Mädchenkram - Supernatural

Silvesterschiffahrt in Baltimore

Das hat man nun davon, wenn man an Weihnachten doch nachhause fährt, trotz des zu erwartenden innerfamiliären Wahnsinns und obwohl man jetzt mehr denn je allen Grund hat, christliche Feste zum Fürchten zu finden. Man wird gleich geshanghait, die Familie zu repräsentieren. Wenigstens findet die Party auf einem Boot statt. Das Silvesterfeuerwerk im Hafen von Baltimore soll eines der schönsten der Welt sein. Umgeben von Anzugträgern und Glitzergirlies, muss ich mich zusammennehmen. Vielleicht tut mir das ganz gut. Lächelmaske aufsetzen, ablenken. Und es ist schon der halbe Weg nach Nashville. Ich hoffe, es hat keiner vor mir diesen Gefallen schon eingefordert. Wenn mich jeder, dessen Bibliothek ich einsehen möchte, so springen lässt wie Mr. Humphrey, fange ich spätestens bei der Dritten an, mir den Weg einfach freizuschießen.

Francis hat mir nicht viel mehr gesagt, als dass ein Geschäftspartner eine Silvesterfeier auf der “Lisa Greene” im Hafenbecken von Baltimore feiern will. Er liebt es, sich mit reichen und exotischen Gestalten zu umgeben. Und wir sind entweder reich oder exotisch genug, um uns zu qualifizieren.
Die etwas auffällige Polizeipräsenz im Hafenbereich deutet darauf hin, dass auf der Yacht tatsächlich eine Menge Klunker spazierengetragen werden dürften.

Unser Gastgeber, Martin Landry, fasst sich in seiner Begrüßungsansprache angenehm kurz. Dann legen wir ab. Ich stehe an der Reling und genieße die dieselgeschwängerte Seeluft und das sanfte Klopfen des Motors unter meinen Sohlen, denke mir, dass ich die Pumps loswerden sollte, sobald hier ein wenig mehr Champagner geflossen ist. Ob ich mir ein eigenes Boot kaufen sollte? Wann nutzt man das schon? Der Geruch des Hafens weckt Erinnerungen an die Bohrinsel. Oder ist es nicht eher der wirre Haarschopf da hinten, neben der eleganten Dunkelhaarigen, die seine Mutter sein könnte? Was macht denn der Junge hier?

Er wirkt ein wenig blass um die Nase. Klug von ihm, sich nicht unter Deck zu begeben. Der Kleine sollte dringend etwas essen. Ich pflücke mir im Vorbeigehen ein Glas Champagner vom Tablet eines Kellners, der sich gerade genähert hat, und dränge mich zu Niels durch.
“Hallo, Mr. Heckler! Sie sehen verdammt gut aus im Anzug. Ich hätte Sie fast nicht erkannt.” Gott, der Kleine ist niedlich. Es ist ihm peinlich, in der Verkleidung ein bekanntes Gesicht zu treffen. Mit zahlreichen Verlegenheitsgesten unterstreicht er, dass er nur seiner Tante zuliebe hier ist. Überraschung!
Ihn mit den luxuriösen Häppchen zu füttern, ist garnicht so einfach. Er hätte lieber etwas, hm, Männlicheres zu essen, auch wenn er es anders formuliert. Ehrlich gesagt finde ich es ganz nett, einmal wieder von meiner Fastfooddiät abzuweichen. Ich lasse mir Lachsschäumchen, Kaviar und Dorschleberpaté munden, während Niels mir die neuesten Entwicklungen seines ganz privaten Familiendramas auseinandersetzt.
Tante Delia ist nicht nur die Frau seines verstorbenen Onkels, sondern neuerdings auch seine Stiefmutter. Offenbar fand es Jacob Heckler reizvoll, den Familienfrieden der Bayern zu stören, indem er seinem Bruder zeitweilig die Frau streitig gemacht hat. Mag sein, dass ein Teil der skandalösen “Erziehungsmethoden” seines vermeintlichen Vaters der Eifersucht von Gustav Heckler entsprungen ist. Soso. Niels ist also der Sohn von Jacob Heckler. Ein klangvoller Name, den ich nicht zum ersten Mal höre. Der Junge könnte stolz sein. Im Moment scheint ihm aber, mehr als die ganze Kuckuckskindsache an sich, im Magen zu liegen, dass Delia Jameson-Heckler ihren eigenen Schock verarbeitet, indem sie ihn überall als das “Produkt ihres untreuen Ehemannes” vorgezeigt, dessen sie sich großherzig angenommen hat. So guter Stil ist das tatsächlich nicht, aber wer bin ich, über sie zu urteilen?
“Das kam in unserer Familie auch schon vor. Allerdings nicht in diesem Jahrhundert. Glaube ich.”
Niels weiß wohl noch nicht so recht, ob er seine Rolle gut oder schlecht finden soll: “Ich habe jetzt zwei Väter. Einer ist in Bayern, und einer ist tot.”
Er soll aufhören herumzujammern. “Willkommen im Club. Ich habe einen Halbtoten in England.” Und es ist unverändert schwer, einem Helden beim langsamen Vergehen zuzusehen, ohne etwas tun zu können.

Ehe ich den Gedanken äußern kann, tippt mir jemand von hinten auf die Schulter. Als ich mich umdrehe, sehe ich geradewegs in Cals eisige blaue Augen. Mein Magen krampft sich zusammen. Er trägt, mit kühler Lässigkeit, etwas, für das er ein paar Scheine mehr hingelegt haben muss als für die FBI-Verkleidung. Ich möchte die Erscheinung wegblinzeln, die mir mein Gehirn vorspiegelt. Woher sollte jemand wie Cal plötzlich kommen, in einer Umgebung wie dieser? Es muss die Erinnerung an die Vergänglichkeit von Helden gewesen sein, die mich zum Halluzinieren bringt, nicht wahr? Oder hier ist eins dieser Wesen von der Bohrinsel, oder ein Gestaltwandler oder… Das Blinzeln hat keinen Effekt, außer den, dass sich dieses überlegene Beinahelächeln über sein Gesicht zieht. Wie in der Hütte. Der leibhaftige Caleb Fisher.
“Was machst du denn hier?”
“Arbeiten.” Seine Stimme klingt völlig ausdruckslos.
Ich rette mich in Feindseligkeit, mustere ihn von unten bis oben: “Ach, als Kellner, oder wie?”
Cal schnaubt. Hinter ihm ertönt eine bekannte Stimme: “Hallo, Ms. Hooper-Winslow.” Emiliy McMillen hat den Mangel an angemessen teurer Kleidung geschickt durch einen rebellischen Gothic-Stil kaschiert. Wie schon bei unserem ersten Zusammentreffen hält sie mehr Abstand zu anderen Personen als nötig.
“Ah. Dieses Arbeiten.”
Emily rettet mich davor, Cal weiter anzusehen, indem sie fragt, ob ich wegen der Morde da sei. Morde?
Während Niels und Cal irgendein Reviermarkierungsritual durchziehen, erklärt mir die junge Jägerin, dass das hohe Aufkommen an Polizei mitnichten der Gästeschar geschuldet ist, obwohl hier durchaus Reichtum zur Schau gestellt wird. Vorhin hat mich sogar ein indischer Neureicher aufs Plumpste angebaggert, der sich nicht zu schade war, schon im zweiten Satz darauf hinzuweisen, dass sein Hemd aus Goldfäden gesponnen ist, dass es $150.000 gekostet hat und dass die Knöpfe aus Edelsteinen sind. Im Moment versucht er es bei Niels’ Tante, deren mildem Lächeln ich entnehme, dass auch sie noch nie zur Zielgruppe gehört hat. Bis in der Familie dieses Angebers jemand anfängt, den richtigen Stallgeruch zu entwickeln, gehen noch ein paar Generationen ins Land.
Die Sicherheit im Hafengebiet wurde erhöht, weil bereits mehrere Opfer grausamer Attacken in nächster Nähe zu beziehungsweise auf dem Pier gefunden wurden, von dem wir abgelegt haben. Den Leichen fehlten Augen und Zunge. Da sie einen übernatürlichen Täter nicht ausschließen und die Yacht unseres Gastgebers im fraglichen Zeitraum ununterbrochen dort vor Anker lag, sind Emily und Cal als ihr Pluseins dem Hinweis eines Zeugen nachgegangen, der meinte, er hätte eine kindergroße Gestalt hier verschwinden sehen.
Wie nett. Wir sitzen möglicherweise mit einem Monster in einem Boot. Meine einzige Waffe ist eine Haarnadel, und auch unter dem Jackett des Jungen zeichnet sich nichts ab, was nach einer unhandlichen Weltkriegswaffe aussieht.
“Mr Heckler, erinnert Sie das nicht an etwas?” Der Gedanke an unser letztes Erlebnis auf See lässt ihn wieder etwas grünlicher werden.
“Aber hier kann man wenigstens noch ans Ufer schwimmen.”
Ja. Wenn man sich damit nicht direkt in einen Schwarm aus giftigen Tentakeln wirft. Aber soviel Pech werden wir doch nicht haben, oder?

Irgendeinem Schicksalsgott muss ich richtig quer gekommen sein. Plötzlich steht Flann neben uns. Liebenswürdiges Lächeln, Kellnerlivree. Wie selbstverständlich nimmt er den halbleeren Teller von Niels entgegen, der meine Frage von vorhin wiederholt: “Was machst du denn hier?”
Flann muss uns schon länger belauscht haben, denn er grinst: “Arbeiten.”
Niels ist nicht amüsiert. “Ist das auch wieder so eine FBI-Undercover-Aktion? Und wie heißt du diesmal?”
FBI? Der und FBI? Dass ich nicht lache!
“Tatsächlich kennt man mich hier als Steve.”
Okay, das reicht. Einen von der Sorte hätte ich vielleicht verkraftet. Zwei sind zuviel. Ich war hier, um mich auf einer Party zu langweilen wie früher, nicht um einen Tiefschlag nach dem anderen wieder aufzukochen. Ich bin raus.

Nach ein paar Schritten geht mir auf, dass ich nicht viel Spielraum habe, den Herren aus dem Weg zu gehen. Ohne weiter nachzudenken, setze ich mich erst einmal an die Bar.
“Was darf es sein?”
“Martini-Cocktail.”
“Geschüttelt oder gerührt?”
“Ach, vergessen Sie’s. Doppelten Scotch.”

Kaum zu glauben, dass es Zeiten gab, in denen ich fast jeden Abend auf einer anderen Party Martini getrunken und gegen die Langeweile der immer gleichen Gespräche gekämpft habe. Kaum zu glauben, dass einmal zwei davon gereicht haben, um mich sturzbetrunken zu machen.

Das Gespräch zwischen dem kleinen Heckler und dem “FBI” fiel wohl auch eher kurz aus. “Sind Sie ok, Ma’am?”
Ich nicke.
Niels merkt genau, dass ich lüge, aber er fragt nicht weiter. Stattdessen will er wissen, ob ich schon einmal in New York in irgendeiner Galerie war.
“In Galerien war ich nicht mehr, seit ich geschieden bin.”
“Kennen Sie Emily?”
“Wir haben uns kürzlich kennengelernt.”
“Ich sollte meiner… Schwester ausrichten, dass es ihr gutgeht. Von Ethan. Naja.”
“Aha?” Eigentlich ist mir Emiliys Befinden gerade egal. Aber der Junge gibt sich alle Mühe, mich abzulenken. “Sie wirkt ein bisschen, als hätte sie auch schon ein paar Sachen mitgemacht.”
Niels grübelt: “Ich weiß nicht, was da war. Und ich will nicht fragen.”
Da mir die höflichen Antworten ausgehen, verlegt auch er sich aufs Schweigen und Trinken. Ich halte es knapp zwei Minuten aus. Ich bin einfach zu gut erzogen.
“Hmm… Sollte vielleicht mal jemand tun? Nicht, dass es läuft wie bei Parzifal.”
Da hat er eine Bildungslücke. “Wie bei wem?”
“Mittelalterlicher Romanheld. Ist mit der Artussage verbunden. Der Gute versäumt es, den ewig leidenden König zu fragen, war er hat. ‘Oheim, was wirret dir?’ Das wäre die Erlösung für den König.”
“Aha. Aber wen soll ich jetzt fragen, Felicity, Ethan oder Emily?”
“Kommt darauf an.” Kommt darauf an, wie ausführlich und wie ehrlich die Antwort sein soll.
“Felicity hat mal was angedeutet, aber nichts genaues gesagt. Und Ethan… ich weiß nur, dass es da eine Verbindung zwischen ihm und Liz und Emily gibt oder gab.”
“Sieh mal an.”
“Oh, das wussten Sie nicht?” Er wird rot, als hätte er aus Versehen etwas ausgeplaudert, was er nicht sollte. Es könnte mir nicht gleichgültiger sein. Mir genügen meine eigenen Probleme.

Niels blickt sich suchend im Raum um. Ja, ich weiß, ich sollte es nicht an ihm auslassen. Er will nur helfen.
Ich versuche es nocheinmal mit Höflichkeit: “Wollen Sie jetzt auch nach einem kleingewachsenen Mörder suchen?”
“Ich gebe zu, ich bin neugierig.”
Ich folge seinem Blick. Er winkt der Dunkelhaarigen zu, die den Inder inzwischen wieder losgeworden ist. Überflüssigerweise frage ich: “Ihre Tante?”
“Ja.”
Nein, nicht schon wieder das Familienfass aufmachen. Lieber über das reden, worin wir beide gut sind. “Okay… wo fangen wir an?”
“Und wenn ich noch einmal höre heute abend, dass ich ja ganz wie mein Vater aussehe, flippe ich aus. Daher: Lieber Monster jagen.”
“Alles klar.” Ein bißchen muss ich doch grinsen. “Haben Sie ein Bild von Ihrem Vater?”
Niels zieht ein Foto von einem lächelnden Halbgott in den Vierzigern aus der Tasche. “Darf ich vorstellen, Jacob Heckler.”
Irgendwann wird Niels so aussehen, vorausgesetzt, er lebt lang genug. Ich pfeife leise durch die Zähne.
“Schade…”
Er verzieht das Gesicht. “Und er ist einen Jägertod gestorben…. Vermutlich von Dämonen umgebracht.”
“Puh. Naja. So enden die meisten von uns.” So, oder indem sie verrückt werden. Oder indem sie sich irgendwann auf der anderen Seite der Jagd wiederfinden. Ich habe noch keinen getroffen, der aufgehört hat, bevor es zu spät war.
Der Großvater des Jungen will, dass dieser herausfindet, was wirklich passiert ist. Dass er ihn da nicht mal auf eine Reise ohne Ende schickt. Oder ohne Wiederkehr.

Ich denke, ich kann mir gute Ratschläge an dieser Stelle sparen. Wir wollten ein potentielles Monster jagen. “Nehmen wir uns die oberen Teile des Schiffs vor. Zunächst mal Ihrem Magen zuliebe, aber auch, weil ich hoffe, dass das lichtscheue Gesindel eher unten herumkriecht.”
“Sie mögen Flann nicht, oder?” Messerscharfe Beobachtungsgabe. Niels grinst.
“Ich bin ein wenig enttäuscht. Und er heißt nicht Flann.”
“Ich weiß. Aber er heißt auch nicht Steve oder Hank. Wussten Sie, dass er für das FBI arbeitet?” Er grinst schon wieder. “Falls es Sie etwas aufheitert: Ich hab ihm schon mal eine reingehauen.”
Meine Mundwinkel zucken gegen meinen Willen “Das ist eigentlich eine ziemlich gute Idee. Und wenn der für das FBI arbeitet, fresse ich einen Besen.”
“Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er offiziell bei der Polizei von Leavenworth. Als FBI-Mitarbeiter.”
“Okay. Zumindest das muss man ihm lassen. Er scheint echt gut zu sein, in dem, was er macht.” Sonst hätte Grossmann auch unsere IT-Sicherheit nicht von Grund auf neu erarbeiten lassen.
“Was immer das ist. Und jetzt los. Wir sind nicht hier, um uns über ihn zu unterhalten.”
Amen.

Ich lasse meinen Blick über die Gäste streifen und überlege, was ich über die Örtlichkeiten weiß: Die Privatyacht gehörte einem extrem erfolgreichen Kinderbuch-Autoren, Mr. Landry, der ganzjährig darauf gelebt hat, aber vor einer Weile verstorben ist und sie seinem Sohn vererbt hat, unserem Gastgeber. Mit Literatur hat dieser wenig zu tun, soweit ich das beurteilen kann. Seine Geschäfte sind bodenständiger. An den Gästen ist wenig auffällig. 150 Leute, eine bunte Mischung aus Geldadel, Neureichen und mehr oder weniger berühmten Gestalten aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis des Vaters. Buffet für alle Geschmacksrichtungen mit etwas stärkerer Tendenz zur Nouvelle Cuisine. Ich fürchte fast, die 80er kommen zurück. Kellner unauffällig und professionell, selbst der Falsche, sechs schwerbeschäftigte Köche, Stehtische so verteilt, dass jeder Platz findet, ohne sich eingeengt zu fühlen. Alles sehr durchdacht. Privaträume abgeschlossen. Fast abgeschlossen. Abgeschlossen gewesen.

Der goldglänzende Inder, ein Mann von Mitte, Ende Vierzig namens Ashish Murudrajan, der zwei Bodyguards im Schlepptau hat, kam vorhin mit einer jungen Frau aus einer dieser Sperrzonen. Der Zustand ihrer Frisur zeigte deutlich an, dass sie sich das vielbesungene Hemd einmal näher angesehen hat. Und das, was darunterliegt.
Natürlich kann es nur reiner Zufall sein, dass ausgerechnet Flann in der Nähe herumlungert und zum zweiten Mal ein spiegelblankes Glas poliert. Seine Miene ist undurchdringlich. Er spricht leise mit Emily, die daraufhin loszieht, um mit Goldie zu sprechen. Wenn mich nicht alles täuscht, macht sie den Inder aktiv an und betastet sogar den sündhaft teuren Stoff. Seltsam. Zuletzt hat sie noch großen Wert darauf gelegt, Berührungen mit anderen Menschen zu vermeiden. Ich kann nicht genau erkennen, was als nächstes passiert, weil Flann mir mit seinem Champagnertablett die Sicht verdeckt. Aber kurz darauf verschwinden Ashish und Em in der gleichen Kabine, in der schon die letzte Eroberung stattgefunden hat. Ich verspüre das dringende Bedürfnis, mich mit mehr Scotch zu desinfizieren.
Niels klingt, als ginge es ihm ähnlich. “Was zur Hölle machen die beiden da?”
Ich kann es mir in etwa denken. “Der wird sie doch nicht dazu angestiftet haben, dem Typen das Hemd zu klauen?”
“Möglich ist alles… zutrauen würde ich es ihm.” Ganz überzeugt klingt Heckler nicht. “Aber irgendwie… ich glaube, er würde das selber machen. Wo ist denn da der Spaß dabei, andere vorzuschicken?”
Es geht doch nicht um Spaß. Es geht um das Gefühl, schlauer zu sein als andere. Das kann man auch haben, wenn man unschuldige Mädchen ins offene Messer laufen lässt.

Flann klappert mir vor der Kabine etwas zu laut mit dem Geschirrwagen herum. Mir reicht es. Ich gehe auf Konfrontationskurs. “Hey. Was soll das?”
Flann sieht beiläufig auf und antwortet leise: “Nun, der Inder scheint ein wenig seltsam zu sein… Vermuten nen Zusammenhang mit den Morden.”
“Das glaubst du doch selber nicht.”
Niels, der mir gefolgt ist, schnaubt. “Der Inder.”
Ich habe nicht die Geduld, Flanns Spielchen mitzuspielen. “Du willst die Klamotte.”
Flann flüstert fast, die Bodyguards sind ja in der Nähe. Er grinst ob der Anschuldigung. Niels schüttelt den Kopf.
Flann bleibt unerträglich ruhig: “Nein.” Auch er schüttelt den Kopf. “Sowas ist zu schwer wiederzuverkaufen.” Er lächelt wieder eins dieser unverschämt selbstsicheren Lächeln, diesmal unterstrichen von einer entschuldigenden Geste.
Niels kann wohl das Ungesagte nicht ausreichend interpretieren: “Wollt ihr mir erzählen, was los war?”
“Nein.”
“Nein.”
Zumindest darin sind wir uns einig.
“Ok.”
Armer Kleiner, aber: Nein.
Nur weil Flann den Deckel draufhalten will, macht ihn das nicht vertrauenswürdiger. “Also, wieso hast du Emily da mit reingezogen?”
“Sagte doch: Gibt eventuell nen Zusammenhang mit den Morden.”
“Welchen?”
“Sind 5 Leute verstümmelt im Hafen gefunden worden.”
“Das haben wir gehört.”
“Der Typ hatte grade erstaunliches Glück bei einer anderen Frau. War eben auffällig.”
“Das findest du auffällig, bei einem Typen, der vier Kilogramm Gold auf dem Leib trägt?” Für wie blöd hält der Mann mich?
Niels macht macht ein paar Schritte zurück, als wollte er nicht zwischen den Fronten stehen.
“Für wie blöd hältst du mich eigentlich?”
Offenbar ist es jedoch interessant genug, dass der Junge nicht ganz das Weite sucht, sondern nur gespannt auf seinem Zungenpiercing herumkaut.

Cal unterbricht unseren Streit. Er kommt aus der Kabine, in die sich Em und das Goldhähnchen zurückgezogen haben, und sagt uns, was er dort drinnen aus dem Aufschneider herausgequetscht hat. Nachdem Ashish in der Textilbranche seinen ersten Goldrausch erlebt hat, kam er mit mehr Geld, als ihm guttat, nach Amerika, brachte das Vermögen in Rekordzeit durch, ließ sich mit der Mafia ein, war am Boden, lernte eine Anwältin kennen, die ihm einen Dämonendeal verschaffte. Und nun glaubt er, er hätte das Geschäft seines Lebens gemacht, weil er ja Hindu ist und ihm ein westlicher Dämon gar nichts anhaben könne. Mag sein, dass Em und Cal ihm in der Kabine ein paar Zweifel eingeimpft haben, denn er ist leicht grau im Gesicht, als er sie nach einer Weile verlässt, seine Leibwächter zu sich pfeift und in großer Eile Abstand von uns sucht.

Wir lassen ihn ziehen, denn ein Dämonendeal macht noch keinen Mörder. Und der Goldesel hat außerdem ausgespuckt, dass im Zimmer des Schriftstellers eine seltsame Puppe sitzt. Passenderweise ist sie etwa so groß wie ein Kind. Nicht viel Information, aber die Jägerinstinkte der beiden sind angesprungen, und das wirkt ansteckend. Es passt zu der Beobachtung, die die zwei ein wenig früher gemacht haben.
Im “Maschinenraum”, einem kleinen Kabuff, in dem der Motor untergebracht ist, war etwas, das in Richtung Kabinen entkommen ist. Oder zumindest ist die Klappe zum Motorraum nicht richtig verschlossen – vielleicht ist auch etwas hinein und danach wieder weg. Es ist die heißeste Spur, die wir haben.

Also verschaffen wir uns Zugang zum Büro, das sich im Heck befindet und die ganze kurze Seite der Yacht einnimmt. Darin sitzt eine sehr gut gearbeitete Bauchredner-Puppe in einem Sessel. Als Niels sie untersucht, meint er zu erkennen, dass ihre Augen sich bewegt haben, sobald er nicht hingesehen hat. Flann, der noch schnell einen seiner Rolle als Kellner zuträglichen Grund finden musste, sich abzusetzen, kommt kurz nach uns dazu und fragt, was los ist. Niels sagt, dass die Augen der Puppe sich bewegen, und weder er noch Emily haben die Hände an dem Spielzeug. Cal schlägt vor, sie einzuäschern, aber das ist auf einem Schiff keine so brillante Idee. Flann regt an, dass wir sie zerlegen sollten und er sie dann in der Kombüse verbrennen kann.

Puppe, hm? Schriftsteller von Horrorliteratur für “junge Erwachsene”, hm? Ich nehme das Bücherregal näher in Augenschein und finde dort neben den Erstausgaben der jüngeren Werke auch gebundene Manuskripte älteren Datums. Sie sind noch aus einer Zeit als das Mittel der Wahl die Schreibmaschine war.
“Flann. Google mal die Bücher unseres Freundes hier! Chronologisch.”
Alle maschinengetippten Manuskripte sind mit einem abgesperrten Schloss versehen. Es ist auch eine Lücke im Regal. Natürlich ist da eine Lücke. Wie sollte es auch anders sein. Das fehlende Buch handelt von einer bösen Puppe, sagt das Internet: “The Night of the Living Dummy”. Ein relativ frühes Buch. Sogar das Allererste.
Ich glaube nicht, dass sich eine erfundene Gestalt selbständig aus ihrer Geschichte befreien kann, und will wissen, was passiert, wenn ich eins der Bücher aufmache. “The Twelve Screams of Christmas”. Das Schloss ist nicht so hochwertig, dass es einem Bobby Pin standhält.
Die Seiten fangen von selbst an zu flattern, schneller und schneller. Tinte läuft vor meinen Augen zusammen, ein Geräusch, irgendwo zwischen Wind, Pfeifen und Schreien, tönt aus dem Papier.
“Oh, das hätte ich vielleicht doch lassen sollen!”
Es ist ein Geist im Stil eines bösartigen Weihnachtswichtels, der sich aus dem Inhalt des Buchs zusammensetzt, in einem quietschgrünen Anzug mit roter Zipfelmütze, rot-grün-weißem Weihnachtspullover mit Schneemann darauf, rot-grün-weißer Krawatte, gelben Augen und gebleckten Zähnen. Er trägt eine Lichterkette um sich gewickelt, die wild blinkt und leuchtet. Flann zieht mich zurück von dem Wesen, und ich lasse das Buch fallen.

Ganz im Sinne von Weihnachten macht der Geist Anstalten, mich mit seiner Lichterkette zu würgen, was ich unterbinde, indem ich darunter hindurchtauche. Auge um Auge war das Gebot, nicht wahr? Ich greife in die Kette und bemühe mich im Gegenzug, ihn selbst darin einzuwickeln.
Flann wirft mit einem Tablett nach dem Wichtel, der dem Geschoss ausweicht, während er sich aus der blinkenden Fessel befreit.
Cal steht mit der Pistole in der Hand da, hält es aber wohl für klüger, jetzt keine Aufmerksamkeit auf uns zu lenken.

Irgendwo in meinem Rücken müssen Emily und Niels mit der Bauchrednerpuppe ringen, den Geräuschen nach zu urteilen.

Ich knalle den keckernden Weihnachtsgeist mit dem Gesicht voran ins Bücherregal. Es scheint ihm auf jeden Fall weh zu tun, auch wenn er mir nicht die Freude macht, zu Boden zu gehen.

Flann ist mir keine große Hilfe. Er rutscht auf den Boden und greift nach dem Buch, um darin herumzublättern. Vielleicht doch Hilfe. Soll er herausfinden, was das Ding neutralisiert, während ich mich mit dem physischen Anteil herumschlage.
Cal, der sich endgültig gegen das Schießen entschieden hat, geht dazu über, den Geist mit Beleidigungen abzulenken. Darin, zu treffen, wo es wehtut, ist er gut. Der Wicht würdigt seine Anstrengungen, indem er zu einer Art grünen Giftwolke wird und einen Teil seiner Substanz in Richtung Cal bläst. Der bekommt einen Hustenanfall, der ihn zum Rückzug zwingt. Vielleicht hat er sich das verdient. Vielleicht sollte er wissen, wie es mir die zwei Tage ging, aber das ist eine Sache zwischen mir und ihm. Und es ist nicht an einer verdammten Phantasiegestalt, die Leute zu vergiften, die mir – trotz allem – wichtig sind. Ich lange erneut nach der Kette, um den Weihnachtshorror damit zu erdrosseln, doch sie ist so wenig körperlich, dass ich sie nicht richtig zu fassen kriege. Lies schneller, Flann!
Dieser beginnt jetzt, als hätte er meine Gedanken gehört, “Stille Nacht, heilige Nacht” zu singen. Das ist doch nicht sein Ernst, oder?
Die Lichterkette wird noch durchscheinender und rutscht einfach durch meine Hand. Oh, bitte! Muss das jetzt wirklich sein? Ich dachte, ich hätte das gerade erst wieder für ein Jahr hinter mich gebracht. Kinderbuchautoren! Oh Mann.
Na gut, es hilft ja nichts. Kopfschüttelnd hole ich Luft und singe dem Geist gute alte englische Tradition ins Ohr.
“God rest ye merry gentlemen, let nothing you dismay…” Der Giftwichtel hält sich die Ohren zu, wird wieder rauchartiger, schwebt zum Fenster, aber ich bleibe ihm auf den Fersen.
“Remember, Christ the Saviour is born on Christmas day…”
Flann stockt kurz, sein Blick geht an mir vorbei, dorthin, wo die anderen drei sein müssen. Niels’ Stimme korreliert mit rhythmischen Schlägen von Metall auf Holz. “Fuck! Verdammt! Geh. Endlich. Kaputt!” Ich konzentriere mich stärker auf den Geist. Auch Flann setzt wieder ein. Mit einer Strophe, die ich nicht kenne. Egal. Weitersingen. Was tut man nicht alles, um das Übel aus der Welt zu vertreiben? Es gibt keine Peinlichkeit, es gibt nur ungewöhnliche Jagdmethoden.
In einem letzten Befreiungsversuch will der verfluchte Kinderspuk wieder zur Wolke werden und pustet mich an, Flann wirft das Silbertablett nach ihm, und der Gifthauch geht an uns beiden vorbei. Ich kann die Hand des Geistes greifen und ziehe sie ihm vom Ohr weg. Mit einem letzten Heulen vergeht er wieder zu einem langgezogenen Schatten, Tinte, Schrift, und ist abermals eingefangen in seinem Buch. Flann klappt das Machwerk schnell zu und schließt es wieder ab.

Ich drehe mich zu unseren Mitstreitern um und nehme den Anblick auf, der sich mir bietet. Cal hockt auf der Puppe, die er mit seinem Messer an der Kleidung auf den Boden gepinnt hat, und zerrt an deren Jackett herum. Niels steht keuchend mit einem Golfschläger daneben und starrt böse auf ein paar winzige Dellen, die er dem hölzernen Kopf zugefügt hat. Emiliy hockt halb in einem offenen Fenster und liest fieberhaft in einem feuchten Manuskript.
Ich geselle mich dazu, ziehe mir die große Haarnadel aus dem Knoten und steche sie in eins der wild rotierenden Augen, heble einmal, nocheinmal, Cal legt seine Hand um meine und hilft mit, und das Ding kommt mit einem satten Schmatzen frei. Im selben Moment, in dem sich die Verbindung löst, habe ich keinen hölzernen, bemalten Ball mehr in der Hand, sondern ein blickloses, totes, menschliches Auge, mit einem Rest von Sehnerv. Igitt. Cal lässt mich so schnell los, als habe er sich verbrannt.

Nicht, dass es jetzt noch überraschend käme, liest Emiliy vor, dass man der Puppe die Augen entfernen und die Zunge herausreißen muss. Niels hat inzwischen wieder genug Atem und Wut angesammelt, um der Puppe gewaltsam den Mund zu öffnen, so dass Flann der Puppe die Zunge herausreißen kann. Herausschneiden. Mit spitzen Fingern und einem Zigarrenabschneider. Er stellt sich so an, dass es nicht klappt, aber Niels bedeutet ihm, dass sie die Plätze tauschen, und er macht mit der Zunge kurzen Prozess. Auch diese wird, kaum dass die Klinge sie durchtrennt hat, zu einer menschlichen Zunge.

Wir können von Glück sagen, dass draußen die Musik lauter gedreht wurde. Emily hält Wache an der Tür. Doch es scheint uns noch niemand gehört zu haben, oder der zufällige Lauscher vermutet private Gründe für das Poltern und Keuchen und hat genug Anstand, um draußen zu bleiben.

Flann hält jetzt den Kopf der Puppe fest, damit Cal auch das verbliebene Auge ausstechen kann. Ich wische mir die Hand an der Kleidung des kleinen Miststücks ab. Gerade noch rechtzeitig. Die Puppe zieht sich mit einem Aufschrei lang auseinander, wird ebenfalls wieder zu Tintenrauch, Buchstabengewirr, Schrift, und verschwindet wieder in ihrem Buch.
Ich bleibe kurz auf dem Boden sitzen und atme durch, schaue an mir herab. Erstaunlich. Nichts zerrissen, außer den Strümpfen, für die ich natürlich Ersatz in der Handtasche habe. Der blaue Samt meines Kleides zeigt sich von den Kampfhandlungen völlig unbeeindruckt. Die Haarnadel und meine Hände bedürfen einer Reinigung. Die Pumps waren nicht einmal so zuvorkommend, einen Absatz einzubüßen. Zu flach.

Niels bedankt sich bei Flann, entschuldigt sich, dass er vorhin etwas schnippisch war, und überlegt laut, wie er seiner Tante die Würgemale am Hals erklären soll. Flann grinst: “Knutschfleck.” Der Kleine funkelt ihn ein bisschen böse an. Als wenn das den “FBI-Kellner” beeindrucken würde. Aber Delia weiß ohnehin Bescheid.

Schnell kommen wir überein, dass die Bücher vernichtet werden sollten. Ein Krematorium? Das brennt heiß, aber nicht heiß genug. Die Bücher könnten wieder aufgehen, ehe sie vollständig verbrannt sind.
“Müllverbrennungsanlage", sage ich. Warum umständlich, wenn es auch einfach geht? Flann macht sich auf, einen Servierwagen und eine Tischdecke zu holen, damit die heiße Ware unauffällig abtransportiert werden kann.

Cal macht ein nachdenkliches Geräusch, deutet auf die Schreibmaschine, die in einer Ecke des Raum ausgestellt ist, und Niels prüft, ob noch ein Farbband darin ist. Ich sehe es ihm an, bevor er noch einen Finger rührt. Er würde gerne eine Kleinigkeit tippen, doch ich verbiete es ihm. Wir alle hatten den Gedanken sofort, keine Frage, aber er soll die Finger davon lassen. So fängt es immer an. Selbst wenn man es noch so gut meint… Niels orakelt, dass selbst eine Schreibmaschine niemanden aus der Hölle holen kann. Nein, das glaube ich auch nicht. Vielleicht könnte sie eine Seele wieder kitten, wenn man die Worte sehr, sehr sorgfältig wählt. Aber was ist der Preis? Kein Risiko, bevor wir nicht alles, aber auch alles, über das Gerät wissen. Ich entferne das Farbband. Sicher ist sicher.
Da es keine größeren Mühen bereitet, die anderen davon zu überzeugen, dass man die Maschine wahrscheinlich nicht einfach zerstören kann, tut mir jemand den Gefallen, zu fragen, wo man sie sicher unterbringen kann. Ich habe da mit dem Hooper-Winslowschen Archiv genau den richtigen Ort an der Hand. Niemand widerspricht. Als Trophäe würde ich das Schreibgerät nicht einmal bezeichnen, eher als Notfallversicherung. Fall meine Suche zu nichts führt, kann ich immer noch auf Dummheiten zurückgreifen.

Wir finden Landrys Tagebuch. Er schreibt, dass er von einer etwas seltsamen, aber im Buch nicht näher benannten, Person die Schreibmaschine bekommen hat, und dass er irgendwann voller Entsetzen gemerkt hat, dass die Wesen aus den damit geschriebenen Manuskripten kommen. Die ersten Geschichten waren noch Therapie für ihn, weil es ihm damals dreckig ging, deshalb hat er sie weiter geschrieben, und später dann, als er erwachsen war, haben sie sich auch gut verkauft, darum hat er weitergemacht. Die Puppe war ursprünglich sein Freund, den er sich aus Einsamkeit als Teenager herbeigeschrieben hat. Er wurde gemobbt und hatte keine Freunde, dafür jedoch eine blühende Fantasie. Die Puppe wurde eifersüchtig, wenn er Mädchen kennenlernte, und hat diese vergrault, bis Landry irgendwann “die Richtige” – armer Irrer! – kennengelernt hat. Da hat es ihm gereicht, und er hat die Puppe in ihr Buch gesperrt.

Als wir gerade wieder nach oben kommen hält Cal mich am Arm fest. Die letzten Minuten über habe ich es bewusst vermieden, ihn anzusehen und hatte gehofft, dass er es genauso hält. Jetzt zieht er die Stirn in Falten und öffnet den Mund, um etwas zu sagen. Ich schrecke zusammen. Nicht nur wegen der Berührung, die mich eigentlich nicht so aufbringen sollte, sondern auch wegen der Schüsse, die plötzlich von überall her knallen. Kommt da wieder ein weicherer Ausdruck in seinen Augen zum Vorschein, oder ist es nur die Spiegelung der farbenfrohen Raketen? Cals Worte gehen im Pfeifen und Krachen des Feuerwerks unter. Ich hebe die Hand, um ihm das Wort abzuschneiden. Was auch immer er zu sagen hat, ich kann es jetzt nicht hören. Und ich habe ihm nichts zu sagen. Nicht, solange ich noch auf der Suche nach Antworten bin. Nicht einmal, dass ich es bin. Um seine Hand von meinem Arm zu streifen, ist kein Druck nötig. Ich drehe mich um und gehe zur Bar, ohne mich noch einmal umzusehen.

Niels und Flann stoßen dort auf das neue Jahr an. Es kann kaum schlimmer werden als das Alte.
Niels zeigt sich versöhnlich: “Es ist mir egal, wie du heißt, Hauptsache, man kann sich im Kampf auf dich verlassen.”
“Na dann Prost." Flann sagt das. Nicht ich. Doch ich hätte es nicht besser ausdrücken können.
Weil ich keine Lust habe, ihn weiterhin mit einer Beschimpfung anzusprechen, frage ich nach, wie er denn nun wirklich heißt. Brigid, unsere neue IT-Frau, die die Kanzlei seinen Bemühungen um mein Geld zu verdanken hat, schimpft gern und viel über ihren Ex, den “verdammten Lügner”. Auf Gälisch. Er zögert, beugt sich dann leicht theatralisch zu meinem Ohr und flüstert, “Sean”.
Und woher soll ich nun wissen, ob das diesmal die Wahrheit ist?
“Du hättest dir das Leben so viel leichter machen können, wenn du mich von Anfang an belogen hättest, weißt du?”

Von Ashish ist seit dessen Zusammentreffen mit Emily und Cal keine Spur mehr zu sehen, und auch ein Beiboot ist verschwunden. Ich hoffe für ihn, dass er aus seinen nächsten zehn Jahren das Beste macht, und wünschte, ich könnte auch einfach glauben, dass ich nur genug an meinem Schrein beten muss, um sowohl dem Himmel als auch der Hölle zu entgehen, wenn ich soweit bin. Aber irgendetwas sagt mir, dass es so einfach nicht wird.

Den Rest der Nacht unterhalte ich mich mit Delia Jameson-Heckler, die mir stolz berichtet, was Niels alles macht und kann. Der flüchtet sich mit Emily ans Oberdeck, während ich abwechselnd geschüttelte und gerührte Martinis gegen Margaritas antreten lasse und mir von Delia anhöre, wie ähnlich sich Vater und Sohn doch sind, bis ich eine höfliche Ausrede finde, mich zu Landry junior zu begeben.

Der erzählt mir, er habe nach dem Tod seines Vaters das Boot geerbt und neugierig eines der Bücher, das erste im Regal, aufgemacht. Angeblich hat er kein Monster herauskommen sehen, also hat er ein bisschen darin geblättert und das Buch wieder ins Regal gestellt, eher er wieder nach Hause fuhr, und in den Wochen und Monaten seither bis zur Party hat er das Boot auch gar nicht mehr betreten. Sagt er. Ich bin alkoholisiert genug, dass ich ihm glauben will. Eigentlich ist mir auch gleichgültig, ob ich Landry senior gegenübersitze, der sich jung geschrieben und ein neues Leben begonnen hat. Wenn es so war, dann zum letzten Mal. Die Schreibmaschine gehört mir.

Mir gehört auch die Munitionskiste mit den Initialen IHW, die ich am Neujahrstag auf dem Beifahrersitz finde. Obwohl ich weiß, was darin ist, öffne ich sie. Es ist alles vollständig. Kugeln, Klingen, Ketten. Edelmetalle im Wert von… was weiß ich. Kein Betrag, den ich nicht verschmerzt hätte. Schwer wäre es nur gewesen, die Antiquitäten wiederzubeschaffen. Bisher habe ich mir nicht die Mühe gemacht. Einige Teile sind offensichtlich nicht genau dieselben, die Cal mir gestohlen hatte. Ersetzt hat er sie alle. Mit zusammengebissenen Zähnen wuchte ich die Kiste nach hinten, verstaue alles wieder an seinem angestammten Platz. Zeit, nach Nashville zu fahren. Gefallen einfordern.

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Timberwere

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