Mädchenkram - Supernatural

Falls

“Es ist soweit komm”

Wieder und wieder geht Ethan der Text von Calebs SMS durch den Kopf, während er den Nissan nach Südwesten lenkt. Sich den GPS-Koordinaten, die auch noch in Cals Nachricht standen, immer weiter nähert. Der Ort ist in New York, nicht weit weg vom Ferris Lake, hat Ethans Studium der Karten ergeben: irgendwo in den Weiten der Adirondack Forest Preserve, aber außerhalb der ganzen Wilderness Areas da in der Gegend.

Nein. Ethan ist sich alles andere als sicher, dass es wirklich soweit ist. Er weigert sich, das zu glauben. Aber scheiße, wenn es wirklich— “Ich brauche dein Versprechen, Ethan. Sobald es kein Zurück mehr gibt…” “Nein. Ich geb dich nicht auf. Gibt Wege. Möglichkeiten. Pemkowet. Nelson.” “Versprich es mir. Ich kann das nur dir anvertrauen.” “Nein… Es muss…” “Versprich es mir.” “Na gut, verdammt. Ich versprech’s. Falls.” “Sieht eher aus wie wenn.” “FALLS.

Scheiße. Wenn falls wirklich gekommen sein sollte, entgegen all ihrer Mühen und Versuche…
Nelson. Nelson sagte, er hat es fast. Ethan muss sich überzeugen. Muss ganz sicher sein. Hoffentlich nicht. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht. Aber wenn… Seine eigene Stimme klingt ihm im Ohr, gepresst und widerstrebend, aber doch mit einer Einwilligung. FALLS.

Bei einer kurzen Pause findet Ethan eine Nachricht von Irene vor. “Cal ist vermutlich in seiner Waldhütte. Fahre jetzt hin. ETA 4h. Treffen dort?”, dazu ein Anhang mit einem Landkartenausschnitt und einer Google Maps-Wegbeschreibung. Sieht aus wie genau die Koordinaten, die Ethan auch hat. Drecksmist, elender! Wenn wirklich falls sein sollte, dann kann er Irene da nicht brauchen. Es hat schon seinen Grund, dass er ihr von seinem Versprechen nichts gesagt hat. Was hätte er ihr auch sagen können? ’Ich habe deinem Geliebten versprochen, dass ich ihn jagen komme, falls notwendig, und jetzt gehe ich sehen, ob es wirklich notwendig ist, und falls es tatsächlich notwendig sein sollte, dann werde ich ihn erschießen, ganz gleich, ob du etwas dagegen hast oder wie sehr das dein Herz bricht’? Ha. Ja klar. Das kann er seiner britischen Freundin nicht antun. Sie leidet schon genug unter der Situation. Und falls es wirklich keinen anderen Ausweg mehr gibt, kann er sich von ihr nicht aufhalten lassen. Er darf sich nicht aufhalten lassen. Er hat es versprochen. Auch wenn Irene ihn hinterher hasst. Auch wenn er selbst sich hinterher hasst. Er hat es versprochen. Ethan beißt die Zähne zusammen und steckt sein Handy wieder weg, ohne auf die Mail geantwortet zu haben. Beim Losfahren legt er den Gang viel härter ein, als er müsste, und sein Gesicht ist eine Maske, sein Blick starr auf die Straße gerichtet. Scheiße. Cal. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht.

Runter von der Interstate. Rauf auf eine State Road. Irgendwann führt die State Road in den Wald. Durch ihn hindurch, wenn er darauf bleiben würde. Tut Ethan aber nicht. Er muss abbiegen auf eine normale Straße. Davon wieder abbiegen auf eine schmälere. Weitere Meilen. Nochmal abbiegen. Nochmal. Gravel Road. Holprigere Gravel Road. Schlaglöchrig-buckelige Dirt Road. Gut, dass der Pickup so viel Bodenfreiheit hat.

Es dürften noch so eineinhalb, zwei Meilen bis zu seinem Ziel sein, als Ethan auf ein Hindernis stößt. Mit ein paar Baumstämmen und einem ausgebrannten Auto – nicht Cals Dodge, stellt Ethan mit Erleichterung fest – ist der Weg regelrecht verbarrikadiert. Aber bis ganz zu den angegebenen Koordinaten wäre er ohnehin nicht gefahren. Ist der Weg jetzt halt länger. Auch recht. Ethan wendet und stellt den D21 ein Stück weiter hinten ab, wo er hoffentlich nicht sofort gesehen wird.

Vom Auto aus geht Ethan erst wieder zu der Barriere zurück. Okay… von hier aus einen Bogen schlagen, damit er hintenrum bei der Hütte – von der Ethan noch nie gehört hat, die muss sein Mentor sich nach ihrem Zerwürfnis zugelegt haben – ankommt.
Ethan wirft einen Blick auf das GPS-Gerät, das Barry ihm zum Geburtstag geschenkt hat. Überschlägt im Kopf ungefähr die Route. Okay. Von der Straße ist er schon mal runter. Und jetzt ein Stück nach— Klack.

Für den Bruchteil einer Sekunde kann Ethan dieses ‘Klack’ nicht einordnen, so unverhofft passiert es und so wenig passt es in diese Gegend. Denn das war kein knackender Ast. Das war mechanisch. Aber dann flutet die Erkenntnis in seinen Kopf, und er erstarrt zur Salzsäule. Eine Mine Cal hat Minen gelegt das war’s es ist nicht wie im Film jetzt geht sie hoch warum sollte es im echten Leben Minen geben die explodieren wenn man von ihnen runtergeht statt wenn man auf sie drauftritt sowas gibts nur im Film—

Aber die Mine explodiert nicht. Einen endlosen Herzschlag lang. Zwei. Drei, und Ethan lebt immer noch. Vielleicht gibt es solche Minen ja doch nicht nur im Film. Oder vielleicht hat er einen Blindgänger erwischt. Aber das ist eine Möglichkeit, auf die er sich nicht verlassen kann. Scheiße. Bloß stehenbleiben. Kopf nicht verlieren. Sonst ist er tot. Oder zumindest schwer verstümmelt, was hier draußen im Nirgendwo wohl so ziemlich auf dasselbe hinauslaufen dürfte.

Mit zusammengebissen Zähnen sieht Ethan sich um. Was weiß er über den Druckpunkt von Landminen? Fünfzehn, zwanzig Pfund? Irgendwie so. Kay. Mal sehen. Das Stück Holz da: viel zu leicht. Der Baumstamm: viel zu schwer. Klar, schwer ist gut, aber den kriegt er im Leben nicht bewegt. Der ausgerissene Stumpf da hinten: vermutlich auch zu schwer. Und: außer Reichweite. Jede Menge lose herumliegender Äste. Helfen alle nichts. Vorsichtig und immer darauf bedacht, sein Gewicht auf dem verdammten Ding unter ihm zu halten, dreht Ethan sich im Kreis, lässt den Blick suchend auch über das Gelände hinter sich schweifen. Komm schon. Irgendwas. Mehr nutzloses Holz. Erde. Steine. Aber keiner auch nur ansatzweise groß genug. Außer… da vielleicht. Halb unter einem kleinen Busch verborgen. Schwer zu sehen. Aber der könnte vielleicht… wenn er nicht zu weit weg ist, um ranzukommen.

Ethan geht in die Hocke. Lässt sich unendlich langsam auf die Knie nieder – Scheiße Scheiße Scheiße, bloß den Druckpunkt nicht verlieren – und tastet sich dann Inch um Inch zu dem Stein vor, den er unter dem Busch gesehen hat. Erst denkt er, er kommt nicht dran, ohne zu viel Gewicht von der Mine wegzuverlagern – wenn sie jetzt hochgeht, reißt sie ihm immerhin bloß die Knie weg, fährt ihm der sarkastische Gedanke durch den Kopf – aber dann streckt er sich noch ein bisschen vor, und dann noch ein Stück – zwanzig Pfund es muss nicht alles draufbleiben nur zwanzig Pfund rum – und schließlich berühren seine Fingerspitzen den Stein. Aber nur das. Und nur mit den Fingerspitzen kriegt er den nicht bewegt. Nicht ohne dass er sich noch weiter vorlehnt und damit riskiert, die verdammte Mine doch auszulösen. Scheiße, elende! Okay. Okay. Kopf bewahren, verdammt. Das ist ein Stein, und einer, der schwer genug ist, wie es aussieht. Er muss nur drankommen. Er braucht eine Verlängerung. Ein Seil. Klar. Seil.

Vorsichtig verlagert Ethan sein Gewicht zurück nach hinten, bis er wieder voll auf der Mine kniet. Rucksack. Rolle Seil drin. Idiot. Hätte er gleich dran denken können. Kurz darauf hat er ein Stück von dem dünnen, aber sehr reißfesten Nylonseil abgeschnitten und es zu einer Schlaufe gebunden. Nächster Schritt. Über den Stein bugsieren. Nach einer Reihe von Fehlversuchen, inklusive einem Moment des Horrors, in dem er sicher ist, jetzt hat er das Gleichgewicht verloren, ist auch das geschafft. Okay. Ziehen. Nicht zu stark. Bloß nicht hintenüber fallen.

Es braucht ein paar Anläufe und zwei, drei Neuanbringungen der Seilschlaufe, aber irgendwann hat Ethan den Stein nah genug herangezogen, dass er ihn anheben kann. Langsam richtet er sich auf. Geht in die Hocke und legt den Felsbrocken zwischen seinen Füßen ab, bevor er erst den rechten, dann den linken an dem neuen Gewicht auf der Mine vorbeimanövriert und auf dem Gesteinsblock balanciert. Ein paarmal schnauft Ethan durch, immer schneller, wie ein Mann, der sich dafür stählt, gleich ein Stück Schrapnell aus sich selbst herausoperieren zu müssen oder sowas in der Art. Dann, ohne wissentlich die Entscheidung zu treffen, dass jetzt der Moment gekommen ist, hält er die Luft an und springt.

Sam er hätte Sam eine Nachricht was wenn der Stein nicht schwer genug ist—

Er ist schwer genug. Oder vielleicht ist die Mine tatsächlich ein Blindgänger. Ethan stößt tief und langgezogen den angehaltenen Atem aus, während ihm erst jetzt so richtig bewusst wird, dass ihm Schweißperlen auf der Stirn stehen. Scheiße. Eine Mine. Und schon sehr bald bemerkt Ethan jetzt, wo er darauf achtet, dass das bei weitem nicht die einzige Falle dieser Art war. Sehr, sehr vorsichtig bewegt er sich weiter und stellt fest, dass hier ziemlich viel von dem Zeug liegt. Scheiße. Cal hat tatsächlich Minen ausgelegt, und zwar nicht zu knapp.

Mit jedem sich langsam beruhigenden Herzschlag versteinern auch Ethans Gesichtszüge ein wenig mehr. Drecksmist. Elender Drecksmist. Es sieht wirklich fast so aus wie falls. Schweren Herzens holt Ethan das Zielfernrohr, das er vor einer Weile mit größtem Widerwillen gekauft hat, aus den tiefsten Tiefen seines Rucksacks und schraubt es auf die Mossberg, bevor er sich in noch weiterem Bogen als vorher wieder in Richtung Hütte aufmacht. Den Rest des Weges über bleibt Ethan wachsam, aber so viele Minen sind es am Ende doch nicht: Zum Glück war Cals Vorrat an Sprengfallen wohl nicht unbegrenzt.

Die Hütte liegt da wie verlassen. Die Tür ist geschlossen. Die Fensterläden sind geschlossen. Sorgfältig die Deckung wahrend, schleicht Ethan sich in eine Position, von der aus er sowohl den Eingang als auch eine Seite des Gebäudes im Auge behalten kann, und legt sich mit dem Gewehr im Anschlag auf die Lauer. Er muss sehen, wer ein- und ausgeht. Sehen, was passiert. Er muss wirklich ganz sicher sein.

Aber nichts passiert. Nichts regt sich. Erst nach einer ganzen Weile tut sich etwas, und das nicht an der Hütte, sondern auf dem Weg. Eine Gestalt zu Fuß. Irene. Dicker angezogen als normal für die Jahreszeit: garantiert eine kugelsichere Weste unter der Jacke. Scheiße, Ethan hat zu lange beobachtet; er wusste doch, dass sie auch hierher kommen wollte! Aber okay, muss er einfach warten, bis sie mit Cal geredet hat und wieder weg ist. Die Bewegungen der Britin sind langsam und bedächtig und ihre Augen konsequent auf den Boden gerichtet: Vermutlich hat sie auch bemerkt, dass das Gelände vermint ist, war aber schlauer als Ethan und ist in keine reingetreten. Auf dem Weg zur Hütte und in deren direkter Umgebung scheinen aber auch gar keine zu liegen – klar, Cal muss ja vielleicht auch selber mal raus da.

Wenn er überhaupt drin ist. Es regt sich nämlich immer noch nichts in dem Blockhaus. Wachsam nähert Irene sich dem Gebäude. Lauscht. Sucht sorgfältig den Eingang ab, nach Fallen und Drähten offensichtlich, scheint aber keine zu finden. Lauscht wieder. Ethan überlegt gerade, ob er sich ihr doch zu erkennen geben soll, da öffnet die Britin die Tür und verschwindet im Dunkeln.
Kaum ist sie drinnen, dringt aus der Hütte ein ohrenbetäubender Knall, gepaart mit einem gleißenden Licht. Scheiße. Blendgranate. Cal ist doch da drin. Hat die ganze Zeit da drin gewartet. Aber nur eine Sekunde später kommt Ethans alter Mentor heraus und wirft die Tür zu und den Riegel vor. Dann schnippt er mit einer beiläufigen Geste etwas weg, und sofort schlagen Flammen an der Hüttenwand hoch. Mit unbewegtem Gesicht, das im Sucher des Zielfernrohrs so nah wirkt, als könne Ethan es berühren, wirft Cal einen Blick auf sein Handwerk und zieht sich dann von dem brennenden Holzhaus zurück.

Verdammt! Elender Drecksmist! Der will tatsächlich Irene umbringen! Nicht nur Ethan, von dem Caleb ja weiß, dass er hierher unterwegs ist, um ihn auszuschalten, und wo Ethan es dem Älteren im seelenlosen Zustand nicht mal verdenken kann, dass er das um jeden Preis verhindern will. Sondern Irene. Das ist der Moment, vor dem es Ethan mit jeder Faser seines Seins gegraut hat. Für den er fast alles gegeben hätte, dass er nicht eintritt. Es ist falls.

Ethan presst die Lippen aufeinander. Die Zeit bremst ab, während der Lauf seines Gewehrs Cal unerbittlich folgt und Ethans ganzes Sein aus nichts besteht als dem Bild in seinem Sucher. Cal hält an, dreht sich um. Steht ganz still und entspannt da, während sein Blick mit der Waffe im Anschlag auf die Hütte gerichtet ist. Falls. Die Zeit steht still. Nichts existiert mehr auf der Welt außer Cals Kopf im Sucher und Ethans Finger am Abzug. Ein Herzschlag. Äonen später ein weiterer. Falls. Er hat es versprochen. Und Irene ist da in der Hütte. Eingesperrt in der verriegelten Hütte, die immer stärker zu brennen beginnt. Das ist nicht mehr Cal. Das ist nicht mehr Cal. Er hat es versprochen. Ethan krümmt den Zeigefinger um den Abzugshebel. In dem eingefrorenen Moment flackern dutzende Bilder vor seinen Augen vorbei. Gemeinsam unterwegs. Calebs sardonisches Grinsen, Ethans amüsiert-ironiebewusstes dagegen. Der Harrdhu. In der Höhle mit den Schattendingern, Rücken an Rücken, die Dunkelheit von ihrem Mündungsfeuer zerrissen. Das Zerwürfnis. Sein Schlag in Dimmitt. Aneinanderklickernde Bierflaschen am Schrein. Er kann es nicht. Er muss. Irene ist da drin. Und er hat es versprochen. Er hat es versprochen. Einen Moment lang schließt Ethan die Augen. Dann drückt er ab.

Der Schuss kracht, aber in der allerletzten Sekunde reißt Ethan die Mossberg doch um einen Hauch zur Seite, und die Kugel bohrt sich in den Baum direkt neben Calebs Kopf. Splitter fliegen, und Cal hechtet ins Unterholz. Ethan sprintet los, im Zickzack auf die Hütte zu. Sein Ziehvater wird die Überraschung gleich abgeschüttelt und sich wieder aufgerappelt haben, und dann sind die Rollen vertauscht. Aber er konnte Cal nicht einfach so abschießen, nicht aus dem Hinterhalt, ach was, vergiss Hinterhalt, er konnte es nicht, Punkt, und jetzt zieht er den Kopf ein und schlägt Haken und rennt, was er nur kann, denn Irene ist in der Hütte und wird in den Flammen umkommen, wenn er nichts tut. Er muss sie da rausholen.

An der Tür. Schnell. Riegel. Glüht noch nicht, aber fehlt nicht mehr so viel. Schmerzhaft heiß. Scheiß drauf. Während Ethan mit dem störrischen Schließmechanismus kämpft, ist ihm nur allzu bewusst, was für eine fette Zielscheibe er gerade auf dem Rücken hat. Aber hilft ja alles nichts. Irene muss raus da. Fast geschafft. Ein letzter Ruck an dem verdammten Ding und—

Ein harter Schlag in seiner Schulter, gepaart mit einem durchdringenden Stechen, reißt Ethan nach vorne, noch bevor er den Schuss hört. Er steht so nah vor der Tür, dass die ihn abfängt und er nicht zu Boden geht, er gleichzeitig aber auch ein paar Splitter abbekommt, die von der Tür wegspritzen, als die Kugel an der Vorderseite seiner Schulter wieder austritt und in das Holz einschlägt. Für einen Moment droht der Schmerz des Treffers ihn mit sich zu reißen, aber dann kickt das Adrenalin ein, und das unerträgliche Brennen tritt in den Hintergrund, geht in der Dringlichkeit der Aufgabe beinahe unter. Irgendwie bekommt Ethan den Riegel den Rest des Wegs herausgezogen. Er reißt die Tür auf und stürmt in die Hütte, raus aus der direkten Sichtlinie, und Calebs nächster Schuss pfeift hinter ihm in den Türpfosten.

Er hatte damit gerechnet, dass Irene drinnen fieberhaft an einem Weg nach draußen arbeitet. Oder vielleicht auch, dass sie es schon nicht mehr aus eigener Kraft rausschafft und er ihr helfen muss. Womit Ethan nicht gerechnet hat, ist, dass Irene in der Mitte des Raumes in einem hastig aufgemalten Zirkel kniet und hustend und in einem erstickten Singsang ein Ritual wirkt. Scheiße. Will sie etwa— Aber das ist kein Dämonenritual, das die Britin da veranstaltet, soviel erkennt Ethan auf die Schnelle, auch wenn er nicht einschätzen kann, was genau sie da tut. Ist aber auch egal, was genau es ist. Die Hütte ist schon jetzt voller Qualm, die Flammen schlagen aus den Wänden und haben gerade schon auf das Dach übergegriffen, es ist nur noch eine Frage von Sekunden, bis auch der Boden zu brennen anfängt, und Irene muss raus hier!
Ethan tritt auf seine britische Freundin zu, tiefer in die wabernde Hitze hinein, aber ehe er auch nur Anstalten machen kann, die Hand nach ihr auszustrecken, richtet Irene, ohne in ihrem Gesang innezuhalten oder auch nur darin zu stocken, ihre silberfarbene Browning auf ihn. ‘Lass mich machen, Ethan.’ Sie muss es gar nicht aussprechen, die Drohung ist auch so unmissverständlich.

Ein Plan. Sie hat einen Plan, sonst würde sie nicht so darauf bestehen! Plan ist gut. Plan ist Hoffnung. Aber die verdammte Hütte brennt! Getrieben sieht Ethan von der Engländerin zu den Wänden und wieder zurück. Versucht gerade abzuschätzen, wie lange sie für ihr Ritual noch brauchen wird, versucht, die Hoffnung eines Plans gegen die Gefahr durch das Feuer und den Rauch abzuwägen, da spürt er eine kalte, metallische Berührung am Hinterkopf. Scheiße, verfluchte! Überrumpelt wie der letzte Anfänger! “Hör auf damit”, kommt Cals emotionslose Stimme von direkt hinter ihm, und der Druck an Ethans Schädel verstärkt sich, “sonst ist er tot.”

Irene hört nicht auf. Ihr Gesicht nimmt eine akzeptierend-steinerne Miene an, und ihre Lippen ziehen sich entschlossen zusammen. Ethan erkennt den Ausdruck genau. Das ist Irenes eigenes Falls. Sie wird nicht aufhören. Ethan kann es ihr nicht mal verdenken. Er nimmt einen tiefen Atemzug. Dann war es das jetzt. Aber nicht einfach so. Nicht kampflos.
Ethan spannt sich an. Er ist drauf und dran, loszuschnellen und gegen jede Chance zu versuchen, so wegzukommen, dass der Treffer vielleicht doch nicht tödlich wäre, da lässt der Druck an seinem Hinterkopf urplötzlich nach. “Jetzt erschieß mich endlich, du Arschloch!”

Im Herumwirbeln reißt Ethan das Gewehr hoch. Sieht Cals verzweifelten, flehenden Blick. Drückt ab und könnte selbst nicht sagen, ob er es tut, um zu töten oder um außer Gefecht zu setzen. Aber die Frage stellt sich nicht. Denn im selben Moment wie Ethan feuert auch Irene, immer noch ohne Unterbrechen ihres Rituals, und von dem heftigen Aufprall aus nächster Nähe und dem Knacken seitlich in seinem Brustkorb – Gummigeschoss. Rippe. Gebrochen vermutlich, oder mindestens geprellt – wird Ethans Gewehrlauf aus der Bahn gerissen, und seine Kugel fetzt in einem Streifschuss, der den Älteren benommen zurücktaumeln lässt, an Calebs Schläfe entlang. Auch den neuen Schmerz drängt Ethan nieder und setzt seinem Mentor nach, raus aus der brennenden Blockhütte, wirft sich draußen auf den anderen Jäger und reißt ihn zu Boden.

“Halte durch, verdammt!” brüllt er Cal zu, während er die Mossberg nach hinten über die Schulter reißt, damit der Gewehrkolben nach vorne zeigt, “Irene hat n Plan!” Ethan hat keine Ahnung, was das für ein Plan sein mag, aber es ist einer Plan ist gut Plan ist Hoffnung alles ist besser als falls und es sah so aus als sei Irene gleich fertig Cal muss nur durchhalten nur noch ein bisschen er selbst bleiben—

Aber schon haben die Augen des Jägers wieder ihren kalten, gefühllosen Ausdruck angenommen, also zieht Ethan die begonnene Bewegung durch. Will seinen Ersatzvater mit einem Kolbenhieb ausknocken, aber die durchschossene Schulter behindert ihn, und so hat Ethans Schlag nicht die Wucht, die er gebraucht hätte. Cal bekommt das Gewehr ebenfalls zu packen, und sie ringen verbittert darum. Bei dem Gerangel knallt der Lauf der Mossberg einmal seitlich in Ethans Gesicht, aber das ist es nicht, was ihn umwirft. Was Ethan umwirft, ist der plötzliche scharfe Tritt gegen seinen Knöchel, mit dem Cal ihn aus dem Gleichgewicht bringt und sich dann auf ihn rollt. Verbissen ringen die beiden Männer weiter um die Waffe. Aber in Ethans Schulter brennt flüssiges Feuer, und er kann dem Druck, den Caleb auf den Schaft ausübt, nicht genügend Kraft entgegensetzen. Unerbittlich zwingt der Ältere die Mündung unter Ethans Kinn. Tastet mit einer Hand nach dem Abzug, findet ihn, und Ethan kann nichts mehr tun.

Sam bist immer bei mir ich wünschte—

Cal zuckt zusammen. Der ältere Jäger schwankt, seine Hand, die eben noch am Abzug lag, fällt zur Seite weg, und der Druck des Gewehrlaufs unter Ethans Kinn lässt nach. Mit einem wortlosen Ausruf der Anstrengung bäumt Ethan sich auf, stößt seinen Mentor von sich herunter und zur Seite weg. Eine Spritze mit fedrig-puscheligem Ende steckt in dessen Rücken, sieht Ethan. Betäubungspfeil. Erst jetzt bemerkt er, dass Irene ihr was-auch-immer-es-war beendet haben muss, denn sie ist aus dem Blockhaus gekommen und kniet jetzt keuchend und hustend davor, ein Betäubungsgewehr in der Hand. Aber keine Zeit, darüber nachzudenken, weil Cal, wenn auch unkoordiniert, nach seiner Pistole langt, die zwischen ihnen am Boden liegt. Selbst auch noch liegend, tritt Ethan die Knarre weg. Cal krabbelt hinterher, streckt sich danach, und Ethan ist zu weit weg, um die Waffe nochmal außer Reichweite zu befördern. Er könnte es auch gar nicht, denn jetzt ebbt das Adrenalin in seinem Blut schlagartig ab, und die Welt verschwimmt vor Ethans Augen. Durch den Schleier sieht er eine Bewegung vor sich, dort, wo Irene vor der Hütte kniet, die aus unerfindlichen Gründen nicht mehr brennt. Eine weitere Gestalt. Was, wer…

„Du hast ihn gefunden.“
Die Stimme kennt Ethan. Er kommt nur im ersten Moment nicht darauf, muss um den Nebel herum denken, der sich in seinem Gehirn zu formen beginnt. Dann hat er es. Mara. Mara, der Engel vom Roten Hügel. Mit einiger Anstrengung zwingt Ethan seine Augen dazu, auf die Frau scharfzustellen. Sie sieht müde aus. Müde und abgespannt. „Tu’ es!“ zischt Irene, die inzwischen aufgestanden ist, und Mara schüttelt mit einem schweren Seufzer den Kopf. Mit einem resigniert-unglücklichen Ausdruck auf den feinen Zügen tritt der Engel auf Irene zu und greift in die Engländerin hinein, greift in sie hinein, als wäre es ein gut gemachter Special Effect in einem Science Fiction- oder Horrorfilm. Und ganz so, als wäre es ein Horrorfilm, fängt Irene an zu schreien, gellend und langgezogen und durchdringend, und sie bricht erst ab, als Mara die Hände wieder aus ihr herauszieht. Mit den Händen ist etwas mitgekommen: ein sanftes, wohltuendes Leuchten, das die Engelsfrau jetzt mit traurigen Augen betrachtet, ehe sie sachte mit den Fingerspitzen darüberstreicht. „Was hast du nur mit deiner Seele getan, Kind“, sagt sie bekümmert. „Mit etwas so Heiligem sollte man sorgsamer umgehen.“ Mit diesen Worten dreht Mara sich um, macht die paar Schritte auf Cal zu, der wegzukommen versucht, aber viel zu langsam ist und viel zu unkoordiniert, und schiebt das lichte Strahlen in ihn. Auch Cal schreit, als würde ihm bei lebendigem Leib die Haut abgezogen, und auch er hört erst auf, als Maras Hände ihn wieder verlassen.

Ethans Sicht verschwimmt schon wieder. Die Stimme der Engelsfrau scheint aus weiter Ferne zu kommen, als sie verwundert sagt: „Oh.“ „Was ist los?“ will Irene wissen, aber es klingt gar nicht sonderlich interessiert. „Ich kann eure Seelen nicht voneinander trennen. Sie haben sich… verbunden… Ich kann dir nichts zurückgeben, mein Kind.“

Mühevoll zwingt Ethan seinen Blick zu Irene. Die steht mit leicht schiefgelegtem Kopf da, als horche sie ein bisschen verwirrt in sich hinein. Ein bisschen verwirrt, aber nicht beunruhigt. Eher neugierig. Dann zuckt sie die Schultern. „Macht nichts. Mir fehlt nichts.“ Die Stimme der Britin ist jetzt völlig entspannt.
Was… wie… Irenes Seele… in Cal… verbunden… nichts zurückgeben… Ethan kann es nicht greifen, nicht richtig erfassen, nur dass es schrecklich ist, soviel kann er durch den Nebel und den glühenden Schmerz hindurch erkennen. „Aber das…“, stammelt Ethan zu der verschwommenen Gestalt vor ihm, „das… sie… dann gib ihr meine!“
Doch Mara schüttelt den Kopf. „Nein, Kind“, sagt sie matt. „Das würdest du nicht wollen. Ich habe ohnehin hier schon viel mehr getan, als ich hätte tun dürfen. Und ich vermag es auch gar nicht, so erschöpft, wie ich bin.“
Ethan will protestieren, aber seine Stimme gehorcht ihm nicht mehr. Sein Körper gehorcht ihm nicht mehr. Er kippt nach hinten, auf den weichen Waldboden, und ehe seine Sinne weichen, hört er gleichmäßige Schritte, die sich langsam entfernen.

Seine nächste Empfindung ist ein Rütteln am Hals, von dem das Feuer in seiner Schulter und die Axt in seinem Brustkorb wieder voll in Aktion treten. Dann eine Stimme. “Verdammt nochmal, warum hast du sie das machen lassen, du Arschloch?” Cal. Das ist Cals Stimme. Ethan blinzelt die Augen auf, versucht, auf den Jäger zu fokussieren, der ihn am Kragen gepackt hält. “Wa… was… wer?”
“Sie hat mir ihre verfickte Seele gegeben, verdammt!” tobt Cal weiter. “Jetzt habe ich ihre, und sie hat gar keine mehr! Warum zum Teufel hast du mich nicht erschossen, du Arsch?”
Ethan sackt in sich zusammen. “Konnte nicht”, gibt er leise zu.
Cal nimmt die Hände von Ethans Kragen, und der richtet sich vorsichtig auf, bis er sitzt, und vergräbt dann den Kopf in den Händen. “Drecksmist”, murmelt er tonlos. Oder vielleicht hat er das Wort auch nur gedacht. Er ist sich nicht ganz sicher.
“Ist ja nicht deine Schuld”, brummt Cal. “Warum bin ich nicht einfach bei der verdammten Apokalypse draufgegangen?”
Und es war doch Ethans Schuld. Versprochen. Er hatte es versprochen. “Konnte nicht”, wiederholt er bedrückt. “Und dann… Dachte, Irene hat ‘n Plan. Hoffnung. War kurz davor. So kurz…”
“Vergiss es.”
Heh. Wenn das mal so einfach wäre. In Ethan wirbeln die Gedanken. Wenn er es getan hätte… Entgegen aller Wahrscheinlichkeit ist Cal wieder er selbst, im Prinzip war es also tatsächlich gar nicht falls, also hat Ethan sich ja vielleicht doch nichts vorzuwerfen, wenn man es genau nimmt, aber er war so kurz davor, und Irene… Scheiße. Irene.

Eine Bewegung neben sich lässt Ethan zur Seite blicken. Sein Ziehvater sitzt in haargenau derselben Haltung da wie Ethan selbst, vorgebeugt mit dem Kopf in den Händen, aber jetzt tastet er mit einer Hand nach der Innentasche seiner Jacke und zerbeißt einen Fluch zwischen den Zähnen. Keine Frage, was Cal sucht. Wortlos zieht Ethan seine eigenen Zigaretten heraus und hält dem Älteren die Packung hin. Schweigend rauchen sie, bis Cal seine Kippe ausdrückt und aufschaut. “Scheiße. Was machen wir denn jetzt?”
Ethans Antwort ist Ausdruck seiner Ratlosigkeit. “Was wir immer machen. Irgendwas.”
Das lässt Cal auflachen, halb bitter, halb amüsiert, woraufhin Ethan entmutigt den Kopf schüttelt. Irgendwas wird ihnen schon einfallen. Klar. Heh. Strohhalm. Wieder mal.
Caleb wird konkreter. “Wir müssen sie finden”, sagt er, “und zwar dringend.”
Während Ethan noch nickt, spricht der Ältere schon weiter. “Aber wir müssen echt aufpassen. Wenn sie so drauf ist wie ich, dann will sie ihre Seele nicht wieder, auf gar keinen Fall. Deswegen wird sie sich mit allem wehren, was sie hat. Ich war ja in dem Zustand schon zu allem fähig, auch ohne meine Leute. Die hätte ich ja auch noch holen können. Die und jede Menge Ausrüstung. Und jetzt stell dir nur mal vor, wie das bei Irene mit ihren ganzen HW-Ressourcen aussieht.”

Drecksmist, elender. Nein, das will Ethan sich lieber nicht ausmalen. Aber die Vorstellung steht nur allzu deutlich vor seinen Augen. “Müssen sie finden”, brummt er.
“Aber vorsichtig”, mahnt Cal. “Je weniger Leute von der Sache wissen, um so besser. Gibt zu viele Jäger, die sich denken würden ‘keine Seele, kein Mensch’ und versuchen würden, die Gelegenheit zu nutzen.”
Stimmt. An die große Glocke hängen dürfen sie das keinesfalls. Aber: “Nelson. Lösung. Fast fertig. Weiß Irene. Will ihn vielleicht ausschalten.” Und: “Sam.” Ethan verzieht das Gesicht bei dem Gedanken an seine Freundin. Wie unerträglich weit sie weg ist. Wie gern er ihre Stimme hören würde. “England grad. HW-Archiv. Findet da vielleicht was.”
Cal runzelt die Stirn und sagt eindringlich: “Aber nur Sam. Kein anderer Hooper-Winslow. Gerade die würden doch nur zu gern auf den Zug springen. Irene hat gerade keine Seele? Ja wunderbar, ist sie kein Mensch mehr! Schalten wir sie aus! Weniger Konkurrenz um das Erbe!”
Schon will Ethan zustimmend nicken, da fällt ihm noch jemand ein. “Bart auch. Und Barry."
Denn da ist ja auch noch die Schale. Besser, Irene kriegt die nicht in dem Zustand.

Ehe sie aufbrechen, verarzten sie einander. Schusswunden oder nicht, da haben sie ja genug Übung drin. Außerdem macht Cal erst noch seine ganzen Minen unschädlich. Soll ja auch mal Wanderer geben hier in der Gegend.
Und dann suchen sie Irene. Gehen jeder noch so kleinen Möglichkeit nach, die ihnen einfällt, wo die Britin sein könnte. Hier in den Adirondacks hat sie niemand gesehen, aber so dumm wird sie nicht gewesen sein, anzuhalten, solange sie noch in der Gegend ist, und ihren Verfolgern einen Hinweis darauf zu hinterlassen, in welche Richtung sie gefahren ist. Und es gibt zu viele kleine Waldstraßen hier, auf denen der silberne Defender garantiert von niemandem bemerkt worden ist, bis Irene fast an der I-90 war. Und die I-90 führt quer durch das ganze verdammte Land.
Sie checken das Hotel an den Niagarafällen, von dem Cal sagt, dass er Irene dort mal getroffen hat. Sie checken weitere Hotels, von denen der ältere Jäger weiß. Orte, von denen Ethan weiß. Sie befragen Kontakte, vorsichtig. Aber nichts. War ja so klar.

Irgendwann gehen ihnen die Ideen aus. Echte Spuren hatten sie ja ohnehin keine. Keinem von beiden passt es so recht, aber sie müssen aufgeben, vorerst jedenfalls. Cal hat seine Soldaten, um die er sich kümmern muss, und Ethan selbst muss sich auch mal wieder bei Bones Gate blicken lassen und was arbeiten. Das, und er muss mit Barry nach Ohio. Dringend. Denn die Höllenschale darf auf keinen Fall zu Irene.

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Timberwere

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