Mädchenkram - Supernatural

Goodnight, Sweet Child

aus Barrys Tagebuch

Ich will nach Hause. So schnell wie möglich. Ich will meine Kinder sehen, alle, aber vor allem Katie. Kate. Also habe ich den Gebrauchtwagen verkauft und einen Flug von Portland, Maine, nach Little Rock gebucht.

Wo fange ich am besten an? Mit der Aussprache nach dem Schulfest? Mit dem Ergebnis?

Okay, ganz kurz: Ich gestand Tam, dass ich mit anderen Frauen geschlafen hatte. Erzählte von den zwei Gelegenheiten mit Queenie, von der Frau in der Bar, von dem Kuss mit Irene. Sie gab zu, dass sie eine längere Affäre mit Clive gehabt hatte. Endete vor zwei Jahren.
Also waren wir beide enttäuscht und verletzt und fühlten uns schuldig. Tam meinte, sie bräuchte Zeit. Konnte ich verstehen. Da sie ein gebrochenes Bein hatte und ich nicht, blieb sie zu Hause und ich fuhr weg. Nur für ein paar Tage.

Als erstes besuchte ich Santee. Fand jemanden, der für mich und meine Verwandten eine Inipi durchführte. Das half. Dann ging ich los, weg von der Siedlung. Verbrannte alles, das eine Verbindung zwischen mir und Irene darstellte. Sogar ihren Brief, obwohl mir das schwer fiel. Aber ich konnte ihn ohnehin auswendig.
Dann fuhr ich weiter nach Chicago, redete mit Ina und Dad. Ließ mich von Phil überreden, einen Abstecher nach Boston zu machen und dort Grundbucheinträge aus dem Jahr 1852 anzuschauen. Die waren irgendwie merkwürdig, und „merkwürdig“ war schließlich mein Spezialgebiet.
Allerdings waren diese Einträge hauptsächlich deswegen merkwürdig, weil sie eine Fälschung waren, vermutlich aus den 40ern. Ich erstellte ein linguistisches Gutachten über die Verwendung bestimmter Begriffe und empfahl eine weiterführende forensische Analyse.

Dann saß ich in Boston und überlegte, wieder heim zu fahren. Allerdings hatte ich vielleicht Irene aus meinem Kopf vertrieben, aber nicht Clive. Ich konnte den Typ noch nie leiden, mit seinem schmierigen Lächeln und seinem Jäger-Getue. Ausgerechnet dieser Kerl. Hätte sie nicht lieber mit jemandem, den ich mochte… nein, das wäre auch nicht besser gewesen.
Also blieb ich noch in Boston und versuchte, meine Gefühle zu sortieren. War gerade dabei, den Black-Heritage-Trail zu besichtigen, als mich Bartholomäus Blackwood anrief. Es gibt ein Problem in den North Maine Woods, sagte er. Jemand ist verschwunden, und er könnte Rückendeckung brauchen.
Alles klar, sagte ich. Verabredete mich mit ihm an einer Tankstelle und machte mich auf den Weg.

Dort traf ich dann aber erst mal Gideon, den Sanitäter. Kam rein, als ich wartete, setzte sich zu mir. Meinte, ich sähe ein bisschen angeschlagen aus. Familienprobleme, antwortete ich. Er sah meinen Ehering an – den ich normalerweise bei solchen Sachen nicht trug, aber ich wollte ihn gerade nicht abnehmen – sagte aber nichts mehr dazu, sondern nickte nur verständnisvoll.

Schließlich tauchte Bart auf. Sah übernächtigt und überarbeitet aus. Nachdem ich Gideon und ihn vorgestellt hatte, rückte er mit der Sprache heraus: Es ging um einen Zweig seiner Familie, der hier in den Wäldern Maines lebte. Wie wir ja sicher wussten, waren die Blackwoods mit den Hooper-Winslows verwandt und hatten eine lange Tradition als Jägerfamilie. Nein, wusste ich nicht, und Gideon offenbar auch nicht. Ich muss das Gesicht verzogen haben, als er das sagte. Er lächelte nur schwach und meinte, das wäre eine übliche Reaktion.

Die Blackwoods, um die es ging, hatten sich schon Anfang des 19. Jahrhunderts von der Hauptfamilie abgespalten, weil sie nach einer Heirat mit einem Prediger eher mit Feuer und Schwert jagen wollten als mit Wissen und Büchern. Allerdings, behauptete Bart, wären das eher harmlose Fanatiker, die man getrost ignorieren konnte. Vor einiger Zeit hätte ihn jedoch Zachary aus diesem Zweig der Familie kontaktiert, weil er mit der abgeschiedenen Waldesromantik nicht so viel anfangen konnte. Außerdem hatte der junge Mann angedeutet, es würde etwas nicht stimmen, es würden merkwürdige Dinge passieren. Schließlich hatte er Bart vor einer Woche auf die Mailbox gesprochen, dass er endlich etwas unternehmen müsse. Seither hatte Bart nichts mehr von ihm gehört und wollte jetzt zum Anwesen der Ephraim-Blackwoods (nach dem Gründer dieses Familienzweigs) fahren und nach dem Rechten sehen.

Gideon wusste nichts von der Jägerfamilie, aber er hatte vor kurzem von einem traumatisierten Holzfäller gehört, der etwas von „gebrochenen Knochen“ erzählte, aber gar nicht so schwer verletzt war. Weitere Nachforschungen ergaben, dass in dieser Gegend gelegentlich mal Leute verschwanden (gut, bei großen Wäldern nicht so ungewöhnlich, aber laut Gideon waren es mehr als üblich) und dass man merkwürdige Wesen gesehen hätte: Ganz dünne weiße Gestalten, die im Wald herumspukten.
Bart spekulierte, seine entfernten Verwandten könnten die Monster angelockt haben, damit sie etwas zum Jagen hatten. Aber das würden wir sicher erfahren, wenn wir ihnen einen Besuch abstatteten.

Bevor wir losfuhren, wollte ich noch wissen, wie rassistisch diese Ephraim-Blackwoods waren. Ich kannte solche zurückgezogenen Waldschrate aus den Ozarks, und da sollte man sich mit einer dunkleren Hautfarbe als ‚schon immer weiß‘ lieber nicht blicken lassen. Bart zuckte die Achseln. Das wusste er nicht, aber die lebten schon lang isoliert. Gideon und ich beschlossen, uns erst mal zurück zu halten.

Unterwegs kamen wir an einem ganzen Haufen Wald vorbei. Der Weg wurde immer holpriger, irgendwann dann ein Schild: „Privatgelände. Eindringlinge werden erschossen.“ Charmant. Immerhin keine Rechtschreibfehler.
Schließlich trafen wir an der viktorianischen Villa ein, in der die Ephraim-Blackwoods wohnten. Beim Aussteigen erklärte uns Bart, dass im Augenblick sechs Leute hier lebten: Victoria und Abigail, die direkte Nachfahrinnen vom alten Ephraim waren, Victorias Mann Isaiah und ihre drei Kinder Zachary, Hezekiah und Dinah. Die Namen der Kinder klangen ein bisschen nach den religiösen Hillbillies aus den Ozarks, aber Bart meinte, das wäre wohl eine Familienkrankheit. Okay, Bartholomäus ist auch kein gebräuchlicher Name, und gegen Victoria konnte ich schlecht etwas sagen.

Bart ging zur Tür und klopfte. Es dauerte einen Moment, dann wollte eine unfreundliche Frauenstimme wissen, ob wir das Schild nicht gelesen hätten. Oben, im ersten Stock, bewegte sich jemand am Fenster und richtete ein Gewehr auf uns.
Als Bart erklärte, wer er war und dass er sich Sorgen um Zachary machte, öffnete eine blonde Frau die Tür. Sie trug ebenfalls ein Gewehr. Wollte von Bart wissen, wo Zachary sei. Er hätte doch versucht, den Jungen wegzulocken. Nach einem kurzen Gespräch ließ sie sich aber überzeugen, dass Bart keine Ahnung hatte – sonst wäre er wohl kaum hier.

Widerstrebend lud uns die blonde Frau – Victoria – ins Haus ein. Unsere Waffen mussten wir draußen lassen. Machte ich nicht gern, ließ das Messer im Zopf. Ist keine große Waffe, aber es hat mir schon öfter den Hals gerettet.
Drinnen okkulte Symbole auf den Wänden und auf dem Boden, Kräuter an den Fenstern. In vier oder fünf Glasvitrinen standen Jagdtrophäen – offenbar war das eine Familientradition, die hier weitergeführt wurde. Im Wohnzimmer trafen wir Abigail, Isaiah und Hezekiah.
Abigail und Isaiah waren verwundert, dass Zachary nicht bei Bart war. Als wir nach den anderen Leuten fragten, die hier verschwunden waren, meinte Victoria abweisend, ja, sie wüsste schon, woran das lag, aber das wäre eine Familienangelegenheit. Ging die schnöselige Hauptlinie nichts an.

Aber sie ließ sich erweichen, weil es ja auch um ihren Sohn ging: Auf den Ephraim-Blackwoods lag ein Fluch.
Früher, vor über 150 Jahren, hatten Ephraim und seine Frau Margaret eine Tochter namens Elisha. Die wurde gegen ein Wechselbalg ausgetauscht, und als Ephraim das merkte, tötete er sie. Ihre Mutter verlor daraufhin den Verstand und verfluchte die Familie. Seither waren im Wald diese weißen, dürren Dinger unterwegs. Wenn sie jemanden berührten, ging etwas in dessen Kopf kaputt. Man konnte sie nicht töten, zumindest nicht mit herkömmlichen Waffen. Auch nicht mit Eisen. Angriffe hielten sie auf, brachten sie aber nicht um, allerdings kamen sie nicht zum Haus. Angeblich gab es Kräuter, die sie davon abhielten.

Nein, Victoria wusste nicht, wie man den Fluch aufheben konnte. Sie behauptete sogar, nicht mal den Wortlaut des Fluchs zu kennen.

Jedenfalls wurde beschlossen, dass wir alle nach Zachary suchen gehen wollten. Vielleicht war er ja noch irgendwo im Wald. Da weder ich noch Gideon noch Bart sich im Wald großartig auskannten („Stadtkinder“, schnaubte Victoria, als wäre das eine Krankheit), würde Hezekiah uns begleiten.

Draußen, vor dem Haus, besprachen wir uns noch kurz. Gideon meinte, dass der jüngere Blackwood vielleicht etwas wüsste, es aber nicht vor seiner Mutter aussprechen wollte. Außerdem waren ihm bei den beiden Frauen merkwürdige Narben aufgefallen, am Hals und um die Handgelenke. Keine Schnitte, keine Risse, mehr wie Wundmale von Fesseln oder etwas ähnlichem.
Bart meinte, es hätte damals, zu Ephraims Zeiten, eine regelrechte Wechselbalg-Hysterie gegeben: Leute waren überzeugt, ihre Kinder wären ausgetauscht worden, wenn die sich charakterlich veränderten. Dafür gab es allerdings auch jede Menge natürlicher Erklärungen. Trotzdem wurden etliche Kinder von ihren Eltern deswegen umgebracht. Allein bei der Vorstellung wurde mir ganz anders. Ephraim war angeblich ein Experte für Wechselbälger gewesen, und ich wollte gar nicht mal ausschließen, dass es so etwas tatsächlich gab – aber trotzdem.
Bevor wir aufbrachen, sahen wir uns noch den Friedhof der Blackwoods an. Es gab ein Grab für Ephraim, ein echtes Mausoleum, aber keine Spur von Margaret oder Elisha.

Danach ging es los, mit Hezekiah als Führer in den Wald. Mein GPS-Gerät nahm ich trotzdem mit. Und Vorräte. Und meine Axt. Hätte gern noch mehr mitgenommen: Decken, ein Zelt, Kochgeschirr… ich hatte mich vor Jahren mal zwei Wochen in Neuengland im Wald verlaufen, war kein so großartiges Erlebnis. Auch ohne dürre weiße Monster. Bart nahm einen Kompass mit, und Gideon seinen Erste-Hilfe-Koffer.
Unterwegs redete Gideon mit Hezekiah, hauptsächlich über Waffen. Damit kannte der junge Mann sich aus. Und mit der Jagd. Mit sonst nicht viel, war nie auf eine Schule gegangen. Wusste dafür genau, welche Monster die Blackwoods wo erlegt hatten.
Schließlich brachte Gideon die Sprache doch wieder auf den Fluch, und Hezekiah gab zu, dass Zachary darüber recherchiert hatte und unter anderem deswegen auch Kontakt zu Bart aufnehmen wollte. Bisher hatte allerdings noch niemand seine Sachen im Haus untersucht.
Den Wortlaut des Fluchs wusste der junge Mann allerdings: Alle Töchter der Familie sollten zu Margaret kommen. Die dürren weißen Dinger im Wald waren die Töchter, die es geschafft hatten, von zu Hause wegzulaufen.
Deswegen hatten wir Dinah nicht gesehen. Die war wohl erst elf oder zwölf, und offenbar eingesperrt. Zu ihrem eigenen Schutz, sagte Hezekiah, aber ganz wohl war ihm nicht dabei.

So langsam ging die Sonne unter. Wir waren immer noch im Wald, keine Ahnung, wo genau. Hezekiah schien sich auszukennen, aber er war nervös. Zuckte immer wieder zusammen, wenn etwas im Unterholz raschelte. Waren meistens nur Vögel. Hätte aber auch ein Bär sein können.
Oder eine der weißen Gestalten. Wie die, die uns jetzt entgegen kam. Spindeldürr, mit langgestreckten Armen und Beinen, die Gelenke merkwürdig angeschwollen. Das blasse, schmale Gesicht war das eine traurigen sechsjährigen Mädchens. Nein, wir schossen nicht auf sie.
Stattdessen ging Bart auf die Gestalt zu, vorsichtig. Redete sanft mit ihr. Ruckartig kam Bewegung in das Wesen, es sprang ihn an, berührte ihn am Kopf. Bart ging mit verdrehten Augen zu Boden.

Ich wusste nicht recht, was das war, aber es sah nicht aus, als hätte ihre Berührung ihrem Opfer gut getan. Also rannte ich darauf zu, rammte meine Schulter in die leichte Gestalt und riss sie von Bart herunter. Packte sie dann, hielt sie fest. Versuchte, ihr dabei nicht weh zu tun.
Dann berührte sie mich. Schickte etwas in meinen Geist. Ich versuchte, mich zu wehren, aber ich wollte ihr ja nicht weh tun, und das kam sich in die Quere. Also sah ich auf einmal, wie ich barfuß durch den Wald lief. Ich wusste, dass ich zu meiner Mutter kommen musste, auf jeden Fall. Ich rannte. Schneller, als ich es hätte sollen, erreichte ich eine Lichtung. Am Rand stand ein Baum, und meine Mutter war mit dem Baum verschmolzen. Kurz spürte ich Freude und Erleichterung – Ina – aber dann griffen die Äste der anderen Bäume nach mir, packten meine Arme, meine Beine und zerrten… rissen… meine Gelenke gaben nach…

Mühsam atmend kam ich wieder zu mir. Die weiße Gestalt war entkommen, aber meine Arme und Beine fühlten sich immer noch seltsam an. Irgendetwas stimmte mit den Gelenken nicht, jedes Mal, wenn ich sie bewegte, durchfuhr mich ein entfernter, scheußlicher Schmerz. Aber ich hatte mir die Schulter schon öfter ausgekugelt, und das hier war anders. Nicht gerade schön, aber ich konnte Arme und Beine noch bewegen. War vermutlich nur in meinem Kopf. Tat trotzdem weh.

Gideon kniete noch neben Bart, der sich seinen Arm rieb. Auch Bart hatte eine Vision gehabt: Er war ein kleines Mädchen, an einen Baum gefesselt. Vor ihm/ihr stand ein Mann mit einem Hammer in der Hand und brüllte: „Gebt mir meine Tochter zurück! Seht, was ich mit eurem Wechselbalg mache, wenn ihr sie nicht zurückbringt.“ Das Mädchen flehte ihn an, Papa, tu das nicht, aber er hörte nicht auf sie. Hob den Hammer. Schlug auf ihren Arm.
Das war der Moment, in dem Bart zu sich kam, mit Phantomschmerzen im Arm.

Mann. Ephraim, du krankes Arschloch.

Ich fragte Hezekiah nach Margarets Grab. Er wusste nicht, wo sie begraben war, aber es konnte durchaus sein, dass sie beim Sprechen des Fluchs mit einem Baum verschmolzen war. Vielleicht war das ja da, wo sich diese weißen Dinger immer aufhielten.
Wir müssen da hin, sagte ich ihm. Er wollte erst nicht, aber wir erklärten ihm, dass sein Bruder dort sein könnte. Also gingen wir los, mitten in der Nacht durch den Wald, nur mit ein paar Taschenlampen. Es war dunkel, und nach und nach wurde es immer stiller. Viel stiller, als es in einem Wald sein sollte. Und die Bäume kamen immer näher, wurden immer dichter. Äste streiften uns. Bewegten die sich nicht von selbst? Griffen die nicht nach uns? Ich spürte etwas an meinem Fuß, zog die Pistole, schoss. Traf nur eine Wurzel. Eine ganz gewöhnliche Wurzel. Ich atmete durch. Keine Panik, Jackson, sagte ich mir, die werden nicht nach dir greifen, die werden deine Arme und Beine nicht zerren und brechen. Das sind nur Bäume. Wäre leichter gewesen, mich zu überzeugen, wenn sich meine Gelenke nicht so fremd angefühlt hätten. Trotzdem. Ich steckte die Pistole wieder ein und zog die Axt aus dem Rucksack. War vermutlich ohnehin die bessere Waffe.

Der Schuss war laut gewesen in dem stillen Wald. Und er lockte eins der Kinder an. Es hockte oben in einem Baum, kam vorsichtig näher. Wieder diese unnatürlich gezerrten Arme und Beine, aber ein anderes, älteres Kindergesicht. Noch ein kleines Mädchen.
Bart und Gideon redeten mit ihm. Sagten, dass wir nur helfen wollten. Dass wir Zachary suchten. Es betrachtete uns alle einen Moment. Griff nicht an.

Führte uns zu der Lichtung aus meiner Vision. Da stand der Baum, genau wie ich ihn gesehen hatte, und im Baum, im Stamm, zwischen den Wurzeln und Ranken, war eine Frau gefangen. Nicht viel jünger als ich, keine Kleidung zu sehen, die Augen geschlossen. Gefangen oder geborgen? Konnte ich nicht sagen. Um sie herum standen die weißen Kinder.
Ich ließ meine Axt fallen. Hob die Hand, ging auf sie zu. Die Kinder betrachteten mich wachsam, aber sie ließen mich gewähren. Berührte Margaret. Sagte ihr, ich wolle ihr helfen. Bat sie, mit mir zu sprechen. Öffnete meinen Geist, lauschte, damit ich sie hören konnte.

Wieder im Wald, auf der Lichtung. Vor mir lag Elisha (lag Katie), in ein weißes Laken gehüllt (in mein blutiges T-Shirt gehüllt), ihre Arme und Beine grausam verdreht und gebrochen (ihre Brust aufgeschnitten von drei Messern). Sie war tot (verletzt), nein, sie konnte nicht tot sein, nicht meine Tochter, ich musste das in Ordnung bringen, ich musste das Ritual wirken. Ich nahm ein Buch und sah die Worte, die dort standen (sah das Licht der Sonne auf dem Pfahl), und ich war nicht sicher, hatte ich das richtig verstanden (war ich stark genug), aber egal, egal, es ging um meine Tochter, sie musste leben (geheilt werden), ich musste sie retten, sie und alle anderen, koste es, was es wolle…

Mühsam kehrte ich zu mir zurück. Zitterte bei der Erinnerung an Katie (Elisha), an dieses arme, gebrochene Kind… Rief mir ins Gedächtnis, dass Katie am Leben war. Dass die Narben verblasst waren, dass der Schaden verheilt war. Unser Ritual hatte funktioniert, aber Margarets… da war etwas schief gelaufen. Sie wollte die Mädchen der Familie beschützen und sie nicht zu diesen grotesken Gestalten machen.
Ich erzählte Bart von dem Buch, den Symbolen, dem Text. Er dachte eine Weile nach und meinte dann, das könnte das Doras an Bháis sein, ein irischer Grimoire. Angeblich stand dort ein Ritual zur Wiederweckung Toter. Ich schüttelte den Kopf. Tote wiedererwecken war nie eine gute Idee.

Wir fragten Margaret nach Zachary. Langsam öffneten sich die Wurzeln des Baums und gaben den Blick auf einen sechszehnjährigen Jungen frei, der dort lag und scheinbar friedlich schlummerte. Zachary. Hezekiah und Gideon holten ihn aus dem Baum heraus. Gideon stellte fest, dass der Junge nur schlief, tief und fest. Keine Wunden, keine Verletzungen. Allerdings konnte er ihn nicht aufwecken.
In seinem Rucksack fand Bart das Buch. Schaute sich den Text an. Meinte dann, man könnte schon ein Gegenritual machen, aber der Preis müsste der gleiche sein: Eine Mutter müsste sich opfern, um ihre Tochter zu beschützen.

Das gefiel mir nicht. Hingehen und einer Frau sagen, Hopp, geh und opfere dich bitte mal? Musste doch noch eine andere Lösung geben. Nach kurzem Nachdenken fiel mir eine ein: Elisha war wiedererweckt worden, aber eigentlich sollte sie tot sein. Vielleicht half es ja, wenn jemand in die Geisterwelt ging und sie überzeugte, weiter zu gehen? Okay, es ist nicht so leicht, in die Geisterwelt zu kommen – außer, man stirbt. Hatte ich ja schon ein paar Mal gemacht, und Gideon war Sanitäter. Der konnte mich doch sicher zurückholen.
Der war einigermaßen entsetzt von dem Vorschlag. Das war gefährlich, meinte er. Konnte leicht schief gehen. Ich meinte, ich hätte das schon mehr als einmal gemacht, aber das ignorierte er. Fragte mich, was mit meiner Familie wäre.

Au. Meine Reaktion war komplex. Von „Geschieht Tam doch recht, wenn ich jetzt einfach so sterbe“ bis zu „Das kannst du ihnen nicht antun“. Überlegte. Sagte dann, es wäre nichts Neues, wenn ich mich in Gefahr begab. Sowas konnte immer passieren. Und ich ging lieber ein Risiko ein, als jemanden anders in den gewissen Tod zu schicken.
Bart unterbrach die Diskussion. Meinte, vielleicht gäbe es eine Möglichkeit, uns alle mit einem Ritual in die Geisterwelt zu schicken, ohne unsere Körper umzubringen. Aber dafür musste er recherchieren, seine Bücher waren im Wohnwagen, und vielleicht hatten die Ephraim-Blackwoods ja auch noch die eine oder andere Information.

Also machten wir uns mit Zachary auf den Rückweg zum Haus. Berichteten, was wir herausgefunden hatten. Victoria war bestürzt. Sie hatte geglaubt, dass Ephraim recht gehabt hätte, dass Elisha wirklich ein Wechselbalg gewesen war. Natürlich würde sie sich opfern, wenn das den Fluch löste! Wir konnten sie gerade noch davon abhalten, in den Wald zu stürmen. Lass uns ein bisschen Zeit, sagte ich. Vielleicht finden wir eine Lösung ohne Opfer. Bart fügte hinzu, Menschenopfer sind nie eine gute Idee. Die sind immer der Anfang einer Abwärtsspirale. Sie nickte knapp und gab uns zwei Tage Zeit.

Das reichte auch. Wir beschlossen, zunächst eine Zeremonie zu machen, um das ursprüngliche Ritual zu schwächen, und uns dann in die Geisterwelt zu begeben, um die Kinderseelen weiterzuleiten. Während Bart und Gideon Zutaten für das erste Ritual sammelten, bastelte ich an der Formulierung herum. Worte sind wichtig, gerade bei so etwas.

Am übernächsten Tag ließen wir uns von Hezekiah wieder zur Lichtung bringen, diesmal tagsüber. Die erste Zeremonie funktionierte – Gideon half Bart, eine Verbindung zu Margaret herzustellen, die Worte waren richtig gewählt, und die Ausführung war routiniert. Wir spürten den Effekt sofort: Die Wurzeln und Äste um die Lichtung herum bewegten sich nicht mehr, es wurde heller und die bleierne Stille ebbte langsam ab.
Dann zum nächsten Teil. Bart konzentrierte seine Willenskraft auf das Tor in die Geisterwelt, Gideon lockte die Kinderseelen an, ich zog mein Shirt aus, damit die Krähentätowierungen gut zu sehen waren. Öffnete eine der alten Wunden und verteilte einen Tropfen Blut auf jeder Tätowierung. Spürte, wie die Grenze schwächer wurde. Konnte fühlen, wie die Krähen auf meinen Schultern ihre Flügel bewegten, und stieß uns alle drei in die Geisterwelt.

Die Welt um uns wurde grau. Keine grellen Farben, keine lauten Geräusche, als würde über allem ein ganz feiner, hauchzarter Nebel hängen. Unsere Körper neben uns waren undeutlich, schemenhaft. Aber die Kinderseelen waren gut zu sehen, denn sie leuchteten hell und weiß. Auch Margaret in ihrem Baum leuchtete, aber unstet und flackernd.
Gideon flüsterte Bart zu, was die Kinderseelen bewegte. Als Bart vortrat, stimmte ich ein einfaches Gedicht an, eine Art gesprochenes Wiegenlied. Kommt, ihr Kinderseelen, geht friedlich in die Nacht, müsst euch nicht mehr quälen, habt genug gewacht…
Dann sprach Bart mit ihnen. Sagte ihnen, dass sie hier keine Ruhe finden würden, dass ihr Platz jetzt woanders war. Während er redete, tauchte auf einem Ast eine Krähe auf. Folgt ihr, sagte Bart, sie wird euch an einen besseren Ort bringen.
Nach und nach traten die fünf Kinderseelen vor. Ihre Arme und Beine verkürzten sich, wurden wieder normal, und jede für sich wurde wieder zu dem kleinen Mädchen, das sie einst gewesen war. Als letztes kam Elisha in einem altmodischen Kleidchen, ihr Gesicht traurig, aber erleichtert. Dann flog die Krähe los, und die Kinderseelen wurden zu Sternen, die ihr folgten. Selbst Margarets flackerndes Licht löste sich aus dem Baum und folgte den Kindern, die sie hatte retten wollen.

Als wir in unsere Körper zurückkehrten, war mein Gesicht nass, und das war nicht der Nebel. Gideons auch. Er meinte, er hätte nur was im Auge.

Um uns herum lagen die Leichen von fünf kleinen Mädchen. Obwohl ich wusste, dass wir sie erlöst hatten, musste ich erst mal schlucken und die Augen schließen. Diese armen, armen Dinger… und das alles nur wegen der Paranoia eines Mannes.

Wir brachten die Leichen zurück zum Blackwood-Haus. Dort war Zachary mittlerweile aufgewacht. Hatte ein paar Dinge gesehen, die er noch verdauen musste, aber er war froh, dass der Fluch jetzt endlich aufgehoben war.
Isaiah holte seine Tochter Dinah aus dem Keller, wo sie angekettet gewesen war. Der Fluch hatte das kleine Mädchen erfasst, lange hatte sie ihre Eltern nicht mehr gekannt und wollte nur in den Wald laufen. Victorias Gesichtsausdruck, als ihre Tochter sie erkannte? Ich verzieh ihr alles.

Ich ging los, um zu Hause anzurufen. Wollte meine Kinder sprechen, jetzt, sofort. Erfuhr irgendwelche Details, die ich mir nicht merken konnte, weil ich so froh war, dass es allen gut ging. Artie holte sogar Vicky, damit die ins Telefon gurgeln konnte.
Gideon hatte auch telefoniert. Meinte zu mir, vielleicht wäre es an der Zeit, meine Familienprobleme anzugehen? Ich sagte ihm, es sind Fehler gemacht worden. Bart meinte, Fehler kann man beheben. Ich suchte noch nach Worten, als Gideon sanft und ein wenig bitter sagte, wenn das so einfach wäre. Ich erklärte ihm, dass sie Zeit brauchte.
Lass dir nicht zu viel Zeit, antwortete er.

Seine Worte klangen mir noch in den Ohren, als wir zu den Blackwoods zurück gingen. Dort stritt sich Zachary mit seiner Mutter – er wollte zur Schule gehen, in eine richtige Schule, und deswegen hatte er Bart kontaktiert. Victoria musterte Bart kritisch, seufzte dann, und meinte, na gut, wenn ihm das so wichtig war, fein. Ich erwähnte, dass das für Dinah bestimmt auch eine tolle Sache wäre. Davon war sie nicht überzeugt, aber wenn die Kleine unbedingt wollte… Ich begnügte mich damit. Hoffte, dass Zachary seine Schwester dazu anstiften würde.

Dann wurde es Zeit, zu fahren. Gideons Worte hatten mich zum Nachdenken gebracht, und Barts auch. Ich lebte noch, Tam lebte noch, keiner von uns war verflucht, und alles andere… alles andere kam mir plötzlich nicht mehr so wichtig vor. Würde nicht einfach, aber das war es ja nie.

Deswegen studierte ich Flugzeiten und Fahrzeiten, um die schnellste Verbindung zu finden. Jetzt sitze ich in der Maschine von Portland, Maine, nach Atlanta. Da kann ich mich zwei Stunden erholen, dann geht es weiter noch Little Rock und dann nach Hause. Zu meiner Familie.

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Timberwere

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