Mädchenkram - Supernatural

White Noise

aus Barrys Tagebuch

Wo fange ich an? Vielleicht mit Tam, die zu mir ins Arbeitszimmer kam, meinen Monitor ausmachte und mich fragte: „Was ist los mit dir?“

Ich lehnte mich zurück. War ihr nicht böse, konnte mich ohnehin nicht richtig auf die Revisionen konzentrieren. Zu viele Ideen. Zu viele Geräusche. Zu viele Worte in meinem Kopf.
Seit Portland. Ich war knapp drei Wochen vorher hingefahren, um gegen Garrity auszusagen. Und um Davy Whittaker umzubringen. Die Aussage gegen Garrity war reine Formsache, weil sich sein Verteidiger und der Staatsanwalt schon geeinigt hatten. Die Sache mit Whittaker… nach unser Konfrontation im Empire Builder war er nach Tucson, Nebraska, gefahren und hatte den Geist des Milchmanns gefunden. Sich mit ihm verbündet. Das ging für niemanden gut aus: Whittaker tot, der Geist vernichtet, ich eine Weile von einem psychopathischen Sadisten besessen und kontrolliert. Hatte seither Flashbacks und Panikattacken. Versuchte, mich in meiner Arbeit zu vergraben.

„Du hast zwei Aufträge abgelehnt“, sagte Tam. „Leichter Kram, beides hier in der Nähe.“
Ich zuckte die Schultern. „Bin noch nicht soweit“, erklärte ich leise. „Braucht Zeit.“
Sie sah nicht aus, als würde sie mir glauben. Wir sprachen eine Weile, kamen dann überein, dass ich den nächsten Auftrag übernehmen würde, der reinkam. Konnte mich nicht ewig verstecken.

Der Anruf kam aus Laurel, Montana. Großartig. Montana hieß Flugzeug, wenn ich keine zwei Tage mit dem Auto herumschaukeln wollte. Wenigstens konnte ich bei einem Flashback im Flugzeug mangels Waffen niemanden erschießen.
Winston Kilpatrick hatte sich umgebracht, aber sein Schwager glaubte nicht, dass es wirklich Selbstmord war. Wollte, dass sich das jemand anschaute. Also gut. Wäre lieber zu Hause geblieben. Vielleicht sollte ich… egal, was ich sollte. Sorry, aber ich mache jetzt einfach weiter. Das Geheule kommt später. Okay?

Danke, lieber Leser. Ich überstand den Flug irgendwie, kam abends in Billings an. Überlegte kurz, Ally zu kontaktieren. Lieber nicht. Vielleicht nach dem Auftrag.
Fuhr am nächsten Tag nach Laurel. War nicht weit weg. Hielt vor Heidi’s Coffee Cabin, weil ich eines der Autos erkannte. Das war Natalies Rostlaube. Was machte die hier? Sah, wie sie ausstieg, sprach sie an. Sie war auf dem Weg zu Ally, wollte sie besuchen. Hatte nur angehalten, um einen Kaffee zu trinken. Also gingen wir zusammen rein.

Nicht viel los in der Coffee Cabin. Nur ein Tisch mit drei Leuten besetzt: Ein rundlicher Polynesier, ein Weißer im Anzug und ein rothaariges Mädchen. Die Kellnerin war damit beschäftigt, an einem alten Radio herumzufummeln, also störten wir sie erst mal nicht, sondern setzten uns vorn an den Tresen. Das dauerte eine Weile, Natalie sah immer wieder zu der Gruppe am Tisch hinüber.
„Ich glaube, ich kenne die“, sagte sie schließlich stirnrunzelnd. Stand auf und ging hinüber, sprach die Gruppe an. Nein, der Mann erinnerte sich nicht, Natalie je getroffen zu haben, aber das Mädchen war eine Bekannte von Ally. Allgemeine Vorstellung: Der Anzugtyp hieß Flann Breugadair, die Rothaarige Julie Hill und der Polynesier Kamalani Washington. Der strahlte Natalie an, gab ihr einen Handkuss und machte ein schwülstiges Kompliment. Sie wurde trotzdem rot und kicherte. Merkwürdig. So hatte ich sie nicht eingeschätzt.
Dann schenkte der Polynesier mir ein markiges Kopfnicken und einen betont männlichen Blick. Wollte der sich beliebt machen? Schade, dass er es nicht auch mit einem Handkuss versucht hatte. Das hätte ich authentischer gefunden als dieses Genicke.

Das Eichhörnchen lenkte mich von ihm ab. Ein graues, ziemlich großes Tier sprang aus Julies Tasche auf den Tisch und schnupperte an Washington herum. Die sind normalerweise nicht so zahm – als ich das letzte Mal eins aus der Nähe gesehen hatte, war mir das Viech zwischen die Beine gerannt, als ich auf Malgorzata zulief. Auf die Hexe. Und Julie hatte brandrote Haare. Verdammt. War sie eine Hexe? Was wollte sie hier? Hatte sie etwas mit den Selbstmorden zu tun, und vor allem: Was hatte sie mit Ally vor?
…oder ich war zu paranoid. Ja, ich hatte schlechte Erfahrungen mit Hexen gemacht, aber Bianca war nicht bösartig gewesen. Vielleicht sollte ich aufhören, meine Vorurteile auf dieses Mädchen zu projizieren. Ich war nicht deVries. Trotzdem. Konnte nichts schaden, sie im Auge zu behalten. Sie und ihr Eichhörnchen.

Ich setzte mich nicht zu der Gruppe, sondern kehrte zum Tresen zurück. Die Kellnerin machte immer noch an ihrem Radio herum. Sehr konzentriert, bis sie dann den Sender fand, den sie gesucht hatte. Drehte sich um und strahlte.
Während ich auf meinen Kaffee wartete, hörte ich zu. War ein lokaler Sender, eine Talkshow. Spencer White, der Moderator, plauderte munter mit allen möglichen Leuten – Annabelle, die unbedingt zu Justin Bieber wollte, einem Typen, der sich über seinen rasenmähenden Nachbarn aufregte – versuchte, mit einem Spendenaufruf zu helfen oder kluge Ratschläge zu geben. War… irgendwie interessant. Fesselnd. Normalerweise hörte ich solche Shows nicht, aber White hatte eine Stimme, die zum Zuhören einlud. Es war nicht das, was er sagte (sein Wortschatz war nicht außergewöhnlich vielfältig), nicht einmal, wie er das sagte, sondern da war etwas in den Zwischentönen, das mich faszinierte. Das mich dazu brachte, weiter zu lauschen.
Ich sprach die Kellnerin an. Ja, sie hörte die Show öfter. Eigentlich immer, wenn sie lief. Nein, selber dort anrufen wollte nicht. Warum auch? Sie wirkte wie ein junges Mädchen, als sie darüber sprach, aber sie war schon um die Vierzig.
Während ich mit ihr redete, kam Julie dazu. Bat sehr höflich darum, das Radio leiser zu stellen. Die Kellnerin wollte erst nicht, weil sie Angst hatte, den Sender wieder zu verlieren, wenn sie an den Knöpfen herumdrehte, aber Julie ließ nicht locker – blieb freundlich, aber ließ sich auch nicht von ihrem Willen abbringen, bis die Kellnerin endlich nachgab.

Schließlich war die Show vorbei. Ich setzte mich in die Nähe der anderen Gruppe, hörte zu. Offenbar hatte Washington den Spitznamen Buddha. Nachvollziehbar: Wohlgenährt, kahlköpfig, breites Grinsen. Julie fragte ihn, warum er Flann Kekoa nennen würde. Er wollte ihr das nicht sagen, sondern beschränkte sich auf mysteriöse Andeutungen. Google half: Kekoa ist hawaiianisch für Krieger. Aber auch dazu wollte er sich nicht klar äußern, sondern grinste nur. Der Kerl erinnerte mich an Don Spending mit seinem jovialen Getue und seiner besserwisserischen Art. Nein, ich wollte ihn nicht sofort erschießen, aber er sprach ja auch nicht mit mir.

Natalie schloss sich an, als ich ging. Die beiden anderen hatten wohl auch genug von dem Buddha-Geschwafel und kamen uns nach. Draußen erklärte ich Natalie, dass ich wegen Winston Kilpatrick und seinem Selbstmord hier war. Flann wurde aufmerksam, meinte, er wäre auch wegen dem Mann hier. Stellte ein paar Fragen, wollte selbst aber nichts erzählen. Hatte eine Visitenkarte mit seinem Namen drauf, keine Funktion, kein Titel. Komischer Typ. Schien an Julie interessiert zu sein, obwohl sie mindestens zehn Jahre jünger war als er. Na, das ging mich nichts an.
Kilpatrick war im Ort als Wohltäter bekannt gewesen, aber Natalie grub schnell einen kritischen Artikel aus: Er konnte ziemlich ungemütlich werden, wenn man ihm in die Quere kam. Vielleicht hatte er auch Steuern hinterzogen.
Jemand schlug vor, wir könnten doch zusammenarbeiten. War mir recht. Ich wollte Julie lieber nicht aus den Augen lassen. (Nicht, weil sie so hübsch war. Gar nicht mein Typ, viel zu weiß, und – sei ehrlich, Jackson – viel zu jung. Ging nur um die Hexensache, und nein, ich wollte ihr nichts tun, nur… bereit sein, okay? Bin erst vor kurzem böse überrumpelt worden.)

Wir fuhren zu Kilpatricks Haus, um mehr herauszufinden (Natalie fuhr. Das ist das Beste daran, immer irgendwelche Jäger zu treffen – es findet sich immer ein Fahrer.) Brian Graffin, sein Schwager, ließ uns ins Haus. Zeigte das Arbeitszimmer, erzählte, seine Schwester wäre tief getroffen – dreißig Jahre verheiratet und sie hatten sich immer noch geliebt.
Aber in der letzten Zeit war sein Schwager ein bisschen seltsam geworden. Graffin hatte ihn einmal im Auto warten lassen, und als er zurückkam, hatte Kilpatrick Tränen in den Augen. War ansonsten nicht so nah am Wasser gebaut. Ja, das Radio lief. Ein paar Tage später, vor etwa zwei Wochen, hatte Kilpatrick sich hier im Haus erhängt. Aber er hatte Feinde, und Graffin war sicher, dass etwas nicht stimmte.
Wir durchsuchten das Arbeitszimmer. Sprachen mit seinem Assistenten Brett, der auch nicht glaubte, dass Kilpatrick ein Selbstmörder war. Auf seinem Rechner fanden sich ein paar E-Mails, die ziemlich unfreundlich waren, sowohl von ihm als auch an ihn. Schien sich mit Tyler Holland aus dem Stadtrat gar nicht gut zu verstehen. Flann fand zwei kleine schwarze Notizbücher, eines mit unsauberen Kontobewegungen, eins mit Namen wie „Sharona“ oder „LaToya“. Er steckte beide ein.
Julie schaute sich intensiv im Raum um, keine Ahnung, was sie suchte oder fand ( Spuren beseitigen, schoss mir durch den Kopf. War mehr ein Reflex als ein echter Verdacht). Natalie durchforstete mit ihrem Laptop die Mediathek des Senders nach Spuren. Sie fand zunächst drei Namen: Jeremy Browning, Glenda McCall und Luke Gordon – auch diese drei hatten sich in den letzten Monaten erhängt.

Während sie weiterhin nach einer Verbindung zwischen Spencer Whites Sendung und den Toten suchte, sprachen wir anderen mit Kilpatricks Witwe. Die war sichtlich aufgelöst und schien ehrlich um ihren Mann zu trauern. Sie erzählte uns, dass ihr Mann immer diese Show im Radio gehört hatte – wie viele andere in ihrem Bekanntenkreis. Penetrant, sagte sie. Man kommt gar nicht daran vorbei.

Wir gingen wieder. Zogen uns zurück, warteten auf Natalies Ergebnisse. Tasteten kurz vorsichtig ab, ob wir mit den jeweils anderen frei über übernatürliche Einflüsse spekulieren konnten. War kein Problem.
Natalie fand heraus, dass alle vier Selbstmörder auf Bitte anderer Leute von Spencer White angerufen worden waren. Zu allen hatte er „Mach dich frei, erzähl’s Spencer“ gesagt und einen Jingle gespielt. Er rief auch noch andere Leute an, die sich nicht umbrachten, aber immer, wenn er diesen Satz sagte, gab es eine Weile später eine Selfmadeleiche. Interessant, dass Tyler Holland aus dem Stadtrat Spencer gebeten hatte, Kilpatrick anzurufen. Der war ja nun sicher kein Freund von ihm.
Über Spencer selbst war nicht viel herauszufinden: Junger Mann, zweiundzwanzig Jahre alt, hier aus der Gegend. Keine Auffälligkeiten, hübscher weißer Knabe mit blonden Haaren und nettem Lächeln.
In der Mediathek war sogar die Aufnahme von dem Gespräch mit Kilpatrick gespeichert. Ich hörte mir Whites Stimme ein paar Mal an, aber er klang tatsächlich wie ein Junge aus Montana, mittlere Bildungsschicht. Nicht sonderlich eloquent, wie schon festgestellt.
Auch Julie hörte sich die Aufnahme ein paar Mal an. Kam zurück, als wir gerade überlegten, ob White das mit Absicht machte oder ob es vielleicht ein Trittbrettfahrer oder ein kranker Fan war, der den Satz zum Anlass nahm, Leute zu ermorden. Nein, meinte Julie zu dieser These. Die Magie ist in der Stimme drin.
Ich warf ihr einen scharfen Blick zu. Hexe!, klingelte ein Alarm in meinem Kopf. Sie zuckte zusammen, trat einen halben Schritt auf Flann zu und murmelte, sie wäre ja nicht sicher.

Was nun? Direkt zum Sender? Oder erst mal nur beobachten? Beobachten gab zwar Billable Hours, aber eine längere Observation erschien mir unnötig, wenn wir auch einfach mit White sprechen konnten. Nach kurzer Debatte beschlossen wir, als Reporter vom Community College in Billings aufzutreten, die einen Artikel über lokale Radiosender schreiben wollten.
Klappte ganz gut. Flann erzählte unsere Geschichte dem Mädchen am Empfang, die ihn sehr sympathisch zu finden schien und sofort White anrief. Nach kurzer Zeit tauchte White selbst auf und lud uns freundlich in sein Studio ein.
Flann fing mit belanglosem Smalltalk an, unterstützt von Julie. Ich fragte nach den Selbstmorden, aber White wiegelte ab. Davon wusste er nichts. Noch mehr Smalltalk, Julie erwähnte seine Catchphrase „Mach dich frei“. Ja, er war eben für Freiheit. Der Staat sollte sich nicht überall einmischen, Waffen und Kram, und sollte doch jeder heiraten, wen er wollte.
„Auch eine Sechszehnjährige ihren Vater“, fragte ich. Dachte an Lisa. An die anderen Sekten in den Ozarks und ihre merkwürdigen religiösen Sitten. Gut, da ruderte er ein bisschen zurück. Und die Selbstmorde – ja, sollte sich doch jeder umbringen, wenn er Lust dazu hatte. War doch seine Entscheidung.
Flann beugte sich zu Julie, wollte ihr vielleicht etwas sagen, brach dann aber jäh ab und hörte White zu. Schien förmlich an seinen Lippen zu hängen.
Julie ließ nicht so leicht locker, setzte ihn wegen der Selbstmörder unter Druck. White erzählte ihr die Geschichte eines Jungen, der an der Schule gemobbt wurde und der sich auch nicht umgebracht hatte. Jeder hätte die Wahl. Aber Julie bohrte weiter, und das gefiel ihm nicht. „Ihr geht jetzt besser“, sagte er harsch.

Da hatte er wohl recht. Ich stand sofort auf und ging zur Tür, die anderen hinter mir her. Erst als wir draußen waren, merkte ich, dass das eben nicht meine Entscheidung gewesen war. Ich hatte einfach gemacht, was er sagte.
Mir wurde kurz, aber heftig übel. Erst die Besessenheit vor ein paar Wochen, jetzt das. Einen Augenblick konnte ich einen anderen Geist in meinem spüren. Wäre fast umgefallen, weil mir so schwindlig war. Schwindel, Jackson. Vertigo. Was gibt es noch für Worte? Aus dem Gleichgewicht, Gleichgewicht, Balance, komm schon, finde die Balance wieder … Ich schluckte heftig, einmal, zweimal. Atmete durch. Glücklicherweise waren die anderen auch damit beschäftigt, sich innerlich zu sortieren. Dauerte eine Weile, bis jemand etwas sagte.
Woher kamen Whites Kräfte? Aus ihm selbst? Zauberei? Ein Pakt mit einem Dämon, oder vielleicht ein Artefakt? Machte er das absichtlich oder unbewusst? Das war mir eigentlich egal. Jemand, der Leuten im Kopf herumstocherte, musste aufgehalten werden. Möglichst endgültig aufgehalten.

Wir fuhren zu seiner Wohnung. Wenig los in seiner Gegend. Er wohnte in einem alten Studio-Apartment, in das wir einbrachen. Ich behielt die Straße im Auge. Keine Ahnung, wer die Tür geöffnet hat, oder ob sie einfach offen stand.
Allerdings fanden wir nichts – keine okkulten Schriften, keine unheiligen Artefakte, keinen mit Blut geschriebenen Vertrag. Nicht, dass ich wirklich danach gesucht hätte. Als die anderen gehen wollten, sagte ich, „Ich bleibe hier. Bringe die Sache zu Ende.“
„Nein!“, rief Julie aufgebracht. „Das können wir nicht machen, wir wissen doch noch gar nicht, ob er das absichtlich macht. Vielleicht können wir mit ihm reden, ihn überzeugen, solche Dinge nicht zu tun.“
„Wir haben schon mit ihm geredet“, entgegnete ich. „Hast ja gesehen, wie das lief.“
Flann schlug vor, wir könnten ja vielleicht was mit seinem Kehlkopf machen. Ich kämpfte einen winzigen Augenblick nach Luft (einatmen… ausatmen… einatmen… ausatmen… das ruhige Piepen der Maschine…), sagte ihm dann, „Mir hat mal jemand den Kehlkopf eingeschlagen. Wäre fast krepiert, aber jemand wusste, wie ein Luftröhrenschnitt geht. Wenn das keiner von euch kann… ist vermutlich angenehmer für ihn, wenn ich ihn einfach erschieße.“
Aber Julie schüttelte den Kopf. „Das können wir nicht machen“, sagte sie. „Vielleicht ist Spencer gar nicht böse… vielleicht will er das gar nicht.“ Sie sah fast verzweifelt aus. Was verband sie mit diesem Typen? Mein Misstrauen loderte wieder auf. War sie nur dabei, um White zu beschützen?

Egal. Ich zuckte die Schultern und stimmte zu, erst mal weiter nachzuforschen. Warum auch nicht. Die Sache hatte im Augenblick keine Eile. Erschießen konnte ich White auch später.
Jemand – Flann oder Julie, glaube ich – schlug vor, dass nur einer oder zwei mit ihm reden könnten, während der Rest Gehörschutz trug. Ohrenstöpsel oder so. Das erinnerte mich an etwas… „Jessica Jones“, sagte ich. „Kopfhörer.“ Natalie verstand mich und nickte. „Gute Serie“, sagte sie.
„Hmm“, machte ich. Dachte an Kilgrave, den Antagonisten der Serie. Der konnte Leute mit einem Befehl zu allem bringen. „Wenn zwei ihn hören können und zwei nicht – was hält White davon ab, die zwei dazu zu bringen, die anderen anzugreifen?“ Damit war diese Idee gestorben.

Aber Natalie hatte eine andere Spur gefunden. Vor Jahren war Spencers Mutter ermordet worden. Der Mörder hatte ihre Zunge herausgeschnitten. Das klang zunächst nach einem kranken Psychopathen, aber vielleicht hatte sie ähnliche Kräfte gehabt wie ihr Sohn. Möglich, dass ein Jäger sie umgebracht hatte.

Flann meinte, das Dying of the Light wäre hier in der Nähe. Ein Roadhouse. Wir fuhren hin, trafen einen alten Jäger, den Flann kannte.
Der Alte hatte tatsächlich von der Frau gehört. „Eine Sirene“, meinte er. „Eine Acheloidin, wie das wohl heißt. Ist damals von einem Jäger erlegt worden. Er hat ihr die Zunge rausgeschnitten, was anderes bringt die Viecher nicht um. Kugeln tun ihnen weh, aber sie sterben nicht dran.“
Dann stritt er sich noch ein bisschen mit Julie herum. Zog den kürzeren.

Wir waren ein Stück weiter, aber nicht weit genug. Zumindest nicht weit genug für Julie. Die fand immer noch, dass White unschuldig sein könnte und wir ihn nicht einfach umbringen konnten. Ich schwankte zwischen Misstrauen ihr gegenüber und der Erinnerung an einen ähnlich idealistischen Jungen. Der hätte auch gefunden, dass wir Leute nicht auf Verdacht umbringen konnten. Verdammt.
Glücklicherweise löste White das Dilemma für uns: Während der Diskussion klingelte Flanns Handy. Er ging dran, wurde plötzlich blass und erstarrte. Der Lautsprecher war nicht an, aber selbst so konnten wir das Plärren des Jingles aus dem Gerät hören. Vorsichtig legte Flann auf.
„Das war er“, sagte er. „Er hat seinen Spruch zu mir gesagt… ‚mach dich frei und erzähl’s Spencer‘.“

Ich zog eine Augenbraue hoch und sah Julie an. Die kümmerte sich erstmal um Flann, fragte ihn, ob er Selbstmordgedanken hatte. Der Jäger versuchte, die Sache herunterzuspielen, aber so ganz glaubte sie ihm offensichtlich nicht. Trotzdem, ob er jetzt Suizidgedanken hatte oder nicht – das war eindeutig ein Angriff gewesen. Soviel zu ‚vielleicht weiß er ja gar nicht, was er da tut‘.
Schließlich drehte sich Julie zu mir um und nickte mit zusammengepressten Lippen. Sie wollte das nicht tun, wirklich nicht. Aber sie sah keine andere Möglichkeit.
„Du musst nicht mitkommen“, sagte ich zu ihr.
„Doch, muss ich“, erwiderte sie. „Ich kann mich nicht aus der Verantwortung stehlen.“
Innerlich schüttelte ich den Kopf. Manchmal ist Wegsehen das Beste, was du machen kannst, aber das sagte ich nicht laut. War damit beschäftigt, den Schatten dieses idealistischen Jungen aus meinem Kopf zu vertreiben.
„Wir sollten ihn uns greifen und wegbringen“, sagte ich. „Irgendwo außerhalb der Stadt, wo uns niemand hört. Besser, wir knebeln und fesseln ihn… ist leichter, ein wehrloses Opfer umzubringen.“ Entsetzte Blicke, und verdammt, das hatte ich nicht laut sagen wollen. Klar ist es einfacher, aber normalerweise bin ich nicht so dumm, solche Sachen anderen Leuten zu erzählen. Musste nicht jeder wissen, wie wenig es mir ausmachte, zu töten.
Konnte nicht mehr zurück. Redete kalt weiter, über Kopfhörer und Ohrstöpsel. Schob irgendwelche Gefühle beiseite, dafür hatte ich jetzt keinen Raum. Schon gar nicht für diesen Jungen, der ich mal gewesen war.

Räumte Asian Dub Foundation, 21/7 und JayZ auf meinen Player. Ella Fitzgerald flog raus. Der Rest verstopfte sich die Ohren ebenfalls. Angespannt fuhren wir zurück zu Whites Wohnung. Warteten eine Weile.

„…Knock knock I’m at your neighbor house…“

Dauerte nicht lang, dann tauchte White auf. Stieg aus dem Auto, lief zu seiner Wohnung. Wir verließen unseren Wagen ebenfalls und gingen auf ihn zu. Die Musik sprang um auf La Haine. Wie passend.

„…Ask the questions later raise the 45…“

Ich ging auf ihn zu. Er sah mich kommen, lächelte triumphierend, verächtlich. Fing an zu sprechen. Wie ein Fisch im Aquarium. Ich hörte kein Wort.

„…act on on instinct you know the truth from a lie…“

Stand vor ihm. Er sah zu mir hoch, plötzlich Zweifel in seinen Augen. Wich einen Schritt zurück, redete weiter. Ich hörte nur die Musik.

„…are you the judge the jury and the executioner…“

Schlug ihm meinen Haken ins Gesicht. Volltreffer. Er ging zu Boden, Blut tropfte aus seiner Nase.
Wir knebelten ihn, fesselten ihn. Sperrten ihn in den Kofferraum seines Wagens. Niemand hatte uns gesehen.

Ich nahm die Kopfhörer vorsichtig wieder raus. Stieg ins Auto. Flann konnte Lippen lesen, er erzählte, was White gesagte hatte: „Ich werde diese Stadt besser machen, ich habe diese Menschen umgebracht, weil ich es kann, weil ich die Macht habe… den Typ mit dem Rasenmäher erwische ich vielleicht auch noch…“ Nett. Nicht mal Julie fiel noch etwas zu seiner Verteidigung ein.

Wir fuhren raus nach Norden, in die Wildnis. Schroffe Gegend. Bogen von der Straße ab, ruckelten über steiniges Gelände in eine schmale Schlucht, die von niedrigen Büschen und ein paar schlanken Bäumen gesäumt war. Hielten an.
Flann stieg aus und starrte die Bäume gedankenverloren an. Murmelte etwas davon, ob die Äste wohl das Gewicht eines Mannes tragen würden? Hatten wir eigentlich ein Seil dabei. Julie folgte ihm besorgt, als er auf die Bäume zu trottete. Redete leise auf ihn ein. Gut. Waren die schon mal abgelenkt.
Ich steckte mir die Kopfhörer wieder in die Ohren, bevor ich White aus dem Kofferraum holte. Er lebte noch, obwohl er weder durch die gebrochene Nase noch durch den Knebel richtig gut Luft bekommen konnte. Zerrte ihn nach draußen, ein Stück vom Wagen weg. Natalie war neben mir, Flann und Julie standen unter den Bäumen. Sie zog ihn an sich und küsste ihn.

White kniete vor mir, als ich meine Waffe zog. Sah mich ängstlich an, flehend. Bitte nicht, bettelten seine Augen. Aber die hatten keine Macht. Ich hielt die Pistole unter sein Kinn und drückte ab. Er fiel, seine Muskeln verkrampften sich ziellos. Ich beugte mich über ihn und schnitt seine Zunge heraus. White hörte auf, sich zu bewegen. Er war tot.

„…nos recuerdan —si acaso— no como almas perdidas y violentas…“

Ich atmete durch. Zerrte die Kopfhörer mit dem Haken aus den Ohren. Sah Julie, die ein Stück weiter hinten stand, kreidebleich. Sie starrte den Toten an, als hätte sie noch nie einen gesehen (hatte sie ja vielleicht auch nicht, Jackson. Schon mal dran gedacht?). Flann kam auf sie zu. Sah erleichtert aus, nicht mehr so niedergeschlagen. Sagte leise etwas zu ihr, und sie entspannte sich ein kleines Bisschen.

Neben mir, neben der Leiche, stand Natalie. Konnte ihren Blick nicht recht deuten.
„War hübscher als der Draugr“, sagte ich schließlich. „Aber trotzdem ein Monster.“ So wie du, Jackson, sagte eine leise Stimme in meinem Inneren.
„Aber der Draugr… der war viel monströser“, erwiderte sie unsicher.
Ich lächelte bitter. „Der Draugr war am Anfang ein Unschuldiger, der ermordet wurde. White ist freiwillig zum Monster geworden.“ Und was davon bist du?

Flann kam rüber zu uns. Erklärte, der Einfluss hätte mit Whites Tod aufgehört. Gut. Wir beschlossen, die Leiche noch zu salzen und zu verbrennen. Keine Ahnung, was aus toten Monstern wird, aber Spencers Whites Geist brauchte sicher niemand.
Während Natalie und Flann gingen, um Salz und Benzin zu holen, lauschte ich angestrengt. Nicht, dass da doch ein Geist war, der an etwas anderem als dem Körper hing. Und ich hörte etwas: Nicht White, sondern eine feine, tröstende Stimme: „Es wird schon wieder alles gut. Wirklich.“
Es war das Eichhörnchen auf Julies Schulter, das ihr gut zuredete. Ein Vertrautentier. Also doch eine Hexe. Ich sah Natalie an. „Wusstest du, dass sie eine Hexe ist?“, fragte ich.
Natalie schüttelte den Kopf. Sie hatte das rothaarige Mädchen nur mal auf einem von Allys Fotos gesehen. Wusste nichts über sie.

Also ging ich rüber zu Julie. Keine Ahnung, was ich wollte. Einen Grund, sie zu erschießen? Sie nicht zu erschießen?
„Sag mal, isst du Neugeborene, um deine Kräfte zu verstärken“, fragte ich.
Sie glotzte mich entsetzt an. „Was? Nein!“, entgegnete sie vehement. Klang ehrlich, soweit ich das beurteilen konnte. Ich war immer besser darin, mir Motive anderer Leute auszudenken als sie wirklich zu erkennen.
Beschloss, es gut sein zu lassen. Ihr zu glauben. Dieses Mädchen war nicht mein Feind.

Wir warfen Whites Überreste in eine schmale Felsspalte, nachdem wir alles abgefackelt hatten. Fuhren zurück nach Laurel, entsorgten den Wagen des Toten. Die anderen wollen noch mal ins Café, aber ich ging nicht mit. Glaubte nicht, dass sie traurig deswegen waren.
Schrieb einen Bericht für Kilpatricks Schwager. Behauptete, manchmal würden bestimmte Klangwellen Mikro-Aneurysmen verursachen, die dann zu suizidalem Verhalten führen. Klartext: Ja, der hatte sich selbst aufgehängt, aber nicht wegen euch, sondern weil er krank war. Hätte niemand merken können. Überlegte, ob ich Spencer White oder Tyler Holland erwähnen sollte, aber lieber nicht. Besser, wenn Whites Verschwinden möglichst wenig Aufmerksamkeit erregte.

Fuhr weiter nach Billings. Stellte das Radio an, hörte eine sanfte Moderatorenstimme. Wäre fast in den Yellowstone River gefahren, bis ich mich wieder im Griff hatte. Irgendwie klang der Typ für mich wie White, oder wie der Milchmann. Großartig.
Musste klarkommen, bevor ich in ein Flugzeug stieg. Fand im Hotel einen Flyer: MoAv Coffee House, Poetry Slam. Heute. Okay, warum nicht. Machte ich nicht allzu oft (ich bin nicht spontan genug, um wirklich gut zu sein), aber vielleicht half es ja.
Fuhr abends hin. War eine ganz gute Aufstellung, viele Studenten, aber auch andere. Keine echten Profis dabei. Wollte grade zur Bühne gehen, als ich an der Theke Julie sah. Setzte mich schnell wieder hin, schaute weg. Verdammt. Konnte mich da nicht hinstellen und über meine Gefühle reden, nicht mal in einem Gedicht über Kreuzkümmel oder etwas Ähnlichem. Nicht vor dem Mädchen, das gesehen hatte, wie ich einem wehrlosen Jungen… einem gefesselten Monster in den Kopf schoss und nichts dabei empfand.

Verkrümelte mich also. Flog am nächsten Tag nach Hause. Ging. Irgendwie. Nicht so richtig gut, vor allem dann nicht, als ich den Gurt anlegen musste. Egal.

Und jetzt? Jetzt stürze ich mich in die Arbeit. Ich habe genug zu tun, und ja, ich weiß, das ist feige, ich sollte zu einem Therapeuten oder in eine Traumagruppe oder so gehen, aber ich muss meinen Roman fertig editieren, ein paar Kurzgeschichten überarbeiten, den Walisern wegen dem Wörterbuch auf die Nerven gehen, höflich in Santa Monica wegen Forschungsgeldern anfragen, Fanpost beantworten, auf meinem Blog posten, die Kinder herumfahren, einkaufen, etwas zu essen kochen…
Da hat so was wie – nenn es beim Namen, Jackson, komm schon, du bist doch angeblich gut mit Worten – so etwas wie PTSD nun mal keine Priorität.

Comments

Marganma

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