Mädchenkram - Supernatural

Eden Valley Valentine

Love is in the Air

Ian hat gute Laune. Ungewöhnlich. In der Tat ist es für meinen Cousin so ungewöhnlich, dass mich gleich zwei Familienmitglieder an einem Tag kontaktiert haben, um mir mitzuteilen, dass er sich einmal mehr in die USA aufgemacht hat, um irgendetwas zu erjagen, von dem er zu glauben scheint, dass es ihn an die Spitze katapultieren wird. Er hat wieder angefangen Leute herumzukommandieren, als wäre er bereits der Boss. Habe ich nicht schon genug Probleme? Fast möchte ich ihnen sagen, dass es mir egal ist, ob er ihnen fortan höchstoffiziell auf der Nase herumtanzt, wenn sie selber nichts unternehmen, um ihn zu übertreffen. Doch ich weiß, dass es ungerecht ist, und ich schulde ihnen etwas, und ich sehe Vaters eingefallene Wangen vor mir, wenn ich daran denke, was das Erbe bedeutet.
Also greife ich mir ein Päckchen Müsliriegel und rede mir ein, dass mir Ablenkung guttut.

Sein Aufenthaltsort ist Eden Valley in Minnesota. Müssen sie in den Staaten eigentlich alles nach der Bibel benennen? Die Stadt wird mir nicht sympathischer dadurch, dass sie ein Sonnenloch mitten im Winter ist. Es sollte hier trüb und grau sein, wie es sich für die Jahreszeit gehört. Doch davon haben weder der Himmel noch die Pflanzen, noch die Leute etwas gehört. Überall Blüten und lächelnde Gesichter. Die Sprachsteuerung meins Mobiltelefons, dumm wie Toastbrot, hat mir (“Das habe ich leider nicht verstanden, Irene!”) bei der x-ten Anfrage irgendetwas von Wundern und Herzregen zu erzählen versucht, woraufhin ich das Gerät schlafen gelegt und das Radio eingeschaltet habe. Auf den Arm nehmen kann ich mich selber.
Kaum zwei Meter über die Stadtgrenze ertappe ich mich dabei, wie ich die Worte eines Liedes subvokalisiere. “I can’t fight this feeling anymore.”
Dämliches Radio. Aus.

Statt auf die Lokalnachrichten zu warten, könnte ich mir auch eine Zeitung kaufen. Oder mit echten Menschen sprechen. Wenn ich hier jemanden finden sollte, der gesprächsbereit scheint und nicht händchenhaltend mit einem mehr oder weniger passenden Gegenpart glückselig über die kirschblütenbeflockten Wege tänzelt. Ich schalte das Radio ein und fühle mich leicht beleidigt. Warum dürfen die alle so glücklich sein und ich nicht? “I wanna love you, but I better not touch…” Ist das der Dank dafür, wenn man sein Leben riskiert hat, um die Menschheit zu retten, ja? Alle Welt hat eitel Sonnenschein, nur die Retterin wird vom Retter vergiftet.
“I wanna kiss you, but your lips are venomous poison!” Warum ist das verdammte Radio schon wieder an?

Vor einem Eiscafé finde ich einen Parkplatz. Dort erwarten mich Seelenfutter in Form eines riesigen Bechers voll Vanilleeis mit frischen, süßen Erdbeeren und Nachrichten in Form einer Tageszeitung voller Artikel über den Frühling, Frühlingsblumen, Frühlingsgärten, Frühjahrskonzerte, Buchtipps zu Liebesromanen, Ratgebern für Frühlingsgärtner, den ersten, zweiten und dritten Frühling und Artikel über ungewöhnliche Ereignisse, die alle in Zusammenhang mit – wer hätte das gedacht? – Frühlingsgefühlen stehen. Mir schwant, dass es keinen guten Einfluss auf mich haben wird, länger in diesen Gefilden zu verweilen. Ich glaube, ich gehe lieber wieder. Gleich nach dem Eisbecher. Nur noch ein wenig die Sonne genießen, bis ich Ian das Feld überlasse und wieder in die Kälte und Einsamkeit von Vermont zurückkehre. Ein bisschen Wehmut darf ich mir auch einmal erlauben. Aus den Lautsprechern des Cafés tönt “All Out Of Love”. Danke auch.

Auf halbem Wege durch den Eisberg fällt ein schmaler Schatten auf mich. Vor meinem Tisch steht das Hexlein aus Pemkowet. Sie hält eine Rose in der Hand, hat aber ansonsten einen Rette-mich-Gesichtsausdruck, dass ich mich sofort frage, welcher Kerl ihr wohl eine Abfuhr erteilt hat. Oder welche Frau. Oder welche zwei Frauen. Wenn man sich hier so umsieht, ist ja gerade alles möglich. Die Atmosphäre wirkt schon ziemlich… verhext.
“Hallo…”
“Warst du das?”
Charmante Begrüßung, ich weiß.
“Was?”
Ich beschreibe mit dem Zeigefinger einen Kreis in der Luft.
“Nein!”
Sie wird so rot wie die Rosen der alten Dame, über deren wildwuchernden Dornbusch gleich eine halbe Seite lang berichtet wurde. Dass man über Grünzeug so viel Worte verlieren kann!
Cal hätte wahrscheinlich “Ja, klar” gesagt und breit gegrinst. Im Hintergrund behauptet Jon Bon Jovi, üble Medizin sei alles, was er braucht. Idiot.
Nach einigem Gestammel und Gestottere hat mich Julianna davon überzeugt, dass sie nicht für die seltsame Stimmung verantwortlich ist, sondern hier, um deren Quelle zu finden. Sie befürchtet überschäumendes Hexenwerk oder Ähnliches. Es gibt wohl eine Geschichte von einer indianischen Hexe, die hier vor ein paar hundert Jahren lebte, die erst gut war und dann böse wurde. Ein Zusammenhang ist nicht undenkbar.

Da die ganze Umgebung in puren Frühling getaucht scheint, müsste es allerdings eine recht mächtige – oder sehr, sehr emotionale – Hexe sein. Ich denke, wir könnten es genausogut mit einem Naturgeist oder einer Gottheit zu tun haben, die es übertrieben hat. Einen direkten Zusammenhang mit Ian kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Mein Cousin taugt zu vielem, aber nicht zum Liebesboten. Eigentlich, da sind wir uns schnell einig, scheint das hier alles nicht böse gemeint zu sein, nur viel zuviel. Julianna erzählt mir eine ganz ähnliche Geschichte, die sie kürzlich erlebt hat, von traumfressenden Geistern und einer jungen Hexe, die es auch nur gut meinte. Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht. Ich spreche aus Erfahrung.

Wir wandern durch die Reihen der frischverliebten Paare, die sich gelegentlich auch mitten auf der Straße zu neuen Konstellationen zusammenfinden, zum Stadtarchiv, um mehr über die Vorfälle und die indianische Hexe zu erfahren. Ich frage mich, wie peinlich die Sache der Bevölkerung sein wird, wenn der Spuk vorüber ist. Vielleicht verdrängen oder rationalisieren sie es. Für den Moment freue ich mich jedoch für die Leute, dass sie eine kurze Zeit glücklich sein können. Manche vielleicht zum ersten Mal im Leben. Moment, was tue ich da?
Mir drängt sich wieder das Bild des sehr jungen Mannes auf, der an der Seite seiner sehr alten Freundin debil in die Kamera grient. Wir sollten schnellstens Ergebnisse erzielen, bevor ich auf die Idee komme, mit einem Highschool Quarterback durchs Stroh zu rollen oder Schlimmeres. Gegen das hier war ja Giffanys Kirschblütenschule ein Kinderspielplatz.

Kurz vor dem Archiv sehe ich einen blonden Schopf, der mir verdächtig bekannt vorkommt, das Gebäude verlassen, gefolgt von einer Melone, unter der sich die massige Gestalt von Gallagher durch die Tür schiebt. Geistesgegenwärtig ziehe ich Julie hinter einen Baum. Den Überraschungsvorteil möchte ich noch eine Weile auf meiner Seite haben. Besonders gute Deckung bietet die Pflanze nicht. Sollte Ian in unsere Richtung sehen, müssen wir uns wohl mit dem alten Knutschtrick behelfen…. Oh Mann! Ich bin kaum mehr als eine Stunde im Ort und fühle mich schon wie in einer überdrehten Liebeskomödie.
Julianna macht ein sehr niedliches Gesicht, als ich ihr erkläre, dass es sich bei dem überheblich auftretenden Blonden um Familie handelt. Um nicht gleich die Instinkte von Jäger und Bodyguard anspringen zu lassen, indem wir ihnen folgen, schicken wir ihnen Clover hinterher. Ich bin gespannt, wie die Berichterstattung funktioniert, wenn das rote Fellknäuel zurückkehrt, und hoffe, dass es unterwegs keinem Eichhörnchenmann begegnet. Die Aufmerksamkeitsspanne des Tiers scheint mir trotz übernatürlicher Fähigkeiten arg begrenzt.

Während Clover also den spannenden Teil erledigen darf, kümmern wir uns um unsere Bildung. Der Archivar, ein schüchternes älteres Männlein, das so gar nichts mit Charles gemein hat, will uns abwimmeln, obwohl ich doch eigens aus England gekommen bin. Julies Augenaufschlag hat er jedoch nichts entgegenzusetzen. Nicht nur dürfen wir das Archiv nach Feierabend benutzen, wir werden auch auf eine Tasse Kaffee, respektive Tee eingeladen und während unserer Nachforschungen verhalten angehimmelt. Er heißt Bernard. Seine Freunde nennen ihn Bernie.

Julie findet eine Legende über die Weise Frau der ansässigen Cheyenne, und je nach Auslegung hat sie sich in einen Geisterhund verliebt, oder andersherum. Das Paar hatte auch Kinder miteinander. Irgendwann wollte der Hund mit den Kindern fortgehen, aber die Frau hat es verhindert und ihn eingesperrt. Das war dann wohl der Moment, in dem die gute Hexe böse wurde. Die Kinder wurden zu Sternen. Davor ist etwas ähnliches passiert wie jetzt hier in Eden Valley, nur über Jahre hinweg. Meine Güte! Jahre? Und wenn es sich wieder genauso zuträgt, kommt dann die unglückliche Phase auch noch, die in der Legende geschildert wird?

Noch viel bohrender drängt sich mir allerdings die Frage auf, was für eine Trophäe bei dieser Sache herumkommen soll. Denn Ian ist ganz sicher nicht hierhergereist, um ein paar Glückshormone zu tanken.

Nachdem wir Bernie versprochen haben, bald auf die Einladung zurückzukommen – es ist ja schon sehr niedlich, wie sich sein grauer Teint ins Rosige verfärbt – warten wir in der Sonne auf das Eichhörnchen, das auch nicht lange braucht, um sich wieder zu zeigen und seine Herrin aufgeregt anzuschnattern. Julianna nimmt es auf den Arm und liebkost es ausgiebig. Währenddessen scheint zwischen den beiden eine Art gedanklicher Kommunikation stattzufinden. Sie müssen wirklich eine innige Verbindung haben. Irgendwie rührend.
Was meine junge Helferin berichten kann, ist selbstverständlich durch die Wahrnehmung eines Nagetiers gefiltert und daher nicht ganz einfach nachzuvollziehen: Ian hat mit einer Frau gesprochen, die eigentlich auch ein Raubtier ist. Deshalb hatte Clover Angst. Der Mann, Ian wahrscheinlich, hatte ein Messer. Er hat der Frau gesagt, sie solle sich um IHN kümmern (wer auch immer ER ist) und dafür sorgen, dass ER ihr weiter vertraut. Sie ist einfach aufgetaucht und einfach wieder verschwunden.

Interessant. Hat sich mein Cousin irgendwie Gewalt über den Geist der Cheyenne verschafft?
Julie will wissen, wie die Frau genau aussah: Dunkelhäutig? Dunkelhaarig? Helle Haut und dunkle Haare, befindet Clover. Ob es sich bei der Frau wohl um einen Naturgeist handelt? Ein Kind des Hunds? Das entspräche der Beschreibung “gleichzeitig ein Raubtier”. Ich würde mich auch nicht allzusehr wundern, wenn es gar ein Kreuzungsdämon wäre.
Julie schluckt. “Du hast aber eine hohe Meinung von deinen Verwandten.”
“Ja, mein absoluter Lieblingsverwandter.”
Allerdings muss ich ihr zustimmen, gerade Ian sollte mit Dämonen nichts zu tun haben wollen.

Wenig überraschend führt uns das Tier zum besten Hotel der Stadt. Es ist noch ein Zimmer für mich frei. Ich muss gar nicht fragen, wo Ian einquartiert ist. Das ist mir von vornherein klar.
Während ich mich wieder zu Julie begebe, betritt ein unverschämt gut aussehender dunkelhaariger Mann die Lobby, Typ Herzensbrecher. Lässt mich ein wenig an Charles denken, als ich ihn kennenlernte, und ich frage mich, ob Saras dahingeschluderte Prophezeiung im Zirkuszelt nicht doch einen Kern Wahrheit hatte. Der Teil mit der Zusammenarbeit hat ja schonmal gestimmt. Ich kann nicht umhin, dem Typen einen Augenblick hinterherzusehen.
Auch der Rezeptionist wirkt angetan. Er beugt sich dienstbeflissener als mir gegenüber zu dem Gentleman vor, reißt nach kurzem Gemurmel die Augen auf und wiederholt laut “FBI?”. Das lässt mich meinen Schritt verlangsamen. Stellt diese Behörde so sehr nach optischen Gesichtspunkten ein? Dem Neuankömmling fehlt die elegante Ernsthaftigkeit eines Jonathan Saitou, aber er trägt ein ähnlich lässiges Selbstbewusstsein wie Flann zur Schau.
Bevor ich den Gedanken weiterspinnen kann, flüstert Julianna etwas, das wie “glaubt der doch selbst nicht” klingt. Ich bin mir nicht sicher. Es kann ja nicht jeder, der sich als FBI-Agent vorstellt, ein Lügner sein. Jonathan ist der lebende Beweis. Ich würde mich auch keine Sekunde wundern, wenn Ian von den Staatsdienern gesucht würde. Andererseits ist der Trick bei den Jägern der Vereinigten Staaten einfach zu beliebt. Und die Verbrechensrate dürfte hier am Ort gerade auf ein Minimum gesunken sein.
Wir beobachten den Fed eine Weile, wie er mit dem Concierge diskutiert. Der führt ein Telefonat, dann fährt ein Abschleppwagen vor und kassiert Ians Jaguar ein, woraufhin der Rezeptionist erneut zum Hörer greift und sich kurz darauf mit einem erzürnten Engländer samt Bodyguard auseinandersetzen darf. Gallagher trägt einen länglichen Gegenstand mit sich, der in ein Tuch gewickelt ist. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht schlüpfe ich an selbigem vorbei, die Treppe hoch, während Julianna durch ein theatralisches Straucheln die Aufmerksamkeit auf sich ziehen will, damit ich nicht entdeckt werde. Da sie mit ihrem Versuch nicht so besonders viel Erfolg hat – ich hätte ihr sagen sollen, dass mein Vetter kein hilfsbereiter Mann ist -, bin ich recht froh über die Ankunft einer brünetten Dame, die nicht nur die bessere Szene macht, sondern auch Ians Geschmack zu treffen scheint. Zum Glück muss ich mir das Süßholzraspeln nicht ansehen. Eilig springe ich die Stufen hinauf, immer zwei auf einmal nehmend.

Oben habe ich kaum die richtige Tür identifiziert, als sich auch schon der augenscheinliche FBI-Agent nähert. Ich lehne mich nonchalant vor der Tür an die Wand: “Kann ich mal Ihren Ausweis sehen?”
Er lächelt ein charmantes Lächeln. “Hach, da war der Concierge wohl etwas laut.”
In dieses Lächeln möchte man sich sofort hineinlehnen und ihm alles verzeihen. Aber ich habe keine Zeit für Flirtspielchen, und mein Herz ist schon ausreichend gebrochen für drei. Im Übrigen würde mir ein echter Fed jetzt seine Legitimation zeigen. Ich sage ihm auf den Kopf zu, dass er ein Lügner ist, und frage, was er in diesem Zimmer will.
“Ich bin hier wegen seines Schwerts.”
“Ich hoffe, das ist keine Umschreibung und Sie meinen ein echtes Schwert”.
Das tut er. Ein Katana, um genau zu sein. Hmm. Mein Mitleid hält sich ja in Grenzen, wenn Ian bestohlen wird, aber ob ich gleich dem Möchtegerndieb Tür und Tor öffnen muss? Wie sich herausstellt, ist das gar nicht nötig. Er hat einen Schlüssel, ein ziemlich überzeugendes Argument, dass ich ihm den Vortritt lassen sollte. Die Zeit drängt schließlich. Besser, wir untersuchen das Zimmer zusammen, als uns hier zu streiten, bis die Chance vorbei ist.
Wie zu erwarten war, liegt Ians Kram überall verstreut. Das kommt davon, wenn man statt eines Butlers einen umgemodelten Türsteher mit sich herumschleppt, der einem die Haare vom Kopf frisst und sonst nur die Hände in die Taschen steckt.

Der Nicht-wirklich-Fed sieht sich nach der Klinge um, ich verkneife mir den Hinweis, dass es sich dabei aller Wahrscheinlichkeit nach um das tuchumhüllte Etwas handelt, das Gallagher bei sich führt, und blättere durch die Unterlagen, die mir in die Finger fallen. Viel zu früh nähern sich schnelle Schritte, nach einer Schrecksekunde sehe ich Julianna in der Tür stehen. Sie deutet lautlos an, dass sie den Flur im Auge behalten wird. Braves Mädchen.

Unter den Papieren befindet sich eine Karte von der Umgebung der Stadt, in der eine Höhle eingezeichnet ist, passend zu der Legende von der Weisen Frau und dem Geisterhund, und Notizen zu einem Ritualkreis, die beschreiben, wie man darin jemanden einsperren kann. Mein zufälliger Komplize findet ein altes Buch, eine Übersetzung von japanischen Legenden. Darin ist eine Seite markiert: Kogitsune Maru, eine Legende von einem Schmied, der ein Schwert mit Hilfe eines Fuchsgeistes geschmiedet haben soll. Laut den beiliegenden Anmerkungen ist diese nicht die einzige Variante der Legende.

Über das Buch hinweg sieht mich der Mann mit funkelnden Augen an. Ob ich mir eine Zusammenarbeit in der Sache vorstellen könne? Das muss ich mir noch überlegen, es geht ja hier immerhin um Familie.
Er grinst breit: “Du bist in sein Zimmer eingebrochen.” Ganz schön frech, der Junge.
“Nein, Sie sind eingebrochen, und ich habe Sie ertappt.” Mein Lächeln könnte liebenswürdiger nicht sein.
“Ich könnte schwören, dass du gelacht hast, als er nach unten kam wegen des Autos. "
“Das entbehrte ja auch nicht einer gewissen Komik.” Ich beschließe, dass er mir für den Moment zu sympathisch ist, als dass ich ihn in Ians Rachen werfen möchte.
“Was hat es denn nun mit diesem Schwert auf sich, wegen dem Sie hier sind?”
“Ein Sammlerstück, dass ich für jemanden wiederbeschaffen soll, dem es abhanden gekommen ist.”
Soso. Noch ehe ich weiterbohren kann, vibriert seine Jackettasche, seine Hand schießt hinein und bereits beim Blick aufs Display dreht er sich zur Tür und bedeutet mir mit einem Nicken, dass es Zeit wird, zu gehen.
“Hallo, Mrs. Morrissey…” Aus dem Smartphone tönt eine weibliche Stimme: “Raus da, sofort raus!”
Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Ich winke meine Helfer zu mir und schleuse sie in mein eigenes Zimmer, kurz bevor ich auf dem Gang den bekannten Schritt vernehme. Der Repoman schreibt schmunzelnd eine Nachricht auf dem Mobiltelefon, während ich mir Notizen mache zu dem, was ich über die japanische Legende behalten habe. Wenig später klopft es, die Brünette aus der Lobby betritt den Raum, ohne auf mein Herein zu warten, und setzt sich neben den geladenen Gast. Kein Wunder, dass sie vorhin so passend aufgetaucht ist.

“Ah,” sage ich, “wäre es dann langsam an der Zeit für eine Vorstellungsrunde?”
Mein Besucher nickt und beginnt widerspruchslos: "Mein Name ist Nick Morrissey, ich bin Pokerspieler und neuerdings auch Akquisitor für … Dinge. Das da ist Lucy Morrissey, meine Frau.” Lucy sieht immer noch sehr nach Damsel in Distress aus mit geröteten Wangen und lockerem Shirt. Ich frage mich, ob sie so gut schauspielert oder ob sie wirklich noch Adrenalin pumpt. Sie winkt in die Runde. Ich stelle mich ebenfalls vor, mit vollem Namen und halte es auch für angebracht, die Herrschaften darauf hinzuweisen, dass ich die Cousine des Herren nebenan bin. Meine kleine Hexe winkt ebenfalls: “Ich bin Julie, und ich bin hier, weil es hier komisch ist”. Man muss sie einfach liebhaben.
Auf mein Angebot, dass sie sich gerne hier frischmachen kann, verschwindet Lucy im Bad. Morrissey fragt ihr hinterher: “Na, wie liefs denn mit deinem Lover?”
Julie errötet bei dem Spruch leicht und murmelt leise, aber erbost: “So redet man nicht mit seiner Frau.” Hmm. Getroffener Hund bellt? Aus dem Bad schallt das Radio: “Without looooooove, where would you be now?”

Lucy kommt wieder in den Raum und erzählt, dass der Brite ihrer Meinung nach wahrscheinlich keinen Verdacht hegt, weil sie sich große Mühe gegeben hat, wie eine dumme Schnalle zu wirken, die nicht Motorrad fahren kann.
Nick säuselt mit samtiger Stimme: “Achja, das kannst du ja gut; ich denke da an die Gelegenheit, wo du dich als Reporter-Assistentin ausgegeben hast…”
Das Geturtel anzuhören, ist wie ein Haar im Mund zu haben. “Wenn Sie mal fertig sind mit Sichloben, könnten wir dann weitermachen? Sie wollten über das Schwert referieren.”

Morrissey fasst also noch einmal die Informationen zusammen, die er über die Klinge hat. Ein Sammler, der ein wertvolles altes Katana dringend zurückhaben möchte, hat ihn beauftragt, das Ding hier wiederzubeschaffen. Als er und seine Frau die Gegend erkundet haben, stach ihnen ein gutaussehender Indianer ins Auge, der alle Avancen – und von denen wurden ihm viele gemacht – an sich abprallen ließ. Er sei schon bestens versorgt. Für Nick und Lucy, erklärte er augenzwinkernd, sei er aber bereit, eine Ausnahme zu machen. Dinge, die ich gar nicht so genau wissen möchte. Dieser Typ jedenfalls, Kyle, rief kurz nach Beendigung des Gesprächs Nick an, der ihm seine Nummer gar nicht gegeben hatte, um ihm zu sagen, er könne das, was er suche, in diesem Hotel in Ians Zimmer finden. Die Tätowierung, die der Indianer trug, lasse den Schluss zu, dass er eng verbunden mit dem Geist Coyote sei, wenn nicht gar Coyote selbst. Oh dear.

Haben das Schwert und diese Begegnung etwas miteinander zu tun? Ich tippe auf ja. Ian hegt einen Groll gegen einen Trickster. Welchen, das weiß ich nicht genau. Er hat dafür gesorgt, dass alle, die die Geschichte kennen, sich hüten würden, Genaueres zu erzählen. Aber er kam von einer seiner USA-Reisen offensichtlich zutiefst gedemütigt heim. Es würde passen. Wenn es um ein japanisches Schwert geht: War die dunkelhaarige Frau vielleicht Japanerin? Die Kitsune, die bei der Herstellung des Schwertes dem Schmied geholfen haben soll? Will Ian Trickstergeist gegen Trickster ausspielen? Will er ernsthaft Coyote in diesem Ritualkreis, von dem in seinen Unterlagen die Rede ist, einsperren? Aber das gibt keine Trophäe ab, überlege ich laut. Wahrscheinlich wird er versuchen, ihn zu binden und dann zu töten. Er kann doch nicht im Ernst glauben, dass ihm das wirklich gelingt. Ein uralter Quasigott lässt sich doch nicht von einem dahergelaufenen Jäger von der Insel austricksen. Was glaubt er, wer er ist?
Allein dieser Gedankengang lässt mich zu der Überzeugung gelangen, dass es genau das ist, was Ian vorhat. Den Trickster austricksen, demütigen, Gleiches mit Gleichem vergelten. Und sich dann dessen Kopf auf einem Holzbrett an die Wand schrauben, um aus seiner früheren Niederlage einen Sieg zu machen. Das wäre wahrlich eine unfassbare Trophäe. Und es würde die gesamte Familie vermutlich auch auf die Abschussliste sämtlicher Trickstergottheiten aller Kulturen setzen. Ian muss aufgehalten werden.

Um zu verstehen, wie genau der Zusammenhang zwischen dem Katana, Ians Anwesenheit hier und der seltsamen Liebestollheit in der ganzen Stadt ist, will ich erst einmal mehr über das Schwert herausfinden. Japanische Fuchsgeister sind auch Trickster üblicherweise, vielleicht nicht so mächtig wie Coyote, aber, und hier wird es interessant, mit dem Nebenaspekt der Verführung. Gern treten sie als schöne Menschenfrauen auf. Sie sind häufig Boten einer Göttin, Inari. Es gibt Legenden, in denen sie Menschen heiraten, doch wenn herauskommt, dass die schöne Frau ein Geist ist, verschwindet sie auf Nimmerwiedersehen und lässt den Mann mit den gemeinsamen Kindern zurück. Wir finden eine Geschichte, in der der Fuchsgeist vom Schmied betrogen wurde. Jener sollte das Schwert für den Kaiser herstellen und bat den Geist um Hilfe, allerdings mit Hintergedanken. Mittels einer Perle, die die Essenz der Kitsune trägt, wurde diese in oder an das Schwert gebunden: Damit kann ein Mensch den Geist kontrollieren. Der Fuchs in der Legende hat seine Perle sogar freiwillig gegeben. Ich will es gar nicht hören. Vermutlich aus Verliebtheit.

Kyle hatte gesagt, dass sein Herz einer anderen gehört. Ist die Unbekannte die Fuchsfrau? Ist es sinnvoll, ihn zu warnen, dass er sich nicht mit der Dame einlassen soll, und dass alles hier Lug und Trug ist? Nein. Nick Morrissey hat schon erzählt, dass der Indianer ihn auf die Spur des Schwerts gebracht hat. Wenn dieser weiß, wo es ist, dann rechnet er auch damit, dass wir auf seiner Seite agieren und es Ian mindestens einmal wegnehmen oder ihn soweit beschäftigen, dass er es ihm selbst abluchsen kann, wenn nicht sogar, dass wir uns ihm und seiner Geliebten verbunden genug fühlen, die Perle herauszulösen und ihr die Freiheit zu schenken. Bei mir jedenfalls drückt es genau die richtigen Knöpfe. Niemand sollte so gefangen und ausgenutzt sein. Kein Mensch, kein Geist und kein Gott, und schon gar kein Liebender.
Ich lächle in die Runde. “Herrschaften. Interesse an einer Straftat für den guten Zweck?”

Julies Augen beginnen zu leuchten. Lucy und Nick sehen sich an. Vorsichtig herumlavierend gesteht Mrs. Morrissey, dass sie das Schwert ebenfalls für jemanden besorgen soll, der aber nicht der gleiche Auftraggeber ist, wie der ihres Mannes – oho! -, da die beiden aber jeweils nur ein altes Katana anschleppen sollen, von einem magischen Schwert mit Perlmutteinlage jedoch nicht die Rede war, einigen wir uns darauf, dass der Fuchsgeist befreit wird. Was mit der dann nicht mehr so wertvollen Waffe geschieht, ist mir im Prinzip egal. Sollen das die Morrisseys untereinander ausfechten.

Ein Problem bei unserem Vorhaben ist zunächst einmal Gallagher. Ich finde wirklich, Ian sollte lieber einen Butler haben. So ein Bodyguard steht überall nur im Weg herum und hält ehrenwerte Diebe davon ab, nahe genug an seinen Boss heranzukommen. Irgendwie müssen wir ihn von Ian trennen und diesen dann ausreichend ablenken, dass ihm einer von uns das Katana abnehmen kann.

Mir fallen nicht viele Szenarien ein, in denen der große Schwarze seinen Arbeitgeber aus den Augen lassen würde. Ihn bewachen ist schließlich sein Job, und er ist gut darin. Er muss schnell und für eine absehbare Zeitspanne aus dem Spiel genommen werden. Noch dazu so, dass Ian keinen Verdacht schöpft. Da die Erfahrung noch ziemlich frisch ist, komme ich mir wirklich schmutzig vor, dass ich den Vorschlag mache. Aber ich weiß zumindest, dass er außer einem angeschlagenen Ego relativ wenig Schaden davontragen wird, als ich vorschlage, den Leibwächter mit einem Abführmittel zu vergiften, damit er sich eine Weile lang an einen Ort zurückzieht, den wir überwachen können. Also am besten im Restaurant.
Lucy bietet sich an, das Schwert zu entwenden, wenn es zu diesem Zeitpunkt weiterhin bei Ian ist. Nick soll es Gallagher abnehmen, falls der es hat, wenn er auf die Toilette verschwindet. Julie will sich als Kellnerin verkleiden und Gallagher das Essen oder ein Getränk bringen. Meine Aufgabe wird es sein, Cousin Größenwahn abzulenken. Das sollte nicht allzu schwer werden.

Mit dem unfeinen Plan habe ich mir selbst die Laune verhagelt. Nicht, dass sie vorher besonders gut gewesen wäre. Die ausgeprägte Emotionalität, die hier in der Luft liegt, hat mir sowieso schon zu schaffen gemacht. Jetzt kreisen meine Gedanken wieder die ganze Zeit darum, wie aus einer Bettgeschichte eine so kaputte, bizarre Frage um die Rettung einer Seele entstehen konnte. Ich will ihn vergessen, ihn nie wieder sehen, die Erinnerung an dieses schmale Lächeln loswerden oder meinetwegen auch solange auf ihn einprügeln, bis er derjenige ist, der auf dem Boden liegt und sich übergibt. Und dann gehen, mich einfach umdrehen und gehen. Und alles hinter mir lassen, was diese unsinnige, schmerzhafte, aus der Verzweiflung geborene Verbindung überhaupt erst hat entstehen lassen. Gleichzeitig wünsche ich mir, noch einmal seine Hand in meinem Haar zu spüren, ihn für immer festzuhalten und einfach mit einem langen Kuss, der seine Seele wieder auffüllt, von seinem zerstörerischen Weg abzubringen. Naive Märchenwünsche, geboren aus dem Zauber der blühenden Märchenstadt.

Wir verfolgen Ian in ausreichendem Abstand zu Fuß. In meinem Kopf laufen mit jedem Schritt Szenen ab, in denen ich erkennen muss, dass es keine Märchenlösung gibt. Szenen, in denen es am Ende ich bin, die den Abzug betätigt, um das Schlimmste zu verhindern. Mir ist kalt trotz der lauen Frühlingluft.
An einer Ampel stehen wir neben einem Auto, in dem vier ekelhaft verliebte Teenager frenetisch mitgrölen:
“… Oh baby refrain from breaking my heart.
I’m so in love with you, I’ll be forever blue.
That you give me no reason, you know you’re making me work so hard.
That you give me no, that you give me no,
That you give me no, that you give me no
Souououououl,.…”
Ich sehe in die begeisterten Gesichter mit den geröteten Wangen und frage mich, was sie aus diesem Text heraushören. Nicht dasselbe wie ich, mit Sicherheit.
“And if i should falter, would you open your arms out to me?
We can make love not war, and live with peace in our hearts.
I’m so in love with you, I’ll be forever blue.
What religion or reason could drive a man to forsake his lover
Don’t you tell me no, don’t you tell me no,
Don’t you tell me no, don’t you tell me no
Soooooouuul,
I hear you calling… "
Kinder, könnt ihr bitte einfach weiterfahren, bevor ich Euch wehtun muss?
Erde an Irene, du hast einen Job zu erledigen. Konzentriere dich!

Beinahe hätte uns Ian abgehängt, doch die Preisklasse weist uns den Weg. Im Restaurant sitzt er bereits an einem Tisch, Gallagher steht hinter ihm. Ich frage Julie, ob sie nicht einfach Magie einsetzen will, um an Gallagher heranzukommen. Die Diskussion um den Zweck, der die Mittel heiligt, ist noch nicht komplett durch zwischen uns zweien. Julie lehnt vehement ab.
“Na gut, dann vertraue ich darauf, dass du das auch so hinbekommst.”
Lucy Morrissey hat sich so geschickt verkleidet, dass kaum jemand, der sie ansieht, auf die Idee käme, sie könne das aufgelöste Wesen aus der Hotellobby sein, das mit seinem Motorrad nicht umgehen kann. Der Tisch, den sie wählt, ist gerade im richtigen Abstand zu dem meines Cousins, dass sie alles überblicken kann, was sich dort zuträgt, ohne selbst aufzufallen.
Julie wendet sich an zwei Kellnerinnen und redet eifrig auf sie ein. Die machen große Augen, kichern, nicken verschwörerisch und ziehen sie in den privaten Bereich des Restaurants. Kurz darauf kommen die drei zurück, Julianna in einer Kellnerinnenuniform und sichtlich aufgeregt. Die hilfreichen “Kolleginnen” statten sie mit einem Tablett und einer Tasse Kaffee aus, die sie schüchtern lächelnd und sogar etwas errötend dem breiten Mann hinhält. Der will zwar zunächst ablehnen, kann aber wohl dank dem Zauber von Eden Valley ihrem Augenaufschlag nicht dauerhaft widerstehen.

Damit es weniger auffällt, dass sie nur den einen Gast bedient hat, tut Julie noch einige Minuten so, als würde sie kellnern. Sie geht zu Lucy an den Tisch. Deren wohlwollendem Blick und den Lippenbewegungen glaube ich zu entnehmen, dass sie etwas im Bereich von "Du bist ein Naturtalent” zu der Kleinen sagt. Das ist Julianna wohl nicht so angenehm, denn sie zieht sich einigermaßen schnell zurück. Ich lasse mir Zeit, bis Ian zur Hälfte durch seine Vorspeise ist, dann setze ich mich zu ihm an den Tisch.
“Hallo, Ian.”
“Wenn ich mal der Hausherr in Winslow Manor bin, muss ich die Sicherheit verstärken.”
Ich gebe mich überrascht.
“Naja, du bist doch nicht zufällig hier.”
“Du etwa schon? Dass ich nicht lache!”

Kaum, dass ich es mich versehe, sind wir in ein Streitgespräch verwickelt. Und ich muss aufpassen, dass ich noch einen Teil meiner Aufmerksamkeit auf Gallagher und meine Komplizen richte. Sucht er das Herz der Venus, ziehe ich den Möchtegernhausherren auf, oder ob er wohl auf der Suche nach der Wahren Liebe sei. Er lässt mich wissen, dass ich keine Ahnung habe, im Trüben stochere, weil ich eine Trophäe ja nicht einmal sähe, wenn sie vor meiner Nase baumele. Ich käme immer zu spät, weil ich kein Talent hätte. Ich gebe zurück, er habe ja auch noch nichts bekommen. Das lässt ihn nur die Nase rümpfen. Ich könne ja mein Bestes tun, um ihn zu überholen, aber ich sei ja schon immer etwas weich gewesen. Zum Glück ist die Kabbelei für mich nur Mittel zum Zweck, sonst würde ich ihn nicht nur auslachen. Irgendwann wird Gallagher blass und zappelig, beugt sich zu Ian, der ihm genervt bedeutet, er könne sich entfernen, wenn es denn unbedingt sein müsse. Ich schiebe mein schlechtes Gewissen beiseite und nutze die Gelegenheit für meinen Überraschungsangriff. Ich spiele ihm vor, dass ich die gute Stimmung, die uns alle beeinflusst, nutzen will und mit Ian zusammenarbeiten möchte. Wenn er mich unbedingt für sanft und dumm halten muss, bitte, diese Show kann ich ihm liefern. Und während er mich mit Spott überhäuft, schlendert Lucy beiläufig an uns vorbei und nimmt in einer fließenden Bewegung das Schwert mit.

Ich gebe ihr einen kurzen Vorsprung, schlüpfe dann in die Rolle der Blondine, der langsam das Licht aufgeht, dass sie Grund hat, beleidigt zu sein, und verziehe mich wie ein schmollender Teenager.
Draußen stehen die drei anderen, als wollten sie unbedingt noch auf den letzten Drücker entdeckt werden. Ich komme gerade rechtzeitig dazu, um Julie sagen zu hören: “Aber jetzt will niemand mehr mit irgendwelchen Schwertern abhauen, ja? Dann ist ja gut.”
Nein! Die undurchsichtigen Gestalten hatten doch tatsächlich unlautere Absichten? Mein Glaube an die Menschheit ist zutiefst erschüttert. Nicht.
Da offensichtlich irgendjemandes Gewissen oder ähnliches ausreichend stimuliert wurde, und die Klinge noch da ist, lotse ich die drei zurück auf mein Zimmer, wo wir den nächsten Kriegsrat halten.

Das Eichhörnchen auf Juliannas Schultern zappelt aufgeregt herum, versteckt sich immer wieder unter ihren langen roten Haaren, spitzt wieder hervor, schnattert ihr ins Ohr und zerrt mit den Zähnen an ihrem Kragen. Alles in allem erweckt es stark den Eindruck, dass es lieber jetzt als gleich Abstand von dem Katana und seinem unfreiwilligen Bewohner gewinnen möchte.
Mrs. Morrissey wird wohl gerade in diesem Moment klar, was es mit dem eher exotischen Haustier auf sich hat. “Du bist eine Hexe!”
Ehe sie daraus die falschen Schlüsse zieht, schlage ich einen drohenden Tonfall an: “Lassen Sie den Flammenwerfer stecken. Das ist meine Hexe”. Vorsorglich lege ich auch noch schützend den Arm um Julie, die die Schultern zusammenzieht und mault: “Ich gehöre immer noch mir selbst. Und Clover vielleicht. Und…” sie bricht ab. Da kam wohl eine Erinnerung hoch, die sie genausowenig haben will, wie ich meine. Armes Mädchen, du hast noch so viel vor dir.
Ohne Not springt die Morrissey auf den Hundeblick der Kleinen an und fragt nach. Muss das sein? Julie fängt an zu jammern über den Kerl, der ihr Herz gestohlen hat, um sich dann zu verdrücken, nachdem er bekommen hat, was er wollte. Hat man sowas schon gehört? Ich kann ein Augenrollen nicht unterdrücken. Lucy tröstet sie mit unerwartet realistischen Worten: “Wenn er dir sagt, dass es nicht an dir liegt, sondern an ihm, dann hat er recht, weil er ein verdammtes Arschloch ist.” Sie nimmt Julie in den Arm und streicht ihr über das Haar. “Manchmal wäre es schön, das Herz zu beeinflussen.”
“Damit wir uns in die Richtigen verlieben?”
“Oder dass es nicht mehr stärker als unser Kopf ist.” Wie recht sie hat. Der Seitenblick zu ihrem Angetrauten entgeht mir nicht. Ihm auch nicht, doch er übergeht das Gehörte mit einem leisen Lächeln und mustert konzentriert das Schwert.
“Geben Sie her,” sage ich, um mich von dem unerträglichen Gesülze abzulenken. Die Waffe ist in sich schon ein Kunstwerk, auch ganz ohne Magie. Imogen könnte ein besseres Urteil abgeben als ich. Sie muss sich später mit der Geschichte begnügen, wie ich es um seine Besonderheit gebracht habe. Hoffentlich bekommt sie keinen Herzschlag.
Nick fragt, ob wir gleich den Trickster anrufen sollen, aber ich will keinem solchen Wesen das Schicksal einer unglücklichen Frau anvertrauen, auch wenn die ebenfalls von seiner Sorte ist.
“Lieber rufen wir ersteinmal die rechtmäßige Besitzerin der Perle. Nicht, dass der Coyote auch auf dumme Ideen kommt. "

Julie wird von ihrem Unglück abgelenkt, indem wir sie die Beschwörungsformel rekonstruieren lassen, auch wenn wir diese zunächst fälschlicherweise für den Namen der Geisterfrau halten. Diese erscheint und spricht Julie als “Meister” an, klärt höflich den Irrtum auf und erwartet ihre Befehle. Mir bleibt bei ihrem Anblick die Spucke weg. So überirdisch anmutig kann wahrlich kein Mensch sein. Für einen solchen wandelnden Traum kann man schon einmal eine ganze Stadt in den Wahnsinn stürzen, wenn man ein mächtiger Geist ist.
Julie redet nicht lange um den heißen Brei. “Wir wollen dir deine Perle zurückgeben.”
“Ja, natürlich, Meister.” Sie glaubt ihr nicht. Den gütigen Herrn, der ihr ihre Freiheit ganz bestimmt wieder schenkt, wenn sie nur noch eben diese und diese (und diese Aufgabe auch noch) für ihn erledigt, hat ihr wahrscheinlich jeder zweite Besitzer der Waffe vorgespielt.
“Hat dein vorheriger Auftraggeber dir aufgetragen, dich mit einem jungen Mann einzulassen?”
Ja, er hat befohlen, dass sie ihren früheren Liebhaber erneut verführt, damit sie ihn auf Zuruf in die Höhle bringen kann, wo Ian ihn erniedrigen und töten will. Sie fühlt sich dem “jungen Mann” – der so jung nicht ist, es ist wirklich Coyote höchstselbst – aber durchaus “freundschaftlich” verbunden.
Ich bitte den Fuchsgeist, dass sie mit Coyote in eine menschenleere Gegend geht, wenn wir sie freilassen, damit sie nicht mehr Unruhe stiften können und damit diese überbordenden Liebesgefühle hier in der Gegend aufhören. Sie legt den Kopf schief, durchbohrt mich mit ihrem Blick bis ins Mark und nickt langsam. Möglicherweise beginnt sie tatsächlich, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass wir sie freilassen könnten.

Nick fragt den Fuchs, ob er sich an seinen vorherigen Meister erinnert, und ob er eventuell ein zweites Schwert anfertigen lassen kann, mit einem Seitenblick auf Lucy. Die formt ein tonloses “Danke”. Auch das kann die Kitsune erledigen. Wobei ihr vorsichtiger Blick bei jeder Zusage zu Julianna schnellt, und sie erst zustimmt, wenn diese ihr Einverständnis mit der Erfüllung des Wunsches signalisiert. Mir drückt es ein bisschen das Herz zusammen, als ich mich in ihre Lage versetze. Die Freiheit so dicht vor Augen, aber nicht in der Lage, den Glücksbringern zu vertrauen, bis sie wirklich sicher sein kann.
Ich habe eine grobe Vorstellung davon, wie die Fuchsfrau mit ihren früheren Meistern umgehen könnte, sobald sie wieder Herrin ihrer selbst ist, daher bitte ich sie vorsichtshalber ebenfalls, Ian nicht gleich umzubringen, immerhin ist er Familie. Am Ende müsste ich ihn noch rächen. Sie lacht mich beinahe aus, und versichert mir, töten sei ja langweilig, wo bliebe denn da der Spaß. Ich weiß nicht, ob ich meinem Vetter einen Gefallen getan habe, aber generell gelten Kitsune ja als eher gute Geister. Ich traue ihr zu, dass sie ihm eine Lehre erteilt, die ihr Ziel nicht verfehlt.
Julie ringt ihr noch das Versprechen ab, in Zukunft keine Eichhörnchen mehr zu fressen, wenn es irgendwie geht, was ich etwas übertrieben finde, aber da kann sie wohl nicht aus ihrer Haut.
Langsam wird die schwarzhaarige Schönheit ungeduldig, und ich spreche, bevor wir doch noch denselben Fehler machen wie alle unsere Vorgänger: “Ist gut jetzt. Gib sie ihr endlich.”
Mir würden noch eine Menge Wünsche einfallen, aber lieber habe ich zwei dankbare Geister irgendwann in der Zukunft in der Hinterhand, als jetzt all mein Pulver mit ein paar Schüssen ins Blaue zu verschießen.

Die Frau bekommt ihre Perle zurück. Sie wird wieder zum neunschwänzigen Fuchs, was bedeutet, dass sie erheblich älter und mächtiger ist, als ich erwartet hätte. Neun ist die maximale Anzahl an Schwänzen, die Kitsune im Laufe ihre Lebens ansammeln.
Sie springt auf das Fensterbrett, tritt mit den Hinterbeinen auf und ab und zuckt mit den funkenschlagenden Schwanzspitzen, dreht sich dann aber noch einmal um, sieht uns der Reihe nach an und doziert spöttisch, dass wir alle gut daran täten, das mit den Beziehungen etwas lockerer anzugehen und etwas ehrlicher zu uns selbst zu sein. Jaja, weise Worte. Verschwinde schon endlich!

Lucy atmet auf, ruft ihren Kontakt an, um ihm die frohe Kunde zu überbringen, dass sie die heiße Ware übergeben kann, aber der weiß auf einmal von nichts mehr.
“Mafia? Schulden?” fragt sie konsterniert, schüttelt dann den Kopf und legt auf. Sie drückt mir das Schwert in die Hand. “Können Sie behalten”.
Da der Auftraggeber ihres Mannes gerade auch größere Probleme bekommt, als seine Sammlung wieder zu komplettieren – die Fuchsfrau hat ihm alles genommen, außer dem nackten Leben, und ich frage mich, ob ich Ian mehr hätte schützen müssen, aber jetzt ist es zu spät -, bleibt es in der Folge tatsächlich dabei, dass die Klinge mir zufällt. Einige Tage später bekommt das gute Stück einen besonders schönen Platz in einer Vitrine in meinem Wohnzimmer auf Winslow Manor, gut sichtbar von der Türe aus.

Von meinen Mitstreitern verabschiede ich mich nach getanem guten Werk sehr schnell, weil Julie schon wieder Tränen in den Augen hat und mir nicht der Sinn danach steht, ein liebeskrankes Mädchen zu trösten und mir dessen Herzschmerz anzuhören. Sie soll froh sein, wenn der Verführer nicht auch noch vor seinen Freunden mit der Eroberung prahlt, und es unter “wieder was gelernt” verbuchen.

Da der Frühling von Eden Valley nicht schlagartig endet, lasse ich es lieber nicht darauf ankommen, hier noch eine ganze Nacht zu verbringen. Ich schwinge mich hinters Steuer und wähle den schnellsten Weg aus dem Ort.
Der DJ mit der Weichspülerstimme legt Supertramp auf. “Give A Little Bit”. Ja, natürlich. Großartiger Plan. Ersteinmal wissen, wie!
Ich fummele diese Metallbügel aus dem Handschuhfach, die man braucht, um das Autoradio zu entfernen, und werfe es aus dem Fenster.

Comments

patti

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.