Mädchenkram - Supernatural

The Fungus and the Witch
aus Barrys Tagebuch

Ich hatte mir ja fest vorgenommen, bis zur Geburt der Kaulquappe zu Hause zu bleiben. Nichts würde mich davon abhalten, jede Sekunde davon mitzubekommen… nichts, außer meiner Frau. Der ging ich offenbar mit meiner Nervosität und meinen guten Ratschlägen auf die Nerven. Zugegeben: Die Sache mit dem Gemüseshake war übertrieben.

Also erzählte sie mir, da gäbe es ein Problem, und ich müsse los, um es zu lösen. Sonst würde sie sich dauernd Sorgen machen, und das wäre ja auch nicht gut fürs Kind. Irgendwo in Colorado waren sieben Holzfäller innerhalb von vier Monaten von Bäumen erschlagen worden, da steckte bestimmt etwas dahinter. Bevor ich sie auslachen konnte, fügte sie hinzu, dass da schon seit Jahren immer wieder Kinder verschwinden. Nicht viele, nicht so, dass es wirklich auffällt, aber regelmäßig. Und die Papierfabrik wäre auch abgebrannt.

Na gut, Kinder verschwunden. Vielleicht könnte das ja Ethan machen? Das musste doch nicht ausgerechnet jetzt… Nein, erklärte Tam kategorisch, Ethan wohnte viel zu weit weg und überhaupt war er ja auch kein Detektiv. So wie ich. Zu dem Zeitpunkt wurde mir dann klar, dass sie mal ein bisschen Ruhe haben wollte. Die Schwangerschaft war bisher ja soweit gut verlaufen, der Termin lag eine Woche in der Zukunft und bei der letzten Untersuchung hatte sich die Kaulquappe noch viel zu aktiv bewegt.

Ich nahm Tam das Versprechen ab, mich in der Sekunde anzurufen, in der es losging. Sie nickte, packte mir noch ein Extra-Magazin für die Glock in die Tasche und schob mich aus der Tür. Großartig. Nie wieder Gemüseshakes.

Samstagvormittag kam ich schließlich in Crested Butte, Colorado, an. Ein Touristennest, Skifahrer, Wanderer und so weiter. Zwischensaison – zu warm zum Skifahren, zu wechselhaft zum Wandern. Immerhin, das Hotel war billig.
Im Secret Stash traf ich Ally. Die freute sich regelrecht, mich zu sehen. Ich war ein bisschen überrascht, ehrlich gesagt, aber gut. Sie war wegen der ganzen Vorfälle in der letzten Zeit hier. Während wir gerade Pizza bestellten (großartige Auswahl, ich hatte eine Pizza mit Feigen drauf), kam Ethan durch die Tür. Ich schüttelte den Kopf. Soviel zu „Vermont ist ja viel zu weit weg“. Das nächste Mal rufe ich ihn einfach an.
Ally senkte verlegen den Kopf, als sie Ethan sah. War das noch wegen der Geschichte mit den Büchern in Giffanyhausen? Er reagierte jedenfalls nicht drauf.

Ethan war von seiner Verbindung geschickt worden. Die hatten wohl Aktien bei der Papierfabrik. Oder so. Ich frage mich ja, warum die in Stuttgart kein Chapter House haben. Da sind doch sonst haufenweise Verbindungen, die sich mit übernatürlichem Kram beschäftigen. Oder haben die eins und Ethan hat das nicht erwähnt?
War aber im Augenblick egal. Als erstes machten wir uns auf den Weg zum Sheriff, um mehr über die verschwundenen Kinder herauszufinden. Lief am Anfang ganz gut: Er erzählte, dass die Kinder größtenteils zu Touristen gehörten und im Wald verschwunden waren. Alle jünger als zehn. Pro Jahr vielleicht eins, aber das ging schon seit mindestens 30 Jahren so. Es würden aber auch Erwachsene verschwinden. Gab ja ziemlich viele Wälder hier. Wir bohrten ein bisschen nach und fanden heraus, dass alle Kinder grob in der Gegend zwischen Crested Butte und dem Peanut Lake verschwunden waren.
Der Sheriff erzählte uns, dass es 1920 ein starkes Erdbeben um den See gegeben hatte. So stark, dass sich ein kleiner Tsunami bildete, der die Stadt überflutete. Häuser wurden weggerissen, Menschen starben. Schlimme Sache.

Ally fragte ihn nach den Holzfällern. Die waren von morschen Bäumen erschlagen worden. Lag vermutlich an einem Pilz, der sie von innen aushöhlen würde. Hoffentlich, meinte der Sheriff, war es kein Dunkler Hallimasch wie in Malheur, Oregon. Armillaria solidipes. Größtes Lebewesen der Welt, und die Pest in Tüten, weil dann der Baumbestand nicht sicher wäre. Blöd für Holzfäller, blöd für Wanderer.

Klang aber weitgehend natürlich, also zurück zu den Kindern. Langsam wurde klar, dass der Sheriff uns irgendwas verschwieg. Ich hatte keine Lust, um den heißen Brei herumzureden, also erklärte ich ihm direkt, dass er uns alles erzählen solle. Sonst würden vielleicht andere kommen, die er nicht einfach so wegschicken konnte.
Er wurde aggressiv. Meinte, wir sollten verschwinden, und wüssten wir nicht, wer er wäre, und überhaupt. Immerhin hat er nicht versucht, weiter zu lügen.

Nächste Station war das Museum. Ally verwickelte die Angestellte in ein längeres Gespräch über lokale Legenden und hörte ziemlich viel über die „Weise Frau vom See“, die hier in der Gegend umgehen sollte. Manchmal tat sie Gutes, manchmal Schlechtes, half Leuten, verfluchte Leute. So eine Art Rübezahl. Von den Ute, die hier in der Gegend gelebt haben, wusste die Frau nicht viel, aber der Bürgermeister war Historiker und hatte ein Buch geschrieben. Das nahm ich mit.
Ethan schaute sich erst mal die Exponate an, darunter auch Luftbilder. Die Gegend zwischen dem Ort und dem Peanut Lake zeigte immer noch Spuren des schweren Erdbebens – das Grün des Waldes war dunkler und dichter als in der weiteren Umgebung.

Bei den Bildern aus der Stadt fand er schließlich einen entscheidenden Hinweis: Auf keinem einzigen Bild war ein Kind abgebildet. Und wir hatten bisher in ganz Crested Butte noch kein Kind gesehen. Teenager, ja, aber Schulkinder, Krabbelkinder oder Säuglinge? Fehlanzeige.

Seltsam. Wir schlenderten ein bisschen durch die Straßen, fanden die Schule. Dort eine Notiz: Alle Schüler waren auf einem Ausflug nach Montana. Der Kindergarten, direkt nebendran: Gleiche Notiz. Schulausflug, okay, das passierte. Normalerweise nicht mit der ganzen Schule, allerdings war die hier ziemlich klein. Aber der Kindergarten? Da gab es vielleicht mal einen Ausflug in den Zoo, aber keine zwei Wochen in einen anderen Bundesstaat.

Zwei Blocks von der Schule entfernt sahen wir eine ganze Zeile Läden – hauptsächlich Touristenkram. Die meisten hatten wegen Geschäftsaufgabe geschlossen oder standen kurz davor. Wir fanden ein Fahrradgeschäft, dessen Besitzer gerade dabei war, zusammen zu packen. Der erzählte uns, ja, die Kinder waren alle weggefahren, was für eine gute Idee. Er gab sein Geschäft wegen des Klimawandels auf – das Wetter war ja so unzuverlässig, und die Touristen hatten eh alle GPS-Geräte und brauchten seine Karten nicht. Ethan nickte kräftig und kaufte mit glänzenden Augen gleich einen ganzen Packen Karten.
Aber hier stimmte irgendwas nicht, und das sagte ich dem Mann. Er wurde nervös. Ich stellte mehr Fragen, Ethan auch (immer genau dann, wenn der Fahrradhändler noch dabei war, über die Antwort auf meine Frage nachzudenken – offenbar war bei ihm in der Giffanywelt ein Damm gebrochen). Schließlich bekamen wir heraus, dass wir besser mit Vater Wen sprechen sollten. Der hatte die Ausflüge organisiert.

Während wir zur Kirche gingen, bat ich Ethan, doch bitte abzuwarten, bis die Leute geantwortet hatten, bevor er eine neue Frage stellte. Er reagierte ein bisschen eingeschnappt, meinte, jetzt würde er mal reden und dann war es auch nicht richtig. Dann würde er es halt lassen. Hat noch gefehlt, dass er aufstampft.
Okay. Ich atmete durch. Ethan war ein erwachsener Mann, und es brachte nichts, wenn ich auf seinen Kommunikationsproblemen rumhackte. Nein, sagte ich, war schon gut, dass er geredet hat. Sollte nur ab und zu mal abwarten. Aber beim Priester könnte er gern das Gespräch führen. Er murmelte etwas von „für Artie“ und nickte grimmig.

Der Priester war Asiate, Jesuit. Der wollte erst mal nicht recht mit der Sprache raus. Traute uns nicht. Wollte wissen, warum wir hier waren. Ally überzeugte ihn, dass wir den Kindern helfen wollten und an Übernatürliches glaubten. Ethan erzählte etwas von Dekan Thomas Brimley, der ihn geschickt hätte. Bei einer Tasse Tee, die außer Vater Wen keiner anrührte, erzählte der Priester uns, dass er die Kinder weggeschickt hätte, weil sie in Gefahr waren. Die Weise Frau vom See war eine Hexe, der ab und zu mal ein Kind geopfert werden müsste, damit es dem Ort gut geht. Dahinter steckten Bürgermeister und Sheriff – bei Stadtgründung wurde ein Pakt mit der Hexe geschlossen, und die beiden arbeiteten daran, ihn zu erhalten. Das letzte Mal, als das nicht gemacht wurde, gab es das Erdbeben mit dem Tsunami und den vielen Toten.

Über die Hexe wusste er nicht viel. Angeblich konnte sie durch die Erde schwimmen und überall gleichzeitig sein. Er hatte keine Ahnung, ob das eine menschliche Hexe oder ein Naturgeist war. Jedenfalls wäre es jetzt wieder an der Zeit für ein Opfer – möglicherweise waren die toten Holzfäller schon erste Warnschüsse.

Unser nächstes Ziel war der Bürgermeister. Unterwegs wurden wir allerdings abgelenkt: Vor einer Pension hielt ein Auto aus Kalifornien. Ehepaar mit einem kleinen Kind. Das Mädchen sah krank aus, hatte einen Tropf im Arm. Das konnte ich nicht lassen. Ich konfrontierte die beiden. Sagte ihnen, dass ihr Kind nicht sicher war. Der Vater reagierte heftig: Was ich denn wollte, das hier wäre ihre letzte Chance, ihrer Tochter zu helfen. Es sollte hier angeblich eine Wunderheilerin geben, die vielleicht etwas tun konnte. Verdammt.
Ally schaute sich die Website der Wunderheilerin an. War eine brandneue Seite, nur wenige Wochen alt. Entstand ungefähr zu der Zeit, als Vater Wen angefangen hatte, den Schulausflug zu organisieren. Sogar ein Hilfsfonds wurde den Eltern zur Verfügung gestellt. So langsam wurde mir kalt vor Wut. Was für ein perfides Spiel mit der Verzweiflung dieser Menschen.

Etliche Leute beobachteten unser Gespräch mit den Leuten. Einige waren besorgt, fast ärgerlich, aber andere nicken beifällig. Offenbar waren nicht alle einverstanden mit dem, was hier passierte. Ethan und Ally machten sich auf den Weg, um Vater Wen zu holen. Der sollte aufpassen, dass dem Kind nichts geschah. Während sie unterwegs waren, beobachtete ich, wie die Leute von Crested Butte anfingen, zu diskutieren. Wie mehr Leute dazu kamen. Aber bisher keine Gewalt.

Schließlich tauchte Vater Wen auf, redete mit den Einheimischen und organisierte einen Wachtrupp für das Kind. Gut. Dann konnten wir jetzt zum Bürgermeister gehen.
Der unterhielt sich gerade mit dem Sheriff. Eine Ausrede, was wir von ihm wollten, konnten wir uns sparen – er lud uns sofort zu sich ins Büro ein. Dann erklärte er uns, dass er ja auch nicht gern Kinder entführte und einer Hexe opferte, aber was sollte er denn tun? Wegziehen wäre doch keine Option, da würde man ja so viel zurücklassen. Dann schon lieber ab und zu mal ein Kind ermorden. Fiel ihm ja auch nicht leicht. Zu diesem Geseier machte er ein betrübtes Gesicht. Als wäre er auch nur ein Opfer der bösen Hexe.

Wenn nicht so viele Leute gesehen hätten, dass wir hier waren, hätte ich ihn in diesem Moment erschossen.

Dann maulte er uns an, wir hätten ja wohl auch keine Lösung für die Situation. Er hätte ja schon mit solchen schlauen Leuten wie uns gerechnet, und wenn wir mal eine bessere Idee hätten, dann her damit. Ich schluckte meine Wut herunter. Brachte nichts, ihn jetzt anzugreifen. Vielleicht dachte er ja wirklich, er hätte irgendwie das Richtige getan. Arschloch.

Ally hatte währenddessen im Internet recherchiert und eine Legende über eine Hexe gefunden, die irgendwie an ein Buch über die Erde (oder das Buch der Erde?) herangekommen war und Kinder verlangte. Vom Buch wusste der Bürgermeister nichts, aber die Hexe hätte sich mit dem Pilz verbunden. Was sie mit den Kindern wollte? Keine Ahnung. Er hatte sie nur entführt und im Wald irgendwo hingelegt.

Großartiger Typ. Der würde das hier nicht lange überleben, wenn es mich nicht selbst erwischte.

Beratung. Wenn es eine Hexe war, sagte ich, wäre sie noch ein Mensch. Menschen kann man erschießen. Ally sah mich groß an. Erschießen? Echt jetzt? Was denn sonst, fragte ich. Vielleicht, meinte sie zögernd, könnten wir ja einen Dämon… der sie dann in die Hölle zieht… Und was wäre der Unterschied, wollte ich wissen. Darauf hatte sie keine Antwort.

Ethan erwähnte Vertrautentiere. Wären mit Hexen verbunden. Stirbt das Tier, schadet das der Hexe. Fing an, von mörderischen Hexen in Kalifornien zu erzählen, mit denen er sich angelegt hatte. Irgendwas mit Saitou, der erst handfeste Beweise wollte, dann war Ethan losgegangen und hatte nicht Beweise gesucht, sondern die Tiere umgebracht. Die Hexen starben auch, aber nur, weil sie ihr Leben unnatürlich verlängert hatten. Sonst, meinte Ethan, wären die noch Menschen gewesen und nicht gestorben. Schien ihm wichtig zu sein.

Wenn ich so darüber nachdenke: Vielleicht hatte er den alten Mann im Holzhaus deswegen nicht erschossen. Ich dachte damals, er hätte den aus Gerechtigkeitsgefühl oder vielleicht sogar Grausamkeit den Krähen vorgeworfen, aber vielleicht wollte er einfach keinen Menschen töten. Tam hat das auch nie gemacht, außer einmal, und sie hatte Probleme damit. Großartig. Aber gut zu wissen.

Wir wussten aber immer noch nicht, ob das überhaupt eine Hexe war oder ein Naturgeist. Allerdings fand Ally heraus, dass es über die Gegend hier keine Legenden der Ute gab. Und es gab viele Ute-Legenden in Colorado, nur eben hier nicht.
Ethan meinte, ob ich nicht vielleicht einen Ute kenne. Klar, wir Indianer kennen uns ja alle untereinander. Mann. Trotzdem, er hatte ja recht, also rief ich Bill Forrester an und fragte ihn. Musste ein bisschen warten, erfuhr aber, dass vor langer Zeit eine böse Zauberin von jenseits der See gekommen war, deren Herz in der Erde schlug. Gewitter erzeugen konnte sie auch. Eigentlich vermied sein Stamm die Gegend, aber eine Gruppe schloss einen Handel mit ihr ab und lebte eine Weile beim Peanut Lake. Irgendwann reichte es ihnen aber, und sie kündigten den Handel auf – dazu zog jeder von ihnen einen jungen Baum aus der Erde. Gut bekommen war ihnen das aber nicht.

Das klang tatsächlich nach einer Hexe. Ethan meinte, er hätte mal etwas von mächtigen Büchern der Hexenkunst gehört – falls das so eins war, wäre die Hexe hier extrem gefährlich. Vermutlich auch nicht so leicht zu erschießen. Schade.
Aber vielleicht kamen wir an den Pilz heran. Ethan murmelte etwas von Würmern, wollte das aber nicht weiter ausführen. Also blieb Fungizid. Würde der Gegend nicht gut tun, aber besser als der Hexenpilz vermutlich allemal.

Vater Wen kannte ein paar Leute vom Sägewerk, die uns ein Dutzend Kanister Phyton-27 besorgen konnten, richtig aggressives Zeug. Der Bürgermeister, der den Plan mitbekommen hatte, wollte die Stadt lieber evakuieren. Er wirkte erleichtert, dass er mal kein Kind ermorden musste. Was für ein netter Kerl.

Unser Angriffspunkt war die Insel im Peanut Lake. Es war schon Nacht, als wir dort ankamen, und die Fruchtkörper der Pilze leuchteten in der Dunkelheit. Biolumineszenz. Immer gut, das Wort dafür zu wissen. Macht es weniger fremd.
Wir waren richtig: Je näher wir kamen, desto heller wurde es. Die ganze Insel schillerte grün, auch der einsame Baum, der in der Mitte stand. Im Pilzlicht sah er aus wie eine bucklige Menschengestalt.

Als wir mit unserem Faltboot auf der Insel anlegten, packte Ethan wortlos seinen Klappspaten aus und grub ein Loch. Unter Fruchtkörpern und Erde kam das Myzelgeflecht zum Vorschein. Wir kippten einen Kanister Fungizid drauf. Unmittelbare Reaktion: Das Geflecht fing an zu pochen. Gut.
Danach wandten wir uns dem Baum zu. Der war morsch, völlig zerfressen von dem Pilz. Ethan und ich rissen ihn ohne große Anstrengung um. Unter den Wurzeln kam ein dichtes Geflecht zum Vorschein, das wir zunächst mit Phyton-27 tränkten, dann herausschnitten und noch mal mit Fungizid begossen. Aus dem Pochen wurde ein ungleichmäßiges Zucken, das über die ganze Insel lief. Im See bildeten sich erste Wellen.

Am Ufer entdeckte Ally durch die Kamera ihres Handys die Gestalt einer Frau mit einer Steintafel im Arm. Nur kurz stand sie da, flackerte dann und verschwand wieder. Wir sahen sie danach noch ein paar Mal, auch ohne Kamera. Ich schoss einmal auf die Steintafel, aber sie verschwand sofort wieder. Meine Kugel traf nur einen Baum.

Wir kippten noch ein paar weitere Kanister über die Pilze auf der Insel. Das Zucken wurde stärker, die Wellen höher. Auf der Insel hatten wir getan, was wir konnten – es wurde Zeit, uns in Sicherheit zu bringen. Ich spießte das Pilzherz auf meinen Haken. Konnte vielleicht noch nützlich sein. Dann ab ins Boot, Ethan ruderte. Die Wellen waren aufgewühlt und zuckten im Takt mit dem Pochen des Pilzes.
Auf der halben Strecke verlor Ally den Halt und stürzte ins Wasser. Ich konnte sie mit dem Haken gerade noch packen, musste dafür aber das Herz abschütteln. Es fiel ins Boot und begann sofort, Streben und Haut des Faltboots zu zerfressen. Ally schüttete Phyton-27 darüber, und der Pilz zerfiel. Unserer Bootshaut bekam das ätzende Zeug vermutlich auch nicht so richtig gut, aber wir hatten es ja nicht weit.

Kurz vor dem Ufer wurden wir von einer starken Welle erfasst und gegen einen Baum geschleudert. Ethan knallte mit dem Schädel gegen den leuchtenden Stamm, Ally prellte sich die Schulter. Ich landete auf der Seite mit den fast verheilten Schnitten aus Tenkiller, schrammte ein Stück über den Boden und riss die Wunden wieder auf. Spitze. Aber wir waren an Land.
Ich und Ally rannten los, weg vom See. Über der Insel zogen sich dunkle Wolken zusammen, Blitze zuckten. Kein Donner. Nach einigen Schritten merkte ich, dass Ethan fehlte. Als ich zurückschaute, sah ich, dass er desorientiert auf einen hell glimmenden Baum zu schwankte. Ich rannte los, zog meine Pistole. Schoss. Warnschuss neben ihn, um ihn zur Besinnung zu bringen. Gut gezielt, aber da fiel der Baum schon. Ich rammte Ethan zur Seite, stolperte. Bekam ein paar Äste ab, als der Baum neben mir zu Boden knallte. Nur ein paar Kratzer.
Aber ich lag auf dem Boden, bedeckt von Ästen und Pilzen. Rasend schnell griff etwas nach meinen Füßen, meinen Beinen und versuchte, mich unter die Erde zu ziehen. Ethan packte mich unter den Achseln und zerrte mich raus, stolperte dabei über eine Wurzel. Blieb auf den Beinen, hinkte danach aber.

Weiter den Hang hoch. Der See lag in einer Bodensenke, es ging nur nach oben. Über der Insel bildete sich eine Wasserhose. Wir rannten. Ally verlor ihr Handy, Ethan musste sein Gewehr fallen lassen, als uns eine Lawine aus Geröll und Schutt traf. Der letzte Kanister Phyton-27, den ich an der Seite trug, wurde von einem Ast getroffen und platzte auf. Ergoss sich über mich. Egal. Weiter.
Wir kamen oben an. Liefen zu unseren Autos, so schnell wir konnten. Hinter uns das Grollen eines Erdbebens und das Geräusch von hohen Wellen. Ethan fuhr nach Crested Butte, so schnell er konnte.

Die Stadt war schon ziemlich leer. Etliche Leute standen noch auf der Straße, vom Gewitter nach draußen getrieben. Wir packten so viele wie möglich in unsere Autos und fuhren sie weg. Fuhren zurück, sobald wir meinten, sie weit genug weg gefahren zu haben. Sammelten noch ein paar ein. Andere fuhren selbst.
Schließlich eine letzte Tour, hupend durch die Straßen, um den letzten Starrkopf aus seinem Haus zu treiben. Im Norden war die Wasserhose im Schein der Blitze sichtbar. Fanden noch ein paar, und dann weg von Crested Butte.

Nächster Ort war Gunnison. Kurz noch Kontakt zu Vater Wen: Der war weggekommen. Hoffte, dass der Schaden am Pilz die Hexe geschwächt hatte. Wollte jedenfalls ein Auge auf die Situation haben.
Danach zum Walmart, Waschräume. Kurz halbwegs säubern und umziehen. Ich roch immer noch nach Phyton-27. Dachte nicht weiter drüber nach. Grober Verband, dann zu Mochas Drive Thru Coffee House. Hatte vegane Optionen. Schien Ally zu gefallen.

Wir redeten noch. Darüber, dass wir wiederkommen wollten, um nach dem Rechten zu sehen. Vielleicht noch ein bisschen Fungizid auf die Insel kippen. Und Ausschau nach dem Buch der Erde halten, falls das die Steintafel war. Ich warnte die anderen beiden, vielleicht nicht so viel über das Buch zu reden. Das war jetzt schon in den falschen Händen, aber… das konnte mit Sicherheit noch viel, viel schlimmer werden.
Ally nickte ernsthaft. Ein bisschen was über ihre Erlebnisse wollte sie trotzdem schreiben. Bot uns ihre Hilfe an, wenn wir mal Unterstützung brauchen. Auch wenn sie nicht so gut darin war, jemanden zu erschießen. Wenn sie Probleme hätte, die erschossen werden müssten, dann könnte sie sich gern an mich wenden, sagte ich. Sie meinte unglücklich, es wäre ihr lieber, wenn niemand erschossen werden würde.

Der Bürgermeister, sagte ich dann. Der hatte Kinder ermordet. Vielleicht könnten wir ja Agent Saitou auf ihn ansetzen? Müsste doch irgendwo Beweise geben. Ethan murmelte, ich solle ihn nicht erwähnen, wenn ich beim FBI anrief. Hatte ich auch nicht vor.

Noch eine Idee: Vielleicht konnten wir die Geister der Ermordeten auf die Hexe hetzen? Sollten wir mal in Hinterkopf behalten. Im Moment waren wir nicht fit genug für eine zweite Runde mit der Weisen Frau.
Danach wollte ich aufbrechen. Fragte Ethan noch wegen des Baumhauses. Ja, klar, sagte er. Könnte er schon machen. Hatte glasige Augen, und ich erinnerte mich, wie er mit dem Kopf gegen den Baum geprallt war. Fahr besser noch nicht, sagte ich ihm. Du hast eine Gehirnerschütterung und brauchst Ruhe. Er schaute ein bisschen überrascht, nickte dann aber. Hatte wohl vergessen, dass er verletzt war.
Ally hatte das nicht vergessen. Die hielt ihren Arm komisch und wollte nach dem Gespräch zum Arzt gehen. Schlug mir vor, gleich mitzukommen. Verdammt. Mein provisorischer Verband war durchgeblutet. Egal, Ethan war Handwerker, der konnte das schon nähen. (Ja, das war eine brillante Schlussfolgerung. Vielleicht sollte ich mal aufhören, allen anderen schlaue Ratschläge zu geben und selbst ein bisschen vernünftiger sein, aber ich wollte unbedingt nach Hause.)

Schließlich drückte ich Ethan noch ein Gewehr in die Hand, weil der offenbar keinen Ersatz für seine Savage hatte. Ally dachte erst, Ethan hätte seinem Gewehr einen Namen gegeben, aber das war natürlich nur die Marke. Im ersten Moment glaubte ich, sie hätte recht. Gut, dass ich nichts gesagt habe.

Also machte ich mich gegen acht auf den Weg zurück nach Arkansas. Hatte Kopfschmerzen, als ich losfuhr, und das rechte Bein tat weh. Bootsunfall und Lawine, dachte ich. Wurde aber immer schlimmer. Ein paar Stunden fuhr ich in Trinidad raus, kurz vor der Grenze nach New Mexico. Mein Bein war heiß, voller Blasen. An ein paar Stellen war die Haut nass, aufgerissen, wund. Durch meine hämmernden Kopfschmerzen fielen mir die Warnsymbole auf den Phyton-Kanistern wieder ein: Ätzend! Giftig! Verdammt, das hätte ich besser wissen können.
Ich besorgte mir Schmerztabletten und Wundsalbe. Wusch alles noch mal an einer Tankstelle ab. Ging danach besser. Halbwegs.

Das war keine schöne Fahrt. Ich brauchte mehr als vierundzwanzig Stunden, weil ich ab und zu Pause machen musste. Einen Autounfall wollte ich nicht riskieren. Kam schließlich am Montag gegen neun in Stuttgart an. Erschöpft, fiebrig. Aber zu Hause.
Reinigte die Wunden noch mal. Ging schlafen. Tam und die Kids waren nicht zu Hause, in der Schule, im Kindergarten, beim Einkaufen. Die Kaulquappe war noch nicht da. Gut. Das war die Fahrt wert.

Abends ging es mir besser. Immer noch dröhnende Kopfschmerzen, nässende Wunden, aber das Fieber war zurückgegangen. Abendessen. Familie. Wieder schlafen.
Kurz nach elf rüttelte mich Tam wach. Fruchtblase geplatzt. Keine Wehen. Der Arzt hatte gesagt, sie sollte so schnell wie möglich ins Krankenhaus kommen. Da hängten sie sie an einen Tropf mit Flüssigkeit und schickten mich wieder nach Hause. Vor morgen früh würde hier nichts passieren, weil sie immer noch keine Wehen hatte.

Am nächsten Abend kamen die Wehen endlich. Am Mittwoch kam dann das kleine Mädchen, um halb zwei Uhr morgens. Victoria Irene. Unsere kleine Tochter. Gesund, lauter schwarze Haare auf dem Kopf.

Jetzt höre ich auf. Das hat mit der Peanut-Lake-Hexe überhaupt nichts mehr zu tun. Über meine Tochter schreibe ich woanders weiter.

Addendum

Ein paar Tage nach Vickys Geburt rief ich Bill Forrester an. Erzählte ihm, was passiert war. Bat ihn, ein Auge auf die Sache zu haben. Gut, Salina ist von Crested Butte aus auch nicht so richtig um die Ecke, aber näher als Stuttgart. Er meinte, er hält die Ohren offen.
Von ihm und Vater Wen erfuhr ich in den nächsten Wochen, dass der Tsunami nicht so schlimme Schäden angerichtet hatte wie der vor neunzig Jahren. Offenbar hatte das Fungizid geholfen.
Der Bürgermeister ertrank kurze Zeit später im Peanut Lake. Selbstmord? Die Hexe? Jemand, dessen Kind er entführt hatte? Wer weiß. Wenigstens muss ich mich nicht mehr drum kümmern.
Ansonsten geht es gerade bergab mit Crested Butte. Viele Leute haben die Stadt verlassen, Läden und Firmen haben pleite gemacht. Im Sägewerk kam es zu einem tödlichen Unfall. Ein paar Leute haben junge Bäume ausgerissen, wie es die Ute damals taten, aber nicht alle.

Das Phyton-27 hat der Gegend nicht gut getan. Die Fische im Peanut Lake haben unseren Angriff größtenteils nicht überlebt. Einige Einheimische sind dagegen, weiterhin Fungizid auf den Pilz zu kippen und die Umwelt noch mehr zu vergiften. Da haben sie vermutlich recht – auf Dauer muss da eine andere Lösung her.

Bill meinte noch, er hätte gehört, dass die Naturgeister dort alle ziemlich träge wären, wie vor den Kopf geschlagen. Betäubt. Vielleicht liegt es an der Hexe, vielleicht auch am Phyton-27. Ich muss da noch mal hin. Am besten dieses Jahr noch.

View
Die Kinder Ouroboros
Gideons Perspektive

Adonijah “Lyle” Winters, Irene Hooper-Winslow, Ethan Gale, Gideon Barker

Point Hope, Alaska. Das ist sowas von am Arsch der Welt, da fühlen sich sogar die Karibus einsam. Rettungssanitäter in der Southside zu sein, ist vielleicht nicht der beste Job der Welt, aber wenn ich an die Kerle denke, die hier im hintersten Winkel Alaskas Öl fördern…ich beschwer mich nie wieder, ich schwör‘s. Aber was soll’s, jetzt sind wir hier. Als Irene mir die Stories von angeblichen Bärenangriffen und der Sichtung einer riesigen Schlange erzählt hat, konnte ich wohl schlecht Nein sagen. Wenn wir den Leuten nicht helfen, wer dann? Bestimmt nicht irgendein Sheriff, der eine übernatürliche Kreatur nicht mal dann von einem Eisbären unterscheiden könnte, wenn sie ihm in den Hintern beißt.

Außerdem ist ein Jäger namens Ethan mit von der Partie. Schwer zu sagen, was in ihm vorgeht. Fast fünf Stunden sitzen wir jetzt im Auto, auf dem Weg von Point Hope raus zur Ölforderstelle, und er hat noch keine drei Worte gesprochen. Immerhin packt er mit an, wenn es nötig ist, und er scheint zu wissen was er tut. Aber er ist ein Jäger, und von denen kenne ich genug um zu wissen, wie es bei manchen unter der Oberfläche brodelt. Ich behalte ihn besser im Auge.

Dann haben wir in dem Diner in Point Hope noch diesen Lyle aufgegabelt, ein komischer Kauz, fast noch ein Kind. Er hatte keine Probleme damit, von sich zu erzählen. Was er alles ausgepackt hat, hat mich fast zur Weißglut gebracht. Von irgendwelchen religiösen Fanatikern, bei denen er aufgewachsen ist, von Kindesmissbrauch und Dämonen, und das alles ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Ich hab einfach die Klappe gehalten, hatte genug damit zu tun, nicht die Beherrschung zu verlieren. Hoffentlich schmoren diese Sektenführer alle in der Hölle.

Scheinbar ist ein Mädchen, das Lyle von früher kennt, schon wieder in eine Sekte hineingeraten, die genau hier im hintersten Winkel Alaskas ansässig ist, wo auch diese seltsamen Vorfälle passiert sind. Wenn das Zufall ist, fress ich einen Besen. Ethan ist auch ganz hellhörig geworden, als er von dem Namen dieser Gruppe gehört hat: die Kinder Ouroboros Er meint, das ist in der Mythologie der Name einer Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, das Symbol ewigen Lebens.

Endlich sind wir da, und wir beschließen, den Kindern Ouroboros mal auf den Zahn zu fühlen. Lyle fragt einfach nach seiner Freundin, und schon sind wir alle zum Essen eingeladen und können mit dem Oberhaupt der Sekte reden. Sie nennt sich Abigail und behauptet, sie sei Mitte fünfzig, sieht aber keinen Tag älter als 35 aus, und sie strotzt vor Gesundheit, genau wie alle anderen Mitglieder der Gemeinschaft. Nur dass sich ihre Haut stellenweise ablöst, fast wie bei einer Schlange, die sich häutet. Angeblich wegen Mangelernährung, aber das nehme ich ihr keine Sekunde lang ab. Abigail erzählt uns eine schöne Geschichte über ihre Sekte, die schon seit hunderten von Jahren an diesem Ort besteht, wie glücklich alle hier sind, wie sie im Einklang mit der Natur leben, und dass niemand die Gemeinschaft je wieder verlassen will. Sie verschweigt etwas, das ist ganz offensichtlich.

Als wir auf ihre Nachbarn von der Öl-Gesellschaft zu sprechen kommen, bröckelt ihre Fassade. Sie hält uns einen Vortrag, dass Fracking die Umwelt zerstört, und was sie alles unternommen haben, um die Firma zum Aufgeben der Ölförderung zu bewegen, aber sie bestreitet, etwas mit den Sabotage-Akten zu tun zu haben, und mit den Angriffen auf die Mitarbeiter.

Immerhin geht es Dinah gut, und sie wirkt nicht eingeschüchtert, also können wir nicht viel tun als abzuziehen. Als nächstes fahren wir zum Bohrturm. Irene tritt so selbstbewusst auf, dass ich ihr gern die Führung überlasse. Schließlich hat sie ein paar Jahre mehr Erfahrung als ich, abgesehen davon, dass ich ein ganz miserabler Lügner bin. So glaubwürdig finde ich allerdings ihre Coverstory nicht, aber irgendwie schafft sie es trotzdem, den Vorarbeiter davon zu überzeugen, dass die Firmenbosse uns geschickt haben, um die Vorfälle zu untersuchen. Sogar dass Lyle als Medium beim Team ist, um übernatürliche Phänomene zu ermitteln, schlucken sie.

Als wir über das Gelände gehen, erschüttert ein Beben die Erde, und kurz danach noch einmal, aber viel heftiger. Heilige Scheiße, wenn das vom Fracking kommt, kann ich verstehen, dass alle sich so darüber aufregen. Als Ethan den Vorarbeiter danach fragt, haben wir den Eindruck, dass ihm die Stärke des Bebens selbst nicht ganz geheuer ist. Er sagt auch, dass er die „Hippie-Spinner“ von nebenan für die Sabotage an Maschinen und Geräten für verantwortlich hält.

Wir sprechen mit einem Arbeiter, der eine Schlange gesehen haben will, die so groß war wie der Bohrturm. Ich hatte gehofft, die Gerücht seien übertrieben, aber der Typ scheint es ernst zu meinen. Jeez, was machen wir, wenn sich wirklich so ein Riesenviech hier herumtreibt? Auch einen der Verletzten können wir besuchen. Er hat nicht wirklich gesehen was ihn angegriffen hat, aber wenigstens meint er, es sei nicht größer gewesen als er selbst. Seine Wunden sehen aber beunruhigend aus, fast als hätte ein Blutegel ihm ein Stück Fleisch aus dem Bein gerissen. Haben wir es hier mit Riesenwürmern zu tun? Auf dem Gelände finden wir tatsächlich Spuren, die vermuten lassen, dass sich das Wesen durch die Erde gräbt und dann an die Oberfläche kommt, um anzugreifen. Auch einen Zahn und ein Stück Haut stellen wir sicher.

Als der Vorarbeiter hört, dass wir nachts Patrouille gehen wollen, lässt er sich überreden, uns über Nacht bleiben zu lassen. Um mehr über die Schlange zu erfahren, ruft Irene zuhause in England an. Offenbar hat ihre Familie ein riesiges Archiv mit okkulten Informationen, und ich nehme ihr sofort das Versprechen ab, dass ich bei Gelegenheit mal darin stöbern darf. Ihr Gesprächspartner scheint nicht ganz so kooperativ zu sein, so dass wir erst einmal auf uns allein gestellt sind und ohne die Informationen planen.

Ich bin nicht begeistert davon, dass Lyle den Köder spielen will, und es steht Ethan ins Gesicht geschrieben, dass er dasselbe denkt. Aber wahrscheinlich lässt sich der Junge sowieso nicht davon abbringen, und dann ist es vielleicht am besten, wenn wir ihm den Rücken decken. Ethan benutzt einige der Stromleitungen auf dem Gelände, um daraus eine Falle zu bauen,

Lyle macht seinen Job wirklich gut – zu gut. Er hat noch nie das Nordlicht gesehen und ist so darauf fixiert, dass er nicht rechtzeitig merkt, dass direkt neben ihm ein Wurm aus der Erde bricht. Bevor wir ihm zur Hilfe kommen können, hat das Viech schon einmal zugebissen, aber dann sind wir alle da, um dem Viech den Garaus zu machen. Oder zumindest, es auszuschalten. Denn nachdem jemand die Vermutung geäußert hat, dass es sich bei den Würmern um verwandelte Sektenanhänger handeln könnte, lassen wir die schweren Waffen lieber im Holster, sondern benutzen die weniger tödlichen. Schließlich gelingt es Lyle, den Wurm in die Falle zu locken, und die Kreatur wird von dem elektrischen Schlag bewusstlos.

Fragt sich nur, was wir nun damit anfangen. Aber eins nach dem anderen, erstmal kümmere ich mich um Lyles Wunde. Ganz automatisch rede ich beruhigend auf ihn ein, wie ich es immer mit Patienten nach einem Unfall mache, aber das scheint ihn erst richtig aufzuregen. So naiv wie der Kleine sonst ist, er hat wohl eine feine Antenne für Menschen, also lasse ich das Theater bleiben und flicke ihn einfach zusammen.

Jetzt, wo alles vorbei ist, bekommt Irene doch noch eine Information aus England: Scheinbar haben irgendwelche Mönche bestmmte Chemikalien gegen die Würmer eingesetzt, darunter auch welche, die beim Fracking verwendet werden. Vielleicht liegt es also daran, dass die Würmer aggressiv geworden sind.

Währenddessen haben Irene und Ethan den Wurm notdürftig verschnürt und auf den Jeep geladen. Wir beschließen, ihm zu den Kindern Ouroboros zu bringen und ihnen direkt ins Gesicht zu sagen, was wir über sie herausgefunden haben. Als wir auf ihre Bitte hin den Wurm freilassen – sie nennen ihn Franklin – sind sie zumindest bereit zu reden. Jetzt wo die Karten offen auf dem Tisch liegen, erzählen sie uns, dass es tatsächlich eine Riesenschlange gibt, die unter der Erde lebt, und die durch das Fracking in ihrer Existenz bedroht ist.

Wir überzeugen die Sektenmitglieder, dass sie keine Chance haben, die Ölgesellschaft durch Sabotage zu vertreiben, sondern nur noch mehr Aufmerksamkeit erregen würden. Und das wollen sie auf jeden Fall vermeiden. Denn es stellt sich heraus, dass die Kinder Ouroboros von ihrer Mama essen und dadurch nicht nur gesünder und langlebiger werden, sondern sich am Ende ihres Lebens in einen Wurm verwandeln und auf diese Weise weiterhin existieren und Teil des Kollektivs bleiben. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass manche Leute keine Skrupel hätten, die Schlangenmama auszuschlachten, um mit Langlebigkeits-Mitteln ein Vermögen zu machen. Wir versprechen, das Geheimnis für uns zu behalten, wenn die Sekte sich mitsamt ihrer Mutter einen Ort umsiedelt, an dem keine Konflikte mit anderen Menschen zu befürchten sind, am besten an einem Ort, an dem die Ölgesellschaften schon Probebohrungen vorgenommen haben und das Gebiet als unergiebig eingestuft haben. Irene zieht sogar noch ein paar Fäden, damit die Ölförderung eine Weile stillgelegt wird und die Schlange in Ruhe umgesiedelt werden kann,

Alles in allem haben wir das ganz gut hingekriegt, und das noch ohne großes Blutvergießen. Kein schlechtes Teamwork, für solche schrägen Vögel wie uns. Über ein paar Bierchen in der Kaschemme in Point Hope kommen wir ins Quatschen, und es zeigt sich mal wieder, wie klein die Welt ist. Die anderen Jäger haben jede Menge gemeinsame Bekannte in der Szene, und sie erzählen Stories, bei denen ich froh bin, nicht dabei gewesen zu sein. Hätte ich auch nur einen Funken Verstand, würde ich den Job an den Nagel hängen, bevor ich noch tiefer in diese Welt reingezogen werde.

Wie auch immer, ich habe in den letzten Tagen mehr als genug plattes Land gesehen, es wird Zeit, dass wir wieder nach Hause abdüsen. Irene bietet Lyle an, seinen Flug zu bezahlen, und wir versuchen ihn zu überreden, mit uns zu kommen, aber wenn es um seine Unabhängigkeit geht, steht dem Kleinen sein eigener Stolz im Weg, und je mehr wir auf ihn einreden, desto entschlossener ist er, sich selbst wieder nach Hause durchzuschlagen. Naja, da lässt sich nichts machen. Hoffentlich behält er wenigstens die 50 Dollar, die ich ihm heimlich in die Jackentasche gesteckt habe.

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Ethan: Im Land der Raketenwürmer

Ethan wollte schon immer mal nach Alaska. Naja. Nein. Nicht mit Bewusstsein. Er hat nur gehört, dass es dort traumhaft schön sein soll. Bilder aus Filmen, die er gesehen hat, von unberührten Wäldern und reißenden Strömen und so. Als Irene ihn also irgendwann Anfang April anruft und um seine Hilfe bittet, weil irgendwo da oben auf dem Gelände einer seit einigen Monaten laufenden Erdölförderoperation bei Angriffen auf die dortigen Arbeiter eine Riesenschlange gesehen worden sein soll, sagt er nicht nur sofort seine Unterstützung zu, sondern er ist auch neugierig.

Hinfliegen, schlägt die Britin vor. Das Auto wäre ihm lieber, schon allein der Ausrüstung wegen, aber ein Blick auf die Karte sagt ihm, dass das eine Fahrt von bestimmt zwei Wochen wäre, und so lange will Irene nicht warten. Ausrüstung kaufen kann man auch vor Ort, erklärt sie, und Unrecht hat sie nicht. Es wäre ein verdammt weiter Weg, und wer weiß, wieviel Unheil diese Riesenschlange bis dahin anrichtet. Oder ob nicht Irenes heißgeliebter Cousin in der Zwischenzeit dort auftaucht und ihr die Trophäe wieder vor der Nase wegschnappt, vermutet Ethan. Also fliegen. Auch der Flug, mit dreimaligem Umsteigen, dauert dank Übernachtung bereits einen Tag, aber ein Tag ist kein Vergleich mit zwei Wochen. Irene zahlt, was auch besser so ist, denn leisten könnte Ethan sich die knapp 2.500 Dollar für den Flug auf eigene Rechnung eher schwer.

Sie treffen sich in Chicago, dem ersten Umsteigeflughafen. Irene hat noch weitere Unterstützung rekrutiert, einen kräftigen Mann in den Vierzigern, den sie als Gideon vorstellt. Der Bursche wirkt sympathisch und aufgeschlossen und redet gern. Soll Ethan recht sein, solange der Typ nicht Ähnliches von Ethan erwartet. Mit einer Boeing 737 geht es nach Anchorage, dann am nächsten Morgen mit einer weiteren 737 in einen Ort mit dem malerischen Namen Kotzebue. Von dort aus bringt sie eine Cessna 208, einmotorig, Turboprop, schließlich an ihr eigentliches Ziel. Point Hope, Alaska. Knapp 700 Menschen in einer Stadt, die aus der Luft gesehen mit ihren langgestreckten Häusern in Flachbauweise auf dem sandigen Boden selbst wie ein einziges Flughafengelände wirkt. Ein Café gibt es aber. Oder zumindest ein Native Arts and Crafts Center, an das auch ein kleines Café angeschlossen ist. Und es gibt einen einen General Store, einen Hardware Store und eine Tankstelle. Und ein Motel; alles andere wäre auch unschön. Die Tankstelle hat einen geländegängigen Mietwagen für sie, der Hardware Store Waffen und eine Landkarte. Da fühlt Ethan sich doch gleich besser.

Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung scheint aus Ureinwohnern zu bestehen – die Namen „Inupiat“ und „Tikigaq“ sind des öfteren zu lesen, aber ganz so klar ist Ethan nicht, ob eines davon der Stamm ist und das andere das Volk oder der Ort oder so; Barry könnte ihm sicher mehr sagen –, da fällt der junge Weiße im Café auf wie der sprichwörtliche bunte Hund. Oder eben wie die drei Neuankömmlinge selbst.
Kaum, dass er sie sieht, kommt der Junge auf sie zu: Stellt sich als Lyle vor, und ob sie ihn vielleicht mitnehmen könnten ins Hinterland. Mehr als freimütig erzählt er von sich: Erlebnisse, die Ethan nahegehen, aber ihn nicht wirklich überraschen. Vom Aufwachsen in einer fanatisch religiösen Sekte, den „Weisen von Endor“, von regelmäßiger Besessenheit im Namen des Herrn, von blutjung verheirateten Mädchen, bis das FBI dem Treiben ein Ende setzte. Und zwar nicht irgendwer vom FBI – es fällt der Name Saitou. Na ganz spitzenmäßig. Bart Blackwood war bei der Operation Sektenauflösung aber offenbar auch mit von der Partie, wie der Junge berichtet. Stimmt. In Dana Point kannten die beiden sich schon. Und auch Sam Blackwood scheint Lyle vor einer Weile über den Weg gelaufen zu sein. Sieh an. Geholfen habe sie ihm, er ihr aber auch ein bisschen. Die Welt ist eben doch ein Dorf.

Lyle ist jedenfalls hier in Alaska, weil er sich Sorgen um eine Freundin macht, ein Mädchen aus seiner ehemaligen Sekte. Die sei so der Typ, der Halt suche, habe sich auch den Weisen nie widersetzt, weil sie überzeugt davon war, den Willen des Herrn zu tun, egal, wie unangenehm dieser Wille auch war. Und jetzt sei sie anscheinend hier oben in eine neue Sekte geraten, die „Kinder des Ouroboros“, oder wie die Leute sich nennen.

„Ouroboros“, wie? Das Wort lässt es bei Ethan vage klingeln. Irgendwas mit Schlange. Irene weiß mehr. Ouroboros ist die mythische Schlange der Antike, die sich in den Schwanz beißt, eine kreisförmige Gestalt der Vollkommenheit. Schlange klingt jedenfalls verdammt nach der Riesenschlange, die hier oben gesehen worden sein soll. Zufall? Wohl kaum.

Also packen sie den jungen Lyle kurzerhand ein, als sie Richtung Ölförderfeld aufbrechen. Oder besser, als sie aufbrechen, Punkt, denn zuerst wollen sie zu der Sekte, lautet der allgemeine Beschluss. Ethan fährt, wie so oft, und die endlose Weite hat etwas beinahe Hypnotisierendes. Irgendwo hinter zwischen Anchorage und Kotzebue haben sie nämlich die dunklen Wälder aus Ethans Vorstellung von Alaska hinter sich gelassen. Hier oben herrscht Tundra. Mehr Tundra. Und Tundra. Flach und beigegrün-ockerfarben, soweit das Auge reicht, mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Überhaupt liegt hier an ziemlich vielen Stellen noch Schnee, wo die Sonne nicht gut hinkommt. Und kalt ist es. Richtig kalt.

Es ist eine Fahrt von etlichen Stunden, bis sie an dem Gelände der Sekte ankommen. Das Land ist umzäunt, ein in Zivil gekleideter Wächter an der Einfahrt. Auch als Lyle nach seiner Freundin Dinah fragt, bleibt das Tor erst einmal geschlossen. Aber der Wächter holt das Mädchen ans Tor – zusammen mit einer Frau in den Dreißigern, die sich als Abigail vorstellt. Diese Dinah freut sich riesig, Lyle zu sehen, auch wenn sie ihn als Adonijah begrüßt und er ihr erst erklären muss, dass er sich jetzt Lyle nennt. Auch interessant. Aber jedenfalls sieht das Mädel nicht so aus, als sei sie gezwungenermaßen und gegen ihren Willen hier, sondern sie wirkt ganz zufrieden so auf den ersten Blick.

Von Abigail kommt die Einladung, sich doch einmal umzusehen und zum Essen zu bleiben nach der langen Fahrt aus Point Hope. Na wenn sie meint. Trotz ihrer Freundlichkeit bleibt Ethan etwas misstrauisch und schiebt sein Essen, das sie in einem großen Gemeinschaftsraum vorgesetzt bekommen, mehr auf seinem Teller herum, als dass er etwas davon zu sich nimmt.

Die Anführerin erzählt relativ offen von ihrer Gemeinschaft, nachdem Lyle zugegeben hat, dass er sich um Dinah Sorgen gemacht hat und sehen will, wie es ihr geht. Dass die Gruppe vor über 200 Jahren von Karibujägern gegründet wurde. Dass die Gemeinschaft an eine Verbindung mit der Erde glaubt und dass die Menschen nach ihrem Tod in einer anderen Form weiter existieren können.

Interessant ist, dass die Anhänger der Gemeinschaft – es sind nicht viele, vielleicht zehn oder zwölf oder so – alle sehr gesund aussehen. Behauptet jedenfalls Gideon, und der ist Rettungssanitäter, der muss es wissen. Dass sie alle jung und fit aussehen, hat auch Ethan bemerkt: keiner älter als Mitte Dreißig, und das, obwohl Abigail von sich sagt, sie sei vierundfünfzig. Ethan ist auch aufgefallen, dass die Leute richtig gut aufeinander eingespielt sind. So reicht einer von ihnen einfach etwas nach hinten, ohne hinzusehen, weil in dem Moment gerade jemand vorbeigeht, der ihm das abnimmt. Blindes Verständnis, wie in einer Top-Sportmannschaft. Zu mögen, wie in einer großen Familie, scheinen sie sich auch. Was Ethan aber nicht bemerkt hat, ist die Hautkrankheit, die manche der Leute zu haben scheinen. Da sieht es so aus, als würde die Haut sich schälen, und darunter kommt neue, rosig aussehende Haut zum Vorschein. Gideon, dem die Flecken sehr wohl aufgefallen sind, spricht Abigail unumwunden darauf an, woraufhin die Anführerin das Phänomen mit „Mangelernährung“ zu erklären versucht. Das nimmt der Sanitäter ihr aber nicht ab, das ist ihm deutlich anzumerken. Hmmm. Sich ständig erneuernde Haut könnte aber erklären, oder zumindest ein Hinweis darauf sein, warum die Leute so jung bleiben.

Auf Gideons offene Zweifel hin zeigt Abigail sich bereit, die Fragen der Besucher zu beantworten, besteht aber darauf, dass einige höhere Mysterien nur den Eingeweihten offen stünden und sie darüber nicht sprechen könne. Na gut. Besser als nichts.

Irene führt die Fragerunde an. Zuerst will die Britin wissen, wie die Gruppe auf ihren Namen gekommen sei. Ouroboros sei der Name der Schlange, die keinen Anfang und kein Ende habe, führt das Oberhaupt der Sekte aus. Darin spiegele sich der Glaube der Gemeinschaft wider: dass auch die Menschen niemals aufhören nämlich.

„Eine schöne Vorstellung“, befindet Gideon. Aber Abigail widerspricht. Für sie ist es nicht einfach nur eine Vorstellung, sondern eine Tatsache, an die sie fest glaubt. Sofort entschuldigt sich der Sanitäter: Er habe nicht respektlos sein wollen. Die Anführerin winkt ab. Sie habe selbst nicht so viel Erfahrung darin, anderen Leuten ihre Überzeugungen zu erklären, weil die Gemeinschaft wenig Kontakte nach draußen habe.
„Wohl nur zu den Ölleuten?“ hakt Gideon sofort nach. Aber da schüttelt Abigail heftig, beinahe angewidert, den Kopf. „Mit denen wollen wir nichts zu tun haben!“

Die Gruppe habe Proteste gegen die Erdölförderung organisiert, erzählt die Frau dann weiter, weil die Firma mit dem Fracking Mutter Erde vergifte. „Aber wenn der Mammon ruft, hört ja keiner auf etwas anderes.“
Ja, von den Angriffen auf dem Werksgelände habe sie gehört. Bären. Mutter Erde wehre sich eben, aber es helfe leider nicht viel.
Irgendwas flackert in Abigails Augen, als sie das sagt. Irgendwas verschweigt sie. Aber da sie sich vermutlich nur auf die „höheren Mysterien“ herausreden würde, wenn man sie rundheraus darauf anspräche, bringen die anderen das Gespräch lieber noch etwas auf die Sekte selbst. Wie das mit Neuzugängen sei, fragt Gideon. Gelegentlich nähmen sie schon verlorene Seelen auf, erwidert Abigail, aber die müssten erst eine Probezeit durchlaufen – eine durchaus längere, wie es klingt – ehe sie wirklich aufgenommen würden, denn potentielle Bewerber müssten sich wirklich vollkommen sicher sein, dass es das sei, was sie wollten.
Wie es denn sei, wenn später jemand beschließe, dass er doch nicht bleiben wolle, will Irene gleich wissen. Das komme eigentlich nicht vor, weicht Abigail aus. Was sofort die Vermutung nahelegt, dass man irgendwelche Leute, die weg wollen, eben doch daran hindert. Oder dass es eben irgendwann einfach gar nicht mehr geht.
Die Tatsache, dass einer der Sektenangehörigen bei Abigails Worten ein mehr als unglückliches Gesicht zieht, scheint jedenfalls auf sowas in der Art hinzudeuten.

Lyle redet noch ein bisschen mit Dinah und lässt sich von der erzählen, wie es ihr ergangen ist. Sie hat Abigail in Anchorage getroffen und sich der Frau und ihrer Gemeinschaft gleich verbunden gefühlt. Lyle fragt nach Geistern und Dämonen, aber von denen hat sie nicht mehr viel bemerkt. Ein anderer Junge aus der Sekte, ein gewisser Matthias, sei aber vor kurzem gestorben, das habe sie sogar hier draußen erfahren. So tragisch. Lyle nickt, wenig überrascht, und meint, dem sei vermutlich etwas gefolgt. Irene und Gideon hingegen horchen beide auf, als sie den Namen „Matthias“ hören, und Irene will dessen Nachnamen wissen. Die Antwort „Hassalee“ lässt sie das Gesicht verziehen – offensichtlich hat die Britin genau diese Antwort erwartet.

Später, im Auto, erklärt sie, warum. Matthias Hassalee war der Name eines Jungen, der vor einigen Wochen in einem Therapiezentrum für Kinder durchgedreht ist und etliche Leute – Mitpatienten und Erwachsene – umgebracht hat. Es stellte sich dann heraus, dass Matthias von einem Dämon besessen war, den Irene und Gideon zusammen mit einigen anderen Jägern dann aber besiegen konnten. Warte. Vor einigen Wochen? Da hat doch Sam irgendwann abends ziemlich fertig bei ihm angerufen und etwas von einem Dämon erzählt. Das Telefonat, bei dem er kurz eine seltsam vertraute Stimme im Hintergrund gehört hat, die er nicht recht einordnen konnte. Ob das vielleicht das war? Kann er sie ja vielleicht irgendwann mal fragen. Oder Irene. Aber nicht jetzt. Die bespricht grad anderes.

Lyle ist jedenfalls immer noch nicht überrascht. Dann habe Matthias wohl etwas in das Therapiezentrum mitgebracht. Nur gut, dass er nicht zusammen mit Dinah hierher nach Alaska gekommen sei, denn dann wäre das Ganze wohl schlimmer ausgegangen. Irene fragt Lyle, ob er Erfahrung mit Dämonen habe, die einen Dinge vergessen ließen, wenn sie von jemandem Besitz ergriffen, woraufhin Lyle sagt, daran könne er sich nicht erinnern.

Diese Wortwahl macht nun wiederum Ethan stutzig. Aber auf seine Frage antwortet Lyle, falls er besessen wäre, dann wüsste er das. Ethan schnaubt nur und beschließt, den Jungen im Auge zu behalten, und auch Irene scheint dessen Aussage nicht so wirklich zu beruhigen. Andererseits, stimmt schon. Lyle wirkt nicht sonderlich besessen. Aber Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Über die Sekte sprechen sie im Auto natürlich auch. Sie alle sind sich mehr oder weniger einig, dass die Kinder von Ouroboros nicht altern. Dass diese ewige Jugend aber einen Preis hat, weil man nämlich nicht mehr von hier weg kann. Weil außerhalb eines bestimmten Bereiches ihr echtes Alter die Leute einholen würde, vermutet Ethan. Weil sie sich an das Land gebunden haben und physisch gar nicht mehr in der Lage sind, es zu verlassen, theoretisiert Irene. So oder so ist hier jedenfalls irgendwas unnatürlich, das steht mal fest.

Beim Verlassen des Sektengeländes war im Vorbeifahren irgendwo zur Seite in einem kleinen Hügel der mit einem Gitter versperrte Eingang zu einer Erdhöhle zu sehen. Aber diese Information speichert Ethan vorläufig nur für eventuelle spätere Verwendung ab. Jetzt geht es erst einmal zu dem Ölfördergelände.

Das Ölfördergelände hat einen Zaun. Einen neuen Zaun. Aber so lange ist die Operation hier ja auch noch gar nicht am am Laufen, wenn Ethan das richtig verstanden hat. Seit ein paar Monaten erst. Sie sind gerade aus dem Mietwagen gestiegen und gehen auf das Gelände zu, da zerreißt eine laute Explosion die Stille Alaskas. Gleich darauf folgt ein Erdbeben. Ein kleines. Und unmittelbar danach noch eines. Ein großes. Ethan runzelt die Stirn. Nach allem, was er über Fracking weiß, war das kleine Erdbeben normal für diese Art der Ölförderung. Das große aber nicht.

Am Tor werden sie aufgehalten. Natürlich. Ein Vorarbeiter kommt, will die vermeintlichen Journalisten abwimmeln. Aber Irene verkündet selbstsicher, sie wären keine Journalisten. Sie wären im Auftrag der Unternehmensleitung hier und sollten diese Geschichte mit der Riesenschlange untersuchen. Und zwar wolle sie selbst sich ganz auf die Schlangensache konzentrieren; mit irgendwelchen Ingenieursdingen brauche der Mann ihr gar nicht erst zu kommen, dafür sei Ethan zuständig, ihr Techniker. Lyle, der Irene vorher gefragt hat, als was er sich denn bittesehr ausgeben solle, und der über Irenes Antwort sehr erleichtert war, weil er sagte, das bekomme er hin, ist ein Medium. Gideon ist der Mediziner, der sich die Verletzungen der Betroffenen ansehen soll. Der Vorarbeiter scheint ihr die Geschichte noch gerade so abzunehmen, aber völlig überzeugt sieht er nicht aus. Trotzdem bittet er die Gruppe auf das Werksgelände und bringt sie zu einer geheizten Bürobaracke.

Selbst hat Vormann Lawson die ganzen Angriffe nur aus zweiter Hand mitbekommen, aber er wird Dwayne holen, sagt er, der die Riesenschlange gesehen haben will. „Macht euch solange ’n Kaffee“, lädt er im Gehen die Besucher mit einem Nicken zu einer sichtlich vielbenutzten Kaffeemaschine ein, und das ist eine Aufforderung, die Ethan nicht zweimal hören muss.
Als Lawson mit einem Ölarbeiter mittleren Alters wiederkommt, haben alle vier einen Kaffeebecher in der Hand.

Dwayne druckst erst ein bisschen herum, gerade angesichts der elegant gekleideten Blondine ihm gegenüber, aber er erzählt dann doch, dass er tatsächlich etwas gesehen hat, das wie eine Riesenschlange aussah. Das war Richtung Südwesten, allerdings gegen Abend, als es schon ziemlich dunkel wurde, und nur ein einziges Mal.

Sein Vorarbeiter kann mit diesem ganzen Unsinn nichts anfangen. Wenn die Männer nicht so viel saufen würden, befindet er, dann würden sie auch keinen spinnerten Kram sehen. Aber Erdbeben gibt es hier immer wieder, bestätigt er auf Ethans Frage hin. Sowohl die kleinen, die ja für Fracking ganz normal seien, als auch die großen, die wohl am Boden hier liegen müssen. Bei ersterer Bemerkung hatte Ethan noch genickt, aber bei der zweiten Behauptung, der mit dem Boden, schüttelt er heftig den Kopf. Okay, sicher kann er nicht sein, aber nicht nach dem, was er bisher so darüber gehört hat. Und da war letztes Jahr irgendwann diese ziemlich ausführliche Reportage über Fracking auf dem Discovery Channel.

Die Leute von den Kindern von Ouroboros – „diese Hippie-Spinner“ – kennt Lawson natürlich. Die haben in den paar Monaten, seit hier Öl gefördert wird, jede Menge Ärger gemacht. Proteste vor dem Gelände und Sabotage darin. Es sind zahlreiche Maschinen zerstört worden, eine sehr teure und zeitaufwendige Sache.
Der Zaun hilft jedenfalls nicht viel. Gegen die Bären schon mehr oder weniger, aber gegen die Zerstörung der Maschinen eindeutig nicht. Irgendwie haben die Spinner sich Zutritt zum Gelände verschafft, um die Geräte sabotieren zu können, aber kaputt war der Zaun hinterher auch nicht. Der letzte Vorfall war vor vier Tagen, ein Angriff durch Bären. Ein Arbeiter ist dabei umgekommen, drei seiner Kollegen wurden verletzt.

Mit einem der drei Verletzten können, dürfen sie reden, weil der nicht so schwer verwundet war, dass er ins Krankenhaus hätte geflogen werden müssen. Morgan heißt der Mann, und er erzählt, dass das Ding, das ihn angegriffen hat, nicht wie ein Bär aussah. So überhaupt gar nicht. Gideon lässt sich seine Verletzungen zeigen, und tatsächlich sehen die halb verheilten Wunden eher so aus, als hätte jemand einen übergroßen Blutegel bei ihm angesetzt. Oder mehrere.

Bis nach Point Hope zurück sind es etliche Stunden Fahrt. Und die Tage mögen jetzt im April zwar schon richtig lang sein, aber das heißt nicht, dass sie sich sämtliche hellen Stunden im Auto um die Ohren schlagen sollten. Also fragen sie nach einer Unterkunft für die Nacht direkt hier vor Ort. Aber das wird schwierig. Die Förderoperation ist kein Hotel. Und außer Irene gibt es keine einzige Frau vor Ort. Lawson ist erst so gar nicht geneigt, sie bleiben zu lassen, immerhin hätten die Leute hier mit den Angriffen und dem Wachdienst und allem genug zu tun, als sich auch noch um Besucher zu kümmern. Aber als Lyle und Ethan dann beide auf genau diese Sorge anspringen und anbieten, den Leuten vor Ort einen Teil des Wachdienstes abzunehmen und über Nacht selbst auf dem Gelände Patrouille zu laufen, damit die Arbeiter mal wieder eine Nacht lang ungestört durchschlafen können, bekommen sie den Vormann doch überredet. Sie könnten zwei Stockbetten in einer der Schlafbaracken haben. Einzelzimmer gibt es leider nicht, brummt Lawson ruppig, das hier ist kein Hotel. Ja. Das sagte er schon. „Das ist schon in Ordnung“, flötet Irene besänftigend, und sie stört sich auch nicht daran, dass ihr die Blicke und die Pfiffe der versammelten Besatzung hinterherfliegen, als sie zu der Baracke gehen.

Auf dem Weg zu ihrer Unterkunft bemerkt Irene eine Art Maulwurfshügel, aus dem das Biest vielleicht gekommen sein könnte. Bei näherer Untersuchung des Aufwurfs entdeckt Lyle einen langen Zahn und einen Hautfetzen, der außen dunkelbraun ist und innen rosig. Sehr rosig. Ungefähr so rosig wie die Flecken bei den Sektenanhängern. Das kann doch kein Zufall sein.

Während Irene ihren Ex-Mann anruft, geht Ethan genauer das Gelände absuchen. Er findet einige dieser Erdkreise, und alle an Stellen, wo den Berichten nach entweder Arbeiter angegriffen oder Maschinen zerstört wurden. Zwar keine Hautfetzen oder Zähne mehr, aber die Kreise reichen ihm fast schon.

Als er zu den anderen zurückkommt, sind Irene und Gideon gerade in einer kleinen Diskussion begriffen. Gideon scheint den Wurm für sich zu wollen, sobald sie ihn erlegt haben, damit er ihn untersuchen kann. Die Britin aber beansprucht die Beute für sich selbst und will dem Sanitäter nur Proben davon zugestehen. Das gefällt dem großen Mann gar nicht. Was denn mit der Wissenschaft sei, will er in beinahe heiligem Eifer wissen. Sowas gehöre in ein Archiv! Ein Archiv habe ihre Familie, hält Irene ihm entgegen: ein sehr altes und sehr großes. Das dürfe er sich gerne einmal ansehen, wenn er wolle. Gideon sei herzlich nach England eingeladen.

Wobei. Wenn man sich diesen Hautfetzen so betrachtet, dann es sieht fast danach aus, als könnten sich die Kinder Ouroboros in diese Dinger verwandeln. Blutegel. Würmer. Wie man sie nennen will. So oder so, wenn hier Sektenanhänger in anderer Gestalt das Werksgelände angreifen, um ihrem Protest Nachdruck zu verleihen, dann können sie die nicht so einfach jagen. Das sind dann immer noch Menschen. Also gut. Dann müssen sie eben vorsichtig vorgehen heute nacht.

Nach etwas Herumdiskutieren steht der Plan. Es passt Ethan gar nicht in den Kram, aber diesmal kann nicht er selbst den Lockvogel geben. Lyle wird das tun. Ethan protestiert heftig gegen diese Idee, aber die anderen haben recht. Er ist einfach der beste Schütze mit dem Gewehr. Aber zuerst bastelt er eine Falle zusammen, die dem Biest einen heftigen, wenn auch nicht tödlichen Stromschlag verpassen soll, der es hoffentlich außer Gefecht setzt oder zumindest so sehr behindert, dass sie mit ihm fertig werden können. Lyle soll den Wurm dann in Richtung der Falle lotsen. Dass Irene noch von sich gibt, sie habe in 30 Jahren Köder-Spielen nur eine einzige Narbe davongetragen, macht die Sache nicht besser.

Bis sie die Falle aufgebaut haben, ist es dunkel geworden. Der Sonnenuntergang war traumhaft schön, und Ethan hat es sich nicht nehmen lassen, seine Arbeit kurz zu unterbrechen und ein Foto davon zu machen. Kein sonderlich gutes, er ist kein begnadeter Fotograf, und die eingebaute Handykamera ist da auch keine Hilfe, aber immerhin. Jetzt zieht ein Nordlicht über den Himmel, majestätisch grün und mit rötlichem Schimmer. Ein echtes Nordlicht hat Ethan vorher noch nie gesehen, aber er kennt Bilder, und so ist er zwar nicht gänzlich überwältigt, aber doch sehr beeindruckt von dem Naturschauspiel. Lyle hingegen hat keinerlei Ahnung, was er da sieht. Er murmelt etwas von „übernatürlich“ und „Teufelswerk“, und Ethans Erklärungsversuche, das sei ein völlig normales Phänomen, glaubt er nicht so recht. Vor allem nicht, dass Leute Geld dafür zahlen. „Was, damit das Licht kommt???“ „Nein, um das Licht zu sehen“, springt Irene Ethan beiseite, und das scheint Lyle dann doch zumindest einigermaßen zu beruhigen.

Hätte Ethan allerdings gewusst, wie stark Lyle sich auch dann noch von dem Anblick des Nordlichts ablenken lässt, wäre er vermutlich doch nicht auf das Dach des Lagerhauses in der Nähe der Elektrofalle geklettert, sondern hätte darauf bestanden, selbst den Köder zu geben, Schießkünste hin oder her. Denn das junge Ex-Sektenmitglied sieht ständig wieder zum Nachthimmel hinauf, völlig fasziniert von dem Schauspiel, das sich dort bietet, und so bemerkt er nicht, dass neben ihm die Erde zu vibrieren beginnt, ein menschengroßer Wurm herausgeschossen kommt und den Jungen in die Seite beißt.

Das in Point Hope gekaufte Gewehr ist nicht Ethans Savage. Es verhält sich ein klein wenig anders, als er das gewohnt ist. Außerdem hat er die ganze Zeit im Hinterkopf, dass der Wurm, mit dem Lyle da ringt, ein verwandelter Mensch sein könnte. Also geht seine Kugel knapp fehl, aber zusammen mit Irenes Schuss und Gideons Angriff auf das Viech bekommen sie es in Richtung Falle getrieben, wo der elektrische Schlag das Biest ausknockt.

Während Gideon sich um den verletzten Lyle kümmert, wickeln Irene und Ethan den Wurm irgendwie mit Abdeckplanen und Seilen ein, damit er sich nicht sofort befreien kann, wenn er aufwacht, und damit die Leute vom Werksgelände ihn nicht zu sehen bekommen. Mitten in der Arbeit vibriert Irenes Handy. Es ist ihr Ex-Mann Charles, der etwas von einem Mönch berichtet, der Stoffe niedergeschrieben habe, mit denen man solchen Würmern schaden könne. Und wie der Zufall es will, werden einige dieser Stoffe beim Fracking verwendet. Wäre doch möglich, dass die in den Boden geleiteten Chemikalien die Würmer aggressiv gemacht haben.
Okay. Bei der Sekte wollten sie zwar nicht darüber reden, aber dass die was wissen, ist mehr als klar. Die sollte man vielleicht genau jetzt mit dem gefangenen Wurm konfrontieren. Also schleppen sie das bewusstlose Vieh irgendwie gemeinsam zum Auto und verzurren es, so gut es geht, auf der Ladefläche.

Die Kinder von Ouroboros wissen schon, dass irgendwas im Busch ist. Nacht hin, Nacht her, als der Mietwagen vor dem Tor des Sektengeländes anhält, stehen die Mitglieder alle schon da und warten nervös. Und sie wissen auch schon, dass die Jäger den Wurm mitbringen: ob sie Franklin jetzt wiederhaben dürften, fragt Abigail. Wenn sie endlich erzählt, was hier los ist, dann schon.

Während einige ihrer Leute den bewusstlosen Franklin wegtragen, führt Abigail die Jäger also in den Gemeinschaftsraum und fängt endlich an, auszupacken. Hier in der Gegend lebt tief in der Erde die Große Mutter Wurm, und wenn man von ihrem Fleisch isst, beginnt langsam die Verwandlung. Man altert nicht mehr, man bleibt auch sehr lange jung, aber irgendwann wird man dann zu einem dieser menschengroßen Würmer. Wenn man einmal von der Mutter gegessen hat, ist die Verwandlung unumkehrbar – das ist auch genau der Grund, warum eventuelle neue Mitglieder so lange warten müssen, bis sie sich wirklich anschließen dürfen. Es ist eine lebensverändernde Entscheidung, und die Leute sollen wirklich ganz, ganz sicher sein, ob sie tatsächlich den Rest ihrer Existenz als riesiger Regenwurm verbringen wollen. Je näher man dem Moment der endgültigen Verwandlung kommt, umso mehr schmerzt es auch, sich aus dem Einflussbereich der Mutter Wurm zu entfernen. Abigail selbst kann noch für eine ganze Weile fort, wie zum Beispiel, als sie in Anchorage auf Dinah traf, aber auch für sie wird es nach einiger Zeit bereits unangenehm. Andere, die der Verwandlung näher sind, können kaum mehr weg, ohne dass es anfängt, höllisch wehzutun.
Bei diesen Worten verzieht der junge Mann, der bereits bei ihrem ersten Besuch die unglückliche Miene gemacht hatte, wieder das Gesicht. Offenbar gibt es zumindest ein Kind von Ouroboros, das es bereut, diese Entscheidung getroffen zu haben.

Dass die verwandelten Mitglieder in ihrer Wurmform von den beim Fracking verwendeten Chemikalien so aggressiv gemacht werden, das wussten die noch menschlichen Angehörigen dank ihrer telepathischen Verbindung untereinander, die auch mit der Verwandlung nicht endet. Sie wussten nur nicht genau, was sie tun konnten, außer Demonstrationen und Proteste vor dem Werksgelände abzuhalten – dass sie damit aber das Fracking nicht würden unterbinden können, war ihnen eigentlich schon von vornherein klar.
Irene und Gideon machen sich dafür stark, dass doch am besten die ganze Gemeinschaft, samt Würmern, hier wegziehen und sich einen ungestörten Ort zum Leben suchen soll. Denn die Firma wird ihre Förderaktivitäten ja mit Sicherheit nicht beenden, und die nächsten Jäger, die in die Gegend kommen, weil sie die Gerüchte von der Riesenschlange gehört haben, sind vielleicht nicht so rücksichtsvoll. Man könnte doch zum Beispiel herausfinden, schlägt Gideon noch vor, wo die diversen Ölfirmen schon Probebohrungen durchgeführt haben und wieder abgezogen sind, weil es dort keinerlei Erdöl zu finden gab. An einem solchen Ort hätte die Gemeinschaft ihre Ruhe.
Abigail gefällt der Vorschlag, auch wenn er nicht gerade leicht umzusetzen sein wird und sie nicht sagen kann, ob sie die Große Mutter Wurm überhaupt zu einem Umzug werden bewegen können. Zu einer so konkreten Verständigung mussten sie ihre telepathische Verbindung mit dem Riesenwurm noch nie einsetzen.

Dank ihrer telepathischen Verbindung untereinander wissen die Kinder Ouroboros übrigens auch, dass sie in der Wurmform zwar nicht mehr dieselbe menschliche Intelligenz haben wie früher, aber doch nicht unglücklich sind – es ist eine einfache, zufriedene Existenz, eins mit der Mutter zu sein, sagt Abigail schlicht. Bitte. Wenn sie meint. Lyle redet jedenfalls nochmal mit Dinah und fragt sie, ob sie wirklich irgendwann zu einem Wurm werden will, aber es scheint tatsächlich, als wolle das Mädchen das durchziehen. Na gut, noch hat sie ja Zeit, es sich anders zu überlegen. Aber Lyle hat vermutlich recht, wenn er sagt, dass Dinah irgendwas braucht, um sich daran festzuhalten, und dass sie es, was schräge Sekten angeht, wahrhaftig schlechter treffen könnte als hier, wenn es wirklich das ist, was sie will. Ethan schüttelt sich etwas bei dem Gedanken, aber bitte. Wenn es ihr Weg ist, soll sie. Seiner wäre es im Leben nicht.

Seines eigenen Widerwillens wegen schüttelt Ethan auch erst ein wenig ungläubig den Kopf, als Abigail sie darum bittet, das, was sie hier erfahren haben, strikt geheim zu halten. Also, geheimgehalten hätte Ethan es wohl ohnehin auch ganz ohne diese Bitte, aber Abigail fährt fort, dass sie anderenfalls Angst hätte, es würden Leute herkommen, die Mutter Wurm töten wollten, um hinter das Geheimnis der ewigen Jugend zu kommen. Wie gesagt: Wenn ewige Jugend zum Preis hat, dass man hinterher als Regenwurm den Boden kompostiert, dann will Ethan sie gar nicht erst haben, und er kann sich nicht vorstellen, dass es so viele Leute gibt, die das tun. Aber andererseits hat Abigail vermutlich nicht unrecht: Allein die Aussicht auf die Möglichkeit, mit Hilfe von wissenschaftlichen Experimenten an Mutter Wurm die Sache mit der Jugend zu nutzen, aber die Sache mit der Wurmwerdung unterbinden zu können, dürfte eine Menge Leute hellhörig machen, wenn das je herauskäme. Also Stillschweigen bewahren. Glaubst du aber.

Gideon, der Wissenschaftsversessene, bittet dann noch darum, einen Sektenangehörigen im Verwandlungsstadium treffen zu dürfen. Abigail warnt ihn, das sei alles andere als ein schöner Anblick, aber der Sanitäter geht sich das trotzdem ansehen. Er muss das wohl auch tatsächlich ziemlich interessant gefunden haben, denn er bringt ein halbes Notizbuch voller Aufzeichnungen mit und erzählt auf der Rückfahrt am nächsten Tag eingehend davon, was er gesehen hat. Klingt ziemlich eklig, wenn Ethan ehrlich ist. Irene beschließt jedenfalls, Mutter Wurm doch nicht als Trophäe jagen zu wollen, und überlässt Gideon den auf dem Werksgelände gefundenen Hautfetzen und den Wurmzahn. Vielleicht hat er ja irgendwann die Möglichkeit, die beiden Dinge doch ein wenig näher zu untersuchen, auch was diese Sache mit der Jugend angeht. Aber unauffällig, bitte.

Zurück in Point Hope setzen sie sich noch eine Weile im Tikigaq Native Arts and Crafts Café zusammen und wärmen sich auf. Gideon hakt nochmal bei Irene nach, weil die ja auf dem Werksgelände meinte, ihre Familie habe ein ganzes Archiv über das Übernatürliche. Das sei korrekt, bekräftigt sie, und die Einladung stehe, falls Gideon mal nach England kommen wolle.
Über das Archiv und dessen Bedeutung für den eher langweiligen, bücherwürmerischen Teil der Familie, sprich die Blackwoods, landet das Gespräch bei ihren gemeinsamen Bekannten. Denn Bart Blackwood fand Lyle ebenso wie den tapferen Agent Saitou alles andere als langweilig und bücherwürmerisch, als er ihm bei der Zerschlagung der Weisen von Endor begegnete, und Irene muss ein wenig widerstrebend zugeben, dass sie schon erlebt hat, wie Bart bereit war, sich die Hände schmutzig zu machen.
„Sam auch“, wirft Ethan, der bis dahin wortlos – nur mit einer leichten Grimasse, als der Name Saitou fiel – zugehört hat, nun ein. Denn die passt seiner Meinung nach genauso wenig in das Bild, das Irene eben gezeichnet hat.
„Sam ist ja auch eine Hooper-Winslow“, erwidert Irene prompt.
Ethan blinzelt. Macht den Mund auf. Schließt ihn wieder. Blinzelt nochmal. „Was?“ fragt er dann stupide.
„Sam ist eine Hopper-Winslow“, wiederholt Irene geduldig. „Das habe ich aber auch selbst erst vor kurzem herausgefunden.“
„Aber…“
Er unterbricht sich. Nichts Aber. Wo Ethan jetzt so darüber nachdenkt: Es stimmt. Sam hat nie selbst gesagt, dass sie Blackwood heiße. Sie hat damals am Roten Haus nur die Annahme nicht korrigiert. Verdammt. Warum? Eine Sekunde lang will er sich getroffen fühlen, dass sie ihm ihren Namen nicht anvertraut hat. Dass Irene das Geheimnis, denn ein solches war es ja offensichtlich, vor ihm herausgefunden hat. Und er dachte… Aber dann schüttelt er den Kopf, beinahe verärgert über seine Albernheit. Gar nichts dachte er. Ist doch ganz allein ihre Sache, wem sie ihren Namen nennt. Nur weil… Gah. Gibt kein ‘weil’. Aber das Wissen, dass Sam eine Hooper-Winslow ist, erklärt so einiges, jetzt im Nachhinein. Ihre rätselhafte Bemerkung aus dieser seltsamen Mail, die sie vermutlich in leicht angetrunkenem Zustand schrieb. Ethan verzieht das Gesicht. Die Mail, auf die er nach seiner ersten unbeantworteten Reaktion noch mehrere Folgemails verfasste, aber alle wieder löschte – bis auf die letzte, wo er versehentlich stattdessen doch auf den „Senden“-Knopf gekommen sein muss. Was Sam natürlich garantiert nur noch viel mehr vor den Kopf gestoßen hat. Verdammt. Das ist mal richtig scheiße gelaufen, da im Januar. Aber was hatte sie damals noch geschrieben? „krieg nichts auf die reihe. wie sie immer sagten. NoHW. schön wärs.“
„NoHW. Schön wärs.“ Sams Familienzugehörigkeit scheint ein richtiges Problem für sie darzustellen, wenn er das richtig interpretiert. Verdammt.
Im Forum gibt es ja auch einen User namens „NoHW94“. Wegen der Erwähnung von “NoHW” in der E-Mail hat er schon eine Weile gedacht, dass dieser User „NoHW94“ vielleicht Sam sein könnte. Die Vermutung hat sich wohl gerade nochmal ein Stück erhärtet.

„Wie’n?“ fragt er statt seines angefangenen Satzes, aber Irene hat offenbar keinerlei Lust, über das Thema zu reden. Die Erwähnung der Blackwoods macht ihr erkennbar schlechte Laune. Sie versucht, von dem Thema abzulenken, indem sie Ethan fragt, warum er bei der Erwähnung von Agent Saitou eigentlich so ein Gesicht gezogen hat. Und warum Saitou in Helena so schlecht auf ihn zu sprechen war. Ethan brummt etwas Unverständliches. „Was denn“, protestiert Irene, „das FBI auf unserer Seite zu haben, ist doch super!“ Ethan knurrt wieder, und dann erzählt er zögernd und mit einiger Mühe von den Hexen aus Dana Point. Dass für ihn das Töten der Vertrautentiere ein gangbarer Kompromiss gewesen sei, für Jon Saitou aber nicht. Dass der sich strikt geweigert habe, ohne Beweise etwas gegen die beiden Frauen zu unternehmen. Dass sie ihm also gesagt hätten, sie gingen Beweise suchen, stattdessen aber den Vertrautentieren, und damit den Hexen, den Garaus gemacht hätten. Irene seufzt mitfühlend, als Ethan fertig ist. „Der arme Jon.“ Der arme Jon?! Das war jetzt nicht das, was er von ihr hat hören wollen. Aber Irene spricht schon weiter. „Ich hätte es ganz genauso gemacht.“ Und das wiederum bringt der Engländerin einen dankbaren Blick von Ethan ein.

Gideon hat sich die ganze Hexengeschichte mit regloser Miene angehört. Keine Ahnung, was der jetzt denkt. Vermutlich hält er Ethan nach der Story für einen gewissenlosen Mistkerl. Naja. Nicht zu ändern. Lyle wirkt jedenfalls wie immer wenig überrascht. Dem gegenüber hat Ethan ein richtig schlechtes Gewissen, weil er zugelassen hat, dass der Junge den Köder für den Riesenwurm spielt, statt das selbst zu übernehmen, und Lyle dann auch noch verletzt wurde bei der Aktion. Als der Junge sich dann also interessiert und neugierig zeigt, wie Ethan das mit der Elektrofalle genau gemacht hat, ertappt der sich dabei, wie er es tatsächlich genau erklärt und wiederholt, bis Lyle es kapiert hat. Dass Ethan dabei größtenteils vom wörtlichem Erklären abkommt und seine Hände das Reden für ihn übernehmen, als er die entsprechenden Griffe nachmacht, damit scheint Lyle ganz gut leben zu können.

Mit den anderen dreien zurückfliegen will der Junge aber nicht. Irene bietet es ihm wie völlig selbstverständlich an, aber Lyle erklärt, er käme schon irgendwie hier weg. Dass Gideon ihn mit einem fürsorglich-entsetzten „Was, ganz alleine? Es ist aber ganz schön gefährlich da draußen!“ davon abhalten will, hat dummerweise genau die entgegengesetzte Wirkung auf Lyles sture Entschlossenheit, alleine klarkommen zu wollen. Da hilft Ethans pragmatischer Hinweis, die Strecke sei aber verdammt weit, und auf dem Landweg würde es verdammt lang dauern, auch nicht mehr. Mist. Aber nicht zu ändern. Wie der Junge sagte. Wird schon klarkommen. Adressen und Nummern tauschen sie aber alle immerhin noch aus.

Und Irene setzt vom Café aus mit einem Telefonat schon mal einen ersten Hebel ihrer Familienbeziehungen in Gang, um für ein paar Wochen die Ölförderungsaktivitäten da draußen lahmzulegen. Dann haben die Kinder Ouroboros und die Würmer wenigstens eine kleine Atempause, in der sie sich in Ruhe einen neuen Ort zum Leben suchen können. Für die Ölarbeiter – und zum Teil auch für die Bevölkerung von Point Hope – bedeutet das natürlich jetzt erst mal ein paar Wochen Verdienstausfall und Scherereien, aber auch das ist jetzt eben nicht zu ändern. Dann wird in der Zeit aber wenigstens erstmal niemand mehr angegriffen.

In Anchorage, als sie wieder Handy-Empfang haben, schickt Ethan Sam eine kurze Nachricht. Nur ein par Wörter. “Alaska. Yay. Aber tolle Sonnenuntergänge.” Und das Foto.

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Teichdämon in Maine
nur teilweise geglätteter Mitschrieb

In Springfield, einem kleinen 450-Seelen-Örtchen mitten im Wald von Maine, gibt es ein Therapiezentrum für traumatisierte Kinder und Jugendliche, dafür aber keine Handyverbindungen und GPS nur über die richtig teuren Geräte. Es ist das, wovon man glaubt, dass es die Kinder jetzt brauchen: Abgeschieden, ruhig.
Das Heim gibt es seit etwas über 10 Jahren, aber vor 1 Woche ist etwas schiefgelaufen: Einer der Patienten ist durchgedreht und hat angefangen, die anderen Patienten, Pfleger und Ärzte umzubringen. Ohne Waffen. Einige soll er einfach in der Luft zerrissen haben. Üble Geschichte, die Opfer sollen mehr ausgesehen haben wie bei einem Verkehrsunfall.
Ein Detail, das jeden Jäger hellhörig werden lässt, der schon mal von Dämonen gehört hat: Der Junge hatte komplett schwarze Augen, als er die Morde beging.

Kein Wunder, dass es gleich mehrere von den Gestalten deshalb nach Maine zieht: Gideon hat von einem anderem Rettungssanitäter die Geschichte erfahren, Cal, Irene und Sam über Zeitung, Roadhouses und ähnliche Kanäle.

Ein so ruhiges Örtchen muss man erst mal suchen. Irenes Navi findet es diesmal ganz brav sofort. Es hat auch was gutzumachen nach dem Norwegerspaß in Columbus. Na, zumindest leitet es sie richtig bis die Satelliten ausfallen, aber da gibt es nur eine Straße, und es ist ausgeschildert.“Sken’nen Centre for Recovery”

Die vier treffen sich aber, wie es der Teufel so haben will, schon vorher in Springfield, im einzigen Diner. Cal, Gideon und Sam erkennen Irenes Auto, ist halt recht auffällig.

Gideon: „Hi, Irene.“
„Hi Gideon – diesmal hab ich’s mir gemerkt.“
Warum beide hier sind, ist mit wenigen Worten geklärt. Auch keine Frage, dass es erfolgversprechender ist, zusammenzuarbeiten. Etwas mehr Hirnschmalz erfordert es dann schon zu überlegen, wie sie Zutritt zum Gebäude bekommen könnten.
Auftritt Cal. Er sieht Irene und Gideon, setzt einen wenig begeisterten Gesichtsausdruck auf: „Da hat man einmal Urlaub, und dann sowas“. Setzt sich trotzdem.
„Nie und nimmer bist du im Urlaub,“ konstatiert Irene.
„Für mich ist das hier Urlaub. Zumindest war es das bis vor einer Minute“

Bevor die beiden sich noch ein bißchen mehr anpampen können, kommt Sam rein, sieht sich um. Erst will sie zu Irene an den Tisch, stockt aber, weil sie die anderen nicht kennt, geht zum Tresen weiter. Erst mal beobachten, akklimatisieren, eventuell schon das Thekenpersonal ein bißchen über die Vorfälle ausfragen. Irene winkt erfreut, als sie Sam sieht. „Sam, setz dich doch zu uns!” Es folgt ein allgemeines Vorstellen seitens Irene. „Das sind Gideon und Cal. Sam, meine Cousine.“

Cal: „Zwei von der Sorte.“
Sam: „Ich glaube nicht.“
Cal: „Kommt drauf an, bist du auch ein Dieb und ein Bully?“
Sam wirkt überrascht.
Irene rollt mit den Augen. „Es ist immer wieder schön, dich zu sehen, Cal.“
Gideon genießt die Show.
Irene: „Aber wo du schon mal hier bist, um dich nützlich zu machen, hast du deine FBI-Jacke noch?“
Cal bejaht.
„Das dürfte unser Problem lösen.”
Gideo: „Gut, Hauptsache, wir kommen rein.“

Sam stellt fest, dass sie nur oberflächlich informiert ist. “Weiß wer mehr?“
Gideon kennt auch nur Geschichten bisher, findet aber, es lohnt sich, der Sache genauer auf den Grund zu gehen. Irene steuert bei, dass der Mörder schwarze Augen gehabt haben soll. Wenn es sich da noch um einen abgesperrten Tatort handelt, wäre es gut, wenn einer offiziell aussehen könnte. Sprich FBI-Cal. Der will wissen, ob da noch Polizeipräsenz ist. Die anderen zucken alle die Schultern, war noch keiner da.

Sam: “Gehen wir halt gucken, oder ich geh’ alleine gucken und sag’ euch bescheid.”
Cal: “Das machen wir schon zusammen, hat ja keinen Sinn sonst.”
Irene: “Darauf hatte ich gehofft.”
Cal quittiert das mit einem sarkastisches Lächeln.
Sam will wissen, ob schon einer mit den Leuten im Diner gesprochen hat.
Selbige finden natürlich alles ganz schrecklich! Die Kids haben vielleicht schon über die Stränge geschlagen, aber sowas gab’s noch nie. Eine schrecklich traurige Sache, nun wird bestimmt das Zentrum aufgelöst nach so einem Skandal. Es weiß keiner, wie es damit weitergeht.
Der Täter selbst soll tot sein. Das wissen nicht alle, aber einer hat das gehört. Das Heimpersonal hätte ihn nicht anders aufhalten können.
Auf die Frage, ob die Einrichtung noch offen ist, antwortet man: Ja, da ist noch jemand. Es sind Leute weggeholt worden, aber da sind noch Kinder. Der Versorgungstruck ist gestern auch hingefahren, aber es sind nicht mehr viele Leute da.
Da Kinder umgebracht worden sind, andere verletzt, wurden viele von ihnen weggebracht, woandershin. Die meisten. Jetzt sind nur noch ein paar da. Es weiß aber keiner Genaues.
Wohl weil die Gegend so abgelegen ist, gab es auch keine große Presse.

Man fährt hin, teilt sich auf Irenes und Cals Auto auf. Gideon bei Irene und Sam bei Cal. Der kleine Terrier, der in Cals Auto zurückbleiben musste, freut sich total, Sam zu sehen. Die ist völlig baff ob des Omahundes.
Cal ist die Töle ein wenig peinlich: „Irgendwann bring ich sie ins Tierheim. War bisher keine Zeit für.“
Sam: „Wie heißt sie denn?“
„Miffy.“ So steht es auch auf Miffys Halsband, auf einem Herzanhänger mit einer Adresse, die bestimmt nicht die von Cal ist.
„Mag sie Kinder?“
„Ja, die mag eigentlich jeden.“
Miffy unterstreicht die Aussage, indem sie während der Fahrt die ganze Zeit auf Sams Schoß sitzt.

Von Springfield aus ist das Zentrum nicht schwer zu finden. Eine halbe Stunde Fahrt entfernt liegt es mitten im großen, tiefen Wald, in dem nicht selten Wanderer verloren gehen, weil sie sich auf Handy-GPS verlassen. Das ist man in Maine schon gewohnt, auch dass die Wanderer dann in den allermeisten Fällen auch nicht wieder auftauchen. Wenig Wege sind richtig gut erkennbar, es sieht alles gleich aus. Kein Wunder.

Das Therapiezentrum befindet sich auf einer kleinen Anhöhe, darum herum erstreckt sich der Wald, direkt ans Gebäude anschließend, gibt es auch einen Park und eine Freifläche für Basketball und generelles Herumhängen. Normalerweise würden sich hier um diese Zeit sicher jede Menge Kinder und Personal tummeln, jetzt sind es nur so ein, zwei Leute, einer dribbelt unmotiviert mit einem Basketball herum.
Ein paar Autos stehen da noch, eines gehört zu der Einrichtung, ein Kastenwagen für Zeug und Leute. Außerdem ein Privatauto. Ein einzelnes. Keine Polizei weit und breit.

Die Jäger klingeln, werden von einer Frauenstimme begrüßt: “Hallo?”
Irene lässt Cal den Redevortritt. Der hat sich noch schnell umgezogen, trägt jetzt einen leicht verknitterten Anzug, damit er als FBI durchgehen kann.
„Agent Miller, FBI, können wir mit Ihnen reden?“
Cal rollt, schon während er fragt, mit den Augen, weil die Gruppe nicht sehr glaubwürdig aussieht. Egal.

Eine Frau kommt den Jägern entgegen, ihr Kostüm sieht aus, als hätte sie es schon mehrere Tage an – gute Kleider, aber völlig zerknautscht. Sie wirkt übernächtigt, echt fertig, bemüht, sich zusammenzureißen. Beguckt die Truppe mit dem Hund, als würden die von einem anderen Stern kommen.
Zu Cal gewandt, stellt sie sich vor. Sie heißt Susan Brown und ist Leiterin des Zentrums.

Cal stellt ihr die Bande vor:
Gideon macht er zu Agent White (forensische Spurenanalyse), Irene zu Ms. Waters, (externe Beraterin), Sam wird Ms. Jones (Sozialarbeiterin).

Brown guckt skeptisch, und Gideon ist sich sicher, dass sie den Jägern die FBI-Geschichte nicht abnimmt, aber es ist ihr egal. Resigniert fragt sie: „Was kann ich denn tun?“
“Uns noch einmal genau erzählen, was passiert ist, und uns Gelegenheit geben, den Tatort zu beschauen, bitte.”

Brown bittet sie rein und erzählt. “Eine Woche ist es jetzt her. Wir sind ein Therapiezentrum, das wissen Sie sicher, wir betreuen traumatisierte Kinder und Jugendliche, die missbraucht wurden oder deren Verwandte gestorben sind oder die Dinge gesehen haben, die man in dem Alter nicht einordnen kann. Unter anderem betreuten wir Matthias Hassallee…
Der Junge stammte aus einer Sekte, die im Bible Belt ihr Unwesen getrieben hat und die Kinder mit komischen religiösen Vorstellungen gefüttert, ihnen Drogen verabreicht und noch schlimmeres getan hat. Matthias ging es eigentlich schon ganz gut, seine Therapie macht Fortschritte. Dann verschwand er im Wald, was auch zur Therapie gehörte. Aber trotzdem haben wir nach ihm gesucht. Wir haben ihn nicht gefunden, dann ist er von alleine wiedergekommen. Es hat irgendetwas was nicht gestimmt mit ihm. Er hat sich anders verhalten. Genau konnten wir die Veränderung nicht einordnen. Beim Abendessen ist er dann völlig durchgedreht.”

Dr. Brown bringt die Gruppe in den Speisesaal, der noch dominiert wird von Crime Scene Tape. Gideon zieht Gummihandschuhe über, untersucht Blutspuren und umgeworfene Tische. Als Matthias durchgedreht ist, erzählt die Leiterin weiter, hat er zuerst einem Mitschüler das Genick gebrochen und dabei wild gelacht, dann andere angegriffen. Es brach Panik aus, ein Arzt wollte Matthias beruhigen und wurde ebenfalls umgebracht, ein Pfleger wollte ihn ruhigstellen, den hat Matthias regelrecht in der Luft zerrissen. Danach hat er noch mehr Schüler und Ärzte umgebracht, ein Pfleger, der zum Glück Ex-Navy Seal ist, hat Matthias das Genick gebrochen, wurde aber selbst schwer verletzt.
Das traurige Fazit von wenigen Minuten: 4 Schüler tot, 3 Erwachsene tot, einer schwer verletzt.

Die Ärztin hofft, dass Ms. Jones, für die sie Irene hält, jetzt die verbliebenen Schüler aufnimmt. Nachdem Irene das Missverständnis aufgeklärt und auf Sam als angebliche Ms. Jones gezeigt hat, fragt Sam, ob sie mit den Kindern reden kann, die noch hier sind.
Zunächst sieht Ms. Brown Sam völlig verwirrt an, wer die denn überhaupt sei. Dann erklärt sie, es sei keine gute Idee, aber sie werde mal sehen, was sie tun kann.
Ihre nächste Aussage deutet von noch mehr Verwirrung. Sie wolle den Präsidenten, wie heißt er, Roosevelt, ach nein, Kennedy! fragen.

Gideon fragt, ob es ihr gut gehe. Nein, natürlich nicht, ist die Antwort der Ärztin, immerhin hat sie ja das Ganze mit ansehen müssen, aber was will sie denn machen, kann ja nicht weg.
Sam versucht sie ein wenig zu beruhigen und ihre Tarnidentität als Ms. Jones plausibler zu machen, indem sie auf ihr Aussehen mit Lederjacke eingeht und erklärt, das sei wichtig für ihre Arbeit mit Straßenkindern.
Dr Brown sieht aus, als fange sie gleich an zu weinen, aber sie reißt sich zusammen.
Gideon schlägt vor, dass sie doch geruhsam einen Tee trinken gehen könnten, während Ms. Jones ihre Arbeit macht, aber Dr Brown lehnt ab, da sie ja ihre Patienten nicht alleine lassen kann.
Das könne er verstehen, erwidert Gideon, aber er wolle verhindern, dass die Ärztin vor den Kindern einen Heulkrampf bekomme.
“So schlimm?” fragt Dr Brown. “Ganz ehrlich? Ja”, erwidert Gideon.
Ms Brown verzieht das Gesicht, reißt sich zusammen. Sie ruft den Pfleger, Kennedy Blaylock. Der ist noch hier, weil eben auch noch Kinder hier sind, und er macht sich sichtlich Sorgen um Dr Brown.
Die fragt ihn, ob er die Baseball-Sachen schon weggeräumt habe, aber das hat er völlig vergessen. Macht er aber noch, sagt er.
Kids werden eingesammelt um mal befragt zu werden. Zwei von ihnen sind auf dem Gelände, einer ist der Basketball-Spieler. Aber Maybell fehlt. Die Jäger stellen Fragen und die Kinder reden recht offen: Sie erzählen genau dasselbe. Matt war weg, jetzt ist Maybell weg. Sie wollte ihre Traumapuppe aus dem verlorenen Wald holen, weil sie ihr neue Sachen erzählen muss.
Die Puppe ist, wo alle Puppen sind. Die Polizei soll jetzt gerufen werden bei Maybells Verschwinden. Mit vollem Namen heißt das Mädchen Maybell Taylor.
Bei Cal klingelt es: Jeremy Taylor war Jäger, Cal hat ihm die Rede gehalten von Familie und Jagen, aber Jeremy konnte keines von beiden sein lassen. Die war, dass ein Monster ihm irgendwann nachhause folgte. Es brachte die ganze Familie um, bis auf das Mädchen.

Cal erzählt das den anderen. Alle stimmen überein, dass sie schnellstens das Mädchen finden müssen. Irene vermutet, dass draußen ein Monster ist, das genau solche Kinder sucht. Sam: “Bzw. genau solche Kinder beeinflusst, dass sie solche Dinge tun.”

Man schließt sich dem Suchtrupp an. Je schneller sie die Kleine finden, desto besser. Die Kids haben auch nicht viel anderes mehr zu erzählen.
Ob es bei Matt schon mal Veränderungen gab, fragt noch jemand. Ja, dem ging es mittlerweile besser. Der hatte von Besessenheit und Gott geredet vorher. Bis zum Ausraster schien er das so langsam verarbeitet zu haben.

Brown und Kennedy erklären den Weg, kommen aber nicht weg, weil da ja noch die anderen Kinder sind. Dr. Brown erklärt noch den Sinn der Traumapuppen: Sie sind Teil der Therapie. Man soll ihnen die schlimmen Erlebnisse immer wieder erzählen. Nicht als Geheimnis, sondern schon in Präsenz des Therapeuten. Wenn man mit dem Trauma fertig ist, trennt man sich symbolisch davon und hängt sie in den Wald. Dafür gibt es einen Sammelplatz. Ein bestimmtes Waldstück. Sieht ein bisschen gruselig aus, aber ist therapeutisch wirksam.
Doof, das Maybell losgerannt ist, um der Puppe weiter Zeug zu erzählen.

Es gibt einen Weg, der dahin führt, aber das Waldstück ist nicht klein und nicht übersichtlich, kein GPS. Die Ermittler sollen aufpassen, dass sie sich nicht verlaufen.
Kennedy: “Hey, die sind vom CIA, die finden sich schon zurecht.”

Gideon fällt auf, dass den Leuten ständig kleine Dinge unterlaufen, wo sie Sachen vergessen haben. Es wirken alle irgendwie sehr verpeilt.

Das Waldstück ist nicht schwer zu finden. Die Puppen hängen an Bäumen. Nicht an jedem, aber einigen. Außerdem ist es ungewöhnlich ruhig hier, nicht so, dass man gar keine Tiere hört, aber gedämpft.

Irene sieht unter einem Busch, im Unterholz, eine kleine Flasche, Parfumflasche, richtig edel. Sie könnte schwören, sie hatte sowas mal. Komisch, dass sie hier rumliegt. Irene hebt sie auf, das Ding sieht ganz genau so aus. Sie hatte es von Charles bekommen, war auch nicht ihr Duft. Überhaupt vermeidet sie es, stark nach irgendwas zu riechen. Das ist auf der Jagd nicht so schlau. Seltsam, dass genau sowas jetzt hier ist. Irene steckt das Fläschchen ein.

In diesem Wald gibt es nicht viel Unterholz, aber einige verstreute junge Büsche. Das Gelände ist nicht sehr übersichtlich, aber am Hang, man kann runtergucken, dann sieht man das Zentrum oder die Straße. Es wirkt nicht, als liefe man Gefahr, sich sofort zu verlaufen; falls man sich verliefe, könnte es unangenehm werden, aber hier am Hang geht es noch.

Gideon sieht eine Puppe am Weg liegen. Die murmelt. „Ich konnte es ihnen nie recht machen, ich habs doch versucht, aber was ich auch gemacht hab, wenn ich mich geprügelt hab…“ Eine kindliche Stimme.
„Wartet mal, habt ihr was gehört?“ Keiner sonst hat es mitbekommen.
„Nennt mich verrückt, aber die Puppe hat grad geredet“
Gideon hebt sie auf, die Puppe redet weiter. Papa war immer böse, wenn er sich geprügelt hat, war es nicht recht, aber wenn er sich nicht geprügelt hat, war er ein Weichei…
Sam hört auch was, leise, die anderen nicht.
Die Suche nach einem Aufnahmegerät in der Puppe führt zu keinem Ergebnis.
Gideon hört es von allen am deutlichsten.
„Wenn ich anfange, komische Sachen zu machen, knockt mich aus.“
Irene: „Ahahaha. Warum haben Sie Angst, komische Sachen zu tun?“
Gideon: „Weil ich was höre“
Sam: “Ich hörs ja auch“
Irene erinnert sich voll Unwohlsein an den Start des Weihnachtstraumas.

Da sind noch mehr Puppen, Teddybären, etc. Alle flüstern leise vor sich hin.
Gideon erzählt, dass alle Puppen Vibes abgeben.
Sam lauscht mal bei den anderen nach Unterschieden. Alle erzählen was eigenes.
„Dann hat er sie einfach erschossen, weiß nicht warum“
„Der hat mich nur angeguckt, und dann ist es abgebrochen, und dann ist sie runtergefallen, und ich habe noch gelacht, ich habe gelacht“
Offensichtlich sind die traumatischen Erlebnisse der Kinder in den Puppen gesammelt.

Gideon fragt, ob wer Kreaturen dieser Art kennt, die Emotionen wieder auf Leute zurückspielen und sie durchdrehen lassen. Irene erwähnt den Schulddämon von Weihnachten. Cal sagt was von Ritualen, die es bestimmt auch gibt. Sowas sollte aber nicht einfach so passieren.
Aber erstmal müssen sie schnell Maybell finden.
Irene fragt: “Ihr, die ihr was hört, fühlt ihr euch beeinflusst?”
Bisher nicht
Gideon holt seine Pupillenlampe raus, leuchtet allen mal in die Augen.
Irene: „Was soll das?“
Gideon: “Ich will nur sichergehen.”
Keiner der anderen ist besessen. Irene bittet Gideon und Sam trotzdem, vor Cal und Irene zu gehen, zur Sicherheit, weil die die Stimmen gehört haben, falls sie damit eine potentielle Gefahr darstellen.
Cal: “Ist einer von Euch für Geister empfindlich, könnt ihr die leichter sehen?” Nein. Keiner ist irgendwie medial begabt.
Cal: “Egal, suchen wir einfach weiter. Das Mädchen ist wichtiger jetzt.”
Das Flüstern der Puppen geht leise weiter.

Cal lauscht auch mal, hat kurz den Geruch in der Nase, als habe sich jemand übergeben. Der vergeht schnell, als die anderen weiterreden und Cal sich nicht konzentrieren kann. Er nimmt erstmal an, dass da wirklich gerade was verrottet.

Irene sucht Spuren und findet frische Fußstapfen eines Kinderschuhs. Sie führt die anderen den Spuren nach, so kommen sie an eine Senke im Wald mit einer Brackwasserpfütze. Neben der brackigen Pfütze sitzt ein dunkelhaariges Mädchen von 12 oder 13 Jahren. Maybell. Sie sitzt im Schneidersitz, eine Hand im Wasser, sieht auf, sieht die Gruppe an. Irene und Cal bemerken, dass etwas an ihnen zupft, aber es passiert nichts.
Sam und Gideon haben je einen Flashback. Gideon sieht eine Frau, die er schon mal gesehen hat, ihre Kehle rausgerissen, die Augen blicklos; Sam sieht den Rakshasa, der sie um ein Haar gefressen hätte und den sie zu Kleinholz verarbeitet hat.

Sam bleibt wie angewurzelt stehen, holt gedankenverloren ihr Handy raus. Sie will bescheid geben, dass sie das Mädchen gefunden haben, aber hier ist kein Empfang. Also flucht sie nur.
Gideon sieht ins Leere, muss sich mit Mühe zurück in die Gegenwart ziehen.

Irene: „Maybell?“
Das Mädchen sieht auf, fängt an, erfreut zu grinsen, aber es ist kein gutes Grinsen.
Cal: „Shit“
Irene wartet gar nicht erst, was als nächstes passiert: "Exorciamus te, Omnis Immundus Spiritus, Omnis Satanica Potestas, ….”

Da werden die Augen des Mädchens schwarz, sie springt auf und Irene an. Unglaublich schnell. Cal hat grade erst die Wasserflasche rausgeholt, da ist sie schon da und greift an.
Irene weicht zwar aus, aber sie war so nah dran, der Dämon wirftsie einfach durch die Gegend. Sie kommt mit ein paar Kratzern am Rücken davon, weil sie gegen einen Baum geflogen ist, wird allerdings im Exorzismus unterbrochen, muss nochmal von vorne anfangen.
Sam erkennt die Exorzismus-Formel, stimmt mit ein, als Irene von vorne anfängt.
Irene holt Luft, verteidigt sich voll und fängt nochmal an. “Exorciamus te, Omnis Immundus Spiritus, Omnis Satanica Potestas, Omnis Incursio Infernalis Adversarii, …”
Cal begießt Maybell mit Weihwasser; sie weicht aus, bekommt nur ein paar Spritzer ab.
Gideon hat Skrupel, das volle Geschütz aufzufahren, aber will sie in den Schwitzkasten nehmen, was klappt. Halbwegs. Das Mädchen lacht und windet sich raus – bzw. versucht, ihn wegzuschleudern. Gideon kann sie gerade so festhalten, sie ist unglaublich stark. „Schnell!!“
Irene & Sam sprechen weiter den Exorzismus.
“…Omnis Congregatio et Secta Diabolica, Ergo Draco Maledicte, Ut Ecclesiam Tuam Secura, Tibi Facias Libertate Servire, …”
Sam hilft Gideon beim Festhalten. Sie hat ihr kleines silbernes Kreuz aus der Tasche geholt. Das Kreuz hilft sehr, sie hält den Dämon damit in Schach.
Cal gießt mehr Weihwasser drüber. Das lässt sie schmerzerfüllt aufschreien. (Aber immer noch besser als die Alternative). So schmerzhaft, dass der Dämon keine Lust mehr hat und aus dem Mädchen herausfährt. Die Schwarze Wolke wirft alle in der Gegend herum, Gideon kann das Mädchen festhalten, aber etwas verschwindet von der Lichtung. Der Dämon – und noch etwas, zusätzlich zum Dämon. Es sieht beinahe aus wie ein Mensch. Ob der nun in der Nähe war oder was, ist nicht zu sagen.
Cal: „Hey! Bleib stehen!!“ Sprintet hinterher. Sam und Gideon rennen auch hinterher.
Der Schwitzkasten ist leer. Die Dämonenwolke ist weg. Der Exorzismus war aber noch nicht durch, Irene spricht ihn zuende “…Te Rogamus, Audi Nos!” und will dann hinterher – sieht aber: Es sind alle in 3 unterschiedliche Richtungen weg.
Irene rennt Sam hinterher.

Sam folgt jemandem, denkt, es ist Gideon, aber als sie ihm weiter folgt, dreht die Gestalt sich irgendwann um, und es ist nicht Er. Es ist Sams Vater. Der Gesichtsausdruck missbilligend, stirnrunzelnd, angewidert.
Sam bleibt wie angewurzelt stehen, bleibt zurück. Ihr Vater kommt auf sie zu, Sam weicht zurück.
„Samantha, wieder mal typisch“.
„Das bist nicht du, du bist tot.“
„Meinst du? Ist das deine Ausrede?“
„Das ist nicht real hier! Irene? Gideon?“
Sam weicht zurück, immer weiter, verliert ihn aus den Augen, dann ist er weg, aber sie hört noch seine Stimme, ein tiefes Seufzen, „Saaaam“.

Irene sieht Sam stehenbleiben, die eine Gestalt ansieht. Die ist aber nicht der Dämon, sondern ist DeVries. Der schaut nicht Sam an, sondern Irene. Wieder ist seine Kehle durchgeschnitten, Blut sprudelt heraus. Er hält sich die Kehle, streckt die Hand nach ihr aus.
„Sam, geh da weg.“
Sam ist schon im Zurückweichen begriffen.
Irene schluckt.
DeVries geht in die Knie, wie damals. „Das ist nur ein Echo von früher, Sam“
Sam ist nicht mehr neben Irene, scheint von dem Sterbenden weggelaufenzu sein, der da zusammensackt.
Irene weiß es eigentlich besser, sinkt vor ihm aber auf die Knie, versucht, seine Hand zu greifen, aber da ist nur Luft. Er ist weg. Irene ist wieder im Wald. Kein Steinboden, wie Irene gerade noch gedacht hatte.

Gideon holt denjenigen, diejenige ein, dreht sich um, es ist diese Ehefrau des Ghulopfers. Sie blickt ihn hoffnungsvoll an, noch ist ihre Kehle nicht aufgerissen. Gideon starrt sie planlos an, versucht herauszufinden, was er tun muss, sieht sich um, ob noch wer da ist. Schaut kurz weg, und als er wieder hinsieht, ist die Kehle rausgerissen, sie greift sich an den Hals, blutet. Gideon stürzt hin, um sie zu retten, aber als er sie anfasst, verschwindet sie. Auch das Blut von seinen Händen verschwindet.
Er hockt sich auf den Waldboden und wiederholt wie ein Mantra, „das ist nicht real, das ist nicht real, das ist nicht real…“

Cal folgt dem Etwas. Als er um einen Baum biegt, riecht er stark den Geruch des Erbrochenen. An einem Baumstumpf sitzt, bzw. lehnt die Gestalt von Cals Mutter. Erbrochenes klebt ihr am Kinn, sie schaut ihn an.
Cal erstarrt, ist zurück in der Szene, wie er sie als Junge fand, reißt sich aber raus, er weiß ja, dass es Monster gibt, die sowas machen, drängt die Schuldgefühle zurück, wird richtig wütend. Da spielt jemand Spielchen. Nicht mit ihm! Er ballt die Faust, haut seiner nicht realen Mutter ins Gesicht, die verschwindet, seine Faust geht voll in den Baum dahinter. Seine Knöchel platzen auf. „Ich weiß nicht, wer du bist und was du hier veranstaltest, aber wenn du dich traust, dann komm doch raus!“ Cal fühlt sich aber nicht besser von dem markigen Spruch.

Da stehen jetzt alle alleine im Wald.

Sam hat nach den anderen gerufen und keine Antwort erhalten. Sie blickt sich um, sieht etwas Buntes auf dem Boden. Sieht genauer hin, es ist ein Wachsmalstift in Gelb. So einen hatte sie auch mal. Der Stift wirkt gepflegt, nicht so, als liege er seit Wochen im Wald, sondern als sei er neu verloren gegangen.
Sam sieht sich gehetzt um, traut der Sache nicht, ruft nach den anderen. Immer noch keine Antwort. Sie schüttelt den Kopf, lässt das Ding liegen, geht zurück in die Richtung, wo sie herkam.
Beim Umsehen sieht sie noch so einen Stift, rot, ein Stückchen weiter weg, will jedoch in keine der beiden Richtungen gehen. Zur Sicherheit merkt sie sich einen Fixpunkt in der Richtung, wo sie hinwollte, ruft, guckt auf ihr Handy, totales Funkloch, „verdammt, das ist nicht real, wo sind die andren, … zum Ursprung zurück, immer zum Ursprung zurück!“ Sie sieht einen orangefarbenen Stift hinter dem roten. „Verdammt, hat doch alles keinen Sinn, IRENE! Das will mich doch wohin führen….“

Irene hört eine Stimme, es könnte Sam sein, oder auch nicht. Ein kleines Buch unter einem Busch weckt ihre Aufmerksamkeit. Es hat die Größe A6, scheint das gleicheBuch zu sein, wie Irene es mal hatte. Ein Kinderbüchlein. Sie hebt es vorsichtig auf, wirft einen Blick rein. Eine Seite sieht angeknüllt aus, und jemand hat mit Schlamm einen kruden Pfeil hineingemalt.
Irene dreht sich, sieht sich um, bemerkt ein paar Meter weiter ein Schweizer Taschenmesser, wie es ihr mal gehört hat. Das war cool, es hatte einen furchtbar praktischen Haken, war schade, es zu verlieren, könnte das direkt sein.
Der Pfeil im Buch zeigt in die Richtung des Messers. Irene steckt beides ein und geht in diese Richtung weiter.

Gideon hört immer noch das Geflüster von den Puppen, da hängt ein Viech in einem Baum, ein Stoffhase, er murmelt seltsame Dinge. „…und dann kam ein Engel“ und so. Gideon schaut in die Richtung, da liegt ein Kugelschreiber der Boston Celtics, ein tolles Ding, das über Kopf schreibt und alles. Wie seiner, den er mal hatte. Gideon ruft nach den anderen, hört erstmal nichts. Seine Stimme klingt etwas verzerrt. Kurz hat er das Gefühl, es käme ein neuer Flashback an das Haus zurück, die Erinnerung an das Brüllen nach dem Ehemann, als Gideon die tote Frau gesehen hatte. Er ist sich ziemlich sicher, dass der Kuli nicht aus Versehen da liegt. Stück weiter weg, da hängt doch… Freddy, da am Busch. Da geht er hin, um sich das Ding genauer anzusehen. Freddy erzählt nichts, sieht aber aus wie Freddy. Das IST Freddy. Fasst ihn an, er ist keine Sinnestäuschung. Gideon kann ihn runternehmen, er hing sorgfältig am Baum. Gideon sieht das Stofftier an und redet mit ihm. „Was hat das Ding mit uns vor? Du bist doch nicht wirklich da!“

Cal hat gerade den Baum gehauen, sieht sich dann nach den anderen um, hört Stimmen, aber ist nicht sicher, ob er es wirklich hört. Er bildet sich ein, dass dahinten zwischen den Blättern ein kleines Spielzeugauto liegt, sieht aus we das, das er mal hatte und das dann weg war. Erst dreht er sich weg, geht dann aber grummelnd doch hin. Sieht wirklich aus wie seines, ein billiges Plastikauto, mit dem coolen Rallyestreifen und Türen zum Öffnen. Cal schaut sich paranoid um nach Beobachtern oder dem Mädchen oder dem Dämon. Kurz hat er den Eindruck etwas zu riechen, einen Geruch wie das Aftershave seines Vaters. Aber nicht vom Auto her. Er lässt das Auto fallen. Eigentlich wollte er gezielter vorgehen, aber erstmal muss er raus hier! Er sucht sich eine Richtung, die gut aussieht; rennt erstmal noch nicht, aber geht relativ eilig da lang.

Sam geht der Spur von Wachsmalstiften hinterher. Sie entdeckt einen blauen, da in der Nähe ein Ticken. Allerdings hebt sie die Stifte nicht auf, bleibt stehen; sieht sich um, kennt das Ticken, es klingt wie ihr alter Wecker. Da vorne, auf einem umgefallenen Baum, vor einer Lichtung. Es ist eindeutig Sams Wecker, mit allen Dellen und übermalten Macken, genauso wie damals. Ihr erster Instinkt ist es, hinzugehen, doch sie hält inne, wittert eine Falle, sieht sich um, lauscht. Hört das missbilligende „Tststs“ eines Elternteils. „Wer ist da?“ Der Wecker tickt, sonst ist nichts weiter zu hören. Kreuz und Messer in den Händen, pirscht sie sich an den Wecker heran, hockt sich davor, betrachtet ihn. Es ist definitiv Sams, mit allen Kratzern. Dahinter ist eine Lichtung.

Irene hat das Taschenmesser gerade eingesteckt, holt ihr Weihwasser raus, tropft etwas davon auf das Buch. Doch es passiert nichts, außer dass das Buch nass wird. Beim Tropfen auf den Pfeil verläuft der Schlamm schnell, aber es zischt nichts oder riecht seltsam. Da vorne ist eine Lichtung, auf der sie etwas erblickt, was sie nicht einordnen kann, da es durch die Blätter der Büsche schwer zu sehen ist. Am Rand der Lichtung steht ein Paar Schuhe. Sehr coole „fick-mich-Schuhe“, die sie zu Zwecken der Ablenkung und psychologischen Kriegsführung hatte und irgendwann mal irgendwo zurückgelassen hat, als sie schnell wo weg musste. Die Abendsonne leuchtet gerade darauf, sie sehen immer noch sehr cool aus, wenn auch schrecklich unpraktisch. Irene ruft nach den anderen. Sie behält die Weihwasserflasche in der Hand, lässt die Schuhe links liegen und geht auf die Lichtung zu.
Bei Betreten der Lichtung stellt sie fest, dass diese recht groß ist. Da hängt ein altes Flugzeug im Baum. Eine Einmotorige, ziemlich kleine Maschine, überwuchert, aber auffällig an diesem Ort. Es erinnert sie an irgendeinen 50er-Jahre-Film, den sie mal gesehen hat.

Gideon hat von Freddy keine Antworten bekommen, aber das Stofftier hat in eine Richtung geguckt, da ist eine Lichtung: Er läuft hin, sieht Irene, die da steht und das Flugzeug betrachtet. Ihm fällt auf, dass es sehr Messie-artig aussieht. Aller möglicher Kram liegt hier herum: Schlüssel, Handies, Bücher, all so Zeug, liebevoll sortiert. Die Sachen sehen teilweise alt und verblasst aus, aber nicht verwittert. Auch eigene Sachen von ihm sieht er. Bücher, Stifte, ein Lieblingsstein aus Kindertagen. Gideon ist froh, dass er wen von den anderen sieht, ruft nach Irene, die ihn hört.

Cal war in den Wald gelaufen, stapft vor sich hin, auf eine Lichtung zu. Er kommt auf die Lichtung, sieht das Flugzeug, vermutet, dass es Drogenschmugglern gehören könnte. Die benutzen solche handlichen Einmotorigen gerne. Auf der Lichtung stehen Gideon und Irene, Gideon hat Irene angesprochen. Cal sieht einen Speer, der da rumliegt. Offensichtlich ist die Waffe sehr alt, sieht auch ziemlich fragil aus, ist bemalt mit Symbolen, deren Farbe verblasst ist, aber noch zu sehen. Daran hängt ein Amulett mit einem Dämonenbannsymbol dran. Den Speer scheinen Gideon und Irene noch nicht entdeckt zu haben.
Cal hebt den Speer auf, sticht ja aus aus den anderen Sachen heraus. Sieht Native American aus.

Sam war am Rand der Lichtung, erspäht die anderen 3, die auf die Lichtung kommen, sieht Cal nach dem Speer greifen. Sam packt ihren Wecker in die Tasche, bleibt am Rand erstmal stehen und lässt die Szenerie auf sich wirken.

Irene geht zu Gideon hin „Gottseidank!"
Gideon: „Wo wart ihr denn alle?“
Irene: „Ich habe nach Euch gerufen, warum habt Ihr mich nicht gehört? Ihr seid in drei verschiedene Richtungen gerannt. Das war nicht so schlau."
Gideon: “Ich hab auch auch gerufen, dachte wir wären alle in eine Richtung“
Irene seufzt: „Dafür können wir uns wohl bei der Wesenheit bedanken. Schon eine Ahnung, was das hier darstellen soll?“
Gideons Gefühl: „Ich glaube, hier ist irgendwer. Wir sind nicht alleine da.“
Cal betrachtet den Speer. Irene kennt das Amulett, es hat mal ihr gehört. Doch sie macht keine Anstalten, es anzufassen.
Cal kennt sich genug damit aus, um zu wissen, dass das hier ein Speer gegen böse Geister ist, von den Farben und Symbolen her. Fühlt sich aber morsch an.
„Schade, das Ding hätte uns sicherlich helfen können, aber es sieht aus, als würde es schnell zerbrechen. Mehr als ein Schlag steckt da nicht mehr drin.”
Irene: "Ja, da ist das Amulett möglicherweise nützlicher“

Cal: “Vielleicht hat kein Dämon den Kram hier gesammelt, sondern was anderes. Denn was soll ein Dämon mit solchem Zeug – Schlüssel, einzelne Socken ? – hier anfangen?
Sam: „Sind das wirklich nur Sachen von uns?“
Nein, dafür ist es zu viel, und es finden sich schnell auch Sachen, die keiner erkennt. Vor allem das Flugzeug. Das ist eine Personenmaschine, kein Spielzeug. Und da kommt man nicht so ohne weiteres dran.
Irene: „Ob in dem Flugzeug noch jemand… ob da eine Leiche drin ist?“
Gideon: „Würd ich denken“
Ob eine Gestalt oder ein Skelett am Steuerknüppel sitzt, ist schwer zu sehen, auch aus der Perspektive.
Sam geht näher ran, stellt sich unten drunter. Das Modell sieht nicht taufrisch aus. Könnte aus den 50ern sein.
Gideon: „Willst du hochklettern? Soll ich dir ne Räuberleiter machen?“
Sam: „Ja“
Irene: „Wenns runterkommt, weil du an den Ästen herumwackelst, wird es gefährlich.”
Cal: „Wir sollte es uns trotzdem ansehen. Könnte Zufall sein, aber so auffällig wie das da hängt….“
Irene: “Wollen wir es nicht lieber runterschießen? Ein paar große Kaliber in die Äste..” Das ist den wagemutigen Jägern zu umständlich.
Gideon: “Na los! Zusammen kriegen wir Sam da rauf.”

Einer reicht zum Klettern, Sam darf rauf, weil sie nicht so schwer ist. Sie steigt auf Gideons Schultern. Das klappt aber nicht so gut, sie rutscht immer wieder ab und gibt schließlich auf. „Sorry, nicht mein Tag heute“
Irene: “Können wir es Nicht doch runterschießen?”
Cal klettert aber schon, kommt hoch. Wirft einen Blick rein, es ist keiner mehr drin, aber Pakete. Im Flugzeug sind keine Löcher drin, es ist also nicht abgeschossen worden. Vielleicht hatte es einen technischen Schaden. Die Pakete enthalten Drogen. Kokain.
Cal wirft zwei Davon runter. Er kommt auch nur an die zwei Pakete ran ohne größere Klettereien. Springt dann wieder runter.

Sam: „Wer holt denn seine Drogen nicht raus, wenn er eine Ladung vermisst?“
Cal: “Die Sachen hier, sind nicht in diesem Wald verloren gegangen, werden aber hier gefunden – wer sagt, dass das Flugzeug hier abgestürzt ist?
Sam: „Hmm, da hat wohl wer ein Flugzeug verloren. … Hat euch auch was im Kopf rumgespielt?“
Gid: „Sowas von!”
Irene: “Aber hallo!”
Allerdings: Hier auf der Lichtung passiert es nicht, auch sind keine Puppen hier.
Cal: „Wir müssen trotzdem das Mädchen finden."
Irene: „Ja, wo kann sie hin sein? Wirds der Dämon nochmal versuchen? Wir sollten auf jeden Fall das Amulett mitnehmen“
Sam: „Gideon und ich hatten sie fest gepackt, sie war dann weg. Ich glaube nicht, dass das Kind noch Kind ist."
„Können sie nicht hierlassen“
Sam: „Natürlich nicht, aber sie ist kein Kind mehr“
Irene: „Hmm, wir haben sie verloren, vielleicht kommt sie hierher?“
Sieht aber nicht aus, als wären hier Menschen.
Gideon hat immer noch das Gefühl, beobachtet zu werden. Er beginnt, die Lichtung abzusuchen.
Cal: „Ey, komm raus!“
Zwar kommt keiner raus, aber das vom Speer hängende Amulett bewegt sich. Schwankt, als hätte jemand drangestoßen.
Cal: „Hier ist definitiv irgendwas.“
Sam: „Wie werden wir das los?“
Cal: „Solange wir nicht wissen, was es ist?“
Gideon: „Hat der Exorzismus funktioniert?“
Sam: „Ich bin mir nicht sicher“
Irene: „Naja, ich habe ihn fertig gesprochen“
Aber der Dämon war nicht den ganzen Text lang nah. War das Mädchen überhaupt noch da? War es vielleicht eine Illusion?
Irene: „Wenn wir sie nochmal zu fassen kriegen, müsst ihr sie festhalten bis einer von uns eine Teufelsfalle um sie herumzeichnen konnte."
Gideon: „Wie lange dauert das?"
Irene: „länger als dir gefallen wird“
Cal: "Das geht nicht so schnell, so ein Ding fertig zu malen“
Gideon: " Gut, erstmal müssen wir sie finden. Ideen?“
Irene: "Ich würde ja sagen, da wo wir herkamen, aber wir sind in viele Richtungen gelaufen.“
Aber der Ort, wo sie es getroffen haben, war seltsam. Mit dem Sumpfwasser. Den wollen sie wiederfinden.
Gideon: "Aber diesmal sollten wir drauf achten, zusammen zu bleiben!“
Irene: "Und wenn wir Händchen halten müssen!“ Keiner lacht.
Sam stapft los. Kein Händchen halten. Der Rest stapft dicht hinterher. Irene fasst das Amulett nicht an. Cal nimmt den Speer mit, da hängt das Amulett ja dran.

Im Wald wird es sofort kühler, als sei die Lichtung ein geschützter Ort gewesen. Sam geht Richtung Wachsmalstiftspur. Die anderen folgen. Sam hat ein Gefühl, als ginge sie nicht über Waldboden, sondern durch ein Haus. Dielen, Teppich? Sie hat ein Prickeln im Nacken, als würde jemand zugucken und alles, was sie macht, missbilligen. Gepresst flüstert sie: „Fuck, geht das schon wieder los“
Die anderen sind hinter ihr. Aber im ersten Moment, als sie sich umdreht, sieht Irene aus wie Sams Mutter, mit ihrem „Da Kind kann nix“ Gesichtsausdruck. Sam schenkt Irene einen finsteren Blick.

Irene hat das Gefühl, als sei sie in einer Höhle oder einem großen Raum. Ihre Schritte hallen wider wie in einer Kirche, wie damals bei der Suche nach dem Gral. Ihr ist, als ginge jemand anderes neben ihr. Bei Sams Blick schaut sie neben sich. Vielleicht sieht die gar nicht Irene so finster an, sondern DeVries. Der geht neben ihr her, nicht real mit durchgeschnittener Kehle, starrt Irene an, schweigt erstmal. Niemand sonst außer Irene ist sich seiner Anwesenheit bewusst. Die erstarrt mitten im Schritt, flüstert ganz leise und gequält: „Marcus?“

Gideon hört das, hat einen Geruch des Ghuls in der Nase. Der konnte andere Gestalten annehmen, aber er roch immer nach Fleisch. Gideon riecht den Ghul, sieht die Ehefrau mit der aufgerissenen Brust, sie schaut Gideon nachdenklich an. Gideon: „Du! Bist! Nicht! Da!“
Sie: „Doch, in deinem Kopf bin ich da.“

Cal hört Gid rufen, sieht Irenes Blick. Cal sieht sich um, wonach er ruft, sieht seine Mutter, wie sie neben ihm am Baum lehnt, sich festhält, ihn ansieht, die Hand nach ihm ausstreckt.
Cal wird langsamer, sagt zu den anderen: „Okay, wir reißen uns jetzt alle scheiße nochmal am Riemen, beachten den Kram nicht, und machen das, was immer es ist, so schnell wie möglich fertig.“
Sie fragt ihn: „Willst du es nicht einfach vergessen?“

Sam sieht, dass es gar nicht Irene war, sondern ihre Mutter, die sie missbilligend ansieht. „du wirst nie so gut werden wie dein Vater und ich. Das weißt du, oder?“
„Wer sagt, dass ich das will? So gut wart ihr nicht. Ich bin gut genug“
„Irgendwann ist es für alle zu spät, aber du… du hast immer versagt. Der Rakshasa… vielleicht ist es besser, wenn du vergisst.“
„Wenn ich das vergesse, vergesse ich auch, wer ich bin.“
„Ist es so gut, was du bist?“
„Nein, aber es ist eine gute Erinnerung. Eine Lehre, was man seinen Kindern nicht antun darf.“
„Kindern, die so schwach sind wie du vielleicht. Vielelicht ist es besser, wenn du vergisst, wie schwach du bist.“

Marcus: „Der Marcus, den du kanntest, ist tot.“
Irene: "Ich weiß, und das ist besser so. Marcus, wie er jetzt ist, würde ich nicht am Leben lassen.“ Das ist gelogen, aber die harten Worte helfen ihr.
Marcus: "Vielleicht ist es besser, du vergisst, welche Schuld du mit dir h erumträgst. Nimm einfach meine Hand.“
Er streckt ihr die Hand entgegen.

Gideon streckt ebenfalls die Hand aus, legt sie ihr auf die Schulter. „Wir vier sind real, alles andere sind Halluzinationen.“
„Ich bin keine Halluzination. Ich bin eine Erinnerung. Deine Erinnerung," wiederspricht die Leiche der Frau.
Gideon: "Genau, nur eine Erinnerung.“ Er Ignoriert sie, versucht, die anderen dazu zubringen, ihre Hallus auch zu ignoreiren.

Cal: „Tja, manchmal denke ich das auch, dass das besser wäre, aber hey, was soll man machen?“
„Du könntest meine Hand nehmen“ Seine Mutter streckt sie ihm entgegen
„Ich wäre ja versucht, aber weißt du, ich habe nicht das Gefühl, dass du eine besonders gute Wesenheit bist“
„vielleicht nicht, aber willst du diese Erinnerung wirklich behalten?“
„Ich hab schon zu viel von mir verkauft“
„aber das hiflt dir jetzt auch nicht“
„Könnte vielleicht, aber ich wills jetzt nicht ausprobieren“
Als Gideon ihn anspricht, dreht er sich zu ihm. Ist in Versuchung, denn er hat viele Erinnerungen, die er zu gerne loswäre, aber das ist zu riskant.

Sam geht ihrer Mutter an die Gurgel. Greift ins Leere.
„So leicht wirst du eine Erinnerung nicht los, Sam“
„wenn du mich wirklich loswerden willst, dann nimm meine Hand“, streckt sie ihr entgegen.
Sam schüttelt den Kopf.

Alle müssen sich gegen die geistigen Angriffe erwehren. Die Erinnerungen kommen alle nochmal mit voller Wucht. Irene hat das im Höllenhaus ja schon mal erlebt, sie kommt also ganz gut drüber weg, aber die andern nicht.

Sams Gedanken kreisen nur noch um die eine Erkenntnis: „Ich werde nie gut genug sein“, Gideon weiß: „Ich habe versagt“, Cal bekommt den Gedanken nicht los: „Warum habe ich meiner Mutter nicht früher geholfen?“

Irene reißt sich von DeVries’ Anblick los, wendet sich an das nächstähnliche Opfer, also gibt sie Gideon einen leidenschaftlichen Kuss, weil er gesagt hat, sie müssten sich auf sich selbst konzentrieren und aneinander halten, nichts sonst sei real. Außerdem erinnert er sie an deVries. Gideon ist sehr überrumpelt.

Die Erinnerungen verblassen, fliegen aber als Fetzen weiter in den Köpfen herum.
Die Jäger wandern weiter durch den Wald, es dauert eine ganze Weile, bis sie wieder an der Senke ankommen. Sie waren tiefer im Wald als gedacht, aber jedesmal, wenn sie sich völlig verfransen, taucht wieder ein kleiner Gegenstand auf, der ihnen den Weg weist. Taschenlampen helfen nicht viel gegen die Dunkelheit.

In der Senke liegt erneut der Körper von dem Mädchen. Ihre Hand hängt wieder im Wasser. Cal und Gideon rennen hin, Sam hält Abstand und achtet darauf, dass es nicht wieder eine Falle ist.
Zwei Gestalten lösen sich aus dem Wasser und positionieren sich neben dem Mädchen.
Diesmal sehen alle die Gestalten. Es sind keine Illusionen mehr.
Cals Mutter erscheint als eine Frau mittleren Alters, verhärmt, im weißen Nachthemd, Brocken von Erbrochenem vor dem Mund. Gideon als Sanitäter kann sehen: Diese Verfärbung an den Lippen weist auf eine Tablettenüberdosis hin. Sie ist an ihrem eigenem Erbrochenen erstickt.
Gideons Patientin ist auch im mittleren Alter, hat ein eher rustikales Äußeres und trägt die typischen Bisswunden und Krallenspuren, die ein Ghulangriff verursacht.
Die toten Frauen stellen sich den beiden Jägern in den Weg, greifen an, als diese sich weiter nähern.

Gideons Ghul trifft ihn ziemlich schwer, reißt ihm die Brust mit ihren Krallen weit auf.
Cals Mutter trifft ihn auch, boxt ihn in den Bauch, bricht ihm eine Rippe an.
Irene öffnet den Flachmann mit dem Weihwasser und wirft ihn mit der Öffnung nach vorne in den Tümpel. Die Flasche landet am Ufer, Wasser sickert ins modrige Wasser. Das fängt prompt an zu brodeln.
Sam zögert, murmelt was von „hätte das Schwert mitnehmen sollen“, geht langsam und zögerlich in Richtung der Männer. Der Teich brodelt wilder, eine weitere Gestalt versucht herauszukommen. Sieht aus wie Sams Vater und Mutter gleichzeitig, aber nicht vital und kräftig, sondern schwach. Es scheint der Figur schwerer zu fallen, sich aus dem Wasser zu lösen.
Sam: „Da kommen noch mehr“
Irene erst: „Bleib weg, dann geht’s vielleicht wieder unter“
Sam: „Aber wir müssen doch helfen, können wir überhaupt helfen?“ Sie wirkt auf einmal viel jünger, als sie ist.
Irene: „Ach scheiß drauf! Natürlich können wir, dafür sind wir schließlich ausgebildet“ Nimmt Sams Hand und zieht sie mit zum Pool. Eine DeVries-Gestalt kriecht aus dem Wasser.

Gideon nimmt sein Sanitäterbeil und versucht, der Farmerin den Kopf einzuschlagen. Trifft nicht so dolle, aber trifft. Sie hat eine Schramme am Kopf.
Cal hat noch den Speer, der ist verdammt morsch, daher verkneift er sich einen Angriff auf die Mutter, und rammt ihn über sie hinweg in die Wasserfläche. Seine Mutter will ihn hindern. Cal kommt aber vorbei. Der Speer zerbirst, und brodelndes Wasser spritzt auf, und eine Rauchsäule versucht sich herauszuwinden, kommt aber nicht richtig weg. Sie peitscht in der Gegend herum, die Farmersfrau und die Mutter und die beiden anderen werden zu Rauch, wollen zurück zu dem Tümpel, um sich mit dem großen Rauch zu vereinen. Die schwarzen Fetzen wabern und zucken wie im Todeskampf.

Irene: „Das Amulett, häng es ihm um!“ Aber das Amulett ist schon im See.
Cal kippt sein Weihwasser hinterher.
Die Rauchsäule krümmt sich, wird immer kleiner, krümmt sich um den Speer, Speersplitter fallen in den Teich, die weiße Farbe darauf fängt an zu leuchten, und ein Rauchwurm verschwindet in einer übelriechenden Schwefelwolke. Die Gestalten verschwinden gänzlich. Die Erinnerungsfetzen der Jäger sind nicht mehr so unnatürlich präsent. Alle atmen auf.

Maybell liegt am Rand des Tümpels. Gideon untersucht sie, stellt schwachen Puls fest. Er Kann sie im ersten Moment nicht wecken, aber mit Sanitäterkniffen bekommt er sie doch zu sich. Sie Stöhnt, versucht zu schreien, übergibt sich. Ihre Lage ist aber nicht kritisch. Gideons eigene Wunde ist da viel eher bedenklich.
Irene: „Sam, kümmer dich bitte um das Mädchen, Gideon muss verbunden werden."
Sam: „Waswowie? Wieso kümmern? Kann ich doch gar nicht, ich kann gar nichts…“
Irene: „Na, du bist doch unsere Sozialpädagogin, du kannst das am besten“
Sam reißt sich zusammen, kümmert sich um das Mädchen.
Das Wasser hört auf zu brodeln, riecht aber nach wie vor garstig.

Dem Mädchen geht’s nicht gut, sie will wissen, wer sie ist. „Ich bin Sam. Es wird alles gut“
„Wo bin ich denn hier?“
“Im Wald, auf einer Lichtung in der Nähe deines Wohnorts.”
“Wer bin ich?“
„Kannst dich nicht erinnern?“
Kopfschütteln.
Cal dazu. „Kannst du dich an deine Eltern erinnern? An deinen Vater? Jeremy?“
Sie Schüttelt den Kopf. „Nein, gar nicht“, fängt an leise zu weinen. Klammert sich an Sam. Sam nimmt sie in den Arm, hält sich selbst fast an ihr fest.
„Ganz ruhig, es wird sich alles klären“ Maybell fasst Zutrauen zu Sam.

Irene verbindet Gideon. Der hat Erste-Hilfe-Zeug dabei und kann ihr auch Anleitung geben, was sie zu tun hat.
Einen Krankenwagen rufen ist nicht, mangels Netz, aber das Zentrum hat ein Festnetz, die können also spätestens dort Hilfe holen. Cal will keinen. Irene weist darauf hin, dass die Verletzung nicht zwingend die Polizei auf den Plan rufen wird. Es ist Keine Schusswunde, man kann es auf einen Bären schieben. Aber vielleicht sollten sie woanders ein Krankenhaus aufsuchen, wo sie sich nicht als FBI ausgegeben haben.
Irene hat im Auto eine Art Krankentrage eingebaut, wo man halbwegs bequem zum nächsten Klinikum kommt. Falls Gideon denkt, er schafft das. Ja, klar, wird schon noch gehen. Das stimmt eigentlich nicht – einen eigenen Patienten hätte er gehauen – aber das weiß ja keiner außer ihm.

Sam bleibt bei Maybell.
Sam zu Cal: „Kanntest Maybell?“
Cal: „Ich kannte ihren Vater. War auch Jäger, weiß nicht, ob ich das jetzt erzählen sollte“
Sam: „Glaub, das reicht schon, kanns mir denken. Es sollte sich wer um sie kümmern. Vielleicht kenne ich wen, mal sehen.“
Erstmal fahren sie zurück ins Zentrum, wenn Sam nicht sofort eine gute Idee hat. Auf lange Sicht schon. Sie Kennt eine Frau, die schon ein paar Pflegekinder hatte, auch besondere Pflegekinder.
Cal: „Solange es kein Jäger ist“
Sam zögert.
Cal: „Dann würde ich es nicht machen. Das hat sie schon mal durchgemacht, das braucht sie nicht nochmal. Mit kleinen Kindern jagen gehen ist keine gute Idee“
Sam runzelt die Stirn, als er das sagt, aber: „aber vielleicht kennt sie ja wen“

Cal und Sam bringen Maybell zurück ins Therapiezentrum in die gewohnte Umgebung. Die Polizei ist schon da. Die lassen sich nicht mal den FBI-Ausweis zeigen, fangen nicht mit Sicherheitskontrollen an, glauben einfach Dr, Brown. Nach der Geschichte letzte Woche sind alle einfach nur froh, dass das Mädchen wieder da ist. Sam darf bleiben, weil sie ja vom Jugendamt ist. Die bringt das Kind auf ihr Zimmer, damit es Ruhe hat. Dr Brown mischt sich auch ein, dass sie Ruhe hat.

Das Kind ist sehr verwirrt, erkennt ihr Zimmer und die Sachen und Dr Brown nicht. Man gibt ihr ein Leichtes Beruhigungsmittel. Offensichtlich hat sie einen Schock erlitten im Wald. Sam bleibt bei ihr.
Aber Maybells Erinnerungen sind und bleiben weg.

Sams Idee ist es, Maybell zu der Witwe zu bringen, die sich um Sam gekümmert hat, wenn ihre Eltern alleine jagen waren. Damit das Mädchen wenigstens in wissende Kreise kommt.

Die Wege der vier trennen sich dann so langsam.

Aber Cal wartet auf Sam, fragt, ob sie hinterher was trinken gehen, nach so einer Situation, weil das irgendwie Tradition hat.
Irene fährt Gideon ins Krankenhaus und bleibt dort, bis sie sicher ist, dass es ihm wieder gut geht.
Sam und Irene telefonieren hinterher darüber, wie es Gideon geht.
Der solle bitte Bettruhe halten. Die Untersuchungen ergeben schwere Verletzungen mit denen nicht zu spaßen ist, nicht so kompliziert, nur halt langwierig.
Gideon soll im Krankenhaus bleiben, macht es auch, diskutiert aber immer mit den Ärzten.
Die sagen ihm es ginge schneller, wenn er im Bett bliebe und machen würde, was man ihm sagt, verdammt!

Irene geht erst, wenn sie sehr sicher ist, dass es ihm gut geht, auch wenn es mehrere Tage dauert. Sie ist gerade etwas überbesorgt. Gideon versucht sie zu beruhigen, er hätte schon Schlimmeres gesehen, wird schon. Das glaubt Irene aber erst, wenn es die Ärzte auch sagen. Irgendwann sagen die das auch.

Sam und Cal gehen noch einen trinken.
Cal fragt sie mehr oder weniger subtil aus: Sie kommt aus derselben Familie wie Irene? Sam antwortet: “Indirekt. Es ist Kompliziert. Meine Eltern sind schon lange ausgewandert. Von der Familie abgegrenzt.”
Cal: „klingt auch nicht unkompliziert“
Sam: „Ich Gehe nicht so offensiv mit dem Namen um“ Sie trinkt einen Schluck.
Sam: „du sagtest…“ zögert
Cal: „Nee, sag schon“
Sam: „musst ja nicht antworten, wenns zu persönlich ist, aber bezüglich Jäger und Familie – hattest du Familie?“
Cal: „War nicht so auf mich bezogen, ja ich habe Familie, aberich meinte gar nicht so mich direkt. Aber dieses Leben führt schnell zum Tod. Ich mach das ja schon lange, 30 Jahre, und was meinst du, wieviele Leute ich kenne, die jetzt unter der Erde liegen. Ist nichts, was ich jemandem raten würde, sein Leben damit zu verbringen.“
Sam: „Irgendwer muss es ja machen. Apropos: Was machen wir mit dem Ding?“
Cal: „Glaube, der Dämon ist zerstört, aber ich sicher kann man nicht sein. Aufschreiben, in einem Jahr nochmal gucken, oder wem sagen. Oder wir treffen uns in einem Jahr wieder hier?“
Sam ist für ein Treffen.
Sam: „Du kennst Irene – kennst du viele Jäger?“
Cal: „So viele gibt’s ja nicht, man läuft sich doch immer wieder über den Weg. Muss sich ja auch mal helfen. Auch wenn ich nicht der Richtige bin.“
S: „warum?“
C: „guck mich doch an, ich bin nicht so nett“
S: „warum sagst du das?“
C: „bin ich nicht“
S: „da haben wir Was gemeinsam“
C ungläubig: „Du bist doch noch so jung, was willst du denn Schlimmes getan haben?"
S: „muss man was schlimmes getan haben, um als nicht nett angesehen zu werden?“
C: „Es gibt’n Unterschied zwischen dem Eindruck und wirklich Dinge getan zu haben“
S: „Absichtlich?“
C: „Manchmal schon“
S: „Der Job macht das aus uns.“
C: „Ich bin gut in dem Job, aber die meisten Leute wollen doch vielleicht lieber von wem anders gerettet werden“
S: „Schwachsinn, Hauptsache, sie werden gerettet, oder? Den meisten Leuten ist es doch egal, von wem sie gerettet werden, oder wir bleiben gar nicht da, dass sie rauszukriegen können, wer es war….Schon scheiße, wenn man Dinge tun muss…"
C: „Ist bei mir ein bisschen was anderes. Die Frau, mit der ich mal zusammen war, hat mir gesagt, dass sie nicht der Meinung ist, dass ich mit ihr ein Kind aufziehen kann, das sagt schon einiges."
S: „Bitter."
C: „sie hatte aber recht."
S: murmel
C: “Sie war auch Jägerin – naja, vielleicht wäre ich jetzt an einem Punkt, wo es geht. Ich hab inzwischen ein gutes Verhältnis zu meinem Sohn, aber damals, … kann schon verstehen, dass sie das damals nicht wollte, lieber einen anderen Mann. Ok, konnte den nicht leiden.”
Sam: “Dein Sohn? Wie alt ist der?”
C: “Mitte 20, geht auf die Uni”
S: “Und er Soll kein Jäger werden, oder?”
C: “Wir haben schon zusammen gejagt, aber er geht vor allem auf die Uni. Ist schon ein schlauer Kerl.” Man merkt ihm an, dass er ziemlich stolz ist.
S: “naja gut, wenn er es frei entschieden hat.”
C: “Was meinst du?”
S: “Dass er jagen geht”
C: “Wir waren ein paarmal zusammen unterwegs, jetzt macht er’s nicht mehr, bin ich froh drüber. Nicht nur, weil’s gefährlich ist, sondern je länger du das machst, umso mehr Deals, um so mehr Dinge lädst du dir auf, irgendwann kommst du nicht mehr raus.”
Sam erzählt von den Hexen in Dana Point. “Heftig, was gegen die zu tun, aber man musste ja was gegen die tun.”
C: „klar, aber ein Stück und noch ein Stück, und irgendwann frisst es einen auf. Was ist mit dir, hast du Familie?"
Sam schüttelt erst den Kopf, dann lässt sie ein Schulterzucken folgen: „Meine Eltern leben nicht mehr, sie sind auf der Jagd umgekommen. Ich kenn Irene, ich kenn noch ein, zwei, mehr auch nicht. Also eigentlich nicht. Ist auch besser so.“
C: „Manche Familien will man auch gar nicht unbedingt haben. Auch wenn ich gar nicht sagen will, deine Eltern waren nicht cool oder so."
S: „Sie waren nicht cool“
Cal nimmt einen tiefen Schluck.. "Und duziehst immer solo rum?
S: "Das ist schon besser so. Klar, man hat Leute, aber… hab mich ja sogar mit Irene zusammengerauft, aber wir sind jetzt keine engen Freundinnen oder so. So wie hier: Man bekommt was mit, man zieht mit wem rum, dann geht man wieder auseinander. Bindungen? Bin ich nicht so für geschaffen. Meine Eltern hattenwohl recht… "
C: “womit denn?”
S: “Dass ich für nichts gut genug bin.”
C: “lass dir so’n Scheiß nicht einreden, das ist so in einem drin, aber hast doch heute gute Arbeit geleistet. Was soll man sonst sagen?”
S: “Ich bin planlos durch Wald gelaufen.”
C: “Na, ich doch auch, aber der Dämon ist tot, du hast dich um das Kind gekümmert, das könnt ich nicht so gut.”
S: schulternzuckend: “Ja, gut.”
C: “Du siehst aus, als hättest du was in der Birne. wenn du nicht mehr Jäger sein wolltest…”
S: “Ich wüsste nicht, was ich tun sollte und es ist ja auch ne Verantwortung. Manche lesen nur in der Zeitung, dass da halt Kinder austicken un denken sich nichts dabei, nur uns war das sofort klar. Die Polizisten, die wären bloß selbst im Wald verloren gegaangen. Und das soll ich ignorieren und stattdessen innem Burgerladen arbeiten?”
C: “Ist deine Entscheidung, aber lass es dir nicht von deinen Eltern einreden, dass du nichts taugst.”
S: „Meine Eltern haben für meine Ausbildung gesorgt. Was soll ich denn sonst machen.“
C: „Immerhin."
Sam: “Naja, gut. Wohin als nächstes?”
C: “Hab da was zu tun, ist kompliziert, kann ich nicht so einfach erzählen. Muss was erledigen.”

Irene ruft bei Sam an, ob Cal da noch ist.
S: “Ist Gideon ok?”
I: "Die Ärzte schimpfen, weil er sich den harten Kerl raushängen lässt. Ich will noch ein bißchen aufpassen, dass er sich nicht übernimmt. Ist Cal noch da?
S: “Ja, sitzt hier neben mir.”
I: “Ich müsste mit ihm reden. Nicht sofort, aber irgendwann. Ist seine Mobilnummer noch dieselbe?”
S: " Ich verstehe nicht?"
I: “Er hat Infos. Sag ihm, ich muss mit ihm reden.”
S: “Soll ich dich nicht einfach rübergeben?”
Irene seufzt. “ja, dann hab ichs hinter mir.”

Sam gibt das Handy rüber an Cal.

C: “Ja?”
I: “Ähm. Klingt blöd, aber ich hab da mal eine Frage: In Colma, dieser Kautionsflüchtling, den die Kopfgeldjägerin einsacken wollte Du hast es ihr ausgeredet. Ging irgendwie um Engel…”
C: “…ja?”
I: “Was kannst du mir über Engel sagen, was nicht im Internet steht auf irgendwelchen Esoterikseiten?”
C: “Dass das ganz schöne Arschlöcher sind…”
I: “Okay. Können sie Leute von den Toten zurückholen?”
C: “Soweit ich weiß ja. Oder zumindest Leute heilen, die so gut wie tot sind.”
I: “Okay. Und was wollen sie dann haben?”
C: “Kommt wohl auf den Engel an, dass du was für die tust. Manche lassen ja auch freiwillig einen Engel in sich rein.”
I:" Waaaaas?"
C: “Yep”
I: “Das Erklärt einiges.”
C: “wenn jemand von einem Engel besessen ist, merkst du das. Die können schon was.”
I:" ooookay."
C: “jetzt bist du dran. Warum fragst du das?”
I: “Darauf wollt ich grad kommen. Was die können… ist das dann einfach so hartgesotten sein wie DeVries oder mehr?”
C: “Mehr. Wobei das sicher vom Engel abhängt. Fieses Beispiel: apokalyptischer Engel, kann ne Menge.”
I: “Wie lange kennst du deVries?”
C: “Ich hab ihn vor paar Jahren erstes Mal getroffen, vorher nur von ihm gehört. Traf ihn, als du das Horn gestohlen hast.”
I: “Also nicht länger als 20 Jahre?”
C: “Nein.”
I: “Okay, dann kennst du ihn nicht, wie er früher war. Marcus deVries war mal ein guter Mann. Stell ihn dir ungefähr vor wie Gideon. Ein liebenswerter, mitfühlender Mensch, bis er vor meinen Augen gestorben ist. Dann traf ich ihn wieder, da wo wir gegen die Ghule und den Dämon gekämpft haben, um das Horn. Und er war völlig verändert. Seitdem habe ich herausgefunden, dass er so ne Art Sekte gegründet hat, dauernd von einem Engel faselt, der ihm Befehle gibt, und jedes Mal, wenn wir uns sehen, versucht er, mich umzubringen. Ich hab langsam keinen Bock mehr!!!” Sie atmet hörbar aus. “Weißt du, ich Will nicht mal ihm ans Leder, sondern diesem verdammten Engel oder dem, was sich dafür ausgibt.”
C: “Kein Zweifel, das ist ein echter Engel. Die sind Scheiße genug alleine, da braucht man gar keine anderen Monster, die sich als Engel ausgeben. Wie man die los wird? Gute Frage, wüsste ich auch gerne, wäre für die Welt besser, wenn ich das wüsste.”
I: “Also ist das Horn auch nicht hilfreich?”
C: “Nicht dass ich wüsste, aber du hast das Horn. Ich habs nicht.”
I: “ich habs, aber wenn es sich einsetzen ließe… Ach verdammt, können wir in dieser Sache einfach zusammenarbeiten? Informationen teilen? Sollte ja auch in deinem Sinne sein.”
Cal seufzt: “Na,meinetwegen. Wenn ich was rausfinde, wie man einen Engel umbringen kann, sage ich bescheid.”
I: “Ok, ich gebe auch bescheid.”
C: “Vielleicht sollten wir uns lieber irgendwann mal richtig treffen. Weiß nicht, wie DeVries da drin hängt, aber das ist alles sehr viel größer als nur ein Typ, der von den Toten auferweckt wurde.”
I: “Der Kautionsflüchtling konnte doch sehen, dass du mit nem Engel zu tun hast, aber bei deVries konntest du das nicht?”
C: “nein. Können wir gern wann anders bereden”
Irene: “ja.”
C: “aber vll nicht hier übers Telefon.”
I: “ich hör mich um, wenn ich was höre, melde ich mich bei dir. Sunnys?”
C: “ja”
I: “ok, melde mich.”
C: “dann kann ich dir auch deinen Ehering wiedergeben.”
Irene staunt. “Ich hätte nicht gedacht, dass du den behalten hast.”
C: “was soll ich denn sonst damit machen?”
I: “Ich hätte gedacht, du versetzt den bei erster Gelegenheit, wenn du Geld brauchst.” Lacht.
C: “Den wollte ich die vorher schon zurückgeben, warst dann aber weg.”

Sams Augen werden immer größer bei dem Gespräch.

Irene entschuldigt sich bei Gideon für den Kuss. Sie sagt, es war genau der richtige Arschtritt, den sie brauchte.
Gideon: “dann ist ja gut. Solange wir uns einig sind, dass es in dem Augenblick der Sache diente.”
Irene grinst. “Der Zweck heiligt die Mittel.”
Gideon: “Dann ist das ok.”

Gideon trägt einen Ehering und ist auch noch verheiratet.
Als das Krankenhaus fragte, ob sie Gideons Frau sei, hat Irene ja gesagt und die goldene Krankenversicherungskarte hingehalten. Deswegen liegt er jetzt im Einzelzimmer mit Chefarztbehandlung.
Eine Woche soll er im Krankenhaus bleiben. Sam kommt auch nochmal vorbei, ihn besuchen. Bringt ihm sein Auto.

Maybell wird schließlich auch irgendwo untergebracht.

Gideon: “Kann mir wer erklären, was mit den Sachen war?”
Irene äußert die Vermutung, dass es eine zweite Wesenheit gegeben haben könnte, die hilfreich war und sie vor dem Dämon geschützt hat. Da War ja auch das Amulett.
Gideon: “Ja, aber wie kamen die Sachen dahin?”
Sams Befürchtung ist es, dass das eher ein Wechselspiel vom Dämin war. Anlocken mit Erinnerungen. “Mich hat das Zeug, was ich da gefunden habe, empfänglicher gemacht für die Einflüsterungen. Verlorene Gegenstände sind ja auch irgendwie vergessen. Aber auf der Lichtung war es besser als am Teich. – Cal und ich haben geplant, uns in 1 Jahr wieder zu treffen, um ihn nochmal zu prüfen. Jetzt ist ja Ruhe.”

Das Amulett ist ja mit im Wasser gelandet, und das hat auch keiner rausgeholt, die Jäger finden es ganz gut, wenn es da im See bleibt. Wenn es das ist, was das, was da war, davon abhält, wiederzukommen.

Sam: “Die Frage ist, was zuerst da war. Die Kinder mit den Sorgenpuppen oder das Ding. Aber das Zentrum gibt’s seit 11 Jahren, und es ist nie was passiert. Erst jetzt mit Matthias Hassalee hat es angefangen.”
Sie beschließe, immer aufmerksam die Zeitung zu lesen und wollen alle in 1 Jahr wiederkommen.

Das Therapiezentrum wird geschlossen, vermutlich auch nicht anderswo wieder aufgebaut, weil dem Laden das Geld fehlt.

Cal hat Sam seine Nummer gegeben, falls sie mal Hilfe braucht. Sienimmt sie an, gibt ihm ihre, sagt, sie reist rum und lebt nomadisch.

Sam ruft abends, als sie aus der Bar kommt, bei Ethan an. Kurzes Gespräch. Ethan hört Cals Stimme (übers Handy nicht eindeutig zu erkennen) im Hintergrund.

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Von Columbus, ND, nach Stuttgart, AR
Geglätteter Mitschrieb

Heimfahrt nach dem Lefsefest – Barry und Irene

Irene entschuldigt sich bei der Gelegenheit, dass sie sich beim Leichenverbrennen nicht nützlich gemacht hat. In englischem Understatement fügt sie hinzu, dass Höhlen sie ein wenig nervös machen.
Barry übergeht das Understatement und sagt nur, dass sie sich mit dem Natrium ja nützlich gemacht hat. Insofern. Dann bedankt er sich noch mal, dass sie ihn heimfährt… er hätte ja gar nicht so weit weg fahren wollen, aber da war dieses Symposium, das konnte er sich nicht entgehen lassen.

Irene fragt: “Das ist also Ihre Arbeitskleidung, wenn Sie gerade Wissenschaftler sind?”
Barry zuckt die Achseln: "Das, oder der Anzug. Krawatte ist halt schwierig. “ Den Anzug hat er dabei. Der ist im Kofferraum.
Irene lächelt liebenswürdig: “Die gibt es auch als Clips. Polizisten tragen sowas, damit man sie nicht mit ihrer Dienstkleidung erwürgen kann.”
Barry wirft ihr einen ungläubigen Blick zu. “Sorry. Die sehen immer ein bisschen affig aus.” Er bemüht sich, seine Worte zu entschärfen. Er will sie ja nicht vor den Kopf stoßen. “Im Notfall finde ich schon jemanden, der mir hilft.”
Irene schenkt ihm ein wissendes Lächeln. “Dafür sind Frauen doch da.” Barry weiß nicht so recht, wie er diesen Kommentar einordnen soll. Normalerweise fragt er einen Friseur oder eine Servicekraft im Hotel – eher Männer als Frauen.
Irene redet weiter. “Eine Fliege müsste Ihnen auch ganz gut stehen. Aber die sind mal wirklich schwer zu binden!”
Barry antwortet: “Konnte ich früher mal. Jetzt… na ja. Trage ich eigentlich nur zu wichtigen Familienfeiern.” Er schaut Irene nachdenklich an. Überlegt, wie sie im Abendkleid aussieht.
Die sagt erst mal weiter nichts, behält aber das Lächeln im Gesicht. Stellt sich wohl auch gerade Barry mit Fliege vor.

Später telefoniert Barry kurz mit Tam. „Keine Vampire“, sagt er knapp.
Irenes Blick ist neugierig, aber auch erkennbar grimmiger.

Barry versucht, mehr über Gideon rauszufinden. Er erzählt also erst mal, wie er ihn selbst getroffen hat: Da hat er sich mit einem Pumageist angelegt, mehr aus Versehen. Eigentlich hat er nach einer illegalen Mülldeponie gesucht – hat sie auch gefunden, aber die hat dem Pumageist nicht so gut getan. Bei dem Kampf wurde er verletzt, Gideon hat ihn verbunden.
Irene kennt den schlicht über Sunny, weil sie sich halt mal mit starken Medikamenten eindecken wollte, ohne dauernd Ärzte bestechen zu müssen.

Sie fragt noch ein bisschen nach dem Pumageist und erzählt schließlich, woher sie die Klaustrophobie hat. Das passt thematisch, und Barry ist ohnehin nicht schlecht darin, einfach nur zuzuhören, wenn Irene in Redelaune ist.

Sie hat in jungen Jahren einen eingewanderten Gevaudanwolf gejagt und ist ihm in seine Höhle gefolgt. Nur war das dummerweise eine Wölfin mit halbstarken Jungen. Irene wurde im hintersten Eck der Höhle eingekeilt, bis ihr Vater kam und sie rettete.

Daraufhin erzählt Barry ihr, dass er sich fast mal eine Klaustrophobie eingeredet hätte, als er eine Geschichte schrieb… als hätte er mit Flugangst nicht schon genug irrationale Ängste.
Irene findet, dass Flugangst zu den rationaleren Ängsten gehört. Immerhin kann man aus einem Flieger auch nicht so leicht raus, wenn es einem unheimlich wird. Leute, die vor Dackeln Angst haben, sind da seltsamer. Dackeln, oder Beaglen.
Barry meint, dass nach zwei mehr oder weniger kontrollierten Bruchlandungen diese beruhigenden “Fliegen ist ja so sicher”-Sprüche etwas schal sind.
Irene sagt: „Aua, ja, das kann ich mir vorstellen. Zwei gleich! Sie machen auch keine halben Sachen.“

Barry erwidert: „Einmal ein eskaliertes Kidnapping, einmal eine sabotierte Maschine.“

Die Fahrt geht weiter. Unterwegs schafft es Irene, Barry auf das Thema Linguistik zu bringen, und er erklärt ihr mit Begeisterung Dinge, die sie nicht wissen will. Er merkt das allerdings relativ schnell und hört wieder auf.
Irene hat damit aber kein Problem, die hört sich das schon an. Völlig uninteressant ist es ja nicht, und sie hat Erfahrung mit solcher Beschallung. Charles redet auch manchmal gern über wissenschaftliche Themen.

Nach einer Übernachtung kommen die beiden am Abend des nächsten Tages in Stuttgart bei Barrys Haus an. Er lädt Irene ein, noch mit reinzukommen. Was er sich dabei gedacht hat, weiß er allerdings selber nicht so ganz. Höflichkeit vielleicht? Vorher bittet er sie noch, Tam nicht unbedingt zu erzählen, dass sie iHeretic ist. Das hat er seiner Frau nämlich nicht erzählt.

Er bietet an: „Sie könnten einen Kaffee trinken. Oder ein Bad nehmen und in die Sauna gehen.“
Irene schaut ihn mit hochgezogener Augenbraue an: „Sauna…“
Barry kann ihren Gesichtsausdruck nicht deuten: „Klar, das Haus hat eine Mini-Sauna.“

Nach kurzer Begrüßung stellen Irene und Tam fest, dass sie sich kennen. Von dem Friedhof in Colma, Tam war auf der Jagd nach einem Kautionsflüchtling, der irgendwelche Reliquien gestohlen hatte, angeblich wegen irgendwelcher Probleme mit einem Engel – und Cal kannte diesen Engel. Wenn sie den Flüchtling mitnimmt, hat er ihr gesagt, wäre er so gut wie tot. Tam hat den Mann laufen gelassen, obwohl die Kaution gar nicht so schlecht war.
Irene erzählt, dass sie dort zusammen mit Cal und Kitty eine kleine Blumenhexe von Blödsinn abhalten musste. Und Irene hat einen Vampir geköpft.
Tam hat zwar mitbekommen, dass es dort Ärger mit Zombies gab, aber im Nachhinein ärgert sie sich natürlich, dass sie den Vampir nicht erwischt hat. Vampire sind wohl ein rotes Tuch für sie. Vorsichtig äußert Irene auch mit dem Vampir ein gewisses Mitleid. Das findet Tam nicht besonders großartig. Sie mag wirklich, wirklich keine Vampire.
Irene gibt zu bedenken, dass der es sich ja auch nicht ausgesucht hatte und eigentlich nur geheilt werden wollte, aber Tam sagt hart: „Da gibt’s eine ganz tolle Heilmethode für Vampire. Nennt sich Köpfen.“
„Ist ja auch so passiert“, sagt Irene.
„Gut“, meint Tam nur, und Irene schaut betreten auf ihre Hände.
„Vampire sind Monster,“ sagt Tam, „Die bringen Leute um, und wenn nicht, dann spielen sie mit ihnen.“ Bei diesen Worten sieht sie sehr angespannt aus, vor allem bei dem “spielen sie mit ihnen”.
Auch Irene verkrampft da ein bisschen.
Nach einer kurzen Pause wechselt Tam das Thema und fragt Irene, ob sie eigentlich verheiratet ist?
“Nein”, sagt Irene knapp.
Tam macht nur. “Ah. Hm.” Sie weiß nicht, was sie dazu sagen soll.
Einen Moment später fügt Irene hinzu:“Nicht mehr.”
“Oh. Jagerei?” Tam ist nicht gerade ein Smalltalk-Wunder und neigt zu knappen Sätzen.
Aber Irene versteht nicht recht. “Wie bitte?”
“Ich kenn Jäger, bei denen hat es mit der Ehe nicht so gut geklappt. Wegen der Jagerei halt”, führt Tam aus.
“Ja“, nickt Irene. „Mein Ex-Mann ist ein Papiertiger. Er ist ein begnadeter Historiker, aber akitv jagen? Das ist nicht so sein Talent. Und ich kann nicht zuhause herumsitzen, nur weil Jagen gefährlich sein könnte. Es ging nicht lange gut.”
Bei “Papiertiger” grinst Tam kurz und schaut Barry an. “Nee, das könnte ich auch nicht”, sagt sie dann. “Also, auf Dauer”, ergänzt sie. “Im Moment geht’s grad nicht so gut.”
Jetzt sieht man Irene an, dass sie sich einen Einwand verbeißt.
Tam zuckt die Schultern. “Familie halt. Was haben, für das man kämpft… ist auch wichtig.” Sie wirkt tatsächlich ein bisschen defensiv.
Irene sagt: “Ganz meine Meinung. Nur habe ich an meiner Mutter beobachten dürfen, wie schwer der Wiedereinstieg ist, wenn man seine besten Jahre damit verbracht hat, ein Kind großzuziehen.
Glauben Sie lieber nicht, dass sie noch auf die gleiche Art an die Jagd herangehen können wie früher, wenn die Kinder endlich aus dem Haus sind.”
Tam schaut Irene verdutzt an. “Ich bleib doch nicht zu Hause, bis die Kinder so weit sind! Ich hab diesen Ehemann, der ist Schriftsteller und arbeitet von zu Hause aus.”
Das macht Irene sprachlos. Die schaut zu Barry, ob sie richtig gehört hat, aber der hat sich gerade verkrümelt, um Tee zu machen.
Sie fragt weiter: “Und der darf dann vier Kinder alleine managen, wenn Sie sich doch mal mit einem Monster übernommen haben?”
“Es kann immer was passieren”, erwidert Tam. “Deine Eltern sind ja bestimmt auch nicht beide die ganze Zeit zu Hause rumgehockt. Außerdem kann er das besser als ich.”
“Ah… Mein Vater ist für die Jagd noch öfter durch ganz England und Schottland gefahren. Meine Mutter kaum noch. Die hat ihre Zeit dazu genutzt, mich zur Jägerin auszubilden”, erklärt Irene.
“Also hat doch einer gejagt und einer nicht.” Tam verschränkt die Arme über ihrem Kugelbauch.
So hat Irene das nicht gemeint.“Ich bin mir nicht sicher, ob wir von den gleichen Zeitfenstern sprechen. Europa ist fast leergejagt.”
“Na, für uns funktioniert es so“, Tam schaut etwas trotzig. So ganz wahr ist das vermutlich nicht, aber darüber will sie jetzt nicht reden.
“… gut für Sie.”
Da Tam offensichtlich sehr schwanger ist und darüber augenscheinlich nicht reden will, verliert Irene auch die Lust, das weiter auszudiskutieren. Sonst würden sie bloß streiten. Aber jetzt weiß sie noch genauer, warum sie weder verheiratet sein noch Kinder haben will.

Barry kommt mit dem Tee zurück, mit den Kindern im Schlepptau. Pete, vier Jahre alt, will sofort wissen, ob Irene Einhörner mag und warum sie klingt wie seine Großoma.
Irene zögert: “Ich weiß nicht. Vielleicht haben wir ähnliche Stimmen? Und Einhörner… Kommt drauf an….“, (Blick zu Tam), „… ob sie nett sind.”
Ihr erster Gedanke war ja, dass es drauf ankommt, wie sie zubereitet sind.
Das Ganze endet damit, dass Pete nachmacht, wie seine Groma klingt, und Irene ein Einhorn malt. Die beschließt großzügig, dass das Einhorn nett ist, aber sie wundert sich, dass er Einhörner malt und nicht Drachen. Das sagt sie allerdings nicht laut.
Trotzdem kommt es noch irgendwie zu einer Diskussion, ob Drachen, Einhörner, Pferde oder Dinosaurier cool sind. Immerhin, bei Pferden sind sich die Jacksons ziemlich einig – die sind cool.
Allerdings merkt man durchaus, dass Irene mit Kindern in dem Alter nicht viel anzufangen weiß. Das stört Pete aber nicht. Der ist ein kleiner Charmebolzen und ziemlich gesprächig, die anderen beiden – Katie und Artie – schauen eher zu. Barry lässt Pete machen. Der hat Spaß an Irenes Unbehagen.
Aber dann wird es Zeit für die Kinder, ins Bett zu gehen.

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Norwegian Woods
aus Barrys Tagebuch

Das Symposium in Winnipeg war nicht gerade ein Reinfall, aber so richtig gelohnt hat es sich auch nicht. Gut, für Ragnar Birkeland vielleicht, aber das war eigentlich nur ein Umweg.

Da ist es wieder, das Foreshadowing. Hatte ich lange nicht mehr. Aber ich will auch nicht jedes Mal mit „So, da war ich also…“ anfangen.

Beim Symposium ging es um Sprachforschung und Sprachwandel. War extrem interessant, aber leider haben kanadische Universitäten nicht viel mehr Geld für Geisteswissenschaften als US-amerikanische. Schade. Dafür habe ich ein paar interessante Leute kennengelernt und einen Vortrag über spannende Dialektströmungen gehört. Wäre vermutlich noch besser gelaufen, wenn ich nicht so nervös gewesen wäre – Tam ist im achten Monat, und ich weiß, dass es ihr gut geht, aber… verdammt, ich habe Katies Geburt verpasst, ich habe Petes Geburt verpasst. Ich will dabei sein, wenn die Kaulquappe auf die Welt kommt.

Eigentlich wollte ich gar nicht nach Kanada fahren, aber Tam meinte, sie wäre schon okay, die Kids wären okay, und ich würde eh nur deprimiert zu Hause herumhängen und nichts auf die Reihe bekommen, wenn ich nicht führe. Das war zwar übertrieben, aber nicht ganz unwahr, also machte ich mich auf den Weg. Kam wohlbehalten an, keine Panne, keine Unfälle, das Navi führte mich brav zum Tagungshotel. Auch da: Keine Monster, keine Besessenen und nur die üblichen Spinner. Ich entspannte mich.

Dann, auf dem Heimweg: Das Navi warnte mich mit wohltönender Stimme vor einem monströsen Stau auf dem Highway 29. „Bitte links halten“, erklärte sie mir mit professioneller Autorität. Also gut, ich fuhr links. Und dann fuhr ich geradeaus. Und geradeaus. Ich kam durch Michigan, North Dakota, und Lakota, North Dakota, und so langsam war ich ziemlich sicher, dass ich falsch war. Ich umfuhr Devils Lake, folgte meinem Orientierungssinn bis nach München, North Dakota, das nun wirklich vollends in der Wildnis lag, und beschloss, doch lieber wieder dem Navi zu folgen. Willow Stadt (was?), Maxbass, dann nach Norma und Bowbells. Nach Lostwood wollte ich nicht und fuhr rebellisch nach links.

Schließlich passierte es: Kurz nach Flaxton knirschte etwas unter der Motorhaube. Das war ja klar. Immerhin, „Columbus, ND – 9 Meilen“ stand auf dem Verkehrsschild. Das würde der orange Mietgolf schon schaffen. Schwach insistierte die Navistimme, ich möge bei der nächsten Möglichkeit wenden. Ich ignorierte sie.
Sechs Meilen vor Columbus gab der Motor ein gedämpftes Quietschen von sich, röchelte sanft und verstarb. Eine schwache Rauchfahne wehte aus der Motorhaube. Großartig.

Ich rief beim AAA an, erläuterte die Situation, hörte mir ein paar Entschuldigungen an und ließ mir versichern, dass „schon bald“ ein Abschleppwagen kommen würde. Der sollte mich irgendwo hinschleppen, wo es idealerweise andere Mietwagen gab. Das wäre beruhigend gewesen, wenn der freundliche Mitarbeiter mich nicht dreimal gefragt hätte, wo ich war, und mir nur vage Angaben machen konnte, wie lange es dauern würde, bis jemand kam. Ich bin übrigens sicher, dass der Abschleppwagen heute noch in Columbus, Ohio, herumirrt.

Da es im Auto merkwürdig roch, stieg ich aus und lehnte mich ans Heck des Mietgolfs. Griff mir meinen eReader und verbrachte ein bisschen Zeit mit Mrs. Atwood. Vielleicht kam ja jemand. Vielleicht kam ja jemand, der mich nicht erschießen wollte und der nicht panisch weiterfuhr. Klar, meine Rückreise war ja bisher so gut gelaufen.

Aber tatsächlich kam ein Auto: Ein silbergrauer Kastenwagen mit britischem Kennzeichen. Ich ließ mein Buch sinken. Das Auto kannte ich. Irene?
Sie war es tatsächlich. Gemischte Gefühle: Einerseits Freude, sie zu sehen, andererseits Anspannung. Die war doch nicht zufällig hier. Vermutlich suchte sie eine Trophäe oder so.

Ihr Auto hielt an, als sie mich erkannte. Ihr Blick blieb etwas länger als sonst an mir hängen. Kein Wunder: Ich kam vom Symposium, also Stoffhose, Rollkragenpulli, Sakko. Keine Cargohose, kein Funktionsshirt. Sie selbst sah gepflegt wie immer aus und wollte wissen, ob ich auch meinem Navi hinterher gefolgt wäre. Ja, sagte ich. Stau.
Sie auch. Vermutlich hatten wir das gleiche Navi. Sie zog eine Karte aus ihrem Wagen, studierte sie eine Weile und erklärte mir dann, laut dem Gerät wäre sie im Grasland. Ungefähr dreißig Meter neben der Straße.

Nachdem ich ihr von meiner Panne erzählt hatte, bot sie an, mich abzuschleppen. Nahm ich gerne an – auf den Abschleppwagen wartete ich schon seit über zwei Stunden, und es war ziemlich kalt. Also versuchten wir, die Abschleppstange zu befestigen. Leichter gesagt als getan: Wir wussten beide nicht, wie das geht, und mit einer linken Hand war ich keine große Hilfe. Immerhin fand ich heraus, dass Irene interessante Flüche kennt.
Schließlich hielt ein Wagen neben uns, ein alter Kombi. (Nein, ich kenne mich mit Autos nicht aus. Es ist immer die Pest, für meine Bücher irgendwelche Automarken recherchieren zu müssen… hm, vielleicht kann ich das nächste Mal einfach Ethan fragen, der weiß da sicher mehr als ich.) In dem Kombi saß eine freundliche junge Studentin mit langen Rastazöpfen, die ihre Hilfe anbot.

Sie hieß Natalie und war nicht von hier. Offensichtlich, ihr Auto hatte ein Kennzeichen aus Vermont. Sie machte gerade ein Urlaubssemester und fuhr in der Gegend herum. Wollte eine Freundin in Columbus besuchen, Connie. Wussten wir schon, dass Columbus nicht nach dem Seefahrer, sondern nach einem Postboten benannt war? Columbus Larson hatte zwei Orte gegründet, nämlich Columbus und Larson (fantasievoll). Wahrscheinlich, weil er als Postbote mal was zu tun haben wollte. Ach ja, und im Ort gäbe es am Samstag das jährliche Lefsefest – das sind norwegische Waffeln, und in Columbus wohnen fast nur Nachkommen von Norwegern. Scheinbar ist das Fest überregional bekannt. Aha.
Schließlich hatten wir es geschafft, die Stange festzuklemmen, und konnten endlich weiter. Ich ließ den Mietwagen bei On the Spot Truck Repair – Irene hatte angeboten, mich heimzufahren. Okay, das war ein langer Weg, aber offensichtlich war sie wirklich nur zufällig hier und nicht auf der Jagd. Das beruhigte mich ein bisschen.

Hielt nicht allzu lang, natürlich. Zusammen mit Natalie machten wir uns auf den Weg zu Tracy’s Café (die Group Therapy Lounge hatte nämlich noch geschlossen, und nein, ich denke mir diese Namen nicht gerade aus). War nicht viel los – die Besitzerin des Cafés war da, plus ein älteres Ehepaar und ein lebhafter Afroamerikaner, der sich mit den alten Leutchen unterhielt. Irgendwie kam er mir bekannt vor.

Als er Irene sah, lächelte er breit, verabschiedete sich von dem Ehepaar und kam auf sie zu. Die kannten sich, offenbar über ein Roadhouse. Er sei Gideon Barker, sagte er, und Irene hätte doch damals diese Pillen… Ach ja, gab sie zurück. Natürlich. Gideon.

Während die beiden sich begrüßten und Natalie vorstellten, fiel mir wieder ein, woher ich Gideon kannte. Vor zwei Jahren… Winter. Massachusetts. Eine illegale Müllhalde, und auf einmal dieser entartete Pumageist, der mich anfiel. Durch den Wald jagte. Gut, dass er Katze genug war, um zu spielen. Im Auto, ein paar Kräuter, meine Axt. Ein paar Worte, die mir einfielen, um den Geist zu reinigen. Er floh, verwundet, vielleicht geheilt, aber jedenfalls abgeschreckt. Ich saß im Auto, blutete aus tiefen Krallenhieben. Erschöpft, schwindelig.
Dann, plötzlich, ein Fremder. Hatte ihn nicht bemerkt. Kein gutes Zeichen. Seine Augen waren geweitet – er hatte den Geist gesehen. Aber er war nicht gerannt. Sanitäter. Der Instinkt zu helfen war stärker als die Angst. Er verband meine Wunden, wollte mich ins Krankenhaus bringen. Nein, sagte ich. Geht schon. Seine Hand war ruhig gewesen, als er meine Verletzungen versorgte, aber jetzt zitterte sie. Vielleicht war’s ja die Kälte.
Geh nach Hause, riet ich ihm. Vergiss das, wenn du kannst. Dann fuhr ich los. Ging mir nicht so gut, dass ich mit ihm diskutieren wollte. Habe seinen Namen nie erfahren.

Jetzt wusste ich ihn. Gideon Barker. Ich sagte ihm, dass ich ihn kenne. Er schaute fragend, aber nach einem Augenblick erkannte er mich. Meine kaputte Stimme ist schwer zu vergessen, hat man mir gesagt.
Er lächelte. Fragte, wie es mir ginge. Erzählte, er wäre hier, weil er sich für skandinavische Mythologie interessierte. Also hast du es nicht vergessen, meinte ich. Er zuckte die Schultern. Offenbar nicht.

Irene grinste. Wollte wissen, ob ich wirklich jemandem geraten hätte, sich rauszuhalten. Ich nickte knapp. Klar hatte ich ihm das geraten, aber ich war weder überrascht noch empört, dass er nicht auf mich gehört hat. Er schien nicht der Typ zu sein, der davonläuft.

Wir unterhielten uns. Natalie war dabei, wollte wissen, woher wir uns kannten. Irene und Gideon erklärten ihr, wir hätten ein gemeinsames Hobby. Großwildjagd. Bären und so. Ich denke nicht, dass sie das so recht glaubte. Gideon und Irene hatten sich offenbar viel zu erzählen, also fing ich ein Gespräch mit Natalie an. Sehr gut in Smalltalk war sie nicht, oder sie wollte einfach nicht viel über sich erzählen. Zumindest nicht mir. Ich fand nicht einmal heraus, was sie eigentlich studiert. Aber immerhin hatten die beiden anderen Zeit, sich etwas unbefangener auszutauschen.

Während sich Irene und Gideon über skandinavische Monster unterhielten, tauchte Natalies Freundin Connie auf. Sie sah etwas blass und abgespannt aus, meinte aber, mit ihr wäre alles okay. Nach kurzem Gespräch brachen sie und Natalie auf – offenbar wollte Connie allein mit ihrer Freundin sprechen. Als sie weg waren, meinte Gideon, das Mädchen wäre vermutlich schwanger.

Später erfuhr ich, worüber die beiden gesprochen hatten: Connie war in Sorge um ihren Freund, Ragnar Birkeland. Aller zwanzig Jahre starb wohl ein junger Mann aus dieser Familie am Lefsefest, jetzt waren zwanzig Jahre seit dem letzten Toten vergangen und Ragnar der einzige junge Birkeland… und sie war doch schwanger von ihm! Natalie schlug vor, doch mal Gideon anzusprechen, weil der sich mit der lokalen Mythologie beschäftigen würde – vielleicht konnte man ja etwas tun.

In der Zwischenzeit hatte ich von Gideon erfahren, dass die beiden alten Leutchen ihm zwar bereitwillig von Nissen, Trollen und Wasserfallgeistern erzählt hätten, aber dass es da auch etwas gab, über das sie nicht reden wollten. Da das Ehepaar das Café mittlerweile verlassen hatte, beschlossen wir, uns ein bisschen im Ort umzuschauen. Irene wollte heute ohnehin nicht weiterfahren und morgen das Lefsefest besuchen, also würden wir noch eine Weile hier sein.

Ich rief Tam an. Die meinte, ich solle mich entspannen. Sie würde bestimmt nicht platzen und wäre schon neugierig auf Irene. Hm. Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass Irene mich an irgendeiner Ecke in Stuttgart rauswerfen würde.

Also schauten wir uns Columbus an. Ein recht kurzes Vergnügen, der Ort ist einfach winzig. Immerhin gab es im Postgebäude/Rathaus eine Art Heimatmuseumsecke und einen enthusiastischen Menschen, der uns von Lefsen, Lutefisk und allerlei anderen norwegischen Spezialitäten erzählte. Die Geschichte des Orts begann mit Columbus Larson, wenn man dem Museum glaubt. Vorher hat da sicher niemand in der Gegend gewohnt. Zumindest keine Norweger.

Wir gingen wieder. Gideon redete noch ein bisschen über norwegische Monster und die Unterschiede zwischen norwegischen und schwedischen Trollen. Irene verzog das Gesicht. Entweder dachte sie neidvoll an Cousin Ian, der den letzten Troll Norwegens erlegt haben wollte, oder an die Strafpredigt, die ihr Ally wegen iHeretic gehalten hatte.

Nachdem wir uns ein Zimmer in Tracy’s Café genommen hatten, tauchte Natalie wieder auf. Die erwähnte etwas umständlich die Geschichte mit den Birkelands, die hier regelmäßig sterben. Wollte wohl erst mal sehen, wie wir reagieren. Na also, da war es doch: Ein Problem, mit dem wir uns beschäftigen konnten. Vermutlich besser, als einfach nur Lefse zu knabbern und echten norwegischen Fischtee zu trinken (nein, das hatten die da nicht. Mir ging das Nest nur auf die Nerven).
Jedenfalls rannten Gideon und Irene los, um mit den Leuten zu reden; Natalie recherchierte im Internet und ich beschloss, mir den Friedhof anzuschauen. Vielleicht war die Geschichte ja nur Blödsinn. Oder mich sprang eine Leiche an, die ich erschießen konnte.

Nach ein paar Stunden trafen wir uns wieder. Die Sache mit den Toten war kein Blödsinn: Aller neunzehn Jahre starb hier ein junger Birkeland – fiel einfach tot um, rannte sich den Schädel ein, erstickte an einer Fischgräte und so weiter. Der erste war Oystein Birkeland, der 1921 starb. Eine Weile vor seinem Tod hatte er sich mit Ketil Andresen um ein Mädchen gestritten, dann verschwand Ketil spurlos und Oystein heiratete. Sein Kind war noch nicht geboren, als er zu Tode kam.
Einer der Einheimischen hatte schon von Ian und dem Troll gehört. Der erzählte Irene, es könne sich vielleicht um einen Draugr handeln, einen norwegischen Untoten. Sie war nicht weiter beeindruckt: Diese Viecher kann man umbringen, indem man sie köpft, verbrennt und ihre Asche in Wasser auflöst. Hervorragend. Ich hatte meine Axt dabei. (Ja, ich weiß. Ich war auf einem linguistischen Symposium und hatte meine Axt dabei. Und einen Vorrat Ersatzmagazine. Immerhin hatte ich den Schalldämpfer zu Hause gelassen.)

Wir trafen uns noch mal mit Ragnar Birkeland im Nachbarsdorf. Ich konnte ihn auf Anhieb nicht leiden, verzichtete aber darauf, ihn zu erschießen: Nicht in einer vollen Kneipe. Lag auch gar nicht an ihm, ich war nur gereizt, weil ich in diesem Norwegernest festhing und sein Untotenproblem lösen musste.
Jedenfalls wollte er nicht einfach weg aus Columbus. Es war doch Lefsefest, und seine Oma war schon 104, und überhaupt… vielleicht würde ja noch was Schlimmeres passieren, wenn er jetzt fortging. Mir kam ein böser Verdacht: Die Birkelands wussten doch offenbar, dass aller zwanzig Jahre irgendwas passierte. Selbst wenn sie nicht an Geister oder Flüche glaubten – hatte denn nie jemand versucht, seinen Sohn, Enkel, Bruder oder Neffen zur fraglichen Zeit wegzuschicken? Warum passten die Birkelands nicht besser auf?

Und eigentlich ging es der Familie ganz gut: Viele Häuser, viele Nachkommen. Andresens hingegen gab es kaum noch, die waren weggezogen oder hatten keine Familien gegründet. Zumindest nicht in Columbus. Wenn Ketil ein Rachegeist war, warum ging es seinen Feinden dann so gut und seiner Familie so schlecht? Vielleicht sollten wir mal mit seiner Familie reden, schlug Gideon vor. Sie ein bisschen unter Druck setzen. Unter Druck setzen kann ich, sagte ich, und Gideon meinte, das glaubt er sofort.

Wir verabschiedeten uns von Connie und Ragnar. In Columbus machten wir uns auf die Suche nach der Grabstätte des Draugr. Irgendwo würde der schon sein.
Fehlanzeige im leerstehenden Haus der Andresens, aber ich hatte einen kleinen, bewaldeten Hügel gesehen, als ich auf dem Friedhof war. In Urzeiten hatten Norweger ihre Toten in Hügeln vergraben, und wenn Oystein Ketil aus dem Weg geschafft hatte, wo hätte er die Leiche sonst verstecken sollen?

Es dauerte nicht lang, bis wir in der Seite des Hügels eine Steinplatte fanden. Sie war schwer, aber gut zu bewegen. Dahinter ein schmaler, niedriger Gang in den Hügel hinein. Sah halbwegs stabil aus, also zog ich meine Waffe und kroch als erster hinein. Hinter mir kam Natalie mit einer Taschenlampe, dann Gideon, zuletzt Irene.
Ich musste nur einen Meter kriechen, dann wurde der Gang breiter und höher. Hoch genug, dass Natalie und Irene aufrecht stehen konnten, aber ich und Gideon liefen geduckt.
Lang war der Gang nicht. Vor uns eine Grabkammer, darin eine Leiche. Nicht beerdigt. Stank bestialisch, als würde sie noch verwesen und wäre nicht seit fast hundert Jahren tot. Als ich den Raum betrat, öffnete sie die Augen und schwang sich behände auf die Füße. War knapp kleiner als die Decke. Die Füße sanken ein Stück ins Erdreich ein – der Draugr war schwer.

Half ihm nicht. Ich schoss ihm den halben Kopf weg, als er noch auf die Füße kam, Gideon griff mit einem Messer an, Irene schoss auch. Der Tote langte nach mir, aber viel zu langsam, dafür stand er danach direkt vor mir. Ich hielt die Glock unter sein Kinn, drückte ab und der Kopf zerbarst in stinkende Einzelteile.

Als der Draugr fiel, drehte sich Irene um und hastete nach draußen. Kein Wunder. Der Geruch war widerwärtig, und ein Teil seiner Überreste klebte noch an mir. Gideon folgte ihr ziemlich schnell. Natalie zögerte. Müssten wir das Ding nicht köpfen, fragte sie zaghaft. Klar, sagte ich, und packte meine Axt aus. Schlug ihr vor, sich das jetzt lieber nicht mit anzusehen. Sie huschte erleichtert nach draußen.
Ich verzichtete darauf, tief durchzuatmen, und hackte dem Ding den Kopf ab, während mein Hirn meinte, mich mit einem alten Beatles-Ohrwurm beruhigen zu müssen. ‚Norwegian Woods‘. Großartig.

Während ich das vor mich hinsummte, kamen Natalie und Gideon zurück. Kannten das Lied wohl nicht. Gut. Irene hatte ihnen Natrium und Salzsäure mitgegeben – sie hatte irgendwo gelesen, dass man daraus eine Art Salzexplosion machen konnte. Vermutlich im True-Believers-Forum, da hatte Brian das nämlich vor kurzem gepostet. Glücklicherweise kannte ich das Rezept, denn hätten wir das ganze Pfund Natrium verwendet, das Irene mit sich herumschleppte, hätten wir wahrscheinlich den Hügel gesprengt.
Wir entzündeten und versalzten den Draugr, kratzten danach seine Asche zusammen und warfen sie in einen Bach, den Irene in der Nähe entdeckt hatte. Das war ja vergleichsweise einfach.

Zurück in Columbus ging ich erst mal mindestens drei Stunden duschen. Die Klamotten konnte ich wegwerfen, den Geruch würde ich nie wieder rausbekommen. Gut, dass ich mich umgezogen hatte, bevor wir uns auf die Jagd machten.

Am nächsten Tag war Lefsefest, und die Stimmung im Dorf war irgendwie… anders. Heiterer. Optimistischer. Als hätte jemand einen grauen Schleier von Columbus gezogen. Scheinbar waren die Birkelands keine gewissenlosen Schlächter, die aller zwanzig Jahre einen jungen Mann opferten, um ihren Wohlstand sicherzustellen. Ihre Gleichgültigkeit war vermutlich ein Teil des Fluchs gewesen. Kam mir seltsam vor, Leute zu treffen, die nicht moralisch völlig korrupt waren.
Ragnar passierte jedenfalls nichts. Angeblich war es das beste Lefsefest seit Menschengedenken. Sogar die 104-jährige Marte Birkeland grinste die ganze Zeit wie ein Honigkuchenpferd. Schön.

Die gingen mir immer noch auf die Nerven.

Schließlich, am nächsten Tag, konnten wir aufbrechen. Die Werkstatt musste noch auf ein Ersatzteil warten, aber ich konnte mit Irene losfahren. Wir irrten noch ein bisschen in der Gegend herum, sahen Wildrose, Palermo, Burlington (nicht in Vermont), Cathay, versehentlich Bismarck, Wimbledon und trafen schließlich bei Fargo wieder auf den Highway 29.

Dann weiter, bis nach Stuttgart. Bis nach Hause. Irene und Tam kannten sich schon, von einer Sache auf einem Friedhof. Ich hielt mich zurück und sah beiden beim Reden zu. Bis mir klar wurde, dass ich mit beiden schlafen wollte. Verdammt. Soviel zu „faszinierende Persönlichkeit“ und „ich weiß gar nicht, was ich an ihr finde“. Ein Teil von mir will einfach nur mit Irene ins Bett. Bin dann raus aus dem Wohnzimmer, weg von den beiden. Tee machen oder so.
Und jetzt? Scheiße. Was mache ich jetzt?

Addendum:

Irene ist wieder weg. Thema verschoben. Als hätte ich sonst zu wenig Probleme.

Ein paar Tage später rief Paul Barkley in der Detektei an. Wollte mit mir sprechen. Ich kenne Paul nur flüchtig – er ist Cherokee, lebt in Oklahoma. Wir haben uns ein paar Mal bei irgendwelchen Tänzen gesehen. Kannte wohl meinen Großvater.
Jedenfalls hatte er ein Problem. Wollte erst nicht so recht mit der Sprache rausrücken, also habe ich gewartet. Der rief nicht nur an, um Smalltalk zu machen. Dauerte eine Weile, dann: Es gab da ein Ritual. Musste gemacht werden. Aber sein Neffe war im Krankenhaus und konnte nicht. Paul hatte sicher mehr als nur einen Neffen, aber ich konnte heraushören, dass die anderen ungeeignet waren. Vermutlich glaubten sie nicht an Rituale.
Es fiel ihm wirklich schwer, mich zu fragen. Keine Überraschung. Ich bin kein Cherokee, nicht mal ein halber. Trotzdem. Er konnte das nicht selber machen. Nicht mehr, zu alt, zu schwach. Okay, sagte ich. Ich komme.

Traf ihn in Tenkiller, Oklahoma. Ein alter Mann, sicher so alt wie mein Großvater. War nervös. Glaubst du an Geister, wollte er wissen. Ja, sagte ich. Er wirkte erleichtert. Das Ritual funktioniert nicht, wenn du nicht daran glaubst, erklärte er mir. Ich nickte nur.
Zusammen gingen wir ein Stück, bis wir zu einem Wäldchen kamen. Er blieb am Waldrand stehen. Hier ist es, sagte er. Die Legenden sagen, dass in diesem Wald ein böser Geist lebt. Jedes Jahr im Frühling kommt er heraus, um großes Unheil über die Menschen zu bringen, wenn ihn niemand aufhält. Aber er ist feige, der Geist – ein starker Mann kann ihn einschüchtern und zurück in den Wald treiben. Bisher hatte Paul das gemacht, und dann sein Neffe, aber jetzt… Wer glaubt schon noch an böse Geister in einem Wald?
Er sah müde aus. War sicher nicht leicht, einen fast Fremden zu fragen.

Das Ritual ist nicht einfach, warnte er mich. Du musst hierher kommen, heute Abend, und nach dem Geist rufen. Wenn er kommt, musst du ihn zurücktreiben – nicht mit ihm kämpfen, er ist zu schnell, zu stark, sondern ihm Angst machen. Mit Drohungen, mit Flüchen, brüll ihn an, stampfe mit den Füßen, was auch immer du kannst.
Ich spreche eure Sprache nicht sehr gut, sagte ich. Und ich kann nicht so lange reden. Aber ich kann jemandem Angst machen. Ohne Worte?, wollte der Alte wissen. Ich schaute ihn an. Mein Großvater hatte so einen durchdringenden Blick, und die Leute sagen, ich hätte ihn auch. Nach ein paar Momenten schaute er weg und nickte. Wird schon gehen, meinte er. Aber du musst die ganze Nacht durchhalten. Egal, was passiert, du darfst nicht davonlaufen, bis die Sonne ganz aufgegangen ist.

Wir bereiteten uns vor. Reinigung, Symbole, Rauch. Er brachte mir die Worte bei, mit denen ich den Geist rufen sollte. Nahm mir die Waffen ab. Sagte, wer Waffen braucht, ist alleine nicht stark genug. Helfen würden sie sowieso nicht. Großartig. Nahm mir auch noch Schuhe, Jacke, Hemd weg und bemalte mich mit Zeichen, die mich schützen sollten. Dann gingen wir zurück zum Wäldchen, zogen einen Kreis, verbrannten Kräuter. Schließlich ließ er mich kurz vor Sonnenuntergang allein.

Es wurde dunkler. Aus dem Wäldchen drang ein harsches Schleifen und Schaben, als würde sich etwas Großes durchs Unterholz zwängen. Ich rief die Worte, die Paul mir beigebracht hatte, und im letzten Schein des Abendrots tauchte es auf: Ein undeutliches Wesen, mal riesige Katze, mal geifernder Wolf, mal Bär, mal Schlange. Immer hatte es brennende goldene Augen, die mich anstarrten. Sein heiseres Fauchen trug modrigen Atem wie von alten Blättern zu mir.

Ich schaute es an. Sagte nur den Satz, der zum Ritual gehört: „Du musst mich besiegen, um herauszukommen.“ Seine Augen trafen meine, und ich wusste: Wenn ich meinen Blick senkte, würde es mich zerreißen. Langsam schlich es um mich herum, wagte einen Schritt vor, täuschte einen Sprung an, aber es kam nicht näher, solange ich es ansah.

Solange ich es ansah. Aber natürlich musste ich blinzeln. Kein Mensch kann zwölf Stunden in die Augen eines Monsters starren, ohne blind zu werden. Es war schnell: Nur einen Lidschlag schloss ich meine Augen, und es schlug nach mir. Bei ersten Mal konnte ich ausweichen. Beim zweiten Mal traf es eines der Symbole auf meinem Körper, und der Schlag prallte ab. So ging es weiter: Manchmal entging ich ihm, manchmal öffnete ich die Augen schnell genug, um es wieder zu bannen. Meistens erwischte es eins der Zeichen. Nur ab und zu gelang es ihm, meine Haut zu treffen. Nie sehr tief: Dünne, feine Wunden, wie lange Papierschnitte.

Es vergingen Stunden, zwei, drei. Als meine Augen anfingen zu brennen, begann ich, dem Geist eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte, wie der Draugr in seiner Höhle aufstand, mich angriff und starb. Ich sprach Dakota, und es verstand mich: Solange ich sprach, konnte ich die Augen kurz schließen und ausruhen, ohne angegriffen zu werden.
So teilte ich mir die Nacht ein: Ich blickte den Geist an, solange ich konnte, und wenn meine Augen zu müde wurden, erzählte ich eine Geschichte davon, wie ich ein schreckliches Monster tötete. Der Geist wütete, fauchte, starrte mich mit seinen brennenden Augen an, schlug nach mir, wenn ich einen Augenblick nachließ, verletzte mich, aber er kam nicht an mir vorbei.

Endlich wurde es langsam hell. Nebel stieg auf und hüllte mich und den Geist ein, aber ich sah seine Augen noch und er meine. Aber es war schwieriger, mich auf das gelbe Glosen zu konzentrieren, und meine Lider wurden immer schwerer. Also fing ich wieder an zu sprechen. Diesmal erzählte ich ihm die Geschichte, wie ich zu dem Wäldchen gekommen war. Von dem Geist, der es wagte, mich herauszufordern. Von anderen Geistern, die ich bereits besiegt hatte. Von meinen Vorfahren, die…

Meine Stimme versagte. Blieb im Hals stecken.

Der Geist sprang. Schlug nach mir. Traf mich an der Seite. Aber ich trug schützende Symbole am Körper, und sein Schlag kam ebenso ins Stocken wie meine Stimme zuvor. Ich konnte seinen Blick wieder fangen. Trieb ihn zurück, gerade so.

Fand meine Stimme wieder.

Erzählte dem Geist, wie ich meine linke Faust hob. (Ich hob die linke Hand.)

Erzählte dem Geist, wie ich meine rechte Faust hob. (Ich hob den Armstumpf, und im gedämpften Morgenlicht meinte ich, den schwachen Umriss meiner verlorenen Hand zu sehen.)

Erzählte dem Geist, wie ich auf ihn zutrat, wie ich ausholte und wie ich mit all meiner Kraft nach ihm schlug.
Ein Sonnenstrahl brach durch den Nebel, und ich blinzelte. Nur einen Moment.

Aber als mein Blick von einem Baum zum nächsten sprang, sah ich den Geist nicht mehr. Die Sonne war aufgegangen, und er hatte sich in seinen Wald zurückgezogen. Bis zum nächsten Jahr.
Ich sank auf die Knie. Schloss die schmerzenden Augen, atmete tief durch. Tastete nach der Wasserflasche, die neben dem Kreis lag. Trank in tiefen Zügen, spritzte mir den letzten Rest des Wassers in die Augen.
Die Wunde an meiner Seite blutete. Mehr als nur ein Kratzer, sollte ich besser verbinden. Lebensbedrohlich war sie allerdings nicht. Ich dachte kurz darüber nach, zu Paul zurück zu laufen, aber stellenweise war es immer noch neblig und ich war mir nicht ganz sicher, ob ich den Weg finden würde. Also ließ ich es. So gern verlaufe ich mich nun auch nicht.

Es dauerte nicht lange, bis Paul auftauchte. Er war sichtbar erleichtert, dass ich noch da war. Meine Verletzungen betrachtete er mit gerunzelter Stirn: Ihm oder seinem Neffen war der Geist nie so nahe gekommen. Passt schon, sagte ich ihm. Klar, dass ihr mit eurem Geist besser klarkommt als ich.

Paul nahm mich mit zu seinem Haus. Nähte die tiefere Wunde in meiner Seite, während ich ihm erzählte, was passiert war. Horchte auf, als ich von meinen Geschichten erzählte: Dem Draugr, dem Donnervogel, den Steingolems, den Werwölfen. Und dem Chupacabra, aber das hatte ich mir nur ausgedacht. Er runzelte die Stirn. Wüsste ich denn, wie man ein Chupacabra umbringt, wollte er wissen. Das war nämlich gar nicht so einfach.
Nein, sagte ich. Normalerweise ging ich nach der Methode „wenn es blutet, kann ich es töten“ vor. Und wenn es nicht blutet?, fragte Paul. Dann schieße ich solange auf den Kopf, bis es kaputt geht. So vielen Monstern war ich ohnehin bisher nicht begegnet.

Das nahm Paul zum Anlass, mir zu erzählen, dass ein Chupacabra niemanden angreift, der eine in Bernstein gefasste Fliege mit sich herumträgt. Und wo er schon mal dabei war, verglich er meine Wunden mit denen, die ein Ijirak reißt. Das ist ein Gestaltwandler, von dem die Inuit erzählen. Ist nur halb am Leben. Statt also in Bett zu gehen und mich auszuruhen, saß ich noch ein paar Stunden da und hörte Paul zu, während er mir Geschichten über Monster und böse Geister erzählte. Keine Ahnung, woher er so viel wusste.

Irgendwann war ich doch müde. Sagte ihm aber, dass mich seine Geschichten interessierten. Würde gern mehr hören. Er lächelte schief. War lange her, dass er daran gedacht hatte, sagte er. Aber wenn ich wollte, würde er mir noch ein paar Sachen erzählen. Keine Geheimnisse seines Stammes, aber… ein paar Tipps und Tricks halt. Dinge, die früher viele Leute gewusst hatten.

Also blieb ich noch ein paar Tage bei ihm und hörte ihm zu. Rief vorher Tam an. Wollte wissen, ob sie mich braucht. Klar, sagte sie, aber wenn ich Dinge über Monster herausfinden konnte… ich sollte Paul nach Vampiren fragen. Den Rest sollte ich aufschreiben, damit sie es in ihre Mappen sortieren konnte.

Und genau das werde ich jetzt machen, statt weiter an meinem Tagebuch herumzutippen. Ist ja nicht so, als hätte ich nicht genug zu tun. Weder die Studie noch das Buch schreiben sich von selbst, also höre ich jetzt auf damit, hier herumzuprokrastinieren. Ehrlich. Genau jetzt.

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Ethan und die Hunternauten
Die Suche nach dem Goldenen Vlies

„Sie sind doch gerade noch in Montana, Ethan, oder?“ fragt die freundliche, ein ganz klein wenig gestresst klingende Stimme am Telefon. Melody Burke, die persönliche Assistentin von Dekan Brimley. Sekretärin, wenn man Dekan Brimley fragt. Aber wenn man Dekan Brimley fragt, heißt seine Sekretärin auch Mildred.

„Rückweg“, teilt er Melody mit. „Oh, gut“, macht die junge Frau, „der Dekan hätte da einen Auftrag für Sie.“
Ethan verdreht die Augen. Er war in Montana, ja. Das war bis vor zwei Tagen. Er ist ein Stück hinter Chicago, Illinois.
„Auftrag?“ fragt er in so neutralem Tonfall es geht.
Die Verbindung ist nicht sonderlich gut, aber dem Rauschen und dem Knistern entnimmt Ethan, dass das Goldene Vlies in Helena, Montana, ausgestellt werden soll. Also das Goldene Vlies. Es befindet sich im Besitz einer Bones Gate-Alumna und -Mäzenin, die es dem städtischen Museum für diese Ausstellung leihweise zur Verfügung gestellt hat und sich um die Sicherheit ihres Schatzes sorgt. Und da er doch ohnehin gerade in Montana sei – Ethan unterdrückt ein Auflachen –, habe Dekan Brimley gedacht, Mr Gale könne doch sicherlich die Sicherheitsvorkehrungen in dem Museum optimieren.

Ethan verdreht wieder die Augen, aber er gibt Melody ein „Okay“ zur Bestätigung und lenkt den Pickup von der Service Plaza aus nicht heimwärts, sondern in Richtung Westen auf die I-90 zurück.

Am Mittag des übernächsten Tages kommt Ethan in Helena an. Die Stadt ist nicht sonderlich groß, das Museum leicht zu finden, auch wenn es auf den ersten Blick eher aussieht wie eine Schule. Das liegt vor allem daran, dass das besagte Haus ein riesiges Loch in der Mauer hat, das schon von weitem nicht zu übersehen ist. Und zwar oben im ersten Stock. Schwarzgelbes Polizeiabsperrband. Neugierige Menschen, die mit dem Finger zeigen und tuscheln. Oha. Kind. Brunnen. Na ganz spitzenmäßig.

Auf der anderen Straßenseite findet Ethan einen Parkplatz. Rangiert den Hardbody in die Lücke und steigt aus. Sieht sich suchend um. Da drüben steht eine Gestalt, die er kennt. Hatte Irene nicht etwas von Boston gesagt, als sie sich vor einigen Tagen in Billings getrennt haben? Offenbar hat ihr etwas dazwischengefunkt. Soll ja schon vorgekommen sein, denkt Ethan trocken. Die Britin steht mit zwei Leuten zusammen, einer dunkelhaarigen jungen Frau und einem Mann im Anzug, der Ethan gerade den Rücken zudreht, ihm aber ebenfalls irgendwie bekannt vorkommt.

Die Trophäensammlerin ist auf die Bewegung auf der anderen Straßenseite aufmerksam geworden, hat ihn erkannt und winkt ihm nun fröhlich zu. Macht eine auffordernde, herbeirufende Geste. Ethan lächelt über die Straße hinweg zurück und will sich gerade auf den Weg zu dem Grüppchen machen, als ihm klar wird, wer der Mann im Anzug ist. Ethan erstarrt. Will sich, statt über die Straße zu gehen, eigentlich sofort wieder in sein Auto zurückziehen.

Denn Irenes Gesprächspartner ist kein anderer als Special Agent Jonathan Saitou. Der Special Agent Jonathan Saitou, vor dem Sam Blackwood und er in Dana Point regelrecht geflohen sind, nachdem sie den Hexenzirkel ausgeschaltet hatten. Und dass Agent Saitou sich nicht die Mühe gemacht hat, Ethan am Flughafen abzufangen, heißt noch lange nicht, dass der Mann ihn nicht verhaften oder zumindest zum Verhör vorladen wird, wenn er ihn hier sieht.

Aber natürlich hat Saitou sich bei Irenes Ruf ebenfalls in seine Richtung gedreht, und natürlich hat er Ethan auch schon gesehen. Verdammt. Verdammt, verdammt, verdammt!

Das Gesicht des FBI-Manns friert ein, und Ethan würde am liebsten auf der Stelle kehrt machen, aber das geht auch nicht. Das wäre ein direktes Schuldeingeständnis und würde den Fed nur dazu einladen, die Verfolgung aufzunehmen. Nein. Hilft alles nichts, jetzt muss er hin.

„Ethan! Sie auch hier!“, begrüßt ihn die Britin erfreut, während von Saitou nur ein kühles, ein sehr kühles, Nicken kommt. Ethan nickt ebenfalls stumm und wirft dem Bundesagenten dann einen unsicheren Blick zu. So, wie Irene und er sich nach der Sache im Diner mit Bianca abgesetzt haben, um den Fragen des Feds zu entgehen, hätte er nicht gedacht, dass die beiden jetzt hier so friedlich beieinander stehen würden. Aber irgendwie müssen die sich geeinigt haben, denn Irene macht völlig selbstverständlich den Vorschlag, dass Ethan sich das Ganze doch als Sicherheitselektroniker mit ansehen solle.

Aber da hat sie die Rechnung ohne den Agent gemacht. Der erklärt mit kalter Stimme, er werde nicht zulassen, dass Außenstehende seinen Tatort verunreinigen. Er habe hier einen Diebstahl und einen Todesfall aufzuklären. Bei der jungen Frau scheint es sich nicht um Saitous Partnerin zu handeln, denn sie schließt er in seine Ablehnung kurzerhand mit ein. Sie wirkt enttäuscht und will protestieren, aber Ethan nimmt in einer abwehrenden Geste die Hände hoch und tritt einen Schritt zurück. Er wird dem FBI bestimmt nicht in seine Nachforschungen pfuschen.

Irene entschärft die Situation, indem sie vorschlägt, dass Ethan sich doch einmal mit der jungen Frau unterhalten solle, während sie, Irene, mit Agent Saitou den Tatort begutachtet. Ms. Bush habe da interessante Informationen über einen möglichen Fall von Betrug und Geldwäsche im großen Stil. Ethan hebt die Brauen und nickt etwas zögerlich, während die Engländerin und der Bundesagent in Richtung des Absperrbandes entschwinden. Er sieht ihnen nach, ehe er sich der jungen Dame zuwendet. Irene ist also keine den Tatort verunreinigende Außenstehende? Interessant.

Ms. Bush sieht ihn neugierig an und stellt sich dann als Chloe vor. Seinen Namen hat sie ja schon mitbekommen, als Irene ihn begrüßt hat, aber er nennt ihn ihr trotzdem nochmal. Das scheint ihm irgendwie höflicher, als einfach nur zu nicken.
Die junge Dame ist Journalistin, erfährt Ethan. Was erklären dürfte, warum sie ihn ausfragt, statt ihm von dem Geldwäscherring zu erzählen, den Irene erwähnt hat. Das macht richtiggehend Mühe. Warum er hier sei. „Auftrag“, sagt er. Auftrag, will Chloe wissen, was für ein Auftrag denn, und von wem habe er diesen Auftrag denn bekommen? „Arbeitgeber“, murmelt Ethan. Das zugehörige ‘duh’, das ihm zwar nicht auf den Lippen liegt, aber im Kopf herumgeistert, schenkt er sich. Und was für ein Auftrag das sei? Gah. Kann sie sich das nicht denken? Irene hat es doch eben schon so gut wie erklärt. „Sicherheitsanlage überprüfen“, gibt er zu. Ach so. Das reicht der Reporterin aber nicht, sondern sie bohrt weiter. Ob sein Arbeitgeber Verbindungen hierher habe? Ethan wirft einen beinahe verzweifelten Blick dahin, wo Irene und der FBI-Mann verschwunden sind, ehe er sich wieder der jungen Frau zuwendet und nickt. Die sieht ihn groß an, scheint eine Spur zu wittern. „In die Politik?“, will sie eifrig wissen. Aber darauf schüttelt Ethan den Kopf. „Museum“, erwidert er. „Ach, Sie arbeiten für das Museum?“
Es fehlt nicht viel, und Ethan würde sich frustriert die Haare raufen. Beinahe tut er es wirklich, aber dann ringt er sich ein weiteres Kopfschütteln ab. „Mein Arbeitgeber kennt die Dame, der das Vlies gehört“, formuliert er sorgfältig und mit einiger Anstrengung. „Wer ist das denn?“ Ethan seufzt. „Sophia Barbas. Eine Griechin. Angeblich ziemlich reich." Übung, sagt er sich. Sieh es als Übung für Artie.

Zum Glück kann er Chloes nächste Frage wieder leichter beantworten. Die sieht nämlich ebenfalls in die Richtung, in die Saitou mit seiner Begleiterin gegangen ist, und fragt, ob die beiden ein Paar wären. Ethans verneinendes “Mhm-mhm” quittiert die junge Frau mit einem leichten Lächeln. Interessant.

Ob man in das Museum irgendwie reinkäme, will Chloe dann wissen. Ethan zuckt die Schultern, nickt mit dem Kinn Richtung Agent Saitou. „Wenn er fertig ist." Wenn er fertig ist. Ethan hat keinerlei Absicht, Jon Saitou noch weiter gegen sich aufzubringen. Also warten sie.
Ehe der FBI-Beamte und die Trophäensammlerin aber zurückkommen, geht ein Mann die Stufen zum Haupteingang des Museums hinauf. Ein älterer Herr im Anzug mit schütteren Haaren und fahrigen Bewegungen. Er sieht sich um, stellt fest, dass kein Absperrband den Zutritt behindert, und schließt kurzerhand auf.

Ms. Bush zupft Ethan am Ärmel. „Sehen Sie mal.“ Kurz entschlossen geht die junge Journalistin auf den Haupteingang zu. Ethan hat zwar immer noch wenig Lust, sich mit Agent Saitou anzulegen, aber da ist tatsächlich kein Absperrband, und jemand, der hierher zu gehören scheint, betritt gerade völlig legitim das Gebäude. Dann spricht ja eigentlich nichts dagegen, sich mal völlig legitim mit dem zu unterhalten.

Der Mann stellt sich als der Direktor des Museums heraus, und er macht einen etwas kopflosen Eindruck. Kein Wunder, ihm wurde gerade sein bestes Ausstellungsstück gestohlen, und ein Wachmann ist dabei auch ums Leben gekommen. Ethan lässt Ms. Bush die Fragen stellen, das kann sie ja so gut. Aber erst einmal gibt es ein wenig Verwirrung, weil der Kurator Chloe missversteht und sie für die Sicherheitsexpertin hält. Und dann, als sie das Missverständnis aufklären will und der Mann mit dem Namen ‘Gale’ durcheinander kommt, für Ethans Ehefrau. Ethan korrigiert ihn nicht. Chloe aber auch nicht. Entweder sie hat Spaß an der Verwechslung, oder es ist ihr auch zu mühsam.

Vermutlich hätte eine Richtigstellung der Sachlage aber tatsächlich nur zu noch mehr Verwirrung geführt. Denn als Ethan nach der Sicherheitsanlage fragt, gibt der Kurator ihnen stattdessen eine Führung durch das Museum. Ohne die abgesperrten Bereiche, versteht sich. Aber dafür mit ausführlicher Beschreibung der verschiedenen Räume und ihrer bedeutendsten Exponate. Ja, gerne dürften sie Bilder machen, wenn sie wollten, sagt er irgendwann. Ähm. Das war nicht Ethans Frage gewesen. Ob es irgendwelche Aufzeichnungen von dem Vorfall gebe, versucht er es erneut. Ja, nickt der Mann, natürlich gibt es die. In der Sicherheitszentrale.
Ethan verkneift sich ein frustriertes ‘Gah’ und nickt ernsthaft. Ob sie die bitte sehen dürften, fügt er dann ausdrücklich hinzu. Sicher ist sicher. Und… Übung für Artie.

Die Sicherheitszentrale hat die üblichen Gerätschaften. Sogar ein bisschen mehr als üblich. Das mehr erstreckt sich nur leider nicht auf die im Museum installierten Kameras. Denn das Goldene Vlies selbst ist darauf nicht zu sehen, lediglich der Treppenabsatz vor der Tür sowie die Eingangshalle. Jetzt rauft Ethan sich wirklich die Haare, verzieht das Gesicht und wirft dem Museumsmenschen einen ungläubigen Blick zu. Das wertvollste Ausstellungsstück, und nicht eine Kamera in dem Raum? Kein Wunder, dass Bones Gate ihn hier haben wollten. Blöd nur, dass der Auftrag so spät kam. Drecksmist.

Die verfügbaren Bilder von der letzten Nacht zeigen dummerweise nicht viel. Das Foyer eben. Bei Zeitstempel 03:27:52 fängt der Kronleuchter an zu wackeln, und dann rennt ein Wachmann aus der Tür, nachdem er mit seinen zitternden Händen erst kaum die Tür aufgebracht hat. Ob das der Getötete sei, will Chloe wissen. Nein, erwidert der Kurator, ums Leben gekommen sei Joe. Das hier sei Ben Grady. Ethan nickt und will eben nach Gradys Adresse fragen, da kommen Saitou und Irene von draußen herein. Der FBI-Beamte wirkt nicht gerade erfreut, dass da Außenstehende in das eigentlich geschlossene Museum gelassen wurden, aber er macht keinen Aufstand darum. Puh. Überhaupt scheint er beschlossen zu haben, Ethan kurzerhand komplett zu ignorieren. Kann dem nur recht sein. Ignorieren ist besser als verhaften.

Den Namen ‘Ben Grady’ haben die Neuhinzugekommenen auch gehört. Wo der Tote zu diesem Zeitpunkt gewesen sei, will Agent Saitou wissen. Vermutlich noch im Gebäude, sagt der Direktor mit etwas zittriger Stimme, aber der oder die Diebe des Vlieses hätten ihn später mit hinausgeschleppt und draußen fallen lassen. Saitou nickt, zückt seinen FBI-Ausweis und stellt sich förmlich vor. Dann macht er eine missbilligende Geste hin zu Chloe und Ethan. Warum sie eingelassen worden wären, will er wissen. Das seien ‘die Gales’, die Sicherheitsexperten, erklärt der Mann, die den Auftrag leider zu spät erhalten hätten, um den Diebstahl noch zu verhindern. Saitou brummt, äußert sich aber nicht weiter dagegen, sondern beauftragt den Kurator, ihnen – sprich ihm und Irene; Ethan und Ms. Bush sind definitv nicht gemeint – jetzt den eigentlichen Tatort zu zeigen. Daraufhin bittet dieser ‘Mr und Mrs Saitou’, ihm zu folgen, was sowohl den FBI-Mann als auch Ethan zu einem offenen Grinsen veranlasst, bei Irene aber eher nur zu mäßiger Belustigung zu führen scheint.

In der Sicherheitszentrale zurückgelassen, sehen Ethan und seine Begleiterin sich das Video von der Tatnacht an, bis der Kurator wieder zurückkommt. Dem stellen sie noch einige Fragen, die dieser aber auch nicht beantworten kann, und lassen sich schließlich die Adresse dieses Ben Grady geben.

Eben hat Ms. Bush angesetzt, um dem Museumsdirektor eine weitere Frage zu stellen, da fährt draußen ein Auto vor. Luxuslimousine mit Chauffeur. Der Fahrer, ein massiger Afroamerikaner im Anzug, steigt zuerst aus. Öffnet die Tür im Fond. Aus steigt ein schlanker Mann von vielleicht Mitte Vierzig mit kurzen blonden Haaren. Jackett und Krawatte zu schwarzen Jeans. Arroganter Gesichtsausdruck. Zielstrebiger Gang auf das Museum zu. „Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment“, fällt der Kurator Chloe ins Wort und geht in die Eingangshalle, gerade rechtzeitig, um die beiden Neuankömmlinge abzufangen. Ethan geht neugierig zur Tür des Sicherheitsraumes, bleibt aber außer Sicht. Nein, er könne niemanden einlassen, erklärt der Direktor gerade mit erstaunlich fester und selbstbewusster Stimme. Das FBI sei hier, es handele sich um einen Tatort, und das Museum müsse bis zur Beendigung der Untersuchungen geschlossen bleiben.

So halb hätte Ethan damit gerechnet, dass der Fremde sich entgegen der Proteste des Kurators Zutritt zum Gebäude verschafft. Den Eindruck macht der Mann mit der arroganten Miene irgendwie. Kalt und bedrohlich. Stattdessen aber zückt er eine Visitenkarte und hält sie seinem Gegenüber hin. „Mein Name ist Ian Hooper-Winslow“, verkündet er in bestem britischen Akzent und einem fast unmerklich herablassenden Unterton. „Seien Sie so doch so nett und informieren Sie mich, wenn die Behörden ihre Untersuchungen abgeschlossen haben, mein Guter.“ Dann nickt er höflich-knapp und kehrt zu der Limousine zurück. Bekommt von seinem Lakaien die Tür geöffnet, der dann auf dem Fahrersitz Platz nimmt und davonfährt.

Ethans Augenbrauen wandern nach oben, als er den Namen hört. Er zückt sein Handy und fängt an, eine SMS zu verfassen, aber er hat noch nicht sehr viel getippt, da sind von oben Schritte zu hören, und Irene und Agent Saitou kommen wieder in den Raum, sehen der gerade wegfahrenden Limousine interessiert nach.

„Verwandtschaft?“, macht Ethan. Sein Tonfall liegt irgendwo zwischen Frage und Feststellung. Eine Vermutung, die er bestätigt haben möchte. Die Britin nickt. „Charles hat mich eben schon gewarnt, dass er auch hier ist“, ergänzt sie dann. „Wer war es denn?“, will Chloe wissen. „Ein unangenehmer Zeitgenosse“, erwidert Irene prompt. „Sie sollten sich von ihm fernhalten.“ „Ich glaube, ich möchte ihn lieber im Auge behalten“, widerspricht die Journalistin. „Das können Sie gerne machen“, schießt Irene zurück, „solange Sie es aus der Entfernung tun!“

„Ärger?“ Ethans Frage hat ein nachdrückliches „Ja“ von Irene zur Folge. „Allerdings hauptsächlich privater Natur, wenn ich ehrlich bin.“ Ethan verengt die Augen. Verschränkt die Arme. Seine Stimme ein Knurren. „Okay.“
„Ist der Mann gefährlich?“, schließt sich nun auch Agent Saitou der Fragerei an. Irene geht nicht direkt darauf ein, sondern erklärt, dass Cousin Ian vermutlich ebenfalls hinter dem Goldenen Vlies her sei und versuchen werde, es sich anzueignen. Der FBI-Mann nickt und fragt, ob Irene es für möglich halte, dass ihr Cousin hinter dem Einbruch und Diebstahl stecke. Einen solchen Diebstahl zutrauen würde sie ihm, erwidert Irene, und sie halte es durchaus für möglich, dass er gekommen sei, um die Ausstellung auszukundschaften und eben einen Diebstahl des Vlieses zu planen, aber sie glaube nicht, dass er in das verwickelt sei, was tatsächlich hier vorgefallen ist. Nicht, wenn man die Hinweise in Betracht ziehe, die sie gefunden hätten.

Bei dieser Bemerkung macht Ethan ein fragendes Gesicht und nickt in Richtung Obergeschoss. „Hinweise?“
Irene nickt, und ehe der FBI-Mann protestieren kann, zeigt sie Ethan und Chloe ein Foto, das sie offenbar gerade vorhin oben aufgenommen hat. Das Bild zeigt einen blutigen Fußabdruck. Der Fuß ist eindeutig unbeschuht, aber der Abdruck zeigt dennoch nur einen großen Zeh. Die anderen Zehen sind zu einem verwischten Ganzen zusammengewachsen. Und der Fuß ist richtig groß, bestimmt einen Meter lang, wenn man nach dem Frauenschuh geht, der zum Größenvergleich neben den Abdruck gestellt worden ist.
Während Ethan sich die Aufnahme stirnrunzelnd betrachtet, erzählt die Britin, dass die Ausstellung zum größten Teil aus Dingen besteht, mit der die Sage vom Goldenen Vlies untermalt werden soll. Wertvoll war nur das Vlies selbst, und nur dessen Panzerglasvitrine wurde zerstört. Und natürlich der Wachmann getötet und das Loch in die Mauer gerissen. Am Rand dieser Öffnung haben die beiden ein Stück Schaffell gefunden. Ein Stück Schaffell hing auch an einem der eingeschlagenen Fenster entlang der Route, auf dem der oder die Täter auf ihrer Flucht entlanggekommen sein müssen, wenn man die zertrümmerten Fenster und abgerissenen Äste an den Bäumen so betrachtet. Das war aber ein ganz normales Schaffell, kein übernatürliches. Irenes Gerät – sie besitzt einen EMF-Strahlungsdetektor zum Aufspüren von Geistern, erinnert sich Ethan – hat jedenfalls nicht angeschlagen.

Erstaunlicherweise scheint Saitou nun nichts mehr gegen Ethans Beteiligung an den Ermittlungen einzuwenden zu haben. Vielleicht, weil mit dem Foto bewiesen ist, dass hier irgendetwas Übernatürliches seine Finger im Spiel hat. Ethan hält den beiden – der Trophäensammlerin mehr als dem FBI-Mann, wenn er ehrlich ist – wortlos den Zettel mit der Adresse des Wachmanns Grady hin. Den Überlebenden des Vorfalls zu befragen, scheint ihm ein logischer nächster Schritt.
Ms. Bush wird eingeladen mitzukommen, weil Irene sich von ihr genauere Informationen über die Geldwäschesache erhofft. Und Ethan ist der erstaunte Ausdruck nicht entgangen, der kurz über das Gesicht der Britin gehuscht ist, als die Journalistin sich beim Betrachten des Fotos ziemlich unbeeindruckt von dem seltsamen Fußabdruck gezeigt hat. Offenbar will die Jägerin herausfinden, wieviel die junge Ms. Bush schon so weiß.

Auf dem Weg zum Auto erwähnt Agent Saitou Riesen. Ob es Riesen gebe, deren Zehen zusammengewachsen seien. Irene antwortet, dass ihres Wissens nach Riesen normal ausgeformte Zehen haben. In Ethan aber haben die Frage und die Informationen zu dem Fall eine Gedankenkette ausgelöst.
Das Goldene Vlies. Schaffell. Die Erinnerung an ein Buch, das er als Junge hatte und damals heiß und innig liebte. Das Book of Greek Myths: sonnengelbes Cover mit einem fliegenden Streitwagen darauf. Ziemlich coole Zeichnungen. Auch eine vom Goldenen Vlies. Ethan hat an das Bild nicht mehr genau im Kopf, aber darauf reckte gerade ein Mann das Vlies in die Luft oder so. Und da war auch diese Geschichte von Odysseus und seiner zehnjährigen Irrfahrt drin. Ethan runzelt die Stirn, versucht sich zu erinnern. War Odysseus auf seinen Reisen nicht auf einer Insel vorbeigekommen und hatte da diesen riesigen Typen ausgetrickst, Poly-irgendwas? Der in einer Höhle lebte und von Odysseus geblendet werden konnte, weil er nur ein Auge hatte? Und war es da nicht irgendwie um das Goldene Vlies gegangen? Wollte Odysseus das nicht irgendwie stehlen oder so? Ethans Stirnrunzeln vertieft sich. Es ist ewig her, dass er das Buch zuletzt in der Hand hatte, und es fällt ihm nicht mehr ein. Drecksmist. Aber trotzdem. Irgendwas war da.

„Zyklop“, schlägt er vor. Die anderen sehen ihn fragend an. „Zyklop“, wiederholt er und holt dann zur Erklärung etwas weiter aus. „Vlies. Riese. Zyklop.“

Erst einmal aber berichtet Ms. Bush von ihren Geldwäscherecherchen. Irene ist definitiv besser darin, selbst die Fragen zu stellen, anstatt sich ausfragen zu lassen. Das, was Chloe erzählt, hat jedoch, soweit Ethan das beurteilen kann, relativ wenig mit dem verschwundenen Vlies zu tun. Sie berichtet nämlich von irgendwelchen Verbindungen in die Politik und rechtlichen Fakten, die Ethan nicht so recht einordnen kann. Der Geldwäscherring, dem sie auf der Spur ist, scheint wohl vor allem gefälschte Kunstwerke fröhlich in der Gegend herumzuverkaufen, bis man die Herkunft des Geldes – Drogen, Terrorismus, kriminelle Machenschaften aller Art – nicht mehr nachverfolgen kann. Nicht bedeutsam für ihren Fall gerade – außer natürlich, das gestohlene Vlies wäre so eine Fälschung. Das würde das Ganze wieder interessant machen – den riesenhaften Dieb aber vermutlich trotzdem nicht weniger übernatürlich.

Bei der genannten Adresse angekommen, ist es nur Special Agent Saitous FBI-Ausweis zu verdanken, dass Mrs. Grady ihren krankgeschriebenen und unter Schock stehenden Mann an die Tür ruft. Das erste, was der sagt, als der Bundesbeamte erklärt, sie seien wegen der Vorfälle im Museum hier, ist das Geständnis, PTSD zu haben. Es klingt, als wolle der Wachmann sich damit dafür entschuldigen, keine Aussage machen zu können. Dass er sich nicht erinnern könne. Dass das, an was er sich meint zu erinnern, völlig unmöglich sei. Und garantiert seinem PTSD geschuldet. Aber Agent Saitou kann seinen Job. Ganz vorsichtig bringt er Grady dazu, sich doch zu öffnen. Nicht, indem er ihm die Keule “es gibt Monster” über den Kopf haut, sondern indem er andeutet, dass man das, was man für unmöglich hält, vielleicht einfach nur falsch eingeordnet hat, dass Grady also frei heraus sprechen solle, Saitou werde es dann schon richtig interpretieren. Es dauert etwas, aber dann erzählt der Wachmann tatsächlich. Dass vor seinen und Joes Augen jemand einfach von außen ein Loch in die Mauer gerissen habe, und dann sei diese riesenhafte einäugige Gestalt durch das Loch gekommen und habe Joe geschnappt und ihn zum Mund geführt und von ihm abgebissen wie von einem Brötchen. Einfach von Joes Kopf abgebissen… Gradys Stimme zittert merklich. Er bringt die Worte kaum heraus, und dann kommen ihm die Tränen. Unterdrücken kann er sie nicht, will er offenbar auch gar nicht, und Agent Saitou lässt sich den Mann an seiner Schulter ausweinen. Dann regt er an, dass Grady für seinen Schock doch ein Trauma-Counseling in Anspruch nehmen solle, aber dazu fehlt das Geld. Zur Überraschung der Amerikaner wirft Irene ein, dass für solche Dinge doch eigentlich der Arbeitgeber zuständig sei – ganz offensichtlich ist das nationale Gesundheitssystem in Großbritannien etwas anders geregelt als in den USA.

Wirklich helfen können sie dem armen Mr. Grady also nicht. Kann man nur hoffen, dass der doch irgendwie klarkommt. Keine große Chance dafür, aber wer weiß.

Draußen auf der Straße sieht Irene die Journalistin an. Fragt, ob sie dem Wachmann seine Geschichte abnimmt. Und bedenkt Chloe dann mit einem strengen Blick, als die junge Frau das bejaht. Dass das nicht so selbstverständlich sei, so etwas einfach zu glauben. Chloe nickt, bekräftigt aber noch einmal, dass sie die Geschichte des Wachmanns für wahr halte. Und dass sie dabei helfen wolle, das Monster zur Strecke zu bringen, auch wenn es gefährlich sei. Irene sagt nichts weiter darauf, nickt aber und wirft der Reporterin einen interessiert-nachdenklichen Blick zu.

Eine riesenhafte einäugige Gestalt. Es war also tatsächlich ein Zyklop. Agent Saitou will wissen, ob man sagen könne, um was für eine Sorte Zyklop es sich handele; eine Frage, mit der er bei Ethan für etwas Verwirrung sorgt. Ähm. Zyklop eben? Gemeinsam liefern Irene und er – okay, hauptsächlich Irene – den beiden anderen ihr gesammeltes Wissen – okay, bei Ethan sind das vor allem die aus den Untiefen seines Gedächtnisses zusammengekratzten Erinnerungen aus dem Sagenbuch – zu den Wesen. Odysseus’ Reise. Poly-Dings. Polyphem. Genau. Höhle. Schafhirte. Odysseus’ Trick, sich „Niemand“ zu nennen.

In dem Moment klingelt Irenes Telefon. Ihrem Tonfall nach zu urteilen, ist es ihr Ex-Mann. Die Jägerin schaltet kurzerhand auf Lautsprecher, damit die anderen auch hören können, was die kultivierte britische Stimme am anderen Ende der Leitung über Zyklopen zu sagen hat. Neben dem, was Irene und Ethan eben schon an Informationen zusammengekratzt haben, weiß der Mann, Charles nennt seine Ex-Frau ihn, dass die Zyklopen fast vollständig ausgerottet sind. Sie fressen zu gerne Menschenfleisch, um über die Jahrtausende unentdeckt geblieben zu sein. Wenn sie kein Menschenfleisch bekommen können, nehmen sie zur Not auch mit anderer Nahrung vorlieb, aber Fleisch muss es schon sein. Verwandeln können sie sich, haben aber in jeder Gestalt nur ein Auge. In jeder Gestalt haben sie außerdem weiter Hunger auf Leute. Und Angst vor Feuer. Das ist kein Allheilmittel gegen die Biester, aber sie mögen es nicht.

Wo das Auge in der Tarngestalt genau sitzt, kann Charles nicht sagen. Er berichtet von einem gewissen Algernon – ein ziemlich bekannter Uronkel aus dem 17. Jahrhundert, erklärt Irene nach Beendigung des Telefonats, von dem zahlreiche und detaillierte Aufzeichnungen erhalten sind –, der einmal drei Zyklopen-Brüder erlegt habe. Einer habe ausgesehen wie ein Riese, einer wie ein Mensch, nur dass sein Auge mittig positioniert war, und der dritte sei als normaler, unauffälliger Mensch aufgetreten, der einfach nur so aussah, als habe er ein Auge verloren. Na klasse. Sehr hilfreich.

Irene macht den Vorschlag, sich einmal umzuhören, ob hier in der Gegend entweder ganz grundsätzlich oder zumindest in letzter Zeit viele Wanderer verschwunden sind. Oder Vieh. Oder beides. Das wiederum bringt Ethan auf die Idee, dass das Vlies ja außer hier in Helena vielleicht auch schon an anderen Orten ausgestellt worden sein könnte. Und dass es dann vielleicht an diesen anderen Orten ähnliche Todesfälle oder Vermisste gegeben hat. Müsste man mal Sophia Barbas fragen, wo sie das Vlies schon überall hat ausstellen lassen.

Chloe hat er ja vorhin schon erklärt, dass sein Arbeitgeber die Besitzerin des Vlieses kennt. Für Irene und Agent Saitou erzählt er es aber nochmal. Die Britin sieht ihn ganz überrascht an. Als hätte sie nicht gedacht, dass er dem Kurator gegenüber die Wahrheit gesagt hat, als er sagte, er sei wegen der Sicherheit da.

Zeit sparen ist angesagt. Also beiden Vorschlägen gleichzeitig nachgehen. Agent Saitou in seiner offiziellen Funktion kann am besten mit den örtlichen Polizeivertretern reden gehen. Und Ethan sollte ohnehin Ms. Barbas kontaktieren. Passt ihm gut in den Kram, wenn er dem FBI-Mann für eine Weile aus dem Weg gehen kann. Irene hat vielleicht eher einen Draht zu der reichen Griechin, vermögend, wie sie selbst ist. Also geht Chloe Bush mit zur Polizei. Alles klar.

Das Palais Barbas liegt schon fast mehr in den Vorbergen als einfach nur am Stadtrand. Auf halber Höhe des Hügels, auf dem das Anwesen thront, zweigt ein Privatweg von der Straße ab und führt zur Residenz der Griechin. In der Auffahrt parkt eine schwarze Luxuslimousine, die Ethan zuletzt vor ein paar Stunden gesehen hat. Wenn Irenes Blicke töten könnten, wäre das Auto genau jetzt ein Feuerball. Ethan sieht die Britin fragend an, die zögernd von der Limousine zur Tür schaut und laut überlegt, ob sie klingeln soll oder lieber warten, bis ihr Verwandter wieder weg ist. Eigentlich will sie Cousin Ian nicht begegnen. Aber andererseits bekommt er vielleicht einen zu großen Vorsprung bei der Jagd auf das Vlies, wenn sie erst mit Sophia reden, sobald Ian gegangen ist. Und dann fragt die Jägerin Ethan um seinen Rat und seine Meinung. Ausgerechnet! Als ob er wüsste, wie dieser Ian tickt!

Ethan überlegt ein bisschen, ehe er leicht mit den Schultern zuckt. „Kenn den nicht.“ Er starrt ebenfalls zum Haus hin, als könne er durch dessen Wände sehen. „Aber hast recht. Sollten vielleicht rein. Hmmm.“ Ihm kommt ein möglicher Kompromiss in den Sinn. „Mal lauschen? Versuchen jedenfalls?“

Zum Lauschen ist Irene sich zu fein. Aber immerhin trägt sein Vorschlag zu einer Entscheidung bei. „Ach, was soll’s! Gehen wir rein.“

Auf Irenes Klingeln hin öffnet der Chauffeur. Er wirft nur einen Blick auf die Besucher, ehe er, ohne ein Wort zu sagen, die Tür wieder zuwirft. Aber da hat der massige Kerl die Rechnung ohne Ethans Fuß gemacht. Au. Drecksmist. Vielleicht hätte er den Fuß besser nicht dazwischenschieben sollen, aber so ist die Tür wenigstens noch offen. „Ms. Barbas“, sagt Ethan, als der bullige Fahrer ihn wütend anfunkelt, im selben Moment, wie Irene eine Visitenkarte zückt und sie dem Mann hinhält. „Melden Sie uns bitte bei Ian.“ Ian? Nein, verdammt! „Hausherrin!“ zischt Ethan seiner Begleiterin zu, aber da ist der Gorilla schon samt Visitenkarte verschwunden.

Kurze Zeit später erscheint der blonde Brite aus dem Museum an der Tür. Hemdkragen gelockert, keine Krawatte. Süßliches stimmungsförderndes Gedudel von weiter hinten im Haus. Kein Champagnerkelch in Ians Hand. Komisch eigentlich. Würde passen.
Mit einem süffisanten Lächeln bedankt der Mann sich dafür, dass Irene ihn um Erlaubnis fragt, wenn sie die Dame des Hauses sehen will. Ethan unterdrückt ein Knurren. Und genau das war der Grund warum er nach Ms. Barbas gefragt hatte statt nach diesem Windhund, der hier selbst nur zu Gast ist!

Die Hausherrin, fährt Hooper-Winslow gerade fort, sei im Moment nicht verfügbar. Seine spürbare Ungeduld macht deutlich, warum. So in zwei Stunden vielleicht habe Ms. Barbas wohl Zeit, fügt er dann noch hinzu. Seine Cousine funkelt ihn an, dass er mit der Griechin von ihr aus machen könne, was er wolle, solange sie damit einverstanden sei. Aber da fällt ihnen schon die Tür vor der Nase ins Schloss. Na super.

Irene erklärt, dass sie keinesfalls hier wie eine Bittstellerin warten werde, bis Cousin Ian fertig ist. Passt Ethan gut in den Kram, hätte er jetzt nämlich auch nicht so unbedingt. Lieber mit den anderen treffen und herausfinden, was der Besuch auf der Polizei so ergeben hat, auch wenn das Agent Saitou bedeutet.

Einen verschwundenen Wanderer hat der Besuch auf der Polizei ergeben. Interessant. Die Verlobte des Vermissten war auch gerade auf der Wache und erzählte, Tom sei in den Red Mountains verschollen, nachdem er von einem Goldfund gehört habe, der kürzlich von einem Schäfer in der Gegend gemacht worden sei. Sieh an.

Dieser Schäfer verdient nähere Betrachtung. Aber erst für ein wenig Feuer sorgen, falls der Kerl sich als der Zyklop herausstellen sollte. Leuchtpistolen aus dem Outdoorladen. Plus eine Wanderkarte von der Umgebung.

Obwohl gar nicht so weit weg von der Stadt, ist die Gegend um den Red Mountain ziemlich rau und wild. Und es weht ein kalter Wind, jetzt Anfang März. Vom Wanderparkplatz aus ist es ein ganzes Stück bis zu dem Ort, den man ihnen genannt hat. Ehe sie die Schafherde überhaupt sehen, können sie die Tiere schon hören, ein leises, beinahe ständiges Geblöke. Dann versperrt ihnen ein wackeliger Zaun den Weg, der quer über den Pfad gebaut ist. Aber weiter müssen sie auch gar nicht, denn an dem Zaun lehnt ein Mann und sieht ihnen schon misstrauisch entgegen. Er macht auch keinerlei Anstalten, die Besucher auf sein Land zu lassen, sondern beantwortet ihre Fragen von hinter dem Zaun. Ja, er hat Gold gefunden, gibt er brummig Auskunft, als die Gruppe herangekommen ist. Aber das Land stehe nicht zum Verkauf!

Es ist schon ein paar Tage her, seit der Schäfer das Gold gefunden hat. Ethan ist natürlich sofort klar, warum Irene diese Frage nach dem Zeitpunkt stellt. Sie haben ja alle gedacht, dass dieser Goldfund in Wahrheit das Vlies sein könnte, aber offenbar wohl doch nicht. Den vermissten Wanderer hat er auch nicht gesehen, sagt er. Schafe kommen ihm durchaus ab und zu mal abhanden, aber es gibt ja auch Bären hier oben, und die sind eben gefährlich, gerade jetzt im Frühjahr, wo sie ihre Jungen kriegen.

Neben dem Schäfer steht schwanzwedelnd ein Hütehund. Den hat der Mann herangepfiffen, als er die Besucher kommen sah. Dachte Ethan zumindest erst. Aber vielleicht ist das Tier auch einfach von selbst dazugetrottet gekommen, ohne das es gerufen worden ist, fällt ihm jetzt auf, wo er ein wenig darüber nachdenkt. Denn der Schäfer hat beide Augen. Der Hund hingegen hat nur eines. Das andere ist von Fell überwachsen, als habe das Tier es irgendwann einmal verloren, oder als sei es schon so geboren worden. Und von den anderen Hunden des Schäfers ist keiner dazugekommen. Die verrichten alle brav weiter ihre Arbeit – und halten sorgfältigen Abstand von ihrem einäugigen Kollegen. Ja, hallo auch, Zyklop.

Die Jäger machen bewundernde Bemerkungen bezüglich des Hundes. Was für ein schönes Tier es doch sei, und ob der Schäfer ihn schon lange habe. Ja, schon ein paar Jahre, ist die Antwort – der Murgatroyd sei ein ganz Lieber. Wie zur Bestätigung wedelt Murgatroyd freundlich. Ob es ihn denn beim Schafehüten nicht behindere, nur ein Auge zu haben, will Ethan wissen. Okay. Er formuliert es knapper. Nein, gar nicht, ist die Antwort, der Murgatroyd sei ein ganz hervorragender Hütehund. Aha.

Chloe hebt ihre Kamera. Sie schwenkt vom Mann zum Hund, als suche sie die beste Einstellung für ein Foto von der Szenerie. Aber als ihr Blick durch den Sucher auf den Hund fällt, wird sie sichtlich blasser um die Nase und macht unwillkürlich einen Schritt zurück. Aha. Also tatsächlich der Zyklop. Wie auch immer die Reporterin das durch ihre Kamera hat sehen können. Hoffentlich hat das Biest Chloes Erschrecken nicht bemerkt.

In nostalgischem Plauderton erwähnt Irene, dass sie mal einen ähnlichen Hund gehabt habe, und ob dieser hier verkäuflich sei. Der Schäfer reagiert empört, und Irene beschwichtigt schnell, wie verständlich das sei: Ihren eigenen geliebten Hund hätte sie auch niemals verkauft. Da das den Schäfer aber nicht so recht zu beruhigen scheint, gehen sie lieber.

Am Wanderparkplatz ziehen sie Bilanz. Chloe bestätigt nochmals, dass der Hund tatsächlich der gesuchte Zyklop ist. Und ja, das hat ihr tatsächlich der Sucher ihrer Kamera verraten. Durch den kann sie die wahre Gestalt von Wesen sehen. Spannend. Auf Fotos wirkt die Tarnung allerdings weiter – wäre ja auch zu einfach, ganze Speicherkarten mit Beweisen für übernatürliche Kreaturen füllen zu können. Wobei. Die würde eh kein normaler Mensch glauben, sondern für Fälschungen halten.

Agent Saitou hat beim Schäfer den deutlichen Eindruck gewonnen, der Mann lüge oder verschweige zumindest etwas. Näheres dazu kann er allerdings nicht sagen, denn in dem Moment kommt eine wohlbekannte Luxuslimousine auf den Parkplatz gefahren. Ian Hopper-Winslow entsteigt ihr, grüßt höflich in die Runde und teilt Irene dann mit, dass Sophia jetzt Zeit für sie habe. „Hat sich erledigt“, knurrt Ethan trocken, während die Jägerin ihren Cousin freundlich anlächelt und ihn mit zuckersüßer Stimme darüber in Kenntnis setzt, dass sie es sich anders überlegt habe. Der Trophäensammler nimmt das gleichmütig hin, zieht sich Wanderschuhe an, nickt höflich in die Runde und marschiert mit seinem Leibwächter-Chauffeur los.

Sobald Irenes Konkurrenz außer Hörreichweite ist, fangen die anderen an zu überlegen, wie man dem Zyklopen am besten beikommt. Ködern, sind sie sich schnell einig. Vom Schäfer weg- und zu sich hinlocken. Nur wie? Fleisch logischerweise. Aber Schafe hat er auch bei sich in der Herde. Am besten wäre eigentlich Menschenfleisch. Nur woher nehmen? Vom Friedhof vielleicht, schlägt Irene vor. Aber Zyklopen fressen ja Frischfleisch, kein Aas, wie Agent Saitou ganz richtig anmerkt. Ethan wirft der Britin einen Blick zu und nickt vielsagend den Weg hinunter, auf dem Cousin Ian verschwunden ist. Sie versteht den Witz, grinst kurz und meint dann mit ebenso ernsthafter Miene und trockenem Ton, so sehr würde sie Ian nun auch nicht hassen.

Aber gut, ernsthaft jetzt. Von irgendwem kommt der Vorschlag, ein hilfloser „Verletzter“ würde den Zyklopen doch sicherlich anlocken. Irene bietet sich sofort als Lockvogel an, immerhin sei sie die Rolle gewohnt. Chloe Bush schlägt vor, vielleicht sollte am besten sie den Köder geben, weil sie ja nicht so gut kämpfen könne, aber Irene argumentiert sehr stichhaltig, dass derjenige, dem das Monster am nächsten kommen wird, sehr wohl gut kämpfen können sollte. Während dieser ganzen Diskussion ist Ethans Kopfschütteln immer vehementer geworden. Die Idee, dass überhaupt jemand den Köder geben soll, gefällt ihm überhaupt nicht. Aber bei den anderen drei findet der Vorschlag immer mehr Anklang, und wenn es schon überhaupt einen Lockvogel geben muss… „Ich mach’s“, wirft Ethan unvermittelt ein. Dass er erstens tatsächlich ziemlich gut kämpfen kann und zweitens die Wunde von Barrys Schuss erst knapp zwei Wochen alt ist und er sich nicht sonderlich anstrengen muss, um sie wieder zum Bluten zu bringen, sind weitere Argumente zu seinen Gunsten.

Es dauert nicht lange, bis im Wald ein passender Ort gefunden ist. Ethan kratzt den Schorf von seiner Schussverletzung und ein paar seiner anderen Wunden aus dem Puppenhaus – gab ja einige, die nicht genäht werden mussten – und drapiert sich malerisch unter einen Baum, nachdem er das Blut etwas verschmiert hat. Die anderen ziehen einen Kreis aus Benzin um ihn herum, dann verschwinden sie im Unterholz. Jetzt heißt es warten. Warten mit dem dumpfen Pochen der aufgekratzten Wunde an seinem Bein, mit dem Feuerzeug in der Hand und gelegentlichen Tönen, wie ein Verletzter sie von sich geben würde.

Es dauert. Und es dauert. Aber irgendwann hört man Geräusche. Nähern sich. Zuerst klingt es wie das Rascheln eines kleineren Wesens – eines Hundes etwa – der durch den Wald tappt. Doch dann verändern sich die Geräusche. Werden größer, schwerfälliger. Lauter. Und es ist tatsächlich nicht die Hundegestalt, die schließlich in Sicht kommt, sondern ein Zyklop. Aber keiner wie aus den Zeichnungen in Ethans Buch. Auch nicht wie die animierte Figur in dem alten Sindbad-Film. Dieser Zyklop sieht aus wie… ein bisschen wie das Alien. Ein bisschen wie eine Krabbe. Ein bisschen wie ein Insekt. Graubraun glänzende, panzerharte und doch faltige, völlig haarlose Haut. Löcher anstelle von Ohren. Keine Nase. Es schnüffelt mit dem Mund. Zwei Reihen nadelspitzer Zähne darin sichtbar. Ein kreisrundes, tiefschwarzes Auge. So gar nichts Irdisches an der Gestalt. Gruselig.

Der Zyklop bleibt stehen. Schnüffelt. Kommt näher, schnüffelt wieder. Bewegt sich jetzt zielstrebig auf Ethan zu. Warte. Warte. Noch ist er nicht da. Noch ist er nicht im Kreis. Ein paar Schritte vor Ethan bleibt die Kreatur ein letztes Mal stehen. Schnüffelt. Scheint zu lauschen. Sieht sich misstrauisch um. Na komm schon. Hier ist dein Lockvogel, verletzt und hilflos. Aus so großer Nähe kann Ethan das Wesen riechen. Es stinkt nicht, jedenfalls nicht bestialisch – nicht wie der Harrdhu, schießt es ihm durch den Kopf –, aber es riecht nicht angenehm. Und irgendwie fremd. Sehr fremd. Und so verdammt nah an ihm dran. Ethan muss an sich halten, um nicht vorzeitig loszuspringen. Gibt statt dessen einige besonders wehleidige Verletztengeräusche von sich und macht ein paar kleine, unbeholfene Bewegungen. Völlig hilflos. Komm schon.

Das scheint dem Monster den Anstoß zu geben, auf den es gewartet hat. Mit einem Mal hechtet es auf Ethan los. Der hat nur darauf gewartet und macht einen Satz zur Seite, raus aus dem Benzinkreis. Er hat nur darauf gewartet, und dennoch hätte es ihn beinahe erwischt. Die Pranken des Zyklopen wischen nur um Zentimeter an ihm vorbei, aber dann ist er aus dem Kreis, und sein Feuerzeug lässt ihn nicht im Stich. Fast versengt die aufsteigende Flamme ihm noch die Augenbrauen, aber er rollt sich schnell genug zur Seite, auf sein Gewehr zu, das da wartend liegt. Der Blitz von Chloes Kamera geht los, blendet den Zyklopen, der mit wütendem Brüllen im Feuerkreis herumtobt. Im selben Moment feuert Agent Saitou seine Leuchtpistole ab, und ein brennendes Geschoss landet im Bein des Monsters. Bis Ethan die Savage gegriffen hat und aufgesprungen ist, hat Irene eine wohlgezielten Kugel in den Unterleib des Insektenkrabbenaliens gejagt. Ethans eigener Schuss ist nur noch eine Draufgabe, denn außer ein paar letzten Zuckungen rührt sich das Biest schon nicht mehr.

Irene, immer die Trophäensammlerin, hebelt mit einem schnellen Schnitt ihres Messers das Auge des Zyklopen heraus. Einige Zähne sichert sie sich ebenfalls, während Ms. Bush Fotos von der Bestie schießt und Agent Saitou, nachdem er ebenfalls ein paar Fotos gemacht hat, eine Probe der Zyklopenhaut nimmt.

Jetzt, wo der Kampf vorüber ist, wirkt die Journalistin erstmals etwas geschockt. Fragt Irene, was sie mit dem Auge und den Zähnen machen will. “Nach England schicken”, ist deren knappe Antwort. Ethan muss einen Moment lang abgelenkt gewesen sein. Oder verwirrt von den Zähnen, die die Britin für die anderen übrig gelassen hat und auf die sie nun großzügig deutet. Er weiß selbst nicht genau, warum er die Frage stellt. „Wozu?“

Irene sieht ihn irritiert an. „Wissen Sie doch.“
Oh. Natürlich. Die Nachfolge im Hause Hooper-Winslow. Die beste Trophäe bestimmt das Familienoberhaupt. Duh.
„Wahr.“

Sobald das Feuer niedergebrannt ist und sie den Zyklopen notdürftig mit Blättern und Ästen bedeckt haben, damit nicht aus Versehen irgendwann irgendwelche Wanderer über die Monsterleiche stolpern, machen sie sich auf die Suche nach dessen Höhle. Die im Outdoorladen gekaufte Wanderkarte beweist ihre Qualitäten, dazu Ethans Orientierungssinn und Irenes Wissen um Berg- und Hügellandschaften im allgemeinen, und nach einer Weile stoßen sie auf den Unterschlupf des Riesen. Darin Skelette, hauptsächlich von Schafen, aber auch einige menschliche Knochen sind darunter, ein angefressener Bärenkadaver… Kein Goldenes Vlies. Aber leider die Leiche von Tom, dem vermissten Wanderer. Oh verdammt.

Agent Saitou benachrichtigt umgehend die Polizei. Große Aufregung, auch wenn die Tötung einem Bären, oder besser einer ganzen Familie von Bären, zugeschrieben wird, nicht einem riesenhaften Ungeheuer. Auch der Schäfer taucht irgendwann auf und ist völlig aus dem Häuschen, weil sein Hund verschwunden ist. Und weil sein Gold gestohlen wurde. Oho. Bei den anwesenden Polizisten will der Mann Anzeige wegen des Diebstahls erstatten, aber als Agent Saitou wissen will, wieviel Gold es genau war, und sich den Claim zeigen lassen will, rudert der Kerl verdächtig schnell zurück und macht wieder einen Abgang.

Ian Hooper-Winslows Luxuskarosse ist natürlich längst verschwunden. Das Vlies ist weit und breit nicht zu finden. Überraschung. Vor Wut darüber, dass ihr verhasster Cousin ihr die Trophäe vor der Nase weggeschnappt hat, haut Irene die geballte Faust gegen einen Baumstamm, was der Faust allerdings mehr wehtut als dem Baum. Ethan, der den Wutausbruch mit angesehen hat, tritt hinter die Britin und legt ihr wortlos die Hand auf die Schulter. Mit blitzenden Augen fährt sie zu ihm herum, noch immer außer sich. „Du riskierst einen Kieferbruch, wenn du mich nochmal anfasst, wenn ich wütend bin!“
Ethan erwidert ihren Blick gleichmütig und zuckt die Schultern. Dann riskiert er einen Kieferbruch. Soll sein.

Agent Saitou schlägt hilfsbereit vor, man könne offizielle Ermittlungen aufnehmen, falls Irene stichhaltige Beweise liefern könne, dass ihr Cousin mit dem Diebstahl des Vlieses zu tun habe. Dafür sorgen, dass er am Flughafen aufgehalten wird. Aber die Engländerin fragt sarkastisch und nicht ganz ungerechtfertigt, ob er hier irgendwelche Beweise sehe. Offiziell war Cousin Ian einfach hier wandern und hat sich aus reiner Neugier für das Vlies interessiert, wie alle anderen Museumsbesucher in Helena auch.

„Hmm", macht Ethan nachdenklich. „Plausibler Verdacht?“ Aber nicht mal dafür reicht es, wie es scheint. Drecksmist. Wobei Irene sogar beinahe erleichtert darüber aussieht.

Ms. Bush kündigt an, gemeinsam mit Agent Saitou weiter in der Geldwäschesache recherchieren zu wollen, auch wenn der Zyklop jetzt tot sei. Bei der Bemerkung wird die Britin sofort etwas munterer und erklärt, wenn die Journalistin einen Beweis dafür beibringen könne, dass das Vlies eine Fälschung sei, wolle sie Chloe mit Gold überschütten. Stimmt, Chloe hatte ja etwas davon gesagt, dass es bei der Geldwäsche irgendwie um gefälschte Kunstwerke gehe. Aber trotzdem. Dass das Vlies eine Fälschung sein soll, kann Ethan sich nicht so recht vorstellen. Das Fell zu galvanisieren, klar, kein Problem, aber glaubhaft die Flügel daran zu befestigen? So glaubhaft, dass Ian das nicht durchschaut? „Ach Ethan", seufzt Irene. „Lass mir doch mein Wunschdenken!"

Erst jetzt, wo der Schäfer wieder verschwunden ist, kommt ihnen der Verdacht, dass der vielleicht sehr genau wusste, was sein Zyklopenhund da tat. Dass vielleicht sogar er es war, der die Bestie losgeschickt hat, um das Vlies zu stehlen. Aber auch hier: Keine Beweise. Drecksmist.

Agent Saitou steht vor der schweren Aufgabe, Toms Verlobte über dessen Tod zu informieren. Ethan beneidet ihn nicht darum. Üble Sache. Aber so hat die Frau wenigstens Gewissheit. Kann ein Begräbnis abhalten und richtig trauern. Ethan beißt die Zähne zusammen. Verdammt. Diese Chance hat er selbst seiner Familie nie gegeben. Seine Hände krampfen sich zu Fäusten. Egal was Barry gesagt hat, er kann sich jetzt nicht mehr bei ihnen melden. Es sind zehn Jahre vergangen. Selbst wenn sie nie Gewissheit hatten, inzwischen müssen sie davon überzeugt sein, dass er tot ist. Jetzt die Nachricht zu erhalten, dass er noch am Leben ist, wäre ein zu großer Schock, zumal er in seinem Job ja ohnehin jeden Tag draufgehen kann. Also muss er tot bleiben, so weh das auch tut.

Nachdem er von Agent Saitou weder verhaftet noch zum Verhör geladen noch sonstwie größer beachtet worden ist und seine Begleiter sich allesamt verabschiedet haben, fährt Ethan zu Sophia Barbas. Die Mäzenin ist eine Frau von klassischer Schönheit um die fünfzig. Wieviel dieser Schönheit allerdings Schminke und Skalpell zuzurechnen ist, kann Ethan nicht sagen. So oder so strahlt die Griechin eine Aura kühler Arroganz aus und bedenkt Ethan kaum eines Wortes. Und die Worte, mit denen sie ihn bedenkt, triefen vor Herablassung. Er hatte sich ein Bild von ihr machen wollen, und das Bild, das sich ihm bietet, ist kein gutes. Ja, Ethan kann sich sehr gut vorstellen, dass sie in Geldwäschegeschäfte verwickelt ist. Irgendwas dazu sagen, in welcher Beziehung sie zu Bones Gate steht und wieviel die über ihre Geschäfte wissen, will sie jedenfalls nicht. Oha. Ist sicherlich besser für Bones Gate, wenn die Verbindung nicht mit den krummen Geschäften von Ms. Barbas in Verbindung gebracht werden kann. Und jemand, der solche Machenschaften betreibt, dem sollte das Handwerk gelegt werden.

Also sagt Ethan im Gespräch nichts von den Ermittlungen gegen die Griechin. Lässt sich von ihr nur abkanzeln, dass er zu spät vor Ort war, um die versprochene Sicherheit für das Vlies zu liefern. Mit der mehr als offenen Andeutung, dass der Diebstahl seine Schuld war. Alles klar, Lady. Wenn sie das so haben will, ist Bones Gate ohne sie besser dran.

Aus dem Internet erfährt er einige Zeit später, dass Sophia Barbas zwar entkommen ist, ihre Gelder aber aufgrund der erfolgreichen Ermittlungen des FBI eingefroren werden konnten.

Es dauert noch einige weitere Tage, bis Ethan Dekan Brimley, dem er gleich nach seiner Rückkehr von dem Zyklopen und dem Diebstahl des Vlieses Bericht erstattet hat, im Vorbeigehen zu einer Gruppe von Studenten sagen hört, dass Bones Gate in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Nicht so, dass Grund zur Panik wäre, aber jetzt mit dieser ‘Sache’ könne man den freiberuflichen Jägern erst einmal keine Artefakte mehr abkaufen. Jedenfalls nicht solange, bis nicht die Gelder der Barbas wieder frei sind oder eine neue Quelle aufgetan worden ist.

Oh oh. Hat Ms. Barbas also doch ganz direkt für Ethans Arbeitgeber Geldwäsche betrieben. Und er ist dafür verantwortlich, dass dem ein Ende gesetzt wurde, weil er die Mäzenin nicht gewarnt hat. Aber er ist tatsächlich davon ausgegangen, dass das ihre eigenen schmutzigen Deals waren, die sie da am Laufen hatte. Wenn Bones Gate da jetzt doch mit drinhängt…

Verdammt. Aber klar, Chloe sagte ja etwas von wegen Kunstwerken. Beim Jagen erbeutete Schätze kann man vermutlich nicht einfach so verkaufen, wenn es nicht durch zig Kanäle geht. So ganz versteht Ethan es trotzdem nicht. Jagdartefakte illegal verkaufen, damit man von dem Geld andere Jagdartefakte erwerben kann? Und die Tatsache, dass sein Arbeitgeber in illegale Machenschaften verstrickt ist, passt ihm auch so gar nicht. Nicht, dass er selbst nicht schon illegale Dinge getan hätte. Man kann nicht zehn Jahre lang Jäger sein, ohne nicht die eine oder andere illegale Tat zu begehen. Aber Ethan hat zumindest immer versucht, eine so weiße Weste zu behalten, wie es nur irgend geht. Und was er tut, ist eine Sache. Bones Gate sind… sind… Naja. Eine Uni eben, oder zumindest von einer Uni. An einer Uni. Professoren und Studenten. Die Guten eben. Oder sollten es zumindest sein.

Drecksmist. Wie weltfremd und blauäugig sich das anhört. Er macht den verdammten Job jetzt seit zehn Jahren. Er sollte es eigentlich besser wissen. Tut er nur scheints nicht, denn das neue Wissen schmerzt. Auch, weil ihm klar wird, dass Dekan Brimley es nicht für nötig gehalten hat, ihn vollständig zu informieren. Okay. Er ist nur der Hausmeister. Aber er ist eben auch Jäger. Mehr Jäger als Hausmeister. Und vielleicht sogar mehr Jäger als die Angehörigen von Bones Gate, die diesen ganzen Mist als amüsanten Zeitvertreib für einen langweiligen Sonntagnachmittag ansehen. Ist aber egal. Tut nichts zur Sache. Nur: Wenn er für Bones Gate jagen soll, dann sollte er auch im Besitz aller Informationen sein.

Aber das kann er dem Dekan nicht sagen. Die Worte wollen nicht kommen, als er irgendwann das Gespräch mit dem Professor sucht. Selbst seine vorsichtige Andeutung, der Diebstahl hätte vielleicht verhindert werden können, wenn der Dekan ihm den Auftrag früher erteilt hätte, hat die irritierte Reaktion zur Folge, dass Brimley den Auftrag doch in Ethans Fach gelegt habe. Vor… Wochen. Tagen. Jedenfalls rechtzeitig. Und Ethan sei derjenige gewesen, der wochenlang unterwegs war und nicht zu erreichen.

Sehr wohl zu erreichen. Immerhin hat er regelmäßig mit Ms. Burke telefoniert. Okay. Kurze Gespräche. Knappe Updates. Aber regelmäßig. Aber Ms. Burke wusste scheints auch gar nichts davon. Bis ganz zuletzt jedenfalls, als Dekan Brimley die Sache ihr gegenüber irgendwann eher in einem Nebensatz erwähnte und sie, gute PA, die sie ist, nachhakte.

An eine E-Mail hat der Dekan natürlich nicht gedacht. Mit diesem neumodischen Computerkram hat er es nicht so. Der Auftrag lag ja im Fach. Wie das an einer Universität so üblich ist.

Ethan seufzt. Schon. Nur war Jake Zimerman, der Student, der das Fach normalerweise in Ethans Abwesenheit für ihn ausleert, mit gebrochenem Bein erst im Krankenhaus und dann mit anderen Sorgen beschäftigt, als an Ethans Fach zu denken oder Ethan über seinen Ausfall in Kenntnis zu setzen. Sportstipendium und Beinbruch: keine gute Kombination, schon klar. Ist halt alles richtig blöd gelaufen.

Und so lässt Ethan die Pikiertheit seines Arbeitgebers mit angemessen betrübtem Gesicht auf sich niedergehen und vergräbt sich in der Folge in seiner Arbeit. Von Sam, der er kurz nach seiner Rückkehr geschrieben hatte, hat er nach deren schneller Antwort und seiner umgehenden Reaktion darauf bisher keine weitere Nachricht bekommen. Dafür eine SMS von Bart Blackwood, der auch irgendwie von der ganzen Aktion Wind bekommen hat und wissen will, wie groß der Schaden ist.

Naja. Die Welt dreht sich noch. Aber doch. Das hätte definitiv alles irgendwie besser laufen können.

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Das Goldene Vlies

Helena, Montana. So klein und schon Hauptstadt. 30.000 Einwohner. Shrewsbury hat mehr als doppelt so viele. Billings hat etwa 150.000. Helena also. Eine Stadt, die von Wanderern, unzähligen Yoga-Retreats und ihrer Kulturbeflissenheit lebt.

Ein Museum, an dem ich erst einmal vorbeigefahren bin, weil ich es für eine Schule hielt. Hier sollte eigentlich das Goldene Vlies ausgestellt werden. Das echte, angeblich. Nach allem, was ich erfahren habe, gehörte es einer griechischen Mäzenin, die hier heimisch geworden ist. Verständlich. Die Stadt ist einfach niedlich. Theoretisch gehört es der Frau auch immer noch, also, sie ist die Eigentümerin, aber die Besitzverhältnisse sind derzeit, sagen wir, ungeklärt.
In der Außenwand des Museums prangt auf Höhe des ersten Stocks ein übermannshohes Loch. Die eiserne Skulptur eines Büffelschädels wurde gewaltsam beiseite geräumt, beschädigt und liegt jetzt seitlich verdreht in der Gegend wie ein Mahnmal für die zahllosen edlen Tiere, die von den weißen Siedlern ausgerottet wurden. Wahrscheinlich auch von meinen Vorfahren. Worauf haben wir jemals nicht geschossen?

Die Gerüchteküche brodelt wild. Von einem schlauen Einbruch ist hier die Rede, dort von einem brutalen Überfall, den mehrere Räuber mit einem Bulldozer begangen haben sollen. Ein Wachmann kam dabei zu Tode. Soviel stimmt.

Eigentlich wollte ich ganz die brave Touristin bleiben, mir das Vlies einmal ansehen und, hätte ich die Hoffnung gehabt, dass es wirklich das legendäre Original ist, Kontakt zu der Griechin aufnehmen, um zu eruieren, ob sie es denn verkaufen würde. Die Umstände lassen mich meine Meinung ändern. Ich begebe mich gleich in die Rolle der Versicherungsdetektivin und hoffe, dass hier noch kein echtes Exemplar dieser Spezies aufgekreuzt ist. Dem Polizisten nach zu urteilen, der vor dem Museum Wache schiebt, bin ich die erste. Zumindest schöpft er nicht erkennbar Verdacht.
Ich bin gerade dabei, den Uniformierten zu bezirzen, und stelle fest, dass ich automatisch Worte wähle, die von Charles kommen könnten, als der Blick des Polizisten an mir vorbei wandert und an einer Person hängenbleibt, die in höflichem Abstand darauf gewartet hat, bemerkt zu werden. Er musste nicht lange warten. Sein blendendes Aussehen sichert ihm überall die Aufmerksamkeit seiner Umwelt. Zwanzig Jahre älter, ein paar graue Schläfen, und er würde mir den Atem rauben. So ist er einfach nur eine Augenweide. Mein Special Agent.
Ich ertappe mich bei einem Strahlen, obwohl ich befürchte, dass er mich gleich wieder auffliegen lässt und mir eine Standpauke hält, weil ich ihm in seine Ermittlungen pfusche.
Doch er ist gnädig und nimmt mich ohne Umschweife mit zum Tatort.

Die Verteilung des Absperrbandes ist… kreativ. Oder sparsam. Man hat praktisch die offensichtlichsten Spuren eingekreist und alles andere freigelassen. Nicht einmal der Eingang zum Museum wurde blockiert. Special Agent Jonathan Saitou wäre nicht der Profi, der er ist, wenn er seinen Unmut deutlich zur Schau tragen würde. Doch sein zwischen dem Museum und dem müllcontainergroßen Schädel hin und her schnellender Blick gibt mir genug Aufschluss darüber, dass er keinen der hiesigen Gesetzeshüter für eine Beförderung vorschlagen würde. An der Stelle, wo der Eisenschädel gelandet ist, trampeln ein paar Handwerker herum, die das Konstrukt lieber heute als morgen an seinen ursprünglichen Platz zurückschaffen wollen. Jonathan bemüht sich mit mäßigem Erfolg, ihnen beizubringen, dass das der Spurensicherung nicht förderlich ist.

Eine rostrote Schleifspur, die vom Ausstellungsort wegführt, sticht ins Auge. Bedrückt teilen uns die Arbeiter mit, dass es sich dabei vermutlich um das Blut – und mehr – von Joe, dem toten Museumswächter handelt. Seine Leiche ist ca. 100m vom Museum entfernt aufgefunden worden. Unvollständig. Sie soll regelrecht auseinandergerissen worden sein und, nun, Teile von ihm fehlen.

Bevor wir genaueres über die Art der Verletzungen in Erfahrung bringen können, erweckt eine junge Frau unsere Aufmerksamkeit, die sich schamlos am Absperrband vorbeimogelt und das gleiche Problem hat wie Agent Saitou. Sie ist zu hübsch, um heimlich zu sein. Höflich, aber bestimmt weist der Fed sie darauf hin, dass sie mitten in einem Tatort steht. Ihr gespieltes Erstaunen ist herzallerliebst anzusehen, hat aber nicht ganz den gewünschten Erfolg. Jonathan will sie trotzdem vom Rasen haben.
Als hätte jemand alle eingeladen, doch mal dem FBI ein bißchen auf die Nerven zu gehen, fährt just zu diesem Zeitpunkt ein Pickup vor, den ich zu kennen glaube. Und tatsächlich springt mein junger Freund Ethan aus dem Wagen. Ethan Gale. (Man muss sich nur ein paarmal von jemandem das Leben retten lassen, und schon erfährt man seinen Familiennamen.) Ich winke ihn herbei. Er lächelt, zwar ein bißchen verhalten, aber immerhin ein echtes Lächeln, zögert aber, als er meinen Begleiter sieht. Na, komm schon Ethan. Zier dich nicht so. Ihr zwei habt schon Seite an Seite gekämpft, und du siehst doch, dass ich auch nicht in Handschellen hier stehe.
Schulterzuckend folgt er meinem Wink.
Offenbar habe ich es mit der Einladung übertrieben. Ich würde Ethan gerne als Sicherheitselektroniker “meiner Versicherung” ausgeben, damit er uns bei den Nachforschungen unterstützen kann, doch Agent Saitou wird merklich kühler und nörgelt herum, dass er hier sinnvolle Ermittlungen führen will, auch wenn die junge Dame, die sich als Chloe Bush vorstellt, interessante Hilfe anbietet. Sie sei Journalistin und folge einer Spur von Geldwäsche im großen Stil, die mittels gefälschter Kunstwerke betrieben würde. Ich finde das spannend und schlage daher vor, dass Ethan, der abwehrend die Hände gehoben hat und vor dem FBI-Mann gleich wieder den Rückzug antritt, sie doch über diese Sache aushorchen könnte, während Jonathan und ich den übrigen Spuren folgen. Der Junge wirkt zwar von der Aussicht, mal die Zähne auseinanderzunehmen, leicht überfordert, aber auch erleichtert, dass er schnell wieder aus der Reichweite der Bundesbehörden kommt.

Nachdem die beiden brav abgezogen sind, sehen wir uns an, ob dieser Schädel von einer Maschine entfernt worden ist, finden aber keine Hinweise darauf, dass hier ein entsprechend großes Gefährt war. Auch wie die Wand des Museums demoliert worden sein könnte, ist eher rätselhaft. Dem Geröll nach zu urteilen, hat etwas einen Teil der Mauer von außen herausgerissen. Von dem Loch aus führt eine Spur der Verwüstung über mehrere Gärten aus der Stadt. Auf bis zu vier Metern Höhe sind Äste von Bäumen gerissen, mehrere Fenster der zugehörigen Häuser eingeschlagen, ein paar Zäune umgedrückt und Blumenrabatten zerquetscht, aber nicht von etwas, das gerollt ist. Ungleichmäßiger. Wie von Schritten. Etwas sehr Großes ist hier entlang gelaufen. In den ersten Ausläufern des Mount Ascension Park verliert sich die Spur.
An einem der zerborstenen Fenster findet der Agent ein Stück Schafsfell. Ich halte mein EMF-Gerät dagegen. Keine Resonanz.

Wir betreten erst einmal das Museum, um den Schaden von innen zu begutachten. Das ist nicht weiter schwer, denn die Pforte steht sperrangelweit offen. Saitou schüttelt leise den Kopf. Nachdem wir einige Räume durchquert haben, landen wir in einer kleinen Sicherheitszentrale, in der gerade der Kurator des Museums Ethan und der Reporterin das Überwachungsvideo vom Tag des Einbruchs vorspielt.
“… und hier sieht man, wie der Kronleuchter wackelt. Der Wachmann, der dort davonläuft ist Ben Grady. Hier wackelt der Kronleuchter nochmal.”
Wie kann man eine einzelne Kamera möglichst ungünstig aufhängen, um ein ganzes Museum zu überwachen? Zum Beispiel so, dass sie nur das Foyer abdeckt und auf gar keinen Fall auf das teuerste, verdammt nochmal weltberühmte Exponat im ersten Stockwerk gerichtet ist. Mir kommt der Gedanke, dass die Herrschaften gewollt haben könnten, dass das Ding gestohlen wird. Wenn ich wirklich für eine Versicherung arbeiten würde, wäre es das bei diesen laschen Maßnahmen mit der Prämie gewesen. Wer zum Henker ist hier für die Sicherheit zuständig?
Auch der Special Agent zieht eine Augenbraue hoch. Er fragt den Kurator, wo zu dem Zeitpunkt der Tote gewesen sei. Der deutet auf eine Stelle außerhalb des Bildes. Wohl irgendwo da, wo sich das Loch in der Wand befinden dürfte. Dann stellt uns der Mann, der unser Gespräch vor dem Museum ja nicht mitbekommen hat, einander vor. Irgendetwas hat ihn dazu verleitet, die Frau und Ethan für ein Ehepaar zu halten. Beide verbeißen sich das Lachen, als er von “den Gales” spricht, sind aber offensichtlich zu amüsiert, um ihn zu berichtigen. So wie ich das den Worten des Historikers entnehme, wurde Mr. Gale tatsächlich ursprünglich damit beauftragt, die Sicherheitstechnik des Museums für die Ausstellung zu optimieren. Er hat es nur zu spät erfahren. Und dann haben diese blauäugigen Bücherwürmer eben einfach einmal ohne seine Hilfe losgelegt. Jonathan gibt sich nocheinmal förmlich als FBI-Agent zu erkennen und wird fortan richtiggehend hofiert von dem Wissenschaftler, der sich nur wundert, warum alle Ermittler hier ihre Frauen mitbringen müssen. Ich bin ein wenig sprachlos. Saitou grinst verschmitzt, sagt aber ebenfalls nichts. Bitte, wenn er meint. Dann korrigiere ich das jetzt auch nicht. Das schützt mich vor Peinlichkeiten, wenn ein echter Versicherungsmensch aufkreuzt. Es gibt bestimmt schlimmere Schicksale, als Mrs. Saitou zu sein.

Auf seine Bitte hin bringt uns der Kurator zum Ort des Verbrechens, während “die Gales” noch ein paar Fragen der elektronischen Sicherheitssysteme abklären. Wir schlüpfen unter dem Crime Scene Tape in den verwüsteten Ausstellungsraum. Die thematisch passenden Stücke, die sich um den zerstörten Panzerglaskasten in der Mitte gruppieren, ein Bild von Medea mit dem Vlies, ein Sternbild des Widders an der Decke und ähnlicher Schnickschnack, sind noch vollständig vorhanden. Nur das Vlies wurde entwendet. Da wusste jemand, was er wollte. Abgesehen von Geröll und Scherben finden wir einen weiteren Fetzen Schafsfell am Rand der gewaltsam geschaffenen Öffnung und eine eingetrocknete, sehr große Blutlache bei der Tür. Jemand hat sie mit einer Plane abgedeckt, die Jonathan hochhebt. Ein Fußabdruck kommt zum Vorschein. Ein großer Fußabdruck. Über einen Meter in der Länge, würde ich spontan sagen. Nur eine große Zehe, die anderen Zehen zusammengewachsen. Ich pfeife leise durch die Zähne und mache ein Foto, das ich an Charles sende. Auch der Agent fotografiert. Es klingt immer noch ein wenig stockend, wenn er mich nach übernatürlichen Wesen fragt, aber lange nicht mehr so ungläubig wie noch auf Hawaii. Ob ich Erfahrung mit Riesen habe. Die habe ich, theoretisch. Normale Riesen haben nach meinem Wissen richtige Füße. Also mehr oder weniger menschliche. Daher telefoniere ich mit Charles. Welche Freude.
Der will nicht nur weitere Informationen zu dem Foto, sondern auch wissen, wo ich mich aufhalte. Geht das jetzt schon wieder los? Als ich es ihm sage, wird er schnell kurz angebunden. Ich solle doch Ian einen schönen Gruß sagen. Noch ehe ich fragen kann, was zum Teufel er damit meint, legt er auf. Was für ein… Ganz ruhig, Irene. Soll das eine Warnung sein, dass mein Vetter auch hinter der Trophäe her ist? Na super.

Die Bestätigung kommt gleich, als wir unten wieder auf Ethan und “seine Frau” stoßen. Die haben gerade Ian und seinen Gorilla Gallagher dabei beobachten dürfen, wie sie den Kurator bedrängten, der sie nicht ins Museum lassen wollte. Hmm. Für so mutig hätte ich diesen Intellektuellen gar nicht gehalten. Er hat es fertig gebracht, dass die beiden Unruhestifter unverrichteter Dinge wieder abgezogen sind. Miss Bush will von mir wissen, wer Ian sei. Ich sage ihr die Wahrheit. Ein unangenehmer Zeitgenosse ist er, von dem sie sich lieber fernhalten sollte. Doch ganz offensichtlich hat sie wirklich Reporterblut in den Adern. Sie möchte ihn lieber im Auge behalten. Soll sie meinetwegen. Solange sie es aus sicherer Entfernung tut.
Ethan will wissen, ob Ian Ärger bedeutet. Oh ja! Ich ringe mir noch das Zugeständnis ab, dass es hauptsächlich privater Ärger ist. Er verschränkt die Arme und knurrt ein so grimmiges “Okay”, dass ich ihn dafür küssen möchte. Doch mir fällt rechtzeitig ein, dass er ja einen Fluch mit sich herumschleppt. Da ich nicht herausfinden möchte, ob – und wie – der Zauber auch schon gegen gewöhnliche Freundschaften wirkt, bedanke ich mich nicht einmal. Man muss das Schicksal ja nicht auf dumme Ideen bringen. Sorry, mein Bester.
Auch Jonathan fragt, ob der Mann gefährlich ist. Ich frage lieber nicht zurück, wie genau er das wissen will. Er bekommt zur Antwort meine Vermutung, dass Ian ebenfalls versuchen wird, an das Goldene Vlies heranzukommen. Warum, das muss ich ihm nicht erklären. Er versteht.

Der Jäger und die Journalistin haben aus dem Museumsmenschen zwischenzeitlich die Adresse von Wachmann Grady herausbekommen, den wir als nächstes befragen wollen. Da es nun erwiesen ist, dass wir es mit keinem gewöhnlichen Einbruch zu tun haben, wehrt sich Agent Saitou auch nicht mehr gegen Ethans Anwesenheit. Ich rege an, Miss Bush mitzunehmen, da ich ihre Geldwäschegeschichte hören möchte. Die Erzählung aus Ethan zu extrahieren, ist mir zu anstrengend. Außerdem hätte ich sie auch gerne etwas länger beobachtet. Die Frau ist mir nicht ganz geheuer. Sie sieht aus und benimmt sich wie eine griechische Göttin, trägt auch einen Beinamen von Demeter – Chloe, die Grünende -, taucht hier zufällig auf, nachdem ein Artefakt aus der griechischen Mythologie von einem überdimensionierten barfüßigen Wesen geraubt wurde, und ist viel zu wenig entsetzt über das Foto des Fußabdrucks, das ich ihr und Ethan zeige. Erschreckt, ja. Aber sie sucht mit keinem Wort eine natürliche Erklärung. Ich habe keine Lust, sie alleine machen zu lassen, nur um dann hinterher festzustellen, dass mir eine mythologische Gestalt meine Trophäe vor der Nase weggeschnappt hat. Ihr scheint es zu gefallen, dass ich mich für sie einsetze. Umso besser.

Als hätte er meine Gedanken weitergesponnen, fängt Ethan auch gerade jetzt an, über Zyklopen zu sinnieren. Warum nicht? Ein Stück griechische Mythologie, gestohlen von einem anderen Stück griechischer Mythologie. Würde ins Bild passen.

Chloes Bericht von dem Geldwäschering, den sie verfolgt, hat viel mit US-Politik, Geldströmen und Jura zu tun. Nicht langweilig, aber ich frage mich doch ziemlich schnell, ob uns das auf der Suche nach dem Vlies irgendwie weiterbringt. Es geht vor allem darum, dass gefälschte Kunstwerke herumverkauft werden, bis das Geld aus dem Verkauf “sauber” ist. Wenn wir natürlich einer Fälschung hinterherlaufen, dann ist der mystische Dieb mit den großen Tretern das interessantere Ziel.

Ben Gradys Frau versucht erstmal, uns abzuwimmeln, weil ihr Mann aufgrund des Schocks krankgeschrieben ist. Der FBI-Ausweis überzeugt sie davon, ihn doch für uns an die Tür zu holen.
Der Mann ist fertig. Wirft uns auch gleich hin, dass er PTSD hat. Und ich werde zum ersten Mal als Zuschauerin Zeuge, wie Special Agent Saitou jemanden zum Reden bringt, der nicht zugeben möchte, warum er völlig durch ist. Es ist beeindruckend. Er ist die Vertrauenswürdigkeit in Person und lässt sein freundliches Gift so lange Tropfen für Tropfen einziehen, bis der Damm bricht. Am Ende heult sich der Sicherheitsmann buchstäblich an Jonathans Schulter aus. Zuvor bekommt dieser aus ihm heraus, dass eine riesige einäugige Gestalt durch die Wand gebrochen sei und vor Gradys Augen den zweiten Wächter umgebracht habe. Er habe von seinem Kopf abgebissen wie von einem Brötchen. Mir stehen die Nackenhaare auf. Ethan hat recht.
Wir bedanken uns bei Grady, nachdem er sich wieder einigermaßen gefasst hat. Er hätte uns sehr geholfen. Wenn möglich, solle er ein Trauma-Counseling in Anspruch nehmen. Aber dazu hat er kein Geld. Mein Hinweis, dass für solche Schäden der Arbeitgeber aufkommen sollte, wird mit allgemeinem Erstaunen quittiert. Offenbar erwarte ich zuviel von den hiesigen Behörden. Jonathan blickt mich fast so mitleidig an wie den Wachmann. Okay, okay. Nicht mein Metier. Ich bin schon still. Aber was nicht perfekt ist, kann reformiert werden, ja? Das wäre ein guter Startpunkt für Reformen. Hmmm. Vielleicht sollte ich mal einen Versorgungstrust für ausgebrannte Jäger ins Auge fassen, wenn ich Ian im Wettstreit um das Erbe ausgestochen habe.
Ich ziehe mich ein Stück aus dem Gespräch zurück und nehme Miss Bush zur Seite, will wissen, ob sie dem Kerl glaubt, was er erzählt hat. Ja, das tut sie. Auf meinen Hinweis, dass es selten vorkommt, dass jemand so etwas einfach glaubt, lächelt sie hintergründig und bekräftigt ihre Aussage von vorhin. Sie will helfen, auch wenn es gefährlich ist. Also, entweder sie ist wirklich nicht einfach nur eine harmlose Schreibtante oder eine sehr mutige.

Während wir zum Auto zurückkehren, kommt die Sprache wieder auf die Spuren, die zum Red Mountain führen. Agent Saitou fragt, was für ein Zyklop das sein könnte. Die Frage nach der Sorte irritiert sowohl Ethan als auch mich. Wir füttern den Mann mit unserem wenigen zyklopenspezifischen Wissen. Ethans klassische Bildung ist gar nicht so schlecht. Wir ergänzen uns ein bisschen gegenseitig in den Ausführungen über die Einäugigen, deren berühmtestem Vertreter Polyphem, der indirekt an Odysseus Irrfahrt schuld war, dass dieser auch vermutlich in Schafsfell gekleidet war, da seine Herde eine prominente Rolle in der Geschichte spielte. Hier fällt mir auch wieder ein, dass in der Literatur Chloe ein häufiger Name von Schäferinnen war. Noch verdächtiger.

Ich äußere gerade die Vermutung, dass sich die hellenischen Riesen vielleicht tarnen können, wie so viele andere Mythenwesen, da ruft mich Charles zurück. Zunächst erzählt er mir ziemlich genau das, was wir gerade Jonathan gesagt haben, und lässt mich damit einmal mehr wissen, für wie ungebildet er mich hält. Zusätzlich erfahren wir noch, dass sie auf den griechischen Inseln beheimatet waren, dort über die Jahre von der Bevölkerung fast ausgerottet wurden, weil sie es nicht lassen können, immer wieder Menschenfleisch zu fressen. Und ja, sie können sich verwandeln, haben aber auch in diesem Zustand immer nur ein Auge und großen Appetit auf Menschen. Wenn sie keine Leute fressen können, nehmen sie auch anderes Fleisch, aber die Präferenz ist klar. Verletzen kann man sie mit jeder Waffe, besonders gut aber mit Feuer, das sie sehr fürchten.
Meine Begleiter wollen wissen, ob das eine Auge in der verwandelten Form mittig oder seitlich im Gesicht sei. Darauf zitiert Charles eine Stelle aus dem Tagebuch unseres Vorfahren Algernon, der gleich drei Zyklopen, drei Brüder, erlegt haben will. Der eine hätte sich gar nicht verwandeln können, der zweite wäre ein Mensch mit einem Auge in der Mitte gewesen, der dritte hätte ausgesehen wie ein Mensch, der ein Auge verloren habe. Na, das ist ja hilfreich.
Meinen Mithörern, die über meinem Telefon die Köpfe zusammenstecken, erläutere ich, dass es sich bei Algernon um einen Ururururonkel gehandelt hat, der irgendwann im 17. Jahrhundert gelebt und sehr gern und viel geschrieben hat. Wenn man ihm Glauben schenken möchte, war er ein ziemlicher Held. Und auch wenn er nicht alle seine vorgeblichen Abenteuer selbst erlebt haben mag, sind sie zumindest sauber recherchiert und ausgesprochen exakt im Detail.

Da wir nun wissen, wie sich die Zyklopen ernähren, schlage ich vor, herauszufinden, ob hier überdurchschnittlich viele Wanderer verschwinden oder besonders viel Vieh gerissen wird. Ethan kommt in diesem Zusammenhang auf die Idee, dass es vielleicht an anderen Orten, wo das Vlies bereits ausgestellt wurde, ebenfalls eine Häufung von Todesfällen oder Vermisstenanzeigen gibt. Man könnte ja mal die Griechin fragen, an welche Museen sie es in der Vergangenheit verliehen hat. Er teilt uns auch gleich ihren Namen mit. Sophia Barbas. Denn sie gehört als Alte Dame der jagenden Studentenverbindung Bones Gate an, die Ethans Arbeitgeber ist, und er hätte sie sowieso treffen sollen, wegen der Sicherheitsvorkehrungen für die Ausstellung. Ach, dann war das soweit gar kein Bär, den er dem zerstreuten Menschen im Museum aufgebunden hat? Schau einer an!

Damit wir schneller zu Ergebnissen kommen, wollen wir uns aufteilen. Ich würde zwar gerne noch etwas mehr über diese Chloe herausfinden, aber so viel Abstand, wie Ethan zu unserem FBI-Freund hält (der auch die meiste Zeit tut, als wäre der Jäger nur Personal), sehe ich die beiden nicht zusammenarbeiten, ohne dass jemand mit einer Waffe hinter ihnen steht.
Gut. Dann gehe ich mit Ethan zu Miss Barbas, ein Gespräch unter reichen Mädchen führen, und Jonathan darf mit Miss Bush die Polizeistation unsicher machen.

Das Anwesen von Sophia Barbas ist ein selbst für amerikanische Verhältnisse ein wenig überladenes Schlösschen am Stadtrand beziehungsweise eigentlich schon in den Vorbergen. Schon als wir die Straße zu ihrem Tor hochfahren, sticht mir die Luxuslimousine in der Auffahrt ins Auge. Ian.
Verdammt, das hätte mir klar sein müssen, dass der sich nicht damit abgibt, einem traumatisierten Museumsangestellten beim Heulen zuzusehen. Wir haben zu viel Zeit verschwendet. Warum hat Ethan nicht eher etwas von seiner Bekanntschaft mit der Barbas gesagt? Wir hätten uns schon früher aufteilen können. Dann wären wir vielleicht vor Ian hier gewesen. Ich merke, wie ich die Karre anstarre, als könnte ich sie dadurch in die Luft jagen.
Ethan wirft mir einen fragenden Blick zu. Tja, klingeln oder die Konfrontation vermeiden? Ich weiß, was ich lieber täte. Nur verschaffe ich meinem Vetter damit noch mehr Vorsprung. Hat nicht vielleicht Ethan eine fundierte Meinung dazu? Einen Rat?
Er wiegt ein bisschen den Kopf.
“Kenn den nicht.” Überlegt weiter. “Aber hast recht. Sollten vielleicht rein… Hmm, mal lauschen? Versuchen jedenfalls?”
Pff. Ich lausche nicht an Türen, hinter denen Ian lauert. Was ist, wenn er mich dabei ertappt und ich dastehe wie ein dummes kleines Mädchen? Und überhaupt, wer weiß, mit welchen Methoden er die arme Frau zum Reden bringen will. Vielleicht betet sie schon um Rettung.
Also reiße ich mich zusammen. “Ach, was soll’s! Gehen wir rein.“

Gallagher öffnet und will uns, wie überraschend, nicht hereinlassen. Ethan lässt sich auf ein kleines Kräftemessen mit dem Goon ein und riskiert dabei seinen Fuß. Den Gorilla wie einen begriffsstutzigen Butler zu behandeln, fruchtet überhaupt nicht. Ich sehe ein, dass es keinen Sinn hat, meinen Zorn auf Ian an dessen Personal auszulassen, auch wenn es allein schon gegen die guten Sitten verstößt, sich bei diesem Mann zu bewerben. Darum halte ich ihm einfach meine Karte hin. Er möge mich bei Ian anmelden. Ethan knurrt etwas Ungehaltenes in meinem Rücken, was wie “Hausherrin” klingt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der Stumme uns entweder bei Ian meldet oder gar nicht. Bisher höre ich keine Schmerzensschreie, also besteht noch Hoffnung, dass wir eine zivilisierte Tasse Tee mit der Dame trinken können, für fünf Minuten so tun, als würden wir uns vertragen, und dann beide mit der gleichen Menge an Information zum gleichen Zeitpunkt dieses Haus verlassen.
Etwa eine Minute darf ich träumen, dass es so einfach wird. Dann steht Ian in der Tür, mit gelockerter Krawatte und einem unverschämten Grinsen im Gesicht. Er bedankt sich spöttisch, dass ich ihn um Erlaubnis bitte, die Dame des Hauses sehen zu dürfen, aber sie habe keine Zeit für uns. Da hat er aber in das Schweigen seines Bodyguards ein wenig viel hineininterpretiert. Von Erlaubnis war nie die Rede. Immerhin dudelt im Hintergrund irgendwelcher Kitsch, und die Art, wie Ians Finger auf den Türrahmen trommeln, sagt mir, dass er uns schnell loshaben möchte, ehe die Stimmung flöten ist. Leider fällt mir nicht schnell genug eine Gemeinheit ein, mit der ich ihm die Laune verderben kann. Ich habe eben nicht sein Talent für Boshaftigkeiten. Ich sage ihm, dass er mit der griechischen Schickse machen kann, was er will, solange sie einverstanden ist. Sein Balzverhalten will ich mir auf keinen Fall ansehen müssen, sonst muss ich mir die Augen mit Seife auswaschen. Er teilt mir freundlich mit, dass Sophia in zwei Stunden für mich Zeit hätte und knallt mir die Tür vor der Nase zu. Arschloch.
Zwei Stunden!

Zum Glück ist Ethan da. Seine beruhigende Präsenz verhindert, dass ich mich dazu hinreißen lasse, die scheußliche Limousine zu perforieren. Ist wahrscheinlich sowieso kugelsicher. Angeber.

Ich habe nicht den Nerv, zwei Stunden zu warten, bis Ian sich bequemt, das Feld zu räumen. Stattdessen rufe ich die zur Zeit meistgewählte Nummer in meinem Telefonspeicher an und verabrede mit Agent Saitou, dass wir uns im nächstbesten Restaurant zum Essen treffen.

Er und Chloe hatten immerhin mehr Glück. Die Leute, die sie sehen wollten, haben sie empfangen und mit ihnen gesprochen. Folgende interessante Hinweise sind dabei zutage gekommen:
Ein Wanderer wird vermisst. Die beiden hatten Gelegenheit, direkt mit seiner Verlobten zu sprechen, die sagt, er sei am Tag seines Verschwindens in der Gegend des Red Mountain unterwegs gewesen, weil er sich für den Goldfund interessierte, den ein Schäfer dort kürzlich gemacht habe. Das sind ja gleich drei Dinge auf einmal, die wie Spuren zu unserem Zyklopen aussehen.
Wir fackeln nicht lange und machen uns auf den Weg zum Schäfer, solange Ian noch mit seiner Nymphe beschäftigt ist. Nur ein kleiner Zwischenstopp im Outdoorladen noch, um uns mit Leuchtspurmunition zu versorgen, dann treten wir in die Fußstapfen des Odysseus. Hoffentlich nur zum Teil. Karte und GPS-Gerät haben wir auch.

Der Red Mountain ist eine wilde Gegend. Es weht ein ziemlich frischer Wind. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Wetterjacke bis zur Nasenspitze zu. Zuerst sehen wir die Schafe, dann den Hirten. Er hat über die Straße zu seinem Stück Land einen windigen Zaun improvisiert, an dem er lehnt und uns misstrauisch beäugt. Aus beiden Augen. Was er sich wohl denkt, was wir vier ungleichen Gestalten für eine Truppe sind? Immobilienmakler vielleicht, denn er lässt uns gleich wissen, dass das Land nicht zu verkaufen ist, als wir nach der Goldgeschichte fragen. Mein Verdacht, dass es sich bei dem Gold um das Vlies handelt, bestätigt sich nicht. Seinen Fund hat er schon vor dem Einbruch ins Museum gemacht. Den vermissten Wanderer will er auch nicht gesehen haben. Ja, ein paar Schafe verliert er schon gelegentlich. Es gibt eben Bären hier. Die sind gefährlich. Damit muss man rechnen, wenn man sich hier aufhält.
Aus dem Gewühl der Schafe löst sich schwanzwedelnd ein Hund, der sich zu seinem Herrchen gesellt und uns aus einem Auge interessiert mustert. Das andere ist…. Sieh mal einer an! Das andere Auge ist irgendwie verwachsen. Vernarbt. Oder vielleicht auch nie richtig aufgegangen.

Meine Begleiter äußern ein paar mitleidige Worte über den armen Hund. Ob der denn keine Schwierigkeiten habe, seine Arbeit zu verrichten, mit nur einem Auge? Nein, die habe er nicht. Der Murgatroyd sei ein ganz Lieber und schon seit Jahren ein hervorragender Hütehund. Chloe richtet ihre Kamera auf ihn und wird merklich blasser. Der Hund starrt sie unverwandt an. Sie zieht sich mit einem eleganten Schritt hinter die beiden Männer zurück. Jetzt fällt mir auch auf, dass die anderen Hunde des Schäfers ohne jedes Interesse an uns weiter ihren Job machen und dabei immer respektvollen Abstand zu ihrem vermeintlichen Artgenossen halten.
Obwohl die Töle freundlich wedelt, traue ich ihr nicht über den Weg. Vielleicht versucht der hier die Show vom Aussteiger abzuspulen, der doch nur in Frieden leben will. Aber dann hätte er sich weiter an Schafe halten müssen. Ich zwinge mir einen liebevollen, möglichst nostalgischen Blick auf und behaupte, ich hätte früher einen ähnlichen Hund gehabt, frage, ob das Tier verkäuflich sei. Aber das wäre ja zu einfach. Natürlich ist der Schäfer empört. Natürlich wiegle ich schnell wieder ab. Heuchle Verständnis. Meinen eigenen Hund hätte ich auch nie verkauft. Wenn ich je einen gehabt hätte. Wir hatten früher ein paar Wachhunde. Bulldoggen. Auf der ältesten durfte ich als ganz kleines Kind manchmal reiten, bevor ich ein eigenes Pony hatte.

Wir verziehen uns erst einmal wieder zum Wanderparkplatz. Kriegsrat.
Chloe erklärt, dass ihre Kamera einen speziellen Sucher hat, mit dem sie Monster identifizieren kann. Leider nur der Sucher, nicht die Linse. Auf Fotografien wirkt die Tarnung also weiter. Aber das Gerät hat ihr mit hundertprozentiger Sicherheit verraten, dass der Hund der Zyklop ist. Der Schäfer ist keiner. Auch den hat sie durch den Sucher betrachtet. So, so. Eine Journalistin mit einer derart enthüllenden Kamera? Interessant.

Da wir das Ungeheuer nun lokalisiert haben, müssen wir uns eine Methode ausdenken, wie wir es erlegen. Wir sollten es zunächst von dem Schäfer und seiner Herde separieren. Jonathan ist der Meinung, dass der Hirte und entweder etwas verschwiegen oder uns angelogen hat…
Ein Motorengeräusch kündigt Gesellschaft an.
Ah. Die zwei Stunden sind um.

Ians Karosse hält in ein paar Wagenlängen Abstand zu uns. Er grüßt in die Runde, bedenkt mich mit einem herablassenden Lächeln und verkündet, dass Sophia jetzt Zeit für mich hätte. Ich teile ihm freundlich mit, dass ich es mir anders überlegt habe, unterstützt von Ethan, der kühl hinzufügt, “hat sich erledigt.”
Jonathan mustert meinen Cousin ausdruckslos, Miss Bush tut es mit unverhohlener Neugier. Ian grinst überheblich, streift sich Wanderschuhe über und entschwindet mit Gallagher im Wald. Zum Schäfer geht es in die andere Richtung. Ich verkneife mir den Hinweis und erfreue mich an dem Gedanken, dass er stundenlang im Kreis irrt, ehe er ihn findet.

Die Fragen der anderen bringen mich wieder zurück zum Kernthema. Wie locken wir den Zyklopen an? Mit unwiderstehlichem Menschenfleisch. Woher nehmen wir das? Ich schlage den Friedhof vor, doch Agent Saitou argumentiert, dass die Monster wohl eher auf Frischfleisch aus sind. Also, ich habe nicht vor, ein Pfund von mir zu opfern, um es über eine Fallgrube zu hängen. Ethan hat einen staubtrockenen Humor. Er nickt vielsagend in die Richtung, in die sich Ian aufgemacht hat. Das hebt meine Laune immens. So ein kleines Opfer unter Blutsverwandten wäre auch sehr griechisch. Aber die Albernheiten helfen uns nicht weiter. Irgendwer schlägt vor, dass wir doch einfach einen “Verletzten” dekorativ im Wald hindrapieren könnten, den der Zyklop dann schon aufstöbern wird.

Den Lockvogel kann ich selbstverständlich mimen. Die Rolle bin ich gewohnt. Ethan will zwar zuerst einmal überhaupt niemanden so nah an den Zyklopen heranlassen, bietet sich aber dann doch bereitwillig an, da er sowieso noch ein paar Blessuren von einer anderen Jagd hat. Miss Bush wäre ebenfalls bereit, da sie meint, sie wäre keine Kämpferin, doch ich weise sie darauf hin, dass die Person, die der Gefahr aus nächster Nähe ins Auge blicken muss, auch gut kämpfen können sollte. Das spricht tatsächlich für Ethan. Er ist kräftiger gebaut als ich. Und er muss nur etwas Schorf abkratzen, um erneut zu bluten. Da der Special Agent sich zurückhalten kann, seinen Hut auch noch in den Ring zu werfen, ist es damit beschlossene Sache. Wir umgeben unseren Köder mit einem Ring aus Benzin und legen uns auf die Lauer.

Es dauert eine Weile. Damit mir keine Gliedmaßen einschlafen, wechsle ich ein paarmal leise die Position. Chloe zappelt mir immer wieder ein bisschen zu aktiv herum, stellt sich aber auch nicht völlig unmöglich an. Sie hat die ganze Zeit die Kamera im Anschlag. Von Jonathan ist kein Mucks zu hören. Wenn ich ihn nicht sehen würde, könnte ich Angst bekommen, dass er nicht mehr da ist.

Es beginnt mit einem Rascheln in den Blättern. Zuerst hören wir, wie sich ein kleineres Geschöpf auf schnellen Pfoten nähert. Dann scheint es zu wachsen. Seine Schritte werden dumpfer und langsamer. Ein lautes Schnüffeln dringt zu uns. Erst im Zickzack, dann immer zielsicherer, bewegt sich das Etwas auf den Benzinkreis zu. Ethan schüttelt sich kurz. Ich spüre es auch. Adrenalin. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Ich zwinge mich, ruhig zu atmen. Hoffentlich behindert ihn die blutende Wunde nicht zu sehr.
Bäume erzittern. Ich kann einen großen grauen Schemen zwischen den Stämmen ausmachen. Nicht weit von mir kracht ein Ast auf den Boden, als sich das Ding zur Gänze zeigt.

Es sieht widerlich aus. Keineswegs wie ein großer Mensch mit einem Auge über der Nase, sondern unwirklicher, insektenartiger. Mir fallen keine passenden Worte ein. Es erinnert mich an den Schwarzen Mann und seine Mäuler in den Händen. Als wären die beiden Wesen vom gleichen kranken Geist ersonnen. Seine Haut ist dunkel. Grau oder braun, das kann ich bei diesen Lichtverhältnissen nicht mehr erkennen. Er hat kein einziges Haar auf dem Körper. Der eiförmige Kopf geht über in einen kantigen, gefurchten Hals voller sehniger Auswüchse. Ohren sind nicht zu erkennen. Das einzelne, glänzend schwarze Auge befindet sich direkt über dem Maul, das scheinbar gleichzeitig als Nase dient. Keine Lippen. Die spitzen gelben Zähne greifen ineinander. Seine groben Pranken hat das Wesen gierig nach vorne gestreckt, obgleich es noch vorsichtig in alle Richtungen wittert. Ganz so hirnlos, wie wir es gerne hätten, ist es möglicherweise doch nicht. Es steht zögernd vor Ethan. Dreieinhalb, vier Meter hoch. Speichel tropft von seinem gedrungenen Kinn.

Mein junger Freund liegt stocksteif in seinem Kreis, angespannt wie eine Feder. Es fehlen nur zwei Schritte des Monsters, dann kann er das Benzin entzünden. Nach einer kleinen Ewigkeit, in der mich die Erinnerung an den Schwarzen Mann mit einer großzügigen Extraportion Adrenalin segnet, siegt die Gier. Der Zyklop stürzt sich auf Ethan, der aus seiner Reichweite schnellt wie eine Klapperschlange. Im Nu brennt der Ring aus Benzin und der Riese dreht sich wild im Kreis, mit fuchtelnden Armen. Ein unmenschliches Grollen und Kreischen dringt aus seinem Maul. Chloe springt vor und blitzt ihm mit der Kamera genau ins Auge. Beinahe zeitgleich schießt Jon ihm eine Leuchtrakete in die Beine. Die Flammen züngeln in Sekunden an der öligen Haut des Ungeheuers hoch. Ich nehme mir einen, zwei Herzschläge Zeit, um zu zielen, schieße ihm direkt in den Solarplexus. Funken sprühen aus seiner Brust, als er zu Boden geht. Seine Zuckungen bringen das Erdreich unter unseren Füßen zum Beben. Das brennende Fleisch raucht und qualmt.

Sobald seine Bewegungen langsamer werden, hechte ich zu seinem Kopf, den die Flammen ebenfalls einzuschließen drohen und stoße ihm mein Messer seitlich ins Auge. Ein kurzes Hebeln und der nachtschwarze Ball gehört mir. Chloe und Jonathan haben gerade noch Zeit, ein paar Fotos von dem Ungetüm zu machen. Während ich mir auch einige Zähne aneigne, schneidet Saitou eine Probe unverletzten Fleisches aus dem Fuß des Dings und steckt es in eine Plastiktüte. Ich lasse mir ebenfalls eine der Tüten aushändigen und versenke meine Trophäen darin.
Miss Bush sieht mich mit großen Augen an.
“Was wollen Sie denn damit?”
“Nach England schicken,” antworte ich kurzangebunden. Keine Lust jetzt auf Diskussionen und Erklärungen.
Ausgerechnet Ethan fragt, wofür ich das mache. Hat ihm der Kampf so aufs Hirn geschlagen?
“Wissen Sie doch.”
Er runzelt kurz die Stirn, dann: “Wahr.”

Obwohl ich der Höflichkeit halber ein paar Zähne übriggelassen habe, verspüren weder er noch die Reporterin den Drang, sich ein greifbares Andenken zu verschaffen. Ihr genügen wohl die Fotos, ihm das Wissen, dass die Gefahr gebannt ist. Der Gute.

Nachdem wir uns versichern konnten, dass wir keinen Waldbrand ausgelöst haben, machen wir uns auf die Suche nach der Höhle des Zyklopen. Dank Rand McNally und einer gewissen Erfahrung mit Topographie, die man sich mit der Zeit aneignet, ist deren Lage nicht schwer zu ermitteln. Der Geruch leitet uns die letzten Meter.
In der Höhle finden wir viele Skelette von Schafen und Menschen, einen halbgefressenen Bären, die Überreste des vermissten Wanderers Tom, aber kein Goldenes Vlies. Als er Toms Leiche sieht, greift Saitou sofort zum Telefon und ruft die Polizei an. Der Schäfer taucht auf, völlig aufgeregt, weil sein Hund weg ist. Und sein Gold. Als Jonathan ihm jedoch zur Menge und Beschaffenheit des Goldes auf den Zahn fühlt und den Claim sehen will, macht der Mann schnell einen Rückzieher.

Eigentlich war es völlig klar, dass Ian sich in aller Seelenruhe das Vlies aus der Höhle holt, während wir ihm heldenhaft den Zyklopen vom Leib halten. Ich lerne es einfach nicht. Vor Wut über Ian und mich selbst hämmere ich meine Faust in den nächstbesten Baum. Meine Haut gibt mehr nach als die Rinde. Au. Das habe ich mir verdient, ich Dummkopf.
Ethan, der Wohlmeindende, legt mir beruhigend die Hand auf die Schulter. Ich hasse das!
Er bekommt zu hören, dass er einen gebrochenen Kiefer riskiert, wenn er mich noch einmal anfasst, wenn ich wütend bin, quittiert es mit einem gelassenen Schulterzucken, will es wohl darauf ankommen lassen.

Jonathan ist auch keine größere Hilfe. Er meint, wenn ich Beweise hätte, dass Ian in dem Diebstahl drinsteckt, könnte er gegen ihn ermitteln, eventuell veranlassen, dass Ian am Flughafen abgefangen wird. Ich denke bei mir: Ja, und dann? Glaubt er vielleicht, dass Ian das Goldene Vlies im Handgepäck transportieren würde? Und selbst wenn. Das ist Familie.

Da ist sie wieder, die Kluft zwischen dem Fed und der Jägerin. Und dabei hätte ich Sie wirklich gerne zum Freund, Agent Saitou!

Ich schüttele resigniert den Kopf und frage ihn, ob er hier irgendwo Beweise sieht. Ian war einfach nur Wandern, nach allem, was wir wissen. Ethan überlegt noch herum, ob es wenigstens einen plausiblen Verdacht geben könnte, aber nicht mal dazu reicht es. Gut so. Sonst müsste ich mir noch Tricks einfallen lassen, Ian aus der Klemme zu helfen. Dann könnte ich nicht mehr in den Spiegel sehen.

Miss Bush ist die erste, die mir einen Hoffnungsschimmer bietet. Sie verkündet, noch mehr in der Geldwäschesache recherchieren zu wollen, und ich erinnere mich daran, dass sie von gefälschten Kunstwerken sprach. Wenn sie es schafft, einen Beweis beizubringen, dass das Goldene Vlies eine Fälschung war, versichere ich ihr, dann überschütte ich sie mit Gold.
Ethan bezweifelt, dass es gefälscht ist. Ein Schafsfell in ein galvanisches Bad zu werfen, müsste zwar funktionieren, meint er, aber die Flügel daran zu befestigen? Ich frage zurück, ob er weiß, was ein Wolpertinger ist. Weiß er. Die ausgestopften Exemplare, die man in Deutschland an allen Ecken und Enden erwerben kann, haben sich bisher allesamt als hohe Handwerkskunst von Präparatoren herausgestellt. Ein paar Flügel in ein Stück Fell zu integrieren, sollte keinem Profi schwerfallen. Allerdings hat er recht, als er meint, das Ian den Betrug schnell durchschauen würde.
“Ach, Ethan! Lass mir doch mein Wunschdenken!”

Jonathan nimmt die schwere Bürde auf sich, Nicole, der Verlobten des toten Wanderers, von unserem Fund in der Höhle zu erzählen. Offiziell wird es wohl ein Bär werden, dem er zum Opfer gefallen ist. So hart es sein mag, immerhin kann sie ihn dann begraben und weiß, dass er ihr nicht davongelaufen ist.

Stichwort Davonlaufen: Langsam wird es knapp mit Boston, wenn ich meinen Termin mit Francis halten will.
Ich überlasse es den anderen dreien, herauszufinden, inwieweit der Schäfer in die Machenschaften des Zyklopen beim Museum involviert war. Chloe bekommt noch meine Karte. Irgendwann will ich ihr Geheimnis herausfinden. Aber jetzt ruft erst einmal die Familie. Und Papierkram. Unsinniger, nervenaufreibender, unverständlicher Papierkram. Wie ich es liebe.

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Ethan: Pixel Academy

Der Besuch in Arkansas dauert schon einige Tage. Länger, als Ethan eigentlich hatte bleiben wollen. Morgen wird er aber aufbrechen müssen. Spätestens übermorgen. Bei Bones Gate hat sich bestimmt gut Arbeit angehäuft inzwischen.

Barry hält sich häufiger im True Believers-Forum auf als Ethan, der dem virtuellen Jägertreffpunkt nur selten einen Besuch abstattet. Daher ist es der Hausherr, dem auffällt, dass die Beiträge dort überhaupt nicht mehr moderiert werden. In den letzten paar Tagen hat der Ältere mehrere PMs an die Moderation gesandt, und als auf keine davon keine Antwort kommt, kramt Barry irgendwann eine Nummer heraus. Bei einem früheren Fall ist er der Betreiberin des Forums schon mal begegnet, sagt er.

Barrys Gesicht wird im Verlauf des Telefonats immer ernster. Die für ihn hörbare Hälfte des Gesprächs lässt Ethan schon mal einiges erahnen, und hinterher ergänzt der andere den Rest. Ally, die Forenbetreiberin und selbst eine junge Jägerin, sei vor einigen Tagen in ein Koma gefallen, erzählt Barry. Genau wie sein Neffe Steven und zwei von dessen Schulkameraden Ende letzten Jahres. Damals sei der Grund eine künstliche Intelligenz aus einem alten Computerspiel gewesen, so einer japanischen Dating-Simulation. Die Spielfigur, die man darin für sich gewinnen müsse, habe ein eigenes Bewusstsein erlangt und aus Eifersucht den Geist der Teenager in ihre Welt geholt, als diese sich in der echten Welt für andere Mädchen zu interessieren begannen. Irene habe es damals geschafft, die drei Jungen wieder aufzuwecken, indem sie selbst mit Giffany flirtete und sich als interessanteres Romanzenobjekt anbot. Das Spiel – anscheinend war davon gerade die allerletzte CD-ROM im Umlauf – hätten sie dann zerstört, aber in letzter Sekunde sei die KI ins Internet entkommen und stalke seither Irene.

Bei diesen letzten Worten klingt Barrys Stimme mehr als grimmig. Irgendetwas an der Tatsache, dass die britische Jägerin Opfer eines Cyberstalkings ist, passt auch ihm selbst ganz und gar nicht.
Mit Irene telefoniert Barry als nächstes, und das Telefonat hebt seine Stimmung nicht gerade. „Sie ist nun mal jemand, der unbedingt die Wahrheit herausfinden will, und davon lässt sie sich auch nicht so schnell abbringen“, erwidert er einmal auf eine längere Einlassung von Irene, und als er auflegt, murmelt er etwas von wegen „ganz schön anmaßend, das verbieten zu wollen.“ Ah. Anscheinend hat Irene versucht, diese Ally von Giffany fernzuhalten.

Ally wohnt in Billings, Montana. Also haben Barry und Irene verabredet, sich in Billings zu treffen und zu sehen, was sie für das Mädel tun können. Allerdings ist das eine Fahrt von zwei oder drei Tagen, und mit seinen gebrochenen Rippen soll Barry nicht fliegen. Außerdem ist Irene in Schwierigkeiten oder steht zumindest vor einem Problem, und Ethan mag Irene ziemlich gerne. Also ist es gar keine Frage, dass Ethan anbietet, mitzukommen. Bones Gate sind Jäger, die verstehen das schon. Immerhin umfassen seine Aufgaben für die Verbindung nicht nur das Hausmeistern, sondern auch das Jagen.

Und dann ist Bones Gate über den Umweg nach Montana informiert, hat Ethan sich von Tam und den Kindern verabschiedet und Artie ein letztes Mal hoch und heilig versprechen müssen, dass er sich regelmäßig meldet. Dann kann es ja losgehen.

Die Fahrt verläuft zum großen Teil schweigend. Beide Männer hängen ihren Gedanken nach, und zu Ethans Erleichterung ist Barry niemand, der andere unbedingt in unnötige Unterhaltungen hineinziehen will, sondern selbst nur wenig Smalltalk betreibt. Guter Zug.

Allerdings scheint den Älteren etwas umzutreiben. Mehrmals hat Ethan den Eindruck, als wolle er etwas sagen, verkneife es sich dann aber doch. Erst am nächsten Tag bringt Barry das Thema schließlich zur Sprache.
„Katie hat gesagt, mit deinem Schatten stimmt irgendwas nicht.“

Ethan zieht eine Grimasse. Kann eigentlich jeder in diesem verdammten Land an seinem Schatten erkennen, was mit ihm los ist? Dann nickt er. Sieht unwillkürlich kurz nach unten, aber hier im Auto ist sein Schatten nicht klar umrissen. Und etwas daran bemerken würde er sowieso nicht. Hat er oft genug versucht, seit Bianca ihn darauf angesprochen hat.

„Sie sieht manchmal… mehr. Sie dachte, ich würde das auch sehen. Aber du weißt es schon.“
Ethan nickt wieder. „Bianca.“
So beunruhigend das Wissen auch ist, dass man an seinem Schatten tatsächlich etwas sehen kann, eigentlich ist er der Kleinen doch irgendwie dankbar, dass sie ihm bestätigt hat, dass er sich die Sache nicht nur einbildet. Ha. Von wegen. Als wenn er daran gezweifelt hätte.

Barry versteht Ethans Ein-Wort-Einwurf falsch. „Bianca hatte das unter Kontrolle“, erwidert er in einem Tonfall wachsam-vorsichtiger Schärfe.
Ethan schüttelt den Kopf. „Bianca hat’s gesehen“, erklärt er.
Das scheint Barry ein bisschen zu beruhigen. „Okay.“
Ethan seufzt. Er hat so gar keine Lust, die Geschichte jetzt breitzutreten, aber der Ältere hat es verdient zu erfahren, mit wem und mit was er es hier zu tun hat. Also fischt er eine Zigarette aus der Jackentasche, zündet sie an und nimmt erst einmal einen tiefen Zug, ehe er sich zwischen zusammengebissenen Zähnen das Wort „Fluch“ abringt.

Sofort verspannt Barry sich wieder. Wirft Ethan einen mehr als misstrauischen Blick zu. Sieht aus, als wolle er etwas sagen, das er sich dann aber verbeißt. Ethan zieht wieder an seiner Zigarette.
„Sieht man scheints am Schatten“, führt er weiter aus. „Wusste ich auch nicht.“
Und dann fängt er mühsam an zu erzählen. Die Meilen rauschen am Fenster des Nissan vorbei, während Ethan immer wieder innehält. Nach den Worten sucht. Mit den Erinnerungen kämpft. Aber Stück für Stück berichtet er Barry von der Frauenstimme. Von den Worten, denen er keine Gelegenheit mehr zuordnen kann. Keinen Ort. Kein Gesicht.

Carlas Bild steigt vor ihm auf, und er sieht wieder den Schalk in ihren Augen tanzen, hört das Amüsement in ihrer Stimme. „Da muss sie sich schon etwas Besseres einfallen lassen als diesen Hokuspokus, wenn sie will, dass ich dich verlasse.“ Unwillkürlich krampft Ethan die Hände um das Lenkrad. Er würde alles darum geben, die Zeit zurückdrehen zu können. Den ‚Hokuspokus’ ernst genommen zu haben.

Es dauert noch länger als gewöhnlich, bis Ethan wieder zu sprechen beginnt. Carlas Namen bringt er dabei nicht über die Lippen. Zu weh würde das Eingeständnis tun. Aber vermutlich denkt Barry sich ohnehin seinen Teil. Immerhin hat auch er in dem Höllenhaus die Carla-Gestalt gesehen.

Den Rest der Fahrt über reden sie nicht mehr viel. In den letzten paar Stunden vor der Ankunft wird Barry sogar richtiggehend und deutlich spürbar unbehaglich zumute. Ethan fällt das zwar auf, aber einen rechten Reim kann er sich nicht darauf machen.

Irene hat sich im Hilton Gardens Inn von Billings einquartiert und an der Rezeption zuvorkommenderweise ihre Zimmernummer für die beiden Männer hinterlassen. Sobald sie im dritten Stock aus dem Aufzug steigen, fällt Barry hinter Ethan zurück, folgt dem Jüngeren nur zögerlich. Lässt Ethan auch klopfen.

Ethan selbst wird von der öffnenden Britin sehr warm begrüßt, aber ihr Lächeln wirkt ein wenig angespannt. Nicht falsch; er glaubt schon, dass sie sich wirklich freut, ihn zu sehen, aber … verkrampft. Der Grund dafür wird ihm auch sofort bewusst, als Irenes Blick auf Barry fällt. Denn sofort sieht sie zu Boden, gönnt dem Detektiv nur ein knappes „Hi“ und spricht sofort wieder in Richtung Ethan, als sie die beiden Männer hereinbittet. Und auch im Zimmer setzt die Britin sich so, dass sie den jüngeren Jäger im Blick hat und Barry möglichst nicht anschauen muss.

Seltsam. Die peinlich berührte Stimmung zwischen den beiden wirkt eindeutig so, als sei zwischen den beiden etwas gelaufen, und beide bereuten das jetzt. Kein Wunder, denn auch wenn Ethan über Irenes Beziehungsstatus nicht viel weiß – im Roten Haus hat sie ihren Ex-Mann um Rat gefragt, aber das heißt ja nicht, dass sie seit der Scheidung keine neue Beziehung eingegangen ist – dass zumindest Barry seine Frau aus ganzem Herzen liebt, das hat Ethan in den letzten Tagen gemerkt. Und eigentlich ist ihm das Verhältnis der Eheleute Jackson nicht so vorgekommen, als würde es zu Seitensprüngen einladen. Wenn da aber wirklich was war zwischen dem Schriftsteller und der Trophäensammlerin, dann muss es irgendwann seit St. Trinity passiert sein, denn dort hatten die beiden noch einen unverkrampften Umgang miteinander.

Egal. Es geht ihn nichts an, und da von den anderen beiden keiner Anstalten macht, das unangenehme Schweigen zu brechen, versucht Ethan vom Thema abzulenken, so gut er es eben kann.
Zuerst lässt er sich von Irene nochmal erzählen, was eigentlich genau los ist. Das meiste hat sie ja Barry auch am Telefon schon erzählt, und Barry hat es Ethan ja auch schon wiedergegeben, plus seine eigene Schilderung des Falls, aber das ist das einzige, was ihm auf die Schnelle einfällt, um die Anspannung im Raum wieder etwas zu lösen.

Die Jägerin wiederholt zunächst in knappen Worten die Geschichte von ihrer ersten Begegnung mit der künstlichen Intelligenz und wie Giffany sie nach ihrer Flucht aus dem Computerspiel regelrecht gestalkt habe. Ethan nickt; das hat er ja auch von Barry schon gehört. In letzter Zeit habe Giffanys Verhalten sich dann verändert. Sie habe sich nicht mehr so oft sehen lassen wie früher, sei nicht mehr so aufgekratzt gewesen und habe Irene nicht mehr so aktiv gestalkt, sondern existentielle Fragen gestellt, nach dem Selbst und nach dem Sein und was es bedeute, ein Mensch zu sein.

Das erste, was Ethan beim Betreten des Hotelzimmers bemerkt hat, ist, dass ein Tuch über dem Fernseher hängt. Auch der Stecker des Geräts ist gezogen, und ein herausgenommener Akku liegt neben dem Handy auf dem Nachttisch. Der Bildschirm des Tablets ist ebenfalls komplett schwarz.
Ja, erklärt Irene jetzt, sie habe alles abgeschaltet, was ein Fenster für Giffany abgeben könnte. Das sei vielleicht ein bisschen paranoid, aber sie sei lieber extra vorsichtig. Sie hätte merken müssen, dass etwas im Busch sei, als Giffany plötzlich so still geworden sei, aber sie – Irene – hätte sich so über die Atempause gefreut. Sie befürchte nur, sie habe Giffany als sie ihr im Forum schrieb, sie solle erstmal ein richtiges Mädchen werden, einen Pinocchio-Floh ins Ohr gesetzt.

„Der schon wieder“, brummt Ethan, als der Name Pinocchio fällt. Barry nickt wissend, äußert sich aber nicht weiter.
Der nächste Schritt wäre jetzt wohl vermutlich eigentlich, irgendwie mit Giffany Kontakt aufzunehmen. Aber Irene ist nicht wohl bei dem Gedanken, das ist deutlich zu spüren. Barry schlägt rücksichtsvoll vor, doch erst einmal einige weitere Nachforschungen anzustellen, auch um herauszufinden, ob Allys Koma überhaupt mit Giffany zusammenhängt.

Sie treffen Allys Mitbewohnerin, eine junge Frau, die sich als Coco vorstellt und erzählt, dass Ally in letzter Zeit ziemlich beschäftigt gewesen sei. Sie habe sich plötzlich für Philosophie und Bewusstseinsforschung interessiert und tatsächlich in den letzten Wochen ein paar Anfälle gehabt, bei denen Coco sie nicht aus dem Tiefschlaf habe aufwecken können. Die seien aber bisher immer alle nach ein paar Stunden vorübergegangen, sodass keine Ärzte eingeschaltet werden mussten. Aber diesmal sei sie eben nicht wieder von selbst aufgewacht, also habe Coco schließlich doch einen Krankenwagen gerufen.

Irgendwann sind sie dann aber doch wieder im Hotel, und es scheint, als würde es langsam ernst. Ethan beschließt, jemanden wissen zu lassen, was los ist, nur für den Fall, dass sie tatsächlich ebenfalls in ein Koma fallen. Aber weder Bart noch Sam Blackwood sind auf die Schnelle zu erreichen, und von Bart hat er nur die Telefonnummer. Also schreibt Ethan eine Mail an Samantha. Allerdings lässt er sich von Irenes Vorsicht soweit anstecken, dass er in dieser Mail nicht auf Details eingeht, sondern die eigentliche Nachricht auf Hotelpapier schreibt, während Irene gleichzeitig ein vermutlich ganz ähnliches Schreiben verfasst.

Seinen eigenen Brief bringt Ethan dann nach unten und hinterlegt ihn hinter dem Tankdeckel seines Nissan. Wenn sie wirklich ins Koma fallen sollten und er sich bis in drei Tagen nicht gemeldet hat, wird Sam hoffentlich Bart oder irgendwen benachrichtigen. Oder sogar selbst nach Billings kommen, auch wenn Ethan das nicht von ihr erwarten kann oder damit rechnet. Eigentlich ist es albern, überhaupt so einen Brief zu hinterlassen. Was sollen irgendwelche Leute schon machen können. Aber irgendwie fühlt Ethan sich trotzdem besser, nachdem er den zusammengefalteten Zettel innen am Tankdeckel befestigt hat.

Als er wieder nach oben kommt, hat Irene sich bequeme Sachen angezogen. Die Stimmung zwischen ihr und Barry, die sich vorher eigentlich schon deutlich entspannt hatte, ist wieder umgeschwenkt. Aber jetzt ist die Atmosphäre im Raum nicht mehr peinlich berührt, sondern eiskalt. Ethan hat keine Ahnung, was da gerade passiert ist, während er weg war, aber vielleicht ist es auch einfach besser, er weiß es nicht.

Kurz nach ihm kommt auch Coco nochmal vorbei, der Irene ihren Brief in die Hand drückt und die von Barry gebeten wird, Tam bescheid zu geben, wenn sie am nächsten Abend vorbeikommt und die drei Jäger im Koma vorfinden sollte.

Und dann ist wirklich nichts mehr zu tun, und es hilft alles nichts. Irene zieht das Tuch vom Fernseher, stöpselt das Gerät wieder ein und schaltet Handy und Tablet wieder an. Dann setzt die Britin sich wieder auf ihr Bett, während Barry hinter dem Tischt steht, als wolle er diese Barriere zwischen sich und Irene halten, und Ethan selbst mit locker verschränkten Armen an der Wand lehnt.
Die Jägerin spricht laut in den Raum hinein. „Giffany?“
Keine Reaktion. Irenes Tonfall wird deutlich schärfer. „Giffany!“

Es dauert immer noch eine ganze Weile, bis Irenes Handy leise vibriert und eine Nachricht im Chatprogramm aufploppt.

Ire
ne
Hi
lfe

Ethan kommt ein Verdacht. Wenn die junge Studentin so ein Computerfreak ist, vielleicht hat sie dann eine Möglichkeit gefunden, aus der Spielwelt heraus Nachrichten zu kommunizieren…
„Ally?“
Aber er hat sich geirrt, denn das „nein“, das gleich darauf auf dem Handybildschirm erscheint, ist unmissverständlich. Irenes „Giffany, bist du das?“ hingegen hat ein „ja“ zur Folge.

Mit dem „ja“ erscheint ein Link. Irene zögert nicht lange, sondern klickt darauf. Und es gibt keine Bedenkzeit, keine Vorwarnung. Mit einem Mal stehen die drei in einer bonbonbunten Welt.

Die Umgebung wirkt seltsam weichgezeichnet. Überhaupt seltsam. Eindeutig gezeichnet, zweidimensional, aber dennoch irgendwie räumlich. Sie befinden sich auf einem von blühenden Kirschbäumen umrahmten Schulhof. Das Gebäude im Hintergrund modern, langgezogen, dreistöckig. Ein typischer Schulbau eben, aber reduziert auf die Elemente, mit denen man in einer Zeichentrickserie ein Schulgebäude darstellt. So wie alles hier auf diese Elemente reduziert ist. Ethan sieht seine beiden Begleiter an. Die haben sich, passend zur Umgebung, ebenfalls in Zeichentrickfiguren verwandelt. Japanische Animefiguren, genauer gesagt. In japanische Anime-Figuren im Schulalter, um es noch genauer zu sagen. Klar, das Spiel und Giffany sind ja laut den Erzählungen auch im Anime-Stil gehalten gewesen. Und sie befinden sich an einer Schule, also wäre es vermutlich unlogisch, wenn sie hier als Erwachsene herumliefen.

Anime-Irene trägt ein dunkelgraues, fast schwarzes Kleid mit weißer Bluse, und ihre blonden Haare sind zu zwei lockig-offenen Zöpfen gebunden. Anime-Barry hat eine hellgraue Hose und einen dunkelgrauen Blazer in derselben Farbe wie Irenes Kleid an, Krawatte dazu, und auch sein schwarzes Haar ist in einem lockeren Zopf zurückgenommen. Die Figur hat ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht und sieht umwerfend gut aus, aber das Auffälligste an Barry in dieser Form ist, dass er beide Hände noch hat. Ethan kann sehen, wie diese Tatsache Barry selbst am Allermeisten überrascht, denn er bewegt die Rechte einen Moment lang prüfend und beinahe zweifelnd hin und her, bis er sich daran gewöhnt zu haben scheint.

Ethan sieht an sich herunter. Dieselbe Kleidung wie Barrys – klar, fällt ihm ein, in Japan und damit in japanischen Animeserien tragen sie Schuluniformen – die an seiner hochaufgeschossenen, schlaksigen Gestalt aber irgendwie nicht ganz passend herunterhängt; ganz anders als bei Barry, dem seine Uniform perfekt sitzt. Er tastet sich an den Kopf, spürt wirre, ein wenig zottige Haare. Ethan hat vor ein paar Jahren mal zufällig ein, zwei Folgen von dieser einen SciFi-Animeserie gesehen, wo diese kleine Truppe von Glücksjägern mit einem Raumschiff herumflog; wie hieß der eine Typ darin noch? Spike, genau. Spike Spiegel. Ungefähr so kommt er sich gerade vor. Jünger natürlich. Und um Meilen weniger cool als Spike.

Überhaupt… er fühlt sich eigenartig. Einerseits wie er selbst, Ethan Gale, genau so, wie er sich eben gerade noch in dem Hotelzimmer gefühlt hat, aber andererseits, daneben und doch damit verwoben, verbunden und doch davon getrennt, wie… wie… schon wie er selbst, aber wie… wie früher. Und ihm ist nach Reden zumute. Schau an. Offensichtlich sieht er nicht nur aus wie ein Teenager, sondern auch seine Persönlichkeit ist, zumindest in Teilen, wieder in seine Teenagerzeit zurückgekehrt.
Den beiden anderen scheint es ganz ähnlich zu gehen. Barry lächelt mehr, als Ethan das von ihm kennt, verhält sich auch Irene gegenüber deutlich charmanter, während Irene … Irenes britischer Akzent ist klarer geworden, klingt noch mehr nach Oberschicht als sonst, aber sie wirkt bemühter, ehrgeiziger und nicht so unbeschwert, wie Ethan sie kennengelernt hat.

Der Schulhof ist gut belebt; anscheinend ist gerade Pause oder so. Aber es fällt auf, dass die meisten der Gestalten, die zu sehen sind, irgendwie … blass wirken. Unscheinbar. Kaum sind sie vorübergegangen, hat man sie schon wieder vergessen. Reine Statisten. Ein paar wenige Figuren jedoch sind keine Statisten: der eine oder andere Erwachsene, Lehrer vermutlich, und auch ein paar von den Schülern. Die haben so etwa denselben Substanzgrad wie auch die drei Neuankömmlinge.

Ethan fühlt sich wohl in seiner Teenager-Manga-Haut. Zu wohl. „Sagt mal… meint ihr, es gibt eine Art Zeitbegrenzung? Also dass wir irgendwann gar nicht mehr nachhause finden, wenn wir zu lange hierbleiben?“
Die Frage scheint die anderen zuerst zu überraschen, aber dann nicken sie beide. „Wir haben nicht ewig Zeit“, befindet Barry.
„Dann sollten wir zusehen, dass wir Ally schnell finden“, ergänzt Irene.
Aber wo? Das ist die spannende Frage. An den Fingern zählt Ethan verschiedene Möglichkeiten auf, wo man das Mädchen vielleicht antreffen könnte. In der Mensa? Der Cafeteria? Im Pausenhof? Auf dem Sportplatz? In der Bibliothek?

Auf dem Pausenhof befinden sie sich ja gerade, und da ist auf den ersten Blick mal niemand zu entdecken, der wie eine Mangaversion von Ally aussieht, erklärt Barry, der die junge Studentin ja kennt. In Mensa und Cafeteria ist vermutlich nur in der Mittagspause wirklich etwas zu holen, also machen sie sich auf in Richtung Bibliothek.

Im Treppenhaus sieht Barry sich ein paarmal um. Ethan fällt ziemlich schnell auf, dass das jedes Mal passiert, wenn ein hübsches Mädchen vorbeiläuft. Zwei davon gehören zu denen, die mehr Präsenz haben als die Mehrzahl. Eine davon hat schwarzes Haar und lächelt Barry zu, was der dunkelhaarige Teenager charmant erwidert. Ein anderes Mädchen ist auch sehr hübsch und hat die volle Gegenwart der wichtigen Spielcharaktere, aber sie lächelt nicht. Im Gegenteil, sie macht ein grimmiges Gesicht und stapft mit schnellen, zornigen Schritten an der Gruppe vorbei. Ihre zu Zöpfen gebundenen rosafarbenen Haare wollen so gar nicht zu ihrer wütenden Aura passen.

Als die Dunkelhaarige um die Ecke verschwunden ist, nimmt Barry Ethan beiseite. „Hör mal“, sagt er leise, „wenn ich anfange, Mist zu machen, in bezug auf Mädchen, meine ich, dann tritt mich bitte, okay?“
Ethan nickt. „Treten, wenn du Mist machst. Krieg ich hin.“

Solange die beiden Teenager sich unterhalten haben, hat Irene bereits die Bibliothek betreten. Und ist in ihrer Eile in der Tür mit einer Schülerin zusammengestoßen, die gerade am Gehen war. Beide Mädchen stolpern, die Fremde fällt tatsächlich hin. Bücher fliegen. Das reinste Klischee.

Irene und der dazugekommene Barry helfen beide dem fremden Mädchen, seine Bücher aufzuheben. Oder besser, Irene hilft dem Mädchen beim Aufheben und Barry bietet dann Irene an, ihr die Bücher abzunehmen. Die beiden lächeln einander an, und die frostige Stimmung zwischen den beiden lockert sich einen Moment lang, als Irene leise lacht und ein wenig verlegen erklärt, jetzt hätte sie doch beinahe Giffanys Sprüchlein aus dem Spiel nachgeplappert.

Während Barry und Irene sich mit den Büchern abmühen, hat Ethan dem fremden Mädchen, das ebenso präsent wirkt wie die beiden anderen im Treppenhaus eben, die Hand hingehalten. Eigentlich will er sie wortlos hochziehen, aber plötzlich ploppen drei Optionen über ihr auf, stehen einfach da in der Luft geschrieben. Wie in einem Spiel eben.

  • „K… k… kann ich d… dir helfen?“
  • Ziehe sie in eine Umarmung
  • Stoße sie zu Boden

Das ist ja albern. Ethan denkt gar nicht daran, eine dieser drei Optionen auszuwählen, will das Mädchen einfach weiterhin kommentarlos auf die Füße ziehen, aber das geht nicht. Er ist wie gelähmt, und auch einfach abwenden und die ausgestreckte Hand wieder zurückziehen ist einfach nicht möglich. Er muss eine der drei verdammten Optionen wählen, ob er das nun will oder nicht. Elender Drecksmist. Nummer zwei und drei kommen überhaupt nicht in Frage, also murmelt er zähneknirschend; „K… k… kann ich d… dir helfen?“

Nun kann er endlich ihre Hand nehmen, merkt aber, wie er feuerrot dabei wird. Und auch die Fremde blinzelt ihn hinter ihren Brillengläsern hervor peinlich berührt an und stottert: „Oh, du hast mich bemerkt, Gale-san!“, was für Ethan nicht unbedingt zur Entspannung der Situation beiträgt.
Im selben Moment schlägt das Anime-Mädchen die Hand vor die Stirn. „Boah, dass man das nicht abschalten kann!“ Ooooookay. Die Figur ist sich also dessen sehr bewusst, dass sie sich in einem Spiel befindet. Und tatsächlich erkennt Barry in ihr die Studentin Ally, die sie suchen.

Bei näherem Betrachten erscheint plötzlich ein Schild an ihrer Seite. „Ari Denning. Bekommst du mich dazu, nicht mehr so nervös zu sein?“
Ethan sieht zu seinen Begleitern. Und ja, auch neben denen schweben Schilder, wenn er sich auf sie konzentriert.
„Kriegst du mich dazu, mich für dich zu entscheiden und nicht immer anderen hinterherzuschauen?“ steht bei Barry, und amüsiert liest Ethan den Text laut vor, bevor er sich davon abhalten kann. Dafür kassiert er ein Augenrollen und ein „Danke, Ethan“ von dem anderen Jungen, ehe der sich zu Irene wendet und entschuldigend erklärt, er sei als Teenager ein bisschen wild gewesen.

Irene grinst belustigt, tut dann aber sofort kund, sie wolle gar nicht wissen, was bei ihr steht. „Bist du der erste, der mein Herz bricht“, wäre das, was Barry auch mit einem versonnenen Lächeln quittiert, aber Ethan tut ihr den Gefallen und hält sich zurück. Niemand macht Anstalten, ihm seinen eigenen Spruch vorzulesen, und Ethan fragt nicht. Es kichert auch niemand oder gibt sonstige Anzeichen von Belustigung von sich, also kann er sich schon ungefähr denken, was da stehen muss. Verdammt.

Ari – Ally – erfasst schnell, dass die drei, denen sie da gerade begegnet ist, auch aus der wirklichen Welt stammen und dass sie Barry sogar kennt. Schnell erzählt sie, dass sie von einem Nutzer des True Believer-Forums kontaktiert worden sei, der sie über Giffany informiert und vor der KI gewarnt habe. Sie habe Giffanys Forenuser löschen wollen, das sei aber nicht möglich gewesen, also habe sie mit Giffany Kontakt aufgenommen. Angefangen, regelmäßig mit ihr zu reden. Erst habe sie gedacht, Giffany sei tatsächlich eine künstliche Intelligenz, aber sie habe relativ bald festgestellt, dass sie keine gewöhnliche KI sein könne. Zu anders sei der Code, die technische Basis. Ally erklärt die Unterschiede in großem Detail, aber Ethan versteht keinen Ton von der Computerfachterminologie. Er steigt erst wieder ein, als Ally mutmaßt, aufgrund der Codestruktur könne es sich bei Giffany um einen Kami handeln, eine japanische Shinto-Gottheit, die vielleicht auf irgendeine Art und Weise in ein Computerprogramm gepresst worden sei, um es zu beleben, zu speisen, realistischer zu machen.

Ethan hat nur eine sehr vage Vorstellung davon, was es mit diesen Shinto-Gottheiten auf sich hat, also fragt er nach. Kami könnten alles mögliche sein, erklärt Ally, von uralten Naturgeistern bis hin zu Gegenständen wie, ach, zum Beispiel eine Teekanne, wenn sie nur genug Bewunderung erfahren.
„Toll“, mault Irene. „Eben klang es ja noch ganz sexy, von einer Gottheit gestalkt zu werden. Aber wenn das auch eine Teekanne sein kann…“

Ally lässt sich von dem Einwurf nicht ablenken, sondern erzählt weiter. Dass sie im Laufe der letzten Wochen und Monate viel mit Giffany geredet habe. Anfangs sei die Kami ziemlich anstrengend gewesen, aber nachdem Ally sie erst einmal dazu gebracht habe, über sich selbst und ihre Existenz nachzudenken, sei das besser geworden. Ally habe Giffany mehrmals hier in der Spielwelt besucht und sei von Giffany jedesmal wieder sicher zurückgeschickt worden. Aber vor einigen Tagen, als sie zum letzten Mal herkam, sei Giffany verschwunden gewesen, und nun stecke Ally hier fest. Also habe sie angefangen, von hier aus, gewissermaßen von innen heraus, die Struktur des Programms zu analysieren und Wege zu suchen, um Giffany zu befreien. Sie habe festgestellt, dass sie dazu den Plot des Spiels lösen müsse, und das sei ihr an der einen oder anderen Stelle auch schon gelungen, aber sie werde auf Schritt und Tritt vom Schülerrat behindert.

„Schülerrat?“
Ja, erklärt Ally, das seien die Antagonisten des Spiels. Und auf sie, Ally, hätten sie es ganz besonders abgesehen.
Wie auf das Stichwort erwacht die Lautsprecheranlage zu knisterndem Leben, und es ertönt der höfliche Aufruf, die Schüler Jackson-san, Gale-san und Hooperwinslow-san sollen sich bitte beim Schülerrat melden. Woher zum Geier weiß dieser Schülerrat ihre Namen, fragt sich Ethan. Aber gleich darauf könnte er sich für die blöde Frage in den Hintern treten. Natürlich wissen die ihre Namen. Computerspiel. Aufploppende Schilder. Eigene Regeln, und so.

Na gut, es hilft ja alles nichts, dann müssen sie wohl zum Schülerrat. Können sie auch gleich mal schauen, was es mit diesen Antagonisten so auf sich hat.

Auf dem Weg über den Hof kommen sie am Basketballfeld vorbei. Übermütig greift Ethan sich einen Ball, dribbelt einmal quer über das Feld und fegt den Ball dann mit elegantem Schwung von der Dreierlinie aus in den Korb. Ha! Er kann es noch! Oder wieder. Oder wie auch immer. Egal. Das hat Spaß gemacht!

Als er mit fröhlichem Grinsen zu den anderen zurückkehrt, ist deren Stimmung wieder mal auf dem Nullpunkt. Barry hat einen etwas blasiert-herablassenden Ausdruck im Gesicht, und Irene steht mit rotem Kopf und geballten Fäusten vor ihm. Kann man die nicht mal eine Sekunde alleine lassen? „Was ist denn los?“, fragt er, aber keiner der beiden antwortet. Barry setzt eine verlegen-entschuldigende Miene auf, und Irene stapft wortlos davon. Oh Mann.

Der Schülerrat residiert in einem eigenen Gebäude in einem pompösen Barockzimmer. In einem Lehnsessel aus rotem Samt thront ein Mädchen, um sie herum stehen, lümmeln eher, fünf Kerle mit arroganter Selbstverständlichkeit herum. Bei allen erscheinen Schilder, wenn man sie näher ansieht. „Soundso Soundso, Football-Star, der Giffany einschüchtern will“, „Soundso Soundso, reicher Kerl, will Giffany mit Geld beeindrucken“, solche Dinge. Das Mädchen ist „Matsuoka, arrogante Zicke, eifersüchtig auf Giffany“.

Das Mädchen führt das Wort. Begrüßt die Neuankömmlinge kühl, aber höflich. Erklärt umgehend, dass den Mitgliedern des Schülerrates durchaus bewusst ist, dass es sich bei ihnen um Figuren in einem Spiel handelt. Ihre Aufgabe ist es zum einen, in der Spielhandlung als Gegner für Giffany aufzutreten. Und zum anderen stellen sie eine Sicherung dar. Sollen dafür sorgen, dass Giffany nicht aus dem Spiel entkommt.

Der Kami wurde von den Entwicklern des Spiels in das Programm eingebunden, weil die Macht des Geistes die gesamte Spielwelt antreibt, der Umgebung mehr Plastizität und den Figuren mehr Persönlichkeit verleiht.
Aber in letzter Zeit ist etwas schiefgegangen, sei der Geist immer schwerer zu kontrollieren geworden. Es sei ihm gelungen, in gewissen Grenzen draußen im Internet herumzustreifen, und er wolle ganz hinaus, auch mit Hilfe dieses Mädchens, das er ins Spiel geholt habe.

Das wäre aber so ziemlich das Schlimmste, was passieren könnte, erklärt Matsuoka. Eine alte Shinto-Gottheit, die dort draußen keinerlei Beschränkungen unterliegt? Die ein Teil des Internets ist und ganz genau weiß, wie dieses funktioniert? Menschen hätten den Kami in dieses Spiel, in die Giffany-Rolle, gezwungen. Was, wenn sie sich nach ihrer Befreiung an den Menschen, und zwar an allen Menschen, rächen wolle? Zum Beispiel durch die Sprengung von ein paar Kernkraftwerken oder die Zündung von ein paar hundert bis tausend Atombomben? Das sei kein sonderlich angenehmer Gedanke, oder?, setzt Matsuoka nach.

Wirklich kein sonderlich angenehmer Gedanke. Irene macht eine spitze Bemerkung darüber, dass Giffany wohl die Göttin der Schicksen sei, die keinen abbekämen, aber für Ethan klingt das mehr nach einem Versuch, die Atmosphäre etwas zu lockern.

„Was genau wollt ihr von uns?“, fragt Ethan. Seine Stimme klingt ziemlich harsch, aber er misstraut diesen Typen zutiefst.
Der Schülerrat habe die drei Echtweltler ins Spiel geholt, gibt Matsuoka daraufhin zu, nicht Giffany. Sie bräuchten Hilfe, da ihnen zwar ein Teil von Giffanys Fähigkeiten übertragen worden sei, aber längst nicht alle.
Der Schülerrat will, dass die Neuankömmlinge das Spiel beenden. Die Welt desintegrieren, dann werde Giffany mit ihr schwinden. „Aber das wäre doch auch euer Ende“, bemerkt Irene.
Ja, erwidert Matsuoka ruhig, aber dazu seien sie bereit. Sie seien darauf programmiert, das zu akzeptieren, und außerdem: Ein Leben, in dem sie sich ständig nur um Giffany drehten wie Satelliten um eine Sonne, sei nicht sonderlich lebenswert.

Das Spiel lasse sich jedenfalls beenden, indem die Handlungsstränge von drei Charakteren zu ihrem Ende geführt würden. Bei den drei Charakteren, deren Bilder Matsuoka den drei Echtweltlern zeigt, handelt es sich um niemand anderen als die beiden Mädchen, die ihnen vorhin im Treppenhaus schon aufgefallen sind, sowie um einen Jungen, den sie auch schon irgendwo auf dem Schulhof herumlaufen gesehen haben. Wie genau deren Handlungsstränge ‘zuende’ gebracht werden können, darüber schweigt die Vorsitzende des Schülerrats sich aus. Die Figuren dazu bringen, dass sie sich in einen verlieben, deutet sie an. Oder zumindest deren Probleme lösen. Na super. Spitzenmäßig.

Was passiere, wenn sie sich weigern mitzuspielen, will Ethan dann wissen. Dann müsste der Schülerrat eine andere Lösung finden, ist Matsuokas Antwort. Einfach abwarten, bis das Spiel sich von selbst desintegriere, zum Beispiel, denn der Auflösungsprozess habe bereits begonnen. Das sei aber nicht wünschenswert, weil die Zerstörung sich auf diese Weise vermutlich lange hinziehen werde und in dieser langen Zeit auch zu viel Unvorhergesehenes passieren könne.
Oder sie müssten jemand anderen aus der echten Welt hereinholen, der das Spiel für sie zu seinem Ende führe. Auch nicht sonderlich wünschenswert, weil sie dann erst einmal geeignete neue Kandidaten finden müssten.
Aber möglich wäre es, und zurückbringen könnten – und würden – sie die drei in die echte Welt dann auch. Na immerhin etwas.

Hier hakt Barry ein. Der wirkt ähnlich misstrauisch dem Schülerrat gegenüber wie Ethan, aber anders als Ethan spricht der Ältere seine Zweifel ganz offen an. Dass der Schülerrat nicht einfach nur fordern und auffordern könne. Dass noch überhaupt nicht klar sei, wo sie stünden. Dass gegenseitiges Vertrauen ja wohl auf genseitigem Geben und Nehmen basiere, und dass sie mindestens mal mit der Information herausrücken müssten, wo Giffany jetzt eigentlich überhaupt sei.

Ethan weiß nicht so recht, womit er als Reaktion gerechnet hat. Damit, dass Matsuoka arrogant den Kopf zurückwirft und auflacht, vielleicht. Oder damit, dass sie wütend wird und die drei Außenseiter hochkant ihres Schülerratszimmers verweist. Oder vielleicht sogar damit, dass sie alle drei gleich ganz aus der Spielwelt wirft und die Gefährten gleich in Irenes Hotelzimmer wieder aufwachen. Oder gar nicht mehr aufwachen, weil der Zorn des Programms sie irgendwie umbringt.

Womit er nicht gerechnet hat, ist Matsuokas tatsächliche Reaktion. Denn trotz seines Misstrauens und seines Zweifels hat Barry dennoch schief gelächelt und nicht forsch gesprochen, sondern beinahe entschuldigend, um Verständnis bittend, und er hat dabei eine ganze Tonne seines nicht unbeträchtlichen Charmes auf Matsuoka losgelassen.
Und tatsächlich erwidert diese Barrys Lächeln und erklärt, sie hätten nicht zulassen können, dass Giffany weiterhin irgendwelchen Unsinn anstellt, wie zum Beispiel dieses fremde Mädchen in die Spielwelt zu holen. Deswegen hätten sie Giffany in einem gesicherten Raum unterhalb des Schülerratszimmers festgesetzt, und da sei sie nun.

Barry nickt dem Mädchen dankend zu und erklärt, sie müssten erst einmal darüber nachdenken, was sie nun genau weiter machen wollen. Was dann auch genau das ist, was die drei Echtweltler tun, als sie wieder draußen auf dem Hof stehen.

Sollen sie das Spiel, das der Schülerrat von ihnen fordert, wirklich mitspielen, ist die wichtigste Frage. Sollen sie Giffany wirklich vernichten? Irene plädiert vehement dafür, Giffany auszuschalten. Barry hingegen äußert sich etwas zwiegespalten. Einerseits erklärt er, dass ihm der Gedanke, Giffany frei im Internet zu wissen, so überhaupt gar nicht gefällt, aber andererseits handelt es sich bei ihr um einen gefangenen Geist.

Ethan selbst ist in Sachen Giffany relativ neutral eingestellt, weil er die Kami ja selbst nicht kennt und sich da auf das Urteil der beiden anderen verlassen muss. Aber dem Schüllerrat traut er kein Stück über den Weg.
Und wäre es nicht möglich, deutet er an, dass sie nicht eventuell dem Schülerrat selbst die Tür in die Freiheit öffnen, wenn sie hier die Spielwelt vernichten? Dann wäre Giffany vielleicht ausgeschaltet, aber stattdessen toben dann vielleicht sechs andere Gestalten frei im Netz herum?
Diese Zweifel teilen sowohl Barry als auch Irene sofort, auch wenn die Britin eigentlich immer noch der Meinung ist, Giffany müsse weg.

Die Diskussion geht eine ganze Weile ergebnislos hin und her. Aber vielleicht hat ja Ally eine Idee. Immerhin ist sie schon ein paar Tage länger hier und hat mehr Kontakt zu und Erfahrung mit dem Schülerrat.
Aber natürlich reden sie auch auf dem Weg zurück in die Bibliothek weiter, das bleibt ja nicht aus.
Ob sie Giffany jetzt befreien sollen oder nicht und was nun genau in bezug auf diese drei Spielfiguren von ihnen erwartet wird.

Ethan seufzt schwer. „Das wird schon nicht so schlimm“, sagt Barry aufmunternd.
Nur ist Ethan gerade nicht so recht nach aufgemuntert werden. „Müssen wir die jetzt tatsächlich verführen?“
Barry zuckt mit einer Schulter, lächelt schief. Nickt.
„Drecksmist“, entfährt es Ethan, woraufhin Barrys schiefes Lächeln breiter wird und er ihm mit einem „viel Glück“ auf die Schulter klopft. Gah. Der Ältere meint es ja gut, aber: Drecksmist.
„Wenn es denn sein muss“, brummt Ethan missmutig. „Wir wollen ja keine drei Tage hier drin bleiben.“
Denn in drei Tagen läuft die Frist aus seiner Mail ab. Und er würde Sam wirklich, wirklich, wirklich gerne vorher Entwarnung geben können, damit sie niemanden losschicken muss.

Also gut. Dann können sie auch gleich überlegen, wie sie sich aufteilen sollen. Dass Irene den Jungen – Ichinose Tokiya heiße er, hat der Schülerrat gesagt – übernimmt, ist klar. Und Barry meldet sofort Ansprüche auf die dunkelhaarige Amagi Yukiko an. Die scheint ihm – oder vermutlich eher seinem Teenager-Ich – zu gefallen, immerhin hat er der vorhin ja schon mal zugelächelt. Bleibt also Arisa Uotani, die Rebellin mit den rosa Zöpfen, für Ethan. Er schnaubt leise, beinahe amüsiert.
„Oder sollen wir es andersrum machen?“, fragt Barry rücksichtsvoll, aber Ethan schüttelt den Kopf. „Passt schon.“

Im Computerraum sitzt Ally über eine gezeichnete Tastatur gebeugt und sieht nervös auf, als die drei Außenweltler hereinkommen und sie ansprechen, freut sich aber riesig darüber, dass der Schülerrat ihnen offensichtlich nichts angetan hat.
Barry fasst in knappen Worten zusammen, weswegen man sie gerufen hat, und erzählt der Studentin auch, dass sie jetzt vor der Entscheidung stünden, ob sie Giffany freilassen oder vernichten sollen.
Ally vertritt leidenschaftlich die Position, dass man die Kami nicht töten dürfe, und schon gar nicht aus dem Grund, dass sie gefährlich sei. Menschen könnten immerhin auch gefährlich sein, ohne dass man sie einfach so umbringe, und überdies sei Giffany ja wie ein Kind, dass auch erst einmal lernen müsse, niemandem wehzutun.

Am besten wäre es vermutlich, sie sprechen einfach mal mit Giffany, befindet Barry. Was vielleicht nicht so einfach wird, wirft Ethan ein, wenn die in diesem Kellerkerker unter dem Schülerratsraum festsitzt. Aber versuchen sollten sie es schon, ja.
Ally habe, seit sie hier ist, ja auch schon versucht, Giffany zu befreien, bemerkt Irene. Wie habe sie das denn genau gemacht, erkundigt sich die Britin, denn Allys vergebliche Versuche müssten sie ja nicht unbedingt wiederholen. Über den Code habe sie das gemacht, erwidert Ally etwas zögerlich. Nicht über das Spiel, denn… sie sei halt gut mit Code, aber mit Leuten nicht so.

Was sie denn mit dem Code gemacht habe, will Ethan wissen. Das hätte er wohl besser mal anders formuliert, denn nun verfällt Ally in einen Sermon aus Fachbegriffen, von denen er wieder mal nur ein Viertel versteht. Ach was. Ein Achtel. Wenn überhaupt. Nein, was sie damit erreichen wolle, unterbricht er sie schließlich, erntet aber nur einen verständnislosen Blick und eine vage Antwort. Na warum sie das tue, was sie da mit dem Code tue, hakt Ethan nach, der sich selbst darüber wundert, warum sein Teenager-Ich das so unbedingt und dringend wissen will. Nicht was sie genau programmiere und wie genau sie am Code herumdrösele, sondern was eigentlich dabei ihr Ziel sei!

Oh oh. Da war sein Teenager-Ich nicht nur zu neugierig, sondern auch zu forsch. Ally wird immer kleinlauter und stottert nur noch herum. Ehe Ethan sich aber entschuldigen kann, drängt Barry sich zwischen ihn und das Mädchen. „Das ist doch in Ordnung. Du machst das mit dem Code, das können wir eh nicht, und wir reden indessen mit Giffany.“

Barry bittet die Studentin dann noch, sie möge bescheid geben, falls die Gruppe irgendwas tue, was Allys bisherige Arbeit zunichte machte sprich Giffanys Gefängnis wieder verstärke.
Und dann stehen sie draußen auf dem Hof und überlegen, wie sie tun können, um Zugang zu diesem blöden Gefängnis zu bekommen.
Irene will in der Bibliothek nach Grundrisszeichnungen und Plänen schauen und Barry sagt, er wolle mal sehen, ob er den Hausmeister finden kann, während Ethan sich am Gebäude des Schülerrats selbst nach Fenstern und Gängen und dergleichen umsehen geht.

Weder er noch die Trophäensammlerin sind erfolgreich, aber Barry hat im Gespräch mit dem Hausmeister offenbar wieder seinen Teenagercharme angeworfen, denn er kommt mit der Information zurück, dass der Alte ihm tatsächlich eine Karte vom Gebäude gezeigt habe. Und der einzige Zugang, den es zu dem Kerker gibt, befindet sich dummerweise – natürlich! – im Schülerratsraum selbst.

Und natürlich halten Matsuoka und ihre Lakaien noch Hof in ihrem Thronsaal. Also warten, bis sie herauskommen. Und zwar ohne bemerkt zu werden.

Ethan treibt sich einfach so unauffällig er kann mit Sicht auf die Tür in der Eingangshalle herum. Seine Gefährten gehen raffinierter vor. Beide statten der Bibliothek einen kurzen Besuch ab, woraufhin Irene sich mit ihrem Buch auf die Treppe setzt und so tut, als sei sie darin vertieft, während Barry sich zum selben Zweck eine Fensterbank sucht.
Lange hält er das allerdings nicht aus, ehe er sein Buch zuklappt und zu Irene hinüberwandert. Die beiden beginnen ein Gespräch, von dem Ethan nichts mitbekommt, das aber aus der Ferne zuerst interessiert und lebhaft aussieht – und dann prompt in eine Diskussion umschlägt. Kein Wunder, dass die Mitglieder des Schülerrats direkt auf sie aufmerksam werden, als die sechs ihr Ratszimmer verlassen.

Da sie nun ohnehin bemerkt worden sind, geht Ethan zum Rest der Gruppe hinüber. Barry gibt gerade freimütig zu, dass sie gewartet haben, weil sie zu Giffany wollten. Er hat schon wieder seine Charme-Offensive aufgefahren – der Junge hat das echt drauf! – und Matsuoka nimmt ihm tatsächlich ab, dass Irene Giffany dringend noch einmal sehen muss, weil sie einen letzten Wunsch an sie hat. Tatsächlich errötet sie ein wenig, als Barry sie strahlend anlächelt, und genehmigt ihnen fünf Minuten mit der Kami.

Die Tür zu Giffanys Gefängnis befindet sich – Klischee pur – hinter einem Bücherschrank im Ratszimmer, von wo aus eine Steintreppe in ein kalt-zugiges, finsteres, von einigen Fackeln nur spärlich erhelltes Klischeeverlies führt. Aufgebrochen wird das Klischee in der Mitte des Raumes durch einen leuchtenden Kreis aus nach Science Fiction anmutenden Zeichen. Oder vielleicht auch nicht aufgebrochen. Denn diese Welt hier folgt ja immer noch Animemotiven, und Ethan kennt zwar nur ein paar wenige Animes, aber doch genug, dass sich diese Mischung aus Fantasy- und Technoelementen für ihn nicht ungewöhnlich anfühlt.
So oder so hockt in diesem Kreis bedrückt, nein, elend, ein rosahaariges Mangamädchen, das deutlich jünger aussieht als die anderen Schüler an dieser programmierten Schule, und ihre Schuluniform mit dem kurzen Röckchen und dem tiefen Ausschnitt lässt sie noch jünger und trostloser wirken. Ethan ballt unwillkürlich die Fäuste. Das muss Giffany sein, und trotz allem, was er von ihr gehört hat, und was für ein Unheil sie auch angerichtet haben mag, die kleine Gestalt tut ihm leid.

Giffany springt auf, als sie Irene sieht, und rennt mit einem freudigen Aufschrei an die Barriere, die sie in dem Kreis hält. „Irene! Ich wusste, dass du kommen würdest!“ Sie hat tatsächlich gezeichnete Tränen in den gezeichneten Augen. „Du bist meine beste Freundin!“
Aber sie habe doch auch Ally, entgegnet Irene. Die Britin scheint sich bei dieser Zurschaustellung von Zuneigung seitens der Kami etwas unwohl zu fühlen. Ja klar, antwortet Giffany, Ally sei ja auch nett und alles, und sie sei ja auch eine Freundin, aber sie sei eben nicht Irene.

Als wolle sie von diesem für sie etwas peinlichen Thema ablenken, fragt Irene, wieviel Macht der Shinto-Geist hier über die Echtweltler habe. Das ist aber eine Frage, mit der Giffany nicht so recht etwas anfangen kann. Es liegt nicht an ihr, dass die drei hier aussehen wie Mangafiguren und nicht wie gewöhnlich. Es liegt nicht an ihr, dass sie wieder Persönlichkeitszüge ihrer jüngeren Ichs angenommen haben. Sie weiß nur, dass diese Welt hier tatsächlich zum Teil aus ihr gemacht ist.

Aber jetzt ist Irene ja da, und Irene wird Giffany freilassen, und wenn sie erst einmal in Freiheit ist, will sie ganz viele Freunde machen.
Bei der Formulierung stellen sich ihren Besuchern sofort die Nackenhaare auf. „Freunde ‘machen’? Wie willst du dir denn Freunde ‘machen’? Sie zwingen etwa?“
Giffany reagiert empört. Nein, den Unterschied zwischen kennenlernen und herstellen kennt sie natürlich. Und dass man Leute nicht zwingen darf, das hat Ally ihr auch erklärt, auch wenn Giffany das nur vage verstanden zu haben scheint. „Wenn man jemanden liebt, muss man ihn loslassen." Dass sie nicht anfängt zu singen, ist noch gleich alles. Aber gut, Giffany ist eine Shinto-Gottheit, woher soll sie Popmusik aus den 80er Jahren kennen. Aber das war jedenfalls der Grund, warum sie aufgehört hat, Irene auf Schritt und Tritt zu verfolgen, sagt sie.

Barry und Irene haben noch etliche andere Fragen, die sich alle darum drehen, was passieren wird, sollten sie Giffany tatsächlich freilassen. Aber auch die meisten davon kann die Kami nicht beantworten. Sie weiß nicht, welche Gestalt sie in der echten Welt annehmen wird, ob sie dann ein Mensch oder ein anderes körperliches Wesen ist – oder ob sie vielleicht nur als Geist oder als virtuelles Wesen existieren wird. Sie kann auch nicht sagen, wie sie reagieren würde, sobald sie wütend wird. Wie Menschen denn darauf reagieren, fragt sie zurück. „Ganz unterschiedlich“, sagt Barry. „Na was macht ihr?“, will Giffany wissen. „Irgendwas treten“, platzt Ethans Teenager-Ich heraus. „Aber nichts, was irgendwem gehört“, ergänzt er schnell. Ethans erwachsenes Selbst greift sich im Geist an die Stirn, versucht zu retten, was zu retten ist. „Oder Sport zum Abreagieren.“ „Oder fluchen“, schlägt Irene vor. „Das mach ich immer.“
Barry verdreht die Augen bei diesen kindischen Reaktionen und rät Giffany, es lieber mit Nachdenken zu versuchen. Gewalt sei keine Lösung.

Ziemlich unvermittelt fragt Irene, ob Giffany eine Erinnerung löschen könne. Auch das weiß das Mangamädchen nicht, aber sie ist bereit, es zu versuchen.
Ethan wirft seiner Begleiterin einen entsetzten Seitenblick zu. „Schlechte Idee“, brummt er, aber Barry schüttelt den Kopf in seine Richtung. „Lass sie“, wirft er ein.
Ethan verzieht das Gesicht, wirft die Hände in die Luft. „Ist trotzdem eine schlechte Idee“, murmelt er tonlos. Aber er lässt sie.
Irene geht allerdings nicht sofort auf Giffanys Angebot an, sondern sieht zu Barry. Zögerlich, zweifelnd. Oh. Die Erinnerung an ihre Affäre? Oder was auch immer es ist, was da zwischen ihnen steht?
Trotz seiner vorigen Worte schüttelt nach kurzem Zögern – er weiß offensichtlich, um was es geht, und er denkt ernsthaft darüber nach – nun auch Barry den Kopf. Und Irene nickt ihm zu, bittet Giffany nicht darum, in ihrem Kopf herumzupfuschen.
„Gut“, macht Ethan mit Nachdruck, was ihm einen erstaunten Blick von Barry einbringt. Aber keiner der beiden Jungen geht näher darauf ein.

Die fünf Minuten sind um. Matsuoka, die die ganze Zeit über an der Tür gestanden und aufgepasst hat, dass die Besucher keinen Unsinn anstellen, gibt ihnen noch mit auf den Weg, dass niemand wissen könne, wie Giffany sich verhalten werde, sobald sie den Beschränkungen des Programms nicht länger unterliege. Vielleicht wolle sie sich ja für ihre Gefangennahme und all die Zeit, die sie hier drin verbracht habe, rächen?

Ja, das hat die Vorsitzende des Schülerrats schon mal erwähnt. Aber das ändert immer noch nichts an der Tatsache, dass die drei Echtweltler, als sie wieder draußen auf dem Hof stehen, genauso wenig Ahnung haben wie vorher, wie sie jetzt weiter vorgehen sollen. Giffany vernichten oder freilassen? Freilassen oder vernichten? „Wir können sie nicht einfach so ausschalten“, erklärt Irene, deren anfängliche Meinung sich inzwischen gründlich gewandelt zu haben scheint, „sie ist immer noch ein Kind.“ Sie käme sich dabei vor wie jemand, der eine Dreizehnjährige verbrennen wolle, nur weil sie relativ viel Macht habe. Irene spricht von Bianca, weiß Ethan, und er ist mit ihr völlig einer Meinung. Bianca brauchte ihren Schutz, und Ethan hätte nicht anderes handeln können, als er das im Diner und danach getan hat. Auch Giffany ist ein Kind und bräuchte draußen jemanden, der sich ihrer annimmt. Wie Bianca. Wie Artie. Aber Barry kann verdammt nochmal nicht noch ein Pflegekind aufnehmen!

Andererseits ist Giffany aber eben immer noch mehr als nur ein Kind. Bei allem Mitleid ist Ethan bei dem Gedanken an die Fähigkeiten der Kami mehr als mulmig zumute.
Es hilft alles nichts. Er dreht sich im Kreis, und er wird aus diesem Kreis nicht rauskommen, wenn er nicht irgendwas dagegen tut.
„Ich muss mal den Kopf freibekommen“, sagt er zu den anderen und verzieht sich, ohne groß eine Antwort abzuwarten.

Schuluniform oder nicht, Ethan geht einige Runden auf der Aschenbahn drehen. Und ist hinterher extrem dankbar dafür, sich in einer Animewelt zu befinden, denn seine Kleider sind völlig geruchlos geblieben. Und eine Idee ist ihm beim Laufen auch gekommen. „Vielleicht kann man das Spiel für beide Möglichkeiten lösen, nicht nur für eine?“, begrüßt er Irene er ansatzlos, als er sie im Hof wieder trifft. „Das haben wir uns auch schon gedacht“, erwidert die Britin. Deswegen ist Barry auch nirgendwo zu sehen: Der ist schon mal los, um Kontakt mit Amagi aufzunehmen.

Die beiden anderen machen sich ebenfalls auf, um zu sehen, ob sie ihre eigenen Ziele nicht irgendwo auftreiben können. Und tatsächlich finden sie Ichinose Tokiya auf dem Pausenhof. Genauer gesagt ist der hochgewachsene Teenager kaum zu übersehen, denn der wird von einer ganzen Traube aus Schülerinnen dabei beobachtet, wie er gerade mit ausgesuchter Höflichkeit die Avancen eines Mädchens abschmettert. Die Kleine versucht, sich gefasst zu geben, aber sie ist sichtlich enttäuscht, als sie sich abwendet und in die tuschelnde und kichernde Mädchentraube zurückkehrt.

An dem Jungen klappt ebenfalls eines dieser Schilder auf, als Ethan ihn genauer betrachtet. Ichinose Tokiya, im letzten Schuljahr, gute Noten, gut in Sport, bei allen beliebt, Erbe der Familie Ichinose, ist noch nie mit einem Mädchen ausgegangen. Aha. Blendend aus sieht er natürlich auch, und seine Schuluniform sitzt tadellos.

Irene atmet tief durch und geht dann zu Ichinose hin. Baut sich vor ihm auf und stemmt die Hände in die Seiten. Sie spricht laut genug, und die beiden sind nah genug, dass Ethan der Konfrontation folgen kann. Ob Ichinose wisse, wie gemein das eben gewesen sei? Und überhaupt, warum er nicht mit Mädchen ausgehe? Ob er etwa Angst habe?
Nein, erwidert Ichinose, er wolle einfach nicht, und das sei ja wohl seine Entscheidung.
„Bist du etwa auch verflucht?“, will Irene wissen. Ethan verdreht die Augen. Die weiß ganz genau, dass Ethan sie hören kann. Er murmelt „Danke, Irene“, aber leise genug, dass das wiederum nicht bei den beiden ankommt.
Ichinose antwortet ernsthaft, nein, er sei nicht verflucht, aber er wolle einfach keinem Mädchen falsche Hoffnungen machen. Denn selbst wenn er jetzt mit jemandem ausginge, könnte er doch nicht mit ihr zusammen sein. Er müsse heiraten, wen seine Eltern für ihn bestimmten.
„Aber das musst du doch nicht!“, protestiert Irene.
„Doch“, sagt Ichinose ernst. „Meine Brüder müssen das ebenfalls. Meine Schwester hat aus Liebe geheiratet, und sie könnte genausogut tot sein.“ Der Junge mustert Irene. „Aber du kennst das wohl nicht, wenn du aus einer normalen Familie kommst.“
Aber da ist er bei dem britischen Mädchen an der falschen Adresse. „Normale Familie?! Ha! Du sprichst mit einer Hooper-Winslow! Und ich entscheide auch für mich selbst!“
Irene redet weiter auf Ichinose ein, es sei doch nicht verkehrt, einfach mal ein bisschen Spaß zu haben, aber darauf will der Teenager sich nicht einlassen. Er wolle nicht einfach nur „üben“, das sei unmoralisch. „Spricht für ihn“, murmelt Ethan, ehe er sich abwendet und Irene ihrem Gespräch mit Ichinose überlässt. Im Gehen hört er noch, wie sie gerade zu dem Jungen sagt, es möge ja seine Entscheidung sein, aber er sehe nicht sonderlich glücklich dabei aus.

Seine eigene Zielperson findet Ethan am Getränkeautomaten vor der Mensa. Arisa Uotani ist entweder tiefbraun geschminkt oder hat viel Zeit unter der Sonnenbank verbracht. So oder so sieht sie mit dem silbernen Lidschatten schon irgendwie merkwürdig aus, und die rosafarbenen Haare wollen auch nicht recht passen. Das Schild, das an Arisas Seite aufklappt, als Ethan sie ansieht, sagt ihm nichts, das er nicht schon vermutet hätte. Dass sie eine Außenseiterin sei nämlich und eine berüchtigte Schlägerin dazu.

Naja. Wenn sie das mit ihm versuchen sollte, wird Ethan sich schon zu wehren wissen. Aber irgendwie glaubt er das nicht. Also tritt er zu ihr und spricht sie einfach an. Dass er neu sei, und ob sie ihm die Schule zeigen könnte.
Arisa sieht ihn zuerst ungläubig-aggressiv an und fragt, ob er sie verarschen wolle. Nein, erwidert Ethan ernsthaft, das wolle er nicht. Er wolle wirklich, dass sie ihm die Schule zeige, falls ihr das nichts ausmache. Aber es werde seinem Ruf gar nicht gut tun, wenn er mit ihr herumhänge, warnt Arisa. Sie sei nämlich berüchtigt dafür, dass sie ihre Mitschüler verprügele, und Ethan solle sich lieber jemand anderen suchen, der ihn herumführt. Die anderen Mädchen würden das sicher mit Kusshand tun.
Ethan verzieht das Gesicht. „Die anderen Mädchen kichern nur albern rum.“
Bei der Bemerkung sieht Arisa ihn anklagend an. „Achso? Du kommst nur zu mir, weil du zu feige bist, eine von den anderen anzusprechen?“
Wieder schüttelt Ethan den Kopf. „Ich mag nur kein albernes, sinnloses Rumgekicher.“

Es braucht noch etwas Überzeugung, aber schließlich führt Arisa ihn herum. Das macht sie mit angespannter Körperhaltung und knapp hingeworfenen Erklärungen: „Die Sporthalle.“ „Die Cafeteria.“ „Der Typ da drüben ist ein Arschloch.“
Warum der Junge ein Arschloch sei, will Ethan wissen und erfährt, dass der Schüler irgendwann mal eine Schildkröte auf den Rücken gedreht hat, einfach so, und sich dann an den Qualen des Tiers geweidet hat.

Während sie weiter durch die Schule gehen, scheint Arisa tatsächlich etwas aufzutauen. Irgendwann sieht sie ihren Begleiter von der Seite an. „Jetzt sag du doch auch mal was. Du redest ja gar nichts!“
Ethan schnaubt trocken. „Hast du eine Ahnung. Ich rede wie ein Wasserfall im Vergleich zu sonst.“
Aber er tut ihr den Gefallen und fängt an, ein bisschen zu erzählen. Dass es eigentlich gar nichts Besonderes über ihn zu sagen gebe. Dass er nicht besonders gut oder besonders schlecht in der Schule sei. Aber dass er Basketball spiele. Darin sei er einigermaßen gut.
Das wiederum gefällt Arisa gar nicht. Die mag keine Typen aus dem Sportclub, die seien so arrogant.
Ethan zuckt mit den Schultern. „Du solltest vielleicht nicht von einem auf alle schließen.“

Irgendwie kommt das Gespräch dann auf Familie und Eltern. Das ist Ethan ziemlich unangenehm, aber er erzählt, dass er seine Eltern schon eine ganze Weile nicht gesehen hat. Und bestätigt auf Arisas Frage hin, dass er alleine hier wohne. Das Mädchen wirkt nicht überrascht. Ob seine Eltern weggezogen seien und ihn alleingelassen hätten, will sie wissen. Aber eigentlich klingt es mehr wie eine Aussage und ein Vorwurf denn wie eine Frage und so, als sei es genau das, was das Mädchen erwartet hat. Das allerdings kann Ethan auf seiner Familie nicht sitzen lassen. Das sticht zu sehr. „Eher andersrum“, gibt er widerwillig zu. „Ich kann meinen Eltern keinen Vorwurf machen. Das waren, naja. Die Umstände.“
Arisa schnaubt bitter. „Ich meinen schon. Die sind scheiße. Die glauben immer allen anderen. Nur mir nicht.“
Dann sind sie am Ende ihres Rundgangs angekommen, und das rosahaarige Mädchen geht sofort wieder auf Abstand. „Halt dich fern von mir. Tut dir nicht gut, wenn du zu viel mit mir rumhängst. Gerade als Neuer. Sonst bist du ebenso ein Außenseiter wie ich.“
Ethan zuckt die Achseln. „Kann ich mit leben. Ich lasse mir doch von keinem aufzwingen, mit wem ich rumhänge und mit wem nicht.“
Arisa wirft den Kopf in den Nacken. „Ist deine Beerdigung.“ Und geht.

Ein nachdenklicher Ethan findet seine beiden Gefährten am See und in einer ähnlich grüblerischen Stimmung. Barry ist, Charme hin oder her, bei Amagi anscheinend nicht sonderlich weit gekommen – das Mädchen scheint sich ziemlich in sich selbst zurückgezogen zu haben und hätte sich vor allem mit ihm darüber unterhalten, wie das sei, Gefühle zu haben. Und auch Irene ist nach Ethans Weggang bei Ichinose nicht sonderlich viel weiter gekommen. Sie habe das Gefühl, Ichinose sei Giffanys Gewissen, das sie anscheinend ziemlich gut kenne, weil er nämlich Salz in all ihre Wunden gestreut habe. So hat Ichinose wohl als Antwort auf Irenes Argument, dass er ja morgen bereits sterben könne, und dann habe er nichts erlebt, geantwortet, er könne sich doch nicht unvernünftig verhalten, nur weil jeder Tag der letzte sein könne. Was Irene ja auch irgendwie eingesehen habe. Und irgendwann sei sie dann eben gegangen, als sie an ihn nicht rankam. Gegangen, sagt Irene. Geflüchtet, vermutet Ethan, aber er muss nicht auch noch Salz in die Wunde streuen.
Als er hingegen von seiner Begegnung mit Arisa berichtet, wundert Ethan sich selbst darüber, dass er vage optimistisch klingt. Aber tatsächlich hat er das Gefühl, die rosahaarige Rebellin ist trotz aller Kratzbürstigkeit etwas aufgeschlossener als die anderen beiden.

Kennengelernt haben sie ihre Zielpersonen also jetzt. Die Frage ist nur immer noch, was nun? Bei Arisa hat Ethan ja den Eindruck, als könne er mit etwas Geduld schon etwas erreichen, aber die anderen beiden klingen doch sehr verstockt. Andererseits…
„Es ist immer noch ein Spiel“, sinniert er. „Und Spiele sind nicht auf unausweichliche Fehlschläge programmiert sondern darauf, dass man das Spielziel erreicht. Also muss doch eigentlich auch irgendwie vom Spiel her ein Weg existieren, um an die drei heranzukommen – selbst wenn es vermutlich nicht zu einfach sein soll, damit das Spiel nicht langweilig und zu schnell durchgespielt ist – oder?“
Naja, hält Barry dagegen, eigentlich dreht sich das programmierte Spielziel von außen ja einzig und allein darum, Giffany zu umwerben. Andere Schüler sind von außen nur Staffage und ihre drei Zielpersonen nur von innen heraus überhaupt anspielbar. Nur hier im Spiel haben sie diese klar definierten Motivationen, und wenn da nichts direkt auf Lösbarkeit programmiert ist, ist das mit dem “muss doch irgendwie gehen, weil ist ja ein Spiel” gar nicht so sicher.

Also was tun, verdammt? Irene ist weiterhin davon überzeugt, dass sie Ichinose nicht rumkriegen wird. „Der will einfach niemandem wehtun“, erklärt sie frustriert.
„Der will sich selbst nicht wehtun“, rutscht es Ethan heraus: eine plötzliche Einsicht, die sich daraus speist, wie es ihm selbst in dieser Situation ginge – eigentlich ja tatsächlich irgendwie geht, wenn man es genau nimmt –, die ihm aber verdrehte Augen von dem britischen Mädchen einbringt. „Rede du doch mit ihm, wenn du ihn so gut verstehst, du großer Psychologe!“

Ethan schnaubt, aber tatsächlich wäre es vielleicht eine Überlegung, mal die Ziele zu tauschen. Zu sehen, wie die anderen mit den Schwierigkeiten der übrigen Kandidaten zurechtkommen.
Ehe sie aber dazu kommen, diesen Gedanken näher zu verfolgen, starrt Barry nachdenklich in die Ferne. „Irgendwie würde ich ja fast gerne hier bleiben. Also ein Teil von mir.“
Irene fährt zu ihm herum. „Bist du irre?“
Ethan blinzelt. Hierbleiben. Hier ein unbeschwertes Teenager-Dasein führen. Ja, es ist eine Spielwelt. Aber es ist auch eine Welt, in der es noch keinen Harrdhu gab. In der er Carla noch nicht verloren hat. In der Worte noch nicht Tonnen wiegen und ihr Gewicht in reinem Gold kosten. Der Gedanke ist verlockend. Viel zu verlockend. „Schlechte Idee“, brummt er.
Währenddessen lenkt Irene ein, dass sie Barrys Wunsch ja sogar irgendwie nachvollziehen könne, aber sie wolle einfach nur hier raus. Und das wiederum versteht auch Barry.

Die Diskussion, was nun zu tun sei, geht noch eine Weile ergebnislos hin und her, bis irgendwer – oder alle gemeinsam – auf die Idee kommen, man könnte doch einfach mal alle drei an einen Tisch holen. Gewissermaßen ein Triple Date veranstalten.
Schaden kann es nichts, also setzt sich Ethan beim Mittagessen kurzerhand zu Arisa Uotani an deren leeren Tisch. Die starrt ihn finster an und warnt ihn wieder wegen seines Rufs bei den Mitschülern, aber er nickt nur Richtung Barry, der sich eben mit Amagi dazusetzt. „Siehst du? Gibt auch noch andere, denen das egal ist.“
Zuletzt kommt Irene mit ihrem Zielobjekt heran. Im Näherkommen kann Ethan hören, wie Ichinose sich höflich bei Irene entschuldigt, dass er ihr zu nahe getreten sei, aber die winkt ab. Er habe nicht wissen können, dass er bei ihr einen wunden Punkt treffe, und dass er sie zum Nachdenken über sich selbst gebracht habe, täte ihr auch mal ganz gut. Dann stehen sie am Tisch. „Hier, du musst Ethan kennenlernen, der tickt wie du.“
Ethan schnaubt, aber Irene funkelt ihn belustigt an. „Was denn? Ist doch so!“ Daraufhin schnaubt Ethan erneut, selbst halbwegs amüsiert. „Stimmt schon.“

Erst sitzen sie eine Weile schweigend am Tisch, bis Ethan Arisa fragt, warum sie eigentlich diesen Ruf als Schlägerin habe. Zögernd erwidert die rosahaarige Figur, im ersten Schuljahr habe sie zwei ältere Schüler gesehen, die einen Kleineren verprügelt hätten. Sie sei dazwischengegangen, habe die beiden Großen sogar vertrieben, aber seitdem hänge ihr eben dieser Ruf an, weil niemand ihr glaube. Nicht mal ihre Eltern. Vor allem nicht ihre Eltern. „Ich glaube dir“, wirft Ethan ein. „Na und?“ spuckt Arisa, „Du bist einer. Toll.“ Aber Irene und Barry glauben ihr auch, Ichinose ebenso, und Amagi erinnert sich sogar daran, dass sie den Zwischenfalls damals selbst aus der Ferne gesehen hat. Und sie glaubt ihrer Mitschülerin nicht nur, sondern sie ist auch dazu bereit, vor anderen zu bezeugen, was sie gesehen hat.

Überhaupt stellt sich immer mehr heraus, dass die beste Lösung für alle drei vermutlich einfach ist, sich miteinander anzufreunden. So können die anderen beiden Arisa im Zaum halten, wenn der mal wieder ihr Temperament durchzugehen droht. Amagi kann von ihren Freunden etwas über Gefühle lernen. Und Ichinose hat zwei Freundinnen, die ihn einfach nur mögen und ihn mit ihrer jeweiligen Art gut von den ganzen Verehrerinnen abschirmen können.

Zumindest war das der Plan. Aber kaum haben die drei Schüler einander angelächelt und zustimmend genickt, gibt es einen beinahe hörbaren Klick, oder jedenfalls passiert etwas, und die drei Animefiguren zerfasern in einzelne Pixel. Als der Zerfall beginnt, seufzt Amagi, das hätte sie sich ja denken können. Arisa springt wütend auf, ballt das, was von ihren Fäusten noch übrig ist, und ruft „was soll der Scheiß?“, während Ichinose einfach nur traurig lächelt. Und dann sind sie fort.

Mit dem Verschwinden der drei Figuren setzt sich die Auflösung der Pixelwelt fort. Langsam erst, nur hier ein bisschen, da ein bisschen, aber nicht zu übersehen. Die Echtweltler müssen also eine Entscheidung treffen, was Giffany betrifft. Und zwar bald.
Unter dem Eindruck dieser Eile äußert sich Ethan als erster, und er folgt seinem Instinkt. „Sie ist ein Kind“, erklärt er. „Ich bin für freilassen – aber das ist nur ein Bauchgefühl.“
„Dann solltest du vielleicht mal drüber nachdenken“, schießt Barry zurück. „Das kann keine Entscheidung sein, die man einfach mal so aus dem Bauch heraus trifft.“
Da hat er nicht unrecht, und so macht Ethan eine kleine, beschwichtigende Handbewegung. „Ihr kennt die eh besser als ich.“
Irene schlägt aber in eine ganz ähnliche Kerbe wie er. „Ihr könnt mir gerne vorwerfen, dass ich ein Stockholmsyndrom habe“, seufzt die Britin. „Aber ich bring das jetzt nicht mehr übers Herz.“

Ihr Begleiter hingegen vertritt einen härteren Standpunkt. Dieses ‘Kind’ habe seinen Neffen ins Koma gezogen. Dieses ‘Kind’ sei ein Monster mit unbekannten Fähigkeiten. Er selbst habe drei Kinder, für die er verantwortlich sei, mit einem vierten auf dem Weg, da sei er kein so großer Fan davon, Monster in die Welt zu setzen. Irene hält dagegen, dass ein solches Monster in der Welt wenigstens eine bekannte Größe sei; mit sowas hätten sie immerhin Tag für Tag zu tun, und das sei besser als die unbekannte Bedrohung eines Monsters im Internet. Und überdies gebe es deutlich schlimmere Monster als eines, das einfach nur jemanden suche, den es mögen könne.

Barry kontert, dass Giffanys Suche nach Zuneigung ja noch nicht mal echt sein müsse. Vielleicht sei die ja nur einprogrammiert, und wenn der Geist frei wäre, würde er ganz anders reagieren? Niemand könne wissen, welche Büchse der Pandora mit einer Freilassung Giffanys geöffnet würde.
„Vorhin hast du noch ganz anders geklungen“, hält Irene ihm vor. „Da warst du noch voll im Pazifisten-Modus.“
Der Schriftsteller wirkt jetzt nicht mehr wie ein Teenager, trotz seines Äußeren. „Ich glaube auch nicht mehr, dass Gewalt keine Lösung ist“, erwidert er leise.
Irene schnaubt. „’Bring alle um’ ist eben eine einfache Lösung, nicht wahr?"

Ethan ist diesem Hin und Her schweigend gefolgt. Je mehr Argumente der Ältere angebracht hat, umso mehr sind Ethans Zweifel an seinem ersten Instinkt gewachsen. Vor allem, als Barry seine Schutzbefohlenen erwähnt. Denn zu den Kindern, von denen er spricht, gehört auch Artie. Und so ist Ethan mit dem Kopf in den Händen dagesessen, hat seine Haare noch wirrer gezaust und gebrütet. Irenes letzte Worte allerdings reißen ihn aus seiner Grübelei, so unfair und aus der Luft gegriffen erscheinen sie ihm. „Sieht der aus, als liefe er rum und bringe wahllos Leute um?“

Barrys Kopf ruckt zu ihm herum. „Halt einfach mal die Klappe, Ethan“, kanzelt der Ältere ihn ab, ein plötzlicher, unverhoffter Tiefschlag. Ethan macht eine abwehrende Geste, stützt dann das Kinn auf die Handflächen. Grübelt weiter. Sagt aber nichts mehr.

Irene hat indessen nochmals bekräftigt, dass sie nicht damit leben kann, ein Kind umzubringen, das eigentlich nur genervt und gegen den Datenschutz verstoßen hat, weil es das einfach nicht besser wusste.
„Na gut, erwidert Barry. „Sie ist ein Kind. Um ein Kind muss man sich kümmern. Wirst du das machen?“
Irene versucht abzuwiegeln. „Kann Ally das nicht übernehmen? Die kommt viel besser mit ihr klar als ich.“ Aber Barry ist nicht der Ansicht, dass das etwas ist, das man Ally alleine aufbürden sollte, jung und unerfahren, wie die Studentin sei. Und es ist Irenes Verantwortung. Das sagt der Detektiv zwar nicht, aber dass er es denkt, ist ihm auch so deutlich anzumerken.

Ebenso deutlich ist Irene anzusehen, dass ihr dieser Gedanke überhaupt nicht gefällt. Sie kämpft sichtlich mit sich, ehe sie nickt. „Wenn es denn sein muss, mache ich das, ja.“ Besser, als mit ihrem Gewissen zu leben, wenn sie Giffany jetzt umbrächten.

Und damit ist es entschieden.

Ally hat bestimmt auch schon gemerkt, dass die Dinge sich aufzulösen beginnen. Tatsächlich sitzt die Studentin noch immer mit über die Tastatur fliegenden Fingern im noch immer größtenteils unversehrten Computerraum. „Ihr habt es geschafft!“
„Haben wir. Aber jetzt müssen wir schleunigst hier raus. Komm schon!“

Draußen hätte Ethan nie im Leben so viele Worte an das Offensichtliche verschwendet. Wenn überhaupt eines. Hier aber, schwindende Welt oder nicht, fühlt sich das noch immer ganz normal an. Er schüttelt den Kopf vor sich selbst. Es ist schon wirklich verdammt seltsam, zurück in seinem Teenager-Selbst zu sein, an all das erinnert zu werden, das er vor zehn kurzen, unendlich langen, Jahren mal war.

Ethan hätte nicht gedacht, dass er laut gesprochen hat, aber ein bitteres Auflachen von Barry beweist ihm das Gegenteil. Er kommentiert das aber nicht. Eilt mit den anderen zum Schülerratsraum, wo Matusokas höflich-gratulierendes Lächeln nach einem kurzen Aufblitzen echter Emotion zu einer harten Maske wird und sie ihren Lakaien den Angriff befiehlt. Inmitten des sich zersetzenden Pixelchaos um sie herum zeigen auch die Ratsmitglieder bereits erste Anzeichen des Verfalls, aber das hindert sie nicht daran, ihre programmierten Superkräfte auszupacken. Flüchtig fährt es Ethan durch den Kopf, wie dieser Kampf wohl für einen Zuschauer aussehen würde, wenn er tatsächlich Teil einer Anime-Serie wäre. Barry, Irene und er halten Ally die Gegner vom Leib, während die Studentin hektisch auf ihrem Handy herumtippt, die blau-lila leuchtenden Symbole von Giffanys Kreis einen nach dem anderen auszuschalten versucht.

Dann verschwindet das letzte Zeichen, und die Barriere fällt. Der größte Teil des Raums ist inzwischen im Nichts verschwunden, und es ist nur noch Giffany zu sehen, die lila-blau leuchtet wie die technomagischen Symbole zuvor. Die Kami scheint zu wachsen, oder vielleicht löst sie sich in der Ausdehnung ebenfalls auf, denn sie wird flüchtiger, durchsichtiger. Giffanys strahlendes Lächeln brennt sich in Ethans Gedächtnis, ebenso wie ihr bewegtes „Danke“.

Ethan blinzelt. Au. Hell. Blinzelt wieder. Boden unter ihm, Boden an seiner Seite. Was? Wie…? Ah. Nein. Wand.
Mit steifen Knochen rappelt er sich auf. Sein Kopf dröhnt. Eine taubeneigroße Beule über seiner Schläfe sagt ihm, warum. Kopf gestoßen beim Hinfallen, als sie in die Animewelt gewechselt sind.
„Giffany?“ Irenes Stimme. „Giffany!“ Die Britin setzt sich auch gerade aufrecht. Im Gegensatz zu Ethan und Barry ist sie in ihren bequemen Yoga-Sachen auf ihre bequeme Matratze gefallen. Natürlich. Ethan verkneift sich ein belustigtes Schnauben, sieht zu dem Detektiv. Der ist ebenfalls dabei, sich hochzustemmen, sieht erst noch etwas benommen aus und hält sich ein wenig schief, tastet dann aber sehr schnell nach seinem Telefon, um Uhrzeit und Datum zu checken. Wie sie alle.

Es ist nicht ganz ein Tag vergangen, behauptet Ethans Handy. Nur ein Tag. Puh.

Von Giffany ist nichts zu sehen. Nicht die rosahaarige Pinocchia, mit der Ethan beinahe gerechnet hätte. Kein Winken vom Fernseher, keine Chatnachricht in Irenes Smartphone. Keine Stimme aus dem Nichts. Barry tippt schon auf seinem Bildschirm herum – garantiert eine SMS an Tam, dass alles in Ordnung ist. Danach ruft er bei Allys Freundin Coco an. Aus Barrys Antworten („Gut“, „mach das“, „wenn sie wach ist, sollten die ja keinen Grund haben, sie dort zu behalten“) schließt Ethan, dass Coco sofort ins Krankenhaus fahren will. Irene setzt ebenfalls eine kurze SMS ab und verschwindet dann auf dem Balkon, das Handy schon am Ohr.
Ethan selbst hockt sich auf die freigewordene Bettkante. Starrt sein Handy an. Er sollte Sam Entwarnung geben. Er muss Sam Entwarnung geben. Aber er weiß nicht so recht, wie. Was schreibt man in einer solchen Situation? Mehrmals setzt er an, aber wie so oft, wenn er an Samantha schreibt, löscht er den größten Teil des Textes wieder und wieder. Er ist wieder mal bei einem leeren Bildschirm angekommen, als Barry sich räuspert.

„Ich muss mich entschuldigen, dass ich dich so angefahren habe vorhin.“
Ethan sieht auf, schüttelt sachte den Kopf. „Schon gut.“
Barry schüttelt ebenfalls den Kopf, heftiger. „Ist eben nicht gut. Lass mich erklären…“ Er zögert etwas, sucht nach den richtigen Worten. Erklärt schließlich, dass er glaube, Ethan habe einen falschen Eindruck von ihm. Weil er, Barry, nicht aufrichtig zu Ethan gewesen sei. „Du hast gesagt, ich sähe nicht aus wie jemand, der einfach wahllos alles umbringt – aber genau das habe ich schon getan.“
„Wahllos", kontert Ethan trocken. Im Tonfall ist es eine Aussage. Aber in der Bedeutung eine Frage.
Sein Gegenüber reagiert mit einem Achselzucken und einem „Ja“. Immerhin hätten sie in der Spielwelt auch wahllos alles umgebracht – alles bis auf Giffany.
Ethan runzelt die Stirn. Das kann man irgendwie nicht vergleichen, seiner Meinung nach. Das war keine echte Welt, auch wenn es ihn, wenn er ehrlich ist, schon auch mitgenommen hat, als ihre drei Anime-Bekannten sich auflösten. Aber da ging es nicht anders.
„Ich bin kein netter Kerl, Ethan“, beharrt Barry. Nun ist es an Ethan, die Achseln zu zucken. „Bin ich auch nicht sonderlich.“
Barry schnaubt. „Schau uns doch mal an. Wie war das gerade da drin? Dein erstes Bauchgefühl sagt ‘retten’. Mein erstes Bauchgefühl sagt ‘umlegen’. Ich bin kein netter Kerl, Ethan, glaub es mir.“
„Ich hab dich gerade fast eine Woche am Stück erlebt“, hält Ethan dagegen. Ein wenig wundert es ihn, dass das Reden ihm immer noch so leicht fällt, aber die Reste seines Teenager-Ichs sind anscheinend noch nicht ganz wieder verschwunden. „Ich habe gesehen, wie du mit deiner Familie umgehst.“
„Zu seiner Familie ist doch jeder nett!“, protestiert Barry. „Du hast mich noch nicht erlebt, wenn jemand meine Familie bedroht.“
„Dann ist doch niemand mehr nett“, erwidert Ethan, erntet aber nur ein weiteres „Aber nicht so“ von seinem Gegenüber.
Ethan schüttelt den Kopf. „Ist mir egal. Ist vielleicht Quatsch, aber ich vertraue dir. Weil…“ Er zögert, lässt die Schultern sinken. Spricht es beinahe nicht aus, tut es dann aber doch. Leise. "Weil du mein Freund bist.“
„Ja, weil du mich eben nicht kennst!“
„Risiko geh ich ein“, murmelt Ethan, aber er ist sich nicht sicher, ob der andere ihn gehört hat. Wahrscheinlich nicht.

Irgendwann hat Irene fertig telefoniert, kommt wieder herein und bemerkt das unbehagliche Schweigen entweder einfach nicht oder ignoriert es gekonnt. Sie habe Hunger, erklärt sie, aber nicht auf Zimmerservice. Sie lädt ein. Aber erst muss sie duschen und sich umziehen, und die Männer sind auch herzlich eingeladen, sich hinterher ein wenig frischzumachen.
Es folgt eine Runde Bäumchen-wechsel-dich in Irenes Badezimmer, während derer Ethan endlich seine Entwarnungsmail an Sam formuliert und abschickt, ehe die drei Rückkehrer schließlich in einem ziemlich vornehmen Steakhouse dinieren.

Beim Warten auf das Essen erklärt Barry, er habe nachgedacht. Giffany sei doch ein Shinto-Geist gewesen. Vielleicht könnte man einen Shinto-Schrein für sie bauen. Aber nicht nur für Giffany selbst, sondern auch für Arisa, Amagi und Ichinose, die auf der Suche nach einer bedeutungsvollen Verbindung waren, und sogar für den Schülerrat, die immerhin das Richtige hatten tun wollen. Auch sie seien Teile des Geistes gewesen, und auch sie sollten nicht vergessen werden.
Ethan nickt sofort. Das klingt nach einer schönen Geste, und mehr noch, es klingt richtig.
Irene zögert etwas. Ihrer Meinung nach habe Ichinose keine Verbindung gesucht – maximal habe er toleriert, dass sie ihm eine aufgezwungen hätten. Das aber findet Ethan wiederum nicht. Der habe das höchstens nach außen hin nicht gezeigt, äußert er überzeugt. Denn als er sich mit den beiden anderen angefreundet habe, sei er ja ebenfalls in Pixel zerfallen, der Konflikt der Spielfigur also positiv gelöst worden.
Die Trophäensammlerin seufzt. Um Ichinose tue es ihr besonders leid, erklärt sie. Dem sei genau das passiert, wovor Irene ihn gewarnt hatte: Für ihn sei alles vorbei gewesen, ohne dass er jemals irgendwas erlebt habe. Und dass er nur ein dahinprogrammiertes Stück Kulisse für Giffanys Welt gewesen sein solle, das wolle ihr auch nicht so recht in den Kopf.
Ihm sei es schon so vorgekommen, als wären die anderen alle Teile von Giffany gewesen, sagt Ethan. Und für Giffany sei es doch auch gut ausgegangen, immerhin habe sie sich bedankt. Das ist vielleicht Wunschdenken und Selbsttäuschung, fällt ihm auf. Aber es wäre schön, wenn es so wäre. Und auch Irene scheinen seine Worte ein bisschen zu helfen, denn sie fügt noch hoffnungsvoll hinzu, dass Giffany ja jetzt vielleicht den Weg ins Nirvana gefunden habe oder so.

Barry lenkt das Thema wieder auf seinen Vorschlag mit dem Shinto-Schrein. Die Idee gefällt allen, allerdings weiß keiner von ihnen sonderlich viel über den Shinto-Glauben. Sie könne ihren Ex-Mann ja mal zu dem Thema befragen, schlägt Irene vor. Oder Agent Saitou um Rat bitten. Oder beides. Allerdings nicht mehr heute. Barry nickt und regt an, morgen dann auch Ally in die Planungen mit einzubeziehen. Immerhin habe sie sich auch viel mit Giffany beschäftigt und wisse vielleicht noch etwas, das helfen könne.

Fürs erste aber bedankt die Britin sich bei ihren Begleitern. Bei beiden für das Mitleiden und speziell bei Barry für das Neinsagen. Sie gebe nicht so gerne Teile von sich selbst auf und sei ihm deswegen dankbar, dass er sie daran gehindert habe. Ah. Es geht um ihre Idee, sich das Gedächtnis löschen zu lassen. Ethan presst kurz die Lippen aufeinander. Hat wieder die körperlose Stimme im Ohr, die er ums Zerreißen nicht mehr greifen kann. „Gedächtnis löschen ist nie gut“, brummt er, aber das bekommen die anderen beiden vermutlich gar nicht mit, weil Barry gerade mit einem schiefen Lächeln erklärt, das sei zum größten Teil reiner Eigennutz gewesen. Denn selbst wenn Irene es vergessen hätte, er selbst hätte es ja immer noch gewusst. Naja, erwidert Irene mit Erleichterung in der Stimme, so würde sie wenigstens Dr. Carlisle nicht falsch einschätzen. Die lebe noch, sagt Barry.

Ethan runzelt die Stirn, sieht zwischen den beiden anderen hin und her. Dr. Carlisle? Er hat keinerlei Ahnung, wovon seine Begleiter reden, aber damit dürfte sich seine Theorie von einer Affäre zwischen ihnen gerade erledigt haben. Was ihn ziemlich erleichtert, wenn er ehrlich ist. So albern das ist, er mag Tam Jackson ziemlich gerne, und er mag den Gedanken, dass Barry in einer glücklichen Ehe lebt, die keine Affären nötig hat.

Ja, spricht die Jägerin gerade weiter, so habe sie das verstanden. Ihrem Cousin Ian sei etwas ganz Ähnliches auch mal passiert, aber der habe das nicht so gut weggesteckt. Barry schnaubt und erklärt, das sei schon ein paar Jahre her, und damals sei es ihm auch nicht so gut gegangen. Irene nickt leicht und sagt dann beschwichtigend, naja, vermutlich kenne sie ihren Cousin auch einfach besser als Barry. Oooookay. ‘Passiert’. ‘Weggesteckt’. Ethan hat immer noch keine Ahnung, um was es genau geht, aber sonderlich angenehm kann ‘es’ nicht gewesen sein. Aber egal. Fragen wird er ganz sicher nicht.

Barry fragt indessen, ob Cousin Ian auch auf der Jagd nach einer Trophäe war, als ‘das’ passiert sei. Nicht konkret in dem Moment, antwortet Irene, aber grundsätzlich schon, ja. Fast alle Hooper-Winslows seien Trophäenjäger. Es werde auch das Familienoberhaupt danach bestimmt, wer die beste Trophäe vorweisen könne. Wie mittelalterlich, findet Barry. Ja, erklärt Irene, die Tradition stamme auch aus dem Mittelalter. Er kenne einen Vietnamveteranen, der ebenfalls Trophäen gesammelt hätte, sagt Barry. Die Ohren seiner Gegner. Nein, wiegelt Irene sofort und nach einem leichten Schlucken ab, die Hooper-Winslows sammelten Trophäen nur von Monstern! Ihre letzte Trophäe zum Beispiel sei die Hand eines Schwarzen Mannes gewesen. Nein – nicht eines Afroamerikaners natürlich, sondern des Kinderschrecks. Irene zuckt mit den Schultern. Andere Familien hätten eine Tradition, in der alle Angehörigen Anwälte oder Ärzte würden, und die Hooper-Winslows seien eben seit hunderten von Jahren gut darin, übernatürliches Kroppzeug zu entsorgen. Ja, sagt Barry, in seiner eigenen Familie hätten sie überdurchschnittlich viele Anwälte, und seine Entscheidung, Schriftsteller zu werden, habe nicht überall Anklang gefunden. Von daher kenne er sich ein wenig aus mit solchen Familientraditionen – Irenes Kinder würden dann vermutlich auch irgendwann Jäger werden?
Irene schüttelt heftig, sehr heftig, den Kopf. Sie habe keine Kinder und wolle auch keine. „Kommt ja vielleicht noch“, wirft Ethan leise ein, bekommt von der Trophäensammlerin aber nur ein ebenso heftiges „Nein!“ zur Antwort. Darauf erwidert er nichts mehr – natürlich nicht, Irene wird ihre Gründe haben, und es steht ihm nicht zu, diese durch Diskutieren anzuzweifeln – aber dass ihn ein leiser Anflug des Bedauerns überkommt, das kann er nicht verhindern.

Um von dem etwas peinlichen Moment abzulenken, kehrt Ethan nochmals zu den Familientraditionen der Hooper-Winslows zurück. Das Familienoberhaupt wird danach bestimmt, wer die beste Trophäe vorweist, hat Irene eben gesagt. In welcher Situation wird denn das Familienoberhaupt neu bestimmt, will er wissen, wer beschließt das? Immer, wenn das aktuelle Familienoberhaupt stirbt, erläutert Irene. Und beschlossen, sprich die Güte der Trophäen bewertet, wird von allen volljährigen Familienmitgliedern gemeinsam. Und ja, das könne auch schon mal ein paar Tage oder gar Wochen dauern, fährt die Britin dann fort, aber irgendwann werde man sich schon einig. Im Laufe der Jahrhunderte hätte die Familie auch schon andere Wahlmethoden ausprobiert, aber die hätten alle nicht so gut funktioniert.

Dann ist auch der Nachtisch gegessen und die Rechnung bezahlt. Bis sie Irene an ihrem Hotel abgesetzt und sich selbst ein preiswertes Motel gesucht haben, ist es ziemlich spät geworden. Und der Aufenthalt in der Spielwelt war ja kein Schlaf, auch wenn ihre Körper reglos herumlagen, also ist Ethan inzwischen rechtschaffen müde und fällt ziemlich sofort in sein Bett.

Am nächsten Morgen findet er eine E-Mail von Sam vor.
„Danke für die Info“, schreibt sie. „Bin noch ne Nacht im Yellowstone und fahre dann weiter.“
Ethan sieht auf den Zeitstempel der Mail. Sie ist vom frühen Abend, als sie schon zum Essen aufgebrochen waren. Yellowstone. Das heißt, Sam hat tatsächlich selbst auf seine Bitte reagiert. Sie hat sie nicht ignoriert. Sie hat nicht Bart informiert. Sie ist selbst gekommen. Vielleicht war sie zufällig ohnehin gerade in der Gegend, aber das hat nichts zu bedeuten. Sie hat gewartet, ob er Hilfe braucht, und jetzt, wo sie weiß, dass er sie nicht braucht, kann sie guten Gewissens weiterziehen. Noch eine Nacht im Yellowstone. Und er hat gestern abend die Mail nicht gesehen! Drecksmist, elender! Egal, wie müde er war, die Fahrt hätte er auch noch auf sich genommen, um ihr persönlich zu danken. Vermutlich ist sie inzwischen längst weg, aber egal. Versuchen muss er es.

Ethan klopft bei Barry und gibt ihm kurz bescheid, dann fährt er los. Von Billings zum Nationalpark fährt man ungefähr dreieinhalb Stunden, also ist es schon gut Mittag, bis er an seinem ersten Ziel ankommt. Insgesamt gibt es sieben offizielle Campingplätze im Park, und er fährt sie alle ab. Hoffnung macht er sich keine, wenn er ehrlich ist. Wenn er Pech hat, war sie ohnehin auf keinem Campingplatz, sondern hat den Bus irgendwo wild abgestellt, so wie in Dana Point letztens. Also hält er auch entlang der Straße die Augen offen, auch wenn sie sich bestimmt nicht so offensichtlich hingestellt hätte, wenn sie wild geparkt hätte. Keine Spur von Sams blauem VW-Bus, nicht im Wald und auch nicht auf den Plätzen. Irgendwann ist es schlichte Sturheit, dass er die entlegeneren Campingplätze auch noch abcheckt, auch und gerade, als der Nachmittag voranschreitet und Ethan sich zunehmend sicher ist, dass er Sam jetzt garantiert nicht mehr antreffen wird. Verdammt.

Es ist spät am Abend, als Ethan ziemlich zerschlagen wieder in Billings ankommt. Er schiebt Barry einen Zettel unter seiner Zimmertür durch, dass er wieder da ist, dann kippt er ins Bett.

Am nächsten Tag erfährt er, was die anderen in der Zeit so getrieben haben.
Sich über Shinto-Geister und Shinto-Schreine informiert, wie geplant. Ally hat im Internet recherchiert, ebenso wie Barry, der zusätzlich auch noch ein kleines privates Geister-Willkommensritual durchgeführt hat. Darüber sagt er nicht viel, aber zu wissen, dass er es hat, reicht ja auch. Irene hat mit ihrem Ex-Mann und mit Special Agent Saitou gesprochen, von dem der Vorschlag kam, Giffany einen Teil eines bereits existierenden Shinto-Schreins zu widmen.

Hawaii ist anscheinend voll davon. Aber Hawaii kommt nicht in Frage, weil Barry nach seinem Rippenbruch noch nicht wieder fliegen darf. Auf dem Festland hingegen gibt es nur zwei Shinto-Schreine: einen in Colorado und einen in Washington State. Der in Colorado ist rein von der Entfernung her zwar näher, aber der in Washington passt besser.

Und so sitzt Ethan einen Tag später schon wieder hinter dem Steuer. Zwölf Stunden reine Fahrzeit bis Granite Falls, WA. Eine Übernachtung dazwischen. Aber alles geht gut. Barry und Ally verbringen die meiste Zeit hinter ihren Laptops, Ally programmierend, Barry schreibend. Beide fluchen oft und gerne über das wackelige Internet. Was haben die hier, mitten im Nirgendwo, eigentlich erwartet? Volle 4G-Netzabdeckung? Stellenweise. Sehr stellenweise. Vielleicht.

Irene will von Barry wissen, ob er aus dem jüngst Erlebten jetzt einen Roman macht. Er antwortet nur sehr kurz angebunden mit „Nein“, aber auch diese knappe Antwort scheint die Britin schon zu beruhigen. Aus Ally will sie dann herausbekommen, woher die Studentin und Barry sich kennen.
Irgendeine ‘Kamelgeschichte’ offensichtlich. Irgendwas mit einem Video. Und mit jemandem namens ‘Kitty’, von der Irene wissen möchte, wie es ihr geht. Und was für Monster Ally sonst schon so alles gesehen hat.

Ethan lässt das Gerede der anderen wie beruhigendes Hintergrundrauschen über sich hinwegfließen. Horcht nur auf, als Ally etwas später Irene darauf anspricht, dass sie ja diejenige sei, die von Giffany gestalkt wurde. Dass sie also diejenige sein muss, die im True Believers mit dem Nickname ‘iHeretic’ unterwegs ist. Ethan selbst ist zu wenig im Forum, als dass ihm bisher groß aufgefallen wäre, dass iHeretic bei den anderen Usern einen richtig, richtig, richtig schlechten Ruf hat. Ally hat iHeretics wahre Identität bisher wohl selbst auch noch nicht gekannt, denn nun bittet sie die Trophäenjägerin, doch in Zukunft etwas weniger zu trollen.
„Also, nicht dass du trollst oder so, aber so ein bisschen vielleicht…“ Ally kommt ins Stocken. „Ähm, das Wetter war auch schon mal besser…“ Zu Barrys amüsiertem und zustimmendem Grinsen verzieht Irene das Gesicht und sagt ziemlich kleinlaut, das hätte sie schon ein paarmal gehört. „Ja“, fasst Ally sich nochmal ein Herz, „aber diesmal hörst du es vom Admin!“ Daraufhin wird Irene noch etwas kleinlauter und Barrys Grinsen noch etwas breiter und zustimmender. „Ja. Jahaaa.“

Ethan selbst lassen die anderen größtenteils in Ruhe. Barry und Irene kennen ihn gut genug, um ihn nicht übermäßig in Gespräche ziehen zu wollen, oder zumindest keine längeren Antworten erwarten. Und Ally ist zu schüchtern. Ethan versucht irgendwann, sich bei ihr für sein ruppiges Verhalten an der Schule zu entschuldigen. Aber damit erreicht er eher das Gegenteil von dem, was er erreichen wollte, denn statt dass die junge Frau ihm gegenüber lockerer wird, zieht sie sich eher noch mehr von ihm zurück. Ist aber vermutlich auch besser so.

Am Shinto-Schrein in Granite Falls, WA, werden sie von einem freundlichen älteren Japaner empfangen, der sich ihre Geschichte höflich anhört. Das Ende vom Lied sind eine ausführliche Zeremonie, mit der die Geister aus der Schule im Schrein willkommen geheißen werden sollen, sowie der Vorschlag seitens des Priesters, der Kami einen eigenen kleinen Schrein aufzustellen und diesen auch tatsächlich mit Gebeten und Opfergaben aktiv zu nutzen, und zwar am besten im Haus der Person, die dem Geist am engsten verbunden ist.
Barry sieht sofort zu der Britin hin. Er sagt nichts, aber dass er der Meinung ist, die naheliegendste – die einzige – Kandidatin für diese Aufgabe sei Irene, wird auch so überdeutlich. Die runzelt erst die Stirn, aber dann scheint ihr eine Idee zu kommen, und sie erklärt, das könne sie schon machen. Es werde vermutlich nur eine Weile dauern, bis sie alles regeln könne. Barry nickt, hat auch anscheinend mit der Zeitspanne kein Problem, solange Irene die Sache nur angeht.

Zwei Tage später sind sie wieder in Billings, Ally und Irene absetzen. Die beiden Männer fahren noch gemeinsam bis Chicago, wo Barry seine Familie besuchen will. Bei der Verabschiedung, Barry ist schon ausgestiegen und steht noch kurz am heruntergekurbelten Fenster, sagt der Ältere etwas, das Ethan durch Mark und Bein geht. „Eine Familie vermisst ihre Leute immer", wirft er beinahe beiläufig hin. "Und Gründe, die vor Jahren vielleicht mal unglaublich wichtig waren, sind heute vielleicht gar nicht mehr so entscheidend.“
Ethan antwortet nicht. Zuckt zusammen, äußerlich vermutlich genauso sehr wie innerlich, und fährt los.

Einige Tage, nachdem sie sich in Chicago getrennt haben, findet Ethan eine E-Mail von Barry in seinem Postkorb. Geschrieben wurde sie schon am vorigen Abend, aber den ganzen Tag lang ist Ethan nicht dazu gekommen, in seine Mails zu schauen.

Ethan.


Ich bin ein Vollidiot. Ich hätte zuhören sollen statt zu reden.
Ich hab dir erzählt, dass du mich falsch siehst. Du hast gesagt, das sei dir egal, weil ich dein Freund bin.
Ich hab gesagt, weil du mich nicht kennst.
Ich hätte sagen sollen: Danke, mein Freund.
Tut mir leid.
Danke, mein Freund.


Barry.

Etwas regt sich in Ethan, als er das liest. Ein plötzlicher, schmerzhafter Druck unter seinem Brustbein. Ein Hindernis in seiner Kehle, um das er herumschlucken muss. Er blinzelt, um die verschwommenen Worte wieder in Fokus zu bringen, und liest die Nachricht erneut. Und ein drittes Mal. Hat keine Ahnung, wie er darauf reagieren soll. Aber reagieren will er. Muss er. Nicht erst irgendwann. Sondern gleich. Also klickt er auf “Antworten”, atmet tief durch und fängt zögernd an zu tippen.

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Steaks und der Highway
Shinto-Groove, Teil 6

Steaks und der Highway

Ich kam wieder zu mir. Lag auf dem Boden. Mein Rücken tat höllisch weh. Blind tastete ich und stellte fest, dass ich auf einem Schuh lag. Einem eleganten schwarzen Frauenschuh. Einen Moment lang war ich desorientiert: Wo war ich? Wem gehörte dieser Schuh?

Dann hörte ich Irenes Stimme. „Giffany?“, sagte sie. „Giffany?“ Keine Antwort. Keine Vibration vom Handy, kein Flackern vom Fernseher. Keine Gestalt mit rosa Haaren zu sehen. Gut.

Mühsam setzte ich mich auf. Meine Rippen protestierten, aber sie gaben keine knirschenden Geräusche von sich. Nicht wieder gebrochen. Ich war zu Boden gefallen, als wir in die Spielwelt geholt wurden, genau wie Ethan und Irene. Irene lag auf dem Bett, bequem gekleidet und streckte sich. Stöhnte ein bisschen, weil ihre Muskeln so lange bewegungslos gewesen waren. Ethan war gestürzt, genau wie ich, und hatte sich den Kopf angeschlagen. Blutete aber nicht.

Ich ließ den Schuh fallen und schaute auf mein Handy. Etwas über 23 Stunden waren vergangen. Vermutlich würde Coco bald kommen, um nach uns zu schauen. Ich schrieb eine SMS an Tam, das ich soweit okay wäre, dann rief ich Coco an und gab Entwarnung. Die wollte sofort zu Ally ins Krankenhaus fahren – das Mädchen müsste ja nun auch wieder wach sein.
Irene tippte auf ihrem Handy herum und ging dann nach draußen auf den Balkon, um zu telefonieren. Ethan rieb sich den Schädel, setzte sich aufs Bett und fing an, sein Smartphone anzustarren.

Nachdem ich eine Weile nachgedacht hatte, sprach ich ihn an. Entschuldigte mich dafür, dass ich ihn angefahren hatte. Versuchte, ihm zu erklären, warum. Dass ich das Gefühl hatte, ihn angelogen zu haben. Dass ich vollkommen fähig war, wahllos Leute umzubringen. Dass ich das schon getan hatte.
Er glaubte mir nicht. „Wahllos?“, fragte er skeptisch. Ich brachte es nicht übers Herz, ihm von L.A. zu erzählen. Oder den Hollow Men. Oder Smythe. Stattdessen zuckte ich die Schultern. Ja, sagte ich. In Giffanys Welt hätten wir auch alles umgebracht, außer Giffany selbst.
Ja, das wäre halt nicht anders gegangen, meinte Ethan nach kurzem Nachdenken. Das war ja keine echte Welt.

Ich versuchte noch mal, ihm klar zu machen, dass ich kein netter Kerl bin. Er wäre auch kein netter Kerl, meinte er. Ich wollte gar nicht wissen, wie er auf die Idee kam. Ich sei nett zu meiner Familie, erklärte er mir, und er würde mich mögen. Ich zuckte die Achseln. Jeder kann nett zu seiner Familie sein. Aber wenn jemand meine Familie bedroht… Ethan schüttelte den Kopf. Da ist doch niemand mehr nett, sagte er. Ich hätte ihm jetzt erklären können, dass die meisten Leute nicht so weit gehen würden wie ich, aber ich hatte die Kraft nicht, weiter mit ihm zu streiten. Ich wäre sein Freund, sagte Ethan, und er würde mir vertrauen. Weil du mich nicht kennst, winkte ich ab. (Das war ganz schön blöd von mir. Manchmal hänge ich zu sehr in meinem eigenen Kopf fest. Ist nicht so, als hätte ich wahnsinnig viele Freunde, da sollte ich nicht abwinken, wenn mir jemand die Hand entgegenstreckt. Zumal ich hätte sehen müssen, wie schwer ihm das fiel.)

Wir schwiegen, bis Irene wieder kam. Sie hätte Hunger, verkündete sie, und sie würde uns zum Essen einladen. Sobald sie sich umgezogen hätte. Und geduscht. Und sich ein bisschen frisch gemacht. Also warteten wir noch eine Weile und verließen dann das Hotel.

Jake’s Steak House erschien Irene angemessen. Sah auch sehr edel aus, gute Auswahl, saftige Preise, aber riesige Portionen und ein richtig guter Koch. War um die Uhrzeit relativ leer, ein paar Geschäftsleute, ein wohlsituierter Rentner mit seiner Frau. Wir hatten einen separaten Tisch und konnten uns gut unterhalten.

Ich glaube, Irene und Ethan sind die Blicke nicht aufgefallen, die ich abbekommen habe. Denen ist auch nicht aufgefallen, dass die wahnsinnig nette Bedienung zu ihnen wahnsinnig nett war und zu mir maximal höflich. Als Ethans Glas leer war, stand sie sofort am Tisch; aber mein Winken, als ich neues Wasser haben wollte, hat sie nicht gesehen. Irene meinte noch im Scherz, dass ich echt Pech bei der Bestellung hätte, aber das war nicht das erste Mal, dass mir so etwas passierte. Nicht weiß genug für so ein edles Restaurant. Aber sie waren immerhin höflich.

Ich hatte auf dem Hinweg nachgedacht. Über das, was ich Ethan gesagt hatte: Dass wir alle umgebracht hätten, außer Giffany. Vielleicht war die Welt nicht so richtig real, aber das Gefühl blieb. Die Erinnerung an Ichinose, Amagi und Arisa, als sie sich auflösten. An den Schülerrat, als das Nichts sie einen nach dem anderen fraß.
Kann sein, dass das nur Teile von Giffany waren, die jetzt in dem Geist weiterlebten. Ich hoffte, dass wir sie nicht vernichtet hatten: Den Schülerrat, der andere vor eine Gefahr schützen wollte und bereit war, dafür alles in Kauf zu nehmen. Die drei anderen, die alle auf der Suche nach einer echten Verbindung zu anderen gewesen waren. Wenn der Geist das verloren hatte… aber vielleicht konnten wir ihn erinnern. Ein Ritual, dachte ich erst, aber das war mein Glaube. Das Spiel, der Geist kamen aus Japan. Ein Shinto-Geist, hieß es. Ich wusste nicht viel über Shinto-Geister. Schreine, fiel mir ein. Vielleicht könnten wir den Geistern ja einen Schrein errichten.

Nach der Vorspeise sprach ich die Idee an. Irene widersprach erst mal, Ichinose hätte doch nicht nach einer Verbindung gesucht. Der wollte einer aus dem Weg gehen! Ethan meinte, doch, der hätte schon gesucht, das nur nicht zeigen wollen. Und er hat sich immerhin aufgelöst, nachdem er Freundschaft mit Amagi und Arisa geschlossen hatte.
Also gut, wir würden das mit dem Schrein machen. Irene meinte, sie könne ja mal ihren Ex-Mann fragen. Oder Agent Saitou. Immerhin, interessante Information: Sie war mal verheiratet. Fragen über Fragen, aber ich konnte mich zurückhalten. Hat sie nur im Nebensatz erwähnt. Ging mich ja auch nichts an.
Jedenfalls tat es Irene leid, dass sie recht behalten hatte: Ichinose hatte nichts erlebt, bevor er sich auflöste. Sie konnte ihn nicht einfach nur als Teil des Geistes betrachten. Doch, sagte Ethan, er glaube schon, dass das alles Teile von Giffany waren. Und dass alles gut geworden wäre, schließlich hätte sie sich ja am Ende bedankt. Vielleicht wäre sie sogar ins Nirwana gelangt. Offenbar gefiel Irene die Idee, denn sie lächelte Ethan hoffnungsvoll an.

Dann kam der Hauptgang. Ethan musste mir mit dem Steak helfen – sie hatten es zwar klein geschnitten, aber in riesige Brocken. Danke auch. Gut, vielleicht fand es der Koch nur eine Zumutung, sein schönes Steak überhaupt vorab zerteilen zu müssen.

Als wir mit den Steaks fertig waren, bedankte sich Irene. Bei Ethan und mir fürs Mitleiden, und dann noch mal bei mir fürs Nein-Sagen, als es darum ging, ihre Erinnerung zu löschen. Ich sagte ihr, dass das selbstsüchtig war – ich hätte ja immer noch gewusst, was passiert war. Ethan bekräftigte, dass eine schlechte Idee wäre, sein Gedächtnis zu löschen. Ich habe das zu diesem Zeitpunkt gar nicht so wahrgenommen, aber das schien ihm wirklich wichtig zu sein. Keine Ahnung, warum. Vielleicht hat er etwas, das er gern vergessen würde, aber lieber nicht sollte. Oder ihm hat mal jemand oder etwas das Gedächtnis gelöscht.
Irene wirkte jedenfalls erleichtert. Meinte, so würde sie wenigstens Dr. Carlisle richtig einschätzen. Nach einem Augenblick wurde mir klar, was sie meinte: Sie hatte Diana Carlisle mit den Spuren der Folter am Körper gesehen, an ein Bett gefesselt, wie sie mich anflehte. Hätte genauso gut sein können, dass ich der Folterer war und sie mein Opfer. Ich weiß nicht, ob Irene oder Ethan gesehen haben, wie meine Hand kurz zitterte. Ist nicht so, als hätte ich nie jemanden gefoltert, aber da ging es um das Leben meiner Tochter, und ich bin wirklich nicht sehr gut darin.
Aber besser, Irene weiß, was wirklich passiert ist. Auch wenn es nicht einfach ist, als Opfer gesehen zu werden. Ich atmete langsam durch. Meinte, Carlisle würde noch leben. Ja, so hatte Irene das auch verstanden. Sie hätte einen Cousin, Ian, dem wäre so etwas Ähnliches auch passiert – aber er hätte es nicht so gut weggesteckt wie ich. Ich schnaubte. Das ist ein paar Jahre her, sagte ich, so gut ging es mir damals nicht. Ich erzählte ihr nicht, dass ich immer noch Alpträume hatte. Ohne die Hilfe meines Großvaters und Tams und Katies Unterstützung wäre ich immer noch ein Wrack.
Irene wollte noch etwas sagen, überlegte es sich dann aber und meinte, vermutlich würde sie ihren Cousin einfach besser kennen als mich.

Dann war ich aber doch zu neugierig. Sie hatte da in ihrem Brief etwas geschrieben, das ich bis heute nicht verstand. Während ich noch an einer neutralen Formulierung überlegte, kam die Frage aus meinem Mund: „Als Ian das passiert ist – hat er da auch nach einer Trophäe gesucht?“
Sie gab freimütig Auskunft. In der Situation nicht, nein, das war etwas anderes. Aber generell jagen fast alle aus ihrer Familie, um Trophäen zu sammeln. Tatsächlich wird derjenige Familienoberhaupt, der die beste Trophäe anbringt. Das erschien mir sehr mittelalterlich – kein Wunder, die Tradition stammt aus dem Mittelalter. Irene wirkte sehr stolz, als sie das sagte.
Ich erwähnte Colin, den Vietnamveteranen. Der hatte auch Trophäen gesammelt. Nein, wehrte Irene ab. So etwas würden sie natürlich nicht machen. Trophäen würden sie nur von Monstern nehmen! Schließlich waren die Hooper-Winslows die wichtigste Jägerfamilie von England, und deswegen waren auch ihre Kinder besonders gut vor Monstern geschützt. Manche Leute, sagte sie mit einem Schulterzucken, werden in der x-ten Generation Ärzte oder Anwälte, und die Hooper-Winslows sind eben Monsterjäger und Trophäensammler.
Ethan wollte wissen, wer denn den Sieger beim Trophäenwettbewerb aussucht. Alle zusammen, antwortete Irene. Irgendwann würden sie sich schon einigen. Sie hatten im Lauf der Jahrhunderte auch andere Methoden ausprobiert, aber die hatten nicht so gut funktioniert.
Nebenher kam dabei auch Colins Ohrensammlung zur Sprache. Irene war kurz angeekelt, erzählte dann aber munter, ihre letzte Trophäe wäre die Hand eines Schwarzen Mannes gewesen. Nein, nicht eines Mannes afrikanischer Herkunft, sondern eines Monsters natürlich. Ich habe nicht gefragt, warum das jetzt so viel anders war als Colins Sammlung. Oder als die Angewohnheit meiner Vorfahren, die Skalps besiegter Feinde in ihre Hosen zu nähen.

Stattdessen erwähnte ich, dass meine Verwandten überwiegend Anwälte sind. Es gab da immer die leise Erwartung, dass ich Jura studieren würde, und unsere Familienfeiern haben eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Anwaltskongress. Insofern, sagte ich, kannte ich mich mit solchen Familientraditionen ein wenig aus – in ihrer Familie würde das wohl auch für ihre Kinder gelten. Irene schüttelte vehement den Kopf. Sie hatte keine Kinder, und sie wollte auch keine bekommen. Ethan meinte leise, das könne ja noch werden, Irene schaute entsetzt und sagte nur: „Nein!“

Dann kam der Nachtisch, und wir waren alle müde. Irene zahlte, Ethan fuhr sie zum Hotel. Dann suchten wir beide uns auch eine Unterkunft, irgendein altes Motel. Ich telefonierte noch eine Weile mit Tam und den Kindern, dann legte ich mich schlafen. Nein, die Matratze und die Prellungen an meiner rechten Seite vertrugen sich nicht so recht.

Wir verbrachten die nächsten Tage damit, uns über Schreine und Shinto-Geister zu informieren. Okay: Irene verbrachte Zeit damit, sich von ihrem Ex-Mann und Agent Saitou etwas darüber erzählen zu lassen. Ethan war eine Weile allein unterwegs. Der hatte zur alten Form zurückgefunden und murmelte nur etwas von „Ausflug“. Ich stöberte ein bisschen im Internet, machte ein privates Willkommensritual für die Geister und stellte fest, dass das Standardwerk über indianische Sprachen im mittleren Teil von Nordamerika hoffnungslos veraltet war. Ich kannte das Buch, und ich wusste, dass es schon mehrfach an verschiedenen Stellen widerlegt worden war. Aber es gab nichts anderes. Verdammt. Jemand sollte mal ein aktuelleres Werk schreiben. Als hätte ich nicht schon genug zu tun.

Ally wurde aus dem Krankenhaus entlassen. Die fand unsere Idee sehr gut und stürzte sich ebenfalls in die Recherche.
Agent Saitou schlug Irene schließlich vor, keinen eigenen Schrein zu errichten, sondern Giffany einen Teil eines bestehenden Schreins zu widmen. Auf Hawaii gäbe es ein paar schöne Schreine. Irene fand die Idee super, aber ich durfte nicht fliegen – es waren noch keine drei Wochen her seit dem leichten Pneumothorax. Manchmal haben gebrochene Rippen auch ihre guten Seiten. Ein Schiff dauerte viel zu lange. Aber es gab einen geeigneten Schrein in Granite Falls, Washington. Auch nicht der nächste Weg, aber besser als Hawaii.

Wir brachen zu viert auf: Ethan, Irene, Ally und ich. Ich hatte die schlimmsten Befürchtungen – vier Leute, eine lange Fahrt… da konnte alles Mögliche schief gehen. Tat es aber nicht: Das Auto ging nicht kaputt, niemand überfiel uns und wir mussten auch nicht bei einem Schneesturm in einem Spukhaus Schutz suchen. Vielleicht hatte Giffany ja ein Auge auf uns.
Ich verbrachte die Fahrt hauptsächlich damit, zu schreiben und zu recherchieren. Irene wollte sofort wissen, ob ich aus unseren Erlebnissen ein Buch machen würde. Nein, sagte ich knapp. Ich rede nicht gern über meine Bücher, solange ich sie noch schreibe. Und allzu autobiographisch sind meine Romane alle nicht. Gut, zugegeben: Caged beruht ein weiten Teilen auf den Dingen, die mir in Greenfield passiert sind.

Recherchieren war auch nicht leicht, weil wir dauernd das Internet verloren. Immerhin wirkte Ally deswegen genauso genervt wie ich.

Nach fünf Stunden Fahrt stellte Ally übrigens Irene zur Rede. Sie hatte wohl mitbekommen, dass Irene iHeretic war und sagte zu ihr: „Es wäre auch voll cool, wenn du im Forum etwas weniger trollen könntest. Also, ne, nicht dass du trollst oder so, aber so ein bisschen vielleicht… ähm, das Wetter war auch schon mal besser…" Irene verdrehte die Augen und meinte, sie würde das nicht zum ersten Mal hören. Klar. Hatte ich ihr auch schon gesagt. Ally nahm allen Mut zusammen und meinte, aber diesmal würde sie es vom Admin hören. Ich musste grinsen und hätte fast Beifall geklatscht. Von Irene kam dann nur noch ein „Ja. Jaaaa.“

Ally versuchte auch, sich mit Ethan zu unterhalten, aber das scheiterte an seiner Einsilbigkeit und ihrer Schüchternheit. Ist vielleicht auch besser so. Schon allein wegen des Fluchs.

Nach etwa zwei Tagen kamen wir in Granite Falls an. Der Shinto-Priester war sehr höflich und führte eine komplizierte, langwierige Zeremonie durch, um einen Teil des Schreins für Giffany und die anderen zu weihen. Er schlug vor, für den Geist noch einen kleinen Schrein aufzustellen und da regelmäßig zu beten und zu opfern; am besten im Haus der Person, die sich dem Geist am meisten verbunden fühlte. Irene zögerte kurz, aber dann kam ihr eine Idee. Sie würde sich darum kümmern, meinte sie. Gut.

Danach fuhren wir wieder zurück. Noch mal zwei Tage mit wackligem Internet. Immerhin hatte Irene mir meine Haare in Granite Falls wieder zusammengeflochten.

In Billings trennten sich unsere Wege. Ally wohnte hier und Irene wollte mit ihrem eigenen Auto nach Boston fahren. Also fuhr ich noch ein gutes Stück mit Ethan, bis wir uns in Chicago trennten. Bevor er fuhr, sagte ich ihm noch, dass eine Familie ihre Leute immer vermisst und dass Gründe, die vor Jahren mal sehr wichtig waren, heute vielleicht gar nicht mehr so entscheidend sind. Er schaute mich an, als hätte ich ihm in den Magen geboxt, und fuhr wortlos ab.

In Chicago überfielen mich dann meine Eltern damit, dass sie mal in Urlaub fahren wollten. Nach Hawaii, ausgerechnet. Aber wenn ich schon mal hier war, dann könnte ich doch nach Ricky sehen? Für die nächsten zwei Wochen? Das würden die Betreuer im Center natürlich auch machen, aber es wäre doch besser, wenn Familie da war. Und wann, wenn nicht jetzt? Sobald die Kaulquappe da war, hätte ich nicht mehr so viel Zeit. Dad kann ausgezeichnet argumentieren.

Deswegen bin ich jetzt hier. In Chicago. Ricky ist tagsüber im Center, und ich sitze in dem kleinen Café gegenüber der Fenwick High, in dem wir früher immer unsere Mittagspausen verbracht haben. Am Nachbartisch sitzt eine Clique von Freunden, und es ist gar nicht so schwer, mich selbst dort zu sehen. Mich, Kieth, Mona und die anderen.
Ich verstehe nicht, warum mich das gerade so mitnimmt. Ich habe schon lange mit dem Jungen abgeschlossen, der ich mal war. Ich habe mehr gewonnen als verloren. Und trotzdem. Manchmal wünschte ich… aber was?

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