Mädchenkram - Supernatural

Panta rhei

I can’t escape all these thoughts in my mind
They’re waiting to haunt me night after night
I feel it in my bones and everything I know
It’s underneath my skin and it won’t let go
They know me all too well, but only time will tell
If this is who I am, do I know myself?

(I Prevail – Scars)

“Und wusstest du, dass die Fassung für den US-Markt eine halbe Stunde länger ist?” Niels schüttelte lächelnd den Kopf, während er weiter zuhörte, wie seine Freundin Coco ihm Filmfakten über “Shining” erzählte, nachdem sie die Timberline Lodge besucht hatten, wo Teile des Films gedreht worden waren. Er interessierte sich eigentlich nicht so für Filme, aber die Aussicht, endlich wieder einmal Zeit mit Coco zu verbringen, hatte ihn dazu gebracht, mit ihr nach Oregon zu fahren. Außerdem war er froh über jeden Augenblick, den er nicht mit seiner Cousine verbringen musste. Seit ihr bester Freund sich so seltsam benommen hatte und sie in letzter Minute den Trauzeugen hatte austauschen müssen, war Felicity gereizt und dünnhäutig. Er hatte ihr versprochen, wieder da zu sein, wenn die Jamesons kamen, aber vorher wollte er seine Ruhe. Das bedeutete, Zeit mit seinen Freunden zu verbringen, keine Geister zu jagen, keine Monster und vor allen Dingen, sich von Erinnerungen an seine Jugend fernzuhalten.

“Wo fahren wir eigentlich hin?” wollte Coco jetzt wissen. “Zum Zigzag Inn. Da wartet eine Freundin auf uns.” Er bog auf den Parkplatz ein und schickte Chloe eine Whatsapp, das sie nun vor Ort waren. Augenblicklich kam die Reporterin aus dem Inn, und Niels stieg aus, um sie zu begrüssen. Coco folgte ihm, und bevor Niels die beiden jungen Frauen einander vorstellen konnte, sahen die beiden sich lächelnd an und fingen an, in dem Frauen so eigenen schnellen hohen Tempo zu reden und zu kichern. “Wir kennen uns,” erklärte Coco, und Chloe nickte. Niels war erstaunt, aber als sie ihm kurz umrissen, woher, war ihm einiges klar. Die Jägerwelt war einfach so verdammt klein. Auch er umarmte jetzt Chloe zur Begrüssung. Es war zwar noch nicht so lange her, dass sie sich gesehen hatten, aber er hatte die Reporterin ein wenig vermisst, wenn er ehrlich war. Sie war so etwas wie seine Seelenverwandte.

“Lasst uns reingehen,” meinte Chloe dann und ging auf die Tür zu. Die öffnete sich in diesem Moment, und eine Niels’ bekannte Frau kam heraus. Sie hatte schwarze Rastazöpfe und trug eine große Brille, hinter der ein waches Paar dunkle Augen erkennend zu Niels blickten. Sie lächelte, und er winkte ihr zu. “Hi Natalie,” begrüßte er sie. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass nicht alles an diesem verfluchten Casino schlecht gewesen war, er hatte dort Bart Blackwood kennengelernt – und auch Natalie. Bis auf eine Email hatten sie bisher nicht viel Kontakt gehabt, aber Niels beschloß insgeheim, dass das anders werden musste.

“Hi,” sagte Natalie und lächelte, “die Welt ist so klein.” Niels nickte, und machte sich dann daran, Coco und Chloe seine Bekanntschaft vorzustellen. Chloe und Coco tauschten sich gerade über ihre Erlebnisse einem Wachsfigurenkabinett aus, als sich Chloe plötzlich aus der Gruppe löste und auf ein Mädchen zuging, dass etwas verloren auf dem Parkplatz herumstand. Sie hatte dunkle Haare, die ihr in die Stirn fielen, doch immer noch den Blick frei liessen auf ein Paar dunkle Augen, das trotzig und fast abweisend auf die Gruppe blickte. Ihre Kleidung wirkte so, als habe sie alles, was sie besaß, übereinander angezogen, und offensichtlich besaß sie einen Großteil der Kleidung auch schon länger.

Chloe unterhielt sich kurz mit dem Mädchen, dann gingen sie zu Chloes Motorrad, das das Mädchen begeistert betrachtete. Als Coco gerade Natalie eine Geschichte vom Wachsfigurenkabinett erzählte (Niels hatte die Story schon mehr als einmal gehört), und der Name “Lyle” fiel, horchte das Mädchen jedoch auf und kam herüber.

“Ihr kennt Lyle?” fragte sie leise. Niels sah sie überrascht an, aber er nickte, genau wie Coco. “Ich.. ich hab ihn vor kurzem in Chicago kennengelernt. Er war mit mir in einem Diner, und.. und da ist er ziemlich schnell abgehauen.” Sie klang ehrlich besorgt, und Niels lächelte ihr zu. “He, keine Sorge. Lyle geht es gut. Er ist inzwischen in Kalifornien und arbeitet da.” Wohlweislich verschwieg er ihr, dass Lyles erste Arbeit als “Poolboy” weniger mit Wasser als mit sexuellen Gefälligkeiten für seine Arbeitgeberin zu tun gehabt hatte. Als das Mädchen ihn fragend ansah, fügte er hinzu: “Lyle ist ein Freund von mir.” Er hielt ihr die Hand hin. “Hi. Ich bin übrigens Niels. Das sind Coco und Natalie. Chloe kennst du ja bereits.” Das Mädchen schüttelte vorsichtig, aber mit festem Griff seine Hand und sagte dabei: “Ich bin Aria.”

“Wollen wir nicht reingehen?” fragte Chloe jetzt, “ich bin am Verhungern!” Jetzt merkte Niels, dass er auch dringend etwas essen wollte. Sie fanden einen Tisch, der genug Platz für alle fünf bot. Die Kellnerin kam sehr zügig und nahm ihre Bestellungen auf. “Macht ihr hier Ferien?” fragte sie dann interessiert mit einem freundlichen Lächeln. “Durchreise,” sagte Aria schnell, während Chloe sich ausführlicher mit der Frau unterhielt. Sie fragte nach Golfplätzen, was ihr einen erstaunten Gesichtsausdruck von Coco und auch von Niels einbrachte. Golfer waren in seiner Vorstellung reiche alte Typen, die nur vorgaben, Golf zu spielen und eigentlich die Sekretärin flachlegten oder “wichtige Geschäfte” besprachen, statt wirklich etwas zu tun.

Um das Gespräch wieder in andere Bahnen zu lenken, fragte Niels die Kellnerin nach interessanten Motiven in der Umgebung. Er wollte zeichnen, und Coco erkundigte sich nach der Möglichkeit, Soundeffekte aufzuzeichnen. Chloe schloß sich an, sie konnte ein paar gute Fotomotive gebrauchen.
Die Kellnerin war jetzt ganz in ihrem Element. “Oh, da gibt es hier ja nun eine ganze Menge,” erklärte sie begeistert und begann, die Sehenswürdigkeiten aufzuzählen: Den Mount Hood, die Timberline Lodge, etliche Seen in der Umgebung, und am Dollar Lake gab es richtig gruselige Waldstück, wo es vor ein paar Jahren gebrannt hatte. Beim letzten Punkt warfen sich Niels und Chloe einen langen Blick zu. Mit gruseligen Waldstücken, in denen es gebrannt hatte, kannten sie sich aus, seit sie gemeinsam in Beaver Creek gewesen waren. Offenbar waren sie sich auch beide darin einig, dass sie dort nicht hin wollten. “Wandern,” schlug die fröhliche Kellnerin jetzt vor, “wäre das eine Idee?” Niels nickte, wobei er sich sicher war, dass die Kellnerin und seine Begleiterinnen unter Wandern etwas anderes verstanden als er. Er war mehrtägige Gewaltmärsche durch den Bayrischen Wald und Tschechien gewöhnt, mit schwerem Gepäck und Bewaffnung. Manchmal fragte er sich, wie sein Vater, seine Brüder und er es geschafft hatten, diese Märsche durchzuziehen, ohne von irgendeiner Behörde erwischt zu werden.

“Aber seid vorsichtig beim Wandern. In den letzten Wochen sind ziemlich viele Leute im Sandy River ertrunken,” fuhr die Kellnerin jetzt fort. Chloe sah sie interessiert an, und Niels wusste, dass jetzt ihre Journalisteninstinkte ansprangen. Ob man ihm auch ansah, wenn er auf Jäger umschaltete?
Routiniert fragte die junge Frau die Bedienung jetzt aus, wo die Leute ertrunken waren, ob es Unfälle waren und wie es dazu hatte kommen können. Die Kellnerin schien nur auf jemanden wie Chloe gewartete zu haben, bereitwillig und ausführlich erzählte sie, dass die meisten Leute auf einer Brücke an den Ramona Falls umgekommen waren, wie bereits in den Jahren 2004 und 2014. Besonders tragisch war der Fall eines Mannes, der nicht weit vom Fluß gewohnt hatte und in der Nähe seines Hauses zu Tode gekommen war.

Chloe nickte nur, aber dann verabschiedete die Frau sich, sie musste noch andere Gäste bedienen. Die Reporterin sah triumphierend in die Runde. “Wollen wir schwimmen gehen?” fragte sie. Niels verschränkte die Arme vor der Brust. Schwimmen bedeutete, dass er sich ausziehen musste, und er wollte nicht, dass Coco oder Chloe seinen Rücken sahen. “Ich kann nicht schwimmen,” murmelte er. Coco sah ihn überrascht an. “Waaaas?” entfuhr es ihr, “du kannst nicht schwimmen?” Jetzt wusste es das gesamte Lokal. Er schüttelte den Kopf. “Willst du vielleicht noch lauter schreien?” fragte er sie. Natürlich konnte er schwimmen, sogar recht gut, schließlich war er mit sechs Jahren von seinem Vater in den eiskalten Rachelsee geworfen worden und hatte die Wahl zwischen Schwimmen und Ertrinken gehabt.

Coco war jedoch in Fahrt. “Ich kann es dir beibringen,” erklärte sie gut gelaunt, aber Niels wehrte ab. “Ich will es auch nicht lernen.” Ich will nicht, dass du siehst, dass mein Rücken aussieht wie eine Landkarte. Bevor Coco weiter auf ihn einreden konnte, kam die Kellnerin nochmal zurück an ihren Tisch und erklärte, dass die Seen der Umgebung sowieso viel schöner seien zum Schwimmen. Sie empfahl den Mirror Lake sowie den Lost Lake.

Chloe hielt die Frau noch einmal zurück, sie wollte etwas über die meteorologischen Gegebenheiten in der Gegend wissen. Ihre journalistische Neugier war noch nicht befriedigt. In Zigzag gab es keine entsprechende Station, aber vielleicht in Sandy, das war die nächste größere Stadt. Aber in der Ranger Station nebenan bei Lorie Hutton, dort könnte Chloe nähere Informationen bekommen. Lorie sei eine gute Freundin ihrer Schwester.

Während Chloe auf die Kellnerin einredete, beobachtete Niels Aria. Das Mädchen war definitiv um einiges jünger als er und seine Freundinnen, er schätzte sie auf 16 oder 17. Sie blickte immer wieder zur Tür, so als erwarte sie, dass jemand hereinkäme. Um sie abzulenken, zog er seinen Zeichenblock aus der Tasche und reichte ihn ihr. “Bist du Künstler?” fragte sie interessiert, und Niels nickte. “Jep. Kunststudent, um genau zu sein.” Sie nickte ebenfalls und sah die Zeichnungen durch. Das Porträt von Lyle, dass er nach Meredith gezeichnet hatte, fesselte ihre Aufmerksamkeit, und Niels kam nicht umhin, zu lächeln. Wie war das noch mit “Mädchen interessieren mich nicht”? “Wenn du willst, kannst du das Bild haben,” meinte er, und der Hauch eines Lächelns erschien auf Arias Gesicht. “Wirklich?” fragte sie, aber dann nahm sie die Zeichnung aus dem Block und faltete sie vorsichtig zusammen. Sie reichte Niels den Block, der ihn wieder einpackte.

“Ich will zu dieser Ranger Station,” verkündete Chloe jetzt, aber Niels hielt sie zurück. “Können wir bitte erstmal was essen?” Er schlug die Karte auf, die ihm alles mögliche bot, was für ihn die amerikanische Küche ausmachte, aber auf einem Einlegeblatt warb der Zigzag Inn auch damit, frischen Lachs aus der Region anzubieten. “Ich wäre dabei,” erklärte Natalie jetzt in Richtung Chloe und Coco nickte ebenfalls. Auch Aria wollte mit, aber wenn Niels sie sich so ansah, bezweifelte er, dass sie die richtige Kleidung dafür trug oder dass sie besonders outdoor-erprobt war. Wobei.. draußen schlafen war sie sicher gewohnt, aber anders als er mit Sicherheit.

Natalie packte jetzt eine Wanderkarte aus und deutete auf den Ramona Falls Trail. Sie hatte sich bereits einen Plan zurecht gelegt für eine Wanderung: Da sie mit zwei Autos hier waren, könnten sie doch einen Autoshuttle machen, und ein Auto bei der Timberline Lodge lassen. Niels stimmte ihr zu, das klang nach einer guten Idee, auch in Hinblick auf seine Begleiterinnen. Ihn trieb jedoch noch etwas anderes um. “Habt ihr denn alle Wanderzeug dabei?” fragte er mit einem Seitenblick auf Aria, “sonst müssen wir morgen noch was besorgen.” Aria wollte protestieren, aber Niels hielt sie zurück. “Sorry, aber das, was du da anhast, ist vieles, aber nicht waldtauglich.” “Was? Ich bin viel draußen! Und überhaupt, was..” protestierte sie, doch Niels war jetzt in Fahrt und fiel ihr ins Wort. “Ich kenne mich da aus. Ich habe die ersten 18 Jahre meines Lebens in einem Wald verbracht.” Verflucht, er begann, wie Gustav zu klingen. Aber wenn er eines wusste, dann war es, wie man im Wald überlebte. Neben dem Wissen, wie Dämonen, Vampire und Konsorten zu erledigen waren, lernte ein Heckler, sich selbst im Wald zu versorgen. Er hätte gerne darauf verzichtet, und statt dieses Wissens eine normale Kindheit gehabt, aber gelernt war gelernt.

Am Ende des Tages bist du doch immer noch einer von uns.
Fick dich, Benedikt. Auch wenn du verdammt nochmal recht hast.

“Boah, du bist so ein Chauvi!” echauffierte Coco sich jetzt, und Niels hob eine Augenbraue. “Was denn?” verteidigte er sich, “wenn ich nunmal recht habe…” Doch Coco ließ das nicht gelten, sie hatte sich bereits auf Arias Seite geschlagen. Er schüttelte den Kopf. Frauen würde er nie verstehen.

Nachdem sie gegessen hatten, beschlossen sie, zur Ranger Station zu gehen, auch wenn immer noch die Frage nach der Wanderung im Raum stand. Natalie meinte, dass es heute schon etwas spät sei, sonst müssten sie im Wald übernachten. Niels grinste in Richtung Coco. “Ich hab kein Problem damit, im Wald zu schlafen.” Er tat das zwar nicht gerne, seit er in München gewesen war, hatte er es genau ein einziges Mal getan, aber er konnte es. “Oh, Camping. Das ist cool,” meinte Coco jetzt, aber Niels schüttelte den Kopf. “Ich rede nicht von Camping. Ich rede davon, im Wald zu schlafen. Ohne Schlafsack und so.” Sie sah ihn an und schien zu überlegen, dann erklärte sie, dass es vielleicht doch keine gute Idee war. Als sie das letzte Mal campen gewesen war, sei sie einem Geist begegnet, das sei nicht so schön gewesen. “Wir können ja erst morgen losgehen,” beschwichtigte die diplomatische Natalie, die wohl fürchtete, dass die Diskussionen weitergingen. “Bis dahin können wir Aria noch ausstatten.” Und weil sie auch gleich ein weiteres Problem lösen wollte, bot sie dem Mädchen an, bei ihr zu übernachten. Niels war einverstanden, und auch Coco schien mit dieser Lösung einverstanden zu sein.
Die Ranger Station war recht klein, es gab nur eine diensthabende Rangerin, die in ihrer Uniform abweisend und kühl wirkte. Aber als Chloe erzählte, dass die nette Kellnerin sie geschickt hatte, wurden ihre Züge weich, und sie gab bereitwillig Auskunft über die Mount Hood Wilderness und die richtigen Verhaltensweisen: Müll war wieder mitzunehmen, offenes Feuer verboten. Die Wege waren nicht zu verlassen, und wollte man angeln, Pilze sammeln oder im größeren Stil Beeren pflücken, musste eine Genehmigung erteilt werden. Niels ertappte sich dabei, dass er beinahe grinste, weil er sich vorstellte, wie sein Vater, der Behörden für eine Ausgeburt des Teufels hielt, eine Genehmigung beantragte, etwas im Wald mitzunehmen. Der bayrische Wald gehörte den Hecklers, wenn man Gustavs Tiraden Glauben schenken durfte, sie beschützten ihn seit Jahrhunderten.

Lorie führte weiter aus, dass man sich vor einer Wanderung in einer Ranger Station anmeldete und am Ende auch wieder abmeldete. Falls ein Wanderer mal vermisst wurde, konnte man so feststellen, wo er oder sie sich aufhielt.

Die Rangerin warnte sie auch, dass sie vor dem Überqueren der Creeks und Flüsse vorsichtig sein sollten. Besonders der Sandy River sei in diesem Sommer besonders unberechenbar, wie sie bereits von der Kellnerin wussten, waren hier ja schon Menschen ertrunken. Sie reichte Chloe eine Broschüre über die Flüsse, dann wischte sie sich verstohlen über das Gesicht. “Entschuldigen Sie… Der District Ranger, er ist das letzte Opfer gewesen. Das ist so traurig, seine arme Frau, die arbeitet ja auch hier.” Sie kämpfte mit den Tränen, doch dann fing sie sich wieder. Sie reichte Chloe noch einige weitere Broschüren, dann verabschiedete sie die jungen Leute mit einem Lächeln.

Am nächsten Morgen fuhren sie wie geplant mit zwei Autos – Natalies Kleinbus und Niels’ Kombi – zunächst zum Ramon Falls Trailhead und dann zurück zur Timberline Lodge, mit dem Kombi. Niels überlegte, ob er eine seiner Waffen mitnehmen sollte, oder vielmehr durfte. Da er sich nicht auf Jagd eingestellt hatte, hatte er sich nicht mit den Waffengesetzen Oregons vertraut gemacht. Aber sowohl die Luger wie auch die Winchester lagen zusammen mit entsprechender Munition im Kofferraum. Doch dann fuhren sie an einer jungen Frau vorbei, die mit ihrem Gepäck Rast auf einem Stein in der Nähe der Straße machte, und Niels sah, dass sie in einem Halfter am Bauch gut sichtbar eine Pistole trug. Zumindest seine Luger konnte er also mitnehmen, ohne dass er Probleme bekam.

Du bist doch mit deiner Knarre verheiratet.

Sie parkten den Kombi auf dem Parkplatz, der voller Menschen war. Doch kaum waren sie ein paar Meter gelaufen, wurde es ruhiger, die Menschenmassen nahmen ab, und die Natur wurde ihr einziger Begleiter. Niels atmete tief durch, zum einen fühlte er sich wie zuhause, aber zum anderen bedeutete das auch, dass damit vermutlich unweigerlich auch die Erinnerungen kamen. Er versuchte, seine Unruhe zu verbergen, aber weder Coco noch Chloe bemerkten etwas.

Sie passierten die Baumgrenze, und gingen jetzt wieder langsam bergab, bis sie zum Sandy River kamen. Auf einem Schild wurde an die Wanderin Sarah Bishop erinnert, die hier vor 12 Jahren ertrunken war. Sarah Bishop war eine erfahrene Wanderin und gute Schwimmerin gewesen, wie das Schild informierte. “Siehst du, sie kannte sich auch aus,” erklärte Niels Coco, weil er immer noch nicht verwunden hatte, dass sie ihn am Vortag einen Chauvi genannt hatte. Eines Tages würde er ihr reinen Wein einschenken und erzählen, woher er sich so gut auskannte, aber er spürte, dass er noch nicht bereit dazu war. Sie stand ihm zu nahe, bei Irene Hooper-Winslow und Hank Williams war es einfacher gewesen.

An der Stelle, an der der Timberline Trail auf den Ramona Falls Trail traf, machten sie eine Rast. Die Mädchen versorgten teilweise ihre schmerzenden Füße, wobei Niels anerkennend zur Kenntnis nahm, dass Aria sich entgegen seiner Befürchtungen am wenigsten beklagte. Die Kleine war zäh und schien einiges gewohnt zu sein. Er zeichnete sie mit ein paar Strichen und überlegte, ob er das Bild irgendwann Lyle schicken sollte. Ein kurzes Blitzen teilte ihm mit, dass Chloe Fotos machte, unter anderem von ihm, und er schnitt eine Grimasse. Sie grinste, machte aber unbeirrt weiter Bilder, bis Natalie die Pause aufhob und zum Weitergehen mahnte.

Sie gingen noch 3,5 Meilen weiter auf dem Trail, und Natalie informierte sie unter Brille-wieder-auf-die-Nase-schieben, dass sie das Schlimmste hinter sich hatten. Niels fragte sich zwar, was an der bisherigen Strecke schlimm gewesen war, aber er rief sich in Erinnerung, dass er nicht der Maßstab für die Mädchen war. Er war jetzt guter Dinge, das Zeichnen am Flussufer hatte ihn wieder runtergefahren. Vielleicht wurde dieser Ausflug doch ganz lustig und vor allen Dingen völlig harmlos.

Als sie an den Sandy River kamen, wo ein schmaler Steg über den Fluss führte, ging er drauf zu und stellte sich auf den Steg. Mit ausgebreiteten Armen winkte er den Mädchen zu, und Chloe wollte ein Foto machen, doch dann ließ sie die Kamera wieder sinken. Der Ausdruck in ihren Augen verhieß nichts Gutes. “Niels, komm sofort da weg,” sagte sie, und ihre Stimme klang ernst. Er konnte jetzt sehen, dass auch Coco einen Blick durch Chloes seltsame Kamera warf, worauf sie ihm nur zunickte. Er seufzte und kam zu den beiden zurück. “Was denn? Hier ist doch nichts,” bemerkte er. Chloe und Coco bedachten ihn beide mit einem langen Blick. “Und ob,” meinte Chloe und reichte ihm die Kamera. Er sah sich an, wo er eben noch gestanden hatte, und schluckte. Das Wasser war aufgewühlt, der Steg unterspült, und die ganze Szenerie liess ihn ein wenig schaudern.

Gemeinsam kletterten sie die Böschung herunter und sahen sich um. Chloe entdeckte einen Stein, auf den ein Rune gezeichnet war. Niels hob eine Augenbraue, er kannte das Symbol. Es war ein universelles Schutzzeichen, dass sein Vater ihm beigebracht hatte. Gustav hatte sie ihn und seinen Brüdern allerdings aus einem anderen Grund gelehrt: Die Schutzrunen waren in seinen Augen Zeichen weißer Hexen. Diesen Teil verschwieg Niels seinen Begleiterinnen jedoch, als er ihnen erzählte, was es mit dem Zeichen auf sich hatte.
Chloe überlegte laut, ob der Stein falsch angebracht worden war, denn es waren ja trotz des Zeichens Menschen gestorben. “Der ist ganz richtig angebracht,” presste Niels zwischen den Zähnen hervor. “Glaub mir doch einfach, ich kenn mich da aus!”

Du bist ein Heckler und ein Jäger. Du bist etwas Besonderes, du bist mehr als die anderen Menschen.. Vergiss das niemals. Niemals!

Chloe sah ihn überrascht an, aber dann sagte sie nur ruhig: “Vielleicht sind die Zeichen aber auch erst hinterher angebracht worden.” Niels nickte, vielleicht hatte sie recht. “Lasst uns einfach mal den Fluss hinauf gehen,” schlug Natalie jetzt vor. Niels seufzte, er fürchtete, dass es doch etwas Übernatürliches war, das hier auf sie wartete. Vielleicht war er auch deswegen abgelenkt, aber kurze Zeit später rutschte er ab und konnte sich nur mit Mühe halten. Aria hielt ihm noch die Hand hin, aber er lehnte gekränkt ab. Das wäre ja noch schöner, wenn er sich von dem Mädchen hätte helfen lassen müssen. Wenn das sein Vater… Nein. Missmutig stapfte er weiter.

“Hier, seht mal.” Natalie hatte einen weiteren Stein gefunden, an einem Überweg, der nur aus zwei Baumstämmen zu bestehen schien. Offensichtlich hatte jemand versucht, alle Flussquerungen zu schützen. “Aber selbst wenn ein Stein fehlt, wäre der Schutz intakt,” erklärte Niels, denn auf jedem Stein war das gleiche Symbol. Jeder Übergang war für sich geschützt.

Sie gingen zurück zur ersten Brücke und dann flussabwärts, wo der Fluss breiter und gemächlicher wurde. Plötzlich blieb Chloe stehen, und kurz danach auch die anderen, als sie sahen, weswegen die Reporterin angehalten hatte: Auf einem Stein in der Wiese am Flussufer saß ein Mädchen – ein verdammt hübsches Mädchen, wie Niels anerkennend feststellen musste. Er schmunzelte, als er an Chloes Gesichtsausdruck sehen konnte, dass sie es genauso sah. Das Mädchen war Anfang 20, sicher nicht älter als er, sie hatte offene hellblonde lange Haare und trug ein weißes Sommerkleidchen und war barfuß. Als sie in Richtung der Gruppe sah, konnte man sehen, dass sie geweint hatte.

Niels sah sie mißtrauisch an. Ihre Kleidung und ihre ganze Aufmachung passten nicht wirklich in die Gegend. Er überlegte kurz, ob sie ein Geist war, aber ihn fröstelte nicht. Was war sie dann? Chloe machte sich scheinbar weniger Gedanken – oder aber sie war von dem Mädchen an sich angezogen. Lächelnd ging sie auf sie zu. “Hi, können wir dir helfen? Was ist los?” fragte sie. Die Blonde sah auf und lächelte Chloe ebenfalls an. “Iggy,” schluchzte sie dann, “er macht immer mit anderen rum.” “Und wer ist Iggy?” fragte Chloe zurück. “Na Iggy. Mein Freund.” Das Mädchen lächelte jetzt wieder, dann stand sie auf und ging auf Chloe zu. “Ich finde es gut, dass ihr da seid,” erklärte sie. “Die anderen hängen immer ohne mich ab neuerdings, und Iggy..” Jetzt schluchzte sie wieder. “Wie heißt du eigentlich?” fragte Natalie sie jetzt. “Sandy,” antwortete das Mädchen, ohne den Blick von Chloe zu nehmen. “Wie der Fluß?” wollte Coco wissen. Niels betrachtete das Mädchen noch einmal, und dann fiel ihm wieder etwas ein.

Flussgeister. Heidnische Wesen, die dafür sorgen, dass das Wasser trüb’ wird und Leut’ ertrinken. Wenn ihr sowas findet, sorgt dafür, dass es stirbt. Der Herr will nicht, dass sowas auf seiner Erde wandelt! Denkt doch nur einmal an die Lorelei. Das ist nicht nur ein Gedicht, das ist die Wahrheit. Dreckspack, widerliches!

“Bist du der Fluss?” fragte er sie, und seine Stimme nahm einen scharfen Unterton an. Die Mädchen sahen ihn überrascht an, doch keine von ihnen sagte etwas. Sandy legte den Kopf schief, doch sie sah ihn immer noch nicht an, ihre Augen ruhten weiter auf Chloe. “Bin ich der Fluss? Ist der Fluss ich?” überlegte sie in einem merkwürdigen Singsang, ihre Stimme schwankte ab und an zwischen Höhen und Tiefen. Dann lächelte sie versonnen. “Ich bin ein Kind des Flusses. Die Flusstochter.” Niels spürte, wie seine Hand zur Luger wanderte, doch dann besann er sich eines Besseren. Offensichtlich ging keine Gefahr von ihr aus, und Chloe schien auch eher begeistert von der Anhimmelei des Flussmädchens zu sein.

“Und wer ist jetzt Iggy?” wollte Natalie wissen, “und vor allen Dingen: Warum sitzt du hier rum und heulst wegen ihm?” Sie schob ihre Brille wieder auf die Nase und sah Sandy streng an. “Iggy.. der macht dauernd mit anderen rum. Dabei ist er doch mein Freund! Mit mir verbunden!” Sandy schob trotzig eine Unterlippe vor und sah aus, als wollte sie gleich wieder anfangen zu weinen. Niels unterdrückte ein Seufzen, doch die Mädchen kümmerten sich um Sandy. Das musste so ein Frauending sein. Als er Liebeskummer gehabt hatte, waren seine Kumpels auf die Idee gekommen, mit ihm einen trinken zu gehen. Aber keiner hatte so ein Getue gemacht wie Coco, Chloe, Natalie und Aria.

Sandy fühlte sich durch die Aufmerksamkeit offensichtlich bestätigt, ihren Kummer mit dem untreuen Iggy weiter auszuführen. “Er hat mit Stella rumgemacht, und mit Claire, und auch mit Henry, aber eigentlich ist der mit Cal, und Stella mit Bear…” Jetzt sah Niels auf. Irgendwo hinter Henry hatte er den Faden verloren. “Wer ist jetzt Iggy?” fragte er irritiert. “Na mein Freund!” erklärte Sandy im Brustton der Überzeugung und sah Niels an, als sei das Allgemeinwissen und er schrecklich dumm. Gut, er fühlte sich auch gerade so, aber das wollte er nicht von einem weinenden Flussmädchen mit Liebeskummer unter die Nase gerieben bekommen.

“Aber wir gehören doch zusammen! Das ist so, wie es sein muss!” erklärte Sandy jetzt trotzig, und Niels seufzte diesmal laut. Genau das hatte er vor einem halben Jahr auch mal gedacht. Nur war er damals der Untreue gewesen.

Es war nur ein verdammter Kuß, der nichts zu bedeuten hatte!

“Ist Iggy auch ein Fluß?” wollte Chloe wissen. Sandy nickte heftig. Chloe fragte weiter. “Ist das Wasser mit etwas verunreinigt worden?” Jetzt reagierte Sandy sehr heftig. “Verunreinigt? Menschen sind so schlimme Umweltverschmutzer!” Ihre Stimme kippte, und auf einmal war sie nicht mehr mädchenhaft-hell, sondern die Stimme eines erwachsenen Mannes. Niels machte einen Schritt zurück und tastete wieder nach der Luger.

Natalie konsultierte derweil wieder ihre Karte, ob sie einen Fluß fand, der “Iggy River” oder “Iggy Creek” hieß. Aber alles, was sie fand, war der Zigzag River, der in den Sandy River mündete. Daneben gab es allerdings auch noch einen Henry Creek, einen Caldwell Creek, einen Still Creek und einen Clear Creek. “Aber müsste er dann nicht Ziggy heißen?” überlegte Niels laut. “Er heißt doch Ziggy. Aber das hört er nicht so gerne,” antwortete Sandy. Niels zog eine Augenbraue hoch. Ein Flussgeist mit Attitüde. Na, das konnte ja noch etwas werden.

“Wir würden diesen Iggy und die anderen gerne mal kennenlernen,” erklärte Chloe jetzt, die immer noch neben Sandy saß. Die sah Chloe etwas überrascht an, stand dann jedoch auf und bedeutete Chloe, Niels und den anderen, ihr zu folgen. Sie führte die Gruppe zu einer Wiese, die ein Treffpunkt der Flusskinder war, laut Sandy trafen sie sich dort zum Tanzen.
Sandy und Chloe gingen eng nebeneinander her, was Niels ein Schmunzeln entlockte. Was ihn jedoch skeptisch bleiben ließ, war die Tatsache, dass Sandys Stimme ab und zu ein sehr tiefes und männliches Timbre annahm, und auch ihr Bewegungsablauf plötzlich der eines erwachsenen Mannes war. Verschwieg Sandy ihnen etwas?

Die Wiese lag an der Flussmündung des Zigzag Rivers in den Sandy River, und Chloe sah durch ihre Kamera. Auch der Zigzag River wirkte aufgewühlter als sonst, aber nicht so düster wie der Sandy River, eher munter-verspielt.

Während Chloe noch durch ihren Sucher sah, kam ein junger Mann auf die Wiese. Er trug eine türkisgrüne Hose, die er mit einer Kordel um die Hüfte befestigt hatte, und eine offene Weste aus dem gleichen Stoff, seine dunklen Haare lagen in wilden Wellen, und aus seinen Augen, deren Farbe der seiner Kleidung glich, blitzte der Schalk. Niels sah den jungen Mann an und kam sich wieder so vor wie in der neunten Klasse, als er unsterblich in seinen Klassenkameraden Marc verliebt gewesen war. Marc hatte ihn aufgrund einer verlorenen Wette geküsst, und während es für ihn nur ein Spiel gewesen war, hatte Niels sich in Marc verguckt und wochenlang gelitten.

Der junge Mann grinste in Richtung Sandy, die ihn mit sauertöpfischer Miene als “Iggy” vorstellte. Iggy lachte fröhlich angesichts dieser Vorstellung und wirkte im Gegensatz zu seiner Freundin sehr gelöst. “Ach, Sandy, sei nicht so spiessig,” erklärte er ihr mit einem breiten Grinsen, das Niels’ Knie weich werden ließ. “Sei mal offen für Neues!” Er lachte, ein ansteckendes, fröhliches Lachen. “Entspann dich, Süße, es ist doch Sommer.” Mit diesen Worten ging er auf die Gruppe zu und musterte sie eingehend, auch Niels, der spürte, dass er nervös wurde.

Iggy schien zu bemerken, dass er bei Niels die richtigen Knöpfe gedrückt hatte, er grinste ihn an und meinte dann: “Setz dich doch.” Völlig perplex gehorchte Niels dem jungen Mann. Sandy jedoch reagierte abweisend auf Iggys lockere Art: Sie küsste Chloe, während alle um sie herumstanden. Aria und Coco sahen irritiert weg, während Niels nur noch Augen für Iggy hatte.

Nicht ablenken lassen, Heckler. Nicht ablenken…

“Was passiert da mit den Flüssen? Wird irgendwas eingeleitet?” fragte er Iggy, und er merkte, dass sein Unterton schärfer war, als er eigentlich wollte. Iggy sah ihn fragend an. “Wir wissen, dass etwas passiert ist.” In kurzen Worten umriss er dem Flusskind, was Lorie ihnen erzählt hatte. “Kann es sein, dass Sandy die Leute umgebracht hat?” Iggy schüttelte lächelnd den Kopf, er verstand nicht so recht, wovon Niels redete. “Aber die anderen und ich… wir haben im Moment so viel Spaß. Wir probieren ein bißchen rum, weißt du. Die ausgetretenen Pfade verlassen.” Niels verzog das Gesicht, aber Iggy lachte wieder. “Umgebracht hab’ ich niemanden, und die anderen bestimmt auch nicht. Aber Sandy.. vielleicht war sie eifersüchtig.” Sein Blick wanderte zu Sandy, die immer noch verliebt mit Chloe turtelte, die beiden jungen Frauen schienen die Welt um sich herum vergessen zu haben.

Für einen kurzen Moment schien Iggy ernst zu werden, seine türkisgrünen Augen ruhten auf Niels. Der holte tief Luft, als er merkte, dass er jetzt viel lieber andere Dinge mit Iggy getan hätte als über Ertrunkene zu sprechen. “Hat Sandy vielleicht Kontakt zu Menschen gesucht?” Iggy wiegte den Kopf hin und her, er schien das nicht für völlig unmöglich zu halten. “Aber Menschen sterben, wenn sie zu lange im Wasser sind,” erklärte Natalie jetzt, die neben Niels saß und ihn immer wieder schmunzelnd ansah. Das Flusskind sah die junge Frau an, als habe sie ihm eben die Erkenntnis des Jahrhunderts offenbart. “Was? Krass!” Er dehnte die Worte, sein Entsetzen war ihm deutlich anzumerken. “Sandy muss damit aufhören,” setzte Coco nach, und Iggy drehte sich wieder zu seiner Freundin. “Sandy, du musst damit aufhören, Menschen unter Wasser zu ziehen! Die sterben!” rief er ihr zu, doch Sandy warf ihm nur einen bösen Blick zu.

Iggy schüttelte den Kopf, er wirkte auf einmal richtig niedergeschlagen. Niels überlegte, wie er den jungen Mann aufheitern konnte und fischte aus seinem Rucksack eine Flasche Mountain Dew. Er wusste, dass das Zeug Metall entrosten konnte, aber er liebte es trotz allem. Daher bot er Iggy jetzt eine Flasche zur Aufheiterung an. Der nahm sie, öffnete sie unter vorsichtigem Schnuppern, trank dann aber einen großen Schluck. Seine Miene hellte sich augenblicklich wieder auf, er strahlte Niels an. “Das prickelt,” erklärte er, und Niels musste sich zurückhalten, es nicht Chloe gleichzutun und ihn gleich hier an Ort und Stelle zu küssen.

“Ich lasse mir von dir gar nichts sagen!” fuhr Sandy jetzt Iggy an, aber Chloe legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. “Er hat recht, weißt du. Menschen sterben, wenn sie unter Wasser sind. Wir können da nicht atmen. Du musst damit aufhören.” Sandy sah unschlüssig von Iggy zu Chloe, aber die nickte nur. Das Mädchen seufzte und legte dann den Kopf an Chloes Schulter. “Willst du nicht mit mir weggehen?” fragte die Reporterin, während sie geistesabwesend mit einer von Sandys Haarsträhnen spielte. Das Flussmädchen überlegte. “Wie kann ich weggehen? Ich gehöre doch hierher. Ich bin hier. Wie kann ich dann woanders sein?” Coco sah zu den beiden herüber, und meinte dann mit einem Augenzwinkern, ob es nicht eine Möglichkeit sei, Flusswasser in eine Flasche abzufüllen. Chloe bedachte sie mit einem Blick, von dem Niels nicht sagen konnte, ob sie die Möglichkeit tatsächlich in Erwägung zog, oder ob sie Coco in diesem Moment weit weg wünschte.

“Was war denn nun genau los?” wollte Niels jetzt wissen, er wollte Iggy in ein Gespräch verwickeln. “Hmm… Das hat so vor fünf Wochen ungefähr angefangen. Aber nicht, als wir aufgewacht sind. Aufwachen tun wir schon vorher, und dann sind wir den ganzen Sommer wach. Zuerst mit Cal, und dann hat Henry auch angefangen, herum zu experimentieren. Danach Bear und Stell und Rocky und Claire. Hackett und Katy, die haben sich rausgehalten, aber die haben ja nur Augen füreinander. Ramona und Minikahda haben auch nicht mitgemacht, und Sal.. der auch nicht.” Niels rollte mit den Augen, bei den ganzen Namen wurde ihm schwindlig. Abgesehen davon interessierte ihn auch nicht, wer da mit wem und warum. Ihn interessierte nur noch Iggy.

Natalie packte wieder ihre Karte aus und studierte sie eingehend, dann stellte sie fest, dass die Namen, die Iggy aufgezählt hatte, die Namen der Flüsse waren. Alle Wasserläufe hingen zusammen, aber die Flusskinder, die sich bisher rausgehalten hatten, waren weit weg vom Caldwell Creek, Henry Creek und Zigzag River, während der Bear Creek, der Still Creek und der Rockwood Creek näher dran waren. Daher war es naheliegend, dass sie sich mit Cal und Henry ebenfalls besprachen. Iggy führte sie bereitwillig flussaufwärts, wo zwei gutaussehende junge Männer am Flussufer standen. Als sie die Gruppe sahen, kamen sie lächelnd auf sie zu, und kurze Zeit später stellte Niels fest, dass Cal Natalie und Henry Coco überaus interessiert ansah. Während Natalie mit einem koketten Lächeln diese Aufmerksamkeit erwiderte, schien Coco nicht zu bemerken, dass Henry sich zu ihr hingezogen fühlte. Sie sah immer wieder zu Niels herüber, der ihr aufmunternd zuzwinkerte.

“Hey, Cal, weißt du, wann das angefangen hat, dass du so bist, wie du jetzt bist, und wo?” wollte Iggy gut gelaunt wissen, und das Flusskind des Caldwell Creek überlegte. Dann bestätigte er Iggys Aussage, dass es vor ungefähr fünf Wochen begonnen hatte, aber das Wo konnte er nur schwer beschreiben. Aber er konnte sie an den Ort führen und es ihnen zeigen.

Während er vorweg ging, hob Chloe ihre Kamera und sah die drei Jungs an. Um alle drei schien etwas zu flimmern, teilte sie Niels und Coco mit, vor allen Dingen um Cal. Aber die anderen Flusskinder fanden nicht, dass er anders aussah als sonst. Vor allen Dingen wirkte Cal von allen Dreien am wenigsten überdreht. Was also konnte dafür gesorgt haben, dass die Flusskinder sich so verändert hatten? Vielleicht gab es Hinweise auf Umweltverschmutzer, eine neue Fabrik oder Gift, Coco wollte das sofort googlen. Doch ihre Suche nach “Caldwell Creek” ergab keine Hinweise auf Fabriken oder Müllhalden oder ähnliches. Aber auf Umwegen kam sie auf der Seite des Zigzag Inn heraus, wo sie am Vortag gegessen hatten: Die Speisekarte leuchtete ihr auf dem Smartphone-Display entgegen, in der von Lachs die Rede war, der aus einem Familienbetrieb stammte, der die Tiere im Caldwell Creek züchtete. Das war also eine erste Spur.

Sie gingen am Ufer entlang zur Lachsfarm. Diese entpuppte sich als ein wirklich kleiner Familienbetrieb, die ganze Anlage bestand aus einem kleinen einstöckigen Wohnhaus und einigen Lachsgehegen, die im Bach großzügig abgesteckt waren. Hier ging es eindeutig nicht um Massenproduktion, sondern um Qualität. Als die Gruppe näherkam, trat ihnen ein Mann entgegen, er trug Arbeitskleidung und hielt eine Schrotflinte vor sich. Niels zog die Luft zwischen den Zähnen ein. Genauso hätte sein Vater auch reagiert, oder nein, so hatte er reagiert, mehr als ein Forstamts-Mitarbeiter hatte beinahe die Bekanntschaft mit Gustav Hecklers Schrot gemacht.
Entsprechend war Niels’ Laune, und er fiel gleich mit der Tür ins Haus. “Womit verseuchen Sie das Wasser?” wollte er wissen. Der Mann sah ihn noch mißtrauischer an, und Coco bedeutete ihm, dass er ruhig sein sollte. Mit einem honigsüßen Lächeln wandte sie sich an den Besitzer der Lachsfarm. “Hören Sie nicht auf ihn, er ist Veganer und militanter Umweltschützer,” erklärte sie. Niels warf ihr einen bösen Blick zu, aber sie beachtete ihn nicht. Er hatte mal wieder schneller geredet als gedacht. “Wir waren gestern im Zigzag Inn und haben Ihren fantastischen Lachs probiert – also bis auf ihn” – wieder warf sie Niels wieder einen entsprechenden Blick zu – “und dann haben wir uns gefragt, wo der Fisch wohl herkommt. Wir sind nämlich sehr interessiert an nachhaltiger Ernährung, und meine Freundin hier” – jetzt deutete sie auf Chloe – “ist Journalistin und möchte gerne einen Bericht über Ihren Betrieb machen.”

Niels sah Coco überrascht an. Im Leben hätte er nicht gedacht, dass seine Freundin so gut lügen konnte, denn der Farmbesitzer, der sich jetzt als Chuck Williamson vorstellte, schien ihr jedes Wort zu glauben. Geschmeichelt lächelnd ließ er die Flinte sinken und reichte Coco die Hand. Oregon sei eine Bio-Region, erklärte er stolz, und mit einem Seitenblick auf Niels setzte er hinzu, dass er es hier sogar einen Betrieb gab, der nichts als Walnuss- und Cashew-Paste für Veganer herstellte.

Neben Williamson und seiner Frau Lorna lebten noch dessen Mutter und die Tochter Abby in dem kleinen Haus. Abby war in Arias Alter, und so beschloß Aria, sich mit ihr zu unterhalten.
Kurze Zeit später kehrte sie zurück und zeigte den anderen ein Foto auf ihrem Telefon. Abby hatte ihren Eltern ein pflanzlich-biologisches Mittel zur Vermehrungsförderung der Fische geschenkt, das sie im Internet bestellt hatte. Ihr Vater hatte immer gefürchtet, dass er mit seinen Mitteln keine Chance gegen herkömmliche Betriebe hatte.
Natalie googlete nach dem Mittel und stellte fest, dass es sich bei dem Haupt-Inhaltsstoff um Oxytocin handelte, ein Hormon, dass auch als “Sex- und Kuschelhormon” bekannt war. Es senkte Hemmungen und reduzierte die Distanz – als sie das vorlas, warf Niels einen Blick auf Chloe und Sandy, die immer noch aneinander hingen. Allerdings sorgte Oxytocin auch dafür, dass man sich der eigenen Gruppe enger verbunden fühlte als Fremden. Hergestellt wurde das Mittel von einer unbekannten Firma, von der noch keiner etwas gehört hatte, und die tatsächlich auch nur solche Dinge herstellte.

Sie alle waren sich einig, dass das Hormon dafür verantwortlich war, dass die Flusskinder sich auf einmal so benahmen, aber wie verhinderten sie, dass das Zeug weiter ins Wasser gelangte? Coco hatte schließlich die rettende Idee. Sie machte dem Fischzüchter weis, dass es keine gute Idee war, das Mittel auf lange Sicht zu verwenden, da es irgendwann zu Inzucht führen würde. Außerdem würden zu viele Fische in einem Becken sich auch gegenseitig auffressen. Williamson kratzte sich am Kopf, das waren Argumente, die ihm einleuchteten, aber er fürchtete immer noch um die Konkurrenzfähigkeit seines kleinen Betriebes. Coco wusste auch darauf eine Antwort. “Sie haben doch jetzt beim Zigzag Inn einen Fuß in der Tür,” meinte sie mit einem gewinnenden Lächeln, “und dann können Sie bald ein viertes Becken anlegen. Die Restaurants der Gegend werden dann bestimmt auch auf Sie zukommen. Regional und bio, das will doch heutzutag jeder gerne haben.” Williamson lächelte jetzt ebenfalls, er versprach, das Mittel nicht mehr zu nutzen.

Aria fügte hinzu, dass Abby sich vielleicht ein anderes Geburtstagsgeschenk überlegen könnte – Radiowerbung war nicht so teuer wie das Oxytocin. Coco versprach, dass sie einen entsprechenden Spot einsprechen könnte. Die Williamsons strahlten über die überraschende Unterstützung, damit hatten sie nicht gerechnet. Freundlich verabschiedeten sie sich, auch von Niels.

Gemeinsam gingen sie zurück zu der Wiese, auf der sie Iggy getroffen hatten. Er hatte vorgeschlagen, noch etwas zu feiern. Irgendwie hatte Niels eine Ahnung, dass keines der Flusskinder umrissen hatte, was mit ihnen passiert war, aber sie hatten gute Laune, und in einigen Wochen wäre alles wieder wie zuvor.

Auf der Wiese warteten bereits die anderen Flusskinder, sie begrüssten die Gruppe unter großem Hallo und stellten sich vor, doch Niels war egal, wer sie alle waren. Ihn interessierte nur einer. Langsam ging er auf Iggy zu und stellte sich neben ihn. Der junge Mann lächelte ihn an. “Ich finde dich echt interessant,” erklärte er Niels und begann dann, vorsichtig dessen Arme zu berühren. Anscheinend waren Tätowierungen etwas völlig Neues für ihn. “Haben diese Bilder für Dich eine Bedeutung?” wollte er dann wissen, während er das Muster auf Niels’ Unterarm nachfuhr, immer und immer wieder. Niels holte tief Luft, die Berührung von Iggys kühlen, aber zärtlichen Händen erregte ihn. “Das.. Ja.” Mehr bekam er in diesem Moment nicht heraus, und da hatte Iggy sich schon vorgebeugt und küsste ihn leidenschaftlich. Der Kuß war angenehm, kühl und ein wenig salzig. Iggy wusste definitiv, was er da tat. Niels zog ihn an sich, um sich voll und ganz auf den jungen Mann einzulassen, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Coco stand neben ihnen und sah sie mit unverhohlenem Entsetzen und Abscheu an.

Fuck. Ich dachte, das wäre geklärt.

Er machte sich von Iggy los, der ihn verwirrt ansah, jedoch nichts sagte und drehte sich um. Coco sah ihn wütend an. “Das hätte ich nie von dir gedacht,” spie sie ihm entgegen, der Abscheu in ihrer Stimme ließ Niels zurückweichen. “Was? Dass ich schwul bin? Da habe ich nie ein Geheimnis draus gemacht,” entgegnete er, und er spürte, dass er wütend wurde. “Das ist so.. so widernatürlich,” ereiferte Coco sich, “wie kannst du nur? Das ist so.. ih. Zwei Männer. Das geht gar nicht. Das ist nicht normal.” Niels sah sie wütend an. “Willst du mich vielleicht auch heilen?” fragte er sie, sein Unterton wurde scharf. Er musste sich beherrschen, nicht laut zu schreien, Coco nicht für das anzubrüllen, was sein Vater und Joseph ihm angetan hatten. Sie hatte keine Ahnung, durch welche Hölle er gegangen war.

“Du kommst in die Hölle!” Ihre Stimme überschlug sich fast. Er ballte die Faust in der Hosentasche. Zu. Auf. Zu. Auf. Bis drei zählen. Manchmal half das, Philip hatte ihm das beigebracht. “Da war ich schon.” Es half nichts. Noch unbarmherziger als in Alaska oder May Creek kehrte die Erinnerung zurück, wie eine Welle kam sie auf ihn zugerollt und riss ihn mit. Keine seiner Taktiken, mit denen er sich sonst immer hatte zu helfen wissen, schlug an. Die Panik war unerbittlich, er spürte, wie sein Herz schneller schlug und die Angst ihm beinahe die Kehle zuschnürte. Seine Beine gehorchten ihm nicht mehr, am liebsten würde er hier und jetzt weinend in die Knie gehen und sie um Verzeihung bitten für das, was er getan hatte, er war ein schlechter Mensch, er war widernatürlich, eine Kreatur des Teufels, er hatte es verdient…

”Wie kannst du nur? Aaron, du bist widernatürlich! Es muss sein! Es ist zu deinem Besten.” Angst. Er hat so unglaubliche schreckliche Angst. Was geschieht hier? Er will schreien, seinen Vater bitten, ihn dieses eine Mal gehen zu lassen, aber Joseph hält ihm den Mund zu. “Denk nicht mal dran. Sei ein Mann, Aaron, sei einmal ein Mann.” Sein Bruder nimmt seine Hand weg, um seine Bibel aufzuschlagen. Dann hört er das Geräusch hinter sich. Nein, das wagen sie nicht. Das nicht.. das nicht! Es ist sein letzter Gedanke, als auch schon ein brennender Schmerz wieder und wieder seinen Rücken durchfährt, bis ihn eine gnädige Dunkelheit zu sich holt.

Nein. Niemals wieder würde er zulassen, dass ihn jemand so sehr verletzte, körperlich wie seelisch wie in jener Nacht. Er war damals fast gestorben, und er hatte überlebt. Niemals wieder würde jemand ihm so etwas antun, und niemand, auch nicht Coco, durfte ihm wieder vorwerfen, dass er der war, der er jetzt war. Er war nicht widernatürlich oder anormal, er war einfach ein junger Mann, der auf Männer stand.

Coco sah ihn noch immer zornig an, Tränen der Wut glitzerten in ihren Augen. Dann drehte sie sich um und ging weg. Aria reagierte geistesgegenwärtig und folgte ihr, und auch Niels lief ihr nach. Trotz allem bedeutete sie ihm eine Menge. “Lass uns reden,” rief er ihr nach. Sie drehte sich um, doch ihr Blick war immer noch unversöhnlich. “War es das jetzt? Willst du nie wieder mit mir reden?” fragte er sie. Sie funkelte ihn böse an. “Weiß ich nicht, bist du so drauf?” entgegnete sie scharf. “Du warst diejenige, die so reagiert hat, bloß, weil ich einen Kerl geküsst habe.” Er spürte, dass seine Wut wieder etwas stieg, aber er wollte nicht im Streit mit Coco auseinander gehen. “Es war halt ein Schock,” räumte sie ein und sah auf ihre Schuhspitzen. “Ich dachte, du weißt das.” Niels erinnerte sich an den Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten, auf dem Festival, als sie ihn davon abgehalten hatte, wegen Philip auf der verfluchten Gitarre zu spielen. “Nein, ich wusste das nicht! Und jetzt, jetzt weiß ich es seit 2 Minuten. Gib mir bitte Zeit, das zu verarbeiten.” Ihr Tonfall wurde wieder versöhnlicher, und Niels nickte nur. Er ging einige Schritte zurück, wo Aria und Iggy standen. “Kannst du dich um sie kümmern?” fragte er Aria und sah in die Richtung, in die Coco verschwunden war. Das Mädchen nickte und lief los. Iggy dagegen blieb stehen und sah Niels ruhig an, der merkte, dass seine Erregung wieder abflaute. Ihm war nicht nach Sex.

“Alles in Ordnung?” fragte Iggy jetzt, und ein Ausdruck von Mitgefühl lag in seinen türkisgrünen Augen. Niels schüttelte den Kopf. Iggy legte ihm den Arm um die Schulter und führte ihn wieder zurück zu der Wiese. “Wenn du willst, erzähl mir, was passiert ist. Aber ich kann dich auch ablenken.” Iggy grinste und küsste Niels auf den Mund. Er wollte noch abwehren, aber dann beschloß er, dass sie sich auch später unterhalten konnten. Lächelnd erwiderte er den Kuss.

Niels erwachte am nächsten Morgen auf der Wiese, es war kalt und feucht um ihn herum vom Morgentau. Iggys Kopf ruhte auf seiner Schulter, der junge Mann schlief noch, er lächelte im Schlaf. Niels machte sich vorsichtig von ihm los und sah in den Himmel, an dem langsam die Sonne aufging. Die Nacht war kurz gewesen, aber sehr schön, aber er fühlte sich von einer seltsamen Unruhe gepackt. Langsam zog er sich an, dann weckte er Iggy. “Du willst gehen?” fragte der junge Mann schlaftrunken. “Ich… ich muß. Es war… echt toll.” Iggy grinste. “Ohja. Und jetzt?” Niels schüttelte den Kopf. Tauschte man mit einem Flusskind Telefonnummern? Wie sagte man jemandem, der von Zeit und Orten keine Vorstellung hatte, dass es eine einmalige Sache gewesen war? Er mochte Iggy sehr gerne, aber definitiv nicht so sehr, dass er hier bleiben und mit ihm alt werden wollte. Alterten Flüsse überhaupt?

Aber der Zufall kam ihm zuhilfe. “Du bist schon ein toller Typ. Aber ich glaube, ich will mich nicht festlegen. Der Sommer ist so schön und es gibt noch so viel zu entdecken.” Mit diesen Worten drehte Iggy sich auf den Rücken und starrte seinerseits in den Himmel, breit grinsend. Niels stutzte kurz, doch dann musste er lachen. Iggy hatte ihm gerade nach allen Regeln der Kunst eine Abfuhr erteilt, und zu seiner Beruhigung stellte er fest, dass es ihn nicht störte. Er nahm seine Zeichentasche und begann, das im Gras liegende Flusskind zu zeichnen. Iggy ließ es sich nicht nehmen, später auch etwas zu Papier zu bringen, und dann wandten sie sich wieder anderen Dingen zu.

Viel später am Tag kehrte Niels zu dem Häuschen zurück, dass er, Chloe und Coco gemietet hatten. Chloe war noch nicht wieder da, aber Coco saß auf dem Sofa in dem kleinen Gemeinschaftsraum, Aria neben sich. Als sie Niels sah, stand das Mädchen auf und entschuldigte sich mit einem “Ich hole mal etwas zu trinken.” Niels setzte sich zu Coco auf die Couch und sah sie aufmunternd an. Sie war blaß, ihre Haare ungewaschen und die Augen verquollen. Den Flaschen auf dem Tisch nach zu urteilen, hatten sie und Aria einiges in der Nacht getrunken. “Ich habe Kopfschmerzen,” erklärte Coco, und Niels konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. “Willst du.. reden?” fragte er sie dann vorsichtig, doch sie schüttelte den Kopf. Er sah sie an, dann legte er den Arm um sie und zog sie an seine Schulter. Sie ließ es geschehen, und so beschloß er, dass es nichts zu reden gab in diesem Moment. “Wollen wir morgen rausgehen und du zeichnest deine Klangcollagen auf?” Sie nickte stumm an seiner Schulter. In diesem Moment kam Aria wieder in den Raum. Mit einem zufriedenen Grinsen quittierte sie die Tatsache, dass Coco und Niels sich nicht an die Gurgel gegangen waren, dann setzte sie sich und schob ihnen einen Pizza-Flyer zu. Niels lächelte ihr zu, während er Coco immer noch im Arm hielt.

Sie verbrachten noch einige Tage in Zigzag, draußen, mit den Flusskindern und auch allein. Natalie wich Cal nicht mehr von der Seite, während Sandy und Chloe ein Herz und eine Seele waren. Auch wenn Iggy Niels beziehungstechnisch eine Abfuhr erteilt hatte – worum Niels froh war -, seine Nähe genoß er durchaus. Und langsam schien sich Coco an den Gedanken zu gewöhnen, dass Niels eine Affäre mit einem anderen Mann hatte. Sie ging zwar immer noch weg, wenn sie sah, dass die beiden sich küssten, aber zu einem Ausbruch wie am ersten Abend war es nicht mehr gekommen.

Dafür wurde Niels immer unruhiger und nachdenklicher.

Am Tag ihrer Abreise erbat er sich von Coco und Aria, die beide mit ihm nach Seattle fahren wollten, einen Moment für sich allein. Verwundert gewährten ihm die Mädchen die Bitte, und Niels ging zurück in die Hütte. Er setzte sich auf den Boden und lehnte sich an die Wand, die Arme auf die Knie gestützt. Die letzte Nacht war wieder kurz und intensiv gewesen, aber dennoch hatte sie einen schalen Beigeschmack hinterlassen. Wie die Nacht in Dwight, oder die letzte Studentenparty, oder… Joe. Nein. Das war etwas anderes gewesen. Ganz anders. Niels spürte plötzlich ein Ziehen in der Magengrube, ein Gefühl, von dem er glaubte, dass es im Hiawatha National Forest geblieben war.

Verfluchte Scheiße. Aber diesmal ist es endgültig, dieses Mal gibt es kein Happy End.

Er sah zur Decke und blinzelte die aufsteigenden Tränen weg, als ihn ein durchdringendes Piepsen aus seinen Tagträumen riß. Wütend riß er das Smartphone aus der Hosentasche. Es war eine Nachricht von Felicity. Sie wollte, dass er nach Hause kam, wegen des Familienbesuchs. Familie… Das war es, was ihm fehlte. Wieder zu jemandem gehören. Wieder eins mit jemandem sein. Keine bedeutungslosen Nummern mehr. Damit war jetzt Schluß. Irgendwo gab es ihn, den Typen, der auf ihn wartete. Und bis dahin konnte er auch warten.

Niels stand auf, nahm seine Tasche und ging zum Kombi, wo Coco und Aria bereits standen, um mit ihm nach Seattle zu fahren.

Comments

Niniane

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