Mädchenkram - Supernatural

Ferien im Höllensumpf

aus Barrys Tagebuch

Ich traf Ethan am Flughafen in Atlanta. Er hatte geschrieben, er hätte einen Job im Süden, im Okefenokee-Sumpf, und ich hatte geantwortet, wenn du willst, komme ich mit. Mir war gerade nach einer kleinen Auszeit. Hatte mir vielleicht ein paar Projekte zu viel aufgeladen, Ehesegen hing auch schief (Tam hatte mich versetzt, weil sie ihren Vampir jagen musste) und Vicky zahnte und war quengelig. Alles in allem klang Wir-fahren-in-den-Sumpf-und-schlagen-etwas-tot vergleichsweise amüsant.

(Ihr könnt euch denken, dass es das nicht war, oder? Andererseits… nein, das erkläre ich später. Müsst ihr schon lesen.)

Im Sumpf waren zwei Touristen verschwunden. Es wurde ein Suchtrupp losgeschickt, und der war auch verschwunden. Ethan sollte sich das mal ansehen, bevor noch mehr Leute verloren gingen. Alles klar. Ich verkniff mir einen Spruch darüber, wer uns denn suchen gehen würde, falls wir nicht zurückkämen.
Bart oder Emily jedenfalls nicht. Die waren nämlich ebenfalls in Waycross, Georgia, am Rand des Sumpfs. Eigentlich aus einem anderen Grund: Eine alte Bekannte von Bart – Alexandra Goodwin, eine Antiquitätenhändlerin – hatte ihn angerufen. Ihr war eine Schale mit merkwürdigen Glyphen in die Hände gefallen, und sie wollte seine Meinung dazu hören. Hatte ihm ein Bild geschickt.
Ja, das sagte ihm etwas. Nichts Gutes. Damit konnte man ein Tor in die Hölle öffnen. Oder ein Stück Hölle auf die Erde rufen oder dafür sorgen, dass sich Hölle und Realität überlappen. Dafür brauchte man nur das Blut einer Jungfrau. Alexandra sollte das Ding auf keinen Fall verkaufen!
Machte sie nicht, aber bevor Bart bei ihr ankam, wurde in ihrem Laden eingebrochen und die Schale gestohlen. Das war jetzt etwas über eine Woche her.

Ethan orakelte, es gäbe keine Zufälle, also taten wir uns zusammen. Zuerst zum Antiquariat. Sah ganz gut sortiert aus – weniger Kitsch, mehr echte Kunst. Bei dem Einbruch waren hauptsächlich Sachen gestohlen worden, die wertvoll aussahen: Ein Kästchen mit Silberbeschlägen, vergoldete Kerzenleuchter. Die glänzende bronzene Schale. Eine alte afrikanische Holzstatue war noch da, obwohl sie mehr wert war als Kerzenleuchter und Kästchen zusammen. Die Polizei hatte Joe und Jack Riggs in Verdacht, zwei Methheads aus den Sümpfen. Die waren zum fraglichen Zeitpunkt in der Stadt.
Alexandra zeigte uns Bilder der Schale: Etwa so groß wie eine Radkappe, mit diesen merkwürdigen Zeichen versehen… ich interessiere mich für Schrift, auch wenn ich sie nicht lesen kann, aber diese Dinger machten mir Kopfschmerzen. Bart meinte, die Schale wäre alt. Und nicht menschlichen Ursprungs. (Vermutlich meinte er Dämonen oder so etwas. Ein Teil von mir war neugierig, welche Sprache diesen Zeichen zugrunde lag… der Rest war felsenfest davon überzeugt, dass ich das nicht wissen wollte.)

Mit den Riggs-Brüdern hatten wir eine Spur. Klar, vielleicht war das alles ein grandioser Plan eines perfiden Masterminds, das die Swamper nur als Ablenkung nutzte, aber uns lief die Zeit davon: Die Polizei war dabei, einen neuen Suchtrupp zusammenzustellen, der morgen aufbrechen sollte. Keiner von uns war sehr zuversichtlich, was deren Chancen anging. Glücklicherweise mussten sie noch auf die Taucher warten.
Von einer Polizistin erfuhren wir, wo die Riggs-Brüder ungefähr lebten. Keine Hausnummern im Sumpf, aber irgendwo im Zentrum. Ja, in der Gegend waren auch die Touristen und der Suchtrupp verschwunden. Also mieteten wir ein Boot, packten Ausrüstung zusammen und machten uns auf den Weg.

Wir fuhren eine, zwei Stunden durch den Sumpf. Bin jetzt kein Experte, aber wirkte erstmal normal. Bäume, Wasser, Alligatoren, Moskitos, Vogelgeschrei. Aber dann veränderte sich etwas: Das Licht bekam einen bizarren grün-gelblichen Farbstich, stärker und stärker. Auf dem Wasser schwammen ölige Schlieren. Raubtierhafte Schreie übertönten die Vögel. Ein Alligator, der unter einem Baum lauerte, drehte sich. Sein Bauch brach auf und Tausende von blassen Maden krochen heraus, fielen ins Wasser. Es stank nach Fäulnis, Moder und Verwesung.
Ich nahm ein Paddel, hielt es in eine schillernde Schliere. Keine Verätzung, nur widerwärtiger, stinkender Schleim. Sah, dass uns unter Wasser etwas folgte. Überlegte, ob ich darauf schießen sollte, aber Emily kam mir zuvor. Warf einen Stein nach dem Schemen.

Das schleimige Wasser explodierte. Ein riesiger Alligator schoss auf unser Boot zu. Kurz bevor er uns rammte, sah ich, dass er keine Augen hatte, aber dafür sein Rachen grotesk aufgebrochen und verzogen war.
Er erwischte uns seitlich, tauchte dann wieder ab. Das Boot geriet beim Aufprall ins Schlingern, ich verlor das Gleichgewicht, bekam die Reling nicht zu fassen und fiel in das trübe, schleimige Wasser. Verlor meine Glock, ging kurz unter, hielt aber die Luft an. Kam wieder an die Oberfläche. Das Boot schwankte, aber jemand (vermutlich Ethan) hatte es stabilisiert. Dabei war er wohl ebenfalls ins Wasser gefallen, ich sah, wie Emily ihn wieder an Bord zog.
Versuchte, mich ebenfalls wieder aufs Boot zu hieven, aber das war nicht so einfach, weil der schwere eiserne Haken mich behinderte und ich die Seite nicht richtig zu fassen bekam. Bart streckte mir die Hand entgegen und zerrte mich nach oben. Gerade noch rechtzeitig, bevor der Alligator gewendet hatte und uns wieder angriff.
Jetzt sah ich, was mit seinem Rachen nicht stimmte: Er hatte zwei Mäuler mit fauligen Zahnreihen, die nach uns schnappten. Während ich noch auf die Füße kam, schoss Ethan auf das Monster. Riss vielleicht eine Schuppe aus dem Panzer, schwer zu sagen. Er konnte den Mäulern des Viehs ausweichen, aber beim Abtauchen erwischte der Alligator ihn mit seinem schuppigen Schwanz und brachte ihm eine tiefe, blutige Strieme am Brustkorb bei.
Emily feuerte ihren Bogen ab, traf. Der Alligator tauchte ab und hinterließ eine blutige Schliere auf dem Wasser. Weg war er sicher nicht. Ich beugte mich über die Reling, hielt den Haken als Köder nach unten. Das Biest schnappte danach, kurz hing eins der Mäuler fest. Ich riss ihn ein Stück auf das Boot zu, Bart rief, der Bauch, der Bauch ist die Schwachstelle. Ethan schoss erneut, traf. Der Alligator kam frei und verschwand geräuschlos im Wasser, hinterließ aber eine große blutige Wolke auf der schlierigen Oberfläche. Der hatte erstmal genug.

(Ich hätte dem Ding einen Wecker in den Rachen werfen sollen. Hauptsächlich aus komödiantischen Gründen.)

Emily sicherte mit ihrem Bogen, Bart kümmerte sich um Ethans Wunde. Ich übernahm kurz das Steuer und versuchte, den widerlichen Gestank des fauligen Wassers an meinen Kleidern zu ignorieren. Sah auf meinen Haken, hatte für den Bruchteil einer Sekunde den Eindruck, dass sich da etwas zwischen Sockel und Stumpf bewegte, vielleicht eine Kakerlake oder ein anderes Insekt mit zu vielen Beinen, aber das war nur in meinem Kopf. Hatte vor kurzem eine Geschichte über etwas Ähnliches geschrieben. Hör auf mit der Spinnerei, Jackson, ermahnte ich mich. Da war nichts an meinem Arm.
Aber mit Ethans Wunde stimmte etwas nicht: Eine Art schleimiger Pilz hatte sich dort festgesetzt, bräunliche Fäden breiteten sich über seiner Brust aus. Hastig griff er nach dem Campingkocher, den wir mitgebracht hatten, um die Wunde auszubrennen, aber ich sagte ihm, warte, lass es uns erst einmal mit Salz versuchen. Tut zwar weh, aber vielleicht nicht ganz so sehr wie eine offene Flamme. Okay, sagte Ethan, und ich schmierte eine Handvoll weißer Körner in die Wunde. Nicht sehr geschickt und vor allem nicht tief genug – der Pilz zog sich vor dem Salz ins Fleisch zurück. Wächst noch, murmelte Ethan. Nach innen.
Bart griff sich einen Filzstift, malte einen Kreis und ein paar Zeichen auf Ethans Brust. Dämmte den Pilz ein. Sicher eine Nebenwirkung der Höllensache, das verschwindet wahrscheinlich wieder, wenn wir das Problem klären, erklärte Bart und blinzelte hektisch. Dem war es scheinbar zu hell. Kein Wunder, seine braunen Augen hatten den gleichen Gelbstich wie das höllische Licht. Geschlitzte Pupillen wie bei einer Echse.

Vorsichtig fuhren wir weiter. Ethan und Bart blödelten noch ein bisschen über Iron Man herum, und ob man den Schleimpilz vielleicht als Energiequelle nutzen konnte. Die schauen auch zu viele Superheldenfilme. (Schleimpilzman & The Reptile klingt nach einem sehr abstrusen Comic… ich habe noch nie einen Comic geschrieben, vielleicht sollte ich mal damit anfangen? Genau, weil ich noch nicht genug Projekte habe.) Oder kam das später? Egal.

Nach einiger Zeit sahen wir vor uns ein wucherndes Gehölz, an dem rote Früchte zu hängen schienen. Früchte? Nein. Pulsierende Hautblasen, in denen sich etwas bewegte. Als wir näher kamen, brach ein Moskito aus der Hülle, ein fast taubengroßes Monster. Putzte sich einen Moment. Mehr Hüllen brachen auf, ein Dutzend, zwei… mit durchdringendem Surren erhob sich der Schwarm und flog auf uns zu. Ethan stand am Steuer und werkelte mit ein paar Dosen oder Schläuchen herum, Emily griff sich unser Mückenschutzspray und ein Feuerzeug. Ich nahm mir eine Schrotflinte, die Glock würde mir hier nicht helfen, Bart eine zweite. Wir schossen auf den Schwarm, zersiebten etliche Moskitos. So weit, so gut, aber eins der Viecher erwischte mich seitlich zwischen Schulter und Hals. Blut floss, und hinten an den Bäumen platzten noch mehr Blasen.
Emilys Mückenschutzspray war alle, aber Ethan hatte einen improvisierten Flammenwerfer gebaut, mit dem sie die Moskitos abfackelte. Bart bespritzte die Monster mit Weihwasser. Das half auch, aber es waren viele, und es waren noch längst nicht alle geschlüpft. Wir mussten hier weg, und zwar gestern. Ich deckte Ethan, während er das Boot so schnell wie möglich um das Gehölz herumsteuerte. Fing mir dabei noch einen tiefen Stich am linken Arm ein, aber wir schafften es, dem Schwarm zu entkommen.

Die Stiche schwollen an. Juckten wie die Hölle. Nicht kratzen, Jackson, schon gar nicht mit dem Haken, mit dem du gerade im Wasser herumgerührt hast. Nicht kratzen. Nahm mein Feuerzeug und versuchte, die Stiche abzufackeln, mit gemischtem Erfolg. Bart gab mir ein paar Tabletten. Antihistamine. Ich überlegte kurz, zu nicken und sie unauffällig ins Wasser zu werfen, aber der Mann hatte mich vorhin aus dem Wasser gezogen. Das hier war der falsche Moment für Paranoia. Ich nahm sie. Redete mir ein, dass sie halfen.

Weiter. Tiefer in den Sumpf. Eine Bewegung zwischen den Bäumen. War das ein Mensch? Grünliche Uniform – vielleicht ein Park Ranger? Wir fuhren näher, sahen einen Mann. Einer der Verschwundenen. Bizarr aufgedunsen, angeschwollen. Der kommt mir nicht an Bord, sagte Emily. Er könnte etwas wissen, gab ich zurück. Ging zur Reling, bereit, ihn zu uns zu holen. Bart neben mir. Ethan zögerte einen Augenblick, aber dann wendete er das Boot und fuhr auf den Park Ranger zu. Der stand auf einer kleinen Insel, machte hektische Handbewegungen. Wollte etwas sagen, aber statt Worten kam ein bleicher Hundertfüßer aus seinem Mund gekrochen. Dann noch einer, und noch einer. Sein Körper zuckte in Krämpfen und entleerte sich, Dutzende von unterarmlangen Hundertfüßern und anderen Käfern krochen zwischen ihm und dem Ufer herum.

Emily blieb an Bord und spannte ihren Bogen. Ethan, Bart und ich sprangen an Land, Ethan mit seinem Gewehr, Bart mit weiteren Flaschen Weihwasser. Die beiden beschäftigten die riesigen Viecher, während ich auf den Park Ranger zu rannte, ihn packte, über die Schulter warf und zum Boot schleifte. Ging so weit ganz gut. Ich hatte das Ufer fast erreicht, als ich hinter Emily unseren alten Bekannten sah, den zweimäuligen Alligator. Hinter dir, rief ich ihr zu und ließ den Park Ranger los. Bart sprang an Bord, Emily wich dem Angriff des Monsters aus. Um mich und den bewusstlosen Mann herum wimmelten Hundertfüßer, die versuchten, wieder in ihn hineinzukrabbeln. Verdammt. Ich gab einen ungezielten Schuss auf den Alligator ab, stampfte etliche Insekten platt. Achtete nicht auf meine Verteidigung, trug ja eine schwere Leinenhose, die in meinen Kampfstiefeln stecke. Oder hätte stecken sollen – beim Rennen hatte sich das linke Hosenbein gelöst. Jetzt kroch ein Hundertfüßer auf meinen Unterschenkel. Biss zu. Adrenalin verdrängte den Schmerz – gerade so – ich fegte ihn wieder weg. Rief Ethan zu, er solle sich um den Bewusstlosen kümmern und sprang aufs Boot.
Bart stach mit einem Messer auf den Bauch des Alligators ein, aber das Monster war dort ebenfalls gepanzert. Keine Schwachstelle mehr. Ethan wuchtete den Park Ranger mit Emilys Hilfe an Bord, verlor dabei sein Gewehr. Rannte ans Steuer und fuhr wieder los. Hängte den Alligator ab.

Mein Bein pulsierte schmerzhaft. Bart gab mir noch mehr Tabletten, keine Ahnung, was das war. Ich nahm eine. Fiel nicht tot um. Inspizierte die Wunde, erinnerte mich an Worte wie Nekrose oder Blutvergiftung. Der Biss war knapp über dem Knöchel, leicht gerötet. War das eine dünne rote Linie, die nach oben kroch? Sicher nicht.

Vorerst mussten wir uns um den Park Ranger kümmern. Der Mann fühlte sich seltsam an, seine Haut war weich und gallertartig, als würde sie ihm nicht richtig passen. Bart gab ihm etwas, er wachte auf. Fing an, zu schreien und sich zu kratzen, überall, als müsste er etwas aus sich herausschaben. Ich gab ihm eine Ohrfeige. Sah ihn an. Er schluckte, rückte ein Stück von mir ab. Hörte aber auf mit dem Geschrei und nahm uns wahr. Schön, dass ich unheimlicher bin als die Tatsache, dass gerade eben noch Dutzende von Höllenwesen in ihm herumgekrabbelt waren.
Bart erzählte ihm etwas von chemischen Experimenten. Das beruhigte ihn – gab es hier nicht eine Titaniummine, aus der möglicherweise Gase ausgetreten waren? Ja, das klang viel besser als Höllentor und Gastkörper einer infernalen Infektion.
Die Riggs-Brüder kannte er nicht. Er gehörte zu dem Trupp, der nach dem Ehepaar gesucht hatte. Nein, er wusste nicht, wo die anderen waren, und die beiden Touristen hatten sie auch nicht gefunden. Aber er hatte ein Stück weiter westlich eine Hütte gesehen, die möglicherweise bewohnt war. Gut. Wir ließen uns die Richtung weisen, dann legte ihn Bart mit ein paar Medikamenten flach.

Weiter. Tiefer in den Sumpf. Ja, das war eine dünne rote Linie, die von dem Biss an meinem Knöchel nach oben kroch. Während wir fuhren, sah ich immer wieder nach. Konnte fast zusehen, wie sie länger wurde. Sich übers Knie streckte. Als wir die Hütte endlich fanden, war sie schon fast an meiner Hüfte.

Die Behausung im Sumpf war heruntergekommen. Ursprünglich aus Holz, mit Planen und Wellblech erweitert. Überwuchert von Schleimpilzen und anderen stinkenden Gewächsen. Bewegte sich das Geflecht? Sah fast so aus, aber vielleicht war das nur die Blutvergiftung.
Ich schlug vor, die Hütte einfach mit unserem Benzin zu tränken und abzufackeln. Würde der Schale nicht schaden, und hier draußen hätten wir vielleicht bessere Chancen.
Aber, wendete Bart ein, wenn jemand hier ein Ritual gemacht hat, gibt es vielleicht einen Schutzkreis. Den müssen wir erst zerstören, bevor ich die Schale reinigen kann. Es muss jemand vorgehen, der sich mit so etwas auskennt.
Emily und Ethan fühlten sich offensichtlich nicht sehr befähigt, also sagte ich, klar, kann ich machen. Ist ja nicht so, als wäre ich völlig ahnungslos. Also reinigte ich mir Gesicht und Hände, so gut es ging, zündete eine Zigarette an, blies Rauch in alle vier Richtungen und bat die Geister um Hilfe. Brachte ein kleines Opfer dar, nur ein schmaler Streifen Haut. Tat weh, fühlte sich aber trotzdem gut an.

Also hinein in die Hütte. Keine Schutzzeichen, kein Ritualkreis. Nur die bronzene Schale in der Mitte eines verwahrlosten, überwucherten Zimmers. Daneben lag die Leiche eines Mannes – dürr, ausgemergelt, die wenigen schlechten Zähne im Tod gebleckt. Blut aus einer Kopfwunde über seinem Gesicht, seiner Schulter. Und in der Schale. Blut einer Jungfrau? Offensichtlich. Keine Überraschung, wenn der arme Wicht hier draußen wohnte und nichts tat außer Meth kochen und konsumieren.
Der andere Riggs klebte in einem Schleimpilzgeflecht an der Decke. Er war offensichtlich noch am Leben, aber nicht mehr bei Verstand. Machte leise Geräusche, sprach nicht.

Ich bewegte mich vorsichtig nach vorn, auf die Schale zu. Wurzeln und Ranken griffen nach mir, nach Bart. Ich versuchte, die Pflanzen von ihm fern zu halten, gelang mir nur teilweise. War schwierig, das Zeug richtig zu packen zu kriegen. Bart kam ins Stolpern, humpelte aber weiter.
Emily musste sich am Eingang ebenfalls kurz mit ein paar klebrigen Schleimpilzen herumschlagen, konnte dann ihren Bogen spannen und auf den Eingesponnenen schießen. Einfacher Schuss, aber bevor der Pfeil ihn erreichte, schloss sich eine schützende Pilzschicht um ihn. Bevor Ethan den Raum richtig betreten konnte, tauchte hinter ihm wieder der Alligator auf und griff an. Damit hatte er alle Hände voll zu tun. Später erzählte er mir, dass die Pilzinfektion wieder aufgeflammt war und die Äderchen am Rand des Filzstiftkreises zum Platzen gebracht hatte.

Weiter hinein. Bart erreichte die Schale, fing mit einer Reinigung an. Ich riss weiterhin an den Wurzeln, hielt ein paar von ihm weg, aber eine große Ranke peitschte hart über seinen Arm. Er ließ sich nicht stören. Dann schlängelte eine riesige Wurzel auf ihn zu, fast so dick wie ein junger Baum. Ich warf mich in den Weg, sie packte mich am rechten Fuß und drückte kräftig zu. Gibt es ein Wort für das Geräusch, das Knochen beim Brechen machen? Ich hätte es gebraucht. Die Wurzel schüttelte mich kurz durch – blendender Schmerz – ich stürzte. Verlor für ein paar Momente den Überblick. Hörte Barts Stimme, die die letzten Worte der Reinigung rief. Beinahe unmittelbar ließ der Druck an meinem Fußgelenk nach. Konnte es befreien.

Sah mich um. Das Licht war wieder normal, die Raubtiergeräusche hatten schlagartig aufgehört. Bart kauerte zusammengesunken über der Schale. Etwas stimmte nicht mit ihm – er war sehr blass. Zitterte schwach. Unter seiner Haut bewegten sich Schatten.
Neben der Tür lag ein Bündel Mensch. Der Swamper war aus dem Schleimpilzkokon gefallen. Emily schenkte ihm keine Beachtung, sie lief zu Bart und half ihm dabei, einen Schluck aus der Weihwasserflasche zu nehmen. Er trank, und eine Dampfwolke kam aus seinem Mund. Seine Augen waren immer noch gelb-grün, mit geschlitzten Pupillen. Eine Infektion, erklärte er. Das geht vorbei. Es braucht nur etwas – er nahm noch einen Schluck aus der Flasche – nur etwas Zeit.

Ethan kam heran. Krokodil ist weg, berichtete er. Pilz auch. Die Wunde auf seiner Brust sah gerötet aus, aber sonst nichts. Kein Befall. Das würde heilen. Ich prüfte meinen linken Knöchel: Eine winzige Bisswunde. Kein roter Streifen. Keine Blutvergiftung mehr. Dann der rechte Fuß. Versuchte, ihn aus dem Stiefel zu ziehen. Keine gute Idee. Irgendwas hing da fest. Ethan schnitt das Leder auf, zog es vorsichtig weg. Ein abgebrochenes Knochenstück ragte aus einer blutenden Wunde. Ich wollte es wieder hineinschieben, aber Ethan drückte meine Hand weg und erledigte das. War gut so. Fiel dabei fast in Ohnmacht.
Danach ging er und baute aus ein paar Ästen und anderem eine Art Schiene. Damit konnte ich irgendwie humpeln. Zurück ins Boot. Die Schale nahmen wir mit, den Schleimpilz-Swamper auch. Er lebte noch.
Machten uns auf die Suche nach den anderen Vermissten. Fanden niemanden und gaben kurz vor Sonnenuntergang auf. Das konnte morgen der Suchtrupp erledigen.

Zurück nach Waycross. Duschen. Noch mal duschen. Der Gestank des Sumpfwassers war mit der Reinigung der Schale schwächer geworden, aber ich konnte es immer noch riechen. Nur gut, dass mein Hotelzimmer eine Badewanne hatte und ich dabei sitzen konnte. Stehen war gerade etwas schwierig.
Eigentlich wollte ich ins Bett gehen, aber der Mückenstich am Arm trieb mich in den Wahnsinn, also ging ich runter an die Bar. Fand die anderen drei. Wir redeten noch eine Weile. Fragten uns, was wir mit der Schale machen sollten. Barts Wohnwagen war ja ganz hübsch, aber vielleicht nicht angemessen sicher. Irgendwer hatte die Idee, einen Giftschrank für solche Sachen zu bauen. Für den Fall, dass man sie noch mal brauchte. Emily widersprach vehement: Das Ding würde sie sicherlich nie wieder brauchen. Bart meinte, wer weiß. Vielleicht kann man damit auch Tore schließen. Ethan murmelte etwas davon, dass da ganz sicher keine Jungfrau geopfert werden würde. Bart beruhigte ihn, man bräuchte ja nicht unbedingt die ganze Jungfrau. Ich sagte gar nichts. Dachte, meine Meinung wäre ohnehin klar – ich meine, ich mag keine Waffen. Ehrlich nicht. (Hört auf zu lachen, okay.) Aber wenn es sein muss, benutze ich sie. Die Schale ist auch nichts anderes als eine Waffe – eine extrem gefährliche Waffe, aber das sind sie letzten Endes alle.
Wir waren uns zwar uneinig, was die Schale anging, aber die Idee, einen Safe zu haben, in dem wir solche Sachen verschließen konnten, gefiel uns allen. Ethan schlug vor, Irene in die Sache einzuweihen. Oder war das Bart? Ich hatte meine Zweifel – Irene ist Trophäenjägerin und sie ist sehr stolz auf ihre Familie in England. Die haben mit Sicherheit schon einen Safe. Würde sie bei so einem Projekt überhaupt mitmachen? Ethan meinte, er traut Irene, und fragen sollten wir sie auf jeden Fall. Soll mir recht sein. Irene traue ich eigentlich schon, nur ihrer englischen Familie nicht unbedingt. Hatte aber den Eindruck, das ging zumindest Bart genauso. Ethan sollte mit Irene reden. Klar, wollte er machen, aber er betonte sehr nachdrücklich, dass er sie nicht anlügen würde. Hatte allerdings auch niemand verlangt.
Wo wäre denn ein guter Ort für so einen Safe? Auf dem Roten Hügel? Eher nicht, weil da nicht nur Giffany, sondern auch noch eine ganze Horde Hooper-Winslow-Geister herumspukten. Irgendwo zentral, meinte Bart. Ich hätte fast Chicago vorgeschlagen, aber eigentlich will ich das gar nicht vor meiner Haustür haben. Ein heiliger Ort, sagte ich stattdessen. Einer, der schon verlassen ist, aber an dem es vielleicht noch Naturgeister gibt, die helfen. Bewachen würden wir den Ort nicht können. Ethan wollte dann noch, dass nicht einer allein an den Safe kommt. Ich glaube, den hatte Barts Vielleicht brauchen wir das ja noch mal nervös gemacht. Aber das sehen wir noch. Wir kamen überein, dass ich mich mal umschauen würde. Auf dem Rückweg fiel mir dann ein, dass Ohio möglicherweise nicht so schlecht geeignet sein könnte – viele der Native Americans, die dort mal gelebt hatten, waren vor langer Zeit vertrieben worden, aber der Staat war nicht so dicht besiedelt, dass dort alle heiligen Orte zubetoniert waren.

Etwas später fragte Emily, wie lange Ethan und ich uns schon kennen. Ein Jahr, sagte ich. Überraschte mich selbst. Hatte das Gefühl, es wäre schon länger. Fragte zurück – die beiden kannten sich ja offensichtlich auch.
Ich kenne sie seit einem Jahr und sie mich seit sechs, erklärte Ethan.
Aha, sagte ich. Klingt kompliziert.
Hab dir doch von ihr geschrieben, meinte er mit einem Seitenblick. Emily hörte grimmig zu. Ich wusste im ersten Moment gar nicht, wovon er sprach. Geschrieben?
Halloween, ergänzte er. Ah. Da war etwas. Er hätte auf irgendwelche Leute aufpassen sollen, aber er hatte versagt und sie waren verschwunden. Wohin, hatte er nie gesagt. Irgendjemand von denen war vor kurzem wieder aufgetaucht, und Ethan war unglaublich erleichtert gewesen. Das war also Emily.

Die war nicht eben begeistert.
Was weiß er, fragte sie Ethan barsch.
Er erklärte, was er geschrieben hatte. Sie wirkte etwas beruhigt. Mir war das einigermaßen unangenehm, dass Ethan hier Sachen weitererzählt hatte – Geheimnisse, die nicht seine waren. Fragte mich natürlich, was er alles über mich erzählt hatte. Wie viel von dem, was ich ihm anvertraut hatte, bei Irene oder Sam gelandet war. (Komm schon, Jackson, du hast ihm auch von Tam erzählt. Sei nicht so hart.)

Fragte Emily nach Max. Keine Ahnung, wohin sie verschwunden war, vermutlich woanders hin, aber wer weiß? Wir haben seit über zehn Jahren keine Spur von ihm gefunden, wahrscheinlich ist er längst tot. Aber fragen musste ich. Nein, sagte sie. Kennt sie nicht.

Dann unterhielten sich die beiden weiter über ihre Beziehung und ignorierten mich vollkommen. Keine Ahnung, was zwischen den beiden lief, aber wenn Ethan nicht so oft von Sam gesprochen hätte, wäre ich davon ausgegangen, dass er Interesse an Emily hatte. Wobei, wer weiß. Irgendwann stand ich auf und hinkte nach draußen. Ließ die beiden allein.

Wir blieben noch ein paar Tage in Waycross. Wollten ein Auge auf die Situation haben. Nicht, dass da noch irgendein Höllenwesen durch den Sumpf wanderte. Ich sagte Tam Bescheid. Die war nicht sehr begeistert, aber mir tat der Fuß weh, der Mückenstich juckte und ich fand, sie könnte auch mal länger als eine Übernachtung zu Hause sein. Das war unfair von mir. Das war nicht unsere Abmachung, aber ich hatte wirklich das Gefühl, im Augenblick zweite Geige hinter Vampir-Clive zu sein. Dass unser Telefonat am Valentinstag nicht so großartig lief und sie von ihren Jägerkumpels nach Hause gescheucht worden war, half jetzt nicht. Ich war eifersüchtig auf den untoten Bastard, okay.

Die Suchtrupps fanden die Vermissten schließlich. Das war an dem Tag, an dem Ethan mich zum Arzt schleifte, weil mein Fuß immer stärker anschwoll. Operation, sagte der. Die Knochen sind zertrümmert, das wird nicht so einfach. Also Krankenhaus. Großartig. Na, wenigstens waren hier viele Ärzte und Pfleger schwarz, das reduzierte die Flashbacks erheblich. Gut zu wissen.

Ich fuhr ein paar Tage danach mit Ethan nach Chicago. Emily hatte auch angeboten, mich mitzunehmen, aber das wollte Ethan auf gar keinen Fall. Keine Ahnung, weshalb. Vielleicht wollte er sich nur mit mir unterhalten. Man könnte fast meinen, der mag mich.
Er entschuldigte sich, weil er mein Geschenk verloren hätte. Geschenk? Ach, das Gewehr. Klar. Sagte ihm, er hätte einen gerettet – ob er dächte, mir wäre das Ding wichtiger als ein Leben? Nein, Quark, sagte er. Klang entrüstet. Aber ich war mir bei der Antwort nicht so sicher. Der Ranger war irgendein Typ, das Gewehr war dafür da, jemanden aus meiner Familie zu beschützen. Gab Zeiten, da hätte ich mein Leben nicht für einen Fremden riskiert. Noch gar nicht so lang her. Aber wenn Ethan in der Nähe ist… dann will ich auch der nette Kerl sein, für den er mich hält. Das ging Weihnachten vor einem Jahr los, und es wird immer schlimmer. Im Sumpf wäre Ethan weitergefahren, ohne den Ranger zu retten (vermutlich, weil Emily darauf gedrängt hat). Das war meine Idee, und es war größtenteils pragmatisch, weil er vielleicht Informationen hatte. Aber ein Teil von mir wollte dem armen Kerl einfach nur helfen. Mal schauen, wie schlimm diese Lone-Ranger-Allüren noch werden.

Angesichts der Tatsache, dass wir in dem Sumpf tatsächlich einige Leute gerettet und keine umgebracht haben, war es trotz gebrochenem Bein und entzündetem Mückenstich ganz okay. Manche Leute machen halt Urlaub im Spa. Ich mache Ferien im Höllensumpf.

Comments

Marganma

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