Mädchenkram - Supernatural

Lake Eerie

Pemkowet Night Hag - Teil 1

Ich bereue nichts. Im Gegenteil. Diese Sofortmaßnahmen waren die beste Idee, die ich seit langem hatte. Leicht gerädert wälze ich mich aus dem Bett und verschwinde erst einmal unter der Dusche. Während ich mich anziehe, betrachte ich Cal. Der Mann schläft wie ein Toter. Das Leben hat tiefe Spuren bei ihm hinterlassen. Er sollte besser aufhören zu rauchen. Aber das ist kein Rat den man jemandem gibt, der praktisch seine Seele verkauft hat. Fünf Minuten vor dem Weltuntergang. Wenn ich ihm sagen würde, dass er auch richtig friedlich aussehen kann, würde er mir bestimmt eine verpassen.
Ich hätte nicht übel Lust, ihn zu wecken und… dann fällt mein Blick auf den Wecker. Du meine Güte! So spät schon? Verdammt! Wenn ich es bis elf nach Pemkowet schaffen will, kann ich das Frühstücken vergessen. Oder ich spüle wenigstens zwei Pancakes oder etwas Rührei mit einem Glas Orangensaft hinunter. Ich fahre ganz unterirdisch Auto, wenn ich auf die wichtigste Mahlzeit des Tages verzichten muss. Hätte vielleicht ein bißchen darüber nachdenken sollen, wie sich Stressabbau und Zeitplanung miteinander verbinden lassen. Mein Gepäck nehme ich gleich mit hinunter. Cal wird den Ausgang alleine finden. Soll er ruhig noch etwas den Schlaf der Gerechten schlafen.

Nach einer leicht gehetzten Fahrt habe ich es doch tatsächlich um kurz nach elf bis Pemkowet geschafft. Ich bin gut. Es ist sogar noch Zeit dem örtlichen Waschsalon einen Besuch abzustatten. Brillant!
Meine Verabredung mit Mr. Breugadair ist um zwölf. Eigentlich wäre ich gerne etwas früher in diesem Blumenladen angekommen, um schoneinmal den Einkaufszettel abzuarbeiten, den mir Harris mitgegeben hat. Nun wird es eben eine Punktlandung.
“Irene?”
Wer? Was?
“Chloe?”
Ein Glöckchen in meinem Hinterkopf bimmelt aufdringlich. Ja, danke. Ich finde das auch ungewöhnlich. Was macht die griechische Göttin hier? Schon wieder ein Zyklop entlaufen? Ich kann ihr nichts nachweisen, aber die Frau ist mir immer noch sehr suspekt. Zumindest wirkt sie erfreut, mich zu sehen. Ich bin es irgendwie auch. Sie war ja hilfreich, wenn auch etwas mysteriös. Kurzerhand frage ich sie, ob sie Zeit und Lust hat, mich zu begleiten. Will das Gespräch nicht direkt nach der Begrüßung abwürgen. Außerdem scheint es mir geraten, sie zu beobachten. Dass sie hier ist, kann kein Zufall sein.

“Mitchell’s Nursery – Plants & Herbs” ist ein ganz zuckersüßer Laden voller Grünzeug, mit dem ich mich überhaupt nicht auskenne. Gärtnern gegenüber bin ich immer etwas gehemmt, weil die meisten automatisch annehmen, dass man als Engländer mit einem doppelten grünen Daumen geboren wird. Ich zerstöre so ungern ihre Illusionen.
Breugadair ist schon da. Lässt sich von einer hübschen Rothaarigen beraten. Pech für ihn. Dann muss er warten, bis ich mit meiner Bestellung durch bin. Gut, dass ich Chloe im Schlepptau habe. Ich stelle die beiden einander vor und überlasse es ihnen, sich zu beschnuppern, solange ich einkaufe.
Der Laden hat das meiste von Harris’ Liste, für ein paar Sachen muss der Boss, Mitchell, in den Garten. Nicht schlecht! So wie Harris geklungen hat, hätte ich nicht damit gerechnet, dass es hier die Hälfte der Pflanzen gibt. Mitchell runzelt über den Inhalt meines Zettels die Stirn und mustert mich respektvoll. Keine Ahnung was das bedeutet. Ich habe Harris’ Wünsche nicht hinterfragt. Ich will nur, dass er ein bißchen weniger Angst hat und vielleicht mal eine Nacht durchschläft.

Die rothaarige Verkäuferin heißt Julianna. Ich trage ihr auf, einfach alles zu schicken, was sie sonst noch irgendwie besorgen können, ganz egal, was es kostet. Schiebe ihr den Zettel mit den Aufträgen und der Anschrift meines Postfachs hinüber. Flann hat sich interessiert neben mich gestellt und beobachtet Chloe, der Mitchell gerade irgendeine Ringelblume anpreist, die seiner Ansicht nach genau richtig für sie wäre. Er bekommt von mir den Auftrag mal ein Auge auf diese zu haben, da ich immer noch nicht genau weiß, was ich von ihr halten soll. Flann willigt ein und wirkt ein wenig geschmeichelt, dass ich Wert auf seine Meinung lege. Natürlich tue ich das. Wenn er mir nicht sympathisch wäre, hätte ich für ihn keinen Kontakt zu Caterina Sforza aufgenommen.
Julianna gerät ein bißchen aus dem Tritt, als sie meinen Namen liest. Wirft mir aus großen blauen Augen einen verschreckten Blick zu. “Hooper-Winslow? Sind… sind sie mit Sam verwandt?”
Sie kennt meine Cousine? Sieh mal einer an! Julianna erklärt, dass Sam ihr einmal geholfen hat, will aber nicht näher darauf eingehen. Keine so seltene Reaktion bei Menschen die lieber wegrationalisieren würden, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als… verzeih, William! Offensichtlich weckt meine Anwesenheit unangenehme Erinnerungen, denn die Kleine bleibt sichtlich nervös und beäugt nun auch meine Begleiter skeptisch.

Chloe fragt Mitchell nach einem Paar namens Scott und Dawn. Die kennt er. Eine schlimme Sache sei das. Scott war im Irak, erläutert er. Scotts Nachbar sei Polizist, der wäre bei Scotts Verhaftung dabeigewesen. Schlimm, schlimm. Dem weiteren Verlauf des Gesprächs kann ich irgendwie entnehmen, dass es sich wohl um einen Fall von PTSD und häuslicher Gewalt handelt. Und keiner will etwas geahnt haben. Ich dachte, Chloe arbeitet mehr an politischen Artikeln. Vermutlich kann sie sich nicht so genau aussuchen, wovon sie ihre Rechnungen zahlt. Wenn sie überhaupt wirklich Journalistin ist. Oder sie hat durch Sache mit dem Zyklopen und Ben Grady ihre soziale Ader entdeckt und will den Opfern wirklich helfen.

Die kleine Rothaarige ist offensichtlich so unglücklich über unsere Anwesenheit, dass sie mit einem Schälchen Beeren für den Typen, der sich im True Believers The Fabulous Casimir nennt, abdampft. Mitchell hat die Dinger vorhin hereingebracht und ihr mit ziemlicher Begeisterung erzählt, dass sie nun endlich fertig sind. Es schien ihr eigentlich nicht so zu gefallen, dass sie in diesen Esoterikladen gehen soll. Aber der ist ihr wohl lieber als wir. Oder ich? Ich nehme es nicht persönlich. Schon lange nicht mehr. Mein Name öffnet Türen. Und er schließt sie auch.
Ein kleines Päckchen auf das sie während meines Einkauf die ganze Zeit besorgte Blicke geworfen hat, nimmt sie auch noch mit.
Flann bemerkt, dass sie gehen will und fragt: “Oh, sie machen auch Hausbesuche?” Er lächelt sie dabei an. Darin ist er richtig gut. Ich versuche, mein Grinsen zu verstecken.
Julianna lächelt leicht zurück und macht ein betrübtes Gesicht. “Eine Stammkundin ist heute nicht gekommen. Eine alte Dame, die immer ihre Rheumakräuter holt. Vielleicht hat sie nur Besuch bekommen – aber normalerweise ist sie immer pünktlich wie ein Uhrwerk… Deswegen bringe ich ihr die Medizin lieber. Sicher ist sicher. Und auch wenn ich überzeugt bin, dass es ihr gut geht” – ihre Stimme sagt etwas anderes – “über Besuch freut sie sich bestimmt.”

Nachdem sie weg ist, wende ich mich Mr. Breugadair zu und informiere ihn fröhlich über meine Aufgabe, die weißen Hexen vor unüberlegten Maßnahmen seinerseits zu schützen. Nun gut, vielleicht drücke ich mich etwas farbenfroher aus als Signora Sforza, denn ich drohe, um meiner Warnung Nachdruck zu verleihen, gleich einmal, ihm beide Hände abzuschneiden, wenn er sich daneben benimmt. Nicht kleckern. Gleich klotzen.
Flann beteuert, zu versuchen, sich nie zu voreiligen Handlungen provozieren zu lassen und gibt zudem zu bedenken, dass nicht er es beim letzten Zusammentreffen war, der den Hauptaggressor im Kampf dargestellt hat. Das ist soweit richtig. Touché.
Ich habe den Eindruck, das Mitchell unseren Austausch gehört hat. Stört mich nicht. Entweder er hält uns für Spinner oder – was ich beim Besitzer eines Kräuterladens nicht ausschließen würde – er steht den Damen nahe und heißt gut, was ich gesagt habe.

Nachdem das geklärt wäre und ich einigermaßen überzeugt bin, dass der Mann hier wirklich keinen Hexenzirkel der seltenen wohlgesonnenen Exemplare ausräuchern will (sollten sich die Weiber als weniger weiß herausstellen, als sie mir von Caterina dargestellt wurden, würde ich ihm selbstverständlich das Kerosin reichen), treten wir unseren Weg über die Straße an. Ich freue mich schon auf Juliannas Gesicht, wenn sie gleich wieder auf uns trifft und äußere das auch gegenüber Flann und Chloe. Zumindest er muss mich inzwischen für eine ganz schreckliche Person halten. Das erheitert mich zusätzlich.

Casimirs Geschäft ist gut sortiert und riecht nach Mitchells Teemischungen. Vorne der harmlose Touristenkram. Hinten sinnvoll verwendbare Waren. Nirgends Utensilien zu entdecken, die direkt schadhaften Zaubern dienen könnten. Nur allgemeiner Kanalisierung oder explizit guten Zwecken. Nachdem ich mir in Ruhe alles angesehen habe, bin ich geneigt, Caterinas Urteil zu vertrauen. Der Mann kann seine wahren Intentionen entweder bravourös verbergen oder er ist einfach wirklich ein Menschenfreund. Eine imposante Erscheinung ist er außerdem.
Cas, wie er sich vorstellt, ist ein etwa 1,90m großer Afroamerikaner, der mit stark geschminkten Augen und weiten, eher femininen, afrikanisch anmutenden Gewändern gekleidet hinter dem Tresen steht und die Besucher begrüßt. Und er zieht dabei die volle Tuckennummer ab. Ich finde ihn auf Anhieb zum Knutschen.

Mir vergeht allerdings der Spaß daran, mich über Juliannas Nervosität lustigzumachen, als ich sehe, wie aufgelöst sie plötzlich ist. Tränen stehen in ihren Augen. Mit zitternden Händen hält sie eine Tasse Tee, die ihr Cas eingegossen hat. Sie sitzt wie ein Häufchen Elend in der Leseecke. Das lag jetzt aber doch hoffentlich nicht an mir, oder? Chloe eilt zu dem Mädchen um ihm gut zuzureden. Eine Betätigung, die ich gerne ihr überlasse. Unwahrscheinlich, dass es der Kleinen jetzt guttut, eine Hooper-Winslow genau vor der Nase zu haben. Da ich schlecht darin bin, mich unsichtbar zu machen, ergreife ich die nächstbeste Möglichkeit das Schauspiel zu ignorieren und sehe Flann über die Schulter, der sich mit dem Ausruf “Oh, Bannkreise!” ein Buch gegriffen hat und sichtlich fasziniert darin blättert.

Casimir schwebt auf ihn zu und nimmt ihm lachend das Buch weg, das sei nichts für ihn, Schätzchen. Reicht ihm charmant ein anderes, mit dem Hinweis, dass darin wertvollerer Inhalt zu finden sei, Honey. Ich ergötze mich an der guten Show.
Als Cas fragt, was er für uns tun kann, fangen wir beide gleichzeitig zu reden an, brechen ab. Flann lässt mir den Vortritt. Sweetie. Äh, Gentleman, meine ich.

Es erscheint mir nur höflich, dem fabelhaften Casimir gleich mit offenen Karten gegenüberzutreten. Ich gebe ihm zu verstehen, dass Caterina Sforza ihn mir empfohlen hat, als ich sie nach Hexen fragte, die den Jägern eher wohlgesonnen sind. Er will wissen, wie es der alten Schachtel gehe. Während ich mich empöre, dass die Frau kaum älter ist als ich, merke ich schon, dass ich nicht nur sehr wahrscheinlich falsch liege, sondern vermutlich auch gerade getestet werde. Daher füge ich überflüssigerweise auch noch hinzu, dass es Bianca ebefalls gut zu gehen scheint und sie gerade das Imkern lernt. Damit scheint der Test bestanden. Jedenfalls hört sich der Esoteriker meine Frage nach etwas zum Brechen von Ethans Fluch besorgt an und wiegt mitfühlend den Kopf. So auf die Schnelle fällt ihm nichts ein, aber er wird sich umhören.
Julianna hat sich wohl wieder so weit gefangen, dass sie den Tee hinuntergestürzt hat. Jetzt verlässt sie den Laden, gefolgt von Chloe, die aussieht, als würde sie mitweinen wollen. Ich höre mit halbem Ohr irgendetwas von Altersheim und schaudere. Scheinbar hat Ms. Bush der Kleinen Begleitung auf einem schweren Gang angeboten.

Flann kauft das Buch über die Bannkreise und verspricht mir eine Kopie, als ich laut bedaure, dass es nur dieses eine Exemplar gibt. Außerdem will er wissen, wie man eine Seele aus der Hölle beschwören und befragen kann. Ich muss sagen, ich bin ein bißchen überrascht. So draufgängerisch hat er auf mich bisher gar nicht gewirkt. Dass er sich da mal nicht übernimmt. Auch Cas runzelt die Stirn. Es ist nicht nur gefährlich, sondern auch ausgesprochen schwierig, wenn überhaupt möglich. Aber er hört sich auch in diesem Fall einmal um. Wir sollen um neun Uhr abends wiederkommen. Ich behalte meine Meinung zu dieser Beschwörungssache ersteinmal für mich.

Auf der Straße fragt Flann mich, ob ich Julianna kenne. Ob sie eine von uns ist und ob das ein Eichhörnchen war, was Julianna an sich gepresst hatte, als sie den Laden verließ. Ja. Das war es. Rothaarig, ungewöhnliches Haustier, schrecklich nervös in der Gegenwart von Jägern. Passt ins Bild. Nun, das ist ja auch genau das, was er sucht.
“Ist das jetzt so ein neuer new-age Trip? Eichhörnchen statt Ratten?” fragt er.
“Ich glaube nicht, dass die Tierart vorgeschrieben ist…”

Dann interessiert er sich dafür, ob Sam auch Jägerin ist und macht große Augen, als ich ihm sage, dass alle Hooper-Winslows das sind. Francis rechne ich gnädig mit ein. Die Hintergrundarbeit kann man schon auch als Bestandteil der Profession gelten lassen. Wenigstens gegenüber Fremden. Dass er Ian nicht kennenlernen will, mache ich ihm ebenfalls gleich klar. Aber da das meine eigene private Meinung ist, braucht er sich von mir nicht beeinflussen lassen. Er kann sich natürlich gerne ein eigenes Bild machen, wenn er mal in das Arschloch reinläuft.

Passend zu unserem Thema kommen wir beim Schlendern durch die Stadt an einem herzallerliebsten Bed & Breakfast vorbei, das sich The Hunter’s Lodge nennt. Ich bin hingerissen und miete mich sofort ein. Auch Flann kann dem Wortspiel offensichtlich nicht widerstehen. Mein Zimmer ist perfekt. Kein Fernsehgerät, dafür ein riesiger antiker Schreibtisch zusätzlich zu einem großen Tisch mit vier Stühlen. Warum können nicht alle Übernachtungsgelegenheiten vernünftige Tische haben? Seit meiner Telekommunikationsabstinenz weiß ich Schreibtische wirklich zu schätzen. Auch das Badezimmer ist ein Traum. Die Junge Wirtin, Dina Carpenter, hat eine dieser großartigen Regenwaldduschen einbauen lassen, aus denen ich nie wieder herauswill, wenn ich einmal drin bin. Prompt komme ich schon wieder fast zu spät, um mit Flann essen zu gehen. Dabei hängt mir der Magen inzwischen in den Kniekehlen.
Auf der Suche nach einem netten Restaurant treffen wir Julianna und Chloe wieder, die immer noch ein Gesicht ziehen wie sieben Tage Regenwetter. Die Rothaarige empfiehlt das Pemkowet Sandwich House. Flann hätte wohl lieber etwas edleres gehabt. Mir ist nur wichtig, dass ich schnell etwas zwischen die Kiemen bekomme. Über Avokado-Ei-Sandwich, marinierter Putenbrust und einem ausgezeichneten Steak-Sandwich kommen wir auf Essgewohnheiten und deren unangenehme Seiten. Wie zum Beispiel den Zyklopen. Chloe und ich erzählen zwei erstaunten Zuhörern, wie wir uns kennengelernt haben. Dann entschuldige ich mich ernsthaft bei Julianna, falls ich sie geängstigt habe, derweil ich dem Eichhörnchen meine Hand zum Beschnuppern hinhalte. Wenn sie eine Hexe ist, sollte sie den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen.
Sie meint, es wäre schon in Ordnung, sie sei weniger geängstigt, es wäre mehr so die Nachricht von Mrs. Sweetington, die sie fertiggemacht hat. Jeden Mo, Mi und Fr sei die Seniorin, die im Altenstift der Stadt wohnte, pünktlich um 11.00h zu ihnen gekommen, um ihre eigens für sie zusammengestellte Kräutermischung gegen ihr Rheuma abzuholen. An diesem Mittwoch ist sie auch nach 11.30h immer noch nicht da gewesen. Nun hat sie von Casimir erfahren, dass die arme alte Frau in der Nacht verstorben ist. Noch dazu nicht sehr friedlich, obgleich im Schlaf. Sie und Ms. Bush haben sich im Wohnstift danach erkundigt, aber nur eine vage Antwort bekommen, denn es war die Nachtschwester, die Mrs. Sweetington gefunden hat. Mir wird einen Hauch kälter. Pflegeheime haben diese Wirkung auf mich.
Um sechs, wenn die Schicht wechselt wollen die beiden nocheinmal nachfragen gehen. Sie wittern einen übernatürlichen Grund für den plötzlichen Tod der sonst so fitten und fröhlichen Dame, das ist ihnen beiden anzusehen. Ich werde nicht widersprechen, wenn eine Hexe einen solchen Verdacht hat. Und vielleicht finde ich durch vorsichtiges Nachfragen nun auch endlich einmal heraus, was es mit Chloe Bush auf sich hat. Daher komme ich auf unsere Suche nach weißen Hexen zu sprechen.
Julianna antwortet wie aus der Pistole geschossen: “Sowas gibt es nicht.” Flann gibt zu bedenken, dass man mit dem Terminus “gibt es nicht” vorsichtig sein sollte. Schön. Muss ich es nicht sagen. Sie lenkt ein, okay, sie kennt keine. Ob sie denn schon Erfahrung mit der Hexerei hätte, frage ich. Ja, gibt sie widerwillig zu. Also tatsächlich! Und sie meint, es gäbe keine Guten. Interessant.

Chloe berichtet, dass sie bei Ms. Evans, der Frau von diesem Soldaten, der verhaftet wurde, war. Die erzählte ihr vom PTSD, ihres Mannes. Die bekannten Symptome wie Schreckhaftigkeit, Zusammenkauern, Schreien bei Knallgeräuschen und ähnlichem. In Aggressionen hätte sich sein Trauma bisher nie entladen. Dagegen sprechen der Streifschuss und die Würgemale, die sie seit dem Angriff ihres Mannes trägt. Allerdings legt sie wert darauf, dass Chloe das nicht falsch verstehen soll. Sie schiebt es auf einen schlimmen Traum, den Scott hatte. Er habe im Schlaf gerufen “Runter von mir”, dann hätte er sich auf sie geworfen und sie gewürgt. Sie sei sich gar nicht bewusst gewesen, dass er die Waffe in der Nähe gehabt habe. Ich frage mich kurz, was sie denn denkt, wo man eine Waffe haben sollte. Am anderen Ende der Wohnung? Jedenfalls ist Dawn der Überzeugung, oder hat zumindest Chloe davon überzeugt, dass Scott ihr nie etwas tun könnte. Nachdem er sich gewahr geworden sei, was er getan hat, habe er die Waffe gegen sich selbst gerichtet, weil er lieber sich selbst als ihr etwas tun wolle. Besonders erfolgreich war er damit nicht, denn er lebt noch und ist momentan inhaftiert.
Gut, es könnte trotzdem ein völlig haushaltsüblicher Fall von der geschlagenen Ehefrau sein. Aber als Jäger sieht man die mögliche Besessenheit des Täters zuerst. Zumal in dieser zeitlichen Nähe zum beunruhigenden Verscheiden der alten Dame. Wenn wir die ausschließen, können wir immer noch der Polizei das weitere überlassen.
Gegen Besessenheit spricht das, was der Veteran gerufen hat. Runter von mir? Ein Nachtmahr? Eins der unzähligen Dinger, die Schlafenden die Lebenskraft entziehen? Die Frau hat nichts gesehen. Das grenzt die Sache ein.

Eine schnelle Internetrecherche bringt uns auf das Phänomen der Schlaflähmung, die bei gestörtem Schlaf mit wilden Alpträumen und dem Gefühl, man hätte ein Wesen auf der Brust sitzen, einhergeht. Nachtmahre quälen ihre Opfer auf genau diese Art. Ich fürchte, mit ihrer wissenschaftlichen Erklärung werden die Mediziner auf Dauer nicht weit kommen. Eine tiefere Suche ergibt das Night Hag Syndrome. Die Beschreibung passt perfekt. Die künstlerische Aufarbeitung, mit der uns bei dem Suchwort die Bildersuche überflutet, lässt übles ahnen. Die Bilder erinnern an eine Shtriga für Erwachsene. Völlig klar, dass wir alle sofort vom Jagdtrieb gepackt werden.
Könnten die Rheumakräuter von Maude Sweetington unter Umständen weniger gegen Schmerzen gewesen sein? Hat sie in Wirklichkeit vielleicht ein Mittel gegen Alpträume gebraucht? Womöglich war ihre berühmte Fröhlichkeit eine Folge der Schlafdroge?
Ich nutze, da ich nun mein Smartphone sowieso schon in der Hand habe, die Gelegenheit, um mich bei Samantha nach dem Julianna zu erkundigen.

Die geht auf unseren Wunsch zu Mitchell, um ihn wegen des Rheumatees zu fragen. Wir anderen bleiben draußen. Sam hat geantwortet: "Wir haben sie aus ner üblen Familie rausgeholt. Sie sucht ihren Weg. Sei nett zu ihr. Aber ist nicht mein Geheimnis zu teilen. Sie will gut sein. Gib ihr eine Chance.”
Geheimnis? Alles klar. Ich frage zurück: “Hexe? Eichhörnchen ist ein etwas ungewöhnliches Haustier.”
Die Antwort dauert. “Sie will gut sein.”
Also ja. Scheinbar muss ich Sam beruhigen, dass ich das Kind nicht gleich auf den Scheiterhaufen stellen will. “Wäre nicht die erste. Kann funktionieren.”
“Wir hätten sie sonst nicht gehen lassen.”
Ich zeige Flann den Verlauf des sms-chats. Er liest ihn sich interessiert durch und nickt anschließend. “Alles klar, dann wissen wir Bescheid. Sie macht auch einen wirklich netten und hilfsbereiten Eindruck auf mich. Wir sollten sie also darin unterstützen gut zu sein.”
Ich stimme weitestgehend zu. “Jaaa… das tun viele Hexen ziemlich gut. Aber meine Cousine kann besser mit Menschen als ich. Bin geneigt, mich auf ihr Urteil zu verlassen.”

Beim Heraustreten aus dem Kräuterladen ist Julianna noch nervöser als vorhin. Mitch hat ihr besondere, von seiner Frau präparierte Bärlappsporen gegeben, die sie auf das Bett eines Alptraumopfers streuen soll. Anhand der Verfärbung lässt sich erkennen, ob ein magischer Einfluss am Werk ist. Schwarz bedeutet etwas sehr schlechtes. Bei anderen Farben ist Casimir zu fragen.
Sie hat auch Mitch gebeten, Scott einen Tee zu machen, damit der besser schläft. Das ist zwar schwierig, weil der ja nie im Laden war, und jetzt ist er im Gefängnis, aber vielleicht kann Mitch ihn einmal besuchen gehen. Ihre Andeutung, dass Mitchell das Talent hat, jedem haargenau seinen Tee zu mixen, lässt mich vermuten, dass auch er mehr als nur ein Gärtner ist.

Die Seniorenresidenz ist relativ klein und idyllisch gelegen. Ein heimelig anmutendes, einstöckiges Gebäude im Grünen. Soweit eine Pflegeeinrichtung eben heimelig sein kann. Ich bin da voreingenommen, auch wenn mir die Vernunft sagt, dass kein Heim der Welt etwas für Vaters Zustand kann. Pünktlich um 18 Uhr stehen wir in der Eingangshalle, als die Nachtschwester ihren Dienst beginnt.

Der Plan ist einfach und kommt mir entgegen, weil ich so nicht tiefer in die Höhle des Löwen muss. Julianna und Flann brechen in das Zimmer von Mrs Sweetington ein und streuen die Sporen, während Chloe und ich die Nachtschwester mit Fragen ablenken. Auch der Zeitpunkt ist ganz gut gewählt. Gerade ist Abendessen, alle Bewohner sind im Speisesaal versammelt.
Wir erfahren, dass es wirklich ein Herzinfarkt war, den die Greisin heute nacht erlitten hat. Nicht gerade friedlich sei sie gestorben, in ihrem Todeskampf habe sie sich selber gekratzt und hätte zuletzt einen panischen Ausdruck gehabt, als hätte sie etwas schreckliches gesehen. Die Nachtschwester hat sie erst morgens gefunden, weil es nicht ungewöhnlich war, dass Mrs. Sweetington einen unruhigen Schlaf hatte. Sie geht aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Bewohner nicht einfach so in deren Zimmer. Ich verbeiße mir den Hinweis, dass sie der alten Frau das Leben hätte retten können. Das weiß sie wahrscheinlich selbst. Mrs. Sweetington hatte keine Feinde, aber viele Freunde, erfahren wir noch, z.B. Mr. Grayman, der schon am längsten da ist. Ich speichere den Namen für später ab, falls wir noch mehr herausfinden müssen. Dann ist das Abendessen vorbei und die Pflegerin entzieht sich uns mit dem Hinweis auf ihre Pflichten.

Auf dem Parkplatz treffen wir uns wieder. Meine Warnung per SMS muss unsere Mitstreiter so alarmiert haben, dass sie den Weg aus dem Fenster gewählt haben. Das Hexenmehl auf dem Bett, das sich rot verfärbt hatte, haben sie dabei zurückgelassen – aber als sie durchs Fenster in den Raum sahen, war es schon verschwunden.
Eigentlich wäre das nun der Auftakt zu unserem nächsten Besuch bei Casimir. Doch die kleine Hexe stellt sich an, als wollten wir sie zur Schlachtbank führen. Es ist doch nur ein Esoterikladen, Herrgott!
Sie findet, dass da Dinge seien, die nicht gut wären, denen sie sich nicht nähern wolle. Tun die Sachen von selbst irgendwas, wenn sie sie nicht aktiv benutzt? Nein? Na also. Julianna meint trotzdem, es sei es sei nicht gut, wenn sie mitgeht, weil, weil, nein. Aha.

Am liebsten würde ich ihr jetzt meine Pistole in die Hand drücken und sie fragen, ob sie sich davon auch schon versucht fühlt, jemanden zu erschießen. So zittrig wie sie wird, könnte das aber tatsächlich ins Auge gehen. Stattdessen erzähle ich ihr, dass sie, wenn sie einen inneren Feind fürchtet, diesen besonders gut kennen muss. Zu warten, bis er einen in einem schwachen Moment überrumpelt, hilft auch keinem. Ich sage ihr, dass es auch gute Hexen gibt und füge die Erzählung von Bianca hinzu, die ich vor Marcus gerettet habe, die er nur deshalb verfolgt hat, weil sie als Hexe geboren wurde, die jetzt bei ihrer Tante lebt und lernt mit ihren Fähigkeiten gewissenhaft umzugehen und die sich um die Bienenstöcke kümmert. Ich erzähle ihr, dass die Tante des kleinen Mädchens mir den Weg zu den weißen Hexen gewiesen hat, und dass ich es nicht bereue, für die beiden meinen Kopf hingehalten zu haben. Und dass Julianna, wenn sie sich schon selbst nicht für gut halten kann, vielleicht irgendwann selbst ihren Kopf für solche Weiber hinhalten muss. Dann sollte sie wissen, für wen und warum und welche Waffen ihr dabei zur Verfügung stehen.
Ich lege ihr die Hände auf die Schultern, während ich spreche. Julianna sieht erst verlegen zu Boden, dann doch auf und mir direkt in die Augen. In ihrem Blick vermischt sich einiges: Trotz, Schuld, Entschlossenheit, Trauer, Angst, Hoffnung, eine ganze Palette unterschiedlicher Empfindungen. Dann nickt sie. Es fällt ihr nicht leicht, und das finde ich auch gut so. Gut, wenn sie auf der Hut bleibt.

Unterwegs zu Cas flüstert Flann mir zu, dass Julianna im Zimmer der Toten seiner Meinung nach einen kleinen Zauber gewirkt hat. Ich kann nicht anders als zu grinsen.

Als Julianna nun also mitkommt und bei Cas gleich mit der Tür ins Haus fällt und ihm in einem einzigen Redeschwall von roten Sporen, der Night Hag und unseren Schlüssen bezüglich der Alpträume alles auftischt, was der Tag bisher gebracht hat, erkläre ich ihm lächelnd, dass sich unsere Prioritäten im Laufe der letzten Stunden etwas verschoben haben. Wer weiß, vielleicht sollte es so sein, dass das Schicksal ausgerechnet jetzt vier Fremde mit etwas besonderen Eigenschaften hier zusammengeführt hat, um dieses unnatürliche Problem zu lösen.

Cas meint, dass Blutrot einen Räuber andeutet, ein Feenwesen. Wer hat das hereingelassen? In seine Stadt? Er ist empört. Für die Night Hag ist eine Einladung nötig. Keine sehr explizite, aber immerhin. Von selbst kann sie nicht einfach jemandem Alpträume machen. Was lässt sich gut gegen die Fee einsetzen? Kaltes Eisen? Irgendwelche Kräuter? Was raubt sie? Wovon ernährt sie sich? Lebensenergie? Angst bei Alpträumen? Deswegen kommt sie zu Leuten mit Alpträumen…

Ein St. Brigid’s Cross aus Binsen, wie er es nun aus einer Schublade zieht, hält Feen fern. Man kann es auch selber basteln, es gibt eine Anleitung im Internet. Vielleicht wirkt so ein DIY-Kreuz nicht ganz so stark wie das echte aus Irland, aber immerhin besser als nichts.
Verschenkt wirkt es besser als gekauft. Verschenken. Klar, kriegen wir hin.

Die nächsten Minuten beschäftigen wir uns mit emsigem Hickhack, wie man an das Wesen herankommt oder sicherstellt, dass es zu einem bestimmten schlecht Träumenden geht. Wer macht das Opfer? Geht das überhaupt? Irgendwann hat sich jeder von uns reihum einmal angeboten. Der Lockvogel sollte aber kämpfen können. Chloe und ich hatten diese Diskussion doch schon bei der Falle für den Zyklopen. Oh Mann! Zudem will Julianna eigentlich keine Alpträume machen. Sie wüsste wie, mit einem Hexenbeutel und bestimmten Ingredienzien, aber das wäre definitiv Dunkle Magie, also für sie völlig ausgeschlossen. Meine Güte, sie traut sich noch nicht mal, jemanden schlecht träumen zu lassen und hält sich für einen fürchterlichen Menschen. Neben ihr komme ich mir plötzlich sehr alt vor.
Casimir sagt irgendwann, Alpträume machen kann er nicht. Julianna hält das für ein schlagendes Argument. “Cas kann es nicht, ich kann, was sagt das über mich aus?”
Ich lache sie aus. “Dass du deinen Feind besonders gut kennst.”

Casimir könnte immerhin helfen, dass andere mit in den Alptraum kommen, wenn jemand einen hat. Gegebenenfalls könnte man auch den Soldaten dafür gewinnen, wenn das Kreuz nicht gegen seine Alpträume hilft. Dem würde ich das allerdings gerne ersparen. Der Arme hat sicher genug mitgemacht.
Wir stellen auch die Anleitung für den Bau des St. Brigid’s Crosses auf die Internetseiten der beiden Geschäfte. Aber selbst wenn wir für die ganze Stadt Kreuze machen könnten, wären wir nicht nur eine Weile beschäftigt. Und ein paar der 15.000 Einwohner werden sich dem esoterischen “Humbug” verweigern. Wir werden es noch nicht einmal schaffen, die Zahl der potentiellen Opfer einzugrenzen, wenn wir nicht genau wissen, wie die Night Hag jagt.

Mir reicht es für heute. Wir brauchen mehr Informationen. Ich sehe auf die Uhr und rechne mir aus, wie spät es jetzt in England ist. Nicht ratsam. Wenn ich ihn gleich wieder auf die Palme bringe, kann ich vergessen, dass wir auch irgendwann einmal ein ruhiges, gesittetes und offenes Telefonat führen. Morgen. Ich schreibe Charles eine e-mail, dass ich beabsichtige, ihn vormittags anzurufen.

Dann mache ich mich auf ins Seaside Manor, ein herrliches Restaurant mit einer Terrasse, die in den See hineinragt, esse Fisch und lasse meine Gedanken vom Schlagen der Wellen einlullen, bis ich mir sicher bin, dass ich heute nacht völlig ruhig und traumlos schlafen werde. Wenn ich mich mit einer Fee anlege, dann schon vorbereitet.

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Timberwere

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