Mädchenkram - Supernatural

Soul Food

Showdown mit Hindernissen

Aber sprich nur ein Wort
(Irene)

Burlington Airport. Eine schmale blonde Frau durchbricht mit schnellen Schritten die Stille der Flughafenkapelle. Sie eilt an den schmalen Sitzreihen entlang bis auf wenige Meter vor dem großen stilisierten Kruzifix, zu welchem sie mit bebenden Schultern aufsieht. Ihre Fäuste sind geballt. In ihrem Blick mischen sich Furcht und Zorn. Ihre Lippen bewegen sich lautlos. Zwischen stummen Bitten formen sie immer wieder ein Wort. Mara.
Mara. Bitte. Mara. Hilf!
“Mara!”
Die Pose der Blonden wird ungehaltener.
“Mara!”
Ihre Faust kracht auf die Lehne der Bank zu ihrer Rechten.
“Mara! Wo bist du, wenn man dich braucht?”
Stille.
“Ihr hattet unsere Hilfe!” Suchend, als würde sie die Ankunft einer dringend herbeigewünschten Person erwarten, sieht sie sich um, ihre Stimme ein mühsam beherrschtes Flüstern. “Wir haben euch Aziraphel und Selathiel vom Hals geschafft. Ist das euer Dank?”
Der schallisolierte Raum der Ruhe lässt nicht einmal die Geräusche der in unmittelbarer Nähe startenden Flugzeuge herein.
MARA!”
Mit einem wütenden Aufschrei reißt die Frau die glänzende Messingschale, die als Weihwasserbecken dient, von ihrem Sockel und schleudert sie auf das Kreuz.
“Wer glaubt ihr eigentlich, dass ihr seid?”
Das Schweigen der Kapelle ist Antwort genug.
Zitternd starrt sie die Schale an, bis diese ihren klingenden Tanz auf dem Kirchenboden beendet hat, dann das Kruzifix. Sie streicht sich über die Augen, eine Geste der Niederlage, und verlässt die Kapelle. Sollte sie vorher noch den Glauben an einen gütigen Himmel gehabt haben, ist er hier zurückgeblieben.

Sie bereiten uns unser Leben lang darauf vor, bloß nicht die größte Dummheit zu begehen. Sie erzählen uns, dass es nie gut ausgeht, dass der Preis immer höher ist als gedacht. Sie lehren uns die Namen der Großeltern, Onkel, Tanten und Cousins, die nachgegeben haben und die Familie damit fast mit in den Abgrund gerissen haben. Sie sprechen von den Opfern, die es gekostet hat, den Schaden zu begrenzen. Worauf sie uns nicht vorbereiten können, das ist der Schmerz, der Ekel, der Selbsthass, den es mit sich bringt, zuzusehen und nichts zu tun. Sie schweigen sich darüber aus, denn auf der anderen Seite haben sie uns auch dazu erzogen, Verantwortung zu übernehmen und die Last übernatürlicher Bedrohungen anderen Schultern abzunehmen und sie selbst zu tragen.
Und so passiert es doch immer wieder.
Uns gibt es nur in drei Sorten: Jene, die bisher das Glück hatten, noch nicht in Versuchung zu kommen, jene, die nicht mehr in den Spiegel sehen können, und diejenigen, deren Seele verloren ist.

Mitten auf dem Flug zurück von Toronto geht mir auf, was Cal auf dem Hotelparkplatz mit “falls” gemeint hat, und fast 40 Jahre Gehirnwäsche und Vorbereitung auf diesen Moment sind wie weggewischt. Falls wir uns nicht wiedersehen…
Ich hätte beinahe gelacht, weil ich mir inzwischen so sicher bin, dass irgendetwas, das sich darüber köstlich amüsiert, uns immer wieder aufeinander zutreibt. Als wenn wir uns nicht bei der nächsten Gelegenheit wieder irgendwo treffen könnten, wo der Ausgang verschlossen ist. Ich dachte, dieses Spiel des Schicksals wäre das größte Problem, bis wir eine Heilung gefunden haben. Jetzt gefriert mir das Blut in den Adern bei der Erkenntnis, dass er die nächste Gelegenheit nicht abwarten will. Dass er nicht mehr an Heilung glaubt.
Und ich habe noch zu Barry gesagt, dass wir in Zimmer 1408 jemanden treffen könnten, den man vom Selbstmord abhalten muss.
Kaum ist das Flugzeug auf dem Boden, verfasse ich eine Nachricht, auf die er nicht reagiert. Mein Ausraster in der Kapelle nach der zweiten unbeantworteten bleibt ohne Folgen. In jeder Hinsicht. Schallschutz in alle Richtungen. Keine Antworten zu bekommen, wird so langsam der Inbegriff meiner Existenz. Bis nachhause zerbreche ich mir den Kopf, was ich tun soll, wenn es schon zu spät ist. Aber es kann einfach noch nicht zu spät sein. Nicht nach diesem Abschied, oder? Falls.
Ich halte mich an dem Gedanken fest, dass er sich nicht einfach die Pistole in den Mund stecken will, nicht jemand wie er, sonst hätte er es schon getan. Er wird einen Sinn in dem sehen wollen, was er tut. Hoffe ich. Irgendeine Selbstmordmission. Irgendein Monster, das zu groß für ihn ist. Irgendetwas, das man nicht von jetzt auf gleich findet. Zeit, ich brauche Zeit. Bitte, Giffany, Götter, irgendwer, gebt mir Zeit.

Die Flüchtlinge beim Mount Ida sind nicht mehr unter der Nummer zu erreichen, die zuletzt als sicher galt. Also fahre ich hin. Zwei Tage verschwendet. Noch mehr, wenn sie keine Informationen haben. Wahrscheinlich haben sie keine, bestimmt haben sie keine. Ich verschwende meine Zeit. Fliegen ginge schneller, aber ich will alles Nötige bei mir haben für… was auch immer. Am Steuer, wenn auch seit Jahren auf der falschen Seite, habe ich wenigstens die Illusion von Kontrolle über irgendetwas. Unterwegs mache ich an jeder Kirche Halt, die ich sehe, und bete zu Mara. Mal mehr mal weniger zornig. Wo ist sie? Was hält sie auf? Kennt man keine Dankbarkeit im Himmel? Ist sie in irgendeiner Schlacht gefallen? Hört man mich dort oben überhaupt?

Wider Erwarten sind die Deserteure noch heil. Nur übervorsichtig. Ich wünschte, ich könnte Verständnis aufbringen. Meine Bitte um Hilfe bei der Kontaktaufnahme, zugegeben nicht mehr besonders freundlich vorgebracht, löst erst einmal eine riesige Diskussion um die Sicherheit aus. Die meisten von ihnen sind der Meinung, dass Mara sich schon gezeigt hätte, wenn es in Ihrer Macht stünde. Sie sind bereit, noch länger wie eine brave Schafherde zu warten, bis sich der Engel von alleine herbequemt, egal, wie lange es noch dauert. Die Suche nach einem alternativen Jenseits haben sie weitgehend eingestellt. Offenbar ist es ihnen nicht gelungen, den Glauben an einen am eigenen Leibe erlebten Himmel gegen den Glauben an eine diffuse Vorstellung irgendeines fremden Totenreichs auszutauschen. Überraschung. Die Flüchtlinge wollen auf keinen Fall, dass ich mein Vorhaben auch nur in der Nähe des Bergs ausführe. Harris ist es schließlich, der mit Engels…, der lange genug geduldig auf die anderen einredet, bis er sie soweit hat, ihr Wissen zu teilen. Eher ihre Vermutungen. Wie ein Sigillum Dei Æmeth aussehen muss, weiß ich bereits von Charles, meine vorhandene Kristallkugel wird von den beiden Deserteuren, die ein solches Ritual im Einsatz gesehen haben, für zu klein befunden. Obwohl ich nicht weiß, ob es einen Unterschied macht, gehe ich in den nächstbesten Laden der Kristallhochburg, und kaufe eine größere. So viel Zeitverschwendung! Alberto meint zu wissen, wie die Kerzen stehen sollten, Carlotta widerspricht ihm dauernd, aber ich glaube, er hat recht. Meine bisherigen Erfahrungen sagen mir, dass das, was er beschreibt, eher einem klassischen Ritualaufbau gleicht, wie ich ihn mir von Hermetikern des beginnenden 20. Jahrhunderts erwarte. Bei näherer Betrachtung des ziemlich einfach gehaltenen Ablaufs, den wir rekonstruieren, frage ich mich, ob Charles mir die Gebrauchsanweisung für das Siegel absichtlich vorenthalten hat, um mich vor gefährlichen Ideen zu schützen. Egal jetzt. Wenn es nicht funktioniert, kann ich ihn genau das fragen.

Mit den besten Wünschen bedacht und von sehr skeptischen Blicken verfolgt, nehme ich Abschied von Harris und seinen Gefährten, verspreche, mindestens eine halbe Tagesreise hinter mich zu bringen, ehe ich es wage, Mara gewaltsam zu rufen. So vernünftig bin ich gerade noch, auch wenn ich jede Minute zähle. Völlig korrekt kann das, was wir ermittelt haben, nicht sein. Wenn ich versehentlich alle Heerscharen des Himmels herabbeschwöre, sollte ich in möglichst menschenleerer Gegend sein.
Für alle Fälle male ich auf die Rückseite des Stücks Tapete, das mein Sigillum Dei Æmeth trägt, die Rune, mit der ich einen Engel wieder dorthin schicken kann, wo er hingehört, und bete, dass mir der Versuchsaufbau nicht so sehr um die Ohren fliegt, dass es mich umbringt. Tot bin ich ihm keine Hilfe.

“Ich bin ja hier,” tönt eine müde Stimme hinter mir. Ich fahre so schnell herum, dass ich eine Kerze umreiße, die zischend verlischt. Irgendwie hatte ich mir eingebildet, dass sie durch die Kristallkugel zu mir sprechen würde, wenn überhaupt. Sie sieht genauso erledigt aus wie bei unserem ersten Zusammentreffen auf dem Red Hill. Vielleicht sogar mehr. “So ähnlich muss sich für euch Menschen Tinnitus anfühlen. Du kannst jetzt aufhören, so zu schreien.”
“Wo warst du?” fahre ich sie konsterniert an.
“Im Himmel.”
“Du weißt, was ich meine! Ich habe dich tagelang gerufen.”
“Ich habe es gehört.” Sie hebt eine Hand, aber jetzt ist es endgültig vorbei mit meiner Geduld. Ich will ihre Gründe nicht hören, selbst wenn es in ihren Augen gute Gründe sein mögen.
“Wir hätten dich gebraucht. Wir haben Monate auf ein Lebenszeichen von dir gewartet. Wir hätten Hilfe gebraucht. Stattdessen habt ihr uns Selathiel und AC alleine erledigen lassen und stillschweigend zugesehen, wie wir mit den Folgen kämpfen. Wir haben die nächste Apokalypse verhindert und ihr macht euch noch nicht einmal etwas daraus, dass Cals Seele ausblutet. Wie tickt ihr eigentlich? Ist das eure übliche Vorgehensweise, so mit Menschen umzugehen?”
Ich hole Luft, um die Enttäuschung von Monaten in einem weiteren Schwall von Worten herauszulassen, und viel fehlt nicht, dann würde ich ihr die Faust ins Gesicht rammen, da löst sich vor meinen Augen ihre Lichtgestalt aus dem gebeugten Frauenkörper und taucht die verlassene Kirche, in der ich meine Anrufung durchgeführt habe, in überirdische Helligkeit. Das Rauschen von Flügeln kratzt schmerzhaft über meine Trommelfelle und ihre Stimme hallt in meinem Kopf: “Und wer glaubst du, dass du bist, Sterbliche? Für wie wichtig hältst du dich?”

Cal hat mir von einem Priester erzählt, der erblindet sein soll, weil er einen Engel in seiner wahren Gestalt gesehen hat. Das Strahlen, das den deVries-Engel letztes Weihnachten umgab, das Fay die Augen herausgebrannt hat, war von ähnlicher Qualität. Doch nicht halb so … göttlich. Bevor ich herausfinde, ob es mir genauso gehen wird, wenn ich direkt hineinsehe, verberge ich mein Gesicht in der Armbeuge und drehe mich von ihr weg. Das Gewicht des Lichts drückt mich zu Boden und presst mir die Luft aus den Lungen. Als es nachlässt, ich wieder atmen kann und die tanzenden Sterne vor meinen Augen verschwinden, liege ich auf den Knien vor dem Engel. Sie legt mir ihre Hände auf den Kopf. Ihr Gesicht ist wieder gütig.
“Ich kann deinen Schmerz fühlen, Mein Kind.”
Da ist keine Spur mehr von Drohung. Schlucken muss ich trotzdem.
“Aber?” frage ich verzagt. Es ist vorbei. Sie kann oder will mir nicht helfen. Cal wird sterben.
“Ist dir in den Sinn gekommen, dass ich dich die ganze Zeit gehört habe, aber nicht kommen konnte? "
“Nein. Ja. Was helfen mir denn Vermutungen? Wir haben nichts von dir gehört. Du hättest ebensogut tot sein können wie einfach nur uninteressiert. Wenigstens ein Lebenszeichen…”
“Ich war verwundet. Geschwächt. Seit kurz vor Endes des Kriegs. Selbst jetzt war es noch nicht leicht, diesen Körper wieder in Besitz zu nehmen. Ohne deine fürchterliche Stümperei hier, hätte ich es nicht auf mich genommen. Du hast mir Kopfschmerzen gemacht.” Sie verzieht die Mundwinkel. Vielleicht ist es nur der Nachhall des himmlischen Glanzes, vielleicht funkeln da aber auch kleine Schweißperlen auf ihrer Stirn.
“Das… das tut mir leid. Ich kann nicht länger warten.”
“Ich weiß. Du warst sehr deutlich.” Sie zieht die Augenbrauen zusammen. “Du denkst, ich könnte einfach zu ihm hingehen und seine Seele heilen. Das kann ich nicht.”
Die ohnmächtige Wut kocht wieder in mir hoch. Ich kämpfe sie nieder.
“Was kannst du tun?”
Ihre Stimme wird noch weicher. “Ich kann nicht einfach aus der leeren Luft ein neues Stück Seele schaffen, um ihn wieder aufzufüllen, wenn du das meinst. Das kann nur einer.”
Einer. Sie muss nicht dazusagen, für wie wahrscheinlich sie es hält, dass der Eine ausgerechnet jetzt zurückkommt, um ausgerechnet Cal zu retten.
“Aber wenn du es nicht erschaffen musst!”
“Willst du ein Stück von deiner geben?”
“Ich bin es ihm schuldig.”
“Nein, das bist du nicht. Er hat dich von deiner Schuld freigesprochen.”
“Das kann er gar nicht.”
“Ach, Ihr Menschen!” Sie seufzt und lässt sich schwer auf eine der morschen Bänke fallen, die sie eigentlich gar nicht mehr tragen dürfte.
Nach einem forschenden Blick in mein Gesicht fragt sie: “Warum willst du das? Weißt du, wie weh es tut, wenn deine Seele zerrissen wird?”
Nein, weiß ich nicht. Und es tut nichts zur Sache. Was ist schon der kurze Schnitt einer Amputation gegen den chronischen Schmerz, mit dem ich seit der Apokalypse herumlaufe?
“Seine Seele ist mir wichtiger als meine.”
“Es ist mir verboten.”
“War es AC auch verboten?”
“Ja. Er hat seine Strafe erhalten.”
“Durch uns. Es hat uns erst in diesen Teufelskreis gebracht. Und er konnte es trotzdem.”
“Ich kann nicht. Ich darf nicht.”
“Dann weißt du, wohin ich mich als nächstes wende. Kannst du das verantworten?”
“Du solltest es doch besser wissen.”
“Sollte ich? Er will sich umbringen. Selbstmord. Der sichere Weg in die Hölle. Für alles, was er für die Menschheit getan hat, für siebeneinhalb Milliarden von uns, soll er in die Hölle gehen? Nicht, solange ich noch ein Wörtchen mitzureden habe.”
“Du hast ebensoviel getan.”
“Ich habe nicht von vornherein meine Seele und mein Leben riskiert. Vielleicht ist es endlich an der Zeit, dass ich gleichziehe.”
“Ich kann nicht ein Stück aus einer gesunden Seele reißen, um eine verletzte zu flicken, von der ich nicht weiß, wie groß der Schaden ist. Was, wenn es nicht reicht und ihr dann beide das gleiche Problem habt?”
“Kannst du das nicht sehen?”
“Nein. Dazu müsste ich in seiner Nähe sein.”
“Wo ist das Problem?”
“Ich kann ihn nicht orten.”
“Wie meinst du das, nicht orten?” Mir wird ganz kalt. Ist er schon tot?
“Wie du sagtest, blutet seine Seele aus. Wie ein Puls. An, aus, an, aus. Sie müsste aktiv sein, damit ich ihn finden könnte. Das ist sie gerade nicht.”
“Aber er lebt noch?”
“Ich vermute es.”
“Du vermutest!”
“Sie müsste aktiv sein.”
Ich setze mich auf den Boden und raufe mir die Haare, atme tief durch.
Selbstmordmission. Zu großes Monster. Bitte!

“Was passiert, wenn sie ganz ausläuft?”
Sie antwortet nicht.
“Könntest du sie austauschen?”
“Das würde nichts ändern.”
“Doch. Für mich würde es alles ändern.”
“Das Problem zu verschieben? Weshalb willst du das?”
“Weil. Weil es sich so gehört! Mir stehen viel mehr Möglichkeiten zur Verfügung, eine Heilung zu begünstigen. Ich kann mir den besten Psychotherapeuten leisten. Meine Familie kann sich um mich kümmern.”
Sie seufzt. “Ist das alles?”
“Cal wüsste, womit er rechnen muss, wenn ich eine kaltherzige Phase habe, und könnte mich von Dummheiten abhalten… Bitte, Mara! Ich kann ihn nicht noch einmal so sehen. Und ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass es ihn umbringt.”
“Du müsstest ihn noch einmal sehen. Du müsstest ihn finden.”
Mir bricht der Schweiß aus beim Gedanken, dass wieder dieser kalte, berechnende Blick auf mir liegen könnte, und mir wird übel. Aber so sei es. Ich nicke langsam.
“Das kann ich.”
“Dann ruf mich, wenn du ihn gefunden hast. Ich sammle in der Zwischenzeit neue Kräfte.”
“Wie?” will ich noch fragen. Doch außer dem kurzen Geräusch eines Flügelschlags vernehme ich schon keinen Ton mehr von ihr. Meine weiteren Fragen bleiben unbeantwortet. Wie schwach sie gerade wirklich ist, was ich den Deserteuren sagen kann, ob sie versuchen wird, ihn zu finden, sobald es ihr wieder möglich ist. Ich lasse mich nach hinten sinken, spüre eine Minute dem kalten Boden unter meinen Schultern nach, verdränge die Vorstellung, dass Cal bereits ebenso irgendwo liegt, kalt und leblos, weil er mir zuvorgekommen ist. Fast möchte ich zu der namenlosen Macht beten, die uns immer wieder zusammentreffen lässt. Bitte, lass es noch einmal geschehen! Dann ziehe ich mein Mobiltelefon und tippe eine Nachricht an den einzigen Menschen, auf den ich mich verlassen kann.

Soul Food
(Cal)

Langsam spricht es sich rum. Irene und Ethan haben zu viele Leute gefragt, das Netz zu weit geworfen. Noch hat niemand die Verbindung zu ihm geschlossen, aber es ist nur eine Frage der Zeit. Er hat keine Lust, sich mit noch mehr Leuten auseinander zu setzen, die ihn “retten” wollen.
Oder ihn ausschalten wollen.
Stattdessen wird er das Problem beseitigen. Erst den Jungen, dann die Frau. Seine schwache Seite wird darüber nicht glücklich sein, aber er hat sich inzwischen gut genug unter Kontrolle, um sich an irgendwelchen Selbstmordversuchen zu hindern.
Für alle Fälle kontaktiert er ausgewählte Leute seiner Truppe, die einspringen können, wenn etwas schief geht. Aber für den Anfang will er nicht, dass sie ihm zwischen den Beinen herumspringen. Oder Einwände haben, Zivilisten zu erschießen.
Das wird er ihnen abgewöhnen, wenn er erst seine Seele los ist. Befehle werden dann widerspruchslos befolgt. Er wird sich voll auf die Truppe konzentrieren, die so viel lohnenswerter ist als diese “Jagd”, die weder Geld noch Ruhm einbringt.
Ohne Gewissen wird er ein so guter Anführer sein wie sein Vater.
Nein. Er wird besser sein.

Nachdem er das Schlachtfeld zu seinen Gunsten vorbereitet hat – ein paar Minen und andere Fallen auf den wahrscheinlichsten Wegen und ein Dummy in der Hütte – wirft er mit einer einfachen SMS den Köder aus.

Nicht der Junge nähert sich zuerst der Waldhütte, sondern die Frau. Irgendjemand muss geredet haben. Ärgerlich, aber kein großes Problem. Dann ist sie eben zuerst dran.
Er bringt sich im Inneren in Position. Die Tür öffnet sich und Irene kommt herein, die Waffe im Anschlag und in schlecht versteckter kugelsicherer Weste.
Die ihr nichts bringen wird.
Er aktiviert die Flashbang-Granate, hat die Tür hinter ihr geschlossen und den Riegel vorgelegt, bevor sie sich von dem Knall erholt hat. Das verwitterte Holz des Hauses hat den Brandbeschleuniger aufgesaugt wie ein Schwamm. Er lässt das Feuerzeug fallen, und in Sekundenschnelle steht die ganze Wand in Flammen. Unwillkürlich hebt er einen Arm, um sich von der Hitze abzuschirmen.
Seltsam. Sie hätte spätestens jetzt anfangen sollen, einen Weg nach draußen zu suchen. Panisch gegen Türen und Fenster zu schlagen, vielleicht das Dach probieren. Stattdessen hört er… Gesang?
Wie auch immer. Lange hält sie nicht durch. Mit ein paar Schritten ist er wieder zwischen den Bäumen und visiert das Haus an.
Splitter fliegen ihm um die Ohren, als ein Schuss in den Stamm neben ihm einschlägt. Er wirft sich auf den Boden und kriecht ins Unterholz, wo er vor dem Schützen verborgen ist. Das war der Junge, keine Frage. Und wie vermutet, kann der seinen alten Gefährten nicht einfach so erschießen.
Oder Irene verbrennen lassen. Er beobachtet, wie Ethan auf die Tür zurennt und sich am Riegel zu schaffen macht. Direkt in seinem Schussfeld. Unmöglich, auf die Entfernung zu verfehlen.
Aber die Kugel trifft nur Ethans Schulter. Fleischwunde. Nicht tödlich. Er runzelt die Stirn über sein eigenes Versagen. Keine Zeit, darüber nachzudenken. Er erinnert sich, woher er den Sprechgesang kennt. Engelsbeschwörung. Oh nein. So leicht wird er es den beiden nicht machen.
Der Junge steht wie angewurzelt in der Türöffnung. Über seine Schulter ist Irene zu sehen, die mit ihrer Waffe auf Ethan zielt. Die Flammen und der Rauch lassen ihre Gestalt unwirklich wabern.
Also macht er das Gleiche von Hinten. “Aufhören, oder ich erschieße ihn”, sagt er zu der Frau.
Sie hört nicht auf. Während sein Finger sich krümmt, dreht der Junge leicht seinen Kopf, die Muskeln angespannt…

…ich reiße die Pistole weg und brülle ihn an: “Jetzt erschieß mich doch endlich, du Arschloch!” Er fährt herum, Gewehr im Anschlag. Es knallt. Heißes, feuchtes Brennen an meiner Schläfe. Ich taumele zurück, nur für eine Sekunde erleichtert. Mein Kopf dröhnt wie eine gesprungene Glocke. Schmerz heißt Leben. Er hat verfehlt, auf die Entfernung, ist irgendwie gestolpert und…

…seine Sicht verschwimmt immer wieder. Auch nicht tödlich, der Streifschuss, aber seine Gedanken wollen sich nicht richtig versammeln.
Irene schießt in einem Schwall aus Funken aus der Hütte und fällt auf die Knie, hustet und spuckt.
Im nächsten Augenblick ist Ethan über ihm, schreit was von Durchhalten und Irenes Plan, will ihm mit dem Gewehrkolben eine noch schlimmere Gehirnerschütterung verpassen. Aber die kaputte Schulter hat dem Jungen Kraft genommen. Die Waffe lässt sich abfangen. Sie ringen einen Moment um das Gewehr, Ethan über ihm, er unten. Mit einer scharfen Bewegung tritt er gegen den Knöchel seines Gegners. Es knackt und der Junge knickt mit einem Knurren um. Jetzt sind die Rollen vertauscht, er liegt auf Ethan, die Hände noch am Gewehr, und zwingt die Mündung unter das Kinn des Jungen. Mit einer Hand tastet er nach dem Abzug. Peng. Du bist tot.
Plötzlich fühlt er einen Stich im Rücken. Die Welt strudelt von ihm weg. Seine Arme wollen nicht mehr auf ihn hören. Die Finger zucken und verfehlen den Abzug.
Ethan schüttelt ihn ab. Er landet in Tannennadeln und Erde, die ihm keinen Halt geben, als er versucht wegzukriechen. Seine Pistole liegt neben ihm, so nahe. Er grapscht danach, aber bevor er seine Hand zwingen kann, sich zu schließen, hat schon jemand dagegen getreten und die Waffe außer Reichweite gefegt.
Noch ist es nicht vorbei. Er kann das Ruder noch rumreißen. Er muss nur…
“Du hast ihn gefunden”, sagt eine müde Stimme. Mara, der Engel. Im Hintergrund ersterben die Flammen.
Vielleicht fühlt er in dem Augenblick tatsächlich etwas wie Enttäuschung. Er hatte so viele Pläne für die Zeit ohne Seele.
“Tu es einfach!” fährt Irene Mara an. Der Engel schüttelt stumm seinen Kopf, aber greift nach Irene, taucht seine Hand in die Brust der Jägerin wie in Wasser. Irene brüllt, was ihre verrauchte Lunge noch hergibt. Sie hört abrupt auf, als Mara ihre Hände herauszieht. In ihnen ruht ein warmes Leuchten. Die Engelsfrau streichelt es sanft. “Du hättest besser mit deiner Seele umgehen sollen. Man sollte etwas so Heiliges nicht so beschädigen.”
Mit dem Funkeln in ihren Händen tritt der Engel auf ihn zu. Die Wärme und das Licht sind nicht zu ertragen. Er rudert mit Armen und Beinen wie ein hilfloses Insekt, versucht doch noch zu entfliehen, aber die paar Zentimeter helfen nicht. Mara beugt sich über ihn und…

…oh verdammte Kacke jemand hat alle Gefühle gleichzeitig angestellt ich bin todtraurig ekstatisch scheiße scheiße hört das irgendwann auch mal auf bloß nicht aufhören…
Alles pulst gleichzeitig durch meinen Schädel, zerrt mich in tausend unterschiedliche Richtungen. Stimmen. Ich konzentriere mich verzweifelt darauf, um nicht unterzugehen.
“Oh. Das hätte nicht passieren dürfen.” Mara, erstaunt. “Ich kann die Seelen nicht mehr trennen. Sie sind… verschmolzen.”
“Macht nichts. Mir fehlt nichts.” Irene, kühl und entspannt.
“Du kannst doch nicht… Sie kann doch nicht… Dann gib ihr meine Seele!” Ethan, verzweifelt.
“Ich habe schon zu viel hier angerichtet. Seelen sind keine Kleider, die man einfach so weitergeben sollte. Was willst du ohne Seele tun? Und ich… ich schaffe das auch nicht mehr.” Mara wieder, erschöpft.
Ein Geräusch, als würde etwas Schweres auf den Waldboden fallen. “Drecksmist.” Ethan, leise.
Schritte entfernen sich.
Stille, für eine halbe Ewigkeit. Dann ein letztes Mal Mara: “Ja… ich… ich komme sofort.”

Irgendwann flaut der Orkan in meinem Inneren so weit ab, dass ich meine Augen wieder aufmachen und halbwegs klar denken kann. Ethan liegt in einiger Entfernung regungslos auf dem Boden. Sonst ist niemand zu sehen.
Klar. Irene ist weg. Ohne Seele. Die habe jetzt ich. Was zur verfickten Hölle hat sie sich dabei gedacht? Hat ihr jemand das Hirn geklaut und mit Mist ersetzt? Warum tut sie sowas… für mich? Eine kleine Stimme wendet ein, dass ich genau weiß, warum, und dass ich das gleiche tun werde. Oder vielleicht erwürge ich sie. Oder gestehe ihr meine unsterbliche Liebe. Oder beides gleichzeitig.
Mein Blick fällt auf Ethan, der sich immer noch nicht rührt. Scheiße, der Schulterschuss war doch nicht tödlich? Oder? ODER? Auf Armen und Beinen krabbele ich zu ihm rüber. Er atmet noch.
Ich fühle mich immer noch, als hätte mir jemand eine Stromleitung direkt in den Arsch gelegt, und ich habe keine verfickte Ahnung, wie ich diesen ganzen beschissenen Schlamassel wieder lösen soll, und ich muss das lösen, jetzt SOFORT. Weil das nicht geht, packe ich Ethan am Kragen und fange an, ihn zu schütteln.
“Verdammte Scheiße, warum hast du sie das machen lassen?!”
Seine Augen gehen auf. “Ha? Was… was machen… wer?”
“Ich habe ihre Seele, verfickt noch mal, und sie hat keine mehr! Warum hast du mich nicht einfach erschossen, du Volltrottel?”
Er wehrt sich nicht. “Konnte nicht.”
Ich lasse ihn los, setze mich auf den Boden und vergrabe den Kopf in den Händen. “War ja auch nicht deine Schuld.” Weil es meine Schuld war. “Warum bin ich bei der Apokalypse nicht einfach gestorben? Dann hätten wir den ganzen Scheiß jetzt nicht.”
Ethan, der jetzt genau so da sitzt wie ich, sagt: “Dachte, Irene hätte einen Plan. War kurz davor. So kurz…” Er schüttelt seinen Kopf.
“Vergiss es”, sage ich. Es war nicht fair von mir, das von ihm zu verlangen. Ich will gar nicht wissen, ob ich Irene abknallen könnte, wenn es zu schlimm wird. Ich will auch nicht wissen, ob die Antwort “ja” oder “nein” sein sollte.
Automatisch greife ich nach meinen Kippen, aber sie sind nicht da, weil meine andere Seite sie weggeworfen hat. Ist ja ungesund.
Ungefragt erscheint eine Zigarette vor meiner Nase. Ich nehme sie dankbar aus Ethans Fingern, denn genau das brauche ich jetzt, eine schöne Tasse Tee, aber nicht diesen amerikanischen Mist in Beuteln, sondern einen guten Breakfast Tea mit einem Spritzer Vollmilch.
Tee? Verfickter Tee?! Ich stöhne. Was denn jetzt noch alles? Kriege ich gleich meine Tage? Lieber an was anderes denken. Ich frage: “Scheiße, was machen wir denn jetzt?”
Ethan zuckt mit den Schultern. “Wie immer. Irgendwas.”
Das bringt mich zum Lachen. Jap. Unsere beste Strategie ist “irgendwas”. War sie schon immer.
“Wir müssen sie finden, sofort”, sage ich. “Aber wenn es ihr geht wie mir, will sie ihre Seele bloß nicht wieder haben. Sie wird sich mit allem wehren, was sie hat. Ihr könnt scheißfroh sein, dass ich anscheinend auch ohne Seele Einzelgänger bin. Ich hätte hier locker mit zwei gepanzerten SUVs und zwanzig Mann auftauchen können. Jetzt stell dir mal vor, was jemand mit Irenes Ressourcen alles anstellen kann.” Ich fühle schon wieder Panik in mir aufkommen. Wir haben keine Zeit, verdammt noch mal! “Okay. Okay.” Ich versuche, mich selbst zu beruhigen. “Wir müssen sie suchen. Aber vorsichtig. Es sollten nur die Leute was von der Sache wissen, denen sie gefährlich werden könnte.” Da zähle ich mit Sicherheit drunter. Wenn ich tot bin, ist ihre Seele auch hin. “Genügend Jäger werden sich denken ‘Keine Seele, kein Mensch’ und lieber schießen, das brauchen wir nicht auch noch.”
Ethan nickt und wir sitzen einen Moment lang schweigend herum. Dann sage ich: “Äh… soll ich dir ein Pflaster auf die Schusswunde kleben?”

Nachdem ich meine Fallen wieder entschärft habe, machen wir uns auf die Suche. Wir fragen in der Umgebung nach Irene, aber niemand hat eine blonde Britin oder ihr Auto gesehen. Wir fahren zum Roten Hügel, in der schwachsinnigen Hoffnung, dass sie dort sein könnte, vielleicht um noch etwas mitzunehmen. Aber die Baustelle ist verlassen. Die Glocke an dem fast fertigen Schrein klingelt verloren.
Wir zapfen alle Kontakte an, die uns einfallen. Wir besuchen Luxushotels, in denen sie mal übernachtet hat. Wir versuchen sogar, den nutzlosen Engel zu rufen.
Nichts. War ja klar, dass sie uns das nicht so einfach machen würde.
Wir trennen uns. Ethan muss mal wieder arbeiten und ich meine Truppe wieder holen. Einige von denen haben Kontakte zu echten Militärs und zur Polizei, vielleicht kommt dabei etwas heraus. Ich kann noch mal die Runde machen, zu den weniger vertrauenswürdigen… Personen, die ich schon zu meinem eigenen Problem befragt habe. Irgendwer wird doch Seelen verpflanzen können. Das muss leichter sein, als sie zu heilen.
Dann schnappe ich mir Irene und sie bekommt den Seelenmischmasch reingedrückt. Ob sie will oder nicht.

Comments

patti

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