Mädchenkram - Supernatural

Intermission: Ferien in Hawaii

Der Schwarze Mann im Altersheim

Etwa zwei bis drei Monate nach den Ereignissen in Crystal Lake. Irene und Jonathan haben ab und zu telefoniert, aber sich nicht wieder getroffen (und wahrscheinlich hat Irene versucht, ihn zu trollen und er hat das abperlen lassen).

Jetzt klingelt Irenes Telefon. Es ist das erste Mal, dass Agent Saitou sie von sich aus anruft. Und das zu einer unchristlich frühen Uhrzeit. Sonst macht sowas nur Charles. Oder Irenes Mutter, wenn es wirklich dringend ist. Folglich stürzt sie auch klatschnass aus der Dusche, um zum Handy zu hechten.
“Mein Special Agent! Stecken Sie in Schwierigkeiten?”
Auf der anderen Seite der Leitung ist es für einen Augenblick still. “So etwas in der Art. Sind sie gerade frei, Miss Hooper-Winslow?” Seine Stimme ist nicht ganz so neutral wie sonst.
Der leicht gehetzte Tonfall treibt ihr ein schadenfreudiges Grinsen ins Gesicht. “Ein Geist aus den 50ern wird auch einen Tag warten können. Habe ich Zeit, mir noch ein Frühstück zu genehmigen oder ist es ausgesprochen eilig?”
„Sie haben noch Zeit. Es ist nicht direkt… Frühstücken Sie erst. Wo sind Sie gerade?“ Er klingt fast erleichtert.
“New York City.”
„Verstehe. Ich schicke Ihnen die Flugtickets und Hotelreservierungen auf Ihr Telefon. Ich hole Sie dann vom Flughafen ab.“ Dann legt er auf. Wie versprochen kommt zehn Minuten später eine Nachricht, an die ein Flugticket angehängt ist. Zielflughafen: Honolulu International Airport.
Irene pfeift leise durch die Zähne.
Zweieinhalb Stunden später steht sie mit Zucker und Koffein angefüllt am Gate. Mit dem Flugzeug! Das macht der mit Absicht!
Am Check-In lässt sie sich erstmal so lange die reiche Zicke raushängen, bis man ihr Economy-Class-Ticket endlich in ein Business-Class-Ticket upgradet. Der Schein, den sie in ihrem Reisepass “zwischengeparkt” hat, ist danach verschwunden, aber sie hat ihre Ruhe vor maulenden Kindern und engen Sitzen. Dafür muss sie am Ende doch noch rennen und wird von den Stewardessen ein wenig geschnitten, als es um die Bestellungen geht. Neben ihr schlafen zwei fette chinesische Geschäftsmänner ihren Rausch aus und verpesten die Luft mit ihren Ausdünstungen. Für die nächsten 11 Stunden stopft sie sich die bereitliegenden Kopfhörer in die Ohren und versucht, zu schlafen.

In Hawaii warten immerhin strahlender Sonnenschein, dreißig Grad, Palmen und ein leuchtend blaues Meer auf sie.
Und Special Agent Saitou. Zum ersten Mal „in zivil“, statt in seinem dunklen Arbeitsanzug, der sich mit dem hawaiianischen Wetter auch nicht vertragen hätte. Ein kurzärmliges Hemd und eine Leinenhose passen viel besser. Er sieht trotzdem immer noch aus, als stammte er aus der Modesektion in Men’s Health.
Bis auf die Tatsache, dass er ein wenig übernächtigt wird.
„Willkommen in Hawaii, Miss Hooper-Winslow. Ich war mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob Sie auch kommen…“ Man könnte fast meinen, dass er erleichtert ist, dass Irene da ist.

Irenes einziges Zugeständnis an die Temperaturen ist, dass sie ihre Jacke auszieht. Die alberne Girlande, die ihr eine Stewardess umgehängt hat, versenkt sie im nächsten Mülleimer. Dann lächelt sie den FBI-Mann neugierig an. “Okay. Warum bin ich im Paradies?”

Er zögert einen Augenblick. „Ich erzähle es Ihnen im Auto. Da können Sie auch die Akte lesen.“
Im Handschuhfach des Leihwagens liegt tatsächlich ein Aktenumschlag, in dem ordentlich sortiert verschiedene Dokumente stecken. Ganz offensichtlich ist es keine offizielle FBI-Akte.
Oben liegt eine Broschüre vom „Hibiscus Flower Retirement Center“.
„In dem Heim sterben seit einigen Jahren überdurchschnittlich viele Bewohner, die eigentlich keine medizinischen Probleme hatten. Ich weiß, es kann auch nur statistische Abweichung sein und die Personen sind natürlich alle schon älter, aber wenn Sie das mit der Aussage des Bestatters und einiger der Bewohner kombinieren…“ Es wirkt, als hätte er sich diese Logik mehrfach selbst erzählt.
In dem Umschlag sind auch Fotos von älteren Leuten, post mortem. Die Gesichter sind schmerzverzerrt. Einige Bilder zeigen Aufnahmen von etwas, dass wie ein ringförmiger Bluterguss aussieht, in dem, ebenfalls kreisrund, feine Einstiche zu sehen sind.
Danach folgen zwei Seiten mit säuberlich notierten Zeugenaussagen über einen „Schwarzen Mann“ oder eine „haarlose, dunkle Kreatur“.
Als Irene zu Bildern einer Überwachungskamera kommt, sagt Jonathan: „Wie Sie sehen, ist das Bild zu bestimmten Zeiten gestört. Immer nachts, und oft kurz vor dem Tod eines der Bewohner.“ Für einen Moment ist er still. „Ich weiß, es ist ein Schuss ins Blaue, aber…“

“Aber normal sieht es auch nicht aus,” vervollständigt Irene den Satz. Sie lässt die Seiten nochmal wie ein Daumenkino zwischen ihren Fingern durchhüpfen und hält bei den Fotos inne. Eine Detailaufnahme der Wunde lichtet sie mit dem Handy ab und wartet, bis Jonathan sich auf den Verkehr konzentrieren muss, ehe sie eine sms versendet.
“Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?”

Jonathan ignoriert Irenes Scherz. „Wenn es etwas… Übernatürliches ist, hoffe ich, wir eliminieren es schnell. Ah, da sind wir.“ Er lenkt den Wagen auf den Parkplatz des „Hibiscus Flower Retirement Center“, einem flachen Bau, idyllisch in einem Park gelegen.
Jonathan hält Irene die Wagentür auf. „Bitte.“
Während sie auf das Gebäude zugehen, wird Jonathan immer wieder langsamer und muss dann aufschließen, als würde er es lieber herauszögern, das Altenheim zu betreten.
Drinnen begrüßt sie eine Altenpflegerin am Empfang. „Mr. Saitou! Willkommen. Ihre Mutter ist im Garten.“
Jonathan lächelt unverbindlich und vermeidet es, Irene anzusehen.
So entgeht ihm, wie sich Irenes Miene verdüstert. Abschätzig mustert sie die genormten Plastikhocker, die praktisch-hässlichen Handläufe, die Wasserspender und die Thermoskannen voller Kräutertee. Das Pflegepersonal hat sich sichtlich Mühe gegeben, dem Ort etwas Gemütlichkeit einzuhauchen, aber Plastikblumen und Spitzendeckchen helfen nur mäßig gegen die Stimmung, die der Krankenhausgeruch von Desinfektionsmittel und Bleiche heraufbeschwört. Gezwungen neutral fragt sie: „Ihre Mutter?“
Eine überbreite Glastür führt in den Garten. Dort wechselt sich ein buntes Blumenmeer vor der Terrasse mit einem stillen Teich samt Zen-Garten und japanisch anmutender Brücke ab. An einer schattigen Stelle neben Bambus und Teehortensien sitzt eine sehr zierliche Gestalt in einem Pavillon.
Jonathan vermeidet es immer noch betont, Irene anzusehen. „Ja. Sie ist… Also, seit den letzten Jahren…“ Und dann gehen ihm wohl die Worte aus.
Mrs. Saitous kurze Haare sind immer noch schwarz – oder schwarz gefärbt – und ihre Kleidung zwar teuer, aber etwas wahllos zusammengestellt. Sie starrt konzentriert auf den Koi-Teich.
Als Irene und Jonathan näher kommen, hebt sie den Kopf und blinzelt sie für einen Augenblick verwirrt an. Dann hellt sich ihre Mine auf uns sie sagt: „Jonathan! Bist du hier wegen des… der Sache… Na. Der Sache.“ Sie bricht ab und runzelt ihre Stirn.
Jonathan tritt neben sie und nimmt ihre Hand. „Lass dir Zeit, Ma, wir haben es nicht eilig.“
Mrs. Saitou kontert das mit einem echauffierten Blick. „Du brauchst mich nicht zu… Ich weiß schon, was ich sagen will. Das halt… mit der Sache…“ Frustriert macht sie den Mund zu. Dann sieht sie Irene an. „Oh, hast du eine Freundin mitgebracht?“
„Kollegin“, sagt Jonathan mit einem Seitenblick auf Irene.
„Oh. Ich dachte, Sie hätten vielleicht einen anständigen Beruf“, sagt Mrs. Saitou zu Irene. „Er hätte Anwalt werden können. Oder Arzt. Er war so gut in der Schule.“ Sie sagt das mit einem Augenzwinkern und der Routine von jemandem, der diese Argumente schon tausendmal angebracht hat. Und Jonathan lächelt mit der gequälten Mine von jemandem, der sich diese Argumente schon tausendmal anhören musste.
Abrupt fragt Mrs. Saitou: „Ich muss aber noch packen. So kann ich nicht zu Tante Asumi. Wie spät ist es denn?“ Fahrig versucht sie, aus dem Stuhl aufzustehen.
„Schon gut, Ma. Es ist noch Zeit.“ Sanft legt ihr Jonathan eine Hand auf die Schulter. „Wir gehen später zu Tante Asumi. Aber vorher… kannst du uns deinen Arm zeigen?“
Sie schüttelt ihren Kopf und sagt: „Du hast immer Ideen!“ Aber sie rollt den Ärmel ihrer Bluse hoch. Verblasst auf ihrem Arm sind ein runder Bluterguss und Einstiche zu sehen. „Oh! Da muss ich mich… gestoßen haben?“
Jonathan hält weiter ihre Hand. Seine Finger zittern sichtlich. Jetzt sieht er Irene an.

Deren verkrampfte Kiefermuskeln entspannen sich langsam wieder. Allerdings nicht, ohne eine sichtbare Willensanstrengung. Ihr Lächeln erreicht die Augen nicht, aber die Stimme ist weich geworden. „Guten Tag, Mrs. Saitou. Ich bin Irene. Und mein Beruf ist sogar noch viel unanständiger.“ Sie lacht, als Jonathan das Gesicht verzieht. „Sie müssen wissen, ich bin nämlich professionelle Monsterjägerin.“ Dabei zwinkert sie verschwörerisch.
„Machen Sie sich lustig über eine alte Frau?“ fragt die Dame.
„Nein, Ma’am,“ antwortet Irene ernsthaft. „Das macht man nicht. Es ist mein Ernst. Aber ob sie mir glauben, ist für den Moment unerheblich. Erlauben Sie, dass ich ihren Arm untersuche?“ Mit ausgesuchter Sanftheit nimmt die Frau, die beim letzten Zusammentreffen rücksichtslos versucht hat, Jonathan eine Treppe hinunterzustoßen, die Hand seiner Mutter und drückt vorsichtig auf den Wunden herum.
„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann,“ wiederholt sie.
„Niemand.“ Die Antwort der Mutter kommt ganz automatisch.
„Wenn er aber kommt?“
„Dann laufen wir davon!“ Mrs. Saitou macht erneut Anstalten, aufzuspringen. Eine leichte Röte hat von ihren Wangen Besitz ergriffen. Die Kindheitserinnerungen verliert man meist als letztes, sagen die Ärzte.
„Nicht jetzt, Mrs. Saitou. Sie müssen nicht davonlaufen. Wir sind da, um sie zu beschützen.“ Irene drückt sie vorsichtig in den Stuhl zurück.
„Verzeihen Sie, wenn ich so unverblümt frage, aber wie gut sind sie noch zu Fuß?“
Mrs. Saitou schnaubt entrüstet. „Ich kann noch alles alleine! … Nicht wahr?“ Ihr Blick geht kurz zu Jonathan. „Naja, manchmal falle ich.“
„Und haben Sie Angst vor dem Sterben?“ Mit der Hand bedeutet Irene dem FBI-Mann, den Mund zu halten.
„Ach, ich weiß, in meinem Alter sollte man … sagen können… was?… Ach, naja.“ Mrs. Saitou sieht ein wenig hilflos zu ihrem Sohn auf. Irene erhebt sich aus der Hocke und nickt. Sie hat fürs Erste genug gehört.

Jonathan räuspert sich mehrfach, bevor er sprechen kann. „Ma, es tut mir leid, aber wir müssen jetzt…“
„Nein!“ Ihre dünnen Finger greifen nach seinem Handgelenk. „Du bist doch gerade erst gekommen! Ich wollte doch noch Tee… Ist es, weil ich keinen Tee gemacht habe? Irgendwo hatte ich noch Okashi, von, na…“ Sie sieht ihren Sohn verzweifelt an und Tränen sammeln sich in ihren Augen.
Jonathan hat einen ähnlichen Gesichtsausdruck. Er wirft Irene einen Blick zu und macht eine Kopfbewegung in Richtung Eingang. „Würden Sie uns noch einen Augenblick geben?“

Als er einige Zeit später nachkommt, sind seine Augen rot gerändert und er schafft es nicht, seine Stimme ruhig zu halten. „Ich hoffe, Sie können mir bei dem Problem helfen, irgendwie…“
Irene sitzt mit dem Telefon in der Hand zusammengekrümmt auf der Rollstuhlrampe, obwohl in allernächster Nähe zahlreiche Plastikstühle und Bänke frei sind. Als Jonathan vor ihr steht, sieht sie nur kurz auf, die Lippen zusammengepresst, und lässt schnell wieder das Bild der kreisförmigen Wunde auf dem Bildschirm auftauchen.
„Uagh!“ tönt es aus dem Handy. „Warum zeigst du mir das?“ Irene seufzt.
„Das ist nicht für dich, Giffany.“
Bei Giffanys Namen schießen bei Jonathan gleich beide Augenbrauen in die Höhe.
„Wer ist Charles?“
„Mein Ex.“ Sie rollt mit den Augen.
„Den du für mich verlassen hast?“
„Nein. Den ich verlassen habe, weil er es nicht verstanden hat, mich glücklich zu machen.“
„Ich kann dich glücklich machen!“
„Der Beweis steht noch aus. Und jetzt gib bitte den Bildschirm frei. Ich habe Wichtiges zu tun.“
„Aber…“
„Giffany! Bitte.“
„Du bist gemein zu mir!“
„Und? Bist du etwa nett? Willst du, dass ich niemandem das Leben retten kann, weil du im Weg herumstehst? Also, du hast die Wahl. Entweder du gibst Ruhe und darfst zugucken oder du kommst in die Hosentasche und ich schreibe nur noch Briefe.“
„Ach Maaaann!“
„Wenn wir im Hotel sind, können wir meinetwegen zusammen einen Film ansehen.“
„Naaa guuut.“
Die Jägerin steckt das Handy weg und schenkt Saitou einen entnervten Blick. Sie ist ein bißchen rot angelaufen. Auf eine leere Stelle in den Akten kritzelt sie die Worte: ‚Ein richtig guter Hacker wäre traumhaft!‘
Jonathan schreibt daneben: Darüber sollten wir sprechen, wenn keine elektronischen Geräte in der Nähe sind. Habe aber wenig herausgefunden.
Laut sagt er: „Charles? Ich dachte, das wäre DeVri… Wir sollten uns um die konkrete Gefahr kümmern.“ Bei Irenes Gesichtsausdruck lenkt er lieber schnell um.

Irene wischt seine Bemerkung mit einer unwirschen Handbewegung beiseite und klingt gereizt als sie erläutert: „Ihre Mutter ist außer Gefahr. Wahrscheinlich. Wenn wir es wirklich mit einem Schwarzen Mann zu tun haben, wie ich ihn kenne, dann hat sie bei seinem Angriff alles richtig gemacht, sonst wäre sie schon tot. Der Schwarze Mann saugt seinen Opfern blitzschnell die Lebenskraft aus, wenn er einmal zugebissen hat, aber er ist an besondere Regeln gebunden. Er kann nur von vorne angreifen. Seine Opfer dürfen keine Angst haben und nicht versuchen zu fliehen, bis es zu spät ist. Mein… Charles hat mir bestätigt, dass das Profil der Wunden passt. Er hat nur noch nichts darüber gefunden, wie man ihn fachgerecht entsorgen kann.“

Jonathan atmet tief durch, als Irene erwähnt, dass seine Mutter nicht mehr in Gefahr ist. Hinterher ist seine Stimme ruhig und er wieder im Profimodus. „Ist das… Wesen intelligent oder ist es nur zufällig über eine Methode gestolpert, das perfekte Verbrechen zu begehen? Es ist ja nicht so, als würden in Altenheimen nicht häufiger Menschen sterben. Viele der Opfer können weder schnell verstehen, was vor sich geht, noch sofort fliehen. Und wer glaubt schon alten Leuten, wenn sie etwas von Schwarzen Männern erzählen? Das hier ist einer der wehrlosesten Bevölkerungsteile. “ Er schüttelt seinen Kopf. „Ist ein Schwarzer Mann gegen physische Angriffe gefeit oder braucht es dazu etwas Spezielles wie… angeblich… bei… uhm… Vampiren…?“ Man hört ihm an, dass er noch nicht richtig glauben kann, dass man so eine Konversation auch wirklich führen kann.
Vor allem nicht mitten am Tag in einem Altenpflegeheim.

Irene lässt sich eine quälende kleine Ewigkeit Zeit, ehe sie antwortet. Ihre Lippen kräuseln sich zu einem herablassenden Lächeln. „Das einzige, was gegen Vampire hilft, ist, sie einen Kopf kürzer zu machen. Mit dem Blut von Toten können Sie sie lähmen. Das war’s aber auch schon.“
Sie erhebt sich und schlendert zum Wagen, wo sie, vielleicht mit etwas zu viel Schwung, ihr Handy ins Handschuhfach pfeffert und Saitou bedeutet, es ihr gleich zu tun.
„Es gibt aber tatsächlich Wesen, die sie nur mit bestimmten Waffen verletzten können. Wie es sich beim Schwarzen Mann verhält, weiß ich nicht. Die Dinger sind selten geworden. Ihre seltsame Nahrungseinschränkung und das Kinderspiel haben sie schon vor Langem extrem dezimiert. Heute weiß buchstäblich jedes Kind, wie man sich vor ihm schützt. Die letzte Sichtung, von der ich gehört habe, war vor mindestens 10 Jahren in Mali. Und die Quelle ist eher fragwürdig. Mali ist bekanntermaßen von Farbigen bevölkert… Also, wie wir ihn wegbekommen… entweder wir stehen uns hier ein paar Stunden oder Tage die Beine in den Bauch, bis Charles sich durch sein Archiv gearbeitet hat, oder wir finden es selbst heraus. Ich würde bei den bekannten Schwächen anfangen: Das Opfer muss in der Lage sein, ihn zu sehen und frei von Angst, beziehungsweise Hoffnung sein.“

Bei dem Wort ‚Hoffnung‘ verengen sich ihre Augen zu Schlitzen. „Das dürfte in einem Altersheim wirklich die perfekte ökologische Nische für so ein Ding sein, egal ob intelligent oder nicht. Hier wartet man ja nur noch auf den Tod.“

Jonathan lässt Irenes anhaltende Sticheleien einfach an sich abgleiten. „Es ist keine besonders ansprechende Idee, mit so wenigen Informationen in eine derartige Situation zu gehen. Aber wir können die Leute hier auch nicht einfach diesem… Schwarzen Mann überlassen. Das heißt, wir müssen entweder warten, bis er sich ein neues Opfer sucht und dann hoffen, dass wir ihn besiegen können – oder ihn ködern. Allerdings bin ich nicht bereit, jemanden hier in diese Position zu bringen. Und was uns beide betrifft…“ Er zuckt mit den Schultern. „Mir ist es nicht egal, ob ich lebe oder sterbe. Wie ist es mit Ihnen?“
“Ich lebe sogar ziemlich gerne. Und ich habe noch ein Ziel vor Augen, das ich erreichen möchte, bevor ich abtrete. Ich kann ihnen zwar versichern, dass ich mich nicht sehr leicht fürchte, nichtsdestotrotz ist es ein hilfreicher Überlebensinstinkt, der sich wahrscheinlich auch bei mir bemerkbar macht, sobald mir das Wesen zu nahe kommt.” Sie vergräbt die Hände in den Hosentaschen. “Wir könnten ihm auch die Nahrungsgrundlage entziehen und hoffen, dass er dann verschwindet. Dass wir allen Heimbewohnern Beine machen können, damit sie ihm davonlaufen, halte ich für etwas unwahrscheinlich. Angst sollte jedoch kein größeres Problem darstellen.”

„Wir sollten ihnen lieber Angst vor dem Tod als Hoffnung aufs Leben machen?“ Er wirft Irene einen Seitenblick zu. „Aber abgesehen davon, dass ich alten Leuten keine Todesangst einjagen möchte, glaube ich nicht, dass das so einfach ist. Manche Bewohner hier werden gar nicht verstehen, was wir von ihnen wollen, so wie sie keine Angst vor dem Schwarzen Mann haben, weil sie gar nicht realisieren, dass sie in Gefahr sind. Außerdem wechseln die Personen hier ständig. Wie lange kann ein Schwarzer Mann warten? Monate? Bis dahin sind schon neue Leute hier eingezogen. Und dann bleibt alles beim Alten.“ Er tippt sich mit einem Finger auf die Lippen. „Gut. Ich schlage vor, wir passen den Schwarzen Mann nachts ab und versuchen, ihn zu eliminieren. Vorher reden wir mit den Bewohnern, um so vielen wie möglich zu vermitteln, dass sie nicht wirklich sterben wollen. Auf positive Weise, bitte. Dabei können wir auch analysieren, wer am stärksten gefährdet ist.“
Irenes Mienenspiel verrät, was sie von der Idee hält. Doch sie zuckt mit den Schultern und murmelt ergeben: “Wenn Sie meinen. Etwas besseres fällt mir gerade auch nicht ein. Wie stellen Sie sich das vor mit den Gesprächen? Werden wir nicht komisch angesehen, wenn wir in alle Zimmer hineinlaufen?”
Jonathan schüttelt den Kopf. „Das sollte kein größeres Problem sein. Die Heimleitung weiß Bescheid, dass ich mit den Bewohnern gesprochen habe. Da dank meiner Mutter sowieso jeder dort weiß, was ich beruflich mache…“ Er seufzt. „…bekomme ich ein gewisses Vorschussvertrauen, auch wenn ich nicht offiziell hier bin. So bin ich auch an die Kameraaufnahmen gekommen. Falls Sie nicht noch in Ihr Hotel wollen oder etwas essen, können wir sofort anfangen.“
Die Britin sieht zwar eher aus, als würde sie am liebsten davonlaufen, ringt sich dann aber doch ein tapferes Lächeln ab. “Ja, bringen wir’s hinter uns.”
Am Empfang wendet sich Jonathan an die Krankenschwester. „Entschuldigen Sie bitte, Miss Hazuki. Ist es in Ordnung, wenn wir den Bewohnern noch ein paar Fragen zu der verdächtigen Gestalt stellen? Es wird auch nicht lange dauern.“
Die junge Frau lächelt vielleicht etwas zu breit. „Kein Problem, Mr. Saitou. Bitte melden Sie sich, wenn Sie Hilfe brauchen.“
Im Weggehen sagt Jonathan zu Irene: „Wir haben natürlich keinen Freibrief, aber so lange wir uns nur friedlich unterhalten, gibt es keinen Grund, uns das zu verweigern.“ Er schaut auf seine Uhr. „Hier leben etwa dreißig Personen. Ich denke, wir können das getrennt angehen und sehen uns in einer Stunde wieder hier. Am besten vermerken wir die Namen der Leute, bei denen wir waren, damit wir nicht doppelt mit jemandem sprechen.“
“Eine Stunde für fünfzehn Leute? Für fünfzehn alte Leute? Sie belieben zu scherzen. Wir sehen uns dann heute abend wieder.” Kopfschüttelnd entschwindet Irene in den vollklimatisierten Aufenthaltsraum. Die sonnenbeschienene Terrasse lässt sie dem FBI-Mann. Drei Stunden später sitzt sie immer noch umringt von einem Trüppchen älterer Herren und ein paar Damen auf einem Sofa, lässt sich Fotos unter die Nase halten und gibt Jagdgeschichten aus drei verschiedenen Kontinenten zum Besten. Als sie wieder zu Saitou stößt, sind ihre Wangen gerötet. “Wussten Sie, dass Mr. Benson im Krieg Spion gewesen sein will? Ich hatte meine liebe Not, ihn davon abzubringen, dass er unseren Köder mimt. Mrs. und Mr. Smith, nicht verwandt und nicht verschwägert, sind garantiert keine potentiellen Opfer. Sie vergisst ihn zwar, sobald sie ihn nicht sieht, aber er umgarnt sie täglich aufs Neue und legt sich dabei mächtig ins Zeug. Die Großeltern mit den vielen Kinderfotos sehe ich auch noch als durchaus lebenslustig an. Nur zwei der Herren scheinen gewillt, ihren verstorbenen Frauen bald zu folgen. Dem einen konnte ich nahelegen, dass sein Sohn noch nicht auf weisen Rat bezüglich des Familienunternehmens verzichten kann. Dem anderen habe ich versichert, dass er auf keinen Fall erlauben kann, von seinem nichtsnutzigen Schwiegersohn beerbt zu werden, ehe die Tochter mit der Scheidung durch ist. Bei Miss Halliday, Mr. Piper und Mr. Mankiw bin ich mir nicht so sicher, ob irgendetwas von dem angekommen ist, was ich gesagt habe. Mr. Mankiw hat mir mehrfach nachdrücklich vorgeworden, was für eine Schande es ist, dass ich ihn schon so lange nicht mehr besucht habe. Keine Ahnung, für wen er mich hält, aber so energisch wie er schimpft, kann ich mir auch nicht ganz vorstellen, dass er vorhat, allzubald abzutreten. Wie sieht es bei Ihnen aus?”

Bei Irenes fast schon begeisterter Schilderung kann sich Jonathan ein Lächeln nicht verkneifen, das unerwartet strahlend und jungenhaft ist. Er bringt sein Gesicht schnell wieder unter Kontrolle, damit die Jägerin nicht auf die Idee kommen kann, er würde sich über sie lustig machen.
„Bei den meisten mache ich mir wenig Sorgen. Wie es aussieht, muss ich demnächst zu einem Kochkurs herkommen und mir zeigen lassen, wie wichtig das richtige Dashi ist…“ Er winkt einem Grüppchen von fünf asiatischen Frauen im Schatten zu, die kurz ihre hitzige Diskussion unterbrechen und zurückwinken. Eine zwinkert ihm sogar zu, was Jonathan kurz aus der Spur bringt. „Ähm. Ja. Gut. Aber ich denke, die Damen pflegen eine gesunde Rivalität, die ihnen ausreichend Lebensmut gibt. Dann habe ich wohl zugesagt, Staatsressourcen zu missbrauchen und Mr. Kekoas Tochter zu suchen und Mr. Taylor Hoffnung gemacht, dass die Rechtsstrafe seines Enkelsohns zumindest abgemildert wird.
Die einzigen, die ich für ernsthaft gefährdet halte, sind Mr. Sears und Mrs. Feng. Mr. Sears…“ Jonathan schaut in Richtung eines Mannes in Rollstuhl, der mit leerem Blick auf den Garten starrt. „…hat kaum auf mich reagiert. Ich glaube nicht, dass er einen Angriff auch nur mitbekommen würde, bis es zu spät ist. Mrs. Feng ist in ihrem Zimmer. Sie hat auf die Frage, wie es ihr geht, zu weinen angefangen und ich konnte sie kaum beruhigen, geschweige denn, ihr irgendwie Hoffnung machen.“
“Also vier Wackelkandidaten. Sears, Feng, Piper und Halliday. Das sind mir zu viele. Ich gehe mir mal ihre zwei ansehen. Sprechen Sie bitte mit meinen beiden. Wenn wir es nicht noch genauer eingrenzen können, sollten wir uns Gedanken machen, wie wir den Zugriff des Schwarzen Manns auf eine Person hin steuern können. Bis gleich!”
Den Aktendeckel nimmt die Jägerin mit. Als sie nach längerer Zeit von ihrer Visite bei Mrs. Feng zurückkehrt, wölbt sich dieser verdächtig. Irene holt sich aus einer der Thermoskannen ein Glas Tee, ehe sie sich wieder zu Saitou setzt. “Das wird so nichts. Ich denke, alle vier sind geeignete Opfer. Aber sie werden nicht glauben, wie unverantwortlich hier mit Medizinschränken umgegangen wird.” Sie setzt ein gespielt unschuldiges Gesicht auf und offenbart den hinzugekommenen Inhalt des Aktendeckels. Darin befindet sich ein abgerissener Blister mit zwei dunkelroten Tabletten und zwei aufgezogene Spritzen. Eine davon schiebt Irene zu Jonathan. Die andere steckt sie in die Jackentasche. “Stand einfach offen. In einem Haus voller dementer Leute. Tss! Was für ein glücklicher Zufall, dass ich das rechtzeitig gesehen habe, ehe jemand sich daran bedienen konnte. Und wo wir jetzt schon mit den passenden Drogen versorgt sind, können wir auf Ihren Vorschlag zurückkommen, den Schwarzen Mann zu ködern. Ich traue mich wetten, dass er, wenn man ihm die Wahl lässt, lieber das reichhaltigere Büffet wählt, statt der Diätvariante.” Mit diesen Worten drückt sie die zwei Pillen aus ihren Hüllen und spült sie mit dem Tee hinunter.
Jonathan hebt die Hände. „Sind Sie völlig…“ Dann lässt er sie wieder sinken und atmet scharf aus. „Darüber reden wir später. Was haben Sie da genommen?”
“Das ist das Zeug, das Sie vor Operationen bekommen, damit Ihnen alles egal ist,” erklärt Irene sachlich. “Es sollte in Kürze meine Fähigkeit, Angst zu empfinden, auf das absolute Minimum drücken. Ich bin ein bisschen jünger und fitter als die Bewohner dieses Hauses und damit hoffentlich ein gefundenes Fressen für unseren düsteren Gourmet. Ich fürchte nur, dass meine Reaktionen etwas darunter leiden werden. Geben Sie auf mich acht! In den Spritzen ist Epinephrin. Sozusagen die chemische Komponente der Angst. Ich hoffe, dass es das ist, was der Schwarze Mann nicht verträgt.”
Jonathan streicht sich mit der Hand über das Gesicht. „Sie wissen schon, dass es gerade mal neun ist und auch wenn es schon dunkel ist, hier noch alle wach sind? Und dass das Medikament nicht mehrere Stunden wirkt?“ Er schüttelt seinen Kopf und steht auf. „Gehen wir erst mal offiziell. Die Kreatur hier in aller Öffentlichkeit anzulocken, halte ich für keine sehr gute Idee. Abgesehen davon, dass ich ihr gerne etwas anderes entgegensetzen würde als meine leeren Hände.“ Er bietet Irene, die sich vielleicht etwas konzentrierter bewegen muss als üblich, seinen Arm an. Leiser fährt er fort: „Die Gartentür ist nicht videoüberwacht. Ich baue darauf, dass Sie die aufbekommen.“
Mit einer demonstrativen Verabschiedung am Empfang, gehen die beiden zu Jonathans Auto. Er wirft einen Blick um sich, bevor er den Kofferraum aufschließt. Sie sind alleine auf dem Parkplatz. „Eine Schusswaffe kann ich Ihnen nicht anbieten, aber das wäre ohnehin zu laut. Sie haben die Wahl zwischen einem Messer und einer Rohrzange. Ich schätze, Sie bevorzugen das Mes…“ Er dreht sich zu ihr um, die Waffe mit dem Griff voran zu reichen und sieht gerade noch, wie Irene von einer dunklen Gestalt zu Boden gerissen wird. Ihre Augen sind glasig. Die Information, dass sie gerade angegriffen wird, scheint erst anzukommen, als sie auf dem Asphalt aufschlägt. Auch dann quittiert sie das Erscheinen des Schwarzen Manns nur mit gerunzelter Stirn und einer fahrigen Abwehrbewegung, als wollte sie eine lästige Fliege verscheuchen. Das Wesen tastet auf ihrer Kleidung herum, als sei es blind, bis es eine Stelle mit nackter Haut findet, auf die es seine Hand presst. “Au,” haucht die Britin. Sie fingert unkoordiniert an ihrer Jackentasche herum. Viel zu langsam.

Jonathan zögert. Es ist eine Sache, zu wissen, dass es ein Monster gibt, es ist eine andere Sache, es auch zu sehen. Die Haut der Kreatur ist nicht einfach nur schwarz, sie ist schattig, als würde sie Licht einsaugen anstatt es zu reflektieren. Ein flaches Gesicht. Keine Augen, keine Nase, kein Mund.
Aber dafür stülpt sich ein Maul aus der Handfläche und bohrt sich unter das Hemd der Jägerin.
Irenes schwaches „Aua“ bringt Jonathan wieder zu sich. Er ist schon in Bewegung, während er noch einen Plan formuliert. Schritt 1: Die Kreatur von Miss Hooper-Winslow treten. Schritt 2: Ringergriff anbringen. Schritt 3: Epinephrin injizieren. Schritt 4: Um sicher zu gehen, das Messer benutzen. Primärziel: Hals. Sekundärziel: Mäuler. Schritt 5: Die Kreatur festhalten, bis sie stirbt.
Natürlich geht Schritt 1 schon schief. Der Schwarze Mann ist schnell, viel schneller als ein menschlicher Gegner. Er fährt herum und fegt Jonathan von den Beinen, der rückwärts auf den Boden schlägt.
In seiner Tasche knackt es. Die Spritze…
Aber der Schwarze Mann musste sein Opfer loslassen. Er streckt seine Arme wieder nach Irene aus. Speichel tropft aus seinen Handflächen.
Jonathan packt nach dem Bein des Wesens. Seine Finger rutschen, aber irgendwie findet er Halt und zerrt den Schwarzen Mann zurück. Ein Fuß trifft ihn im Gesicht. Feuchtes, warmes Blut läuft an seiner Wange herab.
„Die Spritze! Meine ist zerbrochen!“, schreit er in Richtung Irene, während er versucht, die Gliedmaßen des Schwarzen Mannes unter Kontrolle zu bekommen.
Jetzt zahlt sich aus, dass Irene von Kindheit an die richtigen Bewegungen eingehämmert wurden. Noch während sie in grausiger Faszination das Monster für seine Eleganz bewundert, zieht sie instinktiv die Beine an, um aus seiner Reichweite zu gelangen. Rollt sich unbeholfen herum. Dreht dem Ding den Rücken zu. Hinter ihr keucht Saitou. Der Schwarze Mann macht kein Geräusch. Überhaupt keines. Langsam lässt der Schmerz in ihrer Seite die körpereigene Adrenalinproduktion anspringen und das Sedativum verdrängen. Noch nicht ganz… Was sollte sie machen? Ach ja, die Spritze. Sie kommt auf die Knie, muss sich abstützen. Was fällt eigentlich ihren Händen ein, nicht ein wenig schneller auf Befehle zu reagieren? Die Spritze leistet Widerstand. Irene dreht sich um. Es ist körperlich zu spüren, wie man selbst ins Zentrum der Aufmerksamkeit des Wesens gerät, sobald man es sieht. Sie zerrt die Spritze aus der Tasche. Der Agent und das Monster bilden ein wildes Knäuel auf dem Boden. Ihre Augen haben Schwierigkeiten, den Bewegungen zu folgen. Irenes Ohren rauschen. Auf der Kanüle sitzt eine Plastikkappe. Bombenfest. Man muss die Fingergelenke abknicken, um zu greifen… Saitou gibt einen erstickten Laut von sich. Das Medikament tritt langsam den Rückzug an. Wie gegen einen Gummizug schließen sich Irenes Finger um die Kappe. Sie löst sich… Wenn jetzt nur der Schwarze Mann und Jonathan nicht so herumzappeln würden. Irene hebt den Arm und versucht zu zielen. So geht das doch nicht! Leute, haltet mal still!
Die Spritze saust herab, bohrt sich in ihren Oberschenkel. Ein vorsichtiger Druck, dann flutet das fremde gemeinsam mit dem selbstproduzierten Hormon durch ihre Adern. Knapp die Hälfte der Dosis ist noch übrig. Das muss reichen. Die Welt wird langsamer. Die geifernden Mäuler des Schwarzen Mannes schnappen nur noch in Zeitlupe auf und zu. Es ist interessant, welche Details man plötzlich wahrnimmt. Es duftet nach Hibiskus. Der Schwarze Mann weicht jedesmal zurück, wenn er im Kampf die von der zerbrochenen Spritze durchweichte Stelle auf Jonathans Hose berührt. Da, wo ihn das Epinephrin trifft, sieht es aus, als würde er substanzieller, zäher. Als würde er versteinern.
Die versteinerte Stelle glänzt. Nein, sie glänzt nicht, aber sie reflektiert das Licht der Straßenlaternen.
Die Bewegungen des Schwarzen Mannes haben sich verändert. Nach wie vor windet er sich wie ein Aal, aber jetzt greift er nicht mehr nach Irene. Jetzt kämpft er nur noch, um zu fliehen.
Auf gar keinen Fall. Du bleibst hier. Jonathan hat seine Beine um die Kreatur geschlungen, drückt mit dem Ellenbogen einen Arm auf den Boden und versucht, den anderen zu schnappen. Er sieht auf zu Irene, folgt ihrem Blick zu dem… etwas weniger dunklen Fleck.
Schwachstelle, beschließt er. Hofft er.
Er lässt den Arm des Wesens los und sofort schnappen die Mäuler nach ihm, kurze, scharfe Bisse, nicht zum Fressen, sondern zum verletzen. Aber jetzt ist Jonathans Hand frei und mit so viel Kraft wie er in dieser Position aufbringen kann, rammt er seine Faust in die versteinerte Stelle, wieder und wieder. Es knackt. Risse bilden sich, aus denen ölige Dunkelheit tropft. Der Schwarze Mann krümmt sich, aber schwächer, schwach genug, dass Jonathan ihn fixieren kann.
Zumindest für einen Moment.
„Das Epinephrin! In die Wunde!“
“Das sagen Sie so einfach,” murmelt die Jägerin, die jetzt wieder vollends zu sich kommt. Sie tänzelt mit zusammengekniffenen Augen um die ausschlagenden Schattenbeine, zielt und stößt die Spritze wie ein Florett an ihr Ziel. Aus dem Inneren des Schwarzen Mannes dringt ein Geräusch wie das augenblicklich tauende Crushed Ice, wenn man einen Cocktail eingießt. Die Gestalt bäumt sich auf, bringt durch die eigene Bewegung Haut und kristallisierenden Muskel zum Reißen. Sprünge ziehen sich bis zum Hals und den Schultern des Schwarzen Mannes. Irene packt mit einer Hand den gesichtslosen Kopf und hämmert die Nadel ein zweites Mal in das dunkle Fleisch. Dann bricht sie dem Ding das Genick und dreht weiter, bis der Kopf knackend freikommt und sie nach hinten stolpert. Angewidert wirft sie ihn zu Boden. “Igitt.”
Jonathan rappelt sich auf und lässt seinen Blick über die Überreste des Schwarzen Mannes schweifen. Nichts rührt sich. Die Stücke sehen aus, als hätten sie zu einer Obsidianstatue gehört.
Der Agent fegt einige Splitter von seinen Kleidern und mustert Irene. „Sind Sie in Ordnung, Miss Hooper-Winslow? Keine Verletzungen? Keine Nebenwirkungen?“
Wie auf sein Stichwort beginnt Irene gleichzeitig am ganzen Leib zu beben und zu kichern. Mit zittriger Hand zieht sie ihr Hemd ein Stück hoch und betrachtet die Kreise, die die Beißwerkzeuge hinterlassen haben. Ihr Lachen klingt etwas hysterisch: “Ja, alles gut. Jetzt bin ich meine eigene Trophäe!”
Was ihr vorhin an Adrenalin gefehlt hat, holt der Stoffwechsel jetzt mit Verve nach. Sie taumelt zum Wagen, lässt sich gegen das Blech sinken. “Und ich weiß jetzt, wie sich Barry an Weihnachten gefühlt hat.” Für sie scheint der Satz Sinn zu ergeben. Ihr Atem klingt fast wie Schluchzen, doch es muss wohl wirklich nur die körperliche Reaktion auf das Erlebte sein.
Obwohl sie von Zitteranfällen gebeutelt wird, geht sie neben den Bruchstücken auf die Knie, sammelt die reißzahnbewehrten Hände des Schwarzen Mannes ein, hält Saitou eine davon hin und insistiert: “Die sollten Sie aufheben. Als Erinnerung an ihr erstes eigenes Monster.”
„Das werde ich. Aber nicht als Andenken.“ Er nimmt die Hand von ihr an und geht in die Hocke, um sich noch einmal die Brocken aus der Nähe anzusehen. Es überrascht ihn selbst, wie ruhig er ist. Relativ ruhig zumindest. So ruhig man eben nach einer lebensgefährlichen Situation sein kann. Aber was eine vage Dunkelheit war, ist jetzt greifbar, verständlich, analysierbar geworden.
Jonathan atmet tief durch, steht auf und berührt Irene sanft am Arm. „Kommen Sie. Ich bringe Sie lieber an einen Ort, wo ich ein Auge auf Sie haben kann. Nicht, dass Sie Kammerflimmern bekommen.“
Nach einer Fahrt an der Küste entlang parkt er das Auto vor einem Einfamilienhaus, das direkt am Strand liegt. „Unser Haus. Oder besser, jetzt das Haus meiner Schwester. Ich hüte es, so lange sie mit ihrer Familie im Urlaub ist.“ Einfache, alltägliche Worte, und sie gehören zu der gleichen Welt wie der Schwarze Mann.
Drinnen ist alles genauso normal. Ein paar verstreute Spielzeuge. Rechnungen. Familienfotos. Ein durchgesessenes Sofa, auf dem Irene auf Jonathan warten soll, so lange er den Verbandskasten holt.
Während er Desinfektionsmittel und Pflaster auspackt, sagt er: „Darf ich Sie etwas fragen, Miss Hooper-Winslow?“
Irene hat schon seit Wochen auf den Moment gewartet, in dem das Fragenbombardement losgeht. Oder darauf gehofft, dass es losgeht?
“Bitte. Fragen Sie!”
Erst tastet er ihre Rippen ab, wo sie nähere Bekanntschaft mit dem Asphalt gemacht hat. „Geprellt, würde ich sagen. Haarrisse kann man natürlich nie ausschließen, also gehen Sie in ein Krankenhaus, wenn es schlimmer wird. Und das andere… wozu Trophäen?“
“Nur geprellt. Ich habe nicht ganz wenig Erfahrung damit, die verschiedenen Schmerzvarianten auseinanderzuhalten. Interessante Frage. Zwei Antworten. Ihre, damit Sie es morgen noch glauben. Damit Sie einen greifbaren Beweis haben, dass sie nicht spinnen. Bisher hatten Sie noch die Möglichkeit, alles weg zu rationalisieren. Der Wolfsmann war nur ein besonders häßlicher Mensch. Giffany eine gut programmierte KI. Heute haben Sie einen Alptraum besiegt. Mit bloßen Händen. Au.” Sie schiebt energisch seine Hand von einer besonders schmerzhaften Stelle. “Ich kann nicht aus eigener Erfahrung sprechen, wenn es um Verdrängung geht, aber ich habe genügend Menschen erlebt, die Geister gesehen haben und sich meisterlich in die eigene Tasche lügen, um es zu leugnen. Es wäre mir recht, wenn Sie sich nicht unter diesen Opfern einreihen.”
Irene greift sich das Desinfektionsmittel, tränkt ausgiebig ein Stück Gaze damit, legt einen Finger unter Jonathans Kinn und beginnt, mit schnellen, nicht allzu sanften Bewegungen, Blut aus seinem Gesicht zu wischen. “Das hätten wir entfernen sollen, bevor es getrocknet ist, aber es stand Ihnen so gut, dass es mir erst jetzt aufgefallen ist. Sagen sie, wenn es zu sehr weh tut. Und meine Trophäe: Das ist so ein Familiending. Ein Konkurrenzkampf. Eigentlich eine ganz praktische Sache. Sorgt dafür, dass wir uns nicht irgendwann auf unseren Lorbeeren ausruhen. Nebenbei sammeln wir Objekte, mit denen wir auch mal angeben können, wenn wir uns Respekt verschaffen müssen. Oder die wir gegen andere seltene Gegenstände tauschen können, die uns helfen, das nächste exotische Ungeheuer zu erledigen.”
Mit einem neuen Pad wiederholt sie die Prozedur und bringt grinsend ein Pflaster auf der Platzwunde an. “Die Narbe wird Miss Hazuki um den Verstand bringen. Ich habe auch eine Frage.”
“Bitte.”
“Ihre Mutter hat angedeutet, dass Ihnen alle möglichen anderen Wege auch offen gestanden hätten. Warum sind Sie zum FBI gegangen?”
„Idealismus. Auch ohne Monster ist die Welt ein gefährlicher Ort und ich weiß, was es heißt, hilflos zu sein. Davor möchte ich andere Menschen bewahren, wenn ich kann. Außerdem – auch wenn es längst nicht perfekt ist – glaube ich an unser Rechtssystem. Und was nicht perfekt ist, kann reformiert werden.“ Er gönnt sich ein leicht selbstironisches Lächeln, weil er weiß, wie unrealistisch und naiv das klingen muss. „Sie machen das alles nur aus Familientradition, Miss Hooper-Winslow?“
Da ist es wieder, das spöttische Lächeln. “Sie wissen, dass auch in Ihrer Behörde das eine oder andere nichtmenschliche Wesen sitzt und seine Strippen zieht?”
„Und das weiß eine britische Staatsbürgerin woher?“ Er zuckt mit den Schultern. „Selbst wenn, kann ich es herausfinden. Alles hinterlässt Spuren, Brüche im Muster. Selbst Ihre Monster, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht wusste, was ich mir ansah. Ich habe jetzt schon angefangen, alte Fälle durchzugehen. Wir werden sehen.“ Einen Augenblick tupft er sich schweigend Desinfektionsmittel auf die Bisse. „Allerdings hat man mir den Fall DeVries weggenommen und an die NSA gegeben, mit der Begründung “Domestic Terrorism”. Man hat mich belobigt, nicht nur, aber sicher auch, um mich ruhig zu stellen. Ich wäre nicht erstaunt, wenn in der Hinsicht noch etwas… passiert.“
Irene ist ebenfalls mit dem Antiseptikum auf den Biss an ihrer Taille losgegangen. Daneben, mehr in der Mitte, zeichnet sich rot die unschön verheilte Narbe ab, die ihr Marcus DeVries hinterlassen hat. Bei der Erwähnung seines Namens erstarrt die Hand der Britin in der Bewegung, legt sich dann unwillkürlich über die gezackte Linie auf ihrem Bauch. Sie schluckt.
“Gut für Sie. Lassen…” Die Worte sind mit rauher Stimme hervorgepresst, brechen ab. Irenes andere Hand wandert zu ihrem Hals, als würde es ihr auf einmal Schmerzen bereiten, auch nur zu flüstern. “Lassen Sie die Finger von dem Fall!”

Jonathan kann seine Überraschung für einen Moment nicht verbergen. Das war Angst, eindeutig. Er ist einen Augenblick still und wählt seine Worte vorsichtig: „Ich fürchte, dass kann ich nicht so einfach tun. Wenn er und seine Sekte wirklich gefährlich sind und im schlimmsten Fall Unterstützung haben, muss ich sie im Auge behalten. Ich kann Sie nicht zwingen, mir mehr zu erzählen, aber je mehr ich weiß, desto besser. Lassen Sie die persönlichen Details weg, wenn sie zu schmerzhaft sind. Aber Sie können sie mir erzählen, wenn Sie möchten. Sie haben mir heute sehr geholfen. Jetzt kann ich Ihnen zumindest zuhören, ohne zu urteilen.“
Von einer Sekunde auf die andere steht die Trophäenjägerin über ihm, die Hand erhoben wie zum Schlag, mit funkelnden Augen. “Und dann? Dann legen Sie eine Akte an und recherchieren ein bißchen und machen dann, dass alles gut wird?” Es hätte Gebrüll werden sollen, doch die Stimme versagt ihr immer noch den Dienst, und so wird ein jämmerliches Kieksen daraus. Tränen schimmern auf. “Wer glauben Sie denn, dass Sie sind, dass Sie sich gleich mit himmlischen Mächten anlegen können? Die Unterstützung im schlimmsten Fall? Die kommt buchstäblich von ganz oben! Das sind nicht nur ein paar Fanatiker! Das sind Gotteskrieger im Wortsinne, von den Toten auferstanden, weil es der Himmel so wollte!”
Bei den letzten, gezischten Worten hat sie sich wieder an die Kehle gegriffen, schnappt jetzt nach Luft und stolpert von Agent Saitou weg, stützt sich schwer gegen das große Panoramafenster, das tagsüber einen malerischen Blick auf Sand und Wellen bietet, gegen die Schwärze des nächtlichen Meeres aber nur ein verzerrtes Bild ihres tränenüberströmten Gesichts zurückwirft. “Lassen Sie die Finger davon! Das ist zu groß für Sie… das ist zu groß für mich.” Jetzt hat sie es ausgesprochen. Die bittere Wahrheit. “Das ist zuviel für mich!”

Einen Moment später tritt Jonathan hinter sie und legt ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter, als wäre er sich nicht sicher, ob sie sich im nächsten Augenblick auf ihn stürzen oder – noch schlimmer – an seiner Schulter ausweinen will. Er setzt mehrfach an, bevor er sagt: „Sie… Sie haben recht. Es war… arrogant von mir, anzunehmen, dass ich meine bisherigen Erfahrungen einfach so auf die neue Situation übertragen kann.“ Er blickt auf, zur Scheibe, wo sich ihre Blicke in ihren Reflexionen treffen. „Ich weiß nicht, ob ich etwas unternehme oder nicht, oder überhaupt etwas unternehmen kann. Aber wenn, wird es meine Entscheidung sein. Meine und meine alleine. Niemand anderes wird daran schuld sein.“
Er lässt ihre Schulter los und verlässt den Raum. Für einen Augenblick hört man ihn in der Küche rumoren. Als er wiederkommt, hat er eine offene Flasche guten Rotwein und zwei Kaffeetassen in der Hand. „Ich konnte die Gläser nicht finden und eigentlich sollten Sie nicht, wegen der Medikamente…“ Mit einem Schulterzucken verwirft er seine eigenen Einwände und öffnet die Terrassentür. „Und das Meer ist gleich da unten.“
Er geht den Trampelpfad hinter dem Haus herunter und überlässt es Irene, ob sie ihm folgen und sich auch in den Sand setzen oder lieber alleine sein will.
Die Nachtluft ist klar und warm. Es riecht nach Hibiskus und Salz. Im Hintergrund rauscht das Meer. Und über allem der weite Sternenhimmel.
Mehrere Minuten später taucht Irene auf. Sie trägt einen Badeanzug. Ohne Jonathan anzusehen, stapft sie an ihm vorbei, stürzt sich in die Fluten und verschwindet schnell aus seiner Sicht. Als sie zurückkehrt, ist die Wut aus ihren Zügen gewichen und hat einem traurigen, bitteren Ausdruck Platz gemacht. Sie wickelt sich in ein Handtuch, setzt sich neben den Special Agent und greift nach der Weinflasche.
“Mann kann jemandem seine Entscheidungsfreiheit lassen und trotzdem daran schuld sein, wie er sich entscheidet.”
Dann legt sie den Kopf auf die Knie, starrt auf das dunkle Meer und beginnt stockend zu erzählen.

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Timberwere

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