Mädchenkram - Supernatural

Ethans Rückblenden

Mitte Juni 2002

Montag Morgen. Frühstückszeit. Gutmütiges Chaos am Tisch.

“Alan! Hör’ jetzt endlich auf, mit diesem Flummi zu spielen!”
Alan, neun Jahre alt und von ebensoviel Energie erfüllt wie der kleine Ball aus Hartgummi, den er ununterbrochen neben dem Tisch auf- und abspringen lässt, gibt ungefähr eine halbe Minute lang Ruhe, ehe der neonbunte Flummi wieder auf den Boden prallt.
Ethan beobachtet die Sprungbahn des Balls ein paarmal, ehe er nach dem dritten Aufprall blitzschnell die Hand ausfährt und den Flummi einfängt. “Hab’ ihn, Mom!”

Während Ethan jetzt selbst den kleinen Ball unter der Handfläche auf der Tischplatte herumrollt, streckt Alan ihm die Zunge heraus und hat eine Sekunde später den nächsten Flummi aus der Tasche geholt, um ihn gleich darauf auf dem Küchenboden springen zu lassen. Dieser besteht aus verschiedenen Grüntönen, nicht aus Neonfarben.
Ihre Mutter verdreht die Augen. “Alan Robert Gale! Wo hast du nur die ganzen Dinger her?”
“Aus der Pizzeria gestern Abend”, erklärt Ethan mit der ganzen hilfsbereiten Weisheit seiner zwölf Jahre. “Bei dem einen Videospiel gibt’s die als Trostpreise.” Das Spiel, eine Geschicklichkeitsübung, bei der man auf einer Skipiste Hindernissen ausweichen muss, ist tatsächlich ziemlich cool, auch wenn Ethan natürlich viel zu erwachsen war, um gestern abend, ehe die Pizza kam, vom Tisch aufzuspringen und im Restaurant herumzurennen oder Dad um einen Vierteldollar für eines der Geräte im Hinterzimmer anzubetteln.
“Aha”, macht Mom trocken, “Verstehe. Also kein Kleingeld mehr bei Bob’s. Und ich meine es völlig ernst, Alan, hör’ jetzt auf damit!” Sie streckt fordernd die Hand aus, und nach ein wenig Schmollen legt Alan den Flummi hinein. Sein Gesicht macht deutlich, dass er noch weitere der kleinen Bälle in der Tasche hätte, aber zumindest für’s Erste ist er so vernünftig und hält sich zurück.

Dad hat das Hin und Her mit amüsierter Miene, aber kommentarlos verfolgt. Jetzt schenkt er sich eine weitere Tasse Kaffee ein und lächelt Mom an. “Reichst du mir mal die Milch, bitte, Dorothy?”
Fiona, die für ihre dreieinhalb Jahre schon ganz schön aufgeweckt ist, stemmt die Fäuste in die Seiten und funkelt ihren Vater empört an. “Daddyyyy! Mommy heißt De-bo-rah! Nicht Do-ro-thy!”
Alan ruffelt der kleinen Schwester durch das Haar. “Du bist ein Dummerchen, Fi. Das ist ein Kosename! Dads ganz spezieller Familien-Kosename für Mom.”
“Das weißt du aber auch nur, weil du denselben Fehler gemacht hast, du Schlaumeier!” wirft Ethan altklug ein. “In der ersten Klasse hast du allen erzählt, Moms Name ist Dorothy, als gefragt wurde, wie eure Eltern heißen!”
Alan wird feuerrot bei dieser Erinnerung an den hochnotpeinlichen Moment und reagiert mit einem Gegenschlag. “Und du hast gedacht, Mom hat die Bilder für den ‘Zauberer’ gezeichnet, hat Mom erzählt! Dabei weiß doch jedes Baby, dass die Bilder genauso alt sind wie das Buch – bestimmt hundert Jahre!!!”
Jetzt ist es an Ethan, vor Verlegenheit rot zu werden. Dass er so albern war und nicht wusste, dass die Zeichnungen im ‘Zauberer von Oz’ nicht von Mom stammen können, ist doch echt ewig her! Da war er noch im Kindergarten!

Um von dem peinlichen Moment abzulenken, sieht er Fiona an. “Der ‘Zauberer von Oz’ ist unser Buch, Fi. Von uns allen. Weißt du was, ich les’ es dir vor. Hast du Lust? Darf ich Fi den ‘Zauberer’ vorlesen, Mom?”

Mom lächelt. “Darfst du. Ihr wart auch so in dem Alter, wisst ihr noch?” Sie schmunzelt. “Aber nicht in einem Stück, und vor allem nicht jetzt. Esst auf, sonst kommt ihr noch zu spät zum Schulbus.”
Bei dem Wort ‘Schulbus’ verfinstert sich ihre Miene schlagartig. “Und, Ethan, ich will, dass du dich gleich als allererstes bei William entschuldigst, hast du mich verstanden? Und nach der Schule gehst du zu Mr Aronson und entschuldigst dich auch bei dem.”
“Mo-oooom!”
“Keine Widerrede, Ethan. Du hast William mit der Aktion zu Tode erschreckt. Und den armen Mr Aronson auch. Was hast du dir nur dabei gedacht, einfach eine Spraydose hinten aus dem Bus zu werfen?”
“Hab ich doch erzählt”, murmelt Ethan kleinlaut. “Joe hat mit der Dose rumgefuchtelt, und auf einmal ist da ganz von alleine der Sprüh-Dampf rausgekommen und hat nicht wieder aufgehört. Wenn ich die nicht rausgeworfen hätte, wären wir vielleicht alle erstickt.”
Seine Mutter schüttelt den Kopf. “So schnell erstickt man nicht von ein bisschen Spray. Warum hatte Joe überhaupt eine Sprühdose dabei? Du hättest William Bescheid sagen sollen. Dann hätte der angehalten und die Dose entsorgt. So hast du Mr Aronson zu einer Vollbremsung gezwungen, und die Dose ist auf sein Auto geprallt.”

“Nach der Schule entschuldigst du dich nicht nur bei Mr Aronson.” Jetzt mischt Dad sich auch noch ein. Oh Mann! “Du erklärst ihm auch, dass du solange den Rasen für ihn mähen oder sonstige Arbeiten für ihn erledigen wirst, bis du die Reparatur des Autos abgegolten hast.”
“Boah, Da-aaaaad!”
“Wenn du Glück hast, lehnt er das Angebot ab. Aber anbieten wirst du es ihm, und zwar ernst gemeint, hast du mich verstanden?”
Ethans Stimme klingt sehr zerknirscht. “‘Kay, Dad.”

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Ende November 2005

Junior Year. Ethan ist nicht massig, sondern eher schmal, aber er ist flink auf den Füßen und einigermaßen groß, und er hat eine gute Hand-Auge-Koordination, also spielt er Basketball. Das Training ist gerade vorüber, und die Jungs und er wollen noch in den Diner auf eine Cola. Es ist gut gelaufen heute, und die Teenager unterhalten sich lebhaft über das Spiel gegen die Mannschaft einer benachbarten Schule, das am Wochenende stattfinden soll, während sie gut gelaunt die Abkürzung unter der Hansen Road hindurch nehmen, wo ein mannshohes Abflussrohr die Straße unterquert. In den letzten Tagen und Wochen war es ziemlich trocken, und so steht an diesem frühen Winterabend nur ein dünnes Rinnsal in dem Graben. Da kommen sie locker mit trockenen Füßen vorbei. Den leicht modrigen Geruch, der in dem Kanal meistens herrscht, ist die Zeitersparnis allemal wert.

Heute ist der Geruch besonders penetrant. Ein Gestank schon beinahe, und nicht nur nach Moder, sondern auch nach etwas anderem. Urin? Fäkalien? Ein Tierkadaver?
Naserümpfend eilen die Jungen durch den kurzen Tunnel, als sich vor ihnen in der Dunkelheit ein schwärzerer Schatten aufrichtet und Jesse einen überraschten Laut von sich gibt. Und dann wandelt sich das Geräusch, das Jesse macht, zu einem Schrei des Entsetzens, und der Tunnel ist erfüllt von rotglühenden Augen und von Klauen und Zähnen, und auch Ethan spürt, wie sich eine Pranke oder etwas dergleichen in seine Schulter schlägt, und dann laufen sie nur noch, laufen, so schnell sie ihre Beine tragen, die Sporttaschen habe sie längst fallen gelassen, aber Jesse ist nicht dabei, Jesse ist im Abflussrohr zurückgeblieben, und auch Nick ist nicht neben ihnen, als Frank und Ryan und Ethan mit vor Panik geweiteten Augen die Böschung hochstolpern und oben rennen, was ihre Beine nur hergeben.

Kein Auto, warum kommt kein Auto, so unbelebt ist doch nicht mal die Hansen Road um diese Zeit, so spät ist es doch noch gar nicht, aber es ist kein Auto in Sicht, weit und breit, und sie rennen, und der Schatten folgt ihnen, und mit einem Mal stolpert Ryan, strauchelt, warum, warum stolpert er, da war doch gar nichts auf dem Weg, und Ethan hält seinem Freund die Hand hin, will ihn hochziehen, aber schon ist der Schatten bei ihnen angekommen, wie hat er das gemacht, war er nicht eben noch da hinten, und Ethan hört eine heisere, hechelnde Stimme. “Ihhhrrr, ich rrrrieche euuuuch! Guuute Jaaaaaagd!”

Oder hat er sich die Stimme nur eingebildet? Denn während er noch versucht, Ryan mit sich zu ziehen, versucht, gegen den Widerstand des ebenfalls an Ryan zerrenden Schattens anzukommen, gibt der Widerstand plötzlich nach, und Ethan hat Ryans Arm in der Hand, und er lässt ihn schreiend fallen, warum schreit er nicht ohnehin schon die ganze Zeit, er fühlt sich so, als müsse er sich die Seele aus dem Leib schreien, und der Schatten spielt mit dem, was mal Ryan war, und Ethan muss rennen, lieber Gott steh mir bei, er muss rennen, rennt, wie er noch nie in seinem Leben gerannt ist, und Frank rennt neben ihm.

Sie rennen, bis die Lunge brennt und die Beine keinen Schritt mehr tun können, atmen in abgehackten, hechelnden Zügen. Auf dem Weg hinter ihnen ist kein Schatten zu sehen. Gehend jetzt setzen sie ihren Weg fort, kommen nur langsam wieder zu Atem. Ethans Handy steckt in seiner zurückgelassenen Sporttasche, und bei Franks ist während des Trainings der Akku leergelaufen, hat er vorhin festgestellt. Vorhin, als die Welt noch normal war.
“Die Jungs… wir müssen… Krankenwagen… Polizei…” keucht Ethan, und Frank nickt. “Zu mir… ist näher, da können wir… anrufen…”

Bis sie bei Franks Haus angekommen sind, haben sie wieder einigermaßen Atem geschöpft. Sie wollen eben in die Auffahrt einbiegen, da dringt der Gestank von Urin und Fäkalien und Kadaver an Ethans Nase, und der Schatten hat sie eingeholt. Seine schemenhaften Pranken schlagen zu, Frank geht mit einem ersterbenden Schrei zu Boden, und Ethan rennt wieder, rennt und rennt und rennt. Und weiß, dass er nicht nach Hause kann, denn das Ding verfolgt ihn, und er darf es nicht nach Hause führen, zu Mom und Dad und Alan und Fiona, er muss es weglocken, und er muss in Bewegung bleiben, denn das Ding wird ihn jagen und niemals aufgeben, niemals…

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Mitte April 2006

Mechanisch setzt Ethan einen Fuß vor den anderen. Er darf nicht anhalten. Muss in Bewegung bleiben. Im Gehen ausruhen. Vorhin hat er ein Schild gesehen. Noch 8 Meilen zum nächsten Ort. Franklin. War er nicht schon mal in Franklin? Muss ein anderes gewesen sein. Wer weiß schon, wie viele Franklins es in den USA gibt. Hoffentlich findet er dort jemanden, mit dem er mitfahren kann. Er hätte nicht von der Busroute abweichen sollen. Da muss er erst wieder hin. Aber er hat auch kaum mehr Geld. Entweder Ticket oder was zu essen. Im Zweifel lieber was zu essen, neue Kraft tanken und weiterlaufen? Oder in den Bus setzen, schlafen, einen Vorsprung vor dem Ding herausholen und nach dem Aussteigen ein paar Dollar verdienen, solange der Vorsprung hält? Beides hat er in den Monaten auf der Flucht oft genug gemacht, keines davon hat sich als das definitiv Bessere herausgestellt. Er wird es sehen, wenn er ankommt. Aber vermutlich muss es diesmal auf Schlafen im Bus mit leerem Magen hinauslaufen. Seine Schuhe sind schon verdammt abgetreten. Und bequeme Schuhe sind das Leben, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn er ein paar Dollar verdient hat, kann er vielleicht neue kaufen. Und hat hoffentlich dann noch genug über für was zu essen. Zum Glück ist es inzwischen richtig Frühling geworden. An den Winter erinnert er sich nur mit Schaudern zurück.

Ethan ist so in den stetigen Rhythmus seiner Schritte versunken, seine ganze Wachsamkeit so auf die Anzeichen für das Ding konzentriert – das heisere Hecheln und Schnüffeln, der Gestank nach Urin und Fäkalien und Kadavern, den er inzwischen zielsicher von ganz normalem Fäkaliengestank unterscheiden kann, so oft hat das Ding aufgeholt, ihn beinahe erwischt – dass er das näherkommende Auto gar nicht so recht registriert. Erst als es neben ihm anhält und ein Fenster heruntergekurbelt wird, sieht er auf. „Wo geht’s denn hin, Junge?“
„Franklin, oder weiter. Besser weiter.“ Es ist immer ein Risiko, einem Erwachsenen zu sagen, dass er weit trampt. Kleine Strecken sind glaubhafter, führen nicht zu so vielen Fragen. Aber jede Meile, die dieser Typ – Mitte Dreißig vielleicht, kurze blonde Haare, Stoppelbart – ihn mitnimmt, ist eine Meile Vorsprung vor dem Ding. Eine Meile Atempause. Eine Meile Überleben.
Der Mann beugt sich hinüber zur Beifahrerseite, öffnet die Tür. „Steig ein.“

Dankbar lässt Ethan sich in den Sitz fallen. Erst jetzt merkt er so richtig, wie schwer seine Beine sind. „Danke, Mister. Wirklich.“ Der andere brummt missmutig, nickt aber und fährt los. „Ich fahre bis Greenville“, sagt der Mann einige Minuten später, als das Ortsschild von Franklin in Sicht kommt. Mehr sagt er nicht, muss er auch nicht sagen. „Das wäre echt nett, Mister, wenn Sie mich weiter mitnehmen würden.“ Der Mann nickt. „Stört es Sie, wenn ich die Stunde schlafe?“ Es ist unvernünftig, unvernünftig, unvernünftig, im Auto eines Fremden einzuschlafen, aber er kann nicht mehr. Wenn der Typ ihn im Schlaf umbringen will, dann bringt er ihn um. Macht vermutlich wenig Unterschied, ob Ethan wach ist oder nicht, wenn der Typ ihm wirklich was Böses will. Der Mann sieht ihn mit einem sehr seltsamen Blick an, scheint sich den Kommentar aber anders zu überlegen. „Greenville, South Carolina. Nicht Greenville, Georgia. Drei Stunden, nicht eine.“ Oh wow. Drei Stunden Fahrt? Drei Stunden ausruhen und Vorsprung gewinnen? Ohne einen Cent zahlen zu müssen? Oh. Wow. „Greenville, South Carolina, ist super. Danke.“ Ethan schließt die Augen und ist schon beinahe weg, als er mit einem erschreckten Japsen wieder zu sich kommt. „Sie müssen mir was versprechen, Mister. Bitte halten Sie nicht an. Bitte fahren Sie einfach durch, solange ich schlafe, ja? Oder wecken Sie mich auf, wenn Sie anhalten. Das ist echt wichtig. Bitte, versprechen Sie’s!“
Der Fahrer schweigt und mustert Ethan eindringlich aus verengten Augen. Seine abgetragene Kleidung, die aufgerissenen Jeans. Die Turnschuhe, die mehr als nur erste Auflösungserscheinungen zeigen. Die magere Gestalt. Das zottelige Haar. „Du bist nicht einfach nur so abgehauen", sagt er dann. „Du läufst vor was weg. Und zwar ernsthaft. Wie lange schon?“
Ethan sackt in seinem Sitz zusammen. Oh Dreck. Er war zu unvorsichtig. Es ist vorbei. Jetzt wird der Typ ihn beim nächsten Sheriffbüro abliefern, und die werden ihn einsperren, während sie herausfinden, wer er ist und wo er herkommt, und währenddessen wird das Ding zu ihm aufschließen, und dann ist er tot. Er, und das ganze Sheriffbüro mit ihm. Aber seine Flucht war ohnehin nur geborgte Zeit. Auf Dauer kann man dem Ding nicht entkommen. Niemand hält ewig durch. Zumindest niemand, der kein Geld und kein eigenes Auto hat. Ethan schweigt kläglich. Der Blick des Mannes wird härter. Fordernder. Auch sein Tonfall. „Wie lange schon?“
Ethan schluckt. Traut seiner Stimme nicht recht, aber die Worte kommen doch, leise und unsicher. „Was für ein Monat ist?“
Der Mann lacht auf und schüttelt den Kopf. „Scheiße. April. Mitte April. Du weißt nicht mal, welchen Monat wir haben? Raus mit der Sprache: vor was läufst du weg?“
„Sie würden mir nicht glauben.“
Der Mann schnaubt. „Lass das mal meine Sorge sein.“

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– hier", beendet Ethan seine Erzählung. Sonderlich lange hat sie nicht gedauert, auch wenn er anfangs öfter ins Stocken kam und zögernd zu dem Typen rüberschaute. Aber der hat ihn weder unterbrochen noch für verrückt erklärt, und so wurde Ethans Bericht irgendwann flüssiger.

„Verstehe“, nickt der Mann. „Wie heißt du, Junge?“
„Ethan“, murmelt er. „Ethan Gale.“
Der Typ nickt wieder. „Ich hab da so einen Verdacht. Muss den nur erstmal bestätigen.“
Er sieht auf die Straße, klappt gegen die tiefstehende Sonne des fortschreitenden Nachmittags die Sichtblende nach unten. „Du kannst was schlafen. Wenn wir anhalten, sag ich bescheid.“

Der Mann hält Wort. Ein Rütteln an der Schulter holt Ethan wieder ins Jetzt. Sie rollen gerade auf den Parkplatz einer Burgerkette. „Du hast bestimmt Hunger.“
Ethan nickt eifrig – eifriger, als er vorhatte. Aber sein Magen knurrt auch heftiger, als er sich das eigentlich hatte anmerken lassen wollen.
Während Ethan heißhungrig erst zwei große Burgermenüs samt Cola, dann hinterher noch ein Eis verdrückt, führt der Mann ein Telefonat. „Problem“, fängt er nach der Begrüßung an und liefert seinem Gesprächspartner dann eine kurze Zusammenfassung dessen, was Ethan über das Ding erzählt hat. „Ich vermute mal, das könnte ein— genau. Ja genau, das war mein Gedanke.“ Dann nickt und mmhmt er vor allem und wirft ein, zwei Kommentare ein, aus denen Ethan aber ohne Zusammenhang nicht sonderlich schlau wird. Mit einem letzten „Alles klar. Yep. Danke. Ich melde mich.“ legt der Typ dann auf, steckt sein Telefon weg und wendet sich seinem jungen Mitfahrer zu.
„Wie ich mir dachte. Du hast einen Harrdhu am Hals. Hässlich.“ Täuscht Ethan sich, oder ist da beinahe sowas wie Respekt im Blick des Älteren zu erkennen?
„Geben nicht auf, wenn sie mal hinter was her sind.“ Der Typ schnaubt ironisch. „Wie du gemerkt hast. Ziemlich zäh. Aber nicht unbesiegbar.“

Ethan sieht seinen Fahrer aus großen Augen an. „Sie… Sie glauben mir? Und Sie… Sie wissen, was das für ein Ding ist? Und… und was man dagegen machen kann?“
Das jähe, völlig unerwartete Gefühl der Hoffnung, das ihn mit einem Mal durchflutet, ist unbeschreiblich. Erst jetzt wird Ethan so richtig klar, wie sehr er in all den Monaten auf der Flucht tief im Inneren eigentlich völlig davon überzeugt war, dass er für den Rest seines Lebens fliehen würde. Dass er alles geben würde, was er nur hatte, dass es über kurz oder lang aber völlig aussichtslos wäre. Dass er eigentlich schon längst tot war, es nur noch nicht wahrhaben wollte. „Aber nicht unbesiegbar.“ Dieser eine kurze Satz, dieser eine kleine Hoffnungsschimmer, bringt sein Herz beinahe zum Stillstehen. Und die lapidare Antwort des Mannes auf seine Frage, die ihm bekräftigt, dass er sich nicht verhört hat, fast noch mehr.
Der Mann grinst. „Klar. Verwirren, indem man seinen Geruchssinn lahmlegt. In einen Kreis einschließen, aus dem es nicht rauskommt. Und dann abstechen.“

Ethan nimmt einen zittrigen Atemzug. Reißt sich dann zusammen und nickt dem Mann zu. „Okay… Und… wie?“
„Iss mal fertig. Wir müssen paar Sachen besorgen. Kannst du fahren?“
Ethan nickt wieder. Seinen Führerschein hat er letzten Herbst gemacht, kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag.
„Gut. Wir müssen in Bewegung bleiben, die ganze Nacht. Wer nicht fährt, schläft. Morgen besorgen wir den Kram: Veilchen, Silbernitrat, eine Waffe aus Messing. Und dann suchen wir uns einen Ort, wohin wir das Mistvieh kommen lassen. Und dann…“ Der Mann zuckt mit den Schultern und zerschneidet mit der Hand die Luft.
Ethan nickt ein drittes Mal. Er wagt nicht zu fragen, warum der Mann das alles für ihn tut. Er muss doch Besseres mit seiner Zeit vorhaben. Eine Familie, zu der er unterwegs war. Oder selbst wenn nicht – warum will er sich für einen fremden Jungen in die Gefahr begeben, auch von dem Ding zerrissen zu werden? Aber der Typ sieht aus, als wisse er, was er tue. Ihn umgibt eine Aura der kühlen, praktischen Kompetenz. Wenn er sagt, dass sie das Ding – diesen Harrdhu – mit Veilchen, Messing, und was war das Dritte? Silbernitrat? besiegen können, dann glaubt Ethan ihm das. Denn selbst wenn es nicht stimmt und das Ding ihn umbringt, wenn sie es stellen. Oder wenn der Typ ihn verarscht und ihm doch was Böses will. Tot ist er auch, wenn er sich alleine wieder auf den Weg macht.
„Wie heißen Sie eigentlich?“
Der Mann zündet sich eine Zigarette an. „Caleb Fisher. Nenn mich Cal. Und hör mit dem ‘Sie’ auf.“

Am nächsten Abend ist es soweit. Sie haben alles bekommen, von dem Cal sagte, dass sie es brauchen. Und einen Ort gefunden, wo sie dem Ding auflauern können. Eine Wiese mitten im Nichts, wo sie hoffentlich niemanden gefährden außer sich selbst und wo sie einen guten Blick in die Umgebung haben, wenn das Ding kommt. Aber mit einer alten Holzhütte als Deckung.
„Also. Der Harrdhu jagt dich, und momentan nur dich. Der wird sich erstmal auf dich konzentrieren, das werden wir ausnutzen.“ Cal deutet auf die Hütte. „Du tust so, als wärst du völlig erledigt. Und wenn er dann kommt…“

Harrdhui orientieren sich beinahe ausschließlich nach ihrem Geruchssinn, hat Cal gesagt. Also ist es wichtig, als allererstes den auszuschalten. Ethan lauert, an die Außenwand der Hütte gelehnt, in einer Hand die Flasche mit der Veilchenessenz, in der anderen die Waffe. Hin und wieder muss er sich bewegen, damit ihm die Beine nicht einschlafen. Und weil ihm mulmig zumute ist. Ach was. Viel, viel mehr als mulmig. All die Monate ständig auf der Flucht, und jetzt? Jetzt soll er einfach hier sitzen und darauf warten, dass das Ding, vor dem er so lange weggelaufen ist, ihn einholt? Alles in ihm schreit danach, auf den Plan zu pfeifen. Wie lange hockt er jetzt schon hier? Stunden. Es ist längst dunkel.

Ethan wird immer nervöser. Er ist kurz davor, tatsächlich den Rückzug anzutreten, da riecht er es. Den unverwechselbaren, widerlichen Gestank, der sich in sein Gedächtnis eingebrannt hat wie nichts zuvor. Der Harrdhu ist hier. Mit einem Mal klopft sein Herz bis zum Hals, und er zittert.
Der Harrdhu schnuppert. Seine gelben Augen leuchten in der Dunkelheit, und Ethan glaubt, Worte in dem Geschnüffel ausmachen zu können. Er kommt näher… näher… gleich wird er springen, er kann doch Entfernungen urplötzlich überbrücken… das Ding ist nah, viel zu nah, warum hat er sich nur darauf eingelassen, jetzt hat es ihn erwischt – und ehe er es sich versieht, ehe er überhaupt selbst weiß, dass er es tun wird, schleudert er dem Monster den Inhalt der Flasche entgegen. Intensiver Veilchengeruch dringt an seine Nase, überdeckt beinahe den ekelerregenden Gestank des Dings. Aber in seiner Panik war er zu früh. Die Hälfte der Flüssigkeit schwappt nicht dem Harrdhu in die Nase, sondern an ihm vorbei, und das Monster schreit wütend auf und springt auf Ethan zu. In den Kreis aus Silbernitrat hinein, den sie vorher um Ethan herum gezogen haben, aber es ist nicht so behindert, wie es hätte sein sollen. Ethans Schlag mit der sorgfältig geschärften Messinglanze streift die schwarze, schrumpelige Haut nur, statt sie zu durchstechen, und rasiermesserscharfe Krallen rammen sich in Ethans Schulter.

Vorbei, es ist vorbei, lieber Gott vergib mir, und beschütze Mom und Da—

Eine zweite Messinglanze durchbohrt das Monster von der Seite, und die Bestie schreit auf, hoch und markerschütternd und nicht enden wollend, und es dringt noch einmal ein besonders widerlicher Schwall von der Ausdünstung des Harrdhu an Ethans Nase, ehe die gelben Augen verlöschen und die Kreatur mit einem letzten Röcheln zu Boden fällt und stillliegt.

Ethan zittert am ganzen Leib. Er wirft einen Blick auf den toten Harrdhu, und mit einem Mal ist der Gestank so überwältigend, dass er sich heftig übergeben muss. Cal zieht die Lanze aus dem Biest heraus, wischt die Waffe mit knappen Bewegungen sauber, während Ethan verlegen zu Boden sieht.

„Ich… ich hab’s verbockt…“
Cal lässt die Lanze sinken, kommt zu ihm herüber.
„Keiner von uns ist tot. Das werte ich als Erfolg.“
Ethan nickt unbeholfen.
„Aber wenn Sie nicht gewesen wären…“
Cal lacht. „Und? Deshalb war ich doch hier. Aber klar, nächstes Mal kannst du das Monster alleine erlegen.“
Er holt eine Schachtel aus der Tasche und schüttelt eine Zigarette heraus. Zündet den Glimmstengel an und nimmt einen tiefen Zug. Dann hält er Ethan die Packung hin. „Auch eine?“
„Nein, ich…“ Ethan zögert. Seine Schulter tut höllisch weh, er hat im Mund den Geschmack von Erbrochenem, und er zittert noch immer. „Ja, bitte“, murmelt er und greift nach der Packung.

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Anfang Dezember 2007

“Nicht nur.“
Cal lächelt sardonisch. „Ach nein? Sondern?”
„Naja", druckst Ethan, „klar ist sie hübsch. Total hübsch. Aber auch klug. Und nett. Und geistreich. Und sie hat einen tollen Humor."
„Na dich hat’s ja schwer erwischt."
Ethan nickt etwas verlegen. „Glaub schon. Du musst sie unbedingt kennenlernen, Cal. Ich glaube, du wirst sie mögen."
Der Ältere wirft ihm einen kurzen Blick zu und starrt dann an ihm vorbei in die Ferne. „Warum sollte ich sie kennenlernen?"
Völlig perplex sieht Ethan seinen Mentor an. „Wa— Aber natürlich solltest du!”
„Was willst du ihr denn erzählen? ‘Hey, das ist der Typ, der mir gezeigt hat, wie man einem Vampir den Kopf abschlägt und wie man eine Leiche so zerstückelt, dass man keine Aufmerksamkeit erregt’?” Cals Grinsen zeigt etwas zu viele Zähne. „Klingt nach einer echt tollen Idee.”
„Nein, das…” Ethan schüttelt heftig den Kopf. „Das müssen wir doch nicht erwähnen! Du bist einfach ein Freund von mir, oder? Ich meine, irgendwann…” Er blinzelt, bricht ab, als ihm klar wird, dass er in Gedanken gerade fünf Schritte vor dem ersten getan hat. „Ähm. Also nur gesetzt den Fall, das, ähm…”, er räuspert sich, „… das wird was. Dann ist es doch klar, dass du sie irgendwann triffst!”
Cal starrt ihn für einen Moment an und sagt noch einmal, langsamer: „Wozu? Sei kein Idiot. Was sollte das bringen?“ Dann dreht er sich um und steckt sich eine Zigarette an. Ruhiger, mit dem Ausatmen des Rauches, sagt er: „Ich freue mich für dich, ehrlich. Aber wenn du das wirklich willst, wenn du so richtig mit ihr zusammen sein willst, und nicht nur ein bisschen vögeln, dann ist das hier vorbei.“ Er macht eine Handbewegung, die das Auto, ihn, die Straße umfasst. „Jagen und ein Mädchen oder eine Familie, das läuft nicht. Vergiss es.“
„Also, ich…” Verlegen zündet Ethan sich ebenfalls eine Zigarette an. „Ist ja nicht gesagt, dass das überhaupt was wird. Aber wenn…” Er sieht aus dem Fenster, auf die Berge ringsum und den mächtigen Fluss, an dem sich die Straße entlangzieht, ehe er den Blick wieder Cal zuwendet. „Warum läuft das nicht? Wegen des vielen Umherziehens?” Sie sind jetzt schon seit über einer Woche hier in der Gegend, aber es stimmt schon. In den letzten beiden Jahren haben sie nur selten mehr als zwei, drei Nächte an ein und demselben Ort verbracht.
Cal schnaubt. „Nein. Weil es verdammt noch mal gefährlich ist. Es hat seinen Grund, dass die meisten Jäger Einzelgänger sind. Du solltest doch selbst am besten wissen, wie schnell sich ein Monster an deine Fersen heftet. Nur macht das Ding dann nicht nur dich fertig, sondern auch den Zivilis…“ Er bricht kurz ab, als sich das Militärsprech seines Vaters in seine Worte schleicht. „…deine kleine Freundin. Oder brauchst du Beispiele? Ich habe genug Beispiele.“
Autsch. Ja klar. Da hat Ethan gerade gehörig auf dem Schlauch gestanden. Genau das war ja der Grund, warum er nicht mehr nach Hause konnte. Warum er sogar, nachdem der Harrdhu tot war, nie wieder Kontakt zu seiner Familie aufgenommen hat. Sachte schüttelt er den Kopf. „Verstehe schon.”
Den Rest der Fahrt über ist Ethan ziemlich schweigsam und nachdenklich. Als sie gegen Nachmittag an dem Motel ankommen, wo sie die letzten Tage übernachtet haben, zieht Ethan sich sofort in sein Zimmer zurück. Aber da hält es ihn nicht, und so macht er sich ziemlich bald auf einen Streifzug durch die winterliche, weitgehend unberührte Landschaft in der Nähe. Beim Gehen oder Laufen die Gedanken frei schweifen zu lassen, diese Angewohnheit hat er noch nicht so recht abgelegt – und wird er möglicherweise auch nie ganz ablegen, egal, wie lange es her sein mag.
Eine Stunde später ist er zu einem Entschluss gekommen. Er wird es tun. Carla ist es wert. Nicht nur wert. Sie ist diejenige. Sie ist diejenige, und Ethan wird mit diesem Leben aufhören.

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Juli 2008

Unabhängigkeitstag. Ihr erster gemeinsamer. Ethan hat vorgeschlagen, rauszufahren und sich das Feuerwerk von irgendwo außerhalb anzusehen, aber Carla kann sich für die Wildnis – oder auch nur für die wohlgepflegten Wege des städtischen Wandergebiets um den Mt. Tabor – nicht so recht begeistern. Also begehen sie den Tag ganz klassisch. Gemütlich ausschlafen. Ausgedehntes Frühstück. Picknick im Sellwood Park. Erst spazierengehen, händchenhaltend. Dann einen guten Platz für das Feuerwerk suchen. Essen. Trinken. Backgammon spielen, das Carla liebt und Ethan beigebracht hat. Er ist kein Meister darin, aber auch nicht völlig hoffnungslos unterlegen. Als es dunkel geworden ist, dem Farbenspiel zusehen und der Musik lauschen. Carla sitzt vor ihm auf der Picknickdecke, eng an ihn gekuschelt. Die ganze Wiese ist voller Menschen, die alle gebannt in den Himmel schauen. Carlas Kopf an seine Schulter gelehnt, Ethans Arme um Carlas Hüften. Der Duft ihres Haars streichelt seine Nase, und gelegentlich drückt er einen Kuss auf ihren Scheitel oder auf ihr Ohr, während sie gemeinsam mit der Nation ein neues Jahr beginnen. Kitschig? Klar. Aber wunderschön.

Es ist nach Mitternacht, bis die letzte Rakete abgefeuert ist und die Band verstummt. Sie haben es nicht eilig, ihre Sachen zusammenzupacken und sich Richtung Straße aufzumachen. Die Wege sind ohnehin überfüllt, und jede Menge Leute laufen auf der Wiese entlang. In der Nähe der überdachten Tribüne neben dem Podium, wo die Band gespielt hat, zieht Carla ihn in Richtung des Toilettenhäuschens. „Wartest du kurz?“

Ethan lehnt sich gegen einen Baum und beobachtet beiläufig die heimwärts strebenden Parkbesucher. Lässt den Blick schweifen und die Gedanken fliegen, wohin sie wollen. In diesem Falle zu Carla und zu der Tatsache, dass er zwar morgen wieder arbeiten muss und sie Vorlesungen hat, dass aber morgen keiner etwas sagen wird, wenn sie etwas später kommen. Sie können sich Zeit lassen. Er lächelt.

Jemand streift seinen Arm. Seltsam, er steht doch eigentlich extra weg vom Weg. Aber es sind ja noch so viele Leute unterwegs, dass er sich nicht wirklich wundert. Und er bringt die leichte Berührung nicht mit der Stimme in Verbindung, die gleich darauf an seine Ohren dringt.
„Ethan. Ethan Gale. Ethan Frederick Gale. Wenn ich dich nicht haben kann, soll keine andere Frau dich haben!“
Ethans Kopf ruckt hoch, und er sucht nach der Urheberin der Stimme. Was zum… Seine Jäger-Instinkte sind sofort angesprungen, aber schon vergeht die Dringlichkeit. Was für ein blöder Witz sollte das denn sein? Er schnaubt amüsiert.

Später, zuhause, erzählt er Carla von der Stimme. Sie kichert. „Da muss sie sich schon etwas Besseres einfallen lassen als diesen Hokuspokus, wenn sie will, dass ich dich verlasse.“ Spielerisch hält sie seine Hände fest, schubst ihn um. Sie kniet sich über ihn und stubst schelmisch seine Nase mit ihrer, während der Schalk in ihren Augen tanzt. Der Schalk, und noch etwas anderes. Amüsement. Liebe. Und Verlangen. Nein. Morgen werden sie definitiv nicht rechtzeitig aufstehen.

Die Stimme, die leise in Ethans Kopf widerhallt, als er Carla hinterher in die Arme nimmt und müde die Augen schließt, hat er am nächsten Morgen vergessen. „Einmal ist keinmal.“

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“Von wem ist die Karte?” Neugierig sieht Ethan seiner Freundin dabei zu, wie sie die von draußen mit hereingebrachte Post sortiert.
“Hmm?” macht Carla und reicht Ethan, ehe sie selbst ein schwer nach Universität aussehendes Schreiben betrachtet, einen schmalen braunen Umschlag. Gehaltsscheck, sehr gut, auch wenn Ethan sich manchmal fragt, warum sein Arbeitgeber eigentlich noch nicht auf Banküberweisungen umgestiegen ist. Tradition vielleicht, oder es kommt irgendwie billiger. “Die Karte meine ich”, wiederholt er und zeigt auf das bunte Rechteck aus dünner Pappe, das Carla zusammen mit einem Werbeprospekt und dem Unibrief in der Hand hält. “Woher ist die?”
“Ach so”, antwortet Carla und dreht die Postkarte um, so dass Ethan einen blauen Himmel, weiße Wolken und einen runden, schräg stehenden Turm sehen kann, während sie selbst die Textseite liest. “Italien. Mom und Dad sind doch diesen Sommer auf Kunst- und Familiengeschichtsreise.”

Ach stimmt. Dass die Eltern Bernadoni im Urlaub nach Europa wollten, hat Carla letztens schon mal erzählt. Ethan nickt und wirft einen weiteren Blick auf das Bild. “Was schreiben sie?”
“Das Übliche. Gutes Wetter, überwältigende Kultur, tolles Essen, interessante Museen. Oh, und einen entfernten Cousin haben sie getroffen.”

Huh. Entfernten Verwandten auf einem anderen Kontinent zu begegnen, zu denen man bisher keinen oder nur ganz wenig Kontakt hatte, klingt echt spannend. Ethan hat keine Ahnung, wann die Bernadonis in die USA eingewandert sind, aber wenn sie noch Verwandte in der alten Heimat finden konnten, dann wohl eher im 20. Jahrhundert, vermutet Ethan. Er wüsste zumindest nicht, dass seine Familie noch zu irgendwelchen entfernten Angehörigen in England Kontakt hätte. Wobei Dad früher immer davon gesprochen hat, mal auf der Insel Ahnenforschung zu betreiben. Seine amerikanischen Vorfahren sind ja bis in die 1840er oder so bekannt, aber nach Europa geht keine Spur mehr. Oder ging zumindest bis vor zweidreiviertel Jahren nicht. Ist ja möglich, dass seine Eltern inzwischen in dieser Richtung was unternommen haben; Mom war auch immer neugierig, was ihre österreichisch-ungarische Herkunft anging.
Ha. Schön wär’s. Die hatten in den letzten zweidreiviertel Jahren garantiert anderes zu tun, als sich um irgendwelche europäischen Vorfahren zu kümmern. Die sind garantiert immer noch auf der Suche nach ihm. So ein Mist. Er hätte schon längst —

Erst als Carla ihn aus seinen Gedanken reißt, bemerkt Ethan, dass er seinen Gehaltsbrief immer noch ungeöffnet in der Hand hält und schon viel zu lange blind auf den Umschlag starrt. “Was hast du?”
Ethan sieht auf, schenkt seiner Freundin dann ein verlegenes und ein wenig schmerzliches Lächeln. “Entschuldige. Ich hab mich ablenken lassen."
Die Antwort lässt Carla schmunzeln, aber ihr Gesichtsausdruck ist mit einer Spur Sorge durchsetzt. “Das habe ich gemerkt.” Sie mustert Ethan eingehend. “Du hast an deine eigenen Eltern gedacht, oder?”
Ethan nickt. “Mhmm. Sorry.”
“Ach was”, widerspricht Carla, “dafür doch nicht. Ich kann es ja verstehen, dass du darüber ins Nachdenken kommst. Ich meine…” Sie zögert, sucht offenbar nach den richtigen Worten. Sie tut den Schritt auf Ethan zu und legt die Arme um ihn. “Ich bin hier, wenn du es irgendwann erzählen willst.” Er verzieht das Gesicht und setzt gerade zum Sprechen an, als Carla den Druck ihrer Umarmung etwas verstärkt und ihm einen Kuss auf die Wange drückt. “Oder kannst.” Noch ein Kuss, auf die Lippen diesmal. “Aber wenn nicht… ich liebe dich deswegen nicht weniger, weißt du.”
“Ich weiß”, nickt Ethan. “Es ist auch nicht, dass ich nicht will. Nur… Es ist halt… schwierig.”
“Klar, deswegen sag ich’s ja. Fühl’ dich nicht gedrängt, okay? Ich meine, du bist mit sechzehn von zuhause weg, ohne jeden Kontakt, und ich kenne dich inzwischen ganz gut, behaupte ich. Das kann nicht einfach aus Trotz gewesen sein. Also… gab es einen anderen Grund.” Carlas Blick sucht sein Gesicht ab, und der Ausdruck der Sorge in ihren Augen ist jetzt deutlicher zu erkennen. “Ich weiß zwar nicht genau, was du durchgemacht hast, aber ich weiß, dass es schmerzhaft sein muss, darüber zu reden. Überhaupt daran zu denken. Vielleicht…” Wieder zögert Carla, als sei sie sich nicht sicher, wie sie ihren nächsten Gedanken ausdrücken soll, ohne Ethans Gefühle zu verletzen. “Vielleicht wäre professionelle Hilfe gut?” sagt sie dann vorsichtig. “Mit einem Therapeuten zu reden? Ich meine, es… Solche Fälle sind ja keine Einzelerscheinung. Vielleicht würde es dir helfen.”

Ethan blinzelt. Keine Einzelerscheinung? Okay, er hat keine Ahnung, wieviele Jugendliche so durchschnittlich im Jahr einem Monster entkommen und das dann nicht nach Hause locken dürfen, da wird er sicherlich nicht der einzige in der Geschichte der Menschheit gewesen sein, aber Carla klingt gerade so, als sei das alltägl—
Oh. Oh verdammt. Sie redet von Kindesmissbrauch oder sowas!
“Nein”, widerspricht er heftig, “so war das nicht! Es war…” Drecksmist. Was war es denn? Oder besser, was kann er sagen, dass es war? Frustriert fährt Ethan sich mit beiden Händen in die Haare. “Es war nicht wegen meiner Eltern. Es war wegen…” Mit einem Seufzer bricht er ab. Oh Mann.
“Shhhh”, macht Carla. “Es ist okay. Du wirst es mir schon sagen, wenn du bereit dazu bist. Und wenn nicht… dann nicht.”
Ethan nickt unglücklich und seufzt wieder. “Tut mir leid. Es ist einfach… echt schwierig.”
“Genug davon.” Der Ausdruck in Carlas Augen verändert sich, wird regelrecht schelmisch. “Du, mein liebstes Herz, brauchst wirklich eine Ablenkung. Du musst auf andere Gedanken kommen. Und Dr. Bernadoni hat genau das richtige Rezept.” Sie küsst ihn wieder, aber innig jetzt, fordernd, eng an ihn gedrängt und eine Hand in seinem Nacken, und Ethan kann spüren, wie er auf ihre Zärtlichkeiten reagiert, wie die Sorgen und Gedanken in den Hintergrund rücken. Ähnlich hungrig wie Carla erwidert Ethan den Kuss, muss dann grinsen, als sie ihn in Richtung Couch zu schieben beginnt. “Jetzt? Es ist heller Nachmittag…”
“Ruhe, Herr Patient.” Carla verstärkt ihren Druck, bis Ethans Kniekehlen mit dem Sofa kollidieren und er, noch immer grinsend, hintenüber in die Polster fällt. “Ärztliche Anordnung.”

Carla hatte absolut recht, denkt Ethan einige Zeit später mit einem glücklichen Seufzer. Diese Ablenkung hat tatsächlich Wunder gewirkt. Er hat wenig Lust, seine Liebste los- und vom Sofa aufstehen zu lassen, aber es ist tatsächlich noch vergleichsweise früh, und sie können ja wohl schlecht den Rest des Tages auf der Couch vertrödeln.

Als Ethan sich aufsetzt und nach seinen vorhin hastig ausgezogenen Sachen greift, meint er, eine leise Stimme zu hören. Er könnte gar nicht sagen, woher sie zu kommen scheint – es wirkt, als ertöne sie direkt in seinem Kopf. Für einen Sekundenbruchteil flammt Ethans Jägerinstinkt in greller Warnung auf, legt sich aber sofort wieder schlafen. Ach was. Die Worte kamen von der Straße. Definitiv. Was auch immer der Redner draußen gemeint haben mag mit: “Zweimal, zweimal, nur nicht dreimal.”

¤¤¤

Ethan, der vorneübergebeugt auf dem Sofa sitzt, das Kinn in eine Hand und den zugehörigen Ellenbogen auf ein Knie gestützt, grinst breit und legt mit der anderen Hand den weißen Stein, den er soeben aus Carlas Außenfeld geschlagen hat, auf die Mittelbande, ehe er mit seinem eigenen dunkelroten Stein weiterzieht und ihn, Pasch sei Dank, tatsächlich noch sicher in sein Heimfeld bringt. Der Zug hat seine Seite ziemlich dicht gemacht, stellt Ethan mit Genugtuung fest. Wenn Carla nicht großes Würfelglück hat, wird sie da so schnell nicht wieder rauskommen, während er selbst jetzt anfangen kann, seine Steine herauszunehmen. Dann aber wirft er seiner Freundin einen amüsiert-misstrauischen Blick zu. Die sieht viel zu entspannt aus, wie sie da ihm gegenüber auf ihrem Sessel thront. Ein bisschen selbstzufrieden sogar. “Lässt du mich etwa gewinnen?”
Carla schüttelt schnell den Kopf. Zu schnell? “Du hast einfach gut gewürfelt und ich nicht. Und du hast auch ziemlich gut gespielt, muss ich sagen.” Ethan sieht sie mit leichtem Zweifel im Gesicht an, und Carla schmunzelt. “Naja, okay, so richtig optimal war meine Taktik vielleicht auch nicht unbedingt. Aber absichtliche Fehler habe ich keine gemacht.”
“Ist ja auch noch nicht rum”, wendet Ethan ein, aber diese Bemerkung lässt Carla erneut dem Kopf schütteln. “Da müsste schon viel passieren, dass ich das herumreiße. Noch eine Partie danach? Revanche?”

Klar, warum nicht? Der Abend ist lang. Aber erst einmal geht Ethan, nachdem er die Partie wie erwartet für sich entschieden hat, an die frische Luft und zündet seine abendliche Zigarette an. Er raucht deutlich weniger, seit sie zusammen wohnen, weil Carla Nichtraucherin ist und er die Luft im Apartment nicht verpesten will, aber die gelegentliche Zigarettenpause bei der Arbeit und eine Kippe am Abend hat er beibehalten. Mal sehen, wie lange noch, denkt er belustigt. Carla sagt zwar nichts, aber gelegentlich rümpft sie die Nase, wenn Ethan frisch vom Rauchen hereinkommt und ihr dann direkt einen Kuss gibt. Ist ja nicht so, als würde ihm das nicht auffallen.

”Ich hab nachgedacht”, sagt Ethan eine Weile später, nachdem Carla die zweite Partie wie erwartet gewonnen hat, der Backgammon-Koffer weggeräumt ist und sie entspannt nebeneinander auf der Couch sitzen. “Wegen meiner Familie.” Seine Freundin sieht ihn aufmerksam an. “Ja?”
Ethan nickt, zögert dann kurz, um seine Überlegungen in Worte zu fassen. “Ja. Weißt du, die ganze Zeit bin ich rumgezogen. Da ging es nicht. Aber jetzt, wo wir zusammenwohnen… ich meine, jetzt… jetzt bin ich ja hier, also, ich meine fest und so, und ich bleibe hier und alles, also… ” Gah. Blödes Rumgestotter. Klar kann er nicht erwähnen, dass es früher zu gefährlich war, dass sich das aber jetzt erledigt hat, wo Ethan nicht mehr jagt. Aber das heißt doch noch lange nicht, dass er sich hier so anstellen muss. Als Carla ihn nicht unterbricht, sondern ihn weiterhin konzentriert anschaut, schüttelt Ethan den Kopf und setzt neu an. “Was ich sagen will, jetzt kann ich sie eigentlich auch wieder kontaktieren. Nicht nur kann. Ich möchte gerne. Ich…” Drecksmist. Nicht sentimental werden hier. Lieber auf was Einfaches konzentrieren, bevor ihm noch die Stimme versagt oder sowas. “Immerhin kennen sie dich noch gar nicht, und sie müssen dich unbedingt kennenlernen.” Ethan grinst schief. “Wenn sie mir überhaupt abnehmen, dass ich ich bin, so nach drei Jahren Funkstille.”
Carla lehnt sich zu Ethan hinüber und drückt seine Schulter. “Das werden sie schon. Und ich lerne sie auch gerne kennen.” Aber ihre Stimme klingt ein bisschen belegt, und ganz leicht geht ein Schatten über ihr Gesicht bei diesen Worten. Oh Mann.
“Carla. Sie haben mir nichts getan. Es lag nicht an ihnen. Wirklich.”
“Okay. Ist ja gut. Ich glaube dir ja. Und ich lerne sie gerne kennen. Apropos: Vor ihrem Urlaub haben Mom und Dad auch schon gefragt, wann sie dich mal wieder zu Gesicht bekommen. Ich habe gesagt, spätestens Thanksgiving. Ich hoffe, das ist okay.”
“Klar.” Ethan nickt mit Nachdruck und erwidert Carlas Geste von eben, ehe ihm etwas einfällt und er schmunzeln muss. “Außer natürlich, meine Leute haben zu Thanksgiving andere Pläne.” Aber eines nach dem anderen. Erstmal kontaktieren.
“Willst du sie sofort anrufen?”
Mit einem Stirnrunzeln sieht Ethan auf die Uhr. Er würde gerne, sehr gerne sogar, aber… “Zu spät. An der Ostküste ist es mitten in der Nacht. Ich würde die jetzt nur aus dem Bett klingeln. Lieber morgen nachmittag, wenn es bei denen früher Abend ist. Erinner mich dran, okay?” Nicht, dass er glaubt, dass er das wirklich vergessen könnte, aber sicher ist sicher.
“Apropos”, schlägt er dann vor, “hier wird es auch langsam spät. Ich bin zwar noch nicht so richtig müde, aber…”
Carla lächelt verschmitzt. “Nicht so richtig müde? Aha?”
Ethan schnaubt. “Was du schon wieder denkst.”
Jetzt wird das verschmitzte Lächeln seiner Freundin zu einem ausgewachsenen Feixen. “Ich kenn dich doch. Ich denke genau dasselbe, was du auch denkst.”
Er muss lachen. “Auch wieder wahr.”

Mit einem Lächeln auf den Lippen gibt Ethan seiner Liebsten einen zärtlichen Gutenachtkuss, ehe er sich zum Einschlafen auf die andere Seite dreht. Er kann noch immer ihre warme Haut an seinen Fingerspitzen fühlen, und alles in ihm vibriert nach. Die Worte, die in seinem Kopf auftauchen, während er langsam in die Gebiete driftet, wo der Schlaf ihn finden wird, hört er zwar, und kurz flackert ein Alarm durch sein Bewusstsein, aber nein. Der Satz hat keinerlei Bedeutung. Kann er gar nicht haben, auch wenn in ihm ein böse-triumphierender Tonfall mitschwingt. “Denn bei Mal drei – vorbei”? Was soll das denn bitte heißen? Nichts natürlich. Gar nichts. Eine sinnlose Aneinanderreihung von Silben.

¤¤¤

Im ersten Augenblick kann Ethan gar nicht so recht einschätzen, wovon er aufgewacht ist. Wie lange er schon geschlafen hat. Nicht lange, wie es sich anfühlt. Eine halbe Stunde vielleicht? Eine Stunde? Oder ist es doch schon Morgen? Einen Moment lang ist er verwirrt, desorientiert. Aber dann wird er schlagartig wach. Es war ein Schrei, der ihn hat aufschrecken lassen. Ein erstickter Schrei, gepaart mit einem entsetzten Schnappen nach Luft. Carla hat sich halb aufgerichtet, und in der Dunkelheit des Schlafzimmers sind ihre Augen weit aufgerissen, starren blind ins Nichts. Panisch tastet sie herum, krallt sich an ihm fest, ihr Gesicht schmerzverzerrt. “Carla! Was hast du?!” “Ethan… Ich… Es tut so weh…” Ihre Stimme ist kaum zu erkennen, so heiser ist sie vor Schmerz.

Voller Angst schaltet Ethan das Licht an, und Carla schreit auf, kneift die Augen zusammen und schlägt eine Hand vor das Gesicht. Krallt sich mit der anderen weiter in sein T-Shirt. “Mein Kopf!”
Ein dünner Blutfaden läuft ihr aus der Nase. Oh Himmel hilf, Krankenwagen, Krankenwagen jetzt -
Aber Carla klammert sich so verzweifelt an ihn, dass Ethan sich kaum rühren kann. Und sein Handy steckt in der Tasche seiner Jeans, und die hängt da drüben über dem Stuhl, ein Sonnensystem weit weg.
Aber Carla. Carla hat ihr Handy meist auf ihrem Nachttisch liegen. Bitte! Bitte auch heute! Sie hat. Oh danke, sie hat!
Mit einem Arm hält er sie fest, redet beruhigend auf sie ein, während er mit der anderen Hand fieberhaft nach dem Telefon sucht. Scheiße! Scheiße verdammt! Was hat sie?

Carla zittert. Nein, das ist kein Zittern. Das ist ein ausgewachsener epileptischer Anfall. “Ich ruf jetzt den Notarzt, okay? Es kommt gleich jemand, hörst du? Ich muss nur an dein Telefon rankommen, dann kann ich anrufen…”
Da ist das Handy. Immer noch pausenlos mit ihr redend, einfach damit sie seine Stimme hört, damit sie weiß, dass sie nicht allein ist – das, und um seiner Angst, ach was, vergiss Angst, das ist Panik wie aus dem Lehrbuch, ein Ventil zu geben – greift Ethan danach, lässt das Gerät fallen, flucht, tastet hektischer. Findet es wieder. Packt es fester. “Ich habs, okay? Ich ruf jetzt an…”
Das Blut tropft inzwischen stärker aus Carlas Nase, und auch von ihrem Mundwinkel rinnt ein Faden herab, während ihr Anfall sich zu heftigen Zuckungen steigert. “Ethan… H…”
Sie spricht nicht zuende. Sie erschlafft in seinen Armen und rührt sich nicht mehr.
CARLA!!”

Und dann, während er das Handy panisch aus dem Schlafmodus holt, kracht in einer plötzlichen Flut die Erkenntnis auf ihn herein, als würde mit einem Mal ein Schleier weggezogen. Die Stimme im Park. “Wenn ich dich nicht haben kann, dann soll auch keine andere Frau dich haben!” Und diese drei einzelnen Sätze, die er gehört hat. Das waren keine einzelnen Sätze. Das waren Verse. Die Verse eines Spottlieds. Eines Fluchs.

Mit fliegenden Fingern wählt er 911, aber sein Herz ist starr vor Angst. Nein. Nicht vor Angst. Vor Gewissheit. Er hat einen Fluch auf sich, und mit diesem Fluch hat er seine Liebste getötet. Und er hätte sich niemals mit soviel Reden aufhalten dürfen, auch wenn er Carla damit beruhigen wollte, ganz abgesehen davon, dass es ein Ausdruck reinster, blanker Panik war. Wieviele endlose, unendlich wertvolle Sekunden das vergeudet hat! Aber er hat sie vergeudet. Und jetzt ist es zu spät. Zu spät!

Noch nie in seinem ganzen Leben hat er sich so unendlich hilflos gefühlt. Er kann nichts tun. Er. Kann. nichts. Tun.

Als der Rettungsdienst eintrifft, hält er Carla zitternd im Arm, wiegt die reglose Gestalt monoton vor und zurück. Die Sanitäter müssen ihn mit sanfter Gewalt von ihr lösen.
“Was ist passiert?”
Ich bin passiert. Ich habe sie umgebracht. Ich war es.

Die nächsten Tage sind ein nicht enden wollender Alptraum. Ein irrwitziger Wirbel aus Gesichtern und Fragen, Zigarette um Zigarette, aus Fetzen von Bildern und Fetzen von Lärm. Und Worten. So vielen leichtfertig und achtlos dahingeworfenen Worten. Als ob sie nichts kosten würden. Als ob sie etwas helfen würden. Zerebrales Aneurysma. Ruptur. Subarachnoidalblutung. Hämorrhagie. Vermutete Endothel-Schwäche. “Hat sie oft über Kopfschmerzen geklagt?” Ethan start die Ärztin verständnislos an. Was will die Frau von ihm? Ändert das irgendwas? “Lokalisiert, vor allem direkt hinter oder über dem Auge?” Hat sie nicht. Es war kein Aneurysma, das sich langsam von selbst aufgebaut hat und dann geplatzt ist. Es war ein Fluch. Mein Fluch. Ich habe sie getötet. “Manchmal”, stammelt Ethan. Rationale Erklärung für die Mediziner statt der Wahrheit, die er nicht aussprechen kann.

Die Beerdigung. Carlas Eltern, frisch aus dem Urlaub. Er kann ihnen nicht in die Augen sehen. Die Clique. Schwarze Kleidung. Strahlender Sommertag. Betretene Gesichter. Geena und Carrie offen schluchzend, Lisa eng an Wallace gedrängt und auch den Tränen nah. Javi sagt irgendetwas, das Ethan trösten soll. Legt ihm die Hand auf die Schulter. Ethan sieht nichts außer verschwommenen Flecken. Hört nichts außer unbestimmtem Gemurmel. Nickt mechanisch, wenn er muss. Schüttelt mechanisch den Kopf, wenn er muss. Könnte hinterher nicht mehr genau sagen, in welcher Reihe und bei welcher Nummer das Grab liegt. Er dürfte gar nicht hier sein. Er hat Carla getötet.

Die Fabrik. Monaghans Büro. Ethan stammelt irgendwas. Bleibt beim Gehen beinahe in einer Maschine hängen. Tom folgt ihm nach draußen, sagt etwas, aber Ethan sieht ihn nur an. Antwortet vielleicht sogar, hat aber keine Ahnung, was, falls er es tut. Kann Toms besorgten Blick im Nacken spüren, als er geht. Stolpert. Nicht darauf achtet. Er muss hier weg. Raus aus dieser Stadt.

Nichts. Hier ist nichts.

Und er wird nichts mitnehmen. Sollen Carlas Eltern alles haben. Ethan will nichts davon. Braucht nichts. Oder fast nichts. Sein Geld, logisch. Es ist nicht viel, weil sein Lohn und das Gehalt von Carlas Nebenjob gerade so zum Leben gereicht haben, aber ein klein bisschen was hat er trotzdem zusammengespart. Das Auto, ja. Wenigstens um erstmal hier wegzukommen, wird der kleine Wagen erstmal genügen. Ein paar Sachen, wahllos in eine Tasche geworfen. Leichtes Gepäck. Alles andere… Ballast. Kurz zögert er vor dem Backgammon-Koffer. Zuckt dann fast in Abscheu weg. Fotos? Ethans Herz verkrampft sich. Himmel, nein. Bücher? Sowieso fast alle Carlas. Filme? Wozu. Er wird keinen DVD-Player mehr haben.

Keinen dieser Gedanken denkt er mit Bewusstsein.

Das French Ivy. Annas erstauntes Gesicht. Erstaunt oder irgendwas anderes; Ethan achtet nicht darauf und denkt schon gar nicht mit Absicht darüber nach. Wenn er es registriert, dann irgendwo tief unten in seinem Unterbewusstsein. Mit einer Waffe in der Hand – irgendeiner, völlig egal, was für eine, und er könnte auch nicht sagen, ob er Anna Geld dafür gegeben hat oder einen Kuss oder ihr einen Gefallen versprochen, oder ob sie ihm das Ding einfach aus Mitleid über den Tresen geschoben hat – verlässt er eine Weile später das Roadhouse. Stolpert zum Auto. Der kleine Kompaktwagen, der in der Stadt immer völlig ausreichend war, wirkt hier draußen völlig deplatziert, aber das merkt Ethan nicht. Er merkt auch nichts von dem kurzen Widerstand und dem Krachen, als er vom Parkplatz fährt, noch von dem lauten Schimpfen und Fluchen, das ihm auf die Straße folgt.

Cal. Er muss Cal finden, ist der eine halbwegs klare Gedanke, der durch den Schmerz und die Verzweiflung dringt. Keine Ahnung, wie. Aber er muss. Egal, wie lange es dauert, bis er ihn gefunden hat. Egal, wo der sich gerade herumtreibt. Cal wird ihm helfen.

¤¤¤

Spätsommer 2008

“Was machst du hier?“ Cal starrt Ethan eisig an. Kein „Hallo“. Kein „Wie geht es?“ Kein „Wie geht es Carla?“
Er lässt den Kofferraum mit seinen Waffen zufallen und schiebt ein neues Magazin in die Beretta. „Ist das dein Ding? Lässt du dein Mädchen alleine zu Hause rumsitzen, während du beim Jagen Spaß hast?“
Ethan, der eben schon angesetzt hat, um seinen Freund und Mentor zu begrüßen, klappt den Mund wieder zu. Kurz irrlichtert es in seinen Augen, undefinierbar, und etwas, ein hilfesuchender, verzweifelter Ausdruck darin, erlischt. Einen Moment lang beißt er die Kiefer so fest aufeinander, dass er meint, gleich bricht ein Zahn.
„Total”, presst er mit Mühe heraus.
Cal schnaubt verächtlich. „Ich hab’s dir gesagt, entweder – oder. Aber ist ja deine Entscheidung.“ Er zuckt mit den Achseln und schiebt sein Bowiemesser in die Scheide. „Ich dachte, du wärst froh, dass sich eine mit dir abgibt. Hast doch immer davon geredet, dass du dich um sie kümmern willst.“ Cals Tonfall klingt seltsam. So als sei ihm selbst nicht ganz klar, ob er über sich selbst spricht oder über Ethan.
Aber das bemerkt der kaum. Ein Zahn ist eben nicht gebrochen. Aber etwas in in ihm. Etwas, das bis hierher noch irgendwie gehalten hat, gerade so. Er ballt die Fäuste in den Taschen. Presst die Zähne nochmal aufeinander. Atmet tief durch – nein. Es ist ein bitteres, hoffnungsloses Schnauben. “Genau. Meine… Entscheidung.”
Er nickt dem Älteren zu, knapp und kühl. Zieht den Panzer der Unnahbarkeit noch etwas enger um den Schmerz und die Schuld und den Selbsthass.
„Ich geh dann.” Fick dich, will er sagen. Aber die Worte finden den Weg nicht nach draußen. So viele Worte haben in den letzten Wochen ihren Weg nicht nach draußen gefunden. Fast gar keines mehr. Er sieht sich nicht um, während er zu seinem eigenen Wagen zurückgeht. Sieht nicht zurück, als er vom Parkplatz fährt. Fixiert den Blick starr auf die Straße, bis er nach Meilen an einem abgelegenen Rastplatz ankommt. Aussteigt. Seinen Schmerz in die Landschaft brüllt, als würde das auch nur im Ansatz etwas helfen. Ob es Carlas Name ist oder einfach ein endloser, wortloser Schrei, das kann er selbst nicht sagen.

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Timberwere

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