Mädchenkram - Supernatural

Gefühlsduselei in B-Moll
aus Barrys Tagebuch

Wie angedroht. Ein Text über Windpocken und die Apokalypse. Und meine Gefühle. Yay. Wer das nicht lesen will – gut. Geht dich auch nichts an.

Eine chronologische Zuordnung ist schwierig, aber machbar. Ich versuch mich mal dran, keine Ahnung, ob das klappt. Eigentlich will ich nur… ach, egal. Ich weiß nicht, was ich will. Das ist so ein bisschen der Punkt, nicht wahr? Wenn ich das wüsste, könnte ich mir das Gequatsche sparen.

Fangen wir damit an, dass Kate sich schlecht fühlte. Leichtes Fieber. Dann, ein bis zwei Tage später, juckende rote Bläschen. Großartig. Hätte sie nicht gegen Windpocken geimpft sein sollen? Ich rief Dr. Hornbach an, und der erklärte mir munter, nein, er würde gegen sowas nicht impfen. Könnte zu Spätfolgen und wasnichtalles führen, und die meisten Eltern wollten das ja auch gar nicht. Mann. Was für ein Idiot.

Jedenfalls hatte Kate Windpocken. Ich versuchte, die anderen abzuschirmen, aber natürlich zu spät. Als sich bei Artie die ersten Bläschen bildeten, rief Ethan an. Er hatte den Heyoka getroffen, und der hatte ihm erzählt, er sollte auf gar keinen Fall nach Iktomis Schleier suchen. Bloß nicht nach Norden fahren und die ehrenwerte und biedere Gesellschaft von Fabray aufsuchen! Ethan wollte jetzt von mir wissen, ob er das richtig verstanden hatte: Er sollte nach Süden fahren, Fabray finden und nach Iktomis Schleier forschen? „Ja“, sagte ich. „Ich glaube schon.“

Tam war gerade nicht zu Hause, die versuchte noch, Clive zu finden. Um ihn umzubringen, sagte sie. „Du kannst von ihm halten, was du willst, aber er war mal ein guter Mann“, erklärte sie mir. „Er würde nicht als Vampir herumlaufen wollen.“ Okay. Sollte sie mal machen. Ich hoffe ja immer noch, dass der irgendwann mal hier auftaucht, um mich aus dem Weg zu räumen.

Sie rief kurz nach Ethan an. Keine Spur von Clive, aber angeblich war das Trickstertuch in Huntsville, TN, aufgetaucht. „Glaube ich nicht“, sagte ich. Erzählte ihr von dem Telefonat mit Ethan. „Mag sein“, meinte sie. „Aber irgendwer macht da einen Riesenwirbel… die Sache ging durch alle möglichen Roadhouses. Vielleicht ist es eine Falle.“ Also musste sie da natürlich hin. Mit Bobby und Stinger. Sollte mich wohl beruhigen.
Nach Hause kommen konnte Tam gerade ohnehin nicht – wir wussten nicht, ob sie die Windpocken als Kind gehabt hatte. Ich selbst war ziemlich überzeugt, dass das bei mir der Fall war; ich erinnerte mich, dass ich im Herbst im Garten unseres neuen Hauses saß, krank war und die Schatzinsel und die ersten zwei Teile der Sally Lockhart Mysteries durchschmökerte. Da war ich etwa zehn. Mein Dad bestätigte mir das beim nächsten Telefongespräch.

Zwei Tage später rief Don bei mir an. Irene wollte irgendwas über Naturgeister wissen. Und da fragte sie Don? Egal. Ich meldete mich bei ihr. „Was passiert, wenn zu viele Naturgeister erledigt werden?“, wollte sie wissen. „Hat das irgendwelche Konsequenzen?“ Ich schnaubte. „Klar“, sagte ich. „Schau dich um. Nennt sich Klimawandel.“ Ist vielleicht ein bisschen verkürzt, aber bestimmt nicht falsch. Je mehr die Natur unter Druck gerät, umso mehr ändert sie sich. Passt sich an, ob das den Menschen gut tut oder nicht.
Kurz darauf, gegen Abend, meldete sich Nelson. „Ich glaube, ich muss mit Bär reden… was sollte ich da beachten?“ Ich erzählte ihm, wie die Dakota mit Bär umgingen. Hätte vielleicht erwähnen sollen, dass andere Stämme das anders handhaben, aber ich war ein bisschen übermüdet. Mittlerweile hatte auch Pete die ersten Pockenbläschen, alle waren krank und nörgelig und brauchten Aufmerksamkeit.
„Bär mag Fische und Honig“, fiel mir noch ein. Vielleicht besser, es erst mal damit zu versuchen, bevor man sich irgendwelche Körperteile abschnitt.

Freitag oder Samstag rief Ethan noch mal an, glaube ich. Erzählte etwas davon, dass es jetzt losginge. Ich bin mir aber wirklich nicht sicher – ich fühlte mich überhaupt nicht gut. Schob das auf die schlaflosen Nächte und die kranken Kinder. Schön, also ging die Apokalypse los? Aha. Bin ziemlich sicher, dass ich ihm Glück wünschte.
Rief danach meine Eltern per Skype an. Ina war auf einem Kurs gewesen, hatte das mit den Windpocken nur am Rande mitbekommen. Jetzt sah sie mich an und fragte: „Sag mal, hast du dich angesteckt?“ „Kann nicht sein“, gab ich zurück. „Ich hatte die schon.“ „Nein, hattest du nicht“, antwortete sie. „Als ich zehn war?“ „Das waren die Masern.“ Großartig. Mein Dad schaute überrascht, dann zerknirscht. Klar. Der war damals gar nicht zu Hause gewesen, weil er in Washington irgendeine Sammelklage vorbringen musste.
„Ich komme“, sagte Ina. Ich war unangemessen erleichtert – ich meine, ich bin fünfunddreißig und sollte meine Mutter nicht mehr brauchen, um alltägliche Krisen zu meistern. Na ja. So ganz alltäglich war das nicht.

Sonntag hörte ich von Ethan. „Welt steht noch“, erklärte er. Klang nicht sonderlich triumphierend. Glaube ich. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt Fieber, nicht nur ein bisschen, sondern richtig hoch. Ich gratulierte ihm zu dem Sieg, aber er hat wohl gemerkt, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. „Geh zum Arzt, Barry“, sagte er. Zwei- oder dreimal, bis ich zustimmte.

Okay. Irene, Ethan, Cal und Nelson hatten die Welt gerettet, während ich Windpocken hatte. Meine Ärztin erzählte etwas von Bettruhe, verschrieb mir Aciclovir, um einer Hirnhautentzündung vorzubeugen und meinte, ich solle mich verdammt noch mal ausruhen.
Die nächsten Tage konnte ich auch gar nichts anderes machen. Schlafen, nach den Kindern sehen, vielleicht ein paar Mails beantworten… noch ein paar Sätze am Buch… Nein, lieber nicht.

Mir fiel schließlich auf, dass ich keine Ahnung hatte, ob Ethan mich angerufen oder ob ich nur seine Stimme gehört hatte. Kurzer Schreck, aber er schrieb mir eine sehr knappe SMS. Lebte noch. Aber irgendwas kam mir merkwürdig vor. Schrieb Irene an. Hörte, dass alle überlebt hatten, auch wenn keiner glücklich war. DeVries hatte es psychisch nicht so gut überstanden, Irene kümmerte sich um ihn. Er brauchte ein Heim, meinte sie. Meiner Meinung nach brauchte der eine Kugel in den Kopf, aber das sagte ich ihr nicht. Ich glaube, sie hatte immer noch Schuldgefühle.

Ethan war dann erst mal weg von der Bildfläche. Keine Anrufe, keine Mails. Seine Mutter meinte, er wäre campen. Artie kam nicht gut damit zurecht – kein Wunder, erst meldete sich Ethan zweimal die Woche, dann plötzlich gar nicht mehr. Gerade, als die Kids krank waren. Keine gute Zeit für den Jungen; plötzlich war Ethan weg, Tam unterwegs, ich krank… viel zu viel Veränderung und Unsicherheit. Artie hatte Alpträume, konnte die Wände des Hauses nicht mehr ertragen, lief raus, schlich rein, wieder und wieder. Wenn Kate und meine Mutter nicht gewesen wäre, wäre er vermutlich ganz weggelaufen.

Irgendwann kam Tam wieder, frisch gegen Windpocken geimpft. Die konnte Artie abfangen, sich um die anderen Kinder kümmern, bis ich wieder auf den Füßen war. Ina fuhr zurück nach Chicago, ein bisschen Normalität kehrte ein.
Tam erzählte wilde Geschichten von den Ereignissen in Huntsville: Sie und Bobby hatten bemerkt, dass zwei japanische Touristen von Dämonen besessen waren. Folgten den Besessenen (und ihrer Gruppe) zum Sightseeing zu einem Filmdreh, versuchten einen Exorzismus, aber die Dämonen sprangen weiter, der Filmdreh wurde zerlegt – hätte ein Horrorfilm werden sollen. Wurde dann eine Horrorshow. Schlussendlich gelang es Bobby, eine Dämonenfalle zu zeichnen, Tam lockte den besessenen Regisseur und den besessenen Hauptdarsteller hinein. Beide trieben die Dämonen aus.
So weit, so gut, aber leider hatten sie den Auftritt von Clive, dem Vampirfürsten, am Loki’s Gulch in der Nähe von Huntsville verpasst. Der hatte einige Jäger (darunter auch Stinger) in die Falle gelockt, ein halbes Dutzend getötet, aber ein paar waren findiger – Clive wollte das Trickstertuch, und sie behaupteten, sie hätten es. Drohten, es zu verbrennen, wenn er sie nicht gehen ließ. Entkamen der Falle. Jetzt hatte Clive ein leicht angesengtes Stück Stoff, von dem er dachte, dass es das Trickstertuch war; Stinger hatte ein anderes Stück Stoff, von dem er dachte, dass es das Trickstertuch war; und das echte Trickstertuch konnte in Huntsville keiner finden. Tam meinte, Victoria Blackwood hätte vermutet, dass es vielleicht mehrere davon gäbe – wäre doch typisch Trickster, nicht nur ein Tuch in Umlauf zu bringen, oder? Klang plausibel. Mal schauen, was Stinger mit dem Ding anrichten wird.

Schließlich meldete sich Ethan wieder per Skype. Artie war erleichtert, die anderen auch. Ist ja nicht so, als würde Ethan nur mit Artie reden – Kate und Pete hatten ihn auch vermisst. Nach einem längeren Gespräch (Ethan war wieder ziemlich wortkarg, aber die Kids hatten viel zu erzählen), erwischte ich ihn noch mal allein. Wollte ihm eigentlich ganz klar sagen, dass ich sein Verhalten unverantwortlich fand, aber er sah dermaßen fertig aus, dass ich mich viel milder ausdrückte.
Trotzdem sah er schuldbewusst aus. Meinte, er hätte halt mal rausgemusst. Wollte nicht, dass Artie mitbekommt, wie es ihm geht. Nein, ich sagte ihm nicht, dass er da seine Gefühle vor Arties gestellt hatte. War ja nicht so, als wäre der Kleine ohne ihn allein auf der Welt. Stattdessen beruhigte ich ihn. Tam und ich hätten das schon im Griff gehabt. Das würde schon wieder. Familie und so.

Irgendwann rückte er mit der Sprache heraus, was eigentlich bei der Apokalypse (bzw. der Nicht-Apokalypse) passiert war. Der Anfang fiel ihm relativ leicht: Irene, Ethan, Nelson und Cal hatten das Trickstertuch – das echte – in Louisiana gefunden, bei einem Zirkus. Bekamen dann mit, dass es in Wyoming zwei Tore gab, hinter denen gefallene Engel gefangengehalten wurden. Kamen auf die Idee, das Tuch zu benutzen, um die Tore umzudrehen und dazu zu bringen, keine Sachen rauszulassen, sondern alles einzusaugen, was nicht auf diese Welt gehörte. Hatten Kontakt zu einer mehr oder weniger toten Indianerin, die Cal kannte und die ihnen Unterstützung durch Dämonen beschaffen konnte. Nelsons Kontakt zu Bär brachte ihnen weitere Unterstützung.
Die brauchten sie wohl auch: Am Tor hatten sich zwei Engel mit ihren Anhängern versammelt, dazu noch Baphomet (ein gefallener Engel) mit seinen Leuten. Alle wollten das Tor öffnen, vor allem Selathiel, ein Erzengel. Das war die, die mit der christlichen Sekte aus den Ozarks geredet hatte und die von diesen Leute begleitet wurde.
Der andere Engel, Aziraphel, hatte Kontakt zu Cal. Der wollte Selathiel eigentlich in den Rücken fallen, aber er war selbst so ein unangenehmer Zeitgenosse, dass Cal ihm in den Rücken fiel und seine Pläne an Selathiel verriet. Die brachte Aziraphel daraufhin prompt um. Ethan murmelte, der Preis dafür wäre sehr hoch gewesen, aber er sagte nicht, was das für ein Preis gewesen war.

Es kam also zum Showdown mit Selathiel, Baphomet und deren Leuten auf der einen Seite und Irene, Cal, Ethan, Naturgeistern und Dämonen auf der anderen. Nelson musste das Ritual sprechen, mit dem das Trickstertuch aktiviert wurde.
Die Tore wurden geöffnet, die gefallenen Engel kamen heraus und besetzten die auserwählten Gefäße: Marcus deVries und Jo Baker (dass es sich bei Cals „alter Bekannten“ um die blonde Jägerin handelte, wurde mir erst später klar). Aber dann griff Nelsons Ritual, das Trickstertuch machte seine Arbeit, alle Engel und Dämonen wurden durch das Tor zurück in den Käfig gezwungen. So weit, so schön. DeVries und Jo war das nicht gut bekommen, scheinbar hatte selbst die kurze Besessenheit alle Lichter ausgeknipst. Oder die beiden gefallenen Engel hatte deVries und Jo mit sich in den Käfig gerissen. Wer weiß.

Das unschöne Problem, das Ethan jetzt mit sich herumschleppte? Beim Kampf hatte er Nelson vor den Christen aus den Ozarks beschützen müssen. „Gute Leute eigentlich“, meinte er. Und er hatte sie umgebracht. Okay. Das war es also, was an ihm fraß. Na, da war er bei mir genau an der richtigen Adresse… ich habe keine Ahnung, ob die Leute, die ich umgebracht habe, gut waren oder nicht. Eher nicht, vermute ich, aber ich habe mir da nie Gedanken gemacht.
Andererseits weiß ich, dass die meisten Menschen ein Problem damit haben, andere Leute umzubringen. Wollte in dem Moment auch nicht gerade heraushängen lassen, dass es mir nicht so ging.
„Tut mir leid“, sagte ich schließlich. Lahm, ich weiß. Aber ich sah ja, dass Ethan litt, und das tat mir schon leid. Ich bin kein Vollsoziopath. Nur manchmal ein Monster.
„Na ja“, sagte er. „Gewöhnen und so.“
Er wollte sich daran gewöhnen, Leute umzubringen? Ethan? Okay, warum nicht.
„Und das willst du“, sagte ich vorsichtig. „Dich dran gewöhnen.“ Lieber noch mal rückversichern.
„Muss wohl. Ist passiert“, gab er zurück.
Ach so. Er wollte sich daran gewöhnen, dass er Leute umgebracht hatte. Das ergab in dem Kontext mehr Sinn.
Ethan machte eine hilflose Handbewegung und redete weiter. „Die waren sicher, sie sind die Guten. Musste für die so aussehen. Sie – für den Engel. Wir – mit den Dämonen. Gute Leute.“
Da hätte ich wirklich gern irgendwas Schlaues gesagt. ‚Hüte dich vor Leuten, die überzeugt sind, dass sie das Richtige tun‘? So was? Ich ließ es. Ethan brauchte emotionale Unterstützung, keine intellektuellen Sprüche, und das konnte ich ihm nicht geben. Meine emotionale Reaktion darauf war irgendwo zwischen „Ja und?“ und „Mach dir keinen Kopf, besser sie als du.“ Keine Ahnung. Vielleicht wäre das hilfreich gewesen? Was weiß ich.
Er zuckte noch mal die Schultern.
„Welt steht noch“, sagte er resigniert. Offenbar hatte er gemerkt, dass ich ihm da nicht so richtig helfen konnte.
Puh. „Welt steht noch“, stimmte ich zu.

Das war dann auch das Ende des Gesprächs, aber nicht das Ende dieses Texts. Mir ist nämlich etwas klar geworden in den letzten Tagen. Hat mit Ethan zu tun, und mit Cal.

Wenn ich mit Ethan unterwegs bin, versuche ich, ein netter Kerl zu sein. Das ging schon direkt nach St. Trinity los. Offenbar ist mir das Haus viel mehr unter die Haut gegangen, als ich dachte. Als ich die ganzen Toten in der Halle sah – und ich glaube, das waren nur die Leute, die ich persönlich umgebracht habe, aber so genau merke ich mir die Gesichter normalerweise nicht – und haargenau wusste, dass die Schuldgefühle nicht meine waren, da akzeptierte ich, dass ich ein Monster bin. Ich sah das glasklar. Und nein, so richtig gefiel mir das nicht. Ich will ja kein Monster sein, das gewissenlos Leute umbringt.
Deswegen war ich freundlich zu Ethan. Zu Artie. Später dann zu Giffany, sogar zu Steve, dem Junkie aus May Creek. Deswegen kam diese Lone-Ranger-Geschichte wieder zum Vorschein – ich bin keiner von den Guten, aber… ich will mehr sein als nur ein Monster. Schon allein für meine Familie.

In der letzten Zeit – in den letzten Jahren – war ich ziemlich oft nett. Habe niemanden getötet. Leute gerettet, die ich gar nicht so gut kannte. All das. Fing an, zu glauben, dass ich ja vielleicht doch nicht so schlimm bin.

Dann traf ich Cal. Gerade am zweiten Tag. Desinteressiert an den Problemen anderer, nur auf die einfachste Lösung aus. Völlig unbewusst glich ich mich an, ließ Niels auflaufen, hatte kein Interesse an einer versöhnlichen Lösung. Und es fühlte sich gut an. Es fühlte sich natürlich an.

Und jetzt? Monster oder Lone Ranger?

…oder beides. Menschen können zwei Sachen auf einmal sein – Jäger und Schriftsteller, Krüppel und Actionheld, Monster und Lone Ranger. Das darf ich nur nicht vergessen. Nicht vor lauter „Leute retten“, „Mitleid haben“ und „emotionale Beziehungen führen“ darüber hinweg sehen, was ich gemacht habe. Wozu ich fähig bin.

So. Das ist der Punkt. Und um den zu beweisen, fahre ich demnächst wieder in den Nordwesten und erschieße Davy Whittaker.

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Jacob's Legacy

Ein Klicken verriet Niels, dass er auf seinem Zungenpiercing kaute. Er war nervös, und er fühlte sich unwohl. Felicity hatte ihn gezwungen, ein Hemd anzuziehen, sich zu rasieren (er wusste immer noch nicht, was es in seinem Gesicht groß zu rasieren gab) und sich zu kämmen. Er schüttelte immer noch den Kopf, wusste seine Cousine eigentlich, wie schwierig es war, dass er seine Haare jeden Morgen so hinbekam, dass sie eben nicht gekämmt aussahen? Jahrelang hatte er einen braven Mittelscheitel und eine “Frisur” haben müssen, jetzt waren seine Haare seine Sache. Aber Felicity wollte, dass er einen guten Eindruck machte auf ihre Großeltern und ihre Mutter, und so hatte er ihr nachgegeben. Abgesehen davon sollte er sich erkenntlich zeigen für die Tatsache, dass er von ihr eine Schrotflinte und ein Auto bekommen hatte, das war mehr, als er jemals besessen hatte. Dafür konnte er sich auch mal die Haare runterkämmen und ein weißes Oberhemd tragen. Trotzdem war er nervös, wenn er ehrlich war, fürchtete er sich auch ein wenig vor Felicitys Mutter. Wie würde sie auf ihn reagieren, den Sohn des Mannes, der sie nach dem Tod ihres Ehemannes so wüst beschimpft hatte?

Jetzt saß er seit guten zwei Stunden im Wohnzimmer von Felicitys Häuschen in den Außenbezirken von Seattle und wartete darauf, dass die Jamesons kamen. Der Flieger aus New York hatte Verspätung, was dazu führte, dass Felicity kopflos durchs Haus rannte, eine Vase von rechts nach links und wieder nach rechts schob, am Tischtuch zog und sich bestimmt hundertmal die Haare auf und wieder zumachte.

“Darling, du siehst zauberhaft aus.” Lord Alfred kam aus dem Obergeschoss und betrat das Wohnzimmer, wo Felicity gerade vor dem Spiegel stand. Niels fragte sich zum wiederholten Male, warum seine Cousine unbedingt jemanden heiraten wollte, der aussah wie der jüngere Bruder von Prinz Charles. Alfred war wie immer tadellos gekleidet, die Bügelfalte an seiner Hose war so akkurat, dass sie fast messerscharf wirkte, seine Schuhe waren blank gewienert, und seine zurückweichenden Haare hatte er sich in einen Scheitel gelegt, der aussah, als habe er ihn mit dem Lineal gezogen. Niels sah auf seine Vans hinunter, die er am Vortag in die Waschmaschine geworfen hatte, und überlegte, ob er die Ärmel des Hemdes hochkrempeln sollte. “Niels Aaron Heckler, wage es nicht!” Zum wiederholten Male fragte Niels sich, ob seine Cousine auch im Hinterkopf Augen hatte. “Meinst Du, deine Großeltern und deine Mutter haben noch nie einen Tätowierten gesehen?” fragte er und streckte ihr die Zunge heraus. Felicity drehte sich um und kam auf ihn zu. “Natürlich haben sie das. Aber Großvater ist etwas… konservativ. Bitte, Niels. Sei lieb.” Sie sah ihn mit großen Augen an, und er konnte nicht anders, als breit zu grinsen. “Ja, Neil, Sie sollten sich den Gepflogenheiten anpassen,” mischte sich jetzt Alfred ein, der es offenbar genoß, dem jungen Mann vor Augen zu führen, als wie anders er ihn wahrnahm. Niels’ Grinsen verschwand, und er bedachte ihn mit einem langen Blick aus seinen dunkelblauen Augen. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, klopfte es an der Tür.

Felicity rannte in den Flur und öffnete. Eine große blonde Frau um die Fünfzig betrat das Haus, von Kopf bis Fuß in schwarz gehüllt: Ein schwarzes Hütchen, eine schwarze Sonnenbrille, ein schwarzes Kostüm und schmucklose schwarze Pumps. An ihrem Arm untergehakt ging eine alte Frau mit weißen Locken, sie trug ein sommerliches Kleid und eine helle Strickjacke und lächelte fröhlich, als sie Felicity sah. Ihnen folgte ein großer weißhaariger Mann von etwa 80; er trug einen grauen Anzug und bewegte sich mit Hilfe eines Spazierstocks fort. Als Felicity das sah, schlug sie kurz entsetzt die Hände vor den Mund. “Großvater! Was ist passiert?” Cedric Jameson lachte nur, während er seine Enkelin begrüßte. “Lizzy-Kind, dein alter Großvater ist eben nicht mehr der Jüngste.”

Niels war während der Jameson-Heckler’schen Begrüßung im Hintergrund geblieben, er war hier genauso wie die Jamesons nur ein Gast.

Felicitys Großvater mochte er jedoch sofort, nachdem der alte Jameson erst Alfred kräftig die Hand geschüttelt hatte und ihn mit einem “Na, Sie sind aber mutig, eine Irin zu heiraten,” begrüsst hatte, was Alfred mit einem schmallippigen Lächeln quittiert hatte. Jetzt kam er auf Niels zu. “Ah, der junge Heckler. Nach der Beschreibung meiner Enkelin habe ich eigentlich erwartet, dass Sie aussehen wie ein afrikanischer Stammeskrieger.” Er lächelte dabei, und Niels konnte nicht umhin, ebenfalls zu grinsen. “Ich arbeite daran, Sir,” antwortete er, was ihm ein Schulterklopfen des alten Mannes einbrachte. “Sehr gut, Mr Heckler. Weitermachen!” Er lachte kehlig, und Niels lächelte.

Jetzt schob Jameson seine Frau nach vorne, die Niels lächelnd ansah. “Séamus?” fragte sie dann und reichte ihm die Hand. Niels zuckte kurz, er verstand nicht, was sie meinte. Dann korrigierte sie sich. “Ach, entschuldigen Sie. Ich habe Sie mit Lizzies Vater verwechselt.” Sie lächelte immer noch, und Niels beschloß, dass er trotz der Verwechsung auch Deidre Jameson sehr sympathisch fand. Ihr Mann trat an sie heran und flüsterte: “Liebes, das ist Niels, Jacobs Neffe.” An Niels gewandt fügte er hinzu: “Entschuldigen Sie, meine Frau hat Jacob immer auf gälisch angesprochen, deswegen der Name.” Niels nickte nur, dann schob sich auch schon Delia Heckler in sein Gesichtsfeld, und er spürte, wie er blass wurde.

Sie blieb kurz stehen und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Es kam Niels vor wie eine Ewigkeit, dass Felicitys Mutter ihn so ausführlich betrachtete. Dann erlöste sie ihn, indem sie ihm lächelnd die Hand reichte. “Entschuldigen Sie, es ist nur… die Ähnlichkeit…”

Ich sehe aus wie Onkel Jacob?

Er hatte einmal ein Foto von seinem Onkel gesehen, Felicity hatte es in ihrem Schlafzimmer stehen. Damals war ihm keine besondere Familienähnlichkeit aufgefallen, Jacob war ebenfalls dunkelblond wie er, und er hatte blaue Augen, stahlblau wie Angelika. Wenn er sich überhaupt an einen anderen Heckler erinnert gefühlt hatte, dann an seine Schwester. Felicity hatte nie erwähnt, dass er sie an ihren Vater erinnerte, aber nun war Delia innerhalb kürzester Zeit die zweite Person, die die Ähnlichkeit bemerkte, also musste doch etwas dran sein.

Er atmete tief durch und erwiderte Delias Lächeln. “Niels Heckler, Ma’am.” Delia hielt einen Augenblick irritiert inne, dann setzte sie wieder ihr New York-Lächeln auf. “Natürlich. Delia Jameson. Ich bin dann wohl Ihre… Tante.” Sie machte eine kurze Pause. “Nennen Sie… nenn mich Delia. Wir sind doch eine Familie.” Jetzt war ihr Lächeln aufrichtig, und Niels spürte, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel.

Felicity forderte jetzt ihre Gäste auf, ins Wohnzimmer zu gehen. Das Ehepaar Jameson ging voran, gefolgt von einem immer noch sauertöpfisch dreinblickenden Alfie, dann kam Delia. Niels wartete kurz, bis Felicity zu ihm kam. “Hast du es ihr gesagt?” fragte er nur, und seine Cousine nickte. “Natürlich. Glaubst du, ich lasse sie und dich ins offene Messer rennen? Du hast gerade ein weiteres neues Familienmitglied bekommen, Großer.” Niels umarmte seine Cousine spontan. Als er sie wieder freigab, sah Felicity ihn lächelnd an. “Und wenn ich es mir richtig überlege, Niels, dann haben Ma und Grandma recht. Du bist wirklich wie mein Vater.”

Der Rest des Tages verbrachte Niels entspannt im Kreis von Felicitys Familie, die, wie er sich immer wieder in Erinnerung rief, nun auch seine Familie war. Es war spät, als er ins Bett ging, aber er war sich sicher, dass er sich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt hatte. Sein Kopf war voll mit neuen Eindrücken und Gedanken, aber sie waren nicht unbedingt negativ. Doch jetzt war er müde, und er wollte nur noch schlafen. Kaum hatte er sich ausgezogen und ins Bett gelegt, war er auch schon eingeschlafen.

”Hallo, Junge.” Er steht in einer dunklen Gasse, irgendeine Grossstadt, es ist Nacht, es ist kalt. Ist er wieder in Chicago? Er hält Ausschau nach Joe, aber er kann nichts erkennen. Nein, halt, da ist jemand. Ein Mann, ungefähr Mitte 40. Er trägt eine dunkle Lederkombi wie ein Motorradfahrer, seine stahlblauen Augen und das verschmitzte Lächeln verraten sofort die Familienzugehörigkeit.

“Onkel Jacob?” Niels geht auf seinen Onkel zu. Jetzt hat er das Gefühl, in einen Spiegel zu sehen. Verdammt, sie sehen sich wirklich ähnlich. War das der Grund…?

“Vielleicht. Vielleicht hat er uns auch einfach nur abgelehnt, weil wir anders waren als er.”

“Wo bin ich?”

“Das ist der Ort, wo ich gestorben bin. Wo ich in eine Falle gelockt wurde.”

“Aber was tue ich hier?”

“Du bist ein Heckler, Niels Aaron. Ein Jäger. Kannst du es dir nicht denken?”

Sein Onkel legt ihm eine Hand auf die Schulter. Sie fühlt sich schwer an, väterlich. Echt.

“Aber warum denn ich? Was ist mit Felicity, deiner Tochter?” Niels weiß, dass seine Cousine ihm jagdtechnisch kaum in etwas nachsteht.

“Weil du genau wie sie mein Fleisch und Blut bist.”

Niels schüttelt den Kopf. “Wie meinst du das?”

“Wie ich es sage. Außerdem.. du hast jetzt meine Winchester, Junge.” Jetzt grinst Jacob Heckler, und Niels hat für einen kurzen Moment das Gefühl, Benedikt anzusehen.

“Sprich mit Cedric. Er weiß, was zu tun ist.”

Niels nickt, obwohl er verwirrt ist. Das sind gerade zu viele Informationen für ihn, aber er will alles tun, was sein Onkel möchte. Nicht umsonst ist Jacob sein großes Vorbild.

“Mach’ ich, Onkel Jacob.”

“Du bist aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ich, mein Junge.” Jacob Heckler sieht Niels durchdringend an. Der Heckler-Blick. Natürlich, auch er beherrscht ihn. Dann wendet er sich um, um zu gehen, doch er dreht sich noch einmal um.

“Niels? Sag Lizzie, dass ich sie liebe, und dass ich will, dass sie glücklich ist.”

Als Niels aufwachte, hörte er bereits hektisches Geklapper aus dem Untergeschoss, und der Geruch von frischen Backwaren, Spiegelei und Speck sowie Kaffee zog durchs Haus. Er stand auf, zog sich an und ging nach unten.

Der Tisch war gedeckt, und alle saßen bereits daran – sogar Alfred. “Sie sind spät auf, Neil,” bemerkte der Engländer süffisant, aber Niels ignorierte ihn. Ihm steckte noch der Traum von letzter Nacht in den Knochen, und er hatte keine Lust, mit dem spiessigen Lord irgend etwas zu diskutieren. Stattdessen bedachte er ihn mit einem langen Blick und schob das Zungenpiercing zwischen die Lippen. Der Barbell erfüllte seine Wirkung, ertappt und pikiert sah Alfred in die andere Richtung und schmierte sich weiter Marmite auf sein Brot.
Niels schenkte sich Kaffee ein und packte Bacon und Eier auf seinen Teller, schweigend aß er. Plötzlich nahm er aus den Augenwinkeln wahr, dass ihn jemand beobachtete. Als sein Blick in die Richtung ging, stellte er fest, dass es Cedric Jameson war, der ihn, gestützt auf seinen Stock, unverwandt ansah.

Sprich mit Cedric.

Niels setzte sich gerade hin und erwiderte den Blick von Felicitys Großvater. Cedric Jameson entspannte sich ebenfalls ein wenig, sagte aber nichts. Schweigend setzten die beiden Männer ihr Frühstückt fort.

Als Felicity die Tafel aufhob, wollte Niels wieder nach oben gehen. Er wollte seine Ruhe, doch da hielt Cedric ihn auf. “Ich möchte Sie gerne unter vier Augen sprechen, Niels. Gibt es hier einen Ort, wo wir ungestört sind?” Niels überlegte, sein Zimmer war zwar nicht groß, und aufgeräumt war es auch nicht, da er es meistens als Durchgangslager nutzte, aber ungestört waren sie dort sicher. Aber mit einem Blick auf den Gehstock des alten Mannes schlug er lieber Felicitys Arbeitszimmer vor.

Cedric folgte ihm in das kleine Zimmer, wo er in einem Sessel Platz nahm. Niels zog sich den Schreibtischstuhl heran. Als er Felicitys Großvater gegenüber saß, wurde ihm bewusst, dass er nur ein T-Shirt zu seinen verschlissenen Jeans trug. Nervös fuhr er sich durch die Haare und zog sich dann am T-Shirt-Ärmel. “Interessante Motive,” bemerkte Cedric jetzt mit einem Schmunzeln, und Niels ließ überrascht seinen Ärmel los. “Ich… entschuldigen Sie. Felicity sagte… “ Cedric winkte ab. “Junger Mann, ich bin vielleicht alt, aber nicht weltfremd. Abgesehen davon wollte ich mit Ihnen nicht über Ihren Körperschmuck sprechen.”

Niels seufzte, was ihm ein erneutes Schmunzeln einbrachte. “Ich sage Ihnen was, Niels. Sie mögen noch jung und ungestüm sein, aber ich erkenne Potenzial, wenn ich es sehe.” Niels wollte den Mund öffnen, doch Jameson winkte ab. “Lassen Sie mich ausreden. Ihre Aufmachung ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber insgesamt erinnern Sie mich sehr an Ihren Onkel.” Jetzt wusste er nicht, ob er sich geschmeichelt fühlen sollte. Er kannte Jacob Heckler nur aus der rosarot verbrämten Sicht von dessen Tochter und der überaus negativen Sicht seines Vaters, der seinen Bruder fast ebenso wie seinen Sohn verabscheut hatte.

…Gustav schwenkt einen Brief mit schwarzem Rand, Niels kann vage eine ausländische Marke erkennen. “Wisst ihr, was das ist?” Er lächelt böse, und sein Sohn weiß, dass dieses Lächeln nie etwas Gutes bedeutet. Gustav Heckler lächelt nicht. Joseph und Benedikt nicken nur, aber Niels ist sich sicher, sie wissen auch nichts, aber sie tun gerne klug. “Das ist ein Brief aus Amerika.” Joseph hustet, und Benedikt zieht eine Grimasse. Niels sieht seine Brüder an. Was ist das Besondere an Amerika? Er weiß, dass das weit weg ist. Soll er fragen? Aber Joseph schüttelt nur unmerklich den Kopf und macht eine Handbewegung. Frag, Aaron, und du bekommst es mit mir zu tun. Also besser nicht fragen.

“Jacob ist tot. Euer Onkel, dieser elende Feigling. Verreckt isser. Das hat die Schixn mir geschrieben, mit der er verheiratet war.”

Niels ist entsetzt. Sollte man so über jemanden reden, der gerade verstorben ist? Er macht den Mund auf und gleich wieder zu, als Benedikt ihm einen Klaps auf den Hinterkopf gibt. Man stört Vaters Predigten nicht.

“Beim Jagen isser umgekommen. Beim Jagen! Ein Heckler!” Jetzt schreit er fast, und Niels bekommt Angst. Die Augen seines Vaters bekommen einen fanatischen Glanz. “Das ist die gerechte Strafe für sein Verhalten! Hat sich abgesetzt wie ein gemeiner Dieb, zur Hure Babylon, hat die Schixn geheiratet und seiner Tochter das Jagen beigebracht! Einer Frau! Widernatürlicher Kretin!” Gustav spuckt aus. Benedikt und Joseph nicken nur, aber Niels versteht kein Wort. Allerdings kann er seinen verstorbenen Onkel in diesem Moment nur bewundern. Sich von Gustav abzusetzen, erfordert Mut und Rückgrat. Er wünscht sich in diesem Moment nichts mehr, als wie sein Onkel zu sein.

“Ihr Onkel war ein guter Mann, ein guter Katholik und ein guter… Jäger. Ja, ich weiß genau, womit Ihre Familie sich ihren Lebensunterhalt verdient.” Cedric machte wieder eine Pause, und Niels fragte sich, worauf Felicitys Großvater hinauswollte. “Und eben weil er gut war, glaube ich, dass sein Tod kein Zufall war.” Jameson stützte sich auf seinen Gehstock und beugte sich vor. “Ich will Ihnen einen Deal vorschlagen, Niels. Ich finanziere Ihr Studium, und Sie finden heraus, wer Jacob umgebracht hat.” Niels schluckte. “Bitte? Ich verstehe nicht… “ “Mein lieber Niels, Sie sind ein Jäger. Ein guter sogar, wie ich gehört habe. Und Sie sind auch ein Künstler und Student. Wenn Sie beides wollen, brauchen Sie Geld. Ich habe Geld und ich bitte Sie dafür um einen winzigen Gefallen. Schlagen Sie ein?”

Niels zögerte. Was konnte er ausrichten, wenn es noch nichtmal der Polizei gelungen war, herauszufinden, wer oder was Jacob Heckler umgebracht hatte? Aber Cedric war nun schon der Zweite, der ihn um diesen Gefallen bat.

Der alte Mann schien zu merken, dass Niels noch überlegte, ob er auf sein Angebot einging. “Sie müssen nicht sofort zusagen. Aber Sie sollten eines wissen. Ich habe Ihren Onkel wie einen Sohn geschätzt. Er kam ganz allein und mittellos nach Amerika, aber er hat nie geklagt, nie gejammert. Als er mich um die Hand meiner Tochter gebeten hat, habe ich keinen Moment gezögert, auch nicht, als er mir alles über Ihre Familie erzählt hat. Er hat meine Tochter geliebt und ihr gut getan. Seit seinem Tod ist Delia immer noch in Trauer. Sie lässt es sich nicht anmerken, aber solange sie nicht weiß, was genau damals in dieser Gasse passiert ist, wird sie niemals nach vorne sehen können.” Sein Blick wurde ernst. “Ich habe Ihnen alles Material zusammenstellen lassen, dass ich finden konnte. Sehen Sie es sich an. Sie haben als Jäger auch ganz andere Kontakte als ich.”

In Niels’ Kopf rasten die Gedanken. Die Aussicht, keine finanziellen Sorgen mehr zu haben, war verlockend, aber er wusste nicht, ob er der Aufgabe gewachsen war.

Sie haben als Jäger auch ganz andere Kontakte als ich.

Niels dachte an Irene Hooper-Winslow und seine neue Freundin Chloe Bush, die Journalistin. Mit Bart Blackwood kannte er außerdem jemanden, der über ein großes theoretisches Wissen verfügte. Immerhin hatte er dem Gelehrten schon vor einigen Wochen von Jacobs Haus erzählt, in dem wohl immer noch Unterlagen seines Onkels lagen. Jetzt bekam das Ganze eine ganz neue Wendung: Was, wenn Felicity ihn damals schon in die gleiche Richtung hatte bringen wollen wie ihr Großvater jetzt?

Ich wünschte, Du hättest meinen Vater kennengelernt. Er war so ein großartiger Mann. Ihr hättet euch so wunderbar verstanden.

Cedric war inzwischen aufgestanden und ging langsam zur Tür. “Wie gesagt, überlegen Sie es sich,” meinte er noch, als er die Tür öffnete. Niels dachte an Felicitys Worte. Zu seiner eigenen Überraschung hörte er sich sagen: “Mr Jameson? Ich nehme Ihr Angebot an.” Jameson drehte sich wieder um und lächelte zufrieden. “Nichts anderes habe ich erwartet. Fangen Sie sofort an.”

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Ring of Fire
aus Barrys Tagebuch

Ich habe Beth Taylor umgebracht.
Endlich.

…jetzt habe ich wieder Zeit für meine Aufzeichnungen. Gut, ich muss immer noch das Ende schreiben und wenigstens einmal kurz drüber schauen, bevor ich das Manuskript einreiche, aber Beths Tod war der Höhepunkt. Ich brauche eine Pause.

Und die verbringe ich damit, zu schreiben. Sehr gut, Jackson. Sehr entspannend.

Ich bin bei meinen Aufzeichnungen an einer konfusen Stelle stehen geblieben, weil nebenher so viel passiert ist (oder gerade nicht passiert ist): Clive, der Vampirkönig, die Fast-Apokalypse in Wyoming, die Windpockenplage hier zu Hause. Aber ich glaube, das sortiere ich woanders. Das ist kompliziert, nicht nur chronologisch, sondern auch… emotional, irgendwie. Ich nenne das Ding dann Gefühlsduselei in B-Moll oder so.

Jetzt geht es aber erst mal um die Sache in Idaho. (Ich sehe schon die Fragezeichen vor mir: Idaho? Was soll schon in Idaho passieren? Wo ist Idaho noch mal genau?)

Es fing mit meinem Dad an. Beim letzten Telefonat erzählte er mir beiläufig, er hätte Rusty neulich getroffen. Rusty Cage, von Our World First, einer Umweltorganisation. Hauptsächlich mit Wäldern befasst. Ich kannte Rusty schon seit… keine Ahnung, dreißig Jahren? War ein alter Freund von Dad. Hatte mir mal ein Schaukelpferd gebaut.
Jedenfalls hatte Rusty ein Problem und brauchte einen Privatdetektiv. Nämlich mich. Ich zögerte ein wenig, weil ich eigentlich nicht schon wieder los wollte, aber Dad bequatschte mich. Schaukelpferd, Umweltschutz und so weiter.

Also flog ich nach Boise, Idaho. Traf mich mit Rusty. Versuchte, über seine Reaktion auf meinen Haken hinwegzusehen. War eine Weile her, dass wir uns das letzte Mal getroffen hatten.
Nach anfänglichem Zögern taute er auf und erzählte mir wort- und gestenreich vom Sawtooth National Forest in der Nähe von Hailey. Vor drei Jahren hatte es dort einen Großbrand gegeben, der im August mehr als drei Wochen wütete. Seither kam es dort immer mal wieder zu kleineren Feuern, bei denen ein paar Leute ums Leben gekommen waren. Rusty vermutete Brandstiftung – er hatte diverse Ideen, wer dahinterstecken könnte, die mir alle nicht sonderlich realistisch vorkamen, aber gut. Ich würde mir die Sache mal anschauen.

Ich war nicht der einzige, den Rusty kontaktiert hatte – es gab da noch eine Reporterin, die er auf die Geschichte gestoßen hatte und die jetzt auch recherchieren sollte. Chloe Bush. Ich rief sie an und verabredete mich mit ihr in einem Kaffeeladen in Hailey.
Sie war nicht allein unterwegs: Irgendwo hatte sie Cal Fisher ausgegraben. Von dem hatte ich nun schon viel gehört – von Sunny, von Ethan – ihn aber noch nie getroffen. Sah aus wie ein hartgesottener Typ. Gefährlich. Kein netter Kerl.

Außerdem war Niels Heckler in dem Kaffeeladen. Was für ein Zufall. Immerhin kannte der sowohl Cal als auch mich. Machte das Gespräch einfacher. Chloe hatte Cal über Irene angeheuert – sie wusste nicht, meinte sie, dass ich auch Jäger bin. Ich sagte leise, Privatdetektiv, aber ich glaube, das hörte keiner. (Beim nächsten Mal sage ich Dichter. Die Gesichter will ich sehen.)
Niels meinte, er wäre ja eigentlich nur zum Zeichnen hier. Ich zuckte die Schultern. Du musst selbst wissen, ob du mitwillst, sagte ich ihm. Er schaute nicht ganz glücklich, aber er blieb da.

Es gab in Hailey ein Büro von Our World First, in dem wir Rowena Myerson trafen. Dort erfuhren wir, dass es bei dem großen Feuer 2013 zwei Todesopfer unter den Feuerwehrleuten gegeben hatte. Seither hatte es zehnmal gebrannt, und jedes Mal gab es einen Toten. Vom Blitz getroffen, berichtete Rowena. Alle. Möglicherweise waren die Waldbrände dadurch ausgelöst worden.
Kam uns seltsam vor. Chloe stellte einen Haufen Fragen über Gewitter und Wälder (keine Ahnung, ob sie wirklich so wenig wusste oder ob sie Rowena nur zum Reden ermuntern wollte) – keine sonderlich neuen Erkenntnisse, aber die Feuer entzündeten sich alle in derselben Gegend, in der auch das große Feuer seinen Ursprung gehabt hatte. Die meisten Toten waren Wanderer, aber es war auch ein Forstarbeiter dabei. Hätte der nicht wissen müssen, dass Gewitter gefährlich sind? Hm, ja, schon, meinte Rowena. Komisch eigentlich.

Wir gaben ihr den Auftrag, mal im meteorologischen Institut nachzufragen, ob für den jeweiligen Zeitraum wirklich ein Gewitter gemessen wurde. Nur zur Sicherheit. Sie schaute nicht mal überrascht, Chloes Fragen hatten sie so ausgelaugt, dass sie sich über nichts mehr wunderte.

Danach Kriegsrat. Zu viele Leute, die am Blitzschlag gestorben waren, für so ein beschränktes Areal. Das wollten wir uns genauer ansehen. Niels meinte, er wäre in einem Wald aufgewachsen und würde sich auskennen. Okay.
Irgendwann bei diesen Gespräch müssen wir auf das Thema „Familie“ gekommen sein. Niels meinte, Familie wäre scheiße. Die anderen beiden nickten zustimmend. Ich sagte nichts dazu. Wozu auch? Aber meine vage Sympathie für den jungen Deutschen nahm ab.

Wir fuhren mit Niels‘ und Cals Autos zu einem Wanderparkplatz in der Nähe; Chloe und ich waren mit dem Flugzeug gekommen. Als wir an den Wagen unsere Ausrüstung einpackten, sah ich in Cals Kofferraum Waffen: Gewehre. Pistolen. Äxte. Messer. Granaten. Eine Landmine. Nicht schlecht. Ich fragte mich, wo er das Zeug herhatte. An so was kam man nicht so leicht ran.
War aber nicht so wichtig. Unter Niels‘ Führung folgten wir dem Beaver Creek Trail, einem schmalen, naturbelassenen Wanderweg, der in das verbrannte Gebiet hineinführte. Um zu dem Ort zu kommen, wo der Forstarbeiter vor zwei Wochen gestorben war, mussten wir den Pfad verlassen, aber wir fanden das Gebiet schnell. In der Luft hing noch ein vager Brandgeruch, der Ruß war so frisch, dass er stellenweise noch an unseren Kleidern hängenblieb.
Dort, wo der letzte Brand begonnen hatte, stand ein Baum mit einer seltsamen Verdickung. Sah fast aus wie… Köpfe? Tierköpfe? Chloe betrachtete die Gebilde durch den Sucher ihrer Kamera – meinte dann, es wären Bärenköpfe, ein jüngerer, ein älterer.

Ich ging nicht weiter auf ihre Kamera ein. Brian hatte auch mal so ein ähnliches Gerät, aber das hat er irgendwann zerstört. Sollte wohl nur aufpassen, dass Chloe keine Fotos von mir macht. Schien sie aber auch nicht vorzuhaben.

Bärenköpfe, hm? Ich konzentrierte mich auf mein rechtes Ohr – irgendwas… ja. Ich hörte etwas. Schreie. Schmerzensschreie, und das Prasseln von Feuer. Wo kam das her? Vorsichtig ging ich in eine Richtung. Kam zu einem anderen Baum. Sah vage menschlich aus, die Äste ausgestreckt wie Arme, die Wurzeln verknotet wie langgestreckte Füße.
Aber das war nicht alles. Das war nicht nur ein Schrei. Ich suchte weiter, fand noch zwei andere Bäume, die mit ein bisschen Fantasie menschlich aussahen. Wieder das Geräusch von Feuer unter den gequälten Rufen, bei beiden. Chloe sah durch ihre Kamera, sagte, in jedem Baum wäre eine Frau: Eine junge, eine alte und eine irgendwo dazwischen.
Alle Brände hatten ihren Ursprung im Dreieck zwischen diesen Bäumen. Außerdem lag nicht nur der ersten Baum mit den beiden Bärenköpfen darin, sondern wir fanden noch einen weiteren mit einem Bärenkopf, laut Chloe weder jung noch alt. Genau wie die Frauen. Als ich mein Ohr an den Baum legte, hörte ich den Bär brüllen: Wut, Verzweiflung, Schmerz.

Da wir nicht dauernd zwischen Hailey und dem Wald hin- und herfahren wollten, beschlossen wir, einen der Bäume zu fällen. Ich gab Niels meine Axt. Der maulte zwar ein bisschen, aber er sah dann doch ein, dass das ein Job für jemanden mit zwei Händen war (okay, vielleicht war das auch nur Sarkasmus. Ich hatte die Ohren voller Schmerzensschreie und war möglicherweise etwas humorbefreit). Außerdem hatte er sowas schon mal gemacht.
Die Axt biss ein paar Mal ins Holz, und die Schreie veränderten sich. Wurden lauter. Wütend. Dann peitschten zwei Äste nach Niels. Um ihre Spitzen loderten blasse Flammen. Chloe rief eine Warnung, ich stellte mich den wild um sich schlagenden Ästen in den Weg. Niels sprang zur Seite, rollte sich ab und zog seine Luger. Cal hatte eine Machete in der Hand und schlug damit probeweise nach den Ästen, ohne einen richtig zu treffen. Aus dem Stamm schälte sich eine rußige, vage weibliche Gestalt. Auf Chloes Versuche, mit ihr zu sprechen, reagierte sie nicht; vielleicht ließen wir ihr auch zu wenig Zeit. Ich nahm die Axt, wollte einen Ast abschlagen, verfehlte. Bewegte mich zu weit nach vorn und stand plötzlich vor der schattigen Gestalt, die nach mir griff und versuchte, mich in eine Umarmung zu ziehen. Auch wenn ich kein Feuer sehen konnte, fühlte es sich trotzdem an, als würde sie in Flammen stehen – sie erwischte Schulter und Rücken, bevor ich aus ihrer Reichweite kam. Schönes Gefühl.

Niels schoss auf den Baum, Holz splitterte, aber sonst kein Effekt. Cal schlug mit der Machete einen Ast ab. Störte den Geist scheinbar nicht. Chloe rief, da ist etwas im Wald, etwas Großes, es kommt auf uns zu. Großartig.
Ich ließ die Axt fallen, benutzte den Haken. Mein Ersatzhaken, ein schweres Ding aus Gußeisen. Immerhin, Eisen hilft gegen Geister, und ich riss einige schattige Fetzen aus der Gestalt. Die Gestalt versuchte erneut, mich zu packen, aber meine schmerzende Schulter motivierte mich, ihr aus dem Weg zu bleiben.
Hinter mir bellte die Luger wieder, und was auch immer Niels für Munition verwendete, sie war effektiv: Das Geschoss durchschlug die Gestalt in der Körpermitte und hinterließ ein großes Loch. Beim Baum entsorgte Cal den zweiten Ast.
Chloes Warnung wurde drängender. Wir hatten keine Zeit mehr. Ich machte wieder ein paar Schritte auf den Geist zu. Jetzt, durch das große Loch, sah ich ein dumpfes Glühen im Brustkasten der Gestalt. Mit dem Haken griff ich danach und riss es heraus. Ein paar Flammen tropften zu Boden, loderten auf, bildeten fast ein Muster. Ich trat sie aus.
Das reichte: Die Gestalt verschwand abrupt. Die näher kommenden Geräusche im Wald brachen ab. Der Baum wehrte sich nicht mehr, als Cal ihn fällte. Dabei fand er zwischen den Wurzeln ein paar Knochen – wir suchten genauer, fanden noch mehr. Anzünden und salzen, und die Schreie, die mir die ganze Zeit im Ohr klangen, hörten auf. Gut.

Nachdem wir den Geist erledigt hatten, frischte der Wind auf, und während wir mit Baum und Knochen beschäftigt waren, zogen sich dunkle Wolken zusammen. Ein Gewitter. Zeit, den Wald fürs erste zu verlassen.

In Hailey setzten wir uns im Diner wieder zusammen, nachdem Niels meine Verbrennungen versorgt hatte. Machte er gut, war wohl auch nicht so schlimm. Der Krähe auf der rechten Schulter war jedenfalls nichts passiert, aber das hätte mich auch gewundert.

Chloe hatte die Fahrt genutzt und schon einmal die Geschichte der Stadt gegoogelt: Offenbar hatte es da vor ein paar Generationen mal eine Hexenverfolgung gegeben. Chloe wollte wissen, ob es sowas überhaupt gab, und ich erklärte ihr, ja, Hexen gibt es, und vielleicht gibt es auch nette Hexen, aber die können sehr, sehr bösartig werden. Dachte an Coleen und Ethans Fluch. An Malgorzata und ihre Suppe. An die Hexe von Crested Butte und die verschwundenen Kinder.
Niels echauffierte sich dann, sein Vater glaubte ja wohl, dass Hexenverbrennungen auch heutzutage noch eine gute Idee wären. Das wäre ja wie zu Hause hier! Er wolle mit so etwas nichts zu tun haben. Ich sagte ihm, musst du auch nicht. Ist deine Entscheidung. Cal fügte hinzu, er könnte ja auch was anderes machen, solle dann aber dabei bleiben. Niels meinte, na, einer muss es ja machen. Ich sagte ihm, musst ja nicht du sein. Wir kommen auch ohne dich klar. Da ging mir sein Genörgel schon auf die Nerven.
Er sprang erregt auf. Ich bin ein guter Jäger, erklärte er lautstark. Ich kann das! Dann fing er wieder mit dem Gezeter über seinen Vater an. Ich sagte ihm, sei mal leiser hier. Er keifte mich an, ich bin so laut, wie ich will! Das war mir dann doch zu dumm. Auf dem Niveau diskutierte ich mit Pete, aber der war vier. Mein verächtliches Schnauben ging in Chloes Worten unter. Jetzt sei mal nicht so bockig, sagte sie. Klang wie Kate, wenn sie ihren kleinen Bruder zurechtwies.
Mit einem beleidigten Gesichtsausdruck ließ sich Niels wieder auf seinen Stuhl fallen und verschränkte die Arme. Hatte dem eigentlich niemand gesagt, dass er seine Gefühle in seiner Kunst abarbeiten sollte und nicht an anderen Leuten?
Cal fand das ganze Geplänkel scheinbar sehr amüsant. Er lachte. Niels schaute noch beleidigter. Kein Wunder. Ich beherrschte mich und lachte nicht mit.

Am nächsten Morgen trafen wir uns beim Stadtarchiv. Niels war wieder dabei, Cal wirkte… anders als am Vortag. Fokussierter vielleicht. Irgendein Instinkt warnte mich, ihm nicht den Rücken zuzudrehen. Okay. Störte mich nicht.
Das Stadtarchiv war alt, staubig und hatte noch ein Kartenregister. Wir suchten eine Weile, dann ging Cal, um eine zu rauchen. Gute Idee. Ich folgte ihm, bot ihm eine Kippe an. Er nahm sie, obwohl er noch eigene hatte. Wir rauchten schweigend, ungefähr eine Minute, dann tauchte Niels auf. Großartig. Ich bot ihm auch eine an, aber er rauchte nicht.
Tut mir leid wegen gestern, murmelte Niels. Schaute zerknirscht. Warum erzählte er das draußen, und nicht, als Chloe dabei war?
Schon gut, sagte ich. Cal rauchte desinteressiert weiter. Niels stand noch eine Weile herum wie Falschgeld. Erklärte schließlich, er wollte nicht so werden wie sein Alter. Schön für ihn. Ich überlegte kurz – offensichtlich wollte er über seine Vaterkomplexe reden, aber ehrlich gesagt, ich hatte keine Lust, mir das anzuhören. Wollte in Ruhe rauchen, aber das war ja wohl nicht möglich. Also sagte ich ihm, dann lass es, und ging wieder nach drinnen. Der Kleine brauchte einen Therapeuten und keinen… Schriftsteller.

Drinnen hatte Chloe mittlerweile die entscheidenden Informationen gefunden: Vor etwa 150 Jahren hatten am Beaver Creek drei Frauen gewohnt, Valerie, Susan und Theodora Drayper. Waren angeblich Hebammen, hatten zahme Bären. Schließlich überzeugte Thornton Taylor die anderen Einwohner von Hailey, dass die drei Frauen Hexen waren und verbrannt werden mussten. Das war 1866, da zog das Argument noch.

Gegen Mittag meldete sich Rowena von Our World First mit den Ergebnissen der Meteorologen: Ja, es gab ungewöhnlich viele Gewitter im Naturschutzgebiet. Mehr seit dem großen Feuer von 2013. Seltsamerweise hatte es in der Gegend regelmäßig große Brände gegeben: Am 07. August 1964 und am 07. August 1915 waren ebenfalls Feuer ausgebrochen.
Die Mathematik war einfach: Aller 49 Jahre war ein Feuer ausgebrochen, das erste 49 Jahre, nachdem die Hexen verbrannt worden waren. Sieben mal sieben Jahre, und sieben ist für Hexen eine wichtige Zahl. Außerdem hatten wir selbst gesehen, dass in einen der Bäume 2013 ein Blitz eingeschlagen war – vielleicht in die anderen auch? Vielleicht nutzten die Hexen die Blitze, um sich zu stärken? Und jetzt griffen sie Leute an? Warum?

Kurze Nachforschungen brachten uns darauf, dass die Leute, die vom Blitz getroffen worden waren, alle hier aus der Gegend stammten. Nachfahren derjenigen, die die Hexen damals verbrannt hatten, vielleicht. Also Rache? Klang plausibel. Klang nach Hexen. Wenn die jemals wohlwollend gewesen waren, jetzt waren sie es nicht mehr.

Chloe wollte trotzdem mit ihnen reden. Für den Fall, dass das nichts brachte, schlug Cal vor, die Bäume mit Plastiksprengstoff zu verdrahten und in die Luft zu sprengen. War einfacher, als sie zu fällen. Gefiel mir. Ich bin von Brian schon gewohnt, dass Dinge in die Luft gesprengt werden. Niemand fragte, wo Cal den Sprengstoff her hatte.
Allerdings sagte ich Niels, er solle mal darauf achten, ob noch Wanderer im Wald waren. Kollateralschaden musste nicht sein. Warf nur unangenehme Fragen auf.

Zurück im Wald sprach Chloe zunächst die alte Frau an. Euch ist Unrecht geschehen, erklärte sie. Fragte mich ja, was sie so sicher machte, aber die Alte reagierte. Ich war der einzige, der ihre Stimme hörte, also sprachen wir über ein paar Ecken miteinander. Theodora Drayper wollte hauptsächlich Frieden (das zeigte sie wohl dadurch, dass sie willkürlich Leute ermordete, aber das erwähnte ich nicht), Taylor sollte Abbitte leisten. Der war nun leider schon tot, aber Chloe überzeugte sie, dass ihr ein Begräbnis auch Frieden bringen würde. Fein, sie ließ uns also die Knochen ausgraben, und weiter ging es zur nächsten Hexe.
Da gab es eine kleine Verwirrung wegen des Namens, Niels übernahm die Gesprächsführung, aber im Grunde lief es auf das gleiche hinaus: Wir würden ihnen Frieden bringen. Niels erwähnte etwas von geweihter Erde, und wir gruben auch diese Knochen aus.

Fuhren ein Stück den Beaver Creek entlang, weg von dem Baumdreieck. Hoben eine flache Grube aus, um die Knochen zu salzen und abzufackeln. Chloe runzelte die Stirn, meinte, sie hätte gedacht, Jäger würden ihr Wort halten. Wir hätten doch ein Begräbnis versprochen.
Cal zuckte die Achseln. Dem war das egal, der wollte hier nur fertig werden. Ich sagte Chloe, dass die Hexen so am ehesten ihren Frieden finden würden. In den Himmel kämen sie nach den ganzen Morden sowieso nicht. Sie schaute unzufrieden, aber sie ließ uns machen.

Nachdem die Knochen verbrannt waren, hörten die Schreie auf. Auch die der Bären. Deren Geister waren ebenfalls aus den Bäumen verschwunden. Vielleicht waren sie jetzt frei von den Hexen. (Meine Bereitschaft, Hexen nur als verfolgte Frauen anzusehen, hatte seit der Geschichte mit Malgorzata stark abgenommen. Merkt man vermutlich.)

Danach blieb nur noch, einen Bericht für Our World First zu schreiben. Chloe fand eine halbwegs plausibel klingende Erklärung: Brandlöcher durch die häufigen Blitzschläge, die sich immer wieder entzündeten. Keine Brandstiftung, keine Verschwörung, alles ganz natürlich. Ich rief Brian an, um herauszufinden, ob das jemanden mit einem wissenschaftlichen Hintergrund überzeugen würde, und er meinte, ja, das könne schon passieren. Theoretisch zumindest. Alles klar, damit musste Rusty leben. Der grummelte zwar, aber insgesamt war er zufrieden.

Cal verschwand direkt nach der Einäscherung, aber Niels und Chloe beschlossen, noch ein bisschen zu bleiben und zu zeichnen oder zu fotographieren. Großartig. Dann konnten sich die beiden ja gleich über ihre gräßlichen Familien austauschen.
Ich stieg am Friedman Memorial Airport in ein Flugzeug nach Salt Lake City, dann nach Denver, dann nach Little Rock. Fliegen ist gräßlich, und ich hätte den Umstieg in Salt Lake City fast verpasst, aber ich kam nach Hause. Zu meiner Frau, zu meinen Kindern. Zu meiner Familie.

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Spuk in der Ewan Street
Lyle, Jonathan, Aria

Lyle war immer noch in Chicago. Eigentlich gefiel es ihm ganz gut hier, vor allem das Museum, aber er verstand die Leute nicht, die über die angebliche Sommerhitze stöhnten. Auf der Farm war es viel wärmer gewesen.
Sein letzter Job in einer Schreinerei war erledigt. Jetzt dachte er darüber nach, ob er noch eine Weile hier bleiben und sich einen neuen Job suchen oder ob er weiterziehen sollte. Kalifornien hatte ihn schon lange gereizt – angeblich war es ein übler Sündenpfuhl, das machte ihn neugierig.

Auf dem Heimweg kam er an einem Mädchen vorbei, das in einem Container nach Essen suchte. Sie fiel ihm auf. Er wusste nicht genau, warum, aber er hatte ein seltsames Gefühl bei ihr. Es fühlte sich ein wenig an wie ein Geist, aber sie war quicklebendig. Sonst hätte sie kaum nach Essen gesucht.
Also sprach Lyle sie an. Er wusste, dass in der Nähe ein Walmart war, da fand man in den Müllcontainern häufig ganz gutes Essen. Das hatte er auch schon gemacht, bevor er den Job in der Schreinerei bekam. Das Mädchen war in seinem Alter, dünn und misstrauisch. Da machte Lyle ihr keinen Vorwurf, er wusste, dass es merkwürdige Leute auf der Straße gab. Aber sie bedankte sich und zuckelte zum Walmart weiter.
Nein, das ließ Lyle nicht los. Diskret folgte er ihr in einigem Abstand, beobachtete, wie sie ein paar Lebensmittel aus dem Container rettete, und sah dann, dass sie in einem alten Haus in der Ewan Street verschwand. Als er vor dem Haus stand, merkte er, dass er das seltsame Gefühl, das er bei dem Mädchen hatte, auch bei dem Haus empfand, nur viel stärker. Er konnte es nicht recht einordnen, aber es fühlte sich wohlwollend an. Ein freundlicher Geist? Gab es so etwas? Lyle war sich nicht sicher.

Das Mädchen hatte gemerkt, dass Lyle vor ihrem Haus stand. Gut, es war vermutlich nicht ihr Haus – im Vorgarten stand ein „Zu verkaufen“-Schild – aber sie wohnte bestimmt dort.
„Hey“, sagte sie. „Was machst du denn hier?“ Lyle versuchte, ihr zu erklären, dass da etwas in dem Haus war. Nichts Schlimmes, vielleicht sogar etwas Gutes. Das Mädchen machte ein skeptisches Gesicht, lud Lyle aber ein, hereinzukommen und sich umzusehen.
Drinnen stellte er fest, dass da wirklich ein Geist war. Aber ein harmloser, der nicht einmal versuchte, Besitz von ihm zu ergreifen. Das war gut, und Lyle entspannte sich wieder.
Er kam mit dem Mädchen ins Gespräch. Sie hieß Aria und war etwa in seinem Alter. Er erzählte ihr, dass er gerade bei der Evangelikalen Jugend von Illinois übernachtete, in einem Heim für obdachlose Jugendliche. Das war soweit auch ganz in Ordnung, es gab einfaches Essen und gute Duschen, aber die Heimleiter erwarteten, dass die Jugendlichen regelmäßig zur Gebetsstunde kamen. Auch vor dem Essen wurde gebetet. Das war nicht weiter schlimm, aber es erinnerte Lyle ein bisschen an die Farm. Da musste er auch ständig beten.
Aria lud ihn ein, in dem Haus zu übernachten. Eine Dusche gab es jedenfalls, und beten musste er nicht. Lyle zögerte nicht lange und nahm die Einladung an.

Später, nachdem er seinen Rucksack geholt und sich im ersten Stock ein bisschen eingerichtet hatte, sah Lyle noch einmal aus dem Fenster. Draußen stand ein dunkler Wagen, aus dem eine vertraute Gestalt ausstieg. Jonathan Saitou? Hier? Hatte der Agent nicht gesagt, er müsste wieder nach Washington zurück?
Aber das kümmerte Lyle nicht. Er stürmte die Stufen hinunter und begrüßte Jonathan überschwänglich. Wie immer hatte er dieses seltsame, aber nicht unangenehme Gefühl in der Magengrube, wenn er den FBI-Agenten sah. Das war vermutlich Dankbarkeit. Obwohl er das bei Mr. Blackwood nicht so empfunden hatte. Eigenartig.

Jonathan schien sich zu freuen, Lyle zu sehen. Er war hier, weil er Fälle von Brandstiftung untersuchte. Möglicherweise arbeitete eine Immobilienfirma mit unsauberen Mitteln, um Leute aus ihren Häusern zu bekommen und Grundstücke günstig aufzukaufen. Eine Mitarbeiterin dieser Firma hatte dem FBI-Agenten im Vertrauen den Tipp gegeben, sich in der Ewan Street umzuschauen – möglicherweise würde da demnächst etwas passieren.
Natürlich wollte Lyle Jonathan helfen. Deswegen überredete er Aria, mit dem Agenten zu reden. Tatsächlich fiel dem Mädchen etwas zu der Sache ein: Vor einigen Tage war ein Makler in dem Haus gewesen, zusammen mit einem unheimlichen Mann. Sie konnte nicht sagen, was so unheimlich gewesen war, aber etwas hatte sich falsch bei ihm angefühlt. Jonathan nahm die Beschreibung des Maklers auf, den anderen hatte Aria nicht so genau gesehen.

Nachdem sie wieder ins Haus gegangen war, fragte Jonathan Lyle nach Geistern. Konnte man Geister von einem Ort zum anderen bewegen? Lyle lächelte, weil sich geschmeichelt fühlte. Endlich gab es etwas, bei dem er helfen konnte.
„Ja, das geht schon“, sagte er. „Manche Geister sind auf Gegenstände fokussiert, wenn man die wegbringt, folgt der Geist. Andere Geister haben einen weiteren Umkreis, in dem sie sich bewegen können. Vielleicht kann ein mächtiges Medium einen Geist sogar gegen seinen Willen aufnehmen und mitnehmen.“ Das wusste er nicht genau, aber in einem sehr kleinen Rahmen hatte er so etwas ähnliches schon einmal gemacht. Das erzählte er aber nicht, er wollte ja nicht angeben. Besonders angenehm war das ohnehin nicht gewesen.

Jonathan fuhr weg, um weitere Nachforschungen über das Erskine House anzustellen, in dem Lyle und Aria übernachteten. In der Zwischenzeit kamen die beiden Jugendlichen ins Reden: Lyle erzählte ein wenig von der Farm und den Weisen von Endor. Er erfuhr, dass Aria von ihrer Mutter aus Australien abgehauen war und ihren Vater suchte. Ersteres konnte Lyle verstehen, letzteres eher weniger. „Meinst du nicht, dass du ohne Familie besser dran bist?“, fragte er. „Ich will halt nicht ewig von der Hand in den Mund leben“, gab Aria zurück. „Du könntest dir einen Job suchen“, meinte Lyle. „In einem Starbucks oder einer Näherei oder als Tagelöhner. Die wollen häufig gar keine Papiere sehen oder lassen sich vertrösten.“ So machte er das immer. Gut, viel verdiente er damit nicht, aber genug, um nicht zu betteln oder im Müll zu wühlen. Aria schaute nachdenklich.

Knapp zwei Stunden später rief Jonathan an. „Habt ihr Lust, euch mit mir im Taco Bell zu treffen?“ Was für eine Frage! Weder Aria noch Lyle würden eine freie Mahlzeit ablehnen. Eine Viertelstunde später saßen sie zusammen und Jonathan erklärte den beiden, was er über das Erskine House herausgefunden hatte: Vor 25 Jahre war Harry Erskine an seinem Hochzeitstag durchgedreht und hatte seine Frau Susan ermordet. Das hatte er auch zugegeben. Er war in die Psychiatrie eingewiesen worden, befand sich aber seit kurzem wieder auf freiem Fuß.
Nachdem sie kurz darüber gesprochen hatten, sah Jonathan Lyle an und fragte: „Was ist eigentlich mit dem Geist in dem Haus? Meinst du, der hat etwas damit zu tun?“

Aria sah ihn perplex an. „Geist?“, fragte sie überrascht. „Sie… sie glauben auch an diesen Kram?“

Jonathan schaut erstaunt zu Lyle. Der zuckte die Schultern. Er hatte versucht, es Aria zu erklären. Vielleicht glaubte sie es ja jetzt. Aber scheinbar war die Sache Jonathan peinlich, denn er sah ein bisschen ertappt aus.

Kurz nach dem Essen kehrten Aria und Lyle zum Erskine House zurück und legten sich schlafen, selbstverständlich nicht im selben Zimmer. Aber mitten in der Nacht wurde Lyle wach. Irgendjemand schlich ums Haus herum. Als er vorsichtig zur Tür ging, traf er Aria. „Es ist jemand im Haus“, flüsterte sie aufgeregt. Bevor beide nach unten schlichen, zückte Lyle noch sein Handy und schrieb Jonathan hastig eine Nachricht. Auf Rechtschreibung achtete er diesmal nicht, er hoffte nur, dass etwas Verständliches ankam.
Aber noch auf der Treppe spürte Lyle eine geisterhafte Berührung. Sorge. Angst. Das Bewusstsein, dass da ein Monster lauerte und kein Mensch. Hektisch zog er Aria mit sich nach oben in sein Zimmer und streute eine breite Salzspur vor die Tür. „Das hilft gegen Geister“, sagte er ihr.
Aria war skeptisch, aber seine Angst schien sie überzeugt zu haben. „Sollte dann nicht auch was vors Fenster?“, fragte sie. „Nur zur Sicherheit?“
Natürlich, da hatte sie recht. Hastig streute Lyle auch dort eine Salzspur. Danach beobachteten die beiden abwechselnd die Tür und den Garten.

Endlich, nur wenige Minuten später, traf Jonathans Wagen ein. Der FBI-Agent stieg aus und betrat das Erskine House vorsichtig. Es rumpelte unten, und Lyle und Aria sahen, wie ein Mann aus der Hintertür lief, gefolgt von dem Agenten. Jetzt hielt es den Jungen nicht länger – Monster hin oder her, er musste Jonathan helfen! Er rannte los, die Treppe hinunter, durch den Flur. Kurz spürte er, wie etwas nach ihm griff, eine fremde Präsenz in seinem Geist – „ein Messer, ich brauche ein Messer“ – dann war er draußen und die Stimme verklang. War das die gleiche Präsenz gewsen, die er vorher gespürt hatte?

Als Lyle bei Jonathan ankam, hatte der den Eindringling schon gestellt. Es war Harry Erskine, der im Haus nach dem damaligen Liebhaber seiner Frau suchte. „Peter McCurtain!“, spuckte er aus. „Ich werde ihn kriegen, und dann bringe ich ihn um! Das ist mein Haus! Mein Haus!“ Er wehrte sich wütend, aber Jonathan zwang den tobenden Irren in sein Auto. Offensichtlich war Harry auch nach 25 Jahren in der Psychiatrie nicht geheilt.

Nachdem Jonathan ihn weggebracht hatte, blieben Aria und Lyle mit der Präsenz im Haus zurück. Jetzt war sie wieder friedlich, aber war da nicht ein Nachhall des Zorns, den Lyle vorher gespürt hatte? Er atmete tief durch und sagte Aria, dass sie mit dem Geist reden mussten. Das ging aber einfacher, wenn… wenn der Geist einen Mund hatte, durch den er sprechen konnte.
„Komm rein, Susan“, sagte er laut und wappnete sich, oder versuchte es zumindest. Nach kurzem Zögern war sie da. Ein sanfter Druck, dann, plötzlich, war er nicht mehr allein in seinem Körper, sondern nur noch ein Zuschauer.

Aria sprach mit Susan und fragt sie, ob sie nicht in den Himmel wollte. Schließlich war sie doch unschuldig gestorben. „Doch, schon“, sagte Susan durch Lyle. „Aber erst muss ich mich an Harry rächen!“ Darauf beharrte sie zunächst, aber Lyle sah, dass sie ihren Mann früher, vor langer Zeit, geliebt hatte. Kurz riss er die Kontrolle an sich und teilte das Aria mit.
Als das Mädchen den Geist an die Liebe erinnerte und sie fragte, ob sie Harry nicht so in Erinnerung behalten wollte, seufzte Susan. „Ja…“, hauchte sie schließlich, und Lyle sah ein blendendes Licht vor seinem inneren Auge, das den Geist an sich zog. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, als würde er mitgezogen, aber dann blieb er doch allein in seinem Körper zurück. Zitternd ging er in die Knie. Es war nicht so schlimm wie sonst, aber es war nie angenehm, ein Fremder in seinem Körper zu sein.

Die beiden Jugendlichen sprachen noch eine Weile: Über Geister, über Lyles Erfahrungen und über die Dinge, die auf der Farm passiert waren. Eigentlich redete er nicht sehr gern über diese Zeit, aber mit Aria war es einfach. Oder zumindest einfacher.

Am nächsten Morgen rief Jonathan an. Harry würde wieder in die geschlossene Psychiatrie kommen, berichtete er. Aber es gab noch ein anderes Problem: Sein Kontakt bei der Immobilienfirma hatte ihn gewarnt, dass heute etwas in der Ewan Street passieren würde. Ihr Kollege Wellesley sei darin verwickelt, hatte sie gesagt, also observierte Jonathan den Makler. Kurze Zeit nach dem Gespräch traf Wellesley in der Ewan Street ein, zusammen mit einem anderen Mann. Einem sehr unheimlichen Gesellen – das war derjenige, den Aria schon im Erskine House gesehen hatte.

Dort wollten die beiden allerdings nicht hin. Sie gingen zu einem Nachbarhaus, in dem eine alleinerziehende Mutter mit ihren fünf Kindern lebte und klopften an die Tür. Das kam sowohl Jonathan als auch Lyle und Aria merkwürdig vor, also näherten sich alle drei vorsichtig.
Sie sahen, dass ein zehnjähriges Mädchen aufmachte. Wellesley wollte ins Haus, aber die Kleine sagte ihm, sie dürfte keine Leute reinlassen. Der unheimliche Geselle trat vor, machte eine komplizierte Handbewegung und das Mädchen, das vorher noch recht forsch gewirkt hatte, kauerte sich angstvoll zusammen.
Das reichte Aria: Sie sprang dem Unheimlichen ohne Vorwarnung ins Kreuz und brachte ihn zu Fall. Lyle folgte ihr und sah, dass der Kerl vollkommen schwarze Augen hatte – er war von einem Dämon besessen! Sofort fing Lyle an, einen Exorzismus zu rezitieren und ein Stück auf Distanz zu gehen. Nicht zu weit, der Dämon musste ihn hören, aber auch nicht so nah, dass er ein leichtes Ziel für einen Angriff war.

Aria und Jonathan hielten den Besessenen am Boden fest, während Lyle sprach. Ein geistiger Angriff bescherte dem FBI-Agenten Nasenbluten, aber Aria klammerte sich eisern an ihrem Gegner fest und ließ ihn nicht auf die Füße kommen. Lyle konnte den Exorzismus ohne Unterbrechungen beenden, und der Dämon fuhr aus dem Körper seines Opfers aus. Wellesley war im Laufe des Kampfes davongerannt.

Während Jonathan einen Krankenwagen für den bewusstlosen Ex-Besessenen rief, kam das kleine Mädchen aus dem Haus und sah Aria bewundernd an. „Bist du eine Superheldin?“, wollte sie wissen. Aria verneinte das natürlich, aber Lyle sah, dass ihr das durchaus schmeichelte. Ihr Einsatz im Kampf gegen den Dämon war allerdings auch großartig, fand Lyle.

Etwas später trafen sich alle drei wieder im Taco Bell. Lyle erklärte Aria ein paar Dinge über Dämonen – ihre Schwächen, wie man sie erkennt, wie man sie austreibt.
Dann brachte Jonathan das Gespräch auf Elder Winters. „Die Verhandlung beginnt demnächst“, sagte er. „Die Beweise sind wasserdicht, da sollte eigentlich nichts schiefgehen… wenn sich da kein übernatürlicher Einfluss einmischt. Ich und Mr. Blackwood versuchen, das auszuschließen, aber garantieren kann ich das nicht.“
Das traf Lyle hart. Der Gedanke, Elder Winters wieder zu treffen, war wie ein Schlag in die Magengrube. Natürlich konnte der einen Dämonen rufen, wenn er Lust dazu hatte. Oder Geister, die ihn unterstützen würden. Jedidah, zum Beispiel. Wie war Lyle auf die Idee gekommen, er wäre sicher vor ihnen? Panik stieg in ihm auf. „Aber du hast doch gesagt…“, fing er mit schwacher Stimme an. Tatsächlich war er den Tränen nahe. Hatte Jonathan eine Ahnung, was Elder Winters mit ihm machen würde, wenn er Lyle wieder zu fassen bekam? Gewaltsam verdrängte der Junge die Erinnerung an seinen älteren Bruder, der sich dem Elder widersetzt hatte.
Jonathan sagte etwas, das Lyle nur halb verstand. Es klang beruhigend, aber was konnte der FBI-Agent schon machen? Lyle sprang auf und rang mühsam um Fassung.
„Alles okay“, sagte er mit aufgesetzter Munterkeit. „Ich… ich brauche etwas frische Luft.“

Er griff seinen Rucksack und rannte nach draußen. Und rannte, und rannte, bis er erschöpft war, holte ein wenig Atem und rannte dann weiter. Rannte, bis er zu einer großen Straße kam, bis er jemanden fand, der ihn mitnahm, weg von hier, weg von allem und vor allem weg von den Erinnerungen und weg von der Angst vor der Zukunft.

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Das Trickstertuch
The Hickman Files

In dieser Geschichte kommen gleich zwei neue Gesichter vor: Victoria Blackwood und Celine Hayward. Victoria ist eine Blackwood, wie sie im Buche steht (und mit Büchern kennen sich die Blackwoods bekanntlich aus): Wohlhabend, gut informiert und ein kleines bisschen überheblich. Sie fährt einen metallic-grünen Hummer, ein riesiges Auto, das im Laufe der Geschichte sogar eine kleine Rolle spielen wird. Sie ist mit Heather Star und Clearwater Billy über deren Mutter verwandt.
Celine Hayward ist Schauspielerin. Bisher hat sie hauptsächlich in Horrorfilmen mitgespielt, aber sie ist noch jung und hofft, bald anspruchsvollere Rollen zu bekommen. Was Celine mit den Hickmans zu tun hat? Nun ja, sie hieß nicht immer Celine Hayward – der Name, den ihr ihre Eltern gegeben haben, ist Sally Hickman. Allerdings will sie mit Jägern und Monstern eigentlich nichts zu tun haben. Eigentlich. Aber dem Namen Hickman entkommt man nicht so leicht…

Vermutlich hatte ja nun jeder und sein Stachelschwein mitbekommen, dass das Trickstertuch in Huntsville, Tennessee, aufgetaucht war. Was war ein Trickstertuch? Was konnte man damit machen? Warum interessierte das überhaupt jemanden? Darauf gab es so viele Antworten wie Jäger, aber die einfachste war wohl: „Keine Ahnung, aber ich will mir das mal ansehen“. Das war zumindest Billys und Heathers Grund.
Victoria wusste etwas mehr. Mit einem Trickstertuch konnte man magische Rituale umdrehen, das klang doch interessant. Konnte man sicher mal brauchen.
Celine war gar nicht wegen dieses Dings hier, die hatte einen Dreh im nahen Örtchen Winona. (Der Film hieß „Deadly Dancing“ und drehte sich um eine mörderische… na, ist egal. Er wurde ohnehin nicht gedreht.) Allerdings hatte ihr niedlicher Kleinwagen eine Panne, der Typ, der sich darum kümmern sollte, war mehr an Celine interessiert als an dem Auto, also beschloss sie, per Anhalter weiterzufahren. Und wie es der Zufall so wollte, kam genau in diesem Moment Victoria mit ihrem Hummer vorbei…

Victoria und Celine trafen Billy und Heather bei einem der letzten freien Cottages, wo Billy gerade grillte und Heather sich bei einem dicken Joint entspannte. Die anderen Hotelräume und Ferienwohnungen waren schon besetzt – es war wirklich viel los in Huntsville! Überall liefen grimmige Gestalten mit Gewehren und / oder archaischen Waffen herum und erschreckten die Einheimischen. Die konnten einem schon leid tun mit den ganzen Jägern im Ort.

Während die vier Verwandten gemütlich in die Nacht hinein grillten und sich gegenseitig austauschten, peitschten auf einmal Schüsse durch die Nacht. Nanu? Was war denn jetzt los? Billy und die anderen gingen nachsehen. Bevor sie überhaupt irgendwo ankamen, lief ihnen ein Mann entgegen, Mitte 30, vage gutaussehend. „Lauter Irre“, erklärte er mit einem schiefen Grinsen. „Ich mache hier einen Abendspaziergang und die ballern auf mich!“ Scheinbar hatten sie ihn allerdings nicht getroffen. Er stellte sich als Clive vor, ein Jäger, der wegen des Trickstertuchs hier war. Ein paar andere Jäger hatten ihn wohl für ein Monster oder etwas ähnliches gehalten. Hah!
Die Hickmans luden den unbekannten Jäger erst mal ein, ihr Abendessen zu teilen. Hunger hatte er nicht, und als Victoria ihm Wein anbot, sagte er: „Ich trinke keinen… Wein.“ Das hätte jemanden misstrauisch machen können, nicht wahr? Aber er lenkte schnell ab. „Wusstet ihr schon, dass es hier eine Schlucht gibt, die die Einheimischen Loki’s Gulch nennen?“ Wenn das nicht mal nach Trickster klang.
Victoria erklärte, morgen abend gäbe es eine bestimmte Sternenkonstellation, die das Öffnen von Toren begünstigte. Was hatte das zu bedeuten? „Vielleicht ist es eine Falle“, gab Heather zu bedenken. Lauter Jäger an einem Fleck… das Gerücht hatte sich doch nicht zufällig wie ein Lauffeuer verbreitet.
Die Theorie wurde eine Weile diskutiert, aber dann wurde es Billy zu dumm. „Egal“, sagte er. „Wir gehen da jetzt hin und sind vorbereitet.“

Nach diesen weisen Worten verabschiedete sich Clive bis zum nächsten Abend, während der Rest schlafen ging.

Am nächsten Tag fuhren die Hickmans und ihre Verwandte nach Huntsville und sprachen mit einigen Jägern. Einer von ihnen war Stinger – von dem habt ihr sicher schon gehört. Enthusiastisch, wenn auch nicht sehr helle, freundlich, wenn auch manchmal etwas zu freundlich. Fuhr einen monströs aufgemotzten Truck. Der war hin und weg von Victoria (bzw. von ihrem Hummer) und ließ sich widerstandlos überreden, die Hickman-Truppe abends zum Loki’s Gulch zu begleiten.
Bei ein paar anderen war das nicht so einfach, aber letzten Endes kamen die Hickmans, Stinger und etwa ein halbes Dutzend weiterer Jäger überein, sich gemeinsam in die Höhle des Löwen zu wagen.

Aber es galt noch, Vorbereitungen zu treffen: Celine besorgte mit ihrem Charme einige Quads, mit denen man gut zum Loki’s Gulch fahren konnte (für normale Autos und sogar für den Hummer war das Gebiet zu unwegsam). Den japanischen Touristen, die die Fahrzeuge eigentlich gebucht hatten, bot sie statt dessen eine Sightseeing-Tour zum Drehort an – sie konnte ja nicht wissen, dass zwei von ihnen von Dämonen besessen waren. Aber das ist eine andere Geschichte.
Heather versuchte in der Zwischenzeit, eine gefälschte Replik des Trickstertuchs herzustellen. Dabei half ihr allerdings weder Mutter Erde noch der große Joint – Celine hingegen fand die Idee brillant und erzeugte mit etwas Make-up gleich drei sehr überzeugende Fälschungen. Diese Tücher sahen mysteriöser und tricksteriger aus als das Original, kann ich euch sagen.

Schließlich ging es dann los. Alle waren angespannt, bis auf Stinger und Heather, die vorher noch ein paar Joints geraucht hatten. Kurz vor Mitternacht kamen sie an Loki’s Gulch ein, einer schmalen Schlucht mit steilen Wänden. Vorsichtig bewegte sich die Jägertruppe hinein, und dann schnappte die Falle zu!

Clive tauchte auf, in Begleitung von einem Dutzend Vampire. Ja, der nette Jäger von gestern abend war selbst ein Vampir und hatte die Hickmans hintergangen!
„Ich will nur das Trickstertuch“, feixte er. „Wenn ihr es habt, gebt es mir lieber.“ Seine Vampirtruppe leckte sich hungrig die Lippen.
„Wir haben das Tuch“, erklärte Celine fest und zog das blaue Tuch aus ihrer Tasche (die anderen waren grün und orange). „Du kannst es haben, aber du musst uns gehen lassen. Sonst“, sie zog ein Feuerzeug aus ihrer Handtasche, „sonst zünde ich es an!“
„Einverstanden.“ Clive nickte und winkte seine Vampire zurück.

Allerdings waren einige der Anwesenden nun mal Jäger durch und durch. Die redeten nicht mit Vampiren, die töteten Vampire. Deswegen griffen Serpico Jones und fünf andere zu einem strategisch geschickten Zeitpunkt an.
Sie waren zu sechst. Es waren doppelt so viele Vampire. Strategie hin oder her, nach kurzem, blutigen Kampf waren drei Vampire kopflos und die Jäger lagen blutleer am Boden. Ruhe sanft, Serpico Jones (und ihr anderen, deren Namen ich vergessen habe oder nie kannte).

Celine, Victoria und die Geschwister hatten sich an dem Kampf nicht beteiligt. Stinger auch nicht, der war immer noch viel zu bekifft. Celine hob das blaue Tuch und ihr Feuerzeug. „Lasst uns gehen“, forderte sie wieder, und Clive bedeutete seinen Vampiren, die Jäger zu ihren Quads zu lassen.
Victoria und Billy stiegen auf zwei Quads, Heather und Stinger teilten sich ein anderes. Celine hielt immer noch das Tuch. Dann ließ sie das Feuerzeug aufflackern, hielt es an eine Ecke des Tuchs, bis es Feuer fing. Ließ es fallen und rannte wie der Teufel zu ihrem Quad.

Clive raste zu dem lodernden Stück Stoff und verschwendete Zeit damit, es zu löschen. (Hoffentlich hat er sich die Finger dabei verbrannt!) Das nutzten die Hickmans und Victoria aus, um mit Stinger und den Quads zu entkommen.

Gut, das war kein so großer Erfolg für die Jägertruppe – sie lebten noch und sie hatten Clive das gefälschte Tuch untergejubelt… aber andere hatten den Tod gefunden, und vom echten Trickstertuch hatten sie auch nichts gesehen. Trotzdem, das hätte viel schlimmer laufen können. Alles in allem waren unsere Freunde ganz glimpflich davongekommen.

Am nächsten Morgen trafen sie sich mit Stingers Freunden Tam Jackson und Bobby Dee Hickman (noch eine Cousine!) im Diner. Dort erfuhren sie, dass Clive früher tatsächlich ein Jäger war. Tam kannte ihn aus dieser Zeit – sie war seine große Liebe (die hatte er in Loki’s Gulch kurz erwähnt, offenbar brauchte er für sie das Trickstertuch?), allerdings auch verheiratet, und nicht mit Clive. Vor einiger Zeit wurde er zum Vampir – beinahe zum Vampirgott, aber das hatten Bobby Dee und die beiden andern verhindern können. Victoria schlug vor (oder war das Heather?), diese Tatsache mal allgemein bekannt zu geben. Gute Idee.
Celine erfuhr hier zu ihrem Leidwesen, dass der Dreh abgesagt war. Bobby und ihre Freundin hatten die Dämonen bei der Touristengruppe bemerkt und waren ihnen gefolgt. Dabei kam es allerdings zu allerlei Trubel am Filmset: Ein Beleuchter war tot, der Regisseur und der Hauptdarsteller brauchten psychische Betreuung… das übliche. Celine war darüber sehr unglücklich, aber andererseits war das ja nicht ihre Schuld. Sie rief gleich ihren Agenten an, der sollte dafür sorgen, dass sie keine finanziellen Nachteile dadurch hatte.

Jedenfalls waren diese Dämonen auch hinter dem Trickstertuch her gewesen. „Und wenn die jetzt denken, dass Clive das Ding hat?“, schlug Celine vor. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Pragmatische junge Dame – sie konnte sich ja nennen, wie sie wollte, aber da merkte man ihr die Hickman-Abkunft deutlich an.

Die beiden Gruppen (Billy, Heather, Celine und Victoria / Bobby Dee, Tam und Stinger) trennten sich an dieser Stelle wieder. Bobby Dee und ihre Freunde wollten sich weiter um Clive kümmern, und unsere Freunde… nun, da war noch diese Sache mit dem Monster im Sumpf, das zwei Caterer von der Filmcrew angegriffen hatte. Aber das ist eine ganz andere Geschichte…

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Coal Miner's Seed
aus Barrys Tagebuch

Coal Miner’s Seed

Wow. Okay, einfach nur: Wow. Ich habe auf eBay ein Buch ersteigert – es war nur eine Seite drin, ein Ausschnitt, aber das war ein Wörterbuch. Walisisch – Indianisch, angeblich. Unbekannte Sprache, die aber Merkmale aus der Caddo- und aus der Sioux-Sprachfamilie enthielt. Gut, eigentlich war es nur ein Lexem, das mir auffiel, aber trotzdem. Hatte ja nicht viel gesehen. Nicht hyperventilieren, Jackson, wahrscheinlich ist das nur Zufall. Aber wenn nicht… egal. Als hätte ich gerade Zeit für ein Paper, und walisisch kann ich auch nicht. Trotzdem.

Das hier ist aber nicht der Text, in dem ich erzähle, wie wertvoll und wichtig dieser Fund ist. Das hier ist das Action-Tagebuch, und ja, es gab Action. Ich hätte vielleicht nicht mit Ethan losziehen sollen. Oder Browns Fluch hat sich nach ein paar ruhigen Jahren wieder aktiviert. Großartig.

Jedenfalls musste Ethan nach dem Baumhausbau zurück nach Vermont, das Wörterbuch war in Oak Hill, Ohio – direkt auf dem Weg. Also sagte ich dem Verkäufer, ich würde es abholen. Die Post verlor ohnehin zu viele Sendungen.
Wir kamen nach einer längeren Fahrt an. Unterwegs hatte ich Ethan eine Weile zugetextet, es dann gemerkt und mich entschuldigt. Er meinte nur, er fände das Thema grundsätzlich ja ganz interessant, auch wenn er nicht viel von dem verstand, was ich sagte. Gut, meinte ich, wenn dich das tatsächlich interessiert… ich kann das auch verständlicher erklären. Tut es schon, meinte er, also fing ich mit „Was ist eigentlich eine Sprachfamilie?“ an. Wäre auch ein nettes Gespräch geworden, aber natürlich hatte meine Stimme irgendwann keine Lust mehr. Immerhin: Ethan redete mehr auf der Fahrt. Deutlich mehr. War schon in Stuttgart so gewesen. Nicht mehr so wortkarg. Lag vermutlich an dem Treffen mit seinen Eltern. Oder an Sam.

(Schon wieder 300 Worte oder eine halbe Seite mit nicht-Action verbraucht. Ich muss mehr auf meinen inneren Lektoren hören. So geht das nicht. Könnte den Absatz über Ethan löschen, oder diesen Rant hier, aber das mache ich nicht. Für Leute, die nur den Action-Teil lesen wollen: Überfliegt den Rest und steigt bei BAM wieder ein.)

Ich holte das Buch ab. Eine relativ schmale Kladde, ziemlich fragil, also steckte ich sie vorsichtig in die Tasche und verzichtete darauf, darin herumzublättern. Okay, ein schneller Blick. Ja, das sah gut aus. Sehr gut. Riss mich dann am Riemen, aber ich habe mit Sicherheit gegrinst wie ein Honigkuchenpferd, als ich damit zum Wagen lief. (Tolles Wort: Honigkuchenpferd.)
Als nächstes fuhren wir zum örtlichen Pub. Draußen schon eine Tafel: Walisische Spezialitäten. Keine Ahnung, was das sein konnte. Irgendwas mit Schaf, vielleicht? Wir gingen rein. Große Überraschung: An einem Ecktisch saßen zwei bekannte Gestalten. Irene Hooper-Winslow und Bart Blackwood. Oh Mann. Was machten die denn hier?

Wir gingen rüber, sagten Hi. Bildete ich mir das nur ein oder war Irenes Begrüßung diesmal tatsächlich einen Hauch weniger frostig als in Seattle? Keine Ahnung. War ja auch egal. (Nein, war es nicht. Ich war gern mit Irene befreundet gewesen, bis mir meine Triebe in die Quere kamen.) Was bringt euch denn hierher? fragte Irene. Ich erzählte von dem Buch, etwas ausführlicher, als es unbedingt nötig gewesen wäre. Sie und Bart waren nur hier, weil sie Informationen austauschen wollten. Hätte mich ja auch gewundert, wenn die sich nicht gekannt hätten.
Keine Fälle? Keine verschwundenen Personen, kein Familienfluch? Sah erst mal nicht so aus. Einfach nur ein zufälliges Treffen, ein walisisches Essen, und dann gingen wir alle unserer Wege? Nein. Natürlich nicht. Wäre ja zu einfach.

Die Kellnerin – Gwendolyn – wirkte nervös. Fast schon zappelig. Schaute uns immer wieder von der Seite an, als wollte sie etwas erzählen. Schließlich fragte ich sie, ob alles in Ordnung wäre. Sie schüttelte halb den Kopf. Sind Sie von der Polizei? fragte sie. Oder vom FBI? Ich erklärte, ich wäre Privatdetektiv. Das schien ihr zu reichen. Erzählte uns von ein paar mysteriösen Todesfällen beim Bergwerk – drei in den letzten vier Wochen, und niemand wusste, was los war. Die Polizei interessierte es scheinbar auch nicht sehr.

Zwei Männer, Ennis und David, waren vom Förderturm gestürzt. Selbstmord, war die offizielle These, aber Ennis war Gwendolyns Cousin gewesen, und verlobt, und glücklich – der hatte sich bestimmt nicht umgebracht. Die Frau, Linda, die in der Verwaltung gearbeitet hatte, war vor ein Auto gelaufen. Das klang zwar nicht unbedingt nach massiven übernatürlich Umtrieben, aber man konnte ja nie wissen. Immerhin waren Ethan, Irene und Bart hier. Und ich. Drei Jäger und ein… Privatdetektiv. Schriftsteller. Was auch immer.

Also beschlossen wir, uns das mal anzuschauen. Erstes Ziel war, wie so oft, der örtliche Sheriff. Unterwegs fiel mir auf, dass der Ort ganz schön heruntergekommen war. Nicht völlig verfallen, aber ungepflegt. Schlaglöcher in den Straßen, eine abgesperrte Kirche. Die Leute, die wir sahen, wirkten müde und abweisend. Nicht direkt feindselig, aber unfreundlich. Die mochten keine Fremden hier.
So auch auf der Polizeiwache. Zwei gelangweilte Männer, eine Frau, die desinteressiert ihre Fingernägel feilte. Der Sheriff, Colwyn Morgan, hätte aus dem Wikipedia-Artikel über ländliche Ordnungshüter stammen können: Weiß, übergewichtig, mit einem Schnauzbart. Immerhin war er etwas munterer als der Rest. Hatte nichts gegen Privatdetektive und gab bereitwillig Auskunft: Leider wusste er nicht viel mehr als Gwendolyn. Das Kohlebergwerk war die Lebensader der Stadt und lief eigentlich ziemlich gut. Viele Unfälle gab es da aber nicht.

Fein. Bevor wir zum Bergwerk fuhren, brauchten wir erst mal eine Unterkunft. Es war schon Abend, und ich wollte eigentlich nicht im Auto schlafen.
Oak Hill hatte nur ein einziges Hotel, das Horse & Arms. Sah altmodisch aus, war es auch, von einem ältlichen Ehepaar betrieben, den Vaughns. Die Wirtin war gleich ganz begeistert von Irenes Akzent – sie war ja vor Jahren schon mal in London gewesen, und überhaupt waren ihre Vorfahren alle Waliser. (Genau, weil sich Engländer und Waliser ja heiß und innig lieben.) Irene lächelte freundlich und ließ sie von der älteren Frau zu einer Tasse Tee einladen, während Mr. Vaughn uns unsere Zimmer zeigte. Die waren adäquat, aber nicht gerade modern. Immerhin gab es Betten… ich hätte mich nach der langen Fahrt gern hingelegt, aber das ging ja schlecht. Es waren ja Leute gestorben, und das war jetzt mein Problem. Wo kam diese Lone-Ranger-Mentalität eigentlich wieder her?

Von Mrs. Vaughn erfuhr Irene die Namen der Bergwerksbesitzer: Alun Baines und Jeremiah Cadwallader. Die Toten waren vage mit ihnen verwandt gewesen, aber eigentlich waren die meisten Leute in Oak Hill miteinander verwandt. Idyllisch.
Auf die Frage, warum die Einheimischen Fremden gegenüber so reserviert waren, erklärte uns Mr. Vaughn, nein, das wäre nicht so, Oak Hill wäre ein gastfreundlicher walisischer Ort. Gut, vielleicht machte sich jemand Sorgen, dass wir vom FBI wären, oder von einer Umweltbehörde, die das Bergwerk schließen wollte. Nein, das war noch nicht vorgekommen, aber man hörte ja so viel. Ja, im Moment gab es eine kleine Durststrecke, aber das werde man schon meistern.
Ethan fand die Paranoia des Hotelbesitzers verdächtig, aber mir kam das nicht so seltsam vor. Viel merkwürdiger fand ich ein gut gehendes, rentables Kohlebergwerk in Privatbesitz. Kohle war schon seit Jahren auf dem absteigenden Ast (zum Glück).

Nachdem wir unser Gepäck verstaut hatten, macht wir uns auf den Weg zum Bergwerk. Die Sonne stand schon ziemlich tief, als wir ankamen, also trennten wir uns: Irene und Ethan wollten sich das Gelände außerhalb des Werks anschauen, Bart und ich mit den Leuten hier über die Unfälle sprechen.
Wir hatten Glück: Mr. Cadwallader war noch da und bereit, mit uns zu reden. Von der jungen Angestellten aus der Verwaltung erfuhren wir vorher, dass Linda sehr korrekt war – unwahrscheinlich, dass sie aus Unachtsamkeit vor ein Auto gelaufen wäre.
Jeremiah Cadwallader war ebenfalls beunruhigt wegen der Toten – sie hielten sich doch hier immer an alle Sicherheitsbestimmungen, und dann so etwas. Das war nicht gut für das Bergwerk. Bart stellte ein paar Fragen nach dem Zugang zum Förderturm, Cadwallader bot an, ihn uns zu zeigen.
Um in den Turm zu kommen, musste man durch eine verschlossene Drahttür. Das Schloss war nicht sonderlich kompliziert, aber ich fand keine Spuren davon, dass sich hier jemand unerlaubt Zutritt verschafft hatte. Bin allerdings auch nicht Sherlock Holmes (nicht mal Magnum, P.I. Mein Lehrgang über Schlösser war schon eine Weile her. Könnte ich mal wieder auffrischen. Wenn ich mal Zeit habe. Klar, Jackson. Wolltest du nicht gerade eben noch Walisisch lernen?)

Schloss hin, Schloss her, David hatte Zugang zum Turm, Ennis hätte sich einen Schlüssel besorgen können und Linda hatte da nichts verloren. Cadwallader erlaubte uns, auf den Turm zu klettern, aber es gab keine Treppe, nur ein paar Drahtstreben. Puh. Selbst wenn ich völlig fit gewesen wäre, hätte ich das nicht unbedingt riskiert – man brauchte schon zwei Hände, um da hochzuklettern, und der Haken hält mein Gewicht zwar kurz. Gibt immer das Risiko, dass er anfängt, abzurutschen. Wollte ich nicht riskieren. Bart war ja auch dabei, der konnte das besser. (Hurra, ich hatte Leute zum Herumschicken. Kam mir komisch vor, war aber praktisch.)

Bart und Cadwallader klettern hoch und schauten sich um. Während sie oben waren, bekam ich eine SMS von Irene, ich sollte doch mal schauen, ob ich irgendwo einen Bericht mit aktuellen Ertragszahlen des Bergwerks finden konnte. Da ich jetzt eigentlich nicht das Büro der Geschäftsführung durchwühlen wollte, schrieb ich zurück, wir könnten uns ja mal die Quartalsberichte anschauen. Vielleicht standen die ja auf der Website des Unternehmens.

Als er mit Cadwalleder vom Turm zurückkam, nahm mich Bart kurz zur Seite. Er hatte oben auf einer der Zwischenplattform einen Knopf gefunden: Klein, schwarz, glänzend. Nicht von einem Arbeitsoverall, nicht mal von einem Anzug. Strickjacke vielleicht, oder eine Bluse.
Wir zeigten den Knopf Cadwallader, aber der konnte auch nicht sagen, wem der gehören könnte. Einem Arbeiter vermutlich eher nicht.

Später trafen wir Irene und Ethan wieder beim B&B. Die beiden hatten am Zaun um das Gelände ein langes, rotbraunes Haar gefunden. Sah menschlich aus. Vielleicht waren die Vorfälle ja ganz normale Morde – Irene hatte das schon ganz am Anfang gemutmaßt. Trotzdem. Irgendwas stimmte hier nicht.
Die Quartalszahlen des Bergwerks waren gut, verblüffend gut, wenn man die allgemeine Konjunktur für Kohle betrachtete. Nur in den letzten vier Wochen waren die Absatzzahlen zurückgegangen.

Schließlich gingen wir schlafen. Wurde eine kurze Nacht, weil wir am nächsten Morgen unbedingt die Frühschicht anschauen mussten, ob da jemand lange rotbraune Haare hatten. Das hätte ich nun ganz gern delegiert, weil ich wirklich unsagbar erschöpft war, aber das ging ja nicht. Ich war der Typ mit der Lizenz. (Außerdem, ganz ehrlich, wollte ich mir vor Irene keine Blöße geben. Blöd, was? Und Ethan sollte weiterhin denken, dass der Sonnentanz ja eigentlich ganz einfach gewesen wäre. Tja, und Bart. Reichte, dass ich nicht auf den Turm gekommen war.)

Morgens fiel uns niemand mit der richtigen Haarfarbe und -länge auf. Nur Alun Baines und ein junger Mann, der ihm relativ ähnlich sah. Kamen gemeinsam aufs Gelände. Vielleicht sein Sohn? Es war allerdings noch viel zu früh, um jetzt schon dort aufzutauchen, also gingen wir in den Pub, um ein walisisches Frühstück zu uns zu nehmen. Mit frittiertem Brot. Schmeckte erstaunlich gut.
Während wir aßen, fragte ich Irene nach walisischen Bergbaugeistern. Die kam doch aus Westengland und kannte sich mit übernatürlichem Kram aus. Allerdings offenbar nicht mit Bergwerken, denn sie zückte ihr Handy und rief Charles an. (Ich glaube, das ist ihr Butler; andererseits scheucht sie jeden so herum.) Der konnte nicht großartig weiterhelfen – er kannte die Knocker, die im Bergwerk auf Stützbalken klopften, um Bergleute zu warnen oder Stollen zum Einsturz zu bringen. Gut, von denen hatte ich auch schon gehört.
Kurz bevor wir wieder zum Bergwerk aufbrachen, rief Charles noch mal an. Über walisische Monster hatte er nichts gefunden, aber er hatte ein paar Fakten über das Bergwerk in Oak Hill aufgetan: Das war schon immer im Familienbesitz der Cadwalladers und der Baines‘ gewesen. Der älteste Sohn von J. Hopthorne Baines, einem der beiden Gründer, war im Alter von 21 Jahren ermordet worden, und seither starben die männlichen Baines ganz gern mal in diesem Alter. Erinnerte mich an Columbus in North Dakota. Und an die Thompsons in Maine. Bart musste offenbar auch daran denken, so grimmig, wie er dreinschaute.
Charles verlor noch ein paar missbilligende Worte über Irenes Essgewohnheiten, als sie von dem frittierten Brot erzählte. Definitiv ein Butler. Oder ihr Onkel. Mein Hirn malte mir das Bild eines steifen, sarkastischen Briten um die Sechzig mit Monokel und Meerschaumpfeife, aber ich glaube, mein Hirn war da nicht ganz auf der Höhe. Vermutlich war Charles in Wirklichkeit ein cooler Typ.

Wo war ich? Bei der Familie Baines. Ich erinnerte mich an den jungen Mann, der mit Alun Baines gekommen war. Fragte Gwendolyn, ob der Bergwerksbesitzer einen Sohn hatte. Ja, sagte sie. Gareth Baines. Vor fünf Wochen 21 Jahre alt geworden. Er arbeitete im Augenblick in der Minenverwaltung. War der Augenstern seiner Eltern, weil seiner Mutter Schwierigkeiten hatte, Kinder zu bekommen. Irene wollte wissen, ob Mrs. Baines vielleicht lange rotbraune Haare hatte? Gwendolyn nickte.

Das sah nicht sehr erfreulich aus. Ein erstaunlich gut gehendes Bergwerk, Söhne, die mit 21 starben – konnte ein Pakt sein. Vielleicht mordete die Mutter, um ihren einzigen Sohn zu retten?
Bevor wir Baines damit konfrontierten, sahen wir uns erst noch die kleine Ausstellung im Bergwerk an. Sahen ein paar Bilder der Bergwerksgründer, Dokumente, Kennzahlen, Fotos. Ein Stück Kohle in einer Glasvitrine. Ein Stammbaum. Gareth Baines war nicht nur der direkte Nachfahr von J. Hopthorne Baines, sondern auch des anderen Gründers, weil seine Mutter Theresa die Schwester von Jeremiah Cadwallader war.

Unser nächstes Ziel war Alun Baines. Aus seinem Büro drangen bereits erregte Stimmen, als wir uns näherten: Jeremiah Cadwallader und ein anderer Mann, vermutlich Baines. Cadwallader erklärte, es wäre jetzt schon fünf Wochen her, Baines entgegnete erregt, nein, er lasse sich nicht erpressen. Cadwallader sagte ärgerlich, er würde Baines noch eine Woche Zeit geben, dann würde er es selbst machen. Stürmte aus dem Büro und knallte die Tür hinter sich zu. Irene folgte ihm, fragte, worum es gegangen war. Er meinte, nur um irgendwelche Sicherheitsrichtlinien. Irene redete noch eine Weile mit ihm, schlug vor, externe Sicherheitsleute einzustellen. Die Leute hier würden doch sicherlich nichts tun, wenn die Frau des Chefs auf Gelände wollte? Er reagierte verärgert. Was denn seine Schwester damit zu tun hätte? Nichts, meinte Irene, war nur ein Beispiel. Er sagte, die interessiert sich überhaupt nicht für das Bergwerk.

In der Zwischenzeit sprachen wir mit Alun Baines. Zeigten ihm den Knopf. Fragten ihn, ob er einen älteren Bruder hatte, der mit 21 gestorben war. Sagten ihm schließlich auf den Kopf zu, dass sein Sohn in Gefahr war. Dass wir helfen konnten.
Er leugnete natürlich. Nicht lange, allerdings. Ich sagte ihm, dass wir sowas nicht zum ersten Mal sahen. Erzählte von Maine, von den verschwundenen Mädchen in jeder Generation. Ja, gab er zu, sein Vorfahr J. Hopthorne Baines hat einen Pakt mit… mit einem Wesen geschlossen, dass es dem Bergwerk immer gut geht, solange in jeder Generation der erstgeborene Sohn geopfert wird. Aber er wollte seinen Sohn nicht umbringen. Gut für ihn. Wir versprachen, ihm zu helfen.

Er rief seine Frau an und bat sie, zum Bergwerk zu kommen. Wir zeigten ihr Knopf und Haar und wollten wissen, was sie getan hatte. Nichts, sagte sie. Gar nichts. Klang für mich nicht sehr glaubwürdig. Dachte, ihre Verwirrung wäre gespielt. Ethan glaubte ihr, Irene nicht. Sagte zu ihr, Sie haben diese Leute ermordet. Aber Thereas Baines wusste von nichts davon. Als Linda überfahren wurde, hatte sie geschlafen… sie war doch müde, so müde… dann war da diese Delle in ihrem Auto…
Scheinbar war sie besessen gewesen, als sie die Morde beging. Bevor wir ins Archiv gingen, um nach J. Hopthornes Unterlagen zu suchen, wollte Bart noch prüfen, ob der Dämon immer noch in ihr steckte. Sie zögerte. Ich sagte ihm, er sollte das Weihwasser erst über meinen Arm gießen, und mir machte das auch nichts aus. Aber als er mit dem Fläschchen auf sie zuging, wurden ihre Augen schwarz.

BAM (Jetzt: Action!)

Theresa Baines war von einem Dämon besessen und versuchte, zu fliehen. Bart stimmte einen Exorzismus an, ich packte sie von hinten und hielt sie fest. Irene griff ihre Beine, Ethan nahm sich einen Golfschläger und keilte sie damit weiter ein. Kein sehr starker Dämon, wir hielten sie mühelos fest, während Bart den Exorzimus beendete. Theresa sackte schlaff zusammen.

…das war es dann erst mal wieder mit der Action. Es kommt aber noch mehr. Muss trotzdem noch ein paar Dinge dazwischen erzählen.
Irene erklärte den beiden Baines, wie man sich gegen Besessenheit schützen konnte. Zeigte ihr Brandmal, meinte aber, eine Tätowierung täte es auch. Zog noch eine Teufelsfalle um die beiden, zur Sicherheit.

Im Archiv fand Bart nach kurzer Suche das Tagebuch von Iouan Hopthorne Baines. Der hatte als braver Geschäftsmann akribisch über alles mögliche Buch geführt, darunter auch über den Pakt. Den hat er geschlossen, damit es dem Bergwerk gut ging – um ihn zu erfüllen, musste in jeder Generation der Erstgeborene geopfert werden, und ein Stück Kohle, das Hopthorne aus Wales mitgebracht hatte, musste im Bergwerk bleiben. Das war vermutlich das Exponat aus dem kleinen Museum.
Sollte der Pakt gebrochen werden, ging es mit dem Unternehmen bergab und der Dämon würde Rache üben. Gut, das mit dem Bergwerk war kein Problem – das war auch Baines egal – aber wir würden den Dämon davon abhalten müssen, Rache zu üben.

Bart schlug vor, zunächst den Pakt zu brechen: Kohle raustragen, und Alun musste dem Pakt dreimal abschwören. Danach den Dämon von der Kohle in ein anderes Gefäß bannen. Was für ein anderes Gefäß? Sollte ja etwas sein, was eine Weile vorhielt. Ethan schlug vor, da es ja eine Art Feuerdämon war, könnten wir ihn im Wasser bannen… in einen See oder so? Ich meinte, vielleicht wäre etwas Symbolisches besser. Ein Stein, der mit Wasser assoziiert ist? Ein Aquamarin, erklärte Bart. Das wäre gut. Den konnten wir dann in einem abgearbeiteten Stollen des Bergwerks verschütten.

Wir machten uns an die Vorbereitungen: Irene fuhr nach Columbus, um einen Stein zu besorgen. Fand einen faustgroßen Aquamarin, der früher in einer Kirche an einem Heiligenbild hing. Perfekt. Ethan fertigte eine Fassung für den Stein an. Ich koordinierte mich mit Bart, um den hebräischen Banntext ins Englische zu übertragen.
Schließlich waren wir bereit: Alun sagte sich von dem Pakt los, wir holten die Kohle und fuhren damit in die verfallene Kirche. Altar war noch da, das Kreuz nicht umgedreht, also sollten wir davon profitieren können. Okay, das Gemäuer war einsturzgefährdet, aber irgendwas ist ja immer.
Bart trug für das Ritual einen reinweißen Anzug, Ethan schleppte eine Plane mit einer Teufelsfalle an, und los ging es.

BAM
(noch mal)

Mitten im Ritual kam ein Wind auf, erst nur eine kleine Böe, die an den Brettern vor den Fenstern rüttelte, dann ein stärkerer Windstoß, der die abgeschlossene Tür aufsprengte. Direkt vor uns manifestierte sich eine wabernde Gestalt mit lodernden Augen, mehr als menschengroß. Ethan schoss mit seiner Schrotflinte danach, traf aber nicht richtig. Ich stellte mich vor Bart, um ihn abzuschirmen. Der Dämon schlug nach mir, ich wehrte den Schlag ab, aber er war so heiß, dass meine Jacke an der Stelle zu Asche zerfiel. Kein großer Schaden, nur eine Brandblase.
Ich weiß nicht, was Irene dann ritt – sie musste doch das Hitzewabern um den Dämon gesehen haben – aber sie sprang ihn an. Allerdings war der Dämon noch gar nicht vollständig manifestiert, oder er bestand nur aus Feuer, jedenfalls stürzte sie durch seine Gestalt hindurch und fing dabei Feuer. Fiel zu boden und wälzte sich, um die Flammen zu löschen. Immerhin hatte sie in einer Hinsicht Erfolg: Der Dämon wendete seinen Blick von Bart ab und starrte sie an. Grinste er? Vielleicht.
Bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte, was ich tat, schlug ich mit dem Haken einmal quer durch den Dämon. Erklärte ihm, dass er viel zu schwach war, um mit uns fertig zu werden. Sein Blick ging von Irene zu mir, ich sah Wut und Hass in seinen brennenden Augen, und der verdammte Haken wurde heißer und immer heißer… Ethan schoss, traf aber nicht… der Dämon holte aus…

Bart beendete das Ritual mit einem lauten Ruf, und der Dämon schrumpfte rapide, raste auf den Aquamarin zu und wurde darin gefangen. Hoffentlich für die nächsten paar Jahrtausende.

Ethan rannte zu mir, schüttete mir Weihwasser über den Arm. Nett von ihm, half auch, aber ich schubste ihn weg, sagte ihm, er sollte sich um Irene kümmern. Macht er dann auch. Ich löste hastig die Riemen, die den Sockel am Arm hielten, riss den glühenden Haken irgendwie weg, natürlich zu spät, der Liner schmolz schon. Ich benutzte die Plane mit der Teufelsfalle, um mir die Polymerreste von der Haut zu schaben. War ungefähr so angenehm, wie es klingt.
Der nächstbeste Mediziner war der Betriebsarzt des Bergwerks, also fuhren wir dahin zurück. Bart verwahrte den Aquamarin, während Irene und ich versorgt wurden. Brandsalbe, die letzten Fetzen des Liners vom Stumpf entfernt, in der nächsten Zeit keine Prothese aufziehen. Hatte ich mir schon gedacht, und der Haken war ohnehin geschmolzen.

Ethan und Bart gingen los, um den Aquamarin im Bergwerk zu verschütten. Oder einzubetonieren. Oder beides. Das habe ich nur am Rand mitbekommen. Weder Irene noch ich hatten große Lust, mitzugehen. Statt dessen saßen wir auf der Veranda des B&B, tranken kalte Getränke und flachsten über Gletscher, Champagnerkühler und Marshmallows. Ziemlich freundschaftlich. Lag vermutlich an den Schmerzmitteln.

Nachdem der Aquamarin bestmöglich versorgt war, fuhr mich Ethan nach Columbus. Unterwegs merkte ich so langsam, wie fertig ich eigentlich war – kaputt vom Sonnentanz, dann noch die Brandwunden am Arm… ich hätte ihn fast gebeten, mich wieder heimzufahren. Habe ich natürlich nicht gemacht. Hatte den Flug ja schon gebucht. Unterwegs nach Little Rock hatte ich eine kurze Panikattacke, die mir einen Besuch beim Flughafendoc bescherte. Der erklärte mir sehr freundlich, ich möge mich bitteschön ausruhen gehen. Keine Sorge, sagte ich, habe ich vor.

Und jetzt bin ich ausgeschlafen und kann endlich das Wörterbuch einscannen, bzw. Artie zeigen, wie das geht. Der ist viel geschickter als ich. Danach schicke ich das Resultat an Professor Williams von der School of Welsh an der University of Cardiff und bitte ihn, jemanden zu suchen, der mir den walisischen Part übersetzt. Und hoffe, dass ich mal ein bisschen Zeit habe, um mich zu erholen.

…meinen Roman sollte ich eigentlich auch mal fertigschreiben. Die Deadline im September rückt immer näher, und Beth, die dumme Nuss, ist immer noch nicht tot.

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Welsh Mining

Eine Woche nach dem Besuch in Tappan fährt Ethan nach Arkansas, um den Jacksons den lange geplanten Besuch abzustatten. Freinehmen hat er sich ohne Probleme können; jetzt im Sommer herrscht ohnehin gerade Arbeitsflaute an der Universität. Ethan muss ohne Sam fahren, so leid ihm das tut, denn deren Fuß ist noch immer nicht soweit wieder hergestellt, dass sie ihn belasten könnte. Inzwischen muss die Arme schon völlig auf die Barrikaden gehen, vermutet Ethan, auch wenn sie das in ihren Telefonaten bis auf Andeutungen meist ausgeblendet hat.

Irgendwann hat Barry ihn mal gebeten, er solle anrufen, bevor er auf den Hof fahre, also greift Ethan bei seiner letzten Zigarettenpause zum Telefon und kündigt sich an. Als er den Pickup dann knapp zwei Stunden später vor dem Haus der Jacksons zum Halten bringt, sitzt sein Freund auf der Bank davor und winkt Ethan mit einem Begrüßungslächeln zu. Der Blick des Detektivs ist wieder klar, die Gehirnerschütterung, die er sich in Seattle zugezogen hat, offenbar komplett oder größtenteils überstanden. Dafür hinkt Barry jetzt und wirkt körperlich ziemlich mitgenommen. Darüber zu reden, was ihm da zugestoßen ist, scheint er aber nicht zu wollen, sondern er winkt nur ab und will stattdessen wissen, wie Ethans Besuch in New York gelaufen ist.

Also erzählt Ethan, sobald sie drinnen sind. Das geht besser als sonst: Seit Tappan sind die Worte irgendwie nicht mehr ganz so schwere Mühlsteine in seinem Hals. Wie seltsam es sich anfühlt, auf einmal wieder Kontakt zu haben, erzählt er, aber auch, wie unendlich gut. Von Alans Feindseligkeit, die Ethan in die Seele schneidet, und von Fionas Suche, die ihm tiefe Bewunderung abringt. Barry hingegen scheint von Fionas Beharrlichkeit nicht sonderlich begeistert; zumindest lässt sein skeptisches „okaaay…“ darauf schließen. Wie alt Ethans Schwester sei, will der Schriftsteller dann wissen, gibt aber auch zu, dass Fi wohl zumindest entschlossen sei, und das sei ja schon mal nichts Schlechtes.

Dass das Erzählen leichter geht, das hat Ethan tatsächlich auch schon ein paar Tage vorher bemerkt, als er Irene auf dem Roten Hügel einen Besuch abstattete. Er hatte der Engländerin versprechen müssen, dass er nach Tappan vorbeikommen würde, und natürlich wollte sie alles von ihm wissen. Wie es war. Wie er empfangen wurde. Und Ethan ertappte sich dabei, wie er ihr, in seinen üblichen Einwortsätzen erst, dann etwas flüssiger und mit weniger Pausen, die ganze Geschichte vermittelte, während Irene ihm förmlich an den Lippen hing und ihm sogar einen Tee kochte. Den sie selbst lustigerweise vor lauter Zuhören selbst kaum anführte. War aber ganz gut so, das mit dem Tee, auch wenn Ethan normalerweise kein großer Teetrinker ist. Denn: Stimme ölen und so. Irgendwann war er so in Fahrt, dass er auch ein bisschen was über die Gedanken und Sorgen andeutete, die ihm in Tappan und seither durch den Kopf gingen. In dieser vertrauten Stimmung war er gerade drauf und dran, Irene auch von seinen Gefühlen für Sam zu beichten, da fragte ihn die Britin unvermittelt nach seiner Zeit mit Cal. Ob der eine Art Ersatzvater für ihn gewesen sei. Unter dem Gesichtspunkt hatte Ethan das eigentlich nie so recht betrachtet, aber doch. Klar. Genau das, eigentlich. Also nickte er und erzählte, als er merkte, wie gerne Irene alles über ihren… was eigentlich? Freund? Partner? Gelegentlichen Liebhaber? erfahren wollte, offen und ehrlich von den beiden Jahren. Vom Guten wie vom Schlechten. Von ihrem Zerwürfnis und der Hölle danach, was wieder schwieriger wurde. Aber musste sein, also biss er sich durch. Und irgendwie halfen auch der Gedanke an Sam und die Erinnerung an Portland enorm, die Worte herauszubringen. Irene wirkte jedenfalls nicht sonderlich überrascht, als sie von Carla hörte. Mehr so, als habe sie jetzt die Bestätigung für etwas, das sie schon länger gewusst habe. Oder zumindest geahnt.
Von Cals guten Seiten erzählte Ethan auch. Von dessen Sinn für Gerechtigkeit, den er vor sich selbst gar nicht so recht zugab und gerne hinter der toughen Arschlochfassade versteckte. Seiner so ziemlich bedingungslosen Loyalität. Wie strikt er immer darauf achtete, keine Unschuldigen in Sachen hineinzuziehen. Und natürlich die kleine Tatsache, dass er einen völlig unbekannten Jungen erst rettete und dann fast zwei Jahre lang unter seine Fittiche nahm.
Na gut, Cal war auch der Grund für die jahrelange Funkstille zwischen Ethan und seiner Familie. Seine felsenfeste Überzeugung, Kontakt sei zu riskant, genauer gesagt. Als Ethan das erwähnte, biss seine britische Freundin die Zähne zusammen, und eine undefinierbare Regung zog über ihr Gesicht. Aber alles, was sie sagte, war: „An der Vorstellung scheint er nicht mehr so sehr festzuhalten.“ Das war Ethan bei dem Gespräch auch aufgefallen, also nickte er. Zuckte dann mit den Schultern, suchte nach den Worten. „Das dürfte was mit Ben zu tun haben, denke ich“, fuhr Irene fort, was Ethan ein zweites Mal nicken und mit einem schiefen Lächeln wieder an den Besuch bei seiner eigenen Familie denken ließ. Und daran, was für eine Last mit der Begegnung von seiner Seele gehoben wurde.
Als die Teekanne irgendwann leer war – Ethan hatte tatsächlich das meiste davon ganz alleine getrunken, – zog die Britin ihn bei der Verabschiedung in eine lange Umarmung, die Ethan ein wenig unbeholfen, aber aufrichtig erwiderte. Dabei erklärte sie, wie froh sie sei, dass er den Kontakt wieder hergestellt habe: Er solle keine Wunder erwarten, aber das werde ihnen allen guttun. Und weil er sie daran erinnert habe, wie wichtig Familie doch sei, wollte sie gleich am nächsten Tag nach Boston fahren, um ihren Cousin zu besuchen. Nein. Wunder erwartet Ethan sicherlich nicht. Aber hoffen kann er.

Jedenfalls. Nachdem Ethan jetzt von Tappan fertig erzählt hat, ist Barry dran mit Berichten. Auf dem Powwow in Pine Ridge hat der Ältere sich in Sachen Apokalypse umgehört. Oh Mann. Wie das klingt. Jetzt hat Ethan ja schon eine Weile Zeit gehabt, aber an den Klang dieses Wortes in Verbindung mit den Begriffen „kommt“ oder „demnächst“ oder „Wochen oder Monate“ wird er sich wohl nicht mehr gewöhnen. Egal, wie oft er darüber nachgrübelt.
Jedenfalls erzählt ihm sein Freund von einer Legende, die Barry in mehreren Versionen auf dem Treffen gehört hat und in der ein Heyoka der Lakota (zumindest war es in den meisten Fällen ein Lakota, sagt Barry, in anderen Versionen aber auch mal ein Cheyenne oder sonstwer, je nachdem, von wem er die Geschichte jeweils gehört hat) die Hauptrolle spielte. In der Legende kamen Weiße in ein Gebiet, in dem es eine Art Tor gab, und obwohl es besser geschlossen geblieben wäre, öffneten sie es, und dann kamen Geister heraus und griffen die Weißen an. Während die Weißen kämpften, gelangte dieser Lakota (oder Cheyenne oder was auch immer) in den Besitz von ‘Iktomis Schleier’, womit es ihm gelang, die Wirkung des Tors umzukehren, sodass die Geister alle wieder hineingesogen wurden. Ein Heyoka sei ein heiliger Narr, erklärt Barry auf Ethans fragende Miene dann noch.

Diese Legende klingt doch schon mal wie etwas, das ihnen wirklich helfen könnte – falls dieser Schleier sich finden lässt, versteht sich. Oder man herausbekommt, was dieses Ding nun eigentlich genau ist. Tatsächlich ein Schleier, oder doch irgendwas im übertragenen Sinn?

Er habe auf dem Powwow auch selbst einen Heyoka getroffen, ergänzt Barry, als Ethan, halb zu sich selbst, diese Frage in den Raum stellt. Der habe ihm geraten, auf jeden Fall ‘oben’ zu suchen, wenn er den Schleier finden wolle. Aber die heiligen Narren seien dafür bekannt, dass sie oft haargenau das Gegenteil von dem sagen, was sie meinen, und dieser spezielle Heyoka sei dazu noch betrunken gewesen.

Okay, also ‘unten’. Was auch immer das heißen mag. So richtig viel hilft das nicht weiter. Aber okay, besser als nichts vermutlich. Viel machen können sie mit der Information jetzt sowieso nicht. Müssen sie wohl einfach im Hinterkopf behalten.

Barry erzählt dann noch, dass auf dem Powwow auch eine ganze Gruppe fundamentalistischer Christen unterwegs gewesen sei. Ethan nickt: Die hat Katie ja auch schon in ihrer SMS an ihn erwähnt. Barry mag diese Leute nicht, wird sehr schnell sehr deutlich. Vielleicht gibt es auch nette, brummt er, aber…
„Hast noch keine getroffen“, vermutet Ethan. Doch, erfährt er, eine. Ein Mädchen, das mit ihrem Vater verheiratet worden sei und geholfen habe, Katie zu retten.
Diese Christen seien eigentlich gar nicht unangenehm aufgefallen, gibt der Ältere dann zu, aber sie hätten jede Menge Fragen gestellt. Sich nach Toren erkundigt und nach Brunnen und nach Brunnen, die wie Tore aussähen, oder Toren, die wie Brunnen aussähen. Und wenn Barry diese Legende von Iktomis Schleier herausbekommen konnte, dann konnten die das auch. Sie müssen wohl ziemlich vielen Leuten ziemlich viel Bier ausgegeben haben. Klar. Bier hilft immer.

Das nächste Thema ist die Vision, die Barry während des Sonnentanzes auf dem Powwow hatte. Der Schriftsteller beschreibt sie in allen Einzelheiten. Dass er Ethan selbst gesehen habe, wie er irgendwo auf den Plains eine Straße entlangging, über ihm eine Gewitterwolke, die aber nie ausbrach. Barry ging die Straße zurück, um den Ursprung zu finden, und stieß auf eine kleine, hungrige Gestalt, weiblich, die das Gewitter rief. Hilfe von einem Schatten bekam, woraufhin das Gewitter stark wurde. Der Schatten legte ihr die Hand auf die Schulter, aber irgendwann wollte sie davon weg. Der Schatten ließ sie gehen, aber das war nur ein Katz-und-Maus-Spiel. Obwohl Barry wusste, wer das war, und obwohl er wusste, dass man Visionen nur sehen, nicht in sie eingreifen soll, versuchte er, dem Mädchen zu helfen. Warf sich vor sie, gerade als sie von einem Auto angefahren wurde. Dann wurde die Frau in den Schatten gezogen, und Barry sprang hinterher. Als er kurz ihre Hand berührte, sah er die Silhouette einer Stadt, deren Aussehen er sich einprägte, aber die er nicht auf Anhieb erkannte.

Jedenfalls kam Barry dann aus der Vision zurück, und als er zurück war, hatte er diese Narbe am Bein.
Der Ältere geht nicht näher darauf ein, wie er aus der Vision herauskam, aber Ethan kennt seinen Freund inzwischen gut genug, um zu wissen, dass der die Sache ziemlich herunterspielt. Ethan kennt seinen Freund aber auch gut genug, um zu wissen, dass er, wenn er Sachen herunterspielt, nicht darüber reden will, also belässt er es dabei. Sieht sich stattdessen die Narbe an. Ziemlich lang und unverwechselbar. Auch ziemlich alt und am Verblassen, aber Barry sagt, die sah anfangs viel schlimmer und frischer aus. Und dass er denkt, die werde mit der Zeit wieder komplett verschwinden. Jedenfalls dürfte Coleen auch in der echten Welt genau diesen Autounfall gehabt und genau diese Narbe abbekommen haben. In genau dieser Stadt, die Barry in der Vision gesehen hat.

Okay. Barry hat die Stadt nicht erkannt. Aber vielleicht kann ja jemand anhand seiner Beschreibungen sowas wie ein Phantombild zeichnen? Niels fällt Ethan da ein. Der studiert das immerhin. Und, etwas verspätet, auch seine Mutter. Bilder von zwei unterschiedlichen Zeichnern zu bekommen, kann ja sicherlich nichts schaden. Will Ethan selbst Deborah ansprechen, fragt Barry vorsichtig, oder soll er das über seine Cousine tun? Das macht er schon selbst, erklärt Ethan mit Nachdruck. Die einzige Frage ist, wie er die vielleicht etwas seltsame Bitte erklärt. Aber ein wiederkehrender Traum müsste es eigentlich tun. Also ist es beschlossene Sache. Barry wird Niels kontaktieren und Ethan seine Mutter.

Nun dankt Ethan dem Detektiv doch dafür, dass er das Ritual für ihn durchgezogen hat. Barry winkt ab, aber Ethan schüttelt den Kopf und brummt „doch danke.“ Gerade weil der Ältere in der Vision eine Verwundung für ihn davongetragen hat und alles. Barry lächelt. „Naja. Familie eben.“ Ethan erwidert das Lächeln, dann stutzt er. „Dann hab ich jetzt wohl zwei Familien.“ Der Gedanke hätte ihm vielleicht schon vorher kommen können. Aber erst jetzt ist er so richtig eingesackt, und er fühlt sich verdammt gut an.

In den nächsten Tagen baut Ethan das versprochene Baumhaus. Die Eltern Jackson hatten zwar schon ein provisorisches Brett angebracht, aber… ähm. Bitte. Nein. Zum Glück ist Barry da gar nicht nachtragend; er grinst schief und meint, er habe ganz wortwörtlich nicht mal zwei linke Hände, und Tam sei auch keine große Handwerkerin. Es ist immer noch sehr heiß, also findet die eigentliche Arbeit vor allem morgens und abends statt; tagsüber ist eher Rumhängen angesagt. Von Ethan, den Kindern und Tam jedenfalls; Barry hat ein Buch zu schreiben. Die Kinder helfen mit Begeisterung beim Bau, und natürlich spannt Ethan sie gerne mit ein – ist immerhin ihr Baumhaus. Er lässt sie auch Äste aller möglichen Stärken sammeln, aus denen er noch ein paar Möbel in kindgerechter Größe zusammenzimmert.
Die Fertigstellung feiern sie dann mit einem Grillfest. Als ob irgendwer eine Ausrede bräuchte. Dabei lernt Ethan eine Menge Verwandte und Freunde der Familie Jackson kennen, zum Beispiel einen gewissen Brian, ein Lockenkopf mit einem eher geschmacklosen Sinn für Humor. Außerdem ist da ein gewisser J.D., ungefähr in Ethans eigenem Alter und Mitbesitzer der Privatdetektei. Außerdem ist er ein Biker, was die Kinder toll finden; der Typ besitzt immerhin ein Motorrad! Der Typ trägt außerdem eine Jacke mit der Aufschrift ‘Hollow Men’, was Ethan anfangs mehr als befremdet. Aber dieser J.D. scheint Barry ehrlich zu mögen und andersherum, also legt sich Ethans Misstrauen irgendwann.

Ethan ist noch in Arkansas, als Barry auf eBay ein Buch ersteigert. Nicht nur irgendein Buch, sondern eines, das den Schriftsteller ziemlich begeistert. Ein Wörterbuch. Ein Wörterbuch zwischen walisisch und irgendeiner indianischen Sprache, die Barry gar nicht so genau zu kennen scheint. Per Post würde er sich das Buch eher ungern schicken lassen. Und da Ethan ohnehin wieder nach Hause zurück muss und dieses Oak Hill, Ohio so ziemlich direkt auf dem Weg liegt, bietet er seinem Freund an, ihn zumindest hinzufahren, wenn schon nicht wieder zurück.

Okay. Dieses Wörterbuch begeistert Barry nicht nur, stellt Ethan unterwegs fest. So aufgekratzt hat Ethan den anderen selten erlebt. Als er damals in dem Höllenhaus unter Drogen stand, vielleicht. Aber das waren eben Drogen. Ethan kapiert längst nicht alles von dem, was der Schriftsteller ihm erzählt – nur einen Bruchteil, wenn er ehrlich ist –, aber dass das Buch ein wichtiger Fund sein könnte und dass Barry sich wie ein Kind an Weihnachten darüber freut, soviel versteht er. Amüsiert winkt er ab, als Barry sich irgendwann bei ihm dafür entschuldigt, ihn zugetextet zu haben. Aber da er das Thema durchaus ganz interessant findet – glaubt er jedenfalls nach dem, was bisher so bei ihm angekommen ist –, gibt der Ältere ihm dann einen kleinen Grundkurs in Sprachtheorie, bis ihm die Stimme ausgeht und es an Ethan ist, ein bisschen zu erzählen. Was ihm erstaunlicherweise gar nicht so schwer fällt.

Oak Hill, Ohio ist eine ziemlich heruntergekommene Kleinstadt. Ehemalige Bergbausiedlung, wie es aussieht. Abweisende Stimmung. Jedenfalls werfen die Leute auf der Straße Ethans Vermonter Nummernschild feindselige Blicke zu, kommt es ihm vor. Mitten an der Hauptstraße eine mit Brettern vernagelte Kirche.
Wenigstens ist der Verkäufer freundlich, als sie Barrys Buch abholen. Und es ist eine Freude, dessen Entzücken über seine Neuerwerbung mitzuerleben.

Ehe sie wieder aufbrechen, damit Ethan Barry in Columbus am Flughafen abliefern kann – ungern, aber ist nun mal so, und auf diesem Flug wird der Detektiv sich ja vielleicht mit der Hochstimmung über das Wörterbuch ein bisschen ablenken können – beschließen sie, hier im Ort noch eine Kleinigkeit zu essen. Da ist ein Pub, der walisisches Essen anbietet. Was auch immer walisisches Essen sein mag.

Das finden sie allerdings gar nicht heraus – oder zumindest nicht sofort. Denn an einem Tisch sitzen zwei bekannte Gesichter: Bart Blackwood und Irene. Ethan schnaubt amüsiert. Da sage nochmal einer, die Welt sei kein Dorf. Aber… Moment. Als er das letzte Mal zufällig anderen Jägern über den Weg gelaufen ist, in Meredith, und davor in Crested Butte, war das, weil alle aus einem ganz bestimmten Grund dort waren. Weil sie alle von Vorkommnissen gehört hatten. Aber hier? Hier ist nichts. Oder zumindest nichts, von dem Ethan wüsste.
Aber die beiden anderen Jäger haben sich Irene zufolge nur hier getroffen, weil dieses Kaff für beide ungefähr auf halber Strecke lag und sie Informationen austauschen wollten. „Und Ihr?“
Als Barry von dem Buch erzählt, das er ersteigert hat, breitet sich allgemeine Erleichterung aus. Also kein Vorfall? Puh. Dann können sie jetzt ja doch etwas bestellen.

Die Erleichterung ist allerdings trügerisch. Denn die Kellnerin – ‘Gwendolyn’ steht auf ihrem Namensschild – ist nervös. Mehr als nervös. Richtiggehend zappelig. Sie scheint darauf zu brennen, etwas erzählen zu wollen, traut sich aber nicht so recht, bis Barry sie rundheraus darauf anspricht, ob alles in Ordnung sei.
„Sie sind alle nicht von hier, oder?“ vergewissert sie sich, und ihr erleichtertes Aufseufzen, als alle den Kopf schütteln, ist nicht zu übersehen. „Sind Sie vielleicht zufällig von der Polizei?“ „Privatdetektiv“, erklärt Barry, woraufhin Gwendolyn ihn fragt, ob er wegen ‘der Sache’ hier sei.
Was für eine Sache das ist, damit will sie dann doch nicht so recht herausrücken, und es braucht ein Nachhaken des Schriftstellers, ehe Gwendolyn verrät, dass es in den letzten paar Wochen in der Mine zu drei angeblichen Selbstmorden bzw. Unfällen gekommen ist. Und es müsse doch irgendjemand etwas tun; vom Sheriff komme rein gar nichts. Zwei Personen sind vom Förderturm gestürzt, das dritte Opfer vor ein Auto gelaufen.
Und nein, betont die Kellnerin, zumindest einer der Fälle sei ganz eindeutig kein Selbstmord gewesen – das Opfer war ihr Cousin Ennis, und der war verlobt, wollte in naher Zukunft heiraten und war ganz sicher nicht depressiv.

Alle drei Opfer waren bei der Minengesellschaft angestellt, sagt Gwen. Fast der ganze Ort ist bei der Minengesellschaft angestellt. Die beiden Männer waren Kumpel, die Frau arbeitete als Bürokraft. Ist die vermeintlich ehemalige Bergbausiedlung wohl doch nicht ganz so ehemalig, wie Ethan gedacht hat.
Okay. So viel zum Thema kein Vorfall. Dann sollten sie sich wohl eine Übernachtungsgelegenheit suchen und sich die Sache mal anschauen.
„Es könnten immer noch ganz normale Mordfälle sein“, gibt Irene zu bedenken. Stimmt. Könnten es. Aber irgendwas stinkt hier. Irgendwas an der Erzählung ist komisch genug, dass Ethans Jägerinstinkte anspringen, und die der anderen ganz genauso, trotz Irenes Worten, das kann er doch sehen.

Das Sheriffbüro ist der erste logische Anlaufpunkt. Gwen meinte zwar, der Sheriff tue nichts, aber wenigstens als hilfsbereit stellt er sich heraus, nachdem Barry sich als Privatdetektiv vorgestellt hat, der gebeten worden sei, die Todesfälle zu untersuchen. Er wisse nicht, was er tun könne, erklärt der Gesetzeshüter, einfach weil niemand etwas gesehen habe. Ein Zeuge habe den Schrei gehört, den einer der beiden Männer im Fallen von sich gab, aber sonst… Beide – sowohl David Tremayne und Ennis Hayes – hätten auf dem Turm zu tun gehabt, seien nicht einfach so ohne Grund hinaufgestiegen. Wussten eigentlich genau um die Sicherheitsbestimmungen auf dem Turm. Die Büroangestellte, Linda Montgomery, sprang auf dem Heimweg plötzlich vor ein Auto, obwohl sie eigentlich viel zu korrekt war, um nicht aufzupassen. Und alle drei Opfer waren allein, als sie starben.

Die Mine ist ein Familienbetrieb, informiert sie der Sheriff auf ihre Frage hin. Seit ihrer Gründung im Besitz von derselben zwei Familien, um genau zu sein. Jeremiah Cadwallader und Alun Baines heißen die derzeitigen Besitzer.
Irene will wissen, ob sich in letzter Zeit in der Mine irgendetwas verändert habe, ob es wirtschaftliche Probleme gäbe oder dergleichen. „Naja“, brummt der Sheriff, „es ist halt ein Kohlebergwerk. Die Chinesen produzieren schneller und billiger – die schicken ja auch Kinder unter Tage.“

Nachdem sie alles von dem Gesetzeshüter erfahren haben, was der ihnen sagen kann oder will, suchen die vier Besucher sich eine Unterkunft. Das Horse & Arms ist eine von einem älteren Ehepaar namens Vaughn geführte Pension im britischen Stil. Die beiden sind nur zu gerne bereit, über die tragischen Todesfälle zu reden. Dafür lässt Irene sich von der Wirtin für eine Tasse Tee mit in den Salon nehmen, während die drei Männer sich mit dem Hausherrn unterhalten.

„Standen vielleicht bei allen Opfern die Lebensumstände im Begriff, sich zu ändern?“ will Bart von Mr. Vaughn wissen. Ennis stand kurz vor der Hochzeit, David kurz vor der Rente, bestätigt der Gastwirt. Das würde ja passen. Nur zu dieser Linda kann der ältere Herr nichts sagen. Dafür über das Bergwerk. Es kämen immer mal Investoren, aber die Inhaber hätten einen Verkauf der Mine bisher immer abgelehnt. Auf Barrys Bemerkung, dass es aber nicht so aussehe, als gehe es der Mine sonderlich gut, kontert Vaughn ziemlich heftig, das sei nur eine kurzfristige Durststrecke, bisher sei es der Mine ganz ausgezeichnet gegangen, und das werde es bestimmt bald wieder.
Ähnlich heftig reagiert der Mann, als als Ethan etwas in der Richtung brummt, dass die Leute im Ort alle ziemlich feindselig wirkten. Was denn, nein, das sei doch ein gastfreundlicher, gut-walisischer Ort hier! Die Leute hätten vielleicht nur Angst, dass die Fremden vom FBI kämen und das Bergwerk schließen wollten. Sicher. Das FBI. Bergwerke schließen. Ja klar. Weil auch.
Der Typ ist ja ziemlich schnell mit abstrusen Erklärungen zur Hand. Ethan schüttelt entnervt den Kopf und geht nach Irene sehen.

Die sitzt mit einer Tasse Tee im Salon und macht ein ziemlich erleichtertes Gesicht, als Ethan sie retten kommt. Er murmelt etwas von ‘Boss’ und nickt Richtung Gaststube – die Geschichte vom Privatdetektiv und seinen Assistenten aufrechterhalten und so –, und Irene macht sich mit bedauernder Miene von der alten Dame los, ehe sie im Flur Ethan dankbar zulächelt. Zurück bei den anderen erzählt die Jägerin, sobald sie wieder unter sich sind, dann, was sie von Mrs Vaughn erfahren hat. David Tremayne war allem Anschein nach glücklich verheiratet und stand kurz vor der Rente – das hat Mr. Vaughn ja auch schon erzählt – und über ein paar Ecken mit Alun Baines verwandt, ebenso wie Linda, die Bürokraft. Es gibt einen Fonds für die Mitarbeiter, damit die Angehörigen versorgt sind, wenn etwas passiert. Ennis Hayes war Anfang zwanzig, etwa im selben Alter wie Alun Baines’ Sohn, die beiden waren auch gut befreundet (und ebenfalls entfernte Cousins), und Linda war auch noch nicht alt. Sie war eher steif und sehr korrekt. Und Mrs Vaughn sagte, sie fände die Sache mit den Toten auch seltsam, und irgendwas könne da nicht stimmen.

Na wenn die alte Dame das sagt. Aber irgendwas stimmt wirklich nicht, das finden ja auch die Jäger. Also nächster Schritt: die Mine. Während Barry und Bart im Büro nachfragen wollen, sehen Ethan und Irene sich draußen vor dem Werksgelände um. Gehen aufmerksam den Zaun ab, und tatsächlich. Irgendwo im Draht hängt ein langes, rotbraunes Haar. Es sieht menschlich aus, stellt Ethan fest, als er es näher betrachtet.
Er zeigt das Haar Irene, aber weder der Britin noch Ethan selbst fällt jemand mit langen rotbraunen Haaren ein, dem sie hier bisher begegnet wären. Aber die Engländerin hat eine ganz andere Idee. Sie holt ihr Handy heraus und tippt schnell etwas ein. „An Barry“, erklärt sie dann auf Ethans fragenden Blick. „Er soll mal nach den Fördermengen fragen, ob die in letzter Zeit vielleicht zurückgegangen sind.“ Ethan nickt. Stimmt. Guter Plan.
Zurück kommt vom Detektiv nur eine sehr knappe Antwort. „Geschäftsberichte!“ Hm. Auch eine Möglichkeit.
Die beiden Jäger kehren ins Bed & Breakfast zurück, und während sie dort auf die anderen beiden warten, ergoogelt Irene auf ihrem Laptop die letzten Geschäftszahlen der Minengesellschaft. Der Firma war in der Vergangenheit ziemlich erfolgreich – sogar richtig erfolgreich; was schon ziemlich erstaunlich ist dafür, dass es hier um Kohle geht – aber in den letzten vier bis fünf Wochen ist es mit dem Betrieb doch ziemlich bergab gegangen.

Eine Weile später kommen Barry und Bart wieder und erzählen. Barry hat wieder seine P.I.-Lizenz vorgezeigt und durfte zum Chef. Vorher haben sie noch kurz mit der Dame im Büro gesprochen, die wusste aber auch nichts über Linda. Nur, dass sie einen geregelten Tagesablauf hatte und nie irgendwelche persönlichen Details erzählte. Zumindest nicht ihrer Kollegin.
Von Mr. Cadwallader, einem der beiden Besitzer, erfuhren sie dann, dass die Gesellschaft weder Leute entlassen wollte, noch irgendwelcher Unfrieden herrschte. Auf den Turm zu kommen, wäre eigentlich kein Problem gewesen. Man muss zwar eine verschlossene Tür, aber David hatte einen Schlüssel. Na gut, Ennis hatte keinen. Aber der hätte sich ja gewaltsam Zutritt verschaffen können, meinte Cadwallader. Wobei Barry aufgefallen ist, dass das Tor nicht gewaltsam geöffnet wurde. Ihm fiel auch eine weitere Unstimmigkeit auf. Dass nämlich niemand etwas von den Todesfällen sah, sondern nur irgendwer die Schreie hörte. Wenn das Selbstmorde waren, die beiden Männer freiwillig vom Turm sprangen – warum sollten sie dann geschrien haben?

Auf den Turm selbst, den sie sich dann ansehen gingen, kletterte nur Bart – für Barry wäre das mit seiner Hand etwas schwierig geworden. Oben auf der Plattform fand Bart einen kleinen schwarzen Knopf: eher nicht von Arbeitskleidung, sondern mehr so wie von einer Damen-Strickjacke.

Barry fragt Irene noch, ob sie etwas über walisische Bergbaumonster weiß. Tut sie nicht, aber sie ruft ihren Ex-Mann an. Für den ist es ziemlich spät am Abend – oder wohl eher sehr früh am Morgen –, und die Bruchstücke aus dem Telefonhörer klingen entsprechend ungehalten. Aber nach dem Auflegen sagt Irene, Charles wolle sich wieder melden. Auf Anhieb seien ihm nur sogenannte Knocker eingefallen: walisische und kornische Kreaturen, die einerseits den Bergleuten Werkzeuge und Essen stehlen, andererseits aber durch Klopfzeichen warnten, wenn eine Mine einzustürzen droht – oder durch ihr Hämmern die Mine überhaupt erst zum Einsturz bringen. Je nachdem, wen man frage, eben. Ziemlich wie die amerikanischen Tommyknockers, überlegt Ethan, aber klar. Die haben vermutlich irgendwelche Auswanderer aus Wales oder Cornwall mitgebracht.

Jetzt ist es zwar noch gar nicht so extrem spät, aber die Frühschicht des Bergwerks beginnt um sechs Uhr, und die wollen sie sich mal ansehen. Vielleicht bemerken sie ja da den Jemand mit den rotbraunen Haaren. Oder sonst irgendwas Auffälliges. Also lieber gleich ins Bett, damit sie morgen einigermaßen fit sind.

Dummerweise bringt das Auskundschaften der Frühschicht mal so rein gar nichts. Keine rothaarige Person. Nichts Auffälliges. Drecksmist. Na gut. Dann Frühstück. Walisisches Frühstück, um genau zu sein. Im Pub, nicht in ihrem Bed & Breakfast. Speck, Würstchen, Eier, eine Art Gebäck aus, ähm. Algen? Schmeckt aber gar nicht schlecht. Muscheln dazu. Okaaay. Fisch. Gebratene Pilze. Und frittiertes Brot. Das ist mal richtig lecker.

Sie sitzen noch am Tisch, da ruft Charles wieder an. Was man von Irenes Teil des Gesprächs mitbekommt, lästert er über ihre Ernährung, was die Britin mit einem spitzen Kommentar quittiert. Aber über ihren Fall hat der Ex-Mann dann auch etwas zu sagen. Das Bergwerk gehörte schon immer den Familien Cadwallader und Baines; auch in Wales betrieben sie schon eine Mine gemeinsam. Der älteste Sohn eines gewissen J. Hopthorne Baines ist mit 21 Jahren ermordet worden. Überhaupt sind ziemlich viele junge Baines-Männer umgekommen. Meistens mit 21. Sieh an.

Hmmmm. Hat nicht gestern irgendwer irgendwo gesagt, Alun Baines habe einen Sohn? Ja, bestätigt Irene. Mrs. Vaughn war das. Stimmt.
Gwendolyn hat gerade wieder Dienst. Sehr gut. Von der jungen Frau erfahren sie, dass der Sohn Gareth heißt, vor kurzem einundzwanzig geworden ist und, auch wenn er eigentlich studiert, gerade in der Verwaltung des Bergwerks ein Praktikum absolviert. Vor kurzem? Ja, so vor fünf Wochen ungefähr. Ach. Ach nee. Was für eine Überraschung. Und Mrs. Baines sei so stolz auf Gareth, fährt Gwendolyn munter fort – weil er sich so gut mache, natürlich, aber noch verstärkt dadurch, dass Mrs. Baines lange keine Kinder bekommen konnte und Gareth ein echtes, spätes Wunschkind war.
„Verstehe“, macht Irene. „Ist Mrs. Baines die Dame mit den rotbraunen Haaren?“
„Ja genau“, bestätigt Gwendolyn. „Kennen Sie sie?“
Ein Haar von ihr. Aber das sagt keiner der Jäger.

Sobald sie wieder unter sich sind, fliegen die Theorien. Die Baines-Söhne, die mit Erreichen der Volljährigkeit umkommen, klingen wie das klassische Erstgeborenenmotiv, was bedeutet, sie haben es mit einem intelligenten Monster zu tun. Und die drei Opfer der letzten paar Wochen – naja. Vielleicht hat da die verzweifelte Mutter gemordet, um ihren Sohn zu retten. Aber bevor sie die Frau konfrontieren gehen, sollten sie sich vielleicht mal die Ausstellung zur Unternehmensgeschichte ansehen, die es laut Bart und Barry auf dem Firmengelände gibt.

Das kleine Werksmuseum ist tatsächlich ziemlich interessant. Neben zahlreichen alten Fotos, Schriftstücken, Werkzeugen im Wandel der Zeiten und einem Stück Kohle, das die Firmengründer laut der Plakette darunter aus der alten Heimat mitgebracht haben, gibt es hier auch die Information, dass Gareth Baines tatsächlich ein direkter Nachfahre beider Familien ist: Alun Baines’ Frau ist nämlich niemand anders als Jeremiah Cadwalladers Schwester Theresa.

Nächster Halt: Das Büro. Schon von draußen ist zu hören, dass sich drinnen zwei Männer lautstark streiten.
„Es ist jetzt schon fünf Wochen her!“ zürnt eine Stimme.
„Nein! Ich lasse mich nicht erpressen!“ gibt eine andere Stimme heftig zurück.
„Also gut“, kontert die erste Stimme. „Ich lasse dir jetzt noch eine Woche Zeit, dann mache ich es selbst!“
Die Jäger sehen einander an, alle mit demselben Gedanken im Kopf: Da will offenbar jemand den jungen Gareth umbringen! Im selben Moment öffnet sich die Tür und ein Mann von vielleicht Mitte oder Ende Fünfzig stürmt wütend heraus. Jeremiah Cadwallader, wenn man nach den Fotos auf der Firmenwebsite und in der Ausstellung geht. Irene folgt ihm eilig, während die drei Männer noch ein paar Minuten warten müssen und dann ins Büro vorgelassen werden.

Drinnen zeigt Barry dem Minenbesitzer den Knopf, den Bart auf dem Förderturm gefunden hat. Ethan beobachtet Baines genau und ist sich sicher: Der verschweigt was, so nervös, wie der ist. „Sie kennen den“, sagt Ethan dem Mann auf den Kopf zu, der hektisch anfängt, zwischen seinen Besuchern hin- und herzusehen. „Wer sind Sie? Warum stellen Sie diese Fragen? Was wollen Sie von mir?“
„Helfen“, erklärt Ethan. „Ihren Sohn retten.“
„Sie wollen doch nicht, dass Ihrem Sohn etwas zustößt“, setzt Barry nach, und Irene, die inzwischen auch wieder dazugekommen ist, fügt hinzu, dass sie das nicht zum ersten Mal sehen, dass über Generationen hinweg Leute in einem bestimmten Alter sterben – und ob Baines vielleicht einen älteren Bruder gehabt hätte, der ebenfalls im Alter von 21 Jahren gestorben sei? Ob er meine, er komme allein klar, oder ob er vielleicht doch, um seinen Sohn zu retten, mal den Mund aufmachen wolle?

Baines schluckt und zögert noch etwas, dann rückt er mit der Sprache heraus. Sein Vorfahr hat einen Pakt geschlossen, noch in Wales war das. Das Bergwerk wird immer gut laufen, solange nur in jeder Generation von Baines der Vater seinen erstgeborenen Sohn opfert, sobald der 21 Jahre alt wird. „Aber da mache ich nicht mit!“ ereifert sich der Geschäftsmann. „Ich opfere doch nicht meinen Sohn!“
„Aber dann wird die Mine vermutlich Insolvenz anmelden müssen“, wendet Barry mit undurchdringlichem Gesichtsausdruck und neutraler Stimme ein. „Alle Angestellten ihren Arbeitsplatz verlieren. Sie Ihr Vermögen.“
Baines schnaubt nur. „Was kümmert mich die Mine? Hier geht es um meinen Sohn!“
Bei dieser Aussage wird Barrys Miene spürbar weicher. „Gut für Sie.“

Jetzt, wo sie sich die Hilfe des Mannes gesichert haben, bitten sie Baines, ihnen Zutritt zum Werksarchiv zu geben. Denn gerade Geschäftsleute schreiben solche Pakte ja gerne mal auf, befindet Bart. Aber vorher soll der Waliser seine Frau zu dem Gespräch dazu rufen. Denn der Knopf gehört ja nun mal ihr – das gibt jetzt auch Baines zu –, und den soll sie doch bitte erklären.

Es dauert eine Weile, aber gar nicht so lange, bis Mrs. Baines etwas verwirrt im Büro ihres Mannes aufschlägt. Lange, rotbraune Mähne. Passt. Ohne große Umschweife kommt Irene sofort zur Sache. Hält der Dame den Knopf und das Haar hin und fordert sie auf, das Leugnen gleich zu überspringen, denn sie habe es mit Dämonenjägern zu tun. Das seien ihr Knopf und ihr Haar, gefunden am Zaun und auf dem Förderturm!
Mrs. Baines wirkt etwas überfahren, aber sie gibt zu, dass Knopf und Haar von ihr stammen. „Aber ich habe keinerlei Ahnung, wie die Sachen dahin gekommen sind! Ich war nicht auf dem Turm!“
Mit verengten Augen starrt Ethan die Frau an. Drecksmist. Die ist fest von dem überzeugt, was sie sagt.
„Glaub Ihnen das“, murmelt er, und Irene wirft ihm einen kritischen Blick zu.
„Ich nicht“, faucht die Britin. „Sie haben diese Leute ermordet!“
Die Anschuldigung lässt Mrs. Baines kreidebleich werden. „Was? Ich habe niemanden ermordet! Ich… ich war zuhause und habe geschlafen… ich… ich war so müde… Und dann… dann war da diese Beule an meinem Auto…“

Elender Drecksmist. Sie hat die Leute nicht umgebracht. Sie war besessen, und das Etwas in ihr hat die Leute umgebracht. Aber warum ist sie besessen worden? Aus Rache, weil Alun Baines den Pakt nicht eingehalten hat? Vermutlich. Irgendwie sowas in der Art.

„Wir sollten überprüfen, ob sie noch besessen ist.“ Das ist Bart, immer auf der Hut. Ethan glaubt zwar nicht so recht daran, aber sicher ist sicher.
„Was haben Sie vor?“ fragt Mrs. Baines besorgt.
„Nichts Schlimmes“, beruhigt sie der Gelehrte, während er schon seine Flasche mit Weihwasser aus der Tasche holt. „Das ist nur Wasser. Es wird Ihnen nichts geschehen, wenn Sie nicht besessen sind. Sehen Sie.“
Zum Beweis gießt er etwas von dem Wasser über Barrys Arm, dann macht er einen Schritt in Richtung der Frau. Die lacht böse auf, und ihre Augen werden schwarz, während sie zum Sprung ansetzt. Drecksmist, elender! Da hat Ethans Riecher ihn ja mal sowas von im Stich gelassen!

Barry und Irene springen auf Mrs. Baines zu und halten sie fest, während Ethan sich den Golfschläger aus der Ecke des Büros schnappt und ihn dem Dämon zwischen die Füße keilt. Die gemeinsamen Anstrengungen verschaffen Bart genug Zeit, um den Exorzismus zu sprechen.
„Guter Instinkt“, nickt Ethan hinterher in Richtung Bart, und Blackwood erwidert das Nicken. „Danke.“

Zum Glück erholt sich Mrs. Baines ziemlich schnell, auch wenn sie noch ein bisschen durcheinander ist. Ob es denn keinen Schutz gegen so etwas gebe, will sie dann wissen. „Sicher“, erwidert Irene trocken. „Das hier.“ Und ohne mit der Wimper zu zucken, entblößt die Britin ihre Schulter, wo ein tiefes, ziemlich alt aussehendes Branding mit dem Dämonenschutzsymbol zum Vorschein kommt. Der Anblick lässt das Unternehmerpaar schlucken. Schlucken muss Ethan zwar nicht, aber die Augen verengt er doch. Das Zeichen muss die Trophäenjägerin schon sehr, sehr lange tragen. Und angenehm kann es sicher nicht gewesen sein, das eingebrannt zu bekommen. „Oh. Muss es denn wirklich ein Brandmal sein?“ erkundigt sich Mr Baines besorgt.
„Aber nein. Eine Tätowierung hat denselben Effekt“, beruhigt Irene die beiden sofort. Ethan ist drauf und dran vorzuschlagen, dass es in der aller-, aller-, allergrößten Not auch ein Abziehbild täte, einfach weil er sich nicht vorstellen kann, dass diese ehrbaren Leutchen hier auch nur im Entferntesten etwas mit permanenter Körperkunst zu tun haben wollen, da klatscht Mrs. Baines schon förmlich in die Hände. Ein Tattoo wollte sie doch schon immer mal haben!

Na dann. Das war ja einfacher als gedacht, auch wenn die besorgten Eltern ihrem Sohn das Symbol lieber als Halskette geben wollen, statt dass sie dem ein Tattoo zugestehen. Aber okay, Ethan muss ganz ruhig sein. Er hat immerhin selbst keine Antidämonentätowierung – überhaupt keine Tätowierung, um genau zu sein – und auch wenig Lust auf eine. Auch wenn das heißt, dass er sich für Besessenheit angreifbar macht. Drecksmist. Sollte er vielleicht mal drüber nachdenken. Aber.

So oder so durchwühlen sie, nachdem Irene zur Sicherheit eine Dämonenfalle um das Ehepaar Baines gezogen hat, zusammen mit einem gut gelaunten Gareth, der keinerlei Ahnung hat, was los ist, das Archiv der Minengesellschaft. Und tatsächlich. Ein gewisser Iouan Hopthorne Baines hat die Details seines Dämonenpakts fein säuberlich in seinem Geschäftsbuch festgehalten.
Wie Alun Baines schon erzählt hat, läuft laut diesem Pakt das Bergwerk gut, solange jeder erstgeborene Baines aus der direkten Linie an oder kurz nach seinem einundzwanzigsten Geburtstag von seinem Vater geopfert wird und solange ‘die Kohle’ auf dem Gelände bleibt. Sollte der Pakt je gebrochen werden, wird es mit der Mine bergab gehen, und der Dämon wird sich an der ganzen Familie rächen. Was erklären könnte, warum alle Opfer der letzten fünf Wochen irgendwie mit den Baines verwandt waren. Und ‘die Kohle’, das klingt schwer nach diesem einen Stück, das sie im Museum gesehen haben.

Na gut. Dass man einen Pakt brechen kann, indem man ihn dreimal widerruft, das wissen Barry und Ethan seit der Sache in Crested Butte. Dazu – und dazu, das Kohlestück vom Gelände schaffen zu lassen – ist Alun auch sofort bereit, nur muss dann noch irgendwas mit dem Dämon geschehen, damit der eben nicht weiter Rache üben kann. Einsperren, schlägt Bart vor. Oder besser: umsperren. Denn momentan ist der ja an die Kohle gebunden. Man sollte ihn in ein anderes Gefäß bannen. Hmmmm. „See oder sowas?“ schlägt Ethan vor. Denn immerhin ist das Biest ja ein Feuerwesen, dem dürfte Wasser nicht sonderlich gut bekommen. Aber Barry wiegt zweifelnd den Kopf. „Aus einem See kann er raus“, gibt er zu bedenken. „Vielleicht lieber etwas Symbolisches? Einen Edelstein vielleicht? Einen, der Wasser verkörpert?“
Aquamarin, sagt Bart sofort. Siegel Salomons drauf. Und den Stein dann in einem Minenschacht vergraben und den Schacht einstürzen lassen, damit ihn möglichst die nächsten tausend Jahre niemand findet. Plan.

Es dauert eine Weile, aber irgendwann haben sie alle Vorbereitungen getätigt. Irene beschafft aus Columbus einen perfekt geformten Aquamarin, der früher in einer Kirche einen Altar zierte oder sowas, und während Barry den Text für das Umbannen, den Bart vorher ins Englische übersetzt hat, in eine schöne Versform bringt, fertigt Ethan eine Fassung für den Aquamarin an und fräst das Siegel Salomons in den Stein. Geht wunderbar – die Koransure in die beiden Turmaline zu bekommen, war kniffliger. Gemeinsam holen sie dann die Fokuskohle vom Gelände, und draußen sagt sich Alun Baines mit reichlich Galle in der Stimme und angewidertem Ausspucken am Ende dreimal nachdrücklich von dem Dämonenpakt los.

Der beste Ort für das Ritual ist vermutlich die alte Kirche, die sie beim Ankommen gesehen haben. Also falls die ihren Kirchenstatus noch hat und nicht – wie ist das Wort? Nicht ‘entweiht’. Aber so ähnlich. Verweltlicht halt – worden ist. Sieht aber nicht so aus. Die Kirche ist zwar verlassen und mit Brettern vernagelt, aber der Altar ist noch da, das Kreuz nicht umgedreht, keine unheiligen Symbole, nur harmloses Graffiti. Okay, vielleicht bricht ihnen das Gotteshaus über den Köpfen zusammen, so baufällig, wie es aussieht, aber so lange wird es jetzt wohl auch noch durchhalten.

Während Bart sich reinigen und umziehen ist, holt Ethan aus dem Auto seine Abdeckplane mit der aufgemalten Teufelsfalle. Da stellt der Gelehrte sich drauf, als er nach einer Weile in reinweißen Sachen wiederkommt. Anfängt, das Ritual zu wirken, das Stück Kohle in der einen, den Aquamarin in der anderen Hand.
Anfangs bleibt alles ruhig, und Ethan fragt sich schon, ob der Dämon vielleicht gar nicht in die Kirche kommen kann. Kann er aber doch; offensichtlich steht das alte Gebäude schon zu lange leer. Plötzlich kommt nämlich ein heftiger Wind auf, der an den Brettern zerrt, mit dem die Fenster vernagelt sind, dann beginnt eine ungefähr humanoide, feurig glühende Gestalt, sich im Raum zu manifestieren. Der Dämon.

Gar nicht erst körperlich werden lassen. Ethan reißt die Schrotflinte hoch und jagt eine Ladung Salz in die Figur. Die schüttelt sich, lässt sich aber erstmal, zumindest von diesem einen Schuss, nicht aufhalten. Strebt zielsicher auf Bart in seiner Teufelsfalle zu. Problem: Das mag zwar eine Teufelsfalle sein, und wenn der Dämon mal drin ist, kann er nicht raus, aber das wird ihn nicht daran hindern, zu Bart reinzukommen und den aufzuschlitzen. Während Ethan die Remington für den nächsten Schuss durchlädt, stellt sich Barry also dem Dämon in den Weg. Der mag zwar vielleicht noch am Manifestieren sein, aber verdammt heiß ist er jetzt schon. Feuerdämon und so. Die Kreatur schlägt nach Barry und sengt dem Schriftsteller das Hemd an.

Jetzt springt Irene ebenfalls auf das Biest los. Ob Absicht war, was jetzt passiert, oder ob die Engländerin einfach nicht damit gerechnet hat, dass das Wesen noch gar nicht vollständig stofflich geworden ist, kann Ethan nicht sagen. Aber die Jägerin springt nicht nur auf den Dämon los, sondern in ihn hinein. Durch ihn hindurch. Brennt, als sie auf der anderen Seite ankommt. Während Ethan, der einen Tick zu weit weg steht, als dass er gescheit hinkommen könnte, einen weiteren Schuss abfeuert, um den Dämon wenigstens mit einer zweiten Ladung Salz abzulenken, rammt sein Freund, direkt dran, seinen Haken in die lodernde Gestalt. Tut dem Haken nicht gut, aber die Aufmerksamkeit des Biests hat er damit.

Dann spricht Bart die letzten Worte des Rituals, und das Stück Kohle leuchtet auf. Zerfällt zu Staub, während der Aquamarin jetzt ebenfalls in hellem Licht erstrahlt und der Dämon mit einem hässlichen Kreischen in den Edelstein gezogen wird.

Irene, in Flammen, wälzt sich am Boden, und Ethan hilft ihr eilig beim Löschen. Die Brandwunden sehen nicht gut aus, und auch Barry hat einiges abbekommen, als sein Haken, aber vor allem die Manschette um seinen Armstumpf herum, von dem Dämonenfeuer geschmolzen sind. Die brauchen beide ärztliche Betreuung, und zwar schleunigst. Barry will nicht ins Krankenhaus, aber die nächstgelegene medizinische Versorgung ist sowieso an der Mine zu finden. Und nach der ganzen Aktion ist Alun Baines nur allzu bereit, sich über seinen Betriebsarzt wenigstens ein bisschen erkenntlich zeigen zu können.

Nachdem sie die beiden Verletzten also auf der Krankenstation des Bergwerks abgeliefert haben, planen Bart und Ethan gemeinsam mit Mr. Baines das Versenken des Aquamarins. Der Minenbesitzer hilft ihnen, den besten Schacht für ihr Vorhaben zu finden, und kümmert sich um die technischen Details. Das Anbringen der Sprengladungen und so weiter. Da ist Baines der absolute Fachmann, außerdem ist es seine Mine, also ist es gar keine Frage, dass Ethan ihm da nicht reinpfuscht. Aber interessiert ansehen tut er sich das trotzdem. Was Neues dazulernen ist immer gut.

Als sie draußen vor dem Schacht stehen und das dumpfe Rumpeln des Einsturzes hören, und später nochmal, als sie sich zusammen mit Mr. Baines davon überzeugt haben, dass der Aquamarin wirklich unter unzähligen Tonnen Gestein begraben liegt, wechseln Bart und Ethan einen zufriedenen Blick. Aus der Kiste kommt der verdammte Dämon jetzt die nächsten tausend Jahre hoffentlich wirklich nicht mehr raus.

Zurück bei der Pension finden sie Barry und Irene, wenn nicht in trauter Zweisamkeit – zum Glück! – doch wenigstens in lockerem und sogar einigermaßen freundschaftlichem Gespräch vor. Liegt vielleicht an den Schmerzmitteln, die sie bekommen haben, aber Ethan ist trotzdem heilfroh, dass sich das Verhältnis der beiden so langsam wieder einigermaßen einzurenken scheint.

Beide sind glücklicherweise auch nicht so schwer verletzt, dass sie nicht reisefähig wären. Irene wird für die Ablenkung beim Autofahren sogar ganz dankbar sein, sagt sie. Okay. Ethan bietet ihr trotzdem an, Konvoi zu fahren. Immerhin haben sie so ziemlich dasselbe Ziel, und Ethan wäre in der Nähe, falls Irenes Verletzungen aufmucken sollten. Der Flughafen, wo er Barry noch abliefern will, ist ja nun sowas von gar kein Umweg. Und gemeinsam zu fahren, oder zumindest gemeinsam Pause zu machen, ist ja vielleicht auch mal ganz nett.

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Rumours and Visions
Ein Zwischenspiel

Zwischenspiel – Rumors and Visions

Eigentlich habe ich ja schon angefangen, die Ereignisse in Oak Hill aufzuschreiben, aber ich hätte das Zwischenstück mit dem Powwow ganz gern noch dabei. Außerdem habe ich die Oak-Hill-Datei nicht auf diesem Rechner und kann nicht daran weiterschreiben. (Mein Hirn ist gerade noch im Energiesparmodus unterwegs.)

Nachdem wir uns am Flughafen in Sioux Falls getroffen hatten, fuhr ich also mit Cousin Calvin zum Reservat. Der schaute mich ab und zu skeptisch von der Seite an (vermutlich, weil mir so schwindelig war, dass ich mich am Sitz festhalten musste). Meinte schließlich: „Dir geht es nicht gut“. Ich wollte den Kopf schütteln, aber das war keine gute Idee. Wenigstens hatte ich nicht viel im Magen.
Nach einem kurzen Aufenthalt am Straßenrand gab ich zu, dass ich möglicherweise eine Gehirnerschütterung hatte.
„So willst du aber nicht tanzen“, sagte er alarmiert.
„Ich muss“, sagte ich. „Habe es versprochen.“
Er überlegte, platzte dann heraus: „Das schaffst du nicht.“
Ich zuckte die Schultern. „Sollen die Ältesten entscheiden.“
Wir fuhren weiter, er ungewöhnlich schweigsam. Schließlich sagte ich: „Familie. Nicht von hier. Ziemlich neu, aber Familie. Hat Probleme, jemand hat ihm etwas… geraubt, wir müssen den Räuber finden. Andere Spuren sind zu schwach, und ich habe es ihm versprochen, okay?“

(Ja, ich verwende diesmal Anführungszeichen. Mag ich normalerweise nicht, aber hier ist so viel wörtliche Rede, dass sogar ich das verwirrend finde, und ich war dabei.)

Cal dachte einen Moment nach. Nicht sehr lange, ist nicht seine Stärke.
„Familie, hm?“, sagte er. „Okay, ich helfe dir. Ich tanze für dich, du tanzt für ihn.“
Großzügiges Angebot, aber so war er. Alles für die Familie. Ich glaube, ich nickte nur. Oder ich habe etwas Sentimentales gesagt, aber das habe ich dank der Gehirnerschütterung vergessen.

Wir kamen ziemlich spät in Santee an. Die Kinder schliefen bereits, und Tam saß draußen. Rauchte. Wollte los. „Oh Mann“, sagte sie, als sie mich sah. „Du siehst nicht gut aus.“
„Gehirnerschütterung“, gab ich zurück.
„Werwolf?“, fragte sie.
„Vampir“, antwortete ich. „Von einem Geist besessen.“
Ihr Blick wanderte kurz zu der Bandage an meinem Hals. „Schlafen?“ fragte sie. „Oder… hm, reden?“ Sie sah nicht aus, als wüsste sie, was ihr lieber war.
Eigentlich wollte ich tatsächlich lieber schlafen, aber andererseits hatte ich sie gebeten, mir zu vertrauen. Wenn sie jetzt dazu bereit war… lieber nicht warten. Konnte alles Mögliche passieren.

Also redeten wir. Hauptsächlich sie. „Clive“, fing sie an. „Er ist gestorben. Wir haben gegen diese Vampirsekte gekämpft, und sie haben ihn von der Mauer geschossen. Ich war zu weit weg, konnte nicht helfen. Ging davon aus, dass er tot ist. Das war eine hohe Mauer.“
Sie zündete noch eine Zigarette an. „Hab ihn vor einiger Zeit wiedergetroffen“, fuhr sie dann leise fort. Sah mich dabei nicht an. „Als du in Maine warst.“ Nahm noch einen Zug. „Er ist ein Vampir.“
Wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Tam hasste Vampire, aber Clive… Clive mochte sie. War ja immer noch mit ihm jagen gegangen, nachdem sie die Affäre beendet hatte. Aber gut, ich war auch mit Irene unterwegs gewesen. Ich sagte erst mal gar nichts.
Sie sah mich nicht an. „Hat mich kontaktiert“, erzählte sie. „Die Sekte hat ihn zum Vampir gemacht. Denken jetzt, er ist ihr Auserwählter… warten auf was. Er wusste nicht, was, aber was Großes. Hätte sich selbst umgebracht, aber… hatte vielleicht eine Chance, noch was zu erreichen.“ Unruhig spielten ihre Finger mit ihrer Zigarette. „Sagt, er braucht meine Hilfe.“

Großartig. Das klang nicht gut. Das klang vor allem, als wollte sie ihm tatsächlich helfen. Klar wollte sie.
„Muss los“, sagte sie schließlich nach einer längeren Pause. Mir ging auf, dass sie auf eine Antwort gewartet hatte. „Ich komm wieder?“, fügte sie mit einem fragenden Unterton hinzu.
Ich schluckte. „Sei vorsichtig“, sagte ich rau. Mein Kopf dröhnte, ich sprach wieder durch eine meterdicke Wand aus Schmerzen. „Vampire sind Lügner… trau ihm nicht.“
Sie sah mich endlich an. Unsicher. Hatte sie selten so unsicher gesehen.
Mir fiel etwas ein. „Rückendeckung.“ Verstand sie hoffentlich.
Sie nickte langsam, hob die Hand zum Abschied. Drehte sich um und wollte gehen.
„Hey“, sagte ich. Versuchte, nach ihr zu greifen, verfehlte sie meilenweit. Wäre fast von der Bank gefallen, auf der ich saß. „Ernsthaft. Nimm jemanden mit. Bobby, oder wen auch immer.“
Tam hatte meine Bewegung gesehen. Kam zurück. Lächelte schief. Beugte sich zu mir herunter und küsste mich.

Das erste Mal, seit… seit unserer Aussprache.

Dann ging sie. Wäre ihr gern ein Stück gefolgt, hätte sie in den Arm genommen, wenigstens kurz, aber tatsächlich schaffte ich es kaum ins Bett.

Es vergingen ein paar Tage. Ab und zu eine SMS von Tam – „Alles in Ordnung“, „Gelbes Wunderland“ und so weiter – ansonsten Ruhe. Habe viel geschlafen. Schließlich war es Zeit, und wir fuhren mit den Kindern nach Pine Ridge. Sprachen mit den Ältesten. War nicht so einfach, sie zu überreden. Ich bin nur Iye Ska, Halbblut, aber mein Großvater hatte einen sehr guten Ruf, also hörten sie wenigstens zu. „Der Sonnentanz ist nicht für Außenseiter“, sagte einer der Ältesten, als ich ihm von Ethan erzählte. „Für meine Familie“, antwortete ich ihm.
Schließlich erklärten sie, wir müssten Calvins Tanz abwarten. Wenn ein Schatten auf ihn fiel, war das ein Zeichen, dass die Geister mein Vorhaben nicht billigten. Dann würden sie mir keinen Tanz erlauben.

Ich will jetzt nicht so sehr ins Detail gehen: Ich durfte tanzen. Ich hatte eine Vision. Die werde ich aufschreiben, für meinen Sohn, für seinen Bruder.

Ich stand auf einer weiten Ebene. Wogendes Gras, am Horizont die Konturen eines entfernten Gebirges. Eine Straße durchschnitt die Weite, ein schnurgerader, staubiger Weg. Über meinen Kopf dunkle Gewitterwolken, schwarz geschwollen von Regen, der nicht fiel. Ab und zu zuckte ein Blitz wie eine Drohung durch die finsteren Gebilde, aber kein Donner, immer nur die Drohung einer gewaltsamen Explosion. Aber in meinem Rücken spürte ich die Sonne.
Vor mir auf der Straße lief ein Mann mit langsamen, gut geplanten Schritten. Sah nicht auf zu den Wolken, die ihm folgten. Ethan. Der Weg vor ihm war unsicher. Wurde das Licht weiter vorne heller? Freundlicher? Stand da etwas am Wegesrand? Bevor ich meinen Blick abwendete, meinte ich, einen Baum zu sehen. Aber das war die Zukunft, und es bringt selten Glück, zu genau hinzuschauen und zu viel zu erfahren. Ohnehin wollte ich die Vergangenheit sehen. Also drehte ich mich um, ging den Weg zurück. Immer noch die Sonne im Rücken.
Folgte den Wolkenbergen am Himmel bis zu ihrem Ursprung. War ein gutes Stück zu laufen, lange, einsame Jahre. Schließlich kam ich an einem Baumstumpf vorbei, hier hatte der Blitz eingeschlagen. Jetzt war es nicht mehr weit. Nur ein paar wenige Schritte, dann sah ich ein Wesen: Eine kleine, verkümmerte Gestalt, aufgerissene, hungrige Augen, gierige Hände, die nach etwas griffen, das sie nicht erreichen konnten. Abgemagert und ausgemergelt. Noch einmal langte sie vorsichtig in die Luft, grapschte nach etwas, konnte es nicht fassen. Zorn in dem dürren Gesicht, in den fahlen Augen. Dünne Schreie zerrissen die Luft, machtlose Schreie. Doch dann tauchte ein Schatten hinter ihr auf, ein Schatten mit dunkelrot glosenden Augen. Legte zwei grobe Pranken auf ihre mageren Schultern und fiel mit einer Stimme wie Scherben in ihre Schreie ein. Der Himmel verdunkelte sich. Wolken zogen sich zusammen, immer und immer wieder, das Auge, der Ursprung des Sturms. Doch der Wind berührte mich kaum, denn ich hatte die Sonne im Rücken.
Ich sah, wie die Gestalt zusammensackte, erschöpft und müde. Sich wieder aufrappelte, verwirrt um sich sah. Davontaumelte. Ich folgte ihr, und der Schatten folgte ihr auch. Ein dunkler Weg vor uns, keine gerade Straße. Immer wieder griff der Schatten nach der schmächtigen Figur, umgarnte sie, wob sie ein in ein Netz, erst filigran, aber bald schwerer und schwerer, bis nicht Fäden an ihr hingen, sondern Ketten. Sie torkelte unter der Last, aber sie ließ die Verstrickung zu, und es wurde dunkler und immer dunkler um sie. Ich jedoch sah noch genug, denn das Licht der Sonne schien hinter mir.
Es war ein langer, verschlungener Weg. Ich dachte, sie würde irgendwann einfach von dem Schatten verschluckt werden, aber nach langen Jahren begehrte sie auf. Versuchte, zu fliehen, den Schatten zurückzulassen. Rannte, für einen Moment ihrer Ketten ledig. Aber das Wesen, der Schatten, spielte nur mit ihr. Wie eine Katze mit einer Maus. Wie ein Schulhoftyrann mit einem schwächeren Kind. Stieß sie, stellte ihr Schlingfallen, ließ sie immer wieder entkommen, nur um ihr dann den Weg zu versperren. Schließlich holte er zum letzten, vernichtenden Schlag aus, um sie endgültig wieder zurückzuholen, und ich konnte nicht… ich konnte einfach nicht daneben stehen. Ich wusste genau, wer und was sie war und was sie getan hatte, aber ich bewegte mich schon an ihre Seite, bevor ich genauer darüber nachdenken konnte. Stellte mich in den Weg. Der Schatten traf uns beide, schwer. Ich hörte einen Augenblick quietschende Bremsen, spürte den harten Schlag an meinem rechten Bein, den Schmerz. Es war der gleiche Schlag, der sie auch traf. Davonwirbelte, mitten in den Schatten hinein. Ein Blick zeigte mir den schwachen Glanz der Sonne in meinem Rücken.
Dann folgte ich ihr. Ja, ich wusste, dass ich sie nicht retten konnte, aber ich musste es doch wenigstens versuchen. So einfach sollte der grausame Schatten nicht gewinnen.
Es war kalt in der Schwärze, und still, so still. Ich versuchte, zu rufen, aber meine Stimme war nur ein heiseres Krächzen. Tastete blind nach vorne, eine Berührung, eine schmale menschliche Hand, ich hatte sie. Einen Augenblick lang hielt ich sie fest, vor meinen Augen blitzte das Bild einer Stadt auf – eine moderne Stadt, Wolkenkratzer, Skyline, keine Berge – dann entglitt sie mir. Fiel geräuschlos in die Tiefe, und mir wurde jäh bewusst, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ich hatte die Sonne verloren.

Sehr dramatisch, mein Lieber. Du hast sie ja wiedergefunden. Gut, wenn die Kinder nicht gewesen wären – wenn es nicht genau vier Kinder gewesen wären… wer weiß? Vielleicht hätte ich den Weg zurück nicht gefunden. Aber Kate, meine hellsichtige Tochter, wusste, wann sie nach mir rufen musste, also folgte ich dem Klang ihrer Stimme aus dem Dunkel. Sah das Licht der Sonne über mir. Ich war zurück.

Dann gab es einen Haufen Ärger. Visionen sind Botschaften, und man soll sich nicht einmischen in das, was man sieht. Wer weiß, was da zurückgekommen wäre, wenn ich es nicht geschafft hätte. Einer der Ältesten hätte mich am liebsten sofort rausgeworfen, „Respektlos“, sagte er, „leichtsinnig“, sagten andere. Letzten Endes durfte ich dann doch bleiben. Ich habe die Gespräche nicht so genau gehört – ich hatte viel Kraft gebraucht, um aus dem Schatten zu entkommen. Zu viel Kraft. Und mein rechtes Bein war verletzt, genau da, wo das Auto mich in der Vision erwischt hatte. Keine offene Wunde zu sehen, aber eine lange, verästelte Narbe. Sah am Anfang neu und rot aus, ist aber mittlerweile schon fast wieder verblasst. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Coleen genau so eine Narbe am Bein hat. Nur dürfte ihre nicht so schnell heilen wie meine.

Ich musste mich erst mal eine Weile erholen. Konnte nicht schlafen, ohne das Gefühl zu haben, wieder in die Schwärze gezogen zu werden. Großartig. Nach längerer Diskussion machte dann einer der Ältesten mit mir einer Reinigungszeremonie. Danach ging es besser.

Während ich mit den Vorbereitungen und den Nachwehen des Sonnentanzes beschäftigt war, passierten noch andere Dinge. Ich hatte meine Verwandten gebeten, die Ohren offen zu halten, was merkwürdige Geschichten rund um Ethans Apokalypse anging. Wie zu erwarten war, kam dabei nicht sonderlich viel heraus, aber ein paar Dinge fielen doch auf: Die Geister waren aktiver als sonst. Das war seltsam, aber nicht unbedingt schlecht. Ganz im Gegenteil.
Eine alte Geschichte wurde öfter erzählt als sonst: Vor langer Zeit kamen ein paar Weiße und gingen an einen heiligen Ort. Dort kämpften sie miteinander und öffneten zwei alte Tore, die schon immer dort waren und die eigentlich verschlossen hätten bleiben sollen. Aber das interessierte die Weißen entweder nicht oder sie waren zu dumm, um die Gefahr zu bemerken. Hinter den Toren waren böse Geister eingesperrt, mächtige böse Geister, und fast wären sie herausgekommen. Das konnte allerdings ein Heyoka verhindern, der Iktomis Schleier benutzte, um die Kraft der Tore umzukehren, sodass sie nicht etwa böse Geister hinausließen, sondern böse Geister hineinsaugten. In den meisten Legenden war der Heyoka ein Lakota (gut, wir waren auf Pine Ridge, da ist der Held immer ein Lakota), aber ich habe auch eine Geschichte gehört, da war es ein Cheyenne (der Erzähler war ein Cheyenne). Wie dem auch sei, danach war alles gut, die Weißen verschwanden wieder und der Heyoka galt als Held. Ich hatte diese Erzählung schon vorher gehört, von meinem Großvater, also war das nichts Neues.

Allerdings erzählte mir Kate später, dass auf dem offiziellen Teil des Powwows, der eher für Touristen veranstaltet wurde, ein paar merkwürdige Christen unterwegs gewesen wären. „Die kamen aus unserer Gegend“, meinte sie. „Ozarks und so. Haben aber niemanden entführt.“ Die hatten sich allerdings auch für die Geschichte interessiert. Wollten wissen, wo dieses ominöse Tor denn war? Hatte ihnen wohl zunächst niemand erzählt, aber die waren angeblich sehr freizügig mit ihrem selbstgebrauten Bier. Vielleicht hatten sie es ja doch rausbekommen.

Bevor wir abfuhren, passierte noch eine seltsame Sache: Ein Heyoka lief mir über den Weg. Leicht zu erkennen: Er trug seine Kleidung falsch herum. Ich kannte ihn nicht, aber er hängte sich bei mir ein, offensichtlich betrunken. „Hey, weißt du, dass alle sagen, du wärst total irre?“, fragte er mich mit einem glücklichen Grinsen. „Die reden von nichts anderem! Mann, gut, dass du ein Typ bist, der weiß, wann er aufhören muss!“ Er nahm noch einen Schluck aus seiner Flasche.
Ich lachte. Was sollte ich sonst machen? Er hatte ja recht, besonders weise hatte ich mich nicht angestellt. „Ich brauchte eine Antwort“, sagte ich ihm. „Musste was dafür geben.“
Er nickte übertrieben ernsthaft, wie es Betrunkene tun. „Ja Mann“, meinte er, fuchtelte mir dann mit den Händen vor dem Gesicht herum und zwickte mir in die Nase. „Hah!“, rief er. „Ich habe deine Nase! Ein großes Opfer, mein irrer Bärenfreund… was ist deine Frage?“ Er schwankte ein bisschen, und ich stützte ihn kurz.
„Ich wüsste ganz gern, wo Iktomis Schleier ist“, meinte ich dann. Was hätte ich ihn sonst fragen sollen? Die Antwort war, wie erwartet, nicht besonders erhellend. Der Heyoka beugte sich zu mir vor, atmete mir seinen Bieratem ins Gesicht und flüsterte verschwörerisch: „Du musst nach oben sehen!“ Mit einem Finger deutete er in den Himmel. „Nach oben! Auf jeden Fall nach oben.“ Er nickte zur Bekräftigung, bis ihm auffiel, dass er beim Deuten meine Nase verloren hatte. Dann fing er an, ein unflätiges Lied zu singen. Kurz schaute ich auf den Boden, sah aber nur die Spuren von ein paar Autoreifen. Ein Lastwagen vielleicht, oder der Truck eines Powwow-Besuchers.
Ich lieferte ihn bei ein paar Verwandten ab, denen er prompt erklärte, ich hätte ihm gesagt, ich würde darauf bestehen, dass man mich von nun an „Verrückter Bär“ nannte. Großartig. Wenn ich Pech hatte, blieb das hängen.

Wir fuhren also heim. Calvin brachte uns nach Stuttgart, ich hätte die Strecke nicht fahren können. War auch gut so, denn zwei Tage später stand Ethan vor der Tür und wollte das Baumhaus bauen.

Dazu später mal mehr. Jetzt bin ich müde und sollte schlafen.

So. Ich bin ausgeschlafen, jedenfalls so halbwegs. Gut, dass Vicky so ein friedliches Kind ist. Grade schläft sie, aber das hält bestimmt nicht lange an. Egal, so lange kann ich mit Ethan weitermachen.

Der hatte sich bei seiner Familie gemeldet, während ich in Nebraska und South Dakota war. Nach zehn Jahren Stille war das ein großer Schritt, und er war extrem nervös deswegen. Aber es war alles gut gegangen, zumindest halbwegs. Jedenfalls war er danach entspannter und – tatsächlich – gesprächiger.

Genaueres erfuhr ich, als er in Stuttgart auftauchte. Hatte extra Urlaub genommen dafür, aber gut, er war auch mit dem Auto gekommen und hatte einen großen Werkzeugkoffer mitgebracht.
Erzählte mir von der Begegnung mit seiner Familie: Von seinem Vater, der sich dafür entschuldigte, dass er die Hoffnung aufgegeben hatte, von seiner Mutter, die ihre Gefühle erst mal hinter einer Fassade versteckte. Von seinem Bruder, der ihm als einziger Vorwürfe machte und bohrende Fragen stellte. Und von seiner jüngeren Schwester, die eine große Pinnwand mit einer Karte und Zeitungsartiklen in ihrem Schrank versteckte – alles, was ihr helfen konnte, ihn zu finden. Er war sehr stolz auf sie, weil sie sich so viel Arbeit gemacht und so gründlich nachgeforscht hatte. Ich fand das eher beunruhigend. Das Mädchen war erst achtzehn, und sie verbrachte ihre Zeit damit, Pins in eine Wand zu stecken und Ausschau nach ihrem verschwunden Bruder zu halten? So, wie Ethan das erzählte, klang sie ziemlich fokussiert – was würde sie jetzt machen, nachdem er wieder aufgetaucht war?
Aber ich wollte ihm die Freude an seiner kleinen, fleißigen Schwester nicht verderben, und vielleicht lag ich ja auch total daneben. Vielleicht führte sie ansonsten ein erfülltes Teenagerleben mit Partys und Freunden. „Sie klingt sehr entschlossen“, sagte ich also. „Das ist ja schon mal nichts Schlechtes.“

Danach erzählte ich ihm vom Powwow. Von der Legende von Iktomis Schleier und dem Heyoka. Wo der Schleier war? Keine Ahnung. Vielleicht in Hooper-Winslow Manor, meinte Ethan. Im Keller. Das glaubte ich zwar nicht, aber wer weiß, was Irenes Vorfahren hier weggeschleppt hatten. (Außerdem stelle ich mir Hooper-Winslow Manor immer noch wie Hogwarts vor, wo kleine Jägerkinder lernen, wie man einen Fluch bricht, eine Mantikore fachgerecht aus dem Boden zieht oder einen Boggart einschüchtert. Das ist vermutlich albern. Oder auch nicht.)
Ich erzählte auch von dem Heyoka, ließ aber die Sache mit meinem Namen aus. Den kennt Ethan sowieso nicht. Die komischen Christen erwähnte ich auch. „Leute aus den Ozarks. Da kommt auch nichts Gutes her.“ Okay, das war engstirnig. „Mag sein, dass es da auch gute Leute gibt.“
„…aber du hast noch keine getroffen“, ergänzte Ethan. Ich nickte automatisch, bis mir auffiel, dass das nicht stimmte. Erzählte ihm von Lisa, die uns damals geholfen hatte, Katie wiederzufinden.

Nächstes Thema war dann die Vision vom Sonnentanz. Ja, ich habe heruntergespielt, wie gefährlich das war, und wie viel Kraft mich das gekostet hat. Der hätte sich sonst nur wieder entschuldigt oder mit diesem Dackelblick bedankt. Wäre mir zu sentimental.
Die Narbe am Bein konnte ich nicht überspielen, aber die war schon ziemlich verblasst. Trotzdem noch deutlich zu erkennen. Mir fällt gerade ein, dass ich mal Gideon fragen könnte, was für Verletzungen bei so einer Narbe normalerweise dahinterstecken würden.

Um von meinem Bein abzulenken, fragte ich Ethan, ob er jemanden kannte, der zeichnen konnte. Jemanden, der die Stadt zeichnen konnte, die ich gesehen hatte. Vielleicht konnten wir dann Ally bitten, daraus ein digitales Modell zu erstellen und per Suchalgorithmus durchs Internet zu jagen, um auf ähnliche Skylines oder Häusersilhouetten aufmerksam zu werden.
„Niels“, schlug Ethan vor. „Der hatte doch dauernd einen Zeichenblock dabei, und ich glaube, der studiert sowas.“ Ich konnte mich zwar nicht an einen Zeichenblock erinnern, aber okay. Würde ich ihn mal anschreiben. Mal schauen, ob er antwortete.

Dann schlug sich Ethan vor die Stirn. Seine Mutter! Klar, die war Illustratorin. Konnte auf jeden Fall zeichnen. Machte aber nichts, je mehr Bilder, desto besser. Außerdem war ja nicht gesagt, dass Niels meine Anfrage überhaupt beantworten würde.

Am nächsten Tag musterte Ethan das Brett, das wir in den Baum genagelt hatte, sehr skeptisch. Das würde runtermüssen, meinte er. Okay, sollte mir recht sein. Besonders sicher war mir das nie vorgekommen. „Du bist der Handwerker“, meinte ich. „Ich habe nicht mal zwei linke Hände.“ Lahmer Witz. Ethan lachte jedenfalls nicht. Nickte nur ernst.
Dann fing er an, an dem armen Baum herumzuhämmern und zu -sägen. Die Kids wollten alle helfen (außer Vicky, offensichtlich), durften sie auch, natürlich. Neben dem Baumhaus an sich baute Ethan dann auch noch ein paar Kindermöbel aus Ästen. Das Gebilde da oben war kein Haus mehr, das war eine Villa! (Persönlich mochte ich das Brett. Es ließ so viel Raum für Fantasie – das konnte ein Schiff sein, oder ein Zaubererturm, oder ein fliegender Teppich… aber gut, die Baumvilla war natürlich sicherer, und die konnte ja auch alles mögliche sein. Im Moment ist sie die geheime Superheldenagentenbasis des Allgemeinen OMIkrons, glaube ich.)

Immerhin dauerte der Bau ein paar Tage. Es war immer noch ziemlich heiß, deswegen wurde morgens und abends gebaut und tagsüber ausgeruht. Zumindest von Ethan und den Kids. Ich hatte eine Deadline im Nacken – das blöde Ding musste bis September fertig werden, und ich war in der letzten Zeit nicht zu meinem regulären Schreibpensum gekommen. (Weil ich ständig aufschreiben musste, was passiert ist und wie ich mich dabei fühlte. Klingt jetzt platt, aber irgendwie muss ich den ganzen Kram ja verarbeiten. Stoisches Schweigen kann ich nur deswegen, weil ich hier das Papier vollsülzen darf.)

Mittendrin tauchte Tam wieder auf. Spät abends, Ethan und die Kinder schliefen schon, ich grübelte noch herum, wie Beth Taylor nun genau sterben würde, als sie schrieb, sie wäre in fünf Minuten da. Ich zögerte einen Moment, ließ dann Beth Beth sein (die kriegte ich schon noch tot), hinkte in die Küche und setzte einen Kaffee auf.
Sie kam rein. Bewegte sich vorsichtig, vermutlich verletzt. Hatte Kratzer am Hals.
„Hey“, sagte sie. „Du siehst immer noch nicht gut aus, Jackson.“
Ich hob eine Augenbraue. „Partnerlook“, gab ich zurück. Sie schnaubte amüsiert, verzog dann das Gesicht. Nahm sich einen Kaffee. Ließ sich von mir erzählen, was beim Powwow passiert war.
Lachte, als ich vom Heyoka erzählte.
„Passt zu dir“, sagte sie. Ich verdrehte die Augen.
Dann erzählte sie. Ja, Clive hatte sie hintergangen. Seine Sekte wollte ihn opfern, um den Vampirgott Camasotz zu beschwören. Er wollte seine Sekte opfern, um Camasotz‘ Kraft an sich zu reißen, dann Tam auch zur Vampirin machen, damit sie endlich zusammen sein konnten. Offensichtlich hatte er immer noch Gefühle für sie. Großartig.
Letzten Endes hatte dann niemand so recht bekommen, was er wollte: Die Sekte bekam keinen Vampirgott, Clive bekam zwar mehr Kraft, aber nicht so viel, wie er gehofft hatte, und Tam konnte Clive nicht erledigen. Gut, dass sie Rückendeckung mitgenommen hatte: Uriah Johansson (okay), Bobby Hickman (aha) und ausgerechnet Stinger. Der hatte sich zwar kompetent angestellt und die Sektentypen im Schach gehalten, dabei allerdings so viel Chaos angerichtet, dass Clive entkommen konnte. Ja, so kannte ich ihn.

Schließlich ging sie ins Bett, und ich auch. Getrennte Betten, immer noch. Aber wir waren ja auch beide verletzt.

Nach fast einer Woche war das Baumhaus fertig, und wir feierten das mit einer Grillparty. Also kamen J.D. und P.J., Charlene und Lucretia (ihre Nichte aus New York, die jetzt aushilfsweise bei uns arbeitet), Jonathaniel Ryerson und ein paar andere Kids. Ethan beäugte J.D. etwas misstrauisch – klar, der hatte ja mitbekommen, dass ich mit den Hollow Men normalerweise nicht so richtig gut kann. Legte sich aber im Laufe des Abends. Brian war auch da, und ich schärfte ihm noch mal ein, keine blöden Witze auf Ethans Kosten zu reißen.
„Aber…“, sagte Brian.
„Nein“, sagte ich. „Laß den in Ruhe. Und auch keine dummen Sprüche über mich, okay. Glaube nicht, dass er deinen Humor teilt.“
„Tust du auch nicht“, wendete Brian ein.
Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Stimmt, aber ich bin dein Freund.“ Ich verzog das Gesicht, um zu zeigen, was ich davon hielt. Er verdrehte die Augen und hielt sich weitgehend von Ethan fern. Brav.

Am nächsten Tag war ich als erster wach. Hatte ziemlich gute Laune, wegen der Party, und weil Tam und ich im selben Bett geschlafen hatten. Stöberte ziellos auf eBay herum und machte einen möglicherweise spektakulären Fund. Möglicherweise. Ganz vielleicht. Vermutlich eher nicht.

…und jetzt kann ich endlich mit der Oak-Hill-Geschichte weitermachen. Mann. Vielleicht sollte ich einen Blog schreiben.

(Natürlich schreibe ich einen Blog, aber einen offiziellen ich-bin-ein-Schriftsteller-Blog. Rachel hat gesagt, das gibt wichtige Publicity. Ich fürchte, das meiste, was dort steht, ist von hinten bis vorne ausgedacht. Vor allem die Geschichten mit dem Hund. Wir haben gar keinen Hund.)

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Nächtlicher Anruf

Ethan hat keine Bedenken, weil er Sam nach Mitternacht anruft. Das ist in den Wochen seit Portland öfter vorgekommen – in beide Richtungen. Dass sie nach dem dritten Klingeln drangeht, bestätigt ihn in seiner Entscheidung. Sam klingt müde, aber nicht so, als hätte sie schon geschlafen. “Hey”, begrüßt sie ihn.
‪Irgendetwas raschelt im Hintergrund.‬
‪"Hey." Ethans Stimme klingt ein klein wenig anders als sonst. “Stör ich?”‬
‪"Nein. Tust du nicht. Alles… ok?“‬
‪”Ja. Nein. Ja. Doch. Durcheinander.“‬
Pause. Ein Atemzug, ehe er weiterspricht.
‪”Bin… bin grad in Tappan. Bei. Bei meiner Familie.“‬
‪”Oh." Kurze Pause. “Das ist gut. Hoffe ich?”‬
‪Jetzt schwingt hörbar ein Lächeln in Ethans Stimme mit. “Ja. Sehr sogar.”‬
‪Sie atmet erleichtert aus. “Das ist schön.”‬
‪"Sind alle schon im Bett. Glaub, die schlafen genauso wenig wie ich." Er klingt belustigt.‬

‪Ein leises Lachen von Sam. “Du bist also noch da?”‬
‬‪"Mmmh. Konnte nicht weg. Wollte auch gar nicht. Die…“‬ Er atmet tief durch. ‬‪”Oh Mann. Versteh’s ja.“‬‬
‪Ethan zögert einen Moment, nimmt noch einen tiefen Atemzug.
‬‪Sam wartet geduldig.
‬‪”Die wollten unbedingt, dass ich in meinem alten Zimmer schlafe. Klar. Ist ja … meins. Nur… Oh Mann.“‬
‬‪”Uff", entfährt es ihr. “Vermutlich ziemlich komisch, oder?‬“
‪”Total.“‬

‪”Schmales Bett?" Er kann ihr Grinsen hören‬. ‪"Fall nicht raus.“‬
‬‪Ethan hat ebenfalls ein Schmunzeln in der Stimme. “Wenn du da wärst, würd’s arg eng.”‬
‬Ganz kurz zögert er.
“Wär trotzdem schön, wenn du da wärst.”‬
‬‪"Sor…" hatte sie gerade schon angesetzt, kichert dann aber kurz leise, ehe das Lachen verstummt.‬
‬‪Stattdessen gibt sie ein zustimmendes “Mh” von sich‬. ‪"Wenns dir helfen würde."‬
‬‪Vielleicht kann sie sein Stirnrunzeln hören, den leisen Widerspruch. “Weil du da wärst.”‬
‬‪"Ich mein… klar. Tut mir leid.“‬
‬‪”Nein. Nicht so gemeint.“‬
‬‪”Wär wirklich schön."‬

‪Jetzt hat Ethan wieder ein Lächeln in der Stimme. “Würd’s dir gern zeigen. Basketball-Bettwäsche und alles.”‬
‬Im selben Moment fängt Sam auch an zu reden. “Aber ich finds toll, dass du zu ihnen bist. Ich mein… hatten das ja schon. Sie sind noch da.”‬
‬Dann: ‪"Basketball? Echt? Die haben sie gelassen?“‬
‬‪”Sag’s doch. Total seltsam. Nix angerührt.“‬
‬‪”Glaub ich.“‬
‬‪“Also… schon neu bezogen und so.”‬
‬‪"Uff."

‪"Wie… haben sie’s aufgenommen?“‬ setzt Sam dann nach kurzer Pause wieder an.
‬‪”Puh. Wie lang hast du Zeit?" Ethans selbstironischer Tonfall zeugt davon, wie genau er um seine Kommunikationsprobleme weiß.
‬‪"Falsche Frage. Wenns danach geht…" Sie seufzt. “Zuviel.”‬
‬‪"Mein ja nur. Könnte dauern.“‬
‬Es folgt ein kurzes Zögern, während er das letzte Wort ihrer Antwort noch einmal auf sich wirken lässt. Erkennt, was sie damit sagen wollte. Dann: ‪”Tut mir leid. Wie gehts dir? Was macht der Fuß?“‬
‬‪”Also… viel Zeit. Kann nicht viel tun grade. Es geht schon. Muss ihn halt hochhalten, sonst wird er dick und tut weh. Hoffe, dass Jacky mir morgen was anderes zu lesen oder so mitbringt. Egal. Erzähl, wenn du’s erzählen willst.“‬
‬‪”Mmmh. Will.“‬
‬‪”Sonst schreiben?“‬
‬‪”Mm-mm. Schön so.“‬ Ein Herzschlag Pause. ‪”Stimme hören."‬
‬‪Sie macht ebenfalls eine kurze Pause. “Oh. Klar.”‬

‪"War… naja. Puh.“‬ ‬‪Ethan zögert. Sucht nach einem Anfang.
‪”Kam an, wollten grad weg. Dad hat mich erst gar nicht erkannt. Musste sich erstmal hinsetzen."‬
“Verständlich“, stimmt Sam ihm zu.
‬‪”Mom… Mom war…" Das fällt ihm jetzt hörbar schwerer. ‪"Hat sich… wie sag ich das…“‬
‪Ethan zuckt etwas hilflos mit den Schultern, auch wenn Sam das nicht sehen kann.
‪”Überrumpelt?“‬
‬‪”Auch. Und dann Maske. Perfekte Hausfrau. Salat, Eistorte. Teller richten. All sowas, weißt du?“‬
‬‪”Ach du Scheiße." Dann direkt: “Sorry! Du weißt…. sorry. Oh Mann.”‬
‪"Ist ok. Auch gedacht. Völlig un-Mom. Hat mich … puh.“‬
‬‪”Mh. Wusste vermutlich nicht, was sie tun soll.“‬
‬‪‪”Mmmh. Vermutlich. Ist aber noch aufgetaut. Vorhin dann." Da ist Ethans Erleichterung nicht zu überhören.‬
‬‪"Das ist gut.“‬
‬‪”Dad war… der wollte mich gar nicht loslassen. Hatte glaub Angst, wenn er blinzelt, bin ich wieder weg. Kann ich ihm nicht mal verdenken.“‬
‬‪”Stimmt. War halt schon lange.“‬
‬‪”Oh Mann. Ja. Ich hätte viel früher.“‬ Er seufzt.‬
‬‪”Es ist nie zu spät. Du hattest Gründe.“‬
‬‪”Mmmh. Es ist nur…" Ethan zögert, sucht nach den Worten, ‬schneidet dann doch offensichtlich ein anderes Thema an als das, auf das er eigentlich hatte kommen wollen.

‪"Fi hat mich gesucht, weißt du." Sam kann hören, wie Ethan ein beeindrucktes Schnauben von sich gibt. ‪"Hat mir ihre Karte gezeigt. Wo sie alles war.“‬
‬‪”Fi?“‬
‬‪”Fiona. Meine Schwester. 18 jetzt.“‬
‬‪”Ah. Das… cool. Mit 18?“‬
‬‪”Jahr oder zwei. Die Karte war über und über voll. Jede noch so kleine Spur.“‬
‬”Krass.“‬
‬‪”Mhmmhm.“‬ Ein kurzes Atemholen. ‪”War sogar in Dimmitt. Hat mich umgehauen.“‬
‬‪”Wow. Ja… mich grade auch. Als wir schon weg waren?“‬
‬‪”Muss wohl. War beim Sheriff. Der kannte Albert ja lange. Hat sie überzeugt.“
‬Wieder macht Ethan eine kleine Pause. ‪"Dad wusste davon. Mom nicht. Die wär ausgeflippt.“‬
‬‪”Ui. Heftig.“‬
‪Schweigen. Sam weiß wohl gerade nicht, wie sie ihre Gedanken in Worte fassen soll.‬ Dann spricht sie weiter.
‪”Besser, dass sie das jetzt nicht mehr muss. Ich mein… du weißt schon.“‬
‬‪”Mmmmh.“‬

Ein amüsiertes Schnauben, als Ethan ein Gedanke kommt.
‪”Und sie denkt, ich bin Geheimagent.“‬
‬Sam prustet amüsiert.‬ ‪”Naja – gar nicht so weit weg, oder?“‬
‬‪”Stimmt.“‬
‬‪”Hast du ihnen viel erzählt? Oder wirst du noch?“‬
‬Auf diese Frage folgt erst einmal ein Seufzer. Dann:‬ ‬‪”Bisher nicht. Nur… Naja. Hab aus dem Harrdhu einen Mörder gemacht.“‬
‪”Klingt vernünftig"‬, bekräftigt Samantha.

‪Ethans Stimme wird ernst, ja traurig. ‪"Alan hat’s nicht gereicht.“‬
‬‪”Mist.“‬
‬‪”Der war… puh. Misstrauisch reicht nicht.“‬
‬‪”Tut mir leid.“‬
‬‪”Mmhm. Danke dir.“‬ Eine kleine Pause, in der Ethan zu überlegen scheint.‬
‪”Der… weiß nicht. Hat irgendwas erwartet. Weiß aber nicht was. Ist dann gegangen.“‬
‬‪”OK“, erwidert Sam. ‬‪"Vielleicht mal was für später. Wenn du meinst, er könnte es… vertragen.“‬
‬‪”Der…" Zögern. “Vielleicht. Er ist zur Polizei. Ich glaub…”‬
‬‪"Draußen?“‬
‬‪”Hm?“‬
‬‪”Ist er richtig draußen unterwegs? Ich mein… wenn ja, ists vielleicht besser, wenn du ihm irgendwann mal was sagst.“‬
‬‪”Mmhm…“‬
‬‪”Wenns an der Zeit ist. Sorry, will mich da gar nicht so einmischen, aber du weißt ja selbst, wie sich manchmal Leute, die nichts wissen….“‬
‬‪”Mm-mm. Gibt kein ‘einmischen’. Nicht von dir. Bin nur am Denken."‬
‬‪Sam gibt ein zustimmendes “Mhmh” von sich.‬
‬‪"Weißt du…“‬ Er klingt nachdenklich.
‬‪”Mh?“‬
‬‪”Hab überlegt, ob ich ihm was sagen soll. Aber… wären die falschen Gründe gewesen.“‬
Ethan spricht zögernd, als müsse er seine undefinierten Gefühle erst mühselig in Worte gießen.
‬‪”Wär gewesen, weil sein Misstrauen so weh tat. Nicht, weil… weil’s für ihn besser wäre.“‬
‬‪”Klar. Vermutlich hätte er dich so auch nicht ernst genommen.“‬
‬‪”Hab auch Fi hingehalten. Sagte ihr, ich kann’s nicht versprechen. Aber vielleicht.“‬
‬‪”Hat sie auf der Suche nach dir was mitbekommen?“‬
‬‪”Klang nicht so. Aber nicht direkt gefragt.“‬

‪”Gut“, sagt Sam ermutigend. ‬‪"Wird sich alles geben. Mach dir noch nicht zu viele Gedanken. Sei erstmal bei ihnen.“‬
‬‪”Mmmh. Hab ich vor. Paar Tage oder so.“‬
‬‪”Klingt gut.“‬
‬‪”Hab auch bestimmt zehnmal versprechen müssen, nicht wieder abzutauchen. Hoch und heilig.“‬
‬‪”Überfordert euch nicht. War für alle.. naja eine bestimmt nicht einfache Zeit.“‬
‬‪Ein zustimmendes Mmmh.
‬‪”Machs auch nicht, ja?“, versichert sich Sam dann. „Das… naja. Wäre schlimm für sie. Und für dich.“‬
‬‪”Niemals.“‬ ‪Das kommt mit Nachdruck.
‬‪”Gut.“‬
‬‪”Hab ihnen gesagt, dass ich nicht versprechen kann, dass mir nix passiert. Dass ich keinen Unfall habe oder so. Aber… dass ich nie, niemals, wieder absichtlich wegbleibe. Mein ich auch so.“‬
‬‪”Kannst ja immerhin vielleicht dafür sorgen, dass jemand ihnen bescheid gibt.“‬
‬‪”Mmmmhm.“‬ ‪Da klingt Ethan nachdenklich, als grübele er tatsächlich, wem er diesen Auftrag geben könne.

‪Sam scheint ebenfalls nachzudenken.
‬‪”Finds gut, dass du da warst. Und finds gut, dass… naja. Du da bist und sie dich nicht gleich wieder weggejagt haben. Spricht für sie." Am Ende ist ein Lächeln in Sams Stimme zu hören‬.
‬‪Ein tiefer Atemzug. ‪"Ja." Ethan hat ebenfalls ein Lächeln in der Stimme. “Ich hab sie vermisst.”
“Und dich vermiss ich auch“, fügt er nach einem kurzen Moment des Schweigens leise hinzu.
Eine kurze Pause seitens Sam. “Ich dich auch.”
‪"Denk ich“, fährt sie dann fort. ‬‪"Ich mein… bin grade nicht die beste Gesellschaft.“‬
‬‪Ethan zuckt die Schultern, auch wenn Sam das nicht sehen kann.
‪”Als ob ich bessere Gesellschaft wär." Bei dem ersten Satz klingt er halb belustigt, dann wird seine Stimme mitfühlend.‬ ‪"Anstrengend, hm?“‬

‪”Klar! Du liegst nicht nörgelnd auf einem Sofa.“‬
‬‪Er schnaubt. ‪”Ich liege in einem Bett mit Basketball-Bettwäsche umgeben von meinem 16-jährigen Ich.“‬
‬‪”Oh Gott." Sie muss lachen‬.
‬‪Ein amüsiertes Prusten von Ethans Ende der Leitung. Er scheint sich zu freuen, dass er sie zum Lachen gebracht hat.‬
‬‬‪"Ich frag mich grade, wie der 16 jährige Ethan so war.“‬
‪”Hmmm. Redseliger.“‬ Er scheint ernsthaft über die Frage nachzudenken, will eben noch etwas sagen, ihr vielleicht anbieten, dass sie ihn alles fragen kann, oder vielleicht von sich aus noch etwas aus der Zeit erzählen, aber da spricht Sam schon weiter.
‬‪”Aber nicht so einer, der unter der Bettdecke heimlich telefoniert…. nee, das ist eher so ein Mädchending, oder?"‬
‪‪Ethan lacht leise. “Nur jetzt grad. Sonst kommt Mom noch rein.”‬
‬‪Sam kichert. “Und denkt wer weiß was…”‬
‬‪"Oh ja." Ethan lacht mit ihr.‬
‬‪"Nachher gibts noch Hausarrest."‬
‬‪Wieder ein belustigtes Schnauben. “Wenn’s nach denen ginge, würd ich eh sofort in Vermont kündigen und wieder hier einziehen.”‬
‬‪"Gott bewahre! Obwohl…. wenn sie die Bettwäsche wechseln…“‬
‬‪Er lacht leise auf.‬
‬‪”Es sei denn, du stehst immer noch drauf“, neckt sie ihn.
‬‪"Himmel hilf, nein!"
‬"Beruhigend.“‬
‬‪Er schmunzelt, was man am Klang seiner Stimme vielleicht auch auf der anderen Seite des Hörers mitbekommen kann.
‬‪”Was magst du eigentlich für Bettzeug?"‬
‬‪Zeitgleich fragt Sam: “Bleibst also noch ein paar Tage da?”‬
‬Dann: ‪"Äh… saubere? Weiß nicht. Bin da nicht so anspruchsvoll.“‬
‬‪”Ein paar." Er lacht dann leise bei ihrer Antwort. ‪"Auch nicht.“‬
‬‪”Dann ist ja gut.“‬
‬‪”Wobei. Schade eigentlich. Dachte… Geburtstagsgeschenk." Auch Ethans Tonfall ist unverkennbar scherzhaft.
‬‪"Ähm….“‬
‬‪Ethan prustet amüsiert bei dem skeptischen Klang ihrer Stimme.‬

‪Dann wird er ziemlich schlagartig ernst. ‪”Hör mal…“‬
‬‪”Ja?" Sam klingt ob des plötzlichen Wechsels im Tonfall besorgt.‬
‬‪"Irene schon mit dir geredet?“‬
‬‪”Nein. Wollte ja eigentlich zu ihr. Aber dann kam das mit dem Fuß dazwischen.“‬
‬‪”Mmmmh.“‬
‬‪”Ist was mit ihr?“‬
‬‪”Nein“, druckst Ethan herum. ‬‪"Ja. Nein. Nicht so. Geht ihr gut.“‬
‬“‪Oooh kay?”‬
‬‪"Verdammt. Tut mir leid. Eigentlich nicht an mir, das anzusprechen. Nur… Drecksmist."
‬‪"Was ist los?" Sam klingt jetzt ernsthaft besorgt‬.
‬‪"Nichts fürs Telefon, eigentlich. Weißt du schon, wann du wieder fit bist? Ungefähr?“‬
‬‪”Keine Ahnung. 1-2 Wochen vielleicht‬.“
‬‪"Kay." Man kann Ethans Stimme anhören, dass er gerade echt hin und hergerissen ist.‬
‬‪"Ich mein… so früh wie möglich halt. Wenns warten kann… kann ich was tun?“‬
‬Ein ‪Zögern an Ethans Ende der Leitung, dann ein tiefes Durchatmen. ‪”Cal und Irene meinen, es kommt was. Was Großes. Und ich glaub ihnen das."‬
Ethans Stimme klingt bei der Erwähnung von Cal völlig normal; offensichtlich hat sich da seit Dimmitt ein bisschen was geändert.
‬‪Schweigen. Dann: “Aha?”‬
‪‬‪"Drecksmist. Irene killt mich. Aber… Weltuntergang und so. Zerstrittene Fraktionen im Himmel. Engel, die die Apokalypse auslösen wollen.“‬
‬‪”Was? Sorry, aber das klingt… " Sam sucht offensichtlich nach Worten‬.
‬‪"Weiß, wie’s klingt."‬ ‪Ein Seufzer. “Irene glaubt’s. Cal glaubt’s. Hab selbst was gesehen letztens. Am Haus.“ Kurze Pause. ‪”Ach verdammt. Tut mir leid.“‬
‬‪”Das … klingt alles ziemlich abgefahren…. Wissen sie, wann da was abgehen soll?“‬
‬‪”Gar nicht. Leider. Oder zum Glück. Wochen? Monate? Jahre? Wollt dich eigentlich nicht belasten. Nur…“‬ Wieder ein Zögern. ‪”Wenn das kommt… musst du’s wissen, find ich.“‬
‬‪”Ok… Kann das grad noch nicht einordnen. Vielleicht wirklich, wenn wir…. uns das nächste Mal sehen.“‬
‬‪”Mmmhmm."‬

Sam klingt erleichtert. ‬‪"Danke.“‬
‬‪”Sorry. Erzähl mir was. Wer ist Jacky?“‬
‬‪”Öhm… Wohne bei ihr. Musste ja irgendwo hin.“‬
‬‪”Klar. Alte Freundin?“‬ Ethan stockt kurz. Dann: ‪”Tut mir leid. Neugierig.“‬ Er klingt aber ehrlich interessiert.‬
‬‪”Sozialarbeiterin hier in Chicago. Sind uns vor ein paar Jahren begegnet.“‬
‬‪‪”Kay. War noch nie richtig in Chicago, glaub. All die Jahre nicht.“‬
‬‪”Ist eine Stadt wie viele andere. Weiß nicht.“‬
‬‪”Viel Wind?“‬
‬‪”Wind?“‬
‬‪”Heißt’s doch. Chicago. Windy City.“‬
‬‪”Achso! Naja weiß nicht. Kann schon sein."‬
‬Ein leises, entschuldigendes Lächeln in Ethans Stimme. “Nicht wichtig.”‬
‬‪"Klar. Schon ok. Sehe grade auch nicht viel mehr als ein kleines Wohnzimmer mit Kochzeile.“‬
‬‪”Verstehe." Das klingt mitfühlend.

Einen Moment lang herrscht Schweigen auf beiden Seiten, ehe Ethan wieder ansetzt. ‪"Hey. Könnt dich besuchen kommen." Sein Tonfall klingt halb scherzhaft, halb völlig ernst gemeint – so, als wolle er in beide Richtungen eine Interpretationsmöglichkeit haben, je nachdem, wie Sam auf den Vorschlag reagiert.
‬‪Sie schnaubt leise. “Musst du nicht. Bin grad echt nicht gut zu ertragen, glaub ich. Deine Familie ist wichtiger. Wir sehen uns bestimmt bald.”‬
‬Er nickt, auch wenn sie das nicht sehen kann. ‪"Kay. Werd bald gesund, du.“‬
‬‪”Klar. Nur ein Kratzer:“‬
‬‪”Heh. Irene auch gesagt.“‬
‬‪”Mh." Einen kurzen Moment lang denkt sie nach. “Wieder so ein H.-W.-Ding, vermute ich.”‬
‬Ethans Stimme klingt amüsiert. “Garantiert.”‬
‬‪"Wir sind halt hart im Nehmen.“‬
‬‪”Nie bezweifelt.“‬
‬‪”Immerhin.“‬

‪”Kay. Glaub Jacky kommt grade heim. Kannst du schlafen?“‬
‪”Mhmm."‬ ‬Und nein, er weiß jetzt schon, dass er höchstvermutlich die halbe Nacht lang wachliegen wird, aber das ist kein Grund, sie länger aufzuhalten. “Du?”
‪"Klar. Muss.“‬
‬‪‪”Kay.“‬
‬‪”Finds echt gut. Also das mit deiner Familie. Danke, dass du angerufen hast.“‬
‬‪”Hey. Ehrensache.“‬ Ein kurzes Zögern, ehe er leise sagt: ‪”Wen, wenn nicht dich." Dann spricht Ethan in normaler Lautstärke weiter. ‪"Danke für’s Zuhören."
‪Im Hintergrund sind Geräusche zu hören. “Jederzeit. Machs gut. Bis bald.”‬
‬‪"Bis dann.“‬
‬‪Sam legt dann auch recht schnell auf, aber Ethan hört noch den Bruchteil einer anderen weiblichen Stimme im Hintergrund, ehe die Verbindung abbricht‬.
‬‪”Denk an dich“, murmelt er, als Sam gerade schon am Auflegen ist oder vermutlich sogar schon aufgelegt hat.
‪Vielleicht hat sie es noch gehört‬… ‬‪Vielleicht nicht‬.

Ethan_telefonierend.jpg

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Family Time

Je näher das Wochenende kommt, desto nervöser wird Ethan. Nicht, dass er auf die Idee käme, einen Rückzieher zu machen – nicht ernsthaft jedenfalls; nicht so, dass er jemanden bräuchte, um ihn in den Hintern zu treten, wie Irene das so schön ausgedrückt hat –, aber die Gedanken an seine Familie beschäftigen ihn inzwischen in jeder wachen Minute. Wie er in Seattle schon zu Barry sagte: Es gehen ihm tausend Szenarios im Kopf herum, und er sehnt den Moment, in dem er seiner Familie endlich wieder unter die Augen tritt, ebenso sehr herbei, wie er sich davor fürchtet.

Er hatte Sam fragen wollen, ob sie ihn begleiten würde. Aber das ist eine Bitte, die man nicht aus der Entfernung ausspricht, und so hat er das in ihren Telefonaten nicht erwähnt. Wollte warten, bis sie am Red Hill ankäme. Aber nun hat Sam unterwegs einen Unfall gehabt – nichts Lebensbedrohliches, dem Himmel sei Dank, aber der Bänderriss im linken Fuß bedeutet, dass sie ein paar Tage, eher Wochen, kein Auto fahren kann, und das wiederum bedeutet, dass sich ihre Ankunft in Hectorville verzögern wird.
So liebend gern er sie dabei hätte, Ethan kann nicht warten, bis Sam ankommt. Und so macht er sich am Samstag gegen Mittag alleine auf den Weg nach Tappan, New York.

Ethan hat sich präsentabel hergerichtet, so gut er konnte. Frisch rasiert, saubere Jeans, sauberes Hemd. Halbschuhe statt seiner üblichen, über die Knöchel reichenden Outdoor-Stiefel. Die Haare waren auch irgendwann mal glattgekämmt. Als er losfuhr, um genau zu sein, aber das ist vier Stunden her.
Vor dem Haus seiner Eltern bleibt er ein paar Minuten lang im Auto sitzen, raucht und spricht sich Mut zu. Atmet dann ein paarmal tief durch. Daran, einen Kamm einzustecken, hat er natürlich nicht gedacht, also fährt er sich jetzt mit den Händen über die Haare, um sie wenigstens einigermaßen flachzudrücken, ehe er aussteigt und zur Tür geht.

Gerade will er klingeln, da wird die Tür von innen aufgezogen. Heraus tritt Ethans Vater: älter. Grauer. Aber unverkennbar Dad. In Jeans und langärmeligem Hemd, ganz ähnlich wie Ethan selbst. In der Tür dreht er sich noch einmal um, sagt etwas in den Flur hinein, zu irgendwem, der ihm anscheinend folgt. Dann wendet er sich wieder nach vorne und bemerkt jetzt erst den Besucher auf der Schwelle. Einen Herzschlag lang treffen sich ihre Blicke, ohne dass Dad ihn erkennt – ein Fremder, wer sind denn Sie? –, dann wird er übergangslos so weiß wie die Wand. Schlägt eine Hand vor den Mund und hält sich mit der anderen am Türrahmen fest.
Ethan setzt zum Sprechen an, aber es kommt kein Ton aus seinem Mund. Versucht es nochmal. Seine Stimme ein raues, tonloses Krächzen: „Hi Dad…“

Dad sagt nichts. Starrt Ethan nur unverwandt an, für eine gefühlte Ewigkeit. Dann zwei Worte, die nach ‘mein Junge’ klingen, aber so gepresst und leise, dass Ethan sich nicht sicher sein kann.
Von hinten stößt eine Gestalt beinahe mit Dad zusammen. Klein und zierlich, lange, dunkle Haare, eine Schüssel in der Hand. „Dad, was ist l—“ Fiona. Oh Himmel, wie erwachsen ist Fiona geworden!

Bei seiner Schwester bleibt der Moment des Nicht-Erkennens, den Dad hatte, völlig aus. Fiona erstarrt sofort, es fällt ihr alles aus dem Gesicht, und auch die Schüssel rutscht ihr beinahe aus den Fingern. „Mom! Mom, komm schnell!!“ Nach wenigen Sekunden taucht auch ihre Mutter im Gang auf, in einem leichten Sommerkleid, die Haare schnell-aber-kunstvoll zusammengenommen, wie sie es immer macht, wenn sie weggehen möchte, es aber kein Anlass ist, zu dem sie sich wirklich auftakeln müsste.
Als sie Ethan sieht, stutzt sie einen kurzen Moment lang, ringt um Fassung, und über ihr Gesicht flackert etwas, undefinierbar. Doch sofort legt sich eine undurchdringliche Maske darüber, und sie setzt ein Lächeln auf, das für Ethan zwar einerseits schon irgendwie froh, aber andererseits dennoch unendlich gekünstelt wirkt.
„Oh“, flötet sie, „das ist ja eine Überraschung! Ja dann… Lasst uns doch wieder hineingehen und etwas essen! Oh, und wir müssen wohl den Nachbarn Bescheid geben, dass uns etwas dazwischen gekommen ist…“

Ethan sieht von einem zum anderen. Fasziniert. Verwirrt. So richtig entspricht das irgendwie keinem der tausend Szenarien, die er sich vorher für diesen Moment ausgemalt hat. In Bruchstücken vielleicht, aber nicht so. „Hi“, sagt er wieder, leise und verlegen. Beißt sich dann auf die Lippe, als seinem Vater jegliche Kraft aus den Beinen weicht und er sich erst einmal auf die Türschwelle setzt. Zu Ethan aufsieht wie zu einem Geist, die Hand immer noch vor den Mund geschlagen.

„Ich… tut mir leid… Ich… ich… hätte eher kommen sollen…“, stottert Ethan hilflos.
Dad schüttelt nur wortlos den Kopf, aber es wirkt nicht wie ein Widerspruch zu dem, was Ethan gesagt hat. Eher immer noch wie völliger Unglaube. Mom murmelt indessen etwas von „Essen finden“, dann fällt ihr Blick auf die Salatschüssel, an der Fiona sich festhält. „Oh! Wir haben ja etwas!“ Sie greift sich die Schüssel und huscht wieder ins Haus, dreht sich aber schon nach wenigen Schritten um. „Fiona, Schatz, deckst du den Tisch?“, bittet sie ihre Tochter, woraufhin die ebenfalls nach drinnen verschwindet, ohne nach ihrem ersten Ausruf auch nur ein Wort gesagt zu haben.

Jetzt rappelt Dad sich auf. Nimmt Ethan wortlos in den Arm. Der erwidert die Umarmung, etwas ungelenk anfangs, dann flüssiger. Der ältere Gale drückt seinen Sohn fest an sich, ehe er unvermittelt zu weinen beginnt. „Ich hätte es nicht glauben dürfen… hätte dich nicht aufgeben dürfen…“, flüstert er unter Tränen. Einen Moment lang hat Ethan keinerlei Ahnung, wie er reagieren soll, bis er mit einem Mal merkt, wie sich etwas in ihm löst und er von lautlosem Schluchzen geschüttelt wird. Er könnte gar nicht sagen, wie lange sie so da stehen. Aber vermutlich nicht so lange, wie es sich anfühlt, ehe sie sich vorsichtig voneinander trennen. Den beiden Frauen ins Haus folgen, ohne dass Douglas dabei Ethans Arm loslässt. Er sieht immer wieder zu seinem Sohn, starrt ihn an wie eine Fata Morgana. Oder als würde Ethan sofort wieder verschwinden, wenn sein Vater auch nur eine Sekunde lang den Kontakt unterbräche.

Drinnen sieht Ethan sich gleichermaßen neugierig wie beklommen um. Die Einrichtung hat sich in den Jahren seiner Abwesenheit nur wenig verändert, aber gerade genug, dass sich doch alles irgendwie seltsam anfühlt. Die Fotos an der Flurwand sind ein Querschnitt durch die Jahre, zeigen die Gale-Kinder beim Wachsen und die wechselnden Frisuren und Moden der jeweiligen Zeit – nur die Bilder von Ethan selbst sind 2005 stehengeblieben. Ein Missklang. Wie ein einzelnes Brett, das in einer ansonsten geraden Wand schief heraussteht. Oh Mann.
Im Wohnzimmer, wo sie sich etwas verlegen hinsetzen, dreht Dad sich zu ihm um. „Geht es dir gut?“ Ethan lächelt. Nickt. „Ja. Jetzt ja.“

Aus der Küche dringt einige Minuten lang hektisches Geklapper, dann Moms Stimme, vollkommen unter Kontrolle, vom Telefonanschluss im Flur. Etwas von „unerwartetem Besuch“, mit dem sie sich bei ihrem Gesprächspartner für das Fehlen entschuldigt. „Beim nächsten Mal wieder, Liebes.“ Klick.

Kurze Zeit später kommt Mom ins Wohnzimmer, die Hände voll mit mehreren kunstvoll aufeinander drapierten Schüsseln und Schalen. Lädt ihre Last auf dem Esstisch ab und rückt alles minutiös darauf zurecht. „Ethan ist zurück!”, sagt Dad, immer noch genauso ungläubig wie anfangs.
„Ich hab’s euch gesagt!” wirft Fiona ein, die den Tisch inzwischen fertig gedeckt hat. „Ich hab euch gesagt, der ist nicht tot!” Dann sieht sie Ethan unverwandt an. Unverwandt und richtiggehend wütend. „Wo warst du?!”
„Ich…” Er hatte sich so viele Antworten überlegt. So viele Ausreden. Sie alle wieder verworfen. Aber verworfen oder nicht, jetzt ist sein Kopf ohnehin wie leergefegt.
„Lass’ ihn doch”, kommt sein Vater ihm zu Hilfe. „Er ist doch gerade erst angekommen.” Fi murmelt etwas, aber sie lässt ihn. Für jetzt jedenfalls, sagt ihr Blick.

Im höflich-halbinteressierten Nachbarinnen-Klatschbasenton fragt Mom stattdessen nach Ethans Leben. Ob er verheiratet sei? Familie habe? Kinder?
Ethan schüttelt den Kopf. Nicht verheiratet. Keine Kinder. Aber dass da jemand ist, gibt er zu.
„Alan?” fragt er dann.
Die Frage hat einen betrübten Blickaustausch zwischen den restlichen Gales und ein betretenes Schweigen zur Folge, und Ethan spürt, wie sich eine eiserne Klammer um sein Herz legt. Nein. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht.
„Alan wohnt nicht mehr hier”, erklärt Dad schließlich mit einem undefinierbaren Unterton. Oh. Oh puh. Aber gut, Alan ist immerhin jetzt auch schon dreiundzwanzig, da ist es ja eigentlich kein Wunder, dass er ausgezogen ist.

Ethan will eben weiter auf das Thema eingehen, da klingelt es an der Tür. „Das wird er sein”, sagt Mom mit hoffnungsvoller Miene, und tatsächlich kommt eine Minute später ein junger Mann herein. Ethan blinzelt, versucht den Dreizehnjährigen mit dem Erwachsenen in Einklang zu bringen. Alan trägt Lederjacke, schwarzes Hemd, Jeans. Einen halb entschuldigenden, halb herausfordernden Gesichtsausdruck.
Hat eine Bemerkung auf den Lippen, die schlagartig abbricht, als sein Blick auf Ethan fällt. Eine Regung geht über sein Gesicht, gleich wieder verschwunden. Aber glücklich ist Alan nicht, seinen älteren Bruder zu sehen, soviel ist mal sicher. Er knurrt ein ‘Hi’ in die Runde – zum Rest der Familie. Definitiv nicht zu Ethan.

„Alan!” freut sich Dad. „Du bist spät dran, aber sieh nur: Ethan ist zurück!” „Seh ich”, knurrt Alan und bedenkt seinen Bruder mit einem mehr als finsteren Blick.
„Setz’ dich, wir essen hier”, fügt Mom in ihrem geschäftigen Hausfrauenton, der so völlig un-Mom ist, dazu. „Wir gehen doch nicht zu den Forsyths rüber; Ethan ist zurück!” „Jahaaa”, brummt Alan und lässt sich schwer auf einen der Stühle am Esstisch fallen. Dann sieht er vorwurfsvoll von einem zum anderen. „Woher wollt ihr überhaupt wissen, dass das wirklich Ethan ist?”
„Was?!” Dad ist empört. „Dein Bruder ist wieder da, und du…”
„Schon klar”, knurrt Alan. „Ethan, die Lichtgestalt. Kann ja nichts falsch sein.”
„Alan…”
Oh Mann.
„Hat aber recht”, versucht Ethan zu vermitteln. „Macht ‘n Gentest.”

Von einem Gentest allerdings will niemand was hören. Vor allem Dad nicht, der Ethan irgendwie die ganze Zeit über immer noch nicht losgelassen hat. So, wie Alan zu ihnen beiden herübersieht, ist dem das nicht entgangen. Und so, wie Alan zu ihnen herübersieht, passt ihm das ganz und gar nicht. Okay, Ethan passt es auch nicht so richtig; es wird ihm sogar langsam unangenehm, aber was will er machen, sich losreißen? Wobei bei seinem kleinen Bruder noch mehr hineinzuspielen scheint. Da ist ein Ausdruck auf dessen Gesicht, gut versteckt hinter der verdrießlichen Miene, eine Art Sehnsucht… Ethan muss schlucken, um eine plötzliche Beklemmung in seiner Brust herum. Oh Mann.

Vielleicht hat Mom etwas von der Spannung gemerkt. Vielleicht will sie aber auch nur ihre eigene Nervosität überspielen, als sie energisch nach der Eistorte ruft, die im Gefrierfach auf genau eine solche Gelegenheit warte. Ethan hebt abwehrend die Hände. „Muss doch nicht”, will er anfangen, aber da hat er die Rechnung ohne seine Mutter gemacht.
„Ethan Frederick Gale, du bist nach zehn Jahren wieder da; du wirst mit deiner Familie diese Eistorte essen!”
Jetzt wird Ethans Handbewegung verlegen-beschwichtigend. „Okay, okay. Ich esse ja Torte.”
Fiona geht in die Küche, kommt kurz darauf mit Tellern, Besteck und der Eistorte zurück. Verteilt großzügig Stücke davon um den Tisch herum, aber niemand isst davon. Oder zumindest isst niemand mehr als der Form halber. Nicht mal Mom, und die bemüht sich sehr.

„Wo warst du nur all die Zeit?” Das ist Dad. „Ich meine… Wir… ich… wir dachten, du wärst tot, und… Warum hast du dich nie gemeldet?“
Ethan seufzt tief. „Dachte, Gründe. Aber was irgendwann mal gute Gründe waren…“ Er zuckt etwas hilflos mit den Schultern und ist sich sehr bewusst, dass er gerade Barry zitiert. „Irgendwann nicht mehr so wichtig.“ Verlegen senkt er den Kopf. „Es tut mir leid.“
„Aber du… du bleibst doch? Ich meine… jetzt, wo du zuhause bist…“
Oh Mann. Ethan bekommt ein entschuldigendes Lächeln zustande. „Naja… hab ‘n Job… ‘ne Wohnung…“
Dad sieht enttäuscht aus. „Ja, aber… du… du wirst doch jetzt nicht wieder in der Versenkung verschwinden, oder?“
Auf diese Frage muss Ethan nicht lange überlegen. Ganz entschieden schüttelt er den Kopf. „Nein. Versprochen.“ Er zögert einen Moment lang. „Kann. Kann nicht versprechen, dass mir nichts zustößt. Dass… dass ich keinen Unfall habe oder so. Aber… auf keinen Fall einfach so.“
Dad nickt, scheint aber nicht so richtig überzeugt. „Aber jetzt, wo du hier bist… bleibst du doch?“ wiederholt er. „Eine Weile wenigstens?“ Er sieht zu Alan. „Du bleibst doch auch… oder?“
Alan runzelt die Stirn. „Ich wüsste nicht, warum“, erwidert er kühl. „Ich meine… Ethan ist ja wieder da, dann braucht mich ja keiner. Also wieso soll ich bleiben?“
Au. Au, verdammt. Etwas krampft sich in Ethan zusammen, als Alans Worte ihm verdeutlichen, wie groß die Wunde ist, die sein Verschwinden gerissen hat. Was für ein unerreichbar hohes Podest das gewesen sein muss, auf das Dad ihn in seiner Abwesenheit offenbar gehoben hat. So unerreichbar hoch, dass Alan keine Chance hatte, da jemals dranzureichen. Oh Mann.
„Weil ich dich zehn Jahre nicht gesehen habe“, sagt er leise. „Weil ich mich freue, wenn du bleibst.“
Weil du mein Bruder bist. Aber dieser letzte Satz findet seinen Weg nicht hinaus, auch wenn Ethan sich selbst darüber wundert, dass das Reden so leicht geht heute abend. Naja. Vergleichsweise leicht. Leichter als sonst, auch wenn er immer noch genug Pausen macht, während er um ein Wort kämpft. Vielleicht, weil die Umgebung so vertraut ist, größtenteils jedenfalls. Weil sie eine Verbindung ist zu seinem früheren, gesprächigeren Selbst. Und weil es seine Familie ist, mit der er da redet. Und die Worte wichtig.

Alan knurrt etwas, sichtlich unbeeindruckt, bleibt aber sitzen. Wendet dann seine volle Aufmerksamkeit Ethan zu. „Was ist in der Nacht eigentlich passiert?“ fragt er vorwurfsvoll. „Was ist passiert, dass du es zehn Jahre lang nicht nötig hattest, uns mal mitzuteilen, dass du noch am Leben bist?“
Drecksmist. Aber es war ja klar, dass die Frage irgendwann kommen würde, und so einigermaßen hat er sich ja im Kopf darauf vorbereiten können. Also versucht Ethan es mit einer ausweichenden Halbwahrheit. Dass da dieser verrückte Mörder gewesen sei, der ihn verfolgt habe, unaufhaltsam. Dass er monatelang nicht nach Hause konnte, weil das zu gefährlich für alle gewesen wäre. Dass er sie beschützen wollte. Und dass er es, als es dann irgendwann doch wieder sicher war, einfach nicht mehr geschafft habe.
Dad ist bleich geworden bei der Erzählung, hat Ethans Arm noch fester gedrückt als ohnehin schon die ganze Zeit. Erklärt ihm wieder, dass er jetzt doch zuhause sei. Fragt, ob er bleibe. Und dass er doch nicht wieder von der Bildfläche verschwinden werde, oder? Ethan schüttelt den Kopf. Wird er nicht.

„Aber was hast du denn dann all die Jahre über gemacht?“ will seine Mutter wissen.
Ethan zuckt die Schultern. „Rumgezogen.“
Rumgezogen?“ wiederholt Mom pikiert. „Mit einem Zirkus?“
Darauf kann Ethan nur den Kopf schütteln. Auf die Idee, dass man das Wort so verstehen könnte, wäre er nicht mal gekommen. „Nein. So halt.“
„Er hat nicht in einem Kinderbuch gelebt, Mom!“ wirft auch Fiona spitz ein. Dann fährt sie zu Ethan herum. „Ich hab dich gesucht!“ Ihr anklagender Tonfall macht nicht ganz deutlich, ob sie wütend auf die anderen ist, die sich ihr nicht angeschlossen haben, oder auf Ethan, der nicht aufzufinden war.

Alan aber lässt nicht locker. „Ein verrückter Mörder. Soso. Und warum bist du nicht zur Polizei gegangen, wie es das Naheliegendste von der Welt gewesen wäre?“ Seine Stimme trieft nur so vor Zweifel.
Ethan schüttelt wieder den Kopf. Weil der Harrdhu alle umgebracht hätte, aber das kann er nicht sagen. Aber die andere Angst, die ihn damals umtrieb – die Angst, die ihn neben Cals Bedenken wegen des Risikos hauptsächlich davon abhielt, sich wieder zu melden, als der Harrdhu aus dem Weg geschafft war – die kann er aussprechen.
„Weil ich Angst hatte!” hält er Alan entgegen. „Angst, die denken, ich hab was zu tun mit… mit. Mit der Sache. Und dann war’s zu spät. Habs nicht mehr geschafft.“
„Aber jetzt hast du es geschafft“, ermutigt Dad ihn. „Du bist hier. In deinem Zuhause.“
„Gehst du dann wenigstens jetzt zur Polizei?“ fordert Alan.
Ethan blinzelt. Stimmt, der Fall ist ja vermutlich offiziell nie abgeschlossen worden. Er nickt.
„Ja. Ja klar. Kann ich machen.“
Alan bedenkt ihn mit einem durchdringenden Blick.
„Die Familien der anderen Jungs brauchen Klärung“, sagt er heftig. „Einen Abschluss. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie das ist? Zehn Jahre lang derart im Ungewissen zu sein?“
„Ja“, schießt Ethan zurück, nur um gleich darauf in sich zusammenzusacken. „Nein. Nein. Tut mir leid, verdammt.“
„Ethan!“ Dad, natürlich. „Nicht fluchen!“
Er fährt sich verlegen durch die Haare. „Sorry.“

„Und was ist mit dem Mörder?“
„Der ist tot.“ Drecksmist. Ethan könnte sich genau in dem Moment treten, in dem die Worte seinen Mund verlassen.
Und tatsächlich bedenkt Alan ihn sofort mit einem durchdringenden Blick, während Mom die Hand vor den Mund schlägt. „Was?! Warst etwa… Hast etwa du…?“
„Nein. Ich habe ihn nicht umgebracht.“ Was technisch gesehen sogar stimmt. Es war Cal, der den Harrdhu erlegt hat.
Alan verengt misstrauisch die Augen. „Und woher weißt du dann, dass er tot ist?“
„Hinterher mitbekommen.“ Was technisch gesehen auch stimmt. Wenn man ‘hinterher’ als die Sekunde direkt nach dem Umfallen des Monsters betrachtet.

„Aber wenn er tot war… Warum bist du dann so lange weggeblieben?“ Das ist Fiona, und ihre Stimme klingt anklagend. Feindselig. Warum hast du uns das angetan, sagt sie nicht. Muss sie auch gar nicht.
Ethan verzieht das Gesicht. Seufzt schwer. „Wollte euch nicht wehtun. Dachte ich. Aber in Wahrheit… wollte ich mir selbst nicht wehtun.“ Schon seltsam, fährt es ihm durch den Kopf. Wie diese Erkenntnis aus der Pixelwelt noch nach Monaten immer wieder nachhallt.

„Wie… wie ist es denn mit euch?“ versucht er dann das Thema zu wechseln. „Geht es euch g—“ Er unterbricht sich. Drecksmist. “Nein. Blöde Frage, sorry. Aber… ich meine…“ Er wirft einen hilflosen Blick in die Runde. „Was ist mit euch?“
Fiona hat gerade die High School beendet, berichtet Mom mit einem Anflug von Stolz. Mit einem richtig guten Abschluss. Und Alan ist nach dem College zur Polizei gegangen. Da schwingt etwas Enttäuschung mit, gut verborgen hinter dem bemüht heiteren Ton. Dad hat sein Ingenieurbüro, und Mom selbst zeichnet noch. Sie hat auch gerade einen neuen Auftrag.
„Möchtest du die Bilder vielleicht nachher sehen? Das hast du doch immer so gemocht.“ Ethan nickt ein „Klar, gerne“ und verkneift sich die Bemerkung, dass er schon weiß, um was für einen Auftrag es sich handelt. Der Umstand, dass er weiß, was für ein Auftrag das ist, ändert auch rein gar nichts daran, dass ihn tatsächlich interessiert, was Mom da für Barrys Cousine gezeichnet hat.

„Lenk nicht ab“, knurrt Alan. Ja. Es wundert Ethan gar nicht, dass sein kleiner Bruder zur Polizei gegangen ist. Oder vielleicht andersrum. Dass er so beharrlich am Thema bleibt, eben weil er Polizist ist. „Rück lieber mal mit der Sprache raus. Du bist also ‘rumgezogen’, soso. Fein. Nur erklärt hast du damit trotzdem nichts. Du bist einfach rumgezogen?“
Ethan nickt. „Hat mich nicht an einem Ort gehalten. Halbes Jahr auf der Flucht, und danach…“ Er zuckt leicht mit den Schultern. „Keine Ruhe gefunden.“
Die Bemerkung lässt Dad besorgt dreinsehen. „Hast du das heute auch noch? Ich meine, wirst du etwa wieder abtauchen?“
Ethan schüttelt den Kopf. „Nein, Dad. Ich versprech’s.“
„Fein.” Alan wieder. “Aber was hast du die ganze Zeit gemacht?“
Ethan zuckt wieder mit den Schultern. „Hier einen Job, da einen Job. Unterschiedlich. Vermont, jetzt. Weile schon.“
Der letzte Teil seiner Antwort lässt Fiona aufhorchen. „Vermont?“ platzt es aus ihr heraus. „So nah?! So nah, und jetzt… Tauchst hier einfach so auf!“
Ihr Tonfall ist seltsam. Enttäuscht, ja, wütend, ja, aber gar nicht so sehr auf Ethan selbst, kommt es ihm vor. Oder zumindest nicht nur. Wobei. Vermutlich bildet er sich das auch einfach nur ein.

„Ich hab dich ü-ber-all gesucht!” fährt seine Schwester jetzt fort. „Da war dieser Typ in der Zeitung, in Texas war das, der sah aus, wie ich mir vorstellte, dass du inzwischen aussehen würdest, also bin ich hingefahren und hab mit dem Sheriff geredet. Aber der kannte den schon von Kind auf, das konntest also nicht du sein.“
Mom hat in dem Moment die Hand vor den Mund geschlagen, als Fi sagte, sie war in Texas. „Wie konntest du nur? Einfach wegfahren… und wir… wir wussten nicht…“
„Ich wusste davon“, wirft Dad ein. Das macht die Sache aber auch nicht besser, weil Mom nun auf ihn losgeht, wie er ihr das verheimlichen konnte, und Dad zu erklären versucht, dass es Fiona wichtig gewesen sei und dass er es ihr deswegen erlaubt habe, auch wenn er unglücklich darüber war, weil alles mögliche hätte passieren können und…
Aber das Hin und Her zwischen seinen Eltern bekommt Ethan gar nicht so richtig mit. Während die miteinander diskutieren, starrt er seine Schwester aus großen Augen an.
„Du warst in Dimmitt?“
„Ja, i— Moment, wie, was weißt du von Dimmitt?“
„Zeitung“, erklärt Ethan. „Bild. Der Typ. Albert. Dachte Alan. Musste hin.“
„Hä?“ Das ist Alan, sein Tonfall misstrauisch, ja verächtlich. „Was dachtest du?“
Ethan wirft ihm einen Blick zu. „Na dass du das vielleicht wärst. Musste hin.“

Alan schnaubt nur. Sonderlich beeindruckt scheint ihn das Geständnis nicht zu haben. Statt dessen will er wieder wissen, was Ethan denn nun gemacht habe in der ganzen Zeit.
„Verfolgt werden“, versucht Ethan es wieder. „Konnte nicht zurück. War nicht sicher. Hätte euch alle in Gefahr gebracht. Und dann… dann war es sicher, und dann hab ich wen kennengelernt. Hab mich niedergelassen. Dachte, jetzt kann ich euch endlich wieder kontaktieren, nur dann… dann ist meine Freundin gestorben, und dann…”
Er kommt ins Stocken. Oder Fi unterbricht ihn. Oder beides. Definitiv beides.
„Wie ist sie gestorben?“
Ethan verzieht das Gesicht. Atmet tief durch. „Hirnschlag. Aneurysma. Danach… bin ich weitergezogen. Hat mich wieder nicht an einem Ort gehalten.“ Er zögert. „War ‘ne Weile nicht ganz… stabil.“
Fionas Wut scheint verraucht, zumindest für den Moment. „Das ist doch auch absolut verständlich! Wenn einem sowas passiert!“
„Der arme Junge“, bedauert Dad ihn. „So ganz alleine!“
„War nicht alleine“, murmelt Ethan. „Hatte Hilfe.“ Die zwei Jahre vor Portland jedenfalls. Danach… Andere Geschichte. Aber dieser Tonfall in Dads Stimme eben war so… weinerlich. Nein. Falsches Wort. Aber irgendwie so, dass bei Ethan ein Protestreflex angesprungen ist.

Alan ist auch schon auf den Barrikaden. „Was heißt hier ‘der arme Junge’? Das war ja wohl seine Entscheidung! Der wird ja wohl zwischendrin auch mal an einem Telefon vorbeigekommen sein oder an einer Polizeistation – und überhaupt! Zehn Jahre sind eine lange Zeit; wer weiß, ob es nicht gefährlich ist?“

Elender Drecksmist. Hat er gerade seine Familie in Gefahr gebracht? Aber… nein. Der Harrdhu ist lange tot, Ethan hatte unterwegs kein Auto längere Zeit an sich dranhängen, und falls wirklich etwas wäre – er wirft einen schnellen Blick durch den Raum. Das Messer, mit dem Fiona die Eistorte geschnitten hat, ist gut groß und wuchtig. Die Kuchengabeln bestehen aus reinem Silber – das feine Kaffeebesteck für die besonderen Anlässe eben. Die Stehlampe, aus der man mit einem schnellen Griff eine Stromfalle machen kann. Die Vorhänge, um etwas einzufangen oder zumindest lange genug zu behindern. Unter den Tisch oder zur Tür oder aus dem Fenster schubsen, wen er erreichen kann, den Rest hinterherkommandieren. Sich selbst dazwischenwerfen. Nein. Es wird nichts sein. Aber falls… nur falls… doch… Er wird nicht zulassen, dass seiner Familie etwas passiert. Ethan sieht seinen Bruder direkt an.
„Wär nicht gekommen, wenn es gefährlich wäre.“

Alan schnaubt. „Klar, dass du das sagst. Aber hey… so wie du aussiehst – woher wissen wir, dass nicht du gefährlich bist?“
Au. Verdammt. Argument. „Hast recht“, erwidert Ethan trocken. „Wisst ihr nicht.“ Er zögert einen Moment lang, hadert mit sich, ob er das jetzt wirklich bringen soll, und ist gleichzeitig amüsiert ob der Ironie. „Special Agent Jonathan Saitou vom FBI.“
„Hä? Was soll uns der Name jetzt schon wieder sagen?“
„Der kennt mich“, führt Ethan aus. „Fragt den, wenn ihr wollt.“
Alans Augenbrauen ziehen sich zusammen. „Was hast du mit dem FBI zu tun?“
Drecksmist. War so klar. „Zusammenarbeit“, murmelt Ethan.
„Als Informant??“ Das ist Fiona, die ihn unverwandt ansieht. Ihre Augen leuchten richtiggehend.
„Nee“, wiegelt Ethan schnell ab. „Kenn den halt.“

„Was ist in der Nacht jetzt eigentlich genau passiert?“, beharrt Alan. „Das hast du immer noch nicht gesagt.“
Ethan holt tief Luft und versucht es nochmal. „Da war der Mörder. Hansen Road aufgelauert. Hatte Klingen. Messer. Jungs erwischt. Mich erwischt.“ Er öffnet die obersten Knöpfe seines Hemdes. Zieht es soweit über die Schulter herunter, dass man die Narben sehen kann, was ein erschrecktes Luftholen bei Mom auslöst. Knöpft das Hemd dann wieder zu. „Bin nur gerannt und gerannt und gerannt.“ Er macht eine unbestimmte Handbewegung. „Einfach nur Glück gehabt.“
Alan runzelt die Stirn. „Und der Mörder ist dann gestorben. Aber du hast ihn nicht umgebracht.“
„Nein“, bestätigt Ethan. „Hab ich nicht.“
„Hat er dir etwas angetan?“ fragt sein Vater voller Besorgnis.
Ethan schüttelt den Kopf. Nicht so, wie Dad denkt, jedenfalls. Der scheint nur sein „Nein“ nicht so recht zu glauben.
„Aber jetzt bist du ja hier“, sagt Dad. „Du bleibst doch, oder? Ich meine, du… du tauchst nicht wieder unter, oder?“
Ach, Dad. Ethan kann ja verstehen, dass sein Vater Angst hast, er würde wieder abhauen. Aber wie oft muss er es denn noch versprechen?
„Mm-mm. Mach ich nicht.“

Moms Gesichtsausdruck hat sich verändert. Nach dem Schrecken über die Narben gerade sieht sie jetzt beinahe misstrauisch drein. „Weil du Hilfe hattest… Ethan, bist du etwa ein Terrorist?“
Er müsste beinahe lachen, wenn ihm nicht so viel daran gelegen wäre, ihren Argwohn zu zerstreuen. Und außerdem kann er es ihnen nicht mal verdenken.
„Nein, Mom“, formuliert Ethan sehr sorgfältig. „Ich bin kein Terrorist.“
„Oder hast du dich einer Sekte angeschlossen?“
„Nein, Mom. Ich bin in keiner Sekte. Ich bin Hausmeister. In Vermont.“

„Hausmeister.“ Das ist Dad, und sein sorgfältig kontrollierter Tonfall zeugt von Enttäuschung. „Beim FBI?“
„Nein. Uni. University of Vermont.“
Jetzt mischt sich Fiona wieder ein, die nach ihrer Frage eben still dagesessen hat, in der es aber offenbar ziemlich arbeitet. „’Hausmeister’, ja klaaaaaar!“
Oho. Offensichtlich denkt sein kleines Schwesterchen wegen seiner FBI-Bemerkung, er sei Geheimagent oder sowas. Hmmm. Vielleicht gar nicht schlecht. Könnte von der nicht aussprechbaren Wahrheit ablenken.
„Aber du wolltest doch immer studieren und… und…“, stottert Mom indessen, bricht dann hilflos ab.
„Joah“, brummt Ethan, „halt nicht. Hausmeister.“ Reib es rein, Mom. Es ist nun mal, wie es ist. Leb damit.
Dad hat sich wieder einigermaßen von der Enttäuschung gefangen, oder zumindest gibt er das vor. „Der Hausmeister an Fionas Schule hat sich in Abendkursen fortgebildet. Das könntest du doch auch tun?“
Während Ethan noch überlegt, wie er auf diesen gutgemeinten Vorschlag reagieren soll, kommt unerwartete Schützenhilfe von Fi und ihrer Fehleinschätzung. „Maaaann, Dad! Wenn der undercover ist, hat er keine Zeit für Abendkurse!“
Ihr Bruder schnaubt verächtlich. „Undercover. Ja klaaar.“
„Garantiert!“ schießt ihm Fiona entgegen.
„Dann frag ihn doch, was er die ganze Zeit gemacht hat, vielleicht gibt er dir ja Antwort!“
Mom sieht entnervt zwischen ihren beiden jüngeren Sprösslingen hin und her. „Kinder! Euer Bruder ist zurück, nicht streiten!“
Ja. Das wäre Ethan allerdings auch mehr als recht. Von dem Gezänk seiner Geschwister, auch wenn es nicht ernst gemeint sein mag, fühlt er sich überfordert und unbehaglich, und von Dads Klammern und Moms Stepford-Getue noch viel mehr. Ja, er hat es verdient, und ja, sie verarbeiten damit irgendwie das, was er ihnen angetan hat, und es ist wie es ist, und er wird es aushalten. Er muss. Er wird. Aber trotzdem.

„Na immerhin siehst du… sportlich aus“, versucht Dad jetzt seine Enttäuschung über die unpassende Berufswahl seines Ältesten zu verdrängen. „Als seist du viel draußen.“
„Bin auch viel draußen“, murmelt Ethan, dankbar über die einfache Antwort, bei der er in keiner Weise irgendwie ausweichen muss.
„Ja“, fällt Mom ein, „du bist ja schon immer gern und viel draußen rumgelaufen, mit Jesse und Ryan und— oh.“ Sie schweigt betreten.

„War so oft drauf und dran“, entfährt es Ethan. „Auf der Gala. Hab dich da gesehen, Mom.“
Seine Mutter sieht ihn überrascht an. „Auf was für einer Gala?“
Er hebt leicht die Schultern. „Da letztens. Hollywood.“
Mom reißt ungläubig die Augen auf. „In Hollywood?“
„Mhmhm.“
„Und ich dachte noch, ich hätte deine Stimme gehört“, sinniert sie, „aber als ich mich umdrehte, war da niemand. Aber warum hast du nicht…“
Verlegen verzieht Ethan das Gesicht. Fährt sich mit beiden Händen in die Haare. „Wollte ja. Aber war feige. Hab dich gesehen, aber dann war….“
Beinahe hätte er sich verplappert. Um ein Haar wäre ihm ein ‘aber dann war der Mann bei dir nicht Dad’ herausgerutscht, aber in letzter Sekunde kann er sich stoppen. Zum Glück hat er ohnehin schon den ganzen Abend gestockt beim Reden, so dass es hoffentlich nicht auffällt, als er den Satz anders beendet, als er das ursprünglich vorhatte. „… da so viel los. So viele Leute. Der ganze Saal. Konnte nicht. Feige. Tut mir so leid.“
Mom sieht ihn gerührt an. „Ach, Ethan.“ Wenn er noch ein Kind gewesen wäre, dann hätte sie ihm jetzt durch das Haar gewuschelt, ihm ein Stück Schokolade gegeben und ihn nach draußen zum Spielen geschickt. Genau der Tonfall war das.
Er lächelt schwach. Jetzt klingt Mom wenigstens nicht mehr so fürchterlich aufgesetzt.

„Darf ich dir was zeigen, Ethan?“
Ethan sieht zu seiner Schwester. „Klar.“ Dann blinzelt er verlegen, wirft einen Blick in die Runde. „Ähm. Entschuldigt ihr uns einen Moment?“
„Sicher“, sagt Mom. Alan zieht finster, aber kommentarlos, die Brauen zusammen, und Dad macht ein Gesicht, als habe er Angst, dass sein Sohn sich in Luft auflöst, sobald er den Raum verlässt, aber er nickt. Also folgt Ethan Fiona neugierig, und nicht wenig erleichtert, der seltsamen Stimmung im Wohnzimmer für den Moment entkommen zu sein, die Treppe hinauf in deren Zimmer.
Oben angekommen, öffnet die junge Frau ihren Schrank und wirft erst einmal achtlos zahllose Kleidungsstücke auf ihr Bett. Ethan fragt sich schon, ob sie ihren Modegeschmack mit ihm teilen will, aber dann wird ihm klar, dass die ganzen Klamotten vor allem zur Tarnung dienen. Dass sie das verbergen, was sich an der Rückwand des Schranks befindet. Ethan muss zweimal hinsehen, ehe er erkennt, was es ist. Eine Karte der Vereinigten Staaten, ja klar, das war schon gleich beim ersten Blick ersichtlich. Aber über und über mit Pins besät. Mit Löchern, wo früher einmal Pins gesteckt haben. Und mit dünnen Fäden, die zwischen ein paar der Stecknadeln gespannt sind. Als er das erst mal kapiert hat, ist der Sinn und Zweck der Karte eindeutig. Sie zeigt all die Spuren, denen Fiona nachgegangen sein muss, um ihn zu finden.
„Da warst du überall? Wow.“

Geknickt sieht seine Schwester ihn an. „Hab ich überhaupt irgendwo richtig gelegen? Hat überhaupt irgendwas gestimmt?“
Ethan betrachtet die Karte sehr sorgfältig und ganz aus der Nähe, ehe er nickt. Fi muss ganz schön rumgekommen sein, wenn er sich die Karte so ansieht. Bestimmt 50 Nadeln, und viel mehr Löcher. Im Nordwesten von Texas ist ein Loch. Natürlich. Die falsche Albert-Fährte. Dass Ethan tatsächlich auch in Dimmitt war, das wusste Fi ja bis eben nicht.
Viele der Pins zeigen Orte, die Ethan im Leben noch nicht gesehen hat. Andere stecken in Großstädten, wo Ethan natürlich schon mal war, mehr als einmal sogar, aber wo er keine Möglichkeit hat zu sagen, ob Fiona einer echten Spur dorthin gefolgt ist oder einer unzusammenhängenden Information.
Aber die Namen einiger Kleinstädte erkennt er wieder. Spencer, Tennessee. Da war er mit Cal, ziemlich am Anfang. Shandon, Kalifornien. Das war da, wo diese ganze Schulklasse verschwunden war, so vor fünf, sechs Jahren. Ethan verzieht das Gesicht. Ein ganzer Bus voller Schüler verschollen. Am Leben, als er sie fand? Vier. Ganze vier. Limestone, Maine, zwei Meilen von der kanadischen Grenze. Ethans linker Mundwinkel zieht sich ganz leicht nach oben, als er sich daran erinnert, wie er dort oben seinen Job angeboten bekommen hat. Crested Butte, Colorado. Und Baltic, Connecticut. Huh.

Nacheinander zeigt Ethan auf die fünf Stecknadeln. „Da.”
Fiona berührt den Baltic-Pin leicht mit der Fingerspitze. „Echt? Woooow. Bei dem war ich eigentlich fast sicher, dass du das nicht sein kannst, weil das Foto so unscharf war. Aber ich wollte nichts unversucht lassen.”
„Foto?”
Fi nickt und kramt aus der hinteren Ecke des Schranks einen richtig dicken Ordner hervor, blättert darin und zieht dann ein körniges Zeitungsfoto heraus. Reicht es Ethan hin. Der schnaubt ein bisschen ungläubig – das Bild zeigt Barry und Irene und ihn mit den geretteten Teenagern vor der alten Schule. Das Bild ist viel zu ungenau, um groß Details zu erkennen, aber an ihrer Körperhaltung wird die Erschöpfung trotzdem deutlich. Kein gestelltes Foto, sie sind alle in Bewegung, Artie eng an Ethan gedrängt. Das war direkt, bevor sie in die Krankenwagen gestiegen sind, fällt Ethan ein. Wer hat denn da fotografiert? Einer der Polizisten vielleicht? Egal.

Seine Schwester sieht indessen verlegen auf den prallgefüllten Ordner in ihrer Hand. „Weißt du, ich war so enttäuscht, weil ich dich nicht gefunden habe”, sagt sie leise. „Und dann kamst du einfach von selbst. Das war total egoistisch von mir. Tut mir leid.”
Ethan schüttelt sachte den Kopf. „Schon gut.”
„Ich wollte dich unbedingt heimbringen”, spricht Fi weiter. „Da war die ganze Zeit dieser Schatten über der Familie. Dieses unsichtbare, Ethan-förmige Loch. Alan hat das echt nicht gut weggesteckt.”
Ethan seufzt. „Hab ich gemerkt.” Er lässt den Kopf hängen. „Es tut mir leid.” Wieder mal.
„Es hat schon auch seinen Grund, warum er Polizist geworden ist, weißt du.”
Und nicht etwas Besseres. Au. Verdammt.
„Mmhmm. Verständlich.”

Verlegen und auch ein bisschen neugierig sieht Ethan sich im Zimmer um. Alles sehr aufgeräumt. Möbel aus hellem Holz, auf dem Schreibtisch die sorgfältig gestapelten und sortierten Überreste der Lernerei für die Abschlussklausuren. Keine Poster an den Wänden, sondern Fotos, die Fi und einige andere Mädchen zeigen – Freundinnen offensichtlich. Wenig Kleinkram, der einfach so herumsteht, aber viele Parfümflaschen und Schminkutensilien. Ein großer Standspiegel. Zahlreiche vollgestellte Bücherregale.

Ethan muss lächeln, als sein Blick auf das Regalbrett mit Oz-Romanen fällt. „Hab erst vor kurzem wieder einen bekommen.” Fi sieht zu ihm. „Hmmm?” „Zauberer”, erklärt Ethan. „Hatte all die Jahre keinen, stell dir vor.” „Muss das langweilig gewesen sein”, sinniert Fi, was Ethan ein weiteres Schmunzeln entlockt. „Rumgezogen”, erläutert er dann. „Wenig Gepäck. Und habs nicht so mit Büchern, eigentlich.”
„Solltest du aber”, rät ihm seine Schwester. „Bücher sind toll.”
„Mmmhm”, macht Ethan. „Mein bester Freund ist Schriftsteller.”
„Oh? Kenn ich den?”
Ethan macht ein fragendes Gesicht. „Barry Jackson?”
„Nie gehört. Was schreibt der so?” „Horrorthriller”, erwidert er. ‘Mindfuck’ hat Barry es mal selbst genannt, aber das Wort kommt Ethan irgendwie nicht so recht über die Lippen, auch wenn er den Begriff natürlich von zahllosen Filmen kennt.
Fi schüttelt sachte den Kopf. “Sowas lese ich nicht”, lässt sie ihren Bruder wissen. „Eigentlich mehr Sachbücher.” Ethan nickt. „Paar Sachbücher hab ich auch.”

Ein Moment vergeht schweigend, dann sieht Fiona Ethan direkt an. „Erzähl denen da unten irgendwas, um sie zu beruhigen.”
Ethan verzieht das Gesicht. „Mag die nicht anlügen.”
Diese Bemerkung lässt Fi kurz seltsam dreinschauen, aber dann nickt sie. „Erzählst du es mir irgendwann?”
Drecksmist. Er sollte nicht. Er sollte auf gar keinen Fall. Das ist viel zu gefährlich. Aber andererseits hat Fiona so viel Mühe in die Suche nach ihm gesteckt, so viel Herzblut…
Ethan bedenkt seine Schwester mit einem langen, forschenden Blick. Seufzt. „Kann’s dir nicht versprechen”, sagt er schließlich langsam. „Aber okay. Mal sehen.”
Fi lächelt ihn an. „Mehr brauch ich jetzt gar nicht hören.”

„Wieder runter?” fragt Ethan dann, nachdem er Fionas Karte noch einmal ausgiebig bewundert hat.
„Geh schon mal vor”, empfiehlt Fi. „Ich muss den Schrank wieder einräumen. Jetzt ist es zwar eigentlich egal, aber Mom weiß nichts von der Karte, und es wäre mir ganz recht, das bleibt so.”

Unten zieht Ethan einen Stuhl zu Alans und setzt sich neben den Jüngeren. Sucht nach den richtigen Worten, während Dad verstohlen zu ihnen herüberschaut und dann seiner Frau einen Stubs gibt. „Sieh nur, Dorothy. Unsere Söhne. Zusammen. Hättest du je gedacht, dass…” Gerührt bricht er ab und tastet nach Moms Hand.
Ethan wirft einen vorsichtigen Blick nach links. „Oh Mann.”
Alan sieht seinen Bruder finster an. „Wenn du mir was sagen willst, sag’s.”
Oh Mann, Alan. Ich würde dir so gerne alles sagen. Das wäre so eine Erleichterung. Vielleicht würde dann dieses Misstrauen in deinen Augen verschwinden. Auch wenn ich’s nur zu gut verstehe. Würde mir ja nicht anders gehen. Aber ich kann nicht. Es geht nicht.
Ethan verzieht das Gesicht. „Es tut mir leid.” Alles. Dass er es Alan nicht sagen kann. Dass Dad diesen Heiligenschein um Ethan gezogen hat, nachdem er verschwunden war; einen Heiligenschein, den er so überhaupt gar nicht verdient. Dass es Alan so dreckig gegangen ist, während er weg war. Dass er schuld daran ist, wie es Alan jetzt geht. ‘Es tut mir leid.’ So kleine Worte. So wirkungslos. Was können sie auch helfen? Was kann Alan sich dafür kaufen? Gar nichts.

Sein kleiner Bruder schnaubt bitter. „Und was soll ich darauf jetzt antworten?”
Dass du die Entschuldigung annimmst. Dass es vielleicht nicht okay ist, aber dass wir irgendwann wieder klarkommen, du und ich. Verdammt, Alan, du bist mein Bruder.
„Musst gar nichts antworten. Sollst es nur wissen.”
Alan schnaubt wieder. Deutet ein Ausspucken an. „Warum soll ich mir das geben. Ich geh jetzt.” Abrupt steht er auf, schiebt seinen Stuhl mit einer heftigen Bewegung unter den Tisch.
Die drei übrigen Gales, Ethan ebenso wie seine Eltern, reagieren auf ganz genau dieselbe Art und Weise. „Alan, bleib, bitte!”
Aber der schüttelt nur angewidert den Kopf. „Hey, vielleicht geh ich für zehn Jahre, mal sehen, ob euch das auffällt!”
Und damit ist er aus der Tür.

Ethan folgt seinem Bruder in den Flur. Aber auf sein „Alan, warte!” reagiert der nicht, sondern reißt die Haustür auf und stürmt in die Dämmerung hinaus. Knallt die Tür hinter sich zu. Um ein Haar wäre Ethan ihm nach, hat die Tür schon wieder geöffnet, aber auf der Schwelle hält er inne, lässt Alan doch gehen. Kehrt ins Wohnzimmer zurück, wo er sich schwer auf seinen Stuhl fallen lässt und den Kopf in den Händen vergräbt.
Es wäre beinahe zum Lachen, wenn es nicht so weh tun würde. Von seiner ganzen Familie hat er sich an diesem Abend gerade Alan am Nächsten gefühlt. Okay, Fiona auch, oben in ihrem Zimmer, aber den Rest des Abends über? Alan, definitiv. Der wusste ja nicht, warum Ethan ihm nicht die gewünschten Antworten geben konnte, und hatte völlig recht, nicht aufzugeben – und wenn Ethan an seiner Stelle gewesen wäre, hätte er ganz genau dieselben bohrenden Fragen gestellt.
„Drecksmist”, entfährt es ihm. Und natürlich hat Dad es gehört. „Ethan! Anstand!”
Jaja. „Sorry.”

„Ich werde Alan anrufen.” Das ist Mom, die ihr Handy schon herausgekramt hat.
Ethan schüttelt den Kopf. Das wird nichts helfen, so geladen, wie sein kleiner Bruder gerade ist. „Lass ihn.”
Dads Stimme ist schneidend. „Du wirst jetzt nicht deiner Mutter vorschreiben, dass sie in ihrem eigenen Haus ihren Sohn nicht anrufen darf!”
Ethan lässt die Schultern sinken. Wirft in einer abwehrenden, zerknirschten Geste beide Hände in die Luft. Entschuldige. Du hast natürlich recht. Ich bin ein Eindringling hier. Ich war fast elf Jahre lang nicht da. Es geht mich gar nichts an, und natürlich habe ich Mom nichts vorzuschreiben.

Mit einem tiefen Seufzen sieht Dad Ethan an. „Ich hätte dich niemals aufgeben dürfen. Mir nicht einreden lassen dürfen, dass du tot sein musst. Wir sind schuld daran – ich bin schuld daran, dass…” Er stockt, setzt neu an. „Wir sind nicht für dich da gewesen.”
Ethan schüttelt den Kopf. „Nicht eure Schuld!” hält er seinem Vater entgegen. In ziemlich heftigem Tonfall, aber seine eigene Anspannung macht sich jetzt auch bemerkbar.
„Doch, natürlich”, beharrt Dad. „Wir sind deine Eltern! Wir waren für dich verantwortlich! Wir waren nicht da, als dieser Mörder dich umbringen wollte, wir waren nicht da, als deine Freundin gestorben ist…"
„Aber ihr wart an dem Abend nicht dabei! Ihr konntet nichts dafür, was passiert ist!”

Jetzt beginnt Moms perfekte Hausfrauen-Fassade, die sie beinahe den ganzen Abend lang so sorgfältig aufrecht gehalten hat, erstmals zu bröckeln. „Ethan, fahr deinen Vater nicht an! Du verschwindest für zehn Jahre völlig spurlos, und dann tauchst du auf einmal wieder auf und erwartest, es muss alles so sein wie früher und -” „Nein!” bricht es aus Ethan heraus, bricht ein ganzer Damm in ihm, und die Worte bahnen sich in zusammenhängenden, ganzen Sätzen, wie er sie seit Jahren nicht über die Lippen bekommen hat, ihren Weg nach draußen. Strömen aus seinem Mund wie Blut aus der Halsschlagader. „Nein, das erwarte ich nicht! Das geht doch gar nicht, das kann doch keiner erwarten! Ich kann euch nicht mal verdenken, wenn ihr mich hochkant rauswerft und nie wieder sehen wollt! Und wenn das so ist, dann ist es so! Aber ich wollte wenigstens, dass ihr wisst, dass es mir gutgeht! Dass ich am Leben bin!”

Jetzt fällt Moms Maske ganz und gar. Einen Herzschlag lang ringt sie sichtlich um Kontrolle, dann fällt sie in sich zusammen und beginnt haltlos zu weinen. Wortlos schließt Dad die Arme um sie.

Alles in Ethan schreit danach, auch zu seiner Mutter zu gehen. Sie ebenfalls in den Arm zu nehmen. Sie zu trösten, irgendwie. Er macht einen zaghaften Schritt auf Mom zu, aber er bringt den Mut nicht auf. Steht zögernd und mit gesenktem Kopf vor seinen Eltern.
„Ich… ist vielleicht besser, wenn ich gehe…”
Dad sieht entsetzt auf und zu seinem Sohn hin. „Nein, du kannst doch jetzt nicht wieder gehen! Nicht, nachdem du so lange fort warst!”
Ethan erwidert Douglas’ Blick kläglich. Muss sich anstrengen, um das Geständnis an dem Hindernis in seinem Hals vorbei zu bugsieren. „Ich hab das so oft gewollt, euch zu kontaktieren. Aber erst war es nicht sicher, und als es dann endlich sicher gewesen wäre, war…” Da ist es doch wieder. Das Stocken. Das Versagen bei dem Versuch, seine Gedanken einigermaßen verständlich aus dem Mund zu bekommen. „war die… die Mauer schon so hoch gezogen. War… war das Gewicht schon… schon so schwer.”
Ich konnte nicht. All die Jahre. Verschwendet. Verloren. Es tut mir so unendlich leid.
Unsicher steht Ethan da. Zweifelnd. Hat keinerlei Ahnung, was er tun soll. Er würde am liebsten flüchten, aber Flucht kommt nicht in Frage. Das ist er seiner Familie schuldig. Und sich selbst.

Vielleicht kann sein Vater sehen, wie es in Ethan arbeitet. Oder vielleicht arbeitet es ganz ähnlich in Dad selbst. „Keine Mauer“, versichert er Ethan entschieden. „Kein Gewicht. Wir sind doch eine Familie. Deine Familie.”
„Du bist doch unser Kind!” setzt Mom heftig hinzu. „Es ist so vieles so anders, aber das ändert sich doch nie, du bist doch unser Kind!!”
Dad nickt. „Wir haben dich so vermisst.”
„Ich euch auch.” Die Worte klingen rau von dem Kloß in seinem Hals, an dem sie vorbei müssen, und irgendwie wirken die Gestalten seiner Eltern verdächtig verschwommen gerade.
Durch den Schleier sieht Ethan Mom auf ihn zukommen, ehe sich einen Moment später ihre Arme um ihn legen und Ethan die Umarmung erwidert, so fest er nur kann. Von der anderen Seite drückt Dad sowohl seinen Sohn als auch seine Frau an sich, und kurze Zeit später kommt auch Fiona dazu, die offenbar fertig ist mit Aufräumen oben.
Ethan lässt das Kinn auf Moms Schulter sinken und schließt die Augen, und es ist ihm egal, dass die anderen vielleicht bemerken könnten, wie etwas von ihm abfällt, das beinahe elf Jahre lang auf ihm gelastet hat wie ein unverrückbarer Berg. Wie er den Tränen freien Lauf lässt. Nichts zu verbergen. Sie sind seine Familie. Er ist zuhause.

So stehen sie als kleines Knäuel, als Familie, bis sie sich irgendwann langsam voneinander lösen. Und jetzt doch noch etwas essen, von Fionas Salat, der die ganze Zeit über vergessen auf dem Tisch gestanden hat. Und zum Nachtisch gibt es Eistorte. Geschmolzen. Egal.

Alan fehlt. Alan fehlt sehr. Auch wenn es keinerlei Vergleich ist, glaubt Ethan jetzt wenigstens ansatzweise zu verstehen, was Fi vorhin mit dem Ethan-förmigen Loch gemeint hat. Denn zumindest für ihn fühlt sich das Alan-förmige Loch im Raum gerade ungefähr ähnlich groß an. Die Feindseligkeit seines Bruders schmerzt gewaltig. Aber daran lässt sich ja vielleicht etwas ändern. Das hofft Ethan jedenfalls von ganzem Herzen. Mit der Zeit vielleicht.

Natürlich wollen sie seine Kontaktdaten. Adresse. Telefon. E-Mail. Skype-Kennung. Gibt er ihnen alles. Gibt er ihnen gerne. Vermutlich wird er sein Versprechen noch ungefähr zehn Millionen Mal wiederholen müssen, aber das ist keine Überraschung nach dem, was war, und ein kleiner Preis. Er sagt es gerne zehn Millionen Mal, wenn er muss. Er wird den Kontakt nicht abreißen lassen. Natürlich wird er das nicht. Sie sind seine Familie. Er. Wird. Nie. Wieder. Spurlos. Verschwinden.

Genauso natürlich wollen sie, dass er über Nacht bleibt. Und genauso natürlich sagt Ethan zu. Gar keine Frage. Ob es gleich mehrere Tage werden, wie seine Familie das gerne hätte, oder er am Montag früh wieder zurück muss, das kann er jetzt noch nicht sagen. Das hängt von Bones Gate ab. Aber zumindest morgen gehört ihnen. Und eigentlich sollten ein paar Tage freimachen doch drin sein. Ethans Arbeitszeiten sind ohnehin ziemlich unregelmäßig.

Beinahe, nur beinahe, bereut Ethan seine Zusage, als Mom und vor allem Dad darauf bestehen, dass er in seinem alten Zimmer übernachtet. Die haben darin nichts verändert. So gar nichts. Niemand hat darin etwas angerührt. Okay, doch. Die Bettwäsche haben sie gewechselt, dem Himmel sei Dank. Immerhin. Sonst wäre das Projekt ‘Ethan schläft in seinem Jugendzimmer’ ganz, ganz schnell gestorben. Auch so ist es schon beklemmend genug, von seinen alten Sachen umgeben zu sein, und er hätte das Gästezimmer am anderen Ende des Flurs eindeutig vorgezogen. Aber er kann ja auch irgendwo verstehen, dass sie gerne wollen, dass er sein altes Zimmer nimmt. Immerhin ist es seines. Auch wenn sie es inzwischen zu einem Schrein gemacht haben. Gut, dass Giffany das nicht weiß, denkt er mit einem schiefen Grinsen, als er sich auf sein Bett fallen lässt. Die würde sonst vielleicht noch eifersüchtig.

Einschlafen kann Ethan trotzdem nicht. Lange sitzt er auf seinem Bett und sieht sich um. Nimmt immer wieder irgendwelche von seinen alten Sachen in die Hand, dreht sie hin und her. Es fühlt sich so seltsam an, in diesem Zimmer zu sein. Irgendwann hat er genug. Es ist ziemlich spät, nach Mitternacht, aber das macht hoffentlich nichts. Er greift nach seinem Handy. Und wählt Samanthas Nummer.

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