Mädchenkram - Supernatural

Herz der Finsternis

aus Barrys Tagebuch

Dan Salinger war tot. Selbstmord, angeblich. Tam hatte den alten Jäger gekannt. War felsenfest überzeugt, dass er sich nicht umgebracht hatte. Irgendwas hatte ihn dazu gezwungen, oder er war vergiftet worden, oder verflucht.
Eigentlich wollte sie gehen, um das zu untersuchen. „Keine Chance“, sagte ich. „Du hast noch nicht ein Stück von deinem Kram gepackt, und wir ziehen in zwei Wochen um. Ich kümmere mich darum.“ Das passte ihr nicht, aber sie wollte auch nicht, dass ich für sie packe. Entscheidungen, Entscheidungen.
Ich rief Ethan an. Erzählte ihm von Salingers Tod. Dass er in Toronto ein Hotelzimmer untersucht hatte. Dort waren in den letzten neunzig Jahren über fünfzig Leute gestorben, alle im gleichen Raum. Der alte Jäger vermutlich auch. Hm, machte Ethan, er hatte keine Zeit, aber er wollte Irene anrufen. Ein paar Stunden später hatte ich eine Mail mit Ankunftsdaten. Okay.
Rief im President Hotel an. Wollte Zimmer 1408 mieten. Kein anderes. Genau dieses. „Das steht gerade nicht zur Verfügung“, erklärte mir eine freundliche Stimme. Tat es nicht? Aha. Erklärte der Stimme unmissverständlich, dass ich schon gebucht hatte, dass in ihren Geschäftsbedingungen etwas von „freier Zimmerwahl“ stand und dass ich nun mal eben dieses Zimmer wollte. Warf ihnen ein paar Verbraucherschutzparagraphen um die Ohren. Die galten zwar für Illinois und nicht für Ontario, aber die Stimme hatte weniger Ahnung von Gesetzen als ich, also bekam ich das Zimmer.
Flog am nächsten Morgen los. Irene treffen. Hatte schon länger keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt.
Kam mittags in Toronto an. President Hotel. Fünf Sterne, schicke Lobby. Heulendes Mädchen an der Rezeption, eine andere Empfangskraft redete auf sie ein. Ging ja gut los.
Irene tauchte mit ein paar Pappbechern Kaffee auf. Ich nickte ihr zu, nahm einen. Kein längeres Gerede. Ich ging zur Rezeption, wollte meinen Schlüssel. Die nicht-heulende Angestellte erklärte mir, es täte ihr furchtbar leid, aber da wäre jemand gekommen und hätte ihrer Kollegin den Schlüssel abgenommen.
Das war ein Fünf-Sterne-Hotel. Hatten die keine Security? Ich war noch genervt vom Flug und wollte Irene wohl irgendwie beweisen, dass ich alles im Griff hatte, also starrte ich die junge Frau durchdringend an. Ersatzschlüssel, verlangte ich. Sie stotterte etwas vom Manager, wollte ich nicht vielleicht mit dem… Nein. Ich wollte den Ersatzschlüssel. Mit zitternden Fingern rückte sie ihn heraus, heulte jetzt fast selbst. Ich nahm ihr den Schlüssel ab, während sie weiter stammelte, und ging zurück zu Irene.
„Problem“, sagte ich. „Da ist jemand vor uns ins Zimmer gegangen.“ Sie zuckte die Schultern. Wusste nicht, wer das hätte sein können.
Also keine Zeit für Recherche oder Nachforschungen. Wir fuhren direkt nach oben, in den 14. Stock (eigentlich war es der 13., aber irgendjemand war abergläubisch). Oben erst mal nichts zu sehen, ein normaler Gang. 1408 war ganz am Ende und hatte als einziges eine Tür, die man mit einem echten Schlüssel statt mit einer Karte öffnen konnte. Ich gab den Schlüssel Irene, zog meine Waffe. Sie hob nur eine Augenbraue. Meinte, es wäre wohl wahrscheinlicher, dass wir jemanden vom Selbstmord abhalten mussten. Ich war nicht überzeugt, aber ich senkte die Waffe. Sie schloss auf, wir betraten den Raum.
Drinnen war Cal Fisher gerade damit beschäftigt, mit einem EMR-Gerät nach Geistern zu suchen. Er fuhr herum, als wir hereinkamen, und vielleicht bildete ich mir das ein, aber ich meinte, kurz zu sehen, wie seine Hand in Richtung Waffe zuckte. Aber er erkannte Irene. Richtete sich auf. Bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck. Sagte: „Wenn ihr hier seid, kann ich ja gehen.“ Ging zur Tür. Rüttelte am Türknauf. Bekam sie nicht auf. Er machte das noch einmal mit mehr Nachdruck, aber nein. Wir waren eingeschlossen. Großartig.
Irene lief zügig in die Mitte des Raums und blieb stehen. Sah aus, als müsste sie gegen irgendetwas ankämpfen. Erinnerungen? Fluchtinstinkt? Keine Ahnung. Vielleicht wollte sie sich auch nur einen Überblick verschaffen.
Ich schloss kurz die Augen. Lauschte in das Zimmer. Stimmengewirr, alle verzweifelt, hoffnungslos. „Es ist zwecklos.“ „Ich komme nie hier raus.“ „Warum hört das nicht auf?“ Kamen von überall, keine stärker als die andere.
Als ich mich wieder umsah, hatte Fisher gerade seine Pistole gezogen und reichte sie Irene. Die nahm sie ihm vorsichtig ab und steckte sie in ihren Hosenbund. „Irgendein Schicksalsgott kann uns nicht leiden“, sagte sie. Vermutlich nur zu ihm. Hatte den Eindruck, dass die beiden einen Haufen Ballast, eine Menge Erinnerungen mit sich herumschleppten, so vorsichtig, wie sie miteinander umgingen. Keine Spekulationen, Jackson. Was auch immer da zwischen Irene und Fisher war, es sah nicht aus, als wäre es einfach. Für keinen von beiden.
Statt den beiden weiter zuzusehen, verschaffte ich mir einen kurzen Überblick über unser Gefängnis. Zimmer 1408 war eine Suite mit Wohn- und Schlafraum, einem Bad und einer Küchenzeile. Alles sauber und gepflegt, aber technisch nicht auf dem neuesten Stand. Mehrere Bilder an den Wänden: Ein Schiff auf See und ein Familienportrait im Wohnzimmer, eine Jagdszene im Schlafzimmer. Teppich auf dem Boden, Tapete an der Wand.
Als nächstes holte ich mein Handy raus. Hatte Empfang. Fing an, im Internet nachzuforschen. Wünschte mir kurz Natalie her, aber nein, die musste wirklich nicht mit uns eingesperrt sein. War aber auch nicht so schwierig: Das Hotel wurde 1911 gebaut. Eine Woche nach der Eröffnung sprang ein erfolgreicher Fabrikant aus einem Fenster im 14. Stock.
Hatte den anderen beiden gerade davon erzählt, als aus dem Bad ein Geräusch kam. Irene blieb in der Mitte des Raums, Fisher und ich gingen nachsehen. Keine Dusche, nur eine große alte Badewanne. Der Wasserhahn lief, Handtücher lagen unordentlich auf dem Boden. Das war vorher nicht so gewesen, aber die Stimmen der Geister hatten sich nicht verändert. Ich griff nach dem Wasserhahn, um ihn zuzudrehen, und verbrannte mir fast die Finger. Fisher gab mir kommentarlos ein Handtuch, mit dem ich das heiße Metall anfassen konnte.
Kaum hörte das Wasser auf zu fließen, als Irene aus dem Wohnzimmer rief: „Hier ist ein Geist!“ Wieder rüber. Irene stand sicher in einem Salzkreis. Ein gutgekleideter Mann Mitte Vierzig lief an ihr vorbei. War ein bisschen durchsichtig. Ging zum Fenster, schob es nach oben und stürzte sich hinaus. Ich hörte einen Schrei und die Worte „so lange, schon so lange“.
Fisher folgte ihm, sah nach draußen. Normale nächtliche Szenerie, Licht in den anderen Häusern, Autos auf den Straßen – allerdings war es gerade noch Vormittag gewesen. Während er da stand und beobachtete, krachte das Fenster nach unten und traf seine Hand. Nichts gebrochen, nur eine Quetschung, aber vielleicht sollten wir lieber nicht hinausklettern. War vermutlich ohnehin sinnlos.

„There must be some way out of here, said the joker to the thief…“

Aus dem Schlafzimmer ertönte Musik. Dünner, blecherner Klang. Ein Radio aus den 90ern, das Musik aus den 60ern spielte. Gerade als wir in den Raum kamen, sprangen die rot leuchtenden Zahlen auf 59:59 und fingen an, die Sekunden herunter zu zählen. Fisher riss das Gerät aus der Wand, trampelte darauf herum. Die zerstörten Zahlen blinkten weiter, aber die Musik hörte auf. Gut. Die Stimmung war schon angespannt genug.
Auf dem Kopfkissen lagen drei Schokotäfelchen. Generische Hotelschokolade, aber die waren vorher noch nicht da. Irene hatte eine beunruhigende Vermutung. Wollte sie erst nicht erzählen, aber dann: „Was ist, wenn das Nahrung ist? Damit wir nicht verhungern?“
Ich überprüfte daraufhin den Kühlschrank. Nichts zu essen, aber genug Alkohol für eine kleine Party. „Immerhin können wir uns besaufen“, erklärte ich trocken. Fisher meinte, er würde hier wohl erstmal nichts trinken. Alles klar. So viel dazu. (Irgendwann treffe ich mal jemanden, der meine Witze versteht. Jemanden außer Tam oder Brian, meine ich.)
Wir spekulierten ziellos herum. Es musste doch etwas geben, dass uns hier gefangen hielt. Einen Fokus innerhalb des Zimmers. Vielleicht sollten wir einfach alles absuchen und nacheinander verbrennen. Irgendwann würden wir es schon finden.
Ich probierte das Telefon. Es funktionierte. Ich rief den Zimmerservice, sagte denen, wir wären eingesperrt, die sollten uns rauslassen. Funktionierte natürlich nicht, wollte nur die offensichtliche Lösung ausschließen. Schrieb an Tam: „Bin im Zimmer. Schick eine Nachricht.“
Auf der Suche nach einem Hinweis stellten wir fest, dass die Bilder sich verändert hatten: Über dem Schiff braute sich ein Sturm zusammen, die Familie im Portrait stritt sich, bei der Jagdszene standen sich Jäger und Hunde bedrohlich gegenüber. Auf dem Hotelplan war nur noch Zimmer 1408 zu sehen.
„Erinnert mich an Weihnachten“, murmelte ich, halb zu mir selbst. Irene nickte, Fisher schaute fragend. Sie brachte ihn kurz auf Stand: Verfluchtes Haus, das niemanden hinausließ. Racheengel, Schuldgefühle. Keine Erwähnung von Carlisle oder deVries. Immerhin hatte bisher nichts versucht, uns Gedanken und Gefühle in den Kopf zu pflanzen. Irene lachte zynisch auf, als ich das sagte, und ich horchte in mich hinein. Hatte ich etwas übersehen? Dachte nicht. Hatte ein paar Zweifel, was meine Frau anging, aber das war nichts Neues. (Okay, so im Nachhinein hätte es mich misstrauisch machen können, dass ich sofort an Tam dachte. Nicht an meine anderen Probleme. Nicht an das, wovon ich immer noch Panikattacken bekomme.)
Ich verdrängte den Gedankengang. Hörte weiterhin das Jammern der Geister, obwohl ich mich nicht mal darauf konzentrierte. Mir kam eine Idee. „War mal in einem Gefängnis für Geister“, sagte ich. Erwähnte nicht, dass das auch ein Gefängnis für Menschen gewesen war. „Wurden durch ein Schutzsymbol festgehalten.“ Vielleicht sollten wir unter dem Teppich schauen. Oder unter der Tapete.
Bevor wir anfangen konnten, das Zimmer ernsthaft zu verwüsten, tauchte wieder ein Geist auf. Diesmal eine junge Frau. Lief aufs Fenster zu. Ich stellte mich ihr in den Weg. Dachte, vielleicht kriege ich Kontakt. Aber nein. Sie ging einfach durch mich durch. Kalt, aber ich hatte schon kältere Geister gespürt. Nur noch ein Schemen. Auch sie sprang aus dem Fenster, aber diesmal war unten keine Leiche zu sehen. War es draußen dunkler als vorher?
Wir rissen den Teppichboden auf. Keine Ritualkreise, keine Symbole. Aber als ich hochsah, schaute ich nicht mehr ins Schlafzimmer des Hotels. Das war unser Wohnzimmer in Stuttgart, Tam und ich standen uns gegenüber. „Ach ja?“, sagte sie und starrte mein Abbild wütend an. „Immer, wenn du auf irgendwas keine Lust hast, bist du plötzlich verkrüppelt!“ Mein jetziges Ich atmete scharf ein. Das war letztes Jahr gewesen, eine harmlose Diskussion, die langsam zu einem erbitterten Streit eskaliert war. Wir wollten uns irgendwann nur noch gegenseitig weh tun. Ich hörte mein vergangenes Ich sagen: „Wir sind für dich doch nur eine Belastung, du kannst es doch gar nicht abwarten, wegzukommen!“ Hätte gern die Augen geschlossen. Nicht gesehen, wie ihre Hand sich ballte. Nicht gehört, wie ich verächtlich sagte: „Ich kann nicht mit dir reden, wenn du reagierst wie ein Höhlenmensch.“ Nicht zugeschaut, wie ich mich umdrehte und ging, oder wie sie einen Blumentopf griff und hinter mir herwarf.
Mit dem Klirren der Scherben kam ich wieder zu mir. Verdammt. Irene und Fisher starrten beide in Richtung der Szene, die jetzt verschwunden war. Nur noch das Schlafzimmer, aber ihre angespannten Gesichter… hatten sie das auch gesehen? Wenn ja, sagte keiner etwas. Ich schaute weg von ihnen, suchte nach etwas anderem, etwas, das ich tun konnte. Vielleicht die Tapete.
„Hey“, sagte Irene. „Schaut mal.“ Deutete auf die Wand zwischen Wohn- und Schlafzimmer. Eine sehr breite Wand, fast zwei Fuß tief, mit einer verspiegelten Tür. Warum war uns das vorher nicht aufgefallen? Irene rüttelte heftig am Schloss, konnte die Tür aber nicht öffnen. Schlug frustriert auf den Spiegel, bis er zersprang und sie ihre Hand an einer Scherbe schnitt.
Sie wollte ins Bad, um die Hand zu verbinden. Fisher hinterher. Ich wollte gar nicht wissen, worüber sie sprachen. Ihre Blicke nicht sehen. Wir waren so wütend gewesen, Tam und ich. Verdammt noch mal. Hatten zwei SMS das Gift wirklich geheilt? Kam mir damals so vor, aber kurz nachdem ich den Streit noch mal gesehen hatte… dünn, Jackson. Sehr dünn.
Um nicht einfach nur herumzustehen wie das dritte Bein am Rollschuh, schaute ich mir die schmale Kammer noch mal an. Irene hatte zwar den Spiegel eingeschlagen, aber das machte keinen Unterschied: Die Tür war zu. Dahinter konnte ich nichts hören, gar nichts. Sogar die Geisterstimmen waren leiser geworden, als würden sie sich davon fernhalten. Hm.
Als Irene und Fisher aus dem Bad wiederkamen, machten wir uns erst mal an die Tapete. War nicht sehr fest verleimt, ließ sich leicht abreißen. Dahinter: Bröckelndes Mauerwerk. Löchrige Fugen. Aus einer davon tropfte eine zähe rote Flüssigkeit. Blut. Irene griff die Wand regelrecht an, riss einen Stein heraus, gefolgt von einem heftigen Blutschwall, der uns alle erwischte. Schön. Ließ nur langsam nach, aber dafür starb die Klimaanlage, und die Temperatur stieg rapide an.
Fisher ging zum Fenster. Draußen nur noch Schwärze, keine anderen Häuser, keine Straße. „Langsam wird es ungemütlich“, sagte er trocken. „Wir sollten da jetzt besser nicht rausklettern.“
Wir schabten noch eine Weile an dem Putz auf der Mauer herum, ohne größeren Erfolg. Keine Symbole. Beim nächsten Blick zum Fenster war es zugemauert. Die Bilder hatten sich wieder verändert: Das Schiff schlingerte im Sturm, die Familie kämpfte miteinander, in der Jagdszene zerfleischten sich Jäger und Hunde. Großartig. „Wir bringen uns jetzt bitte nicht gegenseitig um“, sagte ich. Hatte selbst keinen Drang dazu, aber wer weiß. Musste auf alles gefasst sein. Meine Hand war nicht an der Waffe, aber auch nicht weit weg davon.
Fisher schüttelte den Kopf. „Eher bringe ich mich selber um“, erklärte er. Klang sachlich. Gut, schoss es mir durch den Kopf. Du bist gefährlicher als sie. Hielt mich davon ab, das laut zu sagen. War vermutlich besser so, denn Irene widersprach vehement: „Das tust du nicht!“
Sie griff eine Stehlampe. Fing an, auf die Wand einzuprügeln, während Fisher versonnen in Richtung Schlafzimmer starrte. Das kam mir in dem Moment beides relativ normal vor.
Griff nach meinem Handy. Wollte Tam noch mal schreiben. Hatte eine Nachricht von ihr. „Bleib bloß weg, du Arsch! Will dich nie wieder sehen.“ Ich blinzelte. Starrte auf den Bildschirm. Das war doch nicht echt. Oder? Oder? Warum sollte das nicht echt sein? Vielleicht hatte sie die Schnauze voll von mir. Davon, wie ich andere Frauen ansah. Lucie. Irene. Dass ich ständig mit einer Frauentruppe jagen ging. Ally. Natalie. Emily. Von meinem Misstrauen. Meiner grundlosen Eifersucht. Grundlos? Ha. Was war denn mit Bobby, mit Clive? War die Nachricht nur der Versuch, mir die Schuld an allem zuzuschieben? Während ich noch mit meinen Gedanken rang und versuchte, mich zu sortieren, fiel mein Blick auf eine Flasche Bourbon auf dem Sideboard. Daneben eine Schachtel Silenor. Schlaftabletten. Damit hatte ich mich schon mal umgebracht, und vielleicht war es besser… Besser als dieses ständige Misstrauen. Die ständige Angst, sie zu verlieren. Die ewige Sorge um die Kinder. Die Furcht vor dem Monster in mir. Davor, irgendwann nicht zurückzufinden und ihnen weh zu tun. Sicher war es besser. Für alle. Für Tam, die endlich frei war und keinen verkrüppelten Klotz mehr am Bein hatte. Für meine Kinder, denen ich ohnehin ein miserabler Vater war, weil… weil… Weil was? Moment. Stopp. Das waren nicht meine Gedanken. Ich war kein miserabler Vater – vielleicht nicht Vater des Jahres, aber auch nicht miserabel. Es war nicht besser für meine Kinder, wenn ich jetzt starb. Tam… um Tam konnte ich mir später Gedanken machen. Aber ich musste leben, für meine Kinder, und ich musste hier rauskommen. Irgendwie. Mir kam eine Idee. Silenor hatte mir schon einmal geholfen, einen Ausweg zu finden. Ohne zu zögern griff ich nach der Pillendose. Nahm zwanzig, dreißig Tabletten auf einmal. Spülte sie mit dem Bourbon hinunter.
(Wow, das war ja eine clevere Idee. Immerhin brachte ich mich nicht um, weil ich sterben wollte, sondern weil ich leben wollte. Klingt paradox, aber ein Teil von mir glaubt gar nicht, dass ich sterben kann.)
Es ging ziemlich schnell. Mein Kopf drehte sich, meine Augen wurden schwer. Ich blinzelte in den Raum, sah Fisher ins Nichts starren, Irene mit geballten Fäusten… Ich konnte die Lider nicht offen halten. Musste ich auch nicht. Ich ließ mich fallen. Fiel, und fiel, und schwebte dann über meinem Körper. Sah mich um. Überall Geister. Einige alt, wenige neu. Dan Salinger, der immer wieder den Kopf schüttelte und etwas davon murmelte, er hätte es nur gut gemeint. Sie standen ineinander, konnten sich nicht sehen. Jeder in seiner eigenen kleinen Hölle.
Aber sie hielten alle Abstand von der düsteren Kammer zwischen den Zimmern. Ich bewegte mich darauf zu. Beeil dich besser, Jackson, sagte ich mir. Du hast nicht viel Zeit. Erreichte die Tür. Dahinter lauerte etwas Großes, etwas Finsteres. Ich streckte die Arme aus, um die Krähen von meinen Schultern zu rufen und unserem Feind entgegenzutreten, aber zu spät: Ein Ruck ging durch mich und riss mich zurück. Noch einer. Zwischen den Geistern sah ich Irene und Fisher, die neben meinem Körper knieten. Fisher schlug mir auf die Brust, wieder und wieder. Mit jedem Schlug wurde ich näher und näher gezerrt, bis ich schließlich wieder in den leblosen Körper schlüpfte. Dachte, ich hätte kurz eine alte Frau gesehen, die mich missbilligend anstarrte, aber das war sicher nur ein Geist.
Mit einem tiefen Atemzug kam ich wieder zu mir. Übergab mich sofort. Nicht sehr angenehm mit einem blau geschlagenen Brustkorb.
„Bist du total bescheuert?“, herrschte mich Irene an, nachdem ich damit fertig war.
„Hast du das noch nicht gewusst?“ Haha. Ja, das sollte ein Witz sein. Wie üblich lachte keiner.
„Du hast sie ja wirklich nicht mehr alle. Macht das nicht nochmal!“
Eigentlich wollte ich salutieren und irgendwas Sarkastisches sagen, aber in diesem Moment fing das
Radio an, wieder zu spielen.

You can check out any time you like but you can never leave…

Großartig. Das Ding war wieder ganz. Draußen war der Nachthimmel zu sehen, die Bilder zeigten friedliche Szenen, die Risse im Teppich und in der Tapete waren verschwunden. Die roten LED-Zahlen standen auf 59:59 und zählten den Countdown noch einmal runter.
„Kann mal jemand das Ding erschießen“, fragte ich. Fisher stand auf und zertrampelte das Radio erneut. Seine Pistole hatte immer noch Irene.
Und jetzt? Eine Stunde lang auf die Kammertür einschlagen? Oder auf den richtigen Zeitpunkt warten? Fisher hatte genug. Er grub eine Flasche aus seinem Rucksack – sah nach einer Wodka-Flasche aus, aber er knurrte „Weihwasser“, als er den Inhalt auf die Tür spritzte. Es zischte. Nicht laut, und sie sprang nicht auf, aber es gab eine Reaktion.
Das motivierte Irene. Sie machte sich mit einer Weihwasserspritze und ein paar Dietrichen an der Tür zu schaffen – war nicht ganz einfach, so angespannt, wie sie da saß, aber schließlich bewegte sich der Knauf und sie konnte die Tür aufreißen. Dahinter: Schwärze. Tiefe Schwärze, das Licht des Zimmers drang keinen Millimeter vor. Irene starrte hinein, schwankte einen Moment, als würde sie vornüber stürzen, aber sie fing sich am Rahmen.
Ich hatte ein Ziel und die Waffe schon in der Hand, bevor ich nachdenken konnte. Schoss in die Schwärze, bevor sie wieder anfing, nach mir zu greifen. Das Zimmer zuckte zusammen. Kann ich nicht anders beschreiben – eine Schockwelle ging durch den ganzen Raum, die Klimaanlage sprühte Funken, die Szenerie auf den Bildern änderte sich im Zeitraffer. Fisher nahm seine Flasche mit Weihwasser, warf sie in die Kammer. Die Klimaanlage gab ein schrilles Kreischen von sich, die Temperatur fiel in Bruchteilen von Sekunden um etwa fünfzig Grad, und ein Sturm tobte um uns herum. Beherzt griff Irene in die Finsternis und rammte ihre Spritze gezielt hinein. Der Raum pulsierte weiterhin, aber jetzt nicht mehr regelmäßig, sondern hektisch. Tachykardie, schoss mir durch den Kopf. Kammerflimmern. Wie passend. Raureif überzog alles, einige Gestalten stolperten halb geformt aus dem Familienportrait, und ein eisiger Wasserschwall strömte aus dem Meeresbild.
Ich ging ein paar Schritte vor, spürte plötzlich die Krähen auf meinen Schultern. Es konnte sterben. Gut. Ich schoss noch einmal. Sagte: „Ich habe dich gesehen.“ Oder die Krähen sagten das. Bin mir nicht sicher.
Die Gestalten aus den Bildern fielen haltlos in sich zusammen und verschwanden. Die Wände, die Decke, der Boden schüttelten sich wie bei einem schweren Erdbeben. Oder wie im Todeskrampf. Ich schoss noch ein paar Mal in die Kammer, obwohl die Schwärze sich langsam auflöste. Sicher war sicher.
Fisher ging zur Tür nach draußen. Öffnete sie, kein Problem. Draußen schien die Sonne, heller Tag. Ein paar Leute liefen über den Gang, nicht sonderlich aufgeregt. Hatten die Schüsse wohl nicht gehört.
Zimmer 1408 war verwüstet. Umgestürzte Möbel, zerschmetterte Tassen und Teller aus der Mini-Küche. Irenes Blut im Bad, mein Erbrochenes auf dem Boden waren noch da, aber das Wasser aus dem Bild und das Blut aus dem Mauerwerk nicht. In der Wand der Kammer klaffte ein herzförmiges Loch. „Sollten wir zumauern“, erklärte ich müde. Ich verstand etwas vom Umbringen, nicht vom Zumauern. Fisher fing an, Salz in die Öffnung zu schütten. Gute Idee.
Irene war rausgelaufen, sobald sich die Tür öffnete. Stand auf dem Gang und sammelte sich. Ich fragte sie, ob sie in Ordnung war. Sie winkte ab.
Während ich auf Fisher wartete, schaute ich mein Handy an. Eine neue Nachricht. Tam. Entwarnung. Alles gut. Hätte erleichtert sein sollen, aber ich konnte es nicht fühlen. War noch zu nah am Tod, vielleicht. Oder zu verwirrt.
Wollte raus hier. Ging aber nicht. Hatte ja das Zimmer gemietet, konnte jetzt nicht einfach so abhauen. Runter in die Hotellobby. Erstaunte Gesichter. Musste wohl doch mit dem Manager reden. Irene und Fisher kamen mit.
„Sie waren nur zwanzig Minuten dort oben!“, sagte der Hotelmann aufgeregt. Wollte mehr wissen. Noch mal mit uns nach oben gehen. Ich erzählte eine konfuse Geschichte über die Zerstörung, aber ehrlich, seine war nicht viel besser. Wöchentliche Reinigung, bei der immer einer die Tür aufhalten musste. Zimmer war angeblich dreißig Jahre nicht vermietet worden – ich hätte es ja nur bekommen, weil ich mit dem Gesetz gedroht hatte! Bullshit. Der Typ hätte den Raum zumauern können. Oder behaupten, es würde gerade renoviert. Sagte ich ihm nicht. Hatte keine Lust, mich zu streiten. Er ging mir massiv auf die Nerven, und ich traute ihm nicht. Zu aufgeregt. Zu neugierig. Der Mann hatte Glück, dass es so viele Zeugen gab, die gesehen hatten, wie wir mit ihm reingingen.
Ich stand auf. Erklärte, er solle mir eine Rechnung schicken. „Aber…“ Keine Ahnung, was er noch wollte. Wir gingen. Kaffee trinken, schlug ich vor. Die beiden sahen sich nicht an, kamen aber mit. Wir sprachen kurz über den Manager. Konnte es sein, dass der ein Komplize des Zimmers war? Vielleicht. Wollten wir im Auge behalten.
Danach nippten wir an unseren Tassen. Schwiegen uns an. Irene und Fisher hätten vielleicht gern geredet, oder wären vielleicht gern einfach weggelaufen. Keine Ahnung. „Kompliziert“, hatte Ethan später über die beiden gesagt.
Schließlich gab sich Fisher einen Ruck. Stand auf und ging. Irene folgte ihm. Vielleicht wollte sie ihm nur seine Waffe zurückgeben. Vielleicht wollte sie ihm etwas sagen. Oder etwas von ihm hören. Keine Ahnung. Ich bin sowieso kein großer Menschenkenner, und ich stand gerade noch ein Stück neben mir. Hatte Schwierigkeiten, mich auf die Reihe zu kriegen. (Vielleicht sollte ich über meine „Sterben ist auch nur eine extreme Problemlösungsstrategie“-Philosophie nachdenken. Nur weil es einmal… okay, zweimal funktioniert hat. Dreimal. Oder war das schon viermal? Fuck.)
Als ich rausging, sah ich Irene auf dem Parkplatz neben ihrem Mietwagen stehen. Ging zu ihr rüber. Hatte keine klare Idee, was ich eigentlich von ihr wollte. Hätte ich mir vorher überlegen sollen. Egal. Faselte etwas davon, dass wir nicht mehr reden würden. Dass mir das leid täte. Sie sah mich verständnislos an, oder sie war mit den Gedanken woanders. Was sie jetzt sagen sollte, wollte sie wissen. Gute Frage. Jedenfalls behauptete sie, es täte ihr auch leid. Klang nicht sehr überzeugend. Ich beschloss, sie in Ruhe zu lassen.
Ging ins Hotel. Schlief ein paar Stunden. Rief zu Hause an, aber es ging keiner ans Telefon. Vermutlich mussten die Kids gerade ins Bett. Wollte etwas essen, trinken. Landete in einer Bar. In einer Bar für Erwachsene, wo man hingeht, um Leute für eine Nacht zu treffen. Aß eine Enchilada, bekam den Bourbon nicht herunter. Schob ihn einer Frau rüber. Nachdenklicher Blick, dann meinte sie, ich könnte ihr wenigstens einen neuen bestellen. Tat ich.
Musste kurz weg. Vertrug die Enchilada nicht. Fragte mich, was ich da gerade machte. Warum ich das machte. Das ist doch bescheuert, Jackson. Du brauchst einen Tritt in den Arsch.
Schrieb Ethan eine SMS, „tritt mich mal“. Ging raus, rauchen. Wusste nicht, ob ich zurückgehen sollte oder nicht. Hatte Glück. Ethan rief an. „Besuchen“, erklärte er. „Okay“, sagte ich.
Mitten in der Nacht von Toronto nach Burlington? Mietwagen, natürlich. Trank einen oder zwei Liter Kaffee, besorgte mir ein Auto und fuhr los. Nicht allzu schnell, ab und zu eine Pause, aber gegen Morgen war ich in Vermont. Traf Ethan, als er gerade zur Arbeit wollte. Schlief erst noch mal eine Weile.
Dann redeten wir. Tranken Bier, und danach wusste ich mehr über Fishers Problem, und vermutlich – so im Nachhinein – auch über Irenes.
Fand langsam wieder zu mir selbst zurück. Hatte gerade beschlossen, dass ich Tam wirklich gern wiedersehen und ihr romantischen Kram erzählen würde, als sie anrief. Notfall. Sie musste sofort los, irgendwer war in Todesgefahr. Konnte ich schnell nach Hause kommen? Brian und Mandy würden sich morgen früh um die Kids kümmern, aber…
Ich schluckte kurz. Verzog das Gesicht. Atmete durch. Keine Sorge, sagte ich ihr. Ich würde den nächsten Flug nach Hause nehmen. Wünschte ihr gute Jagd. Sie sollte Rückendeckung mitnehmen. Tam klang unsagbar erleichtert. Meinte, sie würde so schnell wie möglich heimkommen.

„Okay“, sagte ich ruhig und verbannte das Misstrauen, die Eifersucht und den ganzen Klumpen aus Angst und Sorge aus meinem Geist. Konnte froh sein, dass ich sie gefunden hatte. Wieder gefunden hatte. „Pass auf dich auf.“

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Marganma

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