Mädchenkram - Supernatural

Ethan und die Hunternauten

„Sie sind doch gerade noch in Montana, Ethan, oder?“ fragt die freundliche, ein ganz klein wenig gestresst klingende Stimme am Telefon. Melody Burke, die persönliche Assistentin von Dekan Brimley. Sekretärin, wenn man Dekan Brimley fragt. Aber wenn man Dekan Brimley fragt, heißt seine Sekretärin auch Mildred.

„Rückweg“, teilt er Melody mit. „Oh, gut“, macht die junge Frau, „der Dekan hätte da einen Auftrag für Sie.“
Ethan verdreht die Augen. Er war in Montana, ja. Das war bis vor zwei Tagen. Er ist ein Stück hinter Chicago, Illinois.
„Auftrag?“ fragt er in so neutralem Tonfall es geht.
Die Verbindung ist nicht sonderlich gut, aber dem Rauschen und dem Knistern entnimmt Ethan, dass das Goldene Vlies in Helena, Montana, ausgestellt werden soll. Also das Goldene Vlies. Es befindet sich im Besitz einer Bones Gate-Alumna und -Mäzenin, die es dem städtischen Museum für diese Ausstellung leihweise zur Verfügung gestellt hat und sich um die Sicherheit ihres Schatzes sorgt. Und da er doch ohnehin gerade in Montana sei – Ethan unterdrückt ein Auflachen –, habe Dekan Brimley gedacht, Mr Gale könne doch sicherlich die Sicherheitsvorkehrungen in dem Museum optimieren.

Ethan verdreht wieder die Augen, aber er gibt Melody ein „Okay“ zur Bestätigung und lenkt den Pickup von der Service Plaza aus nicht heimwärts, sondern in Richtung Westen auf die I-90 zurück.

Am Mittag des übernächsten Tages kommt Ethan in Helena an. Die Stadt ist nicht sonderlich groß, das Museum leicht zu finden, auch wenn es auf den ersten Blick eher aussieht wie eine Schule. Das liegt vor allem daran, dass das besagte Haus ein riesiges Loch in der Mauer hat, das schon von weitem nicht zu übersehen ist. Und zwar oben im ersten Stock. Schwarzgelbes Polizeiabsperrband. Neugierige Menschen, die mit dem Finger zeigen und tuscheln. Oha. Kind. Brunnen. Na ganz spitzenmäßig.

Auf der anderen Straßenseite findet Ethan einen Parkplatz. Rangiert den Hardbody in die Lücke und steigt aus. Sieht sich suchend um. Da drüben steht eine Gestalt, die er kennt. Hatte Irene nicht etwas von Boston gesagt, als sie sich vor einigen Tagen in Billings getrennt haben? Offenbar hat ihr etwas dazwischengefunkt. Soll ja schon vorgekommen sein, denkt Ethan trocken. Die Britin steht mit zwei Leuten zusammen, einer dunkelhaarigen jungen Frau und einem Mann im Anzug, der Ethan gerade den Rücken zudreht, ihm aber ebenfalls irgendwie bekannt vorkommt.

Die Trophäensammlerin ist auf die Bewegung auf der anderen Straßenseite aufmerksam geworden, hat ihn erkannt und winkt ihm nun fröhlich zu. Macht eine auffordernde, herbeirufende Geste. Ethan lächelt über die Straße hinweg zurück und will sich gerade auf den Weg zu dem Grüppchen machen, als ihm klar wird, wer der Mann im Anzug ist. Ethan erstarrt. Will sich, statt über die Straße zu gehen, eigentlich sofort wieder in sein Auto zurückziehen.

Denn Irenes Gesprächspartner ist kein anderer als Special Agent Jonathan Saitou. Der Special Agent Jonathan Saitou, vor dem Sam Blackwood und er in Dana Point regelrecht geflohen sind, nachdem sie den Hexenzirkel ausgeschaltet hatten. Und dass Agent Saitou sich nicht die Mühe gemacht hat, Ethan am Flughafen abzufangen, heißt noch lange nicht, dass der Mann ihn nicht verhaften oder zumindest zum Verhör vorladen wird, wenn er ihn hier sieht.

Aber natürlich hat Saitou sich bei Irenes Ruf ebenfalls in seine Richtung gedreht, und natürlich hat er Ethan auch schon gesehen. Verdammt. Verdammt, verdammt, verdammt!

Das Gesicht des FBI-Manns friert ein, und Ethan würde am liebsten auf der Stelle kehrt machen, aber das geht auch nicht. Das wäre ein direktes Schuldeingeständnis und würde den Fed nur dazu einladen, die Verfolgung aufzunehmen. Nein. Hilft alles nichts, jetzt muss er hin.

„Ethan! Sie auch hier!“, begrüßt ihn die Britin erfreut, während von Saitou nur ein kühles, ein sehr kühles, Nicken kommt. Ethan nickt ebenfalls stumm und wirft dem Bundesagenten dann einen unsicheren Blick zu. So, wie Irene und er sich nach der Sache im Diner mit Bianca abgesetzt haben, um den Fragen des Feds zu entgehen, hätte er nicht gedacht, dass die beiden jetzt hier so friedlich beieinander stehen würden. Aber irgendwie müssen die sich geeinigt haben, denn Irene macht völlig selbstverständlich den Vorschlag, dass Ethan sich das Ganze doch als Sicherheitselektroniker mit ansehen solle.

Aber da hat sie die Rechnung ohne den Agent gemacht. Der erklärt mit kalter Stimme, er werde nicht zulassen, dass Außenstehende seinen Tatort verunreinigen. Er habe hier einen Diebstahl und einen Todesfall aufzuklären. Bei der jungen Frau scheint es sich nicht um Saitous Partnerin zu handeln, denn sie schließt er in seine Ablehnung kurzerhand mit ein. Sie wirkt enttäuscht und will protestieren, aber Ethan nimmt in einer abwehrenden Geste die Hände hoch und tritt einen Schritt zurück. Er wird dem FBI bestimmt nicht in seine Nachforschungen pfuschen.

Irene entschärft die Situation, indem sie vorschlägt, dass Ethan sich doch einmal mit der jungen Frau unterhalten solle, während sie, Irene, mit Agent Saitou den Tatort begutachtet. Ms. Bush habe da interessante Informationen über einen möglichen Fall von Betrug und Geldwäsche im großen Stil. Ethan hebt die Brauen und nickt etwas zögerlich, während die Engländerin und der Bundesagent in Richtung des Absperrbandes entschwinden. Er sieht ihnen nach, ehe er sich der jungen Dame zuwendet. Irene ist also keine den Tatort verunreinigende Außenstehende? Interessant.

Ms. Bush sieht ihn neugierig an und stellt sich dann als Chloe vor. Seinen Namen hat sie ja schon mitbekommen, als Irene ihn begrüßt hat, aber er nennt ihn ihr trotzdem nochmal. Das scheint ihm irgendwie höflicher, als einfach nur zu nicken.
Die junge Dame ist Journalistin, erfährt Ethan. Was erklären dürfte, warum sie ihn ausfragt, statt ihm von dem Geldwäscherring zu erzählen, den Irene erwähnt hat. Das macht richtiggehend Mühe. Warum er hier sei. „Auftrag“, sagt er. Auftrag, will Chloe wissen, was für ein Auftrag denn, und von wem habe er diesen Auftrag denn bekommen? „Arbeitgeber“, murmelt Ethan. Das zugehörige ‘duh’, das ihm zwar nicht auf den Lippen liegt, aber im Kopf herumgeistert, schenkt er sich. Und was für ein Auftrag das sei? Gah. Kann sie sich das nicht denken? Irene hat es doch eben schon so gut wie erklärt. „Sicherheitsanlage überprüfen“, gibt er zu. Ach so. Das reicht der Reporterin aber nicht, sondern sie bohrt weiter. Ob sein Arbeitgeber Verbindungen hierher habe? Ethan wirft einen beinahe verzweifelten Blick dahin, wo Irene und der FBI-Mann verschwunden sind, ehe er sich wieder der jungen Frau zuwendet und nickt. Die sieht ihn groß an, scheint eine Spur zu wittern. „In die Politik?“, will sie eifrig wissen. Aber darauf schüttelt Ethan den Kopf. „Museum“, erwidert er. „Ach, Sie arbeiten für das Museum?“
Es fehlt nicht viel, und Ethan würde sich frustriert die Haare raufen. Beinahe tut er es wirklich, aber dann ringt er sich ein weiteres Kopfschütteln ab. „Mein Arbeitgeber kennt die Dame, der das Vlies gehört“, formuliert er sorgfältig und mit einiger Anstrengung. „Wer ist das denn?“ Ethan seufzt. „Sophia Barbas. Eine Griechin. Angeblich ziemlich reich." Übung, sagt er sich. Sieh es als Übung für Artie.

Zum Glück kann er Chloes nächste Frage wieder leichter beantworten. Die sieht nämlich ebenfalls in die Richtung, in die Saitou mit seiner Begleiterin gegangen ist, und fragt, ob die beiden ein Paar wären. Ethans verneinendes “Mhm-mhm” quittiert die junge Frau mit einem leichten Lächeln. Interessant.

Ob man in das Museum irgendwie reinkäme, will Chloe dann wissen. Ethan zuckt die Schultern, nickt mit dem Kinn Richtung Agent Saitou. „Wenn er fertig ist." Wenn er fertig ist. Ethan hat keinerlei Absicht, Jon Saitou noch weiter gegen sich aufzubringen. Also warten sie.
Ehe der FBI-Beamte und die Trophäensammlerin aber zurückkommen, geht ein Mann die Stufen zum Haupteingang des Museums hinauf. Ein älterer Herr im Anzug mit schütteren Haaren und fahrigen Bewegungen. Er sieht sich um, stellt fest, dass kein Absperrband den Zutritt behindert, und schließt kurzerhand auf.

Ms. Bush zupft Ethan am Ärmel. „Sehen Sie mal.“ Kurz entschlossen geht die junge Journalistin auf den Haupteingang zu. Ethan hat zwar immer noch wenig Lust, sich mit Agent Saitou anzulegen, aber da ist tatsächlich kein Absperrband, und jemand, der hierher zu gehören scheint, betritt gerade völlig legitim das Gebäude. Dann spricht ja eigentlich nichts dagegen, sich mal völlig legitim mit dem zu unterhalten.

Der Mann stellt sich als der Direktor des Museums heraus, und er macht einen etwas kopflosen Eindruck. Kein Wunder, ihm wurde gerade sein bestes Ausstellungsstück gestohlen, und ein Wachmann ist dabei auch ums Leben gekommen. Ethan lässt Ms. Bush die Fragen stellen, das kann sie ja so gut. Aber erst einmal gibt es ein wenig Verwirrung, weil der Kurator Chloe missversteht und sie für die Sicherheitsexpertin hält. Und dann, als sie das Missverständnis aufklären will und der Mann mit dem Namen ‘Gale’ durcheinander kommt, für Ethans Ehefrau. Ethan korrigiert ihn nicht. Chloe aber auch nicht. Entweder sie hat Spaß an der Verwechslung, oder es ist ihr auch zu mühsam.

Vermutlich hätte eine Richtigstellung der Sachlage aber tatsächlich nur zu noch mehr Verwirrung geführt. Denn als Ethan nach der Sicherheitsanlage fragt, gibt der Kurator ihnen stattdessen eine Führung durch das Museum. Ohne die abgesperrten Bereiche, versteht sich. Aber dafür mit ausführlicher Beschreibung der verschiedenen Räume und ihrer bedeutendsten Exponate. Ja, gerne dürften sie Bilder machen, wenn sie wollten, sagt er irgendwann. Ähm. Das war nicht Ethans Frage gewesen. Ob es irgendwelche Aufzeichnungen von dem Vorfall gebe, versucht er es erneut. Ja, nickt der Mann, natürlich gibt es die. In der Sicherheitszentrale.
Ethan verkneift sich ein frustriertes ‘Gah’ und nickt ernsthaft. Ob sie die bitte sehen dürften, fügt er dann ausdrücklich hinzu. Sicher ist sicher. Und… Übung für Artie.

Die Sicherheitszentrale hat die üblichen Gerätschaften. Sogar ein bisschen mehr als üblich. Das mehr erstreckt sich nur leider nicht auf die im Museum installierten Kameras. Denn das Goldene Vlies selbst ist darauf nicht zu sehen, lediglich der Treppenabsatz vor der Tür sowie die Eingangshalle. Jetzt rauft Ethan sich wirklich die Haare, verzieht das Gesicht und wirft dem Museumsmenschen einen ungläubigen Blick zu. Das wertvollste Ausstellungsstück, und nicht eine Kamera in dem Raum? Kein Wunder, dass Bones Gate ihn hier haben wollten. Blöd nur, dass der Auftrag so spät kam. Drecksmist.

Die verfügbaren Bilder von der letzten Nacht zeigen dummerweise nicht viel. Das Foyer eben. Bei Zeitstempel 03:27:52 fängt der Kronleuchter an zu wackeln, und dann rennt ein Wachmann aus der Tür, nachdem er mit seinen zitternden Händen erst kaum die Tür aufgebracht hat. Ob das der Getötete sei, will Chloe wissen. Nein, erwidert der Kurator, ums Leben gekommen sei Joe. Das hier sei Ben Grady. Ethan nickt und will eben nach Gradys Adresse fragen, da kommen Saitou und Irene von draußen herein. Der FBI-Beamte wirkt nicht gerade erfreut, dass da Außenstehende in das eigentlich geschlossene Museum gelassen wurden, aber er macht keinen Aufstand darum. Puh. Überhaupt scheint er beschlossen zu haben, Ethan kurzerhand komplett zu ignorieren. Kann dem nur recht sein. Ignorieren ist besser als verhaften.

Den Namen ‘Ben Grady’ haben die Neuhinzugekommenen auch gehört. Wo der Tote zu diesem Zeitpunkt gewesen sei, will Agent Saitou wissen. Vermutlich noch im Gebäude, sagt der Direktor mit etwas zittriger Stimme, aber der oder die Diebe des Vlieses hätten ihn später mit hinausgeschleppt und draußen fallen lassen. Saitou nickt, zückt seinen FBI-Ausweis und stellt sich förmlich vor. Dann macht er eine missbilligende Geste hin zu Chloe und Ethan. Warum sie eingelassen worden wären, will er wissen. Das seien ‘die Gales’, die Sicherheitsexperten, erklärt der Mann, die den Auftrag leider zu spät erhalten hätten, um den Diebstahl noch zu verhindern. Saitou brummt, äußert sich aber nicht weiter dagegen, sondern beauftragt den Kurator, ihnen – sprich ihm und Irene; Ethan und Ms. Bush sind definitv nicht gemeint – jetzt den eigentlichen Tatort zu zeigen. Daraufhin bittet dieser ‘Mr und Mrs Saitou’, ihm zu folgen, was sowohl den FBI-Mann als auch Ethan zu einem offenen Grinsen veranlasst, bei Irene aber eher nur zu mäßiger Belustigung zu führen scheint.

In der Sicherheitszentrale zurückgelassen, sehen Ethan und seine Begleiterin sich das Video von der Tatnacht an, bis der Kurator wieder zurückkommt. Dem stellen sie noch einige Fragen, die dieser aber auch nicht beantworten kann, und lassen sich schließlich die Adresse dieses Ben Grady geben.

Eben hat Ms. Bush angesetzt, um dem Museumsdirektor eine weitere Frage zu stellen, da fährt draußen ein Auto vor. Luxuslimousine mit Chauffeur. Der Fahrer, ein massiger Afroamerikaner im Anzug, steigt zuerst aus. Öffnet die Tür im Fond. Aus steigt ein schlanker Mann von vielleicht Mitte Vierzig mit kurzen blonden Haaren. Jackett und Krawatte zu schwarzen Jeans. Arroganter Gesichtsausdruck. Zielstrebiger Gang auf das Museum zu. „Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment“, fällt der Kurator Chloe ins Wort und geht in die Eingangshalle, gerade rechtzeitig, um die beiden Neuankömmlinge abzufangen. Ethan geht neugierig zur Tür des Sicherheitsraumes, bleibt aber außer Sicht. Nein, er könne niemanden einlassen, erklärt der Direktor gerade mit erstaunlich fester und selbstbewusster Stimme. Das FBI sei hier, es handele sich um einen Tatort, und das Museum müsse bis zur Beendigung der Untersuchungen geschlossen bleiben.

So halb hätte Ethan damit gerechnet, dass der Fremde sich entgegen der Proteste des Kurators Zutritt zum Gebäude verschafft. Den Eindruck macht der Mann mit der arroganten Miene irgendwie. Kalt und bedrohlich. Stattdessen aber zückt er eine Visitenkarte und hält sie seinem Gegenüber hin. „Mein Name ist Ian Hooper-Winslow“, verkündet er in bestem britischen Akzent und einem fast unmerklich herablassenden Unterton. „Seien Sie so doch so nett und informieren Sie mich, wenn die Behörden ihre Untersuchungen abgeschlossen haben, mein Guter.“ Dann nickt er höflich-knapp und kehrt zu der Limousine zurück. Bekommt von seinem Lakaien die Tür geöffnet, der dann auf dem Fahrersitz Platz nimmt und davonfährt.

Ethans Augenbrauen wandern nach oben, als er den Namen hört. Er zückt sein Handy und fängt an, eine SMS zu verfassen, aber er hat noch nicht sehr viel getippt, da sind von oben Schritte zu hören, und Irene und Agent Saitou kommen wieder in den Raum, sehen der gerade wegfahrenden Limousine interessiert nach.

„Verwandtschaft?“, macht Ethan. Sein Tonfall liegt irgendwo zwischen Frage und Feststellung. Eine Vermutung, die er bestätigt haben möchte. Die Britin nickt. „Charles hat mich eben schon gewarnt, dass er auch hier ist“, ergänzt sie dann. „Wer war es denn?“, will Chloe wissen. „Ein unangenehmer Zeitgenosse“, erwidert Irene prompt. „Sie sollten sich von ihm fernhalten.“ „Ich glaube, ich möchte ihn lieber im Auge behalten“, widerspricht die Journalistin. „Das können Sie gerne machen“, schießt Irene zurück, „solange Sie es aus der Entfernung tun!“

„Ärger?“ Ethans Frage hat ein nachdrückliches „Ja“ von Irene zur Folge. „Allerdings hauptsächlich privater Natur, wenn ich ehrlich bin.“ Ethan verengt die Augen. Verschränkt die Arme. Seine Stimme ein Knurren. „Okay.“
„Ist der Mann gefährlich?“, schließt sich nun auch Agent Saitou der Fragerei an. Irene geht nicht direkt darauf ein, sondern erklärt, dass Cousin Ian vermutlich ebenfalls hinter dem Goldenen Vlies her sei und versuchen werde, es sich anzueignen. Der FBI-Mann nickt und fragt, ob Irene es für möglich halte, dass ihr Cousin hinter dem Einbruch und Diebstahl stecke. Einen solchen Diebstahl zutrauen würde sie ihm, erwidert Irene, und sie halte es durchaus für möglich, dass er gekommen sei, um die Ausstellung auszukundschaften und eben einen Diebstahl des Vlieses zu planen, aber sie glaube nicht, dass er in das verwickelt sei, was tatsächlich hier vorgefallen ist. Nicht, wenn man die Hinweise in Betracht ziehe, die sie gefunden hätten.

Bei dieser Bemerkung macht Ethan ein fragendes Gesicht und nickt in Richtung Obergeschoss. „Hinweise?“
Irene nickt, und ehe der FBI-Mann protestieren kann, zeigt sie Ethan und Chloe ein Foto, das sie offenbar gerade vorhin oben aufgenommen hat. Das Bild zeigt einen blutigen Fußabdruck. Der Fuß ist eindeutig unbeschuht, aber der Abdruck zeigt dennoch nur einen großen Zeh. Die anderen Zehen sind zu einem verwischten Ganzen zusammengewachsen. Und der Fuß ist richtig groß, bestimmt einen Meter lang, wenn man nach dem Frauenschuh geht, der zum Größenvergleich neben den Abdruck gestellt worden ist.
Während Ethan sich die Aufnahme stirnrunzelnd betrachtet, erzählt die Britin, dass die Ausstellung zum größten Teil aus Dingen besteht, mit der die Sage vom Goldenen Vlies untermalt werden soll. Wertvoll war nur das Vlies selbst, und nur dessen Panzerglasvitrine wurde zerstört. Und natürlich der Wachmann getötet und das Loch in die Mauer gerissen. Am Rand dieser Öffnung haben die beiden ein Stück Schaffell gefunden. Ein Stück Schaffell hing auch an einem der eingeschlagenen Fenster entlang der Route, auf dem der oder die Täter auf ihrer Flucht entlanggekommen sein müssen, wenn man die zertrümmerten Fenster und abgerissenen Äste an den Bäumen so betrachtet. Das war aber ein ganz normales Schaffell, kein übernatürliches. Irenes Gerät – sie besitzt einen EMF-Strahlungsdetektor zum Aufspüren von Geistern, erinnert sich Ethan – hat jedenfalls nicht angeschlagen.

Erstaunlicherweise scheint Saitou nun nichts mehr gegen Ethans Beteiligung an den Ermittlungen einzuwenden zu haben. Vielleicht, weil mit dem Foto bewiesen ist, dass hier irgendetwas Übernatürliches seine Finger im Spiel hat. Ethan hält den beiden – der Trophäensammlerin mehr als dem FBI-Mann, wenn er ehrlich ist – wortlos den Zettel mit der Adresse des Wachmanns Grady hin. Den Überlebenden des Vorfalls zu befragen, scheint ihm ein logischer nächster Schritt.
Ms. Bush wird eingeladen mitzukommen, weil Irene sich von ihr genauere Informationen über die Geldwäschesache erhofft. Und Ethan ist der erstaunte Ausdruck nicht entgangen, der kurz über das Gesicht der Britin gehuscht ist, als die Journalistin sich beim Betrachten des Fotos ziemlich unbeeindruckt von dem seltsamen Fußabdruck gezeigt hat. Offenbar will die Jägerin herausfinden, wieviel die junge Ms. Bush schon so weiß.

Auf dem Weg zum Auto erwähnt Agent Saitou Riesen. Ob es Riesen gebe, deren Zehen zusammengewachsen seien. Irene antwortet, dass ihres Wissens nach Riesen normal ausgeformte Zehen haben. In Ethan aber haben die Frage und die Informationen zu dem Fall eine Gedankenkette ausgelöst.
Das Goldene Vlies. Schaffell. Die Erinnerung an ein Buch, das er als Junge hatte und damals heiß und innig liebte. Das Book of Greek Myths: sonnengelbes Cover mit einem fliegenden Streitwagen darauf. Ziemlich coole Zeichnungen. Auch eine vom Goldenen Vlies. Ethan hat an das Bild nicht mehr genau im Kopf, aber darauf reckte gerade ein Mann das Vlies in die Luft oder so. Und da war auch diese Geschichte von Odysseus und seiner zehnjährigen Irrfahrt drin. Ethan runzelt die Stirn, versucht sich zu erinnern. War Odysseus auf seinen Reisen nicht auf einer Insel vorbeigekommen und hatte da diesen riesigen Typen ausgetrickst, Poly-irgendwas? Der in einer Höhle lebte und von Odysseus geblendet werden konnte, weil er nur ein Auge hatte? Und war es da nicht irgendwie um das Goldene Vlies gegangen? Wollte Odysseus das nicht irgendwie stehlen oder so? Ethans Stirnrunzeln vertieft sich. Es ist ewig her, dass er das Buch zuletzt in der Hand hatte, und es fällt ihm nicht mehr ein. Drecksmist. Aber trotzdem. Irgendwas war da.

„Zyklop“, schlägt er vor. Die anderen sehen ihn fragend an. „Zyklop“, wiederholt er und holt dann zur Erklärung etwas weiter aus. „Vlies. Riese. Zyklop.“

Erst einmal aber berichtet Ms. Bush von ihren Geldwäscherecherchen. Irene ist definitiv besser darin, selbst die Fragen zu stellen, anstatt sich ausfragen zu lassen. Das, was Chloe erzählt, hat jedoch, soweit Ethan das beurteilen kann, relativ wenig mit dem verschwundenen Vlies zu tun. Sie berichtet nämlich von irgendwelchen Verbindungen in die Politik und rechtlichen Fakten, die Ethan nicht so recht einordnen kann. Der Geldwäscherring, dem sie auf der Spur ist, scheint wohl vor allem gefälschte Kunstwerke fröhlich in der Gegend herumzuverkaufen, bis man die Herkunft des Geldes – Drogen, Terrorismus, kriminelle Machenschaften aller Art – nicht mehr nachverfolgen kann. Nicht bedeutsam für ihren Fall gerade – außer natürlich, das gestohlene Vlies wäre so eine Fälschung. Das würde das Ganze wieder interessant machen – den riesenhaften Dieb aber vermutlich trotzdem nicht weniger übernatürlich.

Bei der genannten Adresse angekommen, ist es nur Special Agent Saitous FBI-Ausweis zu verdanken, dass Mrs. Grady ihren krankgeschriebenen und unter Schock stehenden Mann an die Tür ruft. Das erste, was der sagt, als der Bundesbeamte erklärt, sie seien wegen der Vorfälle im Museum hier, ist das Geständnis, PTSD zu haben. Es klingt, als wolle der Wachmann sich damit dafür entschuldigen, keine Aussage machen zu können. Dass er sich nicht erinnern könne. Dass das, an was er sich meint zu erinnern, völlig unmöglich sei. Und garantiert seinem PTSD geschuldet. Aber Agent Saitou kann seinen Job. Ganz vorsichtig bringt er Grady dazu, sich doch zu öffnen. Nicht, indem er ihm die Keule “es gibt Monster” über den Kopf haut, sondern indem er andeutet, dass man das, was man für unmöglich hält, vielleicht einfach nur falsch eingeordnet hat, dass Grady also frei heraus sprechen solle, Saitou werde es dann schon richtig interpretieren. Es dauert etwas, aber dann erzählt der Wachmann tatsächlich. Dass vor seinen und Joes Augen jemand einfach von außen ein Loch in die Mauer gerissen habe, und dann sei diese riesenhafte einäugige Gestalt durch das Loch gekommen und habe Joe geschnappt und ihn zum Mund geführt und von ihm abgebissen wie von einem Brötchen. Einfach von Joes Kopf abgebissen… Gradys Stimme zittert merklich. Er bringt die Worte kaum heraus, und dann kommen ihm die Tränen. Unterdrücken kann er sie nicht, will er offenbar auch gar nicht, und Agent Saitou lässt sich den Mann an seiner Schulter ausweinen. Dann regt er an, dass Grady für seinen Schock doch ein Trauma-Counseling in Anspruch nehmen solle, aber dazu fehlt das Geld. Zur Überraschung der Amerikaner wirft Irene ein, dass für solche Dinge doch eigentlich der Arbeitgeber zuständig sei – ganz offensichtlich ist das nationale Gesundheitssystem in Großbritannien etwas anders geregelt als in den USA.

Wirklich helfen können sie dem armen Mr. Grady also nicht. Kann man nur hoffen, dass der doch irgendwie klarkommt. Keine große Chance dafür, aber wer weiß.

Draußen auf der Straße sieht Irene die Journalistin an. Fragt, ob sie dem Wachmann seine Geschichte abnimmt. Und bedenkt Chloe dann mit einem strengen Blick, als die junge Frau das bejaht. Dass das nicht so selbstverständlich sei, so etwas einfach zu glauben. Chloe nickt, bekräftigt aber noch einmal, dass sie die Geschichte des Wachmanns für wahr halte. Und dass sie dabei helfen wolle, das Monster zur Strecke zu bringen, auch wenn es gefährlich sei. Irene sagt nichts weiter darauf, nickt aber und wirft der Reporterin einen interessiert-nachdenklichen Blick zu.

Eine riesenhafte einäugige Gestalt. Es war also tatsächlich ein Zyklop. Agent Saitou will wissen, ob man sagen könne, um was für eine Sorte Zyklop es sich handele; eine Frage, mit der er bei Ethan für etwas Verwirrung sorgt. Ähm. Zyklop eben? Gemeinsam liefern Irene und er – okay, hauptsächlich Irene – den beiden anderen ihr gesammeltes Wissen – okay, bei Ethan sind das vor allem die aus den Untiefen seines Gedächtnisses zusammengekratzten Erinnerungen aus dem Sagenbuch – zu den Wesen. Odysseus’ Reise. Poly-Dings. Polyphem. Genau. Höhle. Schafhirte. Odysseus’ Trick, sich „Niemand“ zu nennen.

In dem Moment klingelt Irenes Telefon. Ihrem Tonfall nach zu urteilen, ist es ihr Ex-Mann. Die Jägerin schaltet kurzerhand auf Lautsprecher, damit die anderen auch hören können, was die kultivierte britische Stimme am anderen Ende der Leitung über Zyklopen zu sagen hat. Neben dem, was Irene und Ethan eben schon an Informationen zusammengekratzt haben, weiß der Mann, Charles nennt seine Ex-Frau ihn, dass die Zyklopen fast vollständig ausgerottet sind. Sie fressen zu gerne Menschenfleisch, um über die Jahrtausende unentdeckt geblieben zu sein. Wenn sie kein Menschenfleisch bekommen können, nehmen sie zur Not auch mit anderer Nahrung vorlieb, aber Fleisch muss es schon sein. Verwandeln können sie sich, haben aber in jeder Gestalt nur ein Auge. In jeder Gestalt haben sie außerdem weiter Hunger auf Leute. Und Angst vor Feuer. Das ist kein Allheilmittel gegen die Biester, aber sie mögen es nicht.

Wo das Auge in der Tarngestalt genau sitzt, kann Charles nicht sagen. Er berichtet von einem gewissen Algernon – ein ziemlich bekannter Uronkel aus dem 17. Jahrhundert, erklärt Irene nach Beendigung des Telefonats, von dem zahlreiche und detaillierte Aufzeichnungen erhalten sind –, der einmal drei Zyklopen-Brüder erlegt habe. Einer habe ausgesehen wie ein Riese, einer wie ein Mensch, nur dass sein Auge mittig positioniert war, und der dritte sei als normaler, unauffälliger Mensch aufgetreten, der einfach nur so aussah, als habe er ein Auge verloren. Na klasse. Sehr hilfreich.

Irene macht den Vorschlag, sich einmal umzuhören, ob hier in der Gegend entweder ganz grundsätzlich oder zumindest in letzter Zeit viele Wanderer verschwunden sind. Oder Vieh. Oder beides. Das wiederum bringt Ethan auf die Idee, dass das Vlies ja außer hier in Helena vielleicht auch schon an anderen Orten ausgestellt worden sein könnte. Und dass es dann vielleicht an diesen anderen Orten ähnliche Todesfälle oder Vermisste gegeben hat. Müsste man mal Sophia Barbas fragen, wo sie das Vlies schon überall hat ausstellen lassen.

Chloe hat er ja vorhin schon erklärt, dass sein Arbeitgeber die Besitzerin des Vlieses kennt. Für Irene und Agent Saitou erzählt er es aber nochmal. Die Britin sieht ihn ganz überrascht an. Als hätte sie nicht gedacht, dass er dem Kurator gegenüber die Wahrheit gesagt hat, als er sagte, er sei wegen der Sicherheit da.

Zeit sparen ist angesagt. Also beiden Vorschlägen gleichzeitig nachgehen. Agent Saitou in seiner offiziellen Funktion kann am besten mit den örtlichen Polizeivertretern reden gehen. Und Ethan sollte ohnehin Ms. Barbas kontaktieren. Passt ihm gut in den Kram, wenn er dem FBI-Mann für eine Weile aus dem Weg gehen kann. Irene hat vielleicht eher einen Draht zu der reichen Griechin, vermögend, wie sie selbst ist. Also geht Chloe Bush mit zur Polizei. Alles klar.

Das Palais Barbas liegt schon fast mehr in den Vorbergen als einfach nur am Stadtrand. Auf halber Höhe des Hügels, auf dem das Anwesen thront, zweigt ein Privatweg von der Straße ab und führt zur Residenz der Griechin. In der Auffahrt parkt eine schwarze Luxuslimousine, die Ethan zuletzt vor ein paar Stunden gesehen hat. Wenn Irenes Blicke töten könnten, wäre das Auto genau jetzt ein Feuerball. Ethan sieht die Britin fragend an, die zögernd von der Limousine zur Tür schaut und laut überlegt, ob sie klingeln soll oder lieber warten, bis ihr Verwandter wieder weg ist. Eigentlich will sie Cousin Ian nicht begegnen. Aber andererseits bekommt er vielleicht einen zu großen Vorsprung bei der Jagd auf das Vlies, wenn sie erst mit Sophia reden, sobald Ian gegangen ist. Und dann fragt die Jägerin Ethan um seinen Rat und seine Meinung. Ausgerechnet! Als ob er wüsste, wie dieser Ian tickt!

Ethan überlegt ein bisschen, ehe er leicht mit den Schultern zuckt. „Kenn den nicht.“ Er starrt ebenfalls zum Haus hin, als könne er durch dessen Wände sehen. „Aber hast recht. Sollten vielleicht rein. Hmmm.“ Ihm kommt ein möglicher Kompromiss in den Sinn. „Mal lauschen? Versuchen jedenfalls?“

Zum Lauschen ist Irene sich zu fein. Aber immerhin trägt sein Vorschlag zu einer Entscheidung bei. „Ach, was soll’s! Gehen wir rein.“

Auf Irenes Klingeln hin öffnet der Chauffeur. Er wirft nur einen Blick auf die Besucher, ehe er, ohne ein Wort zu sagen, die Tür wieder zuwirft. Aber da hat der massige Kerl die Rechnung ohne Ethans Fuß gemacht. Au. Drecksmist. Vielleicht hätte er den Fuß besser nicht dazwischenschieben sollen, aber so ist die Tür wenigstens noch offen. „Ms. Barbas“, sagt Ethan, als der bullige Fahrer ihn wütend anfunkelt, im selben Moment, wie Irene eine Visitenkarte zückt und sie dem Mann hinhält. „Melden Sie uns bitte bei Ian.“ Ian? Nein, verdammt! „Hausherrin!“ zischt Ethan seiner Begleiterin zu, aber da ist der Gorilla schon samt Visitenkarte verschwunden.

Kurze Zeit später erscheint der blonde Brite aus dem Museum an der Tür. Hemdkragen gelockert, keine Krawatte. Süßliches stimmungsförderndes Gedudel von weiter hinten im Haus. Kein Champagnerkelch in Ians Hand. Komisch eigentlich. Würde passen.
Mit einem süffisanten Lächeln bedankt der Mann sich dafür, dass Irene ihn um Erlaubnis fragt, wenn sie die Dame des Hauses sehen will. Ethan unterdrückt ein Knurren. Und genau das war der Grund warum er nach Ms. Barbas gefragt hatte statt nach diesem Windhund, der hier selbst nur zu Gast ist!

Die Hausherrin, fährt Hooper-Winslow gerade fort, sei im Moment nicht verfügbar. Seine spürbare Ungeduld macht deutlich, warum. So in zwei Stunden vielleicht habe Ms. Barbas wohl Zeit, fügt er dann noch hinzu. Seine Cousine funkelt ihn an, dass er mit der Griechin von ihr aus machen könne, was er wolle, solange sie damit einverstanden sei. Aber da fällt ihnen schon die Tür vor der Nase ins Schloss. Na super.

Irene erklärt, dass sie keinesfalls hier wie eine Bittstellerin warten werde, bis Cousin Ian fertig ist. Passt Ethan gut in den Kram, hätte er jetzt nämlich auch nicht so unbedingt. Lieber mit den anderen treffen und herausfinden, was der Besuch auf der Polizei so ergeben hat, auch wenn das Agent Saitou bedeutet.

Einen verschwundenen Wanderer hat der Besuch auf der Polizei ergeben. Interessant. Die Verlobte des Vermissten war auch gerade auf der Wache und erzählte, Tom sei in den Red Mountains verschollen, nachdem er von einem Goldfund gehört habe, der kürzlich von einem Schäfer in der Gegend gemacht worden sei. Sieh an.

Dieser Schäfer verdient nähere Betrachtung. Aber erst für ein wenig Feuer sorgen, falls der Kerl sich als der Zyklop herausstellen sollte. Leuchtpistolen aus dem Outdoorladen. Plus eine Wanderkarte von der Umgebung.

Obwohl gar nicht so weit weg von der Stadt, ist die Gegend um den Red Mountain ziemlich rau und wild. Und es weht ein kalter Wind, jetzt Anfang März. Vom Wanderparkplatz aus ist es ein ganzes Stück bis zu dem Ort, den man ihnen genannt hat. Ehe sie die Schafherde überhaupt sehen, können sie die Tiere schon hören, ein leises, beinahe ständiges Geblöke. Dann versperrt ihnen ein wackeliger Zaun den Weg, der quer über den Pfad gebaut ist. Aber weiter müssen sie auch gar nicht, denn an dem Zaun lehnt ein Mann und sieht ihnen schon misstrauisch entgegen. Er macht auch keinerlei Anstalten, die Besucher auf sein Land zu lassen, sondern beantwortet ihre Fragen von hinter dem Zaun. Ja, er hat Gold gefunden, gibt er brummig Auskunft, als die Gruppe herangekommen ist. Aber das Land stehe nicht zum Verkauf!

Es ist schon ein paar Tage her, seit der Schäfer das Gold gefunden hat. Ethan ist natürlich sofort klar, warum Irene diese Frage nach dem Zeitpunkt stellt. Sie haben ja alle gedacht, dass dieser Goldfund in Wahrheit das Vlies sein könnte, aber offenbar wohl doch nicht. Den vermissten Wanderer hat er auch nicht gesehen, sagt er. Schafe kommen ihm durchaus ab und zu mal abhanden, aber es gibt ja auch Bären hier oben, und die sind eben gefährlich, gerade jetzt im Frühjahr, wo sie ihre Jungen kriegen.

Neben dem Schäfer steht schwanzwedelnd ein Hütehund. Den hat der Mann herangepfiffen, als er die Besucher kommen sah. Dachte Ethan zumindest erst. Aber vielleicht ist das Tier auch einfach von selbst dazugetrottet gekommen, ohne das es gerufen worden ist, fällt ihm jetzt auf, wo er ein wenig darüber nachdenkt. Denn der Schäfer hat beide Augen. Der Hund hingegen hat nur eines. Das andere ist von Fell überwachsen, als habe das Tier es irgendwann einmal verloren, oder als sei es schon so geboren worden. Und von den anderen Hunden des Schäfers ist keiner dazugekommen. Die verrichten alle brav weiter ihre Arbeit – und halten sorgfältigen Abstand von ihrem einäugigen Kollegen. Ja, hallo auch, Zyklop.

Die Jäger machen bewundernde Bemerkungen bezüglich des Hundes. Was für ein schönes Tier es doch sei, und ob der Schäfer ihn schon lange habe. Ja, schon ein paar Jahre, ist die Antwort – der Murgatroyd sei ein ganz Lieber. Wie zur Bestätigung wedelt Murgatroyd freundlich. Ob es ihn denn beim Schafehüten nicht behindere, nur ein Auge zu haben, will Ethan wissen. Okay. Er formuliert es knapper. Nein, gar nicht, ist die Antwort, der Murgatroyd sei ein ganz hervorragender Hütehund. Aha.

Chloe hebt ihre Kamera. Sie schwenkt vom Mann zum Hund, als suche sie die beste Einstellung für ein Foto von der Szenerie. Aber als ihr Blick durch den Sucher auf den Hund fällt, wird sie sichtlich blasser um die Nase und macht unwillkürlich einen Schritt zurück. Aha. Also tatsächlich der Zyklop. Wie auch immer die Reporterin das durch ihre Kamera hat sehen können. Hoffentlich hat das Biest Chloes Erschrecken nicht bemerkt.

In nostalgischem Plauderton erwähnt Irene, dass sie mal einen ähnlichen Hund gehabt habe, und ob dieser hier verkäuflich sei. Der Schäfer reagiert empört, und Irene beschwichtigt schnell, wie verständlich das sei: Ihren eigenen geliebten Hund hätte sie auch niemals verkauft. Da das den Schäfer aber nicht so recht zu beruhigen scheint, gehen sie lieber.

Am Wanderparkplatz ziehen sie Bilanz. Chloe bestätigt nochmals, dass der Hund tatsächlich der gesuchte Zyklop ist. Und ja, das hat ihr tatsächlich der Sucher ihrer Kamera verraten. Durch den kann sie die wahre Gestalt von Wesen sehen. Spannend. Auf Fotos wirkt die Tarnung allerdings weiter – wäre ja auch zu einfach, ganze Speicherkarten mit Beweisen für übernatürliche Kreaturen füllen zu können. Wobei. Die würde eh kein normaler Mensch glauben, sondern für Fälschungen halten.

Agent Saitou hat beim Schäfer den deutlichen Eindruck gewonnen, der Mann lüge oder verschweige zumindest etwas. Näheres dazu kann er allerdings nicht sagen, denn in dem Moment kommt eine wohlbekannte Luxuslimousine auf den Parkplatz gefahren. Ian Hopper-Winslow entsteigt ihr, grüßt höflich in die Runde und teilt Irene dann mit, dass Sophia jetzt Zeit für sie habe. „Hat sich erledigt“, knurrt Ethan trocken, während die Jägerin ihren Cousin freundlich anlächelt und ihn mit zuckersüßer Stimme darüber in Kenntnis setzt, dass sie es sich anders überlegt habe. Der Trophäensammler nimmt das gleichmütig hin, zieht sich Wanderschuhe an, nickt höflich in die Runde und marschiert mit seinem Leibwächter-Chauffeur los.

Sobald Irenes Konkurrenz außer Hörreichweite ist, fangen die anderen an zu überlegen, wie man dem Zyklopen am besten beikommt. Ködern, sind sie sich schnell einig. Vom Schäfer weg- und zu sich hinlocken. Nur wie? Fleisch logischerweise. Aber Schafe hat er auch bei sich in der Herde. Am besten wäre eigentlich Menschenfleisch. Nur woher nehmen? Vom Friedhof vielleicht, schlägt Irene vor. Aber Zyklopen fressen ja Frischfleisch, kein Aas, wie Agent Saitou ganz richtig anmerkt. Ethan wirft der Britin einen Blick zu und nickt vielsagend den Weg hinunter, auf dem Cousin Ian verschwunden ist. Sie versteht den Witz, grinst kurz und meint dann mit ebenso ernsthafter Miene und trockenem Ton, so sehr würde sie Ian nun auch nicht hassen.

Aber gut, ernsthaft jetzt. Von irgendwem kommt der Vorschlag, ein hilfloser „Verletzter“ würde den Zyklopen doch sicherlich anlocken. Irene bietet sich sofort als Lockvogel an, immerhin sei sie die Rolle gewohnt. Chloe Bush schlägt vor, vielleicht sollte am besten sie den Köder geben, weil sie ja nicht so gut kämpfen könne, aber Irene argumentiert sehr stichhaltig, dass derjenige, dem das Monster am nächsten kommen wird, sehr wohl gut kämpfen können sollte. Während dieser ganzen Diskussion ist Ethans Kopfschütteln immer vehementer geworden. Die Idee, dass überhaupt jemand den Köder geben soll, gefällt ihm überhaupt nicht. Aber bei den anderen drei findet der Vorschlag immer mehr Anklang, und wenn es schon überhaupt einen Lockvogel geben muss… „Ich mach’s“, wirft Ethan unvermittelt ein. Dass er erstens tatsächlich ziemlich gut kämpfen kann und zweitens die Wunde von Barrys Schuss erst knapp zwei Wochen alt ist und er sich nicht sonderlich anstrengen muss, um sie wieder zum Bluten zu bringen, sind weitere Argumente zu seinen Gunsten.

Es dauert nicht lange, bis im Wald ein passender Ort gefunden ist. Ethan kratzt den Schorf von seiner Schussverletzung und ein paar seiner anderen Wunden aus dem Puppenhaus – gab ja einige, die nicht genäht werden mussten – und drapiert sich malerisch unter einen Baum, nachdem er das Blut etwas verschmiert hat. Die anderen ziehen einen Kreis aus Benzin um ihn herum, dann verschwinden sie im Unterholz. Jetzt heißt es warten. Warten mit dem dumpfen Pochen der aufgekratzten Wunde an seinem Bein, mit dem Feuerzeug in der Hand und gelegentlichen Tönen, wie ein Verletzter sie von sich geben würde.

Es dauert. Und es dauert. Aber irgendwann hört man Geräusche. Nähern sich. Zuerst klingt es wie das Rascheln eines kleineren Wesens – eines Hundes etwa – der durch den Wald tappt. Doch dann verändern sich die Geräusche. Werden größer, schwerfälliger. Lauter. Und es ist tatsächlich nicht die Hundegestalt, die schließlich in Sicht kommt, sondern ein Zyklop. Aber keiner wie aus den Zeichnungen in Ethans Buch. Auch nicht wie die animierte Figur in dem alten Sindbad-Film. Dieser Zyklop sieht aus wie… ein bisschen wie das Alien. Ein bisschen wie eine Krabbe. Ein bisschen wie ein Insekt. Graubraun glänzende, panzerharte und doch faltige, völlig haarlose Haut. Löcher anstelle von Ohren. Keine Nase. Es schnüffelt mit dem Mund. Zwei Reihen nadelspitzer Zähne darin sichtbar. Ein kreisrundes, tiefschwarzes Auge. So gar nichts Irdisches an der Gestalt. Gruselig.

Der Zyklop bleibt stehen. Schnüffelt. Kommt näher, schnüffelt wieder. Bewegt sich jetzt zielstrebig auf Ethan zu. Warte. Warte. Noch ist er nicht da. Noch ist er nicht im Kreis. Ein paar Schritte vor Ethan bleibt die Kreatur ein letztes Mal stehen. Schnüffelt. Scheint zu lauschen. Sieht sich misstrauisch um. Na komm schon. Hier ist dein Lockvogel, verletzt und hilflos. Aus so großer Nähe kann Ethan das Wesen riechen. Es stinkt nicht, jedenfalls nicht bestialisch – nicht wie der Harrdhu, schießt es ihm durch den Kopf –, aber es riecht nicht angenehm. Und irgendwie fremd. Sehr fremd. Und so verdammt nah an ihm dran. Ethan muss an sich halten, um nicht vorzeitig loszuspringen. Gibt statt dessen einige besonders wehleidige Verletztengeräusche von sich und macht ein paar kleine, unbeholfene Bewegungen. Völlig hilflos. Komm schon.

Das scheint dem Monster den Anstoß zu geben, auf den es gewartet hat. Mit einem Mal hechtet es auf Ethan los. Der hat nur darauf gewartet und macht einen Satz zur Seite, raus aus dem Benzinkreis. Er hat nur darauf gewartet, und dennoch hätte es ihn beinahe erwischt. Die Pranken des Zyklopen wischen nur um Zentimeter an ihm vorbei, aber dann ist er aus dem Kreis, und sein Feuerzeug lässt ihn nicht im Stich. Fast versengt die aufsteigende Flamme ihm noch die Augenbrauen, aber er rollt sich schnell genug zur Seite, auf sein Gewehr zu, das da wartend liegt. Der Blitz von Chloes Kamera geht los, blendet den Zyklopen, der mit wütendem Brüllen im Feuerkreis herumtobt. Im selben Moment feuert Agent Saitou seine Leuchtpistole ab, und ein brennendes Geschoss landet im Bein des Monsters. Bis Ethan die Savage gegriffen hat und aufgesprungen ist, hat Irene eine wohlgezielten Kugel in den Unterleib des Insektenkrabbenaliens gejagt. Ethans eigener Schuss ist nur noch eine Draufgabe, denn außer ein paar letzten Zuckungen rührt sich das Biest schon nicht mehr.

Irene, immer die Trophäensammlerin, hebelt mit einem schnellen Schnitt ihres Messers das Auge des Zyklopen heraus. Einige Zähne sichert sie sich ebenfalls, während Ms. Bush Fotos von der Bestie schießt und Agent Saitou, nachdem er ebenfalls ein paar Fotos gemacht hat, eine Probe der Zyklopenhaut nimmt.

Jetzt, wo der Kampf vorüber ist, wirkt die Journalistin erstmals etwas geschockt. Fragt Irene, was sie mit dem Auge und den Zähnen machen will. “Nach England schicken”, ist deren knappe Antwort. Ethan muss einen Moment lang abgelenkt gewesen sein. Oder verwirrt von den Zähnen, die die Britin für die anderen übrig gelassen hat und auf die sie nun großzügig deutet. Er weiß selbst nicht genau, warum er die Frage stellt. „Wozu?“

Irene sieht ihn irritiert an. „Wissen Sie doch.“
Oh. Natürlich. Die Nachfolge im Hause Hooper-Winslow. Die beste Trophäe bestimmt das Familienoberhaupt. Duh.
„Wahr.“

Sobald das Feuer niedergebrannt ist und sie den Zyklopen notdürftig mit Blättern und Ästen bedeckt haben, damit nicht aus Versehen irgendwann irgendwelche Wanderer über die Monsterleiche stolpern, machen sie sich auf die Suche nach dessen Höhle. Die im Outdoorladen gekaufte Wanderkarte beweist ihre Qualitäten, dazu Ethans Orientierungssinn und Irenes Wissen um Berg- und Hügellandschaften im allgemeinen, und nach einer Weile stoßen sie auf den Unterschlupf des Riesen. Darin Skelette, hauptsächlich von Schafen, aber auch einige menschliche Knochen sind darunter, ein angefressener Bärenkadaver… Kein Goldenes Vlies. Aber leider die Leiche von Tom, dem vermissten Wanderer. Oh verdammt.

Agent Saitou benachrichtigt umgehend die Polizei. Große Aufregung, auch wenn die Tötung einem Bären, oder besser einer ganzen Familie von Bären, zugeschrieben wird, nicht einem riesenhaften Ungeheuer. Auch der Schäfer taucht irgendwann auf und ist völlig aus dem Häuschen, weil sein Hund verschwunden ist. Und weil sein Gold gestohlen wurde. Oho. Bei den anwesenden Polizisten will der Mann Anzeige wegen des Diebstahls erstatten, aber als Agent Saitou wissen will, wieviel Gold es genau war, und sich den Claim zeigen lassen will, rudert der Kerl verdächtig schnell zurück und macht wieder einen Abgang.

Ian Hooper-Winslows Luxuskarosse ist natürlich längst verschwunden. Das Vlies ist weit und breit nicht zu finden. Überraschung. Vor Wut darüber, dass ihr verhasster Cousin ihr die Trophäe vor der Nase weggeschnappt hat, haut Irene die geballte Faust gegen einen Baumstamm, was der Faust allerdings mehr wehtut als dem Baum. Ethan, der den Wutausbruch mit angesehen hat, tritt hinter die Britin und legt ihr wortlos die Hand auf die Schulter. Mit blitzenden Augen fährt sie zu ihm herum, noch immer außer sich. „Du riskierst einen Kieferbruch, wenn du mich nochmal anfasst, wenn ich wütend bin!“
Ethan erwidert ihren Blick gleichmütig und zuckt die Schultern. Dann riskiert er einen Kieferbruch. Soll sein.

Agent Saitou schlägt hilfsbereit vor, man könne offizielle Ermittlungen aufnehmen, falls Irene stichhaltige Beweise liefern könne, dass ihr Cousin mit dem Diebstahl des Vlieses zu tun habe. Dafür sorgen, dass er am Flughafen aufgehalten wird. Aber die Engländerin fragt sarkastisch und nicht ganz ungerechtfertigt, ob er hier irgendwelche Beweise sehe. Offiziell war Cousin Ian einfach hier wandern und hat sich aus reiner Neugier für das Vlies interessiert, wie alle anderen Museumsbesucher in Helena auch.

„Hmm", macht Ethan nachdenklich. „Plausibler Verdacht?“ Aber nicht mal dafür reicht es, wie es scheint. Drecksmist. Wobei Irene sogar beinahe erleichtert darüber aussieht.

Ms. Bush kündigt an, gemeinsam mit Agent Saitou weiter in der Geldwäschesache recherchieren zu wollen, auch wenn der Zyklop jetzt tot sei. Bei der Bemerkung wird die Britin sofort etwas munterer und erklärt, wenn die Journalistin einen Beweis dafür beibringen könne, dass das Vlies eine Fälschung sei, wolle sie Chloe mit Gold überschütten. Stimmt, Chloe hatte ja etwas davon gesagt, dass es bei der Geldwäsche irgendwie um gefälschte Kunstwerke gehe. Aber trotzdem. Dass das Vlies eine Fälschung sein soll, kann Ethan sich nicht so recht vorstellen. Das Fell zu galvanisieren, klar, kein Problem, aber glaubhaft die Flügel daran zu befestigen? So glaubhaft, dass Ian das nicht durchschaut? „Ach Ethan", seufzt Irene. „Lass mir doch mein Wunschdenken!"

Erst jetzt, wo der Schäfer wieder verschwunden ist, kommt ihnen der Verdacht, dass der vielleicht sehr genau wusste, was sein Zyklopenhund da tat. Dass vielleicht sogar er es war, der die Bestie losgeschickt hat, um das Vlies zu stehlen. Aber auch hier: Keine Beweise. Drecksmist.

Agent Saitou steht vor der schweren Aufgabe, Toms Verlobte über dessen Tod zu informieren. Ethan beneidet ihn nicht darum. Üble Sache. Aber so hat die Frau wenigstens Gewissheit. Kann ein Begräbnis abhalten und richtig trauern. Ethan beißt die Zähne zusammen. Verdammt. Diese Chance hat er selbst seiner Familie nie gegeben. Seine Hände krampfen sich zu Fäusten. Egal was Barry gesagt hat, er kann sich jetzt nicht mehr bei ihnen melden. Es sind zehn Jahre vergangen. Selbst wenn sie nie Gewissheit hatten, inzwischen müssen sie davon überzeugt sein, dass er tot ist. Jetzt die Nachricht zu erhalten, dass er noch am Leben ist, wäre ein zu großer Schock, zumal er in seinem Job ja ohnehin jeden Tag draufgehen kann. Also muss er tot bleiben, so weh das auch tut.

Nachdem er von Agent Saitou weder verhaftet noch zum Verhör geladen noch sonstwie größer beachtet worden ist und seine Begleiter sich allesamt verabschiedet haben, fährt Ethan zu Sophia Barbas. Die Mäzenin ist eine Frau von klassischer Schönheit um die fünfzig. Wieviel dieser Schönheit allerdings Schminke und Skalpell zuzurechnen ist, kann Ethan nicht sagen. So oder so strahlt die Griechin eine Aura kühler Arroganz aus und bedenkt Ethan kaum eines Wortes. Und die Worte, mit denen sie ihn bedenkt, triefen vor Herablassung. Er hatte sich ein Bild von ihr machen wollen, und das Bild, das sich ihm bietet, ist kein gutes. Ja, Ethan kann sich sehr gut vorstellen, dass sie in Geldwäschegeschäfte verwickelt ist. Irgendwas dazu sagen, in welcher Beziehung sie zu Bones Gate steht und wieviel die über ihre Geschäfte wissen, will sie jedenfalls nicht. Oha. Ist sicherlich besser für Bones Gate, wenn die Verbindung nicht mit den krummen Geschäften von Ms. Barbas in Verbindung gebracht werden kann. Und jemand, der solche Machenschaften betreibt, dem sollte das Handwerk gelegt werden.

Also sagt Ethan im Gespräch nichts von den Ermittlungen gegen die Griechin. Lässt sich von ihr nur abkanzeln, dass er zu spät vor Ort war, um die versprochene Sicherheit für das Vlies zu liefern. Mit der mehr als offenen Andeutung, dass der Diebstahl seine Schuld war. Alles klar, Lady. Wenn sie das so haben will, ist Bones Gate ohne sie besser dran.

Aus dem Internet erfährt er einige Zeit später, dass Sophia Barbas zwar entkommen ist, ihre Gelder aber aufgrund der erfolgreichen Ermittlungen des FBI eingefroren werden konnten.

Es dauert noch einige weitere Tage, bis Ethan Dekan Brimley, dem er gleich nach seiner Rückkehr von dem Zyklopen und dem Diebstahl des Vlieses Bericht erstattet hat, im Vorbeigehen zu einer Gruppe von Studenten sagen hört, dass Bones Gate in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Nicht so, dass Grund zur Panik wäre, aber jetzt mit dieser ‘Sache’ könne man den freiberuflichen Jägern erst einmal keine Artefakte mehr abkaufen. Jedenfalls nicht solange, bis nicht die Gelder der Barbas wieder frei sind oder eine neue Quelle aufgetan worden ist.

Oh oh. Hat Ms. Barbas also doch ganz direkt für Ethans Arbeitgeber Geldwäsche betrieben. Und er ist dafür verantwortlich, dass dem ein Ende gesetzt wurde, weil er die Mäzenin nicht gewarnt hat. Aber er ist tatsächlich davon ausgegangen, dass das ihre eigenen schmutzigen Deals waren, die sie da am Laufen hatte. Wenn Bones Gate da jetzt doch mit drinhängt…

Verdammt. Aber klar, Chloe sagte ja etwas von wegen Kunstwerken. Beim Jagen erbeutete Schätze kann man vermutlich nicht einfach so verkaufen, wenn es nicht durch zig Kanäle geht. So ganz versteht Ethan es trotzdem nicht. Jagdartefakte illegal verkaufen, damit man von dem Geld andere Jagdartefakte erwerben kann? Und die Tatsache, dass sein Arbeitgeber in illegale Machenschaften verstrickt ist, passt ihm auch so gar nicht. Nicht, dass er selbst nicht schon illegale Dinge getan hätte. Man kann nicht zehn Jahre lang Jäger sein, ohne nicht die eine oder andere illegale Tat zu begehen. Aber Ethan hat zumindest immer versucht, eine so weiße Weste zu behalten, wie es nur irgend geht. Und was er tut, ist eine Sache. Bones Gate sind… sind… Naja. Eine Uni eben, oder zumindest von einer Uni. An einer Uni. Professoren und Studenten. Die Guten eben. Oder sollten es zumindest sein.

Drecksmist. Wie weltfremd und blauäugig sich das anhört. Er macht den verdammten Job jetzt seit zehn Jahren. Er sollte es eigentlich besser wissen. Tut er nur scheints nicht, denn das neue Wissen schmerzt. Auch, weil ihm klar wird, dass Dekan Brimley es nicht für nötig gehalten hat, ihn vollständig zu informieren. Okay. Er ist nur der Hausmeister. Aber er ist eben auch Jäger. Mehr Jäger als Hausmeister. Und vielleicht sogar mehr Jäger als die Angehörigen von Bones Gate, die diesen ganzen Mist als amüsanten Zeitvertreib für einen langweiligen Sonntagnachmittag ansehen. Ist aber egal. Tut nichts zur Sache. Nur: Wenn er für Bones Gate jagen soll, dann sollte er auch im Besitz aller Informationen sein.

Aber das kann er dem Dekan nicht sagen. Die Worte wollen nicht kommen, als er irgendwann das Gespräch mit dem Professor sucht. Selbst seine vorsichtige Andeutung, der Diebstahl hätte vielleicht verhindert werden können, wenn der Dekan ihm den Auftrag früher erteilt hätte, hat die irritierte Reaktion zur Folge, dass Brimley den Auftrag doch in Ethans Fach gelegt habe. Vor… Wochen. Tagen. Jedenfalls rechtzeitig. Und Ethan sei derjenige gewesen, der wochenlang unterwegs war und nicht zu erreichen.

Sehr wohl zu erreichen. Immerhin hat er regelmäßig mit Ms. Burke telefoniert. Okay. Kurze Gespräche. Knappe Updates. Aber regelmäßig. Aber Ms. Burke wusste scheints auch gar nichts davon. Bis ganz zuletzt jedenfalls, als Dekan Brimley die Sache ihr gegenüber irgendwann eher in einem Nebensatz erwähnte und sie, gute PA, die sie ist, nachhakte.

An eine E-Mail hat der Dekan natürlich nicht gedacht. Mit diesem neumodischen Computerkram hat er es nicht so. Der Auftrag lag ja im Fach. Wie das an einer Universität so üblich ist.

Ethan seufzt. Schon. Nur war Jake Zimerman, der Student, der das Fach normalerweise in Ethans Abwesenheit für ihn ausleert, mit gebrochenem Bein erst im Krankenhaus und dann mit anderen Sorgen beschäftigt, als an Ethans Fach zu denken oder Ethan über seinen Ausfall in Kenntnis zu setzen. Sportstipendium und Beinbruch: keine gute Kombination, schon klar. Ist halt alles richtig blöd gelaufen.

Und so lässt Ethan die Pikiertheit seines Arbeitgebers mit angemessen betrübtem Gesicht auf sich niedergehen und vergräbt sich in der Folge in seiner Arbeit. Von Sam, der er kurz nach seiner Rückkehr geschrieben hatte, hat er nach deren schneller Antwort und seiner umgehenden Reaktion darauf bisher keine weitere Nachricht bekommen. Dafür eine SMS von Bart Blackwood, der auch irgendwie von der ganzen Aktion Wind bekommen hat und wissen will, wie groß der Schaden ist.

Naja. Die Welt dreht sich noch. Aber doch. Das hätte definitiv alles irgendwie besser laufen können.

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Timberwere

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