Mädchenkram - Supernatural

Rumours and Visions

Ein Zwischenspiel

Zwischenspiel – Rumors and Visions

Eigentlich habe ich ja schon angefangen, die Ereignisse in Oak Hill aufzuschreiben, aber ich hätte das Zwischenstück mit dem Powwow ganz gern noch dabei. Außerdem habe ich die Oak-Hill-Datei nicht auf diesem Rechner und kann nicht daran weiterschreiben. (Mein Hirn ist gerade noch im Energiesparmodus unterwegs.)

Nachdem wir uns am Flughafen in Sioux Falls getroffen hatten, fuhr ich also mit Cousin Calvin zum Reservat. Der schaute mich ab und zu skeptisch von der Seite an (vermutlich, weil mir so schwindelig war, dass ich mich am Sitz festhalten musste). Meinte schließlich: „Dir geht es nicht gut“. Ich wollte den Kopf schütteln, aber das war keine gute Idee. Wenigstens hatte ich nicht viel im Magen.
Nach einem kurzen Aufenthalt am Straßenrand gab ich zu, dass ich möglicherweise eine Gehirnerschütterung hatte.
„So willst du aber nicht tanzen“, sagte er alarmiert.
„Ich muss“, sagte ich. „Habe es versprochen.“
Er überlegte, platzte dann heraus: „Das schaffst du nicht.“
Ich zuckte die Schultern. „Sollen die Ältesten entscheiden.“
Wir fuhren weiter, er ungewöhnlich schweigsam. Schließlich sagte ich: „Familie. Nicht von hier. Ziemlich neu, aber Familie. Hat Probleme, jemand hat ihm etwas… geraubt, wir müssen den Räuber finden. Andere Spuren sind zu schwach, und ich habe es ihm versprochen, okay?“

(Ja, ich verwende diesmal Anführungszeichen. Mag ich normalerweise nicht, aber hier ist so viel wörtliche Rede, dass sogar ich das verwirrend finde, und ich war dabei.)

Cal dachte einen Moment nach. Nicht sehr lange, ist nicht seine Stärke.
„Familie, hm?“, sagte er. „Okay, ich helfe dir. Ich tanze für dich, du tanzt für ihn.“
Großzügiges Angebot, aber so war er. Alles für die Familie. Ich glaube, ich nickte nur. Oder ich habe etwas Sentimentales gesagt, aber das habe ich dank der Gehirnerschütterung vergessen.

Wir kamen ziemlich spät in Santee an. Die Kinder schliefen bereits, und Tam saß draußen. Rauchte. Wollte los. „Oh Mann“, sagte sie, als sie mich sah. „Du siehst nicht gut aus.“
„Gehirnerschütterung“, gab ich zurück.
„Werwolf?“, fragte sie.
„Vampir“, antwortete ich. „Von einem Geist besessen.“
Ihr Blick wanderte kurz zu der Bandage an meinem Hals. „Schlafen?“ fragte sie. „Oder… hm, reden?“ Sie sah nicht aus, als wüsste sie, was ihr lieber war.
Eigentlich wollte ich tatsächlich lieber schlafen, aber andererseits hatte ich sie gebeten, mir zu vertrauen. Wenn sie jetzt dazu bereit war… lieber nicht warten. Konnte alles Mögliche passieren.

Also redeten wir. Hauptsächlich sie. „Clive“, fing sie an. „Er ist gestorben. Wir haben gegen diese Vampirsekte gekämpft, und sie haben ihn von der Mauer geschossen. Ich war zu weit weg, konnte nicht helfen. Ging davon aus, dass er tot ist. Das war eine hohe Mauer.“
Sie zündete noch eine Zigarette an. „Hab ihn vor einiger Zeit wiedergetroffen“, fuhr sie dann leise fort. Sah mich dabei nicht an. „Als du in Maine warst.“ Nahm noch einen Zug. „Er ist ein Vampir.“
Wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Tam hasste Vampire, aber Clive… Clive mochte sie. War ja immer noch mit ihm jagen gegangen, nachdem sie die Affäre beendet hatte. Aber gut, ich war auch mit Irene unterwegs gewesen. Ich sagte erst mal gar nichts.
Sie sah mich nicht an. „Hat mich kontaktiert“, erzählte sie. „Die Sekte hat ihn zum Vampir gemacht. Denken jetzt, er ist ihr Auserwählter… warten auf was. Er wusste nicht, was, aber was Großes. Hätte sich selbst umgebracht, aber… hatte vielleicht eine Chance, noch was zu erreichen.“ Unruhig spielten ihre Finger mit ihrer Zigarette. „Sagt, er braucht meine Hilfe.“

Großartig. Das klang nicht gut. Das klang vor allem, als wollte sie ihm tatsächlich helfen. Klar wollte sie.
„Muss los“, sagte sie schließlich nach einer längeren Pause. Mir ging auf, dass sie auf eine Antwort gewartet hatte. „Ich komm wieder?“, fügte sie mit einem fragenden Unterton hinzu.
Ich schluckte. „Sei vorsichtig“, sagte ich rau. Mein Kopf dröhnte, ich sprach wieder durch eine meterdicke Wand aus Schmerzen. „Vampire sind Lügner… trau ihm nicht.“
Sie sah mich endlich an. Unsicher. Hatte sie selten so unsicher gesehen.
Mir fiel etwas ein. „Rückendeckung.“ Verstand sie hoffentlich.
Sie nickte langsam, hob die Hand zum Abschied. Drehte sich um und wollte gehen.
„Hey“, sagte ich. Versuchte, nach ihr zu greifen, verfehlte sie meilenweit. Wäre fast von der Bank gefallen, auf der ich saß. „Ernsthaft. Nimm jemanden mit. Bobby, oder wen auch immer.“
Tam hatte meine Bewegung gesehen. Kam zurück. Lächelte schief. Beugte sich zu mir herunter und küsste mich.

Das erste Mal, seit… seit unserer Aussprache.

Dann ging sie. Wäre ihr gern ein Stück gefolgt, hätte sie in den Arm genommen, wenigstens kurz, aber tatsächlich schaffte ich es kaum ins Bett.

Es vergingen ein paar Tage. Ab und zu eine SMS von Tam – „Alles in Ordnung“, „Gelbes Wunderland“ und so weiter – ansonsten Ruhe. Habe viel geschlafen. Schließlich war es Zeit, und wir fuhren mit den Kindern nach Pine Ridge. Sprachen mit den Ältesten. War nicht so einfach, sie zu überreden. Ich bin nur Iye Ska, Halbblut, aber mein Großvater hatte einen sehr guten Ruf, also hörten sie wenigstens zu. „Der Sonnentanz ist nicht für Außenseiter“, sagte einer der Ältesten, als ich ihm von Ethan erzählte. „Für meine Familie“, antwortete ich ihm.
Schließlich erklärten sie, wir müssten Calvins Tanz abwarten. Wenn ein Schatten auf ihn fiel, war das ein Zeichen, dass die Geister mein Vorhaben nicht billigten. Dann würden sie mir keinen Tanz erlauben.

Ich will jetzt nicht so sehr ins Detail gehen: Ich durfte tanzen. Ich hatte eine Vision. Die werde ich aufschreiben, für meinen Sohn, für seinen Bruder.

Ich stand auf einer weiten Ebene. Wogendes Gras, am Horizont die Konturen eines entfernten Gebirges. Eine Straße durchschnitt die Weite, ein schnurgerader, staubiger Weg. Über meinen Kopf dunkle Gewitterwolken, schwarz geschwollen von Regen, der nicht fiel. Ab und zu zuckte ein Blitz wie eine Drohung durch die finsteren Gebilde, aber kein Donner, immer nur die Drohung einer gewaltsamen Explosion. Aber in meinem Rücken spürte ich die Sonne.
Vor mir auf der Straße lief ein Mann mit langsamen, gut geplanten Schritten. Sah nicht auf zu den Wolken, die ihm folgten. Ethan. Der Weg vor ihm war unsicher. Wurde das Licht weiter vorne heller? Freundlicher? Stand da etwas am Wegesrand? Bevor ich meinen Blick abwendete, meinte ich, einen Baum zu sehen. Aber das war die Zukunft, und es bringt selten Glück, zu genau hinzuschauen und zu viel zu erfahren. Ohnehin wollte ich die Vergangenheit sehen. Also drehte ich mich um, ging den Weg zurück. Immer noch die Sonne im Rücken.
Folgte den Wolkenbergen am Himmel bis zu ihrem Ursprung. War ein gutes Stück zu laufen, lange, einsame Jahre. Schließlich kam ich an einem Baumstumpf vorbei, hier hatte der Blitz eingeschlagen. Jetzt war es nicht mehr weit. Nur ein paar wenige Schritte, dann sah ich ein Wesen: Eine kleine, verkümmerte Gestalt, aufgerissene, hungrige Augen, gierige Hände, die nach etwas griffen, das sie nicht erreichen konnten. Abgemagert und ausgemergelt. Noch einmal langte sie vorsichtig in die Luft, grapschte nach etwas, konnte es nicht fassen. Zorn in dem dürren Gesicht, in den fahlen Augen. Dünne Schreie zerrissen die Luft, machtlose Schreie. Doch dann tauchte ein Schatten hinter ihr auf, ein Schatten mit dunkelrot glosenden Augen. Legte zwei grobe Pranken auf ihre mageren Schultern und fiel mit einer Stimme wie Scherben in ihre Schreie ein. Der Himmel verdunkelte sich. Wolken zogen sich zusammen, immer und immer wieder, das Auge, der Ursprung des Sturms. Doch der Wind berührte mich kaum, denn ich hatte die Sonne im Rücken.
Ich sah, wie die Gestalt zusammensackte, erschöpft und müde. Sich wieder aufrappelte, verwirrt um sich sah. Davontaumelte. Ich folgte ihr, und der Schatten folgte ihr auch. Ein dunkler Weg vor uns, keine gerade Straße. Immer wieder griff der Schatten nach der schmächtigen Figur, umgarnte sie, wob sie ein in ein Netz, erst filigran, aber bald schwerer und schwerer, bis nicht Fäden an ihr hingen, sondern Ketten. Sie torkelte unter der Last, aber sie ließ die Verstrickung zu, und es wurde dunkler und immer dunkler um sie. Ich jedoch sah noch genug, denn das Licht der Sonne schien hinter mir.
Es war ein langer, verschlungener Weg. Ich dachte, sie würde irgendwann einfach von dem Schatten verschluckt werden, aber nach langen Jahren begehrte sie auf. Versuchte, zu fliehen, den Schatten zurückzulassen. Rannte, für einen Moment ihrer Ketten ledig. Aber das Wesen, der Schatten, spielte nur mit ihr. Wie eine Katze mit einer Maus. Wie ein Schulhoftyrann mit einem schwächeren Kind. Stieß sie, stellte ihr Schlingfallen, ließ sie immer wieder entkommen, nur um ihr dann den Weg zu versperren. Schließlich holte er zum letzten, vernichtenden Schlag aus, um sie endgültig wieder zurückzuholen, und ich konnte nicht… ich konnte einfach nicht daneben stehen. Ich wusste genau, wer und was sie war und was sie getan hatte, aber ich bewegte mich schon an ihre Seite, bevor ich genauer darüber nachdenken konnte. Stellte mich in den Weg. Der Schatten traf uns beide, schwer. Ich hörte einen Augenblick quietschende Bremsen, spürte den harten Schlag an meinem rechten Bein, den Schmerz. Es war der gleiche Schlag, der sie auch traf. Davonwirbelte, mitten in den Schatten hinein. Ein Blick zeigte mir den schwachen Glanz der Sonne in meinem Rücken.
Dann folgte ich ihr. Ja, ich wusste, dass ich sie nicht retten konnte, aber ich musste es doch wenigstens versuchen. So einfach sollte der grausame Schatten nicht gewinnen.
Es war kalt in der Schwärze, und still, so still. Ich versuchte, zu rufen, aber meine Stimme war nur ein heiseres Krächzen. Tastete blind nach vorne, eine Berührung, eine schmale menschliche Hand, ich hatte sie. Einen Augenblick lang hielt ich sie fest, vor meinen Augen blitzte das Bild einer Stadt auf – eine moderne Stadt, Wolkenkratzer, Skyline, keine Berge – dann entglitt sie mir. Fiel geräuschlos in die Tiefe, und mir wurde jäh bewusst, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ich hatte die Sonne verloren.

Sehr dramatisch, mein Lieber. Du hast sie ja wiedergefunden. Gut, wenn die Kinder nicht gewesen wären – wenn es nicht genau vier Kinder gewesen wären… wer weiß? Vielleicht hätte ich den Weg zurück nicht gefunden. Aber Kate, meine hellsichtige Tochter, wusste, wann sie nach mir rufen musste, also folgte ich dem Klang ihrer Stimme aus dem Dunkel. Sah das Licht der Sonne über mir. Ich war zurück.

Dann gab es einen Haufen Ärger. Visionen sind Botschaften, und man soll sich nicht einmischen in das, was man sieht. Wer weiß, was da zurückgekommen wäre, wenn ich es nicht geschafft hätte. Einer der Ältesten hätte mich am liebsten sofort rausgeworfen, „Respektlos“, sagte er, „leichtsinnig“, sagten andere. Letzten Endes durfte ich dann doch bleiben. Ich habe die Gespräche nicht so genau gehört – ich hatte viel Kraft gebraucht, um aus dem Schatten zu entkommen. Zu viel Kraft. Und mein rechtes Bein war verletzt, genau da, wo das Auto mich in der Vision erwischt hatte. Keine offene Wunde zu sehen, aber eine lange, verästelte Narbe. Sah am Anfang neu und rot aus, ist aber mittlerweile schon fast wieder verblasst. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Coleen genau so eine Narbe am Bein hat. Nur dürfte ihre nicht so schnell heilen wie meine.

Ich musste mich erst mal eine Weile erholen. Konnte nicht schlafen, ohne das Gefühl zu haben, wieder in die Schwärze gezogen zu werden. Großartig. Nach längerer Diskussion machte dann einer der Ältesten mit mir einer Reinigungszeremonie. Danach ging es besser.

Während ich mit den Vorbereitungen und den Nachwehen des Sonnentanzes beschäftigt war, passierten noch andere Dinge. Ich hatte meine Verwandten gebeten, die Ohren offen zu halten, was merkwürdige Geschichten rund um Ethans Apokalypse anging. Wie zu erwarten war, kam dabei nicht sonderlich viel heraus, aber ein paar Dinge fielen doch auf: Die Geister waren aktiver als sonst. Das war seltsam, aber nicht unbedingt schlecht. Ganz im Gegenteil.
Eine alte Geschichte wurde öfter erzählt als sonst: Vor langer Zeit kamen ein paar Weiße und gingen an einen heiligen Ort. Dort kämpften sie miteinander und öffneten zwei alte Tore, die schon immer dort waren und die eigentlich verschlossen hätten bleiben sollen. Aber das interessierte die Weißen entweder nicht oder sie waren zu dumm, um die Gefahr zu bemerken. Hinter den Toren waren böse Geister eingesperrt, mächtige böse Geister, und fast wären sie herausgekommen. Das konnte allerdings ein Heyoka verhindern, der Iktomis Schleier benutzte, um die Kraft der Tore umzukehren, sodass sie nicht etwa böse Geister hinausließen, sondern böse Geister hineinsaugten. In den meisten Legenden war der Heyoka ein Lakota (gut, wir waren auf Pine Ridge, da ist der Held immer ein Lakota), aber ich habe auch eine Geschichte gehört, da war es ein Cheyenne (der Erzähler war ein Cheyenne). Wie dem auch sei, danach war alles gut, die Weißen verschwanden wieder und der Heyoka galt als Held. Ich hatte diese Erzählung schon vorher gehört, von meinem Großvater, also war das nichts Neues.

Allerdings erzählte mir Kate später, dass auf dem offiziellen Teil des Powwows, der eher für Touristen veranstaltet wurde, ein paar merkwürdige Christen unterwegs gewesen wären. „Die kamen aus unserer Gegend“, meinte sie. „Ozarks und so. Haben aber niemanden entführt.“ Die hatten sich allerdings auch für die Geschichte interessiert. Wollten wissen, wo dieses ominöse Tor denn war? Hatte ihnen wohl zunächst niemand erzählt, aber die waren angeblich sehr freizügig mit ihrem selbstgebrauten Bier. Vielleicht hatten sie es ja doch rausbekommen.

Bevor wir abfuhren, passierte noch eine seltsame Sache: Ein Heyoka lief mir über den Weg. Leicht zu erkennen: Er trug seine Kleidung falsch herum. Ich kannte ihn nicht, aber er hängte sich bei mir ein, offensichtlich betrunken. „Hey, weißt du, dass alle sagen, du wärst total irre?“, fragte er mich mit einem glücklichen Grinsen. „Die reden von nichts anderem! Mann, gut, dass du ein Typ bist, der weiß, wann er aufhören muss!“ Er nahm noch einen Schluck aus seiner Flasche.
Ich lachte. Was sollte ich sonst machen? Er hatte ja recht, besonders weise hatte ich mich nicht angestellt. „Ich brauchte eine Antwort“, sagte ich ihm. „Musste was dafür geben.“
Er nickte übertrieben ernsthaft, wie es Betrunkene tun. „Ja Mann“, meinte er, fuchtelte mir dann mit den Händen vor dem Gesicht herum und zwickte mir in die Nase. „Hah!“, rief er. „Ich habe deine Nase! Ein großes Opfer, mein irrer Bärenfreund… was ist deine Frage?“ Er schwankte ein bisschen, und ich stützte ihn kurz.
„Ich wüsste ganz gern, wo Iktomis Schleier ist“, meinte ich dann. Was hätte ich ihn sonst fragen sollen? Die Antwort war, wie erwartet, nicht besonders erhellend. Der Heyoka beugte sich zu mir vor, atmete mir seinen Bieratem ins Gesicht und flüsterte verschwörerisch: „Du musst nach oben sehen!“ Mit einem Finger deutete er in den Himmel. „Nach oben! Auf jeden Fall nach oben.“ Er nickte zur Bekräftigung, bis ihm auffiel, dass er beim Deuten meine Nase verloren hatte. Dann fing er an, ein unflätiges Lied zu singen. Kurz schaute ich auf den Boden, sah aber nur die Spuren von ein paar Autoreifen. Ein Lastwagen vielleicht, oder der Truck eines Powwow-Besuchers.
Ich lieferte ihn bei ein paar Verwandten ab, denen er prompt erklärte, ich hätte ihm gesagt, ich würde darauf bestehen, dass man mich von nun an „Verrückter Bär“ nannte. Großartig. Wenn ich Pech hatte, blieb das hängen.

Wir fuhren also heim. Calvin brachte uns nach Stuttgart, ich hätte die Strecke nicht fahren können. War auch gut so, denn zwei Tage später stand Ethan vor der Tür und wollte das Baumhaus bauen.

Dazu später mal mehr. Jetzt bin ich müde und sollte schlafen.

So. Ich bin ausgeschlafen, jedenfalls so halbwegs. Gut, dass Vicky so ein friedliches Kind ist. Grade schläft sie, aber das hält bestimmt nicht lange an. Egal, so lange kann ich mit Ethan weitermachen.

Der hatte sich bei seiner Familie gemeldet, während ich in Nebraska und South Dakota war. Nach zehn Jahren Stille war das ein großer Schritt, und er war extrem nervös deswegen. Aber es war alles gut gegangen, zumindest halbwegs. Jedenfalls war er danach entspannter und – tatsächlich – gesprächiger.

Genaueres erfuhr ich, als er in Stuttgart auftauchte. Hatte extra Urlaub genommen dafür, aber gut, er war auch mit dem Auto gekommen und hatte einen großen Werkzeugkoffer mitgebracht.
Erzählte mir von der Begegnung mit seiner Familie: Von seinem Vater, der sich dafür entschuldigte, dass er die Hoffnung aufgegeben hatte, von seiner Mutter, die ihre Gefühle erst mal hinter einer Fassade versteckte. Von seinem Bruder, der ihm als einziger Vorwürfe machte und bohrende Fragen stellte. Und von seiner jüngeren Schwester, die eine große Pinnwand mit einer Karte und Zeitungsartiklen in ihrem Schrank versteckte – alles, was ihr helfen konnte, ihn zu finden. Er war sehr stolz auf sie, weil sie sich so viel Arbeit gemacht und so gründlich nachgeforscht hatte. Ich fand das eher beunruhigend. Das Mädchen war erst achtzehn, und sie verbrachte ihre Zeit damit, Pins in eine Wand zu stecken und Ausschau nach ihrem verschwunden Bruder zu halten? So, wie Ethan das erzählte, klang sie ziemlich fokussiert – was würde sie jetzt machen, nachdem er wieder aufgetaucht war?
Aber ich wollte ihm die Freude an seiner kleinen, fleißigen Schwester nicht verderben, und vielleicht lag ich ja auch total daneben. Vielleicht führte sie ansonsten ein erfülltes Teenagerleben mit Partys und Freunden. „Sie klingt sehr entschlossen“, sagte ich also. „Das ist ja schon mal nichts Schlechtes.“

Danach erzählte ich ihm vom Powwow. Von der Legende von Iktomis Schleier und dem Heyoka. Wo der Schleier war? Keine Ahnung. Vielleicht in Hooper-Winslow Manor, meinte Ethan. Im Keller. Das glaubte ich zwar nicht, aber wer weiß, was Irenes Vorfahren hier weggeschleppt hatten. (Außerdem stelle ich mir Hooper-Winslow Manor immer noch wie Hogwarts vor, wo kleine Jägerkinder lernen, wie man einen Fluch bricht, eine Mantikore fachgerecht aus dem Boden zieht oder einen Boggart einschüchtert. Das ist vermutlich albern. Oder auch nicht.)
Ich erzählte auch von dem Heyoka, ließ aber die Sache mit meinem Namen aus. Den kennt Ethan sowieso nicht. Die komischen Christen erwähnte ich auch. „Leute aus den Ozarks. Da kommt auch nichts Gutes her.“ Okay, das war engstirnig. „Mag sein, dass es da auch gute Leute gibt.“
„…aber du hast noch keine getroffen“, ergänzte Ethan. Ich nickte automatisch, bis mir auffiel, dass das nicht stimmte. Erzählte ihm von Lisa, die uns damals geholfen hatte, Katie wiederzufinden.

Nächstes Thema war dann die Vision vom Sonnentanz. Ja, ich habe heruntergespielt, wie gefährlich das war, und wie viel Kraft mich das gekostet hat. Der hätte sich sonst nur wieder entschuldigt oder mit diesem Dackelblick bedankt. Wäre mir zu sentimental.
Die Narbe am Bein konnte ich nicht überspielen, aber die war schon ziemlich verblasst. Trotzdem noch deutlich zu erkennen. Mir fällt gerade ein, dass ich mal Gideon fragen könnte, was für Verletzungen bei so einer Narbe normalerweise dahinterstecken würden.

Um von meinem Bein abzulenken, fragte ich Ethan, ob er jemanden kannte, der zeichnen konnte. Jemanden, der die Stadt zeichnen konnte, die ich gesehen hatte. Vielleicht konnten wir dann Ally bitten, daraus ein digitales Modell zu erstellen und per Suchalgorithmus durchs Internet zu jagen, um auf ähnliche Skylines oder Häusersilhouetten aufmerksam zu werden.
„Niels“, schlug Ethan vor. „Der hatte doch dauernd einen Zeichenblock dabei, und ich glaube, der studiert sowas.“ Ich konnte mich zwar nicht an einen Zeichenblock erinnern, aber okay. Würde ich ihn mal anschreiben. Mal schauen, ob er antwortete.

Dann schlug sich Ethan vor die Stirn. Seine Mutter! Klar, die war Illustratorin. Konnte auf jeden Fall zeichnen. Machte aber nichts, je mehr Bilder, desto besser. Außerdem war ja nicht gesagt, dass Niels meine Anfrage überhaupt beantworten würde.

Am nächsten Tag musterte Ethan das Brett, das wir in den Baum genagelt hatte, sehr skeptisch. Das würde runtermüssen, meinte er. Okay, sollte mir recht sein. Besonders sicher war mir das nie vorgekommen. „Du bist der Handwerker“, meinte ich. „Ich habe nicht mal zwei linke Hände.“ Lahmer Witz. Ethan lachte jedenfalls nicht. Nickte nur ernst.
Dann fing er an, an dem armen Baum herumzuhämmern und zu -sägen. Die Kids wollten alle helfen (außer Vicky, offensichtlich), durften sie auch, natürlich. Neben dem Baumhaus an sich baute Ethan dann auch noch ein paar Kindermöbel aus Ästen. Das Gebilde da oben war kein Haus mehr, das war eine Villa! (Persönlich mochte ich das Brett. Es ließ so viel Raum für Fantasie – das konnte ein Schiff sein, oder ein Zaubererturm, oder ein fliegender Teppich… aber gut, die Baumvilla war natürlich sicherer, und die konnte ja auch alles mögliche sein. Im Moment ist sie die geheime Superheldenagentenbasis des Allgemeinen OMIkrons, glaube ich.)

Immerhin dauerte der Bau ein paar Tage. Es war immer noch ziemlich heiß, deswegen wurde morgens und abends gebaut und tagsüber ausgeruht. Zumindest von Ethan und den Kids. Ich hatte eine Deadline im Nacken – das blöde Ding musste bis September fertig werden, und ich war in der letzten Zeit nicht zu meinem regulären Schreibpensum gekommen. (Weil ich ständig aufschreiben musste, was passiert ist und wie ich mich dabei fühlte. Klingt jetzt platt, aber irgendwie muss ich den ganzen Kram ja verarbeiten. Stoisches Schweigen kann ich nur deswegen, weil ich hier das Papier vollsülzen darf.)

Mittendrin tauchte Tam wieder auf. Spät abends, Ethan und die Kinder schliefen schon, ich grübelte noch herum, wie Beth Taylor nun genau sterben würde, als sie schrieb, sie wäre in fünf Minuten da. Ich zögerte einen Moment, ließ dann Beth Beth sein (die kriegte ich schon noch tot), hinkte in die Küche und setzte einen Kaffee auf.
Sie kam rein. Bewegte sich vorsichtig, vermutlich verletzt. Hatte Kratzer am Hals.
„Hey“, sagte sie. „Du siehst immer noch nicht gut aus, Jackson.“
Ich hob eine Augenbraue. „Partnerlook“, gab ich zurück. Sie schnaubte amüsiert, verzog dann das Gesicht. Nahm sich einen Kaffee. Ließ sich von mir erzählen, was beim Powwow passiert war.
Lachte, als ich vom Heyoka erzählte.
„Passt zu dir“, sagte sie. Ich verdrehte die Augen.
Dann erzählte sie. Ja, Clive hatte sie hintergangen. Seine Sekte wollte ihn opfern, um den Vampirgott Camasotz zu beschwören. Er wollte seine Sekte opfern, um Camasotz‘ Kraft an sich zu reißen, dann Tam auch zur Vampirin machen, damit sie endlich zusammen sein konnten. Offensichtlich hatte er immer noch Gefühle für sie. Großartig.
Letzten Endes hatte dann niemand so recht bekommen, was er wollte: Die Sekte bekam keinen Vampirgott, Clive bekam zwar mehr Kraft, aber nicht so viel, wie er gehofft hatte, und Tam konnte Clive nicht erledigen. Gut, dass sie Rückendeckung mitgenommen hatte: Uriah Johansson (okay), Bobby Hickman (aha) und ausgerechnet Stinger. Der hatte sich zwar kompetent angestellt und die Sektentypen im Schach gehalten, dabei allerdings so viel Chaos angerichtet, dass Clive entkommen konnte. Ja, so kannte ich ihn.

Schließlich ging sie ins Bett, und ich auch. Getrennte Betten, immer noch. Aber wir waren ja auch beide verletzt.

Nach fast einer Woche war das Baumhaus fertig, und wir feierten das mit einer Grillparty. Also kamen J.D. und P.J., Charlene und Lucretia (ihre Nichte aus New York, die jetzt aushilfsweise bei uns arbeitet), Jonathaniel Ryerson und ein paar andere Kids. Ethan beäugte J.D. etwas misstrauisch – klar, der hatte ja mitbekommen, dass ich mit den Hollow Men normalerweise nicht so richtig gut kann. Legte sich aber im Laufe des Abends. Brian war auch da, und ich schärfte ihm noch mal ein, keine blöden Witze auf Ethans Kosten zu reißen.
„Aber…“, sagte Brian.
„Nein“, sagte ich. „Laß den in Ruhe. Und auch keine dummen Sprüche über mich, okay. Glaube nicht, dass er deinen Humor teilt.“
„Tust du auch nicht“, wendete Brian ein.
Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Stimmt, aber ich bin dein Freund.“ Ich verzog das Gesicht, um zu zeigen, was ich davon hielt. Er verdrehte die Augen und hielt sich weitgehend von Ethan fern. Brav.

Am nächsten Tag war ich als erster wach. Hatte ziemlich gute Laune, wegen der Party, und weil Tam und ich im selben Bett geschlafen hatten. Stöberte ziellos auf eBay herum und machte einen möglicherweise spektakulären Fund. Möglicherweise. Ganz vielleicht. Vermutlich eher nicht.

…und jetzt kann ich endlich mit der Oak-Hill-Geschichte weitermachen. Mann. Vielleicht sollte ich einen Blog schreiben.

(Natürlich schreibe ich einen Blog, aber einen offiziellen ich-bin-ein-Schriftsteller-Blog. Rachel hat gesagt, das gibt wichtige Publicity. Ich fürchte, das meiste, was dort steht, ist von hinten bis vorne ausgedacht. Vor allem die Geschichten mit dem Hund. Wir haben gar keinen Hund.)

Comments

Marganma

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