Mädchenkram - Supernatural

Les Abeilles du Mal

aus Barrys Tagebuch

Auf Französisch ist einfach alles schöner. Ich meine, Bienen des Bösen klingt wie der Titel eines Groschenromans, aber Les Abeilles du Mal ist Niveau, Kunst und Poesie mit einem Hauch von Ruchlosigkeit.

…als ob euch der Titel meiner Aufschriebe interessieren würde. Ich brauche die eigentlich nur, damit die Dateien einen aussagekräftigen Namen haben und ich nicht zwischen BerkeleyEdward, PortlandVogel und MayCreekEarl herumsuchen muss. Deswegen diesmal also Französisch.

Eigentlich hätte das hier wohl der Bericht werden sollen, wie ich mit Ethan und ein paar anderen losging, um Coleen aufzumischen. Wir wussten dank Ally, dass sie sich in Philadelphia aufhielt. Hatten uns dort verabredet. Wurde aber nichts: Am Tag vorher ließ ich mich beim Fahren von einem Schatten ablenken, und landete dank eines zu schnellen Beemers mitsamt dem Highlander im Bayou. Wäre alles nicht so schlimm gewesen, wenn ich mir nicht das Handgelenk verstaucht hätte. Das war es dann mit irgendwelchen Expeditionen zur Hexe.
Danach saß ich eine Woche herum und schonte die Hand – ich konnte die Finger noch benutzen, aber ich sollte das Gelenk möglichst ruhig halten, und das hieß im Klartext: Herumsitzen und meinen Gedanken beim Kreiseln zuschauen. Immerhin bekam ich die Panikattacken besser in den Griff. (Reines Wunschdenken, aber das soll ja auch helfen.)

Nachdem Tam dann ein paar Tage in New Mexiko herumreiste und zusammen mit Bobby und Stinger ein Chupahuevo jagte (wenn ihr nicht wisst, was das ist – besser so), ließ ich mich von Phil überreden, mal wieder nach Boston zu fliegen. Unsere Cousine Lesley hatte dort einen Termin bei einer schmierigen Anwaltskanzlei, die angeblich für den irischen Mob arbeitete, und außer ihr fand niemand, dass sie da allein hingehen sollte.
Zu meiner Erleichterung kam es nicht zu einer Schießerei oder anderen Handgreiflichkeiten (ach, sei ehrlich, Jackson – ein bisschen enttäuscht warst du schon, oder?). Nur spitze Bemerkungen, ein Haufen hochgestochenes Geschwafel voller Paragraphen und die eine oder andere Anzüglichkeit, mit der Lesley aber gut klar kam. Am Ende bekam wir, was wir haben wollten (Papier), ich setzte meine Cousine in ihr Flugzeug und ging erleichtert los, um Gideon zu treffen.

Der freute sich enorm, mich zu sehen. Hey, hast du schon von der Leiche gehört, wollte er wissen. Hielt mir einen Zeitungsartikel hin.
Die sterblichen Überreste von Cory Saller, 54, die vor ungefähr vier Wochen aus dem Krankenhaus in Houlton verschwunden sind, wurden vor kurzem von Wanderern entdeckt. Polizeiangaben zufolge war der Leichnam stark verstümmelt. Sheriff Burkheiser schließt satanistische Umtriebe nicht aus.
Gideon hatte schon mit Irene geredet. Die beiden wollten sich morgen in einem Roadhouse bei Houlton in Maine treffen. Hatte ich Lust, mitzukommen?
Klar hatte ich. Nach der erzwungenen Untätigkeit in den letzten Wochen wäre ich auch mitgekommen, um ein Pikachu zu jagen. Verstümmelte Leiche, Satanisten… was konnte da schon schiefgehen? (Eine Menge, und das wusste ich eigentlich auch, aber so ein bisschen Adrenalin konnte ich gerade gut gebrauchen.)

Wir fuhren am nächsten Morgen los, kamen gegen Mittag an. Gideon war ein sehr guter Fahrer, aber auch ein sehr schneller. Großartig. Da bekam ich nicht nur Adrenalin, sondern konnte gleich noch üben, Panikattacken in den Griff zu bekommen. Das hatte ich mir doch gewünscht.
Das Roadhouse am Ortsrand von Houlton war halbwegs sauber und sehr gesittet. Voller Kanadier. An einem runden Tisch saß Irene. Sie strahlte, als sie Gideon sah. Bei mir strahlte sie nicht, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Professionelle Höflichkeit war schon in Ordnung. Vermutlich besser für alle Beteiligten.

Während wir unser weiteres Vorgehen besprachen, setzte sich eine junge Frau zu uns an den Tisch. Schwarz gefärbte Haare, dunkel geschminkte Augen, Metall im Gesicht. Ein paar Tätowierungen, ein paar Narben. Emily.
Sie war auch wegen der verstümmelten Leiche hier. Schlug vor, wir könnten zusammenarbeiten. Klang plausibel, aber Irene war skeptisch. Wollte wissen, ob Emily überhaupt Erfahrung hatte. Ja, sagte die junge Frau nur. Hatte sie.
Gideon versuchte, die Stimmung aufzulockern. Holte einen Stuhl, stellte uns vor. Irene streckte ihr die Hand hin. Emily schaute sie nur skeptisch an. (Das war der Moment, wo sie mir sympathisch wurde.) Sie schütteln wohl keine Hände, sagte Irene. Ich fasse nicht gern Leute an, erklärte Emily kühl. Interessant. Ich fragte mich, was ihr passiert war. (Hör bloß auf, schon wieder Frauen interessant zu finden, Jackson. Du bist verheiratet, okay.)

Wir beschlossen, uns aufzuteilen: Irene und Emily zum Krankenhaus, wo die Pathologie untergebracht war, Gideon und ich zum Sheriff. Hatte mir schon gedacht, dass Nachforschungen angebracht waren, und war entsprechend seriös gekleidet. (Das war später nicht mehr so ideal, weder bei den Hippies noch im Wald, aber ich greife vor.)
Sheriff Burkheiser war in meinem Alter, ehrgeizig, aber leider auch völlig überfordert. Ja, die Leiche von Saller war vor vier Wochen verschwunden. Nein, es war nicht die einzige – da waren noch drei oder vier paar Leichen von Obdachlosen, die danach verloren gegangen waren. (Woher kamen eigentlich diese ganzen toten Obdachlosen? Houlton war ein kleiner Ort, und dass innerhalb von einem Monat plötzlich drei Obdachlose gestorben waren, kommt mir im Nachhinein eher unwahrscheinlich vor. Aber das fiel zu diesem Zeitpunkt weder Gideon noch mir auf, und Burkheiser versuchte relativ schnell, von diesem Thema wegzukommen.) Außerdem waren ein paar Wanderer verschwunden, erst ein Ehepaar, dann ein einzelner junger Mann aus Chicago. Es gab zwar eine Suche nach den Vermissten, aber viele Leute hatte der Sheriff nicht zur Verfügung.
Sallers Leiche wurde vor ein paar Tagen von ein paar Wanderern im Wald in der Nähe von Ludlow entdeckt, als deren Hund die Überreste ausgrub. Er musste schon einige Zeit im Wald gelegen haben, der Körper wies die üblichen Fraßspuren auf, aber außerdem war er völlig blutleer, die inneren Organe, Augen, selbst das Gehirn fehlten. Das war nicht normal, und Burkheiser wirkte ziemlich ratlos. Eigentlich wollte er nicht an satanistische Umtriebe glauben, aber was sollte es denn sonst sein?

Wir stellten noch ein paar Fragen, fanden heraus, dass die Wanderer in der Nähe des Nationalparks verschwunden waren, nicht weit vom Fundort der Leiche entfernt. Großartig, sagte ich zu Gideon, als wir uns vom Sheriff verabschiedet hatte. Schon wieder ein Wald in Maine. Er lachte nur, meinte, wir hätten ja ein GPS-Gerät. Dachte wohl, ich würde mir zu viele Sorgen machen. Vielleicht hatte er recht, aber die Satellitenabdeckung in Maine war ein Witz, und ich konnte mich noch gut an die zwei Wochen erinnern, die ich gar nicht so weit weg von hier herumgeirrt war.

Aber zuerst zurück zum Roadhouse. Irene und Emily hatten sich im Krankenhaus als Reporterinnen ausgegeben und waren von einem sehr enthusiastischen Pfleger zur Pathologie gebracht worden. Unterwegs erklärte er ihnen, dass die Theorie von Satanisten Blödsinn wäre – wer glaubte denn sowas? Nein, dahinter steckten Organhändler. Und Aliens. Gut, dass es noch Leute gibt, die die Wahrheit von den Hypes der Lügenpresse unterscheiden können. Das macht einem doch Hoffnung.

Die Pathologin Dr. Rose McIlrath war glücklicherweise etwas bodenständiger. Trotzdem ließ sie sich von den Reporterinnen um den Finger wickeln, zeigte ihnen die Leiche und erlaubte Irene sogar, Fotos zu machen. Die hatte nämlich außer den Fraßspuren auch Schnitte im Bauchbereich entdeckt.
Schließlich rückte McIlrath mit einem seltsamen Fund heraus: Einer Biene, die an der Leiche hing. Tot, natürlich, aber im Wald hier gab es gar keine Bienen, zumindest jetzt nicht mehr. Sheriff Burkheiser hatte ihr erzählt, dass in Houlton eine Entomologin wohnte, Dr. Helena Taylor, die sich möglicherweise damit auskannte, aber bisher war die Pathologin noch nicht dazu gekommen, sie zu kontaktieren. Irene überredete sie, ihr die Biene zu überlassen – war ja kein Beweisstück oder so. (Irene musste zwei Dokumente unterschreiben, eins für die Fotos, eins für die Biene. Erinnerte mich ein bisschen an Nick auf der ComicCon, nur dass sie mit „Sally Thiel“ unterschrieb statt mit „Agent Mulder“. Ich brauchte einen Moment, bis mir einfiel, worauf sich das bezog.)

Als nächstes wollten wir mit Dr. Taylor wegen der Biene reden. Sie war eine Frau Ende Vierzig, gut gekleidet und unbefangen. Freute sich offensichtlich, dass jemand kam, um sie nach Insekten zu fragen.
Die Biene war eine ostafrikanische Hochlandbiene, erklärte sie. Die gab es hier gar nicht. Vielleicht hatte Saller etwas damit zu tun, der sammelte doch seltene Tiere. Gut, Dr. Taylor wusste nicht, ob dazu auch Bienen gehörten, aber mit dem Artenschutzabkommen nahm er es jedenfalls nicht so genau. Sie erwähnte in diesem Zusammenhang die Umweltschutzorganisation EcoWars, die nicht nur gegen die artfremde Tierhaltung, sondern auch gegen Sallers Geschäftspraktiken protestiert hatten. Er betrieb hier in der Gegend ein großes Sägewerk.

Das interessierte Gideon. Auf der Facebook-Seite von EcoWars stand, dass ihr Anführer Vincent Nakamura war. Der hatte kein gutes Wort für Saller übrig. Klang auch nach dem Tod des Fabrikanten unversöhnlich. Kündigte für die kommenden Tage eine große Aktion in Houlton an, schrieb aber nicht, was er genau machen wollte.

Emily hatte sich ebenfalls am Internet versucht: Dr. Helena Taylor hatte bis vor kurzem in Boston an der Universität gelehrt. Jetzt nicht mehr. Warum? Stand nicht dabei.

Ohne das jetzt allzu genau ausführen zu wollen: Wir fuhren in den Wald. Fanden nichts. Fuhren zu Cory Sallers Witwe. Fanden einen Haufen Tiere, die man nicht privat halten durfte, und einige seltene Trophäen, die Saller nie hätte erlegen dürfen. Immerhin fand ich den Austausch zwischen dem Tierpfleger und Emily ganz interessant: Da sie offensichtlich nicht auf exotische Tiere stand, wollte er wissen, was sie stattdessen mochte. Rockmusik? Autos? Gegenstände, sagte sie. Ich fragte mich, was für Gegenstände sie meinte (und musste meine Vorstellungskraft gleich mal wieder aus dem nicht jugendfreien Bereich abholen).
Im veganen Umweltcamp von EcoWars verbrachten wir ein paar netten Stunden. Erzählten, wir wären Reporter, die etwas über die Umweltzerstörung berichten wollten. Erfuhren, dass Nakamura geplant hatte, Sallers Leiche zu klauen und dann à la Oliver Cromwell vor Gericht zu stellen. (Ich stand ein bisschen auf dem Schlauch, als er von Cromwell sprach, weil ich vor einiger Zeit Wolf Hall und Bring Up the Bodies gelesen hatte. Da ging es um einen anderen Cromwell).

(Mann. Was soll das mit den Klammern diesmal? Ständig diese Seitenkommentare… ignoriert sie einfach, okay. Weiß nicht, was mit mir los ist.)

Jedenfalls, Hippies. Nakamura war fanatisch, wurde richtig wild, wenn er über seine Thesen sprach. Seine Freundin fand das beunruhigend – später erzählte sie uns, dass er vor ein paar Monaten von der Uni geflogen war, weil er eine Affäre mit einer Dozentin hatte. Einer wesentlich älteren Frau, die ihren Job auch verloren hatte. Ihr Name? Dr. Helena Taylor. Biologin.
Seltsam. Im Gespräch mit uns hatte sie nicht erwähnt, dass sie EcoWars näher kannte.

Schien so, als wäre das die einzige Spur. Wir überlegten, ob wir bei Dr. Taylor einbrechen oder sie nur beobachten sollten, aber schließlich klingelte Irene bei ihr. Eigentlich wollten wir nur wissen, ob sie überhaupt da war, aber die ehemalige Dozentin freute sich über jegliche Art von Besuch und lud Irene auf einen Kaffee ein. Drinnen lamentierte sie eine Weile über Männer (alles Schweine), kam bei dem Thema Insekten ins Schwärmen (sie war in Kenia gewesen und hatte dort Bienen untersucht) und musste schließlich nach einem Blick auf die Uhr hektisch aufbrechen.

Wir folgten ihr. Sie fuhr zum Waldrand, parkte ihren Wagen. Während der Fahrt legte ich die leichte Schiene an, die mir der Arzt wegen der verstauchten Hand empfohlen hatte. Brauchte ich sonst nicht, aber wenn ich das Gelenk belasten wollte, konnte ein bisschen Unterstützung nicht schaden.
Emily sprach mich drauf an. Wir redeten kurz, nichts Besonderes. Nur ein lockeres Gespräch. Kommt nicht so oft vor. Die meisten Leute halten Abstand zu mir. (Sei vorsichtig, Jackson. So fing das mit Irene auch an.)

Es war später Nachmittag, als wir Dr. Taylor in den Wald folgten. Dauerte nicht lang, bis wir eine Blockhütte zwischen den Bäumen fanden. Keine breiteren Zufahrtswege. Wir teilten uns auf, schlichen um das Gebäude. Schreckten die Entomologin fast auf, als jemand auf einen Ast trat – ich weiß nicht, wer das war, ich war auf der anderen Seite. Schaute durch ein Fenster.
Sah einen Raum voller medizinischer Geräte. Auf einer Art OP-Tisch lag der junge Wanderer aus Chicago, Brian Bruce, angeschlossen an ein Herzfrequenzmessgerät, das einen schwachen Herzschlag zeigte. Lebte also noch. War allerdings bedeckt von einem Schwarm Bienen, die auf ihm herumkrochen.
Dr. Taylor war auch im Raum, in einen weißen Kittel gekleidet. Wurde von den Bienen offenbar nicht belästigt. Weiter hinten standen ein paar Gläser mit menschlichen Innereien. Charmant.

Wir zogen uns ein Stück zurück. Besprachen uns. Klar, wir mussten Bruce retten und Dr. Taylor aufhalten, aber wie? Kam uns nicht klug vor, einfach in einen Bienenschwarm hineinzulaufen, vor allem nicht, wenn die Entomologin ihn möglicherweise kontrollieren konnte. Also machten sich Irene und Emily daran, aus harzigem Holz ein paar Brandpfeile und eine Fackel herzustellen. Emily hatte einen modernen Jagdbogen bei sich. Nützlich, wenn man nicht viel Lärm machen will. Oder brennende Pfeile in eine Holzhütte schießen möchte.
An und für sich war ich nicht so schlecht ausgerüstet – die Schiene würde meinen linken Arm schützen und durch meine Lederjacke würden die Insekten auch nicht kommen. Die Stoffhose war nicht so ideal, hier wäre eine Jeans besser gewesen. Egal. Überlegte, ob ich irgendwas über mein Gesicht ziehen konnte, hatte aber keine Burka dabei. Also löste ich den Zopf. Waren die langen Haare vielleicht mal für etwas gut, wenn sich ein paar Bienen darin verfingen.

Zurück zur Hütte. Emily schoss einen Brandpfeil durch eins der Fenster, ich öffnete die Tür und stürmte hinein. Irene mit der rußenden Fackel direkt hinter mir. Der Pfeil steckte tief in der Wand, rauchte heftig. Dr. Taylor war weiter hinten im Raum, ich und Irene erreichten Bruce mit wenigen Schritten. Ich wollte ihn hochziehen, Bienen hin oder her, aus dem Raum tragen. Sein Herz schlug noch.
Ich griff nach ihm. Einzelne Insekten flogen hoch, und jetzt, als ich vor ihm stand, sah ich den langen, klaffenden Schnitt in seinem Bauch. Offengehalten von ein paar Klammern. Überall Bienen, auf ihm, in ihm. Ich sah hoch zu seinem Gesicht, und die Tiere waren in seinen Augen. Stöhnte er? Vielleicht, aber das Summen der Bienen war zu laut, und so genau wollte ich nicht hinhören.
Den konnten wir nicht retten. Keine Chance. Ich wich zurück. Das Messgerät zeigte immer noch einen Herzschlag an.

Wendete mich mit einem Ruck von ihm ab. Ein zweiter Brandpfeil zischte durch den Raum, der Rauch wurde stärker. Flammen fingen an, die Wände hochzukriechen.
Dr. Taylor kam auf uns zu. Ich überließ Brian Bruce und die Bienen Gideon, der nach uns hereingekommen war, und griff sie an. Schlug ihr auf die Schläfe. Wollte nicht herausfinden, was sie noch machen konnte. Die Bienen waren benommen vom Rauch, aber ein paar hatten mich gestochen. Hingen noch in meiner Haut.
Die Entomologin taumelte nach meinem Schlag. Fiel nicht, aber sie war angeschlagen und wehrte sich nicht, als ich sie aus der Hütte zerrte. Murmelte etwas von der Bienenkönigin. Draußen schlug ich noch mal zu, gleiche Stelle. Sie brach zusammen.

Irene blieb bei ihr, um sie zu fesseln. Ich ging wieder rein. Wollte die Bienenkönigin finden. Die Hütte brannte an mehreren Stellen, überall Qualm. Schwer, etwas zu sehen, aber ich konnte erkennen, dass Bruces Körper brannte. Gideon und Emily fanden die Bienenkönigin, ein fast faustgroßes Insekt. Tränkten sie mit Benzin, steckten sie an. Dann raus. Draußen flog der Schwarm desorientiert um das Feuer herum, aber die Bienen griffen uns nicht mehr an.

Das war es dann. Zeit, die Polizei zu rufen. Die anderen drei hatten kein Interesse daran, hier zu bleiben und abzuwarten, aber wir konnten Dr. Taylor schlecht einfach liegen lassen. Also wartete ich bei der Hütte, während Irene, Gideon und Emily sich auf den Rückweg nach Houlton machten.
Sheriff Burkheiser tauchte schnell auf. Ließ sich von mir erzählen, was ich gesehen hatte. War angemessen entsetzt, verhaftete Helena Taylor und bedankte sich ein paar Mal bei mir. Dauerte eine Weile, bis alles gesichert und alle Aussagen aufgenommen waren.

In der Zwischenzeit schauten sich die anderen drei im Haus der Entomologin um. Fanden heraus, dass Dr. Taylor bei ihrem Besuch in Kenia eine Legende gehört hatte: Wer vom Gelee Royal der ostafrikanischen Geisterbiene (Apis mellifera carnivora) aß, der sollte ewig jung bleiben. Zumindest dann, wenn derjenige den Schwarm vorher mit Menschenfleisch gefüttert hatte. Offenbar war Helena Taylor nicht gut damit zurechtgekommen, dass Vincent Nakamura ihr gesagt hatte, sie wäre zu alt für ihn. Irene und die anderen nahmen das Material vorsichtshalber mit.

Wir trafen uns im Roadhouse wieder. Tauschten uns aus. Als die anderen erzählten, dass Taylor ewige Jugend wollte, musste ich fast lachen – die Schauspielerin mit dem Verjüngungssymbionten, die wir auf der Gala in Los Angeles aufgehalten hatten, hieß auch Taylor.
Wurde dann noch ein ganz gemütlicher Abend. Emily wollte wissen, woher wir uns kannten, dann erwähnte sie, dass sie aus einer Jägerfamilie kam. Hatte aber den Kontakt abgebrochen. Gründe nannte sie keine. Als ich sagte, dass ich Ethan noch besuchen wollte, lud Irene mich spontan ein, mit ihr zu fahren. Der Schrein war in der Nähe von Burlington (das wusste ich), und sie wohnte dort (das wusste ich nicht). Dachte kurz nach, nahm das Angebot dann an.

Sie fuhr pünktlich um halb sieben Uhr morgens los, ich war ausnahmsweise mal rechtzeitig fertig. (Nein, Tam war nicht so glücklich darüber gewesen, dass ich mit Irene fuhr. Nicht, dass sie etwas gesagt hätte. Ich beschloss, den Unterton zu überhören.) Die Fahrt war lang und schweigsam. Irgendwann fragte ich, ob es sie störte, wenn ich arbeiten würde. Nein, tat es nicht. Wir sprachen kaum miteinander. Nur das Nötigste.
In Burlington kam sie noch mit zu Ethan. Ich hatte Bier dabei, irgendwann tauchte Nelson auf. Brachte Kuchen und rettete den Abend vor der Stille. Wurde ganz entspannt.

Ging früh schlafen. Wollte eigentlich nicht so lang bleiben, aber Ethan schaute mich derartig enttäuscht an… Mann. Also redete ich mit Tam und den Kids und hängte noch zwei Tage dran. Hauptsache, ich war am Montag zum Elternabend wieder da, sagte Tam, aber das war mir sowieso wichtig. Bevor dann solcher Blödsinn wie Die Erde könnte aber auch flach sein als valide wissenschaftliche Position im Lehrplan auftauchte.
Schlief bei Ethan auf der Couch. Arbeitete tagsüber und besuchte eine von Nelsons Vorlesungen. War interessant, aber ehrlich, ich könnte ihm auch zuhören, wenn er ein Telefonbuch vorlas. (Ich bin immer noch neidisch auf seine Stimme. Immerhin kann ich Batman besser nachmachen. Ist doch auch schön.)

Am Samstag fuhren wir zum Schrein. Relativ groß, aber noch nicht ganz fertig. Ich sprach kurz mit dem Geist, hieß sie noch mal willkommen. Brachte ihr Tabak mit.
Merkwürdige Gegend. Ein Hügel aus nassem roten Lehm. Die Spritzer der feuchten Erde auf meiner Jeans sahen aus wie Blutflecken. Irene wohnte in einem Trailer – einem komfortablen Edel-Trailer, aber das war nicht ganz das Domizil, das ich mir vorgestellt hatte, als ich sie kennenlernte. Möglicherweise hatte ich schon die ganze Zeit eine völlig falsche Vorstellung von ihr. Wäre nicht das erste Mal, das mir sowas passiert.

Hatte natürlich im Schlaf geredet. Machte ich schon immer, aber in der letzten Zeit deutlich mehr. Ethan sprach mich drauf an, wir redeten über Whittaker, über meine Ehe, über Tam. Über meine Pläne, vielleicht doch zurück nach Chicago zu ziehen. Hatte ihm wohl schon erzählt, dass ich besessen war, jedenfalls fragte er danach. Gut, was sollte ich dazu sagen, mir geht’s prima, alles im Lot.
Dann sprachen wir kurz über Philadelphia, und er erzählte mir nichts Neues. Gar nichts. Gut, musste er nicht. Aber ich war enttäuscht. Dachte, wir reden auch über schwierige Sachen, und zwar nicht nur dann, wenn es mich betrifft. Vielleicht bin ich zu empfindlich. Oder ich erwarte zu viel, aber ich kann im Moment nicht gut damit umgehen. (Du bist ein Emo, Jackson. Echt jetzt. Hör auf, die Leute mit deinen Gefühlen vollzutexten – andere Leute machen das auch nicht dauernd. Siehe Ethan.)

Wir gingen am nächsten Abend noch mit Nelson in den Pub (war lustig, ich hatte bei den Hippies einen Joint bekommen und den am Tag geraucht, entsprechend entspannt war ich), dann musste ich heimfliegen. War nicht schön, und es wird nicht besser. Eher im Gegenteil. (Ich hatte am Flughafen vor dem Flug schon fast eine Panikattacke. Egal.)

Und jetzt komme ich gerade vom Elternabend, der genauso idiotisch war, wie ich befürchtet hatte. Warum müssen die Kinder überhaupt Spanisch lernen? Wir sind doch nicht in Mexiko! oder Warum bringt die Schule unseren Kindern nicht bei, wie man eine Waschmaschine bedient, das wäre doch viel nützlicher als Algebra?
Ich kann echt nicht schnell genug hier wegkommen.

Comments

Timberwere

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