Mädchenkram - Supernatural

Intermezzo - Memories of Portland

Barry

Barry hat gerade die SMS von Irene gelesen. Er ist einerseits erleichtert, aber andererseits hätte er das auch gern hinter sich. Wobei – was soll dabei herauskommen? ‘Ich würde gern mit dir schlafen, um dich danach zu vergessen’? Sehr romantisch.
Er hat gerade eine Antwort geschickt, als das Telefon vibriert. Vor lauter Schreck lässt er das Handy fallen, und es dauert einen Moment, bis er es wieder hat. Er kommt auf den “Annehmen”-Knopf, bevor er sieht, wer es ist.
Hält das Handy ans Ohr. Sagt nichts. Der andere wird sich schon melden.
Eine Pause. Ein Atemzug. Dann Ethans Stimme. “Barry?”
Oh. “Ethan.”
“Hey.” Zögern. Schließlich: “Bist du noch in L.A.?”
“Ja?”
“Auch. Würd dich gern treffen.”
Kurzes Schweigen. “Okay. Halbe Stunde, Starbucks im Grand Park?”
“‘Kay. Krieg ich hin.” Wieder ein Zögern, ein Atemholen, als wolle Ethan noch etwas sagen, aber dann legt er auf.

Eine Dreiviertelstunde später taucht Barry schließlich bei dem Starbucks auf. Er trägt eine Sonnenbrille, sieht ein bisschen verkatert aus. Die Haare sind offen und noch nass.
“Verkehr”, sagt er, als er neben Ethan steht. “Espresso?”
Ethan verzieht erst etwas das Gesicht, nickt dann aber. “Espresso.” Er deutet mit dem Kinn in den Laden, wo die Schlange gnädigerweise relativ kurz ist.

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Ethan

Ein paar Minuten später sitzen sie mit ihren Getränken an einem kleinen Tisch.
Ethan verkneift sich die Frage, ob alles okay sei. Ist es offensichtlich ja nicht. Kommt stattdessen gleich zur Sache.
“Hatte Post.”
Barry sagt gar nichts, sondern nippt nur an dem Espresso. Ethan wird schon erzählen, was das für Post gewesen ist.

Ethan nimmt selbst einen Schluck von dem starken Gebräu. “Biancas Tante”, erläutert er dann. Als Barry nichts darauf erwidert, sondern einfach weiter zuhört, zuckt er mit den Schultern.
“Nicht sehr aussichtsreich. Aber naja. Sie schreibt…” – er atmet einmal tief durch, sammelt sich für den langen Satz – “dass auch starke Flüche normal nach spätestens sieben Jahren weggehen. Aber nicht der. Macht keine Anstalten, und sind demnächst acht.”
Ethan macht eine Handbewegung, die man vielleicht als uninteressiert-wegwerfend deuten könnte – oder auch als ein ‘es ist halt, wie es ist’.
“Drei Gründe, warum der so stark sein könnte. Ein mächtiges Buch. Todesfluch. Bund mit einem Dämon. Und auflösen? Tja. Weiße Magie, schreibt sie. Weißes Ritual. Mit was aus meiner Vergangenheit, was von der Hexe” – er schnaubt bitter – “und was aus meiner Zukunft.” Ethan schnaubt wieder. “Kinderspiel.”

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Barry

Oh ja. Vor allem, wenn man vor seiner Vergangenheit davonläuft, aber das sagt Barry nicht.
“Ist doch ein Anfang”, meint er statt dessen. “Die Hexe. Finde heraus, warum. Niemand schickt einem völlig Fremden so einen Fluch.” Dass Ethan für seine Vergangenheit vermutlich seine Familie konfrontieren muss, sagt er nicht. Er vermutet, dass der Jüngere nicht mit seiner Mutter gesprochen hat.

Ethan nickt leicht. “Ich… mein Gedächtnis. Sie muss irgendwas damit gemacht haben. Weiß nichts mehr außer der Stimme. ‘Wenn ich dich nicht haben kann, soll keine andere Frau dich haben.’ Sie… muss sich wohl verliebt haben.”
“Aber du hast sie vergessen”, sagt Barry. “Nicht sehr sinnvoll, aber gut. Liebe ist komisch.” Er streicht sich durchs Haar. Denkt an Tam. Ach, verdammt. Das hilft Ethan grad auch nicht.
“Vielleicht erinnert sich jemand anders, was damals passiert ist.”

“Glaub’ nicht, dass das Vergessen Absicht war.” Ethan schnaubt beinahe amüsiert. “Weiß es ja nicht mehr. Aber kann natürlich sein. Vielleicht…” Er schüttelt sachte den Kopf. “Nachdem… nachdem Carla gestorben war, war… war ich eine Weile nicht richtig bei mir. Vielleicht hab ich’s da verdrängt. Aber letzten November hab ich bisschen nachgeforscht. Internet. Gab wohl paar ähnliche Fälle in und um Portland. Kam nur noch zu nix weiter.”

Barry denkt nach. “Ritual, Zukunft, Vergangenheit… das kriegen wir alles hin.” Irgendwie. “Aber die Spur der Hexe beginnt in Portland. Da hast du den Fluch gehört, wenn ich das richtig verstanden habe. An deiner Stelle würde ich da noch mal hingehen.”
Er zögert. Weiß nicht, ob Ethan das verstehen wird, was er ihm dann anbietet. “Ist bald Sommer”, sagt er langsam. “Zeit für den Sonnentanz. Vielleicht… vielleicht kann ich versuchen, da was rauszufinden. Ist ein mächtiges Ritual, zur Heilung oder um eine Vision zu bekommen. Hat mir schon geholfen, weiß nicht, ob es für dich funktioniert.”

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Ethan

Ethan hat keine Ahnung, was der Sonnentanz genau ist. Aber Barrys Stimme hat so ernst geklungen, so… so gewichtig. Er muss etwas schlucken bei dem Tonfall, nickt dann, ebenso ernsthaft. “Ich… Ja. Das… das wäre…” Drecksmist. Das wäre? Nett? Freundlich? Toll? Prima? Super? Hilfreich? Nichts davon trifft es. Keines davon ein Wort, das man verwendet, wenn der einzige Freund einem anbietet, ein mächtiges Ritual für einen zu machen. Er nickt dem Älteren noch einmal zu. “Danke dir.”

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Barry

Barry lächelt. Kein sehr vertrauter Ausdruck, und vielleicht das erste Mal seit der Giffany-Geschichte, dass Ethan ein wirklich offenes Lächeln von ihm sieht.
“Hey”, sagt Barry, “Familie und so.” Wieso genau Ethan zur Familie gehört… na, egal. Fühlt sich so an.
“Ich würde es trotzdem noch mal in Portland versuchen”, setzt er hinzu. “Nimm jemanden mit. Sag Bescheid.” Eigentlich passt es ihm nicht, mit Ethan nach Portland zu reisen, aber so ist das nun mal. Er wollte ja eigentlich auch nicht nach L.A.

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Ethan

Ethan erwidert das Lächeln unwillkürlich, als Barry von ‘Familie’ spricht. Atmet dann tief durch und legt den Kopf schief. “Sollte eigentlich mit Irene zurück. Rückflug ist ja gebucht. Könnte man vielleicht umbuchen. Nur…” Er sieht Barry zögernd an. “Was ist mit dir? Vicky? Tam? Ich… Ich hätte dich gern dabei. Wen, wenn nicht dich. Dich und…” Er räuspert sich verlegen, spricht Samanthas Namen nur leise aus, “… Sam. Aber…” Wieder zuckt er mit den Schultern. “Will dich nicht. Naja. Reinziehen.”

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Barry

Barry zuckt zusammen, als Ethan von Irene spricht. Noch mal, als er Tam erwähnt. Danke, Ethan. Und wer ist dieser Sam? Irgendwo hat Barry den Namen schon einmal gehört… Dana Point, die Geschichte mit den Hexen.
Eigentlich wäre es sinnvoll, sofort loszufahren. Aber das hieße, dass Irene einen Flug umbuchen müsste, und dann würde sie wahrscheinlich mitkommen wollen. Keine guten Voraussetzungen für die Suche nach einer Hexe. Im Moment würde Barry lieber Stinger mitnehmen als Irene.
Aber das muss er gar nicht selbst entscheiden. “Was heißt ‘reinziehen’”, sagt er. “Du bist mein Freund, du hast ein Problem, also helfe ich dir. Fertig. Sag mir, wann du los willst, und wenn ich kann, bin ich dabei.”

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Ethan

Wieder muss Ethan unwillkürlich lächeln, als Barry von ‘Freund’ redet. “Okay. Muss in Vermont was regeln. Wegen Giffany. Wär besser, das mach ich erst. Danach? Weiß aber noch nicht ganz genau, wie lang das dauert. Woche? Zwei?” Er überlegt kurz. “Uniferien Mitte August. Aber für paar Tage komm ich auch so weg.”

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Barry

Barry lässt sich noch kurz erklären, was mit Giffany ist. Immerhin kümmert sich jemand um die – sehr gut. Soll er ihr jetzt einen Gruß bestellen? Nein, lieber nicht.
Also trennt er sich von Ethan. Ruft Tam an, erzählt von dem Plan.
“In zwei Wochen?”, fragt sie ungläubig. “Und das Schulfest?!?”
Das Schulfest. Das hat Barry in der ganzen Aufregung vergessen. Großartig. Das kann er Tam nicht antun.
…klar, aber mit Irene rumknutschen, das geht schon, was? Barry ignoriert die innere Stimme und greift zum Handy. Er muss Ethan anrufen.

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Ethan

“Gleich?” Ethan zögert. Drecksmist. Er hat Irene doch versprochen, mit ihr zum Roten Haus zu fahren. Und mit ihr zurückzufliegen. Und überhaupt. Auch wenn er nicht die beste Gesellschaft ist, er wäre immerhin Gesellschaft, und die täte Irene jetzt vielleicht ganz gut, könnte er sich vorstellen. Verdammt. Aber anders geht es jetzt wohl nicht. Er unterdrückt einen Seufzer und nickt, auch wenn Barry das nicht hören kann. “OK. Flug? Wann?”

Etwas später, zurück im Hotel, lässt Ethan sich frustriert auf sein Bett fallen. Irene hat sich nichts anmerken lassen, oder zumindest so gut wie gar nichts, aber ein bisschen kennt er sie inzwischen halt doch. Und es hat ihr mal mindestens einen Stich versetzt, dass er sie alleine an die Ostküste zurückfliegen lässt. Verdammt. Er hat sich ja entschuldigt und alles, aber es ist ihm nicht wohl dabei, seine britische Bekannte – Freundin, sagt eine leise Stimme in seinem Hinterkopf zu seiner eigenen Verwunderung – derart hängen zu lassen.
Er atmet tief durch. Muss jetzt aber sein. An Sam schreibt er auch. Hoffentl— vielleicht macht das Umwerfen der Termine keinen so großen Unterschied für ihre Pläne.

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Barry

Der nächste Flug von LAX nach PDX geht morgens halb zehn mit Delta Airlines. Barrys Haare sind wieder geflochten (inklusive dekorativer Holzperlen – das kommt davon, wenn man den Freund seines Cousins an seine Haare lässt), er trägt eine Sonnenbrille, Jeans, ein T-Shirt und Jackett. Er ist früher da, um die Waffen im Gepäck einzuchecken, und weil es bei den Sicherheitskontrollen jedes Mal Probleme mit der Kugel in seinem Rücken gibt. Den Haken hat er erst gar nicht angelegt, auf die Diskussion hat er heute keine Lust.
Als Ethan kommt, sitzt Barry schon am Gate und schluckt gerade eine Ativan. Normalerweise nimmt er mehr, aber er fliegt gerade nicht allein – einerseits ist es ihm peinlich, dass er überhaupt Medikamente braucht, andererseits traut er Ethan zu, ihn bei einer Panikattacke unter Kontrolle zu bekommen.

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Ethan

So kurzfristig, wie er zu dem Ausflug an die Westküste gekommen ist, hat Ethan nur Handgepäck dabei, auch wenn das jetzt um einen Smoking und ein Paar Socken und Schuhe sowie eine kleine Flache Herrenduft schwerer ist. Beim Sicherheitscheck hat man ihm ein paar Fragen gestellt – und dann, als seine Antworten dem Beamten anscheinend zu einsilbig waren, noch ein paar mehr. Vielleicht hat er als junger, alleinreisender, vage unwirsch aussehender Mann ein Profil erfüllt. Oder es gab Rückstände von Schießpulver an seinem Rucksack. Wobei. Das ist ihm schon mal passiert. Das hätten sie angesprochen. Und das hätte länger gedauert.

Am Gate hebt er grüßend die Hand, als er Barry sieht, der eben eine Medikamentenpackung in die Tasche steckt. Was gegen Reisekrankheit vermutlich. Ethan schlingt seinen Rucksack von der Schulter und setzt sich mit einem “Hey” auf den freien Platz neben dem Älteren.

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Barry

Barry nickt nur. Gut, dass Ethan normalerweise keinen Smalltalk erwartet. Das hat ihm bei seinem Cousin schon gereicht.
Ein paar Minuten später sitzen beide im Flugzeug. Bevor er sich setzt, schaut sich Barry routinemäßig nach Terroristen, Entführern oder anderen Gefahren um, entdeckt aber natürlich nichts. Schließlich lässt er sich auf den Sitz fallen, schnallt sich an und versucht, die Nervosität zu unterdrücken. Sie sind noch nicht mal abgehoben.

“Flugangst”, sagt er, als die Maschine langsam anfängt, sich in Bewegung zu setzen. Er schaut Ethan dabei nicht an.

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Ethan

Au-hah. Dann wären sie vielleicht besser gefahren statt zu fliegen. Aber Barry wird schon seine Gründe gehabt haben, warum er fliegen wollte. Weil Fliegen viel schneller geht, zum Beispiel. Okay. Der sieht schon ziemlich blass aus um die Nase. Nicht gut. Verdammt. Wie kann er Barry helfen? Auf andere Gedanken bringen. Vielleicht hilft ihm das.
“Erzähl mir was”, sagt Ethan ruhig. “Wie geht’s Artie?”

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Barry

Barry schaut zu Ethan. Offenbar will der Jüngere ihn ablenken. Gute Idee. Hält vermutlich keine zwei Stunden, und das erste Luftloch… eine Ativan war zu wenig. Großartig. Vielleicht nimmt er die Dinger einfach zu oft.
Als das Flugzeug abhebt, fängt er an, zu reden. Erzählt vom Sprachunterricht. Vom Psychologen. Wie flink Artie ist, und wie stur. Fügt eine Geschichte ein, wie Kate und Artie einen mutmaßlichen Einkaufswagendieb verfolgt haben.

Aber wie das bei den beiden so ist: Irgendwann gibt es nicht mehr viel zu sagen. Das Gespräch verläuft im Sand. Macht erst mal nichts, Barry döst ein. Träumt.

“…hört sofort auf!”, brüllt der Mexikaner wütend auf Spanisch. Und schießt, nach oben, wo normalerweise nur der Himmel wäre. In einem Flugzeug? Einem alten Flugzeug? Da kann man mit einer Schrotflinte schon etwas treffen.
Die Hülle reißt auf. Ein schreiender Mann wird nach oben gezogen. Überall fliegen Dinge umher, Druckverlust, panische Möchtegern-Entführer, und die Luft wird dünner und dünner… “

Keuchend wacht Barry auf, die Hand an der Kehle. Er bekommt keine Luft. Er versucht es, atmen, komm schon, aber er bekommt keine Luft, und ist der Kehlkopf überhaupt da, wo er hingehört?

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Ethan

Ethan, auf dem Fensterplatz, hat eine ganze Weile hinausgestarrt, hinunter auf das leuchtend blaue Meer und die Küstenlinie, hat die Gedanken schweifen lassen. Ist irgendwann selbst eingedöst, oder wenigstens so halb. Das Japsen neben ihm lässt ihn hochfahren. Barry ist kreidebleich, er starrt blindlings ins Nichts, und seine Finger krallen sich in seinen Hals.
“Barry.” Keine Reaktion. Nur mehr verzweifeltes Keuchen. “Barry!” Der Nicht-ganz-Atem des anderen geht immer schneller. Hektisch. Panisch. “Barry! Langsam!”
Mit fliegenden Fingern zerrt Ethan an der Tasche in der Rückenlehne vor sich. Offene Plastikhülle. Schüttelt das Sicherheitsheft heraus. Das Delta-Monatsmagazin. Den Inflight-Shopping-Prospekt. Verdammt verdammt verdammt! Da muss doch – da. Papiertüte. Mit einer hastigen Bewegung schüttelt er das Ding auf und hält es dem Älteren vor Mund und Nase. “Barry. Einatmen. Langsam. Eins… zwei… drei… vier… fünf. Halten. Halten. Halten. Ausatmen. Langsam. Eins… zwei… drei… vier… fünf. Einatmen…”
Wie einem kranken Kind redet Ethan seinem Freund zu.

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Barry

Ausatmen. Langsam. Langsam. Hilft. Ein bisschen. Barry konzentriert sich auf Ethans Stimme, benutzt sie als Rettungsleine. Okay, komm schon, da ist Luft, okay, sonst könnte der nicht reden. Die Panik weicht zurück, nur ein bisschen, aber genug. Zittrig fängt Barry wieder an, zu atmen, ein bisschen schnell vielleicht, aber es geht.

“Geht”, sagt er schließlich heiser. Schluckt mühsam. “Geht wieder. Danke.” Setzt sich auf, immer noch viel blasser als sonst. Lehnt sich zurück. “Sorry. Wie lang noch?” Aber auf dem Bildschirm über sich sieht er die Zeit: 11:05 Uhr. Noch zwanzig Minuten. Zwanzig Minuten schafft er ohne Ativan.

“Flugzeugabsturz”, fängt er ohne Überleitung an. “Mussten zum Piloten, keine Luft. Später eingeschlagener Kehlkopf. Eiserne Lunge, ein paar Tage.” Dann erzählt er, von den Mexikanern, den Leuten, die aus dem Flugzeug gerissen wurden, von den dummen Scherzen, die er und die anderen noch gemacht hatten. Erzählt und erzählt, nicht sehr zusammenhängend, bis das Flugzeug in Sinkflug geht, bis es die Landebahn erreicht und bis er endlich auf zittrigen Beinen aussteigen darf. Sein Puls geht immer noch viel zu schnell, aber das sieht man ihm nicht an.

“Kaffee”, sagt er, als sie raus sind. “Kaffee und Zigarette.”

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Ethan

Oh ja. Kaffee und Zigarette. Zigarette und Kaffee. Gleich das erste Raucherkabuff zwischen Gate und Gepäckausgabe gehört ihnen. Und dann das Coffee People in Halle C. Puh. Besser.
An der Gepäckausgabe ist auch ein Stand von Travel Oregon. Ethan nimmt sich einen kostenlosen Stadtplan vom Stapel auf dem Tresen und breitet ihn auf der Sitzbank zwischen ihnen aus, während sie darauf warten, dass Barrys Reisetasche auf das Band gespuckt wird. Er deutet auf den Zipfel Stadt zwischen dem Columbia und dem Willamette River. North Portland. NoPo. “Da. Nicht weit.” Irgendwie wäre es ihm lieber, wenn das Mississippi-Viertel am entgegengesetzten Ende der Stadt läge. Scheiße. So ein Drückeberger ist er doch sonst nicht. Ach nein? Warum warst du dann zu feige, Mom anzusprechen? Das war was anderes. Sie… Der Typ bei ihr war nicht D— Nichts anderes. Aber mal so gar nicht.

Etwas über eine Stunde später, Mietwagen besorgen inklusive, traut Ethan seinen Augen kaum. Die Gegend um die North Mississippi Avenue, die vor acht Jahren noch größtenteils ein Industrieviertel mit Arbeiterwohnungen war, wo man zwar nicht sonderlich hübsch, aber preiswert leben konnte, hat sich mächtig herausgeputzt. Fast alle der damals entweder noch als Fabriken oder Lagerhäuser genutzten oder leerstehenden Gebäude entlang der breiten Allee beherbergen inzwischen hippe Bars, Restaurants oder Läden. Und die Wohnungen kosten heute garantiert auch ein Vermögen im Vergleich zu damals. Wow. Andererseits macht es das auch irgendwie leichter, dass alles jetzt so anders aussieht. Ethan konsultiert wieder den Stadtplan, führt Barry in eine Seitenstraße. Hält vor einem zweistöckigen Gebäude an. “Hier.”

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Barry

Nach einer Zigarette, Kaffee, Bagels und wieder in Besitz seiner Waffen fühlt sich Barry besser. Er hat seinen Haken noch auf der Herrentoilette am Flughafen angebracht, während ein kleiner Junge ihm neugierig zusah.

Ethan hat derweil einen Mietwagen geholt. Er fährt sie in ein schniekes Viertel, in dem er vermutlich früher gewohnt hat. Nicht schlecht, Gale, nicht schlecht. Deutet auf ein Haus mit einem Bio-Bäcker im Erdgeschoss. Das war es wohl. Fragt sich nur, was er meinte.

“Ethan, ich frage ja nicht gern Leute aus”, sagt Barry schließlich. “Aber ich kann dir vielleicht besser helfen, wenn du mir ein paar Sachen erzählst. Was du damals hier gemacht hast, ob du gearbeitet hast, und wenn ja, als was.” Poolboy für reiche Damen vielleicht, wenn er sich diese Gegend leisten konnte. “Ob du allein gelebt hast, wer dich damals kannte. Sonst wird es schwer, die Spur aufzunehmen.”

Immerhin hat Barry seine Lizenz als PI dabei, wenn auch nur die falschen Visitenkarten.
Und eine Visitenkarte von Deborah Gale. Die hat er vorgestern auf der Gala getroffen. Festgestellt, dass sie denselben Verleger haben, Kontaktdaten ausgetauscht, für Belle, dann tauchte besagter Verleger auf und Barry machte sich aus dem Staub. Sonst durfte er sich wieder anhören, dass es ja toll wäre, wenn er mal ein Buch über indianische Lebenswirklichkeiten schreiben würde, so wegen der Diversity und so.

Aber zurück nach Portland.

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Ethan

Ethan verzieht das Gesicht. Zahn ziehen wäre ihm gerade lieber. Aber muss jetzt. Er gibt ein “Mhmm” von sich und macht eine undefinierbare Geste.
“Hier gewohnt. Knapp ein Jahr. Nicht allein. Also erst. Aber dann mit”, er zögert unmerklich, “Carla. Sie hat hier studiert. Grafikdesign.” Das ist völlig unwichtig, aber mit einem Mal hat er das Bedürfnis, dieses Detail hinzuzufügen. “Ich hab gearbeitet. Fabrik. Mechaniker. Gab nicht viel, aber mit Carlas Nebenjob hats gereicht. Konnten von leben. Gekannt? Klar. Freunde: erst Carlas. Dann auch meine. Ihre Kommilitonen. Professor. Mein Chef. Kollegen. Vermieter. Nachbarn.” Er zuckt mit den Schultern. “Wen man halt kennt, wenn man mal fest wo wohnt. Oh. Ihre Eltern, einmal. Aus Missouri.” Die Aufzählung kam nicht flüssig, war von etlichen Pausen durchsetzt, ging für Ethans Verhälnisse aber dann doch erstaunlich gut. Kein Vergleich zu der Fahrt nach Billings. Oder seinem Geständnis vorgestern abend zu Sam. ‘Ich bringe Frauen um.’ Oh Mann.

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Barry

Okay, damit können sie doch etwas anfangen. “Zwei Möglichkeiten”, sagt Barry. “Erstens, die Zwischenfälle aus dem Internet. Gibt in der Nähe von Portland ein Roadhouse, das ‘French Ivy’.” Er zieht einen Zettel mit einer Wegbeschreibung aus der Tasche. Den hat er gestern von einem wüsten Trucker aus dem Roadhouse bei L.A. bekommen, als er den Brief an Irene abgegeben hat. Den Brief an Irene. Er hat mittlerweile ernsthafte Zweifel, ob der so eine gute Idee war. Ach, komm, mach dir nichts vor: Das war eine beschissene Idee. Aber… egal. Anderes Problem.
“Vielleicht hat da jemand etwas gehört. Oder wir klappern deine Freunde ab. Erzählen ihnen, du willst dein Leben ordnen, hast Jesus gefunden oder dein Guru hat’s dir gesagt; jedenfalls hast du das Gefühl, du müsstest was ins Reine kriegen. Hättest damals eine anonyme Botschaft bekommen, irgendwas von Liebe oder so. Hast du ignoriert, und dann ist Carla gestorben”, Barry macht eine kurze Pause. Erinnert sich, wie er sich gefühlt hat, als er dachte, Tam wäre tot. Kein Wunder, dass Ethan weggelaufen ist. “Jedenfalls ist da noch was offen, aber du weißt nicht mal, von wem die Botschaft war.”

Er schaut aus dem Fenster des Autos und hat ein richtig schlechtes Gefühl im Magen. Wegen Irene? Wegen Tam? Oder wegen etwas anderem? Egal jetzt. Head in the game, wie Mrs. Donovan immer zu sagen pflegte.
“Also, wo sollen wir anfangen?”

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Ethan

Drecksmist. Ethan atmet tief durch. Das Roadhouse wäre die leichtere Lösung, dessen ist er sich bewusst. Mehr … Abstand. Selbst wenn auch am French Ivy Erinnerungen hängen. Und … vertrauter. Das, was er besser kann. Außerdem wäre es leicht, sich herauszureden. Bedauernd anzumerken, dass von den damaligen Freunden vielleicht gar niemand mehr da wohnt, wo sie früher gewohnt haben. Aber das wäre feige. Und billig. Wenigstens hat Barry nicht vorgeschlagen, mit den Comptons zu sprechen, seinen damaligen Vermietern. Aber die können ihnen ja auch mit ziemlicher Sicherheit nicht weiterhelfen. Ethan nimmt noch einen tiefen Atemzug. “Freunde.” Er zählt an den Fingern ab. “Andy Taylor und Carrie Forrester. Sarah Norton. Lisa Sikorsky und Wallace Freeling. Melissa Chen. Geena Calvert. Javi Vargas. Tom Yager.” Das sind zumindest mal die, mit denen sie damals den meisten Kontakt hatten. Die Adressen weiß er nicht mehr auswendig, aber da kann vielleicht das Internet abhelfen. “Roadhouse dann.”

Eine Weile später haben sie eine preiswerte Unterkunft aufgetan, ihre Sachen dort abgeworfen und per Online-Suche mehrere mögliche Adressen und zugehörige Telefonnummern herausbekommen. Bei einigen der angegebenen Straßennamen klingelt sogar ein Glöckchen bei Ethan, während andere ihm völlig fremd vorkommen. Vermutlich ist es am besten, er ruft erst mal an und vergewissert sich, dass es sich bei den Leuten auch wirklich um seine alten Freunde handelt, ehe sie bei igendwelchen Wildfremden vor der Tür stehen. Dann fällt ihm etwas ein, und er verzieht das Gesicht. “Nachmittag. Arbeiten bestimmt. Doch erst Roadhouse?” Er würde lügen, wenn er behaupten würde, die Aussicht darauf, seinen alten Bekannten noch nicht sofort gegenübertreten zu müssen, wäre keine Erleichterung.

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Barry

Barry nickt. Er ist kein großer Fan von Roadhouses, aber das klingt sinnvoll. Dann können sie – eigentlich kann dann Ethan – seine Freunde heute abend anrufen.
Sie verlassen das Motel, in dem sie untergekommen sind. Billig, Einheitsware, ein großes Zimmer mit Sitzecke am Eingang und zwei schmalen Betten weiter hinten links an der Wand. Rechts ein kleines Bad. Zwei Fenster, hinten und vorne. Unnötig groß, aber wenn irgendwas die beiden hier angreifen will, haben sie wenigstens Raum zum Manövrieren.

Das French Ivy ist ein typisches Roadhouse: Irgendwo in der Pampa, wo sich selten Leute hin verirren, kaputte, flackernde Beleuchtung, “__EN_H_ IV_”. Charmant. Bevor sie reingehen, hat Barry wieder so ein merkwürdiges Gefühl von drohendem Unheil… ist das jetzt nur, weil ihn das Roadhouse an Tam erinnert? Vielleicht, aber er bleibt trotzdem stehen und schaut sich um. Lauscht. Nichts. Aber das Gefühl bleibt.
Als Ethan ihn fragend ansieht, schüttelt er den Kopf und nickt in Richtung Tür.

Drinnen nicht besser, als es von außen aussieht, ein verrauchter Raum, Billardtisch, vergilbte Zettel an den Wänden. Zwei Leute an einem Tisch, einer mit Schrotflinte, einer ohne sichtbare Waffen. Der Schrotflintentyp redet, laut und selbstsicher, aber wenn etwas ist, würde Barry den anderen zuerst erschießen. Auch noch vor dem waffenstarrenden Survival-Typen in Flecktarn am anderen Tisch. Der putzt grad seine Waffen und wirft den Neuankömmlingen einen finsteren Blick zu.

Die einzige Frau im Raum ist eine stämmige Schwarze, die gerade ein paar Flaschen ins Regal räumt. Eindrucksvolle Sammlung: Gins, Whisky, Bourbon, Rum, Liköre… nicht nur das billige Zeug. Sie dreht sich um, als sie die Tür hört, fängt schon an, auf das Schild “Fammilienfeier” zu deuten, aber dann hellt sich ihr Gesicht auf.
“Gale?!?”, ruft sie ungläubig. “Du hast ja Nerven, dass du dich hier noch mal her traust!”

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Ethan

Beim Hereinkommen checkt Ethan mit geübtem Blick den Raum ab. Die Tische, die freie Fläche vor dem Tresen, den Tresen selbst. Die Ecken. Lauscht zur Tür mit dem schiefhängenden “WC”. Hier scheint sich wenig bis gar nichts verändert zu haben, seit Ethan das letzte Mal hier war. Es könnte auch vor acht Jahren sein, dass er in den spärlich erleuchteten Raum tritt. Automatisch orientiert er sich halb nach links, während Cal die re—. Barry. Nicht Cal. Aber der hat die entsprechende Vierteldrehung auch schon mitgemacht. Als wären sie seit Jahren eingespielt. Ist ihm schon häufiger aufgefallen.
Ethan ist sich nur allzu deutlich bewusst, dass er keine Waffe dabei hat. Elendes Handgepäck. Aber… der bullige Kerl im Flecktarn, der sich gerade mit väterlicher Fürsorge um seine großkalibrige Pistole kümmert, hat sein Gewehr neben sich am Tisch lehnen. An der dem Raum hingewandten Seite des Tisches. Unvorsichtig. Wenn es hart auf hart kommt, hinrollen, schnappen, Deckung. Passt.

Den überraschten Ausruf der Wirtin erwidert er gelassen. “Anna. Lang her.” Sein Blick schweift über die anderen Gäste, bleibt auf der Labertasche mit der Schrotflinte hängen. “Tobin.”

Dann behält er wieder vornehmlich Anna im Blick, während er mit Barry den Raum durchquert, achtet aber auch auf Bewegungen im Augenwinkel. Am Tresen angekommen, lehnt er die Ellenbogen auf die Platte. “‘n Bier.” Er nickt mit dem Kinn Richtung Barry, überlässt es aber dem anderen, sich selbst vorzustellen.

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Barry

“Blue Label”, sagt Barry und wirft gleich einen Geldschein auf die Theke. Anna zieht eine Augenbraue hoch, greift aber nach der Flasche und schenkt großzügig ein.
“Hast du auch einen Namen, Sweetheart?”, fragt sie dabei.
Barry nickt. Riecht an dem Whiskey. Scheint in Ordnung. Stellt ihn wieder hin. So angespannt, wie Ethan gerade ist, bleibt er lieber vorsichtig. Dieser Tobin mit der Schrotflinte trägt eine Bikerkutte, keine Ahnung, welche Gang.
“Jackson”, sagt er schließlich zu Anna.
Die schnaubt. “Davon gibt es viele… ich kannte mal eine Jackson, die mit einem Billardkö zwei Vampire hintereinander aufgespießt hat.” Die Geschichte kennt Barry auch, aber hat Tam nicht behauptet, das wäre in Manitoba gewesen? Na gut, hat sich vielleicht rumgesprochen.
Als weder Barry noch Ethan Anstalten machen, etwas zu sagen, fängt sie an zu lachen.
“Gale, ich hätte gedacht, du wärst schlauer geworden, aber du hängst immer noch mit den gleichen Typen zusammen… gut, der hier hat einen besseren Geschmack, wenn es um Whiskey geht.” Sie verschränkt die Arme und legt den Kopf schief. “Ihr seid doch nicht nur zum Saufen hier, oder?”

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Ethan

Ethan nimmt einen Schluck von dem Bier, das Anna ihm hingestellt hat. Entspannt sich ein wenig, als weder Tobin ihn blöd anlabert noch die zwei anderen Kerle irgendwas wollen. Nickt der Wirtin dann zu, selbst mit beinahe so etwas wie einem Schmunzeln im Gesicht. “Gehen was nach.”
Die Frau wirft Ethan einen Blick zu, hebt eine Augenbraue. Wartet ab. Er erwidert den Blick und zuckt mit den Achseln. “Gehirnblutungen. Zehn Jahre, plus minus. Gedächtnisverluste. Klingelt was?”
Anna runzelt die Stirn. “Zehn Jahre ist eine lange Zeit.” Ethan nickt, geht aber nicht auf die unausgesprochene Frage ein, woraufhin die Hausherrin ihm ebenfalls zunickt. “Aber ja, es kann schon sein, dass da was klingelt. Warum fragst du, Honey?“
Ehe Ethan antworten kann, steht der Typ im Flecktarn von seinem Tisch auf und kommt an die Theke. Seine Pistole hält er locker in der Hand, aber das Gewehr lässt er dort. Tsss. “Anna”, unterbricht der Typ das Gespräch rau, “Hau mir’n Burger auf’n Grill.” Die beiden Neuankömmlinge bedenkt er dann mit einem noch finsteren Blick als bei deren Hereinkommen eben. “Yo, Punks.”
Ethan spürt, wie Barry sich neben ihm anspannt. Hält die eigene Stimme ruhig. “Yo.”

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Barry

Verdammt. Barry hat nur registrierte Waffen dabei. Klar, sonst wären die nicht ins Flugzeug gegangen, aber der Typ neben Tobin hat seine Hände unter der Tischplatte, und Barry glaubt nicht, dass er da sein Handy hält. Andererseits ist das vielleicht nur Vorsicht, weil der Typ an der Theke seine Knarre gezogen hat und eindeutig auf Krawall gebürstet ist.
Barry dreht sich zu ihm herum, die linke Hand hinter dem Rücken. Während er spricht, öffnet er das Holster und entsichert.
“Steck das Ding weg”, sagt er zu dem Typen. “Du machst alle nervös.”
Der dreht sich mit einem verächtlichen Lächeln um und will schon nachlässig mit der Pistole fuchteln, als er Barrys Blick sieht. Das Lächeln fällt ihm aus dem Gesicht, und im ersten Moment senkt er die Waffe tatsächlich. Aber er steckt sie nicht weg, hält sie locker an der Seite. Finger am Abzug. Aber Barry hat seine Glock jetzt auch in der Hand, wenn auch noch im Holster.
Der Typ schaut von Barry zu Ethan. Drüben an Tisch hat Tobin seine Schrotflinte jetzt locker im Schoß, zielt auf niemanden, ist aber schussbereit. Sein Kumpel hat den Stuhl nach hinten gerückt.
“Dein Kumpel schuldet mir was, Häuptling”, sagt er schließlich und weist mit dem Kopf zu Ethan. “Hat meine Maschine ruiniert. Vor acht Jahren ist er mit seiner Scheisskarre drüber gefahren.” Er spuckt aus. “Ist dann einfach abgehauen.”

Oh Mann. Ein umgefahrenes Motorrad, ja? So hat das damals in Craig auch angefangen. Tobin sagt etwas, leise, zu seinem Kumpel und lacht dabei, aber der andere lacht nicht mit. Der starrt Barry an, als würde er versuchen, sich an etwas zu erinnern. Großartig.

“Das war nicht in Ordnung”, sagt Barry ruhig zu dem Survival-Typen vor ihm. “Was denkst du, wie das jetzt hier ausgeht?”
Der Typ spannt sich an. Der will sich nicht mit Barry anlegen, so viel ist klar, aber er kann auch nicht einfach zurückstecken.
Anna entspannt die Situation.
“Wenn ihr Streit wollt, geht raus”, sagt sie unwirsch. “Ich kenn genug Leute, um euch das Leben verdammt ungemütlich zu machen, wenn ihr Löcher in meine Bar schießt.”
“Hey, Anna, kein Problem. Will das hier nur klären”, sagt der Survival-Typ und dreht sich zu Ethan um.
“Also, was, Gale, gehen wir raus oder wie?”

Während er auf Ethans Antwort wartet, stehen Tobin und sein Kumpel auf. Gehen nach draußen. Auf ihren Kutten steht “The Hollow Men”.

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Ethan

Drecksmist. Ethan hat wenig bis keine Erinnerungen an seinen letzten Besuch hier. Das war. Das war. Direkt nach. Nach Carlas Tod, und es ist alles ziemlich verschwommen. Er weiß, dass er hier war, dass er Anna wohl um eine Waffe angefleht haben muss, denn zuhause hatte er keine mehr gehabt, nicht gewollt, später dann aber doch wieder. Sehr gut möglich, dass er an dem Tag das Motorrad des Flecktarntypen umgefahren hat und es nicht mal merkte. Verdammt.
Er seufzt und schüttelt leicht den Kopf. “Tut mir leid um dein Bike, Mann. Keine… Keine böse Absicht. Hatte…” Ethan unterbricht sich und winkt ab. Das will der Typ nicht hören. “Raus. Klar. Klären wir’s.”
Er hebt leicht die Seiten seines über dem T-Shirt offenen Hemdes an. Die Geste ist deutlich: unbewaffnet. Der Flecktarntyp lacht verächtlich auf, aber mit sowas hat Ethan schon gerechnet und lässt sich davon nicht reizen. Ist halt nun mal so grad. Und außerdem besser. Er ist nicht hier, um irgendwelche Leute umzubringen, denen er vor Jahren im Tran mal das Motorrad zerdellt hat. Scheiße. Jetzt fällt ihm auch ein Name zu dem Gesicht und den Klamotten ein. North. Norris, sowas. Ach ja. Norrey. Genau.
Ethan nimmt einen weiteren Schluck von seinem Bier, stellt das Glas dann ab und dreht sich zu dem Typen um. Der grinst ihn an, noch immer mit diesem verächtlichen Ausdruck im Gesicht. Aber er lässt seine Knarre auf der Theke liegen. “Pass für mich auf die auf, Schatzi, ja?” Will sich scheints wirklich nur prügeln. Gut. “Nach dir, Gale”, brummt der Biker, und Ethan nickt Barry beinahe unmerklich zu. Misch dich nur ein, wenn der was Faules abzieht, sagt sein Blick. Geht dann voraus, Norrey direkt hinter sich. Durch die Tür und hinaus in den hellen Frühlingstag.

Draußen bei ihren Maschinen stehen Tobin und sein griesgrämiger Kumpel. Der nimmt eben sein Handy vom Ohr und legt auf. Ein unangenehmes Grinsen liegt auf seinem Gesicht, während Tobin ein klein wenig unbehaglich aussieht. Aber Ethans Aufmerksamkeit wird von den beiden Bikern weggezogen, weil Norrey sich gerade provozierend vor ihm aufbaut.
“Wer mein Bike demoliert, zahlt. In deinem Fall mit acht Jahren Zinsen.”
Ethan seufzt. “Wenn du’s dann aus dem Blut hast, Norrey.”
Er selbst macht keine Anstalten, den ersten Schlag zu setzen. Aber einfach so verprügeln lassen wird er sich auch nicht. Wachsam behält er den Biker im Auge, bis dieser mit einem wütenden Schnauben auf ihn losstürmt. Den ersten Hieben kann er problemlos ausweichen, aber schließlich erwischt Norreys Faust ihn doch. Und das ist der Moment, in dem Ethan zurückschlägt.

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Barry

Barry bleibt einen Moment hinter den anderen zurück, als die rausgehen. Schaut zu Anna und zu der Waffe auf dem Tresen. Zögert kurz. Wäre eine Waffe, die nicht auf ihn registriert ist. Aber er hat keine Handschuhe, und die Frau sieht nicht aus, als würde sie ihm die einfach so überlassen. Ist den Ärger vermutlich nicht wert.
“Vielleicht besser, wenn du die Kugeln rausnimmst”, empfiehlt er ihr. Ethans Blick hat er entnommen, dass der schon mit dem Typen fertig werden wird, aber wer weiß, wie rachsüchtig der Kerl ist. Dann folgt er den anderen nach draußen.

Ethan prügelt sich mit Norrey. Keine Waffen, und Barry hat Ethan kämpfen gesehen. Sollte kein Problem sein. Aber das hat er vor acht Jahren auf dem Gefängnishof auch gedacht, und was dabei rausgekommen ist, spürt er jedes Mal, wenn er versucht, länger zu sprechen.

Rechts hat der schlankere Hollow Man aufgehört, zu telefonieren. Grinst Barry an, verächtlich, triumphierend. Der andere – Tobin – scheint nicht so begeistert, aber er folgt seinem Kumpel, als der auf sein Motorrad steigt und den Motor anlässt. Großartig. Barry erinnert sich dunkel, dass die Hollow Men hier ein Chapter haben, aber genaueres weiß er nicht. Sollte bei Gelegenheit mal J.D. anrufen.

Und da ist es wieder: Dieses merkwürdige Gefühl in der Magengrube, stärker als vorher. Barry spürt den Wind auf seiner Haut, und … für einen Moment meint er, Stimmen zu hören. Ganz schwach. Soll er sich darauf konzentrieren, während Ethan kämpft? Während Hollow Men keine zehn Meter von ihm weg stehen und ihn offensichtlich erkannt haben?
Aber wenn die Geister rufen, dann lauscht ein weiser Mann, hat sein Großvater gesagt. Verdammt. Also gut.
Er schließt die Augen. Fokussiert sich ganz auf die Geräusche in seinem rechten Ohr. Unbewusst löst sich seine Hand von der Waffe und legt sich auf seine Brust.

“… Vater …”, “… stirb …”, “… Geld …”, “… mein …”, “… ich …”, “… ich …” Er kann nicht ausmachen, was die Stimmen sagen. Aber es sind verschiedene, Männer und Frauen, manche lauter, manche leiser. Keine davon fröhlich oder glücklich. Verloren, das ist das richtige Wort. Verloren.

Nach einer Weile werden die Stimmen wieder schwächer. Barry schüttelt den Kopf, zurück auf den Parkplatz vor dem Roadhouse. Die Hollow Men sind weg, und im Licht der untergehenden Sonne sieht er nur die Silhouetten der beiden Kämpfer: Einer liegt am Boden, der Sieger über ihn gebeugt.

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Ethan

Von den beiden Kontrahenten ist Norrey der deutlich kräftigere Typ. Dafür ist Ethan schneller. Wendiger. Wieder und wieder ist er unter den Schlägen des anderen weggetaucht, hat bisher vor allem Konter gesetzt, mehr Nadelstiche als Kracher, hat aber trotz seiner Beweglichkeit selbst auch schon ein, zwei hässliche Treffer kassiert. Allzu lange darf das hier nicht mehr gehen. Er kennt sich, er wird noch eine ganze Weile durchhalten, aber falls Norrey ähnlich fit ist, könnte das unschön werden.

Ethan duckt unter den Armen des Älteren durch, kommt aber um einen Schritt nicht weit genug, und ein Fußfeger des Bikers lässt ihn zu Boden gehen. Norrey lacht triumphierend auf und tritt nach, aber Ethan rollt sich aus dem Weg, und so wird er von dem schweren Stiefel nur gestreift. Während Norrey mit einem Knurren erneut ausholt, kommt Ethan wieder auf die Beine, weicht sowohl dem Tritt als auch dem danach folgenden, wütenden Schwinger aus. Setzt selbst einen Schlag, der den kräftigen Survivaltypen zwar nur streift, aber das ist, weil der ausweicht und nicht, weil Ethan schlecht gezielt hätte. Und Norreys Drehung zeigt Ethan in seiner vom Aufrichten noch immer leicht gebückten Haltung eine Blöße. Eine offene Stelle. Mit einer Finte in die entsprechende Richtung bringt er Norrey dazu, sich noch etwas mehr zu öffnen, dann landet sein Knie in den Weichteilen des Bikers. Norrey krümmt sich, und Ethan jagt einen Faustschlag hinterher, der den Kerl zu Boden schickt. Ethan beobachtet ihn wachsam, aber Norrey macht für’s Erste keine Anstalten, aufstehen zu wollen.

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Barry

Schwer atmend streckt Ethan ihm die Hand hin. “Tut mir leid wegen deines Bikes, Mann. Ehrlich. Ging mir nicht gut damals.”
Barry betrachtet den Liegenden skeptisch und tritt hinter Ethan.
“Sicher, dass der keinen Ärger mehr macht? Vielleicht besser, wir beerdigen ihn.”
Ethan schaut überrascht. “Der ist nicht tot.”
Barry zuckt die Achseln. “Lässt sich ändern.”
Ethan schüttelt entschieden den Kopf. “Mussten das klären. Haben’s geklärt.” Er sieht auf Norrey hinunter, die Hand noch immer ausgestreckt, um den Biker hochzuziehen. “Stimmt doch, oder?”
Norrey spuckt ein bisschen Blut aus. Schaut nach oben, zu Ethans Hand, zu Barrys leidenschaftlosem Blick. Man kann förmlich sehen, wie es in seinem Hirn rattert.
“Ja, ja, alles gut”, knurrt er schließlich und setzt sich mühsam auf, immer noch gekrümmt. Hält sich die Nüsse. Er zieht keine Waffe, aber Ethans Hand nimmt er auch nicht. Okay, ist vermutlich auch zu schmerzhaft, jetzt aufzustehen.
Barry stößt Ethan an und deutet mit dem Kopf in Richtung Roadhouse. Der Jüngere zögert noch einen Moment, lässt Norrey dann aber zurück und geht gemeinsam mit Barry wieder rein.

Anna wirkt ein wenig überrascht, als die beiden wieder reinkommen. Hat vielleicht mit einem anderen Sieger gerechnet. Barry geht kurz rüber zu Norreys Waffen, die immer noch am Tisch lehnen, als sie sagt: “Easy, Häuptling. Ich hab sie schon entladen.”
Barry wirft ihr einen Blick zu, hebt eine der herumliegenden Pistolen hoch. Okay, Gewicht passt. Keine Patronen. Er geht rüber zur Bar.
“Ich bin kein Häuptling”, erklärt er, nicht besonders freundlich. Anna schnaubt nur. Da hat er sich wohl keine Freundin gemacht. Dafür hat sie Ethan noch ein Bier eingeschenkt.

Schließlich kommt Norrey wieder hineingehinkt, immer noch ein bisschen windschief. Anna geht rüber zu ihm und bringt ihm den Burger, den er vor einer halben Stunde bestellt hat.
Barry betrachtet ihn misstrauisch.
“Sei vorsichtig”, sagt er zu Ethan. Der Typ war offenbar seit acht Jahren sauer wegen seiner Maschine, und jetzt alles gut, weil Ethan ihm in die Eier getreten hat? Klar. Immerhin, Barry hätte dem Jüngeren gar nicht zugetraut, dass der so dreckig kämpft.
“Noch was”, fügt er hinzu, während Norrey sich mit Anna herumstreitet, ob er seine Munition gleich oder später wieder bekommt. “Zwei Sachen: Die beiden Typen grad, die Biker? Hollow Men. Gab vor Jahren mal Probleme. Fing harmlos an, endete in Toten. Keine Ahnung, ob die noch Ärger machen. Wenn ja, sieh zu, dass du aus der Schusslinie kommst.” Er nimmt einen Schluck von dem Blue Label. Ja, das ist das richtige Zeug. Nicht schlecht. Er verzeiht Anna den ‘Häuptling’. Dann erzählt er Ethan knapp von dem merkwürdigen Gefühl und den Stimmen, die er draußen gehört hat.

Als er fertig ist, kommt Anna zurück zur Theke. “Wollt ihr nicht langsam gehen?”, fragt sie unwirsch. Barry schaut auf, als Ethan zögert. “Wir haben noch keine Antwort”, sagt er.
“Stimmt”, gibt sie zurück. “Ihr könntet jemanden fragen, der sich damit beschäftigt hat, aber ich weiß nicht, ob Norrey jetzt noch Lust hat, mit euch zu reden.”

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Ethan

„Sei vorsichtig“, warnt Barry, als Norrey wieder hereinkommt. Ethan wirft dem Älteren einen Blick zu. Nickt leicht. Er ist ja nicht blöd. Oder gutgläubig. Nur weil er selbst keine Lust hatte, sich zu prügeln, und weil er Norrey mit seiner Geste zeigen wollte, dass von seiner Seite aus kein böses Blut herrscht, heißt das noch lange nicht, dass der bullige Biker das genauso sieht. Ethan tupft mit dem Handrücken etwas Blut von seiner aufgeplatzten Lippe weg. Die Gegend um sein rechtes Auge fühlt sich auch schon überstraff und verquollen an. So richtig viel aus dem Auge kann er auch nicht sehen. Sam wird ihn wieder auslachen, wenn sie in ein paar Tagen hier ankommt. Und seinen ehemaligen Freunden kann er heute Abend so eigentlich auch nicht unter die Augen treten. Er seufzt. Drecksmist.
Barrys Warnung vor den Hollow Men und seine Schilderung der Geisterstimmen quittiert Ethan mit einem weiteren Nicken. Ob er sich allerdings wirklich aus der Schusslinie hält, wenn sein Freund durch diese Typen in Gefahr gerät, das wird er dann sehen, wenn es soweit ist.

Anna, die zur Theke zurückkommt, sieht gar nicht amüsiert aus. Ethan macht ein schuldbewusstes Gesicht, hebt dann leicht die Schultern in ihre Richtung. „Sorry für den Ärger. Diesmal. Letztes Mal.“

Aber mit Norrey reden müssen sie trotzdem. War so klar, dass der derjenige ist, der ihnen weiterhelfen kann. Anna jedenfalls wirkt nicht so, als wolle sie noch was sagen, auch wenn sie vorhin meinte, dass da vielleicht was bei ihr klingele. Ethan nimmt einen Schluck von seinem Bier und seufzt wieder. Holt einige Scheine aus der Tasche – das Geld für ein paar Bier plus ein großzügiges Trinkgeld, auch wenn er sich das eigentlich nicht leisten kann, aber das muss jetzt – und legt das Geld auf den Tisch. Nickt zu Norrey hinüber. „Zapf ihm eins auf mich. Auch zwei, drei nachher, wenn wir weg sind. Dir auch.“
Die Wirtin sieht ihn missbilligend an, fängt aber an, zwei weitere Biergläser zu füllen. Eines davon lässt sie für sich selbst auf dem Tresen, das andere trägt sie zu Norrey hinüber und stellt es mit einer Geste Richtung Ethan vor ihn hin. Der Biker verengt die Augen und knurrt etwas, nimmt das Bier aber an und trinkt einen kräftigen Schluck. Ethan wartet ab, bis der andere das Glas etwa zur Hälfte geleert hat, dann wandert er hinüber zu dessen Tisch.

„Hab gemeint, was ich sagte“, fängt er vorsichtig an. „Tut mir leid um dein Bike.“ Er macht eine kleine, entschuldigende Geste: ein halbes Schulterzucken und offene Handflächen. „Hab’s nicht mal gemerkt. Macht’s nicht besser, aber… wenn ich’s gemerkt hätte, wär ich nicht abgehauen.“
Norrey brummt widerwillig, nimmt noch einen Zug von seinem Bier. „Soso.“
„Mhmm.“ Ethan deutet auf den Stuhl dem anderen gegenüber. „Darf ich?“
Das bringt ihm einen finsteren Blick von dem bulligen Survivaltypen ein, aber er deutet mit dem Kinn Richtung Stuhl, und Ethan setzt sich. Wachsam. Vorsichtig. Aber mit einem dankenden Nicken. „Du willst doch was.“
Wieder nickt Ethan. „Letzte zehn Jahre. Gedächtnisverluste, Gehirnblutungen. Bist dem nach, sagte Anna.“

Norrey schnaubt. “Bin ich”, sagte er barsch und nimmt einen Schluck von seinem Bier. Als Ethan ihn nicht unterbricht, sondern nur aufmerksam anschaut, fährt er fort.
“Waren gar nicht so viele Leute. Ich bin nur drauf aufmerksam geworden, weil einer aus unserer… ein Bekannter von mir auf einmal was hatte, was er sich nie hätte leisten können. Und plötzlich nichts mehr wusste von… ein paar Sachen. Sein Arzt wusste nicht weiter, hat ihn zu einem Spezialisten geschickt. Der hat dann was von Gehirnblutungen erzählt, ihm ein paar Tabletten gegeben und gesagt, er müsste sich keine Sorgen machen.” Norrey zieht abfällig die Nase hoch. “Ich hab ein bisschen herumgestochert. Komischer Arzt, so ein alternativer Gehirnfuzzi. Hat die Blutungen noch bei anderen Leuten diagnostiziert, die alle Gedächtnisverluste hatten. Bei allen ist vorher was passiert – was Gutes oder was Schlechtes, je nachdem. Einer ist der Vater gestorben, aber der war wohl nicht so das Gelbe vom Ei. Ein anderer Typ hatte plötzlich seine Eheprobleme im Griff. Wieder ein anderer hat sein ganzes Geld verloren, aber er wusste nicht, wie. Eine Frau hat vergessen, wer der Vater ihres Kindes ist, und das Kind hat es auch nicht mehr gewusst. Komischer Kram.” Er schaut Ethan wieder an, und ihm scheint ein Gedanke zu kommen. “Du hast auch dein Gedächtnis verloren, was? Ich würde dich jetzt zu Dr. Garrity schicken, aber”, er nimmt noch einen Schluck Bier und grinst, “ich war schon bei ihm. Der Typ war besessen, und du kannst sagen, was du willst, das war ein Dämon.” Als Ethan keine Anstalten macht, ihn auszulachen, redet er weiter.
“Ich hab ihn exorziert. Omnis immundus spiritus, und so weiter. Kennst du vielleicht.” Ethan nickt. Norrey schaut ihn einen Moment lang durchdringend an und kommt dann zu einem Entschluss.
“Wenn du mit ihm reden willst, er hat sich nach der Sache zurückgezogen. Er hütet jetzt ein kleines Privatmuseum, so weit ich weiß. Da kommt nicht jeder rein, aber dein Freund mit dem schnieken Jackett kann ja behaupten, er interessiert sich für moderne Kunst.” Er weist mit dem Kinn auf Barry, der an der Theke sitzt und den Tisch nicht aus den Augen gelassen hat.

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Off Camera

Nachdem der Survival-Experte Ethan die Adresse gegeben hat, verlassen die beiden Fremden das Roadhouse. Anna kommt rüber zu Norreys Tisch.
“Du hast sie zu Garrity geschickt?”, fragt sie.
Norrey nickt und verzieht das Gesicht zu einer abfälligen Grimasse.
Anna schüttelt missbilligend den Kopf. “Du hättest sie ruhig warnen können.”
“Hey, der eine hat mir in die Eier getreten. Und hast du die Augen von dem anderen Typen gesehen? Mann. Der hätte mich da draußen eiskalt abgestochen.” Norrey nimmt einen tiefen Zug aus dem Glas vor ihm. “Die sollen sehen, wie sie klar kommen.”

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Ethan

Das “kleine Privatmuseum” ist so klein gar nicht. Idyllisch im grünen Westen der Stadt auf einer Anhöhe gelegen, hat man vom Tor aus einen wunderbaren Blick auf Portland und Umgebung. Da Ethan den Mietwagen an einer leichten Schräge parken muss, achtet er darauf, die Handbremse extra fest anzuziehen, ehe er aussteigt und das Museum mit leicht gerunzelter Stirn mustert. Das ist schon kein Haus mehr. Das ist eine Villa. Samt großem, gepflegtem Garten. Rosenhecken. Marmorbüsten und -statuen. Leise plätscherndem Brunnen. Dem gehts ja scheints ziemlich gut, diesem Dr. Garrity.

Im Auto haben sie kaum einen Ton geredet, weil Ethan damit beschäftigt war, den Weg zu suchen und sich nicht zu verfahren, aber darüber nachgedacht hat er, seit sie im Roadhouse aufgebrochen sind. Jetzt fasst er seine Grübelei in Worte. Naja. In ein Wort. “Komisch.”
Barry sieht ihn fragend an. “Was?”
“Die anderen Fälle”, murmelt Ethan. “Alle selbst die Blutungen. Und keiner dran gestorben.”
“Und?”
Er zuckt die Schultern. “Mir wars halt anders. Carlas Aneurysma. Mein Gedächtnis.”
“Ach so”, erwidert Barry.
Ethan zuckt wieder mit den Achseln. Es ist eine Spur. Selbst wenn der Doktor nichts weiß oder das, was er weiß, nichts mit seinem eigenen Fall zu tun hat. Schaden, der Sache auf den Grund zu gehen, kann es sicherlich nicht.

Das Tor ist verschlossen. Kein Hinweis auf Öffnungszeiten. Aber eine Klingel. Muss reichen. Ethan wirft Barry einen Blick zu und klingelt.
Es dauert eine Weile, aber dann knistert es in der Gegensprechanlage. In der Schalttafel, in der sich die Klingel und die Lautsprecherrillen befinden, ist auch ein kleines, dezentes Loch zu sehen. Aha. Kamera.
“Ja bitte?”
Ähm. Ethan sieht sich beinahe verzweifelt zu Barry um, aber der macht keinerlei Anstalten, ihm das abnehmen zu wollen. Garantiert wieder irgendsowas von wegen ‘üben’ und ‘guttun’. Na ganz spitzenmäßig. Ethan sammelt sich.
“Wir, ähm. Wir haben gehört, hier… hier ist ein interessantes Museum. Wann haben Sie offen? Wir würden es”, er räuspert sich, “gerne besichtigen.”
“Wir haben keine Öffnungszeiten”, kommt die Antwort kühl, “dies ist eine private Institution.”
“Keine Chance? Ich meine… irgendwer muss doch reinkommen?”
Jetzt klingt die Stimme beinahe amüsiert. “Selbstverständlich. Aber Sie gehören offensichtlich nicht dazu, sonst wüssten Sie, wie.”
Drecksmist, elender. Also gut. Tacheles.
“Wir müssen aber mit Dr. Garrity reden!”
Ein Zögern am anderen Ende. Dann: “Was wollen Sie von Dr. Garrity?”
“Nur was fragen.”
Noch längeres Schweigen. Als ob da einer wohin geht und sich bei wem erkundigt. Aber schließlich macht es irgendwo hörbar ‘klick’, und das Tor schwingt auf.

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Barry

Barry versteht Ethans Blick so, dass der das Reden am Tor selber übernehmen will. Okay, wenn er meint. Eigentlich wäre Barry ganz gern zurück zum Motel gefahren, hätte das Museum und Garrity zumindest mal gegoogelt, aber andererseits – mit der Höhle-des-Löwen-Taktik ist er selbst bisher ganz gut gefahren. Wenigstens wollte Ethan nicht wieder einbrechen.

Sie fahren mit dem Mietwagen auf das Gelände und halten vor der Veranda an. In der Tür steht eine androgyne Figur, hochgewachsen, extrem mager, graues Jackett mit Nehru-Kragen. Auch die Stimme ist nicht richtig einem Geschlecht zuzuordnen, aber das war die Person, mit der Ethan am Eingang gesprochen hatte.
“Folgen Sie mir”, ordnet die magere Gestalt an, dreht sich um und schreitet ins Haus. Barry wirft Ethan einen fragenden Blick zu. Er hat bei der Sache ein ganz, ganz schlechtes Gefühl. Sind aber vielleicht nur die Nebenwirkungen der Ativan und der Panikattacke von heute morgen.

Hinter seinem Freund betritt er das sorgfältig gepflegte Haus. Drinnen ist es sauber. Aufgeräumt. Museal, aber einen Hauch zu dunkel. Man muss die Augen anstrengen, um Details zu erkennen. Es riecht antiseptisch, ein bisschen nach Krankenhaus vielleicht. Im Foyer stehen ein paar Exponate – verdrehte Drahtgestelle, schwache LED-Konstrukte, ein paar Schwarzweißzeichnungen. Bevor einer der beiden Gäste einen genaueren Blick darauf werfen kann, taucht am Ende der Eingangshalle ein kleiner Mann auf. Weiß, in einem altmodischen grauen Anzug. Nickelbrille. Sieht aus wie Emil Zola aus den Captain-America-Filmen, schießt es Barry durch den Kopf. (Nein, eigentlich mag er gar keine Superheldenfilme. Aber manchmal hat er nur die Wahl, mit J.D. ein Bier zu trinken und über Baseball, Motorräder und Waffen zu reden, oder mit Tam und Brian ein Bier zu trinken und über nerdige Filme und Waffen zu reden. Vielleicht sollte er sich mal ein paar Freunde suchen, mit denen er Bier trinken und über Bücher und Kultur reden kann. Und Waffen, natürlich.)

Barry schüttelt den Kopf. Er ist müder, als er gedacht hat – er sollte sich auf den Emil-Zola-Verschnitt konzentrieren.

“Dr. Erasmus Garrity”, stellt der sich gerade mit einer feinen, hellen Stimme vor. Ostküstenakzent. Harvard. Schaut die beiden Gäste aufmerksam an und mustert insbesondere Ethan sehr interessiert. “Mit wem habe ich das Vergnügen?”

Nach kurzem Zögern stellt Ethan beide vor. Will dann fortfahren, wegen der Gehirnblutungen zu fragen, aber Dr. Zola… Garrity winkt schon bei den ersten Worten ab.
“Ja, ja”, sagt er freundlich. “Aber bitte, lassen Sie mich Ihnen doch zuerst dieses wunderschöne Exponat zeigen.” Er zieht an einer Schnur, und direkt neben Ethan fällt ein Vorhang von einem Bild.
Aber das ist kein Bild. Nicht richtig. Es ist zweidimensional, oder auch nicht. Scheint sich zu bewegen. Helle Impulse kriechen über die fadenartigen Strukturen, pulsieren, ändern sich, rasen entlang… die Ganglien sind verknotet, systematisch, absichtsvoll… als könnte man erahnen, was es denkt… was es will… sein Geheimnis…

Ethan steht direkt davor und bekommt die volle Dosis ab. Er will sich noch abwenden, schafft es aber nicht, die Augen rechtzeitig loszureißen. Aus dem Augenwinkel sieht Barry ihn fallen. Er selbst steht ein Stück weg, versucht, sich der Faszination zu erwehren. Wegzukommen. Aber er ist so müde… so erschöpft… das Bild… das Geheimnis… Er spürt nicht einmal mehr, wie er fällt.

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Ethan

Schmerz. Das ist das erste, was Ethan registriert, als er wieder zu sich kommt. Ein dumpfer, pochender Schmerz in seinem Kopf, direkt hinter seinen Augen. In der Dunkelheit hinter seinen geschlossenen Lidern tanzen schemenartige Fetzen. Als er sich auf die Bruchstücke konzentriert, kommen sie näher, fangen an, sich zu einem Bild zusammenzusetzen. Zu diesem Bild. Oder was es auch immer war. Allein der schattenhafte Abglanz droht, ihn wieder in die Tiefe zu ziehen, und Ethan öffnet die Augen, so schnell er kann. Während er benommen versucht, den Blick zu fokussieren, ertönt von irgendwo neben ihm die Stimme des Doktors. Diese helle, sanfte, samtene Stimme, die sich in sein Gehirn brennt, viel mehr als eben – vorhin? gestern? wie lange war er überhaupt außer Gefecht? – auf dem Gang. “Ah. Unser Gast ist aufgewacht.”

Ethan wendet sich zu der Stimme hin. Oder will es jedenfalls. Er kann den Kopf nur wenig drehen, und auch seine Gliedmaßen sind irgendwie fixiert, stellt er gleich darauf fest. Aus dem Augenwinkel kann er Dr. Garrity sehen, der da irgendetwas tut, einen Schalter oder einen Knopf betätigt, worauf Ethans Kopf sich in die Höhe hebt, dann der Rest von ihm in eine halb aufgerichtete Position bugsiert wird. Man hat ihm Hemd und T-Shirt ausgezogen, wird ihm bewusst. Und er liegt auf einer Arztliege. Nein, Zahnarztstuhl, eher. Aber einer mit breiten Lederriemen, um den Patienten darauf festzuschnallen. So, wie man das aus dem Fernsehen kennt, wenn die Zellen gezeigt werden, wo zum Tode Verurteilten der Giftcocktail gesetzt w—. Die Assoziation unterdrückt Ethan radikal. Hilft jetzt so gar nicht. Der Stuhl kommt zum Halten, und der Doktor tritt in Ethans Gesichtsfeld. Tritt um den angeflanschten Beistelltisch mit Gerätschaften und Kram herum, den Ethan jetzt auch sehen kann. Zahnarztstuhl. Eindeutig. In einem sauberen Raum aus Linoleumboden und teilgekachelten Wänden. Ethan hält seine Miene eisern unter Kontrolle. Nichts preisgeben. Nicht die Angst. Nicht den Ärger über sich selbst. Nicht die Wut, von Norrey in eine Falle geschickt worden zu sein. Nicht die Sorge um Barry. Hilft jetzt alles nichts. Rauskommen hier. Dann alles andere.
Äußerlich reglos sieht er den rundlichen Brillenträger an. Wortlos. Wartet.

Dr. Garrity lächelt. “Sehr gut. Ausgezeichnet.”
Ethan bedenkt ihn mit einem weiteren Blick. Lässt sich nicht reizen, was das Lächeln des anderen noch breiter werden lässt.
“Sie müssen doch sterben vor Neugier, Mr. Gale”, sagt er mit dieser samtigen Stimme, die alles in Ethan zum Sträuben bringt. Warum hat er das vorhin nicht gemerkt? Sie hätten abhauen sollen, sobald der Typ das erste Mal den Mund aufgemacht hat! “Sie halten es vermutlich schon gar nicht mehr aus zu wissen, was das alles hier zu bedeuten hat!”
Eigentlich nicht. Es war eine Falle. Der Typ hat nichts Gutes vor. Weswegen genau, wäre nicht uninteressant, ist aber zweitrangig.
Aber er platzt auch geradezu vor Bedürfnis, es Ethan zu erzählen. Kann nichts schaden, wenn er weiß, um was es geht – oder was der Typ will, dass er denkt, um was es geht.
Ethan sieht den Doktor direkt an. Macht eine leichte Kopfbewegung, soweit das unter dem Stirnriemen geht, der ihn hält. Sie könnte Zustimmung ausdrücken oder auch Gleichgültigkeit.

“Sehen Sie, Mr Gale, ich habe es gleich gemerkt. Gleich, als Sie hereinkamen. Sie sind auch einer von denen. Von den Leuten mit den seltsamen Symptomen von Hypomnesie. Nur dass die Hypomnesie bei Ihnen nicht mit Hämorrhagie einher gegangen zu sein scheint. Das ist verwunderlich, und deswegen muss ich es untersuchen. Seien Sie froh, Mr. Gale. Sie werden der Forschung unschätzbare Dienste leisten!”

Freundlich tätschelt er Ethans Kopf. “Natürlich wollen Sie wissen, woran das liegt. Sie sind doch sicher hergekommen, weil Sie das brennend interessiert! Nun”, er starrt mit seinen vorstehenden wasserblauen Augen in Ethans graue, “mich interessiert das auch!” Er wendet sich ab und wuselt hektisch zu einem der Schränke, die an der Wand stehen. “Und gemeinsam werden wir es herausfinden.”
Er hat gefunden, was er gesucht hat: Ein dickes schwarzes Notizbuch, das er hochhebt, damit Ethan es gut sehen kann.
“Sehen Sie, Mr. Gale, Ihr Name steht in diesem Buch.” Garrity geht zurück zu Ethan, blättert in dem Buch. Zeigt seinem Gefangenen dann eine Seite, auf der in lateinischen Buchstaben ‘Ethan Frederick Gale’ steht, dahinter ein ganzer Text aus Buchstaben, die Ethan nicht lesen kann. Sehen ähnlich aus wie die lateinischen, aber nicht ganz. Kyrillisch oder so etwas?
“Können Sie das lesen, Mr. Gale”, hört er die atemlose Stimme Garritys an seinem Ohr. “Können Sie das lesen?” Als Ethan keine Antwort gibt, schlägt der kleine Mann das Buch wieder zu.
“Ich konnte das mal lesen”, sagt er in diesem gehetzten, flüsternden Tonfall. “Früher, als ich noch… als ich noch ganz war. Bevor dieser… dieser Mensch kam und diese scheußlichen, scheußlichen Worte gesagt hat.” Er sieht auf, und Ethan sieht den Wahnsinn über sein Gesicht irrlichtern. “Exorziert, hat er gesagt. Er hat einen Teil von mir gestohlen!” Seine Stimme ist laut geworden. Hysterisch. Nervös läuft er im Raum hin und her, gestikuliert wild und ziellos.
“Damals wusste ich so viel… so viel… Die Menschen kamen zu mir, mit Wünschen, mit Träumen, und ich konnte sie wahr machen… konnte sie alle wahr machen… für einen Preis!” Seine Stimme überschlägt sich förmlich. Er steht jetzt direkt vor Ethan und starrt ihn schwer atmend an. Ringt um Selbstbeherrschung und bekommt sich wieder unter Kontrolle.
“Sicher wollen Sie wissen, was das für ein Preis war.” Er lächelt, innerhalb von Sekunden wieder der freundliche, rationale Wissenschaftler. “Die Seele, natürlich. Und ein Teil der Erinnerung. Das gehörte dazu, immer. Hach, so viele Wünsche… ‘Mein Vater soll sterben’, ‘John soll wieder nach Hause kommen’, ‘Mein Kind soll gesund werden’.” Er kichert. Nicht mehr so rational. “Und ich… wir… wir haben sie erfüllt. Und dann ist etwas mit ihren Gehirnen passiert… Blutungen… Hypomnesie… “ Er seufzt begeistert, wie ein Mann, der sich an besonders guten Sex erinnert. Dann fokussieren sich seine Augen wieder auf Ethan.

“Nur bei Ihnen ist etwas anders gelaufen. Ich erinnere mich… vage… das war eine komplizierte Geschichte…” Er schaut angestrengt, überlegt fieberhaft, schüttelt dann den Kopf. “Ich weiß es nicht mehr”, gibt er bedauernd zu und lächelt dann. “Aber Sie werden mir helfen, es herauszufinden.” Er nähert sich wieder. “Ich werde Ihren Schädel öffnen und hineinsehen, aber das kommt erst zum Schluss… vorher… die alten römischen Haruspexe konnten aus Eingeweiden lesen.” Seine Hand legt sich auf Ethans Bauch. “Ich werde Sie auseinandernehmen und alles herausfinden. Das wird wahrscheinlich nicht sehr angenehm für Sie, aber Sie erweisen der Wissenschaft einen großen Dienst!” Das soll wohl tröstlich sein.
Ethan hört, wie sich die Tür öffnet und jemand hereinkommt. Einen Moment später läuft die dürre Gestalt durch sein Gesichtsfeld. Er/sie hat zwei Beutel mit roter Flüssigkeit in der Hand.
Dr. Garritys Gesicht hellt sich auf. “Ah, ja.” Er reibt sich die Hände. “Sehr zuvorkommend von Ihnen, dass Sie sich gleich eine Blutreserve mitgebracht haben. Das macht das Ganze sehr viel einfacher.”
Blutreserve?

Garrity und die dürre Gestalt machen etwas hinter Ethans Rücken.
“Hat alles soweit geklappt?” Garritys Stimme. “Was für ein Glück, dass beide dieselbe Blutgruppe haben!”
“Er hat mich gebissen”, mault eine andere Stimme mit trotzigem Unterton.
“Oh, das sieht aber schlimm aus!” Garrity klingt fast erschrocken. “Ich hoffe doch, Sie haben das in den Griff bekommen, Amos?’”
“Ja, ich habe ihn zur Räson gebracht.” Jetzt klingt Amos zufrieden.
“Gut”, sagt Garrity. “Kümmern Sie sich weiter darum, ja?”
Mit einem Wort der Zustimmung verlässt Amos den Raum wieder.

“Hach, das ist ein guter Mitarbeiter”, sagt Garrity und taucht wieder in Ethans Gesichtsfeld auf, einen Beutel mit roter Flüssigkeit in der Hand. Irgendwann muss er Ethan schon einen Kanal am Handgelenk gelegt haben, denn jetzt schließt er den Beutel daran an. “Er beherrscht asiatische Kampfkünste und weiß genau, wo er hinfassen muss, um Schmerzimpluse auszulösen… bedauerlich, dass Ihre Reserve sich so unvernünftig benommen hat.”
Er dreht sich um und geht wieder zu einem der Schränke. “So, dann wollen wir aber mal anfangen… vielleicht mit einem Auge… wo ist denn der scharfe Löffel?”

So ganz genau weiß Ethan nicht, was die Worte ‘Hypomnesie’ und ‘Hemorrhagie’ bedeuten, aber angesichts dessen, weswegen sie hergekommen sind, kann er es sich einigermaßen denken. Mit einer Art morbiden Faszination hört er Garrity zu, und mit jedem Wort, das der Wahnsinnige sagt, fällt es Ethan schwerer, seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten. Und es ist nicht nur, dass Garrity ihn aufschneiden und untersuchen will wie ein Insekt unter dem Mikroskop. Oder dass dieser Amos Barry ‘zur Räson gebracht’ hat. Scheiße, verdammte. Barry ist seinetwegen in dieser Lage. ‘Die Seele, natürlich.’ Das hat ihn bis ins Mark getroffen, ebenso wie der Anblick seines Namens in diesem Buch. Ethan kann nicht verhindern, dass er schlucken muss, was der Doktor aber entweder nicht bemerkt oder es ihm nicht wichtig genug ist, um seinen Wortschwall dafür zu unterbrechen.

Konzentrier dich. Wenn du jetzt in Panik gerätst, bist du tot. Noch während Garrity redet, testet Ethan die Festigkeit der Lederriemen, die ihn halten. Straff. Ein Hauch von Spiel an der rechten Hand, aber nicht genug. Längst nicht genug. Fieberhaft lässt er die Augen schweifen und dreht den Kopf, so gut es eben geht; sucht in seinem beschränkten Gesichtsfeld nach etwas, irgendetwas, ganz egal was, das ihm helfen kann.
Da liegen diverse Gerätschaften auf dem Beistelltisch. An die kommt er nicht ran, keine Chance. Aber da. Da steht auch ein schmales, hohes und vor allem offenes Gefäß mit einer klaren, farblosen Flüssigkeit darin. Einfaches Wasser? Öl? Keine Ahnung. Aber es ist Flüssigkeit. Wenn er irgendwie…

Dr. Garrity wendet sich den Schränken zu. Jetzt. Es muss jetzt sein. Ethan beginnt, sein Gewicht zu verlagern, sich in seinen Fesseln hin- und herzuwerfen. Viel Wirkung hat es zunächst nicht, aber dann beginnt der Beistelltisch an seinem angeflanschten Schwenkarm zu zittern. Ethan beißt die Zähne zusammen, will den Stuhl allein durch seine Willenskraft in noch stärkere Schwingung versetzen. Seine Willenskraft allein tut es nicht. Aber anscheinend haben auch die kleinen Seitwärtsbewegugnen, die ihm möglich sind, inzwischen eine Art kritische Masse erreicht. Denn mit einem Mal fällt der Becher um, und sein Inhalt läuft über den Tisch und von dem Schwenktablett hinunter – und, was Ethan kaum zu hoffen gewagt hatte, auf den Lederriemen, der seine rechte Hand fixiert. Er zuckt zusammen, als das Zeug seinen Arm trifft. Kalt. Ein kaltes Brennen. Kein Wasser. Ein Desinfektionsmittel oder so. Egal. Flüssig.
“Wo ist er denn nur…”, murmelt Garrity indessen. Er ist so auf den Schrank konzentriert, dass er nicht gemerkt zu haben scheint, was in seinem Rücken vorgeht. Gut so. Such weiter. Durchsuch den ganzen verdammten Schrank!

Ethan spannt sich an. Stemmt sich mit aller Macht gegen das durchnässte Leder, dessen Ränder sich schmerzhaft in seine Haut drücken. Komm schon. Nur ein bisschen mehr Spiel! Er unterdrückt ein Ächzen, kann regelrecht spüren, wie die Sehnen in seinem Arm hervortreten vor Anstrengung. Das Dröhnen in seinem Kopf, das ein klein wenig zurückgegangen war, flammt wieder voll auf. Ethan beißt die Zähne aufeinander und holt auch noch den allerletzten Rest Kraft aus sich heraus. Der Lederriemen schneidet ihm in den Arm, und seine Muskeln brennen, aber er scheint das Spiel des Gurtes tatsächlich etwas geweitet zu haben. Er presst seinen Daumen nach innen, so weit, dass es schon wehtut. Überdehnt vermutlich. Egal. Unterdrückt einen Schmerzenslaut, als er zieht. Und zieht. Und zieht. Und sich zwar die Haut aufreißt, aber seine Hand schließlich aus der Fessel befreit – in genau dem Moment, als Garrity zufrieden ruft “Ah, da haben wir ihn ja!” und sich dann mit einem triumphierenden Lächeln auf dem Gesicht wieder zu Ethan umdreht.

Das Lächeln des Wahnsinnigen erstirbt, als er sieht, dass Ethan eine Hand freibekommen hat, und Wut blitzt in seinen irren Augen auf. “Werden Sie das wohl unterlassen!” schreit er und stürzt auf Ethan zu. In seiner erhobenen Rechten hält er den gesuchten Löffel – normalerweise keine sonderlich ernstzunehmende Waffe, aber so, noch immer größtenteils bewegungslos festgehalten, wie Ethan ist…

Er tastet fieberhaft nach dem Schwenktablett. Den Gerätschaften. Irgendwas. Fühlt Metall. Greift zu. In eine scharfe Klinge. Kurzer, heftiger Schmerz in seiner Handfläche. Verdammt! Egal. Greift tiefer, erwischt das Skalpell jetzt am Griff. Reißt die improvisierte Waffe in einem schnellen Schwung nach oben und verhindert gerade noch, dass Garrity ihm den Löffel ins Auge sticht. Stattdessen schrappt die scharfe Kante an seiner Schläfe entlang, und er spürt etwas Warmes über sein Gesicht laufen. Aber auch Ethans Skalpell hat den Wahnsinnigen getroffen, und der Doktor schreit auf, taumelt nach hinten, hält sich den Arm. Die Sekunde Atempause nutzt Ethan, um den Stirnriemen abzustreifen, der seinen Kopf hält, und mit dem Skalpell den Ledergurt um seine linke Hand aufzuschneiden.

Oder zumindest einen ersten Schnitt zu setzen. Denn schon ist Garrity wieder bei ihm, rasend vor Zorn, und diesmal will er seinem Gefangenen mit dem geschärften Löffel kein Auge ausstechen. Diesmal will er ihm die Halsschlagader durchtrennen. Ethan wirft den Oberkörper zur Seite, entgeht dem Hieb knapp – einen tiefen Kratzer gibt es doch, aber seitlich am Hals, scheint nicht lebensbedrohlich – und reißt dann mit voller Wucht den linken Arm hoch, gegen den angesäbelten Lederriemen. Ein scharfes Brennen in seiner Schulter – irgendwas hat er sich da eben gezerrt -, aber das Band reißt, und er hat jetzt zumindest beide Arme frei, um sich zu wehren. Mit dem Skalpell in der Rechten versucht er, sich den Wahnsinnigen vom Leib zu halten, während er sich mit der Linken hastig an den Fesseln um seine Knöchel zu schaffen macht. Ein weiteres scharfes Brennen, als seine hektischen Bewegungen die Infusionskanüle aus seinem Handrücken reißen. Verschwommene Eindrücke vom Kampf, der in Wirklichkeit vermutlich gar nicht so lange dauert, wie es ihm vorkommt. Eine gefühlte Ewigkeit.
Ausweichen. Getroffen werden, oder auch nicht. Das Skalpell schwingen, um sich einen Atemzug Luft zu verschaffen. Treffen, oder auch nicht. Wie wild an seinen Fußfesseln hantieren. Auf diese Weise bekommt Ethan schließlich erst die eine gelöst, dann irgendwann auch die andere. Garrity ruft indessen wie ein Besessener nach Amos, aber entweder der Raum ist gut isoliert oder der magere Mann hat es nicht gehört, oder er hat es gehört und ist nur noch nicht hier angekommen.
Geschafft. Endlich frei. Ethan schnellt nach vorne, rammt den Kopf mit voller Wucht in Garritys Magengrube. Der Doktor japst auf, taumelt nach hinten. Stolpert. Fällt. Prallt mit dem Hinterkopf gegen die Ecke des Schrankes, aus dem er den Löffel geholt hatte. Geht zu Boden. Regt sich nicht mehr.

Ethan zögert nicht lange. Schwer atmend, das Skalpell noch immer in der Hand, schnappt er sich mit der anderen das schwarze Notizbuch und wirft Garrity einen schnellen Blick zu. Aber der rührt sich nicht. Vielleicht tot, vielleicht nicht. Egal jetzt. Raus hier. Er muss Barry finden.

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Barry

Als er aufwacht, weiß Barry nicht, wo er ist. Er liegt, ist angebunden… Tucson? Aber er kann doch nicht… er ist doch… war das nur ein Fiebertraum? Tam, Pete, Vicky – eine Halluzination aus Dr. Carlisles Spritze? Er versucht, gegen die Fesseln anzukämpfen. Er weiß, das wird nicht bringen, ist nur ein Reflex. Nicht aufgeben. Nicht nachgeben.
Eine Gestalt taucht neben ihm auf. J.D.? Der Milchmann? Nicht zu erkennen, egal. Er erwischt einen Arm, beißt zu. Die Kiefermuskeln sind die kräftigsten Muskeln im menschlichen Körper. Ein Aufschrei, eine Berührung, dann: Schmerz.
Barry lässt den Arm fahren, versucht, die Zähne zusammenzubeißen. Berührung an anderer Stelle. Anderer Schmerz. Noch eine Stelle. Zu viel, zu hart. Barry schreit. Wie in Tucson, wie in Tucson, er fängt an, zu betteln. Bitte, hört auf, hört doch auf.
Der Schmerz endet.

Barry atmet durch. Das stimmt nicht. Etwas stimmt nicht. Sie haben aufgehört. Diese magere Person… das ist nicht J.D. oder der Milchmann. Das ist jemand anderes. Die Erinnerung ebbt ab, und Barry sieht, dass er nicht in den Raum in Tucson ist. Dass er nicht auf einem Krankenbett liegt, sondern auf einer Art Stuhl. In seinem linken Arm steckt eine Kanüle, keine Infusion, sondern… Blut fließt durch einen dünnen Schlauch nach unten. Das erklärt die Kopfschmerzen und den Durst. Wie viel Blut hat er schon verloren?

Die Antwort kommt unmittelbar, als die dürre Gestalt zu ihm kommt und neben ihm an dem Schlauch hantiert. Barry kann nicht sehen, was sie da tut, aber er sieht, wie die Person zwei volle Beutel hochhebt und den Raum verlässt. Zwei Beutel. Ein Liter Blut, und es läuft weiter. Barry hat bei dem Kampf mit dem Turul schon Blut verloren, und beim Sturz vom Balkon noch mehr. Wie viel kann er sich noch leisten? Fünf Liter hat er insgesamt, und er fühlt sich jetzt schon schwach. Er reißt noch einmal an den Fesseln, aber die sind gut befestigt. Keine Chance.

Die dürre Person kommt zurück. Prüft den Beutel neben Barry, macht ein zufriedenes Geräusch. Wendet sich einem Tisch zu, auf dem Barrys und Ethans Besitztümer liegen – Schusswaffen, Kleidung, Schlüssel. Ethan. Verdammt. Wo ist Ethan? Dunkel erinnert sich Barry an Dr. Garrity. An das Museum. Was werden die mit Ethan machen? Tucson schießt ihm wieder durch den Kopf. Er schließt die Augen. Fokussiert sich. Keine Zeit für Gefühle beim Kampf ums Überleben. Die dürre Person drüben spielt mit Barrys Kindle herum.

“Zwei Möglichkeiten”, sagt er heiser. “Zwei Möglichkeiten, wie das hier endet.”
Die dürre Person dreht sich zu ihm um und runzelt die Stirn.
“Entweder Ethan oder ich kommen frei, schlagen euch nieder. Rufen die Polizei.” Die Person verzieht verächtlich das Gesicht. “Oder”, fährt Barry fort, “ihr bringt uns um. Aber ich bin Privatdetektiv, meine Lizenz steckt in der Brieftasche. Glaubst du, meine Leute wissen nicht, wo ich bin? Glaubst du, es wird besser, wenn ihr mit unseren Leichen erwischt werdet?” Er senkt seine Stimme. “Du wirst verhaftet. Entführung. Körperverletzung. Versuchter Mord, oder sogar Mord. Sie sperren dich ins Gefängnis.” Sein Blick wandert an der Person hoch und wieder runter. “Was meinst du, wie es dir da geht?”
Die dürre Person kommt auf Barry zu. “Ich kann mich meiner Haut wehren”, sagt sie mit dieser undefinierbaren Stimme.
Barry schnaubt. “Gegen einen, ja. Gegen zwei? Vielleicht. Gegen fünf oder sechs? Oder gegen die Wärter mit ihren Schlagstöcken? Sie werden dich überwältigen, sie werden dich schlagen, sie werden dich anfassen und du kannst nichts dagegen tun. Nichts.” In seinem Hinterkopf kämpfen die Erinnerungen an Greenfield darum, an die Oberfläche zu kommen. Er lässt sie, nur ein winziges Stück, nur genug, um seiner Erzählung Nachdruck zu verleihen. Keine Gefühle. Nicht jetzt.

Die Person zögert. Legt ihre Hand auf einen von Barrys Nervenknoten, drückt aber nicht zu.
“Und der Doktor? Soll ich ihn einfach im Stich lassen?”, fragt sie.
Barry sieht ihr direkt in die Augen. “Der Doktor kann dir nicht helfen. Nicht mehr. Du hast eine Chance, nur eine.” Der Druck der Hand erhöht sich. Noch kein Schmerz. “Hau ab. Verschwinde. Such dir einen neuen Doktor.” Die Hand zögert. “Mach dich aus dem Staub, solange du noch kannst.” Kurz ein fester Griff. Schmerz durchschießt Barry, aber es ist nur Schmerz, nur elektrische Impulse, die die Nerven ins Gehirn senden. Keine echte Verletzung.

Die dürre Person bückt sich. Tauscht den Beutel aus. Anderthalb Liter Blut. Schließt einen neuen Beutel an. Geht zum Tisch, greift sich den Kindle. Überlegt.

“Eine Chance”, sagt Barry noch einmal.

Die Person sieht ihn an. Zuckt die Schultern. Nimmt Geld aus seiner Brieftasche, aus Ethans Brieftasche. Verlässt den Raum.

Barrys Kopf sinkt zurück. Er ist allein im Raum, aber die Kanüle ist immer noch in seinem Arm, sein Blut rinnt immer noch aus seiner Vene heraus. Ihm ist schwindelig, sein Herz rast, aber der Puls fühlt sich flach an. Kurz wird ihm schwarz vor Augen.
Als er den Kopf wieder hebt, steht Ethan in der Tür.

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Ethan

Ethan hat das ‘Behandlungszimmer’ – ha – schon beinahe verlassen, als ihm etwas einfällt und er sich hastig noch einmal umdreht. Amos hat Blutkonserven mitgebracht. Zwei Beutel. Barrys Blut. Ethan hat relativ wenig Ahnung von Medizin, aber er war ein-, zweimal bei der Blutspende, und die haben immer nur einen Beutel dieser Größe abgenommen und sich bei der Anmeldung vergewissert, dass auch mindestens zwei Monate seit der letzten Spende vergangen sind. Nicht gut. Gar nicht gut. Eilig steckt er das Notizbuch in die Hosentasche und hakt die beiden Beutel von der Infusionsstange. Wirft einen schnellen Blick auf Dr. Garrity. Der rührt sich immer noch nicht.

Ethan späht vorsichtig auf den Gang, aber von Amos ist nichts zu sehen. In seinem Kopf pocht es, und ihm ist bewusst, dass er seine Verletzungen zumindest notdürftig verbinden sollte. Aber sein kleines, sonst immer allgegenwärtiges Notfallset ist nicht mehr in der Hosentasche, und er will keine Sekunde länger in diesem Raum verbringen als notwendig. Und er muss Barry finden. Dringend.

Mit den beiden Blutbeuteln in der einen und dem Skalpell in der anderen Hand geht Ethan vorsichtig den Gang entlang. Er kommt rechts und links an je einer Tür vorbei, öffnet beide, aber in keinem der Räume ist Barry. Der Korridor scheint in der Eingangshalle zu enden, in der sie vorhin überrumpelt wurden. Aber ehe Ethan hinkommt, hört er Schritte von links, dann eilt Amos’ lange, dünne Gestalt vorbei und in Richtung Ausgang. Ethan drückt sich gegen die Wand, aber der Mann hat es zu eilig, um ihn zu bemerken. Was zum… ? Ethan wartet einen Moment, bis sich die hastigen Schritte entfernt haben und die schwere Eingangstür ins Schloss fällt, dann tritt er in die Vorhalle hinaus. Achtet sorgfältig darauf, nicht zu dem Bild hinzusehen, und wendet sich nach links, wo Amos herkam. In einen ähnlichen Gang. Mit einer ähnlichen Tür an dessen Ende. Rennen kann Ethan im Moment gerade nicht sonderlich schnell, aber er beschleunigt seine Schritte, so gut es eben geht. Zieht die Tür auf. Der Raum ein Zwilling zu dem, wo er selbst festgehalten wurde. Zahnarztstuhl. Barry darin festgeschnallt. Angeflanschtes Schwenktablett. Infusionsstand. Nur dass hier der Kunststoffbeutel tiefer hängt als Barrys Arm und er sich langsam füllt, statt sich zu leeren. Barry sieht ihn an, aber sein Blick ist benommen, unfokussiert. Kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Verdammt verdammt verdammt!

Mit drei schnellen Schritten ist Ethan bei seinem Freund. Er hat keine Ahnung, ob das hier auch mit Blut funktioniert, aber an seinem eigenen Infusionsstand hing der Beutel hoch. Schwerkraft. Fließrichtung. Mit eiligen Fingern hakt er den Beutel ab und hängt ihn oben an den Haken, damit das Blut wieder zurückläuft. Macht sich bereit, die beiden Blutkonserven, die er mitgebracht hat, ebenfalls wieder an dem Schlauch zu befestigen, sobald der jetzige leer ist.
“Barry. Bleib wach.”

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Barry

Ethan sieht furchtbar aus. Blutüberströmt. Hoffentlich nicht alles sein Blut. Aber er bewegt sich einigermaßen flüssig. Nicht allzu schwer verletzt.
Als er den Blutbeutel einfach nur nach oben hängt, muss Barry einen Moment lang nachdenken, so verklebt fühlt sich sein Gehirn an. Irgendwas stimmt da nicht… dann hat er es.
“Ventil”, sagt er mit rauer Stimme. Soweit er weiß, haben diese Dinger ein Ventil, das verhindert, dass das Blut in die falsche Richtung fließt. Dann. “Durst.”

Schon beim ersten Wort schreckt Ethan auf. Macht sich mit fliegenden Fingern an dem Beutel zu schaffen, tauscht ein Ventil aus, öffnet es richtig herum. Jetzt läuft die rote Flüssigkeit in die gewünschte Richtung, und Barry lässt seinen Kopf kurz nach hinten sinken. Aber da sind immer noch die Fesseln… kurz kommt die Panik auf, Tucson, ist er in Tucson, aber nein, die Decke sieht anders aus. Ganz bestimmt.

“Fesseln”, keucht er. “Bitte… mach mich los.” Das klingt kläglicher, als er es gern gehabt hätte. Aber er spürt, dass er die Erinnerungen nicht mehr lange zurück halten kann, wenn er hier liegen bleibt.
Ethan hat schon angefangen, seine Beine zu befreien. Seine Arme, den Brustkorb. Hektischer, als es sinnvoll ist, und schneller, als es gut tut, setzt sich Barry auf und stolpert von dem Stuhl weg. Lässt sich zu Boden sinken. Fallen, wenn er ehrlich ist.

Vom Boden aus sieht er zu Ethan auf. “Polizei?”

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Ethan

Ethan schiebt seinem Freund schnell den Infusionsstand hinterher, als Barry das Ding in seiner Eile, von dem Zahnarztstuhl wegzukommen, umzureißen droht. Lässt die Stange kippen, achtet aber darauf, dass deren oberer Teil von dem Schwenktablett gehalten wird, damit er sich weiterhin oberhalb von Barry befindet und das Blut nach unten fließen kann.
Wie in dem anderen Zimmer auch, befindet sich an einer Wand ein Waschbecken. Einige von diesen hohen, schmalen Bechern leer im Schrank. Und, Segen über Segen, Tupfer und Kompressen und solches Zeug. Ethan füllt erst einen dieser Becher mit Wasser und reicht ihn dem Älteren, ehe er seine eigenen Wunden einigermaßen zu säubern beginnt. Und dann Barrys Becher nochmal nachfüllt. Auf dessen Frage nickt er energisch. So energisch er kann jedenfalls. Au. Verdammt. Schnitt im Hals.
“Polizei.”

Auf einem Tisch liegen ihre Sachen. Oh, auch sein kleiner Erste-Hilfe-Beutel. Um so besser, aber jetzt hat er schon Material von hier verwendet. Ethan steckt sein Portemonnaie und seine Schlüssel ein, zieht mit einer leichten Grimasse sein T-Shirt und sein Hemd über und reicht Barry dessen eigene Sachen hin. Nimmt dann sein Handy und sieht darauf, dann zu dem Älteren hin. “Du oder ich?” Er zögert. “Du bist der P.I. Vielleicht du?”

Aber Barry sieht noch nicht wieder so richtig fit aus. Ethan wiegt sein Telefon in der Hand. 911 anzurufen, sollte er ja wohl verdammt nochmal gerade noch hinkriegen. “Kann aber auch.”

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Barry

Barry lässt das T-Shirt auf seinem Schoß liegen. Über die Infusion kann er das ohnehin nicht anziehen.

“Willst du hier bleiben?”, fragt er. “Vermisstenmeldung noch aktiv? Vielleicht besser, du gehst und nimmst das Bild mit.” Puh. Langer Satz. Schwierig. Er hält Ethan den Becher hin.

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Ethan

Au. Stimmt. Während er nachdenkt, füllt Ethan Barry den Becher nochmal nach. Dann zuckt er mit den Schultern. “Weiß nicht, ob die aktiv ist. Zehn Jahre. Keine Ahnung. Und… Garrity. Verletzt. Vielleicht tot. Mein Blut. Fingerabdrücke. Aber… ja. Das Bild. Und” – er zieht das Notizbuch aus der Hosentasche, zeigt es Barry – “das hier. Wohl besser, ich geh. Nur… kommst du klar? Was sagst du denen?”

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Barry

Barry atmet durch. “Pistole”, sagt er und zeigt überflüssigerweise auf seine Glock. “Handy. Sag denen, entführt, da war noch einer, hab nicht viel gesehen.”
Zögernd gibt Ethan ihm die beiden Gegenstände. Noch ein Glas Wasser. Solange Barry sich nicht hektisch bewegt, geht es. Er atmet noch mal durch. Wählt dann.
“911. Bitte teilen Sie uns mit, um welche Art Notfall es sich handelt.”
Barry macht ein paar knappe Angaben zum Ort und zu den Vorfällen. Keine unmittelbare Gefahr, ein Täter geflohen, der zweite unklar. Braucht möglicherweise medizinische Versorgung. Während Barry redet, macht sich Ethan auf den Weg. Gut. Dann bekommt er nicht mit, dass Barry seinen eigenen angeschlagenen Zustand massiv herunterspielt. Oder wie Barry sich die Kanüle mit den Zähnen aus dem Arm reißt, weil der Anblick der Infusion ihn näher in Richtung Tucson treibt.

Kurz bevor die Polizisten bei ihm ankommen, denkt er noch daran, den Becher mit dem T-Shirt abzuwischen. Ist unglaubwürdig, wenn er nicht sagen kann, wer ihm das Wasser gebracht hat.

Es vergeht einige Zeit. Aussage, Vernehmung. Ja, die haben ihm Blut abgezapft. Nein, er will nicht ins Krankenhaus. Ja, er hält sich zur Verfügung, und er gibt auch eine Beschreibung der dürren Person ab. Garrity selbst wird vom Krankenwagen weggebracht. Lebt offenbar noch – wie schwer er verletzt ist, erfährt Barry nicht.

Drei Stunden nach dem Anruf bringt ein Taxi Barry zurück zum Motel. Er hat auf der Polizeiwache noch Flüssigkeit bekommen, aber er fühlt sich immer noch schwindelig und schwach. So schwach, dass er Ethan anruft, damit der ihn den kurzen Weg vom Taxi bis zum Motel stützt.

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Ethan

Ethan ist heilfroh, dass jemand – Amos oder Garrity selbst – das Bild bereits wieder verhängt hat. So muss er nicht selbst mit abgewendetem Blick versuchen, das Tuch über das verdammte Ding zu ziehen. So oder so ist er extrem vorsichtig, als er das verhüllte Gemälde von der Wand nimmt – kein Alarm bitte, bloß kein Alarm! – und es zum Mietwagen trägt. Draußen ist inzwischen die Dämmerung angebrochen; mindestens einige Stunden müssen sie also in dem Haus gewesen sein, wenn es nicht gar schon der nächste Abend ist. Nein, nicht so lange, sagt ihm die Datumsanzeige im Auto. Noch derselbe Tag. Ein kurzer Moment der Bestürzung folgt, als er vor dem geschlossenen Tor anhalten muss und denkt, der Öffnungsmechanismuss lasse sich nur von drinnen betätigen und er müsse zurück ins Haus, aber beim Aussteigen stellt er dann doch fest, dass es auch direkt am Tor die Möglichkeit gibt, es zu öffnen. Puh.

Als er langsam den Berg hinabfährt, hört er bereits die Sirenen von Polizei und Krankenwagen entgegenkommen. Aber seines ist nicht das einzige Auto auf der Straße, und er ist zutiefst dankbar für den silbergrauen Hyundai Accent, den er gerade fährt. Inbegriff der gemieteten Unauffälligkeit, und niemand will etwas von ihm.

Zurück beim Motel bekommt Ethan das Bild irgendwie ins Zimmer bugsiert, ohne das Tuch zu verlieren. Er stellt es trotzdem mit der Vorderseite gegen die Wand, sicher ist sicher. Dann schafft er es gerade noch so, seine Hosentaschen zu leeren, ehe er aufs Bett fällt. Seine zahlreichen Verletzungen mögen nicht wirklich ernsthaft sein, aber sie ziehen und pochen, und er fühlt sich wie gerädert. Sogar für eine Zigarette zu fertig. Das Motelbett ist weich wie das kostbarste Himmelbett, und endlich erlaubt Ethan es sich, die Anspannung fallen zu lassen. Für eine Weile tritt das Ziehen und Pochen in den Vordergrund, während er aufmerksam in sich hineinhorcht. Ja, alles tut ihm weh, aber jetzt keine Schmerzen zu haben, wäre das schlimmere Anzeichen. Als er die Augen schließt, hat er einen Moment lang Angst, das Bild würde sich wieder formen, aber die Dunkelheit hinter seinen Lidern bleibt schwarz, das Muster nur eine vage, abstrakte Erinnerung.

Sein Handy reißt ihn aus tiefster, traumloser Tiefe. Waswo? Wie betäubt greift Ethan nach dem Gerät, wird von der Nummer schlagartig wach. “Barry?”
Barry. Direkt draußen vor der Tür. Schafft es nicht ohne Festhalten ins Zimmer. Verdammt. Übel.

Drinnen will Ethan dem Älteren schon auf dessen Bett helfen, ehe er Barrys vages Gemurmel als Protest erkennt. “Nicht…” Eine undefinierbare Handbewegung, irgendwo zwischen Deuten und kraftlosem Wedeln. “Stuhl…”
Verdammt. Ob das so vernünftig ist? Einen Moment lang presst Ethan die Lippen aufeinander. Aber sein Freund hat einen beinahe panischen Ausdruck in den Augen. Okay. Stuhl. Barry atmet merkbar auf, als er von den Beinen kommt, aber dafür nicht liegen muss, und Ethan sieht ihn wachsam an. Wenn der Anstalten macht, seitlich wegzukippen, dann ist er trotz seines Protests schneller im Bett, als er “Schwindligkeit” sagen kann.

Verdammt. Der braucht nicht nur was zu trinken. Und vor allem nicht nur das bisschen Wasser, das er in der Villa hatte. Bei der Blutspende gab es hinterher immer Orangensaft und Kekse. Was mit Zucker, klar. Eigentlich will Ethan Barry nicht alleine lassen, aber sie haben sich nach dem Flug auch noch nicht wieder was kaufen können. Verdammt! Aber warte. An der Rezeption des Motels gibt es einen Automaten.
“Gleich wieder da”, sagt er zu Barry. “Nicht einschlafen.” Sonst fällt der am Ende doch noch in ein Koma oder so.

Ein paar Minuten später ist er mit einer 12 fl.oz.-Flasche Tropicana Pure Premium, einer Dose Cola, einer Packung Kekse und diversen Schokoriegeln zurück. Vielleicht Overkill, aber hey. Barry hatte tatsächlich die Augen geschlossen, während Ethan draußen war, aber eingeschlafen ist er glücklicherweise nicht, und jetzt macht er sich über die Sachen her, während Ethan sich ihm gegenüber auf seinem Bett ausstreckt, den Rücken an die Wand gelehnt und mit einem Kissen gepolstert. Widerwillig zieht er das schwarze Notizbuch aus der Tasche und blättert darin. Beim Lesen seines eigenen Namens überkommt ihn wieder ein Schauder. Eigentlich eher bei der Kombination aus seinem Namen und dieser seltsamen Schrift. Die wurde auch bei allen anderen Namen verwendet. Sind ein paar. Ethan blickt auf und sieht zu dem Älteren hinüber.
“Drecksmist. Und jetzt?”

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Barry

Barry fühlt sich gleichzeitig aufgewühlt und todmüde. Liegt vermutlich an dem schlechten Kaffee, den er bei der Polizei literweise in sich hineingeschüttet hat. Eisentabletten hat er da auch bekommen, aber er ist immer noch schwach. Körperlich nicht gut belastbar. Egal. Schlafen will er jetzt nicht. Noch mehr… Erinnerungen … Panikattacken braucht er nicht, und Ethan sicher auch nicht. Später, wenn das Koffein nachgelassen hat, wird er ein paar Ativan nehmen, dann müsste es eigentlich gehen. Später.

“Steht da was Interessantes drin?”, fragt er. Er hat ohnehin schon ein schlechtes Gewissen, weil er gerade für Ethan keine Hilfe ist. Eher ein Klotz am Bein. Aber vielleicht gibt es ja eine Spur.

Ethan zuckt die Achseln. “Kanns nicht lesen”, sagt er und wirft Barry das Notizbuch zu. Ungeschickt fängt der Ältere es. Schlägt eine Seite auf. “Robert Holt”, steht da, und dann… okay. Das ist das Cherokee-Alphabet. Aber das erste Wort… “Malevitsio”… das ist kein Cherokee.
Zwei Sekunden Nachdenken mit einem müden Gehirn, dann “Maleficio”, das ist Latein. Nur mit Cherokee-Buchstaben geschrieben. Interessant. Er spürt, wie sein Verstand wieder auf Trab kommt.

“Verstehst du’s?”, fragt Ethan. Barry nickt. “Muss es übersetzen.” Er will aufstehen, überlegt es sich dann aber anders. “Laptop?”
Nachdem er den Rechner hat, macht er sich an die Arbeit. Das ist nicht so schwierig, weil er sich vor kurzem erst mit Cherokee beschäftigt hat, aber die Übertragung auf eine andere Sprache wirft ab und zu Probleme auf.
Schließlich hat er die Seite übersetzt, zumindest zum Teil.
“Also”, sagt er. “Cherokee ist eine Silbenschrift, okay, aber der Text ist größtenteils Latein. Allerdings sind nicht alle Laute reibungslos übertragbar; außerdem ist das Latein des Schreibers… sagen wir mal, experimentell. Hier zum Beispiel, das müsste ein Genitiv sein, denke ich…” Er bemerkt Ethans verständnislosen Blick. “…aber egal. Hinter Robert Holt steht: ‘Todesfluch. Wunsch von Agatha Holt. Preis: Seele in zehn Jahren, Erinnerung an Vater, zweihundert Dollar. Fluchsäckchen durch Vertragspartnerin nach Anleitung erstellt. Wunsch am dritten Tag des zehnten Monats erfüllt.’ Und dann noch ein paar Details über die Erstellung des Fluchsäckchens – kann ich auch übersetzen, aber das sind botanische Fachbegriffe, dafür müsste ich noch weiter recherchieren…” Er bricht ab, als er Ethans Ungeduld spürt und sieht den anderen fragend an.

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Ethan

Ethan hört mit gerunzelter Stirn zu, während Barry die Holt-Übersetzung vorliest. Ein Auftragsbuch. Es ist ein verdammtes Auftragsbuch über Flüche. Eine Ehefrau, die ihren Mann loswerden wollte und ihn zu Tode fluchen ließ. Für Geld. Für Geld und für die Erinnerung an ihren Vater. Und, vor allem, für die eigene Seele. Oh Hölle. Was treibt einen Menschen dazu, so einen Deal einzug—

Er wirft Barry einen entsetzten Blick zu. “Ich. Ich wollte… Ich wollte nicht… Dass Carla stirbt. Ich. Ich hab. Mir nicht gewünscht, dass…“ Ethan schluckt. “War nicht ich. Oder? Ich meine… Mein Gedächtnis…” Seine Augen sind ein einziges verzweifeltes Flehen. “Mein Text?”

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Barry

“Dein…”, fängt Barry an. Dann schlägt er sich innerlich auf die Stirn. Natürlich. Hastig blättert er in dem Buch herum, bis er den Eintrag findet.
“Ethan Frederick Gale”, liest er laut vor. Dann hält er die Klappe. Erst übersetzen, bevor er einen Fehler macht. Er greift sich die Cola, um sein Gehirn noch ein bisschen auf Trab zu bringen. Das hier ist wichtig.
Nach einer halben Stunde ist er fertig.
“Ethan Frederick Gale. Verstärkung eines Fluchs. Wunsch von Quo-li-na Gv-e-li-ne-ge.” Er sieht auf. “Das ist wohl der Versuch, einen englischen Namen zu übertragen. ‘Quolina’ könnte ‘Colina’ sein, aber auch ‘Paulina’ oder ‘Rolina’. Der Nachname ist noch unklarer.” Barry wendet sich wieder dem Text zu. “Preis: Seele in zehn Jahren. Erinnerung an E-ta-na Ga-le (das soll vermutlich dein Name sein). Ein Dienst. Anweisungen zur Verstärkung des Fluchs erteilt – hier folgen wieder ein paar präzise Details über Kräuter und ähnliches – Ziel des Fluchs soll keiner anderen Frau beiwohnen können, ohne dass sie beim dritten Mal stirbt. Modifikation des ursprünglichen Wunschs, Vertragspartnerin wünschte Kopplung mit direktem Todesfluch. Modifikation mit Todesfluch beim dritten Mal wurde akzeptiert. Fluchpaste nach Anweisung erstellt und verstärkt. Wunsch am fünften Tag des siebten Monats erfüllt.” Er schaut zu Ethan. “Kommt das hin? Hast du die Stimme am 05. Juli gehört? Oder zumindest grob in der Zeit?”

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Ethan

Ethan beißt die Zähne zusammen, als eine Erinnerung mit ungebremster Wucht in ihm aufsteigt. Keine, die ihm so richtig gefehlt hat. Einfach nur eine, die jahrelang verdrängt war – die er in dieser Gänze jahrelang unterdrückt hatte.

Unabhängigkeitstag. Ihr erster gemeinsamer. Ethan hat vorgeschlagen, rauszufahren und sich das Feuerwerk von irgendwo außerhalb anzusehen, aber Carla kann sich für die Wildnis – oder auch nur für die wohlgepflegten Wege des städtischen Wandergebiets um den Mt. Tabor – nicht so recht begeistern. Also begehen sie den Tag ganz klassisch. Gemütlich ausschlafen. Ausgedehntes Frühstück. Picknick im Sellwood Park. Erst spazierengehen, händchenhaltend. Dann einen guten Platz für das Feuerwerk suchen. Essen. Trinken. Backgammon spielen, das Carla liebt und Ethan beigebracht hat. Er ist kein Meister darin, aber auch nicht völlig hoffnungslos unterlegen. Als es dunkel geworden ist, dem Farbenspiel zusehen und der Musik lauschen. Carla sitzt vor ihm auf der Picknickdecke, eng an ihn gekuschelt. Die ganze Wiese ist voller Menschen, die alle gebannt in den Himmel schauen. Carlas Kopf an seine Schulter gelehnt, Ethans Arme um Carlas Hüften. Der Duft ihres Haars streichelt seine Nase, und gelegentlich drückt er einen Kuss auf ihren Scheitel oder auf ihr Ohr, während sie gemeinsam mit der Nation ein neues Jahr beginnen. Kitschig? Klar. Aber wunderschön.

Es ist nach Mitternacht, bis die letzte Rakete abgefeuert ist und die Band verstummt. Sie haben es nicht eilig, ihre Sachen zusammenzupacken und sich Richtung Straße aufzumachen. Die Wege sind ohnehin überfüllt, und jede Menge Leute laufen auf der Wiese entlang. In der Nähe der überdachten Tribüne neben dem Podium, wo die Band gespielt hat, zieht Carla ihn in Richtung des Toilettenhäuschens. „Wartest du kurz?“

Ethan lehnt sich gegen einen Baum und beobachtet beiläufig die heimwärts strebenden Parkbesucher. Lässt den Blick schweifen und die Gedanken fliegen, wohin sie wollen. In diesem Falle zu Carla und zu der Tatsache, dass er zwar morgen wieder arbeiten muss und sie Vorlesungen hat, dass aber morgen keiner etwas sagen wird, wenn sie etwas später kommen. Sie können sich Zeit lassen. Er lächelt.

Jemand streift seinen Arm. Seltsam, er steht doch eigentlich extra weg vom Weg. Aber es sind ja noch so viele Leute unterwegs, dass er sich nicht wirklich wundert. Und er bringt die leichte Berührung nicht mit der Stimme in Verbindung, die gleich darauf an seine Ohren dringt.
„Ethan. Ethan Gale. Ethan Frederick Gale. Wenn ich dich nicht haben kann, soll keine andere Frau dich haben!“
Ethans Kopf ruckt hoch, und er sucht nach der Urheberin der Stimme. Was zum… Seine Jäger-Instinkte sind sofort angesprungen, aber schon vergeht die Dringlichkeit. Was für ein blöder Witz sollte das denn sein? Er schnaubt amüsiert.

Später, zuhause, erzählt er Carla von der Stimme. Sie kichert. „Da muss sie sich schon etwas Besseres einfallen lassen als diesen Hokuspokus, wenn sie will, dass ich dich verlasse.“ Spielerisch hält sie seine Hände fest, schubst ihn um. Sie kniet sich über ihn und stubst schelmisch seine Nase mit ihrer, während der Schalk in ihren Augen tanzt. Der Schalk, und noch etwas anderes. Amüsement. Liebe. Und Verlangen. Nein. Morgen werden sie definitiv nicht rechtzeitig aufstehen.

Die Stimme, die leise in Ethans Kopf widerhallt, als er Carla hinterher in die Arme nimmt und müde die Augen schließt, hat er am nächsten Morgen vergessen. „Einmal ist keinmal.“

Ethan hat Mühe, die zusammengebissenen Zähne wieder auseinander zu bringen. “Passt.” Er atmet tief durch, drängt die Erinnerung wieder nach unten. Runzelt die Stirn und sieht Barry an. Steht dann auf und kommt zu dem Älteren hinüber, sieht auf den Bildschirm und liest die Übersetzung noch einmal. Und nochmal.
“Kapier’s nicht so ganz”, murmelt er dann. “Verstärkung? Sie… ach so. Mehr als die sieben Jahre. Dämonenbund. Aber…” – sein Stirnrunzeln vertieft sich – “Garritys Partnerin. Immer. Für die anderen. Aber da… für sich selbst? Und… mich vergessen als Preis? Und ihre Seele?” Er schüttelt den Kopf. Will fluchen, aber ihm fällt kein Schimpfwort ein, das der Situation angemessen wäre. Verstummt.

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Barry

Barry zuckt die Achseln. Sein Kopf dröhnt, und ihm ist schwindelig. “Keine Ahnung”, sagt er. “Klingt nicht sehr durchdacht. William Congreve.” Als er Ethans fragenden Blick sieht, führt er aus: “Die Hölle kennt keine Wut wie die einer verschmähten Frau.” So ganz versteht er nicht, was Ethan mit ‘immer’ und ‘für die anderen meint’.
“Der Name? Colina, Paulina? Irgendwas mit G?” Eigentlich ist er zu fertig, um sich zu unterhalten. Oder zum brainstormen. Aber er will Ethan jetzt auch nicht allein da sitzen lassen, so aufgewühlt, wie der zu sein scheint. Verdammt. Er hält sich an der Coladose fest. Sagt nichts mehr. Drückt unter dem Tisch auf einen der Nervenknoten in seiner Seite, um wach zu bleiben. Hoffentlich hat Ethan sein kurzes Zucken nicht bemerkt.

“Rezept… kann ich noch übersetzen. Hilft vielleicht beim Gegenfluch?”

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Ethan

Paulina… Colina… Nichts. Da klingelt gar nichts. Frustriert schüttelt Ethan den Kopf. “Ich sollte. Müsste.” Verdammt. “Weg. Wenn’s je da war.” Er presst die Lippen aufeinander. Liest die Übersetzung nochmal, legt den Kopf schief. “Sie hat mich vergessen. War der Preis. Nur warum ich sie auch?” Er merkt gar nicht, dass er mit beiden Händen durch die Haare fährt. “Kein Deal von mir.” Deutet dann auf obere Hälfte des Bildschirms oben, wo der Holt-Text noch steht. Liest auch diesen Text erneut. “Vertragspartnerin. Fluchsäckchen.” Er schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. “Ich Depp. ‘Vertragspartnerin’. Nicht immer dieselbe. Scheiße. Zu müde.” Mit dem Versuch eines schiefen Lächelns sieht er Barry an. Es ist ja immerhin auch mitten in der Nacht. “Kann nicht mehr denken. Bett, glaub. Du auch? Rezept morgen?”

Ethan hat keinerlei Ahnung, ob Barry die Nacht da auf dem Stuhl sitzend verbringen will. Raten würde er es ihm nicht. Aber so dringend, wie der vorhin nicht auf sein Bett wollte… Na, soll Barry sich das mal überlegen. Ethan selbst verschwindet erst einmal im Bad und sieht, als er wieder rauskommt, den Älteren forschend an, ob der irgendwelche Hilfe möchte.

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Barry

Als Ethan vorschlägt, schlafen zu gehen, atmet Barry auf. Gute Idee. Langsam steht er auf, schlurft zu seiner Reisetasche. Holt eine Ersatzwaffe hervor – die anderen sind bei der Polizei geblieben. Wirft sein Jackett ab. Zieht die Schuhe aus. Große Aufgaben.
Ethan kommt gerade wieder aus dem Bad, als Barry drei Ativan einwirft und überlegt, eine vierte zu nehmen. Aber das ist vermutlich übertrieben, und er will eigentlich auch wieder aufwachen. Also stellt er das Beruhigungsmittel weg. Ist ihm jetzt egal, dass Ethan den Label sehen kann.

Hoffentlich kann er einigermaßen… traumlos… schlafen… heute…

Als Barry wieder aufwacht, ist es heller Tag. Er schrickt aus einem Alptraum auf, irgendwas mit Tucson und Greenfield und den Hollow Man… die Erinnerung verfliegt nur langsam. Seine Hände sind zittrig, sein Mund ist trocken und ihm ist immer noch schwindelig. Verdammt. Wie lang hat er geschlafen? Ein Blick auf die Uhr sagt, dass es schon nach elf ist. Viel zu lang. Wo ist Ethan?

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Ethan

So fertig er auch war, es dauert noch eine ganze Weile, bis Ethan einschlafen kann. In seinem Kopf jagen sich die Bilder, die Eindrücke. Sein verzweifelter Kampf gegen die Fesseln. Doktor Garritys wahnsinnige Augen. Die Stimme im Park. Irgendwann gehen seine wirren Gedanken in wirre Träume über. Nicht ganz Alpträume, oder jedenfalls nicht ganz so heftig, dass er japsend daraus aufwacht, aber nah genug.

Am nächsten Morgen braucht es eine ausgiebige Dusche, ehe Ethan sich wieder einigermaßen lebendig fühlt. Seine Zerrungen und die zahlreichen Schnittwunden, die er nach dem Duschen nochmal sorgfältig verarztet, behindern ihn etwas, aber es geht. Zum Laufen ist er gerade nicht in der Lage, aber zumindest die Beine vertreten will er sich. Werden sich hoffentlich auch die steifen Muskeln wieder etwas lockern.
Barry schläft noch, etwas unruhig, aber tief. Logisch, der hat sich auch gestern auf der Polizei noch mehrere Stunden um die Ohren geschlagen, während Ethan wenigstens schon mal etwas die Augen zutun konnte. Lass ihn schlafen. Leise verlässt Ethan das Zimmer.

Heute Nacht sind zwei Nachrichten von Sam gekommen, stellt Ethan draußen fest. Eine mit der Information, wann sie ankommen wird. Die andere nur etwa zehn Minuten später, ob alles in Ordnung sei. Laut Zeitstempel muss das ungefähr gewesen sein, als er gerade in Garritys Villa war. Huh.
Er schickt Sam eine Antwort und macht sich dann auf eine ausgedehnte Tour um den Block.

Als Ethan mit ein paar Vorräten wieder in Motelzimmer kommt, sitzt Barry halb aufgerichtet im Bett. So richtig besser sieht der immer noch nicht aus. Verdammt. Ethan hebt die mitgebrachte Tüte hoch. “Frühstück?” Wobei. Inzwischen ist ja fast Zeit für das Mittagessen. Ist nur die Frage, wie fit Barry sich fühlt. “Oder wo hingehen?”

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Barry

Barry schluckt erst mal drei Eisentabletten. Oder war das zu viel? Egal. Auf Ethans Frage rappelt er sich auf.
“Würd gern essen gehen”, sagt er. “Pancakes, Bacon. Kaffee.” Viel Kaffee. Aber erst mal Duschen. Gar nicht so einfach, aber es hilft, seinen Kreislauf wieder in Gang zu bringen, zumindest ein bisschen. Er scheitert trotzdem daran, den Liner richtig über den Stumpf zu ziehen. Verdammt. Zu anstrengend. Egal. Morgen.

Vierzig Minuten später sitzen die beiden in einem Diner, der nicht nur Pancakes und Bacon, sondern auch Salate und organische Fitness-Shakes hat. Barry vermutet zwar, dass da nur überteuerter Blödsinn drin ist, aber er trinkt trotzdem zwei ‘Iron Fortresses’ und einen ‘Purple Jumper’. Schmeckt gesund.
Nach dem Essen kann er sich einreden, dass er wieder fit ist. Okay, einen Ringkampf mit einem… na, sagen wir, mit einem Fünfjährigen schafft er vielleicht nicht, aber zum Nachforschen wird es schon reichen.

“Wir haben einen Namen”, sagt er. “Warum fahren wir nicht bei deinem alten Arbeitgeber vorbei und fragen da mal rum?” Und danach bei den engeren Freunden, aber Kollegen sind wahrscheinlich einfacher. Außerdem ist die Chance ganz gut, dass da tagsüber jemand anwesend ist. Hoffentlich hat sich Ethan da keine Feinde gemacht.

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Ethan

Die Fabrik liegt im Industriegebiet südlich des Willamette River. Als Ethan den Miet-Hyundai auf den Parkplatz fährt, kommt es ihm vor, als sei er gestern zuletzt hier gewesen, denn verändert hat sich eigentlich gar nichts. Eigentlich könnte er jetzt in die Werkshalle an seine Maschine gehen und zu arbeiten anfangen. Er unterdrückt ein amüsiertes Schnauben. Nicht.

Auch das Büro des Managers ist noch dasselbe. Und darin Floyd Monaghan, derselbe Chef, bei dem Ethan vor nicht ganz acht Jahren mit brüchiger Stimme gekündigt hat, ehe er Portland mit dem kleinen Umweg über das French Ivy verließ. Für immer. Dachte er.
Entsprechend erstaunt gibt sich Monaghan jetzt, dass Ethan in der Fabrik auftaucht. Erstaunt, aber nicht abweisend. Puh. Damit hatte er eigentlich fast gerechnet, denn Ethan hat immerhin damals die zwei Wochen nicht eingehalten, bei einer Kündigung zwar keine Pflicht, aber höfliche Praxis sind. Aber andererseits ist Carlas Tod in der Firma natürlich nicht unbemerkt geblieben, und so hatte Ethan vielleicht in Monaghans Augen den besondere-Umstände-Bonus.

So oder so, auch Tom Yager arbeitet noch hier, und Manager gesteht es Ethan zu, seinen alten Freund und Kollegen für ein paar Minuten zu sprechen. Tom ist mindestens genauso überrascht wie sein Boss, aber er scheint sich immerhin ehrlich zu freuen, ihn zu sehen. Er macht heute Frühschicht, hat also tatsächlich in etwa einer Dreiviertelstunde Feierabend. Solange können sie auch noch warten für alles weitere.

Um kurz nach 15 Uhr treffen sie sich vor dem Werksgelände wieder. Hier im Industriegebiet gibt es zwar so überhaupt keine Cafés oder ähnliches, aber ein Stückchen weiter Richtung Innenstadt werden sie dann doch fündig. Zumindest kennt Tom da einen Diner, der einigermaßen bei ihm auf dem Heimweg liegt.
Nachdem sie jeder einen Kaffee vor sich stehen haben und Ethan Barry als Privatdetektiv vorgestellt hat, der ihm dabei helfen soll, ein paar Fäden wieder zu verknüpfen, und nach ein paar Minuten leicht betretenen Austauschs von Lebensupdates – Tom hat geheiratet, ein Kind inzwischen, sechs ist Joel jetzt, und er würde sich über ein Geschwisterchen freuen, also arbeiten sie daran, grins, und wenn Tom Glück hat, befördern sie ihn demnächst zum Schichtleiter, und Ethan? Mhmm. Vermont. Hausmeister – bringt Ethan das Gespräch möglichst beiläufig auf Paulina oder Colina Ge-irgendwas. Und siehe da, Tom runzelt die Stirn und überlegt und fragt dann: “Meinst du Coleen aus der Buchhaltung? Coleen Greylidge oder Greeling oder wie die hieß? Die arbeitet schon seit ein paar Jahren nicht mehr hier. Hat ziemlich kurz nach dir aufgehört, wenn ich mir das so überlege.”
Volltreffer.

Oder zumindest klingt es fast so. Der Name sagt Ethan zwar immer noch nichts, bei der Erwähnung von ’Coleen aus der Buchhaltung’ taucht kein Bild vor seinen Augen auf, aber es könnte ein weiterer Puzzlestein sein.

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Barry

Nachdem Ethan und Tom sich ausgetauscht haben, übernimmt Barry kurz das Gespräch. Glücklicherweise hat er seinen Anzug an – alle anderen Kleidungsstücke sind allerdings entweder dreckig oder vollgeblutet. Oder beides. Auf die Krawatte hat er allerdings verzichtet, die kann er ohnehin nicht binden.
“Mr. Yager, ich hätte gern ein paar Details über Coleen von Ihnen”, sagt er und zückt sein Handy, um sich Notizen zu machen.
Tom schaut unsicher zu Ethan. “Aber… das kann doch Ethan…”, wendet er ein.
“Ich würde es gern von Ihnen hören”, sagt Barry, ohne Ethan anzuschauen.
“Na, okay”, fängt Tom an. “Ich hatte ja nicht viel mit ihr zu tun… hatte eigentlich niemand. Die war immer so ein bisschen komisch… hat so Eso-Kram gemacht und an so Zeug geglaubt…” Er schüttelt den Kopf. “Ethan hat ein paar Mal mit ihr geredet und ihr mal beim Umzug oder so geholfen… ich glaube, die war ein bisschen verknallt in ihn. Aber er hatte ja eine Freundin, also ist da nichts gelaufen.”
“Sicher?”, fragt Barry nach und ignoriert Ethans empörten Blick in seinem Nacken.
“Nee”, sagt Tom wie aus der Pistole geschossen. “Glaub ich nicht.”
Weitere Fragen ergeben nicht mehr viel: Coleen war rothaarig, oder rot gefärbt, durchschnittlich groß, und eine Augenfarbe hatte sie auch. Nicht viel, aber mehr als vorher.

Als nächstes müssen sie nochmal zurück zur Fabrik. Vielleicht kann ihnen jemand aus der Personalabteilung helfen, was den Nachnamen angeht? Barry strengt das Hin- und Hergerenne mehr an, als er zugeben will, aber es ist ja nicht weit.

Sie haben Glück: Ethans alter Chef schickt sie zur Verwaltung, und Sandy, die Buchhalterin / Personalverwalterin dort, hat Zeit, sich mit ihnen zu unterhalten. Leider kann sie ihnen bezüglich Coleen nicht viel weiterhelfen: Das System der Firma hat vor fünf Jahren die Software gewechselt, und dabei sind etliche Karteileichen gelöscht worden. Den Nachnamen weiß sie auch nicht mehr so genau, aber dafür noch eine Menge Klatsch und Tratsch.
“Die war ganz schön verschossen in Ethan hier”, sagt sie mit einem duldsamen Kopfschütteln. “Okay, sie war nicht die einzige. Nancy hat auch für ihn geschwärmt. Und Mrs. Duncan. Gutaussehend und geheimnisvoll ist halt schon eine starke Kombination… aber er war ja schon mit diesem College-Mädchen zusammen, da lief halt nichts.”
“Coleen hat aber nichts unternommen, um Ethan für sich zu gewinnen”, sagt Barry.
Sandy schnaubt. “Sie ist ihm schon hinterhergeschlichen. Hat ihm dauernd irgendwelche Tees gemacht… die war echt sauer, als ihr jemand gesteckt hat, dass er vergeben ist. Mann! Ich hab gedacht, die frisst gleich den Locher! Angeblich waren sie wohl vom Kosmos füreinander bestimmt oder so.” Sie schüttelt den Kopf. “Die hatte echt ne Meise. Wissen Sie, die hat sogar ihren Kater mit zur Arbeit gebracht… Garfield, ein Riesenvieh, guckte so böse wie zwei Weltkriege zusammen, aber sie meinte, er wäre ein altes Schmusekätzchen. Monaghan hat ihr gesagt, sie soll ihn zu Hause lassen, aber der war Freigänger und ist immer mal wieder hier aufgetaucht.”
Barry macht sich eine Notiz – nicht, weil er die bräuchte, aber er weiß, dass sich die Leute dann eher ernst genommen fühlen und weitere Fragen bereitwilliger beantworten.
“Sie hat die Firma aber vor acht Jahren verlassen”, sagt er.
“Ja”, Sandy nickt. “Ich war froh. Immerhin war sie da über Ethan hinweg.”
“War sie?”, fragt Barry nach.
“Scheinbar schon, als ich ihr erzählt habe, dass Ethans… dass Ethan weg ist, guckte sie mich nur so merkwürdig an und fragte ‘welcher Ethan?’” Wieder schüttelt sie empört den Kopf. “Ich war echt froh, als die zwei Tage später nicht mehr zur Arbeit gekommen ist.”

Barry stellt noch ein paar Fragen, aber Sandy hat keinen Kontakt mehr zu Coleen, und nein, soweit sie weiß, war die nie bei Facebook oder so etwas. Sandy plaudert noch eine Weile munter vor sich hin, bis das Telefon klingelt und sie zurück an die Arbeit muss.

Als die beiden das Werksgelände verlassen, ist Barry todmüde. Er hat gehofft, dass sich seine körperliche Schwäche im Laufe des Tages legt, aber es sieht nicht so aus.

“Ethan”, fängt er an, als die beiden wieder im Auto sitzen. “Ich glaube, ich sollte mich morgen auf den Heimweg machen. Sorry, Mann.”

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Ethan

Scheiße. Natürlich. Ethan fühlt sich selbst noch nicht übermäßig fit, und ihm haben sie nicht werweißwieviel Blut abgezapft. Er atmet langsam aus und schüttelt den Kopf. “Quark. Braucht dir nicht leid tun. Klar musst du heim. Hier ist eh” – er zuckt leicht mit den Schultern – “Haben unsere Spur, oder?” Es würde relativ wenig bringen, mit Carlas und seinem alten Freundeskreis auch noch zu reden. Auch wenn er Javi gerne mal wieder gesehen hätte. Mit dem war er damals echt eng.

Über den Gesprächen mit Tom und Sandy und der Rumfahrerei zum Diner und zurück ist auch schon wieder einiges an Zeit vergangen. Bis sie nach einem kleinen Schlenker für etwas zu Essen zurück am Motel sind, ist es Abend geworden. Ethan checkt seine Nachrichten, aber Sam hat sich noch nicht wieder gemeldet. Er schreibt ihr kurz, dass er jetzt im Motel ist, dann lässt er sich auf sein Bett fallen und verschränkt die Arme hinter dem Kopf.

“Bring dich morgen. Zum” – er zögert. Äh. Verdammt. “Flughafen?”
Barry schnaubt. Der Ältere hat sich mit einem tiefen, erleichterten Seufzer ebenfalls auf seinem Bett niedergelassen. “Vergiss es. Bahnhof. Es gibt einen Zug nach Chicago, den nehme ich.”
Ethan nickt. “Bahnhof.”

Eine ganze Weile schweigenden Grübelns später fängt Ethan langsam und zögernd an zu reden. “Okay. Coleen. Katze. Vertrautentier. Hexe.” Er verzieht das Gesicht und gibt ein sarkastisches Schnauben von sich. “Ach. Aber Bestätigung. Auch was. Mich vergessen. Weggezogen. Drecksmist. Land ist groß.” Ethan hält inne und sieht zu Barry hinüber, der nicht so aussieht, als sei ihm nach einem Brainstorming. Im Gegenteil. Der kann kaum noch die Augen offenhalten.

“Scheiße. Rede zuviel. Sorry.” Ethan rappelt sich auf und zieht die Schuhe wieder an. “Ruh dich aus. Bisschen Luft.”

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Barry

Barry wäre fast eingeschlafen. Fast. Aber Ethans Stimme weckt ihn auf, und er liegt auf einem Bett… In einem Motel. In einem verdammten, x-beliebigen Motel, okay. Nicht in einem Krankenhaus.
Ethan ist schon aus der Tür, als Barry sich mühsam aufsetzt. Gut. Reden will er jetzt eigentlich nicht, zumindest nicht ohne Kaffee. Oder Cola, da steht noch eine im Raum.

Nach ein paar Schlucken geht er langsam zum Tisch, wo sein Laptop steht. Und das Notizbuch. Vielleicht kann er ja noch ein paar Seiten übersetzen.

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Samantha

Es ist schon dunkel, als Sam am Motel ankommt, dessen Adresse Ethan ihr geschrieben hatte. An der Rezeption fragt sie nach einem Zimmer und bekommt die Nr. 17, gleich neben Ethans Nr. 16. Sie parkt ihren alten VW-Bus, greift nach einer großen Papiertüte mit dem aufgedruckten Dairy Queen-Logo und einem Halter mit mehreren Bechern.
Mit den Fingerknöcheln klopft sie an die Tür. Sie sieht abgeschlagen aus, vermutlich von der langen Autofahrt. Dunkle Augenringe, das Haar etwas zerzaust, was bei dem schwarzen Kurzhaarschnitt auch dazugehören könnte.

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Barry

Barry schreckt auf, als plötzlich jemand an der Moteltür pocht. Ethan? Nein, der hat den Schlüssel. Die Polizei? Kündigt sich an. Irgendwelche Hollow Man? Die klopfen nicht.
Adrenalin ist ein wundervolles Aufputschmittel. Er kommt zu seinem Bett, holt die Ersatzwaffe im Schulterholster und hängt sie um. Dann zur Tür. Öffnen oder fragen? Lieber öffnen, die Wand hier hält keinen Schuss ab, und wenn er spricht, verrät er seinen Standort.

Vor der Tür steht das Mädchen von der Gala. Die, die hinter der Topfpflanze stand… und die bei Ethan war, als der Barry in der Sauna mit Irene gesehen hat. Oh.
Im ersten Moment starrt er sie nur überrascht an. Ihm wird bewusst, dass er vermutlich ziemlich fertig aussieht, die langen Haare offen, Ernestos Holzperlen immer noch irgendwo verteilt, das Hemd zerknittert. Immerhin hat er die Waffe nicht gezogen.

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Samantha

Verwirrt starrt Sam den Mann an, der die Tür geöffnet hat. Stirnrunzelnd lehnt sie sich zurück, schaut, ob sie die falsche Tür erwischt hat. Nein. Alles richtig. Dann scheint ihr die Erkenntnis zu kommen und sie verdreht über ihre eigene geistige Trägkeit die Augen.
„Ähm… hi. Ist Ethan da?“
Sie lässt ihren Blick über ihn streifen und sie kneift die Augen leicht zusammen.
„Sorry. Du musst Barry sein. Sama… Sam. Ich bin Sam. Ich glaub, wir haben uns in LA kurz gesehen.“
Selbst wenn sie sich an die Szene in der Sauna erinnern sollte, lässt sie sich dahingehend nichts anmerken. Ihr Blick bleibt kurz auf dem Hemd und seiner Waffe hängen, aber dann blickt sie ihm wieder in die Augen und hebt die Papiertüte.
„Hab‘ was zu essen mitgebracht. Sollte genug sein.“

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Barry

Das ist also Sam. Okay. Irgendwie war Barry davon ausgegangen, dass Sam ein Kerl ist, warum auch immer.
“Ethan ist spazieren”, sagt er und lässt sie ins Zimmer. Sie sieht nicht gerade harmlos aus, aber Ethan scheint ihr zu vertrauen. “Kommt bestimmt gleich wieder. Kaffee?” Sie sieht aus, als könnte sie einen brauchen, und neben dem Tisch steht eine alte Kaffeemaschine.
Sie hebt als Antwort die Getränke hoch, die sie mitgebracht hat. Gut. Barry ist nicht sicher, ob er gerade einen vernünftigen Kaffee brauen kann, ohne Haken und so zittrig auf den Beinen, wie er sich fühlt.

Er setzt sich wieder an den Tisch, klappt den Laptop zu. Fragt sich, worüber er sich mit ihr unterhalten soll. Über L.A. schon mal nicht – die Sache mit Irene will er nicht ansprechen, und nach der Topfpflanze braucht er nun auch nicht fragen.
“Ethan hat dir erzählt, warum wir hier sind?”, sagt er dann fragend. Hofft, dass die Antwort ‘Ja’ ist. Fragt sich, ob er ihr auch ‘Fluch’ vor den Latz geknallt hat, als würde das alles erklären.

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Samantha

Die Papiertüte und die Getränke stellt sie auf den Tisch, schaut sich dann kurz um, zieht die schwarze Lederjacke aus und hängt sie an einen Haken bei der Tür. Mit wenigen Handgriffen verteilt sie die Auswahl an Fastfood. Verschiedene Burger, Pommes und anderes frittiertes, aber sogar 2 Schälchen mit Salat und einige Muffins stehen auf dem Tisch. Auf seine Frage mustert sie ihn kurz, geht aber erst einmal nicht darauf ein.

“Greif zu. Ich… hab eigentlich kaum Hunger. Aber lass Ethan einen von denen mit Käse und Pilzen übrig.”
Bei den Worten lässt sie sich in den Stuhl gegenüber von Barry sinken und wickelt einen Cheeseburger aus seiner Verpackung, von dem sie einen Bissen nimmt, ihn dann aber in der Hand hält.
“Ja. Hat er”, antwortet sie dann unvermittelt, nachdem sie ihr Gegenüber einige Augenblicke beobachtet hat, wie er die Auswahl der Speisen betrachtet.

Wirklich entspannt wirkt sie nicht. Eher rastlos. Auf der Hut. Ihr Blick wird einmal kurz am Armstumpf hängen geblieben bleiben, aber keine Spur vom sonst so häufig aufkommenden Mitleid, das Fremde Barry vermutlich oft entgegenbringen, ist zu erkennen.
Sie nimmt einen weiteren Bissen von ihrem Burger. “Ein Trip in die Vergangenheit.” Und das nicht nur für ihn, denkt sie noch im Stillen.

“Sorry, wenn ich so direkt bin. Aber du siehst beschissen aus. Ist was passiert, von dem ich wissen sollte?”

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Barry

Barry schnaubt, fast amüsiert. Er hat keine Ahnung, was Sam alles wissen sollte. Oh, doch. Eine Sache fällt ihm ein.
Mit dem Kopf deutet er auf den Bilderrahmen, der an der Wand gelehnt steht. Er ist mit einem Tuch verhängt.
“Schau das nicht an”, warnt er. “Wir hatten einen Zusammenstoß mit einem Typen, der mal”, er zögert, beschließt dann, dass sie ihn ruhig für bekloppt halten kann, “von einem Dämonen besessen war. Er hat’s vermisst, ist irre geworden. Hat uns ein bisschen durch die Mangel gedreht. Das Ding da, das Bild, hat er verwendet, um uns auszuschalten. Hat sich direkt ins Hirn gebohrt, und dann gingen die Lichter aus.”

Er fragt sich, warum Sam so fertig aussieht. Aber es ist ein Stück von L.A. nach Portland. Vielleicht ist sie einfach im Stau gestanden? Oder vielleicht liegt es daran, dass er gerade erzählt hat, dass Ethan durch die Mangel gedreht worden ist.

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Samantha

Sam runzelt die Stirn, als er Bild und den irren Mann erwähnt und ihr Blick wandert über das Bild hinweg. Doch dann nickt sie. “Verstehe”, erwidert sie knapp.

“Ethan geht’s besser als mir”, fügt er hinzu. “Ein paar Schnitte, ein paar Prellungen… konnte noch spazieren gehen.” Er schaut die junge Frau nachdenklich an. “Du siehst ziemlich müde aus. Doch ‘n Kaffee?”

“Geht schon, aber danke, das hier wirkt auch.” Sie hebt einen Becher, offensichtlich mit einem Energydrink gefüllt und trinkt davon. “Lange Fahrt, viel Verkehr. Und letzte Nacht schlecht geschlafen.”

Schnitte und Prellungen? Danach sieht Barry aber nicht aus.

“Gut, dass ihr da wieder rausgekommen seid.” Kurz flackert Sorge in ihrem Blick auf. “Hatte der was mit… der Sache damals zu tun? Ein dämonischer Einfluss war ja denkbar.”

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Barry

Barry zögert. Er kennt Sam nicht, hat keine Ahnung, wie viel sie weiß. Oder wissen sollte. Oder wie viel Ethan ihr lieber selbst erzählen will. Unruhig spielt er mit der Coladose, die vor ihm steht. Beschließt, lieber ehrlich zu sein. (Ist ja auch mal eine tolle Idee, ehrlich zu sein, was?)

“Sorry, Sam, nimm’s mir nicht übel, aber ich weiß nicht, wie viel Ethan dir da erzählt hat… und wie viel er da erzählen will, okay? Scheinbar weisst du ja schon… einiges, aber ich möchte das nicht unbedingt erzählen, wenn er nicht dabei ist. Kommt mir komisch vor. Sollte seine Entscheidung sein, was er da sagen will.” Er bemüht sich um einen freundlichen Tonfall. “Nichts gegen dich… würdest du’s wollen, wenn’s dein Problem wäre?” Eigentlich will er sie nicht vor den Kopf stoßen, deswegen bemüht er sich, zu lächeln, ohne bedrohlich zu wirken.

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Samantha

“Klar.” Sie hebt beschwichtigend eine Hand. “Du hast vollkommen recht. Tut mir leid. Nur eins: Besteht akut Gefahr? Sollte ich kurz zum Auto?”
Fragend schaut sie ihn an. Bereit, gleich aufzuspringen, sollte es nötig sein.
“Oder…” Ethan würde sicherlich nicht alleine spazieren gehen, wenn da ein Irrer draußen Jagd auf ihn macht. “Oder ist das geklärt? Braucht keine Details.”

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Barry

Barry ist erleichtert über ihre Antwort. Ehrlichkeit war vermutlich die richtige Taktik (was für eine Überraschung, Jackson, echt jetzt). Aber ihre Frage beunruhigt ihn. Hat er etwas übersehen? Hat er Ethan allein ins Messer laufen lassen? Er denkt fieberhaft nach: Garrity ist im Gefängnis oder in der Klapse. Kein Problem. Die dürre Gestalt ist abgehauen und hat kein eigenes Interesse an Ethan. Vermutlich kein Problem. Norrey hat hoffentlich die Nase voll und sollte auch kein Problem sein, und die Hollow Men sind nicht hinter Ethan her, wenn überhaupt. Also vermutlich nicht.

“Glaub ich nicht”, sagt er also. “Der Irre ist im Knast, oder in psychiatrischer Verwahrung. Glaube nicht, dass die den so schnell wieder rauslassen.” Trotzdem schlägt er seinen Laptop auf und schaut, wie lang er schon online ist. 18 Minuten. “Ethan ist vor zwanzig Minuten los. Würde ihm noch ‘ne halbe Stunde geben, bevor wir ihn suchen gehen.”

Er sieht, wie sie ihn skeptisch mustert. “Ja, ich weiß, ich bin nicht so fit, aber ich bleib hier nicht sitzen und warte, wenn etwas ist.”

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Samantha

“Das hätte ich auch nicht erwartet.”
Sam lächelt leicht. Die Anspannung lässt sichtlich nach und sie lehnt sich wieder im Stuhl zurück und streckt die Beine nach vorne aus.
Nach einem kurzen Blick auf die Uhr nickt sie. “Gut. Eine halbe Stunde.”
Ihr Blick bleibt kurz an seinem Ehering hängen, der ihr scheinbar jetzt erst auffällt. Kurz hebt sie eine Augenbraue, ihre Mundwinkel zucken leicht nach oben. Irene, Irene. Jetzt verstehe ich dein Rumgestottere auf der Gala.
Schmunzelnd isst sie ihren Burger auf, greift nach ein paar Pommes und setzt dann wieder eine betont neutrale Mine auf. “Du möchtest nichts?”

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Barry

Barry ist der Blick nicht entgangen. Unwillkürlich fängt er an, mit dem Daumen über den Ehering zu fahren. Erklärungen, Entschuldigungen, Ausreden steigen in ihm hoch, aber er hält es zurück. Natürlich würde er sich gern rechtfertigen. Der jungen Frau erklären, dass das, was sie da gesehen hat, eine absolute Ausnahme war. Dass er normalerweise… dass er seine Frau… ach, was soll’s. Sam kennt ihn gar nicht, und jede Erklärung wäre einfach nur lahm. Trotzdem, dieses kleine Lächeln auf ihrem Gesicht… als wäre das ein Witz. Eine ulkige Anekdote.

Auf ihre Frage wegen des Essens schüttelt er den Kopf. “Danke. Hab schon gegessen.” Fast Food isst er ohnehin nur, wenn es keine Alternative gibt. Außerdem ist da diese kleine paranoide Stimme in seinem Hinterkopf, die ihn warnt, das Essen könnte vergiftet sein. Vermutlich nur ein blöder Reflex.

Als er bemerkt, wie sein Daumen mit dem Ring spielt, seufzt er und hört damit auf. Kann das trotz allem nicht stehen lassen.
“Hab einen Fehler gemacht”, sagt er. Schaut die junge Frau nicht an. Soll sie sich doch amüsieren, aber er will nicht, dass sie denkt, das wäre für ihn eine Kleinigkeit gewesen.

Sie schaut umgehend ernster. “Wir machen alle mal Fehler. Wie auch nicht?”

Themawechsel. “Du hast auf der Gala nicht ausgesehen, als würdest du dich da wohlfühlen.”

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Samantha

Schnaubend schüttelt Sam den Kopf.
“Ist nicht meine Welt. Habe mich von meinem Cousin überreden lassen. Und Widerstand ist zwecklos, wenn sich ein Hooper-Winslow einmal was in den Kopf gesetzt hat.”
Sie verdreht die Augen.
“Letztlich wars ja sogar gut, dass ein paar von uns da waren. Echt unglaublich, wie einen das manchmal verfolgt.”

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Barry

Barry lehnt sich überrascht zurück. Hooper-Winslow? Okay. Sam sieht Irene nicht gerade ähnlich, und sie klingt auch eher amerikanisch als britisch. Ein bisschen wie die Leute hier in Portland, tatsächlich. Kennt Ethan sie von hier?

Sie macht auch nicht den Eindruck, besonders reich zu sein, aber vielleicht stammt sie aus einem anderen Zweig der Familie. Er selbst sieht ja auch nicht immer aus wie der Sproß einer wohlsituierten Anwaltsfamilie.

“Wenn man das einmal mitgekriegt hat, dann fällt’s einem überall auf”, stimmt Barry ihr zu. “Ist wahrscheinlich noch schlimmer, wenn man in so eine Familie hineingeboren worden ist.” Er bemüht sich, seinen Tonfall neutral zu halten. Irene ist immer sehr stolz darauf gewesen, dass die kleinen Hooper-Winslows von Kindesbeinen an mit dem Übernatürlichen konfrontiert werden.

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Samantha

Sam zuckt mit den Schultern, mustert ihn, nachdem er so überrascht reagiert hatte.
“Vermutlich. Man hat kaum eine Wahl, als die Anzeichen zu erkennen.” Mit britischem Akzent fügt sie noch hinzu: “Jäger sein verpflichtet.”

Geräuschvoll leert sie ihren Getränkebecher, wie um ihre persönliche Meinung zu dieser Aussage kundzutun.

“Wie lange bleibst du noch? Hier, meine ich.”
Ein Geräusch draußen lässt sie aufhorchen und sie dreht den Kopf in die Richtung. Aber scheinbar sind es nur weitere Gäste des Motels, dem schrillen, weiblichen Lachen nach zu urteilen. Einige Zimmer weiter fällt eine Tür ins Schloss. Wo bleibt Ethan? Soll ich ihm doch schreiben?

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Barry

Hm. Interessante Reaktion auf die Erwähnung der Jagd. Sarkasmus? Barry muss wider Willen bei dem britischen Akzent grinsen. Wenigstens mal jemand, der ihm nicht gleich das Loblied von den Jäger-Profis singt.

Er will gerade ihre Frage beantworten, als ihn der Lärm von draußen kurz ablenkt. Hat die Hand schon an der Waffe, bevor er merkt, dass keine Gefahr droht. Großartig, zeig ihr gleich, was du für ein Paranoiker bist.

“Ich wollte morgen fahren”, antwortet er schließlich. “Muss noch mal zur Polizei, ein paar Sachen wegen dem Irren klären. Der Zug fährt am Nachmittag.” Er überlegt kurz. “Bleibst du länger? Ich glaube, Ethan könnte ein freundliches Gesicht vertragen… hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich schon wieder abhaue, aber naja… Familie… Schulfest…” Bei dem letzten Wort verzieht er das Gesicht, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. Normalerweise erwähnt er seine Familie gegenüber Fremden nicht so schnell, aber er ist offenbar müder, als er dachte.

Und wo bleibt eigentlich Ethan? Der könnte langsam mal wieder auftauchen, bevor Barry anfängt, ihr Fotos von seinen Kindern zu zeigen.

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Samantha

Ruhig, beinahe eindringlich schaut sie ihn an. “Keine Ahnung, ob und wie lange ich das mit dem freundlichen Gesicht schaffe, aber ich bleibe hier. Bei ihm. Solange es sein muss. Und zur Not noch länger.”
Einige Augenblicke schweigt sie. Dann muss sie lachen. “Schulfest? Das klingt so absurd normal. Ich glaub du bist einer der ersten, der mal sowas wie ein normales Leben andeutet. Sorry. Soll nicht blöd klingen. Aber… ich bin völlig übermüdet, du siehst auch aus, als hättest du über ne Woche nicht richtig geschlafen, erzählst was von einem irren Dämonenjunkie, der … wasauchimmer mit euch gemacht hat und jetzt musst du weg zu einem Schulfest. Verzeih, dass ich da lachen muss.”

Sie fährt sich mit beiden Händen durch Gesicht und Haare, reißt sich wieder zusammen und schüttelt den Kopf.
“Aber es ist, wie es ist, was?”

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Barry

Barry muss auch lachen. Seine Woche war wirklich absurd – wissenschaftliche Gespräche, Verhandlungen mit dem Verwaltungsrat, dann der Turul, eine Gala mit einer Schauspielerin im Jugendwahn, schließlich der Zusammenstoß mit Garrity.

“Eigentlich”, sagt er, “habe ich ein normales Leben, mehr oder weniger. Ich bin Schriftsteller und Sprachwissenschaftler, aber scheinbar stolpere ich dauernd über irgendwelche merkwürdigen Umtriebe und kriege es dann nicht hin, wegzuschauen.” Er reibt sich die Stirn. “Aber ich habe Kinder, und das heißt Schulfest und Elternabend und Gitarrenunterricht und Schwimmkurs. Und ein Baumhaus, aber das muss Ethan bauen.” Er lächelt schief. “Du hast schon recht, es ist, wie es ist.” Dann wird er wieder ernst. Erinnert sich an ihre Worte, “solange es sein muss und noch länger”. Weiß nicht so recht, was er sagen soll. Sie sieht nicht aus wie jemand, der schlaue Ratschläge braucht.

“Bin aber für meine Freunde da, wenn etwas ist”, mehr fällt ihm nicht ein.

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Samantha

“Nicht schlecht”, meint sie auf seine Angaben hin. “College war für mich keine Option mehr. Aber genug davon. Hoffe, du lässt deinen Kindern eine Wahl.”

Barry nickt. “Klar. High School sollen die schon fertig machen, aber danach… na, mir wär’s lieber, sie werden Anwälte oder Journalisten oder Kunsthistoriker als Vollzeitjäger.” Reicht ja, wenn ihre Mutter das macht, aber das sagt er jetzt nicht.

Sam zuckt mit den Schultern.
“Man muss halt Prioritäten setzen. Und er ist ja nicht alleine. Apropos”, ihr Blick geht auf die Uhr. “Die halbe Stunde ist rum und seine Burger werden kalt. Ich geh ihn mal suchen, wenns für dich ok ist.”
Dann steht sie auf und streckt sich. “Willst du schlafen? Kann das Zeug auch mit rübernehmen.”

“Ich schlafe jetzt noch nicht. Nicht, solange ich nicht sicher bin, dass Ethan nichts passiert ist”, sagt Barry. “Vielleicht einfach kurz anrufen? Wenn er nicht rangeht oder der Akku alle ist, kannst du immer noch los, und ich halte hier die Stellung.”

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Ethan

Ethan ist einmal um den Block gewandert. Und dann noch einmal. Dann allerdings sind ihm die Beine schwer geworden – so richtig fit ist er einfach nicht nach dem, was gestern in der Villa passiert ist; er sollte es nicht übertreiben. Danach, schon wieder ins Motelzimmer zurückzugehen, ist ihm allerdings auch noch nicht. Aber der Flughafen, zumindest das eine Ende der Startbahn, ist keine drei Meilen entfernt, und auch um diese Uhrzeit startet oder landet alle paar Minuten ein Flugzeug. Also setzt Ethan sich auf ein Mäuerchen, streckt die Beine lang und beobachtet das Kommen und Gehen. Es hat etwas Beruhigendes, die sich nähernden Lichter zu beobachten und ihren Weg bis auf den Erdboden zu verfolgen. Zu sehen, wie die abfliegenden Maschinen immer kleiner werden und schließlich im Nachthimmel verschwinden. Sich vage zu fragen, wohin sie wohl aufbrechen, während seine eigentlichen Gedanken frei kreisen.

Erst, als Ethan zufällig auf die Uhr sieht, wird ihm klar, wie lange er schon hier sitzt. Verdammt! Er sollte schleunigst zurück. So richtig müde ist er zwar immer noch nicht, aber wenn Barry aufwacht, macht er sich vielleicht Sorgen, wenn Ethan nicht da ist. Und die Müdigkeit wird schon kommen, sobald er sich ins Bett legt.

Schon auf dem Parkplatz sieht Ethan, dass in ihrem Zimmer das Licht brennt. Ist Barry also schon aufgewacht. Dreck. Hoffentlich noch nicht so lange, dass er sich schon irgendwelche Horrorszenarien ausmalt.
Er streckt gerade die Hand nach der Tür aus, da öffnet die sich ganz von selbst, und Ethan stößt beinahe mit der Gestalt zusammen, die heraustritt. Dunkle, kurze Haare. Ein paar Inches kleiner als er selbst. Smartphone auf halbem Weg ans Ohr. Sam. Ein kurzes, verräterisches Herzklopfen, als er sie erkennt, gleich wieder unter Kontrolle. Ein Lächeln: schief, aber ehrlich. Dann verlegen, als ihm klar wird, wie mitgenommen er in ihren Augen vermutlich wirken muss. Seine Stimme ebenfalls verlegen, aber warm und erfreut. “Hey.”

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Samantha

Abrupt bleibt Sam stehen, senkt die Hand mit dem Smartphone wieder und steckt es in ihre Tasche, während sich auch auf ihre Lippen ein schiefes Lächeln schleicht.
“Hey.”
Sie mustert ihn kurz, eine kleine Falte bildet sich auf ihrer Stirn, als sie seine Verletzungen, insbesondere die Schnitte an seinem Gesicht, sieht. Unwillkürlich hebt sie eine Hand und legt sie an seinen Oberarm. Aufgrund des Fast-Zusammenstoßes stehen sie nur einen knappen Fuß voneinander entfernt.
“Geht’s dir gut?” Sie schaut ihn direkt an, ein kleiner Schatten, wie von einem schlechten Gewissen, verfinstert für einen Augenblick ihre Miene.

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Ethan

Er nickt. Jetzt ja. Drecksmist. Werd bloß nicht rührselig. “Lebe noch.” Barry hat es schlimmer erwischt. Deutlich schlimmer. “War… hässlich.” Ethan mustert Sam, die müden Augen, die ganze Aura der Erschöpfung. Er unterdrückt den Impuls, sie in eine Umarmung zu ziehen. Zu vertraulich, viel zu vertraulich. Und ihr die Hand hinzuhalten, wäre zu kühl. Aber Sams Finger an seinem Arm sind eine vorsichtige Verbindung. Unsicher erwidert er die Geste. “Du? Lange Fahrt?”

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Samantha

Ein knappes Nicken, und sie winkt mit der freien Hand ab. “Ja. Aber nichts im Vergleich… ich weiß keine Details. Aber Barry hat den Irren erwähnt.”
Forschend schaut sie ihn an, sucht seinen Blick. Setzt an, etwas zu sagen, lässt es dann aber. Stattdessen drückt sie leicht seinen Arm.
“Ich hab auf dem Weg einen Stop bei DQ gemacht. Steht auf dem Tisch. Dürfte jetzt nicht mehr besonders warm sein, aber wenn du Hunger hast…”
Ihr Mundwinkel zuckt nach oben. “Ich hoffe, der Mushroom Swiss schmeckt dir auch kalt?”

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Ethan

Sams Erwähnung des Irren jagt einen Schauder über Ethans Rücken. Das Labor. Der Kampf. Garritys teilnahmslose Stimme. Die wässrig-blauen Augen des Wahnsinnigen. Vor allem dessen Augen. Er schüttelt den Kopf, versucht, sich von den Bildern zu lösen.
“Details, ja. Gerne. Wenn du magst.”

Sams nächste Bemerkung jedoch holt ihn schneller aus Garritys Villa zurück als jedes noch so heftige Kopfschütteln.
Mushroom Swiss. Sie hat es sich gemerkt. Ist ein halbes Jahr her, aber sie hat es sich gemerkt. Ethan nickt, erwidert das Lächeln ganz unwillkürlich. “Immer.”

Mit dem Kopf deutet er an ihrer Schulter vorbei ins Zimmer. “Barry schon getroffen, hm? Rein?”
Als Sam keinen Widerspruch einlegt, löst er seine Hand sachte von ihrem Arm und hält die Tür auf, ehe er der anderen Jägerin ins Zimmer folgt.

Das Fastfood auf dem Tisch, das Sam erwähnt hat, scheint kaum angebrochen. Also wenn die meinen, dass er das alles aufessen kann… Na, das Motel hat bestimmt eine Mikrowelle, für morgen oder so. Aber über einen Mushroom Swiss Grillburger macht er sich her. Wie er sagte: Immer. Auch wenn er gerade gar keinen Hunger hätte, die nette Geste muss er doch würdigen.
Barry ist noch wach, sitzt am Schreibtisch. Ethan nickt ihm zu. “Sorry. Zeit vergessen.”

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Samantha

Sam lässt Ethan vorbei und schließt die Tür. Es entlockt ihr ein Lächeln, als Ethan so zielstrebig den Burger auspackt und reinbeißt. Sie bleibt an der Tür stehen und lehnt sich dagegen, die Arme verschränkt. Irgendwie komme ich mir grade vor wie ein Eindringling.
Sie wischt den Gedanken weg, aber er lauert noch irgendwo, ganz klein und verborgen. Ihr Blick folgt dem von Ethan zu Barry, der immer noch so aussieht, als sollte er dringend ins Bett. Oder sogar in ein Krankenhaus.

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Ethan

Barry macht ein erleichertes Gesicht, als er den Jüngeren hereinkommen sieht, aber so richtig auf den Beinen halten kann er sich nicht, wie es scheint. Oder auch nur aufrecht auf dem Schreibtischstuhl. Ethan will seinem Freund ungern vorschreiben, was er zu tun hat, deswegen verkneift er sich eine Bemerkung. Aber als er seinen Burger aufgegessen hat, fängt er an, die restlichen Sachen wieder in ihre Tüte zu packen – der Essensgeruch würde mit Sicherheit nicht beim Schlafen helfen.

Ethan sieht zu Sam, deutet auf das verhüllte Bild an der Wand. “Nicht ansehen. Knockt einen aus.” Dann geht sein Blick im Raum umher, und er verzieht das Gesicht. Ja, sie sind eigentlich gerade erst wieder hereingekommen, aber jetzt hier zu bleiben und sich zu unterhalten, würde auch stören. Dreck. Er schiebt die fertig gepackte Tüte auf dem Tisch nach hinten, steht auf und brummt. “Stören dich mal nicht länger.”

Dann sieht er Sam fragend an. “Auto?” Sie könnten sich natürlich auch draußen unterhalten, falls ihr das lieber ist. Die Juninacht ist zum Glück warm genug.
Andererseits sieht auch Sam ziemlich fertig aus, und er selbst ist es erst recht. Am besten ist es wohl, sie gehen einfach alle schlafen.
“Oder… morgen? Frühstück?”

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Barry

Während die beiden sich unterhalten, klappt Barry den Rechner zu. Ethan geht es gut – so halbwegs – ihm eher nicht so, und er hat ohnehin das Gefühl, dass die beiden lieber allein wären.

Also schluckt er noch ein paar Eisentabletten, eine Ativan (die letzte, gut, dass er nicht mehr fliegen muss) und steht mühsam auf.

“Hab die Seiten fotografiert”, er deutet auf das Notizbuch, “übersetze den Rest bei Gelegenheit.”

Es erfordert Konzentration, zum Bett zu kommen. Er legt sich hin, bekleidet, egal. Kriegt grad noch die Schuhe aus. Legt sich hin, hört kurz Ethans und Sams Stimmen und schläft fast sofort ein.

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Samantha

Sam sieht, wie Barry sichtlich Mühe hat, zum Bett zu kommen, aber da Ethan keine Anstalten macht, ihm zu helfen, greift sie auch nicht ein, sondern hilft ihm, das restliche Fastfood einzupacken.
Auf seine Frage antwortet sie erst dann. “Ich glaube schlafen kann ich jetzt direkt noch nicht. Lass uns erstmal die Sachen rüber in mein Zimmer bringen. Glaub drüben bei der Eismaschine kann man sich hinsetzen. Oder wir gehen zu mir. Ins Zimmer.”
Da Ethan die Papiertüte greift, nimmt sie den Getränkehalter.
“Da ist auch ein Sofa”, schiebt sie noch schnell hinterher. “Kann man auch sitzen.”
Werde ich grade rot? Wie albern.
“Hab noch Bier im Bus. Könnte eins gebrauchen. Du?”
Sie macht sich auf den Weg aus dem Zimmer heraus, bleibt davor dann stehen und dreht sich zu Ethan um, der ihr folgt und hinter sich leise die Tür schließt.

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Ethan

Ethan hat Barry mit Absicht nicht geholfen. Er weiß gar nicht so genau, warum, aber er hat irgendwie den Eindruck, dass der Ältere es zu schätzen weiß, wenn er jetzt nicht ganz so hilflos daherkommt. Deswegen nickt er ein Danke für Barrys Angebot, die fehlenden Seiten zu übersetzen, und verlässt den Raum bis auf ein „Schlaf gut“ ansonsten kommentarlos. Draußen nickt er Sam zu. „Gerne Bier.“ Das wird ihn zwar vielleicht schläfrig machen, aber früher oder später schläfrig zu werden, kann nach diesem Tag sicher nichts schaden. Er zögert kurz. Aber wenn sie es schon anbietet. „Besser Zimmer. Weniger Ohren. Was tragen helfen?“
Sam schüttelt den Kopf. „Ich hab meine Sachen vorhin schon reingebracht.“ Sie holt einen Schlüssel heraus und öffnet direkt die Tür zum Nebenzimmer. Okay. Praktisch.

Drinnen stellt Ethan die Tüte mit dem Essen auf den identisch aussehenden Tisch im bis auf den billigen Druck in der Mitte zwischen den Betten identisch eingerichteten Raum und lässt sich dann vorsichtig auf das abgewetzte Sofa sinken. Seine gezerrte Schulter protestiert, als er sich mit dem Arm auf der Sitzfläche abstützt, und er verzieht das Gesicht. Au. Verdammt. Kühlpack vor dem Schlafengehen, schärft er sich ein. Oder Salbe. Oder beides. Nach dem Bier, das Sam ihm etwas später hinhält, greift er wohlweislich mit der Rechten. Eine verdammte Bierdose festhalten wird er mit seinem ausgerenkten Daumen ja wohl noch können, elender Mist.

Beim Anblick der weißen Dose mit dem orangefarbenen Label wandert Ethans Mundwinkel nach oben. Auch in Dana Point hatte Sam diese Sorte Bier aus Idaho im Kühlschrank ihres Busses, bei der Ethan schon damals gedacht hat, das Zeug müsste er mal dabei haben, wenn er draußen unterwegs ist. Payette Outlaw India Pale Ale, genau. Bisher ist er nicht dazu gekommen, das mal selbst zu kaufen, aber er freut sich, dass sie das jetzt auspackt. Er öffnet die Dose, stößt in einem wortlosen Salut mit ihr an und trinkt den ersten Schluck mit ganz besonderem Bedacht.

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Samantha

Sam beobachtet seine sehr vorsichtigen Bewegungen, runzelt ein wenig die Stirn, sagt aber nichts direkt dazu. Sie nimmt ebenfalls einen tiefen Zug aus der Dose und lässt sich auf dem Sofa zurücksinken. Da es nicht besonders groß ist, berühren sich ihre Knie beinahe.
Einige Augenblicke schweigen sie.
“Was ist mit deinem Arm passiert? Brauchst du da noch Hilfe? Warst du bei einem Arzt?”
Mit Bedacht versucht sie möglichst neutral und nicht besorgt zu klingen.
“Barry wollte mir nichts erzählen. Meinte, das wären Geheimnisse, die du teilen müsstest.”
Sie nimmt noch einen weiteren Schluck und schaut zu Ethan, der offensichtlich überlegt, was er sagen will.
“Muss aber nicht heute sein. Muss gar nicht sein. Deine Sache. Aber… wenn ich dir helfen soll…”
Ich hätte diesen verdammten Energydrink nicht trinken sollen. Ich plappere. Und das kann er jetzt sicher nicht gebrauchen. Und nichtmal ein Etikett zum Abknippeln hat diese Dose.
Sie ändert ihre Sitzposition etwas, legt ihren Arm auf die Rückenlehne und beginnt mit den Fingernägeln kleine Fäden aus dem Bezug zu ziehen. Nur den Arm lang machen und die Hand ausstrecken. Aber ihm jetzt den Nacken zu kraulen wäre ihm zu viel. Zu viel Nähe. Bestimmt, nach den letzten Tagen.
Ihren Kopf auf ihre Schulter gelegt schaut sie zu ihm rüber.

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Ethan

Ethan schüttelt den Kopf. “Erzähl’s dir schon.” Er schnaubt selbstironisch. “Kann nur dauern.” Er legt kurz den Kopf in den Nacken und atmet durch, ehe er sich nach vorne lehnt und den Kopf in den Händen vergräbt, mühsam zu reden beginnt. Nach und nach, Einwortsatz um Einwortsatz und ohne zu Sam hinzusehen, ringt er sich, so umfassend er nur kann, die Ereignisse der letzten beiden Tage ab. Verheimlicht nicht, dass es ausgerechnet der Biker war, mit dem er sich zuvor prügeln musste, von dem sie Dr. Garritys Namen bekamen. Dass der Typ sie also entweder eben deswegen in die Falle schickte oder vielleicht sogar selbst nicht so genau wusste, wie wahnsinnig der Doktor tatsächlich war. Erzählt von der Villa. Dem Bild. Von Garritys Plänen. Seinem Geständnis. Seinen Taten. Ihrem Kampf. Dass Barry geblieben ist, bis die Polizei kam, sich Ethan aber vorher verzogen hat. Von dem Notizbuch. Dessen Inhalt. Und den Informationen, die sie von Tom Yager und in der Buchhaltung von Ethans alter Firma erhalten haben.

Als er schließlich fertig ist, atmet Ethan wieder tief durch und trinkt noch einen großen Schluck von seinem Bier. Das war… lang. Und sehr, sehr anstrengend. Aber nicht so qualvoll, wie er gedacht hatte.

“Tja”, fügt er dann hinzu. “Spur. Aber Fragen. Menge Fragen.” Zum ersten Mal, seit er zu reden begonnen hat, sieht Ethan auf und Sam direkt an. Zuckt leicht, beinahe hilflos, mit den Schultern. Es ist, wie es ist.

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Samantha

Geduldig hört sie zu, nickt oder gibt kleine Laute von sich, wenn er von den gefährlichen Stellen berichtet. Aber sie unterbricht ihn nicht, lässt ihn reden.
Sie hat ihre Bierdose bereits geleert, stellt sie nun auf den Tisch neben dem Sofa und erwidert Ethans Blick. Sam beugt sich nach vorne, legt sanft eine Hand auf seine Schulter.
„Ganz schön viel für grade mal zwei Tage, was? Aber Antworten. Namen. Und wir finden noch mehr. Zur Polizei musst du nicht mehr? Da hast du dich rausgehalten? War vermutlich schlau.“
Fragend blickend wartet sie seine Antwort ab.

“Besser”, murmelt Ethan. “Barry ist Detektiv. Ich nicht. Und.” Er zögert kurz. “Immer noch die Vermisstmeldung. Vielleicht.”

Entschlossen schaut sie ihn an. „So viele Jahre läufst du jetzt davon. Das… geht nicht ewig.“ Und dennoch mache ich haargenau dasselbe… aber hier geht’s jetzt nicht um mich.
„Wir… du schaffst das. Ich stehe dazu, was ich in LA gesagt habe.“

Wortlos hält sie noch eine Weile den Blick, er spürt die Wärme ihrer Hand weiter auf seiner Schulter. Dann räuspert sie sich und zieht sich wieder etwas zurück.
„Hast du noch Verletzungen, um die du dich kümmern musst? Hab einen ganz gut ausgestatteten Verbandskasten. Vermutlich besser als das, was man in einem Leihwagen findet.”

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Ethan

“Geht schon”, brummt Ethan. “Labor hatte Zeug. Wobei. Doch. Kühlpack? Salbe für Zerrungen?” Er wackelt sachte mit dem rechten Daumen und greift mit der anderen Hand nach oben, an die schmerzende Stelle. Streift dabei kurz Sams Finger, die die Jägerin gerade zurückzieht. Verzieht das Gesicht aus einem anderen Grund als der Verstauchung. Wie in Los Angeles. Sie hatte angefangen, ‘wir’ zu sagen. Hat sich dann aber sehr schnell unterbrochen. Ja klar. Gibt kein ‘wir’. Kann keins geben. Wie auch.

Ethan schüttelt den Gedanken ab, indem er sich auf das andere konzentriert, das sie gesagt hat. Das vom Weglaufen. Er seufzt. “Wollte, weißt du. Gala.” Ach verdammt. Sie weiß es ja noch gar nicht. Das hat er ja wieder aus seiner Mail herausgelöscht. “Meine Mutter war da. Wollte. Drauf und dran. Aber.” Er verzieht das Gesicht. “Feige, verdammt. Bloß: Dad – War nicht Dad. Anderer Typ. Konnte nicht.” Ein Seitenblick auf Sam, ein Schulterzucken. Hände in den Haaren, wie so oft. “Ändert aber nichts am Problem. Hexe. Coleen. Großes Land. Naja.”

Verdammt. Sie wird ihn auslachen. Ihn für einen Feigling halten. Aber egal. Er hatte das Bedürfnis, ihr das zu erzählen. Auch wenn sie jetzt lacht. Ist vermutlich eh besser.

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Samantha

Sam schaut ihn verwundert, beinahe erschrocken an. „Vermisstenmeldung? Deine… Familie vermisst dich? Also… du bist vermisst, und auf der Gala war deine Mutter?“ Ethan nickt mit kläglicher Miene.
Ein Schatten huscht über ihr Gesicht und sie kaut an ihrer Unterlippe. Diese für sie neue Information muss sie erst einmal verarbeiten.

„Oh Mann. Du lässt auch nichts aus im Moment, was?“ Ihr Blick wird warm, mitfühlend, aber nicht mitleidig. „Sorry, dass ich auch so schnell wegmusste. Francis hatte es etwas übertrieben. Und… ich musste nachdenken.“

Sie blickt weg, fährt sich mit beiden Händen durch das kurze Haar.
„Ja, das Land ist groß, aber wir finden sie. Sie muss irgendwelche Spuren hinterlassen haben. Wir finden sie. Sie kommt uns nicht davon.“ Ihr Blick trifft wieder seinen und bekommt wieder die Härte, die er schon einmal im Hotelzimmer beobachten konnte.
„Niemand darf so etwas ungestraft mit jemandem tun. Von einem Dämon verführt oder nicht… Aber das brauchen wir denke ich nicht mehr besprechen.“

Das Sofa knarzt, als sie auf der Sitzfläche nach vorne rutscht. „Sorry. Wollte das alles gar nicht mehr aufwärmen. Aber es macht mich echt wütend. Und traurig. Und… ach ich weiß nicht. Vielleicht sollten wir schlafen. Kopf klarkriegen. Und morgen weitersehen. Aber erst hole ich dir eine Salbe und einen Eisbeutel, den man mit Eis aus der Maschine füllen kann. Bleib sitzen. Dauert nicht lang.“

Mit großen Schritten eilt sie aus dem Zimmer heraus zum Bus. Bevor sie die Autotür öffnet, lehnt sie sich kurz dagegen. Es muss der Ort sein. Selbst die Luft riecht nach Erinnerungen. Ich würde so gern… aber darf, soll nicht. Wirklich nicht? Verdammte Hexe! Es tut weh, ihn so zu sehen. Und jetzt noch seine Familie? Ist das auch ihre Schuld? Wen hat er mit dem Fluch umgebracht? Das war hier in Portland. Bestimmt. Shit…

Ihre Hände sind zittrig, sie dreht sich um und kühlt ihre Stirn am kalten Metall des VWs. Nach einigen tiefen Atemzügen hat sie sich wieder beruhigt. Schnell sind aus einem Fach im Bus Eisbeutel, Salbe und ein wenig Verbandsmaterial entnommen und sie ist auf dem Weg zurück. Sie füllt den Beutel noch rasch mit Eis, atmet noch einmal tief durch und betritt dann das Zimmer wieder.

Er sitzt immer noch auf dem Sofa, die Augen geschlossen, und sie hält kurz inne. Langsam nähert sie sich ihm, und er schaut auf. Ihrer Stimme nicht trauend, hält sie nur die mitgebrachten Dinge hoch und setzt sich auf die Couch. Wortlos hält sie die Tube hoch und fragt stumm, nur mit einem Blick und einer Geste auf seine Schulter: Darf ich?

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Ethan

Sie hat nicht gelacht. Das hat ihn überrascht. Aber nicht so sehr wie das vehemente ’wir’, das gleich darauf von ihr kam. Ob… Nein. Denk gar nicht erst in diese Richtung.
“Kopf klar kriegen ist gut”, murmelt Ethan, aber das hört Sam wohl schon gar nicht mehr.
Er schließt die Augen, atmet einige Male bewusst langsam ein und aus. Kopf klar kriegen. Nimm dich zusammen. Bringt gar nichts, wenn du hier zusammenklappst.

Einige Minuten später kommt Sam wieder ins Zimmer, diverse Utensilien in der Hand. Sie wirkt irgendwie… aufgewühlt. Aufgewühlt, aber zusammengerissen. Ungefähr so, wie ihm selbst auch gerade zumute ist. Huh.

Ihre wortlose Frage beantwortet Ethan mit einem ebenso wortlosen Nicken. Knöpft sich dann das Hemd auf und zieht es, von der Zerrung eingeschränkt, mit einer etwas ungelenken Bewegung herunter. Stellt sich beim T-Shirt, das er folgen lässt, noch unbeholfener an, weil er sich das über den Kopf ziehen muss und diese Bewegung seinem Arm gar nicht passt. Au. Verdammt. Egal.

Er spart sich das “Do your worst” oder auch nur das “Mach”, nickt ihr stattdessen einfach ein weiteres Mal zu. Was auch immer sie da für eine Salbe hat, er vertraut ihr. Die wird schon taugen.

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Samantha

Sam zuckt kurz, als er sein Gesicht beim Ausziehen von Hemd und T-Shirt mehrfach verzieht, murmelt kurzerhand ein leises, kaum verständliches „Warte“ und hilft ihm, damit er Arm und Schulter nicht noch mehr bewegen muss, als unbedingt nötig.

Ihr Blick streift über die Wunden und blauen Flecken. Wahnsinnig gut bin ich in dem Bereich nicht. Sieht schmerzhaft, aber nicht kritisch aus.
Sie deutet ihm, ihr den Rücken zuzuwenden und rutscht noch etwas näher. Vorsichtig beginnt sie die kühlende Salbe auf die gezerrte Schulter aufzutragen und einzureiben. Dabei lässt sie sich ein wenig länger Zeit, doch als die Salbe eingezogen ist, beugt sie sich etwas weiter vor und schaut sich den Schnitt am Hals an, der Richtung Nacken geht. Ihre Hand bleibt auf seiner gesunden Schulter liegen. Behutsam fühlt sie mit den Fingerspitzen, ob die Haut um den Schnitt heiß ist. Keine Entzündung scheinbar. Er riecht so gut…

Er kann ihre Nasenspitze und ihren Atem in der Beuge zwischen Schulter und Nacken spüren und schließlich auch ihre Lippen, mit der sie sanft seine Haut streift. Ihre Augen sind halb geschlossen, als sie ihren Kopf hebt und ihre Nase sein Ohr berührt.

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Ethan

Ganz unwillkürlich schließt er wieder die Augen, als das kühle Gel seine Haut berührt. Nein. Als Samanthas sanfte Finger seine Haut berühren. Ein wohliger Schauder fährt ihm über den Rücken, und es kommt ihm vor, als befinde sich unter ihren Fingerspitzen ungefähr eine Million mehr Nervenenden als sonst.

Eine weitere Million neuer Nervenenden wächst an seinem Hals, um die Ränder des Schnitts, den Garrity ihm zugefügt hat, genauer gesagt. Ein warmer Hauch in seinem Nacken, das beinahe unmerkliche Streifen einer kurzen Haarsträhne, die ihr ins Gesicht gefallen sein muss. Der zarte Duft nach Haarshampoo und einem angenehm frischen Duschgel in seiner Nase. Dann ein leichtes, spielerisches Stubsen an seinem Ohr. Sein eigener Atem hat sich beschleunigt, wird ihm bewusst, und ehe er es sich versieht, hat er sich zu ihr umgedreht. Seine Hände legen sich auf ihre Oberarme – eine wunderbare Salbe hatte sie da, hat sofort gewirkt… entweder das, oder er merkt gerade einfach nicht, wie es in der Schulter zieht – und er sieht sie an, betrachtet ihr Gesicht ausgiebig, als würde er sie zum allerersten Mal wirklich sehen – oder als wolle er sich ihre Züge für alle Zeiten einprägen. Er hebt die rechte Hand, streichelt sachte über ihre Wange, und dann liegt die Hand in ihrem Nacken, zieht er ihren Kopf sanft zu sich, berühren sich ihre Lippen. Elektrischer Schock, im besten Sinne.

Er küsst sie, vorsichtig und zögernd erst, doch dann, als sie nicht zurückzuckt, sich nicht von ihm löst, wird der Kuss mutiger, inniger. Ihre Lippen sind weich und warm und schmecken irgendwie nach Sommer. Oder Frühling? Wundervoll jedenfalls. Ein Gefühl der Glückseligkeit durchflutet ihn, und er droht, sich in dem Kuss zu verlieren. Ein Gefühl der Glückseligkeit, wie er es nicht empfunden hat seit—

Ethan schluckt schwer. Unbeholfen macht er sich los. Sieht Sam mit hilfloser, verlegener Miene an. “Wir… Ähm. Es… Spät. Sollten… Ich meine… Müde. Besser ausruhen. Schlafen gehen… Morgen wird lang…”
Ihm ist klar, dass er stottert, aber das ist jetzt nicht zu ändern. Mit fahrigen Händen greift er nach seinem T-Shirt, zieht es schnell über. Rappelt sich vom Sofa auf, das Hemd locker in der Hand. “Gute Nacht…” Seine Stimme klingt warm. Bewegt.
Er streift ihr noch einmal über die Wange, ehe er den Rückzug antritt. Ach was. Ehe er die Flucht ergreift.

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Samantha

Ein Kribbeln breitet sich vom Bauch über den ganzen Körper bis zu den Fingerspitzen aus, als ihre Lippen sich berühren. Endlich, denkt sie, auch wenn ihr jetzt erst klar wird, wie sehr sie sich das gewünscht hat. Ihre Hände liegen an seinem Oberkörper, eine Hand direkt über seinem Herzen, und sie spürt den Herzschlag unter der warmen Haut.

Als der Kuss intensiver wird, schmiegt sie sich noch näher an ihn und öffnet ihre Lippen. Ihre Augen sind mittlerweile ganz geschlossen und ein leises Seufzen entfährt ihr.
Ein wohliger Schauer geht durch ihren Körper, und als er sich von ihr löst, geht auch ihr Atem schwerer.
Trotz allem funkeln ihre Augen glücklich, als sie noch wie erstarrt dasitzt und er das T-Shirt wieder anzieht.
Sie nickt nur auf seine Worte. Schaut ihn an. Ich verstehe.

Sie greift noch nach seiner Hand, mit der er ihre Wange streift, und berührt mit ihren Lippen die Innenfläche. Doch sie hält ihn nicht fest.
“Gute Nacht”, flüstert sie, als er schon fast die Tür hinaus ist.

Lange bleibt sie noch auf dem abgewetzten Sofa sitzen. Die Gedanken rasen unsortiert durch ihren Kopf. Durch die dünnen Wände hört sie, dass auch Ethan nicht sofort in sein Zimmer gegangen ist.
Schließlich rafft sie sich auf. Mit den Fingerspitzen fährt sie sich noch einmal über die Lippen, wo eben noch seine waren. Nach einigen weiteren Atemzügen geht sie dann aber ins Bad. Duschen und dann ins Bett.

In der langen Zeit, die vergeht, bis der Schlaf endlich kommt, kreisen ihre Gedanken um Ethan. Wie er dasaß, verletzlich und stark zugleich, sein Geruch, herb, männlich, leicht nach Aftershave, seine Haut, seine Lippen auf ihren. Und dann die Last, die auf seiner Seele liegt. Keine Unsicherheit – hofft sie zumindest – eher ein ähnliches Gefühlschaos wie grade bei ihr.

Unruhig, aber letztlich siegt die Erschöpfung, schläft sie ein.

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Ethan

Draußen vor dem Motelzimmer lehnt Ethan sich erst einmal gegen die Gebäudewand. Sein Atem beruhigt sich nur langsam, aber die frische Nachtluft pustet seinen Kopf wieder etwas klarer.

Oh Mann. Oh Mann! Das… dieser Kuss hat sich so unfassbar richtig angefühlt. Und sich da drin eben loszureißen, ist ihm unendlich schwer gefallen. Einen Moment lang tanzt ein Bild vor seinen Augen. Wie er klopft und Sam öffnet und ihn wortlos ins Zimmer zieht und— Nein. Nein, verdammt. Es. Geht. Nicht.

Schnell, ehe er es sich doch noch anders überlegen kann, löst Ethan sich von der Wand neben Sams Tür. Geht noch einmal um den Block, wie vorhin auch schon, ehe er leise die Tür zu Nr. 16 aufschließt. Im Dunkeln und möglichst geräuschlos erst ins Bad und dann in sein Bett zu finden, bringt ihn weiter zur Besinnung. Und trotz seiner Müdigkeit dauert es dann lange, sehr lange, bis er endlich Schlaf findet.

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Timberwere

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