Mädchenkram - Supernatural

Old Bones

aus Barrys Tagebuch

Ich war in Boston, als Rogers Cormacs Anruf mich erreichte. Seine Tochter war verschwunden – er hätte von Telakhon gehört, ob ich nach Camden kommen und nach dem Kind suchen könnte. Natürlich konnte ich. War ja schon so lange nicht mehr in Maine gewesen.

Eigentlich wollte ich vor der ComicCon ja gar nicht mehr losziehen. Wollte bei den Kindern bleiben, gerade nach der Sache mit Margaret Blackwood und dem Fluch. Hatte eine Aussprache mit meiner Frau gehabt, lief soweit ganz gut. Auch wenn wir beide nicht so richtig wussten, wie es weiter gehen sollte.

Ein paar Tage nach meiner Rückkehr zog Tam los, mit einem Jäger, den ich nicht kannte. Kam ziemlich schnell zurück, erzählte von Bobby, und ich konnte mein Misstrauen nicht verbergen – war das jetzt Clive Nr.2? Nicht, dass ich sie gefragt hätte, aber sie bemerkte meine Reaktion. Stimmung im Eimer.
Danach hatten wir einen Streit. Eigentlich nur eine Kleinigkeit, war auch nicht das erste Mal, dass wir uns deswegen in die Wolle bekamen, aber diesmal war es viel schlimmer als sonst. Verbissener. Eskalierte immer weiter, wir warfen uns Worte an den Kopf, die wir nicht so leicht zurückholen konnten, und dann war keiner von uns bereit, zurückzustecken oder einen Schritt auf den anderen zuzugehen. Schwiegen uns schließlich an.

Am nächsten Tag meldete sich Phil wegen der Dokumente, die ich in Boston untersucht hatte. Da sind noch mehr, meinte er. Du musst noch mal hinfahren. Ich wollte eigentlich nicht, aber Phil war wirklich, wirklich gut darin, Leute zu überreden. Gerechtigkeit, Abendland, und überhaupt, wollte ich, dass Donald Trump Präsident wurde und Kätzchen auf den Essensplan der Grundschulen setzte? Nein? Dann sollte ich mal besser los. Der Zusammenhang war mir zwar nicht klar, aber am Ende sagte ich zu. War vielleicht ohnehin besser, wenn ich weg kam.
Frostige Verabschiedung. Wollte eigentlich noch etwas Versöhnliches sagen, aber ich verpasste den richtigen Moment. Oder ließ ihn verstreichen.

Die Unterlagen in Boston waren interessant. Bis zu Cormacs Anruf hatte ich Fälschungen aus etwa acht Jahrzehnten zwischen den Originalen identifiziert. Ein verschwundenes Kind hatte trotzdem Priorität.
Bart war auch in Boston. Gestern hatte ich sein Wohnmobil gesehen. Was lag also näher, als ihn anzurufen und zu fragen, ob er mitkommen wollte? Er war eine ganz gute Rückendeckung, und ich wollte nicht mit meinen Gedanken allein sein. Außerdem konnte er fahren.

Gegen Mittag kamen wir in Camden an. Das Haus der Templetons lag etwas außerhalb, eine große Villa. Überall Polizei, natürlich, aber bisher noch keine Spur von Grace. Roger Cormac nahm uns in Empfang, erzählte, dass das Mädchen zehn Jahre alt war, dass sie am Morgen nicht zum Frühstück gekommen war, dass es keine Spuren eines Einbruchs gab. Die Alarmanlage war über Nacht ausgeschaltet worden, er wusste nicht, von wem. Hätte Grace selbst sein können.

Bart und ich schauten uns zuerst im Zimmer des Mädchens um. Soweit alles normal, Poster, Bücher, Kleidung, Spielzeug. Ordentlicher als Kate. Mehr Puppen, weniger Pferde. Ihr Fenster war geschlossen, das Bett zurückgeschlagen.
Hinter ein paar DVDs fand Bart ihr Tagebuch. Blätterte zwei Tage zurück, zu ihrem Geburtstag. Sie war aufgeregt gewesen, hatte sich auf ihr Geschenk gefreut. Schrieb aber auch von seltsamen Träumen, in denen sie im Wald herumlief und Musik hörte. Erwähnte den Abenaki Rock.
Der Fels sagte mir nichts, aber die Ureinwohner, die hier in der Gegend lebten, bevor die Siedler kamen, waren Abenaki.

Viel mehr fanden wir nicht. Wahrscheinlich müssen wir Grace im Wald suchen, sagte ich zu Bart. Der verzog das Gesicht. Schon wieder ein Wald, meinte er. Wald, verschwundenes Kind… wir sollten aufhören, uns so zu treffen, entgegnete ich. Er lächelte nicht. Ich sollte aufhören, Witze zu reißen. Ist nicht so, als wäre ich gut darin.

Draußen im Garten trafen wir die beiden anderen Hausgäste: Gideon Barker und Dr. Nelson Akintola. Hätte mir ja klar sein können – Jäger traten offenbar hauptsächlich in Rudeln auf. Wir tauschten uns kurz aus, Gideon hatte mit Graces drei älteren Brüdern gesprochen, aber denen war nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Bart erwähnte erneut eine mögliche Spurensuche im Wald, aber ohne seinen Neffen Hesekiah kam mir das schwierig vor. Dr. Akintola hatte natürlich auch keine Ahnung von sowas.
Der war ohnehin einigermaßen beunruhigt. Eigentlich hoffte er, dass hinter der Entführung nichts Übernatürliches steckte, aber er vermutete, dass das Schicksal ihn wohl immer wieder damit konfrontieren würde. Außerdem, sagte Gideon, bist du doch neugierig. Du willst doch wissen, was wirklich dahinter steckt. Dr. Akintola nickte, aber er sah nicht sehr glücklich aus.

Bevor wir losgingen, wollte ich mit der Familie sprechen. Die anderen drei sollten ruhig mitkommen – Gideon hatte ein Gespür für Menschen, Dr. Akintola war gut darin, mit Leuten zu reden, und Bart hatte ein Auge fürs Übernatürliche.
Wir trafen Roger im Flur, wo er die Alarmanlage inspizierte. Nichts Auffälliges, sagte er. Ja, die Kinder hätten den Code schon finden können. Ich fragte ihn direkt, warum er mich angerufen hatte. Die Polizei war doch hier und suchte schon nach dem Mädchen… irgendein besonderer Grund? Roger zögerte einen Moment. Sagte dann, er hätte gern noch einen weiteren Ermittler dabei gehabt. Seine Frau Virginia wäre sehr aufgebracht, weil ihre eigene Zwillingsschwester als Kind verschwunden und nicht wieder aufgetaucht war.
Bei diesen Worten drehte sich Dr. Akintola abrupt um und verließ den Flur beinahe fluchtartig. Gideon sah ihm beunruhigt hinterher und folgte ihm nach kurzem Zögern.

Während die beiden draußen sprachen, gingen Bart und ich zu Virginia. Die saß mit einem Drink in der Hand auf dem Sofa, drehte das Glas unruhig zwischen den Fingern. Nicht richtig betrunken, aber das war nicht ihr erster Drink heute.
Ich stellte ein paar Routinefragen nach Grace und kam schließlich auf ihre Schwester zu sprechen. Lily, sagte sie, die war damals auch einfach so verschwunden, kurz nach ihrem zehnten Geburtstag. Hatte vorher intensive Träume gehabt, von Musik vielleicht? Genau wusste Virginia es nicht.

Als nächstes wollte ich mit Virginias Mutter sprechen, Alberta, die ebenfalls im Haus lebte. Sie war dement, erklärte Roger. Trotzdem, sagte ich. Konnte sein, dass ihr etwas einfiel.
Nelson und Gideon waren in der Zwischenzeit wieder hereingekommen. Dr. Akintola sah aufgewühlt aus, aber halbwegs gefasst. Ob alles in Ordnung wäre, erkundigte ich mich. Er schüttelte halb den Kopf. Meine Zwillingsschwester ist auch verschwunden, als wir noch Kinder waren, sagte er. Sie haben mir gesagt, sie wäre tot, aber ich hatte immer das Gefühl, sie wäre noch am Leben.

Die alte Berta saß am Tisch und legte ein einfaches Puzzle, als wir hereinkamen. Ich stellte mich vor, sagte, ich wäre Privatdetektiv. Sie kommen aber spät, meinte sie. Matilda ist schon so lange fort.
Besser spät als nie, antwortete ich. Sie nickte bedächtig. Sie sind aber ein netter junger Mann, meinte sie. Zu mir. Das höre ich nicht so oft, antwortete ich. Keine sehr clevere Antwort, aber ich war ehrlich überrascht. Irgendwie glaube ich immer, dass andere Menschen mir das Monster ansehen können.

Ich sprach weiter mit der alten Frau. Brauchte ein bisschen Geduld, aber ich erfuhr, dass Matilda die Schwester von Bertas Mann Joshua Templeton gewesen war. Sie verschwand ebenfalls kurz nach ihrem zehnten Geburtstag. Ihr Mann, sagte Berta, hätte sich früher immer Sorgen gemacht, dass sie vielleicht eine Tochter bekommen könnten – die Templetons hatten kein Glück mit Mädchen.

Zurück zu Virginia. Die bestätigte, dass ihr Vater das mal zu ihr gesagt hätte, aber das war kurz nach Lilys Verschwinden, und sie erinnerte sich nicht mehr richtig daran. Allerdings war Roger der Kurator des örtlichen Stadtmuseums, und er meinte, dass es dort sicher Informationen über den Stammbaum der Familie Templeton geben würde.

Also machten wir uns auf den Weg. Schauten uns eine Weile im Museum um. Fanden heraus, dass die Templeton-Mädchen häufig mit zehn Jahren starben. Wenn es mehrere Töchter gab, starb die älteste, und wenn doch mal ein Mädchen überlebte, starb meistens einer ihrer Brüder.
Das fing schon sehr früh an – Archibald Jonathan Templeton war der erste der Familie, er kam 1772 nach Amerika und war einer der Mitbegründer von Camden. Im Unabhängigkeitskrieg hatte die Stadt zunächst auf der Seite der Briten gestanden, aber 1778 die Seiten gewechselt. In diesem Jahr ging die HMS Galloway vor der Küste unter, und angeblich spukten die Matrosen des Schiffs heute noch in der Gegend.
Offenbar verstand sich Archibald Templeton zunächst sehr gut mit den Briten, aber dann muss es einen Zwischenfall gegeben haben, denn er hatte den Seitenwechsel vorangetrieben.
Archibalds älteste Enkelin war das erste Kind, das mit zehn Jahren verschwand, aber das war einige Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg.

Die Abenaki sprachen (und sprechen) eine Algonkin-Sprache (das ist zwar völlig unerheblich und spielt keine weitere Rolle, aber das ist mein Tagebuch und mich interessiert das). Sie hatten sich am Anfang ganz gut mit den Siedlern verstanden, aber es war die gleiche Geschichte wie überall: Die Weißen brauchten das Land und verdrängten die Ureinwohner. Heutzutage leben Nachfahren der Abenaki noch in Kanada und Vermont, aber hier in der Gegend gibt es keine mehr – vielleicht noch ein paar Leute, deren Urgroßvater ein Abenaki war, aber niemanden, der sich wirklich damit identifiziert. Der Abenaki Rock war möglicherweise eine Kultstätte gewesen, aber das wusste heutzutage keiner mehr so recht.

Wir beschlossen, die Nachforschungen zunächst zu unterbrechen und uns den Felsen genauer anzuschauen, solange wir noch Tageslicht hatten. Glücklicherweise war er auf GoogleMaps eingetragen, sodass wir einfach nur dem GPS-Gerät folgen mussten. Das funktionierte auch ganz gut, wir kamen relativ schnell zu einem Wanderweg, der uns zu dem Felsen brachte.

Der Stein war etwa mannshoch, überwuchert von Moos. Ich schaute ihn mir genauer an – ein paar alte Muster, die vielleicht noch von den Abenaki stammten. Ein paar neuere Muster, die vermutlich von Liebespärchen stammten. An einer Stelle fand ich verkrustetes Blut.
In der Zwischenzeit hatten sich die anderen ebenfalls umgesehen. Dr. Akintola rief plötzlich, wir sollten zu ihm kommen: Vor ihm im Gras lag ein länglicher Stock mit Löchern und Schnitzereien. Eine Flöte, und nicht aus Holz, wie wir zunächst dachten, sondern aus Knochen. Eine Rippe, nicht von einem Erwachsenen. Von einem Kind. Auch an der Flöte war Blut.

Wir überlegten, ob wir die Polizei rufen sollten, aber Bart meinte, die könnten uns ohnehin nicht helfen. Hier wäre etwas Übernatürliches im Spiel. Die Zeichen auf dem Knochen waren nicht indianischen Ursprungs – Dr. Akintola vermutete dämonischen Einfluss. Vielleicht ist das der Name des Dämons, erklärte er. Jedenfalls könnte die Flöte Einfluss auf den Geist haben. Dann wollte er noch wissen, warum so etwas immer ihm passierte. Keine Ahnung, ob das eine rhetorische Frage war. Bei der Geschichte mit Dr. Fairchild und dem Hirnsauger hatte er nicht so überrascht reagiert, aber vielleicht lag das an dem vertrauten Umfeld der Konferenz. Viel Zeit zum Reden hatten wir damals ohnehin nicht gehabt.

Aber zurück zu Grace Templeton: Ich hatte eine andere Idee. Wenn hier über Jahrhunderte Kinder ermordet worden waren, gab es vielleicht Geister. Ich bat die anderen, kurz still zu sein, und lauschte. Es war still hier. Viel zu still, und dazwischen hörte ich das Weinen eines Kindes. Entfernt, nicht in der Nähe, aber durchdringend genug. Langsam und vorsichtig machte ich mich auf den Weg. Erklärte den anderen kurz, dass ich etwas hörte. Sie folgten mir.

Ging in Richtung Küste. Schließlich kamen wir zur Ruine eines Hauses. Über 200 Jahre alt, und wir konnten die Lichter der Stadt von hier aus sehen. Das Weinen war lauter. Schien von unten zu kommen. Hastig suchten wir nach einem Weg, und Gideon fand einen Durchgang, der mit einem Vorhängeschloss gesichert war. Es gelang ihm, das Schloss aufzubrechen.
Unten war zunächst nur ein großer Raum, vielleicht eine Küche oder ein Lager. Ich hörte das Weinen immer noch, jetzt viel deutlicher. Zwischen uns und dem Geräusch war eine Wand, aber die Backsteine waren lose. Konnte sie mit dem Haken herausholen und einen Durchgang schaffen.

Dahinter war es dunkel, feucht und kalt. Erst ein Labyrinth von Gängen, unübersichtlich. Modrige Wände. Das Weinen wurde immer lauter, jetzt konnten es die anderen auch hören. Wir folgten dem Geräusch, kamen in einen zweiten Raum. Von der Decke hingen Knochen, säuberlich markiert mit Zeichen. Ich wurde schneller. Vielleicht konnten wir Grace noch retten.
Dr. Akintola kam als letztes in den Raum. Die Licht seiner Taschenlampe glitt über die Gebeine, er murmelte „Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott“. Dann, von hinter ihm: „Gott gibt es hier nicht“, und etwas schlug nach ihm. Er wich aus, gerade so. Hinter ihm stand eine altmodisch gekleidete Gestalt mit einem eigentümlichen Messer in der Hand und einer Maske über dem Gesicht. Nein, das war keine Maske. Das war sein Gesicht, glatt wie Knochen und merkwürdig verzogen.

Was auch immer es war, es war schnell. Setzte Dr. Akintola nach und zog ihm das Messer über die Brust. Ich zögerte eine Sekunde, aber Bart hatte seine Schusswaffe in der Hand, Gideon sein Beil, und Grace hatte Vorrang. Drehte mich um, rannte weiter.

Kam in einen kleineren Raum. Auch hier hingen Knochen von der Decke. Auf dem Boden, angekettet, ein zehnjähriges blondes Mädchen. Weinte verängstigt. Alles klar, wir holen dich hier raus, sagte ich. Oder wollte ich sagen, aber dann kam dieser Klang aus dem Nachbarraum, dieses unsagbar scheußliche Geräusch, das mir erzählte, ich würde jetzt gleich sterben, das wäre das Ende, ich sollte rennen, rennen, rennen…

Ich schüttelte die Einflüsterungen ab. Das war nur ein hohes Pfeifen, nur eine Illusion. Konnte mich nicht verletzen.
Aber Grace schrie in heller Panik. Warf sich in ihren Fesseln hin und her, und mir wurde klar, dass sie blindlings flüchten würde, wenn ich sie losmachte. Blindlings in ihren Mörder hinein, wenn sie Pech hatte.
Ich hätte sie gern beruhigt. Sanft mit ihr geredet. Ihr klar gemacht, dass ich sie beschützen würde. Aber dafür hatte ich keine Zeit. Wusste nicht, was im anderen Raum los war. Die Gestalt konnte hier jederzeit auftauchen. Also nahm ich ihren Kopf, zwang sie, mich anzusehen. Starrte sie an, zeigte ihr, dass es schlimmeres gab als das Geräusch der Musik. Viel schlimmeres. Mich. Ihr Atem stockte, ihre Augen weiteten sich, sie schluckte die Schreie hinunter. Die Angst war noch da, aber sie würde tun, was ich wollte. Gut. (Später – jetzt – fand ich das nicht mehr so gut, aber in dem Moment war es die einfachste Lösung, sie ruhig zu bekommen. Sollte sie ruhig sehen, dass ich ein Monster war.)

Es war nicht schwer, ihre Fesseln mit dem Haken auseinanderzudrücken. Bedeutete Grace, hinter mir zu bleiben. Sie weinte wieder, aber leise, und sie blieb da, wo sie bleiben sollte.
Ging zurück zum anderen Raum. Das Geräusch hatte aufgehört, aber Gideon und Dr. Akintola waren nicht mehr da. Bart stand vor der Gestalt mit der Flöte und hatte ihr mit seinem Messer eine schwere Bauchwunde beigebracht. Ich schoss, zweimal, erwischte sie einmal am Arm und einmal am Knie. Hätte besser sein können, aber ich war lieber vorsichtig, für den Fall, dass Gideon oder Akintola zurückkamen oder in einer dunklen Ecke standen.
Reichte auch so: Die Gestalt ging zu Boden, und Bart zog ihr das Messer über den Hals. Rezitiert etwas auf Latein, einen Austreibungsspruch, denke ich. Dann nahm er die Waffe des Wesens, eine Mischung aus Flöte und Messer, und brach sie entzwei. Stach noch ein paar Mal auf die Gestalt ein, präzise, kalt, unsagbar wütend.

Ich nahm Grace und verließ den Keller. Übergab das eingeschüchterte Mädchen an Dr. Akintola und Gideon, die vor dem Kellereingang standen und sich nicht recht hinein trauten. Die beiden konnten die Kleine zurück nach Hause bringen. Ich ging zurück zu Bart.

Das Monster musste verbrannt werden, daran bestand kein Zweifel. Die anderen Knochen? Zuerst dachten wir, wir könnten sie einfach mit verbrennen. Sammelten sie ein. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass das die Knochen von Kindern waren. Von kleinen Mädchen, die voller Angst gestorben waren. War für einen Moment schwierig, zu atmen, aber ich bekam mich wieder unter Kontrolle. Redete mir ein, ich hätte schon grässlichere Dinge gesehen. Schluckte es herunter. Das konnte ich gut.
Bart fand Zeichen auf den Schädeln der Kinder. Symbole, den Namen eines Dämons. Sprach ein Gebet für die Seelen der Kinder, ich auch. Christliches Kinder, also ein katholisches Gebet. Ist lange her, dass ich solche Worte verwendet hatte… damals war ich noch kein Monster gewesen.

Lass uns einen Pfarrer rufen, sagte ich zu Bart. Diese Zeichen… die Kinder sollten ein anständiges Begräbnis bekommen. Wenigstens das. Er nickte.
Wir nahmen die merkwürdige Gestalt und brachten sie an den Strand. Ich trennte den Kopf ab, dann verbrannten wir die Überreste. Das würde nicht so schnell wiederkommen.

Auf dem Rückweg zum Haus musterte ich Bart. Hat dich ganz schön mitgenommen, sagte ich. Eigene Erfahrung, gab er zögernd zurück. Totes Kind, meinte ich. Ein Nicken von ihm. Ein paar Minuten später fügte er hinzu, es wäre kompliziert. Ich bot ihm meine Hilfe an, bei was auch immer. Er wolle den Dämon zerstören, erklärte er mir. Den Dämon, der für diese Sache hier verantwortlich war. Seinen Namen kannte er ja jetzt. Ich nickte. Er hatte meine Telefonnummer.

Beim Haus der Templetons war einiges los: Polizei, Krankenwagen, erleichterte Familie. Wir fanden Gideon und Dr. Akintola draußen auf der Terrasse, mit ein paar Drinks in der Hand. Gute Idee.
Virginia hatte noch ein Buch gefunden: Archibald Templetons Tagebuch. Daraus ging hervor, dass der gute Archie früher gern britische Offiziere beherbergt hatte, bis ein paar von denen sich Freiheiten bei seinen Töchtern herausnahmen. Also heuerte er einen Mann an, der die Offiziere für ihn aus dem Weg räumte. Ließ den Mann später erschießen. Später, als Archibald schon sehr alt war, fragte er sich, ob das wohl irgendwann auf ihn oder seine Familie zurückfallen würde.

Wir standen oder saßen eine Weile schweigend herum. Schließlich entschuldigte sich Gideon, weil er unten nicht viel Hilfe war. Bart meine, das wäre nicht so schlimm, es wäre ja gut ausgegangen. Ich sagte ihm, das war harter Toback. Nicht so einfach, damit klar zu kommen.
Dr. Akintola sah auf. Er war bisher ungewöhnlich schweigsam gewesen. Dr. Jackson, fragte er mich, gewöhnt man sich denn irgendwann daran? An das Übernatürliche?

Offenbar hatte mir der Knochenkeller mehr aufs Hirn geschlagen als erwartet, jedenfalls erzählte ich ihm, dass ich am Anfang überhaupt nicht klar gekommen war und es einen Selbstmordversuch mit Nahtoderfahrung gebraucht hatte, damit ich nicht vollkommen wahnsinnig wurde. Das war ja mal eine richtig schlaue Antwort, Dr. Jackson. Immerhin brachte es Bart zum Lachen, auch wenn das kein sehr fröhliches Geräusch war.
Immerhin wurde mir schnell klar, was ich da für einen Stuss erzählte. Einen Selbstmord würde ich aber nicht empfehlen, fügte ich hastig hinzu. Vielleicht… Sie sind Yoruba, nicht wahr?
Er nickte. Ja, sagte er, und nenn mich Nelson.
Nelson, erwiderte ich. Okay, bei meinem Volk gibt es Rituale, Visionssuchen, die man machen kann, um mit unerwarteten Veränderungen umzugehen. Gibt es bei deinem bestimmt auch. Oder, fügte ich hinzu, du kannst auch einfach wegsehen. Du musst dich da nicht jedes Mal einmischen.
Resigniert schüttelte er den Kopf. Kann ich nicht, sagte er. Meine Schwester hat gesagt, ich soll den Leuten helfen.
War seine Schwester nicht mit sechs Jahren verschwunden? Ja, sagte er, schon. Aber ich habe sie vor kurzem wiedergesehen. Da war sie eine erwachsene Frau, aber immer noch meine Zwillingsschwester. Vielleicht ist das mit dem Ritual eine gute Idee.
Bart meinte, er kennt ein paar Vodun-Leute. Könnte Nelson mit einigen davon bekannt machen. Ich sagte, er sollte so ein Ritual auf jeden Fall mit Leuten zu machen, die sich auskennen. Alleine besser nicht. War gefährlich. Nelson nickte.

Das war es dann. Wir tranken noch ein bisschen, ich rauchte, und dann trennten wir uns. Stellte fest, dass ich eine Nachricht von Tam auf dem Handy hatte: „Muss los. Notfall.“ Noch nicht lang her. Überlegte kurz. Schrieb dann zurück. „Hilfe?“ Kriegte schnell eine Antwort. „Geht schon. Ist kompliziert.“, und dann, nur ein paar Minuten später, „Sorry.“
Lag dann die halbe Nacht wach und komponierte versöhnliche Antworten. Schrieb halbe Romane im Kopf, dass es mir leid tat, alles, dass ich nichts davon wirklich gemeint hatte. Kurz vor Morgengrauen schrieb ich schließlich zurück. „Ich auch“. (Ja, ich weiß, von einem so großartigen Schriftsteller hätte ich auch mehr erwartet. Mir fiel nur nichts ein.) Hoffentlich verstand sie es.

Bart fuhr mich am nächsten Morgen zurück nach Boston, ich schrieb meinen Bericht für Phil fertig, schlief nicht allzu viel und allzu gut. Träumte von Knochen und St. Trinity. Flog nach Chicago, dann nach Little Rock. Tam war nicht da. Brian hatte sich um die Kinder gekümmert. Wusste nicht, wo sie hin war. Hatte sich gestern nicht gemeldet. Verdammt. Wäre am liebsten losgefahren, um sie zu suchen, aber ich hatte keine Ahnung, wohin. Musste ihr vertrauen. Ging früher auch.

Verdammt, Tam. Komm bitte nach Hause.

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Timberwere

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