Mädchenkram - Supernatural

The Shadow

plus Anhang - Interview mit einem Engel

Seit Pemkowet habe ich einen wiederkehrenden Alptraum.
Ich bin wieder in Mexiko in dieser Kirche. Marcus stürzt auf mich zu, um sich die Kehle aufschlitzen zu lassen. Nur diesmal stoße ich ihn zurück, spüre im gleichen Augenblick wie mir die Luft wegbleibt und warmes Blut über meine Hände läuft. Als der erste Tropfen in den Becher fällt, den ich immer noch umklammert halte, und sich mit dem darin befindlichen Wasser mischt – warum ist Wasser darin? – wache ich auf und ringe nach Atem.
Mit dem Tag der Höllenhunde hat sich der Traum nochmals gewandelt. Ich kann nicht mehr unterscheiden, ob es Marcus ist oder Cal, für den ich mich opfere. Ohne zu zögern, wohlgemerkt.
So subtil, mein Unterbewusstsein.

Früher habe ich nie von dem Desaster geträumt. Warum jetzt? Warum der Twist? Sind das meine Schuldgefühle? Rückt der Tag der Abrechnung so schnell näher? Oder sind es doch nur die Nachwehen von der Night Hag? Fakt ist, dass es an mir zehrt. Schlimmer als Gestalktwerden durch Giffany. Ha, dass ich ausgerechnet bei ihr inzwischen meine Sorgen ablade und ihr sogar einen Schrein baue, ist auch der Inbegriff eines Stockholmsyndroms. Oh Mann. Ich habe zuviel Zeit, mir Gedanken zu machen, wenn ich dauernd nur herumliege.

Ich muss wieder auf die Beine kommen. Die ersten vorsichtigen Schritte ganz ohne Krücken sind geschafft. Babyschritte. Mit nur einer Krücke komme ich bereits recht ordentlich von der Stelle. Es wird. Es muss werden. Ich brauche Bewegung, Fechtstunden, Auslauf, irgendetwas, bevor meine Muskeln vollends verdorren.

Cal war hilfreich. Ich konnte zwei Nächte durchschlafen. Zwei Nächte ohne den beschissenen Alptraum, zwei Nächte Beste Medizin. Dann hat er sich aus dem Staub gemacht und ich bin davon ausgegangen, dass wir das nächste Mal voneinander hören, wenn es neue Erkenntnisse zu den Toren gibt. Jetzt steht er schon wieder hier, denn Bart Blackwood hat sich angekündigt. Er hat meine Einladung angenommen, und er will auch einiges mit Cal besprechen.

Besonders weit kommen wir dann gar nicht in der Unterredung, denn mein Mobiltelefon klingelt. Sunny ist dran.
Ihr Jägeranwalt fordert schlagkräftige Hilfe an. In Dwight, Illinois sind Leute durch die Angriffe eines blutrünstigen Ungeheuers auf unschöne Art gestorben. Näheres erfahren wir direkt von Don vor Ort. Ja! Bitte! Lasst uns nach Illinois fahren! Ich will hier raus. Bewegung. Action! Naja, wenigstens sowas ähnliches. Halb bewegungsunfähig bin ich nur bedingt nützlich, das weiß ich selbst. Aber wozu gibt es Zielfernrohre?

Dass Bart und Cal bei mir sind, findet Sunny ausgezeichnet. Drei erfahrene Jäger zum Preis von einem. In zwei Autos fahren wir los. Auf dem kaputten Oberschenkel sitzen ist die Hölle, aber eher beiße ich mir die Zunge ab, als zu fragen, ob ich in Blackwoods Wohnmobil liegen darf.

Dwight ist ein Örtchen wie aus dem Bilderbuch. An der alten Route 66 gelegen, in den 50ern stehengeblieben, wenn man mal von den Plakaten am Ortseingang absieht. "Mauschelei, Schiebung, Nieder mit dem Stadtrat!”, “Dwight soll grün bleiben!”

Auch in dem Motel, das uns Sunny genannt hat, häufen sich die Zettel gegen Umweltzerstörung in der Prospektwand. “Wer braucht noch ein Gefängnis?”, “Wir wollen unseren Countryclub zurück!” Auf dem Tischchen darunter liegen Spiralbinder mit dem Gegenprogramm: “Dwight. A Great Past – A Greater Future”.

Im Wishing Well Motel treffen wir auf einen farbenfrohen jungen Mann, den Bart kennt. Ein Heckler. Mein erster, soweit ich weiß. Niels Heckler hat einen Akzent wie Klaus Maria Brandauer und das typische Aussehen eines schlecht frisierten, rebellischen Jugendlichen. Außerdem ist er aus dem gleichen Grunde hier wie wir. Natürlich nehmen wir ihn mit in den kleinen Tagungsraum, den Donald Jackson mit Beschlag belegt hat. Das ist der Strafverteidiger, der sich um Jäger kümmert, wenn die wegen rechtlichem Beistand bei Sunny anrufen. Er trägt einen Verband an der rechten Hand und zieht eine Augenbraue hoch, als ich mich vorstelle. Von mir hat er schon einmal gehört. Donald ist der Onkel von einem Giffany-”Opfer”: Steve Jackson. Dem geht es wieder ganz gut. Giffany auch, sage ich. Damit kann Don nichts anfangen. Genaueres über die Giffanysache weiß er nicht. Ich sehe auch keine Notwendigkeit, die Geschichte jetzt zum Besten zu geben. Hier sind Menschen gestorben.

Es dauert einen Augenblick, bis ich begreife, dass Donald mit Barry verwandt ist. Mein Lächeln wird ein bißchen angespannter. Super. Wenn der hier auch gleich noch auftaucht, muss ich bestimmt erklären, was mich da in der Sauna geritten hat. Darauf bin ja unglaublich scharf.
Dann meldet sich mein Verstand zu Wort. Wenn Anwalt Jackson vorhätte, den waffenstarrenden Autoren einzubeziehen, hätte er sich wahrscheinlich gar nicht erst bei Sunny gemeldet.

Also kommen wir zum Punkt: Es gibt eindeutig eine Mordserie in der Stadt, Don war direkt im Raum, als der letzte Mord passiert ist. Die Polizei geht von drei Opfern aus, Don von vier. Sie alle wurden ziemlich übel zugerichtet, Arme abgerissen und solche Sachen. Es war blutig. Auch wenn das erste Opfer nicht ganz in das Muster passt, meint Don, das es dasselbe Monster gewesen sei muss.

Die offiziellen Opfer sind Joanna O’ Connor, Architektin. Kimball O’ Connor, Lehrer. Elliott Larkin, IT-Consultant.Die ersten beiden lebten jeweils allein. Bei ihnen gab es keine Zeugen. Elliott Larkin war verheiratet. Zeugen waren Don und Larkins Frau.
Jackson war da, weil Elliott wegen Sabotage an der Baustelle angezeigt worden ist. Was er gesehen hat, war ein Schatten, der sich immer wieder verdichtet hat und Elliott angriff. Don hat versucht, das Wesen zu packen. Er hatte dabei das Gefühl, in Rasierklingen zu fassen.

Unsere erste Ideensammlung ergibt noch nicht so viel. Niels schlägt Höllenhunde vor, Bart einen Nachtmahr. Es tut mir leid, ich muss lachen. Cal winkt ab.
“Höllenhunde fühlen sich nicht nach Rasierklingen an, wenn man sie anfasst.” Unsere Blicke treffen sich kurz. Oh ja. Das kann ich so bestätigen.

Das vierte Opfer war nicht ganz so schlimm zugerichtet, die Umstände seines Todes waren etwas anders als bei den zerfleischten Akademikern. Felipe Juarez war ein illegaler Bauarbeiter. Ihn hat es schon zwei Wochen vor den anderen erwischt, direkt auf der Baustelle, nicht zuhause. Obwohl… vielleicht war das für ihn das Gleiche. Und eben weil er illegal im Land war, verfolgt die Polizei die Sache nur äußerst sparsam.

Was uns Don zu den späteren Opfern sagen kann, beschränkt sich hauptsächlich auf seine berufliche Tätigkeit hier. Die O’Connors und Larkins wohnen schon lange in der Stadt. Beide Familien gehören mehr oder weniger zu den Stadtgründern. Elliott war Wortführer der Baugegner, wurde auch schon einmal verhaftet wegen angeblicher Sachbeschädigung am Bau. Die anderen beiden verhielten sich gemäßigter als Elliott. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es so sinnvoll ist, nach einem Zusammenhang mit dem allseits verhassten Gefängnisbau zu suchen, nur weil deswegen die Gemüter hochkochen. Auch die Verwandtschaft zwischen zweien der Opfer muss nichts heißen. Hier wimmelt es von O’Connors.

Don hingegen ist der Überzeugung, dass an nichts, was mit den Baumaßnahmen zu tun hat, etwas koscher ist. Die ganze Firma kommt ihm bedenklich vor. Newport Construction Inc. Schon bei den ersten Plänen für ein neues, größeres Gefängnis sind Regularien im Gemeinderat verletzt worden. Als hätte jemand in geistiger Umnachtung Entscheidungen getroffen. Der Gemeinderat gibt fadenscheinige Gründe an, warum die Unterschriften geleistet wurden, die den Bau ermöglicht haben, aber Don ist sich recht sicher, dass es die Leute in Wirklichkeit einfach nicht mehr wissen. Das ist interessant.

Niels will genauer erfahren, was es mit dem Gefängnis auf sich hat.
Das Alte war eine Correctional Institution für Frauen, inklusive Todestrakt. 1930 eröffnet und vor 3 Jahren geschlossen. Jetzt soll es eben größer und moderner wiedereröffnet werden. Angeblich soll das Jobs bringen. Vor allem aber bringt es Unfrieden.
Die seltsame Baufirma schreibt nur rote Zahlen. Auch an weiteren Orten, an denen sie in Erscheinung tritt, scheinen Leute Blackouts gehabt zu haben. Keine Ahnung, was wir mit diesem Wissen anfangen sollen. Aber ja, ich stimme zu, das klingt nicht mehr so natürlich. Wenn die Firma sich ihren Erfolg mit Hexenwerk erschleicht, dann passen die mangelnden Gewinne allerdings nicht so gut ins Bild.
Und das Monster? Kann das von der Firma kommen und aktiv Gegner ausschalten? Wäre das nicht ein etwas plumper Zug? Don sagt, das Wesen war sehr schnell und sehr kräftig. Alle Angriffe fanden in der Nacht statt.
“Hielt sich das Wesen von Licht fern?” möchte Bart wissen. Ja, den Eindruck hatte Don. Immerhin etwas.

Wir werden wohl beim Üblichen anfangen. In der Bibliothek und im Stadtarchiv sowie bei den Hinterbliebenen. Don versorgt uns mit allen Unterlagen über das Bauvorhaben und mit den GPS-Daten des Fundorts von Juarez’ Leiche. Die Baustelle wollen wir dann doch einmal in Augenschein nehmen. Don kann uns dabei nicht helfen. Aus verständlichen Gründen ist er da nicht so gern gesehen. Wenn wir in seiner Begleitung auftauchen, dann wird die Hilfsbereitschaft der Bauarbeiter in engen Grenzen bleiben. Einen offiziellen Termin könnten wir bei Lydia Nowak bekommen, der Syndikus-Anwältin von Newport Constructions. Die wird uns allerdings auch kaum an die Stellen führen, an denen ihre Firma gegebenenfalls jemanden ermordet hat.
Niels ist der Ansicht, dass er sich mit seinem Äußeren eher schlecht als Ermittler aufspielen kann. Soll er sich eben als Bauarbeiter bewerben. Dann kann er heimlich Informationen sammeln. Es wäre sowieso gut, wenn wir uns nach optischen Gesichtspunkten aufteilen. Ich falle auf einer Baustelle auf wie ein bunter Hund. Als ich das laut sage, zieht der junge Heckler ein komisches Gesicht, als hätte ich ihn beleidigt. Was denn?

Seit Juarez tot ist, hat die Sabotage übrigens aufgehört, derer Larkin bezichtigt wurde. Das ist bestimmt auch kein Zufall. Don lästert noch ein bißchen, dass er die Polizei für überfordert hält. Der Polizeichef will das FBI nicht anrufen. Schade. Ich hätte da den passenden Fed an der Hand. Hat Jagderfahrung. Für die hiesige Polizei wäre es sicher gesünder, wenn sie sich heraushält.

Nun gut, zunächst übernehmen Bart und ich die Recherche. Standardmäßig rufe ich Charles an, der scheinbar kein Glück bei Dr. Somerset hatte, denn die Stimme des Betthäschens, die ich im Hintergrund wahrnehme, ist viel zu jung. Ob das besser ist, sei mal dahingestellt. Er muss selber wissen, was gut für ihn ist. Vielleicht sollte ich ihn einmal mit Cal bekannt machen. Nur um sein Gesicht zu sehen.

Bart entschwindet ins Stadtarchiv, um festzustellen, ob es auf dem Gebiet einen Indianerfriedhof oder ähnliches gab. Währenddessen besuchen Cal, Niels und ich die trauernde Witwe, Marcy Larkin. Don hat uns angekündigt, deshalb ist sie weitgehend gefasst. Sie hat zum Trost Verwandtschaft im Haus, stärkt sich mit Kuchen und Bourbon für das Gespräch und führt uns dann in ein Hinterzimmer, wo wir uns ungestört mit ihr unterhalten können. Ich drücke ihr mein Beileid aus und frage möglichst behutsam nach Details aus der fraglichen Nacht.

Marcy hatte nicht den Eindruck, dass Elliott das Wesen besser sehen konnte als sie oder Donald Jackson. Sehen konnten sie es alle drei, es war nur von Schatten eingehüllt. Richtig viel hat sie dann auch nicht beobachtet, weil es ihren Mann hinter die Couch gezogen hat. Erst lief er hektisch im Wohnzimmer herum und sagte, dass er sich nicht von der Nowak einschüchtern lasse, dann schrie er auf, hat plötzlich am Arm geblutet und dann ging es richtig los. Blut spritzte, die Hand flog und Marcy hatte zu viel Angst, um irgendetwas Sinnvolles zu tun. Der Schock sitzt ihr tief in den Knochen. Sie entschuldigt sich bei uns dafür, dass sie zu überrumpelt und verängstigt war, um ihrem Mann zu helfen. Was soll ich sagen? Vielleicht hat ihr das das Leben gerettet. Ob sie es jemals ganz verkraftet, dürfte von ihrer psychischen Grundausstattung abhängen.

Sie erzählt auch von dem Grund für Dons Besuch. Die Anklage wegen Sachbeschädigung kam aus heiterem Himmel. Ob es sich überhaupt um echte Sabotageakte handelte, sei immer noch unklar. Selbstverständlich habe ihr Mann soetwas nicht nötig gehabt. Wenn jemand etwas Illegales gegen den Bau unternommen hat, dann tippt sie auf Brick Spencer und seine Brüder Joey und Tim, die Söhne von Harold Spencer, einem Nachfahren des Stadtgründers. Marcy selbst ist übrigens eine geborene O’Connor. Ach, Kleinstädte. Vielleicht doch eine familiäre Verbindung?

Mir fällt ein, dass die Wunden an Dons Hand vielleicht Aufschluss über die Sorte Monster geben, mit der wir es zu tun haben, und ich humpele nocheinmal ins Motel, um sie mir anzusehen und ein Foto davon an Charles zu senden. Es bleibt nicht aus, dass ich an Barry denken muss, denn ich verbinde Dons Hand natürlich auch wieder. Und ich glaube, ich kann nicht verbergen, wie peinlich mir Donalds Frotzelei über interessante Narben ist, als ich leichtsinnigerweise sage, dass ich die Schnitte spannend finde, auch wenn er sofort beteuert, dass er das nicht so flirty meint, wie es geklungen haben mag. Gerade deshalb. Hat Barry die Sache jetzt auch noch herumerzählt oder interpretiere ich das nur in Dons Worte hinein? Ich verabschiede mich dann lieber ziemlich eilig wieder.

Zur Befragung von Brick, Joey und Tim stellen wir den jungen Heckler ab, da der etwa im Alter der Drillinge ist. Sie unterscheiden sich durch verschieden langes Haar, wahrscheinlich, damit ihre Klassenkameraden und die Cheerleaderinnen, die sie mit Sicherheit daten, sie auseinanderhalten können. Auf dem Marktplatz haben Sie einen kleinen Stand ihrer eigenen kleinen Bürgerinitiative aufgebaut. Niels muss sich gar nicht anstrengen, um ein Gespräch anzufangen. Aus der Ferne sieht es eher so aus, als käme er erst einmal kaum zu Wort. Später erzählt er, dass die drei Jungen viel zu brav scheinen, um sich mit gesetzeswidrigen Aktionen die Aussicht auf ein Studium zu verbauen.
Tim Spencer meinte wohl, die Natur hätte persönlich zurückgeschlagen, denn der Boden habe sich abgesenkt, und das sei ja wohl mit Sabotage schwer zu erreichen. Damit erheitert er zwar seine Brüder, aber uns gibt der Hinweis zu denken. Was, wenn da wirklich etwas auf die Welt losgelassen wurde, was bisher in der Erde geschlummert hat?

In die gleiche Kerbe schlägt dann auch Bart Blackwood, als er endlich aus dem Archiv auftaucht. Der hat erfahren, dass es in den 1880ern schon einmal mysteriöse Morde gab, die aber aufgehört haben, als Lucy O’Connor, geb. Blackwood, nach Dwight gekommen ist. Sieh an!
Seine eigenen Unterlagen aus der fahrenden Bibliothek, die er sein eigen nennt, haben einen Brief von ihr zutage gebracht, in welchem sie von ihrer Hochzeit mit O’Connor berichtet, dass sie schwanger sei und jetzt in Dwight wohne, dass sie aber deswegen die Jagd nicht aufgeben wolle und auch schon ein Schattenmonster mit James Spencer, dem Stadtgründer und einem Indianer namens Larkin gebannt habe. Das sei aus einer indianischen Kultstätte im Boden gekommen. Die Kultstätte war von Siedlern zerstört worden, die dort eine Farm bauen wollten. Mit der Hilfe eines Naturgeists wurde das Wesen wieder in die Erde gebannt, und Lucy hat gehofft, dass nichts mehr auf das Land gebaut wird.

Wo das Ding aus der Erde kam, können wir dann den Vorher/Nachher-Fotos aus dem Netz und den Unterlagen über die vermeintliche Sabotage entnehmen. In einem relativ überschaubaren Bereich fielen Maschinen aus. Ein Generator fing Feuer, weil sich ein Ast darin verklemmte und Blätter darauf fielen. Ziemlich sicher das Werk des Wächtergeistes. Irgendwann senkte sich dann der Boden ab, etwa zu dem Zeitpunkt, als ein See plattgewalzt worden war. Da war er entweder schon erschöpft oder vernichtet oder es war sein letztes Aufbäumen. In dieser Nacht starb Juarez.

Das Ritual das Lucy O’Connor beschreibt, ist nur durchführbar für den, den das Wesen gerade angreift. Wie charmant. Anders wäre es ja auch langweilig. Ich musste ja unbedingt nach Action verlangen.
Also gut, teilen wir uns auf. Bart überprüft die Leylinien für den perfekten Ort. Cal besorgt über einen Jägerkontakt das nötige Meteoriteneisen, mit dem allein der Schatten verletzt werden kann. Ich versuche über Mitchell in Pemkowet an eine als ausgestorben geltende Thysmia americana zu gelangen. Und Niels, der sich als Kunststudent zu erkennen gibt, malt uns eine Sonnenrepräsentation.

Ich rufe Mitchell an, der weiß, dass eine alte Dame noch ein paar Exemplare der Pflanze züchten konnte. Sie will aber Unsummen an Geld, die Mitch aufgrund der spärlichen Nachfrage bisher nicht bereit war hinzulegen. Sollte ich es schaffen, der Frau einen Steckling abzuschwatzen, würde er sich freuen, wenn für ihn auch einer abfiele. Sie verkauft mir die Pflanze, nachdem ich ihr mit ein paar wilden Behauptungen zum Inhalt des Gewächshauses und angeblicher Undercoverarbeit für die Drogenfahndung ihre lästige Familie vom Hals gehalten habe, für einen Preis, der wahrscheinlich bq). den ihrer gesamten Ernte übersteigt. Dafür bekommt Mitchell jetzt Rabatt. Sonst lasse ich meine Kontakte zum FBI spielen.

In der Zwischenzeit an einem anderen Ort:

Bart trifft auf eine Familie, die sich streitet, ob sie am richtigen Ort, einem Hain mit großem flachen Stein, einen Pavillon bauen soll. Er überzeugt sie, das nicht zu tun wegen seltener Tiere, die er herbeiphantasiert.

Cal will Meteoreisen und fährt zu seinem Kumpel Zebediah in der Nähe von Dwight. Dort stehen gerade zwei Angestellte vom IRS, die mit ihm über die Steuer sprechen wollen. Da die beiden aber keine Handhabe haben, ziehen sie sich zurück. Notieren sich Cals Autonummer. Cal bietet Zeb an, dessen Waffen erstmal mitzunehmen, da der Großteil illegal ist und die Steuerfahndung das nicht finden soll.
Zeb gibt Cal das Meteoreisen im Tausch für jemanden, der ihm mit dem IRS hilft.

Niels rettet in Chicago eine Gruppe von jungen Leuten, die ein Beziehungsproblem haben. George hat Sylvie mit der Waffe bedroht, weil sie ihn mit dem namenlosen Bro betrogen hat – Niels entwaffnet George, der heulend in seinen Armen zusammenbricht.

Niels malt ein Sonnenbild, während wir anderen den Hügel, der als neues Gefängnis dienen soll, ringsum mit Flutleuchten dekorieren und Cal ausprobiert, wie sich das unförmige Stück Metall am besten als Waffe einsetzen lässt.

Weil das Monster ja offenbar aus Rache tötet, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach die Nachfahren der Jäger angreifen, die es gebannt haben. Also entweder Bart oder mich.
Nach Murphys Gesetz müsste das dann die Frau auf Krücken sein, das leichtere Opfer. Doch an Gesetzmäßigkeiten will sich so ein Monster scheinbar nicht halten. Es kommt, sobald Bart beginnt, das Ritual zu sprechen, und stürzt sich auf ihn. Das Wesen verletzt ihn am Handgelenk, ich versuche, es mit der Krücke wegzudrängen, komme aber nicht dagegen an. Auch Niels’ Schüsse und Beleidigungen gehen durch den wabernden Schatten einfach hindurch. Cal kann es als einziger mit dem Eisen verletzen, und es fallen Schattenteile von ihm ab.
Immerhin hat mir die Nähe zu dem Ding seine Aufmerksamkeit gesichert. Ich locke es von Bart weg, und Niels baut eine Lichtbarriere zwischen ihm und dem Wesen auf.
Während ich mehr schlecht als recht rückwärts stolpere, hämmert Cal weiter mit dem Eisenbrocken auf unseren Gegner ein. Mehr Schatten fällt zu Boden und Bart gelingt es, das Ritual zu Ende durchzuführen.
Hecklers Sonnenbild leuchtet auf, das Wesen wird in das maulartige Innere der Thysmia gezogen. Eine leichte Welle breitet sich unter unseren Füßen aus und verebbt. Ruhe kehrt ein.

Blackwood blutet heftig aus den Schnitten, die ihm das Monster beigebracht hat. Mein Versuch, ihn zu verbinden, scheitert kläglich, weil mich das Adrenalin einholt. Mein Bein pocht. Das wochenlange Nichtstun fordert seinen Tribut. Cals Spott und Barts skeptische Kommentare machen es auch nicht besser. Niels fährt Bart schließlich ins Krankenhaus.

Auf dem Heimweg – wir haben gerade die Überreste der Aktion entsorgt und in einem Schnellrestaurant unsere Energiereserven wieder aufgefüllt – packt Cal plötzlich meine Schulter so fest, dass es wehtut und dreht mich in Richtung Straße.
“Da. Das ist übrigens AC.”
In einer weißen Luxuskarosse fährt ein Mann mit einem ebenso weißen, auffälligen Cowboyhut vorbei. Sein Blick streift über uns, er tippt sich lässig an den Hut. Mir wird kalt. Das ist also das Arschloch, das Fisher sein höchstes Gut nehmen will. Und die Frau neben ihm erkenne ich von den Fotos, die wir vorhin gesichtet haben, Lydia Nowak von Newport Constructions. Denen haben wir mit unserem Ritual wohl einen Gefallen getan. Einen Moment lang kocht unbändiger Zorn in mir hoch.
Mein Schlüsselbein ächzt unter dem Druck. Ich greife instinktiv nach Cals Hand und drücke sie fest.
Dann, ich kann selbst nicht glauben, dass ich das wirklich mache, fange ich den Blick des Engels auf und forme mit den Lippen die Worte “Lass uns mal reden."
Aziraphel mustert mich, er lässt den Hauch eines Nickens erahnen.

Den restlichen Weg zum Motel legen wir schweigend zurück. Cal verströmt Wellen von hilfloser Wut. Ich bin die Letzte, die jetzt etwas Tröstliches zu ihm sagen kann.
Umso mehr wundert es mich, dass er nicht viel später an meine Tür klopft, die Hände in den Taschen und die Schultern hochgezogen wie ein Teenager der etwas verbockt hat. Eine steile Falte hat sich zwischen seinen Augen eingegraben. Die Lippen sind auf diese Art zusammengepresst, die ich schon öfter an ihm beobachtet habe, wenn ihm etwas gegen den Strich geht, für das ihm die Worte fehlen. Sieht fast aus wie ein Kussmund.
“Hey.”
“Hey.”
“Noch wach?”
“Schlaflos.”
Das ist glatt gelogen. Ich bin so müde, ich könnte sofort einschlafen. Ich könnte mir eine Wiederholung des verdammten Alptraums geben. Oder ich könnte auf das unausgesprochene Angebot von Cal eingehen. Es sieht aus als hätte er es bitter nötig. Ich lege den Kopf schief und strecke die Hand aus. “Komm her.”
Er küsst die Innenseite meiner Hand, ehe er mich an sich zieht. Ich vergrabe die Finger in seinen Haaren. Die unerwartete Sanftheit seiner Annäherung hat nichts damit zu tun, dass mein Bein noch höllisch empfindlich ist. Ich glaube, diese Schwäche ist der Begegnung mit AC zuzuschreiben. Die hat ihm richtig zugesetzt. Etwas in meiner Brust krampft sich zusammen, während seine Finger jedes einzelne Branding nachfahren. Ich kann ihm nicht in die Augen sehen.
Irgendwann am frühen Morgen wache ich davon auf, dass vor dem Fenster ein Haufen gefiederter Krawallmacher lärmt. Cal hat seinen Arm um meine Taille geschlungen. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Auf einmal ist mir soviel Nähe zuviel. Sehr, sehr vorsichtig rolle ich mich aus dem Bett, tappe im Halbdunkel ins Bad. Ungeordnete Gedanken schlagen noch mehr Krach in meinem Kopf als die Vögel draußen. Das Gespräch mit dem Engel ist wirklich überfällig.


Gut eine Woche später, ich sitze gerade in einem Café in Hectorville, fährt ACs weiße Angeberkarre vor, die trotz des Wetters so blendend weiß ist wie sein Cowboyhut.

Ich werde zur Salzsäule. Oh nein. Nein, nicht jetzt!

Was hatte ich mir nicht alles für großartige Worte überlegt. Doch statt zu lächeln und ihn um den Finger zu wickeln, wie ich es mir ausgemalt habe, starre ich ihn an wie ein Kaninchen die Schlange. Die schlauen Ideen rieseln schneller aus meinem Kopf als eine Handvoll Sand. Was hat mich in Dwight geritten? Wie kann man so einen idiotischen Plan fassen?
Er flirtet ein wenig mit der Bedienung, die ihm praktisch sofort zu Füßen liegt, und kommt mit seinem Blaubeerpfannkuchen an meinen Tisch, fragt ob er sich setzen dürfe. Er hätte den Eindruck, ich wolle mit ihm reden. Ich suche immer noch nach meiner Fassung. Hilfsbereit bietet er an, sich noch einen Kaffee zu holen, wenn ich ein wenig mehr Zeit brauche, um mich zu sammeln. Immerhin bringe ich hervor, dass ich nicht glaube, dass das etwas besser macht. Er findet, dass Kaffee so vieles besser macht. Eine großartige Erfindung der Menschheit.
Darüber scheint man ja in seinen Kreisen geteilter Meinung zu sein, entgegne ich und meine damit das Fortbestehen der Menschheit. Er kontert: Geteilter Meinung ist man auch hier unten. Ich gebe zu, dass man auch hier gut darin ist, sich gegenseitig wegen Meinungen zu dezimieren. Bisher hat aber noch keiner versucht, gleich die ganze Welt in Schutt und Asche zu legen. Soetwas ist nun auch nicht sein Ziel. Ich weiß.

Das ist der Grund, warum ich überhaupt erwäge, ihm ein Geschäft vorzuschlagen, das auch ihm hoffentlich als vorteilhaft für beide Seiten erscheint. Ich will Cals Schulden übernehmen. Sofort will er wissen, was daran für ihn von Vorteil sein soll. Ein Tausch Jäger gegen Jäger tut es natürlich nicht. Hatte ich auch nicht erwartet. Dass mir finanzielle Wege offen stehen, von denen Cal nur träumen kann, interessiert ihn auch nicht. Geld ist keine Herausforderung für einen Engel. Schade, aber auch hier keine Überraschung.
Offenbar ist ihm der Mann mehr wert als ich – aua! – weil der eine Armee hat und auch Leute führen kann. Und er klingt dabei fast ein wenig, hmm, aufgeregt. Als könnte ihm nichts besseres passieren als Cal. AC will einen General, jemanden, der gut mit Leuten zusammenarbeiten kann.
Ich glaube es nicht. “Cal? Haha, den muss ich mir merken, der war gut.”
Aber verdammt, wenn ich es recht überlege, dann ist da etwas dran. Immer wenn ich mit Cal gemeinsam etwas unternommen habe, dann hat es auch geklappt. Er hat uns in Maine auf Linie gehalten, als der Dämon uns beinahe dazu gebracht hätte, alles vergessen zu wollen. Cal kann mir Sachen ins Gesicht sagen, für die ich jedem anderen die Nase brechen würde. Verdammt. Ich weiß, was Aziraphel meint.

Was ihn leider auch nicht besonders juckt – und hier hätte ich gerne den Hebel angesetzt – ist die Tatsache, dass die Gegenseite meine Seele gratis bekommt, wenn ich sie nicht an ihn abtrete. Und ich werde mir erst jetzt, wo ich es ausspreche, so richtig klar darüber, dass ich einiges abzuleisten hätte, um das Ruder noch herumzureißen. Die Hölle sieht Aziraphel aber gar nicht als die Gegenseite an und meint, ich wisse ja, wer wirklich der Gegner sei.
“Selathiel.”
Genau. Ob ich nun andeuten wolle, dass ich zu ihr überlaufe, wenn ich keinen vernünftigen Deal von ihm bekomme? Ich versuche gar nicht erst einen Engel anzulügen. Nein, nicht zu Selathiel, eher hacke ich mir eine Hand ab. Das weiß er.

Und völlig abgeneigt ist er einem Tausch der Schulden ja auch nicht. Nur will er selbstverständlich einen besseren Deal. Etwas Wertvolles, das ich ihm anbieten kann, oder meine Seele jetzt sofort zum Beispiel.
Ja, klar. Auf den Spruch habe ich schon gewartet. Ich lache trocken. “Meine Opferbereitschaft hat ihre Grenzen.”
Cal schuldet AC einen Gefallen, um seine Seele freizukaufen. Drei von mir hält der für einen guten Deal. Ich sehe hier nur zwei Seelen, um die ich verhandle, halte ich dagegen. Er schweigt. Verdammt. Er sitzt am längeren Hebel.
“Einen Gefallen im gleichen Verhältnis wie den von Cal und einen größeren.”
Leider hat Cal bei seinen Verhandlungen darauf verzichtet, ein genaues Ausmaß des Gefallens festzulegen. Er sei da gerade etwas emotional gewesen, erklärt AC.
Caleb Fisher. Emotional. Alles klar. Scheinbar amüsiert mein Unglaube den Engel. Nun gut. Irgendwo hat jeder seinen wunden Punkt. Er wüsste nicht, was er tun würde, wenn Ben was passiert, hat Cal kürzlich gesagt. Das ist so ein Gedanke, den ich auch noch nicht ganz verwunden habe. Er ist Vater. Gut möglich, dass da ein Zusammenhang mit seiner Schuld besteht. Ich möchte nachfragen, doch meine Zunge ist wie an meinem Gaumen festgeklebt. Wahrscheinlich besser so. Es würde sich nicht gehören, den Engel auszuquetschen. Cal ist in unseren bisherigen Besprechungen nicht darauf eingegangen. Also scheint er der Ansicht zu sein, dass es mich nichts angeht. Das sollte ich respektieren. Andererseits bin ich gerade drauf und dran diese Schuld abzulösen, deren genaues Ausmaß und deren Ursprung ich nicht kenne. Es wäre ja doch ganz schön, wenn ich nicht die Zinsen und Zinseszinsen einer vollkommenen Dummheit bezahle.
Tja, Irene, das hättest du dir überlegen sollen, bevor du das Horn einfach gestohlen hast. Das was du als Zinseszins bezeichnest, nennt man in Sünderkreisen gemeinhin Sühne.
Mir wird flau im Magen. Noch mehr als sowieso schon. Was mache ich hier?
“Also gut, zwei Gefallen. Ohne Gejammer, dass Sie das nicht können oder dass es gegen Ihre Werte verstößt.”
Ich überlege. Es gibt eine Menge Dinge, die ich nicht über mich bringe. Wieviel davon ändert sich, wenn es um meine unsterbliche Seele geht? Was würde ich tun, um meinen Hals aus der Schlinge zu ziehen, und wo ist die Grenze?
Meine Gedanken wandern zum Horn von Jericho. Würde ich es aushalten, mit meinem Leben dafür zu zahlen, dass es nicht in die Hände eines gottgleichen Wesens fällt, das damit wer weiß welche Mauern zum Einsturz bringen würde? Würde ich es aushalten, mit Cals Leben dafür zu zahlen?
Letztere Frage ist schon beantwortet, sonst säße ich jetzt nicht hier und würde mein Gewissen beim Kampf gegen meinen Überlebensinstinkt beobachten.

“Es würde gegen meine Werte verstoßen, wenn ich zum Beispiel gegen meine eigene Familie vorgehen müsste.”
“Kein Gejammer.”
“Und wenn ich das, was Sie von mir wollen, nicht über mich bringen würde, dann würde mich der Blitz treffen? Und meine Seele gehörte Ihnen?”
“Auf den Blitz können wir verzichten.”

Meine Güte. Ich habe mir tausendmal vorgebetet, dass es sein muss, wenn ich je wieder ruhig schlafen will. Dass ich besser als jeder andere darauf vorbereitet bin, was auf mich zukommt, wenn ich es am Ende nicht schaffe, meine Freiheit zurückzukaufen. Und trotzdem…

“Ich muss einen Augenblick darüber nachdenken.”
“Kein Problem. Rufen Sie einfach an. Hier ist meine Karte.”

In Goldene Lettern steht da “A.C. Ruffle”. Eine Nummer, die vor meinen Augen tanzt. Meine Hand zittert. Ich stecke die Karte ein.
“Ja, das werde ich.”
Werde ich?

Fürs Erste hat der Überlebensinstinkt gewonnen. Diesmal nur verbal, aber wieder habe ich es geschafft davonzulaufen. Gott, bin ich feige!
Hier sitze ich und sehe ihm dabei zu, wie er in aller Seelenruhe seinen Pfannkuchen verspeist, höre ihm zu, wie er mir erzählt, wo er zuletzt so gute Blaubeeren bekommen hat, drehe meine Tasse in den Händen und bringe kein Wort heraus, während der Windbeutel auf meinem Teller sich unberührt mit geschmolzener Schlagsahne und immer kälter werdendem Kirschsud vollsaugt, Schräglage bekommt und auseinanderrutscht, gleich dem Haus auf meinem Hügel, das ich geopfert habe, um mit heiler Haut davonzukommen. So wie ich bisher alles und jeden geopfert habe, um nichts von mir opfern zu müssen. Gott, bin ich feige!

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Timberwere

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