doch er dreht mir den Rücken zu. Gut. So ist es mir auch lieber. Unter dem Teppich finden sich keine Ritualkreise.
Als ich gerade den letzten Streifen Bodenbelag fallen lasse und mir beim Aufsehen den Schweiß aus der Stirn wische, tut sich vor mir nicht das Schlafzimmer auf, sondern der Garten von Winslow Manor. Mein Vater sitzt auf der Terrasse, im Rollstuhl, mit leerem Blick, seine Wangen sind noch voller als jetzt. Mutter zieht ihn in den Schatten. Ich kann mich nicht an den genauen Tag erinnern. Das war kurz bevor ich Großbritannien verlassen habe, um mich von ebendiesen frustrierenden Nachmittagen abzulenken, an denen wir uns gegenseitig versichert haben, dass uns zwar gerade die Ideen ausgegangen sind, aber uns bestimmt bald etwas einfällt, um Vaters Zustand zu verbessern, was wir mit unserem und seinem Gewissen vereinbaren können. Gleich kommt Ian dazu und verdirbt allen noch mehr die Laune. Ja, da ist er schon, und sein verächtlicher Blick trifft eine jüngere Irene. Eine, die noch nichts davon weiß, dass sie nicht davonlaufen kann, um Seelenfrieden zu finden, sondern dass es ein paar Jahre später erst richtig losgeht… Ich wende mich ab.
Keine Lust, Fragen der beiden Männer zu provozieren, mich zu erklären. Mein halb zu Boden gerichteter Blick streift Cals Hände, die sich eben zu Fäusten ballen. Es ist besser, wenn ich mich nicht noch einmal umdrehe, um zu sehen, was ihm die Erscheinung über mich verrät. Warum hat das Zimmer genau diesen Tag herausgepickt? Es muss der Moment gewesen sein, wo ich entschieden habe, England zu entfliehen. Es macht sich über mich lustig. Du kannst nicht davonlaufen, will es mir sagen. Wir werden sehen. Ich lasse mich nicht einsperren.

Einsperren. Zusperren. Abschließen. Meine Augen bleiben an einem Knauf hängen. Er gehört zu einer Tür, einer schmalen Tür im Durchgang zum Schlafzimmer. Nicht die Schlafzimmertür, sondern eine Art Schranktür in der schmalen Seite der Wand. Einer Wand, die breit genug gebaut ist, dass ein ganzer Mensch hineinpassen könnte. Die Breite und Bauart hat mich schon die ganze Zeit irritiert, ich konnte nur den Finger nicht darauf legen, warum mir die Optik des Durchgangs aufstößt. Mit einem Schnauben fasse ich den Türknauf und zerre heftig daran. Nichts rührt sich. Ich ziehe das Messer und hebele an den schwächsten Stellen oberhalb und unterhalb des Schlosses herum. Keine Regung, kein Splittern. Das war zu erwarten. Aber es bringt mich genug auf, um meine Wut an der Tür auszulassen. Dahinter muss etwas sein. Und wenn ich es in die Finger bekomme… Die Spiegelscheibe der Tür zerbirst unter meinem Faustschlag, und Blut spritzt in alle Richtungen. Ich habe einen tiefen Schnitt in der Hand. Nur die Tür zeigt sich unbeeindruckt. Trotz des gesprungenen Glases sitzt sie fest, als wäre sie nur eine aufgemalte Attrappe. Mein Blut tropft auf den Boden. Ich gehe mit meinem Verbandszeug ins Bad, bevor ich etwas noch Dümmeres tue.

Der Anblick erwischt mich kalt. An die Badewanne gelehnt sitzt die Leiche eines Mannes, eine Pistole unter den erschlafften Fingern. Von seinem Kopf ist nicht mehr viel übrig. Auf dem Duschvorhang kleben rote Spritzer und Schlieren. Ich ziehe scharf die Luft ein und trete den Rückzug an, pralle gegen Cal, der mir gefolgt ist, schrecke noch mehr zusammen, entschuldige mich automatisch. Wofür eigentlich? Ich habe ihn nur angerempelt. Doch, dafür. Für meine Panik, dafür, dass ich nicht weiß, wie ich mit seiner Anwesenheit umgehen soll, für alles, was passiert ist. Für alles.
Als ich mich umdrehe, ist der Tote nicht mehr da. Hat Cal ihn gesehen? Oder muss er jetzt glauben, dass ich langsam durchdrehe?
Er streicht kurz über meinen Arm, zieht die Finger sofort wieder weg. Alle Härchen an meinem Körper stellen sich auf.
“Soll ich helfen?”
Ich möchte nichts lieber, als meinen Kopf gegen seine Schulter sinken lassen. Mein Instinkt schreit, lauf weg. Wenn ich das zulasse, geht es mir wie mit der Höhlensache. Konfrontationstherapie ist nötig.
“Ja.”
Gefasst trete ich zurück ins Badezimmer, halte meine Hand umklammert, während er anfängt, mit einer Pinzette kleine Glasstücke zu entfernen. Konzentriere mich nur auf die Wunde, gebe hin und wieder einen sachlichen Kommentar ab, wenn er mehr Desinfektionsmittel verwenden soll, die Bandage zu fest wickelt oder zu locker, kämpfe gegen den Drang an, ihm meine Hand zu entziehen. Ich weiß nicht, ob er es spürt, ob er versucht, meinen Blick zu erhaschen. Ich sehe starr auf den Verband und seine Hände, die meine ein paar Augenblicke zu lang umschließen, nachdem alles sitzt und sicher verklebt ist. Locker nur, so dass ich sie jederzeit wegziehen könnte, was ich unterlasse. Therapie. Ich kann ihm nicht helfen, wenn ich Angst vor ihm habe. Und so vertreibe ich meinen Fluchtinstinkt in den hintersten Winkel meines Bewusstseins, wo er hingehört.
Trotzdem kann ich ihm nicht in die Augen sehen. Es gibt nichts, was ich sagen könnte, denn sowohl das eine als auch das andere würde die jeweils falsche Seite mithören. Also presse ich die Lippen fest aufeinander.
Draußen rüttelt Barry geräuschvoll an der Spiegeltür herum.
Der Moment ist vorbei. Abrupt erhebt er sich aus der Hocke und geht zurück ins Wohnzimmer. Ich folge.

Wir stehen vor der Wand und überlegen, was wir damit anstellen können. Irgendetwas muss da drin sein. Barry kratzt mit seinem Haken an der Tapete herum und reißt ein Stück ab. Dahinter erscheint löchriges Mauerwerk. Und aus den Löchern sickert Blut.
Gut. Wenn es bluten kann, kann man es töten. Ich trete mehrfach gegen die freigelegte Stelle, greife mit den bloßen Fingern der gesunden Hand in eins der Löcher und ziehe einen lockeren Ziegel heraus. Und wie es bluten kann! Der Strahl schießt mir so schnell ins Gesicht, dass ich gerade noch den Mund zuklappen kann und ansonsten voll davon erwischt werde. Hinter mir geben die Männer Unmutslaute von sich. Auch sie kriegen die Dusche ab. Das Blut versiegt, pulst erneut, versiegt, doch etwas habe ich im wahrsten Sinne losgetreten. Die Klimaanlage jault auf und schickt uns einen Schwall warmer Luft entgegen, der heißer und heißer wird. Cal geht zum Fenster, öffnet es und schließt es wieder. Hinter der Scheibe sehe ich nur noch tiefste Schwärze.
Zynisch kommentiert er: “Langsam wird es ungemütlich hier. Da sollten wir jetzt wirklich nicht mehr rausklettern.” Ich schließe mich der Einschätzung an.

Das Blut, das immer noch in trägen Schüben an der Wand herunterläuft wird klumpiger. Bei meinem nächsten Rundumblick ist das Fenster zugemauert. Auf den Bildern befindet sich das Schiff jetzt in einem schweren Sturm, die Familie ist im Begriff sich zu attackieren, und die Jagdgesellschaft zerfetzt sich bereits gegenseitig.
Darauf aufmerksam gemacht, krächzt Barry: “Wir bringen uns jetzt bitte nicht gegenseitig um.”
Cal knurrt leise: “Eher bringe ich mich selbst um.”
“Das tust du nicht!”
Es wird mir erst bewusst, nachdem es heraus ist. Ich habe nicht nur dieselben Worte benutzt wie er in Wyoming, sondern auch den exakt selben Tonfall.
Er antwortet nicht. Richtet nur den Blick ins Wohnzimmer, sinnierend, als müsse er über meinen Einwand erst nachdenken. Schüttelt dann langsam den Kopf.

Ich halte das nicht aus. Frustriert packe ich mir die Stehlampe vom Tisch neben dem Fenster und prügle damit auf die Mauer ein. Die Wandlampe gibt nach, kracht herunter, stößt eine Vase um, aus der Kakerlaken über meine Füße laufen. Es knirscht unter meinen Stiefeln. Erinnerungen überfluten mich, an meinen Vater, den Autounfall, wie ich davon hörte, wie mir der Mut abhanden kam, als ich meinen Helden an Schläuche und piepsende Geräte angeschlossen daliegen sah, als wollte er nie mehr aufwachen. Ich werde gegen Ian verlieren, weil mir der Mut fehlt. Alles werde ich verlieren, weil mir der Mut fehlt. Vielleicht sollte ich doch das Messer nehmen? Wie die Frau auf dem Bett? Ihre durchgeschnittene Kehle erinnert mich an deVries… Mexiko. Ich habe geschworen, es nicht noch einmal soweit kommen zu lassen, dass jemand meinetwegen seine Seele verliert. Tot bin ich niemandem eine Hilfe. Ich muss leben. Ich muss einen Weg finden, eine Seele zu retten. Ich muss hier heraus.
Schlag um Schlag vertreibe ich die aufgezwungenen Gedanken und Gefühle.
Die Leiche verschwindet.
An ihrer Statt sehe ich nun plötzlich Barry liegen, eine leere Packung Schlaftabletten und eine halbe Flasche Whisky neben sich. Er liegt ganz ruhig.
“Scheiße!”
Cal wirft ihn vom Bett und macht sich sofort an die Herzmassage, während ich ins Bad rase und eine Handvoll Salz mit Wasser mische, die ich ihm einflöße. Ausgerechnet Barry. Was für ein Idiot! Gerade er müsste doch von uns den größten Überlebensinstinkt haben. Er muss zurückkommen. Was soll ich seiner Frau erzählen, die mich umbringen wird, wenn wir ohne ihn aus dem Hotel kommen? Seinen Kindern? Artie? Oh, bitte Barry, mach keinen Scheiß!
Mit einem Husten kommt er zu sich, würgt und erbricht sich mehrfach heftig. Blass und zittrig, aber eindeutig am Leben, stützt er sich auf den Ellbogen. Ich habe noch nie jemanden an Schlafmittel sterben sehen, aber ich bin mir einigermaßen sicher, dass man die Leute normalerweise nicht so schnell wieder hinbekommt. Die Relikte des Selbstmordversuchs sind verschwunden. Das Ding in der Wand wollte ihn mit dem puren Placeboeffekt ins Jenseits befördern. Der Schock sitzt dennoch tief genug bei mir. Ich muss ihn einfach anschreien.
“Bist du total bescheuert???”
“Hast du das noch nicht gewusst?”
“Du hast sie ja wirklich nicht mehr alle. Mach das nicht nochmal!”

Ein Flackern in der Luft unterbricht uns. Neben uns plärrt wieder der Wecker los. Verdammt, wir haben die Zeit vergessen. Ich könnte mich ohrfeigen. Alle Schäden, die wir angerichtet haben, sind verschwunden. Nur Jacksons Mageninhalt und mein Blut im Durchgang haben sich nicht aufgelöst. Die Bilder sind wieder so friedlich wie am Anfang. Draußen vor dem Fenster sehen wir eine friedliche nächtliche Stadtkulisse. Barry fragt, ob nicht jemand den Wecker erschießen will. Cal zertrampelt das Ding aufs Neue.

Die Vermutung mit der Zeitschleife ist nun vollends bestätigt. Was bringt uns das?
“Vielleicht müssen wir die Tür eine ganze Stunde lang bearbeiten oder zur richtigen Zeit versuchen, durchzukommen? Genau dann, wenn der Wecker auf Null steht?”
Soviel Geduld bringt Cal nicht auf. Er holt eine Whiskeyflasche voll klarer Flüssigkeit hervor und sprüht etwas davon auf die Tür. Es zischelt.
Ausgezeichnet. Ich krame eine Spritze hervor, ziehe etwas von dem Weihwasser darin auf und stochere damit im Schloss herum. Zuerst tut sich gar nichts, dann gibt etwas nach, und Dampf kommt aus der Öffnung. Ich drücke noch etwas mehr Weihwasser an die Stelle. Der Knauf bewegt sich. Ich reiße die Tür auf.

Hinter dem geborstenen Spiegel liegt tiefste bodenlose, allumfassende Dunkelheit. Eine greifbare Schwärze wie die der Nephilimtore, die nach mir ruft und an mir zerrt. Ich falle, falle in die Erinnerung. Vor mir formt sich wieder Winslow Manor aus dem Dunkel. Eine Konstante alter Jägertradition, die weitergeführt werden sollte von einer starken Hand, die kein Zögern und keine Verzagtheit kennt. Nicht von meiner. Von Ians Hand. Er hebt den Kopf und sieht mir mit erwartungsvoller Überheblichkeit direkt ins Herz. Seine Mundwinkel verziehen sich. Der vorwurfsvolle Blick meiner Mutter sagt, los, verschwinde schon! Und der Kopf meines Vaters rollt kraftlos zur Seite. Doch vielleicht hat mir einmal zu oft ein boshaftes Wesen die immergleichen Bilder vorgegaukelt. Vielleicht bin ich es auch inzwischen so gewohnt, Widerstand zu leisten gegen die Hoffnungslosigkeit. Ich bin in erster Linie Jägerin, nicht Erbin. Es ist mir schon lange egal, wer am Ende die größte Trophäe anschleppt. Es ist meine Verantwortung, Übel wie diese Schwärze zu bekämpfen. Bevor ich wirklich in die Tiefe kippe, fange ich mich am Türrahmen ab.
Der Knall eines Schusses lässt meine Ohren dröhnen. Das Zimmer zuckt zusammen, verschwimmt kurz. Eine Welle läuft unter meinen Sohlen hindurch. Von brüllend heiß wechselt die Temperatur augenblicklich zu solch arktischer Kälte, dass unsere Gesichter von klirrenden Atemwolken verhüllt werden. Als ich mich umblicke, verändern sich die Szenerien der Bilder im Zeitraffer. Cal schleudert das restliche Weihwasser in die Schwärze. Der Sturm aus dem Bild greift auf den Raum über und tränkt uns mit eisiger Gischt.
Ich stoße die Nadel in die Schwärze, taste, fühle etwas Nachgiebiges, ein Herz, ramme die Spritze mit dem Rest Weihwasser hinein. Es pulsiert wild, aber nicht mehr im einheitlichen Rhythmus. Raureif bildet sich auf meinen Armen. Aus den Gemälden stürmen Gestalten. Vom Seefahrerbild ergießt sich eine Flut von Meerwasser in den Raum.
Barry spricht ganz nah an meinem Ohr: “Ich hab dich gesehen” und schießt in das Herz.
Ein regelrechtes Erdbeben erschüttert das Zimmer. Die Bilder fallen von der Wand, deren Insassen erreichen uns nicht mehr mit ihren Klauen und Zähnen, sie versinken im Meer um uns herum, das sich zurückzieht wie eine Tsunamiwelle nach getanem Zerstörungswerk, die Angreifer zurückschwemmt in ihre Bilder.
Barry schießt noch ein paar Mal in die Kammer. Aus Reflex zähle ich mit. Sieben.

Cal öffnet die Tür nach draußen. Sie geht auf. Noch nie war ich so dankbar, dass mir jemand eine Tür aufgehalten hat. Während ich hinausstürze und mich an der gegenüberliegenden Wand abstütze, dringt leise an mein Bewusstsein, dass durch das Fenster wieder Sonne scheint. Ganz normale Verkehrsgeräusche finden ihren Weg zu uns. Das Zimmer ist immer noch verwüstet. Es gibt keine Anzeichen mehr vom Wassereinbruch und dem übernatürlichen Blut des dunklen Herzens, doch die Spuren, die wir selbst verursacht haben, und die des Erdbebens sind noch da. In der Kammer ist ein herzförmiges Loch in der Wand, sonst nichts, sagen die zwei, als sie nachkommen. Man sollte es vorsichtshalber verschließen, meint Barry. Cal streut noch Salz hinein, ehe wir uns auf den Weg nach unten machen. Ich will es gar nicht sehen. Mich bekommen keine sieben Pferde mehr in diesen Raum. Ich stehe im Flur und fahre mir mit beiden Händen durch die Haare, beobachte die entspannten Gesichter der wenigen Hotelgäste hier oben, die offensichtlich keine Schüsse gehört haben. Barry fragt, ob alles in Ordnung ist, muss sich mit einem knappen, halbwahren “Ja.” begnügen, sieht auf sein Mobiltelefon, atmet hörbar aus, entspannt sich sichtlich.

“Sollen wir weg?”
Barry hat das Zimmer gemietet. Er kann sich schlecht herausreden, wenn der Zustand des Zimmers dem Personal auffällt. Lakonisch meint er, er könnte das Chaos mit seiner emotionalen Schriftstellernatur erklären. Ich weiß schon wieder nicht, ob er das ernst meint.

An der Rezeption ist die Aufregung groß. Für die Leute vom Hotel sind nur zwanzig Minuten vergangen. Ich lache sie aus. Narren.
Barry macht ihnen weis, das Zimmer sei schon verwüstet gewesen, als wir hineingekommen wären.
“Was? Aber… die Zimmermädchen gehen doch auch rein, und da war alles ganz ordentlich.”
“Sie gehen da rein und kommen wieder raus?”
“Einmal die Woche, nur im Team.”
Ich nicke verstehend. “Lassen Sie mich raten, einer hält immer die Tür auf?”
So ist es.

Der Manager will mit uns sprechen, da man uns schon so gut wie tot glaubte, nachdem wir das verfluchte Zimmer betreten haben. Er wirkt extrem erleichtert, dass wir wieder draußen und wohlauf sind. Damit hat er nicht gerechnet. Sieht auch aus, als sei er in den letzten zwanzig Minuten tausend Tode gestorben, weil es ihm nicht gelungen ist, uns aufzuhalten.
Er bietet uns Getränke an, würde gern noch einmal mit uns hochgehen, aber ich hebe sofort abwehrend die Hände. Keiner von uns hat ein Bedürfnis, auch nur das Stockwerk erneut zu betreten.
Barry weist ihn an, ihm eine Rechnung über Miete und Reparaturen zu schicken. Ich erkläre mich bereit, mich an den Kosten zu beteiligen, wenn es nötig wird.
Der Hotelier kann es immer noch nicht fassen. Er stammelt, es habe noch nie jemand länger als eine Stunde in dem Zimmer überlebt. Barry macht ihm Vorwürfe, dass er das Zimmer trotzdem vermietet, auch wenn er wüsste, dass es Leute umgebracht hat, muss sich im Gegenzug sagen lassen, dass er, der lange genug mit Paragraphen um sich geworfen hat, der Erste seit dreißig Jahren sei, dem man es nicht hätte abschlagen können. Das Zimmer sei böse, davon sei er überzeugt.
Ich habe keine Lust mehr auf die kleinliche Streiterei. Ich will an die frische Luft. “Vielleicht war das Zimmer böse, aber jetzt ist es tot.”
Meiner Meinung nach können sie es jetzt wieder vermieten, Cal verzieht zweifelnd das Gesicht, als ich das sage. Ob sie sich das getrauen, ist die andere Frage.

Als wir endlich draußen sind, schlägt Barry Kaffee vor. Ich sage zu, ehe mir aufgeht, dass er damit meint, ob wir uns gemeinsam irgendwo hinsetzen und miteinander sprechen wollen. Das wird jetzt bestimmt interessant.

Hauptsächlich reden er und Cal. Wir sollten das im Auge behalten, findet Barry. Nicht, dass dieses Herz eine Art Haustier des Managers war. Ich bin mir zwar sicher, dass das Ding tot ist und tot bleibt, und selbst wenn der Hotelier der brillante Lügner war, für den ihn Jackson halten will, dass er dann so schnell kein zweites Spielzeug dieser Art herbeischaffen wird, aber wenn der Detektiv unbedingt paranoid sein will, dann soll er eben. Mich drückt der nachlassende Adrenalinpegel in die Kissen. Recht viel mehr als ein paar desinteressierte “Hmms” sind von mir nicht zu erwarten.
Nach und nach versandet auch das Gespräch zwischen den beiden Männern. Und als wir uns lange genug angeschwiegen haben, genügt es, dass ich meinen Geldbeutel ziehe, um sie auch zum Aufbruch zu bewegen.

Auf dem Parkplatz räuspert sich Cal ein paarmal, sagt dann, “Irene.”
Ich bleibe stehen. Hier draußen gelingt es mir, ihm in die Augen zu sehen. Dafür fällt es ihm schwer.
“Was ich da in der Hütte gemacht habe, es tut mir leid. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass das nicht ich selbst war. Aber das wäre gelogen.” Er atmet durch. “Also, falls wir uns nicht mehr sehen, weißt du das jetzt.”
Ich verdaue noch die unerwartete Entschuldigung, da dreht er sich schon um und haut ab. Keine Ahnung, was ich damit jetzt anfangen soll.
“Mir auch,” murmele ich.

Ich stehe noch herum wie bestellt und nicht abgeholt, frage mich, ob Cal jetzt irgendwie erwartet, dass ich ihm hinterherlaufe, oder ob er wirklich glaubt, dass das Schicksal uns einmal Luft holen lässt, bevor es uns wieder aufeinanderwirft, da kommt auch noch Barry, erzählt irgendetwas davon, dass er meint, wir könnten nicht mehr miteinander reden. Ich muss ihn anstarren wie ein Mondkalb. Was will er denn jetzt mit seinen Luxusproblemen? Ich kehre die Handflächen nach außen.
“Was soll ich darauf jetzt sagen?” Offenbar weiß er das auch nicht. “Das tut mir auch leid?”
Vielleicht war das jetzt wieder das Falsche, vielleicht gibt es keine richtige Antwort. Jedenfalls dreht auch er sich weg und schleicht davon. Und weil ich nicht einmal weiß, ob ich hysterisch lachen oder weinen möchte, tue ich es ihm nach einem vorwurfsvollen Blick in den Himmel gleich.

View
Herz der Finsternis
aus Barrys Tagebuch

Dan Salinger war tot. Selbstmord, angeblich. Tam hatte den alten Jäger gekannt. War felsenfest überzeugt, dass er sich nicht umgebracht hatte. Irgendwas hatte ihn dazu gezwungen, oder er war vergiftet worden, oder verflucht.
Eigentlich wollte sie gehen, um das zu untersuchen. „Keine Chance“, sagte ich. „Du hast noch nicht ein Stück von deinem Kram gepackt, und wir ziehen in zwei Wochen um. Ich kümmere mich darum.“ Das passte ihr nicht, aber sie wollte auch nicht, dass ich für sie packe. Entscheidungen, Entscheidungen.
Ich rief Ethan an. Erzählte ihm von Salingers Tod. Dass er in Toronto ein Hotelzimmer untersucht hatte. Dort waren in den letzten neunzig Jahren über fünfzig Leute gestorben, alle im gleichen Raum. Der alte Jäger vermutlich auch. Hm, machte Ethan, er hatte keine Zeit, aber er wollte Irene anrufen. Ein paar Stunden später hatte ich eine Mail mit Ankunftsdaten. Okay.
Rief im President Hotel an. Wollte Zimmer 1408 mieten. Kein anderes. Genau dieses. „Das steht gerade nicht zur Verfügung“, erklärte mir eine freundliche Stimme. Tat es nicht? Aha. Erklärte der Stimme unmissverständlich, dass ich schon gebucht hatte, dass in ihren Geschäftsbedingungen etwas von „freier Zimmerwahl“ stand und dass ich nun mal eben dieses Zimmer wollte. Warf ihnen ein paar Verbraucherschutzparagraphen um die Ohren. Die galten zwar für Illinois und nicht für Ontario, aber die Stimme hatte weniger Ahnung von Gesetzen als ich, also bekam ich das Zimmer.
Flog am nächsten Morgen los. Irene treffen. Hatte schon länger keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt.
Kam mittags in Toronto an. President Hotel. Fünf Sterne, schicke Lobby. Heulendes Mädchen an der Rezeption, eine andere Empfangskraft redete auf sie ein. Ging ja gut los.
Irene tauchte mit ein paar Pappbechern Kaffee auf. Ich nickte ihr zu, nahm einen. Kein längeres Gerede. Ich ging zur Rezeption, wollte meinen Schlüssel. Die nicht-heulende Angestellte erklärte mir, es täte ihr furchtbar leid, aber da wäre jemand gekommen und hätte ihrer Kollegin den Schlüssel abgenommen.
Das war ein Fünf-Sterne-Hotel. Hatten die keine Security? Ich war noch genervt vom Flug und wollte Irene wohl irgendwie beweisen, dass ich alles im Griff hatte, also starrte ich die junge Frau durchdringend an. Ersatzschlüssel, verlangte ich. Sie stotterte etwas vom Manager, wollte ich nicht vielleicht mit dem… Nein. Ich wollte den Ersatzschlüssel. Mit zitternden Fingern rückte sie ihn heraus, heulte jetzt fast selbst. Ich nahm ihr den Schlüssel ab, während sie weiter stammelte, und ging zurück zu Irene.
„Problem“, sagte ich. „Da ist jemand vor uns ins Zimmer gegangen.“ Sie zuckte die Schultern. Wusste nicht, wer das hätte sein können.
Also keine Zeit für Recherche oder Nachforschungen. Wir fuhren direkt nach oben, in den 14. Stock (eigentlich war es der 13., aber irgendjemand war abergläubisch). Oben erst mal nichts zu sehen, ein normaler Gang. 1408 war ganz am Ende und hatte als einziges eine Tür, die man mit einem echten Schlüssel statt mit einer Karte öffnen konnte. Ich gab den Schlüssel Irene, zog meine Waffe. Sie hob nur eine Augenbraue. Meinte, es wäre wohl wahrscheinlicher, dass wir jemanden vom Selbstmord abhalten mussten. Ich war nicht überzeugt, aber ich senkte die Waffe. Sie schloss auf, wir betraten den Raum.
Drinnen war Cal Fisher gerade damit beschäftigt, mit einem EMR-Gerät nach Geistern zu suchen. Er fuhr herum, als wir hereinkamen, und vielleicht bildete ich mir das ein, aber ich meinte, kurz zu sehen, wie seine Hand in Richtung Waffe zuckte. Aber er erkannte Irene. Richtete sich auf. Bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck. Sagte: „Wenn ihr hier seid, kann ich ja gehen.“ Ging zur Tür. Rüttelte am Türknauf. Bekam sie nicht auf. Er machte das noch einmal mit mehr Nachdruck, aber nein. Wir waren eingeschlossen. Großartig.
Irene lief zügig in die Mitte des Raums und blieb stehen. Sah aus, als müsste sie gegen irgendetwas ankämpfen. Erinnerungen? Fluchtinstinkt? Keine Ahnung. Vielleicht wollte sie sich auch nur einen Überblick verschaffen.
Ich schloss kurz die Augen. Lauschte in das Zimmer. Stimmengewirr, alle verzweifelt, hoffnungslos. „Es ist zwecklos.“ „Ich komme nie hier raus.“ „Warum hört das nicht auf?“ Kamen von überall, keine stärker als die andere.
Als ich mich wieder umsah, hatte Fisher gerade seine Pistole gezogen und reichte sie Irene. Die nahm sie ihm vorsichtig ab und steckte sie in ihren Hosenbund. „Irgendein Schicksalsgott kann uns nicht leiden“, sagte sie. Vermutlich nur zu ihm. Hatte den Eindruck, dass die beiden einen Haufen Ballast, eine Menge Erinnerungen mit sich herumschleppten, so vorsichtig, wie sie miteinander umgingen. Keine Spekulationen, Jackson. Was auch immer da zwischen Irene und Fisher war, es sah nicht aus, als wäre es einfach. Für keinen von beiden.
Statt den beiden weiter zuzusehen, verschaffte ich mir einen kurzen Überblick über unser Gefängnis. Zimmer 1408 war eine Suite mit Wohn- und Schlafraum, einem Bad und einer Küchenzeile. Alles sauber und gepflegt, aber technisch nicht auf dem neuesten Stand. Mehrere Bilder an den Wänden: Ein Schiff auf See und ein Familienportrait im Wohnzimmer, eine Jagdszene im Schlafzimmer. Teppich auf dem Boden, Tapete an der Wand.
Als nächstes holte ich mein Handy raus. Hatte Empfang. Fing an, im Internet nachzuforschen. Wünschte mir kurz Natalie her, aber nein, die musste wirklich nicht mit uns eingesperrt sein. War aber auch nicht so schwierig: Das Hotel wurde 1911 gebaut. Eine Woche nach der Eröffnung sprang ein erfolgreicher Fabrikant aus einem Fenster im 14. Stock.
Hatte den anderen beiden gerade davon erzählt, als aus dem Bad ein Geräusch kam. Irene blieb in der Mitte des Raums, Fisher und ich gingen nachsehen. Keine Dusche, nur eine große alte Badewanne. Der Wasserhahn lief, Handtücher lagen unordentlich auf dem Boden. Das war vorher nicht so gewesen, aber die Stimmen der Geister hatten sich nicht verändert. Ich griff nach dem Wasserhahn, um ihn zuzudrehen, und verbrannte mir fast die Finger. Fisher gab mir kommentarlos ein Handtuch, mit dem ich das heiße Metall anfassen konnte.
Kaum hörte das Wasser auf zu fließen, als Irene aus dem Wohnzimmer rief: „Hier ist ein Geist!“ Wieder rüber. Irene stand sicher in einem Salzkreis. Ein gutgekleideter Mann Mitte Vierzig lief an ihr vorbei. War ein bisschen durchsichtig. Ging zum Fenster, schob es nach oben und stürzte sich hinaus. Ich hörte einen Schrei und die Worte „so lange, schon so lange“.
Fisher folgte ihm, sah nach draußen. Normale nächtliche Szenerie, Licht in den anderen Häusern, Autos auf den Straßen – allerdings war es gerade noch Vormittag gewesen. Während er da stand und beobachtete, krachte das Fenster nach unten und traf seine Hand. Nichts gebrochen, nur eine Quetschung, aber vielleicht sollten wir lieber nicht hinausklettern. War vermutlich ohnehin sinnlos.

„There must be some way out of here, said the joker to the thief…“

Aus dem Schlafzimmer ertönte Musik. Dünner, blecherner Klang. Ein Radio aus den 90ern, das Musik aus den 60ern spielte. Gerade als wir in den Raum kamen, sprangen die rot leuchtenden Zahlen auf 59:59 und fingen an, die Sekunden herunter zu zählen. Fisher riss das Gerät aus der Wand, trampelte darauf herum. Die zerstörten Zahlen blinkten weiter, aber die Musik hörte auf. Gut. Die Stimmung war schon angespannt genug.
Auf dem Kopfkissen lagen drei Schokotäfelchen. Generische Hotelschokolade, aber die waren vorher noch nicht da. Irene hatte eine beunruhigende Vermutung. Wollte sie erst nicht erzählen, aber dann: „Was ist, wenn das Nahrung ist? Damit wir nicht verhungern?“
Ich überprüfte daraufhin den Kühlschrank. Nichts zu essen, aber genug Alkohol für eine kleine Party. „Immerhin können wir uns besaufen“, erklärte ich trocken. Fisher meinte, er würde hier wohl erstmal nichts trinken. Alles klar. So viel dazu. (Irgendwann treffe ich mal jemanden, der meine Witze versteht. Jemanden außer Tam oder Brian, meine ich.)
Wir spekulierten ziellos herum. Es musste doch etwas geben, dass uns hier gefangen hielt. Einen Fokus innerhalb des Zimmers. Vielleicht sollten wir einfach alles absuchen und nacheinander verbrennen. Irgendwann würden wir es schon finden.
Ich probierte das Telefon. Es funktionierte. Ich rief den Zimmerservice, sagte denen, wir wären eingesperrt, die sollten uns rauslassen. Funktionierte natürlich nicht, wollte nur die offensichtliche Lösung ausschließen. Schrieb an Tam: „Bin im Zimmer. Schick eine Nachricht.“
Auf der Suche nach einem Hinweis stellten wir fest, dass die Bilder sich verändert hatten: Über dem Schiff braute sich ein Sturm zusammen, die Familie im Portrait stritt sich, bei der Jagdszene standen sich Jäger und Hunde bedrohlich gegenüber. Auf dem Hotelplan war nur noch Zimmer 1408 zu sehen.
„Erinnert mich an Weihnachten“, murmelte ich, halb zu mir selbst. Irene nickte, Fisher schaute fragend. Sie brachte ihn kurz auf Stand: Verfluchtes Haus, das niemanden hinausließ. Racheengel, Schuldgefühle. Keine Erwähnung von Carlisle oder deVries. Immerhin hatte bisher nichts versucht, uns Gedanken und Gefühle in den Kopf zu pflanzen. Irene lachte zynisch auf, als ich das sagte, und ich horchte in mich hinein. Hatte ich etwas übersehen? Dachte nicht. Hatte ein paar Zweifel, was meine Frau anging, aber das war nichts Neues. (Okay, so im Nachhinein hätte es mich misstrauisch machen können, dass ich sofort an Tam dachte. Nicht an meine anderen Probleme. Nicht an das, wovon ich immer noch Panikattacken bekomme.)
Ich verdrängte den Gedankengang. Hörte weiterhin das Jammern der Geister, obwohl ich mich nicht mal darauf konzentrierte. Mir kam eine Idee. „War mal in einem Gefängnis für Geister“, sagte ich. Erwähnte nicht, dass das auch ein Gefängnis für Menschen gewesen war. „Wurden durch ein Schutzsymbol festgehalten.“ Vielleicht sollten wir unter dem Teppich schauen. Oder unter der Tapete.
Bevor wir anfangen konnten, das Zimmer ernsthaft zu verwüsten, tauchte wieder ein Geist auf. Diesmal eine junge Frau. Lief aufs Fenster zu. Ich stellte mich ihr in den Weg. Dachte, vielleicht kriege ich Kontakt. Aber nein. Sie ging einfach durch mich durch. Kalt, aber ich hatte schon kältere Geister gespürt. Nur noch ein Schemen. Auch sie sprang aus dem Fenster, aber diesmal war unten keine Leiche zu sehen. War es draußen dunkler als vorher?
Wir rissen den Teppichboden auf. Keine Ritualkreise, keine Symbole. Aber als ich hochsah, schaute ich nicht mehr ins Schlafzimmer des Hotels. Das war unser Wohnzimmer in Stuttgart, Tam und ich standen uns gegenüber. „Ach ja?“, sagte sie und starrte mein Abbild wütend an. „Immer, wenn du auf irgendwas keine Lust hast, bist du plötzlich verkrüppelt!“ Mein jetziges Ich atmete scharf ein. Das war letztes Jahr gewesen, eine harmlose Diskussion, die langsam zu einem erbitterten Streit eskaliert war. Wir wollten uns irgendwann nur noch gegenseitig weh tun. Ich hörte mein vergangenes Ich sagen: „Wir sind für dich doch nur eine Belastung, du kannst es doch gar nicht abwarten, wegzukommen!“ Hätte gern die Augen geschlossen. Nicht gesehen, wie ihre Hand sich ballte. Nicht gehört, wie ich verächtlich sagte: „Ich kann nicht mit dir reden, wenn du reagierst wie ein Höhlenmensch.“ Nicht zugeschaut, wie ich mich umdrehte und ging, oder wie sie einen Blumentopf griff und hinter mir herwarf.
Mit dem Klirren der Scherben kam ich wieder zu mir. Verdammt. Irene und Fisher starrten beide in Richtung der Szene, die jetzt verschwunden war. Nur noch das Schlafzimmer, aber ihre angespannten Gesichter… hatten sie das auch gesehen? Wenn ja, sagte keiner etwas. Ich schaute weg von ihnen, suchte nach etwas anderem, etwas, das ich tun konnte. Vielleicht die Tapete.
„Hey“, sagte Irene. „Schaut mal.“ Deutete auf die Wand zwischen Wohn- und Schlafzimmer. Eine sehr breite Wand, fast zwei Fuß tief, mit einer verspiegelten Tür. Warum war uns das vorher nicht aufgefallen? Irene rüttelte heftig am Schloss, konnte die Tür aber nicht öffnen. Schlug frustriert auf den Spiegel, bis er zersprang und sie ihre Hand an einer Scherbe schnitt.
Sie wollte ins Bad, um die Hand zu verbinden. Fisher hinterher. Ich wollte gar nicht wissen, worüber sie sprachen. Ihre Blicke nicht sehen. Wir waren so wütend gewesen, Tam und ich. Verdammt noch mal. Hatten zwei SMS das Gift wirklich geheilt? Kam mir damals so vor, aber kurz nachdem ich den Streit noch mal gesehen hatte… dünn, Jackson. Sehr dünn.
Um nicht einfach nur herumzustehen wie das dritte Bein am Rollschuh, schaute ich mir die schmale Kammer noch mal an. Irene hatte zwar den Spiegel eingeschlagen, aber das machte keinen Unterschied: Die Tür war zu. Dahinter konnte ich nichts hören, gar nichts. Sogar die Geisterstimmen waren leiser geworden, als würden sie sich davon fernhalten. Hm.
Als Irene und Fisher aus dem Bad wiederkamen, machten wir uns erst mal an die Tapete. War nicht sehr fest verleimt, ließ sich leicht abreißen. Dahinter: Bröckelndes Mauerwerk. Löchrige Fugen. Aus einer davon tropfte eine zähe rote Flüssigkeit. Blut. Irene griff die Wand regelrecht an, riss einen Stein heraus, gefolgt von einem heftigen Blutschwall, der uns alle erwischte. Schön. Ließ nur langsam nach, aber dafür starb die Klimaanlage, und die Temperatur stieg rapide an.
Fisher ging zum Fenster. Draußen nur noch Schwärze, keine anderen Häuser, keine Straße. „Langsam wird es ungemütlich“, sagte er trocken. „Wir sollten da jetzt besser nicht rausklettern.“
Wir schabten noch eine Weile an dem Putz auf der Mauer herum, ohne größeren Erfolg. Keine Symbole. Beim nächsten Blick zum Fenster war es zugemauert. Die Bilder hatten sich wieder verändert: Das Schiff schlingerte im Sturm, die Familie kämpfte miteinander, in der Jagdszene zerfleischten sich Jäger und Hunde. Großartig. „Wir bringen uns jetzt bitte nicht gegenseitig um“, sagte ich. Hatte selbst keinen Drang dazu, aber wer weiß. Musste auf alles gefasst sein. Meine Hand war nicht an der Waffe, aber auch nicht weit weg davon.
Fisher schüttelte den Kopf. „Eher bringe ich mich selber um“, erklärte er. Klang sachlich. Gut, schoss es mir durch den Kopf. Du bist gefährlicher als sie. Hielt mich davon ab, das laut zu sagen. War vermutlich besser so, denn Irene widersprach vehement: „Das tust du nicht!“
Sie griff eine Stehlampe. Fing an, auf die Wand einzuprügeln, während Fisher versonnen in Richtung Schlafzimmer starrte. Das kam mir in dem Moment beides relativ normal vor.
Griff nach meinem Handy. Wollte Tam noch mal schreiben. Hatte eine Nachricht von ihr. „Bleib bloß weg, du Arsch! Will dich nie wieder sehen.“ Ich blinzelte. Starrte auf den Bildschirm. Das war doch nicht echt. Oder? Oder? Warum sollte das nicht echt sein? Vielleicht hatte sie die Schnauze voll von mir. Davon, wie ich andere Frauen ansah. Lucie. Irene. Dass ich ständig mit einer Frauentruppe jagen ging. Ally. Natalie. Emily. Von meinem Misstrauen. Meiner grundlosen Eifersucht. Grundlos? Ha. Was war denn mit Bobby, mit Clive? War die Nachricht nur der Versuch, mir die Schuld an allem zuzuschieben? Während ich noch mit meinen Gedanken rang und versuchte, mich zu sortieren, fiel mein Blick auf eine Flasche Bourbon auf dem Sideboard. Daneben eine Schachtel Silenor. Schlaftabletten. Damit hatte ich mich schon mal umgebracht, und vielleicht war es besser… Besser als dieses ständige Misstrauen. Die ständige Angst, sie zu verlieren. Die ewige Sorge um die Kinder. Die Furcht vor dem Monster in mir. Davor, irgendwann nicht zurückzufinden und ihnen weh zu tun. Sicher war es besser. Für alle. Für Tam, die endlich frei war und keinen verkrüppelten Klotz mehr am Bein hatte. Für meine Kinder, denen ich ohnehin ein miserabler Vater war, weil… weil… Weil was? Moment. Stopp. Das waren nicht meine Gedanken. Ich war kein miserabler Vater – vielleicht nicht Vater des Jahres, aber auch nicht miserabel. Es war nicht besser für meine Kinder, wenn ich jetzt starb. Tam… um Tam konnte ich mir später Gedanken machen. Aber ich musste leben, für meine Kinder, und ich musste hier rauskommen. Irgendwie. Mir kam eine Idee. Silenor hatte mir schon einmal geholfen, einen Ausweg zu finden. Ohne zu zögern griff ich nach der Pillendose. Nahm zwanzig, dreißig Tabletten auf einmal. Spülte sie mit dem Bourbon hinunter.
(Wow, das war ja eine clevere Idee. Immerhin brachte ich mich nicht um, weil ich sterben wollte, sondern weil ich leben wollte. Klingt paradox, aber ein Teil von mir glaubt gar nicht, dass ich sterben kann.)
Es ging ziemlich schnell. Mein Kopf drehte sich, meine Augen wurden schwer. Ich blinzelte in den Raum, sah Fisher ins Nichts starren, Irene mit geballten Fäusten… Ich konnte die Lider nicht offen halten. Musste ich auch nicht. Ich ließ mich fallen. Fiel, und fiel, und schwebte dann über meinem Körper. Sah mich um. Überall Geister. Einige alt, wenige neu. Dan Salinger, der immer wieder den Kopf schüttelte und etwas davon murmelte, er hätte es nur gut gemeint. Sie standen ineinander, konnten sich nicht sehen. Jeder in seiner eigenen kleinen Hölle.
Aber sie hielten alle Abstand von der düsteren Kammer zwischen den Zimmern. Ich bewegte mich darauf zu. Beeil dich besser, Jackson, sagte ich mir. Du hast nicht viel Zeit. Erreichte die Tür. Dahinter lauerte etwas Großes, etwas Finsteres. Ich streckte die Arme aus, um die Krähen von meinen Schultern zu rufen und unserem Feind entgegenzutreten, aber zu spät: Ein Ruck ging durch mich und riss mich zurück. Noch einer. Zwischen den Geistern sah ich Irene und Fisher, die neben meinem Körper knieten. Fisher schlug mir auf die Brust, wieder und wieder. Mit jedem Schlug wurde ich näher und näher gezerrt, bis ich schließlich wieder in den leblosen Körper schlüpfte. Dachte, ich hätte kurz eine alte Frau gesehen, die mich missbilligend anstarrte, aber das war sicher nur ein Geist.
Mit einem tiefen Atemzug kam ich wieder zu mir. Übergab mich sofort. Nicht sehr angenehm mit einem blau geschlagenen Brustkorb.
„Bist du total bescheuert?“, herrschte mich Irene an, nachdem ich damit fertig war.
„Hast du das noch nicht gewusst?“ Haha. Ja, das sollte ein Witz sein. Wie üblich lachte keiner.
„Du hast sie ja wirklich nicht mehr alle. Macht das nicht nochmal!“
Eigentlich wollte ich salutieren und irgendwas Sarkastisches sagen, aber in diesem Moment fing das
Radio an, wieder zu spielen.

You can check out any time you like but you can never leave…

Großartig. Das Ding war wieder ganz. Draußen war der Nachthimmel zu sehen, die Bilder zeigten friedliche Szenen, die Risse im Teppich und in der Tapete waren verschwunden. Die roten LED-Zahlen standen auf 59:59 und zählten den Countdown noch einmal runter.
„Kann mal jemand das Ding erschießen“, fragte ich. Fisher stand auf und zertrampelte das Radio erneut. Seine Pistole hatte immer noch Irene.
Und jetzt? Eine Stunde lang auf die Kammertür einschlagen? Oder auf den richtigen Zeitpunkt warten? Fisher hatte genug. Er grub eine Flasche aus seinem Rucksack – sah nach einer Wodka-Flasche aus, aber er knurrte „Weihwasser“, als er den Inhalt auf die Tür spritzte. Es zischte. Nicht laut, und sie sprang nicht auf, aber es gab eine Reaktion.
Das motivierte Irene. Sie machte sich mit einer Weihwasserspritze und ein paar Dietrichen an der Tür zu schaffen – war nicht ganz einfach, so angespannt, wie sie da saß, aber schließlich bewegte sich der Knauf und sie konnte die Tür aufreißen. Dahinter: Schwärze. Tiefe Schwärze, das Licht des Zimmers drang keinen Millimeter vor. Irene starrte hinein, schwankte einen Moment, als würde sie vornüber stürzen, aber sie fing sich am Rahmen.
Ich hatte ein Ziel und die Waffe schon in der Hand, bevor ich nachdenken konnte. Schoss in die Schwärze, bevor sie wieder anfing, nach mir zu greifen. Das Zimmer zuckte zusammen. Kann ich nicht anders beschreiben – eine Schockwelle ging durch den ganzen Raum, die Klimaanlage sprühte Funken, die Szenerie auf den Bildern änderte sich im Zeitraffer. Fisher nahm seine Flasche mit Weihwasser, warf sie in die Kammer. Die Klimaanlage gab ein schrilles Kreischen von sich, die Temperatur fiel in Bruchteilen von Sekunden um etwa fünfzig Grad, und ein Sturm tobte um uns herum. Beherzt griff Irene in die Finsternis und rammte ihre Spritze gezielt hinein. Der Raum pulsierte weiterhin, aber jetzt nicht mehr regelmäßig, sondern hektisch. Tachykardie, schoss mir durch den Kopf. Kammerflimmern. Wie passend. Raureif überzog alles, einige Gestalten stolperten halb geformt aus dem Familienportrait, und ein eisiger Wasserschwall strömte aus dem Meeresbild.
Ich ging ein paar Schritte vor, spürte plötzlich die Krähen auf meinen Schultern. Es konnte sterben. Gut. Ich schoss noch einmal. Sagte: „Ich habe dich gesehen.“ Oder die Krähen sagten das. Bin mir nicht sicher.
Die Gestalten aus den Bildern fielen haltlos in sich zusammen und verschwanden. Die Wände, die Decke, der Boden schüttelten sich wie bei einem schweren Erdbeben. Oder wie im Todeskrampf. Ich schoss noch ein paar Mal in die Kammer, obwohl die Schwärze sich langsam auflöste. Sicher war sicher.
Fisher ging zur Tür nach draußen. Öffnete sie, kein Problem. Draußen schien die Sonne, heller Tag. Ein paar Leute liefen über den Gang, nicht sonderlich aufgeregt. Hatten die Schüsse wohl nicht gehört.
Zimmer 1408 war verwüstet. Umgestürzte Möbel, zerschmetterte Tassen und Teller aus der Mini-Küche. Irenes Blut im Bad, mein Erbrochenes auf dem Boden waren noch da, aber das Wasser aus dem Bild und das Blut aus dem Mauerwerk nicht. In der Wand der Kammer klaffte ein herzförmiges Loch. „Sollten wir zumauern“, erklärte ich müde. Ich verstand etwas vom Umbringen, nicht vom Zumauern. Fisher fing an, Salz in die Öffnung zu schütten. Gute Idee.
Irene war rausgelaufen, sobald sich die Tür öffnete. Stand auf dem Gang und sammelte sich. Ich fragte sie, ob sie in Ordnung war. Sie winkte ab.
Während ich auf Fisher wartete, schaute ich mein Handy an. Eine neue Nachricht. Tam. Entwarnung. Alles gut. Hätte erleichtert sein sollen, aber ich konnte es nicht fühlen. War noch zu nah am Tod, vielleicht. Oder zu verwirrt.
Wollte raus hier. Ging aber nicht. Hatte ja das Zimmer gemietet, konnte jetzt nicht einfach so abhauen. Runter in die Hotellobby. Erstaunte Gesichter. Musste wohl doch mit dem Manager reden. Irene und Fisher kamen mit.
„Sie waren nur zwanzig Minuten dort oben!“, sagte der Hotelmann aufgeregt. Wollte mehr wissen. Noch mal mit uns nach oben gehen. Ich erzählte eine konfuse Geschichte über die Zerstörung, aber ehrlich, seine war nicht viel besser. Wöchentliche Reinigung, bei der immer einer die Tür aufhalten musste. Zimmer war angeblich dreißig Jahre nicht vermietet worden – ich hätte es ja nur bekommen, weil ich mit dem Gesetz gedroht hatte! Bullshit. Der Typ hätte den Raum zumauern können. Oder behaupten, es würde gerade renoviert. Sagte ich ihm nicht. Hatte keine Lust, mich zu streiten. Er ging mir massiv auf die Nerven, und ich traute ihm nicht. Zu aufgeregt. Zu neugierig. Der Mann hatte Glück, dass es so viele Zeugen gab, die gesehen hatten, wie wir mit ihm reingingen.
Ich stand auf. Erklärte, er solle mir eine Rechnung schicken. „Aber…“ Keine Ahnung, was er noch wollte. Wir gingen. Kaffee trinken, schlug ich vor. Die beiden sahen sich nicht an, kamen aber mit. Wir sprachen kurz über den Manager. Konnte es sein, dass der ein Komplize des Zimmers war? Vielleicht. Wollten wir im Auge behalten.
Danach nippten wir an unseren Tassen. Schwiegen uns an. Irene und Fisher hätten vielleicht gern geredet, oder wären vielleicht gern einfach weggelaufen. Keine Ahnung. „Kompliziert“, hatte Ethan später über die beiden gesagt.
Schließlich gab sich Fisher einen Ruck. Stand auf und ging. Irene folgte ihm. Vielleicht wollte sie ihm nur seine Waffe zurückgeben. Vielleicht wollte sie ihm etwas sagen. Oder etwas von ihm hören. Keine Ahnung. Ich bin sowieso kein großer Menschenkenner, und ich stand gerade noch ein Stück neben mir. Hatte Schwierigkeiten, mich auf die Reihe zu kriegen. (Vielleicht sollte ich über meine „Sterben ist auch nur eine extreme Problemlösungsstrategie“-Philosophie nachdenken. Nur weil es einmal… okay, zweimal funktioniert hat. Dreimal. Oder war das schon viermal? Fuck.)
Als ich rausging, sah ich Irene auf dem Parkplatz neben ihrem Mietwagen stehen. Ging zu ihr rüber. Hatte keine klare Idee, was ich eigentlich von ihr wollte. Hätte ich mir vorher überlegen sollen. Egal. Faselte etwas davon, dass wir nicht mehr reden würden. Dass mir das leid täte. Sie sah mich verständnislos an, oder sie war mit den Gedanken woanders. Was sie jetzt sagen sollte, wollte sie wissen. Gute Frage. Jedenfalls behauptete sie, es täte ihr auch leid. Klang nicht sehr überzeugend. Ich beschloss, sie in Ruhe zu lassen.
Ging ins Hotel. Schlief ein paar Stunden. Rief zu Hause an, aber es ging keiner ans Telefon. Vermutlich mussten die Kids gerade ins Bett. Wollte etwas essen, trinken. Landete in einer Bar. In einer Bar für Erwachsene, wo man hingeht, um Leute für eine Nacht zu treffen. Aß eine Enchilada, bekam den Bourbon nicht herunter. Schob ihn einer Frau rüber. Nachdenklicher Blick, dann meinte sie, ich könnte ihr wenigstens einen neuen bestellen. Tat ich.
Musste kurz weg. Vertrug die Enchilada nicht. Fragte mich, was ich da gerade machte. Warum ich das machte. Das ist doch bescheuert, Jackson. Du brauchst einen Tritt in den Arsch.
Schrieb Ethan eine SMS, „tritt mich mal“. Ging raus, rauchen. Wusste nicht, ob ich zurückgehen sollte oder nicht. Hatte Glück. Ethan rief an. „Besuchen“, erklärte er. „Okay“, sagte ich.
Mitten in der Nacht von Toronto nach Burlington? Mietwagen, natürlich. Trank einen oder zwei Liter Kaffee, besorgte mir ein Auto und fuhr los. Nicht allzu schnell, ab und zu eine Pause, aber gegen Morgen war ich in Vermont. Traf Ethan, als er gerade zur Arbeit wollte. Schlief erst noch mal eine Weile.
Dann redeten wir. Tranken Bier, und danach wusste ich mehr über Fishers Problem, und vermutlich – so im Nachhinein – auch über Irenes.
Fand langsam wieder zu mir selbst zurück. Hatte gerade beschlossen, dass ich Tam wirklich gern wiedersehen und ihr romantischen Kram erzählen würde, als sie anrief. Notfall. Sie musste sofort los, irgendwer war in Todesgefahr. Konnte ich schnell nach Hause kommen? Brian und Mandy würden sich morgen früh um die Kids kümmern, aber…
Ich schluckte kurz. Verzog das Gesicht. Atmete durch. Keine Sorge, sagte ich ihr. Ich würde den nächsten Flug nach Hause nehmen. Wünschte ihr gute Jagd. Sie sollte Rückendeckung mitnehmen. Tam klang unsagbar erleichtert. Meinte, sie würde so schnell wie möglich heimkommen.

„Okay“, sagte ich ruhig und verbannte das Misstrauen, die Eifersucht und den ganzen Klumpen aus Angst und Sorge aus meinem Geist. Konnte froh sein, dass ich sie gefunden hatte. Wieder gefunden hatte. „Pass auf dich auf.“

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Von Marathon nach Little Rock
Intermezzo: Barry & Emily

Als Barry und Emily auf dem Rückweg waren, fragte Barry nach Lucie – ob sie sie schon länger kannten.
Emily antworte Barry wahrheitsgemäß, dass sie Lucie nicht kannte, ebenso wenig wie Mary Ann. Aber Lucie schien zu wissen, was sie tat. Nach einen kurzen Moment sagte Emily “Aber wie du sicher von Ethan weißt, bin ich noch nicht lange zurück.”
Barry nickte schweigend.
Nach einer Weile fragte Emily, wo Barry denn rausgeschmissen werden will.
Er meinte nur knapp, dass er wieder in Little Rock raus wollte, wenn’s ginge.
“Klar gehts das” meinte Emily lächelnd.
Barry wollte Emily nicht zu Last fallen und sagte: “Wenn du lieber woanders lang möchtest oder die Schnauze voll von mir hast, auch gerne irgendwo anders mit einem Flughafen. Aber eigentlich fliege ich nicht so gerne.”
“Nee, passt schon, ich hab dich abgeholt, dann bringe ich dich auch wieder zurück, wohin auch immer du willst” sagte Emily auf die Straße achtend. “Warum sollte ich die Schnauze voll haben.” Ihre Stimme klang überrascht.
Barry war erleichtert, dass Emily ihn fuhr und er nicht fliegen musste. Er zuckte mit den Achseln “Hatte den Eindruck, dir geht zu viel Gesellschaft vielleicht auf die Nerven.” Pause. "Könnte auch falsch liegen. Sorry. ich bin nicht grad Mr. Menschenkenntnis.”
Emily nickte. “Das ist wohl wahr, zu viel Gesellschaft mag ich nicht und zu viel Nähe auch nicht, aber es ist mal ganz nett, nicht alleine unterwegs zu sein. Diese Lucie scheint es dir ja echt angetan zu haben” Sie grinste mit leicht schiefen Blick, dann schmunzelte sie. “Bin ich auch nicht.”
Barry atmete tief durch. “Naja. Ich find sie interessant… Oh Mann.” Er schüttelte den Kopf. “Ich bin verheiratet, ich sollte das langsam mal lernen. Aber will dich nicht zutexten. Dachte nur, du kennst sie vielleicht, weil ihr so eingespielt wart.” Barry schwieg einen Moment bevor er fragte.“Du erinnerst dich aber noch an die Sachen, die vor Halloween 2015 passiert sind.”
Emily schien ein wenig verwirrt. “Was meinst du damit? Was solltest du lassen?” Sie schaute zu ihm rüber. “Eingespielt? Fandest du? Ich nicht. Da war nichts Eingespieltes dran.” Nach einer längeren Pause “Joa. Ist schon etwas her, aber an die Zeit vor Halloween kann ich mich erinnern."
Barry erklärte: “Ich sollte aufhören, andere Frauen ‘interessant zu finden. Das ist schon mal fast schiefgegangen." Achselzuckend. “Hatte so den Eindruck.” Grinst schief. “Hey, ihr seid zusammen aufs Klo gegangen.” Dann meinte er “Das ist gut.”
Emilys Neugier brach durch. “Sorry, wenn ich frage, und du musst natürlich nicht antworten, aber sowas ist doch immer ein Anzeichen, dass da was nicht in Ordnung ist in deiner Beziehung. Ähm, ich meinte, Ehe.” Sie schaute verwundert zu ihm rüber. “Achso, das meinst du. Weiß auch nicht, warum sie mich gerufen hat. Hätte genauso gut Nat oder Mary Ann, hieß sie so, gewesen sein können.” Sie schaute fragend zu ihm herüber. “Was hättest du auch mit der Info anfangen wollen, wenn ich sie näher gekannt hätte?”
Barry seufzte. “Ist schwierig, weil wir beide viel Ballast schleppen… Jagen ist aufregend, und danach… wenn du gewonnen hast… da ist dieses High, und das will raus, okay. Dann küsst du halt die Falsche.” Dachte kurz nach. “Ging ihr wohl auch mal so. Aber ich liebe sie. Auch wenns weh tut. Ist nicht einfach, aber ist es nie.” Er räusperte sich “Wegen Lucie: Keine Ahnung. Sie war halt schnell dabei, hat keine Fragen gestellt. Wer wir sind. Dachte, die kennt jemanden.”
Emily versuchte, sich zu entschuldigen. “Wie gesagt, es geht mich ja auch nichts an. Sorry.” Sie nickte. “Aber du hast recht, sie war echt schnell dabei.”
Barry meinte daraufhin: “Schon okay. Ist nur fair, wenn du meine Schwächen kennst. Zumindest eine davon.” Er überlegte kurz. “Mag keine Krankenhäuser. Oder Flugzeuge.”
Sie starrte nach vorne auf die Straße. “Danke für dein Vertrauen. Aber was meinst du damit, es ist nur fair, wenn ich deine Schwächen kenne?” Dann seufzte sie leise. “Ich meine, mit wem du dich einlässt und obwohl du verheiratest bist. Das geht mich nichts an und ist deine Sache.”
Barry sah überrascht zu Emily. “Ich hab dich um Hilfe gebeten. Schulde dir was. Ist nicht okay, wenn du sowas nicht weißt. Kann immer mal ein Sukkubus oder sowas kommen. Außerdem will ich nicht, dass du denkst, ich bin so ein Arsch, dass mir das egal ist. Dass ich nicht weiß, dass ich ein Idiot bin.”
Emily stimmte Barry zu. “Achso, das mit dem Krankenhäusern kann ich echt gut verstehen, leider lässt es sich manchmal nicht vermeiden.” Dabei macht sie ein zerknirschtes Gesicht. Nach einer Weile: “Naja, es ist dein Leben. Tu, was dich glücklich macht. Außerdem halte ich dich nicht für einen Idioten. Du wirst deine Gründe haben. Und es ist oki.” Sie zuckte mit den Schultern.
Barry fing an, sich zu entschuldigen. “Danke. Sorry fürs Zulabern mit dem Gefühlskram.”
Emily lächelte ihn an. “Schon oki. Wenn es dir gut tut, mach ruhig.”
Barry überlegte eine Weile. “Und danke für die Hilfe. Ferrera hat mir damals die Nüsse aus dem Feuer geholt.” Er lächelte zurück. "Hey, ich kann stundenlang über meine Gefühle reden. Sogar Gedichte rezitieren. " Das Lächeln wurde zum Grinsen, damit sah er Jahre jünger aus als mit dem grimmigen Blick.
“War ja nicht ganz so schwierig zum Glück, sowas erledige ich mit geschlossenen Augen. Mit Menschen kann ich nicht so, vor allem nicht mit denen, die nicht wissen, was wir wissen.” Sie schaute ihn baff an. “Oh, ein Mann der über Gefühle reden kann und will, mal was neues.” Sie lachte kurz auf, aber es ein heiteres Lachen. “Weißt du eigentlich, dass du viel freundlicher aussiehst, wenn du lachst, solltest du öfter mal machen”
Barry wurde ernst. “Gab Zeiten, da wollte ich nicht freundlich aussehen. Gibt Leute, die denken, freundlich heißt schwach. Oder harmlos. Weiß gar nicht, ob ich das jetzt so will. Gibt kaputte Leute.” Kurze Pause. “Ich meine nicht dich, okay. Zu dir ist freundlich okay, aber ist noch nicht so lange her, dass ich mir das bei jemandem außerhalb meiner Familie nicht geleistet hätte.”
Emily dachte kurz nach. “Hm, da sind die Leute selber schuld, wenn sie dich für harmlos halten. Ich weiß, nicht was für Leute du kennst, und ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel, aber das ist Schwachsinn." Das Lächeln verschwand. “Es ist schon oki, ich weiß ja selbst, dass ich kaputt bin, mache mir da nichts vor. Ich tu, was getan werden muss. Also es ist schon oki.” Nach kurzem Schweigen. “Dann kann ich mich ja richtig geehrt fühlen.”
Barry sah Emily an. “Wollte nicht sagen, dass du kaputt bist. Du klingst, als würdest du denken, du könntest nie wieder glücklich werden.”
Sie ließ für einen Bruchteil das Lenkrad los und hob beschwichtigend die Hände. “Ich weiß, aber die meisten wollen einfach nur höflich sein. Versteh mich nicht falsch, es ist für mich oki und mir gehts gut.”
“Alles klar.” Er sah nicht unbedingt aus, als würde er das so richtig glauben, aber er akzeptierte das. Nach einer Weile meinte Barry: "Mit ’kaputte Typen’ hab ich solche gemeint, die Spaß daran haben, Leute fertig zu machen… alle, die schwächer wirken, oder hilflos sind oder vielleicht auch nur anders – es gibt Menschen, die freuen sich an der Angst und dem Schmerz anderer. Glaube nicht, dass du so jemand bist." Selbst Em bekam mit, dass seine Stimme immer rauer geworden war, dass er viel konzentrierter atmete und angespannter da saß.
Sie sah etwas nachdenklich aus. “Oki. Aber dennoch gibt es verschiedene Arten von kaputten Typen, aber ist ja auch egal. Du hast recht, so einer bin ich nicht, oder hoff es zumindest.” Sie sah ihn von der Seite an. “Stimmt was nicht? Soll ich mal anhalten?”
Er brauchte einen Moment. “Ich glaube, ich könnte eine rauchen. Ja.”
Sie fuhr an den nächsten Highway Stop und hielt an, blieb noch einen Moment sitzen und öffnete dann die Fahrertür zum aussteigen. “Nimm dir soviel Zeit, wie du brauchst.” Dann musterte sie ihn nochmal nachdenklich und stieg aus, blieb aber am Auto stehen, reckte und streckte sich.
Er atmete kurz durch, bevor er vorsichtig rausging, immer noch sehr angespannt. Verschreckte möglicherweise ein paar Leute mit seinem intensiven Blick. Rauchte langsam, das hatte fast eher etwas von einem Ritual. Kam dann wieder, ruhiger und wieder gefasst.
Emily schaute ihm nach, gab ihm aber die Zeit, die er anscheinend brauchte.
“Tut mir leid”, meinte er, als er wieder einstieg. “Schlechte Erinnerung. Kannte so jemanden.”
Sie stieg wieder ein und schaute ihn lange an. “Dir muss gar nichts leid tun.” Dann lächelte sie etwas mitleidig. “Tut mir leid für dich. Ich hoffe, er gehört jetzt nicht mehr zu deinen Leben. Wenn du noch einen Moment brauchst? Ich warte solange,”
“Passt schon.” Er überlegte. “Die Erinnerung an den Typen gehört zu meinem Leben. Nicht schön, aber ist halt ein Teil von mir. Dass ich das überlebt habe. Der Typ ist tot. Sein Geist ist auch tot. Nur noch eine Erinnerung.”
Sie atmete einmal tief durch, bevor sie den Motor startete. “Das ist gut. Also, dass er nicht mehr lebt. Die Erinnerungen sind die, die uns auffressen. Nicht das Übel selbst.” Dann fuhr sie wieder auf den Highway auf.
“Erinnerung ist Inspiration.” Das klang ein bisschen formelhaft, wie ein Mantra, das er sich erzählte. “Auffressen ist so eine Sache. Muss halt irgendwie raus.”
Emilys Blick wurde etwas starr, schien sich jetzt mehr auf die Straße konzentrieren.“Hm. Inspirationen? Gehen wir dafür nicht jagen? Du schreibst Bücher, wenn ich mich recht erinnere. Was ist eigentlich aus dem geworden, was du beim Sumpf geschrieben hast?” Emily schien das Thema wechseln zu wollen.
Barry war der Themenwechsel ganz recht. “Ja, ich schreibe Bücher”, gab er zurück. “Ich geh aber nicht deswegen jagen. Das mache ich, weil ich ab und zu… keine Ahnung. Kann nicht immer nur still sitzen. Ablenkung.” Stirnrunzeln. “Oh. Ich glaube, du hast recht. Hab ich nie so gesehen, aber – ja. Klar. Was ich grad schreibe? Jein. Eins ist grad beim Editor, ich arbeite an einer Anthologie, mit einem anderen hab ich angefangen, und dann schreibe ich auch noch ein wissenschaftliches Paper über Sprachen.”
Emily schien in Gedanken versunken zu sein. “Ich jage, seitdem ich 11 bin. Also fast mein ganzes Leben”, dann sprach sie sehr leise, mehr zu sich selbst, “und darüber hinaus.” Wieder schaute sie zu ihm rüber. “Nimm es mir nicht übel, aber damit kann ich nicht viel anfangen. Ich lese auch sehr wenig, wenn ich ehrlich bin." Dabei wirkte sie verlegen.
Barry schüttelte den Kopf. “Seit du 11 bist….Meine Tochter ist elf, und ich mach mir Sorgen, weil sie einen Blog schreibt. Wenn ich mir vorstelle, die bei sowas wie der Höhle dabei zu haben…”
Emily zuckte mit den Schultern “So ist das, wenn man aus einer Jägerfamilie stammt. Aber meine Eltern haben mich zu nichts gezwungen, was ich nicht auch wollte. Ich war sogar mal auf ner Uni, ganz kurz.” Bei dem Gedanken versteinerte ihr Gesicht für einen Augenblick. “Dort, wo Ethan arbeitet. aber das weißt du ja.”
“So genau hat er gar nichts gesagt. Wäre nicht drauf gekommen, dass du das bist.” Dachte kurz nach. "Meine Mutter stammt aus einer Soldatenfamilie, aber meine Cousins waren deutlich älter als elf, bevor sie in den Krieg gezogen sind.”
Wieder zuckte sie mit den Schultern. “Es ist, wie es ist. Kann man nichts machen.”
“Hmmm.” Man konnte merken, dass er da nicht unbedingt zustimmte, aber einsah, dass eine Diskussion fruchtlos war. Nach einer Weile Schweigen: “Wir sind ein ganz gutes Team, du und Nat und ich.”
“Stimmt. Nat kann gut mit dem Laptop. Ich finde es nur schwierig, sie in Situation wie die Mine zu bringen. Wenn ich mich selbst in Gefahr bringe, ja bitte, aber jemand wie Nat oder diese MaryAnn, das widerstrebt mir irgendwie. Ich mag keine Leute in Gefahr bringen.”
“Hmm. Verständlich.” Er dachte kurz nach. “Ich habe Natalie irgendwo im Norden getroffen, da war sie grade dabei, einen Familienfluch zu untersuchen. War ein Untoter, der dahinter steckte. Der hätte sie umgebracht, wenn nicht noch ein paar andere in der Gegend gewesen wären, aber das hat sie nicht abgeschreckt. Sie will mehr wissen und nachforschen, und es ist mir lieber, sie macht das, wenn Leute dabei sind, die mit Gefahr umgehen können. In dem Fall hier, ja, da habe ich sie um Hilfe gebeten, aber es war ihre Entscheidung, mit zur Höhle zu kommen. Mit reinzugehen. Nicht meine, schon gar nicht deine.”
Emily antwortete. “Zum Glück ist auch nichts groß passiert. Lucie scheint ja die Bisse recht gut wegstecken zu können. Es ist gut, wenn sie weiß, was los ist, aber vielleicht sollte ihr jemand trotzdem zeigen, wie man mit Waffen umgeht. Man kann sich nicht immer darauf verlassen, dass jemand in der Nähe ist und hilft.” Nach einer kurzen Pause. “Willst du eigentlich direkt nach Hause oder musst du noch was anderes erledigen?”
“Generell wär’s mir lieber, sie geht mit Rückendeckung los. Selbst bei erfahrenen Leuten keine schlechte Idee.” Dann: “Muss nach Hause. Großer Umzug von Arkansas nach Chicago. Und wenn ich nicht da bin, kriegen die Kids nur Pommes mit Hotdogs.”
Emily stimmte Barry zu. “Klar wäre das besser, aber nicht immer ist eine da und nicht immer kann man sich auf die verlassen, und sich für alle Fälle zur Wehr setzen, ist auch nie verkehrt.” Sie lachte auf. “Eine vollwertig ausgeglichene Mahlzeit. Verstehe schon. Wann ist es soweit?”
“Umzug? Die nächsten Tage.” Barry verzog das Gesicht. “Bin mal gespannt, wie weit die jetzt sind mit Packen.”
Emily war verwundert. “Oh, dann machst du noch solche Ausflüge? Wenn das mal keinen Stress gibt. Deine Kinder haben wahrscheinlich nicht viel gepackt.” Sie kicherte leise an den Gedanken und erinnerte sich an ihre Kindheit zurück. “Dann wünsche ich dir auf jeden Fall Glück und alles Gute in eurer neuen Bleibe.”
Barry lachte. “Vermutlich haben die überhaupt nichts gemacht, ja. Hatte ein paar Freunde gebeten, mal zu schauen… bin mal gespannt. Hoffentlich haben die jetzt nicht alle Chemiebaukästen zwischen ihrem Spielzeug. Danke, auf jeden Fall. Weiß ja nicht, was du für Pläne hast, aber wenn du mal in der Nähe bist, meld dich.”
Emily schaute etwas besorgt. “Du scheinst seltsame Freunde zu haben.” Dabei grinste sie übers ganze Gesicht. “Klar, wenn ich mal in der Nähe bin, werde ich mich melden.”
Bei den seltsamen Freunden nickte Barry. “Ja, schon. Aber wenn du mit jemandem durch die Hölle gehst, dann ist der Rest auch egal. Ich war ja mal ein ganz normaler Student, bis ich mich zur falschen Fahrgemeinschaft gemeldet habe.”
Emily stockte kurz als Barry das mit der Hölle erwähnte, und umfasste das Lenkrad fester, so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden. Ihre Stimme war ein wenig belegt, dennoch versuchte sie, relativ normal und ruhig zu sprechen. “Falsche Fahrgemeinschaft?”
Wenn Barry das auffiel, sagte er nichts dazu. Der nickte nur. “Wollte nach Daytona Beach, mit einem Nerd und einer Biologiedozentin. Dann hat uns ein Fluch erwischt, und als wir den lösen wollten, sind wir über diverse Sachen gefallen… wurden dann von verfluchten Bikern quer durch die Staaten gehetzt. Blutige Sache. Kam am Anfang nicht so gut klar damit.”
Emily nickte und meinte dann “Wenn man da reingeworfen wird, kann ich mir echt denken, dass das ziemlich übel ist.”
Barry stimmte zu. “Ich hab erst versucht, zu saufen, und dann, mich umzubringen. Hätte auch fast geklappt, und danach… naja. Es ist, wie es ist.”
Sie lächelte ihn aufmunternd an. “Du scheinst dich mittlerweile gefangen zu haben. Ich weiß, wie das jemanden verändert. Aber du hast eine Familie, zu der du gehen kannst. Das ist viel wert, vor allem, wenn deine Frau sogar versteht, von was du sprichst.”
“Die kannte ich damals noch nicht”, sagte Barry. “Zumindest, soweit ich weiß. Oder wusste.” Er schüttelte den Kopf. “Ist kompliziert. Jedenfalls war sie schon Jägerin, als wir uns getroffen haben. Insofern verstehen wir uns schon.”
Emily sah etwas verwirrt aus, als hätte sie mit so einer Antwort nicht gerechne, schwieg aber darüber. “Wie lange machst du das schon?”
Barry dachte kurz nach. “Seit etwa dreizehn Jahren jetzt.”
Emily nickte stumm.
Barry meinte: “War früher intensiver, aber das hat der Familie nicht gut getan. Und die ist mir wichtiger.”
Emily klang etwas verbittert, schien es aber aufrichtig und ehrlich zu meinen. “Man sollte sie halten, solange man kann. Es ist ein wichtiger Ankerpunkt.”
Barry nickte. Sah etwas überrascht aus, aber durchaus positiv überrascht. “Deswegen wollte ich auch wieder nach Chicago. Habe da eine ziemlich große Familie. War komisch, als mich letztes Jahr eine Frau anrief und meinte ‘hier ist Nicky, du kennst dich doch mit komischem Kram aus’ und ich erst mal keine Ahnung hatte, wer die eigentlich ist.”
Neugierig fragte Emily: “Und wer war Nicky?” Sie schien einen Augenblick nachzudenken. “Ich meine das ernst mit der Familie, auch wenn ich mittlerweile die meiste Zeit lieber alleine durch die Gegend ziehe.”
“Nicky ist die Frau meines Cousins Clancy. Hätte ich mal wissen können, aber ich war zu lang weg.” Er lächelte zustimmend. “Solange du nicht zehn Jahre durch die Gegend ziehst, ohne mit ihnen zu sprechen…”
Sie seufzte schwer. “Darauf wird es hinauslaufen, wenn ich denn solange überlebe.”
Barry blinzelte überrascht. “Das war… unerwartet.” Wartete eine Weile, ob da noch was kam. Tat es nicht, also sagte er irgendwann. “Emily, wenn du Rückendeckung brauchst, sag Bescheid.”
Sie schmunzelte. “Klar. So war das auch nicht gemeint, aber es ist halt gefährlich. Jedes mal, wenn wir uns dem Monster gegenüber stehen. Ich glaube, ich kann schon recht gut abschätzen, was ich mir zutrauen kann. Und würde für alle Fälle immer Hilfe anfordern, aber gut zu wissen, dass ich auf dich zählen kann.”
Barry sagte: “Gefährlich, klar. Deswegen gehen Tam und ich nicht zusammen jagen. Damit einer noch da ist, wenn etwas passiert. Und, hey, du hast mir auch geholfen, ohne mit der Wimper zu zucken.”
“Naja, üblicherweise weiß ich auch, was ich tue.” Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, weil sie genau wusste, dass es so nicht richtig war. “Und wenn einer von euch ganz mit dem Jagen aufhört? Was erzählt ihr den Kindern, wo ihr seid, und finden sie es nicht seltsam, wenn ihr immer alleine weggeht?”
“Aufhören? Das kriegen wir beide nicht hin. Ich eher als sie, aber ohne Gefahr hin und wieder fehlt mir auch was. Ich werd unruhig, und ich will lieber nicht wissen, was passiert, wenn das überhand nimmt. Die Kinder wissen, was wir machen, zumindest grob. Mein Pflegesohn war jahrzehntelang in einer Höllendimension gefangen, bevor wir ihn Weihnachten vor einem Jahr rausgeholt haben.”
“Oki. Naja, ich dachte halt wegen der Kinder.” Sie schaute Barry verwundert an. “Kommt er klar? Ich meine, dein Pflegesohn?”
Barry überlegte eine Weile. “Wird besser”, sagte er schließlich. "Nicht gut, aber wird besser. Hat mehr Willenskraft als jeder, den ich kenne. Hatte dort fast verlernt, zu sprechen, aber er hat die Hoffnung nie aufgegeben. "
Wieder seufzte sie leise. “Das ist gut, dass er nicht aufgibt. Das wird er wahrscheinlich dort gelernt haben, ich schätze, man lernt dort einen gewissen Überlebensinstinkt. Hoffe, er schafft es. Ich meine, ein relativ normales Leben zu führen mit der Zeit.”
“Hoffe ich auch. Ist einer Gründe für den Umzug – der braucht Unterstützung, und in Stuttgart gibt es eine Schule für Kids mit Problemen. Für alle Kids mit irgendwelchen Problemen, und das hilft nicht. Ist in Chicago einfacher.” Ein bisschen später. “Normales Leben ist ja auch immer so eine Sache. Ich hoffe, er findet ein bisschen Frieden.”
Emily sagte: “Ahh, oki. Das klingt plausibel. Ich hoffe, dass euch der Umzug das Leben leichter macht. Aber wahrscheinlich hilft es schon viel, wenn er weiß, dass er von euch geliebt wird.”
“Hoffe ich doch”, erwiderte Barry. “Denke, es ist gut für ihn, dass wir verstehen… oder zumindest eine Ahnung haben, was er da durchgemacht hat.”
Ihre Stimme wurde sehr leise. “Ich will dir oder euch nicht zu nahe treten, aber ich glaube, dass ihr nicht ansatzweise versteht, was er durchmacht oder durchgemacht hat. Das meine ich jetzt auch nicht böse.” Sie schwieg einen Moment, bevor sie weitersprach. “Ich hoffe, du bist nicht böse oder sauer. Es ist nur..”, dann hört sie mitten im Satz auf. Ihre Miene ist nichts sagend.
Nachdenklicher Blick. “Ich bin nicht sauer, aber ich denke nicht, dass du nicht weißt, was Tam oder ich durchgemacht haben. Kann man nicht aufrechnen.”
“So habe ich das auch nicht gemeint”, sagte Emily, ”Ich glaube schon, dass ihr viel Scheiß miterlebt habt und ich wollte auch nicht sagen, dass es nicht schlimm war. Ich denke aber, dass es auf eine andere Art schlimm war, und dass man sich nicht vorstellen kann, was der Junge in der anderen Dimension erlebt hat.” Ihr Blick wirkte traurig. “Sorry, ich rede manchmal schneller als ich denke.”
Barry lag irgendwas auf der Zunge. “Kein Problem, und du hast vermutlich recht. Denke, es tut ihm trotzdem gut, wenn er jemanden hat, mit dem er reden kann. Jemanden, der weiß, dass es andere Welten gibt. Dass man verloren gehen kann, und dass aufwachen… oder zurückkommen schwierig ist. Und wenn man nur lernen muss, wieder zu laufen.”
Emily antwortete: “Auf jeden Fall, ich habe ja nie behauptet, dass es nicht gut wäre. Ich denke, es ist gut, wenn man viel mit ihm spricht. Gerade, wenn er mit der Sprache Probleme hat. Ein Umzug ist sicher ein guter Ansatz. Das zeigt ja, dass ihr euch Gedanken um den Jungen macht.”
“Er ist Familie.” Barry hielt das offensichtlich für eine vollkommen ausreichende Erklärung.
Emily nickte. “Wie gesagt, es ist gut, wenn man eine hat, auf die man sich stützen kann.”
“Ja. Bin froh über die.” Er lehnte sich zurück, atmete durch. Schwieg eine Weile. Schaute aus dem Fenster. Wirkte relativ zufrieden damit, leise vor sich hin zu dösen und ab und zu mal ein paar Worte zu wechseln.
Emily setzte Barry dann an dem abgesprochenen Punkt in Little Rock ab.
Barry bedankte sich nochmal, spendierte ihr einen Kaffee. Sie lächelte. Dankte für den Kaffee. “Bis zum nächsten Mal.” Dann rauschte sie davon.

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Fledermausdialekte
aus Barrys Tagebuch

Die Gefängnisküche war voller Dampf. Stank nach Glutamat und anderen Chemikalien. Ich atmete schwer, als ich mich hinter einen Tisch duckte. Meine gebrochene Schulter pulsierte im Takt mit dem Blut, das durch meine Adern raste. Der Verband am frischen Stumpf war voller roter Flecken.
Nick O’Callan, Breiger und der Kerl mit dem Hakenkreuz auf der Stirn schlenderten in die Küche. Ein paar Sträflinge gingen ihnen aus dem Weg. Einer zeigte in meine Richtung. Fuck.
O’Callan griff sich eine Bratpfanne. Größtenteils Plastik, aber ich war gerade erst aus der Krankenstation raus. Langsam stand ich auf. Machte mich auf Prügel und schlimmeres gefasst. Ballte meine linke – meine einzige – Hand.
Die drei Neonazis fächerten sich langsam auf. Siegesgewiss. Was sollte noch dazwischen kommen? Harris hatte Wachdienst in diesem Block, und der würde ihnen eher seinen Schlagstock leihen als sie aufhalten.
Hinter mir das Geräusch schwerer Schritte. Eine harte Stimme. „Hola, El Oso.“ Germán Fererra. Kein Nazi. Kein Hollow Man. Vor allem kein Freund von O’Callan. Stellte sich neben mich. Aus dem Dampf schälten sich noch mehr Gestalten, drei, vier Surenos. Lokale Gang, hatten Kontakte zu Verbündeten von mir aus L.A. Die hatten mich „El Oso“ – der Bär – genannt.
Die Neonazis wichen zurück. Versuchten, unbeeindruckt zu wirken. „Ich krieg dich noch, Jackson“, sagte O’Callan. Deutete an, wie er mit der Handkante auf den Kehlkopf schlug, und lachte böse, bevor er die Küche verließ.
„Él no te gusta“, erklärte mir Fererra sachlich. Ich nickte. Für heute hatte der Latino mir das Leben gerettet.

„Hola, El Oso.“ Fererras Stimme klang rau am Telefon. Rau und hohl. Hatte länger nichts mehr von ihm gehört – er kam ein Jahr nach mir aus Greenfield raus, handelte eine Weile mit Waffen. Fand eine Frau, kehrte den Surenos den Rücken. Zog nach Südtexas und versuchte, ein ehrliches Leben zu führen. Schickte ab und zu eine Postkarte.
Jetzt war seine Frau gestorben. Er konnte nicht genau sagen, woran, faselte etwas von einem Racheengel und Schuld. Seine Schuld. Klang vollkommen fertig. „Kannst du kommen“, fragte er. „Kannst du kommen und mir sagen, dass ich nicht verrückt werde.“ Außer seiner Frau waren noch andere Leute gestorben.
Klar, sagte ich. Kein Problem. Ich schuldete ihm was.
Als ich auflegte, fiel mir auf, dass ich nicht fahren konnte. Mein gebrochener Fuß steckte in einer Schiene – ich konnte laufen, aber nicht Auto fahren. Rief Natalie an, landete auf der Sprachbox. Also Emily. Die war zwar nicht in der Nähe, aber sie meinte, sie holt mich ab. Okay. Dann rief Natalie zurück. Mir fiel ein, wie gut sie darin war, Dinge zu recherchieren. Fragte sie, ob sie auch mitwollte. Klar wollte sie. Ganz wohl war mir nicht dabei, sie in diese Sache reinzuziehen, aber es ging um eine alte Schuld. (Sehr sinnvoll, einen Haufen neuer Schulden anzuhäufen, um eine alte zu tilgen, aber so läuft es nun mal.)

Wir fuhren in Little Rock los, trafen Natalie knapp zwei Tage später in El Paso. Weiter nach Marathon. Kamen vormittags an. Klopften. Fererra machte auf. Sah fertig aus. Müde. Gebrochen. Alt. Verdammt, und er war mal so ein bärenstarker Kerl gewesen.
Ging zu ihm. Sagte ihm, wie leid es mir tat. Worte, aber ich hatte zwei Tage Zeit gehabt, um nach den richtigen zu suchen. Schienen zu helfen, zumindest ein bisschen. Stellte dann Emily und Natalie vor. Fererra hatte selbst Besuch: Mary-Ann Young und Lucie Morrissey. Mary-Ann war blond, kurze Haare, Seelsorgerin oder Bewährungshelferin oder so etwas. Ich erinnerte mich vage, dass er den Namen schon früher erwähnt hatte.
Lucie war ungefähr in Emilys Alter, trug Motorradkleidung, aber keine Kutte. Hielt sich zurück, als Mary-Ann fragte, warum Fererra so viele Leute eingeladen hatte. Die Seelsorgerin wirkte misstrauisch. Konnte ich ihr nicht verdenken. Hatte offenbar Angst, dass ihr Schützling in alte Gewohnheiten zurück fiel.

Ich versuchte zwar, die Sache behutsam anzugehen, aber es kam ziemlich schnell raus, dass es um etwas Übernatürliches ging. Fererra meinte, er wolle nur wissen, ob er irre ist oder nicht. Und ich hatte sowas doch schon gesehen?

…vorsichtig schlurfte ich über den Hof. Schaffte es nicht allzu weit, gerade so bis zur nächsten Bank. Mein Kopf drehte sich. Setzte mich mühsam hin.
Neben mir eine Bewegung. Fererra. Glück gehabt.
„Du siehst Schieße aus, El Oso. War das O’Callan?“ Er nickte zu der frischen Wunde in meinem Gesicht.
„Harris“, gab ich zurück. „Wollte wissen, wer mir den Arm gebrochen hat.“
Fererra schnaubte überrascht. „Wer war’s denn? O’Callan? Die Hollow Men?“
Ich schüttelte den Kopf. „Hast du den Schrei nicht gehört?“
„Dachte, das warst du.“
„Nicht meine Stimme.“ Ich musterte ihn. „Du bist schon sechs Jahre hier. Erzähl mir nicht, dass du den Schrei noch nie gehört hast.“
Er atmete scharf ein. „La Mujer Quemada.“ Die verbrannte Frau. „Das ist nicht dein Ernst.“
Ich hielt mich davon ab, die Schultern zu zucken. „Ich habe sie angesehen. Das mag sie nicht.“ Ich senkte meine Stimme. „Was auch immer du tust, Fererra: Wenn du etwas Verbranntes riechst und leichte Schritte hörst – schau nicht hin.“
Eigentlich wollte er mir nicht glauben, aber er hatte den Schrei der toten Frau gehört: Einen markerschütternd hohen Wut- und Schmerzensschrei, den sie ausstieß, wenn sie ein Opfer gefunden hatte. Schwer zu vergessen, auch wenn man nicht an Übernatürliches glaubte.

La Mujer Quemada, sagte ich leise und blickte kurz auf meinen rechten Unterarm. Fererra leckte sich nervös über die Lippen, fing dann aber an, zu erzählen. Er und seine Frau hatten ein Geschäft in Terlingua, einer nahegelegenen Geisterstadt. Oder Ex-Geiststadt. Mittlerweile hatten sich dort ein paar Künstler angesiedelt und zogen Touristen an.
Vor drei Tagen wollte das Ehepaar zu einem Konzert, als eine dunkle Gestalt aus dem Nichts auftauchte, Lilia Fererra angriff und nur ihren leblosen, mit kleinen Wunden übersäten Körper zurückließ. Tod durch Blutverlust, hieß es. Vielleicht Fledermäuse oder so etwas.
Fererra wusste nicht recht, wie groß das Monster gewesen war. Vielleicht menschengroß. War aus der Luft gekommen. Es gab noch vier andere Opfer: Einen Farmer, einen Trucker und ein Touristenehepaar. Alle starben nachts, angeblich hatte niemand etwas gesehen.
Mary-Ann war erstaunt, dass wir so zielgerichtete Fragen stellten. Was wollten wir da eigentlich erreichen? Ich bin Privatdetektiv, sagte ich, als ob das alles erklären würde. Sie war nicht recht zufrieden, wollte wissen, warum wir nicht einfach zur Polizei gingen. Emily lachte freudlos und meinte, die hätten doch keine Ahnung.
Fererra murmelte wieder etwas vom Racheengel und seinen Sünden, aber ich sagte ihm, dass das ziemlich egozentrisch war. Warum sollte ein Racheengel ein Touristenehepaar umbringen, um ihn zu bestrafen? Er machte große Augen, widersprach aber nicht.

Das war alles ein bisschen viel für die arme Mary-Ann. Emily, Lucie und ich versuchten, ihr schonend beizubringen, dass es merkwürdige Dinge auf dieser Welt gab, und Leute, die sich damit auskannten. Sie sah nicht überzeugt aus, widersprach aber nicht. Wollte mitkommen. Interessante Reaktion.

Bevor wir nach Terlingua fuhren, bat ich Natalie, sich mal nach lokalen Legenden und Ereignissen umzuhören. Okay, hätte sie vermutlich auch so gemacht. Während sie auf ihrem Smartphone herumtippte, sprach ich Lucie an. Die hatte sich wie selbstverständlich in die Gruppe integriert und behauptet, Bescheid zu wissen. Ich fragte, ob sie sich wehren konnte. Ja, sagte sie. Okay. Dann los.

Terlingua war eine Mischung aus mexikanischer Geisterstadt, amerikanischem Kitsch und künstlerischem Freigeist. Auf dem Ortsschild stand „Ghostown“. Natalie schüttelte sich über so viel sprachliche Barbarei. (Ich vermutete ja, dass es Absicht war, aber das machte es nicht besser. Jedenfalls war sie mir in diesem Augenblick noch sympathischer als sonst.)
Als wir ankamen, hatte Natalie bereits ein paar Dinge herausgefunden: Terlingua war früher eine Minenstadt gewesen. Zinnober. War mal eine richtig große Nummer, aber dann war die Mine ausgebeutet, es gab eine Überschwemmung. Die Leute verließen die Stadt. Später siedelten sich hier Künstler an, machten eine Künstlerkolonie und eine Touristenattraktion aus dem Ort. (Emily wollte wissen, ob es ein Oberhaupt des Ortes gäbe. Fererra meinte, nein, die wären alle sehr individualistisch. Ich musste bei der Vorstellung eines Oberkünstlers grinsen.)
Es gab ziemlich viele Fledermäuse hier in der Gegend, erzählte Natalie weiter. Die mexikanische Blütenfledermaus (Leptonycteris nivalis), die mexikanische Langzungenfledermaus (Glossophaga morenoi), die Peters-Kinnblattfledermaus (Mormoops megalophylla, auch Geisterfledermaus genannt). 1967 hatte sich sogar mal eine Kammzahnvampirfledermaus (Diphylla ecaudata) hierher verirrt, aber normalerweise lebten die hier nicht. Bisher hatte es aber noch keine Probleme mit den Fledermäusen gegeben.

Wir schlenderten durch den Ort (okay, ich hinkte). Fanden die Stelle, an der Lilia gestorben war. Keine Spuren, nur ein bisschen Blut am Boden.
Also weiter recherchieren. Ich ging mit Natalie in ein Café, um sie ein bisschen zu unterstützen, während sich die anderen im Ort umhörten. Wir fanden nicht viel mehr heraus, außer dass diese Geschichte mit der verirrten Kammzahnvampirfledermaus interessant genug war, dass Dr. Douglas Bateman, ein Biologe, eine Abhandlung darüber geschrieben hatte. (Dr. Bateman, der Fledermausforscher. Der hatte sicher auch schon jeden Witz gehört.) Allerdings ging aus der Abhandlung eigentlich nur hervor, dass er nicht wusste, was die hier gemacht hatte oder wie sie hierher gekommen war. Der Wind, vielleicht. Außerdem hackte sich Natalie kurzerhand in die Aufzeichnungen der Pathologie in El Paso und fand ein paar Fotos der Wunden, die zum Tod der Opfer geführt hatten. Kleine Bisse. Kein großes Vieh.
Emily und die beiden anderen schauten sich die Stellen an, an denen die anderen Leute gestorben waren. Generell zu wenig Blut. Redeten mit ein paar Leuten, landeten dann bei Cynta Lopez. Die führte Touristen in die Minen, nicht so richtig offiziell, aber auch nicht illegal. Ja, da lebten verschiedene Fledermauskolonien. Sie wusste von zwei oder drei Höhlen, wo die Schwärme nisteten. Die Tiere waren in der letzten Zeit aktiver als sonst, aber Cynta war aber dieses Jahr noch nicht bei den Höhlen gewesen. Touristensaison hatte noch nicht angefangen.

Wir trafen uns wieder. Was jetzt? Vielleicht die Höhlen ansehen, aber erst mal mit Dr. Bateman reden. Den hatte Cynta als Experten für Fledermäuse erwähnt.
Er saß im Starlight Saloon, ein rüstiger Achtzigjähriger mit zerzaustem Bart und entspannter Mine. Flankiert von drei Frauen in den Fünfzigern, die sich gerade munter mit ihm unterhielten und ein bisschen flirteten. Harmlos, aber die konnten wir da gerade nicht brauchen.
Also lehnte ich mich an die Theke des Saloons und starrte sie an. Beute, sagte mein Blick. Hindernis. Die drei fingen schnell an, sich unwohl zu fühlen. Nervös zu werden. In ihren Köpfen Gründe zu finden, nicht mehr in meinem Blickfeld zu sein. Drei, vier Minuten, dann gingen sie. Gut.

Dr. Bateman war über den hektischen Aufbruch vielleicht ein bisschen überrascht, aber er ließ sich schnell ablenken, als Lucie an seinen Tisch kam. Vorgab, ein interessierter Laie zu sein, fast sowas wie ein Fan. Klar durfte sie sich setzen und mit ihm über Fledermäuse reden. Vermutlich hätte sie mit ihm auch über Godzilla oder das Bruttosozialprodukt von Paraguay reden können – diesen niedlichen „Oh, du großer starker Mann, erklär mir die Welt“-Augenaufschlag hatte sie richtig gut drauf. Fand sogar ich anziehend, und ich stehe eigentlich nicht auf die Hilfloses-Kleines-Mädchen-Masche.
Bateman war jedenfalls hin und weg. Bot ihr an, sie könnte ihn „Dr. Doug“ nennen. Nett. Erzählte ihr gern von Fledermäusen. Die meisten tranken kein Blut, nur etwa drei oder vier Arten. Auch die konnten keine Kuh austrinken, aber es kam vor, dass sie Menschen angriffen.
Dann wurde es interessant. Dr. Doug… Dr. Bateman erzählte von der Kammzahnvampirfledermaus, die sich vor fünfzig Jahren hierher verirrt hatte. Ob Lucie wusste, dass jede Fledermausart ihren eigenen Sonardialekt hatte? Nicht? Jedenfalls hatte die Kammzahnvampirfledermaus einen oder mehrere Schwärme in der Umgebung von Terlingua mit ihrem Sonardialekt angesteckt, und weil das hier eine ziemlich isolierte Gegend war, hatte sich ein eigener Dialekt daraus gebildet. Hochinteressant. Musste mich zurückhalten, nicht sofort aufzuspringen und ihn genauer auszufragen. Isolierte Dialekte! Mann.
Lucie lenkte das Gespräch aber erst mal auf den Herkunftsort der Diphylla. War es denn möglich, dass die jemand hergebracht hatte? Gute Frage, fand Dr. Doug. Was studierte sie denn eigentlich?
Das hatte sie sich scheinbar nicht überlegt. Verzog sich mit einer hastigen Entschuldigung auf die Toilette, kurz darauf gefolgt von Emily.
Bevor Bateman abhauen konnte, setzte ich mich zu ihm. Eigentlich wollte ich ihn ja nur davon abhalten, zu verschwinden, aber die Frage nach den Sonardialekten war aus meinem Mund, bevor ich wirklich nachdenken konnte. Er war nur sehr kurz reserviert, dann führten wir plötzlich eine lebhafte Diskussion über Dialektvarianzen, Umweltfaktoren und andere externe Einflüsse. Ich merkte gar nicht, dass Lucie irgendwann zurückkam und erst mal zuhörte.
Schließlich wurde ihr die Diskussion wohl zu akademisch. Wollen wir nicht gehen und uns ein paar Fledermäuse anschauen, schlug sie vor. Klar wollten wir – Bateman, weil er sie niedlich fand, ich, weil ich mich wieder daran erinnerte, was ich hier machte. Okay. Niedlich fand ich sie auch.

Also los. Auf zu den Bergen um Terlingua. Bateman war zwar rüstig, aber er war auch ein alter Mann, und ich bin zwar keine Heulsuse (wenn es um körperliche Schmerzen geht, okay, alles andere… na ja), aber so schnell ging es mit der Schiene eben nicht. Außerdem trug ich auch noch Lucies Tasche, damit sie sich besser bei Dr. Doug einhaken konnte. War ziemlich schwer. Ich erfuhr später auch, warum. Jedenfalls genug Zeit für Emily, Mary-Ann und Natalie, noch ein paar Waffen zu holen und uns zu folgen.
Lucie fesselte Dr. Dougs Aufmerksamkeit zwar immens, aber irgendwann mussten ihm die drei Frauen, die uns folgten, doch auffallen. (War ich jetzt echt mit vier attraktiven Frauen unterwegs gewesen? Ich komme mir gerade vor wie James Bond, nur… hm… amerikanischer. Kein Wunder, dass Tam so komisch geschaut hat.)
Jedenfalls tat ich so, als wäre ich furchtbar überrascht, als ich Emily, Mary-Ann und Natalie hinter uns sah. Hab euch fast vergessen, murmelte ich wenig überzeugend. Bevor Bateman reagieren konnte, stellte Lucie mit großen Augen eine interessierte Frage über Fledermausohren, und er wendete sich wieder ihr zu. Wow. War doch mal echt nett, mit jemandem zu arbeiten, der mit Menschen gut umgehen konnte.

Gemeinsam kamen wir an einem alten Minenschacht an. Ein Schild warnte vor Einsturzgefahr, aber bislang sah der Gang halbwegs stabil aus. Hoch genug, dass ich aufrecht darin stehen konnte, war er jedenfalls.
Kaum hatten wir den Schacht betreten, da fuhr Lucie herum und ließ die Maske fallen. Beschuldigte Dr. Doug, gemeinsame Sache mit der Kammzahnvampirfledermaus zu machen, sie auf Leute zu hetzen und für die Toten verantwortlich zu sein. Bateman reagierte entrüstet. Was für ein Blödsinn, sagte er und schüttelte den Kopf abwehrend. Klang aufrichtig.
Bevor er jetzt seinerseits aggressiv werden konnte, zeigten wir ihm das Foto der Verletzungen, die die Toten erlitten hatten. Waren das Fledermäuse? Ja, sagte er schockiert. Die Wunden stammten schon von Fledermäusen… aber… nein, das war doch Blödsinn.
Wir mussten nicht lange bohren, bis er uns den Blödsinn erzählte. Vor vielen Jahren hatte er in einem alten Forschungsbericht eine Legende über die Kammzahnvampirfledermaus gelesen: Einmal in vielen Generation wurde ein Tier geboren, das besondere Kräfte hatte und andere Fledermäuse mit seinem Sonardialekt beeinflussen und unterjochen konnte. Diese Mutation benutzte die anderen Tiere dann als Gehilfen bei der Jagd und griff mit Vorliebe Menschen an. Das kam nicht häufig vor, vielleicht aller fünfzig Jahre.
Als wir daraufhin die Waffen auspackten, wurde er blass, protestierte aber nicht. Lucie hatte eine verdammte Mossberg in der Tasche, die sie professionell durchlud. Okay. Wow. Toughe Frau, große Waffe – das war schon mehr mein Beuteschema. Mir fiel auf, dass ich vielleicht aufhören sollte, sie anzustarren. Echt jetzt, Jackson, erklärte ich mir selbst. Hast du nicht genug Probleme?

Ich schüttelte meine Gedanken durch. Sah, wie Emily Mary-Ann ein Messer gab. Überlegte kurz, aber verdammt, die Seelsorgerin war eine Freundin von Fererra. Bot ihr meine Ruger an. Sie griff zu. Nahm sie, als wäre das nicht das erste Mal, dass sie eine hielt. Gut.
Natalie schaute ein bisschen verloren. War nicht bewaffnet. Verdammt. Ich hatte nur die drei Pistolen dabei. Andererseits hatte ich Natalie mitgeschleppt. Konnte sie jetzt nicht unbewaffnet herumlaufen lassen. Gab ihr die Glock 21, auch wenn es mir fast weh tat. Hatte ja noch die Glock 17. Das würde schon reichen, erklärte ich mir selbst. Glaubte es nicht so richtig.

Die Schrotladung traf mich hart an der linken Seite, als ich versuchte, zu Moore zu kommen. Er war hinter dem Schrank aus dünnem Blech in Deckung gegangen, aber O’Callan und seine Jungs hatten beim Aufstand Waffen erbeutet, darunter auch eine Maschinenpistole, mit der sie den Schrank durchlöcherten. Hastig hievte ich mich in die magere Deckung. Moore lag mit glasigen Augen auf der Seite, atmete noch, aber ich sah auf den ersten Blick, dass er es nicht mehr lange machen würde. Fuck.
O’Callan ballerte noch einmal mit der Schrotflinte in meine Richtung, aber er zielte zu hoch und verfehlte mich größtenteils. Ich erwiderte das Feuer nicht – er hatte noch Deckung, und ich hatte nur zwei Kugeln in dem kleinen Revolver, den ich einem toten Wachmann abgenommen hatte.
Dann: Ein heftiger Schusswechsel im Gang. O’Callan strauchelte in die Krankenstation, auf der Moore und ich uns verschanzen wollten, gefolgt von ein paar anderen seiner Nazis.
Mit zusammengebissenen Zähnen fand O’Callan sein Gleichgewicht wieder. Zog eine Desert Eagle aus dem Hosenbund und zielte in meine Richtung.
„Diesmal“, erklärte er, „diesmal rettet…“
Ich erschoss ihn. Erst schießen, dann reden. Erschoss noch einen, sah dann die Surenos, wie sie die restlichen Nazis vertrieben. Fererra schaute zur Tür hinein.
„Jackson“, sagte er und nickte mir zu. „Hätte ich mir denken können. Bist du okay?“
Ich sah an mir runter. Blutete heftig, hatte starke Schmerzen im Unterbauch. Hörte das Johlen der Geister in meinem Kopf. Dazwischen: Moores verwunderte, desorientierte Stimme. Sein Körper neben mir hatte aufgehört zu atmen. Ich schloss kurz die Augen. Verdammt. Moore war ein Freund gewesen.
„Alles in Ordnung“, rief ich Fererra zu. Meine Stimme war brüchig, aber so klang sie oft. „Halte hier die Stellung. Sichere Zone.“
Er nickte und wollte gehen, als mir etwas einfiel. „Nicht genug Waffen“, stieß ich hervor. „Lass mir eine Pistole da.“

Erinnerungen. Lange her. Hör auf, nachzudenken, Jackson. Bleib bei der Sache. Minenschacht. Ich stellte mich vor Natalie – die war irgendwie… Familie. Mitakuye oyasin, und so weiter. Lucie mit ihrer Mossberg auf meiner rechten Seite, Emily mit ihrem Bogen hinter uns. Dr. Batman… Bateman… und Natalie mit Taschenlampen dahinter.
Vorsichtig bewegten wir uns in den Schacht. Hinter uns ging die Sonne gerade unter. Ein, zwei verirrte Fledermäuse kamen uns entgegen – der Schwarm erwachte.
Nach kurzer Zeit erreichten wir einen großen Raum. Keine Höhle, sondern ein zentraler Minenschacht, groß genug für einen Kinosaal. Überall an den Wänden hingen kleine dunkle Gestalten, die sich langsam regten. Gut, dass Natalie uns vorher gezeigt hatte, wie eine Diphylla im Vergleich zu einer Mormoops oder einer Leptonyceris aussah – heller, kleiner als die Mormoops, aber deutlich größer als die Leptonyceris.
Unser Erscheinen schreckte die Tiere auf. Einen Moment lang flatterten sie ziellos umher, aber dann formierten sie sich präzise zu einer – nein, zwei beinahe humanoiden Gestalten. Emily rief uns zu, die Diphylla wäre im rechten Kopf, dann rasten die beiden Schwärme in unsere Richtung.
Lucie schoss mit ihrer Mossberg auf unsere Angreifer, dünnte den Schwarm aus. Ich sah die Kammzahnvampirfledermaus nicht, feuerte auf das morsche Gebälk in der Decke. Traf eine labile Strebe, Holzteile stürzten auf die kleinen Tiere und verschütten etliche. Mary-Ann feuerte in den Schwarm hinein, Natalie leuchtete mit dem Strahl der Taschenlampe auf den vagen Kopf der unförmigen Gestalt, die auf mich und Lucie zuschwankte. Emily ließ ihren Pfeil von der Sehne. Traf die Diphylla, aber nicht, bevor der Schwarm mich und Lucie erreichte. Die Fledermäuse hatten scharfe Zähne, griffen furchtlos an, verbissen sich in Kleidung und Haut.
Aber als Emilys Pfeil die Kammzahnvampirfledermaus traf, verlor der Schwarm seinen Zusammenhalt. Irritiert flatterten die Tiere um uns herum und huschten schließlich durch den Schacht nach draußen. Ich klaubte eine verwirrte Mormoops aus meinen Haaren und ließ sie fliegen.
Hinter uns, im Zentralschacht, stürzten weiterhin Balken von der Decke. War wohl eine wichtige Strebe gewesen, die ich getroffen hatte.
Hastig verließen wir den Schacht. Ich stützte Lucie, die deutlich mehr abbekommen hatte als ich. Draußen fragte ich sie, ob sie zu einem Arzt oder ins Krankenhaus wollte, aber sie verneinte vehement. Gut, also versorgte ich ihre Wunden. Hatte den Eindruck, das war nicht das erste Mal, dass jemand sie nach einer Jagd zusammenflickte.
Wies sie darauf hin, dass sie Antibiotika brauchte. Bisse von Fledermäusen entzünden sich gern, und die Tiere übertragen Krankheiten. Tollwut, zum Beispiel. Fragte sie, ob sie jemanden kannte. Sie nickte. Gut.

Wir kehrten nach Marathon zurück. Ich versorgte meine eigenen Wunden (waren nur Kratzer, aber Tollwut brauchte ich keine), setzte mich dann noch mit Fererra zusammen. Erzählte ihm von dem Fledermausschwarm, verbrämte die Sache möglichst wissenschaftlich. Sonar und so. Er nickte, erleichtert, dass es kein Rachegeist war. Sprach von seiner Frau, von seinem Leben. Von Mary-Ann, die ihn unterstützt hatte. Und Lucie?, warf ich ein. Nein, Lucie kannte er gar nicht. Jedenfalls nicht richtig. Die hatte ihn nur besucht. Er wollte nicht sagen, warum, und ich wollte es auch nicht so genau wissen.

Am nächsten Tag fuhr ich mit ihm, Emily und Natalie zurück nach Terlingua. Einkaufen. Plüschskelette für die Kinder, scharfe Saucen für die Küche. Überlegte, irgendwann mal mit den Kids herzukommen, einfach nur so. Als Touristen. Wäre doch mal lustig. (Genau. Das hatte ja in Cancún schon so gut funktioniert.)

Gegen Nachmittag fuhren Emily und ich wieder los. Kamen diesmal tatsächlich ins Reden. Sie erinnerte sich an die Zeit, bevor sie verschwunden war. Hätte mir klar sein können, sie kannte Ethan ja offensichtlich. Keine Parallelen zu dem, was Tam passiert war.
Allzu tiefgreifend wurde es zwar nicht, aber ich fühlte mich danach wohler in ihrer Gegenwart, und andersrum auch. Glaube ich zumindest. Sie versicherte ein bisschen zu oft, dass sie völlig okay war, aber was sollte ich dazu sagen? Habe auch schon oft behauptet, es wäre alles in Ordnung, obwohl es meilenweit entfernt davon war.
Zwei Tage später setzte sie mich wieder in Little Rock ab. Trank noch einen Kaffee mit mir. Smalltalk, Kleinkram. Aber entspannt. Hoffe ja, dass ich sie bald mal wiedersehe. Ich glaube, ich mag sie.

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Batman must die

Ich bekam einen Anruf von Barry. Es hatte mich schon sehr gewundert, dass er ausgerechnet mich angerufen hat. Ethan war wohl anderweitig beschäftigt und ein Bekannter oder Freund von Barry bat ihn um Hilfe. Er fragte mich, ob ich ihn in Little Rock abholen könnte. Barry erzählte mir, dass sein Bekannter Germán Ferrera heißt und seine Frau auf unnatürliche Art und Weise umgekommen war. Mehr Information hatte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auf dem Hinweg trafen wir noch Natalie, die Barry ebenfalls angerufen hatten, da sie sehr gut recherchieren konnte. Gemeinsam fuhren wir nach Marathon in Texas.

Dort angekommen gingen wir zur Haustür, Barry voran. Ein Mann mittleren Alters öffnete uns die Tür. Er hatte kurze schwarze Haare und einen ebenso schwarzen Schnauzbart, ein rundes Gesicht und einen kleinen Bauchansatz. Er sah völlig fertig aus.
Barry spricht den Mann auf spanisch an, ich glaube es war eine Begrüßung und eine Beileidsbekundung, da ich keine spanisch spreche war es aber bloß eine Vermutung. Er schien den Mann fast nicht wiedererkannt zu haben, dennoch stellte er Natalie und mich nun auf amerikanisch vor. Dies war also Barry alter Bekannter Germán Ferrera. Er bat uns hinein und brachte uns ins Wohnzimmer wo bereits zwei Frauen die unterschiedlicher nicht sein könnten auf dem Sofa saßen. Die eine hatte langes dunkelbraunes Haar und eine Motorradkluft an, die andere junge Frau hatte kurze aschblond und sehr adrett gekleidet. Ferrera stellte uns die beiden als Mrs. Morrissey und Mrs. Mary Ann Young vor.

Ich fragte ich mich, ob die beiden auch wegen dem Tod seiner Frau hier waren.

Mary Ann wollte wissen, weshalb Ferrera so viele Leute angerufen hat. Er meinte jedoch nur, dass er das gar nicht hat, er habe nur Barry und sie angerufen und Natalie und ich auf wunsch von Barry mitgekommen seien.

Ferrera beginnt dann zu erzählen, dass er und seine Frau ein Restaurant in Terlingua hatten, welches inzwischen zu einem Künstlerstädtchen mit vielen Touristen und einem Chili Cookoff geworden war. Lilia, seine Frau, hatte dort eine Galerie und Atelier. An dem Abend wollten die beiden zu einem Konzert, auf dem Rückweg wollte Lilia noch die Abendstimmung einfangen. Plötzlich kam ein großer Schatten aus der Luft herab und hatte Lilia niedergerissen. Sie hatte entsetzlich geschrien und als er endlich bei ihr ankam, war der Schatten auch schon wieder verschwunden und Lilia tot. Er glaubte, dass er etwas wegfliegen gesehen hatte. Lilia hatte viele kleine Wunden, die ein wenig nach Bisswunden aussahen. Der Arzt meinte sie sei am Blutverlust gestorben.
Dabei sprach Ferrera immer wieder von einem Racheengel, wegen seiner Vergangenheit als Krimineller.

Mary Ann wirkte auf mich verwirrt, vermutlich hatte sie bisher nichts mit den übernatürlichen zu tun. Barry war dann so gnädig und versuchte Mary Ann aufzuklären, dass uns Ferrera gerufen hat, weil seine Frau auf unnatürlichem Art und Weise gestorben war. Mary Ann sagte, sie verstehe immer noch nicht ganz, also erklärte Ferrera, dass er glaubte für seine Vergangenheit bestraft werden sollte. Barry war halt jemand, der sich damit auskennt.

Mir wurde es zu blöd, wenn da draußen etwas ist, dass Menschen tötet mussten wir so schnell wie möglich die Fährte aufnehmen. Also fragte ich ohne große umschweife, wie groß das Wesen war, und wieviele Opfer es noch gegeben hatte.
Er antwortete dass es noch 4 weitere Opfer gab. Ein Farmer, ein Trucker und ein Touristenpaar, das in den Flitterwochen war. Alle sind nachts umgebracht worden. Mary Ann ist erstaunt, dass wir so gezielte fragen stellte. Er sagte, dass er sei Privatdetektiv sei. Mary Ann bemerkt jedoch, dass Lucies ihr Gesicht kurz verzog. Mary Ann wollte die Polizei informieren, die solle sich darum kümmern. Darauf hin musste auflachen und meinte, dass die Polizei wahrscheinlich gar nicht helfen könne.
Ferrera meine die gängige Theorie ist, dass es Fledermäuse gewesen sein sollen, doch war es keine Fledermaus was er gesehen hatte. Er glaubte weiterhin an den Racheengel. Wir fragten, warum er ausgerechnet ein Paar in den Flitterwochen angegriffen hat? Barry meinte außerdem, dass sei es sehr egozentrisch zu denken, dass es seinetwegen gewesen war, vielleicht hat Lilia ja auch was gemacht. Ich fragte ihn wie es aussah und wie groß es war und Ferrera dachte kurz nach und meinte dass etwas menschengroßes seine Frau angegriffen und aussaugte hatte.

Irgendwas stimmte hier nicht. Sie waren zwar Blutleer, aber es sah mir nicht nach Vampire aus, wenn es viele kleinen Bissspuren gab. Auch wenn es menschengroß war. Ich zerbrach mir den Kopf. Kam, aber zu keinen Ergebnis.
Und was ich von den beiden neuen halten sollte, war mir auch noch nicht ganz klar.

Marry Ann sah völlig verwirrt zwischen uns Jäger hin und her. Dann erklärten wir ihr, was es mit den Jägern auf sich hat, auch wenn das Wort “Jäger” dabei nicht benutzten.

Ich wollte noch wissen, ob es dort einen Bürgermeister oder so etwas gab. Eine Art Oberhaupt und wie die Leute auf Fremde reagieren, ob sie offen dafür sind. Ferrera sagte, dass Terlingua ein Touristenort ist und sie sehr offen gegenüber Fremden sind. Und er verneinte, dort gab es an für sich keine eigene Polizei. Nach dem Morden fuhr zwar mal ein Streifenwagen vorbei. aber Polizei per Se gab es nicht in diesem Ort.

Natalie recherchierte in der Zwischenzeit über Terlingua. Es war ein alter Minenort, Zinnober-Bergwerk, 1944 waren die Minen ausgebeutet und wurde überflutet worden, danach war die Stadt verlassen und wurde zu einer Geisterstadt, bis die Künstler sich dort niedergelassen hatten.
Natalie forschte auch nach, wie es mit Fledermäuse in Terlingua aussah. Es schien hier einne Menge von denen zu geben. 1967 wurde sogar ein Kammzahnvampir aus Mexiko in einem verlassenen Tunnel gefunden.

Wir waren uns schnell einig, dass wir uns das vor Ort ansehen musste. Mary Ann und Lucie fuhren zusammen mit dem Motorrad. Barry wollte zuvor aber noch wissen, ob Lucie Bescheid wusste und ob sie bewaffnet sei. Sie war misstrauisch, meint aber, sie wüsste sich zu helfen. Barry meinte, dass wäre wichtig, damit man sich nicht im Weg rumsteht. Er sei bewaffnet, deutete auf mich und meinte ich wäre ebenfalls bewaffnet, Natalie eher nicht. Lucie sagte trocken, dann spiele ich eher in eurer Liga als in der der Kleinen mit dem Laptop.

Ich fing an die Frau zu mögen. Ich hätte wohl auch nicht anders reagiert.

Wir fuhren nach Terlingua und es war sehr individuell. Der Großteil der Häuser waren kleine Steinhäuser, aber einige Minenhäuser wurden umfunktioniert wie zum Beispiel das Hotel. Dort trafen wir uns vor einen kleine Cafe oder sowas.

Ich wollte mir direkt die Tatorte anschauen, als erstes den wo Lilia gestorben war. Barry und Natalie wollten im Internet recherchieren, ob es nach weitere oder ähnliche Vorkommnisse gab und auch ob sie an die Autopsieberichte kam.
Ich untersuchte in der Zwischenzeit die Tatorte, dort war noch immer Blut auf dem Boden. Ich sah aus den Augenwinkel wie Lucie schluckte, ignorierte es aber, wahrscheinlich hätte sie eh nicht drüber sprechen wollen. Ich suchte noch etwas die Gegend ab, konnte aber keine weitere Spuren entdecken. Ich sah mich um, ob es in der unmittelbaren Nähe irgendwelche Höhlen gab.
Mary Ann und Lucie begleiteten mich, naja, folgten mir auf etwas Abstand. Sie sprachen leise miteinander, bzw. hatte ich den Eindruck als würde Marry Ann Lucie neugierig fragen was sie über das ganze wusste.

Ich befragte Ferreira nach den Minen, ob Touristen da einfach reingehen konnten, aber er verneinte, es gab hier wohl sowas wie eine selbsternannte Minenführerin namens Cynta Lopez. Ich bedankte mich knapp und suchte diese Cynta auf. Sie machte relativ viel für die Touristen. Sie machte ebenso Wanderführungen, Ausritte und solche Dinge, aber wenn es um Fledermäuse geht, sollte ich Dr. Doug fragen. Sie erzählte weiter, dass sie vor einigen Wochen die Minen untersucht habe und die Fledermäuse ungewöhnlich unruhig waren und scheinbar wach, obwohl es mitten am Tag war. ich fragte sie weiter nach dem Touristenpaar, aber die waren nicht auffällig ein typisches Paar halt, die gerade in den Flitterwochen waren. Ich fragte noch, ob es möglich wäre bei Gelegenheit eine Führung zu den Fledermaushöhlen zu bekommen und sie stimmte zu, obwohl sie es eigentlich ungern macht, da die Tiere ja ihre ruhe brauchen.
Auch hier bedankte ich mich und ich ging mit den anderen beiden zurück zum Cafe wo wir Barry und Natalie zurückgelassen hatten.

Na, dass wir ja immer besser. Tollwütige Fledermäuse oder eine Art Fledermausmensch. Da schüttelt es sich mir echt. Gibt es gar kein Halt mehr für die verdammten Monster.

Im Cafe tauschten wir uns aus. Natalie erzählte mehr von der Kammzahnvampir-Fledermaus und einem Dr. Douglas Bateman der sie untersucht hat. Er hat auch eine Abhandlung über diese Art von Fledermaus geschrieben, aber warum sie in Terlingua war, war unerklärlich. Jedoch war die Kammzahnvampir-Fledermaus eine von drei wirklichen Blutsaugern. Natalie erzählte noch von den Gerichtsmedinerakten, dass es kleine Bisswunden waren, was wieder auf die Fledermäuse hindeutete, aber keine Erklärung dafür war, was Ferrar gesehen hatte.

Ich fasste kurz zusammen, was ich, nein wir, rausgefunden hatten, aber das war nicht viel. Zumindest gab es einen Namen der beiden Untersuchungen über den Weg lief, also suchten wir diesen Dr. Bateman auf.

Ich fragte Natalie, ob sie an die Obduktionsberichte kommt. Mary Ann fragte, ob das wirklich sein musste, dass war immerhin illegal. Barry meinte auch wir sollten es erstmal so versuchen, also ließ ich es darauf beruhen.

Wir fanden Dr. Doug im Starlight mit einem Bier in der Hand. Er saß an einem Tisch mit drei etwas jüngeren Frauen. Barry schüchtert die Drei ein und sie zogen relativ schnell Leine. Lucie ging zu Dr. Bateman rüber und fing an ihn zu bezirzen. Sie tat so als würde sie sich unglaublich für Fledermäuse interessieren. Sie schien zu versuchen ihn dazu zu bringen, dass er mit ihr zur Höhle geht. Als Dr. Bateman Lucie nach ihrem Fachgebiet fragt, sprang sie auf und flüchtete auf die Toilette. Noch in der Tür winkte zu mir zu und deutete mir an, dass ich ihr folgen sollte.

Oh, verdammt. Was sollte das jetzt werden? Ich bin eigentlich keine Frau die unbedingt zu zweit aufs Klo geht und hatte nicht den Eindruck, als würde Lucie so eine fragen sein. Vorallem wir kennen uns doch gar nicht.

Ich stand auf, ging ihr dann hinterher und fragte, was es gibt. Sie erzählte mir, was sie plante, nämlich Dr. Bateman hier raus zu locken und Richtung Höhlen bringen oder zu einer Seitenstraße und ihm dann richtig auf den Zahn fühlen.

Als wir zurückkamen saß Barry bereits bei Dr. Bateman am Tisch. Sie unterhielten sich über irgendwelche Fledermausdialekte, Barry schien das ernsthaft zu Interessieren.

Ich fand Barry schon sehr merkwürdig. Auf einer Art ließ er den harten Kerl raushängen, aber andererseits war er irgendwie sensible. Noch komischer waren seine Interessen, muss wohl so sein, wenn man Schriftsteller war.

Lucie setzte sich wieder dazu und wollte ihren Plan in die Tat umsetzen. Sie baggerte noch ein wenig Dr. Bateman an und tatsächlich hatte sie ihn überzeugt zu den Höhlen zu gehen. Barry meinte, dass er auch mitkomme, da er sich ja sehr für die Dialekte interessierte.

Natalie, Mary Ann und ich gingen mit Abstand hinterher. Ich machte nach ein Schlenker zum Wagen und holte meine Waffen aus dem Auto. Der Mineneingang war mannshoch und Wasser stand in der Mine. Barry schaffte es, dass der Rest der Gruppe auch mitkommt, indem er behauptete, dass er nur vergessen hat, dass wir auch dabei waren, wegen den ganzen Dialekten. Lucie lenkte Dr. Bateman so ab, dass er dem nicht hinterfragte.
In der Höhle hatte Lucie ihre Maske fallen gelassen und Dr. Bateman mit ihrem Verdacht konfrontiert, dass er etwas mit den Toten zu tun hat, und dass er eigentlich die Kammzahnvampir-Fledermaus ausgesetzt oder abgerichtet hat.

Dr. Bateman war wirklich entrüstet und Barry deutete Natalie an, dass sie ihm das Bild der Leiche zeigt. Dr. Bateman war sicher, dass das eine Fledermaus war und er erzählte, dass er einen merkwürdigen Aufsatz gefunden hat, dass es seltene Mutationen unter dem Kammzahnvampir-Fledermäusen gab und sie andere Fledermäuse beeinflussen kann, aber er habe gedacht, es seien nur Spinnereien und nichts wahres dran.

Es musste also eine mutierte Kammzahnvampir-Fledermaus hergefunden haben, alles deutete daraufhin. Noch bevor sie weiter in die Höhle gehen, gab ich Mary Ann mein Ersatzmesser. Es war Mittags eine Zeit wo Fledermäuse eigentlich schlafen, aber dennoch flatterten sie munter kreuz und quer durch die Höhle. Langsam schienen sie eine menschliche Gestalt anzunehmen, doch dann teilten sich auf und gingen auf Barry und Lucie los. Ich beobachtete die Fledermäuse und erkannte dann die Kammzahnfledermaus im imagienären Kopf der humanoiden Gestalt. Lucie schießt mit Ihrer Mosberger auf die Fledermaus, trifft sie aber nicht richtig. Barry schießt in die Decke und einige Steine lösen sich von der Decke und erwischt einige der Fledermäusen die auf den Boden gerissen wurden. Natalie leuchtet die Fledermaus an und Mary Ann versucht auf sie zu schießen, kann sie aber nur streifen. Die Fledermäuse bei Barry und Lucie greifen die beiden an, Barry wird zum Glück nur etwas gekratzt nichts ernsthaftes, jedoch Lucie wird von mehreren Fledermäusen gebissen. Ich setzte einen Pfeil auf den Bogen und konzentriete mich, meine Atmung wurde immer langsamer und ruhiger. Ich blendete die Personen links und rechts neben mir aus, ebenso wie die anderen Fledermäuse. Nur ich und die Kammzahnvampir-Fledermaus waren jetzt noch präsent. Ich zielte, einen Augenblick, zwei Augenblicke, dann ließ ich den Pfeil los der schnellte nach vorne und traf sie und pinnte sie an einen Balken fest. Ich ließ den Bogen sinken. Aus der Fledermaus wich sofort alles Leben und durchbrach den Einfluss auf die anderen Fledermäuse, die auseinander flogen. Ich zog den Pfeil aus dem Balken und der Fledermaus und trat noch mal drauf, dass sie wirklich Mus war. Dr. Bateman rief zwar noch ein zögerliches Halt, aber da war es schon zu spät. Ich machte den Pfeil etwas sauber und ging langsam raus, mit den Worten das wars. Auf dem Weg nach draußen gab mir Mary Ann noch mein Messer wieder und ich steckte es mir wieder in den Stiefel.

Barry versorgte Lucies Wunden, sie wollte zu keinen Arzt, aber sie kennt da wen, der ihr die Medikamente besorgen kann. Barry gab ihr noch den Hinweis, dass die auf jeden Fall was gegen Tollwut nehmen soll, bei Fledermäusen weiß man ja nicht.

Das scheint ja ne Art Jägerkrankheit zu sein, aber ich kann sie nur zu gut verstehen. Es scheinen echt viele mit Ärzten und der Gleichen ein Problem zu haben

Nach dem es Lucie wieder besser ging, sind alle noch in einen Souvenirshop und haben allerlei Krempel gekauft. Barry auch. Ich denke für seine Familie. Wir blieben nach einen Tag und Ferrera bedankte sich bei uns, dann fuhren Barry und ich zurück. Unterwegs unterhielten wir uns sogar etwas. Er wollte mehr über Lucie erfahren, was ich jedoch nicht konnte. Dann unterhielten wir uns über seine Familie, vorallem seinen Pflegesohn der anscheinend in einer Parallelwelt festhing und von dem Umzug der bevor stand. Ich erzählte ihm, dass ich lieber alleine bin, nicht andauernd, aber dass ich doch lieber für mich bin.
In Little Rock ließ ich Barry wieder raus, er meinte von da kommt er gut weg und wenn ich mal in Chicago bin, solle ich mich doch melden. Dann spendierte er mir noch einen Kaffee und ich fuhr weiter.

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Invincible
Ein Treffen in Albany

Niels betrat das Café mit einem mulmigen Gefühl. Die letzte Woche bei Ethan und sein Aufenthalt in Connecticut hatten ihn ein klein wenig aufgebaut, aber er hatte Angst vor dem Gespräch mit Emily. Er sah auf seine Arme herunter. Die Ärmel des Longsleeves verdeckten zwar die Verbände, aber er wusste ja, dass sie da waren. Dass die Narben nicht wieder verschwinden würden. Noch immer hatte er keine genaue Vorstellung, wie es unter den Verbänden aussah, wieviele Stunden Arbeit in Flammen aufgegangen waren. Das war sein Ding gewesen, das, was ihn ausmachte, seine Art, alles zu vergessen. Was für eine Ironie, dass mit dem Feuer gleichzeitig alles ausgelöscht worden war und das, was er versucht hatte, zu verstecken, wieder nach oben gekommen war.

Niels sah sich um, das Café war recht gut besucht, aber er fand einen Tisch, der etwas abseits war. Perfekt für ein Gespräch über all das, was sie erlebt hatten. Er spürte, dass er zitterte, obwohl es nicht kalt war. Weder Ethan noch Bart hatten ihm also ganz die Angst nehmen können. Die Kellnerin kam und fragte ihn nach seiner Bestellung, und Niels hätte am liebsten Alkohol verlangt, entschied sich aber für das Richtige, einen Kaffee. Dann wartete er und hoffte, dass Emily kam.

Emily fuhr vor dem Café vor, blieb noch einen Moment im Auto sitzen und atmete tief durch. Sie fürchtete sich ein wenig Niels gegenüber zu treten. Sie wusste nicht was sie erwartet, warum Niels mit ihr sprechen wollte, obwohl sie eine wage Ahnung hatte.
Sie erinnerte sich an das Gespräch mit Bart und fragte sich, wie sie immer in Cafés landete. Bei diesen Gedanken musste sie kurz schmunzeln und stieg aus.
Das letzte Gespräch mit Ethan war auch nicht solange her und sie hatte noch immer keine Antwort darauf gefunden. Sie öffnete die Tür, betrat das Cafè und schaute sich um. Als sie Niels erblickte, wirkte er etwas in Gedanken, Emily ging langsam auf den Tisch zu an dem Niels saß. Ihre Bewegungen scheinen immer noch eingeschränkt zu sein.
Sie blieb am Tisch stehen und blickte auf Niels runter. Noch bevor sie sich setzte begrüßte sie ihn. Sie stand einen Moment da, setzte sich dann aber.
“Bevor du anfängst, es….es tut mir wirklich leid.” Sie schaute ihn an und biss sich auf die Unterlippe.

Niels sah auf. Es tat ihr leid? Was tat ihr leid? Dass er ein Vollidiot gewesen war? Dass er, ein Heckler, ein Jäger seit seinem 9. Lebensjahr, der Sohn von Jacob Heckler, es für richtig gehalten hatte, sich alleine einem Dämon und einem Höllenwesen entgegen zu stellen und so ihr beider Leben riskiert hatte? Aber statt ihr das alles zu sagen, stand er nur auf und wollte ihr aus einem Reflex heraus zur Begrüßung die Hand reichen, als ihm wieder einfiel, dass Emily kein Mensch fürs Händeschütteln war. Stattdessen zwang er sich zu einem “Hi, setz dich doch”, bevor er weiter redete. “Was genau tut dir leid?” Seine Stimme klang belegt. “Dass ich dich fast umgebracht habe?” Die Kellnerin kam jetzt, brachte Niels seinen Kaffee und fragte Emily, ob sie auch etwas trinken wollte. Dabei lächelte sie verschwörerisch. Niels seufzte innerlich. Nein, das hier war kein Date, beileibe nicht. Selbst wenn er auf Frauen stehen würde, das hier war das Gegenteil eines Dates. Gab es so etwas wie Anti-Dates?

Emily bemerkte Niels Bewegung und war froh, als er diese wieder abgebrochen hatte. Sie wollte sich nicht wieder und wieder erklären müssen. Sie war jetzt soweit, dass Bart sie berühren konnte und auch Ethan hatte ganz kurz ihre Hand gehalten. Sie war aber noch nicht soweit sich allen anderen auch so zu öffnen. Sie mochte Niels, dass war auch nicht ihr Problem. Aber Niels schien sich dessen bewusst geworden zu sein und dafür war sie dankbar. Emily sah die Kellnerin an und bestellte ein Glas Wasser. Sie musterte die Kellnerin und fragte sich, was sie sich dachte, konnten sich junge Leute nicht einfach so treffen. Sie wollte erst was sagen, behielt es aber für sich. Dafür war sie nicht hierher gekommen. Nicht um einen Streit zu provozieren. Sie blickte der Kellnerin noch mal hinterher und schnaufte leise, dann wendete sie sich wieder Niels zu. Emily guckte Niels geschockt an. “Mich umgebracht? Du? Nein, es war meine eigene Entscheidung die mich in dieser Lage gebracht hat.” Jetzt sprach sie leise und stockte immer wieder. “Das…das ich nicht rechtzeitig da war, dass ich dir nicht helfen konnte. Ich konnte einfach nicht…” Sie brach ab. Emily konnte Niels nicht in die Augen schauen. Sie wunderte sich, wieso gab er sich die Schuld, Sie wusste doch wie gefährlich die Jagd war und sie hat bei weitem schlimmeres erlebt. “Niels, ich wollte dir helfen und konnte es nicht, dass tut mir leid.” Sie zuckte mit den Schultern.

Niels spürte, dass er wütend wurde. Er brauchte keine Hilfe, er schaffte das alleine. Dann fiel sein Blick auf seine Arme. Und wie du das alleine schaffst, Heckler. Ethans Worte kamen ihm in den Sinn. Kram passiert. Und ja. Kram passiert, für den du dich schuldig fühlst. An dem du schuldig bist. Passiert. Bleibt nicht aus. Er hatte ja recht, so verdammt recht. Es war auch nicht nur das, aber wollte er Emily das wirklich alles erzählen? Wobei sie die Wahrheit verdient hatte. Auch wenn es ihr leid tat, sein unüberlegtes Handeln hatte sie doch erst zu der Entscheidung verleitet. Das waren zwar mit Sicherheit nicht die ersten Monster, denen sie sich in den Weg gestellt hatte, wenn er an ihren Bogen dachte und die sicheren Bewegungen, aber er hatte sich geschworen, dass er sie beschützte. Felicity hatte niemals über Emily gesprochen, und er hatte es nicht gewagt, sie oder Ethan nach ihr zu fragen.
Die Kellnerin brachte ihnen jetzt die Getränke, und Niels sah ihr nach, bis sie in sicherer Entfernung verschwunden war. “Aber wenn ich nicht wie ein Irrer vorgerannt wäre, hättest du diese Entscheidung nicht treffen müssen. Abgesehen davon, ich hätte das alles wissen müssen. Ich bin Jäger, seit ich neun Jahre alt war. Es war dumm von mir, zu glauben, dass ich mit einem Dämon und diesem Feuerwesen klar komme. Aber trotzdem… ich wollte dich da nicht mit reinziehen.”

Emily trank einen tiefen Schluck von ihrem Wasser und blickte Niels an. “Mag sein, dass deine Entscheidung mich zu meiner verleitet hat. Mag sein, dass es anders gelaufen wäre, hättest du… hätten wir auf die anderen gewartet, haben wir aber beide nicht. Shit Happens. Es ist passiert und wir leben noch.” Sie lächelt Niels an. “Ich jage schon seit meinen elften Lebensjahr und weiß, worauf ich mich einlasse. Ich habe schon soviele….soviele……Menschen verloren.” Es wirkt so, als ob sie was anderes sagen wollte, aber nicht über die Lippen bringt. Ihr blickt wird etwas traurig. “Ich wollte nicht schuld sein, schon wieder jemanden zu verlieren, ich könnte mir das einfach nicht verzeihen.” Sie schweigt einen Moment bevor sie erneut ansetzt.
“Ich gebe dir auf jeden Fall kein Schuld, allerhöchstens eine Teilschuld, aber auch wenn ich später dazu gekommen wäre, wäre es nicht auszuschließen, dass ich dann nicht ebenfalls so verletzt wurde und es heilt, langsam aber es heilt.” Sie lächelt ihn aufmunternd zu.

Er sah sie nachdenklich an. “Ja, wir leben noch. Auch wenn ich für einen Augenblick dachte, dass das nicht mehr der Fall ist.” Niels dachte an sein ‘Gespräch’ mit seinem Vater. Ob er jemals erfahren würde, ob Jacob wirklich schon bei ihm gewesen war, oder ob der Dämon es ihm hatte einfach machen wollen, als er versucht hatte, seine Seele zu stehlen? Er spürte wieder, wie der Ekel in ihm hochstieg. Der Dämon war in sein Innerstes vorgedrungen, hatte seine guten Erinnerungen durchwühlt, als sei Niels’ Seele ein Selbstbedienungsladen, während die Verletzungen des Feuerwesens ihn zurück in den Keller verfrachtet hatten. Für einen kurzen Moment war es gewesen, als hätte es die letzten vier Jahre niemals gegeben. Das Wissen, dass einem die Seele gestohlen wurde, während man verbrannte, war nicht besser als die Tatsache, dass der eigene Bruder und Vater ihn beinahe totgeschlagen hatten, weil er war, wie er war.
Sein Blick traf den Ems. Ihre grünen Augen ruhten immer noch auf ihm und holten ihn ins Hier und Jetzt zurück. “Du hast mich nicht verloren”, sagte er und versuchte, seine Stimme ruhig klingen zu lassen. Für einen kurzen Moment überlegte er, ob er nach ihrer Hand greifen sollte, aber dann sah er davon ab. Zum einen war das nicht ihr Ding, und zum anderen kannten sie sich nicht so gut. “Im Gegenteil, ohne dich säße ich wahrscheinlich nicht mehr hier. Oder sähe noch viel schlimmer aus.” Er versuchte zu lächeln, dann hob er die Arme. “Es heilt, ja. Ich habe keine Ahnung, wie ich darunter aussehe.” Jetzt musste er doch grinsen. “Feuer reinigt, hat mein… Stiefvater immer gesagt. Der wäre glücklich, dass wahrscheinlich nichts mehr von den Tattoos da ist.” Niels hielt sich die Hand vors Gesicht, als er an Gustav dachte. Seit Idaho war eine Erinnerung an den alten Heckler besonders präsent: Sein Gesichtsausdruck, als er ihn in die Wanne geworfen und im eiskalten Wasser untergetaucht hatte, um zu verhindern, dass Niels an seinen Verletzungen starb. Er schüttelte sich unwillkürlich und nahm schnell einen Schluck Kaffee, damit Emily nicht merkte, was in ihm vorging. “Alte Jägerfamilien”, sagte er schließlich. “Sie bereiten uns auf das vor, was kommen könnte, aber wenn es dann tatsächlich so weit ist, wissen wir nicht mehr, was wir tun sollen.”

Ihre Augen ruhten weiter auf Niels, sie spielte etwas an ihren Wasserglas. Sie machte ein zerknirschtes Gesicht. “Ich hab deswegen auch echt ein schlechtes Gewissen. Vorallem, du hattest ja vorher schon erwähnt, dass deine Kindheit nicht einfach war.” Sie wand ihren Blick ab. “Eigentlich ging es mir gut, ich bin gerne jagen gegangen. Damals zumindest.” Sie schweigt einen Moment. “Ich wollte nicht, dass sowas nochmal passiert. Ich hab meine beste Freundin verloren, nicht tot, aber sie ist…dennoch scheint sie nicht mehr bei uns zu sein. Und dann war da noch. Naja auf jeden Fall hatte ich doch gesagt, ich passe dort draußen auf dich auf, aber ich kam einfach nicht vorbei, das Vieh stellte sich mir immer wieder in den Weg. Ich sah dich dort liegen und konnte einfach nichts dagegen tun. Ich war es nicht die dir das Leben gerettet hat. Die anderen schienen und irgendwie gefunden zu haben. Zum Glück rechtzeitig. Ich war so Dumm und hatte ihnen nicht bescheid gesagt. Dachte mir halt, wird schon gehen, ich hatte einfach nicht darüber nachgedacht.”
Sie sieht seine Verbände hervorblitzen. “Tut es den noch sehr weh? Wie lange wirst du sie noch tragen müssen?” Als er von seinem Stiefvater spricht schaut sie etwas zornig. “Nimm mir das jetzt bitte nicht übel, aber dein Stiefvater ist ein Arsch. Vorallem, wenn er froh ist, was mit dir passiert ist und was er dir angetan hat. So erzieht man keine Kinder und keine Jäger, aber du hast recht, auf die Situationen in die man wirklich kommt, können sie uns nicht vorbereiten.” Emily scheint echt wütend zu sein, aber nicht auf Niels, sondern den Mann den er Vater nennen sollte.
Dann schien Emily etwas abzutriften, sie erinnerte sich wie es war, als sie wieder zu Hause war. Die Ablehnung. Die Blicke von Ihrem Bruder. Sie durfte ihre geliebte kleine Schwester nicht sehen. Nur ihre Mutter hielt zu ihr, macht sie immer noch, unterstützt sie so gut sie konnte, ohne wissen ihres Mannes. Der ebenfalls nicht glaubte, dass seine zweit jüngste Tochter zurück ist. Aber das war nichts im Vergleich was der junge Mann vor ihr durchgemacht hat. Ihre Eltern waren gut zu ihr und ihren Geschwister.

Niels hörte Em aufmerksam zu, als sie von der verlorenen Freundin erzählte. Das klang nicht gut. Das klang verdammt nochmal so richtig beschissen. Fuck. Ob es da irgendeine Möglichkeit, diese Freundin zu finden? Der Verlust schien ihr extrem nahe zu gehen, und er hätte ihr so gerne geholfen. Aber auch wenn sie sagte, dass sie ihm verziehen hatte – zumindest zu einem großen Teil – ob sie jemals wieder mit ihm jagen wollte, würde sich zeigen müssen. Jetzt sprach sie von dem merkwürdigen Tierwesen, das ihr den Weg abgeschnitten hatte. Er hatte später von Bart davon erfahren, dass dieses Wesen sie daran gehindert hatte, rechtzeitig bei ihm zu sein. “Aber du hast es versucht, und allein das zählt. Wie ich bereits sagte, ohne dich wäre es vielleicht noch schlimmer geworden”, meinte er, als sie darauf hinwies, dass sie ihm nicht das Leben gerettet hatte. Tatsächlich war es zur Überraschung aller Flann gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass sie beide hier saßen, schwer verletzt, aber am Leben, und dass Will, Pickett und Willard wieder verhältnismäßig unbeschadet nach Hause hatten zurückkehren können. Will hatte Niels eine lange Mail geschrieben und ihn um Antworten gebeten. Noch wusste Niels nicht, was er Will erzählen sollte und hatte sich mit seinem Krankenhausaufenthalt rausgeredet.
Als sie auf seine Familie zu sprechen kam, spürte er, wie sich alles in ihm zusammenzog. Er fragte sich, was Gustav wohl sagen würde, wenn sie ihm ins Gesicht gesagt hätte, was sie von ihm hielt. Er überlegte, ob er ihr sagen sollte, was der alte Heckler ihm wirklich angetan hatte, doch dann sah er, wie sie innehielt und scheinbar an ihm vorbei sah. Familie schien auch für sie kein gutes Thema zu sein. Verdammt, was war ihr nur zugestoßen?
“Magst du… magst du drüber reden? Über deine Freundin? Deine Familie?”

Als Niels sie anspricht zuckt sie kurz zusammen und reißt sie aus ihren Gedanken.Sie schaut ihn an, erst ein wenig verwirrt, aber fast sich auch gleich wieder.
“Naja, auf jeden Fall ist gut, dass wir uns treffen, wollte dir nämlich nochmal persönlich sagen, dass es mir leid tut.” Dabei lächelt sie Niels an.
“Und jetzt sollten wir es gut sein lassen. Mit unseren Entschuldigungen ist auch keinem geholfen.” Ihr lächeln wird breiter und sie legt den Kopf leicht schief.
Ihr blieb nicht unbemerkt, dass er auf ihre fragen nicht antwortete, aber das war in Ordnung, sie sprach auch nicht gerne über dass was passiert war.
Vielleicht hilft es ja, wenn sie den Anfang machte. Nur nicht hier, wo so viele Menschen waren.
“Hm.” Sie schaut sich um. “Nicht hier, magst du vielleicht etwas “spazieren” gehen. Wo. Hm. Weniger Menschen sind.” Sie blickt ihn fragend an.

“Klar, kein Problem.” Albany war eine schöne Stadt, eine grüne Stadt, und Niels war sowieso lieber im Freien unterwegs. Er rief die Kellnerin herbei und zahlte seinen Kaffee und Emilys Wasser, dann stand er auf. “Nach dir”, meinte er, dann lächelte er. “Dieses Mal.” Sie hatte recht. Es war niemandem geholfen, wenn sie sich dauernd entschuldigten. Sie hatte ihm verziehen, das zählte, sie lebten beide noch, auch das war wichtig, und was noch passiert war – er überlegte, ob er sie einweihen sollte in das, was durch das Feuer wieder in ihm vorging. Was hatte der komische Psychodoc in Seattle noch gesagt? Reden Sie darüber, Mr. Heckler. Sie dürfen nicht verdrängen, was passiert ist. Aber wie konnte man darüber reden, wenn man sich selbst noch immer nicht traute, es richtig auszusprechen? Es in seiner Gänze auszusprechen? Er hatte es selbst gegenüber Ethan nicht zugeben können. Vielleicht war es heute soweit, vielleicht konnte er es wenigstens Emily sagen.
“Es gibt hier in der Nähe einen großen Park, den Tivoli Park. Ich glaube, da können wir uns ungestörter unterhalten”, schlug er vor und öffnete die Tür, um zu seinem Auto zu gehen. “Willst Du mitfahren?”

Emily war froh, nicht dass sie nicht gerne was trinken geht, aber sie mag es einfach nicht, wenn so viel Trubel um sie herum ist und draußen fühlt sie sich einfach viel wohler.
Sie stand auf und ging nach draußen, dort zieht sie sich ihren Mantel über und wartet bis Niels zu ihr aufgeschlossen hat.
“Gerne. Danke übrigens für das Wasser.”
Sie gingen zum Auto und fuhren schweigend zum Park, dieser war fast menschenleer. Sie überlegte wo sie anfangen oder wie weit sie ausholen sollte. Sie wollte Niels nicht langweilen mit ihre Geschichte. Wer weiß, er ist zwar ein Jäger, aber ob er ihr überhaupt glauben würde. Glauben, dass sie es geschafft hat, dass sie nicht lügt.
Sie gingen ein paar Schritte nebeneinander her als sie ansetzt.
“Ich muss dafür etwas weiter ausholen, ich meinem zu verstehen warum ich bin wie ich bin.” Sie blickt zur Seite und muss etwas nach oben schauen um Niels ins Gesicht zu blicken.
“Also.” Dabei blickt sie wieder nach vorn und behält die Umgebung im Auge.
“Ich hatte eine Freundin, sie war damals in meinen Alter, sie war auch aus einer Jägerfamilie. Als ihre Eltern getötet wurden, verschwand sie. Naja, hm,nicht ganz, ich wusste, dass sie den Mörder suchen wollte und habe sie nicht aufgehalten.Dann vor ein paar Wochen, sah ich ich sie zum ersten mal wieder seit dem sie weglief. Sie ist in einer Nervenheilanstalt. Sie redet nicht, erkennt mich nicht, lebt in ihrer kleinen eigenen Welt. Ich war sie nicht mehr Besuchen, weiß auch nicht warum. Ich hatte gehofft, dass sie wieder normal wird, nachdem wir den Geist vernichten haben, der dafür verantwortlich war. Es war ein irrtum.” Sie zuckt mit den Schultern. “Damals hatte ich mein beste Freundin verloren und hatte lange gebraucht bis ich wieder so eine Freundin fand.” Sie überlegte wie sie den Bogen kriegt. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Wenn er jetzt nicht wegläuft oder sie angreift, gibt es vielleicht doch noch Hoffnung für sie. Vielleicht hatte Ethan ja doch recht.
“Ich weiß ja nicht, ob Ethan dir gegenüber irgendwas erzählt hat, aber damals war ich auf der Uni, da wo Ethan Hausmeister ist. Eigentlich war ich nur da wegen meiner Schwester.” Sie lächelt halbherzig.
“Naja, auf jeden Fall sollten Ethan und Felicity ein altes Verbindungshaus untersuchen, welches die Uni geerbt hat. Der Dekan hat gesagt, dass sie unerfahrene Jäger mitnehmen sollten, es wäre nicht gefährlich und daher eine gute Übung…..Pah, von wegen.” Emily schaute wütend zu Boden. Sie schwieg einen Moment, doch dann erzählte sie weiter, ihre Stimme wird leiser. Es fällt ihr sichtlich schwer darüber zu sprechen.
“Dort habe ich dann Eunice kennengelernt und mich gleich mit ihr angefreundet. Sie ist auch mitgekommen, sie war zwar keine Jägerin, aber mutig und tough. Naja, wie auch immer. Jedenfalls war da unter anderen ein Geistermädchen und wollte Eunice mitnehmen. Ich war so dumm, dumm, dumm. Ich hätte es einfach besser wissen müssen. Ich hätte sie aufhalten müssen. Ich war die Jägerin von uns beide.” Sie trat einen kleinen Stein weg. “Eunice packte mich und dann das Geistermädchen. Dann würde es schwarz um uns, plötzlich standen wir mitten im Zwielicht. Mir war erst nicht klar wo wir gelandeten waren, dass kam erst später. Später wurde es mir bewusst, dass wir…wir im….im Purgatory war.” Sie schaute Niels dabei an. Sie suchte Niels Blick, versuchte zu sehen was er denkt, versuchte seine Körperhaltung zu deuten. Dabei zuckte sie wieder mit den Schultern.
“Deshalb fällt es mir so schwer neue Freundschaften zu schließen. Um ehrlich zu sein, habe ich gar keine Freunde, aber es ist ok. Ich glaub es ist besser so.” Dabei spielt sie an ihren Haaren rum.

Niels sah Emily lange an, das Bedürfnis, sie einfach in den Arm zu nehmen, wurde wieder stärker. Aber das würde er nicht tun, je länger er ihr zuhörte, umso klarer wurde ihm, warum sie keine Berührungen zulassen konnte. Niemanden an sich heranlassen. Das Ganze ausklammern. Wenn man nicht darüber nachdachte, dann wurde es nicht wahr. Was sagte man jemandem, der so etwas erlebt hatte? “Kopf hoch, alles wird wieder gut?” Es wurde nicht wieder gut, nie wieder. Anders, ja, aber niemals wieder gut.
“Felicity hat mir nie gesagt, was damals passiert ist”, meinte er jetzt. Im Grunde hatte sie ihm überhaupt nichts gesagt, sie hatte behauptet, dass sie nicht mehr jagen wollte, weil ihre Beziehung zu Lord Alfie wichtiger war, und der gute Lord hatte vom Übernatürlichen keine Ahnung. Niels traute ihm zu, dass er seine Frau eher in eine Anstalt einweisen lassen würde statt anzuerkennen, dass es die Wesen, die sie und ihre Familie bekämpften, wirklich gab. Aber es passte zu Felicity, dass sie die Sache verschwiegen hatte. Wie bei der Geschichte mit Ethan kam sie nicht gut weg dabei, und Niels hatte den Verdacht, dass das ebenfalls ein Grund war. Genau wie sie es mit ihm versucht hatte, als er ihr eröffnet hatte, dass er ihr Bruder war, auch wenn es da Jacobs Bild war, was sie nicht angekratzt wissen wollte.
Als Emily nichts sagte, fuhr Niels fort. “Aber sie und ich, wir kennen uns auch erst seit knapp einem Jahr. Und bis vor kurzem dachte ich auch noch, sie sei meine Cousine.” Er ballte die Faust, bereit, irgendetwas zu schlagen, wie er es immer tat, damit der Schmerz real wurde. “Wir sind Geschwister. Halb-Geschwister, um genau zu sein. Und dieser verdammte Dreckskerl hat es die ganze Zeit gewusst.” Er holte Luft. “Und wahrscheinlich hätte er es gut gefunden, wenn ich dieses Mal endlich verreckt wäre.”

Sie musterte Niels noch eine Weile, aber als er weder anstalten machte sie stehen zu lassen, noch sie anzugreifen beruhigte sie sich wieder etwas.
“Felicity und ich kannte uns nicht wirklich, was sollte sie auch erzählen? Sie hat einige Studenten verloren. Das einer der Studenten gestorben ist. Ich glaube, sowas erzählt man nicht mal so beim Abendbrot.” Emily sticht es im Herz, als sie vom Tod des Studenten spricht. Sie vermisste Jack und machte sie immer noch Vorwürfe, denn eigentlich hat sie seinen Tod zur Verantwortung. Sie seufzte leise und kaum hörbar. “Ich schätze sie hatte ebenso daran zu knabbern wie Ethan.”
Sie nickte als Niels von seinem Stiefvater spricht.
“Du kommst nicht von hier oder? Also aus USA? Wie lange bist du schon hier?” Emily starrte nach vorne.
“Aber das bist du nicht und du kannst es diesem Großkotz zeigen, aus was für ein Holz du geschnitzt bist. Du darfst dich einfach nicht unterkriegen lassen. Ich weiß, es ist nicht einfach. Ich war auch an den Punkt. Der Unterschied ist nur, ich war allein, umgeben von Monstern und den widerlichsten Kreaturen. Du hast hier Freunde, die dir zur Seite stehen.” Dann lächelt sie ihn warm an.

Ich war umgeben von Monstern. Niels schluckte. Ja, sie meinte andere Monster, aber dennoch, er konnte gerade nur an ein Monster denken: An Joseph, wie er ihn festhält, ihn zwingt, das Oberhemd auszuziehen, seine Handgelenke packt und fesselt, viel zu fest, das Seil scheuert die Haut blutig. “Du bist ein Bastard und ein Sodomist, Aaron. Eine Kreatur der Hölle. Und dorthin werden wir dich zurückschicken.”
Als sie von dem toten Studenten sprach, nickte er zustimmend. Dann war Alfie niemals der wahre Grund gewesen, sondern die Tatsache, dass sie dem Jungen nicht hatte helfen können. Aber eine Felicity Heckler hätte sich eher die Zunge abgebissen, als zuzugeben, dass sie etwas nicht geschafft hatte, dass etwas ihre Schuld war. In diesem Punkt waren sie sich überhaupt nicht ähnlich. Aber Felicity war auch nicht in einer Familie aufgewachsen, in der man ihr immer zu verstehen gegeben hatte, dass alles, was sie tat, nicht richtig war. Felicity war Jacobs kleine Prinzessin gewesen. Er war Gustavs und Josephs Punchingball gewesen. Der Gedanke an seine Familie veranlasste ihn dazu, ihre nächste Frage zu beantworten. “Nein, ich bin nicht von hier, meine Familie stammt aus Bayern. Mein Vater… mein richtiger Vater ist vor Jahren nach Amerika gekommen und hat hier Felicitys Mom kennengelernt. Ich bin erst letztes Jahr hierhin gekommen, nachdem mein Freund mich verlassen hat. Naja, ich war es auch irgendwie selber schuld.” Er verzog das Gesicht, als er an Philip dachte. Es war vorbei, er war über ihn hinweg. “Felicity hat mich hierher geholt, damit ich alles hinter mir lassen kann.” Er lachte auf, sein Gespräch mit Ethan an Weihnachten fiel ihm ein.
“Ich wollte kein Jäger mehr sein. Ich wollte alles hinter mir lassen. War eine Spitzenidee. Es ist alles wieder hochgekommen.” Er sah sie an, sie lächelte mitfühlend. “Ich wollte es ihm beweisen. Beweisen, dass ich mehr bin als der kleine Bastard. Total bescheuert, ich weiß, wenn man bedenkt, dass er es war, der mich beinahe umgebracht hat, damals, vor vier Jahren.”

Sie zog eine Augenbraue hoch. “Bayern? Liegt in Deutschland oder? Dafür sprichst du schon ziemlich gut amerikanisch. Ist nen ziemlich weiter weg.” Sie dachte nach und konnte sich nicht vorstellen, den Kontinent zu wechseln. Egal was kommen mag.
“Dass tut mir leid mit deinem Freund. Aber du solltest dir abgewöhnen, dir für alles die Schuld geben. Nutze die Kraft für was sinnvolles” Sie schmunzelte etwas, bei dem was sie sagte. Anderen gute Ratschläge geben ist irgendwie ironisch, wo sie sich doch selbst nicht daran hält und für alles was schief läuft sich die Schuld gibt. Aber es war irgendwie schön hier mit Niels durch den Park gehen, unbeschwert, einmal nicht daran denken wielange sie fort war, wie sie ständig, um ihr Leben gekämpft hat. Sie genoss diese kurzen Momente, dennoch behielt sie ihre Umgebung im Auge, dass kleinste Geräusch ließ sie erneut anspannen. Sie schaffte es nicht, diese Marotte abzulegen, aber vielleicht war es auch besser so.
“Was würdest du statt dessen machen wollen?” sie sah ihn fragend an. Ja an den Punkt war sie auch und musste dann feststellen, dass sich eigentlich nichts anderes konnte als Jagen.
“Du hattest schon gesagt, dass deine Familie alles andere als harmonisch war. Ist das normal bei euch? Also in Deutschland? Es tut mir leid. Ich hoffe, dass es dir hier besser geht.” Sie war wütend, warum tun Leute ihren Kindern sowas an. Es gibt genug echte Monster. Familie sollte da sein, um sich geborgen und wohl zu fühlen. Sie überlegte, ob seine Familie vielleicht besessen oder so wäre, anderes konnte sie sich das Verhalten nicht erklären.
Plötzlich dachte sie an ihrer kleinen Schwester, die sie nicht mehr sehen durfte und es schmerzte sie. An ihrer “Flucht” von zu Hause. Den hasserfüllten Blick von Liam. Zugegeben eine Bilderbuchfamilie waren sie vielleicht nicht, aber sie sind immer gut ausgekommen und hatten fast alle Freiheiten. Wenn ihre Mutter nicht wäre, hätte Emily es jetzt deutlich schwerer, aber dennoch hatte sie Emily gewarnt nicht wieder nach Hause zu kommen, zumindest erstmal nicht. Es tat weh, als sie an ihrer Familie dachte, auch wenn ihre Geschwister häufig keine Zeit hatten, hat sie sie geliebt.

Niels schüttelte den Kopf. “Nein, es ist auch in Deutschland verboten, seine Kinder in den Keller zu sperren und sie zu schlagen, auch wenn es nicht die eigenen Kinder sind. Und es ist nicht verboten, schwul zu sein. Leider gilt für meinen Stiefvater nur das, was in der Bibel steht, und da hat er gelesen, dass man Männer, die Männer lieben, umbringen darf. Oder zumindest versuchen, es ihnen durch einen Exorzismus auszutreiben.” Er spürte, wie die Wut in ihm wieder stärker wurde. Warum hatte er sich damals nicht gewehrt? Um Hilfe gerufen? Hätte seine Mutter ihm geholfen? Oder Benedikt? Wie oft war er diese Möglichkeiten im Kopf durchgegangen, hatte sich vorgestellt, dass er es geschafft hatte, ihnen zu entkommen oder sich zu wehren. Anfangs hatte er sich gefragt, ob alles seine Schuld gewesen war, aber inzwischen wusste er, dass er an vielen Dingen schuld hatte, aber sicher nicht daran, was die beiden ihm angetan hatten.
“Ich wollte Künstler sein. Zeichner. Das ist mein Ding. Und ich will es immer noch.” Er sah auf seine Hände, die inzwischen ohne Verbände waren, die Haut war rot und frisch, und der Arzt hatte ihm gesagt, dass er sie wie gewohnt benutzen sollte, auch wenn es schmerzte. Er hatte bereits gezeichnet, aber es war ihm noch nicht wirklich gelungen, wieder etwas ordentliches zu Papier zu bringen. Vielleicht lag es auch an seiner seelischen Verfassung, er wusste es nicht. Aber für den Fall, dass ihm etwas einfiel, hatte er Stift und Papier griffbereit.
Jetzt sah er zu Emily herüber und lächelte. “Nicht meine Schuld, hm? Ich glaube, diesmal schon. Ich hab eine andere geküsst.” Er lächelte schief. “Das erste und einzige Mal, dass ich eine Frau geküsst habe.” Dann überlegte er und dachte an Ethan, der ihn aufgenommen hatte, an Bart, an Irene, und auch an Flann. Ja, er hatte Freunde. Menschen, denen es nicht egal war, dass er beinahe gestorben war, und die ihm nicht die Schuld dafür gaben, dass er unüberlegt gehandelt hatte, dass er der war, der er war.
Er musterte sie, ihre dunklen Haare, die grünen Augen, die wachsam versuchten, alles zu erfassen. Sie erinnerte ihn damit ein wenig an ein wildes Tier, das wieder in Freiheit war, aber immer noch nicht glauben konnte, dass ihm jetzt nichts mehr passierte. “Wir sind beide nicht schuld an dem, was passiert ist. Du bist nicht schuld an Eunice’ Verschwinden, du hast getan, was du konntest. Zumindest klingt das für mich danach. Du bist nicht schuld, dass ich fast draufgegangen bin. Das hab ich schon ganz gut alleine hinbekommen. Aber verdammt, wenn du irgendjemandem die Schuld an der Sache mit Eunice geben willst, gib sie der Verbindung, gib sie diesem merkwürdigen Geistermädchen, oder gib sie von mir aus auch Felicity. Aber gib sie verdammt nochmal nicht dir. Du wolltest Eunice helfen. Du hast getan, was du konntest, aber manchmal ist das… Andere stärker als wir.” Sie waren zu zweit gewesen, sie waren älter und stärker als er gewesen. “Wir sollten beide nach vorne sehen. Du und ich, wir sind durch die Hölle gegangen – du sogar wortwörtlich. Wir haben das überlebt, wir waren am Ende die Stärkeren. Was kann uns noch passieren?” Er sah sie mit einem ermutigenden Lächeln an. “Und was die Freunde angeht… du hast Freunde. Bart, Ethan… du und ich, wir sind durchs Feuer gegangen. Wenn das nicht zusammenschweißt, dann weiß ich auch nicht.” Er lächelte unsicher. “Ich glaube, das ist die Stelle, wo ich dich umarmen sollte. Aber ich respektiere, dass du das nicht willst, und mir tut es wahrscheinlich immer noch weh. Würdest du… würdest du mir vielleicht die Hand geben?” Er machte eine Pause. “Und… darf ich dich zeichnen?”

“Hm, verstehe.” Ihr tat Niels ihr leid. Er schien eine richtig üble Kindheit gehabt zu haben. Sie seufzte, dass es noch Leute gibt, die denken schwul sein wäre verboten oder eine Krankheit, ging einfach nicht in ihrem Kopf.
Wut stieg in ihr hoch, das Leben eines Jägers ist schon schwer genug, warum mussten es dann die unseren sein, die es noch schwerer machten.
Emily sprach mehr zu sich selbst als zu Niels. “Ein Fanatiker, na toll.”
Sie schaute Niels an, musterte ihn etwas. “Nur weil du nicht auf Frauen stehst? War er so gottesfürchtig oder war es eher eine Ausrede? Mich macht sowas unglaublich wütend.” Emily schien nicht wirklich eine Antwort zu erwarten. “Deinen Stiefvater sollte man wegsperren oder selbst mal verprügeln. Er ist ja noch ein größerer Arsch als ich dachte.”
Sie dachte daran wie sie auf dem Stuhl gefesselt war. Wie ihr Vater und Bruder ihr zu setzten. Obwohl es Niels sehr viel schwerer hatte als sie, fühlte sie sich ein wenig mit ihm verbunden.
“Künstler?” Sie schien etwas überrascht. “Klingt cool. Was hält dich davon ab? Warum besuchst du nicht die Uni und erfüllst deinen Traum?” Sich lachte auf, dann biss sie sich auf die Unterlippe. Wieder ein Fettnäpfchen, nein ein ganzer See. Sie sollte echt erstmal nachdenken, bevor sie spricht. Dann fragte sie leise. “Ich meine, wenn deine Hände wieder in Ordnung sind. Sie heilen doch wieder vollständig oder?”
Sie sah ihn mitleidig an, Niels hatte ein ganz schönes Päckchen zu tragen, aber dafür macht er sich ganz gut wie sie fand. Und verkorkst waren sie alle.
“Eine Frau? Wie dass? Jetzt bin ich verwirrt. Ich dachte, du wärst schwul?” Ihre Stimme klang verwundert, aber freundlich und mit ehrlichem Interesse.
“Ich glaube, dass dann schon vorher was nicht stimmte, es ist nicht schön, aber ich glaube sowas übersteht eine Beziehung üblicherweise, vor allem wenn es noch eine Frau war.” Sie schwieg einen Moment. Dann stutzte sie einen Augenblick “T’schuldigung. Du musst natürlich nicht darauf antworten. Es geht mich ja eigentlich nichts an.”
Sie schloss die Augen, dachte an Eunice und ihr Herz wurde schwer. Sie atmete tief durch. “Irgendwie bin schon schuld. Ich hätte aufpassen müssen, sie nicht aus den Augen lassen. Ich war doch verantwortlich für sie. Ich hatte lange Zeit darüber nachzudenken und ja ich gab Felicity und Ethan und auch dem Dekan die Schuld, aber wie gesagt, wenn man viel Zeit hat, dann kommt die Erkenntnis. Ich hätte Eunice davon abhalten können und habe es nicht getan.”
Dann stimmte sie ihm zu.
“Aber du hast recht, nach vorne schauen ist gut und die meiste Zeit versuche ich das auch. Aber ganz ehrlich, das Leben auf dieser Seite ist sehr viel komplizierter als dort. Sich hier zu recht zu finden fällt mir unheimlich schwer.” Sie zuckte mit den Schultern. “Aber ich werde niemals aufgeben, dass kann ich dir versichern.” Sie erwidert das Lächeln zögerlich und blickte ihn in seine dunkelblauen Augen.
“Versteh mich nicht falsch. Ich mag dich und auch Bart, Ethan und die anderen den ich über den weg gelaufen bin, aber das hat für mich nicht viel mit Freundschaft zu tun. Es ist eher mitteln zum zweck. Tut mir leid. Aber du hast auf jeden Fall recht, ich würde wieder mit dir Jagen gehen wollen.”
Sie wich ein Stück zurück und schien abzuwägen, sie war verunsichert. Andererseits hatte sie Bart und Ethan berührt und es ist nichts passiert, dann war es wahrscheinlich auch ungefährlich Niels die Hand zugeben. Zögerlich hielt sie ihm die Hand hin.
Dann antwortete sie auf seine Frage. “Mich zeichnen? Wenn du magst.”

Niels seufzte und schob seine Mütze aus dem Gesicht, so dass seine Haare zum Vorschein kamen. Wenigstens war bei seiner Frisur und Haarlänge nicht aufgefallen, dass sie verbrannt waren, aber die kurzen Haare hatten ihm zusätzlich das Gefühl gegeben, dass es die letzten vier Jahre nicht gegeben hatte. Dann nahm er Ems Hand, vorsichtig, keinen Druck ausübend, er ließ sie gleich wieder los. “Wenn du uns gerade als Mittel zum Zweck siehst, ist das ok. Es wird der Tag kommen, da wird das anders sein, das kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen. Ich habe keine Ahnung, was man machen muss, und wie das geht, aber ich weiß, dass es so ist.” Er dachte an Ethan und das Haus in New York. Lange ging es ihm auch noch nicht so, dass er von Menschen wieder als “Freunden” dachte. Richtige Freunde, keine College-Bekanntschaften, die die Hälfte von dem, was ihn ausmachte, nicht kannten. “Eins kann ich dir aber versprechen: Du bist nicht alleine. Nicht mehr. Das ist hoffentlich für immer vorbei.”
Er zog seinen Block und einen Stift aus der Tasche und begann, Emily zu zeichnen.

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