Mädchenkram - Supernatural

Spuk im Spa

gespielt am 10. 10. 2012

Spuk im Spa

Ich war noch nie in Spa. Dem Ort nach dem alle Spas dieser Welt benannt sind. Wäre mal einen Vergleich wert. Das fällt mir gerade so ein, als ich vom Wagen zum Hoteleingang hinke. Ich ärgere mich schon auf den wenigen Metern, dass ich kaum von der Stelle komme. Ich soll mich schonen. Sonst muss man mich schienen, hat man mir gesagt. Völliger Unfug. Naja, ein paar Tage Urlaub werden es schon richten. Und Schwimmen soll ja gelenkschonend sein. Also Steamboat Springs. Mir wird schon beim Anblick langweilig. Ein mir bis dato völlig unbekanntes Kurörtchen in Colorado. Das war gerade das nächstgelegene, nachdem ich so dämlich… Nein, davon wird nie eine Menschenseele erfahren. Angeblich ist das Wellnesshotel auf einem alten Indianerfriedhof erbaut, worauf der Name Chief-Ute-Spa subtil hindeutet. Es wäre schön, wenn es hier wenigstens ein paar Indianergeister gäbe. Dämonen verlange ich ja gar nicht. Soll mich ja ruhig halten.
James hat mich mitsamt den Koffern schon überholt. Das scheint ihm Spaß zu machen. Für außenstehende Beobachter dürfte seine Miene so neutral wie immer wirken. Ich vermeine da einen leicht spöttischen Zug um die Mundwinkel zu erkennen. Livriertes Hotelpersonal nimmt alle Koffer von ihm in Empfang, außer den mit den Waffen. Er fürchtet noch immer, an so einen Dussel zu geraten wie in Alice Springs. Das ist bald 12 Jahre her.
Ich buche gleich beim Einchecken eine bunte Auswahl an Massagen und stelle fest, dass es neben Pools diverser Temperaturen (was soll denn ein Indoor-“Outdoor”-Pool sein?), Animateure (oh weh), Hostessen (ah ja) und eine Gruseltour gibt. Niedlich. Die Gruseltour buche ich zur Erheiterung. Offenbar wurde hier auch mal ein Gangster erschossen. Hoffentlich muss kein armer Animations-Ferienjobber dessen Geist spielen.
Beim Verlassen der Rezeption laufe ich – oh Freude, der Tag könnte nicht besser werden – in Caleb Fisher. Hat der mich schon wieder verfolgt? Will er das blöde Horn jetzt etwa doch zurück? Auf eine Wiederholung der Geschichte nach viel zu viel Bourbon in Colma wird er doch wohl nicht aus sein? Bitte, lass ihn kein Stalker sein. Ich hätte ihn nicht für den Typen gehalten, der sofort denkt, dass er verliebt ist, nur weil er einmal richtig guten Sex hatte. Aber er hat ein Weib im Schlepptau. Ich muss zweimal hinsehen, um mir sicher zu sein, dass es wirklich eine Frau ist. Ihr Gesicht ist entstellt. Schlecht zusammengewachsen, nachdem mal irgendetwas Fetzen herausgerissen hat. Oder herausgebissen. Sie ist mir vorhin schon aufgefallen, so wenig wie sie in dieses elegante Ambiente passt. Cal versucht immerhin, sich mithilfe seines “FBI-Anzugs” ein bißchen anzupassen. Funktioniert vielleicht sogar, wenn man ihn nicht in Jeans und Lederjacke kennt. Ich frage ihn, ob er in den Flitterwochen ist. Das ist nicht nett. Warum bin ich gleich so aggressiv? So peinlich müsste mir eine whiskeygeschwängerte Nacht doch wirklich nicht sein. Er schaut auch entsprechend angefressen und fragt zurück, ob ich zum Arbeiten hier bin. Wieso sollte ich mir hier Arbeit suchen? Achso, jagen meint er. Das ist doch keine Arbeit. Das ist, naja, Lebenssinn.
Offenbar gibt es tatsächlich etwas für einen Jäger zu tun, denn er erzählt mir knapp, dass er gerufen wurde, um einen Wendigo zu jagen, der mehrere Wanderer zerrissen haben soll. Könnte auch einfach ein Bär gewesen sein. Er wurde hierher eingeladen, um das zu klären. Und ich hatte mich schon gewundert. Sieht so gar nicht nach seiner Preisklasse aus. Die Frau und noch so ein junger Latinohüpfer, dem es ein wenig an Respekt fehlt, sind nach meinem Verständnis so etwas wie seine Azubis. Im ersten Moment wirkten sie eher wie Leibwächter. Haben wohl beide einen militärischen Hintergrund.
Unsere Aufmerksamkeit wird von einem Leichenwagen auf sich gezogen. Ein neugieriges Grüppchen Hotelgäste sieht tuschelnd zu, wie er seine Lieferung in Empfang nimmt. Als hätten sie noch nie einen Leichensack gesehen. Eine dieser Seniorinnen, die Violett für die einzig tragbare Haarfarbe zu halten scheinen, lässt jeden, der es hören will oder auch nicht, wissen, dass der arme Mr. Hopkins in der Sauna einen Herzanfall gehabt hat. Hmm. Indianerfriedhof, ja? Pass auf, was du dir wünschst, Irene…
Es ist wie immer. Wenn der Jagdtrieb geweckt ist, sind Ärger und Peinlichkeiten erstmal vergessen. Wir vereinbaren, uns in einer Stunde zur Lagebesprechung in der Bar zu treffen.
Ich nehme kurz mein Zimmer in Augenschein und werfe mich in einen dieser türkisen Fetzen mit riesigen Blumen drauf, um die man auf Hawaii nie herumkommt. Dann erkunde ich die Pool- und Barlandschaft. War eigentlich auch zu erwarten, dass es hier mehr als eine Bar gibt. Die mitten im Pool mit den Hockern halb unter Wasser und den giftig bunten Cocktails voller Obst und Gemüse, schließe ich aus. Irgendwie habe ich gerade das Bedürfnis, etwas bekleideter zu bleiben. Die nächste sieht schon erwachsener aus. Eine Grotte mit gut zehn Metern blau beleuchteter Bar an der Rückwand. Quadratische braune Ledersessel, halbhohe Tische, Loungemusik. Besser. Ich lasse mich nieder so elegant es in meiner derzeitigen Situation eben geht. Mein Blick wandert über die Gäste. Erstaunlich viele graue Anzüge dafür, dass man hier eigentlich schwimmen soll. Überdurchschnittlich viele gutaussehende Leute. Einige scheinen auch auf jemanden zu warten. Zwei davon runzeln die Stirn, als würden sie überlegen, ob sie mich kennen müssten. Ich kenne sie sicher nicht. An der Bar sitzt ein graumelierter Typ, kantiges Kinn, gut trainiert, der mich ebenfalls mustert. Ich drücke ein bißchen den Rücken durch. Er winkt den Barkeeper heran, deutet auf mich. Der Barkeeper zuckt mit den Schultern. Mein Mundwinkel zuckt auch. Ja, Narben machen interessant. Und der hier hat wohl nicht viel Zeit zu verlieren. Er kommt rüber und fragt, ob ich hier schonmal war. Ich verneine. Er stellt fest, dass ich Britin bin. Ein Kellner scharwenzelt um uns herum. Der Graumelierte will mir einen Drink spendieren. Was ich denn möchte. Mir ist nach einer Margarita, aber so einfach will ich es ihm nicht machen. Er darf versuchen, meinen Geschmack zu erraten. Bekommen tue ich einen Gin Tonic. Auch nicht falsch. Jedenfalls nichts süßes und ein solider Klassiker.
Im Eingang steht Cal und schaut ein bißchen konsterniert. Weniger weil er mich mit einem Fremden sieht, als mehr, weil ihn gerade eine Frau fast umgerannt hätte. Blondine, Typ Trophywife. Sie entfernt sich eiligen Schrittes. Der Graumelierte sieht ihr ebenfalls hinterher. Wir beginnen gleichzeitig, uns zu entschuldigen, halten lachend inne. Ich darf zuerst: “Mein Kollege ist da.” Er muss was regeln. Bestimmt sieh man sich später nochmal.

Im Gegensatz zu mir hat Mr. Fisher bereits fleißig recherchiert. Guter Mann. Also, hier ist definitiv alle sieben Jahre eine Frau gestorben oder verschwunden. Gelegentlich auch mehr. Die letzte verschwand vor ziemlich genau sieben Jahren. Das trifft sich ja gut. Die meisten waren verheiratet oder mit Partner hier. Die Altersspanne war zwischen Mitte 20 und Ende 30. Alle gutaussehend. Außerhalb der 7-Jahres-Schritte verschwanden auch mal welche, auf die nicht alle Kriterien zutrafen.
Von der Gruseltour erwarten wir uns weitere Aufschlüsse. Neben der Rezeption hat sich schon ein illustres Grüppchen versammelt. Die Dame mit den lila Haaren ist wieder da. Aus der Nähe sieht sie wie eine sehr gruselige Fernseh-Großmutter aus. Mit esoterischem Schmuck behangen und überzogen liebenswürdigem Lächeln. Noch ehe der Tourguide, ein kleiner Professor für Kunstgeschichte mit großer Brille namens Archibald Reynolds, auftaucht, wissen wir alle bescheid, wie sehr sie sich für Indianer interessiert und wie aufgeregt sie schon ist, einen echten Indianerfriedhof zu sehen. Professor Archie bittet uns, an einigen Stellen der Tour besonders leise zu sein und nicht zu sprechen, um die scheuen Geister nicht zu verschrecken. Ah. Ja, sicher. Geister erschrecken sich vor Menschen.

Der vielgerühmte Indianerfriedhof entpuppt sich als ein Stück Wiese mit einem hochbettähnlichen Gestell, auf dem eine Mumie liegt. Ein Rabe sitzt darauf und pickt pittoresk daran herum. Laut Archie ein Glücksfall, denn bei der Mumie handelt es sich um eine Atrappe. Luftbegräbnisse wurden hier früher gar nicht praktiziert. Tatsächlich war hier einmal ein Handelsposten und das Begräbnisareal eher in der Gegend des jetzigen Parkplatzes. Weil wir ja hier in einem Wellnesshotel sind, stehen auch ein paar Schwitzhütten herum. Angeblich muss man dort den Dampfgeistern opfern. Und zwar das richtige, sonst wird man gefressen. Weiter geht es im Hotel. Wir sehen den Raum, in dem vor 90 Jahren ein Gangster aus Chicago, ein Rafael Lopez, erschossen wurde. Zum, äh, dramatischen Ragtime-Gedudel darf Cal den bösen Schützen stellen. Ich amüsiere mich prächtig. Ehrlich. In Spa Town soll es ein sehenswertes Mausoleum für den Gangster geben.
Über die Lounge-Bar, in der ich den netten Herren mit den Spendierhosen kennengelernt habe, hat der Professor zu erzählen, dass dort einmal im Jahr der Teufel zu Besuch kommt, um zu entspannen. Ich bemühe mich, ernst zu bleiben. Es wäre mir recht, wenn er das nicht diese Woche tut. Einige der Besucher – die immer noch zu warten scheinen – lächeln wissend. Jaja.
Das Hotel hat noch eine weitere reiche Auswahl an Geistern. Eine Frau, die von ihrer Stiefmutter in der Sauna eingesperrt wurde. Die Sauna hat man danach zur Besenkammer umfunktioniert und die jetzige Saunalandschaft gebaut, die inzwischen auch schon dreimal erweitert wurde. Aus der leeren Besenkammer dringen Schreie. Die lila Dame erschrickt ein bißchen und lässt sich von Archie die Hand tätscheln. Im Heizungskeller, einem unübersichtlichen Raum voller Rohre, kam ein Heizer zu Tode, worauf das Haus beinahe abgefackelt wäre. In einem der oberen Geschosse hat mal jemand ein Baby in einen Safe eingeschlossen. Das Zimmermädchen, das es gefunden hat, bekam daraufhin weiße Haare.
Die heißen Quellen, die dem Ort sein Einkommen bescheren, sind heilig – wir erinnern uns: Dampfgeister. Gefressen werden. Eindringlich warnt uns Archibald auch vor Wandertouren in der Umgebung, da im Wald ein Wendigo sein Unwesen treiben soll. Cal, der mit seiner Recherche nicht nur auf die Verschwundenen Frauen gestoßen ist, bemerkt trocken, dass der Wendigo bereits erledigt sei. Archie scheint das zu irritieren. Man möge doch trotzdem aufpassen. Auch ein Bär wäre hier keine Seltenheit.
Zum Ende der Tour unterhalten wir uns noch ein wenig mit dem Professor. Der hat die übernatürliche Geschichte des Hotels lange erforscht. Er glaubt tatsächlich an alles, was er hier erzählt hat, wenn er es auch für die Touristen gerne etwas aufbauscht. Den Wendigo hat er mit eigenen Augen gesehen. Vor dem hat ihn nämlich Acht-Finger-Joe gerettet. Cal weiß, wer das ist.
Den Toten aus der Sauna, der vorhin abtransportiert wurde, hält Archie für einen gewöhnlichen Herzanfall. Er hat damals ein Wörtchen beim Neubau mitgeredet und sichergestellt, dass die Örtlichkeiten weder Dampf- noch Totengeister stören.

Cal ist der Ansicht, dass ich den seltsamen Gästen in der Teufelsbar mal ein paar Drinks mit Weihwasser drin spendieren sollte, für den Fall, dass es wirklich Dämonen sind. Selber kann er das wohl nicht machen, hm? Fehlen ihm dazu die liquiden Mittel, hm? Sein Lehrling Ricky, der Latino-Bengel, musste sich schon als Animateur verdingen. Die vermeintlichen Dämonen sitzen inzwischen zusammen mit einem Haufen asiatischer Typen, die – es tut mir leid, dass ich den Blick einfach nicht abwenden kann, aber es ist wie ein Autounfall – ungeheuer riesige Klöten haben. Ich erinnere mich dunkel, dass meine japanophile Nichte zweiten Grades Ida mal völlig begeistert von solchen Geistern berichtet hat. Tanuki? Irgendwie so. Sie hat mir ein Bild gezeigt, auf dem ein Tiergeist mit seinen monströsen Hoden einen Feind vermöbelt. Diese Kultur wird mir immer suspekt bleiben.
Noch ehe ich mir überlegen kann, wie ich das Weihwasser in die Putzmittelflasche bekomme, die der Barkeeper fast so oft herumschwingt wie seine Spirituosen, nimmt mich ein freundlicher junger Mann mit kohlschwarzen Augen beiseite und erklärt mir höflich, dass die hiesigen Dämonen nicht auf Ärger mit der Familie Hooper-Winslow aus sind. Die Tanuki bahnen hier eben einen Deal an, mit dem ich nichts zu schaffen habe. Sie könnten es höchst übel nehmen, wenn ich ihre Verhandlungen störe. Hier herrsche auf Luzifers Befehl hin Waffenstillstand zwischen allen Parteien. Wenn ich mich daran halten könnte, würde mir der junge Mann garantieren, dass alles friedlich und gesittet bleibe. Ich fühle mich von der Situation ein wenig überfahren. Wohin ich auch blicke, starren kohlschwarze Augen zurück. Es wäre müßig, sich die Sekunden auszurechnen, die ich überlebe, wenn ich mich mit einem Raum voller Dämonen anlege. Aber eigentlich würde es sich so gehören, nicht wahr? Was, wenn ich es doch versuche? Er sieht das Blitzen in meinen Augen und weicht ungläubig ein Stückchen zurück. Dann bellt ihm einer der Tanuki irgendetwas zu. Mit kommt wieder Idas Bild in den Sinn. Nein, so will ich wirklich nicht sterben. Der Dämon bekommt mein zahnreichstes Lächeln. “Aber sicher doch. Auf ein andermal!”
Sei vorsichtig, was du dir wünschst, Irene.
Dämonen!
Ich weiß selbst nicht, ob ich aus Wut oder Angst zittere. Jedenfalls braucht mir niemand dabei zusehen. Ich stürzte mich mal eben in den “Gletscherpool”, der für die Saunagäste zur Verfügung steht, spüle Bilder und Erinnerungen von vor langer Zeit davon. Ians spöttisches Grinsen. Meine kleine Hand, die einer anderen ein Amulett überreicht. Tiefe Schwärze. Den Geruch nach Schießpulver im Bart meines Vaters. Das Tor meines Schulhauses. Eiswasser wäscht alles davon. Es ist so kalt, dass ich schreien möchte. Länger als eine Minute hält das kein Mensch aus!
Beim Verlassen des Pools achte ich darauf, dass mir möglichst viele der Barbesucher auf den Hintern starren können. Sollen sie das Tattoo ruhig deutlich sehen. Ihr kommt hier nicht rein!
Meine Güte, ist das kalt.
Der warme Pool mit der bunten Tropic-Bar empfängt mich wie die beruhigenden Arme meines Dads. “Ich hab dich, ich hab dich, ich hab dich.” Ich atme tief ein und lasse die Anspannung davongleiten. Alkohol. Jetzt. Viel Alkohol. Meinetwegen auch süß und bunt.
Von der Poolbar aus habe ich einen guten Rundumblick. Nicht weit entfernt liegt mein neuer Bekannter neben der Blondine, die Cal angerempelt hat. Sie zieht eine extra saure Miene, als sie mich sieht. Ah. Das hatte er also zu regeln. Hat sie Angst bekommen, dass der Sugar Daddy das Interesse an ihr verliert? Das tut mir aber leid.

Ein paar Cocktails und zwei Massagen später schlendere ich, wieder ganz in mir selbst ruhend, zu meinem Zimmer zurück. Ein unscheinbarer, drahtiger Gott mit starkem arabischen Akzent hat so lange an meinem Bein herumgeruckelt, bis es in meiner Hüfte einen höllischen Schlag getan hat und plötzlich wieder Blut dahin geflossen ist, wo es sich schon eine Weile nicht mehr aufgehalten hat. Ich sagte doch, dass das mit der Schiene Unsinn ist. Auch der Araber hatte für den Kleinstadtorthopäden, der mein Rezept ausgestellt hat, nur ein abfälliges Schnauben übrig. Also, für mich kann der Spaß jetzt losgehen.
Für den jungen Ricky hat er gerade aufgehört. Der wird mitten auf dem Gang von Cal verarztet, weil er eine Vase an den Kopf bekommen hat. Er will sich nicht recht daran erinnern können, was passiert ist. Das laute Schluchzen aus der Besenkammer könnte ein Hinweis sein. Ich muss ziemlich lange all meinen Charme aufwenden, um das Zimmermädchen zu beruhigen. Für die ersten Minuten scheint sie sich nicht so ganz sicher zu sein, wer sie eigentlich ist, was dafür spricht, dass mindestens eine der Streitparteien zeitweilig besessen gewesen sein könnte. Der positive Effekt – zumindest für Ricky – ist, dass die Erinnerung des Mädchens an das, was auch immer da genau passiert ist, zusehends verblasst. Ich gebe die mütterliche Detektivin und lenke sie mit Fragen über ungewöhnliche Ereignisse ab, bei denen sich Leute ebenfalls untypisch verhalten haben. Cal scheucht derweil den kleinen Latino auf sein Zimmer und rät ihm, sich in nächster Zeit möglichst unsichtbar zu machen.
Alles, was dem Mädchen einfällt, ist dass Mr. Marcus, der Verstorbene aus der Sauna, einen Streit mit seiner Frau hatte. Na, das ist hier ja wohl keine Seltenheit.
Ach ja. Und vor zwei Tagen fiel ein Mann vom Dach, weil seine Frau “gestolpert” ist und ihn “versehentlich” heruntergeworfen hat. Und ich dachte, hier geht es mehr um Frauenmorde.
Die nächste Lagebesprechung halten wir in Cals Zimmer. Ein Anruf bei Archie ist fällig. Wir müssen wissen, ob es hier auch noch einen Rachegeist geben könnte, der wahllos irgendwelche Paare aufeinander losgehen lässt. Von soetwas weiß er nichts, aber er kann uns genauere Auskunft über einige der verstorbenen Damen geben.
1952 wurde Carolin Matthew von ihrem Mann im Bad erwürgt.
1972 eine Leslie M. erschossen. Ebenfalls im Bad.
In den 80ern ist eine Frau vom Dach gefallen, ihr Mann wurde verhaftet. Der Name taucht in den Zeitungen nicht auf.
Zwei der Ermordeten wurden zuhause beerdigt, eine auf dem Friedhof von Spa Town.
Einen Zusammenhang mit dem Gangster schließt Archibald aus. Nicht nur ist das Mausoleum sowohl mit christlichen, als auch einigen Voodoo-Symbolen übersät, die jeden noch so rachsüchtigen Geist dort halten, wo er hingehört, sondern Rafael Lopez wurde auch bereits verbrannt. Mit Salzzugabe.
Cal ruft nochmal Taylor, die Tochter seines Kumpels an, die ihn hierher geholt und vor meiner Ankunft schon mit Infos gefüttert hat. Die scheint aber mehr daran interessiert zu sein, ihn privat zu treffen und trägt weiter nichts zu unserer Erhellung bei, als affektiertes Kichern und kindische Anzüglichkeiten. Naja, Narben machen eben interessant.
Da Schwimmen ermüdend ist und eine Mütze voll Schlaf der detektivischen Phantasie noch nie geschadet hat, lassen wir es für heute darauf beruhen.

Beim Frühstück platziere ich mich in guter Sichtlinie zu dem Graumelierten und seiner viel zu jungen Frau. Nun gut, sie hat etwa mein Alter. Sie knabbert lustlos an irgendwelchem Grünzeug. Bestimmt ist es schrecklich gesund. Ihre Körpersprache sagt mir ganz klar, dass sie gekränkt ist. Und, dass er sie wahrscheinlich schlägt. Er tut demonstrativ desinteressiert und sucht stattdessen meinen Blick. Ich stürze mich genüßlich auf Rührei und Speck. Und Pancakes mit Preiselbeermarmelade von einer lebensbedrohlichen Süße. Und Waffeln.
Auch Caleb ist das Paar ins Auge gestochen. Ich teile seinen Verdacht, dass wir hier unser nächstes Mordopfer sehen. Fragt sich nur, wer von den beiden wen umbringen will. Er stiftet mich an, den Eye-Fuck mit dem Typen zu intensivieren und das Gespräch zu suchen. Er will sich um die Frau kümmern. Genau. Cal, der Frauentröster. Ich kann mir vorstellen, wie das ausgeht.
Noch während wir planen, bekommt der Mann von seiner Frau eine volle Kaffeetasse an den Kopf. Sie rauscht davon, er will ihr folgen und fällt auch noch über einen Stuhl. Cal grinst. Ich gebe mir die allergrößte Mühe, erschreckt und mitleidig zu wirken. Man will ja nicht aus der Rolle fallen.

Mein Telefon klingelt. Es ist Professor Archie. Er hatte einen Einfall.
Vor sieben Jahren war hier ein Privatdetektiv, ein Mitchell Murphy, der entweder ein gewiefter Einmietbetrüger war oder ebenfalls verschwunden ist. Die Polizei hat ein Weilchen nach ihm gesucht. Auch ein zweiter Detektiv konnte keine Spur von ihm finden. Murphy – ich frage mich, ob es etwas zu bedeuten hat, dass so viele an diesem Fall Beteiligte Namen mit “M” haben, oder ob es nur die Ironie des Schicksals ist – hatte den Auftrag, auf die Schwester eines Klienten aufzupassen. Deren Verhältnis zu ihrem Ehemann kam dem Klienten seltsam vor. Die Frau ist verschwunden, als Murphy noch im Hotel war. Gerüchteweise könnten sie auch zusammen durchgebrannt sein. Um den Mann der Schwester wurde es still.

Ich wälze noch den Gedanken herum, ob es sich bei allen mörderischen Männern um den gleichen “M” in verschiedenen Inkarnationen gehandelt haben könnte, als ich mich wieder in den Pool mit der Tropenbar begebe, gut sichtbar im signalroten Badeanzug. Nur an der Oberweite und der Tiefe des Ausschnitts fehlt es mir zum Baywatch-Babe. Der Strawberry Daiquiri schmeckt auch gar nicht so übel für einen süßen Cocktail. Die Margarita ist zum Niederknien! Ich bin noch nicht zur Hälfte um den Salzrand herum, da kommt auch schon der von mir Erwartete. Eine kleine Bugwelle kündigt ihn an. Sam Evans, so heißt er. Das war es dann mit meiner Theorie zu “M”. Er ist Texaner, geboren allerdings in Frankreich. Europa liebt er. Wie alle Amerikaner. Nein, seine Gattin hasst es. Besonders die Deutschen und Franzosen. Ich denke mir, dass sie bestimmt spätestens jetzt auch etwas gegen Briten hat. Es ist gerade schwierig. Ach? Sie sind im verflixten siebten Jahr. Ich heuchle Überraschung.
Vom Poolrand, augenscheinlich schlafend, beobachtet uns Cal. Etwas weiter entfernt turnt Ricky durch irgendwelche Blumen und gibt vor, zu gießen. Corine, die Entstellte, ist entweder nicht da oder eine Meisterin der Tarnung. Ich tippe auf letzteres.
Vom anderen Rand des Pools kommt ein wütendes Aufstampfen, gefolgt vom Schlappschlappschlapp der hier allgegenwärtigen Reflexzonenlatschen. Schon wieder die Frau. Sam seufzt tief und folgt ihr. Cal ist schneller, er muss nicht erst zur Treppe schwimmen. Dass der Jäger seiner Frau folgt, fällt Sam nicht auf. Er ist zu erpicht darauf, beim Schwimmen seine wohlgeformten Muskeln spielen zu lassen. Darin ist er gut. Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass er seine Angetraute mit diesen Armen aller Wahrscheinlichkeit nach vertrimmt.
Gerade als die Flüchtende, mit Cal dicht auf den Fersen, außer Sicht gerät, taucht Corine auf. Sie müht sich sichtlich, eine Liege an ihren rechten Platz zu schleppen. Dabei stellt sie sich so ungeschickt an, dass sie Evans für ausreichend lange Zeit den Weg versperrt, dass er die Verfolgte aus den Augen verliert. Geschickt.

Später erzählt mir Cal, dass die liebe Ehefrau sich bei ihm bitterlich über die mangelnde Aufmerksamkeit beschwert hat, die sie von ihrem Mann bekommt. Das Spiel mit der Eifersucht sei für ihn eine Jagd, bei der Sam der Tiger sei und sie das Reh. Sehr malerisch. Waren auch ihre Worte, nicht Cals. Ich armer Lockvogel fühle mich schon ganz arg bedroht.

Als ich wieder an der Dämonenbar vorbeikomme, erkenne ich Taylors hohes Lachen. Sie unterhält sich mit dem Dämon von vorhin, der einen Arm um ihre Hüfte geschlungen hat. Ich bleibe so abrupt stehen, dass die lila Lady fast in mich hineinläuft. Entrüstete Laute. Klingt wie Schnarchen. Sie sollte mal was mit ihren Nebenhöhlen machen. Ein Aufenthalt am Meer oder so. Weit weg von hier.
Der Dämon sieht mich, starrt ein bißchen zurück. Grinst und zieht Taylor enger an sich heran. Reiz mich ruhig, Höllendiener! Ich forme mit den Lippen lautlos die ersten Worte eines Exorzismus. Er bleckt die Zähne. Einer der Japaner taucht neben ihm auf, blafft irgendwas, worauf der Dämon ihm folgt, brav wie ein Hündchen. Im Gehen, dreht er sich nochmal zu mir um. Es fehlt nicht viel und er macht dieses alberne “Ich-seh-dich”-Zeichen, dass bei den Kindern dieser Tage so beliebt ist. Taylor steht plötzlich alleine da und guckt verdattert von ihm zu mir und zurück. Ich winke sie heran. “Halt dich von dem Pack fern. Das sind Dämonen.” Wenigstens ist sie schlau genug, blass zu werden. Hat also doch Überlebenschancen. Ich lasse sie stehen. Diese Bar macht mir Gänsehaut.

Vor dem Mittagessen gehe ich eine Runde meinen Frust wegjoggen. Dämonen. Tanuki. Dampfgeister. Rachegeister. Man soll wirklich vorsichtig sein, was man sich wünscht. Eigentlich sollte ich Cal bescheid geben, dass da in der Tat Dämonen sind, und Verstärkung rufen. Aber was passiert dann? Genau. Sehr viel Blutvergießen. Nein, solange ich nicht anders für die Sicherheit der Gäste sorgen kann, werde ich keinen Krieg lostreten. Wenn sich herausstellen sollte, dass die Dämonen hinter den verschwundenen Frauen stecken, sieht das schon wieder anders aus. Doch so weit bin ich noch nicht.

Im Speisesaal sitzen Mr. und Mrs. Evans einträchtig beisammen. Ganz offensichtlich hat Sam seinen Charme spielen lassen, um seine Frau wieder milde zu stimmen, er gießt ihr Wein nach, unterhält sich lächelnd mit ihr, ist generell sehr aufmerksam. Es wirkt. Als er ihr etwas ins Ohr flüstert, kichert sie nervös, streicht sich durch die Haare. Ein Anflug von Röte überzieht ihre Wangen. Steht ihr.
Noch vor dem Dessert zieht er sie von ihrem Stuhl, greift sich einen bereitgestellten Picknickkorb und verlässt mir ihr das Hotel. Das könnte jetzt interessant werden. Cal ist bereits aufgesprungen.

Wir folgen dem Paar in den Wald. Aus sicherer Entfernung beobachten wir durch eine Hecke, was sich auf der Picknickdecke abspielt. Sam zieht eine Flasche Wein aus dem Korb, schäkert, füttert seine Frau mit Süßigkeiten, gibt ganz den reuigen Sünder und pinselt ihr recht fleißig Honig ums Mäulchen. Und die dumme Pute fällt voll darauf herein. Sie schmilz regelrecht dahin. Warum spielt sie nicht wenigstens ein paar Minuten die Spröde? Es ist kaum auszuhalten. Als die beiden sich ihrer Kleider entledigen, schüttelt auch Cal den Kopf. Also, ernsthaft? Dafür war ich jetzt gut? Dem Mann wieder die Augen für die Vorzüge seines Weibchens zu öffnen? Und das war es jetzt?
Nein, war es nicht, etwas tut sich. Während Sams Bewegungen kraftvoller werden, beginnt er… zu schimmern? Was tut er? Ich kann es nicht anders sagen: Er leuchtet. Blau. Und sein Bart wächst. Bis gerade eben war er noch glatt rasiert. Eindeutig. Sein Bart wächst. Und auch der schimmert blau. Aus seiner Frau hingegen scheint alle Energie zu weichen. Sie hängt in seinen Armen wie eine leblose Puppe. Von hier aus sieht es gar aus, als würde sie kleiner werden. Cal flucht und springt hinter dem Gebüsch hervor. Ich stürze hinterher.
Wirklich? Blaubart? Wir haben die Wahl zwischen einer Horde Dämonen, einem Rudel Tanuki, Dampfgeistern, toten Gangstern, Indianern, einem Bären und was weiß ich noch allem, und wir suchen uns eine Märchenfigur aus? Wir sind schon ein tolles Team. Na gut. Märchen haben ihren Sinn. Sie sollen eine leicht verständliche Warnung sein, für alle, die Ohren haben, zu hören. Zum Beispiel an die Weiber, vor den tyrannischen Ehemännern, die ihre Frauen drangsalieren und dann umbringen, wenn sie nicht mehr folgsam sind.
Caleb leert sein Magazin in Evans, doch es passiert so gut wie nichts. Der Kerl butet zwar blau, doch ansonsten beeindrucken ihn die Kugeln nicht sonderlich. Er lacht. Dann richtet er sich auf und steht da wie ein bösartiger Dr. Manhattan. Nur bärtiger. Gleich geht es uns an den Kragen. Das Blondchen liegt wie ausgeleert zu seinen Füßen. Aber siehst du, Charles, manchmal habe ich dir doch zugehört. Und jetzt ist sogar dein Ehering nochmal zu etwas gut, den ich in Wirklichkeit nämlich gar nicht verloren habe. Ich reiße mir die Kette vom Hals und drücke Cal das goldene Rund in die Hand. Er ist einfach kräftiger als ich. Er starrt seine Hand an. Starrt mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle. “Ehedinge,” bringe ich hervor, als mir die Absurdität der Situation bewusst wird. “Er ist empfindlich gegen Jungfräulichkeit und Ehekram.” Mit ersterem kann ich nicht dienen. Das sollte Cal wissen. Er nickt. Der Ring passt gerade so auf seinen kleinen Finger. Es ist ein langer, harter Kampf. Nur weil ihn das Gold verletzten kann, geht ein Ritter Blaubart noch lange nicht beim ersten Schlag in die Knie. Aber der zähere Kämpfer ist Fisher. Er lässt sich nicht davon beeindrucken, dass Evans größer und muskulöser ist, verlässt sich einfach auf seine Geschwindigkeit und einen miesen, dreckigen Kampfstil, dem der Herr Ritter nichts kreatives entgegenzusetzen hat. Und Wut. Irgendetwas an Blaubart hat da einen Knopf gedrückt. Ich will lieber nicht so genau wissen, welchen. Nach einer Ewigkeit ist das, was einmal Sam Evans aus Texas war, zu einer Masse aus blauen Klumpen zerdroschen, die sich schnell auflöst. Hinter der toten Frau erscheint flimmernd eine Gestalt. “Mitchell Murphy?” Der verschwundene Detektiv. Er tippt sich grüßend mit zwei Fingern an die Stirn. Jetzt, wo der Frauenmörder tot ist, scheint seine Aufgabe erledigt zu sein. Er beugt sich zu Mrs. Evans, drückt auf ihre Brust. Sie schnappt nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ich beeile mich, ihr beizustehen. Er geht davon. Ich glaube, in Wirklichkeit ist es nur die Sonne, die mich blendet, und kein überirdisches Licht. Mir fällt auf, dass Charles mir ganz sicher nie irgendetwas über Märchenfiguren erzählt hat. “Danke,” murmle ich in die Richtung des Lichts.
Wir erfinden für die Polizei eine Geschichte, in der ich Sam Evans dabei ertappt habe, wie er sich über seine vermeintlich tote Frau beugte, von ihm angegriffen und von Cal gerettet wurde. Evans sei entkommen, erzählen wir. Man wird ein bißchen nach ihm suchen, bis man zu dem Schluß kommt, dass er längst über alle Berge ist. Wenn Mrs. Evans klug ist, lässt sie ihn so bald wie rechtlich möglich, für tot erklären und sucht sich einen jungen hübschen Burschen, der zwei Köpfe kleiner ist als sie.
Cals Hand sieht übel aus. Vom vielen Zuschlagen ist sie geschwollen und blutig. Cals Blut. Das Blaue hat sich schon aufgelöst. Er bekommt den Ring nicht mehr vom Finger. Da muss ein Arzt ran. Ich sage ihm, dass er sich keinen Kopf darum machen muss, ob der Ring die Prozedur heil übersteht. Den kann er mir bei Gelegenheit wiedergeben.
Als wir zurück ins Hotel kommen, sind alle Dämonen am Aufbrechen. Ein paar werfen uns finstere Blicke zu. Ich suche den Blick dessen, der Taylor begrapscht hat. Wir zwei sehen uns noch.
Die Tanuki reisen auch ab. “Komische Party” knarrt einer. Die anderen bellen zustimmend. Wenn ich die nie wiedersehe, ist es auch noch zu früh.
Also, mich hält hier auch nichts mehr. Wellness ist nichts für mich. Wo hat eigentlich James die ganze Zeit gesteckt? Wie auf Knopfdruck steht er neben mir. Ich rege an, dass er unsere Koffer packt. Cal will noch ein paar Tage Spa dranhängen. Soll er. Hat er sich verdient. Seine Leute auch. Die haben beide auf ihre Art Potential. Der Abschied fällt kurz und knapp aus. Als wir abziehen, winkt uns die Lady in Lila seufzend nach. Ich glaube, ich sehe nicht recht. Warum… Oh. James! Du alter Schwerenöter!

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Timberwere

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