Mädchenkram - Supernatural

Öl und Meerwasser

Ausgerechnet Alaska. Again

In Boston herrschte nach der Sache mit den erschlichenen Überweisungen dicke Luft. Also verschob Irene ihren Besuch fürs Erste. Die Wogen würden sich glätten. Francis würde sich diesen Verwundetes-Reh-Ausdruck wieder aus dem Gesicht wischen. Neue Sicherheitsmaßnahmen würden eingeführt werden. Im Prinzip war alles halb so wild. Der Aufschneider hatte gezeigt, wozu er in der Lage war, hatte das Geld zurücküberwiesen und kam sich jetzt bestimmt mächtig gerissen vor. Auf der Fahrt zu Sunny beruhigte Irene ihr Gemüt damit, sich auszumalen, was sie ihm alles antun würde. Bei Ankunft war sie wieder so weit mit sich im Reinen, dass sie Flann sogar ein wenig dankbar war. Er hatte ihr genau zum richtigen Zeitpunkt vor Augen geführt, dass man noch so tiefe Einblicke in das Innenleben seiner Mitmenschen bekommen konnte und sie trotzdem kein Stück kannte. Sollte sie je neugierig genug gewesen sein, sich zu fragen, was Barry ihr wohl in seinem Katerstimmungsbrief hatte mitteilen wollen, dann war sie jetzt ausreichend kuriert.

Endlich einmal wieder ein Roadhouse mit Stil. Für Irenes nomadische Verhältnisse war das Dying of the Light so etwas wie ihr zweites Wohnzimmer geworden. Und nicht nur sie schätzte offensichtlich eine brauchbare Teekarte und Musik, über die man nicht hinwegschreien musste. Beim Hereinkommen erspähte sie den jagenden jungen Künstler aus Deutschland, der sie in Dwight unterstützt hatte. Er sah etwas verschreckt von seinem Zeichenblock hoch. Sie winkte ihm einen Gruß und hielt direkt auf Sunny zu, bestellte ein Kännchen English Breakfast Tea und ließ sich Jacksons Schreiben aushändigen.
Als sie ein Feuerzeug zückte, um gleich Nägel mit Köpfen zu machen, wurde Sunny zickig. Kein offenes Feuer in ihrem Café. Irene verzichtete darauf, sich über den Unterschied zwischen Briefen und Zigaretten zu streiten.
Draußen schnippte sie das Feuer erneut an. Und wieder aus. Ihr Handy klingelte. Der Familienrufton. Francis klang immer noch so beleidigt, als hätte Irene selbst ihn bestohlen.
“Lies einmal deine e-mails. Es klingt dringend.”

Seufzend steckte sie Feuerzeug und Brief in die Jackentasche und befasste sich mit dem Anliegen ihrer Verwandtschaft.

“Liebe Irene,
wegen dir haben wir jetzt diese amerikanische Ölförderfirma an der Backe, deshalb ist es auch deine Verantwortung, da nach dem Rechten zu sehen. Auf einer der Ölförderplattformen vor der Küste von Alaska (in der Nähe von Barrow) sind drei Personen verschwunden und zwei unter verdächtigen Umständen verstorben. Einer davon hatte Einstiche am ganzen Körper und wurde ausgesaugt. Nein, nicht nur Blut, auch die Organe, die verflüssigt wurden.
Also beschütze unsere Investition und den Familienruf und löse dieses Problem. Zieh dir einen Schal an, es könnte kalt werden.”

Eigentlich klang das gar nicht so schlecht. Eigentlich hob das ihre Laune sogar. Natürlich nicht die Tatsache, dass da Leute gestorben waren. Aber es klang nach Jagd. Und etwas so Simples wie Monster abknallen kam ihrem Naturell so viel eher entgegen als sich über zwischenmenschliche Probleme Gedanken zu machen. Draufhalten, abdrücken. Wenn es hochkam, musste man vorher vielleicht noch eine Falle stellen. Im schlimmsten Fall vor der Polizei fliehen.
Besser hätte sie es nicht erwischen können, als die Nachricht genau in diesem Moment zu erhalten, vor einem Roadhouse, in dem ein Heckler saß. Eilig schritt sie auf seinen Tisch zu und strahlte ihn an.
“Mister Heckler! Sagen Sie, sind Sie gerade frei? Waren Sie schonmal auf einer Bohrinsel? Interesse?”

Niels sah von seinem Zeichenblock auf, auf den er gerade mit wenigen Strichen ein Porträt der Roadhouse-Wirtin gezeichnet hatte. Vor ihm stand eine blonde Frau, Ende 30, die ihm zunächst nur vage bekannt vorkam, dann konnte er sie wieder zuordnen: Irene Hooper-Winslow, eine Jägerin, die ihm schon vor kurzem in Dwight begegnet war. Obwohl Irene sicher einen ganzen Kopf kleiner war als er, besaß sie eine Ausstrahlung, die ihn einschüchterte. Als sie ihn ansprach, sprang er auf und reichte ihr schnell die Hand. “Ja… ja. Nein. Ja.” Felicity hatte ihn mehr oder weniger gezwungen, als ihre Vertretung zu arbeiten, weil sie ja ihren Alfie heiraten musste. Was fand sie nur an diesem Kerl? Zum Kuckuck, sie hätte einen Mann wie Ethan haben können!

Wenigstens hatte sie ihm Geld geschickt, damit er sich neue Klamotten zulegen konnte. Außerdem hatte er an ihre Anweisung gedacht, und sich ein Holster für die Luger zugelegt. Es war noch ungewohnt, die Waffe jetzt sichtbar unterm Arm zu haben, aber das war sicher die bessere Alternative, als sich nochmal vor einem Fed zu blamieren oder schlimmeres.

“Ich mache die Vertretung für meine Cousine,” erklärte Niels jetzt, nachdem er sich etwas gefangen hatte. Irene sah ihn freundlich an, und er fasste das als Aufforderung auf, weiterzureden. “Die muss heiraten.” Irene lächelte hintergründig. “Sagen Sie ihr herzlichen Glückwunsch, und sie soll sich das gut überlegen.” Niels seufzte. “Ja, das hab ich ihr auch gesagt.”

Dem jungen Heckler war schon am Flughafen anzumerken, dass er nicht viel Erfahrung mit Luftreisen hatte. Während des ganzen Fluges klebte er die meiste Zeit mit der Nase am Fenster und zeichnete. Jedenfalls immer dann, wenn Irene die Augen aufschlug. Ihr Schlafbedürfnis war immer noch immens. Dafür heilte der Muskellappen, den der Höllenhund aus ihrem Bein gerissen hatte, so mustergültig fest, wie er nur heilen konnte. Das bisschen restliche Schonhaltung war mehr Gewohnheit als echte Schmerzvermeidung. Lächelnd stellte sie sich vor, wie sie mit ihrer Mutter im Gleichschritt über die große Terrasse auf Winslow Manor humpelte. Lilian Hooper-Winslow hatte sich ihr steifes Bein recht unspektakulär bei einem Motorradunfall zugezogen. Ihre selbstmörderische Fahrweise war ein Quell stetiger, sanfter Vorwürfe, die sie von Irene zu hören bekam. Auf der Jagd war sie schon immer eine so umsichtige Planerin gewesen, dass sie Zeit ihres Lebens kaum einen Kratzer davongetragen hatte. Irene schien dieses Ungleichgewicht in den letzten Jahren kompensieren zu müssen, indem sie sich langsam aber sicher eine Landkarte der Gewalt auf ihrem Körper anlegte, mit dem eigenartigen Kreis in ihrer Seite, den die Hand des Schwarzen Mannes hinterlassen hatte, als bisherige Krönung der Kuriosität.

Von Barrow aus trug sie ein Helikopter hinaus auf die aufgewühlte See. Hecklers Augen wurden noch größer, als er die meterhohen Wellen sah. Seine Haut nahm schnell einen fahlen Grünton an. Fast unhörbar über den Lärm der Rotorblätter, gestand er Irene, dass er außer nach Seattle noch nie geflogen war. Und das Meer hatte er auch noch kein einziges Mal aus der Nähe gesehen. Da war das hier der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser. Die Pilotin vor ihnen schien ihre helle Freude an dem ungemütlichen Wetter zu haben. Anstatt hinzusehen, wo sie in der steifen Brise hinflog, drehte sie sich fortwährend zu ihren beiden Passagieren um, um mit manischem Grinsen das großartige Wetter zu kommentieren.
“Ihr habt Euch ja wirklich genau den richtigen Zeitpunkt ausgesucht. Das wird noch besser heute nacht!”
Nachdem das Fluggerät holpernd die Kufen auf der Bohrinsel aufgesetzt hatte, war auch Irene nicht böse über das Ende der wackeligen Reise. Kurzfristig hatte sie das Gefühl, sich wie ein Seemann beim ersten Landgang nach Wochen zu bewegen. Sofort kroch ihr der eisige, feuchte Wind unter die Kleider.

Die Begrüßung durch den Chef der Plattform brachten sie schreiend hinter sich.
“Sind Sie die Frau von der Firma?”
Irene nickte. Hatte man sie als Trägerin irgendeiner besonderen Funktion angekündigt? Eigentlich war es egal. Sie hatte die Mehrheit der Anteile und damit automatisch das Recht, sich hier herumzutreiben, solange sie wollte.
Mr. Christian Briggs war ein kleiner, korrekter Mann mit Brille, der sie zu einem Aufbau aus Containern führte, in dem die Büros und Baracken angesiedelt waren. Überall roch es durchdringend nach Öl. Selbst der beginnende Sturm konnte das Industriearoma nicht völlig vertreiben.
Aus dem Bürocontainer schlug ihnen Wärme entgegen. Das Heulen des Windes war hier drinnen auf ein erträgliches Maß gesunken, so dass sie sich in Ruhe über die Fälle unterhalten konnten.

Auf der Plattform waren drei Leute verschwunden und zwei gestorben. Einen der Toten hatte man regelrecht mumifiziert aufgefunden, seine Innereien waren verflüssigt und ausgesogen worden. Die Leiche befand sich schon nicht mehr in Barrow, sondern in der nächsten größeren Stadt, die ein Hochsicherheitslabor hatte, weil die untersuchenden Mediziner eine Seuche befürchteten. Zum Glück schien es den Behörden wohl nicht dringend genug, um eine abgelegene Bohrinsel gleich unter Quarantäne zu stellen und Irene damit den Zutritt zu erschweren. Oder ihre Familie hatte mit Geld um sich geworfen und so den Amtsschimmel verlangsamt.
“Sind Sie Medizinerin?” fragte Briggs hoffnungsvoll.
“Jägerin,” antwortete Irene trocken. “Mit dem Job kommt auch eine gewisse Ahnung von Anatomie und Physiologie.”
“Ah.” Wenn ihn die Antwort nicht ganz zufrieden stellte, dann war er zu höflich, um ihre Kompetenz direkt anzuzweifeln.

Von Briggs erfuhren sie die Namen der Opfer. Quinn Dodson, der Ausgesaugte, war Ingenieur gewesen. Daron Kinney, der zweite Tote, ein einfacher Arbeiter, war zwar nicht mumifiziert, sondern erfroren, hatte aber die gleichen Einstiche vorne und seitlich am Körper wie Dodson. Verschwunden waren der Arbeiter Omar Terry, der IT-Techniker Alvaro Valencia und die Technikerin Debbie Perry.

Niels, der bisher schweigsam zugehört hatte, fragte vorsichtig, ob es möglich war, dass die Leute sich einfach abgesetzt hatten. Briggs schien die Frage zu irritieren. Es flöge ja nur zweimal am Tag der Hubschrauber auf die Plattform, erklärte er. Irene fielen noch ein paar andere Methoden ein, wie jemand, der es darauf anlegte, die metallene Insel verlassen könnte, aber kein Grund, warum man dafür auf den Komfort eines Fluges verzichten sollte, der nicht mit sehr viel krimineller Energie zu tun hatte. Für den Moment wollte sie lieber an eine interessante Jagdbeute als an Schmugglerbanden und Menschenhandel glauben.

Alle Angestellten waren innerhalb der letzten zehn Tage verschwunden oder gestorben. Den Erfrorenen hatte eine Cassie George aus der IT gefunden, die laut Briggs durch den Fund sehr verstört war. Irene fragte sich, warum er das eigens erwähnte, da so ein Leichenfund üblicherweise diese Reaktion mehr oder minder stark hervorrief. War Cassie noch verstörter, als sie hätte sein sollen? Vorsichtig lenkte Irene das Gespräch auf die Stimmung der Besatzung. Die sei tatsächlich gerade schwierig, gestand Briggs. Er schob das Phänomen allerdings auf die Todes- und Vermisstenfälle. Jedenfalls nach außen hin. Die Jägerin kam zu dem Schluss, dass er etwas verschwieg; irgendetwas, das ihm wohl zu seltsam vorkam, um gleich vor der fremden Frau damit herauszurücken. Sie vermerkte sich das Nachbohren für später, wenn der Mann vielleicht ein bisschen Vertrauen gefasst hatte, sofern es diesem stocksteifen Papiertiger überhaupt möglich war, aufzutauen. Sie schätzte ihn wie jemanden ein, der auch am Strand von Honolulu Krawatte zur Badehose tragen würde und der seine eigene Frau siezte. Hätte sie nicht gewusst, wer von den beiden Männern im Raum der Deutsche war… Betont professionell bat sie darum, die Fundorte der Leichen sehen zu dürfen. Der kleine Bürohengst nickte ergeben und stand selbst auf, um sie durch den stählernen Irrgarten zu geleiten. Obwohl es ihm sichtlich unangenehm war, sich mit diesen außergewöhnlichen Ereignissen zu befassen, die sich aller Planbarkeit und Kontrolle entzogen, konnte er es offenbar nicht auf sich sitzen lassen, die lästige Pflicht an einen Untergebenen zu delegieren.

Bevor sie sich ins Innere der Plattform wagen durften, wies ihnen Briggs noch ihre Unterkunft zu.
“Möchten Sie und Ihr Sohn eine gemeinsame Kabine?”
Heckler zuckte zusammen.
“Das ist nicht mein Sohn, das ist mein Assistent.”
Nun war es an dem bebrillten Zahlenschubser zu zucken. Ein kleines Teufelchen auf Irenes Schulter, das Spaß daran hatte, ihm dabei zuzusehen, wie er sich wand, verführte sie zu dem Zusatz: “Personal Trainer.”
Seinen Gesichtsausdruck hätte sie fotographieren mögen. Schon überlegte sie, wie sie noch einen draufsetzen konnte, als Niels grinsend hinzufügte: “Keine Angst, ich werde heute nacht nicht das Ufer wechseln.”
So wie dem Kleinen der Schalk aus den Augen blitzte, hatte er genausoviel Spaß daran, den trockenen Knochen aus der Reserve zu locken, wie sie. Es fiel ihr schwer, das Lachen zu unterdrücken. Und noch schwerer, als Briggs in absoluter Humorlosigkeit antwortete, der Helikopter ginge auch erst am nächsten Morgen wieder.

Nachdem die beiden ihr weniges Gepäck in zwei verschiedene Schlafräume geworfen hatten, machten sie sich auf, die Stellen zu untersuchen, an denen man die Toten gefunden hatte. Die Erste war im Außenbereich der mittleren Ebene, gar nicht so weit entfernt von der nächsten Tür, aber weit genug, dass ein Hilferuf über die allgegenwärtigen Geräusche von Industrie und See leicht überhört werden konnte. Die Zweite, im Inneren der Plattform, lag weiter unten, nahe dem eigentlichen Förderturm. Der Raum war laut, ziemlich dunkel, voller Rohre und mit mehreren Lüftungsschächten versehen, die in verschiedene Richtungen abzweigten. Mit Schaudern spähte Irene in die schwarzen Rechtecke und wünschte sich innig, dass der Mörder kein Wesen sein möge, das durch die Belüftungsanlagen käme. Wenn sie da hineinkriechen müsste, das wäre das Ende ihrer Jagd. Allein die Vorstellung trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Sie würde alles weitere dem Kunststudenten überlassen müssen. Wo war der eigentlich?
Er hatte sich am Kopf der Treppe postiert, die Hände tief in den Taschen vergraben, den Kopf zwischen den Schultern, und sah so aus, wie Irene sich beim Gedanken an eine Höhle voller Wölfe fühlte. Oh, großartig. Zwei Klaustrophobiker. Auf einem Stück Stahl mitten in stürmischer See. Das konnte noch lustig werden.

Der nächste Weg führte sie zu Siluq Johnson, dem Arzt der Plattform. Seine Expertise beschränkte sich auf die üblichen Arbeitsunfälle, Erkältungen, Seekrankheit. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, was mit den beiden Toten passiert war, und hatte auch gar keine Ausrüstung, um die Leichen fachgerecht zu untersuchen. Daher hatte er sie schnellstens ausfliegen lassen.
Der Mann, den Cassie George gefunden hatte, war wohl einfach nach draußen gelaufen, ohne sich vor der Kälte zu schützen, hatte aber auch Einstichwunden. Dr. Johnson konnte sich bei ihm als einzigem einen Mord vorstellen. Vielleicht hatte ihn jemand absichtlich ausgesperrt? Dagegen sprach, dass es zuviele Möglichkeiten gegeben hätte, die warmen Innenräume wieder zu betreten. Im sommerlichen Alaska hatte es milde null Grad Celsius. Keine Witterung, in der man innerhalb von Minuten erfror. Jemand hätte das Opfer schon draußen festbinden und die Fessel später wieder lösen müssen.

Die ersten Opfer waren vor 10 Tagen verschwunden, vor zwei Wochen hatten sich bereits mehrere Leute bei Johnson darüber beklagt, dass sie geliebte Menschen, Freunde und Verwandte, auf der Plattform halluzinierten. Seine Position als Vertrauensperson der Mannschaft verbat ihm, den Jägern Namen zu nennen, doch Niels schlug vor, dass er die Leute, die bereit waren, sich ihnen anzuvertrauen, zu ihm und der Britin schicken konnte. Sie würden später in der Kantine zu finden sein.
Zu dem, was das ausgesaugte Opfer getötet hatte, stellte Irene dem Arzt eine Reihe von Fragen, bis er ihr den Laborbericht aushändigte. Die Verflüssigung der Organe erinnerte sie an die Gifte mancher Spinnen und Schlangenarten. Vielleicht eine Arachnide, dachte sie bei sich. Aber Spinnen und Kälte? Ein kaltblütiges schlangenartiges Ungeheuer war es bestimmt nicht.

Der Untersuchungsbericht des Labors besagte, dass das Gift am ehesten von einem Rochen, nicht von einer Spinne stammen könne. Es verursachte Lähmungen, stimmte aber mit keinem bekannten Toxin vollständig überein.
Nach einer kurzen Besprechung unter vier Augen begaben sie sich in die Werkskantine, um die Gerüchteküche anzuzapfen.

Niels folgte Irene Hooper-Winslow mit etwas Abstand. Das dunkle Untergeschoss hatte in ihm höchst unangenehme Erinnerungen hervorgerufen, und die gesamte Umgebung machte ihn nervös und faszinierte ihn zugleich. Am liebsten würde er alles zeichnen, das half ihm normalerweise, runter zu kommen, doch das war gerade leider nicht möglich. Also schob er die Hände zu Fäusten geballt in die Jackentasche und versuchte, ein finsteres Gesicht zu machen, ein Klicken an seinen Vorderzähnen verriet ihm, dass er unbewusst das Zungenpiercing nach vorne geschoben hatte und darauf herumkaute.

Er fror, obwohl er es gewohnt war, bei jedem Wind und Wetter draußen zu sein, aber die deutsche Mittelgebirgsluft des Bayrischen Waldes war doch etwas ganz anderes im Vergleich zur Küste Alaskas. Zum Glück hatte er sich wetterfeste Kleidung besorgt, auch wenn er jetzt nicht mehr so schnell an seine Waffe kam, wie er es gerne gehabt hätte. Aber die Alternative hieß, mit einer Wehrmachtspistole am Holster über die Plattform zu laufen, und er hatte bisher noch niemanden hier gesehen, der eine Waffe trug. Subtil war anders – eben unter der Daunenjacke. Er fühlte sich, als hätte ihm jemand die Hände festgebunden.

Deine Waffe ist ein Teil von dir, Aaron. Die Verlängerung deines Arms und deines Willens.

In der Kantine waren bereits einige Leute versammelt. Die Leute fuhren hier 24h-Schichten, und es war bald Schichtwechsel. Die Nacht brach herein – oder das, was man zu dieser Jahreszeit als Nacht bezeichnete. Niels spürte, wie ihm die Augen brannten von dem seltsamen Dämmerzustand. Er war so etwas nicht gewöhnt, er war ein Waldkind, das Wasser, das Nordlicht, der Ölgeruch, das war nicht seine Welt. Doch der aufziehende Sturm verdunkelte den Horizont, und er fragte sich, ob das soviel besser war. Was hatte der Arzt gesagt? Die Leute waren alle nachts gestorben? Na wunderbar, dann war es ja gleich soweit.

Seufzend sah Niels in die Gesichter der Leute, die in der Kantine saßen. Einige betrachteten ihn und Irene mit unverhohlener Neugier – fragten die sich jetzt auch, ob sie seine Mutter war? Oder er ihr Toyboy? Er verkniff sich ein Grinsen, als er an Mr Briggs’ Gesicht dachte. Keuscher als mit einem Schwulen an ihrer Seite konnte Irene Hooper-Winslow kaum schlafen, auch wenn seine Einlassung offensichtlich von der menschlichen Büroklammer nicht verstanden worden war.

Andere Gesichter sahen sie weniger freundlich an, die Leute betrachteten ihn und Irene wohl als Eindringlinge.
Vielleicht solltest du dein gewinnendes Lächeln einsetzen, Heckler. Wo das ja auch immer so gut funktioniert.

Irene hatte sich derweil wohl einen geeigneten Gesprächskandidaten ausgesucht und steuerte auf ihn zu. Niels merkte, dass er Durst hatte, und da er wusste, dass Getränke jeglicher Art die Zunge lockerten, holte er drei Becher Kaffee vom Tresen der Kantine. Vorsichtig balancierte er die Heißgetränke in Richtung Tisch, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung am Fenster wahrnahm. Ein junger Mann mit hellblonden Haaren war dort vorbeigegangen, und vor Schreck ließ Niels den Kaffee fallen.

“Fuck!” entfuhr es ihm, und Irene sah sich irritiert zu ihm um.

Philip. Da draußen am Fenster war Philip vorbeigelaufen. Das war nicht möglich, Philip war tausende von Kilometern entfernt, außerdem war es in München jetzt – wie spät war es gerade in Deutschland? Es wollte ihm nicht einfallen.

Irene war jetzt aufgestanden und kam zu ihm. “Was haben Sie gesehen, Mr Heckler?” fragte sie mit ernster Miene. Niels überlegte. Er konnte ihr doch nicht sagen, dass er da draußen seinen Ex-Freund hatte vorbeilaufen sehen und dass ihn das aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, sie sollte ihn für einen Profi halten, und nicht für einen liebeskranken Teenie. “Ähm.. da war jemand. Am Fenster. Aber bestimmt habe ich mich geirrt…” Noch bevor er weitersprechen konnte, zog Irene Hooper-Winslow ihn am Ärmel nach draußen. In der Kantine wurde Protest laut, als kalte nasse Seeluft hereinströmte, doch das war der Britin egal. Zielstrebig rannte sie nach draußen, und Niels folgte ihr.

Er zog sich die Kapuze über den Kopf und den Schal über Mund und Nase, denn der aufkommende Sturm peitschte ihm die kalten Wassertropfen wie kleine Dolche ins Gesicht. Die Wellen schlugen bereits bis zur Plattform hoch, und Niels fragte sich für einen Moment, wie sicher sie auf diesem stählernen Ungetüm waren. Doch ihm blieb nicht viel Zeit zum Überlegen, in der Ferne sah er plötzlich eine Gestalt. Philip? Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Er hatte ihm soviel zu sagen, was nicht in einem Telefonat zwischen Michigan und München zu sagen gewesen war.
“Wer sind Sie?” rief er gegen den Sturm, doch es kam keine Antwort. Das Heulen des Windes und das Peitschen der Wellen trugen seinen Ruf aufs Meer hinaus, er hätte es sich ebenso schenken können, zu rufen. Doch die Person schien ihn gehört zu haben, sie winkte ihm freundlich zu, und bewegte sich ins Innere der Bohrinsel. Das Dunkel, das Niels vor noch gar nicht allzu langer Zeit an den heimischen Keller erinnert hatte, schien ihm jetzt gar nicht mehr so erschreckend. Er war jetzt schließlich nicht mehr allein, Philip war bei ihm, und jetzt würde wieder alles so werden wie früher.
Niels lächelte, als Philip mit ausgebreiteten Armen näherkam, mit den fliessenden Bewegungen, die dem jungen Mann so eigen waren.

Alter, ich hab dich so vermisst. Weisst Du eigentlich, was du mir bedeutest?

Niels schloß Philip in seine Arme und drückte ihn fest an sich. Gott, das fühlte sich so gut an. So echt. Er spürte den Geruch von Philips Haut, seiner Haare, seines Körpers. Zufrieden schloss er die Augen und atmete tief ein. Wie sehr hatte ihm das gefehlt, wie sehr hatte er sich gewünscht, Philip wieder so zu halten, er wollte ihn nie wieder loslassen.
Ein leichter Stich durchfuhr ihn am Bein, doch er ignorierte es, genau wie das Zupfen und Genestele an seiner Jacke. Alles war jetzt egal. Er hatte Philip wieder, und nur das zählte im Moment.

Irene kannte Philip nicht. Irene wusste nicht, wie Philip aussah. Irene sah auch nicht Philipp, sie sah ihren Vater. Wohlauf, mit von der Meeresluft geröteten Wangen, Selbstsicherheit ausstrahlend. Ein rotblonder Bär von einem Mann. Auch in ihr breitete sich die wohlige Gewissheit aus, dass alles gut werden würde, jetzt wo er da war und all ihre Probleme fortwischen würde. Hätte er sich nur nicht so seltsam verhalten und den deutschen Jägerssohn umarmt statt seiner eigenen Tochter. Wie konnte er? Er würde nie… Ein Alarmsignal begann in ihrem Kopf zu schrillen. Wenn Sir Roger den jungen Heckler in die Arme schloß wie seinen verlorenen Sohn, dann stimmte etwas ganz und gar nicht. Entweder mit dem Bild, das sie von ihrem Vater hatte oder mit dem Bild von ihrem Vater, das sie vor Augen hatte. Dem Trugbild von ihrem Vater, das das unheimliche Wesen erschuf, das sich am Rande ihrer Wahrnehmung bewegte. Ein schlangenförmiger Körper, wie ein einzelner Tentakel, der sich steil vor Heckler aufgerichtet hatte und gerade damit begann, ihn mit seinem Kopfteil zu umklammern. Mit gifttriefenden Dornen bewehrte Hautlappen, die es wie eine Kobra aufgefaltet hatte, bogen sich um den jungen Jäger und drangen zu beiden Seiten durch seine Kleidung. Der ganze Anblick war umso bizarrer, als er immer noch von Irenes Idealbild ihres Vaters überlagert wurde, der schon seit Jahren apallisch in seinem Rollstuhl saß und nicht mehr im Ansatz so aussah, wie sie ihn in ihrer Erinnerung bewahrte. Mit einem unwirschen Kopfschütteln befreite sie sich von der Illusion. Es fühlte sich an, als zöge sich die Welt wie Gummi auseinander, um sogleich wieder die Form anzunehmen, die das Tentakelwesen ihr aufzwingen wollte. Ein kleiner Schrei der Empörung und Enttäuschung entkam ihr, als sie beide Messer aus ihren Stiefeln zog und hinter das Monster sprang, um ihm den versilberten Stahl in die Seiten zu stoßen, bevor sie erneut der Täuschung erliegen konnte.

Kaum war das Ding verletzt, ließ der telepathische Druck nach, gegen den sie hatte ankämpfen müssen. Erst mit dem Verhallen der Illusion bemerkte sie, wie sehr sie der innere Kampf wirklich beansprucht hatte. Das war knapp gewesen.
In Hecklers Gesicht arbeitete es. Der glückliche Ausdruck verschwamm langsam zu einem der Verwirrung, gefolgt von Erkenntnis und Schmerz. Mit Kraft riss er sich aus der Umklammerung und zerrte unter der durchlöcherten Jacke seine alte Armeepistole hervor. In einer fließenden Bewegung zielte er auf die Mitte des Monsters, in der mehrere Mäuler schlürfende Geräusche verursachten, und feuerte los. Das Wesen zog sich einige Meter zurück, bis es kollabierte und schwer auf den Boden aufschlug.
Irene nahm sich nicht die Zeit, nachzusehen, ob es ganz tot war, denn sie bemerkte, wie Heckler schwankte und sich an einem Rohr festhielt. Mit glasigen Augen bemühte er sich, seine Gliedmaßen zu koordinieren. Eilig sprang sie ihm zur Seite und rief: “Ich bringe Sie zu Doktor Johnson. Versuchen Sie, wach zu bleiben. Es ist nicht weit.”

Wachbleiben. Das sagte sie so leicht. Niels spürte, wie seine Beine schwer wurden, und er sich in die gnädigen Arme einer Ohnmacht begeben wollte. Schon alleine deswegen, weil er sich so unglaublich schämte für das, was passiert war. Wie hatte er sich nur so täuschen lassen können?
Kämpf dagegen an, Heckler. Du bist stark genug.

Als ob seine Beine ihm nicht gehören würden, bewegte Niels sich auf Irene zu, die ihn geistesgegenwärtig stützte. Das fiel ihr nicht so leicht, sie war immerhin einen ganzen Kopf kleiner als er. Doch irgendwie schaffte sie es, ihn durch den Sturm und den Regen wieder nach oben zu bringen. Vielleicht war es die Kälte, oder die Meerluft, als sie auf der Krankenstation eintrafen, spürte Niels wieder seine Beine, und die bleierne Müdigkeit verschwand.

Gerade rechtzeitig, denn kaum hatten sie die Tür geöffnet, bot sich ihnen ein grauenhafter Anblick. Der Inuit lag mit verdrehten Gliedmaßen auf dem Boden, unter ihm breitete sich eine Lache aus klarer Flüssigkeit aus. Über ihm stand… Joe.

Niels stutzte. Erst Philip, jetzt Joe? Was war das für ein grausames Spiel, das man hier mit ihm spielte? Wer gaukelte ihm hier vor, dass die beiden Männer, die ihm am meisten im Leben bedeutet hatten, hier vor ihm standen? Vor allen Dingen war Joe tot. Er war zur Hölle gefahren, weil er diesen verdammten Dämonendeal hatte eingehen müssen.
Der dunkelhaarige Mann drehte sich jetzt zu Niels um, er lächelte, und es war dieses Lächeln, das Niels durch und durch gegangen war.

He, Collegeboy. Was macht so einer wie du hier?

Für einen Moment war Niels versucht, auf Joe zuzugehen, der sich jetzt auch ihm näherte, doch dann sah er den Älteren noch einmal genau an. Er hatte Joe so oft gezeichnet in den letzten Wochen, dass jedes Detail an dessen Körper ihm so bekannt vorkam als sei es sein eigener.
Wer auch immer da jetzt auf ihn zukam, es war nicht Joe. Niels blinzelte heftig, doch das Bild blieb: Es war nicht Joe. Es war noch nicht mal ein Mensch, was sich da auf ihn und die Britin zubewegte, sondern eines der Tentakelwesen, das ihn eben angelockt und gebissen hatte. Niels machte sich daran, seine Waffe zu ziehen, als er sah, dass Irene offensichtlich diesmal nicht so geistesgegenwärtig war. Mit einem seligen Lächeln ging sie auf das Monster zu, dass sich sofort daran machte, mit einem schmatzenden Geräusch seine Rüssel überall über die Britin auszubreiten. Sie schien das nicht zu bemerken, immer noch lächelnd schloß sie die Augen und schien sich ganz in die unheilige Umarmung begeben zu wollen. Schlürfend legte das Wesen einen Tentakel um ihre Beine und machte sich daran, seine Mahlzeit zu vollenden.

Niels überlegte fieberhaft, was er tun sollte. Schießen war ihm zu heikel, er hatte Angst, dass er in dem Gewirr aus Tentakeln, Rüsseln und Mäulern Irene traf statt des Wesens. An die Messer in den Stiefeln der Britin kam er nicht mehr heran, dort schlängelte sich der Tentakel vorbei. Denk nach, Heckler, denk nach! Sein Blick fiel auf die Ablage des Doktors, wo ein Skalpell lag. Besser als nichts. “Irene! Nicht einschlafen!” rief Niels ihr zu, als er aus den Augenwinkeln sah, dass die Britin immer mehr in den Schlaf sinken wollte. Sich auf seine gute Kinderstube besinnend, setzte er hinzu: “Ma’am!” Das Wesen ließ jetzt ein Stück von der Britin ab, und Niels zögerte nicht lange, sondern schoß.

Si vis pacem, para bellum. Wie passend.

Mit einem Fauchen stieß das Wesen noch einmal zu, Irene taumelte, doch dann berappelte sie sich. Sie zog die Messer aus ihren Stiefeln und brachte dem von Niels’ Schuss durchsichtige Flüssigkeit absondernden Monster noch zwei tiefe Schnittwunden bei. Mit einem schlürfenden Geräusch und eine Spur aus Blut hinterlassend, kroch das Wesen die Wand hinauf und verschwand im Luftschacht.
“Ma’am, sind Sie in Ordnung?”
“Geht so”. Erschöpft sank Irene auf dem Boden zusammen. Sie sah deutlich mitgenommer aus als Niels, obwohl er auch einige Einstiche in den Beinen und den Armen hatte.
“Mr Heckler? Sehen Sie nach, ob der Arzt hier Adrenalinspritzen hat.” Niels stutzte. Wie sahen denn zum Kuckuck Adrenalinspritzen aus? Im Hause Heckler hatten es stets Jodtinktur und Pflaster getan sowie Schimpftiraden seines Vaters. Abgesehen davon wirkte die Britin so, als brauche sie auch erstmal Verbandszeug und keine Spritzen.

Er sammelte zusammen, was er finden konnte, und machte sich daran, Irenes Wunden zu versorgen. Sie hatte sich bereits die Jacke ausgezogen und auch den Pullover, so dass sie obenrum nur noch in Unterwäsche dasaß. Niels zuckte kurz – so nah war er einer Frau noch nie gekommen. Aber er war auch Profi, fachkundig tupfte er die Jodtinktur auf die Einstiche und klebte Pflaster darüber. Dabei fiel sein Blick auf vier verzerrte Brandnarben.

Teufelsfallen. Das ist ganz schön krass.

Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, das anzusprechen. Er dachte nur kurz daran, was seinen Rücken zierte, und wie es dazu gekommen war, und verzog das Gesicht.

Nachdem er die Britin versorgt hatte, zog er die Jacke und den Hoodie aus und betrachtete seine Arme. Am linken Oberarm zeigte sich noch die feine Linie des Messers aus Chicago, ansonsten schien diesmal keins seiner Tattoos so arg in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein. “Der Job kommt mich teuer zu stehen,” murmelte er mehr zu sich selbst. “Ja, die Bezahlung ist Scheiße,” meinte die Britin mit einem leisen Lächeln. Niels drehte sich zu ihr um, immer noch die Jacke unter dem Arm. “Sie werden dafür bezahlt?” fragte er erstaunt. Ihm war stets eingetrichtert worden, dass Jagen seine heilige Pflicht war, und der Herrgott es ihm mit einem Platz im Himmel vergelten würde und der Rettung seiner unsterblichen Seele. Von Geld war da irgendwie nie so wirklich die Rede gewesen.

Irene schüttelte den Kopf. “Nein, ich zahle dafür, dass ich das machen darf. Mir gehört der Laden hier.” Niels fiel die Kinnlade herunter. Irene Hooper-Winslow war nicht nur Jägerin, sondern Besitzerin der Ölbohrplattform. Damit hätte er nicht gerechnet.
“Wow.” Er erinnerte sich an Gustav Heckler, der ab und an Leuten in der Gemeinde gegen einen Obolus geholfen hatte. “Mein Alter… mein Vater hat manchmal Geld genommen fürs Jagen. Aber nur bei Leuten, die so extrem katholisch und gläubig sind wie er. Mein Vater sagt, Jagen ist unsere heilige Pflicht, die uns der Herr auferlegt hat.” Er hatte sich jetzt wieder ein Stück weit in Rage geredet, die Erinnerung daran, wie ihm diese Pflicht immer und immer wieder klargemacht wurde, kam wieder hoch.
Die Britin sah ihn nur stumm an, Niels glaubte, für einen kurzen Moment ein Flackern in ihren Augen zu sehen – Angst?

Er lachte bitter auf und breitete seine Arme aus, so dass seine Tätowierungen in vollem Umfang zu sehen waren, von den Handwurzelknochen zogen sich die Sleeves in die Ärmel seines T-Shirts hinauf bis zum Schlüsselbein.
Sieh nur, Vater. Für jeden deiner Schläge ein Stich. Und ich bin noch lange nicht fertig.

“Sehen Sie mich an,” sagte er zu Irene, und er gab sich Mühe, seine Stimme so sarkastisch wie möglich klingen zu lassen, damit er nicht von seinen Gefühlen überwältigt wurde.
“Ich bin ein Geweihter Gottes.”

Irene starrte den über und über tätowierten Jungen einen Moment lang ungläubig an – sollte sie sich so in ihm getäuscht haben? War der Deutsche ein genauso verbohrter Fanatiker wie DeVries und die Spinner der kommenden Entrückung? Warum glaubten die Leute immer, ihren Jagdtrieb mit Religion begründen zu müssen? – bis der beißende Spott durch ihr schläfriges Gehirn drang. Seufzend entspannte sie sich wieder. Der kleine Adrenalinschub half, das Gift aus ihrem Körper zu treiben. Dennoch verbiss sie sich jeden Kommentar. Keine Zeit für philosophische Gespräche jetzt.

Was nun? Da draußen waren also mehrere dieser seltsamen Ungeheuer, die Leuten vorgaukelten, geliebte Menschen zu sein. Das hieß, die ganze Besatzung der Bohrinsel schwebte in höchster Gefahr. Selbst Irene, die nicht zum ersten Mal von etwas Übernatürlichem beeinflusst wurde, hatte kaum genug geistige Abwehrkräfte gegen auch nur eines davon. Wären sie oder Heckler den Dingern jeweils alleine begegnet, lägen sie bereits als leblose Mumien irgendwo da draußen auf dem kalten Stahl. Also mussten sie auf jeden Fall zusammenbleiben und sich gegenseitig beschützen. Und die Mannschaft warnen. Die meisten Leute würden sie um diese Uhrzeit mit Sicherheit in der Kantine finden, also dorthin zuerst.

Es waren viele der hier Beschäftigten dort versammelt, aber nicht alle, und die Anwesenden waren aufgeregt, spürten, dass sich die Gefahr von mehreren Seiten näherte, redeten durcheinander, manche schwiegen auch grimmig und starrten nur aus den Fenstern. In dem Stimmengewirr konnte Irene einzelne Rufe ausmachen von Angestellten, die Verwandte und Freunde gesehen haben wollten, von besorgten Stimmen, die meinten, es ginge etwas nicht mit rechten Dingen zu. Eine Atmosphäre kurz vor dem Umkippen.
Als sie hereinkamen hefteten sich wieder die Blicke auf sie, einige voll Hoffnung, dass sie eine sinnvolle Erklärung für die nun allgegenwärtigen Halluzinationen bringen mochten, manche lauernd, forschend, einige die sagten “Eindringlinge”. Auch ihr zerzaustes Aussehen wurde zur Kenntnis genommen. Irene war froh darum, eine dunkle Jacke gewählt zu haben, die die Blutflecken an ihren Flanken nicht so stark zutage treten ließ. Eine aufgebrachte Frau zeigte auf sie. "Das hat doch erst angefangen, als die kamen.” Niels reagierte übertrieben. Er schoss in die Decke.
Instinktiv duckte sich Irene und schnauzte ihn an: “Welcher Idiot hat Sie denn erzogen?”
Hatte der Junge noch nie etwas von Querschlägern gehört? Und was, wenn die Kugel den Container durchdrang? Da oben konnten Menschen sein. Immerhin, die Aufmerksamkeit aller Beteiligten hatte er jetzt.

Irene musste ihre gesamte Überzeugungsgabe aufwenden, um die Meute einigermaßen zur Räson zu bringen. Bei den meisten schien sie durchzudringen, als sie zur Antwort auf die Diskussionen, wer welche Personen gesehen haben wollte, kühl bemerkte: "Das war kein Mensch. Das war etwas, das irgendein Gas verströmt, von dem wir halluzinieren. Bleiben sie hier drin und halten sie zusammen. Sorgen sie dafür, dass keiner hinausläuft.”
Ein Mann mit südländischem Akzent jedoch war völlig aufgelöst. "Das war Maria, aber das kann gar nicht sein, weil sie tot ist, aber das war Maria!”
Irene deutete noch auf ihn und wies ein paar vernünftiger wirkende Mannschaftsmitglieder an, ihn zur Not gewaltsam festzuhalten, als der Kerl sich auch schon vom Ersten losriss, der seinen Arm packen wollte, und zur Tür hechtete. Sowohl sie als auch Heckler sprangen in seine Richtung, doch er war schneller, wand sich durch den schmalen Türspalt, den der Wind sofort wieder zudrückte, und lief in dem Augenblick, als die Jäger die Tür wieder aufgestemmt hatten, direkt in eines der widerlichen Tentakeldinger hinein. Das fackelte nicht lange, sondern ließ sich einfach mitsamt seiner Beute über die Reling fallen. Sofort verschluckte eine tiefschwarze Sturmwelle Mensch und Monster.
Stumm sah Irene in die Schwärze. Der Sturm umtoste sie. Riesige Wellen leckten über den Boden der ersten Ebene, erprobten die Festigkeit der Pfeiler auf denen sie stand. Die Tiefe zerrte an ihren Gedanken. Eisiger Schneeregen peitschte ihr ins Gesicht. Mit einer kurzen Geste bedeutete sie Heckler, schnell wieder nach drinnen zu fliehen. Sie mussten die Opferzahlen möglichst gering halten. Nach gleich vier Angriffen, innerhalb gut einer Stunde, zweifelte Irene nicht daran, dass es heute nacht noch mehr Tote geben würde. Aber sie war hier, weil die Leute ihre Verantwortung waren. Sie musste retten, was zu retten war. Keine Zeit, sich Vorwürfe zu machen, weil sie für einen zu Rettenden zu langsam war. Nicht nachdenken. Nicht daran denken, dass sie hier eingesperrt war, mit einer Gruppe panischer werdender Menschen und einer unbestimmten Anzahl an Seeungeheuern. Mitten auf dem Meer, bei Nacht und Sturm. Nicht nachdenken, handeln.

In der Kantine lehnte sie sich gegen die Tür und kämpfte gegen das schlechte Gefühl in der Magengegend an, fragte die Nächststehenden, wo ihre Kollegen um diese Zeit seien. Wo man hinmüsse, um die potentiellen Opfer einzusammeln. Alle, die sie auftreiben könnten, wollten sie hierherbringen. Sie schärfte den Leuten ein, sie dürften die Tür nur auf Klopfzeichen hin öffnen, in der Hoffnung, dass die Monster nicht intelligent genug waren, um das Muster zu verstehen. Der Einfachheit halber vereinbarten sie das SOS-Signal. Es hatte nichts mit der Rettung von Seelen zu tun. Die Buchstabenfolge war einst schlicht deshalb als Notsignal gewählt worden, weil sie noch mit keiner Bedeutung belegt war. Dieser belanglose kleine Gedanke huschte ihr durch den Kopf, während sie sich bemühte, ihrer Stimme Autorität zu verleihen. Sie saß hier fest.
Save our Souls. Die Arbeiter in der Kantine dachten es ebenfalls.
Wir kommen hier nicht weg.
Save our Souls.

Niels, der helle Kopf, hatte sich besser im Griff. Er kam auf die Idee, eine Durchsage zu machen, dass die Arbeit am Bohrloch wegen akuter Gefahr sofort einzustellen sei und alle Anwesenden sich in der Kantine einzufinden hätten. Das dafür nötige Funkgerät war in Mr. Briggs Büro, teilte man ihnen mit. Gut. Raus. Raus war gut. Lieber über den glitschigen Stahl gegen den Regen anrennen, als hier drin darauf zu warten, dass die Tentakel kamen. Raus. Rennen. Funken. Save our Souls!

Zum Glück hatten sich keine weiteren Monster auf dem Weg zwischen der Messe und Briggs’ Büro breitgemacht, und auch im Büro war niemand zu sehen – weder Briggs noch irgendwelche Trugbilder oder die Tentakelwesen. Niels beäugte jedoch den Luftschacht mißtrauisch. War das letzte Wesen nicht auch dadurch verschwunden?
Wachsam machte er sich daran, die P08 nachzuladen. Großonkel Ludwig schien seinen Munitionsverbrauch immer sehr gering gehalten zu haben, dass er sich nie eine Trommel für die Pistole zugelegt hatte – oder aber das Ding lag noch irgendwo im Rest des Arsenals, das Gustav im Keller hütete, und da wollte Niels nicht wirklich danach suchen.

Irene machte sich derweil am Funkgerät zu schaffen, aber ihre Bemühungen schienen nicht von Erfolg gekrönt. “Mr Heckler, wissen Sie, wie man das bedient?” fragte sie mit Stirnrunzeln, doch Niels schüttelte den Kopf. Funkgeräte gehörten in eine andere Zeit, er war ein Kind des Smartphone-Zeitalters. Außerdem hätte sein Vater wahrscheinlich auch ein Funkgerät schon für Teufelswerk gehalten.

Mit einem lauten Seufzer schaffte Irene es schließlich, das Funkgerät in Betrieb zu nehmen. “Achtung, Achtung! Ein dringender Notfall ist aufgetreten! Bitte begeben Sie sich sofort in die Messe!” rief sie in das Sprechteil, und Niels versuchte sie mit einem “Das ist keine Übung!” zu unterstützen. Nachdem die Britin ihre Durchsage beendet hatte, wollten die beiden zur Messe zurück, Niels zog die Tür auf. Doch da hörten sie bereits die schmatzenden Geräusche von zwei sich nähernden Tentakelmonstern.

Fuck. Zwei von den Drecksviechern.

Niels spürte, wie die telepathische Kontrolle der Wesen ihm wieder vorgaukeln wollte, dass dort geliebte Menschen vor ihm standen, doch seine Wut auf die Monster, die ihm so übel mitgespielt hatten, gewann, und so stand er weiterhin vor den beiden häßlichen grauen Wesen, die mit ihren unzähligen Mäulern und Ärmchen schlürfend und schmatzend auf ihn und die Britin zukamen. Offensichtlich war diese nicht in der Lage gewesen, sich zu befreien, mit einem seligen Gesichtsausdruck hielt sie weiter auf das Monster zu.

“Das ist eine Falle!” rief Niels ihr zu, doch sie schien ihn nicht zu hören

Ach, verdammt.

Er legte an und schoß auf das Wesen, das Irene gerade umarmen wollte. Ein hohes Kreischen war zu hören, und augenblicklich begann das Tentakelwesen zu bluten, eine klare, schleimige Flüssigkeit. Offensichtlich hatte das genügt, die Britin aus ihrer Starre zu wecken, sie zog jetzt ihre Messer und ging das Monster selber an.
Seinem Gefährten schien das gar nicht zu behagen, dass Niels das erste Wesen angegriffen hatte. Es näherte sich dem jungen Mann von hinten und fiel ihm in den Rücken, wo es sich festbiß.

Er versuchte, das Wesen abzuschütteln, aber es gelang ihm nicht. Nadelscharfe Mandibeln bohrten sich durch seine Kleidung in die Haut, und er unterdrückte mit Mühe einen Schmerzensschrei. Was sollte er jetzt tun? Er konnte sich schlecht selbst in den Rücken schießen, und noch war Irene mit dem anderen Wesen beschäftigt. Aber wenn er es zuließ, dass das Wesen sich weiter in seinen Rücken bohrte, dann war er sicher bald auch ausgesaugt.

Aber er konnte es zerquetschen, das Wesen hatte keinen Panzer, und gegen die Metallwand würde es sicher keine Chance haben. Mit aller Kraft warf Niels sich gegen die Wand und hoffte, dass das Monster seinen Griff dadurch lockern würde. Er hatte seine Rechnung jedoch ohne das Wesen gemacht. Wütend zischend bohrte es seine Tentakeln tiefer in Niels’ Haut.

Er spürte, wie das Narbengewebe, das seinen Rücken überzog, aufbrach, und das Gift des Monsters in die offenen Wunden rann. Ihm schossen die Tränen in die Augen vor Wut und Schmerz. Was auch immer das Wesen da in seinen Rücken pumpte, es wirkte schnell, er spürte, wie seine Zehen und seine Finger begannen, taub zu werden. In einer letzten Willensanstrengung griff er nach seinem Rücken und bekam das Wesen zu packen. Es brannte wie die Hölle, als er sich die Mandibeln aus der Haut riß, doch dann war schon Irene da, und unterstützte ihn mit ihren Messern.

“Zurück ins Büro,” sagte sie nur und zog Niels mit sich zurück in Briggs’ Office. Er wollte protestieren, dass sie ihn schon wieder rettete, aber er spürte, wie seine Beine taub wurden und er sich nicht mehr lange würde halten können. Mit letzter Kraft folgte er der Britin, die die schwere Stahltür hinter sich zuwarf und sie verriegelte.

Niels sank zu Boden, sein Rücken fühlte sich an, als sei er von tausend Nadeln zerstochen wurden. Oder geschlagen worden. Grimmig dachte er an damals, an die Angst und die Schmerzen. In seinen Ohren rauschte es, und er spürte, wie sich eine bleierne Müdigkeit über ihn legen wollte.

“Ich muss mir das ansehen.” Irene holte ihn unsanft wieder zurück. Er blinzelte und wollte protestieren, aber er war zu schwach. Folgsam zog er Hoodie und T-Shirt aus, wenn auch sehr langsam. Er wollte nicht, dass sie sah, was sie nun sehen würde, aber er wusste, dass sie recht hatte.

Wenn sie etwas an den tiefen Narben auf seinem Rücken ungewöhnlich fand, dann sagte sie nichts, und er war ihr dankbar dafür. Irgendwie hatte er den Eindruck, dass er einer Frau wie Irene Hooper-Winslow auch nicht mit der abgeschmackten Geschichte von der schweren Kindheit kommen konnte, wie er es damals bei Philip getan hatte. Das entsprach zwar auch der Wahrheit, aber eben nicht der ganzen.

Aaron, du bist widernatürlich. Wir mussten doch etwas unternehmen.

Niels sah nicht gut aus, als er sich schwankend und schrecklich schwerfällig freimachte. Er war totenblass, die Augen auf Halbmast, der Atem flach. Doch seine Gesichtsfarbe kehrte zurück, noch während Irene ihn untersuchte und verpflasterte. Sein Rücken hatte auch schon Schlimmeres abbekommen als die paar Piekser. Unter den Tätowierungen zerklüfteten eine Menge langer Narben seine Haut. Das Toxin schien zwar schnell zu wirken, jedoch nur in großer Menge Schaden anzurichten. Sobald das Adrenalin strömte, erholte man sich recht zügig wieder davon. Ganz ähnlich wie beim Schwarzen Mann, dachte Irene. Welch schreckliche Vorstellung, wenn dieses Ungeheuer, das nicht auf eine Plattform weit draußen im Meer begrenzt war, über die Fähigkeit der telepathischen Kontrolle verfügt hätte. Ob diese Dinger vor der Tür die Erzählungen über Sirenen mit beeinflusst hatten? Echte Sirenen waren humanoid. Doch die meisten Personen, die dem einen oder dem anderen Monster begegneten und überlebten, hatten nur ein Trugbild in Erinnerung. Sie sollte Charles anrufen und ihn dazu ausfragen. Wenn ein Telefonat bei diesem Wetter möglich war. Daran hätte sie ruhig eher denken können.
Ein kurzer Versuch ergab, dass sie ohne seine Hilfe auskommen musste. Alles, was sie von Charles’ bruchstückhaft durchs Telefon krächzender Stimme erfuhr, war, dass er sie nicht verstand.

Ihr Herz hüpfte schmerzhaft in ihrer Brust, als sie sich erneut bewusst wurde, dass sie mit der ganzen Verantwortung für eine wehrlose Bohrmannschaft und einen angeschlagenen, schießwütigen Kunststudenten allein im Zentrum eines Angriffs stand, der weit jenseits ihrer bisherigen Erfahrung war. Womit zum Henker konnte man diesen marinen Ungeheuern beikommen? Wie viele waren das? Lauerten sie noch vor der Tür? Und was ließ sich in einem Bürocontainer mit einer Fläche von acht mal zwanzig Fuß an potentiellen Waffen finden? Acht mal zwanzig Fuß, umschlossen von Stahl, und ein Lüftungsschacht, durch den ein Monster ohne Probleme kriechen konnte, während sie beide hier drin zwischen Büromobiliar und Stahlwänden eingekeilt waren. Die Bilder einer Höhle tauchten wieder vor ihr auf. Reißzähne und ein tiefes Grollen aus fünf großen grauen Kehlen. Nein, es war nur der Donner. Sie war auf dem Meer, umgeben von Stahl, auf einem Meisterwerk der Ingenieurskunst, das schon hundert gleichartigen Stürmen standgehalten hatte. Es würde auch diesem standhalten. Und es würde auch noch stehen, wenn die dornigen Angreifer den letzten Ölbohrer ausgesaugt hatten… Schluss jetzt. Nicht hilfreich. Sie musste an den bevorstehenden Kampf denken. Sie war wehrhaft. Etwas würde ihr einfallen. Sie würde Waffen finden, die besser halfen als Schießeisen und Silbermesser. Etwas, das den Viechern fremd war? Sie kamen aus dem Wasser, oder? Das Öl? Feuer? Feuer! Welches Lebewesen fürchtet nicht das Feuer?
Heckler und sie durchsuchten den Container nach Brennbarem. Briggs hatte noch nicht mal einen Flachmann im Schreibtisch. Niels beschwerte sich über die Gewissenhaftigkeit ihres Angestellten: "Sie sollten jemand anderen einstellen, wenn das alles vorbei ist”.
Für den Moment zog sie es ernsthaft in Erwägung. Dann fand sie endlich eine Sprühdose mit Deo, einem sterbenslangweiligen Deodorant, das nur für Briggs gemacht schien. Als Flammenwerfer würde das Ding zu höheren Weihen kommen. Beide atmeten auf. Immerhin etwas.
Ein kurzes Nicken auf beiden Seiten, ein Schnippen, ein Funke. Dann stürmten sie in die Dunkelheit.
Es gelang.
Die Flamme hielt die Wesen lange genug auf Abstand, dass die Jäger einen Vorsprung gewannen, den sie bis zur Kantine ausbauen konnten. Dort erfuhren sie, dass immer noch Leute in den Quartieren waren, die auf die Durchsage nicht reagiert hatten. Sie versicherten sich bei den Insassen des Aufenthaltsraums, dass die weiter alles verbarrikadiert halten würden und nur auf SOS öffneten. Dann holten sie tief Luft und stürzten sich wieder in den Sturm, der inzwischen so laut war, dass sie ihr eigenes Wort nicht mehr verstanden, geschweige denn die Geräusche der Tentakeldinger wahrnahmen. Auf dem Weg zu den Quartieren verirrten sich Irene und Niels auch fast und mussten erneut vor drei Monstern davonlaufen. Bei wievielen Sichtungen waren sie nun? Oder konnten das immer die gleichen Drei sein? Nein, so schnell krochen sie nicht. Unmöglich. Und diese drei waren nicht verletzt.

Der Erste, den sie aufstöberten, war ein Arbeiter, der in seiner Koje lag und las, während laute Musik aus seinen Kopfhörern drang. Wenn er die Nacht überlebte, würde er in ein paar Jahren taub sein. Hecklers unsubtiler Ansatz, ihn zum Aufstehen zu bewegen, fiel auf wenig fruchtbaren Boden: “Aufstehen und mitkommen! Wir müssen zur Messe.”
Und das mit dem Akzent. Kein Wunder, dass der Typ sauer wurde. Irene schüttelte den Kopf und legte all ihre Sorge um die Mannschaft in die Worte: “Sir, Sie sind in Gefahr. Bitte folgen Sie uns.”
Danach wurde es leichter. Irene übernahm das Reden, Niels sicherte die Umgebung. Je mehr Leute ihnen folgten, umso einfacher war es, deren Kollegen zum Mitkommen zu bewegen.

Als sie zurück in die Messe kamen, saßen zwei der ungefähr zehn Leute mit Ducttape an Stühle gefesselt zwischen ihren Kollegen. Ein Mann sah Irene und Niels entschuldigend an, aber beide verstanden: Die Wesen hatten zu den beiden gesprochen, ihnen geliebte Menschen vorgegaukelt, um sie nach draußen zu locken.

Es mussten noch Menschen im Untergeschoss sein, erklärte der Mann jetzt, dort hatte man den Ruf sicher nicht gehört. Irene seufzte, und Niels konnte an ihrem Gesichtsausdruck sehen, dass sie darüber nachdachte, wie man die Leute retten konnte, ohne dass sie alle von den Wesen angefallen wurden. Sie brauchten mehr Waffen – nur mit Revolver und Messern waren sie zu langsam. Feuer, das war die Waffe der Wahl.

Zum Glück gab es in der Küche direkt neben der Messe Gasflaschen, und die konnte man anzünden, wenn es kritisch wurde. Aber sie waren zu zweit. Niels versicherte Irene, dass er einsatzfähig war – sein Rücken behauptete etwas anderes, aber das würde er auch noch überstehen. Dann war es jetzt halt noch eine Narbe mehr, was machte das schon. Dinah war eine gute Künstlerin und hatte noch nie infrage gestellt, was sie da eigentlich unter den Farben aus ihrer Tätowiernadel versteckte.

“Gehen wir,” sagte er nur, und Irene nickte. Sie hatten keine andere Wahl. Wenn sie nicht wollten, dass noch mehr Menschen starben, mussten sie gehen.

Niels überließ Irene auch diesmal das Reden, das war wohl die bessere Idee, jetzt war nicht die Zeit zum Diskutieren. Einige der Leute waren bereits verletzt, hatten sich aber von den Wesen befreien können, andere wollten sich dem jungen Mann und der Britin nicht anschließen, doch letztlich gelang es ihnen, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie ihnen folgen mussten. Gerade rechtzeitig, denn noch mehr Wesen kamen jetzt auf sie zu, und Irene bedeutete Niels, die Leute in Sicherheit zu bringen.

Dann zündete sie die Gasflaschen.

Eine riesige Feuerwalze bewegte sich auf die Wesen zu, die mit einem hohen Kreischen vergingen. Niels hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, aber nicht mit einer P08 in der Hand, und nicht, wenn er derjenige war, der den kühlen Kopf bewahren sollte, um den Anderen ein Vorbild zu sein.
Zurück in der Messe übernahm Irene wieder das Kommando. “Wir bleiben hier drin, bis es Tag wird. Die Viecher sind nachtaktiv. Und es sind viele. Sichert die Fenster. Die Türen verbarrikadieren!”
Niemand widersprach ihr, denn inzwischen schien auch der letzte begriffen zu haben, dass sie in wirklich tiefen Schwierigkeiten steckten. Niels war nicht begeistert von der Aussicht, eingesperrt zu sein – ich war schon zu oft und zu lange ein Gefangener – doch immerhin funktionierte der Strom noch halbwegs, so dass es nicht dunkel war. Dunkelheit war am schlimmsten, er konnte alles ertragen, aber nicht, wenn es dunkel war und er nicht wegkonnte. Irene schien es ähnlich zu gehen, immer wieder ging sie unruhig auf und ab, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht oder holte tief Luft, die Hände in die Hüften gestemmt. Kurz nachdem jemand angefangen hatte, die Fenster abzukleben, damit die Mannschaft nicht dauernd die Seeungeheuer, oder das, was sie ihnen vorgaukelten, vor Augen hatte, fing sie an, immer wieder eine Ecke des Klebebands zu lösen und ungeduldig nach draußen zu spähen. Dazwischen tigerte sie in möglichst weiten Kreisen durch den Saal, prüfte etwa einmal die Minute das Magazin ihrer Browning und spielte nervös mit den beiden Bowiemessern herum.
Hatte sie ähnliches erlebt wie er? Er erinnerte sich an die Teufelsfallen auf ihrem Rücken. Fragen wollte er sie nicht danach, sie hatte seine Narben gesehen und geschwiegen, und so stand es ihm mit Sicherheit nicht zu, ihr das so zu vergelten.

Der Sturm toste um die Plattform, es war ein fast unheiliges Heulen, mit dem er an den Aufbauten rüttelte. Immer wieder schraken die Leute in der Messe zusammen, wenn etwas gegen das metallene Gebäude schlug, doch nichts versuchte, in die Messe einzudringen.

Niels warf Irene einmal einen kurzen Blick über die Schulter nach draußen, als sie wieder an einem der Fenster die angeklebte Folie etwas anhob. Überall auf der Plattform waren jetzt die Wesen zu sehen, wie sie hin und her krochen, ein Schwarm aus Dutzenden grauen unförmigen Leibern mit tausenden Mündern und Rüsseln und Dornen, begierig darauf wartend, einen der Insassen des Containers mit ihren Trugbildern zu verwirren und ihnen das Leben aus dem Leib zu saugen.

Plötzlich erhob sich etwas aus der Gischt, ein Wesen, wie Niels es noch nie gesehen hatte, auch nicht in irgendeinem der Bücher seines Vaters. Es war haushoch, und seinem Aussehen nach kam es aus den tiefsten Tiefen der See. Mit seinen Lichttentakeln erinnerte es entfernt an die anderen Wesen, die über die Plattform waberten, aber es war hundertmal größer.
Doch so schnell, wie sich das Monster aus der Tiefe erhoben hatte, so schnell war es wieder verschwunden, und Niels fragte sich, ob er sich die Erscheinung nicht vielleicht eingebildet hatte.

Eine Mittsommernacht dauert niemals lange – nicht am Polarkreis, wie Niels nun feststellte, und langsam wurde es wieder hell. Umso heller es wurde, desto mehr verschwanden die Wesen, und der Sturm legte sich.

Niels war erleichtert. Die Wunden auf seinem Rücken brannten immer noch, aber er hatte es geschafft, nein, sie hatten es geschafft. Als der erste Sonnenstrahl in die Messe drang, durch einen Spalt zwische Folie und Fenster, sah er Irene an, die immer noch unruhig auf und ab ging. Er lächelte, und langsam erwiderte sie sein Lächeln. Die Menschen in der Messe erwachten zu neuem Leben, und die beiden, die immer noch an ihre Stühle gefesselt waren, sahen sich verwirrt um.

Die Folien wurden von den Fenstern entfernt und die Türen entsichert, nun ging es ans Aufräumen. Niels und Irene beteiligten sich an der Suche nach den Vermissten, einige der Menschen konnten nur noch tot gefunden werden, andere tauchten nie wieder auf. Trotz des strahlenden Morgens war die Stimmung gedrückt.
Irene probierte aus, ob sie jetzt Handy-Empfang hatte, sie rief nochmal Charles an, den sie am Abend zuvor nicht hatte erreichen können. Während sie und Niels auf den Hubschrauber warteten, sprach sie mit ihm und fragte ihn nach den Wesen. Außerdem sollte er noch einem gewissen Francis Bescheid sagen, dass er die Anteile an der Plattform wieder verkaufte, doch anscheinend war das jetzt keine Option mehr, dem Gesprächsverlauf nach zu urteilen, den Niels jetzt mitbekam. Die Hooper-Winslows würden sich auch weiterhin darum kümmern, die Besatzung der Plattform vor Angriffen der Monster zu beschützen. Verluste hin oder her.

Nachdem sie das Gespräch beendet hatte, sah die Britin den jungen Mann nachdenklich an, der da auf der Reling lehnte, und sich ab und an streckte, um seinen Rücken zu entlasten. “Soetwas Ähnliches wie Sirenen,” sagte sie schließlich. “Sie tauchen in Schwärmen auf und überfallen Schiffe, Boote, Küsten und eben auch Ölbohrplattformen. Jetzt im Sommer ist wohl ihre Paarungs- und Fressphase. Das große Ding, das wir da gesehen haben, scheint so etwas wie die Königin zu sein. Den Rest des Jahres leben sie vermutlich in der Tiefsee. Das erste, das wir erledigt haben, lasse ich gerade einfrieren, damit es nach England überführt und untersucht werden kann.” Niels überlegte. Hieß das, dass sie im nächsten Jahr wiederkommen mussten? Sie schien seine Gedanken zu erraten und nickte. “Aber nicht allein.” Damit konnte er durchaus leben.

Eine Weile standen sie schweigend an der Reling, bis Niels etwas einfiel.
“Ma’am… Darf ich Sie etwas fragen, auch wenn es mich nichts angeht?” Irene nickte. “Was haben Sie gesehen, als die Wesen uns… in ihrem Bann hatten?” Sie holte kurz Luft und sah aufs Meer hinaus. “Meinen Vater. Und Sie?” Niels überlegte kurz. Eigentlich hatte er keine Lust, darüber zu sprechen, wen er liebte, aber nun hatte er das Gespräch angefangen, und außerdem hatte er sie mit seinem Spruch bei Mr Briggs schon in die Richtung gelenkt.
“Meinen… Exfreund.” Irene verzog keine Miene. “Das ist bitter.” “Und beim zweiten Mal eine… Liebschaft.”

Nenn es doch endlich beim Namen, Heckler. Du warst verknallt.

“Es war so real. Ich wusste, das beide nicht hier sein können, aber es war so real.” Er hasste sich noch immer dafür, dass er sich hatte überrumpeln lassen, dass er in den Armen… Flügeln dieses Monsters gelegen hatte und es wirklich und wahrhaftig für Philip gehalten hatte.

“Ich hätte es auch besser wissen müssen…” Irene klang melancholisch, ihr Gesicht verriet jedoch nicht, was sie in diesem Moment dachte. Niels streckte sich wieder, die vorgebeugte Haltung auf der Reling war auf die Dauer unbequem. Kurz verzog er das Gesicht wegen der Schmerzen. “Ich glaube, ich sollte dann in Barrow mal einen Arzt aufsuchen,” meinte er nur. Irene sah ihn aufmunternd an. “Narben machen interessant. Das bringt das Jagen eben so mit sich.”
Niels schüttelte den Kopf. So etwas hatte sein Vater auch immer gesagt, mit der Aufforderung, nicht zu weinen, egal, wie sehr es schmerzte, oder wie tief die Wunde war. Sogar beim letzten Mal hatte er es ihm gesagt – oder war es Joseph gewesen, der ihn aufgefordert hatte, alles wie ein Mann zu ertragen, wie ein richtiger Mann?

“Oder die Familie,” antwortete er tonlos und sah sie ernst an. Irene stutzte. “Glauben Sie, dass mein Vater begeistert war, dass sein Sohn schwul ist?” Niels spürte, dass er nicht wie sonst, wütend wurde, sondern ganz sachlich blieb. Wenn er dem nachgab, was er damals gefühlt hatte, wäre er jetzt nicht hier. “Da hat er zum einzigen Mittel gegriffen, das er kannte und versucht, es durch einen Exorzismus aus mir… herauszuprügeln. Das da” – er machte eine Handbewegung nach hinten – “sind ein Drittel Jagen und zwei Drittel Familie.”
Er hielt sich die Hände vors Gesicht, als er merkte, dass die Erinnerung noch immer frisch war und wieder hochkam, doch jetzt, wo er es zum ersten Mal gegenüber jemand Fremden formuliert hatte, kam es ihm so vor, als sei das alles jemand anderem passiert, und nicht ihm. Er wollte sich dem nicht stellen, noch nicht.

“Ich glaube, das Jagen zieht solche Leute an,” meinte Irene jetzt, und Niels wusste, was sie meinte. Spinner. Religiöse Fanatiker. Typen, die glaubten, die Bibel sei ein Gesetzbuch und weltliche Gerichte würden für sie nicht gelten.

“Kennen Sie einen Mann namens Marcus DeVries?” wollte sie dann wissen. Niels schüttelte den Kopf. “Das ist so jemand wie Ihr Vater. Nehmen Sie sich vor ihm in Acht, mit dem ist nicht zu spaßen. Die Staaten sind zwar voll von solchen Spinnern, aber DeVries ist nochmal ein ganzes Kaliber härter.” Niels nickte. Sein Bedarf an religiösen Spinnern war für den Rest seines Lebens gedeckt, er hatte nicht vor, sich noch einmal in die Nähe von solchen Leuten zu begeben, die auch nur annähernd das Gedankengut seines Vaters und seiner Brüder teilten. Er versprach ihr, sich vor diesem DeVries zu hüten, das fiel ihm nicht schwer.

“Ich… Ma’am… Wenn Sie wieder Hilfe brauchen, dann helfe ich Ihnen gerne. Aber das nächste Mal bitte nicht auf so einer Ölbohrplattform.” Sie lächelte jetzt. “Wüste würde mir ganz gut gefallen.”
“Wald. Ich bin für Wald. Ich bin praktisch in einem aufgewachsen, da kenne ich mich aus.”

Heimweh, Heckler?

Sie reichte ihm die Hand, und er schlug ein. “Bis zum nächsten Mal auf weiter Flur.”
In diesem Moment landete der Hubschrauber, um sie endlich wieder an Land zu bringen.

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Timberwere

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