Mädchenkram - Supernatural

Semantics

Berkeley, California

If Words Were Horses…

Ich glaube, ich mach in der letzten Zeit zu viel Pro-Bono-Zeug.

Erst jagt mich Sunny in die Appalachen, weil da irgendwelche Indianergeister am Durchdrehen sein sollen – stellt sich heraus, dass da wohl nur ein Hunter namens Cal Fisher Panik geschoben hat.
Wäre ein erholsamer Trip gewesen, wenn ich nicht meine PI-Lizenz gezeigt hätte. So kam die Biomüllverklappungsmafia, die sich in dem Nest da herumtrieb, auf die großartige Idee, mich lieber aus dem Weg zu räumen.
Um es kurz zu machen: Hat für sie nicht so gut funktioniert. Jetzt hocken sie im Knast, und die Leute aus dem Nest verklagen sie bis auf den letzten Penny. Irgendwann krieg ich von der Kanzlei eine Provision, hat Don behauptet, aber wahrscheinlich erst in drei bis vier Jahren. Auch schön.

Dann war ein bisschen Ruhe, ich hab Zeug geschrieben und auf die Kids aufgepasst, während Tam irgendein bluttrinkendes Riesenspinnenmonster gejagt hat. Hätte ich auch gern gemacht. Besser als Elternabend mit Mrs. Pearson, Dr. Leroy und den anderen Knilchen, die ihre Bälger für den nächsten Einstein halten.

Als nächstes war ich für die Detektei in Maine und hab einen Geist ausgetrieben, nur um hinterher festzustellen, dass unser Kunde leider pleite ist und ich dem lokalen Bankhai ein geisterfreies Haus zum Nulltarif beschert habe. Und als wäre das nicht genug, ruft mich ein Typ namens Singer oder Stinger an und meint, ich solle mich doch mal um ein Monster im Wald kümmern. Na klar, ich hab ja auch sonst nichts zu tun. Ich kenne diesen Kerl überhaupt nicht.

Aber das Monster hat ein paar Leute gefressen und der Sheriff war zwar gut gelaunt und rassistisch, aber inkompetent. Ich bin also in den Wald getigert, habe einen slawischen Waldgott erschossen und mich danach prompt verlaufen – wie immer, wenn ich in einem Wald herumrenne. Das GPS und mein Handy hatten natürlich auch keine Lust, zu funktionieren, und auf der Karte waren ein Haufen Bäume drauf. Großartig.

Knapp zwei Wochen später habe ich mein Auto wiedergefunden. Erstaunlicherweise hat mich im Wald nur ein verschrecktes Eichhörnchen angegriffen, und ich glaube, das war meine eigene Schuld. Bin halt ein Stadtjunge. Egal.

Kaum hat mein Handy wieder Empfang, blinkt es wie ein Weihnachtsbaum. Klar, Tam und Katie haben ab und zu mal angerufen, aber die meisten Nachrichten sind von Rachel Teitelbaum, meiner Agentin: 17 verpasste Anrufe und 22 SMS. Scheint ja dringend zu sein.
…war es aber erstmal gar nicht. Offenbar hat eine Studentin in Berkeley “Idiot Noise” gelesen und ist dabei wahnsinnig geworden. Allerhand Leute finden das beunruhigend und debattieren lauthals darüber, ob Bücher Menschen in den Wahnsinn treiben können und ob Lesen nicht vielleicht zu gefährlich ist; andere Leute finden das spannend und haben sich das Buch gekauft. Auch gut, ich mag Idiot Noise. Ist eins meiner besseren. Können ruhig mehr Leute lesen.

Persönlich vermute ich ja, die Kleine hat zu viele Drogen genommen und dann das Buch gelesen, aber nachdem Rachel so einen Aufstand deswegen gemacht hat, wollte ich mir das doch mal anschauen. Also einmal von Maine nach San Francisco. Keine Ahnung, was ich richtig gemacht habe – Kleinstädte vermieden, im Auto geschlafen, nur auf großen Highways gefahren – jedenfalls kam ich drei Tage später übermüdet, aber ohne unerwünschten Aufenthalt an der Westküste an. Seltsam.

Als ich mich morgens mit Kaffee versorge, lese ich in der Zeitung, dass ein Vampir zugeschlagen hat – ein blutleeres 15jähriges Mädchen wurde in ihrem Schlafzimmer tot aufgefunden. Mann. Und ich hab Tam nicht mitgenommen. Naja, die reißt mir die Ohren ab (oder was davon noch übrig ist), wenn ich mich nicht drum kümmere, also mache ich mich auf zu der Leichenhalle.

Dort treffe ich die Jägerin aus Bright Eyes, Jo. Diesmal ohne ihren aufgeregten Boyfriend. Die haben sich wohl gezofft, jedenfalls meint sie, sie könne auch mal alleine jagen. Schaut dabei ein bisschen trotzig.

„Alleine jagen“ heißt aber nicht, dass wir uns jetzt aus dem Weg gehen müssen. Wäre auch albern. Gibt aber Jäger, die partout keine Gesellschaft wollen und einem immer genau dann vor die Füße stolpern, wenn man sie nicht braucht. Oder andersrum.

Wir brechen nachts zusammen in die Leichenhalle ein. Ist ein normales Begräbnisinstitut, keine Pathologie. Das Mädel sieht relativ frisch aus – kann Schminke sein, kann auch was anderes sein. Wir nehmen sie erstmal mit. Müssen ja nicht das ganze Haus abfackeln, wenn wir sie verbrennen.
Auf einem Schrottplatz schauen wir uns die Tote an. Hat blaue Flecken an den Armen und zwei fein säuberliche Bisswunden am Hals – so sauber, als wären die aus einem Film. Macht einen glücklichen Eindruck, soweit ich das unter der Schminke sehen kann.
Jo erzählt etwas von transsylvanischen und amerikanischen Vampiren, die Wunden passen wohl zu einem transsylvanischen, aber davon gibt es nicht so viele. Okay, soll mir recht sein. Tam hat auch sowas gesagt – glaube ich zumindest, sie redet verdammt gern über Vampire und ich höre da nicht immer zu. Sorry, Tam.

Die Kleine macht keine Anstalten, wieder aufzustehen. Nicht mal, als ich sie mit meinem Blut füttere. Wir verbrennen sie trotzdem, vorsichtshalber. Jo tut das Mädchen zwar leid, aber sie tut, was sie muss, und faselt nicht lang rum. Scheint auch nicht das erste Mal zu sein, dass sie sowas tut. Keine Ahnung, wie lang sie schon jagt. Vermutlich schon länger. Wie alt ist die überhaupt, 20, 21?

Ich hab ein komisches Gefühl bei der ganzen Geschichte und erzähl Jo von der Studentin, die wahnsinnig geworden ist. Sie wettert ein bisschen über Schriftsteller herum; als ich ihr erzähle, dass das Buch von mir ist, schaut sie ziemlich überrascht aus der Wäsche. Manchmal frag ich mich, ob diese ganzen Jäger kein Leben neben der Jagd haben.

Jedenfalls meint sie, dass es verdammt unwahrscheinlich ist, dass zwei übernatürliche Sachen in einer Stadt passieren und nichts miteinander zu tun haben. Da hat sie wahrscheinlich recht, also fahren wir erstmal ins Motel und recherchieren eine Weile herum. Jo findet einen Haufen Sachen heraus – ich meine, ich kann Zeug googlen und weiß auch, wie man die Wikipedia benutzt, aber das war’s. Jo hat mit ein paar Klicks Bibliotheken voller Kram durchwühlt.
Viel hat sie aber nicht herausgefunden, wahrscheinlich, weil es einfach nicht viel herauszufinden gab. Beide Mädels waren auf Facebook, aber in ganz verschiedenen Freundeskreisen – die Kleine hat sich für Jungs, Twilight, Mode und Twilight interessiert (und Jungs), die Studentin für Steuerrecht, Mode und Belletristik (allerdings kein Twilight, eher abgefahrenes Zeug). Allerdings wohnten sie nur ein paar Straßen weit voneinander entfernt.

Am nächsten Vormittag besuchen wir die Eltern der Kleinen. Die Mutter ist verheult und ziemlich mitgenommen – ich erzähle ihr was von einem ähnlich gelagerten Fall in Dollarville, MI, (Tam hat da mal einen Vampir erlegt), und sie lässt uns rein.
Im Zimmer des Mädchens finden wir einen Haufen Kreuze und einen Berg Stofftiere. Und “Twilight” – versteckt unter dem Kopfkissen. Stammt aus der Bibliothek. Sieht einigermaßen zerlesen aus.

Das Buch von der Studentin stammt auch aus der Bibliothek, aus der gleichen. Wir erzählen ihrem trauenden Freund, das wir im Auftrag des Verlegers unterwegs wären, weil der Autor das Buch gern wieder hätte. Ist ja auch fast wahr. Er hat ein paar Geldprobleme, weil das Sanatorium, wo seine Freundin grade ist, ziemlich teuer ist. Hoffentlich kommt der nicht auf die Idee, mich zu verklagen – nicht, dass ich den Prozess nicht gewinnen würde, aber sowas erregt mehr Aufsehen, als ich brauche.

Jo und ich fahren in den Park, um uns die Bücher dort mal anzusehen. Sie nimmt “Twilight”, ich nehme mein eigenes. Eigentlich wollte ich ja nur mal durch das Buch durchblättern, um zu schauen, ob jemand etwas reingemalt hat, aber das kriege ich nicht hin. Nennt mich narzisstisch, aber ich mag meine Bücher. Ich lese gern hin und wieder in eins davon rein, und wie schon erwähnt: Ich mag “Idiot Noise”. Also stolpere ich hier und da über ein Wort, einen Ausdruck, eine Phrase, und dann hänge ich fest und lese, bis die Worte anfangen, um meinen Kopf herum zu tanzen, ihre Bedeutung zu wechseln, zu wandeln, bis sie nichts sind als hohle Geräusche, die ich fast verstehen kann… fast…

Ich glaube, ich hätte die herumfliegenden Worte noch eine ganze Weile angestarrt, wenn ich nicht gesehen hätte, dass irgendein Typ Jo anfasst. Ein glitzernder Typ, der etwas von ewiger Liebe faselt. Ich habe herumfliegende Worte abgekriegt – Jo hat Edward Cullen aus “Twilight” herausgelesen, und der Vampir liebt sie jetzt. Großartig. Ich ziehe meine Knarre und schieß ihm in den Kopf.

Das ist nicht ganz so effektiv wie üblich. Jo versucht, sich loszureißen, schafft es aber nicht, und er zieht sie näher an sich heran, weil sie so gut riecht… Ich schieß noch mal, und diesmal fliegt ihm der halbe Schädel weg. Er sackt zusammen, faselt noch ein bisschen was über seine Liebe und regt sich dann nicht mehr. Gut.

…super. Jetzt hab ich Spike und Edward Cullen umgebracht. Warum tauchen ständig fiktive Vampire in meinem Leben auf? Ich hab ein einziges Mal was über Vampire geschrieben. Da war ich 14, und es war nicht mal meine Idee.

Da in der Ferne schon Sirenen zu hören sind (ist ein öffentlicher Park, offenbar hat jemand die Schüsse gehört), schnappen wir uns ‚Edward‘ und hauen erst mal ab. Dabei will ich Jo irgendwas fragen, aber sie versteht mich nicht.
Nachdem wir schon ein Stück weggefahren sind, verschwinden die Blutflecken, die Edward auf ihrem Shirt hinterlassen hat, und die Worte hören auf, vor meinen Augen herumzutanzen. Verdammt. Die wären grade fast ein Gedicht geworden.
Jo versteht auch wieder, was ich sage. Aber sie weiß nicht, welche Sprache ich gesprochen habe, und ein paar Tests ergeben auch nichts Sinnvolles. Ich schätze, ich muss das Teil noch mal lesen und einen Recorder mitlaufen lassen.

Als wir die Bücher noch mal untersuchen, finden wir in der Mitte ein Symbol, das jemand über den Text gemalt hat. Eine Art Engelssymbol, aber kombiniert mit etwas anderem. Keine Ahnung, wofür das gut ist – Jo fällt auch nichts dazu ein. Vermutlich ruft es Sachen aus dem Buch, die man sich beim Lesen vorstellt.
Die Bücher haben hinten altmodische Lesekarten stecken. Beide sind noch neu, die Mädels waren die ersten, die sich die Bücher ausgeliehen haben.

In der Bibliothek finden wir in der Horrorsektion noch die „Mountains of Madness“ von Lovecraft, die auch mit dem Symbol verziert sind. Ich versuche, der Bibliothekarin eine Geschichte über drogenverseuchte Bücher zu verkaufen, die eine Sekte unter die Leute bringen will. Sie glaubt mir nicht recht, aber wir haben mehr oder weniger Glück – plötzlich steht ein Kampfjet in der Lesehalle. Ein echter Fighter, mit einem Sechsjährigen hinter dem Steuerknüppel.
Die Bibliothekarin ist geschockt, der Kleine ist glücklich. Die anderen Kinder aus der Kinderlesegruppe finden das zum Teil cool, zum Teil haben sie Angst und rennen schreiend davon.
Ich räume erstmal den Kleinen aus dem Cockpit, bevor er auf das Knöpfchen für die Raketen drückt, und motiviere den Betreuer der Kindergruppe, sich mal um die Kids zu kümmern.

Jo unterhält sich in der Zwischenzeit mit der Bibliothekarin und findet raus, dass die Bücher mit den Symbolen zu einer Spende von 10 Büchern gehört haben. Darunter auch „Flugzeuge für Kinder“, das Buch, aus dem der Kampfjet stammt. Wir können noch drei Bücher in der Bibliothek einsammeln, aber drei weitere sind verliehen: „Die Verwandlung“ von Franz Kafka, „Jarhead“ von Anthony Swafford und „Wo die Wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak.
Der Kampfjet verschwindet nach ungefähr 10 Minuten wieder. Das beruhigt die Bibliothekarin allerdings nicht. Immerhin gibt sie uns die Namen der Leute, die die Bücher ausgeliehen haben. Den Typen, der die Bücherkiste abgegeben hat, kann sie nur grob beschreiben: Anfang 20, weiß, braune Haare, Augen, Nase. Mehr nicht.

Der Rest war dann nicht so schwierig: Wir haben „Die Verwandlung“ von einer Schülerin bekommen, die das Buch ohnehin nicht lesen wollte. Der Typ, der „Jarhead“ ausgeliehen hat, saß plötzlich mitten in einem Kriegsgebiet und hat jetzt lauter Einschusslöcher in der Wand – von dem Schaden am Parkett durch die Granate nicht zu reden. Ihm ist aber nicht passiert. Klar, Jarhead dreht sich ja darum, dass eben nichts passiert.
Die Wilden Kerle waren ein bisschen schwieriger, weil der kleine Junge, der sie aus dem Buch gelesen hatte, jetzt gerade dabei war, seinen Vater zu terrorisieren. Jo hat das Buch geklaut, während ich ihm klar gemacht habe, dass er zwar auf den Brokkoli verzichten, aber dass sein Zimmer auf jeden Fall aufgeräumt werden muss. Hat ganz gut funktioniert: Die riesigen Monster sind nach 10 Minuten verschwunden, der Vater war zwar etwas verstört, aber unverletzt. Aber ehrlich, es gibt genug gesundes Zeug, das Kinder freiwillig essen, da muss man die nicht mit Brokkoli quälen.

(Katie isst Brokkoli. Und Rosenkohl. Freiwillig. Vermutlich nur, weil Tam und ich ihr gesagt haben, dass sie das Zeug absolut nicht essen muss, wenn sie nicht mag. Tam mag selber keinen Rosenkohl, und meine Begeisterung für Brokkoli hält sich schwer in Grenzen. Das nur am Rande. Ich könnte mich jetzt für solche Abschweifungen entschuldigen, aber was soll’s, das ist mein Tagebuch, das muss keiner lesen.)

Wir sind dann mit den ganzen verfluchten Büchern zurück zum Motel. Mal schauen, was wir weiter machen. Jo hat noch eine SMS an ihren Mausibär oder wie der heißt verschickt. Hoffentlich taucht der Knabe hier nicht auf, ich habe das Gefühl, das gibt nur Stunk. Obwohl ich ihn irgendwie sympathisch fand. Keine Ahnung, warum. Normalerweise finde ich Leute nicht so spontan sympathisch.
Egal, jedenfalls ist mir Jo ohne ihn lieber. Die macht einen sehr professionellen Eindruck. Schwafelt auch nicht groß herum. Außerdem kann sie Auto fahren. Kann ich zwar auch, mache ich aber nicht gern.

Part 2: Angels on the Head of a Pen

So, eine Woche später. Es ist nicht viel passiert in Berkeley, und ich bin eigentlich nur deswegen noch hier, weil die Uni ein paar ziemlich seltene Bücher über ausgestorbene Indianersprachen hat. Außerdem hab ich halb gehofft, dass Jos Boytoy auftaucht. Der ist Cheyenne, und ich habe da ein paar Fragen zur genitivischen Flexion… egal. Steht woanders.

Tam hat angerufen und gemeint, ich soll nach Hause kommen, sie hätte vielleicht einen Job. Die hat wahrscheinlich nur Hummeln im Hintern und keine Lust auf den nächsten Elternabend (kann ich verstehen). Okay, sage ich, wir schauen uns am Donnerstag noch um, und wenn dann nichts ist, fahre ich heim. Das begeistert sie nicht, aber der Elternabend ist am Montag, und ich verspreche ihr, hinzugehen, wenn ich rechtzeitig wieder da bin. Super. Das war einer dieser Momente, in dem ich mir gewünscht habe, dass jemand kommt und mich umschießt.

Jo ist die ganzen Tage durch die Gegend gerannt und hat unermüdlich Spur um Spur verfolgt – ich glaube, sie denkt, ich hätte das auch getan. Hey, ich habe zwar eine Lizenz als Privatdetektiv, aber mein Spezialgebiet ist immer noch Personenschutz. Außerdem kann sie das viel besser als ich. Gefunden hat sie trotzdem nichts.

Okay, genug Geschwafel (demnächst red ich über meine Emotionen – nein, keine Sorge, das kommt bestimmt noch, ich kenn mich doch!). Am Donnerstagmorgen schlag ich die Zeitung auf, ausnahmsweise mal aufmerksam. Und finde prompt eine Todesanzeige für Alec Carver.
Alec Carver ist der Typ mit dem „Carve It Up“-Blog. Der Knilch mit der dicken Hipsterbrille, der die Sachen zerreißt und zerredet, die andere Leute geschrieben haben. Literaturkritiker, oder was sich dafür hält.
Ich hab nachgeschaut: Der hat echt in seinem Leben nur eine positive Rezension geschrieben, für einen Huey-Singleton-Roman, und dafür ist er bezahlt worden. Ich wette, der hat irgendwo in einer Schublade tausende Seiten seines eigenen Romans rumliegen, den er nicht veröffentlich kriegt.

(Ja, der hat Shattered verrissen. Ich bin ja nicht empfindlich in der Richtung, aber bei ein paar Sprüchen von ihm hab ich mich echt gefragt, ob er das Buch überhaupt gelesen hat. Na gut, ich bin vielleicht doch empfindlich in der Richtung. Ziemlich sicher sogar. Aber egal, der Typ war nur eine arme Wurst.)
Jetzt ist er eine tote arme Wurst, verstorben an einem Herzinfarkt. Im Alter von 32 Jahren. Das ist ein bisschen jung dafür.

Beim Herumsuchen in der Zeitung entdeckt Jo die Todesanzeige von Kristina Rae Carter. Die ist im Alter von 41 an einem Herzinfarkt verstorben. Sie war die Ex-Frau von Ezra Longstein, dem Typen, der das Buch mit der Golem-Anleitung geschrieben hat.
Den hat Carver auch mal ganz übel verrissen. Da war er wohl gerade in Hochform. Oder Longstein schreibt so schlecht.

Weil uns das misstrauisch macht und wir ohnehin nicht viel anderes zu tun haben, kramt Jo noch ein bisschen in ihrem Internet herum und findet heraus, dass in den letzten paar Tagen noch mehr Leute völlig unerwartet an Herzinfarkten gestorben sind (keine Ahnung, wie sie das gefiltert hat): Eine ältere Frau namens Edna Tanner, ein Uni-Professor namens Woods und LaToya, die Moderatorin von „Cover Stories“, einer populistischen Literaturtalkshow.
Keine Ahnung, welche Verbindung Tanner und Woods zu Longstein haben, aber LaToya hat ihn in einer Talkshow mal übel auffahren lassen.

Super. Ein irrer Horrorschriftsteller, der auf geheimnisvolle Art und Weise Leute umbringt. Ich bin nicht sicher, ob dieses Klischee-innerhalb-eines-Klischees einfach nur dämlich oder doch schon wieder cool ist. Mal schauen, was er damit vor hat. Potential hat es, sicher, aber kann Ezra es nutzen? (Nein, konnte er nicht. Schade, irgendwie.)

Ist aber auf jeden Fall eine Spur. Und ein Grund, fürs Erste in Berkeley zu bleiben. Gut.

Wir machen uns mal an die Detektivarbeit, sprechen mit den Hinterbliebenen von Mrs. Carter (ihr zweiter Ehemann) und Prof. Woods (eine Tochter) und kriegen raus, dass beide die Morgenpost sortiert haben, als sie tot umgefallen sind.
Das Hausmädchen von Mrs. Carver erzählt mir (bzw. Jo, ich glaube, sie hat Angst vor mir), dass sie ihre Hausherrin tot aufgefunden hat, mit einem leeren Blatt Papier in der Hand. Bei Prof. Woods ist es das Gleiche – da gibt uns die Tochter den Brief sogar mit. Schönes Papier, von Hand geschriebene Adresse, kein Absender. Poststempel aus Berkeley. Stinkt nach Magie.

Am späten Nachmittag schreibe ich einen Verriss von Longsteins letztem Buch und poste ihn auf ein paar Blogs. Vielleicht will er mich jetzt auch umbringen und macht einen Fehler. Kann ja nichts schaden, ihn zu provozieren.
Da wir aber nicht warten wollen, bis er sich bewegt, brechen wir am Abend in das Haus ein, in dem er früher mal gewohnt hat. Das kannten wir noch vom letzten Mal, als wir nach ihm gesucht haben. Sogar das Fenster, das der Cheyenne-Freund von Jo damals aufgebrochen hat, steht noch einen Spalt offen, genauso, wie wir es hinterlassen haben.

Wir durchsuchen das Haus. Naja, Jo durchsucht das Haus und ich passe auf, dass nichts kommt und uns frisst. In einer Schublade in Longsteins Schreibtisch findet Jo einen Haufen Blaupausen (die waren auch vorher schon da) und behauptet, früher wären da mehr gewesen. Okay.
Auf einer der Blaupausen hat jemand das Engels-Sonstwas-Symbol aufgemalt, wie einen Rahmen um ein Haus herum. Unten auf der Blaupause steht auch ein Architekturbüro, da können wir morgen mal vorbeischauen.

Bevor wir gehen, schauen wir uns noch mal Longsteins Bücherregal an und finden einen geheimen Raum, in dem ein Haufen Bücher über Engel und anderen okkulten Kram herumliegt. Jo ist total aufgeregt, weil sie nicht viel über Engel weiß – sie erzählt mir alle Thesen über Engel, die sie kennt: Vielleicht sind sie gut, vielleicht sind sie Arschlöcher, die Leute behaupten dies, die Leute behaupten das. Offensichtlich stört es sie, dass so wenig Konkretes über Engel bekannt ist; jedenfalls wird sie ganz hibbelig und fängt an, interessante Bücher einzupacken.

Ich persönlich finde Engel nicht so interessant und glaube auch nicht wirklich dran. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich mit den Geistern schon genug zu tun habe.

(Mrs. Ryerson – Jonathaniels Mutter – glaubt an Engel und verschenkt auch gern welche. Dazu erzählt sie süßliche Geschichten über die lieben kleinen Schutzengelchen, die über jedem Kind schweben und immer auf es aufpassen, damit ihm nichts passiert.
Das war soweit ganz niedlich, bis dann Katie kam und fragte, ob Schutzengelchen sterben müssen, wenn die Kinder erwachsen werden. Und ob bei Kindern, denen etwas Schlimmes passiert, die Schutzengelchen tot sind oder nur einfach grad nicht aufgepasst haben.
…das gab dann natürlich wieder eine Riesen-Szene beim Elternabend, weil ein paar Kinder daraufhin geweint haben. Ein paar andere Kinder (allen voran natürlich Katie) haben versucht, einen Schutzengel einzufangen und dabei Jonathaniel als Köder benutzt… aber ich glaube, das führt jetzt zu weit.)

Außerdem finden wir in dem Geheimzimmer eine Liste mit Namen. Alec Carver, Kristina Rae Carter, LaToya, Edna Tanner, Prof. Woods – alle an Herzinfarkt gestorben. Außerdem stehen noch ein paar Namen von Leuten darauf, die vielleicht noch nicht tot sind: Huey Singleton (der Kerl mit den Actionromanen; ist auf einer Buchmesse mal mit Longstein aneinandergeraten), Jorge Cardenas (Regisseur; hat einen Fernsehfilm nach Motiven aus Longsteins Roman Masquerade of Ghosts gedreht, den Longstein nicht mochte) und Diana Cortez (früher Literaturagentin, jetzt Immobilienmaklerin).
Wir rufen alle drei an und sagen ihnen, sie sollen den Brief mit der handgeschriebenen Anschrift und ohne Absender nicht aufmachen – der könnte vergiftet sein. Keiner der drei wirkt, als würde er uns glauben, aber vielleicht sieht das anders aus, wenn der Brief tatsächlich ankommt.

Am Freitagmorgen gehen wir mit der Blaupause beim Architekturbüro vorbei und erzählen denen eine wilde Geschichte über einen Promi, der unbedingt so ein Haus haben muss. Nach etwas Herumgedruckse erfahren wir, dass das Haus leider schon verkauft ist. Allerdings rücken sie die Adresse nach ein bisschen Wimperklimpern von Jo raus.

Also gut, nichts wie hin. Das Haus – ein richtiges altes Herrenhaus – liegt ein gutes Stück entfernt von der Zivilisation irgendwo im Hinterland. Isoliert, die nächste Tankstelle ist 40 Meilen weit weg. Es sieht nicht aus, als wäre jemand zu Hause.

Auf den Blaupausen kann man sehen, dass irgendwo im Garten Steine oder andere Marker sein müssen, die dieses Engelssymbol ergeben. Jo und ich klettern über die Mauer und finden innerhalb von zehn Minuten eine Stelle, an der jemand etwas vergraben hat. Es ist ein ziemlich großer Stein mit Symbolen darauf, den wir zu zweit gerade so bewegen können.
Grade als wir ihn halb aus dem Loch draußen haben, tauchen fünf Cowboys im Garten auf. Einfach so, aus der leeren Luft. Sie sehen genau gleich aus, alle fünf. Verschwinden ab und zu für einen Sekundenbruchteil und erscheinen dann wieder.

Okay, sie sind nicht real. Aber als sie auf uns schießen, fühlen sich die Kugeln verdammt echt an. Ich rufe Jo zu, sie soll den Stein aus dem Loch ziehen, notfalls mit dem Auto, und gebe ihr Feuerschutz, damit sie ein Seil holen kann. Hätten wir vielleicht gleich mitnehmen sollen.

Jo rennt los. Ich laufe in die andere Richtung, schieße dabei, um die Cowboys hinter mir her zu locken. Funktioniert auch erstmal ganz gut – ich erschieße einen Cowboy, die treffen mich nur leicht an der Schulter.
Dann wird es kalt. Der Garten überzieht sich mit einer Reifschicht, die Luft kondensiert in der Kälte und friert überall fest, und Atmen ist schlagartig gar keine so einfach Sache mehr. Die Cowboys stört das natürlich nicht, die sind ja nicht real. Ich stolpere ein paar Schritte weiter und schieße noch einen von ihnen über den Haufen, aber ausweichen und weglaufen ist nicht mehr so einfach: Einer von denen trifft mich schwer an Seite.
Ich erwische noch zwei, bevor sie mir eine Kugel durch den Oberschenkel schießen, ich umknicke und auf den eisigen Boden falle. Da bleibe ich dann auch erstmal liegen, benommen von Kälte und Blutverlust. Immerhin habe ich vier von denen erwischt, bevor ich umgefallen bin.

Während ich mit den Cowboys herumgespielt habe, hat es Jo geschafft, ein Seil um den Stein zu binden, zum Wagen zu rennen und den Felsen aus dem Loch bis an die Mauer zu ziehen. Das hilft, zumindest ein bisschen: Die Phasen, in denen die Cowboys nicht da sind, werden deutlich länger.

Ich habe leider nicht alle erwischt, und der, der noch lebt, fängt an, mich in Richtung des Hauses zu zerren, verschwindet dabei aber immer wieder. Das macht es nicht gerade angenehmer, weil ich dauernd wieder auf den Boden knalle.

Jo kommt zurückgerannt, um mir zu helfen. Sie schafft es zwar, den Cowboy zu erschießen, aber mittlerweile sind noch zwei Klischee-Indianer aufgetaucht, die mich nach drinnen schleifen. Da ist es wenigstens wärmer.

(Mir fällt gerade auf, dass ich noch nie erfroren bin. Erschossen, erstochen, vergiftet, erwürgt, ja, aber noch nicht erfroren. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist, es fällt mir nur gerade ein.)

Innen sind wir in einem normalen amerikanischen Herrenhaus und in einem Barockschlösschen. Nicht gleichzeitig, sondern immer abwechselnd: Wenn die Klischee-Indianer nicht da sind, sind wir im normalen Haus. Tauchen sie auf, sind wir in Neuschwanstein light.

Im Foyer gibt es eine Freitreppe mit einer Balustrade oben. Da steht, wie es sich gehört, der Oberschurke herum. In einer Hand hält er eine Schreibfeder, in der anderen ein Buch. Jo fackelt nicht lange und schießt ihm erstmal das Buch aus der Hand.

Er fängt an, zu reden, wie großartig doch sein Schloss sei und dass er hier, in dieser Welt, ein Gott wäre. Ewige Jugend und Unsterblichkeit hat er hier erlangt! Mich wundert ja nur, dass er dabei nicht sinister lacht.
Es ist natürlich Longstein, auch wenn er jünger und schöner aussieht. Er bietet Jo an, dass sie hier bleiben kann, bei ihm, in seiner großartigen Welt – ohne Sorgen, ohne Probleme, ohne Monster. Ich habe den Eindruck, dass sie tatsächlich einen Moment zögert, aber das kann am Blutverlust liegen. Da bilde ich mir gern Sachen ein.

Gut jedenfalls, dass er soviel redet. Jo rennt die Treppe hoch und schnappt sich das Buch, ich ziehe meine zweite Pistole (die erste liegt noch draußen) und schieße Longstein in die Brust und in den Kopf. Leider hat das nur einen Teilerfolg: Wenn seine Traumwelt wegflackert, bluten seine Wunden und er sieht aus, als müsse er tot sein, aber sobald sie wieder erscheint, ist er jung, schön und unverwundet.

Jo hebt das Buch auf und schreibt etwas hinein („Ezra Longstein stirbt“). Das passiert aber nicht. Sie wirft mir das Buch zu und geht auf Longstein los, um ihm die Feder abzunehmen.
Während die beiden miteinander ringen und Longstein ihr weiterhin erzählt, wie schön und einfach so ein Leben in Ruhe und Frieden wäre, schreibe ich auch etwas hinein. Das klappt auch nicht, aber dabei sehe ich eine Seite, auf der die Worte „Ezra Longstein war ein junger Mann von blendendem Aussehen, charmant und – unsterblich“ stehen. Mann. Was für ein blödsinniger Gedankenstrich.

Longstein redet immer noch auf Jo ein, wie großartig und wunderbar es doch in seiner Traumwelt wäre. Ich reiße die Seite mit dem dämlichen Gedankenstrich aus dem Buch, klemme sie an meinen Haken und zünde sie an.
Das ist effektiv: Longsteins Luftschloss verpufft, und er ist plötzlich ein toter Typ mittleren Alters. Wir zünden den Rest des Buches auch noch an, und die Klischee-Indianer verschwinden ebenfalls.

Ich glaube, Longstein hat mit seinem Gerede irgendeinen wunden Punkt bei Jo erwischt – jedenfalls fängt sie an, hektisch durchs Haus zu wirbeln, alles zu untersuchen, anzugucken und zu erforschen. Will ganz offensichtlich nicht über seine Worte nachdenken.
Bestätigt meinen Verdacht: Sie ist eine von diesen Vollzeit-Jägern, die außer Monsterjagen nichts machen. Viele von denen, die bei Sunny herumhängen, gehen nur hin und wieder auf die Jagd. Wenn es grad mal sein muss, oder in den Ferien. Andere haben sonst nichts. Die saufen meistens mehr als die anderen und erzählen sich dann gegenseitig, wie hart ihr Leben ist, aber dass sie da eben durchmüssen. Irgendjemand muss den Job ja machen, und so weiter.
Die meisten Vollzeitjäger sind nicht gerade geistig stabil. Ein Typ mit Vollbart und Baseballmütze hat mir erzählt, er hätte die Winchesters aus Supernatural getroffen. Ich hab ihn nicht ausgelacht, aber ich war kurz davor. (Andererseits habe ich vor ein paar Tagen Edward Cullen umgebracht, und Spike wollte meine Hochzeit verhindern. Vielleicht tu ich dem Typen Unrecht – nur weil jemand fiktiv ist, heißt das nicht, dass er nicht mal auftauchen kann.)

Na gut, wir haben nicht darüber geredet, Jo und ich. Ich hatte auch nicht den Eindruck, dass sie mit mir darüber reden will. Soll mir recht sein. Aber hey, Jo, wenn du das liest – es ist kein Entweder-Oder. Du kannst jagen und was anderes machen, wenn du das willst. Ist nicht immer einfach, aber das ist es ohnehin nicht.

Wir finden Longsteins Unterlagen und schauen sie durch. Die Feder, mit der er geschrieben hat, gehört angeblich dem Erzengel Gabriel. Der ist nämlich für Täuschung und Illusionen zuständig. Ich dachte ja immer, dafür wären Trickster da und nicht irgendwelche Engel.
Jedenfalls haben wir das Haus, Longsteins Leiche, seine Bücher und die Feder mit einem Haufen Kerosin überschüttet und abgefackelt. Jo will ein paar Bücher behalten, aber ich halte ihr eine Predigt darüber, wie gefährlich Bücher sein können. Begeistert sie zwar nicht, und sie versucht, ein Buch rauszuschmuggeln, aber letzten Endes kann ich sie überzeugen. Blöd nur, dass ich eigentlich das Exemplar von Idiot Noise mit dem Symbol drin behalten wollte, um Sprachforschung damit zu treiben. Aber das kann ich schlecht machen, nach meinen weisen Warnungen. Verdammt.

Wir fahren zurück zum Motel, wo ihr irgendwann auffällt, dass sie mich ja verbinden könnte. Sie meint, wenn sie Leute zusammenschlagen kann, kann sie sie auch verbinden. Die Logik hab ich nicht verstanden, und so richtig gut hat sich das auch nicht angefühlt, was sie da gemacht hat. Ich hab nichts gesagt. Sie wollte ja nur helfen. Aber ich glaube, sie hat gemerkt, dass das nicht so hilfreich war.

Dann trennen wir uns. Sie fährt los, um nach ihrem Boyfriend zu suchen, und ich fahre heim zu meiner Familie. Wenn alles gut läuft, bin ich morgen da. Dann kann Tam los und ich am Montag zum Elternabend. Großartig.

…vielleicht sollte ich unterwegs noch ein paar Biker provozieren.

Comments

Marganma

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