Mädchenkram - Supernatural

Dreams of the Old West

Die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel vorbei an Häusern, vor denen Pferde an hölzernen Pfosten angebunden stehen. Vorbei an Frauen in bodenlangen Kleidern und Männern mit breitkrempigen Hüten. Du trittst auf die sandige Hauptstraße hinaus, rückst den Stern an deiner Weste und den Revolver im Holster zurecht. Du bist neu in deinem Job, und du willst ihn unbedingt gut machen. Den Job gut machen, die Stiefel deines Vorgängers gut ausfüllen – und vor allem seinen Mörder und dessen zahmes Raubtier zur Rechenschaft ziehen. Du warst ein guter Deputy, und du willst allen zeigen, dass du auch ein verdammt guter Sheriff sein kannst, selbst wenn du noch keine Dreißig bist.

Da ist eine kleine Menschentraube auf der Straße. Die Leute umdrängen einen Mann im schwarzen Anzug eines Predigers. Sie bestürmen ihn, wollen Reverend Abramson zurück. Der Mann schüttelt immer wieder den Kopf, erklärt, dass er zwar wegen Abramson geschickt worden sei, aber sonst nichts weiter über den vorigen Priester wisse, das reicht den Bürgern nur nicht. Während du mit energischen Schritten näher gehst, rücken sie dem Prediger immer enger auf die Pelle. Ein junger Schwarzer, den du als Isaac kennst, lenkt sein Pferd dazwischen, verschafft dem Mann etwas Luft. Dann bist du bei der Menschenmenge angekommen. Du redest beruhigend auf die Leute ein, schlichtest. Nimmst beide mit Richtung Sheriffbüro. Du öffnest eben die Tür, da kommen zwei weitere Fremde die Straße herunter: ein Asiate und ein Indianer. Da vorne ist noch immer die Menschenmenge, und die Stimmung ist nicht gut. Sicherheitshalber bittest du die beiden Fremden gleich mit ins Office.

Neben Reverend Abramson, wegen dessen Verschwinden der Kirchenmann namens Uriel Blackwood hier ist, sind noch mehr Leute verschwunden: ein Farmerehepaar und ein Bärenjäger. Der Asiate, der aus Japan kommt und Kiyoshi Yamaoka heißt, erzählt, dass er die Mörderin seines Daimyo, seines Fürsten, verfolgt. Sie hat ihn einfach durch die Luft geschleudert, ohne ihn auch nur anzufassen, einfach nur mit einem Blick, hat ihn dann an der Wand festgehalten und ihn zerrissen. Kiyoshi hat es mitangesehen, kam aber zu spät, um eingreifen zu können. Ihn hat die Mörderin auch vollkommen ignoriert: Sie griff sich das Schwert des Fürsten und sprang einfach aus dem Fenster, und Kiyoshi kam nicht mehr hinterher.

Die Mörderin hatte helle Haare und schwarze Augen, sagt der Mann. Und dieselbe Frau hat auch seinem Stamm ein Artefakt gestohlen, wirft der Indianer, Matthew oder Mat’ho oder sowas, ein. Dem Heiligen Mann seines Stammes zufolge war die Frau von einem bösen Geist besessen. Der Mann lacht, als er das sagt. Er scheint ohnehin ein Freund von Witzen zu sein, denn er ist schon die ganze Zeit am Grinsen.

An die Wand genagelt und zerrissen: Auf genau dieselbe Weise ist auch dein Vorgänger ums Leben gekommen, und das sagst du auch laut. “Dann war es wohl dieselbe Kreatur”, befindet Kiyoshi.
Kreatur? Was meint der Mann mit Kreatur? Bisher bist du davon ausgegangen, dass der Sheriff von einem sehr starken Mann an die Wand genagelt wurde und dass der Mann ein zahmes Raubtier gehabt haben muss, von dem die tödlichen Klauenwunden stammten. “Eine übernatürliche Kreatur”, erläutert der Japaner. “Die schwarzen Augen waren vollkommen schwarz, durch und durch.” “Ein böser Geist”, sagt Mat’ho. Mit Geistern kannst du zwar ebensowenig anfangen wie mit Kreaturen, aber ’hellhaarige Frau’ ist vielleicht ein Hinweis. Vor kurzem ist in der Stadt eine ganze Postkutsche mit Mädchen eingetroffen, blonden ebenso wie brünetten und rothaarigen. Ihr Ziel: der Saloon.

Du stößt die beiden Schwingtüren auf. Mat’ho und Kiyoshi sind schon vorgegangen; der junge Isaac Mahama und Uriel der Prediger sind direkt hinter dir. Du siehst, dass der Asiate und der Indianer bereits an einem Tisch sitzen, aber du gehst an ihnen vorbei, auf die Bordellwirtin zu. Du gibst dich als Sheriff zu erkennen und fragst sie nach ihrem Namen, willst wissen, wer denn da in deine Stadt gekommen ist. “Violet”, sagt sie kokett. “Violet Taylor.” Dann stellt sie dir die übrigen Mädchen vor. Die Bardamen flirten dich ungeniert an, und du spürst, wie Wärme in deinen Wangen hochsteigt. Du bist verheiratet und frischgebackener Vater, und du liebst deine Frau und deinen kleinen Sohn über alles. Die Mädchen sind allesamt so leicht bekleidet, dass du gar nicht weißt, wo du hinschauen sollst. Ihre Gesichter sind am Unverfänglichsten, aber sogar die sind so stark geschminkt, dass sie eine einzige Einladung abgeben.

Dein Unbehagen entgeht Violet nicht, ja sie weidet sich sogar regelrecht daran. Mit schlüpfrigen Bemerkungen versucht sie, dich aus der Ruhe zu bringen. Die Mädchen kichern.
Plötzlich stutzt Madam Violet. Kiyoshi Yamaoka ist aufgestanden, hat seinen Hut abgenommen. Er sieht herausfordernd in Richtung der Prostituierten. Madam Violets Kopf ruckt zu Kiyoshi, sie fixiert den Asiaten mit einem starren Blick, und ihre Augen werden schwarz. Während du noch gaffst, werden die Augen der Mädchen ebenfalls schwarz.

Kiyoshi stürmt auf Madam Violet zu, aber die hebt eine Hand, und der Kämpfer fliegt durch den ganzen Raum und mitten durch das Fenster. Mat’ho gelingt es, eines der Mädchen mit einem bunten, mit Federn geschmückten Stock anzutippen, ehe er auch durch das Fenster segelt. Isaac verschwindet in der Küche, kommt kurz darauf mit einem irdenen Topf wieder und macht Anstalten, dessen Inhalt auf die Frauen zu werfen, aber vorher noch wird er durch die Tür des Saloons nach draußen geschleudert, durch die Uriel Blackwood gerade schon auf eigenen Antrieb verschwunden ist. Du allerdings stehst wie angewurzelt da, siehst die schwarzen Augen der unnatürlichen Gestalten übergroß, als gebe es nichts anderes auf der Welt. Gerade, als du dich mit einiger Mühe gefasst hast und doch nach deinem Revolver tastest, kommt Violet mit laszivem Grinsen auf dich zu, küsst dich mit vollem Einsatz ihrer Zunge ausgiebig auf den Mund, und ehe du es dich versiehst, liegst auch du auf der Straße im Staub.

“Was jetzt?” fragst du. Du bist noch immer geschockt von den übernatürlichen Kreaturen, aber du versuchst, dich auf das Wichtige zu konzentrieren. Dem japanischen Fürsten haben die dämonischen Frauen das heilige Schwert gestohlen, dem indianischen Stamm die heilige Pfeife, von der Mat’ho sprach. Zu welchem Zweck?
“Ob Reverend Abramson vielleicht auch so einen heiligen Gegenstand hatte? Und was wollen sie noch hier im Ort, wenn sie ihm den abgenommen und ihn ermordet haben?”

Einen Totengräber stellst du dir üblicherweise lang und hager vor, in einem vielleicht nicht ganz korrekt sitzenden, aber tadellos sauberen Anzug und mit einem Zylinder auf dem Kopf. Der Zylinder stimmt, und der Anzug ist tadellos sauber, aber dieser Totengräber ist klein und rundlich, und sein schwarzer Anzug sitzt eher zu eng als zu locker.
Der alte Friedhof, den Hillston früher hatte, ist vor Jahren eingestürzt, sagt der Mann. Das muss vor deiner Zeit gewesen sein, denn du lebst erst seit vielleicht fünf oder sechs Jahren hier, und du kennst nur den neuen Friedhof, abseits des Hügels. Es waren wohl Höhlen darunter, erzählt der Totengräber weiter, und altes Gemäuer. Aber er ist ganz dankbar für den neuen Friedhof; der alte war sogar ihm etwas unheimlich, und er ist der Totengräber.

Die alte Dame ist wirklich alt. Ihr Gesicht besteht nur noch aus Falten, aus denen heraus ein Paar wache Augen Uriel und dich aufmerksam anschauen. Es gibt den Ort seit etwas über zwanzig Jahren, erfahrt ihr. In all dieser Zeit gab es auch nie irgendwelche Probleme mit den Indianern in der Gegend. Nur in letzter Zeit sind zwei der damaligen Ortsgründer von Wölfen zerrissen worden. Aber das hatte auch mit den Indianern nichts zu tun. Das waren eben Wölfe. Tragisch, so kurz hintereinander.

Die anderen drei sind gerade von ihrer Erkundung der Gegend zurückgekommen, und weil man die Neuigkeiten nicht auf offener Straße austauschen sollte, habt ihr euch eben auf dem Weg in Reverend Abramsons verlassene Kirche gemacht, da werdet ihr von einem Mann in einem etwas staubigen braunen Anzug angesprochen. Er ist Photograph, und er möchte euch ablichten. Eine so bunt gemischte Gruppe sehe man nicht alle Tage, sagt er. Etwas verwundert, aber amüsiert, willigt ihr ein. Es dauert ein bisschen, bis ihr euch passend hingestellt habt und die Kamera auslöst, aber das Ergebnis wird es absolut wert sein, verspricht der Mann. Er verspricht ebenfalls, euch Abzüge der Photographie zukommen zu lassen, sobald sie entwickelt sind.

Die Kirche ist entweiht worden, wie ihr feststellt. Unter ihren Bodendielen findet ihr mit Blut geschriebene magische Runen, Symbole der Hölle, wie Uriel erklärt. Die verstümmelte und ebenfalls mit diesen unheiligen Runen versehene Leiche des vermissten Bärenjagers liegt achtlos zurückgelassen ebenfalls unter dem Gebäude. Das Kreuz, das bei euren sonntäglichen Familienkirchgängen sonst immer an der hinteren Wand hing, fehlt. Legenden zufolge sei ein Stück der Klinge des heiligen Georg darin eingearbeitet, weiß Reverend Blackwood, was erklären könnte, warum die Dämonenfrauen ein Interesse daran hatten.

Uriel und du erzählt von euren Gesprächen mit dem Totengräber und mit der alten Dame. Die anderen haben in der Zeit den alten Friedhof gefunden, von dem der Totengräber ja auch schon gesprochen hat. Das Mauerwerk könnte ein Medizinrad gewesen sein, sagt Matthew. Als du ihn fragend ansiehst, erklärt er: Damit werden wichtige Orte geschützt oder gefährliche versiegelt. Und da war auch ein gut versteckter Eingang in den Hügel, dem sie gefolgt sind. Genau in der Mitte des Hügels befand sich eine große, natürliche Höhle mit einem schier bodenlosen Loch im Zentrum, von der aus fünf Gänge in die Höhe führten.

Gemeinsam kundschaftet ihr die Stadt aus: Wenn sich nicht zwischen der Höhle und der Oberfläche gewaltig etwas verschoben hat, dürften die fünf Gänge zu fünf bestimmten Häusern im Ort führen. Häusern, die den Familien der Ortsgründer gehören. Und Häusern, die genau in der Form eines Pentagramms gebaut sind, wenn man Linien zwischen ihren zieht.
“Aber was wollen die Gründerfamilien mit der Höhle?” fragst du. “Welche Rolle spielt dieses Loch?” “Vielleicht schläft etwas darin”, bekommst du zur Antwort, was dich nicht sonderlich beruhigt. Du würdest es auch gar nicht für möglich halten, wenn du nicht am eigenen Leib erlebt hättest, wie schwarzäugige Wesen dich wie eine Puppe durch die Gegend schleuderten, ohne dich zu berühren.

Energisch klopfst du an die sauber gestrichene Tür. Es ist an der Zeit, die Leute zur Rede zu stellen. Du bist der Sheriff dieser Stadt, deren Bewohner zu schützen du geschworen hast, und hier gehen Dinge vor, die du aufhalten musst.
Buck Miller Jr., der Sohn des so tragisch von einem Wolf zerrissenen Ortsgründers, ist fürchterlich nervös. Er hat gerade gar keine Zeit, die Geschäfte, die Zeiten, du verstehst sicher. Du stellst ihm ein paar unverfängliche Fragen, auf die er dir keine Antwort gibt, wo aber die Nichtantwort schon Geständnis genug ist. Ihr steht vor seinem Haus, die halbe Stadt sieht euch zu, so dass du ihn nicht verhaften willst. Wessen willst du ihn auch anklagen? Er bittet dich nicht herein, wimmelt dich sogar ausdrücklich ab. An ihm vorbei ins Haus drängen geht bei all den Zuschauern auch nicht, also verabschiedest du dich.

Millers Nichtantwort war Geständnis genug, und dir ist klar, dass er zum Reden gebracht werden muss. Nur eben nicht vor seiner Tür. Durch die Höhle und den Gang dringt ihr in Millers Haus ein, überrascht den Mann in seinem Wohnzimmer und überwältigt ihn, ehe ihr ihn gefesselt hinunter in die Höhle bringt.
Im Vorbeigehen blickt dir aus dem Spiegel über der Kommode im Flur flüchtig dein Abbild entgegen. Dunkle Haare, graue Augen, schmales Gesicht mit ernstem Ausdruck: Du siehst so aus wie du.

Miller ist derart eingeschüchtert von Kiyoshi Yamaokas grimmigem Äußeren und der Tatsache, dass ihr das Geheimversteck kennt, dass er jetzt alle Fragen wenn nicht bereitwillig, dann doch ohne weitere Umstände beantwortet. Ganz genau weiß er es auch nicht, aber Miller zufolge wollen die Frauen aus dem Saloon morgen hier unten in der Höhle ein Ritual abhalten.
Millers Vater, Buck Senior, hat kurz vor der Ortsgründung einen Handel mit irgendjemandem – irgendeiner teuflischen Kreatur? – abgeschlossen, der besagte, dass Hillston immer blühen und die Millers immer eine Machtposition darin innehaben würden, wenn Buck Sr. oder sein Nachkomme sich nur an diesem Ritual beteiligen würde, sobald die Zeit gekommen wäre. Vermutlich, sagt Miller, sind die anderen vier Gründerväter dasselbe Geschäft eingegangen.

“Inwiefern sollt ihr euch an dem Ritual beteiligen?” fragst du. Du bist gar nicht überrascht davon, wie ruhig deine Stimme klingt, wie ruhig du dich fühlst. Die Dämoninnen müssen Kraft sammeln, erfahrt ihr, denn sie müssen die Artefakte aufladen, mit deren Hilfe der ’Meister’ gerufen werden kann. Es gibt fünf Artefakte für die fünf Gründer, und die wiederum müssen für das Ritual Maske und Roben anlegen und sich in einem bestimmten Muster aufstellen. Unter den Roben dürfen sie keinerlei sonstige Kleidung tragen; nur auf diese Weise können sie den Frauen ihre Kraft übertragen. Miller grinst lüstern, als er das erklärt: Offensichtlich glaubt er, mit dem ’Kraft geben’ ist gemeint, dass die Männer mit den Dämoninnen schlafen sollen. Für deine Ohren klingt es eher so, als wollten die teuflischen Kreaturen mit den Gründervätern ein Menschenopfer darbringen, aber dieser Gedanke scheint Buck gar nicht zu kommen.

Mehr weiß der Mann nicht, aber so wenig ist das ja schon mal gar nicht. Aber jetzt stellt sich die Frage, was ihr mit ihm bis morgen anstellt. Laufen lassen könnt ihr ihn nicht, weil er dann die Frauen warnen wird, und wenn du ihn ins Gefängnis steckst, fällt das auch auf. Am besten wäre es, ihn in seinem Haus zu bewachen, bis alles vorbei ist, aber wem könnt ihr diese Aufgabe anvertrauen? Also gut, dann müsst ihr ihn wohl oder übel sicher verzurren und hoffen, dass er sich bis morgen abend nicht befreien kann.

Du packst Miller am Arm und führst ihn Richtung Aufgang. Neben dem Loch gerät der Mann plötzlich ins Straucheln. Du kannst ihn nicht halten, und mit einem langgezogenen Schrei stürzt er in die bodenlose Tiefe. Der Indianer neben dir macht ein unverschämt zufriedenes Gesicht und zieht den Fuß ein, über den er Miller hat stolpern lassen. “Einfachste Lösung”, grinst er dich an.
Ein heißer Stich reinsten, unverdünnten Zorns brodelt in dir auf. Deine Hand fährt zum Revolver an deiner Hüfte, und in einer schnellen Bewegung ziehst du und richtest ihn auf dein Gegenüber. “Das war Mord, kaltblütiger Mord!” presst du zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. “Aber es war die einfachste Lösung”, wiederholt Mat’ho. Er grinst immer noch. “Es war Mord”, knurrst du. “Darauf steht nach den Gesetzen dieses Landes eine Strafe, und ich bin der Vertreter des Gesetzes in dieser Stadt!”
“Und was willst du jetzt deswegen machen? Das hier ist unser Land. Deine Gesetze gelten hier nicht.”
Du bedenkst den Indianer mit einem vernichtenden Blick und schiebst den Revolver wieder ins Holster. “Wenn das hier vorbei ist. Wenn das hier vorbei ist, wirst du dich verantworten.”

Matthew ist auch dafür, die Saloon-Damen in das Loch zu bugsieren, sobald sie in der Höhle auftauchen. Dass der Mann die Idee mit einem Lachen vorträgt, als sei sie das Normalste der Welt, macht sie nicht besser. Kurz fragst du dich, ob er vielleicht scherzt, aber Matt meint den Vorschlag völlig ernst. Er ist nur nicht ernst dabei, als er ihn macht. Aber nicht mit dir. Er hat schon Miller auf dem Gewissen; noch einen Mord lässt du nicht zu. Vehement schließen sich Isaac und Uriel sofort deiner Meinung an: Die bösen Geister in den jungen Frauen sind die wahren Scheusale, die Mädchen selbst nur unschuldige Opfer. Sie müssen gerettet werden, wenn es irgendwie geht. Aber geht das überhaupt? Können die menschlichen Hüllen überhaupt wieder von ihren teuflischen Eindringlingen befreit werden? Reverend Blackwood sagt: ja, Dämonen kann man exorzieren. Er selbst ist kein Spezialist dafür, aber Reverend Abramson war es wohl, also will Blackwood zusammen mit Isaac die Habschaft seines Vorgängers untersuchen gehen, ob sich dort Unterlagen oder Hilfsmittel für einen Exorzismus finden lassen.

Die vier übrigen Gründerväter sind ein Hindernis. Sie dürfen nicht bemerken, dass Miller fehlt, sie dürfen die Dämoninnen nicht warnen, und sie dürfen das Ritual nicht abhalten. Aber umbringen kommt nicht in Frage. Da ist es gut, dass Mat’ho erklärt, er wolle in der Umgebung nach Kräutern suchen. Du wirfst ihm einen finsteren Blick hinterher, ehe Kiyoshi und du zu den Häusern der Ortsgründer hinaufsteigt, die vier Männer einen nach dem anderen festsetzt und von allen fünf die Roben und Masken für das Ritual einsammelt.

Kiyoshi erklärt sich bereit, ein Auge auf die Gefangenen zu halten, während du dein Zuhause aufsuchst. Das muss einfach sein; du kannst nicht in diesen Kampf gehen, ohne vorher deine Frau und deinen Sohn gesehen zu haben. Du erklärst Anna, dass du den Mördern des Sheriffs auf der Spur bist und dass du sie stellen musst. Dass es gefährlich wird und du nicht weißt, ob du unbeschadet aus der Sache herauskommst. Aber dass du sie und Nate über alles liebst, und dass sie das nie vergessen darf, ganz gleich, wie die Konfrontation ausgehen wird.

Als du wieder zu den anderen stößt, trägt Kiyoshi ein weites, reinweißes Gewand. Falls er bei dem Kampf sterben sollte, sagt er.
Uriel und Isaac haben im Haus des Reverend nützliche Dinge gefunden. Blackwood reicht dir einen kleinen Lederbeutel mit Revolverkugeln, von denen er sagt, sie seien geweiht, ehe er zusammen mit Mahama einen Kreis aus heiligem Öl um die gesamte Höhle zieht. Matt ist von seinem Ausflug ins Umland mit einer Auswahl an Kräutern zurückgekommen, die er nun zerstößt und sie mit dem geweihten Öl vermischt, bevor er die grüne Masse dünn auf seine Pfeilspitzen streicht und auch sich selbst mit rituellen Zeichen schmückt. Kiyoshi schreibt japanische Zeichen auf dünne Papierstreifen, die er dann selbst am Griff seines Schwertes befestigt und die der Indianer eng um seine Pfeile wickelt, während Uriel und Isaac die Worte des Bannrituals, das sie bei Abramsons Aufzeichnungen gefunden haben, nochmals leise vor sich hin sagen und du deine Waffe mit den gesegneten Kugeln lädst. Weitere sechs Kugeln füllst du in deine Ersatztrommel. Sobald es zum Kampf kommt, wirst du keine Zeit mehr für den Ladeprozess haben, ganz abgesehen davon, dass du dafür eine stabile Unterlage benötigst.

Über eure Sachen zieht ihr jetzt die Roben und Masken der Ritualisten, dann positioniert ihr euch im Kreis um das im Höhlenboden gähnende Loch herum. Es kommt dir vor, als dauere es ewig, zumal ihr ja nicht durch Reden preisgeben dürft, dass sich unter euren Masken nicht die Ortsgründer befinden, aber irgendwann ertönen Schritte und die Dämoninnen betreten die Höhle. Sie tragen Masken und Roben, die den euren gleichen, werfen diese aber ab, nachdem sie euch gegenüber Aufstellung genommen haben. Darunter sind die Frauen bis auf die okkulten Symbole, mit denen ihre Haut bemalt ist, vollkommen nackt.
Madam Violet, die Bordellwirtin, macht einen Schritt in das Loch hinein. Aber sie fällt nicht. Sie schwebt mit ausgebreiteten Armen über der bodenlosen Tiefe und stimmt einen Ritualgesang an, in den die anderen Besessenen jetzt einfallen. In der Schwärze unter ihr beginnen die Schatten zu wabern. Aber sind es wirklich die Schatten in dem Loch, oder bewegt sich da etwas, ziehen sich Dinge zusammen? Hat sich da soeben ein Durchgang geöffnet, ein Tor, und etwas macht Anstalten, hindurchzukommen?

Jede Dämonin trägt einen Gegenstand in der Hand. Wie der Zufall, oder das Schicksal, es will, gehen das Mädchen mit der indianisch aussehenden Pfeife auf Mat’ho und die Dämonin mit dem japanischen Schwert auf Kiyoshi zu, während eine Frau mit einer Maske aus dunkelbraunem Holz sich Isaac nähert. Die Frau, die an Uriel herantritt, hat ein geschnitztes Kreuz in der Hand, das du gleich auf den ersten Blick als dasjenige erkennst, das aus eurer Kirche entwendet wurde. Zu dir kommt ein rothaariges Mädchen, das eine flache Scheibe aus grauem, mit filigranen Mustern gemeißeltem Stein trägt.

Als die Frauen etwa die halbe Strecke zu euch zurückgelegt haben, wirft Matthew mit einem Schwung seine Robe von sich, legt seinen Bogen an und schießt einen Pfeil auf Madam Violet ab. Das Geschoss trifft die besessene Bordellwirtin an der Schulter und reißt sie aus der Luft, aber sie stürzt nicht in das Loch, sondern bleibt an dessen Rand liegen.
Auch ihr anderen entledigt euch eurer Roben, ehe ihr euch den fünf übrigen Mädchen entgegenstellt. Hastig entzündet Uriel den Ring aus geweihtem Öl, der am Rand der Höhle entlang verläuft, was die Dämoninnen wie aus einer Kehle wütend aufkreischen lässt. Das Geheul verschärft sich noch, als Blackwood beginnt, den zuvor eingeübten Exorzismus zu sprechen. Mahama und er kennen den heiligen Text, ihnen darf nichts geschehen, und die teuflischen Kreaturen müssen um jeden Preis von ihnen ferngehalten werden. So böse das klingen mag: Ihr anderen seid entbehrlich.

Mit langen, tänzelnden Schritten drängst du deine Dämonin in Richtung des heiligen Ölkreises. Sie bleckt die Zähne und faucht dich an, und so nah, wie ihr auf Tuchfühlung seid, kann sie dich gar nicht verfehlen, als sie nach dir schlägt. Zischend ziehst du die Luft durch die Zähne ein, als die langen, auf Hochglanz polierten Fingernägel des Mädchens dir den Hals aufkratzen. Mit dem Kolben deiner Waffe versetzt du ihr einen Schlag, treibst sie für einen Moment aus deiner Reichweite. Die Dinge wären so viel leichter, wenn du einfach auf sie schießen könntest, aber Schießen ist gerade keine Option.
Isaac tanzt seiner eigenen Gegnerin aus dem Weg, wird aber ebenfalls von ihr getroffen, während Mat’ho die Kreatur vor ihm mit seinem Federstock geradezu verprügelt, oder sie zumindest wieder und wieder damit antupft.
Ihre Dämonenkräfte scheinen die Frauen aber hier innerhalb der geweihten Flammen nicht einsetzen zu können, denn deine Widersacherin faucht nur und stürmt erneut auf dich zu. Mit einem Satz weichst du aus, und diesmal entgehst du ihren Klauen, auch wenn du ins Stolpern gerätst und kurz schmerzhaft mit der Felswand kollidierst.

Aus dem Augenwinkel siehst du, wie Kiyoshi Yamaoka seiner Dämonin das Fürstenkatana entwindet und ihr damit in einem einzigen, flüssigen Hieb den Kopf abschlägt, gerade als Uriel die letzten Worte des Bannspruchs deklamiert.
Dichter, öliger Rauch dringt aus den Frauen hervor, und die menschlichen Körper stürzen zu Boden, während der Rauch wie suchend über den Boden wabert. Du packst die zu Boden gefallene Steinscheibe und siehst, wie der Rauch davor zurückweicht, als du das Relikt an dich nimmst. Gemeinsam mit den anderen, die ihre Artefakte ebenfalls aufgehoben haben, treibst du den Rauch auf das Loch zu und hinein.

Die Rauchwolken verschwinden in der wabernden, pulsierenden Schwärze. Für einen Moment herrscht Stille, in der du dir deiner hastigen Atemzüge überdeutlich bewusst bist. Dann wird die Höhle mit einem Mal von einem ohrenbetäubenden Brüllen erfüllt, und aus dem wabernden, pulsierenden Tor erhebt sich ein Alptraum. Es ist eine ungefähr menschenartige Gestalt, aber niemand würde diese Kreatur je mit einem Menschen verwechseln. Zwei wuchtige, nach hinten gebogene Hörner wachsen aus dem ansonsten haarlosen Kopf des Wesens, und sein Gesicht gleicht einer roten, bösartigen Fratze, unter der du glaubst, einen verzerrten Schädel ausmachen zu können. Der Dämon ist riesig, füllt mit seinem Körper das Loch beinahe vollkommen aus. Ein baumstammdicker, stachelbewehrter Arm schält sich aus der Tiefe, dann ein zweiter. Ledrige Schwingen wollen sich entfalten, werden aber, ebenso wie die Arme und überhaupt die ganze, mächtige Gestalt, von massiven Ketten gehalten.
So massiv die Fesseln aber zu auf den ersten Blick wirken, das Ritual, das die Dämoninnen begonnen haben, scheint sie zumindest geschwächt zu haben, denn die wuchtigen Kettenglieder platzen nacheinander auf, und die Monstrosität kann sich immer freier bewegen.

Beim ersten Anblick des Monstrums hat Uriel Blackwood sofort wieder einen neuen Bannspruch begonnen. Aber die Austreibung besteht aus mehreren Versen und wird ihre Zeit dauern – Zeit, die der Prediger nicht haben wird, so, wie der Dämon versucht, an ihn heranzukommen.

Mat’ho ruft laut etwas in einer Sprache, die du nicht verstehst, und lässt seinen Federstock fallen, dann springt er mit einem beherzten Satz dem monströsen Gegner auf den Rücken. Das lenkt den Dämon für einen Moment von Uriel ab, und dass der Indianer ihm seine geweihte Klinge in das rote, ledrige Fleisch stößt, noch viel mehr. Wütend brüllt das Scheusal auf, und diese Gelegenheit nutzt Kiyoshi, um dem Dämon ins weit aufgerissene Maul zu springen und ihm das Schwert seines Fürsten in die Kehle zu rammen. Yamaokas eigene Waffe liegt vergessen auf dem Boden der Höhle, siehst du aus dem Augenwinkel. Das wundert dich nicht: Immerhin hat das Katana, das die Dämonin dem Daimyo gestohlen hatte, magische Eigenschaften.

Du hebst deinen Revolver, den du gerade hattest sinken lassen, und leerst in schneller Folge dessen Zylinder in die Kreatur. Die heiligen Kugeln tun dem Monstrum sichtlich weh, ebenso wie Mat’hos und Kiyoshis Schwertstreiche ihm wehgetan haben, und es fährt herum und beginnt wild und ziellos um sich zu schlagen.

Mit fliegenden Fingern machst du dir an deinem Revolver zu schaffen. Arretierungsnut entfernen, Lauf samt Ladepresshebel herausziehen, Hahn lösen, Trommel herausdrücken. Neue Trommel einsetzen, Hahn herunterlassen, Lauf zurückschieben, Arretierungsnut befestigen. Es geht schneller, als jede Kugel einzeln nachzuladen, aber immer noch quälend langsam, während die Monstrosität, von den zahlreichen Treffern der anderen angestachelt, immer wütender an ihren Banden reißt.

Ein weiterer massiver Metallring von den Fesseln, die den Dämon halten, platzt auf, und diesmal ist es einer, der trägt. Ein langes Stück Kette peitscht durch die Höhle, fegt in einiger Entfernung an dir vorbei und trifft dann Uriel am Arm. Es geht alles zu schnell, als dass du es genau sehen könntest, aber als die Kette zurückschwingt und langsam zur Ruhe kommt, ist der Oberarm des Reverend ein blutiger Stumpf, der Rest glatt abgerissen. Irgendwie hat Uriel die Kraft aufgebracht, nach einem kurzen Schrei seinen Exorzismus nicht zu unterbrechen: Seine Stimme ist gepresst vor Schmerz, aber mit zusammengebissenen Zähnen macht er unbeirrbar weiter.

Die Arme des riesigen Ungeheuers sind jetzt ganz und gar frei, und diese Freiheit nutzt das Monstrum, um gezielter nach seinen Gegnern zu schlagen. An Matthew und Kiyoshi kommt es nicht heran, aber Uriel und Isaac stehen eng beieinander, und Uriel ist derjenige, der ihm mit seinem Bannspruch am Gefährlichsten ist. Aus deinem frisch nachgeladenen Revolver jagst du zwei weitere Schüsse in das Monster, aber davon lässt sich der Dämon kein bisschen ablenken. Du denkst nicht nach. Ohne noch einmal zu feuern, wirfst du dich den metergroßen Pranken in den Weg, die durch den Raum auf die beiden Männer zufahren.

Der Aufprall ist ein Schock. Rasender Schmerz durchfährt dich, als fünf Klauen in deinen Brustkorb donnern, mit einem satten Schmatzen Haut und Muskeln aufreißen, Rippen zerteilen und deine Lunge durchbohren. Der Schmerz ist so überwältigend, so allumfassend, dass dir nicht einmal ein Aufschrei entfährt. Es ist mehr ein fassungsloses Schnaufen, dann findest du dich auf dem Höhlenboden wieder. Der Dämon vor dir holt erneut aus. Dich ignoriert er vollkommen, du bist keine Gefahr mehr, aber Blackwood und Mahama stehen da noch immer, und Blackwood ist immer noch am Rezitieren, auch wenn er jetzt gerade die letzten Worte seines Gebets ruft und verstummt.

Einen Wimpernschlag lang regt sich nichts. Dann fügen sich wie von Zauberhand die eisernen Ketten wieder zusammen und legen sich von Neuem um die mächtigen Gliedmaßen des Dämons. Unerbittlich wird die Kreatur zurück in das Höllenportal gezogen, aus dem sie gekommen ist. Du siehst, wie Kiyoshi und Mat’ho den Absprung suchen, aber das Wesen ist schon zu weit unten. Ihr verzweifelter Satz geht zu kurz, sie schaffen es nicht bis zum Rand des Teufelslochs, und so landen sie wieder auf der Schulter des Monstrums und versinken mit ihm in der Tiefe. Die letzte Hornspitze verschwindet, und dann ist von dem Dämon nichts mehr zu sehen. Das Wabern des Portals wird weniger und vergeht ganz, und dann ist das Loch im Höhlenboden wieder nichts weiter als eine schier bodenlose Öffnung.

Der Schmerz überwältigt dich, und du kannst nicht länger so halb aufgerichtet bleiben. Mit einem Stöhnen sinkst du nach hinten. Aus dem Augenwinkel bemerkst du, wie Uriel Blackwood wankt und Isaac Mahama zu ihm stürzt, wild nach Verbänden sucht oder nach irgendetwas, um die Blutung zu stillen, um den Arm des Predigers irgendwie abzubinden, verzweifelt zu verhindern, dass der Priester verblutet, aber das alles wirkt so fern, so unwichtig. Nichts ist mehr von Bedeutung als der Schmerz und die Anstrengung, Luft zu holen.
Du weißt nicht, wieviel Zeit vergangen ist, als dein Kopf unendlich vorsichtig angehoben wird. Isaac. Erst sieht er dich besorgt an, aber sofort wandelt sich sein Blick zu einem Ausdruck des Entsetzens. Er weiß, wie es um dich steht. Du weißt es selbst. Sachte hält Isaac dich fest, drückt deine Hand, lässt dich spüren, dass du in diesem Moment nicht allein bist.

“Sag… sag Anna, dass ich sie liebe… so sehr… sie und Nate… ich hätte ihn so gern aufwachsen sehen… Aber ich weiß, er wird… einmal ein guter Mann w…”

Deine Stimme bricht. Du willst einen weiteren Atemzug nehmen, aber deine zerstörten Lungen gehorchen dir nicht mehr. Isaacs betroffenes Gesicht verschwimmt vor deinen Augen, entfernt sich von dir. Und alles wird schwarz.

Mit einem Ruck öffnet Ethan die Augen. Einen Herzschlag braucht er, um sich zu orientieren, dann befindet er sich wieder im Hier und Jetzt. Es ist noch dunkel draußen, und nach einem Blick auf die Uhr gerade mal vier Uhr früh. In der Dunkelheit geht Ethans Blick unwillkürlich zur Tür, hinter der auf dem Wohnzimmertisch das Paket und der Brief von Bart liegen. Leise schlägt er die Decke zurück und schwingt die Beine aus dem Bett, vorsichtig, um Sam nicht zu wecken. Sie ist seit ein paar Tagen da, und sie war ziemlich erledigt, als sie ankam. Inzwischen hat sie sich zwar ausgeschlafen, aber ihre Nachtruhe muss Ethan ja trotzdem nicht stören, wenn es sich vermeiden lässt. Samantha dreht sich auf die andere Seite, wacht aber nicht auf, wie es scheint. Gut.

Ohne Licht zu machen, tappt Ethan barfuß ins Wohnzimmer. Bleibt vor dem Tisch stehen, auf dem er im Dunkeln ganz leicht den alten Revolver glänzen sehen kann. Mit den Fingerspitzen fährt er die dezenten Gravuren auf dem Lauf und dem Rahmen nach, während die Bilder und Eindrücke aus seinem Traum noch immer lebhaft in ihm nachwirken.
Ethan nimmt die Pistole auf und wiegt sie in der Hand, umfasst sie dann in einem echten Schützengriff. Einerseits fremdes und dennoch aus dem Traum so vertrautes Gewicht, wie eine Verlängerung seiner Hand. Beißender Pulverdampf. Sechs Kugeln in den Dämon. Trommel raus, Trommel rein. Reißender Schmerz, nur dessen Schatten zum Glück, in seiner Herzgegend. Sorgsam, beinahe ehrfürchtig, legt Ethan die alte Waffe wieder in die Schachtel, in der Bart sie verschickt hat, zurück zu der dunkel patinierten Pulverflasche und den Zündhütchen und dem anderen Zubehör, das man für einen Perkussionsrevolver aus der Mitte des 19. Jahrhunderts so braucht. Kurz streifen Ethans Finger den Lederbeutel, unter dessen etwas spröder Oberfläche er die runden Formen der Kugeln spüren kann. Der gesegneten Kugeln, die dem riesigen Dämon richtig wehgetan haben, wenn er Barts Brief und seine Eindrücke aus dem Traum richtig deutet. Huh.

In der unbeleuchteten Küche sucht Ethan sich eine Flasche Wasser und leert sie mit dem ersten Zug beinahe vollständig. Im Traum sterben macht durstig, wie es scheint. Leise geht er dann zurück ins Schlafzimmer, wo Sam immer noch ganz ruhig im Bett liegt. Schlüpft wieder unter die Decke und lässt die Momente aus dem Traum erneut auf sich wirken. Die Stimmen. Die Gesichter.

“Real”, versucht er am nächsten Tag Sam das Gefühl zu erklären. “Traum, aber greifbar.”
Das ist tatsächlich ziemlich ungewöhnlich für Ethans Verhältnisse. Normalerweise träumt er nicht so detailliert, und vor allem nicht so zusammenhängend. Und auch nicht oft aus einer Ich-Perspektive, die nicht seine eigene ist. “War Sheriff Simon.”

Sheriff Simon. Die Legende. Durch die ständige Präsenz der Bücher im Regal, durch die Verfilmungen und wegen Dads Spitznamen für Mom haben die Oz-Romane in der Familienmythologie zwar immer eine größere Rolle gespielt als der entfernte Vorfahr aus dem Wilden Westen, aber Ethan kann sich an mehr als eine Gelegenheit erinnern, bei der sie imaginäre Revolver schwingend die bösen Outlaws jagten und derjenige von ihnen, der an dem Tag gerade Sheriff Simon sein durfte, am Ende theatralisch-tragisch-triumphierend auf dem Boden lag.
Denn was haben Fiona, Alan und er als Kinder fasziniert die Geschichte um den Ur-Ur-Ur-Urgroßvater aufgesogen, von dem es hieß, er sei heldenhaft ums Leben gekommen, als er den Mörder seines Vorgängers stellte. Was ja auch den Tatsachen entspricht, wenn Ethan sich das so überlegt. Nur nicht ganz auf die Art, wie sie sich das damals vorgestellt haben. Heh. Zum Glück. Wenn in den Spielen der Gale-Kinder ein Dämon vorgekommen wäre, dann hätte etwas ganz und gar nicht gestimmt.

Der Gedanke lässt Ethan schmunzeln, bringt ihn aber auch auf eine andere Idee.
“Frage mich…”, beginnt er zögernd, und Sam sieht ihn neugierig an. “Hmm?”
“Simon”, bringt Ethan seine Überlegungen mühsam, aber immerhin in vollständige Sätze. “Wenn er überlebt hätte, meine ich. Was dann wohl wäre. Ob wir heute eine Jägerfamilie wären?”
“Schwer zu sagen”, sinniert Samantha. “Wenn er weiter mit Uriel und Isaac zu tun gehabt hätte, vielleicht. Aber wenn es bei dem einen Erlebnis geblieben wäre, hätte er das Wissen darum vielleicht nicht weitergegeben. Wer hätte ihm denn geglaubt?”
“Mhmm.”

Trotzdem, die Vorstellung ist spannend. Wenn sie eine Jägerfamilie gewesen wären, hätte Ethan nicht vor dem Harrdhu fliehen müssen. Hätte er nie den Kontakt verloren. Hätte jetzt nicht dieses gespannte Verhältnis zu Alan. Aber dann wäre er auch Cal nie begegnet, oder zumindest nicht mit sechzehn auf der Straße nach Franklin. Später vielleicht irgendwann. Die Jägerwelt ist klein. Dasselbe gilt – Ethan schluckt kurz – für Sam. Er hätte keinen Job bei Bones Gate, also kein Rotes Haus. Kein Dana Point. Vielleicht wären sie sich bei einer anderen Gelegenheit über den Weg gelaufen, aber ob sie sich dann auch zueinander hingezogen gefühlt hätten? Und Barry. Irene. Wenn er nicht irgendwie auf anderen Wegen nach Baltic gekommen wäre, hätten sie nicht gemeinsam das Höllenhaus aufgesucht. Artie nicht rausgeholt. Artie würde vielleicht noch immer dort drin feststecken. Und Ethan hätte Carla nie kennengelernt. Hätte nie in der Fabrik gearbeitet. Wäre Coleen nie aufgefallen. Also kein Fluch. Er hätte Carla nicht umgebracht. Sie hätte keine Ahnung, dass es ihn gibt, und wäre heute noch am Leben. Ethan presst die Lippen aufeinander. Carla wäre noch am Leben.

Oder vielleicht wäre sie an was anderem gestorben, ermahnt Ethan sich harsch. Und vielleicht hätten Barry und Irene Artie ohne dich rausgeholt. Vielleicht wärst du auch schon tot. Vielleicht wäre Alan tot, oder Fi, oder Mom oder Dad. Vielleicht würde es dich gar nicht geben, weil irgendwer in der Familienlinie schon vorher gestorben wäre. Oder weil Dad jemand anderen geheiratet hätte. Hätte, wäre, würde. Alles Quark. Ist aber nun mal nicht. Reiß dich zusammen.
Aber der Gedanke lässt ihn nicht los.

Um sich abzulenken, holt Ethan die Fotografie aus der Schachtel und dreht sie nachdenklich in den Händen. Es scheint keiner der ursprünglichen Abzüge zu sein, oder zumindest sieht das Papier, auf dem es abgedruckt ist, relativ neu aus. Aber klar. Das Original ging damals, auch wenn Sheriff Simon es nicht mehr miterlebte, an seine Frau und liegt heute, oder lag zumindest in Ethans Kindheit, in einem vergilbten Album mit ähnlichen Familienschätzen. Urgroßvater Fredericks Offizierspatent von kurz vor dem Zweiten Weltkrieg und einige Fotos, die ihn in Marineuniform an Bord eines Schiffes und unter dem sonnigen Himmel von Pearl Harbor zeigen, solche Sachen. Und wenn Anna Gale ihr Original innerhalb der Familie weitergegeben hat, dann war es logischerweise nicht im Archiv der Blackwoods, um jetzt von Bart verschickt zu werden. Vermutlich hatten die ohnehin nur Uriels Abzug in ihrem Archiv, und es mussten für alle neue Kopien angefertigt werden.

Fasziniert betrachtet Ethan die fünf Personen auf dem Bild. Jetzt, wo er endlich weiß, wer die anderen Männer sind, nachdem diese Frage in seiner Kindheit ein Gegenstand eifriger Spekulationen war, schlägt die Szene ihn noch mehr in ihren Bann. Die Gesichter wirken so angespannt. So ernst. Also von allen bis auf Mat’ho, versteht sich. Wie in Ethans Traum auch schon, hat der ein breites Grinsen auf den Lippen. Überhaupt ist es verblüffend, wie genau der Traum das Aussehen der Beteiligten wiedergegeben hat. Sicher, Ethan hat darin das Foto verarbeitet, genauso wie er auch die Informationen aus Barts Brief verarbeitet hat, aber das Foto ist um einiges verschwommener, als die Bilder aus dem Traum es waren. Und vor allem ist das Foto sepiafarben, der Traum aber war ganz normal bunt. Und da waren Einzelheiten und Details drin, die in dem Schreiben nicht erwähnt sind. Alles nur Ausgeburten von Ethans träumender Fantasie? Er zweifelt irgendwie daran. Das wirkte alles zu… zu klar. Und: keine Zufälle. Allein die Tatsache, dass Sheriff Simon bei seiner ersten und einzigen Begegnung mit dem Übernatürlichen damals von allen Menschen auf dieser Erde ausgerechnet die Vorfahren von Leuten getroffen hat, die sein Ur-Ur-Ur-Urenkel, der selbst Jäger ist, ebenfalls kennt. Keine. Zufälle.

“Darf ich mal sehen?” fragt Sam, und Ethan nickt und reicht ihr das Bild. Natürlich hat sie es gestern abend schon betrachtet, als das Paket ankam, aber gestern waren sie beide von dessen Inhalt etwas zu baff, um mehr zu tun, als den Karton beiseite zu stellen und die Sache erstmal sacken zu lassen. Aber jetzt, nachdem Ethan Samantha seinen Traum erzählt hat, so gut und so detailliert er eben konnte, ist auch die Neugier seiner Freundin wieder geweckt.

Ethans ja auch. Und nicht nur seine Neugier. Auch sein Pflichtbewusstsein. Wenn sich, wie Bart schreibt, dieses Höllentor demnächst wirklich wieder öffnet und genau sie die besten Chancen haben, um es daran zu hindern, dann kann er sich dem nicht verweigern. Die Frage stellt sich gar nicht. Und er hegt wenig Zweifel daran, dass die anderen vier das genauso sehen werden. Ob das unerwartete Paket sie wohl genauso umgehauen hat wie ihn? Gideon und Jonathan vermutlich schon. Barry vielleicht auch, zumindest ein bisschen. Bart vielleicht nicht. Den haut wenig um, hat Ethan das Gefühl. Na wer weiß. Ihm selbst merkt man sowas nach außen hin ja vielleicht auch nicht immer so unbedingt an.

Er muss Bart jedenfalls schreiben. Und Barry. Das unerwartete Paket ist ein willkommener Grund dazu. Seltsames Gefühl, über einen Grund nachzudenken, um sich bei seinem besten Freund zu melden, aber irgendwie war die Stimmung bei Barrys Besuch letztens so seltsam, und seither hat er den Älteren nicht gescheit erwischt. Ethan hat keine Ahnung, was da genau los war, aber vielleicht lässt sich das ja noch rauskriegen.
Und noch wem muss er schreiben. Seiner Familie.

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Timberwere

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