Mädchenkram - Supernatural

Konsequenzen

Post-Apokalypse-Treffen

Die nächsten Wochen verbringt Cal damit, zusammen mit Ben einen Platz für Jo zu suchen, ab und zu einen Job zu übernehmen und für Ordnung bei seinen Jungs zu sorgen.
Und er verbringt sie in der Hoffnung, dass sich der Aussetzer nach der Apokalypse wieder einrenkt. Dass diese Seelensache von alleine wieder gut wird.
Haha. Na klar. Und das Leben ist Sonnenschein und Blümchen. Natürlich wird es schlimmer. Die gefühllosen Phasen werden länger. Und er gewöhnt sich dran.
Er ist sich sicher, dass Ben genau gemerkt hat, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Aber sein Sohn wartet, dass Cal selbst mit der Sprache rausrückt. Das macht er nicht. Er will Ben nicht tiefer in seinen Mist reinzerren als nötig. Soll der Junge sein normales Leben genießen.
Cal ist schon klar, dass er sich um das Problem kümmern muss. Seine “andere Seite” findet das unnötig. Ist eine Existenz ohne Seele so schrecklich? Manchmal ist er sich selbst nicht sicher.
Es braucht eine SMS von Irene, um ihn Nase voran in die Realität zu schubsen.
Wie läuft’s? Schon was rausgefunden? Habe vielleicht ein paar Infos.
Das Gespräch stand ja schon an, auch wenn er keine große Lust hat, ihr wieder wie ein Loser die Ohren vollzujammern. Vielleicht ist seine andere Seite ja doch besser zu ertragen.
Ehe er es sich anders überlegen kann, tippt er: K treffen wo
Er ist kurz davor, eine zweite SMS zu schicken und sie aufzufordern, eine Waffe bereitzuhalten. Aber das wäre irgendwie beleidigend, denn die wird sie sowieso haben, und ihr Überlebensinstinkt ist gut ausgeprägt.
Hofft er.

Nachdem Irene tagelang praktisch auf ihren Händen gesessen hat, um nicht andauernd ihr Smartphone zu hypnotisieren oder dumme Nachfragen an Cal zu verfassen, die ihn nur nerven konnten – wozu auch fragen, wie es ihm geht, nach allem, was sie gesehen hat? Es kann ihm nur schlecht gehen. Wenn es ihm nicht dreckig ginge, nachdem er seinem eigenen Vater eine Kugel in den Kopf gejagt und den Untergang seiner früheren Freunde mitbetrieben hat, dann hätte sie wirklich Grund zur Sorge – findet sie mit der e-mail von Charles endlich die passende Ausrede, nein, den passenden Grund, eine kurze Nachricht zu versenden.
Das Wenige, was ihr Ex schreibt, ist ernüchternd. Außerdem scheint er ihr Bedürfnis nach Wärme und Stressabbau auf Winslow Manor falsch aufgefasst zu haben. Nicht als Abschied, wie sie. Unangenehm.

Trotzdem. Es sind Hinweise. Irgendwo sollte man einen Anfang machen, für den Fall, dass die Sache sich nicht von ganz allein erledigt. Eigentlich glaubt sie, dass Cals seelisches Immunsystem trainiert genug sein müsste, um den Schaden einfach wieder von selbst zu heilen. Und wenn es schlimmer geworden wäre, hätte er sicher bereits etwas gesagt. Er ist ja nicht blöd. Auch nach ACs Tod war er umsichtig genug, sie sofort darüber zu informieren, dass etwas nicht stimmt.
Andererseits merkt man selbst oft nicht, wenn man sich schleichend verändert. Sie will ihn lieber heute als morgen sehen, um sich mit eigenen Augen ein Bild davon zu machen, wie er den Devils Tower verkraftet hat. Und auch einfach so. Sie will ihn sehen.

Bestimmt ist alles halb so wild. Bestimmt war Cals Eindruck, da sei ein Stück aus seiner Seele gerissen, nur im ersten Moment so stark. Wie der Schmerz einer Verletzung, der in den ersten Minuten unerträglich scheint, dann aber schnell zu einem dumpfen Gefühl abebbt. Wahrscheinlich sieht er in ihrer Nachricht nur eine willkommene Gelegenheit zur Ablenkung. Vielleicht interessiert es auch ihn, ob sie sich gegenseitig noch anziehend finden, wenn weder Wut noch Verzweiflung sie antreiben.

Seine Antwort reißt sie aus dem Gedankengang. Als ihr Herz sich beim Aufleuchten des Displays vor Schreck zusammenballt, wird ihr erst bewusst, dass sie das Handy immer noch in der Hand hält, als hätte sie nichts anderes erwartet als eine umgehende Antwort. Wie albern.

Wo sich treffen? Gute Frage. “Heiße Quelle im Tiefschnee” möchte sie schreiben. Oder “Am Strand, unter Palmen. Erstmal abschalten.” Stattdessen reißt sie sich zusammen und tippt:
Halbe Strecke? Wo bist du?

Cal kämpft mit sich, ob ihm Privatsphäre oder Öffentlichkeit lieber ist. Er hat keinen großen Bock, den Buhu-traurigen-Mist auszubreiten, wo ihn jemand mitbekommen kann (eigentlich hat er auch vor Irene keine Lust dazu). Andererseits… Sollte er während des Gesprächs in ein Seelenloch fallen, wären ein paar Leute um sie herum ein Schutzschild. Seine andere Seite sollte zwar schlau genug sein, ihr nichts zu tun und ihren ganzen Familienanhang anzupissen, aber sicher ist sicher.

Schließlich siegt sein Wunsch, alleine mit ihr zu sprechen. Auf halbem Weg zwischen ihnen liegt eine alte Jagdhütte, die er manchmal benutzt hat, wenn er so richtig seine Ruhe wollte. Entspricht nicht gerade Irenes Vorstellungen von Luxus oder Sauberkeit, aber dort können sie auf jeden Fall in Ruhe reden. Außerdem macht er es sich damit selbst schwerer, im letzten Augenblick den Schwanz einzukneifen und abzuhauen.

Also schickt er ihr: Jagdhütte. Und die Koordinaten. Erst nachdem er auf „Senden“ gedrückt hat, fällt ihm auf, dass der Ort nach Falle riecht. Aber Irene ist ein großes Mädchen, sie kann was anderes vorschlagen, wenn ihr ein einsamer Schuppen im Wald zu verdächtig ist.

Irene muss kurz im Geiste die Namen aller Roadhouses durchgehen, die sie kennt – und das sollten eigentlich alle sein, die es in den Staaten gibt – bis sie versteht, dass er wirklich nur eine Jagdhütte meint. Oh. Okay. Anziehungskraft, check. Sie prüft also, ob im Defender noch alles vorrätig ist, was sie auch zum Campen mitnehmen würde, und programmiert ihr Navigationsgerät.
Bin unterwegs, 4-5h schreibt sie, klopft kurz an den Bauwagen und ruft zu Sam hinein, dass sie ein, zwei Tage weg ist, sie möge doch bitte über den Hügel wachen.

Der schmale Pfad zum genannten Ort ist so zugewachsen, dass sie zweimal daran vorbeifährt und wenden muss. Nach einem Drittel der angezeigten Reststrecke wird sie von einem umgefallenen Baum zum Stehen gezwungen, vor dem schon Cals Karre steht. Die Motorhaube ist kalt. Zur Hütte sind es knapp zehn Minuten. Auf den letzten Metern verrät ihr auch ihre Nase, dass sie gleich da ist. Es riecht nach Holzrauch.

Die Hütte liegt an einem kleinen See. Ein größtenteils zerfallener Steg diente wohl früher zum Angeln, jetzt ist er Nistplatz für ein Pärchen Wasservögel. Bei den ungewohnten Geräuschen lassen sie sich mit einem leisen Plätschern ins Wasser gleiten und beobachten den Eindringling am Ufer.

Cal ist erstaunt, wie lange die Holzhütte schon durchhält. Der Erbauer hat solide Arbeit geleistet. Sicher, er musste schon mal ein Fenster mit einer Plane abdichten oder hartnäckige Versuche des Waldes unterbinden, dort auch noch Bäume anzusiedeln, aber viel hat er nicht verändert.
Auch im Inneren nicht. Man sieht der Einrichtung des Raumes an, dass sich hier jemand ein liebevolles Wochenend-Domizil eingerichtet hat.
Trophäen hängen an den Wänden. Nicht die Hooper-Winslow-Variante, sondern Hirschgeweihe, ausgestopfte Fische, ein Fasan. Auf einem Wandregal steht eine Sammlung von Reader’s Digest aus dem 70ern, gemeinsam mit ein paar Agatha Christie-Romanen. Das Bett ist mit einem bunten Quilt zugedeckt. Strom und fließend Wasser sind hier noch nicht eingezogen.
Alles ist natürlich von einer dicken Schicht Staub bedeckt, die nur aufgewirbelt wurde, wo Cal sich aufgehalten hat. Der macht gerade Kaffee auf dem gusseisernen Ofen, richtig im Topf, eine schwarze Brühe mit magenzersetzender Säure.

Als die Tür geht, dreht er sich zu Irene um. “Kaffee? Ist aber ziemlich eklig.”

Der Anflug eines Lächelns, des Ersten seit Wyoming, huscht über ihr Gesicht, als sie ihn am Herd stehen sieht. “Hey. Kaffee kann doch gar nicht eklig sein.”

Sie zieht die Tür hinter sich zu und stellt ihren Rucksack und eine klirrende Tasche auf den Tisch. Aus Letzterer holt sie drei Flaschen. Whiskey, Rum, Wodka. Aus dem Rucksack einen duftenden Laib Brot und Pflaumenmus von einem Biohof, der auf mehreren Meilen entlang der Bundesstraße unübersehbare Werbung für “Essen wie von Oma” macht.
Dann setzt sie sich auf die grobe Holzbank, stützt das Kinn in die Hände und sieht Cal wortlos zu, wie er zwei Tassen mit dem kohlschwarzen Gebräu füllt.

“Hast du ne Ahnung”, erwidert Cal und angelt sich die Rumflasche. “Vielleicht wird er damit genießbarer.” Er gibt in beide Tassen einen kräftigen Schuß und nimmt dann einen Schluck. “Schmeckt immer noch scheiße.” Er kann sich ein kurzes Grinsen nicht verkneifen, aber so richtig ist er nicht bei der Sache. Wäre er nur für Geplänkel und Sex hier…
Er lässt sich auf einen der Stühle fallen und zieht die Blümchentasse voller Zigarettenstummel zu sich hinüber. Um noch ein bisschen Zeit zu schinden und weil er es wirklich wissen will, fragt er: “Alles gut verkraftet?”

Irene quittiert die Frage mit einem Schnauben. “Ja. Klar. Alles bestens.” Sie schüttelt den Kopf und nippt an der heißen Brühe, verzieht das Gesicht. “Uach, stark!” Trotzdem trinkt sie noch einen weiteren Tropfen. Sie hat auch keine große Lust, sich Cals Reaktion auf die Mail von Charles anzusehen, darum umreißt sie kurz, was sich zwischenzeitlich bei ihr getan hat.

Sie hat DeVries nach Hawaii gebracht und beim Verlassen des Pflegeheims gewusst, dass sie das letzte Mal dort war. Es ist nicht gut ausgegangen, aber die Geschichte mit Marcus ist zuende. Sie hat das Buch zugeklappt und wird es nicht wieder öffnen. Die einzige Verbindung, die es noch zwischen ihr und der Vergangenheit geben soll, sind Kontenbewegungen.
Danach traf sie ihre Cousine und Ethan am Lake Erie, stellte fest, dass Ethan schwerer an den Folgen von Bear’s Lodge knabbert, als sie zunächst dachte. Bekam mit, dass sich da etwas zwischen Sam und Ethan entwickelt hat, was ihr Sorge bereitet, hat nicht gut reagiert. Ganz und gar nicht. Dieser Fluch muss weg. Schnellstens. Die Wiccas können helfen, wenn, ja wenn. Vergangenheit, Hexe, Zukunft.
Sam kam von Pemkowet mit zum Domus Ruber, sah sich an, wie weit der Bau des Schreins vorangeschritten ist, hat Irene und Ethan ein paar Tage Unterricht im Schwertkampf verpasst, den sie beide bitter nötig hatten. Der Erfolg war bisher mäßig. Immerhin konnte Irene alte Bewegungsabläufe auffrischen. Und vor allem ihren Missmut über die gefahrvolle Beziehung der beiden kontrolliert herauslassen. Sie verpasste Ethan ein paar blaue Flecke an gemeinen Stellen, er gab ordentlich zurück, sobald er ein Gefühl für die ungewohnte Waffe entwickelt hatte.
Bart kam vorbei, hörte sich kopfschüttelnd die Geschichte von der Apokalypse an, fuhr wieder.
Alles in allem blieb sie aber weiterhin im verhassten Burgfräuleinmodus. Warten. Warten wie gelähmt. Auf ein Lebenszeichen von Cal vor allem, aber das sagt sie nicht laut. Warten, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, weil die Parteien, mit denen sie nie Kontakt hatten, das Schicksal der Menschheit unter sich ausmachen. Warten auf Informationen aus dem Archiv. Ethan merkte offensichtlich, wie sie in den ersten Tagen fast ununterbrochen ihre Nachrichten gecheckt hat. Gesagt hat er nichts. Hat ihr nur einen Lackeimer und Pinsel in die Hand gedrückt. Die Ansage war klar genug. Lenk dich ab.
Die eintönige Tätigkeit, Teile von Giffanys Schrein so rot zu streichen wie den Boden ihres Grundstücks, wenn er nass ist, hat gleichzeitig geholfen und sie noch tiefer in den Stillstand getrieben. Nach einer Woche hat sie es regelrecht gescheut, aufs Display zu sehen. Dann, eines frühen Nachmittags, kam Charles’ Mitteilung. Jetzt kann sie endlich etwas Sinnvolles tun. Vielleicht.

Selbst überrascht darüber, dass sie so ins Reden gekommen ist, Cal zusätzlich zu seinem eigenen Kram noch ihre Sorgen aufhalst, versteckt sie ihr Gesicht erst einmal mit hochgezogenen Schultern hinter der Kaffeetasse.
“Tut mir leid. Das wolltest du bestimmt alles furchtbar dringend wissen. Wie war es bei dir?”

Cal füllt die beiden Tassen mit Rum auf. “Kotz dich aus. Wenigstens das haben wir uns verdient. Und bei mir…” er zuckt mit den Schultern. “Ben hat Jo in der Klapse untergebracht, in der er auch arbeitet. Er schaut nach ihr. Aber Scheiße… Ich denke immer noch, es muss einen Weg geben, ihre Seele da rauszuholen, ohne das ganze Gesocks gleich mit freizulassen. Ich weiß, sie hat sich wie ein Arsch verhalten, aber sie hat es trotzdem nicht verdient, in einem Käfig mit einem Haufen wütender Engel zu sitzen.”
Jo hat das nicht verdient. Oder Hialee. Oder Isabelle. DeVries vielleicht, da tut ihm höchstens Irene leid.
“Nach der ganzen Geschichte, gleich danach…” Er fügt seinen Zigarettenstummel dem überquellenden Berg hinzu und zieht eine frische Kippe aus der Schachtel. Während er sie sich anzündet, schaut er an Irene vorbei. “…da hat mir das einen Scheißdreck ausgemacht. Da habe ich gar nichts gefühlt. Oder zumindest ziemlich wenig. Als wäre da irgendwo eine Leitung gekappt. Später kamen sie dann wieder.” Wie da seine Reaktion war, erzählt er lieber nicht. “Hat nicht gehalten. Und jetzt…” Er raucht einen Augenblick vor sich hin. Nicht einfach, so etwas zu beschreiben. “Kommen und gehen. Wie ein Puls, vielleicht, wenn man sich was Wichtiges aufgeschnitten hat und das Blut mal stärker, mal schwächer kommt.” Er schnaubt und setzt ein schiefes Grinsen auf. Das war etwas sehr poetisch für seine Verhältnisse.
Als er fortfährt, wird sein Grinsen härter: “Hat aber seine Vorteile, nichts zu fühlen. Klar, keine Freude, Freundschaft oder…” Sein Blick schweift kurz zu ihr. “…Zuneigung. Aber halt auch nicht den ganzen negativen Scheiß. All der Mist aus meiner Vergangenheit, der geht mich dann nichts mehr an.” Er zieht an seiner Zigarette und zuckt noch mal betont gleichgültig mit den Schultern, keine große Sache, die es eben doch ist.

Zuneigung. Der Stich kommt und geht. Irene gestattet sich nicht, irgendwelche Erwartungen in das Wort zu legen. Ihr wird bewusst, dass sie heute hier ist, um zu geben, nicht zu nehmen. Sie hat wieder das Kinn in die Hand gestützt und sucht Cals Augen nach dem ab, was er nicht gesagt hat.
“Ändert sich der… der Puls? Oder ist er gleichbleibend? Der Vergleich mit dem Verbluten gefällt mir gar nicht.”

Und glaubt er wirklich, dass von der Seele der Kleinen noch etwas übrig ist? Sie ist ein normaler Mensch. Weshalb hätte der Zauber des Trickstertuchs ihr die Seele aus dem Leib reissen sollen, wenn er doch alle anderen Menschen umgangen hat? Vielleicht dauert es einfach noch länger, bis Cal sich eingesteht, dass in dieser Hülle zwar noch die Betriebsleuchte brennt, aber die Festplatte unwiderruflich gelöscht ist. Kollateralschaden. Familie noch dazu. Scheiße! Kurz denkt sie an Marcus. Ja, auch er. Nur noch ein lebender Leichnam. Auch sie selbst muss ihren Kopf noch fertig um das Konzept wickeln. Das Bild ihres Vaters taucht ungefragt vor ihren Augen auf. Schnell konzentriert sie sich wieder auf den eigentlichen Grund ihres Besuchs.

“Und es klingt fast, als fändest du das wirklich gut. Das meinst du doch nicht ernst?”
Ihre Stimme bleibt viel weicher, als er es von früher kennt. Besorgt statt aufbrausend. Erschöpft.
Sie greift wieder nach ihrer Tasse. Ihre Finger streifen dabei mit den Rückseiten über seine. Nicht wie zufällig, sondern mit etwas Druck, der sagt komm mal zu dir!

“Ist wie Urlaub von einem selbst.” Die Berührung kann er nicht ertragen. Er zieht seine Hand weg und verschränkt die Arme vor der Brust. Gerade jetzt ist es der absolut falsche Zeitpunkt für Nähe. Oder sogar Vertrauen. “Aber ich weiß nicht, ob ich in dem Zustand immer das Richtige tue. Es gibt dann kein Gut oder Böse, sondern nur ‘gut für mich’. Fällt einem dann leicht, jemand in den Rücken zu fallen.”

Irene lässt die Erklärung auf sich wirken und kann ein Schaudern nicht unterdrücken. Ihre zusammengezogenen Brauen belegen deutlich, dass sie es lieber gehabt hätte, wenn er ihre Hand ergriffen und beteuert hätte, dass er alles versucht, etwas gegen die Ausfälle zu unternehmen. Gerechnet hat sie allerdings nicht damit. Das wäre nicht der Cowboytyp, den sie kennengelernt hat.

Dunkle Wolken aus aufgewirbeltem Kaffeemehl durchziehen ihren Rum. Sie leert die Tasse in einem Zug, zerrt den Computer aus seiner Hülle und öffnet das e-mail-Programm.
Ihre Stimme ist rauh und übertrieben kühl.
“Dann muss ich dein Urlaubsfeeling vielleicht ein bisschen ankratzen.”

Während Cal liest, steht sie auf und schenkt sich eine zweite Tasse Kaffee ein. Das Zeug schmeckt jetzt erst so richtig verbrannt. An die Arbeitsplatte gelehnt, beobachtet sie seine Regungen.

Mail von Charles:

“Liebe Irene,

du hattest mich um Informationen zum Thema “verletzte Seele” oder “beschädigte Seele” gebeten.

Folgendes:
1. Eine verletzte Seele kann von selbst heilen. Hier hilft (lach bitte nicht) unter Umständen ein Psychotherapeut oder ein anderer Seelsorger. Jäger nehmen solche Verletzungen gemeinhin allerdings auf die leichte Schulter – das kann sehr unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen. Ich warte immer noch darauf, dass Ian irgendwann implodiert.
2. Eine gravierende Verletzung oder gar der Tod eines Teils der Seele ist weitaus schwerwiegender.
2.1 Eventuell könnte bei einer “offenen Wunde” der Rest der Seele absterben.
2.2 Eine Art “Prothese” für eine derart beschädigte Seele habe ich in den Aufzeichungen von Corbin Hooper gefunden – sein Bruder Albrecht hat ein Phylakterium als Krücke verwendet; also ein Gefäß, in dem ein Zauberer seine Seele versiegelt hat. Das hat wohl zu einigen Schwierigkeiten geführt, weil das physische Phylakterium immer bei Albrecht sein musste und leider etwas empfindlich war. Außerdem hat sich die darin schlummernde Seele ab und zu geregt, und du kannst dir sicher vorstellen, dass der Eigentümer der Seele ein vergleichsweise unangenehmer Mensch war.
2.3 Es gibt hin und wieder “Seelensplitter”, die nach besonders unangenehmen Opferritualen übrig bleiben. Ein solcher Splitter könnte eine permanente Heilung herbeiführen, aber ich könnte mir vorstellen, dass Teile der Persönlichkeit, zu der die Seele ursprünglich gehört hat, sich auf den vorher Verletzten übertragen.
2.4 Ich habe noch die Erwähnung einer etwas kitschigen Methode gefunden – wenn nämlich jemand aus Liebe bereit ist, seine eigene Seele mit dem Verletzten zu teilen. Ich weiß nicht, ob das überhaupt möglich ist. Es klingt ein wenig abwegig.

Ist das ungefähr das, was du hören wolltest? Möglicherweise komme ich übrigens in näherer Zukunft einmal nach Amerika, um ein paar interessante Ausstellungen zu begutachten. Vielleicht könnten wir uns treffen?

Beste Grüße
Dein Charles"

mail von Irene an Charles:

“Lieber Charles,

ich danke dir. Allerdings kann ich den Ausführungen zu Punkt 2.2 noch nicht ganz folgen. War er unangenehm, weil sich die Seele regte oder weil sie weggesperrt war?
Zu 2.1: Wie erkennt man das? Wie äußert es sich? Gibt es einen bekannten Zeitrahmen, in dem man reagieren muss? Und wie kann ich 2. von 1. unterscheiden?

Zu 2.3: Wie muss ich mir soetwas vorstellen? Wie einen Geist? Muss ich dazu auf irgendwelche Mayatempel klettern? Gibt es Aufzeichnungen darüber, wie so eine Heilung vonstatten geht?

Zu 2.4: Das erinnert mich an mein erstes Zusammentreffen mit Cousine Sam. Einer der Geister hier auf dem Red Hill hat ihr gesagt, dass die Liebe nicht alles heilt. Vielen Dank auch. Aber vielleicht kriegt sie ja doch gerade das hin. Ich habe schon abwegigere Geschichten gehört. Es muss doch einen Grund haben, dass die Literatur voll davon ist. Denk mal an Andersens Schneekönigin und ähnliche Märchen. Ist die Verschmelzung von Seelen nicht auch Bestandteil der Eheversprechen mancher Kulturen? Also, warum nicht?

Ich würde mich freuen, wenn ich dir den Schrein von Giffany zeigen könnte. Er ist bald fertig. Möglicherweise könntest du auch den Salamander mitnehmen? Den wollte ich ja eigentlich selbst bringen, aber Francis’ Aktionismus hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich hoffe, es hatte wenigstens den positiven Effekt, dass er und Cedric sich auch nach der Entwarnung wieder soweit zusammengerauft haben, dass hier keine neuen Dramen zu erwarten sind.
Sag einfach bescheid, wenn du genaue Daten hast, ja?

Beste Grüße
Irene"

Cal konzentriert sich lieber auf die einzelnen Punkte anstatt auf die Tatsache, dass Irene und ihr Ex sich wieder näher kommen.
Gut für sie, auch wenn der Typ nerviger klingt als Nelson. Sie hat den Ring ja nicht umsonst aufgehoben und es ist ja nicht so, dass aus ein paar Nächten gemeinsam in der Kiste irgendwas…
Zurück zum Thema.
“Ich glaube nicht, dass Therapie da noch hilft”, sagt er und muss grinsen. “Die arme Sau, die das machen müsste. Und der Rest… Sich die Seele ganz rausreißen oder einen Seelenteil von irgendeiner armen Sau zu nehmen, das scheint mir eine beschissene Idee zu sein. Liebe…” Er schüttelt seinen Kopf. “Märchenkram. Da kann Ich auch dran glauben, dass mich ein Prinz auf einem weißen Pferd retten kommt. Abgesehen davon bräuchte man erstmal jemanden, der einen liebt.”

Darüber hat Irene auch schon nachgedacht. “Du hast doch einen Sohn. Liebt der dich nicht?”
Dass er eine Therapie gar nicht erst versuchen will, war ja so klar. Die anderen beiden Möglichkeiten hält auch sie für fragwürdig, aber hey, irgendwas müssen sie ja probieren.

Cal zuckt mit den Schultern. “Denke schon. Aber der Junge macht seine eigene Sache, weg von all dem Mist. Ich will ihn da nicht wieder reinziehen. Und du weißt so gut wie ich, sowas hat immer einen Preis. In unserer Welt tauchen keine Feen auf, die mit einem Zauberstab wedeln, und dann klatscht man in die Hände und umarmt sich ganz dolle, und dann ist alles gut. Hier wollen die auch gleich noch dein Erstgeborenes oder ein Stück Seele für sich selbst.” Er verzieht das Gesicht, teils über den Rum-Kaffee, teils bei der Vorstellung an irgendwelche Deals und schüttelt seinen Kopf. “Scheiße Mann, er ist mein Sohn. Eltern sollten für ihre Kinder da sein, nicht umgekehrt. Und ich war lange genug nicht da.”
Draußen wird es allmählich dämmrig. Cal steht auf und zündet die Öllampe über dem Tisch an. “Abgesehen davon klingt das nach einer anderen Art Liebe. Und ich bin vielleicht ein Arsch, aber nicht Arsch genug, um bei einer Ex aufzuschlagen und die um ein Stück Seele zu bitten.”

“Es wird auch Gründe haben, dass du mit keiner mehr zusammen bist”, bestätigt Irene und wedelt mit der Hand grob in Richtung Computer. “Ich würde mich ja anbieten, wenn ich mich qualifiziert fühlen würde.” Sie sagt es leichthin und mit spöttischem Lächeln zur hüpfenden Flamme der Lampe. “Allein schon um der ausgleichenden Gerechtigkeit willen. Aber ich kann nur mit einem gescheckten Pony aufwarten, das ich als Kind hatte. Kein Tropfen adliges Blut in mir. Und du nimmst solche Angebote nach meiner Erfahrung nicht einmal dann an, wenn man dir damit hinterherrennt.”
Jetzt sieht sie ihn an, und das Gesicht, das er daraufhin erst zieht, löst ein derbes Lachen ihrerseits aus. “Entschuldige. Englischer Humor.”
Abrupt dreht sie sich um und rührt konzentriert im Kaffeesatz herum. Nach ein paar Sekunden beginnt sie mit mehr Ernst: “Ich glaube auch nicht so richtig an diese fragwürdigen rituellen Methoden. Wenn es hart auf hart kommt und der Zustand schlimmer wird, ist so ein Splitterdings wahrscheinlich besser als gar nichts.”
Sie geht vor ihm in die Hocke und legt den Kopf schief in dem Versuch, seinen Blick mit ihren blauen Augen einzufangen.
“Aber an eine Therapie kommt man immerhin am leichtesten heran. Und wenn sie das Loch schon nicht stopfen kann, dann kann sie zumindest Schlimmeres verhindern. Vielleicht. Oder wenigstens ein Fortschreiten des ganzen Mists verzögern. "
Irenes Hände machen kurz vor seinen Armen halt und legen sich um die Stuhllehnen, als wollte sie verhindern, dass er sich herauswindet. Sie spricht leise und eindringlich.
“Versuch es einfach mal! Ich nehme jede Minute, die wir uns erkaufen können, bis wir eine anständige Lösung gefunden haben.”

Cal beißt einen Spruch weit unter der Gürtellinie zurück. Ihr Anflug von Humor hat seine Laune mehr gesenkt als er sich eingestehen will. Allerdings hat sie verdächtig laut über ihren eigenen Witz gelacht. Das klang nach… nun, es klang zumindest nicht nach der ganzen Wahrheit.
“Wenn du glaubst, dass eine Seele durch Jammern über die schlimme Kindheit in Ordnung kommt, glaubst du wohl auch noch, der Weihnachtsmann sei kein heidnisches Monster.” Ein Teil von ihm würde sie gerne physisch zurückstoßen, aber jetzt erinnert ihr Blick ihn an Miffy. Jo hatte wohl recht, er wird weich auf die alten Tage. Mit einem Schnauben schüttelt er seinen Kopf. “Schon gut. Meinetwegen. Auch wenn das Zeitverschwendung ist.” Er kann es sich nicht verkneifen, hinzuzufügen: “Also hör mit den Hundeaugen auf. Und wehe, irgendwer erfährt davon.”

Die Sorge um seinen Ruf entlockt ihr ein Schmunzeln. Vor allem aber ist sie erleichtert über seine Zusage. In ihre Augen kehrt ein Stück des Strahlens zurück, das seit dem Devil’s Tower gefehlt hat.
“Danke. Ich schweige wie ein Grab. Wenn es dich beruhigt, lege ich mich gleich mit auf die Couch. Ich habe weiß _Gott_”- sie speit das Wort aus wie eine verfaulte Frucht – “auch genug abzuarbeiten.”
Erst nach ein paar Sekunden fällt ihr auf, dass sie die Worte verwendet hat, mit denen er sie an den Niagarafällen aufgezogen hat. Da ist es schon lange zu spät. Sie macht ein Gesicht, als wüsste sie nicht, ob sie lachen oder sich schämen soll.

Das kann Cal natürlich nicht auf sich beruhen lassen. Er schenkt ihr ein dreckiges Grinsen. “Hättest ja gleich sagen können, dass das so eine Art Therapie ist.” Er streckt seine Hand aus, überlegt es sich dann aber anders und fährt sich durch die Haare.

Sie ignoriert die Übersprungshandlung und lehnt sich weit vor.
“Gibt nichts Besseres um den Kopf freizukriegen.” Ihre Finger legen sich sanft um die Hand, die er nicht zurückgezogen hat, um sie an ihre Lippen zu führen. “Könnte dir guttun.”
In dem Lächeln liegt nicht nur ein Versprechen, sondern auch etwas Lauerndes, eine Drohung, dass sie Zurückweisung nicht toleriert.

Cal weiß genau, dass das eine ganz, ganz blöde Idee ist. Eine gefährliche Idee. Er sollte vernünftig sein. Warum nicht zur Abwechslung mal nobel sein und der Wiedervereinigung mit dem Ringtypen nicht im Wege stehen?
Haha. Klar. Er ist ja in beiden Dingen so unglaublich gut. Und um ehrlich zu sein ist es gerade der Gedanke an ihren Ex, der ihn dazu bringt, ja zu sagen.
Mit seinem Daumen verfolgt er den Schwung ihrer Lippen, lässt die Finger über ihre Wange wandern und vergräbt sie in Irenes Haaren. Um sie an sich zu ziehen, benutzt er etwas zu viel Druck.
Ihr Gesicht knapp vor seinem, sagt er: “Na wenn Sie das sagen, Frau Psychologin…”

Am nächsten Tag steht schon frischer Kaffee auf dem Tisch, als Irene aufwacht.
“Morgen”, sagt Cal über die Schulter hinweg. “Ich bin kurz draußen. Kein fließend Wasser hier drin.”
Er lässt sich ausreichend Zeit. Als er wiederkommt, findet er Irene blass und schwitzend vor.
Cal bleibt in der Tür stehen und sieht sie ausdruckslos an. Seine Augen sind kalt und hart wie Glas. “Du kannst dir jetzt sicher denken, dass da nicht nur Kaffee in der Tasse war.” Ehe sie etwas sagen kann, hebt er eine Hand. “Keine Angst, es ist nichts Tödliches. Ich will dich nicht zum Feind. Du dürftest dich die nächsten zwei Tage ziemlich elend fühlen und dann wieder in Ordnung sein. Nimm es als kleine Warnung, falls du nochmal auf die Idee kommst, mich ‘heilen’ zu wollen. Ja, ich weiß, du bist eigensinnig und hast einen erstaunlich schlechten Überlebensinstinkt, deshalb dient das auch mir selbst.” Er setzt etwas auf, das vage an ein Lächeln erinnert. “Denn nach der Sache hier werde ich mich nicht mehr trauen, dir gegenüber zu treten. Zu deinem eigenen Schutz.” Mit einem Schulterzucken zieht er seine Zigaretten aus der Tasche, zerknüllt das ganze Päckchen in der Hand und wirft es auf den Tisch. “Also sei vernünftig und besinne dich auf die Sachen, die dir wirklich wichtig sind. Oh, und viel trinken. Da hinten stehen Kanister.”

Irene möchte ihn fragen, ob er soetwas von seinem Vater gelernt hat, sie will ihm hinterherrufen, dass er das zurückbekommt, mit Zinsen. Doch sie ist damit beschäftigt, gegen die aufsteigende Panik und das Brennen in ihrer Kehle anzuschlucken. In ihren Speicheldrüsen sind alle Dämme gebrochen.
Er muss geahnt haben, dass sie sich die Nase zuhalten würde, um das widerliche Gebräu in einem Zug herunterzukippen, morgens, wenn die Geschmacksnerven noch am ungnädigsten sind. Das Gefühl in ihrem Mund, als hätte sie in eine Chili gebissen, hat sie im ersten Moment für Alkohol gehalten.

Als sie nachts eingeschlafen ist, das Gesicht in seiner Halsbeuge vergraben, war sie entspannt und einigermaßen zufrieden mit sich. Das Versprechen, dass er es mit Therapie versuchen würde. Die Hoffnung, dass sie etwas für ihn tun könnte, ihm beistehen könnte…
Natürlich. Das wäre ja zu einfach gewesen, nachdem sie gerade erst die ganze Welt gerettet haben.

Sie muss gar nicht erst auf die Idee kommen, sich den Finger in den Rachen zu stecken, die Übelkeit ist schon da. Im letzten Augenblick schafft sie es, den Inhalt des Kohleneimers auf den Boden zu leeren. Und es bleibt nicht beim Magenumdrehen. Ihr Körper versucht auf jedem Weg, das Gift loszuwerden, so schnell er kann. Cal hat nicht zuviel versprochen. Sie fühlt sich in den nächsten Stunden hundeelend.
Das Toxin ist bekannt und – in Maßen – beliebt für seine anregende Wirkung. Es fördert die Konzentration. Irenes Gedanken rasen sowieso schon. Ausgerechnet die Substanz, die ihren Kopf zum Platzen bringen will, lässt sie schneller darauf kommen, was er ihr mit dem Kaffeepulver aufgebrüht hat.
Wenn er nicht schon mit dem Plan sie krank zu machen hierhergekommen ist, dann kann er nur die Gifte verwendet haben, die die Umgebung bietet. Pflanzenschutzmittel scheinen hier nicht zu lagern, das meiste, was die Natur um die Hütte herum hergibt, ist zu launisch in seiner Wirkung, um es gefahrlos zu dosieren. Außerdem hätte sie die Tür gehört. Es ist sowieso ein Wunder, dass er vor ihr aufgestanden ist. Niemand steht vor ihr auf. Weshalb hat sie das nicht stutzig gemacht? Dummes kleines Mädchen! Weil sie nur das Gute sehen wollte.
Ihr unsteter Blick fängt sich immer wieder an dem Ball aus Pappe und zerbröseltem Tabak. Die wegwerfende Geste, mit der er das Päckchen neben ihre leere Tasse befördert hat. Hat er ihr den Hinweis absichtlich gegeben? Um sie zu demütigen oder zu beruhigen?
Zitternd schleppt sie sich zum Herd und untersucht den Kaffeesatz. Hellbraune kleine Fetzen, die kein Kaffee sind, schwimmen darin. Der Geruch führt zu einer weiteren Welle der Übelkeit. In dem Zigarettenpäckchen liegen vier abgerissene Filter und vier Bällchen aus Papier.

Zwölf Milligramm Nikotin sind in einer Zigarette enthalten, verrät ihr das Internet. Achtundvierzig Milligramm führen zu deutlichen Vergiftungserscheinungen. Keine Lebensgefahr jedoch. Immer wieder ruft sie, unterbrochen von den Auswirkungen des Nervengifts, Telefonnummern auf. Leute, die ihr helfen könnten, sie an einen Ort mit wunderbarer weißer Porzellanausstattung bringen könnten. Der Notruf (Was soll sie den Sanitätern erzählen? Dass ihr Liebhaber ihr einen Denkzettel verpassen wollte? Dass sie im Suff Zigaretten aufgebrüht hat?), Freunde, Familie.
Keine Lebensgefahr.

Sie entscheidet sich fürs Durchstehen. Niemand soll sie so sehen. Niemand muss erfahren, wie einfach sie der gewissenlose Cal übers Ohr hauen konnte. Dass sie ein leichtes Opfer ist, hätte sie schon von Flann lernen können. Wie gerne würde sie ihr aktuelles Befinden an ihn weiterreichen. Geschähe ihm recht.
Nachdem sie sich mit Unmengen Wasser aus Calebs Vorrat durchgespült hat, schläft sie vor Erschöpfung ein. Es ist ein unruhiger Schlaf durchsetzt mit Bildern von bunten Spinnennetzen und schwarzen Augen. Als sie wieder aufwacht, ist sie orientierungslos, es ist mitten in der Nacht. Sie friert, die Patchworkdecke, in die sie sich gewickelt hat, ist durchgeschwitzt und klamm. Der Ofen ist aus, und die Kälte sucht sich ihren Weg in die Hütte. Irene kann sich nicht mehr erinnern, wann sie sich zuletzt so von aller Welt verlassen gefühlt hat. Das Kissen riecht noch nach Cal. Kraftlos schlägt sie darauf ein, bis ihr die Tränen kommen.

Das nächste Mal wacht sie von gleißendem Sonnenlicht auf, das ihr in die Augen sticht. Sie zwingt sich ein paarmal hintereinander, Brot und Pflaumenmus zu essen, bis ihr Körper die Kalorien akzeptiert. Nachdem sie sich von dem anstrengenden Vorgang erholt hat, beseitigt sie sämtliche Spuren von Cals Verrat. Es geht nur schleppend voran, weil ihr immer wieder schwindelig wird. Doch nichts soll mehr daran erinnern, dass sie überhaupt hier war. Nur das zerwühlte Bett lässt sie, wie es ist.

Die nächste böse Überraschung erwartet sie bei ihrem Auto. Oder eher weniger überraschend. Es passt zu seiner Aussage, dass es nur noch “gut für ihn” gibt. Die Hälfte ihrer Munition fehlt. Alle großen Kaliber und jede Kugel aus Edelmetall, dazu ein paar Spezialwaffen. Die meisten ebenfalls aus seltenen Materialien.
Ihr Autoschlüssel liegt auf dem Beifahrersitz. Dass sie überhaupt noch ein Auto hat, verdankt sie wohl eher der Tatsache, dass das Steuer für ihn auf der falschen Seite ist, als der Rückkehr seines Gewissens. Das dumme Zyklopenauge hat er ihr gelassen. Es steht in seinem Glas auf dem Brett, auf das er es achtlos gestellt hat, auf der Suche nach Wertvollem, und glotzt sie stupide an. Viel fehlt nicht, dass sie es aus dem Wagen wirft. Stellvertretend für Cal giftet sie es an.
“Du willst mich einschüchtern? Netter Versuch. Jetzt erst recht!”
Es wird ihr Mantra auf der Fahrt. Sie braucht die Rage, um wach zu bleiben. Und um sich selbst zu überzeugen. “Jetzt erst recht!”

Früher hätte sie sich das nächstbeste freie Zimmer genommen, ein halbes Grundwasserreservoir leergeduscht und bis zum nächsten Tag geschlafen. Heute fährt sie durch, bis sie ihre Füße wieder auf roten Grund setzen kann. Seit wann zieht es sie so an einen bestimmten Ort, wenn sie sich verkriechen will?

Es ist wieder mitten in der Nacht, als sie auf dem Hügel ankommt. Noch bevor sie sich bei Sam zurückmeldet, stiefelt sie mit einer Taschenlampe zu dem Teich, der sich nach dem Zusammenbruch des Domus Ruber unterhalb der Quelle gebildet hat. Der erste Nachtfrost lässt das Gras unter ihren bloßen Füßen knirschen. Die ersten Ausläufer einer feinen Eisschicht zerspringen vor ihr, als sie sich splitternackt ins Wasser gleiten lässt. Roter Schlamm wirbelt auf. Sie hält ihr Gesicht in die Quelle, trinkt einen Schluck, taucht unter, greift sich zwei Händevoll Lehm, mit denen sie sich die Erinnerung von der Haut rubbelt, legt sich ins Wasser und spürt der Kälte nach, bis das sanfte Ziehen eines Wasserwirbels an ihren Haaren stärker wird.
“Ich weiß, Giffany.” Seufzend klettert Irene zurück ans Ufer. Sie macht sich nicht die Mühe ihre Kleidung mitzunehmen.

Eingehüllt in ihre eigene warme Decke, eine Tasse heißer Instantbrühe in den Händen, lässt sie Cals Worte Revue passieren. Sie soll sich auf das besinnen, was ihr wirklich wichtig ist. Guter Plan. Sie ist eine einfache Frau mit einfachen, klaren Vorstellungen. Ihre Ziele waren nie viele. Es ist nicht schwer, im Geiste eine kurze Liste dessen zu erstellen, was ihr wirklich am Herzen liegt.
Die Nachricht ist schnell formuliert: Halte dein Versprechen!
Nach kurzem Nachdenken fügt sie hinzu: Oder ich finde dich

Kurz darauf klingelt das Handy. Es ist Lilian.
“Mutter. Was gibt’s?”
“Ich dachte, ich müsste dich anrufen. Du klingst schrecklich. Was ist los?”
Warum wissen Mütter so etwas immer?
“Ach”, winkt Irene ab, “nur deprimiert.”

Cals Emotionen knipsen sich mitten in einem Briefing wieder an, für eine Mission, die ihn für die nächsten paar Monate ins Ausland führen würde. Mit zusammengebissenen Zähnen schafft er es gerade noch, eine hundertachtzig Grad Drehung hinzulegen und sich als Teilnehmer zurück zu ziehen. Natürlich total unauffällig. Alle sehen ihn an, als wäre er eine scharfe Bombe.
Was ja auch irgendwie stimmt.
Sein erster Impuls ist, in sein Auto zu springen und nach Irene zu sehen. Ja. Haha. Er ist mit Sicherheit die letzte Person, die sie sehen will. Und was sollte er da überhaupt? Ihr eine Grußkarte mit der Aufschrift “Entschuldigung, dass ich dich vergiftet habe” überreichen und ihr dann mit seiner bösen Seite etwas noch Schlimmeres antun?
Nein, um Irene und jeden anderen, der irgendwie wichtig für ihn ist, sollte er in der nächsten Zeit einen großen Bogen machen.
Was für ein verfickter Scheißdreck. “Naiv” wäre ihm als Selbstbeschreibung nicht gerade eingefallen, aber das ist er, naiv. Er hat seine dunkle Natur unterschätzt. Er hat die Konsequenzen des Seelenlochs unterschätzt. Am liebsten würde er… Nein. Durchatmen. Er hat das lange genug schleifen lassen und Irene hat dafür bezahlen müssen.
In dem Augenblick kommt ihre SMS an. Wenn man vom Teufel spricht… Er widersteht der Versuchung, zu antworten, und entzieht sich dann der Verantwortung ganz, indem er sein Mobiltelefon wegwirft.
Anschließend holt er die Leute zusammen, denen er vor der Apokalypsensache die Truppe übertragen hat. Er leiert sich eine Halbwahrheit aus den Rippen, dass dabei was schief gelaufen ist und er das gerade biegen muss. Und ach ja, wenn er wiederkommt und sich komisch benimmt, ist er vermutlich besessen und muss mit allen Mitteln aufgehalten werden.

Als er dann in seinem Auto sitzt, fällt ihm die Ironie der ganzen Sache auf. Er, der immer davon gepredigt hat, dass man bloß niemandem zu nahe kommen soll, hat genau das gemacht. Und genau wie er immer gesagt hat, ist das katastrophal schief gegangen.
Also wieder einsamer Wolf. Gar nicht so leicht, wenn man sich an Gesellschaft gewöhnt hat.
Und jetzt? Den Hinweisen nachgehen, auf die Irene ihn gestoßen hat. Auch wenn er dafür mit einigen fragwürdigen Gestalten sprechen muss. Darunter auch, ist ja gut, ein Psychiater.
Und wenn das nicht hilft… Er fährt rechts ran und stellt den Spiegel so ein, dass er sich selbst in die Augen schauen kann. Albern, aber er will damit seinen Entschluss unterstreichen. Wenn man sich selbst von etwas überzeugen will, ist kein Platz für Zweifel.
“Das mit Irene, dafür gibt’s eine Warnung. Und wenn sowas nochmal passiert… “ Er legt eine Hand auf seinen Redhawk-Revolver. “Dann bin ich wohl selbst das Monster und mit Monstern kann man nur eine Sache machen.”

Comments

Timberwere

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.