Mädchenkram - Supernatural

Haunted Blood

aus Barrys Tagebuch

Eigentlich sollte ich nicht am Bildschirm arbeiten. Kein Fernseher, kein Computer, am besten auch kein Handy, hatte die Ärztin gesagt. Aber sie hatte auch gesagt, ich sollte im Krankenhaus bleiben.

…womit sie vermutlich recht hatte. Mit beidem. Ich kann meine Augen kaum fokussieren, Schwindel und Übelkeit werden auch nicht gerade besser. Trotzdem. Egal. Will nicht ins Leere starren und darüber nachdenken, dass ich gleich in ein Flugzeug steigen muss. Komm schon, Jackson, du bist in ein heruntergekommenes Krankenhaus gelaufen als wäre es nichts, und jetzt gruselst du dich vor einem Flieger?

Okay, das ergibt keinen großen Sinn. Ich habe eine Gehirnerschütterung, angeblich eine schwere, also müsst ihr damit leben. Muss ich ja auch.

Fing vor… hm, ein paar Tagen an. War zurück vom ComicCon, das blaue Auge heilte. Tam fing mich abends ab. Sagte, ohne mich anzuschauen, dass sie nicht mitkam auf die Rez. Musste was erledigen. Zögerte. Kannst du mir noch mal vertrauen, fragte sie schließlich. Sah mich nicht an.
Ich dachte nach. Konnte ich? Keine Ahnung. Musste ich wohl, sonst hätte ich den Ring gleich ablegen können. Sagte schließlich, ich versuch’s. Aber findest du es fair, mich um Vertrauen zu bitten, wenn du mir nicht vertraust? Wenn du mir nicht erzählst, was los ist?
Tam schaute jäh auf. Blinzelte. Ich… fing sie an. Zögerte noch eine Weile, wollte dann erst mal nachdenken. Gab wenigstens zu, dass ich nicht ganz unrecht hatte.
Dann hätten wir uns fast noch mal gestritten, aber stattdessen redeten wir. Fazit: Nicht immer nur schweigend irgendwas erwarten. Das machten wir nämlich beide gern. Schön, dass uns das nach sieben Jahren auch mal aufgefallen war.

Darum geht es aber gar nicht. Ich frage mich, wem ich das alles erzähle. Vielleicht sollte ich damit aufhören und nur noch Fakten berichten. Das wär’s doch mal.
…nee. Macht euch keine Hoffnungen. Ich schreibe viel zu gern, und in meinem augenblicklichen Zustand werde ich einen Teufel tun und meinen neuen Roman anfassen. Dann lieber noch ein bisschen Nabelschau. Keine Angst – es gibt auch Action. Die Gehirnerschütterung kommt nicht daher, dass ich auf einer Bananenschale ausgerutscht bin.

Jedenfalls rief mich Phil an. Hör mal, sagte er, Alex ist in Seattle, er sollte da ein paar Dokumente holen, aber sein Kontakt will nicht recht. Sagte etwas von einem Bubi, dem er das Zeug garantiert nicht gibt. Flieg mal bitte nach Seattle und gib deinem Neffen ein bisschen Rückendeckung.
Seattle. Klar. Ist ja auch der nächste Weg. Ich hatte doch sowieso nichts Besseres zu tun, als in der Gegend herumzureisen und auf Cousin Charlies Ältesten aufzupassen. Aber ich glaube, ich habe schon erwähnt, wie unglaublich gut Phil darin ist, Leute zu überreden. Umweltskandal, großes Ding, komm schon, nachher passiert Alex noch was.
Ich reichte ihn an Tam weiter. Sollte der ihr erklären, dass sie jetzt unsere Kinder nach Santee fahren musste, statt ihrer ominösen Mission nachzugehen. Ich hörte ein paar Neins und Abers von ihr, dann einige Hmmms und schließlich ein widerwilliges Na schön. Verdammt, ist der gut.

Also verabredeten wir uns in Santee und ich flog nach Seattle. Ging mit meinem Neffen Alex zu einem sehr, sehr nervösen Reporter. Hatte den Jungen ein paar Jahre nicht gesehen, damals war er Mountainbike-Fan und wollte Sportblogger oder so was werden; jetzt war er ein Babyanwalt. Trainee. Was auch immer. Redete zu viel, aber das lag in der Familie. Ich war auch mal so.
Jedenfalls erklärte ich dem Journalisten schließlich, er könnte Alex die Dokumente geben oder er könnte sie mir geben. Wie es ihm lieber war. Der Kerl schluckte, wollte dann nicht genau wissen, wie ich das meinte, und gab Alex eine dicke Mappe mit Papieren. Wir sollten vorsichtig sein, meinte er dann. Ihn hatte die Recherche schon seinen Job gekostet.

Fein. Das war ja einfach gewesen. Musste nur noch Alex in seinen Flieger setzen und selbst abreisen. Traf vorher noch Nelson Akintola, der mir etwas von einer Mama Adisa erzählte, die in Portland lebte und sich mit Vodun auskannte. Die Adresse hatte er von Bart, und er wollte da bald mal hin, um nach seiner Vision zu suchen. Bald, nicht jetzt. Bart sollte auch mit. Okay, sagte ich. Gib mir Bescheid. (Portland? Ich hätte nach einer Vodun-Expertin ja in Louisiana gesucht und nicht in Portland, aber er war der Afrikanistik-Experte. Außerdem konnte ich bei der Gelegenheit vielleicht Whittakers Spur aufnehmen. Den hatte ich nicht vergessen.)

Gerade, als ich mich von Nelson verabschiedet hatte, klingelte mein Handy. Ethan. Druckste herum. Verstümmelte ein paar Sätze. (Ja, beschwer dich halt, Jackson. Du lässt ständig das Subjekt weg.) Schließlich verstand ich, dass Irene in Seattle war und Rückendeckung brauchte. Vielleicht waren da ein paar Obdachlose verschwunden. Oder so.
Dachte einen flüchtigen Moment daran, Tam anzurufen und um… na, um Rat zu fragen, aber es ging darum, Leuten zu helfen, also gab es eigentlich keine Zweifel. Okay, sagte ich. Ich komme. Ethan meinte, ich müsste nicht, und er wollte mich zu nichts überreden. Schon gut, gab ich zurück. Ich laufe Irene sowieso früher oder später über den Weg, warum nicht jetzt. Na dann, erklärte Ethan, er würde sich mit ihren Ankunftsdaten melden.

Passte ganz gut. Ich zog Funktionskleidung an, besorgte mir zwei saubere Glocks, brachte Alex zu seinem Flug und wartete dann auf Ethan und Irene. War ein bisschen angespannt. Hatte nichts mehr von Irene gehört. Oder von dem Brief, den ich geschrieben hatte.
Beide kamen durch das Gate. Ethan sichtlich erfreut, Irene sehr distanziert. Hielt mich selbst auch zurück. Wäre mir seltsam vorgekommen, Ethan strahlend zu begrüßen und Irene zu ignorieren.

(Okay, soll ich jetzt noch schreiben, wie es war, Irene wieder zu sehen? Kühl. Sie hatte Sonnenbrand und wirkte angespannt – und das, was mich an ihr am meisten angezogen hatte, war die Tatsache, dass sie so unbekümmert war. Hat sich dann wohl erledigt. Gut gemacht.)

Weiter zu einem Hotel, wo Niels auf uns wartete. Ein Bekannter von Irene, er hatte sie wegen der verschwundenen Leute kontaktiert. Sie hatte ihn gleich mal instruiert, uns allen Hotelzimmer zu beschaffen.
Niels Heckler war ungefähr in Alex‘ Alter, beide Arme tätowiert und Tunnels in den Ohren. Stand vor einem billigen Motel. Zuckte förmlich zusammen, als er Ethan sah. Irene wollte die beiden vorstellen, aber die kannten sich schon. Was war da passiert? Habe ich auch später nicht so recht aus Ethan herausbekommen.
Jedenfalls war der junge Mann nervös. Nannte Irene ständig „Ma’am“ (so alt war sie nun auch wieder nicht), versuchte, mir die Hand zu schütteln.
(Irgendwann finde ich heraus, wie ich mit so einer Situation umgehe, ohne dass es peinlich wird. Hey, vielleicht sollte ich einen flotten Witz reißen, darin bin ich doch so gut.)

Ethan und Irene gingen, um einzuchecken. Ich stand mit Niels in der Lobby und beäugte den Kaffeeautomaten misstrauisch. Nee. So verzweifelt war ich nicht. Versuchte, mich mit Niels zu unterhalten – der hatte einen interessanten Akzent. Deutsch, offensichtlich, südlich, wenn mich mein Sprachgefühl nicht trog (und das tut es ziemlich selten). Aber der wollte nicht mit mir reden. Keine Ahnung, warum. Vermutlich mochte er mich einfach nicht. Kommt ja vor. Vielleicht wegen der Hand vorhin. Oder er war generell angespannt. Oder er unterhielt sich nicht gern mit Leuten, die nicht weiß waren. Sollte mir egal sein.

Die anderen beiden kamen wieder. Kurzer Informationsabgleich: Es gab wohl Werwölfe oder ähnliches in der Gegend, aber die waren es nicht. Niels‘ Bruder hatte ihn auf die Situation mit den verschwundenen Obdachlosen aufmerksam gemacht und ihn gleich noch mit einem Kontakt versorgt: Bob Meyers, der in May Creek wohnte. Mit dem sollten wir mal sprechen.
Irene stieg zu Niels ins Auto, ich warf Ethan die Schlüssel zu meinem Mietwagen zu. Kam mir ein bisschen dekadent vor, ihn zum Fahrer zu machen, aber er kann’s besser als ich. Bei Irene hatte ihn das ja auch nicht gestört.

May Creek war ein Nest, Bob Meyers‘ Autowerkstatt bestand aus einer Garage voller Werkzeug und anderem Kram. Bob selbst war ein kleiner, beweglicher Typ, nicht mehr allzu jung. Lag unter einem Wagen, als wir ankamen. Gab Niels seine ölbeschmierte Hand und grinste, als der junge Mann versuchte, sich den Dreck unauffällig an der Hose abzuwischen. Für Irene wusch er sich die Hände dann aber doch. Sprach mit einem italienischen Akzent, vielleicht echt, vielleicht nicht. Konnte ich nicht feststellen. Okay, ich war die Chicago-Italiener so gewohnt, dass alles andere merkwürdig für mich klang.
Bot uns Kaffee an. Hatte eine Lavazza-Maschine, gut in Schuss. Keine Ölschmierer dran.

Erzählte dann, dass ihn Niels‘ Bruder Benedikt angerufen hatte. Das überraschte den jungen Mann. Der hat hier angerufen, fragte er ungläubig. Mit einem Telefon?!? Will der etwa auch hier vorbeikommen? Der Gedanke schien ihn nicht gerade zu beruhigen.
Das wusste Bob nicht. Vermutlich nicht, meinte er, wenn er Niels Bescheid gegeben hatte. Jedenfalls hatte ihn Benedikt da auf etwas gebracht – konnte schon sein, dass Leute verschwunden waren. Freaky Earl war gestern ganz aufgekratzt gewesen, hatte Steve und Lucy erwähnt. Aber wenn wir mehr wissen wollten, fragten wir besser Nanook. Der war ein Eskimo oder sowas. Inuit, sagte ich. Bob gestikulierte seine Unwissenheit. So einer wie du jedenfalls, meinte er zu mir.
(Ethan verzog bei den Worten das Gesicht. Nett von ihm, aber ich hatte schon Schlimmeres gehört. Wenigstens nannte Bob mich nicht ‚Häuptling‘. Das kann ich nicht leiden, auch wenn viele Leute das witzig finden.)

Okay, also auf zu Nanook. Vorher versuchte Bob noch, mit Irene zu flirten, aber sie ließ ihn eiskalt abblitzen. Niels, der liebe Junge, baute sich daraufhin zwischen den beiden auf und sprach Bob in scharfem Tonfall auf Ausrüstung an. Offenbar fühlte er sich bemüßigt, Irene zu beschützen. Ethan schmunzelte amüsiert, ich spürte, wie meine Augen sich quasi von selbst verdrehten. War der Kleine etwa in Irene verschossen? Oder dachte er wirklich, sie bräuchte einen großen starken Mann als Beschützer? (Das klingt jetzt sehr erwachsen von mir, aber ganz ehrlich, ich hätte fast das gleiche gemacht. Konnte mich aber zurückhalten. Weisheit des Alters und so.)
Oh, danach unterhielten sich Irene und Niels noch darüber, ob Bob sie nur wegen ihres Namens angeflirtet hatte. Niels meinte, ihn hätte ja noch nie jemand wegen seines Namens angeflirtet, Irene sagte, vielleicht wäre er in den falschen Kreisen unterwegs. Allerdings. Allein die Wortspiele, die sich bei jemanden namens Heckler – wie Heckler & Koch – ergaben, sollten das doch eigentlich fast sicherstellen.

Wir trafen Nanook vor einem Starbucks. Der saß da und schaute der Sonne beim Scheinen zu. Konnte nicht sagen, ob er ein Inuit war oder was anderes, er sah zu abgerissen aus – alte Klamotten, wirre Haare, spärlicher, ungepflegter Bart. Niels ging sofort los, um zwei Flaschen Bier für ihn zu kaufen. Ich sagte ihm, er solle mal abwarten, vielleicht war der gar kein Säufer. (Wenn er einer war, hätte ich ihm das Bier schon gegönnt. Wollte nur nicht automatisch davon ausgehen. Musste an Aiden denken, den kleinen Cheyenne. Was aus dem wohl geworden war?)

Ethan warf Nanook einen Schein in den Hut, der vor ihm stand. Erntete einen klaren, sehr durchdringenden Blick. Offensichtlich kein Säufer. Niels erklärte Nanook, dass Bob ihn schicken würde, aber der Obdachlose konzentrierte sich auf Ethan. Haben gehört, es sind Leute verschwunden, sagte der. Schaute fragend. Nanook wies mit dem Kinn auf eine kleine Gasse, oder besser: Auf zwei Füße, die aus der Gasse ragten. Ethan ging rüber, fand einen jungen Mann, der unter einem großen Stück Karton schlief. Tätowiert, abgerissen, stank nach Fusel. Schnarchte.
Als Ethan ihn vorsichtig an der Schulter rüttelte, wachte er auf. Schaute uns desorientiert an. Häh, wer seid ihr denn? wollte er wissen. Niels gab ihm ein Bier, redete mit ihm. Steve hieß der junge Mann, Lucy war seine Freundin, und ja, sie war echt verschwunden. Zumindest hatte er nichts von ihr gehört.

Der brauchte mehr als nur Bier, also ging ich rüber zum Starbucks. Ethan hatte die gleiche Idee, oder zumindest eine ähnliche: Er kaufte Wasser, ich kaufte eine Schachtel Donuts. Auf dem Rückweg bot ich Nanook einen davon an. Der überlegte einen Moment, nahm sich dann einen mit Schokoglasur. Ich erwähnte, hier würde etwas nicht stimmen. Er brummte Zustimmung. Ich wartete noch, bis Ethan auch bezahlt hatte, aber mehr sagte er nicht. Okay.

Steve hatte Niels in der Zwischenzeit von Lucy erzählt: Sie war schon ein paar Tage weg, obwohl er sich doch mit ihr auf dem alten Schrottplatz verabredet hatte. Nein, er dachte nicht, dass sie einfach abgehauen war. Er hätte sie angerufen, aber sein Handy hatte kein Guthaben mehr. Niels versuchte es selbst, aber ohne Erfolg.

Irene wollte zum Schrottplatz. Der war ganz in der Nähe, also konnten wir laufen. Steve trottete uns hinterher, die Donuts im Arm, die ich ihm gegeben hatte. Schien ziemlich ausgehungert. Verwahrlost. Hatte einen offenen Schnürsenkel. Ich sagte ihm, er solle seinen Schuh richtig binden, ganz automatisch. Pete vergisst das auch dauernd, oder die Dinger gehen wieder auf. Während Steve seinen Schuh umständlich richtete (er wollte die Donuts nicht aus der Hand geben), fragte ich mich, seit wann ich so weichherzig geworden war, dass mich ein hoffnungsloser obdachloser Säufer kümmerte. Wollte ich den jetzt auch noch adoptieren? Mann.

Am Schrottplatz fand Niels erstmal Freaky Earl in seinem Versteck zwischen ein paar Wracks. Schreckte ihn auf. Nach kurzer Panik darüber, wer wir waren und was wir wollten, erzählte er uns, dass Lucy in einen weißen Lieferwagen gezerrt worden war. Großartig. Biotecta hatte in L.A. auch immer weiße Lieferwägen gehabt und Leute reingezerrt. Aber die gab es nicht mehr.
Der hat früher mal Zeitungen ausgeliefert, plauderte Earl weiter. Der Wagen hat schon andere geholt, und er will mich auch holen, aber ich habe mich versteckt! Klang ein bisschen paranoid, der Gute, aber das musste ja nichts heißen. Er erzählte uns noch, dass der Typ, der Lucy entführt hatte, ziemlich kräftig war und einen Kapuzenpulli trug. Auf dem Wagen, sagte er, da war so ein Logo. Was für eins, fragte Niels. Ein blaues, erwiderte Earl hilfreich.
Schließlich bekam Niels aus ihm heraus, dass das Logo ein bisschen aussah wie ein Flügel. Ein blauer Flügel? Das kannte ich doch?

Klar kannte ich das. Dad hatte vor etwa zwanzig Jahren mal ein paar Blöcke von einer wohltätigen Organisation bekommen, mit ihrem Logo drauf. Ricky liebte das Logo, rannte durchs ganze Haus und faltetet Papierflugzeuge aus allen Blättern, die er in die Finger bekam. Das waren ganz schön viele, und wir haben die kleinen Flieger noch Wochen später überall gefunden. Der Name der Organisation war Charity One. Kamen aus Seattle.
Erzählte den anderen davon (minus Ricky und den Papierflugzeugen), irgendjemand fragte das Internet und bekam heraus, dass es die schon seit zwölf bis fünfzehn Jahren nicht mehr gab. Irene rief Bob an, fragte ihn. Klar, sagte er, jetzt, wo du das erwähnst – ich habe einen Lieferwagen mit dem Logo vor ein paar Tagen gesehen. Beim Linda Vista Hospital, das ist ein altes, leerstehendes Krankenhaus.

Ein altes, leerstehendes Krankenhaus.

Der Flur, grau in grau, Schimmel und Moder an den Wänden. Abblätternde Farbe an der Decke, aber kein Müll, keine Graffitis. Am Ende des Flurs eine offene Tür, ein Raum, aus dem hektisches Licht flackert und immer wieder in unregelmäßigem Rhythmus grell aufblitzt. Kreischender Lärm kommt aus dem Raum, und es zieht mich dort hin, ich müsste dort sein, auf dem Bett, aber ich will nicht, ich will nicht…

Mühsam riss ich mich zusammen. Fuhr mir mit einer Hand übers Haar, und ich konnte meine Hand bewegen. Meine Haare waren lang, keine Stoppeln. Ich war nicht in Tucson, Nebraska. Ich war in… wie hieß das Nest… May Creek, Washington. Ethan neben mir sah mich mitfühlend an. Der wusste gar nichts von Tucson, aber der wusste, wie ich aussehe, wenn ich eine Panikattacke habe. Geht das, fragte er vorsichtig. Mit dem Krankenhaus? Ja, geht schon, sagte ich. Fühlte mich immer noch ein Stück neben mir. Verdammte Flashbacks. Hatte gedacht, das hört irgendwann mal auf.
Irene musterte mich skeptisch. Schlug vor, ich könnte ja draußen Wache halten, wäre bestimmt auch nützlich. Nein, sagte ich, ich komme mit. Das überzeugte sie nicht. Wenn du da drin nicht funktionierst, dann bleib besser draußen, sagte sie. Kalte Stimme, kaltes Gesicht. Die wusste schließlich, was in dem Krankenhaus passiert war. Nicht genau, aber genug.
Tat trotzdem weh, vor allem, weil noch andere dabei waren. Aber was hatte ich erwartet? Fokus auf die Situation, Jackson, ermahnte ich mich. Du kannst später lamentieren, dass sie dich nicht mehr mag. (Nein, das mache ich nicht. Hat keinen Wert. War nicht unerwartet.)

Ich dachte nach. Konnte ich das? In ein verlassenes Krankenhaus gehen und entführte Leute suchen? Andere Frage: Konnte ich da wirklich danebenstehen und meine geistigen Wehwehchen pflegen? Nein, natürlich nicht. Geht schon, sagte ich ihr. Muss ja gehen. Okay, sagte sie. Sonst nichts, aber immerhin glaubte sie mir. (Komm, erzähl dir ruhig, dass ihr jetzt noch gute Freunde sein könnt. Sicher doch. Da wird sich Tam aber freuen.)

Zunächst fuhren wir noch mal zu Bob, um Ausrüstung zu holen. Werkzeugkasten, Waffen und so weiter. Niels meinte, er hätte eine Waffe. Was für eine, fragte ich. P08, antwortete er. Großartig. Nicht, dass das eine schlechte Pistole wäre, aber die meisten Leute, von denen ich weiß, dass sie so ein Ding haben, sind bei der Aryan Nation. Oder einem anderen Naziverein. Hoffentlich war Niels keiner von diesen Typen.

Während die anderen sich ausruhten oder noch mal das Krankenhaus googelten, zog ich mich zurück. Wollte mich vorbereiten. Zündete eine Zigarette an, langsam. Atmete ein. Aus. Mit jedem Atemzug stieß ich eine Emotion aus: Wut und Hass. Angst und Zorn. Und alles andere auch. Wurde ruhig. Fand die Klarheit, die ich normalerweise nur habe, wenn ich kämpfe. Keine Gefühle, das war nur überflüssiger Ballast.

(Wenn sich jetzt jemand fragt, warum ich das nicht mache, um meine Flugangst oder andere Probleme zu überwinden: Weil es mir nicht guttut. Gar nicht. Sollte ich es je nicht schaffen, aus diesem kalten Zustand zurückzukommen, werde ich endgültig zum Monster. Und es ist gar nicht so leicht, zurückzukommen. Ist angenehm, nichts zu empfinden.)

Ich ging wieder zu den anderen. Hörte mir an, was sie herausgefunden hatten: Immer wieder seltsame Tode im Krankenhaus – ein irrer Pfleger, ein mörderischer Hausmeister, ein psychotischer Arzt. Passierte gern im Keller. Die Klinik wurde dann vor einigen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen und verfiel seitdem vor sich hin. Ab und zu gingen Jugendliche rein, als Mutprobe.
Niels fragte nach einer Taschenlampe. Wirkte nervös, als der Keller erwähnt wurde. Ich gab ihm meine große Maglite. Konnte sie sowieso nicht selbst nehmen.
Wir brachen auf. Kamen kurz vor Sonnenuntergang an. Heruntergekommenes Gebäude, blinde oder verrammelte Fenster. Der Lieferwagen stand vor dem Hintereingang. Ethan fummelte erst am Schloss der Hecktür herum, schlug dann die Scheibe ein. Drinnen war nur Dreck und Unrat. Kein Hinweis auf die Entführten oder den Entführer.

Niels rief vom Gebäude aus. Hatte eine versteckte Klappe unter einem Busch entdeckt. Ethan klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Irene meinte, Hallo, Klaustrophobie. Niels nickte. Ich schlug nicht vor, sie sollten draußen bleiben. Mussten die selber wissen.
Als ich die Klappe mit dem Haken hochzog, lauschte ich. Fühlte Kälte auf meiner Haut, hörte eine Stimme, die flüsterte: Gefahr.

Das hatten wir uns schon gedacht. Ich ging vor, Niels folgte mit der Taschenlampe, die anderen beiden hinterher. Drinnen hörten wir das Brummen eines Generators. (Warum ist eigentlich niemand auf die Idee gekommen, nach einem Lichtschalter zu suchen?)
Die Gänge hier waren voller Graffiti, an einigen Stellen lag Gerümpel und Müll. Es roch nach Moder und feuchtem Gestein. Erinnerte mich an St. Trinity, und nicht nur mich. Irene und Ethan reagierten genauso aufmerksam. Hielten bestimmt auch Ausschau nach dem Spottengel.
Wir kamen in ein Krematorium, großer Raum, eine Badewanne, zwei kalte Eisenbahren. Niemand zu sehen, alles blank gewischt. Niels schrie auf. Blut, rief er, überall Blut, und da, in der Wanne, seht ihr denn die Leiche nicht? Ich sah keine Leiche, Irene und Ethan auch nicht. Ethan beruhigte den jungen Mann, der sich fast an ihn klammerte. Irene fragte ihn, ob er sonst auch solche Sachen sehen würde. Er antwortete, nein, sonst hätte mich mein Vater umgebracht. Schien ja aus einer netten Familie zu stammen.

Da mich das Drama in dem Moment wenig interessierte, lauschte ich wieder. Hörte eine weibliche Stimme, die sagte, hier hat er mich umgebracht. Fragte sie, wer sie sei. Sie überlegte eine Weile, gab schließlich beschämt zu, dass sie es nicht wusste. Lucy, schlug ich vor. Kann sein, meinte sie. Wo ist er, fuhr ich fort. Der, der dich umgebracht hat? Irgendwas berührte meine rechte Hand. Ja, genau die, die nicht mehr da ist. Schien sie zu greifen, hochzuziehen, in eine Richtung zu deuten. Probeweise drückte ich mit der rechten Hand zu. Der Druck wurde erwidert, ich spürte das. Meine Gelassenheit wankte, also ließ ich sie los.

Niels hatte sich in der Zwischenzeit beruhigt. Wir gingen weiter, in die Richtung, die mir der Geist gewiesen hatte. Erst stand an der Wand, du kannst dich nicht verstecken, ungefähr fünfmal hintereinander. Dann kamen wir an zwei gesprayten Pfeilen vorbei, der eine zeigte zurück: Sicherheit, der andere nach vorn, genau dahin, wo wir hinwollten: Tod. War ja klar.
Hielt uns nicht auf. Weiter. Liefen an einer geschlossenen Tür vorbei. Niels blieb stocksteif stehen. Hört ihr das nicht, sagte er. Dieses Kratzen? Nein, wir hörten das nicht. Irene versuchte, ihm gut zuzureden, aber er schüttelte den Kopf, Panik in den Augen. Vater, sagte er auf Deutsch, der Dialekt so stark, dass ich ihn kaum verstand. Bitte nicht. Ich mache es nicht wieder. Der war nicht mehr in dem Keller hier. Der war woanders. An einem Ort, der ihm Angst einjagte.

Ich hielt mich zurück. Wollte jetzt kein Mitleid mit dem Jungen empfinden. Half ihm bestimmt nicht, wenn ihm noch jemand gut zuredete, vor allem nicht ich. Es ist nicht real, erklärte Irene, und Ethan nickte. Aber da drin ist etwas, sagte Niels, jetzt wieder auf Englisch. Können wir bitte nachschauen? Okay, warum nicht. Eine geschlossene Tür im Rücken war sowieso keine gute Idee. Ethan ging rein, Irene und Niels hinterher. Ich sicherte in Richtung Tod.
Zwei Minuten, dann kam Ethan kreidebleich aus dem Raum. Das Schränkchen, keuchte er. Schaut da nicht rein. Niels folgte ihm, aber Irene musste noch nachsehen, was da war. Fingerkuppen, berichtete sie ungerührt, als sie den Raum verließ. Jemand war eingesperrt, hat mit Blut an die Wand geschrieben. Das Ende ist nah. Hat sich die Finger entweder selbst mit der Schrankschublade verstümmelt, oder jemand anderes hatte ihm/ihr das angetan. Schien Ethan mitzunehmen.

Irene behielt die Fassung. Untersuchte Spuren – Schleifspuren auf dem Boden, Blutstropfen, Kratzer an der Decke. Als wäre da etwas langgekrochen. Ethan murmelte etwas (im Nachhinein glaube ich, es war ein Filmtitel), meine Phantasie malte mir munter ein paar gruslige Monster aus (eine Mischung aus dem Augenmonster in Pans Labyrinth, einer Riesenspinne und einer frischen Amputationsnarbe, falls es jemand wissen will). Glücklicherweise fiel es mir normalerweise ziemlich leicht, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Diesmal auch. Weiter.

Vor uns flackerte ein rotes Licht. Irgendjemand schlug vor, es wäre doch möglicherweise eine kluge Idee, nach Sonnenaufgang wieder zu kommen. Schließlich wäre die Gestalt, die Lucy entführt hatte, nachts aufgetreten und war tagsüber vielleicht schwächer? Klang vernünftig, aber ich hatte den Fokus jetzt. Gehen und wiederkommen? Kam mir nicht klug vor. Bevor ich viel sagen konnte, nahm mir das Monster die Entscheidung jedoch ab: Plötzlich flackerten die Taschenlampen, wurden heller und heller. Gaben ein schrilles elektronisches Pfeifen von sich. Niels war der einzige, der schnell genug richtig reagierte: Er knipste seine Lampe hastig aus, während sich die Leuchtmittel der anderen überluden und durchbrannten. Erst dann stellte er die Maglite wieder an, sie flackerte kurz, aber sie war nicht kaputt. Nicht schlecht, Herr Heckler.
Rechts von uns leuchtete kurz eine Lampe auf, erhellte die Buchstaben STIRB. Als Niels die Taschenlampe in diese Richtung hielt, sahen wir das Monster, das in einer Ecke an der Decke hing wie eine überdimensionierte Spinne: Humanoid, bleich, abgemagert. Lange Zähne, getrocknetes Blut am Kinn. Zischte uns an, und es wurde kalt. Sehr kalt. So kalt wie auf der ComicCon, als Steve Thrash mich angriff. Irene schauderte zusammen, und Niels wurde wieder nervöser. Ließ das Licht unruhig über den Raum irrlichtern. Nicht so hilfreich.

Okay, wir schossen. Alle. Aber das Vieh war schnell, sehr schnell, und wir waren überrascht und unkoordiniert. Nur Niels traf mit einem Streifschuss, nicht mehr als ein Kratzer, aber immerhin. Die Gestalt fauchte, machte eine herrische Bewegung, und das ganze Gerümpel, das in dem Raum herumlag, flog los – ein brüchiger alter Schrank, Bretter, eine Art Eimer. Ein altes Skateboard ohne Räder. Traf mich voll am Kopf.
Kurzer Filmriss. Ein Abflussrohr fiel von der Decke, der Vampir taumelte. Vampir? Oder Geist? Hatte irgendwer gesagt, das wäre ein Vampir, der von einem Geist besessen war? Mir fehlte irgendwas, nur Sekunden, denke ich. Fühlte mich benommen, distanziert, wie betrunken. Spürte eine Flüssigkeit, die meinen Kopf hinunterrann. Warm. Kam das aus dem Abflussrohr? Hörte einen Schuss, betrachtete nachdenklich meine Hand. Ja, die hatte geschossen.
Übergangslos hing der Vampir an meinem Hals. Tam hatte mir einen Haufen Griffe beigebracht, um mich davor zu schützen, aber was sollte ich jetzt machen? Irene sprang den Vampir an, nur mit einem Messer bewaffnet. Trieb ihn von mir weg.
Ethan prügelte mit seinem Gewehr nach dem Monster, Niels schoss. Irene sprang ihn wieder an. Jemand schrie entsetzt: Ethan! War das Niels? Auf einmal fiel der Lichtkegel auf das Gesicht des Vampirs: Angeschlagen, verwirrt, hungrig. Das war mein Feind. Ich wusste, was zu tun war: Ich schoss auf seinen Kopf, traf. Sein halber Schädel flog weg, und er ging zu Boden.

Irritiert trat ich zurück. Mir fiel ein halber Witz ein, über Vampire und Kopfschmerzen, aber die Pointe fehlte. Wir müssen ihn köpfen, sagte jemand. Köpfen? Damit kannte ich mich aus. Holte die Axt aus dem Rucksack, dann hatte plötzlich Ethan sie in der Hand und hackte damit nach dem Vampir. Irgendwas stimmte hier nicht.
Ich versuchte, mich zu konzentrieren. War gar nicht so leicht, da war… ich hörte etwas. Eine Stimme. Oder ein Kratzen. Oder beides. Unter dem Beton. Da war etwas… der Geist. Die Leiche, die zu dem Geist gehörte. Erzählte es den anderen, und Ethan und Niels machten sich an die Arbeit. Gruben tatsächlich einen toten Körper aus. Nur die Fingerkuppen fehlten. Irene ging los, um sie aus dem Zimmer weiter vorn? hinten? zu holen. Niels schüttete Alkohol über die Gebeine, Ethan zündete sie an. Ich sah eine weibliche Gestalt, die ins Licht ging. Sie flüsterte, Danke. (Das habe ich mir vermutlich eingebildet. Ich kann Geister hören, nicht sehen.)

Während die anderen beschäftigt waren, versuchte ich, herauszufinden, was mit mir nicht stimmte. Mir floss immer noch die Flüssigkeit über die Kopfhaut… da war ein Nebel zwischen mir und allem anderen… Kopfschmerzen, Kopfschmerzen, hatte der Vampir Kopfschmerzen?
Nein, ging mir schließlich auf. Ich hatte Kopfschmerzen. Die Flüssigkeit war mein Blut, das aus einer Platzwunde lief. Jäh lichtete sich der Nebel, der Schmerz schlug zu, mir wurde schwindelig. Fast wäre ich zusammengebrochen, vor meinen Augen schwarze Flecken. Aber die kannte ich schon. Alte Freund, könnte man sagen. Und das war nicht meine erste Gehirnerschütterung. Erklärte, warum ich mich so desorientiert fühlte. Sachen sah, die vielleicht gar nicht da waren.

Wo ist Lucys Leiche, fragte jemand. Vielleicht ist sie zum Vampir geworden… wir sollten sie suchen, sagte jemand anderes. Passt ja zum Namen, warf ich ein. Einer der anderen gab ein amüsiertes Schnauben von sich. Ethan wahrscheinlich. Ich sah erst jetzt das Blut auf seinem aufgerissenen Hemd, aber er bewegte sich nicht, als würde es ihm viel ausmachen.

Wir gingen also los, um nach Lucy zu suchen, und nach anderen Vampiren. Fanden niemanden. Bemerkten schließlich, dass das Krematorium erst kürzlich benutzt worden war.
Auf dem Weg fing ich an, zu taumeln. Mir war schwindlig, mein Kopf fühlte sich an, als würde meine eigene Axt darin stecken. Ein paar Mal tastete ich nach der Wunde, nur um sicher zu gehen, dass das nicht der Fall war. Fiel hinter den anderen zurück. Schließlich tauchte Irene neben mir auf, stützte mich, ohne ein Wort zu sagen. Hätte es ohne sie nicht geschafft, weiter zu laufen.

Als wir aus dem Haus (der Klinik) kamen, wollte Niels gleich los, um Steve zu erzählen, dass Lucy tot war. Aber nicht allein, meinte er. Ethan nickte sofort und meinte, er käme mit. Bevor die beiden sich allerdings in Niels‘ Auto schwingen und in den Monduntergang brausen konnten, fiel Ethan auf, dass es mir nicht so richtig gut ging, und Irene auch nicht. Also Planänderung: Erst mal zum Notarzt.
Das hieß natürlich: Noch ein Krankenhaus. Großartig. Meine Gelassenheit war kurz nach dem Kampf verschwunden. Bevor wir losfuhren, schluckte ich eine Ativan. Nein, zwei. Oder? Ich weiß es nicht mehr so genau. Ich wollte nur nicht, dass es Ethan sieht. (Ja, das spricht dafür, dass du das total unter Kontrolle hast. Richtig?)

Suchtpotential hin oder her, eine schlechte Idee war es trotzdem nicht. Die Ärztin, die sich um mich kümmerte, hatte oberflächliche Ähnlichkeit mit Dr. Carlisle – ähnliches Alter, weiß, dunkle, schulterlange Haare, Brille. Grob die gleiche Figur. Wollte schon aufspringen, keine Ahnung, was ich machen wollte, aber der blendende Schmerz in meinem Schädel bei der schnellen Bewegung hielt mich davon ab. Glück gehabt, Dr. Ledenhoff. Nach kurzer Diskussion rasierte sie nur einen schmalen Streifen Haare ab – ich muss das nähen, Mr. Jackson, das geht nicht anders – gab mir einen Haufen Tabletten und bestand darauf, dass ich drei verschiedene Formulare unterschrieb, bevor sie mich gehen ließ. Viel trinken, empfahl sie, und schlafen Sie besser die nächsten paar Stunden nicht ein.
Irene war auch beim Arzt gewesen. Die war ebenfalls von den herumfliegenden Möbeln getroffen worden. Hatte eine angeknackste Rippe. Hielt mich auf, bevor wir zu den anderen beiden zurückgingen, und gab mir einen Brief. Meinen eigenen, den ich ihr nach der Gala geschrieben hatte, ein bisschen blutig und mit einem kleinen Loch, aber ungeöffnet. Ich habe in der letzten Zeit viel zu viel vom Innenleben anderer Leute mitbekommen, erklärte sie.
(Das war größtenteils eine Erleichterung. Aus diesem Brief konnte nichts Gutes entstehen. Größtenteils? Ach, mein innerer Emo war natürlich beleidigt. Blöder, egozentrischer Vollidiot. Geh heulen, Kleiner.)

Als wir das Krankenhaus verließen, sahen wir Steve, der gerade bei einem Sanitäter Geld gegen ein Plastiksäckchen tauschte. Niels fing ihn ein paar Meter weiter ab. Erzählte ihm, dass Lucy tot war. Steve wurde blass, wollte wissen, was passiert war. Ermordet, erklärte Ethan. Steve nickte traurig. Fasste etwas in seiner Tasche fester, vermutlich die Drogen. Wollte mit hängenden Schultern gehen. Warte, sagte ich ihm. Ich lass dich nicht mit diesem Zeug gehen. Er sah mich an, hoffnungslos. Tränen in den Augen. Gib mir die Drogen, sagte ich ihm. Starrte ihn an. (Genau, einschüchtern ist sicher die beste Methode, mit einem verstörten Menschen umzugehen.) Er zögerte, zauderte, aber schließlich gab er mir das Plastiksäckchen doch. Tabletten.
Dann stand er da. Zitterte wie ein Schaf auf der Schlachtbank. Wir packten ihn ins Auto und fuhren ihn zur nächsten Klinik nach Seattle. Zur Suchtberatung.
Noch ein Krankenhaus. Großartig. Ich hätte fast noch eine Ativan genommen, aber… kam mir verlogen vor, Steve zu sagen, das Zeug ist schlecht für dich, und selbst welche zu nehmen. Gab Ethan die ganze Dose. Der sah erleichtert aus. Verdammt, hatte er das vorher doch mitbekommen? (Und wenn ja? Wäre das so schlimm? Ist ja nicht so, als würdest du das Zeug zum Spaß nehmen… Klar, Jackson, red’s dir nur schön.)

Steve wurde im Krankenhaus aufgenommen, und nachdem Irene die magischen Worte „ich zahle“ gesagt und ihre Kreditkarte gezückt hatte, wurde er auch in ein anständiges Zimmer gebracht. Er würde gut behandelt werden, versicherte uns ein Arzt. Schön zu sehen, dass der Kapitalismus auch bei solchen Dingen funktionierte. Niels wohnte hier in der Gegend und wollte ab und zu nach Steve sehen.

Ethan brachte mich dann in mein Hotel. Die Leute an der Rezeption schauten zwar etwas sparsam, so blutüberströmt, wie wir beide waren, aber hey, ich war auf Geschäftsreise. Kapitalismus und so.

Auf dem Zimmer konnte ich dann nicht ins Bett, weil ich ja nicht schlafen sollte. Schade. Ich war ziemlich müde, meine Augen fokussierten sich nicht so richtig, mir war abwechselnd entweder schwindelig und übel oder ich hatte höllische Kopfschmerzen. Ab und zu auch beides zusammen.
Also redeten wir. Ich habe ziemlich viel von dem Gespräch wieder vergessen oder gar nicht so richtig mitbekommen, oft erforderte es alle Konzentration, die ich aufbringen konnte, überhaupt halbwegs kohärente Sätze zu bilden. Je später es wurde, desto unsicherer bin ich mir – ich dämmerte ab und zu mitten im Gespräch weg, träumte wirres Zeug, schrak wieder auf. Glaube nicht, dass Ethan irgendwann aufstand und mir wortgewandt und eloquent ein episches Gedicht über einen Nacktnasenwombat vortrug. Und von grüngewandelten Holzgurkenmachern, die im Sonnenlicht rückwärts werden, hatten wir es bestimmt auch nicht.

Woran ich mich erinnere: Ethan hatte vorher schon gesagt, dass er mit mir reden wollte. Aber nicht über Sam und den Fluch, wie ich vermutet hatte, sondern über die Apokalypse. Ja, ich weiß. Muy Drama.
Ethan war allerdings ziemlich überzeugt davon, dass da etwas kommen würde, und Irene glaubte auch daran. Krieg im Himmel, verschiedene Fraktionen unter Engeln, Apokalypse ausgefallen, jemand will einen Neustart. Oder so. War versucht, ihm von der Satanssekte zu erzählen, die dachte, die Apokalypse wäre ja schon passiert und wir müssten jetzt erst mal tausend Jahre Herrschaft Satans auf Erden überstehen.
Okay, sagte ich, wenn das wirklich so ist, dann hat sicher jemand was gemerkt. Auf dem Powwow sind Leute, die sich auskennen. Ich frag mal rum.
Dann erzählte Ethan noch etwas von Flüchtlingen aus dem Himmel, und in meinem Kopf tanzten ein paar Weihnachtsengel herum. Dass die so aussahen wie der aus St. Trinity, hat mich nicht sehr beruhigt.
Es ging dann noch ein bisschen hin und her: Familie (meine und seine), Sam (will warten), Cal Fisher (glaubt auch an die Apokalypse, hat Ethan gerettet… war das nicht der Typ mit dem Indianerfriedhof? Muss Sunny mal fragen), Baumhaus (kommt), Irene (schwierig), Niels (kein Hinweis auf Rassismus, Familienprobleme – hätten ihn einladen sollen), Giffany (hat einen Schrein), Krankenhäuser (ich hab Ethan irgendwas von Tucson erzählt… keine Ahnung, wie viel), Reiseplanung (Ethan wollte mich fahren, aber dann hätte ich Tam verpasst, die wollte nämlich los, also musste ich fliegen), Pilzhexe & Hexen allgemein (sollten wir uns drum kümmern), Stinger (ist ein Trottel).

Außerdem erzählte ich ihm von Whittaker, dessen Bruder ich umgebracht hatte. Ethan bot mir sofort Hilfe an. Ich versuchte, ihm das auszureden. Ihm klarzumachen, dass ich Whittakers Bruder wirklich getötet hatte. Er schaute nachdenklich und meinte, er wollte mir helfen. Na gut, Whittaker hat einen ganzen Zoo voller Monster. Da kann ich Hilfe vielleicht brauchen, auch wenn ich das Problem lieber durch eine Kugel auf 500m Entfernung lösen würde.

Jedenfalls schlief ich irgendwann endgültig ein. Ethan vielleicht auch, keine Ahnung. Der hatte ja auch was abgekriegt. Gegen Mittag fuhren wir schließlich zum Flughafen. Waren ziemlich spät dran, keine Chance, Irene noch mal zu treffen. War ja vielleicht auch besser so. Mir ging es ohnehin nicht gut, wie eingangs erwähnt. Das würde ja ein Spaß werden mit dem Flugzeug.

Nachtrag aus Sioux Falls:
Wurde es dann auch. Mir war den ganzen Flug von Seattle nach Denver speiübel. Immerhin keine Panikattacke, obwohl ich keine Tablette genommen hatte. Dafür hätte ich auch keine Zeit gehabt. Zwischen Denver und Sioux Falls döste ich vage vor mich hin, zu matt für alles außer Kopfweh.

Jetzt sitze ich in einem No-Name-Diner, starre ein Stück Apfelkuchen an und warte auf meinen Cousin Calvin. Der wollte heute auch kommen, und selber fahren kann ich nicht. Soll er machen, muss ich nur warten. Mal schauen, ob er Ernesto dabeihat.

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Timberwere

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