Mädchenkram - Supernatural

The Guardian of Leavenworth

When I try rewind I can’t design,
a way to go back to that place and time
I remember that moment
that changed everything I know
Everything I know

(I Prevail – Lifelines)

Noch immer gingen Niels die Worte seiner Tante Delia im Kopf herum. Er hatte mit einem lockeren Verwandtenbesuch in New York gerechnet, mit einem besseren Kennenlernen seiner Tante und ihrer Eltern. Niels hatte nie Großeltern gehabt, Korbinian Heckler war ebenso wie seine Frau vor der Geburt seiner Enkel gestorben. Deshalb, und auch, weil die weltgewandten und liberalen Jamesons so anders waren als seine Familie, hatte er Cedric und Deirdre gleich ins Herz geschlossen, und sie ihn. Schon kurz nach seiner Ankunft hatten sie ihm angeboten, sie mit Vornamen anzusprechen, und ihm bedeutet, dass er in ihrer Familie willkommen war.

Bis Delia die Bombe hatte platzen lassen.

Die Briefe lagen zusammengefaltet in seiner Zeichentasche, er hatte sie gefragt, ob er sie behalten durfte. Er hatte es bisher nicht übers Herz gebracht, irgendwem davon zu erzählen, irgendwie redete er sich ein, wenn er es nicht tat, dann wurde es nicht wahr. Auch Chloe, die neben ihm saß und sich versonnen die Landschaft ansah, hatte er nichts gesagt. Er überlegte, mit Lyle darüber zu reden, aber sein Freund reagierte immer etwas seltsam, wenn es um Familienangelegenheiten ging, hatte er den Eindruck.

“Wie hieß unser Hotel nochmal?” wollte Chloe jetzt wissen und holte Niels aus seinen Gedanken. “Da liegt ein Flyer,” antwortete er, während er auf die Straße nach Leavenworth einbog. Seine Kommilitonen hatten ihn immer damit aufgezogen, dass es in dem kleinen Ort in Washington ein Oktoberfest gebe, und er dringend dorthin musste. Als Lyle ihn darauf angesprochen hatte, hatte er beschlossen, dass er diesen Besuch schnell hinter sich bringen musste, damit Will und Jimmy endlich Ruhe gaben. Noch vor ein paar Wochen hätte er sicher tausend Ausflüchte gefunden, um das Fest nicht besuchen zu müssen, denn er war nicht 8000 Kilometer weit geflogen, um sich wieder in Bayern zu finden. Aber jetzt war es irgendwie anders, er freute sich darauf, Chloe und Lyle ein Stück seiner Heimat zu zeigen.

Schon von weitem waren die Werbebanner deutscher Brauereien zu sehen, und Niels musste grinsen. Endlich wieder normales Bier. Er bog auf den Hotelparkplatz ein und parkte den Kombi. Chloe stieg aus und begann sofort, Fotos zu machen, während Niels ihr Gepäck aus dem Kofferraum holte. Als er nach seiner Zeichentasche griff, verrutschte die Decke, unter der seine Waffen lagen. Kurz wurde der Blick auf die Winchester frei, und Niels fielen Felicitys Worte ein.

Ich dachte, du solltest die haben. Hat meinem Vater gehört, und ich könnte mir keine besseren Hände dafür vorstellen.
Natürlich nicht.

Schnell schlug er die Decke wieder zurück. “Was war das?” wollte Chloe wissen, aber Niels wiegelte ab. “Familienerbstück,” sagte er schnell. Immerhin entsprach das der Wahrheit, und mehr musste sie in diesem Moment nicht wissen. “Gehen wir uns noch etwas den Ort angucken?” fragte er dann. Er musste auf andere Gedanken kommen. Sie nickte eifrig und hielt ihre Kamera hoch. Obwohl ihm nicht danach war, musste Niels lachen.

Leavenworth war ein winziger Ort, der während jedes Oktober-Wochenendes gefühlt das Zehnfache seiner Einwohnerzahl beherbergte. An jeder Ecke gab es bayrisch anmutende Musik zu hören, Trachten wurden ausgeführt, und alles war in Weiß und Blau gehalten. Niels entdeckte bei ihrem Streifzug sogar ein Tattoostudio, das von einem Ehepaar mittleren Alters geführt wurde. Das ganze Häuschen war ebenfalls bayrisch geschmückt, so dass es erst auf den zweiten Blick auffiel. Niels blieb kurz stehen, und Chloe sah ihn lächelnd an. “Willst du..?” begann sie, aber er wiegelte ab. “Gerade nicht. Hab dir doch vorhin das neue gezeigt.” Auf seiner rechten Wade standen jetzt die Worte “Panta rhei”. “Dann lass uns weitergehen. Ich will irgendetwas echt bayrisches probieren. Und Fotos machen,” erklärte Chloe und zog ihn weiter. “Diese Weißwurst… wo gibt es die?” wollte sie dann wissen, und Niels begann, ihr wortreich zu erklären, dass es abends keine Weißwürste gab in Bayern. Seine düsteren Gedanken waren fürs erste vergessen.

Am nächsten Tag gingen sie los, um das Festgelände und damit Lyle zu besuchen. Der junge Mann arbeitete bei einer Craftbeer-Brauerei namens “Sierra Nevada” und hatte Niels vor einigen Wochen eine Email geschickt, ob sie sich nicht treffen konnten. Seit der Sache in New Hampshire hatten sie sich nicht mehr gesehen.

Ein Schild am Eingang des Geländes wies darauf hin, dass keine Waffen erlaubt waren, aber die Luger lag neben der Winchester im Kofferraum des Kombis. Niels hoffte inständig, dass er weder die Pistole noch die Schrotflinte doch brauchen würde, aber die Erfahrung hatte ihn schon oft eines besseren belehrt. Dennoch wollte er sich auf keine Diskussion am Eingang einlassen, im Gegensatz zu Chloe. Sie war aufgefordert worden, ihre Kamera abzugeben, was sie gar nicht gerne tat. Niels wusste, dass die Kamera für Chloe quasi ein Teil ihres Selbst war, ähnlich wie seine Waffe für ihn. Sie versuchte verzweifelt, den Wachmann davon zu überzeugen, dass sie doch einen Presseausweis besaß, aber anscheinend war es der falsche Verband, oder der Wachmann war der Überzeugung, dass New Yorker Ausweise hier nicht galten. Sie musste ohne ihre Kamera aufs Gelände.

Lyle wartete bereits auf Niels an einem der Gebäude, und zu Niels’ Überraschung war er nicht allein. Ein hochgewachsener Mann mit rotblonden Haaren und Bart stand bei ihm, er trug einen Anzug und wirkte seltsam vertraut. Niels war sich jedoch sicher, den Mann noch nie gesehen zu haben, bis er näher kam und ihn nun von oben bis unten mustern konnte. Der Mann betrachtete ihn ebenfalls von unten nach oben, dann verzog er einen Mundwinkel zu einer Art Grinsen. Niels war irritiert. “Kennen wir uns irgendwoher?” fragte er, denn er wurde das Gefühl nicht los, diesen Mann schon mal gesehen zu haben, aber er wusste beim besten Wille nicht, wo.

“Ja, das tun wir,” sagte der Rothaarige jetzt zu Niels’ Erstaunen. “Hank Williams, du erinnerst dich? Aus dem Casino?” Niels nickte langsam, denn er hatte das Gefühl, dass ein Eimer Eiswasser über ihm ausgekippt worden war.

Ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Vorhin hattest du noch andere Klamotten an, aber benommen wie ein Maus auf Ecstasy hast du dich da auch schon. Subtil ist anders.
Reden ist ja nicht so deine Stärke
Hier ist meine Visitenkarte. Meld dich mal, wenn du Hilfe brauchst und Eloquenz gefragt ist

Dieses verfluchte Casino. Er hatte dort nicht nur Bart Blackwood und Natalie kennengelernt, nein, auch Hank Williams – oder wie dieser Mann auch immer heißen mochte – war dort gewesen. Eine Bekanntschaft, die Niels nicht vertiefen wollte, zu sehr hatte ihn der Cowboy damals auflaufen lassen und ihm versucht klarzumachen, dass er eigentlich nur ein grüner Junge war. Der Gipfel dieser Provokationen war ein Kinnhaken von Niels gewesen, durch den er beinahe des Casinos verwiesen worden war.
“Ich erinnere mich,” presste Niels zwischen den Zähnen hervor. Dann betrachtete er den Mann noch einmal. Er war sich sicher, dass Hank weder einen Bart noch blaue Augen gehabt hatte. “Ich war undercover da,” erklärte der Mann jetzt, als habe er Niels’ Gedanken gelesen. “Aha,” machte Niels nur. Das war eine ziemlich billige Erklärung dafür, dass er Niels so an der Nase herumgeführt hatte. “Und wie heißt du wirklich?” fragte er dann, denn er war sich sicher, dass auch der Name “Hank Williams” Teil der Scharade gewesen war. “Flann Breugadair. Freut mich.” Er hielt Niels eine Hand hin, und der schlug widerwillig ein. Erfreut war er über diese Begegnung keinesfalls.

Jetzt kam Chloe hinzu, der Wachmann hatte ihr trotz allem nicht erlaubt, ihre Kamera mitzunehmen. “Hallo!” begrüsste sie jetzt Flann, und Niels zog eine Augenbraue hoch. Wen kannte Chloe eigentlich nicht? Bei Gelegenheit musste er sie nach Bart und Irene fragen, mit Sicherheit waren sie auch keine Unbekannten für sie. Flann schien froh zu sein, dass Chloe da war, er begrüsste sie ein wenig zu überschwenglich. Dann erkundigte er sich nach ihrer Kamera, und als er hörte, dass sie sie nicht hatte mitbringen dürfen, winkte er einen jungen Mann in Niels’ Alter heran und sprach kurz mit ihm. Der junge Mann nickte, und gemeinsam mit Chloe verschwanden sie in Richtung Eingang.

Lyle hatte die ganze Szenerie mit großen Augen beobachtet. “Flann ist jetzt beim FBI,” informierte er Niels, “und er und der andere Polizist” – damit meinte er wohl den jungen Mann – “sind hier, um zu arbeiten.” Das war Niels herzlich egal. Er hatte gehofft, Hank oder Flann oder wie auch immer dieser Typ nun heißen mochte, und dessen Akzent so verflucht vertraut klang, niemals wieder zu sehen. Aber anscheinend gab es an jedem Ende der Welt einen Iren aus New York. “Was war das denn mit dem Casino?” wollte Lyle jetzt wissen. Niels hatte keine Lust, über diese Begegnung zu sprechen, ihm war die ganze Sache immer noch unglaublich peinlich. “Lange Geschichte. Es war nicht mein bester Tag. Ich hab mich provozieren lassen,” antwortete er kurz angebunden. Lyle schien das nicht zu genügen, aber Niels wollte nicht mehr dazu sagen. Er brauchte jetzt ein Bier. Vielleicht konnte er sich dann dieses Zusammentreffen doch noch irgendwie schöntrinken.

Lyle begleitete ihn, und wenig später kam auch Chloe dazu, die anscheinend mit Flanns Hilfe ihre Kamera bekommen hatte. Begeistert erzählte sie, wie er und sein Begleiter, Officer Jamie Schrader, es geschafft hatten, den Wachmann davon zu überzeugen, dass sie die Kamera dringend brauchte. Niels verdrehte die Augen bei ihrer Lobeshymne und trank weiter sein Weißbier. Lyle schien die Begegnung mit Flann ebenfalls verunsichert zu haben, er rutschte unruhig auf der Bank hin und her. Schließlich sagte er: “Bin ich schuld, dass immer etwas passiert? Immer, wenn ich Flann treffe?” Niels sah ihn lange an, und Lyle wurde ruhiger. Aha, er konnte es also doch, der Blick hatte seine Wirkung nicht verfehlt.

Du bist aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ich, mein Junge.

“Was ist denn bis jetzt passiert?” wollte er dann von Lyle wissen. “Oh, da war dieser Tisch in New York, bei den netten jüdischen Antiquaren, da war ein Dämon drin, aber das wussten sie nicht, und dann diese Mumie in Chicago…” Jetzt sprudelten die Ereignisse nur so aus Lyle heraus. “Kann ja auch sein, dass es passiert, wenn ich da bin.” Er grinste Lyle über den Rand seines Bierglases zu, und jetzt musste der junge Mann lachen.

In diesem Moment betrat ein dunkelhaariger junger Mann die Bühne im Festzelt und ließ sich vom Bandleader der Kapelle das Mikro geben. Mit breitem bairischen Akzent (Niels hoffte inständig, dass er für die Ohren anderer Menschen nicht auch so klang) bat der junge Mann eine gewisse Trisha auf die Bühne. Trisha kam dieser Aufforderung nach. Als sie auf der Bühne stand, fiel der junge Mann in die Knie und fragte sie, ob sie ihn heiraten wollte. Mit einem begeisterten Aufschrei nahm Trisha den Heiratsantrag an. Chloe beobachtete derweil das ganze Geschehen durch ihre Kamera, aber etwas ungewöhnliches konnte sie an dem Pärchen nicht feststellen.

Nach dem erfolgreichen Heiratsantrag musste Lyle sich wieder verabschieden. Seine Pause war vorbei, er musste wieder an seinen Stand, um zu arbeiten. Niels und Chloe blieben noch, dann schlenderten sie über das Festgelände. An einem der Souvenir-Stände kaufte Niels eine Tasse für seine Tante. Er hatte keine Ahnung, ob Delia Gefallen an bayrischen Souvenirs hatte, aber sie hatte einen Bayern geheiratet und dessen… Neffen aufgenommen.

“Lass uns zu Lyles Stand gehen,” schlug Chloe jetzt vor, nachdem sie an einem der zahlreichen Essensständen eine Kleinigkeit gegessen hatten. Niels nickte, und sie hakte sich bei ihm unter.
Der Stand von Sierra Nevada Craft Beer befand sich am anderen Ende des Festgeländes. Es war ein relativ kleiner Stand, neben Lyle arbeiteten noch zwei andere Mitarbeiter dort. Der junge Mann begrüßte sie und reichte ihnen eines der Biere der Brauerei zum Probieren. Niels winkte ab, amerikanisches Bier war ihm suspekt. Außerdem erinnerte er sich im Moment leider viel zu gut daran, was das letzte Mal passiert war, als er betrunken gewesen war. Zu seinem Glück war Flann gerade nirgendwo zu sehen.

Sierra Nevada Craft Beer hatte nicht nur einen Platz am Zaun erhalten, sondern auch nicht weit von den Toiletten. Eine Menge Leute rannten an dem kleinen Stand vorbei in Richtung des entsprechenden Schilds. Niels schmunzelte, anscheinend war dort gerade eine Menge los. Aber dann fiel ihm auf, dass die Leute nicht hin zu den Toiletten liefen, sondern von dort weg, und zwar schnellen Schrittes. Einige gaben auch Laute des Entsetzens oder sogar Schmerzensschreie von sich, und Niels stellte fest, dass er plötzlich sehr merkwürdige Assoziationen hatte. Zum Glück sahen weder Chloe noch Lyle, dass er grinsen musste. Seit wann hatte er denn so eine schmutzige Fantasie?
Chloe fiel jetzt auch auf, dass hinter ihnen etwas nicht stimmte. Sie sah durch ihre Kamera, nahm aber nichts ungewöhnliches wahr. Niels hingegen sah, dass Flann und sein Schatten Schrader auch auf dem Weg zu den Waschräumen waren. Das war für ihn mehr als genug Grund, sich nicht dorthin zu begeben.

Lyle hingegen war jetzt neugierig geworden. Seine Schicht war beendet, und Chloe hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass irgendwas am Zaun bei den Waschräumen stattfand. Also ging er schnurstracks dorthin, Chloe folgte ihm. Niels blieb am Stand zurück, er hatte keine Lust, herauszufinden, was dort vor sich ging. Er war zum Feiern gekommen, und nicht, um irgendwelche Leute bei… was auch immer zu beobachten. Aber dann gewann doch seine Neugier überhand, und er ging langsam zum Zaun. Zu seinem Unmut sprangen jetzt auch noch seine Jägerinstinkte an.

Als er Niels sah, kam Lyle sofort auf ihn zugelaufen. Er hielt etwas in der Hand, das sich bei näherem Hinsehen als Fellbüschel mit Federn entpuppte. “Weisst Du, was das ist?” wollte Lyle wissen. Niels nahm ihm das Büschel ab und begann zu lachen. Das letzte Mal hatte er so etwas vor ungefähr vier Jahren gesehen, in einer Falle mitten im Wald. Lyle sah ihn jedoch nur verständnislos an, er verstand nicht, warum Niels lachte. “Das ist Wolpertinger-Fell,” erklärte Niels jetzt, aber das schien Lyle auch nicht weiter zu bringen. Niels erzählte ihm und auch Chloe, was es mit den Wolpertingern auf sich hatte. An sich waren die Tiere harmlos für Menschen, aber beide stimmten ihm zu, dass es besser war, wenn sie nicht auf dem Gelände waren. Offensichtlich hatten sie ja auch schon bereits mehrere Besucher des Festes gebissen oder gekratzt.

“Was machen wir denn jetzt?” wollte Lyle wissen. Niels nahm aus den Augenwinkeln eine hochgewachsene Gestalt wahr, jemand, den er nicht wirklich um einen Gefallen bitten wollte. Aber es half nichts, tatsächlich konnten nur Flann und sein Lehrling etwas ausrichten. Niels biß die Zähne zusammen und ging zu dem Iren und seinem Begleiter herüber. Schrader sah ihn irritiert an, aber Flann konnte sich ein leises Schmunzeln nicht verkneifen. “Ich.. wir brauchen deine Hilfe,” presste Niels hervor. Aber statt des erwarteten dummen Spruchs nickte Flann nur und hörte sich an, was passiert war. Niels verriet ihm erst einmal nicht, dass es sich um Wolpertinger handelte, schließlich hatte er keine Lust, dass der junge Officer die falschen Fragen stellte. Offensichtlich war der junge Mann schon so nervös genug, immer wieder sah er Bestätigung suchend zu Flann herüber.

Während er Schrader bedeutete, weiterhin die Waschräume im Auge zu behalten, organisierte Flann Absperrband und Befestigungspfosten, so dass sie den Kaninchenbau, in dem Lyle und Chloe den Wolpertinger gesehen hatten, abriegeln konnten. “Vertragen Wolpertinger Alkohol?” wollte Lyle jetzt von Niels wissen. Niels verkniff sich ein erneutes Lachen, als er sich vorstellte, wie Gustav und Joseph mit dem Aufgesetzten seiner Mutter Wolpertinger jagen gingen. Wolpertinger-Jagd war im Hause Heckler etwas sehr ernstzunehmendes. Immerhin war Gustav der Hüter des Bayrischen Waldes, zumindest gab er sich gerne so, und Joseph war sein rechtmäßiger Nachfolger.

“Ich weiß es nicht, ehrlich nicht. Ich nehme mal an, sie vertragen keinen,” antwortete Niels. “Dann probieren wir es aus,” beschloß Lyle und ging zu einem der nächststehenden Bierstände. Als er zurückkam, war auch Officer Schrader dazu gekommen, er hielt sich weiterhin an Flann und beobachtete Niels und Chloe kritisch. Fragend sah er jetzt zu Lyle, der sich mit zwei Flaschen Bier und einem Schälchen näherte. Niels hoffte, dass sein junger Freund sich nicht verplapperte, aber Lyle hatte sich schon eine Coverstory ausgedacht. Gut gelaunt erklärte er Schrader, dass sie auf der Farm immer die Kaninchen betrunken gemacht hatten. Der junge Officer schien diese Erklärung zu glauben, er verabschiedete sich von der Gruppe, um weiter an den Waschräumen nach dem Rechten zu sehen.

Lyle stellte das Schälchen auf und goss Bier hinein. Kurze Zeit später sahen sie, dass die Oberfläche Wellen schlug, offensichtlich hatte das Bier den Wolpertinger angelockt, und er trank. Als das Schälchen leer war, schüttete Lyle Bier nach, und wieder kräuselte sich die Oberfläche. Hinter ihnen hörte Niels einen Mann seiner Begleiterin erzählen, dass er zwei Kaninchen mit Geweih und Flügeln gesehen hatte. Zum Glück war der Mann nicht mehr wirklich nüchtern, die Frau kicherte nur und meinte “Aber sicher doch. Du solltest jetzt mal auf Wasser umsteigen.”

“Sieh mal.” Chloe hielt Niels jetzt ihre Kamera hin, durch die sie die ganze Zeit die Szenerie beobachtet hatte. Niels warf einen Blick durch den Sucher und stellte fest, dass ein Wolpertinger begierig das Bier aus dem Schälchen schleckte, während hinter ihm ein zweites Tier zu sehen war.

Oh fuck. Die blöden Viecher vermehren sich doch schneller als sonstwas.

“Sie können nicht hier raus,” meinte Chloe jetzt und erzählte Niels, dass sie den Wolpertinger durch ihre Kamera beobachtet hatte. Das Tier war innerhalb des Geländes am Zaun entlang gelaufen, sogar dort, wo der große Eingangsbereich war. Es schien, als könnte es nicht aus dem Festgelände hinaus. Niels überlegte. Es gab Schutzzauber gegen Wolpertinger, das wusste er, das hatte sein Vater… Gustav ihn oft genug wiederholen lassen, wieder und wieder. Aber wer hatte dafür gesorgt, dass die Tiere innerhalb des Festgeländes waren? Wollte jemand dem Fest schaden?

Niels hatte eine Idee. Mit einem nur schwer unterdrückten boshaften Grinsen wandte er sich an Flann. “Jemand hat mir gesagt, wenn ich jemanden brauche, der für mich das Reden übernimmt, dann soll ich ihm Bescheid sagen.” Flann nickte mit einem wissenden Lächeln, aber er sagte nichts. “Frag doch mal deinen Schatten, ob er uns sagen kann, ob es hier vor Ort irgendwelche Leute gibt, die sich mit Hexenzaubern und sowas auskennen.” “Das kann ich machen.” Flann ging, um Schrader zu suchen, und Niels beschloß, ihn zu begleiten. Offensichtlich hatte der Ältere nichts dagegen. Niels schickte Chloe noch schnell eine Nachricht, damit sie und Lyle wussten, wo er war.

Jamie war sichtlich überrascht, dass sein Vorgesetzter und ein ihm fremder junger Mann ihn nach Leuten fragten, die sich mit Zauberei und Esoterik auskannten. Stotternd erklärte er, dass er aus Seattle stammte und sich daher in Leavenworth nicht wirklich auskannte. “A… aber… ich könnte jemanden beim Sheriff’s Department fragen,” meinte er dann, als er sah, dass Flann und Niels nicht locker ließen. “Tun Sie das,” entgegnete Flann, “wir werden Sie begleiten.” Diese Ankündigung trug nicht dazu bei, dass Jamie weniger nervös war, und Niels nahm das mit einem Schmunzeln zur Kenntnis.

Noch ein paar Bourbon dazu, und ein, zwei dumme Bemerkungen, und wer weiß, was dann noch passiert…

Außerhalb des Festgeländes patrouillierten Männer des Sheriff’s Department und auch des Chelan County Sheriff’s Office. Letztere hatten einen Liaison Officer abgestellt, Sergeant Bruce Long. Er empfing Jamie, Flann und Niels, und nachdem Jamie sie vorgestellt hatte, überließ er nur allzugern Flann das Reden. Dieser erfand eine ungemein glaubhafte Geschichte von einem Schamanen, der versucht hatte, dem Fest mit einem Schadenszauber zu schaden und dazu das Wolpertingerfellbüschel verwendet hatte. Niels musste feststellen, dass Reden tatsächlich etwas war, das Flann um einiges besser als er konnte. Er hätte vermutlich rumgestottert oder wäre wie ein typischer Heckler mit der Tür ins Haus gefallen.

Auf die Frage nach den Esoterikern oder “Spinnern”, wie Sergeant Long es ausdrückte, nannted dieser Doc und Gesha vom Tattoo-Haus sowie Andrea McCarthy vom “Crystal Palace”, einem Laden für “Esoterik-Kram”. Aber er konnte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand in der Stadt dem Fest schaden wollte, alle Einwohner der Stadt waren stolz auf ihr Oktoberfest. “Vielleicht noch die Mitarbeiter von jemandem,” überlegte er, und Flann wandte ein: “Oder Konkurrenz von einem anderen Fest.” Aber das glaubten alle vier noch weniger.

Der Liaison Officer verabschiedete sie, nachdem sie alles erfahren hatten, was sie wissen wollten. Er entschuldigte sich noch einmal, dass er ihnen nicht weiterhelfen konnte, aber er musste nun auch wieder an die Arbeit.
Vor dem Gebäude blieben Niels, Flann und Jamie kurz stehen und berieten sich. Jamie entschuldigte sich noch einmal wortreich, dass er nicht hatte helfen können. Niels wusste nicht, was ihn in diesem Moment ritt, aber er klopfte dem Gleichaltrigen auf die Schulter und meinte “Sie werden sicher mal ein toller Detective!” Jamie wurde rot, und Niels sah, dass Flann bei seiner Bemerkung schmunzeln musste.

Tante Delia, was war er für ein Mensch?
Jacob war ein Mann mit Witz und Esprit. Und er wusste, wie man mit Leuten umgeht.

Jamie verabschiedete sich mit hochrotem Kopf, und Niels und Flann berieten kurz, ob sie ins Tattoo-Studio gehen sollten. Sie waren sich aber schnell einig, dass das keine besonders gute Spur war, stattdessen wollten sie wieder zurück aufs Festgelände. Auf dem Weg dorthin stellte Niels eine Frage, die er schon seit ihrer Ankunft beim Sheriff hatte stellen wollen.
“Du machst das mit Absicht, oder?” wollte er von Flann wissen. Der sah ihn fragend an. “Na, dass du Schrader oder mich so verunsicherst.” Flann lächelte hintergründig. “Was meinst du?” fragte er dann zurück. “Du weißt genau, was ich meine. Aber ist schon gut.” Irgendwie hatte Niels keine Lust mehr, sich mit Flann zu streiten. “Er muss noch viel lernen,” erklärte Flann und warf einen Blick zurück, wo Jamie gerade telefonierte. “Musste ich auch noch viel lernen?” Jetzt wollte Niels die Wahrheit wissen über das Hanks… Flanns Aktion im Casino. Der grinste inzwischen ganz offensichtlich. Niels schob die Hände in die Hosentaschen. “Naja, solange er dir keine reinhaut.” Er konnte sich das Grinsen ebenfalls nicht länger verkneifen. Flann musterte Niels kurz, dann meinte er nur trocken: “Er hat ja auch ein etwas weniger hitziges Temperament als du.”

Aber wenn er wollte, dann konnte er auch richtig austeilen. Besonders, wenn er das Gefühl hatte, andere werden ungerecht behandelt. Er hatte durchaus Temperament.

Den Rest des Wegs zum Festgelände liefen sie schweigend nebeneinander her, aber es war ein einvernehmliches, kein peinliches Schweigen. Hank Williams war ein besserwisserischer Großkotz gewesen, mit Flann Breugadair ließ es sich vielleicht sogar aushalten.

Sie fanden Lyle und Chloe auf dem Festgelände wieder. Beide waren nicht untätig gewesen, Chloe hatte einige Schutzzeichen fotografiert, die Niels durchaus bekannt vorkamen. Er seufzte. Zunft-Zeichen freimaurerischen Ursprungs, etwas, das bei Gustav gleich nach den Prostestanten und Hexen kam und noch vor der Bundesregierung, dem Ministerpräsidenten und dem Bürgermeister. Und für jedes falsch benannte Zeichen hatte es wieder Schläge gegeben.

Ich werd’ ihn zu einem von uns machen.

“Ich weiß, was das für Zeichen sind.” Ruhig erzählte er den anderen drei, was es mit den Symbolen auf sich hatte. Zu seinem Erstaunen merkte er, dass er zum ersten Mal von seinem Vater… von Gustav sprechen konnte ohne Groll und Panikattacken. Zufrieden verschränkte er die Arme vor der Brust. Vielleicht wurde doch noch alles gut.

Chloe erzählte von einem Ehepaar, Georg und Traudl Aumayer, die so etwas wie die Beschützer des Festes gewesen waren. Beide waren ursprünglich aus Deutschland eingewandert und hatten sich seither immer um das Fest gekümmert. Besonders Traudl hatte sich um das Fest verdient gemacht, aber leider war sie vor einem Dreivierteljahr verstorben. Georg aber lebte noch vor Ort. Niels hätte nichts dagegen gehabt, den alten Mann jetzt noch aufzusuchen, aber Chloe gab zu bedenken, dass es am nächsten Tag vielleicht besser war, ihm einen Besuch abzustatten.

“Gehen wir noch was trinken, wenn wir schonmal hier sind?” fragte Flann jetzt Chloe und Niels. Beide nickten und gaben Lyle Bescheid, dass er später zu ihnen kommen sollte, sobald er Feierabend hatte. Kurze Zeit später gesellte der junge Mann sich dann zu ihnen.
Sie setzten sich, und Flann holte ihnen Getränke. Niels war immer noch etwas mißtrauisch, das letzte Mal, als er und Flann Alkohol getrunken hatten, war er beinahe des Lokals verwiesen worden. Doch der Ältere schien ehrlich bemüht zu sein, als er sich erkundigte, was Niels seit ihrem Zusammentreffen in Lame Deer getrieben hatte. Niels erzählte von seinen Erlebnissen in Dwight, und auch von May Creek, wobei er aber Benedikts Rolle außen vor ließ, er behauptete nur schnell, dass das so “ein Familiending” war. Er war dankbar, dass Flann nicht weiterfragte. “Dann war ich mit dieser Engländerin, die ich in Dwight kennengelernt habe, noch auf einer Ölbohrinsel,” erzählte er, und schon die Erinnerung an die sirenenhaften Monster sorgte dafür, dass er sich unwillkürlich an den Rücken fasste.

Narben machen interessant.

“Engländerin?” wollte Flann jetzt wissen. “Ja, Irene Hooper-Winslow. Sie ist schon klasse. Sie hat mir zweimal das Leben gerettet,” antwortete Niels. Und ich ihr auch. “Irene… Soso,” machte Flann und nahm einen tiefen Schluck. “Du kennst sie?” Flann warf ihm einen langen Blick zu. “Das kann man so sagen.” Jetzt mischte Lyle sich ein. “Ich hab’ sie auch nicht in so guter Erinnerung,” gestand er. Niels sah seinen jungen Freund überrascht an, aber er sagte nichts. Stattdessen fragte er Flann mit einer hochgezogenen Augenbraue und einem Grinsen, ob Irene ihm wohl auch schon eine reingehauen hatte. Das brachte den FBI-Mann zum Lachen.

Niels wechselte jetzt das Thema und erzählte von Felicitys Hochzeit und dem anschließenden Besuch in New York bei den Jamesons. “Oh, deine Familie,” bemerkte Lyle, “wie war es?”

Ich muss dir etwas sagen. Es geht um deinen Vater, Niels. Deinen richtigen Vater.

“Ich.. ich habe Dinge erfahren, die ich nicht unbedingt wissen wollte,” antwortete Niels. Lyle sah ihn fragend an. “Naja, ich muss mich erst dran gewöhnen.” Niels spürte, dass er noch nicht bereit war, über seine Familie zu sprechen, und das, was Tante Delia ihm offenbart hatte. Lyle schien das jedoch nicht zu merken, er fragte weiter, was gewesen sei. “Sag doch mal, Niels, du kommst ja aus Deutschland. Ist das Oktoberfest hier mit dem in München vergleichbar?” Flann sah Niels an, und der junge Mann las ehrliches Interesse in den Augen des Älteren. Niels war dankbar über die Ablenkung, und so wandte er sich Flann zu und erzählte ihm vom Oktoberfest in München, wo er mit Philip gewesen war. Der Ältere hörte ihm interessiert zu und stellte einige Zwischenfragen, und irgendwann wechselte das Gespräch zu anderen Themen. Niels merkte, wie er im Laufe des Abends immer mehr Vertrauen zu Flann Breugadair fasste, mehr, als er zu Hank Williams jemals hätte haben können.

Als sie das Festzelt verließen, schwankte Chloe bereits ein wenig. Während ihrer Recherche am Nachmittag hatte sie offensichtlich mit einigen einheimischen Mädchen etwas getrunken, und daher war sie jetzt nach den letzten Bieren etwas angeheitert. “Oh, seht mal, ein Wolpertinger!” rief sie plötzlich und deutete in Richtung eines weiteren Zeltes. “Man muss also betrunken sein, um die Tiere zu sehen,” folgerte Lyle, und das schien ihm gar nicht zu behagen, wie Niels bemerkte. Tatsächlich hatte Lyle auch den ganzen Abend keinen Tropfen Alkohol angerührt.

Sie verabredeten sich für den nächsten Tag, um mit Georg Aumayr zu sprechen, dann gingen die Vier fürs Erste getrennte Wege.
Chloe war als erste wieder auf den Beinen, munter klopfte sie an Niels’ Tür. Der war gerade aus der Dusche gekommen, seit seinem 18. Geburtstag gönnte er sich den Luxus des Langschlafens. Um 5 Uhr aufstehen, um erst zu beten und dann mehrere Kilometer durch den Wald zu rennen, würde er nur noch, wenn man ihm eine geladene Waffe an den Kopf hielt. “Geh schon mal vor,” bat er Chloe, dann zog er sich fertig an, zupfte seine Haare zurecht und schnappte sich seine Zeichentasche.

Chloe saß bereits in dem Café, in dem sie sich mit Lyle und Flann verabredet hatten. Als Niels eintraf, servierte die Kellnerin ihr gerade Weißwürste. “Du kommst gerade rechtzeitig,” erklärte Chloe, als sie Niels sah, “zeig mir mal, wie man die Dinger isst.” Niels grinste, kam der Aufforderung aber nach. “Willst du auch?” wollte Chloe wissen, aber Niels verzichtete dankend. Er lebte jetzt in einem Land, das zwar nichts von Alkohol verstand, dafür aber von sehr süßen, kalorien- und kohlehydrathaltigen Frühstücksprodukten. Und noch war er in einem Alter, wo er essen konnte, was er wollte, dick werden würde er nicht.

Und wenn es dir wie ihm ergehen sollte, wirst du auch nicht alt.

Lyle war jedoch wesentlich interessierter an Chloes Frühstück, er probierte gerne. Niels sah den beiden amüsiert zu, während er bei Pancakes und French Toast blieb. Während sie aßen, kam auch Flann herein, die Haare noch feucht vom Duschen. Er ließ sich auf die Bank neben Niels fallen, was dieser mit einem “Na, auch wach?” kommentierte. “Guten Morgen allerseits,” entgegnete Flann, obwohl er nicht unbedingt danach aussah. Er bestellte nur einen großen Kaffee, offensichtlich war er noch weniger Frühaufsteher als Niels.

Als er so wach erschien, dass man ihn ansprechen konnte, beschlossen sie, endlich Georg Aumayr aufzusuchen. Der alte Mann wohnte nicht weit entfernt vom Café, und er öffnete sofort, nachdem sie geklopft hatten. Niels begrüßte ihn mit einem freundlichen “Grüß Gott”, aber dann ließ er schnell Chloe und Lyle den Vortritt. Was sollte er auch sagen? “Ich komme aus Bayern und bin ein Jäger?”

Lyle spann schnell eine Geschichte zusammen, dass Chloe eine Reporterin sei, die ein Porträt über Leavenworth und das Oktoberfest mache und Geschichten dazu sammele. Das schien den alten Mann zu überzeugen, er bat sie herein. Chloe ging zuerst, dicht gefolgt von Lyle, dann kam Niels. Als er das Wohnzimmer betrat und die urtümliche bayrische Einrichtung sah, inklusive Herrgottswinkel, spürte er, dass er die Panik noch lange nicht unter Kontrolle hatte. Für einen Augenblick fürchtete er, dass sich die Küchentür öffnete, und Gustav hereinkam, oder Benedikt und Joseph durch die Hintertür eintraten. Einer von ihnen – oder alle drei – hatten sich sicher wieder irgendetwas überlegt, womit sie ihn quälen konnten. “Alles in Ordnung?” Flann sah ehrlich besorgt aus, als er Niels seine Hand auf die Schulter legte. “Nein. Das ist alles gerade viel zu sehr zuhause.” Der Ältere verstand, immerhin hatte er im Casino einen kurzen Einblick in Niels’ Familiengeschichte bekommen.

Georg Aumayr bot ihnen Kaffee und Kuchen an, und Lyle ging ihm beim Geschirr zur Hand, was der Alte mit einem “Oh, Sie sind aber ein netter junger Mann” kommentierte. Chloe begann derweil zu erzählen, dass es ihr hauptsächlich um die Seele des Festes ging. Der alte Mann strahlte und begann, in einem stark bayrisch gefärbten Englisch zu erzählen. Er und seine Frau waren vor zwanzig Jahren aus Deutschland hergekommen, wegen ihrer Tochter, als sie in den Ruhestand gegangen waren. Die Tochter lebte in Seattle, aber sie hatten sich hier niedergelassen, weil sie gehört hatten, hier sei alles wie zuhause.

Niels zuckte bei diesen Worten kurz zusammen, nervös kramte er in seiner Zeichentasche nach Stift und Zettel, um sich abzulenken. Dabei fiel sein Blick auf den Brief seiner Mutter.

Deine Mutter ist eine kluge Frau.

Cedrics Worte hallten in seinen Ohren wieder, und er wusste, dass Felicitys Großvater recht hatte. Zuhause, das waren nicht nur Gustav, Joseph und Benedikt. Zuhause war auch Maria, die Frau, die ihn zur Welt gebracht und beschützt hatte. Er musste ihr unbedingt schreiben, wenn er zuhause… zurück in Seattle war.

“Das Fest wird also beschützt,” sagte Chloe jetzt und riß Niels aus seinen Gedanken. “Woher wissen Sie das?” wollte der alte Aumayr wissen, seine Stimme nahm einen mißtrauischen Unterton an. “Sie und ihre Frau haben das Fest beschützt, das haben wir gehört,” schob Lyle jetzt hinterher. “Ist das so eine Tradition?” fragte Chloe, doch der alte Mann wurde jetzt nervös. “Dieser damische depperte Gleisner!” schimpfte er auf Deutsch. Dass ihn jetzt außer Niels niemand mehr verstehen konnte, schien ihn nicht zu kümmern. “Wen meinen’s?” fragte Niels auf Deutsch zurück, doch Aumayr war jetzt wütend. “Sie wissen doch gar nicht, worum es geht,” erklärte er, wieder auf Englisch, “und glauben würden Sie mir auch nicht. Und überhaupt – ich will nichts darüber in der Zeitung lesen.” Er machte eine abwehrende Handbewegung, als wollte er sie hinaus komplimentieren. Niels stand auf und zog die Heckler-Bibel aus der Hosentasche. “Glauben Sie mir, ich hab schon mehr gesehen, als Sie sich vorstellen können,” sagte er auf Deutsch und reichte dem alten Mann das Büchlein, dessen Seiten von Heckler-Generationen mit Notizen, Gebeten, Segens- und Bannsprüchen und Anmerkungen beschrieben worden waren, und in dem jede Menge lose Blätter mit den gleichen Dingen lagen. Die neuesten Zettel waren von Niels selbst, es waren kurze Abrisse zu seinen Jagden in Barrow, May Creek und Dwight, in einem Gemisch aus Englisch und Deutsch.

Der alte Mann betrachtete das Buch und blätterte es durch, dann gab er es Niels mit einer hochgezogenen Augenbraue zurück. Offensichtlich hatte es ihn jedoch überzeugt, er begann jetzt von einem gewissen Tyrone Gleisner zu erzählen, der vor ein paar Jahren hier vor Ort ein Hotel übernommen hatte und dafür bayrische Fabelwesen hatten importieren lassen, darunter auch ein Wolpertinger-Pärchen. Dass die Tiere für das menschliche Auge unsichtbar waren, hatte Gleisner nicht gewusst – oder niemand hatte es ihm gesagt. Jedenfalls waren die Tiere in dem Moment entkommen, als die Kiste geöffnet worden war. Georg und Traudl waren früher in Deutschland Metzger gewesen und wussten daher, was man gegen die Wolpertinger unternehmen musste. Die Tiere liebten frische Weisswürste über alles. Niels nickte, er erinnerte sich an Gustavs Erzählung. Es sei ein altes Zunftgeheimnis, wie man die Wolpertinger in Schach hielt. Vor allen Dingen Traudl hatte sich darum gekümmert, auch schon zuhause in Deutschland, und dann auch hier in Leavenworth.

“Aber jetzt ist Traudl nicht mehr da, und ich.. ich hab was falsch gemacht”, sagte Aumayr jetzt. “Ich habe nicht richtig zugehört, wenn Traudl die Beschwörungen aufgesagt hat, wenn ich die Weißwürste versteckt und die Zeichen gemalt habe. Und den Teil ihrer Aufzeichnung, wo das steht, wie es geht, kann ich nicht lesen.” Er wirkte jetzt richtig niedergeschlagen. “Kann ich… können wir die Aufzeichnungen mal sehen?” wollte Niels wissen. Er hatte die besseren Augen als Aumayr, und als Kunststudent vielleicht auch die Möglichkeit, die Handschrift der Metzgerin zu entziffern. Auch Flann erklärte sich bereit, mit Niels einen Blick in die Aufzeichnungen zu werfen.

Lyle hatte eine andere Idee. “Vielleicht… vielleicht ist Traudl ja noch da. Also auf dem Friedhof. Dann… dann kann ich sie fragen,” flüsterte er Niels und Chloe zu. Die Reporterin meinte, sie wolle ihn begleiten, und gemeinsam verließen die beiden das Häuschen.
Niels nahm sich jetzt die Aufzeichnungen vor. Recht schnell hatte er herausgefunden, dass die Weißwürste außerhalb des Geländes ausgelegt werden mussten, damit die Wolpertinger draußen blieben. Aumayr aber hatte sie innerhalb des Geländes versteckt. Niels erklärte dem alten Mann auf englisch und immer wieder in sein heimatliches Idiom zurückfallend, was passiert war. Es fiel ihm nicht leicht, dabei diplomatisch zu bleiben, doch es gelang ihm. Obwohl er nur die Hälfte des Gesprächs verstanden hatte, nickte Flann zufrieden und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Offensichtlich hatte Niels gelernt.

In diesem Moment piepste Niels’ Smartphone, es war eine Nachricht von Chloe. Sie schrieb, dass sie und Lyle Traudl “mitbrachten”. Niels seufzte, und Flann sah auf. “Was ist los?” “Eine Nachricht von Chloe. Sie und Lyle.. du weisst bestimmt, dass Lyle Geister mit sich herumtragen kann.” Flann sah ihn erstaunt an. “Nein, das wusste ich nicht.” “Wie erklären wir das Aumayr?” überlegte Niels jetzt und sah Flann lange an. Der wusste, was Niels von ihm erwartete. “Du bist der, der reden kann. Ich kann Leuten allerhöchstens erzählen, was ein Geist ist.” Der FBI-Mann verzog das Gesicht, doch er wusste, dass Niels recht hatte. Er erklärte Aumayr wortreich, dass seine Frau noch nicht gegangen war, weil sie noch etwas zu erledigen habe. Lyle sei jedoch ein Medium und könne daher mit den Geistern reden, auch mit Traudl Aumayr. Georg Aumayr sah Flann irritiert an. “Medium?” fragte er dann, “ist das sowas wie diese Damen in dieser Fernsehsendung mit den Kristallkugeln?” Flann seufzte. “Ich glaube, der junge Mann weiß noch nicht mal, was eine Fernsehsendung ist, aber ja, so in etwa.”

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Georg Aumayr sah unsicher von Niels zu Flann, doch dann ging er und öffnete. Er wirkte überrascht, als Chloe und Lyle vor der Tür standen, doch dann umarmte er Lyle vorsichtig. Der junge Mann erwiderte die Umarmung, dann aber zog er sich zurück und sprach laut und heftig mit Georg in breitestem Bairisch. Niels übersetzte für die anderen, obwohl er einige Schmähwörter, mit denen Traudl ihren Mann bedachte, lieber ausließ. Schließlich wandte sie – Lyle – sich an den Rest der Gruppe. “Wir müssen zum Festgelände.”

Zurück auf dem Gelände entfernte Traudl/Lyle die Schutzzeichen, die Georg angebracht hatte. Als sie an dem Kaninchenbau ankamen, in dem Lyle und Chloe am Vorabend die Wolpertinger hatten verschwinden sehen, schlüpfte zunächst ein Wolpertinger heraus, dann drei Jungtiere und schließlich ein zweites Elterntier. Die Tiere rannten eilig davon. Traudl erneuerte auch hier die Schutzzeichen und legte die Weißwürste aus, die Chloe kurz nach ihrem Eintreffen bei der Food Prep Station geholt hatte. Dazu murmelte sie eine Beschwörung, die außer ihrem Ehemann nur Niels verstand, immerhin war sie auf bairisch.

Als sie fertig war, war der Zeitpunkt gekommen, an dem Traudl und Georg sich endgültig voneinander verabschieden mussten. Niels, Flann und Chloe gingen ein Stück weiter, um den Eheleuten die nötige Privatsphäre zu gönnen. Schließlich kamen Lyle und Georg zu ihnen. Lyle war kreidebleich, Niels und Chloe stützten ihn und führten ihn zu einer Bank. Er setzte sich schweratmend, wollte aber für den Moment keine Hilfe. Währenddessen redete der alte Aumayr auf Flann ein und ließ sich nur schwer von diesem beruhigen. “Ich brauche doch einen Nachfolger, bin ja schon nicht mehr der Jüngste. Vielleicht kann meine Tochter das hier übernehmen, wenn ich mal nicht mehr bin. Aber die ist ja auch schon 50, und sie wohnt in Seattle, ach, wie soll das nur enden.” Er schien wirklich verzweifelt zu sein.
In diesem Moment stupste Lyle Niels an. “Warum machst du das nicht?” wollte er wissen. Niels sah ihn erstaunt an. Er sollte in Leavenworth das Oktoberfest vor Wolpertingern beschützen? Mit Zunftzeichen und Beschwörungen? Ein Heckler lockte Wolpertinger in Fallen und drehte ihnen dann den Hals um, ein Heckler beschützte keine Feste vor Fabelwesen. Außerdem dachte er an Cedrics Aufgabe. Er hatte anderes zu tun.

“Ich kann nicht. Ich will nicht hierhin ziehen müssen. Ich habe.. ich muss noch was erledigen,” sagte er, doch Lyle ließ das nicht als Ausrede gelten. “Sieh ihn dir an. Und ich glaube nicht, dass du hierher umziehen musst,” meinte er, immer noch um Luft ringend und blass. Niels sah zu Georg Aumayr, der immer noch verzweifelt bei Flann stand, der FBI-Mann hatte ihm jetzt eine Hand auf die Schulter gelegt und versuchte, ihn zu beruhigen.

Niels begann, auf seinem Zungenpiercing herumzukauen, doch dann überlegte er es sich, und er ging zu Georg und Flann. “Muss derjenige, der dieses… Ritual durchführt, von hier sein? Oder können Sie das jedem beibringen?” fragte er den alten Mann. Der schien zuerst nicht zu begreifen, was Niels ihm anbot, doch dann breitete sich ein dankbares Lächeln auf seinem Gesicht aus. “Du willst meine Arbeit machen? Oh, du würdest mich so glücklich machen!” Flann warf Niels einen vielsagenden Blick zu, doch er sagte nichts. Vielleicht war ihm wie Lyle bereits der gleiche Gedanke gekommen. “Ich lass euch mal allein,” sagte er diplomatisch, “wir sehen uns, Heckler.”

“Ich zeig dir gleich, wie man das macht,” sagte der alte Aumayr eifrig, die Tatsache, Niels das Ritual beizubringen, schien seine Lebensgeister neu entfacht zu haben. “Wie heißt du nochmal?” fragte er, während er die Mappe mit Traudls Aufzeichnungen aus einer Tasche holte. “Niels Aaron Heckler,” antwortete Niels. “Ahjaja. Und wo kommst her?” wollte der alte Aumayr wissen, er war längst ins Bairische gewechselt. “Niederbayern, das hör ich. Aber wo genau? Aus’m Wald?” Niels nickte langsam. “Rabenstein,” antwortete er, und als der Alte ihn weiterhin auffordernd ansah, fuhr er fort: “Zwiesel. Wo das Glas herkommt.” Aumayr nickte wieder. “Kenn’ ich, kenn’ ich. Wie kommst du denn nach Amerika?” Niels überlegte, ob er ihm die ganze Geschichte erzählen sollte, doch er entschied sich für die Kurzvariante, die noch nicht einmal gelogen war. “Studium. Und ich hab Verwandtschaft hier.” “Ist schon schön hier. Und umziehen brauchst nicht, wenn du da Sorge hast. Einmal im Jahr herkommen, das reicht schon. Ich glaub, für so junge Leut wie dich ist das hier auf Dauer kein Ort.” Er lachte, dann reichte er Niels die Mappe. “Lies dir das schon einmal durch, dann fangen wir an.”

Den Rest des Festes verbrachte Niels damit zu lernen, wie man die Wolpertinger in Schach hielt. Chloe nutzte derweil die Erlaubnis, ihre Kamera mitnehmen zu dürfen und fotografierte alles, was ihr vor die Linse kam. Flann arbeitete weiter mit Officer Schrader am Eingang des Festes und brachte dem jungen Officer bei, wie man Taschendiebe aufspürte und dabei selbst unauffällig blieb. Sie trafen sich noch ab und an, aber nur Lyle blieb diesen Treffen fern. Es hatte ihn sehr mitgenommen, Medium für Traudl Aumayr zu sein.

Am letzten Abend unternahm Niels dennoch einen letzten Vorstoß, noch einmal mit Lyle zu reden. Er ging zum Sierra Nevada-Stand, begleitet von Flann, der sich erst einmal mit einem der anderen Mitarbeiter unterhielt.

“Willst du drüber reden?” fragte Niels Lyle, doch der winkte ab. “Worüber reden?” Niels nickte, offensichtlich wollte sein Freund nicht über das Erlebte sprechen. “Sorry, wenn ich dich in diese Hüter-Sache reingequatscht habe,” meinte Lyle jetzt, und für Niels war das ein noch deutlicheres Zeichen, dass er nicht über Traudl sprechen wollte. “Schon ok. Ich wollte einfach nicht nach Leavenworth umziehen,” meinte er lächelnd. “Ich hab noch was zu.. erledigen. Sachen. Also ich meine, ich muss da noch so eine Sache erledigen,” fuhr er dann fort. Lyle sah ihn verständnislos an, doch dann kam Niels eine Idee. “Ich soll… ich muss.. ich muss einen Mord aufklären. Vielleicht kannst du mir dabei helfen.” Jetzt schüttelte Lyle energisch den Kopf. “Einen Mord aufklären? Ich glaube, dafür bin ich der Falsche.” Er reichte Niels eine Flasche Sierra Nevada, doch dieser mochte jetzt nichts trinken. “Aber du könntest doch Jon… Agent Saitou fragen. Den kennst du doch.” Niels verzog das Gesicht. Ja, der Fed, der ihn beinahe hätte hochnehmen können, weil er mit einer nicht lizensierten Waffe in New Hampshire rumgelaufen war. Er hatte nicht den Eindruck, dass er und Agent Saitou an diesem Tag Freunde geworden waren. Doch dann fiel sein Blick auf Flann. Er hätte nicht gedacht, dass er und Hank – Flann, verbesserte er sich – sich bei ihrem erneuten Aufeinandertreffen so gut verstehen würden. Und Fragen kostete bekanntlich nichts. Doch da war noch etwas, was Lyle vielleicht wissen sollte. “Der Mord wurde von einem oder mehreren Dämonen begangen, und…”

In diesem Moment gesellte Flann sich mit einem breiten Lächeln und einer Flasche Sierra Nevada in der Hand wieder zu ihnen, und Niels schob den unausgesprochenen Gedanken beiseite.

…und der Typ, den sie umgebracht haben, war mein Vater.

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Niniane

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