Mädchenkram - Supernatural

Pritzker's Junior Witch Club

Smiggle, smiggle, make them giggle...

Am I meant to be something?
Is this the song I’m supposed to sing?
These questions need answers

Is my life already scripted?
Fighting still cannot change the words
These questions need answers

(Our last night – Fate)

“… und das ist Miss Bishop. Sie wird uns in der Bibliothek unterstützen bei der Einführung der neuen Bibliothekssoftware.” Beinahe hätte Niels seinen Kaffee über Mr Andrews, den Kunstlehrer, gespuckt, als er Natalie Bishop erkannte. Sie stand neben Direktorin Reese und sah in die Menge, und natürlich trafen ihr und Niels’ Blick sich. Das konnte selbst die Fensterglas-Brille nicht verhindern, die er sich besorgt hatte, damit Aaron Weatherby wie ein seriöser Lehrer für Deutsch und Kunst wirkte – und nicht wie ein junger Mann, den ein irischer Betrüger mit einer falschen Identität ausgestattet an die A.N. Pritzker School in Chicago geschickt hatte.

Niels sah auf den gefälschten Führerschein. “Aaron Weatherby”. Aushilfslehrer für Deutsch und Kunst. Wenigstens hatte Flann ihn den Namen aussuchen lassen, bevor er ihm die Papiere gegeben hatte. Ethans Lieblingswaffe und sein ihm bisher so verhasster erster Vorname waren das erste, was ihm in den Sinn gekommen waren.
Er war sich immer noch nicht sicher, ob er das Richtige tat, aber Flann hatte ihm gesagt, dass das hier einfach war. Kinderzeichnungen sollte er anfertigen lassen und ihm dann schicken. Was zur Hölle hatte der Ire sich dabei gedacht? Hätte er Niels nicht wegen der Anti-Dämonen-Tätowierung geholfen, der junge Mann hätte es sich anders überlegt. Schließlich kannte er Flann – so gut, wie man jemanden wie Flann eben kennen konnte – und wusste, auf was er sich einließ. Und was sollte schon passieren? Im Grunde genommen war er schon ein bisschen neugierig, ob die Leute ihm die Tarn-Identität abnahmen und ob er als Aushilfslehrer mit falschem Namen durchging. Und wenn er dafür seinen eigentlichen Vornamen benutzen musste, dann war das eben so. “Aaron” war ein Werkzeug gewesen, und so konnte sein Name es ebenfalls sein.

Als sich das Lehrerzimmer leerte, passte Niels Natalie ab. Zum einen wollte er sie begrüßen, er freute sich ehrlich, sie zu sehen, und zum anderen wollte er ihr sagen, dass er nicht “Niels” hieß. Zumindest nicht hier, und nicht jetzt.
Natalie schien auf Niels gewartet zu haben, sie kam lächelnd auf ihn zu. “Was machst du hier?” fragte sie. “Ich bin als Aushilfslehrer unterwegs. Und falls dich jemand fragt: Ich heiße hier Aaron Weatherby. Mehr kann ich dir leider nicht sagen.” Weil ein Mann, den wir als Hank Williams kennengelernt haben, sehen will, ob ich seinen Ansprüchen genüge. “Hier gehen merkwürdige Dinge vor sich”, wechselte er schnell das Thema. Jetzt hatte er Natalies Aufmerksamkeit von seiner Person abgelenkt, mit großen Augen hörte sie ihm zu, wie er von den seltsamen Vorfällen der letzten Wochen erzählte: Eine Vitrine war zerstört worden, nachdem ein Feuerlöscher wie von Geisterhand angestoßen worden war, ein Bücherregal war wie aus dem Nichts umgekippt und hatte beinahe eine Schülerin getroffen. Natalie schnaubte, als sie Niels’ Bericht hörte. „Ich bin 20 Jahre durchs Leben gegangen, ohne was mitzubekommen, und im letzten Jahr kann ich an keinen Baum treten, ohne dass eine Hexe rausfällt!“ erklärte sie. Niels sah sie nur an und hob eine Augenbraue. „Wenigstens hast du zwanzig ruhige Jahre gehabt“, antwortete er dann leise. Natalie nickte nur, und Niels wollte das Thema schnell wieder in andere Bahnen lenken, als die Tür des Büros der Direktorin sich öffnete. Heraus kam eine wohlbekannte Gestalt: Barry Jackson.

Als der Indianer Natalie sah, verzog sich sein Gesicht, und Niels überlegte, ob das wohl ein Lächeln war. Er begrüßte die junge Frau, dann wandte er sich Niels zu. Bevor der junge Mann etwas sagen konnte, erklärte Natalie, dass Niels hier “Aaron Weatherby” hieß, und Niels war sich sicher, dass der Gesichtsausdruck, den Barry jetzt aufsetzte, sicher kein Lächeln war. “Du heißt nicht Weatherby, Heckler”, erklärte der Indianer, und Niels konnte nur mühsam ein Seufzen unterdrücken. Er wusste selbst, wie er hieß. Er wusste selbst, wer er war.

Die Auffahrt war nicht lang, und so konnte Niels das Haus von unten bereits sehen. Das Tor war verschlossen, und gut sichtbar war das Schild der Sicherheitsfirma zu sehen, die das altehrwürdige Herrenhaus bewachte, das einmal das Zuhause von Jacob Heckler und seiner Familie gewesen war. Rabenstein House. Niels stieg aus dem Auto aus und ging am Zaun entlang. Wie gerne würde er das Tor öffnen und einfach die Auffahrt hochgehen, das Haus betreten und seinem Vater wenigstens einmal in diesem Leben nahe sein. Aber er war sich sicher, dass weder Felicity noch Tante Delia daran gedacht hatten, den Wachleuten zu sagen, dass Jacob Heckler einen Sohn hatte, und er wollte keinen Verdacht erregen. Natürlich konnte er sich ausweisen, aber er hatte kein Interesse an einer Konfrontation.
Stattdessen blieb er unten vor dem Eingangsschild stehen, die Hände in den Hosentaschen. Rabenstein House. Der Name löste etwas tief in Niels aus, ein Gefühl, das er nicht kannte, und das sich zu dem bisherigen schlechten Gewissen und der Schuld gesellte. Trotz allem, was geschehen war, war Jacob immer noch ein Heckler. Der Sohn von Korbinian, und der Neffe von Ludwig Heckler, dem Schrecken vom Rachel. Ein Jäger der alten Schule, einer Tradition verpflichtet, die Niels immer abgelehnt hatte. Er war sich sicher, dass Jacob ihn nie so behandelt hätte, wie Gustav es getan hatte, aber auch sein Vater hätte ihn zu einem Jäger gemacht.

Du kannst ihnen nicht entkommen. Einmal Jäger, immer Jäger.

Niels holte tief Luft, als er spürte, wie die Panik wieder in ihm aufstieg. Noch nie zuvor in seinem ganzen Leben hatte er sich so entwurzelt gefühlt. Er war nur ein Bastard, ein Niemand, und alles, was er zustande gebracht hatte, war, anderen Menschen zur Last zu fallen mit seinen Ängsten und sie mit seinem kindischen Verhalten sogar in Lebensgefahr zu bringen. Schluchzend sank er vor dem Zaun in sich zusammen.
Er musste eine Zeit lang so da gesessen haben, als sein Smartphone piepsend seine Aufmerksamkeit verlangte.

Bruderherz, wie geht es dir? Seit der Skype-Session hab ich nichts mehr von dir gehört. Mache mir Sorgen. Angelika.

Niels wischte sich die Tränen ab, stand auf und ging eine Antwort tippend zum Auto zurück. Er war nicht allein, seine Schwester würde wahrscheinlich in die Hölle gehen, um ihn dort herauszuholen – beide Schwestern. Schließlich fiel ihm wieder ein, was ihm Angelika erzählt hatte, nachdem er ihr gesagt hatte, dass sie nur Halbgeschwister waren. “Weißt du eigentlich, warum du Niels heißt? Das war seine Idee. Er hat dir deinen Namen gegeben.”

“Was machst du hier?” wollte Barry wissen, seine dunklen Augen schienen Niels geradezu sezieren zu wollen. “Ich habe einen Auftrag”, gab Niels zurück. Es ging Barry schließlich nichts an, warum Flann ihn hierher geschickt hatte. “Ich rufe die Polizei, wenn du mir nicht sagst, was du hier tust. Meine Kinder gehen auf diese Schule”, erklärte Barry jetzt. Niels spürte, wie Wut in ihm aufstieg. Was glaubte der Ältere eigentlich, wer er war? Die Welt drehte sich doch nicht um ihn und seine Kinder. “Es geht hier nicht um deine Kinder. Und es geht dich nichts an, was ich hier mache. Ich arbeitete hier als Aushilfslehrer”, entgegnete Niels betont ruhig, auch wenn er merkte, dass er eigentlich längst nicht mehr so ruhig war. Was wollte Barry von ihm? Waren sie beim letzten Mal so unversöhnlich auseinander gegangen? Eigentlich nicht, wenn Niels sich erinnerte. Das war in Idaho im letzten Jahr gewesen – verfluchtes Idaho, in Zukunft würde Niels einen großen Bogen um diesen Bundesstaat machen. “Meine Kinder gehen auf diese Schule, also geht es mich sehr wohl etwas an”, wiederholte Barry, sein Unterton wurde scharf. “Sag mir, was du hier machst, sonst rufe ich die Polizei.” Niels schätzte kurz seine Chancen ab, ob es ihm gelingen würde, Barry einfach niederzuschlagen, aber zum einen war dies hier kein Ort für so etwas, und zum anderen war Barry vielleicht älter als er, aber mit Sicherheit auch geübter im Nahkampf. Außerdem wollte er dem Haken nicht zu nahe kommen, er sah aus, als könnte er häßlich wehtun. Wahrscheinlich war das mit ein Grund, warum der Indianer ihn trug.
“Es. Geht. Dich. Nichts. An.” Niels betonte jetzt jede Silbe einzeln, aber Barry wollte sich nicht beruhigen. “Schön. Aber wir beide gehen jetzt trotzdem zu Direktorin Reese und sprechen mit ihr. Sie wird deine Geschichte ja wohl bestätigen.” Niels stöhnte innerlich auf. Er sollte nicht auffallen, und was würde die Direktorin sagen, wenn ein wütender Vater mit ihrem Kunst- und Deutsch-Aushilfslehrer in ihr Büro stürmte und dort eine Szene machte?
“Wenn du hier bist, dann geht hier doch bestimmt etwas vor. Etwas Übernatürliches.” Daher wehte also der Wind. Niels stöhnte jetzt auch laut auf. “Es geht nicht um die Jagd bei meinem Auftrag, wenn du das meinst”, erklärte er, und jetzt schien Barry endlich einzulenken. Er ließ den Türknopf los und drehte sich zu Niels und Natalie um. “Gut, aber ich behalte das im Auge.” Mit diesen Worten wandte er sich Natalie zu und ignorierte Niels. Niels tat es ihm gleich und verabschiedete sich von Natalie, er hatte noch einiges zu tun.

Auf dem Weg zum Lehrerzimmer kamen ihm zwei seiner Schülerinnen entgegen, Alexandra und Rochelle. Beide waren 14 Jahre alt und besuchten seinen Deutsch-Kurs. Niels hatte manchmal den Eindruck, dass ihr Eifer für den Kurs nicht nur der Sprache, sondern auch seiner Anwesenheit geschuldet war, aber das war nur eine Vermutung.
Die beiden Mädchen kicherten, als Niels an ihnen vorbeiging, und vielleicht war seine Vermutung doch nicht nur das. Er lächelte vor sich hin und fuhr sich durch die Haare, die endlich wieder eine annehmbare Länge hatten, dann nahm er die Fensterglas-Brille ab und steckte sie in die Hemdtasche. Vielleicht war Barry auf Ärger aus. Aber er war nicht mehr der kleine Junge, der sich von anderen herumschubsen ließ. Er war gewachsen in den letzte Monaten. Was er zunächst für einen Rückfall in seine Vergangenheit gehalten hatte, hatte sich als eine Art zweite Geburt herausgestellt. Feuer reinigt, Aaron. Deswegen muss die Hexe brennen. Ja, Feuer reinigte. Feuer reinigte von allem, was einen zurückhielt, von den bösen Erinnerungen und dem Wissen, dass man nur als Werkzeug großgezogen worden war. Niels war nie ein Kind gewesen, nie ein Mensch. Nur das Werkzeug der ultimativen Rache. Genau das war ihm klar geworden, nachdem er sich mit Ethan getroffen hatte, nachdem er sich mit Emily ausgesprochen hatte. Vielleicht trug er den gleichen Nachnamen wie Gustav, Jospeh und auch Benedikt, aber damit endeten ihre Gemeinsamkeiten. Sollte er jemals nach Hause zurückkehren, es gäbe nur eine Sache, die er noch tun würde, fünftes Gebot hin oder her.

Am nächsten Tag hielt Niels wie gewohnt seinen Unterricht ab. Natalie hatte ihm eine SMS geschickt, dass sie sich in die Kameras der Schule eingehackt hatte, um zu sehen, ob sie dabei etwas interessantes sehen konnte. Niels hatte zwar Zweifel, dass sie damit einen Geist würde wirklich sehen können, aber falls die seltsamen Vorfälle doch einen ganz weltlichen Ursprung hatten, dann konnte sie den Übeltäter damit vielleicht auf frischer Tat ertappen.

Viel Zeit, um über Natalies Pläne nachzudenken, hatte Niels jedoch nicht, er musste sich schließlich um seine Schüler kümmern. Besonders Caitlyn, die sonst immer gute Leistungen in seinem Deutsch-Unterricht zeigte, stotterte heute furchtbar, was sie sehr mitzunehmen schien. Nach der Stunde kam sie zu ihm und entschuldigte sich, doch Niels sah sie nur lächelnd an. "Hey, wir haben doch alle mal einen schlechten Tag. Ich weiß doch, dass du sonst eine gute Schülerin bist”, versuchte er sie aufzumuntern. Caitlyn sah ein wenig verlegen zu Boden, dann meinte sie: “Ich weiß ja auch nicht. Vielleicht lag es daran, dass wir heute die Bio-Arbeit schreiben, und ich so aufgeregt bin.” Niels erinnerte sich daran, dass er gestern die Fünfer-Clique um Rochelle und Alexandra und ihre Freundinnen Madison, Alondra und Leticia hatte ermahnen müssen, weil die Mädchen sich lieber über die Arbeit unterhalten hatten statt seinem Unterricht zu folgen.

Niels wartete, bis auch der letzte Schüler den Klassenraum Richtung Caféteria verlassen hatte, dann schloss er ab und ging ebenfalls zum Mittagessen.
Als er die Caféteria betrat, fiel ihm als erstes Barry auf. Na wunderbar, der hat mir gerade noch gefehlt. Offenbar war der Indianer der Meinung, dass Niels eine Gefahr für seine Kinder darstellte, so wie er ihn beobachtete. Niels beschloß, sich nicht von ihm provozieren zu lassen, sondern holte sich betont lässig sein Essen ab und setzte sich dann zu Mr. Andrews, mit dem er ohnehin noch ein Kunstprojekt besprechen musste.

Nach dem Essen hatte Niels eine Freistunde, weswegen er in der Caféteria sitzenblieb. Barry schien sich verzogen zu haben, wahrscheinlich war er in die Bibliothek gegangen. Der junge Mann hegte keinerlei Interesse, dem Älteren noch einmal über den Weg zu laufen. Was immer Barry für ein Problem mit ihm hatte, er wollte es nicht vertiefen und riskieren, dass doch jemand die Zeugnisse, die Flann ihm gegeben hatte, näher überprüfte. Kurzzeitig überlegte er, ob er den Iren anrufen sollte, aber Flann rief man nicht an. Flann schickte man, wenn überhaupt, eine SMS und hoffte, dass er sich meldete.
Also nahm Niels seinen Zeichenblock aus der Tasche, um zu zeichnen. Seine Finger waren immer noch ein wenig steif, aber es ging von Tag zu Tag besser, bald wären sie wieder so wie früher, wenn man von dem Narbengewebe darauf absah. Niels schob sich die Ärmel nach oben, um zu beginnen. Sein Blick fiel auf die farbigen Motive, die auf seinem Unterarm das Schlimmste versteckten.

Das “Moth and Dagger” war kein besonders auffälliger Tattooladen, und Niels hatte immer noch keine Idee, warum Flann ihn ausgerechnet hierhin geschickt hatte. Aber offensichtlich konnte Jason die Anti-Dämonen-Tätowierung machen, und genau so etwas brauchte er. Nie wieder sollte ein Dämon die Gelegenheit haben, sich an seiner Seele gütlich zu tun. Er schüttelte sich bei dem Gedanken daran und überlegte dann, ob es nicht zu früh war, dass er sich wieder tätowieren ließ. Aber nachdem die Verbände endlich verschwunden waren und deutlich geworden war, dass es ohne Nachstechen nicht gehen würde, konnte es ihm nicht schnell genug gehen.

Der Arzt und die Jamesons waren natürlich nicht so begeistert gewesen, als Niels gesagt hatte, dass er nach San Francisco fliegen wollte, und vor allen Dingen, als er gesagt hatte, warum. Aber schließlich hatte der Arzt gesagt, dass zumindest vom medizinischen Standpunkt nichts gegen neue Tätowierungen sprach, und es sei ja auch ein Stück weit Therapie für Niels, um mit dem Erlebten fertig zu werden.

Niels betrat den Laden mit einem mulmigen Gefühl. Er hatte sich immer noch keine gute Coverstory überlegt. Flann hatte ihm eingeschärft, dass er ihn nicht erwähnen sollte, aber was sollte er dann sagen?
“Kann ich dir helfen?” Bevor Niels noch einen Gedanken daran verschwenden konnte, was er jetzt genau Jason erzählen sollte, damit er an die Anti-Dämonen-Tätowierung kam, hatte der ihn schon angesprochen. Er musste es sein, denn sonst sah Niels nur noch zwei Frauen, die mit Kundschaft beschäftigt waren. “Bist du… bist du Jason?” fragte Niels und wollte im gleichen Moment den Laden verlassen. Der Mann musterte ihn eingehend und sagte dann nach einer gefühlten Ewigkeit. “Der bin ich. Was kann ich für dich tun?” Niels schob die Ärmel hoch und zeigte Jason wortlos die Bildfetzen auf seinen Armen. Der Tätowierer pfiff durch die Zähne. “Fuck. Heißes Date gehabt, Kleiner?” Er ging zu einem Schreibtisch und schlug ein Buch auf. In diesem Moment kam Niels die rettende Idee. Er sah sich um, aber die beiden Frauen waren in ihre Arbeit vertieft, und sonst war niemand im Laden. Beiläufig fasste er sich an die Hosentasche und schob die Bibel nach oben, so dass sie aus der Hosentasche fiel und aufgeklappt vor Jasons Tisch liegenblieb. Als habe das Schicksal ihn unterstützen wollen, fiel ausgerechnet der Zettel mit dem Anti-Dämonen-Zeichen heraus. Niels bückte sich und wollte die Bibel wieder aufheben, doch Jason hatte genau das gesehen, was er hatte sehen sollen. “Oh, so einer bist du also”, meinte er nur und sah Niels an. “Ich… das hab ich bei den Sachen meines Vaters gefunden. Der hatte dieses Zeichen tätowiert….” Jason grinste jetzt breit. “Schon klar. Na wenigstens muss ich es dir nicht einbrennen. Mit dem Feuer gespielt hast du ja bereits. Komm mit, wir kriegen das und den Rest mit Sicherheit hin.”

Mit einem Lächeln auf den Lippen in Erinnerung an seine Zeit in San Francisco wollte Niels sich gerade seinen Zeichnungen widmen, als die Tür aufging und eine Gruppe Jugendlicher hereinkam. Niels sah sie sich eingehend an, er erkannte Caitlyn, Rochelle, Alexandra und noch ein paar andere seiner Schüler aus dem Deutschkurs. Sollte jetzt nicht eigentlich die Biologie-Arbeit stattfinden?
Er stand auf und ging zu Caitlyn herüber. “Was ist denn hier los?” fragte er sie. Sie sah ihn mit großen Augen an. “Mr Taylor ist bei der Schulschwester, es geht ihm nicht so gut. Die Arbeit fällt aus.” Niels zog eine Augenbraue hoch. Umfallende Regale und anderes mochten eins sein, aber das hier kam ihm verdächtig vor, und wenn es gegen andere Menschen ging, dann war dies definitiv etwas, was er sich ansehen sollte. Er packte seine Zeichensachen ein und gab der Klasse zu verstehen, dass sie sich in die Bibliothek begeben und bei Ms Bishop melden sollten. Er selbst begab sich zur Krankenstation, um nach dem Biologielehrer zu sehen.

Schwester Susan saß hinter ihrem Schreibtisch und sah kurz auf, als Niels hereinkam. “Wie geht es Mr Taylor?” wollte er wissen. “Naja, den Umständen entsprechend. Er wird etwas falsches gegessen haben”, meinte Schwester Susan. Niels erinnerte sich daran, dass er den Biologielehrer vorhin in der Caféteria gesehen hatte, wo er mit Begeisterung das Gleiche wie alle anderen gegessen hatte. “Aber ich habe auch in der Caféteria gegessen, und bisher ist doch auch sonst niemand bei Ihnen gewesen, oder?” wollte er jetzt von der Krankenschwester wissen. Die sah ihn nur über den Rand ihrer Lesebrille an. “Nein, bisher nicht. Mr Weatherby, Ihre Sorge ehrt Sie, aber es könnte auch sein, dass Mr Taylor sich einfach einen Virus eingefangen hat. Ich habe sicherheitshalber einen Krankenwagen gerufen, damit sich ein Arzt Mr Taylor ansehen kann.” Ein Virus. Oder Magie? Niels überlegte, ob jemand den Lehrer verhext hatte. Das war eine Möglichkeit, die er nicht ausschließen wollte, und die er dringend mit jemandem besprechen musste.

Natalie wartete bereits in der Bibliothek. “Was soll ich denn mit den ganzen Kindern machen? Du bist hier als Lehrer eingestellt”, beschwerte sie sich, aber Niels bedeutete ihr, dass er ihr alles erklären würde. Er hielt die Jugendlichen an, sich mit ihren Hausaufgaben zu beschäftigen, dann zog er Natalie in ihr kleines Büro neben der Bibliothek. “Hier ist Hexerei im Spiel, Natalie. Diese ganzen Vorfälle, und jetzt die plötzliche Erkrankung von Mr Taylor. Meine Jägersinne sind angesprungen.” Natalie hörte ihm zu, die Arme vor der Brust verschränkt. Niels hatte bereits einen Verdacht, den er gegenüber der jungen Frau äußerte. “Ich weiß nicht, ob meine Schülerinnen was damit zu tun haben, aber es würde mich nicht wundern.” Er machte eine Handbewegung Richtung Bibliothek, wo Alexandra, Rochelle, Madison, Alondra und Leticia einträchtig ihre Schreibaufgaben machten. “Kannst du nicht mit ihnen reden? Du bist doch ein Mädchen.” Niels sah Natalie mit einem aufrichtigen Lächeln an, denn er hatte tatsächlich überhaupt keine Ahnung, wie man mit Mädchen sprach, zumindest nicht in dem Alter. Seine Klassenkameradinnen hatten den seltsamen Aaron stets gemieden, und Niels hatte nie das Bedürfnis gehabt, sich mit einer von ihnen näher zu beschäftigen.
Natalie grinste jetzt. “Kann ich machen, aber was bringt dich darauf, dass es diese Fünf waren?” Niels berichtete ihr, dass ein Mädchen, das einen Unfall hatte, ebenfalls aus dieser Klasse war, und ein anderes Mädchen, dem einer der seltsamen Vorfälle passiert war, ging zumindest in die gleiche Klassenstufe. Sie war Favoritin beim Sportfest gewesen und hatte sich kurz vor einem Wettlauf den Knöchel verknackst. Rochelle hatte den Lauf gewonnen, und Alexandra war Zweite geworden.

In diesem Moment klopfte es an der Tür, und ohne ein “Herein” abzuwarten, betrat Barry das Zimmerchen. Niels warf ihm einen langen Blick zu, aber anscheinend war der Indianer gegen den Heckler-Blick immun, oder er wollte ihn immer noch nicht beachten. Aber auf der anderen Seite war Barry ein versierter Jäger, und je mehr Leute in das Geschehen hier eingeweiht waren, desto besser. Niels und Natalie erzählten Barry alles, und der Ältere schlug vor, die Mädchen zunächst zu beobachten.

Alle fünf wirkten jedoch so, als könnten sie kein Wässerchen trüben, leise vor sich hinkichernd, steckten sie die Köpfe zusammen und gingen ihrer Arbeit nach. Aber irgendwas an diesem Bild wirkte für Niels so, als würde es nicht zu dem Rest passen, und als Madison Rochelle einen Stift reichte, wusste er, was es war: Die Fünf hatten alle das gleiche Schreibmäppchen in Form einer Voodoo-Puppe. Wussten die Mädchen, mit was für Mächten sie sich da anlegten? Mit Sicherheit nicht. Also schlenderte er durch die Reihen und tat so, als beobachte er die Stillarbeit der Schüler, bis er am Tisch der Fünfer-Clique ankam. Er hob Alexandras Mäppchen hoch und sah es sich an.
Das Mäppchen war aus Segeltuch gefertigt, das bereits gebraucht wirkte. Seemannsgeister? Niels hoffte, dass das nicht der Fall war, mit dem Meer und seinen Geistern kannte er sich nicht aus. Er drehte das Mäppchen um und las den Aufnäher auf der Rückseite: “Hurricane Matthew Disaster Relief Foundation”. Die Firma, die das Mäppchen hergestellt hatte, nannte sich Smiggle, Natalie würde dazu sicher was im Netz herausfinden. “Das ist ja schon ein ungewöhnliches Mäppchen”, meinte Niels jetzt zu Alexandra, die verlegen lächelte. “Ja, das ist cool, oder? Madison hat die mitgebracht, als sie in Australien war. Für jede von uns!” Sie wurde ein wenig rot, als sie das erzählte, und Niels war sich nicht sicher, ob es seinetwegen war oder weil sie einfach aufgeregt war. Er legte das Mäppchen wieder auf den Tisch und besah sich die übrigen Püppchen. Bei dreien sah er auf den Köpfen die Spuren von Klebstoff, und er konnte auch Einstechlöcher erkennen.

Fuck. Fuckfuckfuck. Sie spielen mit Mächten, die sie nie im Leben umreißen.

Niels kehrte zu Natalie und Barry zurück und nannte ihnen den Namen der Firma. Natalie fand heraus, dass Smiggle sehr viele bunte Accessoires machte, unter anderem auch die Mäppchen. Diese waren ursprünglich als Unterstützung für die Hurrikan-Opfer gedacht, wurden aber wieder aus dem Programm genommen, weil Eltern sich über Mobbing beschwert hatten.

“Vielleicht können wir das Problem mit Weihwasser entschärfen?” schlug Barry vor. Niels sah ihn an. “Wie stellst du dir das vor?” wollte er wissen. “Naja, wir lösen einen Feueralarm aus und füllen Weihwasser in die Sprinkleranlage.” Niels nickte, das könnte tatsächlich funktionieren. “Aber du könntest auch erstmal mit einem der Mädchen reden”, meinte Natalie mit einem Seitenblick zu Alexandra. Niels sah sich um. Tatsächlich, die Kleine schien ihn zu mögen. Er beschloss, sie nach der Stunde abzufangen, denn es bestand schließlich immer noch die geringe Möglichkeit, dass sich hier nichts Übernatürliches abspielte und alles ein Zufall war – oder sehr dumme mundane Streiche.

Es war nicht schwierig für Niels, Alexandra alleine zu sprechen, sie stand vor dem Wasserspender an der Bibliothek, ihre Freundinnen waren nirgends zu sehen. “Ich weiß, was ihr mit den Mäppchen gemacht habt”, erklärte Niels ihr geradeheraus. Alexandra wurde bleich. “Aber… aber.. das ist doch nicht echt. Wir haben nur damit rumgespielt!” verteidigte sie sich. Niels schüttelte den Kopf. “Ich kenne mich mit so etwas aus, und glaube mir, das ist echter, als du dir denkst.” Oder wünschst. Das Mädchen sah nun so aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, und beinahe bekam Niels ein schlechtes Gewissen. “Kann ich mir dein Mäppchen bis morgen ausleihen? Ich würde gerne etwas ausprobieren. Du bekommst es auch bestimmt zurück.” Er lächelte, und Alexandra lächelte verlegen zurück. “Aber nur, weil Sie es sind, Mr. Weatherby”, sagte sie leise und reichte ihm das Mäppchen und ein Schächtelchen. “Die Nadeln gehören auch dazu”, meinte sie, dann drehte sie sich um und lief davon.

Niels kehrte in die Bibliothek zurück, wo Natalie und Barry noch warteten. “Und jetzt?” wollte er wissen. Barry antwortete nicht, sondern ging zum Computer, tippte etwas und kam schließlich mit einem Ausdruck eines Fotos von sich selbst zurück. “Pack das da rein”, wies er Niels an, dann reichte er Natalie die Nadeln. “Jetzt sehen wir ja, ob das funktioniert”, meinte er, nachdem Natalie einige Nadeln in das Püppchen gesteckt hatte. “Spürst du denn was?” wollte Niels wissen, er war skeptisch, dass das so einfach ging. Barry schüttelte den Kopf. “Nicht wirklich. Wir müssen das Mädchen nochmal fragen, wie sie das genau gemacht haben.” Niels nickte, aber Alexandra war erst am nächsten Tag wieder da. Dann fiel ihm etwas ein. “Wenn die Fünf wirklich Hexen sind, stehe ich jetzt vermutlich auf ihrer Abschussliste.”

Wieder schneller gedacht als gehandelt, Heckler?

Barry stimmte ihm zu. “Wenn du willst, kannst du mit zu mir kommen”, meinte er. Niels schüttelte den Kopf. “Ich weiß, wie ich mich schütze.” Unbewusst wanderte seine Hand in Richtung Brust, wo sich die frische Anti-Dämonen-Tätowierung befand. Außerdem legte er keinen gesteigerten Wert darauf, mehr Zeit mit Barry zu verbringen als nötig. Aber für alle Fälle war es ihm lieber, wenn Natalie ihn begleitete. Er reichte ihr die Bibel, und sie sah das Buch interessiert an, dann jedoch bemerkte Niels ihren fragenden Blick. Natürlich, das Buch war auf Deutsch, das konnte sie zwar lesen, aber wirklich nutzen würde es nicht.
“Du könntest dich in einen Salzkreis legen. Oder Eisenspäne”, schlug Barry jetzt vor. Niels seufzte. Auf diese Idee wäre er ja nie im Leben gekommen. Wenn Barry ihm gleich noch vorschlug, Schneeball auf die Türrahmen zu legen, oder ähnliches, würde er dem Indianer vielleicht doch mal zeigen, wer die Hecklers waren und worin seine Ausbildung bestanden hatte. Er war seit seinem neunten Lebensjahr ein Jäger, der Sohn eines Jägers, aufgezogen von einem Jäger. Er würde niemals etwas anderes tun können, so sehr er sich das wünschte. Auch Aaron Weatherby, der Kunstlehrer, konnte das niemals ändern.
“Ich könnte dir Eisenspäne be…” “Danke, ich habe alles da”, unterbrach Niels Barry und atmete tief durch. Sein Problem war ein pubertärer Hexenclub, nicht ein übereifriger paranoider Übervater.

In seiner kleinen Wohnung, die nicht weit von der Schule lag, zog Niels als erstes einen Salzkreis versetzt mit Eisenspänen um seine Couch. Auch das Mäppchen platzierte er in einem Salzkreis. Er überließ Natalie das Bett, als sie später schlafen gingen, und kaum lag er auf der Couch, hörte er an Natalies gleichmäßigem Atem, dass sie eingeschlafen war. Er selbst drehte sich noch hin und her, schlafen war nichts, was ihm leicht fiel. Tagsüber hatte er seine Dämonen inzwischen bestens im Griff, aber nachts holten sie ihn in regelmäßigen Abständen wieder ein. Die Tatsache, dass er sich zur Zielscheibe der Junghexen gemacht hatte, und Barrys seltsames Verhalten trugen nicht gerade dazu bei, dass er die Ruhe herbeisehnte. Doch irgendwann konnte er die Augen nicht mehr aufhalten, und er fiel in einen unruhigen Schlaf.

Die Flammen hüllen ihn ein, aber sie verbrennen ihn nicht. Er kann sich nicht bewegen, das Feuer hat ihn eingeschlossen. Eine Gestalt löst sich aus der Glut, sie hat kein Gesicht, nur schwarze Augen sind zu sehen. “Ich will dich”, raunt sie ihm zärtlich zu und beginnt, mit ihren Händen seinen Oberkörper hochzufahren. Die Tätowierung scheint sie nicht zu stören, die Finger fühlen sich an wie glühende Eisen auf seiner Haut. Er bekommt keine Luft mehr, etwas schnürt ihm die Kehle zu, er will das nicht, nein, die Hände graben sich jetzt in seine Haut, graben sich tiefer, bis in sein Herz, in seine Seele…

“Nein!” Niels fuhr schreiend und keuchend auf, er war schweißgebadet. Im Hals verspürte er ein leichtes Kratzen. War das eine Nebenwirkung seines Traums, oder hatten die Mädchen tatsächlich versucht, ihn zu verhexen? Er sah auf die Uhr. 5 Uhr. Keine Zeit, zu der er freiwillig aufstand, zumal Natalie noch schlief, aber er konnte nicht wieder einschlafen.
Er stand auf und duschte ausgiebig, dann machte er Kaffee und Frühstück. Natalie war inzwischen ebenfalls wach, sie reckte sich und gähnte. Niels schenkte ihr eine Tasse Kaffee ein und reichte sie ihr. “Tut mir leid, falls ich heute nacht unruhig war”, meinte er. Es war ihm immer noch peinlich, wenn Leute mitbekamen, dass er nicht schlafen konnte. Mehr als einmal hatte seine Tante ihn wie ein kleines Kind getröstet, wenn er schreiend aufgewacht war, und mehr als einmal hatte Niels sich furchtbar dafür geschämt. Aber Delia hatte nie etwas gesagt, sie hatte ihn nur festgehalten und gewartet, bis er wieder eingeschlafen war. Manchmal fragte Niels sich, was er ohne seine Tante und ihre Eltern in den letzten Monaten gemacht hätte. Wahrscheinlich wäre er jetzt nicht hier.

Natalie nickte nur verschlafen und nippte an ihrem Kaffee, offensichtlich schien sie trotz Allem gut geschlafen zu haben. Schließlich tappte sie ins Bad und kam dann deutlich frischer wieder zurück, bereit, wieder an die Arbeit zu gehen.

Niels suchte Alexandra und fragte sie rundheraus nach dem Mäppchen. “Ok, wie genau habt ihr das gemacht, du und die anderen?” wollte er wissen. “Sie müssen ein Bild von jemandem reintun, und am besten noch ein Haar oder so etwas von der Person”, erklärte sie. “Dann müssen Sie sich etwas wünschen… Madison hat sich zum Beispiel gewünscht, dass Caitlyn gestern in Ihrem Unterricht anfängt zu stottern, oder Rochelle hat sich gewünscht, dass sie das Wettrennen beim Sportfest gewinnt.” Dann machte sie plötzlich eine Pause und sah Niels lange an. “Aber Mr Weatherby, das funktioniert doch nicht wirklich. Das war doch alles nur ein Spiel!” Niels schüttelte den Kopf. “Ich gehe jetzt in die Bibliothek, und du wirst in etwa fünf Minuten nachkommen.” Auf keinen Fall wollte er gesehen werden, wie er alleine mit einer Schülerin dort hinging, man konnte nie wissen, wer ihm daraus einen Strick drehen wollte.

Er ging vor und stellte fest, dass nicht nur Natalie in der Schulbibliothek war. Auch Barry hatte sich wieder an der Schule eingefunden, was Niels nur noch ein müdes Augenbrauen-Hochziehen entlockte. Offensichtlich war der Ältere immer noch nicht überzeugt davon, dass Niels mitnichten vorhatte, seinen Kindern zu schaden. Aber gut, dann konnte der Indianer ihn bei den Junghexen unterstützen. Bevor Alexandra kam, erzählte Niels ihm und Natalie, was das Mädchen gesagt hatte. Zum Glück hatte er noch ein Passfoto von sich einstecken, dass er auf das Mäppchen kleben konnte, dann riß er sich ein Haar aus und schob es hinein.

Keine Sekunde zu früh betrat Alexandra die Bibliothek. Unsicher sah sie von Niels zu Barry und Natalie, aber als der junge Mann ihr aufmunternd zunickte, kam sie näher. Niels schob sich den Ärmel hoch, dann reichte er Alexandra das Mäppchen und die Nadeln. “Stich zu”, meinte er nur, “meinem Arm macht das nichts mehr aus.” “Aber… aber.” Alexandra sah ungläubig auf die vernarbte Haut, auf der sich die ersten Bilder fanden. Jason hatte seine Arbeit gut gemacht, bei Narben war die Gefahr groß, dass die Tinte verlief und das Motiv undeutlich wurde. “Stich zu.” Niels hätte niemals gedacht, dass er jemanden dazu auffordern würde, ihm weh zu tun, aber er wusste, er musste das Mädchen überzeugen. Er spürte ein Kribbeln, aber keinen Schmerz. “Stich fester zu”, ermunterte er sie, aber Alexandra sah ihn nur an, ihre Mundwinkel verzogen sich. “Ich.. kann nicht… Ich mag Sie doch!” entfuhr es ihr jetzt. “Das reicht jetzt”, ging Barry dazwischen, und Niels warf ihm einen langen Blick zu. Alexandra sah wieder unsicher von einem zum anderen, aber dann fasste sie sich ein Herz. “Ich… ich habe diese Narben gesehen, Mr Weatherby, und ich wollte nur, dass es Ihnen besser geht.” Niels sah sie an und wusste, dass sie es ernst meinte. “Es geht mir gut, Alexandra. Und die Narben verheilen jeden Tag mehr.” Während er sie so ansah, war er plötzlich doch froh, dass sie ihm nichts Schlimmeres gewünscht hatte. Es gab noch Hoffnung für sie. Ob das allerdings auch für ihre Freundinnen galt, konnte er nicht sagen. Aber jetzt mussten sie Nägel mit Köpfen machen.

Niels wies Alexandra an, Madison, Rochelle, Alondra und Leticia in die Bibliothek zu beordern. Ohne große Worte zu machen, bat er die fünf Mädchen in Natalies kleines Büro. Als sie Barry sahen, zuckten sie kurz zusammen, wie Niels zufrieden feststellte. Wenn der Indianer eines beherrschte, dann die Kunst, Leute einzuschüchtern. Das wusste er aus May Creek nur noch zu gut.

“Ich komme gleich zur Sache”, erklärte Niels den Mädchen und hielt das Mäppchen hoch, “ich weiß genau, was ihr gemacht habt. Glaubt mir, Voodoo ist kein Kinderspiel, und das hier waren keine harmlosen Streiche. Ihr hättet Leute ernsthaft verletzen können.” Dann fiel ihm Mr Taylor ein, und er korrigierte sich: “Ihr habt Menschen verletzt. Das mit Mr Taylor ist Körperverletzung. Was, wenn Schwester Susan nicht gleich einen Krankenwagen gerufen hätte, oder er eigentlich ein schwaches Herz hat, und ihr hättet ihn umgebracht? Wolltet ihr das wirklich riskieren?” Er sah sie wütend an, eine nach der anderen, und der Hecklerblick tat sein Übriges zu Barrys düsterem Auftreten hinter ihm. Vier der Mädchen blickten betreten unter sich, nur Madison war nicht überzeugt. “Aber das war doch irgendwie cool…” versuchte sie sich zu rechtfertigen. Niels beugte sich vor. “Du findest es also cool, Menschen zu verletzen und zu riskieren, dass sie sterben?”

”Ich will dich bluten sehen, Aaron. Ich will dich leiden sehen.”

So schnell, wie Joseph vor seinem inneren Auge erschienen war, so schnell war er auch wieder verschwunden. Niels atmete tief durch. Madison war nur eine verwöhnte Vierzehnjährige, keine geborene Sadistin, die ihre Befriedigung aus dem Leiden anderer Menschen zog.
“Naja… so, wie Sie das sagen, klingt das wirklich nicht mehr cool, Mr Weatherby”, gab sie schließlich zu. “Bitte sagen Sie niemandem, was wir gemacht haben!” bat sie dann. Niels nickte. “Ich will alle eure Mäppchen, und dann reden wir nicht mehr von der Sache. Ach, und noch was.” Die Mädchen hielten inne, als er sich selbst unterbrach. “Habt ihr versucht, mich zu verhexen?” Rochelle nickte schließlich. “Wir dachten doch, wenn Sie keine Stimme mehr haben, können Sie niemandem etwas sagen…” Niels war versucht zu grinsen, als seine Hand wie so oft in den letzten Wochen unbewusst zu seiner Brust wanderte. “Glaubt mir, ich weiß genau, wie ich mich schützen muss. Um mich zu verhexen, müsst ihr früher aufstehen.” Ungefähr 13 Jahre früher.

Die Mädchen nickten, und nur widerwillig gaben sie ihre Mäppchen ab. Aber Niels ließ nicht locker. “Ich bin vielleicht nicht mehr lange hier, aber er” – er deutete nach hinten auf Barry – “ist nach wie vor in der Gegend, seine Kinder gehen auf diese Schule.” Das schien das beste Argument zu sein, schnell legten die Fünf die Voodoo-Mäppchen auf Natalies Schreibtisch, dann rannten sie hinaus.

“Ich nehm die mit”, meinte Barry, “hier in der Nähe gibt es einen Park, wo wir sie verbrennen können.” Niels nickte, er hatte keine Zweifel, dass Barry das richtige tat, aber verbrennen konnte er sie gerne alleine.

Am Nachmittag ging Niels noch mit Natalie einen Kaffee trinken und erzählte ihr von seinen Erlebnissen in Idaho, worüber sie nur den Kopf schüttelte. Sie unterhielten sich über einiges anderes, als Niels aus dem Augenwinkel eine Bewegung vor dem Café wahrnahm. Stand Barry etwa dort und beobachtete ihn? Himmel, der Mann war ja noch paranoider, als er bisher angenommen hatte! Er beschloss jedoch, ihn zunächst zu ignorieren, dann zahlte er und verließ mit Natalie das Café. Sie verabschiedete sich, und Niels machte sich auf den Weg nach Hause.

Wie vermutet, hielt Barry ihn an seiner Haustür auf. “Ich muss mit dir reden”, begann er, noch bevor Niels seine Luger ziehen konnte. “Muss dir was erklären, okay?” Er sah zerknirscht aus, so als ob es ihm doch leid tat, dass er Niels die letzten Tage gestalkt hatte. Niels war skeptisch, ließ die Waffe aber stecken und blieb stehen.
Barry atmete tief durch, und dann begann er, zu sprechen, er sah Niels kein einziges Mal an, während er das tat. “Als meine Tochter drei war, ist sie entführt worden. Irgendwelche Kultisten. Haben sie schwer verletzt. Jemand anderes hat versucht, meinen Sohn vor seiner Geburt zu ermorden. Letztes Jahr wollte eine Hexe meine jüngste Tochter… sie wollte sie als Zutat für ihre Suppe, damit sie wieder Kraft bekommt.” Er holte noch einmal tief Luft und sah dann auf. “Das sind meine Kinder, He.. Weatherby. Ich habe Angst um sie. Noch nicht so lange her, da hat jemand die Familie eines Bekannten bedroht und ich… ich hab überreagiert. Tut mir leid. Weiß, wie es ist, wenn man nicht über Sachen reden kann.”
Niels sah ihn lange an. Das waren natürlich schlimme Geschichten, die Barrys Kindern da widerfahren waren, aber glaubte der Ältere allen Ernstes, Niels sei jemand, der Kindern so etwas antat? Er warf Barry einen durchdringenden Blick zu, dann antwortete er ihm. “Erstens: Du kannst immer noch Niels zu mir sagen. Und zweitens: Tut mir leid, dass mit deinen Kindern. Aber ich bin sicher keine Gefahr für sie. Ich wusste ja nicht mal, dass sie hier sind.” “Ich glaube, du wusstest nicht mal, dass ich welche habe”, Barry zuckte die Schultern. “Ist nicht unbedingt was, was ich an die große Glocke hänge. Aber… jemand, der dich besser kennt als ich, hat mir das gleiche gesagt, und ich habe nachgedacht… hätte ich vielleicht früher machen sollen.”
Niels entspannte sich etwas, aber er war immer noch auf der Hut. “Ich hätte gedacht, dass du mich besser einschätzen kannst. Und es ehrt dich, dass du so für deine Familie da bist. Ist etwas, was ich so nicht kenne. Aber hey, du hast wenigstens nicht die Polizei gerufen.” “War kurz davor, aber… wie gesagt. Wenn man ein paar Sachen weiß, geht offen und ehrlich nicht immer so gut.” Barry schaute Niels nachdenklich an, und der junge Mann hatte den Eindruck, dass es dem Älteren wirklich ernst wahr. Anscheinend war er nicht der einzige, der erst redete und dann nachdachte. “Bin nicht Mr. Menschenkenntnis, okay, aber… als ich dich das letzte Mal getroffen habe, hätte ich gesagt, du bist ein direkter Typ. Keiner, der sich verstellt. Aber hey, Jäger, das gehört wohl dazu.”
“Ich bin auf jeden Fall kein Typ, der sich an Kindern vergreift.” Und es hat nichts mit meinem Jägersein zu tun, dass ich hier bin und einen falschen Namen habe.
Barry blinzelte. “Nee. Das hab ich auch nicht vermutet.” Dann machte er eine kurze Pause “Okay, nicht ganz richtig. Wie gesagt, die Kids sind schon mal bedroht worden, und mindestens zwei Sachen sind noch offen. Dachte weniger, dass du denen selbst schaden willst, aber deine Auftraggeber…” Er machte eine hilflose Handbewegung. “Manchmal geht meine Fantasie mit mir durch. Sorry.”
“Aber wie gesagt, es hat nichts mit der Jagd zu tun, und auch nicht mit dir oder deiner Familie.” Niels war nicht gewillt, Barry auch nur ein Quentchen von dem zu erzählen, was Flann mit ihm gemacht hatte, das war eine Sache zwischen dem Iren und ihm.
Barry atmete durch. “Okay. Du bist vermutlich in der besseren Position, das zu beurteilen. Fällt mir nur manchmal schwer, dem Urteil anderer zu vertrauen, wenn es um meine Kinder geht. Es ist halt mein Job als Vater, die zu beschützen.” Er machte wieder eine Pause, als sei ihm eingefallen, dass das vielleicht nicht das beste Thema war, das er mit Niels besprechen sollte, und Niels musste an ihr Gespräch in May Creek denken.

Ich will nicht werden wie mein Vater.

Barry wechselte jetzt rasch das Thema. “Bier trinkst du noch, oder?” fragte er. “Ja, natürlich.” Niels rang sich ein vorsichtiges Lächeln ab. “Und so sehen also Väter aus, die sich um ihre Kinder kümmern.”

Dad, hättest du mich genauso beschützt?

Barry gab eine Mischung aus Lachen und Schnauben von sich. “Hab’s von meinem Vater nicht anders gelernt und ich verstehe auch nicht – echt nicht – wie jemand sein kleines Kind anschauen und es nicht einfach nur beschützen wollen kann. Echt nicht.” Er klang sehr leidenschaftlich dabei, und Niels zog eine Augenbraue hoch. Er könnte Barry sagen, wie man es schaffte, dass man sein Kind nicht beschützen wollte. Man sah es nicht als Kind an. “Man sieht es einfach als Werkzeug an.” Zu seinem Unmut klang er dabei verbitterter als er wollte, aber die Erkenntnis, dass er nie mehr gewesen war, war immer noch zu frisch. Sie hatten ihn nicht umgebracht, weil er ihnen lebend wahrscheinlich einfach nützlicher gewesen war.

Barrys erste Reaktion zeigte Unglauben, dann sah er fast betreten aus. “Ich weiß nicht. Kann das schwer nachempfinden. Will ich auch gar nicht. Wie kalt muss es in einem Menschen sein, der sein Kind anschaut und es nur als… als Werkzeug betrachtet.” Er schüttelte hilflos den Kopf. “Tut mir leid, Mann.”
Niels spürte, wie er sich verkrampfte, er wollte nicht über Gustav sprechen. "Es ist vorbei”, sagte er nur. “Und ich hoffe, dass er eines Tages seine gerechte Strafe dafür bekommt,” setzte er hinzu.

Mein ist die Rache, spricht der Herr, nicht wahr, Gustav?

“Wenn er irgendwann mal rausfindet, was er da eigentlich verpasst hat…” Barry schien das Thema immer noch nicht kalt zu lassen, aber Niels wollte nicht mehr darüber reden. Jacob und er würden niemals eine Vater-Sohn-Beziehung führen wie die, die Barry beschrieb, dafür war vor elf Jahren gesorgt worden. Und Gustav würde niemals Vatergefühle für den Bastard seines Bruders entwickeln. “Hast du nicht was von Bier gesagt?” fragte er stattdessen.
“Ja”, Barry hob eine Stofftasche hoch, “Versöhnungsgeschenk.” Der Beutel klirrte, offensichtlich enthielt er einige Flaschen. "Gibt aber auch gute Craftbeerläden hier. Wenn du Bock hast”, meinte er dann. Niels überlegte kurz, aber was sollte schon passieren? Nach diesem Gespräch würde Barry ihn sicher nicht hier auf offener Straße massakrieren, und ein Craftbeerladen klang auch nach neutralem Boden. “Solange wir nicht mehr über Väter quatschen, gerne”, meinte er, und Barry schien sichtlich erleichtert. “Alles klar. Gibt genug andere Themen.”
Der Besuch in dem Laden wurde dennoch ein wenig seltsam, da Niels feststellte, dass er Barry immer noch nicht über den Weg traute. Aber sie fanden einige unverfängliche Gesprächsthemen, wie das Wetter, Bier und Chicago. Barry war erst vor kurzem wieder hierher gezogen, nachdem er der Stadt lange den Rücken gekehrt hatte. Niels gab widerwillig zu, dass der im letzten Jahr bereits ein paar Tage in der Stadt gewesen war. Barry schien zu warten, ob Niels mehr dazu sagen wollte, aber er wollte nicht. Noch weniger als von seinem Vater wollte er Barry von Joe erzählen.
Barry wechselte schließlich das Thema und fragte, ob Niels einen Blog mit seiner Kunst habe. Sowas hatte Niels nicht, und er hatte auch kein Bedürfnis danach. Er wollte seine Ruhe, er wollte nicht in der Öffentlichkeit stehen. Bei seinem Namen war es viel zu leicht herauszufinden, wer er wirklich war, und was seine Familie tat. Barry schien das zu bedauern, er meinte, dass die meisten seiner Schriftstellerbekannten so etwas hatten, weil sie bekannt werden wollten. Aber vielleicht sei das bei Schriftstellern so.
Schließlich verabschiedete Barry sich und meinte “Vielleicht sieht man sich. Muss in den nächsten Wochen ein bisschen rumreisen.” Niels nickte nur und verabschiedete sich ebenfalls.
“Man sieht sich.”

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Niniane

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