Mädchenkram - Supernatural

Eine mörderische Mumie

Lyle. Flann, Sam, Jon, Bart

Lyle war gerade in Chicago angekommen, als er bestohlen wurde. Er war unaufmerksam und hatte die historische Hinweistafel über einen Mafioso studiert, als ihn eine junge Frau anrempelte. Sie lächelte nett, entschuldigte sich, und er dachte sich nicht viel dabei, bis ihm auffiel, dass das Geld, das er in der Hosentasche gehabt hatte, weg war. Das war schade, es waren fast 300 Dollar gewesen, die er auf einer Baustelle verdient hatte. Na gut, er würde schon etwas finden. Wenigstens war seine Tasche mit Jonathans Buch noch da.

Leider war es gar nicht so einfach, in Chicago irgendwo unterzukommen. Aber es war ja Sommer, das Wetter war gut, und Marjorie, eine ältere Frau ohne Wohnsitz, die viel mit Aliens redete, empfahl Lyle, sich mal beim Field Museum of Natural History umzuschauen. „Da kannste gut pennen“, sagte sie.
Tatsächlich gab es bei dem Museum eine etwas abgelegene Stelle in der Nähe eines Kanals, an der sich ein paar Obdachlose versammelten. Die Abluftschächte des Museums waren gut geeignet, um dort zu schlafen – im Sommer kam kühle Luft, im Winter warme. Aber die Leute waren nervös und aufgeregt. Lyle erfuhr, dass letzte Woche vier Menschen ermordet worden waren. Die Polizei hatte ihre Leichen vor einigen Tagen aus dem Kanal gefischt, den Frauen waren die Köpfe abgetrennt worden, den Männern das Herz herausgeschnitten. „Aber niemand kümmert sich darum“, schimpfte eine Frau in einem verschlissenen rosa Hausanzug, „interessiert sich ja keiner für uns Penner.“

Das klang einigermaßen merkwürdig. Lyle beschloss, sich mal in der Gegend umzuschauen. Zufällig traf er dabei Bartolomäus Blackwood, der im Museum zu tun hatte – er war ziemlich erstaunt, den älteren Mann hier zu treffen, aber es war keine Zeit für sentimentale Begrüßungen, wenn Leute starben. Mr. Blackwood meinte, Lyle sollte sich mal bei den Obdachlosen hier genauer umhören. „Ich hole uns solange etwas zu essen.“ Das war mal eine gute Idee. So viel hatte Lyle heute noch nicht zu sich genommen, einen alten Muffin und ein paar Scheiben Käse.
Aber als er zu der Gruppe bei den Abluftschächten kam, lief ihm eine weitere Bekannte über den Weg: Sam, die Jägerin, die er bei der Geschichte mit der bösen alten Frau getroffen hatte. Sie hatte ihm damals ein paar gute Tipps gegeben, aber er hatte den Eindruck, dass sie nicht sehr erfreut war, ihn hier zu treffen. Trotzdem kamen sie überein, ihre spärlichen Informationen auszutauschen und gemeinsam weiter zu forschen. Sam kannte eines der Opfer, einen Mann namens Truman, und war deswegen besonders daran interessiert, den Mörder zu finden.

Während Sam sich angeregt mit Larry, einem betrunkenen Philosophen, über Traum und Realität unterhielt, bemerkte Lyle einen Beobachter: Einen Asiaten in einem Anzug, der ihm freundlich zunickte, sich aber zurückhielt. Jonathan Saitou! Der FBI-Agent. Lyles Herz klopfte merkwürdig schnell, als er ihn sah. War er hier, um den Fall zu untersuchen? Falls ja, konnte Lyle ihm hoffentlich helfen.

Als Mr. Blackwood zurückkam, erzählte Larry gerade, dass er gesehen hatte, wie Truman eine Treppe hinuntergestürzt war. Oder hatte Larry das nur geträumt? Er wusste es nicht genau. Aber falls ja, dann hatte er auch geträumt, dass ihm jemand niedergeschlagen hatte, und jetzt tat ihm der Kopf weh. Merkwürdiger Traum. Immerhin hatte er eine kräftige Beule am Schädel.
An der Treppe fand Lyle keine Spuren, also machte er sich auf den Weg zum Kanal. Er hoffte, dort etwas zu finden, aber es hatte in den letzten Tagen viel geregnet. Jegliche Spuren waren weggewaschen.

Allerdings fand er am Ufer des Kanals etwas anderes, oder besser gesagt: Jemanden anderes. Der Fall der ermordeten Obdachlosen lockte Jäger offenbar an wie die Fliegen, denn auch Flann Breugadair war da. Den kannte Lyle ja schon aus New York.

Nachdem sich alle vorgestellt hatten, tauschten Flann und Jonathan Informationen aus: Alle Opfer waren niedergeschlagen worden, die Herzen waren fachmännisch aus dem Brustkorb entfernt worden (nicht unbedingt von einem Chirurgen, eher von einem erfahrenen Metzger). Die Waffe war scharf, vermutlich ein großes Messer, die Kante glatt, aber kein Skalpell. Alle waren ausgeblutet, aber keine Spuren von Vampirzähnen.
Die Jäger spekulierten ein wenig. Was konnte das sein? Vampire benutzten eigentlich keine Messer. Vielleicht ein Blutopfer? Gab es einen Zusammenhang mit dem Museum?

Sam googelte kurz und fand heraus, dass neben einer Piratenausstellung und Sue, dem Tyrannosaurus Rex, auch noch ein weiteres Highlight angepriesen wurde: Der aztekische Hohepriester Itzli war vor kurzem mit seinem Obsidianmesser wiedervereint worden. Das klang allerdings ominös, weil die Azteken ja gern Menschen geopfert hatten. Sam meinte zwar, das wäre doch zu einfach, aber in Ermangelung anderer Ideen ging die Jägertruppe erst mal ins Museum. Flann kaufte ein Gruppenticket, also konnte auch Larry mit.

Drin kaufte sich Mr. Blackwood als erstes eine Replik des Obsidianmessers von Itzli, ein teures aus echtem Stein. Der Rest sah sich die kleinen Itzli-Figürchen und Miniatur-Sues an, die man im Museumshop ebenfalls kaufen konnte.
Während die Gruppe in Richtung der Azteken-Ausstellung ging, unterhielten sich Bart Blackwood und Sam über eine gewissen Julie, die Jon wohl auch kannte und grüßen ließ. Lyle hatte sie noch nicht getroffen, aber er merkte sich den Namen. Vielleicht lief er ihr ja mal über den Weg.

Schließlich kamen die Jäger in dem Raum an, in dem die Mumie ausgestellt wurde. Der alte Aztekenpriester stand auf einem Podest in einem Glaskasten, vor ihm lag das Obsidianmesser in einer anderen Vitrine. Es war auch eine Museumsangestellte da, Gloria Romero Borgia, die Flann gern seine vielen Fragen beantwortete: Die Mumie im Glaskasten war echt. Das Messer wurde ursprünglich mit ihr gefunden, aber die Familie derjenigen, die den Fund gemacht hatten, wollten es dem Museum zunächst nicht überlassen. Erst vor kurzem starb der letzte Nachfahr und sie konnten das Artefakt überführen.
Ms. Romero redete sehr gern über Itzli und die Azteken. Sie schlief gerade relativ wenig, weil sie so mit der Ausstellung beschäftigt war, aber die würde auch nur drei Monate dauern, weil die Mumie lichtempfindlich war.
Es gab eine Plakette neben den Vitrinen, auf der stand, dass Itzli der Hohepriester von Huizilopochtli, dem aztekischen Gott der Sonne, war. Der brauchte ständig Blut und Herzen, damit er weiter scheinen konnte, und Itzli hatte ihm Leute geopfert, damit das auch passierte. Erst letzte Woche war das Blumenfest gewesen, bei dem immer sehr viele Opfer gebracht wurden. Also genau dann, als die Obdachlosen ermordet wurden.

Schon wieder so eine merkwürdige Religion. Die Geschichte mit dem Pessachritual war ja noch harmlos gewesen, aber das hier? Lyle flachste mit Flann herum, dass sie sich immer dann trafen, wenn seltsame religiöse Dinge passierten – was würde es beim nächsten Mal sein? Buddhisten? Amerikanische Ureinwohner? Gut, Azteken waren ja amerikanische Ureinwohner, also war das vielleicht abgehakt.

Jonathan fragte Ms. Romero, ob es Legenden über Flüche gäbe. „Nein“, sagte sie, „gar nicht. Itzli selbst war kerngesund, angeblich ist er 208 Jahre alt geworden. Das ist eine wichtige Zahl bei den Azteken, weil denen die 52 sehr heilig war. Niemand weiß, woran er gestorben ist – die Mumie wurde vor hundert Jahren gefunden, zusammen mit dem Messer, aber es hat nie jemand eine Todesursache gefunden.“
Ach, und das Blumenfest war zwar nun vorbei, aber genau heute war ein anderes Fest, und es war genau das Ende eines 52jährigen Zyklus. Also ein wichtiger Termin.

Während dieser Gespräche hatte sich Sam schon mal die Glasvitrinen angeschaut. Nachdem Ms. Romero gegangen war, erklärte sie den anderen, dass der Kasten mit der Mumie gut gesichert war, mit Alarmanlagen und Schlössern. Ganz alleine wäre ein potentiell untoter Hohepriester da nicht herausgekommen. Aber: An dem Dolch waren Blutspuren! Das reichte Agent Saitou, um seine Marke zu zücken und sich mal die Bänder des Überwachungsvideos zeigen zu lassen. Wie nicht anders zu erwarten, zeigte sich tatsächlich etwas: Letzte Woche hatte es in jeder der Nächte, in denen ein Obdachloser ermordet wurde, Bildstörungen gegeben. Jonathan konnte nichts weiter erkennen, aber er beschloss, gemeinsam mit den Jägern in dieser Nacht im Museum zu bleiben.

Larry tappte in der Zwischenzeit munter durch die Ausstellung und unterhielt sich kurz mit Ms. Romero. „Was ist denn mit dem Job, den Sie mir versprochen haben?“, wollte er wissen. Sie wiegelte ab – es war ihr offenbar unangenehm, daran erinnert zu werden. Aber sie ließ ihn auch nicht rauswerfen. Lyle hatte beinahe den Eindruck, dass sie ein schlechtes Gewissen Larry gegenüber hatte.

Nachdem Agent Saitou alle mit Funkgeräten ausgestattet hatte, die man sich ins Ohr stöpseln konnte, folgten Lyle und Flann Larry aus dem Museum. Eigentlich wäre Lyle ja lieber bei Jonathan geblieben, aber was sollte er schon gegen eine Mumie ausrichten? Besser, er blieb da aus dem Weg. Immerhin konnten sie über Funk zuhören, wie Bart noch ein paar Informationen über Itzli erzählte: Der Hohepriester hatte früher über tausend Menschen geopfert, galt bei seinem Volk aber als weise und war sehr beliebt – schließlich hat die Sonne ja immer geschienen. Angeblich hatte er sich damals für Unsterblichkeit interessiert und sogar seine Seele in sein Lieblingsmesser gebannt.

Während Lyle und Flann also Larry Gesellschaft leisteten, flackerte drin das Licht. Ms. Romero tauchte auf, ihre Augen verdreht, sodass man nur noch das Weiße sah. In Trance ging sie auf die Mumie zu. Sam sprach sie an, aber sie reagierte nicht, also nahm die Jägerin ihr kurzerhand den Schlüssel zur Vitrine ab und warf ihn Mr. Blackwood zu. Jonathan legte der Kuratorin Handschellen an, und sie brach ohnmächtig zusammen.
Bartholomäus benutzte den Schlüssel sofort, schloss die Vitrine auf und griff nach dem Messer. Flann und Lyle hörten nur Sams Protest, aber plötzlich knisterte es heftig in der Leitung – irgendetwas ging drinnen vor. Da Larry nicht in Gefahr zu sein schien, rannten die beiden los, Flann voran, gefolgt von Lyle.

Im Ausstellungsraum war die Mumie zum Leben erwacht und hatte sich aus dem Glaskasten befreit. Der untote Hohepriester fixierte Mr. Blackwood, der sein Messer trug, und ging auf ihn zu. Sam zog ihr Schwert und schlug kräftig nach Itzli – kräftig genug, um seinen Arm abzutrennen. Davon ließ die Gestalt sich allerdings kaum beeindrucken, sie konzentrierte sich, sammelte Energie und warf dann einen Kugelblitz nach Mr. Blackwood. Das war ein Volltreffer, der Jäger ging zu Boden und ließ das Messer fallen.

Während sich Jonathan und Sam mit Itzli herumschlugen, hob Flann das Messer auf. Lyle schaute sich um und entdeckte eine Feueraxt. Vielleicht konnten sie das Messer damit zerstören?
Itzli lag mittlerweile unter Jonathan, weiterhin geplagt von Sams Angriffen, aber sein Arm war wieder an ihm dran. Dafür fehlte ihm nach einer weiteren Attacke der Kopf. Auch das behinderte ihn jedoch nur wenig, er war immer noch auf den Obsidiandolch fixiert.

Flann tauschte mit ein paar schnellen Bewegungen das echte Messer gegen die Kopie aus, die Mr. Blackwood einige Stunden zuvor gekauft hatte. Bartholomäus nahm die Fälschung und rannte davon, in der Hoffnung, Itzli hinter sich her zu locken. Derweil landete das Messer bei Lyle, der erfolglos versuchte, die Waffe mit der Feueraxt zu zerschlagen. Aber der Obsidian war viel zu hart. Lyle überlegte fieberhaft, ob es vielleicht eine gute Idee war, Itzli mit seiner eigenen Waffe anzugreifen, als Sam ihm zurief: „Das Messer ist der Sitz seiner Seele! Versuch, ihn damit zu treffen!“, und Flann ergänzte: „Sein Herz, seine Seele muss in sein Herz!“

Hastig stolperte Lyle auf Itzli zu und stach eher halbherzig zu – aber der Hohepriester war von Jonathan gut am Boden fixiert worden, und es war gar nicht schwierig, das Herz zu treffen. Fast wie bei einem Kalb oder einer Ziege auf der Farm. Der Liegende zuckte kurz krampfartig, wie eins der Schlachttiere. Lyle ließ das Messer los und ging ein paar Schritte zurück. Hatte er? Hatte er ihn… erledigt?
Es sah ganz so aus, denn die Mumie bewegte sich nicht mehr. Stattdessen gingen sämtliche Alarmanlagen des Museums an, Sirenen schrillten und die automatischen Schutztüren schlossen sich. Gut, das gab Lyle ein wenig Zeit, sich wieder zu sortieren und sein Gesicht unter Kontrolle zu bekommen.

Es tauchten eine Menge Wachleute und Polizisten auf, aber Jonathan konnte sie überzeugen, dass alles in Ordnung war. Flann fabulierte eine sehr glaubhafte Geschichte über einen Kurzschluss im Alarmsystem herbei, der zu den Schäden an der Mumie geführt hatte. Den echten Obsidiandolch tauschte Mr. Blackwood kurzerhand gegen die Kopie, damit kein weiterer Schaden entstehen konnte.

Später sprachen die Jäger miteinander. Lyle warnte Jonathan und Bartholomäus, und auch Flann: „Es kann sein, dass ihr seltsame Mails von mir bekommt. Wenn ich besessen bin. Ich kann das nicht so gut kontrollieren. Seid bitte nicht böse, ja?“ Mr. Blackwood war besorgt und wollte, dass Lyle sich mindestens einmal pro Woche bei ihm oder Jonathan meldete, aber das konnte der junge Mann nicht garantieren. Wollte er auch gar nicht, um die Wahrheit zu sagen. Das kam ihm zu… verpflichtend vor.
Wenigstens schienen die drei Männer nicht allzu befremdet zu sein. Lyle befürchtete immer noch, dass er Niels damit abgestoßen hatte. Jedenfalls war keine neue Mail mehr von dem Künstler gekommen. Na gut, was sollte der auch mit jemandem wie Lyle anfangen, mal realistisch gesehen.

Bevor sie sich trennten, fragte Jonathan Lyle, ob er in Ordnung sei. Er meinte offensichtlich den Kampf und den Stoß mit dem Obsidianmesser, aber Lyle verstand ihn mit Absicht miss und redete lieber über seine Pläne, sich einen Job zu suchen. Er wusste selbst nicht so recht, warum. Vielleicht wollte er sich erst mal selbst darüber klarwerden, was er von dem Kampf und dem Todesstoß halten sollte.

Immerhin hatte die ganze Geschichte ein Gutes für Lyle: Ms. Romero schenkte ihm eine Jahreskarte fürs Museum. Das war großartig! Lyle fand einen Job in der Nähe, bei einem Walmart, und ging jeden Abend, um sich die Ausstellungen anzusehen. Das war wirklich lehrreich, und so ganz langsam hatte Lyle nicht mehr das Gefühl, der ahnungsloseste Mensch im ganzen Land zu sein…

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Timberwere

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