Mädchenkram - Supernatural

Double Demon

The strange and peculiar incident in Meredith, New Hampshire

“.. kam es in der Nacht zu einem seltsamen Zwischenfall: Im Meredith Nature Reservation Park regnete es in der Nacht Frösche. Die Polizei kann sich den Vorfall nicht erklären, bittet die Bevölkerung aber um Ruhe…”

Niels legte den Zeichenblock zur Seite und zog sich seufzend die Kopfhörer seines Smartphones aus den Ohren. Er hatte doch nur einfach in Ruhe eine Woche an die Exkursion “Baukunst der New England-Staaten” dranhängen wollen, bevor er nach Montana fuhr, um zu zeichnen und seiner Cousine und ihrem henkelohrigen Verlobten zu entgehen. Stattdessen saß er jetzt hier, in der Waldeinsamkeit von New Hampshire, und hörte im Lokalradio, dass es Frösche geregnet hatte.

Wie lauten die biblischen Plagen, Aaron? Na? Weisst du das etwa schon wieder nicht? Ich glaube, du musst noch einmal Bekanntschaft mit dem Gürtel machen!

Verfolgten ihn solche Dinge? Auf dem Festival neulich erst hatte er die Bekanntschaft einer Gitarre gemacht, die Menschen dazu brachte, tot umzufallen, und jetzt fielen hier in der Waldeinsamkeit von New Hampshire Frösche vom Himmel. Mit seiner Ruhe war es definitiv vorbei, es juckte ihn in den Fingern, der Sache nachzugehen. Immerhin, diesmal hatte er wenigstens an seine Waffe gedacht, auch wenn er sich reichlich albern vorkam, sie unter dem T-Shirt im Hosenbund stecken zu haben.

“Besorg dir eine Lizenz für das verdammte Ding, Niels. Dann kannst du sie auch offen tragen, und nicht wie so ein alberner Gangster versteckt. Du kommst in Teufels Küche, wenn das auffliegt, und du kannst für den Mist ausgewiesen werden. Abgesehen davon.. die Jungs hier stehen auf deinen Arsch, und es wäre schade, wenn du dir eine Kugel reinjagst.”

Warum musste Felicity eigentlich immer Recht haben? Abgesehen von seinem Hintern vielleicht, bisher lief es in Sachen Männer eher schleppend. Wahrscheinlich stand ihm noch groß auf die Stirn geschrieben “Wurde sitzengelassen und suche einen Trostfick”.

Ablenkung, Heckler, Ablenkung ist jetzt das richtige, was du brauchst.

Er packte den Zeichenblock wieder in die Tasche, legte Stifte und Smartphone daneben und machte aus den Kopfhörern ein Knäuel, das er hinterherwarf, dann rutschte er von dem Mauervorsprung, auf dem er bisher gesessen hatte. Die Waffe saß nach wie vor fest im Hosenbund, die Familienbibel wie immer in der linken Gesäßtasche. Es konnte losgehen, er war bereit, dem Was-auch-immer die Hölle heiss zu machen. Allerdings spürte er jetzt, wo er mit dem Zeichnen fertig war, auch eine gewisse Leere in der Magengegend, er hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Die Straße runter hatte er ein Diner gesehen, dort konnte er sicher auch etwas zu essen bekommen.

Das Diner hatte eine reichhaltige, sehr amerikanische Speisekarte, und so bestellte Niels einen großen Burger mit einer überdimensionalen Ladung Fritten, das konnte er vertragen, noch setzte er nicht an, und wenn er an seine Familie dachte, Hecklers wurden nicht dick. Glück gehabt. Wenigstens etwas.

Während er aß, bemerkte er, dass immer wieder Leute zu ihm herübersahen, junge wie alte. Er war sich bewusst, dass er auffiel in dieser gutbürgerlichen Kleinstadt, niemand hier war an beiden Armen und sichtbar auf der Brust tätowiert, gepierct und trug Tunnels in den Ohren. Kurz überlegte er, ob er den Leuteschreck raushängen lassen sollte und das Zungenpiercing zeigte, aber dann stand plötzlich ein blondes, etwa sechzehn Jahre altes Mädchen vor ihm, dass ihn lächelnd ansah. “Kann ich dir helfen?” fragte er sie irritiert, doch statt einer Antwort zückte sie Block und Stift. “Sind Sie nicht der Leadsänger der Band…?” Niels verschluckte sich fast an seinem Burger. “Sorry, Kleine, vielleicht sehe ich so aus, aber ich bin nur ein armer Zeichner auf Durchreise.” Sie lächelte noch einmal verschämt, dann verschwand sie.

Er wollte sich wieder seinem Essen widmen, als ihm zwei Männer auffielen, die sich in der Nähe seines Tisches niedergelassen hatten. Der eine war etwas älter als er und hatte schwarze Haare und einen traurigen Ausdruck in seinen grauen Augen. Er sah aus, als hätte er eine schwere Zeit hinter sich, das Veilchen an einem Auge war noch nicht ganz abgeheilt. Er sprach leise mit dem Jüngeren, und als Niels ihn ansah, durchfuhr ihn ein leichter Stich.

Hoppla.

Der andere war etwas jünger, eigentlich noch ein Junge, mit großen dunklen Augen, seine blonden Haare sahen wuschelig aus und wirkten, als sei ihr letzter Kontakt mit einem Friseur länger her. Aber eigentlich nicht schlecht, irgendwie schon süss. Niels hörte nur, wie der Jüngere dauernd wieder etwas von “Froschregen” wiederholte, und er wollte unbedingt mit den beiden ins Gespräch kommen – nicht nur, weil er den Dunkelhaarigen näher kennenlernen wollte.

Lass dir bloß nichts anmerken, Heckler. Ganz cool.

Mit seinem Teller in der Hand stapfte er rüber an den Tisch und liess sich auf einen freien Stuhl fallen. “Okay Jungs,” sagte er und hoffte, dass er jetzt nicht wieder wie ein Hollywood-Nazi klang. Er schob sich einen Bissen in den Mund, um Zeit zu gewinnen, denn er merkte, dass die beiden Kerle ihn verwundert ansahen, der Dunkelhaarige eher mißtrauisch, der Jüngere mit ehrlichem freundlichem Interesse. “Ihr habt von dem Froschregen geredet, richtig? Ich bin aus dem gleichen Grund hier.” Er wischte sich die Finger an seiner Hose ab und reichte dann den beiden nacheinander die Hand, um sich vorzustellen. Du hast einen Namen, Aaron. Nutze ihn, um deine Feinde einzuschüchtern. Sie sollen wissen, dass es ein Heckler war, der sie in die Hölle zurückgeschickt hat.
“Mein Name ist Niels Heckler,” sagte er, und der Dunkelhaarige schien für den Bruchteil einer Sekunde zusammen zu zucken, doch dann sagte er nur: “Ethan Gale,” und schüttelte Niels’ Hand. Gale? Wo hatte er den Namen denn schonmal gehört? Oder hatte er den Dunkelhaarigen schon mal gesehen?

Doch bevor er weiter überlegen konnte, woher er Ethan Gale oder zumindest seinen Namen kannte, stellte der Jüngere sich als Lyle Winters vor. “Sie sind also auch wegen der Froschplage hier, Mr Heckler?” fragte er, und Niels stellte fest, dass er Mühe hatte, alles zu verstehen, weil Lyle mit einem breiten Akzent sprach, den er irgendwo in Texas oder den Südstaaten verortete. “Nix Mister. Ich bin Niels.” Der Junge lächelte etwas unsicher, schien das aber so hinzunehmen.
“Froschplage?” fragte jetzt Ethan, als hätten er und Lyle sich eben nicht darüber, sondern über das Bruttoinlandsprodukt von Aserbaidschan unterhalten. “Froschplage,” wiederholte Niels gedehnt und wandte sich dann wieder Lyle zu. Der Junge schien ihm im Moment sichereres Territorium zu sein. “Hunger?” fragte er ihn, und schob ihm seinen Teller zu, irgendwie war ihm der Appetit vergangen, und er wusste nicht mal so richtig, warum.

“Moment!” Lyle sprang jetzt auf und rannte zur Tür hinaus. Niels konnte sehen, wie er dort mit einem großen, gut gekleideten Japaner sprach, der immer wieder zum Diner herübersah. Offensichtlich kannte Ethan den Mann auch, denn als der Japaner zum ersten Mal in ihre Richtung sah, machte er ein Gesicht, als habe er gerade in eine Zitrone gebissen. Lyle gestikulierte derweil wild vor der Tür und zeigte auf den Tisch, an dem Ethan und Niels sassen. Schließlich stand Ethan auf und ging betont langsam nach draußen, Niels folgte ihm.

Tatsächlich kannte Ethan den Japaner, er begrüsste ihn einsilbig, aber auch der Japaner schien nicht so begeistert davon zu sein, den dunkelhaarigen Mann mit dem abgerissenen Äusseren hier zu treffen. Lyle stellte den Japaner als Agent Jonathan Saitou vor. “Gehören Sie auch zu den Leuten, die sich um diese… Dinge kümmern?” fragte der Agent, und Niels glaubte, einen leicht spöttischen Unterton in seiner Stimme zu hören. “Das liegt bei uns in der Familie”, antwortete er leichthin, was Agent Saitou offensichtlich nicht wirklich zu überraschen schien. Er kam gerade aus dem Sheriff-Büro, und neben seinem Gesundheitszustand hatte der Sheriff den Agent auch noch darüber informiert, dass im Wald im Naturpark ein Hexenzirkel ein Ritual abgehalten hatte. Dort war der Froschregen wohl auch am stärksten gewesen.

Die Hexe sollst Du nicht leben lassen, Aaron. Das steht in der Heiligen Schrift, und die Schrift ist unser Gesetz.

Agent Saitou hatte beschlossen, sich selbst ein Bild von der Lage zu machen, und so stiegen Niels und Lyle zu ihm ins Auto, während Ethan in seinem Nissan hinterher fuhr. Niels hing seinen Gedanken nach, während Lyle munter Fragen stellte, was die Frösche betraf, zum Beispiel, ob die Tiere überlebt hatten.

Sie bogen ab auf eine Lichtung, wo bereits ein Polizeiauto stand, an dem Deputy Simon Parker wartete. Er war vom Sheriff instruiert worden und wirkte sichtlich überfordert, dass nicht nur ein Bundesagent gekommen war, sondern auch noch drei weitere junge Männer auftauchten, die allesamt nicht wirklich nach Polizisten oder FBI aussahen. Überall in den Bäumen und auf dem Boden ringsumher hingen und lagen noch tote Frösche. Der Deputy bat sie, mit ihm zu kommen zum eigentlichen Tatort, und unterwegs erzählte er ganz aufgeregt, dass Meredith doch eigentlich so ein friedlicher Ort war, er schien sich regelrecht dafür entschuldigen zu wollen, das so etwas passiert war.

Um das Thema zu wechseln, fragte Ethan ihn jetzt nach den Ruinen, und auf dem Terrain schien der Deputy sich schon viel wohler zu fühlen. Begeistert erzählte er, dass die Ruinen zu einem Fort der Engländer gehörten, und auch einige Touristen anziehen würden.
Niels konnte sich das gut vorstellen, die Gegend war traumhaft, und er würde einen neuen Zeichenblock brauchen, wenn er hier wieder wegkam.

“Kommt sowas hier öfter vor?” fragte Lyle jetzt und deutete auf den Tatort, der jetzt vor ihnen lag. Der Deputy schnaufte verächtlich. “Nein, eigentlich nicht. Es gibt zwar Geschichten, wissen Sie. Aber sowas hier machen doch nur die Jungs aus der Grosstadt.”

Niels biss sich auf die Unterlippe. Er dachte daran, wie er mit seinen Klassenkameraden durchs Dorf gezogen war, sie hatten mit Schrot aufs Ortseingangsschild geballert und er hatte mit der Luger sein Können bewiesen. Das waren Zeiten gewesen.. Gut, als sein Vater alles herausgefunden hatte, hatte er ihn grün und blau geschlagen und eine Woche im Keller eingesperrt, das war der traurige Teil der ganzen Aktion..

Du benimmst dich, als seist du vom Teufel besessen. Sei ein Mann, Aaron, und trage die Konsequenzen deines Handelns.

“Sie würden sich wundern, was in Kleinstädten so abgeht,” sagte er nur, aber der Deputy reagierte nicht. Er war damit beschäftigt, den Fed unter dem Absperrband hindurch zum Tatort zu bringen.

Vor der Absperrung schon konnte man sehen, dass hier einiges aus dem Ruder gelaufen war. Die Kerzen, die ringsum aufgestellt waren, schienen regelrecht explodiert zu sein beim Runterbrennen, überall lagen verkohlte Papierfetzen herum, und auch tote Frösche, jede Menge davon. Ein Teil der Ruine schien als Altar genutzt worden zu sein, darauf lag noch ein in Leder gebundenes Buch, das der Agent durchblätterte. Der Einband war ebenfalls angekokelt, was Niels merkwürdig vorkam, denn er konnte keine Feuerstelle sehen, die das möglich gemacht hätte.

“Sehen Sie sich das mal an,” sagte Agent Saitou jetzt und deutete auf den Bibliotheksstempel auf der ersten Seite des Buches. Die drei jungen Männer wussten nicht so recht, was sie davon halten sollten.
“Und hier,” der Fed deutete auf Spuren im Schlamm, die definitiv nicht vom Deputy oder einem von ihnen stammten, “Spuren. Vier Stück. Den Umrissen nach zu urteilen, würde ich sagen, zwei Männer, und eine Frau. Bei dem vierten bin ich mir nicht sicher, es könnte auch ein kleiner Mann gewesen sein.” Er ging ein Stück in Richtung der Spuren, dann sah er auf. “Hier trennen sie sich. Als seien sie in großer Eile weggerannt.”

Geflohen. Verdammte Scheiße. Scheiße. Himmelherrgottsakrament.
Du sollst den Namen des Herrn nicht lästern, Aaron!

Niels merkte plötzlich, dass ihn jemand beobachtete, und als er zur Seite sah, bemerkte er Lyle, der ihn aus großen Augen anschaute. Der Hollywood-Nazi. Natürlich. Er hatte sich so aufgeregt über die dummen Kinder, dass er auf bayrisch geflucht hatte.

“Das sieht aus, als sei den Jugendlichen hier etwas über den Kopf gewachsen,” sagte Agent Saitou und sah in die Richtung, in der die Spuren verliefen. “Wir könnten in der Bibliothek nachfragen, wer das Buch ausgeliehen hat,” schlug Lyle vor, doch niemand schien das zu hören, oder im Moment in Erwägung zu ziehen.

In diesem Moment merkten die vier Männer, dass der Deputy nicht mehr bei ihnen stand, aber jetzt wieder von seinem Wagen zu ihnen kam. Er wirkte nervös und strich sich mit dem Finger über die Oberlippe. “Nun, der Sheriff.. er hat angerufen. Die Mutter von Jerry Stevens hat sich gemeldet, ihr Sohn ist in der Nacht nicht nach Hause gekommen.”

Saitou wandte sich ihm zu und sprach kurz mit ihm. “Fahren Sie am besten schon mal zu Mrs Stevens vor und fragen Sie, was genau passiert ist. Wir werden den Spuren nachgehen. Ich melde mich dann, sobald wir etwas gefunden haben.” Der Deputy nickte, er schien froh zu sein, dass er nicht tiefer mit in den Wald musste, und so stieg er in sein Auto.

Ethan ging ebenfalls zu seinem Auto und kam mit einem Gewehr zurück. Auch der Fed machte seine Dienstwaffe bereit, und Niels sah dies als Aufforderung, die Luger aus dem Hosenbund zu ziehen.

Bravo, Heckler. Zieh eine nicht lizensierte Waffe vor einem Bundesagenten. Du bist ein Held.

Doch jetzt war es zu spät, der Fed hatte die Luger bereits gesehen. “Mr Heckler, wenn Sie nicht auch eine Vasektomie anstreben, würde ich die Pistole nicht in den Hosenbund stecken”.

Fuck. Alter. Er hats gesehen, und zur Kenntnis genommen. Strike One, Heckler.

“Wir folgen dieser Spur,” entschied Agent Saitou und deutete auf die größeren Fussspuren. Nach einer Weile gesellte sich ein Paar kleinere Spuren dazu, wo die Jugendlichen offensichtlich zu zweit geflohen waren. Sie gingen eine ganze Weile durch den Wald, bis sie auf felsiges Gelände stießen, wo die Spuren sich verloren. Doch auch hier lagen noch immer tote Frösche auf dem Boden, was die Männer darauf brachte, dass sie immer noch auf der richtigen Fährte waren.

An einem Felsvorsprung endeten die Spuren, und vorsichtig lugten die vier Männer um den Vorsprung herum. Doch keiner von ihnen war darauf vorbereitet, was hinter dem Vorsprung lag.

Der junge Mann saß aufrecht in der Felsspalte, seine durchgeschnittene Kehle und die ausgestochenen Augen sprachen eine deutliche Sprache. Niels schluckte, als er näherkam, und er bemerkte, dass Ethan zunächst cool blieb, sich dann aber abwendete und zur Seite ging, er schien mit Übelkeit zu kämpfen. Bevor Niels etwas tun konnte, war Lyle bei ihm und kümmerte sich um ihn, auch wenn Ethan versicherte, dass es ihm gut ging.

Der Agent machte derweil ein Foto von der Leiche und schickte es an den Sheriff, aber es war ihnen allen eigentlich auch schon vor der Bestätigung durch Oakes klar, um wen es sich hier handeln musste. Niels, der es hasste, so untätig zu sein, ging den Weg weiter, denn die kleineren Fussspuren hatten nicht aufgehört, irgendwo hier musste noch das Mädchen sein. Er kam bis zu einer großen Straße, die wieder nach Meredith führte, hier verloren sich die Spuren.

Missmutig kehrte er zurück zu den anderen Männern. In der Zwischenzeit hatte der Fed das Handy des Jungen gefunden und durchsucht, anscheinend hatte er auch einige Nachrichten lesen können. Jetzt hielt er das Buch vom Altar in der Plastiktüte hoch und fragte, ob irgend einer der Anwesenden die Zeichen erkannte. Niels sah sich das Buch an und bekam einen Schrecken.

“Aaron, merke dir diese Zeichen. Aaron! Hörst Du mir wieder nicht zu, du Dummkopf? Die Zeichen, wofür stehen sie? Du hast das Buch nicht gelesen, wie?” – “Doch Vater, ich weiß es, Vater, ich…” – “Du hast mir nicht zugehört. Wie immer.” Er holt aus, das Buch mit der anderen Hand umklammert. Seine Rechte trifft. Schmerz durchfährt Niels’ Wange. Er ist doch erst zehn Jahre alt, warum kann er nicht etwas anderes tun so wie die anderen Jungen? Er will nichts über Dämonen lernen, sie machen ihm Angst.
“B..B. Bilwiss. Der Dämon des Neides und der Bosheit. Personifikation der Gefahren der Natur.” Er leiert es herunter. Schnell. So ist es gut. Lächelt sein Vater? Ist er stolz? Er hat doch alles richtig gemacht. Wenn er nicht stolz auf ihn ist, ist es alleine seine Schuld. Wieder einmal.

“Fuck!” entfuhr es Niels, als ihm klarwurde, was die Jugendlichen da beschworen hatten. “Ganz große Scheiße, was die Kiddies hier abgezogen haben.” Seine Faust suchte ein Ziel und traf die Rinde des nächstbesten Baumes. Der Schmerz half ihm, sich wieder etwas zu fangen.

“Vielleicht hat der Dämon den Wirt gewechselt,” mutmaßte Lyle dann. Dazu konnte keiner etwas sagen, auch Niels konnte sich im Moment nicht daran erinnern, dass sein Vater oder einer seiner Brüder so etwas erwähnt hatten. Agent Saitou wollte nun etwas sehr Weltliches tun, er rief den Deputy an und gab dem völlig überforderten Mann die GPS-Daten ihrer Position durch, damit er einen Leichenwagen schickte. Außerdem gab er ihm die Telefonnummern aus dem Whatsapp-Chat durch, in dem die Jugendlichen sich zur Dämonenbeschwörung verabredet hatten. Er selbst rief die Nummern der Reihe nach an, um ihnen zu verstehen zu geben, dass sie niemanden hereinlassen und vorsichtig sein sollten.

Der Agent sah besorgt aus, als er der Gruppe mitteilte, dass er in die Stadt zurückfahren wollte, um die anderen Jugendlichen persönlich zu befragen. Lyle bot sich an, ihn zu begleiten, und so blieben Niels und Ethan plötzlich alleine zurück. Niels steckte die Hände in die Hosentasche, um sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.

Sie sahen sich noch nach Spuren um, aber sie fanden nichts, und so beschloßen sie, zurück zu Jerrys Leiche zu gehen und auf den Krankenwagen zu warten. Plötzlich merkte Niels, dass Ethan ihn musterte und stehenblieb.

“Kannte mal wen namens Heckler,” sagte er schließlich. Niels überlegte kurz, aber eigentlich kamen nur zwei in Frage, Ethan war sicher noch nie in Bayern gewesen. “Eine Ms Heckler?” fragte er. “Mhm,” machte Ethan nur, und Niels spürte, wie sich seine Faust in der Hosentasche ballte. Jetzt wusste er, wo er den Namen Ethan Gale schonmal gehört hatte. Felicity hatte ihm irgendwann von ihrem schrecklichen Liebeskummer erzählt, als er mal wieder Philip vermisst hatte. “Alter, Mann. Du bist der Kerl, der sie sitzengelassen hat!” entfuhr es ihm.

Heckler: Vor dem Sprechen ist für gewöhnlich das Gehirn einzuschalten.

Ethan sah ihn überrascht an, und Niels konnte sich in diesem Moment gut vorstellen, was seine Cousine an diesem Mann gefunden hatte. “Ach?” fragte er. “Sorry. Sorry, ich wollte nicht.. das sollte nicht.. sorry. Euer Ding. Ihr Ding." Niels merkte, dass er rot wurde, und er konnte noch nicht einmal sagen, ob es wegen Ethan war, oder weil er am liebsten vor Scham im Boden versunken wäre.

Ganz großes Tennis, Heckler. Der einzige Mann, der dich außer deinem Ex interessiert, ist hetero und der Ex deiner Cousine. Du hast es echt drauf.

Ethan schien das Gefühlschaos seines jungen Gegenübers jedoch nicht zu bemerken. “Kompliziert,” meinte er nur. Niels sah ihn an, und er hatte das Gefühl, etwas Nettes sagen zu müssen. “Du bist jedenfalls sympathischer als der komische Engländer, den sie jetzt datet.”

Etwas Nettes, Heckler. Nicht ihren Beziehungsstatus durchgeben.

Es war ihm nicht möglich, Ethans Reaktion zu deuten, der jetzt schwieg und schließlich sagte: “Wünsch ihr Glück.” Niels nickte. Er fühlte sich etwas überfordert mit der Situation, doch es schien ihm angemessen, Ethan freundschaftlich auf die Schulter zu klopfen, dann ging er wieder schweigend neben ihm her. “Bruder? Cousin?” fragte Ethan dann. “Cousin,” antwortete Niels. “Ah,” machte Ethan nur, und Niels setzte hinterher: “Ich hab nur noch sie. Und meine Schwester.”

Du sollst nicht lügen, Aaron.
Ach, leck mich, Vater.

In diesem Moment erschien auch der Krankenwagen und erlöste die beiden Männer. Niels war froh, dass er sich nicht weiter mit Ethan unterhalten musste. Er mochte ihn – sehr sogar – aber die Erkenntnis, dass er es mit Felicitys seltsamer Two-Night-Stand-nicht-ganz-Beziehung-aber-auch-nicht-mehr-Affäre zu tun hatte, war ihm gerade zu viel. Schweigend schlich er hinter Ethan her, während sie beide den Sanitätern und dem Arzt den Weg zur Leiche wiesen.

Schließlich machten sie sich auf den Weg zurück in die Stadt zum Sheriff-Büro, wo Agent Saitou und Lyle ihnen von ihrem Besuch bei Dave Duran und Shannon Asberry erzählten. Rachel McLellan, die vierte im Bunde, hatten sie nicht angetroffen, auch ihre Eltern war nicht zu Hause. “Warum aber sind die Seiten verbrannt?” fragte Lyle abschließend und sah in Niels’ Richtung. Er schüttelte den Kopf. An so etwas konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern. “Stand da vielleicht ein Bannspruch drin?” wollte der Junge weiter wissen, doch Niels konnte sich nur an den Standard-Exorzismus erinnern. Wieder und wieder hatte er ihn aufsagen müssen, er konnte ihn genausogut auswendig wie andere Jungen in seinem Alter den Erlkönig oder die Weihnachtsgedichte.

“Die Frösche und die explodierten Kerzen, das ist ungewöhnlich,” meinte Lyle dann, und an niemanden bestimmten adressiert: “Das war auf der Farm ganz anders.”

Sie überlegten noch eine Weile, ob es vielleicht doch eine größere Beschwörung war, die schiefgelaufen war, und Agent Saitou fragte sich, ob der Dämon etwas mit den Beziehungen der Teenies untereinander zu tun gehabt hatte: Dave und Shannon waren ein Paar, und Rachel wäre wohl gerne an Shannons Stelle, warum aber hatte sie dann Jerry umgebracht? Keiner wusste es. Außerdem, gab der Agent zu bedenken, übernahm ein Dämon nicht die Ziele und Wünsche seines Wirts, und Niels pflichtete ihm bei. Ethan aber bemerkte, dass es auch Besessenheiten gab, wo Wirt und Entität miteinander kooperierten, er habe so etwas erst vor Kurzem erlebt.

Lyle wirkte verstört angesichts dieser Enthüllung, aber Ethan legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. Offensichtlich hatte der junge Mann trotz seines geringen Alters bereits eine Menge gesehen, und Niels fühlte eine gewisse Verbundenheit mit ihm.

Während der Agent sich wieder rationaleren Dingen zuwendete und beschloß, die Häuser der Teenies observieren zu lassen, fragte Lyle Niels nach den Augen. “Ist das normal?” wollte er wissen, seine Stimme schwankte zwischen Mann und Junge. Niels überlegte, aber er konnte sich nicht erinnern, dass in dem Buch etwas davon gestanden hatte, doch dann kam ihm ein Gedanke.

In seltenen Fällen, Aaron, kann es vorkommen, dass sich zwei Dämonen eines Körpers bemächtigen. Aber das fällt auf, und die Natur reagiert auf solche Abscheulichkeiten.

“Es sind zwei Dämonen gekommen, und sie sind in einem Wirt.”

Die anderen Männer sahen ihn überrascht an. “Ich habe das von meinem.. Vater gehört. Es ist möglich, aber nicht für lange. Der Körper hält das nicht aus, und dann muss der Wirt gewechselt werden. “Hm. Die Augen. Für einen neuen Körper?” fragte Ethan jetzt, aber dann korrigierte er sich selbst. “Schwierig, in einen toten Körper zu fahren. Hm.”

“Eine Dämonenfehde vielleicht?” schlug Lyle als weitere Möglichkeit vor, aber so recht konnte sich das auch niemand vorstellen.

Sie beschloßen, sich für die Nacht aufzuteilen, Lyle würde mit dem Agent das Haus von Shannon bewachen, während Niels und Ethan Dave im Auge behielten. Während der Junge sich zu freuen schien, dass er mit dem Agent das Auto teilen durfte, fühlte Niels sich nicht wohl in seiner Haut. Aber der Gedanke, dass er es für ein größeres Ganzes tat, beruhigte ihn ein wenig.

Die Nacht verlief ruhig, doch plötzlich erreichte die beiden jungen Männer, die immer noch in Ethans Nissan vor dem Haus von Dave Wache hielten, ein aufgeregter Anruf von Lyle. “Sie fahren weg! Schnell! Zur Highschool, obwohl Agent Saitou doch gesagt hat, sie soll zuhause bleiben!”

Sofort startete Ethan den Motor und fuhr zur Two Lakes Highschool im Ortskern von Meredith. Es war kein weiter Weg, doch auf Niels wirkte er wie eine Ewigkeit.

Sie kamen jedoch keine Minute zu spät, denn just in dem Moment, als sie auf das Schulgebäude zugingen, hörten sie ein Klirren. Dann sahen sie, wie eine schlanke Gestalt aus dem Loch in der Scheibe sprang und wegrannte. Offenbar war einer der Dämonen in die Lehrerin Mrs Paddock gefahren.

Niels und Ethan zogen ihre Waffen und nahmen die Verfolgung auf.

Fuck, fuck, fuck. Heckler, das darfst du nicht verbocken.

Ethan schaffte es, die Lehrerin zu erreichen und riss sie zu Boden. Sie wehrte sich heftig, doch es gelang dem jungen Mann, die besessene Frau festzuhalten. Niels stellte sich vor sie und begann mit dem Exorzismus. Exorcizamus te, omnis immundus spiritus, omnis satanica potestas, omnis incursio infernalis adversarii…

Weiter kam er nicht, denn plötzlich spürte er einen harten Schlag im Rücken. Er strauchelte, konnte sich aber wieder fangen, doch da hatte er sich schon im Sprechen verheddert und den Faden verloren.

Was kannst Du eigentlich, du nichtsnutziger Bengel?

Hinter ihm stand ein Mädchen, etwa sechzehn Jahre alt, recht hübsch mit einem adretten Pagenschnitt und gestärkter Schuluniform. Dazu passten so gar nicht die schwarzen Augen und die Eisenstange, die sie jetzt erhoben hatte, um sie ein zweites Mal auf Niels niedergehen zu lassen. Doch in diesem Moment erschien Agent Saitou und rang das Mädchen im Polizeigriff nieder, sie liess die Eisenstange fallen. Währenddessen hielt Ethan weiterhin die Lehrerin am Boden, und obwohl sie sich heftig wehrte, übernahm er Niels’ Gedanken und sprach den Exorzismus weiter. Plötzlich gelang es der Lehrerin, Ethan wie eine Stoffpuppe von sich zu werfen, und sie stand wieder auf. Ethan lag zwar am Boden, doch er sprach immer weiter die Worte, die Niels so gut kannte, und die ihm jetzt im Hals steckenblieben.

Doch etwas anderes erregte seine Aufmerksamkeit: Die Eisenstange, mit der Rachel ihn erwischt hatte, lag noch am Boden. Er hob sie auf und schlug Mrs Paddock damit vor die Beine, was seine gewünschte Wirkung tat: Die Lehrerin fiel auf die Knie, und Ethan konnte seinen Exorzismus weitersprechen.

Währenddessen hielt der Agent weiterhin Rachel im Polizeigriff, und Lyle stand vor ihr. Exorcizamus te, omnis immundus spiritus, omnis satanica potestas, omnis incursio infernalis adversarii…
Die Schülerin wehrte sich mit heftigen Bewegungen und fauchte und kreischte wie ein Tier dabei. Dann öffnete sie den Mund noch weiter und begann zu schreien.

Nicht die Ohren zuhalten, nicht die Ohren zuhalten, das ist ein Trick, ein Trick, ein..

Niels spürte, wie er mit einem Schmerzensschrei zu Boden ging, die Eisenstange glitt aus seinen Fingern, und er hatte nur ein Bedürfnis: Sich die Ohren zuzuhalten, um diesen unmenschlichen Ton nicht mehr hören zu müssen. Seine Hände fassten in klebrige Flüssigkeit – ich blute, durchfuhr es ihn – als sie in Richtung Ohren wanderten, obwohl er das nicht wollte, er musste widerstehen, musste sich aufraffen und kämpfen. Doch die Schmerzen waren so stark, er spürte einen salzigen Geschmack im Mund, auch seine Nase hatte begonnen zu bluten, und mit Tränen in den Augen und einem letzten Schrei fiel er auf alle Viere.

Du bist eine Schande für den Namen Heckler, Aaron.

Doch dann sah er, dass Ethan seinen Exorzismus an der Lehrerin inzwischen beendet hatte, schwarzer Rauch fuhr aus der Frau, die jetzt bewusstlos zu Boden fiel. Rachel war es gelungen, sich dem Griff des Agents zu entwinden, das Knacken ihres Armes verriet, dass dem Dämon das Wohlergehen seines Wirts im Moment völlig gleich zu sein schien. Kreischend stürzte die Schülerin auf Lyle zu, der unbeirrt die heiligen Worte sprach.

Nein.

Niels drückte sich vom Boden hoch und sprintete auf das Mädchen zu, mit seinem ganzen Körpergewicht warf er sich auf sie. Ethan kam dazu und stellte sich so, dass Lyle geschützt blieb, und gemeinsam gelang es ihnen, dass der Exorzismus zum Ende geführt wurde, und der Dämon aus Rachel ausfuhr.

Die beiden Frauen lagen verletzt am Boden, doch sie lebten noch, und würden zumindest körperlich wieder genesen. Agent Saitou rief einen Krankenwagen und übernahm es, zu klären, was passiert war. Er bestand auch darauf, dass die Jäger, denen dank des dämonischen Schreis die Ohren bluteten, ins Krankenhaus fuhren, doch Lyle weigerte sich. Ihm sei nichts passiert, behauptete er. Auch Niels fragte sich, was ein Arzt tun konnte. Ihn schmerzte mehr sein verletzter Stolz. Wie ein Anfänger hatte er sich vorführen lassen, er, der mit 9 Jahren zum ersten Mal eine Waffe in der Hand gehabt hatte, er, der aus einer langen Tradition von Jägern stammte, er, der mit 13 sein erstes Monster getötet hatte.

“Ach, Aaron. Hättest du das nicht besser gekonnt? Hättest du doch. Hättest du auf mich gehört, statt dich zu benehmen wie ein gottloses Kind..” Er spürte, wie er die Worte seines Vaters aussprach, als wäre er gerade nicht er selbst.

Ethan kam auf ihn zu und wollte ihm für die gute Arbeit danken, doch Niels war nicht in der Stimmung, warme Worte anzunehmen. Wütend auf sich selbst und die Umstände, zog er die Bibel aus der Hosentasche und hielt sie Ethan so dicht vors Gesicht, dass er ihm beinahe auf die Nase geschlagen hätte. “Gute Arbeit? Gute Arbeit? Wie ein Anfänger zu Boden gegangen bin ich, hab mich überrumpeln lassen. Ich habe meinem Namen Schande gemacht. Ein Heckler, der es nicht einmal schafft, sich gegen einen kreischenden Dämon zu wehren. Mein Vater hat so recht, ich bin zu nichts nütze, und zu nichts zu gebrauchen, ich bin ein Versager.” Ethan sah ihn nur ruhig an mit seinen traurigen grauen Augen und liess ihn gewähren, dann jedoch meinte er: “Hast deinem Namen keine Schande gemacht.” Niels wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, doch er war sich ziemlich sicher, dass ein Gefühlsausbruch dieser Klasse sein ohnehin merkwürdiges Verhältnis zu dem Älteren nicht verbessert hätte. Stattdessen antwortete er nur: “Danke, Mann, du bist schon schwer in Ordnung.”

Sie gingen schweigend ins Diner, wo Lyle bereits mit Agent Saitou saß und von diesem ein Päckchen bekam, dass er mit roten Ohren an sich drückte. Ethan stellte sich an den Tisch und holte tief Luft, dann sagte er: “Ich möchte euch danken. Allen.” Lyle sah ihn erstaunt an. “Wofür?” Statt einer Antwort nickte Ethan nur nach draußen. Lyle lächelte. “Das wollten wir doch alle,” meinte er dann.

Der Agent stand auf und bedeutete Ethan, dass er sich mit ihm unter vier Augen unterhalten wollte. Niels setzte sich unterdessen zu Lyle und bestellte etwas zu essen. Er bemerkte, dass der Jüngere fasziniert auf seine Arme starrte, offensichtlich waren Niels’ Tätowierungen etwas Neues für ihn. Schließlich schien er allen Mut zusammen zu nehmen und sagte: “Interessante Bilder. Bei uns auf der Farm war das verboten, das steht schon in der Bibel.” Niels merkte, dass er am liebsten aufgestöhnt hätte. Sein Vater hatte ihm das vorgepredigt, als er bemerkt hatte, dass sein Sohn sich für “derlei Teufelszeug” interessierte. “Bei uns auf der Farm war das auch verboten, aber ich hab es einfach gemacht.” Er verschwieg jedoch, dass er erst 18 werden und zu seiner Schwester hatte abhauen müssen. Sein Vater hätte ihn totgeschlagen, wenn er eine Tätowierung an seinem Sohn gefunden hätte.
Lyle schien diese Antwort zu genügen. “Ich glaube, auf unserer Farm wäre ich dafür gehäutet worden,” setzte er dann nach. Alter, bei was für Spinnern bist du aufgewachsen? “Wenn du sowas magst, sollte es ja kein Problem sein, dass du auch eins bekommst,” meinte Niels. Er hatte zwar keine Ahnung, ob Lyle schon alt genug war, und ob man in Amerika die Einwilligung der Eltern brauchte, aber das waren doch Details.

“Und was machst du so, wenn du nicht gerade Dämonen exorzierst? Schule? College?” wollte er dann von Lyle wissen. Der Jüngere lächelte unsicher. “Ich bin mal hier, und mal da. Und irgendwie ist es genau das, was ich mache. Also jagen. Zumindest im Moment.” Niels nickte. “Aber hast du keine Pläne für die Zukunft? Willst du nicht mal sesshaft werden? Eine.. Freundin haben?” fragte er weiter. “Mädchen sind nicht so mein Ding,” entgegnete Lyle leichthin, und Niels lächelte grimmig. “Meins auch nicht,” meinte er, und als Lyle nichts darauf erwiderte, fuhr er fort: “Ich bin schwul. Homosexuell. Ich stehe auf Männer.” Lyle sah ihn fragend an. “Ist das das, wenn zwei Männer etwas.. miteinander haben?” “Genau das. Wenn zwei Männer sich lieben. Ich weiß, dass das in den Augen einiger Menschen eine Sünde ist, aber was solls. Ich komme sowieso in die Hölle, wenn ich bedenke, gegen wieviele Gebote ich schon verstoßen habe.” Er seufzte, als er an seine Mutter dachte, die sich mit Sicherheit Sorgen um ihn machte. Hatte Angelika ihr erzählt, wo ihr Jüngster war?

“Vater und Mutter ehren, da hab ich verloren. Lügen.. sicher hab ich schon gelogen. Aber ich habe nie meines nächsten Weib…” “…begehrt. Genau,” vollendete Lyle Niels’ Satz. Niels zog eine Augenbraue hoch und sah sein Gegenüber an, aber sicher hatte Lyle bisher einfach nur noch keine Erfahrungen mit Frauen gesammelt.

Niels spürte plötzlich, wie eine Traurigkeit in ihm aufstieg, die er nicht zulassen wollte. Vielleicht war es die Entspannung nach den aufregenden Ereignissen der letzten Stunden, oder einfach nur eine Erinnerung an bessere Zeiten. Er zog sein Smartphone aus der Tasche und suchte das Bild von Philip heraus. “Da. Mein Freund.. Ex-Freund.” Lyle sah sich das Bild an und fragte dann: “Wollt ihr heiraten?”

Niels, lass uns was Verrücktes tun. Wir heiraten. Jetzt. Heute. Du nimmst meinen Namen an, und dann kaufen wir ein altes Bauernhaus mit Atelier – Galerie Berger und Berger. Ich meine das ernst, Heckler, du bist der Mann, mit dem ich alt werden will.

“Was? Nein, heiraten geht nicht mehr. Das ist vorbei.” Niels zog die Nase hoch, damit Lyle nicht merkte, dass er beinahe anfing zu weinen. Um dem Jüngeren zu zeigen, dass er das Thema jetzt für beendet hielt, fing er demonstrativ an zu essen, und er hatte auch wirklich ziemlichen Hunger.

Als Ethan und der Agent zurückkehrten, unterhielten sie sich über allgemeine Dinge, während sie aßen. Dann stand irgendwann Agent Saitou auf und verabschiedete sich, er hatte Papierkram zu erledigen. Ethan bot Lyle an, ihn mit nach Vermont zu nehmen, was der Junge dankend annahm. Niels gab ihm seine Emailadresse, falls Lyle Lust hatte, ihm von seinen Reisen durchs Land zu schreiben.

Er selbst wollte sich auf den Weg nach Montana machen, Coco wollte irgendeinen Film drehen. Außerdem lag Chicago auf dem Weg, und er war sich sicher, dass diese Stadt einiges zu bieten hatte.

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Timberwere

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