Mädchenkram - Supernatural

Das Blutrote Phantom

aus Barrys Tagebuch

Kurz nach Weihnachten hatte mich Rachel überredet, endlich mal eine größere Lesung zu halten. Auf der ComicCon in San Diego, im Sommer. Damals klang das noch weit weg, und ich war ziemlich angeschlagen, also sagte ich ja.

Erst überlegten wir, mit der ganzen Familie hinzufahren, aber als ich Fotos von den Menschenmassen sah, wurde mir klar, dass ich das weder Tam noch Artie zumuten konnte. Beide wirkten erleichtert, als ich vorschlug, nur mit Kate hinzufahren. Pete war allerdings wütend – der wäre unglaublich gerne mitgegangen, aber dafür war er einfach noch zu klein.

Tam war eine ganze Weile weg gewesen, kam erst kurz vor unserer Abfahrt wieder. Mitten in der Nacht, schweigsam, zurückgezogen. Etwas fraß an ihr, aber sie wollte nicht darüber reden. Wenigstens war sie wieder da, ein paar Kratzer, eine Prellung, sonst nichts. Ich drängte sie nicht. Hatte ich nie.
Wir lebten einen sehr stillen, seltsamen Tag vor uns hin, bevor ich los musste. Ich glaube, wir hatten beide Angst vor einem neuen Streit. Ist auch nicht so, als würden wir normalerweise besonders viel miteinander reden, aber diesmal lag so viel Unausgesprochenes in der Luft… Ich musste einfach warten, bis sie so weit war. Konnte ich ganz gut.

Einen Tag vor der ComicCon flogen Kate und ich los. Mit ein paar Ativan hatte ich die Flugangst soweit unter Kontrolle, dass ich meine Tochter nicht nervös machte. Nach fast sieben Stunden Flug und Fahrt kamen wir am Cottage an, das relativ klein war und ziemlich weit weg von allem lag. Dafür war das WLAN großartig.
Am nächsten Morgen war Kate unglaublich früh wach und schon längst angezogen, als ich aus der Dusche kam. Wir kämpften ein bisschen mit ihren Haaren, weil sie ja unbedingt die gleiche Frisur wollte wie Rey aus Star Wars, aber wir haben es hingekriegt. Sah gut aus, fand ich.
Wir fuhren los, fanden sofort einen Parkplatz und waren folglich viel zu früh. Konnten immerhin ausgiebig frühstücken. Danach: Warten auf Ally und Natalie. Leute in absonderlichen Kostümen anschauen. Relativ viele Blutrote Phantome – ein Flyer klärte uns auf, dass das eine Comicserie im Retrostil war, die jetzt verfilmt werden sollte. Die Promotion lief auf Hochtouren, wir sahen schon draußen vier Phantome, drei Goldene Halluzinellen (der weibliche Love-Interest des Helden, und nein, die hießen nicht so, aber sie trugen knappe goldene Kleidchen und 50er-Jahre-Science-Fiction-Make-up) und einen Gargantua (der böse Wissenschaftler, der zum Monster wird). Ansonsten fanden wir die beiden Bronies am besten, die sich als Fluttershy und Twilight Sparkle verkleidet hatten, und ich bekam einen kurzen Schreck, als ich ein Mädchen in Schuluniform mit rosa Haaren sah. Giffany-Cosplay. Großartig. Ich machte ein Foto und schickte es Ethan. Überlegte kurz, es auch an Irene zu schicken. Ließ es bleiben.

Eine halbe Stunde vor der offiziellen Öffnungszeit kamen zwei junge Frauen auf uns zu: Eine davon sah aus wie der Pinhead aus Clive Barkers Büchern des Bluts, nur mit mehr Dekolleté, die andere wie eine Piratin. Erst, als sie mich begrüßte, erkannte ich Ally – das Pinheadgirl. Natalie war die Piratin, das war leichter. Kate war völlig fasziniert von beiden und ignorierte sogar, dass sie als ‚niedlich‘ bezeichnet wurde.
Wir gingen rein, durch den VIP-Eingang, nicht durchs Gedränge. Meine Waffen musste ich trotzdem abgeben. Gut, verständlich. Sie hatten allerdings keinen vernünftigen Metalldetektor und fanden die Ruger nicht, also blieb die bei mir. Nicht, dass ich vorgehabt hätte, in der Menschenmenge zu schießen. Die Lektion hatte ich schon in Las Vegas gelernt. Trotzdem, ich war schon nervös genug wegen der Lesung und den vielen Leuten, da musste ich nicht völlig ohne Waffen herumlaufen. Ja, mir war klar, dass das kaputt war. Aber besser, als wieder eine Ativan zu schlucken, um meine Nerven zu beruhigen. Oder? Keine Ahnung. Weniger Introspektion, Jackson, schau dir lieber die Blutroten Phantome an. Nein, nicht die knapp gekleideten Halluzinellen.

Als erstes gingen wir Allys Freundin Caroline besuchen. Die hatte einen Stand mit Cosplay-Accessoires, war ein bisschen aufgedreht. Meinte, sie würde schon auf Kate aufpassen. Kate versicherte mir und Ally prompt, dass sie auch auf Caroline aufpassen würde. Das brachte Allys Freundin aus dem Konzept, sie lachte nervös auf. Ich entschuldigte mich für mein sarkastisches Kind, das sich dann auch bemühte, zerknirscht dreinzuschauen und interessierte Fragen zu stellen. Gut. Ich konnte meine Tochter unmöglich mit zur Lesung nehmen – Thanie: Gateway ist kein Buch für Kinder.

Danach ging es weiter, Ally interessierte sich für Spiele und Filme, Natalie mehr für Comics. Wir schauten bei Marvel vorbei, bei DC, fanden einen merkwürdigen kleinen Stand mit Supernatural-Romanen und einem hyperaktiven weiblichen Fan (das sind diese Paperbacks über zwei Brüder, die mit ihrem Auto herumfahren und Monster jagen), die Ghosthunter Society, die aber eher Flaschengeister jagte… und noch mehr. Viel mehr. War anstrengend.
Die Blicke der Leute auf meine Prothese waren auch anstrengend. Ich glaube, die meisten gingen davon aus, dass der Haken nur Teil eines Kostüms war. Einer kam sogar zu mir rüber und meinte, cool, Mann, das ist echt cool, ich kenne den Charakter, Spitzenverkleidung! Ich sagte ihn, das ist keine Verkleidung. Sah ihn unfreundlich an. Untypische Reaktion: Er strahlte mich begeistert an. Großartig, sagte er, du gehst da voll drin auf, und diese Stimme! Ich war zu perplex, um eine passende Antwort zu finden. Er machte eine Daumen-hoch-Geste und ließ mich schließlich in Ruhe. Gut. Was hatte der überhaupt gemeint, er kannte den Charakter? Musste Ally mal fragen.

Wir standen gerade bei der Ghosthunter Society – Gary, einer ihrer Messe-Boys, erzählte Kate jede Menge Unfug über Geister, sie hörte höflich, aber skeptisch zu – als ein aufgeregter Mitstreiter zu ihm kam und meinte, bei der Preview vom Blutroten Phantom wäre etwas passiert. Vielleicht gab es eine Leiche, das wusste er nicht, oder vielleicht sogar einen Geist? Davon wollte Gary nichts hören, der glaubte nicht an Geister. Aber unser Interesse war geweckt.
Ich schaute kurz, ob Nelson vielleicht auch hier war. Bisher war er jedes Mal dabei gewesen, wenn auf einer Veranstaltung eine Leiche aufgetaucht war. Aber nein, kein Nelson. Auch keine anderen Jäger, die ich kannte.

Hinter der Preview-Area, in einem dunklen Servicegang, bemühten sich gerade zwei Sanitäter, einen Mann wiederzubeleben. Der Liegende hatte drei Löcher in der Brust, Blut in einer großen Pfütze unter ihm, keine Chance, den noch zu retten. Ich sagte Kate, sie sollte da nicht hingehen, nicht hinschauen und sich nicht vom Fleck rühren. Sie nickte mit großen Augen, blieb aber ruhig. Hatte den Toten wahrscheinlich trotz meiner Warnung schon gesehen.
Dann ging ich zu den Sanitätern. Hat schon jemand die Polizei gerufen, fragte ich. Nein, stammelte einer der Sanis und kramte nach seinem Handy. Der ist tot, erklärte mir der andere. Ich nickte. Sagte ihnen, sie sollten schauen, dass hier nicht überall Leute herumtrampelten.

Während die beiden ihren Schock verdauten, sahen sich die beiden Studentinnen die Leiche an. Diese Wunden, meinte Natalie, ich glaube, die könnten von einem Sai stammen. Einem Parierdolch. So eine Waffe verwendete das Blutrote Phantom gern. Ja, das hatte ich gesehen. Es rannten ja genug Leute mit Plastik- oder Latexsais auf der Convention herum. Aber die Wunden hier stammten von einer echten Waffe.
Ally fand den Ausstellerausweis des Toten: James Carmichael, Pinewood Studios. Das waren die, die den Film über das Phantom produzieren wollten. Wir überlegten gerade, ob es sich hier vielleicht einfach nur um ein Verbrechen und damit um eine Angelegenheit für die Polizei handeln könnte, als es Ally unvermittelt fürchterlich kalt wurde. Ein Cold Spot, sagte sie. Das heißt doch, dass hier ein Geist sein muss!
Aufgeregt machte sie sich auf den Weg zur Ghosthunter Society. Sie meinte, sie hätte da ein EMP-Messgerät gesehen – selbst wenn es kaputt war, konnte sie es vielleicht reparieren. Kate nahm sie gleich mit. Die war im Augenblick bei Caroline sicher besser aufgehoben.

Während wir auf die Polizei warteten, tauchte noch ein anderer Typ auf, der sich für die Sache interessierte. Gutaussehender Kerl, vielleicht Ende Zwanzig, trug einen Anzug und eine FBI-Plakette – keine echte, es stand „Agent Mulder“ drauf. Aber das half ihm, die neugierigen Gaffer zu verscheuchen.
Natalie kannte ihn. Fragte ihn, ob er wegen eines Pokerspiels hier sei. Oder eher Magic? Die beiden hatten sich scheinbar bei einem Pokerturnier kennengelernt, er war professioneller Spieler. Okay. Nannte sich Nick Morrissey, und wenn das sein richtiger Name war, fresse ich meinen Haken.
Ally kam zurück, genervt. Das EMP-Gerät von der Ghosthunter Society war nur eine Attrappe. Fand ich nicht weiter schlimm. Den Cold Spot hatte sie ja auch ohne Gerät bemerkt, und ich hatte zwar keinen Geist gehört, aber das konnte sich ändern.

Wenn Geister involviert waren, würde die Polizei nicht viel tun können. Also mussten wir uns darum kümmern. Kurz fragte ich mich, warum eigentlich – hatte ich mit der Lesung und dem Diversity Panel nicht schon genug zu tun? Aber ich wollte Ally und Natalie nicht allein losziehen lassen.

Wir fingen bei der Produktionsfirma an. Nick begleitete uns, der kannte sich offenbar auch mit Übernatürlichem aus. Okay. Der sah aus, als wäre er gut darin, mit Leuten zu reden. Der Chef von Pinewood Studios sprach gerade mit der Polizei, aber wir konnten uns mit seiner Assistentin unterhalten. Die war sehr auskunftsfreudig, erzählte uns, dass Jimmy Carmichael der Drehbuchautor des Films über das Blutrote Phantom war, dass er total beliebt bei allen wäre und dass sein Tod ein großer Verlust sei. Es gab zwar Fans, die mit der Produktionspolitik nicht so glücklich waren, aber die gab es ja immer.
Außerdem erfuhren wir, dass die Rechte für die Verfilmung bei Pinewood Studios lagen. Der Autor, der sich Steve Thrash genannt hatte, war tot – eigentlich, erklärte die Assistentin, hätte er die Rechte wohl gar nicht verkaufen wollen, aber dann beging er Selbstmord und die Rechte waren beim Verlag gelandet… so ganz klar war ihr die Geschichte nicht. Jedenfalls war Steve vor fünf oder sechs Jahren gestorben. Sein alter Verlag Kamikaze Komiks war natürlich auch auf der Messe und hatte einen großen Stand mit einer Neuauflage seines Werks.

Das Drehbuch interessierte uns. Ich erinnerte mich vage an Ezra Longstein, der einen Regisseur auf seine Todesliste gesetzt hatte, weil er eine Verfilmung nicht mochte. Nick alias Agent Mulder ging also zu Maximilian Haverworth, dem Produzenten der Pinewood Studios, und erklärte, dass in dem Drehbuch möglicherweise Hinweise enthalten wären und er es gern anschauen würde. Haverworth zögerte. Er hatte Angst, dass das Drehbuch im Internet landen könnte, also ließ er Nick eine Unterlassungserklärung unterschreiben. Der zeichnete tatsächlich mit „Agent Mulder“, aber glücklicherweise war der Filmemacher mit den Gedanken ganz woanders.
Ich überflog Jimmys Arbeit. Naja. Kein schlechtes Drehbuch, aber ziemlich uninspiriert. Durchschnitt, orientiert an den letzten 53 Marvel-Filmen. Konnte verstehen, dass ein Autor sich darüber ärgerte.

Unser nächstes Ziel war natürlich Kamikaze Komiks. Auch hier führte Nick das Wort, redete mit dem Verlagsleiter Egon Rottweiler. Der beteuerte, dass ihm Steves Tod ja ganz nah ging, schlimme Geschichte – der arme Kerl, ein Künstler eben, vollkommen unfähig, mit Geld umzugehen. Ein bisschen labil, erst war er pleite und musste die Rechte an seinem Comic verkaufen, dann verließ ihn seine Freundin. Also fuhr er mit seinem blutroten Cabrio über eine Klippe. Tragisch. Immer so emotional, diese Künstler.
Egon Rottweiler war ein Vollidiot und ging mir massiv auf die Nerven. Selbst wenn sein Bedauern nicht nur geheuchelt gewesen wäre – Künstler müssen emotional sein, sonst kommt nur zweitklassiger, wiedergekäuter Schund wie in Jimmys Drehbuch dabei heraus. Ohne Emotionen wäre ja bestimmt alles leichter, keine Panikattacken, keine Selbstzweifel, keine Alpträume, aber eben auch keine Kunst, und eigentlich wollte ich über Steve reden und nicht über… Künstler allgemein. Lassen wir es dabei, okay?

Jedenfalls warf ich ein paar sarkastische Bemerkungen ins Gespräch ein. Rottweiler maulte mich an, wer ich denn überhaupt sei. Ich zeigte ihm meine PI-Lizenz, und er knickte ein. Warum auch immer. Er beteuerte noch ein paar Mal, wie leid ihm die Sache mit Steve tat. Klang trotzdem nicht aufrichtig. Steve war ihm scheißegal.
Von Jimmy Carmichaels Tod wusste Rottweiler allerdings nichts. War überrascht, als er davon hörte. Nein, er hatte sich nicht mit ihm gestritten. Warum auch?

Wir zogen uns zurück und berieten. Mir fiel eine Geschichte ein, die Rachel mal erzählt hatte: Von einem Agenten, der einen viel zu hohen Prozentsatz für seine Leistungen berechnete, nebenher noch mehr abzweigte und seinen Künstler damit in den Ruin trieb. Ob das Steve auch passiert war? Würde erklären, warum er als erfolgreicher Autor pleitegegangen war.

Während wir noch dastanden und berieten, gab es Aufruhr am Kamikaze-Komiks-Stand. Sie hatten Rottweiler ermordet aufgefunden, genauso wie Jimmy. Irgendwer erzählte, es wäre das Blutrote Phantom gewesen – eins der vielen, die hier über die Messe huschten. Das sprach dafür, dass tatsächlich Steve Thrashs Geist dahintersteckte.
Als wir zum Stand liefen, hörte ich eine der Mitarbeiterinnen am Stand schimpfen, dass die Klimaanlage kaputt wäre. Ständig ist es so kalt, beklagte sie sich, und der Luftzug weht die Comics weg. Dauernd musste sie hier wieder aufräumen.
Kalt? Klang nach einem Geist. Ich versuchte, der Kälte zu folgen, schaffte es auch. Lauschte. Rief leise, Steve? Direkt an meinem Ohr eine Stimme – Steve gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch das Blutrote Phantom! Okay, sagte ich, und was willst du? Rache, war die Antwort. Rache an Haverworth, an Carmichael, an Rottweiler, an seinem Agenten, an seiner Freundin… die haben mich umgebracht, klagte der Geist. Das war doch deine eigene Entscheidung, sagte ich ihm. Das gefiel ihm nicht, und er griff mich an. Nicht körperlich, aber seine Kälte war um mich herum, und dann plötzlich auch in mir, eisige Finger schlugen sich in meinen Geist. Schmerzhaft. Meine Sympathie mit Steve erlosch schlagartig. Auch dieses Rache-Geschwätz… die hatten ihn nicht die Klippe runtergeworfen, das war seine Idee.
Also sagte ich leise, aber deutlich, und mit aller Verachtung, die ich aufbringen konnte: Feigling. Das gefiel ihm noch viel weniger, aber ich war auf ihn vorbereitet. So leicht kam er nicht noch mal in meinen Geist, auch wenn mir die Zähne von seinem ersten Angriff klapperten.

Den anderen war wohl aufgefallen, dass ich angespannt mitten in der Menge stand und ins Leere starrte. Anfing, zu zittern. Die Kälte war auch für sie spürbar. Natalie holte einen Salzstreuer aus ihrem Rucksack und warf das Salz in einem weiten Bogen um mich. Schlagartig ließ die Kälte nach, der Angriff hörte auf. Steve – das Blutrote Phantom – war erst mal weg.

Neue Beratung. Wie konnten wir den Geist loswerden? Normalerweise hätten wir Leiche salzen und anzünden können, aber Steves Auto hatte beim Sturz die Klippe hinunter filmreif Feuer gefangen, seine Überreste waren verbrannt. Unrealistisch? Ein bisschen. Vielleicht hatte ihn tatsächlich jemand ermordet, aber bestimmt nicht alle Ziele seines Rachefeldzugs gemeinsam.
Natalie meinte, Kamikaze Komiks hätte die Erstausgabe vom Blutroten Phantom am Stand. Okay, in Ermangelung besserer Ideen beschlossen wir, den Comic zu stehlen. Hoffentlich bekam Kate das nicht mit.

Als erstes brauchten wir eine Ablenkung. Das machten Nick und Natalie, die sich vor dem Stand von Kamikaze Komiks lauthals über irgendwelchen Nerdkram stritten. Währenddessen schlenderten Ally und ich zu der Glasvitrine. Das Schloss sah ziemlich einfach aus, ich konnte Ally ein paar Tipps geben – selber aufmachen ging schlecht. Dafür brauchte man zwei Hände. War für sie aber kein Problem, sie zog einen der Pins aus ihrem Kopf… aus ihrem Kostüm, stocherte in dem Schloss und es ging auf. So weit, so gut.
Dann nahm sie die Erstausgabe, und in dem Moment, als sie das Heft berührte, tauchte hinter ihr das Blutrote Phantom auf. Diesmal nicht nur als Kälte, sondern körperlich manifestiert. Griff sie am Hals und würgte sie, bevor ich etwas tun konnte. Super.

Ich rief Ally zu, sie sollte mir das Heft geben. Machte sie auch, und prompt ließ das Phantom sie los und stürzte auf mich zu. Ich wich aus, blieb in Bewegung, wollte gerade den anderen zurufen, sie sollten Salz und Feuer besorgen, als mich der manifestierte Geist mit einem kräftigen Schlag am Kopf erwischte. Egal. Natalie und Nick waren auch ohne Zuruf auf die richtige Idee gekommen, Natalie gab ihm ihren Salzstreuer und eilte zu Ally, Nick verschanzte sich hinter einem Tisch und ließ sein Feuerzeug auflodern. Aus dem Stand sprang ich über den Tisch (Applaus von einigen Zuschauern, die das wohl für einen Publicity Stunt hielten, danke auch), hielt ihm das Heft hin, er steckte es an, dann noch Salz drüber. Das Blutrote Phantom versuchte, erneut nach mir zu schlagen, aber zu spät. Es löste sich in feine Aschefäden auf und jammerte dabei: Mein Lebenswerk!

Es war immer noch ziemlich chaotisch, Leute riefen, rannten hin und her, jeder hatte alles gesehen und irgendwer hatte bestimmt ein Foto gemacht. Ein paar Leute von Kamikaze Komiks kamen angerannt, regten sich wegen des zerstörten Comics auf. Nick erklärte ihnen, es wäre eins der Blutroten Phantome gewesen. Vermutlich das gleiche, das auch Rottweiler umgebracht hatte. Offenbar war er glaubwürdig genug, jedenfalls hörten wir diese Geschichte in den nächsten zwei Tagen noch in verschiedenen Versionen.

Aber wir hatten die Sache erledigt. Ally hatte ein paar Blutergüsse am Hals, aber das war keine schlimme Verletzung. Konnte sie mit ihrem Kostüm weitgehend überdecken. Mein rechtes Auge fing an, zuzuschwellen. Großartig. Ich wollte meine Lesung ja auf jeden Fall mit einem blauen Auge halten. Aber… vielleicht konnte ich sie deswegen absagen? Ally meinte, nein, auf keinen Fall. Sie kannte ein paar Make-up-Spezialisten unter den Cosplayern, die konnten das bestimmt überschminken. Hurra.

Das drohte mir aber erst am nächsten Tag. Jetzt holte ich Kate wieder ab. Die diskutierte gerade mit Caroline über Seximus und Diversity. Besser als über Leichen, schätze ich.
Aber als wir uns ein paar Bagels holten, merkte ich, dass die Sache – der Tote – meine Tochter noch beschäftigte. Wir setzten uns also draußen in die Sonne und sprachen darüber. Über den Geist, über Rache. Alles Mögliche. Familie. Riefen Tam, Vicky und die Jungs an, machten Fotos von kostümierten Leuten, von seltsamen Merchandising-Artikeln, von absurden Comic-Waffen. Kaufen ein paar Sachen ein, bestellten andere.

Am nächsten Tag war die Lesung. Viel besser als erwartet. Meine Stimme ließ mich nicht im Stich, die Zuhörer waren sehr höflich, und die Fragen, die mir zu persönlich waren, konnte ich mit ein paar allgemeinen Floskeln beantworten. Tatsächlich waren die meisten Leute wirklich nett, und einige Sachen, die sie sagten, sehr gut beobachtet. Okay, ja, ich gebe ja zu, es war schon schmeichelhaft, Fans zu treffen. Leute, die meine Bücher mochten. Die mich nicht deswegen anstarrten, weil ich verkrüppelt war oder unheimlich aussah. War eine nette Abwechslung.

…vielleicht fahre ich nächstes Jahr wieder hin.


Hier mal das Bild, das Barry an Ethan schickt:

giffany_cosplay.jpg

Comments

Marganma

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.