Mädchenkram - Supernatural

Hospital Horror

Als Irene anruft, befürchtet Ethan schon irgendeine Katastrophe. Denn eigentlich wollten sie sich ja am Nachmittag wie immer auf dem Red Hill treffen; immerhin steht der Schrein kurz vor seiner Fertigstellung.

Glücklicherweise ist es keine Katastrophe. Nur die Information, dass Ethan nicht nach Hectorville kommen muss, weil die Hausherrin selbst nicht da sein wird – und ob er vielleicht Lust hat, sie zu begleiten.
Oh Mann. Irene und ihre kurzfristigen Einsätze. Wenigstens gibt sie ihm diesmal ein klein bisschen mehr Vorwarnung als von abends um elf bis morgens um acht.

Es geht um einen von Irenes Bekannten, der Hilfe brauchen kann. Irgendwelche Fälle von verschwundenen Obdachlosen bei Seattle. Heh. Ist ja nicht so, als wäre Ethan gerade im Nordwesten gewesen.
Jedenfalls hat Irenes Bekannter anscheinend etwas von einer ‘schlagkräftigen Truppe’ gesagt. Ob drei dann reichen? Als Ethan die Frage vorsichtig in den Raum stellt, stimmt seine britische Freundin ihm umgehend zu. Noch jemand wäre sicher gut. Ob Ethan jemanden kenne?

Ethan kennt tatsächlich jemanden. Jemanden, dem er ohne Zögern sein Leben anvertrauen würde. Schon ohne Zögern sein Leben anvertraut hat. Sogar mehr als einen Jemand, wenn er so darüber nachdenkt, wird ihm dann zu seinem eigenen Erstaunen klar. Aber Sam ist gerade mit ihrem Bus unterwegs zum Red Hill und auf die Schnelle vermutlich nicht zu einem Flugzeug zu bekommen.

Barry, logisch. Aber Barry kann er ja wohl schlecht erwähnen gerade. Ethan verzieht das Gesicht.
Cal fällt ihm noch ein. Aber zu Cal hat Irene den besseren Draht – wenn sie den hätte mitnehmen wollen oder können, hätte sie den schon angesprochen, vermutet Ethan. Hm. Irgendwen empfehlen, den er nicht so gut kennt? Mhhhm. Ungern. Er kann es drehen und wenden, wie er will, er kommt immer wieder auf Barry zurück. Wäre eigentlich gar keine Frage, wenn nicht. Grrrr.

Irene braucht nicht lange, bis sie darauf kommt, um welchen Namen er herumgrummelt. „Boaaah, Ethan, ich weiß genau, wen du meinst!“ Sie murmelt etwas Unverständliches in den Hörer. „Na okay“, seufzt die Britin dann, „frag ihn doch erstmal, ob er überhaupt Zeit hat und ob er überhaupt mitkommen will. Ein kompetenter Jäger ist er ja.“

Barry meldet sich nicht mit Namen, als Ethan bei ihm anruft. Hebt einfach wortlos ab, wartet, dass Ethan etwas sagt. Das kennt der ja nun schon. Trotzdem fühlt es sich immer noch etwas seltsam an, so ins Dunkel des Telefons zu sprechen. „Barry?“
Kurze Pause. „Ethan.“
„Hey. Wie g… Alles klar?“
Pause. „Mmhm.“
Okay. Das hört sich jetzt nicht so an, als ginge es Barry sonderlich gut. Es hört sich aber auch nicht so an, als würde sein Freund zu dem Thema in irgendeiner Form ins Detail gehen wollen. Na gut. Dann zum Geschäft.
„Frage.“

Er gibt erst einmal die Eckdaten des Auftrags weiter, zögernd und mit noch mehr Pausen als üblich, weil er nur allzu genau weiß, was am Ende kommen muss. Kommen wird.
Und dann ist sonst alles gesagt, führt kein Weg mehr daran vorbei.
„Nur: Problem.“
„Hmm?“
„Irene.“
Schweigen. Einige Atemzüge lang. Ethan könnte sich treten. Es ist ihm ziemlich unangenehm, den Vorschlag überhaupt zu machen.
„Sorry. Musst nicht. Würd nicht… Will dich nicht zu einer Begegnung mit Irene zwingen.“
„Hm“, macht Barry schließlich. Ethan kann seinem Tonfall nichts, rein gar nichts, entnehmen. Pause. „Naja. Früher oder später muss ich Irene ja wiedertreffen.“
„Okay“, erwidert Ethan, einigermaßen erleichtert. „Zeit? Kannst“, er zögert einen Moment, „weg?“
Wieder so eine undefinierbare Pause durch den Hörer. „Bin eh grad in Seattle.“
„Okay.“ Irgendwie hat Ethan das Bedürfnis, die Stimmung ein klein wenig aufzulockern. „Tret dich auch.“
Schweigen. Na das hat ja ganz spitzenmäßig geklappt. Drecksmist.

Sie treffen Barry am Flughafen. Der sieht echt angespannt aus, erwidert Ethans erfreutes Begrüßungslächeln nur ganz minimal und gibt sich generell ziemlich kühl. Puh. Vielleicht war es doch ein Fehler, ihn in Irenes Nähe zu bringen. Die Britin ist nämlich auch gerade alles andere als ungezwungen.

Am Hotel treffen sie auf Irenes Kontakt, von dem Ethan überrascht feststellt, dass er ihn kennt. Es ist Niels Heckler, der junge Deutsche aus Meredith. Felicitys Cousin. Den scheint entweder Ethans oder Barrys Anwesenheit ziemlich aus dem Konzept zu bringen, denn auf Ethans „kennen uns“ bei Irenes Vorstellung nickt er nur ziemlich nervös und murmelt ebenfalls was von „wir sind uns schon begegnet”. Dann versucht er, Barry die Hand zu schütteln, womit er bei dem Älteren allerdings auf Granit beißt.

Die preiswerten Hotelzimmer hat nicht Irene gebucht, sondern Niels, dem die Britin von Burlington aus noch eine SMS geschickt hatte. Barry braucht seines aber gar nicht, der war ja schon in der Stadt und hat entsprechend schon eine Unterk–- oh. Das hätte er vielleicht erwähnen sollen, fällt Ethan jetzt verspätet ein. Also wartet der Schriftsteller mit Niels in der Lobby, während Irene und Ethan ihre Sachen auf die Zimmer bringen.

Als sie zu ihren Begleitern zurückkehren, sitzen die schweigend da. Aber irgendwie kommt es Ethan nicht so vor, als sei das ein einträchtiges, angenehmes Schweigen, und mit den unterschiedlichen Stimmungen von Nichtreden kennt er sich ja nun einigermaßen aus. Kann er den beiden aber nicht verdenken; ihm selbst ist ja auch gerade ziemlich unwohl zumute.

Bei der sachlichen Besprechung der Lage löst sich die allgemeine Anspannung ein bisschen. Niels, der Auftraggeber, erzählt noch einmal, um was es eigentlich geht. Er habe einen Brief von seinem Bruder bekommen, der ihn auf die Sache in May Creek aufmerksam gemacht habe. Es seien mehrere Obdachlose verschwunden, aber Werwölfe seien wohl nicht verantwortlich. Bei der Erwähnung eines Bruders wandert Ethans Augenbraue nach oben. Immerhin hat Niels in Meredith noch zu ihm gesagt, er habe niemanden mehr außer seiner Schwester und Felicity. Aber gut. Geht ihn nichts an, ob der Junge sonst noch Familie hat und was da die Hintergründe sind.

Stattdessen fragt Ethan nach Ausrüstung. Er selbst konnte von seinen Sachen kaum etwas mitbringen, oder zumindest nicht die Waffen. Und – da wieder mal nur Handgepäck – das Weihwasser auch nicht. Barry hat auch nicht so viel dabei, sagt er, aber sie sollten doch erst einmal mit Niels’ Kontaktmann – Bob Meyers heißt der wohl laut dem Brief, den der Deutsche bekommen hat – sprechen, um zu hören, was sie eigentlich überhaupt brauchen.

Er habe seine Waffe, erklärt Niels. Was für eine Waffe, will Barry wissen, worauf der junge Jäger mit „Luger P08“ antwortet. Klar. Die alte Pistole hat Ethan ja auch in Meredith schon bei ihm gesehen. Vermutlich hat er die auf dem Flug einfach eingecheckt. Sollte Ethan vielleicht mit seinen Gewehren das nächste Mal auch machen, wenn er fliegen muss. Aber er ist auf Flügen einfach soviel lieber nur mit Handgepäck unterwegs, wenn es irgendwie geht.

Ethan hat allerdings keine Ahnung, was Niels alles für Munition für seine Waffe hat. In Meredith hat er irgendwas von Salz erwähnt, wenn Ethan sich richtig erinnert.
„Silberkugeln?“ fragt er daher. „Nein“, erwidert Niels. „Weihwassergeschosse?“ Wieder verneint der Student.
Ausrüstung“, befindet Ethan.

Der Deutsche ruft kurz bei diesem Meyers an, erfährt aber nicht viel Neues. Gut, sowas sollte man ja auch nicht am Telefon besprechen. Der Junge zieht nur mit einem Mal ein sehr überraschtes Gesicht und wiederholt offensichtlich etwas in den Hörer, das sein Gesprächspartner gerade von sich gegeben haben muss: „Sie haben mit ihm telefoniert?“

Da sie zwei Autos haben, teilen sie sich auf. Barry wirft Ethan die Schlüssel seines Mietwagens zu, während Irene bei Niels einsteigt. Ethan schnaubt leicht. Das Auto kennt er doch. Das ist Felicitys. Oder war es zumindest mal, so selbstverständlich, wie der Junge mit dem Gefährt umgeht.

’Bob’s Garage’, wie in verblassten Lettern über dem Eingang zu der kleinen Werkstatt zu lesen ist, wirkt ziemlich heruntergekommen. Der Eigentümer und Namensgeber kommt auf einem Rollbrett unter einem alten – wirklich alten, kein Vergleich zu Ethans Nissan, der ja auch schon so an die 20 Jahre auf dem Buckel hat; das Ding ist ein Ford aus den 1970ern, wenn Ethan sich nicht täuscht – Pickup hervorgefahren, rappelt sich auf und schüttelt Niels die Hand. Die Ölspuren hat er vorher nicht beseitigt – das tut der Deutsche jetzt eilig selbst.
Ohne mit der Wimper zu zucken, streckt Irene ihm die Hand hin, macht damit deutlich, dass sie überhaupt kein Problem damit hat, jetzt auch ölverschmierte Finger zu bekommen – aber da wäscht der Mann sich dann doch eilfertig die Hände, ehe er der Britin die Hand schüttelt. Ethan beobachtet die kleine Szene mit leiser Belustigung, und ein Seitenblick verrät ihm, dass Barry ähnlich amüsiert ist wie er selbst.

Mit seinem italienischen Akzent erklärt Meyers, er habe schon von Irene gehört. Moment. ‘Bob Meyers’? Italienischer Akzent? Das Aussehen des Mannes – rundes Gesicht, eisengrauer Schnurrbart und Haare, nicht sonderlich groß – könnte jedenfalls zu beidem passen.
Er begrüßt Barry, der ihm einen abschätzenden Blick zuwirft und sich dann als „Jackson“ vorstellt. Zuletzt kommt der Typ dann zu Ethan hinüber und hält ihm die Hand hin. Beim knappen Händedruck nennt Ethan seinen Vornamen, was ihm ein „Bob“ von dem Werkstattbesitzer einbringt.

Die Werkstatt mag heruntergekommen sein, das Werkzeug, das darin zum Einsatz kommt, ist es nicht. Das ist richtig gute Markenqualität. Und in der Ecke der kleinen Werkshalle steht ein alter, sehr gut gepflegter roter Chevy Impala mit Fellbezügen über den Sitzen. Ethan sieht genauer hin. Keine normalen Fellbezüge. Das könnte direkt Werwolfsfell sein oder sowas. Oho.

Neben einem Impala mit unbestimmbaren Sitzbezügen hat der Mann aber auch eine richtig gute Kaffeemaschine. Echt italienisch, scheint es. Ehe Bob das Monstrum anwirft, fragt er, ob irgendjemand keinen Kaffee möchte. Niemand meldet sich.

Mit den Tassen in der Hand reden sie dann. Oder besser, redet erst einmal nur Bob Meyers. Benedikt Heckler, Niels’ Bruder, habe ihn da auf etwas gestoßen. Und dann habe er gestern mit Freaky Earl gesprochen. Der habe irgendwas von Steve erzählt, der irgendwas von Lucy gesagt habe, dann aber schnell weggewollt. Sei arg nervös gewesen. Vielleicht Drogen? Aber sie sollen doch mal mit Nanook —

Ethan hat schon vor etwa drei Sätzen die Hand gehoben, um ihn in seinem Redefluss zu stoppen. Jetzt merkt es der Italiener, unterbricht sich und sieht Ethan fragend an. „Was gibt es?“
“Freaky Earl?“
„Ja“, erklärt Bob. „Der heißt Earl. Und ist verrückt.“ Ethan rollt mit den Augen. Duh. Soweit war er auch schon. Er macht eine kleine, vielleicht einen Hauch ungeduldige, auffordernde Handbewegung.
Ein hier ansässiger Obdachloser, führt Bob jetzt endlich aus. Danke. Hätte Ethan sich ja nun eigentlich auch denken können, aber hey.
Diese Leute wollten aber nichts mit Schnüfflern zu tun haben, fährt der Garagenbesitzer fort. Die seien für die fast so schlimm wie die Polizei. Deswegen sollten sie lieber mit Nanook reden, Der sei ein Eskimo und –
“Inuit”, wird er von Barry unterbrochen.
“Von mir aus”, macht Bob. “So einer wie du halt.”
Der Spruch lässt Ethan wieder mit den Augen rollen, und auch Barry zieht ein finsteres Gesicht, äußert sich aber nicht weiter dazu. Fragt statt dessen, wieviele Leute denn nun eigentlich verschwunden sind. Bekommt aber keine richtige Antwort. Vielleicht wäre wer verschwunden. Vielleicht auch nicht. Nanook könne da sicher mehr sagen. Er selbst, Bob, wisse ja nur von Benedikt Hecklers Anruf, dass –

Diesmal ist es Niels, der den Mechaniker unterbricht. „Moment, der hat Sie angerufen? Mit einem Telefon? Will der etwa hier auftauchen???“
Von auftauchen habe er nichts erwähnt, meint Bob, aber der junge Deutsche vergewissert sich extra noch ein weiteres Mal, ob Benedikt auch wirklich nichts davon gesagt habe, selbst herkommen zu wollen. Und so nervös, wie er sich umsieht, rechnet der Kleine tatsächlich fast damit, dass sein Bruder jede Sekunde aus dem Hinterzimmer hüpfen könnte. Okay. Keine gute Beziehung. Als wenn Ethan das nicht schon geahnt hätte. Aber geht ihn nichts an.

Nanook habe jedenfalls erzählt, er habe mit Steve gesprochen, und der habe mit Lucy gesprochen, aber die sei weg. Vielleicht irgendwas mit Drogen.
Wo dieser Nanook denn zu finden sei, will Barry wissen. Der hänge gern vor dem örtlichen Starbucks herum, teilt Bob ihnen mit, ehe er sich mit seinem ganzen italienischen Charme daran macht, Irene anzuflirten. Die allerdings bleibt kühl und lässt den Mechaniker gnadenlos abblitzen, und auch Niels stellt sich dazwischen, um den Typen abzulenken. Fragt nach Ausrüstung, wird von Bob aber auf später vertröstet. „Sprecht doch erstmal mit Nanook.”

Der will ja sehr dringend, dass sie mit dem Inuit reden. Zu dringend? Ein leises Misstrauen meldet sich in Ethans Hinterkopf, aber als der deutsche Student draußen Irene darüber informiert, dass ihm etwas aufgefallen ist, geht es nicht um Bobs Vertrauenswürdigkeit.

„Der steht wohl auf Sie, Ma’am”, lässt Niels die Britin wissen. „Oder auf Ihren Namen.”
Irene nickt wenig überrascht. „Das mit dem Namen kommt schon mal vor.”
„Also mich hat noch nie jemand wegen meines Namens angebaggert”, konstatiert Niels, was Irene zu dem trockenen Kommentar veranlasst: „Vielleicht sind Sie auch einfach nur in den falschen Kreisen unterwegs, Mr Heckler.”
“In Jägerkreisen bewege ich mich nicht so viel”, schießt der Junge zurück, aber die Engländerin schüttelt den Kopf. „Ich wollte sagen, Sie erwarten wohl, von den falschen Leuten angegraben zu werden”, stellt sie klar.
Was auch immer sie damit meint. Aber Ethan hat ohnehin nur mit halbem Ohr zugehört. Er ist noch bei Bobs seltsam ausweichendem Verhalten.

Vor dem Starbucks des kleinen Ortes hockt eine Gestalt, die ziemlich sicher dieser Nanook sein muss. Inuit. Schulterlange, von grauen Fäden durchzogene Haare und ein schütterer Bart. Billige, abgetragene Klamotten, heruntergetretene Schuhe. Hält eine alte, graue Baseballkappe mit undefinierbarem Aufdruck umgedreht vor sich, den Blick nach unten gerichtet. Niels kehrt kurz zu dem 7-Eleven zurück, an dem sie ein Stück weiter hinten vorbeigekommen sind, aber als er mit zwei Flaschen Bier in der Hand wiederkommt und damit zu dem Inuit weitergehen will, hält Barry ihn auf. „Warte mal”, sagt er leise. „Du weißt nicht, ob das wirklich ein Säufer ist.”

Niels macht ein undefinierbares Gesicht, aber er bleibt hinter Ethan, als der bis zum Starbucks weitergeht, auf den Mann zutritt und ihm einen 5$-Schein in die Mütze legt. Bei der Bewegung vor sich sieht Nanook auf. Fixiert Ethan mit einem wachen, eindringlichen Blick, der Ethan durch und durch geht. Kein Säufer, definitiv. Es kommt ihm vor, als wolle der Obdachlose auf den Grund seines Herzens schauen. Ruhig erwidert er den Blick der dunklen Augen. Schau nur. Keine Geheimnisse hier. Einmal angeschlagener Jäger, bei dem vielleicht nur ein klein bisschen was hätte anders laufen müssen, damit er heute in ganz ähnlicher Lage wäre. Von tot mal ganz zu schweigen. Ich würde gern wissen, welche Umstände es bei dir waren, dass du heute hier sitzt, Kamerad.

Während die beiden Männer einander noch mustern, ergreift Niels das Wort. “Bob schickt uns.”
Nanooks Blick schweift für einen kurzen Moment zu dem Deutschen, ohne zu antworten, ehe er sich wieder auf Ethan konzentriert. Sie ihren stummen Dialog noch einen Moment lang fortsetzen. “Gehört, Leute verschwunden”, erklärt Ethan schließlich. Nanook sagt nichts dazu, aber er sieht für einen Moment auf die andere Straßenseite. Zu einer Gasse, aus der ein paar Füße herausschauen. Also Füße an Beinen, unter einer Lage Zeitung oder was auch immer das ist. Ethan nickt dem Inuit dankend zu und geht dann, gefolgt von den anderen, über die Straße.

Unter der Zeitung schläft laut schnarchend ein junger Typ mit Tattoos und Piercings und geweiteten Ohrlöchern. Die Dekoration sieht sogar relativ teuer aus, als wäre der Junge aus gar keinen so schlechten Verhältnissen gekommen, ehe er in die Obdachlosigkeit abrutschte. Von der Aufmachung her wirkt der Kerl beinahe ein bisschen wie Niels, nur viel heruntergekommener. Und süchtig. Mindestens mal nach Alkohol, denn den riecht man drei Meilen gegen den Wind. Vermutlich aber auch nach mehr, so eingefallen, wie sein Gesicht ist und wie unfokussiert er dreinschaut und redet, als sie ihn vorsichtig aufwecken.

Niels, im selben Alter und mit seinen eigenen zahlreichen Tätowierungen der logische Ansprechpartner, übernimmt das Reden. Der Obdachlose ist tatsächlich der von Meyers erwähnte Steve, und er ist ziemlich durch den Wind. Was sie denn wollten, fragt er groggy. Wissen, was mit Lucy passiert sei, erwidert der Deutsche. Die Erwähnung des Namens ruft bei Steve eine sichtbare Reaktion hervor. Woher sie das wüssten?
Niels antwortet nicht, oder zumindest kommt es Ethan so vor, als wisse er nicht so recht, was er darauf sagen solle, also schaltet er selbst sich kurz ein. “Bob.”

Niels zieht den jungen Mann hoch und bietet ihm dann ein Bier an. Steve freut sich riesig darüber, trinkt in langen, durstigen Zügen. Und zwar nicht nur, weil ihm der Alkohol gefehlt hat. Dem fehlt eindeutig einfach die Flüssigkeit. Ethan wendet sich ab und geht in den Starbucks, im exakt selben Moment, wie auch Barry die exakt selbe Idee hat. Aber während Ethan selbst eine Flasche Wasser ersteht, lässt Barry sich eine Schachtel Donuts füllen.

Als Ethan mit seinem Kauf aus dem Café kommt, steht Barry, der an der Kasse vor ihm dran war, bei Nanook. Der Mann mit der Baseballkappe hat einen von Barrys Donuts in der Hand und nickt dem Schritsteller eben mit einem ‘Mmmmhm’ sachte zu.

Gemeinsam gehen sie zu den anderen zurück. Denen hat Steve indessen von Lucy erzählt. Seine Freundin, vor vier Tagen verschwunden. Da hätten sie sich am alten Schrottplatz treffen wollen, aber Lucy sei nie aufgetaucht. Selbst habe er nicht bei ihr anrufen können, weil kein Guthaben mehr auf seinem Handy sei, sagt er gerade. Niels holt sein eigenes Telefon heraus und ruft die Nummer an, die der junge Obdachlose ihm nennt, aber er bekommt nur das Klingeln, keine Antwort. Dass Lucy abgehauen sein könnte, glaube er nicht, sagt Steve dann.

Ethan gibt ihm die Flasche. Erst leuchten Steves Augen auf, aber als er erkennt, dass es kein Bier ist, ist er sichtlich enttäuscht. Einen Schluck trinkt er trotzdem, wenn auch eher widerwillig. Barrys Donuts hingegen schnappt der junge Süchtige sich begeistert, steckt sich gleich einen ganzen Kuchenkringel in den Mund und würde am liebsten sofort einen zweiten hinterherstopfen, wie es scheint.

Nächste logische Station: der Schrottplatz. Steve will ihnen zeigen, wo sie hin müssen, aber der Junge ist entschieden unsicher auf den Beinen. Barry bemerkt dann auch noch, dass seine Schnürsenkel offen sind, und hält ihn auf, damit er sich erstmal die Schuhe bindet. Die Aktion Schuhe sichern verläuft etwas umständlich – Steve muss sich bei Barry abstützen, weil er sonst umgefallen wäre. Die Schachtel mit den Donuts, die der Schriftsteller ihm gegeben hat, lässt er bei seinen Bemühungen nicht los; die Flasche Wasser hingegen stellt er neben sich ab. Und lässt sie, als die Schuhe endlich gebunden sind und die kleine Gruppe ihren Weg fortsetzt, prompt stehen. Ethan unterdrückt eine Grimasse. Super. Ganz spitzenmäßig. Hätte er das Wasser mal besser Nanook angeboten.

Auf den ersten Blick wirkt der Schrottplatz völlig verlassen. Die Verkäuferhütte scheint leer. Niels versucht noch einmal Lucys Nummer, aber auch wenn aus dem Telefon wieder ein Klingelton kommt, ist auf dem Gelände selbst nichts zu hören. Okay. Könnte natürlich auch auf lautlos stehen, aber sie haben keine Möglichkeit, das zu überprüfen. Ethan späht durch das schmutzige Fenster des Schuppens, kann aber nichts erkennen.

Niels hingegen hat etwas bemerkt. Geht auf ein paar verlassene Autos zu, die etwas weiter hinten auf dem Platz stehen. Klopft laut gegen eines der Fahrzeugwracks. Es folgt Scheppern, Geklapper, dann eine panische Stimme, auch aus der Entfernung einigermaßen zu verstehen: „Wer bist du denn, wer bist du denn, was willst du von mir?“

Weitere Panik folgt, als die anderen sich ebenfalls vorsichtig nähern. „So viele von euch! Was wollt ihr, habt ihr Waffen, lasst mich in Ruhe!“ Niels gelingt es, den Typen – zerrissene Kleidung, wirrer hellbrauner Rauschebart, unsteter Blick: Freaky Earl – einigermaßen zu beruhigen, oder zumindest soweit, dass er nicht sofort wegrennt, dann können sie ihn nach Lucy fragen. Er habe nicht gesehen, dass irgendwer Lucy in einen weißen Lieferwagen gezerrt habe, nein! „Was für ein weißer Lieferwagen war das?“, will Niels wissen und erfährt, dass der früher mal Zeitungen ausgeliefert habe, Earl habe den schon öfter gesehen. Der habe schon öfters Leute geholt und sei jetzt auch hinter Earl her, deswegen habe der sich hier versteckt. Das sei hier gewesen, dass der Typ Lucy geschnappt habe. Nur einer, aber der sei stark gewesen. Lucy habe sich erst gewehrt, aber dann habe der Typ sie geschlagen, da war sie ruhig, und da habe Earl in seinem Versteck dann auch gar keinen Mucks mehr von sich gegeben. Beschreiben kann er den Mann nicht. Der habe einen Hoodie getragen und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Lange sei das nicht her. Keine Woche. Auf dem Transporter habe seitlich etwas gestanden, erzählt Earl dann. Blaue Buchstaben und ein Logo von einem Flügel. Daran habe er den Van auch wiedererkannt.

Weißer Lieferwagen mit blauer Schrift und einem Flügel als Logo? Das klingt schwer nach diesem Kurierdienst. Hermes. Aber als Niels seinen Zeichenblock aus der Tasche holt, auf eine leere Seite blättert und den Obdachlosen das Bild aufmalen lässt, das er gesehen hat, kommt ein viel ausladenderer Engelsflügel dabei heraus als das stilisierte Hermes-Logo.
Barry erkennt das Motiv. Es gehöre zu einem Wohltätigkeitsverein namens ‘Charity One’, mit dem sein Vater vor Jahren zu tun gehabt habe. Als Niels kurzerhand die beiden Wörter neben den von Earl gezeichneten Flügel schreibt, erkennt der die Kombination tatsächlich als die Aufschrift des Lieferwagens.

Ethan befragt das Internet und stellt fest, dass die Organisation seit ca. 15 Jahren nicht mehr existiert. Während er mit Suchen beschäftigt war, hat Irene mit ihrem Kontaktmann vor Ort telefoniert. Als sie den weißen Transporter erwähnte, sei Bob eingefallen, dass er kürzlich einen von diesen alten ‘Charity One’-Vans gesehen habe: vor dem Linda Vista Hospital, einem alten, auf seinen Abbruch wartenden Krankenhaus. Das sei seit Jahren geschlossen. Bestimmt über zehn.

Ach. Vielleicht ganz zufällig etwa genauso lange wie auch die Wohltätigkeitsorganisation? Ethan bemüht die noch geöffnete Suchmaschine erneut und findet heraus: Ja. Nicht auf den Tag genau, aber schon so ungefähr. Ach nein. Überraschung.

Ein gepresster Atemzug neben ihm lässt Ethan von seinem Telefon aufsehen. Barry ist unter seiner Bräune fahl geworden, ringt nach Luft. Nicht so schlimm wie auf dem Flug letztens, aber definitiv eine Panikattacke, aus der er sich mit sichtlicher Anstrengung gerade wieder selbst herauszieht.

Im Flugzeug hat sein Freund etwas von einer eisernen Lunge erzählt, an der er mit seinem eingeschlagenen Kehlkopf hing. Vielleicht ist das der Grund für Barrys unverkennbare Phobie vor Krankenhäusern. Vielleicht auch nicht. Aber was es nun sein mag, er hat sie. Drecksmist. Armer Kerl.
„Geht das?“ fragt Ethan leise. „Krankenhaus?“
Barry nickt. „Geht schon.“
Ethan nickt ebenfalls. „’Kay.“ Bin da, Kumpel. Papiertüte hab ich zwar diesmal keine zur Hand, aber bin da.

Jetzt bedenkt Irene den Detektiv mit einem strengen Blick. „Du könntest draußen Wache halten, das wäre auch nützlich.“
Barry schüttelt den Kopf und sagt, er komme mit hinein. Das allerdings lässt Irenes Blick, ebenso wie ihre Stimme, noch schärfer werden. Richtiggehend kalt. „Wir sind alle füreinander verantwortlich. Wenn du da drin nicht funktionierst, nutzt du niemandem was. Dann bleib besser draußen.“
Darüber denkt Barry ein paar Herzschläge lang nach, erklärt dann aber, es werde gehen. Es müsse ja.
Die Engländerin mustert ihn noch einmal skeptisch aus verengten Augen, antwortet aber „Okay.“ Sonst nichts.
Ethan wirft seiner britischen Freundin einen stummen Blick zu, aber sie zuckt nur mit der Schulter. ‘Ich hab’ nur ausgesprochen, wie es ist’, sagt dieses Schulterzucken. ‘Wenn er uns da drin zusammenklappt, nutzt er uns nicht nur nichts, sondern er ist ein echtes Risiko.’ ‘Ich weiß. Ich kann es ja sogar nachvollziehen. Aber gefallen muss es mir nicht, oder?’, nickt Ethan mit unglücklicher Miene zurück.

Ehe sie aber zu diesem Krankenhaus fahren, brauchen sie dringend Ausrüstung. Von Bob, der sich als ziemlich großzügig herausstellt, bekommen sie alles Nötige. Einen gut ausgestatteten Werkzeugkasten, weil das Krankenhaus ja verlassen und abgesperrt ist. Den nimmt Ethan umgehend und kommentarlos an sich. Und eine Waffe. Über eine in der Wand versteckte Geheimtür folgt Ethan dem Garagenbesitzer wachsam und auf der Hut vor Hintergedanken seitens Bob in ein gesichertes Hinterzimmer. Zahlreiche Schutzzeichen sind hier zu sehen, auch ein paar Trophäen. Zähne zum Beispiel, die von einem Wendigo stammen könnten, wenn Ethan sich überlegt, dass sie sich hier im Pacific Northwest befinden.
Dankenswerterweise hat der Italiener keine Hintergedanken. Stattdessen bietet er Ethan die Auswahl aus unterschiedlichsten Schusswaffen, und Ethan greift sich ein Gewehr, dazu normale und Steinsalzmunition. Auch ein paar Silberkugeln bekommt er, das sei besser, befindet Bob, auch wenn es sich sicher nicht um Werwölfe handele. Das hätten die Jungs— äh, die Wolfsbrut, sonst schon gesagt. Ethan wirft dem anderen Jäger einen Blick zu, der den Älteren wissen lässt, dass ihm der Versprecher nicht entgangen ist, ohne etwas dazu zu sagen. Aber wenn Meyers mit den örtlichen Werwölfen befreundet ist, dann waren die Felle in seinem Chevy vorne wohl eher doch nicht von einem Werwolf, sondern vielleicht doch eher von demselben Wendigo, von dem die Zähne stammen. Die Silberkugeln hätte Bob übrigens gerne zurück, ergänzt er dann noch, das Zeug sei teuer. Ethan nickt ihm zu. Er hatte jetzt nicht vor, den anderen Jäger um seine Munition zu erleichtern.

Zurück bei den anderen wünscht der Mechaniker ihnen Glück. “Lasst euch nicht erwischen.”
“Sollten wir noch irgendwas wissen?” fragt Barry.
Bob zuckt die Schultern. Er selbst sei noch nie in dem Krankenhaus gewesen, das sei seit 15 Jahren geschlossen, und so lange wohne er noch nicht hier. Er kenne nur die üblichen Schauergeschichten.

Bei dem Wort ‘Schauergeschichten’ wirft Ethan ihm einen ungläubigen Blick zu. Schauergeschichten? Hallo? Der Mann redet mit Jägern!
Bob scheint seinen Blick richtig zu deuten, denn er geht noch ein bisschen ins Detail. Alles nur Gerüchte, wohlgemerkt, nichts Genaues. Über seltsame Todesfälle. Ein irrer Pfleger. Ein mörderischer Hausmeister, ein psychotischer Arzt; die Ermordeten im Keller verbrannt. Der offizielle Schließungsgrund sei der Konkurs des Krankenhauses gewesen, und jetzt gebe es keine andere wirtschaftlich rentable Nutzungsmöglichkeit mehr, außer das Gebäude verfallen zu lassen und irgendwann abzureißen. Bis dahin: immer wieder irgendwelche Jugendliche, die das alte Krankenhaus für Mutproben nutzen. Bei dieser Information geht ein Blick zwischen Barry, Irene und Ethan hin und her. Jugendliche und Mutproben. War ja so klar.

“Aber keine Satanssekte?” Das ist Barry. Sein Tonfall klingt trocken: irgendwo zwischen sarkastisch und völlig ernsthaft. Eher völlig ernsthaft, wenn Ethan sich das so überlegt. Aber nein, nichts von einer Satanssekte, versichert Bob.

Während Irene überprüft, ob es im Internet irgendwelche offiziellen Berichte über die von Bob erwähnten Gerüchte und Schauergeschichten gibt (keinen einzigen, was für sich genommen auch schon interessant ist), und Ethan nach irgendwelchen Verbindungen zwischen dem Krankenhaus und der Wohlfahrtsorganisation sucht (ein Pfleger, der im Krankenhaus arbeitete, dann zu Charity One wechselte, bis der Verein aufgelöst wurde), geht Barry vor die Tür. Als sie ihn draußen treffen, tritt der Schriftsteller gerade eine Zigarette aus und wirkt kühl und gelassen.

Niels hingegen macht einen ziemlich nervösen Eindruck. Ob sie Taschenlampen hätten, will er wissen, er habe nämlich keine. Ethan deutet an seinen Gürtel, aber Barry reicht mit der Bemerkung, er könne sowieso nicht viel damit anfangen, eine große Maglite an den Deutschen weiter.

Vor, oder besser neben, dem verlassenen Krankenhaus steht tatsächlich der weiße Lieferwagen mit dem blauen Flügellogo. Ethan späht durch die Rückfenster, aber durch die Scheiben ist nichts zu erkennen. Er versucht sich am Schloss, aber das blöde Ding widersetzt sich, also muss doch Gewalt herhalten, Lärm oder nicht. Die Gewalt hilft nur nichts, denn in dem Van findet sich zwar jede Menge Schmutz und Müll, aber kein echter Hinweis. Drecksmist.

Irene hat indessen die Fenster untersucht. Die Haupteingangstür war ja ohnehin zugenagelt, aber auch die Fenster sind allesamt mit Graffiti bemalt, mit Brettern verschlagen und blind von Staub und Dreck.
Aber Niels findet ihnen einen Eingang: Unter einem Busch, einige Meter vom Gebäude entfernt, ist eine Klappe versteckt, unter der ein Gang in den Keller des Hospitals führt.
Ethan klopft ihm auf die Schulter und hebt den Daumen, und die Anerkennung scheint den Jüngeren echt zu freuen. Nur Irene verzieht das Gesicht. “Oh. Hm. Hallo auch, Klaustrophobie.” “Nur, wenn es dunkel ist”, murmelt Niels und schaltet Barrys Taschenlampe ein.

“Da ist irgendwas”, warnt Barry. “Eine Stimme. Gefahr.” “Das geht ja gut los”, brummt Irene.
Zum Glück für die Platzangst der Engländerin ist der Gang nur kurz, dann stehen sie im Keller. Die drei anderen Jäger haben ihre Pistolen in der Hand, Niels und Irene dazu jeweils eine Taschenlampe. Ethan befestigt seine Lampe mit Panzerband an seinem Gewehr, damit er gleichzeitig leuchten und zielen kann. Dann wird ihm bewusst, dass er hier drinnen schon die ganze Zeit ein Brummen hört. Klingt wie ein Generator oder sowas.

Die Gänge sind über und über mit Graffiti beschmiert. Alte, zerbrochene Möbel oder sonstiger Müll hier und da. Es ist ein Krankenhaus, kein Hotel, aber der Geruch nach alt und unbewohnt ist derselbe, und Ethan erwartet beinahe, dass gleich irgendwo diese gruselige Engelsfigur herumliegt, von der sie an Weihnachten in das Höllenhaus gezogen wurden. Ein Blick auf Barry und Irene und ihre konzentrierten Gesichter zeigt ihm, dass die beiden genau denselben Gedanken haben. Hallo, Déjà Vu. Wieder mal.

Der Korridor führt zu einem Raum, der irgendwann einmal als Krematorium gedient haben muss. Zumindest lassen darauf die Klappe in der Wand und die Ausstattung – Bahren mit Rollen, Waschbecken und eine Badewanne, alles aus leicht zu reinigendem Edelstahl – darauf schließen.
Mit einem Mal schreit Niels neben ihm auf und dreht sich mit schreckensweiten Augen im Kreis. Seine Blicke zucken angstvoll hierhin und dahin.
„Was los?“
„Das Blut!“ japst der Deutsche. Er wirkt jetzt fast panisch. „Überall Blut! Seht ihr es denn nicht?“
Kann Ethan nicht behaupten. Das Mobiliar ist sauber – erstaunlich sauber sogar dafür, wie lange es schon unbenutzt hier steht. Vorsichtig legt er dem Jüngeren eine Hand auf den Arm, der sich jetzt förmlich an ihn klammert. „Und da… die Leiche!“
„Nein. Ganz ruhig.“
„Sehen Sie solche Dinge sonst auch?“ will Irene wissen, aber das verneint der Junge vehement. „Dann hätte mein Vater mich umgebracht.“ Na ganz spitzenmäßig. Mehr Beweise für die tolle Familie, aus der Niels stammen muss. Ist aber egal jetzt.
„Dann hat Sie etwas beeinflusst“, erklärt die Britin mit gelassener Stimme.
„Sieh hin“, versucht Ethan den jungen Jäger zu beruhigen. „Alles leer.“ Niels sieht sich nochmals um, und langsam fasst er sich tatsächlich wieder, löst sich mit einer verlegenen Geste von Ethan. Atmet tief durch und nickt, aber so ganz scheint er die Vision doch noch nicht abgeschüttelt zu haben, denn seine Augen haben noch immer diesen leicht geweiteten Ausdruck, wie ein Pferd kurz vor dem Durchgehen.

Barry hat hier wieder etwas gehört, sagt er: dieselbe Stimme, die ihn beim Reinkommen vor der Gefahr gewarnt hat, jetzt klar als weiblich zu erkennen. In diesem Raum habe ‘er’ sie umgebracht, aber wer ‘er’ sei, habe sie nicht gesagt, und wer sie selbst sei, wusste sie nicht mehr. Vielleicht Lucy. Aber sie habe ihm eine Richtung gewiesen, in der ‘er’ zu finden sei.

Na dann weiter, in eben diese Richtung. Tatsächlich werden die Krankenhausgänge immer unheimlicher, je weiter sie kommen. Viel Graffiti an den Wänden, darunter mehrfach „You can’t hide“. Irgendwann eine weitere Aufschrift: die beiden Worte „Safety“ und „Death“, mit Pfeilen darunter, die in die jeweils entgegengesetzte Richtung zeigen. Natürlich kommen sie aus Richtung Sicherheit. Und sie müssen weiter in Richtung Tod. Klar. Nichts anderes hat Ethan erwartet.

Wieder ein Stück weiter – sie sind gerade an einer geschlossenen Tür vorbeigekommen – hält der Deutsche plötzlich an. Nein. Er hält nicht einfach an. Er erstarrt völlig, und seine Augen sind weit, weit fort. Niels’ Lippen bewegen sich, lautlos erst, dann formen sie hörbare Laute. Ethan versteht nicht, was der Junge da so verzweifelt auf Deutsch stammelt, aber ein Wort, ‘Vater’, klingt ihm verdächtig nach dem englischen ‘father’. Was auch immer es ist, um das er seinen Vater anfleht, das klingt nicht gut. Das klingt gar nicht gut.
„Hey“, sagt Ethan behutsam, ehe er dem Studenten die Hand auf die Schulter legt, leicht, um ihn nicht noch mehr zu verschrecken. „Hey. Ist okay.“

Tatsächlich kommt Niels aus seiner Erinnerung zurück, macht aber keine Anstalten weiterzugehen. „Hört ihr das?“
Ethan lauscht. Nichts. Er wirft einen Blick zu den anderen, aber die scheinen ebenfalls keine Geräusche wahrzunehmen. Dann geht sein Blick wieder zu dem jüngeren Jäger. „Was?“
Ein Kratzen, erklärt Niels. Leise aber unverkennbar. „Da ist jemand drin!“
Jemand… oder etwas. Der Deutsche besteht darauf, dass da etwas sein muss, auch wenn die anderen nichts hören können, und alle sind sich einig, dass sie nachsehen müssen. Es gibt kaum etwas Dümmeres, als sich nicht nach hinten abzusichern, wenn ein Verdacht besteht. Einfach weitergehen können sie also nicht, solange sie nicht wissen, was da genau ist.

Ethan geht als erster durch die Tür, wachsam und mit dem Gewehr im Anschlag, aber der Raum ist leer. Leer von Menschen oder Monstern jedenfalls, wenn schon nicht von Möbeln. Da steht ein altes, demoliertes Bett, daneben ein Nachtschrank, keines von diesen Dingern, wie sie für Krankenhäuser üblich sind, sondern ein alter Beistellschrank in dunklem Holz, der nicht ganz so heruntergekommen wirkt wie die meisten anderen Einrichtungsgegenstände hier. An der hinteren Wand hat jemand mit unregelmäßigen roten Buchstaben „The End is Near“ geschrieben, und in einer Art morbiden Trance tritt Ethan näher, betrachtet die Worte. Das Rot ist in Wahrheit ein Rostbraun, und von den Buchstaben laufen getrocknete Fäden an der Wand nach unten. Das ist Blut. Eindeutig.

Ethan schluckt und zieht die Schublade des Nachttischs auf. Hätte er das mal besser gelassen. Denn in dem Schränkchen findet er einige vertrocknete abgerissene Fingerkuppen. Und mit einem Mal hat er das Bild so lebhaft vor Augen, als sei er selbst der bedauernswerte Insasse dieses Raumes gewesen. Die Enge. Die Endlosigkeit. Der langsame Fall in den Wahnsinn. Die Verzweiflung. Das Wissen, dass der Verstand mehr und mehr schwindet, unerbittlich. Die Ausweglosigkeit. Das Schreien. Das Toben. Das stille Weinen. Das reglose Liegen über Stunden und Tage. Der letzte Funken Klarheit, der verfliegt. Und der einzige Weg, sich Luft zu verschaffen, dem Schmerz statt zu geben. Sich die Fingerspitzen abzutrennen, um diese Worte im eigenen Blut an die Wand zu malen. Hysterisch lachend und hoffnungslos weinend zugleich.

Erst als Ethan aus dem Raum gestolpert ist, wird ihm klar, dass er nicht mehr vor dem Nachttisch steht. „Was ist da drin?“ will die Britin wissen, aber Ethan schüttelt den Kopf. „Besser nicht. Unschön.“
Irene wäre nicht Irene, wenn sie sich von dieser Warnung abhalten ließe, und geht natürlich doch in den Raum. Kommt eine Minute später wieder heraus, nicht im geringsten beeindruckt. „Der Gefangene da drin ist verrückt geworden“, teilt sie den anderen ungerührt mit. „Hat sich selbst die Fingerkuppen abgerissen, um in Blut schreiben zu können. Aber das ist lange her.“

Die Trophäenjägerin ist es dann auch, die die Spuren entdeckt. Blutstropfen und Schleifspuren auf dem Boden, aber auch Anzeichen dafür, dass etwas an der Decke entlanggekrochen ist. Sich da regelrecht entlanggekrallt hat. Als Irene an die Decke deutet, ihnen die Spuren zeigt, muss Ethan unwillkürlich an alte Schwarzweißfilme denken. Nosferatu, B-Filme der 1950er, irgendwie sowas. Aber was es in Wirklichkeit sein könnte, hat er keine Ahnung. „Als wären es zwei“, hört er Irene murmeln, ist sich aber nicht ganz sicher, was sie damit meint.

Um eine Ecke. Und dort, am Ende des Ganges, mit einem Mal, ein rotes Licht. Sie bleiben abrupt stehen, sehen einander an. Draußen dürfte es inzwischen dunkel geworden sein, fällt Ethan auf, und den anderen wird mit ziemlicher Sicherheit gerade dasselbe klar. „Sollen wir morgen wiederkommen?“ schlägt die Britin vor, „Wenn es Tag ist?“
Keine schlechte Idee, eigentlich, aber es ist zu spät. Eine Bewegung da vorne, unbestimmt. Und mit einem Mal werden die Taschenlampen heller. Und heller, mit einem seltsamen Knistern. Ethan reagiert zu langsam. Irene reagiert zu langsam. Nur Niels schaltet geistesgegenwärtig seine Lampe aus, während die anderen beiden mit einem hässlichen ‘Plopp’ ausbrennen und den Gang in das gespenstische Fast-Dunkel des roten Lichtes vor ihnen stürzen. Und in diesem Licht wird an der Wand dort hinten für einen kurzen Moment der Schriftzug ‘DIE’ sichtbar. Sterbt. Sterbt alle.

Jetzt aktiviert der Deutsche seine Lampe wieder. Es dauert einen endlosen Herzschlag lang, bis die Maglite anspringt, aber sie springt an. Vorsichtig treten sie durch die Tür.
Irgendein Etwas am Rande des Lichtkegels, den Niels in Richtung der Rückwand lenkt. Wachsam, beinahe widerwillig, schickt der junge Jäger den Strahl seiner Lampe weiter, bringt zum Vorschein, was da oben in einer Ecke lauert. Eine Gestalt, zusammengekauert und sprungbereit. Ausgemergelter, bleicher Körper, etwas übergroßer, haarloser Kopf, die Augen tiefdunkel in dem weißen Gesicht. Lange, spitze Zähne.
Das Wesen zischt sie an, und Kälte erfüllt den Raum. Eisige Kälte. Ethan beißt die Zähne zusammen. Ist nur Kälte. Unnatürliche Kälte mitten im Sommer. Wird wieder weggehen. Stört ihn erstaunlicherweise auch gar nicht so sehr.
Irene jedoch schüttelt sich, und Niels wird wieder zunehmend nervös. Das Licht seiner Lampe zuckt unruhig umher, was die Sache nicht gerade erleichtert.

Sie folgen alle demselben Instinkt. Feuern allesamt auf die Gestalt. Aber schon ist die Kreatur nicht mehr da, wo sie eben noch war – scheiße, ist das Biest schnell – und so ist der deutsche Student der einzige, dessen Kugel trifft. Zwar nur mit einem Streifschuss, nichts weiter als ein Kratzer, aber er entlockt dem Monster dennoch ein wütendes Zischen. Die Bestie hebt eine Hand, wischt damit von rechts nach links, und mit einem Mal fliegen sämtliche Gegenstände durch die Luft, die in dem Raum so herumlagen.
Ethan kann wie durch ein Wunder ausweichen, Niels ebenso. Aber Barry wird von einem Stück Gerümpel heftig am Kopf getroffen, Irene mit voller Wucht am Oberkörper. Verdammt!

Beide lassen sich von den Treffern aber nicht aufhalten. Während die drei Männer die Kreatur, die inzwischen auf dem Boden angekommen ist, weiter angreifen, starrt Irene ihren Gegner einen Moment lang unverwandt an. „Das ist ein von einem Geist besessener Vampir!“ ruft sie dann. Huh.
Ändert jetzt aber erstmal nichts an der Taktik. Schießen, möglichst etwas koordinierter als eben bei der ersten Salve, damit auch mal ein Schuss sitzt oder zwei. Sowohl Ethan selbst als auch Niels haben Salz geladen, und einige weitere Treffer bringen das Doppelmonster so aus dem Gleichgewicht, dass der Geist sich aus seinem Wirt löst und, für den Augenblick jedenfalls, erst einmal verschwindet.

Dass er auf einmal selbst wieder die Herrschaft über seinen eigenen Körper hat, verwirrt den Vampir sichtlich. Aber Barry blutet am Kopf, wo er von dem herumfliegenden Gerümpel getroffen wurde, und so stürzt der Blutsauger sich auf ihn. Irene reagiert schneller als Ethan, wirft sich dem Vampir mit einem Messer in jeder Hand entgegen und reißt ihn weg. Ethan prügelt der Kreatur den Kolben seines Leihgewehrs in den Nacken, während eine weitere von Niels’ Kugeln das Monstrum noch einmal empfindlich trifft.
Der Vampir wird langsamer, ist aber noch immer schnell genug, um herumzuwirbeln und dem direkt hinter ihm stehenden Ethan seine Krallen quer über den Bauch zu reißen. Eine scharfes Brennen, das Gefühl warmen Blutes unter dem zerfetzen Hemd, aber nichts, was ihn im Moment groß behindern würde. Ein entsetztes „Ethan!“ von Niels. Huh. So lange kennen sie sich doch noch gar nicht.

Mit ihren beiden Messern setzt Irene der Bestie nach. Dem Angriff weicht der Vampir mühelos aus – aber damit landet er genau in Barrys Schusslinie. Und der bläst dem Gegner förmlich den Kopf weg.
Kopf förmlich weggeblasen reicht aber nicht. Der muss ganz ab. Mechanisch, als wisse er selbst nicht so ganz, was er da eigentlich tut, zieht der Schriftsteller eine Axt aus dem Rucksack. Hält sie etwas desorientiert in der Hand, bis Ethan ihm die Waffe abnimmt und den Vampir enthauptet.

Aber den Geist haben sie nur vertrieben mit ihrem Salz. Wenn sie nichts unternehmen, kommt der wieder. Barry konzentriert sich eine Weile, scheint zu lauschen, zu suchen – und sagt dann, da sei etwas. Unter dem Boden des Raumes. Ziemlich genau … da.
Sobald sie erst einmal die Ränder des Betonpfropfens ausgemacht haben, mit dem das Loch im Fußboden verstopft wurde, geht der Rest vergleichsweise einfach. Nach einer Weile angestrengten Grabens legen die beiden jüngeren Jäger einen ausgetrockneten Leichnam frei, dem die Fingerspitzen fehlen.

Die Leiche sollte ganz verbrannt werden, soviel ist klar. Da darf nichts fehlen, sonst können sie den Geist nicht weiterschicken. Ethan hat nur herzlich wenig Lust, dieses Zimmer da hinten noch einmal zu betreten, also gehen Irene und Niels die fehlenden Fingerkuppen holen, dann werden die Überreste gesalzen und angezündet.
„Es war eine Frau“, sagt Barry schließlich leise. „Der Geist. Sie hat sich bedankt, ehe sie ging.“

„Lucy“, fällt Ethan da ein. „Wo ist Lucys Leiche? Oder zum Vampir gemacht? Sie… und die anderen?“ Sonderlich wahrscheinlich ist das nicht, zugegeben, aber sicher ist sicher. Nicht dass sie den Obervampir erledigt haben, seine Brut aber vor lauter Erleichterung völlig vergessen. „Gehen wir sie suchen“, befindet Irene. „Nicht, dass sie wirklich zu einem Vampir geworden ist.“ „Würde ja zum Namen passen“, murmelt Barry, was Ethan ein amüsiertes Schnauben entlockt, die Sache aber nicht weniger ernst macht. Also durchsuchen sie das alte Gebäude noch einmal gründlich, finden aber nichts. Keine weiteren Vampire. Aber auch keine Leichen. Das Krematorium allerdings sieht so aus, als wäre es vor kurzem noch in Betrieb gewesen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mörder Lucy und die anderen darin verbrannt hat, ist ziemlich hoch. Puh. Dann nichts wie raus hier.

Niels will mit Steve reden gehen, sagt er, als sie draußen sind, aber nicht alleine. Ethan bietet an, den deutschen Jäger zu begleiten – ehe ihm auffällt, wie schlecht es Barry eigentlich geht. Der Schriftsteller taumelt, kann sich kaum mehr auf den Beinen halten. Irene steht neben ihm, und Barry stützt sich auf sie, sieht so aus, als habe er sich schon den halben Weg aus dem Krankenhaus heraus auf sie gestützt. Dem geht es gar nicht gut, und Irene auch nicht. Elender Drecksmist. Ethan könnte sich treten, dass er das nicht vorher bemerkt hat. Und er selbst hat ja auch ein paar unschöne Kratzer abbekommen. Nix Steve, oder zumindest nicht sofort. Erstmal zu einem Arzt.

Arzt bedeutet Notarzt bedeutet Notaufnahme bedeutet Krankenhaus. Gar nicht gut für Barry, der im Auto prompt eine kleine Plastikdose aus der Tasche holt und ein paar Tabletten herausschüttelt. Ethan bekommt das nur flüchtig mit, weil er die Augen auf der Straße hat, aber es scheint ihm dieselbe Tablettendose zu sein, die er schon am Flughafen von L.A. bei Barry gesehen hat und die nach Garritys Villa im Hotel in Portland auf Barrys Nachttisch stand. So offen, wie der Ältere das Zeug da abgestellt hatte, konnte Ethan gar nicht anders, als den Namen des Medikaments mitzubekommen. Und dass das ein Beruhigungsmittel ist, konnte Ethan erkennen, auch ohne dass er den Namen erst groß im Internet recherchieren musste. Er hat vor ein, zwei Jahren diesen völlig belanglosen, aber annähernd unterhaltsamen Actionfilm gesehen, in dem das Weiße Haus von Terroristen übernommen wird und ein Polizist, der gerade mit seiner kleinen Tochter die Besuchertour macht, alle retten darf. Ethan kann sich nicht mehr an jedes Detail aus dem Film erinnern, aber dass der Kerl, der sich gegen Ende als der Bösewicht herausstellt, darin seine Angstzustände mit genau diesen Tabletten bekämpft, soviel ist hängengeblieben.

Im Krankenhaus teilen sie sich auf. Niels wartet in der Eingangshalle, während die anderen drei sich behandeln lassen. Ethan mit seinen Krallenrissen – die er als den Angriff eines jungen Bären wegerklärt, nichts Ungewöhnliches für den Nordwesten – ist als erster fertig und wartet im Gang vor den Behandlungszimmern auf seine Freunde, ehe sie gemeinsam wieder zu Niels zurückkehren. Unterwegs bleibt Irene mit Barry ein paar Schritte zurück und steckt dem mit einer leisen Bemerkung etwas zu. Einen Briefumschlag, wie es scheint, aber Ethan fragt nicht. Es sieht nicht so aus, als würden die zwei da ein geheimes Rendezvous planen, und alles andere geht ihn nichts an.

In der Eingangshalle steckt Niels eben sein Handy weg, als die anderen zu ihm stoßen. Sein Gesicht macht deutlich, dass es kein sehr angenehmes Gespräch gewesen sein kann. Aber wenigstens haut er nicht seine Faust in irgendwelche Betonträger.
Eigentlich wollten sie ja jetzt zu Steve. Aber Steve kommt zu ihnen. Oder besser gesagt, beim Verlassen des Krankenhauses bemerken sie draußen den jungen Mann, wie er gerade von einem Rettungssanitäter eine kleine Tüte im Empfang nimmt und dem im Gegenzug dafür einige Geldscheine in die Hand drückt. Ahaaa.

Sie warten, bis der junge Obdachlose alleine ist, dann gehen sie zu ihm hinüber, Niels voran. „Habt ihr Lucy gefunden?” fragt Steve sofort nach dem Hallo. „Lucy ist tot”, erwidert Niels bedrückt, und Steve sackt in sich zusammen. „Wie… Was… was ist passiert?” „Kidnapper. Ermordet”, erklärt Ethan leise, als Niels auf die Frage zögert, nicht die richtigen Worte zu finden scheint. Dem Jungen steigen die Tränen in die Augen, aber er nickt. Spielt mit etwas in seiner Tasche. Ziemlich sicher das Tütchen mit den Drogen. Wendet sich mit hängenden Schultern ab. Drecksmist. Wenn sie den jetzt einfach gehen lassen, nimmt der aus Trauer eine Überdosis. Barry tut, was sie vermutlich alle denken. Hält den Kleinen auf. “Ich lass’ dich so nicht gehen”, erklärt er grimmig und starrt Steve unverwandt mit seinem schärfsten Blick an. “Gib mir das Zeug.”
Steve zittert unter diesem Blick wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange, aber er gibt Barry die Plastiktüte.

Nachdem Ethan Bob den Werkzeugkasten, sein Gewehr und die nicht verschossene Munition zurückgebracht hat, fahren sie Steve in eine Entzugsklinik nach Seattle. Vor dem Eingang zögert Barry. Holt die Dose mit seinen Tabletten heraus und wiegt sie einen Moment lang nachdenklich in der Hand, ehe er Ethan die Dose hinhält. Der wirft seinem Freund einen Blick zu, Marke ‘Bist du sicher, dass du mir die wirklich geben willst?’ Barry hält ihm die Tabletten weiter hin. “Könnte ich nehmen”, erklärt er. “Kommt mir aber grad falsch vor.” Ethan nickt und steckt die Dose ein. “Okay.”

Im Krankenhaus wird Steve freundlich aufgenommen, und die Ärztin erklärt, das mit den Kosten würden sie schon irgendwie aus dem Stiftungsfonds regeln. Das ist dann der Moment, in dem Irene ihre Platin-Kreditkarte zückt und erklärt, alle anfallenden Kosten zu decken, und da bekommt der Junge dann auch das Vorzugsprogramm.

Hinterher nimmt Ethan noch kurz Niels beiseite. Versucht dem jungen Deutschen zu erklären, was Irene und Barry und ihn in dem Krankenhaus geritten hat. „Déjà Vu.”
Die Antwort verwirrt Ethan kurz. „Naja, schon irgendwie”, sagt Heckler nämlich. Ethan blinzelt. Oh. Da hat Niels den Kommentar wohl als Frage verstanden. „Ach, du auch?” murmelt er deswegen. Niels zuckt die Achseln. „Naja. Wenigstens hatte die arme Frau noch Licht.”
Ethan überlegt kurz, ob er näher auf diese Bemerkung eingehen oder den Jüngeren auf seinen Bruder ansprechen soll, aber er wüsste nicht, was er sagen sollte. Aus Niels’ Andeutungen heraus denkt er sich ohnehin schon seinen Teil. Und tiefergehende Fragen zu stellen, steht ihm nicht zu.

Ehe sie sich trennen, verspricht Niels, der direkt hier in Seattle wohnt, wie sich herausstellt, öfter mal nach Steve zu schauen. Barry soll wegen seiner Gehirnerschütterung möglichst erst einmal nicht schlafen, also fährt Ethan den Schriftsteller in sein Hotel, um ihn wachzuhalten.

Es wird eine lange Nacht, und hinterher kann Ethan gar nicht mehr so genau sagen, worüber sie alles geredet haben, oder in welcher Reihenfolge. Er erzählt Barry von den Ereignissen auf dem Red Hill, von der Apokalypse, die kommen wird, wenn Cal und Irene recht haben. Und dass er ihnen glaubt. Barry nimmt das Ganze ziemlich gelassen, erklärt, dass es ja noch andere Geister außer Engeln gebe, Naturgeister und so, und dass er sich auf dem Powwow, auf das er bald fahren werde, ja mal umhören könne. Vielleicht wisse ja dort jemand etwas. Bei dem Powwow will der Ältere ja auch dieses Ritual vollziehen, diesen Sonnentanz. Versuchen, ob er damit etwas über Ethans Fluch herausfinden kann. Danach sollten sie sich treffen, befindet Barry.
Vom Timing her kommt das sogar ungefähr hin, denn Ethan will so bald wie möglich nach Tappan. Gleich am nächsten Wochenende, am besten. Gar nicht mehr lange aufschieben. Inzwischen brennt Ethan das Bedürfnis, seine Familie wiederzusehen, richtiggehend unter den Nägeln, auch wenn ihm tausend mögliche Szenarien durch den Kopf jagen und er tatsächlich befürchtet, dass sie ihn hochkant rauswerfen könnten, wenn er vor der Tür steht. Aber dann war er wenigstens dort. „Ich glaube nicht, dass sie dich rauswerfen”, versucht Barry ihn zu beruhigen. „Könnt’s ihnen nicht verdenken”, murmelt Ethan.

Im Gegenzug vertraut Barry Ethan an, dass die Situation bei den Jacksons zuhause gerade schwierig sei. Tam und er sich gegenseitig wehgetan hätten. Dass sie aber beide einander gebeten hätten, einander zu vertrauen, und dass es hoffentlich schon wieder werde. Puh. Hässlich, aber hoffentlich nicht unkittbar.
Von Sam erzählt Ethan dann auch. Dass auch das kompliziert sei – als ob Barry sich das nicht denken könnte, angesichts des Fluchs. Dass Sam aber immerhin so klang, als würde sie warten wollen. Auch wenn Ethan das nicht von ihr verlangen kann.
“Hast du es von ihr verlangt, oder hat sie es angeboten?”, will Barry daraufhin wissen, und das ist natürlich eine sehr relevante Frage. Die Ethan nur dummerweise gar nicht richtig beantworten kann, weil bei der Begegnung zwischen Sam und ihm so unendlich viel nur mit Andeutungen ausgesprochen wurde. Und mit Händedrücken und Umarmungen. Und.

Er fragt nach der ComicCon. Da ist anscheinend der mörderische Geist eines Comicautoren umgegangen, aber Barry, Ally und Natalie konnten ihn stoppen. Und ja, das Bild, das Barry ihm geschickt hat, war tatsächlich von einem Mädel in einem Giffany-Kostüm. Aber klar, vor Romance Academy 7 gab es ja noch die Teile 1-6, und die waren anscheinend tatsächlich mal, oder sind es sogar noch immer, ziemlich beliebt.
In dem Zusammenhang erzählt Ethan auch etwas mehr von Giffany und dem kleinen, niedlichen Schrein, den Irene ihr auf dem Red Hill gebaut hat. Dem neuen, größeren, der so gut wie fertig ist. Und dass die Kami ihnen gegen die Höllenhunde tatsächlich beigestanden hat. „Grüß sie von mir”, bittet Barry, und Ethan nickt. Das wird er gerne machen, sobald er das nächste Mal nach Hectorville kommt.

Irgendwann erklärt Barry Ethan, wo seine Phobie vor Krankenhäusern herkommt. Dass die Mitglieder einer Satanssekte Barry für ihren Ritter gehalten und ihn etliche Tage lang in einem verlassenen Krankenhaus festgehalten hätten, um seinen Willen zu brechen und ‘das Monster zum Vorschein zu bringen’. Dass sie ihn da gefoltert haben, sagt Barry nicht. Muss er aber auch gar nicht. Puh. Verdammt. Armer Kerl. Kein Wunder, dass er Krankenhäuser nicht ertragen kann. Und daher auch seine ganz ernstgemeinte Frage an Bob.

Ethan wiederum entschuldigt sich, dass er den Älteren in die ganze Sache hier mit hineingezogen habe. Eigentlich hatte er ihn und Irene ja auseinanderhalten wollen, aber… “Schon gut”, wird er von seinem Freund unterbrochen. „Irgendwann musste es ja passieren, dass wir uns treffen. Besser so mit Vorwarnung. Ich habe mich jetzt auch mehr im Griff.” Darauf nickt Ethan sehr nachdrücklich. „Gut.”

Ob er Niels schon länger kenne, will Barry wissen. Ethan zuckt mit den Schultern. „Paar Wochen.”
„Ist das ein Nazi?”
Ethan sieht seinen Freund völlig verblüfft und mit fragendem Gesicht an.
„Er hat eine Wehrmachtswaffe”, erläutert Barry. „Und er hat keine zwei Worte mit mir geredet.”
Oh. Wenn er das so sagt. Hm. Ist Ethan zwar nicht aufgefallen und kommt ihm auch nicht so vor, aber er kann ja demnächst mal darauf achten.

Die Pilzhexe sprechen sie kurz an. Und sind sich einig, dass sie dieses Problem so bald wie möglich angehen müssen. Idealerweise, solange die Hexe noch geschwächt ist und ehe sie wieder neue Kraft schöpft.

Schließlich bringt Ethan das Thema noch auf Portland und auf Barrys Heimfahrt. Dass er den Älteren ja eigentlich an den Zug hatte bringen wollen und sich gewundert – um nicht zu sagen ziemliche Sorgen gemacht – hat, als er Barry an dem Tag und in der Folgezeit so gar nicht erreichen konnte. Dass er am Bahnhof war, aber Barry nicht unter den Reisenden entdecken konnte. Erfährt, dass der Schriftsteller von der Polizei direkt zum Zug gebracht wurde, weil er gedacht hatte, Ethan wolle die Zeit lieber mit Sam verbringen. Und dass der Handyakku leer gewesen sei.

Außerdem war Barrys Heimfahrt alles andere als gut. Na ganz spitzenmäßig.
Ob Ethan sich an die zwei Typen aus dem Roadhouse erinnere, die draußen telefoniert hätten. Klar erinnert sich Ethan. Nur allzu gut.
Barry nickt und erzählt weiter, dass er dem Typen begegnet sei, den sie angerufen hätten. Und dass es unschön geworden sei. Au. Verdammt.
Das sei ein Jäger, erklärt der Ältere dann, dessen Bruder er getötet habe. Der besitze einen ganzen Zoo voller Monster und wolle Barry jetzt ebenfalls umbringen.
„Helf dir“, sagt Ethan sofort.
„Willst du dich da wirklich reinhängen?“ will Barry wissen.
„Wenn du Hilfe brauchst, ja.“
„Ich hab den Bruder aber wirklich umgebracht“, verdeutlicht ihm Barry in ernstem Tonfall.
Über diese Eröffnung muss Ethan einen Moment nachdenken, aber sie ändert eigentlich nichts.
„Wenn du Hilfe brauchst, häng ich mich da rein“, formuliert er sorgfältig, damit auch wirklich gar kein Zweifel an seiner Absicht besteht.
Barry zögert. „Na mal sehen“, brummt er dann. „Gegen die Monster vielleicht.“

Jedenfalls, sagt Barry, muss er den Typen finden, bevor der Typ Barrys Bruder findet. Ob das denn so leicht sei, will Ethan wissen. Nicht so schwierig, erwidert der Ältere. Sein Vater sei relativ bekannt.
Hm. Ethan denkt nach, hebt dann die Hände in einer entschuldigenden Geste.
Nein, klar, meint Barry daraufhin, es sei ja auch eher unwahrscheinlich, dass Ethan die Society von Chicago kenne. Und sein Vater sei ja auch kein Promi oder so, sondern Anwalt. Aber der engagiere sich viel wohltätig und habe deswegen in diesen Kreisen einen gewissen Namen. Deswegen habe Barry ja auch das Logo von dieser Charity One erkannt.
Aber jedenfalls sei es nicht unmöglich herauszufinden, dass Bernard Jackson, der Schriftsteller, einen Vater hat, der Anwalt in Chicago ist, und sobald man das mal wisse, sei es zu dessen zweitem Sohn kein großer Schritt.
Au. Da könnte er recht haben.

Die Reihenfolge ihrer anderen Themen mag verschwommen sein, aber zuletzt sprechen sie über das Powwow in South Dakota, zu dem Barry direkt von hier aus aufbrechen wird. Mit dem Flugzeug, wie er schließlich etwas widerwillig zugibt. Au.
Nur allzu gut erinnert Ethan sich an Barrys Anfall auf dem Weg nach Portland. Ohne zu zögern bietet er dem Älteren an, ihn zu fahren, auch wenn ihn das schlechte Gewissen zwickt, seine britische Freundin schon wieder einen Rückflug alleine antreten zu lassen.
Und mit seinen nächsten Worten schafft es Barry, das schlechte Gewissen gleich nochmal zu verstärken.
„Irene ist verletzt.“
„Du auch.“

Ethan ist ziemlich hin und hergerissen, aber am Ende bleibt es doch beim ursprünglichen Plan. Das Flugticket sei schon bezahlt, ein Mietauto würde extra kosten, und diese Kosten werde Barrys Cousin mit Sicherheit nicht übernehmen. Und mit dem Auto zu fahren, würde zu lange dauern; Tam, die gerade mit den Kindern in Pine Ridge warte, wolle los, um ihr Wasauchimmer zu erledigen, für das sie Barry um Vertrauen gebeten hat. Und Irene habe der Kälteangriff des Vampirgeists heute ganz schön zugesetzt. Etwa so wie Barry von dem Geist des Comicautors auf der Con angefroren worden sei, und das sei schon eher unschön gewesen. Die Britin brauche vielleicht Wärme, und vor allem Gesellschaft. „Ich hätte ja angeboten, sie aufzuwärmen“, sagt Barry, „aber das wäre von mir nicht passend gewesen.“
Ethan brummt missmutig. Der Ältere hat ja recht, und er will Irene nicht im Stich lassen, aber Barry eben auch nicht. Verdammt!
„Das geht schon mit dem Flugzeug“, legt der Schriftsteller nach. „Ich kriege schon keinen Herzinfarkt.“
Na gut, verdammt. Dann eben so. Zögernd, und mit mehr schlechtem Gewissen, bietet Ethan Barry dessen Tabletten wieder an. Er sollte nicht. Barry hat einen Grund gehabt, ihm die zu anzuvertrauen, nämlich dass er nicht von der Gegenwart der Medikamente in Versuchung geführt werden wollte, und sie ihm jetzt wiederzugeben, fühlt sich an wie ein Verrat.
Barry nimmt die Dose an, erklärt aber, dass er hofft, er werde für den Flug auch ohne die Dinger auskommen. Aber dann habe er sie wenigstens in der Tasche, falls er sie doch brauche.
Na gut. Muss jetzt wohl so sein. Elender Drecksmist.

Inzwischen ist es richtig, richtig spät geworden. Oder besser: richtig, richtig früh. Im Verlauf des Gesprächs ist Barry auch schon immer mal wieder beinahe weggenickt, und jetzt kann er die Auge gar nicht mehr offenhalten. Ethan bekommt seinen Freund noch irgendwie ins Bett bugsiert, dann fährt er in sein eigenes Hotel zurück. Glücklicherweise ist um diese Uhrzeit auf den Straßen so gut wie nichts los, und er kommt unfallfrei an, auch wenn die Müdigkeit ihm im Blut pulsiert und er nur noch in sein Bett fallen will.
Irene soll bloß nicht erwarten, dass er morgen – heute. Nachher. Gleich. Drecksmist – früh aufsteht. Oder im Flieger groß wach sein wird.

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Timberwere

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