Mädchenkram - Supernatural

Roter Schrein auf Roter Erde

(plus anschließender Seelenstrip)

Es ist schon eine Weile her, dass Irene Ethan gebeten hat, auf dem Gelände des ehemaligen Domus Ruber einen Shinto-Schrein für Giffany zu bauen. Als sie das Thema ansprach, war Ethan ziemlich erstaunt. Erstens, weil ihm überhaupt nicht bewusst war, dass seine britische Bekannte Michael Blackwood das Grundstück doch abgekauft hat. Zweitens, weil er es sich zwar hätte denken können, aber es ihn irgendwie doch überrascht hat, dass Irene vom Red Hill sprach, als sie damals in Washington erklärte, sie habe eine Idee zu dem Thema, und sie werde das angehen.

Bislang ist er nicht dazu gekommen, sich um Irenes Bitte zu kümmern, aber da die Britin ihm versicherte, sie habe der Kami schon einen Schrein errichtet, wenn auch nur einen kleinen und improvisierten, und er solle einfach loslegen, wenn er den Kopf dafür frei habe, hat Ethan kein allzu schlechtes Gewissen, dass es Ende Juni wird, bis er mit dem Bau beginnen kann.

Von Barry hat er inzwischen endlich gehört, zwar nur kurz und knapp, aber immerhin. Der scheint seiner Frau reinen Wein über den Vorfall in Hollywood eingeschenkt zu haben, wie Ethan bei seinem letzten Skype-Anruf aus Arties Bemerkungen herauslesen konnte, und ist jetzt anscheinend irgendwie öfter mal unterwegs. Entweder das, oder er weicht Ethan aktiv aus. Erreichen kann Ethan ihn jedenfalls am Telefon so gut wie nicht. Oh Mann. Verdammt. Hoffentlich kriegen die zwei das wieder auf die Reihe. Ethan hat Barry angeboten, dass der für eine Weile zu ihm kommen könne, falls er wen zum Zuhören brauche, aber darauf hat der Ältere nicht reagiert. Okay. Dann wird er wohl schon irgendwie zurechtkommen. Trotzdem wünscht Ethan sich, er könnte mehr tun.

Kann er aber nicht. Sich beim Schrein-Bauen aber wenigstens etwas ablenken, das kann er vielleicht.
Glücklicherweise ist es von Burlington aus nur etwas über eine Stunde nach Hectorville, also muss er nicht schon wieder freinehmen, sondern kann den Bau nachmittags nach der Arbeit in Angriff nehmen. Dass er dem Schrein dann jeden Tag nur ein paar Stunden widmen kann, macht auch nichts. Irene hat ja gemeint, es sei nicht sonderlich eilig, eine Übergangslösung habe sie ja schon aufgestellt.

Als Ethan an diesem Nachmittag mit einer Skizze bewaffnet auf dem Roten Hügel aufläuft, rechnet er eigentlich damit, nur Irene anzutreffen. Er rechnet nicht damit, dass Irene so mitgenommen aussehen würde: im Gesicht und am Hals hat sie unschöne Kratzer. Darauf angesprochen, erzählt die Trophäenjägerin von einer Night Hag, einem Feenwesen, das die Träume einer ganzen Kleinstadt heimgesucht habe. Na gut, seine eigenen Schnitte sind ja auch noch nicht vollständig verheilt.
Ethan hat auch nicht damit gerechnet, einen blonden Teenager als Mitbewohner des Roten Hügels vorzufinden. Wobei doch. Warte. In der Beziehung hat Irene ihn vorgewarnt, richtig. Das ist dieser Harris, von dem sie erzählt hat. Der Junge, über den die Britin nicht sonderlich viel gesagt hat, außer dass sie ihm hier Unterschlupf gewähre, weil er ein ‘Deserteur’ sei. Okay. Auf den hätte er also vorbereitet sein können. Aber dass kurz, nachdem Ethan die Schreinskizze auf einem Klapptisch ausgerollt hat, noch ein weiterer Besucher auf dem Gelände eintrifft, das konnte er nun wirklich nicht ahnen. Der hochgewachsene Schwarze kommt ihm flüchtig bekannt vor, aber erst, als die Britin ihn mit „Dr. Akintola“ anspricht, weiß Ethan, woher. Der Mann war auch auf der Gala in Hollywood, hatte dort auch mit diesem Verjüngungparasiten zu tun, und Ally hat ihn Ethan an dem Abend vorgestellt.

Er will mit Irene “alternative Totenreiche” besprechen, sagt er. Das hat irgendwie mit Harris zu tun, so wie die beiden zu dem Jungen rüberschielen. Oookay. Aber erst einmal spannt die Hausherrin den Afrikaner kurzerhand in die Schreinplanungen mit ein. Praktische Erfahrung hat der zwar scheints nicht, aber offenbar theoretisches Wissen in solchen Sachen. Harris kommt irgendwann auch dazu, sitzt aber vor allem ruhig dabei, ohne groß etwas zu den Planungen beizutragen.

Während sie gerade noch die Pläne wälzen, klingelt Irenes Handy. Sie sieht darauf, schmunzelt, steht auf und geht ein Stück weg. Ethan kann nicht hören, was sie sagt, aber ihr Gesichtsausdruck ist eindeutig verschmitzt. Bis er sich gleich darauf schlagartig ändert. In Irenes Miene folgen Verwirrung, Schock, Unglaube, Ärger und Besorgnis dicht aufeinander. Sie kommt zu den anderen zurück und stellt den Ton laut. Ethan runzelt die Stirn. Die Stimme kennt er doch. Das ist Cal. Kurz beißt er die Zähne aufeinander, entspannt sich dann aber mit einiger Anstrengung wieder. Hört konzentriert dem Gespräch zu.

Zuerst versteht er gar nicht so richtig, worum es geht. Die Worte schon, aber deren Sinn, deren Zusammenhang, kann Ethan im ersten Moment nicht recht fassen. Deserteure. Eine ganze Gruppe. Aus dem Himmel. Auf der Suche nach Harris. Oder besser dem Schutz irgendeines Mantels, den Harris anscheinend besitzt. Wurden angegriffen. Von einem Hund, aber keinem Höllenhund. Und einem Himmelshund ebensowenig. Das würde jemand namens Mara wissen. Irenes wütende Stimme: “Das ist eine Falle! Die im Himmel sind doch nicht doof, die suchen nach Harris!”

Irene fragt ihren jungen Mitbewohner, ob Harris die Leute kenne. Lässt Cal am anderen Ende der Leitung ein Foto von der Gruppe machen und ihr schicken. Einen der Männer darauf identifiziert Harris als einen gewissen Alberto. Mit dem sei er in einer Einheit gewesen, ehe er auf die Gegenseite des Krieges abkommandiert wurde.
Irene bleibt mehr als skeptisch. Auch wenn es sich um echte Deserteure aus dem Himmel handele, sei das immer noch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit eine Falle!
Cals Stimme aus dem Lautsprecher. Wie die Gruppe überhaupt aus dem Himmel habe entkommen können? Eine unverständliche Antwort aus dem Hintergrund, dann das Geräusch einer Waffe, die gezogen wird, aber kein Schuss. Eine weibliche Stimme im Hintergrund, zugleich empört und völlig erschöpft und gut zu verstehen, auch wenn die Frau eigentlich gar nicht so laut spricht. “So wie es da oben läuft, soll es nicht sein. Das ist völlig falsch!”. Eine Pause. Dann wieder Cal. Diese Mara habe ihnen geholfen. Sie habe die Gruppe aus dem Himmel befreit und schirme sie vor denen ab, die sie suchten. Denn Mara sei ein Engel. Cals Tonfall klingt unendlich bitter und zynisch bei dem letzten Wort.

Irene schüttelt ebenfalls heftig den Kopf, als sie das hört. “Ich werde den Teufel tun und dich an einen Engel ausliefern!” versichert sie Harris vehement.
Ob Harris dieser Mara vertraue, will Cal aus dem Telefon wissen. Sie behaupte, sie habe auch dem Jungen die Flucht aus dem Himmel ermöglicht. Daran kann sich Harris aber nicht erinnern; er weiß nur noch Fetzen, sagt er, und es hilft auch nicht, dass Cal ihn mit einem “Vertraust du ihr oder vertraut du ihr nicht?” unter Druck zu setzen versucht. Der junge Himmelsdeserteur weiß es einfach nicht.

Ethan hat Mühe, sich einen Reim auf all das zu machen. Die Sätze fließen durch sein Hirn, drohen an ihm abzugleiten, keinerlei Bedeutung zu ergeben, wenn er sie nicht festhält, so sehr widersprechen die Worte allem, was er glaubt. Wobei er sich eigentlich nicht mal als übermäßig überzeugten Christen bezeichnen würde. Religion ist nichts, über das er je reden würde. Er ist jemand, der sich lieber außerhalb eines formellen Gottesdienstes in eine leere Kirche setzt und dort das Zwiegespräch mit dem Herrn der Welt sucht. Jemand, der salbungsvolles Gerede zum Thema Religiosität nicht gut vertragen kann. Aber auch jemand, dem der Glaube in den letzten Jahren schon irgendwie oft Halt gegeben hat. Und das hier… Es wundert ihn gar nicht mal so sehr, die Bestätigung bekommen zu haben, dass es Engel gibt. Dämonen und Geister und alles gibt es ja auch. Und dass es Engel gibt, steht ja auch in der Bibel. Nein. Es ist eher…
Wie diese Frau am Telefon eben sagte. Krieg im Himmel, unterschiedliche Fraktionen, aus dem Himmel fliehen müssen… Das ist einfach falsch!

Irene schlägt indessen gerade vor, dass man sich irgendwo anders treffen solle. Hier auf dem Red Hill scheint sie die Fremden keinesfalls haben zu wollen. “Moment mal”, sagt die Britin dann, “die wollen zu Harris. Woher zum Henker wissen sie, wo sie Harris finden können, und warum sind sie schon so nah?” Cal gibt die Frage weiter und antwortet gleich darauf mit sarkastischem Schnauben.

Mara habe einen Faden aus diesem Mantel gezogen, bevor sie Harris damit losgeschickt habe, und darüber könne sie den Mantel orten. Na dann ist es ja auch völlig egal, wo man sich trifft, wenn Mara Harris anhand des Fadens ohnehin jederzeit ausfindig machen kann. Einen Moment lang sieht Irene so aus, als wolle sie dennoch ihren Defender nehmen und mit Harris so weit fahren, wie der Tank nur reicht, ständig in Bewegung bleiben. Ethan erkennt den Gesichtsausdruck, weil er selbst dieses Gefühl nur allzu gut nachvollziehen kann. Aber er könnte Irene auch sagen, dass das auf Dauer keine Lösung wäre.
Das scheint seiner britischen Bekannten aber gerade auch selbst eingefallen zu sein, denn nun macht sie den Vorschlag eines Treffens in St Albans, im dortigen Frühstückshaus. Cal allerdings hält dagegen, dass es dort viel zu viele Unschuldige treffen würde, wenn die Verfolger der kleinen Gruppe ausgerechnet dort auftauchten. Also erklärt Irene sich nach einigem Grummeln doch bereit, die Deserteure auf den Red Hill kommen zu lassen.

Etwas über eine Stunde später sind sie da. Irene hat indessen von Harris ein Schwert in die Hand gedrückt bekommen, nachdem sie dem Jungen auseinandersetzte, dass ihm die Waffe im Himmel vielleicht zugeteilt worden sei, Irene aber die bessere Ausbildung im Schwertkampf habe. Ethan schüttet nur den Kopf und sagt noch weniger, als er es sonst tut. Nelson Akintola hingegen sagt um so mehr. Der ist ähnlich überwältigt von diesen ganzen Informationen wie Ethan selbst, aber der Afrikaner verarbeitet das mit Reden. Und Reden. Und mehr Reden. Dabei hält er sich während dieser ganzen Wartezeit eng an Ethan, als suche er einen Verbündeten. Oder einen Leidensgenossen in diesem ganzen Irrsinn.

Die kleine Gruppe, von der sie vorhin ja schon das Foto gesehen haben, kommt zu Fuß den Hügel herauf. Ihre Bewegungen und Blicke deuten auf eine militärische Ausbildung hin, aber vom Aussehen her könnten sie unsoldatischer kaum sein. Ein Mann mit der Ausstrahlung eines Professors. Eine gemütliche Matrone. Und ähnliche Gestalten. Angeführt werden die Flüchtlinge von einer kleinen, dunkelhaarigen Frau, die so aussieht, als könne sie sich kaum noch auf den Beinen halten. Neben ihr geht Cal. Ethan versteift sich etwas, ruft sich aber sofort zur Vernunft.
Harris steht hinter den drei anderen und macht einen ziemlich nervösen Eindruck. Aber seine Besorgnis schlägt in Erleichterung um, als er die dunkelhaarige Frau sieht. Denn mit dem Sehen kommt auch die Erinnerung, und nun weiß der junge Deserteur wieder, dass es tatsächlich sie war, die ihm geholfen hat.
“Der Mantel”, keucht Mara, und Harris hält ihn ihr hin. Sie berührt den Stoff. Bekommt einen konzentrierten Gesichtsausdruck. Und fällt um. Bestürzt beugen ihre Leute sich zu ihr, aber sie atmet immerhin noch.

Cal hebt die Frau hoch – sie scheint fast nichts zu wiegen – und trägt sie in Irenes Bauwagen. Als er wieder herauskommt, fragt er Harris, ob der merken könne, dass sein Mantel noch funktionert. Der blonde Junge verneint – zu spüren ist an dem Mantel nichts; gemerkt hat er es bisher immer nur daran, dass ihn noch kein Engel gefunden hat. Cal knirscht mit den Zähnen und lässt sich von einem der Deserteure – dem, dessen Bild Harris vorhin erkannt hat – sein Schwert geben.

Und dann warten sie. Warten, ob Verfolger auftauchen. Engel, weil der Schutz von Harris’ Mantel versagt hat. Hunde wie der, von dem die Gruppe vorhin angegriffen wurde. Himmelhunde. Höllenhunde. Dämonen. Irgendwas. Aber nichts passiert. Alles bleibt ruhig. Fürs Erste jedenfalls – und was irgendwelche Gegner angeht. Nelson Akintola ist immer noch entsetzt über die Enthüllungen der letzten paar Stunden und macht aus diesem Entsetzen keinen Hehl.

Cal fragt die Deserteure, wie es überhaupt dazu kam, dass sie aus dem Himmel fliehen konnten. Das haben sie einem Menschen zu verdanken, lautet die Antwort: Ein Mann namens Mich Baker hat Mara davon überzeugt, den Flüchtlingen zu helfen, und ist noch immer dort oben, um mehr Engel auf die richtige Seite zu ziehen. Mitch Baker? Huh. Den Namen hat Ethan doch schon mal gehört. Und tatsächlich: Cal lacht bitter auf, woraufhin Irene ihn amüsiert ansieht. “Du kennst auch Gott und die Welt.”

Die matronenhafte Deserteurin – Carlotta heißt sie anscheinend – erklärt dann, dass Mara im Himmel der Fraktion eines Engels namens Castiel angehöre. Diese Gruppierung sei der Ansicht, die Engel sollten sich um sich selbst kümmern und die Erde einfach in Ruhe lassen. Daneben gebe es noch zwei – mindestens zwei, genauer gesagt – weitere Fraktionen von Engeln. Selathiel und ihre Gruppe wollten die Apokalypse; was Aziraphel, der Anführer der dritten Gruppierung wolle, kann Carlotta nicht so genau sagen. “Die Erde beherrschen”, knurrt Cal. Na ganz spitzenmäßig.

Carlotta erzählt weiter, dass früher der Erzengel Michael das Kommando über die Himmlischen Heerschaaren geführt habe, aber der sei jetzt verschwunden, und einige Engel hätten jetzt Langeweile, weil die Apokalypse, die vor einiger Zeit eigentlich hätte stattfinden sollen, ausgefallen sei. Also bekämpften sie sich eben gegenseitig, weil sie sonst nichts anderes mit sich anzufangen wüssten.

Ethan, der das alles stumm und zunehmend fassungslos mit angehört hat, dreht sich der Kopf. “Aber… aber die Engel haben doch nichts zu sagen?” murmelt er entgeistert und in dem verzweifelten Versuch, sein einstürzendes Weltbild festzuhalten. “Die Engel müssen doch Gott gehorchen!”
“Gott kümmert sich aber nicht”, brummt Cal. “Oder Gott will, dass seine Engel endlich mal lernen, für sich selbst zu denken”, fügt Carlotta noch hinzu. Darauf weiß Ethan nichts zu sagen. Er fühlt sich, als habe ihm jemand mit einem großen Schlauch das Gehirn leergesaugt.

Cal fragt die Deserteure nochmal nach den Hunden, von denen sie vorhin angegriffen wurden. Die wissen auch nicht mehr als das, was sie ihm vorhin schon erzählt hatten – weder Himmels- noch Höllenhunde, aber sowohl Irene als auch Nelson fällt jetzt, bei genauerer Beschreibung der Biester, ein, dass es sich um Feenhunde handeln könnte, Cu Sith. Bekämpfen lassen die sich mit Salz und kaltgeschmiedetem Eisen. Und sie jagen normalerweise keinen Toten hinterher, um sie zu holen. Wenn also Cu Sith hinter den Deserteuren her sind, muss sie jemand speziell auf die Gruppe angesetzt haben. Cal nickt und zückt sein Handy, gibt die Informationen irgendwem durch. Huh. Offensichtlich hat der noch irgendwelche Leute hier in der Nähe geparkt. Cal. Leute. Ein Team. Oookay.

Wie auf Kommando hört man irgendwo in der Ferne ein Heulen. Alles erstarrt kurz, aber die Jäger haben sich gleich darauf wieder gefangen. Salz und kaltes Eisen. Alles klar. Den Nissan hat er hier oben geparkt, also ist Ethan nach einer Minute mit seiner Remington, einer Stange aus kaltem Eisen und seinem Gürtel mit den Standard-Sachen – Salz, Weihwasser, so Zeug eben – zurück. Die anderen gehen sich in Irenes Auto und Bauwagen ebenfalls gerade ausstatten.

Ethan braucht Abstand. Er fühlt sich von diesen ganzen Engelsenthüllungen schrecklich überfahren, aber auch nicht in der Lage, sich wie der afrikanische Professor mit Worten Luft zu machen, also stellt er sich an den Hang, wo das Haus weggebrochen ist, zündet sich erst einmal eine Zigarette an, nimmt einen tiefen Zug und sichert die Gegend.

Aus der Entfernung kann er sehen, wie ein Falke aus dem Himmel herabstößt und vor Cal landet. Ehe der Jäger nach einer Waffe ziehen kann – oder vielleicht will er das auch gar nicht, weil er weiß, wen er da vor sich hat – verwandelt der Falke sich in die Gestalt einer dunkelhaarigen Frau. Indianerin, wenn Ethan das von hier aus richtig erkennt. Und nach einem Moment erkennt er nicht nur, dass es eine Indianerin ist, sondern auch, wer sie sein muss. Hialee. Eine alte Freundin, die Cal früher des Öfteren erwähnt hat. Die beiden unterhalten sich eine Weile, ehe Hialee wieder ihre Vogelgestalt annimmt und davonfliegt.

Eine Weile später – bisher ist in die Richtung, die Ethan abgesichert hat, alles ruhig geblieben – kommt Irene zu ihm, Cal im Schlepptau. Bittet Ethan, sie zum Schrein zu begleiten. Zu Giffany zu beten. Das Wort gibt Ethan einen Stich. Nein, viel mehr als einen Stich. Zu einer fremden Gottheit beten wollen, das ist einfach falsch. Falsch, falsch, falsch. Irene sieht selbst auch nicht so glücklich aus bei der Verwendung des Begriffs, aber unterwegs erzählt die Britin, Hialee habe gesagt, der Geist fühle sich bereits mit dem Ort verbunden. Das ist die gute Nachricht. Ein paar schlechte Nachrichten hat Cal von Hialee allerdings auch erfahren. Dass die Gruppe von Flüchtlingen gesucht werde nämlich, und zwar von mehr als einer Fraktion. Dass jemand im Himmel einen Deal mit dem Untergeschoss gemacht und sich einige Höllenhunde für die Jagd ausgeliehen habe. Die Feenhunde hingegen seien von einer anderen Fraktion von Engeln organisiert worden. Na ganz spitzenmäßig.

Der vorläufige Schrein, den Irene bis zur Fertigstellung des echten aufgestellt hat, nötigt Ethan eine Mischung aus Amüsement und echtem Respekt ab. Das Bauwerk ist winzig, gerade mal zwei Fuß hoch, und gebaut aus Backsteinen und Dachschindeln, die von der Zerstörung des Roten Hauses übrig geblieben sind. Davor stehen ein paar Blumentöpfe mit Strauchpflanzen.
Ja, der Schrein ist winzig, aber er hat alles, was ein Shinto-Schrein laut den Angaben des Priesters in Washington damals haben muss, soweit Ethan sich erinnern kann. Sake und Reis stehen davor, auch Räucherkerzen, Giffanys Name in eine kleine Holzplakette eingraviert.

Es fällt der Britin sichtlich nicht leicht, sich vor dem Schrein zu verbeugen, aber sie führt das Ritual ordnungsgemäß durch. Wechselt Reis und Sake aus und stellt neues Rauchwerk hin. Sie murmelt leise Worte, von dem Ethan nur etwas von ‘Schutz’ und ‘wie im Spiel’ versteht.
Als Irene fertig ist, vergeht ein Moment. Dann wird der Rauch von den frisch gewechselten Stäbchen mit einem Mal stärker. Steigt erst schnurgerade auf, ehe er beginnt, Korkenzieherkringel zu formen und auf Ethan und Irene zuzuwabern, sich um die beiden Jäger zu legen. Huh. Ethan hebt grüßend die Hand und murmelt: “Hi, Giffany”, was zur Folge hat, dass ihm einige Sekunden später der Rauch in der Nase kitzelt. Er niest und muss schmunzeln. Die Kami erinnert sich offensichtlich an ihn. Nein. Anbeten kann und wird er sie nicht. Aber sie als übernatürliches, mächtiges Wesen anerkennen, das kann er. Wäre ja auch schön albern, wenn er das Offensichtliche verleugnen würde.

Während sie da noch stehen, nähern sich Schritte. Es sind Dr. Akintola, Mara-der-Engel und die Himmelsflüchtlinge. Mara scheint sich soweit wieder einigermaßen erholt zu haben, auch wenn sie von dem Afrikaner gestützt wird und der sich generell ziemlich beschützerisch gegenüber der kleinen Gestalt verhält. Die beiden unterhalten sich in einer fremden Sprache, die für Ethans Ohren irgendwie afrikanisch klingt, ohne dass er sagen könnte, warum genau. Vielleicht aus irgendwelchen Filmen?

“Was hat das hier alles zu bedeuten?”, fragt Akintola dann auf Englisch. “Shintoschrein”, erwidert Ethan. Kann der Afrikaner sich zwar vermutlich auch so denken, aber was soll Ethan sonst sagen? ‘Wir haben da vor einer Weile diese Kami aus einem Computerspiel befreit, und jetzt versucht Irene, ihr hier eine neue Heimat zu geben, was übrigens eigentlich gar keine so tolle Idee ist, weil wir erst letzten November hier eine ganze Menge alter übelgelaunter Familiengeister zur Ruhe gebettet haben, von denen wir noch nicht so ganz sicher waren, ob sie auch wirklich alle weg sind, und wenn ich gewusst hätte, dass Irene diesen Ort hier meinte, als sie sagte, sie wisse, wo man Giffany einen Schrein bauen könnte, hätte ich vermutlich protestiert, aber das scheint ja doch erstaunlich gut funktioniert zu haben, und jetzt hoffen wir, dass Giffanys Anwesenheit uns und vor allem den Himmelsflüchtlingen Schutz geben kann’? Ja klaaar.

‘Shintoschrein’ reicht aber auch, denn Akintola nickt verstehend und sieht sich mit interessiert-respektvoller Miene um.
Mara erklärt indessen, ihre Aktion mit dem Mantel habe funktioniert; sein Schutz sei jetzt auf die ganze Gruppe ausgeweitet.

Vielleicht. Aber wenn, dann kam der Schutz zu spät. Denn es fängt stark an zu regnen, und durch das Prasseln der Tropfen ist mit einem Mal heiseres, durch und durch gehendes Hundegebell zu hören. Und dann, urplötzlich, die Spuren von ansonsten unsichtbaren Pfoten auf dem durchweichten roten Lehmboden. Unsichtbar. Höllenhunde.
“Scheiße!” Cal.
“Zum Trailer!” Irene.
Ethan sagt gar nichts, will nur nach Maras Schwert greifen, das die dunkelhaarige Frau, zu geschwächt, um selbst zu kämpfen, irgendwem hinhält, der sich dazu berufen fühlt. Aber ehe Ethan die Waffe an sich nehmen kann, hat Nelson Akintola, näher dran, sich das Schwert schon gegriffen. Cal und Irene haben auch jeder schon eine Engelsklinge in der Hand. Okay. Muss ohne gehen.

Im Regen sind die unsichtbaren Biester wenigstens einigermaßen dadurch zu erkennen, dass das Wasser natürlich nicht durch sie hindurchläuft. Die Höllenhunde gehen zielgerichtet auf die Deserteure los, aber die drei mit Schwertern bewaffneten Jäger werfen sich ihnen entgegen und schlagen eine Bresche durch die Hunde, decken den Rückzug, während Ethan die Flüchtlinge zum Trailer scheucht. Als alle drin sind, zieht Ethan eilig einen Salzkreis um den Wagen, stellt sich dann draußen vor die Tür. Wirklich machen kann er ohne so ein Engelsschwert nicht; nur die Dinger können den Biestern so richtig etwas anhaben, wie er vorhin aus Cal und Irenes Bemerkungen entnommen hat. Aber das wird ihn nicht daran hindern, nicht wenigstens zu versuchen, ihnen die Remington und oder deren Inhalt um die Ohren zu hauen, wenn sie durchkommen sollten.

Nach den Spuren und den leeren Flecken im Regen zu urteilen, haben sie es mit ungefähr einem halben Dutzend von den Viechern zu tun. Völlig unübersichtlich, ein Hauen und Stechen und Kläffen und Schnappen, bis Akintola plötzlich das Schwert beinahe fallen lässt, weil der Arm, mit dem er es hält, zu bluten beginnt. Biss aus unsichtbaren Zähnen. Verdammt. Der Afrikaner gibt die Engelswaffe an den unverletzten Ethan weiter, ehe er sich in den Wagen zurückzieht. Irene hat irgendwas von Schutzkräutern gesagt.

Mit der himmlischen Klinge in der Hand fühlt Ethan sich besser. Aber Sam ist die Schwertkämpferin von ihnen beiden, fährt es ihm durch den Kopf. Er wünschte sich, sie wäre bei ihm. Denn wenn das hier— Er verdrängt den Gedanken unerbittlich. Keine Zeit jetzt.

Irene ist es gelungen, einen der Höllenhunde tödlich zu treffen. Gar nicht so unsichtbares Blut spritzt auf den schlammigen Lehm. Sie bleibt dran, versetzt dem Viech den Todesstoß. Aber dabei vernachlässigt sie alles andere – und mit einem Mal geht die Britin mit einem Schmerzensschrei zu Boden, und aus ihrem Bein pulsiert rot das Blut auf den ebenso roten Erdboden. Ein wütender Ausruf von irgendwo in Ethans Nähe – nein, das war er selbst, stellt er fest -, und er stürzt sich auf die verbleibenden Hunde. Cal hat auch schon welche erledigt, Ethan selbst erwischt auch noch einen oder zwei, und den oder die letzten schlagen sie in die Flucht.

Scheiße, verdammt, Irene!

Mit zwei schnellen Schritten ist er bei seiner Freundin und geht neben ihr in die Knie. Festhalten. Die Wunde klafft weit. Blut. Viel zu viel Blut. Verband. Schnell. Merkt im selben Moment, wie Cal sich neben ihn kniet. Ethan sieht den Älteren nicht an, macht einfach weiter. Aber Cals Handgriffe helfen ungemein: Ganz wie von selbst teilen sie sich das auf, was getan werden muss, arbeiten Hand in Hand, ohne ein Wort.

Dann ist Irene stabil, aber das reicht nicht. Sie muss ins Krankenhaus. Dringend und sofort. Cal und Ethan stehen gleichzeitig auf, heben die Britin vorsichtig hoch. Wechseln einen schnellen, geradezu unbewussten Blick. Ethan, der hatte fahren wollen, nickt stattdessen und hilft dem Älteren, Irene zu dessen Auto zu bringen. Und dann sind sie fort, und Ethan sackt mit einem tiefen Aufseufzen für einen Moment gegen seinen Nissan, ehe er sich zusammenreißt und langsam zurück zum Trailer geht.

Nelson Akintola hat ja noch immer seine Bisswunde im Arm, und Ethan hilft dem Afrikaner, sie einigermaßen auszuwaschen, zu desinfizieren und zu verbinden, ehe die beiden nebeneinander auf der Treppe des Bauwagens landen. Nelson hat ein Glas in der Hand, und auch von drinnen sind die Geräusche einer kreisenden Flasche und erleichtert feiernder Menschen – und Engel, oh Mann, was für ein Gedanke, immer noch – zu hören.
“Sagen Sie, Mr Gale, ich kenne Sie doch von irgendwo”, fängt der Professor nun an, und Ethan nickt. “Hollywood. Gala.”
Nelson stutzt. “Ach ja, richtig”, sagt er dann, auch wenn es etwas zögernd, zweifelnd klingt, “aber irgendwie kommt es mir trotzdem so vor, als müsste ich Sie auch schon von vorher kennen.”
Ethan zuckt die Schultern. Er wüsste nicht, von wo. “Burlington, Vermont?”
“Nein, ich glaube nicht. Da war ich zwar mal vor einer Weile, aber… hm. Ich habe da eine Freundin besucht. Da habe ich auch einige seltsame Dinge erlebt, kann ich Ihnen sagen.”

Reden, das hat Ethan vorhin ja schon gemerkt, ist offensichtlich die Art des Afrikaners, Schocks zu verarbeiten. Auch jetzt hält er nicht eine Minute still, aber das tut Ethan nicht weh. Solange er zuhören darf und nicht selbst erzählen soll, hört er gerne zu. Er erfährt, von diversen ‘mmmhms’ seitens Ethan punktiert, etliche Dinge über den Professor. Dass er gar kein Professor ist, zum Beispiel, sondern ‘nur’ Dozent für Afrikanistik in Seattle. Dass Engel für ihn bisher eigentlich diese kleinen pausbäckigen Goldfiguren waren und dass ihn die ganzen Enthüllungen hier ziemlich mitgenommen haben. Dass das letzte Mal, als er sich so gefühlt hat, der Moment war, als seine Zwillingsschwester Daya verschwand. Au. Verdammt. Die Erwähnung einer verschwundenen Schwester lässt Ethan kurz zucken, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Gesprächspartner widmet.

Etliche Stunden später kommt Cal mit Irene zurück. Er trägt sie Richtung Trailer, und die Augen der Britin sind halb geschlossen und unfokussiert; ihr Kopf lehnt an Cals Schulter. Ethan springt auf. “Alles OK?” “Sie ist noch nicht tot, brauchst gar nicht so gucken”, schießt Cal zurück. “Dafür ist sie viel zu dickköpfig.” “Gott sei Dank”, entfährt es Ethan, ehe er stutzt und sich mit der Hand durch die Haare fährt. Das war jetzt fast ironisch angesichts der jüngsten Entwicklungen. Aber nein, Drecksmist, er will jetzt auch nicht aufhören, an all das zu glauben, was ihm sein Leben lang, oder zumindest in den letzten Jahren, immer wieder Halt gegeben hat.

Sobald Irene wieder einigermaßen wach ist, halten sie Kriegsrat. Die Flüchtlinge müssen weg hier, soviel ist sicher. Jetzt mag der Schutz des Mantels zwar auf die ganze Gruppe Deserteure ausgedehnt sein, aber die Höllenhunde wissen, dass sie hier sind, da hilft das rein gar nichts. Und Mara sagt, sie könne den Schutz des Mantels zwar noch verstärken, aber irgendwann müsse sie auch zurück, sonst falle ihr Fehlen irgendwann auf.

Ein anderes Jenseits, also das Totenreich einer anderen Religion? Ein heiliger Ort hier auf der Erde? “Ein Buddhatempel?” schlägt Dr. Akintola vor. “Oder ein Schiff?” Irene. “Auf See kommen die Höllenhunde nicht hin.” “Aber das ist kein heiliger Ort”, wendet Cal ein. Wo er recht hat. Und ein ganzes Schiff weihen zu lassen, wird ja vermutlich noch nicht mal den Hooper-Winslows möglich sein, aber den Spruch verkneift Ethan sich.

Letzten Endes entscheiden Irene und Cal sich für ein Hüttendorf beim Mount Ida. Da scheinen die beiden mal einen Fall gehabt zu haben, der irgendwie mit Kristallgeistern zu tun hatte, und der Ort scheint ihnen geeignet, um mit Hilfe dieser Kristallgeister die Gruppe Himmelsflüchtlinge abzuschirmen.

Mit ihrem Bein kann Irene nicht fahren, und Ethan weigert sich, sie hier im Stich zu lassen. Also bleibt es den beiden anderen Männern überlassen, die kleine Gruppe nach Arkansas zu bringen. Beim Abschied überlässt Harris der Britin sein Schwert – sein Kamerad Alberto hatte seines ja schon vorher an Cal gegeben. Das heißt natürlich auch, dass die Träger anhand der himmlischen Klingen möglicherweise auch problemlos geortet werden können, aber das ist ein Risiko, dass die beiden Jäger offensichtlich bereitwillig auf sich nehmen angesichts der Vorteile, die so mächtige Waffen mit sich bringen.

Sobald die anderen abgefahren sind, fängt Ethan mit der Arbeit an dem Schrein an, und schon sehr bald ergibt sich eine Routine. So ungern er seine Freundin alleine lässt, sie hat nur ein Bett in ihrem Wagen, und er muss tagsüber arbeiten. Also macht er mittags so früh wie möglich Schluss und fährt die Stunde von Burlington, und er fährt auch abends wieder zurück, wenn er am Red Hill für den Tag fertig ist. Zum Glück ist es Sommer und die Abende lang.

Irene ist relativ unleidlich in der Zeit. Ethan kann es ihr kaum übelnehmen; er kann sich denken, wie die erzwungene Untätigkeit an ihren Nerven zerren muss. Am liebsten lässt sie ihren Frust an Ethans Unzulänglichkeiten beim Schreinbau aus: Das passt nicht, das geht so nicht, mach dies besser, mach jenes anders. Ethan lässt das solange reglos über sich ergehen, bis es ihm reicht, dann wirft er ihr einen Blick zu und verschwindet erst einmal, entweder um eine Runde im Wald zu drehen oder um an der Quelle weiterzuarbeiten oder um Grillgut aus dem Ort zu besorgen. Wenn er dann wiederkommt, wirft er ihr einen prüfenden Blick zu, ob sie sich beruhigt hat, und arbeitet weiter – oder wirft den Grill an, wenn es schon zu spät zum Weiterarbeiten ist. Irene entschuldigt sich jedes Mal, und jedes Mal winkt Ethan ab. Aber froh, dass sie sich entschuldigt und diese Zickigkeit nicht einfach als ihr zustehend ansieht, ist er doch.

Einige Tage später kommt Cal von der Reise nach Mt. Ida zurück. Ethan arbeitet gerade am Schrein und sieht den Jäger aus seinem alten Dodge Demon aussteigen – allein. Ethan hebt eine Augenbraue: Eigentlich hatte er gedacht, Dr. Akintola käme vielleicht wieder mit zurück. Aber andererseits, warum eigentlich. Vermutlich hatte der anderswo zu tun.

Wie so oft in den letzten Tagen, liegt Irene im Freien in der Nähe der Baustelle auf einer Luftmatratze, umringt von Büchern, Schreibzeug, ihrem Laptop und sonstigen Utensilien zur Vermeidung von Langeweile. Oh, und von Waffen. Jeder Menge Waffen. Ethan will nicht wissen, wie oft die Britin ihre verzierte Browning und die ganzen anderen Jägerutensilien seit Beginn ihrer Rekonvaleszenz auseinandergenommen und gereinigt hat. Außerdem hat sie diverse Schutzsymbole um die Luftmatratze herum in den Boden geritzt.

Ethan hatte sich schon wieder seiner Arbeit zugewandt und sieht erst bei einem empörten “Hey!!” von Irene wieder auf. Cal hat anscheinend nur kurz an ihrer Luftmatratze angehalten und lediglich ein paar Worte mit der Britin gewechselt, die ihm jetzt schmollend hinterhersieht, denn nun kommt er direkt auf Ethan zu. Der beißt kurz die Zähne aufeinander. Was will der nun von ihm?! Er wirkt jedenfalls irgendwie noch missgelaunter als sonst.

Ethan nickt dem Älteren knapp zu, als der am Schrein ankommt, was Cal erwidert, aber ansonsten gar nichts groß sagt, sondern einfach wortlos mit anpackt. Und sofort fallen sie wieder in eine eingespielte Routine, reichen einander Dinge zu oder halten Balken für den jeweils anderen fest, ohne dass einer von beiden etwas sagen müsste.

Irgendwann kommen sie an einen Punkt für eine Pause. Ethan steckt sich und zündet sich eine Zigarette an, ehe er sich gegen den Sägebock lehnt und einen Zug nimmt.
“Hör mal.”
Ethan sieht auf, zu dem Älteren hin. Cals Stimme hat so zögernd geklungen. Ungewohnt, das.
“Als… als du damals ankamst, hab ich nicht gewusst, was mit Carla los war. War ganz schön scheiße von mir. Tut mir leid.”

Ethan blinzelt verdutzt, völlig überrumpelt. “Mmmhm.” Er nickt leicht. “Ich… hätt’ dich halt gebraucht. Aber.” Er zuckt mit den Schultern, nickt dem Älteren nochmals zu. “Naja. Mmmmhm.”
Huh. Irgendwas passiert in ihm, eine komplexe, verwirrende Mischung aus Emotionen, als er Cals Entschuldigung hört und er erkennt, dass ihm diese Entschuldigung tatsächlich hilft. Dass er sie akzeptiert.
Cal allerdings sieht ihn weiterhin bedrückt an.
“Hab nie behauptet, dass ich was anderes bin als ein Arschloch.”
Ethan runzelt die Stirn. Ein automatisches ‘Quark’ liegt ihm auf der Zunge, aber er zögert, spricht es nicht aus. Cal ist ein Arschloch. Oder kann zumindest eines sein. Aber ‘nichts anderes als’? Nein. Ethan sucht nach den richtigen Worten. Welche, die ausdrücken, was er fühlt. “Wenn du nichts als ein Arschloch wärst, hättest du nicht…” Er zuckt mit den Schultern. “Zwei Jahre und so.”

Diese Antwort wiederum lässt Cal abwinken und nach seiner Säge greifen. Auch Ethan zertritt seinen Zigarettenstummel, dann arbeiten sie weiter. Als sie nach einer weiteren Weile fertig sind für den Tag, greift Ethan in den Eimer mit kaltem Wasser, in dem jetzt nur noch vereinzelt ein paar Eiswürfel schwimmen, und holt zwei Flaschen Bier heraus. Macht beide auf und reicht eine davon wortlos an Cal weiter. Irene auf ihrer Luftmatratze hat die Augen halb geschlossen und ein halbes Lächeln auf den Lippen. Ethan könnte wetten, dass sie jedes Wort mitgehört hat.

Mit dem Bier in der Hand geht Cal zu Irene hinüber, während Ethan sich am Grill neben dem Bauwagen zu schaffen macht. Während er das Feuer entzündet und darauf wartet, dass eine grilltaugliche Glut entsteht, dann die Steaks auf den Rost packt und in Ruhe braten lässt, wirft er immer mal wieder einen Blick auf die beiden anderen Jäger. Die scheinen sich sehr ernsthaft, beinahe grimmig, zu unterhalten. Klar. Diese Engelsgeschichte war ja auch ziemlich heftig, und sie dürfte noch nicht vorbei sein, wenn Ethan das richtig einschätzt. Ab und zu sehen die beiden allerdings auch zu ihm hinüber. Huh.

Irgendwann sind die Steaks fertig, und Ethan bringt sie samt Brot und Saucen rüber zur Luftmatratze, wo auch schon ein paar Campingstühle stehen. Verteilt Teller. Auch Miffy bekommt etwas ab – die kleine Hündin ist ohnehin schon völlig aufgeregt und die ganze Zeit schwanzwedelnd um ihn herumgehüpft, während er gegrillt hat. Sie trägt gerade eine Halskrause aus Plastik; offensichtlich soll sie nicht an der Wunde herumlecken, die an ihrer Brust zu sehen ist. “Hat sich mit was angelegt, das ein bisschen größer war als sie”, brummt Cal auf Ethans fragendes Nicken hin zu dem Plastikkragen. Ah. Soll ja vorkommen.

Ihre Teller sind soweit leer, und sie knabbern an den Chocolate Chip Cookies herum, die Ethan als Nachtisch aus Hectorville mitgebracht hat, da sieht Irene ihn an.
“Warum bist du eigentlich von zuhause weg?” fragt sie unumwunden.
Ethan wirft Cal einen Blick zu.
“Ja”, bestätigt Irene. “Cal meinte, es sei deine Sache, das zu erzählen, nicht seine.”
Ethan verzieht das Gesicht, nickt dann aber. “War ‘n Harrdhu.”
“Die Viecher hast du schon mal erwähnt”, sagt die Britin. “Ich weiß aber nicht viel über sie.”
So richtig häufig kommen die ja glücklicherweise auch nicht vor. Ethan atmet tief durch. Das wird lang jetzt. Erklärt dann, wie Harrdhui sich an Leute hängen, einen über den Geruchssinn verfolgen. Nicht lockerlassen, bis entweder die einen erledigen oder man sie. “Hätte mich auch erwischt früher oder später”, gibt er schließlich zu. “Hab dann aber Cal getroffen. Ohne den hätt ich’s nicht geschafft. Keine Chance. Konnte kaum mehr. Waren so” – er sieht zu Cal, sucht nach Bestätigung – “viereinhalb, fünf Monate?”
“Kommt etwa hin, ja”, nickt sein alter Mentor.

Irene pfeift leise durch die Zähne. “Viereinhalb Monate? Hui. Und wie habt ihr ihn dann erledigt?”
Klar. Natürlich will sie als erfahrene Jägerin wissen, wie man einer ihr bislang unbekannten Kreatur beikommt, wenn sie dann davon hört. Ist ja auch immer gut, solches Wissen weiterzugeben, für den Fall der Fälle.
“Veilchenessenz”, erläutert Ethan. “Silbernitrat. Messingwaffe. Erst Geruchssinn ausschalten, dann der Rest.”
Bei der Erwähnung des Geruchssinns nickt Irene wissend. “Mit den Veilchen. Natürlich!”
Sie wirft Ethan einen forschenden Blick zu. “Und danach bist du aber nicht mehr zurück nach Hause?”
Die Frage gibt ihm einen Stich, wie immer, wenn sie in den letzten Wochen aufgeworfen wurde, aber er schüttelt bestätigend den Kopf. “War zu spät. Hab die nicht gesehen seitdem.”
Irenes Stimme klingt ungläubig. “WAS? Nie wieder? Nicht mal gesprochen? Kein einziges Lebenszeichen?!?”
Ethan verzieht das Gesicht. “Naja… Halbes Jahr. Zu lang. Die anderen Opfer waren alle tot; die mussten denken, ich auch, und, und… naja…”
Jetzt klingt Irenes Stimme nicht mehr ungläubig, sondern empört. “Bist du irre???”

Ihre Vehemenz lässt Ethan blinzeln. “Vermutlich…”, murmelt er verlegen.
“Willst du mir etwa sagen, du warst zu feige, dich wieder bei deiner Familie zu melden?!”
Diese Anschuldigung kann Ethan nicht auf sich sitzen lassen. “Feige nix zu tun. Zu gefährlich.” Er sieht mit Absicht nicht zu Cal hinüber, der sich in dem Gespräch bisher auffällig zurückgehalten hat.

Ethan vergräbt den Kopf in den Händen. Denkt an die letzten Wochen. An das, was Barry ihm in Chicago gesagt hat. Und auf der Gala. “Naja. Doch. Ja. Feige, verdammt, okay?” Seine Schultern sacken herab. “Gala wollte ich ja. Konnte aber nicht. Ja, feige.” Ethan knurrt unglücklich, sieht dann auf und Irene beinahe trotzig in die Augen.
Irene erwidert den Blick eindringlich, ihre Stimme nicht mehr ganz so laut, aber dennoch nicht weniger aufgebracht. “Weißt du eigentlich, was Eltern alles tun würden, um ihr Kind wiederzubekommen? Willst du wirklich, dass deine Eltern vielleicht einen Deal mit einem Dämon eingehen, um dich auf diese Weise wiederzukriegen?”

Oh. Oh Gott. Ethan spürt, wie ihm sämtliches Blut aus dem Gesicht weicht. Scheiße, verdammte, nein. Nein, an diese Möglichkeit hatte er bis gerade eben tatsächlich nicht gedacht. Und bei dieser Vorstellung bleibt ihm förmlich das Herz stehen.
“Bald hast du vielleicht sowieso keine Möglichkeit mehr.” Das ist Cal, seine Stimme ruhig, aber grimmig. “In ein paar Monaten gehen wir vielleicht alle drauf, willst du das wirklich? Sterben, ohne deine Eltern wiedergesehen zu haben?”
Ethan runzelt die Stirn. Da ist ein Unterton, irgendein Puzzleteil, das ihm fehlt. Und überhaupt war es doch Cal, der immer meinte, Kontakt sei zu gefährlich. Er sieht den anderen Jäger verwundert an. “Naja. Draufgehen ist ja immer drin”, antwortet er unsicher.
Die beiden Älteren werfen einander einen Blick zu, schütteln dann beide gleichzeitig den Kopf, aber es ist Irene, die wieder das Wort ergreift. “Nein. So alle alle. Apokalypse alle.”
“Oder vielleicht, wenn du Glück hast”, übernimmt Cal wieder, “sind nach der Apokalypse doch nicht alle tot, sondern leben unter einem wohlmeinenden” – er lacht bitter auf – “Tyrannen, der die Dinge für dich in die Hand nimmt.”

Ethan sieht seine beiden Gesprächspartner groß an. Von einem zum anderen, wortlos. Er kommt sich vor, als hätte man ihm soeben den Boden unter den Füßen weggezogen. Apokalypse. In ein paar Monaten. Ihm entfährt ein völlig uncharakteristisches “Fuck.” Er glaubt den beiden, er kennt sie gut genug, um ihre Worte nicht anzuzweifeln, nicht bei diesem Ton der absoluten Überzeugung, in dem sie gesprochen haben, aber scheiße, ist das groß.

Cal und Irene erzählen abwechselnd. Einen kleinen Teil der Geschichte hat er ja mitbekommen, aber die Sache mit den Deserteuren ist eben nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt nicht einfach nur diese Fraktionen im Himmel, die einander bekämpfen, sondern diejenige Gruppierung, die die Apokalypse auslösen möchte, arbeitet richtig aktiv daran. Selathiel – der Engel also, der die Apokalypse will – ist übrigens genau der Engel, der Marcus deVries leitet. Oder von ihm Besitz ergriffen hat. Oder mit ihm zusammenarbeitet. Oder wie auch immer man das nennen will. Und es hat in letzter Zeit verstärkte Anzeichen gegeben, dass da Dinge am Laufen sind. Das hat Cal von Bart Blackwood erfahren, der vor einer Weile im Vatikan in Rom war, um dort Nachforschungen anzustellen. Vermehrte Selig- und Heiligsprechungen – was auch immer die mit der Apokalypse zu tun haben; um das einschätzen zu können, kennt Ethan sich mit dem Katholizismus nicht gut genug aus, und nachfragen will er jetzt nicht – ebenso wie erstarktes Interesse an den Apokryphen und sonstigen mystischen Schriften. Irgendwas von Nephilimtoren, die geöffnet werden müssen, um Luzifer und seine wichtigsten Anhänger freizulassen. Von Siegeln, die gebrochen werden müssen. Und dass sich in letzter Zeit auffällig viele Leute dafür interessieren.
Langer Rede kurzer Sinn: ob in ein paar Tagen, ein paar Wochen, ein paar Monaten oder ein paar Jahren: dass die Apokalypse kommen wird, scheint klar, wenn man die Zeichen richtig deutet.

“Fuck. Wenn ich helfen kann, irgendwie… sofort.”
Cal schnaubt. “Keine Ahnung, was unsereiner tun kann, aber versuchen müssen wir’s.”
Ethans Kopf fühlt sich leer an. Wie ein Kreisel dreht sich sein Geist vor allem um einen Gedanken. Um eine Person.
“Weiß Sam das schon?”
Irene sieht Ethan überrascht an. “Hmmm?”
“Sam schon erzählt?”
“Wieso Sam?”
Ethan schafft es gerade so, ein ertapptes Blinzeln zu unterdrücken. Mehr oder weniger jedenfalls.
“Cousine und so.”
“Achso. Nein, bisher nicht.”
“Wirst du?”
Irene nickt. “Ja, demnächst. Wenn ich sie sehe.”

Ethan weiß nicht so recht, ob ihn diese Aussage erleichtert oder besorgt stimmen soll. Einerseits hofft er, dass Sam so bald wie möglich davon erfahren wird, einfach damit das kein Geheimnis ist, das er vor ihr hüten muss, andererseits weiß er ja nur allzu genau, wie sehr ihn diese Nachricht umgehauen hat. Diesen Schock würde er Sam eigentlich auch ganz gerne ersparen.

Irene will auf jeden Fall vorher – vor der Apokalypse. Wie das klingt! – noch nach England, sagt sie. Sie müsse mit ihrer Mutter reden. Und mit ihrem Onkel. Ihr Ex-Mann wolle ihr da den Weg ebnen.
Von dort kommt das Thema auf die Sicherheitsmaßnahmen des Hauses Hooper-Winslow und die dort aufbewahrten Artefakte. Irene sieht verlegen zu Boden, schaut Cal nicht an, als sie erzählt, dass dort unter anderem das Horn von Jericho gelagert wird.
“Ach da ist das”, brummt Cal. “Und ich dachte, du hättest gesagt, das sei an einem sicheren Ort.”
“Ist es ja auch”, wehrt sich Irene, “für weltliche Verhältnisse jedenfalls. Bei Engeln sieht es da vielleicht anders aus. Vor allem, wenn die sich mit einem Hooper-Winslow verbünden sollten, um an das Ding heranzukommen.”
Eben wegen der starken Sicherheitsvorkehrungen sei Irene auch noch nicht wieder an das Engelsschwert gekommen, das in Winslow Manor liegt. “Aber naja”, sagt sie mit einem halben Lächeln, “jetzt habe ich ja ein anderes.”

“Wann willst du denn nach England fahren?” fragt Cal. Die Britin zuckt mit den Schultern. “Wenn ich wieder reisetauglich bin.”
“Arzt gesagt, wann?” erkundigt sich Ethan. “Na, wenn ich wieder fit bin halt”, sagt Irene leichthin.
Ethan wirft seiner britischen Freundin einen Blick zu, der ihr deutlich eloquenter, als er das mit Worten könnte, klar macht, dass das gerade keine Antwort war, vielen herzlichen Dank. Irene brummelt. “Na demnächst eben. Ein paar Wochen?"
“Krankentransportflüge und so”, schlägt Ethan vor, aber darauf schnaubt Cal nur. “Ist aber nicht so schlau, im Rollstuhl dem Horn von Jericho nachzuhetzen.” Ethan rollt mit den Augen. “Gibt ja mehr als hinterherhetzen. Vorbereiten? Nachforschen? Kundschaften?” Das muss dann auch Cal einsehen. “Okay. Zugegeben.”

“Und überhaupt ist es ja nur eine Fleischwunde”, witzelt Irene, woraufhin Cal die Trophäenjägerin beinahe empört ansieht. “Das nennst du Fleischwunde? Also, deine Zähigkeit in allen Ehren, aber—”
“Das war ein Filmzitat”, unterbricht Irene ihn. “Kennst du den etwa nicht? Die Ritter der Kokosnuss?” “Nein”, brummt Cal.
Ethan schmunzelt. “Banause.”
“Bah”, knurrt Cal. “Filme.”
Jetzt verkneift Ethan sich ernsthaft ein Grinsen. “Ja ja. Immer noch keine Ahnung.”
Das gutmütige Gekabbel um dieses alte, alte Thema tut irgendwie gut. Auf mehr als einer Ebene. Und heute ist es irgendwie noch amüsanter als damals, einfach weil Ethan inzwischen so viele Filme mehr kennt als vor neun Jahren.

Dann werden die drei Jäger aber wieder ernst, als Irene erklärt, sie hoffe ja, dass ihre Familie, sprich ihre Mutter und ihr Onkel Howard, im Angesicht der Apokalypse ja wohl mal hoffentlich ihre Differenzen begraben könnten, um gemeinsam bei der Rettung der Welt zu helfen.
Cal macht ein skeptisches Gesicht. Manche Leute würden ja sogar die Apokalypse für ihre eigenen Zwecke ausnutzen, grummelt er, woraufhin Irene das Gesicht verzieht und ihm zugesteht, dass in dieser Beziehung möglicherweise tatsächlich eine gewisse Gefahr bestünde.

Die Britin hat länger nicht mit ihrer Mutter geredet, stellt sich dann heraus.
“Bist du etwa zu feige, deine Familie zu kontaktieren?” hält Cal ihr vor, aber er tut es mit einem vielsagenden Blick zwischen Irene und Ethan hin und her und einem ‘ist nicht böse gemeint’-Grinsen, das zeigt, dass er sich diesen kleinen Seitenhieb jetzt beim besten Willen einfach nicht verkneifen konnte.
Die beiden Jäger reagieren genau gleich. Beide ziehen eine verlegene ‘ja, reib’s doch rein’-Grimasse, aber beide lächeln dann schief: ein ‘ist schon in Ordnung, ich weiß, wie es gemeint ist’ in Richtung Cal.

So oder so bieten beide Männer ihre Begleitung nach England an, falls Irene dort Hilfe brauche. Vorausgesetzt jedenfalls, sie zahle das Ticket, erklärt Cal, wovon Ethan angesichts der letzten Reisen nach Alaska und an die Westküste jetzt einfach mal ausgegangen wäre. “Und überhaupt”, fährt der ältere Jäger dann fort, “stimmt das eigentlich, dass man in England keine Waffen offen tragen darf? Wirklich? So gar keine?”
“Stimmt”, erwidert Irene schmunzelnd, “gar keine. Nicht mal die Polizei.”
Das lässt Cal etwas sprachlos zurück, aber er macht keinen Rückzieher. Und Irene werde sehr gerne auf das Angebot zurückkommen, sagt sie.

Eigentlich hatte Ethan gedacht, sie wären durch mit dem Thema, aber Cal bringt das Gespräch dann doch ein weiteres Mal auf Ethans Familie. “Denk drüber nach”, rät der Ältere ihm. “Schlaf drüber. Und wenn du findest, dass du deine Eltern vor der Apokalypse nochmal sehen solltest, mach’s. Und wenn du findest, dass es besser ist, wenn du sie nicht mehr siehst, mach’s nicht.”
Ethan schüttelt den Kopf. “Weniger ob. Mehr wie und wann. Schon seit der Gala am Grübeln.”

“Ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn Ben etwas zustieße”, murmelt Cal, woraufhin Ethan seinem alten Mentor einen verwunderten Blick zuwirft. Aus dem Zusammenhang heraus scheint klar zu sein, dass dieser Ben Calebs Sohn sein muss, nur hat Cal nie etwas von einem Sohn gesagt. Aber gut, neun Jahre ist auch eine lange Zeit, der kann ja auch in der Zwischenzeit zur Welt gekommen sein. Theoretisch jedenfalls. Praktisch hat Ethan irgendwie nicht das Gefühl. Interessanterweise hebt auch Irene eine Augenbraue und sieht den älteren Jäger forschend an – da hat wohl bei ihr eben irgendein ein Rädchen ‘klick’ gemacht.

Unvermittelt steht Ethan auf, geht zum Auto und bringt kurze Zeit darauf den Brief mit zurück, den er direkt nach der Gala geschrieben, bisher aber nicht abgeschickt hat. Schon mehrere Male hat er vor einem Briefkasten gestanden, die Hand dann aber doch jedes Mal wieder zurückgezogen. Wortlos reicht er den Brief an Irene und wartet ab, bis erst sie und dann Cal die Zeilen gelesen haben.
“Weiß nicht, was besser ist”, gibt Ethan schließlich zu. “Erst schreiben oder gleich hingehen?” Er macht eine hilflose Handbewegung. “Einfach so ohne Warnung vor der Tür stehen? Puh…”
“Ich würd gleich hingehen”, erklärt Cal sofort. “Aber ich bin auch kein großer Schreiber.”
Ethan zuckt unbehaglich mit den Schultern. “Kanns besser als reden.”
Cal sieht ihn direkt an, schüttelt den Kopf. “Na heute ging’s doch ganz gut.”
Hm. Vielleicht. Tatsächlich. Erstaunlich genug. Nur ob heute sich mit einem Besuch zuhause vergleichen lässt?

Irene und Cal bieten ihm jedenfalls beide ihre Hilfe an, falls er Hilfe brauche. “Oder wen, der dich in den Hintern tritt, falls du einen Rückzieher machen willst”, ergänzt Irene noch, charmant wie immer. Das lässt Ethan schmunzeln, und er dankt beiden sehr ernsthaft. Aber er weiß schon, wen er am liebsten bitten würde, ihn zu begleiten. Bitten wird, wenn alles gutgeht. Denn ja, was er eben sagte, stimmt schon: Irgendwann in den letzten Tagen und Wochen, er weiß selbst nicht genau, wann, hat er die Entscheidung getroffen, dass er nach Tappan muss. Jetzt ist wirklich nur noch die Frage, wann und wie.

Irene scheint etwas von diesem Entschluss in Ethans Gesicht zu lesen, denn als sie ihm den Brief zurückgibt, drückt sie seine Hand.
Cal hingegen nimmt das Thema Briefe zum Anlass, den anderen beiden zu erzählen, dass er ein paar Briefe im Dying of the Light hinterlegt habe, die Sunny weitergeben wolle, wenn sie nichts mehr von ihm höre. Das könne Irene ja genauso machen. Die Britin murmelt etwas, aber für Ethans Ohren klingt es eher nicht wie eine Zustimmung.

Miffy hat die ganze Zeit um das Grüppchen herumgewedelt, und nun fragt Ethan, wie Cal eigentlich an die kleine Hündin gekommen sei. Die habe er vor ein paar Jahren in der Wohnung ihrer toten Vorbesitzerin gefunden, erklärt Cal, und sie dann behalten. Aber vielleicht werde er sie auch noch ins Tierheim geben.
Ja, klaaaaar, sagt Ethans Blick, woraufhin der Ältere schnaubt. “Okay. Vielleicht auch nicht. Die ist ganz nützlich, hat ‘n ganz guten Instinkt.”
Ethan verkneift sich ein Schmunzeln. Bitte. Wenn Cal meint, dass es nur an Miffys Instinkt liegt, dass er sie behält, soll er.

“Hör mal”, murmelt Ethan dann. “Wegen damals. Danke dir. Ist OK.”
Cal knurrt etwas. Es klingt ungefähr wie “Ach naja. Lass nicht drüber reden, anderes Thema”, aber er freut sich doch, soviel kann Ethan erkennen. Und das fühlt sich gut an.

Das Grillfeuer ist inzwischen heruntergebrannt, die Packung Chocolate Chip Cookies aufgegessen, und langsam dunkel wird es auch.
Cal fragt Irene, ob er hier duschen dürfe, weil sie ja gearbeitet haben und verschwitzt sind und von dem roten Lehm verschmiert und alles. Die Britin hat neben dem Bauwagen so eine raffinierte Vorrichtung angebracht, die für den Begriff ‘Campingdusche’ schon viel zu vornehm ist, und ja, natürlich darf Cal hier duschen, sagt sie. Ethan hat sie das auch schon öfter angeboten, und manchmal hat er das Angebot auch angenommen, manchmal ist er aber einfach nach Hause gefahren und hat dort geduscht, je nachdem, wie spät es schon war.

Jetzt jedenfalls wirft Cal einen Blick auf Irenes Bein und fragt rundheraus, ob er bleiben solle, oder ob Irene lieber Ruhe hätte. Immerhin habe sie ja eine schwere Verletzung und wolle vielleicht lieber allein sein. Aber die Britin erklärt ebenso rundheraus: “Ja. Bleib.” Dann wirft sie einen etwas peinlich berührten Blick zu Ethan, aber diese neue Entwicklung ist ihm ziemlich egal. Es ist ihm ehrlich gesagt sogar deutlich lieber, wenn Irene sich mit Cal einlässt als mit Barry. Immerhin steht in diesem Fall wenigstens keine eigentlich glückliche Ehe auf dem Spiel.

Auf der Heimfahrt hat Ethan eine Menge zu grübeln. Die Entscheidung, bald seine Familie zu besuchen, steht fest, aber jetzt rasen tausend Szenarien durch seinen Kopf. Und das Bild von Sam. Er vermisst sie. Dreck, wie er sie vermisst. Vor allem jetzt, wo er das von der Apokalypse weiß. Aber auch die drohende Apokalypse ändert nichts daran, dass er alles daransetzen wird, diesen verdammten Fluch loszuwerden. Oder vielleicht jetzt gerade. Apokalypse oder nicht. Es ist, wie es ist.

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Timberwere

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