Mädchenkram - Supernatural

Katz und Maus

aus Barrys Tagebuch

Katz und Maus

Der Empire Builder braucht 46 Stunden von Portland nach Chicago, bei einer Spitzengeschwindigkeit von 80 Meilen pro Stunde. Mit dem Flugzeug wäre ich in knapp vier Stunden da gewesen, aber die letzte Panikattacke hatte mir gereicht. Es ging mir ohnehin nicht richtig gut – einerseits der massive Blutverlust, den ich noch nicht in den Griff bekommen hatte, andererseits der ständige Kampf gegen die Erinnerungen an Tucson. Und Greenfield. Und… keine Ahnung, was mein Unterbewusstsein noch ausgraben würde.

Also fuhr ich mit dem Zug. Hatte immerhin den Vorteil, dass ich in Chicago meinen Vater besuchen und mir alle Details zu seiner Knie-OP anhören konnte. Außerdem konnte ich das Gespräch mit Tam hinauszögern. Mir war klar, dass ich mit ihr sprechen musste, aber… ich hatte Angst, okay? Ich wollte sie nicht verlieren. Hätte ich mal früher dran denken sollen.

Um Viertel vor Fünf nachmittags fuhr der Zug pünktlich in Portland los. Ich hatte nur einen Sitzplatz, keinen Schlafraum, weil ich zu spät reserviert hatte. Wäre ohnehin zu teuer gewesen. Allerdings hieß das: Kein Bett, keine Dusche, keine echte Möglichkeit, mich umzuziehen. Gut, dass ich in Portland noch eine neue Jeans und ein neues T-Shirt gekauft hatte (mit Captain America drauf, aber ich hatte die Wahl zwischen den Portland Sea Dogs, irgendwelchen Schlagersängern, albernen sexistischen Sprüchen, Batman und eben Cap).
Gab den Sicherheitskoffer mit meinen Waffen auf. Die durfte ich nicht mit in den Zug nehmen, aber ich hatte ja meine Reisetasche mit zwei Messern und einem Taser. Ein Geschenk von Brian und vermutlich eine schlechte Idee.
Auf der Strecke zwischen Portland und Spokane lief alles gut. Ich schrieb ein bisschen, schaute aus dem Fenster, trank zu viel Kaffee und döste ab und zu. Hätte schlimmer sein können. Das Rattern der Schienen beruhigte meine Nerven. Bisher war mir im Zug auch noch nie etwas Schlimmes passiert. Das sollte sich aber gleich ändern.

Gegen halb zwei Uhr nachts fuhren wir in Spokane wieder los. Eine halbe Stunde später stand ich auf, streckte meine Beine. Fühlte mich besser, zumindest ein bisschen. Ging ins Speiseabteil, in dem mitten in der Nacht nicht viel los war. Sehr gut, nach gesprächigen Mitreisenden stand mir nicht der Sinn. In Bingen hatte jemand versucht, sich neben mich zu setzen, aber mein Blick hatte ihn vertrieben.
Aber fünf Minuten, nachdem ich mich hingesetzt hatte, nahm jemand am gleichen Tisch Platz. Ein großer Kerl, hager, mit Tätowierungen am Nacken und auf den Händen. Kahlgeschorener weißer Schädel, aber immerhin kein Hakenkreuz. Bikerkluft. Mit seinen Augen stimmte etwas nicht: Das rechte war dunkel, aber über das linke zog sich eine Narbe, und er hatte einen großen Blutfleck in der Iris. Der Ausdruck war… unstet. Flackernd. Einen Augenblick lang wütend, dann wieder fast fröhlich.
Ich lehnte mich zurück. Trug unter dem Jackett nur ein Messer, keine Pistole, aber das konnte er nicht wissen. Starrte ihn an.

„Barry Jackson“, sagte er schließlich mit ruhiger, freundlicher Stimme und legte die Hände auf den Tisch. „Mein Name ist Davy Whittaker, und du hast meinen Bruder ermordet.“
Hatte ich? Okay. Konnte sein. Er starrte mich erwartungsvoll an, aber ich erwiderte seinen Blick ausdruckslos. Der sah aus, als wollte er noch weiter reden.
„Sein Name war Jake. Jake Whittaker. Vor knapp zwölf Jahren fuhr er nach Tucson, Nebraska, und kam nie wieder.“ Seine Stimme war immer noch ruhig, verbindlich, aber ein Nerv an seinem Auge zuckte und er bewegte die Hände fahrig über dem Tisch.
Als ich immer noch nichts sagte, lehnte er sich nach vorn. „Mein Bruder war vielleicht kein guter Mann, aber er war mein verdammter kleiner Bruder, und du hättest ihn nicht töten sollen. Dafür wirst du bezahlen, Barry Jackson. Du wirst sterben, und es wird kein einfacher Tod werden.“ Seine ungleichen Augen glotzten mich auffordernd an. Offenbar erwartete er eine Reaktion von mir, aber da konnte er lange warten. Mochte ja sein, dass ich seinen Bruder getötet hatte, aber der hätte vielleicht nicht versuchen sollen, mich oder meine Eltern umzubringen.
Er redete weiter, über Rache und seinen Bruder, aber ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Seine Hände waren immer noch auf dem Tisch, er knetete seine Finger und bewegte sie merkwürdig. So, als würde er etwas halten. Langsam rutschte ich an den Rand der Bank, auf der ich saß. Was auch immer er da hatte, ich wollte keine nähere Bekanntschaft damit schließen.

Aber ich war zu langsam. Mitten im Satz öffnete er plötzlich die Hände, und bevor ich reagieren konnte, spürte ich einen kurzen, scharfen Schmerz an der Brust. Instinktiv griff ich danach, war aber erneut nicht schnell genug: Ein pelziges Etwas huschte von mir herunter, zurück zu Whittaker.
Es war eine graue Babykatze, vielleicht vier oder fünf Wochen alt. Zumindest sah sie so aus, aber ihre blauen Augen hatten nicht diesen ratlos-überforderten Blick eines normalen Kätzchens. Stattdessen sah das Ding mich spöttisch an und leckte sich die Krallen.

„Das“, erklärte mir Davy Whittaker mit einem zufriedenen Lächeln, „ist ein Grimalkin. Er ist für alle außer seinem Ziel unsichtbar, und er gibt nicht auf. Der Grimalkin wird dich umbringen, Jackson, so sicher wie das Amen in der Kirche. Niemand wird ihn sehen, niemand wird deine Wunden sehen, auch du nicht…“
Ungerührt griff ich eine Gabel, die auf dem Tisch lag, und stach nach dem Tier. Davy Whittaker war überrascht, aber der Grimalkin nicht: Mit einer nonchalanten Bewegung wich er aus und verschwand unter dem Tisch. Verdammt.
Whittaker lachte. „So einfach ist das nicht“, erklärte er mir. „Du fragst dich jetzt sicher, wie so ein kleines Tier dich umbringen soll? Jedes Mal, wenn er dich erwischt, wenn er dein Blut an seinen Krallen hat, wird er größer. Nur ein kleines Stück, aber das reicht. Bis ihr in Chicago seid, ist er so groß wie ein Löwe. Du kannst natürlich versuchen, davonzulaufen, aber er hat jetzt dein Blut geleckt – er wird dich finden. Vielleicht“, er lehnte sich mit funkelnden Augen vor, „vielleicht schaffst du es bis Chicago. Vielleicht bringen sie dich in ein Krankenhaus, weil du so schwach bist und keiner weiß, was los ist. Vielleicht liegst du dann im Krankenbett, hilflos, unfähig, dich zu wehren, und dann kommt der Grimalkin…“ Er lachte. Ja, er hatte es geschafft, mir Angst zu machen. Konnte er vermutlich sehen. Ich überlegte kurz, ob ich ihn sofort umbringen sollte, aber außer uns waren noch zwei andere Leute im Speiseabteil.
Er stand auf. Zog seine Kutte zurecht. Lächelte erleichtert, wie jemand, der eine schwierige Aufgabe erledigt hat.
„Weißt du, Jackson“, sagte er mit dieser freundlichen Stimme, „selbst wenn du das hier irgendwie überleben solltest – ich bin ein Jäger, und ich habe einen ganzen Zoo voller Monster.“ Dann drehte er sich um und ging.

Ich stand auf. Folgte ihm. Vielleicht konnte ich ihn in einer stillen Ecke erwischen. Aber als ich das Speiseabteil verließ, war er nirgendwo zu sehen. Ich sah mich noch eine Weile erfolglos um und kehrte dann zu meinem Platz zurück. Das Gespräch hatte einen Adrenalinstoß ausgelöst, und das half, aber mir war schmerzlich bewusst, dass ich für den Kampf mit einem Monster in keinster Weise fit war. Super. Blieb mir nur, es möglichst schnell zu erledigen.

Zehn Minuten nach dem Gespräch hielten wir in Sandpoint, Idaho. Müde, aber angespannt sah ich aus dem Fenster. Nicht viel los hier um halb drei Uhr morgens, nur vier oder fünf Leute, die ausstiegen. Einer davon war Davy Whittaker, leicht an seiner Kutte und der Glatze zu erkennen. Einem Moment lang überlegte ich, auch auszusteigen und ihm zu folgen, aber es war zu spät – der Zug fuhr schon wieder los. Während ich ihm noch hinterher blickte, spürte ich einen Schmerz am Bein. Der Grimalkin hockte unter dem Sitz und fauchte mich an. Er sah jetzt etwas älter aus, noch nicht erwachsen, aber auch kein winziges Baby mehr. Also hatte Whittaker die Wahrheit gesagt. Verdammt.

Widerwillig stand ich auf. Solange ich hier saß, war ich ein leichtes Ziel. Ich musste in Bewegung bleiben und versuchen, das Vieh zu erledigen, bevor es zu groß werden konnte. Bevor ich meinen Platz verließ, legte ich den eisernen Haken an, der mir normalerweise zu schwer war, aber als Waffe besser geeignet.
Also schlich ich nachts durch den Empire Builder, verfolgt von einem Monster. Der Grimalkin war schwierig zu sehen, aber der Zug bot nicht so viele Verstecke, deswegen sah ich ihn meistens kommen, bevor er an mich heran kam. Das half mir nur nicht viel.
Ich griff mit dem Messer an, streifte ihn. Keine Reaktion. Beim nächsten Mal war ich schneller, risikobereiter, stach voll zu. Keine Reaktion. Bedrohte ihn mit dem Feuerzeug. Wieder: Keine Reaktion. Dem Haken wich er aus und fauchte, aber das Ding war zu klobig, um ihn richtig zu erwischen. Mittlerweile hatte er die Größe einer ausgewachsenen Hauskatze, und ich merkte die Striemen, auch wenn ich sie nicht sehen konnte.
Schließlich griff ich sogar auf Brians Taser zurück. Teilerfolg: Der Grimalkin fauchte und floh, aber meine Hand war danach taub und der Taser brannte. Die Hand war nur eingeschlafen, aber den Taser konnte ich nicht mehr benutzen. Großartig.

Als wir durch Libby in Montana kamen, war ich vollkommen ausgelaugt und konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Schlich zu meinem Sitz. Es verging ja immer ein bisschen Zeit zwischen den Angriffen, vielleicht konnte ich mich ausruhen. Wenigstens eine Weile. Kaffee trinken oder so.
Gerade als wir abfuhren, tauchte der Grimalkin auf der Lehne meines Vordersitzes auf. Musterte mich abfällig. Spürte wohl, wie schwach ich war. Putzte sich geziert die Pfote. Sprang mich dann nachlässig an. Ich hob meinen Haken, aber viel zu spät, viel zu langsam. Bekam einen Hieb über den Bauch ab. Nicht so schlimm. War ja noch nicht so groß.
Überlegte mir, was ich tun konnte. Jemanden anrufen? Hilfe suchen? Aber wen? Irene, schoss mir durch den Kopf. Die weiß bestimmt etwas, oder sie kann es herausfinden. Gab doch sicher einen Hooper-Winslow, der schon mal einen Grimalkin erlegt hatte. Ich zögerte. Es war halb sechs, und wir hatten außer ein paar neutralen Mails seit der Gala nicht mehr kommuniziert.

Dann schüttelte ich meinen Kopf. Ich war entweder völlig bescheuert oder die Müdigkeit hatte mein Gehirn vollkommen verklebt. Ich kannte eine erfahrene Jägerin, die ich auch um halb sechs anrufen konnte. Ich fischte mein Handy aus der Tasche und klickte ihren Namen an.
Es klingelte vier Mal, dann: „Barry?“ Tams Stimme klang angespannt. „Was ist los?“
„Grimalkin“, sagte ich und erklärte ihr knapp, was Davy Whittaker gesagt hatte. „Messer hilft nicht, Taser kaputt, Haken und Feuerzeug bringen auch nichts.“ Ich versuchte, nicht allzu verzweifelt zu klingen, aber sie kannte mich.
„Okay“, sagte sie. Klang ruhig und sachlich. „Okay, viel mehr weiß ich auch nicht. Muss herumfragen. Wie geht’s dir? Hältst du noch durch?“
Ich schwieg einen Moment. Was sollte ich sagen?
„Warte“, ihr kam eine Idee. „Moment, da war etwas…“ Sie atmete auf. „Der Grimalkin ist nachtaktiv. Ist ja schon hell, du solltest deine Ruhe haben.“
Ich schaute aus dem Fenster. Die Sonne ging gerade auf. Andere Zeitzone, aber egal: Es wurde Tag. Erleichtert sackte ich in mir zusammen. Es war Sommer, also hatte ich ein bisschen Zeit gewonnen, in der ich mich erholen konnte.
„Frag bitte rum“, sagte ich zu ihr. „Ich bin… mir ging’s schon mal besser.“
Jetzt schwieg sie. Klar. Sie wusste, was das hieß.
„Ich schick dir alles, was ich finde“, sagte sie schließlich. Zögerte. „Sieh zu, dass du heimkommst, Jackson. Mrs. Carver hat schon fünfmal wegen dem Schulfest angerufen.“
Dann legte sie auf.
Ich lächelte unwillkürlich, bevor mich meine Wunden und mein schlechtes Gewissen wieder einholten.

Die nächsten vier Stunden verschlief ich. Tief, fast traumlos. Vollkommen erschöpft. Schließlich weckte mich ein Sitznachbar kurz vor East Glacier Park, Montana, weil ich wohl im Schlaf vor mich hingemurmelt hatte. Kommt vor. Immerhin wollte der auch nur seine Ruhe.
Kurzer Blick aufs Handy: Noch keine Nachricht, aber es war noch nicht mal zehn Uhr morgens. Ich bestellte mir etwas zu Essen an den Sitz. Ging kurz Zähne putzen. Immer noch schwindelig, und ja, gestern bei der Abfahrt war es mir besser gegangen. Egal, ich hatte ja noch Zeit.
Verbrachte den Tag damit, zu dösen, zu trinken und aus dem Fenster zu schauen. In Havre, Montana, hatten wir zwanzig Minuten Aufenthalt, also überredete ich einen Zugbegleiter, auszusteigen und mir ein paar Aufputschmittel und Schmerztabletten zu kaufen. Die nahm ich sonst nicht, aber ich wollte vorbereitet sein.

Es war nach sieben, als Tam sich endlich meldete. „Legende sagt: Wenn jemand neun kleine Katzen in einem Sack ersäuft, überlebt das neunte Katzenjunge und wird zum Grimalkin. Mit normalen Waffen kann man ihn nicht umbringen, aber er ist extrem wasserscheu und kann ertrinken“, schrieb Tam. „Kinder lassen grüßen. Viel Glück.“
„Danke“, schrieb ich zurück. „Bis bald.“ Hoffentlich.

Als wir in Minot, North Dakota, ankamen, ging die Sonne unter. Ich hatte eine Stunde vorher angefangen, Kaffee zu trinken, Aufputschmittel zu nehmen und Schmerztabletten zu schlucken. Fühlte mich halbwegs fit.
Ging auf die Suche nach einem Eimer. Fand einen in einem Besenschrank. Ja, der war abgeschlossen, aber die Tür war nicht sehr stabil. Ich brach sie auf, als gerade niemand in der Nähe war. Blauer Putzeimer, nicht gerade unauffällig, aber glücklicherweise wollten die meisten Leute gar nicht so dringend mit mir reden. Auf der Herrentoilette füllte ich den Eimer mit Wasser. Als ich wieder auf den Gang kam, war es Nacht und ich wurde unmittelbar angegriffen. Klauenhieb in die Wade. Das war jetzt insgesamt der dritte, und so langsam wurden die wirklich schmerzhaft. Ich sah den Grimalkin nur aus dem Augenwinkel. Er war ungefähr so groß wie eine kleine Wildkatze.

In dieser Nacht war er vorsichtiger. Spielte nicht mehr mit mir, sondern schlug blitzschnell zu und sprang wieder davon. Ich schaffte es einmal, ihn nass zu spritzen, und er floh ohne Angriff, aber dann musste ich neues Wasser holen und bezahlte das mit ein paar heftigen Kratzern an Hals und Schulter. Ich blieb in Bewegung, aber als wir um zwei Uhr morgens Fargo erreichten, musste ich mir eingestehen, dass das nicht viel half. Der Grimalkin war schneller als ich, und obwohl er wuchs, war er sehr, sehr gut darin, sich zu verstecken. Gestern hatte ich ihn kommen sehen, aber das war für ihn keine ernsthafte Jagd gewesen. Ich brauchte eine andere Strategie, und zwar schnell.

Ich ging zum Gepäckwagen. Es war dunkel, die Gepäcksstücke eingeschlossen, nur ein schmaler Gang frei. Stellte den vollen Wassereimer neben mir ab und kauerte mich an die Wand. Band meine Haare zu einem provisorischen Zopf zusammen, so gut es mit einer Hand und dem klobigen Haken eben ging. Bewegte den Zopf, ruckartig, nervös. Vielleicht war der Grimalkin ja genug Katze, um sich davon anlocken zu lassen.
War er. Diesmal sah ich ihn in den Schatten, bevor er angriff. Nur eine Reflektion der blauen Augen, die den zuckenden Haaren folgten. Er war fast so groß wie ein Puma.
Er sprang, aber ich war vorbereitet. Packte ihn mit dem rechten Arm um den Hals, griff mit der linken Hand in sein Nackenfell. Er wehrte sich heftig, riss mir den Oberschenkel auf, den Arm. Ich ließ nicht locker, benutzte seinen eigenen Schwung, um seinen Kopf in den Wassereimer zu tauchen. War nicht einfach, er war verdammt kräftig, aber ich schaffte es. Gerade so. Wie sollte ich den festhalten?

Aber kaum war sein Kopf unter Wasser, verließ ihn jegliche Kraft. Auf einmal hielt ich keine pumagroße Raubkatze mehr unter Wasser, sondern nur noch ein winziges Katzenbaby. Ehrlich, ich hätte es fast losgelassen. Ich mochte Katzen. Seit ich in Stuttgart lebte, hatten wir immer Katzen gehabt. Und jetzt dieses kleine, hilflose, blinde Ding…
…das mich umbringen wollte. Es vermutlich auch schaffen würde, wenn ich es jetzt nicht ertränkte. Ich atmete durch und stieß es tiefer ins Wasser, egal, wie sehr es zappelte. Und es zappelte lang, bevor es aufhörte. Fünf Minuten, bestimmt.

In dem Moment, in dem der Grimalkin starb, brachen alle Wunden auf, die er mir geschlagen hatte. Mein Hosenbein färbte sich rot, mein T-Shirt. Noch mehr Blutverlust. Konnte ich gut brauchen.
Ich brach dem ersäuften Katzenbaby das Genick, nur zur Sicherheit. Dann hinkte ich zum nächsten Fenster und warf es mitsamt dem Eimer in die Nacht. Hätte es lieber verbrannt, aber das war im Zug schlecht möglich.
Taumelte zur Toilette. Fing an, meine Wunden zu verbinden, und wünschte mir, irgendwer wäre da, um mir zu helfen: Tam, Ethan. Gideon. Irgendwer.
…vielleicht auch meine Mutter, hm? Hör auf, dir leid zu tun, Jackson, sagte ich mir. Komm klar. Du lebst noch, also freu dich gefälligst.
Gut, freuen war übertrieben, aber ich schlurfte tapfer zu meinem Sitz. Mein Nachbar war in Fargo ausgestiegen. Keine dummen Fragen. Ich schrieb Tam eine Whatsapp „Grimalkin tot“, nahm noch ein paar Eisentabletten und schlief prompt ein. Wachte erst in St. Paul wieder auf, als es schon längst Tag war. Frühstückte. Döste weiter. Nur noch acht Stunden.

Endlich, um Viertel nach Vier, kamen wir in Chicago an. Ich hatte irgendwann die Hose und das T-Shirt gewechselt – zerknittert, okay, aber weniger Blutflecken. Stieg als einer der letzten aus, fühlte mich zittrig auf den Beinen und hohl im Kopf.
Besuchte meine Eltern, hörte mir die Geschichte von der Knie-OP an, ging früh schlafen. Träumte von Katzen, die mich durch dunkle Wälder jagten. Hatte schon schlimmere Alpträume gehabt.
Am nächsten Morgen weiter mit dem Texas Eagle nach Little Rock. Die Fahrt dauerte nur dreizehn Stunden. Ich döste die meiste Zeit. Versuchte kurz, zu arbeiten. Ließ es schnell wieder bleiben. Gegen drei Uhr morgens konnte ich in Arkansas aussteigen. Redete mir ein, es ginge mir besser. P.J. war da, um mich abzuholen. Fuhr mich heim.

Gegen vier war ich zu Hause. Das war der Moment, in dem ich umkippte. Völlig unzeremoniell, ich ging ins Haus, wollte meine Schuhe ausziehen, und als nächstes fand ich mich auf der Couch wieder, während Pete mich besorgt anstarrte.
Ich blieb noch ein bisschen auf der Couch. Ein paar Tage, um genau zu sein. Dauerte eine Weile, bis meine Wunden halbwegs verheilt waren und ich den Blutverlust weggesteckt hatte.
Dann war das Schulfest, und es war genauso schlimm, wie es zu erwarten war. Naja. Ist ja nur einmal im Jahr.

Und jetzt sitze ich hier und prokrastiniere mit diesem Tagebuch vor mich hin. Ich muss mit Tam reden. Kein Aufschub mehr.

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Timberwere

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