Mädchenkram - Supernatural

Gefecht auf dem Red Hill

Neue Himmelsdeserteure brauchen Hilfe

Endlich bin ich zurück in Vermont. So sehr hätte ich mich noch nicht einmal beeilen brauchen. Harris hat sich wieder an einem Buch festgelesen und mich bisher noch gar nicht richtig vermisst. Mein zerkratztes Äußeres entlockt ihm kaum eine hochgezogene Braue. Über das Grünzeug freut er sich trotzdem. Und er war täglich am Schrein. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich habe in letzter Zeit festgestellt, dass Giffany einen festen Platz in einem Winkel meines Hinterkopfes hat. Sie ist nie ganz fern. Das Bild der rosahaarigen Comicfigur verschwimmt. Noch ist da keine neue Vorstellung. Mehr so ein Gedanke, ein Gefühl, für das ich noch keinen Namen habe. Ich hoffe, irgendwann kann ich sie benennen, ohne ihren albernen Spielnamen sagen zu müssen.

Ich bin genau rechtzeitig wieder in Hectorville gelandet. Nicht nur Ethan hat sich angekündigt, um mit dem Bau des richtigen Schreins zu beginnen. Auch Dr. Akintola möchte uns besuchen, um mit unserem Flüchtling alternative Totenreiche zu besprechen. Als er aus Burlington kommt, in etwas zu eleganter Kleidung für diese Umgebung – ich frage mich kurz, ob ich ihm in meiner Erzählung vom Red Hill so einen falschen Eindruck vermittelt habe oder ob er einfach so eitel ist – ist Ethan schon dabei, mir den Plan des Schreins auseinanderzusetzen, der ausgebreitet vor uns liegt. Akintola wird gleich mal in die Besprechung mit einbezogen. Der kennt sich doch auch mit religiösem Kram aus.
Wir haben noch nicht lange die Köpfe über dem Papier zusammengesteckt, da klingelt mein Telefon. Cal. Das ist jetzt ungünstig. Ich muss trotzdem grinsen und entferne mich ein Stück.
“So bald hatte ich mit dem Anruf gar nicht gerechnet.”
“Was? Achso, nein. Ich hab hier so eine Busladung von Himmelsdeserteuren gefunden.”
“Wie bitte?”

Wenn er sich nur gemeldet hat, um mich aus dem Konzept zu bringen, dann hat er das geschafft. Doch er versichert mir, dass er es völlig ernst meint. Er hat ein ganzes Rudel von Flüchtlingen aufgelesen, sieben an der Zahl, die von einem eigenartigen Hund angegriffen wurden. Weil er das Schwert erkannt hat, das einer von ihnen zur Verteidigung benutzte, hat Cal sie angesprochen, ob sie aus dem Himmel abgehauen sind. Und hat ihnen auch noch erzählt, dass er von Harris weiß. Wozu treiben wir hier eigentlich solchen Aufwand, den Jungen versteckt zu halten?
Sie sagen, sie suchen nach ihm, weil sie den Schutz seines Mantels brauchen.

Das kann doch nicht wahr sein. Das ist eine Falle und sonst gar nichts. “Die im Himmel sind doch nicht doof, die suchen nach Harris!”
Und selbst wenn die Deserteure echt sind, dann hat der Himmel sie vielleicht nur entkommen lassen, um ihn und den Mantel zu finden und kommt uns dann alle holen.

Der Hund ist kein himmlischer Hund, sagt die Anführerin des Grüppchens, denn das würde sie wissen. Normal war er aber auch nicht. Verfolgt werden sie also auch schon. Keine Chance, dass ich die in die Nähe meines Schützlings lasse. Ich will wissen, ob Harris die Leute kennt.
Cal macht ein Foto. Der Junge identifiziert einen gewissen Alberto. Der sei sein Kamerad gewesen, ehe er die Seiten wechseln musste.
Gut, dann sind sie eben echt, aber ich zweifele immer noch. Ich habe nicht versprochen, einem ganzen Pulk zu helfen, sondern einer Person.
Cal fragt, wie die Deserteure abgehauen sind. Alberto antwortet, Mara hat ihnen geholfen, die Anführerin des Grüppchens. Mara ist nicht wie die anderen, sie ist ein Engel.
Ein was?
Ein Engel. Klasse. Wir sind geliefert.

Aus dem Hintergrund tönt eine Stimme durch das Telefon, die nicht ganz so klingt, wie ich mir einen himmlischen Boten vorgestellt habe. Eher wie eine sehr müde Frau. "So wie es da oben läuft, soll es nicht sein. Das ist völlig falsch!”

Ich bin in der Zwischenzeit zu den Männern zurückgekehrt und habe auf Lautsprecher gestellt, damit sie mitbekommen, was los ist. Dass sie die Klappe halten sollen, muss ich keinem sagen. Als Ethan mein Gesicht gesehen hat, ist er sofort aufgesprungen und lauscht nun mit äußerster Anspannung. Dr. Akintola hat sich vorgebeugt und fingert an seiner Lesebrille herum. Harris’ Augen schnellen von einem zum andern. Ich sage ihm, dass ich den Teufel tun werde, ihn an einen Engel auszuliefern.
Mara macht laut Cal den Eindruck, ziemlich fertig zu sein. Sie behauptet, dass sie es war, die Harris aus dem Himmel gelassen hat und nun die anderen Flüchtlinge gegen die Blicke der Engel abschirmt. Cal lässt mich das Telefon an den Kleinen weiterreichen, der kann sich aber nicht mehr daran erinnern, dass ihm jemand aus dem Himmel geholfen hätte. Eigentlich nur an winzige, verschwommene Bruchstücke seiner Flucht. Cal setzt ihn unter Druck: “Vertraust du ihr oder vertraust du ihr nicht?”
Helfen tut es nichts. Harris weiß nicht mehr, ob er Mara kennt. Erinnerungsfetzen ans Fallen. Mit mehr kann er nicht dienen.

Dr. Akintola reagiert ähnlich wie ich, wenn auch wahrscheinlich aus anderen Gründen. Noch etwas mehr Kopfschütteln und er bekommt ein Schleudertrauma.
Ethan zieht ein Gesicht, als würde er gerade seinem Weltbild beim Zerbrechen zusehen. Kein Wunder. Ihm hatte ich bislang möglichst wenig von allem erzählt, was über die DeVries-Geschichte hinausgeht. Er hat mal angedeutet, dass er gläubig ist.

Hier oben will ich auf keinen Fall eine so große Gruppe haben, die schon die Aufmerksamkeit von mindestens zwei Parteien erregt hat. Cals und die des ominösen Hundes. Mein Gewissen hingegen sagt, dass ich nicht mehr schlafen werde, wenn die Leute wirklich Hilfe gebraucht hätten und in den Himmel zurückkommen, weil ich sie ihnen verweigert habe. Daher schlage ich seufzend ein Treffen an einem anderen Ort vor. Ohne Harris. Ich will sie mir wenigstens einmal ansehen.
Dann fällt mir ein, was mich an der Geschichte schon die ganze Zeit gestört hat. Cal hat mir durchgegeben, wo sie sind. Und das ist verdächtig nah an Hectorville. Die sagten, sie sind unterwegs zu Harris. Wie zum Henker wissen sie, wo er ist?

Mara erklärt es. Sie hat einen Faden aus dem Mantel gezogen, bevor sie Harris damit losgeschickt hat, darüber kann sie den Mantel orten. Also ist es völlig egal, wo man sich trifft, weil sie jederzeit den Mantel finden können. Verdammt, der soll doch dazu gut sein, genau das zu verhindern. Ich raufe mir die Haare. Nicht zum ersten Mal in den letzten Minuten.
Am liebsten würde ich jetzt sofort Harris ins Auto packen und mit ihm zum nächstbesten Flughafen fahren. Weit weg fliegen. In Bewegung bleiben. Naja, ich kann mir ungefähr ausrechnen, wie lange das gut geht.

Also irgendwo nahe Hectorville treffen. Im Frühstückshaus in St. Albans? Cal ist dagegen. Zuviele Unschuldige. Der Mann hat viel zu viel Gewissen.
Meine Güte, dann sei es so! Kommt einfach alle her! Hier ist ja genug Platz. Ich versuche ja auch nur, mir hier soetwas wie ein neues Heim aufzubauen. Und ich war schon so lange kein Lockvogel mehr. Was wäre das Leben ohne das Gefühl, wie ein Opferlamm in der Gegend zu stehen und auf den Großen Bösen Wolf zu warten? Irgendwann musste es ja passieren. Gleich kriege ich meinen ersten Engel zu sehen. Wahrscheinlich auch den letzten.

Bis das Unheil eintrifft schwanke ich zwischen Lähmung, Unglaube, Wut und Panik. In der einen Sekunde will ich immer noch auf der Stelle mit Harris fliehen, in der nächsten plane ich Unterbringung und Versorgung von sieben neuen Schützlingen. Ethan und der Doktor sind mir keine große Hilfe. Die beiden verarbeiten noch die Nachricht. Ich ehrlich gesagt auch.

Harris gibt mir sein Schwert, als ich ihm erkläre, dass ich immer noch die bessere Fechterin bin. Was würde ich darum geben, wenn Imogen oder Sam hier wären.
Der Kleine hat mir zwischendurch ein paarmal gezeigt, was man im Himmel so unter “Schwertkampf” versteht, was im Wesentlichen aus der Ansage bestanden haben muss, dass man das gefährliche Ende in den Gegner stecken soll. Er ist talentiert und schlecht ausgebildet, ich habe die Ausbildung, aber kein Talent. Dafür kenne ich die mieseren Tricks.
Mit dem Schwert in der Hand begrüße ich den ungleichen Haufen, der sich müde und furchtsam den Hügel heraufschleppt. Das Klappermobil, mit dem sie unterwegs waren, hat die Steigung nicht gepackt. Das Konzept eines Fluchtautos scheint im Himmel auch ein anderes zu sein als hier. Die Deserteure beobachten die Umgebung wie Soldaten. Ihrem Äußeren nach waren sie zu Lebzeiten alles andere als das.

Cal und ich nicken uns nur knapp zu. Naja, eigentlich schüttle ich mehr den Kopf. Was hast du mir da eingebrockt, Fisher? Er wendet sich direkt an Harris, damit der die Glaubwürdigkeit der Ankömmlinge beurteilt. Der Junge ist ein bißchen nervös, aber als er dann Mara sieht, macht sich Erleichterung in seinem Gesicht breit. Er erinnert sich. Bereitwillig zeigt er der kleinen erschöpften Gestalt, die so gar nichts Ehrwürdiges an sich hat, den Mantel des Hermes. Sie sagt, sie kann ihn verstärken, damit er alle Acht verbergen kann, berührt den Mantel und bekommt einen konzentrierten Gesichtsausdruck. Dann fällt sie um. Ich wundere mich noch nicht einmal mehr. Ein Engel, der aussieht wie eine Sozialpädagogin, zaubert irgendetwas auf meinem Grund und Boden und kollabiert, weil er augenscheinlich seine letzten Reserven aufgebraucht hat. Warum auch nicht? Der Tag kann wahrscheinlich keine größeren Überraschungen mehr bergen.
Die Deserteure scharen sich um die Bewusstlose, klauben sie auf. Ich weise sie an, die Frau in den Bauwagen zu legen. Cal fragt Harris, ob es geklappt hat, was Mara erreichen wollte. Der zuckt nur hilflos mit den Schultern. Bisher hat er es nur daran gemerkt, dass ihn noch kein Engel gefunden hat. Daraufhin lässt Cal sich von Alberto dessen Schwert geben. Auch er rechnet damit, dass uns jeden Moment der Himmel auf den Kopf fällt. Womöglich wörtlich. Für den Moment passiert jedoch nichts dergleichen.

Cal redet mit den Deserteuren, fragt sie, wie es dazu kam, dass sie aus dem Himmel abgehauen sind. Ein Mensch hat Mara vor Augen geführt, wie falsch es ist, was da oben mit den Seelen geschieht. Er hat sie dazu überredet, den Soldaten beim Desertieren zu helfen, und ist auch noch dort und versucht, mehr Engel umzudrehen.
Ha! Meine Idee war also gar nicht so schlecht. Verführen, überzeugen, ist doch fast dasselbe. Ich frage, ob der Typ auch einen Namen hat. Ja. Mitch Baker. Cal bricht in bitteres Lachen aus, als er den Namen hört. Der Reaktion entnehme ich, dass das für ihn kein Unbekannter ist.

Carlotta, eine der Flüchtigen, eine italienische Matrone wie aus dem Bilderbuch, sagt, dass Mara in Castiels Fraktion war. Das sind diejenigen, die der Meinung sind, die Engel sollten sich um sich selbst kümmern. Früher hatte der Erzengel Michael die Kontrolle, und der ist jetzt verschwunden. Die anderen Engel sind uneins, wie es weitergehen soll, nachdem die Apokalypse ausgefallen ist. Gott schweigt dazu. Der hat irgenwann einmal ein Weltende festgelegt, da das aber ausblieb, wissen die Engel nicht weiter und streiten sich. Streit ist in meinen Augen ein ziemlich verharmlosender Ausdruck für einen Bürgerkrieg.

Was wir bisher erfahren haben, kann Carlotta bestätigen: Selathiel will die Apokalypse, Castiel nicht, steht aber gerade nicht gut da. Seine Fraktion zieht wahrscheinlich bald den Kürzeren. Aziraphels Ziele sind ihr nicht hundertprozentig klar. Ob er wirklich auf Seiten der Menschen ist, wie er es Cal gegenüber behauptet hat das sei mal dahingestellt. Ich vertraue da Cals Bauchgefühl. Der kennt den Knaben persönlich.

Ethan murmelt etwas fassungslos, als wolle er sich an einem Strohhalm festklammern, dass die Engel aber doch nichts zu sagen hätten, sondern Gott gehorchen. “Aber Gott kümmert sich nicht”, schnaubt Carlotta und vermutet, "oder Gott will, dass seine Engel mal lernen, für sich selbst zu denken”. Das bringt ihn wieder zum Schweigen. Er schaut betroffen drein. Armer Kerl.

Cal fragt nach dem Hund, der Alberto angefallen hat. Wie auf Kommando erklingt in der Ferne ein Heulen. Köpfe schnellen hoch, panische Blicke werden gewechselt. Ich packe mein Schwert fester. Der Beschreibung nach können es nur Cu Sith sein, Feenhunde, die man mit Salz und kaltgeschmiedetem Eisen bekämpft. Cal informiert darüber auch Corine und Ricky, die unten am Hügel die Augen offenhalten.
Normalerweise holen diese Hunde keine Toten. Was machen sie also ausgerechnet hier? Sind die Deserteure einfach nur besonders interessante Beute? Schwer vorstellbar.

Ethan stapft los und besorgt sich Eisen, macht seine Remington klar und geht die Abbruchkante sichern, da wo die Überreste des Hauses liegen. Die Flüchtlinge und Nelson bekommen von mir einen Freischein, sich an allem zu bedienen, was sie in meinem Auto und dem Bauwagen finden.

Cal ist etwas abseits stehengeblieben und raucht. Irritiert beobachte ich, wie auf einem Baum neben ihm ein Falke landet. Der Jäger scheint sich kaum darüber zu wundern. Das Tier beginnt zu flimmern und verwandelt sich im Bruchteil einer Sekunde in eine bildschöne Indianerin. Mein Mißtrauen ist geweckt.
Mit zusammengekniffenen Augen nähere ich mich der Szenerie.

Sie sagt, dass die Deserteure gesucht werden und dass mehr als eine Fraktion hinter der Gruppe her ist. Inzwischen verhandeln einige der Engel auch mit Parteien, die für sie früher nie als Verbündete infrage gekommen wären. Selathiel hat sich mit irgendwelchen Feen eingelassen, und AC hat sich gleich mal Höllenhunde organisiert. Na, ganz toll. Der wird immer sympathischer.
Außerdem erklärt sie mit einem Blick auf mich, dass es einen Schutz gibt, und deutet in Richtung Schrein. Es sei ein Geist hier, der sich dem Ort verbunden fühle. Unwillkürlich muss ich mich freuen, auch wenn ich der Falkenfrau kein Stück weit trauen möchte. Viel zu passend ist sie hier gerade rechtzeitig aufgekreuzt, um uns wichtige Informationen zu bringen. Ich wüsste gerne, welche sie weglässt. Aber: Giffany hat ihr Zuhause akzeptiert. Ich sehe nicht, was es der Besucherin bringen könnte, uns dahingehend anzulügen.
Dann verabschiedet sich die Indianerin mit der Entschuldigung, auch sie werde verfolgt und wolle uns nicht noch mehr ungebetene Gäste hierherlocken, als wir sowieso schon hätten. Sie wünscht uns Glück.

Dr. Akintola kommt völlig fertig aus dem Trailer. Er hat eine Fahne, und an seinem Arm klebt Mara, die sich zumindest so weit erholt hat, dass sie geradeaus laufen kann. Er scheint sich verpflichtet zu fühlen, Mara ein wenig zu bemuttern, die jetzt wieder von ihrer Gruppe umringt wird. Der Anblick bringt mich zum Lächeln. Der Nerd beschützt den Engel.

Ich frage Cal, wer die Falkenfrau war. Hialee ist eine alte Freundin von ihm, die eigentlich tot sein müsste, sie hat einen Dämonendeal gemacht und nutzt die Falkengestalt, um sich den Folgen zu entziehen. Das macht mich nicht weniger misstrauisch. Ich äußere meine Vermutung, dass Hialee niedere Gründe hat, uns zu warnen und nur sagt, was wir hören wollen, oder zumindest nur, was ihr nützt, dass wir es wissen. Cal setzt eine saure Miene auf, aber damit muss er klarkommen. Wer Dämonendeals macht, ist nicht mehr so ganz über jeden Zweifel erhaben. Sollte er als Jäger wissen.

Ich vertraue trotzdem darauf, dass sie mit dem Schutzgeist Recht hatte. Ethan kommt mit mir zum Übergangsschrein, als ich ihn darum bitte, mit zu Giffany zu beten. Der Ausdruck geht mir immer noch nicht so leicht über die Zunge, wie er sollte. Auch Ethan zieht eine Grimasse, als er das Wort in seiner gesamten Bedeutung wahrnimmt. Aber genau das ist es. Eine Gottheit um Schutz bitten, das entspricht nun mal der Definition von Beten.

Der Schrein, den ich fürs Erste aus geretteten Backsteinen und Dachschindeln vom Roten Haus zusammengestöpselt habe, ist winzig und fällt mit Sicherheit beim nächsten starken Windstoß um. Ein paar Sperrsträucher in Blumentöpfen stehen davor. Und in Ethans Gesicht mischen sich Amüsement und Respekt. Was Cal von meinem Machwerk hält, will ich gar nicht erst wissen. Ich drehe ihm den Rücken zu und konzentriere mich auf die vorgeschriebenen Handlungen, die die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen der Kami erregen sollen, verdränge die winzige, hämische Stimme, die mir sagt, dass ich mich gerade vor meinem Gelegenheitslover zutiefst lächerlich mache, indem ich in die Hände klatsche und mich vor einem Spielzeughaus verbeuge. Blödsinn. Kein Japaner der Welt hat ein Problem damit. Rituale gehören auch zum Jägersein. Haltung bewahren. Sicherheit zählt. Giffany zählt. Als ich Sake und Reis ausgetauscht habe und die Räucherkerzen entzünde, bin ich drin. Außer meiner Verbindung zu Giffany tritt alles in den Hintergrund.
Ich rufe sie an, uns mit allem zu schützen, was sie hat. Es tut mir leid, ich wollte ihr eigentlich erst Gelegenheit geben, wieder zu Kraft zu kommen, aber es ist keine Zeit mehr. Ich brauche jetzt ihre Hilfe, wie sie im Spiel meine gebraucht hat. Wenn ihr dieser Hügel eine Heimat geworden ist, möge sie mir beistehen, diese zu verteidigen und meine Pflicht gegenüber meinen Schützlingen zu erfüllen.
Der Weihrauch steigt zuerst schnurgerade auf, schlängelt sich dann auf Höhe meiner Augen auf uns zu, statt zu verwehen. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, weil ich es so dringend wünsche, aber es sieht für mich aus, als würde sich eine Decke aus Rauch um mich und meine Freunde legen und mir ein Gefühl der Geborgenheit geben. Meine Freunde? Hm, netter Gedanke.
Nicht nur mir scheint es aufzufallen. "Hi Giffany”, sagt Ethan in meinem Rücken und niest kurz darauf heftig.
Auch die Stimmen von Akintola und Mara dringen an mein Ohr. Sie sagen etwas in einer gutturalen Sprache. Der Doktor fragt auf englisch, was das hier alles zu bedeuten hat. Ethan sagt einfach “Shintoschrein”, als wäre damit alles erklärt. Offenbar genügt es tatsächlich, denn der Afrikaner hält zum ersten Mal seit Verlassen des Trailers den Mund.

Als ich mich aus meinem Gebet löse, stehen sie alle hinter mir. Mein Herzschlag hat sich beruhigt. Mara lächelt mir zu. Sie erklärt, dass wir geschützt sind. Der Mantel habe funktioniert. Gut. Unsere Vorbereitungen sind keine Sekunde zu früh abgeschlossen.
Es fängt wieder an zu regnen, und im Schlamm rasen Spuren auf uns zu, die von unsichtbaren Vierbeinern stammen, deren Konturen uns nur die abgelenkten Regentropfen sichtbarmachen, die sie treffen. Höllenhunde.
“Scheiße.”
“Zum Trailer!”

Die Flüchtlinge stürzen los, doch die höllischen Biester bewegen sich quer zu uns, schneiden ihnen den Weg ab. Cal stellt sich mit Todesverachtung dazwischen, sticht und hackt mit dem Engelsschwert in die Luft, dahin wo kein Regen ist, tritt gegen unsichtbare Schnauzen, schlägt eine Bresche in die Hunde. Auch ich bin vorgelaufen und schwinge meine Waffe nach Gefühl und Gehör. Dr. Akintola ist mit Maras Schwert neben mir. Blut spritzt aus seinem Arm, als sich dort plötzlich ein Riss öffnet, und vermischt sich mit dem gleichfarbigen Boden unter unseren Füßen. Er zischt etwas, das ich nicht verstehe.

Ethan schleust die Gruppe an uns vorbei in den Bauwagen, zieht einen Salzkreis um den Wagen herum, während wir weiter im Blindflug um uns stochern. Hätten wir keine Waffen, die die Höllenhunde ernsthaft verletzen können, wir wären keinen Meter weit gekommen. Vor den Schwertern haben sie Respekt, nehmen immer wieder Abstand.
Aus dem Augenwinkel kann ich erkennen, dass da wo gerade noch der Doktor war, Ethan mit einem Schwert steht und die Tür des Bauwagens verteidigt.

Irgendwo da drin sind die Schutzkräuter aus Pemkowet. Ich bete, egal zu wem, dass Harris sie schnell genug an Türen und Fenstern anbringen kann, für den Fall, dass wir versagen.
Meine Waffe trifft auf Widerstand, etwas Warmes, Unsichtbares klatscht mir ins Gesicht, und ich stoße nach. Fehler.
Ich spüre die Bewegung hinter mir, doch ich kann das Schwert nicht mehr aus meinem Gegner ziehen, ehe ich von etwas Schwerem getroffen werde, das meinen Oberschenkel packt. Es knirscht, als die Zähne des Höllenhundes den Jeansstoff durchdringen. Ich kann meine Muskeln reißen hören und falle nach vorn, während ein Vulkan in meinem Bein ausbricht. Höllenfeuer schießt durch die Wunde und meinen gesamten Körper, und die Welt kippt zur Seite weg. Der blutige Schlamm federt meinen Sturz, doch er bietet keinen Halt. Ich schreie, kralle mich in schlüpfriges Nichts, das meinen Fingern entgleitet, und werde weggeschleift. Abrupt endet die Bewegung. Dann verschwimmt alles in einer Wolke aus Schmerzen. Das nächste, was ich mitbekomme, ist, dass sich jemand auf meine Hände kniet, und starke Arme mein unverletztes Bein nach unten drücken. Dann mehr Schmerz. Ein Verband, der die Fetzen meiner Muskulatur zusammendrückt. Ich höre mich selbst schreien bis mir die Stimme versagt. Alles, was ich tun kann ist, meine tierische Natur niederzukämpfen, die sich gegen die neuen Schmerzauslöser wehren will. Stillhalten, soweit es geht.
Ich werde hochgehoben, sehe die Rückbank eines Autos auf mich zukommen, höre den Motor, als sich der rote Schleier wieder lüftet. Es kostet mich alle Kraft, bei Bewusstsein zu bleiben, möglichst wenige klägliche Geräusche zu machen und die Angst herunterzuschlucken. Aber wir müssen gewonnen haben. Niemand würde mich mehr wegfahren können, wenn wir nicht gewonnen hätten, oder? Die Fahrt dauert ewig. Irgendwo auf dem Weg wird mir bewusst, dass es Cal ist, der fährt, und ich beruhige mich ein wenig mehr.

An die Minuten vor der Operation und das, was die Ärzte mir dann alles mit auf den Weg geben – die üblichen Mahnungen, dass ich eigentlich dableiben müsste und wie ich mich zuhause zu verhalten habe – kann ich mich schon kaum noch erinnern, als ich wieder in seinem Auto sitze. Zuviel Schmerzmittel. Valium macht vergesslich.
Wahrscheinlich hatte ich keine netten Worte für sie übrig.
Dass ich viel trinken soll, daran kann ich mich erinnern.
”Ob Alkohol jetzt so gut ist?" fragt Cal. Mir egal. “Na wenn die Ärzte das sagen. Kannst im Handschuhfach schauen.” Ich weiß selber, welche Wirkung das hat, aber ich brauche irgendetwas, um den widerlichen Geschmack aus dem Mund zu kriegen, den das Krankenhaus hinterlassen hat, in dem ich Michael Blackwood kennenlernte. Die hätten es fertiggebracht und mich auch noch in dasselbe Bett gelegt.

In Cals Armen wache ich wieder auf. Er trägt mich. Mein Kopf liegt auf seiner Schulter, meine Hand auf seiner Brust. Ich rieche Zigarettenrauch, Schweiß, einen Hauch von Desinfektionsmittel, Weihrauch, das frische Grün der Bäume und das metallische Aroma des eisenhaltigen Bodens auf dem Red Hill.
Ethans tief besorgte Stimme dringt von irgendwoher: "Alles ok?”
Cal antwortet: "Sie ist noch nicht tot, brauchst gar nicht so gucken.” Möglicherweise sagt er auch noch etwas von dickköpfig. Ich bin zu abgelenkt davon, seinem Herzschlag unter meinen Fingerspitzen nachzuspüren. Kannst du mich bitte einfach immer weiter so halten?

Bin ich eigentlich blöd? Habe ich das gerade laut gesagt? Nein, ich glaube nicht. Oh Himmel, nie wieder Whiskey in Kombination mit Tranquilizern!
Ich öffne mühsam die Augen, spüre, dass Cal die schmalen Stufen zu meinem Wohnwagen erklimmt und fühle mich genötigt, etwas möglichst Dummes zu sagen.
“Pass auf, was du dir einfängst, wenn du mich jetzt über die Schwelle trägst.”
Seine Antwort ist staubtrocken. “’N Ring hab ich dir doch schon gegeben.”
Mein Versuch’ seinem Kinn einen Kopfstoß zu verpassen, tut mir mehr weh als ihm. Er lacht mich aus und legt mich trotz Protest aufs Bett neben eine leise schnarchende Mara. Sie dünstet Gin aus. Über der Skurrilität der Situation – da ist ein betrunkener Engel in meinem Bett, und die verstorbenen Seelen haben meine Hausbar geplündert – vergesse ich die schnippische Replik, die ich gerade noch auf der Zunge hatte. Betten sind eine so wunderbare Erfindung.

Nach und während der nächsten Runden Schlaf beratschlagen meine Gäste und ich, so ich wach bin, was wir nun mit den Flüchtlingen machen. Hier können wir sie schlecht unterbringen, denn hierher haben die Höllenhunde schon einmal gefunden.
Giffany hat uns geholfen, aber ihre Macht hat Grenzen. Ein stärkerer heiliger Ort wäre gut. Oder ein Schiff. Aber das ist nicht heilig.
Mara erläutert, dass sie zwar den Mantel verstärken kann, aber irgendwann muss sie zurück in den Himmel, sonst fällt ihr Fehlen auf.
In Ermangelung eines besseren Standorts fällt die Wahl auf Mount Ida. Die Kristallgeister sollten einen gewissen Schutz gewähren, wenn sie entsprechend wohlformuliert gebeten werden. So dumm wie die Ufologen werden sich die Deserteure schon nicht anstellen. Cal und ich kramen alles an Adressen heraus, was wir von damals noch finden können. Die Homepage des Tourismusbüros sagt, dass in dem Hüttendorf noch alles frei ist. Ich gebe den Leuten alles Bargeld mit, das ich für Harris abgehoben hatte, und eine Handvoll der Tankgutscheine, die ich unten in Hectorville erworben habe. Auch diese sind bar bezahlt. Ihnen eine der Prepaid-Kreditkarten mitzugeben, getraue ich mich nicht.

Dr. Akintola und Cal übernehmen die Aufgabe, das Grüppchen nach Arkansas zu bringen.

Ethan bleibt, um mit dem Schrein anzufangen. Wahrscheinlich könnte ich ihn auch gar nicht loswerden, so besorgt, wie er mich die ganze Zeit beobachtet. Ist mir eigentlich auch ganz recht. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als hier oben verletzt und größtenteils wehrlos alleine zu sein. Die nächsten Wochen werden kein Spaß.

Harris schenkt mir zum Abschied sein Schwert. Ich fange fast an zu heulen vor Dankbarkeit. Es war anstrengend, mal wieder mit jemandem so eng zusammenzuleben, aber ich glaube, ich werde den Kleinen vermissen. Seine Anwesenheit hat dem Hügel etwas Familiäres gegeben, das ich außer von Winslow Manor nicht kenne.

Cal bekommt das Schwert von Alberto. Die Flüchtlinge lassen die Waffen nicht so ungern bei uns. Nicht nur sind sie uns vielleicht eine wertvolle Hilfe, wenn es mal haarig wird, sondern sie können auch potentiell geortet werden. Gut zu wissen. Dann überlege ich mir eben, wann ich es mit mir herumschleppe.

Wenn ich nicht gerade schlafe, sehe ich in den nächsten Tagen Ethan beim Sägen und Schleifen zu. Die Arbeiten an der Quelle bekomme ich nicht mit. Der Weg ist mir zu weit, um auf Krücken über den glitschigen Lehm zu hüpfen. Und ich glaube, er ist froh, immer wieder dorthin fliehen zu können, wenn ich ihm auf die Nerven gehe. Die erzwungene Bewegungsarmut und die Sorge um die Leute auf dem Weg nach Mount Ida machen mich so unleidig, dass ich mich selbst nicht ausstehen kann. Ich muss mich ziemlich häufig bei ihm entschuldigen.
Ethan ist über die Maßen schweigsam. Noch viel mehr als sonst. Mir kommt es vor, als hätte er an der ganzen Geschichte weit mehr zu knabbern, als er sollte. Vielleicht ist es die religiöse Komponente. Vielleicht hebe ich mir die Frage aber besser für später auf.
Ich bringe es ja noch nicht mal über mich, ihm einen Schlafplatz hier anzubieten, obwohl ich die Nächte meist wach liege und mir ausmale, dass die Höllenhunde oder die Cu Sith oder Viliam oder sonst ein rachsüchtiges Monster hier vorbeischneien, um aufzuräumen. Die Vormittage schlafe ich dann vor lauter Erschöpfung durch und werde das erste Mal wieder wach, wenn ich Ethan irgendwo werkeln höre. Dann zicke ich ihn an, bis er geht oder irgendetwas auf den Grill wirft und sich dabei wahrscheinlich vorstellt, dass es ein Stück von mir ist. Lange sollten die abgerissenen Muskeln wirklich nicht brauchen, um wieder festzuheilen. Sonst drehe ich durch.

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Timberwere

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