Mädchenkram - Supernatural

Spuk in der Ewan Street

Lyle, Jonathan, Aria

Lyle war immer noch in Chicago. Eigentlich gefiel es ihm ganz gut hier, vor allem das Museum, aber er verstand die Leute nicht, die über die angebliche Sommerhitze stöhnten. Auf der Farm war es viel wärmer gewesen.
Sein letzter Job in einer Schreinerei war erledigt. Jetzt dachte er darüber nach, ob er noch eine Weile hier bleiben und sich einen neuen Job suchen oder ob er weiterziehen sollte. Kalifornien hatte ihn schon lange gereizt – angeblich war es ein übler Sündenpfuhl, das machte ihn neugierig.

Auf dem Heimweg kam er an einem Mädchen vorbei, das in einem Container nach Essen suchte. Sie fiel ihm auf. Er wusste nicht genau, warum, aber er hatte ein seltsames Gefühl bei ihr. Es fühlte sich ein wenig an wie ein Geist, aber sie war quicklebendig. Sonst hätte sie kaum nach Essen gesucht.
Also sprach Lyle sie an. Er wusste, dass in der Nähe ein Walmart war, da fand man in den Müllcontainern häufig ganz gutes Essen. Das hatte er auch schon gemacht, bevor er den Job in der Schreinerei bekam. Das Mädchen war in seinem Alter, dünn und misstrauisch. Da machte Lyle ihr keinen Vorwurf, er wusste, dass es merkwürdige Leute auf der Straße gab. Aber sie bedankte sich und zuckelte zum Walmart weiter.
Nein, das ließ Lyle nicht los. Diskret folgte er ihr in einigem Abstand, beobachtete, wie sie ein paar Lebensmittel aus dem Container rettete, und sah dann, dass sie in einem alten Haus in der Ewan Street verschwand. Als er vor dem Haus stand, merkte er, dass er das seltsame Gefühl, das er bei dem Mädchen hatte, auch bei dem Haus empfand, nur viel stärker. Er konnte es nicht recht einordnen, aber es fühlte sich wohlwollend an. Ein freundlicher Geist? Gab es so etwas? Lyle war sich nicht sicher.

Das Mädchen hatte gemerkt, dass Lyle vor ihrem Haus stand. Gut, es war vermutlich nicht ihr Haus – im Vorgarten stand ein „Zu verkaufen“-Schild – aber sie wohnte bestimmt dort.
„Hey“, sagte sie. „Was machst du denn hier?“ Lyle versuchte, ihr zu erklären, dass da etwas in dem Haus war. Nichts Schlimmes, vielleicht sogar etwas Gutes. Das Mädchen machte ein skeptisches Gesicht, lud Lyle aber ein, hereinzukommen und sich umzusehen.
Drinnen stellte er fest, dass da wirklich ein Geist war. Aber ein harmloser, der nicht einmal versuchte, Besitz von ihm zu ergreifen. Das war gut, und Lyle entspannte sich wieder.
Er kam mit dem Mädchen ins Gespräch. Sie hieß Aria und war etwa in seinem Alter. Er erzählte ihr, dass er gerade bei der Evangelikalen Jugend von Illinois übernachtete, in einem Heim für obdachlose Jugendliche. Das war soweit auch ganz in Ordnung, es gab einfaches Essen und gute Duschen, aber die Heimleiter erwarteten, dass die Jugendlichen regelmäßig zur Gebetsstunde kamen. Auch vor dem Essen wurde gebetet. Das war nicht weiter schlimm, aber es erinnerte Lyle ein bisschen an die Farm. Da musste er auch ständig beten.
Aria lud ihn ein, in dem Haus zu übernachten. Eine Dusche gab es jedenfalls, und beten musste er nicht. Lyle zögerte nicht lange und nahm die Einladung an.

Später, nachdem er seinen Rucksack geholt und sich im ersten Stock ein bisschen eingerichtet hatte, sah Lyle noch einmal aus dem Fenster. Draußen stand ein dunkler Wagen, aus dem eine vertraute Gestalt ausstieg. Jonathan Saitou? Hier? Hatte der Agent nicht gesagt, er müsste wieder nach Washington zurück?
Aber das kümmerte Lyle nicht. Er stürmte die Stufen hinunter und begrüßte Jonathan überschwänglich. Wie immer hatte er dieses seltsame, aber nicht unangenehme Gefühl in der Magengrube, wenn er den FBI-Agenten sah. Das war vermutlich Dankbarkeit. Obwohl er das bei Mr. Blackwood nicht so empfunden hatte. Eigenartig.

Jonathan schien sich zu freuen, Lyle zu sehen. Er war hier, weil er Fälle von Brandstiftung untersuchte. Möglicherweise arbeitete eine Immobilienfirma mit unsauberen Mitteln, um Leute aus ihren Häusern zu bekommen und Grundstücke günstig aufzukaufen. Eine Mitarbeiterin dieser Firma hatte dem FBI-Agenten im Vertrauen den Tipp gegeben, sich in der Ewan Street umzuschauen – möglicherweise würde da demnächst etwas passieren.
Natürlich wollte Lyle Jonathan helfen. Deswegen überredete er Aria, mit dem Agenten zu reden. Tatsächlich fiel dem Mädchen etwas zu der Sache ein: Vor einigen Tage war ein Makler in dem Haus gewesen, zusammen mit einem unheimlichen Mann. Sie konnte nicht sagen, was so unheimlich gewesen war, aber etwas hatte sich falsch bei ihm angefühlt. Jonathan nahm die Beschreibung des Maklers auf, den anderen hatte Aria nicht so genau gesehen.

Nachdem sie wieder ins Haus gegangen war, fragte Jonathan Lyle nach Geistern. Konnte man Geister von einem Ort zum anderen bewegen? Lyle lächelte, weil sich geschmeichelt fühlte. Endlich gab es etwas, bei dem er helfen konnte.
„Ja, das geht schon“, sagte er. „Manche Geister sind auf Gegenstände fokussiert, wenn man die wegbringt, folgt der Geist. Andere Geister haben einen weiteren Umkreis, in dem sie sich bewegen können. Vielleicht kann ein mächtiges Medium einen Geist sogar gegen seinen Willen aufnehmen und mitnehmen.“ Das wusste er nicht genau, aber in einem sehr kleinen Rahmen hatte er so etwas ähnliches schon einmal gemacht. Das erzählte er aber nicht, er wollte ja nicht angeben. Besonders angenehm war das ohnehin nicht gewesen.

Jonathan fuhr weg, um weitere Nachforschungen über das Erskine House anzustellen, in dem Lyle und Aria übernachteten. In der Zwischenzeit kamen die beiden Jugendlichen ins Reden: Lyle erzählte ein wenig von der Farm und den Weisen von Endor. Er erfuhr, dass Aria von ihrer Mutter aus Australien abgehauen war und ihren Vater suchte. Ersteres konnte Lyle verstehen, letzteres eher weniger. „Meinst du nicht, dass du ohne Familie besser dran bist?“, fragte er. „Ich will halt nicht ewig von der Hand in den Mund leben“, gab Aria zurück. „Du könntest dir einen Job suchen“, meinte Lyle. „In einem Starbucks oder einer Näherei oder als Tagelöhner. Die wollen häufig gar keine Papiere sehen oder lassen sich vertrösten.“ So machte er das immer. Gut, viel verdiente er damit nicht, aber genug, um nicht zu betteln oder im Müll zu wühlen. Aria schaute nachdenklich.

Knapp zwei Stunden später rief Jonathan an. „Habt ihr Lust, euch mit mir im Taco Bell zu treffen?“ Was für eine Frage! Weder Aria noch Lyle würden eine freie Mahlzeit ablehnen. Eine Viertelstunde später saßen sie zusammen und Jonathan erklärte den beiden, was er über das Erskine House herausgefunden hatte: Vor 25 Jahre war Harry Erskine an seinem Hochzeitstag durchgedreht und hatte seine Frau Susan ermordet. Das hatte er auch zugegeben. Er war in die Psychiatrie eingewiesen worden, befand sich aber seit kurzem wieder auf freiem Fuß.
Nachdem sie kurz darüber gesprochen hatten, sah Jonathan Lyle an und fragte: „Was ist eigentlich mit dem Geist in dem Haus? Meinst du, der hat etwas damit zu tun?“

Aria sah ihn perplex an. „Geist?“, fragte sie überrascht. „Sie… sie glauben auch an diesen Kram?“

Jonathan schaut erstaunt zu Lyle. Der zuckte die Schultern. Er hatte versucht, es Aria zu erklären. Vielleicht glaubte sie es ja jetzt. Aber scheinbar war die Sache Jonathan peinlich, denn er sah ein bisschen ertappt aus.

Kurz nach dem Essen kehrten Aria und Lyle zum Erskine House zurück und legten sich schlafen, selbstverständlich nicht im selben Zimmer. Aber mitten in der Nacht wurde Lyle wach. Irgendjemand schlich ums Haus herum. Als er vorsichtig zur Tür ging, traf er Aria. „Es ist jemand im Haus“, flüsterte sie aufgeregt. Bevor beide nach unten schlichen, zückte Lyle noch sein Handy und schrieb Jonathan hastig eine Nachricht. Auf Rechtschreibung achtete er diesmal nicht, er hoffte nur, dass etwas Verständliches ankam.
Aber noch auf der Treppe spürte Lyle eine geisterhafte Berührung. Sorge. Angst. Das Bewusstsein, dass da ein Monster lauerte und kein Mensch. Hektisch zog er Aria mit sich nach oben in sein Zimmer und streute eine breite Salzspur vor die Tür. „Das hilft gegen Geister“, sagte er ihr.
Aria war skeptisch, aber seine Angst schien sie überzeugt zu haben. „Sollte dann nicht auch was vors Fenster?“, fragte sie. „Nur zur Sicherheit?“
Natürlich, da hatte sie recht. Hastig streute Lyle auch dort eine Salzspur. Danach beobachteten die beiden abwechselnd die Tür und den Garten.

Endlich, nur wenige Minuten später, traf Jonathans Wagen ein. Der FBI-Agent stieg aus und betrat das Erskine House vorsichtig. Es rumpelte unten, und Lyle und Aria sahen, wie ein Mann aus der Hintertür lief, gefolgt von dem Agenten. Jetzt hielt es den Jungen nicht länger – Monster hin oder her, er musste Jonathan helfen! Er rannte los, die Treppe hinunter, durch den Flur. Kurz spürte er, wie etwas nach ihm griff, eine fremde Präsenz in seinem Geist – „ein Messer, ich brauche ein Messer“ – dann war er draußen und die Stimme verklang. War das die gleiche Präsenz gewsen, die er vorher gespürt hatte?

Als Lyle bei Jonathan ankam, hatte der den Eindringling schon gestellt. Es war Harry Erskine, der im Haus nach dem damaligen Liebhaber seiner Frau suchte. „Peter McCurtain!“, spuckte er aus. „Ich werde ihn kriegen, und dann bringe ich ihn um! Das ist mein Haus! Mein Haus!“ Er wehrte sich wütend, aber Jonathan zwang den tobenden Irren in sein Auto. Offensichtlich war Harry auch nach 25 Jahren in der Psychiatrie nicht geheilt.

Nachdem Jonathan ihn weggebracht hatte, blieben Aria und Lyle mit der Präsenz im Haus zurück. Jetzt war sie wieder friedlich, aber war da nicht ein Nachhall des Zorns, den Lyle vorher gespürt hatte? Er atmete tief durch und sagte Aria, dass sie mit dem Geist reden mussten. Das ging aber einfacher, wenn… wenn der Geist einen Mund hatte, durch den er sprechen konnte.
„Komm rein, Susan“, sagte er laut und wappnete sich, oder versuchte es zumindest. Nach kurzem Zögern war sie da. Ein sanfter Druck, dann, plötzlich, war er nicht mehr allein in seinem Körper, sondern nur noch ein Zuschauer.

Aria sprach mit Susan und fragt sie, ob sie nicht in den Himmel wollte. Schließlich war sie doch unschuldig gestorben. „Doch, schon“, sagte Susan durch Lyle. „Aber erst muss ich mich an Harry rächen!“ Darauf beharrte sie zunächst, aber Lyle sah, dass sie ihren Mann früher, vor langer Zeit, geliebt hatte. Kurz riss er die Kontrolle an sich und teilte das Aria mit.
Als das Mädchen den Geist an die Liebe erinnerte und sie fragte, ob sie Harry nicht so in Erinnerung behalten wollte, seufzte Susan. „Ja…“, hauchte sie schließlich, und Lyle sah ein blendendes Licht vor seinem inneren Auge, das den Geist an sich zog. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, als würde er mitgezogen, aber dann blieb er doch allein in seinem Körper zurück. Zitternd ging er in die Knie. Es war nicht so schlimm wie sonst, aber es war nie angenehm, ein Fremder in seinem Körper zu sein.

Die beiden Jugendlichen sprachen noch eine Weile: Über Geister, über Lyles Erfahrungen und über die Dinge, die auf der Farm passiert waren. Eigentlich redete er nicht sehr gern über diese Zeit, aber mit Aria war es einfach. Oder zumindest einfacher.

Am nächsten Morgen rief Jonathan an. Harry würde wieder in die geschlossene Psychiatrie kommen, berichtete er. Aber es gab noch ein anderes Problem: Sein Kontakt bei der Immobilienfirma hatte ihn gewarnt, dass heute etwas in der Ewan Street passieren würde. Ihr Kollege Wellesley sei darin verwickelt, hatte sie gesagt, also observierte Jonathan den Makler. Kurze Zeit nach dem Gespräch traf Wellesley in der Ewan Street ein, zusammen mit einem anderen Mann. Einem sehr unheimlichen Gesellen – das war derjenige, den Aria schon im Erskine House gesehen hatte.

Dort wollten die beiden allerdings nicht hin. Sie gingen zu einem Nachbarhaus, in dem eine alleinerziehende Mutter mit ihren fünf Kindern lebte und klopften an die Tür. Das kam sowohl Jonathan als auch Lyle und Aria merkwürdig vor, also näherten sich alle drei vorsichtig.
Sie sahen, dass ein zehnjähriges Mädchen aufmachte. Wellesley wollte ins Haus, aber die Kleine sagte ihm, sie dürfte keine Leute reinlassen. Der unheimliche Geselle trat vor, machte eine komplizierte Handbewegung und das Mädchen, das vorher noch recht forsch gewirkt hatte, kauerte sich angstvoll zusammen.
Das reichte Aria: Sie sprang dem Unheimlichen ohne Vorwarnung ins Kreuz und brachte ihn zu Fall. Lyle folgte ihr und sah, dass der Kerl vollkommen schwarze Augen hatte – er war von einem Dämon besessen! Sofort fing Lyle an, einen Exorzismus zu rezitieren und ein Stück auf Distanz zu gehen. Nicht zu weit, der Dämon musste ihn hören, aber auch nicht so nah, dass er ein leichtes Ziel für einen Angriff war.

Aria und Jonathan hielten den Besessenen am Boden fest, während Lyle sprach. Ein geistiger Angriff bescherte dem FBI-Agenten Nasenbluten, aber Aria klammerte sich eisern an ihrem Gegner fest und ließ ihn nicht auf die Füße kommen. Lyle konnte den Exorzismus ohne Unterbrechungen beenden, und der Dämon fuhr aus dem Körper seines Opfers aus. Wellesley war im Laufe des Kampfes davongerannt.

Während Jonathan einen Krankenwagen für den bewusstlosen Ex-Besessenen rief, kam das kleine Mädchen aus dem Haus und sah Aria bewundernd an. „Bist du eine Superheldin?“, wollte sie wissen. Aria verneinte das natürlich, aber Lyle sah, dass ihr das durchaus schmeichelte. Ihr Einsatz im Kampf gegen den Dämon war allerdings auch großartig, fand Lyle.

Etwas später trafen sich alle drei wieder im Taco Bell. Lyle erklärte Aria ein paar Dinge über Dämonen – ihre Schwächen, wie man sie erkennt, wie man sie austreibt.
Dann brachte Jonathan das Gespräch auf Elder Winters. „Die Verhandlung beginnt demnächst“, sagte er. „Die Beweise sind wasserdicht, da sollte eigentlich nichts schiefgehen… wenn sich da kein übernatürlicher Einfluss einmischt. Ich und Mr. Blackwood versuchen, das auszuschließen, aber garantieren kann ich das nicht.“
Das traf Lyle hart. Der Gedanke, Elder Winters wieder zu treffen, war wie ein Schlag in die Magengrube. Natürlich konnte der einen Dämonen rufen, wenn er Lust dazu hatte. Oder Geister, die ihn unterstützen würden. Jedidah, zum Beispiel. Wie war Lyle auf die Idee gekommen, er wäre sicher vor ihnen? Panik stieg in ihm auf. „Aber du hast doch gesagt…“, fing er mit schwacher Stimme an. Tatsächlich war er den Tränen nahe. Hatte Jonathan eine Ahnung, was Elder Winters mit ihm machen würde, wenn er Lyle wieder zu fassen bekam? Gewaltsam verdrängte der Junge die Erinnerung an seinen älteren Bruder, der sich dem Elder widersetzt hatte.
Jonathan sagte etwas, das Lyle nur halb verstand. Es klang beruhigend, aber was konnte der FBI-Agent schon machen? Lyle sprang auf und rang mühsam um Fassung.
„Alles okay“, sagte er mit aufgesetzter Munterkeit. „Ich… ich brauche etwas frische Luft.“

Er griff seinen Rucksack und rannte nach draußen. Und rannte, und rannte, bis er erschöpft war, holte ein wenig Atem und rannte dann weiter. Rannte, bis er zu einer großen Straße kam, bis er jemanden fand, der ihn mitnahm, weg von hier, weg von allem und vor allem weg von den Erinnerungen und weg von der Angst vor der Zukunft.

Comments

Timberwere

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.