Mädchenkram - Supernatural

Fledermausdialekte

aus Barrys Tagebuch

Die Gefängnisküche war voller Dampf. Stank nach Glutamat und anderen Chemikalien. Ich atmete schwer, als ich mich hinter einen Tisch duckte. Meine gebrochene Schulter pulsierte im Takt mit dem Blut, das durch meine Adern raste. Der Verband am frischen Stumpf war voller roter Flecken.
Nick O’Callan, Breiger und der Kerl mit dem Hakenkreuz auf der Stirn schlenderten in die Küche. Ein paar Sträflinge gingen ihnen aus dem Weg. Einer zeigte in meine Richtung. Fuck.
O’Callan griff sich eine Bratpfanne. Größtenteils Plastik, aber ich war gerade erst aus der Krankenstation raus. Langsam stand ich auf. Machte mich auf Prügel und schlimmeres gefasst. Ballte meine linke – meine einzige – Hand.
Die drei Neonazis fächerten sich langsam auf. Siegesgewiss. Was sollte noch dazwischen kommen? Harris hatte Wachdienst in diesem Block, und der würde ihnen eher seinen Schlagstock leihen als sie aufhalten.
Hinter mir das Geräusch schwerer Schritte. Eine harte Stimme. „Hola, El Oso.“ Germán Fererra. Kein Nazi. Kein Hollow Man. Vor allem kein Freund von O’Callan. Stellte sich neben mich. Aus dem Dampf schälten sich noch mehr Gestalten, drei, vier Surenos. Lokale Gang, hatten Kontakte zu Verbündeten von mir aus L.A. Die hatten mich „El Oso“ – der Bär – genannt.
Die Neonazis wichen zurück. Versuchten, unbeeindruckt zu wirken. „Ich krieg dich noch, Jackson“, sagte O’Callan. Deutete an, wie er mit der Handkante auf den Kehlkopf schlug, und lachte böse, bevor er die Küche verließ.
„Él no te gusta“, erklärte mir Fererra sachlich. Ich nickte. Für heute hatte der Latino mir das Leben gerettet.

„Hola, El Oso.“ Fererras Stimme klang rau am Telefon. Rau und hohl. Hatte länger nichts mehr von ihm gehört – er kam ein Jahr nach mir aus Greenfield raus, handelte eine Weile mit Waffen. Fand eine Frau, kehrte den Surenos den Rücken. Zog nach Südtexas und versuchte, ein ehrliches Leben zu führen. Schickte ab und zu eine Postkarte.
Jetzt war seine Frau gestorben. Er konnte nicht genau sagen, woran, faselte etwas von einem Racheengel und Schuld. Seine Schuld. Klang vollkommen fertig. „Kannst du kommen“, fragte er. „Kannst du kommen und mir sagen, dass ich nicht verrückt werde.“ Außer seiner Frau waren noch andere Leute gestorben.
Klar, sagte ich. Kein Problem. Ich schuldete ihm was.
Als ich auflegte, fiel mir auf, dass ich nicht fahren konnte. Mein gebrochener Fuß steckte in einer Schiene – ich konnte laufen, aber nicht Auto fahren. Rief Natalie an, landete auf der Sprachbox. Also Emily. Die war zwar nicht in der Nähe, aber sie meinte, sie holt mich ab. Okay. Dann rief Natalie zurück. Mir fiel ein, wie gut sie darin war, Dinge zu recherchieren. Fragte sie, ob sie auch mitwollte. Klar wollte sie. Ganz wohl war mir nicht dabei, sie in diese Sache reinzuziehen, aber es ging um eine alte Schuld. (Sehr sinnvoll, einen Haufen neuer Schulden anzuhäufen, um eine alte zu tilgen, aber so läuft es nun mal.)

Wir fuhren in Little Rock los, trafen Natalie knapp zwei Tage später in El Paso. Weiter nach Marathon. Kamen vormittags an. Klopften. Fererra machte auf. Sah fertig aus. Müde. Gebrochen. Alt. Verdammt, und er war mal so ein bärenstarker Kerl gewesen.
Ging zu ihm. Sagte ihm, wie leid es mir tat. Worte, aber ich hatte zwei Tage Zeit gehabt, um nach den richtigen zu suchen. Schienen zu helfen, zumindest ein bisschen. Stellte dann Emily und Natalie vor. Fererra hatte selbst Besuch: Mary-Ann Young und Lucie Morrissey. Mary-Ann war blond, kurze Haare, Seelsorgerin oder Bewährungshelferin oder so etwas. Ich erinnerte mich vage, dass er den Namen schon früher erwähnt hatte.
Lucie war ungefähr in Emilys Alter, trug Motorradkleidung, aber keine Kutte. Hielt sich zurück, als Mary-Ann fragte, warum Fererra so viele Leute eingeladen hatte. Die Seelsorgerin wirkte misstrauisch. Konnte ich ihr nicht verdenken. Hatte offenbar Angst, dass ihr Schützling in alte Gewohnheiten zurück fiel.

Ich versuchte zwar, die Sache behutsam anzugehen, aber es kam ziemlich schnell raus, dass es um etwas Übernatürliches ging. Fererra meinte, er wolle nur wissen, ob er irre ist oder nicht. Und ich hatte sowas doch schon gesehen?

…vorsichtig schlurfte ich über den Hof. Schaffte es nicht allzu weit, gerade so bis zur nächsten Bank. Mein Kopf drehte sich. Setzte mich mühsam hin.
Neben mir eine Bewegung. Fererra. Glück gehabt.
„Du siehst Schieße aus, El Oso. War das O’Callan?“ Er nickte zu der frischen Wunde in meinem Gesicht.
„Harris“, gab ich zurück. „Wollte wissen, wer mir den Arm gebrochen hat.“
Fererra schnaubte überrascht. „Wer war’s denn? O’Callan? Die Hollow Men?“
Ich schüttelte den Kopf. „Hast du den Schrei nicht gehört?“
„Dachte, das warst du.“
„Nicht meine Stimme.“ Ich musterte ihn. „Du bist schon sechs Jahre hier. Erzähl mir nicht, dass du den Schrei noch nie gehört hast.“
Er atmete scharf ein. „La Mujer Quemada.“ Die verbrannte Frau. „Das ist nicht dein Ernst.“
Ich hielt mich davon ab, die Schultern zu zucken. „Ich habe sie angesehen. Das mag sie nicht.“ Ich senkte meine Stimme. „Was auch immer du tust, Fererra: Wenn du etwas Verbranntes riechst und leichte Schritte hörst – schau nicht hin.“
Eigentlich wollte er mir nicht glauben, aber er hatte den Schrei der toten Frau gehört: Einen markerschütternd hohen Wut- und Schmerzensschrei, den sie ausstieß, wenn sie ein Opfer gefunden hatte. Schwer zu vergessen, auch wenn man nicht an Übernatürliches glaubte.

La Mujer Quemada, sagte ich leise und blickte kurz auf meinen rechten Unterarm. Fererra leckte sich nervös über die Lippen, fing dann aber an, zu erzählen. Er und seine Frau hatten ein Geschäft in Terlingua, einer nahegelegenen Geisterstadt. Oder Ex-Geiststadt. Mittlerweile hatten sich dort ein paar Künstler angesiedelt und zogen Touristen an.
Vor drei Tagen wollte das Ehepaar zu einem Konzert, als eine dunkle Gestalt aus dem Nichts auftauchte, Lilia Fererra angriff und nur ihren leblosen, mit kleinen Wunden übersäten Körper zurückließ. Tod durch Blutverlust, hieß es. Vielleicht Fledermäuse oder so etwas.
Fererra wusste nicht recht, wie groß das Monster gewesen war. Vielleicht menschengroß. War aus der Luft gekommen. Es gab noch vier andere Opfer: Einen Farmer, einen Trucker und ein Touristenehepaar. Alle starben nachts, angeblich hatte niemand etwas gesehen.
Mary-Ann war erstaunt, dass wir so zielgerichtete Fragen stellten. Was wollten wir da eigentlich erreichen? Ich bin Privatdetektiv, sagte ich, als ob das alles erklären würde. Sie war nicht recht zufrieden, wollte wissen, warum wir nicht einfach zur Polizei gingen. Emily lachte freudlos und meinte, die hätten doch keine Ahnung.
Fererra murmelte wieder etwas vom Racheengel und seinen Sünden, aber ich sagte ihm, dass das ziemlich egozentrisch war. Warum sollte ein Racheengel ein Touristenehepaar umbringen, um ihn zu bestrafen? Er machte große Augen, widersprach aber nicht.

Das war alles ein bisschen viel für die arme Mary-Ann. Emily, Lucie und ich versuchten, ihr schonend beizubringen, dass es merkwürdige Dinge auf dieser Welt gab, und Leute, die sich damit auskannten. Sie sah nicht überzeugt aus, widersprach aber nicht. Wollte mitkommen. Interessante Reaktion.

Bevor wir nach Terlingua fuhren, bat ich Natalie, sich mal nach lokalen Legenden und Ereignissen umzuhören. Okay, hätte sie vermutlich auch so gemacht. Während sie auf ihrem Smartphone herumtippte, sprach ich Lucie an. Die hatte sich wie selbstverständlich in die Gruppe integriert und behauptet, Bescheid zu wissen. Ich fragte, ob sie sich wehren konnte. Ja, sagte sie. Okay. Dann los.

Terlingua war eine Mischung aus mexikanischer Geisterstadt, amerikanischem Kitsch und künstlerischem Freigeist. Auf dem Ortsschild stand „Ghostown“. Natalie schüttelte sich über so viel sprachliche Barbarei. (Ich vermutete ja, dass es Absicht war, aber das machte es nicht besser. Jedenfalls war sie mir in diesem Augenblick noch sympathischer als sonst.)
Als wir ankamen, hatte Natalie bereits ein paar Dinge herausgefunden: Terlingua war früher eine Minenstadt gewesen. Zinnober. War mal eine richtig große Nummer, aber dann war die Mine ausgebeutet, es gab eine Überschwemmung. Die Leute verließen die Stadt. Später siedelten sich hier Künstler an, machten eine Künstlerkolonie und eine Touristenattraktion aus dem Ort. (Emily wollte wissen, ob es ein Oberhaupt des Ortes gäbe. Fererra meinte, nein, die wären alle sehr individualistisch. Ich musste bei der Vorstellung eines Oberkünstlers grinsen.)
Es gab ziemlich viele Fledermäuse hier in der Gegend, erzählte Natalie weiter. Die mexikanische Blütenfledermaus (Leptonycteris nivalis), die mexikanische Langzungenfledermaus (Glossophaga morenoi), die Peters-Kinnblattfledermaus (Mormoops megalophylla, auch Geisterfledermaus genannt). 1967 hatte sich sogar mal eine Kammzahnvampirfledermaus (Diphylla ecaudata) hierher verirrt, aber normalerweise lebten die hier nicht. Bisher hatte es aber noch keine Probleme mit den Fledermäusen gegeben.

Wir schlenderten durch den Ort (okay, ich hinkte). Fanden die Stelle, an der Lilia gestorben war. Keine Spuren, nur ein bisschen Blut am Boden.
Also weiter recherchieren. Ich ging mit Natalie in ein Café, um sie ein bisschen zu unterstützen, während sich die anderen im Ort umhörten. Wir fanden nicht viel mehr heraus, außer dass diese Geschichte mit der verirrten Kammzahnvampirfledermaus interessant genug war, dass Dr. Douglas Bateman, ein Biologe, eine Abhandlung darüber geschrieben hatte. (Dr. Bateman, der Fledermausforscher. Der hatte sicher auch schon jeden Witz gehört.) Allerdings ging aus der Abhandlung eigentlich nur hervor, dass er nicht wusste, was die hier gemacht hatte oder wie sie hierher gekommen war. Der Wind, vielleicht. Außerdem hackte sich Natalie kurzerhand in die Aufzeichnungen der Pathologie in El Paso und fand ein paar Fotos der Wunden, die zum Tod der Opfer geführt hatten. Kleine Bisse. Kein großes Vieh.
Emily und die beiden anderen schauten sich die Stellen an, an denen die anderen Leute gestorben waren. Generell zu wenig Blut. Redeten mit ein paar Leuten, landeten dann bei Cynta Lopez. Die führte Touristen in die Minen, nicht so richtig offiziell, aber auch nicht illegal. Ja, da lebten verschiedene Fledermauskolonien. Sie wusste von zwei oder drei Höhlen, wo die Schwärme nisteten. Die Tiere waren in der letzten Zeit aktiver als sonst, aber Cynta war aber dieses Jahr noch nicht bei den Höhlen gewesen. Touristensaison hatte noch nicht angefangen.

Wir trafen uns wieder. Was jetzt? Vielleicht die Höhlen ansehen, aber erst mal mit Dr. Bateman reden. Den hatte Cynta als Experten für Fledermäuse erwähnt.
Er saß im Starlight Saloon, ein rüstiger Achtzigjähriger mit zerzaustem Bart und entspannter Mine. Flankiert von drei Frauen in den Fünfzigern, die sich gerade munter mit ihm unterhielten und ein bisschen flirteten. Harmlos, aber die konnten wir da gerade nicht brauchen.
Also lehnte ich mich an die Theke des Saloons und starrte sie an. Beute, sagte mein Blick. Hindernis. Die drei fingen schnell an, sich unwohl zu fühlen. Nervös zu werden. In ihren Köpfen Gründe zu finden, nicht mehr in meinem Blickfeld zu sein. Drei, vier Minuten, dann gingen sie. Gut.

Dr. Bateman war über den hektischen Aufbruch vielleicht ein bisschen überrascht, aber er ließ sich schnell ablenken, als Lucie an seinen Tisch kam. Vorgab, ein interessierter Laie zu sein, fast sowas wie ein Fan. Klar durfte sie sich setzen und mit ihm über Fledermäuse reden. Vermutlich hätte sie mit ihm auch über Godzilla oder das Bruttosozialprodukt von Paraguay reden können – diesen niedlichen „Oh, du großer starker Mann, erklär mir die Welt“-Augenaufschlag hatte sie richtig gut drauf. Fand sogar ich anziehend, und ich stehe eigentlich nicht auf die Hilfloses-Kleines-Mädchen-Masche.
Bateman war jedenfalls hin und weg. Bot ihr an, sie könnte ihn „Dr. Doug“ nennen. Nett. Erzählte ihr gern von Fledermäusen. Die meisten tranken kein Blut, nur etwa drei oder vier Arten. Auch die konnten keine Kuh austrinken, aber es kam vor, dass sie Menschen angriffen.
Dann wurde es interessant. Dr. Doug… Dr. Bateman erzählte von der Kammzahnvampirfledermaus, die sich vor fünfzig Jahren hierher verirrt hatte. Ob Lucie wusste, dass jede Fledermausart ihren eigenen Sonardialekt hatte? Nicht? Jedenfalls hatte die Kammzahnvampirfledermaus einen oder mehrere Schwärme in der Umgebung von Terlingua mit ihrem Sonardialekt angesteckt, und weil das hier eine ziemlich isolierte Gegend war, hatte sich ein eigener Dialekt daraus gebildet. Hochinteressant. Musste mich zurückhalten, nicht sofort aufzuspringen und ihn genauer auszufragen. Isolierte Dialekte! Mann.
Lucie lenkte das Gespräch aber erst mal auf den Herkunftsort der Diphylla. War es denn möglich, dass die jemand hergebracht hatte? Gute Frage, fand Dr. Doug. Was studierte sie denn eigentlich?
Das hatte sie sich scheinbar nicht überlegt. Verzog sich mit einer hastigen Entschuldigung auf die Toilette, kurz darauf gefolgt von Emily.
Bevor Bateman abhauen konnte, setzte ich mich zu ihm. Eigentlich wollte ich ihn ja nur davon abhalten, zu verschwinden, aber die Frage nach den Sonardialekten war aus meinem Mund, bevor ich wirklich nachdenken konnte. Er war nur sehr kurz reserviert, dann führten wir plötzlich eine lebhafte Diskussion über Dialektvarianzen, Umweltfaktoren und andere externe Einflüsse. Ich merkte gar nicht, dass Lucie irgendwann zurückkam und erst mal zuhörte.
Schließlich wurde ihr die Diskussion wohl zu akademisch. Wollen wir nicht gehen und uns ein paar Fledermäuse anschauen, schlug sie vor. Klar wollten wir – Bateman, weil er sie niedlich fand, ich, weil ich mich wieder daran erinnerte, was ich hier machte. Okay. Niedlich fand ich sie auch.

Also los. Auf zu den Bergen um Terlingua. Bateman war zwar rüstig, aber er war auch ein alter Mann, und ich bin zwar keine Heulsuse (wenn es um körperliche Schmerzen geht, okay, alles andere… na ja), aber so schnell ging es mit der Schiene eben nicht. Außerdem trug ich auch noch Lucies Tasche, damit sie sich besser bei Dr. Doug einhaken konnte. War ziemlich schwer. Ich erfuhr später auch, warum. Jedenfalls genug Zeit für Emily, Mary-Ann und Natalie, noch ein paar Waffen zu holen und uns zu folgen.
Lucie fesselte Dr. Dougs Aufmerksamkeit zwar immens, aber irgendwann mussten ihm die drei Frauen, die uns folgten, doch auffallen. (War ich jetzt echt mit vier attraktiven Frauen unterwegs gewesen? Ich komme mir gerade vor wie James Bond, nur… hm… amerikanischer. Kein Wunder, dass Tam so komisch geschaut hat.)
Jedenfalls tat ich so, als wäre ich furchtbar überrascht, als ich Emily, Mary-Ann und Natalie hinter uns sah. Hab euch fast vergessen, murmelte ich wenig überzeugend. Bevor Bateman reagieren konnte, stellte Lucie mit großen Augen eine interessierte Frage über Fledermausohren, und er wendete sich wieder ihr zu. Wow. War doch mal echt nett, mit jemandem zu arbeiten, der mit Menschen gut umgehen konnte.

Gemeinsam kamen wir an einem alten Minenschacht an. Ein Schild warnte vor Einsturzgefahr, aber bislang sah der Gang halbwegs stabil aus. Hoch genug, dass ich aufrecht darin stehen konnte, war er jedenfalls.
Kaum hatten wir den Schacht betreten, da fuhr Lucie herum und ließ die Maske fallen. Beschuldigte Dr. Doug, gemeinsame Sache mit der Kammzahnvampirfledermaus zu machen, sie auf Leute zu hetzen und für die Toten verantwortlich zu sein. Bateman reagierte entrüstet. Was für ein Blödsinn, sagte er und schüttelte den Kopf abwehrend. Klang aufrichtig.
Bevor er jetzt seinerseits aggressiv werden konnte, zeigten wir ihm das Foto der Verletzungen, die die Toten erlitten hatten. Waren das Fledermäuse? Ja, sagte er schockiert. Die Wunden stammten schon von Fledermäusen… aber… nein, das war doch Blödsinn.
Wir mussten nicht lange bohren, bis er uns den Blödsinn erzählte. Vor vielen Jahren hatte er in einem alten Forschungsbericht eine Legende über die Kammzahnvampirfledermaus gelesen: Einmal in vielen Generation wurde ein Tier geboren, das besondere Kräfte hatte und andere Fledermäuse mit seinem Sonardialekt beeinflussen und unterjochen konnte. Diese Mutation benutzte die anderen Tiere dann als Gehilfen bei der Jagd und griff mit Vorliebe Menschen an. Das kam nicht häufig vor, vielleicht aller fünfzig Jahre.
Als wir daraufhin die Waffen auspackten, wurde er blass, protestierte aber nicht. Lucie hatte eine verdammte Mossberg in der Tasche, die sie professionell durchlud. Okay. Wow. Toughe Frau, große Waffe – das war schon mehr mein Beuteschema. Mir fiel auf, dass ich vielleicht aufhören sollte, sie anzustarren. Echt jetzt, Jackson, erklärte ich mir selbst. Hast du nicht genug Probleme?

Ich schüttelte meine Gedanken durch. Sah, wie Emily Mary-Ann ein Messer gab. Überlegte kurz, aber verdammt, die Seelsorgerin war eine Freundin von Fererra. Bot ihr meine Ruger an. Sie griff zu. Nahm sie, als wäre das nicht das erste Mal, dass sie eine hielt. Gut.
Natalie schaute ein bisschen verloren. War nicht bewaffnet. Verdammt. Ich hatte nur die drei Pistolen dabei. Andererseits hatte ich Natalie mitgeschleppt. Konnte sie jetzt nicht unbewaffnet herumlaufen lassen. Gab ihr die Glock 21, auch wenn es mir fast weh tat. Hatte ja noch die Glock 17. Das würde schon reichen, erklärte ich mir selbst. Glaubte es nicht so richtig.

Die Schrotladung traf mich hart an der linken Seite, als ich versuchte, zu Moore zu kommen. Er war hinter dem Schrank aus dünnem Blech in Deckung gegangen, aber O’Callan und seine Jungs hatten beim Aufstand Waffen erbeutet, darunter auch eine Maschinenpistole, mit der sie den Schrank durchlöcherten. Hastig hievte ich mich in die magere Deckung. Moore lag mit glasigen Augen auf der Seite, atmete noch, aber ich sah auf den ersten Blick, dass er es nicht mehr lange machen würde. Fuck.
O’Callan ballerte noch einmal mit der Schrotflinte in meine Richtung, aber er zielte zu hoch und verfehlte mich größtenteils. Ich erwiderte das Feuer nicht – er hatte noch Deckung, und ich hatte nur zwei Kugeln in dem kleinen Revolver, den ich einem toten Wachmann abgenommen hatte.
Dann: Ein heftiger Schusswechsel im Gang. O’Callan strauchelte in die Krankenstation, auf der Moore und ich uns verschanzen wollten, gefolgt von ein paar anderen seiner Nazis.
Mit zusammengebissenen Zähnen fand O’Callan sein Gleichgewicht wieder. Zog eine Desert Eagle aus dem Hosenbund und zielte in meine Richtung.
„Diesmal“, erklärte er, „diesmal rettet…“
Ich erschoss ihn. Erst schießen, dann reden. Erschoss noch einen, sah dann die Surenos, wie sie die restlichen Nazis vertrieben. Fererra schaute zur Tür hinein.
„Jackson“, sagte er und nickte mir zu. „Hätte ich mir denken können. Bist du okay?“
Ich sah an mir runter. Blutete heftig, hatte starke Schmerzen im Unterbauch. Hörte das Johlen der Geister in meinem Kopf. Dazwischen: Moores verwunderte, desorientierte Stimme. Sein Körper neben mir hatte aufgehört zu atmen. Ich schloss kurz die Augen. Verdammt. Moore war ein Freund gewesen.
„Alles in Ordnung“, rief ich Fererra zu. Meine Stimme war brüchig, aber so klang sie oft. „Halte hier die Stellung. Sichere Zone.“
Er nickte und wollte gehen, als mir etwas einfiel. „Nicht genug Waffen“, stieß ich hervor. „Lass mir eine Pistole da.“

Erinnerungen. Lange her. Hör auf, nachzudenken, Jackson. Bleib bei der Sache. Minenschacht. Ich stellte mich vor Natalie – die war irgendwie… Familie. Mitakuye oyasin, und so weiter. Lucie mit ihrer Mossberg auf meiner rechten Seite, Emily mit ihrem Bogen hinter uns. Dr. Batman… Bateman… und Natalie mit Taschenlampen dahinter.
Vorsichtig bewegten wir uns in den Schacht. Hinter uns ging die Sonne gerade unter. Ein, zwei verirrte Fledermäuse kamen uns entgegen – der Schwarm erwachte.
Nach kurzer Zeit erreichten wir einen großen Raum. Keine Höhle, sondern ein zentraler Minenschacht, groß genug für einen Kinosaal. Überall an den Wänden hingen kleine dunkle Gestalten, die sich langsam regten. Gut, dass Natalie uns vorher gezeigt hatte, wie eine Diphylla im Vergleich zu einer Mormoops oder einer Leptonyceris aussah – heller, kleiner als die Mormoops, aber deutlich größer als die Leptonyceris.
Unser Erscheinen schreckte die Tiere auf. Einen Moment lang flatterten sie ziellos umher, aber dann formierten sie sich präzise zu einer – nein, zwei beinahe humanoiden Gestalten. Emily rief uns zu, die Diphylla wäre im rechten Kopf, dann rasten die beiden Schwärme in unsere Richtung.
Lucie schoss mit ihrer Mossberg auf unsere Angreifer, dünnte den Schwarm aus. Ich sah die Kammzahnvampirfledermaus nicht, feuerte auf das morsche Gebälk in der Decke. Traf eine labile Strebe, Holzteile stürzten auf die kleinen Tiere und verschütten etliche. Mary-Ann feuerte in den Schwarm hinein, Natalie leuchtete mit dem Strahl der Taschenlampe auf den vagen Kopf der unförmigen Gestalt, die auf mich und Lucie zuschwankte. Emily ließ ihren Pfeil von der Sehne. Traf die Diphylla, aber nicht, bevor der Schwarm mich und Lucie erreichte. Die Fledermäuse hatten scharfe Zähne, griffen furchtlos an, verbissen sich in Kleidung und Haut.
Aber als Emilys Pfeil die Kammzahnvampirfledermaus traf, verlor der Schwarm seinen Zusammenhalt. Irritiert flatterten die Tiere um uns herum und huschten schließlich durch den Schacht nach draußen. Ich klaubte eine verwirrte Mormoops aus meinen Haaren und ließ sie fliegen.
Hinter uns, im Zentralschacht, stürzten weiterhin Balken von der Decke. War wohl eine wichtige Strebe gewesen, die ich getroffen hatte.
Hastig verließen wir den Schacht. Ich stützte Lucie, die deutlich mehr abbekommen hatte als ich. Draußen fragte ich sie, ob sie zu einem Arzt oder ins Krankenhaus wollte, aber sie verneinte vehement. Gut, also versorgte ich ihre Wunden. Hatte den Eindruck, das war nicht das erste Mal, dass jemand sie nach einer Jagd zusammenflickte.
Wies sie darauf hin, dass sie Antibiotika brauchte. Bisse von Fledermäusen entzünden sich gern, und die Tiere übertragen Krankheiten. Tollwut, zum Beispiel. Fragte sie, ob sie jemanden kannte. Sie nickte. Gut.

Wir kehrten nach Marathon zurück. Ich versorgte meine eigenen Wunden (waren nur Kratzer, aber Tollwut brauchte ich keine), setzte mich dann noch mit Fererra zusammen. Erzählte ihm von dem Fledermausschwarm, verbrämte die Sache möglichst wissenschaftlich. Sonar und so. Er nickte, erleichtert, dass es kein Rachegeist war. Sprach von seiner Frau, von seinem Leben. Von Mary-Ann, die ihn unterstützt hatte. Und Lucie?, warf ich ein. Nein, Lucie kannte er gar nicht. Jedenfalls nicht richtig. Die hatte ihn nur besucht. Er wollte nicht sagen, warum, und ich wollte es auch nicht so genau wissen.

Am nächsten Tag fuhr ich mit ihm, Emily und Natalie zurück nach Terlingua. Einkaufen. Plüschskelette für die Kinder, scharfe Saucen für die Küche. Überlegte, irgendwann mal mit den Kids herzukommen, einfach nur so. Als Touristen. Wäre doch mal lustig. (Genau. Das hatte ja in Cancún schon so gut funktioniert.)

Gegen Nachmittag fuhren Emily und ich wieder los. Kamen diesmal tatsächlich ins Reden. Sie erinnerte sich an die Zeit, bevor sie verschwunden war. Hätte mir klar sein können, sie kannte Ethan ja offensichtlich. Keine Parallelen zu dem, was Tam passiert war.
Allzu tiefgreifend wurde es zwar nicht, aber ich fühlte mich danach wohler in ihrer Gegenwart, und andersrum auch. Glaube ich zumindest. Sie versicherte ein bisschen zu oft, dass sie völlig okay war, aber was sollte ich dazu sagen? Habe auch schon oft behauptet, es wäre alles in Ordnung, obwohl es meilenweit entfernt davon war.
Zwei Tage später setzte sie mich wieder in Little Rock ab. Trank noch einen Kaffee mit mir. Smalltalk, Kleinkram. Aber entspannt. Hoffe ja, dass ich sie bald mal wiedersehe. Ich glaube, ich mag sie.

Comments

Marganma

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