Mädchenkram - Supernatural

Fire and Ice

A tale of snow and ashes

Some say the world will end in fire,
Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire
I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice,
I think I know enough of hate
To say that for destruction ice
Is also great
And would suffice.

Robert Frost – Fire and Ice

Stoweman: Seit drei Tagen sind sie verschwunden
DarkStorm08: Wer?
DaVinciGirl: Hensley. Willard, Pickett und Grady, aus dem Football-Team
DarkStorm08: Fuck. In Idaho?
Stoweman: Genau. Heckler, warst du da nicht auch letztes Jahr?
DarkStorm08: Ja, in Beaver Creek. Das ist 400 Meilen weg.
DaVinciGirl: Idaho sieht doch überall gleich aus….
Remembrandt: Sally, du bist echt nicht hilfreich
DarkStorm08: Und, weiß man schon irgendwas?
Remembrandt: Nein, sie suchen noch. Ihr Krempel war wohl noch da, aber Will und die anderen eben nicht. Heckler, du bist doch so ein Outdoorfreak. Du könntest da ja mal gucken ;)
Gravity: Sieht da auch aus wie in Australien, du fühlst dich bestimmt wie zuhause
DarkStorm08: Du meinst Österreich. Und ich bin immer noch aus Bayern…
DaVinciGirl: War gerade Kaffee holen. Fährt Heckler nach Australien?
Remembrandt: ….
Stoweman: Heckler, rufst du die Tage mal durch?
DarkStorm08: Mach ich, Jack. Und Sally: Weißt du überhaupt, wo Australien ist?
DaVinciGirl hat die Unterhaltung verlassen

Niels scrollte sich wieder und wieder durch den Chatverlauf, doch er hatte keine Idee, was mit Will und den anderen passiert war. Vielleicht hatten sie sich einfach nur im Schnee verlaufen. Möglich war es, aber Will war ein umsichtiger Typ, ein guter Sportler, der wusste, was er sich und anderen zumuten konnte. Also hatte Niels beschlossen, wieder ans andere Ende der USA zu fahren, auf die Suche nach Hensley und seinen Kumpels. Er kannte die anderen drei flüchtig, sie waren ab und an auf Wills Parties gewesen. Keiner hatte so gewirkt, als habe er nicht gewusst, auf was er sich einlässt, als sie ihren verlängerten Wochenendtrip in Castle Butte Lookout angekündigt hatten. Umso mehr hatte Niels das Bedürfnis, herauszufinden, was in Idaho geschehen war. Er sah zu der blonden Frau, die das Auto fuhr, mit dem sie sich Richtung Westen begaben. Irene Hooper-Winslow hatte darauf bestanden, dass sie ihr Auto nahmen, der Kombi schien ihr nicht geheuer zu sein. Vielleicht saß der Grund für das größere Auto aber auch einfach auf der Rückbank und versuchte dort, sich hinzulegen. Niels schüttelte lächelnd den Kopf, während er Flann Breugadair dabei zusah, wie der seine Beine sortierte, um möglichst bequem zu liegen.

Niels wusste nicht genau, warum sie den Pokerspieler/FBI-Mitarbeiter/Kellner mit nach Idaho nehmen mussten, aber anscheinend hatte Flann etwas dringendes mit Irene zu besprechen. Zum wiederholten Mal fragte sich Niels, warum er nicht in Burlington zu Bart Blackwood und Emily McMillen in den Trailer gestiegen war, aber irgendetwas hatte ihn davon abgehalten. Er wusste nicht, was für eine Beziehung zwischen dem geheimnisvollen Grufti-Mädchen und dem Gelehrten bestand, und Niels würde sich hüten, einen von beiden zu fragen. Aber er hatte den Eindruck gehabt, dass ein dritter dabei nur gestört hätte.

Stattdessen saß er neben Irene in ihrem Defender und überlegte zum wiederholten Male, ob Flann überhaupt eine Ahnung hatte, worauf er sich einließ. Seiner Kleidung nach zu urteilen schien er zu glauben, dass ein Kapuzenpulli, eine Lederjacke und Jeans ausreichten für den Schnee in Idaho. Generell schien es ihm gar nicht so sehr um Idaho zu gehen, sondern um die Möglichkeit, mit Irene zu reden. Niels fühlte sich so unwohl wie lange nicht mehr. Noch immer wusste er nicht, was zwischen Flann und der Engländerin stand, aber es hatte ersteren nicht davon abgehalten, sie aufzusuchen und sich ihr und Niels anzuschließen.

Während er immer noch versuchte, seine Beine in eine geeignete Position zu bringen, begann Flann zu erzählen, was ihn eigentlich nach Vermont geführt hatte. “Ich interessiere mich für Dämonen, Irene”, erklärte er, und Niels horchte auf. “Ach, du auch?” entfuhr es ihm, bevor er sich auf die Zunge biss. Er war sich nicht sicher, ob er Flann anvertrauen wollte, was ihn in letzter Zeit umtrieb. “Ich war vor kurzem in Delaware, und da habe ich einen Typen getroffen, der wohl seinen Pakt gebrochen hat. Leider war der Gute völlig wahnsinnig”, erzählte Flann jetzt. “Warum hast du plötzlich so ein Interesse an Dämonen und dem Brechen von Pakten?” wollte Irene wissen, ihre Stimme hatte einen scharfen Unterton angenommen. Sie traute dem Iren offensichtlich noch weniger als Niels. “Du bist die einzige Person, die ich kenne, die ein Lager voller übernatürlicher Dinge hat”, wandte Flann ein. Ein leichtes Lächeln umspielte Irenes Lippen. “Du weißt aber schon, dass das meiste davon in England ist. Aber schön, ich werde Charles anrufen.” Niels hatte diesen Namen schon einmal auf der Ölbohr-Plattform gehört, vermutlich war Charles der Hooper-Winslow’sche Haus-und Hofgelehrte. Er stellte sich einen kleinen alten Mann mit riesiger Brille vor, der in einem riesigen Lagerhaus-Museum zwischen lauter Artefakten und alten Büchern saß und nur darauf wartete, dass Irene ihn anrief, weil sie eine Frage hatte. “Mr Heckler, helfen Sie mir mal mit dem Steuer.” Niels zog eine Augenbraue hoch, tat aber wie geheißen, während Irene in England anrief. Kurze Zeit später übernahm sie wieder selbst das Lenkrad. “Charles sagt, er kümmert sich darum.”

“Joe, du musst das nicht tun! Wir finden einen Weg! Joe! Verdammt, hör mir zu!”

Niels’ Gedanken wanderten jetzt, plötzlich war er wieder mitten in einem Wald in Michigan, und er erinnerte sich daran, wie er tatsächlich für eine Sekunde mit dem Gedanken gespielt hatte, seinen Bruder anzurufen in seiner Verzweiflung. Aber wenn es einen Weg gäbe, hätte er dann nicht längst davon gehört? Niels ballte die Faust. Die einzige andere Person, die er kannte und die ihm und Flann hätte helfen können, war vor elf Jahren verstümmelt in einem Müllcontainer in New York gefunden worden. “Mach dir nicht allzuviele Hoffnungen”, meinte er an Flann gewandt, “wenn es einen Weg gäbe, die Hecklers hätten ihn sicher schon gefunden.” Und sie hätten ihn sich von der Kirche versilbern und sich feiern lassen. Flann grinste. “Weißt du, ich setze da auf die Engländer.” Bevor Niels in seinem verletzten Nationalstolz etwas erwidern konnte, schaltete Irene sich wieder ein. “Warum fragst du nicht einfach Bart?” meinte sie dann, und Niels war geneigt, ihr zuzustimmen. Er kannte niemanden, der gebildeter war als Bart Blackwood. Dazu noch war der Gelehrte hilfsbereit und ein guter Zuhörer, er hatte Niels in Dwight seine Sorge genommen, die er seit dem Casino mit sich herumgetragen hatte.

Aber Flann schien nicht so angetan von der Idee. “Ich weiß nicht…” meinte er. “Ich kann gerne anhalten, und du steigst zu ihm in den Trailer”, schlug Irene vor. Flann wehrte ab. “Ich glaube, das ist keine so gute Idee.” Irene warf einen Blick in den Rückspiegel. “Was hast du für ein Problem mit Bart?” wollte sie wissen, sie klang ehrlich überrascht. “Ich weiß nicht, ich glaube, der kann mich nicht leiden”, antwortete Flann, der endlich eine Sitzposition gefunden zu haben schien, die ihm bequem zu sein schien. Niels grinste, als er sich zu Flann umdrehte. “Ich kann mir nicht vorstellen, wieso man dich nicht leiden könnte”, erklärte er, und sein Grinsen wurde noch breiter, als Flann die Augen schloss, demonstrativ gähnte und sich von ihm wegdrehte.

Die Fahrt von Vermont nach Idaho dauerte einige Tage. Flann schlief die meiste Zeit, er versuchte nicht wieder, ein Gespräch über Dämonen oder Bart anzufangen, und Niels zeichnete. Je näher sie Castle Butte kamen, desto heller wurde die Landschaft, ein weißes Tuch aus Schnee hatte sich über die Gegend gebreitet. Niels wurde unruhig, zum einen, weil sie ihrem Ziel näher kamen, zum anderen, weil er sich doch darauf freute, wieder draußen zu sein. So schön New York war, er war ein Waldkind und gehörte in die Natur. Im Gegensatz zu ihm begann Flann bereits zu frieren, als er nur aus dem Fenster sah, und Irene schien Mitleid mit ihm zu haben. Im nächsten Ort – “Somewhere in the middle of nowhere, Idaho” – ging sie mit Flann in einen Laden für Wanderausrüstung und kaufte ihm warme Kleidung, Mütze, Handschuhe sowie Schneeschuhe für sie alle drei. Flann schien überrascht zu sein, dass Irene ihn so ausstattete, und er bedankte sich dafür. Niels hatte den Eindruck, dass er es ausnahmsweise einmal ehrlich meinte.

Hinter dem Ortsausgang wurde es immer schwieriger für den Defender und besonders für Barts Trailer, die schneebedeckten Wege zu befahren. Am Fuß des Castle Butte, auf dem sich der Feuerturm befand, den Will und seine Freund gemietet hatten, gab Bart schließlich auf. Er parkte das Gefährt an einer Abzweigung des Hauptwegs, damit er und Emily zu den anderen in den Defender umsteigen konnten. Auch wenn das Auto Platz für sieben Personen bot, Niels hatte genug von der Autofahrt, er wollte laufen. Irene war dagegen. “Mr Heckler, Sie werden nicht in einer Gegend, in der Menschen verschwunden sind, alleine herumlaufen”, erklärte sie. Niels seufzte, er kannte sich aus im Schnee, in den Wäldern und den Bergen, aber sie hatte recht, ganz alleine sollte er nicht unterwegs sein. “Nehmen Sie Flann mit.” Mit diesen Worten deutete Irene auf den Iren, der frierend neben dem Defender stand. Niels zog eine Augenbraue hoch. “Mich? Bist du wahnsinnig? Irene, es ist kalt!” klagte er und versuchte, ein betrübtes Gesicht zu machen. “Das würde dir aber ganz gut tun”, meinte Niels, während er sich nur schwer ein Lachen verkneifen konnte. “Was? Mir? Ich gehe ins Fitness-Studio!” beschwerte Flann sich jetzt und breitete die Arme aus, aber unter der dicken Daunenjacke war von seinem Bizeps oder einem Six-Pack nichts mehr zu sehen. Niels begann zu lachen. “Sorry, du bist nicht mein Typ”, setzte er noch einen drauf, und Flann verzog das Gesicht. “Darum geht es hier doch gar nicht. Ich laufen jedenfalls nicht durch die Kälte, wenn ich fahren kann.”

“Ich werde dich begleiten.” Emily, die bisher schweigend neben Bart gestanden hatte, kam jetzt mit einem Bogen, Pfeilen und einem Rucksack hinter dem Trailer vor. Kleidungstechnisch hatte sie sich perfekt an das Wetter angepasst. Niels fiel auf, dass sie häufig blinzelte, der Schnee schien sie zu blenden, und sie holte eilig eine Sonnenbrille aus einer Tasche. Mit Schneeblindheit war auch nicht zu spaßen, das wusste Niels. Offensichtlich war Emily wie er auf alles vorbereitet, und ein Bogen als Waffe war definitiv etwas anderes als die Winchester, die er jetzt aus ihrer Tasche holte und schulterte. “Wow, cooles Teil”, bewunderte er Emilys Bewaffnung. “Ist halt leise”, meinte sie. Er nickte. Das konnte man von der Winchester mit Sicherheit nicht behaupten. Aber Niels hatte niemals gelernt, mit Pfeil und Bogen umzugehen, und er musste zugeben, dass er sich mit Feuerwaffen wohler fühlte. Er konnte es nicht verleugnen, er war ein Heckler, und der Umgang mit Gewehren und Pistolen war ihm praktisch in die Wiege gelegt worden.

Niels und Emily verabschiedeten sich von Bart, Irene und Flann, dann gingen sie los. Niels hatte die Strecke bereits im Voraus erkundet, sie mussten ein Stück um den Castle Butte herumgehen, um zu dem Feuerturm zu gelangen. Da er es gewohnt war, einfach querfeldein zu gehen, tat er das auch jetzt, und er war erstaunt, dass es Emily gelang, mühelos mit ihm Schritt zu halten. Sie war auch nicht viel kleiner als er, aber er hätte sie auf den ersten Blick nicht als so zäh eingeschätzt. Aber etwas anderes fiel ihm auf, als Emily einmal kurz ins Straucheln kam und er sie auffing, damit sie nicht der Länge nach hinfiel. Fast so, als habe ihr Niels’ Berührung eine Art elektrischen Schlag versetzt, wich sie zurück und ging auf Abstand. Niels überlegte, ob er etwas sagen sollte, doch dann beschloss er, es zu lassen. Es war nichts Schlimmes passiert, und vielleicht war es Emily einfach unangenehm, von Fremden angefasst zu werden.

“Kurze Pause?” fragte Niels sie, nachdem sie eine Weile gegangen waren, und sie nickte. Er wollte sich umsehen, vielleicht konnte er schon irgendwas entdecken. In einiger Entfernung gab es einen zugefrorenen See, und auch bis zum Highway konnten sie sehen. Niels entdeckte eine Stelle, an der es einen Waldbrand gegeben hatte, und für einen Moment erinnerte er sich wieder an die Geschichte in Beaver Creek mit den drei Hexen.

Sei nicht albern, Heckler. Waldbrände sind etwas völlig natürliches, und nicht überall sind Hexen schuld daran.

Niels seufzte, die Landschaft gab ihm keine Auskunft über das Verschwinden von Will und seinen Freunden. Doch da stieß Emily ihn an. “Da, siehst du das?” wollte sie wissen und deutete auf eine Stelle auf der anderen Seite des Tales, “da ist der Schnee viel dunkler.” Niels kniff die Augen zusammen, tatsächlich, es sah aus, als würde ein Schatten auf dem Schnee liegen. Aber nichts drumherum konnte solche Schatten werfen, wenn er sich die Stelle genau ansah. “Irgendwie passt das nicht zusammen”, meinte er. “Wollen wir uns das genau ansehen?” fragte Emily jetzt, doch Niels schüttelte den Kopf. Es dämmerte bereits, und er hielt es für die bessere Idee, erst zu den anderen zu gehen und ihnen ihre Beobachtung mitzuteilen.

Sie hatten den Turm recht schnell anmieten können, nach Will und den drei Footballern, offensichtlich hatte sich schon herumgesprochen, dass hier Leute verschwunden waren. Als Niels und Emily eintrafen, standen Irene und Bart noch neben Irenes Defender. Sie unterhielten sich leise, während Flann die Treppen des Feuerturms herunterkam und offensichtlich etwas suchte. Als sein Blick auf ein Häuschen fiel, das neben dem Turm stand, verfinsterte sich seine Miene. Niels musste wieder grinsen. Offensichtlich hatten sie alle versäumt, Flann Breugadair darüber aufzuklären, dass die sanitären Einrichtungen auf dem Castle Butte Lookout alles andere als komfortabel waren. Er fluchte, was Niels und Emily wieder ein Lächeln entlockte. Als er die beiden sah, verzog er das Gesicht, als ob es ihre Schuld war, dass es hier nur ein Plumpsklo gab. “Es ist kalt, es ist nass, und eine ordentliche Toilette gibt es hier auch nicht”, beschwerte er sich, und Niels bekam beinahe so etwas wie Mitleid mit ihm. Emily hingegen kannte keine Gnade mit dem Stadtkind. Sie musterte Flann von oben bis unten und fragte ihn dann, warum er überhaupt mitgekommen sei. Der zuckte nur mit den Achseln und verschwand dann im Outhouse.

Die anderen stiegen die Treppen zum Lookout hinauf. Der Feuerturm wurde im Sommer noch immer von den Feuerwächtern genutzt, aber im Winter konnte jeder den Turm anmieten. Es gab einen großen Raum, in dem sich die Ausrüstung für die Feuerwache befand, dann einen Ofen, Gasherd und einen Schrank und in einer Ecke zwei große Betten. Niels richtete sich seelisch darauf ein, auf dem Boden zu schlafen und den anderen die Betten zu überlassen. Das stellte für ihn kein größeres Problem dar. Während er seinen Rucksack abstellte und zum Ofen ging, um Feuer zu machen, betrachtete Irene die Karte, die unter einer Glasplatte auf einem Tisch in der Ecke der Feuerwache befestigt war. Vermutlich wollte sie nachgucken, in welchem Umkreis Will und seine Freunde sich befinden konnten.

Niels packte Holz in den Ofen und warf einen der nebenliegenden Anzünder dazu, damit es schnell warm wurde. Kaum hatte er die Klappe des Ofens geschlossen, stand Flann neben ihm, er rieb sich die Hände und trat immer noch von einem Bein aufs andere, um sich aufzuwärmen. Niels sah ihn an und überlegte, dann aber fiel ihm etwas ein, was er dem Iren schon die ganze Zeit hatte sagen wollen. “Ich meine, ich habe dir gesagt, dass es mir egal ist, wie du heißt, aber ich soll dir einen schönen Gruß von meiner Großmutter sagen. Nachdem sie aufgehört hat zu lachen, hat sie gesagt, ich soll dich nennen wie ich will, aber nicht ‘verdammter Lügner’”, meinte er, und die Erinnerung an die herzlich lachende Deirdre Jameson erschien vor seinem inneren Auge. Meistens hielt Deirdre sich im Hintergrund und sprach nicht viel, aber da sie im Gegensatz zu ihrem Mann fließend gälisch sprach, hatte sie die Erkenntnis, dass jemand sich als “Verdammter Lügner” vorstellte, sehr erheitert. Flann sah zu Niels herunter, der immer noch vorm Ofen kniete, und lachte. “Ich habe mich an den Namen gewöhnt”, erklärte er, während er seine Hände in Richtung Wärme ausstreckte. Niels hob eine Augenbraue. “Und ich soll dich jetzt weiterhin so nennen?” wollte er wissen. “Warum nicht. Ich habe etwas negatives genommen, und etwas positives daraus gemacht.” Niels öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber hatte er im Grunde mit seinen Vornamen nicht das Gleiche gemacht? Nicht, dass einer davon etwas im Stil von Flanns Namen bedeutete, aber “Aaron” war im Grunde eine Rolle gewesen, das Kind Gustav Hecklers. “Niels”, das war er, wie er sein wollte, mit allem, was dazu gehörte. “Niels” war positiv besetzt, während “Aaron” ihn all das erinnerte, was er hatte durchleiden müssen.
Flann sah Niels jetzt an. “Mal ehrlich, wie lange hast du dafür gebraucht, dahinter zu kommen?” fragte er, und sein Unterton wurde scharf. Niels hatte keine Lust, auf eine mögliche Provokation einzugehen. “Wie lange lebe ich jetzt bei Iren? Zwei, drei Monate?” entgegnete er, und dann sah er Flann herablassend an. “Und sorry, du warst da bisher nicht so das Thema.”

Im Gegensatz zu der Tatsache, dass ich Séamus’ unehelicher Sohn bin.

Aber das sagte er Flann nicht, es widerstrebte ihm, den Anderen in seine Familienprobleme hineinzuziehen, zumindest für den Moment. “Außerdem: Flann kann einfach nur ‘rot’ heißen”, fuhr Flann jetzt fort, er wirkte ein wenig beleidigt, und er sah immer noch so aus, als friere er. “Am besten bleibst du für den Rest des Abends hier stehen und bewegst dich nicht”, meinte Niels und grinste. Obwohl er die meiste Zeit gut mit Flann auskam, war es ihm ein Bedürfnis, ihm hier, wo er sich auf sicherem Terrain befand, ab und zu seine Überlegenheit zu zeigen. Es war selten, dass er sich seiner Sache so sicher fühlte wie im Schnee von Idaho.

Aber Flann blieb nicht am Ofen stehen, gemeinsam mit Niels ging er zum Tisch zurück, wo Emily gerade von den Schatten erzählte, die sie und Niels gesehen hatte. Sie deutete auf die Karte, in welcher Entfernung sie sie gesehen hatten. Irene schlug vor, sich das am nächsten Tag anzusehen, doch Flann war nicht begeistert. “Durch den Schnee laufen? Wirklich? Muss das sein?” wollte er wissen, und Emily bedachte ihn mit einem kritischen Blick. “Jetzt musst du eben mal richtig arbeiten”, entgegnete sie. “Wenn ich gewusst hätte, wie schrecklich es hier ist, dann wäre ich nicht mitgefahren. Es ist kalt!” betonte er noch einmal. Dann sah er zu den Betten hinüber, und ihm schien einzufallen, dass es auch in der Nacht kalt werden könnte, falls das Feuer herunterbrannte. Bart und Irene schienen sich bereits abgesprochen zu haben, dass sie sich ein Bett teilten, Bart murmelte etwas von “Verwandtentreffen”, und Niels fiel wieder ein, dass der Gelehrte und die Engländerin entfernt miteinander verwandt waren.
“Niels”, wandte Flann sich jetzt an ihn, und Niels befürchtete schlimmes. Seine Vermutung wurde nur eine Sekunde später bestätigt. “Wie wäre es, wenn wir zusammen ins Bett gehen?” Er sah Niels aufmunternd an, doch der konnte sich ein überraschtes Husten nicht verkneifen. Wieso musste er jetzt an das Casino denken, wo er fälschlicherweise angenommen hatte, Flann habe ihn aus genau dem Grund abgefüllt? “Hatten wir das Thema nicht schon mal?” fragte er, aber Flann sah ihn nur fragend an. “Du weißt, wie das damals ausgegangen ist.” Aber vielleicht hatte Flann ja auch ein gesteigertes Interesse daran, sich wieder einmal von ihm schlagen zu lassen. “Du wirst schon nicht beißen”, entgegnete der Ire, wohl immer noch hoffend, dass der junge Deutsche ihn nicht frieren ließ. Niels verkniff sich eine Bemerkung über irgendwelche Dinge, die er im Bett tat oder nicht tat, das gehörte nicht hierher, und er bemerkte auch, dass Emily und Irene ihn und Flann zweifelnd ansahen. Ihm war das alles sehr unangenehm, und er überlegte, wie er aus der Nummer wieder herauskam, als Flann gerade wieder Oberwasser bekam und noch einen draufsetzte: “Du siehst nicht aus wie ein Vergewaltiger.”

Oh Gott, wenn er mir jetzt gleich noch mit dem Klischee vom Schwulen kommt, der jeden Mann vögeln will, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, überlege ich mir das mit dem Kinnhaken nochmal.

Aber Niels beschloss, sich nicht von Flann provozieren zu lassen – morgen waren sie im Schnee, und es gab bestimmt hundert Dinge, die er ihm dann sagen konnte, und beschränkte sich auf ein knappes “Ich bin schwul, und nicht notgeil.” Flann grinste fröhlich, als ihm klar wurde, dass er heute nacht nicht frieren musste, und Niels war sich nicht sicher, wer von ihnen in diesem Bett mehr Angst haben musste.

Flann jedoch schien sich wieder berappelt zu haben, er durchsuchte die Schränke nach Alkohol. Irene und Emily warnten ihn, dass er es sich mit dem Trinken überlegen sollte, denn je mehr Schnaps er zu sich nehmen würde, desto schneller würde er auskühlen. Niels sah dem Iren dabei zu, wie er Tür um Tür öffnete und konnte sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. “Du legst es darauf an, oder?” wollte er wissen, und als Flann ihn fragend ansah, setzte er hinzu: “Du weißt, was das letzte Mal passiert ist, als wir zusammen getrunken haben.” Wobei Flann damals nicht wirklich etwas getrunken hatte, er hatte dafür gesorgt, dass vor Niels immer ein volles Glas Bourbon stand, während er sich an seinem Glas festgehalten hatte und er den Studenten so betrunken gemacht hatte.
Flann murmelte etwas unverständliches, dann hielt er zwei Flaschen in die Höhe. “Bärenfang” sagte das Etikett der einen, das der anderen behauptete, ebenfalls Hochprozentiges zu enthalten.

Alkohol, Aaron, ist des Teufels. Wer ihm verfällt, verfällt dem Teufel und hat seine Seele verwirkt.

Niels verzog das Gesicht, als er sich daran erinnerte, was sein Stiefvater zum Thema Alkohol gesagt hatte. Ihm fiel ein, wie Angelika ihm einmal erzählt hatte, dass sie sich an Mutters Aufgesetztem bedient und dafür die Prügel ihres Lebens kassiert hatte. Wofür das Zeug im Haus Heckler eigentlich gut gewesen war, hatte Niels nie erfahren, weder Gustav noch Joseph oder Benedikt tranken Alkohol. Vermutlich diente es dazu, die Tschechen bei Verhandlungen über den Tisch zu ziehen.
Irene begann, das Abendessen zuzubereiten, was daraus bestand, dass sie Dosen aus dem Vorratsschrank in einen Topf auf dem Herd leerte. Dann nahm sie auch ein Glas Schnaps und setzte sich an den Tisch. Auch Emily sprach entgegen ihrer vorherigen Warnung an Flann dem Alkohol zu, was Niels ein wenig wunderte. Irene drehte ihr Glas nachdenklich in der Hand und sah dann zu Bart, sie schien das Gespräch wieder aufnehmen zu wollen, dass sie und er vorhin am Defender geführt hatten. “Ich möchte wissen, ob es eine Möglichkeit gibt, eine Seele zu flicken.” Bart sah sie an, als warte er auf eine weitere Erklärung. “Es geht um einen guten Bekannten”, fuhr Irene fort und sah zu Boden.

DAS ist also zwischen Illinois und Idaho mit Cal passiert.

Niels blickte von seinem Zeichenblock auf. Sobald er nichts zu tun hatte, wanderten seine Hände inzwischen automatisch zu Papier und Stift. “Mein Vater könnte so etwas gewusst haben”, meinte er. Irene sah ihn ein wenig genervt an. “Welcher?” wollte sie wissen. “Der richtige. Der biologische”, setzte Niels hinzu. Barts irritierter Blick entging ihm nicht.

Wenn du ihn um Hilfe fragst, solltest du ihm vielleicht vorher die ganze Wahrheit erzählen, Heckler.

“In seinem Haus in Connecticut liegen wohl noch seine ganzen Aufzeichnungen,” erklärte Niels weiterhin. “Dir habe ich das ja schon erzählt”, wandte er sich dann an Bart, und der nickte. Irene überlegte. “Mr Heckler, ich würde mich Bart und Ihnen gerne anschließen”, erklärte sie dann. Niels nickte. Felicity hatte ihm schon gesagt, dass er sich in dem alten Haus einmal umsehen sollte. Bart räusperte sich jetzt. “Ich hätte da noch Kontakte im Vatikan. Vielleicht kann ich denen schreiben, ob ihnen etwas einfällt.” Niels staunte, Gustav Heckler hätte wahrscheinlich einiges dafür gegeben, solche Verbindungen zu haben. Aber wahrscheinlich war es besser, dass er nur das Dorf und den Dorfpfarrer unter seiner Kontrolle hatte.
“Ansonsten gibt es da noch einen Massenmörder…” begann Bart jetzt, aber Irene unterbrach ihn harsch. “Ja danke, das hast du schon gesagt. Behalten wir das mal im Hinterkopf.” Sie machte eine Pause und nahm einen Schluck. “Aber ganz weit hinten.”

“Apropos, Massenmörder, was haltet ihr denn von unserem neuen Präsidenten?” Flann versuchte jetzt das Thema zu wechseln. Niels verzog das Gesicht. Für jemanden wie ihn war die neue Regierung das Schlimmste, was passieren konnte. Er war froh, dass er in New York lebte, und dass er in Cedric Jameson jemanden hatte, der genug Einfluss besaß, um ihn im Notfall zu beschützen, aber Angst hatte er dennoch. Natürlich waren er und Philip auch in München des Öfteren angefeindet worden, was nie dazu beigetragen hatte, dass er sich besser gefühlt hatte. Wenn er außerdem an ihren Nachbarn dachte, der ihnen jedes mal, wenn er sie im Treppenhaus gesehen hatte, höchst unflätige Bemerkungen an den Kopf geworfen hatte, lief es ihm immer noch kalt den Rücken herunter. Aber eine Regierung, die sich auf die Fahnen schrieb, Homosexualität mit Elektroschocks “heilen” zu wollen, das war eine ganz andere Hausnummer. Außerdem hatte er immer noch einen deutschen Pass, und wer wusste schon, wann es dem neuen Staatsoberhaupt einfiel, auch Deutsche ausweisen zu lassen.
Er seufzte. “Ich warte jeden Tag auf meinen Brief, das ich ausreisen soll”, meinte er. Emily verzog keine Miene, sondern erklärte ohne jegliche Regung in der Stimme, dass solche Belange sie nicht interessierten. “Ich habe kein Interesse an den Spinnereien dieses Mannes. Aber ich sollte vielleicht mal nachsehen, ob mein Visum noch gültig ist”, überlegte Irene. Flann sah sie und lächelte. “Du kannst dir ja auch einfach einen amerikanischen Akzent zulegen, wie wäre das?” Sie zog eine Augenbraue hoch. “Ich bekomme dieses Gequake einfach nicht hin. Australisch, das kann ich. Aber das bringt mich nicht weiter.” Sie überlegte kurz. “Mir hat schonmal jemand vorgeschlagen, ich könnte ja heiraten oder ein Studium anfangen”, erzählte sie, während sie zum Herd ging, um die Suppe zu holen. Flann sah ihr nach. “Reiche Leute werden doch sowieso nicht ausgewiesen”, meinte er und prostete ihr zu. Niels schüttelte den Kopf. “Nein, nur Schwule und Deutsche.” In diesem Moment kam Irene mit dem Topf zurück. “Die Suppe ist fertig. Erzählt mal was fröhliches!” forderte sie, während sie sich die Teller füllten.

Doch offensichtlich hatte niemand etwas erheiterndes zu erzählen, schweigend aßen und tranken sie. Nach dem fünften Schnaps wirkte Flann sehr gelöst und endlich entspannt, er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und faltete die Hände überm Bauch. Irene beobachtete ihn genau. “Hat dein Dämoneninteresse etwas mit der Frau aus deinem Traum zu tun?” Niels sah von ihr zu Flann, doch der setzte eine Pokerface auf. “Irene, wir wollen doch nicht über irgendwelche Träume reden”, meinte er lächelnd, während er weiter in einer bequemen Haltung auf seinem Stuhl saß. Niels sah jetzt wieder zu Irene zurück, wie sie reagieren würde. Er hätte gerne gewusst, wovon die beiden sprachen, aber es stand ihm nicht zu, zu fragen. Außerdem hatte er ihr synchrones “Nein!” an Silvester noch lange nicht vergessen. Aber Irene schien auch von Flanns aufgeräumter Art überzeugt zu sein, oder sie wollte nicht streiten, mit einem “Das hat mich nur interessiert”, ließ sie das Thema jetzt wieder fallen.

Bart griff jetzt wieder das Thema “Seelen” auf, und Irene erzählte, dass sie bei ihren Recherchen auf das Thema “Feuer” gestoßen war. Feuer solle die Seele reinigen, deswegen seien so viele Hexen verbrannt worden. Niels schauderte es, immer wenn es um das Thema “Hexen” ging, fragte er sich wieder, wieviele unschuldige Frauen seinem Großvater und seinem Großonkel zum Opfer gefallen sein mochten. Bart fiel ein, dass er von einem Messer wusste, das Seelen fressen konnte, aber er habe Probleme damit, dies einem zeitweiligen Egomanen in die Hand zu geben. Irene nickte zustimmend, das konnte sie verstehen.

Emily erhob sich jetzt und teilte den anderen mit, dass sie noch einmal zur Toilette wollte. Bart sah sie an, ein langer Blick, den Niels nicht deuten konnte. “Könntest du sie begleiten?” bat er den Studenten schließlich, und Niels nickte. Er wusste zwar nicht, was los war, aber es konnte nicht schaden, dass er Emily begleitete, die Stufen waren verschneit und gefroren. Emily jedoch schien das alles übertrieben zu finden. “Keine Angst, ich warte vor der Tür”, erklärte Niels ihr, als sie vor dem Outhouse standen. Sie sagte nichts, sondern schloss wortlos die Tür. Als sie wieder herauskam, sagte sie immer noch nichts, sondern stapfte schweigend die Treppe hinauf. Doch plötzlich blieb sie stehen und drehte sich zu ihm um. “Es ist so ruhig hier”, meinte sie, als sei diese Ruhe etwas schlechtes. Niels lächelte sie an. “Das ist normal. Schnee dämpft alle Geräusche.” Sie nickte, dann ging sie weiter, anscheinend beruhigte sie es, dass ihn die völlige Geräuschlosigkeit der Umgebung nicht störte.
Nur kurze Zeit später beschlossen sie, schlafen zu gehen. Niels machte es sich mit seinem Schlafsack neben Flann bequem und hoffte, dass der einen halbwegs ruhigen Schlaf hatte. Er wusste, dass er den nicht hatte, er war auch in New York noch des öfteren schreiend aufgewacht und hatte sich mehr als einmal im Halbschlaf in Delias Armen wiedergefunden, die beruhigend auf ihn eingeredet hatte.

Es ist heiß, so unbeschreiblich heiß. Gestalten lösen sich aus einem Feuer, ihre Augen schwarz, ihre Gesichter voller Hass. Dämonen. Sie kommen auf ihn zu, greifen nach ihm, ihre Züge verändern sich. Er kennt diese Gesichter. Joseph. Vater. Nein, nicht. Lasst mich gehen. Ich habe doch nichts falsch gemacht. Joseph! Ich bin doch dein Bruder!

Mit einem Aufschrei erwachte Niels. Erschrocken sah er neben sich, doch Flann schien bereits wach zu sein, genau wie Emily, die sich am Ofen zu schaffen machte. Niels blinzelte, dann fiel ihm wieder ein, wo er war: In Castle Butte Lookout, und es war eiskalt. Er zog sich seine Kleidung über und stand auf. Emily hatte bereits Kaffee und Tee gekocht, und es roch nach frischem Toast. Nach und nach gesellten sich auch die anderen zu ihnen, Bart sah aus, als habe er so gut wie gar nicht geschlafen und murmelte etwas mit einem Seitenblick zu Irene, die jedoch nichts sagte, sondern einen großen Schluck Tee nahm.

Beim Frühstück berichtete Flann, dass er sehr merkwürdige Dinge geträumt hatte, von Feuer und Dämonen. Niels zog eine Augenbraue hoch, dann war er also nicht er der einzige gewesen. Aber Flann hatte noch mehr geträumt: Er hatte die Gegend im Sommer gesehen, und dann hatte es gebrannt. Außerdem hatte er noch einen Mann gesehen, der etwas aus einem Buch vorgelesen hatte, und dann waren Gestalten aus einem Feuer gekommen.

Niels entfuhr ein “Nicht schon wieder”, und vier Augenpaare sahen ihn jetzt an. Er entschuldigte sich und erzählte dann von Beaver Creek, wo er, Cal, Barry und Chloe drei Hexen zur Ruhe gebracht hatten, die Menschen mittels Blitzschlag getötet hatten. Irene senkte ihre Teetasse. “Könnte der Schatten, den Sie beide gestern gesehen haben, ein Höllentor gewesen sein?” Niels zuckte mit den Achseln, er hoffte, dass dem nicht so war. “Dann werden wir uns das mal aus der Nähe ansehen”, meinte Irene jetzt voller Tatendrang. Flann schrak zusammen. “Durch den Schnee laufen? Einen Kilometer? Na danke.” Niels grinste und deutete auf die Schnapsflaschen auf dem Tisch. “Freu dich auf hinterher”, erklärte er. Doch Flann begann jetzt ein neues Klagelied. “Irene! Niels! Gibt es eine Möglichkeit, dass ich keinen Schnee in die Hose bekomme?” Niels musste sich das Lachen und die Antwort “Fall einfach nicht hin” verkneifen, doch er riss sich zusammen. “Zieh dir die Socken über die Hosenbeine, und dann die Stiefel drüber”, empfahl er und tat genau das, dann noch ein zweites Paar Socken und die schweren Stiefel. Flann verzog das Gesicht, das schien nicht die Antwort gewesen zu sein, die er hatte hören wollen. “Gibt es da nicht so Sleeves, die man einfach drüberziehen kann? So Outdoorkram halt?” Aber weder Irene noch Niels konnten ihm da weiterhelfen, seufzend erklärte Flann, dass er jetzt noch einmal das Outhouse aufsuchen würde, dann konnten sie los.

Bart fiel jetzt ein, dass er gehört hatte, dass es tatsächlich ein Feuer gegeben hatte in der Richtung, in der Emily und Niels am Vortag den Schatten gesehen hatten. Im Sommer war dort eine Familie mit zwei Kindern ums Leben gekommen. Niels fiel ein, dass er so etwas auch gehört hatte, Sally Vincenzo hatte ihm den Artikel geschickt und ihn allen Ernstes gefragt, ob Will wohl Opfer eines Waldbrandes geworden sein konnte. Aber Sally verwechselte auch Australien mit Österreich und bei ihrer ersten Begegnung war sie erstaunt gewesen, dass Niels es als Deutscher bereits von seinem Baum herunter in die USA geschafft hatte.
“Und er hatte so altmodische Kleidung an, so eine Fellweste. Wie ein Hippie vielleicht”, erklärte Flann gerade und riss damit Niels aus seinen Überlegungen. “Aber ich glaube nicht, dass er ein Hippie war, er war schon älter, so um die 60, 70, und hatte einen sehr verbissenen Gesichtsausdruck. Er schien sehr mit seinem Buch beschäftigt zu sein.” Bart überlegte. “Es könnte sich um eine rituelle Verbrennung gehandelt haben”, meinte er, während er neben Irene herging. Emily bildete den Kopf ihrer Truppe, und Niels versuchte, seinen Schritt zu verlangsamen, um sich Flanns Tempo anzupassen, der jetzt das Schlusslicht gab. Doch kaum waren sie einige Meter gelaufen, meinte der Ire, dass er sich gut fühle, ihn habe wohl der Schnaps beflügelt, und er lief grinsend an Irene vorbei, die ihm ein wenig verkatert nachsah. Niels zog eine Augenbraue hoch, er hoffte, dass Flann sich nicht übernahm und in wenigen Metern japsend und keuchend im Schnee lag, aber bisher zeigte er keine Anzeichen dafür.

Nach einiger Zeit kamen sie an die Stelle, an der Niels und Emily die vermeintlichen Schatten gesehen hatten. In der Tat handelte es sich nicht um Schatten, sondern um Asche, die auf den Schnee gefallen war und ihn dadurch grau gefärbt hatte in länglichen Bahnen. Teilweise hatte es bereits wieder über die Asche geschneit, aber eine Spur von Baum zu Baum war immer noch zu sehen. Die Bäume waren bis zu einer geringen Höhe verbrannt. Irene nahm eine Handvoll und schnupperte daran. Niels hingegen schob die oberste Schicht ein wenig zur Seite, um zu sehen, wie tief die Asche in den Schnee eingedrungen war, doch sie schien nur oberflächlich zu sein.

Irene warf den Schnee wieder zu Boden und sah sich um, nachdenklich ging sie von Baum zu Baum und betrachtete sie. “Irgendetwas ist hier von Baum zu Baum gelaufen. Es könnte ein Ent gewesen sein.” Niels warf ihr einen langen Blick zu. “Ein was?” fragte er. Von Ents hatte er noch nie gehört. Irene sah ihn lächelnd an. “Haben Sie den Herrn der Ringe nicht gelesen, Mr Heckler?” wollte sie wissen. Niels schüttelte den Kopf. Er hatte eine vage Ahnung von den Filmen, aber gelesen hatte er dieses Buch noch nicht. “Nein, habe ich nicht”, entgegnete er, “ich kann nur mit der Bibel dienen.” Irene nickte, machte aber keine weiteren Anstalten, ihn weiter nach irgendwelcher Literatur zu fragen. Stattdessen folgte sie sehr zielstrebig den Aschespuren tiefer in den Wald hinein.

Niels sah, wie Flann ihr folgte, und er bedeutete Emily und Bart, es ihm gleichzutun. Sie erreichten eine Lichtung, auf der eine verbrannte Hütte stand. Flann blieb stehen. “Das ist die Hütte aus meinem Traum!” rief er, während er Irene hinterher ging, die bereits an der Tür des verfallenen Gebäudes stand. Niels sah sich um, sein Wissen um die Natur sagte ihm, dass das Feuer im vergangenen Jahr von diesem Ort ausgegangen sein musste.

Flann wandte sich jetzt an Irene. “Was hat dich hierher geführt?” Sie drehte sich zu ihm um und deutete auf den Boden: “Die Aschehäufchen”. Bart besah sich die Aschespuren, die an der Hütte vorbeizugehen schienen. “Ein schwer verbrannter Mensch könnte diese Spuren hinterlassen haben”, meinte er, und Flann nickte. “Ich habe ein Wesen aus dem Feuer kommen sehen.” Irene öffnete jetzt die Tür und betrat die Hütte, Flann folgte ihr. Aus einem Impuls heraus zog Niels seine Luger, während Emily ihren Bogen von der Schulter nahm und einen Pfeil aus dem Köcher nahm.

“Ich glaube, wir haben hier was gefunden”, rief Irene jetzt. Bart, Emily und Niels betraten die Hütte und sahen sich an, was vor Irene und Flann auf dem Boden lag. Es waren drei verkohlte Gestalten, eine große und zwei kleinere. Mechanisch zog Irene einen Beutel mit Salz aus der Tasche und bestreute die Leichen. “Zur Sicherheit”, erklärte sie. Dann deutete sie auf eine Luke im Boden, um die herum alles schwarz verbrannt war.

Niels’ Puls beschleunigte sich augenblicklich, und ein ihm wohlbekanntes Geräusch verriet ihm, dass er seine üblichen Stressbewältigungsmechanismen angeworfen hatte.

Wann hört das endlich auf?

“Ich geh’ da nicht runter!” stieß er hervor. Flann sah ihn überrascht an, Irene zuckte nur mit den Schultern. Emily sah ihn mitfühlend an. “Ich bleibe mit dir hier oben”, erklärte sie. Bart schien das nicht so zu gefallen, doch er sagte nichts, sondern stieg hinter Irene und Flann in den Keller hinunter.

Niels verließ die Hütte und ging vor der Tür in die Knie. Er atmete tief durch, damit er seinen Ärger über sich nicht an dem baufälligen Gebäude ausließ. Er wollte keine Angst mehr vor Kellern haben, er wollte ein Profi sein. Aber wie damals in New York mit Ethan hatte auch hier niemand etwas gesagt oder ihn für weniger fähig gehalten, weil er sich fürchtete.
“Ich kann das. Ich kann das”, murmelte er, und er merkte, dass er deutsch sprach, aber er glaubte selbst nicht so recht daran. Plötzlich hörte er hinter sich ein Geräusch. “Alles in Ordnung?” wollte Emily wissen. Niels sah sie an. “Nein. Ja. Nein. Ich… immer, wenn ich etwas nicht richtig gemacht habe, hat mein Stiefvater mich in den Keller gesperrt.”

Denk darüber nach, was du getan hast, Aaron, und bete.

Er seufzte. “Und ich habe häufig Dinge falsch gemacht.”

Ein Mann, der sich mit Männern einlässt? Du bist unnatürlich.

Emily sah ihn mitfühlend an. “Verdammt, das… das tut mir leid.” Niels überlegte kurz, ob er Emily die ganze Geschichte erzählen sollte, doch irgendetwas hielt ihn davon ab. Stattdessen stand er auf und streckte sich. “Komm, wir gucken uns hier mal um”, meinte er zu Emily. Er spürte, dass er unruhig wurde, er wollte nicht weiter über Keller nachdenken, und es juckte ihn in den Fingern, herauszufinden, was mit Will und den anderen passiert war.
Emily nickte nur. “Ok.” Sie sah aus, als erwarte sie, dass er noch etwas sagte, aber er schüttelte nur den Kopf. “Ich komme klar. Ich muss. Ich habs nur zu lange verdrängt”, erklärte er. Emily sah ihn an. “Wenn du drüber reden willst…”, meinte sie, doch sie fragte nicht weiter. Niels lächelte ihr zu. “Andersrum gilt das auch.” Dann stapfte er los, um das verbrannte Gebäude herum.

Tatsächlich fand er nicht weit von der Hütte Schneeschuh-Spuren, die sich mit den Aschespuren kreuzten, die Irene gefunden hatte. Er sah sich um. Emily war nicht zu sehen, und auch die anderen drei schienen immer noch mit dem Keller beschäftigt zu sein. Was sollte er tun? Warten und damit riskieren, dass Will und seine Freunde möglicherweise starben, durch die Kälte oder durch das, was hier brennend durch die Wälder irrte, oder alleine losgehen? Was konnte schon passieren? Er war ein guter Jäger, er war ausreichend bewaffnet mit Schrotflinte und Luger, und er kannte sich in verschneiten Wäldern aus.

Mit diesen Gedanken zog er los. Er musste gar nicht weit laufen, da öffnete sich eine Lichtung vor ihm, die an einem Ende durch eine Felswand abgeschlossen wurde. In der Wand befand sich eine Art Höhle, aus der Niels ein Geräusch zu hören glaubte, es klang wie ein Wimmern oder leises Weinen. Vor der Höhle jedoch bot sich ihm ein schauriges Bild: Am Boden lag eine Gestalt, sie sah aus, als sei sie verbrannt, und über diese Gestalt beugten sich zwei weitere Wesen. Eines war nur schemenhaft zu erkennen, es wirkte, als sei es aus Rauch, und das andere sah aus, als sei es irgendwann in Brand geraten und würde immer noch glimmen, wie ein lebendiger Vulkan. Niels blieb stehen und wollte Deckung suchen, doch es war zu spät. Die verbrannte Gestalt hatte ihn bemerkt und kam auf ihn zu.

Niels reagierte wie in Trance, er schoss auf das Wesen. Aber was auch immer da auf ihn zukam, die Kugeln aus der Luger hatten keinen Einfluss. Nervös griff er nach der Winchester, die er über der Schulter hängen hatte und lud sie durch, doch er war zu langsam. Schon war das brennende Wesen bei ihm und packte ihn mit einem Würgegriff. Der Geruch verbrannter Haare verriet Niels, dass er sich um seine Frisur erst einmal keine Sorgen mehr machen musste. Mit einem beherzten Tritt gelang es ihm, das Wesen kurz abzulenken und sich zu befreien. Er machte einen Schritt zurück, um die Winchester aufzuheben, doch während er das Wesen und sein Gewehr im Auge hatte, achtete er nicht auf seine Füße, er stolperte und schaffte es gerade noch, sich wieder zu fangen. Doch dieser kurze Moment hatte gereicht, dass die brennende Gestalt in Windeseile herangeeilt war. Aus ihren Händen erwuchsen rechts und links neue Flammen, und ohne zu zögern, packte es mit seinen brennenden Handflächen nach Niels.

Die Flammen krochen seine Arme hinauf, die Jacke brannte innerhalb weniger Sekunden lichterloh, das Feuer fraß sich durch seine Kleidung und war in kürzester Zeit auf seiner Haut angekommen. Er warf sich zu Boden, doch zu spät, unerbittlich bahnten sich die Flammen ihren Weg über seinen Körper. Nur einmal zuvor in seinem Leben hatte Niels solche Schmerzen gehabt.

Nein. Nein. Ich will nicht sterben.

Er warf sich herum, der Schnee musste das Feuer löschen, dass inzwischen seinen gesamten Oberkörper einzuhüllen schien. Tatsächlich gelang es ihm, die Flammen zu ersticken, doch die Schmerzen waren jetzt unerträglich.

”Exorcizamus te, omnis immundus spiritus, omnis satanica potestas…” Die Worte seines Bruders klingen in seinen Ohren wieder, während jeder Schlag sie in seine Haut eingräbt. Er weiß, er wird sterben in dieser Nacht, er wird hier nie wieder herauskommen. Sie werden ihn totschlagen, weil sie den Dämon nicht aus ihm herausbekommen, denn es gibt keinen Dämon, es gibt nur ihn, nur das, was er ist… Der nächste Schlag trifft ihn, und er schließt die Augen, um sich dem Dunkel hinzugeben und dem, was darin wartet. Bald wird es vorbei sein.

Mit letzter Kraft stützte Niels sich auf und versuchte, auf allen Vieren davonzurobben. Doch er war am Ende, das Wesen war viel schneller als er, und schon hörte er hinter sich das Knistern der Flammen.

Schneller. Weg hier. Nur weg.

Er versuchte, sich noch einmal umzudrehen, doch er die rasche Bewegung forderte ihr Tribut. Ein Knacken in seinem rechten Handgelenk, und jetzt konnte er nicht mehr, er hatte zu hoch gepokert und verloren. Irgendwo hinter sich hörte er das zischende Geräusch eines Pfeils. Also hatte er nicht nur sich selbst in Gefahr gebracht, sondern auch Emily.

Verdammt, ihr darf nichts passieren! Ich wollte sie doch beschützen.

Mit einem erstickten Stöhnen ließ er sich fallen und blieb liegen. Es war vorbei. Seine Augenlider wurden jetzt schwer, doch bevor er sie endgültig schloss, sah er noch, wie das Feuerwesen zu ihm herüberkam, als wolle es sich vergewissern, dass er nicht wieder aufstand. Dann wandte es sich ab und verschwand aus seinem Blickfeld.

Ich sterbe.

Dieser Gedanke hatte etwas erschreckend tröstliches. Bald würde ihn wieder die Dunkelheit holen. Er schloss die Augen und ließ sich fallen.

Er steht im Schnee und betrachtet den jungen Mann, der dort am Boden liegt. Das bin ich, geht es ihm durch den Kopf, doch es beunruhigt ihn nicht, im Gegenteil. Eine Gestalt steht jetzt neben ihm. Jeans, blaues Oberhemd, Lederjacke. Dunkelblonde Haare, stahlblaue Augen, aus denen der Schalk blitzt. “Dad?” Jacob Heckler sieht seinen Sohn an und lächelt. “Ich dachte nicht, dass wir uns so schnell wiedersehen, mein Junge.” “Was tust du hier?” Niels streckt eine Hand nach seinem Vater aus, doch der erwidert die Geste nicht. “Alles wird gut, mein Sohn.” Seine Stimme klingt bedauernd. “Es ist schlimmer als beim letzten Mal.” “Ich weiß. Aber es ist bald vorbei. Bald, mein Junge. Dann kann ich dir alle deine Fragen beantworten.” Er macht einen Schritt auf Niels zu, und der breitet die Arme aus. Plötzlich jedoch verschwindet Jacob hinter einer Wand aus Rauch. “Dad? Dad!” Niels gerät in Panik. Etwas hält ihn gepackt, zieht an ihm, versucht ihn, festzuhalten, er kann nichts mehr sehen. Ein Schmerz durchfährt seine Brust, er beugt sich vornüber, und plötzlich tauchen Bilder vor ihm auf. Seine Mutter, wie sie einen Säugling an sich drückt. Philip. Immer wieder Philip. Joe. Verdammt, Joe. Wie ein Film zieht alles an ihm vorbei. Stirbt er? Nein, es ist dieser vermaledeite Rauch, er macht das. Was ist das? Dann sieht er vor sich einen Schemen, ein Paar schwarze Augen. Nein. Neinneinneinnein.

Mach endlich die Augen auf, Heckler!

Niels blinzelte, eine blonde Frau beugte sich über ihn. Wer war das? “Was war das, das da im Rauch?” fragte er, und während er die Worte aussprach, hörte er, dass sie merkwürdig klangen. Sprach er gerade Deutsch?
“Shhhh.” Irene Hooper-Winslow beugte sich über Niels und sah ihn an. Was war geschehen? Dann spürte er es. “Ma’am. Ich sterbe. Schon wieder”, teilte er ihr mit und versuchte sich an einem Lächeln.

Du bist ein Versager, Aaron.

Irene war nicht nach Lachen zumute. “Unterstehen Sie sich!” Doch die Schmerzen waren schier unerträglich, Niels wagte es nicht, nach unten zu sehen. Es fühlte sich an, als sei er nur noch rohes Fleisch, und ihm wurde übel vom Brandgeruch. “Es tut so weh… es ist wie damals.” Er erinnerte sich vage daran, dass Gustav ihn gepackt und in kaltes Wasser getaucht hatte, um seinen Kreislauf wieder in Gang zu bringen. Jacobs kleiner Bastard hatte sich als zäher erwiesen, als er gedacht hatte.

Irene zog eine Augenbraue hoch. “Das wird Ihnen jetzt kein Trost sein, aber schlimmer wäre, wenn es nicht mehr wehtäte.” Niels versuchte zu nicken, was angesichts der Tatsache, dass sein Hals verbrannt war und er immer noch lag, nicht ohne weiteres möglich war.

Ein junger Mann kam auf ihn und Irene zu, er war groß und dunkelhaarig, und trotz seiner breiten Statur wirkte er wie ein verängstigtes Kind. Als Will Hensley Niels auf dem Boden sah, machte sich ein Ausdruck der Überraschung auf seinem Gesicht breit. “Heckler? Was machst du hier?” Hinter ihm standen zwei weitere junge Männer, die sich ängstlich umsahen, Flann redete auf sie ein. Pickett und Willard. Dann hatte Grady es nicht geschafft.
“Ich sterbe”, erklärte Niels Will, und der sah ihn nur besorgt an. “Mach’ keinen Scheiß, Alter”, sagte er schließlich, dann ging er zu seinen Freunden und Flann, sich immer noch unsicher umsehend.

Bart hatte inzwischen Irene etwas in die Hand gedrückt. Eine Spritze, die sie jetzt Niels in den Oberschenkel bohrte. Niels hatte keine Ahnung, was sie ihm gegeben hatte, aber er fühlte sich plötzlich sehr leicht, und seine Schmerzen verschwanden. Was hatte sie ihm eben gesagt? Er sah sie an, es fiel ihm schwer, die Augen geöffnet zu lassen. “Jetzt tut es nicht mehr weh. Jetzt sterbe ich.” Mit diesen Worten glitt er in die Bewusstlosigkeit hinüber.

Als er wieder zu sich kam, lag er in einem Krankenhausbett, seine Arme, sein Oberkörper und seine Schultern waren mit dicken Verbänden bedeckt. Er bewegte vorsichtig seine Finger. Alle zehn waren noch funktionsfähig, auch wenn sie schmerzten, aber einen Stift und einen Block konnte er nach wie vor ohne Probleme festhalten. An seinem linken Arm hing eine Infusion, er hatte keine Ahnung, was da in seine Adern tropfte, aber anscheinend war auch ein Schmerzmittel dabei. Er versuchte auch, vorsichtig den rechten Unterarm zu heben, aber das tat höllisch weh. Was geschah eigentlich mit Tätowiertinte, wenn man verbrannte?

Jemand räusperte sich neben ihm, und Niels drehte seinen Kopf nach rechts, so gut es ging. Bart saß neben seinem Bett, er sah besorgt aus. “Wo bin ich?” wollte Niels wissen. “Im Krankenhaus, in Missoula. Du hast einiges abbekommen.” Niels gingen tausend Fragen durch den Kopf, doch eine war ihm am wichtigsten. “Was ist mit Emily? Geht es ihr gut?” Bart nickte, auch wenn er nicht glücklich dabei aussah. “Sie lebt. Sie hat auch einige Verbrennungen davongetragen, aber das wird verheilen. Sie will das Krankenhaus morgen wieder verlassen.” Offensichtlich hielt Bart das für keine besonders gute Idee. Niels sah auf seine bandagierten Hände. “Es tut mir leid”, murmelte er. Dann wandte er sich wieder an Bart. “Wie sind wir hierhin gekommen?” Bart verzog das Gesicht. “Flann hat sich eine Geschichte ausgedacht über einen Bärenangriff, bei dem du und Emily ins Lagerfeuer gefallen sind.” Er seufzte. Niels sah ihn an, sagte aber nichts. Offensichtlich hatte Flann nicht nur einfach so dahergeredet, als er vermutet hatte, dass Bart ihn nicht leiden konnte. “Und was ist wirklich passiert?” Er wollte das Gespräch wieder in andere Bahnen lenken, und außerdem wollte er wissen, ob das, was er gesehen hatte, die Wirklichkeit gewesen war. Irgendetwas hatte versucht, in sein Bewusstsein einzudringen, seine Erinnerungen zu stehlen, seine Seele aufzusaugen… Oder hatte er sich das alles nur im Delirium eingebildet?

Bart räusperte sich abermals, dann begann er, zu erzählen. “Die Rauchgestalt, die du gesehen hast, war ein Dämon. Ein alter Schwarzmagier, dessen Überreste Irene, Flann und ich in der Hütte gefunden haben, hatte ihn in eine Lavalampe gebannt. Er wollte ihn so zwingen, ihm seine Tochter aus der Hölle zurückzubringen, deren Pakt abgelaufen war. Dummerweise ist der Alte gestorben, bevor er sein Ritual vollenden konnte. Das konnten wir seinen Aufzeichnungen entnehmen, die ich sicherheitshalber an mich genommen habe. Also war der Dämon seit 50 Jahren in der Lampe eingesperrt. Anscheinend hat die Familie im letzten Jahr die Hütte und die Lampe gefunden und den Dämon aus Versehen befreit. Das erklärt das Feuer. Die brennende Gestalt war übrigens die Mutter der Familie, vermutlich hat sie mit dem Dämon einen Handel geschlossen, dass sie ihm Seelen bringt, damit er stofflich wird.”

Und eine davon wäre beinahe meine geworden.

Hatte er wirklich mit Jacob gesprochen, oder war das schon der Dämon gewesen, der versucht hatte, seine Seele zu stehlen? Niels wusste es nicht. Aber etwas an Barts Schilderung ließ ihn aufhorchen. Da war etwas, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Er wollte ihn so zwingen, ihm seine Tochter aus der Hölle zurückzubringen, deren Pakt abgelaufen war

War es das? War es so… einfach? Man fing einen Dämon ein und zwang ihn, den geliebten Menschen wieder freizugeben? Konnte er so… Joe aus der Hölle holen?

Verdammt, du bist ein Heckler, du bist Jacobs Sohn. Schon vergessen, was mit deinem Dad passiert ist? Du sorgst dafür, dass das Kroppzeug da bleibt, wo es hingehört. Du schließt keine Handel mit ihm ab.

Er sah wieder zu Bart. Der Gelehrte durfte niemals erfahren, was gerade in Niels’ Kopf herumging. Er würde ihn zu Recht übers Knie legen und ihm die Leviten lesen. Aber er würde Hilfe brauchen, wenn er das wirklich wagen wollte.

In diesem Moment klopfte es an der Tür, und bevor Niels “herein” sagen konnte, spazierte Flann ins Zimmer. Bart stand auf und verabschiedete sich, während Niels sich wappnete ob der Sprüche, die er sich jetzt von dem Iren über seinen Zustand anhören durfte. Aber Flann machte keine Anstalten, sich über Niels lustig zu machen, im Gegenteil, er nahm auf dem Stuhl Platz, auf dem eben noch Bart gesessen hatte und sah ihn besorgt an. “Wie geht es dir?” Niels sah ihn überrascht an, dann seufzte er. “Ich kenne das ja schon. Gibt Narben auf den Narben.” Er verzog das Gesicht. “Ich mache das jetzt mal alle vier Jahre.” Es war ihm egal, ob Flann verstand, was er meinte, aber der Ire fragte auch nicht weiter. “Warum hast du das gemacht? Also einfach so vorzustürmen, ohne auf Irene, Bart und mich zu warten?” Niels spürte, wie seine Augen sich zu Schlitzen verengten, als die Wut in ihm aufstieg. Ja, er hatte unüberlegt gehandelt, aber war es nötig, ihn damit aufzuziehen? Dann jedoch bemerkte er, dass Flann ruhig blieb und eher fürsorglich klang als spöttisch.
“Verdammt, ich habe nicht nachgedacht. Vielleicht wollte ich mir etwas beweisen. Ich musste mir 18 Jahre lang anhören, dass ich nichts kann, dass ich nichts tauge, und dass ich zu nichts nütze bin.” Er spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete, als ihm die Beschimpfungen und Schmähungen seines Stiefvaters einfielen. Er lachte auf, als ihm bewusst wurde, dass zumindest auf der körperlichen Seite einiges von dem, was Gustav, Joseph und Benedikt ihm angetan hatten durch das Feuer vernichtet worden war. Was für ein Trost. Der Gedanke an Gustav brachte ihn jedoch noch auf etwas anderes. “Ich will es ihnen beweisen. Dem einen, der nicht hier ist, und dem anderen, der nicht mehr da ist.” Was hätte Jacob wohl dazu gesagt, dass sein Sohn so unvorsichtig gehandelt hatte?
“Also demjenigen, der hier mit dir im Raum ist, hast du das schon bewiesen”, erklärte Flann jetzt. Niels zog eine Augenbraue hoch. “Ich arbeite wirklich gerne mit dir zusammen.” Ob das auch für eine Dämonenjagd galt? So wie er Flann einschätzte, würde der sich auf so etwas einlassen. Und hatte er nicht Irene erst auf der Hinfahrt gefragt, ob sie sich mit dem Brechen von Pakten auskannte? Ja, Flann war definitiv der richtige Ansprechpartner. Niels hoffte, dass Bart das nicht erfuhr, denn er hatte so eine Ahnung, dass der Gelehrte nicht allzu begeistert sein würde über Niels’ neuen Partner. Aber dann fiel ihm etwas ein. Was, wenn Flann ihn wieder einmal belog? Das war kein abwegiger Gedanke. Doch dann sah er den besorgten Ausdruck in den Augen des Älteren. Diesmal schien es dem Iren wirklich ernst mit Niels zu sein. “Flann, ich… “ Niels wollte ihn gleich fragen, doch dann spürte er, wie sich die Müdigkeit in ihm ausbreitete. Schlafen und gesund werden, das war gerade wichtiger als alles andere.
Der Ire erhob sich und gab ihm vorsichtig die Hand. “Melde dich, auf Irenes Handy. Sie kann mich erreichen.” Niels nickte, dann war er auch schon eingeschlafen.

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Timberwere

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