Mädchenkram - Supernatural

Fünf Sekunden Dunkelheit

aus Barrys Tagebuch

Ich habe das Manuskript abgegeben. Endlich. Habe lang genug daran herumgeschrieben, und zusammen mit allem anderen war das ein schwerer Brocken. Kein lustiges Buch. Überhaupt nicht. Hat mich mehr runtergezogen, als ich dachte. Bin erleichtert, dass ich jetzt erst mal was anderes machen kann.

…damit hatte ich zwar eigentlich die Überarbeitung der Kurzgeschichten gemeint, aber mein Dad hatte eigene Ideen. Der hatte elf Vorladungen an eher widerspenstige Zeugen. Mindestens die Hälfte von denen waren bei der irischen Mafia, die restlichen waren Anwälte. Mein Job: Herausfinden, wo die waren. Vorladung abgeben, Quittung einsammeln. Alles nach Chicago bringen.
Aber, sagte ich, ich kann die Quittungen doch per Kurier schicken? Nein, erklärte mein Vater, das geht ü-ber-haupt nicht, der bezahlt doch keinen Kurier, wenn ich das machen kann. Klang logischer, als er’s mir erklärte.

Egal, eine Weile in der Gegend herumfahren klang ganz gut. Mein Arzt verschrieb mir seit der Legalisierung Marihuana statt Ativan – tat mir gut, glaube ich. Tam meinte, ich wäre seither viel verträglicher.
Jedenfalls machte ich mich auf den Weg. Kurvte anderthalb Tage östlich nach Murphy in North Carolina, dann weiter nach Nags Head auf den Outer Banks zu Seamus Cleary. Er war nicht erfreut, mich zu sehen. Hatte ein paar Cousins mit Schrotflinten da. War aber klug genug, es nicht drauf ankommen zu lassen. Ging ja nur um eine Unterschrift und ein paar Papiere.
Abends im Motel fiel mir ein, dass ich vor einigen Tagen im True-Believers-Forum eine Geschichte über einen Geist am Cape Hatteras gelesen hatte. Das war hier um die Ecke. Eigentlich lief ich ja nicht sofort los, wenn jemand etwas Übernatürliches erwähnte, aber diesmal… mir war gerade danach. Vielleicht konnte ich dem Geist ja helfen. Offenbar hatte mir Weihnachten aufs Hirn geschlagen.

Also fuhr ich noch ein paar Meilen bis Cape Hatteras. Kleiner Ort, lebte von Touristen und Fischerei. Viel mit Holz gebaut, merkwürdig verschachtelte Häuser. Die Leute hier klangen alle, als kämen sie geradewegs aus England – war eine ziemlich isolierte Gegend, sprachlich gesehen. Nein, sagte ich mir, deswegen war ich nicht hier. Geist.
Vor dem Diner stand Natalies Klapperkiste. War wohl nicht der einzige, der den Artikel gelesen hatte.

Sie saß drinnen und trank Tee. Setzte mich zu ihr. Ja, sie war auch wegen des Geistes da. „Wir müssen aufhören, uns so zu treffen“, sagte sie. Grinste. Ich erinnerte sie an den ComicCon, da hatten wir uns absichtlich getroffen. Gut, ein Geist war trotzdem involviert gewesen.
Wo wir gerade dabei waren, ging die Tür wieder auf und Emily kam rein. Klar. Jäger treten immer in Rudeln auf. Wäre sicher ein interessantes Thema für einen Statistiker. Ich winkte sie zu uns, stellte die beiden Frauen vor (die kannten sich noch nicht), erwähnte den Geist. Ja, Emily hatte das auch mitbekommen. Also gut. Wir waren alle erst seit kurzem hier, aber Natalie hatte schon ein bisschen nachgeforscht: Die Legende von einem weiblichen Geist im hellen Kleid, der beim Leuchtturm herumspukte, gab es schon seit dem 19. Jahrhundert. Der Geist war harmlos, tat niemandem etwas. War halt gruslig.
In der letzten Zeit gab es aber auch noch andere Geschichten, von Männerstimmen, Rufen, seltsamen Lichtern. Die Gegend hier hatte schon immer den Spitznamen „Friedhof des Atlantiks“ gehabt, aber in den letzten Jahren gab es scheinbar vermehrt Schiffsunglücke, gern an der östlichen Küste von Cape Hatteras.

Gut. Da es schon relativ spät war und das Stadtarchiv heute nicht mehr geöffnet hatte, beschlossen wir, uns mal die Küste anzusehen. Und den Leuchtturm. Markantes Gebäude, schwarz-weiß geringelt, mit einem knallroten Sockel. War eine Touristenattraktion, konnte man besichtigen, hatte aber bereits geschlossen. Wir lasen die Infotafeln, die um den Turm herumstanden: Erster Bau im frühen 19. Jahrhundert. Aber das Meer fraß die Küste, und schließlich musste das Gebäude 1999 versetzt werden, weiter ins Landesinnere. Ja, der ganze Turm. Riesensache. Die Baufirma hatte einen Preis bekommen.
Seit 1999 gab es aber vermehrt Schiffsunglücke. Um genauer zu sein: Mindestens eins pro Jahr, und immer in den ersten Dezemberwochen. Großartig. Ich sah uns schon auf einer Nussschale im Sturm in Richtung Land schlingern, von Wind und Wellen getrieben und ohne jede Orientierung. (Nein, das ist nicht passiert. Meine Vorstellungskraft geht gern mal mit mir durch.)

Verdächtig war das aber allemal. Glücklicherweise hatte es nur wenig Todesopfer gegeben, dank moderner Rettungstechnologie, aber trotzdem. Musste ja nicht sein. Vielleicht konnten wir mit einem Überlebenden sprechen?
Bevor wir uns auf den Rückweg machten, lauschte ich in die Gegend. Ja, da waren Stimmen. Eine wütende Männerstimme, die brüllte: „Findet sie! Findet sie und bringt sie zurück!“ Nur Wut, keine Sorge. Dazwischen Schmerzens- und Todesschreie. Konnte nicht ausmachen, woher das kam, aber vermutlich aus Richtung Leuchtturm.

Ich erzählte Emily und Natalie davon. Aber vorerst konnten wir nicht viel machen, wir brauchten mehr Informationen. Stadtarchiv, morgen. Jetzt noch mal zur Fischerkneipe.
Unterwegs sahen wir eine Frauengestalt in einem altmodischen weißen Kleid, die am Strand entlang rannte. Kam aus Richtung Leuchtturm. (Em und ich sahen die Gestalt, Natalie war mit ihrem Smartphone beschäftigt. Recherchierte vermutlich. Darin war sie richtig gut. Erinnerte mich vage an Jo, nur entspannter.)

Jedenfalls, die Frau. Sah ängstlich aus. Als wäre sie auf der Flucht. Ich ging auf sie zu, vorsichtig. Wollte sie nicht erschrecken. Hatte wohl mal wieder vergessen, dass ich keine allzu beruhigende Erscheinung war. Sie prallte kurz zurück, als sie mich sah. Aber sie hatte nicht vor mir Angst. „Sie kommen, sie kommen!“, keuchte sie.
Ich schaute in die Richtung, aus der sie gekommen war. Niemand zu sehen. Keine Verfolger. Als ich mich wieder zu ihr umdrehte, war sie auch verschwunden. Okay. Hatte ziemlich stofflich gewirkt für einen Geist.

Langsam kam Nebel auf (mir spukten sofort ein paar Geschichten über Leute, die sich an der Ostküste im Nebel verlaufen hatten, durch den Kopf… Seeungeheuer… amorphe Kreaturen, die aus Muschelschalen schlüpften und sich auf die Jagd nach Knochen machten…), aber es war ja nicht weit weg bis zu der Fischerkneipe, und es passierte auch nichts.
Drinnen bestellten wir alle Tee mit Rum. „Ist eine von euch gut darin, mit Leuten zu reden“, fragte ich in die Runde. Emily schnaubte nur. War wohl nicht so gesellig.
„Hast du schon mal dran gedacht, dass der Haken ein bisschen unheimlich ist? Pflegst du das unheimliche Image mit Absicht?“, wollte Natalie wissen.
Ich zuckte die Achseln. „Hab mir die Hand nicht wegen meines Images abgeschlagen“, erklärte ich. Sollte sarkastisch sein, nicht weinerlich. Kam wohl auch so rüber.
„Es gibt so Prothesen, weißt du, die aussehen wie Hände?“, sagte sie.
„Sind teuer“, erwiderte ich. „Gehen leicht kaputt.“ Und waren meistens weiß. Außerdem fand ich die Vorstellung einer künstlichen Hand unheimlich. Ja, ich weiß. Zu viel Fantasie.
„Na, in einer Piratenkneipe wärst du damit genau richtig“, sagte Natalie halblaut. Ich machte leise „Arrrr.“ Sie starrte mich an. „Barry hat einen Witz gemacht“, erklärte sie Emily erstaunt.
Okay, okay, ich weiß, ich sollte das lassen, aber so schlimm fand ich den auch nicht.

Jedenfalls war Natalie dank Ausschlussverfahren unsere Sprecherin und erzählte der Bedienung, dass wir wegen eines Studienprojekts hier wären (ich wurde zum Dozenten erklärt), bei dem es um ein Frühwarnsystem ging. Es gab ja hier sehr viele Unfälle mit Schiffen – kannte sie nicht vielleicht einen Überlebenden? Das würde uns wirklich helfen.
Die Bedienung zögerte kurz, aber Natalie ließ die enthusiastische Studentin raushängen und erfuhr schließlich, dass Andy Merriweather vor acht Jahren auf einem havarierten Schiff gearbeitet hatte. Der kam eigentlich jeden Abend in die Kneipe und würde sicher bald auftauchen.

Solange saßen wir noch da und hörten den Leuten am Nachbartisch zu. Die machten sich gerade über Dave lustig, weil er so abergläubisch war und nicht rausfuhr, obwohl ihm Fang entging.
Natalie mischte sich ein. „Ist es denn nicht sicher, rauszufahren?“ Doch, klar, sagten die meisten Fischer. Dave war anderer Meinung. Seit fünfzehn Jahren passierte hier jeden Dezember etwas, ein Unglück. Der fuhr nicht raus. In die Bucht zwischen Festland und Outer Banks schon, da war es sicher, aber nicht raus auf den Atlantik. Gründe wusste er keine. Vielleicht der Golfstrom, mutmaßte er. Aber ich glaube, darauf kam er erst, nachdem ich ihn nach Änderungen in den nautischen Bedingungen gefragt hatte.

Kurz nach neun kreuzte Andy Merriweather auf, ein alter, wettergegerbter Mann. Natalie erzählte ihm wieder von unserem Frühwarnsystem, und klar, er wollte gern helfen. Damals, vor acht Jahren, arbeitete er auf der Victoria Strait, einem Containerschiff (damals habe sich das ja noch gelohnt. Wir haben nicht erfahren, warum sich das jetzt nicht mehr lohnen sollte; wir haben aber auch nicht gefragt). Jedenfalls kannte er die Küste wie seine Westentasche, kannte die Leuchttürme und ihre Kennungen. Sah einen davon, den hier am Cape Hatteras. Es war neblig, und plötzlich war das Licht weg. Tauchte ein paar Sekunden später wieder auf, ein bisschen weiter die Küste runter. Das Schiff hielt sich an die Lichter und lief ein paar Minuten später auf Grund. Die Victoria Strait erlitt dabei einen Totalschaden, aber es kam niemand ums Leben.
Viel mehr konnte uns der alte Seemann nicht erzählen. Er war sich ziemlich sicher, dass das Licht eine Weile aus war und dann woanders auftauchte, auch wenn die Versicherung ihm das nicht geglaubt hatte. Überhaupt, die Versicherung! Aber mit einem Gläschen Tee mit Rum ließ er sich besänftigen.

Weil mir schon wieder Bilder von einer Fahrt auf dem nebligen, aufgepeitschten Atlantik im Kopf herumgeisterten, fragte ich in die Runde, ob jemand etwas von Schiffen verstand. Nein, weder Emily noch Natalie kannten sich damit aus. Großartig. Ich hatte mit siebzehn das Segelboot meines Vaters gegen eine Pier gefahren. Gab einen Haufen Ärger – eigentlich wollte ich ja damals einen Segelschein machen, aber wir haben dann beschlossen, dass ich das lieber lasse.

Gut, das war nicht hilfreich. Wir zogen uns in unsere Motels zurück (gab ja genug freie Zimmer) und trafen uns am nächsten Morgen wieder. Ab ins Stadtarchiv zur Recherche.
Das war auch weiter kein Problem. Wir – und wenn ich wir sage, meine ich Natalie (ich ließ mich von dem lokalen Dialekt und dessen Verschriftung ablenken) – fanden einen Haufen Dinge heraus: 1812 verschwand Theodosia Alston Burr bei einer Seefahrt von South Carolina nach New York. Sie war die Tochter des Vizepräsidenten Aaron Burr (der den Gründervater Alexander Hamilton bei einem Duell erschossen hatte) und die Ehefrau des Gouverneurs von South Carolina, Joseph Burr. Um ihr Verschwinden rankten sich zahlreiche Legenden: Wurde ihr Schiff von Piraten aufgebracht? War es im Sturm gesunken? Möglicherweise hatte ein Karankawa-Häuptling sie gefunden: Angeblich schenkte sie ihm sterbend ihre Kette. Oder ihr Schiff wurde von Strandpiraten mit falschen Lichtsignalen angelockt und lief auf Grund.
Gutes Stichwort: Strandpiraten. Daran hatte mich schon Merriweathers Geschichte erinnert. Natalie fand heraus, dass Anfang des 19. Jahrhunderts tatsächlich ein berüchtigter Strandpirat auf den Outer Banks sein Unwesen trieb: Robert Stockton. Es gab sogar eine Geschichte, nach der er derjenige war, der das Schiff der Gouverneursfrau aufbrachte. Angeblich war ihm Theodosia in die Hände gefallen. Er hatte gemerkt, dass sie aus gutem Haus war, und nahm sie gefangen, um ihre Familie zu erpressen. Aber sie entkam. Er schickte seine Leute los, und die blutigere Variante der Erzählung berichtete, dass der erste Suchtrupp erfolglos zurückkam und von ihm geköpft wurde. Die zweite Gruppe fand sie, und sie starb im Lager der Piraten an Erschöpfung und ihren Wunden.
Danach, lasen wir in einer Zeitung von 1813, wurde Stockton von den Bürgern der Outer Banks gejagt und in seinem eigenen Lager aufgeknüpft und verscharrt, zusammen mit seinen Spießgesellen. Es war sogar eine gezeichnete Karte dabei: Das Lager war ungefähr da, wo jetzt der Leuchtturm stand.

Außerdem fand Natalie einen Artikel aus der New York Times: Theodosias Mutter war zutiefst erzürnt und wurde mit den Worten „Wer auch immer meiner Tochter etwas angetan hat, der möge keine Ruhe finden, solange auf den Outer Banks noch ein Leuchtturm sein Licht verströmt“ zitiert.

Fein. Dann konnten wir uns ja zusammenreimen, was 1812 beim Untergang von Theodosias Schiff passiert war. Es gab sogar ein Gemälde von ihr, und ja, das war die Frau, die ich gestern Abend gesehen hatte. Aber warum waren die Strandpiraten erst jetzt wieder aktiv?
Ich rief bei der Baufirma an, die damals den Turm versetzt hatte. Sagte dem damaligen Bauleiter auf den Kopf zu, dass wir wüssten, dass sie damals auf dem Gelände Gebeine gefunden hätten. Er stritt es kurz ab, aber nachdem ich ihm mit der Presse gedroht hatte, knickte er ein. Ja, sie hatten Knochen gefunden. Alte Knochen. Interessierten doch bestimmt niemanden mehr. Sie hatten sie ins Fundament gemauert. Dankeschön, ihr Trottel.

Okay. Der Leuchtturm war ziemlich groß, den konnten wir nicht einfach abfackeln. Mal ganz abgesehen davon, dass der noch in Betrieb war. Dynamit hatte auch niemand dabei. (Gut, sowas ließ sich besorgen, aber vielleicht fanden wir eine andere Lösung. Eine etwas weniger justiziable.)

Da der Turm noch offen hatte, als wir mit der Recherche fertig waren, machten wir uns erneut auf den Weg. War ein hoher Turm, 278 Stufen bis ganz nach oben. Einen Wärter gab es nicht mehr, das lief alles elektronisch. Das Männchen an der kleinen Kasse erzählte uns, dass es noch einen Vorratsraum gäbe, aber keinen Keller. Allerdings war der Vorratsraum abgeschlossen.

Wir zogen uns zurück. Emily brachte die Sache mit Theodosias Mutter und ihrem Fluch noch mal auf. Konnten wir da etwas machen? Vielleicht die Türme ausmachen und andere Feuer anmachen? „Lieber nicht“, sagte ich. „Das müsste vom Meer aus exakt gleich aussehen, sonst machen wir nur das Gleiche wie die Strandpiraten.“ Außerdem müssten wir die Blickfrequenz genau nachahmen… Moment. Blinkfrequenz. Wenn alle Türme gleichzeitig nicht leuchteten… vielleicht reichte das?

Das Signal wurde zentral von einem Computer gesteuert, und ja, Natalie meinte, sie könnte das hacken. (Ich dachte ja kurz, wir müssten da einbrechen und einen USB-Stick irgendwo dranklemmen – in den Serien, die Tam gern schaute, war das immer so. Aber natürlich war die Leitstelle per Internet mit den Türmen verbunden.)
Also setzte sich Natalie hin und fing an, auf ihrem Laptop zu tippen. Das dauerte eine Weile, aber sie meinte, sie könnte die Leuchttürme so synchronisieren, dass alle fünf Sekunden lang kein Leuchtsignal sendeten. Das würde hoffentlich reichen und keinen weiteren Schaden anrichten.

Als es dunkel wurde, machten wir uns auf den Weg zum Leuchtturm. Ich stand neben dem Gebäude und lauschte, Emily ging nach unten an den Strand, wo wir Theodosia gesehen hatten.
Der Leuchtturm begann zu blinken. Ich hörte die Stimmen wieder, erst leise, dann klarer. Stocktons Gebrüll. Theodosia tauchte unten am Strand auf, rannte, verfolgt von drei kopflosen Strandpiraten. Der Leuchtturm wurde dunkel. Eins… zwei… drei… vier… fünf… Stocktons Gebrüll verstummte. Die Verfolger wurden durchsichtig und verwehten wie Nebelschwaden. Nur die Frau im weißen Kleid blieb. Redete mit Emily.

Emily versuchte, mit Theodosia in Richtung des Orts zu laufen, aber je weiter sie sich vom Leuchtturm entfernten, umso durchsichtiger wurde die Tote. Schließlich gaben sie es auf und kehrten um.
„Ich will nach Hause“, sagte Theodosia, als Natalie und ich näherkamen. „Mir ist so kalt.“ Sie war jetzt wieder stofflich genug, dass sie sich Emilys Jacke über die Schultern hängen konnte. Aber sie zitterte immer noch. Offensichtlich hatte sie Zutrauen zu der tätowierten Jägerin gefasst, sie erzählte ihr von ihrem Vater, von ihrem Ehemann… sie wollte doch nur zu ihrer Familie.

„Glaubst du an Gott“, fragte ich sie. Theodosia nickte. Hatte ich erwartet. Gut.
„Vielleicht hilft es, wenn du betest“, schlug Natalie vor. „Schließ die Augen und denk an deine Familie“, fügte ich hinzu.
Theodosia biss sich nervös auf die Unterlippe, aber dann tat sie, was wir ihr vorgeschlagen hatten. Betete das Vaterunser. Ich zog meine Jacke aus, schob die Ärmel beiseite. Während sie laut das Vaterunser betete, sprach ich zu den Geistern: Dass sie Hilfe brauchte. Dass sie sich verirrt hatte und hier nicht hingehörte. Dass sie den Weg finden musste. Spürte ein kurzes Ziehen in den Schultern, wie das Zucken von Flügeln.

Die Stimme der toten Frau wurde immer leiser. So, als würde sie sich entfernen. Ihre Gestalt wurde durchscheinender, weniger real, und als sie beim Amen ankam, verschwand sie ganz. Emilys Jacke fiel in den Sand. Ich lauschte, hörte aber nichts außer dem Rauschen des Ozeans. Klang… friedvoll. Seltsames Gefühl. Nichts schlecht, nur sehr, sehr ungewohnt.
Emily klaubte ihre Jacke vorsichtig aus dem Sand. Zog sie nicht wieder an, obwohl es nicht gerade warm war. Warf sie weg, als wir im Ort ankamen. Aberglaube? Wollte sie die Jacke nicht mehr, weil jemand anderes sie getragen hatte? Ich nahm meine Fantasie an die Zügel, bevor ich mir irgendwelche Szenarien ausmalen konnte. Vermutlich war sie einfach nur vorsichtig und hatte mehr Ahnung von solchen Sachen als ich. Sollte ja vorkommen.

Wir gingen also zurück in die Fischerkneipe. Noch mehr Tee mit Rum. Schwiegen eine Weile, bis mir etwas einfiel.
„Soll dich von Kate grüßen“, sagte ich zu Natalie. „Sie mochte deine Zöpfe.“ Natalie grinste, grüßte zurück und fragte, ob Kate auch Rastas wollte – und dann irrte die Konversation irgendwo zwischen „Rasta-Barry“ (oh Mann) und Weihnachtselfen herum. Das Fazit war, dass ich weder grüne Strumpfhosen besaß noch welche besitzen wollte. Es war ziemlich albern. Merkwürdiges Gefühl, so offen mit Leuten zu reden. Immerhin bekam ich heraus, dass Natalie Bibliothekswesen studierte. Hatte mich schon länger gefragt.
Emily interessierte sich für meine Kinder. Wie alt? Gingen sie auch jagen? Nein, taten sie nicht. Sie wollte wissen, ob mir das nicht gefährlich vorkam. Ich versuchte, ihr zu erklären, dass es wohl wesentlich gefährlicher war, Monster zu jagen als das nicht zu tun. Weiß nicht, ob sie es verstand. Erinnerte mich, dass sie aus einer Jägerfamilie stammte. Mann. Na, lenkte sie ein, wenn sie mal eigene Kinder hätte, würde sie das vielleicht auch anders sehen. Ich sagte, das könnte ja noch kommen, aber sie war nicht so angetan von dem Gedanken.

Der Abend klang ruhig aus. Ich wartete noch eine Weile darauf, dass plötzlich Strandpiratengeister auftauchten, oder eine Sturmflut, oder… irgendwas jedenfalls, aber es passierte nichts. Gar nichts. Wir trennten uns schließlich später am Abend. Im Motel träumte ich komisches Zeug von Booten, aber kein Angriff. Fühlte mich aus dem Gleichgewicht geworfen, irgendwie. Wir hatten die Geister vertrieben und Theodosia gerettet, ganz ohne Kampf und Drama. Schön, aber irgendwie fast surreal.

Brach am nächsten Morgen wieder auf. Fuhr nach Norden, Zwischenstation in Washington, Baltimore, New York. Nächster Halt in Amherst, Massachusetts. Rief danach Ethan an, war ja in der Nähe. Trafen uns. Redeten. Philadelphia und Coleen, größtenteils. Ziemlich seltsames Zeug mit Treppen und nicht-euklidischen Räumen. Das machte Ethan fertig. Der kam mit der Ambiguität der Wirklichkeit nicht so gut klar, glaube ich. Gerade weil es da in Philly wohl keine scharfen Grenzen gab, die ihm sagten, wo die Realität aufhörte und wo das Zerrbild begann. Ich war vermutlich keine große Hilfe. Konnte mich immerhin davon abhalten, merkwürdige Kommentare abzugeben. (Aber mir fiel eine sehr niedliche Kurzgeschichte ein. Glücklicherweise hatte ich sie am nächsten Tag schon wieder vergessen.)
Wir sprachen noch über Weihnachten, Familie, alles Mögliche. Fuhr am nächsten Morgen weiter, gab die letzte Vorladung in Cleveland ab, ließ die letzte Quittung unterschreiben. Kam endlich in Chicago an.

…und jetzt sitze ich hier und warte darauf, dass mein Dad mir erzählt, was er eigentlich von mir will.

Comments

Marganma

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.