Mädchenkram - Supernatural

Der Pessach-Tisch-Dämon
aus Flann's Sprachnotizen

Flann Breugadair’s Diary über den Pessach-Tisch-Dämon

Lautes Rascheln, Motorengeräusche, im Hintergrund läuft Rock-Musik über einen Satelitenradiosender, der problemlos in den ganzen USA zu empfangen ist.

„Also gut, dann wollen wir mal. Ich bin gerade auf dem Weg von New York nach Boston. Hatte ein sehr interessantes Wochenende und versuche jetzt die wichtigsten Eckdaten festzuhalten, um später weiterhin alle Geschichten überblicken zu können.
Bin Gestern am frühen Morgen südlich von New York gewesen, als ich in einem Lokalsender plötzlich Nachrichten über verrückte Vorkommnisse in Brooklyn hörte. Es gab offensichtlich Begebenheiten, die den ersten 4 der 10 biblischen Plagen sehr ähnelten. Mein Monstertrigger ist sofort umgesprungen und ich habe einen Abstecher nach Brooklyn gemacht, mich in einem kleinen Motel eingemietet und mir die nötigsten Dinge, wie Mückenspray und Gummi-Handschuhe, besorgt, bevor ich mich zu Fuß zu einem der möglichen Ursprünge der Vorkommnisse bewegt habe. Hatte inzwischen bereits erfahren, dass einher mit diesen biblischen Plagen auch eine Mordserie gestartet war, die ihren Ursprung in Borough Park hatte.
Wie es der Zufall wollte stolperte ich vor einem Antiquitätenhändler direkt in zwei Jäger, wovon ich zumindest eine der beiden Personen schon kannte: Irene Hooper-Winslow, eine attraktive Blondine mit englischem Akzent und gewinnendem lächeln, die ich auf Mitte bis Ende 30 schätzen würde. Hatte sie vor ein paar Wochen in einem Roadhouse in North Carolina gesehen, wie sie sich mit einem anderen Jäger über seltsame Vorkommnisse unterhielt, in die Engel verwickelt sein sollten.
Muss gestehen, dass ich durch sie einen kurzen Moment abgelenkt war, denn ich bemerkte erst nach unserer kurzen und verständlicherweise sehr förmlichen Begrüßung, dass sie nicht alleine war, sondern von einem weiteren, sehr viel jüngerem Jäger Namens Lyle Winters begleitet wurde. Er machte auf mich eher den Eindruck eines verlorenen Jungen, als den eines Jägers, zuckte aber im Verlauf der späteren Ermittlungen mit keiner Wimper. Außerdem hat er eine schnelle Auffassungsgabe. Vielleicht sollte ich ihn mal in eine meiner Aktionen einbeziehen. Vorher muss ich aber noch mehr über ihn in Erfahrung bringen.“

Geräusch vom Schlürfen eines Getränks, danach scharfes Einatmen.

„Mist… noch zu heiß… Okay, wir unterhielten uns kurz auf der Straße und Irene erklärte, dass sie, bzw. Ihre Firma, vor kurzem ein antikes Möbelstück an diesen Händler verkauft hatte, dessen Fensterfront übrigens ein riesiges Loch aufwies. Irene hatte schon einen Termin mit dem Besitzer ausgemacht und wir wurden in die Wohnung gebeten.
Die Besitzer des Ladens, eine Familie Druker, zeigte sich sichtlich beunruhigt. Sie wussten nicht wirklich, ob die Vorkommnisse in Brooklyn bei Ihnen ihren Ursprung hatten, wurden aber bereits von einer vagen Ahnung beschlichen, dass dies durchaus der Fall sein konnte. In der folgenden Stunde konnten wir folgendes herausfinden: Die Drukers waren praktizierende Juden, sie hatten einen antiken Tisch von Irenes Firma bezogen und diesen in ihren Geschäftsräumen unten im Erdgeschoss aufbewahrt. Sie feierten gerade den Beginn des Pessach-Festes, einem Fest zur Erinnerung an den erfolgreichen Auszug der Juden aus Ägypten, so weit ich dass verstanden habe, als sie von unten, aus den Geschäftsräumen, seltsame Geräusche und eine laute Stimme hörten, die etwas auf einem alten Hebräischen Dialekt sprach. Sie verstanden die Worte >>Es befindet sich Gesäuertes im Haus!<< , die drei mal wiederholt wurden, bevor es ein lautes Klirren gab. Als sie nach unten in den Laden kamen fanden sie ihn leer vor und ihre Frontscheibe war eingeschlagen.
Wir baten die Drukers daraufhin nach mehr Informationen über die alten hebräischen Geschichten, die sich um diesen Pessach-Tisch drehten, während wir ihn selbst einmal in Augenschein nahmen. Lyle erwies sich als sehr findig und entdeckte eine Möglichkeit die Tischplatte zu verschieben und darunter ein fast menschengroßes Fach freizulegen, in dem wir Kräuterspuren und einige Schriftzeichen entdeckten. Solche Schriftzeichen hatte ich bisher noch nicht gesehen, aber Lyle kamen sie als Engelssymbole bekannt vor, mit denen man Engel rufen oder Dämonen binden könne, oder umgekehrt, oder beides. Es war eine ungenaue Deutung, aber immerhin hatten wir damit eine ungefähre Idee, was vorgefallen sein konnte: Ein hebräischer Dämon ist aus dem Tisch Auferstanden, als das Pessach-Fest begann und machte sich von hier aus auf den Weg und brachte andere praktizierende Juden um, die in dieser Gegend lebten.“

Scharfes Bremsgeräusch, gefolgt von Hupen.

„Pass doch auf Du Idiot!“

Geräusch von einem beschleunigenden Motor.

„Wo war ich? Hmm… ah ja: Ben Druker gab uns noch ein altes Werk über hebräische Mythologie, Irene rief ihren Mann in Übersee an, um von ihm mehr Informationen über den Tisch zu erbeten und wir fanden an der Fensterfront noch einige olivgrüne Kräuterspuren, die denen aus dem Tisch ähnelten. Außerdem gab uns Ben noch den Tipp im jüdischen Gemeindezentrum vorbeizuschauen, wenn wir noch mehr Informationen über den jüdischen Glauben und Aberglauben erfahren wollten. Irene bekam dann noch einen Rückruf aus Europa, bei dem man ihr Mitteilte, dass der Tisch damals in die Bestände der Firma(?) aufgenommen worden war, da er in Bezug zu einem Dämon stand, der aber seither nicht wieder aufgetaucht war. Es hatte da wohl einen Vorfall mit diesem Tisch gegeben, aus dem ein Dämon hervorgesprungen kam und die Familie eines Rabbis ermordete, bis der Sohn der Familie diesen mit dem Namen Gottes besiegte, dabei jedoch auch selbst getötet wurde.
Nach Erhalt dieser Nachrichten verabschiedeten wir uns von den Drukers und wollten uns zunächst zur Beratung in ein kleines Restaurant setzen.
Bevor wir uns für etwas entscheiden konnten, erhielt Irene einen Anruf von einem alten Bekannten, der sie spontan in Brooklyn treffen wollte. Sie entschied, dass wir alle ihn zusammen treffen sollten, da er sich ebenfalls mit übernatürlichen Dingen auskannte. Stellte sich als ein Doktor Nelson Akintola vor, der zudem Professor für irgendwas in Seattle war. Der erste schwarze Professor den ich je kennengelernt habe.
Naja, abgesehen davon, dass er überrascht schien Irene nicht für sich alleine zu haben, war er sehr gefasst beim Thema Übernatürliches und erklärte sich bereit das Buch der Drukers einmal querzulesen, während ich mich umzog und für meinen Auftritt als Richard Taylor vorbereitete.
Wir hatten beschlossen zunächst einmal die Tatorte genauer unter die Lupe zu nehmen und zu schauen, was die Polizei bisher schon herausgefunden hatte. Als ich zurückkam, erfuhr ich, dass Dr. Akintola in dem Buch ein Bild des Dämons finden konnte mit einer kurzen Beschreibung seines Wirkungsfeldes. Offenbar eine Art Rachedämon, der die Gläubigen für ihre Fehler bestrafen sollte.
Diese Erkenntnisse deckten sich dann auch mit den Hinweisen die wir über den Tag noch sammelten: Spuren an den Tatorten, die eindeutig auf den Dämon auf dem Bild wiesen und Hinweise der Polizei, die die Opfer als Juden auf dem Weg zum, oder vom weg zurück vom Gebet beschrieben. Natürlich hatten alle diese Gläubigen irgend etwas falsch gemacht, was sie in den Augen des Dämons zum Ziel seiner Rache werden ließen.
Warum zeitgleich auch die Zehn biblischen Plagen starteten, als der Dämon mit seinem Werk begann, kann ich leider nicht sagen, aber zumindest hatten wir nun die Hoffnung beide Probleme zusammen mit dem Dämon beerdigen zu können.
Dafür mussten wir allerdings erst mal herausfinden, wie man dem Dämon schaden konnte, und da sich dazu leider nichts im schlauen Buch der Drukers befand, machten wir tatsächlich einen Abstecher ins jüdische Gemeindezentrum.“

Raschelnde Geräusche, ein Abbruch der Tonspur, Wiederbeginn der Aufnahme, Blinkergeräusche.

„Hatte mich im Gemeindezentrum kurzerhand als Romanautor ausgegeben und unser Ansprechpartner dort fraß mir buchstäblich aus der Hand, nachdem ich mir von Ihm das versprechen abringen ließ, ihm zur Korrektur Einblick in das Buch zu gewähren und ihn dafür Namentlich zu erwähnen. Schmeicheleien sind doch immer wieder ein Türöffner.
Wir bekamen daraufhin unsere restlichen Puzzlestücke Freihaus geliefert: Der Tisch wurde dem Rabbi von einem Christen geschenkt, der ihn offenbar mit dem darin verborgenen Dämon vernichten wollte. Es handelte sich wirklich um einen Rachedämon und dieser sei nur mit Hilfe des wahren Namens Gottes zu besiegen, könne aber durch andere heilige Reliquien, wie zum Beispiel das Blasen eines Widderhorns gelähmt werden.
Wir bekamen eine alte Schriftrolle zu sehen, auf der sich der wahre Name Gottes in geschriebener Form fand, fotografierten diesen, um ihn später auf Aufkleber zu kopieren. Außerdem erhielten wir, nach einem kurzen Überredungskunststück von Lyle und mir, ein echtes Widderhorn. Das verrückte war, dass Lyle es sogar spielen konnte. Der Junge musste offensichtlich einige verrückte Sachen machen, bei dieser Sekte, in der er aufgewachsen war.
Gerüstet mit unserem neuen Wissen machten wir uns daran die Aufkleber anzufertigen, noch einen Scheinwerfer von Irene mit dem Schriftzug zu präparieren und die Route des Dämons zu berechnen, so dass wir ihm in der Nacht auflauern konnten.
Der Rest ist dann gute alte Jägerarbeit gewesen. Lyle konnte den Dämon mit einem anscheinend perfekt gespielten Widderhornsignal lähmen und Irene machte ihn mit einem großen Kampfmesser handlungsunfähig, so dass ich ihm einen unserer Aufkleber auf die Stirn pappen konnte, was ihn sofort zu Staub und Kräutern zerfallen ließ. Haben die Kräuter dann noch angezündet, um ganz sicher zu gehen. Doppelt hält besser.“

Blinkergeräusche, leiser werdendes Mototengeräusch, abstellen des Wagens.

„So… hätten wir das also auch mal wieder geschafft. Ach ja, Irene hat zur Nachsorge den Tisch wieder zurückschicken lassen und versprochen mit den Drukers in Kontakt zu bleiben, bis alles geklärt wäre. Wir haben noch unsere Kontaktdaten ausgetauscht und sie wollte sich mal kundig machen, ob es eventuell eine Hexe gäbe, die bereit wäre mir bei meinem Problem zu helfen. Bis das so weit ist, werde ich mich mal hier in Salem aufschlauen. Denke aber, dass ich mit Irene Hooper-Winslow endlich an die Person mit den Richtigen Kontakten in der Jägerszene geraten bin, um mit meinen Nachforschungen weiterzukommen.

Klicken. Ende der Aufnahme.

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... while my guitar gently wheeps

And tell me how I’m supposed to feel
When all these nightmares become real
‘Cause I don’t know

(Rise Against, Crossroads)

Es ist dunkel in George, Washington. Aus der Ferne klingen die Geräusche des alljährlichen Sasquatch Festivals herüber, während ein Pärchen engumschlungen in einer Gasse verschwindet. Im Lichtkegel einer einsamen Strassenlaterne küssen sie sich, erst zärtlich, dann immer leidenschaftlicher. Plötzlich erscheint ein Schatten, wie ein Spinnenbein, hinter dem Mädchen. Der junge Mann sieht es aus den Augenwinkeln, sieht, wie der Schatten immer größer wird, und löst sich mit angstgeweitetem Blick von seiner Partnerin. Ein Schrei entfährt ihm, in Panik rennt er davon. Die junge Frau ist zunächst verwirrt, ist es ihre Schuld? Doch dann sieht auch sie, wie sich überlebensgroße Spinnenbeine in ihr Sichtfeld schieben, und voller Angst folgt sie dem jungen Mann aus der Gasse.

Partytime! Endlich raus aus der Uni, endlich Party machen, Musik hören, chillen, und gucken, wer und was am Start ist. Niels hatte das Gefühl, dass es eine Ewigkeit her war, dass er vor die Tür kam und mit anderen Menschen etwas unternahm, die nicht seine Cousine oder der Porträtkurs von Professor Ippolita Gomez waren. Will Hensley und seine Clique hatten ihn eingeladen, mit ihnen auf das Sasquatch Festival nach George zu fahren. Er hatte zuerst etwas gestutzt, als er den Ortsnamen gehört hatte, aber da weder Will noch sonst jemand aus der Runde gelacht hatte, hatte er beschlossen, hinzunehmen, dass der Ort tatsächlich hieß wie der erste Präsident der USA. Wenn er eines gelernt hatte, seit er hier war, war, dass die Amerikaner da ganz andere Massstäbe anlegten als die Deutschen. Begeistert hatte er zugesagt, nicht zuletzt, weil er insgeheim hoffte, vielleicht doch jemanden auf dem Festival kennenzulernen. Er war nicht über Philip hinweg – noch lange nicht – aber was konnte es schaden, sich einmal umzugucken. Andere Mütter hatten auch schöne Söhne.

Das Festivalgelände lag am Ufer eines Sees, und war weit mehr als nur ein Musikfestival. Es gab Stände für alles mögliche und unmögliche Zeug, indianisches “Kunsthandwerk”, keltische Schmuckstücke, vegane Wraps und laktosefreies Bier (an das, was die Amerikaner allerdings “Bier” nannten, hatte Niels sich noch nicht gewöhnen können).
Die Besucher bauten ihre Zelte auf, und kurz danach waren alle im Getümmel verschwunden. Es war noch hell, obwohl die Uhr gegen Abend zeigte. Niels beschloss, erst einmal die Gegend auf sich wirken zu lassen, er nahm seinen Zeichenblock aus dem Rucksack und begann mit ein paar Skizzen. Eines Tages, nahm er sich vor, würde er seiner Mutter ein großes Paket schicken mit den Zeichnungen, die er im Laufe der Zeit angefertigt hatte. Er musste allerdings dafür sorgen, dass sie niemals seinem Vater in die Hände fielen, denn ansonsten fand der noch heraus, wo sein Jüngster sich aufhielt, und einer von Niels’ wiederkehrenden Alpträumen war, dass Gustav Heckler vor seiner Tür in der Harry Truman Student’s Hall stand und ihn aufforderte, nach Hause zu kommen und Geister zu jagen.
Du bist mein Fleisch und Blut, du kannst es nicht verleugnen. Du bist wie ich.
Nein, niemals.

Aus dem Augenwinkel fielen ihm zwei junge Frauen auf, die eine mit einem brünetten Pagenschitt, die andere rothaarig und blass. Sie schienen sich angeregt zu unterhalten und spielten auf dem Smartphone der einen herum. Er beschloss, sie schnell in ein paar Strichen zu zeichnen. Kurz darauf standen beide auf, ohne bemerkt zu haben, dass sie sein Motiv gewesen waren, und gingen den Hügel hinauf in Richtung Stadt.

Niels legte den Zeichenblock zur Seite und nahm jetzt ebenfalls sein Smartphone heraus. Ein paar Fotos machen für die Leute zuhause und für seine Schwester. Dass sein Vater über diesen Weg jemals herausfinden könnte, wo sein Sohn war, fürchtete er nicht, im Gegenteil, im Internet fühlt er sich sicher vor ihm, denn Computer, Fernsehen und alles, was damit zu tun hatte, waren in Gustav Hecklers Augen Teufelswerk.
Er rief seine Facebook-Seite auf, um die Bilder hochzuladen, und wurde gleich als erstes von einem Foto von Philip begrüßt, der mit einer Flasche Bier in der einen Hand und Arne aus dem Kunstgeschichte-Seminar an der anderen Hand eine lustige Party feierte. Alles in ihm krampfte sich zusammen. Verdammte Axt, hörte dieser Scheiß auch mal auf? Die Lust zu feiern war ihm vergangen. Er musste sich ablenken, irgend etwas kaputt schlagen, ansonsten, das wusste er, würde er Philip wieder etwas schreiben, es umschreiben und nochmal umschreiben und am Ende doch nicht abschicken, oder ihn anrufen und die Mailbox vollheulen. Eigentlich war er ein Feigling, dass er einfach so abgehauen war, er hätte kämpfen müssen – ein Heckler gibt nicht kampflos auf, Aaron, ein Heckler kämpft bis zum letzten – aber jetzt war es zu spät.

Missmutig stieg er den Hügel hinauf, eigentlich wusste er gar nicht, wo er genau hinwollte, aber am See sitzenbleiben wollte er nicht. Vielleicht gab es in der Stadt irgend etwas ordentliches zu trinken oder zu essen, nach veganen Quinoaburritos stand ihm wenig der Sinn, da revoltierte der Bayer in ihm. Ein Mann braucht Fleisch und Bier, und kein Vogelfutter.

Immer noch in Gedanken, fand er sich plötzlich in einer Gasse wieder, und er war offensichtlich nicht der einzige, der überlegt hatte, dass man in George, Washington wohl noch mehr finden konnte. Neben ihm ging eine junge Frau, blond und zierlich, sie erinnerte ihn vage an dieses Filmsternchen, auf das Philips Schwester Lara so abfuhr. Von der anderen Seite näherten sich zwei weitere Frauen, Niels erkannte in ihnen die beiden Mädchen, die er auf der Wiese gezeichnet hatte.

Während er so vor sich hinschlenderte, die Gedanken immer noch bei Philip, hörte er auf einmal Gitarrenspiel. Es war eine eingängige, sehr traurige Melodie, der Gitarrist legte viel Gefühl in sein Spiel. Was Niels ebenfalls auffiel, war die Tatsache, dass der Lärm des Festivals in der Gasse scheinbar völlig verebbt war, nur das leise Gitarrenspiel war noch zu hören.

Plötzlich blieb er stehen. Vor ihm, im Kegel der Strassenlaterne, bewegte sich etwas, es schien direkt aus dem Boden zu kriechen, eine Hand, ein Schatten, ein kleiner, hektischer Pantomime. “Krasse Effekte,” murmelte da das vermeintliche TV-Sternchen neben ihm, “aber die Musik ist ziemlich mau im Gegensatz dazu.” Noch bevor Niels etwas antworten konnte, waren auch die anderen beiden jungen Frauen auf das schattenhafte Wesen aufmerksam geworden, die Brünette griff nach der ausgestreckten Hand und begann daran zu ziehen. Die Rothaarige versuchte sie daran zu hindern, doch sie war erfolglos gegen die Neugier ihrer Freundin. Aber die zog ihre Hand schon zurück, während sie entsetzt rief “Igitt, das ist ja ganz nass und klebrig!”

Sie versuchte, die Hand abzuschütteln, da kam ihr das TV-Sternchen zu Hilfe und rang das Wesen nieder, mit dem Einwickelpapier ihres “Vegan Cheese and Parsley gluten-free Quinoa Burrito” gelang es ihr, den Schatten einzuwickeln. Niels staunte. Zum einen war wenigstens das Papier von diesem Zeug nützlich, und zum anderen hatte er erwartet, dass Mädchen anders auf solche Wesenheiten reagierten, eben – mädchenhafter.

Jetzt lag der kleine Schatten zitternd in essbares Burrito-Papier gehüllt vor ihnen, er wirkte so gar nicht bedrohlich. Die Brünette sah es an und meinte dann, dass es sich um den Geist eines Ertrinkenden handeln müsse, so wie der erste Geist, dem sie begegnet sei. Niels murmelte halblaut, dass Geister nicht klebten, ganz gleich, ob sie von Ertrunkenen, Erhängten oder Erschossenen stammten hör genau zu, Aaron, das wird dir das Leben retten, aber die Brünette plapperte munter weiter, bis sie merkte, dass das Einwickelpapier-Mädchen sie etwas irritiert ansah und sie fragte, ob sie das ernst meine. Die Brünette wiegelte ab, anscheinend hatte sie das alles nicht laut sagen wollen, und als das Mädchen nachhakte, erklärte sie, das habe sie nicht ernst gemeint.

Die Rothaarige hatte sich derweil zu dem zappenden Wesen begeben und sagte: “Wenn du uns nichts Böses willst, dann halte mal still!” Das Wesen gehorchte, es hörte auf, sich heftig zu bewegen, sondern zitterte nur noch. Das Einwickelpapier-Mädchen schien das als Zeichen zu deuten, dass der kleine Schatten ihnen wirklich nicht böse gesonnen war, und sie zog das Papier ab. Das Wesen war jetzt frei, doch es floh nicht. Die Rothaarige versuchte weiterhin, Kontakt mit ihm aufzunehmen, indem sie fragte “Können wir dir helfen?” Sie liess es zu, dass das Wesen sie berührte, doch an ihrer ganzen Haltung konnte Niels sehen, dass es keine angenehme Berührung war. Dann löste sie die Verbindung, und der Schatten verschwand.

Für einen Moment war es still in der Gasse, nur das Gitarrenspiel war noch zu hören, leise, und Niels konnte beim besten Willen nicht sagen, woher es kam.

Die drei Mädchen entspannten sich derweil, die Brünette stellte sich als Coco vor, sie war Journalistin und machte einen Podcast zu übersinnlichen Phänomenen. Ihre rothaarige Freundin hieß Julianna, und Niels war sich sicher, dass das, was auf ihrer Schulter saß, und was er zuvor auch neben dem Wesen hatte sitzen sehen für einen kurzen Moment, ein Eichhörnchen war. “Seid ihr so was wie ein Hexenzirkel?” fragte er, denn die drei schienen ihm doch einen Tick zu sehr vertraut mit solchen Situationen. Julianna – Juli – wiegelte schnell ab, sie zumindest studiere Biologie. Das eine schloß das andere ja nicht aus, fand Niels, aber er sagte nichts.

Das dritte Mädchen war tatsächlich Amanda Vayne, und während Coco begeistert auf diese Nachricht reagierte und Amanda mit tausend Fragen bestürmte, musste Niels feststellen, dass sie das ANDERE Sternchen war, auf das Lara so stand. Er kam sich gerade sehr dumm vor, aber er spielte einfach die “tut mir leid, ich bin Deutscher aus Bayern”-Karte, seine Universalentschuldigung, wenn er wieder etwas nicht wusste.

“Was war denn das jetzt?” fragte eines der Mädchen in die Runde, doch niemand wusste eine Antwort. Niels überlegte, dass dies einer der Momente war, in denen er bedauerte, dass die Luger in einem sicheren Schrank im Wohnheim lag. Dann aber fiel ihm ein, dass er sowieso kein Steinsalz mehr hatte – er hatte es bisher nicht gewagt, seine Cousine um welches zu bitten, und so griff er sich nur an die rechte Hosentasche seiner Baggy Pants, wo er das Gewicht der kleinen Bibel spürte, die er seit seiner Kommunion immer mit sich herumtrug.

Das Wort des Herrn hat Gewicht, Aaron. Er hat uns unsere heilige Pflicht auferlegt.

Es wurde schnell klar, dass Niels und die drei jungen Frauen den Vorfall nicht auf sich beruhen lassen konnten. Niels wusste, dass das Wesen übernatürlichen Ursprungs sein musste, und zu seinem äußersten Unmut sprangen seine Jägerinstinkte an. Zielsicher steuerte er auf das Festivalgelände zu, wo sich eine Traube von Menschen um eine Gruppe junger Frauen versammelt hatten. Aus dem Stimmengewirr konnte Niels entnehmen, dass eine von ihnen eben von etwas Kleinem, Schnellen, Klebrigen berührt worden war, und ihre Freundinnen versuchten, sie zu beruhigen. “Was ist passiert?” fragte er, sein Tonfall eine Spur zu harsch, und entsprechend sahen ihn die Mädchen an. Klang er jetzt etwa wieder wie einer dieser Hollywood-Nazis mit furchtbarem deutschen Akzent? Noch bevor er sich entschuldigen konnte, kamen seine drei Begleiterinnen hinzu, um die jungen Frauen zu beruhigen und zu befragen. Anscheinend wirkten sie weniger einschüchternd als er, denn jetzt berichteten die vier um das Mädchen, das von dem Schatten berührt worden war, was passiert war.
Mehrere Menschen kamen jetzt näher, unter anderem ein Mann, der meinte, er habe auch Gitarrenspiel gehört.

Die vier jungen Jäger horchten auf. Gitarrenspiel? Coco zögerte nicht lange und liess sich von einem der anderen Besucher eine Gitarre geben. Sie überlegte kurz, dann zupfte sie das, was sie gehört hatte, nach. Für Niels klang das zunächst eher wie einfaches Herumgezupfe, aber dann wurde es dennoch zu einer Melodie, nichts besonderes, aber doch eingängig.

“Das war es nicht,” meinte jedoch der Mann, der angegeben hatte, das Gitarrenspiel gehört zu haben, “gib mir mal die Gitarre”. Coco reichte sie ihm, und nun lauschten alle seinem Spiel. Es war ein Unterschied, fand Niels, so sehr Coco sich auch Mühe gegeben hatte, sie war wohl keine geübte Spielerin, aber der Typ hier sehr wohl. Während er spielte, murmelte Julianna etwas vor sich hin. “Schwestern.. die eine ertrinkt, die andere kann sie nicht retten..” war alles, was Niels verstand. Was ging hier vor? Ging der Geist einer der Schwestern hier auf dem Festival um? Aber wie er bereits zu Coco gesagt hatte, Geister klebten nicht, und er ging fest davon aus, dass dies hier keine Ausnahme von der Regel war.

Noch während er überlegte, was es mit Juliannas Vision auf sich hatte – das Wesen musste sehr mächtig sein, wenn es so etwas bei ihr auslösen konnte – bemerkte er, dass ein junger Mann etwas abseits stand, aber sehr interessiert zu ihnen und dem Gitarrespieler herübersah. Langsam kam er näher, und Niels spürte, wie wieder seine Jägerinstinkte die Oberhand zu übernehmen drohten- merkst Du es, Aaron, wie es durch deine Adern fließt, das Blut der Jäger, das Blut der Hecklers, du bist einer von uns. “Ihr solltet die Finger davon lassen.” Dingdingding, Jackpot! “Und warum?” Niels merkte, dass er wieder ruppiger war, als er eigentlich sein wollte, sei doch mal verbindlicher, Alter.

Der junge Mann antwortete nicht, er trat von einem Bein aufs andere und sah sich ängstlich um. “Hi,” sagte Coco und ging auf ihn zu, “ich bin Coco. Kannst du uns mehr erzählen?” “Ich bin Kenny,” stellte sich der junge Mann vor, und ein flüchtiges Lächeln huschte über sein trauriges Gesicht. So nett und verbindlich wie sie würde er nie werden, musste Niels sich eingestehen, und er überlegte, wie er dazu beitragen konnte, dass der junge Mann sich wohlfühlte. “Ich geh mal Bier holen,” erklärte er, denn er hatte festgestellt dass das, was die Amerikaner Bier nannten, auch hier Zungen löste und die Leute reden ließ.

“Na, das mit der Gitarre. Also die, die ihr hört. Die ist von Christina Ragall. War so ‘ne berühmte Gitarrenbauerin,” erklärte Kenny, dankbar nahm er währenddessen das Bier an. “Aber das ist doch nicht alles,” bohrte Julie freundlich nach, “da steckt doch mehr dahinter. Du kannst uns vertrauen.” Niels merkte, dass seine schlechte Laune etwas abflaute, aber dennoch ärgerte es ihn, dass die Mädchen mehr Erfolg hatten, Kenny eine Antwort abzuringen. Aber vermutlich stand der einfach nicht auf Männer.

“Und ihr solltet die nicht spielen. Echt nicht. Das ist gefährlich.” Er nahm einen tiefen Schluck, und in Gedanken rechnete Niels durch, wieviele Biere er Kenny ausgeben konnte, bevor er zum nächsten ATM musste. “Was genau ist denn so gefährlich?” wollte eines der Mädchen wissen. Unbewusst schob sich das kleine Grüppchen von der Menge weg, die jungen Frauen schienen sich auch wieder beruhigt zu haben und auch die umstehenden Leute hatten sich wieder zerstreut und gingen, um irgendwelchen Indie-Bands zuzuhören.

“Die Gitarre, die macht so ihre Runde auf dem Festival, wisst ihr. Wenn man die einmal spielt, dann hilft sie einem, ein Lied gegen einen Albtraum zu finden,” erklärte Kenny. Niels horchte auf. Es waren also tatsächlich keine Geister, wie er vermutet hatte.
“Und wenn man die Gitarre ein zweites Mal spielt, dann fallen alle Schatten von einem ab und man hat das Jahr seines Lebens. Aber das hat seinen Preis.” Er machte ein Pause und nahm noch einen Schluck. ”Nach dem Jahr stirbt man.”

Niels verschluckte sich beinahe an seinem Bier-Imitat. Was für eine abgefahrene Scheiße ging denn hier ab?

“Und ich, ich hab die Gitarre letztes Jahr zweimal gespielt,” fuhr Kenny fort, in jedem seiner Worte schwang das Bedauern mit. “Aber mir gings echt dreckig damals,” setzte er wie zu einer Entschuldigung hinzu. Er seufzte und nahm noch einen Schluck, dann hielt er Niels den leeren Becher hin. Ein schneller Gang zum Bierstand brachte Nachschub, und Kenny fuhr mit seiner Erzählung fort. “Ich hatte wirklich das Jahr meines Lebens. Aber jetzt ist meine Freundin schwanger, und meine Zeit läuft heute ab, und ich.. ich.. man kann die Gitarre auch dreimal spielen. “ Er nahm wieder einen tiefen Schluck. “Dreimal?” fragte eines der Mädchen leise. “Dreimal. Beim dritten Mal kann man jemanden von den Toten zurückholen, aber die Seele des Spielers ist dann auf ewig in der Musik gefangen.” Niels beobachtete seine Begleiterinnen. Täuschte er sich, oder huschte da gerade ein wissendes Aufblitzen über Amandas Gesicht?

“Die Gitarre, die geht hier so auf dem Festival rum. Momentan hat Marlowe sie,” schloß Kenny seine Erzählung, doch schon wurde er von den Mädchen bestürmt, dass er sie zu Marlowe brachte. Widerwillig trottete Kenny los, die drei jungen Frauen und Niels im Schlepptau.

Kurz darauf standen sie vor einem dunkelhaarigen Mann Anfang 20, der eine hölzerne E-Gitarre spielte, auf deren Korpus das Bild eines Drachen ins Holz geschnitzt war.

Amanda kannte offensichtlich keine Scheu und ging auf Marlowe zu, der sein Spiel unterbrach und begann, sich leise mit ihr zu unterhalten. Aus ihren Wortfetzen war zu hören, dass es wohl um ihre Schwester ging.

Niels beobachtete die Szenerie aus einiger Entfernung, denn Kennys Worte hatten einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen. War es möglich, dass er, wenn er die Gitarre nur einmal, nur ein einziges Mal spielte, Philip endlich würde vergessen können und wieder frei wäre? Was hatte er nach mancher einsamer Nacht gehofft, dass es am nächsten Morgen endlich vorbei war, dass er aufwachte und Philip ihm nicht mehr im Kopf und vor allen Dingen im Herzen herumspukte. Es hieß, die erste, die große Liebe, die vergaß man nie, doch im Moment wollte er nichts lieber als das.

Er spürte, wie sein Mund Worte zu formen begann, die er eigentlich nicht sagen wollte, er hörte, wie er nach dem Instrument fragte, doch eigentlich wollte er das nicht, das war zu einfach, zu billig..

Dämonen versprechen einem alles, Aaron, hörst du? Alles!

Er machte einen Schritt auf Marlowe und Amanda zu, da spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Vorsichtig drehte er sich und sah in Cocos dunkle Augen. “Ich möchte eine Geschichte erzählen,” sagte sie leise, “von meinem Vater. Er hat im Krieg schlimme Dinge gesehen, die er nicht verarbeiten konnte, und deswegen Rohypnol genommen. Er dachte, das sei ein schneller Weg, um seine Albträume verarbeiten zu können, aber es hat ihm nicht geholfen. Dann hat er angefangen, uns zu schlagen, wenn er nicht mehr weiter wusste. Einfache Lösungen sind nie das, was sie zu sein scheinen, sie ziehen immer einen Rattenschwanz an Probleme nach sich.” Niels sah sie erstaunt an, und er glaubte, ungeweinte Tränen in ihren Augen zu sehen. Sie wirkte so unglaublich stark und unbeschwert, und niemals hätte er gedacht, dass sie eine solche Last mit sich herumtrug.

“.. ich habe die Gitarre dann von Sadie bekommen,” erzählte Marlowe gerade Amanda, und holte Niels damit in die Wirklichkeit zurück. “Sadie hat die Gitarre dreimal gespielt, um mich ins Leben zurück zu holen.” Marlowe seufzte und setzte sich wieder auf das Mäuerchen, auf dem er die ganze Zeit gesessen und gespielt hatte. Alles an seiner Körperhaltung zeigte sein großes Bedauern über Sadies Tat und seine Trauer. “Sie hatte die Gitarre von einer gewissen Isabelle, schon seit längerer Zeit, und sie hat sie dann dreimal gespielt, um mich zurück zu bringen.” Er bemerkte den fragenden Blick der vier und erklärte dann: “Sie war meine Freundin. Sie hat mich geliebt, und ich, ich hatte nichts besseres zu tun, als besoffen gegen einen Laster zu fahren. Sie hat sich das Ding” – wie zur Unterstützung seiner Aussage hielt er die Gitarre hoch – “für mich gespielt und ist einfach verschwunden.”

Julianna trat einen Schritt vor und sah Marlowe freundlich an. “Darf ich mir das Instrument mal ansehen?” fragte sie. Der junge Mann schien nicht im Geringsten verwundert zu sein über ihre Bitte, er zog sich den Gurt über den Kopf und reichte ihr die Gitarre. Julianna betrachtete das Instrument von allen Seiten, und Niels hatte den Eindruck, dass auch das Eichhörnchen, das bisher unbeteiligt auf ihrer Schulter gehockt hatte, sich der Expertise anschloß.

“Und du “ – Marlowe wandte sich plötzlich direkt an Niels – “willst wirklich nicht spielen?”

Niels erstarrte. Noch immer Cocos Hand auf seiner Schulter spürte er, wie sein rechter Arm sich heben wollte, nach dem Instrument greifen, es sich umlegen wollte, um zu spielen. Doch vor seinem inneren Auge sah er plötzlich Philip vor sich, der nur traurig den Kopf geschüttelt hatte, als er ihm gestanden hatte, dass er fremdgegangen war – es war doch nur ein bedeutungsloser Kuss, und er wusste, dass er trotz allem, was geschehen war, diesen dummen Idioten immer noch liebte.

“Die einfachen Lösungen sind nie die Besten,” antwortete er, und gab sich Mühe, seine Stimme fest und männlich klingen zu lassen, “und vielleicht will ich ihn gar nicht vergessen. Ja, verdammt, es gibt Tage, da wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass er zurückkommt, und alles ist wie früher, und dann gibt es die Tage, da möchte ich ihn an die Wand klatschen, weil ich ihn so abgrundtief hasse für das, was er mir angetan hat, aber fuck, Alter, ich will ihn nicht vergessen. Ich muss da durch, egal wie weh es tut.”

Marlowe schien nicht beeindruckt von Niels’ Ansprache zu sein. “Dann eben nicht. Du hattest deine Chance,” sagte er. “Ich für meinen Teil, ich werde dieses Ding dreimal spielen, denn ich hoffe, dass ich dann Sadie endlich wiedersehe. Schaut nicht so, ich bin mir sicher, dass sie tot ist. Ich habe sowieso nur noch dieses Festival.” Er sah seine Besucher durchdringend an. “Was glaubt ihr denn, was ich für einen Schatten auf mir hatte, als meine Freundin ihre Seele für mich aufgegeben hat?”

Niels spürte, dass er jetzt irgendetwas tun musste, bevor er doch der Versuchung unterlag, und mit einem der Bannsprüche, die ihm Benedikt beigebracht hatte, untersuchte er die Gitarre. Es war einfach nur eine Gitarre mit einer Schnitzerei. Kurzzeitig überlegte er, dass sein Bruder jetzt dennoch empfohlen hätte, das Instrument zur Sicherheit zu verbrennen, aber er war sich sicher, dass das zu unschönen Verwicklungen führen würde, wenn er fremder Leute Eigentum verbrannte im offenen Gelände.

Derweil hatte Amanda eine Idee. Sie zerrte Kenny näher, der inzwischen ziemlich betrunken zu sein schien. “Marlowe, du hast Kenny im letzten Jahr die Gitarre gegeben, und er hat sie zweimal gespielt. Er wird heute nacht sterben, und so würde sein ungeborenes Kind ohne Vater aufwachsen. Aber wenn du für ihn spielst, dann kann er wiederkommen, und du wirst in der Musik aufgehen und bei Sadie sein.”

Warum waren sie denn darauf nicht früher gekommen? Auch Kenny war einverstanden, auch wenn er wahrscheinlich in diesem Moment gar nicht verstand, auf was er sich da eingelassen hatte.

Marlowe reichte dem zierlichen Mädchen die Hand, um den Deal zu besiegeln, und sie setzten sich zu ihm an die Mauer, um die restliche Zeit zu überbrücken. Plötzlich, kurz nach Mitternacht, stand Kenny auf, um irgendwohin zu gehen, er sagte nicht, wohin. Bevor noch einer der vier oder Marlowe ihm nachlaufen konnten, hörten sie plötzlich einen großen Tumult, von einem der Wagen war ein Faß heruntergefallen und hatte den jungen Mann tödlich am Kopf getroffen. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, nahm Marlowe die Gitarre in die Hand und begann, zu spielen.

Es war eine Sache von Sekunden: Noch während Kenny sich vom Boden erhob, verwundert die Schläfe reibend und dann von einem Sanitäter fortgeführt wurde, fiel die Gitarre mit einem dumpfen Geräusch zu Boden, und Marlowe war verschwunden. Coco sprang schnell vor, um das Instrument aufzuheben, niemand hinderte sie daran, Kennys wundersame Heilung schien alle Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sobald er aus dem Sanitätszelt zurück war, würde sie sie ihm geben.

Niels überlegte kurz, ob er ihr die Gitarre doch noch abnahm, um sie zu verbrennen, doch er hatte keine Lust, es sich mit seinen neuen Bekannten und vor allen Dingen Coco zu verscherzen. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass dies trotz allem der Beginn einer wunderbaren Freundschaft war.

Einige Tage später: Die Gitarre wird Kenny anvertraut, und Nummern und Email-Adressen ausgetauscht, falls er Fragen hat. Auch die Mädchen und Niels tauschen ihre Email-Adressen und versprechen sich, in Kontakt zu bleiben.

When the night is cold
And you feel like no one knows
What it’s like to be the only one
Buried in this hole

You can make it to the sunrise
(Our last night, Sunrise)

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Allies with Benefits
"Gespräche"

Cal wirft dem Hochhaus einen skeptischen Blick zu. Es muss zwar nicht immer ein Motel sein, in dem er erst mal die Kakerlaken aus der Dusche spülen muss, aber das… Das ist doch Absicht. Ihm heimzahlen, dass er sie beim letzten Mal in so ein Drecksloch eingeladen hat. Und demonstrieren, dass sie sich mit Pfund-Noten den Arsch abwischt.
Wenn man da drin nicht rauchen darf, schmeißt er jemanden aus dem Fenster.
Immerhin ist er vorhin von seinen schmutzigen Armeeklamotten in ein normales Shirt und Jeans gewechselt. Weniger auffällig? Wer weiß, aber er hat doppelt so schlechte Laune in dem Kram, was immerhin hilft, wenn man idiotische Prepper anschreit… „in militärischen Taktiken trainiert“, die wahrscheinlich nächste Woche irgendeine Farm besetzen und einen eigenen Staat ausrufen.
Aber von irgendwas muss man seine Jungs ja bezahlen.
Er ignoriert das verkniffene Lächeln des Portiers und den Empfang und geht gleich zu den Aufzügen. Zimmer 1403 ist natürlich ganz weit oben. Bestimmt mit Blick auf die Wasserfälle.
Mit der Faust hämmert er an die Tür. „Hey. Ich bin’s.“

Irene trägt figurbetonende Yogaklamotten und ein spöttisches Lächeln, als sie die Tür öffnet.
“Hey, ich war vor einer dreiviertel Stunde an den Fällen. Meine Ohren haben sich schon wieder erholt.”

Ihre Haut hat einen rosigen Touch. Vorhin war sie zwei Stunden an den Niagarafällen. Eigentlich wäre sie gerne noch länger geblieben, aber dann wuchs das Unbehagen, weil es unhöflich ist, sich nicht zu melden, obwohl man schon lange vor Ort ist. Hätte sich nicht spontan das Treffen mit Cal ergeben, hätte sie den gesamten Abend dort verbracht, bis die Wasserwerke sich ihren Teil des Flusses abgreifen. Es war nicht schwer, sich für zwei kurze Tagesetappen zu entscheiden, wenn dieses Naturschauspiel fast in der Mitte liegt. Ein guter Grund, nur schnell zu sehen, ob Harris in Vermont irgendwas braucht und extrafrüh aufzustehen, um gleich wieder abzuhauen. Irene liebt Wasser. Wasser spült die Sorgen fort. Sie konnte vorhin regelrecht spüren, wie sich die steile Falte auf ihrer Stirn geglättet hat, die sie seit der Gala in Hollywood mit sich herumschleppte.
Bis auf die Knochen durchgekühlt aber wesentlich entspannter hat sie mit klammen Fingern getippt: “Bin am Fluß. Fälle machen zu viel Krach zum Telefonieren. Hotel The Giacomo. Zi. 1403. Halbe Stunde aufwärts. Okay?” Jetzt heizt ihr Körper immer noch nach.
Es ist kein Zufall, dass sie diesmal die obligatorische Bar ausklammern will. Zuviele ernste Probleme zu besprechen. Weltbewegende Probleme. Zeug, das die Frage, ob sie es kommen sieht, wenn Tam Jackson sie umbringen will, lächerlich erscheinen lässt. Gut, dass Cal direkt Zeit hatte. Der kann sie wieder auf den Teppich bringen.

Jetzt steht er in der Tür und verströmt diese Art von schlechter Laune, die bei ihm schon soetwas wie eine Kunstform geworden ist. Verdammt, sie hätte sich auch ein bißchen früher schon eingestehen können, dass die sms vorgestern nur eine verdeckte Frage danach war, wo er ist und ob er Zeit hat. Verdammt.

“Komm rein!” Sie streicht sich durchs Haar und beobachtet hungrig, wie er den Raum abschätzt. Ausmaße, Deckung, Ausgänge. Er merkt das wahrscheinlich nicht mal mehr. Vollblutjäger.

Eine ganze Suite, natürlich. Cal wirft einen Blick um sich und ist beruhigt, dass trotz Irenes suspektem Lächeln kein bewaffneter Angreifer hinter dem Vorhang wartet. Das Misstrauen bekommt er so schnell nicht raus, obwohl sie jetzt… was sind? Freunde eher nicht. Verbündete?
Er zieht sein Päckchen Zigaretten aus der Hosentasche und lässt sich in der Sitzecke in einen Sessel fallen. Von unten mustert er Irene und macht auch keinen Hehl daraus, dass er mehr als nur ihr Gesicht anschaut. Sie trägt diese Sportklamotten, in denen man auch gleich nackt sein könnte, und drunter ganz eindeutig nichts. Das letzte Mal, als ihre Haut diesen rosigen Glanz hatte, war das unter anderen Umständen.
Steht ihr ganz gut. Nicht, dass das jetzt wichtig wäre.
Er zieht eine einzelne Zigarette aus dem Päckchen, steckt sie aber noch nicht an. Dann erwidert er Irenes Blick. Es liegt etwas Fiebriges, Raubtierhaftes in ihrem Ausdruck.

Irene beugt sich in der Hüfte zu ihm herunter und stützt die Arme auf die Sessellehnen. “Rauchmelder. Du musst auf den Balkon, wenn du qualmen willst.” Ihre Augen werden zu Schlitzen. “Oder…” Mit dem Fingernagel fährt sie an der Knopfleiste seines Hemdes entlang. “…du lässt dich von mir ablenken und vergisst die Kippe.” Sie gleitet noch näher auf ihn zu, löst ihren Blick erst von seinem als sie den Kopf neigt, um mit den Lippen so nah an seinem Ohr, dass er die Wärme ihres Atems spüren kann, zu flüstern: “Reden können wir später.”

„Wichtige Sachen zu besprechen, was?“ Cal schnippst die Zigarette weg. Ihre Taille ist schmal zwischen seinen Händen und ihre Haut warm, als er seine Finger unter ihr Oberteil schiebt. Der Atem an seinem Ohr beschleunigt sich.
Kurz fragt er sich, ob das irgendein Spielchen von ihr ist, aber selbst wenn… was soll’s. Und eigentlich glaubt er nicht dran. Er glaubt eher dran, dass sie ihn für Sex zu sich zitiert hat, weil sie irgendwie Notstand hat, und vielleicht sollte er sich darüber ärgern, aber… was soll’s. Eigentlich ist er eher belustigt.
Sein Griff wird fester und er zieht sie auf seinen Schoß. Sie ist jetzt nicht mehr warm, sondern heiß, oder vielleicht sind sie das auch beide. So nahe wie sie sich sind, kann er unter dem künstlichen Duft von Shampoo und Seife ihren eigenen, menschlichen Geruch wahrnehmen. Nicht unangenehm. Die letzten beiden Male hat er wenig auf solche Details geachtet. Kein Wunder. Da lag ja auch alles hinter einem Alkoholschleier. „Nüchtern. Hat seine Vorteile.“

Als sie wieder zu Atem kommt, ist Irenes Kopf wieder klar. Vergessen der Ärger über Charles’ Empfindlichkeit, vergessen der Stachel, dass Ethan ihre Nähe gemieden hat, soviel Distanz zwischen ihr und dem albernen Kuß in der Sauna, dass sie ihre volle Konzentration auf die wichtigen Dinge richten kann. Seufzend streckt sie sich nach dem Laptop.
“Back to Business.”

Cal schüttelt seinen Kopf und ignoriert für den Augenblick ihre Worte. Er angelt sich eine der Mineralwasserflaschen, Geschenk des Hotels, vom Nachttisch. Während Irene noch in den letzten Strahlen ihres Orgasmus gebadet hat, konnte er zwar auf dem Balkon eine rauchen, aber nackt mit jemandem im Bett liegen, ohne was in den Fingern zu haben, fühlt sich irgendwie… seltsam an.
„Dann ging’s dir echt nur um’s Ficken und Informationsaustausch?“ Er macht ein Geräusch irgendwo zwischen Schnauben und Lachen. „Muss ich jetzt damit rechnen, jedes Mal einen Anruf zu kriegen, wenn du was abzuarbeiten hast?“

Touché. Über Irenes Gesicht huschen in kurzer Folge die Emotionen wie bei einem Einarmigen Banditen. Betroffenheit, Ärger, Resignation, Belustigung, Reue, wieder Belustigung. Es bleibt bei Trotz stehen.
Sie stützt sich auf die Ellenbogen und mustert ihn, reckt ihr Kinn vor und fragt: “Für was davon bist du denn hergekommen?”

Er grinst nur. „Schmoll nicht. Ich hab’ mich nicht beschwert. Ist ja nicht so, als wäre es schlechter Sex. Ich hätte nur nicht gedacht, dass du so was abziehst, von wegen Zölibat. Aber…“ Sein Grinsen ist jetzt herausfordernd und vielleicht ein bisschen bedrohlich. „…Hauptsache, du kneifst nicht den Schwanz ein, wenn ich mal anrufe.“

Er kann den Anflug von Gänsehaut deutlich sehen, der über ihre schweißnasse Haut wandert und die Narben auf ihren Schulterblättern kurz wie lebendige Wesen zucken lässt.
Ihre Augen sprühen Funken, sie öffnet den Mund für eine zornige Bemerkung, überlegt es sich anders und lässt sich zurück in die Kissen sinken. Betont arrogant gurrt sie: “Wir Hooper-Winslows zahlen immer unsere Schulden.”
Sie nimmt ihm die Wasserflasche weg und hält seinem Blick stand, während sie trinkt. “Noch irgendwelche wunden Punkte, in denen du herumstochern willst, oder sind wir durch? Willst du das Märchen von den Weisen von Endor hören?”

Sie greift erneut nach dem Laptop. Dem Convertible, um genau zu sein. Mit einem Klicken löst sich der Bildschirm aus der Tastatur, und sie hält ihm das Ding hin. Geöffnet ist eine Mind-Map mit wirr verteilten Stichpunkten. Der dickste Kreis ist um eine Frage gezogen: “Engel verführen?”

Cal schaut den Bildschirm an, schaut Irene an und wieder auf den Bildschirm. „Engel… verführen? Geht’s ein bisschen genauer?“

“Ich weiß nicht, es ist nur ein Gedanke, auf den mich der Junge gebracht hat, mit dem ich gesprochen habe.
Diese Irren von der Sekte haben Kinder als künstliche Medien benutzt, um zunächst Geister, später Dämonen und zuletzt sogar einen Engel, Deborah, zu beschwören. Der Junge war von ihr besessen und hat es irgendwie geschafft, davon nicht wahnsinnig zu werden, sondern sogar Bruchstücke mitzukriegen, was da los war.
Er sagt, er hätte zwar eine Menge Absicht wahrgenommen, aber keine echte Motivation dahinter, als wüsste sie gar nicht so genau, warum sie tut, was sie tut. Ich zitiere: ’Der war so unglaublich hell und rein. Für den war ich nichts. Genau wie alle anderen Menschen. Der war nur Absicht, als er in mir drin war, aber… wofür? Ich glaube nicht, dass er das wirklich wusste. Da war eine riesige Leere in ihm… ’
Das hat mich auf die Idee gebracht, dass sie einfach nur als Befehlsempfängerin Selathiels agieren könnte, ohne echtes eigenes Ziel. Vielleicht kann man da angreifen. Zweifel säen. Irgendsowas?”

Sicherheit klingt anders. Sie beißt auf ihrer Lippe herum.

“Das hier,” sie öffnet das Bild, das Lyle von seiner Brust gemacht hat, “haben diese Unmenschen benutzt, um bei Kindern alle Barrieren gegen Besessenheit einzureißen. Die meisten sind davon wahrscheinlich zu völligem geistigen Gemüse geworden. Keine Ahnung, wie Lyle es geschafft hat, das durchzustehen. Der hat sicher seine Schäden, aber er kann für sich selbst sorgen und spricht in ganzen Sätzen. Charles hat das für ziemlich unmöglich gehalten, als ich ihm davon erzählte.”

Nach einem Schluck Wasser fährt sie fort. “Diese Auserwählten Luzifers scheinen laut dem Jungen spezifische Persönlichkeitszüge zu haben: Asmodeus, der herzlose Wissenschaftler, Belial, der gewissenlose Lügner, die falschen Eltern, Astarte und Moloch … und Baphomet, der zornige Schlächter.”

Als Irene von den Weisen erzählt, wird Cals Miene mordlüstern und als der Name „Baphomet“ fällt kräuselt sich seine Oberlippe zu einem Zähnefletschen. „Schlächter, das passt ja.“ Er atmet einmal durch und reibt sich den Nacken. „Und das mit den Engeln… Keine Ahnung, ob so was klappen kann. Vielleicht gibt’s Engel, die weniger Arschlöcher sind, aber wenn sie’s doch sind…“ Er zuckt mit den Schultern. „Dann ist es vermutlich zu spät, um noch wegzulaufen. Aber inzwischen würde ich selbst das versuchen. Vielleicht nicht gerade einen, der sofort zu seinem Erzengel-Boss laufen könnte. Also Connections anschmeißen, Bücher wälzen und passende Engel suchen, selbst wenn’s nur einer ganz unten auf der Leiter ist.“ Mit einem Schnauben lehnt er sich zurück. „Klingt nach einem beschissenen Plan, aber im Moment habe ich nur beschissene Pläne.“

Irene nickt düster. “Wenn du im Plural sprichst, bist du schon weiter als ich. Was sind deine bisherigen? Abgesehen von der Idee, so ein Tor ausfindig zu machen und Selathiel irgendeine Form von Falle zu stellen? Der ist mal wirklich selbstmörderisch.”

„Pläne ist übertrieben.“ Er hätte jetzt gerne eine Kippe, aber dafür müsste er entweder wieder rausgehen oder den Rauchmelder abschrauben und beides ist ihm zu viel Mühe. Scheiß Nichtraucher.
„Erstmal die Tore überhaupt finden. Dann schauen, ob man die endgültig schließen kann. Zerstören, da habe ich keine Hoffnung. Besonders die im Ausland. Das hier in den USA war ja mit Indianerriten verschlossen, vielleicht kümmern sich in China ja… keine Ahnung… Buddhisten um das Ding und können helfen. Ansonsten…“
Die Wasserflasche in seiner Hand verbeult sich unter seinem viel zu festen Griff.
„Selbst kämpfen. Die Engel sammeln Reliquien und Sachen mit echter Macht, also sollten wir das auch machen. Wie das Schwert und den Mantel. Schon alleine, damit die den Kram nicht bekommen.“
Er spart sich den Einwurf, dass AC ihm da bestimmt einen Strich durch die Rechnung machen würde.
„Dann ausrüsten und Guerilla-Taktiken. Einzelne Engel ausschalten. Einzelne ihrer Aktionen unterbinden. Ihnen wegschnappen, was sie selbst wollen. Die Ratte sein, die den Elefant beißt. Mit Schweineglück verblutet der Elefant, aber wahrscheinlich verwandelt er die Ratte vorher in einen roten Fleck. Immerhin, sie hätte nicht einfach stillgehalten.“
Ja, moralisch, tapfer und heldenhaft völlig sinnlos sterben.
Irene nickt bedächtig. Zumindest im Sachen sammeln hat sie reichlich Erfahrung.
„Wenn alles nicht hilft, den kleineren Scheißhaufen wählen und sich mit jemandem verbünden, der nicht gleich die ganze Welt vernichten will. Meinem Boss…“ Er legt den maximalen Zynismus in diese Bezeichnung. „…Dämonen, irgendwem.”
“Ich verbünde mich nicht mit Dämonen!” braust Irene auf, hält aber sofort wieder die Klappe, als sie seinen Blick sieht.
“Oder rausfinden, ob es einen Gott gibt und was der Wichser eigentlich die ganze Zeit macht.“ Sein Gesichtsausdruck zeigt ziemlich deutlich, dass er einem Gott, der all diesen Dreck zulässt, lieber den Kopf wegblasen würde.
Nach diesen Überlegungen ist Cal einen Moment still. Dann sagt er: „Ach ja. Du wolltest ja wissen, was mit dem Tor ins Totenreich ist. Ich hab’ mal rumgefragt, sieht schlecht aus. Dahinter ist die Geisterwelt. Danach geht’s ins Jenseits, also bei ihm in den Himmel.“ Niemand muss ausführen, warum das keine Gute Idee ist. „Vielleicht kann er in der Geisterwelt bleiben, aber dann ist er ein Geist. Auch scheiße.“

“Scheiße,” stimmt sie zu. “Aber das wäre ja auch zu einfach gewesen.”
Sie steckt die Tastatur wieder an, setzt sich im Schneidersitz hin und beginnt die Mind-Map mit noch mehr Stichworten zu füllen: “Buddhisten?”, “Dauerhafter Verschluss?”, “Verbündete?”, “Guerrilla”, “Zeug aus Archiv?” und weitere, die das Ding nicht übersichtlicher machen, schiebt die Kreise lustlos herum und klappt dann frustriert das Gerät zu, rauft sich die Haare.

“Vielleicht muss ich mal persönlich nach England, um zu sehen, wieviel Hilfe von meiner Familie kommt…” Besonders begeistert scheint sie der Gedanke nicht zu stimmen.

“Selathiel bzw. Deborah hat ihre Finger nicht nur in den Machenschaften dieser einen Sekte gehabt. Offenbar nutzt sie gerne solche Hardliner. Die Kirche der kommenden Entrückung hat ja auch für sie nach Harris gesucht. Wir tun wahrscheinlich gut daran, solche Typen zu beobachten und den Predigern zuzuhören, was die so herausposaunen. Ich glaube, jemand mit Missionseifer ist nicht so geneigt, Geheimnisse aus seinen Plänen zu machen.” Ihr Gesicht verzieht sich voll Abscheu.
“Jaa… und dann steht ja auch noch ein Gespräch mit Marcus aus. Das wird bestimmt super laufen…”

„Wütend machen“, rät Cal. „Vielleicht verhaspelt er sich. Macht außerdem Spaß.“ Der Gedanke eines angeketteten DeVries, hilflos und wutschäumend, bringt ihn zum Grinsen. „Und der ganze andere Kram… wir sind einfach in einer absolut beschissenen Situation. Totale Underdogs, und im echten Leben verlieren die meistens. Aber aufgeben ist nicht. Dafür gibt es zu viele Leute, die den Tod nicht verdient haben.“
Verlieren darf man nicht, aber gewinnen ist unmöglich. Großartig. Manchmal fühlt es sich an, als würde er seinen Kopf gegen einen Berg rammen. Manchmal wünscht er sich, dass das nächste Monster ihm den Bauch aufschlitzt und er seine Ruhe hat. Von wegen. Man kann ja noch nicht mal Frieden im Tod finden.
Genug von diesen Gedanken. Er kann nur weitermachen. Aber Ruhe im Kopf… und wenn’s nur für eine kurze Zeit ist…
Cal greift rüber zu Irene und nimmt ihr den zugeklappten Computer weg. „Schluss für heute. Stattdessen…“ Er stützt sich auf, so dass sie zwischen seinen Armen liegt und er auf sie runter schauen kann. Mit einer Hand berührt er ihren Hals und lässt sie nach unten wandern, langsam genug, dass sie ihn stoppen kann, wenn sie will.
Irene schaut zu ihm auf. “Underdogs, hm?”
Sie gibt seiner Schulter einen festen Stoß, dass er zur Seite kippt, setzt sich rittlings auf ihn und grinst kämpferisch. “Sprich für dich selbst, Fisher. Bisher steht es Gottheiten null, Irene zwei.”
Dann vergräbt sie ihr Gesicht in seiner Halsbeuge und sagt für die nächste Zeit gar nichts mehr.

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Indio-Ugrische Geisterstunde
aus Barrys Tagebuch

Flugzeuge sind böse.

Gut, das wisst ihr schon, aber ich will es noch mal sagen. Landete vor ein paar Tagen am LAX, zittrig vom Adrenalin und benommen von den Beruhigungstabletten. Wäre ja lieber mit dem Auto gefahren, aber so lange wollte ich Tam und die Kinder nicht allein lassen.

Warum ich schon wieder in der Gegend herumreiste? Zwei Gründe: Erstens, Tam hatte sich das Bein gebrochen und fand, das wäre doch eine gute Gelegenheit für mich, mal an die UCSB zu fahren und mit ein paar Leuten wegen des Buchprojekts zu reden. Zweitens, mein Dad brauchte eine Operation am Knie. Nichts Wildes, aber er hatte eine Einladung zu einer Gala, die unbedingt jemand wahrnehmen sollte. Don hatte keine Zeit, Belle hatte keine Zeit, Phil hatte keine Lust (warum kommt der eigentlich mit sowas durch?), Kim war auf einem Lehrgang und so weiter und so fort. Als Alternative hatte Jason angeboten, zu fahren, aber das wollte Dad nicht. Dann doch lieber ich, und das sollte euch alles über Jason sagen, was ihr wissen müsst.
Als nächstes machte ich den Fehler, die Einladung gegenüber Rachel zu erwähnen. Die kriegte gleich so einen lauernden Tonfall – galt die nur für eine Person? Konnte sie vielleicht mit? Auf diese Gala? Da liefen haufenweise Produzenten herum, das wäre doch eine tolle Gelegenheit, mal eine Verfilmung von „Action Movie Novel“ anzugehen. Ich öffnete meinen Mund, um zu protestieren, aber… naja. Dafür hatte ich eine Agentin, damit ich mit meinen Büchern Geld verdiente. Also nickte ich brav, packte den Smoking ein und machte mich auf den Weg.

An der UCSB traf ich ein paar Leute, die ich kannte. Lernte noch ein paar Linguisten und etliche Bürokraten kennen. Kam mit dem Buchprojekt an ein paar Stellen weiter. Das nahm langsam konkrete Formen an. Sehr schön.

Okay, genug mit dem wissenschaftlichen Kram, das hier ist ja das Action-Tagebuch. Also direkt zum Ende meines Besuchs an der Universität. Das war ein Donnerstag, trüber Abend, ich wollte noch mal in die Bibliothek, um ein paar Dinge herauszufinden. Der Lesesaal war zwar schon zu, aber die Verwaltung hatte meine alte Zugangskarte wieder aktiviert, also sollte das kein Problem sein.
Das Problem stand vor dem Lesesaal und redete auf die studentische Hilfskraft ein, die gerade noch an der Informationstheke stand.

„…Doktor der Kunstgeschichte, und ich muss wirklich, wirklich dringend zu den Büchern. Ist eine Sache von Leben und Tod!“ Der Sprecher gestikulierte wild und lehnte sich eindringlich vor. Ich kannte die Stimme. Stinger. Der Profi aus dem Bayou.
Was wollte denn der hier? Wollte ich das überhaupt wissen? Aber bevor ich verschwinden konnte, entdeckte mich die Studentin und nahm mir die Entscheidung ab.
„Dr. Jackson!“, rief sie erleichtert und winkte. „Können Sie Dr. Stinger hier vielleicht helfen?“
Stinger drehte sich um, um zu sehen, mit wem sie redete. Als er mich erkannte, grinste er breit und zwinkerte mir zu.
„Danke, Süße“, sagte er zu der Studentin und hob den Daumen in ihre Richtung. „Vielleicht kann ich dir ja mal Nachhilfe geben… oder so.“ Ihr Blick war eher alarmiert als begeistert, aber das schien er nicht zu merken.
„Hey“, sagte er, als er neben mir stand und das Mädchen uns nicht hören konnte. „Arbeitest du hier? Cool. Was für ein Doc bist du? Arzt ja wohl nicht, was?“ Er lachte und klopfte sich auf die Schulter, wo ich seine Wunde vernäht hatte. Ich war kurz versucht, „Schönheitschirurg“ zu sagen.
„Linguist“, antwortete ich stattdessen. „Sprachwissenschaftler.“
Stingers Gesicht hellte sich auf. „Echt? Geilo!“ Er musterte mich von oben bis unten. „Indianer bist du auch, oder?“
Ich nickte vorsichtig.
„Hah!“, machte er triumphierend. „Dann kannst du mir helfen! Ich habe hier diesen Zettel“, er wühlte in seiner Jacke und zog ein graues Blatt Papier hervor, „und seit ich den habe, jagt mich ein Monster. Vielleicht ist er verflucht oder sowas.“ Auffordernd hielt er mir den Zettel hin. Ich sah, dass etwas darauf geschrieben stand, aber ich griff nicht danach. Ich wollte eigentlich nicht von einem Monster gejagt werden.
Stinger sah meinen skeptischen Gesichtsausdruck. „Okay, pass auf, du glaubst mir nicht“, erklärte er mir. „Kein Problem. Musst du nicht. Aber ich habe mit einem echten Schamanen geredet, nämlich mit Eagle Eddie. Der konnte das nicht lesen, aber er meinte, das wäre ein alter indianischer Dialekt. Also lies mir einfach vor, was da steht, ja? Immerhin hab ich dir das Leben gerettet!“
Eagle Eddie. Alles klar. Ich hatte von ihm gehört – er hatte versucht, Tam ein ‚Sonnentanz-Ritual‘ anzudrehen, bei dem sie nackt vor ihm hätte herumtanzen sollen. Der Typ war ungefähr so indianisch wie ein in China hergestellter Gummi-Tomahawk.
Ich bezweifelte außerdem, dass Stinger mir das Leben gerettet hatte, aber ich nahm den Zettel trotzdem. Ich war neugierig, welche Sprache da drauf stand.
Das Papier war ziemlich schwer und fühlte sich rau an, als wäre es von Hand geschöpft worden. Es war etwas größer als ein normaler Briefbogen, unregelmäßige Kanten, mit ein paar Falzen da, wo Stinger es gefaltet hatte. Jemand hatte es auf einer Seite mit schwarzer Tinte eng von Hand beschrieben. Gleichmäßige Buchstaben ohne Schnörkel.
Die Sprache war… nun ja, „indianisch“ war nicht so falsch, wie ich gedacht hatte. Der Text war nicht in einer Sprache geschrieben, sondern in über zwei Dutzend verschiedenen. Jeweils nur ein paar Worte in einer Sprache – ich erkannte auf Anhieb Dakota, Navajo, Cherokee, aber nicht alle. War das Cahuilla? Oder Luiseño? Hochinteressant.

„Und, was steht da?“, unterbrach Stinger meinen Gedankengang.
Ich schüttelte langsam den Kopf. „Kann ich noch nicht sagen. Ist kompliziert.“
Stinger verdrehte die Augen. „Aber du kriegst es raus, oder?“
„Bestimmt“, erwiderte ich. „Braucht aber Zeit.“ Und Literatur. Mit dem Zettel in der Hand machte ich mich auf den Weg in den Lesesaal, Stinger im Schlepptau.
„Cool“, sagte Stinger. „Du kriegst das schon hin, Doc.“
„Jackson reicht“. Ich stand mit dem Doktortitel immer noch auf Kriegsfuß – kam mir vor, als würde ich angeben, wenn ich ihn benutzte. Dabei war meine Dissertation schon fast zwei Jahre her.
Stinger grinste nur. „Nee, lass mal. Ich kenn viel zu viele Leute, die Jackson heißen, aber nur einen echten Doc.“

Etwas ungelenk öffnete ich die Tür zum Lesesaal mit meiner Chipkarte, weil ich den Zettel nicht loslassen wollte. Suchte mir einen Tisch, leere Blätter, ein paar Stifte. Zeigte Stinger die Kaffeemaschine und sagte ihm, er solle jetzt mal eine Weile die Klappe halten.
Vertiefte mich in den Text. Einige Stellen waren einfach. An anderen musste ich zuerst rausfinden, welche Sprache das hätte sein können. Immerhin waren keine toten Sprachen dazwischen. Dann musste ich grammatische Zusammenhänge herstellen. Gar nicht so einfach, wenn die eine Sprache fast alles über Verben ausdrückt und die nächste ihre Substantive mit Suffixen überhäuft. Puh. Gut, dass die Bibliothek von Santa Barbara ziemlich viele Bücher über indianische Sprachen hatte.
Während ich hin- und herlief, Bücher studierte, Notizen machte und auf den Zettel starrte, fing Stinger wieder an, mir irgendwelche Geschichten zu erzählen. Jäger, Bankräuber, sein Auto, Nathaniel Boone, eine heiße Schnecke, wieder sein Auto. Ich hörte überhaupt nicht zu. Irgendwann war er dann weg. Ich glaube, er wollte uns etwas zu essen holen.

Weiter im Text. Geburt? War das ein Motiv? Aber dazu passten diese ganzen Wetterbegriffe nicht. Und einige grammatische Konstruktionen waren sehr, sehr seltsam. Regnen wird doch in Dakota normalerweise nicht in der aktiven Form benutzt. Ich lehnte mich zurück und starrte an die Decke. Was war das für ein Schriftstück?
Jäh fiel mir auf, dass ich Stinger überhaupt nicht gefragt hatte, wo der Zettel eigentlich her kam. Ich schaute wieder auf das Blatt, und sofort fiel mir diese Konstruktion auf Navajo ins Auge… „bewegt den Berg“, aber mit der Vorsilbe, die bedeutet, dass er ein stoffartiges Objekt bewegt… war hier gemeint, dass eine Lawine ausgelöst wurde…
Verdammt. Wieder abgelenkt. Schnell drehte ich das Blatt um, bevor mir noch mehr interessante Dinge ins Auge fallen konnten. War das jetzt nur meine eigene Schwäche für alles, was mit Sprache zu tun hatte? Oder steckte da mehr dahinter?
Misstrauisch starrte ich den Zettel an. Handgeschöpft, okay, aber was waren das für Fasern? Und was war das für ein Geruch? Ich hatte das vorher überhaupt nicht bemerkt, aber das Papier roch schwach nach Kräutern. Rosmarin und noch etwas… was war das? Ich kannte den Geruch… Tränenschön. Lateinischer Gattungsname Alchemilla, Kleine Alchemistin. Damit hatte Brian neulich herumgespielt – angeblich wollte er Tam einen Schwangerschaftstee brauen, aber dann fand er in seinem Alchemiebuch ein Rezept. Und eine Legende: Wenn man Tränenschön mit Rosmarin mischte, konnte man mit der Tinktur einen Gegenstand tränken, der dann einen Turul – einen mystischen ungarischen Vogel – anlockte. Der kam dann in der Stunde vor Mitternacht und versuchte, den Besitzer des Gegenstands zu töten.

…in der Stunde vor Mitternacht. So spät konnte es doch nicht sein. Oder? Ich schaute mich um, während ich nach meinem Handy tastete. Das rettete mir das Leben: Direkt neben mir stand eine große Gestalt, die zum Schlag ausholte. Instinktiv ließ ich mich fallen, und ihr… Arm? Flügel? verfehlte mich knapp.
Es war riesig, vielleicht zwei oder drei Köpfe größer als ein Mensch, ein Alptraum aus schwarzen Federn. Aus dem beinahe menschlichen Gesicht stach ein langer Schnabel aus dunklem Horn, auf dem an einigen Stellen Zähne wuchsen. Die Augen waren geweitet, verzerrt, viel zu groß für das Gesicht. Wie Flügel bogen sich die Arme nach hinten, aber sie waren lang und beweglich. An den Spitzen, wo die Hände sein müssten, ragten schuppige Klauen wie Hühnerfüße aus dem Federkleid. Das Monster roch penetrant nach Kompost und altem Blut. Es machte leise, fiepende Geräusche, als würde ihm jede Bewegung weh tun.

Ich hatte keine Ahnung, ob das ein Turul war oder nicht, aber es sah gefährlich aus. Und aggressiv. Es setzte mir nach, als ich unter dem Tisch durch rollte und auf der anderen Seite wieder auf die Beine kam. Großartig. Ich war unbewaffnet, weil die Universität mit einem Metalldetektor ausgestattet war und man da nicht mit Waffen herumlaufen durfte. Nein, auch nicht mit einer Lizenz.
Also erst mal weg hier. Aber nicht ohne den Zettel. Besser, der Turul legte sich mit mir an als mit einem Doktoranden, der nachts noch mal in den Lesesaal wollte. Fast hätte das Monster mich erwischt, als ich danach griff, aber ich war schnell genug. Dann rannte ich raus, in den Gang. Sah eine Feueraxt. Schlug das Glas mit dem Haken ein und war bewaffnet. Gut.

Hinter mir kam der Turul aus dem Lesesaal. Blieb in den Schatten, aber er folgte mir. Sonst war niemand im Gang, also positionierte ich mich vor der Feuertür und wartete auf ihn.
Er war ziemlich schnell heran. Täuschte einen Schlag an, trat dann nach mir. Erwischte mich am Oberschenkel, aber nur ein paar blutige Kratzer. Ich schlug nach seinem Arm, traf. Federn flogen. Der Turul stöhnte auf, und schwarzes Blut tropfte in einem zähen Rinnsal zu Boden. Gut. Wenn es blutete, konnte ich es umbringen.
Es schlug ein paar Mal mit dem gesunden Arm nach mir, mehr, um mich auf Distanz zu halten, als um mich zu verletzten. Ich setzte mit der Axt nach, konnte keinen guten Treffer landen, aber ich schaffte es, mich auf seiner schwachen Seite zu positionieren – dachte ich zumindest. Bis der Turul eine blitzschnelle Bewegung mit seinem verwundeten Arm machte und mir die linke Seite aufschlitzte. Sein Arm blutete nicht mehr.

Okay, Fehleinschätzung. Ich hieb ein paar Mal ungezielt mit der Axt um mich, Rückzug zur Feuertür und dann raus. Erst mal weg. Meine Seite blutete heftig, aber es schien nichts gebrochen oder durchtrennt zu sein. Glück gehabt. Ich rannte aus dem Gebäude. Draußen war es dunkel, keine Menschenseele unterwegs. Der Turul folgte mir, aber nur langsam. Von seiner Wunde war nichts mehr zu sehen.

Ich rannte weiter. Raus aus der South Hall, erst mal in Richtung Storke Tower. Dann zur Lagune, noch ein paar Minuten laufen, bis ich an der Saint Nicolas Hall vorbei war. Kein Monster in Sicht, aber ich hatte den Zettel noch. Das würde wieder auftauchen.
Okay. Ich klemmte die Axt unter den rechten Arm, zog mein Handy heraus (23:07 Uhr, sagte das Display) und rief Brian an.
„Hi Barry“, meldete er sich, „Hör mal, ist grad…“
Ich unterbreche nicht gern Leute, aber die Situation war kritisch, und Brian ist ohnehin eine Ausnahme.
„Turul“, sagte ich. „Ungarischer Vogel, wird von Tränenschön angelockt. Ist hinter mir her. Hab ihn verletzt, ist wieder geheilt.“
„Oh, wow“, kam vom anderen Ende der Leitung. „Was ist denn passiert? Wie kommt denn ein ungarischer Vogel an die UCSB? Hast du Streit mit einem Ungarn? Das ist eigentlich ein Wappentier, quasi der Urahn der Ungarn…“
„Brian“, unterbrach ich noch mal. „Weiß ich alles nicht. Sieht aus wie Mensch, der mit einem Vogel verschmolzen ist. Schwarzes Blut. Ziemlich groß. Ist eine Stunde vor Mitternacht aufgetaucht. Will mich umbringen.“ Ja, so schreibt man keine Sätze, ich weiß. Aber ich hatte keine Zeit – an einer Laterne weiter hinten war ein Schemen vorbeigehuscht. Ein sehr großer Schemen.
„Bist du verletzt?“, wollte Brian als nächstes wissen. Mann!
„Geht so“, antwortete ich. Konnte sich aber gleich ändern.
Immerhin kannte mich Brian gut genug, um zu wissen, was ‚Geht so‘ heißt. „Ich muss nachschauen“, sagte er. „Ich schicke dir eine Whatsapp, sobald ich was weiß.“ Dann legte er auf.

Ich steckte das Handy weg (23:10 Uhr) und rannte wieder los. Der Turul sprang aus dem Schatten hervor, die Armflügel ausgestreckt, aber er war kein Vogel und konnte nicht fliegen. Kam nicht weit genug, um mich zu erwischen. Also weiter. Einmal um die Lagune herum. Die Uhr schlug einmal. 23:15 Uhr.
Noch eine Runde. 23:30 Uhr. Ich blieb ab und zu stehen, damit das Monster aufholen konnte. Wäre nicht so clever gewesen, ihm bei einer Runde in die Arme zu laufen. Außerdem brauchte ich ab und zu eine kurze Pause – ich war normalerweise ein ausdauernder Läufer, aber normalerweise habe ich auch keine blutende Wunde in der Seite.
Um 23:42 Uhr vibrierte das Handy endlich. Ich legte noch einen kurzen Spurt hin und rannte zurück zum Storke Tower, vielleicht verwirrte das den Turul ja.
„Falscher Turul“, stand in der Whatsapp, „verschwindet um Mitternacht (vielleicht Ursprung des Aschenbrödel-Mythos?). Kommt am nächsten Tag wieder. Ausnahme: Wenn er um Mitternacht blutet. Dann verschwindet er ganz. Pass auf dich auf! Brian.“

Okay. Der Storke Tower schlug dreimal, als ich das Handy wieder wegsteckte. Also hatte ich noch eine knappe Viertelstunde, um Haschmisch mit dem Monster zu spielen. Das sollte sich machen lassen. Hoffentlich.
Direkt zurück zur Lagune konnte ich nicht, also zwischen den beiden Kunstgebäuden durch in Richtung Theater. Eigentlich wollte ich zum Faculty Club Green und zurück zur Lagune, aber ich verschätzte mich bei den Abzweigungen und kam beim Verwaltungsgebäude wieder heraus. Was? Wo war ich? Da drüben war der Thunderdome, da wollte ich eigentlich nicht hin. Da waren auch jetzt noch Leute unterwegs. Auf dem Besucherparkplatz aber auch. Verdammt, wo kamen die alle her. Ich rannte schneller, am Thunderdome vorbei in Richtung Sportplätze. Ein paar Leute sahen mich, aber ich blieb im Schatten und hielt die Axt verdeckt. Den Turul schien niemand zu bemerken, aber ich hörte seine fiependen Geräusche hinter mir. Er holte auf – kein Wunder, mein Kopf drehte sich, mir war schwindelig und ich kriegte kaum noch Luft.

Als ich an der Ampel über die El Colegio Road ankam, schlug die Glocke das erste Mal. Beinahe Mitternacht. Ich blieb stehen. Presste kurz den Haken auf die Wunden an der Seite, um noch ein bisschen Adrenalin zu bekommen. Funktionierte. Halbwegs.
Ich stand keuchend da, nach vorne gebeugt, als hätte ich keine Kraft mehr. Der Turul sprang aus der Dunkelheit, aber statt direkt auf mich loszugehen, näherte er sich vorsichtig von der Seite. Schade, aber das war der gleiche Trick, mit dem er mich vorher erwischt hatte.
Ich richtete mich auf. Jetzt, wo der Turul vor mir stand, verschwanden alle Beschwerden, Bedenken, Gefühle. Der einzige Fokus war mein Feind. Er täuschte nach links, ich blieb einfach stehen. Er schlug von rechts, ich wich aus. Wir tänzelten ein paar Schritte hin und her, bis ich den siebten Glockenschlag zählte. Dann sprang ich ihn an.
Er wich zurück, das hatte ich erwartet. Hackte mit dem Schnabel nach mir, und ich fing ihn mit dem Haken ab. Riss den Arm zurück, der Haken fand Halt, ich zerrte seinen Kopf ein Stück zur Seite. Nicht weit, aber genug, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dann schlug ich mit der Axt zu, tief, in die Seite seines Nackens. Schwarzes Blut spritzte. Jäh hob er seine Flügelarme, erwischte mich am Kopf, aber ich spürte es gar nicht richtig. Sprang von ihm zurück und rannte wieder los. Beim zehnten Glockenschlag kam ich auf der anderen Seite der Straße an.
Beim elften Glockenschlag richtete er sich wieder auf. Taumelte auf die Straße. Blutete immer noch. Wollte mich immer noch umbringen.
Ein Auto näherte sich. Ein großes Auto mit einem ganzen Haufen Scheinwerfer. Blendete plötzlich alle auf, die Reifen quietschten und das Fahrzeug schoss auf das Monster zu. Fuhr es in dem Moment um, als die Glocke im Storke Tower Zwölf schlug.

Das Auto hielt an. Die Seitentür öffnete sich, und Stinger sprang heraus. Musste der ausgerechnet jetzt auftauchen?
„Hey, Doc“, rief er aufgeregt. „Hast du das gesehen? Ich hab‘ erwischt!“ Er machte eine triumphierende Geste mit der Faust. „Das war das Monster, Mann! Ich hab’s erwischt! Da hast du aber Glück gehabt!“
Ich nickte und lehnte mich gegen einen Poller. Ließ die Axt fallen, während Stinger noch die Straße nach Spuren untersuchte.
„Schau mal, hier ist Blut!“, verkündete er schließlich. „Ganz frisch! Sieht menschlich aus, aber das muss nichts heißen.“
Menschliches Blut? Das war vermutlich meins. Aber auf der Straße war eine lange schwarze Schliere gewesen, die nur langsam verblasste.
„Bist du in Ordnung?“, fragte er, als er sah, wie ich mich am Poller festhielt. „Was sind denn das für Flecken auf deiner Jacke, hat dich das Ding etwa erwischt?“ Besorgt kam er auf mich zu und kramte seinen Nylonbeutel hervor.
Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte mich in der letzten Zeit ein paar Mal zu oft von irgendwelchen Amateuren verbinden lassen.
„Ist nur Schweiß“, erklärte ich. „Ich musste eine Weile vor dem Ding davonlaufen.“
Stinger schüttelte den Kopf. „Mann, da hast du aber Glück gehabt… ich kam zurück und du warst nicht da – ich hab mir voll Sorgen gemacht! Ich bin dann mit Yvette“, er deutete auf sein Auto, „losgefahren, um dich zu suchen, aber kein Zeichen, nichts… bis ich das Monster gesehen habe. Da wusste ich natürlich, was Sache ist.“ Er grinste mich erleichtert an. „Hab es voll umgeheizt! Bäm! Stinger, der Todesbringer!“
„Hm“, ich nickte. „Der Zettel… du hast gesagt, du hast ihn gefunden?“
„Ja, das war ziemlich seltsam. Ich kam vom Einkaufen, da sah ich dieses Eichhörnchen, das auf Yvette herumturnte. Als wäre das sein Auto! Ich hab’s also weggescheut, und da hing dieser Zettel hinter dem Scheibenwischer. Echt merkwürdig!“
Ein Eichhörnchen. Ich musste an Malgorzata und ihre Armee von Nagetieren denken. Aber wie hatte sie es zustande gebracht, mich und Stinger da hinein zu ziehen? Oder war das nur für Stinger gedacht und ich war zufällig hineingeraten? Meine Paranoia erzählte mir die schönsten Schauergeschichten. Ich schaute mich hektisch um. Keine Eichhörnchen oder Mäuse zu sehen.
„Hast du den Zettel noch?“, fragte Stinger. Ich griff in die Tasche meines Jacketts, aber ich fand nur noch graue Brösel, die entfernt nach Rosmarin rochen. Schade. Dieser Text… ich hatte immer noch das Gefühl, dass da eine Bedeutung drinsteckte. Ich musste zurück in den Lesesaal und meine Notizen holen. Aber vielleicht nicht sofort.
„Ist ein gutes Zeichen, dass der kaputt ist“, verkündete Stinger. „Hey, ich hab was zu essen mitgebracht – sogar einen Veggieburger, wenn dir das lieber ist.“ Er lächelte stolz.
Ich war nun kein Vegetarier, aber ich esse kein Fleisch von Fast-Food-Ketten, wenn ich nicht muss. Also ließ ich mich von Stinger zum Hotel fahren, trank dabei einen halben Liter Cola und verspeiste einen Veggieburger, der exakt nach gar nichts schmeckte. Stinger spielte in der Zwischenzeit Countrymusik und grölte lauthals mit. Konnte überraschend gut singen.

Trotzdem war ich froh, als ich nach fünf Minuten aussteigen konnte. Die Sitze waren glücklicherweise schwarz, und meine Seite blutete auch nicht mehr großartig. Hatte keine Lust auf eine Diskussion wegen meiner Verletzungen.
Musste mich kurz an der Tür festhalten. Reiß dich zusammen, Jackson, sonst versucht Stinger, dich wiederzubeleben. Der Gedanke gab mir den nötigen Schub.
Drehte mich noch mal um. Trottel oder nicht, eine Warnung hatte er verdient.
„Stinger“, sagte ich. „Sei vorsichtig. Die Hexe ist noch nicht fertig mit uns.“
Stinger sah mich überrascht an. „Die Hexe? Du meinst diese alte Schlampe aus dem Moor?“ Er lachte. „Mann, wenn die mir zu nahe kommt, zünd ich die einfach an.“ Er hob seine Hände mit den Kreuzen drauf. Warum hatte ich ihn noch mal warnen wollen?
„Wenn was ist, ruf mich an“, sagte ich nur und warf ihm eine Visitenkarte ins Auto. Eine von denen für die Uni, mit „Dr. Bernard Jackson“ und der Mailadresse vom Familiennetz. Ich hatte ohnehin grad keine von den anderen.
Stinger steckte sie ein, krakelte seine Telefonnummer auf einen alten Kassenzettel und gab ihn mir.
„Hey, Doc“, sagte er dann. „Wollen wir nicht noch einen trinken gehen? Feiern und so?“
Bloß nicht. Ich schüttelte den Kopf. „Zu müde.“
Einen Moment lang sah er enttäuscht aus. Traurig. Hatte vielleicht nicht so viele Leute, mit denen er etwas unternehmen konnte. Tat mir ein bisschen leid, aber nur ein bisschen.
Dann zuckte er die Schultern, startete den Motor, grinste mich an und sagte: „Mach’s gut, Doc. Du weißt ja, wen du anrufen musst, wenn du mal einen Profi brauchst!“

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Über Engel und Weise
Lyle und Irene reden in New York

Es klingelt bei Lyle.

“Guten Tag?” Im Hintergrund Geräusche von Menschen, vielleicht in einem Café?

“Hallo, Lyle. Hier ist Irene. Irene Hooper-Winslow. Ich hoffe, ich störe nicht?”

Einen Moment Stille. Dann: “Nein, nicht wirklich. Was gibt es denn?”

“Es tut mir leid, dass ich kürzlich so überreagiert habe. Bitte verzeih mir. Aber ich muss dringend mehr über Engel wissen. Alles, was du weißt.”

“So viel weiß ich eigentlich gar nicht. Sendboten Gottes, angeblich.” Einen Moment Stille. “Wollen Sie das übers Telefon besprechen?”

“Nein, eigentlich nicht. Du hast auch Schriftzeichen erwähnt. Die würde ich gerne sehen, wenn es geht. … Und jeder, mit dem ich am Telefon darüber sprechen will, stellt mir diese Frage. Also, nein. Lieber würde ich mich mit dir treffen. Wo bist du gerade?”

“Metropolitan Museum, immer noch in New York… hier ist ein großer Park daneben. Central Park? Kennen Sie den?” Lyle erwähnt noch einen Volleyballplatz und meint, das Museum macht um 17:30 Uhr zu.

Man hört, dass Irene lächeln muss. “Ja, der ist ziemlich bekannt. Ich bin allerdings schon nicht mehr in New York. Musste zwischenzeitlich noch etwas anderes erledigen. Sekunde, ich muss nachsehen, wie lange ich dorthin brauche.”

Lyle klingt erleichtert, als er hört, dass sie nicht sofort da ist. “Ich denke, ich bin noch ein paar Tage hier”, sagt er. “Rufen Sie einfach an. Ich arbeite morgens am Hafen, aber so ab zwei hab ich Zeit.”

“Gut, dann bin ich morgen gegen halb drei am Hafen. Gibt es da einen Treffpunkt, den du gut erreichen kannst?”

“Da ist ein Bücherladen neben einem Starbuck’s. Die haben eine Leseecke. Ich warte dann auf Sie.” Von der Beschreibung her ist das irgendwo in Hell’s Kitchen. “Ich fürchte, in New York gibt es sowohl Bücherläden wie auch Starbucks wie Sand am Meer. Kannst du zum Intrepid Sea, Air and Space Museum kommen? Pier 86 ist das.”

“Klar, das ist 10 Minuten weg.”

“Gut, dann rufe ich dich an, wenn ich da bin. Falls wir uns nicht sowieso gleich sehen.”

“Okay, dann bis morgen.” Irene merkt, dass Lyle versucht, so zu klingen, als würde er sich freuen, aber so ganz gelingt ihm das nicht.
Sie kann es ihm nicht verdenken. Auch sie selber klingt eher zielstrebig als erfreut. So als würde sie sich die ganze Zeit sagen, dass sie da eben durch muss.

“Bis morgen. Und, … danke.”
Sie legt auf.

Nächster Tag. Lyle trödelt ein bisschen herum – eigentlich hat er überhaupt keine Lust auf das Treffen. Andererseits macht Ms. Hooper-Winslow nicht den Eindruck, als würde sie locker lassen, wenn er sie jetzt versetzt.
Deswegen hat er noch Cronuts besorgt und ist ein paar Minuten zu spät. Das macht er nicht ganz unabsichtlich, er will wissen, wie sie auf Unpünktlichkeit reagiert.
Sie hat ihm bereits vor 45 min. eine sms geschrieben, sie wäre in ca. 20 min. da. Jetzt sitzt sie auf einem der Begrenzungssteine aus Beton in der Nähe des Eingangs zum Museum und spielt an ihrem Handy herum. Gelegentlich hebt sich ihr Blick. Als sie Lyle sieht, erhebt sie sich, streckt die Knie durch, als hätte sie schon etwas zuviel Zeit in der unbequemen Haltung verbracht. Scheinbar hat er aber noch keine Zeitspanne gewählt, die sie nervös gemacht hätte. Ihr Lächeln ist angespannter als in Alaska, aber nicht unfreundlich. Nachdem sie das Telefon in ihrer Jackentasche verstaut hat, streckt sie ihm die Hand hin. “Hi.”
Lyle schüttelt ihr kurz die Hand. Sehr kurz, als wollte er die Berührung möglichst schnell hinter sich bringen. Er lächelt auch, strahlend und jungenhaft. Das kann er gut, und es hat nur wenig damit zu tun, wie er sich wirklich fühlt.
“Hi”, sagt er. “Sorry, dass ich zu spät bin… Ich habe Cronuts mitgebracht.” Er hält ihr die Tüte mit den zwei Gebäckstückchen hin.
“Oh, danke. Das ist aber nett. Mein Frühstück ist schon sieben Stunden her.” Sie greift ohne zu zögern in die knisternde Tüte und nimmt einen großen Bissen von einer der kleinen Kalorienbomben. “Mmh! Wollen wir ein Stück gehen? Mir sind hier zu viele Leute. Hast du Hunger auf was richtiges?”
“Klar, warum nicht?”, antwortet er. Er hatte zwar gerade schon einen Bagel, aber einerseits knurrt ihr vermutlich der Magen, andererseits kann er sowieso immer essen. “Italiener, oder lieber was anderes?”

Bei der Erwähnung des Italieners huscht kurz ein Schatten über Irenes Gesicht. Trotzdem zuckt sie mit den Schultern. “Völlig egal. Ich esse alles. Wenn es zu Fuß erreichbar und für eine Unterhaltung geeignet ist, bin ich schon froh.”
Sie schultert ihren Rucksack und bedeutet Lyle vorzugehen. Das Lächeln erreicht ihre Augen immer noch nicht und verschwindet mit jedem Mal schneller. Sie hat selbst sichtlich wenig Freude an der Aussicht auf die Unterhaltung. Trotzdem schreitet sie entschlossen vorwärts, als würde sie sich in einen Kampf stürzen wollen.
Lyle fällt ihr Widerstreben durchaus auf, es geht ihm ja genauso. Immerhin scheint es wichtig für sie zu sein.

Einen halben Block weiter gibt es in einer Seitenstraße ein kleines italienisches Restaurant, “Da Maria”. Das sieht von außen nicht sonderlich einladend aus, aber innen ist es ziemlich gemütlich, mit einem kleinen Innenhof und einer winzigen Terrasse. Angelica begrüßt die Gäste freundlich und führt sie nach draußen. Es ist gerade nicht viel los, nur Toni sitzt drin in einer Ecke und liest eine Sportzeitschrift.
Nachdem sie sich gesetzt und Getränke bestellt haben, lehnt sich Lyle zurück. Er könnte das Gespräch bestimmt noch hinauszögern, aber… Besser hinter sich bringen.
“Bevor ich Ihnen irgend etwas erzähle”, fängt er an, “würde ich gern wissen, warum. Was wollen Sie damit anfangen?”
Irene spielt ein bißchen mit dem Tafelmesser herum, ehe sie den Mund aufmacht, seufzt, neu ansetzt und schließlich vorsichtig formuliert: “Zwei Bekannte von mir haben Probleme mit Engeln…. Der eine hat seines mehr oder weniger gewaltsam zu meinem gemacht, indem er versucht hat, mich zu töten. Dem anderen schulde ich Hilfe, weil ich sein Problem verschlimmert habe. … Nach allem, was ich bisher weiß, ist es momentan genauso wenig erstrebenswert, in den Himmel zu kommen wie in die Hölle. Es scheint, als hätten die Engel Gefallen daran gefunden, mit den Mitteln der Dämonen zu arbeiten.”

Lyle überlegt eine Weile. Leuten helfen klang ganz gut, aber letzten Endes hat sie nicht gesagt, was sie mit dem Wissen tun will. Das kann immer noch nach hinten losgehen, und er kennt sie nicht gut genug und hat keine Ahnung, wie weit sie gehen würde. Das letzte, was er jetzt braucht, ist noch jemand, der ihn für irgendwelchen Engelskram benutzen will.

“Hm”, sagt er also. “Das sagt mir, warum Sie das wissen wollen, aber nicht, was Sie dann damit machen wollen…” Er zuckt die Achseln. “Ich frage mal ganz direkt: Wollen Sie denen helfen, die Apokalypse auszulösen?”
Lyle lehnt sich zurück. Notfalls gibt es hier viele Ausgänge.

Irenes Augen werden groß. “Du weißt noch mehr, als ich dachte.” Einen spannungsgeladenen Augenblick schweigt sie ihn nur an, während die Bedienung ihre Getränke und ein Brotkörbchen bringt. Dann imitiert sie seine Bewegung, lässt sich tief in die Plastikschnüre sinken, die die Rückenlehne des Terrassenstuhls bilden und sucht in seinem Gesicht nach Hinweisen auf die richtige Antwort. “Wenn ich jetzt das Falsche sage, erzählst du mir gar nichts und rennst als nächstes zu deinen himmlischen Arbeitgebern, um mich zu verpfeifen, oder? Oder du hast einen solchen Hass auf die andere Seite, dass du gerne die Menschheit untergehen siehst, wenn die Engel nur mitgerissen werden? … Aber egal. Ich stehe sowieso auf keiner davon. Und meine Bekannten stehen auf gegenüberliegenden Seiten. Der eine scheint einem Engel zu dienen, der die Apokalypse will, der andere ist einem verpflichtet, der angeblich die Menschheit beschützen möchte, aber kein Problem damit hat, eine Armee aus Seelen aufzustellen, die für ihn ihre Köpfe hinhalten sollen. Der Apokalyptiker hat zweimal versucht, mich zu erschießen. Dem anderen habe ich unwissentlich einen Ausweg aus seinem Deal verbaut. Ich zähle mich zur Menschheit dazu und lebe eigentlich ziemlich gerne. Also, nein. Wenn ich diese himmlische Schlampe davon abhalten kann, ihre Kumpels hinter den Toren hervorzuholen, dann werde ich das tun. Wenn mir irgendwelches Wissen dabei hilft, meinen Fehler wieder gutzumachen, dann werde ich dem Opfer dieses Deals beistehen, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Im Idealfall beides zusammen. Ich begnüge mich fürs Erste aber auch damit, meine Möglichkeiten überhaupt erst auszuloten. Ich habe bisher keinen blassen Schimmer, wo ich eigentlich anfangen soll.”
Während sie spricht, beobachtet sie Lyle, ob er Anstalten macht, die Flucht zu ergreifen oder eine Waffe zu ziehen, bleibt aber, äußerlich ruhig, zurückgelehnt und festigt nur leicht ihren Griff um die Stuhllehnen. Ihre Stimme dagegen verrät, wie schwer es ihr wirklich fällt, die Fassung zu bewahren. Vermutlich hat sie die ganze Fahrt über nichts anderes getan, als sich auf diesen Sermon vorzubereiten.

Als Irene etwas von “himmlischen Auftraggebern” sagt, verfinstert sich Lyles Gesicht, aber er entspannt sich im Laufe ihres Vortrags langsam wieder.
Nachdem sie fertig ist, bestellt er sich noch einen Kaffee. Mit Zucker und Milch. Schließlich schaut er nach unten und fängt an, und Irene sieht, dass ihm das nicht gerade leicht fällt.

“Okay. Ich muss vorne anfangen – Sie müssen verstehen, wie das bei den Weisen von Endor war.” Er atmet tief durch, hält seine Kaffeetasse fest wie eine Rettungsweste. Der Blick seiner Augen geht ins Leere.

“Die Sekte wurde vielleicht zehn Jahre vor meiner Geburt gegründet, von den fünf Elders. Uns Kindern wurde beigebracht, dass es immer darum ging, sich von der sündigen Welt abzuwenden und gottgefällig zu leben. Der Name kommt von Salomon und der Hexe von Endor – der sprach nämlich mit Geistern, um an Weisheit zu kommen. So ging das wohl auch los, mit Elder Canetti. Die war ein Medium, und ihre kleine Tochter noch viel mehr. Die Elders haben aber schnell gemerkt, dass es einfacher ist, Geister zu beschwören und mit ihnen zu reden, wenn man ihnen ein Kind als Gefäß anbietet. Wenn man dem Kind ein paar Drogen gibt – solche, die den Geist öffnen, am besten – dann funktioniert das noch viel besser.
Irgendwann hörten sie dann von einem Geist, dass die Apokalypse vor der Tür stand: Engel gegen Dämonen, die letzte Schlacht. Also fingen sie an, Dämonen zu beschwören und zu befragen. Wie man sie bekämpfen könnte, was Gottes Wille sei, und so weiter. Schließlich kam der Tag der Apokalypse. Und dann kam der nächste Tag. Und noch einer, und die Erde gab es noch. Weit und breit war keine Schlacht zu sehen.
Es gab ein bisschen Unruhe, es wurden mehr Dämonen beschworen und schließlich auch ein Engel. Da kam heraus, dass irgendwas mit der Apokalypse schief gelaufen war – sie war einfach nicht passiert. Luzifer war weg, Michael war weg, aber natürlich war die Apokalypse Gottes Plan und musste trotzdem passieren. Sagte zumindest der Engel, aber bevor die Weisen von Endor viel machen konnten, kamen Agent Saitou und Mr. Blackwood und haben die Sekte angegriffen und aufgelöst.”
Lyle schließt die Augen. “Ich war eins der Kinder, das als Gefäß benutzt wurde. Ich war gut darin – viele sind wahnsinnig geworden, aber ich hab’s überstanden. Aber das war schon bei Geistern nicht angenehm, bei Dämonen noch viel schlimmer und bei dem Engel…” Er schüttelt sich. Irene kann die Gänsehaut auf seinen Armen sehen. “Mein Wissen ist also eher sporadisch – ich habe ein paar Sachen mitbekommen, aber nicht alles. Die Elders wollten nie, dass wir Jüngeren zu viel erfahren. Deswegen kann ich mit der Schrift auch nicht helfen, ich habe nie gelernt, die zu lesen.” Dass er überhaupt Lesen kann, verdankt er einer älteren Schwester, die in die Sekte eingeheiratet hatte. “Aber ich kann Ihnen sagen, dass die Engel keinen Deut besser sind als die Dämonen. Die Dämonen hassen uns, alle, die sind voller Zorn und Wut und Schuld, aber… die glauben nicht, dass sie besser sind als wir. Die kann man verstehen. Aber der Engel? Der war so unglaublich hell und rein. Für den war ich nichts. Genau wie alle anderen Menschen. Der war nur Absicht, als er in mir drin war, aber… wofür? Ich glaube nicht, dass er das wirklich wusste. Da war eine riesige Leere in ihm… und in mir… “ Er schüttelt sich und trinkt einen Schluck Kaffee. “War nicht gerade angenehm”, fügt er überflüssigerweise hinzu und versucht, das alles hinwegzulächeln.

Irene lehnt sich vor, als Lyles Stimme beim Erzählen immer leiser wird. Gebannt lauscht sie und merkt erst, als er endet, dass sie beinahe die ganze Zeit vergessen hat, zu atmen.
Sie hat bereits verstanden, dass der Junge nicht besonders positiv auf Mitleidsäußerungen reagiert. Dennoch kann sie ein Zittern ihrer Lippen und ein heftiges Schaudern nicht verbergen, ehe sie sich ebenfalls ein Lächeln ins Gesicht zwingt.

Sie selbst war ein einziges Mal besessen. Nur einmal. Und daran hat sie keine Erinnerung. Der Gedanke, was in dieser Zeit passiert sein mag, dreht ihr nach dreißig Jahren noch den Magen herum. Viele Male besessen zu sein und sich auch noch daran zu erinnern, das entzieht sich ihrem Vorstellungsvermögen. Für diesen Schutzmechanismus ist sie ihrem Gehirn von Herzen dankbar.

Auf ihrer Lippe herumkauend, forscht sie nach Haken in der Geschichte des kleinen Weisen. Apokalypse, Teil zwei. Absicht ohne Motivation? “Da stellt sich mir die Frage, ob das wirklich der Plan eines angeblich allmächtigen Gottes sein kann, wenn er beim ersten Mal nicht klappt. Wenn das überhaupt das erste Mal war und nicht eines von vielen.” Sie nippt an ihrem Espresso.

“Dieser Engel. Hieß der eventuell Selathiel? Oder Deborah?”

Lyle verzieht das Gesicht, als sie Gott erwähnt.
“Ich glaube, Gott kann uns nicht leiden”, sagt er leise. Sein Gesicht ist hart, zornig, hasserfüllt. “Mein… die Elders haben uns beigebracht, dass Gott ist wie ein Vater. Ein grausamer, strenger Vater, der seine Kinder züchtigt, um sie unter seinen Willen zu zwingen. Wir sollten lernen, Gott zu lieben und die Welt zu hassen.” Er beisst sich auf die Unterlippe und sieht Irene trotzig an. “Ich mache das lieber anders herum.”
Er springt auf, läuft unruhig nach drinnen, um Zucker zu holen und sich irgendwie zu beruhigen. Das scheint zu helfen: Als er zurückkommt, ist sein Gesicht wieder viel freundlicher, aber seine Schultern verraten die Anspannung.

“Zu Ihrer Frage: Wenn man besessen ist, kriegt man nicht so viel mit. Normalerweise. Nur… Gefühle? Dass etwas passiert ist, etwas Schlechtes. Ich… ich hab etwas mehr Kontrolle gelernt. Nicht, dass ich meinen Körper kontrollieren könnte, aber… am Anfang hatte ich nur ab und zu ein paar Eindrücke davon, was mit mir geschah. Später habe ich gelernt, zurückzuschauen – Sachen über das, was in mir drin ist, herauszufinden.” Er nimmt seine Tasse und will daraus trinken, bevor er bemerkt, dass sie leer ist. “Das klingt jetzt bestimmt nicht besonders großartig, aber es ist besser, als gar nichts machen zu können.
Ja, der Engel in mir hieß Deborah. Zumindest war das der Name, den Elder Winters gerufen hat. Die hat ihm gesagt, dass er den Engeln helfen kann… die suchen irgendwas. Ich weiß nicht, was. Den anderen Namen habe ich aber auch schon gehört, allerdings von einem Dämon. Den hatte mein.. Elder Winters beschworen, als das FBI vor der Tür stand, damit ich die Agenten angreife. Das war seine Vorstellung von Gerechtigkeit, dass ich – der Verräter – die Schergen töte, denen ich geholfen hatte. Oder dass sie mich töten. Jedenfalls, als der Dämon in mir drin war, dachte er an diesen Namen.” Lyle sieht auf. “Wer ist das?”

Irene wird noch blasser, als sie seit Beginn des Gesprächs ohnehin schon ist. Bevor sie antwortet, massiert sie sich die Schläfen und fährt sich mehrfach mit den Fingern durch die Haare.
“Meine Güte, was für ein… Irrer! Deborah ist wohl eine Untergebene Selathiels. Es gibt ein Video im Internet, auf dem man sieht, was sie mit einem ganzen Bündel Dämonen macht. Hier… “ Sie tippt ein wenig auf ihrem Handy und reicht es Lyle. “Selathiel will die Apokalypse auslösen. Scheinbar kriegt sie das alleine nicht hin oder sucht zumindest soviel Verstärkung, wie sie bekommen kann. Denn sie befreit gefallene Engel von Rang und Namen, die hinter sogenannten Nephilim- oder Höllentoren weggesperrt sind. Vermutlich ist das das, was sie sucht. Asmodeus, Astarte, Belial, Moloch. Baphomet hat sie schon freibekommen. … Das alles habe ich nur aus zweiter Hand, aber die Quelle halte ich für ziemlich verlässlich. Wenn er falsch liegt, dann weil er etwas selber falsch verstanden hat oder belogen wurde.”
Sie winkt die Kellnerin heran und bestellt zwei riesige Eisbecher, während Lyle das Video ansieht, dann spricht sie weiter.
“Weißt du was, mir ist völlig egal, was dieser Gott von uns denkt. Er ist nicht der Einzige auf der Welt und nicht der erste Gott, mit dem ich mich anlege.” Ihre Stimme trieft vor Gift. “Wir wissen noch nicht mal, ob er sich überhaupt darum kümmert, was seine Engel tun. Die Erzählungen von einem Bürgerkrieg im Himmel klingen nicht so, als hätte er sie noch im Griff oder würde sich besonders darum scheren, wie es ausgeht.”
Nach kurzem Nachdenken fügt sie hinzu: “Hat dir schonmal jemand gezeigt, wie man sich vor dämonischer Besessenheit schützt?”

Lyle schüttelt den Kopf. “Nein”, sagt er überrascht. “Das wäre wohl ziemlich kontraproduktiv gewesen, nicht wahr?”
Die Kellnerin kommt und stellt die beiden Eisbecher auf den Tisch. Lyle betrachtet seine Portion ohne große Begeisterung. Er hat eigentlich überhaupt keinen Appetit, aber ‘was auf den Tisch kommt, wird gegessen’. Vorsichtig nimmt er einen Löffel und stochert damit in dem Nachtisch herum.
“Von den gefallenen Engeln habe ich schon gehört”, sagt er. “Elder Saffron hat uns davon erzählt – wie sie sich von Luzifer verführen ließen und gegen Gott rebellierten.” Er zuckt die Achseln. “Sie hat das immer erzählt, als wäre es das Schlimmste der Welt. Na, jedenfalls meinte sie, Luzifer hätte diese fünf Auserwählten gehabt: Asmodeus, den herzlosen Wissenschaftler, Baphomet, den zornigen Schlächter, Belial, den gewissenlosen Lügner und die falschen Eltern, Astarte und Moloch.” Er denkt angestrengt nach. “Ich weiß nicht… ich glaube, der Name Baphomet ist ab und zu gefallen, bevor das FBI kam. Ich hätte das gar nicht hören dürfen, aber ich habe gelauscht. Nach dem Tag der Nicht-Apokalypse war ja klar, dass irgendwas nicht stimmt.”

“Dann gib mir mal das Mobiltelefon zurück,” fordert Irene und sucht wieder kurz etwas darauf. Sekunden später gibt Lyles Handy einen Ton von sich. “Das ist ein Bild von einem Zeichen, das Dämonen den Zugang verwehrt, wenn du es trägst. Am besten lässt du dir das tätowieren. Ich habe es eingebrannt. Das geht auch. Ein Amulett würde ich nicht empfehlen. Das kann man verlieren.”

Sie zieht auch ein Laptop aus ihrem Rucksack und beginnt, schnelles Tastengeklacker zu erzeugen, derweil ihr Eisbecher vor sich hin schmilzt. "Langsam muss ich anfangen, mitzuschreiben. Das ist mehr, als ich zu hoffen gewagt habe. Hast du noch mehr Details zu den Auserwählten Luzifers?”

Lyle zuckt die Achseln. “Mir fällt gerade nichts ein”, antwortet er. “Ich glaube aber, die sind eher Engel als Dämonen… ich kann jetzt nicht genau sagen, warum, aber es fühlt sich so an.” Hilflos hebt er die Hände. “Meine Erinnerungen an die Rituale sind ziemlich löchrig. Eigentlich…” Er verstummt. Irene sieht, dass er um seine Fassung ringt.
Abrupt starrt er auf das Handy. “Kann ich mir das kurz mal leihen?”, fragt er. “Ich würde Ihnen gern was zeigen.”
“Klar.”
Lyle nimmt das Handy und verschwindet nach drinnen. Als er zurückkommt, zögert er einen Moment.
“Das ist jetzt… naja, wegen dem Zeichen. Ich weiß nicht, ob das bei mir funktioniert, ich habe schon ein Zeichen, aber ein anderes. Eins, das den Zugang öffnet.”
Er zeigt ihr das Bild, das er gerade gemacht hat: Ein Symbol aus alten Narben auf seiner Brust.

Irenes Augenbrauen haben sich zusammengezogen, als Lyle mit all ihren Kontakten davongesprungen ist. Bei seiner Rückkehr entspannt sie sich sichtlich. Bis sie das Bild sieht und tonlos murmelt:
“Puh! Diese Elders haben auch vor nichts zurückgeschreckt. Du bist mir hoffentlich nicht böse, wenn ich sage, dass das ein völlig neues Licht auf unsere Beziehung wirft. Exorcio te, omnis immundus spiritus… "
Lyle schreckt zurück, als Irene mit ihrer Formel anfängt und betrachtet sie fragend, fast ängstlich. Aber er läuft nicht davon, sondern lässt den Exorzismus über sich ergehen.
“Sind wir dann fertig?”, fragt er, nachdem sie ihn abgebrochen hat. “Haben Sie alles, was sie brauchen?”

“Sorry. Nur ein Test. Das schien mir nötig. Wenn ich jetzt die ganze Zeit einem Dämon gegenüber gesessen hätte, könnte ich mit all deinen Aussagen rein gar nichts anfangen.
Keine Ahnung, wie sich das Zeichen, das du schon hast, zusammen mit dem anderen auswirkt. Du könntest versuchen, es kaputtzumachen. Wenn ich du wäre, würde ich mir ein Messer oder irgendetwas glühendes nehmen und an ein paar strategischen Übergängen das Muster zerstören. Oder nein, wahrscheinlich besser nicht. Wer weiß, was dann für eine Wirkung entsteht. Ich würde mir einen Arzt suchen und es nach Möglichkeit völlig entfernen lassen. Vielleicht neutralisieren sich die beiden Zeichen wenigstens. Ich habe jemanden, den ich fragen kann, was er denkt, was passiert.”

Sie sendet das Bild an Charles mit der Frage, was man gegebenenfalls gegen diesen künstlichen Zugang tun kann.

Dann fällt ihr noch eine Frage ein: “Hast du mal von der Kirche der kommenden Entrückung gehört? Angeblich halten die die Weisen von Endor für verirrte Schafe, aber mir fällt es schwer, das zu glauben.”

Lyle ist schon aufgestanden, als sie mit ihrem Sprüchlein fertig war. Jetzt setzt er sich mit einem Seufzer wieder hin.
“Eigentlich habe ich das Zeichen Ihnen geschickt und nicht irgendwem, den ich nicht kenne”, sagt er abweisend. “Aber da bin ich wohl selber schuld. Ja, ich habe von der kommenden Entrückung gehört. Sind angeblich weichgespülte Möchtegernchristen, die ihre Kinder in die Schule schicken und zum Arzt gehen statt zu beten, wenn jemand krank ist. Ab und zu haben die Elders Waffen von denen gekauft.” Er steht wieder auf. “Kann ich dann gehen, oder brauchen Sie noch irgendwas von mir?”

“Du brauchst gar nicht so beleidigt zu schauen. Du hast mir bist jetzt verschwiegen, dass du ein wandelnder Gefahrenmagnet bist, und mich gleichzeitig über Sachen ausgefragt, die ich meiner eigenen Mutter noch nicht erzählt habe. Das Bild ging an meinen Mann. Ex-Mann. Egal. Ich vertraue ihm noch immer, was solche Sachen angeht. Und ich habe nicht dazugeschrieben, woher das Foto stammt. Eigentlich wäre ich davon ausgegangen, dass du gegen Hilfe, das Ding da zu inaktivieren, nichts hast. Und ja, ich brauche noch etwas. Deshalb bin ich überhaupt hier. Ich möchte, dass du mir die Zeichen aufmalst, die du bei den Ritualen gesehen hast, soweit du dich daran erinnerst. Auch wenn du nicht weißt, was sie bedeuten. Das lässt sich herausfinden.”

“Ich habe Ihnen das schon in Alaska erzählt, Ms. Hooper-Winslow. Da hat mich Mr. Gale auch schon gefragt, ob ich vielleicht besessen bin. Außerdem hätten Sie überhaupt nicht antworten müssen, wenn Ihnen das so unangenehm war”, schießt Lyle zurück. “Ich kann Ihnen die Zeichen nicht aufmalen. Wenn Sie sich erinnern, stand ich während der Rituale unter Drogen – das ist alles verschwommen und sehr, sehr unklar. Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass ich die korrekt wiedergeben kann. Oder überhaupt irgendwie.” Schreiben kann Lyle sowieso nicht gut. Er hat schon mit normalen Buchstaben genug Probleme, geschweige denn mit halberinnerten Symbolen, aber das sagt er ihr nicht. Er steht wieder auf.

“Ich brauche keine Hilfe, danke”, setzt er hinzu. “Ist bestimmt nett gemeint, aber ich komme alleine klar. Danke für das Eis.” Das im Becher geschmolzen ist.
Lyle packt seinen Rucksack und hebt ihn auf. Als er Irene wieder anschaut, ist seine Maske von einem freundlichen jungen Mann ohne größere Sorgen wieder intakt.
“Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder, würde mich freuen”, sagt er noch und wendet sich ab, um zu gehen.

“Glaube ich nicht,” knurrt Irene.

Sie klappt geräuschvoll das Laptop zu und verstaut es wieder in ihrem Rucksack.
“Es wird kein nächstes Mal geben.”

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Salz in der Suppe
aus Barrys Tagebuch

Ich kam in einer dunklen Höhle wieder zu mir. Zerschlagen, aber noch nicht tot. War mit groben Stricken gefesselt. Haken war noch da, meine Pistolen nicht. Hätte besser laufen können.
Es war nicht vollständig dunkel, aus einem niedrigen Durchgang schien rötliches Licht in die Höhle. Ich sah Wurzelgeflecht und dunkle, feuchte Erde. Und einen anderen Gefangenen, gefesselt wie ich. Ein Mann, kurze Haare, Jeans, T-Shirt. Kleidung zerrissen und verdreckt, Prellungen im Gesicht.
Als er sah, dass ich wach war, lächelte er mir aufmunternd zu.
„Hey“, sagte er, „mach dir keine Sorgen. Mein Name ist Stinger, und ich bringe uns hier beide raus.“ Nach kurzem Nachdenken fügte er hinzu: „Stinger, der Hexenbezwinger. Ich weiß, ich weiß, du denkst jetzt sicher: ‚Hexen? Was labert der da? Es gibt doch keine Hexen!‘ Aber hey, ich bin ein Profi, ich weiß, wovon ich rede!“
Wie schön für ihn. Ich atmete tief durch. Den Namen kannte ich aus dem True-Believers-Forum. BroHunters bester Kumpel. Sprachrhythmus und die Angewohnheit, seinen Namen mit allen möglichen Reimen zu versehen – das war der Typ. War zwar schön, einen Verbündeten zu haben, aber hätte das nicht Ethan sein können? Oder meinetwegen Irene? Sonst tauchten die doch auch an allen möglichen Orten auf.
„Du bist der Typ mit dem Kind, oder?“, wollte er wissen. „Der Schriftsteller? Klar bist du das, sie hat ja gesagt, du wärst Indianer. Wolltest dein Kind retten, was? Hättest dir mal jemanden holen sollen, der sich damit auskennt.“
Genau. Er sah ja aus, als hätte er die Situation perfekt unter Kontrolle. Ich verzichtete darauf, einen Kommentar dazu abzugeben.
„Was will sie mit dem Kind?“, fragte ich stattdessen.
Stinger verzog das Gesicht. „Mann“, sagte er, „das ist kompliziert… ich und ein paar Kumpels haben ihr die Hütte angezündet, und jetzt braucht sie Kraft. Dafür muss sie… naja… dafür muss sie ein neugeborenes Kind essen oder so. Krasser Scheiss.“
Allerdings. Innerlich wurde mir kalt. Ich musste hier raus. Probeweise zerrte ich an meinen Fesseln.

Stinger sah das. „Hey, ich sag doch, mach dir keine Sorgen, Mann. Ich hab meine Fesseln fast durchgerubbelt“, er zeigte mir die Stricke, mit denen seine Handgelenke auf dem Rücken gebunden waren – sie waren leicht angeschabt, „und dann mach ich die Hexe fertig!“
Darauf wollte ich jetzt nicht warten. Meine Arme waren zwar ganz gut verschnürt, aber wenn ich es schaffte, den Sockel, an dem der Haken befestigt war, abzustreifen… der saß dank Liner zwar relativ fest, aber er ist eben nicht angewachsen. Also kräftig ziehen. War durch die Fesseln nicht leichter. Wenn ich die Schulter… au. Nein, das gefiel der Schulter nicht. Egal.

„Man kann die Hexe natürlich nicht einfach mit Waffen töten“, erklärte mir Stinger in der Zwischenzeit. „Hab ich schon versucht. Aber! Ich kenn da einen Typen, der mit Engeln reden kann, der hat mir zwei Kreuze auf die Hände tätowiert – also auf jede eins – und damit kann ich sie erwürgen. Heilige Hände!“ Er grinste triumphierend.

„Vertrautentier“, sagte ich. Okay, klang wie Ethan, aber ich versuchte grade, mir die Schulter auszukugeln, um den Sockel abzustreifen. Wie gut, dass ich einen neuen, festeren Polymer-Liner hatte.
„Häh?“, machte Stinger. „Was?“
„Hermelin“, erklärte ich durch zusammengebissene Zähne. „Vertrautentier. Schwächt sie, wenn es stirbt.“
Stinger schüttelte den Kopf. „Blödsinn“, meinte er nicht unfreundlich. „Wo hast du denn das her? Hab ich noch nie was von gehört, und ich bin immerhin ein Profi!“ Klar war er das. Ich verzichtete darauf, mich mit ihm zu streiten, und riss mit einem heftigen Ruck den Armstumpf aus dem Sockel. Und die Schulter aus dem Gelenk. War nicht angenehm, aber meine linke Hand hatte jetzt Spiel in den Fesseln. Konnte sie jederzeit abstreifen. Sobald der Schmerz nachließ und ich wieder atmen konnte, jedenfalls.

Gerade als ich mich wieder unter Kontrolle hatte, tauchte das Hermelin im Durchgang auf und spähte in die Höhle.
„Er ist wieder wach“, rief es mit dieser hohen, widerlichen Kinderstimme. Von weiter hinten kam eine Erwiderung, die ich nicht recht verstand, aber das Tier drehte sich um und ließ uns allein.

„Boah, immer dieses Gefiepe, das geht mir auf die Nerven“, erklärte Stinger. Gefiepe?
Vorsichtig zog ich die Hand aus den Fesseln und tastete nach meinem Zopf. „Verstehst du nicht, was es sagt?“, fragte ich ihn.
„Verstehen? Alter, ich bin doch nicht der Rattenflüsterer oder so“, antwortete er und lachte abfällig. Also nicht. Okay. Ich konnte hin und wieder Geister hören, warum also nicht auch Vertrautentiere.

Ich hatte es gerade geschafft, das dünne Messer in meinem Zopf zu fassen zu bekommen, als die monströse Mantelgestalt im Durchgang auftauchte, meinen linken Fuß packte und mich hinter sich her schleifte. War wenigstens nicht der mit dem angeschlagenen Knöchel. Leider hatte ich das Messer noch nicht richtig gegriffen, nur gelöst. Konnte es nicht halten, als es fiel. Schlecht, aber vielleicht konnte der gefesselte Profi ja was damit anfangen. Hätte es lieber behalten.
Die Gestalt zerrte mich in eine größere Höhle. Eine echte Hexenküche mit einer großen Feuerstelle, über der ein Kessel aus schwarzem Metall hing. Im Kessel blubberte eine zähe Flüssigkeit. Roch nach Suppe, gar nicht unangenehm, wenn dieser Hauch von Moder nicht gewesen wäre. In einem Regal standen trübe Glasbehälter, deren Inhalt ich nur erahnen konnte. Föten, vielleicht. Von den Wurzeln hingen Kräuterbündel.
Der Raum war ziemlich unordentlich und nur halb eingeräumt. Überall standen offene Kisten herum, aus denen Kleider, Kochgeschirr und weniger leicht identifizierbare Dinge quollen.

Ich hatte kaum Zeit, mich umzusehen, bevor die Mantelgestalt mich packte und auf den einzigen Tisch knallte. Genau auf die ausgekugelte Schulter. Keinen Laut, Jackson. Keinen verdammten Laut, sonst merken sie, dass etwas nicht stimmt, und das war es dann. Du kannst später heulen.
Mühsam beherrschte ich mich. Behielt die Hände hinter dem Rücken, als wäre ich noch gefesselt. Kontrollierte meinen Atem. Kriegte mich ein. Schaute mich um.
Sanya, das Hermelin, saß neben den Glasflaschen im Regal und putzte sich in aller Ruhe. Malgorzata stand bei dem Kessel. Sie trug immer noch die nette rosa Strickjacke mit den Blümchen und sah aus wie eine freundliche alte Dame, aber ihr Schatten war monströs. Riesig, bucklig, verzerrt und entstellt. Dagegen war Biancas Schatten ein harmloser Kinderschreck gewesen. Ich bekam eine Gänsehaut, als ich ihn ansah.

Sie kam langsam zu mir herüber und sah auf mich herab. „Na, Mr. Jackson, was für ein Vergnügen, Sie hier zu haben“, säuselte sie. „Das macht es alles viel leichter.“ Sie lächelte freundlich. In ihrer rechten Hand hielt sie ein großes Messer.
„Du wirst das Kind nicht bekommen“, sagte ich. „Es ist beschützt.“
„Das kann sein“, erwiderte sie zuversichtlich. „Aber doch nicht vor seinem Vater. Wenn ich dir erst die Haut vom Leib geschält und mir ein Kleid daraus genäht habe, werden sie mir dein Kind freiwillig in den Arm drücken.“ Sie muss mir meinen Ekel – und auch meine Angst, um ehrlich zu sein – angesehen haben. Mit einem hämischen Kichern erklärte sie mir, dass ich die Prozedur ja vielleicht sogar überleben würde. Vielleicht würde ich dann etwas von ihrer Suppe kriegen, wenn sie wieder da war.
Während sie plauderte, sah ich mich hektisch um. Aus einem Karton ragte ein Küchenbeil, das war gut. Über uns hingen einige Kräuter, und zu meiner immensen Erleichterung erkannte ich Salbei. Das war noch besser. Allerdings stand der Mantelmann noch direkt neben mir, und von Stinger keine Spur.

Egal. Keine Zeit mehr. Mit einem breiten Lächeln bedeutete Malgorzata ihrem Diener, er solle mich festhalten, damit sie anfangen könnte. Ich atmete durch. Bat die Geister um Kraft. Zog die Beine an, schnellte nach oben, griff ein Bündel Salbei und steckte es in den Mund. Dann ließ ich mich vom Tisch fallen, direkt neben die Kiste mit dem Beil. Kaute hastig auf dem Salbei herum.
Malgorzata war überrascht. Brauchte einen Moment, um zu reagieren. Der Mantelmann griff nach mir, aber der Tisch war zwischen uns.

Ich fiel einigermaßen gut, griff das Beil. Spukte den Salbeibrei auf die Klinge, klemmte sie unter den rechten Arm. Ignorierte die Schulter. Der Mantelmann schob den Tisch zur Seite. Die Hexe lachte nur.
„Das wird dir nicht helfen, Schreiberling“, sagte sie höhnisch. „Es wird nur noch mehr weh tun.“
Mit der linken Hand zeichnete ich rund um die Klinge ein Zickzackmuster aus dem Brei. Schnitt mich, tief, als der Diener der Hexe mich in die Seite trat. Schlug mit dem Beil nach ihm, und er wich einen Moment zurück. Das reichte. Sanya saß immer noch im Regal und schaute dem Kampf zu. Ich warf.

Traf das Hermelin. Direkt am Kopf. Das weiße Fell färbte sich rot, das Tier zappelte einen Moment, versuchte, die Waffe aus dem Schädel zu bekommen. Stieß einen kläglichen Schrei aus, wie ein kleines Kind. Zuckte noch einmal. Dann verfärbte sich das Fell, braun, grau. Fiel in modrigen Klumpen aus. Rasend schnell. Es dauerte nur einen Wimpernschlag, dann war nur noch ein brüchiges Skelett übrig.
Neben mir fiel der Mantelmann in sich zusammen. Aus den Ärmeln, aus den Beinen der Hosen, aus dem Kragen und unter dem Hut strömten unzählige Mäuse hervor, die die Form der Gestalt ausgefüllt hatten. Die Macht der Hexe war mit dem Tod des Vertrautentieres gebrochen.
Aber sie war noch nicht tot. Dramatisch gealtert, ja. Faltige, uralte Haut, ein fast kahler Schädel mit ein paar dünnen weißen Haarsträhnen. Die Arme dürr und fleckig, der Körper bucklig und gebeugt. Ihr Gesicht jedoch wutverzerrt, ihre Augen hasserfüllt unter den Katarakten.
„Das büßt du mir, Schreiberling“, kreischte sie auf und hob das Messer. Humpelte auf mich zu. Gut. Jetzt, wo sie geschwächt war, konnte ich sie töten.

Ich kämpfte mich auf die Füße. Mein rechter Knöchel war angeschwollen und verfärbt, aber ich konnte drauf stehen. Laufen… naja. Schwierig. Aber sie bewegte sich auf mich zu, und so langsam, wie sie war, rechnete ich mir gute Chancen aus. Trotz der kaputten Schulter. Obwohl mein Haken irgendwo lag, ich unbewaffnet war und sie ein Messer hatte. Egal. Niemand greift meine Familie an und lebt.

Bevor sie mich erreichte, tauchte auf einmal eine Gestalt neben dem Kessel auf. Stinger. Hob die Hand und warf etwas mit triumphierender Geste hinein. Dabei brüllte er: „Jetzt versalz ich dir die Suppe, du widerliche Hexe!“
Was auch immer er in den Kessel geworfen hatte – Salz, vermutlich – zeigt sofort Wirkung: Das Gebräu wurde schlammig-grün und blubberte krampfartig. Der angenehme Essensgeruch wurde schlagartig zu einem fauligen Gestank nach Moder und Verfall.

Malgorzata blieb stehen. Blickte wutentbrannt zwischen Stinger und mir hin und her. Zögerte. Stinger lachte und hob seine Hände. Zeigte die Kreuze auf den Ballen seiner Daumen.
„Hey, Schlampe“, rief er, „die hat mir Marcus deVries gemacht! Wetten, die sind nicht gut für dich?“

Das reichte ihr. Sie warf das Messer nach Stinger. Traf ihn an der Schulter. Er quittierte den Treffer mit einem verdutzten „Au“ und blieb stehen. Verdammt, verdammt, verdammt. Dieser Vollidiot. Ich versuchte, loszurennen, aber der Knöchel gab nach und ich musste mich an der Wand festhalten.
Die Hexe drehte sich noch einmal um und warf mir einen abgrundtief giftigen Blick zu, griff dann nach einem Schemel, setzte sich drauf und flog los. Keine letzten Flüche. Vermutlich fehlte ihr die Kraft, ohne Tier, ohne Kessel. Aber weg war sie trotzdem.

„Na, das hat doch gut geklappt“, meinte Stinger zufrieden. „Aber hey, steh da nicht so rum, wir müssen hier raus!“ Da hatte er allerdings recht. Der Baum zitterte und schwankte. Wurde morsch und brüchig. Der Ausgang, durch den Malgorzata entkommen war, schrumpfte. Stinger war schon fast draußen, bevor er begriff, dass ich nicht richtig laufen konnte. Immerhin, er kam zurück, stützte mich und schleifte mich raus. Gerade so.

Draußen ließen wir uns beide fallen. Atmeten durch. Es war mittlerweile Nacht geworden. Der Bayou war nicht stiller als sonst, aber auch nicht lauter. Alles ganz normal.
Nachdem Stinger zu Atem gekommen war, fing er wieder an zu plappern.
„Hey“, meinte er. „Du musst dich nicht bedanken oder so.“ Ich starrte ihn ungläubig an. Bedanken? Wofür?
„Klar, ich hab dir das Leben gerettet, aber das gehört nun mal zu meinem Job“, fuhr er selbstzufrieden fort. „Du kannst nach Hause gehen und das alles vergessen. Oder ein Buch darüber schreiben. Hey“, ihm kam eine Idee, „ich könnte in dem Buch vorkommen, was? Das wär bestimmt ein geiles Buch! Stinger, der Painbringer!“ Er grinste begeistert.
Dazu sagte ich lieber gar nichts. Wenn dieser Profitrottel nicht gewesen wäre, hätte ich Malgorzata erwischt. Jetzt war sie erst mal weg, aber ich war ziemlich sicher, dass ich die nicht das letzte Mal gesehen hatte.

Stinger hatte mittlerweile das Messer aus seiner Schulter gezerrt. Blutete ziemlich stark. Er verzog das Gesicht und holte einen kleinen Nylonbeutel aus einer Hosentasche. So ein Teil hatte Ethan auch gehabt. Sollte ich mir vielleicht mal anschaffen, so oft, wie ich meine Einsatztasche verlor.
„Stinger“, sagte ich, „Angebot: Du kugelst mir die Schulter wieder ein, ich nähe das.“

„Okay“, sagte er. „Aber ich warn dich: Das wird ganz schön weh tun.“ Ich nickte knapp. Hoffentlich wusste der, was er tat. Er plauderte weiter vor sich hin, irgendwas von Hexenwölfen und herumlaufenden Häusern. Ich hörte nicht recht zu, weil er es erst im dritten Anlauf schaffte, die Schulter dahin zu räumen, wo sie hingehörte. Mann.
Dann vernähte ich seine Wunde, während er mannhafte Schmerzgeräusche machte. Gut, zugegeben, ich kann nicht ausschließen, dass ich so ähnlich geklungen habe.

„Hey, du bist ganz schön hart für einen Schriftsteller“, meinte er anerkennend, als ich fertig war. Ich warf ihm einen unfreundlichen Blick zu.
„Verspannungen vom Schreiben“, erklärte ich ihm. „Sind die Hölle.“ Ich hatte wirklich keine Lust, mich noch länger mit diesem Trottel abzugeben. Meinen Sarkasmus verstand er sowieso nicht.

Schließlich verschwand er. Ich ließ mich von J.D. abholen. Nach Hause fahren. Die Kinder lagen einträchtig auf dem Sofa und schliefen – Brian meinte, sie wollten unbedingt auf mich warten. Fein. Wir ließen sie in Ruhe. Nur… ich nahm Vicky behutsam aus ihrer Wiege. Sie wachte auf, als ich sie vorsichtig untersuchte. Griff nach meinen Haaren. Schaute mich aus ihren großen dunklen Augen an. Und lächelte das erste Mal in ihrem Leben.

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Unten am Bayou
aus Barrys Tagebuch

Die ersten drei Wochen von Vickys Leben verliefen ruhig. Friedlich, zumindest fast, wenn man von Schlafmangel und Nachwirkungen der Fungizid-Vergiftung mal absieht. Trotzdem. Keine Krisen. Keine Angriffe. Keine Gewalt. Nur Familie. Schöne Abwechslung.

Konnte nicht so bleiben. Anfang Mai schlich Tam in meinem Arbeitszimmer herum, unruhig wie ein Tiger im Käfig. Legte mir einen Zeitungsartikel hin. „Fledermäuse auf Blutjagd“ in Hattiesburg, Mississippi. Murmelte etwas von transsilvanischen Vampiradligen. Schaute fragend. Schuldbewusst und hoffnungsvoll zugleich.
Gut, das hatte ich erwartet. Tam war die letzen paar Monate zu Hause gewesen – normalerweise hielt sie das nicht so lange aus. Also machte ich eine Kopfbewegung zur Tür. Miteinander reden? Ach was. War ja eh alles klar. Komm wieder nach Hause, sagte ich ihr und nahm sie in den Arm, bevor sie ging. Sie lächelte. Nickte. Wartete, bis ich sie gehen ließ.

Lief erst mal ganz gut. Vicky war ein bisschen quengelig, weil sie ihre Mutter vermisste. Hätte aber schlimmer sein können. Klar, wenig Schlaf, aber dafür keine Alpträume. Nicht einen, seit die Kleine auf der Welt ist.
Einkaufen war unerwartet schwierig. Der alte Obdachlose, der vor sich hin brabbelte und „Sie kommen! Sie kommen!“ brüllte, als er uns sah? Der tätowierte Skateboarder, der meiner Tochter zuzwinkerte? Die ältere Dame aus der Rentnergruppe, die dem Kind über den Kopf streicheln wollte? Die überforderte Schwangere, die mir etwas von veganer Milch für Säuglinge erzählte? Die waren alle verdächtig. Hätten gefährlich sein können. Ich redete mir ein, dass das nur die Paranoia war. Wenn ich Vicky im Tragetuch hatte, konnte ich das Schulterholster nicht umschnallen. Machte mich noch nervöser, als ich es ohnehin schon bin.

Zwei Tage später war Samstag, also gingen wir auf den Spielplatz. Großes Areal, ein bisschen verwildert. Modern war das nicht, die meisten Eltern gingen auf den neuen Platz im Osten der Stadt. War mir recht so. Weniger Leute. Irgendwer hatte schon mal die Polizei gerufen, weil ich ihnen verdächtig vorkam. Verständlich.

Jedenfalls waren wir fast allein. Kate und Artie jagten einem Tier am Bach nach, Pete hinterher. Ich saß auf der Bank, Vicky im Tragetuch vor meiner Brust, und genoss die Sonne. Es war so schön warm… die Sonne so hell… ich war so müde… mmmhm…
Ich wachte auf, als irgendetwas über meine Augen krabbelte. Schlaftrunken schüttelte ich den Kopf, versuchte, mir übers Gesicht zu wischen. Mein Arm war träger, als er es hätte sein sollen. Was… Schwerfällig setzte ich mich auf: Überall auf meinem Oberkörper, meinen Armen, meinem Schoß wuselten Nagetiere herum. Mäuse, Eichhörnchen, Hamster. Dutzende Tierchen nagten an dem Tragetuch, in dem Vicky schlief.

Jäh schüttelte ich die Schläfrigkeit ab. Griff ein großes Frettchen und schleuderte es weg. Es gab ein schrilles Kreischen von sich, und die anderen Tiere sahen auf. Alle auf einmal. Starrten mich an. Einen Moment lang herrschte lauernde Stille. Langsam und vorsichtig legte ich den rechten Arm schützend über mein Kind. Ebenso langsam, aber mit einer dreisten Selbstverständlichkeit fing eine Maus an, wieder an dem Tragetuch zu nagen. Ich packte sie und brach ihr das Genick.
Dann brach die Hölle los. Quiekend und kreischend fiel die Meute über mich her, biss, kratzte, schnappte nach mir. Ich trug nur ein T-Shirt, zu warm für eine Jacke. Großartig. Wenigstens hatte ich keine weiten Hosen an.
Ich versuchte, gleichzeitig meine Tochter zu schützen und die Viecher loszuwerden. Gar nicht so einfach. Es waren so viele, und sie waren alle an mir dran. Bissen mich, in die Hand, den Arm, alle Körperteile, an die sie herankamen. Ich zog den Kopf ein, damit sie nicht an meine Kehle kamen, aber zwei oder drei hingen mir schon am Hals. Kniff die Augen zu, während die Tiere mir übers Gesicht rannten. Natürlich wehrte ich mich, riss die Nager fort, schleuderte sie weg. Brach ihnen das Genick oder das Rückgrat. Half nur wenig.

Dann hörte ich einen schrillen Schrei. „Aťé, Aťé!“ Daddy, Daddy. Das war Kate. Ganz nah schon. Auf einmal griff jemand nach einem Nager, der an meiner Augenbraue hing, und riss ihn weg. Dann einen zweiten, von meinem Hals. Vorsichtig sah ich auf, während ich weitere von den verdammten Viechern von mir abpflückte.
Neben mir stand Kate und half mir, die Tierchen loszuwerden. Weiter hinten kam Artie mit Pete auf dem Rücken angerannt. Verdammt, eigentlich wollte ich nicht, dass die Kinder sich einmischten, aber allein hatte ich keine Chance. Und Vicky war noch hilfloser als die anderen drei.

Gerade als Artie mit Pete heran war, gaben die Nager auf. Sprangen von meinem Körper, von der Bank, auf der ich saß. In ein paar Sekunden würden sie weg sein, verschwunden wie ein unwirklicher Spuk.
„Lasst euch nicht beißen“, keuchte ich, „aber fangt eins ein!“

Während die Kinder sich auf die Jagd nach den Tieren machten, untersuchte ich Vicky. Sie schlief noch, hatte die ganze Zeit tief und fest geschlafen. Wachte erst jetzt auf, als ich sie aus dem Tragetuch wickelte. Greinte müde auf, aber nur leise. Ihr war nichts passiert. Nicht ein Tier hatte sie gebissen. Nur das Tuch war in Fetzen, genau da, wo es um meinen Oberkörper gewickelt war. Als hätten sie versucht, mir das Kind zu stehlen. Ich nahm die Kleine fester in den Arm.

Kate und die Jungs waren in der Zeit nicht untätig gewesen. Meine älteste Tochter hatte Pete losgeschickt, damit der sein Sandeimerchen holte, dann hatte sie es geschafft, ein Streifenhörnchen unter ihrer leichten Jacke zu fangen und vorsichtig einzuwickeln. Artie hatte in der gleichen Zeit drei Mäuse erwischt.
Sehr gut. Ich nahm Pete den Eimer ab, benutzte mein Blut, um eine durchgehende Zick-Zack-Linie um den Rand zu ziehen. Die Wunden, die die Nager hinterlassen hatten, waren nicht sehr tief, aber es waren viele. Danach setzen wir die gefangenen Tiere in den improvisierten Sandeimer-Käfig, wo sie hektisch hin- und herwuselten und die gezackte Linie beschnüffelten. Aber hinaus trauten sie sich nicht. Gut.

Zeit, den Spielplatz zu verlassen. Als ich die Kinder ins Auto ließ, sah ich die alte Dame aus dem Supermarkt in einem kleinen Café sitzen. Die, die Vicky anfassen wollte. Diesmal ohne Rentnergruppe. Schaute sie zu uns herüber? Lächelte sie mich freundlich an? Vielleicht. Kam mir komisch vor, dieses breite Omalächeln, obwohl meine Kleider zerfetzt und blutig waren. Ich warf ihr einen bösen Blick zu, und ihr Lächeln wurde noch breiter und süßer. Mein erster Impuls sagte, erschieß sie, die hat bestimmt etwas mit dem Angriff zu tun, aber das ging in aller Öffentlichkeit nicht. Außerdem sah sie vielleicht einfach nur schlecht.

Wir fuhren nach Hause. Als erstes Vicky versorgen. Dann Tam anrufen. Sie ging nicht ran. Ich sagte drei Worte auf ihre Mailbox. Sie würde es verstehen, aber sonst niemand.
Als nächstes Brian. Ich brauchte seine Hilfe für meinen Plan.
Schließlich war Zeit für die anderen drei Kinder. Kate meinte, sie hätten einen Waschbär verfolgt, einen drolligen Gesellen, der sie weiter und weiter den Bach entlang lockte. Dann wusste sie jäh, dass etwas nicht stimmte. Rief ihren Brüdern zu, sie sollten mitkommen, und rannte los. Sie war aufgeregt, aber nicht verstört oder erschrocken. Artie war nervöser als sonst, zappelte herum, holte dies, holte das. Verbandszeug. Gute Idee.
Pete hatte die Sache allerdings ziemlich mitgenommen. Diese ganzen niedlichen kleinen Tiere… die waren so böse… und er hatte eine Maus gesehen, mit ganz kaputtem Kopf… Ich nahm ihn in den Arm. Erzählte ihm, dass schlechte Menschen die armen Wesen missbraucht hätten. Dass ich mich wehren musste, für Vicky.
Das war gar nicht so einfach. Mein unschuldiger kleiner Junge, der weinte, weil ich eine Maus getötet hatte. Eine Maus. Ich fragte mich, wie ich ihm irgendwann den Rest erklären sollte. Andererseits war ich dankbar, dass er noch so offen, so kindlich war. Er war ja erst vier.

Als Brian kam, war ich gerade dabei, meine Bisswunden zu desinfizieren und zu verbinden. Er fing erst mal an zu lachen, macht ein paar Bemerkungen über Kampfmäuse und wollte wissen, ob ich alle erschossen hätte. Außerdem fielen ihm jede Menge Krankheiten ein, die von Nagetieren übertragen wurden. Pest, zum Beispiel. Großartig. Danke, Brian.

Ich unterbrach ihn, als er mir munter die möglichen Symptome aufzählte. Ich brauche einen Peilsender, sagte ich und zeigte ihm die gefangenen Mäuse. Die saßen immer noch in dem Eimerchen, lauerten ruhig und zeigten keinerlei Interesse an dem Käse, den Pete ihnen hineingetan hatte. Vielleicht, erklärte ich, rennen sie zurück zu demjenigen, der sie kontrolliert. Oder derjenigen. Ich dachte wieder an die alte Frau mit ihrem netten Lächeln und ihren sorgfältig ondulierten grauen Haaren.
Brian meinte, okay, das würde er schon hinkriegen, aber vermutlich würde der Peilsender nicht allzu lange halten. Batterien und so. Dann schlug er vor, er und J.D. könnten sich drum kümmern. Ich sollte doch besser bei Vicky bleiben. Guter Vorschlag, aber… ich schüttelte den Kopf. Nein, sagte ich. Das muss ich selber machen. Bleibt ihr bei der Kleinen und den anderen Kindern. Aber ich konnte nicht einfach jemand anderes schicken, um dieses Problem zu klären.

Wir diskutierten eine Weile, aber schließlich ging Brian kopfschüttelnd los, um die Teile für die Peilsender zu holen. Kam wieder, mit J.D. im Schlepptau, beide bis an die Zähne bewaffnet. Nahm das Steifenhörnchen aus dem Eimer. Hätte es fast losgelassen, als es anfing, sich blindwütig zu wehren. Artie kriegte es wieder zu fassen, bevor es fliehen konnte. Der Junge ist wirklich, wirklich flink.
Nach einer Viertelstunde hatten Brian, J.D. und Artie den Sender an dem Tier befestigt. Ließen es frei, und es rannte schnurstracks los. Ich nahm das Empfangsgerät – nur eine kleine Box mit einem Pfeil, der in die Richtung des Senders zeigte – packte meine Waffen und meine Tasche und machte mich an die Verfolgung.

Es ging Richtung Wald, Richtung Bayou. Unübersichtliches Gelände. Für ein Streifenhörnchen war es leicht, da durchzukommen, aber für mich schon schwieriger. War schnell klatschnass, und Orientierung… komplett verloren, aber das war ja nichts Neues. Würde schon wieder rauskommen. GPS hatte ich dabei.
Wenigstens funktionierte der Peilsender. Führte mich tiefer und tiefer hinein. Musste ein paar Umwege laufen, weil ich mit dem Haken nicht richtig gut schwimmen kann. Vermisste kurz das Faltboot, das wir am Peanut Lake hatten.

Vielleicht eine Stunde später hörte ich Stimmen. Kamen von einem Hügel am Ufer des Bayou, auf dem ein Hain alter Bäume stand. Der Peilsender zeigte genau in die Richtung. Vorsichtig bewegte ich mich näher. Schleichen ist nicht gerade meine Stärke, also ganz langsam. Ganz behutsam.
Es half, dass es im Bayou nicht still war: Vogelrufe, Tiere im Unterholz, das Gluckern des fließenden Wassers. Ich blieb da, wo der Bayou tief war. Kam nicht schnell voran, aber dafür war ich sicher nicht zu hören.

„…deine Kräfte, Malgorzata“, kam eine kultivierte männliche Stimme vom Hügel. Merkwürdiger Akzent, fast so, als hätte der Sprecher ein paar Probleme mit bestimmten Lautkombinationen. Sehr eigentümlich. Hätte mich fast abgelenkt.
„Sag Grandela, sie braucht sie da keine Sorgen zu machen“, antwortete eine Frau. Älter. Ja, das war die alte Dame aus dem Supermarkt. Sie klang gereizt. Leise, leise verließ ich das Wasser und kroch auf Hand und Füßen näher.
„Oh, sie macht sich keine Sorgen“, antwortete die männliche Stimme herablassend. „Sie freut sich auf das Wiedersehen.“
„Wie wir alle, Balfric, wie wir alle“, erwiderte die alte Dame höflich, aber mit Gift im Ton.

Ich schlich näher, den Hügel hinauf. Blieb dicht am Boden, nutzte die Vegetation als Deckung. Hatte in einem Buch mal gelesen, wie das ging. Fand einen Baum, hinter dem ich hervorspähen konnte, hoffentlich ohne selbst gesehen zu werden.
Die alte Dame hatte es sich auf einer runden Lichtung oben auf dem Hügel gemütlich gemacht: Picknickstuhl, Samowar, Teekanne. Biskuits. Sie war perfekt frisiert und sah mit ihrem grauen Rock und der hellrosa Strickjacke aus wie eine Großmutter, die ihre Enkel im Garten zum Tee erwartete. Ihr gegenüber auf einem alten Baumstumpf saß eine riesige schwarze Eule. Kein anderer Mensch zu sehen. Nur ein paar Tiere, Mäuse, Eichhörnchen, die über die Lichtung verteilt waren und aufmerksam still standen. Wie Wachsoldaten. Weiter hinten sah ich einen toten Baum, eine riesige Buche, vielleicht vom Blitz getroffen. Der Stamm war gespalten, eine schwarze Höhle im Holz. Mein Blick schreckte davor zurück, aber ich meinte, im Schatten eine menschliche Gestalt gesehen zu haben.

„Bestell der lieben Grandela meine allerbesten Grüße“, sagte die alte Dame giftig-süß. Die Eule spreizte geziert ihre Flügel.
„Selbstverständlich, Malgorzata. Viel Glück bei deiner… Erholung.“ Die männliche Stimme. Das war die Eule. Okay. Eine sprechende Eule. Großartig.

Die sprechende Eule – Balfric, vermutlich – schaute noch einmal über die Lichtung. Ich bin sicher, dass sie – er – mich gesehen hatte, aber er sagte nichts. War scheinbar kein großer Fan von Malgorzata. Dann flog der schwarze Vogel mit einem letzten Gruß davon.

Missmutig schaute die alte Dame ihm hinterher. Auf einmal sah sie viel weniger aus wie eine freundliche Großmutter.
„Das wird Grandela noch bereuen“, murmelte sie boshaft vor sich hin. „Krötenaugen und Spatzenzehen soll sie haben! Wenn ich erst meine Kräfte wieder habe…“
Neben ihr bewegte sich ein Schatten und sprang auf ihren Schoß. Ein schneeweißes Hermelin. Konnte auch sprechen.
„Dafür brauchen wir den Säugling“, sagte es mit einer undefinierbaren Kinderstimme. Wieder so ein merkwürdiger Akzent. Ganz anders als die Eule, aber auch bei ihm klangen einige Laute verzerrt.
„Den holen wir uns heute noch, Sanya“, sagte die alte Dame und leckte sich über die Lippen, als würde sie über eine besonders schmackhafte Süßigkeit reden.
Das Hermelin wirkte nicht so zuversichtlich. „Sei vorsichtig“, warnte es. „Du hast den Vater schon einmal unterschätzt.“ Malgorzata machte eine wegwerfende Geste, aber das Hermelin war nicht so leicht zu beruhigen. „Er hätte gar nicht aufwachen sollen.“
„Bah“, sagte sie. „Beim nächsten Mal wacht er nicht mehr auf“. Sie kicherte heiser. Wie Ernie aus der Sesamstraße.
Ich hatte genug gehört. Was auch immer sie mit meinem Kind wollte, sie würde es nicht bekommen. Vorsichtig öffnete ich die Tasche und holte die Axt heraus. Wollte sie nicht benutzen, aber besser, sie war in Reichweite. Dann zog ich behutsam meine Waffe. Zielte auf die alte Frau. Ließ mir Zeit. Als sie ihre Teetasse abstellte und sich zurücklehnte, schoss ich. Traf sie am Kopf.

Sie fuhr herum. Die Kugel hatte ihr nicht mehr getan als eine Eichel, die vom Baum fällt. Nicht mal eine Haarsträhne bewegt. Verdammt. Das Hermelin war plötzlich nicht mehr zu sehen. Ich griff nach der Axt.
Als sie mich kommen sah, lächelte sie abfällig. In ihren Augen sah ich Triumph, als sie leise durch die Zähne pfiff. Weglaufen, schoss es mir durch den Kopf. Nein, viel zu spät. Sah nur eine Chance. Rannte los, Axt in der Hand, direkt auf sie zu. Hinten, beim Baum, schälte sich eine vage menschliche Gestalt aus der Baumhöhle: Weiter alter Mantel, speckige Hosen, Gummistiefel. Schal über dem Gesicht, Hut tief in der Stirn gezogen. Bewegte sich steif, seltsam, aber schnell.
Ich wäre bei ihr gewesen, bevor der Mantelmann mich erreichte, aber ich stolperte über ein fettes graues Eichhörnchen, das mir zwischen die Beine lief. Kam wieder auf die Füße, aber da war die Gestalt neben mir. Trat mir gegen den Knöchel. Was auch immer das war, es war stark: Ich fiel wieder zu Boden, mein Knöchel im ersten Moment völlig taub. Schlug im Liegen mit der Axt danach. Traf am Knie. Hörte Knochen knacken und sah Blut auf der Hose, aber das schien das Wesen nicht zu behindern. Trat mich nochmal. Ich rollte weg, aber es setzte mir nach. Traf mich wieder. Nochmal. Kleinere Tiere auf meinem Arm, kratzten und bissen, bis ich die Axt fallen ließ. Noch ein Tritt, und noch einer, und noch einer, bis es schließlich meinen Kopf erwischte und es schwarz um mich wurde.

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Hangin' Tree

Als Ethans Handy sich meldet, hat er gerade die erste Arbeit des Tages hinter sich gebracht, nämlich einen Riss in der Außenmauer des Bones Gate-Hauses neu verputzt. Die Nummer im Display entlockt ihm ein Lächeln. „Sam?“
„Ethan?“ Sams Stimme klingt angespannt, ja zittrig. „Geht… geht es dir gut?“
„Mh-hm. Dir?“
Ihr Aufatmen ist auch durch die Leitung deutlich zu hören. „Oh Gott sei Dank!“
Ethan runzelt die Stirn. „Was ist los?“
„Du hast heute noch keine Zeitung gelesen, oder?“
Hat er nicht. „Warum?“
„Da… da ist… warte, vielleicht findest du es auch online… such’ nach ‘Dimmitt, Texas’ und ‘Hanging Tree’.“
Kurz zuckt sein Mundwinkel nach oben. „’Dimwit, Texas’, hm?“

Ein paar Minuten später, zurück in seinem Apartment am Rechner, entfährt ihm ein deftiges Schimpfwort, und es vergeht ihm jegliche Lust auf blöde Witze. Er hat den Artikel gefunden, den Sam meinte. Ziemlich reißerisch wird da von drei Selbstmorden berichtet, die in letzter Zeit in Dimmitt, Texas stattgefunden haben. Alles Männer, alle Mitte Zwanzig, alle mit Fotos. Und einer der drei – Albert Vernon, 26 – sieht aufs Haar genauso aus wie Ethan selbst. Drecksmist. Kein Wunder, dass Samantha gedacht haben muss, das sei er. Ihre Sorge rührt ihn. Wobei. Wenn er ein Foto von ihr als vermeintlich tot in der Zeitung gesehen hätte, wäre es bei ihm so viel anders gewesen? Nein. Das wäre –
„Mir geht es gut, Sam, wirklich.“

Drei Männer, die sich alle am so genannten ‘Hanging Tree’ des Städtchens erhängt haben. Sam will sich das mal ansehen, und Ethan erklärt sofort, dass er auch hinfährt. Nicht nur klingt die Selbstmordserie verdächtig, die Ähnlichkeit zwischen diesem Albert und ihm macht es auf gewisse Weise persönlich. Und… auch wenn er das nicht laut sagt, will er Sam nicht alleine fahren lassen. Ja, natürlich kann sie selbst auf sich aufpassen. Aber jemand, der ihr den Rücken freihält, kann sicher nicht schaden. Ganz abgesehen davon ist ihm ein schrecklicher Verdacht gekommen. Denn sein kleiner Bruder und er waren sich zwar nie völlig wie aus dem Gesicht geschnitten, sahen einander aber doch immer ziemlich ähnlich. Und in zehn Jahren Erwachsenwerden kann sich viel getan haben in der Hinsicht. Albert, Alan… Verdammt. Schon allein deswegen muss er hin.
Sie verabreden sich für übermorgen nachmittag; früher wird Ethan es von Vermont aus kaum schaffen. Sam ist in South Carolina, sagt sie, das kommt ja dann ungefähr hin.

Ethan hat eben dem Dekan Bescheid gegeben, dass er wegen eines Falls für ein paar Tage weg muss, und angefangen, ein paar Klamotten in seine Reisetasche zu werfen, da vibriert sein Handy erneut.
Auch eine Nummer, die er eingespeichert hat. Gideon Barker, der Rettungssanitäter von der Sache in Alaska.
Ja, es ist alles in Ordnung. Ja, Ethan weiß schon, um was es geht. Ja, er wird nach Texas fahren. Nein, nicht alleine, Sam kommt auch mit. Gideon klingt ein wenig zögernd, als er fragt, ob noch Hilfe benötigt wird oder ob zwei Jäger ausreichen. Aber Ethan wird sich bestimmt nicht beschweren, wenn sie vor Ort weitere Unterstützung bekommen. Auch da wieder: Treffen übermorgen.

Gideon scheint nicht alleine zu sein. Zumindest hört Ethan noch jemanden reden. Er runzelt die Stirn. Irgendwie kommt ihm die Stimme bekannt vor. Sie klingt wie die, die letztens im Hintergrund zu hören war, als Sam ihn nach dieser Sache in Maine angerufen hat. Aber klar, da haben Gideon und sie sich kennengelernt, hat der Sanitäter in Alaska erzählt. Vermutlich ein weiterer Jäger, der auch mit bei dieser Geschichte mit dem Dämon dabei war.

Die Männerstimme sagt wieder etwas, dann Gideon, laut und deutlich, aber nicht am Telefon, sondern zu seinem Begleiter, nachdem er sich von Ethan schon verabschiedet hat und gerade im Auflegen begriffen ist: „Komm’ doch auch mit, Cal.“
Ethan erstarrt.

Natürlich. Jetzt, wo er einen Namen dazu hat, erkennt er die Stimme sofort, auch wenn er sie seit Jahren nicht gehört hat. Scheiße. Cal.
Mit zusammengebissenen Zähnen steckt er sein Handy weg. Cal. Elender Drecksmist.

Die ganze Fahrt über, zweieinhalb Tage lang, wirbeln die Gedanken in Ethans Kopf umher, angekurbelt von der Monotonie der Interstate und der Einsamkeit der Motelbetten, wo er zur Ablenkung alte Spielfilme schaut, bis ihm die Augen zufallen. Lass es nicht Alan sein. Kann nicht Alan sein. Der ist keine 26. Sam kennt Cal. Seinetwegen hat sie das Telefonat letztens abgekürzt. Hat nichts zu heißen. Und wenn doch. Geht dich nichts an. Alan hätte sich als älter ausgeben können. Bestimmt nicht. Warum sollte er? Und warum ein falscher Name? Weißt du nicht. Ist zehn Jahre her. In zehn Jahren kann viel passieren. Bitte. Nicht Alan. Sam hat jemanden verdient, mit dem sie auch zusammen sein kann. Aber nicht Cal. Egal. Sams Sache. Mist. Er sollte langsam mal eine Pause machen. Er ist ziemlich –

– müde. Mechanisch setzt Ethan einen Fuß vor den anderen. Er darf nicht anhalten. Muss in Bewegung bleiben. Im Gehen ausruhen. Vorhin hat er ein Schild gesehen. Noch 8 Meilen zum nächsten Ort. Franklin. War er nicht schon mal in Franklin? Muss ein anderes gewesen sein. Wer weiß schon, wie viele Franklins es in den USA gibt. Hoffentlich findet er dort jemanden, mit dem er mitfahren kann. Er hätte nicht von der Busroute abweichen sollen. Da muss er erst wieder hin. Aber er hat auch kaum mehr Geld. Entweder Ticket oder was zu essen. Im Zweifel lieber was zu essen, neue Kraft tanken und weiterlaufen? Oder in den Bus setzen, schlafen, einen Vorsprung vor dem Ding herausholen und nach dem Aussteigen ein paar Dollar verdienen, solange der Vorsprung hält? Beides hat er in den Monaten auf der Flucht oft genug gemacht, keines davon hat sich als das definitiv Bessere herausgestellt. Er wird es sehen, wenn er ankommt. Aber vermutlich muss es diesmal auf Schlafen im Bus mit leerem Magen hinauslaufen. Seine Schuhe sind schon verdammt abgetreten. Und bequeme Schuhe sind das Leben, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn er ein paar Dollar verdient hat, kann er vielleicht neue kaufen. Und hat hoffentlich dann noch genug über für was zu essen. Zum Glück ist es inzwischen richtig Frühling geworden. An den Winter erinnert er sich nur mit Schaudern zurück.

Ethan ist so in den stetigen Rhythmus seiner Schritte versunken, seine ganze Wachsamkeit so auf die Anzeichen für das Ding konzentriert – das heisere Hecheln und Schnüffeln, der Gestank nach Urin und Fäkalien und Kadavern, den er inzwischen zielsicher von ganz normalem Fäkaliengestank unterscheiden kann, so oft hat das Ding aufgeholt, ihn beinahe erwischt – dass er das näherkommende Auto gar nicht so recht registriert. Erst als es neben ihm anhält und ein Fenster heruntergekurbelt wird, sieht er auf. „Wo geht’s denn hin, Junge?“
„Franklin, oder weiter. Besser weiter.“ Es ist immer ein Risiko, einem Erwachsenen zu sagen, dass er weit trampt. Kleine Strecken sind glaubhafter, führen nicht zu so vielen Fragen. Aber jede Meile, die dieser Typ – Mitte Dreißig vielleicht, kurze blonde Haare, Stoppelbart – ihn mitnimmt, ist eine Meile Vorsprung vor dem Ding. Eine Meile Atempause. Eine Meile Überleben.
Der Mann beugt sich hinüber zur Beifahrerseite, öffnet die Tür. „Steig ein.“

Dankbar lässt Ethan sich in den Sitz fallen. Erst jetzt merkt er so richtig, wie schwer seine Beine sind. „Danke, Mister. Wirklich.“ Der andere brummt missmutig, nickt aber und fährt los. „Ich fahre bis Greenville“, sagt der Mann einige Minuten später, als das Ortsschild von Franklin in Sicht kommt. Mehr sagt er nicht, muss er auch nicht sagen. „Das wäre echt nett, Mister, wenn Sie mich weiter mitnehmen würden.“ Der Mann nickt. „Stört es Sie, wenn ich die Stunde schlafe?“ Es ist unvernünftig, unvernünftig, unvernünftig, im Auto eines Fremden einzuschlafen, aber er kann nicht mehr. Wenn der Typ ihn im Schlaf umbringen will, dann bringt er ihn um. Macht vermutlich wenig Unterschied, ob Ethan wach ist oder nicht, wenn der Typ ihm wirklich was Böses will. Der Mann sieht ihn mit einem sehr seltsamen Blick an, scheint sich den Kommentar aber anders zu überlegen. „Greenville, South Carolina. Nicht Greenville, Georgia. Drei Stunden, nicht eine.“ Oh wow. Drei Stunden Fahrt? Drei Stunden ausruhen und Vorsprung gewinnen? Ohne einen Cent zahlen zu müssen? Oh. Wow. „Greenville, South Carolina, ist super. Danke.“ Ethan schließt die Augen und ist schon beinahe weg, ehe er mit einem erschreckten Japsen wieder zu sich kommt. „Sie müssen mir was versprechen, Mister. Bitte halten Sie nicht an. Bitte fahren Sie einfach durch, solange ich schlafe, ja? Oder wecken Sie mich auf, wenn Sie anhalten. Das ist echt wichtig. Bitte, versprechen Sie’s!“
Der Fahrer schweigt und mustert Ethan eindringlich aus verengten Augen. Seine abgetragene Kleidung, die aufgerissenen Jeans. Die Turnschuhe, die mehr als nur erste Auflösungserscheinungen zeigen. Die magere Gestalt. Das zottelige Haar. „Du bist nicht einfach nur so abgehauen", sagt er dann. „Du läufst vor was weg. Und zwar ernsthaft. Wie lange schon?“
Ethan sackt in seinem Sitz zusammen. Oh Dreck. Er war zu unvorsichtig. Es ist vorbei. Jetzt wird der Typ ihn beim nächsten Sheriffbüro abliefern, und die werden ihn einsperren, während sie herausfinden, wer er ist und wo er herkommt, und währenddessen wird das Ding zu ihm aufschließen, und dann ist er tot. Er, und das ganze Sheriffbüro mit ihm. Aber seine Flucht war ohnehin nur geborgte Zeit. Auf Dauer kann man dem Ding nicht entkommen. Niemand hält ewig durch. Zumindest niemand, der kein Geld und kein eigenes Auto hat. Ethan schweigt kläglich. Der Blick des Mannes wird härter. Fordernder. Auch sein Tonfall. „Wie lange schon?“
Ethan schluckt. Traut seiner Stimme nicht recht, aber die Worte kommen doch, leise und unsicher. „Was für ein Monat ist?“
Der Mann lacht auf und schüttelt den Kopf. „Scheiße. April. Mitte April. Du weißt nicht mal, welchen Monat wir haben? Raus mit der Sprache: vor was läufst du weg?“
„Sie würden mir nicht glauben.“
Der Mann schnaubt. „Lass das mal meine Sorge sein.“

Etwas Recherche im Internet hat ergeben, dass der Hanging Tree am östlichen Rand von Dimmitt zu finden ist. Passt ja. Ehe er in die Stadt fährt, nimmt Ethan den kleinen Umweg in Kauf und sieht sich das mal an. Ganz kommt er nicht hin; der Baum steht in einem Naturschutzgebiet, wo die Weiterfahrt mit Autos verboten ist. Und zu Fuß will er nicht näher ran, bis er nicht Genaueres weiß. Aber mal einen Blick drauf werfen.
Von ferne sieht der Baum irgendwie seltsam aus. Rosa, ja, aber nicht da, wo man zum Beispiel bei einer Zierkirsche die Blüten vermuten würde. Durch das Fernglas wird klar, warum. Der Baum blüht direkt an Stamm und Ästen, mit grünen Blättern darüber. Interessant.

Ethan ist eben in der Nähe des Diners, in dem er sich mit Sam und Gideon verabredet hat, aus dem Pickup gestiegen, da sieht er drei Gestalten über die Straße gehen, auf ein Gebäude zu, das von einem großen Namenszug als die Bibliothek ausgewiesen wird. Bekannte Gestalten, dazu ein kleiner Hund. Gideon. Samantha. Und Cal. Letztere beide in vertrautem, freundschaftlichen Gespräch miteinander. Ethan beißt die Zähne zusammen. Es. Geht. Ihn. Nichts. An.

Die drei verschwinden in der Bibliothek. Ethan folgt ihnen langsam über die Straße. Geht aber nicht direkt in das Gebäude, sondern schüttelt erst einmal eine Zigarette aus der Packung und zündet sie an. Nimmt einen tiefen Zug. Verzögert die Begegnung, dessen ist er sich bewusst. Egal. Die Zigarette braucht er jetzt.

Dann ist die Zigarette fertig geraucht, der Stummel zertreten. Hilft ja alles nichts. Mit einem Seufzer macht Ethan sich auf den Weg die Treppen hinauf – und stößt in der Tür mit einer zierlichen, dunkelhaarigen jungen Frau zusammen, die gerade mit den drei anderen Jägern die Bibliothek verlässt. Die Bücher, die sie unter dem Arm hatte, fliegen in alle Richtungen, und Ethan hebt ein paar davon auf, Sam die anderen, ehe er ihr hochhilft. Die junge Frau nimmt seine Hand, lässt sich hochziehen, schenkt ihm ein dankendes Lächeln – ehe sämtliche Farbe aus ihrem Gesicht weicht. Sie wäre beinahe zusammengeklappt, wenn er sie nicht noch immer festgehalten hätte. „Al?!“
Drecksmist. Aber damit hat er ja schon gerechnet, dass sowas hier passieren könnte. Nur vielleicht nicht unbedingt so heftig. Ethan schüttelt beschwichtigend den Kopf. „Bin nicht Albert.“

Es dauert eine Weile, aber dann haben sie die junge Frau davon überzeugt, dass Ethan tatsächlich ein Bekannter der drei ersten Besucher ist und nicht der verstorbene Albert. Nachdem Ethan die anderen begrüßt hat (Gideon freundlich, Cal mit knappem Nicken und Sam etwas verlegen – er hat doch tatsächlich vergessen, ihr zu sagen, dass die beiden anderen Jäger auch hier aufkreuzen werden), stellen die ihm die junge Dame vor. Tanee Carlile, örtliche Bibliothekarin und Archivarin – Volltreffer! – und bestens informiert über den Hanging Tree. So gut informiert, dass sie sogar eine Ausstellung über seine Vergangenheit vorbereitet. Na ist doch bestens. Wenn es nicht zu schön ist, um wahr zu sein. Als Ethan Tanee fragt, ob sie Albert gut gekannt habe, fliegt ein Hauch von etwas wie Schuldbewusstsein über ihr Gesicht.

Die Ausstellung befindet sich im alten Kino. Tanee hat einen Schlüssel – wenig verwunderlich vielleicht, immerhin steht „Carlile Theater“ auf dem Schild – und geht voraus. Drinnen hat die junge Frau mit wenig Geld, aber mit viel Sinn für Ästhetik eine Ausstellung vorbereitet. Sie ist noch nicht ganz fertiggestellt, aber man kann schon sehr gut erkennen, in welche Richtung es gehen soll. Bücher, Briefe, Kleidungsstücke, Möbel, Utensilien. Alte Sepia-Fotografien. Von drei Menschen zumeist, zwei Männern und einer Frau.

Eine wahre Romeo-und-Julia-Geschichte habe sich im 19. Jahrhundert hier abgespielt, erzählt Tanee. Ihre Vorfahrin Esmeralda Carlile war mit Seth Timberlake verheiratet, dem Sohn des Bürgermeisters, der aber ein brutaler, grausamer Mann gewesen sei. Im Totengräber des Ortes, Robert Webster, habe Esmeralda ihre wahre Liebe gefunden. Sie hatten eine Affäre, tauschten über Nachrichten in der Kirche immer ihre geheimen Nachrichten aus, bis irgendwann Seth Timberlake dahinter kam und seine Frau erschlug.
Mit dem Mord kam er davon, weil seine Familie so einflussreich war. Das Gerichtsurteil lautete auf Freispruch, und als offizielle Erklärung wurde angegeben, Esmeralda müsse von einem Vagabunden erschlagen worden sein.
Der Totengräber erhängte sich kurze Zeit später vor Kummer an dem Baum, und auch Seth Timberlake, der Ehemann, nahm sich später das Leben, auch er mit dem Strick und auch er an diesem Baum. Ein Judasbaum ist das übrigens, haben die anderen herausgefunden, so genannt, weil es heißt, dass Judas sich nach seinem Verrat an Jesus an einem solchen Baum erhängt habe.

Seit dieser Zeit jedenfalls herrschen Hass und Fehde zwischen den Carliles und den Timberlakes, auch heute noch. So erzählt Tanee empört, dass das Kino hier, das von den Carliles betrieben worden war, vor einiger Zeit durch den Timberlake-Bürgermeister geschlossen worden sei, angeblich wegen mangelnder Sicherheit. Die junge Frau besteht sehr vehement darauf, dass an diesen Vorwürfen rein gar nichts gewesen sei und es sich nur um kleinliche Machtspielchen der Timberlakes gegen die Carliles gehandelt habe.

Tanee ist etwas nervös, rückt bei allem Erzählen über die romantische Geschichte damals erst nicht mit der vollen Wahrheit heraus. Es ist etwas Überzeugungsarbeit vonnöten, bis Samantha – da ist es wieder, Sams Wunder von Einfühlungsvermögen – aus ihr rauskriegt, was los ist. Tanee glaubt, dass mit dem Hanging Tree etwas nicht stimmt und dass Esmeraldas Geist noch in der Stadt umgeht. Sie hat lange Zeit – einige Jahre lang – den Boden um den Judasbaum herum gesalzen; solange, bis Angus Timberlake, ein Umweltschützer, das mitbekam und sie anzeigte. Angus gewann das Verfahren, und die Unterlassungsklage ging durch. Tanee musste die Verfahrensgebühr zahlen und dufte den Boden in dem Naturschutzgebiet nicht mehr salzen. Heimlich machte sie trotzdem weiter, wurde dabei erwischt und musste jetzt eine richtige Strafe zahlen. Nun steht sie ohne Geld da und, schlimmer noch, sie traut sich nicht länger, Salz zu streuen. Deswegen also der schuldbewusste Gesichtsausdruck vorhin: Tanee macht sich Vorwürfe, dass sie die drei Selbstmorde zu verantworten hat, denn hätte sie den Boden weiter gesalzen, wäre es nicht soweit gekommen, denkt sie.

Außerdem ist sie überzeugt davon, dass Esmeraldas Geist noch da ist, und sie glaubt, dass sie vor einer Weile kurzfristig von Esmeraldas Geist besessen war. Auch das ist etwas, dass sie sich kaum zu erzählen traut, bis die Jäger ihr versichern, dass sie sie nicht für verrückt halten. Wegen ihrer Recherchen für die Ausstellung war Tanee nämlich vor einer Weile an dem alten Haus und der Kirche, sagt sie, und plötzlich überkam sie das Gefühl, sie müsse unbedingt jemanden treffen. In der Kirche selbst schrieb sie dann einen Zettel und legte ihn in ein Gebetbuch, und als sie dann die Kirche verließ und zurück zum Wohnhaus ging, bekam sie plötzlich riesige Angst. Dann wurde ihr kurz schwarz vor Augen, und sie hatte das Gefühl, jetzt sei alles vorbei, aber dann kam sie wieder zu sich, und alles war wieder normal, die seltsamen Eindrücke verschwunden.

Dass etwas nicht stimmen kann, zeigt sich auch am Hanging Tree selbst. Der kommt nämlich immer wieder, erzählt Tanee. Nach Seth Timberlakes Selbstmord wurde der Baum gefällt, aber er trieb wieder aus. Etwa 1901 erhängte sich das nächste Opfer; danach wurde der Baum wieder gefällt, diesmal sogar samt Wurzeln aus dem Boden gerissen. Dennoch muss irgendwo ein Trieb geblieben sein, denn der Baum wuchs nach. In der Mitte des 20 Jahrhunderts wurde er dann ein drittes Mal entfernt, und zwar nicht nur restlos ausgerissen, sondern der ganze Hügel, auf dem der Baum steht, etwa bis zur Hälfte abgetragen und die Erde auf den Feldern ringsum verteilt. Aber nicht einmal das hinderte den Baum daran, wiederzukommen.

Zu den drei Selbstmördern befragen die Jäger die junge Bibliothekarin auch. Al Vernon war ein guter Freund, aber nicht ihr Freund. Und sie kannte ihn seit dem Kindergarten, wie Ethan gleich nachfragt. Damit kann es nicht Alan sein. Einen Moment lang schließt Ethan die Augen, und ihm entfährt ein tiefer Seufzer der Erleichterung. Oh dem Himmel sei Dank. Den zweiten Toten kannte sie nur flüchtig: Peter Sutter war ein Schweizer, Student, der zu den Umweltschützern gehörte, die das Gelände bewachen, seit Tanees Aktionen mit dem Salz herauskamen. Und Ray Morales, der erste, der sich am Baum erhängte, war ein Zimmermann. Den kannte Tanee allerdings so gut wie gar nicht. Sie weiß auch nicht, ob Albert und Ray sich kannten. Aber Morales sei offenbar gut mit Holt Warren befreundet gewesen, dem örtlichen Sheriff, vielleicht wisse der ja mehr.

Ob es die Häuser noch gebe, in denen das Ganze damals passiert sei, wollen die Jäger wissen. Ja, antwortet Tanee, die gibt es. Es sind nur drei Gebäude, aber die Gegend, wo sie zu finden sind, wird großspurig ‘Ghosttown’ genannt. Na dann sollten sie sich diese ‘Ghosttown’ doch mal ansehen.

Draußen vor dem Kino tritt Caleb an Ethans Seite. „Hör mal“, fängt der Ältere an. „Wenn du nicht willst, dass ich bleibe, dann hau’ ich ab.“
Ethan wirft dem anderen einen vorsichtigen Blick zu. Beißt die Zähne etwas zusammen, zwingt sich dann aber zum Durchatmen. Das ist doch albern. Es ist Jahre her. Er ist erwachsen, sie sind beide erwachsen. Sie müssen doch verdammt nochmal zusammenarbeiten können, egal, was damals war. Verlangt keiner, dass sie Händchen halten. Ethan schüttelt leicht den Kopf. „Lass. Jetzt bist du schon mal –

– hier", beendet Ethan seine Erzählung. Sonderlich lange hat sie nicht gedauert, auch wenn er anfangs öfter ins Stocken kam und zögernd zu dem Typen rüberschaute. Aber der hat ihn weder unterbrochen noch für verrückt erklärt, und so wurde Ethans Bericht irgendwann flüssiger.

„Verstehe“, nickt der Mann. „Wie heißt du, Junge?“
„Ethan“, murmelt er. „Ethan Gale.“
Der Typ nickt wieder. „Ich hab da so einen Verdacht. Muss den nur erstmal bestätigen.“
Er sieht auf die Straße, klappt gegen die tiefstehende Sonne des fortschreitenden Nachmittags die Sichtblende nach unten. „Du kannst was schlafen. Wenn wir anhalten, sag ich bescheid.“

Der Mann hält Wort. Ein Rütteln an der Schulter holt Ethan wieder ins Jetzt. Sie rollen gerade auf den Parkplatz einer Burgerkette. „Du hast bestimmt Hunger.“
Ethan nickt eifrig – eifriger, als er vorhatte. Aber sein Magen knurrt auch heftiger, als er sich das eigentlich hatte anmerken lassen wollen.
Während Ethan heißhungrig erst zwei große Burgermenüs samt Cola, dann hinterher noch ein Eis verdrückt, führt der Mann ein Telefonat. „Problem“, fängt er nach der Begrüßung an und liefert seinem Gesprächspartner dann eine kurze Zusammenfassung dessen, was Ethan über das Ding erzählt hat. „Ich vermute mal, das könnte ein— genau. Ja genau, das war mein Gedanke.“ Dann nickt und mmhmt er vor allem und wirft ein, zwei Kommentare ein, aus denen Ethan aber ohne Zusammenhang nicht sonderlich schlau wird. Mit einem letzten „Alles klar. Yep. Danke. Ich melde mich.“ legt der Typ dann auf, steckt sein Telefon weg und wendet sich seinem jungen Mitfahrer zu.
„Wie ich mir dachte. Du hast einen Harrdhu am Hals. Hässlich.“ Täuscht Ethan sich, oder ist da beinahe sowas wie Respekt im Blick des Älteren zu erkennen?
„Geben nicht auf, wenn sie mal hinter was her sind.“ Der Typ schnaubt ironisch. „Wie du gemerkt hast. Ziemlich zäh. Aber nicht unbesiegbar.“

Ethan sieht seinen Fahrer aus großen Augen an. „Sie… Sie glauben mir? Und Sie… Sie wissen, was das für ein Ding ist? Und… und was man dagegen machen kann?“
Das jähe, völlig unerwartete Gefühl der Hoffnung, das ihn mit einem Mal durchflutet, ist unbeschreiblich. Erst jetzt wird Ethan so richtig klar, wie sehr er in all den Monaten auf der Flucht tief im Inneren eigentlich völlig davon überzeugt war, dass er für den Rest seines Lebens fliehen würde. Dass er alles geben würde, was er nur hatte, dass es über kurz oder lang aber völlig aussichtslos wäre. Dass er eigentlich schon längst tot war, es nur noch nicht wahrhaben wollte. „Aber nicht unbesiegbar.“ Dieser eine kurze Satz, dieser eine kleine Hoffnungsschimmer, bringt sein Herz beinahe zum Stillstehen. Und die lapidare Antwort des Mannes auf seine Frage, die ihm bekräftigt, dass er sich nicht verhört hat, fast noch mehr.
Der Mann grinst. „Klar. Verwirren, indem man seinen Geruchssinn lahmlegt. In einen Kreis einschließen, aus dem es nicht rauskommt. Und dann abstechen.“

Ethan nimmt einen zittrigen Atemzug. Reißt sich dann zusammen und nickt dem Mann zu. „Okay… Und… wie?“
„Iss mal fertig. Wir müssen paar Sachen besorgen. Kannst du fahren?“
Ethan nickt wieder. Seinen Führerschein hat er letzten Herbst gemacht, kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag.
„Gut. Wir müssen in Bewegung bleiben, die ganze Nacht. Wer nicht fährt, schläft. Morgen besorgen wir den Kram: Veilchen, Silbernitrat, eine Waffe aus Messing. Und dann suchen wir uns einen Ort, wohin wir das Mistvieh kommen lassen. Und dann…“ Der Mann zuckt mit den Schultern und zerschneidet mit der Hand die Luft.
Ethan nickt ein drittes Mal. Er wagt nicht zu fragen, warum der Mann das alles für ihn tut. Er muss doch Besseres mit seiner Zeit vorhaben. Eine Familie, zu der er unterwegs war. Oder selbst wenn nicht – warum will er sich für einen fremden Jungen in die Gefahr begeben, auch von dem Ding zerrissen zu werden? Aber der Typ sieht aus, als wisse er, was er tue. Ihn umgibt eine Aura der kühlen, praktischen Kompetenz. Wenn er sagt, dass sie das Ding – diesen Harrdhu – mit Veilchen, Messing, und was war das Dritte? Silbernitrat? besiegen können, dann glaubt Ethan ihm das. Denn selbst wenn es nicht stimmt und das Ding ihn umbringt, wenn sie es stellen. Oder wenn der Typ ihn verarscht und ihm doch was Böses will. Tot ist er auch, wenn er sich alleine wieder auf den Weg macht.
„Wie heißen Sie eigentlich?“
Der Mann zündet sich eine Zigarette an. „Caleb Fisher. Nenn mich Cal. Und hör mit dem ‘Sie’ auf.“

Am nächsten Abend ist es soweit. Sie haben alles bekommen, von dem Cal sagte, dass sie es brauchen. Und einen Ort gefunden, wo sie dem Ding auflauern können. Eine Wiese mitten im Nichts, wo sie hoffentlich niemanden gefährden außer sich selbst und wo sie einen guten Blick in die Umgebung haben, wenn das Ding kommt. Aber mit einer alten Holzhütte als Deckung.
„Also. Der Harrdhu jagt dich, und momentan nur dich. Der wird sich erstmal auf dich konzentrieren, das werden wir ausnutzen.“ Cal deutet auf die Hütte. „Du tust so, als wärst du völlig erledigt. Und wenn er dann kommt…“

Harrdhui orientieren sich beinahe ausschließlich nach ihrem Geruchssinn, hat Cal gesagt. Also ist es wichtig, als allererstes den auszuschalten. Ethan lauert, an die Außenwand der Hütte gelehnt, in einer Hand die Flasche mit der Veilchenessenz, in der anderen die Waffe. Hin und wieder muss er sich bewegen, damit ihm die Beine nicht einschlafen. Und weil ihm mulmig zumute ist. Ach was. Viel, viel mehr als mulmig. All die Monate ständig auf der Flucht, und jetzt? Jetzt soll er einfach hier sitzen und darauf warten, dass das Ding, vor dem er so lange weggelaufen ist, ihn einholt? Alles in ihm schreit danach, auf den Plan zu pfeifen. Wie lange hockt er jetzt schon hier? Stunden. Es ist längst dunkel.

Ethan wird immer nervöser. Er ist kurz davor, tatsächlich den Rückzug anzutreten, da riecht er es. Den unverwechselbaren, widerlichen Gestank, der sich in sein Gedächtnis eingebrannt hat wie nichts zuvor. Der Harrdhu ist hier. Mit einem Mal klopft sein Herz bis zum Hals, und er zittert.
Der Harrdhu schnuppert. Seine gelben Augen leuchten in der Dunkelheit, und Ethan glaubt, Worte in dem Geschnüffel ausmachen zu können. Er kommt näher… näher… gleich wird er springen, er kann doch Entfernungen urplötzlich überbrücken… das Ding ist nah, viel zu nah, warum hat er sich nur darauf eingelassen, jetzt hat es ihn erwischt – und ehe er es sich versieht, ehe er überhaupt selbst weiß, dass er es tun wird, schleudert er dem Monster den Inhalt der Flasche entgegen. Intensiver Veilchengeruch dringt an seine Nase, überdeckt beinahe den ekelerregenden Gestank des Dings. Aber in seiner Panik war er zu früh. Die Hälfte der Flüssigkeit schwappt nicht dem Harrdhu in die Nase, sondern an ihm vorbei, und das Monster schreit wütend auf und springt auf Ethan zu. In den Kreis aus Silbernitrat hinein, den sie vorher um Ethan herum gezogen haben, aber es ist nicht so behindert, wie es hätte sein sollen. Ethans Schlag mit der sorgfältig geschärften Messinglanze streift die schwarze, schrumpelige Haut nur, statt sie zu durchstechen, und rasiermesserscharfe Krallen rammen sich in Ethans Schulter.

Vorbei, es ist vorbei, lieber Gott vergib mir, und beschütze Mom und Da –

Eine zweite Messinglanze durchbohrt das Monster von der Seite, und die Bestie schreit auf, hoch und markerschütternd und nicht enden wollend, und es dringt noch einmal ein besonders widerlicher Schwall von der Ausdünstung des Harrdhu an Ethans Nase, ehe die gelben Augen verlöschen und die Kreatur mit einem letzten Röcheln zu Boden fällt und stillliegt.

Ethan zittert am ganzen Leib. Er wirft einen Blick auf den toten Harrdhu, und mit einem Mal ist der Gestank so überwältigend, dass er sich heftig übergeben muss. Cal zieht die Lanze aus dem Biest heraus, wischt die Waffe mit knappen Bewegungen sauber, während Ethan verlegen zu Boden sieht.

„Ich… ich hab’s verbockt…“
Cal lässt die Lanze sinken, kommt zu ihm herüber.
„Keiner von uns ist tot. Das werte ich als Erfolg.“
Ethan nickt unbeholfen.
„Aber wenn Sie nicht gewesen wären…“
Cal lacht. „Und? Deshalb war ich doch hier. Aber klar, nächstes Mal kannst du das Monster alleine erlegen.“
Er holt eine Schachtel aus der Tasche und schüttelt eine Zigarette heraus. Zündet den Glimmstengel an und nimmt einen tiefen Zug. Dann hält er Ethan die Packung hin. „Auch eine?“
„Nein, ich…“ Ethan zögert. Seine Schulter tut höllisch weh, er hat im Mund den Geschmack von Erbrochenem, und er zittert noch immer. „Ja, bitte“, murmelt er und greift nach der Packung.

Die alte Kirche ist der nächstgelegene Ort. Je näher sie dem verlassenen Gebäude kommen, um so nervöser reagiert der kleine Hund. Der Hund, der zu Ethans Erstaunen zu Cal zu gehören scheint. Caleb ist ihm nie wie ein Typ vorgekommen, der einen Hund haben würde. An Sam scheint das Tier einen besonderen Narren gefressen zu haben. Als würde es die Jägerin schon länger kennen. Ethan atmet tief durch. Geht ihn nichts an.
Hier ist irgendwas. Hunde haben ein Gespür für solche Dinge. Die Hündin wird mit jedem Schritt Richtung Kirche unruhiger und beschützerischer. Mit gesträubtem Fell, Marke ‘Lass meine Menschen in Ruhe!’, hält sie sich zwischen Sam, Cal und der Präsenz.

Samantha beschleunigt ihren Gang, eilt auf die Kirche zu. Ethan spürt es auch. Etwas. Ein… Ein Sehnen. Er kann Sam da nicht alleine reingehen lassen. Will an ihrer Seite sein, wenn sie – wenn sie was? Egal. Er will an ihrer Seite sein. Mit langen Schritten geht er ihr nach.

Drinnen sehen sie den Geist. Esmeralda. Eine blonde Frau von kühler, spröder Schönheit in der Kleidung einer wohlhabenden Städterin aus jener Zeit. Das ernste Gesicht von den Fotos aus Tanees Ausstellung wird hier von einem seligen Lächeln erhellt, während die Erscheinung einen Zettel schreibt und diesen in einem Gesangbuch versteckt, das sie dann zuunterst in den Stapel schiebt, ehe sie wieder aus dem Gebäude eilt.

Sobald Esmeralda verschwunden ist, vergeht auch dieses eigenartige Gefühl der Sehnsucht. Sam tritt an das Regal und zieht das Gesangbuch aus dem Stapel. Der Zettel ist mit einer zierlichen, verschnörkelten Frauenhandschrift beschrieben. „9 p.m., wie immer.“ Das Papier fühlt sich erst völlig real an, aber nach kurzer Zeit verblasst es, wird immer substanzloser, bis es schließlich ganz und gar vergangen ist. Ethan nickt leicht. Das haben Geistergegenstände öfter mal so an sich.

Ethan stellt sich in die Eingangstür. Sieht nach draußen und ruft. “Esmeralda?” Für einen kurzen Moment erscheint die Gestalt in dem langen Kleid wieder, sieht erst Ethan traurig an und dreht sich dann weg, reckt sehnsuchtsvoll die Hände in Richtung der kleinen steinernen Hütte, die ein Stück weiter zu sehen ist. Das muss das Haus des Totengräbers gewesen sein. Als Ethan den Blick von der verfallenen Kate abwendet, ist Esmeraldas Geist schon wieder verschwunden.

Cal war nicht mit in der Kirche. Jetzt stößt er wieder zu den anderen, deutet hinter das Gebäude. „Hab den Friedhof gefunden“, brummt er. Das scheint nur der alte Friedhof des Ortes zu sein, erklärt er dann, denn die Gräber gehen nur bis in die 1950er Jahre. Irgendwo muss es noch einen neuen Friedhof geben. Aber immerhin hat Cal die Gräber des Ehepaares gefunden. Das von Robert Webster, dem Totengräber, aber nicht. Mist.

Bei dessen Kate spüren sie wieder alle einen Anflug von etwas, aber so richtig greifbar ist es nicht. Die kleine Hündin reagiert auch nicht groß auf die Umgebung. Das ändert sich schlagartig, je näher sie dann dem Haus kommen, wo das Ehepaar Timberlake gelebt hat. Da fängt das Fellknäuel wieder an zu knurren und sich wachsam umzusehen und sich zwischen die unsichtbare Gefahr und seine Menschen zu stellen.

Die Strahlung, der Einfluss, wie auch immer man es nennen will, scheint aus dem Garten zu kommen. Dort hinten stehen zwei alte, schmale Pfosten mit je einem rostigen Haken darin, wie sie vielleicht früher einmal verwendet wurden, um eine Wäscheleine dazwischen aufzuspannen. Ethan runzelt die Stirn und geht sich das einmal ansehen.

In dem Moment, wo er zwischen den Pfosten steht, überkommt es ihn: Ein Gefühl der Wut und der Aggression, so stark, dass es ihm beinahe den Atem raubt. Ethan ballt die Fäuste und stapft zurück zu den anderen. Das zornige Brodeln in seinem Bauch wird davon nicht weniger.

Er presst die Zähne zusammen und deutet zurück zu den Pfosten. „Da nicht hin“, knirscht er. „Was ist da?“ fragt Sam neugierig und setzt sich in Bewegung – natürlich genau in die Richtung, vor der er sie eben gewarnt hat! „Nicht!“ fährt er sie an. „Gefährlich!“ Sam runzelt die Stirn, geht trotzdem weiter. Verdammt! Er will sie doch nur beschützen! Dahinten hat Seth Timberlake seine Frau umgebracht, Himmel noch eins, und da treibt sich noch immer dieser Geist herum!
Ruppig packt Ethan Sam an der Schulter, hält sie fest. „Nicht! Da hat er sie umgebracht!“

Cal baut sich vor ihm auf. Ausgerechnet Cal, der hat es nötig!
„Du solltest Sam ihre eigenen Entscheidungen treffen lassen.“
Ethan wirft dem Älteren einen vernichtenden Blick zu. „Weil du ja so viel Erfahrung damit hast, andere ihre eigenen Entscheidungen treffen zu lassen!“
Cal drängt sich so zwischen die beiden jüngeren Jäger, dass Ethan Sams Schulter loslassen muss. Sein Blick fährt kurz zu der jungen Frau, die verängstigt zurückweicht und den Hund hochhebt, dann mustert er Ethan, wachsam und angespannt. Seine Haltung lässt keinen Zweifel daran, dass er glaubt, hier eingreifen zu müssen.
„Wenn du dich mit wem anlegen musst, dann mit mir, aber lass’ Sam in Ruhe.“
Scheiße. Meint der wirklich, Ethan würde… Verdammte Scheiße! So wie Cal dasteht, als Deckung zwischen ihm und Sam: Der meint allen Ernstes, Ethan könnte Sam etwas antun! Ethan will Samantha beschützen, verdammt nochmal! Eher würde er sich selbst die Hand abhacken, als dass er sie gegen Sam erhebt! Eher sterben, als ihr wehzutun! Allein der Gedanke daran lässt die Wut in seinem Bauch noch höher kochen. Was bildet der sich ein! Wie er vor ihm steht, genauso überzeugt von sich wie eh und je, Caleb Fisher allein hat die ganze Wahrheit für sich gepachtet, gar keine Chance, dass die Dinge jemals irgendwie anders liegen könnten, als Caleb Fisher sie einschätzt! Der große, allmächtige Caleb Fisher, der glaubt, die Leute zu dem zwingen zu müssen, was er für richtig hält, selbst wenn -

„Ich hätte dich gebraucht, du…!“
Ansatzlos holt Ethan aus, und seine Faust rast auf Calebs Gesicht zu. Keine Finte, keine Ablenkung, einfach nur eine Gerade, die sich aus zehn Meilen Entfernung ankündigt. Cal sieht den Schlag kommen, natürlich sieht Cal ihn kommen – und trotzdem macht Cal keinerlei Anstalten, auszuweichen oder sich zu verteidigen. Dass Cal einfach nur reglos stehenbleibt, dringt sogar durch Ethans siedenden Zorn. Im allerletzten Moment federt er seinen Schlag ein wenig ab und zieht ihn ein Stück nach oben. Cals Augenbraue platzt davon auf, Blut läuft ihm das Gesicht hinunter – und die ganze Wut fließt mit einem Mal aus Ethan ab, als habe man einen Stöpsel gezogen.

Ethan lässt die Hände sinken, fällt förmlich in sich zusammen. Greift mechanisch nach dem Verbandbeutel in seiner Tasche, sucht nach einem Pflaster.
„Scheiße, Mann. Tut mir leid.“
Cal winkt ab. „Ich hab’s ja verdient.“
„Das… Das ist dieser Ort. Er… hier…“ Ethan deutet hinter sich zu den Wäschepfosten. „Da hinten. Der Mord.“
„Hauen wir ab. Dieser Ort ist nicht gut.“

Sam hat die ganze Konfrontation mit schreckensbleichem Gesicht verfolgt. Sie hält die kleine Promenadenmischung fest, die sich an sie kuschelt, als wolle sie gleichermaßen Trost spenden wie empfangen. Gideon wirkt gelassener, Marke ‘die müssen da wohl was auskaspern, lassen wir sie mal’, aber Sam macht einen richtig entsetzten Eindruck. Starr vor Panik. Als sie sich von dem Farmhaus entfernen, hält sie, die Hündin noch immer auf dem Arm, sorgfältig Abstand von Ethan. Er verzieht das Gesicht. Stich in sein Herz.

Ethan zündet sich eine Zigarette an, tritt dann neben Samantha, die ihm einen misstrauisch-bangen Blick zuwirft. Noch ein Stich. Verdammt.
„Tut mir leid, dass ich dir Angst eingejagt habe“, beginnt er unsicher. „Dieser Ort, er… er hat mich… wütend gemacht.“
„Es war nicht nur der Ort, oder?“ fragt sie leise.
Ethan schüttelt verlegen den Kopf. „Nein“, erwidert er zögernd. „Könnt mich jetzt drauf rausreden, aber… nein. Nicht –

– nur.“
Cal lächelt sardonisch. „Ach nein? Sondern?"
„Naja", druckst Ethan, „klar ist sie hübsch. Total hübsch. Aber auch klug. Und nett. Und geistreich. Und sie hat einen tollen Humor."
„Na dich hat’s ja schwer erwischt."
Ethan nickt etwas verlegen. „Glaub schon. Du musst sie unbedingt kennenlernen, Cal. Ich glaube, du wirst sie mögen."
Der Ältere wirft ihm einen kurzen Blick zu und starrt dann an ihm vorbei in die Ferne. „Warum sollte ich sie kennenlernen?"
Völlig perplex sieht Ethan seinen Mentor an. „Wa— Aber natürlich solltest du!”
„Was willst du ihr denn erzählen? ‘Hey, das ist der Typ, der mir gezeigt hat, wie man einem Vampir den Kopf abschlägt und wie man eine Leiche so zerstückelt, dass man keine Aufmerksamkeit erregt’?” Cals Grinsen zeigt etwas zu viele Zähne. „Klingt nach einer echt tollen Idee.”
„Nein, das…” Ethan schüttelt heftig den Kopf. „Das müssen wir doch nicht erwähnen! Du bist einfach ein Freund von mir, oder? Ich meine, irgendwann…” Er blinzelt, bricht ab, als ihm klar wird, dass er in Gedanken gerade fünf Schritte vor dem ersten getan hat. „Ähm. Also nur gesetzt den Fall, das, ähm…”, er räuspert sich, „… das wird was. Dann ist es doch klar, dass du sie irgendwann triffst!”
Cal starrt ihn für einen Moment an und sagt noch einmal, langsamer: „Wozu? Sei kein Idiot. Was sollte das bringen?“ Dann dreht er sich um und steckt sich eine Zigarette an. Ruhiger, mit dem Ausatmen des Rauches, sagt er: „Ich freue mich für dich, ehrlich. Aber wenn du das wirklich willst, wenn du so richtig mit ihr zusammen sein willst, und nicht nur ein bisschen vögeln, dann ist das hier vorbei.“ Er macht eine Handbewegung, die das Auto, ihn, die Straße umfasst. „Jagen und ein Mädchen oder eine Familie, das läuft nicht. Vergiss es.“
„Also, ich…” Verlegen zündet Ethan sich ebenfalls eine Zigarette an. „Ist ja nicht gesagt, dass das überhaupt was wird. Aber wenn…” Er sieht aus dem Fenster, auf die Berge ringsum und den mächtigen Fluss, an dem sich die Straße entlangzieht, ehe er den Blick wieder Cal zuwendet. „Warum läuft das nicht? Wegen des vielen Umherziehens?” Sie sind jetzt schon seit über einer Woche hier in der Gegend, aber es stimmt schon. In den letzten beiden Jahren haben sie nur selten mehr als zwei, drei Nächte an ein und demselben Ort verbracht.
Cal schnaubt. „Nein. Weil es verdammt noch mal gefährlich ist. Es hat seinen Grund, dass die meisten Jäger Einzelgänger sind. Du solltest doch selbst am besten wissen, wie schnell sich ein Monster an deine Fersen heftet. Nur macht das Ding dann nicht nur dich fertig, sondern auch den Zivilis…“ Er bricht kurz ab, als sich das Militärsprech seines Vaters in seine Worte schleicht. „…deine kleine Freundin. Oder brauchst du Beispiele? Ich habe genug Beispiele.“
Autsch. Ja klar. Da hat Ethan gerade gehörig auf dem Schlauch gestanden. Genau das war ja der Grund, warum er nicht mehr nach Hause konnte. Warum er sogar, nachdem der Harrdhu tot war, nie wieder Kontakt zu seiner Familie aufgenommen hat. Sachte schüttelt er den Kopf. „Verstehe schon.”
Den Rest der Fahrt über ist Ethan ziemlich schweigsam und nachdenklich. Als sie gegen Nachmittag an dem Motel ankommen, wo sie die letzten Tage übernachtet haben, zieht Ethan sich sofort in sein Zimmer zurück. Aber da hält es ihn nicht, und so macht er sich ziemlich bald auf einen Streifzug durch die weitgehend unberührte Landschaft in der Nähe. Beim Gehen oder Laufen die Gedanken frei schweifen zu lassen, diese Angewohnheit hat er noch nicht so recht abgelegt – und wird er möglicherweise auch nie ganz ablegen, egal, wie lange es her ist.
Eine Stunde später ist er zu einem Entschluss gekommen. Er wird es tun. Carla ist es wert. Nicht nur wert. Sie ist diejenige. Sie ist diejenige, und Ethan wird mit diesem Leben aufhören.

Paradoxerweise scheint die ehrliche Antwort eine beruhigendere Wirkung auf Sam zu haben, als wenn Ethan alles nur auf den Einfluss des Geistes geschoben hätte, denn sie nickt, atmet einmal tief durch und bewegt sich nicht mehr so steif und vorsichtig in seiner Gegenwart. Den Stein, der ihm vom Herzen fällt, kann man mit Sicherheit im nächsten County noch plumpsen hören.
„Ich hatte Angst, weißt du“, erklärt sie. „Zum Teil kam sie vielleicht von Esmeralda, aber zum Teil…“
Er schluckt. Ja. Zum Teil kam die Angst, weil auch sie selbst, Sam, dachte, er würde sie jetzt umbringen. Oder wenigstens handgreiflich gegen sie werden. Nicht du. Niemals du. Ich könnte dir niemals etwas antun. Aber das kann er nicht sagen. Er nickt. „Es tut mir leid.“

Die Frage ist, sollen sie erst zum Sheriff gehen und den wegen des ersten Selbstmörders befragen oder lieber gleich zum Judasbaum? Sie entscheiden sich für letzteres; immerhin stand auf Esmeraldas Zettel etwas von neun Uhr, und so früh am Nachmittag ist es gar nicht mehr.

Auf seinem Hügel hebt sich der Hanging Tree in starkem Kontrast gegen die texanische Nachmittagssonne ab. In dem Licht sehen die rosafarbenen Blüten am Stamm besonders ungewöhnlich aus. An den Baum gelehnt sitzt der Totengräber: eine hochgewachsene Gestalt mit kurzgeschorenem dunklem Bart, schwarzem Anzug und Zylinder. Erst als sie näherkommen, erkennen sie, dass es doch nicht Websters Geist ist, sondern ein junger Mann. Blonde, kurze Haare, dunkle Augen. Und ein völlig übermüdetes, verzweifeltes, tränenüberströmtes Gesicht. Von Schluchzern geschüttelt. Tanees Beschreibung nach sieht er aus wie… „Angus Timberlake?“ fragt Gideon.

Der junge Mann sieht auf. „Wer sind Sie denn? Hat sie Sie etwa geschickt? Wollen Sie etwa auch die Umwelt zerstören? Oder was –

– machst du hier?“ Cal starrt Ethan eisig an. Kein „Hallo“. Kein „Wie geht es?“. Kein „Wie geht es Carla?“
Er lässt den Kofferraum mit seinen Waffen zufallen und schiebt ein neues Magazin in die Beretta. „Ist das dein Ding? Lässt du dein Mädchen alleine zu Hause rumsitzen, während du beim Jagen Spaß hast?“
Ethan, der eben schon angesetzt hat, um seinen Freund und Mentor zu begrüßen, klappt den Mund wieder zu. Kurz irrlichtert es in seinen Augen, undefinierbar, und etwas, ein hilfesuchender, verzweifelter Ausdruck darin, erlischt. Einen Moment lang beißt er die Kiefer so fest aufeinander, dass er meint, gleich bricht ein Zahn.
„Total”, presst er mit Mühe heraus.
Cal schnaubt verächtlich. „Ich hab’s dir gesagt, entweder – oder. Aber ist ja deine Entscheidung.“ Er zuckt mit den Achseln und schiebt sein Bowiemesser in die Scheide. „Ich dachte, du wärst froh, dass sich eine mit dir abgibt. Hast doch immer davon geredet, dass du dich um sie kümmern willst.“ Cals Tonfall klingt seltsam. So als sei ihm selbst nicht ganz klar, ob er über sich selbst spricht oder über Ethan.
Aber das bemerkt der kaum. Ein Zahn ist eben nicht gebrochen. Aber etwas in in ihm. Etwas, das bis hierher noch irgendwie gehalten hat, gerade so. Er ballt die Fäuste in den Taschen. Presst die Zähne nochmal aufeinander. Atmet tief durch – nein. Es ist ein bitteres, hoffnungsloses Schnauben. “Genau. Meine… Entscheidung.”
Er nickt dem Älteren zu, knapp und kühl. Zieht den Panzer der Unnahbarkeit noch etwas enger um den Schmerz und die Schuld und den Selbsthass.
„Ich geh dann.” Fick dich, will er sagen. Aber die Worte finden den Weg nicht nach draußen. So viele Worte haben in den letzten Wochen ihren Weg nicht nach draußen gefunden. Fast gar keines mehr. Er sieht sich nicht um, während er zu seinem eigenen Wagen zurückgeht. Sieht nicht zurück, als er vom Parkplatz fährt. Fixiert den Blick starr auf die Straße, bis er nach Meilen an einem abgelegenen Rastplatz ankommt. Aussteigt. Seinen Schmerz in die Landschaft brüllt, als würde das auch nur im Ansatz etwas helfen. Ob es Carlas Name ist oder einfach ein endloser, wortloser Schrei, das kann er selbst nicht sagen.

„Umwelt zerstören?“
Angus Timberlake nickt heftig.
„Den Boden mit diesen Unmengen Salz vergiften! Das ist es doch, was diese Hexe will? Hat sie Sie etwa auch bezaubert, wie sie das mit Al gemacht hat?“
Timberlakes Verzweiflung und seine Verstocktheit sind eindeutig nicht normal. Der Junge ist weder bereit, sich mit Tanee zusammenzusetzen, noch einzusehen, dass die Mengen Salz, die sie gestreut hat, dem Boden nicht so sehr schaden, wie er das anzunehmen scheint. Seit er herausgefunden hat, dass Tanee das Land vergiftet, dass sie irgendwann sogar Albert in ihren perfiden Plan mit einbezog, halten sie hier Wache.
‘Sie’, das waren eigentlich seine Freunde von Greenpeace und er, aber seit Peter Sutter sich hier umgebracht hat, sind die meisten anderen abgehauen, und nur noch er und Emilia sind übrig. Ah. Deswegen der Schlafmangel.

Ausruhen will Angus sich aber auch nicht. Will seinen Posten nicht verlassen. Nicht, bis seine Ablösung kommt. Gideon leuchtet ihm in die Augen und nickt seinen Begleitern dann zu. Auch Ethan sieht das orangefarbene Aufblitzen, das die besondere Stablampe des Sanitäters zum Vorschein bringt: Der Junge ist besessen. Allerdings scheint es weniger zu werden, je länger er sich mit anderen Leuten unterhält. Und glücklicherweise dauert es nicht sehr lange, bis die Ablösung, von der er gesprochen hat, tatsächlich aufkreuzt: Eine junge Studentin, die überaus eifrig bei der Sache ist und sichtlich für Angus schwärmt. Jetzt ist Timberlake endlich bereit, sich von Sam nachhause fahren zu lassen. Ethan sieht den beiden nach und beißt die Zähne zusammen. Natürlich fährt Sam Angus heim, sie hatte den besten Draht zu dem Jungen.

Stellt sich nur die Frage, ob man das Mädchen einfach so hier lassen kann, oder ob sie eventuell auch von Websters Geist beeinflusst werden könnte. Ethan glaubt nicht: Für ihn sieht es so aus, als ob Männer, je nach Ort, nur von Seth oder Robert besessen würden und Frauen nur von Esmeralda. Aber sicher ist sicher, also leuchtet Gideon dem Mädchen ebenfalls in die Augen. Nichts. Ganz normal. Gut. Dann können sie die Studentin hoffentlich unbesorgt hier Wache stehen lassen.

Sobald Sam wieder zu ihnen gestoßen ist, planen sie, was sie nun tun sollen. Klar. Die drei Geister zur Ruhe legen. Nur: Das wird nicht so leicht. Die Gräber des Ehepaares Timberlake sind auf dem Friedhof, aber das von Robert Webster? Auf ihr Nachfragen erzählt Tanee, dass der Totengräber als Selbstmörder nicht nur keinen Platz auf dem Friedhof bekam, sondern der Bürgermeister auch dafür sorgte, dass seine Knochen zermahlen und das Mehl als Dünger unter dem Judasbaum verteilt wurde. Und noch schlimmer: Da der Hügel irgendwann zur Hälfte abgetragen und die Erde auf den Feldern ringsum verteilt wurde, liegen Websters Überreste nun überall verstreut. Keine Chance, die je wieder komplett zu finden und einzusalzen und zu verbrennen.

Aber wie wäre es, wenn sie nur Seth Timberlake weiterschicken? Dann finden die Geister der beiden Liebenden vielleicht endlich zueinander und können auf diese Weise ihren Frieden erlangen.
Ein schneller Blick auf die Uhr: Sie können es noch schaffen. Am Friedhof legen sie einen Salzkreis um das Grab und machen sich dann an die Arbeit. Natürlich erscheint Timberlakes Geist und will sie daran hindern, ihn zu bannen, aber der Salzkreis hält, und sie sind zu viert. Mit einem beinahe hörbaren Kreischen vergeht der Ehefrauenmörder in den Flammen seiner Überreste.

Die vier Jäger eilen zum Hanging Tree zurück. Emilia Rodriguez, die junge Studentin, hat sich in den Wohnwagen am Rand des Naturschutzgebiets zurückgezogen, das ihr und Angus als Wachtposten dient. Gut so. Da stört sie nicht.
Am Hügel ist Robert Websters Geist zu sehen: eine schattenhafte Gestalt, die unruhig vor dem Baum hin- und herläuft. Eindeutig auf etwas wartet. Es dauert eine Weile, aber dann erscheint Esmeraldas Geist tatsächlich. Die beiden Schemen gehen aufeinander zu, zögerlich erst, als könnten sie es nicht glauben. Dann fliegen sie einander in die Arme und beginnen einen langsamen Tanz um den Baum herum. Dieser endet damit, dass sie anhalten, einander innig küssen und verblassen, bis schließlich keine Spur mehr von ihnen zu sehen ist.

Ethan ist neben Samantha zum Halten gekommen, und während alle fasziniert auf die Tänzer schauen, stehlen sich plötzlich, beinahe wie von selbst, ihre Hände ineinander. Mit leisem Druck verflechten sich ihre Finger, streicht die Kuppe seines Daumens sachte über ihren Handrücken. Doch dann sind die Geister verschwunden, und die Blicke der anderen wandern zu Sam und Ethan. Gideon schaut wohlwollend-amüsiert, als er deren Händehalten bemerkt; Cal macht eine kritische Miene. Sofort lösen sie sich voneinander, und beide Jäger schauen verlegen in jeweils eine andere Richtung.

„Lass einen trinken gehen, das habe ich jetzt nötig“, schlägt Gideon vor. Oh ja, sie auch, sie komme mit, erklärt Sam sofort. Aber der Sanitäter nimmt die junge Jägerin beiseite, murmelt ihr etwas zu. Ethan kann nur Bruchstücke verstehen, aber es ist ihm schon klar, was der Bostoner sagt: er müsse was mit Cal privat besprechen, zwinker zwinker, und bis morgen. Irgendwie sowas in dem Stil.
Sam ist das fürchterlich unangenehm, Ethan auch, aber er kann sie ja jetzt nicht alleine stehen lassen. Also, ja, gehen auch die beiden in eine kleine Kneipe. Und es ist wieder genau dasselbe wie damals am See in Dana Point: Ethan fühlt sich hingezogen zu ihr, sehr sogar, wahrt aber gleichzeitig sorgfältig seine Distanz.

Sie merkt, wie hin- und hergerissen er ist. Drecksmist. Natürlich merkt sie das. Sie ist ja nicht blind. Im Gegenteil, sie hat ein sehr feines Gespür für Untertöne, wie er jetzt schon mehrmals gemerkt hat. Schließlich bietet sie ihm ein offenes Ohr an, falls er darüber reden wolle. Ethan zögert. Atmet tief durch. Öffnet schon beinahe den Mund, um ihr alles zu sagen. Bekommt dann aber doch nur ein halbes Lächeln zustande. „Ja. Hast es verdient. Nur…“ Er macht eine hilflose Handbewegung. „Nicht…“ Er seufzt. „Irgendwann.“

Kein Wunder, dass danach die Stimmung im Keller ist. Sie trinken ihr Bier aus und gehen ins Bett. Jeder in sein eigenes natürlich. Treffen sich am nächsten Tag nochmal. Stellen am Baum sicher, dass die selbstmörderischen Schwingungen, die Präsenzen, die sie alle gespürt haben, verschwunden sind. Lernen Tanees Mutter kennen und erfahren von der, dass auch sie über viele Jahre die Erde um den Baum gesalzen hat. Sie ist zwar keine Jägerin, aber Tanees Vater war einer. Er blieb auf der Durchreise eine Weile in Dimmitt hängen, lange genug, um Tanees Mutter über die Existenz von Geistern aufzuklären und ein Kind zu zeugen. Wo er heute ist, ob er überhaupt noch lebt, weiß Mrs. Carlile nicht.

Dann brechen sie auf. Zum Sheriff sind sie jetzt doch nicht mehr gekommen, aber was Ray Morales zu dem Baum und unter Websters Einfluss gebracht hat, ist im Endeffekt auch eigentlich relativ egal. Der Abschied von Gideon ist jedenfalls herzlich, der von Cal ein kühl-neutrales Nicken und der von Sam ein verlegenes „bis dann“. Und auch auf der Heimfahrt wieder fliegen die Gedanken unkontrolliert in Ethans Kopf umher.

Am Abend, im Motel, schreibt er Samantha einen Teil seiner Überlegungen. Dass er es ihr hätte erzählen sollen. Dass es ihm leid tut. Dass es aber nicht das richtige Thema für eine Kneipe war. Dass er Angst davor hatte, wie sie reagieren würde, das schreibt er nicht. Aber dass er es ihr noch erzählen wird, versprochen. Ehe er sich durch Druck auf die ‘Löschen’-Taste davon abhalten kann, klickt er auf ‘Senden’.

Es dauert einige Tage, bis Sam antwortet. Ethan weiß nicht genau, was er als Reaktion erwartet hat, aber ihre Nachricht trifft ihn unverhofft und wie ein Schlag in die Magengrube. Wie ein Guss eiskalten Wassers über den Kopf, der ihn zur Besinnung bringt.
„Ok… ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat, aber du musst dich mir gegenüber nicht zu irgendwas verpflichtet fühlen. Wirklich. Alles locker. Wir sehen uns…“

Ethan schluckt schwer. Drecksmist. Er hat sich da in was reingesteigert. Samantha nicht. Und sie hat recht damit. Es geht ja ohnehin nicht. Er muss verdammt nochmal aufhören, in ihr etwas zu sehen, das sie nicht sein kann. Wenn das nur nicht so elend schwer wäre. Das Gefühl des kurzen Momentes, als Sams Hand in der seinen lag, lässt ihn nicht los. „Ich hab drüber nachgedacht“, hat er ihr geschrieben. „Du gehst mir nicht aus dem Kopf“, heißt das im Klartext. „Du bist immer in meinen Gedanken. Mal weiter vorne, mal weiter hinten. Aber immer da.“ Nur das konnte er natürlich nicht schreiben. Und das kann er ihr auch nicht sagen. Wenn er trotz aller Disziplin schon nicht in der Lage ist, diese Gefühle zu unterbinden, dann kann er zumindest dafür sorgen, dass sie nichts davon mitbekommt. Um ihrer beider willen. Davon darf sie nie erfahren.

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Von Engeln und Alkohol
Ein Abend im Roadhouse

Von Engeln und Alkohol

Mir war klar, dass es ein Roadhouse mit klebrigem Boden und lauter Rockmusik werden würde, wenn Cal Zeit und Ort wählt. Dieses hier hat für die Darstellung der miesen Bikerkneipe in die kein vernunftbegabter Mensch einen Fuß setzen würde, glatt einen Oscar verdient. Cal ist schon vor Ort. Ich grüße so einsilbig wie er, lege wortlos mein Laptop auf den schmierigen Tisch und gehe mich ersteinmal mit Kaffee und einer Flasche Havana Club bewaffnen. Warum es gerade South Carolina sein musste, frage ich gar nicht erst.

Auf Höflichkeitsfloskeln können wir verzichten. Andererseits will keiner von uns beiden anfangen. Ich finde, dass Cal besser vorbereitet ist. Neben ihm steht schon eine angefangene Flasche von dem grausigen Whiskey, an den ich seit Colma die schlechtestmögliche Erinnerung habe. Andererseits habe ich vielleicht die bessere Nachricht. Erstens die schon erwähnte Tatsache, dass Harris mir erklärt hat, wie man aus dem Himmel fliehen kann. Zweitens die Aussicht darauf, dass ich, wenn ich es richtig anstelle, an ein Schwert kommen kann, das aussieht wie das des Jungen. Er sagt, dass es einen Engel verletzen könnte. Ich spare mir die Information, dass es im Keller der Hooper-Winslows unter Verschluss liegt, weil ich nicht in die Verlegenheit kommen will, ihm zu erklären, warum mir meine eigene Familie wertvolle Hilfsmittel vorenthält, sollte mein Versuch fehlschlagen.
Cal macht es mir einfacher. Bevor wir richtig loslegen, schiebt er mir einen kleinen glänzenden Gegenstand über den Tisch. Meinen Ehering. Ich starre das Schmuckstück an und bin immer noch völlig fasziniert, dass er sich die Mühe gemacht hat, es zwei Jahre lang aufzuheben. Die meisten anderen Leute, die ich kenne, hätten nur den Goldwert gesehen und sich gedacht, dass die reiche Schickse auch darauf verzichten kann. Da muss irgendwo sowas wie ein Herz in dem raubeinigen Cowboy stecken, denn Angst vor meinem Zorn hat der bestimmt nicht.
Entweder er kommt gerade auf die gleiche Idee und will ablenken oder ich bin in Gedanken abgedriftet, denn er fragt, worauf ich warte. Ob er vielleicht auf die Knie gehen und mir das Ding anstecken muss. Danke, nicht nötig. Da war schonmal jemand schneller. Hat auf Dauer auch nichts gebracht. Ich will nach der dünnen goldenen Kette greifen, um den Ring wieder an seinem angestammten Platz zu verwahren, und erinnere mich, dass ich sie in der Eile zerrissen hatte, als es um Leben und Tod ging. Na gut. Dann eben dahin, wo er nicht mehr hingehört. Ich ertappe mich dennoch beim Lächeln, als ich feststelle, dass er sitzt wie eh und je.
Derart milde gestimmt, entschließe ich mich, den Anfang zu machen und berichte von den Erkenntnissen, die mir der Besuch in Ruston gebracht hat.
Kurz überlege ich, ob ich den Kleinen in Gefahr bringe, wenn ich Cal auch von der Kette, die die Geister in der Stadt hält, berichte. Und von dem Mantel des Hermes, der ihn vor den Augen der Engel verbirgt. Aber was soll’s. Wir wollen hier Wissen zusammentragen, nicht verheimlichen. Der Jäger sagt selbst, dass er gar nicht erst hören möchte, wo Harris ist, um ihn nicht versehentlich auffliegen zu lassen.
Was er dafür von mir wissen will, ist warum ich neuerdings ein so starkes Interesse daran entwickelt habe, Engeln in die Suppe zu spucken und was es mit DeVries auf sich hat. Berechtigte Frage. Ich wusste auch, dass sie kommen würde. Einfacher wird es davon nicht. Ich teile ihm erst einmal mit, dass ich dafür noch lange nicht genug Promille habe und ersetze den Kaffee in der Tasse durch Rum.

Während ich davon nippe, tragen wir folgende Informationen zusammen:

Es gibt eine wahrscheinlich henochische Rune, die man mit Blut zeichnen muss, wenn man einen Engel aus seinem menschlichen Wirt bannen will. Zumindest zeitweilig. Genug, um zu einer längeren Atempause zu kommen.

Im Himmel herrscht Krieg unter den Engeln, die verschiedener Meinungen sind, was mit der Erde oder dem „Plan Gottes“ zu geschehen habe. Selathiel – ein Name, der jedesmal meinen Puls beschleunigt, seit mir Special Agent Saitou gesagt hat, dass es sich dabei um „den“ Engel handelt, dem Marcus zu dienen scheint – will die Apokalypse starten. Dazu sucht sie das, was gerne mal als Höllentore bezeichnet wird, wovon Cal sagt, dass es korrekterweise Nephilimtore heißen müsse. Er selbst habe einmal einen ganzen Damm gesprengt, um dafür zu sorgen, dass eines geschlossen bleibe.
Ich nehme einen großen Schluck.

Bei einem zweiten Höllentor habe DeVries so lange herumgebetet, bis irgendwelches Indianerzeug weg war, das da angebracht gewesen ist, angeblich um das Tor zu zerstören. Oder aber der Engel hat nicht alles erzählt, was es über das Tor zu sagen gab. Cals Vater höchstselbst war es, der die Sache versaut hat. Oder auch verarscht worden ist. Da tun sich Abgründe auf, von denen ich eigentlich gar nichts wissen will. Nicht nur bei mir wirkt der Alkohol lösend auf die Zunge. So vehement wie Cal beteuert, dass er seinen Alten schon mit 14 hätte umbringen sollen, muss das ein echter Charmebolzen sein. Ich sehe Caleb in die Augen und glaube ihm aufs Wort. Das ist purer Hass. Und in diesem Vater steckt nun ein Gefallener Engel, nämlich Baphomet. Super. Ich versenke mich tiefer in meine Tasse, fülle nach. Laut Cal ist das sogar noch eine Verbesserung zu vorher.
Fehlen noch vier von den apokalyptischen Engeln: Asmodeus, Astarte, Belial, Moloch. Die ersten Offiziere Luzifers.
Sie alle sind hinter solchen Toren weggesperrt. Zwei weitere sollen sich auf dem Gebiet der USA befinden, eines in Syrien, eines in China. Ich will mich nicht beschweren. Hätte gar nicht damit gerechnet, dass er schon eine Vorstellung davon hat, wo man so etwas findet. Besser vage Ortsangaben als keine.
Cal verklickert mir auch folgendes: Theoretisch muss der Mensch zustimmen, wenn ein Engel in ihn hineinwill, aber die brauchen den meisten Leuten ja nur zu erzählen, dass sie das absolut richtige tun und Heilige werden oder sonstwas, damit die Menschen gleich glauben, es gäbe keine bessere Idee auf der Welt. Darauf ein Prosit!

Er kennt auch einen weiteren Engel, der angeblich Menschen mag. Traut ihm aber nicht so weit über den Weg, wie er ihm das Nasenbein brechen könnte.
Woher er den kennt? Zuerst vom Tor ins Totenreich. Da hat der ihm geholfen. Danach kam es zu dem Deal, den der Typ in Colma ihm an der Stirn angesehen hat. Konkreter wird er nicht. Ich will eigentlich nachhaken, aber der Rum macht mich träge. Ich nehme noch einen tiefen Zug. Ist ja auch nicht so wichtig, wie genau. Wichtiger sind die Folgen. Nach denen frage ich. Wenn Cal ihm nicht beizeiten einen bisher nicht näher definierten Gefallen tut, dann gehört Cals Seele Aziraphel und wird nach seinem Ableben in dessen Armee eingegliedert. AC, wie er sich auch nennt, ist weniger mächtig als Selathiel. Will mehr Macht, um sich mit ihr anlegen zu können. Sagt er. Wie beruhigend.

Dann bin ich dran. Meinetwegen. Zweieinhalb Tassen in dieser Größe sind etwas über ein halber Liter. Noch klinge ich kohärent. Also erzähle ich Cal, wie Marcus früher war, wie er gestorben ist, weil ich einer Legende nachjagen musste und nur deren zwölf kleine Brüder gefunden habe, wenn es überhaupt echte Artefakte waren. Ertrage seinen Unglauben und Spott, als ich auf seine Nachfrage konkretisiere, dass es sich um den Heiligen Gral handelte. Versuche, ihm klarzumachen, was es für mich bedeutet hätte, einen alten Becher zu finden. Scheitere. War mir auch vorher klar. Der Rum hilft, die Galle hinunterzuschlucken.
Ich spare es mir, von dem Streit zu erzählen, den wir vorher hatten, von Marcus‘ Flehen, dass ich zur Vernunft kommen solle. Ich muss ihm nicht erst beibringen, dass es meine Schuld ist, weil ich losgezogen bin, ohne Marcus. Und er hinterher, um mich vor meiner eigenen Dummheit zu bewahren. Wir wussten beide, dass das Kloster von etwas bewacht ist, was noch niemand überwunden hat. Ich war diejenige, die vor lauter Gier blind für die Gefahr war. Marcus ist sehenden Auges hineingerannt und hat sich geopfert, damit ich fliehen konnte. Erst sechzehn Jahre später habe ich herausgefunden, dass er noch lebt. Oder wieder. In meinem Kopf hallen die Worte nach, die der Dämon in dem verfluchten Internat mir eingegeben hat. „Weißt du, wie es sich angefühlt hat, nicht einmal mehr deinen Namen rufen zu können?“
Cal meint lakonisch, dass er schon nachvollziehen kann, wenn DeVries ein bißchen bitter ist. Ein bißchen? Jedesmal, wenn wir bisher aufeinandergetroffen sind, hat Marcus versucht, mich zu erschießen. Beim nächsten Mal schieße ich zurück.
Barry hatte einen anderen Blickwinkel auf die Geschehnisse. Er schrieb, wir sind wir Jäger. Marcus hätte gewusst, worauf er sich einlässt. Es kann jeden treffen. Jederzeit. Die Worte von James: „Niemand ist sicher. Jemals.“ Barry macht es sich einfach. Ist es das? Oder ist das der heimliche Sieg des Dämonen, dass wir nur dachten, wir wären seinem Haus und seinen Einflüsterungen entkommen? Aber in Wirklichkeit hat er uns dazu gebracht, unseren moralischen Kompass neu zu justieren? War das das eigentliche Ziel? Und die, die in dem Haus gestorben sind, das waren die, die er eigentlich nicht bekommen hat?
Mit einem hatte Barry in seinem Brief allerdings recht. Marcus hat entweder eine weitere folgenschwere Entscheidung gefällt, als er sich auf den Engel einließ, der ihn vom Tode zurückholte. Oder aber er ist gegen seinen Willen zurück ins Leben gerissen, besessen und nicht er selbst. Das eine ist so schrecklich wie das andere. Und ich mag der Auslöser sein, dass es überhaupt dazu kam. Aber für den Rest trägt Selathiel die Verantwortung. Und dass sie einen guten Mann nicht in Frieden ruhen lassen wollte, das muss ich nicht hinnehmen. Dafür will ich ein schmerzhafter Stachel in ihrem Fleisch sein. Und wenn ich dabei draufgehe, dann nehme ich ein Schicksal an, das mich schon vor fast zwanzig Jahren hätte treffen sollen. Noch ein bißchen mehr Pathos und ich kotze.

Ich frage mich laut, ob der Engel Marcus irgendwie gehirngewaschen oder „falsch“ zurückgebracht hat und ob er wieder wie früher werden könnte, wenn wir den Engel besiegen. Cal schüttelt den Kopf. „Das glaubst du doch selber nicht.“
Nein. Er hat recht. Ich wollte mich an irgendeiner idiotischen Hoffnung festklammern, aber eigentlich glaube ich, dass entweder Marcus oder ich dabei abkratzen werden. Und egal, wer am Ende noch steht, die Narben, die werden bleiben.

Bevor mich die Panik packt und ich davonlaufe, leere ich die restliche Flasche. Schiele zu Cal hinüber. „Das ist doch alles viel zu groß für uns, oder?“
Er zuckt mit den Schultern. „Ja, und? Irgendwas müssen wir doch tun.“ Also tun wir irgendwas. Und versuchen, es möglichst lange zu überleben.

Weil sie da früher oder später aufkreuzen wird, erwägen wir, Selathiel an einem der Tore eine Falle zu stellen. Keine Ahnung, wie. Dafür haben wir beide schon zu tief ins Glas geschaut. Aber zuerst müssen wir sowieso ein Tor ausfindig machen. Bis dahin sollte der Kater wieder weg sein.

Von Baphomet hört man, dass er allein herumzieht, nichts erkennbar kriegerisches tut, außer sich in der Nähe militärischer Einrichtungen sehen zu lassen. Was wir von ihm erwarten sollen oder müssen, können wir uns nicht zusammenphantasieren.

Wir wollen die Nephilimtore finden, wenn möglich dicht machen und das Schwert in die Finger kriegen. Ich finde, solange Cal an ihn gebunden ist, sollte er versuchen, AC zu benutzen. Wie auch immer. So genau habe ich das nicht durchdacht. Er äußert Zweifel an der Idee. Verständlich. Wenn mich jemand in der Hand hätte, würde ich auch nicht noch seine Nähe suchen, sondern ihm ausweichen.

Mir gehen die Ideen aus. Ich klappe das Laptop zu, stelle beim Trinken fest, dass nichts mehr in der Tasse ist und vergrabe den Kopf in den Händen. Morgen werde ich das hier bereuen. Alles.

„Und? Was machst du noch so heute abend?“ fragt Cal.
„An meinem Testament feilen“, möchte ich sagen. Stattdessen murmele ich irgendetwas von Fußweg zum Hotel finden. Ich sollte eigentlich wissen, wohin diese Unterhaltung führt. Auch das werde ich morgen bereuen. Oder auch nicht. Ich bin betrunken. Und ich habe Angst. Ich darf das.
Vor meinem Zimmer packe ich ihn am Hemd und ziehe ihn an mich heran, als müsste ich mir Sorgen machen, dass er es sich nocheinmal anders überlegt. Muss ich nicht. Gedanken machen sollte ich mir trotzdem, denn einmal ist keinmal, aber zweimal sind schon eine Reihe. Aber wofür habe ich soviel getrunken, wenn nicht, um die Sorgen zu vertreiben? Er riecht nach Rauch und Whiskey und ist genauso bestrebt, wie ich, eine Nacht lang die Gedanken an Höllentore, apokalyptische Engel und ihre Armeen auf der anderen Seite der Tür zu lassen.

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Southern Discomfort
Ein himmlischer Deserteur in Ruston

Eigentlich mag ich den Süden, so verquer er auch ist. Landschaftlich finde ich Louisiana phantastisch. Das Essen könnte nirgends besser sein. Die Leute… nunja, es kann nicht alles perfekt sein. Es gibt ein paar wahnsinnig sympathische, der Rest ist irgendwie sehr, hm, extrem. Als ich in Ruston auf Gideon treffe, denke ich noch, dass die häufigen Geistererscheinungen der letzten zwei Wochen vielleicht so etwas wie das Hexenwerk von Colma sein könnten. Es sind ein paar kürzlich Verstorbene sofort wieder als Geister herumgelaufen, was mir ungewöhnlich vorkommt. Normalerweise braucht es immer einige Zeit, bis der Geist eines Toten sich zum ersten Mal zeigt.
Im Diner, wo auch sonst, laufen wir in Special Agent Saitou und einen gut gekleideten Schwarzen, den der Fed uns als Dr. Akintola vorstellt. Der ist gar nicht sein Berater in einem Fall, wie ich zunächst dachte, sondern nur zum Essen gekommen, weil er dem ewigen Gumbo in Grampling entkommen wollte, wo er zurzeit Vorträge hält. Das sagt er mir in fast perfektem Oxfordenglisch, was ihm sofort Bonuspunkte einträgt. Ich war schon viel zu lange nicht mehr zuhause. Mich packt tatsächlich ein Anflug von Heimweh. Saitou und er kennen sich wohl von einer früheren Ermittlung. Da wir uns nicht sicher sein können, wie er auf die Geistergeschichte reagiert, fangen wir zunächst sehr vorsichtig an, die Sprache auf die Zeitungsartikel und das beunruhigende Video zu bringen, über das man schnell stolpert, wenn man nach Ruston und übernatürlichen Phänomenen googelt.

Lange müssen wir nicht um den heißen Brei herum reden, denn Gideon bestellt sich ein Stück Kuchen. Das wäre soweit nichts ungewöhnliches. Doch der Kuchen bewegt sich ohne einen Beitrag der Kellnerin zu ihm. Ihr Blick folgt kurz dem Teller, dann zieht sie es vor, so zu tun, als hätte sie das Phänomen nicht bemerkt. Dr. Akintola ergreift die Initiative und zitiert sie an den Tisch. Ob es denn schon öfter vorgekommen sei, dass sich ihre Speisen selbständig machten? Sie windet sich wie ein Aal, ehe sie zugibt, nunja, ja, schon. Hin und wieder, wenn ein so gutaussehender Mann hier in diesem Servicebereich sitze, der dem Beuteschema ihrer Kollegin Leslie entspreche. Ich sehe von Jonathan zu dem charmanten Dozenten zu Gideon und wieder zurück zu Jonathan und kann mir die Frage nicht verkneifen, welchen sie meint. Die Frau hat ausschließlich Gideon im Blick. Aha.
Leslie wurde vor wenigen Wochen Opfer eines Autounfalls und hinterließ zwei kleine Kinder. Wieder etwas ungewöhnlich. Die Geister, die ich bisher so erlebt habe, sind dramatischere Tode gestorben. Was für eine unerledigte Sache hat eine Kleinstadtkellnerin über den Tod hinaus so beschäftigt, dass sie nicht aufhören kann, ihrem Job nachzugehen? Wenn die Kinder ihr Anker wären, sollte man sie doch zuhause antreffen, nicht an einem Arbeitsplatz, der vermutlich gerade eben ihr Auskommen gesichert hat.
Jonathan merkt an, dass ähnliche Erscheinungen hier in letzter Zeit öfter beobachtet wurden. Es heißt, der pensionierte Sheriff sei nach seinem Tod wieder in der Polizeistation gesichtet worden, Großmütter würden sich nach wie vor in das Leben ihrer Kinder und Enkel mischen, etc.
Auch unsere Kellnerin hat davon gehört, möchte sich jedoch nicht mit dem Thema befassen. Sie ist ausreichend beunruhigt durch die wiederkehrende Leslie. Auch die verqueren Sekten-Hillbillies, nach denen Agent Saitou gleich weiterbohrt, fand sie unfreundlich und beängstigend. Das ist nicht über die Maßen verwunderlich. Sie ist schwarz, die Sektierer sind weiß und gegen alles, was anders ist, als es das Alte Testament vorsieht. Und sie sind der Grund, aus dem Jonathan hierher geschickt wurde. Als Sektenexperte. Ich erinnere mich, dass der Junge, den wir in Alaska getroffen haben, davon erzählte, wie der Fed die „Weisen von Endor“ hochgenommen hat.

Gideon bekommt mit seiner lockeren Art mühelos aus Dr. Akintola heraus, dass der kulturell bedingt keine Berührungsängste mit dem Übernatürlichen hat. Gut, dann können wir jetzt ja offen reden.

Erst waren, soweit wir wissen, die Geister da, dann die Hillbillies. Vor circa zwei Wochen ging es los mit dem Spuk, seit einer Woche ist die Sekte da. Bisher haben sie sich nichts Illegales einfallen lassen, außer zu predigen. Ich fürchte, ich bin wieder in einem dieser Bundesstaaten gelandet, wo es quasi verpflichtend zur Religionsausübung gehört, möglichst viele andere Menschen zu beleidigen, zu erniedrigen und andere ebenfalls dazu anzustiften. Meine Schulter schmerzt spontan wieder, mein Hals kratzt und die Narbe auf meinem Bauch versucht, sich um meine Wirbelsäule zu schlängeln. Ich atme tief durch.

Auch der Special Agent hat das Video gesehen, das mir im Kopf herumspukt. Ich habe keine Ahnung, wie man solches Filmmaterial fälscht. Und selbst wenn es ein guter Hoax ist, bleibt immer noch die Frage, woher jemand so präzise weiß, wie Dämonen darzustellen sind:

Vor 2 Jahren war da Jemual Moreaux, aus New Orleans, ein Stadtrat und Gangster. Mich wundert in diesem Landstrich gar nichts. Finanziert hat er seine Politik über Drogenhandel und ähnliches. Er hat das Projekt „Ruston 21“ unterstützt, weswegen er als “aufrechter Bürger” galt. Auf der Gegenseite: Roger Wright, ein gemäßigter Prediger, dessen 17-jähriger Sohn Harris in dem Video auf einen Haufen schwarzäugiger Gangmitglieder einredet,, sie sollten von ihrem gottlosenTun ablassen und umkehren und … nun ja, was ein bibeltreuer Jungspund eben so alles von sich gibt. Von dem Gangster vor ihm wird er mehrfach in die Brust geschossen, bleibt stehen, lächelt, berührt den Schützen, der daraufhin umfällt. Mehrere andere fallen ebenfalls um, beinahe gleichzeitig. Dann erst bricht der Sohn des Predigers zusammen.

Es fällt mir nicht leicht, Saitou begreiflich zu machen, wie sehr mich dieser Anblick verstört hat – weshalb ich das Video auch gut zwanzig mal angesehen habe, bis ich bereit war, zu glauben, was sich da offenbart. Dämonen sind harter Tobak. Ich hätte keine einzige meiner Begegnungen mit auch nur einem dieser Biester überlebt, wenn nicht jedesmal erfahrene Jäger an meiner Seite gewesen wären. Ein Mensch, der sie einfach so mit einer Geste… wegmacht…auch, wenn es ihn selbst das Leben gekostet hat – das ist ungeheuerlich!

Agent Saitou erzählt, dass die meisten der Wirtskörper an Aneurysmen gestorben sind, nur 2 an Kugeln. Die Waffe ist aber zu dem Zeitpunkt schon in der Asservatenkammer in Baton Rouge gewesen. Das hieße also, dass diese zwei schon vor längerer Zeit gestorben sind, während der Besessenheit, und die anderen Wirte möglicherweise erst durch die gewaltsame Austreibung ihrer Besetzer getötet wurden. Von einem Siebzehnjährigen.

Harris‘ Vater Roger Wright ist jetzt Lokalpolitiker. Lokalpolitiker sollten für ihre Bürger ein offenes Ohr haben, besonders wenn sie mal Prediger waren. Besonders, wenn das FBI freundlich fragt. Den Mann setzen wir weit oben auf die To-Do-Liste. Vorher kommen nur noch die Polizei, die schließlich das FBI angefordert hat, und die Eiferer von der „Kirche der kommenden Entrückung“. So nennt sich diese Sekte.

Gideon, der Kommunikative, fängt in seiner Neugier natürlich sofort an, Dr. Akintola über afrikanische Monster auszufragen und rennt damit offene Türen ein. Der Dozent beginnt fröhlich zu dozieren und will gar nicht mehr aufhören. Tief ins Gespräch versunken, entfernen sich die beiden von uns, während Jonathan mich über die Fanatiker informiert. Viel ist es nicht, was er bisher weiß. Aber, da er sich nun mal einen Ruf erarbeitet hat, Ahnung von diesem religiösen Gesocks zu haben, hat man ihn hierher beordert. Helle Begeisterung sieht anders aus. Andererseits kann ich mir auch nicht vorstellen, wie der Mann aussieht, wenn er einmal aus dem Häuschen ist.
Desweiteren weist er mich darauf hin, dass er noch einmal mit Marcus sprechen möchte, solange dieser hinter Gittern sitzt. Er meint, es könnte eine gute Idee sein, wenn ich dabei bin. Ich sehe das anders und frage mich, ob ihm eigentlich auffällt, wie gut er darin ist, Salz in offene Wunden zu streuen. Erst schleppt er mich in ein Pflegeheim, zudem noch eines, in dem seine Mutter dahinvegetiert, und dann will er mich in ein Gefängnis mitnehmen? Zu dem Ex, der mittlerweile vier… zweimal versucht hat, mich umzubringen. Meine Güte! Demnächst macht er mir noch den Vorschlag, unter die Höhlenforscher zu gehen.

Als die beiden wieder zu uns stoßen, erzählen sie, dass sie soeben ein auffälliges Auto beim Vorbeicruisen beobachtet haben. Jemand ließ zum lauten Gangsterrap demonstrativ seine Hand mit der Waffe aus dem Fenster hängen. Typisches Imponiergehabe. Da sucht jemand Ärger. Die Gang sollte aber doch eigentlich weg sein.
Da Agent Saitou sowieso noch bei der Polizei vorstellig werden muss, möchte er auch gleich den Sheriff auf das Schauspiel aufmerksam machen. Als „Berater“ nimmt er den Doktor mit.

Derweil suchen Gideon und ich die Baptistenkirche auf, vor der die Sektierer Position bezogen haben und predigen. Sie haben Schilder und einen Stand aufgestellt. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, “Apocalypse Awareness Day”, „Der Tag des Gerichts wird kommen“ und ähnlichen Unsinn liest man da. Und es fällt nicht schwer, sie von der hiesigen Bevölkerung zu unterscheiden. Sie sehen aus wie ungepflegtes Bauernvolk und riechen auch so. Alles Weiße. Rassistisch bis zum Anschlag und von einem Einäugigen angeführt, dem ich schon nach kurzem Zuhören gern die gleiche Behandlung verpassen möchte wie dem Zyklopen. Er heißt Noah Wilson, kann gut reden, hat auf alles eine Antwort, bringt mich zur Weißglut. Die Gangster, die gerade wieder aufgetaucht sind, sind seiner Ansicht nach die Strafe für die Sünden der Städter, genauso wie die Schwarzen, die Schwulen und alle, die anderer Meinung sind als er. Das zustimmende Gemurmel ringsum und die bösen Blicke, die auf meinen Begleiter abgeschossen werden, veranlassen mich, die Arme in die Hüften zu stemmen, auf dass jeder die Browning sehen möge, der sich mit uns anlegen will. Damit ich dem Fanatiker nicht gleich ins Gesicht springe, halte ich mich im Hintergrund und lasse Gideon reden. Das geht dem Alleshasser noch mehr auf die Nerven, als wenn er sich mit einer Frau abgeben müsste. Gut so.
Man lässt uns wissen, dass wir uns doch in unsere gottgegebene Rolle einfügen sollten. Alles klar. Ich habe genug gehört.
Und nicht nur ich. Auch ein Blumentopf voller Petunien geht in die Luft und verübt einen Selbstmordanschlag auf den Schwätzer.
Eine Nachfrage bei einer jungen Baptistin, die sich über die Konkurrenz aus den Ozarks empört, ergibt, dass es der Geist von Mr. Sandford gewesen sein muss, eines kürzlich verstorbenen Gemeindemitglieds, das sich ursprünglich durch ein mildes Temperament und große Toleranz ausgezeichnet hat. Die Dauerbeschallung durch die Irren hat ihn wohl an seine Grenzen gebracht. Die junge Frau redet sich so in Rage, dass sie schließlich hinausstürzt und sich auf eine Diskussion einlässt, die sie genauso wenig gewinnen kann wie alle anderen vor ihr. Wir verlassen den Ort dieses traurigen Spektakels und fragen uns erneut, warum ein alter Mann, der allem Anschein nach mit sich im Reinen war, als er abtrat, hier als Geist zurückbleibt und Prediger mit Grünzeug bombardiert.

Zurück bei Akintola und Saitou erfahren wir, dass diese auch kurz das Vergnügen mit dem Geist des alten Sheriffs hatten. Auf der Polizeistation sei ziemlich Spannung in der Luft gelegen. Der neue Polizeichef Wyatt Corbray ist vor kurzem in den Urlaub entflohen, als der Geist seines Vorgängers sich bemerkbar machte. Dessen Stellvertreterin Leticia Floyd hat das FBI informiert, als die Sekte hier auftauchte. Sie tippt auf eine Verbindung zu den Weisen von Endor und glaubt nicht, dass die „Kirche der kommenden Entrückung“ diese wirklich für so verirrte Schafe hält, wie dieser Wilson behauptet. In ihren Unterlagen fand sich für Jonathan nichts, was er nicht schon gewusst hätte.

Auch bestätigt sie, dass die Stadt bisher keine Gangprobleme mehr hatte, seit die „ElDorados“ entsorgt sind. Sie geht mit ein paar Leuten nach dem Rechten sehen. Eine Stimme aus dem Off hat ihr hinterhergeknurrt: “Früher hätten wir gleich Schrotflinten mitgenommen und die weggeballert! Weiber! Viel zu weich! Unter mir wäre das nicht passiert.” Erstaunlich, dass der alte Chief of Police es bis zur Rente geschafft hat – er ist vor ca. 3 Wochen an Herzinfarkt gestorben. Hier sind die Waffengesetze wirklich, wirklich lax. Auch die Widerlinge vor der Kirche hatten reichlich Argumentationshilfen bei sich.

Das Nummernschild der Gangster, die vorhin vorbeifuhren ist das von Gard Moreaux, einem Verwandten des verstorbenen Jemual , der gerade wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Das erklärt, weshalb er sich erst jetzt wieder in Ruston blicken lässt. Sein Erscheinen gibt uns einen weiteren guten Grund, mit Roger Wright zu sprechen. Wir finden, der Mann sollte gewarnt werden, dass da vielleicht jemand auf Rache für ein totes Familienmitglied sinnt.

Der ehemalige Prediger gibt nicht ganz das Bild des hochmotivierten Politikers, der die Massen begeistert. Er wirkt müde und depressiv. Seine Auslegung des Christentums ist wesentlich toleranter als die der Sekte. Sagt er. Das klang auf alten Aufnahmen seiner Reden schon ehrlicher. Darauf angesprochen, erzählt er uns zunächst, dass die Politische Situation sich zuspitzt und so weiter, bis es dann doch aus ihm herausbricht: “Ich glaube, Gott hat keinen Bock mehr auf uns alle.”
Saitous Warnung vor Moreaux quittiert er mit einem bitteren Lachen.
Wir bringen die Sprache auf das Video vom Tod seines Sohns. Er meint, wir würden ihm nie glauben, was sich da wirklich zugetragen habe. Ach?
Es sei ein Engel gewesen, der sich da im Körper von Harris mit den Dämonen angelegt habe. Als gläubiger Mensch habe er zunächst seinen Frieden mit der Sache gemacht, denn sein Sohn sei schließlich für Gott gestorben. Das werde schon seine Richtigkeit haben, dachte er. Bis jetzt, wo Harris wieder hier sei, aus dem Himmel desertiert, weil es dort so schrecklich sei. Es herrsche ein Krieg unter den Engeln, in dem die Seelen der Verstorbenen nichts sind als Kanonenfutter. Der Engel, eine gewisse Deborah, Dienerin Selathiels, suche nun nach dem Deserteur, und die Sekte, das seien ihre weltlichen Handlanger. Als Deborah mit ihm sprach, habe er sich zuerst noch geehrt gefühlt…

Ich bin wie vom Donner gerührt von solchen Neuigkeiten. Als die Tatsache, endlich einmal mit jemandem darüber gesprochen zu haben, alle seine Schleusen öffnet, nehme ich ihn deshalb einfach in den Arm. Das ist mir jetzt egal, was die drei Männer von mir denken.

Bilder von einem kreuzschwingenden DeVries geistern durch meinen Kopf, von der Panik in den Augen des Kautionsflüchtlings in Colma. Von Cals Gesicht, als er mich bedrohte, um das Horn von Jericho wiederzubekommen. Am liebsten würde ich mitheulen.

Die Geister, erzählt Wright schließlich weiter, sind nicht desertiert, sondern wurden von Harris da behalten, damit sie nicht in den Himmel müssen. Er hat etwas, das ihn vor den Engeln verbirgt. Ich bin ganz Ohr. Ob wir mit ihm reden können?
Wenn wir auch zu den Schergen dieser Deborah gehören würden, wäre der Junge jetzt geliefert. Er ist auf dem Friedhof, sagt uns sein Vater. Bei der Gruft von Stadtgründer Russ. Dort hält er sich versteckt. Der Mann ist wirklich fertig mit der Welt. Wir bedanken uns und versichern ihm, dass wir versuchen werden, Harris zu helfen.

Der Friedhof von Ruston ist älter als die Stadt selbst. Schon im Bürgerkrieg wurden hier Soldaten zu Grabe getragen. Wir schlendern zwischen den Gräbern herum, um das Gelände in Augenschein zu nehmen und entdecken ziemlich schnell Harris in einem Gebüsch, aber auch andere Leute, die sich in der Gegend versteckt halten. Haben ihn also die Sektierer gefunden? Hoffentlich haben nicht wir die hierhergeführt. Harris merkt langsam, dass wir ihn schon gesehen haben, deshalb schaue ich ihm direkt in die Augen und drehe mich dann demonstrativ weg, um weiter den Umkreis nach verdächtigen Bewegungen abzusuchen. Jon schleicht bereits in einiger Entfernung zwischen Bäumen herum und wird fast niedergeschlagen, Gideon auch. Kämpfe brechen an beiden Orten gleichzeitig los. Ein Hillbillie mit Baseballschläger kommt auf mich zu und will mich einschüchtern. Offenbar ist ihm bei der Kirche entgangen, dass ich eine Schusswaffe trage. Oder er will nicht wahrhaben, das man mit einem Baseballschläger nicht in eine Schießerei läuft. Oder, dass eine Frau schießen kann. Als er mir zu nahe kommt, versenke ich eine Kugel in seinem Bein und bringe ihn mit einem Schulterwurf zu Boden. Japsend bleibt er auf einem Grabstein liegen. Jetzt würde ich mir wirklich gerne die Hände waschen.

Akintola ist indessen mit dem jungen Wright von der Bildfläche verschwunden. Per Mobilfunk kommt die Nachricht, dass sie sich in sicherem Abstand zum Ausgang in die Büsche geschlagen haben, um aus dem Blickfeld einer Wache am Tor zu sein, die dort raucht und telefoniert und sie bislang nicht gesehen hat.

Nachdem Jonathan unsere Gegner mit Handschellen versehen hat, folgen wir. Mir ist klar, wie unhöflich ich bin, doch ich weiß nicht, ob ich später noch zu Antworten auf meine Fragen komme. Also quetsche ich gleich hier und jetzt den kleinen Deserteur aus. Der meint, er wäre hauptsächlich mit Glück entkommen. Seine Erinnerung daran sei eher bruchstückhaft.
Na gut, wenn wir hier eine Unterhaltung beginnen, fallen wir vielleicht doch den restlichen Engelsschergen auf. Das waren noch nicht alle.

Wir schaffen es, die Wachen zu umgehen, stellen fest, dass auch wirklich gerade mehr Fanatiker ankommen, doch auch die von Jon gerufene Polizei. Einen Haufen Festnahmen später sitzen wir mit Harris im Motel und lassen uns von seiner Flucht berichten.

Stockend erzählt er, wie sich der Himmel anfühlt. Es sei weniger ein Ort als mehr ein Zustand. Ein ewiges Wohlfühlen, das auf jeden Verstorbenen maßgeschneidert sei. Dort sehe es für alle anders aus, doch selbst auf dem Schlachtfeld fühle man sich permanent wohl. Selbst wenn einem die Gliedmaßen abgehackt werden und man Tausende Kameraden sterben sehe.
Es seien sinnlose Kämpfe, in die die Engel ihre Untergebenen schickten, weil sie sich nicht einig seien, was mit der Welt zu geschehen habe. Die einen sagten, sie müssten den “Plan Gottes erfüllen”, die anderen wollten die Erde beherrschen, wieder andere angeblich durchsetzen, dass die Engel “sich aus Menschensachen raushalten” und mehr. Alles hohle Phrasen in meinen Ohren. Und so, wie er spricht, auch in denen von Harris. Alles Ausreden, um mit Waffengewalt aufeinander loszugehen und Seelen, die eigentlich ihren Frieden haben sollten, in Kampfhandlungen zu werfen, die sie nicht verstehen. Den Soldaten werde nicht viel gesagt, meint Harris. Er sei losgeschickt worden, habe gekämpft, sei gefangengenommen und von der Gegenseite rekrutiert worden, habe wieder gekämpft, ohne Sinn und Verstand.
Die Engel nutzten nicht nur Seelen als Ressourcen, sondern auch Artefakte, auch und vor allem solche, anderer Kulturkreise und Pantheone. Sachen, die nicht von Engeln oder Dämonen stammten. Ich vermute, sie suchen darin Vorteile durch Überraschungseffekte. Beim Wache halten habe er sich einige dieser Dinge angeeignet, dann sei er in Richtung Nicht-Wohlfühlen gerannt, in seinem Fall in einen Wald, weil er Angst vor Wäldern habe. Er hat sich als Kind einmal in einem verlaufen. Ich versuche, mir vorzustellen, wie ich immer tiefer in eine enge Höhle krieche, um vor dem Wohlgefühl zu fliehen. Keine berauschende Vorstellung. Schon bei dem Gedanken schnürt es mir die Kehle zusammen. Ich breche den Versuch ab.
Harris sei dann irgendwie… gefallen… er wisse selbst nicht so genau, was da passiert ist. Zurück auf der Erde sei er dann hierher gekommen, weil er auch nicht wisse, was er machen solle. Leute, die er kennt, vor dem Himmel bewahren, war seine erste Idee. Er sei sich auch nicht sicher, ob er nun wieder lebe oder tot sei. Gideon untersucht ihn daraufhin. Für einen Lebenden ist der Junge ziemlich kühl. Sein Puls ist so schwach wie bei einem bewusstlosen Menschen. Hoffentlich verändert sich sein Zustand über die Zeit nicht zum Schlechteren.
Er hat einen Mantel, der ihn vor Engeln verbirgt. Außerdem hat er ein Schwert, von dem er glaubt, dass es in der Lage ist, einen Engel zu verletzen und eine Kette, um Geister zu halten. Die liegt jetzt um die Stadt herum. Deswegen gehen also die Geister nicht weg.
Ganze Arbeit hat er mit diesem Schnellschuss geleistet. Nach einer Woche war ihm die „Kirche der kommenden Entrückung“ bereits auf den Fersen. Klügere Köpfe hätten ihn aufgespürt, bevor wir überhaupt von dem Phänomen gehört haben. Ich verstehe sein Dilemma, dass er helfen will. Aber wenn ihn keiner davon abhält, dann ist er in kürzester Zeit wieder im Himmel. Es ist offensichtlich, dass ihn die Angst davor zum Durchdrehen bringt. Jetzt ist es an der Zeit, ihm beizubringen, dass er den Kopf unten halten muss.

Da wir ihn nicht zwingen wollen, eigenhändig die Seelen der Verstorbenen zum Weiterziehen zu verdammen, fassen wir den Beschluss, die Geister zu fragen, was sie wollen. Bleiben, vernichtet werden oder weiterziehen in Himmel oder Hölle. Die Kette soll um die Stadt herum bleiben. Um die Neuverstorbenen vor die Wahl zu stellen, können wir Harris’ Vater anheuern. Der braucht eine Aufgabe, in der er echten Sinn sieht. Die Politik in New Orleans könnte ihn zwar ganz gut brauchen, aber dort könnte er sich bestenfalls von seinen dunklen Gedanken ablenken. Hier kann er aktiv etwas tun, um seinem Sohn zu helfen und das Trauma zu verarbeiten.

Harris würde gern in die Nachwelt einer anderen Religion gehen, so verzweifelt wünscht er sich, dem christlichen Himmel ein für allemal zu entkommen. Welche ist ihm ziemlich einerlei. Ich frage mich, was wir ihm für Möglichkeiten eröffnen können, zu denen wir Zugang haben. Buddhismus? Shinto? Woran glaubt wohl Dr. Akintola? Bevor wir uns darum bemühen, schaffe ich erst einmal eine kurzfristige Lösung herbei und bringe ihn im Domus Ruber unter, bzw. dem Bauwagen dort, der mir als Übergangsquartier dient, wenn ich mein Unvermögen unter Beweis stelle, was Schreinerarbeiten angeht. Der Schrein für Giffany sieht aktuell eher aus, als hätte ich versucht, einen Abenteuerspielplatz zu basteln. Ich telefoniere auf dem Weg dorthin mit Ethan. Der kann doch bestimmt mehr ausrichten als ich. Zur Unterstreichung sende ich ihm ein Foto meines Machwerks.

Auf der Fahrt bemühe ich mich, noch etwas mehr Informationen aus dem Jungen herauszukriegen, doch sein Trauma steht mir dabei im Wege. Er spricht wirres Zeug von den Wunden, die er sehen musste, von der Unerträglichkeit der ganzen Situation, bis er schließlich abbricht und einfach gar nichts mehr sagt. Sei’s drum. Später vielleicht. Er hat fürs erste genug durchgemacht. Soll er ein paar Tage zur Ruhe kommen. Zunächst darf er sich an den Gedanken gewöhnen, dass der Wald ihm Schutz bietet. Ich bin froh, dass es auf dem roten Hügel zur Zeit trocken ist.

Nachdem ich ihn einquartiert habe, fahre ich nach Hectorville, um Vorräte aufzustocken und ein paar Beschäftigungsmöglichkeiten für Harris zu erwerben. Derweil rufe ich auch Cal an, um ihn darüber zu informieren, dass ich jemanden kenne, der aus dem Himmel entkommen ist. Ich denke mir, dass es ihm für den Fall der Fälle etwas Hoffnung geben könnte, zu wissen, dass man immerhin auch noch später entkommen kann. Der Kautionsflüchtling hatte ihn doch als „einen von ACs Leuten“ identifiziert.
Aber natürlich ist er erst einmal so abweisend wie immer. Ich kann es ihm nicht verdenken. Nichts wäre mir lieber als mich umzudrehen und die Engel ihren Krieg alleine austragen zu lassen. Doch langsam schwant mir, dass ich schon vor 18 Jahren in die Sache hineingezogen wurde, als ich dachte, davonlaufen wäre die richtige Wahl. Und das lasse ich nicht so einfach stehen. Ich bin kein Spielball. Und Marcus auch nicht. Genausowenig Cal. Wenn ihr Krieg wollt, sollt ihr Krieg haben!
Immerhin schlägt Cal ein persönliches Treffen vor, um unsere Ergebnisse zusammenzutragen. Am Telefon will er nicht sprechen, weil er befürchtet, dass die Engel ihre Ohren überall haben, auch wenn Harris sagt, dass die inzwischen so von ihrem Krieg eingenommen sind, dass sie ihrer Aufgabe, den Menschen zuzuhören fast gar nicht mehr nachgehen. Ich würde ja beten, dass er sich nicht inzwischen entschieden hat, seinem Engel zu dienen und mich bei diesem Treffen aus dem Verkehr zu ziehen, aber ich weiß nicht zu wem. Giffany scheint mir unpassend, auch wenn ich sie in letzter Zeit gelegentlich als gute Zuhörerin betrachte, bei der ich meine Sorgen abladen kann. Wer hätte gedacht, dass sich diese seltsame Beziehung einmal so verändert?

Die letzte Nachricht bekommt Agent Saitou, der uns versprochen hat, sich für Harris über asiatische Jenseitsvorstellungen zu informieren. Ich bereue es schon, bevor ich es schreibe: „Okay. Ich komme mit.“

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(Zusammenfassung des Treffens von Cal und Irene wird noch angefügt, wenn ich wieder zuhause bei meinen Mitschrieben bin.)

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