Mädchenkram - Supernatural

Night Hag

Pemkowet Night Hag -Teil 2

Das Telefonat am nächsten Morgen geht so mittelgut. Besser als erwartet. Wir sind schrecklich höflich zueinander, sogar ehrlich besorgt, auch wenn es nicht ohne ein paar Stiche dahin, wo’s wehtut, abgeht. Clara ist wieder im Spiel. Doktor Clara. Ich schweige mich aus. Was soll ich auch dazu sagen? Wir sind geschieden. Charles ist erwachsen.
Dann sprechen wir über das wirklich Wichtige. Lyle, die Sekten, Engel, Dämonen, Höllentore, die Apokalypse. Ian.
Sieht so aus, als müsste ich wirklich einmal wieder Heimaturlaub machen. Familienrat. Mutter und Howard dazu bringen, dass sie beide gleichzeitig wollen, was ich will. Großartig. Bei dem Plan kann gar nichts schiefgehen.
Ethans Fluch und die Night Hag spreche ich auch an. Nicht, dass ihm noch langweilig wird bei all dem religiösen Kram. Die Zeit drängt zwar, aber falls er auf der Suche nach Höllentoren auch über diese Informationen stolpert, will ich nicht darauf verzichten.

Den Rest des Tages grüble ich beim Binsenflechten darüber nach, was er mir verschwiegen haben könnte, und frage mich, ob ich zuviel in seinen Tonfall hineininterpretiert habe.

Es dauert länger, als ich dachte, bis eine erneute Meldung von Charles kommt. Mehrere Tage, während derer wir selbst recherchieren, St. Brigid’s Crosses basteln und versuchen, ein System in den Alpträumen einer ganzen Kleinstadt zu erkennen, sprich unsere Zeit verschwenden. Wer empfänglich für Übersinnliches ist, rennt auch Cas für die Binsenkreuze den Laden ein, der sich schrecklich sorgt, weil er nicht die Qualität bieten kann, die er gerne abgäbe. Der Süße.

Julianna hat ein Zimmer über Mitchells Laden, wir drei Jäger in dem B&B der jungen Dinah Carpenter, “The Hunter’s Lodge”. Die räumliche Nähe führt dazu, dass wir uns zu jeder Zeit sehen und unsere mageren Ergebnisse besprechen können. Mit der Zeit werden diese Unterredungen immer ungeduldiger. So wie wir bisher vorgehen, wird das nichts. Ich mache mir Sorgen, dass ich Harris zu lange alleine lasse. Zum Monatsersten sollte ich wieder zuhause sein, um Reis und Sake auszutauschen. Flann hat auch schon fallenlassen, dass ihm das Kleinstadtflair zu harmonisch ist. Schön ausgedrückt.

Dann kommt endlich eine e-mail von Charles, eine sehr hilfreiche:

Liebe Irene,

in unserem letzten Telefonat batest Du mich um Informationen zu einem Phänomen mit dem Namen “Night Hag” oder wie ich herausfand auch “Old Hag”. In erster Linie ist es eine im Volksglauben verbreitete Erklärung für eine Schlafstörung, die sich “Schlafparalyse” nennt. Aber da Du bereits angabst, jenseits der ersten Einträge einer Internetsuche Wissen sammeln zu wollen, erspare ich das Darlegen weiterer Details.

In einigen alten Aufzeichnungen in unserem Archiv fand ich etwas sinnvolles, von dem ich Dir berichten möchte.
Es scheint in der Tat so zu sein, dass es ein Wesen, dessen Natur wohl durch die Zugehörigkeit zum Winterhof der Feen beschrieben wird, diesen Zustand auslösen kann. Es wird in einigen Kulturen anders beschrieben, aber in der angelsächsischen scheint es verbreitet besagte alte Frau mit langen Haaren und schwarzen Krallen zu sein.

Ein Schutz vor einem solchen Wesen ist möglich. Es tritt nur für denjenigen physisch in greifbare Erscheinung, in dessen Traum es sich bewegt. Sie (oder es) ernährt sich von der Furcht und der Todesangst der Opfer, auch wenn sie/es nicht deren Tod beabsichtigt. Dennoch gibt es immer wieder Berichte von im Schlaf verstorbenen, meist gesundheitlich angeschlagenen Personen.

In den Unterlagen zu den Hexenprozessen in Salem fand ich eine Referenz, dass es durchaus möglich ist, eine “Night Hag” über einen Hexenfluch auf ein bestimmtes Opfer zu lenken. Dies ist eine Möglichkeit, wie ein träumender Mensch von diesem Wesen belästigt werden kann.
bq). Eine weitere scheint deutlich unberechenbarer zu sein.
Feenwesen im Allgemeinen halten sich an einen strengen Verhaltenskodex. Ohne – wie zum Beispiel über besagten Fluch – oder andere Umstände eingeladen zu werden, können sie ein Gebiet nicht betreten. Dort befällt die Night Hag Menschen mit besonders starken Alpträumen, deren Ursache weder ein Fluch noch das Feenwesen selbst sein muss.

Das ist nun aber zugleich der Schlüssel zu der Möglichkeit, die ich zur Bekämpfung dieses Wesens recherchiert habe.
In einem alten Notizbuch deiner Vorfahrin Lady Grace fand ich einen Weg, wie eine Night Hag verbannt werden kann. Eine komplette Bekämpfung oder ein Vernichten dieses Wesens scheint nicht bekannt. Zumindest fand ich keinen Hinweis darauf. Hier muss ich Dich leider enttäuschen. Da sie eine reine Traumgestalt ist, wird es unmöglich sein, sie mit kaltem Eisen zu konfrontieren, dem einzigen, was meines Wissens nach wirklich gegen ein Feenwesen tödlich wirken kann.

Also bleibt eine Bindung und eine anschließende Verbannung als realistischste Möglichkeit übrig.

Um dies zu bewerkstelligen, muss sie in einen Traum gelockt werden und es muss dem Träumer gelingen, den eigenen Alptraum zu verlassen, um sich ihrer bewusst zu werden. Ein Unterfangen, von dem ich in höchstem Maße abraten möchte. Aber ich befürchte, mein Hinweis an dieser Stelle wird von Dir geflissentlich ignoriert.

Nun gut. Hat der ursprüngliche Träumer den Zustand erreicht, so weit aus dem Traum gestiegen zu sein, um sie zu bemerken und hat er oder sie die Möglichkeit, sich aus der Paralyse zu befreien, muss er folgende Dinge tun:

Eine Night Hag kann nur mit ihrem eigenen Haar, einem einzelnen, hier in einem sogar höchst wörtlichen Sinne, gebunden werden. Lady Grace berichtet von einem dreifachen Knoten, der nötig ist und das Haar muss um ihren Hals gelegt sein. Ist das erfolgt, so muss das Wesen nach den Gesetzen seiner Feennatur den Befehlen des “Binders” folgen.
Ein Bann scheint mir hier angebracht. Die Formulierung sollte allerdings wohl gewählt sein.

Da ich in den folgenden Tagen nicht im Anwesen sein werde, sondern mich auf einer kurzen Reise befinde, rechne nicht mit weiteren Antworten. Ich habe sämtliche Details, die ich zusammentragen konnte sorgfältig hier zusammengeschrieben.

In der Hoffnung, dass Dein Vorhaben nach Deinen Vorstellungen gelingen möge,

Charles

In der letzten Zeit haben wir in der Lodge mitbekommen, dass der siebenjährige Nachbarsjunge von Alpträumen aufgewacht ist. Wir müssen das Tempo anziehen. Wer weiß, was die Fee bei so einem Kind alles im Kopf kaputtmacht.
Julianna überlegt laut, dass Kinder ja Alpträume nicht so schlimm erleben würden, eher als Abenteuer, und deshalb besser geschützt sein könnten. Chloe schnaubt. Mich macht das ziemlich fassungslos. “Du musst ein glückliches Kind gewesen sein.”
Das bringt die junge Hexe zum Schweigen.

Ich bin es leid, um den heißen Brei herumzutanzen. Julianna hatte jetzt reichlich Gelegenheit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie vielleicht einem von uns gezielt die Hag auf den Hals hetzen muss, damit wir diese aus Pemkowet entfernen können. Sie soll sich nicht so anstellen und sich einen ordentlichen, berechenbaren Fluch überlegen. Wir können doch hier nicht bis in alle Ewigkeit sitzen und hoffen, dass die Alte sich zufällig für einen von uns interessiert, wenn der gerade träumt. Ich für meinen Teil träume sowieso fast nie. Dabei wäre es das Sinnvollste, wenn jemand der Träumer ist, der sich seiner Haut auch erwehren kann, also am besten Flann oder ich, und nicht ein zufälliger Schläfer. Cas kann uns in einem Traum zusammenbringen, aber er wird sich bedanken, wenn wir das von ihm für die folgenden X Nächte verlangen.
Doch Julianna weigert sich vehement, versucht andere Strategien ins Spiel zu bringen. Allesamt zu ungenau und langwierig. Woher sollen wir denn wissen, wo die Night Hag als nächstes auftaucht?

Aber irgendwer muss sie ja eingeladen haben, weicht die Hexe aus, vielleicht kann man aus demjenigen rausbekommen, auf wen er sie eigentlich loslassen will. Ja. Wenn man denn überhaupt herausfinden könnte, wer das ist. Casimir war ja auch schon ganz wütend darüber, dass irgendjemand die Hag in seine Stadt hereingelassen hat. Und vielleicht kann derjenige auch die Fee auf bestimmte Personen lenken? Dann würde derjenige fluchen, nicht Julie. Mit dem Gedanken, dass ein anderer die Schuld auf sich lädt, kann sie wohl schon leben.
Wichtig für uns wäre eben, dass wir gezielt und vorbereitet in den Alptraum gehen können und die drei Unterstützenden dem Träumer dabei helfen können, sich von dem Traum zu lösen, damit dieser die Fee angreifen kann.

Chloe versucht noch einmal, bei Julianna durchzudringen. Ob das Retten von Menschenleben nicht viel wichtiger sei als so ein Fluch? Das wäre doch für eine gute Sache!
Julie findet das nicht: eine gute Sache mag es schon sein, aber dann ist heute die Gute Sache das Retten von Menschenleben und morgen die Gute Sache das Verbessern der Gesundheit und übermorgen die Gute Sache das Erleichtern des Lebens, und ehe sie es sich versieht… nein!

Der einzige Kompromiss, den sie akzeptieren würde, wäre es, einen Fluch auf sich selbst zu sprechen, und nicht mal das sollte sie machen. Ich frage mich, was die Kleine für einen Selbsthass hat. Oder was für ein Selbstbild. Denn dann wäre sie im Kampf mit dem Biest, und wir anderen könnten nur tatenlos zusehen. Ich bin die beste Kämpferin hier. “Na und”, meint Julie. Sie richtet den Fluch trotzdem höchstens auf sich selbst, es kommt für sie nichts anderes in Frage. Sie verdrängt offensichtlich mit aller Macht, dass sie das wahrscheinlich gar nicht so machen kann. Flüche brauchen einen ganzen Haufen negative Emotion. Und Überlebensinstinkte sind in der Regel stärker als vorübergehende Schuldgefühle.
Um ihr zu beweisen, wie kindisch sie ist, hole ich sie mit einem einfachen Wurf von den Füßen, setze mich auf sie und fordere: “So, und jetzt reiß mir mal ein Haar aus!” Erstaunlicherweise gelingt es ihr tatsächlich. Damit habe ich jetzt nicht gerechnet.
“Du meinst es wirklich ernst, oder? Das hilft uns aber nicht weiter.”
Ich glaube schlichtweg nicht, dass sie es schafft, sich selber zu verfluchen. Sie will anders nicht vorgehen, bleibt bei ihrem Schwur, von dunkler Magie die Finger zu lassen, und rennt schließlich heulend davon. Gut, vielleicht hilft ihr Alleinsein beim Denken und sie kommt zur Vernunft.
Als sie zurückkommt, ist sie zwar gefasster, sagt aber immer noch, dass es ein Todesurteil für sie wäre, wenn sie es täte. Auf Chloes Frage, wer das denn ausspricht, muss ich zugeben, dass die Sorge nicht unberechtigt ist.
“Ziemlich viele Leute tun soetwas.” Ich würde mich nicht einmal wirklich von dieser Personengruppe ausnehmen.
Das merkt Julianna wohl auch. Aber vielleicht lebt sie ja eh nur auf geborgte Zeit, überlegt sie laut, vielleicht war diese geborgte Zeit nur, um genau jetzt genau dies zu tun, aber sie hat einen Schwur geleistet, und solange sie sich nicht ganz, ganz, ganz sicher ist, dass es keinerlei, wirklich keinerlei, Alternative gibt, wird sie das nicht tun, und vermutlich nicht mal dann. Super. Zurück zum Anfang.

Was, wenn das Fluchopfer sie explizit darum bittet, es zu verfluchen? Nicht mal dann, und vielleicht wirkt es dann ja gar nicht mehr, weil es kein echter Fluch mehr ist. Da gesteht die Kleine sich dann auch endlich ein, dass sich-selbst-verfluchen wahrscheinlich genausowenig ein echter Fluch ist und vermutlich gar nicht wirken wird.

Es bleibt beim Patt. keine Seite will sich rühren. Julianna sucht immer noch verzweifelt nach Alternativen, wie zum Beispiel dem Auslöser, dem Einlader. Und sie findet ihn. Nachdem sie nocheinmal unterwegs war, erzählt sie uns beim Zurückkommen, wie sie so durch die Hauptstraße gegangen ist und auf den ganzen Geschäften diese Tourismus-Marketing-Aufkleber gesehen hat, da fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen: “EVERYONE is Welcome to Pemkowet!” Und ich muss ihr Recht geben. Die Leute sind so unerträglich nett hier. Ich glaube, die meinen das so.

Da ist also die Erklärung, wie die Night Hag in die Stadt kam, aber das macht es nicht besser, weil es jetzt niemanden mehr gibt, den man finden und ausfragen kann. Julie hat sich mit ihrem Fund selber ein Bein gestellt und ist noch deprimierter als vorher.
Den Nachbarsjungen wollen wir auch lieber nicht befragen, wie seine Alpträume waren, weil wir Angst haben, dass er dann erst recht von der Fee träumt.

Ich versuche es mal auf die einfachste Art und spreche laut eine Einladung an die Night Hag aus. “Komm doch und koste mal von meiner Furcht!”
Könnte ja klappen.

Chloe bringt mich schließlich auf die richtige Idee. Die Frau ist gut. Beim Brainstorming über Alternativen spielt sie mit dem Gedanken herum, dass wir uns durch Drogen besonders starke Alpträume verursachen könnten, um die Night Hag auf uns aufmerksam zu machen und ist auch sofort bereit, das auszuprobieren. Ich will schon abwiegeln, dass auch das wieder nur ein Schuß ins Blaue ist, als mir der Schwarze Mann einfällt. Wenn ich im vergangenen Jahr einen richtig üblen Alptraum hatte, dann auf Hawaii. Die Mischung aus dem Beruhingungsmittel, einer Überdosis Epinephrin und Alkohol hat mich ordentlich gebeutelt.
Ich gebe meinen Mitstreitern einen kurzen Abriss der Geschichte und schlage vor, dass wir es mit Adrenalin versuchen könnten. Es müsste nur sichergestellt sein, dass wir einschlafen können bzw. nicht gleich davon aufwachen, wenn wir uns damit vollpumpen. Kein Problem, meinen Chloe und Julianna. Einen Schlaftee, der uns ordentlich runterfährt, kann Mitch zusammenstellen, Cas kümmert sich darum, dass wir den gleichen Traum erleben und mit Epinephrin gefüllte Insulinpumpen sorgen dafür, dass wir alle gleichzeitig Herzklopfen kriegen. Dass muss doch funktionieren. Ich finde den Plan ausgezeichnet.

Gesagt, getan. Casimir stimmt zu, uns zu unterstützen, nachdem er sich über die Aufkleber des Tourismusbüros ausreichend aufgeregt hat. Diese Amanda Blake, die den Einfall zu dem Slogan hatte, wird sich in nächster Zukunft einiges von ihm anhören dürfen. Ihre Familie ist eine der Ältesten am Ort. Sehr viel Grund und Boden gehört den Blakes. Gut möglich, dass dieses Zusammenspiel die Einladung so universell wirksam gemacht hat.

Die Apotheken der Stadt machen gute Geschäfte mit uns. Dinah stellt uns ihren Dachboden zur Verfügung, damit wir beim Einschlafen eine schöne, gruselige Atmosphäre haben – naja, was sich die Mädels so unter gruselig vorstellen. Ich verkneife mir ein Augenrollen beim Zusehen, wie Chloe irgendwelche Elemente anbringt, die sie für furchterregend hält. Flann stellt sich beim Anlegen der Adrenalinpumpe an wie ein Mädchen. Ms. Bush hilft ihm und sorgt damit für enttäuschte Blicke bei Julianna und Casimir. Ich wickle mich schon einmal in meine Decke, enger, als ich es normalerweise angenehm finde, und denke an die Höhle mit den Gevaudanwölfen, Marcus DeVries und die kommende Apokalypse.
Wenig später kommen auch die anderen zur Ruhe. Wir liegen Kopf an Kopf in einem Kreis aus Eisenspänen, den Flann fast fertig gezogen hat, damit ihn Cas schnell schließen kann, wenn er merkt, dass die Furchtfresserin da ist, werden schläfrig. Das Messer aus kaltgeschmiedetem Eisen werfe ich nach kurzer Überlegung doch wieder aus dem Kreis. Ich will nicht im Schlaf versehentlich einen unschuldigen Menschen abstechen, weil das Adrenalin meine natürliche Schlaflähmung überwindet. Neben mir werden die Atemzüge ruhiger.

Abgelenkt von meinen düsteren Gedanken, bemerke ich erst nach vielen Schritten, wohin ich eigentlich laufe. Ich befinde mich in einem Gang, den ich kenne und doch wieder nicht. Es riecht nach Holz und abgestandener Luft. Winslow Manor. Der Archivkeller. Ganz vorne am Ende des Gangs sind die Erbstücke, die besonders sicher weggeschlossen wurden. An den Wänden hängen Bilder. Zunächst erscheinen die Porträts verschwommen. Irgendwelche Verwandtschaft. Je näher ich aber jedem einzelnen Bild komme, desto klarer sehe ich die Gestalten, die mich im Wachen und im Schlafen in Aufruhr bringen. Onkel Howard. Ian. Charles. Vater. Keiner sieht glücklich aus. Ihre Augen folgen mir. Sie scheinen auf etwas zu warten. Ungeduldig. Sie erwarten irgendetwas von mir. Etwas, das ich tun soll? Ich stelle mich vor das Porträt von Ian. Er betrachtet mich von oben herab und schüttelt enttäuscht den Kopf. Dann Charles. Der trommelt sachte mit den Fingern auf den Rahmen. Emotionen laufen in Wellen über sein Gesicht. Hoffnung, Trauer, Sehnsucht, Leid, Kränkung, mehr Trauer. Enttäuschung. Vater sieht mich direkt an. Vater. Sorgenfalten haben sich tief in seine Stirn gegraben. Vater. Sein Blick trifft mich ins Mark. Grimmig und ebenfalls enttäuscht. Eine Uhr tickt.

Ohne sie zu sehen, weiß ich, dass Flann, Chloe und Julianna mit mir hier sind. Sie sehen, was ich sehe, und fühlen, was ich fühle. Ich frage mich, woher Flann weiß, wer die Leute auf den Bildern sind. Nein, Flann fragt sich das. Oder Julianna. Am Steuer scheine ich selbst zu sitzen. Jedenfalls glaube ich, dass ich ich bin. Ich gehe den Gang hinunter, dorthin, wo die gefährliche Beute lagert, auch wenn ich ahne und nicht wissen will, wen das nächse Bild zeigt. Bis zur ersten Tür, dann bin ich Chloe, beobachte mich selbst von außen. Chloe öffnet die Tür und ich werde wie an einem unsichtbaren Band hinterhergezogen.

Der Raum ist strahlend hell erleuchtet, sanfte Musik klingt mir entgegen. Loungemusik, wie sie meine Eltern gern zu ihren Dinerparties spielen. Chloes Eltern. Das nächste an Adel, was die Südstaaten zu bieten haben. Elegant gekleidete Menschen sitzen an weiß gedeckten Tischen, trinken Champagner und Cocktails. In mir erwacht das überwältigende Bedürfnis zu fliehen, während ich ein gezwungenes Lächeln aufsetze. Blicke richten sich auf mich, Augenbrauen heben sich, Getuschel bricht los, gerümpfte Nasen. Mir schwant Übles. Ich will fliehen und weiß, dass ich nicht rückwärts kann. Flann sieht an sich herab. Ich bin unbekleidet. Natürlich bin ich das.
Chloe fasst sich ein Herz, strafft die Schultern, geht in all ihrer nackten Würde auf einen Tisch zu, um die Gäste zu begrüßen. Noch während sie den ersten Schritt macht, wechselt die Szenerie.
Üble Erinnerungen erwachen in mir, in Julianna. Chloe steht in einem großen Raum vor einer Bühne mit Beamer, Flipchart und Mikrophon. Alles, was je im investigativen Journalismus Rang und Namen hatte, ist anwesend und erwartet ungeduldig ihren Vortrag. Noch bevor sie den ersten Schritt zum Rednerpult tut, kommen die abwertend-skeptischen Rufe: “Mach schon, Mädchen."
“Worauf wartet sie denn?”
“Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.”
“Traut sich wohl nicht!”
“Hat offenbar nichts zu sagen.”
Fingertrommeln begleitet ihren Weg auf die Bühne.
Chloe beginnt, eine Rede zu halten, aber kein Ton kommt aus ihrem Mund. Ihre Augen werden groß und größer, die Lippenbewegungen hektischer. Kein Laut dringt hervor. Kichern, Lachen, Getuschel im Publikum. "Habsjagewusst”.

Ich möchte Chloe Mut zusprechen, doch ich kann mich nicht von meinen Schienen lösen. Meine Zunge will sich nicht bewegen.
Julianna hingegen schafft es. Sie kennt ihre eigene Schwäche und überwindet sie, geht zu Chloe hin, stellt sich neben sie, legt ihr die Hand auf den Arm und feuert sie an. Chloe kann sie zwar nicht sehen, aber spüren. Auch ich spüre sie, distanzierter. Ich verstehe es langsam zwischen mir und den anderen zu unterscheiden.
Flanns Gedanken streifen mich: “Versuch stark zu sein, Chloe!”
Julianna flüstert: “Du kannst das!”

Chloe bebt am ganzen Leib. Die Zuhörer zeigen auf etwas hinter Chloe. Lachen, tuscheln, machen sich lustig über ihren Vortrag. Ich richte meine Aufmerksamkeit auf die Leinwand und merke, dass Chloe eine Präsentation über die Dinge gehalten hat, die sie in letzter Zeit mit eigenen Augen gesehen und durch den Sucher ihrer Kamera identifiziert hat. Das Publikum lacht schallend. Chloe wünschte, sie wäre tot. Julie umarmt sie.

Dann sind wir alle wieder im Korridor, gezogen von einem unsichtbaren Faden. Die Uhr tickt.
Flann ist ein wenig ängstlich, was uns jetzt bevorsteht.
Ich strecke den Arm rings um mich aus, erreiche aber niemanden.
Chloe folgt Julianna und legt ihr eine Hand auf die Schulter.
Julianna geht zögernd weiter

Der nächste Raum ist Julies. Sie sieht lauter Blumentöpfe in einem Regal, das endlos nach oben geht. Unzählbar viele, alles Schicksale, die an ihr, an ihren Taten, hängen, und es sind viele der Pflanzen tot, abgestorben. Durch Julies Schuld. Ihr Schrecken wirbelt durch mein Hirn. Sie fängt verzweifelt an, umzugraben, Wasser auf vertrocknete Wurzeln zu gießen, umzutopfen. Chloe fragt, was das ist. Julie antwortet, dass es Leute sind, vergebene Chancen. So viele. Ist das wirklich alles ihre Schuld?
Ich starre mit feuchten Augen an dem Regal nach oben. Meine Finger wollen sich daran erinnern, wie es ist, ein zartes Pflänzchen umzusetzen, und bleiben dennoch wie gelähmt. Wie gelähmt…
Flann beobachtet Julie, schätzt sie ein, analysiert ihren Schmerz, kommt dann zu ihr und legt ihr die Hand auf die Schulter. Ich kann ihn und Julianna jetzt als zwei verschwommene Gestalten sehen. Unsere Gedanken lösen sich stärker voneinander, je mehr einzelne von uns ihre Passivität überwinden.
Ich schlinge fröstelnd die Arme um mich.
Chloe versucht vergeblich, auf Julianna zuzugehen. Sie sehe ich noch nicht so klar, spüre sie mehr. So wie sie mich.

Flann dringt zu Julie durch. Dank seiner Hilfe reißt sie sich doch irgendwie zusammen und nimmt das Schicksal an, dass sie nicht mehr alle retten kann, legt die toten Kräuter vorsichtig ab und päppelt das noch zu rettende Grün auf. Gemeinsam werden wir wieder auf den Gang herausgefahren.

Die nächste Tür übt einen Sog auf Flann aus.
Ich erinnere mich an einen Plan, den wir gefasst hatte, damals, als wir uns noch nicht kannten. Wir hatten beschlossen, Tee zu trinken und gemeinsam zu träumen. Der Plan war, dass man sich aus dem Traum lösen soll, um irgendetwas zu tun. Ja, ein Monster zu bekämpfen. Welches Monster, würde der Alptraum zeigen, wenn man sich aus ihm herausgeschält hätte. So oder so ähnlich wollten wir es anstellen.
Ich versuche, im Korridor in die andere Richtung zu gehen. Das unbarmherzige Gummiband in meinem Rücken zieht mich zu Flann. Ich kann mich nicht einmal umdrehen.

Flann wendet sich an Julie: "Was du gleich sehen wirst, nichts, nichts davon stimmt, es ist alles eine Lüge!” Er ist der Hysterie nahe. Julianna schaut ihn an, ein wenig verwirrt, nickt aber.
Inzwischen sehen wir uns alle völlig klar. Die Uhr tickt weiter.
Julianna flüstert: “Okay…” und drückt seine Hand.
Chloe macht ein Gesicht, als hätte Flann ihren Journalisteninstinkt geweckt. "In jedem Alptraum steckt ein Kern Wahrheit.”

Eine schwere dunkle Stahltür trennt uns von Flanns Raum. Er ist inzwischen völlig panisch und stürzt trotzdem darauf zu wie ein Ertrinkender. Seine Hand zittert, als er die Klinke greift, er lehnt sich gegen die Tür und … drückt die Klinke herunter.
Hitze.
Ein Nachtclub.
Einer von denen, in die nur ganz eingeweihte Kreise hineinkommen. Es ist voll und laut. Stroboskoplicht. Mitreißende Musik. Zuckende Leiber. Ein Lichtkegel ist auf die Mitte gerichtet, wo man erkennen kann, dass die Tänzer einen Kreis um die Helligkeit bilden. Flann will dort offensichtlich nicht hin, ahnt, was da ist, muss aber doch mit eigenen Augen sehen.
Ich konzentriere mich auf meinen Herzschlag, die Musik, schließe die Augen, beobachte durch die geschlossenen Lider Flann.
Er taumelt zwischen den Tanzenden hindurch. Zuerst wenden sich alle von ihm ab, doch je näher er dem Licht kommt, desto mehr drehen sich zu ihm. Alle haben schwarze Augen. Flann weiß, was das heißt. Es darf nicht sein. Er versucht zurückzutanzen, braucht Hilfe. Julianna versucht, Flann zu folgen, wird aber von den Tanzenden immer weiter abgedrängt
Chloe versucht, den Kopf in alle Richtungen gleichzeitig zu drehen, alles zu sehen und in sich aufzunehmen, aber es ist zu dunkel.
Julianna wird sichtbar von dem Rhythmus der Musik mitgerissen, sie tanzt selbst, und obgleich ihr Gesicht sagt, dass sie es hasst, kann sie nicht aufhören.
Ich schnappe panisch nach Luft. Es ist nicht das erste Mal, dass ich so gut wie nackt von Dämonen umringt bin, an einem Ort voller Musik. Nur stehen sie diesmal in einem Raum, der kein Ende zu haben scheint. Ein Meer von tanzenden schwarzen Augen starrt uns hungrig und spöttisch an. Sie sind so siegessicher.

Julianna reißt sich los, drängt sich dann doch zu Flann durch. Woher nimmt sie diese Kraft? Sie nutzt die Musik, reicht ihm die Hand. Und weil sie tanzen, werden sie durchgelassen.

Flann kommt in der Mitte an. Er sieht eine Frau, tanzend, in Extase. Er kennt sie. Goldblondes Haar wallt über enge schwarze Kleidung. Mir liegt ihr Name auf der Zunge. Flann lässt Juliannas Hand bewusst los. Als sein Blick den ihren trifft, schluckt sie unmerklich, erwidert aber das Nicken und gibt ihn frei. Sie will ihm folgen, doch sie wird von den Tanzenden abgedrängt. Chloe zoomt auf das Licht und betrachtet die Frau.

Bedrängt von den Schwarzäugigen wie ich bin, packt mich solche Angst, dass ich mit aller Gewalt versuche, mich nach draußen zu drängen, doch die Menge der Tänzer ist wie eine Mauer. Sie lachen und schreien und scheinen nicht einmal zu merken, dass sie mich immer wieder an die Wand zurückstoßen und tiefer in den Club schieben.

Die Menge tanzt um die Goldblonde herum. Sie selbst hat keine schwarzen Augen, noch nicht, aber sie sieht aus, als würde sie ihren Auftritt genießen wie ein Champagnerbad. Flann geht weiter auf sie zu. Von meiner Warte kann ich ihn nur noch schemenhaft wahrnehmen. Sie dreht sich zu ihm herum und lacht. Lacht ihn aus.
Flanns Schultern versteifen sich, er geht in die Knie. Ich sehe ihn nicht mehr. Durch den Lärm der Musik kann ich sein Flüstern hören: “Ich hab’s doch gerade selbst gesagt: Alles hier ist eine Lüge!” Eine andere Gestalt reicht ihm die Hand und zieht ihn wieder vom Boden hoch. Er steht sich selbst gegenüber. Der andere Flann lächelt ihm zu. Er hat schwarze Augen. “Bist du sicher?” fragt er.
Im Hintergrund fragt Chloe, welcher von den beiden der richtige ist. Sie weicht zurück. Ich kann nicht antworten, meine Kehle ist vertrocknet. Ich presse mich nur noch an die Wand und will hier raus.
Julianna wollte Flann gerade aufhelfen, als das Spiegelbild ihr zuvorkam. Die Dämonen schließen den Kreis um sie enger. Bevor sie erdrückt werden, nimmt sie seine Hand und lotst ihn nach draußen. Doch das letzte, was Flann und wir noch hören ist: "Bist du wirklich bereit, alles zu tun?”

Es atmet sich schwerer auf dem stickigen Gang zum Archiv. Ich balle meine Fäuste, um das Zittern meiner Hände zu verbergen.
Chloe wiederholt: “Jeder Alptraum hat einen wahren Kern.” Ihre Stimme bebt dabei.
Wer ist die Frau im Kern von Flanns Traum?
Jetzt, wo wir im Korridor stehen, schüttelt es Julie ebenfalls.
Flann schaut zu ihr und formt das Wort “Danke” mit seinen Lippen, ohne es richtig auszusprechen. Julianna lächelt ein wenig schief und nickt ihm zu.

Einen Moment lang fühle ich mich völlig allein im Keller von Winslow Manor. Das Bild meines Vaters betrachtet mich streng.
“Dad? Daddy! … Sag mir, was ich tun soll! Ich weiß nicht mehr, was ich noch tun kann.” Du hast mich doch früher immer rausgehauen. Alle starren enttäuscht auf mich herab, Vater schüttelt den Kopf, und ich verzweifle. “Vater, das ist alles zu groß für mich!” Er wendet sich ab. Ians Bild, er triumphiert nicht, doch er sieht auf mich herab, als hätte er nichts anderes von mir erwartet.
Dann nehme ich die anderen wieder wahr und zwinge mich, dahin zu gehen, wo ich auf keinen Fall hinwill. Sehe das unvermeidliche Bild von Marcus. Nicht DeVries, der Wahnsinnige, der er jetzt ist, sondern wie er früher war. Er blickt traurig zu mir herunter. Nicht einmal ein Vorwurf liegt in seiner Miene, nur Trauer.
Kaum gelingt es mir, die Worte hervorzuwürgen, so eng schnürt es mir den Hals zusammen.
“Es tut mir leid. Es tut mir. So. Leid.”
Marcus bleibt stumm, streckt mir die Hand hin, aber ich kann sie nicht ergreifen. Denn er ist nur ein Bild. Noch trauriger wendet er sich ab.
Meine Knie geben nach. Ich schlage die Hände vors Gesicht, als sich die Tränen Bahn brechen, die ich in Mexiko nicht vergießen konnte, und weine bitterlich. Ich habe sie alle enttäuscht.

Hinter mir spüre ich die anderen. Spüre ihr Mitleid. Ich will kein Mitleid, ich habe keinen Trost verdient. Lasst mich die Zeit zurückdrehen und meine Fehler wieder gutmachen. Das will ich.
Jemand legt mir eine Hand auf die Schulter. Chloe. Ich zucke weg. Eine weitere Hand, die von Julianna. Sie legt ihren Arm um mich. Die Berührung schmerzt mehr als ein Schlag. Ich winde mich heraus, kauere mich zusammen. Lasst mich in Ruhe, geht, lasst mich einfach hier! Ich ertrage euer Mitleid nicht.
Flann ist derjenige, der mich versteht. Er hält Abstand, gibt nicht vor, ich müsste ihm leid tun, tut nicht so, als hätte ich einen verzeihlichen Fehler gemacht. Stattdessen erinnert er mich daran, dass ich nicht zurück kann.
“Du lebst. Du kannst etwas tun.” Ich weiß nicht, was ich noch tun soll.
“Er wird die Apokalypse auslösen. Die gefallenen Engel hinter ihren Toren hervorholen und das letzte Gefecht anzetteln. Die Welt wird untergehen.”
Flann sagt, dass das nicht die Irene ist, die er kämpfen gesehen hat. Die ist stark und lässt sich nicht einschüchtern. Und dass ich nicht allein sei, dass er mir helfen werde. Ich bin ein schwaches Weib. Er schmeichelt mir und packt mich bei der Ehre und gibt mir Hoffnung, dass ein kleines Licht auf dieser Erde etwas erreichen kann. Er führt mir meine Verantwortung vor Augen. Irgendetwas davon bringt eine Saite zum Klingen. Und sei es nur die Erinnerung an gewonnene Kämpfe. Zögerlich richte ich mich auf und straffe die Schultern. Es gehört sich nicht, einfach aufzugeben. Ich spüre ihre Blicke in meinem Rücken, die dünne weiße Seide, die über meine Haut fließt.
Chloe beginnt, “Ich ..” Dann schweigt sie.
Ich kann sie noch nicht wieder anblicken.
Julianna mahnt mich schüchtern: “Und du hast mir gesagt, man müsse den Feind kennen… Du kennst ihn besonders gut, scheint mir…”
Die Seide gewinnt an Substanz, wird zu Leinen. Ich balle die Fäuste und schreite in die Höhle der Wölfe.

Mein Raum ist kein Raum, sondern ein Grab. Schwarz, eng, bedrückend. Sind wir in der Erde? Unter der Erde? Ich kann mich nicht rühren. Die Dunkelheit umschließt mich.
Chloe schreit auf. Julianna ruft: “Das ist die Hag…”
Ja. Ich fühle den Druck auf meinen Lungenflügeln. Beine, die meine Seiten umschließen. Fingernägel über meinem Solarplexus.
Flann hat gesagt, ich kann etwas tun. Ich kann kämpfen. Ich wurde zum Kämpfen geboren. Die Stimmen meiner Eltern hallen in meinem Kopf wider. Ich lasse mich nicht in ein Grab sperren. Mit aller Kraft befreie ich meine Arme. Durch die Schwärze schwimme ich nach oben zu dem Druck hin, wühle mich aus meinem Alptraum heraus, auf den Dachboden, auf dem ich liege, mit der Night Hag auf meiner Brust. Neben mir schlafen die anderen, ihre Gesicher sind verzerrt vor Anstrengung.

Die langen dunklen Haare der häßlichen Alten streifen über mein Gesicht. Sie ist bleich und noch hässlicher und schrecklicher als auf den Bildern. Sie wandert mit ihren widerlichen Krallen meinen Oberkörper hoch auf meinen Hals zu und bohrt sie mir in die Haut. Es brennt. Ich schreie, ich versuche, die Fee an den Haaren zu packen und von mir herunterzureißen. Doch dieses Wesen, das nicht größer ist als ein zehnjähriges Kind, hat viel mehr Kraft, als man ihm ansieht. Die anderen schweben über mir, können aber nichts tun, außer mir zuzurufen. Die Hag lacht mich aus und lässt dabei ihre blutig roten Zähne blitzen. Sie geifert, was für ein köstlicher Traum dieser doch war. Flann liegt neben mir und hat ein Messer aus kaltem Eisen in der Hand. Ich spüre, wie der Schmerz, den mir die Klauen der Hag zufügen, von mir ausgeht wie eine Welle und ihn trifft.
Julianna brüllt: “Aber aufessen kannst du uns nicht! Und das wirst du auch nie!”
Flann schreit: “Greif mein Messer!”
Die Night Hag lacht, ihre schwarzen Nägel ziehen Striemen über meinen Hals und meine Brust. Endlich bekomme ich meine Arme aus der Umklammerung, in der sie mich mit den Beinen hält. Ich greife in die zottige Mähne, reiße an ihren Haaren herum und bekomme ein ganzes Büschel frei. Ich brauche nur eines. Nur ein einziges. Meine Hand öffnet sich, als ihre Krallen noch tiefer dringen. Schmerz und Wut beflügeln mich. Ein Haar bleibt zwischen meinen Fingern hängen.
Julianna ruft, “um ihren Hals!” und Chloe “He, Monster! Kannst du mich hören?” Ich bekomme nicht mit, was sie der Hag an den Kopf wirft.
Flann ruft mir erneut zu, dass ich sein Messer greifen soll, das er im Schlaf umklammert hält. Aber ich kann mich nicht mitsamt der Fee herumwälzen. Ich bekomme nicht genug Luft.
Sie keckert, ich könne ihr nicht entkommen. Ich höhne zurück, dass sie die Situation falsch eingeschätzt hat. Sie ist hier mit uns eingesperrt, in einem Kreis aus kaltem Eisen.
Ich ignoriere die Krallen in meinem Fleisch uns schlinge ihr das Haar um den Hals, knote einmal. Sie fährt mir mit wildem Kreischen übers Gesicht. Zweimal.
Die Krallen bohren sich tief in meinen Hals, versuchen, mir die Kehle zu zerreißen.
Blut sickert warm über meine Haut. Mein Atem kommt zum Erliegen. Ein Blinzeln lang bin ich wieder in dem Haus an Weihnachten, liege mit durchschnittener Kehle im Staub.
Augen auf, Irene, halt die Augen offen!
Ich starre dem Zerrbild einer Greisin direkt in die Augen.
Dreimal.

Luft. “Ich binde dich!”
Sie zischt und zerrt an ihrer Fessel. Ihre Augen glühen hasserfüllt.
An ihrem eigenen Haar ziehe ich sie zu mir heran, bis nichts als ihre gräßliche Fratze mehr mein Gesichtsfeld ausfüllt.
“Ich banne dich, Night Hag. Ich verbanne dich aus Pemkowet. Ich verbanne dich aus der Welt der Menschen. Kehre dahin zurück, woher du gekommen bist und komm in tausend Jahren und einem Tag nicht wieder hierher. Und warne deinesgleichen, dass es einer jeden, die es an deiner Statt versucht, genauso ergehen wird. Verschwinde!”

Als die Hag durchsichtig wird und heulend aus der Realität entweicht, springe ich auf und würde sie am liebsten zurückhalten, um ihren Kopf noch ein, zwei Male in die groben Dielen des Dachbodens zu rammen, ihr die Augen auszukratzen und ihr meine Verachtung ins Gesicht zu speien.
Flann atmet hörbar aus. Ich kann seinen Stolz auf mich spüren. Julianna steht der Mund offen. Chloe drückt sich in eine Ecke. Schwach. Ängstlich.
Ich stehe hochaufgerichtet da mit geballten Fäusten und atme schwer. Blut sickert an meinem Leinenhemdchen herunter, aber ich habe gewonnen. Verschwinde, du widerwärtiges Schreckgespenst, verschwinde!

Flann lauert über mir. Mir liegt noch das Wort “verschwinde!” auf den Lippen und ich knurre ihn an, als er mich weckt. Er wurde als erster von Casimir wachgerüttelt. Der hat sich große Sorgen gemacht. Es muss aus seiner Perspektive echt gruselig gewesen sein, vor allem, als ich plötzlich immer mehr blutige Striemen bekommen habe. Völlig aufgelöst wuselt er um uns herum, versichert sich immer wieder, dass es uns gut geht und faselt von dem Anblick, der ihn offensichtlich den letzten Nerv gekostet hat.

Noch etwas orientierungslos sehe ich mich auf dem schummrigen Dachboden um. Mein Herz rast noch immer. Die Kratzer an meinem Hals und meiner Brust sind real, aber nicht halb so tief wie im Traum.
Ich entschuldige mich bei Flann und danke ihm und den anderen. Alleine hätte es keiner von uns geschafft, das Biest zu vertreiben.
Flann antwortet etwas zittrig. Haha, da hätte man ja mehr über einander erfahren, als man vorher gedacht hätte. Er hat ganz recht, und ich warne ihn, dass er in meinem Teil des Traums keine Übertreibung und nur wenig Verfremdung gesehen hat. Leider ist die Apokalypse eine völlig reale Bedrohung. Außerdem erkläre ich meine Erleichterung darüber, dass wir dieses Abenteuer als eine Gruppe von Leuten gewagt haben, die sich noch nicht so gut kennen. Wo es noch keine bösen Überraschungen gibt, da können keine Freundschaften zerbrechen. Chloe knetet einen Dollarschein in ihrer Hand, den sie unterm Kopfkissen liegen hatte.

Dann torkele ich erst einmal in mein Zimmer, um die Kratzer zu desinfizieren. Ich kann einen Augenblick des Alleinseins ganz gut vertragen. Meine Hände zittern immer noch erbärmlich. Bei einem langen, kalten Blick in den Spiegel frage ich mich, welchen Eindruck die drei dort oben von mir mitnehmen werden. Ist es nicht egal, dass sie meine Ängste kennen? Ich kenne jetzt ihre. Kinderängste teilweise. Im Angesicht der drohenden Apokalypse sollten sich diese relativieren. Ist es gut, dass sie erfahren haben, dass meine Furcht im Traum sich nicht von der in der Realität unterscheidet? Aus purer Gewohnheit ziehe ich los, um die Bar zu plündern und werde im Aufenthaltsraum fündig.
Um diese Uhrzeit scheint mir ein Gin Fizz angemessen. Es dämmert gerade einmal. Wenig später kommen die anderen nach. Chloe setzt sich neben mich, sieht immer noch ein wenig shellshocked aus, nicht, als wäre ihr mit einem Cocktail geholfen. Ich gieße ihr wortlos ein ganzes Glas Gin ein.
Flann und Julie wollen keinen Alkohol am frühen Morgen. Julianna gehört zu den Menschen, die besser an der frischen Luft verarbeiten. Ob es ihr etwas ausmacht, wenn er mitkommt, fragt Flann. Sie nickt. Wird knallrot. Stottert herum und verhaspelt sich. Also nein, es macht ihr nichts aus, sie freut sich… wird noch röter.
Ich starre angestrengt in mein Glas und kämpfe gegen meine zuckenden Mundwinkel an.
Chloe lächelt den beiden nach.
Eine Weile trinken wir schweigend.

“Das Zeug schmeckt irgendwie nicht,” sagt die Reporterin unvermittelt. “Hilft dir das?”
“Nein. Nie. Ist nur Gewohnheit. Macht nichts besser und vieles schlimmer."
“Ich brauch’ jetzt ‘nen Kaffe und was fettiges Süsses … begleitest du mich?”
Ich rutsche von meinem Barhocker. “Am Ortseingang hab ich ein 24/7 Frühstückshaus gesehen. Pancakes und Ahornsirup?”

Auf dem Weg in den Sonnenaufgang lässt das elende Herzrasen endlich in vernünftigem Maße nach. Die Kellnerin im Frühstückshaus glotzt mir so komisch auf Hals und Dekolletee, dass ich auf Chloe deute mit den Worten “Wir hatten Streit.“ Chloe macht kurz ein schuldbewusstes Gesicht, grinst dann aber. Gut. Das heißt, dass sie auch langsam wieder zu sich findet.
Nach den ersten paar Pancakes werden wir von Julie und Flann entdeckt, die sich zu uns gesellen.
Chloe gefällt mir. Sie ist keine dieser schlankheitswahnsinnigen Schönheiten, die nach einem Bissen schon jammern, dass sie nicht mehr können und fragen, ob Salz eigentlich Kalorien hat. Vielleicht muss ich über meine Hypothese mit der griechischen Göttin auch noch einmal nachdenken, jetzt wo ich in ihrer Gedankenwelt unterwegs war. Außer natürlich, sie kann eben gerade Träume beeinflussen. Ach, egal. Darüber mache ich mir erst das nächste Mal wieder Sorgen, wenn wir “rein zufällig” ineinander laufen. Mit gesundem Appetit führen wir uns alle die Energie wieder zu, die uns die Night Hag gekostet hat. Und noch ein bißchen mehr für die Nerven.

Als wir zurückkehren, ist Casimir schon wieder in heller Aufregung, weil wir plötzlich verschwunden waren, nachdem er losgegangen ist, um Mitchell zu holen. Oh. Ja. Sorry. Ganz so wach und bei klarem Verstand waren wir da wohl doch alle noch nicht. Ich versuche es dann noch einmal mit einer Mütze voll ganz normalem Schlaf. Gerne mit Mitchells Tee, nur diesmal ohne Epipumpe.

Am nächsten Tag verabschiede ich mich zeitig. Das schlechte Gewissen gegenüber Harris treibt mich nachhause. So lange wollte ich den kleinen Himmelsflüchtling nun auch nicht warten lassen.

Ich glaube, da ist über Nacht, wenn schon keine Freundschaft, dann zumindest eine tiefere Verbundenheit zwischen uns entstanden, die uns wieder zusammenführen wird, wenn uns nicht vorher der Weltuntergang überrollt. Alle Arten von Nummern und Adressen haben jedenfalls die Runde gemacht. Und ich fühle mich erstaunlicherweise ziemlich wohl bei dem Gedanken, immer mehr Hexen zu meinem Bekanntenkreis zu zählen. Wir wechseln nicht mehr viele Worte. Was wir voneinander erfahren haben, braucht keine Diskussion.

Auf der Fahrt lasse ich noch einmal einiges Revue passieren und fühle mich verpflichtet, Flann meine Hilfe anzubieten. Da steckt mehr hinter dem Bild des exklusiven Clubs, als der kurze Einblick in sein Innenleben gezeigt hat. Danach kehre ich zu den Plänen für die nächste Zukunft zurück. Tore finden, Engel stürzen. All das. Ich sollte mir Breugadairs Worte irgendwo einrahmen. Für wenn ich mal wieder ans Aufgeben und Davonlaufen denke.

Comments

Timberwere

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.