Mädchenkram - Supernatural

Salamander on the rocks

Hitze. Eine wahnsinnige, rote, allumfassende und alles verschlingende Hitze. Die Stimme einer Frau. “..und das Feuer entfachen.”

Schweißgebadet wachte ich auf. “Daya?” fragte ich in die Dunkelheit, doch da war niemand, nur das Ticken der Uhr und das leise Summen des Kühlschranks. Ich atmete tief durch, als mein Blick auf den Ibeji fiel. Daya war nicht hier, auch wenn ich gerade ihre Stimme gehört hatte. Seufzend warf ich einen Blick auf den Wecker.
5:30. Keine Zeit, um aufzuwachen. Aber seit ich aus Maine zurück war, schlief ich nicht mehr besonders gut. Ich wusste zwar mit Sicherheit, dass ich nicht verrückt wurde, dank sei Bart Blackwood und Barry Jackson. Zwei Männer, die mit Sicherheit noch viel mehr gesehen hatten als ich, und die immer noch aufrecht standen.

Ich ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Der war auch schonmal voller, dachte ich mir, aber wenn man immer nur durch Amerika flog, um Engel und Knochengeister zu jagen, kommt man halt nicht zum Einkaufen. Ich machte mir einen Kaffee und setzte mich an den Küchentisch, den Kopf in die Hände gestützt.

War ich gestern nicht noch ein einfacher Universitätsdozent gewesen? Was war passiert, dass meine Welt so völlig aus den Fugen geraten war? Das waren doch nicht nur die Engel und der Geist in Camden. Mein Blick fiel auf die Pinnwand neben dem Küchentisch. Neben meinen Vorlesungszeiten, einer Einkaufsliste und dem Lieferzettel von Luigis Pizza Club hing dort ein Foto. Es zeigte drei Leute bei einem Ausflug in den Park: Mich, eine junge hübsche Frau mit honigblonden Haaren sowie neben ihr ein junger Mann, der etwas verdriesslich dreinsah und sich bemühte, mit dem Metall im Gesicht und den Tattoos an den Armen sehr böse auszusehen. Ich musste grinsen, als ich an Neil – Niels Heckler dachte. Wusste der Junge eigentlich, dass sein martialisches Auftreten ihn noch verletzlicher erschienen liess? Manchmal hatte ich das Bedürfnis, ihn einfach in den Arm zu nehmen und zu drücken, aber ich hatte keine Lust, dass der kleine Heckler das nachher falsch verstand und mir Blumen schickte. Abgesehen davon war ich mir sicher, dass er mich nicht leiden konnte. Ich hatte ihm zwar nichts getan, aber mehr als zwei Worte hatte er mit mir noch nie gewechselt.
Neben Niels stand seine Cousine Felicity. Sie lächelte in die Kamera und wirkte locker und entspannt. Verdammt, warum war ich so feige und sagte ihr nicht einfach, was los war? Warum flog ich lieber durchs Land und liess sie diese englische Mumie heiraten? Ich war doch auch sonst nicht auf den Mund gefallen. Aber die Angst, dass sie nein sagen könnte und unsere Freundschaft dann für immer dahin war, war anscheinend größer als mein Wunsch, sie endlich ganz nahe bei mir zu haben.

5:45. Einschlafen würde ich jetzt auch nicht mehr, also beschloß ich, eine Runde zu laufen. Vielleicht würde mir das helfen, den Kopf wieder freizukriegen.

Feuer. Überall Feuer. Alles verzehrendes Feuer, dass sich in jede Pore frisst.

Nein, keine Chance. Ich musste Felicity anrufen.
“Heckler?” gähnte sie so unverschämt charmant ins Telefon.
Heirate nicht, Liz. Ich liebe dich.

“Ich bin’s, Akintola. Sorry, wenn ich dich geweckt habe. Ich.. ich.. hatte wieder einen Traum.” Sie war schlagartig hellwach. “Was war es diesmal?” fragte sie.

Ich erzählte ihr, was ich geträumt hatte, und sie machte nur “Hmhmhmm.” Dann: “Ich rufe dich zurück.” Kurze Zeit später klingelte mein Telefon. “Sagt dir Bagdad etwas? Das in Arizona, nicht im Irak. Spontane Selbstentzündungen. Ich schätze, deine Schwester will, dass du da mal hinfliegst.” Seufzend bedankte ich mich und erkundigte mich noch nach ihrem Auto – ihr komischer Cousin war damit irgendwie über alle Berge. Sie beruhigte mich, Niels war auf dem Rückweg von Montana.
Verdammt, Kleiner, von mir aus kannst du die Route 66 auf- und abfahren, dann kann ich nämlich glänzen und das tun, was Alfie nicht macht – deiner Cousine ein neues Auto vor die Tür stellen.
Aber eigentlich war ich auch froh darüber, dass der buntbemalte junge Mann zurückkam. So hatte ich wenigstens keinen Grund mehr für ein teures Geschenk und das Gefühl, dass ich mir Felicitys Liebe erkaufen würde.

Ich legte auf und buchte noch für den gleichen Tag einen Flug nach Arizona. Langsam war es echt an der Zeit, mir Vielfliegermeilen zuzulegen. Ich packte ein paar Sachen ein – es war heiß in Arizona, aber ich war Hitze gewohnt, trotzdem wollte ich nicht rumlaufen, als sei ich gerade unter einem Stein hervorgezogen worden.

Als in Bagdad eintraf, hatte ich bereits das Gefühl, gegrillt worden zu sein. Ich war offensichtlich zu lange aus Lagos weg, als dass die Hitze mir gar nichts mehr ausgemacht hätte. Während ich noch überlegte, wo ich als erstes hingehen sollte, um etwas über die Selbstentzündungen zu erfahren, erspähte ich vor der Mall von Bagdad einen mir wohlbekannten Land Rover. Es überraschte mich allerdings nicht wirklich, ihn dort zu sehen. Mit Sicherheit war sie aus dem gleichen Grund wie ich hier. Wobei ich mich fragte, ob sie inzwischen wieder fit genug war, als ich Irene Hooper-Winslow das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie mit kreidebleichem Gesicht auf der Luftmatratze vor dem Bauwagen auf dem Gelände des ehemaligen Domus Ruber gelegen und mir versucht zu erklären, dass sie keine weibliche Pflegekraft brauchte.

Ich betrat die Mall und sah mich um. Recht schnell hatte ich Irene in einem Eiscafé ausgemacht – was für eine hervorragende Idee – wo sie in Begleitung einer mir unbekannten dunkelhaarigen Schönheit und von Cal saß.

Oh. Grandios. Cal.

Meinen Ärger über die Anwesenheit des Mannes, dessen Gesellschaft ich auf der Fahrt nach Arkansas gelernt hatte zu hassen, herunterschluckend, betrat ich das Café und begrüsste die beiden. Cal war anzusehen, dass er genauso begeistert war wie ich, dass wir uns hier trafen, und er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Irene jedoch schien die Spannungen zwischen uns nicht zu bemerken – oder aber sie wollte sie nicht bemerken, sie stellte mir stattdessen die junge Frau vor, die mit am Tisch saß: Chloe Bush, eine Reporterin. Sie war mir deutlich sympathischer und angenehmer als Gesellschaft als Cal.
Aber bevor ich meine Bekanntschaft mit Ms Bush vertiefen und die zu Irene auffrischen konnte, mahnte Cal zur Eile. Der alte Spielverderber. Er wollte mit irgendeiner Melina reden, die offensichtlich mehr wusste über die Selbstentzündungen.

Wir gingen also wieder auf die Straße, als Irene auf einmal Cal anstieß und auf etwas zeigte. Irgendein Tier, schien mir, dass jetzt schnell unter ein Auto huschte. Sie ging zu dem Auto, und Cal folgte ihr. Als sie ihre Hand auf die Motorhaube legte, gab sie einen kurzen Laut des Entsetzens von sich und schüttelte die Hand dann, als habe sie sich verbrannt.

Ich kam etwas näher und sah jetzt, dass tatsächlich ein Tier zwischen Irenes Beinen durchsauste. Es war ein Feuersalamander, aber er schien mir größer zu sein als die Exemplare, die ich in Eton in der Naturkundlichen Sammlung gesehen hatte. Chloe, ganz Reporterin, hatte derweil ihre Kamera gezückt und begann, wie wild Fotos zu machen – oder sah sie doch einfach nur durch den Sucher?

Irene, Cal und ich liefen hinter dem Tier her, und ich merkte, wie mir immer heißer wurde, und das lag sicher nicht nur daran, dass ich mich in der Hitze von Bagdad, Arizona, schnell bewegte. Das Tier vor uns schien seinen Namen zu recht zu tragen, als Irene nach ihm greifen wollte, zog sie ihre Hand zurück, als habe sie sich verbrannt. Ms Bush begann, das Tier weg von den Häusern und den Autos zu scheuchen, und ich überlegte, ob es eine Möglichkeit gab, die Kreatur unbeschadet einzufangen.

Cal kam auf die unglaublich innovative Idee, das Tier zu erstechen. Das war wohl seine Antwort auf alles: Erst schlagen, dann fragen. Ich beschloß, es tierfreundlicher anzugehen. Leider war “Flugtauglichkeit” wohl nichts, worauf man bei Burberry besonderen Wert legte, denn als ich mein Jacket nach dem Salamander warf, rannte dieser unbeirrt weiter in ein Erdloch, in dem wir ihn noch fiepen und herumwuseln hörten.

Cal sah mich nur wütend an. “Das hast du ja ganz toll hinbekommen,” meinte er nur kopfschüttelnd. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. So kam er mir bestimmt nicht. “Das ist doch Ihre Antwort auf alles, was Sie nicht kennen: Es einfach umbringen,” hielt ich ihm entgegen. “Willst du warten, bis es losgeht und den nächsten Menschen anzündet?” fragte er zurück. Warum duzte mich dieser impertinente Mensch eigentlich die ganze Zeit?

“Vielleicht hätten wir gesehen, ob das Tier in ein Nest läuft oder zu einer bestimmten Person,” erklärte ich. Bei dem, was ich bis jetzt gesehen hatte, hielt ich es nicht für ausgeschlossen, dass hier irgendwo ein Irrer herumlief, der Salamander züchtete, die Menschen in Brand steckten, um irgendeinen dämonischen Pakt zu erfüllen. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass ich damit gar nicht so falsch lag, bis auf die Sache mit dem Dämonenpakt.
Cal brummte als Erwiderung jetzt nur etwas, dass vage nach “mit Jones reden” klang.

Irene sah uns derweil belustigt an, dann bat sie Cal um seinen Flachmann. Natürlich zog der Paramilitär einen silbernen Flachmann aus seiner Hemdtasche – oh gott, was war dieser Typ eigentlich für ein wandelndes Klischee – und reichte ihn der Britin. Sie drehte die Flasche auf und schüttete sehr zur Überraschung von uns anderen drei den Inhalt in das Erdloch.

Es gab eine Verpuffung, und Irenes Gesichtsausdruck sagte mir, dass sie genau das erwartet hatte. Das anschließende Fiepen verriet uns jedoch, dass der Salamander noch lebte.

Cal hatte jetzt offensichtlich genug, nachdem Irene seinen Stoff weggekippt hatte und ich ihn davon abgehalten hatte, etwas umzubringen. Mit grimmigem Gesichtsausdruck stapfte er in Richtung Feuerwache, wo er sich mit Melina Jones treffen wollte.

Da ich dagegen war, das Tier zu töten – irgendetwas in mir sagte mir, dass es nicht richtig war – fand ich, dass es angemessen war, eine Falle zu bauen. Ein Eimer und Grillkohle waren schnell besorgt, nachdem mir eingefallen war, dass Salamander sich der Sage nach von Feuer ernährten.

Als ich aus dem Supermarkt zurückkam, hörte ich, wie Irene mit jemandem namens Charles telefonierte. Offensichtlich jemand, der sich in okkulter Materie gut auskannte, denn als sie das Gespräch beendet hatte, berichtete sie uns, was Charles ihr gesagt hatte. Nach der mittelalterlichen Mystik handelte es sich bei dem kleinen Kerlchen, der gerade in dem Loch vor sich hinfiepte, um eine Elementarkreatur, und er war wesentlich gefährlicher als er aussah. Seine Spezies zog es vor, ihre Larven in menschlichen Wirten ausbrüten zu lassen, und sie ernährten sich von Hitze und Brennbarem, wie ich bereits richtig gewusst hatte.

Weiterhin hatte Charles berichtet, dass die größten aus dem Mittelalter bekannten Exemplare wohl um die fünf Meter lang waren. Wieviel Fuß waren das? Ich rechnete und befand: Definitiv zuviele. Langsam dämmerte mir, dass Cal wohl doch recht gehabt hatte.
Mit gewöhnlichen Waffen war den Salamandern nicht beizukommen, dagegen waren sie immun. Silber half – Silber half immer, behauptete Felicity – aber noch mehr hassten die Tiere Kälte.
Charles wusste auch, was man tun konnte, wenn einen die Larve getroffen hatte: Wenn man sie ortete, musste die Person kühl gehalten werden und dann konnte die Larve herausgeschnitten werden.

Achso. Das war ja überhaupt kein Problem, in der Gluthitze von Arizona einen kühlen Platz zu finden.

Woher die Tiere überhaupt kamen, das konnte Charles auch noch beantworten (Dieser Mann schien ein wandelndes okkultes Lexikon zu sein, und ich war immer der Meinung, ich hätte schon Ahnung). Sie wurden entweder beschworen oder kamen natürlich vor, beide Möglichkeiten lösten bei uns nicht gerade Begeisterungsstürme aus. Die Tatsache, dass die Tiere in den Vereinigten Staaten nicht heimisch waren, beruhigte uns nur unwesentlich

Aber bevor wir uns Sorgen machen konnten, woher nun genau die Tiere kamen, mussten wir uns erstmal um den Salamander in dem Loch vor uns kümmern. Irene füllte die Kohle in den Eimer und zündete sie an. Einfache Sache, aber ich musste ihr trotzdem ein Kompliment machen. “Ich mag die Art, wie Sie denken.” Sie sah mich verwirrt an. “Äh.. simpel?” Gut, wenn sie das so sehen wollte, ich hatte es anders gemeint.

Der Salamander liess nicht lange auf sich warten und kam aus dem Loch gekrabbelt, um sich sein Futter in dem Eimer abzuholen, und ich verschloß den Eimer. Leider war der inzwischen so heiß, dass ich mir dabei auch die Hand verbrannte, aber das war es mir wert. Außerdem machten Narben angeblich interessant.
Während der Eimer auf dem Boden stand, hörten wir immer wieder Geräusche daraus, wie kleine Explosionen. Offensichtlich lud das Tier sich durch die glühenden Kohlen selbst auf. Der Eimer strahlte inzwischen auch einiges an Hitze ab und würde es nicht lange machen, wenn wir nicht bald einen kühleren Ort fanden. Chloe schlug vor, ein Eiscafé oder eine Metzgerei aufzusuchen, eben irgendeinen Ort, an dem Lebensmittel gefroren aufbewahrt wurden.
Aber was war mit den Fragen, die man uns sicher stellen würde? Niemand wollte erklären müssen, dass in dem Eimer ein Salamander rumwuselte, dessen Larven Menschen in Brand setzen konnten.

So musste also erstmal Crushed Ice herhalten, das wir in den Eimer füllten. Das Tier wurde langsamer, aber das Eis schmolz auch vor sich hin. Lange würde das nicht halten.

Chloe war sehr schweigsam gewesen, während Irene berichtet hatte, was ihr ihr Telefon-Joker gesagt hatte, anscheinend hatte sie eine Idee gehabt. “Der Polizist im Eiscafé,” sagte sie schließlich. Ich sah sie fragend an, von welchem Polizist sprach sie? Dann erinnerte ich mich, dass am Nebentisch vorhin ein Mann in Polizeiuniform gesessen hatte, der unglaublich geschwitzt hatte, ob es nun wegen der Hitze und seines Leibesumfangs gewesen war oder aus einem anderen Grund.

Gemeinsam gingen wir zurück ins Eiscafé, wo Chloe den Mann nicht etwa ansprach, sondern ein Foto von ihm machte. Oder sah sie einfach nur durch den Sucher? Ich hörte kein Klicken, aber ich verstand von Fotografie auch soviel wie eine Kuh vom Fahrrad fahren. Plötzlich ließ Chloe die Kamera wieder sinken und ging zielstrebig auf eine junge Frau zu, die alleine an einem Tisch saß und einen Eiskaffee schlürfte.

Mit einem freundlichen Lächeln – ganz Reporterin – setzte sie sich an den Tisch und erzählte der jungen Frau eine von vorne bis hinten erlogene, aber ungemein glaubwürdige Story über einen Virus, der von Tieren auf Menschen übertragen würde und schuld an den Selbstentzündungen war. Ich sah Chloe bewundernd zu, wie sie die junge Frau behutsam, aber bestimmt davon überzeugte, sich zu einem Arzt zu begeben. Sie musste einen wirklich guten Job machen, ich beschloß, mir ihren Namen zu merken.

Wir verließen das Café wieder, wobei Irene schließlich einfiel, dass sie noch eine Kühlbox im Auto hatte, die groß genug war, und dort hinein kam der kleine Kerl, der immer noch im Eimer saß. Das würde zwar nicht lange halten, aber immerhin besser als nichts.

Inzwischen war auch Cal zurückgekehrt von seinem Treffen mit Melina. Sie hatte ihm Näheres über die Selbstverbrennungen erzählt, nichts daran schien auf einen okkulten Hintergrund zu deuten. Die Opfer waren alle im Freien verbrannt, sie alle hatten sich überhitzt gefühlt und darüber geklagt, wie heiß ihnen war. Bei Eliza Montes, einer Sachbearbeiterin der Kupfermine, war sogar ihr Freund Zeuge der Selbstentzündung geworden. Auf die Frage nach dem Salamander hatte Melina gesagt, dass Kinder eine Echse oder eine Schlange gesehen haben wollten.

Dann hatte sie Cal einen Facebook-Eintrag gezeigt, den Bobby Marks, ein Tourist, verfasst hatte. Er hatte ein Foto mit Tierspuren gepostet, die er sich nicht erklären konnte, draußen in den Bergen war das gewesen. Mehr wusste Melina auch nicht, aber sie hatte Cal empfohlen, mit einem gewissen Herimano de Salvo zu sprechen, einem Reptilienexperten, der außerhalb der Stadt eine Echsenfarm besaß.

Das ließ uns aufhorchen, und wir waren uns alle vier einig, dass dieser de Salvo unser nächster Ansprechpartner sein musste. Vorher aber rief Cal noch einmal bei Melina an und sagte ihr, dass sie beim County anrufen sollte, um eine Warnung durchzugeben, dass durch die Salamander eine Seuche eingeschleppt worden war. Außerdem sollte sie sich nach einem ausreichend großen Kühlraum für die bereits Infizierten umhören.

Die Echsenfarm wirkte so, als sei dort schon länger nicht mehr aufgeräumt worden. Überall standen leere Terrarien herum und Gehege, dazwischen standen Schilder, auf denen Besucher darauf hingewiesen wurden, was sie zu tun hatten, wenn sie einem der Tiere über den Weg liefen. Einen Laden gab es auch, aber der war geschlossen.

Cal ging schnurstracks zur Eingangstür und klopfte. Eins musste man dem Mann lassen, er kam ohne Umschweife zur Sache. Ein unrasierter, leicht benommen aussehender Mittdreissiger öffnete die Tür, und Cal hielt ihm sofort ein Bild des Salamanders unter die Nase. “Schonmal gesehen?” wollte er wissen, und de Salvo blinzelte. “Ich hab alles unter Kontrolle,” murmelte er, “das kann nicht passieren.” In diesem Moment hielt Irene dem Echsenforscher ihre Waffe unters Kinn, und Cal schob ihn zurück in die Wohnung. De Salvo begann zu protestieren, doch gegen Irene und Cal hatte er keine Chance.

“Wo ist das Echsenvieh?” fragte Cal, nachdem wir uns alle in die Küche der kleinen Wohnung begeben hatten. Herimano schüttelte benommen den Kopf. Seiner roten Gesichtsfarbe nach zu urteilen, hatte er zumindest eine Larve im Körper.

Das Feuer entfachen..

Plötzlich hatte ich den Eindruck, dass ich Dayas Stimme hörte. Was meinte sie nur?
“.. Sie züchten die Salamander in Ihrem Körper?” Das war Irenes Stimme. Cal stand schweigend neben dem Echsenforscher, der jetzt etwas von “Alles unter Kontrolle” und “Seltenen Tieren” murmelte. Widerwillig gab er zu, dass es in den Berge noch ein weiteres Weibchen gab und er sich freiwillig als Wirt für dessen Jungtiere zur Verfügung gestellt hatte.

Ich spürte, wie Zorn in mir aufstieg. Was war dieser Herimano nur für ein selbstgerechtes Arschloch? Es war überhaupt nicht meine Art, mich so gehen zu lassen, aber dieser Typ hatte es nicht besser verdient. “Sie haben mit Menschenleben gespielt!” fuhr ich ihn an. Er sah mich an, als habe ich ihm eröffnet, ich sei der Herrgott persönlich. Seine glasigen Augen sahen an mir vorbei, und ich hatte nicht übel Lust, ihn einfach zu packen und jede Larve einzeln aus seinem Körper zu holen. Auch Irene war nicht viel besser auf den Echsenfreund zu sprechen, sie schlug vor, ihn fernab jeder Kühlung an einen Stuhl zu fesseln, bis er uns verriet, wo sich das Tier versteckt hielt.

Chloe jedoch versuchte, die Lage wieder zu beruhigen. Offensichtlich war sie diplomatischer veranlagt als ich im Moment oder die Britin. Herimano schien jedoch beruhigt zu sein, er konzentrierte sich jetzt auf die Reporterin. “Ich will nicht, dass die Tiere umgebracht werden,” stieß er hervor, dann zeigte er auf mich. “Leute wie der sind schuld an allem! An der globalen Erwärmung! Klimasünder!” Wäre es nicht so unglaublich absurd gewesen, ich hätte laut losgelacht. Los, Herimano, sag mir auch noch, dass Schwarze generell schuld an allem sind, damit ich genug Gründe habe, dir eine reinzuzimmern.

War das wirklich ich, der diese Gedanken hegte?
Daya, liebe Daya, hast du das gemeint, als du sagtest, ich solle das Feuer entfachen?
Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass Cal grinste. War wohl unglaublich komisch, wie der Bücherwurm sich aufregte, was?

“Und überhaupt.. Tote? Was für Tote? Ich weiß von nichts. Die da unten interessieren sich ja nicht für mich, und ich mich nicht für sie.” In seiner trotzigen Haltung erinnerte mich de Salvo jetzt an Felicitys bunten Cousin, der hatte auch ab und an solche Anwandlungen. Allerdings wäre der sicher nicht auf so blöde Ideen gekommen. Oder?

Aber bevor ich mich weiter aufregen konnte, hatte Chloe den Echsenmann schon wieder beruhigt. Widerwillig erklärte er sich bereit, uns zu helfen, als Irene ihn fragte, was er denn nun vorschlage, was wir tun sollten. Er wollte das zweite Weibchen einfangen, um es vor den Menschen zu schützen – wie edel von ihm, wer schützte denn die Menschen vor Leuten wie ihm? Aber er war zumindest so kooperativ, dass er meinte, die junge Frau aus dem Café müsse die Stelle an ihrem Arm, wo die Larve saß, kühlen, dann könnte die Larve herausoperiert werden.

Aber wie kühlten wir denn nun das Muttertier? Irgendjemand – ich glaube, es war Chloe oder Irene – warf flüssigen Stickstoff in den Raum. Klar, das Zeug war definitiv geeignet, und es war verfügbar. Und auch der Transport stellte kein Problem dar, denn de Salvo hatte einen alten Feuerwehrwagen, mit dem er auch die Tiere gekühlt hatte, die er aus den Bergen geholt hatte. Wir überlegten, ob wir uns Schutzanzüge besorgen sollten, um einer Infizierung vorzubeugen, aber da wir nun wussten, was wir im Falle eines Falles zu tun hatten, verzichteten wir darauf.

Mit Hilfe einer Karte, die wir von Melina Jones hatten, und mit den Facebook-Bildern von Bobby Marks gelang es uns, das Gebiet, wo das Muttertier sich aufhalten konnte, einzugrenzen. Irene fand Spuren, die auf eine Klippe mit wenig Vegetation, aber vielen natürlichen Höhlen hindeutete. Dort wollten wir beginnen. De Salvo bestand darauf, uns zu begleiten, immerhin war es sein Auto, und er wollte sichergehen, dass wir dem Tier nichts antaten.
Ja sicher, Herimano. Träum weiter.

Die Klippe stellte sich als Sandsteinfelsen heraus, und Chloe zückte sogleich ihre Kamera, um zu gucken, wo sich das Weibchen aufhielt. Sie deutete auf eine Höhle, wo sie einen Lichtschein gesehen hatte.

Cal bereitete eine Falle für das Tier vor, indem er eine Spur aus brennenden Briketts legte, und neben dem Auto entzündete er ein großes Feuer. Bevor er sonst noch was tat, fiel mir ein, dass ich mal gelesen hatte, dass die Tiere an ihrem Kopf eine Schwachstelle hatten. Wenn er schon mit dem Schlauch mit dem eiskalten Wasser auf das Muttertier hielt, dann am besten dorthin.
Chloe knipste ein paar Mal mit ihrer Kamera, und bevor ich sie fragen konnte, warum sie in dieser Situation Fotos machte, wurde mir bewusst, dass sie das Tier blenden wollte. Cleveres Mädchen!

Irene und Cal hielten den Feuerwehrschlauch auf das Tier, während Chloe vor ihm wegrannte. Während ihres Foto-Stunts war sie ziemlich nahe herangekommen. Trotzdem spuckte das Tier nach ihr und traf sie. Schnell warf ich ihr einen Kühlpack zu, nachdem ich aus dem Auto ausgestiegen war. Hoffentlich blieb Herimano trotzdem weiterhin auf dem Beifahrersitz sitzen.

Cal gelang es derweil, das Tier ein wenig zu betäuben, indem er mit dem Wasserstrahl auf das Maul hielt. Natürlich wehrte das Salamanderweibchen sich, sie warf Feuer nach dem Jäger, der jedoch nur kurz zuckte, als die Flammen ihn trafen. Wütend und getroffen zog sich das Weibchen schließlich zum Feuer zurück.

Chloe wollte das Feuer löschen, damit das Weibchen keine Möglichkeit mehr hatte, sich mehr oder weniger aufzuladen, und trat mit ihren Füßen Sand in die Grube. Natürlich blieb das auch für sie nicht ohne Folgen, an ihrem schmerzverzerrten Gesichtsausdruck konnte ich sehen, dass sie sich ziemlich verbrannt haben musste.

Aber trotz unserer Bemühungen war das Weibchen immer noch aktiv, zwar langsamer, aber sie bewegte sich immer noch. Denk nach, Akintola, denk nach, irgendwo tief in meinem Hinterkopf hatte ich das Gefühl, dass ich schon einmal mehr über Feuersalamander gewusst hatte. Wasser.. Pfütze.. Kälte..

“Cal! Halten Sie mit dem Schlauch unter das Weibchen!” rief ich ihm zu, obwohl ich nicht erwartete, dass er auf mich hörte. Aber tatsächlich, er tat, was ich ihm vorgeschlagen hatte, und legte eine Eiswasserpfütze unter dem Tier an. Das war im wahrsten Sinne des Wortes der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, wütend schnaubend versuchte das Weibchen noch einmal, nach Cal zu schnappen, aber ihre Bewegungen waren inzwischen so langsam, dass sie nach einem Schritt betäubt zusammenbrach.

Cal zog ein Messer aus dem Gürtel und ging auf das Tier zu. Irene, die genau wusste, was er vorhatte, ging zum Feuerwehrauto und verwickelte Herimano in ein Gespräch. “Sagen Sie..” begann sie und führte den Echsenforscher von dem Salamander-Weibchen weg, “wie kann man denn so ein Tier sicher transportieren? Sie haben da doch Erfahrung..”
Als Cal sich sicher sein konnte, dass sie und Herimano außer Sicht – und Hörweite waren, schnitt er mit einer schnellen Handbewegung dem Weibchen den Kopf ab. Währenddessen kümmerte ich mich um Chloe, die die Larve in ihrem Arm schon mit dem Kühlpack schockgefrostet hatte, aber ihre Brandwunden mussten zumindest verbunden werden.

Irenes Ablenkung war zwar gut, aber nicht gut genug, denn plötzlich drehte er sich um und kam auf uns zugelaufen und zeterte rum. Bei allen Göttern, was immer dieser Mann nahm, er sollte es niedriger dosieren oder so hoch, dass er niemanden mehr störte. Er machte mich unglaublich wütend.

“Hören Sie, vielleicht sollten wir das FBI anrufen,” schlug ich ihm vor, während ich versuchte, meine Stimme so freundlich wie möglich klingen zu lassen. Die Nummer von Agent Saitou hatte ich bereits in meinem Handy rausgesucht. “Ja! Das ist eine gute Idee! Sie Umweltsünder! Das FBI! Eine gute Idee!” Meine Güte, ich konnte förmlich die Ausrufezeichen am Ende jedes Satzes hören.

Aber im Gegensatz zu uns hatte Herimano kein Telefon dabei, und so wurde er von Irene wieder abgelenkt, die ihm erklärte, dass sie ihm helfen wollte, die Babysalamander einzusammeln, die mit Sicherheit in den Bergen noch herumliefen. Außerdem wollte sie mit ihm in die Stadt, damit er der jungen Frau half, die noch eine Larve im Arm hatte.

Als die beiden auf Herimanos Farm in Irenes Auto stiegen, warf Cal mir einen Blick zu. “Wir räumen hier auf,” meinte er nur, und es bedurfte keiner weiteren Worte. Ich war noch nie irgendwo eingebrochen oder hatte etwas illegaleres getan als Falschparken, aber es fühlte sich… gut an. Gemeinsam sorgten wir dafür, dass keiner der Salamander, die sich in den Terrarien im Keller der Farm befanden, noch irgendeiner Menschenseele gefährlich werden konnten. Nachdem wir fertig waren, traten wir schnell den Rückzug an, denn mit Sicherheit hatte Herimano inzwischen das FBI angerufen, oder die Polizei, und weder Cal noch ich wollten den Gesetzeshütern begegnen.

“Gut gemacht,” meinte Cal, als wir wieder in der Stadt waren, und klopfte mir auf die Schulter. Ich war überrascht. Mit einem Lob von ihm hätte ich niemals gerechnet.

Wir trafen uns noch einmal im Café, um etwas zu trinken und uns voneinander zu verabschieden. Chloe schien nachdenklich, sie war der Meinung, dass wir dem Echsenforscher vielleicht doch unrecht getan hatten. Ich widersprach ihr, meiner Meinung nach war der Typ ein gemeingefährlicher Irrer. Und manche Tierarten vertragen sich einfach nicht mit Menschen.
Irene schien eine ähnliche Meinung zu haben, sie gab zu bedenken, was alles hätte passieren können, wenn Herimano doch nicht mehr alles unter Kontrolle gehabt hätte, oder wenn er krank geworden wäre. Abgesehen davon war sie guter Dinge, ihr war es gelungen, einen der Salamander tiefzukühlen und als Forschungsobjekt zu behalten.

Ich trat noch am selben Tag den Rückflug nach Seattle an. Erschöpft von den heutigen Ereignissen, schlief ich ein in dem Moment, in dem das Flugzeug abhob, und träumte seltsame Dinge, wie von einer Frau, die einen bunten Schleier trug, und einer Straße, die in ein Sumpfgebiet führte.

Das Feuer. Das Feuer wird kommen, und es wird alles verbrennen.

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Timberwere

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