Mädchenkram - Supernatural

Invincible

Ein Treffen in Albany

Niels betrat das Café mit einem mulmigen Gefühl. Die letzte Woche bei Ethan und sein Aufenthalt in Connecticut hatten ihn ein klein wenig aufgebaut, aber er hatte Angst vor dem Gespräch mit Emily. Er sah auf seine Arme herunter. Die Ärmel des Longsleeves verdeckten zwar die Verbände, aber er wusste ja, dass sie da waren. Dass die Narben nicht wieder verschwinden würden. Noch immer hatte er keine genaue Vorstellung, wie es unter den Verbänden aussah, wieviele Stunden Arbeit in Flammen aufgegangen waren. Das war sein Ding gewesen, das, was ihn ausmachte, seine Art, alles zu vergessen. Was für eine Ironie, dass mit dem Feuer gleichzeitig alles ausgelöscht worden war und das, was er versucht hatte, zu verstecken, wieder nach oben gekommen war.

Niels sah sich um, das Café war recht gut besucht, aber er fand einen Tisch, der etwas abseits war. Perfekt für ein Gespräch über all das, was sie erlebt hatten. Er spürte, dass er zitterte, obwohl es nicht kalt war. Weder Ethan noch Bart hatten ihm also ganz die Angst nehmen können. Die Kellnerin kam und fragte ihn nach seiner Bestellung, und Niels hätte am liebsten Alkohol verlangt, entschied sich aber für das Richtige, einen Kaffee. Dann wartete er und hoffte, dass Emily kam.

Emily fuhr vor dem Café vor, blieb noch einen Moment im Auto sitzen und atmete tief durch. Sie fürchtete sich ein wenig Niels gegenüber zu treten. Sie wusste nicht was sie erwartet, warum Niels mit ihr sprechen wollte, obwohl sie eine wage Ahnung hatte.
Sie erinnerte sich an das Gespräch mit Bart und fragte sich, wie sie immer in Cafés landete. Bei diesen Gedanken musste sie kurz schmunzeln und stieg aus.
Das letzte Gespräch mit Ethan war auch nicht solange her und sie hatte noch immer keine Antwort darauf gefunden. Sie öffnete die Tür, betrat das Cafè und schaute sich um. Als sie Niels erblickte, wirkte er etwas in Gedanken, Emily ging langsam auf den Tisch zu an dem Niels saß. Ihre Bewegungen scheinen immer noch eingeschränkt zu sein.
Sie blieb am Tisch stehen und blickte auf Niels runter. Noch bevor sie sich setzte begrüßte sie ihn. Sie stand einen Moment da, setzte sich dann aber.
“Bevor du anfängst, es….es tut mir wirklich leid.” Sie schaute ihn an und biss sich auf die Unterlippe.

Niels sah auf. Es tat ihr leid? Was tat ihr leid? Dass er ein Vollidiot gewesen war? Dass er, ein Heckler, ein Jäger seit seinem 9. Lebensjahr, der Sohn von Jacob Heckler, es für richtig gehalten hatte, sich alleine einem Dämon und einem Höllenwesen entgegen zu stellen und so ihr beider Leben riskiert hatte? Aber statt ihr das alles zu sagen, stand er nur auf und wollte ihr aus einem Reflex heraus zur Begrüßung die Hand reichen, als ihm wieder einfiel, dass Emily kein Mensch fürs Händeschütteln war. Stattdessen zwang er sich zu einem “Hi, setz dich doch”, bevor er weiter redete. “Was genau tut dir leid?” Seine Stimme klang belegt. “Dass ich dich fast umgebracht habe?” Die Kellnerin kam jetzt, brachte Niels seinen Kaffee und fragte Emily, ob sie auch etwas trinken wollte. Dabei lächelte sie verschwörerisch. Niels seufzte innerlich. Nein, das hier war kein Date, beileibe nicht. Selbst wenn er auf Frauen stehen würde, das hier war das Gegenteil eines Dates. Gab es so etwas wie Anti-Dates?

Emily bemerkte Niels Bewegung und war froh, als er diese wieder abgebrochen hatte. Sie wollte sich nicht wieder und wieder erklären müssen. Sie war jetzt soweit, dass Bart sie berühren konnte und auch Ethan hatte ganz kurz ihre Hand gehalten. Sie war aber noch nicht soweit sich allen anderen auch so zu öffnen. Sie mochte Niels, dass war auch nicht ihr Problem. Aber Niels schien sich dessen bewusst geworden zu sein und dafür war sie dankbar. Emily sah die Kellnerin an und bestellte ein Glas Wasser. Sie musterte die Kellnerin und fragte sich, was sie sich dachte, konnten sich junge Leute nicht einfach so treffen. Sie wollte erst was sagen, behielt es aber für sich. Dafür war sie nicht hierher gekommen. Nicht um einen Streit zu provozieren. Sie blickte der Kellnerin noch mal hinterher und schnaufte leise, dann wendete sie sich wieder Niels zu. Emily guckte Niels geschockt an. “Mich umgebracht? Du? Nein, es war meine eigene Entscheidung die mich in dieser Lage gebracht hat.” Jetzt sprach sie leise und stockte immer wieder. “Das…das ich nicht rechtzeitig da war, dass ich dir nicht helfen konnte. Ich konnte einfach nicht…” Sie brach ab. Emily konnte Niels nicht in die Augen schauen. Sie wunderte sich, wieso gab er sich die Schuld, Sie wusste doch wie gefährlich die Jagd war und sie hat bei weitem schlimmeres erlebt. “Niels, ich wollte dir helfen und konnte es nicht, dass tut mir leid.” Sie zuckte mit den Schultern.

Niels spürte, dass er wütend wurde. Er brauchte keine Hilfe, er schaffte das alleine. Dann fiel sein Blick auf seine Arme. Und wie du das alleine schaffst, Heckler. Ethans Worte kamen ihm in den Sinn. Kram passiert. Und ja. Kram passiert, für den du dich schuldig fühlst. An dem du schuldig bist. Passiert. Bleibt nicht aus. Er hatte ja recht, so verdammt recht. Es war auch nicht nur das, aber wollte er Emily das wirklich alles erzählen? Wobei sie die Wahrheit verdient hatte. Auch wenn es ihr leid tat, sein unüberlegtes Handeln hatte sie doch erst zu der Entscheidung verleitet. Das waren zwar mit Sicherheit nicht die ersten Monster, denen sie sich in den Weg gestellt hatte, wenn er an ihren Bogen dachte und die sicheren Bewegungen, aber er hatte sich geschworen, dass er sie beschützte. Felicity hatte niemals über Emily gesprochen, und er hatte es nicht gewagt, sie oder Ethan nach ihr zu fragen.
Die Kellnerin brachte ihnen jetzt die Getränke, und Niels sah ihr nach, bis sie in sicherer Entfernung verschwunden war. “Aber wenn ich nicht wie ein Irrer vorgerannt wäre, hättest du diese Entscheidung nicht treffen müssen. Abgesehen davon, ich hätte das alles wissen müssen. Ich bin Jäger, seit ich neun Jahre alt war. Es war dumm von mir, zu glauben, dass ich mit einem Dämon und diesem Feuerwesen klar komme. Aber trotzdem… ich wollte dich da nicht mit reinziehen.”

Emily trank einen tiefen Schluck von ihrem Wasser und blickte Niels an. “Mag sein, dass deine Entscheidung mich zu meiner verleitet hat. Mag sein, dass es anders gelaufen wäre, hättest du… hätten wir auf die anderen gewartet, haben wir aber beide nicht. Shit Happens. Es ist passiert und wir leben noch.” Sie lächelt Niels an. “Ich jage schon seit meinen elften Lebensjahr und weiß, worauf ich mich einlasse. Ich habe schon soviele….soviele……Menschen verloren.” Es wirkt so, als ob sie was anderes sagen wollte, aber nicht über die Lippen bringt. Ihr blickt wird etwas traurig. “Ich wollte nicht schuld sein, schon wieder jemanden zu verlieren, ich könnte mir das einfach nicht verzeihen.” Sie schweigt einen Moment bevor sie erneut ansetzt.
“Ich gebe dir auf jeden Fall kein Schuld, allerhöchstens eine Teilschuld, aber auch wenn ich später dazu gekommen wäre, wäre es nicht auszuschließen, dass ich dann nicht ebenfalls so verletzt wurde und es heilt, langsam aber es heilt.” Sie lächelt ihn aufmunternd zu.

Er sah sie nachdenklich an. “Ja, wir leben noch. Auch wenn ich für einen Augenblick dachte, dass das nicht mehr der Fall ist.” Niels dachte an sein ‘Gespräch’ mit seinem Vater. Ob er jemals erfahren würde, ob Jacob wirklich schon bei ihm gewesen war, oder ob der Dämon es ihm hatte einfach machen wollen, als er versucht hatte, seine Seele zu stehlen? Er spürte wieder, wie der Ekel in ihm hochstieg. Der Dämon war in sein Innerstes vorgedrungen, hatte seine guten Erinnerungen durchwühlt, als sei Niels’ Seele ein Selbstbedienungsladen, während die Verletzungen des Feuerwesens ihn zurück in den Keller verfrachtet hatten. Für einen kurzen Moment war es gewesen, als hätte es die letzten vier Jahre niemals gegeben. Das Wissen, dass einem die Seele gestohlen wurde, während man verbrannte, war nicht besser als die Tatsache, dass der eigene Bruder und Vater ihn beinahe totgeschlagen hatten, weil er war, wie er war.
Sein Blick traf den Ems. Ihre grünen Augen ruhten immer noch auf ihm und holten ihn ins Hier und Jetzt zurück. “Du hast mich nicht verloren”, sagte er und versuchte, seine Stimme ruhig klingen zu lassen. Für einen kurzen Moment überlegte er, ob er nach ihrer Hand greifen sollte, aber dann sah er davon ab. Zum einen war das nicht ihr Ding, und zum anderen kannten sie sich nicht so gut. “Im Gegenteil, ohne dich säße ich wahrscheinlich nicht mehr hier. Oder sähe noch viel schlimmer aus.” Er versuchte zu lächeln, dann hob er die Arme. “Es heilt, ja. Ich habe keine Ahnung, wie ich darunter aussehe.” Jetzt musste er doch grinsen. “Feuer reinigt, hat mein… Stiefvater immer gesagt. Der wäre glücklich, dass wahrscheinlich nichts mehr von den Tattoos da ist.” Niels hielt sich die Hand vors Gesicht, als er an Gustav dachte. Seit Idaho war eine Erinnerung an den alten Heckler besonders präsent: Sein Gesichtsausdruck, als er ihn in die Wanne geworfen und im eiskalten Wasser untergetaucht hatte, um zu verhindern, dass Niels an seinen Verletzungen starb. Er schüttelte sich unwillkürlich und nahm schnell einen Schluck Kaffee, damit Emily nicht merkte, was in ihm vorging. “Alte Jägerfamilien”, sagte er schließlich. “Sie bereiten uns auf das vor, was kommen könnte, aber wenn es dann tatsächlich so weit ist, wissen wir nicht mehr, was wir tun sollen.”

Ihre Augen ruhten weiter auf Niels, sie spielte etwas an ihren Wasserglas. Sie machte ein zerknirschtes Gesicht. “Ich hab deswegen auch echt ein schlechtes Gewissen. Vorallem, du hattest ja vorher schon erwähnt, dass deine Kindheit nicht einfach war.” Sie wand ihren Blick ab. “Eigentlich ging es mir gut, ich bin gerne jagen gegangen. Damals zumindest.” Sie schweigt einen Moment. “Ich wollte nicht, dass sowas nochmal passiert. Ich hab meine beste Freundin verloren, nicht tot, aber sie ist…dennoch scheint sie nicht mehr bei uns zu sein. Und dann war da noch. Naja auf jeden Fall hatte ich doch gesagt, ich passe dort draußen auf dich auf, aber ich kam einfach nicht vorbei, das Vieh stellte sich mir immer wieder in den Weg. Ich sah dich dort liegen und konnte einfach nichts dagegen tun. Ich war es nicht die dir das Leben gerettet hat. Die anderen schienen und irgendwie gefunden zu haben. Zum Glück rechtzeitig. Ich war so Dumm und hatte ihnen nicht bescheid gesagt. Dachte mir halt, wird schon gehen, ich hatte einfach nicht darüber nachgedacht.”
Sie sieht seine Verbände hervorblitzen. “Tut es den noch sehr weh? Wie lange wirst du sie noch tragen müssen?” Als er von seinem Stiefvater spricht schaut sie etwas zornig. “Nimm mir das jetzt bitte nicht übel, aber dein Stiefvater ist ein Arsch. Vorallem, wenn er froh ist, was mit dir passiert ist und was er dir angetan hat. So erzieht man keine Kinder und keine Jäger, aber du hast recht, auf die Situationen in die man wirklich kommt, können sie uns nicht vorbereiten.” Emily scheint echt wütend zu sein, aber nicht auf Niels, sondern den Mann den er Vater nennen sollte.
Dann schien Emily etwas abzutriften, sie erinnerte sich wie es war, als sie wieder zu Hause war. Die Ablehnung. Die Blicke von Ihrem Bruder. Sie durfte ihre geliebte kleine Schwester nicht sehen. Nur ihre Mutter hielt zu ihr, macht sie immer noch, unterstützt sie so gut sie konnte, ohne wissen ihres Mannes. Der ebenfalls nicht glaubte, dass seine zweit jüngste Tochter zurück ist. Aber das war nichts im Vergleich was der junge Mann vor ihr durchgemacht hat. Ihre Eltern waren gut zu ihr und ihren Geschwister.

Niels hörte Em aufmerksam zu, als sie von der verlorenen Freundin erzählte. Das klang nicht gut. Das klang verdammt nochmal so richtig beschissen. Fuck. Ob es da irgendeine Möglichkeit, diese Freundin zu finden? Der Verlust schien ihr extrem nahe zu gehen, und er hätte ihr so gerne geholfen. Aber auch wenn sie sagte, dass sie ihm verziehen hatte – zumindest zu einem großen Teil – ob sie jemals wieder mit ihm jagen wollte, würde sich zeigen müssen. Jetzt sprach sie von dem merkwürdigen Tierwesen, das ihr den Weg abgeschnitten hatte. Er hatte später von Bart davon erfahren, dass dieses Wesen sie daran gehindert hatte, rechtzeitig bei ihm zu sein. “Aber du hast es versucht, und allein das zählt. Wie ich bereits sagte, ohne dich wäre es vielleicht noch schlimmer geworden”, meinte er, als sie darauf hinwies, dass sie ihm nicht das Leben gerettet hatte. Tatsächlich war es zur Überraschung aller Flann gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass sie beide hier saßen, schwer verletzt, aber am Leben, und dass Will, Pickett und Willard wieder verhältnismäßig unbeschadet nach Hause hatten zurückkehren können. Will hatte Niels eine lange Mail geschrieben und ihn um Antworten gebeten. Noch wusste Niels nicht, was er Will erzählen sollte und hatte sich mit seinem Krankenhausaufenthalt rausgeredet.
Als sie auf seine Familie zu sprechen kam, spürte er, wie sich alles in ihm zusammenzog. Er fragte sich, was Gustav wohl sagen würde, wenn sie ihm ins Gesicht gesagt hätte, was sie von ihm hielt. Er überlegte, ob er ihr sagen sollte, was der alte Heckler ihm wirklich angetan hatte, doch dann sah er, wie sie innehielt und scheinbar an ihm vorbei sah. Familie schien auch für sie kein gutes Thema zu sein. Verdammt, was war ihr nur zugestoßen?
“Magst du… magst du drüber reden? Über deine Freundin? Deine Familie?”

Als Niels sie anspricht zuckt sie kurz zusammen und reißt sie aus ihren Gedanken.Sie schaut ihn an, erst ein wenig verwirrt, aber fast sich auch gleich wieder.
“Naja, auf jeden Fall ist gut, dass wir uns treffen, wollte dir nämlich nochmal persönlich sagen, dass es mir leid tut.” Dabei lächelt sie Niels an.
“Und jetzt sollten wir es gut sein lassen. Mit unseren Entschuldigungen ist auch keinem geholfen.” Ihr lächeln wird breiter und sie legt den Kopf leicht schief.
Ihr blieb nicht unbemerkt, dass er auf ihre fragen nicht antwortete, aber das war in Ordnung, sie sprach auch nicht gerne über dass was passiert war.
Vielleicht hilft es ja, wenn sie den Anfang machte. Nur nicht hier, wo so viele Menschen waren.
“Hm.” Sie schaut sich um. “Nicht hier, magst du vielleicht etwas “spazieren” gehen. Wo. Hm. Weniger Menschen sind.” Sie blickt ihn fragend an.

“Klar, kein Problem.” Albany war eine schöne Stadt, eine grüne Stadt, und Niels war sowieso lieber im Freien unterwegs. Er rief die Kellnerin herbei und zahlte seinen Kaffee und Emilys Wasser, dann stand er auf. “Nach dir”, meinte er, dann lächelte er. “Dieses Mal.” Sie hatte recht. Es war niemandem geholfen, wenn sie sich dauernd entschuldigten. Sie hatte ihm verziehen, das zählte, sie lebten beide noch, auch das war wichtig, und was noch passiert war – er überlegte, ob er sie einweihen sollte in das, was durch das Feuer wieder in ihm vorging. Was hatte der komische Psychodoc in Seattle noch gesagt? Reden Sie darüber, Mr. Heckler. Sie dürfen nicht verdrängen, was passiert ist. Aber wie konnte man darüber reden, wenn man sich selbst noch immer nicht traute, es richtig auszusprechen? Es in seiner Gänze auszusprechen? Er hatte es selbst gegenüber Ethan nicht zugeben können. Vielleicht war es heute soweit, vielleicht konnte er es wenigstens Emily sagen.
“Es gibt hier in der Nähe einen großen Park, den Tivoli Park. Ich glaube, da können wir uns ungestörter unterhalten”, schlug er vor und öffnete die Tür, um zu seinem Auto zu gehen. “Willst Du mitfahren?”

Emily war froh, nicht dass sie nicht gerne was trinken geht, aber sie mag es einfach nicht, wenn so viel Trubel um sie herum ist und draußen fühlt sie sich einfach viel wohler.
Sie stand auf und ging nach draußen, dort zieht sie sich ihren Mantel über und wartet bis Niels zu ihr aufgeschlossen hat.
“Gerne. Danke übrigens für das Wasser.”
Sie gingen zum Auto und fuhren schweigend zum Park, dieser war fast menschenleer. Sie überlegte wo sie anfangen oder wie weit sie ausholen sollte. Sie wollte Niels nicht langweilen mit ihre Geschichte. Wer weiß, er ist zwar ein Jäger, aber ob er ihr überhaupt glauben würde. Glauben, dass sie es geschafft hat, dass sie nicht lügt.
Sie gingen ein paar Schritte nebeneinander her als sie ansetzt.
“Ich muss dafür etwas weiter ausholen, ich meinem zu verstehen warum ich bin wie ich bin.” Sie blickt zur Seite und muss etwas nach oben schauen um Niels ins Gesicht zu blicken.
“Also.” Dabei blickt sie wieder nach vorn und behält die Umgebung im Auge.
“Ich hatte eine Freundin, sie war damals in meinen Alter, sie war auch aus einer Jägerfamilie. Als ihre Eltern getötet wurden, verschwand sie. Naja, hm,nicht ganz, ich wusste, dass sie den Mörder suchen wollte und habe sie nicht aufgehalten.Dann vor ein paar Wochen, sah ich ich sie zum ersten mal wieder seit dem sie weglief. Sie ist in einer Nervenheilanstalt. Sie redet nicht, erkennt mich nicht, lebt in ihrer kleinen eigenen Welt. Ich war sie nicht mehr Besuchen, weiß auch nicht warum. Ich hatte gehofft, dass sie wieder normal wird, nachdem wir den Geist vernichten haben, der dafür verantwortlich war. Es war ein irrtum.” Sie zuckt mit den Schultern. “Damals hatte ich mein beste Freundin verloren und hatte lange gebraucht bis ich wieder so eine Freundin fand.” Sie überlegte wie sie den Bogen kriegt. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Wenn er jetzt nicht wegläuft oder sie angreift, gibt es vielleicht doch noch Hoffnung für sie. Vielleicht hatte Ethan ja doch recht.
“Ich weiß ja nicht, ob Ethan dir gegenüber irgendwas erzählt hat, aber damals war ich auf der Uni, da wo Ethan Hausmeister ist. Eigentlich war ich nur da wegen meiner Schwester.” Sie lächelt halbherzig.
“Naja, auf jeden Fall sollten Ethan und Felicity ein altes Verbindungshaus untersuchen, welches die Uni geerbt hat. Der Dekan hat gesagt, dass sie unerfahrene Jäger mitnehmen sollten, es wäre nicht gefährlich und daher eine gute Übung…..Pah, von wegen.” Emily schaute wütend zu Boden. Sie schwieg einen Moment, doch dann erzählte sie weiter, ihre Stimme wird leiser. Es fällt ihr sichtlich schwer darüber zu sprechen.
“Dort habe ich dann Eunice kennengelernt und mich gleich mit ihr angefreundet. Sie ist auch mitgekommen, sie war zwar keine Jägerin, aber mutig und tough. Naja, wie auch immer. Jedenfalls war da unter anderen ein Geistermädchen und wollte Eunice mitnehmen. Ich war so dumm, dumm, dumm. Ich hätte es einfach besser wissen müssen. Ich hätte sie aufhalten müssen. Ich war die Jägerin von uns beide.” Sie trat einen kleinen Stein weg. “Eunice packte mich und dann das Geistermädchen. Dann würde es schwarz um uns, plötzlich standen wir mitten im Zwielicht. Mir war erst nicht klar wo wir gelandeten waren, dass kam erst später. Später wurde es mir bewusst, dass wir…wir im….im Purgatory war.” Sie schaute Niels dabei an. Sie suchte Niels Blick, versuchte zu sehen was er denkt, versuchte seine Körperhaltung zu deuten. Dabei zuckte sie wieder mit den Schultern.
“Deshalb fällt es mir so schwer neue Freundschaften zu schließen. Um ehrlich zu sein, habe ich gar keine Freunde, aber es ist ok. Ich glaub es ist besser so.” Dabei spielt sie an ihren Haaren rum.

Niels sah Emily lange an, das Bedürfnis, sie einfach in den Arm zu nehmen, wurde wieder stärker. Aber das würde er nicht tun, je länger er ihr zuhörte, umso klarer wurde ihm, warum sie keine Berührungen zulassen konnte. Niemanden an sich heranlassen. Das Ganze ausklammern. Wenn man nicht darüber nachdachte, dann wurde es nicht wahr. Was sagte man jemandem, der so etwas erlebt hatte? “Kopf hoch, alles wird wieder gut?” Es wurde nicht wieder gut, nie wieder. Anders, ja, aber niemals wieder gut.
“Felicity hat mir nie gesagt, was damals passiert ist”, meinte er jetzt. Im Grunde hatte sie ihm überhaupt nichts gesagt, sie hatte behauptet, dass sie nicht mehr jagen wollte, weil ihre Beziehung zu Lord Alfie wichtiger war, und der gute Lord hatte vom Übernatürlichen keine Ahnung. Niels traute ihm zu, dass er seine Frau eher in eine Anstalt einweisen lassen würde statt anzuerkennen, dass es die Wesen, die sie und ihre Familie bekämpften, wirklich gab. Aber es passte zu Felicity, dass sie die Sache verschwiegen hatte. Wie bei der Geschichte mit Ethan kam sie nicht gut weg dabei, und Niels hatte den Verdacht, dass das ebenfalls ein Grund war. Genau wie sie es mit ihm versucht hatte, als er ihr eröffnet hatte, dass er ihr Bruder war, auch wenn es da Jacobs Bild war, was sie nicht angekratzt wissen wollte.
Als Emily nichts sagte, fuhr Niels fort. “Aber sie und ich, wir kennen uns auch erst seit knapp einem Jahr. Und bis vor kurzem dachte ich auch noch, sie sei meine Cousine.” Er ballte die Faust, bereit, irgendetwas zu schlagen, wie er es immer tat, damit der Schmerz real wurde. “Wir sind Geschwister. Halb-Geschwister, um genau zu sein. Und dieser verdammte Dreckskerl hat es die ganze Zeit gewusst.” Er holte Luft. “Und wahrscheinlich hätte er es gut gefunden, wenn ich dieses Mal endlich verreckt wäre.”

Sie musterte Niels noch eine Weile, aber als er weder anstalten machte sie stehen zu lassen, noch sie anzugreifen beruhigte sie sich wieder etwas.
“Felicity und ich kannte uns nicht wirklich, was sollte sie auch erzählen? Sie hat einige Studenten verloren. Das einer der Studenten gestorben ist. Ich glaube, sowas erzählt man nicht mal so beim Abendbrot.” Emily sticht es im Herz, als sie vom Tod des Studenten spricht. Sie vermisste Jack und machte sie immer noch Vorwürfe, denn eigentlich hat sie seinen Tod zur Verantwortung. Sie seufzte leise und kaum hörbar. “Ich schätze sie hatte ebenso daran zu knabbern wie Ethan.”
Sie nickte als Niels von seinem Stiefvater spricht.
“Du kommst nicht von hier oder? Also aus USA? Wie lange bist du schon hier?” Emily starrte nach vorne.
“Aber das bist du nicht und du kannst es diesem Großkotz zeigen, aus was für ein Holz du geschnitzt bist. Du darfst dich einfach nicht unterkriegen lassen. Ich weiß, es ist nicht einfach. Ich war auch an den Punkt. Der Unterschied ist nur, ich war allein, umgeben von Monstern und den widerlichsten Kreaturen. Du hast hier Freunde, die dir zur Seite stehen.” Dann lächelt sie ihn warm an.

Ich war umgeben von Monstern. Niels schluckte. Ja, sie meinte andere Monster, aber dennoch, er konnte gerade nur an ein Monster denken: An Joseph, wie er ihn festhält, ihn zwingt, das Oberhemd auszuziehen, seine Handgelenke packt und fesselt, viel zu fest, das Seil scheuert die Haut blutig. “Du bist ein Bastard und ein Sodomist, Aaron. Eine Kreatur der Hölle. Und dorthin werden wir dich zurückschicken.”
Als sie von dem toten Studenten sprach, nickte er zustimmend. Dann war Alfie niemals der wahre Grund gewesen, sondern die Tatsache, dass sie dem Jungen nicht hatte helfen können. Aber eine Felicity Heckler hätte sich eher die Zunge abgebissen, als zuzugeben, dass sie etwas nicht geschafft hatte, dass etwas ihre Schuld war. In diesem Punkt waren sie sich überhaupt nicht ähnlich. Aber Felicity war auch nicht in einer Familie aufgewachsen, in der man ihr immer zu verstehen gegeben hatte, dass alles, was sie tat, nicht richtig war. Felicity war Jacobs kleine Prinzessin gewesen. Er war Gustavs und Josephs Punchingball gewesen. Der Gedanke an seine Familie veranlasste ihn dazu, ihre nächste Frage zu beantworten. “Nein, ich bin nicht von hier, meine Familie stammt aus Bayern. Mein Vater… mein richtiger Vater ist vor Jahren nach Amerika gekommen und hat hier Felicitys Mom kennengelernt. Ich bin erst letztes Jahr hierhin gekommen, nachdem mein Freund mich verlassen hat. Naja, ich war es auch irgendwie selber schuld.” Er verzog das Gesicht, als er an Philip dachte. Es war vorbei, er war über ihn hinweg. “Felicity hat mich hierher geholt, damit ich alles hinter mir lassen kann.” Er lachte auf, sein Gespräch mit Ethan an Weihnachten fiel ihm ein.
“Ich wollte kein Jäger mehr sein. Ich wollte alles hinter mir lassen. War eine Spitzenidee. Es ist alles wieder hochgekommen.” Er sah sie an, sie lächelte mitfühlend. “Ich wollte es ihm beweisen. Beweisen, dass ich mehr bin als der kleine Bastard. Total bescheuert, ich weiß, wenn man bedenkt, dass er es war, der mich beinahe umgebracht hat, damals, vor vier Jahren.”

Sie zog eine Augenbraue hoch. “Bayern? Liegt in Deutschland oder? Dafür sprichst du schon ziemlich gut amerikanisch. Ist nen ziemlich weiter weg.” Sie dachte nach und konnte sich nicht vorstellen, den Kontinent zu wechseln. Egal was kommen mag.
“Dass tut mir leid mit deinem Freund. Aber du solltest dir abgewöhnen, dir für alles die Schuld geben. Nutze die Kraft für was sinnvolles” Sie schmunzelte etwas, bei dem was sie sagte. Anderen gute Ratschläge geben ist irgendwie ironisch, wo sie sich doch selbst nicht daran hält und für alles was schief läuft sich die Schuld gibt. Aber es war irgendwie schön hier mit Niels durch den Park gehen, unbeschwert, einmal nicht daran denken wielange sie fort war, wie sie ständig, um ihr Leben gekämpft hat. Sie genoss diese kurzen Momente, dennoch behielt sie ihre Umgebung im Auge, dass kleinste Geräusch ließ sie erneut anspannen. Sie schaffte es nicht, diese Marotte abzulegen, aber vielleicht war es auch besser so.
“Was würdest du statt dessen machen wollen?” sie sah ihn fragend an. Ja an den Punkt war sie auch und musste dann feststellen, dass sich eigentlich nichts anderes konnte als Jagen.
“Du hattest schon gesagt, dass deine Familie alles andere als harmonisch war. Ist das normal bei euch? Also in Deutschland? Es tut mir leid. Ich hoffe, dass es dir hier besser geht.” Sie war wütend, warum tun Leute ihren Kindern sowas an. Es gibt genug echte Monster. Familie sollte da sein, um sich geborgen und wohl zu fühlen. Sie überlegte, ob seine Familie vielleicht besessen oder so wäre, anderes konnte sie sich das Verhalten nicht erklären.
Plötzlich dachte sie an ihrer kleinen Schwester, die sie nicht mehr sehen durfte und es schmerzte sie. An ihrer “Flucht” von zu Hause. Den hasserfüllten Blick von Liam. Zugegeben eine Bilderbuchfamilie waren sie vielleicht nicht, aber sie sind immer gut ausgekommen und hatten fast alle Freiheiten. Wenn ihre Mutter nicht wäre, hätte Emily es jetzt deutlich schwerer, aber dennoch hatte sie Emily gewarnt nicht wieder nach Hause zu kommen, zumindest erstmal nicht. Es tat weh, als sie an ihrer Familie dachte, auch wenn ihre Geschwister häufig keine Zeit hatten, hat sie sie geliebt.

Niels schüttelte den Kopf. “Nein, es ist auch in Deutschland verboten, seine Kinder in den Keller zu sperren und sie zu schlagen, auch wenn es nicht die eigenen Kinder sind. Und es ist nicht verboten, schwul zu sein. Leider gilt für meinen Stiefvater nur das, was in der Bibel steht, und da hat er gelesen, dass man Männer, die Männer lieben, umbringen darf. Oder zumindest versuchen, es ihnen durch einen Exorzismus auszutreiben.” Er spürte, wie die Wut in ihm wieder stärker wurde. Warum hatte er sich damals nicht gewehrt? Um Hilfe gerufen? Hätte seine Mutter ihm geholfen? Oder Benedikt? Wie oft war er diese Möglichkeiten im Kopf durchgegangen, hatte sich vorgestellt, dass er es geschafft hatte, ihnen zu entkommen oder sich zu wehren. Anfangs hatte er sich gefragt, ob alles seine Schuld gewesen war, aber inzwischen wusste er, dass er an vielen Dingen schuld hatte, aber sicher nicht daran, was die beiden ihm angetan hatten.
“Ich wollte Künstler sein. Zeichner. Das ist mein Ding. Und ich will es immer noch.” Er sah auf seine Hände, die inzwischen ohne Verbände waren, die Haut war rot und frisch, und der Arzt hatte ihm gesagt, dass er sie wie gewohnt benutzen sollte, auch wenn es schmerzte. Er hatte bereits gezeichnet, aber es war ihm noch nicht wirklich gelungen, wieder etwas ordentliches zu Papier zu bringen. Vielleicht lag es auch an seiner seelischen Verfassung, er wusste es nicht. Aber für den Fall, dass ihm etwas einfiel, hatte er Stift und Papier griffbereit.
Jetzt sah er zu Emily herüber und lächelte. “Nicht meine Schuld, hm? Ich glaube, diesmal schon. Ich hab eine andere geküsst.” Er lächelte schief. “Das erste und einzige Mal, dass ich eine Frau geküsst habe.” Dann überlegte er und dachte an Ethan, der ihn aufgenommen hatte, an Bart, an Irene, und auch an Flann. Ja, er hatte Freunde. Menschen, denen es nicht egal war, dass er beinahe gestorben war, und die ihm nicht die Schuld dafür gaben, dass er unüberlegt gehandelt hatte, dass er der war, der er war.
Er musterte sie, ihre dunklen Haare, die grünen Augen, die wachsam versuchten, alles zu erfassen. Sie erinnerte ihn damit ein wenig an ein wildes Tier, das wieder in Freiheit war, aber immer noch nicht glauben konnte, dass ihm jetzt nichts mehr passierte. “Wir sind beide nicht schuld an dem, was passiert ist. Du bist nicht schuld an Eunice’ Verschwinden, du hast getan, was du konntest. Zumindest klingt das für mich danach. Du bist nicht schuld, dass ich fast draufgegangen bin. Das hab ich schon ganz gut alleine hinbekommen. Aber verdammt, wenn du irgendjemandem die Schuld an der Sache mit Eunice geben willst, gib sie der Verbindung, gib sie diesem merkwürdigen Geistermädchen, oder gib sie von mir aus auch Felicity. Aber gib sie verdammt nochmal nicht dir. Du wolltest Eunice helfen. Du hast getan, was du konntest, aber manchmal ist das… Andere stärker als wir.” Sie waren zu zweit gewesen, sie waren älter und stärker als er gewesen. “Wir sollten beide nach vorne sehen. Du und ich, wir sind durch die Hölle gegangen – du sogar wortwörtlich. Wir haben das überlebt, wir waren am Ende die Stärkeren. Was kann uns noch passieren?” Er sah sie mit einem ermutigenden Lächeln an. “Und was die Freunde angeht… du hast Freunde. Bart, Ethan… du und ich, wir sind durchs Feuer gegangen. Wenn das nicht zusammenschweißt, dann weiß ich auch nicht.” Er lächelte unsicher. “Ich glaube, das ist die Stelle, wo ich dich umarmen sollte. Aber ich respektiere, dass du das nicht willst, und mir tut es wahrscheinlich immer noch weh. Würdest du… würdest du mir vielleicht die Hand geben?” Er machte eine Pause. “Und… darf ich dich zeichnen?”

“Hm, verstehe.” Ihr tat Niels ihr leid. Er schien eine richtig üble Kindheit gehabt zu haben. Sie seufzte, dass es noch Leute gibt, die denken schwul sein wäre verboten oder eine Krankheit, ging einfach nicht in ihrem Kopf.
Wut stieg in ihr hoch, das Leben eines Jägers ist schon schwer genug, warum mussten es dann die unseren sein, die es noch schwerer machten.
Emily sprach mehr zu sich selbst als zu Niels. “Ein Fanatiker, na toll.”
Sie schaute Niels an, musterte ihn etwas. “Nur weil du nicht auf Frauen stehst? War er so gottesfürchtig oder war es eher eine Ausrede? Mich macht sowas unglaublich wütend.” Emily schien nicht wirklich eine Antwort zu erwarten. “Deinen Stiefvater sollte man wegsperren oder selbst mal verprügeln. Er ist ja noch ein größerer Arsch als ich dachte.”
Sie dachte daran wie sie auf dem Stuhl gefesselt war. Wie ihr Vater und Bruder ihr zu setzten. Obwohl es Niels sehr viel schwerer hatte als sie, fühlte sie sich ein wenig mit ihm verbunden.
“Künstler?” Sie schien etwas überrascht. “Klingt cool. Was hält dich davon ab? Warum besuchst du nicht die Uni und erfüllst deinen Traum?” Sich lachte auf, dann biss sie sich auf die Unterlippe. Wieder ein Fettnäpfchen, nein ein ganzer See. Sie sollte echt erstmal nachdenken, bevor sie spricht. Dann fragte sie leise. “Ich meine, wenn deine Hände wieder in Ordnung sind. Sie heilen doch wieder vollständig oder?”
Sie sah ihn mitleidig an, Niels hatte ein ganz schönes Päckchen zu tragen, aber dafür macht er sich ganz gut wie sie fand. Und verkorkst waren sie alle.
“Eine Frau? Wie dass? Jetzt bin ich verwirrt. Ich dachte, du wärst schwul?” Ihre Stimme klang verwundert, aber freundlich und mit ehrlichem Interesse.
“Ich glaube, dass dann schon vorher was nicht stimmte, es ist nicht schön, aber ich glaube sowas übersteht eine Beziehung üblicherweise, vor allem wenn es noch eine Frau war.” Sie schwieg einen Moment. Dann stutzte sie einen Augenblick “T’schuldigung. Du musst natürlich nicht darauf antworten. Es geht mich ja eigentlich nichts an.”
Sie schloss die Augen, dachte an Eunice und ihr Herz wurde schwer. Sie atmete tief durch. “Irgendwie bin schon schuld. Ich hätte aufpassen müssen, sie nicht aus den Augen lassen. Ich war doch verantwortlich für sie. Ich hatte lange Zeit darüber nachzudenken und ja ich gab Felicity und Ethan und auch dem Dekan die Schuld, aber wie gesagt, wenn man viel Zeit hat, dann kommt die Erkenntnis. Ich hätte Eunice davon abhalten können und habe es nicht getan.”
Dann stimmte sie ihm zu.
“Aber du hast recht, nach vorne schauen ist gut und die meiste Zeit versuche ich das auch. Aber ganz ehrlich, das Leben auf dieser Seite ist sehr viel komplizierter als dort. Sich hier zu recht zu finden fällt mir unheimlich schwer.” Sie zuckte mit den Schultern. “Aber ich werde niemals aufgeben, dass kann ich dir versichern.” Sie erwidert das Lächeln zögerlich und blickte ihn in seine dunkelblauen Augen.
“Versteh mich nicht falsch. Ich mag dich und auch Bart, Ethan und die anderen den ich über den weg gelaufen bin, aber das hat für mich nicht viel mit Freundschaft zu tun. Es ist eher mitteln zum zweck. Tut mir leid. Aber du hast auf jeden Fall recht, ich würde wieder mit dir Jagen gehen wollen.”
Sie wich ein Stück zurück und schien abzuwägen, sie war verunsichert. Andererseits hatte sie Bart und Ethan berührt und es ist nichts passiert, dann war es wahrscheinlich auch ungefährlich Niels die Hand zugeben. Zögerlich hielt sie ihm die Hand hin.
Dann antwortete sie auf seine Frage. “Mich zeichnen? Wenn du magst.”

Niels seufzte und schob seine Mütze aus dem Gesicht, so dass seine Haare zum Vorschein kamen. Wenigstens war bei seiner Frisur und Haarlänge nicht aufgefallen, dass sie verbrannt waren, aber die kurzen Haare hatten ihm zusätzlich das Gefühl gegeben, dass es die letzten vier Jahre nicht gegeben hatte. Dann nahm er Ems Hand, vorsichtig, keinen Druck ausübend, er ließ sie gleich wieder los. “Wenn du uns gerade als Mittel zum Zweck siehst, ist das ok. Es wird der Tag kommen, da wird das anders sein, das kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen. Ich habe keine Ahnung, was man machen muss, und wie das geht, aber ich weiß, dass es so ist.” Er dachte an Ethan und das Haus in New York. Lange ging es ihm auch noch nicht so, dass er von Menschen wieder als “Freunden” dachte. Richtige Freunde, keine College-Bekanntschaften, die die Hälfte von dem, was ihn ausmachte, nicht kannten. “Eins kann ich dir aber versprechen: Du bist nicht alleine. Nicht mehr. Das ist hoffentlich für immer vorbei.”
Er zog seinen Block und einen Stift aus der Tasche und begann, Emily zu zeichnen.

Comments

Niniane

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