Mädchenkram - Supernatural

Meet me at the crossroads

A Heckler Roadmovie

And even dark nights are ending in dawn
You’ll have time to cry when I’m gone

(Lord of the Lost, See you soon)

Chicago, Illinois
Die Luft im Baker’s Booty war süß und schwer, und Niels musste ein Husten unterdrücken, als er die Tür der Kneipe öffnete. Für einen Moment fragte er sich, ob er das Richtige tat, er war noch nie in einer Schwulenbar gewesen, selbst in München nicht. Aber da hattest du so etwas auch nicht nötig.
Hatte er es jetzt “nötig”? Sicher, seit Philip mit ihm Schluß gemacht hatte, war sein Liebesleben praktisch nicht mehr existent, aber irgendwie hatte er auch tierisch Schiss davor, sich einem Wildfremden hinzugeben und eine schnelle Nummer zu schieben. Er dachte an den Aufklärungsunterricht in der Schule, und an seinen Vater, der ihm immer wieder von Sodom und Gomorrha gepredigt hatte, als er dachte, Homosexualität sei eine Krankheit, die er nur aus seinem Sohn herausprügeln und -beten müsste.
Dann fiel ihm plötzlich Ethan ein, und seine Laune sank wieder. Verdammt, verdammt, verdammt. Der Ex deiner Cousine. Der HETERO-Ex deiner Cousine. Selbst wenn da irgendwas wäre, das geht nicht, das macht man nicht, nein.

Er setzte sich an den Tresen und versuchte, ein möglichst finsteres Gesicht zu machen. “Bourbon,” beschied er dem Barkeeper knapp, der nur eine Augenbraue hochzog. Seufzend nahm er den Führerschein aus der Tasche und bewies, dass er alt genug war, um Alkohol zu trinken. Der Barkeeper nickte. Er füllte etwas aus einer Flasche mit schwarzem Label ab, knallte das Glas vor Niels auf den Tresen und wandte sich dann wieder seinen anderen Gästen und dem Gläserpolieren zu.

Niels drehte das Glas in der Hand und nahm ab und zu einen Schluck, das Zeug war nicht gut, aber es erfüllte seinen Zweck. Mut antrinken. Haha, du hast mit Werwölfen gekämpft und nachts auf Friedhöfen die Knochen von Geistern verbrannt, aber du bist zu feige, einen Kerl anzusprechen, Heckler.

Er trank aus und überlegte kurz, ob er gehen sollte, doch der Barkeeper stellte ihm schon den nächsten Drink hin. Mit einem Daumenzeig in Richtung des anderen Endes des Tresens bedeutete er Niels, dass ihm jemand einen ausgab.

Niels sah in die angezeigte Richtung. Sein Blick fiel auf einen dunkelhaarigen Mann um die 30 mit einem schmalen blassen Gesicht, er trug ein weisses T-Shirt und eine Lederjacke und wirkte wie eine Mischung aus einem Familienvater, der seine dunkle Seite ausleben wollte, und dem Marlboro Man. Der Mann hob sein Glas, um ihm zuzuprosten, dann stand er auf und kam herüber.

“He, Collegeboy.”

Niels schluckte. “Hi,” sagte er nur mit einer dünnen Stimme. “Was macht so einer wie du hier? Bist du überhaupt schon alt genug?” Der Dunkelhaarige schmunzelt und setzte sich. “Keine Angst. Ich tu dir nichts.” Niels spürte, wie Ärger in ihm aufstieg. Er war doch kein kleines Kind mehr, er war alt genug, um Vampire zu töten, alt genug, um Auto zu fahren, alt genug, um durch das Land zu reisen, alt genug, um Alkohol zu trinken – und alt genug, um sich für Casual Sex in einer Schwulenbar in Chicago abschleppen zu lassen.

“Ich.. bin auf der Durchreise,” sagte er steif. “Nach Montana. Eine Freundin besuchen.” Das schien den Dunkelhaarigen aber noch mehr zu amüsieren. “Eine Freundin? Soso. Ich hätte darauf getippt, dass du unterwegs bist zum Brokeback Mountain.” Niels wand sich innerlich. Natürlich kannte er den Film, und er verstand die Anspielung. Was hast du erwartet, Heckler? Du bist ein hübscher Junge in einer Schwulenbar. Natürlich wird dich einer ansprechen.

“He, locker bleiben, Collegeboy. Ich heiße im Übrigen Joe.” Er streckte Niels die Hand aus, und der schüttelte sie. Keine Narben, keine Schwielen. Joe war definitiv kein Outdoor-Typ oder Handwerker. “Niels,” antwortete Niels. “Du bist nicht von hier, oder?” fragte Joe weiter, während Niels sich krampfhaft an seinem Glas festhielt. “Bayern,” presste er hervor. Oh Gott, Ethans Sprechweise hatte auf ihn abgefärbt. “Deutschland? Dann bist du weit weg von zu Hause, Collegeboy." Ja, und manchmal denke ich, nicht weit genug.

“Ich studiere in Washington. In Seattle. Also Washington State.” Niels spürte, wie er rot wurde. Joe gefiel ihm, aber war er auch bereit für das, was da noch kommen mochte? “Wie lange bist du in der Stadt? Weisst du schon, wo du übernachten wirst?” fragte Joe weiter, und jetzt spürte Niels, dass das Gespräch in eine Richtung ging, die ihm gar nicht gefiel. “Ich.. äh.. Hostel. Ja, in der Main Street. Bin auch gar nicht lange da.”

Joe lachte, es war ein ehrliches und freundliches Lachen. “Kleiner, ich bin ehrlich, du gefällst mir. Du siehst gut aus, und du bist schon mein Typ. Aber ich glaube, du solltest es noch etwas lockerer angehen. Trink aus, bestell dir noch einen Drink auf mich” – bei diesen Worten winkte er den Barkeeper heran und drückte ihm eine Zehn-Dollar-Note in die Hand – “und falls du es dir anders überlegst, hier ist meine Adresse und meine Telefon-Nummer.” Er schob Niels ein Visitenkärtchen hin, dass dieser sich durchlas.

Joseph Dougherty
Investment and Consulting
247, West Victoria Street
Chicago, IL 60660
Phone: +1 555 65891087

“Mach’s gut, College-Boy, und vielleicht bis bald.” Joe klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und warf ihm einen Blick zu, der Niels durch und durch ging. War ihm vorher noch nicht aufgefallen, dass Joe ebenso graue Augen wie Ethan hatte? Er atmete tief durch und sah, wie der Mann durch die Tür des Baker’s Booty verschwand. In einem Zug leerte er sein Glas und knallte die Dollar-Note auf den Tresen. “Stimmt so,” erklärte er dem überraschten Barkeeper, der sich über das unverhoffte Trinkgeld freute.

Niels zog sich seinen Hoodie über und lief hinaus auf die Straße. In welche Richtung mochte Joe gegangen sein? Wo war diese Straße, und gab es hier eine U-Bahn? “Joe!” rief er, als ihm aufging, wie bescheuert das war. Hier hieß doch unter Garantie jeder Zweite so.

Plötzlich hörte er ein dumpfes Geräusch aus einer Seitengasse neben dem Baker’s Booty, und dann eine Stimme, die etwas unverständliches, aber eindeutig bedrohliches rief. Niels drehte sich um und ging in die Richtung, aus der er die Geräusche gehört hatte.
“Kohle her,” hörte er jetzt, und er erstarrte, als er sah, was hier abging. Drei Typen mit Hoodies und Tüchern vor dem Mund hatten Joe gepackt, einer hielt ihn fest, während die anderen ihn mit Fäusten angriffen. Der dunkelhaarige Mann war jedoch nicht völlig wehrlos, er versuchte, die beiden Typen mit Tritten abzuwehren, die teilweise auch sassen. Doch jetzt hatte einer der beiden genug, Niels sah etwas aufblitzen, und dann…

“Nein!”

Ein schneller Spurt, er stand vor Joe, eine Drehung, Schlag, Typ Eins vom Boden geholt, eine Drehung, noch ein Schlag und… Niels spürte, wie ein heisser Schmerz seinen linken Arm durchfuhr, als die Klinge des Butterfly-Messers durch den Stoff in die Haut eindrang und einen tiefen Schnitt hinterließ. Augenblicklich sog sich das Gewebe mit Blut voll und erschwerte ihm die Bewegung, doch sein beherzter Schlag hatte schon ausgereicht, dass der Angreifer, der Joe festgehalten hatte, diesen überrascht losliess. Diesen Sekundenbruchteil hatte Joe genutzt, um ihm sein Knie in den Schritt zu rammen, und mit einem erstickten Aufstöhnen ging er zu Boden. Der dritte Angreifer sah sich nun einer völlig anderen Ausgangssituation gegenüber, auch wenn er das Messer hatte. Er überlegte kurz, ob er sich auf einer gegen zwei, die offensichtlich kämpfen konnten, einlassen wollte, doch dann schien sein Überlebensinstikt zu gewinnen, und er gab Fersengeld.

Niels hielt sich den Arm. Er war es gewohnt, verletzt zu werden, doch das hier war überraschend gekommen, und er hatte bisher noch selten mit Menschen gekämpft, wenn man von seinen Brüdern absah. “Bist du verletzt, Collegeboy?” Joe kam näher, seine Nase blutete, und er würde morgen Schwierigkeiten haben, aus dem rechten Auge zu gucken, aber ansonsten schien es ihm gut zu gehen. Niels nickte nur unter Schmerzen. “Nicht der Rede wert. Nur ein Kratzer,” behauptete er, aber Joe zog schon behutsam seine Hand von dem blutgetränkten Stoff und schüttelte den Kopf. “Das sieht übel aus, Junge. Das muss genäht werden. Wir rufen uns jetzt ein Taxi und ich bring dich ins Krankenhaus.”

Der Taxifahrer stellte keine Fragen, offensichtlich war er es gewohnt, dass in dieser Gegend Typen wie Joe und Niels in seinen Wagen einstiegen, oder er dachte sich seinen Teil und würde später seinen Kollegen von den beiden verrückten Typen bei der Schwulen-Kneipe erzählen.

Die Ärztin in der Notaufnahme schien ebenfalls nicht überrascht zu sein, als die beiden jungen Männer bei ihr auftauchten, sie nähte Niels’ Wunde fachkundig, gab ihm ein Schmerzmittel und während eine Schwester ihn verband, regelte Joe mit ihr das Finanzielle.

Jetzt stehst du in seiner Schuld, Heckler.

“Du bleibst heute nacht bei mir, College-Boy. Keine Ahnung, was die dir da gerade gegeben haben, aber es wird sich sicher nicht mit dem Bourbon vertragen, dass du noch fahren kannst,” erklärte Joe, als sie wieder vor der Tür des Krankenhauses standen. Niels wollte protestieren, doch Joe legte ihm einen Finger auf die Lippen. “Keine Widerrede. Ich werde nichts versuchen. Aber so lass ich dich nicht durch Chicago laufen.” Niels wusste, dass der Ältere recht hatte, er fühlte sich inzwischen etwas wacklig auf den Beinen.

Joe wohnte in einer Art Loft, was Niels gefiel. Er hatte schon immer von so etwas geträumt, aber bei seinen finanziellen Mitteln und vor allen Dingen in München war so etwas nicht drin gewesen. Joe bedeutete ihm, sich in einen bequemen Sessel zu setzen, dann begann er, aus einem Wandschrank Bettzeug herauszusuchen und die Couch vorzubereiten. “Ich schlafe auf der Couch, du im Bett. Da hinten ist das Bad. Ich leg’ dir frische Sachen raus.”

Während er weiter räumte und in der Küche ein Glas Wasser für Niels einschenkte, schlich dieser Richtung Bad. Er zog den Hoodie aus und warf ihn auf den Boden. Der Stoff des linken Arms wurde langsam fest vom Blut, das T-Shirt war ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen worden. Er zuckte mit den Achseln. Kleidung konnte man ersetzen. Was ihn jedoch ärgerte, war die Tatsache, dass der Schnitt mitten durch das Ouroboros-Tattoo ging, sein allererstes, das er sich mit Angelikas Geld am Tag nach seiner Ankunft in Rosenheim hatte stechen lassen. Das schmerzte ihn am allermeisten, er hatte dieses Motiv geliebt, es hatte ihm viel bedeutet. Vielleicht fand er hier irgendwo jemanden, der die Narbe verstecken konnte – wenn eine blieb.

Er zog auch das T-Shirt aus und warf sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht. Ihm war ein wenig heiß geworden, er war weder Bourbon noch Schmerzmittel gewohnt. Seine Gedanken jedoch waren klar, und er bemerkte, dass er dabei war, sich auf Jagd umzustellen, er musste vorsichtig sein, denn obwohl Joe ein wirklich netter Kerl zu sein schien, hatte er ein wenig Angst.

Oder hast du Angst, dass du die Kontrolle verlierst?

Leise trat er aus dem Bad. Er war froh, dass Joe ein Shirt direkt vor die Tür gelegt hatte, es war ihm ein wenig peinlich, halbnackt vor einem Fremden herumzulaufen. Außerdem hatte ihn eine unbedachte Bewegung darauf gebracht, dass er in seinem Hosenbund noch etwas hatte, was er Joe auf keinen Fall zeigen wollte: Die Luger 08, die er jetzt in den Hoodie wickelte. Niels war froh, dass er die Waffe hatte, aber er konnte nicht auf Menschen schießen, er durfte so etwas nicht tun.

Wenn du auf einen Menschen schießt, und sei er noch so schlecht, dann bist du ein gemeiner Mörder, Aaron, und hast dein eigenes Leben genauso verwirkt. Du sollst nicht töten!

“Alles klar?”
Joe kam aus der Küche und hielt ihm das Glas Wasser hin, Niels nahm es dankbar an. “Soll ich das wegwerfen?” fragte Joe und wollte nach dem Hoodie greifen, doch Niels wehrte ab. “Nein.. nein. Ich.. äh.. brauch den noch.” Joe sah ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an, sagte aber nichts. Er ging und kam kurz darauf mit einer Plastiktasche wieder. “Mir ist zwar schleierhaft, was du mit dem blutigen Ding willst, aber bitte.. Vielleicht steht deine Freundin in Montana ja drauf.” Niels wollte etwas erwidern, irgendwie kam ihm der Gedanken, dass Coco da in eine Richtung gedrängt wurde, die ihm nicht gefiel, doch dann nutzte er die Steilvorlage. “Jaja, sie will einen Horrorfilm drehen, und das ist doch eine gute Requisite.” Joe lachte. “Oh mann, ihr habt Ideen. Du musst mir alles von ihr erzählen, College-Boy, aber jetzt solltest du dich erstmal ausruhen.”

Niels nickte nur und legte sich auf das breite Bett, während Joe auf der Couch Platz nahm. Kurz danach war er auch schon eingeschlafen.

Die Hütte war dunkel und kalt, und irgendetwas kratzte an der Tür. Er konnte sich nicht bewegen, er durfte sich nicht bewegen, dann fand es ihn. “Komm raus, komm raus, wo immer du auch bist.” Die Stimme kannte er, es war sein Bruder Benedikt. Dämonen können doch so tun, als seien sie jemand anderer, oder, Vater? Du bist so ein Dummkopf, Aaron. Ein nichtsnutziger Dummkopf. Ein Mann, der sich wie ein Weib benimmt, sich Männern hingibt, du kannst nicht mein Kind sein.

Wieder schreit sie, und wieder geht er zu Boden, kann sich nicht wehren.. Aaron, was hast Du eigentlich gelernt… Wieder ein Schrei, und jetzt ist es sein eigener, jemand schüttelt ihn, nein, lass mich, verschwinde, Dämon, verschwinde, Vater, lass mich, lass mich..

Er holte aus und schlug zu, doch da war ein Widerstand, jemand stand neben ihm und hatte ihn geschüttelt, er hörte ein leises Aufstöhnen. Schlagartig war Niels hellwach. “Verdammt, hast du einen harten Schlag, Kleiner.” Joe stand neben dem Bett und sah ihn mit einer Mischung aus Belustigung und Schmerz an, während er sich die Schulter rieb, wo Niels’ Faust ihn getroffen hatte.

“Wo bin ich? Was ist passiert? Hab ich dich.. geschlagen?”
“Du bist in meinem Appartement, du hast anscheinend verdammt schlecht geschlafen, und ja, hast du.” Joe lächelte und setzte sich jetzt auf die Bettdecke. Fast unmerklich wanderte seine Hand in Richtung Niels’ Oberschenkel, doch der liess es zu. Irgendwie war ihm gerade nach einer vertrauten Geste. “Sorry.. ich wollte nicht.. Ich.. wer hat so geschrien?” Niels war immer noch verwirrt. Sein Arm tat weh, in seinem Kopf fuhr das Gedankenkarussell Dauerschleifen, und während er Joe im Halbdunkel dasitzen sah, die grauen Augen auf sich ruhend, fühlte er, wie sich ein wohliges Verlangen in seinem Körper ausbreitete.

“Du warst das. Ich hab keine Ahnung, was los ist, aber wenn du willst, rede mit mir. Es hilft manchmal, sich einem völlig Fremden anzuvertrauen,” meinte Joe. Niels griff nach der Hand, die auf seinem Oberschenkel ruhte. “So fremd sind wir uns doch gar nicht mehr,” meinte er und rutschte ein Stück näher an Joe heran. Der Ältere lächelte jetzt etwas unsicher, doch er blieb sitzen und liess den jungen Mann gewähren.

Niels nahm jetzt allen Mut zusammen, beugte sich vor und küsste Joe. Zunächst nur vorsichtig, doch als er bemerkte, dass dieser sich ihm nicht entzog, wurde er mutiger. “Ich will dich,” murmelte er, und legte seinen Kopf an Joes Schulter. “Bist du dir sicher, dass du das willst, Kleiner?” fragte Joe, und sein Körper löste sich von Niels. “Ja,” stiess er mit rauher Stimme hervor, “ja, verdammt. Schlaf mit mir.” Mit einer spielerischen Handbewegung schubste er den Älteren aufs Bett, so dass dieser auf dem Rücken lag, dann setzte sich rittlings auf ihn. Joes graue Augen musterten ihn eingehend, noch immer schien er nicht sicher zu sein. Doch dann griff er dem Jüngeren ins Haar und zog sein Gesicht zu sich herunter, um ihn zu küssen, ihn festzuhalten und nie wieder loszulassen.

Niels erwachte davon, dass es irgendwo in seiner Umgebung nach Kaffee und Essen roch. Essen war immer gut. Er drehte den Kopf und sah in Richtung Küche. Dort stand Joe, nur bekleidet mit einem Handtuch, und werkelte vor sich hin. Er summte etwas dabei, was Niels ein Lächeln entlockte. Die Erinnerung an die letzte Nacht war noch sehr frisch, er rollte sich auf den Bauch, um den Mann, der so wunderbar gewesen war, zu betrachten.

Offensichtlich hatte Joe bemerkt, dass Niels wach war, er kam jetzt lächelnd mit einer Tasse in der Hand auf ihn zu. “Guten Morgen, du Schlafmütze,” sagte er und stellte den Kaffee neben ihm ab, “ich…” Er brach mitten im Satz ab und sah sich seinen jungen Gast plötzlich eingehend an.

Niels spürte, wie Joes Augen auf seinem nackten Rücken ruhten. Er wusste, was der Ältere dort sah. Als Philip ihn zum ersten Mal ohne Shirt gesehen hatte, hatte er einen solchen Schreck bekommen, dass er Tränen in den Augen gehabt und Niels ohne ein weiteres Wort umarmt hatte. Sicher, es war nicht alles Gustavs Gürtel gewesen. Joseph und Benedikt haben mich auch nicht geschont, dachte er, und einiges davon geht auf das Konto der Jagd.
Davon hatte er Philip nichts erzählt, auch nicht, als der zwei Tage später mit Infobroschüren zurückkam und Gustav drohen wollte, ihn anzuzeigen. Damals hatte er Philip wütend angefahren, er solle sich um seinen eigenen Mist kümmern, aber inzwischen war er sich nicht mehr so sicher, ob sein Freund nicht recht gehabt hatte.

“Wer war das, Collegeboy?” fragte Joe nur und strich vorsichtig über die Narbe an Niels’ Schulter, dort, wo ein kundiger Tätowierer versucht hatte, zu überdecken, dass Joseph Heckler seinen kleinen Bruder als Köder eingesetzt hatte und etwas zu spät gewesen war. “Vater,” murmelte Niels ins Kopfkissen, “Brüder.” Werwolf.

“Nette Familie,” sagte Joe nur und hielt Niels die Tasse vors Gesicht. “Frühstück, Collegeboy? Du siehst aus, als könntest du was vertragen. Die Nacht war kurz.” Er ging weiter ins Badezimmer und machte keine weiteren Anstalten, Niels nach seiner Vergangenheit auszufragen, wofür dieser sehr dankbar war.

Niels schwang sich aus dem Bett, zog seine Hosen über und ging herüber zur Küche. Auf dem Herd stand eine Pfanne mit Bacon, Toast lag in einem Brotkorb, und auf der Anrichte stand ein Glas Himbeermarmelade, eine Schüssel mit Rührei und Erdnussbutter. Yay, amerikanisches Frühstück. Er nahm sich einen Teller und ging wieder ins Bett.

Während er aß, sah er sich neugierig in der Wohnung um, denn irgend etwas störte ihn, aber er konnte seinen Finger nicht darauf legen. Am Vorabend war er voller Schmerzmittel, Alkohol und Adrenalin gewesen, doch jetzt, nachdem das Adrenalin verflogen war und er Nahrung und Kaffee im Blut hatte, bemerkte er, was es war.

Das Loft war sicher Joes, und er bewohnte es auch eine ganze Weile, aber etwas fehlte. Kleidung lag über einen Stuhl gebreitet, ein Buch auf dem Couchtisch, eine Zeitschrift aufgeschlagen auf dem Schreibtisch. Doch Niels merkte, wie sein Jägerinstinkt ansprang, etwas stimmte hier nicht.

Wo sind die persönlichen Dinge?

Es gab keine Bilder an den Wänden, nichts, was darauf hindeutete, womit Joe sein Geld verdiente, keinen Hinweis darauf, ob er Familie hatte. Niels trank einen großen Schluck Kaffee und überlegte, ob er sich etwas mehr umsah, auch wenn es sicher nicht die feine Art war, die Wohnung seines One-Night-Stands zu durchsuchen. Doch in diesem Moment kam Joe aus dem Badezimmer und grinste den immer noch kauenden Niels an. “Willst du mir irgendetwas damit sagen, dass du nicht aus dem Bett kommst, Collegeboy?” Niels überlegte kurz, dann stellte er den Teller weg und rutschte zur Seite, und eine weitere Antwort war nicht mehr nötig.

Es war viel später an diesem Tag, als Joe die Frage stellte, die unbeantwortet den ganzen Tag über ihnen gehangen hatte. “Wie siehts aus, Collegeboy, musst du nicht in dein Hostel? Oder nach Montana?” Niels brummte, er döste gerade, und er hatte überhaupt keine Lust, aufzustehen, aber er sollte Felicitys Auto nicht weiter in irgendeiner Tiefgarage stehen lassen, er brauchte frische Kleidung, und vor allen Dingen wollte er nicht ihr Auto irgendwann auslösen müssen. Aber er war auch noch nicht bereit, weiterzufahren, er fühlte sich gerade wohl in Joes Appartement, in dessen Armen und in dessen Bett.

“Wenn du magst, komm wieder her. Ich habe noch drei Tage.. gerade drei Tage frei, und ich mag deine Gesellschaft.”

Das hatte er hören wollen, er zog sich an, und fuhr mit der U-Bahn zum Hostel. Er war froh, das Auto wieder zu haben, denn sein Führerschein lautete nicht auf Felicity Margaret Deirdre Jameson Heckler, und seine blauen Augen überzeugten vielleicht Joe, aber sicher nicht die Polizei.

Niels wollte gerade an Joes Tür klopfen, nachdem er Felicitys Kombi sicher geparkt und seine Sachen mitgenommen hatte, als er hörte, wie Joe mit jemandem sprach. “Nein, hören Sie… Nein, ich brauche das nicht mehr. Nein.. es sind nur noch drei Tage. Ja, es ist alles vorbereitet.” Niels stockte. Ging es um Joes Arbeit? Er hatte bereits vorhin so seltsame Andeutungen über drei Tage gemacht. War ihm die Wohnung gekündigt worden? Das würde immerhin die fehlenden persönlichen Dinge erklären, aber warum packte er dann nicht auch seine Kleidung ein?

Gerade, als Niels abermals klopfen wollte, öffnete sich die Tür, und Joe stand im Türrahmen. “Gut, dass du kommst, Kleiner, ich dachte schon, du wärst der Pizzabote,” sagte er lächelnd, aber Niels hatte den Eindruck, dass das Lächeln dieses Mal aufgesetzt war, irgend etwas hatte Joe aufgeregt, er wirkte nervös und fahrig. “Alles ok?” fragte Niels, aber Joe antwortete nicht, sondern nahm ihm die Taschen ab und bedeutete ihm, sich zu setzen. Kurz darauf klopfte es wieder, und diesmal war es wirklich der Pizzabote. Niels spürte, dass er hungrig war – im Grunde konnte er ständig essen – aber Joes seltsames Verhalten liess ihm keine Ruhe.

Nach dem Essen wollte er das Gespräch wieder darauf bringen, bevor sie sich wieder mit anderen Dingen beschäftigten. “Joe…” “Was?” wollte der Ältere wissen, und seine Stimme schien einen gereizten Unterton angenommen zu haben. “Joe, hier stimmt doch was nicht.” Jetzt war es raus. Bravo, Heckler, wahrscheinlich kannst du gleich alleine im Hostel schlafen.
“Was meinst du?” Niels erzählte ihm von seinen Überlegungen, verschwieg ihm aber wohlweislich, dass er auf solche Dinge eher achtete als andere Menschen, und dass er davon abgesehen hatte, Joes Sachen zu durchwühlen.

“Ich hatte eine schwere Zeit. Und ich werde in drei Tagen hier weggehen, und woanders weitermachen. Du fährst nach Montana, und ich fahre zur H.. nach New York. Die Wohnung werde ich so lassen, das meiste von meinem Kram ist schon da.” Joe seufzte und stützte den Kopf auf seine Hände, als habe er Niels gerade ein Geheimnis verraten. Niels überlegte, ob er das glauben sollte, irgendwie schien ihm diese Geschichte nicht echt zu sein, aber für den Moment war er zufrieden. Er war sowieso zufrieden, seit seinem Alptraum in der letzten Nacht und den darauffolgenden Ereignissen hatte die Stimme seines Vaters in seinem Kopf geschwiegen, und auch an Philip hatte er nicht wirklich gedacht. Das Gefühl, fremdzugehen, wenn er einen anderen Mann auch nur ansah, war verschwunden, und zum ersten Mal seit langem hatte er das Gefühl, wieder angekommen zu sein. Sicher war das hier nicht für Dauer, er kannte Joe ja kaum, und er musste wieder zurück nach Seattle, und zu Coco. Er freute sich wirklich auf sie, auch wenn er Angst hatte, dass ihre Gefühle für ihn stärker waren als seine, und er hatte kein Bedürfnis, ihr das Herz zu brechen. Sie hatte ihm in einem Moment der größten Schwäche beigestanden, und sie hatte nicht verdient, dass er sie schlecht behandelte, aber er stand nunmal auf Männer. Er sah zu Joe herüber, der ihn nur ansah. “Du sagst mir auch nicht alles, Collegeboy,” meinte dieser, und Niels ging der traurige Blick durch Mark und Bein.

Vielleicht belügen wir uns gerade gegenseitig. Aber vielleicht sind es diese Lügen, die wir gerade brauchen, und die dafür sorgen, dass wir uns nicht ganz verlieren.

Die nächsten beiden Tage verbrachten Niels und Joe hauptsächlich in Joes Appartement. Niels zeichnete, erzählte ihm von seinen Reisen und irgendwann auch von Philip, und Joe erzählte ihm von seinem Leben, auch wenn Niels spürte, dass er große Teile ausließ.

Es war am Morgen des dritten Tages, als Niels aufwachte und noch nicht die Augen geöffnet hatte, als ihm klar wurde, dass etwas nicht stimmte.

Joe war verschwunden.

“Joe?” rief er, doch niemand antwortete. War sein Gastgeber vielleicht einfach nur einkaufen gegangen? Doch dann bemerkte er, dass der Hausschlüssel noch auf dem Couchtisch lag. Niemand, den Niels kannte, ging ohne Schlüssel einkaufen, auch nicht, wenn noch immer jemand in der Wohnung war. Neben dem Schlüssel lag etwas anderes, ohne dass er niemals das Haus verlassen würde: Joes Handy.

Panik stieg in Niels auf. Wo war Joe? War das hier ein schlechter Scherz?
Er wollte aufstehen und sich anziehen, als er einen Zettel neben sich auf dem Kopfkissen liegen sah.

Hey Collegeboy,

ich möchte Dir für alles danken. Du warst in den letzten Stunden da für mich, und ich bin dankbar, dass ich das nicht alleine überstehen musste. Aber ich muss gehen, wie ich dir gesagt habe. Das war der Teil, wo ich ehrlich zu dir war. Die Wahrheit ist – vielleicht wirst du sie nicht glauben – ich habe Schuld auf mich geladen.
Vor zehn Jahren dachte ich, mir würde die Welt gehören. Und als ich feststellte, dass dem nicht so war, als ich das Geld anderer Leute in den Sand gesetzt hatte und sich ein Mann deswegen das Leben genommen hatte, selbst da hatte ich nicht genug. Irgendeiner meiner Kollegen meinte, dass ich für einen guten Deal sogar meine Seele verkaufen würde, und ich hab ihm ins Gesicht gelacht und gesagt, dass ich das mache.
Also sind wir rausgefahren,, und ich habe meine Seele an den Dämon auf der Kreuzung verkauft. Niemand hat das ernst genommen, auch ich nicht. Ich hatte ja jetzt alles – Geld, Reichtum, Ruhm, Männer, und Frauen hätte ich auch haben können, hätte ich sie gewollt. Aber irgendwann ist mir aufgefallen, dass das alles hohl ist, es bringt dir nichts, und ich habe nichts mehr gefühlt. Mein Freund hat mich verlassen, meine Familie hat sich abgewandt, und niemand wollte noch etwas mit mir zu tun haben. Der Teufel, ja, der schon, der wollte meine Seele. Einmal im Jahr hat er mich daran erinnert, dass ich jetzt ihm gehöre. Ich dachte schon, als ich dich sah, dass du seine letzte Erinnerung bist, aber du warst ein letztes Geschenk des Himmels.
Danke für alles. Du warst das Beste, was mir passieren konnte.
-J.

Niels spürte, wie seine Finger taub wurden, und der Brief seinen Finger entglitt. Verdammte, verfickte Scheiße! Wie ein gefangenes Tier ging er im Kreis auf und ab, ob ihm etwas einfiel, wie er den Pakt brechen konnte, er begann, wie irre in der Bibel zu blättern, doch kein Heckler schien jemals gewillt gewesen zu sein, einen Dämonenpakt auflösen zu wollen. Sein nächster Gedanke war, Benedikt anzurufen, sein Bruder kannte sich mit Dämonen aus wie kein Zweiter, aber dann wusste Gustav, wo er war, und Benedikt würde ihm nicht antworten, er würde ihm erst abringen, warum er das wissen wollte. Sein Liebesleben war allerdings etwas, was er am allerwenigsten mit seinem älteren Bruder diskutieren wollte.

Also musste er selbst handeln. Joe musste hier irgendwo eine Karte haben, auf der die nächsten Kreuzungen eingezeichnet waren. Von Benedikt wusste er, dass die Kreuzungen meistens weitab der Zivilisation lagen, und das war in Chicago schon ein großes Stück. Doch dann kam ihm der Zufall zu Hilfe: In einer Schublade fand er eine alte Karte des Lake Michigan, und an einer Wegkreuzung zweier Wanderwege war ein Kreis eingezeichnet, daneben ein Smilie und die Worte “Bester. Deal. Ever.”
Er wickelte die Luger aus dem blutigen Hoodie, raffte seine Sachen zusammen und verließ in Windeseile das Appartement, und in ebensolcher Eile warf er alles in den Kombi und schaltete das Navi an.

Mit monotoner Stimme geleitete ihn das Gerät in Richtung Hiawatha National Forest, in den Indian State Lake Park. Sechs Stunden, sagte die Computerfrau, sechs Stunden, die Joe bereits Vorsprung hatte. Niels fuhr, so schnell er konnte, und er blieb unbehelligt, offensichtlich wollte niemand an diesem Tag nach Wisconsin zum Wandern.

Du kannst so etwas nicht gewinnen, Aaron. Du bist nicht so stark wie Vater, Joseph oder ich.
Aber ich kann es verdammt nochmal VERSUCHEN!

Es schien bereits zu dämmern, als Niels den Kombi auf dem Besucherparkplatz des Indian State Lake Parks abstellte. Niemand schien hier zu sein, aber das war an diesem verregneten Tag kein Wunder.

“Joe?” rief er wieder, “Joe?” Mit der gezogenen Luger rannte er in den Wald, die Wanderwege hinauf, in die Richtung, die auf der Karte eingezeichnet war, doch er fand keine Spur von Joe. Normalerweise hatte er in Wäldern einen ausgezeichneten Orientierungssinn, er war praktisch in einem aufgewachsen, aber jetzt wusste er nicht, wo er zuerst hinlaufen sollte.

Gerade, als er sich überlegte, die Suche aufzugeben und nach Montana zu fahren – ein Heckler gibt nicht kampflos auf, Aaron! – da hörte er ein Geräusch.

“Joe? Joe!”

Er rannte den Abhang herunter, beinahe hätte er sich in einem Ast verfangen und wäre heruntergefallen, doch dann berappelte er sich wieder und lief weiter. Jetzt stand er auf einer Lichtung, und als er sich umsah, stellte er fest, dass er mitten auf der Kreuzung war, und ihrer Mitte stand Joe.

Er hatte die Augen geschlossen, so dass Niels für einen Augenblick fürchtete, er sei tot, oder zumindest besessen, doch dann schlug er sie wieder auf, und der vertraute Blick aus den grauen Augen durchfuhr ihn.

“Was machst du hier, Collegeboy? Wie hast du mich gefunden? Nein, sags mir nicht. Dreh’ dich um und fahr nach Montana, zu deinem Mädchen. Jetzt.”

“Joe, du musst das nicht tun! Wir finden einen Weg! Joe! Verdammt, hör mir zu!”
Niels sah ihn flehend an und wollte nach seiner Hand greifen, doch Joe wehrte ab.

“Es ist vorbei, Collegeboy. Ich wusste, was passiert, und ich will es so. Ich will sterben.”
“Aber du und ich..”
“Nein, Niels.” Er sah ihn lange an, und Niels war sich bewusst, dass er ihn zum ersten Mal in den drei Tagen, die sie sich kannten, beim Vornamen genannt hatte. “Was du und ich hatten, war wunderschön, aber eben weil wir nur so wenig Zeit hatten. Es würde nicht funktionieren.” Niels spürte, wie ihm Tränen über die Wangen rannen. Hast du dazu nichts zu sagen, Vater? Doch die Stimme in seinem Kopf blieb stumm.
“Ich werde jetzt gehen und zur Hölle fahren. Du, Collegeboy, steigst in dieses Auto da unten am See und fährst so weit, wie du kannst. Das ist nichts für dich. Du hast noch alles vor dir. Lebe. Liebe. Tu, was du tun musst, und hör vor allen Dingen auf, immer vor dir und anderen wegzurennen. Aber lass mich gehen.”

Niels wollte widersprechen, doch Joe schüttelte den Kopf.

“Er hat recht, Aaron. Oh, entschuldige, du nennst dich jetzt Niels.” Ein junger Mann war auf der Lichtung aufgetaucht, er war schlank und hellblond, und hätte er nicht leuchtend rote Augen gehabt, hätte Niels ihn beinahe Philip genannt.

“Lass uns doch bitte allein, Kleiner. Dein Freund hier und ich, wir werden jetzt zur Hölle fahren.” Der junge Mann mit den roten Augen lächelte böse, und Niels fuhr es kalt den Rücken herunter. Instinktiv griff er nach dem Kreuz, dass er um den Hals hing, und er hielt es dem jungen Mann entgegen. “Ach, Aaron. Lass doch diesen Unsinn. Schweig und lerne.” Der Dämon machte eine Handbewegung, und Niels spürte, wie seine Beine ihm nicht mehr gehorchten, und er am Boden festgewachsen war.

Er hörte ein seltsames Grollen, dann begann es in den Blättern zu rauschen, und ein Knurren erklang. Joe fuhr herum, doch da hatte ihn bereits das erste der unsichtbaren Wesen gepackt, Niels konnte nur tatenlos zusehen, wie Joes Kleidung zerriss von unsichtbaren Krallen, sein Körper von blutigen Striemen übersäht wurde und wie sich sein Körper in einem letzten Aufbäumen in Rauch auflöste, der in die Erde fuhr.

Niels spürte, wie ihm die Tränen über die Wangen liefen, als der junge Mann wieder auftauchte und sich neben ihn stellte. “Wie schön, dass du hier bist. Bleib doch noch ein bißchen. Möchtest Du mir nicht vielleicht deine Seele verkaufen, kleiner Heckler? Einer von euch wiegt hundert von den anderen auf. Aber eigentlich bist du nur ein kleiner Fisch. Wir haben schon einen von euch im Auge.” Beinahe zärtlich strich der junge Mann Niels über die verweinte Wange. “Du musst nicht mehr weinen, kleiner Heckler. Zehn Jahre. Zehn Jahre, die die schönsten deines Lebens sein könnten. Wir könnten einen anderen Pakt schließen. Soll ich deinen Vater und deine Brüder holen? Wie wäre das? Drei Hecklers, verkauft von einem Heckler. Oh, das muss ich mir auf der Zunge zergehen lassen.” Er lachte und klatschte dabei wie ein kleines Kind in die Hände.

Wut stieg in Niels auf. Sicher, sie hatten ihn gequält und geschlagen, alle drei, und er hatte sie so oft zur Hölle gewünscht. Aber niemals, niemals würde er auf die Idee gekommen, dies umzusetzen. Doch noch größer als seine Wut über den Vorschlag des Dämons war seine Wut auf sich selbst, denn hätte er so etwas nicht gedacht, der Dämon wäre nicht auf die Idee gekommen.

Er zog die P08 und legte an. “Fahr. Zur. Hölle.”

Schuss. Rechtes Bein. Schuss. Linkes Bein.

Du kannst ihre Wirte verletzen, wahrscheinlich musst du das sogar, Aaron, aber du darfst sie nicht töten.

Der Dämon ging kreischend in die Knie, und die mit dem Steinsalz geschossenen Wunden begannen bereits, zu rauchen.

Niels zog er die Bibel aus der Hosentasche und begann mit dem Exorzismus. Exorcizamus te, omnis immundus spiritus, omnis satanica potestas, omnis incursio infernalis adversarii, omnis legio, omnis congregatio et secta diabolica. Ergo, omnis legio diabolica, adiuramus te…cessa decipere humanas creaturas, eisque æternæ perditionìs venenum propinare…Vade, satana, inventor et magister omnis fallaciæ, hostis humanæ salutis…Humiliare sub potenti manu Dei; contremisce et effuge, invocato a nobis sancto et terribili nomine…quem inferi tremunt…Ab insidiis diaboli, libera nos, Domine. Ut Ecclesiam tuam secura tibi facias libertate servire, te rogamus, audi nos…
Mit einem weiteren Kreischen löste der Dämon sich auf, und schwarzer Rauch schoß zurück in die Erde. Der Körper fiel zu Boden, wobei er rasend schnell alterte, und nur die Leiche eines uralten Mannes zurückblieb.

Erschöpft wankte Niels zurück zum Kombi und holte sein Telefon hervor. Erst schrieb er eine Nachricht an Coco, dass es später werden würde, aber er sie immer noch gerne zum Mexikaner ausführen wollte. Dann wählte er eine Nummer, die er schon so oft gewählt hatte und bei der er genauso oft beim ersten Klingeln wieder aufgelegt hatte. Diesmal jedoch hielt er durch, mit Herzklopfen und schweissnassen Händen. Eine verschlafene Stimme meldete sich und nuschelte ein “Berger?”, dann ein “Weisst du eigentlich, wie spät es ist?” in den Telefonhörer.

“Philip? Ich bin es, Niels. Wir müssen reden.”

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Niniane

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