Mädchenkram - Supernatural

Von Marathon nach Little Rock

Intermezzo: Barry & Emily

Als Barry und Emily auf dem Rückweg waren, fragte Barry nach Lucie – ob sie sie schon länger kannten.
Emily antworte Barry wahrheitsgemäß, dass sie Lucie nicht kannte, ebenso wenig wie Mary Ann. Aber Lucie schien zu wissen, was sie tat. Nach einen kurzen Moment sagte Emily “Aber wie du sicher von Ethan weißt, bin ich noch nicht lange zurück.”
Barry nickte schweigend.
Nach einer Weile fragte Emily, wo Barry denn rausgeschmissen werden will.
Er meinte nur knapp, dass er wieder in Little Rock raus wollte, wenn’s ginge.
“Klar gehts das” meinte Emily lächelnd.
Barry wollte Emily nicht zu Last fallen und sagte: “Wenn du lieber woanders lang möchtest oder die Schnauze voll von mir hast, auch gerne irgendwo anders mit einem Flughafen. Aber eigentlich fliege ich nicht so gerne.”
“Nee, passt schon, ich hab dich abgeholt, dann bringe ich dich auch wieder zurück, wohin auch immer du willst” sagte Emily auf die Straße achtend. “Warum sollte ich die Schnauze voll haben.” Ihre Stimme klang überrascht.
Barry war erleichtert, dass Emily ihn fuhr und er nicht fliegen musste. Er zuckte mit den Achseln “Hatte den Eindruck, dir geht zu viel Gesellschaft vielleicht auf die Nerven.” Pause. "Könnte auch falsch liegen. Sorry. ich bin nicht grad Mr. Menschenkenntnis.”
Emily nickte. “Das ist wohl wahr, zu viel Gesellschaft mag ich nicht und zu viel Nähe auch nicht, aber es ist mal ganz nett, nicht alleine unterwegs zu sein. Diese Lucie scheint es dir ja echt angetan zu haben” Sie grinste mit leicht schiefen Blick, dann schmunzelte sie. “Bin ich auch nicht.”
Barry atmete tief durch. “Naja. Ich find sie interessant… Oh Mann.” Er schüttelte den Kopf. “Ich bin verheiratet, ich sollte das langsam mal lernen. Aber will dich nicht zutexten. Dachte nur, du kennst sie vielleicht, weil ihr so eingespielt wart.” Barry schwieg einen Moment bevor er fragte.“Du erinnerst dich aber noch an die Sachen, die vor Halloween 2015 passiert sind.”
Emily schien ein wenig verwirrt. “Was meinst du damit? Was solltest du lassen?” Sie schaute zu ihm rüber. “Eingespielt? Fandest du? Ich nicht. Da war nichts Eingespieltes dran.” Nach einer längeren Pause “Joa. Ist schon etwas her, aber an die Zeit vor Halloween kann ich mich erinnern."
Barry erklärte: “Ich sollte aufhören, andere Frauen ‘interessant zu finden. Das ist schon mal fast schiefgegangen." Achselzuckend. “Hatte so den Eindruck.” Grinst schief. “Hey, ihr seid zusammen aufs Klo gegangen.” Dann meinte er “Das ist gut.”
Emilys Neugier brach durch. “Sorry, wenn ich frage, und du musst natürlich nicht antworten, aber sowas ist doch immer ein Anzeichen, dass da was nicht in Ordnung ist in deiner Beziehung. Ähm, ich meinte, Ehe.” Sie schaute verwundert zu ihm rüber. “Achso, das meinst du. Weiß auch nicht, warum sie mich gerufen hat. Hätte genauso gut Nat oder Mary Ann, hieß sie so, gewesen sein können.” Sie schaute fragend zu ihm herüber. “Was hättest du auch mit der Info anfangen wollen, wenn ich sie näher gekannt hätte?”
Barry seufzte. “Ist schwierig, weil wir beide viel Ballast schleppen… Jagen ist aufregend, und danach… wenn du gewonnen hast… da ist dieses High, und das will raus, okay. Dann küsst du halt die Falsche.” Dachte kurz nach. “Ging ihr wohl auch mal so. Aber ich liebe sie. Auch wenns weh tut. Ist nicht einfach, aber ist es nie.” Er räusperte sich “Wegen Lucie: Keine Ahnung. Sie war halt schnell dabei, hat keine Fragen gestellt. Wer wir sind. Dachte, die kennt jemanden.”
Emily versuchte, sich zu entschuldigen. “Wie gesagt, es geht mich ja auch nichts an. Sorry.” Sie nickte. “Aber du hast recht, sie war echt schnell dabei.”
Barry meinte daraufhin: “Schon okay. Ist nur fair, wenn du meine Schwächen kennst. Zumindest eine davon.” Er überlegte kurz. “Mag keine Krankenhäuser. Oder Flugzeuge.”
Sie starrte nach vorne auf die Straße. “Danke für dein Vertrauen. Aber was meinst du damit, es ist nur fair, wenn ich deine Schwächen kenne?” Dann seufzte sie leise. “Ich meine, mit wem du dich einlässt und obwohl du verheiratest bist. Das geht mich nichts an und ist deine Sache.”
Barry sah überrascht zu Emily. “Ich hab dich um Hilfe gebeten. Schulde dir was. Ist nicht okay, wenn du sowas nicht weißt. Kann immer mal ein Sukkubus oder sowas kommen. Außerdem will ich nicht, dass du denkst, ich bin so ein Arsch, dass mir das egal ist. Dass ich nicht weiß, dass ich ein Idiot bin.”
Emily stimmte Barry zu. “Achso, das mit dem Krankenhäusern kann ich echt gut verstehen, leider lässt es sich manchmal nicht vermeiden.” Dabei macht sie ein zerknirschtes Gesicht. Nach einer Weile: “Naja, es ist dein Leben. Tu, was dich glücklich macht. Außerdem halte ich dich nicht für einen Idioten. Du wirst deine Gründe haben. Und es ist oki.” Sie zuckte mit den Schultern.
Barry fing an, sich zu entschuldigen. “Danke. Sorry fürs Zulabern mit dem Gefühlskram.”
Emily lächelte ihn an. “Schon oki. Wenn es dir gut tut, mach ruhig.”
Barry überlegte eine Weile. “Und danke für die Hilfe. Ferrera hat mir damals die Nüsse aus dem Feuer geholt.” Er lächelte zurück. "Hey, ich kann stundenlang über meine Gefühle reden. Sogar Gedichte rezitieren. " Das Lächeln wurde zum Grinsen, damit sah er Jahre jünger aus als mit dem grimmigen Blick.
“War ja nicht ganz so schwierig zum Glück, sowas erledige ich mit geschlossenen Augen. Mit Menschen kann ich nicht so, vor allem nicht mit denen, die nicht wissen, was wir wissen.” Sie schaute ihn baff an. “Oh, ein Mann der über Gefühle reden kann und will, mal was neues.” Sie lachte kurz auf, aber es ein heiteres Lachen. “Weißt du eigentlich, dass du viel freundlicher aussiehst, wenn du lachst, solltest du öfter mal machen”
Barry wurde ernst. “Gab Zeiten, da wollte ich nicht freundlich aussehen. Gibt Leute, die denken, freundlich heißt schwach. Oder harmlos. Weiß gar nicht, ob ich das jetzt so will. Gibt kaputte Leute.” Kurze Pause. “Ich meine nicht dich, okay. Zu dir ist freundlich okay, aber ist noch nicht so lange her, dass ich mir das bei jemandem außerhalb meiner Familie nicht geleistet hätte.”
Emily dachte kurz nach. “Hm, da sind die Leute selber schuld, wenn sie dich für harmlos halten. Ich weiß, nicht was für Leute du kennst, und ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel, aber das ist Schwachsinn." Das Lächeln verschwand. “Es ist schon oki, ich weiß ja selbst, dass ich kaputt bin, mache mir da nichts vor. Ich tu, was getan werden muss. Also es ist schon oki.” Nach kurzem Schweigen. “Dann kann ich mich ja richtig geehrt fühlen.”
Barry sah Emily an. “Wollte nicht sagen, dass du kaputt bist. Du klingst, als würdest du denken, du könntest nie wieder glücklich werden.”
Sie ließ für einen Bruchteil das Lenkrad los und hob beschwichtigend die Hände. “Ich weiß, aber die meisten wollen einfach nur höflich sein. Versteh mich nicht falsch, es ist für mich oki und mir gehts gut.”
“Alles klar.” Er sah nicht unbedingt aus, als würde er das so richtig glauben, aber er akzeptierte das. Nach einer Weile meinte Barry: "Mit ’kaputte Typen’ hab ich solche gemeint, die Spaß daran haben, Leute fertig zu machen… alle, die schwächer wirken, oder hilflos sind oder vielleicht auch nur anders – es gibt Menschen, die freuen sich an der Angst und dem Schmerz anderer. Glaube nicht, dass du so jemand bist." Selbst Em bekam mit, dass seine Stimme immer rauer geworden war, dass er viel konzentrierter atmete und angespannter da saß.
Sie sah etwas nachdenklich aus. “Oki. Aber dennoch gibt es verschiedene Arten von kaputten Typen, aber ist ja auch egal. Du hast recht, so einer bin ich nicht, oder hoff es zumindest.” Sie sah ihn von der Seite an. “Stimmt was nicht? Soll ich mal anhalten?”
Er brauchte einen Moment. “Ich glaube, ich könnte eine rauchen. Ja.”
Sie fuhr an den nächsten Highway Stop und hielt an, blieb noch einen Moment sitzen und öffnete dann die Fahrertür zum aussteigen. “Nimm dir soviel Zeit, wie du brauchst.” Dann musterte sie ihn nochmal nachdenklich und stieg aus, blieb aber am Auto stehen, reckte und streckte sich.
Er atmete kurz durch, bevor er vorsichtig rausging, immer noch sehr angespannt. Verschreckte möglicherweise ein paar Leute mit seinem intensiven Blick. Rauchte langsam, das hatte fast eher etwas von einem Ritual. Kam dann wieder, ruhiger und wieder gefasst.
Emily schaute ihm nach, gab ihm aber die Zeit, die er anscheinend brauchte.
“Tut mir leid”, meinte er, als er wieder einstieg. “Schlechte Erinnerung. Kannte so jemanden.”
Sie stieg wieder ein und schaute ihn lange an. “Dir muss gar nichts leid tun.” Dann lächelte sie etwas mitleidig. “Tut mir leid für dich. Ich hoffe, er gehört jetzt nicht mehr zu deinen Leben. Wenn du noch einen Moment brauchst? Ich warte solange,”
“Passt schon.” Er überlegte. “Die Erinnerung an den Typen gehört zu meinem Leben. Nicht schön, aber ist halt ein Teil von mir. Dass ich das überlebt habe. Der Typ ist tot. Sein Geist ist auch tot. Nur noch eine Erinnerung.”
Sie atmete einmal tief durch, bevor sie den Motor startete. “Das ist gut. Also, dass er nicht mehr lebt. Die Erinnerungen sind die, die uns auffressen. Nicht das Übel selbst.” Dann fuhr sie wieder auf den Highway auf.
“Erinnerung ist Inspiration.” Das klang ein bisschen formelhaft, wie ein Mantra, das er sich erzählte. “Auffressen ist so eine Sache. Muss halt irgendwie raus.”
Emilys Blick wurde etwas starr, schien sich jetzt mehr auf die Straße konzentrieren.“Hm. Inspirationen? Gehen wir dafür nicht jagen? Du schreibst Bücher, wenn ich mich recht erinnere. Was ist eigentlich aus dem geworden, was du beim Sumpf geschrieben hast?” Emily schien das Thema wechseln zu wollen.
Barry war der Themenwechsel ganz recht. “Ja, ich schreibe Bücher”, gab er zurück. “Ich geh aber nicht deswegen jagen. Das mache ich, weil ich ab und zu… keine Ahnung. Kann nicht immer nur still sitzen. Ablenkung.” Stirnrunzeln. “Oh. Ich glaube, du hast recht. Hab ich nie so gesehen, aber – ja. Klar. Was ich grad schreibe? Jein. Eins ist grad beim Editor, ich arbeite an einer Anthologie, mit einem anderen hab ich angefangen, und dann schreibe ich auch noch ein wissenschaftliches Paper über Sprachen.”
Emily schien in Gedanken versunken zu sein. “Ich jage, seitdem ich 11 bin. Also fast mein ganzes Leben”, dann sprach sie sehr leise, mehr zu sich selbst, “und darüber hinaus.” Wieder schaute sie zu ihm rüber. “Nimm es mir nicht übel, aber damit kann ich nicht viel anfangen. Ich lese auch sehr wenig, wenn ich ehrlich bin." Dabei wirkte sie verlegen.
Barry schüttelte den Kopf. “Seit du 11 bist….Meine Tochter ist elf, und ich mach mir Sorgen, weil sie einen Blog schreibt. Wenn ich mir vorstelle, die bei sowas wie der Höhle dabei zu haben…”
Emily zuckte mit den Schultern “So ist das, wenn man aus einer Jägerfamilie stammt. Aber meine Eltern haben mich zu nichts gezwungen, was ich nicht auch wollte. Ich war sogar mal auf ner Uni, ganz kurz.” Bei dem Gedanken versteinerte ihr Gesicht für einen Augenblick. “Dort, wo Ethan arbeitet. aber das weißt du ja.”
“So genau hat er gar nichts gesagt. Wäre nicht drauf gekommen, dass du das bist.” Dachte kurz nach. "Meine Mutter stammt aus einer Soldatenfamilie, aber meine Cousins waren deutlich älter als elf, bevor sie in den Krieg gezogen sind.”
Wieder zuckte sie mit den Schultern. “Es ist, wie es ist. Kann man nichts machen.”
“Hmmm.” Man konnte merken, dass er da nicht unbedingt zustimmte, aber einsah, dass eine Diskussion fruchtlos war. Nach einer Weile Schweigen: “Wir sind ein ganz gutes Team, du und Nat und ich.”
“Stimmt. Nat kann gut mit dem Laptop. Ich finde es nur schwierig, sie in Situation wie die Mine zu bringen. Wenn ich mich selbst in Gefahr bringe, ja bitte, aber jemand wie Nat oder diese MaryAnn, das widerstrebt mir irgendwie. Ich mag keine Leute in Gefahr bringen.”
“Hmm. Verständlich.” Er dachte kurz nach. “Ich habe Natalie irgendwo im Norden getroffen, da war sie grade dabei, einen Familienfluch zu untersuchen. War ein Untoter, der dahinter steckte. Der hätte sie umgebracht, wenn nicht noch ein paar andere in der Gegend gewesen wären, aber das hat sie nicht abgeschreckt. Sie will mehr wissen und nachforschen, und es ist mir lieber, sie macht das, wenn Leute dabei sind, die mit Gefahr umgehen können. In dem Fall hier, ja, da habe ich sie um Hilfe gebeten, aber es war ihre Entscheidung, mit zur Höhle zu kommen. Mit reinzugehen. Nicht meine, schon gar nicht deine.”
Emily antwortete. “Zum Glück ist auch nichts groß passiert. Lucie scheint ja die Bisse recht gut wegstecken zu können. Es ist gut, wenn sie weiß, was los ist, aber vielleicht sollte ihr jemand trotzdem zeigen, wie man mit Waffen umgeht. Man kann sich nicht immer darauf verlassen, dass jemand in der Nähe ist und hilft.” Nach einer kurzen Pause. “Willst du eigentlich direkt nach Hause oder musst du noch was anderes erledigen?”
“Generell wär’s mir lieber, sie geht mit Rückendeckung los. Selbst bei erfahrenen Leuten keine schlechte Idee.” Dann: “Muss nach Hause. Großer Umzug von Arkansas nach Chicago. Und wenn ich nicht da bin, kriegen die Kids nur Pommes mit Hotdogs.”
Emily stimmte Barry zu. “Klar wäre das besser, aber nicht immer ist eine da und nicht immer kann man sich auf die verlassen, und sich für alle Fälle zur Wehr setzen, ist auch nie verkehrt.” Sie lachte auf. “Eine vollwertig ausgeglichene Mahlzeit. Verstehe schon. Wann ist es soweit?”
“Umzug? Die nächsten Tage.” Barry verzog das Gesicht. “Bin mal gespannt, wie weit die jetzt sind mit Packen.”
Emily war verwundert. “Oh, dann machst du noch solche Ausflüge? Wenn das mal keinen Stress gibt. Deine Kinder haben wahrscheinlich nicht viel gepackt.” Sie kicherte leise an den Gedanken und erinnerte sich an ihre Kindheit zurück. “Dann wünsche ich dir auf jeden Fall Glück und alles Gute in eurer neuen Bleibe.”
Barry lachte. “Vermutlich haben die überhaupt nichts gemacht, ja. Hatte ein paar Freunde gebeten, mal zu schauen… bin mal gespannt. Hoffentlich haben die jetzt nicht alle Chemiebaukästen zwischen ihrem Spielzeug. Danke, auf jeden Fall. Weiß ja nicht, was du für Pläne hast, aber wenn du mal in der Nähe bist, meld dich.”
Emily schaute etwas besorgt. “Du scheinst seltsame Freunde zu haben.” Dabei grinste sie übers ganze Gesicht. “Klar, wenn ich mal in der Nähe bin, werde ich mich melden.”
Bei den seltsamen Freunden nickte Barry. “Ja, schon. Aber wenn du mit jemandem durch die Hölle gehst, dann ist der Rest auch egal. Ich war ja mal ein ganz normaler Student, bis ich mich zur falschen Fahrgemeinschaft gemeldet habe.”
Emily stockte kurz als Barry das mit der Hölle erwähnte, und umfasste das Lenkrad fester, so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden. Ihre Stimme war ein wenig belegt, dennoch versuchte sie, relativ normal und ruhig zu sprechen. “Falsche Fahrgemeinschaft?”
Wenn Barry das auffiel, sagte er nichts dazu. Der nickte nur. “Wollte nach Daytona Beach, mit einem Nerd und einer Biologiedozentin. Dann hat uns ein Fluch erwischt, und als wir den lösen wollten, sind wir über diverse Sachen gefallen… wurden dann von verfluchten Bikern quer durch die Staaten gehetzt. Blutige Sache. Kam am Anfang nicht so gut klar damit.”
Emily nickte und meinte dann “Wenn man da reingeworfen wird, kann ich mir echt denken, dass das ziemlich übel ist.”
Barry stimmte zu. “Ich hab erst versucht, zu saufen, und dann, mich umzubringen. Hätte auch fast geklappt, und danach… naja. Es ist, wie es ist.”
Sie lächelte ihn aufmunternd an. “Du scheinst dich mittlerweile gefangen zu haben. Ich weiß, wie das jemanden verändert. Aber du hast eine Familie, zu der du gehen kannst. Das ist viel wert, vor allem, wenn deine Frau sogar versteht, von was du sprichst.”
“Die kannte ich damals noch nicht”, sagte Barry. “Zumindest, soweit ich weiß. Oder wusste.” Er schüttelte den Kopf. “Ist kompliziert. Jedenfalls war sie schon Jägerin, als wir uns getroffen haben. Insofern verstehen wir uns schon.”
Emily sah etwas verwirrt aus, als hätte sie mit so einer Antwort nicht gerechne, schwieg aber darüber. “Wie lange machst du das schon?”
Barry dachte kurz nach. “Seit etwa dreizehn Jahren jetzt.”
Emily nickte stumm.
Barry meinte: “War früher intensiver, aber das hat der Familie nicht gut getan. Und die ist mir wichtiger.”
Emily klang etwas verbittert, schien es aber aufrichtig und ehrlich zu meinen. “Man sollte sie halten, solange man kann. Es ist ein wichtiger Ankerpunkt.”
Barry nickte. Sah etwas überrascht aus, aber durchaus positiv überrascht. “Deswegen wollte ich auch wieder nach Chicago. Habe da eine ziemlich große Familie. War komisch, als mich letztes Jahr eine Frau anrief und meinte ‘hier ist Nicky, du kennst dich doch mit komischem Kram aus’ und ich erst mal keine Ahnung hatte, wer die eigentlich ist.”
Neugierig fragte Emily: “Und wer war Nicky?” Sie schien einen Augenblick nachzudenken. “Ich meine das ernst mit der Familie, auch wenn ich mittlerweile die meiste Zeit lieber alleine durch die Gegend ziehe.”
“Nicky ist die Frau meines Cousins Clancy. Hätte ich mal wissen können, aber ich war zu lang weg.” Er lächelte zustimmend. “Solange du nicht zehn Jahre durch die Gegend ziehst, ohne mit ihnen zu sprechen…”
Sie seufzte schwer. “Darauf wird es hinauslaufen, wenn ich denn solange überlebe.”
Barry blinzelte überrascht. “Das war… unerwartet.” Wartete eine Weile, ob da noch was kam. Tat es nicht, also sagte er irgendwann. “Emily, wenn du Rückendeckung brauchst, sag Bescheid.”
Sie schmunzelte. “Klar. So war das auch nicht gemeint, aber es ist halt gefährlich. Jedes mal, wenn wir uns dem Monster gegenüber stehen. Ich glaube, ich kann schon recht gut abschätzen, was ich mir zutrauen kann. Und würde für alle Fälle immer Hilfe anfordern, aber gut zu wissen, dass ich auf dich zählen kann.”
Barry sagte: “Gefährlich, klar. Deswegen gehen Tam und ich nicht zusammen jagen. Damit einer noch da ist, wenn etwas passiert. Und, hey, du hast mir auch geholfen, ohne mit der Wimper zu zucken.”
“Naja, üblicherweise weiß ich auch, was ich tue.” Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, weil sie genau wusste, dass es so nicht richtig war. “Und wenn einer von euch ganz mit dem Jagen aufhört? Was erzählt ihr den Kindern, wo ihr seid, und finden sie es nicht seltsam, wenn ihr immer alleine weggeht?”
“Aufhören? Das kriegen wir beide nicht hin. Ich eher als sie, aber ohne Gefahr hin und wieder fehlt mir auch was. Ich werd unruhig, und ich will lieber nicht wissen, was passiert, wenn das überhand nimmt. Die Kinder wissen, was wir machen, zumindest grob. Mein Pflegesohn war jahrzehntelang in einer Höllendimension gefangen, bevor wir ihn Weihnachten vor einem Jahr rausgeholt haben.”
“Oki. Naja, ich dachte halt wegen der Kinder.” Sie schaute Barry verwundert an. “Kommt er klar? Ich meine, dein Pflegesohn?”
Barry überlegte eine Weile. “Wird besser”, sagte er schließlich. "Nicht gut, aber wird besser. Hat mehr Willenskraft als jeder, den ich kenne. Hatte dort fast verlernt, zu sprechen, aber er hat die Hoffnung nie aufgegeben. "
Wieder seufzte sie leise. “Das ist gut, dass er nicht aufgibt. Das wird er wahrscheinlich dort gelernt haben, ich schätze, man lernt dort einen gewissen Überlebensinstinkt. Hoffe, er schafft es. Ich meine, ein relativ normales Leben zu führen mit der Zeit.”
“Hoffe ich auch. Ist einer Gründe für den Umzug – der braucht Unterstützung, und in Stuttgart gibt es eine Schule für Kids mit Problemen. Für alle Kids mit irgendwelchen Problemen, und das hilft nicht. Ist in Chicago einfacher.” Ein bisschen später. “Normales Leben ist ja auch immer so eine Sache. Ich hoffe, er findet ein bisschen Frieden.”
Emily sagte: “Ahh, oki. Das klingt plausibel. Ich hoffe, dass euch der Umzug das Leben leichter macht. Aber wahrscheinlich hilft es schon viel, wenn er weiß, dass er von euch geliebt wird.”
“Hoffe ich doch”, erwiderte Barry. “Denke, es ist gut für ihn, dass wir verstehen… oder zumindest eine Ahnung haben, was er da durchgemacht hat.”
Ihre Stimme wurde sehr leise. “Ich will dir oder euch nicht zu nahe treten, aber ich glaube, dass ihr nicht ansatzweise versteht, was er durchmacht oder durchgemacht hat. Das meine ich jetzt auch nicht böse.” Sie schwieg einen Moment, bevor sie weitersprach. “Ich hoffe, du bist nicht böse oder sauer. Es ist nur..”, dann hört sie mitten im Satz auf. Ihre Miene ist nichts sagend.
Nachdenklicher Blick. “Ich bin nicht sauer, aber ich denke nicht, dass du nicht weißt, was Tam oder ich durchgemacht haben. Kann man nicht aufrechnen.”
“So habe ich das auch nicht gemeint”, sagte Emily, ”Ich glaube schon, dass ihr viel Scheiß miterlebt habt und ich wollte auch nicht sagen, dass es nicht schlimm war. Ich denke aber, dass es auf eine andere Art schlimm war, und dass man sich nicht vorstellen kann, was der Junge in der anderen Dimension erlebt hat.” Ihr Blick wirkte traurig. “Sorry, ich rede manchmal schneller als ich denke.”
Barry lag irgendwas auf der Zunge. “Kein Problem, und du hast vermutlich recht. Denke, es tut ihm trotzdem gut, wenn er jemanden hat, mit dem er reden kann. Jemanden, der weiß, dass es andere Welten gibt. Dass man verloren gehen kann, und dass aufwachen… oder zurückkommen schwierig ist. Und wenn man nur lernen muss, wieder zu laufen.”
Emily antwortete: “Auf jeden Fall, ich habe ja nie behauptet, dass es nicht gut wäre. Ich denke, es ist gut, wenn man viel mit ihm spricht. Gerade, wenn er mit der Sprache Probleme hat. Ein Umzug ist sicher ein guter Ansatz. Das zeigt ja, dass ihr euch Gedanken um den Jungen macht.”
“Er ist Familie.” Barry hielt das offensichtlich für eine vollkommen ausreichende Erklärung.
Emily nickte. “Wie gesagt, es ist gut, wenn man eine hat, auf die man sich stützen kann.”
“Ja. Bin froh über die.” Er lehnte sich zurück, atmete durch. Schwieg eine Weile. Schaute aus dem Fenster. Wirkte relativ zufrieden damit, leise vor sich hin zu dösen und ab und zu mal ein paar Worte zu wechseln.
Emily setzte Barry dann an dem abgesprochenen Punkt in Little Rock ab.
Barry bedankte sich nochmal, spendierte ihr einen Kaffee. Sie lächelte. Dankte für den Kaffee. “Bis zum nächsten Mal.” Dann rauschte sie davon.

Comments

Marganma

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