Mädchenkram - Supernatural

Of Conferences and Monsters

SST Nelson / Barry

Languages in Ethnic Minority and Cultural Diversity Conference, Marriott Tagungshotel, Minneapolis

Nelson
“Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen?”

Nelson Akintola beobachtete, wie sich die Rothaarige mit den Rastazöpfen und dem Klemmblock dem indianisch aussehenden Mann näherte, der etwas abseits von den anderen Konferenzteilnehmern stand und die Fotografieausstellung des Hotels betrachtete. Er hatte das Mädchen – Lindsey oder Linda hieß sie – schon kennengelernt, sie war die studentische Hilfskraft von Professor Gilbert W. Morgan von der University of St. Thomas in Minnesota. Sie schien ein nettes Mädchen zu sein, aber schrecklich bemüht, politisch überkorrekt zu sein. In einer Konferenzpause hatte sie Nelson begeistert erklärt, dass sie es so wunderbar fand, dass er als Angehöriger einer diskriminierten Minderheit es geschafft hatte, zu studieren und sogar zu promovieren. Er hatte kurz überlegt ihr zu sagen, dass Briten eigentlich allerhöchstens in Hollywood Probleme hatten, aber sie hatte ihn dabei so ehrlich und aufrichtig angestrahlt, dass er sich nur höflich bedankt hatte. Sein Job war es, die Besucher über die Unterschiede zwischen Ibo und Yoruba aufzuklären, nicht die engagierte Mitarbeiterin eines Professors zu demoralisieren.

Allerdings hatte er die Befürchtung, dass Linda nun ihre überkorrekte Fröhlichkeit und die Tatsache, dass sie eine weiße Amerikanerin war, an seinem indianischen Kollegen kompensieren wollte, und so beschloß Nelson ihr zuvorzukommen. Er hatte bisher noch nicht viel mit Dr. Jackson gesprochen, aber er hatte den Eindruck, dass er nicht unbedingt empfänglich war für Fragen wie “Möchten Sie noch ein Quinoa-Häppchen, das isst man doch bei Ihnen so” oder “Ich bin ja auch zu einem Sechzehntel Cheyenne und versuche, mein Erbe zu entdecken, können Sie mir etwas Peyote besorgen?”

“Dr. Jackson? Ich glaube, wir wurden einander vorgestern vorgestellt, und ich habe eine Frage zu einem Ihrer Papers. Entschuldigen Sie uns, Linda?” Er schob sich freundlich, aber bestimmt, zwischen seinen Kollegen und die junge Frau, während er ihr ein gewinnendes Lächeln schenkte. Sie sah ihn zunächst irritiert an, dann warf sie einen Blick auf ihren Klemmblock und stammelte “ich hab noch zu tun”. Mit hochrotem Kopf floh sie, und Nelson beschloß, sich später bei ihr zu entschuldigen, und ihr dabei vielleicht höflich zu sagen, dass sie ruhig etwas entspannter sein durfte im Umgang mit ihren Mitmenschen.

Barry
Barry hatte gerade davon geträumt, der jungen Frau zu erzählen, dass er in einer Vision gesehen hätte, sie wäre zur Mondschamanin bestimmt, als sich der hochgewachsene Fremde in ihr Gespräch einmischte.
Kurzer Check: Keine sichtbaren Waffen. Bewegt sich geschmeidig, aber nicht aggressiv. Oder defensiv. Kein Grund, ihn umzubring… Verdammte Paranoia. Das hier war eine Konferenz, also benimm dich zivilisiert, Jackson. Dr. Jackson.
Er bemühte sich also, den anderen nicht bedrohlich anzustarren. Lächeln? Ganz leicht. Eigentlich war er ganz froh, dass dem Gespräch mit Linda Mahala Connor entronnen war, andererseits mochte er es nicht, wenn Leute einem anderen ins Wort fielen.
“Wie kann ich Ihnen denn helfen, Dr. … Akintola?”, das letzte mit einem fragenden Unterton. Er war sich ziemlich sicher, dass der Mann so hieß, aber sie waren sich ja nicht vorgestellt worden, soweit er wusste. Waren ziemlich viele Leute in den letzten beiden Tagen gewesen. .

Nelson
Nelson schluckte kurz. War das jetzt doch keine gute Idee gewesen? Von nahem betrachtet wirkte Dr. Jackson weit weniger wie jemand, den man vor einer übereifrigen Studentin retten musste, die es nur gut meinte. Im Gegenteil, jetzt, wo er ihm so gegenüber stand, strahlte er doch etwas unterschwellig Gefährliches aus, Nelson fühlte sich an eine gespannte Waffe erinnert, jederzeit bereit, bei einer Bedrohung loszuschlagen, aber auch jederzeit bereit, den Abzug wieder zu lösen, um sich wieder zu entspannen und eine lockere Unterhaltung zu führen.
Aber jetzt konnte er ja schlecht einfach umdrehen und Linda zurückholen, die war außerdem gerade dabei, Dr. Wu etwas zu erzählen, und er hoffte, dass es nicht die Tatsache war, das sie auch mal Kung-Fu gemacht hatte. Akintola, reiss dich zusammen, schalt er sich insgeheim, oder hör einfach auf, jeden deiner Mitmenschen retten zu wollen. Dr. Jackson ist kein kleines Kind mehr. Im Gegenteil, sie standen einander fast auf Augenhöhe gegenüber, der Indianer war nur unwesentlich kleiner als er selbst.
Aber irgendwie faszinierte dieser schweigsame Typ mit der Hakenprothese ihn auch, er hob sich wohltuend von den übrigen Konferenzteilnehmern ab, die sich in der Hauptsache gerne selbst beweihräucherten, von ihren Forschungserkenntnissen schwafelten oder eifersüchtig ihre Pfründe bewachten, damit kein anderer sich in diesem Thema bewegen konnte. Dr. Jackson hatte er bisher noch bei keiner dieser Runden gesehen, und er selbst versuchte solche Gespräche auch zu vermeiden, aber ab und an juckte es ihn dann doch in den Fingern, und er musste seinen Senf abgeben.
“Nun, Sie haben vielleicht gestern abend den Vortrag von Professor Woodbury zum Thema Creole-Sprachen gehört und..” Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment erklang ein lauter Schrei aus Richtung Büffet.

Barry
Innerlich zuckte Barry zusammen, als er Akintolas Blick sah. Soviel zum Lächeln. Er versuchte schon die ganze Konferenz über, einen möglichst harmlosen Eindruck zu erwecken, aber das fiel ihm nicht gerade leicht. Vielleicht solltest du nicht als erstes überlegen, ob du dein Gegenüber nicht besser umbringst, sagte eine leise Stimme in seinem Hinterkopf. Oder mal deine Waffen ablegen.
Immerhin versuchte Akintola erst gar nicht, seine Hand zu schütteln. Barry sollte es gewohnt sein, aber irgendwie hatte er noch nicht herausgefunden, wie man einen Handschlag höflich ablehnte, ohne dass es dem Gegenüber peinlich war.
Woodbury. Creole-Sprachen. Barry entspannte sich. Das war tatsächlich ein sehr interessantes… und da ertönte der Schrei. Eine Frauenstimme. Kein Schmerzensschrei. Schreck, Entsetzen vermutlich. Keine Schüsse, keine weiteren Schreie. Barry zwang seine Hand, die schon fast an der Waffe war, zurück. Akintola hatte sich umgedreht und sah neugierig zum Büffet hinüber, war aber wohl zu höflich, seinen Gesprächspartner einfach stehen zu lassen.
“Sollen wir uns das mal anschauen?”, fragte Barry. Über Woodbury konnten sie ja später noch reden.

Nelson
Gemeinsam gingen die beiden Männer zum Büffet. Dort lag, zwischen Patisserien, Kaviar und Quinoa-Bällchen, eine mumifizierte Leiche.

Für einen Moment dachte Nelson an einen Scherz, den sich ein paar betrunkene Studenten der hiesigen Universität ausgedacht hatten, die auf der Konferenz aushalfen, aber dazu war die Mumie irgendwie zu.. frisch. Er ärgerte sich über diese Worte, “frisch” war kein Attribut, das auf irgendeine Mumie zutraf. Aber bei dieser hier wirkte es, als sei die Mumifizierung noch nicht lange eingetreten. Abgesehen davon trug sie ein ausgeschnittenes T-Shirt mit dem Aufdruck “St. Thomas University”, eine Baggy-Jeans und Chuck Taylor-Turnschuhe, und nichts davon schien ihr nachträglich angezogen worden zu sein.

“Oh Gott, ruf doch jemand die Polizei!” rief eine ältere Dame mit Perlenkette und Twinset, während sie für Nelsons Geschmack ein wenig zu interessiert in Richung Tisch guckte. Zwei andere Büffetbesucher, die gerade eben dabei gewesen waren, sich ihre Teller nachzufüllen, hatten einen Schock erlitten und wurden jetzt von einer Hotelangestellten betreut. Nelson nahm sich vor, beide zu befragen, sobald sie sich beruhigt hatten, aber im Moment hatte er eher den Drang, das Perlhuhn davon abzuhalten, die Polizei zu rufen. Irgendetwas in ihm sagte ihm, dass dies definitiv kein Fall für die Polizei war, sondern eher für jemanden… mit seinen Fähigkeiten.

Noch während er überlegte, was er tun sollte, spürte er, dass er beobachtet wurde, und als er sich umsah, sah er in die dunklen Augen von Dr. Jackson, der ihn ungerührt ansah.

Barry
Okay, eine Mumie. Sah aus wie ein Student, von der Kleidung her. Die meisten Konferenzteilnehmer waren aufgebracht, ein paar sahen neugierig zur Leiche, andere hatten ihre Handys gezückt. Machten Fotos oder riefen jemanden an, vermutlich die Polizei. So richtig in die Nähe traute sich dann aber doch keiner.
Dr. Akintola wirkte einigermaßen gefasst. Gut.
“Können Sie die Leute vielleicht von der Leiche weghalten?”, fragte Barry. “Ich… ich habe einige Zeit als Privatdetektiv gearbeitet. Ich schau mir das mal an.” Ohne abzuwarten machte er ein paar Schritte auf die Leiche zu.
Eindeutig mumifiziert. Männlich. Blonde Haare, etwas länger. Die Haut des Gesichts war zusammengezogen, die Zähne freigelegt. Sehr weiße Zähne, perfekt gebleicht und gerichtet. Die Nasenflügel geweitet und an einer Stelle eingerissen. Die Hände waren zu Fäusten geballt, unmöglich zu sagen, ob das von der Mumifizierung kam. Schienen leer zu sein.
Wirklich auffällig waren allerdings die Schnittwunden im Bauch. Hatten nur leicht geblutet, wie Barry am T-Shirt sah. Vorsichtig zog er den Stoff mit dem Haken ein wenig zur Seite. Darunter eine ausgefranste y-förmige Wunde. Das war kein scharfes Messer gewesen; vielleicht eine stumpfe Klinge oder eine Klaue?
Als Barry die Wunde freilegte, stieg ihm ein würziger Geruch in die Nase. Roch ein bisschen nach Weihnachten.
“Oh, das riecht nach Myrrhe”, sagte eine weibliche Stimme an seiner Seite. Dr. Fairchild, eine jüngere, attraktive Konferenzteilnehmerin, die die Leiche neugierig musterte. Sie war Ägyptologin, wenn sich Barry richtig erinnerte. Dann weiteten sich ihre Augen und sie schlug eine Hand vor den Mund.
“Ich… “, stammelte sie. “Das… ist das Tommy? Ist das Tommy Bradshaw? Mein Student?”

Nelson
Nelson spürte, wie er sich etwas entspannte, jetzt, wo er wusste, dass Dr. Jackson auf seiner Seite war. Er ließ seinen Kollegen vor, der die Mumie untersuchen wollte, während er Dr. Fairchild zur Seite nahm, die jetzt begann zu schluchzen. Bevor er dazu kam, ihr ein Taschentuch zu reichen, kam ein nervös aussehender, leicht verschwitzter Asiate in einem teuren Anzug auf die beiden zu. “Mein Name ist Everett Lee, ich bin der Hoteldirektor. Was ist passiert?” fragte er, während er hektisch erst Dr. Fairchild und dann Nelson die Hand schüttelte. Nelson überlegte kurz, ob er dem Direktor reinen Wein einschenken sollte, aber dann fiel ihm ein, dass dies eine gute Gelegenheit war, den Fokus von Dr. Jackson wegzubewegen, damit der sich in Ruhe die Mumie… die Leiche ansehen konnte.

“Nun, es sieht aus, als hätten ein paar Studenten einer Mumie zeitgenössische Kleidung angezogen und sie dort oben” – er deutete auf die Brüstung im dritten Stock – “heruntergeworfen haben.” Dr. Fairchild schluchzte noch einmal auf. “Aber… aber.. Tommy.. Die Mumie.. Sie sah aus wie er.” Nelson biß sich auf die Lippen, weil er es hasste, zu lügen, aber im Moment war die Wahrheit etwas, das er lieber mit Dr. Jackson besprach – oder, wenn es sein musste, mit der Polizei.

“Dr. Fairchild, ich glaube nicht, dass das Tommy ist.” Natürlich ist das Tommy, und irgendwas hat dafür gesorgt, dass er jetzt aussieht wie Dörrobst. “Sind Sie sich sicher, dass die Studenten Ihnen nicht einfach nur einen Streich spielen wollen?” Er versuchte, sich so hinzustellen, dass er zwischen ihr und dem Büffett stand, damit sie keine Gelegenheit hatte, sich mehr Details an der Mumie einzuprägen.

“Meinen Sie?” Die Saat des Zweifels begann, aufzugehen. “Ja.” Nelson bemühte sich, seine Stimme fest klingen zu lassen. Sie nickte nur schweigend, und ging dann langsam in Richtung einer älteren Frau, die ihr einen Arm um die Schulter legte und sie wegführte. Mr Lee blieb weiterhin vor Nelson stehen und beugte sich jetzt verschwörerisch nach vorne. “Hören Sie, Sie und Ihr Kollege haben offensichtlich irgendeine Ahnung, was hier vorgeht, habe ich recht? Vielleicht können wir das Ganze ja diskret regeln, Sie wissen schon, ohne Polizei und ohne Presse,” flüsterte er, während er sich nervös die Hände rieb.

Barry
Barry hatte die Leiche fertig begutachtet. Myrrhe, okay, aber dazu kam ein merkwürdiger Geruch nach… Honig? Hm. Außer dem Schnitt im Bauch und den geweiteten Nasenflügeln fand er keine Indizien, wie der junge Mann gestorben war.
Er ging hinüber zu Dr. Akintola und hörte die letzten Worte des Hoteldirektors. Diskret regeln? Okay, war nicht Barrys Problem.
“Vor mich sieht das nach einer echten Leiche aus”, sagte er sachlich. “Aber ich bin Linguist, kein Pathologe. Mit Polizei und Presse kann ich Ihnen nicht helfen.“ Er würde einen Teufel tun, sich hier irgendwie aus dem Fenster zu lehnen. Vermutlich konnte die Polizei nicht viel tun, aber er hatte keine Lust, wegen Behinderung der Ermittlungen verhaftet zu werden.
“Kann natürlich auch ein Scherz sein, aber Mr. Lee, die Bilder sind jetzt schon im Internet.” #MumieaufderKonferenz, vermutlich. Hatten genug Leute Fotos gemacht.

“Wir können uns das aber mal anschauen”, fügte er hinzu, als er Akintolas Blick sah. “Halten Sie uns den Rücken frei, Mr. Lee, und vielleicht passiert dann nichts Schlimmeres.” Der kleine Asiate nickte eingeschüchtert. Dabei hatte Barry ihn nicht mal böse angeschaut. Egal.

“Hier stimmt etwas nicht”, teilte er Akintola knapp mit. “Sieht fast aus, als wäre er bei lebendigem Leib mumifiziert worden. Ich habe keine Ahnung, wie lange so etwas dauert, aber ich vermute, so schnell geht das eigentlich nicht… War Ägyptologiestudent, richtig? Sehr poetisch, in zur Mumie zu machen.”

Er schaute sich im Raum um, wo Lee hektisch auf die Leute einredete. Wollte der jetzt allen Ernstes eine Leiche unter den Büffettisch kehren?

“Haben Sie etwas herausgefunden?”, fragte er Akintola, der bei seiner Analyse nicht mit der Wimper gezuckt hatte. “Vielleicht sollten wir uns mal anschauen, wo die Leiche hergekommen ist.”

Nelson
Nelson deutete auf die gläserne Brüstung im dritten Stock, und Dr. Jackson folgte ihm die Treppen hinauf.
Der dritte Stock schien weitestgehend menschenleer zu sein, offensichtlich waren hier nur Konferenz-Teilnehmer untergebracht, die jetzt alle unten in der Lobby beim Büffet standen. Es schien alles ruhig zu sein hier oben, und die Lichter der Gänge, die sternförmig von der Brüstung abgingen, waren verdunkelt. In einem der Gänge hing am Ende eine Art dunkler Vorhang, der Nelson irgendwie seltsam vorkam, doch er konnte nicht sagen, was es war. Vielleicht störte der Vorhang auch einfach nur sein Symmetrie-Empfinden.
Nelson blieb kurz auf dem Treppenabsatz stehen und lauschte. Ein tiefes Summen war zu hören, vermutlich ein Generator oder ein Lüftungsgerät, aber er wollte auch nichts dem Zufall überlassen. Irgendetwas stimmte hier nicht, aber er hatte im Moment nicht die geringste Ahnung, was es sein könnte. Am liebsten hätte er Felicity angerufen, und ihr alles erzählt, aber dann hätte sie sich zum einen wahrscheinlich in den nächsten Flieger gesetzt und zum anderen hätte er sich, wenn alles vorbei war, wieder irgendwelche Alfie-Stories anhören müssen, und das war etwas, was er unbedingt vermeiden wollte. Eines Tages solltest Du mit ihr reden, Oluwasegun.
Ja, aber nicht jetzt.

Das Summen wurde stärker. Was machen die hier auf diesem Flur? Bienen züchten? In diesem Moment spürte er einen leichten Stich am Hals, und instinktiv schlug er mit der Hand auf die Stelle. Als er sie wieder zurückzog, sah er Blut auf seiner Handfläche. Darin lag eine tote Biene. Was zur…? Bienen? In diesem Moment sah er aus dem Augenwinkel, dass der Vorhang im Gang sich löste und ein Schwarm Insekten auf ihn zukam.

“Aufpassen!” rief er Dr. Jackson zu, dann warf er sich zu Boden und rollte zu einem Wäschewagen, der einsam auf dem Flur stand. Er griff sich eines der Laken und warf es in Richtung des Insektenschwarms. Es verfehlte seine Wirkung nicht: Wütend brummend senkte sich der Insektenschwarm zu Boden, und um ganz sicher zu gehen, warf Nelson noch ein weiteres Laken auf die Insekten.

Er holte tief Luft und wollte wieder aufstehen, als er hinter sich Schritte hörte. “Dr. Jackson, ich…” begann er, während er sich umdrehte, doch hinter ihm stand nicht Dr. Jackson, sondern Dr. Fairchild, und sie sah sehr, sehr wütend aus.

“Wasss haben Sssssie mit meinen Kindern gemacht?” wollte sie wissen, und ihre Stimme war ein einziges böses Summen.

Barry
Während Dr. Akintola den Vorhang im Auge behielt – und ja, da stimmte etwas nicht – behielt Barry die anderen Gänge im Auge. War da nicht eine Bewegung? Da hinten?
Barry trat einen Schritt nach vorn, auf den Gang zu. Was…

Er wollte Dr. Akintola Bescheid sagen, hatte die Worte schon auf der Zunge, kämpfte nur noch mit seiner Stimme. Die war von der Konferenz schon ziemlich beansprucht, er bekam keinen Ton außer einem heiseren Krächzen heraus. Bevor er etwas tun konnte, sprang ihn eine durchscheinende Gestalt von der Seite an. Barry hatte keine Gelegenheit, seinen Gegner richtig zu sehen, da wurde er schon gepackt und in einen der Seitengänge geschleudert. Dummerweise in einen ganz anderen als den, den sich Dr. Akintola anschaute.

Das Vieh hatte ihn ein Stück geschleudert, aber er kam ganz gut auf und federte rasch wieder auf die Füße. Seine Hand lag schon auf der Waffe, als ihm auffiel, dass ein Schuss in dem offenen Konferenzzentrum viel zu gut zu hören war – wenn er nicht einen ganzen Haufen Ethnologen, Linguisten und Soziologen anlocken wollte, musste er sich etwas anderes überlegen. Hektisch sah er sich um. Nein, kein zufällig ausgestellter Zeremonialdolch. Keine praktische Feueraxt. Nur ein leerer Gang. Okay. Schade.

Mit der linken Hand fischte er in seinem Zopf und zog die dünne Klinge aus seinen Haaren. Besser als nichts. Aus dem Augenwinkel sah Barry seinen Angreifer, der jetzt wieder auf ihn losging: Eine menschenähnliche Gestalt, aber durchscheinend wie ein Gallertklumpen, mit einem seltsamen, rüsselartigen Gebilde im Gesicht.
Es rief etwas, als es Barry erneut ansprang, allerdings in einer Sprache, die er nicht verstand. Eine semitische Sprache vielleicht, aber von denen sprach Barry allenfalls modernes Arabisch. Das war auch nicht der Zeitpunkt, sich Gedanken darüber zu machen.

Die merkwürdige Kreatur trat mit einem Bein kraftvoll zu. Barry wich aus, aber das Wesen bewegte sich ganz und gar nicht wie ein Mensch, sprang ihn plötzlich an und bekam eine Schulter und den Zopf zu packen, während beide zu Boden fielen. Der merkwürdige Rüssel tastete nach Barrys Gesicht, fand seine Nase und versuchte, in die Nasenflügel einzudringen.
Ungezielt schlug Barry mit der dünnen Klinge nach dem Wesen, traf auf Widerstand. Gleichzeitig hob er den Haken am rechten Arm und versuchte, den Rüssel wegzureißen. Mit einem hohen Quieken sprang die Kreatur von ihm herunter und floh zurück zur Balustrade.

Barry kam wieder auf die Füße und setzte dem Wesen nach. Auf dem Boden glänzten ein paar kleine schleimige Pfützen – offenbar konnte die Kreatur bluten, wenn auch nicht rot. Gut.

Als er wieder vorne ankam, sah er Dr. Fairchild, die sich vor Akintola aufgebaut hatte und ihre Frikative nicht unter Kontrolle hatte. Die durchscheinende Kreatur versuchte gerade, in den Rücken des Afrikanistikers zu kommen.

“Vorsicht, rechts”, rief Barry. Immerhin machte seine Stimme jetzt wieder mit.

Nelson
Nelson starrte immer noch fassungslos auf die hübsche Ägyptologin – oder das, was von ihr übrig geblieben war, als er plötzlich Dr. Jacksons Stimme hörte. Er wollte sich rasch umdrehen, doch zu spät. Ein harter Schlag traf ihn in den Rücken, er stolperte und konnte sich nicht wieder fangen. Schmerzen durchfuhren seine Handgelenke und sein Knie, ein Gewicht hing plötzlich auf seiner Wirbelsäule und etwas umklammerte seine Schultern. Während er sich wehrte gegen das, was jetzt auf seinem Rücken hockte, spürte er etwas kühles, klebriges an seinem Hals, das sich langsam vorwärts tastete, in Richtung seiner Nase. Ein heiseres Flüstern in altägyptisch oder aramäisch war zu hören. Was zum Henker ist das? Liz, du wirst mir einige Fragen beantworten müssen! Bevor das Was-auch-immer jedoch seine Nase erreichte, griff er in einer schnellen Bewegung nach hinten und zog. Ein hohes Jaulen erklang. Volltreffer.

Das Was-auch-immer lockerte seinen Griff an Nelsons Schultern, und der drückte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht nach oben. Sein Ellbogen schnellte zurück und traf etwas Weiches, Gallertartiges. Mit einem letzten Jaulen fiel das, was auf ihm gehangen hatte, herunter und fiel polternd in etwas hinein.

Nelson drehte sich um. Das Was-auch-immer hing in einem schweren Metallregal mit Infobroschüren, das umgefallen war, und die nun auf ihm klebten. Es rührte sich nicht mehr, und unter dem gallertartigen Wesen bildete sich eine Pfütze.

“Ok, und nun zu Ihnen,” sagte Nelson und wollte sich Dr. Fairchild zuwenden, doch die war verschwunden.

Barry
Barry wollte gerade Dr. Akintola zu Hilfe eilen, als er sah, dass Dr. Fairchild weiter hinten im Gang an zwei hingeworfen Laken nestelte. Die Laken bewegten sich seltsam und schienen zu vibrieren.
Sah nicht aus, als wäre es eine gute Idee, sie gewähren zu lassen, also rannte er auf sie zu und warf das schmale Messer nach ihr. Seine letzte Waffe, aber hier gab es an der Wand einen Feuerlöscher, den er im Laufen griff. Keine Axt, aber besser als nichts.

Das Messer traf, und Dr. Fairchild – oder was von Dr. Fairchild übrig war – drehte sich zu ihm um. An den Rändern ihrer Augen wuchsen Facetten aus dem Fleisch, die im Neonlicht funkelten. Ihre menschlichen Augen waren blicklos und blind. Ihre Hände ruderten einen Moment ziellos durch die Luft, versuchten, das Messer in ihrem Hals zu packen, aber sie war zu unkoordiniert.
Barry rannte direkt auf sie zu, um sie umzureißen, aber er hatte nicht mit den beiden dünnen, aber kräftigen Insektenarmen gerechnet, die jetzt durch ihr Kostüm brachen und nach ihm schlugen. Die Klauen dieser unnatürlichen Arme waren scharf genug, um sein Jackett aufzureißen und ihm eine blutige Scharte am Arm beizubringen – war Bradshaw so gestorben? Wusste Fairchild, was sie da tat, oder war sie nur eine Marionette?

Interessante Fragen, aber im Moment vollkommen nebensächlich. Mit einem ungeschickten Sprung landete das Insektenwesen neben Barry und schlug mit den Armen nach ihm. Er wehrte einen Schlag mit dem Feuerlöscher ab, den zweiten mit dem Haken, und dann schlug er selbst zu. Der Kanister erwischte Fairchild direkt am Oberkörper und schleuderte sie ein Stück zurück. Mit einem erbosten Brummen zerriss sie die Jacke ihres Kostüms, und auf ihrem Rücken kamen ein paar durchscheinende Flügel zum Vorschein. Sie erhob sich ein Stück in die Luft und stürzte sich dann erneut auf Barry.

Der wich nicht aus, sondern ließ den Feuerlöscher fallen und sprang sie an. Mit dem Haken klammerte er sich an einen Flügel, versuchte, das Messer mit der linken Hand zu erreichen. Als sie taumelnd nach oben flog, erkannte er seinen Fehler: Sie hatte einen Stachel. Einen gifttriefenden Stachel, der sich jetzt seinem Oberschenkel näherte…

Nelson
Nelson brauchte nur einen kurzen Augenblick, um die Lage zu umreissen. Er sah, wie Dr. Jackson an der Ägyptologin… dem Bienen-Wesens hing und verzweifelt mit seiner linken Hand versuchte, das Messer aus ihrem Hals zu ziehen. Gestoppt hatte sie das nicht, im Gegenteil, sie summte wütend und versuchte, ihn abzuschütteln.. Halt nein. Sie versuchte, sich in Position zu bringen, um ihren Giftstachel in den Linguisten zu bohren.

“Dr. Jackson! Lassen Sie los!” rief er dem Linguisten zu, und der bekam in genau diesem Moment sein Messer zu fassen, riss es aus dem Hals des Wesens und rollte sich im Fallen ab.

Um Nelson herum wurde es plötzlich ganz ruhig, bis er in seinem Kopf den hämmernden Rhythmus der Trommel hörte, die die Ginga einleitete. Er drehte sich um die eigene Achse, um Schwung zu holen für die Armada, dann trat er zielsicher und konzentriert dem Bienenwesen vor die Brust.

Geschwächt von der Messerwunde und überrascht über den Capoeira-Tritt, fiel das Wesen nach hinten über und blieb auf dem Rücken liegen.

Jackpot. Wenn Käfer auf dem Rücken liegen, kommen sie schließlich auch nicht so schnell wieder hoch. Sicherheitshalber ballte Nelson immer noch seine Fäuste, doch Dr. Fairchild – oder was von ihr übrig geblieben war – zappelte immer noch mit ihren Beinen in der Luft. Aus den Augenwinkeln sah Nelson jetzt, dass Dr. Jackson sich wieder aufgerappelt hatte, er packte das Messer.

Barry
Fragte sich nur, was er jetzt damit machen wollte. Das Bienending war gefährlich, sicher, aber er war sich nicht sicher, ob Dr. Fairchild nicht vielleicht noch zu retten war. Andererseits wollte er verhindern, dass sie wieder auf die Füße kam, also ließ er das Messer fallen, griff sich den Feuerlöscher und zog ihr den über den Kopf. Sie brummte ärgerlich auf, aber nach dem zweiten Schlag erschlaffte sie und blieb reglos liegen.

Vorsichtig machte er sich daran, sie zu untersuchen. Akintola kam jetzt auch näher, hielt aber noch in Richtung der Gänge Ausschau. Gute Idee.

Um ihren Hals entdeckte Barry eine Kette. Er versuchte, sie herauszuziehen, aber sie schien festzuhängen. Vorsichtig öffnete er ihre Bluse und entschuldigte sich dabei innerlich bei ihr. Auf ihrer Brust hing ein fast tellergroßes Amulett aus Ton und Bronze. Darauf waren… hm… ein paar Zeichen. Hieroglyphen, okay, vermutlich ältere, denn die sahen noch sehr bildhaft aus. War aber eine Weile her seit dem Grundkurs über den Ursprung der Schriftsprachen, und lesen konnte er die nicht. In der Mitte des Amuletts war ein Bienenkorb neben einer Kanope zu sehen.

Behutsam versuchte Barry, Dr. Fairchild das Amulett abzunehmen, aber es schien mit ihrem Körper verwachsen zu sein.

“Dr. Akintola? Das Ding hier scheint festgewachsen… eine Idee, wie wir das abkriegen?”

Nelson
Nelson überlegte. Herausschneiden? Er fürchtete, so einfach würden es ihm die altägyptischen Götter nicht machen. Liz eine Nachricht schicken? Bis er eine Antwort erhalten hatte, waren wahrscheinlich schon Polizei, FBI, Militär und sonstige Einrichtungen, die ihnen in die Quere kommen konnten, hier.

Bienen hassen das Wasser, Oluwasegun. Es ist ihr Feind, das Element, das sie tötet. Verrate es keinem, aber sie hassen das Wasser noch mehr als den Menschen.

Großmutter Enitans Worte kamen Nelson wieder ins Gedächtnis. Wo bekam er jetzt soviel Wasser her, um den Bienendämon am besten aus Dr. Fairchild auszuspülen? Sein Blick fiel auf die Wand mit dem “Nicht rauchen”-Symbol. Natürlich, die Sprinkleranlage! Feuer, er musste Feuer machen.

Auf dem Servierwagen lag eine Schale mit Streichhölzern, und in der Hosentasche fand Nelson ein Feuerzeug des Hotels, warum auch immer er das eingesteckt hatte. Aber jetzt würde es ihm gute Dienste leisten. Er schnappte sich alle Streichhölzer, die er finden konnte, und die Servietten, die auf dem Wagen lagen, und zündete sie an. Es dauerte nicht lange, bis der Rauch die Sprinkleranlage auf dem Stockwerk ausgelöst hatte, und dicke Wasserstrahlen auf ihn, Dr. Jackson und die bewusstlose Bienengestalt Dr. Fairchilds herabregneten. Plötzlich begann der Körper der jungen Frau zu zucken, und Rauch stieg von ihr auf. Ein schrilles Kreischen ertönte, das Nelson durch Mark und Bein ging, und er war sich sicher, dass das Geräusch im ganzen Hotel zu hören war.

Er ging auf Dr. Fairchild zu und sah, wie sich die Deformationen an ihrem Körper wieder zurückbildeten, umso mehr Rauch aufstieg. Allerdings blutete sie heftig aus der Halswunde, und Nelson befürchtete, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte, wenn sie nicht bald in ein Krankenhaus kam.

Er hob sie hoch und lief mit ihr die Treppe hinunter, es war ihm egal, wie das aussah. In Gedanken legte er sich eine schöne Geschichte zurecht, dass ein Irrer erst Tommy umgebracht hatte, und dann Dr. Fairchild angegriffen hatte, und um von seiner Tat abzulenken, hatte er Feuer gelegt. Irgendso etwas, und Mr Lee war sicher marketingtechnisch so versiert, als dass er das Ganze noch für die Presse polieren konnte.

Barry
Barry hatte Dr. Fairchild festgehalten, als sie zu zucken anfing. War gerade dabei, ihre Halswunde zu verbinden, als Dr. Akintola sie hochhob und mit ihr losrannte. Okay, vielleicht war es wirklich eine gute Idee, hier nicht mehr herumzustehen, mit dem Blut der Ägyptologin an seinem Anzug. Vor allem, weil das Messer mit seinen Fingerabdrücken hier noch herumlag. Und der Feuerlöscher, auch mit seinen Fingerabdrücken.

Also packte er zuerst das Messer weg und warf dann den Feuerlöscher in Richtung der Flammen. Von dem durchsichtigen Monster war nichts mehr zu sehen außer einer gallertartigen Pfütze. Das Amulett, das von Dr. Fairchilds Brust gefallen war, steckte er im Nachgedanken auch ein, bevor sich jemand anders damit in einer mörderische Biene verwandelte. Rannte dann hinter Akintola her. Das Blut ließ sich am einfachsten dadurch erklären, dass er der Verletzten geholfen hatte.

Als er unten ankam, hörte er, wie Akintola Mr. Lee gerade eine Geschichte von einem Irren mit einem Messer erzählte. Glücklicherweise hörte der kleine Asiate ihm gar nicht richtig zu – der war völlig aufgelöst, weil alles klatschnass war, weil alle Konferenzteilnehmer Auskunft von ihm wollten und weil sein Hotel brannte. Konnte ihm Barry nicht verdenken.

Immerhin waren ein paar Sanitäter aufgetaucht und versorgten Dr. Fairchild. Gut. Barry ging zu Akintola und stellte sich neben ihn. “Dr. Akintola”, sagte er trocken. “Ich glaube, die Konferenz ist unterbrochen. Ich werde mich jetzt zurückziehen und würde Ihnen das Gleiche empfehlen. Vielleicht sehen wir uns ja noch – falls die Konferenz nicht abgesagt wird? Bis dann.”

Mit diesen Worten wandte er sich zum Gehen. Er musste seinen Anzug wechseln, seinen Arm verbinden und das bronzene Amulett einschmelzen. Immerhin hatte die Konferenz ein Gutes gehabt – er hatte ein paar interessante Menschen kennengelernt und Kontakte geknüpft. Oh, und Dr. Akintola getroffen, der sich mit mehr als nur Ethnologie auskannte. Barry hoffte, dass er ihn irgendwann einmal wieder treffen würde – dann hoffentlich ohne Leiche. .

Comments

Marganma

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