Mädchenkram - Supernatural

New English Fairytale

It’s taking over me,
I don’t know what to believe,
Forgetting everything
That makes me, makes me real.

Of Mice and Men – Real

“Jetzt erzähl schon.” Oliveiro nahm einen großen Schluck Coke, dann sah er Lucienne erwartungsvoll an. Wortlos griff sie in ihre Tasche und hielt ihm ein schwarzes Kästchen hin. “Cariña, ich mag dich sehr, aber ich bin doch viel zu alt für dich.” Er grinste. “Scherzkeks. Du sollst mir sagen, ob der echt ist.” Er öffnete die Schachtel und pfiff durch die Zähne. “Holla. Wenn er falsch ist, ist er gut gemacht.” Lucienne seufzte und verdrehte die Augen. “Jaja, schon gut.” Fachmännisch nahm er den Ring aus dem Kästchen und biß darauf. Dann zog er eine kleine Lupe aus seiner Hemdtasche und besah sich den Stein von allen Seiten. “Der ist echt. Mädchen, keine Ahnung, was dieser Ire von dir will, aber nimm dich in acht.” Der Puertoricaner war jetzt sehr ernst. “Oliveiro, glaubst du, ich würde mich auf sowas einlassen? Ernsthaft?” Sie lachte, und zu ihrem eigenen Entsetzen stellte sie fest, dass es etwas zu hell und zu mädchenhaft war. Er antwortete nicht, sondern zog nur eine Augenbraue hoch. “Ich.. was.. das geht doch nicht,” stammelte sie jetzt. “Du könntest mir jetzt mal alles erzählen. Der Reihe nach.”

Vier Wochen zuvor
Es war ein Diner wie jedes andere auch, und Lucienne bestellte bei der gelangweilt aussehenden Kellnerin einen Burger “mit allem”, obwohl sie die Speisekarte noch nicht einmal entdeckt hatte. Aber diese Diner waren eines wie das andere, und irgendeinen Burger würde es hier schon geben. Amerikaner liebten Burger.
In diesem Moment klingelte ihr Telefon. “Gideon. Was kann ich für dich tun?” Lucienne kannte den Rettungssanitäter noch nicht lange, aber sie wusste, er würde sie nicht einfach nur anrufen, um sich nach ihrem Gesundheitszustand zu erkundigen. Der Bostoner erzählte Lucienne von einem Artikel, den er von einem Bekannten bekommen hatte. Zwar war der Artikel aus einem dieser Revolverblätter, die sich in schöner Regelmäßigkeit mit der Sichtung von Elvis, Reptilienmenschen oder Ufos beschäftigten, aber aus ihrer Erfahrung wusste sie, dass dort für Leute ihrer Profession auch einiges an Wahrheitsgehalt in dieser Zeitung steckte. Sie sah sich zwar nicht wirklich als “Jägerin”, oder wie man das nannte, aber seit sie wusste, dass der Tod ihrer Großeltern damals mit Sicherheit nicht von einem normalen Einbrecher begangen worden war, hielt sie die Augen und Ohren auf. Es gab eben doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde. Oder so ähnlich.

Sie aß ihren Burger, während sie die Gegend im Auge behielt. Immer wachsam sein. Wer wusste, wo der nächste Agent oder übereifrige Sheriff lauerte. Essen mit Genuß war etwas, was sie sich nicht leisten konnte. Nicht leisten wollte. Sie zahlte und ging, dann schwang sie sich auf die Bonneville und fuhr nach Athol in Massachusetts.

Gideon wartete auf sie im “Blind Pig”, kurz umriss er ihr, was passiert war. Mehrere Menschen, darunter eine Mrs. Larkin, waren verschwunden. Kurz nachdem Lucienne sich gesetzt hatte, kam ein weiterer Jäger herein, den Gideon kannte. Es war Ethan Gale, ein Mann in Luciennes Alter. Sie hatte ihn bereits in den Road Houses an der Ostküste gesehen, aber wirklich miteinander gesprochen hatten sie noch nicht.

Lucienne stellte sich vor. “Lucy Baker,” sagte sie lächelnd. Wie einfach ihr dieser Name inzwischen über die Lippen ging. Am Anfang war es schwer gewesen, nicht mehr “Beauchene” zu sagen. Oder sich den Akzent abzutrainieren. Wochenlang hatte sie mit Oliveiro geübt, ihr Englisch klang jetzt eher nach Kalifornien als nach Ontario.

Ethan Gale schien kein Mann großer Worte zu sein, aber das machte nichts. Männer großer Worte neigten dazu, anderen Leuten mitzuteilen, dass sie eine hübsche Rothaarige gesehen hatten, die mit einem Motorrad unterwegs war. Typen, die schwiegen, waren ihr lieber.

Das “Blind Pig” war nicht besonders gut besucht zu dieser Uhrzeit, außer Gideon, Lucienne und Ethan saßen noch drei Teenie-Mädchen an einem der Tisch sowie ein dunkelhaariger Mann im Anzug, der ab und an zu ihnen herübersah. Fed? Polizei? Spanner? Sie beschloss, sich erstmal nichts anmerken zu lassen, aber sicherheitshalber merkte sie sich alle möglichen Fluchtwege.

Gideon fragte derweil die Bedienung, einen jungen Mann mit einer Vorliebe für Ohrschmuck, nach Mrs. Larkin. Der junge Mann war sehr redselig. Minuspunkt für ihn, befand Lucienne. Aber als Informationsquelle war er zu gebrauchen, er berichtete, dass sich jeder im Ort frage, wohin und wie Mrs. Larkin wohl verschwunden war. Aber er erzählte auch, dass sein Traumberuf Reporter sei, und er deswegen solche bunten Blätter wie den “National Enquirer” und Konsorten las. Fetter Minuspunkt. “Mrs. Larkin war schwer krank, gelähmt nach einem Schlaganfall. Wie soll sie da also einfach verschwinden?” Tja, wie sollte sie. Da wusste Lucienne auch keine Antwort drauf. Sie bedankte sich bei dem jungen Mann für den Kaffee und hoffte, dass er ihr Gesicht wieder vergaß.

“Aber Mrs. Larkin war ja nicht die einzige,” fuhr der redselige junge Mann jetzt fort. “Der kleine Jack Reilly ist ebenfalls verschwunden, er war auch schwerkrank – Leukämie.” Himmel, dieser Typ war besser informiert als ein durchschnittliches Internetblog. “Und Alison Golightly. Die kam immer hierher. Sass da drüben in der Ecke.” Er deutete mit dem Kopf in Richtung einer Nische im hinteren Teil des Cafés. An ihrer Stelle wäre Lucie auch nicht mehr gekommen. Der Typ nervte kolossal. “Achja, und Jerry O’Donnell aus dem Stadtrat, der ist auch verschwunden, aber um den ist es nicht schade.” Mit diesen Worten wischte er mit einem Lappen imaginäre Krümel von ihrem blitzsauberen Tisch.

“Die Polizei war da und hat nach Alison gefragt,” meinte er jetzt, “aber ich konnte ihnen nichts sagen.” Das wunderte Lucie jetzt. So schwatzhaft und dann so schweigsam? Vielleicht hatte der junge Mann doch etwas zu verbergen.
“Was war denn mit Mrs Larkin?” versuchte Gideon jetzt das Gespräch von Alison abzulenken. “Oh, die hatte Familie am Ort. Eine Tochter. Aber mehr kann ich dazu auch nicht sagen, ich kannte sie nicht.” Ach. Wirklich.

Während der Kellner noch redete, stand Ethan auf und ging zu der Ecke, in der Alison immer gesessen hatte. Dort stand auch ein Bücherregal, das seine Aufmerksamkeit fesselte. Währenddessen informierte der redselige Freund des Ohrschmucks Gideon über die restlichen Vermisstenfälle: Außer der alten Mrs Larkin, dem Stadtrat Jerry O’Donnell, Alison und dem kleinen Jack waren noch ein gewisser Donnie Bridger, ein Veteran, ein Rentner namens Ivan Hockstetter und die Hausfrau Kate McNamara verschwunden.

Gideon spann jetzt eine Geschichte von seiner Großtante, die angeblich mit Mrs Larkin befreundet war. Lucienne war beeindruckt, wie selbstsicher der Rettungssanitäter die Lüge vortrug. Ginge dir das anders, Miss Baker? Oder Madame Marais? Wie oft hast du schon gelogen in der letzten Woche, Beauchene?

Der Kellner zog sich wieder zurück, und in diesem Moment kam der dunkelhaarige Anzugträger vom anderen Tisch herüber. Er stellte sich vor mit den Worten “Nick Morrissey ist mein Name. Ich bin Reporter.” Wenn du Reporter bist, bin ich die Königin von England. Er lächelte sehr weltoffen, ein freundliches Lächeln. Er sah gut aus, und er wusste das. Lucienne wand sich ein wenig, aber Typen wie diesen kannte sie. Blender. Probleme-Weglächler. Zu schön, um wahr zu sein. Ob er ein Fed war, konnte sie nicht sagen. Mit Sicherheit war er vieles, aber kein Reporter.
Gideon wandte sich jetzt an den Neuankömmling, offensichtlich war er nicht so misstrauisch wie Lucienne. “Ich bin Gideon Barker, und das ist… “ “Lucy Baker,” sagte Lucie schnell und lächelte Morrissey so falsch an, wie sie nur konnte. Sie wollte, dass der Kerl wieder verschwand.
“Oh, gratuliere,” sagte er mit einem breiten Grinsen. Lucie sah ihn verständnislos an, aber Gideon lachte nur. “Nein, nein. Ich heiße BARker, sie heißt BAker. Wir sind nicht verheiratet.” Was für ein Schleimer.

Ethan kam wieder hinzu und hielt ein Notizbuch in der Hand. Wortlos reichte er es Gideon und Lucie, dann sah er den Neuankömmling von oben bis unten an. “Auch?” fragte er mit einem Seitenblick auf die beiden anderen. Lucy zuckte mit den Schultern, sie wusste nicht, was er wollte, aber Gideon nickte. Nick lächelte jetzt Ethan jovial an. Gott, warum lächelt er so? Das geht einem durch und durch, und er sieht dabei so unverschämt… unverschämt aus! Kam einfach hierher und lächelte sie alle in Grund und Boden. Was bildete der sich eigentlich ein? Ohne eine weitere Aufforderung setzte er sich jetzt an ihren Tisch.

Ethan seufzte, dann reichte er Lucienne das Buch. Sie schlug es auf und las den erstbesten Eintrag, in dem Alison davon berichtete, dass sie gemobbt worden war und sich wünschte, sie wäre tot. Lucie schlug das Buch wieder zu. Für Lucienne Beauchene war das eine unbekannte Welt. Sie war immer beliebt gewesen, eine gute Schülerin. Ihre Großeltern waren so stolz auf sie gewesen. Jedes College und jede Universität in Kanada hätte sie angenommen. Bis zum Tag X. Verfluchtes Was-auch-immer. Es hatte ihr mehr genommen als nur die Großeltern und das Zuhause. Es hatte ihr die Identität genommen, ihr Leben, alles, was Lucienne Beauchene ausgemacht hatte. Vielleicht war sie jetzt wirklich Lucy Baker, die kleine kriminelle Schlampe, die sich mit Diebstählen und kleineren Trickbetrügereien durchschlug. Wann hatte sie das letzte Mal französisch gesprochen? In welcher Sprache träumst du nachts, Beauchene?

“Es sieht doch so aus, als hätten sie alle einen Grund gehabt, woanders hinzugehen,” meinte Gideon jetzt und holte Lucienne wieder aus ihren Gedanken. “Eine kranke alte Frau, ein krankes Kind, ein gemobbtes Mädchen und ein Veteran, der vielleicht traumatisiert war.” Er machte eine kurze Pause und sah dann von einem zum anderen. “Wir sollten herausfinden, was mit den anderen war. Ich schlage vor, wir suchen den Sheriff auf, und die örtliche Zeitung.” Jetzt sah er Morrissey an. “Das sollte ja wohl deine Aufgabe sein. Nimm Lucie mit.”

Nein! Er kann immer noch ein Cop sein. Du darfst ihm nicht trauen. Aber die Alternative gefiel ihr noch weniger, denn das Polizeirevier war ein Ort, den sie nicht betreten wollte. Wer wusste, ob nicht auch ihr Bild an der Wand hing. Also nickte Lucie nur und machte sich in Begleitung von Nick Morrissey auf den Weg zur örtlichen Zeitung. Sie beobachtete ihn wachsam, doch er tat nichts, was darauf hindeutete, dass er nicht wirklich einfach nur ein Reporter war. Er bemühte sich um Smalltalk und schien sehr aufgeräumt, so dass Lucie sich ein ums andere Mal dabei ertappte, wie sie seine Gegenwart genoß. Nein, nein, nein, Beauchene. Für Männer ist immer noch genug Zeit, wenn du rehabilitiert bist. Wenn du rehabilitiert bist. Falls. Irgendwann.

Bei der örtlichen Zeitung wurden sie schnell zur Chefredakteurin vorgelassen, und Nick erklärte, dass er vom Boston Globe sei und über die Vermisstenfälle schreiben wolle. Lucienne gab sich Mühe, mit großen Augen und leerem Gesichtsausdruck hinter ihm zu stehen und seine etwas minderbegabte Produktionsassistentin zu geben. So erfuhren sie, dass die Leute innerhalb von zwei Monaten verschwunden waren, Mrs. Larkin war die erste gewesen. Donnie Bridger hatte der Zeitung mal ein Interview gegeben, sonst hatte er aber nichts mit der Presse zu tun haben wollen. O’Donnell war vielleicht in dunkle Geschäfte verstrickt gewesen. In Winchester, New Hampshire, gab es eine waffenschmuggelnde Gang. Lucie machte sich eine geistige Notiz und beschloß, einen ihrer Kontakte später dazu zu befragen.

Kurz nachdem sie das Zeitungsgebäude verlassen hatten, blieb Nick stehen. “Du machst dich wirklich gut als dümmliche Produktionsassistentin,” meinte er strahlend zu ihr, dann überlegte er jedoch kurz. “Das klang falsch.” “Alles eine Frage der Übung,” erklärte Lucie ihm. An dumme Frauen erinnerte sich niemand. An kluge sehr wohl. “Und ich sehe das mal als Kompliment an,” fügte sie dann hinzu. Jetzt konnte sie nicht anders als Nick Morrissey ein echtes Lächeln zu schenken. Waren sie vielleicht doch ein gutes Team?

Gideon und Ethan waren derweil bei der Polizei gewesen, aber sie hatten nicht viel herausgefunden, außer, dass O’Donnell nicht ganz sauber war, und dass Chief Reikveld hoffnungslos überfordert schien.

Nachdem also weder die Polizei noch die örtliche Presse hilfreich gewesen waren, beschlossen sie, sich weiter aufzuteilen und die Familien der Verschwundenen aufzusuchen. Gideon ging zu Denise und Molly Bridger, der Frau und Mutter von Donnie Bridger. Er berichtete später, dass Denise Angst vor ihrem Mann hatte. Sie war schwanger, aber Donnie habe das Kind nicht haben wollen. Gegenüber Gideon gab sie an, dass ihr Mann PTSD habe und von seinen Kriegserlebnissen traumatisiert sei.

Lucie und Nick gingen zum Stadtrat, nachdem sie sich schon einmal als Team bewiesen hatten. Diesmal behauptete der smarte junge Mann, dass er vom Boston Herald käme. Lucie zog eine Augenbraue hoch. Wenn Nick Morrissey wirklich Journalist war, war sie schuldig und gehörte für immer ins Frauengefängnis von Montréal. Aber was war er dann? Für einen Fed konnte er zu gut lügen, und wenn er mit Cruz unter einer Decke gesteckt hätte, hätten in dem Moment, in dem sie alleine gewesen waren, die Handschellen geklickt.

“Wir teilen uns am besten auf,” schlug Morrissey jetzt vor, als sie im Vorzimmer von O’Donnells Büro standen. “Du kannst mit dem Sohn reden, und ich werde mir die Sekretärin … vorknöpfen.” Ach so nennt man das. Lucie konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, aber Nick schien es nicht zu bemerken. Während sie in ihrer Eigenschaft als “Produktionsassistentin” sehr schnell zum Sohn des Stadtrats vorgelassen wurde, blieb Morrissey draußen und flirtete…. befragte die Sekretärin

“Glauben Sie mir, ich bin nicht gerade traurig darüber, dass mein Vater verschwunden ist,” erklärte O’Donnell junior. Er war der Typ Mann, der Lucie schon hundertfach begegnet war. Anfang 30, sehr von sich überzeugt, von Beruf Sohn und der Meinung, dass das fehlendes Charisma und die beginnende Halbglatze und den Bauchansatz ausgleichen konnte. Er lächelte breit und bedeutete Lucie, sich zu setzen. Sie bedankte sich und versuchte, so zu wirken, als sei das Leuchten in ihren Augen das Licht, das zu den Ohren hineinschien. “Wollen Sie was trinken?” fragte er dann und musterte sie von oben bis unten, wobei sein Blick eine Sekunde zu lang an ihrem Dekolleté zu hängen schien. Lucie schüttelte den Kopf. Vielleicht sah sie dumm aus, aber so dumm, sich auf einen Knaben wie O’Donnell jr. einzulassen, war sie sicher nicht. Dann doch eher noch Nick Morrissey… oh.

“Ich will ganz ehrlich zu Ihnen sein.” Wunderbar. Wenigstens einer von uns beiden. “Mein Vater war kein guter Mensch. Meine Mutter und ich sind ohne ihn besser dran. Immerhin hat er meine Mutter mit einer polnischen Studentin betrogen.” Er lächelte grimmig, und Lucie fragte sich für einen kurzen Moment, ob der Sohn es bereute, dass er nicht zum Zug bei der Studentin gekommen war. “Sonst kann ich Ihnen leider nicht viel sagen, Miss Baker.” Lucie erhob sich und bedankte sich für das Gespräch, und O’Donnell jr. schien ein wenig enttäuscht zu sein, dass sie sich so schnell verabschiedete.

Auf dem Flur traf Lucie wieder mit Nick zusammen. Die Sekretärin hatte ihm bereitwillig Auskunft gegeben und erzählt, dass der Stadtrat anstrengend gewesen war. Er habe sie wohl nur zum Angucken und Anfassen eingestellt. Anscheinend gab es in dieser Stadt nicht viele Jobs, wenn sie weiterhin hierblieb.

Sie trafen sich wieder mit Ethan und Gideon beim “Blind Pig”. Beide hatten nicht viel herausgefunden, Ethan war bei den Golightlys gewesen und hatte kurz mit Alisons kleiner Schwester gesprochen. Bevor die Mutter der beiden aufgetaucht war und mißtrauisch wurde, hatte die Kleine Ethan einen Flyer zugesteckt, auf dem etwas von O’Finns Magical Emporium stand. Alison glaubte an Magie, sagte sie. Ethan hatte der Mutter noch das Tagebuch gegeben, doch dann war er lieber gegangen, bevor sie die Polizei rufen konnte. Kluger Ethan.

Über Kate McNamara fanden sie heraus, dass sie depressiv gewesen war, aber ihre Familie schien nicht besonders besorgt gewesen. Sie sei wohl einfach gegangen. Auch der Renter Hockstetter hatte kein besonders großes Loch hinterlassen. Er war allgemein unbeliebt gewesen, hatte tagaus, tagein vor seinem Haus gesessen und die Nachbarschaft beschimpft. Ein herber Verlust für die Gemeinschaft.

Also blieb ihnen als einziger Anhaltspunkt O’Finns Magical Emporium. Der Laden schien innen größer zu sein als außen, er beinhaltete eine Menge alten Kram, Bücher und Antiquitäten. Kaum hatten sie den Laden betreten, ging ein Glöckchen, und scheinbar aus dem Nichts tauchte hinter einem Stapel Bücher ein kleines rothaariges Männchen undefinierbaren Alters auf. “Willkommen in O’Finns Magical Emporium! Ich bin Finlay O’Finn,” stellte er sich vor und lächelte breit. Lucie lächelte unsicher zurück. Irgendetwas stimmte hier nicht. “Haben Sie Ihren Laden schon lange hier?” wollte Nick jetzt wissen, und O’Finn lächelte weiter. “Aber ja. Schon lange.” Er dehnte das Wort, und als sie sich ansahen, war klar, was sie alle dachten. Seit letzter Woche schon immer wahrscheinlich.

“Was kann ich für Sie tun? Interessieren Sie sich für magische Gegenstände?” Bevor irgendjemand etwas sagen konnte, redete der kleine Mann jedoch weiter. “Ich war mal Bühnenmagier, wissen Sie. Hier verkaufe ich jetzt Wunder aus aller Welt. Sie” – Er sah zu Morrissey hinüber – “Sie sehen so aus, als könnte Sie das hier interessieren.” Er zog ein Set Pokerkarten aus einem Stapel und reichte es dem vermeintlichen Journalisten. Der betrachtete es neugierig, und Lucie ihrerseits ließ den dunkelhaarigen Mann nicht mehr aus den Augen. Du willst doch bloß wissen, was ein Fed mit Pokerkarten will, Beauchene. Wenn er ein Fed ist. Vielleicht ist er auch berufsmäßiger Glücksspieler. Oder Betrüger. Vielleicht heißt er noch nichtmal Morrissey.

O’Finn garnierte den Verkauf der Karten mit einer Geschichte über einen Pokerspieler, der seine Seele vom Teufel zurückholte. Das schien Morrissey erst recht zu interessieren, aufmerksam hörte er zu. Ethan besah sich derweil alte Landkarten, die aus den 50er-Jahren zu stammen schienen. Er fragte den kleinen Mann nach dem Preis und zahlte ihn, der ehemalige Bühnenmagier wirkte für einen Moment enttäuscht, dass der wortkarge Mann wohl nicht handeln wollte.

Lucie warf Gideon einen fragenden Blick zu. Sollten sie nach den verschwundenen Personen fragen? “Wir könnten etwas von kranken Angehörigen erzählen,” flüsterte Lucie, und Gideon nickte. Aber bevor sie dazu kam, begann O’Finn, weitere Kuriositäten in seinem Laden zu präsentieren: Ein Kompass, der immer in Richtung “Wahre Heimat” zeigte. Als er ihn vor Gideon hielt, schlug die Nadel gen Osten aus – Richtung Boston. Lucie schüttelte zunächst den Kopf – es muss Kalifornien sein, ich bin aus Kalifornien – doch die Nadel schlug nach Norden aus. Québec. Montreal. Outremont. Avenue Springgrove. Ein falscher Akzent und ein falscher Name können nicht verbergen, wer du bist.
Aber wer bin ich denn jetzt?

“Haben Sie auch etwas, mit dem man Leute finden kann?” hörte sie sich jetzt selbst fragen. O’Finn strahlte. “Aber natürlich, meine Teuerste! Diese Druckerpresse hier, Sie müssen nur den Namen desjenigen einsetzen, und dann druckt die Presse Ihnen etwas Nützliches dazu.” Nein, das würde nicht funktionieren. Soll ich vielleicht “Irgendein übernatürliches Wesen” eingeben? Oder “Typ, der mal meine Mutter gevögelt hat und dann abgehauen ist?” Wenn es doch nur so einfach wäre.

“Eine chinesische Handarbeit,” fuhr O’Finn jetzt fort, der gar nicht zu bemerken schien, was Lucie umtrieb. Chinesisch? Chinesisch hatte weniger zu dem gehört, was man im Frauenknast von Montreal lernte. Damit war das Ding so oder so wertlos für sie.

Ethan erkundigte sich jetzt nach etwas gegen Flüche, woraufhin der kleine Mann ihm mit einem Lächeln ein goldenes vierblättriges Kleeblatt präsentierte. “Wirkt gegen neue Flüche, frische Flüche. Wunderbar. Sind Sie Ire, guter Mann? Wirkt leider auch nur bei Iren.” Lucie glaubte, ein Grinsen über Nicks Gesicht huschen zu sehen. Aha. Der Nachname scheint zumindest echt zu sein. Oder irgendetwas anderes an dem Kerl ist irisch. Warum interessiert dich das eigentlich, Beauchene? Du magst ihn nicht mal.

Die Gedanken an Nick Morrissey abschüttelnd, wechselte Lucie jetzt das Thema. “Die Schwester von Alison Golightly hat uns den Flyer für Ihren Laden gegeben. Sie kennen Alison?” Das Lächeln in O’Finns Gesicht wich keinen Moment, als er meinte: “Ich helfe gerne. Aber warum genau sind Sie alle hier?” Gideon machte jetzt einen Schritt auf den kleinen Mann zu, ob bewusst oder unbewusst, konnte Lucie nicht sagen. Aber der ehemalige Bühnenmagier schien sich bedroht zu fühlen, er huschte hinter seinen Tresen und umfasste mit beiden Händen eine dort stehende Schneekugel. Lucie konnte gerade noch sehen, dass Ethan den Mund öffnete, um etwas zu sagen, doch dann sah sie wieder dorthin, wo O’Finn stand – oder bis eben gestanden hatte.

Drei Augenpaare wandten sich Gideon zu, der abwehrend die Hände hob. “Ich bin ein Schwarzer, und wir sind in Amerika. Wenn Leute unter den Ladentisch greifen wollen, macht mich das nervös!” verteidigte er sich. Lucie nickte geistesabwesend, etwas anderes hatte jetzt ihre Aufmerksamkeit gefesselt. Neben der Kasse lag ein Stück Gold, mindestens so groß wie ihre Faust. Wenn man das zu Geld macht, kann man einige Leute bezahlen, die Dinge erzählen, die sie sonst niemandem erzählen. Oder jemandem geben, der es brauchen kann. Bedürftige gibt es leider immer genug.

Während sie das Gold betrachtete, unschlüssig, ob sie den kleinen Magier einfach bestehlen sollte, bemerkte sie, dass Nick neben ihr stand. Den Blick in seinen dunklen Augen kannte sie nur zu gut. Gier. Verlangen. Der Wunsch, es zu besitzen. Seine Hände zitterten, als er nach dem Klumpen greifen wollte, doch da meldete sich Ethan. “Nicht. Magisches Wesen. Kann gefährlich sein.” Lucie ließ ihre Hand wieder sinken, aber sie sah nicht, ob Morrissey das gleiche tat.

“Wir müssen hinterher,” meinte Gideon jetzt, und alle drei nickten. Die Vorstellung, eine Welt in einer Schneekugel zu betreten, erschienen ihnen allen seltsam, aber eine solche befand sich in der Kugel. Ethan verschwand kurz vor der Tür. Als er wieder hereinkam, wechselte er ein paar Worte mit Gideon, doch dann kam auch er zum Tresen. Alle vier legten eine Hand auf die Schneekugel.

Für einen kurzen Moment verschwamm die Welt um Lucies Augen, sie hatte das Gefühl, alles durch eine dicke Glasscheibe wahrzunehmen. Das Licht veränderte sich, es wurde warm und dunkler, wie eine alte Fotografie. Sie sah sich um, sie befanden sich auf einer gepflasterten Straße zwischen altertümlich wirkenden Häusern, und alles war in dieses eigentümliche sepiafarbene Licht getaucht. Etwas raschelte, und als Lucie an sich heruntersah, stellte sie fest, dass ihre praktische Kleidung aus Jeans, T-Shirt und Bikerstiefeln verschwunden war und sie stattdessen ein viktorianisch anmutendes violettes Kleid mit einer Tournüre und einer kurzen Jacke trug. Ihre Füße steckten in schwarzen Stiefeln, auf ihrem Kopf rutschte soeben ein Hütchen in der Farbe des Kleides nach vorne, bevor sie es auffing und gerade rückte. Auch ihre Begleiter waren neu eingekleidet: Ethan und Gideon trugen dunkle Kniebundhosen, Baumwollhemden und Westen darüber sowie Schirmmützen, sie erinnerten Lucie in ihrer Aufmachung an Hafenarbeitern aus alten Filmen und Fotografien. Nick hingegen trug glänzende Schuhe und eine lange Hose mit Bügelfalte sowie einen Gehrock, Lucie wunderte sich, dass er nicht auch noch einen Zylinder in der Hand hielt.

Lucie sah, dass ihre Begleiter in ihren Taschen nach etwas zu suchen schienen, aber dann fiel es ihr selber auf: Nichts aus Eisen war mit in diese Welt hinübergekommen. Aber was sie noch mehr interessierte, war die Tatsache, dass sie weit und breit nichts sah, was sie wieder in die richtige Welt zurückbringen konnte.

Leute gingen an den vieren vorbei und beachteten sie nicht weiter, doch Lucie fiel auf, dass einige der Menschen bunt und hell wirkten, während andere wie ausgeblichene Fotografien ergraut waren. “Schillernde Persönlichkeiten,” murmelte sie mehr zu sich selbst, als auf einmal ein Mädchen auf sie zugerannt kam.

Es war Alison, wie Lucie erkannte, und sie wurde von zwei grauen Männern verfolgt. Geistesgegenwärtig fing Lucie sie auf, in der Hoffnung, dass die drei Männer die Verfolger aufhielten. Ethan verpasste einem der Männer einen Fausthieb, woraufhin dieser sofort zu Boden ging. Gideon war nicht gleich so erfolgreich, er musste erst einen Hieb einstecken, bevor es auch ihm gelang, den zweiten Mann niederzustrecken. Nur Nick hatte sich zurückgehalten, was Lucie mit einem wütenden Blick in seine Richtung zur Kenntnis nahm. Die Hände machst du dir also nicht schmutzig, Morrissey. Das lässt du andere machen. Wie erbärmlich. Aber es könnte dir ja jemand die Nase brechen, und ich vermute, dein gutes Aussehen ist alles, was du zu bieten hast.

Er schien ihren Blick zu bemerken, für einen Moment glaubte sie, dass ein spöttisches Lächeln seine Lippen umspielte. Aber sie hatte keine Zeit, sich um Nick Morrissey zu kümmern, denn sie hielt noch immer die zitternde Alison im Arm. Als das Mädchen sah, dass ihre Verfolger ihr nicht mehr gefährlich werden konnten, löste sie sich von Lucie und begann, zu erzählen. “Hockstetter hat diese Männer geschickt, damit sie mich zu ihm bringen. Er ist ein Zauberer, und er will mich heiraten.” Heiraten? Gott, der alte Mann war ein noch viel widerlicherer Zeitgenosse, als sie bisher alle angenommen hatten. “Können wir uns irgendwo in aller Ruhe unterhalten?” fragte Lucie dann. Sie mussten das Mädchen von der Straße kriegen, irgendwohin, wohin Hockstetters Schergen ihnen nicht ohne Weiteres folgen konnten. Zu ihrer Erleichterung wies ihnen Alison den Weg zu einer Piratenkneipe.

Auf dem Weg dorthin kamen sie immer wieder an gemalten Wahlplakaten vorbei, die dafür warben, dass O’Donnell Bürgermeister werden müsse. Aha, hier versuchte er also auch sein Glück.

Die Kneipe war wirklich durch und durch eine Piratenkneipe, überall standen und saßen Menschen, die Lucie vorkamen, als seien sie als Statisten vom letzten “Fluch der Karibik”-Dreh übrig geblieben. Kaum hatten sie sich gesetzt, als auch schon eine junge Frau erschien, die vor jeden von ihnen einen Krug Bier stellen wollte. Ethan warnte sie, dass sie nichts davon trinken sollten, und auch nichts essen, falls sie danach gefragt würden. Denn das hier war eine Feenwelt, und etwas essen oder trinken konnte zur Folge haben, dass man nicht mehr nach Hause kam, oder erst in 100 Jahren. Lucie ertappte sich kurz bei dem Gedanken, dass sie beide Möglichkeiten attraktiver fand als ein Leben, in dem Leute wie Agent Cruz auf einen warteten. Aber in 100 Jahren war auch ihr Vater verstorben, so er denn noch lebte, und der Makel des Doppelmordes würde immer noch an ihr haften. Abgesehen davon war Bier Alkohol, und sie trank nicht. Niemals. Es würde ihr die Sinne vernebeln, die Wahrnehmung schwächen, und dann würde sie früher oder später dem FBI in die Falle gehen.

Die junge Frau erklärte ihnen jetzt, dass sie nichts trinken mussten, aber das Bier sollte stehenbleiben, denn ohne bei Getränk vor sich konnte man nicht hierbleiben. Seltsame Sitten pflegte das Feenvolk. Noch seltsamere, befand Lucie, als sie Alisons Geschichte hörte. Diese Welt innerhalb der Schneekugel war O’Finns persönlich Welt. Er holte die Leute hierhin, um sich von ihrer Lebenskraft und Kreativität zu ernähren. Davon wurden sie immer blasser und verblassten irgendwann ganz. Athol war eine Welt der Geschichten und voller Geschichten, und die Geschichte musste irgendwie enden. Mit einer Hochzeit, einer Hinrichtung oder einer Ehrung.

Gideon und Ethan fragten jetzt nach den anderen Leuten, die aus dem realen Athol verschwunden waren. “Oh, alle Leute hier kommen von wo anders. O’Finn muss sie alle hierhin geholt haben, um sich von ihrer Lebenskraft zu ernähren. Jake und Kate kenne ich nicht, die Stadt hat immerhin mehr als 10.000 Einwohner. Aber Mara Larkin, die kenne ich. Die ist unsere Bäckerin.” Ihre Augen leuchteten, und sie leuchteten zu Lucies Ungemach auch noch weiter, als sie von Donnie Bridger sprach. “Ja, den kenne ich.” Mädchen, er ist verheiratet. Und er wird bald Vater. Lass die Finger von ihm. Bitte. Das kann nicht gut ausgehen. “Er hat mich schon einmal vor Hockstetters Monstern gerettet. Aber ich glaube, er hat sein Gedächtnis verloren. Aber er ist so ein toller Typ.” Nein, ist er nicht. Er hat PTSD, und er hat eine Frau in der wirklichen Welt, die Angst vor ihm hat. Die bald sein Kind zur Welt bringen wird. Ach, Alison. Was würde ich noch einmal dafür geben, so unbeschwert zu lieben wie du.

“Alison, weißt du, wie wir wieder nach Hause kommen?” wollte Gideon dann wissen. Sie nickte eifrig. “Aber ja. Der Lord of the Green könnte euch nach Hause schicken. Aber er taucht nur auf, wenn es um eine Heirat, Ehrung oder Hinrichtung geht. Dann taucht auch das Town Green auf. Aber nur dann. Ohne solch einen Anlass kann man weder den Lord noch das Town Green finden.” Gideon lächelte erleichtert. “Na dann. Lucy, Ethan, wollt ihr nicht einfach so tun, als würdet ihr heiraten wollen?” Lucie sah erst ihn entsetzt an, dann sah sie zu Ethan. Heiraten, selbst zum Schein, war eine ernste Sache. Und überhaupt – sie kannte Ethan doch gar nicht. Aber der dunkelhaarige Mann schüttelte jetzt vehement den Kopf. Sicher hatte er eine Freundin oder Frau, die etwas dagegen hatte, wenn er eine wildfremde Frau einfach nur so zum Schein ehelichte. Aber was war mit Nick… Morrissey? Lucie erwischte sich bei dem Gedanken, dass die Idee einer Hochzeit mit Nick Morrissey etwas in ihr zum Kribbeln brachte. Nein. Nein! Nicht dieser Lackaffe. Dieser Journalisten-Darsteller. Wenn er kein Fed ist, dann Privatdetektiv. Mach dich nicht lächerlich, Beauchene. Privatdetektive klauen keine Goldklumpen.

Ethan murmelte sehr leise: “Bin schon vergeben. Nur nicht hier.” Lucies Blick ging zu Nick. “Willst du vielleicht zum Schein heiraten?” Der grinste jetzt ganz offensichtlich und meinte: “Ich bin noch nicht vergeben, falls du das wissen wolltest.” Lucie spürte, wie eine undamenhafte Röte ihre Wangen emporkroch. “Wollte ich nicht.” Wolltest du doch.

Um dem Heiratsthema zu entgehen, wandte Lucie sich wieder Alison zu. “Ich glaube, du und ich, wir sollten uns mal von Frau zu Frau unterhalten.” Das Mädchen sah sie unsicher an, und Lucie ergänzte schnell: “Wegen des Mobbings. Ich weiß Bescheid, und so kann das ja nicht weitergehen. Ich kann dir gerne zeigen, wie du dich gegen solche Leute wie deine Mitschüler zur Wehr setzt.” Im Frauenknast von Montreal lernte man recht schnell, sich zu behaupten. Keine Schwäche zeigen. Nett war draußen.

Lucies Blick fiel jetzt auf eine Piratin, die mit ihrer Mannschaft am anderen Tisch um die Wette becherte. Eine große Frau mit weißem Hemd, Ledermieder und langen Hosen, auf den dunklen Haaren trug sie einen Dreispitz. Sie schien geradezu zu leuchten, auch wenn ihre Aufmachung darauf schließen ließ, dass sie schon einige Zeit hier sein musste. “Das ist Captain Quincy,” flüsterte Alison. “Sie ist schon sehr lange hier.” Gideon runzelte die Stirn. “Aber verblassen die Leute nicht irgendwann? Und was passiert, nachdem sie… grau geworden sind?” “Dann verschwinden sie ganz. Aber vielleicht ist das gar kein so schlechtes Ende,” meinte Alison leise.

Gideon nickte, dann wandte er sich an die anderen. “Wir wollen wieder nach Hause. Wen nehmen wir mit? Alison? Donnie?” Alison nickte vorsichtig, aber das Problem, wie sie wieder nach Hause kamen, blieb. Nur der Lord of the Green konnte ihnen helfen, da waren sie sich einig, aber wie konnten sie eine Ehrung provozieren? Die Bürgermeisterwahl schien ja unmittelbar bevorzustehen, aber wann genau, das schien nicht festzustehen. Und die Zeit ging hier anders, hier war es immer Abend. Nick vermutete, dass irgendwann einfach die Trommeln gingen und dann gewählt wurde. Wann es O’Finn am besten passte.

Lucie schüttelte den Kopf. Das erinnerte sie alles irgendwie an den kleinen Hobbit. “Ich will doch keinem Drachen ein Arkenjuwel stehlen!” Alison kicherte. “Das hat Bilbo auch gesagt.” Nick strich sich nachdenklich über das Kinn, als er meinte: “Wir müssen eine Ehrung forcieren. Vielleicht eine holde Dame retten?” Er lächelte, aber Lucie war immer noch sauer auf ihn, weil er sich bei Alisons Rettung so vornehm zurückgehalten hatte. “Dann bekommst du schonmal nicht die Ehrung,” meinte sie spöttisch, und er nickte nur. Ihr Blick vorhin war ihm also aufgefallen.

Gideon stand auf und ging in der Kneipe herum, um zu fragen, wie Heiraten in Athol vor sich ging. Wie sich herausstellte, war das eine relativ einfache Sache: Man jubelte lediglich dem Brautpaar zu und bestellte das Aufgebot. Dann zog der Brautzug gemeinsam zum Town Green. Und wie stand es mit anderen Ehrungen? Sie konnten jemanden in den Fluss werfen und dann retten. Alison machte eine abwehrende Handbewegung. “Ich kann schwimmen,” erklärte sie. “Ich ebenfalls," ergänzte Lucie, "und in diesem Fummel will ich in keinen Fluss geworfen werden.” Sie sah an sich herunter. Mit einem Mieder und der Tournüre würde sie untergehen wie ein Stein, bevor auch nur einer der Herren sich ins Wasser gewagt hatte. Und wenn sie so schnell bei der Rettung waren, wie sie es bei ihrer Entscheidung für eine Ehrung waren, war sie Fischfutter, noch bevor sie einmal “Hilfe” gerufen hatte. “Was ist mit ihm?” fragte jemand und deutete auf Gideon. Der Rettungssanitäter hob abwehrend die Hand. “Nein, nein, hier geht es um Archetypen. Es muss eine Frau gerettet werden!” meinte er entschieden. Ethan sah ihn nur an und machte: “Eh!”, während Alison in ihrem jugendlichen Gerechtigkeitsempfinden Sexismus vermutete.

Lucie rollte die Augen. Offensichtlich war es den anderen nicht wirklich wichtig, dass sie hier wieder herauskamen, wenn sie erst noch solche Feinheiten diskutieren konnten. Sie sah zu Morrissey hinüber, der schmunzelnd das Geschehen betrachtete, aber keinerlei Anstalten machte, in das Gespräch einzugreifen. Sie nahm allen Mut zusammen und sprach ihn an. “Mr Morrissey, wollen Sie mich heiraten?” Er sah sie überrascht an, und sie setzte hastig nach: “Nur, damit wir hier wieder rauskommen.” “Ich mag Frauen, die schnell auf den Punkt kommen”, erwiderte er grinsend. “Wie könnte ich auch nein sagen bei einer so bezaubernden Dame und einem so hingebungsvollen Antrag? Also ja.” Lieber Gott, bitte mach, dass diese Ehe nirgendwo Gültigkeit erhält.

Kaum hatte Nick “Ja” gesagt, brach Gejubel aus in der Kneipe, und ein Hochzeitszug formierte sich um das Hochzeitspaar. Lucie lächelte, um das Spiel mitzuspielen, morgen hatte sie mit Sicherheit Muskelkater im Gesicht. Nick griff nach ihrer Hand, ebenfalls lächelnd, schließlich musste er einen überzeugten glücklichen Bräutigam geben. Der Hochzeitszug schlängelte sich durch die Stadt, immer mehr Leute schlossen sich ihm an, und so schob sich der Zug bis zum Town Green, eine große Grünfläche, in deren Mitte ein Maibaum und eine kleine Bühne standen. Lucie sah sich um, ob sie Ethan und Gideon sehen konnte, doch beide waren in der Menge verschwunden.

Auf dem Town Green begrüßte der Lord of the Green sie, der kein anderer war als der ehemalige Bühnenmagier und Ladenbesitzer Finlay O’Finn. Irgendwie war Lucie nicht wirklich überrascht, ihn hier zu sehen. Er bedeutete dem Brautpaar mit einem breiten Lächeln, auf das Podest vor ihm zu steigen. “Wie schön, dass unsere Neuzugänge sich schon entschlossen haben, den Bund der Ehe einzugehen!” Nur, bis wir hier raus sind. “Habt ihr denn etwas Neues dabei?” Bevor Lucie reagieren konnte, wies Nick auf sie und sich selbst. “Wie Sie eben bemerkt haben, sind wir recht neu.” Diese Aussage wurde vom Publikum mit Gelächter und Geklatsche quittiert. “Etwas Altes?” Lucie hob ihre rechte Hand, an deren Ringfinger der schmale Goldring ihrer Großmutter saß. Oh, Mamie, wenn du sehen könntest, was ich hier tue. Und warum ich das tue. Es tut mir so leid, Mamie. Ich hoffe, du weißt, dass ich den, der dir und Großvater das angetan hat, finden und zur Strecke bringen werde. Und dass er dann so leidet, wie ihr gelitten habt.

“Etwas Geborgtes?” Morrissey griff sich in die Tasche und holte den Goldklumpen hervor. O’Finn grinste, als er das sah, Lucie zog eine Augenbraue hoch. Borgen. Aha. So nennt man das also. “Und zuguterletzt: Etwas Blaues!” rief O’Finn. Lucie sah Nick an, doch der schüttelte nur den Kopf. Lucie sah sich suchend um, da wurde ihr aus der Menge ein blauer Schal gereicht, den sie sich um die Arme schlang.

In diesem Moment packte Ethan O’Finn, und Gideon presste ihm ein Skalpell an die Kehle. Eisen…? Nein, Skalpelle waren aus Edelstahl, erinnerte Lucie sich. “Du lässt jetzt augenblicklich alle, die nicht freiwillig hier sind, wieder gehen,” flüsterte Gideon dem kleinen Mann ins Ohr. Doch der ließ sich nicht einschüchtern. “Entschuldigen Sie, mein Herr, dies ist eine Hochzeit!” erklärte er empört, während sich im Publikum ein Gemurmel ausbreitete angesichts der Unterbrechung. Lucie erkannte unter den Verstimmten auch Donnie Bridger, den Ex-Soldaten. “So, darf ich das hier jetzt vielleicht zu Ende führen?” wollte O’Finn von Gideon wissen, seine Stimme klang etwas ungehalten. In diesem Moment brach hinter der Bühne ein Tumult aus, und Lucie sah nur kurz, dass Donnie Bridger sich inzwischen zu Ethan und Gideon vorgearbeitet hatte. Es gelang ihm nicht, die beiden zu überwältigen, aber Ethan löste seinen Griff um O’Finn ein wenig, doch er ließ ihn nicht los. “Ich verheirate noch eben diese beiden Hübschen hier, und dann reden wir über alles, wie ist das?” meinte der kleine Magier mit einem gewinnenden Lächeln, doch das prallte an Ethan ab. O’Finn wandte sich jetzt wieder Nick und Lucie zu, erzählte noch etwas von den Freuden der Ehe und der Verantwortung, und Lucie überlegte kurz, ob sie nicht einfach anfangen sollte zu lachen. Aber dann kam der Moment der Wahrheit. “Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau.” Er machte eine Pause, dann zwinkerte er Nick zu. “Sie dürfen die Braut jetzt küssen.” Lucie zog eine Augenbraue hoch, doch bevor sie irgendetwas erwidern konnte, hatte Nick sie um die Hüfte gepackt und bog sie wie in einem Tangoschritt nach hinten. Seine Lippen trafen ihre, und für einen kurzen Moment war sie versucht, ihn von sich zu stoßen. Aber es musste echt aussehen, und… verdammt, der Kerl konnte wirklich gut küssen. Sie schloss die Augen und erwiderte den Kuss. Jubel brandete im Publikum auf und es wurde geklatscht und gepfiffen. Anscheinend hatte ihre Performance überzeugt.
Nick löste sich wieder von ihr – nein, nicht aufhören – und stellte sich neben sie auf das Podest, den Arm immer noch um ihre Taille gelegt. O’Finn lächelte zufrieden und warf etwas in die Luft, das aussah wie glitzerndes Konfetti, aber tatsächlich waren es Kleeblätter. Lucie bemerkte, dass die glänzenden Blätter überall an ihr hängen blieben, in ihren Haaren, in ihrem Ausschnitt, in den Falten des Kleides, doch an Nick schienen sie abzuprallen, als sei er von einem unsichtbaren Schutzschild umgeben. Nanu? Hast du es dir anders überlegt, Morrissey? Willst du mich doch nicht? Aber wahrscheinlich küsst du jede Frau so, die dir begegnet, irgendwoher muss die Übung ja kommen.

“So, jetzt können wir vielleicht wie zivilisierte Menschen miteinander reden.” O’Finn drehte sich nach Ethan und Gideon um, und Ethan zögerte kurz, aber dann ließ er den kleinen Mann los. “Lass uns gehen,” forderte er dann. Dann machte er eine kurze Pause und fuhr fort: “Und alle, die wollen, auch. Versprich es.” Sein Blick streifte über das Publikum und blieb an Donnie Bridger hängen. “Mit zurück?” fragte er. Der ehemalige Soldat nickte. “Ich hab hier keinen Frieden gefunden. Und ich will auch bei Alison bleiben.” Er warf dem Mädchen einen Blick zu, der bei Lucie alle Alarmglocken zum Klingeln brachte. Nein, Junge. Das ist das falsche Mädchen. Die richtige sitzt zu Hause und bringt bald dein Kind zur Welt. Wenn du abhaust, bist du nichts weiter als ein Feigling.

Plötzlich gab es einen kurzen Tumult in der Menge, als diese sich teilte, und zwischen den Menschen der Stadtrat O’Donnell hervorkam. “Ich will auch mit!” verkündete er. Lucie zog eine Augenbraue hoch. “In Athol bin ich schon Stadtrat, und hier muss ich gegen diese alte Schabracke Mara Larkin antreten.” Er sagte das in einem Tonfall, der vermuten ließ, dass es unter seiner Würde war, gegen eine alte Frau anzutreten. “Ich komme auch mit. Ich muss mir diese Welt da draußen doch mal ansehen,” meldete sich jetzt eine Frauenstimme. Captain Quincey sah O’Finn und Ethan herausfordernd an, doch offensichtlich hatte niemand etwas dagegen, dass die Piratin die Gruppe begleitete.

“Lässt du uns jetzt gehen?” fragte Ethan nochmal, und O’Finn machte eine abwertende Handgeste. “Jajaja. Haut bloß ab. Vor allen Dingen dieser Oger da.” Mit diesen Worten deutete er in Richtung Gideon. “Nichts für ungut,” murmelte Ethan, “will nur nach Hause.” O’Finn schnaubte nur ungehalten bei diesen Worten. “Jaja. Jetzt husch, husch, ab.” Er wandte sich dem Maibaum zu und vollführte eine Geste mit den Händen, woraufhin sich die Bänder am Baum bewegten. Sie wurden bunt und bildeten eine Art Pfad, auf den der kleine Mann jetzt deutete. “Husch. Dadurch.”

Sie betraten den Pfad, und für einen kurzen Moment verschwamm wieder alles um Lucie herum. Das Licht wurde anders, kühler… echter. Plötzlich standen sie alle wieder im Laden, oder vielmehr in dem leeren Ladenlokal, das einmal das Magical Emporium gewesen war. Es war dunkel und staubig, so als stünde der Laden schon seit langer Zeit leer.

Lucie sah sich um. Sie trug wieder ihre Jeans, das graue T-Shirt und die Bikerstiefel. Auch die anderen trugen wieder ihre normale Kleidung. Ihr Blick wanderte über die Gruppe, aber sie war vollzählig: Ethan, Gideon, die drei Flüchtlinge, Maggie und – Nick. Sie spürte, wie etwas in ihr einen kleinen Sprung tat, als sie ihn ansah, und er ihr aufmunternd zulächelte. Dann deutete er auf etwas, und sie stellte fest, dass sie immer noch den blauen Schal aus der Feenwelt in der Hand hielt. Something blue. Das ist also alles, was geblieben ist. Schade eigentlich.

Maggie trat jetzt auf Alison zu und erklärte, sie wolle sie begleiten. Lucie lächelte der Piratin zu, und die verstand. Sicher konnte sie der Kleinen auch beibringen, wie man sich gegen seine Klassenkameradinnen zur Wehr setzte. Donnie hingegen stand etwas unschlüssig im Raum, bis Gideon auf ihn zuging und sich leise mit ihm unterhielt. Lucie konnte nicht hören, worum es ging, aber sie vermutete, dass es auch um seine Ehefrau und das gemeinsame Kind ging. O’Donnell sah sich nur kurz um, dann verschwand er hastig aus dem Laden. Ethan holte sein Telefon hervor und vertiefte sich in seine Nachrichten.

Lucie sah Nick unsicher an, aber er lächelte nur. “Kaffee?” fragte er dann und hielt ihr wie ein altmodischer Gentleman den Arm hin, “immerhin sind wir verheiratet.” Alles nur ein Spiel. Für dich ist alles nur ein Spiel, nicht wahr, Morrissey? Das ganze Leben ist ein Spiel, und ich bin ein hübscher Gewinn in einer Partie Poker, nicht mehr. Aber sie sagte nichts, sondern nickte nur.

Er führte sie zu seinem Auto – eine schwarze Corvette, wie könnte es anders sein. Als sie im Stadtzentrum hielten, entschuldigte er sich kurz, er müsse noch etwas erledigen. Lucie ging nervös auf und ab, es schienen Stunden zu vergehen, ehe Nick zurückkam. Doch er kam, und gemeinsam betraten sie das Café. Verlegen schweigend saßen sie da, bis Lucie es nicht mehr aushielt. “Ich muss los,” meinte sie. Nein, ich will hierbleiben, und alles von dir wissen. Warum ausgerechnet du, von allen Männern, die mir jemals in meinem Leben begegnet sind? Er nickte und zahlte, dann gingen sie hinaus.

Sie verabschiedeten sich mit einer vorsichtigen Umarmung, dann ging Lucie zu ihrem Motorrad. “He, Lucy.” Sie drehte sich noch einmal um, als Nick nach ihr rief. “Hier, fang!” Er warf ihr einen Gegenstand zu, und Lucie fing ihn geistesgegenwärtig auf. “Für dich,” meinte er nur und grinste, dann stieg er in seine Corvette. Lucie überlegte kurz, ob sie zu ihm hinübergehen sollte, ihn bitten, dass er nicht fuhr. Beauchene, du kennst den Kerl gerade mal einen Tag lang. Sei nicht dumm und gib alles auf für ein Paar schöne braune Augen und ein nettes Lächeln. Solche Typen gibt es überall.

Als das Auto verschwunden war, warf sie einen Blick auf das, was er ihr zugeworfen hatte. Es war ein Kästchen. Ein kleines schwarzes Kästchen, bezogen mit einem samtähnlichen Stoff. Nein. Hatte er..? Sie öffnete es vorsichtig. Etwas funkelte ihr entgegen, und augenblicklich schlug sie das Kästchen wieder zu.

Fuck.

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Timberwere

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