Mädchenkram - Supernatural

Eine Woche nach dem Besuch in Tappan fährt Ethan nach Arkansas, um den Jacksons den lange geplanten Besuch abzustatten. Freinehmen hat er sich ohne Probleme können; jetzt im Sommer herrscht ohnehin gerade Arbeitsflaute an der Universität. Ethan muss ohne Sam fahren, so leid ihm das tut, denn deren Fuß ist noch immer nicht soweit wieder hergestellt, dass sie ihn belasten könnte. Inzwischen muss die Arme schon völlig auf die Barrikaden gehen, vermutet Ethan, auch wenn sie das in ihren Telefonaten bis auf Andeutungen meist ausgeblendet hat.

Irgendwann hat Barry ihn mal gebeten, er solle anrufen, bevor er auf den Hof fahre, also greift Ethan bei seiner letzten Zigarettenpause zum Telefon und kündigt sich an. Als er den Pickup dann knapp zwei Stunden später vor dem Haus der Jacksons zum Halten bringt, sitzt sein Freund auf der Bank davor und winkt Ethan mit einem Begrüßungslächeln zu. Der Blick des Detektivs ist wieder klar, die Gehirnerschütterung, die er sich in Seattle zugezogen hat, offenbar komplett oder größtenteils überstanden. Dafür hinkt Barry jetzt und wirkt körperlich ziemlich mitgenommen. Darüber zu reden, was ihm da zugestoßen ist, scheint er aber nicht zu wollen, sondern er winkt nur ab und will stattdessen wissen, wie Ethans Besuch in New York gelaufen ist.

Also erzählt Ethan, sobald sie drinnen sind. Das geht besser als sonst: Seit Tappan sind die Worte irgendwie nicht mehr ganz so schwere Mühlsteine in seinem Hals. Wie seltsam es sich anfühlt, auf einmal wieder Kontakt zu haben, erzählt er, aber auch, wie unendlich gut. Von Alans Feindseligkeit, die Ethan in die Seele schneidet, und von Fionas Suche, die ihm tiefe Bewunderung abringt. Barry hingegen scheint von Fionas Beharrlichkeit nicht sonderlich begeistert; zumindest lässt sein skeptisches „okaaay…“ darauf schließen. Wie alt Ethans Schwester sei, will der Schriftsteller dann wissen, gibt aber auch zu, dass Fi wohl zumindest entschlossen sei, und das sei ja schon mal nichts Schlechtes.

Dass das Erzählen leichter geht, das hat Ethan tatsächlich auch schon ein paar Tage vorher bemerkt, als er Irene auf dem Roten Hügel einen Besuch abstattete. Er hatte der Engländerin versprechen müssen, dass er nach Tappan vorbeikommen würde, und natürlich wollte sie alles von ihm wissen. Wie es war. Wie er empfangen wurde. Und Ethan ertappte sich dabei, wie er ihr, in seinen üblichen Einwortsätzen erst, dann etwas flüssiger und mit weniger Pausen, die ganze Geschichte vermittelte, während Irene ihm förmlich an den Lippen hing und ihm sogar einen Tee kochte. Den sie selbst lustigerweise vor lauter Zuhören selbst kaum anführte. War aber ganz gut so, das mit dem Tee, auch wenn Ethan normalerweise kein großer Teetrinker ist. Denn: Stimme ölen und so. Irgendwann war er so in Fahrt, dass er auch ein bisschen was über die Gedanken und Sorgen andeutete, die ihm in Tappan und seither durch den Kopf gingen. In dieser vertrauten Stimmung war er gerade drauf und dran, Irene auch von seinen Gefühlen für Sam zu beichten, da fragte ihn die Britin unvermittelt nach seiner Zeit mit Cal. Ob der eine Art Ersatzvater für ihn gewesen sei. Unter dem Gesichtspunkt hatte Ethan das eigentlich nie so recht betrachtet, aber doch. Klar. Genau das, eigentlich. Also nickte er und erzählte, als er merkte, wie gerne Irene alles über ihren… was eigentlich? Freund? Partner? Gelegentlichen Liebhaber? erfahren wollte, offen und ehrlich von den beiden Jahren. Vom Guten wie vom Schlechten. Von ihrem Zerwürfnis und der Hölle danach, was wieder schwieriger wurde. Aber musste sein, also biss er sich durch. Und irgendwie halfen auch der Gedanke an Sam und die Erinnerung an Portland enorm, die Worte herauszubringen. Irene wirkte jedenfalls nicht sonderlich überrascht, als sie von Carla hörte. Mehr so, als habe sie jetzt die Bestätigung für etwas, das sie schon länger gewusst habe. Oder zumindest geahnt.
Von Cals guten Seiten erzählte Ethan auch. Von dessen Sinn für Gerechtigkeit, den er vor sich selbst gar nicht so recht zugab und gerne hinter der toughen Arschlochfassade versteckte. Seiner so ziemlich bedingungslosen Loyalität. Wie strikt er immer darauf achtete, keine Unschuldigen in Sachen hineinzuziehen. Und natürlich die kleine Tatsache, dass er einen völlig unbekannten Jungen erst rettete und dann fast zwei Jahre lang unter seine Fittiche nahm.
Na gut, Cal war auch der Grund für die jahrelange Funkstille zwischen Ethan und seiner Familie. Seine felsenfeste Überzeugung, Kontakt sei zu riskant, genauer gesagt. Als Ethan das erwähnte, biss seine britische Freundin die Zähne zusammen, und eine undefinierbare Regung zog über ihr Gesicht. Aber alles, was sie sagte, war: „An der Vorstellung scheint er nicht mehr so sehr festzuhalten.“ Das war Ethan bei dem Gespräch auch aufgefallen, also nickte er. Zuckte dann mit den Schultern, suchte nach den Worten. „Das dürfte was mit Ben zu tun haben, denke ich“, fuhr Irene fort, was Ethan ein zweites Mal nicken und mit einem schiefen Lächeln wieder an den Besuch bei seiner eigenen Familie denken ließ. Und daran, was für eine Last mit der Begegnung von seiner Seele gehoben wurde.
Als die Teekanne irgendwann leer war – Ethan hatte tatsächlich das meiste davon ganz alleine getrunken, – zog die Britin ihn bei der Verabschiedung in eine lange Umarmung, die Ethan ein wenig unbeholfen, aber aufrichtig erwiderte. Dabei erklärte sie, wie froh sie sei, dass er den Kontakt wieder hergestellt habe: Er solle keine Wunder erwarten, aber das werde ihnen allen guttun. Und weil er sie daran erinnert habe, wie wichtig Familie doch sei, wollte sie gleich am nächsten Tag nach Boston fahren, um ihren Cousin zu besuchen. Nein. Wunder erwartet Ethan sicherlich nicht. Aber hoffen kann er.

Jedenfalls. Nachdem Ethan jetzt von Tappan fertig erzählt hat, ist Barry dran mit Berichten. Auf dem Powwow in Pine Ridge hat der Ältere sich in Sachen Apokalypse umgehört. Oh Mann. Wie das klingt. Jetzt hat Ethan ja schon eine Weile Zeit gehabt, aber an den Klang dieses Wortes in Verbindung mit den Begriffen „kommt“ oder „demnächst“ oder „Wochen oder Monate“ wird er sich wohl nicht mehr gewöhnen. Egal, wie oft er darüber nachgrübelt.
Jedenfalls erzählt ihm sein Freund von einer Legende, die Barry in mehreren Versionen auf dem Treffen gehört hat und in der ein Heyoka der Lakota (zumindest war es in den meisten Fällen ein Lakota, sagt Barry, in anderen Versionen aber auch mal ein Cheyenne oder sonstwer, je nachdem, von wem er die Geschichte jeweils gehört hat) die Hauptrolle spielte. In der Legende kamen Weiße in ein Gebiet, in dem es eine Art Tor gab, und obwohl es besser geschlossen geblieben wäre, öffneten sie es, und dann kamen Geister heraus und griffen die Weißen an. Während die Weißen kämpften, gelangte dieser Lakota (oder Cheyenne oder was auch immer) in den Besitz von ‘Iktomis Schleier’, womit es ihm gelang, die Wirkung des Tors umzukehren, sodass die Geister alle wieder hineingesogen wurden. Ein Heyoka sei ein heiliger Narr, erklärt Barry auf Ethans fragende Miene dann noch.

Diese Legende klingt doch schon mal wie etwas, das ihnen wirklich helfen könnte – falls dieser Schleier sich finden lässt, versteht sich. Oder man herausbekommt, was dieses Ding nun eigentlich genau ist. Tatsächlich ein Schleier, oder doch irgendwas im übertragenen Sinn?

Er habe auf dem Powwow auch selbst einen Heyoka getroffen, ergänzt Barry, als Ethan, halb zu sich selbst, diese Frage in den Raum stellt. Der habe ihm geraten, auf jeden Fall ‘oben’ zu suchen, wenn er den Schleier finden wolle. Aber die heiligen Narren seien dafür bekannt, dass sie oft haargenau das Gegenteil von dem sagen, was sie meinen, und dieser spezielle Heyoka sei dazu noch betrunken gewesen.

Okay, also ‘unten’. Was auch immer das heißen mag. So richtig viel hilft das nicht weiter. Aber okay, besser als nichts vermutlich. Viel machen können sie mit der Information jetzt sowieso nicht. Müssen sie wohl einfach im Hinterkopf behalten.

Barry erzählt dann noch, dass auf dem Powwow auch eine ganze Gruppe fundamentalistischer Christen unterwegs gewesen sei. Ethan nickt: Die hat Katie ja auch schon in ihrer SMS an ihn erwähnt. Barry mag diese Leute nicht, wird sehr schnell sehr deutlich. Vielleicht gibt es auch nette, brummt er, aber…
„Hast noch keine getroffen“, vermutet Ethan. Doch, erfährt er, eine. Ein Mädchen, das mit ihrem Vater verheiratet worden sei und geholfen habe, Katie zu retten.
Diese Christen seien eigentlich gar nicht unangenehm aufgefallen, gibt der Ältere dann zu, aber sie hätten jede Menge Fragen gestellt. Sich nach Toren erkundigt und nach Brunnen und nach Brunnen, die wie Tore aussähen, oder Toren, die wie Brunnen aussähen. Und wenn Barry diese Legende von Iktomis Schleier herausbekommen konnte, dann konnten die das auch. Sie müssen wohl ziemlich vielen Leuten ziemlich viel Bier ausgegeben haben. Klar. Bier hilft immer.

Das nächste Thema ist die Vision, die Barry während des Sonnentanzes auf dem Powwow hatte. Der Schriftsteller beschreibt sie in allen Einzelheiten. Dass er Ethan selbst gesehen habe, wie er irgendwo auf den Plains eine Straße entlangging, über ihm eine Gewitterwolke, die aber nie ausbrach. Barry ging die Straße zurück, um den Ursprung zu finden, und stieß auf eine kleine, hungrige Gestalt, weiblich, die das Gewitter rief. Hilfe von einem Schatten bekam, woraufhin das Gewitter stark wurde. Der Schatten legte ihr die Hand auf die Schulter, aber irgendwann wollte sie davon weg. Der Schatten ließ sie gehen, aber das war nur ein Katz-und-Maus-Spiel. Obwohl Barry wusste, wer das war, und obwohl er wusste, dass man Visionen nur sehen, nicht in sie eingreifen soll, versuchte er, dem Mädchen zu helfen. Warf sich vor sie, gerade als sie von einem Auto angefahren wurde. Dann wurde die Frau in den Schatten gezogen, und Barry sprang hinterher. Als er kurz ihre Hand berührte, sah er die Silhouette einer Stadt, deren Aussehen er sich einprägte, aber die er nicht auf Anhieb erkannte.

Jedenfalls kam Barry dann aus der Vision zurück, und als er zurück war, hatte er diese Narbe am Bein.
Der Ältere geht nicht näher darauf ein, wie er aus der Vision herauskam, aber Ethan kennt seinen Freund inzwischen gut genug, um zu wissen, dass der die Sache ziemlich herunterspielt. Ethan kennt seinen Freund aber auch gut genug, um zu wissen, dass er, wenn er Sachen herunterspielt, nicht darüber reden will, also belässt er es dabei. Sieht sich stattdessen die Narbe an. Ziemlich lang und unverwechselbar. Auch ziemlich alt und am Verblassen, aber Barry sagt, die sah anfangs viel schlimmer und frischer aus. Und dass er denkt, die werde mit der Zeit wieder komplett verschwinden. Jedenfalls dürfte Coleen auch in der echten Welt genau diesen Autounfall gehabt und genau diese Narbe abbekommen haben. In genau dieser Stadt, die Barry in der Vision gesehen hat.

Okay. Barry hat die Stadt nicht erkannt. Aber vielleicht kann ja jemand anhand seiner Beschreibungen sowas wie ein Phantombild zeichnen? Niels fällt Ethan da ein. Der studiert das immerhin. Und, etwas verspätet, auch seine Mutter. Bilder von zwei unterschiedlichen Zeichnern zu bekommen, kann ja sicherlich nichts schaden. Will Ethan selbst Deborah ansprechen, fragt Barry vorsichtig, oder soll er das über seine Cousine tun? Das macht er schon selbst, erklärt Ethan mit Nachdruck. Die einzige Frage ist, wie er die vielleicht etwas seltsame Bitte erklärt. Aber ein wiederkehrender Traum müsste es eigentlich tun. Also ist es beschlossene Sache. Barry wird Niels kontaktieren und Ethan seine Mutter.

Nun dankt Ethan dem Detektiv doch dafür, dass er das Ritual für ihn durchgezogen hat. Barry winkt ab, aber Ethan schüttelt den Kopf und brummt „doch danke.“ Gerade weil der Ältere in der Vision eine Verwundung für ihn davongetragen hat und alles. Barry lächelt. „Naja. Familie eben.“ Ethan erwidert das Lächeln, dann stutzt er. „Dann hab ich jetzt wohl zwei Familien.“ Der Gedanke hätte ihm vielleicht schon vorher kommen können. Aber erst jetzt ist er so richtig eingesackt, und er fühlt sich verdammt gut an.

In den nächsten Tagen baut Ethan das versprochene Baumhaus. Die Eltern Jackson hatten zwar schon ein provisorisches Brett angebracht, aber… ähm. Bitte. Nein. Zum Glück ist Barry da gar nicht nachtragend; er grinst schief und meint, er habe ganz wortwörtlich nicht mal zwei linke Hände, und Tam sei auch keine große Handwerkerin. Es ist immer noch sehr heiß, also findet die eigentliche Arbeit vor allem morgens und abends statt; tagsüber ist eher Rumhängen angesagt. Von Ethan, den Kindern und Tam jedenfalls; Barry hat ein Buch zu schreiben. Die Kinder helfen mit Begeisterung beim Bau, und natürlich spannt Ethan sie gerne mit ein – ist immerhin ihr Baumhaus. Er lässt sie auch Äste aller möglichen Stärken sammeln, aus denen er noch ein paar Möbel in kindgerechter Größe zusammenzimmert.
Die Fertigstellung feiern sie dann mit einem Grillfest. Als ob irgendwer eine Ausrede bräuchte. Dabei lernt Ethan eine Menge Verwandte und Freunde der Familie Jackson kennen, zum Beispiel einen gewissen Brian, ein Lockenkopf mit einem eher geschmacklosen Sinn für Humor. Außerdem ist da ein gewisser J.D., ungefähr in Ethans eigenem Alter und Mitbesitzer der Privatdetektei. Außerdem ist er ein Biker, was die Kinder toll finden; der Typ besitzt immerhin ein Motorrad! Der Typ trägt außerdem eine Jacke mit der Aufschrift ‘Hollow Men’, was Ethan anfangs mehr als befremdet. Aber dieser J.D. scheint Barry ehrlich zu mögen und andersherum, also legt sich Ethans Misstrauen irgendwann.

Ethan ist noch in Arkansas, als Barry auf eBay ein Buch ersteigert. Nicht nur irgendein Buch, sondern eines, das den Schriftsteller ziemlich begeistert. Ein Wörterbuch. Ein Wörterbuch zwischen walisisch und irgendeiner indianischen Sprache, die Barry gar nicht so genau zu kennen scheint. Per Post würde er sich das Buch eher ungern schicken lassen. Und da Ethan ohnehin wieder nach Hause zurück muss und dieses Oak Hill, Ohio so ziemlich direkt auf dem Weg liegt, bietet er seinem Freund an, ihn zumindest hinzufahren, wenn schon nicht wieder zurück.

Okay. Dieses Wörterbuch begeistert Barry nicht nur, stellt Ethan unterwegs fest. So aufgekratzt hat Ethan den anderen selten erlebt. Als er damals in dem Höllenhaus unter Drogen stand, vielleicht. Aber das waren eben Drogen. Ethan kapiert längst nicht alles von dem, was der Schriftsteller ihm erzählt – nur einen Bruchteil, wenn er ehrlich ist –, aber dass das Buch ein wichtiger Fund sein könnte und dass Barry sich wie ein Kind an Weihnachten darüber freut, soviel versteht er. Amüsiert winkt er ab, als Barry sich irgendwann bei ihm dafür entschuldigt, ihn zugetextet zu haben. Aber da er das Thema durchaus ganz interessant findet – glaubt er jedenfalls nach dem, was bisher so bei ihm angekommen ist –, gibt der Ältere ihm dann einen kleinen Grundkurs in Sprachtheorie, bis ihm die Stimme ausgeht und es an Ethan ist, ein bisschen zu erzählen. Was ihm erstaunlicherweise gar nicht so schwer fällt.

Oak Hill, Ohio ist eine ziemlich heruntergekommene Kleinstadt. Ehemalige Bergbausiedlung, wie es aussieht. Abweisende Stimmung. Jedenfalls werfen die Leute auf der Straße Ethans Vermonter Nummernschild feindselige Blicke zu, kommt es ihm vor. Mitten an der Hauptstraße eine mit Brettern vernagelte Kirche.
Wenigstens ist der Verkäufer freundlich, als sie Barrys Buch abholen. Und es ist eine Freude, dessen Entzücken über seine Neuerwerbung mitzuerleben.

Ehe sie wieder aufbrechen, damit Ethan Barry in Columbus am Flughafen abliefern kann – ungern, aber ist nun mal so, und auf diesem Flug wird der Detektiv sich ja vielleicht mit der Hochstimmung über das Wörterbuch ein bisschen ablenken können – beschließen sie, hier im Ort noch eine Kleinigkeit zu essen. Da ist ein Pub, der walisisches Essen anbietet. Was auch immer walisisches Essen sein mag.

Das finden sie allerdings gar nicht heraus – oder zumindest nicht sofort. Denn an einem Tisch sitzen zwei bekannte Gesichter: Bart Blackwood und Irene. Ethan schnaubt amüsiert. Da sage nochmal einer, die Welt sei kein Dorf. Aber… Moment. Als er das letzte Mal zufällig anderen Jägern über den Weg gelaufen ist, in Meredith, und davor in Crested Butte, war das, weil alle aus einem ganz bestimmten Grund dort waren. Weil sie alle von Vorkommnissen gehört hatten. Aber hier? Hier ist nichts. Oder zumindest nichts, von dem Ethan wüsste.
Aber die beiden anderen Jäger haben sich Irene zufolge nur hier getroffen, weil dieses Kaff für beide ungefähr auf halber Strecke lag und sie Informationen austauschen wollten. „Und Ihr?“
Als Barry von dem Buch erzählt, das er ersteigert hat, breitet sich allgemeine Erleichterung aus. Also kein Vorfall? Puh. Dann können sie jetzt ja doch etwas bestellen.

Die Erleichterung ist allerdings trügerisch. Denn die Kellnerin – ‘Gwendolyn’ steht auf ihrem Namensschild – ist nervös. Mehr als nervös. Richtiggehend zappelig. Sie scheint darauf zu brennen, etwas erzählen zu wollen, traut sich aber nicht so recht, bis Barry sie rundheraus darauf anspricht, ob alles in Ordnung sei.
„Sie sind alle nicht von hier, oder?“ vergewissert sie sich, und ihr erleichtertes Aufseufzen, als alle den Kopf schütteln, ist nicht zu übersehen. „Sind Sie vielleicht zufällig von der Polizei?“ „Privatdetektiv“, erklärt Barry, woraufhin Gwendolyn ihn fragt, ob er wegen ‘der Sache’ hier sei.
Was für eine Sache das ist, damit will sie dann doch nicht so recht herausrücken, und es braucht ein Nachhaken des Schriftstellers, ehe Gwendolyn verrät, dass es in den letzten paar Wochen in der Mine zu drei angeblichen Selbstmorden bzw. Unfällen gekommen ist. Und es müsse doch irgendjemand etwas tun; vom Sheriff komme rein gar nichts. Zwei Personen sind vom Förderturm gestürzt, das dritte Opfer vor ein Auto gelaufen.
Und nein, betont die Kellnerin, zumindest einer der Fälle sei ganz eindeutig kein Selbstmord gewesen – das Opfer war ihr Cousin Ennis, und der war verlobt, wollte in naher Zukunft heiraten und war ganz sicher nicht depressiv.

Alle drei Opfer waren bei der Minengesellschaft angestellt, sagt Gwen. Fast der ganze Ort ist bei der Minengesellschaft angestellt. Die beiden Männer waren Kumpel, die Frau arbeitete als Bürokraft. Ist die vermeintlich ehemalige Bergbausiedlung wohl doch nicht ganz so ehemalig, wie Ethan gedacht hat.
Okay. So viel zum Thema kein Vorfall. Dann sollten sie sich wohl eine Übernachtungsgelegenheit suchen und sich die Sache mal anschauen.
„Es könnten immer noch ganz normale Mordfälle sein“, gibt Irene zu bedenken. Stimmt. Könnten es. Aber irgendwas stinkt hier. Irgendwas an der Erzählung ist komisch genug, dass Ethans Jägerinstinkte anspringen, und die der anderen ganz genauso, trotz Irenes Worten, das kann er doch sehen.

Das Sheriffbüro ist der erste logische Anlaufpunkt. Gwen meinte zwar, der Sheriff tue nichts, aber wenigstens als hilfsbereit stellt er sich heraus, nachdem Barry sich als Privatdetektiv vorgestellt hat, der gebeten worden sei, die Todesfälle zu untersuchen. Er wisse nicht, was er tun könne, erklärt der Gesetzeshüter, einfach weil niemand etwas gesehen habe. Ein Zeuge habe den Schrei gehört, den einer der beiden Männer im Fallen von sich gab, aber sonst… Beide – sowohl David Tremayne und Ennis Hayes – hätten auf dem Turm zu tun gehabt, seien nicht einfach so ohne Grund hinaufgestiegen. Wussten eigentlich genau um die Sicherheitsbestimmungen auf dem Turm. Die Büroangestellte, Linda Montgomery, sprang auf dem Heimweg plötzlich vor ein Auto, obwohl sie eigentlich viel zu korrekt war, um nicht aufzupassen. Und alle drei Opfer waren allein, als sie starben.

Die Mine ist ein Familienbetrieb, informiert sie der Sheriff auf ihre Frage hin. Seit ihrer Gründung im Besitz von derselben zwei Familien, um genau zu sein. Jeremiah Cadwallader und Alun Baines heißen die derzeitigen Besitzer.
Irene will wissen, ob sich in letzter Zeit in der Mine irgendetwas verändert habe, ob es wirtschaftliche Probleme gäbe oder dergleichen. „Naja“, brummt der Sheriff, „es ist halt ein Kohlebergwerk. Die Chinesen produzieren schneller und billiger – die schicken ja auch Kinder unter Tage.“

Nachdem sie alles von dem Gesetzeshüter erfahren haben, was der ihnen sagen kann oder will, suchen die vier Besucher sich eine Unterkunft. Das Horse & Arms ist eine von einem älteren Ehepaar namens Vaughn geführte Pension im britischen Stil. Die beiden sind nur zu gerne bereit, über die tragischen Todesfälle zu reden. Dafür lässt Irene sich von der Wirtin für eine Tasse Tee mit in den Salon nehmen, während die drei Männer sich mit dem Hausherrn unterhalten.

„Standen vielleicht bei allen Opfern die Lebensumstände im Begriff, sich zu ändern?“ will Bart von Mr. Vaughn wissen. Ennis stand kurz vor der Hochzeit, David kurz vor der Rente, bestätigt der Gastwirt. Das würde ja passen. Nur zu dieser Linda kann der ältere Herr nichts sagen. Dafür über das Bergwerk. Es kämen immer mal Investoren, aber die Inhaber hätten einen Verkauf der Mine bisher immer abgelehnt. Auf Barrys Bemerkung, dass es aber nicht so aussehe, als gehe es der Mine sonderlich gut, kontert Vaughn ziemlich heftig, das sei nur eine kurzfristige Durststrecke, bisher sei es der Mine ganz ausgezeichnet gegangen, und das werde es bestimmt bald wieder.
Ähnlich heftig reagiert der Mann, als als Ethan etwas in der Richtung brummt, dass die Leute im Ort alle ziemlich feindselig wirkten. Was denn, nein, das sei doch ein gastfreundlicher, gut-walisischer Ort hier! Die Leute hätten vielleicht nur Angst, dass die Fremden vom FBI kämen und das Bergwerk schließen wollten. Sicher. Das FBI. Bergwerke schließen. Ja klar. Weil auch.
Der Typ ist ja ziemlich schnell mit abstrusen Erklärungen zur Hand. Ethan schüttelt entnervt den Kopf und geht nach Irene sehen.

Die sitzt mit einer Tasse Tee im Salon und macht ein ziemlich erleichtertes Gesicht, als Ethan sie retten kommt. Er murmelt etwas von ‘Boss’ und nickt Richtung Gaststube – die Geschichte vom Privatdetektiv und seinen Assistenten aufrechterhalten und so –, und Irene macht sich mit bedauernder Miene von der alten Dame los, ehe sie im Flur Ethan dankbar zulächelt. Zurück bei den anderen erzählt die Jägerin, sobald sie wieder unter sich sind, dann, was sie von Mrs Vaughn erfahren hat. David Tremayne war allem Anschein nach glücklich verheiratet und stand kurz vor der Rente – das hat Mr. Vaughn ja auch schon erzählt – und über ein paar Ecken mit Alun Baines verwandt, ebenso wie Linda, die Bürokraft. Es gibt einen Fonds für die Mitarbeiter, damit die Angehörigen versorgt sind, wenn etwas passiert. Ennis Hayes war Anfang zwanzig, etwa im selben Alter wie Alun Baines’ Sohn, die beiden waren auch gut befreundet (und ebenfalls entfernte Cousins), und Linda war auch noch nicht alt. Sie war eher steif und sehr korrekt. Und Mrs Vaughn sagte, sie fände die Sache mit den Toten auch seltsam, und irgendwas könne da nicht stimmen.

Na wenn die alte Dame das sagt. Aber irgendwas stimmt wirklich nicht, das finden ja auch die Jäger. Also nächster Schritt: die Mine. Während Barry und Bart im Büro nachfragen wollen, sehen Ethan und Irene sich draußen vor dem Werksgelände um. Gehen aufmerksam den Zaun ab, und tatsächlich. Irgendwo im Draht hängt ein langes, rotbraunes Haar. Es sieht menschlich aus, stellt Ethan fest, als er es näher betrachtet.
Er zeigt das Haar Irene, aber weder der Britin noch Ethan selbst fällt jemand mit langen rotbraunen Haaren ein, dem sie hier bisher begegnet wären. Aber die Engländerin hat eine ganz andere Idee. Sie holt ihr Handy heraus und tippt schnell etwas ein. „An Barry“, erklärt sie dann auf Ethans fragenden Blick. „Er soll mal nach den Fördermengen fragen, ob die in letzter Zeit vielleicht zurückgegangen sind.“ Ethan nickt. Stimmt. Guter Plan.
Zurück kommt vom Detektiv nur eine sehr knappe Antwort. „Geschäftsberichte!“ Hm. Auch eine Möglichkeit.
Die beiden Jäger kehren ins Bed & Breakfast zurück, und während sie dort auf die anderen beiden warten, ergoogelt Irene auf ihrem Laptop die letzten Geschäftszahlen der Minengesellschaft. Der Firma war in der Vergangenheit ziemlich erfolgreich – sogar richtig erfolgreich; was schon ziemlich erstaunlich ist dafür, dass es hier um Kohle geht – aber in den letzten vier bis fünf Wochen ist es mit dem Betrieb doch ziemlich bergab gegangen.

Eine Weile später kommen Barry und Bart wieder und erzählen. Barry hat wieder seine P.I.-Lizenz vorgezeigt und durfte zum Chef. Vorher haben sie noch kurz mit der Dame im Büro gesprochen, die wusste aber auch nichts über Linda. Nur, dass sie einen geregelten Tagesablauf hatte und nie irgendwelche persönlichen Details erzählte. Zumindest nicht ihrer Kollegin.
Von Mr. Cadwallader, einem der beiden Besitzer, erfuhren sie dann, dass die Gesellschaft weder Leute entlassen wollte, noch irgendwelcher Unfrieden herrschte. Auf den Turm zu kommen, wäre eigentlich kein Problem gewesen. Man muss zwar eine verschlossene Tür, aber David hatte einen Schlüssel. Na gut, Ennis hatte keinen. Aber der hätte sich ja gewaltsam Zutritt verschaffen können, meinte Cadwallader. Wobei Barry aufgefallen ist, dass das Tor nicht gewaltsam geöffnet wurde. Ihm fiel auch eine weitere Unstimmigkeit auf. Dass nämlich niemand etwas von den Todesfällen sah, sondern nur irgendwer die Schreie hörte. Wenn das Selbstmorde waren, die beiden Männer freiwillig vom Turm sprangen – warum sollten sie dann geschrien haben?

Auf den Turm selbst, den sie sich dann ansehen gingen, kletterte nur Bart – für Barry wäre das mit seiner Hand etwas schwierig geworden. Oben auf der Plattform fand Bart einen kleinen schwarzen Knopf: eher nicht von Arbeitskleidung, sondern mehr so wie von einer Damen-Strickjacke.

Barry fragt Irene noch, ob sie etwas über walisische Bergbaumonster weiß. Tut sie nicht, aber sie ruft ihren Ex-Mann an. Für den ist es ziemlich spät am Abend – oder wohl eher sehr früh am Morgen –, und die Bruchstücke aus dem Telefonhörer klingen entsprechend ungehalten. Aber nach dem Auflegen sagt Irene, Charles wolle sich wieder melden. Auf Anhieb seien ihm nur sogenannte Knocker eingefallen: walisische und kornische Kreaturen, die einerseits den Bergleuten Werkzeuge und Essen stehlen, andererseits aber durch Klopfzeichen warnten, wenn eine Mine einzustürzen droht – oder durch ihr Hämmern die Mine überhaupt erst zum Einsturz bringen. Je nachdem, wen man frage, eben. Ziemlich wie die amerikanischen Tommyknockers, überlegt Ethan, aber klar. Die haben vermutlich irgendwelche Auswanderer aus Wales oder Cornwall mitgebracht.

Jetzt ist es zwar noch gar nicht so extrem spät, aber die Frühschicht des Bergwerks beginnt um sechs Uhr, und die wollen sie sich mal ansehen. Vielleicht bemerken sie ja da den Jemand mit den rotbraunen Haaren. Oder sonst irgendwas Auffälliges. Also lieber gleich ins Bett, damit sie morgen einigermaßen fit sind.

Dummerweise bringt das Auskundschaften der Frühschicht mal so rein gar nichts. Keine rothaarige Person. Nichts Auffälliges. Drecksmist. Na gut. Dann Frühstück. Walisisches Frühstück, um genau zu sein. Im Pub, nicht in ihrem Bed & Breakfast. Speck, Würstchen, Eier, eine Art Gebäck aus, ähm. Algen? Schmeckt aber gar nicht schlecht. Muscheln dazu. Okaaay. Fisch. Gebratene Pilze. Und frittiertes Brot. Das ist mal richtig lecker.

Sie sitzen noch am Tisch, da ruft Charles wieder an. Was man von Irenes Teil des Gesprächs mitbekommt, lästert er über ihre Ernährung, was die Britin mit einem spitzen Kommentar quittiert. Aber über ihren Fall hat der Ex-Mann dann auch etwas zu sagen. Das Bergwerk gehörte schon immer den Familien Cadwallader und Baines; auch in Wales betrieben sie schon eine Mine gemeinsam. Der älteste Sohn eines gewissen J. Hopthorne Baines ist mit 21 Jahren ermordet worden. Überhaupt sind ziemlich viele junge Baines-Männer umgekommen. Meistens mit 21. Sieh an.

Hmmmm. Hat nicht gestern irgendwer irgendwo gesagt, Alun Baines habe einen Sohn? Ja, bestätigt Irene. Mrs. Vaughn war das. Stimmt.
Gwendolyn hat gerade wieder Dienst. Sehr gut. Von der jungen Frau erfahren sie, dass der Sohn Gareth heißt, vor kurzem einundzwanzig geworden ist und, auch wenn er eigentlich studiert, gerade in der Verwaltung des Bergwerks ein Praktikum absolviert. Vor kurzem? Ja, so vor fünf Wochen ungefähr. Ach. Ach nee. Was für eine Überraschung. Und Mrs. Baines sei so stolz auf Gareth, fährt Gwendolyn munter fort – weil er sich so gut mache, natürlich, aber noch verstärkt dadurch, dass Mrs. Baines lange keine Kinder bekommen konnte und Gareth ein echtes, spätes Wunschkind war.
„Verstehe“, macht Irene. „Ist Mrs. Baines die Dame mit den rotbraunen Haaren?“
„Ja genau“, bestätigt Gwendolyn. „Kennen Sie sie?“
Ein Haar von ihr. Aber das sagt keiner der Jäger.

Sobald sie wieder unter sich sind, fliegen die Theorien. Die Baines-Söhne, die mit Erreichen der Volljährigkeit umkommen, klingen wie das klassische Erstgeborenenmotiv, was bedeutet, sie haben es mit einem intelligenten Monster zu tun. Und die drei Opfer der letzten paar Wochen – naja. Vielleicht hat da die verzweifelte Mutter gemordet, um ihren Sohn zu retten. Aber bevor sie die Frau konfrontieren gehen, sollten sie sich vielleicht mal die Ausstellung zur Unternehmensgeschichte ansehen, die es laut Bart und Barry auf dem Firmengelände gibt.

Das kleine Werksmuseum ist tatsächlich ziemlich interessant. Neben zahlreichen alten Fotos, Schriftstücken, Werkzeugen im Wandel der Zeiten und einem Stück Kohle, das die Firmengründer laut der Plakette darunter aus der alten Heimat mitgebracht haben, gibt es hier auch die Information, dass Gareth Baines tatsächlich ein direkter Nachfahre beider Familien ist: Alun Baines’ Frau ist nämlich niemand anders als Jeremiah Cadwalladers Schwester Theresa.

Nächster Halt: Das Büro. Schon von draußen ist zu hören, dass sich drinnen zwei Männer lautstark streiten.
„Es ist jetzt schon fünf Wochen her!“ zürnt eine Stimme.
„Nein! Ich lasse mich nicht erpressen!“ gibt eine andere Stimme heftig zurück.
„Also gut“, kontert die erste Stimme. „Ich lasse dir jetzt noch eine Woche Zeit, dann mache ich es selbst!“
Die Jäger sehen einander an, alle mit demselben Gedanken im Kopf: Da will offenbar jemand den jungen Gareth umbringen! Im selben Moment öffnet sich die Tür und ein Mann von vielleicht Mitte oder Ende Fünfzig stürmt wütend heraus. Jeremiah Cadwallader, wenn man nach den Fotos auf der Firmenwebsite und in der Ausstellung geht. Irene folgt ihm eilig, während die drei Männer noch ein paar Minuten warten müssen und dann ins Büro vorgelassen werden.

Drinnen zeigt Barry dem Minenbesitzer den Knopf, den Bart auf dem Förderturm gefunden hat. Ethan beobachtet Baines genau und ist sich sicher: Der verschweigt was, so nervös, wie der ist. „Sie kennen den“, sagt Ethan dem Mann auf den Kopf zu, der hektisch anfängt, zwischen seinen Besuchern hin- und herzusehen. „Wer sind Sie? Warum stellen Sie diese Fragen? Was wollen Sie von mir?“
„Helfen“, erklärt Ethan. „Ihren Sohn retten.“
„Sie wollen doch nicht, dass Ihrem Sohn etwas zustößt“, setzt Barry nach, und Irene, die inzwischen auch wieder dazugekommen ist, fügt hinzu, dass sie das nicht zum ersten Mal sehen, dass über Generationen hinweg Leute in einem bestimmten Alter sterben – und ob Baines vielleicht einen älteren Bruder gehabt hätte, der ebenfalls im Alter von 21 Jahren gestorben sei? Ob er meine, er komme allein klar, oder ob er vielleicht doch, um seinen Sohn zu retten, mal den Mund aufmachen wolle?

Baines schluckt und zögert noch etwas, dann rückt er mit der Sprache heraus. Sein Vorfahr hat einen Pakt geschlossen, noch in Wales war das. Das Bergwerk wird immer gut laufen, solange nur in jeder Generation von Baines der Vater seinen erstgeborenen Sohn opfert, sobald der 21 Jahre alt wird. „Aber da mache ich nicht mit!“ ereifert sich der Geschäftsmann. „Ich opfere doch nicht meinen Sohn!“
„Aber dann wird die Mine vermutlich Insolvenz anmelden müssen“, wendet Barry mit undurchdringlichem Gesichtsausdruck und neutraler Stimme ein. „Alle Angestellten ihren Arbeitsplatz verlieren. Sie Ihr Vermögen.“
Baines schnaubt nur. „Was kümmert mich die Mine? Hier geht es um meinen Sohn!“
Bei dieser Aussage wird Barrys Miene spürbar weicher. „Gut für Sie.“

Jetzt, wo sie sich die Hilfe des Mannes gesichert haben, bitten sie Baines, ihnen Zutritt zum Werksarchiv zu geben. Denn gerade Geschäftsleute schreiben solche Pakte ja gerne mal auf, befindet Bart. Aber vorher soll der Waliser seine Frau zu dem Gespräch dazu rufen. Denn der Knopf gehört ja nun mal ihr – das gibt jetzt auch Baines zu –, und den soll sie doch bitte erklären.

Es dauert eine Weile, aber gar nicht so lange, bis Mrs. Baines etwas verwirrt im Büro ihres Mannes aufschlägt. Lange, rotbraune Mähne. Passt. Ohne große Umschweife kommt Irene sofort zur Sache. Hält der Dame den Knopf und das Haar hin und fordert sie auf, das Leugnen gleich zu überspringen, denn sie habe es mit Dämonenjägern zu tun. Das seien ihr Knopf und ihr Haar, gefunden am Zaun und auf dem Förderturm!
Mrs. Baines wirkt etwas überfahren, aber sie gibt zu, dass Knopf und Haar von ihr stammen. „Aber ich habe keinerlei Ahnung, wie die Sachen dahin gekommen sind! Ich war nicht auf dem Turm!“
Mit verengten Augen starrt Ethan die Frau an. Drecksmist. Die ist fest von dem überzeugt, was sie sagt.
„Glaub Ihnen das“, murmelt er, und Irene wirft ihm einen kritischen Blick zu.
„Ich nicht“, faucht die Britin. „Sie haben diese Leute ermordet!“
Die Anschuldigung lässt Mrs. Baines kreidebleich werden. „Was? Ich habe niemanden ermordet! Ich… ich war zuhause und habe geschlafen… ich… ich war so müde… Und dann… dann war da diese Beule an meinem Auto…“

Elender Drecksmist. Sie hat die Leute nicht umgebracht. Sie war besessen, und das Etwas in ihr hat die Leute umgebracht. Aber warum ist sie besessen worden? Aus Rache, weil Alun Baines den Pakt nicht eingehalten hat? Vermutlich. Irgendwie sowas in der Art.

„Wir sollten überprüfen, ob sie noch besessen ist.“ Das ist Bart, immer auf der Hut. Ethan glaubt zwar nicht so recht daran, aber sicher ist sicher.
„Was haben Sie vor?“ fragt Mrs. Baines besorgt.
„Nichts Schlimmes“, beruhigt sie der Gelehrte, während er schon seine Flasche mit Weihwasser aus der Tasche holt. „Das ist nur Wasser. Es wird Ihnen nichts geschehen, wenn Sie nicht besessen sind. Sehen Sie.“
Zum Beweis gießt er etwas von dem Wasser über Barrys Arm, dann macht er einen Schritt in Richtung der Frau. Die lacht böse auf, und ihre Augen werden schwarz, während sie zum Sprung ansetzt. Drecksmist, elender! Da hat Ethans Riecher ihn ja mal sowas von im Stich gelassen!

Barry und Irene springen auf Mrs. Baines zu und halten sie fest, während Ethan sich den Golfschläger aus der Ecke des Büros schnappt und ihn dem Dämon zwischen die Füße keilt. Die gemeinsamen Anstrengungen verschaffen Bart genug Zeit, um den Exorzismus zu sprechen.
„Guter Instinkt“, nickt Ethan hinterher in Richtung Bart, und Blackwood erwidert das Nicken. „Danke.“

Zum Glück erholt sich Mrs. Baines ziemlich schnell, auch wenn sie noch ein bisschen durcheinander ist. Ob es denn keinen Schutz gegen so etwas gebe, will sie dann wissen. „Sicher“, erwidert Irene trocken. „Das hier.“ Und ohne mit der Wimper zu zucken, entblößt die Britin ihre Schulter, wo ein tiefes, ziemlich alt aussehendes Branding mit dem Dämonenschutzsymbol zum Vorschein kommt. Der Anblick lässt das Unternehmerpaar schlucken. Schlucken muss Ethan zwar nicht, aber die Augen verengt er doch. Das Zeichen muss die Trophäenjägerin schon sehr, sehr lange tragen. Und angenehm kann es sicher nicht gewesen sein, das eingebrannt zu bekommen. „Oh. Muss es denn wirklich ein Brandmal sein?“ erkundigt sich Mr Baines besorgt.
„Aber nein. Eine Tätowierung hat denselben Effekt“, beruhigt Irene die beiden sofort. Ethan ist drauf und dran vorzuschlagen, dass es in der aller-, aller-, allergrößten Not auch ein Abziehbild täte, einfach weil er sich nicht vorstellen kann, dass diese ehrbaren Leutchen hier auch nur im Entferntesten etwas mit permanenter Körperkunst zu tun haben wollen, da klatscht Mrs. Baines schon förmlich in die Hände. Ein Tattoo wollte sie doch schon immer mal haben!

Na dann. Das war ja einfacher als gedacht, auch wenn die besorgten Eltern ihrem Sohn das Symbol lieber als Halskette geben wollen, statt dass sie dem ein Tattoo zugestehen. Aber okay, Ethan muss ganz ruhig sein. Er hat immerhin selbst keine Antidämonentätowierung – überhaupt keine Tätowierung, um genau zu sein – und auch wenig Lust auf eine. Auch wenn das heißt, dass er sich für Besessenheit angreifbar macht. Drecksmist. Sollte er vielleicht mal drüber nachdenken. Aber.

So oder so durchwühlen sie, nachdem Irene zur Sicherheit eine Dämonenfalle um das Ehepaar Baines gezogen hat, zusammen mit einem gut gelaunten Gareth, der keinerlei Ahnung hat, was los ist, das Archiv der Minengesellschaft. Und tatsächlich. Ein gewisser Iouan Hopthorne Baines hat die Details seines Dämonenpakts fein säuberlich in seinem Geschäftsbuch festgehalten.
Wie Alun Baines schon erzählt hat, läuft laut diesem Pakt das Bergwerk gut, solange jeder erstgeborene Baines aus der direkten Linie an oder kurz nach seinem einundzwanzigsten Geburtstag von seinem Vater geopfert wird und solange ‘die Kohle’ auf dem Gelände bleibt. Sollte der Pakt je gebrochen werden, wird es mit der Mine bergab gehen, und der Dämon wird sich an der ganzen Familie rächen. Was erklären könnte, warum alle Opfer der letzten fünf Wochen irgendwie mit den Baines verwandt waren. Und ‘die Kohle’, das klingt schwer nach diesem einen Stück, das sie im Museum gesehen haben.

Na gut. Dass man einen Pakt brechen kann, indem man ihn dreimal widerruft, das wissen Barry und Ethan seit der Sache in Crested Butte. Dazu – und dazu, das Kohlestück vom Gelände schaffen zu lassen – ist Alun auch sofort bereit, nur muss dann noch irgendwas mit dem Dämon geschehen, damit der eben nicht weiter Rache üben kann. Einsperren, schlägt Bart vor. Oder besser: umsperren. Denn momentan ist der ja an die Kohle gebunden. Man sollte ihn in ein anderes Gefäß bannen. Hmmmm. „See oder sowas?“ schlägt Ethan vor. Denn immerhin ist das Biest ja ein Feuerwesen, dem dürfte Wasser nicht sonderlich gut bekommen. Aber Barry wiegt zweifelnd den Kopf. „Aus einem See kann er raus“, gibt er zu bedenken. „Vielleicht lieber etwas Symbolisches? Einen Edelstein vielleicht? Einen, der Wasser verkörpert?“
Aquamarin, sagt Bart sofort. Siegel Salomons drauf. Und den Stein dann in einem Minenschacht vergraben und den Schacht einstürzen lassen, damit ihn möglichst die nächsten tausend Jahre niemand findet. Plan.

Es dauert eine Weile, aber irgendwann haben sie alle Vorbereitungen getätigt. Irene beschafft aus Columbus einen perfekt geformten Aquamarin, der früher in einer Kirche einen Altar zierte oder sowas, und während Barry den Text für das Umbannen, den Bart vorher ins Englische übersetzt hat, in eine schöne Versform bringt, fertigt Ethan eine Fassung für den Aquamarin an und fräst das Siegel Salomons in den Stein. Geht wunderbar – die Koransure in die beiden Turmaline zu bekommen, war kniffliger. Gemeinsam holen sie dann die Fokuskohle vom Gelände, und draußen sagt sich Alun Baines mit reichlich Galle in der Stimme und angewidertem Ausspucken am Ende dreimal nachdrücklich von dem Dämonenpakt los.

Der beste Ort für das Ritual ist vermutlich die alte Kirche, die sie beim Ankommen gesehen haben. Also falls die ihren Kirchenstatus noch hat und nicht – wie ist das Wort? Nicht ‘entweiht’. Aber so ähnlich. Verweltlicht halt – worden ist. Sieht aber nicht so aus. Die Kirche ist zwar verlassen und mit Brettern vernagelt, aber der Altar ist noch da, das Kreuz nicht umgedreht, keine unheiligen Symbole, nur harmloses Graffiti. Okay, vielleicht bricht ihnen das Gotteshaus über den Köpfen zusammen, so baufällig, wie es aussieht, aber so lange wird es jetzt wohl auch noch durchhalten.

Während Bart sich reinigen und umziehen ist, holt Ethan aus dem Auto seine Abdeckplane mit der aufgemalten Teufelsfalle. Da stellt der Gelehrte sich drauf, als er nach einer Weile in reinweißen Sachen wiederkommt. Anfängt, das Ritual zu wirken, das Stück Kohle in der einen, den Aquamarin in der anderen Hand.
Anfangs bleibt alles ruhig, und Ethan fragt sich schon, ob der Dämon vielleicht gar nicht in die Kirche kommen kann. Kann er aber doch; offensichtlich steht das alte Gebäude schon zu lange leer. Plötzlich kommt nämlich ein heftiger Wind auf, der an den Brettern zerrt, mit dem die Fenster vernagelt sind, dann beginnt eine ungefähr humanoide, feurig glühende Gestalt, sich im Raum zu manifestieren. Der Dämon.

Gar nicht erst körperlich werden lassen. Ethan reißt die Schrotflinte hoch und jagt eine Ladung Salz in die Figur. Die schüttelt sich, lässt sich aber erstmal, zumindest von diesem einen Schuss, nicht aufhalten. Strebt zielsicher auf Bart in seiner Teufelsfalle zu. Problem: Das mag zwar eine Teufelsfalle sein, und wenn der Dämon mal drin ist, kann er nicht raus, aber das wird ihn nicht daran hindern, zu Bart reinzukommen und den aufzuschlitzen. Während Ethan die Remington für den nächsten Schuss durchlädt, stellt sich Barry also dem Dämon in den Weg. Der mag zwar vielleicht noch am Manifestieren sein, aber verdammt heiß ist er jetzt schon. Feuerdämon und so. Die Kreatur schlägt nach Barry und sengt dem Schriftsteller das Hemd an.

Jetzt springt Irene ebenfalls auf das Biest los. Ob Absicht war, was jetzt passiert, oder ob die Engländerin einfach nicht damit gerechnet hat, dass das Wesen noch gar nicht vollständig stofflich geworden ist, kann Ethan nicht sagen. Aber die Jägerin springt nicht nur auf den Dämon los, sondern in ihn hinein. Durch ihn hindurch. Brennt, als sie auf der anderen Seite ankommt. Während Ethan, der einen Tick zu weit weg steht, als dass er gescheit hinkommen könnte, einen weiteren Schuss abfeuert, um den Dämon wenigstens mit einer zweiten Ladung Salz abzulenken, rammt sein Freund, direkt dran, seinen Haken in die lodernde Gestalt. Tut dem Haken nicht gut, aber die Aufmerksamkeit des Biests hat er damit.

Dann spricht Bart die letzten Worte des Rituals, und das Stück Kohle leuchtet auf. Zerfällt zu Staub, während der Aquamarin jetzt ebenfalls in hellem Licht erstrahlt und der Dämon mit einem hässlichen Kreischen in den Edelstein gezogen wird.

Irene, in Flammen, wälzt sich am Boden, und Ethan hilft ihr eilig beim Löschen. Die Brandwunden sehen nicht gut aus, und auch Barry hat einiges abbekommen, als sein Haken, aber vor allem die Manschette um seinen Armstumpf herum, von dem Dämonenfeuer geschmolzen sind. Die brauchen beide ärztliche Betreuung, und zwar schleunigst. Barry will nicht ins Krankenhaus, aber die nächstgelegene medizinische Versorgung ist sowieso an der Mine zu finden. Und nach der ganzen Aktion ist Alun Baines nur allzu bereit, sich über seinen Betriebsarzt wenigstens ein bisschen erkenntlich zeigen zu können.

Nachdem sie die beiden Verletzten also auf der Krankenstation des Bergwerks abgeliefert haben, planen Bart und Ethan gemeinsam mit Mr. Baines das Versenken des Aquamarins. Der Minenbesitzer hilft ihnen, den besten Schacht für ihr Vorhaben zu finden, und kümmert sich um die technischen Details. Das Anbringen der Sprengladungen und so weiter. Da ist Baines der absolute Fachmann, außerdem ist es seine Mine, also ist es gar keine Frage, dass Ethan ihm da nicht reinpfuscht. Aber interessiert ansehen tut er sich das trotzdem. Was Neues dazulernen ist immer gut.

Als sie draußen vor dem Schacht stehen und das dumpfe Rumpeln des Einsturzes hören, und später nochmal, als sie sich zusammen mit Mr. Baines davon überzeugt haben, dass der Aquamarin wirklich unter unzähligen Tonnen Gestein begraben liegt, wechseln Bart und Ethan einen zufriedenen Blick. Aus der Kiste kommt der verdammte Dämon jetzt die nächsten tausend Jahre hoffentlich wirklich nicht mehr raus.

Zurück bei der Pension finden sie Barry und Irene, wenn nicht in trauter Zweisamkeit – zum Glück! – doch wenigstens in lockerem und sogar einigermaßen freundschaftlichem Gespräch vor. Liegt vielleicht an den Schmerzmitteln, die sie bekommen haben, aber Ethan ist trotzdem heilfroh, dass sich das Verhältnis der beiden so langsam wieder einigermaßen einzurenken scheint.

Beide sind glücklicherweise auch nicht so schwer verletzt, dass sie nicht reisefähig wären. Irene wird für die Ablenkung beim Autofahren sogar ganz dankbar sein, sagt sie. Okay. Ethan bietet ihr trotzdem an, Konvoi zu fahren. Immerhin haben sie so ziemlich dasselbe Ziel, und Ethan wäre in der Nähe, falls Irenes Verletzungen aufmucken sollten. Der Flughafen, wo er Barry noch abliefern will, ist ja nun sowas von gar kein Umweg. Und gemeinsam zu fahren, oder zumindest gemeinsam Pause zu machen, ist ja vielleicht auch mal ganz nett.

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Timberwere

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