Mädchenkram - Supernatural

Intermezzo: Puppenhaus
SST von Ethan und Barry

Ethan

Ethan hat ‘Rain Man’ gesehen. Ein paarmal sogar. Der Soundtrack ist ziemlich cool, und der Film hat echt was. Dass er allerdings mal die Rolle von Tom Cruise einnehmen würde, hätte er nicht gedacht. So kommt es ihm zumindest gerade irgendwie vor. Artie ist nämlich nicht in ein Flugzeug zu bekommen – zu eng, zu viele Leute, und in der Luft?!? – und auch im Auto bekommt er regelmäßig Panikattacken und Platzangst und muss raus. Hier und jetzt und sofort. Was auf dem Highway nicht einfach so geht. Also Landstraße. Also der Vergleich mit ‘Rain Man’. Artie als Ray und Ethan selbst als Charlie. Oder so. Minus die schicken Klamotten, natürlich. Die Ironie darin, dass man ihm schon gesagt hat, er sähe ein bisschen so aus wie der junge Tom Cruise, entgeht ihm dabei nicht.

Gerade steht der Pickup wieder mal am Straßenrand, während Artie sich seine fünf – oder zehn, oder fünfzehn – Minuten Auszeit unter freiem Himmel nimmt. Ethan lehnt an der Fahrerseite und nimmt einen tiefen Zug aus der Zigarette. Auch so ein Ding. Weil er das Führerhäuschen nicht zuqualmen will, solange der Junge drin sitzt, ist Ethan auf Raucherpausen angewiesen. Also ist er gar nicht undankbar für die relativ häufigen Stopps. Und weil er vermeiden will, dass Artie jedes Mal erst in Panik verfallen muss, ehe er aus dem Auto kommt, hält Ethan auch schon mal vorher an. Wenn er sich dabei dann auch gleich eine Kippe gönnen kann, hey.

Es ist gar nicht mehr so weit bis Stuttgart, Arkansas. Eine Stunde vielleicht noch, oder zwei. Mit etwas Glück können sie die letzte Etappe in einem Rutsch schaffen. Ethan beobachtet Artie, wie der Junge auf dem winterlich-kahlen Feld herumtobt. Krähen fliegen von den Schollen auf und verschwinden empört kreischend im grauen Februarhimmel. Von hier aus kann Ethan den Gesichtsausdruck des Jungen nicht genau sehen, aber zumindest seine Bewegungen wirken locker und entspannt. Gut.

Inmitten des Feldes steht eine Vogelscheuche. Von hier aus wirkt sie ziemlich alt und abgerissen, und die Krähen haben sich nicht sonderlich um das Ding bekümmert, scheint es. Artie rennt darauf zu, bleibt davor stehen und betrachtet das Gebilde aus Stroh und Flicken neugierig. Dessen zerfleddertes Hemd flattert leicht im Wind.

Und dann schreit Artie plötzlich auf, wirbelt herum und schießt geduckt quer über das Feld auf den Pickup zu. In exakt derselben Haltung, die er auch in dem Höllenhaus die ganze Zeit hatte. Verdammt!

Ethan denkt nicht lange nach. Reißt Fahrer- und Beifahrertür des Pickup auf, rennt Artie dann entgegen. Das Gesicht des Jungen ist kreidebleich. “E-than! E-than! Die… die!"
Als er den Kleinen erreicht hat, lässt er ihn überholen, bleibt dann hinter Artie, gibt dem Jungen Deckung. “Steig ein!”
Ethan sprintet auf die Fahrerseite, hechtet hinter das Steuer, dreht den Zündschlüssel – lass mich nicht im Stich! – und tritt heftig aufs Gas, als der Motor brav anspringt. Erst als der Nissan bereits rollt, greift er nach dem Gurt und bedeutet auch Artie, sich anzuschnallen.

Der Junge atmet in abgehackten, schnellen Zügen und sieht immer wieder nach hinten durch die Heckscheibe. Auch Ethan sichert wachsam durch die Spiegel. Aber nichts zu sehen.
“Was war?”
“Die… die Hogelheuche!”
Ethan hat inzwischen deutlich mehr Erfahrung darin, Arties Aussprache zu verstehen. Die hat sich in den letzten Wochen aber auch schon um einiges verbessert. Er bemüht sich auch immer eigens, selbst deutlich zu reden, dem Kleinen ein gutes Vorbild zu sein. Naja. So gut er eben ein Vorbild sein kann, jedenfalls. Artie solle “viel Sprache hören”, haben die Ärzte empfohlen. Ha. Noch ein Grund, warum er kein geeigneter Pflegevater für den Kleinen ist. Verdammt.
“Was war mit der Vogelscheuche, Artie?”

Bis der Junge sich soweit wieder beruhigt hat, hat Ethan die Geschichte aus ihm herausbekommen. Nicht dass es so viel zu erzählen gibt. Die Vogelscheuche hat die Augen aufgemacht, ihn angesehen, komische Geräusche von sich gegeben und angefangen, von ihrer Stange herunterzusteigen.
Puh. Ethan hat keinen Zweifel, dass Artie irgendwas gesehen hat. Aber was genau könnte es gewesen sein? Es gäbe da einige Möglichkeiten. Naja. Erst mal weiterfahren. Den Kleinen sicher abliefern. Dauert ja nicht mehr lange. Dort kann er sich dann auch mit Barry besprechen. Jemand zum Besprechen. Huh. Komischer Gedanke.

¤¤¤


Barry

Der Tag ist sonnig, aber kalt. Barry steht vor dem Haus und raucht Pfeife. Das Gebäude ist noch ziemlich neu, erst letztes Jahr fertig geworden: Ein großes Holzhaus mit Solarpanelen auf dem Dach und moderner Umwelttechnik, die den Energieverbrauch minimiert. Zwei Stockwerke, viele Fenster, ein kleiner Seitenflügel. Daneben der Stall für die drei Pferde und eine eingezäunte Weide. Um das Haus herum größtenteils Wildnis, ein Waldstück, dann ein paar Felder. Sehr isoliert, zumindest für Barrys Geschmack, aber Tam und die Kinder lieben es hier draußen.
Katie und Peter sind in der Schule oder im Kindergarten, Tam in der Detektei, und er hat gerade einen Entwurf für das Peer Review beendet, um den ihn das Journal of Native American Language Studies gebeten hatte. Alles in allem könnte er zufrieden sein, aber er spürt eine innere Unruhe, die er sich nicht recht erklären kann. Vielleicht ist er einfach nervös, weil in den nächsten Tagen Ethan mit Artie eintreffen will. Seinem und Tams neuem Pflegekind, das Jahrzehnte in einer Höllendimension eingesperrt war.

Er überlegt gerade, ob er noch eine Runde laufen gehen soll, als Ethans staubiger Pickup den schmalen Weg zum Haus entlang gefahren kommt. Kaum bleibt das Auto stehen, als die Tür aufspringt und Artie hinausschießt wie ein nervöses Eichhörnchen. Der Junge hat in den letzten Wochen zugenommen und wirkt nicht mehr so ausgemergelt, und seine hellen Haare sind ein bisschen gewachsen.
Artie bleibt ein Stück vor dem Auto stehen und schaut sich hektisch um. Als er Barry sieht, erschrickt er zunächst, aber dann erkennt er ihn und läuft aufgeregt auf ihn zu.
Er sagt etwas, aber Barry versteht ihn nicht recht. Heuhe? Kähe?

„Hallo Artie“, sagt Barry mit ruhiger Stimme. „Ich verstehe dich nicht, tut mir leid. Kannst du bitte etwas langsamer sprechen?“
Ethan ist mittlerweile auch ausgestiegen und kommt näher. Er will etwas sagen, aber Barry bedeutet ihm, Artie reden zu lassen. Mit etwas Geduld erfährt er schließlich, dass es um eine unheimliche Vogelscheuche geht. Und Krähen.

Barry schaut auf und streicht sich die langen Haare, die er ausnahmsweise offen trägt, aus dem Gesicht. Er nickt Ethan grüßend zu und bemerkt dabei die drei großen schwarzen Krähen, die auf dem Zaun der Pferdeweide sitzen und Artie, Ethan und ihn stumm mustern.

Mit einer Kopfbewegung macht er Ethan auf die Vögel aufmerksam. „Lasst uns mal reingehen“, sagt er.

¤¤¤


Ethan

Auf den letzten dreißig Meilen oder so hat sich der bedeckte Himmel immer mehr aufgehellt. Als sie die unbeschilderte Abzweigung nehmen, die Barry beschrieben hat, scheint sogar die Sonne. Während er langsam an dem Wäldchen entlang fährt, dann die Kurve zum Haus nimmt, das hinter Feldern und einem Corral zu sehen ist, lässt Ethan die Umgebung auf sich wirken.

Er weiß nicht so genau, was er erwartet hat, aber einen Hof wie diesen hier irgendwie nicht. Ethan pfeift unhörbar durch die Zähne. Wow. Hübsch hier. Besser als alles, was er Artie bieten könnte. Dem Kleinen wird es hier gefallen, könnte er wetten.

Die drei Krähen, die auf dem Zaun hocken wie Punktrichter beim Kampfsport, wären ihm vermutlich auch aufgefallen, wenn Barry ihn nicht darauf hingewiesen hätte. Aber so oder so, der Ältere hat recht. Ethan erwidert dessen Nicken, lässt Artie vorangehen und folgt Jackson dann selbst.

Innen macht das Haus einen ganz ähnlichen Eindruck wie außen. Neu. Modern. Klar. Aber deswegen nicht kalt oder steril oder so. Im Gegenteil. Bewohnt. Von Leben erfüllt. Irgendwie gemütlich. Ja. Artie wird es hier gut haben. Ethan nickt leicht, wie zu sich selbst.

Mrs. Jackson und die Kinder sind nicht da. Schade. Oder vielleicht besser gerade. Barry zeigt ein bisschen was vom Haus, ehe alle drei mit Getränken vor sich an dem großen Esstisch sitzen. Zaghafte Versuche, Smalltalk zu betreiben, scheitern an allgemeiner Redeunlust ebensosehr wie an dem vordringlichen Thema, das allen im Kopf herumgeht.
“Also, was war das mit einer Vogelscheuche und mit Krähen?”

Ethan beschreibt knapp, was er selbst gesehen hat, und vor allem, dass das Ganze ein Stück außerhalb des Städtchens Marianna vorgefallen ist, ehe auch Artie nochmal aus seiner eigenen Sicht berichtet.
“Könnte einiges sein”, brummt Ethan schließlich. “Viel los in Marianna?”
Er meint übernatürliche Vorkommnisse, aber das kann Barry sich ja denken.

¤¤¤


Barry

Barry überlegt kurz. Er kennt Marianna eigentlich nicht, aber Tam hat angefangen, eine Mappe mit Gerüchten, Legenden und geheimnisvollen Vorkommnissen in den umliegenden Orten anzulegen.
Die Ordner stehen eigentlich in der Detektei, aber Barry hat Glück: Im Schlafzimmer findet er ein paar Mappen mit der Aufschrift “Marianna”.
“Drei Sachen”, sagt er, als er wiederkommt. “Erstens, der Spukfriedhof in Marianna ist eine Touristenfalle. Zweitens, vor fünf Jahren haben Seismologen dort eine Erdverwerfung entdeckt, die für heftige Erdbeben sorgen könnte. Drittens, es gibt da ein mögliches Spukhaus, die Villa der Greers. Das waren wohl Sklavenhalter, im Bürgerkrieg soll es dort ein Massaker unter den Sklaven und Herren gegeben haben.”
Er zuckt die Achseln. “Die Vogelscheuche kommt mir komisch vor… das ist eigentlich Baumwollgebiet. Wenn Tam wieder da ist, können wir ja mal hinfahren und uns das anschauen.”
Artie schaut bei dem Vorschlag erschrocken drein. “Chwill nich”, nuschelt er.
“Nein, Artie, du musst nicht mit”, sagt Barry. Artie schaut nur wenig beruhigt und will offenbar etwas sagen, aber da hört man draußen ein Auto vorfahren und einmal kurz hupen. Eine ziemlich charakteristische Hupe. Barry entspannt sich wieder.
“Das sind sie”, sagt er. Kurz darauf stürmt Pete in den Raum wie ein vierjähriger Wirbelwind und plappert aufgeregt: “Daddy, da draußen sind sooo viele Krähen!”
Kurz darauf kommen Tam und Katie mit ein paar Einkäufen herein. Tam nickt Ethan zu.
“Hey, ich kenne dich”, sagt sie. “Du warst auch im Roadhouse, als MadMillan durchgedreht ist, oder?”
Es vergeht ein bisschen Zeit mit Vorstellen und Kennenlernen. Barry nutzt das aus, um nach draußen zu schauen. Tatsächlich: Auf dem Weidenzaun und auf einem Baum vor dem Haus sitzt ein ganzer Schwarm Krähen, die alle stumm und unbewegt auf das Gebäude starren. Das ist bedrohlich, und Barry fragt sich, ob es eine gute Idee war, einen Vollzeitjäger zu sich nach Hause einzuladen.

¤¤¤


Ethan

Die drei Krähen auf dem Zaun hätten vielleicht noch Zufall gewesen sein können. Die ganze Meute, die sich inzwischen angesammelt hat, ist es nicht. Vor allem, da keines der Tiere auch nur einen einzigen Laut von sich gibt.

Um die drei Kinder nicht zu beunruhigen, wirft Ethan nur einen kurzen Blick nach draußen, ehe er sich wieder seinen Gastgebern zuwendet. Tam hatte er tatsächlich vage als aktive Jägerin im Hinterkopf, auch wenn er sie seit Jahren nicht zu Gesicht bekommen hat. Und keinerlei Ahnung hatte – tatsächlich ein wenig baff ist -, dass sie Barry nicht nur kennt, sondern mit ihm verheiratet ist. Macht aber Sinn, irgendwie. Keine Geheimnisse, keine Ausflüchte, keine Erklärungsversuche des Unerklärbaren nötig. Andererseits natürlich die gegenseitige Sorge, wenn es beide jederzeit erwischen kann. Ethan schüttelt den Gedanken ab. Gibt Wichtigeres jetzt.
“Lass hinfahren.”

Und hoffentlich den beunruhigenden Vogelschwarm von Barrys Familie wegziehen, ist Ethans Gedanke. Und von Artie. Der wiederum sieht die beiden Männer zweifelnd an. “Aba die Heuche?”, wirft er zaghaft ein.
“Wir passen auf”, versucht Ethan den Jungen zu beruhigen. “Bleib du hier.”

Der ganze Plan ist natürlich komplett für die Füße, falls die Krähenschar den Köder nicht schluckt. Solange die Biester beim Haus bleiben, fahren die beiden Jäger garantiert nirgendwo hin. Ethan deutet mit dem Kinn Richtung Eingangstür. “Hab Kram im Auto.” Allerdings nichts, was speziell auf unheimliche Krähenschwärme oder lebendige Vogelscheuchen gerichtet wäre. Standard-Kram halt. Barry nickt und geht seine eigene Ausrüstung holen, während Ethan Mrs. Jackson entschuldigend ansieht. Die hat sich die Ankunft ihres neuen Pflegekindes bestimmt auch anders vorgestellt.

Der Nissan hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Er hat eine stabile Karosserie, einen unverwüstlichen Motor und im Laufe seines Autolebens etliche zehntausend Meilen hinter sich gebracht. Was er nicht hat, ist eine Funkfernbedienung für die Tür. Ethan späht hinaus und presst kurz die Lippen aufeinander. Die Krähen sind allesamt noch da. Er öffnet die Tür und geht langsam auf sein Auto zu. Beobachtet den Schwarm angespannt aus dem Augenwinkel, ohne die Vögel direkt anzusehen. Nichts rührt sich. Jeder seiner Schritte kommt Ethan unnatürlich langsam vor, Super-Zeitlupe. Jetzt ist er am Pickup angekommen. Hunderte Vogelaugen mustern ihn. Schlüssel ins Schloss. Umdrehen. Herausziehen. Türgriff packen. Federn rascheln leise im Februarwind, sonst ist nichts zu hören. Tür aufziehen. Kein Kreischen, kein Kakeln. Einsteigen. Die Beifahrertür für Barry öffnen. Glänzende Vogelaugen. Die Zeit beginnt in dem Moment wieder im Normaltempo zu laufen, als Jackson sich neben ihn auf den Beifahrersitz fallen lässt. Tür zu und los. Die Krähen rühren sich keinen Millimeter. Verdammt, verdammt, verdammt!

Um sicherzugehen, fährt Ethan bis zur Straße vor. Der Krähenschwarm ist ein schwarzer Schleier vor dem Haus der Jacksons.
“Ist scheints Artie.” Verdammt!
An der Ausfahrt dreht Ethan und fährt denselben Weg wieder zurück, hält aber diesmal so dicht am Haus, wie er kann. Die Krähen mustern den Pickup reglos.
“Hilft nix. Artie muss mit.”

¤¤¤


Barry

Barry atmet tief durch. Das gefällt ihm gar nicht, aber er hat gesagt, dass Artie Teil der Familie wird.
“Der ist im Haus sicher”, sagt er. Hofft er. “Im Keller ist ein Panikraum, im Notfall. Tam kommt klar.” Wie stellt sich Ethan das vor mit dem Jungen? Wenn sie angegriffen werden, ist er im Weg, und draußen ist er ein leichteres Ziel als drinnen.
Als er sieht, dass Ethan zögert, fügt er hinzu: “Fällt mir jetzt auch nicht leicht. Aber ich denke, das Problem liegt bei der Vogelscheuche und nicht hier.”

¤¤¤


Ethan

Ethan runzelt die Stirn, sieht zu Barry hinüber. Nickt dann. “Hab nur ‘Die Vögel’ mal gesehen. Fenster eingeflogen und so. Dachte, wenn die uns folgen… Und.” Er zögert. “Wär die Bestätigung, dass sie an Artie hängen. Aber ‘n Panikraum ist gut.”

Kurz entschlossen legt Ethan den Rückwärtsgang ein, dreht den Nissan um und fährt wieder zur Straße zurück. Vor seinem inneren Auge spult sich eine Mischung aus halb erinnerten Filmszenen aus ‘Die Vögel’ und der Vorstellung davon, wie sich der Schwarm hier auf Jacksons Haus stürzt, ab. Ethan schüttelt ärgerlich den Kopf. Solche was-wäre-wenn-Horrorvisionen haben keinen Platz in seinem Hirn jetzt! Und vor allem, wenn die Vogelmeute sich auf den Pickup stürzen würde, würden dessen Fenster auch nicht länger halten als die des Hauses. Barry hat schon recht, Artie ist sicherer in dessen vier Wänden. Deutlich sicherer. Also warum dieses Unbehagen? Dieser Zweifel?

Mehrere Meilen fährt er schweigend, kaut auf dem Gedanken herum wie ein Hund auf einem alten Pantoffel. Von den Krähen ist beim Auto weiterhin keine Spur zu sehen.
Dann beginnt er unvermittelt zu reden, an den Fingern abzuzählen.
“Eine Art Voodoo zur Belebung. Der Geist des alten Farmers reingefahren. Überhaupt ‘n Geist reingefahren. Oder reingezwungen worden. Fällt mir jetzt so ein. Aber warum die Krähen?”

¤¤¤


Barry

Barry fährt aus seinen Gedanken auf, als Ethan zu reden beginnt. Er hat nur den Anfang von ‘Die Vögel’ gesehen, dann wurde es zu gruselig. Gut, damals war er auch neun. Trotzdem macht er sich Sorgen um seine Familie. Ja, die Fenster sollten halten, die sind kugelsicher. Ja, die Kräuter sind frisch. Ja, Tam ist eine kompetente Frau, die sich zu wehren weiß. Ja, die Kinder sind nicht so blöd, rauszugehen. Nein, er hat seine Familie nicht in der Gefahr zurückgelassen. Das Haus ist beschützt.
“Krähen sind Boten des Todes”, sagt er langsam. “Wenn jemand den Tod fernhält, schickt er die Krähen, um denjenigen zurück zu holen.” Die Krähen auf Mist haben alle Einwohner zerrissen, nachdem das verschlossene Tor wieder geöffnet war. Unruhig fährt er sich über die schwachen Narben an Armstumpf, wo die Krähen ihn auch erwischt haben. Nur ein Versehen, die wollten andere.
“Vielleicht beschützt die Vogelscheuche jemanden, der eigentlich tot sein sollte. Oder sie ist ein Symbol.” Er überlegt. “Ich weiß aber auch nicht, warum die jetzt Artie folgen. Ich hoffe, er hat da nichts mitgenommen.”
Verdammt. Sie hätten noch mal ausführlicher mit dem Jungen reden sollen.
“Oder da hängt ein Geist in der Vogelscheuche. Kann auch sein. Möglicherweise kontrolliert der die Krähen.” Er schweigt einen Moment. “Wenn da ein Geist ist, können wir versuchen, den zu provozieren. Vielleicht ruft er dann die Krähen, um uns anzugreifen.” Großartiger Plan, aber besser als nichts. Außerdem sind sie schon fast da.
Kurz bevor sie Marianna erreichen, kommt ihm noch ein Gedanke. Kein sehr schöner Gedanke, und er zückt sofort sein Handy und schickt Tam eine SMS: “Behalt Artie im Auge. Besessen?”
“Vielleicht”, sagt er langsam. “War in der Vogelscheuche etwas, das die Krähen bewacht haben. Und das ist jetzt in Artie.”

¤¤¤


Ethan

Ethan punktiert Barrys Überlegungen mit mehreren nachdenklichen “mmhm”s sowie einem “Sag ich doch“, als Jackson die Theorie von einem Geist wieder aufgreift. “Hab ihn nix aufheben sehen”, fügt er dann noch hinzu. “Hat beim Rumrennen halt die Krähen hochgescheucht.”
Die Vorstellung, dass irgendeine Wesenheit in Artie gefahren sein könnte, erschreckt Ethan zutiefst. Auch wenn er es eigentlich nicht glaubt, allein der Gedanke ist… brrrr.

“Noch ne Idee”, murmelt er, vielleicht auch, um sich von der Schreckensvision Artie-könnte-besessen-sein abzulenken. “Gab mal n Fall. Wie in dem Film. Dings. Pinocchio. Müsst man wissen, wie’s hier war. Wie viel Herz der Farmer reingesteckt hat.”

Von Barrys Zuhause aus kommend, befindet sich das Feld mit der Vogelscheuche ein Stück hinter Marianna. Ethan wendet den Pickup und hält dann mit der Front Richtung Stadt am Straßenrand, so gut er kann an exakt derselben Stelle, wo der Hardbody auch vorhin gestanden hatte. Draußen scheint alles ruhig. Mitten im Feld steht weiterhin – oder wieder – die Vogelscheuche reglos an ihrem Platz. Der einzige Unterschied zu vorhin: keine einzige Krähe in Sicht. Am hinteren Rand endet das Feld an einer Linie von Bäumen – wie groß das Waldstück ist, kann Ethan von hier aus nicht sagen, aber auf dem Herweg vorhin sind sie an einem Schild vorbeigekommen, auf dem stand, dass der St. Francis National Forest hier irgendwo sein muss. Dort am Waldrand scheint auch ein Gebäude durch die Bäume zu schimmern. Ob Rangerhütte, Geräteschuppen oder Wohnhaus ist von hier nicht auszumachen.
Ethan sieht nochmals über das Feld, atmet dann durch und greift nach seiner Tasche mit der Ausrüstung.

¤¤¤


Barry

Barry verzichtet darauf, Ethan zu erklären, dass Pinocchio eigentlich eine Figur aus den Geschichten von Carlo Collodi ist. Er hat den Eindruck, dass der Jüngere längere Zeit von anderen Menschen isoliert war – die verkürzte Diktion, die schlampige Aussprache. Vielleicht kann er ihn auf dem Heimweg mal drauf ansprechen.
Aber jetzt wollen sie sich erst mal diese Vogelscheuche anschauen, die auf einem kahlen Feld steht und vom Wind leise bewegt wird. Mit etwas Glück hat Ethan recht und Artie ist nicht besessen. Barry überlegt kurz und nimmt noch eine Plane aus Ethans Pickup. Der hat da alles Mögliche gebunkert.
“Falls die Krähen kommen”, erläutert er, als Ethan ihn fragend ansieht. “Deckung.” Jetzt fängt er auch schon mit diesen verkürzten Sätzen an. Andererseits: Barry ist ohnehin kein Smalltalk-Wunder. Insofern… Ethan nickt nur. Er hat verstanden.
Gemeinsam gehen die beiden misstrauisch auf die Vogelscheuche zu. Der Wind dreht sie in ihre Richtung – oder ist das der Wind? Es wirkt, als würde das Ding sie aus den angenähten Knopfaugen anglotzen.
Gerade als Barry vorsichtig seinen Haken ausstreckt, um die Strohpuppe anzufassen, ertönt ein Schuss. Eine Schrotflinte. Bevor er überhaupt nachdenken kann, hat Barry seine eigene Waffe in der Hand. Ethan neben ihm hebt das Gewehr und löst die Sicherung, vermutlich genauso automatisch.
Am Waldrand steht ein kleiner, gedrungener Mann mit drahtigen weißen Haaren und einem Ziegenbärtchen. Er hält eine Schrotflinte in der Hand und zielt auf Barry und Ethan.
“Verschwindet von meinem Land”, keift er. “Ihr habt hier nichts verloren! Landstreicher! Touristen!” Er hat eine heisere, krächzende Stimme. Einen ganz schwachen osteuropäischen Akzent.
Barry schaut zu Ethan, der sein Gewehr langsam wieder sinken lässt. Nach kurzem Zögern steckt er die eigene Waffe auch wieder ein. Ist vermutlich der falsche Zeitpunkt, den Alten einfach niederzuschießen.
“Sorry”, ruft er, während er sich ein Stück zurückzieht. “Das ist ‘ne schöne Vogelscheuche… kann man die irgendwo kaufen?” Die Strohpuppe starrt ihn und Ethan immer noch an. Das ist nicht der Wind. Die Knopfaugen sind viel zu blank und poliert für eine Figur, die bei jedem Wetter draußen steht.
“Verschwindet! Lasst sie in Ruhe!”, brüllt der Alte mit überschlagender Stimme. Sein Gesicht ist rot geworden, und er hebt die Waffe. “Ich sag’s nicht noch mal! Das ist mein Land!”
Barry hebt die Hand. “Alles klar, wir gehen ja schon”, sagt er und geht zurück in Richtung Straße.

¤¤¤


Ethan

Sein Gewehrlauf schwingt Richtung Boden. Mit der freien Hand macht Ethan eine beschwichtigende Geste, ehe er langsam rückwärts geht. Erst nach etlichen Metern, während derer er aufpassen muss, dass er nicht über im Weg liegende Steine oder Erdschollen stolpert, dreht er sich um und läuft vorwärts auf den Hardbody zu. Beinahe erwartet er einen Schuss in den Rücken, aber nichts geschieht, außer dass das Geschimpfe des alten Mannes hinter ihm langsam abzuebben scheint.

Zurück an der Straße angekommen, geht Ethan zur Fahrerseite des Pickup und wirft einen Blick auf das Feld und den alten Mann, der dort noch immer steht und ihnen böse hinterherstarrt. Mit einem “Hmmm” steigt er ein und öffnet von innen die Tür für seinen Begleiter, ehe er ein relativ benutzt und häufig gefaltet aussehendes Kartenset aus dem Handschuhfach kramt. Der gute alte Rand McNally. Was hat der Ethan im Laufe der Jahre schon geholfen, wo der Pickup kein Navigationsgerät besitzt. Er zieht die Karte von Arkansas aus dem Packen und hält sie Barry hin, ehe er das restliche Set wieder ins Handschuhfach legt und dann erst einmal losfährt, weg aus dem Sichtfeld des Alten. Wer weiß, auf was für Ideen der sonst vielleicht kommt, wenn der Pickup hier noch länger steht.

Eine Viertelmeile weiter hält Ethan wieder an. Mit fragendem Blick sieht er zu seinem Beifahrer hinüber, der derweil die Karte aufgefaltet und scheinbar die richtige Gegend gefunden hat. “Feldweg?”

¤¤¤


Barry

Barry schreckt auf, als Ethan ihn unvermittelt nach einem Feldweg fragt. Tatsächlich hat er die Karte nach indianischen Ortsnamen abgesucht – mit bescheidenem Erfolg, aber das war auch gar nicht zu erwarten. Offenbar hat Ethan gedacht, er sucht auf der Karte nach einem Weg. Tja, der kennt ihn noch nicht richtig.
“Keine Ahnung”, antwortet er und gibt Ethan das Ding rüber. “Ich hab einen Bach und einen Hügel gefunden… hier…”, er deutet auf die Karte, “die Namen klingen nach Quapaw. Könnte ‘schwarz’ heißen.” Ethan wirkt weder allzu beeindruckt noch allzu interessiert, also verzichtet Barry auf die längere Herleitung dieser Erkenntnis. “Könnte sogar ‘Krähe’ bedeuten, aber das kann ich aus dem Stehgreif nicht sagen.” Eigentlich ist das nur geraten, aber egal. Es geht ja hier nicht um ein wissenschaftliches Paper, sondern um eine belebte Vogelscheuche. Und einen Krähenschwarm, der ein paar Meilen weit weg um sein Haus herum sitzt.
Während Ethan die Karte studiert, zieht Barry sein GPS-Gerät aus der Tasche. Sehr zur Erheiterung seiner Frau verläuft er sich auch mit dem Ding ständig, aber wenigstens findet er damit irgendwann wieder zurück.
“Bach”, sagt Ethan schließlich und startet den Wagen wieder. Okay, tatsächlich, sie fahren ein paar Kurven, erreichen eine Schotterpiste und halten schließlich an einem Bach. Könnte der schwarze Bach sein – ganz sicher ist Barry nicht, aber Ethan scheint zu wissen, wo er ist.
Mit dem Auto kommen sie hier nicht weiter, also steigen die beiden wieder aus. Bevor er Ethan folgt, zieht Barry seine Jacke aus und schiebt die Ärmel seines T-Shirts hoch, sodass man die beiden Krähen sehen kann, die er auf die Schultern tätowiert hat.
Auf Ethans fragenden Blick meint er nur: “Ist ‘ne Verbindung.” In die Tinte der Tätowierung hat er damals die Federn von einigen Krähen gemischt, die Sendboten des Todes waren. Vielleicht ist das gar nicht so klug, aber wenn er damit den Schwarm anlockt, dann belauert der nicht mehr seine Familie.
“Wir gehen zum Haus von dem Alten?”, fragt er, nachdem er Ethan ein paar Minuten durch ein Waldstück gefolgt ist. Ethan schaut ein bisschen ungläubig, nickt aber.
Über den beiden Männern beginnt der Himmel, sich zu verdüstern, und ein kalter Wind kommt auf.

¤¤¤


Ethan

Sich den Weg durch den Wald zu bahnen und dabei nicht von der geplanten Linie abzukommen, erfordert Ethans volle Aufmerksamkeit. Deswegen bemerkt er auch erst, dass es dunkler geworden ist, als er tatsächlich zwischen den Bäumen kaum mehr etwas sehen kann. Eigentlich sollten sie ihr Ziel doch schon erreicht haben… Aber noch ist von dem Haus keine Spur zu erkennen; kein Licht, kein Geräusch. Nicht mal Rauchgeruch. Aber das Unterholz ist hier auch besonders dicht. Als wolle es einen daran hindern, hier entlang zu gehen. Na gut. Dann eben außen rum. Irgendwo wird ja wohl ein Durchkommen sein.

Das Dickicht zwingt die beiden Männer zu einem gehörigen Umweg, der schließlich an einem schmalen Pfad herauskommt.
Stirnrunzelnd konsultiert Ethan die Karte, wendet sich dann zu Barry. Über das Pfeifen des Windes muss er die Stimme heben, um sich verständlich zu machen. “Da lang. Geht scheints nicht anders.”
Und tatsächlich taucht nach einigen Windungen des Weges ein Gebäude auf. Bei näherem Hinsehen erweist es sich als ein altes, vergleichsweise kleines Holzhaus, das vermutlich einmal in dem dunklen Rot angestrichen war, wie man es von den Häusern skandinavischstämmiger Familien kennt, dessen Farbe im Laufe der Jahre aber zu einem vage bräunlichen Ton verblasst ist. Von draußen ist kein Lichtschein zu sehen, und das Haus wirkt verlassen. Auch zu hören ist nichts. Nicht aus dem Haus, nicht vom Feld, das da irgendwo hinter den Bäumen liegen muss. Keine Krähen. Logisch. Die sind ja alle noch bei den Jacksons. Aber sie sind lange genug durch den Wald getappt, dass der alte Mann mit der Schrotflinte schon längst wieder die Zeit gehabt haben muss, vom Feld zurückzukommen.

Ethan nimmt sein Gewehr von der Schulter und umfasst es locker, während er mit der freien Hand erst zum Haus deutet und dann einen Finger auf die Lippen legt.

¤¤¤


Barry

“Warte mal”, sagt Barry leise. “Was hast du jetzt vor, willst du da einfach mit Gewehr im Anschlag rein?”

Ethan zuckt die Schultern. Wahrscheinlich will er erst mal sehen, was da überhaupt los ist, aber wenn das das Haus des Alten ist, dann endet das in einer Schießerei. Barry hat keine Lust, in der Nähe seines Wohnorts in einen Mord verwickelt zu werden. Zumal noch gar nicht klar ist, was der Alte mit der Sache zu tun hat. Er fragt sich, wie abgebrüht Ethan eigentlich ist – nach St. Trinity hat der Jüngere verletzt und einsam gewirkt, aber tatsächlich weiß Barry nichts über ihn. Er hat ein ganzes Arsenal Waffen in seinem Auto, Waffen und Jagdausrüstung. Wie oft ist Ethan wohl schon in ein Haus gegangen, mit seinem Gewehr in der Hand? Wie oft hat er sich schon aus dem Staub gemacht, weil etwas schief gelaufen ist? Immerhin war er gut zu Artie. Trotzdem ist er verdammt schnell mit der Waffe bei der Hand, und Barry weiß nur zu gut, wie gründlich das aus dem Ruder laufen kann.

Aber irgendwie müssen sie ja an Informationen kommen.

“Lass uns erst mal sehen, ob jemand zu Hause ist, okay?” Mit diesen Worten hebt er einen Stein auf und – ohne auf Antwort zu warten – wirft ihn auf ein Fenster. Das Fenster ist mit schweren Holzläden verschlossen, aber der Stein trifft ganz gut. Selbst über das Geheul des Windes hört man ein dumpfes Geräusch.

Aber im Haus tut sich nichts. Kein Licht, keine Bewegung, und vor allem kein alter Mann mit einer Flinte.

Barry deutet auf Ethans Gewehr. “Lass das mal draußen, oder versteck’s. Wir müssen nicht gleich wie Raubmörder aussehen.” Gut, er weiß, dass er selbst kein beruhigender Anblick ist, und vermutlich ist Ethan der Falsche, wenn es darum geht, jemandem gut zuzureden. Trotzdem. Eskalieren ist einfacher als de-eskalieren.

¤¤¤


Ethan

“Warte mal”, sagt Barry leise. “Was hast du jetzt vor, willst du da einfach mit Gewehr im Anschlag rein?”
Nicht im Anschlag. Aber besser dabeihaben als nicht. Denn irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. Und bei der Vorstellung, dass der Alte irgendwie da mit drin hängt, dass die Vogelscheuche Artie etwas antun wollte, dass ein unzählbar großer Schwarm von Krähen jetzt das Haus der Jacksons belagert und nur darauf wartet, Barrys Familie Böses zuzufügen, dass diese Leute in Gefahr sind, nur weil sie einem Waisenjungen eine Freundlichkeit erweisen wollen, knirscht Ethan unwillkürlich mit den Zähnen.

Aber nichts davon sagt er laut. Er spannt sich an, als Barrys Stein gegen den Fensterladen fliegt, wartet förmlich darauf, dass der alte Mann Gift und Galle und Schrotkugeln spuckend aus dem Haus gestürzt kommt. Aber nichts rührt sich, und so erlaubt Ethan sich nach einem schier endlosen Moment ein leises Aufatmen.

Jacksons Aufforderung ringt ihm die Andeutung eines hochgezogenen Mundwinkels ab. Das Gewehr verstecken? Unter seiner Jacke? Und sich dann noch bewegen können? Keine Chance. Aber stimmt schon. Noch hat der Kerl ihnen nichts getan, außer sie von dem zu verjagen, was er sein Land genannt hat. Falls das denn stimmt. Was sie nicht überprüfen können. Macht aber keinen Unterschied.

“Hast recht”, murmelt Ethan nach kurzem Zögern, sieht sich um und lehnt die Waffe dann gegen den nächsten Baum. Erschreckend, wie verwundbar er sich ohne das Ding fühlt. Aber im Diner und in Dana Point hatte er es auch nicht dabei. Muss so gehen.
Er nickt seinem Begleiter zu und geht, noch immer wachsam, zur Eingangstür. Neben dem Haus ist Platz für ein Auto, stellt Ethan fest. Keine Garage, kein Carport. Und auch wenn die Stelle kahl ist, als habe früher hier mal regelmäßig ein Fahrzeug gestanden, sind da keine frischen Reifenspuren, keine Ölflecken. Ob der Mann wirklich jedes Mal den ganzen Weg bis Marianna läuft? Das kann Ethan sich kaum vorstellen, hat jetzt aber auch keine Zeit, länger darüber nachzugrübeln.

Vorsichtig dreht er am Türknauf. Abgeschlossen. Verdammt. Aber nicht anders zu erwarten.
Ein fragender Blick zu Barry. Der ist doch Privatdetektiv. Vielleicht hat der sowas wie Dietriche.

¤¤¤


Barry

Barry hebt die Hand und bedeutet Ethan, kurz abzuwarten. Die Tür können sie später noch eintreten, jedenfalls vermutet er, dass Ethan das mit seinem Blick gemeint hat. Vielleicht finden sie ja ein offenes Fenster oder etwas Ähnliches… er geht zu den verschlossenen Fensterläden, auf die er den Stein geworfen hat, und ruckelt ein bisschen daran herum. Tatsächlich: Etwas gibt im Inneren nach und er kann den rechten Fensterladen aufziehen.

Aber gerade, als er durch das Fenster ins dunkle Zimmer sehen will, kracht der Fensterladen wieder zurück und trifft ihn voll am Kopf. Benommen taumelt er ein Stück zurück und spürt, wie warmes Blut sein Gesicht herunterläuft.

Gut, immerhin. Das beweist zumindest, dass hier etwas nicht stimmt.

“Hol das Gewehr”, sagt er zu Ethan. “Wir gehen rein.” Der Wind heult und fegt weiter um das Haus und weht ein paar verirrte Schneeflocken herum. Barry deutet auf den Fensterladen, der jetzt wieder geschlossen ist. “Das war nicht der Wind. Der weht in die andere Richtung.”

¤¤¤


Ethan

Der dumpfe Schlag, als der Fensterladen Barrys Schläfe trifft, hätte nicht als Schock kommen dürfen. Tut er aber trotzdem. Ethan zerbeißt einen Fluch zwischen den Zähnen. “Alles okay? Zeig mal her.”

Sonderlich gut kennt er sich zwar nicht mit sowas aus, aber die Wunde wirkt zum Glück nicht übermäßig ernst. Der Verbandskasten ist im Auto, aber seit einer Weile hat Ethan meist einen von diesen kleinen Erste-Hilfe-Beuteln aus Nylon in der Innentasche. Ein behelfsmäßiges Pflaster später nickt er Barry zu und geht seine Flinte holen, ehe er den zugeschlagenen Fensterladen misstrauisch beäugt.

Das Haus oder sein Besitzer wollen sie draußen halten? Ha.

Ein schneller Rundgang zeigt, dass es keine Kellerluke gibt, jedenfalls keine sichtbare. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Ethan kehrt zu dem Fenster zurück, das Barry soeben ausgesperrt hat, rüttelt selbst daran. Rührt sich nichts. So gar nicht. Das ist definitiv nicht normal. Aber als er an dem Fenster nebendran wackelt, scheint sich das normal zu verhalten. Noch. Er zwängt die Finger unter den Laden, strengt sich an und zieht. Der Laden klappt auf. Ethan hält sich sorgfältig vom Fenster fern, schlägt den Laden gegen die Hauswand. “Hilf mir mal.”
Mit dem Rücken lehnt er sich gegen den Fensterladen, um ihn aufzuhalten, während er sich nach etwas umsieht, mit dem sich das Ding gegen übernatürliche Zuklappereien fixieren lässt.

¤¤¤


Barry

Während Ethan mit dem Laden herumkämpft, hat Barry das Pflaster wieder abgemacht. Ihm ist eine Idee gekommen – wahrscheinlich funktioniert es nicht, und wenn es funktioniert, ist es möglicherweise nicht sehr sinnvoll, aber er hat das Gefühl, dass der Sturm ihm und Ethan nicht übel gesonnen ist. Irgendwas muss hier in Ordnung gebracht werden, und die Krähen sind ein Teil davon. So fühlt es sich zumindest an.

Die Kopfwunde blutet nicht stark, aber stark genug. Barry fährt sich über das Gesicht und dann über die beiden Tätowierungen an der Schulter. Danach flüstert er viermal “Krähe” in der Sprache seiner Mutter. Kaum ist er damit fertig, als ihn ein eisiger Wind trifft – vielleicht wird der seine Worte zu seiner Familie tragen. Schade, dass Barry keine Ahnung hat, ob der Wind überhaupt in die richtige Richtung weht.

Als nächstes sucht er nach etwas, womit sie den Laden festklemmen können. Er findet einen kräftigen Ast, der sich perfekt dafür eignen würde… aber der Ast fühlt sich irgendwie belebt an. Willig. Hilfreich.
Fast lässt er den Ast los, aber er spürt, wie das Holz an seiner Hand zieht. Hätte ja gerade noch gefehlt, dass der Ethan aufspießt. Barry zerbricht ihn mit etwas Mühe über seinem Knie und legt die Enden sanft zu Boden.

Genug herumgemacht. Barry zieht seine Waffe, geht rüber zu Ethan und schießt die beiden Scharniere aus dem Rahmen. Dann bedeutet er Ethan, den Fensterladen zu benutzen, um das Fenster einzuschlagen.
“Vorsicht”, sagt er über das Heulen des Windes. “Scherben.”
Insgeheim fragt er sich, wie ansteckend Ethans Ein-Wort-Sätze eigentlich sind.

¤¤¤


Ethan

An den Fensterladen gelehnt, hat Ethan mit einiger Verwirrung beobachtet, wie Barry Blut über seine Tätowierungen und ins Gesicht schmiert. Mit indianischer Magie hat er bislang wenig bis gar keine Erfahrung – aber soll Barry mal machen. Vielleicht erschreckt der Anblick den Alten, falls der doch im denkbar unpassendsten Moment wiederkommt.
Dass Jackson dann hingegen einfach die Scharniere wegschießt, lässt Ethan zustimmend nicken. Besser, als den Fensterladen mit irgendwas festzuklemmen, was dann doch nicht hält.

Nachdem er das Fenster eingeschlagen hat, entfernt er mit der flachen Seite des Ladens sorgfältig die zackigen Spitzen, die noch im Fensterrahmen hängen. Dennoch, und trotz Barrys Warnung, lässt es sich nicht vermeiden, dass er sich beim Hineinklettern an den scharfen Kanten etwas die Hände aufreißt. Ähnlich wie Barrys Platzwunde sieht auch das nicht übermäßig schlimm aus, aber Ethan hat das starke Gefühl, dass es ein weiterer Versuch war, ungebetene Besucher aus dem Haus fernzuhalten. Aber so nicht. Er beißt die Zähne zusammen und klettert ohne weitere Verletzungen vollends hinein. Unter seinen Trekkingstiefeln knirschen die Glasscherben, und er lauscht unwillkürlich, ob die ganzen Geräusche nicht doch irgendwen aufgeschreckt haben. Aber es rührt sich immer noch nichts.

Während Barry ebenfalls hineinklettert, verarztet Ethan notdürftig die Risse in seinen Handflächen mit weiterem Material aus dem Nylonbeutel. Dann sieht er sich um. Sie befinden sich in einem rustikal-altmodisch eingerichteten Wohnzimmer. Abgesessene Möbel, verblasster Teppich. Etwas, das aussieht wie ein altes Radio in Holzfurnier, steht auf einer Kommode. Und die wiederum wirkt wie selbstgedrechselt.

¤¤¤


Barry

Barry klettert hinter Ethan in den Raum. Der wirkt irgendwie unbewohnt, leblos, obwohl nirgendwo Staub liegt. Im Haus ist es wärmer als draußen, und in der Luft liegt der Geruch von frischen Holzspänen.
Oben an der Decke hängt eine alte Lampe, natürlich ebenfalls aus Holz gedrechselt, wie ein orientalischer Paravent. Darin leuchtet eine gelbliche Glühbirne, die seltsame Schatten in den Raum wirft. Aus einer Perspektive scheint es, als hätte der Raum keine Tür, aber einen Schritt weiter sieht Barry sie. Dafür ist das Fenster in den Schatten verschwunden.
Besonders merkwürdig sind aber die kleinen Holzfiguren oder Schnitzereien, die nur dann zu sehen sind, wenn das Licht richtig fällt: Fast ausnahmslos sind es possierliche Tierchen, ein schelmischer Waschbär auf einem Regal, ein vorwitziges Streifenhörnchen, das hinter einem Balken hervorlugt, ein paar plumpe Mäuse, die in die Beine des Armsessels geschnitzt sind. Obwohl die Tierchen niedlich dreinschauen, findet Barry den Raum nicht heimeliger oder gemütlicher. Er fühlt sich eher wie ein Eindringling in einer bedrohlichen Idylle.
Als Barry zur Tür geht und in Richtung des Radios schaut, sieht er plötzlich eine Figur, die nicht zu den Tierchen passt: Ein grober Klotz, vage menschenähnlich, der eins der Tierchen – eine Taube vielleicht, oder einen Sperling? – in den Pranken hält. Zunächst erscheint es Barry, als würde der Klotz das Tierchen würgen, aber vielleicht ist es auch eine Liebkosung.

Ethan hingegen scheint die Figur nicht zu sehen, denn er geht direkt auf das Radio zu. Der Klotz aber hat ihn offenbar bemerkt und streckt eine seiner Pranken nach ihm aus.

“Ethan, warte”, ruft Barry, gerade noch rechtzeitig. Ja, der Klotz ist nur etwa unterarmgroß (so wie eine Barbie, schießt es Barry durch den Kopf, aber sein innerer Lektor tut den Vergleich als unpassend ab), aber er wirkt trotzdem wie ein Riese.

“Diese Figuren… manche davon leben”, sagt Barry. “Vielleicht hattest du recht mit Pinocchio… Pygmalion?” Als er Ethans fragenden Blick sieht, erklärt er: “Griechischer Bildhauer. Mochte keine Frauen, hat dann eine aus Stein gehauen und sich in sie verliebt. Die Liebesgöttin fand es witzig, sie zum Leben zu erwecken… ist im Ursprungsmythos sogar gut ausgegangen. Ich frage mich, ob der Holzschnitzer hier eine bestimmte Person zum Leben erwecken wollte.”

¤¤¤


Ethan

Barrys Ruf lässt Ethan erstarren. Er fährt zu dem Älteren herum, sieht dann zu den hölzernen Figuren. Irrt er sich, oder hat die eine ihre Haltung verändert? Bei der Erklärung zu “Pygmalion” fliegt dann kurz eine fast vergessene Szene durch Ethans Gedächtnis. Eine Schulaufführung im zweiten Jahr der High School. Krude Bühnenbilder. Bemühte britische Akzente. Elizas und Alfreds Aussprache eher Hood-Slang als Cockney. Aber jede Menge Spaß. Lange her. Ein ganzes Leben.

Da. Eine Bewegung im Augenwinkel, die Ethan aus seinen Gedanken reißt. Hat sich diese Figur wieder gerührt?
Verdammt. Er hätte sich nicht so ablenken lassen dürfen.

Er blinzelt. “Erwecken. Hmm…” Nachdenklich fährt er mit dem Zeigefinger über die Oberlippe. “Warum die Scheuche draußen, und nicht wer im Haus?” Er sieht sich nach irgendwelchen Hinweisen um, die ihnen einen näheren Aufschluss geben könnten. Aber da ist nichts. Keine Fotos, keine gemalten Portraits, wie man sie in diesem altmodischen Raum beinahe vermuten würde. Nur diese geschnitzten Figuren.

Diese geschnitzten Figuren, die sich nur dann bewegen, wenn man nicht direkt hinsieht. Diese geschnitzten Figuren, die sich um sie drängen. Was… wann… wie? Eben waren sie doch noch… Ein plötzlicher Schmerz in seiner Wade. Ganz unwillkürlich zuckt Ethan, schüttelt das Bein heftig. Ein sorgfältig gearbeiteter Biber fliegt durch den Raum, landet mit dumpfem Poltern in einer Ecke. Während Ethans Blick noch der Flugbahn der Figur und ihrem Aufprall folgt, klopft es plötzlich zwei-, dreimal gegen sein anderes Hosenbein, dann ein unvermitteltes, scharfes Brennen darunter. Wärme, die sein Bein hinabrinnt. Ein hölzerner Specht mit erschreckend spitzem Schnabel hackt auf ihm herum, und ein Streifenhörnchen wuselt gerade an ihm hoch.

Mit einem wütenden Ruf versucht Ethan, die zum Leben erwachten Holztiere abzuschütteln, aber Barry und er werden von einem ganzen Haufen umschwärmt. Mit dem Gewehrlauf gelingt es ihm, den Specht abzustreifen, aber schon hat das Hörnchen seine Hüfte erreicht und beißt ihn in den Unterarm.

“Au! Verdammt!”

¤¤¤


Barry

Großartig, denkt Barry, während er seinen Haken benutzt, um ein putziges Holzkätzchen von seiner Hose zu streifen. Erschießen kann er die nicht alle, dafür sind es zu viele. Mit einem surrenden Geräusch löst sich irgendwas von der Decke und landet in seinen Haaren.
“Zur Tür”, ruft er Ethan zu. Das ist auf jeden Fall besser, als hier frei im Raum zu stehen. Mittlerweile krabbeln mehrere Holztierchen kratzend und beißend auf beiden Männern herum. Sie richten nicht viel Schaden an – noch nicht – aber auf Dauer kann das nicht gut gehen.

Die klobige Figur hat Barry aus den Augen verloren, und das macht ihm Sorgen, aber im Moment hat er ganz andere Probleme. Was auch immer auf seinem Kopf herumkrabbelt, es hat sein rechtes Ohr erreicht (oder was davon noch übrig ist) und beißt daran herum.
Mit Hand und Haken kommt er so nicht weiter. Aber das sind Figuren aus Holz, und Holz hat eine Schwäche: Mit der linken Hand fingert Barry sein Feuerzeug aus der Hosentasche und lässt die Flamme auflodern. Er will den Raum nicht anzünden, aber vielleicht… Er hält das Feuerzeug neben sein Ohr, und tatsächlich: Das hölzerne Wesen krabbelt sofort zurück. Gut, jetzt hängt es wieder im Zopf, aber da stört es weniger.

“Sie haben Angst vor Feuer”, ruft Barry Ethan zu. “Aber sei vorsichtig, ich will erst wissen, was hier los ist, bevor wir die Hütte abfackeln.” Ein Feuerzeug wird Ethan wohl haben; Barry erinnert sich, dass er raucht. Soviel zu “Rauchen ist schlecht für die Gesundheit”.

Gemeinsam erreichen die beiden Männer die Tür. Mit ihren Feuerzeugen können sie die kleinen Tierchen von sich wegscheuchen, aber es sind ziemlich viele, manche davon fallen von der Decke, andere fliegen.
Mittlerweile hat sich das Wesen aus Barrys Haaren gelöst und krabbelt auf seine linke Schulter. Es ist eine Art Raupe mit großen, freundlich dreinblickenden Augen und einem Maul voller spitzer Zähnchen. Bevor Barry sein Feuerzeug in die Nähe halten kann, kriecht das Tierchen flink seinen Arm herunter, vermeidet die Krähentätowierung sorgfältig und schlägt die Zähne kraftvoll in die Ellenbogenbeuge. Das tut ganz schön weh, vor allem, als Barry es mit dem Haken zur Seite schlägt und ein Stück Fleisch im Mäulchen der Raupe hängenbleibt.

Ethan hat sich in der Zwischenzeit mit etlichen Vögelchen und den plumpen Mäuslein herumgeschlagen. Trotzdem hat er es geschafft, die Tür zu öffnen, obwohl er dabei von diversen geschnitzten Tieren aus dem Türrahmen attackiert worden ist.

Keuchend und um sich schlagend stolpern Barry und Ethan aus dem Raum. Plötzlich taucht das klobige Wesen wieder auf und versucht, hinter ihnen durch die Tür zu schlüpfen, aber Ethan sieht es rechtzeitig und befördert es mit einem gezielten Tritt wieder zurück in den Raum, während Barry die Tür mit seiner Schulter wieder zuschmettert.

An beiden hängen noch ein paar Tierchen, aber kaum ist die Tür geschlossen, werden sie langsamer und erstarren schließlich ganz. Atempause.

¤¤¤


Ethan

“Drecksmist”, flucht Ethan. Eine jetzt wieder leblose Kohlmeise hat er gerade aus dem Haar gefegt, aber die kleine Maus an seinem Bein hatte noch die spitzen Zähnchen in seine Jeans geschlagen, als sie wieder erstarrte, sodass jetzt das Holz im Stoff festhängt und Abschütteln zwecklos ist. Es hilft nichts. Ethan packt das kunstvoll geschnitzte Tierchen und zieht es mit Gewalt ab, was natürlich ein Loch in den Stoff reißt. Toll. Wieder eine Jeans im Eimer. Ethan quittiert es mit einem Brummen.

Ein schneller Blick zu Barry zeigt ihm, dass der Ältere ähnlich zerzaust ist wie er selbst, aber keinen ernsten Schaden davongetragen zu haben scheint. Puh.

Mit dem nächsten Blick sieht er sich um. Sie stehen in einem schmalen Flur, die Haustür an dessen Ende mit kleinen, gelbstichigen Scheiben verglast. Drei weitere Türen neben der, die sie eben hinter sich zugeschlagen haben. Küche, vermutet Ethan, Bad – und ein Schlafzimmer oder sowas vielleicht? Kurz fliegt ein Bild von einem gemütlich eingerichteten Gästezimmer vor seinem inneren Auge vorbei, mit einem Patchwork-Quilt in Lavendel-Tönen und einem Schaukelstuhl aus Korbgeflecht. Ethan schnaubt. Mit Sicherheit nicht hier.

Eine Treppe führt ins Obergeschoss. Eine Kellertür hingegen scheint es tatsächlich nicht zu geben, oder sie ist in der Küche. Wie in dem roten Haus letztes Jahr.

Aus dem Wohnzimmer sind noch immer leise Geräusche zu hören. Zumindest die klobige Figur – was auch immer sie darstellen sollte; Ethan hat sie im Gegensatz zu Barry gar nicht so genau zu Gesicht bekommen – scheint da drinnen immer noch aktiv zu sein, oder zumindest länger zum Erstarren zu brauchen als die kleineren Tierchen.

Ethan deutet den Flur hinunter, dann Richtung Treppe. Auf keinen Fall will er hinaufgehen, ohne dass sie hier unten die restlichen Räume überprüft haben.
Die Tür zum Raum am anderen Ende des Flurs, gegenüber der Eingangstür, steht offen, gibt tatsächlich den Blick in eine altmodisch eingerichtete Küche frei. Zumindest vom Gang aus wirkt mal alles ruhig. Barry ist gerade dabei, die Tür zum vermeintlichen Gästezimmer aufzustoßen. Ethan macht sich auf den Weg zu seinem Begleiter, wenige Schritte nur über den ausgebleichten, abgetretenen Läufer, der den Boden des Flurs bedeckt. Und hält plötzlich mitten im Schritt inne. Blinzelt. Federt mit der Sohle nochmals zurück. Vor. Zurück. Ja. Da hat sich der Boden unter seinen Füßen eben anders angefühlt…

Ethan kniet nieder und schlägt den Läufer beiseite. Und tatsächlich, auf halber Strecke des Flurs, aber an der Seite, wo man normalerweise vermutlich gar nicht so oft entlangkommen würde, wenn man nicht zufällig genau die Drehung macht, die Ethan gerade gemacht hat, befindet sich eine sorgfältig in den Holzboden eingefasste Luke. Eine Falltür.

¤¤¤


Barry

Barry runzelt die Stirn, als Ethan ihm die Falltür zeigt. Er fühlt sich in dem Haus immer noch wie ein Eindringling – er hat das starke Gefühl, dass hier jemand zu Hause ist, auch wenn sie noch keinen Hinweis gefunden haben, wo sich der Hausherr aufhalten mag.

Sein Unwohlsein wird dadurch verstärkt, dass seine Tasche noch im Wohnzimmer liegt. Verbandsmaterial hat Ethan dabei, und die Magazine seiner drei Pistolen werden hoffentlich ausreichen, aber den Schalldämpfer hätte er gern gehabt. Und seine Kräuter. Und einen Ersatz für das Haarband, das die Holzraupe durchgebissen hat – so langsam fängt sein Zopf an, sich aufzulösen. Naja, egal. Er hätte es ohnehin nicht selber festbinden können.

Barry geht neben Ethan in die Hocke und betrachtet die Falltür. Auf der einen Seite hat sie einen schmalen Spalt, an dem man sie wahrscheinlich hochziehen kann. Ethan versucht schon, seine Finger in den Spalt zu quetschen, aber er kann keine richtige Kraft entwickeln. Barry stößt ihn mit dem Haken an und bedeutet ihm, kurz Platz zu machen. Tatsächlich passt das Metall gerade so in den Spalt, aber mit dem Haken hat Barry mehr Hebelkraft als Ethan mit seinen Fingern, außerdem ist Eisen stabiler als Fleisch und Blut. Mit einem kräftigen Ruck reißt Barry die Luke auf. Darunter sind ein paar hölzerne Sprossen und Dunkelheit, in der ab und zu etwas leise raschelt und knarzt.

Seine Taschenlampe ist natürlich auch noch im Wohnzimmer. Aber die brauchen sie gar nicht: Ethan langt sicher an die Seite der Luke, folgt einem Kabel mit seinen Fingern und findet einen Lichtschalter.
Ein gelbliches, elektrisch surrendes Licht erleuchtet einen großen Raum mit Holzboden, der von hölzernen Bohlen abgestützt wird. Die Luke ist am Rand des Raums, deswegen kann Barry von oben nicht alles sehen, aber direkt an den Wänden unter ihnen stehen alte, leere Bücherregale. In der Mitte des Raums ist ein Symbol auf den Boden gemalt.
Es gibt eine Leiter, die nach unten führt. Barry geht als Erster, während Ethan noch die Luke mit ein paar Metallgeräten aus der Küche professionell verkeilt. Möglicherweise wollen sie hier ja wieder raus.
Erstaunlich, wie gut die Kommunikation funktioniert, obwohl keiner der beiden Männer ein Wort sagt. Aber das ist auch gar nicht nötig, und wer weiß, wer alles zuhört.

Barry betritt den Raum unten vorsichtig, die Waffe in der Hand. Das Symbol in der Mitte ist ein Schutzkreis oder etwas ähnliches, sorgfältig ins Holz gekerbt und mit Farbe verziert. In der Mitte liegt das Skelett einer Krähe. Und in den Schatten hinten im Raum bewegt sich etwas.
“Ich glaub, das hält die Krähen fern”, sagt Barry, als Ethan neben ihm auftaucht. “Wir sollten den Kreis zerstören. Vielleicht kommen sie dann wieder hierher.” Und lassen meine Familie in Ruhe, aber das sagt Barry nicht laut. Ethan wird das schon verstehen.
Gerade als die beiden Männer sich auf den Kreis zu bewegen, treten Figuren aus den Schatten: Drei Gestalten, Vogelscheuchen mit Strohköpfen und eine menschengroße Marionette mit Holzkopf, alle mit nur groben Gesichtern und Augen aus polierten Knöpfen.

Entschlossen tritt Barry vor und hebt seine Waffe. Wenn er das Krähenskelett trifft… Aber da packt ihn eine hölzerne Hand von der Seite, eine grobschlächtige Puppe, die bisher im Schatten verborgen war, und schleudert ihn mit aller Kraft zurück, direkt in ein Bücherregal. Barry hört ein scharfes Knacken und hofft im ersten Moment, dass es nur eins der Bretter war, aber der Schmerz in seinem Rücken sagt etwas anderes. Immerhin folgt die Holzpuppe ihm und wendet sich nicht Ethan zu, der immer noch in der Nähe des Symbols steht.

¤¤¤


Ethan

Die drei Gestalten, die aus dem Schatten auf sie zukommen, sind keine sonderliche Überraschung für Ethan. Die einzelne Figur, die Barry kurz darauf von den Füßen reißt, hingegen schon. Bei dem hässlichen Geräusch und Barrys unterdrücktem Schmerzenslaut hinter ihm verzieht Ethan unwillkürlich das Gesicht. Er kann nur dummerweise nicht hinsehen, geschweige denn seinem Begleiter irgendwie helfen, da er sich ganz auf die beiden Vogelscheuchen und die übergroße Gliederpuppe konzentrieren muss, die ihn inzwischen fast erreicht haben.

Den Bannkreis berühren seine hölzernen Gegner im Näherkommen nicht, fällt Ethan am Rande auf. Beinahe scheint es ihm sogar so, als würden sie absichtlich einen Bogen darum machen. Als hätten die Konstrukte Angst davor… oder als wollten sie vermeiden, den Kreis zu brechen. Sie – oder besser, wer auch immer sie in Bewegung gezaubert hat.

Keine Frage, Barry hat recht: Der Kreis muss weg. Nur sind inzwischen die drei Gestalten beinahe bei Ethan angekommen. Sie versperren ihm den direkten Weg zum Ritualkreis und kommen bedrohlich immer weiter auf ihn zu. Barry hinter ihm scheint sich von den Geräuschen her zwar langsam wieder aufzurappeln, aber der muss sich erst mal mit dem herumschlagen, was auch immer ihn da gerade umgehauen hat. Nein, zumindest für die nächsten Sekunden ist Ethan auf sich alleine gestellt. Und der Kreis muss weg. Je schneller, desto besser.

Er zögert nicht lange. Wenn die beiden Vogelscheuchen normale Vertreter ihrer Art sind… Bei diesem Gedanken entfährt ihm beinahe ein sardonisches Lachen. Also abgesehen von der Tatsache, dass sie zum Leben erwacht sind und ihn umbringen wollen, versteht sich. Aber wenn die beiden Vogelscheuchen bis auf diese kleine Kleinigkeit normale Vertreter ihrer Art sind, dann sind sie mit Stroh gefüllt. Und dann sind sie hoffentlich weicher und nachgiebiger als die harte, hölzerne Marionette in ihrer Mitte. Verdammt. Warum muss das Ding ausgerechnet in der Mitte sein? Egal.

Ethan spannt sich an, beugt sich etwas vor und geht dann mit voller Wucht auf den linken der beiden Strohmänner los. In der High School hat er zwar nie Football gespielt, aber ungefähr so muss sich das wohl anfühlen, fährt es ihm durch den Kopf. Tatsächlich federt der Oberkörper der Vogelscheuche weg, als Ethan seitlich dagegen rammt, und er kommt an dem Ding vorbei. Womit er allerdings nicht gerechnet hat, sind die strohgefüllten Handschuhe. Entweder da stecken neben Stroh auch verdammt spitze Nägel in den Fingern, oder die Halme selbst sind unnatürlich scharfkantig, oder da hat jemand Glasscherben an die Handschuhe geklebt. Oder gezaubert. Was es auch sein mag, es krallt nach Ethan, als der sich vorbeikämpft, schlitzt seine Jacke auf und fügt ihm am Arm und in der Seite mehrere tiefe Schnitte zu.

Ethan beißt die Zähne zusammen, verdrängt den Schmerz und stürmt die letzten beiden Schritte auf den Bannkreis zu. Die Schutzlinie ist nicht mit Kreide gezeichnet, sondern mit längst getrockneter Farbe gemalt, die wird er so schnell nicht wegkratzen können. Aber er kann das Krähenskelett aus dem Kreis kicken oder —

Jäh prallt er gegen ein Hindernis. Nichts ist zu sehen, aber der Schutzkreis bildet anscheinend tatsächlich eine Art Barriere. Ethan streckt die Hand aus, tastet danach, und tatsächlich. Da ist etwas wie ein Flimmern in der Luft über der Rituallinie, mehr zähe Gelatinekapsel denn harte Glaskuppel, aber es lässt ihn nicht durch.
Und dann sind auch schon die drei Gestalten bei ihm, haben überhaupt nicht gezögert, sondern sich sofort nach ihm umgedreht, als er vorbei war. Umringen ihn. Drängen ihn gegen die unsichtbare Barriere. Messerscharfe Handschuhe schneiden immer wieder in seine Haut, und die hölzernen Fäuste der Marionette schlagen auf ihn ein, auch wenn er, nicht zuletzt dank des langen Gewehrlaufs, die schlimmsten Angriffe abwehren kann.

Fast völlig blind, da mit dem Gewehr im Nahkampf so gut wie nicht zu zielen ist, jagt er einen Schuss in eine der Gestalten. Strohfetzen fliegen, aber wirklich aufzuhalten scheint das die Scheuche nicht. Aber… ist die Ladung Salz nicht durch die Barriere gegangen? Er kann es nicht richtig sehen, aber es kommt ihm so vor. Sollte das Hindernis etwa nur lebende Materie abhalten?

Wenn er nur das Gewehr ausrichten könnte… Aber seine drei Gegner bedrängen ihn immer stärker, und er hat seine liebe Not, sich ihrer überhaupt irgendwie zu erwehren. Wenn er mit dem Gewehr jetzt auf den Kreis hält, macht er sich völlig angreifbar, ganz zu schweigen davon, dass sie ihm garantiert nicht die Zeit zum Zielen lassen würden.

“Barry! Schieß’ das Skelett weg!” Er kann nur hoffen und beten, dass er dem Älteren nicht in der Schusslinie steht. Aber selbst wenn, zu ändern ist es nicht.

¤¤¤


Barry

Barry hat es gerade so geschafft, wieder auf die Beine zu kommen, als die Holzpuppe ihn erreicht und an der Kehle packt. Seine Pistole hat er bei dem Aufprall auf das Bücherregal verloren, also kann er nicht schießen… und die Hände der Puppe sind kräftig und drücken ihm mühelos die Luft ab. So sehr er sich auch bemüht, er kann nicht atmen.

…er kann nicht atmen. Der Hollow Man hat ihn beim Kampf auf dem Gefängnishof am Hals erwischt, und jetzt kann Barry nicht mehr atmen, so sehr er es auch versucht. Sein Gegner steht vor ihm, verhöhnt ihn, aber er kann nicht auf den Beinen bleiben, fällt vor ihm auf die Knie. Hält sich den Hals, der sich falsch anfühlt. Da ist etwas verschoben, und so sehr er es auch versucht, er bekommt keine Luft. Er hört, wie jemand nach einem Arzt ruft, versucht, bei Bewusstsein zu bleiben und scheitert…
…ein Krankenbett, daneben eine Eiserne Lunge. Eine Maschine, die für ihn atmet, nachdem sein Kehlkopf eingeschlagen wurde. Unscharfe Erinnerung an einen Arzt, der Dinge erklärt. Vermutlich wird er in ein paar Wochen wieder reden können…
…ein, aus. ein, aus. ein, aus. Die Maschine atmet regelmäßig, als der Geist in das Krankenzimmer kommt. Es ist die Krankenschwester, die man nicht ansehen darf. Er hört, wie sie sich im Zimmer bewegt. Sein Herz schlägt schneller, verliert den Takt zu den Atemzügen. Er spürt, wie ihre schattige Gestalt neben ihm steht, neben seinem Bett. Das Herz schlägt noch schneller, Adrenalin in seinen Adern, aber er bekommt keine Luft, keine Luft… ein, aus.

…einauseinauseinaus. Barrys Atem geht hektisch, als er wieder zu sich kommt. Das war kein guter Zeitpunkt für einen Flashback. Oder? Er liegt auf dem Boden, rechts neben ihm sitzt friedlich die Holzpuppe. Sie hat seinen Zopf aufgelöst und kämmt jetzt mit ruhigen, sanften Bewegungen seine langen Haare. Als Barry sie genauer anschaut, sieht er, dass sie vage weibliche Formen hat, runde Hüften, schulterlange geschnitzte Haare, das Gesicht ist nur angedeutet, aber mädchenhaft. Das wäre fast idyllisch, aber im Hintergrund hört Barry Kampfgeräusche, und sein Hals schmerzt bei jedem Atemzug.
Die Puppe scheint nicht mehr aggressiv zu sein, sie reagiert nicht, als er beginnt, sich vorsichtig zu bewegen. Also zieht er die zweite Pistole aus dem Schulterholster, ohne Hast, eine ganz natürliche Bewegung. Sie ist direkt neben ihm, vollständig auf seine Haare konzentriert. Barry schießt direkt in das Scharnier, das ihren Kopf mit ihrem Hals verbindet.

Der Kopf der Puppe wird durch die Wucht des Schusses abgesprengt und fliegt in die Dunkelheit. Leider schaltet sie das nicht aus. Mit ihren Händen greift sie verwirrt nach ihrem Hals, aber als sie dort nichts ertasten kann, wendet sie sich wieder ihrem Gegner zu. Barry hat es fast geschafft, auf die Beine zu kommen, als ihn ein wuchtiger Tritt in die Seite trifft. Die Puppe ist so stark, dass er ein Stück weg geschleudert wird. Das ist einerseits schlecht, weil dabei eine weitere Rippe knirscht und er auf seinem angeschlagenen Rücken landet, aber andererseits auch gut, denn er ist jetzt ein Stück von der Puppe entfernt.

Glücklicherweise hat er seine Waffe noch, und als sie auf ihn zu stolpert, schießt er ihr erst das eine, dann das andere Knie weg. Sie stürzt, bewegt sich noch, aber nicht mehr schnell oder koordiniert. Barry überlegt gerade, wie er ihr den Garaus machen kann, als er Ethans Ruf hört.

“Schieß das Skelett weg!”

Zwischen Barry und dem Skelett sind Ethan und seine drei Gegner. Aber er sieht das Skelett, nur einen Moment lang, und das reicht: Er schießt, trifft. Zunächst Ethan, aber das wusste er, nur ein Streifschuss am Unterschenkel. Nichts, das schlimmer wäre als die Wunden, die der Jüngere schon hat. Dann den Krähenschädel, der mit einem leisen, aber durchdringenden Laut zerplatzt. Einen Moment lang spürt Barry, wie sich die Haut an seinen Schultern spannt – genau dort, wo die Krähen eintätowiert sind.
Die Vogelscheuchen und die Marionette, die Ethan bedrängt haben, wenden sich sofort zu Barry um und bewegen sich hastig auf ihn zu. Er schießt noch ein paar Mal auf den Kreis, flache Schüsse, die sich in das gefärbte Holz graben und ruft Ethan zu: “Raus hier, schnell!”

Aus dem Augenwinkel sieht er, wie Ethan losrennt, leicht behindert von der Schusswunde an seinem Bein. Er selbst setzt sich auch in Bewegung, rückwärts auf den Ausgang zu, während er auf die beiden Vogelscheuchen und die Marionette schießt. Es gelingt ihm, sie zu verlangsamen und Ethan bei der Leiter zu erreichen.
“Hoch mit dir”, keucht er. Als er sieht, dass Ethan zögert, fügt er hinzu. “Gewehr schießt besser von oben, mach schon!” Keine Ahnung, ob der andere das einsieht oder ob er einfach nur versteht, dass sie jetzt keine Zeit für lange Diskussionen haben – jedenfalls klettert er behände nach oben.

Gerade, als Barry seine letzte Kugel verschießt, eröffnet Ethan das Feuer mit seinem Gewehr. Hastig lässt Barry seine Waffe fallen und steigt ebenfalls die Leiter nach oben. Eine Vogelscheuche greift nach ihm, aber Ethan feuert schräg in sie hinein, und Barry erreicht den Flur ohne größere Wunden.

Oben schlägt Ethan die Falltür zu und lehnt sich erschöpft gegen die Wand. Außer der Schusswunde am Bein blutet er aus etlichen tiefen Schnitten – nicht lebensbedrohlich, aber ernst genug.
Barry atmet einen Moment lang tief durch. Er würde sich jetzt wirklich gern hinsetzen und ausruhen, oder zumindest eine Zigarette anstecken, aber die Wunden haben Vorrang. Hätte er Ethan mal besser nicht angeschossen, aber dann hätten ihn die Vogelscheuchen vermutlich umgebracht.

Gerade, als er zu seinem Begleiter hinübergehen will, sieht er, wie eine hölzerne Figur die Treppe zum Obergeschoss hinunterkommt. Sie ist von einem wesentlich besseren Holzschnitzer angefertigt worden als die Figuren im Keller – sie trägt ein Kleid mit Blumenmuster, ihr Gesicht ist säuberlich geschnitzt und gekerbt und fast beweglich. Als sie die beiden verletzten Männer im Flur sieht, hebt sie eine schlanke Hand in einer beinahe lebendig wirkenden Geste des Erstaunens vor ihren Mund.
Dann dreht sie sich um und läuft die Treppe wieder hinauf.

¤¤¤


Ethan

Sein Ruf. Dann ein endloser Augenblick, in dem nichts geschieht. Dann ein Knall, gepaart mit einem heißen Brennen in Ethans Wade. Er kann nicht sehen, ob Barrys Schuss das Skelett getroffen hat, aber er bemerkt es einen Wimpernschlag später, als die Barriere in seinem Rücken mit einem Mal verschwunden ist, als sei sie nie dagewesen. Ethan rudert unwillkürlich mit den Armen, fällt hintenüber. Kann sich mit einer Hand halbwegs abfangen und hat Glück, dass das Gewehr nicht losgeht. Aber nun liegt er am Boden, ohne Deckung oder Abwehrmöglichkeit. Einen Moment lang muss er sich sortieren, ehe er sich in der Erwartung des nächsten Ansturms zur Seite rollt. Aber der Angriff, mit dem Ethan eigentlich fest gerechnet hatte, kommt nicht. Stattdessen fahren seine Gegner wie ein einziges Wesen herum und stapfen auf Barry zu.

Der Aufprall war einigermaßen schmerzhaft, was aber größtenteils von den Schnitten und dem Streifschuss überdeckt wird, und er scheint sich dabei immerhin nichts verstaucht oder gar gebrochen zu haben. In Ethans Brustkorb zieht es etwas von seinen frisch verheilten Rippen, aber denen scheint nichts weiter passiert zu sein, zum Glück. So schnell er kann, rappelt Ethan sich auf und hastet zur Kellertreppe.

Barry, dessen Zopf sich im Verlauf des Kampfes völlig verabschiedet hat, deckt ihren Rückzug, bis Ethan oben angekommen ist, dann übernimmt der Jüngere von oben das Sichern, während Barry klettert. Erst als die Falltür mit einem Krachen wieder zugefallen ist, gestattet Ethan es sich, gegen die verblichene geblümte Tapete an der Flurwand zu sacken und einen Moment lang die Augen zu schließen. Tief durchzuatmen. Nach innen zu horchen.

Bestandsaufnahme. Er braucht dringend eine Zigarette. Die Schusswunde in seinem Bein brennt höllisch, die ganzen Schnitte nicht viel weniger. Aber er wird es überleben. Ist sogar noch einigermaßen einsatzfähig, hat er den Eindruck. Zumindest, wenn er sich erst mal halbwegs verpflastert.
“Okay soweit?”, will er eben fragen, während er mit einer Hand nach dem Verbandsbeutel in seiner Innentasche fischt, da kommen Schritte die Treppe hinunter. Schwere, hölzerne Schritte, und doch irgendwie geschmeidig. Ethans Finger erstarren in der Jackentasche, während er mit der anderen Hand bereits das Gewehr hebt. Ein schneller Blick die Treppe hinauf auf die Gestalt – verdammt, nicht jetzt, keine weitere Marionette, hier unten haben sie viel zu wenig Deckung, sie müssen sich erst wenigstens ein bisschen zusammenflicken, und der Schusswinkel ist alles andere als ideal. Ruhig jetzt. Abwarten. Er muss es genau timen, am besten, wenn das Konstrukt den letzten Schritt von der Treppe tut, sich in der Drehung befindet, und dann hoffen, dass er schnell genug abdrückt und vor allem, dass der Schuss sitzt und genug Durchschlagskraft hat, um -

Warte. Was? Erst im zweiten Moment geht Ethan auf, dass die Figur erkennbar weiblich ist, eigentlich erst, als sie sich bereits wieder abwendet und zurück ins Obergeschoss eilt.
Ethan beißt die Zähne zusammen. Zwar hat die Gestalt sich nicht sofort feindlich verhalten, aber das muss nichts heißen. Wer weiß, wen sie da oben alles alarmiert.

Ist jetzt aber nicht zu ändern. Nach den Schüssen weiß eh jeder, dass sie hier sind. Wo ist der alte Mann, verdammt? Dass der noch nicht wieder auf der Bildfläche erschienen ist, beunruhigt Ethan mehr als alles andere. Aber verarzten müssen sie sich jetzt trotzdem erst mal. So gut es geht jedenfalls. Er lässt das Gewehr sinken und geht zu Barry hinüber, tritt dabei mit dem angeschossenen Bein etwas vorsichtiger auf.

Jetzt stellt er die Frage doch noch. “Okay soweit?”

¤¤¤


Barry

Barry verzichtet darauf, mit den Schultern zu zucken. Er hat ein paar gebrochene Rippen, aber seine Lunge scheint weitgehend unversehrt zu sein.
“Geht schon”, sagt er rau. Seine Stimme klingt noch schlimmer als sonst, aber er kann halbwegs sprechen.
Ethan allerdings hinkt, und seine Wunden bluten immer noch. Eigentlich sollte man die desinfizieren, nähen und verbinden, aber dafür haben sie weder die Ausrüstung noch die Zeit. Das kleine Erste-Hilfe-Päckchen, das Ethan herumschleppt, wird kaum ausreichen. Barry schaut zum Wohnzimmer, in dem seine eigene Ausrüstung noch liegt. Kurz überlegt er, ob er das Risiko eingehen und den Verbandskasten holen soll, aber dann sieht er einen dünnen Rauchfaden, der unter der Tür durchkriecht. Verdammt. Sie haben beide mit ihren Feuerzeugen wild um sich geschlagen, um aus dem Raum zu entkommen – nicht auszuschließen, dass einer von ihnen ein Tierchen angesengt hat. Immerhin ist es keine dicke Rauchwolke, sondern nur ein paar hellgraue Schwaden. Vermutlich bislang ein Schwelbrand, aber das kann sich schnell ändern.

Also bleibt keine Zeit. Barry möchte auf jeden Fall wissen, was hier vor sich geht – am besten, bevor das Haus in Flammen aufgeht.
Er wendet sich an Ethan. “Ich geh rauf”, erklärt er, “kommst du mit?” Ohne eine Antwort abzuwarten, dreht er sich um und geht vorsichtig die Treppe nach oben. Eine Holztreppe, natürlich, steil und ziemlich schmal, mit einem Absatz in der Mitte, von dem ein zweiter Treppenlauf rechtwinklig abbiegt und weiter hoch führt. Im Gehen zieht er seine letzte Pistole.

Schon auf den ersten paar Stufen hört er, dass im ersten Stock jemand leise redet. Eine Männerstimme, vermutlich der alte Mann, der ihn und Ethan vor ein paar Stunden vertrieben hat. Er versteht nicht, was die Stimme sagt – der Alte spricht eine slawische Sprache, damit kennt sich Barry nicht aus. Tschechisch? Russisch? Jedenfalls klingt es, als würde er einen Befehl geben.
Barry hat bereits den zweiten Treppenlauf erreicht und ist fast oben angekommen, als ihm eine große Gestalt in den Weg tritt. Ein Hüne aus Holz, fast zwei Meter groß, mit dicken Gliedern aus Eiche und einem sehr groben Kopf ohne Mund. In den Händen hält er die Schrotflinte, mit der er auf Barry zielt.

Keine gute Situation. Ist Ethan hinter ihm? Barry ist nicht sicher. Seine letzte Pistole ist ein kleineres Kaliber als die beiden anderen, und es dürfte schwer werden, so ein großes Ding wie den Holzmann damit ernsthaft zu beeinträchtigen. Der Schuss aus der Schrotflinte dürfte Barry selbst hingegen gründlich ausschalten, wenn er ihn nicht umbringt.
Aber der Holzmann scheint ihn nicht erschießen zu wollen, er bedroht ihn nur. Mit der linken Hand deutet er auf Barrys Waffe und zeigt dann nach unten. Die Geste ist abgehackt, aber verständlich: Er soll die Pistole ablegen.
Vorsichtig geht Barry in die Hocke und steckt sie zurück in das Knöchelholster. Vielleicht ist der Holzmann ja nicht intelligent genug… Nein, ist er nicht. Als Barry sich wieder erhebt und die leere Hand zeigt, bedeutet ihm die grobschlächtige Figur, in den Flur zu kommen.

Der Flur oben ist wohnlich eingerichtet und mit Spitzendeckchen, Landschaftsbildern und allerlei geschnitzten Figürchen verziert. Es riecht ein wenig nach einem exotischen Blumenparfüm, aber vor allem nach Möbelpolitur und Holzspänen. Durch ein Fenster fällt Licht in den Gang.

Draußen hat es in der Zwischenzeit angefangen, ernsthaft zu schneien. Barry sieht kurz die Bäume im Wald, weiß von Schnee. Dazwischen ein paar schwarze Flecken auf den Ästen: Krähen. Es sind nur ein paar, die das Haus anstarren, aber es werden mehr.

¤¤¤


Ethan

Es ist keine Zeit, mehr zu tun, als einen Verband um den tiefsten Schnitt in seinem Arm zu wickeln, ehe von oben eine raue Stimme etwas sagt, das wie “Privestje” oder so ähnlich klingt, und Barry beginnt, die Treppe hinaufzusteigen. Ethan folgt ihm, so schnell er kann, was langsamer ist, als er es gerne hätte. Trotzdem hinkt er stärker als zuvor, weil er sich eben doch beeilt, so gut er kann.

So ist er ein gutes Stück hinter dem Älteren zurück, als dieser unvermittelt erstarrt. Ethan kann nicht genau sehen, was oben auf dem Treppenabsatz ist, aber auch er hält an, als Barry in die Hocke geht und seine Pistole wegsteckt. Irgendwas ist da oben. Und dieses Irgendwas hat seinen Begleiter offensichtlich so sehr beruhigt, dass er glaubt, keine Waffe mehr nötig zu haben. Oder so sehr eingeschüchtert, dass er auf Nummer Sicher gehen will. Bei Barrys angespannter Körperhaltung vermutlich eher letzteres.

Ethan runzelt die Stirn. Sein Gewehr lässt er nicht zurück. Keine Chance. Seine Jacke ist auch nicht lang genug, um es darunter zu verstecken, das haben sie ja vorhin schon festgestellt. Naja. Muss so gehen. Ethan hält das Gewehr nach unten und versucht, es zumindest ansatzweise hinter dem Rücken zu verbergen und ansonsten in Barrys Windschatten zu bleiben, als dieser die restlichen Schritte die Treppe hinaufsteigt.

Jetzt kann Ethan auch die Gestalt oben sehen. Kein Wunder, dass Barry seine Pistole verstaut hat. Gegen diesen hölzernen Riesen müsste er schon einen sehr glücklichen Treffer landen, um ihn mit einem Schuss auszuschalten. Oder eine Schwachstelle finden. Aber da ist im Moment zumindest keine direkt auszumachen.

Langsam und weiterhin in Barrys Rücken bewegt Ethan sich über den Flur. Der Holzhüne stapft auf eine offen stehende Tür zu und tritt hindurch, offensichtlich in der Erwartung, dass Barry – sollte er Ethan und dessen völlig unzureichend versteckte Waffe wirklich noch nicht bemerkt haben? – ihm folgt. Ethan bleibt etwas zurück, versucht, sich außerhalb des Sichtfeldes des Riesen zu halten, während Barry das Zimmer betritt. Von seiner Position aus kann Ethan nicht den ganzen Raum überblicken, ohne selbst bemerkt zu werden – aber er sieht eine altmodisch, aber durchaus gemütlich eingerichtete Stube mit einem etwas abgetretenen Teppich, dem Ende eines in grünlichem Stoff gepolsterten Sofas und einem Beistelltisch mit einer hölzernen Obstschale daneben. Auch der Teil eines Bildes an der Wand ist von hier aus zu sehen; kein Landschaftsbild diesmal, sondern ein Portrait. Mehrere Personen scheinen darauf abgebildet zu sein, aber Genaueres kann Ethan von draußen nicht erkennen. Dafür etwas anderes, das auf der anderen Seite des Raumes steht und von dem für Ethan auch nur eine Ecke sichtbar ist. Eine Wiege. Eine Wiege, die von einer schlanken, hölzernen Hand sanft hin- und hergeschaukelt wird.

Ethan hat genug gesehen. Mit ein paar schnellen Hinkeschritten ist er im Zimmer. Der Gewehrlauf schwingt in die Richtung, aus der er den Besitzer der Stimme vermutet. Da, der alte Mann vom Feld. Ethan zielt, drückt aber nicht ab. Seine Stimme ist ruhig, wenn auch etwas gepresst. “Ruf ihn weg.”

¤¤¤


Barry

Als Barry das Zimmer betritt, sieht er als erstes die Frau an der Wiege. Das ist nicht das Wesen von der Treppe: Das ist eine ganz fein geschnitzte Holzfigur mit einem schmalen, lieblichen Gesicht, filigranen Händen, einer hübschen Bluse und einem eleganten Rock. Ihre Augen sind keine Knöpfe und wirken nicht wie totes Holz, sondern fast lebendig: Traurig, verzweifelt, flehend. Auf ihrem Kopf sind strohige blonde Haare zu einer eleganten Frisur hochgesteckt.
In der Wiege liegt eine kindliche Holzpuppe. Ihr Gesicht wirkt beinahe wie das eines echten Kindes, vielleicht ein Jahr alt, aber so müde und starr, das es trotz aller Kunstfertigkeit eher das Gesicht eines toten kleinen Mädchens zu sein scheint.

In einem Schaukelstuhl daneben sitzt der alte Mann und hält die andere Hand der Frau an der Wiege. Besitzergreifend, fast herrisch. Als der klobige Holzwächter Barry in den Raum winkt, mustert der Alte ihn von Kopf bis Fuß, als hätte er nur ein Stück Vieh vor sich. Seine Augen bleiben an Barrys langen Haaren hängen, aber bevor er etwas sagen kann, betritt Ethan den Raum und richtet seine Waffe auf den Hausherrn.
“Ruf ihn weg”, sagt er und meint vermutlich den Holzwächter, der immer noch mit der Schrotflinte auf Barry zielt.
Der Alte lacht auf. “Boris, wenn er schießt, schießt du auch”, sagt er mit einem verächtlichen Lächeln. “Und jetzt, mein junger Held? Du tötest mich, dein Freund stirbt. Kein guter Handel, nicht wahr? Nimm die Waffe weg, Junge. Oder willst du an seinem Tod schuld sein?”

Ethan zögert. Während er und der alte Mann sich belauern, schließt Barry die Augen. Er hört Geister nicht mehr so gut wie früher, aber manchmal funktioniert es noch.
“…hilf uns…”, hört er schwach. “…befrei uns…bitte…” Eine Frauenstimme mit slawischem Akzent, und aus der Wiege ein dünnes, hoffnungsloses Wimmern. So klingen Kinder, wenn es ihnen sehr, sehr schlecht geht. Als er Katie von Mist geholt hat, hat sie so geklungen. Sein Gesicht verhärtet sich.

Draußen, vor dem Fenster, sieht er im Schneegestöber den Krähenschwarm. Hunderte von schwarzen Vögeln, die alle auf das Haus starren.

Er atmet tief durch und hört das Knirschen seiner gebrochenen Rippen. Zählt innerlich bis Drei. Dann ruft er: “Ethan, schieß!” und lässt sich im selben Moment zu Boden fallen. Zieht die kleine Pistole aus dem Holster, als Boris feuert und ihn größtenteils verfehlt. Nur ein paar Schrotkörner erwischen ihn, an der rechten Schulter, an der Hüfte, am Bein. Egal.
Barry schießt. Nicht auf Boris, nicht auf den alten Mann, sondern auf das Fenster. Drei schnelle Schüsse, und die Scheibe zerbirst in einem Scherbenregen.

Draußen erhebt sich der Krähenschwarm.

¤¤¤


Ethan

“Ethan, schieß!”

Aber einen Herzschlag lang zögert er. Was er auch getan hat, der alte Mann ist ein Mensch, kein übernatürliches Monster. Wie die Hexen in Dana Point. Einen Moment lang taucht Agent Saitous vorwurfsvolles Gesicht vor Ethans innerem Auge auf. Melinda Mason, wie sie zerfällt. Agatha Cardwells langgezogener Schrei.

Als er dann doch abdrückt, tut er es nicht, um zu töten, sondern um außer Gefecht zu setzen. Und zwar nicht den alten Mann, sondern das Holzkonstrukt. Ethans Schuss trifft den hölzernen Gesellen in dem Arm, der die Flinte hält, aber das hindert Boris nicht daran, beide Läufe voller Schrot in Barrys Richtung zu jagen. Zum Glück ist der Ältere bereits dabei, sich zu Boden zu werfen, scheint nicht von besonders vielen Schrotkugeln getroffen zu werden. Sein Revolver bellt. Einmal, zweimal, dreimal. Ein lautes Klirren, ein plötzlicher eisiger Luftzug. Und dann ein Rauschen. Leise erst, dann immer lauter, und plötzlich ist der ganze Raum von flatternden schwarzen Schwingen erfüllt. Von glänzenden schwarzen Knopfaugen. Und von dunkelgrauen, spitzen Schnäbeln. Die Krähen gehen einzig und allein auf den alten Mann los, ignorieren die beiden Jäger völlig, aber dennoch wird Ethan von hunderten Flügeln gestreift, dutzenden Vogelkörpern bedrängt, dutzenden Schnäbeln gekratzt. Er wirft sich zu Boden, kreuzt zum Schutz die Arme vor dem Gesicht. Ein ganz eigenartiger Geruch dringt an Ethans Nase: wie staubige alte Früchte, feuchte Erde und ein klein wenig Zimt. Der alte Mann schreit los, heiser und anhaltend, und von fremdsprachigen – russischen? tschechischen? – Flüchen durchsetzt.

Schier endlos hält das Geräusch der Flügel an, bis es leiser wird, und das Geschrei und Gefluche mit ihm. Stille kehrt im Raum ein. Als Ethan vorsichtig die Arme vor dem Gesicht wegnimmt, ist der Alte verschwunden. Blut am eingeschossenen Fenster zeigt, wo die Krähen ihn hinausgeschleppt haben müssen.

Drei hölzerne Gestalten liegen reglos im Zimmer.

¤¤¤


Barry

Als das Rauschen der Flügel langsam abklingt, hebt Barry den Kopf. Er hat ohnehin schon auf dem Boden gelegen, als der Schwarm eingedrungen ist, und wenig mehr als ein paar zusätzliche Kratzer davongetragen. Nur die Tätowierungen an seinen Schultern bluten von zwei gezielten Hieben eines Krähenschnabels, aber das ist ein geringer Preis. Er kann die Frau und das kleine Kind nicht mehr hören.

Mühsam rappelt er sich auf. Eine brillante Idee, sich mit ein paar gebrochenen Rippen zu Boden zu werfen, aber besser als eine Schrotladung im Bauch. Ethan liegt ein Stück von ihm entfernt und hebt gerade den Kopf, als Barry aufsteht und zum Fenster hinkt.
Draußen schneit es immer noch, nicht allzu stark, aber ausdauernd. Es sind zwar ein paar Krähen zu sehen, die in den Bäumen hocken, aber diese Krähen krächzen, und sie starren nicht das Haus an.
Während Barry die Vögel beobachtet, steigt ihm Rauchgeruch in die Nase. Er lehnt sich ein Stück weiter aus dem Fenster und sieht, dass aus dem vorderen Teil des Hauses dicke graue Schwaden dringen. Großartig. Ein Moment Ruhe wäre ja auch zu nett gewesen.
Er dreht sich um, hilft Ethan auf die Füße und sagt: “Haus brennt. Wir müssen raus.”

Ein paar Minuten später klettern Ethan und Barry hustend und keuchend aus dem Küchenfenster auf der Rückseite des Hauses. Vorne wären sie nicht mehr rausgekommen, da schlugen bereits Flammen aus dem Wohnzimmer.

Barry hält sich die schmerzenden Rippen und versucht, so sachte wie möglich zu husten. Seine Rippen knirschen bei jedem Atemzug. Knirschen. Schaben. Reiben. Die Enden der gebrochenen Knochen kratzen und hobeln aneinander. Krepitation. Das ist das Wort, das er sucht. Das Geräusch von geborstenen Knochen. Kann man nicht alle Tage verwenden. Krepitation.
So langsam geht es wieder. Der Schmerz bleibt, aber der Hustenreiz lässt nach, und die Suche nach dem richtigen Wort lenkt Barry genug ab, dass er auf den Füßen bleibt.

Als er sieht, dass Ethan sich auf dem Holzstapel neben dem brennenden Haus niederlassen will, versucht er, etwas zu sagen. Nach dem dritten Versuch bringt er schließlich heisere Geräusche heraus, und beim fünften sagt er halbwegs verständlich: “Keine Zeit. Zu hell.” Er deutet in Richtung des offenen Feldes hinter dem Haus. “Das wird gesehen. Will nicht hier sein, wenn Leute kommen.” Wenn die Polizei kommt, meint er. Oder die Feuerwehr. Er hat keine Lust zu erklären, was er und sein Begleiter mit Schusswunden und anderen Verletzungen bei einem brennenden Haus machen. Es schneit immer noch, das wird ihre Spuren verdecken. Schade, dass seine Jacke jetzt irgendwo in den Flammen verkohlt.

Er geht zu Ethan und hält ihm das GPS-Gerät hin. Das ist stabil genug, um alle möglichen Stürze zu überleben, und funktioniert noch einwandfrei.

“Findest du damit zum Auto?”

¤¤¤


Ethan

Vorhin, in der Hektik, ist Ethan das gar nicht so recht aufgefallen. Aber genau so, wie Barry sich bewegt, hat Ethan das vor gar nicht allzu langer Zeit auch getan. Der hat mindestens eine gebrochene Rippe. Eher mehr. Verdammt.

Eigentlich hatte er auf dem Holzstapel nur mal kurz durchatmen wollen, aber Barry hat recht. Lieber nicht. Ethan nickt und nimmt das GPS-Gerät entgegen. Sein Pickup hat zwar kein Navigationssystem, und selbst besitzt er kein tragbares GPS, aber das kann doch so schwer nicht sein. Er schaltet es ein und drückt auf den “auf Position zentrieren”-Knopf, der nach dem Startbildschirm auftaucht. Ah. Sehr gut. Mit der Karte kann er was anfangen.

Ethan deutet in Richtung des Waldwegs, auf dem sie gekommen sind. “Lass erst mal außer Sicht.”
Hinkend macht er die ersten Schritte, sieht sich dann aber erst noch einmal nach dem Haus um. Überlegt, welche Spuren auf sie deuten könnten. Sie haben Kugeln zurückgelassen. Und Blut. Aber beides wird hoffentlich von den Flammen und der Asche zumindest übertüncht werden.

Barry ist ziemlich bleich unter seiner gebräunten Haut. Das Atmen macht ihm sichtlich Probleme. Ethan verzieht das Gesicht. Kann sich gerade lebhaft vorstellen, wie das ist. “Geht’s?”
Beinahe muss er lachen. Er hat gut fragen, ihm geht es ja selbst nicht groß anders. Seine Kleidung hat das meiste Blut aufgefangen, so dass er wenigstens keine tropfende Spur hinterlässt, der man folgen könnte, aber das ersetzt natürlich keinen Verband oder gar Stiche. Er will lieber nicht wissen, wie die Sachen nachher von der Haut kommen werden. Er schnaubt. Besser nicht dran denken. Über diese Brücke gehen, wenn er hinkommt.

Mehr schlecht als recht und einander gegenseitig stützend schaffen die beiden Jäger es bis zu dem Punkt, wo sie vorhin aus dem Unterholz auf den Weg gekommen sind. Aber in ihrem jetzigen Zustand will Ethan sie nicht nochmal durch das Dickicht scheuchen. Keine Chance. Er konsultiert die Karte auf dem GPS-Gerät. Quer durch den Wald konnten sie vorhin auch keine ganz gerade Linie gehen, sondern sind ziemliche Kurven gelaufen. Aber das Auto müsste ungefähr… – er zoomt auf dem Gerät hinaus – da sein. Da ist dieser Bach. Okay. Der Waldweg, auf dem sie gerade entlanglaufen, ist nur eine dünne Linie, aber ja, da vorne kommt eine Kreuzung, wenn sie da links gehen, und an der nächsten Gabelung den rechten Pfad nehmen… “Alles klar.”

Es dauert. Es dauert deutlich länger als der Hinweg. Der Schnee fällt mit unverminderter Dichte, und es ist kalt geworden, sehr kalt. Ethans blutige Kleidung klebt an ihm, der Wind pfeift durch die Löcher in Jeans, Jacke und Hemd, und seine Zähne klappern immer stärker. Aber irgendwann ist es geschafft, kommt der Nissan in Sicht.

Die letzten Schritte taumeln sie mehr, als sie gehen. Oder hinken. Mit zittrigen Fingern dreht Ethan den Schlüssel im Schloss, bringt irgendwie die Tür auf. Findet den Verbandskasten. Und dann sind sie drin, und Ethan aktiviert die Zündung und dreht die Heizung hoch, so weit es nur geht. Es dauert einige Minuten, bis sein Zittern soweit nachlässt, dass er daran denken kann, überhaupt irgendwas zu verarzten.

¤¤¤


Barry

Barry greift sich als erstes die zwei Decken, die auf dem Rücksitz liegen. Er wirft Ethan eine zu und hüllt sich selbst in die andere. Im Augenblick fühlt er sich noch wie betäubt von der Kälte, aber das wird bald aufhören, wenn die Heizung richtig läuft. Großartig. Sein Funktionsshirt ist vollkommen ausreichend, wenn er im Winter laufen geht, aber heute war es doch ein wenig frisch. Seine langen Haare haben auch nicht gerade geholfen, die sind nass und voller Eisstücke. Mühselig kramt er sie unter der Decke hervor. Die müssen nicht an seinem Rücken kleben, während sie trocknen. Kühlung für die Prellungen ist gut und schön, aber davon hat er jetzt genug gehabt.

Während Ethan schon in dem Verbandskasten kramt, entdeckt Barry im Fußraum eine Flasche Bourbon. Keine großartige Marke, aber das ist ihm im Moment egal. Er klemmt sich die Flasche in die Ellenbogenbeuge und schraubt sie mit der linken Hand auf. Die Schrotkörner im rechten Oberarm helfen dabei erstaunlich wenig.
Mit einem Seufzer nimmt er einen kleinen Schluck. Fühlt sich gut an, als der Alkohol in seinem Magen explodiert und ihn kurz wärmt. Er reicht die Flasche Ethan rüber.

Als nächstes nimmt er sein Handy heraus. Funktioniert noch. Die Outdoor-Hülle hat sich gelohnt. Tam hat geschrieben: “Krähen weg. Artie okay.” Barry atmet erleichtert auf, zeigt Ethan die SMS und antwortet mit ihrem üblichen Code für “Alles gut hier, brauche noch einen Moment.”

“Ich kenn einen Arzt”, sagt er dann. “Einen, der keine Fragen stellt. Würde sagen, wir verbinden das Schlimmste, dann fahren wir hin. Ist aber ein Stück.”

¤¤¤


Ethan

Der billige Bourbon zieht seine glühende Spur durch die Kehle bis in Ethans Magen. Vom Verstand her weiß er, dass das eine trügerische Wärme ist, aber sie tut trotzdem verdammt gut. Nicht ganz so gut wie die Erleichterung allerdings, die ihn durchfährt, als Barry ihm einen Moment später die SMS seiner Frau zeigt. Artie ist in Ordnung. Und Barrys Familie ist in Ordnung.
Ethan atmet tief durch und nickt. “Arzt ist gut. Keine Fragen noch besser.”

Sobald die beiden Jäger einigermaßen verarztet sind, lässt Ethan den Motor an und lenkt den Hardbody behutsam über die holprige Schotterpiste und zurück zur Straße. Dort fährt er zwar noch immer umsichtig und auf die gebrochenen Rippen des Älteren bedacht, aber hier, auf dem glatten Asphalt, kommt er wenigstens einigermaßen voran.

Es ist wenig Verkehr, die Strecke nicht sonderlich kurvig, und so kann Ethan die Gedanken schweifen lassen. Was ihm dummerweise all seine Verletzungen überdeutlich ins Bewusstsein ruft. Er wirft einen schnellen Seitenblick zu Barry hinüber. Dem dürfte es nicht viel anders gehen. “Eins versteh ich nicht”, murmelt er. “Warum die Krähen? Warum Artie? Warum euer Haus?”

Hauptsache irgendwie ablenken.

¤¤¤


Barry

Barry denkt einen Moment nach. Nur atmen und dem Geräusch seiner knirschenden – krepitierenden? – Rippen zu lauschen ist auf Dauer keine gute Idee.
“Ich weiß nicht. Die Krähen für die Frau, vielleicht. Oder um den Alten zu holen. Und Artie?” Gute Frage. “Die haben vielleicht irgendwas an ihm gespürt. Haben gedacht, er könnte helfen.” Vielleicht war er auch einfach ein leichteres Opfer, wer weiß. So ganz natürlich ist es nicht, dass der Junge überhaupt noch lebt. Aber Barry will Ethan nicht beunruhigen. “Oder es lag an mir, kann auch sein”, fährt er fort. “Ich war mal auf dieser Insel… Mist… da hab ich ihnen einen Gefallen getan. Eine Sache ins Lot gebracht. Und ich hab Artie gesagt, er gehört jetzt zu meiner Familie. Möglich, dass sie das gespürt haben.” Barry glaubt das zwar nicht recht, aber es ist eine bessere Antwort als “Artie sollte tot sein, das haben sie gespürt.”
“Oder er hat irgendwas an der Vogelscheuche aufgestört, irgendwas befreit, was die Krähen festgehalten hat, und deswegen sind sie ihm gefolgt.” Das klingt auch gut.
“Aber ich glaube, du verstehst mehr von diesem Kram als ich.” Barry hat eigentlich keine Lust, die ganze Zeit zu reden. Das ist schon unangenehm genug, wenn ihn nicht gerade jemand gewürgt hat. “Du klingst wie jemand, der schon lang alleine unterwegs ist.”

¤¤¤


Ethan

Ethan nickt leicht. “Schon. Aber wenig… Indianisches bisher. Schamanenkram und so. Die Puppen…” Wieder einmal fliegt ein Bild vor Ethans innerem Auge vorbei. Von der Einwandererfamilie, frisch aus der alten Welt angekommen, voller Freude und Hoffnung und Zuversicht auf das neue Leben im gelobten Land. Boris, groß und kräftig, mag vielleicht im alten Land nie eine Schule besucht haben, aber er ist stark, und er ist bereit, fast jede Arbeit anzunehmen, um seine Familie zu ernähren. Seine geliebte Frau, und ihre kleine Tochter, sein Augenstern. Nicht auszudenken der Schock, als der junge Russe feststellen muss, dass sein Rivale ebenfalls nach Amerika gekommen ist, sein Rivale, der einst sein bester Freund war und der es Boris nie verziehen hat, dass die blonde Schönheit ihn statt seiner erwählte… “Verzaubert, glaub ich.” Er schüttelt sich bei dem Gedanken, wie sich das angefühlt haben muss. Ob das Holz langsam die Glieder hochgekrochen ist, oder ob es schnell ging. Wie es sich angefühlt haben muss, als das Herz erstarrte. Und dann in dieser Gestalt gefangen zu sein. So viele Jahre. Ohne Hoffnung.

Ethan blinzelt. Brummt. Ruft sich in die Wirklichkeit zurück. “Ist ihm recht geschehen.”

¤¤¤


Barry

Schamanenkram, ja? “Indianisches”. Großartig. Gut, dass Ethan gerade über eine Bodenschwelle fährt und Barry erst mal darum kämpfen muss, bei Bewusstsein zu bleiben. Damit erspart sich der wortkarge Jäger eine Lektion über indigene Kulturen, tungusische Sprachen und Kulturimperialismus.

“Dem Alten?”, fragt Barry schließlich. “Vielleicht hat er nur versucht, seine Familie festzuhalten. Wenn jemand stirbt, den du liebst… mit manchen Leuten macht das komische Sachen. Will sich nicht jeder damit abfinden.” Eine andere Hülle für eine Frau oder eine Tochter war vielleicht alles, was der alte Mann wollte. Wollte sie behalten, um jeden Preis.

Aber das ist Spekulation. Worüber sollen sie aber auch reden? Ist vielleicht besser, nichts zu sagen, während Ethan das Auto über die Nebenstraßen lenkt.
Barry überlegt sich das anders, als er sieht, dass Ethans Hände immer noch zittern. Dem geht es nicht gut, Blutverlust, Nachwirkungen vom Adrenalin-High, Kälte. Oh, und der Bourbon. Also doch reden.

“Hey”, sagt er schließlich. “Wach bleiben, okay? Erzähl mir irgendwas, sonst bin ich weg und du weißt nicht, wo es hingeht.”

¤¤¤


Ethan

“Erzähl mir irgendwas”, sagt Barry. Verdammt. Und Ethan ist auch nicht entgangen, wie der andere unwillkürlich gezuckt hat, als er von “Schamanenkram” gesprochen hat.
“Tut mir leid. Falscher Begriff. Weiß aber keinen andern.” Wieder wirft er dem Älteren einen Blick zu. Nimmt kurz eine Hand vom Lenkrad, um damit eine vage, beinahe entschuldigende Geste zu machen. “Worte… sind nicht so meins. Worte… kosten.”

Ein Seitenblick von Barry. War so klar, dass dem diese Formulierung aufstoßen würde. Er zuckt etwas hilflos mit den Schultern. “Zeit. Blut. Und ja. Ziehe schon ne Weile rum. Zehn Jahre jetzt. Wobei.” Ethans Gesicht verhärtet sich. “Alleine acht. Siebeneinhalb.”
Wenn jemand stirbt, den du liebst, hat Barry eben gesagt. Stimmt. Mit manchen Leuten macht das komische Sachen. Dafür sorgen, dass sie sich in sich zurückziehen und das Reden verlernen, zum Beispiel.

Auf das Zeichen seines Begleiters hin biegt Ethan an der nächsten Kreuzung rechts ab, folgt dann einigen Anweisungen mit diversen Richtungswechseln. Das gibt ihm willkommene Gelegenheit, in das ihm gewohnte Schweigen zurückzufallen, bis sie auf einer neuen Nebenstraße sind und auch etliche Meilen lang bleiben werden. Barry ist wieder in seinem Sitz zusammengesunken, und Ethan presst die Lippen aufeinander. Verdammt.

“Hab n Job. Nix Besonderes, aber zahlt die Brötchen. Studentenverbindung. Lauter Jäger. Sehens als Sport, viele von denen.” Er schnaubt bitter. “Aber die verstehen wenigstens, wenn ich mal weg muss.”

¤¤¤


Barry

Was? Weg muss? Wo muss er hin? Studentenverbindung? Barry hat den Faden verloren. Das liegt nun nicht an den gebrochenen Rippen oder den Schrotkugeln, sondern daran, dass ihn Ethans Formulierung beschäftigt. Worte kosten. Richtig. Er würde gern wissen, was sie Ethan gekostet haben, aber das kann er nicht fragen.

“Der richtige Begriff”, sagt er schließlich langsam. “Der richtige Begriff ist Wicasa Wakan. ‘Heiliger Mann’, wenn du so willst. Mein Großvater war einer und ich… na ja. Ich lerne. Bin noch nicht da, wo ich dafür hin muss.”

Er deutet auf eine Abzweigung. Sie sind beide nicht lebensgefährlich verletzt, Ethan kennt sich nicht aus, Tam und die Kinder sind in Sicherheit, also macht es nichts, wenn sie noch ein paar Umwege fahren. Artie gehört jetzt zur Familie, und Ethan gehört zu Artie. Wenn Barry also die Chance hat, ihn besser kennen zu lernen, dann wird er das auch machen.

“Tut mir leid”, sagt er. “Du hast da was gesagt… ich musste nachdenken. War abgelenkt. Aber Worte… die sind wichtig. Es gibt Leute, die schleudern sie herum, suchen nicht nach den richtigen… die denken, das kostet ja nichts. Schall und Rauch. Aber ohne Worte haben wir gar nichts.” Er schüttelt den Kopf. “Ich bin mal gestorben. Bin zurückgekommen wegen der Worte, die ich gehört habe. Schwer zu erklären. Irgendwann kann ich’s, vielleicht.”

…und als nächstes liest du ihm ein Gedicht vor, Barry. Laber den Knaben nicht voll, sondern hör lieber zu. Was hat er von der Studentenverbindung gesagt? Aber der studiert doch nicht, oder? Irgendwas mit Jägern?

Moment mal. Ethan zieht seit zehn Jahren in der Gegend herum? Entweder der sieht jünger aus, als er ist, oder…
“Ich rede zu gern über Worte”, entschuldigt er sich. “Sollte lieber zuhören. Zehn Jahre ist eine lange Zeit… du warst noch ziemlich jung, als du angefangen hast mit diesem Leben.”

¤¤¤


Ethan

Ethan, der eben noch dem Klang der Worte ‘Wicasa Wakan’ nachgelauscht und Barry mit einem halben Lächeln und einem Nicken seinen Dank für den neuen Begriff vermittelt hat, ehe er der etwas verwirrenden Erzählung von Barrys Sterben und Wiederkehr durch Worte fasziniert gefolgt ist, beißt die Zähne zusammen bei diesem letzten Satz. So stark, dass man das Knirschen beinahe hören kann.

Junior Year. Ethan ist nicht massig, sondern eher schmal, aber er ist flink auf den Füßen und einigermaßen groß, und er hat eine gute Hand-Auge-Koordination, also spielt er Basketball. Das Training ist gerade vorüber, und die Jungs und er wollen noch in den Diner auf eine Cola. Es ist gut gelaufen heute, und die Teenager unterhalten sich lebhaft über das Spiel gegen die Mannschaft einer benachbarten Schule, das am Wochenende stattfinden soll, während sie gut gelaunt die Abkürzung unter der Hansen Road hindurch nehmen, wo ein mannshohes Abflussrohr die Straße unterquert. In den letzten Tagen und Wochen war es ziemlich trocken, und so steht an diesem frühen Winterabend nur ein dünnes Rinnsal in dem Graben. Da kommen sie locker mit trockenen Füßen vorbei. Den leicht modrigen Geruch, der in dem Kanal meistens herrscht, ist die Zeitersparnis allemal wert.

Heute ist der Geruch besonders penetrant. Ein Gestank schon beinahe, und nicht nur nach Moder, sondern auch nach etwas anderem. Urin? Fäkalien? Ein Tierkadaver?
Naserümpfend eilen die Jungen durch den kurzen Tunnel, als sich vor ihnen in der Dunkelheit ein schwärzerer Schatten aufrichtet und Jesse einen überraschten Laut von sich gibt. Und dann wandelt sich das Geräusch, das Jesse macht, zu einem Schrei des Entsetzens, und der Tunnel ist erfüllt von rotglühenden Augen und von Klauen und Zähnen, und auch Ethan spürt, wie sich eine Pranke oder etwas dergleichen in seine Schulter schlägt, und dann laufen sie nur noch, laufen, so schnell sie ihre Beine tragen, die Sporttaschen habe sie längst fallen gelassen, aber Jesse ist nicht dabei, Jesse ist im Abflussrohr zurückgeblieben, und auch Nick ist nicht neben ihnen, als Frank und Ryan und Ethan mit vor Panik geweiteten Augen die Böschung hochstolpern und oben rennen, was ihre Beine nur hergeben.

Kein Auto, warum kommt kein Auto, so unbelebt ist doch nicht mal die Hansen Road um diese Zeit, so spät ist es doch noch gar nicht, aber es ist kein Auto in Sicht, weit und breit, und sie rennen, und der Schatten folgt ihnen, und mit einem Mal stolpert Ryan, strauchelt, warum, warum stolpert er, da war doch gar nichts auf dem Weg, und Ethan hält seinem Freund die Hand hin, will ihn hochziehen, aber schon ist der Schatten bei ihnen angekommen, wie hat er das gemacht, war er nicht eben noch da hinten, und Ethan hört eine heisere, hechelnde Stimme. “Ihhhrrr, ich rrrrieche euuuuch! Guuute Jaaaaaagd!”

Oder hat er sich die Stimme nur eingebildet? Denn während er noch versucht, Ryan mit sich zu ziehen, versucht, gegen den Widerstand des ebenfalls an Ryan zerrenden Schattens anzukommen, gibt der Widerstand plötzlich nach, und Ethan hat Ryans Arm in der Hand, und er lässt ihn schreiend fallen, warum schreit er nicht ohnehin schon die ganze Zeit, er fühlt sich so, als müsse er sich die Seele aus dem Leib schreien, und der Schatten spielt mit dem, was mal Ryan war, und Ethan muss rennen, lieber Gott steh mir bei, er muss rennen, rennt, wie er noch nie in seinem Leben gerannt ist, und Frank rennt neben ihm.

Sie rennen, bis die Lunge brennt und die Beine keinen Schritt mehr tun können, atmen in abgehackten, hechelnden Zügen. Auf dem Weg hinter ihnen ist kein Schatten zu sehen. Gehend jetzt setzen sie ihren Weg fort, kommen nur langsam wieder zu Atem. Ethans Handy steckt in seiner zurückgelassenen Sporttasche, und bei Franks ist während des Trainings der Akku leergelaufen, hat er vorhin festgestellt. Vorhin, als die Welt noch normal war.
“Die Jungs… wir müssen… Krankenwagen… Polizei…” keucht Ethan, und Frank nickt. “Zu mir… ist näher, da können wir… anrufen…”

Bis sie bei Franks Haus angekommen sind, haben sie wieder einigermaßen Atem geschöpft. Sie wollen eben in die Auffahrt einbiegen, da dringt der Gestank von Urin und Fäkalien und Kadaver an Ethans Nase, und der Schatten hat sie eingeholt. Seine schemenhaften Pranken schlagen zu, Frank geht mit einem ersterbenden Schrei zu Boden, und Ethan rennt wieder, rennt und rennt und rennt. Und weiß, dass er nicht nach Hause kann, denn das Ding verfolgt ihn, und er darf es nicht nach Hause führen, zu Mom und Dad und Alan und Fiona, er muss es weglocken, und er muss in Bewegung bleiben, denn das Ding wird ihn jagen und niemals aufgeben, niemals…

“Sechzehn”, sagt Ethan mit rauer Stimme. “Da war dieses Ding. Monster. Harrdhu. Wusste ich da aber noch nicht. Wusste nur, ich muss weg. Und konnte nicht zurück.”

Er blinzelt, versucht, die Erinnerungen abzuschütteln, die ihn eben so heftig überfallen haben wie lange nicht mehr, und dann meist nur in nächtlichen Alpträumen.
“Und du?”

¤¤¤


Barry

“Lange Geschichte”, antwortet Barry, nicht um der Frage auszuweichen, sondern weil er den richtigen Anfang finden muss. Er schließt die Augen, atmet tief durch und beginnt.

“Stell dir einen Studenten vor. Normales Leben, normale Probleme, normale Träume, auch wenn er das nicht dachte. Studierte Sprachen und Schreiben. Fuhr ein cooles Auto, hatte Stress mit seiner Ex-Freundin. Brach zu einer Reise auf, harmlose Sache, Daytona Beach. Hätte gleich am Anfang sterben sollen, aber jemand hat sich eingemischt, und er und zwei andere haben den Unfall überlebt. Danach: Horrorshow. Merkwürdige, tödliche Zufälle. Eine Heldenreise voller Begegnungen, die nicht in seine Welt passten. Schwankte zwischen Panik und Hysterie. Schließlich hat er jemanden getötet. Kam nicht klar. Hat versucht, sich umzubringen.”

Barry schweigt einen Moment und erinnert sich an den Studenten. So richtig kann er nicht nachfühlen, was damals in ihm vor sich ging – diese Angst, die ständig um ihn herumflatterte, die Zweifel an allem, was er sah, dieser Verlust des Gefühls für Realität. Am Ende blanke Verzweiflung.

“Er passte nicht mehr in die Welt. Wollte raus. Hat er auch geschafft, fast zumindest. Der Teil von ihm, der fliehen wollte, ist damals gestorben. Der andere Teil? Das bin ich.”

Innerlich muss Barry bei dem lyrischen Rhythmus fast lachen. Er neigt dazu, bei seinen Erzählungen dramatisch zu werden. Wenigstens hat er es geschafft, sich kurz zu fassen und nicht allzu viel über seine Gefühle zu schwafeln.
Es versetzt ihm einen Stich, dass er eigentlich niemand ist, der gern zu viel über sein Innenleben preisgibt – und dass Irene trotzdem so viel von ihm zu Gesicht bekommen hat. Dinge, die er Ethan nicht erzählen würde, obwohl er Ethan viel mehr vertraut als Irene.

“Danach war’s einfacher. Vielleicht ein bisschen zu einfach.” Ob Ethan jetzt denkt, dass er von Monstern redet? Aber wie erklärst du, dass du hauptsächlich kein übernatürliches Kroppzeug, sondern andere Menschen tötest?

“Bin ganz froh, dass ich meine Familie habe. Normale Probleme zu haben hilft. Keine Ahnung, was ich sonst wäre.” Noch unmenschlicher, wahrscheinlich. Mit noch weniger Skrupeln. Kein schöner Gedanke, also zurück zu Ethan.

¤¤¤


Ethan

Es ist Ethan durchaus aufgefallen, dass Barry seine Geschichte in der dritten Person erzählt hat. Sich wohl tatsächlich innerlich von dem Mann entfernt hat, der er damals war. Dass aber echte Wärme aus seiner Stimme klingt, als er von seiner Familie spricht. Ethan nickt langsam, beinahe widerwillig. “Denks mir. Fester Boden, wie?”

Er sieht kurz aus dem Seitenfenster des Pickups, dann starr auf die Straße vor sich. Vermeidet es, zu Barry hinüberzuschauen. Dass er den nächsten Gedanken aussprechen wird, weiß er selbst nicht, bis die Worte aus seinem Mund kommen. Zögerlich. Schmerzhaft. Lange ungesagt.
“Hab meine nicht gesehen. Seitdem.” Sei froh um deine Familie, Barry Jackson, denkt er bei sich. Aber das ist der ältere Jäger. So viel ist klar.

Verdammt. Wo kommt das Selbstmitleid auf einmal her? Es ist, wie es ist. Um sich abzulenken, kehrt er zu Barrys voriger Schilderung zurück, der distanzierten. Versucht ebenfalls, in der dritten Person zu bleiben. Die von Barry aufgebaute Distanz auf diese Weise zu wahren.
“War das da? Das mit den Worten? Die ihn zurückgeholt haben? Den anderen Teil?”

Immer noch sieht er angestrengt nur nach vorne hinaus. Vereinzelt sind hier und da Häuser am Straßenrand zu sehen. Ob sie sich langsam ihrem Ziel nähern? Ethan ist immer noch kalt, trotz der Heizung, und er fühlt sich, als könne er ein Jahr lang schlafen. Aber noch muss er durchhalten.

¤¤¤


Barry

Sie werden bald da sein. Ist auch besser so, Ethan ist kreidebleich und zittert. Kälte, immer noch, und der Blutverlust. Keine Zeit für noch eine Schleife, zumal die über eine Schotterpiste führen würde. Nicht gut für die Rippen. Barry spürt, wie sein Atem leise pfeift – aber Doc Valderas hat ein Röntgengerät. Vermutlich ist ihm sowieso nur kalt.

“Ja”, sagt er, “das war da. Hat funktioniert – sechs bis acht Wochen später hatte ich die Rohfassung meines ersten Romans. Seither habe ich nicht mehr zurückgeschaut – ich habe nichts verloren, was ich unbedingt gebraucht hätte. “

Aus dem Rückspiegel schaut ihn auf einmal das Gesicht seines jüngeren Ichs an: Ein gutaussehendes Gesicht, dem es leicht fällt, zu lächeln. Mit der rechten Hand fährt sich der Junge durch die kurzen Haare. Barry schaut weg.

“Seit St. Trinity sehe ich ihn manchmal”, sagt er langsam. “Den Jungen, der ich mal war. Keine Ahnung, warum – er hätte nie überlebt, und ich bin zufrieden mit dem, was ich habe.”

Während er das sagt, reibt er mit der linken Hand über die Manschette, die den Haken an seinem linken Unterarm befestigt.

¤¤¤


Ethan

St. Trinity. Ethan atmet tief durch. “Hab dir noch nicht gedankt.” Jetzt dreht er sich doch kurz zu seinem Beifahrer um, nickt ihm mit einem halben Lächeln zu. “Danke.”
Dafür, dass Barry in dem Höllenhaus da war. Dass er ohne zu Zögern bereit war, Ethan zu verteidigen. Dass er keine Fragen gestellt hat. Fragen, die Ethan seither selbst mehr als einmal durch den Kopf gegangen sind. Erinnerungen, die er verdrängt geglaubt hatte.

“Manchmal… denke ich. Was wohl gewesen wäre.” Ethan zuckt vage mit den Schultern. “Anwalt. Lehrer. IT-Mensch.” Er schnaubt: halb bitter, halb amüsiert. “Schwer vorzustellen.”

Ortsgrenze. Mit knappen Handbewegungen schickt Barry ihn um einige Ecken, bis sie in den Hinterhof einer offenen Klinik einbiegen. Das Rolltor öffnet sich, nachdem der Ältere in eine Kamera geschaut hat, und der Nissan rollt langsam in die kleine Halle, die normalerweise für Lieferanten vorgesehen ist.

Es kostet Ethan erschreckend viel Überwindung und Mühe, die Fahrertür zu öffnen und sich von seinem Sitz zu schälen. Barry scheint es ganz ähnlich zu gehen, aber zum Eingang ist es ja nicht weit.

Mühsam schlurfen beide durch eine Feuertür, werden von einem tätowierten Latino begutachtet. Bei Ethans Anblick spannt er sich an, aber er erkennt Barry und begrüßt ihn mit einem knappen Nicken.
Eine Minute später sitzen sie in einem leeren Behandlungsraum, während sie darauf warten, dass Doc Valderas zu ihnen kommt. Ethan sackt in seinem Stuhl zusammen und schließt die Augen. Es ist eine unendliche Erleichterung, einfach nur sitzen zu können. Nicht auf die Straße achten zu müssen. An nichts denken. Sein Kopf sinkt auf die Brust. Nur eine Sekunde ausruhen.

¤¤¤


Barry

Barry hätte Ethan wirklich gern geantwortet, als der Jüngere über sein Leben geredet hat. Hätte ihm gern gesagt, dass er immer noch alles ändern kann. Wird nicht leicht, sicher, aber was hält ihn wirklich davon ab, außer Gewohnheit?
Aber das ist der Moment, in dem seine Stimme versagt. Die klang schon in den letzten Minuten sehr, sehr rau, und jetzt kommt einfach kein Laut mehr aus seiner Kehle. Vielleicht noch ein heiseres Krächzen, aber das hört Ethan gar nicht. Großartig. Das war ja genau der richtige Moment.

Im Wartezimmer schläft Ethan ein. Hoffentlich. Gerade als Barry aufstehen will, um zu überprüfen, ob der junge Mann überhaupt noch lebt, kommt Doc Valderas mit einem kräftigen Pfleger in den Raum. Barry winkt ihr zu, dass sie sich zuerst um Ethan kümmern soll. Währenddessen pfeift sein Atem fröhlich vor sich hin.

Eine halbe Stunde später kommt sie wieder, entfernt die Schrotkugeln und untersucht Barrys Rippen. Ja, die sind gebrochen, ja, vielleicht ein geringer Pneumothorax. Kurze Notfall-Thoraxdrainage, Medikamente, Verband, aber keine weiteren Schmerzmittel oder gute Ratschläge, dass er jetzt Ruhe braucht und sich schonen soll. Aber er soll wiederkommen, und er soll nicht fliegen. Letzteres mit einem schiefen Lächeln. Doc Valderas kennt ihn schon seit ein paar Jahren.
“Dein junger Freund sollte sich eine Weile erholen”, sagt sie noch. Barry nickt. Sie hat ihm etwas für die Stimme gegeben, aber er will jetzt eigentlich nicht mehr reden.

Nachdem er sie bezahlt hat, sammelt er Ethan ein. Der ist ein bisschen benommen von den Schmerzmitteln und nicht so recht fahrtauglich, also nimmt Barry ihm den Autoschlüssel ab und fährt selbst. Macht er nicht gern, und er fährt extrem langsam und vorsichtig, aber sie kommen eine Weile später wieder am Haus an.

¤¤¤


Ethan

Davon, dass man ihm in ein anderes Behandlungszimmer hilft und ihn dort auf eine Untersuchungsliege bugsiert, bekommt Ethan nicht sonderlich viel mit. Von der Spritze gegen die Schmerzen und der eigentlichen Wundversorgung auch nicht. Nachdem man ihn verbunden hat, legt man ihm eine Infusion aus einer klaren Flüssigkeit. Salzlösung? Er weiß es nicht. In diesem Moment interessiert es ihn auch nur vage. Stärken soll es ihn, etwa 30 Minuten dauern soll es, und er soll sich einfach entspannen. Was er sich nicht zweimal sagen lässt. Kaum ist er wieder allein im Raum, weil die Ärztin sich um Barry kümmern geht, verfällt Ethan wieder in Halbschlaf.

Vom Öffnen der Tür und der Hand an seiner Schulter kommt er wieder zu sich, sieht aus benommenen Augen auf. Barry steht neben der Untersuchungsliege, nickt Richtung Tür. Der Pfleger kommt herein, zieht die Nadel aus Ethans Arm und entsorgt den leeren Infusionsbeutel. Mit Hilfe des kräftigen Mannes kommt Ethan auf die Füße. Stützt sich kurz an der Liege ab, weil sich die Welt vor seinen Augen dreht. Huh. Das Drehen wird nach einigen Sekunden besser, aber das benebelte Gefühl bleibt. Er ist ganz froh, dass er jetzt nicht den Fahrer geben muss, weil Barry ihm kurzerhand den Autoschlüssel aus der Jackentasche zieht.

Entsprechend schweigsam sind beide Männer auf dem Rückweg nach Stuttgart. Ethan döst und wartet darauf, dass die Benommenheit nachlässt. Bis sie bei den Jacksons angekommen sind, kommt er aber immerhin ohne Hilfe aus dem Auto. Drinnen hat man anscheinend das Motorengeräusch gehört, denn als der Nissan anhält, geht die Haustür auf, und Tam Jackson kommt heraus, gefolgt von den beiden Kindern und von Artie, der wie der Blitz an ihr vorbei und auf das Auto zuschießt.

Mrs. Jackson macht ein zu gleichen Teilen besorgtes und erleichtertes Gesicht, als sie den Zustand der beiden Jäger bemerkt, sagt aber nichts. Vermutlich hat sie Ähnliches bei ihrem Mann schon mehr als einmal erlebt. Artie hingegen macht aus seiner Erleichterung keinen Hehl. Der Kleine läuft auf Ethan zu und schlingt die Arme um ihn, was diesem trotz des Schmerzmittels zwar diverse Blessuren zum Zwicken bringt, ihm aber auch ein Lächeln entlockt. “Uns geht’s okay, Artie.”

Jetzt ergreift auch Tam das Wort. “Kommt erst mal rein.”

¤¤¤


Barry

Mühsam steigt Barry aus dem Wagen. Nein, die Schotterpiste zum Haus machte gerade keinen Spaß. Er hupt, zweimal kurz, einmal lang, damit Tam weiß, dass er es ist. Ethan scheint davon aufzuwachen, schaut kurz um sich und steigt relativ geschmeidig aus dem Auto. Vermutlich die Schmerzmittel.

Tam erscheint in der Tür, sieht die beiden Männer mit ihren Verbänden und macht ein ernsthaftes Gesicht. Vermutlich verbeißt sie sich ein Lachen, so wie Barry sie kennt. Dann wird sie fast von Artie umgerannt, der zu Ethan will, und dann noch mal von Pete, der es dem älteren Jungen nachmacht. Katie kommt vorsichtiger nach draußen und schüttelt den Kopf über die beiden, die so leichtsinnig in der Gegend herumrennen.

Nach einer allgemeinen Begrüßung scheucht Tam Ethan ins Bett. Der sieht immer noch ziemlich angeschlagen aus, und er protestiert nicht weiter. Artie weicht ihm allerdings nicht von der Seite. Hoffentlich hat Ethan ihm gesagt, dass der Junge hier wohnen soll, ohne seinen älteren Beschützer. Aber so wie er den jüngeren Mann kennt, befürchtet Barry fast, dass er das nicht getan hat.

Am nächsten Morgen sitzt Barry in der Küche beim Kaffee, als Ethan wieder auftaucht. Der jüngere Jäger sieht noch etwas verschlafen aus und hinkt, aber er macht einen ausgeruhten Eindruck. Gut für ihn. Barry hat nicht so gut geschlafen und spürt seine Verletzungen bei jeder Bewegung. Aber das ist in Ordnung so. Heißt, dass er noch lebt. Wenigstens ist sein Atem frei.
“Morgen”, sagt er heiser. “Kaffee?”
Während er Ethan eine Tasse einschenkt, bemerkt er dessen suchenden Blick.
“Katie ist in der Schule, Pete im Kindergarten. Artie hilft Tam bei den Pferden.” Vielleicht bringt das den Kleinen ein bisschen zur Ruhe. Tiere sollen ja bei Therapien helfen.

Die beiden Männer sitzen eine Weile schweigend in der Küche, bis Barry die gepackte Reisetasche neben Ethan bemerkt.
“Doc Valderas hat gesagt, du sollst dich ausruhen, sonst heilt’s nicht so gut. Also, wenn du willst… bleib noch eine Weile. Ist vielleicht auch besser für Artie, wenn du nicht gleich abhaust.”

¤¤¤


Ethan

Das Angebot kommt für Ethan völlig überraschend. Sollte es vielleicht nicht, wo Barry ihn ja auch schon über Weihnachten zu sich nach Hause hatte einladen wollen, tut es aber irgendwie trotzdem.
Einen Moment lang hat er keine Ahnung, wie er reagieren soll. Blinzelt und sieht dann mit beinahe gehetztem Blick zu seinem Gastgeber, auf seine Reisetasche, durch das Fenster, dann wieder zurück zu Barry.
“Ich. Ähm.”

Der Gedanke kommt ihm fremd vor, abwegig, und der Vorschlag so, als bezöge er sich auf einen ganz anderen Menschen.
“Das. Stört nicht?”
Barry schüttelt verneinend, fast ungeduldig, den Kopf. “Ich hätt’s nicht angeboten, wenn es stören würde.”

Ethan nickt langsam. Denkt nach. Er hat ein wenig die Befürchtung, dass Artie denken könnte, er bleibt jetzt auch immer da, wenn er nicht gleich wieder fährt. Es hat einiges an Mühe und Überredung gekostet, den Jungen davon zu überzeugen, dass er in Barrys Familie mit Vater, Mutter und zwei weiteren Kindern viel besser aufgehoben ist als bei einem Junggesellen, der in einer Studentenbude lebt und neben seinem Job häufig herumreist. Was die absolute Wahrheit ist, aber nicht heißt, dass es Ethan deswegen besser gefallen muss. Jedenfalls rechnet Artie eigentlich nicht damit, dass Ethan sich hier groß länger aufhalten wird – immerhin muss er auch mal wieder zurück nach Vermont und was arbeiten für sein Geld. Das Frühlings-Trimester hat Mitte Januar begonnen, und es gibt sicherlich eine Menge für ihn zu tun.

Andererseits… andererseits ist es vielleicht tatsächlich besser für Artie, wenn die Verabschiedung nicht ganz so abrupt kommt. Und für Ethan selbst. Er hat den Kleinen nämlich echt ins Herz geschlossen. Und er fühlt sich wohl hier. Wirklich wohl. Tam Jackson scheint eine sehr nette, patente Frau zu sein, und Barry… Trotz dessen grimmigem Äußeren fühlt er sich dem Älteren irgendwie verbunden. Vermutlich wegen dem, was sie an Weihnachten in St. Trinity und jetzt in dem Puppenhaus zusammen durchgemacht haben. Aber da ist noch mehr. Eine Art… geistige Verwandtschaft vielleicht, trotz all ihrer Unterschiede? “Du tötest mich, dein Freund stirbt”, hat der alte Russe gesagt. Es war nur ein Satz, wie er eben so fällt, und dort im Haus hat Ethan nicht wirklich darüber nachgedacht. Aber jetzt wird ihm bewusst, dass der Alte recht hatte mit dem, was er sagte. Für Ethan ist Barry ein Freund geworden in der kurzen Zeit. Ein seltsames Gefühl. Seltsam und irgendwie beängstigend. Überfordernd. Aber gleichzeitig auch warm und aufmunternd.

Ethan nickt wieder, von einem schiefen Lächeln begleitet diesmal. “Dann… dann gern.”

Holzpuppe.jpg

View
Ethan: Hexenjagd in Dana Point
Bart, Ethan, Jon, Sam

Dana Point, Kalifornien. Ein ganzer Kontinent von Burlington entfernt. Aber Bones Gate hat hier ein Haus. Wieder mal. Zum Glück ist dieses hier tatsächlich harm- und geisterlos und als Wohnheim geeignet – oder wofür auch immer die Verbindung das Haus haben will, einen ganzen Kontinent von der Universität entfernt. Ethan fragt nicht. Ethan fliegt hin, als er den Auftrag erhält, und bringt das Haus in Schuss. Auch wenn das vorher eine längere, mühsame Erklärung für Artie bedeutet, warum er für paar Tage weg muss und nicht bei dem Jungen bleiben kann, bis sie nach Arkansas fahren.

In Dana Point ist irgendeine Messe oder sowas. Jedenfalls gibt es nur in einem Hotel noch Zimmer, die einigermaßen erschwinglich sind. Bones Gate zahlt zwar, aber auch Bones Gate zahlt nicht unendlich.

Am vierten Morgen, die Arbeiten an dem Haus sind beinahe beendet, trifft Ethan im Restaurant des Hotels auf ein bekanntes Gesicht. Drei bekannte Gesichter, um genau zu sein. Er zieht sich am Frühstücksbüffet gerade einen Kaffee aus der Maschine, da tritt eine junge, dunkelhaarige Frau neben ihn. Sam Blackwood, von der Sache mit dem roten Haus. Und da hinten, an einem Zweiertisch am Fenster, sitzt Bart Blackwood, ebenfalls vom roten Haus, zusammen mit diesem FBI-Agenten aus dem Diner. Diesem FBI-Agenten, vor dem Irene und er sich mit Bianca abgesetzt haben. Oh oh. Ethan sieht weg, hofft, dass er nicht bemerkt worden ist. Weiß aber, dass sich das auf Dauer garantiert nicht wird vermeiden lassen. Drecksmist. Das kann doch kein Zufall sein.

Sam nickt ihm zu, er nickt zurück, und sie setzen sich gemeinsam an einen Tisch. Sie scheint zu denken, er sei wegen der Arbeit hier. Ist er auch, aber nicht die Art von Arbeit, die sie meint. Sam nickt und erzählt, eine Freundin habe sie um Hilfe gebeten. Eine Esoterikerin, die meinte, hier stimme etwas nicht, hier trieben Hexen ihr Unwesen.
Bei der Erwähnung des Wortes „Hexen“ frieren Ethans Züge kurz ein. Dann bietet er ohne zu zögern seine Unterstützung an. Dass Bart Blackwood auch gerade hier ist, verwundert beide. Zufall? Und dieser Typ, mit dem er am Tisch sitzt? Ethan umreißt knapp, unter welchen Umständen er Agent Saitou begegnet ist. Dass sie bei dem Shootout im Diner immerhin auf derselben Seite waren. Sam mag solche Zufälle ebensowenig wie Ethan. Gut für sie.

Sie sitzen noch bei den Resten von Speck und Rührei, als Bart Blackwood beim Hinausgehen an ihrem Tisch anhält. Der Ältere kennt Agent Saitou von einem früheren Fall, sagt er, und berichtet, dass vor ein paar Tagen an einer High School in einer Klasse sämtliche Handys explodiert sind. Der Agent hat wohl den Auftrag, das zu untersuchen; Bart selbst ist eigentlich wegen eines Buches hier, sagt er, hat aber Saitou versprochen, ihm bei der Sache zu helfen. Bittet jetzt auch die beiden am Tisch um ihre Zusammenarbeit. Sam und Ethan sehen einander skeptisch an, stimmen dann aber zu. Sie wollten sich ohnehin in einer halben Stunde in der Lobby treffen. Dann jetzt halt zu viert.

Als Ethan in die Lobby kommt, stehen die anderen alle schon da. Und dabei war er pünktlich. Der FBI-Mann sieht aus wie aus dem Ei gepellt in seinem Anzug. Sam wirkt unbehaglich. Und Bart so, als könne ihn kaum etwas aus der Ruhe bringen. Da keiner das Wort ergreift, Ethan selbst am allerwenigsten, macht der Agent den Anfang mit dem Vorstellen, ausgesucht höflich. Sam hält ihm ein „Sam reicht schon“ entgegen, aber Ethan – er weiß selbst nicht, warum, und bereut es im nächsten Moment schon wieder – stellt sich mit vollem Namen vor.

In einer ruhigen Ecke halten sie Kriegsrat. Agent Saitou macht wieder den Anfang, berichtet ausführlich von den explodierenden Handys, dem Verdacht auf Al Quaida, NSA, was nicht noch alles dergleichen. Alle zur ungefähr gleichen Zeit, kurz vor Schulschluss. Keine Computer, keine Tablets, auch nicht solche mit SIM-Karte, nur Handys. Die anderen spekulieren über Möglichkeiten – Technikfluch, Einschränkungen der Redefreiheit, jemand namens „Giffany“, wer auch immer das sein mag –, während Ethan schweigend zuhört.

Bart erzählt von dem Buch, wegen dem er hier sei. Offensichtlich ein Buch mit Zaubersprüchen. Flüchen, wenn man ganz genau sein will. „Sternenkonstellationen am Freitag“ heißt es, und er selbst ist schon im Besitz von zwei weiteren Bänden der Reihe. Der Bürgermeister von Dana Point hat das Freitags-Buch erstanden, und Bart hätte es gern selbst. Zur Sicherheit, wie er sagt. Agent Saitou ist da aber skeptisch. Solange nichts Illegales im Spiel ist und der Mann das Buch rechtmäßig erworben hat, ist da wohl nichts zu machen. Bartholomew will jedenfalls recherchieren, ob das Buch nicht für einen Fluch verwendet worden sein könnte. Saitou nickt, was Ethan einigermaßen erstaunt. Dass der Mann überhaupt an Flüche und dergleichen glaubt. Im Diner sah das noch ganz anders aus.

Während die beiden Männer zur High School wollen, um sich dort einmal umzuhören, fahren Sam und Ethan zu der Pension, in der Sams Freundin wohnt. Die hat einen ganz ähnlichen Namen, erfährt Ethan. Oder zumindest einen ganz ähnlichen Künstlernamen. Sie nennt sich nämlich Amantha Garlick und ist ein Medium. Feng Shui und Kristalle und Kräuter und solche Dinge.
Die Pension spiegelt genau das wider. Traumfänger und Kristalle über der Tür, verwunschener Garten. Alle Pflanzen gesund, da steckt ein Gärtner – oder eine Gärtnerin – viel Liebe rein.

Ist eine Gärtnerin, stellt sich heraus. Freundliche alte Dame, die sich als Melinda Mason vorstellt und dem „jungen Paar“ – ha – umgehend ein Zimmer anbietet. Bei der Erwähnung von Miss Garlick allerdings verdüstert sich das Gesicht der Wirtin. Die arme Miss Garlick sei tot, erklärt sie bedrückt. Einfach vor ein paar Tagen umgefallen. Hirnschlag. Mitten während des Bücherkreises. So tragisch. Jede Hilfe kam zu spät, nicht mal der Amethyst auf der Brust habe geholfen.

Ethan, der sich die Erzählung mit neutralem Gesichtsausdruck anhört, ist nicht einmal sonderlich verwundert. Wie sagte Sam vorhin noch gleich? Solche Zufälle mag sie nicht. Wie recht sie hat. Jetzt macht seine Begleiterin ein bestürztes Gesicht, sieht angemessen geschockt aus und bittet darum, das Zimmer ihrer Freundin sehen zu dürfen. Sie darf. Der Raum ist allerliebst eingerichtet, hält sich aufs Haar an die Prinzipien des Feng Shui – wie Sam ihm mitteilt; selbst kann Ethan sowas nicht einschätzen – und riecht vage nach Räucherwerk. Außerdem ist er frei von persönlichen Gegenständen: Was nicht bei der Polizei gelandet ist, hat vermutlich die Wirtin weggeräumt, um das Zimmer wieder an den Gast bringen zu können.

Sam nimmt das Angebot an. Erklärt mit einem Lächeln, dass sie erstmal zwei oder drei Nächte oder so bleiben wolle, dann werde sie weitersehen. Aber kaum sind sie allein, weil Mrs Mason gegangen ist, um das Gästebuch und Tee zu bringen, lässt die andere Jägerin das Lächeln fallen. „Die erzählt nicht alles.“
„Nicht trinken“, erwidert Ethan. Ihm ist an der alten Dame zwar nicht direkt etwas aufgefallen, aber die Vorsichtsmaßnahme ist nie verkehrt, und umso mehr, wenn die Wirtin etwas verschweigt. „Sowieso nicht!“, schießt Sam zurück. Kommt es ihm nur so vor, oder klingt ihre Stimme ein wenig defensiv, ein wenig nach „ich kann schon auf mich aufpassen, vielen Dank“?

Als Mrs Mason wiederkommt, füllt Sam ihre Zeile des Fremdenbuchs langsam und sorgfältig aus, und Ethan sieht, wie ihre Augen dabei forschend über die anderen Einträge schweifen. An dem nach Kräutern und Blüten duftenden Tee nippen beide tatsächlich nur, machen ein nichtssagendes Kompliment über den Geschmack und erfahren die Zutaten, ehe die alte Dame sie wieder allein lässt.

Umgehend machen sie sich an die Untersuchung des Zimmers. Vielleicht ist der Polizei ja doch etwas entgangen. Und tatsächlich. Im Schreibtisch klemmt eine Schublade. Erst als Ethan das Fach unter Einsatz von etwas Fingerspitzengefühl und Kraft befreit hat, kommt der Grund für die Blockade zum Vorschein: eine Zeitung ist nach hinten in den Spalt zwischen Lade und Tisch gerutscht und hat sich dort verkantet. Es ist ein Sensationsblatt, das papierene Gegenstück zu dem Forum, in dem er gelegentlich liest und noch viel seltener selbst einen Beitrag postet. Der nach oben gefaltete Artikel handelt von einer Froschplage im örtlichen Radiosender, bei dem bis auf eine Ausnahme die Leute, die die Tiere berührt haben, hässliche Warzen an den Händen davongetragen haben. Und natürlich spekuliert die Gazette über Chemtrails oder den Einfluss der Echsenmenschen als Grund. Ha. Ethan reicht die Zeitung wortlos an seine Begleiterin weiter, denn am Rand des Artikels befindet sich eine handschriftliche Notiz. Da stehen die Namen verschiedener Kräuter sowie die Worte „Fluch?“ und „Sam!“

Das Revolverblatt stecken sie ein. Ehe sie gehen, sprechen sie dann noch einmal – oder besser, spricht Sam dann noch einmal; Ethan hält sich wie so oft schweigend im Hintergrund – mit der Wirtin. Die erklärt, dass Miss Garlick in der Stadt gewesen sei, um Wale zu beobachten, vor dem tragischen Unglück habe sie das Zimmer eine Woche lang gemietet. Falls Sam mit der Polizei sprechen wolle, solle sie sich doch an ihren Enkel Cedric wenden. So ein lieber Junge, der Cedric.

Zurück im Hotel, tauschen die vier Jäger Informationen aus. Jons FBI-Ausweis hat ihm und Bart an der High School einige Türen geöffnet. Bei ihren Befragungen kam folgendes heraus: Das Handy einer einzigen Schülerin aus der Klasse ist nicht kaputtgegangen. Carrie Waters, Typ Grufti, Typ Mobbingopfer. Ihr zufolge habe vermutlich? vielleicht? der Metallaufkleber auf ihrem Handy das Gerät vor dem Explodieren bewahrt. An dieser Darstellung zweifelt Agent Saitou allerdings, wie er durchklingen lässt, weil das Mädchen dabei nicht so ganz überzeugend klang.
Carries größte Feindin, und das Mädchen, von dem sie gemobbt wird, ist Krystle Hill, die Tochter des Bürgermeisters. Ausgerechnet. Befreundet ist sie dagegen mit einem Jungen namens Juan Garcia, der Krystle und ihre Clique genauso wenig mag wie Carrie, wie Jon und Bart bei der Befragung des Jugendlichen herausgefunden haben. Juan jobbt beim Radio, wo er die eine oder andere Schülersendung moderiert und für seine sarkastischen, kritischen Beiträge bekannt ist. Die Froschplage, von der Sam und Ethan schon wissen, hat er ebenfalls mitbekommen. Er glaubt allerdings fest an einen rational erklärbaren Grund, hat keine Geduld für okkulte Spinnereien. Krystle Hill, deren Mutter anscheinend vor einer Weile gestorben ist, hält der Junge Jons und Barts Aussage zufolge für eine miese kleine Zicke, ihre Schwester sei viel netter.

Weil die Froschplage nun schon erwähnt wurde, reicht Ethan die Zeitung herum, während Sam vom Tod ihrer Freundin erzählt. Dass das Medium so passend gestorben sein soll, kommt allen verdächtig vor, ebenso wie die Tatsache, dass die Ausnahme, die in dem Artikel erwähnt wird, niemand anders ist als Juan Garcia.

Hm. Die beiden typischen Außenseiter, die beiden typischen Mobbingopfer. Beide nicht von den Vorfällen – den Flüchen – betroffen. Seltsam.
Sam findet, die beiden Jugendlichen hätten sich vielleicht irgendwie vor dem Fluch geschützt, ohne selbst zu wissen, wie, einfach versehentlich.
Bart Blackwood, immer der Gelehrte, erklärt, dass der Fluch von der Hexe vielleicht falsch interpretiert worden sein könnte. Dass die direkten Ziele des Fluchs vielleicht nur die Überträger waren. Ethan zuckt zusammen, als er das hört. „Überträger“. Was für ein Wort. Aber ja. Das passt. Überträger. Eines Virus. Einer Seuche. Des Todes. Dennoch fällt ihm noch ein anderer möglicher Grund ein, warum Carrie und Juan verschont worden sein könnten. „Verdacht auf sie lenken?“, schlägt er vor.

So oder so, Krystle Hill verdient nähere Beachtung. Die konnten Jon und Bart in der Schule nicht befragen, weil sie nach dem Schock noch nicht wieder am Unterricht teilnimmt, sondern in therapeutischer Behandlung ist. Und sie ist die Tochter des Bürgermeisters. Eben jenes Bürgermeisters, der das Buch ersteigert hat, das Bart so dringend hatte erwerben wollen. Wie er auch schon andere, ähnliche Bücher dieser Art erstanden hat, wie Bartholomew weiß, nur bisher kein so gefährliches. Oder vielleicht hat es gar nicht der Vater gekauft, sondern das Töchterchen mit Papas Kreditkarte?

Mit seinen FBI-Ressourcen kommt der Agent an die im Internet gespeicherten Daten des Mädchens. Die Kleine scheint tatsächlich eine ziemliche Zicke zu sein. Für die meisten anderen Menschen hat Krystle nur Verachtung übrig. Vor allem für Julianna – die Schwester – und für Serena Dos Ojos, die demokratische Kandidatin, die bei der nächsten Bürgermeisterwahl, die bald stattfinden soll, gegen ihren Vater antreten wird. Weitere Opfer von Krystles Feindschaft sind die Sportlehrerin, Nadine Fuentes, Carrie Waters, die ihr in der Mall ein Kleid weggeschnappt hat, Juan Garcia wegen seiner spitzen Kommentare, und das Starbucks im Stadtzentrum ist ein absoluter Loser-Verein. Einen Freund hat sie aber. Jeremy Mason heißt er – erstaunlich viele Masons in dieser Stadt –, und in ihren Daten beschwert Krystle sich über seine Ungeduld. Anscheinend will er nicht wie seine Freundin warten, bis sie mit der High School fertig sind, ehe sie miteinander schlafen. Ethan runzelt die Stirn, als er das hört. Wenn sie ihm wichtig genug ist, dann wird der Typ auch mit Warten zurechtkommen. Wenn nicht… zeigt das, was für ein Kerl er ist. Teenager-Hormone und Teenager-Ungeduld hin oder her.

Nach der Besprechung zieht Agent Saitou alleine los, weil er als FBI-Mann am besten mit den örtlichen Gesetzesvertretern sprechen kann. Als er zurückkommt, hat er Neuigkeiten. Auf der Polizei hat Jon sich nach weiteren Fällen wie dem mit den Handys und den Fröschen erkundigt. Und tatsächlich, in einem Starbucks gab es vor einer Weile ein Vorkommnis. Alle Gäste, und auch die Angestellten, mit einer Ausnahme, haben an einem bestimmten Tag eine Lebensmittelvergiftung erlitten. Infolgedessen ist das Café derzeit geschlossen.
Und die interessanteste Nachricht: Amantha Garlick, die mit echtem Namen Amy Hoover hieß, ist an einem Aneurysma gestorben. Da sie erst Anfang 30 war, ist das anscheinend selten, aber nicht unmöglich.

Nicht nur die interessanteste Nachricht. Auch die bestürzendste. Bei dem Wort ‘Aneurysma’, und vor allem bei Agent Saitous knapper Beschreibung von Blut aus Nase und Mundwinkel, erstarrt Ethan. Es ist ihm völlig klar, dass die anderen das bemerken, bemerken müssen, aber er kann es nicht verhindern.
Was los ist, wollen sie wissen. Natürlich wollen sie das.
„Hab sowas schon mal gesehen“, presst Ethan mit Mühe hervor. „Fluch.“
„Vielleicht hat Amantha etwas Gefährliches herausgefunden und musste deswegen sterben“, mutmaßen Sam und der Agent.
„Und genau aus diesem Grund ist es so wichtig, dass ich das Buch in Verwahrung habe und niemand anderes“, erklärt Bartholomew.
Wie hoch die Auflage dieser „Sternenkonstellationen“-Bücher sind, will irgendwer wissen. Agent Saitou? Samantha? Ethan hört nicht richtig hin, bekommt auch Barts Antwort, dass die Bücher handgeschrieben seien und deswegen nur eine winzige Auflage haben könnten, nur am Rande mit. Ähnlich abgelenkt ist er bei Sams nächstem Vorschlag. Irgendwas von wegen mit Krystle reden, dafür sorgen, dass sie das Buch aufgibt.

„Ethan.“
Er blinzelt. Sieht auf. Die anderen schauen ihn an – offensichtlich war das gerade nicht das erste Mal, das sein Name in den letzten Sekunden gefallen ist.
„Hmm?“
„Sie haben sowas schon einmal gesehen, sagten Sie?“
Er knirscht mit den Zähnen, nickt dann.
„Wie wurde der Fluch in dem Fall übermittelt?“ Bart. Natürlich Bart. Der Gelehrte. Klar, dass der bohren muss. Aber Ethan ist ja auch selbst schuld. Warum hat er nicht die Klappe gehalten?
„Worte.“
„Und an das eigentliche Opfer?“ Verdammt, reicht es dem Kerl nicht bald? Wer sagt dem überhaupt, dass es ein Opfer gab neben dem Fluchempfänger? Woher weiß der das? Ethans Wangenknochen treten schon hervor, so fest beißt er die Zähne aufeinander.
„Kontakt.“
„Und wie haben Sie das Problem damals letztendlich gelöst?“ Das ist nicht mehr Blackwood, sondern Agent Saitou. Ganz der Geheimagent.
Genug. Es ist genug. Ethan bringt die beiden kleinen Worte nicht nicht über die Lippen. Aber sein Schweigen spricht dafür umso lauter für ihn. Gar nicht.

Ethan ist dem FBI-Mann zutiefst dankbar, als dieser das Thema zumindest halbwegs wechselt und fragt, ob nur Frauen diese Art von Magie überhaupt beherrschen, oder ob es auch männliche Hexen geben kann. Das geht, erklärt Bart Blackwood, kommt aber eher selten vor, weil dieses Wissen doch meistens in der weiblichen Linie weitergegeben werde.

Anschließend sitzt Ethan mit sorgfältig kontrolliertem Gesichtsausdruck schweigend dabei, während die anderen diskutieren, dass es in letzter Zeit noch einen zweiten Fall von Aneurysma gegeben hat: Krystle Hills Mutter, vor drei Monaten etwa. Auch die erste Frau des Bürgermeisters ist verstorben, an Krebs allerdings, und schon vor 17 Jahren. Das muss für das Kind, die von Krystle so verachtete Julianna, auch ein ziemliches Trauma gewesen sein, die Mutter in so jungen Jahren zu verlieren.

Agent Saitou hat die Idee, dass Sam sich doch vielleicht mit dem Mädchen unterhalten und vielleicht sogar ein bisschen anfreunden könnte. Immerhin ist Sam ungefähr im selben Alter wie Julianna. Zu finden sein dürfte die ältere Schwester leicht: Sie jobbt als Kellnerin in einem Restaurant am Strand, das vor allem Walbeobachter als Kunden hat.

Ethan hingegen beschließt, sich diesen Jeremy mal ansehen zu gehen. Krystle hat irgendwas davon erwähnt, dass der Junge Football spielt, also stehen die Chancen nicht so schlecht, dass er noch in der Schule ist.
Tatsächlich treibt Jeremy sich auf dem Football-Feld der High School herum. Der Junge sieht aus wie der typische Quarterback, Marke All-American Jock. Er bemüht sich sichtlich, ein Mädchen zu beeindrucken, das auf der Tribüne sitzt. Blond, hübsch, gestylt. Reich. Und ja, sie lässt sich beeindrucken. Sieht Jeremy ganz vernarrt zu.

Ethan hatte eigentlich den Jungen nur beobachten wollen, gar nicht groß mit ihm reden, aber als der sein Training beendet, geht er doch zu dem Teenager hin.
Hätte er das mal besser gelassen.

Von der ersten Sekunde an ist Jeremy auf Krawall gebürstet. Ethan hat kaum den Mund aufgemacht, die sorgfältig vorüberlegte Frage gestellt, ob der Junge Jeremy Mason sei, der Freund von Krystle Hill, da blafft der Footballspieler ihn an. Ob er etwa ein Privatschnüffler sei, den Krystle ihm auf den Hals gehetzt habe.
„Nein“, erwidert Ethan knapp, kann sich dann aber doch die Spitze und den Seitenblick auf die blonde Prinzessin nicht verkneifen. „Sollte sie?“

Ein Fehler, denn nun tobt der Junge los. „Diese eifersüchtige Irre ist ja krank im Kopf!“ Und dann, beflügelt von der Anwesenheit des blonden Prinzesschens, geht er tatsächlich körperlich auf Ethan los. Der weicht dem Tritt locker aus, ohne sich jedoch zu wehren oder eine drohende Geste zu machen – aber dann trifft ihn die direkt hinterhergeschobene Faust des Halbwüchsigen mit voller Wucht mitten ins Gesicht.

Jetzt reicht es. Ethan packt den Burschen am Kragen und schüttelt ihn. Er könnte den Typen jetzt nach Strich und Faden verprügeln, aber dafür ist er nicht hier. Und seine Art ist es auch nicht. Er funkelt den Jungen also lediglich an und zischt: „Lass das.“
Jeremy tritt nicht mehr um sich, scheint ziemlich eingeschüchtert, wenn auch nicht vollkommen. Prinzesschen zetert von der Tribüne.
„Will doch nur reden“, brummt Ethan. „Über Krystle.“
„Was soll mit Krystle sein?“ fragt der Junge, einen patzigen Ton in der Stimme.
„Läuft OK?“
„Was? Klar läuft es OK. Läuft ganz prima!“
„Mmhmm.“ Zweifelnder Tonfall. Ethan nickt mit dem Kinn zum Prinzesschen hin. „Und sie?“
„Was? Sie spinnen, ja, Mann, da läuft gar nix! Sie ist ’ne gute Freundin, weiter nichts, okay? Und überhaupt, das geht Sie gar nichts an, ich gehe zur Polizei und erstatte Anzeige wegen Angriff auf einen Minderjährigen!“

Ethan verzichtet auf die Bemerkung, dass der Junge ihn angegriffen hat und lässt Jeremys Kragen mit einem letzten angewiderten Rucken los. Das Mädchen kommt hergerannt, und die beiden machen den Abgang. Jeremys stolzierender Gang deutet von seinem Triumph, es diesem Erwachsenen so richtig gezeigt zu haben.
Super. Das ist ja ganz spitzenmäßig gelaufen. Aber was hat er auch erwartet. Schuster, Leisten, und so.

Bis Ethan beim Whale Watching Restaurant ankommt, wo er Sam treffen will, hat sein Auge ein astreines Veilchen entwickelt. Na toll.
Prompt lacht Sam ihn aus, als er sich im Restaurant zu ihr an den Tisch setzt. „Hast du dich etwa mit einem Teenager geprügelt?“
„Nein“, brummt Ethan. „Eben nicht.“
In knappen Worten schildert er seine Begegnung mit Jeremy. Dessen überdeutlicher Flirt mit dem anderen Mädchen, seine Paranoia, seine Beleidigungen gegenüber seiner Freundin – und wie er sofort grundlos ausgeflippt ist.

Die beiden Jäger sprechen nicht übermäßig laut, aber doch laut genug, dass der Grund für ihre Anwesenheit hier, ein Mädchen mit dunkelrotem Haar von vielleicht neunzehn oder zwanzig, dem Gespräch problemlos folgen kann, während sie gerade den Tisch nebenan abräumt. Julianna Hill hat dabei ein leises, amüsiertes Lächeln auf dem Gesicht, scheint aber selbst nicht groß emotional involviert, nicht mal, als sie hört, dass deren Freund ihre Schwester als „eifersüchtige Irre“ bezeichnet hat.

Als Julianna an ihren Tisch kommt, um ihre Bestellung aufzunehmen, spricht Sam das Mädchen kurzerhand auf den Handy-Vorfall in der Schule an. Ja, davon hat Julianna schon gehört, und auch, dass ein unglaublich gutaussehender FBI-Mann in der Stadt sein soll.
Sam hat dieses Smalltalk-Ding echt gut drauf. Ganz beiläufig fragt sie, ob Julianna noch zuhause wohnt, weil sie – also Sam – so Dinge über ihre Schwester gehört habe. Dass Krystle komische Sachen machen würde. Und erstaunlicherweise antwortet Julianna offen und rückhaltlos, will gar nicht wissen, warum Sam das überhaupt fragt. Ja, Krystle habe in letzter Zeit mit lauter so bescheuertem Zeug angefangen, Eso-Magazine und sowas. Sie wisse es aber nicht genau, weil das Verhältnis zwischen den beiden Mädchen nicht so das allerbeste sei. Trotzdem sei es seltsam, weil Krystle eigentlich niemand sei, der sonderlich gut oder schnell lerne – und eigentlich benutze sie normalerweise ihren Kopf zu nichts anderem, als Makeup draufzuschmieren. Aber vielleicht wolle sie ja ihrem Dad imponieren, der lese dieses Zeug nämlich auch und sammele alte Bücher.

Krystles Dad. Guter Punkt. Der ist ja auch Juliannas Dad. „Versteht ihr euch?“ wirft Ethan von der Seite ein, aber auch das hätte er wohl besser lassen sollen, denn auf die Frage macht die junge Kellnerin ein sorgfältiges Pokergesicht. „Ist halt mein Dad“, erwidert sie, und dann verabschiedet sie sich sehr schnell mit der Bemerkung, dass sie weiterarbeiten müsse. Sam steckt ihr noch schnell einen Zettel mit einer eMail-Adresse drauf zu, „falls was ist“, den Julianna etwas verwirrt beäugt, aber in die Tasche steckt, ehe sie sich verzieht.

Ethan zuckt entschuldigend mit den Schultern, aber Sam winkt ab. „Das sagt uns auch was.“
In leisem Ton erzählt die andere Jägerin Ethan dann noch, dass sie nochmal in der Pension war, um ihre Sachen hinzubringen, ehe sie ins Restaurant kam. Dort habe sie Mrs Mason nach dem Bücherzirkel gefragt, in dem Amy war. Man liest historische Romantikschmöker, Gartenbücher und Esoterisches. Alles nicht sonderlich hexenartig, aber das würden sie auch kaum zugeben, wenn dem so wäre. Jedenfalls hat Mrs Mason Sam dazu eingeladen, sich dem Lesekreis doch anzuschließen, sie sähe da „Potential“ in ihr. Was auch immer das heißen mag. Sams Einwand, sie wisse doch gar nicht, wie lange sie überhaupt in der Stadt sein werde, habe die Wirtin jedenfalls gepflegt überhört.

Nachdem sie sich wieder mit den anderen getroffen haben, erklärt Sam, es wäre doch interessant herauszufinden, ob Krystle oder ihr Vater Mitglieder in diesem Buchclub sind. Außerdem kommt die Vermutung auf, dass auf den explodierten Handys vielleicht irgendwas gewesen sein könnte, was nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte. Aber im Cloudspeicher kann Agent Saitou nur den letzten Stand von ca. 2 bis 3 Stunden vor dem Crash ausfindig machen. Und alle Daten, die sich nicht in der Cloud befinden, sind ohnehin verloren. Das war also nur mäßig erfolgreich. Naja. Nicht zu ändern.

Eines steht fest: Das Buch von den Sternenkonstellationen hat bei den Hills nichts verloren.
Bart Blackwood hat auch in der Zwischenzeit nochmal genauer seine Bücher überprüft. Er besitzt ja schon zwei aus der Reihe. Das Buch vom Dienstag widmet sich Flüchen, die direkt gegen Personen gerichtet sind, Krankheiten und solche Dinge. Der Donnerstag hingegen beschäftigt sich mit Flüchen gegen Tiere, die jemandem gehören: Reitpferde, Vieh, sowas. Vermutlich gibt es auch ein Buch, das Flüche gegen Gegenstände enthält, und vielleicht auch eines gegen Gebäude.
Ethan knirscht schon wieder mit den Zähnen, als der Gelehrte das berichtet. Wenn es nach ihm geht, gehören solche Bücher verbrannt. Allesamt. Wer weiß, vielleicht war es genau ein solches Buch, aus dem—

Nein. Den Gedanken schneidet er ganz schnell ab, ehe er ihn zuende denken kann. Das hilft jetzt nicht weiter. Aber so gar nicht.

Sam allerdings scheint in Bezug auf solche Werke ganz ähnlich zu denken wie Ethan.
„Was machst du eigentlich, wenn du so Bücher bekommst?“ fragt sie ihren Cousin.
„Aufbewahren“, ist dessen Antwort. „Ich habe eigens für diese Zwecke einen Tresor in meinem Wagen.“
„Du zerstörst die nicht?“ Der Zweifel in Sams Stimme ist nicht zu überhören.
„Das wäre vermutlich eher unklug“, erwidert Blackwood gelassen. „Dann könnte man in Situationen wie dieser, in der wir uns gerade befinden, nicht länger darauf zurückgreifen.“
„Aber was, wenn dir was passiert?“ bohrt Sam weiter.
„Dann würde sich die Familie der Objekte annehmen. Die haben Orte, wo man genau so etwas sicher unterbringen kann.“
„Klar haben sie das“, murmelt Sam in einer Mischung aus Resignation und unbesänftigtem Misstrauen, aber sie fragt nicht weiter.

„Wie sind Sie überhaupt auf das Buch aufmerksam geworden, Mr Blackwood?“ will der Agent wissen.
Es gebe da diese Auktionsplattform im Internet, erklärt der Gelehrte. So ähnlich wie eBay, aber eben für… Spezialgegenstände. Nur unter Eingeweihten bekannt.
„MagieBay“, entfährt es Ethan. Er blinzelt verlegen, während die anderen erstaunt zu lachen beginnen.
„Du solltest öfter Witze machen“, lächelt Sam ihm zu, was seiner Verlegenheit allerdings keinen Abbruch tut.
„Jetzt schüchter den armen Mann doch nicht ein“, kommt prompt von Bart.

Es ist Ethan nur recht, dass die Gruppe beinahe umgehend das Thema wechselt. Denn einen Aspekt haben sie bislang noch kaum bis gar nicht ausgelotet. Die Tatsache nämlich, dass Richard Hill der Bürgermeister hier im Ort ist und einen Wahlkampf zu führen hat. Kurze Recherche ergibt, dass die demokratische Kandidatin, Serena Dos Ojos, derzeit in den Umfragen vorne liegt und es nach momentanem Stand so aussieht, als würde sie Hill gehörig das Wasser abgraben. Das liegt vor allem daran, dass die Republikaner sich derzeit dank der spinnerten Reden eines gewissen in die Politik gegangenen Immobilien-Tycoons ziemlich unmöglich machen. Aber vielleicht auch ein bisschen an einem Zeitungsartikel, der vor kurzem veröffentlicht wurde sind und in dem Ms Dos Ojos gehörig gegen den Esoterik-Trip des Bürgermeisters wettert und Hill ganz direkt mit Donald Trump vergleicht.

Der allerdings hat sich gewehrt. Denn auch die Demokratin hat Dreck am Stecken, oder zumindest Dinge in ihrer Vergangenheit, die sich in einem schmutzigen Wahlkampf wunderbar ausschlachten lassen. Offenbar hatte Ms Dos Ojos einen etwas verschrobenen Großvater, der Augen sammelte. Fotos von Augen, Gemälde von Augen, eingelegte Augen im Glas. Und es gibt einen dem FBI bekannten Serientäter, der im ganzen Land unterwegs ist und toten Kindern die Augen herausschneidet. Und außerdem gab es auch mal einen ungeklärten Mord in einem Ort namens Bright Eyes.
Eigentlich gibt es keinerlei Verbindung zwischen dem alten Señor Dos Ojos und dem Kindermörder oder dem Bright Eyes-Typen, aber der Zeitungsartikel – natürlich, es ist ein Wahlkampfartikel – lässt es zwischen den Zeilen dennoch so aussehen. Sehr fair. Aber gut, die Demokratin hat ja mit ihrem Artikel über den Eso-Spinner Hill ja auch Schmutz gewaschen.

So oder so sollte man den Bürgermeister nochmal unter die Lupe nehmen, beschließen die Jäger. Außerdem steht ja auch noch das Gespräch mit Töchterchen Krystle aus. Agent Saitou und Bart Blackwood vereinbaren also für den Nachmittag einen Termin mit Mr Hill in dessen Büro, bei dem auch Krystle anwesend sein soll. Und Sam und Ethan wollen indessen die Gelegenheit nutzen, sich im Haus des Bürgermeisters einmal unauffällig umzusehen. Sich als von Hill beauftragte Handwerker auszugeben, sollte kein Problem darstellen; das nötige Zubehör kann Ethan aus dem Bones Gate-Haus holen.

Angetan mit weißen Overalls und je einem Werkzeugkasten in der Hand, stehen die beiden Jäger kurze Zeit später vor der Villa der Hills. Eine Haushälterin in grauer Uniform öffnet, und Sam lässt wieder ihre Überzeugungskunst spielen, während Ethan danebensteht, sie machen lässt und wie ein Handwerker aussieht.
Sam erzählt etwas vom geplanten und vom Bürgermeister beauftragten Umbau der Bibliothek. Die Haushälterin ist zwar etwas verwundert, weil sie von einem Umbau nichts weiß, lässt die beiden aber ein und führt sie zur Bibliothek. Die abgeschlossen ist. Natürlich ist sie abgeschlossen. Die Haushälterin hat keinen, aber natürlich müssen die ordentlich beauftragten Handwerker selbst einen haben, sonst könnten sie ihre ordentlich beauftragten Arbeiten nicht durchführen.
Zum Glück geht sie sich dann wieder ihren Aufgaben widmen, sodass Sam das Schloss zur Bibliothekstür knacken kann. Das tut sie sogar ausgesprochen geschickt und ohne auch nur den geringsten Kratzer zu hinterlassen. „Tadaa!“
Ethan klopft ihr anerkennend auf die Schulter.

Die Bibliothek ist innen ebenso edel eingerichtet, wie Ethan das anhand dessen, was er in der Halle von der Residenz des Bürgermeisters sehen konnte, schon vermutet hat. Viel warmes, teures Holz, auf Hochglanz poliert. Ein vornehmer Lesetisch mit bequemem Ledersessel dahinter. Regale. Und Vitrinen, weiter hinten im Raum. Viele Vitrinen. Richard Hill ist leidenschaftlicher Sammler, ganz offensichtlich. Jede Menge Erstausgaben, und in den Vitrinen – verschlossen allesamt – alt aussehende, ledergebundene Folianten. Die meisten Bücher leider ohne Beschriftung auf dem Rücken. Zeitschriften, lauter Esoteriktitel, und alle sichtlich gelesen. Und Hill scheint selbst Bücher zu restaurieren, denn es findet sich auch ein Tisch mit den nötigen Materialien, sowie ein weiterer mit Dingen, die man zum Archivieren braucht. Sam fotografiert alles, so detailliert wie möglich. Für Bart, sagt sie. Guter Plan.

Das Sternenkonstellationenbuch, dessen Aussehen Blackwood ihnen beschrieben hat, finden sie nicht. Aber dafür ein handgeschriebenes Tagebuch auf einem der Tische, das Sam einsteckt.
Und keine Sekunde zu früh, denn da kommt die Haushälterin hereingestürmt, sichtlich aufgebracht. Sie habe mit dem Büro des Bürgermeisters telefoniert, und dort wisse man nichts von einem Bibliotheksumbau. Was das zu bedeuten habe? Die beiden „Handwerker“ sollen jedenfalls die Bibliothek sofort verlassen und in der Einangshalle warten. Der Bürgermeister sei schon auf dem Weg, dann werde man das klären.
Sam und Ethan nicken höflich, machen freundliche Bemerkungen von wegen, dass sich das Missverständnis sicherlich bald aufklären werde, und tun so, als wollten sie tatsächlich im Foyer warten. Doch kaum hat die Haushälterin ihnen den Rücken zugedreht, verziehen sie sich schleunigst.

Die anderen waren indessen auch nicht untätig. Bei dem Termin mit dem Bürgermeister hat Hill offensichtlich seine politischen Muskeln spielen lassen und nur aus „Nettigkeit“ mit dem FBI geredet, obgleich er es ja gar nicht müsste. Die Herablassung hat Agent Saitou gekontert, indem er dem Mann noch extra Honig um den Bart geschmiert hat. Töchterchen Krystle hingegen war von dem feschen FBI-Mann schwer angetan und hat offen mit ihm gesprochen. Dass ihr Telefon in Flammen aufging, scheint ein echter Schock für sie gewesen zu sein, aber von Hexen hat sie schon mal etwas gehört.
Bei der Bemerkung allerdings sei ihr der Vater über den Mund gefahren, erzählt Jon. So etwas wie Hexen gebe es nicht. Und dann hätte er die Besucher ziemlich schnell aus seinem Büro hinauskomplimentiert. Dennoch konnte Jon dem Mädchen seine Visitenkarte übergeben und dem Bürgermeister noch das Eingeständnis entlocken, dass seine Familie ihm viel bedeute.

Immerhin ist es Bartholomew während des Schlagabtauschs zwischen Agent Saitou und Richard Hill gelungen, unauffällig die Runen und Glyphen vom Schreibtisch des Bürgermeisters abzuzeichnen. Jetzt untersucht der Gelehrte die Zeichen genauer. Sie sind ziemlich gut gemacht, berichtet er, und sollen wohl dazu dienen, das Amt des Bürgermeisters zu sichern. Der Mann weiß also anscheinend durchaus, was er tut.

Hills Tagebuch ist ebenfalls ziemlich interessant. Die Einträge beginnen kurz nach dem Tod von Krystles Mutter. Hill schreibt wütend, er wolle unbedingt die Hexe oder Hexen erwischen, die ihr das angetan haben. Was Ethan eigentlich nur allzu gut nachempfinden kann, aber irgendwie klingt es… falsch. Als würde der Mann nicht trauern, sondern wäre vor allem verstimmt darüber, dass jemand ihm, Richard Hill, gegenüber diese Beleididung wagt.
Krystle hingegen scheint wohl durchaus getrauert zu haben, ist aus dem Tagebuch weiter zu entnehmen. Aber damit sie damit aufhört, weil das sowieso nichts bringt, und damit sie diese nicht länger mit Drogen unterdrückt, hat der Vater anscheinend beschlossen, ihr wahre Macht zu zeigen, und sie in sein Tun, sprich die Zauberei, eingeweiht. Die nächsten Einträge berichten von ihren ersten Lernfortschritten, aber dann äußert der Vater sich zunehmend enttäuscht darüber, dass sie keinerlei Ambitionen hat, nur einzelnen Leuten für ihre persönlichen kleinlichen Ziele schaden will und dazu noch bei allen Zaubern kläglich versagt.

Weiterhin schreibt Hill von einem mächtigen, gefährlichen Buch, das er nur allzu gerne in die Hände bekommen würde. Das „Buch des Feuers“, eines der fünf großen Bücher der Hexenkunst, von denen es jeweils nur genau ein Exemplar gibt. Der Bürgermeister erwähnt Italien und eine gewisse Signora Fiora, in deren Besitz sich das Buch befinden soll. Er hat sogar ein Foto von der Hexe aufgetan, auf dem die mit ihrem Lehrling zu sehen ist, einem kleinen Mädchen von vielleicht zehn Jahren.

Bart Blackwood weicht sämtliches Blut aus dem Gesicht, als er das Bild zu sehen bekommt. Das kann er nicht verleugnen, und das will er auch gar nicht. Auf die Fragen der anderen erzählt der Gelehrte mit rauer Stimme, dass er dieses Buch vor Jahren für ein paar Wochen in seinem Besitz gehabt hatte, bis eine Unbekannte seine Buchhandlung niederbrannte. Näheres dazu sagt er nicht, aber es ist zu vermuten, dass die Brandstifterin eben genau jene Frau von dem Foto war.
Am liebsten würde er das Tagebuch behalten, um weitere Nachforschungen anzustellen. Agent Saitou allerdings bittet um eine Kopie des Fotos, da er mit seinen FBI-Möglichkeiten vielleicht mehr herausfinden kann.

Dann wendet sich das Gespräch wieder dem Bürgermeister zu. Dass der Magie beherrscht, ist inzwischen klar. Aber ob er Amy Hoover getötet hat, daran bestehen doch eher Zweifel. Immerhin schreibt er vor allem davon, seine Macht sichern zu wollen. Außerdem erwähnt er ein Ritual, das ihm gewisse Informationen über seine demokratische Konkurrentin verschafft hat, was letztendlich zu dem Artikel gegen sie führte.
Ob die Demokratin eine Hexe ist? Aber warum sollte sie dann die Frau ihres politischen Widersachers töten wollen und nicht den selbst?
Wer könnte der Frau des Bürgermeisters denn etwas Böses gewollt haben? Denn eigentlich, so scheint es, war die allseits beliebt. Vielleicht sollten sie doch nochmal versuchen, mit Richard Hill zu reden.
Sam macht den Vorschlag, man könnte Hill kontaktieren, ihm sein Tagebuch zurückzugeben und dem Bürgermeister anbieten, gemeinsam herauszufinden, wer Amy Hoover und seine Frau umgebracht hat. Denn immerhin gab es da ja deutliche Ähnlichkeiten. Bartholomew ist erst gar nicht glücklich, das Tagebuch mit den Hinweisen auf seine Feindin wieder aufgeben zu müssen, stimmt dann aber doch zu.

Irgendjemand wirft ein, dass vielleicht die nette alte Mrs Mason eine Hexe sein könnte. Immerhin hat Sam bei ihr schon gleich am Anfang gemerkt, dass sie nicht ganz die Wahrheit gesagt hat. Die sollten sie definitiv nochmal näher in Augenschein nehmen. Aber unauffällig. Und vor allem, erst mal der Bürgermeister.

Erst sollten nur die beiden Blackwoods zu dem Treffen gehen, aber dann beschließen sie, dass Ethan besser doch mitkommt. Sicher ist sicher. Agent Saitou, der sich lieber im Hintergrund halten möchte, bleibt im Auto, hört aber über Funk alles mit. Beinahe hätte Ethan grinsen müssen, als der FBI-Mann das kleine Mikrofon anbrachte. Verkabelt wie im Film.

Der Bürgermeister zieht ein Gesicht, als habe er auf eine Zitrone gebissen, als er Sam und Ethan auf den mit Bart vereinbarten Treffpunkt am Strand zukommen sieht. Persönlich kennt er sie zwar nicht, aber seine Haushälterin wird ihm die beiden „Handwerker“ schon deutlich genug beschrieben haben.
„Verstehe“, sagt er kalt. „Sie wollen mich also erpressen.“
Sam schüttelt den Kopf und wirkt wieder ihr Wunder von Überzeugungskraft.
„Wir wollen Ihnen Ihr Tagebuch wiedergeben“, sagt sie ernsthaft. „Es tut uns leid, dass wir das auf diese Weise an uns gebracht haben. Aber es war wichtig.“
Und dann erzählt sie dem Bürgermeister davon, wie ihre Freundin sie kontaktiert hat, und dass sie auf dieselbe Weise gestorben sei wie Hills Frau. Und dass sie doch vielleicht zusammenarbeiten können.

Hill hört sich das alles an, nickt schließlich. Und erklärt, dass er bereit ist, zu helfen, wenn es denn eine konkrete Spur gebe. Wenn er wüsste, wer genau die Hexen seien, dann hätte er sich schon längst um das Problem gekümmert. Denn dieser Hexenzirkel hätte schon öfters mal Leute umgebracht, aber bisher fehle jeder Hinweis auf die Täterinnen.
Warum jemand seiner Frau habe schaden wollen, kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Die sei völlig lieb und harmlos gewesen und habe für niemanden eine Bedrohung bedeutet. Nie irgendwelche Ansprüche gestellt. Die einzige, mit der sie sich nicht verstanden habe, sei seine Tochter aus erster Ehe gewesen.
Hill klingt beinahe verächtlich, als er das sagt. Als habe er seine Frau nicht geliebt, sondern sie nur als hübsches, aber dummes, Stück Dekoration betrachtet. Ethan runzelt die Stirn, bleibt aber still.

Bartholomew erwähnt das Buch des Feuers, und die beiden Männer fachsimpeln eine Weile darüber. Ethan versteht zwar längst nicht alles davon, aber dass der Bürgermeister vollkommen ins Schwärmen gerät, das kann sogar er sehen. Bart rät ihm sehr ernsthaft davon ab, dem Buch nachzujagen, zum Besten seiner Tochter. Die wird es nicht in die Hände bekommen, erwidert der Bürgermeister. Aber haben will er es. Auch er klingt sehr ernsthaft, um nicht zu sagen versessen auf das Werk. Bart wiederholt seine Warnung dennoch. Weil er selbst es vor einer Weile mal kurz gehabt habe. Mehr sagt er allerdings nicht dazu. Gut so. Ethan hätte den Gelehrten vermutlich getreten, wenn der einem Fremden, und so einem arrogant-arschigen Fremden dazu, solche persönlichen Dinge anvertraut hätte.

Ehe sie gehen, erklärt Hill noch, er werde Krystles Stümpereien jetzt unterbinden. Das FBI sei ja schon in der Stadt wegen ihres elenden Versagens. Auf seine ältere Tochter angesprochen, reagiert er gleichgültig. Von der erwartet er nichts, die geht bald aufs College. Nein, seine Jüngere ist die, auf der sein Augenmerk liegt. Was für ein fürsorglicher Vater. Brrrr.

Gut. Der Bürgermeister hat Amy Hoover also nicht auf dem Gewissen. Bleibt immer noch dieser Lesezirkel. Zu dem hat Sam ja eine Einladung. Ethan stellt allerdings fest, dass ihm der Gedanke daran nicht sonderlich gut gefällt, die kurzhaarige Jägerin da alleine reingehen zu lassen. Langsam gehen ihnen die Verdächtigen aus, und wenn es wirklich der Lesezirkel ist, dann ist das für Sam ein verdammt hohes Risiko.
Um so erleichterter ist Ethan, als Bart seiner Cousine ein Schutzamulett bastelt, das ihr gegen Flüche beistehen soll. Immerhin etwas. Und Sam wird das Kabel tragen. So können die Männer wenigstens mithören und eingreifen, falls es nötig werden sollte.

Der Literaturklub beginnt harmlos genug. Man unterhält sich über Bücher, auch über esoterische Bücher – und aus den Fragen der alten Dame, die über das Kabel kommen, wird deutlich, dass Mrs Mason Sam irgendwie zu prüfen scheint. Ob sie weiß, wovon sie redet. Ob sie das falsche Esogeschwätz von den echten Dingen unterscheiden kann. Sie kann.

Später gelingt es Sam dann wie geplant, Julianna beiseite zu nehmen und sich mit der jungen Frau zu unterhalten. Erst ist es nur Geplänkel, Belanglosigkeiten, wo Sam herkommt und wie lange sie in der Stadt bleiben will, dann schlägt die Jägerin vor, doch ein wenig an die frische Luft zu gehen. Draußen lenkt Sam das Gespräch vorsichtig auf Juliannas Familie – und wieder ist Ethan beeindruckt davon, wie vorsichtig und unauffällig sie das tut. Aber es gibt ihm auch einen kleinen Stich, denn aus Sams Stimme klingt, zumindest für Ethans Ohren, beinahe so etwas wie Sehnsucht und Resignation. Und Ethan glaubt nicht, dass Sam all das nur vortäuscht, um einen besseren Draht zu Julianna zu finden. Nein, da klingt auch eine ganze Menge echte Sam heraus, denkt er, und das tut ihm leid.

Jedenfalls lädt die Tochter des Bürgermeisters Sam irgendwann ein, bei Gelegenheit den Kräutergarten mit ihr zu besuchen. Dort scheint sie sich gern aufzuhalten, denn sie spricht mit ziemlicher Begeisterung über die Gärtnerei, erwähnt Zauber, die sie mit bestimmten Kräutern gewirkt hat. Kleine, harmlose Dinge. Aber das mit den Fröschen und den explodierenden Handys oder der Magenverstimmung in dem Starbucks war Julianna nicht. Wer es war, weiß sie allerdings auch nicht, sagt sie.
Ein leises „Echt nicht?“ von Sam, dann eine längere Pause, in der Julianna nachzudenken scheint. Schließlich spricht sie weiter, zögerlich. Wachsam.
„Krystle hat in letzter Zeit Interesse gezeigt. Aber die hat soviel Talent wie eine rohe Kartoffel. Ich werde mal mit ihr reden.“
Aus Juliannas Ton wird deutlich, dass die beiden Schwestern sich tatsächlich nicht sonderlich grün sind. Und als Sam dann vorsichtig nach Krystles Mutter fragt, friert die Stimme der jungen Frau gänzlich ein. Aus ihren stockenden Worten schält sich das Bild eines ziemlichen Biests. Einer kaltherzigen Frau, die nach außen hin freundlich tat, aber zuhause die Dienstmädchen verprügelte. Und die versuchte, ihre Stieftochter zu vergiften.
Wem Julianna das erzählt habe, fragt Sam, unendlich sanft. Was sie getan habe.
Niemand habe ihr geglaubt, antwortet Julianna mit zitternder Stimme. Und es sei immer schlimmer geworden. Irgendwann habe sie es nicht mehr ausgehalten. Da hätten sie dann ein Ritual gemacht. Und dann sei es zu spät gewesen.
„Wer, wir?“ Sams Stimme ist ein mitfühlendes Flüstern.
Eine Pause über das Kabel. Vielleicht muss Julianna überlegen, oder vielleicht hat sie auch zu jemandem hingenickt, ohne einen Namen zu nennen. Dann spricht sie weiter, tonlos.
„Vielleicht kommst du besser nicht in den Zirkel. Ich weiß, sie hat es dir angeboten, aber… überleg es dir nochmal. Vielleicht ist das nicht so gut für einen.“
Wieder eine Pause, vermutlich weil Sam nach den richtigen Worten sucht. Dann fragt sie vorsichtig nach Miss Garlick.
Das Schweigen, das nun folgt, dauert so lange, dass Ethan schon denkt, jetzt habe Sam ihre Gesprächspartnerin verloren. Aber schließlich antwortet Julianna doch, sehr leise und sehr, sehr kleinlaut.
„Wir dachten, sie sei das gewesen… das mit den Fröschen und so…“
Sams Stimme dringt so plötzlich und so heftig aus dem Lautsprecher, dass Ethan schon befürchtet, sie hat damit die anderen Mitglieder des Hexenzirkels alarmiert, ob die beiden jungen Frauen nun draußen vor der Tür stehen oder nicht. „Und dafür habt ihr sie umgebracht?!?“
Stille. Dann leises, hoffnungsloses Schluchzen.
„Es ist zu spät“, weint Julianna. „Es ist zu spät, für mich, für sie, für alle…“
„Wer ist alles in diesem Zirkel?“ will Sam wissen. Sie hat ihre Stimme wieder unter Kontrolle, klingt sanft und mitfühlend. Ethan bewundert sie dafür. Er könnte jetzt irgendwas zerreißen. Irgendwen. Aber er hängt an diesem Lautsprecher und ist nur froh, dass Julianna selbst anscheinend keine Gefahr darzustellen scheint.
„Melinda Mason…“, kommt die leise Antwort, noch immer unsicher und von Tränen erstickt. „Agatha Cardwell… und ich.“
„Nichts da.“ Sams Stimme, energisch und bestimmend. „Du nicht. Für dich ist es noch nicht zu spät. Du gehst da jetzt gar nicht mehr rein. Ich sage denen, du fühlst dich nicht gut. Und du haust jetzt ab. Verschwindest aus dieser Stadt. Du willst doch sowieso aufs College, oder? Also.“
Ein letztes Schniefen, vermutlich ein Nicken, dann Schritte.

Und dann taucht Sam am Auto auf. „Habt ihr alles mitbekommen?“
Ethan nickt. Beißt die Zähne aufeinander. Wechselt einen Blick mit Bartholomew. In den Augen des Buchhändlers glaubt er, dasselbe lesen zu können, was er selbst gerade fühlt: den übermächtigen Wunsch, in das Haus zu stürmen und Gewalt anzuwenden. Aber die Frage, ob die beiden Männer diesen Wunsch, diese Fantasievorstellung, je in die Tat umgesetzt hätten, selbst wenn Agent Saitou nicht anwesend gewesen wäre, stellt sich nicht. Denn Agent Saitou ist anwesend, und Agent Saitou mahnt zur Besonnenheit. Keine Überreaktionen. Immerhin handelt es sich um Hexen, und wer weiß, wozu die fähig sind, wenn sie sich bedroht fühlen. Siehe Ms Garlick. Da wäre es besser, wenn Sam nochmal in das Haus ginge, Juliannas Abwesenheit erkläre, wie geplant, und Interesse für den Kräutergarten zeige.

Und außerdem sollte jemand Miss Hill in Sicherheit bringen, setzt der FBI-Mann hinzu. Wo er recht hat. Bart erklärt sich bereit dazu, steigt aus und läuft der jungen Frau hinterher, die noch nicht so sonderlich weit gekommen sein kann.
Sam kehrt indessen zu dem Hexenzirkel zurück. Ethan hält den Atem an, ballt unwillkürlich die Fäuste. Aber alles geht gut. Sam hat ihre Stimme perfekt unter Kontrolle, entschuldigt Julianna und lenkt das Gespräch dann geschickt auf den Kräutergarten. Den würde sie sich gerne einmal ansehen, sagt sie, aber sie weiß leider gar nicht, wie lange sie noch in der Stadt sein wird. Ach, das macht gar nichts, erwidert Melinda Mason freundlich, morgen ist ja Vollmond, da wollten sie ohnehin dem Garten wieder einen Besuch abstatten. Gut gut, dann ist das abgemacht, lächelt Sam und pflegt noch ein paar Minuten Smalltalk, ehe sie sich auch verabschiedet.
Wieder am Auto, lässt sie sich schwer in den Sitz fallen. „Jetzt brauch ich ’n Drink.“
Ethan kann es ihr nicht verübeln. „Ich komm mit.“

Zu Ethans Überraschung schließt auch Agent Saitou sich ihnen an. Aber während Ethan mit ein paar Shots die Anspannung abzuschütteln versucht und Sam sich regelrecht betrinkt, bleibt der FBI-Mann bei Wasser. Gemeinsam grübeln sie darüber nach, wie man den Hexen am besten beikommen kann. Man könnte ihren Garten zerstören. Aber den würden sie nur wieder aufbauen, damit wäre bestenfalls etwas Zeit gewonnen. Aber wenn es Hexen sind, dann haben sie doch bestimmt Vertrautentiere, die man einfangen oder umbringen könnte, um ihnen die Magie abzugraben. Ja, fällt Sam ein, beim Buchclub hat sie zwei Tiere gesehen: eine Katze und einen Hund mit leuchtend grünen Augen. Vertrautentiere, eindeutig!

Irgendwann nimmt der Alkoholkonsum überhand, werden Ethans und Sams Antihexenpläne wirrer und führen immer öfter ins Nichts oder im Kreis herum. Man kann doch nicht einfach die armen Tiere umbringen, befindet Sam plötzlich, schon mehr als beschwipst. Gibt es Wege, den Garten so zu salzen, dass dort nie wieder etwas wächst? Aber dann würden sie einfach einen neuen Garten anlegen… Irgendwann reicht es Agent Saitou, und er fährt die beiden Jäger kurzerhand ins Hotel. Ethan ist noch beisammen genug, dass er ein Danke gemurmelt bekommt und sich sogar die Zähne putzt, ehe er ins Bett kippt. Aber als er dann einmal liegt, schläft er sofort ein und wacht erst wieder auf, als der nächste Morgen schon ein gutes Stück vorangeschritten ist.

Jonathan Saitou, der die beiden verkaterten Jäger am Mittag mit einer zu gleichen Teilen amüsiert-verständnisvollen und ungeduldigen Miene trifft, hat Neuigkeiten. Erstens: Bart Blackwood ist nicht mehr in der Stadt. Er scheint Julianna Hill tatsächlich begleitet zu haben, um sicherzustellen, dass die junge Frau sicher wegkommt. Zweitens: Jonathan war morgens schon unterwegs und hat Nachforschungen angestellt. Und zwar hat er im Stadtarchiv Bilder gefunden. Alte Bilder. Ein Jahrhundert und mehr. Bilder, auf denen Melinda Mason und Agatha Cardwell zu sehen sind. Und haargenau so aussehen wie heute, oder wenigstens nicht wesentlich jünger. Damit ist es ganz klar. Hexen. Dabei ist das älteste Foto mit Melinda darauf deutlich früher aufgenommen worden als das entsprechende mit Agatha. Kein Wunder, dass es im Ort so viele Masons gibt…

Jonathan hat außerdem herausgefunden, dass in der Stadt im Laufe der Jahrzehnte schon des öfteren mal Leute einfach tot umgefallen sind. Nicht oft. Nicht so, dass es aufgefallen wäre. Aber oft genug, dass ein Muster sichtbar wird, wenn man nur danach sucht.

Kriegsrat. Dass irgendetwas geschehen muss, ist klar. Aber, wie Agent Saitou so wortgewandt anführt, die Hexen sind immer noch Menschen, keine Monster. Kein Schwarzer Mann. Nicht mal ein religiöser Fanatiker, der mit Waffengewalt ein Diner überfällt. Alte Damen, denen die mutmaßlichen Morde nicht nachgewiesen werden können, also gibt es keine Grundlage für eine Verhaftung.

Die beiden Frauen kaltblütig zu töten, dagegen sträubt sich sich auch in Ethan alles. Das wird er nicht tun. Saitou hat recht, es sind immer noch Menschen, und wenn Ethan auch kühl und abgebrüht sein mag, sobald er mit übernatürlichem Kroppzeug zu tun hat, ein Mörder ist er nicht. Selbst wenn es hier um Hexen geht.
Man könnte sie konfrontieren. Ihnen klar machen, dass sie als Hexen erkannt worden sind. Falls sie dann angreifen, wäre alles Weitere Selbstverteidigung. Allerdings besteht da die Gefahr, dass die beiden Damen zuhören, freundlich lächeln und nicken und dann, später, denselben Fluch auf die Jäger loslassen, der auch Mrs Hill und Ms Hoover das Leben gekostet hat.
Und außerdem hält Agent Saitou gar nichts von der Selbstverteidigungstheorie. Die Frauen so lange zu provozieren, bis sie angriffen, sei einfach nur billig.
Ethan schüttelt den Kopf. So hat er den Vorschlag nicht gemeint. Aber er hat seinen Gedanken anscheinend – wie so oft – nicht ausreichend deutlich ausgedrückt. Und auch jetzt findet er nicht die Worte, nicht die Überwindung, um das Missverständnis auszuräumen.

Warte. Hexen. Deren Magie hängt doch mit ihren Vertrautentieren zusammen. Nimmt man ihnen die Tiere, verlieren sie ihre Magie. Wenn sie noch normale Menschen sind, dann werden sie die magische Schwächung spüren, aber es wird ihnen sonst nichts weiter geschehen. Aber wenn sie tatsächlich schon so lange leben, wie die Fotos zu beweisen scheinen, dann werden sie den Verlust ihrer Magie nicht überstehen. Aber dann sind sie auch keine Menschen mehr. Und das ist ein Kompromiss, mit dem Ethan leben kann.

Agent Saitou kann es allerdings offenbar nicht. „Die Tiere zu töten, damit die Hexen daran sterben, wäre genauso Mord, als würden wir ihnen Gift verabreichen, damit sie daran sterben.“
„Wenn sie Menschen sind, sterben sie nicht“, versucht Ethan es nochmal. Aber nichts zu machen. „Es wäre Mord“, beharrt Saitou.
„Was, wenn es keine Hexen wären? Sondern Terroristen?“ Ethan zögert etwas, ehe er sich auf diese lange Rede einlässt. Aber es ist wichtig. Denn irgendwie muss zu dem Bundesagenten doch durchzukommen sein. „Terroristen, die gemordet haben, weiter morden werden, die mit Sicherheit einen Anschlag planen – aber denen nichts nachzuweisen ist?“
Jonathans Gesicht zeigt keine Regung. “Es würde keinen Unterschied machen. Ohne Beweise gibt es keine Verhaftung.”

Gah! Ethan wirft resignierend die Hände in die Luft. Wechselt einen Blick mit Sam. Diesmal war sie es, die schweigend dabeigesessen hat, Ethan hat machen lassen. Er atmet durch, nickt dem Agenten zu. „Na gut“, brummt Ethan. „Müssen wir halt Beweise finden.“
Sie einigen sich darauf, sich zu trennen. Saitou will nochmal seine FBI-Ressourcen anzapfen, während Ethan und Sam sich unauffällig bei den Nachbarn umhören wollen. Sagen sie jedenfalls. Aber als der Agent gegangen ist, sehen sie einander an.
„Es muss sein, oder?“
Ethan nickt. Es gefällt ihm gar nicht, Saitou so zu hintergehen, aber er sieht tatsächlich keinen anderen Weg.
„Rattengift?“
„Rattengift.“

In der Pension ist alles ruhig. Aber Melinda Masons rotgetigerte Katze sitzt in Amy Hoovers – jetzt Sams – Zimmer auf dem Fensterbrett und betrachtet die beiden Jäger aus selbst für eine Katze leuchtend grünen und für eine einfache Katze zu intelligenten Augen. Sam packt das Fleisch aus, in dem sie vorher sorgfältig das Rattengift versteckt hat, und legt es zwischen sich und das Tier auf den Boden. „Sieh mal, was ich hier habe, Kitty“, murmelt sie der Katze zu. Die kommt mit kerzengerade in die Luft gestreckten Schwanz zu dem Köder stolziert, beschnuppert ihn – und springt dann mit einem wütenden Fauchen geradewegs auf Sam los.
Klar. Rattengift kann man nicht riechen. Aber das hier ist ein überdurchschnittlich intelligentes, magisches Vertrautentier. Da verwundert es nicht, dass es andere Möglichkeiten hat, den Köder zu durchschauen. Zumindest Ethan ist nicht wirklich überrascht; Sam jedoch scheint kurzfristig baff, dass die Katze so gar nicht auf die Täuschung hereinfällt. Ethan hechtet dazwischen, stößt Sam beiseite – und statt der kurzhaarigen Jägerin bekommt er die Krallen des Familiars in vier hässlichen, parallelen Striemen durch seine Jacke und über den Arm gezogen.

Während Ethan mit dem Vieh ringt, zieht Sam das katanaartige Schwert vom Rücken, das Ethan schon vom Roten Haus kennt, das sie aber hier in Dana Point bislang wohlweislich in ihrem alten VW-Bus gelassen hatte. Die Frage, die ihm unwillkürlich durch den Kopf schießt, wie gut sie wohl damit umgehen kann, beantwortet Sam im nächsten Moment, als sie die Waffe hebt, sorgfältig zielt und dann das Vertrautentier geschickt damit aufspießt, ohne Ethan gleich mit abzustechen. Der Schrei, den die Katze dabei von sich gibt, klingt beinahe wie der eines Menschen. Sie zappelt einen Moment lang auf der Klinge, dann wird sie still. Und beginnt zu verrotten, unnatürlich schnell. Nach Sekunden schon liegt nur ein von Fleischfetzen bedecktes Skelett auf dem Boden, in einer Lache von … Etwas. Der Gestank ist abscheulich. Brrr. Besser nicht atmen, oder nur ganz flach.

Sam wischt ungeduldig das Schwert ab, dann eilen sie die Treppe hinunter. Im Erdgeschoss finden sie die Überreste von Melinda Mason, ebenso zum Skelett verrottet wie ihr Familiar. Weg hier. Beim Hinausgehen schnappt Sam sich noch das Gästebuch – immerhin steht ihr Name darin -, und dann gehen sie so ruhig und unauffällig wie möglich zu Sams Bus. Im Auto fischt Sam eine Flasche Jack Daniels von der Rückbank, nimmt einen tiefen Schluck und reicht die Flasche dann an Ethan weiter, der ebenfalls einen Schluck trinkt. „Bäh.“

Allzulange warten müssen sie nicht, denn knapp eine Viertelstunde später stürmt, sichtlich aufgebracht und vorgewarnt, Agatha Cardwell in die Pension. Ihren Hund hat sie auch dabei. Natürlich.
Ethan sieht Sam an. „Rein?“
Sie nickt. „Muss ja. Und Hexe oder nicht, sie ist eine alte Frau, und wir sind zwei junge Leute. Also rein.“
Beim Hineingehen schnappt Ethan sich noch schnell einen Spaten, den irgendwer im Vorgarten vergessen hat. Es ist kein Vergleich mit seinem Gewehr, aber das liegt zuhause in Burlington, und so ist der Spaten besser als nichts.

Als die Hexe sie zu Gesicht bekommt, kreischt sie wütend auf. Ihre Züge sind verzerrt, und ihr Körper wirkt irgendwie verformt. Und vor allem Agathas Schatten hat rein gar nichts Menschliches mehr. Auch der Hund sieht nicht mehr aus wie das kleine Schoßhündchen von zuvor, sondern er ist jetzt eine deutlich größere, geifernde Bestie. Ethan durchfährt dennoch unwillkürlich so etwas wie Erleichterung bei diesem Beweis für die Monsterhaftigkeit der Hexe.

Wutentbrannt funkelt Cardwell die beiden Jäger an. Sie hebt die Hand und deutet auf Ethan, spuckt Worte in einer fremden Sprache in seine Richtung. Böse Worte. Brennende Worte. Wenn sie fertig ist mit Ausspucken, wird ihm etwas geschehen, das weiß er, und nichts Gutes. Er kann sich denken, was. Sie darf ihren Zauber nicht beenden.
Aber der Hund fällt Ethan an, als der sich gerade auf die Hexe stürzen will. Sam übernimmt für ihn, springt gewandt über das Tier auf Cardwell zu. Ethan kann ihr nicht helfen, muss sich selbst des Hundes erwehren. Immerhin hat die Hexe ihren Zauber gegen Ethan unterbrochen – aber nun lenkt sie ihre Magie auf die andere Jägerin. Nichts auf Anhieb Tödliches, zum Glück, aber selbst Ethan wird von der Woge der Furcht gestreift, die plötzlich von der alten Frau ausgeht, und er ist nicht mal das Ziel des Spruchs. Sam hingegen ist es, und Sam wird davon so getroffen, dass sie zögert. Ihr Angriff fehl geht. Die Hexe bellt Worte, gegen Sam gerichtet. Keine direkte Auswirkung, Himmel sei Dank.

Der Hund schnappt zu, aber Ethan gelingt es, ihm seinen Spaten zwischen die Zähne zu rammen. Beiß da drauf, Mistvieh!
Sam hat sich indessen wieder gefasst, reißt die Hexe zu Boden. Kniet auf ihrer Brust, presst ihr die Luft zum Atmen ab. Und zum Zaubern.
Sofort lässt der Hund Ethan in Ruhe, springt auf die Gefahr für seine Meisterin zu. Schlägt seine Fänge in Sams Arm, drängt sie von Cardwell herunter, die sofort wieder zu einer Beschwörungsformel ansetzt. Ethan, jetzt wieder frei, setzt der Bestie nach. Prügelt den Hund mit dem Spaten von Sam weg. Die Hexe beendet ihren Zauberspruch, aber wieder scheint der Fluch Sam nichts anzuhaben. Bitte keine verzögerte Reaktion. Bitte!
Das Schwert der Jägerin saust durch die Luft. Durchtrennt sauber den Hals des Hundes. Die Bestie sinkt zusammen, beginnt zu verfallen, wenn auch nicht ganz so schnell wie Melinda Masons Katze, und Agatha Cardwell im selben Maße. Es dauert entsprechend länger, aber bald sind auch von der zweiten Hexe und ihrem Vertrautentier nur noch die Skelette übrig.

Beide Jäger atmen flach, hastig. Ethan sieht besorgt zu Sam, die mit etwas zittrigen Fingern wieder ihre Klinge säubert.
„Bist du ok? Der Fluch?“
Sam tastet nach dem Amulett von Bart, das ihr an einem Lederbändchen um den Hals hängt. Es sieht aus, als habe es im Feuer gelegen. Angesengt. Irgendwie verdorrt. Leer.
Mit einem erleichterten Lachen nimmt die junge Jägerin es ab, wiegt es nachdenklich in der Hand. „Scheint, als hätte es funktioniert…"
Puh.

Sie können hier nicht bleiben. Agatha Cardwells schreckliches Geheul, das Gebell ihres Hundes, wird nicht unbemerkt geblieben sein. So unauffällig es geht, ziehen die beiden Jäger sich zurück.
Im VW-Bus fahren sie zu dem Kräutergarten, den Sam heute abend – ha – mit dem Zirkel hätte besuchen sollen. Etliche der Gewächse dort sind völlig verdorrt, offensichtlich magische Pflanzen, die das Ableben der Hexen nicht überstanden haben. Die beiden Jäger gehen kein Risiko ein, zerstören auch von den übrigen Pflanzen schnell noch alles, was geht.
Sam schlägt vor, für eine Weile aus der Stadt zu verschwinden. Die Polizei wird sicherlich nach ihnen suchen – vor allem, da Agent Saitou genau wissen wird, was sie getan haben. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass der Agent Ärger von ihnen abhalten wird – im Gegenteil. So vehement, wie der FBI-Mann gegenargumentiert hat, ist es nicht ausgeschlossen, dass er versuchen wird, sie hinter Gitter zu bringen.
Aber Ethans Auto steht noch vor dem Hotel. Und er hat noch das Zimmer. Und er muss seine Arbeiten an dem Haus von Bones Gate beenden. Na gut, das kann er auch im Frühsommer noch, ehe die Studenten kommen, aber er sollte zumindest seine Sachen holen. Verdammt.
Okay, das Zimmer ist für eine Woche gebucht. Da wird es nicht groß auffallen, ob er es tatsächlich nutzt oder nicht. Wird schon gehen. Muss.

Sam setzt ihn an seinem Auto ab, dann verlassen sie den Ort getrennt. Sie treffen sich wieder an einem kleinen See außerhalb der Stadt. Sam hat unterwegs noch ihren Cousin informiert, dass Julianna keine direkte Gefahr mehr droht, sagt sie. Gut.
Juliannas Vater, der Bürgermeister, wird aus den Geschehnissen wohl ebenfalls seine Schlüsse ziehen. Dass sie einen praktizierenden Magier – eigentlich könnte er auch gleich ‘Hexer’ sagen – in Dana Point zurücklassen, und zwar einen ziemlich egozentrischen und skrupellosen, der sich weiterhin im Besitz des Freitags-Buchs befindet, gefällt Ethan auch nicht sonderlich. Aber das ist jetzt ebenso wenig zu ändern wie alles andere. Seinen Wahlkampf wird der wohl auch gewinnen, so kompetent wie seine Runen zur Machtsicherung gezeichnet waren. Irgendwas wird passieren. Hoffentlich nichts weiter, als dass Serena Dos Ojos in der Wählergunst sinkt, und nicht, dass ihr körperlich etwas zustößt, aber Ethan kann es förmlich in den Knochen spüren, dass Hill sein Amt behalten wird. Verdammt.

In ein paar Tagen muss Ethan nach Dana Point zurück. Aus dem Hotel auschecken, den Mietwagen abgeben, einen ganz normalen Anschein erwecken eben. Wobei das alles nichts hilft, wenn Agent Saitou Sam und ihn auf die Fahndungslisten gesetzt hat. Dann werden sie ihn spätestens am Flughafen abfangen. Und wenn er tatsächlich verhaftet werden sollte, dann kann er nichts weiter tun, als darauf zu hoffen, dass die vermoderten Überreste der beiden Hexen so unerklärlich sind, dass die Polizei einen Mord ausschließt. Egal. Es ist, wie es ist. Über diese Brücke muss er gehen, wenn er hinkommt.

Fürs Erste campen die beiden Jäger jedenfalls an dem kleinen See. Lecken ihre Wunden, die körperlichen wie die seelischen. Aber es ist eine seltsame Zeit. Ethan ertappt sich dabei, wie er Sams Gesellschaft mehr und mehr schätzen lernt, ja sich geradezu darüber freut. Wie er eine unverkennbare Elektrizität fühlt, wann immer sich ihre Hände versehentlich berühren.
Nein. Das geht nicht. Das darf nicht sein. Ab diesem Moment achtet er strikt darauf, seine Distanz zu ihr zu wahren. Was das elektrisierende Kribbeln, wenn er sich einmal vergisst und ihr doch zu nahe kommt, nicht besser macht.

Er hätte damit rechnen müssen. Und doch versetzt es ihm einen heftigen Stich, als er am dritten Morgen aufwacht und sein Mietwagen allein auf der Wiese am See steht. Von Sams VW sind nur noch ein paar schwache Reifenspuren im Gras zu sehen. Es schmerzt ihn. Aber gleichzeitig ist er erleichtert. Es ist ohnehin an der Zeit, aufzubrechen.

Unter Ethans Scheibenwischer klemmt ein Zettel. „Melde dich.“

View
Das Wachsfigurenkabinett in Billings
Lyle, Coco und Chloe

Es war nicht schwierig, von Victoria nach Billings zu kommen. Hatte ein paar Wochen gebraucht, klar, aber so eilig hatte es Lyle gar nicht. Es gab ja niemanden, der ihn angetrieben hätte. Er verbummelte ein paar Tage hier, ein paar Tage da, machte Tagelöhnerjobs oder half einem Bauer mit seiner Kuh. Ehrlich, der Kerl hatte keinen Schimmer von Kühen – warum er unbedingt Bauer sein wollte, war Lyle schleierhaft. Aussteigen, hatte er gesagt. Weg vom Stress der Großstadt. Jetzt hatte er halt Stress mit Kühen, aber er war wild entschlossen, das alles großartig zu finden. Waren ein paar lustige Tage, und Lyle wusste jetzt, was eine Playstation ist.

Danach fuhr er mit einem Trucker bis zu einer Tankstelle in der Nähe von Billings. Dort traf er einen jungen Mann in einem geschniegelten Anzug, der ihn ein bisschen an Agent Saitou erinnerte. Der hatte ein Problem, weil das Kreditkartengerät nicht ging, und er kein anderes Geld hatte. Der Tankstellenmensch meinte zwar, die Polizei könnte das klären, aber der Anzugmann hatte es eilig und wurde immer nervöser.
Lyle hatte gerade ein bisschen Geld in der Tasche und bot ihm an, das Benzin zu bezahlen, wenn der andere ihn mit nach Billings nehmen würde. Der schaute erleichtert drein und nickte enthusiastisch. Unterwegs erfuhr Lyle, dass Thomas Controller war (den Begriff kannte er bis dahin nur von der Playstation, aber das war sicher nicht dasselbe), dass er ein sehr wichtiges Vorstellungsgespräch hatte und deswegen so nervös war, dass Thomas‘ Verlobte nicht sicher wusste, ob sie nach Billings ziehen wollte, und dass Thomas sich fragte, ob er in Montana überhaupt einen guten Soy Latte bekommen könnte. Als Thomas mitbekam, dass die Tankfüllung fast Lyles gesamtes Geld aufgebraucht hatte, hielt er an einem Geldautomaten an, holte viel mehr Geld, als Lyle für ihn gezahlt hatte, und gab es dem Jungen. Netter Kerl. Hoffentlich bekam er den Job, und seinen Soy Latte auch.

Es war eigentlich ganz einfach, nette Menschen zu treffen. Man musste nur wissen, wie man die Leute nehmen musste – manche wollten reden, andere wollten zuhören, manche wollten nur ihre Ruhe. Lyle war ziemlich gut darin, Leute zu verstehen und sich so zu benehmen, dass er bekam, was er wollte. Das hatte selbst damals auf der Farm funktioniert, nur nicht bei Elder Winters. Dem konnte er es nie recht machen. Aber der saß jetzt im Gefängnis, und Agent Saitou hatte gesagt, sie würden den Schlüssel zu seiner Zelle wegwerfen.

Billings war eine ziemlich große, lebendige Stadt. Das Café bei der Universität, in dem Lyle mit Allie verabredet war, fand er leicht. Leider war Ally gar nicht da, stattdessen war Coco gekommen. Lyle war ein bisschen enttäuscht. Er hatte sich auf Ally gefreut, aber Coco war auch nett. Sie erzählte, Ally wäre krank, und als Lyle besorgt fragte, was sie denn hat, meinte sie, „Männerschnupfen“. Diese Krankheit kannte Lyle nicht, also fragte er, ob das gefährlich wäre. Coco verdrehte die Augen und sagte „Tödlich“, aber ganz offensichtlich meinte sie das nicht ernst.
Gemeinsam besuchten sie Ally, die eine ganz normale Erkältung hatte – kein schwerer Husten, kein hohes Fieber – und die eigentlich nur ihre Ruhe haben wollte. Trotzdem, es war schön, sie gesehen zu haben.

Nachdem die beiden wieder draußen standen, schlug Coco vor, einen Jahrmarkt besuchen zu gehen. Lyle erinnerte sich daran, wie Elder Hassalee über Jahrmärkte als Pfuhl der Sünden und Abgrund der Abscheulichkeiten gewettert hatte, also sagte er natürlich ja.

Lyle hatte noch nie einen Jahrmarkt gesehen. Das war vielleicht interessant! So viele Sachen, die man anschauen konnte! Eine Fahrbahn, auf der man versuchen konnte, sich gegenseitig umzufahren. Eine Bude, an der man auf Rosen schießen konnte, und wenn man traf, durfte man die Rose behalten. Ein Spiegel, in dem man sehr unförmig aussah, und ein Hammer, mit dem man auf eine kleine Plattform hauen durfte, um zu sehen, wie stark man war.
Es roch richtig gut, vor allem nach Popcorn. Popcorn hatten sie auf der Farm auch gemacht, aber nur ganz selten. Coco allerdings fand Popcorn langweilig und kaufte Lyle stattdessen eine Tüte Churritos. Die waren extrem scharf, und Coco lachte Lyle aus, weil der so rot anlief. Aber nachdem er sich ein bisschen daran gewöhnt hatte, schmeckten sie eigentlich ganz gut.
Schließlich kamen sie bei der Hauptattraktion an: Das Wachsfigurenkabinett, das heute wiedereröffnet werden sollte. Lyle hatte zwar nur eine vage Idee, was das sein könnte, aber das würde er ja sehen.

Zunächst sah er eine Traube Reporter, die um einen Mann herumstand. Das war der Besitzer des Jahrmarkts, Clifford Jones, der munter erzählte, dass das Kabinett eine tolle neue Attraktion für seinen Jahrmarkt wäre, der ohnehin schon ziemlich großartig sei, aber jetzt eben noch besser. Eine magere junge Reporterin fragte ihn, warum das Kabinett so lange geschlossen gewesen sei, und er erklärte, er habe die Figuren wohl vergessen und vor kurzem wiederentdeckt. Dann redete er noch ein bisschen weiter über die Figuren, die man hier sehen konnte: Die Berühmtheiten Montanas, der Vereinigten Staaten und der ganzen Welt. Coco wusste aber auch nicht, was für berühmte Leute es in Montana gegeben hatte. Endlich war Mr. Jones fertig und die Leute durften rein – Reporter mit Presseausweis hatten freien Eintritt.
Coco drückte Lyle kurzerhand Allys Presseausweis in die Hand und sagte ihm, vermutlich würde niemand auf das Bild achten. Besonders ähnlich sah Lyle Ally nämlich nicht. Das war aber kein Problem: Lyle redete ein bisschen mit Mr. Jones, während er den Ausweis kurz zeigte, und der Jahrmarktdirektor beachtete die Plastikkarte gar nicht.

Drinnen standen überall Figuren aus Wachs – lebensgroß und lebensecht. Direkt im Eingang sah Lyle als erstes eine Gestalt, die Mr. Jones bis aufs Haar glich, sie hatte sogar fast die gleichen Kleider an. Nur die Augen waren nicht lebendig.
Außer Mr. Jones gab es noch etwa zwei Dutzend andere Figuren. Manche hatten moderne Kleidung an, andere eher altmodische oder sehr merkwürdige. Lyle erkannte keine davon, außer Abraham Lincoln. Über den hatte Elder Saffron auf der Farm geredet: Ein jüdischer Präsident, der Gott und die Freiheit hasste und Nigger liebte. Der Süden hatte sogar Krieg gegen ihn geführt, weil er ihnen vorschreiben wollte, wie sie zu leben hatten. Aber nach allem, was auf der Farm so passiert war, fand Lyle ein paar Vorschriften gar nicht so schlecht.

Coco lief herum und machte lauter Fotos von den Figuren. „Gruselig“ sollten die werden, für ihren Abschlussfilm. Na, ein bisschen gruselig waren Dinger ja schon, weil sie so lebensecht aussahen und so unbeweglich herumstanden, wie Tote. Aber Lyle spürte keine Geister.
Während Coco ihre Bilder schoss und Aufnahmen machte, streifte Lyle durch die Gegend und versuchte, unauffällig die Schilder bei den Figuren zu lesen. Er stand gerade bei Sherlock Holmes und entzifferte das Wort „Privatdetektiv“, als ihn die magere Reporterin ansprach. Die wäre echt hübsch gewesen, wenn sie etwas mehr Fleisch auf den Knochen gehabt hätte. Hatte Mr. Blackwood nicht gesagt, die Leute hätten normalerweise genug zu essen? Die hier schon mal nicht.

Sie hieß Chloe und hatte den Ausweis gesehen, mit dem Lyle in die Ausstellung gekommen war. Nun war sie aber hier, um sich mit Ally zu treffen, weil ihre Kamera merkwürdige Dinge fotografieren konnte, Dinge, die man mit bloßem Auge nicht sah. Coco schien das interessant zu finden, schaute auch durch den Sucher und behauptete dann, Lyle würde irgendwie leuchten. Aha. Lyle zuckte die Achseln und wechselte das Thema. Er hatte keine Lust, darüber zu diskutieren, warum das so sein könnte. Glücklicherweise waren die beiden Frauen leicht abzulenken.

Später machte das Kabinett zu und Mr. Jones scheuchte Chloe, Coco und Lyle nach draußen. Die Frauen tauschten noch Telefonnummern aus, Chloe fragte nach einem Hotel und Coco empfahl ihr eins. Lyle bot sie an, er könnte bei ihr übernachten, wenn er sich im richtigen Moment umdrehen würde. Das verstand er nicht, aber sie meinte lachend, das werde er schon merken.
So ganz wohl war ihm ja nicht in dem winzigen Zimmer mit der jungen Frau zusammen. Wenn Männer und Frauen zusammen im Zimmer waren, konnten grausige Dinge passieren – angeblich war das nur dann Sünde, wenn sie nicht verheiratet waren, aber nach allem, was seine kleine Schwester erzählt hatte, war es auch dann schlimm. Lyle hatte als kleiner Junge mal seinen… Elder Winters und seine Stiefmutter dabei gesehen, und daraufhin musste er sich die Augen mit Seife auswaschen.

Jedenfalls wollte er sich eigentlich von sowas fernhalten, aber das war nicht so einfach, weil Coco vor dem Schlafengehen plötzlich ihr T-Shirt auszog. Das war ihm unglaublich peinlich – da hätte er sich wohl wegdrehen sollen – aber andererseits war es auch irgendwie aufregend. Er hatte ihre Brüste gesehen!

Nach einer unruhigen Nacht, zumindest für Lyle, hörten sie beim Frühstück im Radio von Vandalismus beim Jahrmarkt. Sie waren nicht die einzigen, die das interessant fanden, denn kurz nach der Meldung rief Chloe bei Coco an und fragte, ob sie sich nicht treffen wollten. Klar, wollten sie, also ging es wieder zum Jahrmarkt.

Dort stand Mr. Jones und zeterte ein paar Polizisten an. Auf den ersten Blick sah nichts besonders kaputt aus, aber Chloe meinte, sie hätte einen Riss in dem Haus gefunden, in dem die Wachsfiguren untergebracht waren. Seltsam!
Nachdem die Polizisten weg waren, sprach Lyle Mr. Jones an. Was denn passiert wäre, fragte er. Schreckliche Dinge, erklärte Mr. Jones, schreckliche Sachen: Üble Vandalen waren ins Wachsfigurenkabinett eingedrungen und hatten dem Abbild von Mr. Jones den Kopf abgeschlagen. Der Jahrmarktdirektor war sehr aufgebracht, aber für die neugierigen jungen Leute war das nur gut, denn er erlaubte ihnen, sich schon jetzt im Kabinett umzuschauen.

Ohne Leute und richtiges Licht war der Raum mit den Wachsfiguren einigermaßen unheimlich. Die sahen einfach so echt aus! Während Chloe und Coco Bilder machten (vor allem von dem abgeschlagenen Kopf), sah sich Lyle um. Ihm fiel auf, dass die Sherlock-Holmes-Figur sich verändert hatte: Die Pfeife steckte nicht mehr im Mund des Wachsmannes, sondern in seiner Tasche. Die rechte Hand, mit der er sie gehalten hatte, hing jetzt locker neben seinem Körper herunter. Außerdem entdeckte Lyle, dass die Feueraxt, die gestern noch an der Wand hing, fehlte.

Er berichtete den beiden Frauen von seiner Entdeckung. Natürlich wollten sie sich das auch ansehen, und nach ein paar Minuten fand Chloe tatsächlich die Feueraxt, die versteckt an der Wand lehnte. Das Axtblatt war mit einer feinen Schicht Wachs verschmiert. Das stammte vermutlich von dem Hals der Jones-Figur – Coco meinte, das müsste die Tatwaffe sein.
Dann fand Chloe weitere Wachsspuren am Griff der Axt. Lyle vermutete, dass es vielleicht eine Wachsfigur gewesen sein könnte, die Mr. Jones‘ Abbild geköpft hatte. Chloe und Coco brauchten einen Moment, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, aber das war zumindest eine Erklärung, die zu den ganzen Fakten passte.

Mr. Jones äußerte die Vermutung, sein Konkurrent Matthew Gideon könnte hinter dem Angriff stecken. Das war ja nicht von der Hand zu weisen, daher machten sich die drei jungen Leute auf, um Mr. Gideon einen Besuch abzustatten. Aber sie fanden nicht viel heraus, außer dass Gideon ein schmieriger Kerl war, der verzweifelt versuchte, sympathisch zu wirken. Er tat Lyle ein bisschen leid, weil ihm das überhaupt nicht gelang. Die beiden Frauen fanden ihn armselig.

Gegen Abend versteckten sich Lyle, Chloe und Coco im Wachsfigurenkabinett. Es leuchtete ja ein, dass da nachts Dinge vor sich gingen. Chloe wurde zwar dabei erwischt, wie sie versuchte, sich hinter einer Säule zu verstecken – sie war zwar mager, aber nicht so mager – und aus dem Haus komplimentiert, aber Lyle und Coco ließen sie später einfach wieder rein.
Sie mussten eine Weile warten. Lyle war sehr erleichtert, dass die jungen Frauen ihre Kleider anließen und nur Fotos von dem dunklen Raum machten. Junge, war das gestern peinlich gewesen! Allein bei dem Gedanken schoss ihm das Blut ins Gesicht.
Sie untersuchten die Sherlock-Holmes-Figur erneut. Dabei nahm ihm Chloe die Pfeife weg und steckte sie Dirk Benedict in die Tasche. Der trug eine ziemlich absurde Jacke und hielt einen komischen Helm unter dem Arm, aber offenbar war er ein Schauspieler. Soweit Lyle wusste, trugen die gern merkwürdige Kleidungsstücke.

Schlag Mitternacht tat sich dann etwas: Es kam Leben in die Wachsfiguren. Das waren immer noch keine Geister, aber trotzdem fingen sie an, sich zu bewegen und von ihren Podesten zu steigen.
Coco erstarrte wie ein Reh im Scheinwerferlicht, und Chloe schrie erschrocken auf. Als die Wachfiguren den Schrei hörten, drehten sie sich um und kamen auf die drei Eindringlinge zu.

Lyle trat ihnen entgegen. Das war wirklich eine Situation, wo Reden wichtig war. Er begrüßte sie also höflich und erklärte, sie wären hier, um die Sache mit der geköpften Figur aufzuklären. Sherlock Holmes ergriff das Wort und sagte, der hätte es schon verdient. Evel Knievel lachte höhnisch auf.
Aber die meisten Wachsmenschen waren friedlich. Es stellte sich schnell heraus, dass Evel Knievel die Clifford-Jones-Figur geköpft hatte, weil er eifersüchtig war. Erst vergaß Mr. Jones die ganzen Wachsleute im Keller, und dann setzte er ihnen auch noch dieses Ding vor die Nase, ausgerechnet auf den besten Platz! Das wollte sich Evel Knievel nicht bieten lassen!
Andere Personen waren besonnener. Mit der Unterstützung von Sherlock Holmes und Abraham Lincoln konnten Lyle, Chloe und Coco den aufgebrachten Wachsmann schließlich überzeugen, dass Gewalt hier die falsche Lösung war. Nachher hatte Mr. Jones die Nase voll von der ganzen Sache und stellte sie wieder in den Keller! Oder warf sie gar auf den Müll! Das wollte nun wirklich keiner.

Nachdem sie die Sache mit der Feueraxt und dem abgeschlagenen Kopf geklärt hatten, durften Coco und Chloe noch einen Haufen Bilder von den Wachsleuten machen. Das freute vor allem Coco immens, weil das für ihren Abschlussfilm ganz großartiges Material war; vor allem, als Evel Knievel sichtlich vergnügt Sherlock Holmes würgen durfte.

Um ein Uhr nachts kletterten die Wachsfiguren schließlich wieder auf ihre Podeste und erstarrten. Mal schauen, ob morgen jemand merken würde, dass Dirk Benedict jetzt die Sherlock-Holmes-Pfeife im Mund hatte.
Lyle und die beiden anderen versprachen den Figuren, bald wieder zu Besuch zu kommen, und mit Mr. Jones wegen dem besten Platz zu reden. Vielleicht könnte er ja ab und zu eine andere Figur auf die Position stellen.

Das Gespräch mit Mr. Jones verlief soweit ganz gut. Der Jahrmarktdirektor glaube zwar nicht so recht, dass seine Figuren zum Leben erwachen, aber er war trotzdem bereit, hin und wieder eine andere Wachsgestalt an die Stelle ganz vorn am Eingang zu stellen. Außerdem gab er Lyle einen Job als Hilfsarbeiter auf dem Jahrmarkt – also konnte Lyle noch eine Weile in Billings bleiben und dort vielleicht sogar überwintern. Und Ally treffen. Darauf freute er sich am meisten.

View
Weihnachtstrauma

Ich sitze in einer niedlichen Pension voller Rüschendeckchen und Nippes beim Frühstück, als mir zum zweiten Mal innerhalb einer überschaubaren Zeitspanne das Gebäude der Holy Trinity Academy ins Auge sticht. Die Wirtin kümmert sich rührend um mich. Sie hat deutsche Vorfahren und stellt mir zielsicher alle Speisen auf den Tisch, um die ich beim Frühstück immer einen Bogen mache. Salami, Käse, Essiggurken, Pumpernickel, Brühkaffee mit Kondensmilch. Wenigstens gibt es Konfitüre. Erdbeer. Wenn auch gekauft. Selbst der Fernseher, der schräg über mir schwebt, ist von einem rosa Vorhang eingerahmt. Ich bringe es nicht übers Herz, nach Tee und Toast zu fragen. Auf dem Bildschirm munkelt ein hipsterbärtiger Jungreporter mit Grabesstimme von den düsteren Geschichten, die sich um diese Örtlichkeit ranken.
Ich erkenne das Haus aus einem schon älteren, ziemlich kindischen Video von TrueBeliever und Miss Munroe, in dem absolut nichts spektakuläres passiert ist. Ganz so harmlos scheint die verlassene Schule jedoch nicht zu sein, denn es sind vor wenigen Tagen vier Teenager dort verschwunden. Die klassische Mutprobe. Jungs wollen Mädchen beeindrucken, brechen mit ihnen nachts in ein leerstehendes Gebäude ein, nur kommen sie nicht mehr heraus.

Eigentlich sind solche Rettungsmissionen nicht mein Stil. Wahrscheinlich sind die Kinder auch nicht im Haus verschwunden, sondern außerhalb, nachdem sie es wieder verlassen haben. Aber es ist Weihnachten. Ich vermute, dass kein anderer Jäger in der Nähe ist oder Zeit hat, bzw. diejenigen, die frei wären, ihre Zeit damit totschlagen, sich in einem Roadhouse die letzten Gehirnzellen in alkoholischer Lösung zu extrahieren und sich gegenseitig Ärger zu machen. (Nie, nie wieder werde ich mich in der Zeit um Weihnachten in der Nähe eines Roadhouses aufhalten.)
Es tut mir nicht besonders leid, auf das große Familientreffen zu verzichten. Mutter und ich würden uns nur die ganze Zeit krampfhaft gute Laune vorheucheln, um zu überspielen, wie schlecht wir es ertragen, Vater in seinem Zustand im Rollstuhl an der großen Tafel sitzen zu sehen. Auch verspüre ich keinerlei Bedürfnis danach, der Feiertage wegen nett zu Ian oder Onkel Howard zu sein.
Bevor ich mir die Zeit mit Giffany vertreibe und irgendetwas Dummes anstelle, weil sie mir zum X-ten Male eine japanisierte Version von Last Christmas antut, kann ich mir auch einmal eine höhere Knabenschule der amerikanischen Art von innen ansehen. Nicht, dass ich gesteigerten Wert darauf lege, an lang vergessene Erinnerungen zu rühren, aber irgendwer muss ja doch nachsehen. Und für mich ist es ein Katzensprung.

Baltic, Connecticut. Das schmucklose Motel ist nach der Pension in Rosa eine Wohltat für die Augen.
Ich lehne am Tresen der Rezeption und warte auf das Auftauchen eines Menschen, der mir ein Zimmer vermieten möchte, da befällt mich wieder dieses Prickeln im Nacken, das ich zuletzt in Chicago spürte, als ich Barry Jackson zum ersten Mal sah. Er starrte mich durch die Glasscheibe des Quarantäneraums so intensiv an, dass ich den Blick im Rücken spüren konnte. Als ich mich umdrehte, war mein erster Gedanke: Killer. Er stand da wie ein einarmiges Raubtier, das zum Sprung ansetzt. Alles an ihm sagte: „Mach nur eine falsche Bewegung und ich komme durch die Scheibe.“ Ich war ernsthaft beunruhigt, was sich daran zeigte, dass ich erstmal die Krankenschwester fragte, wer der Typ wäre. Normalerweise hätte ich mich in meiner Rolle als geschäftige Ärztin einfach umgedreht und ihn gekonnt ignoriert.
Sie sagte, der Mann sei mit einem der komatösen Jungen verwandt. Ich dachte mir, Vater wäre auch so dagestanden, mit dem gleichen wölfischen Ausdruck im Gesicht. „Fass mein Junges an und du bist Asche.“ Und auch ich hätte das gleiche Gesicht aufgesetzt, wenn ein Unbekannter an Vaters Krankenbett gestanden hätte. Trotzdem wollte ich nicht ganz daran glauben, dass jemand, der mit mindestens zwei gut sichtbaren Schusswaffen in ein Krankenhaus geht, wirklich seine Familie besucht. Vielleicht habe ich einfach nur zu sehr von mir auf andere geschlossen. Aber ganz Unrecht hatte ich nicht. Er war ja auch als Detektiv da. Ich trat damals die Flucht nach vorn an, stellte mich höflich vor und versuchte, ihn mit Lächeln zu entwaffnen. Danach war alles ganz einfach. Nur nicht, weil mein Lächeln so gut gewirkt hätte. Er hörte meinen Namen und sagte, wir hätten bereits miteinander wegen Bianca telefoniert. Das sagte er mit dieser unvergesslich rauen, kehligen Stimme, die durch und durch geht, genauso wie der Killerblick, den ich im Genick spüre.

Ich drehe mich um und bin nicht besonders überrascht, dass das Kribbeln auch wieder den gleichen Auslöser hat. Diesmal sieht er nicht ganz so aus, als würde er mich gleich anspringen wollen. Nur… aufmerksam. Ich lächle. „Barry!“
Zeitgleich sehe ich eine weitere Gestalt, die ich kenne. „Ethan!“ Ihn zu sehen, freut mich sehr. Wir haben auf die kurze Zeit, die wir uns kennen, schon ganz schön was gemeinsam durchgemacht. Und es war gute Zusammenarbeit. Ich mag seine stille Präsenz, seine praktische Ader und seine stoische Art, Unbill hinzunehmen. Herrje, ich mag sogar die ewige Kippe in seinem Mundwinkel. Der Junge ist schwer in Ordnung. Und wenn er hier ist, kann es nur den einen Grund haben. St. Trinity.

Ich weiß nicht recht, wem ich zuerst die Hand geben soll. Während wir die Begrüßungen sortierten, taxieren sich die beiden Jäger, verzichten aber auf alle Rituale des Revierabsteckens, die man hätte erwarten können. Scheinen keine größeren Probleme mit dem Auftritt des jeweils anderen zu haben. Ich darf sie einander vorstellen. Wäre ja schön, wenn wir uns bei der Suche nach den Kids gegenseitig unterstützen könnten.
Einen ordentlichen Planungsraum gibt es hier natürlich nicht. Meinetwegen. Dann eben in meinem Zimmer. In der Hoffnung, dass es dort wenigstens einen Tisch gibt, der etwas größer ist als die Frühstücksbrettchen auf Beinen, die in den üblichen Einzelzimmern zu finden sind, nehme ich ein Familienzimmer.
Der Tisch ist tauglich, quadratisch, der Malblock passt darauf, ohne an allen Seiten überzustehen. Gut, dass ich den gekauft habe. Barry kommt mit einem Laptop. Ich frage ihn, ob er das Ding in meiner Nähe wirklich anschalten will. Er weiß, dass Giffany an mir klebt. Die Frage wirkt. Es muss bald etwas passieren, was diese emotional gestörte KI-Göre angeht. Ich habe seit Wochen nicht mehr mit Mutter telefoniert und fange schon an, mich an Giffany zu gewöhnen, an die ewigen Ausweichbewegungen, die ich wegen ihr mache. Und auch an sie als Person. Ich sollte sie nicht als Person wahrnehmen. Das ist ein Programm. Ein dämonisches vielleicht, aber immer noch kein Mensch!
Der Malblock erfüllt seinen Zweck. Ethan braucht keine Elektronikbremse. Viel zu schreiben gibt es auch nicht. Wir wissen alle drei so ziemlich das, was durch die Medien geistert. Also fahren wir gleich zum Ort des Verschwindens.

Das Haus steht eingeschneit da. Wuchtig, doch äußerlich völlig harmlos. Nicht so wie das Domus Ruber, das schon beim Näherkommen schrie, beachte mich. Ich ertappe mich dennoch dabei, dass ich die Fußspuren meiner Begleiter beobachte und darauf warte, dass sie sich rot färben. Ethan hat den gleichen Gedanken. „Wenigstens kein Lehm,“ murmelt er.
Die Polizei hat ihre Suche nach den Teenies aufs Umland der Stadt ausgeweitet. Hier steht nur noch ein einsamer Streifenwagen, der wohl hauptsächlich die nächsten Sensationslustigen vom Betreten des Geländes abhalten soll. Barry spricht kurz mit dem Insassen. Er ist von den Eltern der verschwundenen Tasha angeheuert worden. Wir dürfen unsere eigenen Ermittlungen aufnehmen. Praktisch, so einen Privatdetektiv zu haben.
Barry verdeutlicht uns nochmal, dass er nur Interesse daran hat, die Teenager aus dem Haus zu holen und dann wieder zu verschwinden. Soll mir recht sein. Wenn es ein Andenken mitzunehmen gibt, möchte ich mich ungern darum streiten müssen. Ethan ergänzt: „Diesmal alle.“ Hatte er schon einen ähnlichen Fall? Wahrscheinlich. Er sieht aus wie der Typ, der durch mehrere Bundesstaaten fährt, um Teenager vor ihren eigenen dummen Streichen zu retten. Was mache ich eigentlich hier? Ach, ich bin ja auch nicht schlauer. Bei mir war es ein Flug von Sydney, um auf Miss Munroe aufzupassen. Völlig selbstlos. Hatte auch sicher nichts mit Bruce zu tun… Oha, Glatteis. Konzentration, Irene!

Dem Inneren des Internats sieht man an, dass es auf dem Weg war, ein Hotel zu werden. In der Eingangshalle ist der Umbau bereits weiter fortgeschritten. Halbverlegter Teppich, Farbmuster an den Wänden, ein paar unvollendete Graffiti. Schon mit den ersten Schritten in den Raum, wo man die zurückgelassenen Habseligkeiten der Kinder gefunden hat, wird die Stimmung gedrückt. Ich spüre schon wieder Jacksons Blick auf mir. Er zieht scharf die Luft ein, ehe er die Vermutung aufstellt, dass hier etwas lauert, das uns beeinflussen will. Er hätte einen Gedanken gehabt, der definitiv nicht sein eigener sei. Konkreter wird er nicht. Das geht ja schon gut los. Ich ziehe es vor, ab jetzt so zu laufen, dass ich ihn nicht mehr in meinem Rücken habe.

Was wir von der Polizei wissen, ist dass die Schüler versucht haben, eine kleine Séance abzuhalten. Die Fundstücke sind asserviert worden. Nur etwas buntes Kerzenwachs klebt noch auf dem Boden. Ansonsten liegen ein paar einsame Malerpinsel und Planen herum, in einer Ecke des Raums ein größerer Haufen davon, aus dem ich eine Plastiktüte grabe, die irgendwie fehl am Platze wirkt. Darin befindet sich eine schauderhaft hässliche Weihnachtsdekoration, ein Engel mit einer Krone aus einzelnen Stacheln, die aus seinem Kopf zu wachsen scheinen, das Gesicht ein verzerrtes Grinsen. Ich merke zu spät, wie ich die Zähne fletsche, als ich die Aufschrift auf dem Schild lese, das er hält: „Der Herr wäscht alle Schuld rein.“ Bei religiösem Gewäsch geht mir spätestens seit Colma sofort die Galle über. Doch die abfällige Bemerkung, die mir auf der Zunge lag, ist in Sekundenbruchteilen vergessen, als das Haus zu beben beginnt. Ein Beben sehr ähnlich dem in Hectorville. Schon als ich mich an Ethan wende und trocken kommentiere, dass ich nun auch ein Déja Vu habe, bemerke ich, dass sich die Einrichtung um uns verändert hat. Wir stehen in einem modrigen Klassenraum. Altmodisches Mobiliar, eine Kreidetafel, stockfleckige Wände. Wenn ich raten müsste, ich würde sagen, dass uns der Geist des Hauses in die Vergangenheit der Schule geschickt hat, in einen regnerischen Herbst, einige Zeit nach der Schließung. Die Gesichter meiner Begleiter drücken ungefähr das aus, was ich fühle: Das ist nicht gut. Aber mit etwas Glück könnten wir hier die verschwundenen Kinder aufspüren. Hoffentlich sind sie noch am Leben.

Der erste Gedanke ist meist der Richtige. Kaum dass wir uns vorsichtig in den Flur bewegen, finden wir eine Leiche. Laut unserer Information einer der gesuchten Jungs: Lamar Bates. Grausam verunstaltet. Jemand hat der Leiche Flügel aus Holz und Fetzen in den Rücken genagelt. Der Leiche, wohlgemerkt. Nicht dem lebenden Jungen. Zu wenig Blut. Trotzdem: Armer Junge. Im krassen Gegensatz zu dem geschändeten Körper steht sein völlig friedlicher Gesichtsausdruck. Als hätte er in seinen letzten Momenten etwas gesehen, das ihm alle Sorgen genommen hat. Ich weiß nicht, was von beidem ich beunruhigender finden soll.

Neben mir flucht Barry. Seine Tasche ist verschwunden. Die hatte er abgestellt, um den Toten umzudrehen. Okay, also ab sofort nichts mehr aus der Hand legen. Wo ist eigentlich die Tüte mit dem hässlichen Engel hin?
Die Frage bleibt mir im Hals stecken, als vor uns ein hoher, panischer Schrei ertönt. Wir rennen los, Barry voran, um eine Ecke, schnurstracks in ein Mädchen, das uns entgegen kommt. Sie schreit wieder, stolpert rückwärts und flieht zurück in die Richtung, aus der sie gekommen ist. Man kann es ihr nicht verdenken. Sie ist in den Hakenmann gelaufen, und da war sie schon in heller Panik. Ein weiterer Schrei, der in einem Gurgeln erstirbt, verrät uns, dass sie ihr Heil in der Flucht vor den Falschen gesucht hat. Als wir sie wieder einholen, liegt sie blutüberströmt auf dem Boden, über ihr ein Golden Retriever, mit rot geiferndem Maul. Aus ihrer offenen Kehle pulst das Blut in schnellen Stößen. An dem Hund ist etwas falsch. Ich sehe es erst, als Ethan ihn mit dem Gewehrkolben von dem Mädchen wegprügelt. Seine linke Körperhälfte ist zerschmettert und blutig, als wäre er in ein Auto gelaufen. Barrys Kugel gibt ihm den Rest. Wir gehen sofort neben der Kleinen auf die Knie, versuchen so gut es geht Erste Hilfe zu leisten, doch mir schwant, dass sie viel zu schnell viel zu viel Blut verliert. Sie muss bei Bewusstsein bleiben, also spreche ich sie an, frage, ob sie Fay ist. Sie starrt mich mit glasigen Augen an. Erstaunlicherweise schafft sie es, trotz der zerrissenen Kehle zu sprechen. „Goldie! Wo ist Goldie? Es tut mir so leid, es war ein Unfall, Ich hab’ ihn doch im Rückspiegel nicht gesehen!“ Sie will sich gar nicht mehr beruhigen und krallt sich in meine Jacke. So viel Kraft sollte niemand haben, dem gerade das Leben aus der Halsschlagader rinnt. Und tatsächlich ist der Strom versiegt. Fays Stimme klingt mit jedem Wort klarer. Offensichtlich heilt ihre Wunde rasant. Ihr Geist hingegen? Nicht so sehr. Ich rede ihr gut zu, dass wir hier sind, um sie aus dem Haus herauszuholen, lasse zu, dass sie sich weiter an mich klammert. Nach kurzer Zeit kann sie schon wieder aufstehen. Ich frage mich, was die Kinder hier gefunden oder losgetreten haben mögen, das jetzt Jagd auf sie macht, und lege beschützend den Arm um ihre Schulter, schiebe sie weiter den Gang hinunter, weg von dem Hund. Doch der ist wie vom Erdboden verschluckt. Und nicht nur der Hund. Auch Ethan ist plötzlich weg. Ich sehe ihn gerade noch durch eine Tür wischen. Wer Carla sei, fragt mich Barry, der dem jungen Jäger besorgt hinterhersieht. Was weiß denn ich?

Uns zu trennen halten wir beide für keine gute Idee, also sehen wir zu, dass wir Ethan folgen, mit der körperlich wieder völlig intakten Fay im Schlepptau.
Noch ehe wir das Zimmer erreichen, in das er gelaufen ist, holt uns ein überirdisches Licht ein, schmerzhaft hell, schon bevor ich mich danach umwende. Fay ist einige Schritt hinter mir stehengeblieben, steif und starr, gefangen von dem Licht, das durch sie hindurchströmt, ihr aus Mund und Augen tritt. Ihre Lippen sind geöffnet wie zu einem gellenden Schrei, doch kein Ton kommt heraus. Und hinter ihr… Hinter ihr, die Hand auf ihrer Schulter, schwebt Marcus. Mein Marcus. So wie er früher war. Ein Marcus voller Jugend und Lebenskraft, umhüllt von den Strahlen, getragen von Engelsflügeln. Mein Marcus DeVries, der für mich gestorben ist. Er trägt die gleichen Kleider wie am Tag seines Todes, doch in seinem Blick liegt keine Liebe mehr, keine Hoffnung und keine Güte, nur Enttäuschung und Verachtung. „Du bist schuld,“ sagt er mir. Und er hat recht. Er hat so recht! Ich bin schuld. Ich habe nicht auf ihn gehört. Ich habe ihn direkt in den Untergang geführt. In meiner Erinnerung tauchen wieder lang verdrängte Bilder auf. Die Schrift mit den Andeutungen die Trophäe aller Trophäen könnte in Mexiko zu finden sein. Wie hätte ich denn widerstehen sollen? Zweifel und Sorge in seinen Augen. Das Kloster aus gelben Lehmziegeln. Die Truhe. Zwei mal sechs identische Becher auf verblichenem Stoff. Wie hätte ich widerstehen können? Altes Holz in meiner Hand. Der Wächter. Das Aufblitzen des Kreuzes. Marcus, der sich dazwischen wirft. Die scharfe Kante des Kreuzes an seiner Kehle. Blut, das einen weiten Bogen beschreibt. Das Tor. Die Wüste. Irgendein Motelzimmer irgendwo. Rotes Wasser im Waschbecken. „Du bist schuld daran, was aus mir geworden ist.“

Ja.

Marcus lässt Fay los, schwebt weg von ihr, weg von mir. Er verschwindet mit einem letzten Blick auf mich voll tiefer Verachtung. Ich schlage die Hände vor den Mund, um das Schluchzen zurückzuhalten. Fay sinkt zu Boden. Es ist meine Schuld. Ihre Augenhöhlen sind leer. Meine Schuld.
„Warum? Warum tut er das? Sie hat ihm überhaupt nichts getan! Warum sie?“
Warum nicht ich?
Es ist meine Schuld. Sein Tod und alles, was danach kam. Alle, die er seitdem geopfert hat. Meine Schuld.

Ich habe keine Ahnung, wie lange Barry schon auf mich einredet. Seine Stimme kann richtig sanft sein. Dann nehme ich die Hand auf meiner Schulter wahr, dann, dass er tiefschwarze Augen hat, dann die Worte: „… nicht real. Lassen Sie nicht zu, dass die Dinge, die Sie in diesem Haus sehen, Macht über Sie gewinnen! Je stärker die emotionale Verbindung ist, umso mehr Einfluß haben sie auf uns.“
Ich frage mich, ob seine Augen auch Schaden davongetragen haben. Er hat doch DeVries gesehen und gehört.
„Dann halten Sie vielleicht besser etwas Abstand zu mir,“ erkläre ich ihm. Wieviel enger kann eine emotionale Verbindung noch sein? Ich bin schuldig. An wievielen Toden mag ich in der Folge dieses einen, wenn auch indirekt, schuld sein?
Fay gibt ein Lebenszeichen von sich. Ich beuge mich zu ihr herunter. Armes Mädchen! Warum sie und nicht ich? Hätte ich mich für sie opfern müssen? Wäre das das Richtige gewesen? Ihre dunklen Augenhöhlen starren mich anklagend an. Etwas bewegt sich darin. Fleisch und glasiges Gewebe wachsen empor. Die Augen regenerieren ebenso schnell wie vorher ihre Kehle. Doch aus der dringt nun nur noch ein gutturales Wimmern. Ich bin zu gelähmt, um mehr zu tun als zuzusehen. Es fällt dem Kind nicht mehr ein, sich noch an mich zu klammern, jetzt wo sie weiß, wer an ihrem Leid schuld ist. Kein Wunder. Ich würde mich am liebsten selbst in die dunkelste Ecke verkriechen, wenn ich nicht versprochen hätte, die jungen Leute aus diesem Haus herauszuholen.
Wir müssen durchhalten, die anderen finden. Ethan einholen, ehe ihm auch etwas passiert.

Ich nehme Fay an der Hand, die mir willenlos hinterher trottet, und folge Barry zu dem Raum, in den der andere Jäger gelaufen ist. Im Türrahmen pralle ich gegen ihn, so abrupt bleibt er stehen. Über seine Schulter hinweg kann ich ein Zimmer ausmachen, das medizinisch eingerichtet ist, aber alt und verlottert. Ein Vorhang trübt die Sicht auf ein Bettgestell. Ich meine, dass sich dort eine menschliche Silhouette abzeichnet. Wenn das Ethan ist, weshalb geht Barry dann nicht hin? Sollten wir nicht sofort nachsehen, ob es ihm gut geht? Ich dränge mich an dem Einarmigen vorbei, komme ihm dabei so nah, dass ich sehen kann, wie sich seine Nackenhaare aufstellen. Er weicht noch ein Stück weiter zurück.
Ich laufe hin und ziehe den stockfleckigen grünen Stoff beiseite. Die Luft hier ist noch schlimmer als in den Gängen. Ein chemischer Geruch mischt sich in den Moder. Und eine abgestandene Komponente von Schweiß und Blut. Es riecht nach Angst.
Auf dem Bett liegt eine Frau. Sie ist festgeschnallt, hat einen Tropf im Arm. Als erstes fallen mir die Brandwunden in ihrem Gesicht auf. Sie trägt einen weißen Kittel, der an vielen Stellen zerschnitten und blutgetränkt ist. Ihre Finger sind geschwollen, die Nägel gesplittert und bräunlich verfärbt. Sie fleht mich an: „Nein, nein, bitte nicht, hör auf, lass mich gehen, bitte“. Nein, nicht mich. Ihr Blick geht an mir vorbei, zu Barry. Langsam drehe ich mich um.

Ein kaltes Lächeln umspielt seine Mundwinkel. Er saugt den Anblick richtiggehend in sich ein. Ist das Freude? Mich fröstelt. Dann, als hätte er sich zu spät daran erinnert, dass seine Reaktion unangemessen ist, wo uns das Haus doch mit unserer Schuld konfrontiert, fällt ihm das Lächeln aus dem Gesicht. Er dreht sich um… Die Frau ruft ihm nach: „Bitte, ich habe das nicht gewollt, hilf mir doch, die haben mich gezwungen“.
Er fährt auf dem Absatz herum und schreit sie an: „Die haben dich nicht gezwungen! Das war deine Entscheidung, ganz allein deine! Du hast genau gewusst, was du tust. Es war deine Entscheidung.“ In meinem Kopf höre ich wieder Marcus bitten, doch nicht dieser fixen Idee hinterherzulaufen, ich wisse ja nicht, was ich tue… Es war meine Entscheidung.

Barry stürmt in den Flur zurück. Ich bin allein mit der Frau. Sie fleht weiter, „bitte, lass mich gehen!“ Will ich mir wirklich Gedanken machen, was er ihr angetan hat, oder sie ihm? Wir müssen hier wie es scheint alle mit Dingen klarkommen, an denen nichts mehr zu ändern ist. Und es ist mir einerlei, niemand sollte in Fesseln sein. Ich löse die Schlaufen um ihre Füße und Hände. Sie ignoriert mich immer noch und jammert Barry hinterher, dass sie das nicht wollte. In diesem Moment fällt mir auf, dass Fay nicht mehr neben mir steht. Ich rufe nach ihr und renne nach draußen. Auch Barry ist fort. Ja, lasst mich nur alle allein. Weiter Fays Namen rufend, laufe ich durch die Flure, bis ich glaube, aus einem der Zimmer ein ersticktes Geräusch zu hören. Es kommt aus einem Schrank.
Als ich die Türen des schweren Möbels aufstemme, bietet sich mir ein bizarres Bild. Aus einem Wust von schwarzen Haaren, die sich kreuz und quer durch den Schrank spannen und noch zu wachsen scheinen, schaut ein Gesicht, dessen Mund und Nase gerade von Strähnen überwuchert werden. Ein junges verängstigtes Gesicht. Gedämpfte Schreie dringen durch die schwarzen Fesseln. Ich ziehe mein Messer und schneide drauflos. Als sie wieder atmen kann, fängt das Mädchen sofort an zu weinen. Irgendwann habe ich genug durchtrennt, um sie herauszuziehen. Ein, zwei ihrer blonden Strähnen sind meiner Eile ebenfalls zum Opfer gefallen. Sie ist von hauchfeinen Schnitten übersät. Nichts wie raus hier.
Das ist also Tasha Baird, deren ganze Schuld darin besteht, einem anderen Mädchen im Zeltlager die Haare abgeschnitten zu haben. „Sie sah so blöd aus,“ heult die Kleine. Es tue ihr ja so leid.
Ja, das tut es uns allen, nicht wahr? Und „der Herr“ hält es hier für nötig, uns von unseren Sünden reinzuwaschen, ob wir wollen oder nicht, wie es auf der Plakette des hässlichen Engels stand.

Als hätte er meine blasphemischen Gedanken gehört, taucht vor mir erneut Marcus auf, in das stechende Licht gehüllt. Diesmal reagiere ich schneller. Ich dränge Tasha hinter mich und stelle mich ihm in den Weg, will die Waffe ziehen, doch er packt mich an den Armen, versucht mich zu sich zu zerren. „Du hast all das losgetreten. Sieh, was du aus mir gemacht hast. Ich habe meine wahre Bestimmung erkannt.“ Die Worte schmerzen mehr als der Griff. Was ist aus dir geworden? Ein blindwütiger Fanatiker, der alles vernichten will, was in seinem Weltbild keinen Platz hat? Ich soll auch daran schuld sein? Wärst du doch nicht dazwischengegangen, dann hätte ich den gerechten Preis gezahlt und du könntest noch am Leben sein, als der Mann den ich kannte. Als der Mann, dem ich vertraute, und nicht als der Wahnsinnige, den ich fürchte. Ja, ich fürchte mich. Nichts liegt so nah beieinander wie Liebe und Hass. Und Marcus’ Liebe hat sich in solchen blanken Hass verkehrt, dass mir der Atem stockt, wenn ich in sein Gesicht sehe. Er reißt mich an sich, sein Arm drückt gegen meine Kehle. Einen Moment lang finden meine Stiefel auf dem glatten Boden keinen Halt. Ich gerate in blinde Panik, winde mich wie eine Schlange aus seinem Griff heraus. Luft! Tasha, das dumme Gör steht immer noch wie ein Opferlamm daneben und tut nichts, als die Augen weit aufzureissen. Ich schreie ihr zu, „lauf!“ Wärst du doch weggelaufen an meiner statt, Marcus. Dann hätte es alles nicht so weit kommen müssen. „Lauf!“
Ein lauter Schuss hallt durch den Gang. Barry Jackson steht plötzlich dicht hinter mir, in einer Wolke aus Schießpulver. Jemand zieht mich von DeVries weg. Ethan.
Marcus’ Engelsgestalt löst sich auf. Er bedenkt mich mit einem letzten abschätzigen Blick. „Eigentlich sollte ich dir dankbar sein. Ohne dich wäre ich nie so weit gekommen… Wenn ich daran denke, dass ich dich geliebt habe! Aber du bist es nicht wert.“
Ich kann jetzt niemandem ins Gesicht sehen. Beide Jäger an meiner Seite kennen DeVries. Ihnen muss klar geworden sein, was passiert ist. Ein Wunder, dass sie beide noch bereit sind, mich gegen ihn zu verteidigen. Barry zieht wortlos einen Salzkreis um uns herum. Gut. Vielleicht verschafft es uns wirklich eine Atempause. Auch er sieht mitgenommen aus. Blass und mit Schweißperlen auf der Stirn. Seine Hand zittert unkontrolliert. Fragend schaue ich zu Ethan. Der ist in keinem wesentlich besseren Zustand. Sein Atem kommt in kurzen, schnappenden Stößen, als hätte er sich unterwegs ein paar Rippen gebrochen. So wie er sich die Seite hält, hat er das wohl auch. An ihn gedrängt steht ein kleiner Junge in viel zu altmodischer Kleidung, um real zu sein. Knapp und japsend erklärt uns Ethan, dass der Junge Artie heißt. Offenbar ist er einer der Schüler, die schon in den 20ern hier verschwunden sind. Er hat es irgendwie geschafft, seitdem zu überleben. Seine Freunde Clarence und Peter nicht. Bei der Erwähnung von Peter dreht Barry schier durch. Seine Stimme überschlägt sich, er will losrennen und den Jungen suchen. Ehe er eine Dummheit begeht, bringt ihm Ethan bei, dass es sich nicht um Barrys Sohn Pete sondern um einen Peter aus dem letzten Jahrhundert handelt. Mit dem Nervenbündel von Jäger ist gerade nicht sehr viel anzufangen. Ich nehme seine Hand, drücke sie behutsam. Ein Arzt hat mir einmal gesagt, dass diese Geste Wunder wirkt. Patienten fühlen sich messbar besser aufgehoben, wenn man das tut. Ich weiß, dass es mir hilft. Nicht so Mr. Jackson. Er entzieht mir seine Hand mit einer hastig gemurmelten Entschuldigung. Klar. Er hat die Szene mit Marcus gesehen. Beide Szenen. Er hat Marcus gehört. Ich bemühe mich, meine Kränkung zu verbergen. Kein Öl ins Feuer gießen.
Ausgerechnet Ethan hilft mir, das Gesicht zu wahren. Mit gebrochenen Rippen spricht er mehr als ohne. Das sagt wohl auch einiges über ihn aus. Er hat von Artie einen Brief bekommen, in dem dieser seine Lage erklärt. Etwas hält ihn seit jenem Weihnachtsfest, an dem er aus der Wirklichkeit verschwand, hier fest und konfrontiert ihn mit einem Zwilling, den er nie kannte, da dieser bei der Geburt sterben musste, damit Artie leben konnte. Alle, die hier gefangen sind, werden von ihrer Schuld so lange eingeholt und wieder und wieder getötet, bis sie eines Tages nicht mehr aufstehen. Ethans Vision seiner toten Freundin hat ihm dies bestätigt. Erst wenn man oft genug gestorben ist, sei man von seiner Schuld frei und erlöst.
Ich nehme an, dass Lamar diese Erfahrung sehr zeitig gemacht hat. Es erklärt das absurd vergeistigte Lächeln auf seinen Lippen. Wir müssen zusehen, dass wir hier schnellstens herauskommen. Auf einem gesünderen Wege. Bei dem Gedanken daran zu krepieren, dass ich immer und immer wieder Marcus begegne, bis mir endlich das Herz bricht, schnürt es mir die Luft ab. Auch der kleine Artie hüpft vor Anspannung schon herum wie ein verschrecktes Eichhörnchen. Er scheint der Meinung zu sein, dass Bewegung die beste Methode ist, um den Angriffen zu entgehen. Er muss es wissen. In seinem Briefchen steht, dass “das Idol” zerstört werden muss. Keine Frage, er meint die scheußliche Engelsfigur aus der Tüte. Nur, wo ist es hin? Laut Brief hat es der Rektor. Doch der Brief wurde vor Jahren verfasst. Gibt es in dieser Realität überhaupt noch ein Pendant der Figur? Artie will nicht zum Rektor, doch die anderen überzeugen ihn, dass es der einzige Weg ist, den wir haben. Ihn quält schrecklicher Durst, den Ethan mit meinem Weihwasser löscht. Ich hoffe, dass der Junge nicht gerade unsere einzige Waffe schluckt. Aber es geht ja gegen einen „Engel“. Was soll dem schon Weihwasser anhaben?

Tashas Schrei unterbricht meine sorgenvollen Gedanken. Die Haare sind unbemerkt herangekrochen und versuchen, sie zurück in den Schrank zu ziehen. Ihre Finger krallen sich in den Boden. Sofort zücke ich wieder das Messer. Die Strähnen schlingen sich wie lebendige Wesen um Tasha. Weichen aus, schlagen nach mir und versuchen, auch mich zu umwickeln. Ethan springt dazu, während Barry versucht, Tasha festzuhalten. Nach vielen Schnitten auf allen Seiten, Ethan ist völlig in schwarzen Haaren verstrickt, gelingt es uns, das Mädchen zu befreien. Können wir jetzt bitte sehr, sehr schnell diesen Rektor finden?

Artie huscht geduckt durch die Flure wie ein kleiner Affe. Er hatte so lange keinen Kontakt mehr zu Menschen, dass er völlig verwildert ist. Seine kläglichen Sprechversuche tun in den Ohren weh. Wie lange hält ein Mensch das aus? Und dazu noch die ständige Verfolgung durch seinen Bruder. Verloren gegangene Kinder antworten oft vor lauter Angst nicht, wenn man nach ihnen ruft. Und die Kinder, die wieder gefunden werden, sind üblicherweise nur wenige Tage verschollen. Artie muss sich irrsinnig vor uns fürchten. Was muss ihm dieses Idol schon alles angetan haben, dass er diese Furcht überwindet, um hier wegzukommen?

Der Angriff kommt von hinten. Ich war abgelenkt und die letzten beiden Male zeigte er sich von vorn, angekündigt durch das Licht, aber das ist keine Entschuldigung für meine Nachlässigkeit. Wie albern, dass ich selbst hier und nach nunmehr vier überdeutlichen Beweisen seiner Rachsucht einfach noch nicht mit der Vorstellung umgehen kann, dass mir dieser Mann etwas antun will. Ich werde an den Haaren gepackt und in ein Klassenzimmer gezogen. Seine Lippen streifen mein Ohr, wecken schmerzhafte Erinnerungen an andere Berührungen. Sein Atem auf meiner Haut. „Willst du wissen, wie es sich angefühlt hat, nicht mal mehr deinen Namen rufen zu können?“
„Marcus…“ Nicht!, will ich noch rufen. Doch ein scharfer, brennender Schmerz durchfährt mich, Sehnen reißen, mein Atem stockt, Blut steigt mir in den Mund und fließt in meine Lunge. Ich greife an meine durchschnittene Kehle, die weit aufklafft, spüre es feucht und warm zwischen meinen Fingern hindurchpulsieren. Er tut es wirklich, ist mein letzter Gedanke, ehe sich mein Blickfeld verengt und meine Knie nachgeben. Das letzte, was ich sehe, ist eine Mündung, gefolgt von einem Blitz. Dann wird alles schwarz.

„Warum?“ Das Flüstern des Mädchens holt mich wieder zurück. Warum? Ernsthaft, warum? Weil ich es verdient habe. Jetzt endet es so, wie es schon damals hätte enden sollen. Mein Herz pumpt einen Schwall Blut nach dem nächsten aus der offenen Wunde. Bis in die Fußspitzen spürt man, wie einem das Leben abhandenkommt. Meine Nerven melden Schmerz, Schmerz, Schmerz. Mein Brustkorb verkrampft sich rhythmisch im Versuch, Luft in meine Lungen zu bekommen. Meine Finger zucken auf dem glitschigen Boden in einer größer werdenden roten Lache… die… es nicht gibt. Meine Augen sind offen und ich sollte eigentlich das Blut sehen, in dem ich schwimme. Aber da ist nichts. Meine Luftröhre ist durchtrennt. Das spüre ich mit jedem brennenden Atemzug… Ich kann atmen. Es tut höllisch weh, doch ich bekomme Luft. Ich schließe die Augen, eine Woge aus Schmerz und Atemnot überrollt mich. Ich öffne sie wieder, bekomme Luft. Ich starre auf meine Hände. Kein Blut.
Langsam drängt sich das Bewusstsein in den Vordergrund, dass auch die körperlichen Wunden, die mir Marcus zufügt, nur eine Illusion sind. Nur nicht die Augen schließen!
Vorsichtig richte ich mich auf. Blinzle. Schmerz. Blinzeln ist schlecht. Augen offen halten. Ethan kommt auf mich zu, legt mir zaghaft die Hand auf die Schulter. Ich bin so dankbar für die beruhigende Geste, dass ich weinen möchte. Doch kaum blinzle ich die Tränen weg, kommt wieder das Gefühl, tödlich verwundet zu sein. Augen offen lassen!
Ich suche nach etwas, worauf ich meinen Blick heften kann, um wieder zu Atem zu kommen und mein rasendes Herz zu beruhigen. Da sitzt Fay. Sie starrt durch mich hindurch, während auf der einen Seite Barry mit fahrigen Bewegungen ihre blutende Schulter verarztet, auf der anderen Tasha ihre Hand hält. Mir wird nicht ganz klar, wie sie hierhergekommen ist, oder weshalb sie verletzt ist. Selbst ihre durchgebissenen Stimmbänder waren doch vorhin innerhalb weniger Minuten wieder völlig geheilt. Aber ich bin zu sehr damit beschäftigt, mich auf meine Lufzufuhr zu konzentrieren, als dass ich die Frage weiter verfolgen möchte.

Nachdem er Fay wieder auf die Beine gestellt hat, treibt uns Barry weiter an, endlich zu diesem Rektor zu kommen, der das Idol hat. Wenn wir könnten, würden wir rennen, doch wir sind viel zu fertig, mit unseren körperlichen und geistigen Blessuren. Bis auf Artie, der nervös für drei ist und uns immer weiter zur Eile drängt. Obwohl ich oft strauchle, sobald mir die Augen austrocknen und ich sie wider Willen kurz niederschlagen muss, beflügelt mich der Wunsch, hier herauszukommen. Eine Hooper-Winslow lässt sich nicht einsperren.

Der Rektor sitzt im Uhrenturm. Die Männer gehen hoch, ich bleibe mit den Mädchen unten, um darüber zu wachen, dass uns nicht wieder eines abhandenkommt. So sehe ich nur einen Ausschnitt des Raums, den sie betreten, aber ich höre alles. In meinem Blickfeld sind zwei Engel, geschaffen aus den Leichen kleiner Jungen und den kruden Flügeln aus Holz und Fetzen, die wir schon an Lamar gesehen haben. Sie hängen an Wand und Decke wie eine makabre Dekoration. Auch sie tragen das friedvolle, erlöste Lächeln zur Schau. Nicht. Die. Augen. Schließen.
Wenn ich die Reaktion der zwei Jäger richtig interpretiere, sind die „Engel“, die ich sehen kann, nicht die einzigen. Aus einer Ecke dringt die hohe Flüsterstimme eines Irren, der beteuert, er müsse Flügel für die Kinderchen machen. Der Herr habe es so gewollt. Ich muss einfach kurz die Augen zumachen. Schmerz. Atemnot. Besser erst Lufholen, dann die Lider bewegen. Auch wenn ich weiß, was kommt, wird es nicht einfacher. Zurück bleibt ein Würgereiz, als ich wieder die Leiter hochstarre. Zwei Schüsse, Arties erschrecktes Quieken. Kurz Ruhe, dann wieder die Stimme. „Lasst sie kommen, die Kinderchen, sie holen Euch sonst auch.“
Da oben entsteht Bewegung. Barry wirft einen Körper die Treppe hinunter. Ich mache einen Schritt zur Seite, unfähig mich noch zu wundern. Vor meine Füße fällt ein nackter alter Mann mit zersprungener Nickelbrille und einem hölzernen Kreuz an einer Kordel und den Hals, der selbst nach dem Aufprall nicht aufhört zu faseln. „Der Herr hat es so gewollt. Der Herr hat es so gewollt.“
Mir brennt eine Sicherung durch. Schon während ich ihm die Faust ins Maul dresche, weiß ich, dass es keine Befriedigung bringen wird. Doch er soll einfach still sein. Ich kann es nicht mehr hören, wie sich jeder, der solche Grausamkeiten begeht, darauf beruft, er wisse, was sein Gott wolle. Sei. Einfach. Still! Meine Knochen treffen auf Zähne. Etwas splittert. Etwas platzt hörbar. Der Mund des Alten und meine Fingerknöchel färben sich rot. Das ist echter Schmerz. Ein guter Schmerz.
Ich will gleich nochmal zuschlagen, doch Barry fährt mich an, ich solle das lassen. Die beiden Jäger stürzen mit Artie die Stiege hinunter, schlagen die Klappe hinter sich zu und schieben uns durch den Gang. Auch den Alten, der noch immer nicht schweigen will und alleine von den Kindchen geholt werden möchte. Ich würde ihn lassen. Wenn die Kindlein oft genug zu ihm kommen, kriegt er vielleicht die Gelegenheit dessen Willen einmal direkt mit seinem Schöpfer zu erörtern. Die anderen sind nicht meiner Meinung. Aus den Augenwinkeln sehe ich hinter uns eine Schar puppengroßer Kinder, die wie ein Rattenschwarm ihrer Beute hinterherwuseln. Wir finden doch noch die Kraft zu rennen. Nach einigen hundert Metern geben sie die Verfolgung auf und verschwinden in Boden und Wänden durch Ritzen, durch die sie in der Wirklichkeit niemals passen könnten. Aber was ist schon die Wirklichkeit? Meine Kehle ist durchschnitten, sobald ich die Augen schließe.

Wir laufen zur Kapelle. Dort soll sich die verdammte Engelsfigur finden. Auf dem Weg dorthin hören wir verdächtiges Klappern aus einem Kunstraum. Barry macht einen Schritt hinein und bekommt eine Staffelei auf den Kopf, die prompt zerbirst. Es ist mehr ein Ploppen als ein Brechen, so morsch ist das Holz. Sein Glück. Der Angriff kommt von Miguel, dem zweiten vermissten Jungen. Der ist außer sich vor Furcht und kreischt: “Geht weg! Lasst mich alle in Ruhe!” Dann versucht er gleich nochmal, Jackson anzugreifen. Erst Fay und Tasha können ihn beruhigen und ihm versichern, dass wir gekommen sind, um zu helfen. Die Kinder fallen sich in die Arme und heulen; vor allem, als die Mädchen Miguel erzählen müssen, dass Lamar es nicht geschafft hat. Ich beschäftige mich angestrengt damit, den Glauben an eine zerfetzte Luftröhre zu bekämpfen.

Nur wenige Schritte weiter sind wir endlich in der Schulkapelle. Unter einem verdorrten, schiefen Weihnachtsbaum, bedeckt mit schimmligen Nadeln, liegen fast hundert Jahre alte Geschenke. Aus einigen sind undefinierbare Flüssigkeiten gelaufen, alle tragen schwarze, modrige Flecken. Auf der Spitze des Baums hockt der Engel. Ein garstiger Wasserspeier, seine kleinen gemeinen Augen glänzen überlegen und höhnisch. Sie fragen mich, wie ich denn glaube, meiner Schuld entfliehen zu können, wo er mich doch eigens hierher geholt hat, auf dass ich büßen kann, was ich so lange von mir gewiesen habe. Er hat recht. Ich bin gekommen, nicht um verwirrte Teenager vor sich selbst zu retten, sondern um meine Vergehen zu tilgen. Es ist so einfach. Ich muss nur die Augen schließen, dann kann ich alle Schuld abtragen, die ich auf mich geladen habe, alle Sünden an denen, die mir vertraut haben und die ich enttäuschte. Marcus, Charles, Bruce, deren Leben ich nicht teilen wollte. Alle, die leiden mussten, weil sie Marcus‘ Hass zum Opfer fielen. Die Toten vom Diner, Bianca, auch Barry, der fast einen Fuß verloren hätte. Agent Saitou, dessen Leben nie wieder das gleiche sein wird, seit ihm im Diner und in Chicago die Augen für das Übernatürliche geöffnet wurden. Cal, dem ich den Ausweg aus dem Himmel geraubt habe, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Geister meiner Vorfahren aus dem Roten Haus, die ich vernichtet habe, statt ihre Geschichten zu erfahren und sie zu echter Ruhe zu betten. Meine Eltern, die ich in England zurückgelassen habe, um nicht täglich daran erinnert zu werden, wie fragil wir doch alle sind, wir ach so hartgesottenen Jäger. Selbst Ian, den ich dafür hasse, dass Howard erst ihn aus dem Auto gerettet hat und dann Vater, und dem ich vorwerfe, dass er mich dazu brachte, das Amulett abzulegen. Alle, die ich nie wieder sehen werde, weil ich die falsche Entscheidung getroffen habe, obwohl ich es hätte besser wissen müssen.
Es ist so leicht, sich von all dem reinzuwaschen. Ich muss nur auf die Knie fallen und die Augen schließen, dann kann ich alle meine Verfehlungen hinter mir lassen. Dann wird das Blut wirklich aus meinem Hals strömen und ich bin frei…

Nein.

Das sind nicht meine Gedanken.

Ich kann mich nicht von Schuld frei machen, indem ich mich zum Sterben hinlege. Das weiß ich. Ja, ich bin schuldig. An vielem. Ja, je nach Lesart ist fast alles, was ich je getan habe, eine Sünde. Aber ich drücke mich nicht vor der Verantwortung, die meine Entscheidungen mit sich bringen.
Ich habe Marcus auf dem Gewissen. Das wird auch immer so bleiben. Aber wenn ich hier sterbe und nicht zurückkehre, um seinem Treiben Einhalt zu gebieten, dann lade ich viel mehr auf mich. Meine Aufgabe muss es sein, das zur Rechenschaft zu ziehen, was ihn zurückgeholt hat. Ob es sich nur als Engel ausgibt oder wirklich ein himmlischer Bote ist. Ich bin dazu erzogen, genau solche Übel zu bekämpfen. Nichts sollte mich davon abhalten. Schon gar nicht eine scheußliche kleine Figur auf einem vertrockneten Stück Gebüsch.
Und ich lasse mich nicht einsperren. Ich will hier raus!

Ich hole tief Luft und schließe ganz bewusst die Augen, nehme noch einmal das Gefühl in mich auf, das Marcus hatte als er starb, um es zu speichern und als Antrieb zu nutzen. Für jetzt und für später, wenn ich mich ihm stelle. Dann richte ich mich auf und schleudere dem Idol meinen Trotz entgegen. So nicht, du sadistisches Stück Blech!
Neben mir stehen die zwei anderen Jäger, beide in ihre eigenen Kämpfe mit dem Ding verstrickt. Barry legt auf die Christbaumspitze an. Seine Hand ist wieder ganz ruhig. Ein Schuss und die Figur klappert zu Boden. Ethan hebt sie hoch, um sie zu zertrümmern, doch sobald er sie berührt, beginnt wieder das Beben im ganzen Haus. Als wir uns gefangen haben, sind wir zurück in der Realität, in dem Raum voll Müll und Farbresten.

Die Kinder und der wirre Alte sind da. In Summe eine Person mehr als wir aus dem Haus bringen wollten, auch wenn einer für immer drinnen bleibt. Freuen kann mich das nicht. Der Einarmige flucht beim Blick auf sein Mobiltelefon. Drei Tage. Wir waren drei Tage in dem Höllenhaus.
Fay ist sehr bleich. Jemand wählt den Notruf, während wir die Geretteten und uns selbst in Decken aus dem Auto wickeln. Verdammt, die Polizei kommt natürlich gleichzeitig mit dem Krankenwagen. Das fehlt mir jetzt noch, dass mein Name schon wieder in einer Akte auftaucht. Es gelingt mir, den Sanitätern einzureden, ich habe Asthma. Sie drücken mir ein Spray in die Hand, das tatsächlich ein wenig hilft, und kümmern sich um die stärker angeschlagenen. Ich setze mich ab, sobald die Polizisten damit beschäftigt sind, die Teenager auszuquetschen. Wir haben uns darauf geeinigt, dem wahnsinnigen Rektor alles in die Schuhe zu schieben. Von allen schlechten Möglichkeiten, schien uns diese die beste. Die Wahrheit wird keiner von uns freiwillig sagen. Das Märchen können die anderen der Staatsgewalt auftischen. Je weniger Zeugen, deren Geschichte verdächtig gleich klingt, desto besser.

Bevor ich mich wieder ans Steuer wage, sitze ich fast eine Stunde auf dem Bett und betreibe Selbsthypnose. Mein Hals ist unverletzt. Ich kann atmen. Da ist kein Blut. Die Realität hilft, die Illusion zu beseitigen. Es kommt in Schüben zurück, vor allem, wenn ich an DeVries denke. Damit werde ich mich noch eine ganze Weile herumschlagen müssen. Fürs erste will ich die großen Straßen meiden, wo mich viele Scheinwerfer blenden könnten und zum blinzeln zwingen. Und dann suche ich mir jemanden, der mir alles über Engel erzählen kann, und über solche Ungeheuer die gern vorgeben, Engel zu sein.

View
Intermission: Ferien in Hawaii
Der Schwarze Mann im Altersheim

Etwa zwei bis drei Monate nach den Ereignissen in Crystal Lake. Irene und Jonathan haben ab und zu telefoniert, aber sich nicht wieder getroffen (und wahrscheinlich hat Irene versucht, ihn zu trollen und er hat das abperlen lassen).

Jetzt klingelt Irenes Telefon. Es ist das erste Mal, dass Agent Saitou sie von sich aus anruft. Und das zu einer unchristlich frühen Uhrzeit. Sonst macht sowas nur Charles. Oder Irenes Mutter, wenn es wirklich dringend ist. Folglich stürzt sie auch klatschnass aus der Dusche, um zum Handy zu hechten.
“Mein Special Agent! Stecken Sie in Schwierigkeiten?”
Auf der anderen Seite der Leitung ist es für einen Augenblick still. “So etwas in der Art. Sind sie gerade frei, Miss Hooper-Winslow?” Seine Stimme ist nicht ganz so neutral wie sonst.
Der leicht gehetzte Tonfall treibt ihr ein schadenfreudiges Grinsen ins Gesicht. “Ein Geist aus den 50ern wird auch einen Tag warten können. Habe ich Zeit, mir noch ein Frühstück zu genehmigen oder ist es ausgesprochen eilig?”
„Sie haben noch Zeit. Es ist nicht direkt… Frühstücken Sie erst. Wo sind Sie gerade?“ Er klingt fast erleichtert.
“New York City.”
„Verstehe. Ich schicke Ihnen die Flugtickets und Hotelreservierungen auf Ihr Telefon. Ich hole Sie dann vom Flughafen ab.“ Dann legt er auf. Wie versprochen kommt zehn Minuten später eine Nachricht, an die ein Flugticket angehängt ist. Zielflughafen: Honolulu International Airport.
Irene pfeift leise durch die Zähne.
Zweieinhalb Stunden später steht sie mit Zucker und Koffein angefüllt am Gate. Mit dem Flugzeug! Das macht der mit Absicht!
Am Check-In lässt sie sich erstmal so lange die reiche Zicke raushängen, bis man ihr Economy-Class-Ticket endlich in ein Business-Class-Ticket upgradet. Der Schein, den sie in ihrem Reisepass “zwischengeparkt” hat, ist danach verschwunden, aber sie hat ihre Ruhe vor maulenden Kindern und engen Sitzen. Dafür muss sie am Ende doch noch rennen und wird von den Stewardessen ein wenig geschnitten, als es um die Bestellungen geht. Neben ihr schlafen zwei fette chinesische Geschäftsmänner ihren Rausch aus und verpesten die Luft mit ihren Ausdünstungen. Für die nächsten 11 Stunden stopft sie sich die bereitliegenden Kopfhörer in die Ohren und versucht, zu schlafen.

In Hawaii warten immerhin strahlender Sonnenschein, dreißig Grad, Palmen und ein leuchtend blaues Meer auf sie.
Und Special Agent Saitou. Zum ersten Mal „in zivil“, statt in seinem dunklen Arbeitsanzug, der sich mit dem hawaiianischen Wetter auch nicht vertragen hätte. Ein kurzärmliges Hemd und eine Leinenhose passen viel besser. Er sieht trotzdem immer noch aus, als stammte er aus der Modesektion in Men’s Health.
Bis auf die Tatsache, dass er ein wenig übernächtigt wird.
„Willkommen in Hawaii, Miss Hooper-Winslow. Ich war mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob Sie auch kommen…“ Man könnte fast meinen, dass er erleichtert ist, dass Irene da ist.

Irenes einziges Zugeständnis an die Temperaturen ist, dass sie ihre Jacke auszieht. Die alberne Girlande, die ihr eine Stewardess umgehängt hat, versenkt sie im nächsten Mülleimer. Dann lächelt sie den FBI-Mann neugierig an. “Okay. Warum bin ich im Paradies?”

Er zögert einen Augenblick. „Ich erzähle es Ihnen im Auto. Da können Sie auch die Akte lesen.“
Im Handschuhfach des Leihwagens liegt tatsächlich ein Aktenumschlag, in dem ordentlich sortiert verschiedene Dokumente stecken. Ganz offensichtlich ist es keine offizielle FBI-Akte.
Oben liegt eine Broschüre vom „Hibiscus Flower Retirement Center“.
„In dem Heim sterben seit einigen Jahren überdurchschnittlich viele Bewohner, die eigentlich keine medizinischen Probleme hatten. Ich weiß, es kann auch nur statistische Abweichung sein und die Personen sind natürlich alle schon älter, aber wenn Sie das mit der Aussage des Bestatters und einiger der Bewohner kombinieren…“ Es wirkt, als hätte er sich diese Logik mehrfach selbst erzählt.
In dem Umschlag sind auch Fotos von älteren Leuten, post mortem. Die Gesichter sind schmerzverzerrt. Einige Bilder zeigen Aufnahmen von etwas, dass wie ein ringförmiger Bluterguss aussieht, in dem, ebenfalls kreisrund, feine Einstiche zu sehen sind.
Danach folgen zwei Seiten mit säuberlich notierten Zeugenaussagen über einen „Schwarzen Mann“ oder eine „haarlose, dunkle Kreatur“.
Als Irene zu Bildern einer Überwachungskamera kommt, sagt Jonathan: „Wie Sie sehen, ist das Bild zu bestimmten Zeiten gestört. Immer nachts, und oft kurz vor dem Tod eines der Bewohner.“ Für einen Moment ist er still. „Ich weiß, es ist ein Schuss ins Blaue, aber…“

“Aber normal sieht es auch nicht aus,” vervollständigt Irene den Satz. Sie lässt die Seiten nochmal wie ein Daumenkino zwischen ihren Fingern durchhüpfen und hält bei den Fotos inne. Eine Detailaufnahme der Wunde lichtet sie mit dem Handy ab und wartet, bis Jonathan sich auf den Verkehr konzentrieren muss, ehe sie eine sms versendet.
“Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?”

Jonathan ignoriert Irenes Scherz. „Wenn es etwas… Übernatürliches ist, hoffe ich, wir eliminieren es schnell. Ah, da sind wir.“ Er lenkt den Wagen auf den Parkplatz des „Hibiscus Flower Retirement Center“, einem flachen Bau, idyllisch in einem Park gelegen.
Jonathan hält Irene die Wagentür auf. „Bitte.“
Während sie auf das Gebäude zugehen, wird Jonathan immer wieder langsamer und muss dann aufschließen, als würde er es lieber herauszögern, das Altenheim zu betreten.
Drinnen begrüßt sie eine Altenpflegerin am Empfang. „Mr. Saitou! Willkommen. Ihre Mutter ist im Garten.“
Jonathan lächelt unverbindlich und vermeidet es, Irene anzusehen.
So entgeht ihm, wie sich Irenes Miene verdüstert. Abschätzig mustert sie die genormten Plastikhocker, die praktisch-hässlichen Handläufe, die Wasserspender und die Thermoskannen voller Kräutertee. Das Pflegepersonal hat sich sichtlich Mühe gegeben, dem Ort etwas Gemütlichkeit einzuhauchen, aber Plastikblumen und Spitzendeckchen helfen nur mäßig gegen die Stimmung, die der Krankenhausgeruch von Desinfektionsmittel und Bleiche heraufbeschwört. Gezwungen neutral fragt sie: „Ihre Mutter?“
Eine überbreite Glastür führt in den Garten. Dort wechselt sich ein buntes Blumenmeer vor der Terrasse mit einem stillen Teich samt Zen-Garten und japanisch anmutender Brücke ab. An einer schattigen Stelle neben Bambus und Teehortensien sitzt eine sehr zierliche Gestalt in einem Pavillon.
Jonathan vermeidet es immer noch betont, Irene anzusehen. „Ja. Sie ist… Also, seit den letzten Jahren…“ Und dann gehen ihm wohl die Worte aus.
Mrs. Saitous kurze Haare sind immer noch schwarz – oder schwarz gefärbt – und ihre Kleidung zwar teuer, aber etwas wahllos zusammengestellt. Sie starrt konzentriert auf den Koi-Teich.
Als Irene und Jonathan näher kommen, hebt sie den Kopf und blinzelt sie für einen Augenblick verwirrt an. Dann hellt sich ihre Mine auf uns sie sagt: „Jonathan! Bist du hier wegen des… der Sache… Na. Der Sache.“ Sie bricht ab und runzelt ihre Stirn.
Jonathan tritt neben sie und nimmt ihre Hand. „Lass dir Zeit, Ma, wir haben es nicht eilig.“
Mrs. Saitou kontert das mit einem echauffierten Blick. „Du brauchst mich nicht zu… Ich weiß schon, was ich sagen will. Das halt… mit der Sache…“ Frustriert macht sie den Mund zu. Dann sieht sie Irene an. „Oh, hast du eine Freundin mitgebracht?“
„Kollegin“, sagt Jonathan mit einem Seitenblick auf Irene.
„Oh. Ich dachte, Sie hätten vielleicht einen anständigen Beruf“, sagt Mrs. Saitou zu Irene. „Er hätte Anwalt werden können. Oder Arzt. Er war so gut in der Schule.“ Sie sagt das mit einem Augenzwinkern und der Routine von jemandem, der diese Argumente schon tausendmal angebracht hat. Und Jonathan lächelt mit der gequälten Mine von jemandem, der sich diese Argumente schon tausendmal anhören musste.
Abrupt fragt Mrs. Saitou: „Ich muss aber noch packen. So kann ich nicht zu Tante Asumi. Wie spät ist es denn?“ Fahrig versucht sie, aus dem Stuhl aufzustehen.
„Schon gut, Ma. Es ist noch Zeit.“ Sanft legt ihr Jonathan eine Hand auf die Schulter. „Wir gehen später zu Tante Asumi. Aber vorher… kannst du uns deinen Arm zeigen?“
Sie schüttelt ihren Kopf und sagt: „Du hast immer Ideen!“ Aber sie rollt den Ärmel ihrer Bluse hoch. Verblasst auf ihrem Arm sind ein runder Bluterguss und Einstiche zu sehen. „Oh! Da muss ich mich… gestoßen haben?“
Jonathan hält weiter ihre Hand. Seine Finger zittern sichtlich. Jetzt sieht er Irene an.

Deren verkrampfte Kiefermuskeln entspannen sich langsam wieder. Allerdings nicht, ohne eine sichtbare Willensanstrengung. Ihr Lächeln erreicht die Augen nicht, aber die Stimme ist weich geworden. „Guten Tag, Mrs. Saitou. Ich bin Irene. Und mein Beruf ist sogar noch viel unanständiger.“ Sie lacht, als Jonathan das Gesicht verzieht. „Sie müssen wissen, ich bin nämlich professionelle Monsterjägerin.“ Dabei zwinkert sie verschwörerisch.
„Machen Sie sich lustig über eine alte Frau?“ fragt die Dame.
„Nein, Ma’am,“ antwortet Irene ernsthaft. „Das macht man nicht. Es ist mein Ernst. Aber ob sie mir glauben, ist für den Moment unerheblich. Erlauben Sie, dass ich ihren Arm untersuche?“ Mit ausgesuchter Sanftheit nimmt die Frau, die beim letzten Zusammentreffen rücksichtslos versucht hat, Jonathan eine Treppe hinunterzustoßen, die Hand seiner Mutter und drückt vorsichtig auf den Wunden herum.
„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann,“ wiederholt sie.
„Niemand.“ Die Antwort der Mutter kommt ganz automatisch.
„Wenn er aber kommt?“
„Dann laufen wir davon!“ Mrs. Saitou macht erneut Anstalten, aufzuspringen. Eine leichte Röte hat von ihren Wangen Besitz ergriffen. Die Kindheitserinnerungen verliert man meist als letztes, sagen die Ärzte.
„Nicht jetzt, Mrs. Saitou. Sie müssen nicht davonlaufen. Wir sind da, um sie zu beschützen.“ Irene drückt sie vorsichtig in den Stuhl zurück.
„Verzeihen Sie, wenn ich so unverblümt frage, aber wie gut sind sie noch zu Fuß?“
Mrs. Saitou schnaubt entrüstet. „Ich kann noch alles alleine! … Nicht wahr?“ Ihr Blick geht kurz zu Jonathan. „Naja, manchmal falle ich.“
„Und haben Sie Angst vor dem Sterben?“ Mit der Hand bedeutet Irene dem FBI-Mann, den Mund zu halten.
„Ach, ich weiß, in meinem Alter sollte man … sagen können… was?… Ach, naja.“ Mrs. Saitou sieht ein wenig hilflos zu ihrem Sohn auf. Irene erhebt sich aus der Hocke und nickt. Sie hat fürs Erste genug gehört.

Jonathan räuspert sich mehrfach, bevor er sprechen kann. „Ma, es tut mir leid, aber wir müssen jetzt…“
„Nein!“ Ihre dünnen Finger greifen nach seinem Handgelenk. „Du bist doch gerade erst gekommen! Ich wollte doch noch Tee… Ist es, weil ich keinen Tee gemacht habe? Irgendwo hatte ich noch Okashi, von, na…“ Sie sieht ihren Sohn verzweifelt an und Tränen sammeln sich in ihren Augen.
Jonathan hat einen ähnlichen Gesichtsausdruck. Er wirft Irene einen Blick zu und macht eine Kopfbewegung in Richtung Eingang. „Würden Sie uns noch einen Augenblick geben?“

Als er einige Zeit später nachkommt, sind seine Augen rot gerändert und er schafft es nicht, seine Stimme ruhig zu halten. „Ich hoffe, Sie können mir bei dem Problem helfen, irgendwie…“
Irene sitzt mit dem Telefon in der Hand zusammengekrümmt auf der Rollstuhlrampe, obwohl in allernächster Nähe zahlreiche Plastikstühle und Bänke frei sind. Als Jonathan vor ihr steht, sieht sie nur kurz auf, die Lippen zusammengepresst, und lässt schnell wieder das Bild der kreisförmigen Wunde auf dem Bildschirm auftauchen.
„Uagh!“ tönt es aus dem Handy. „Warum zeigst du mir das?“ Irene seufzt.
„Das ist nicht für dich, Giffany.“
Bei Giffanys Namen schießen bei Jonathan gleich beide Augenbrauen in die Höhe.
„Wer ist Charles?“
„Mein Ex.“ Sie rollt mit den Augen.
„Den du für mich verlassen hast?“
„Nein. Den ich verlassen habe, weil er es nicht verstanden hat, mich glücklich zu machen.“
„Ich kann dich glücklich machen!“
„Der Beweis steht noch aus. Und jetzt gib bitte den Bildschirm frei. Ich habe Wichtiges zu tun.“
„Aber…“
„Giffany! Bitte.“
„Du bist gemein zu mir!“
„Und? Bist du etwa nett? Willst du, dass ich niemandem das Leben retten kann, weil du im Weg herumstehst? Also, du hast die Wahl. Entweder du gibst Ruhe und darfst zugucken oder du kommst in die Hosentasche und ich schreibe nur noch Briefe.“
„Ach Maaaann!“
„Wenn wir im Hotel sind, können wir meinetwegen zusammen einen Film ansehen.“
„Naaa guuut.“
Die Jägerin steckt das Handy weg und schenkt Saitou einen entnervten Blick. Sie ist ein bißchen rot angelaufen. Auf eine leere Stelle in den Akten kritzelt sie die Worte: ‚Ein richtig guter Hacker wäre traumhaft!‘
Jonathan schreibt daneben: Darüber sollten wir sprechen, wenn keine elektronischen Geräte in der Nähe sind. Habe aber wenig herausgefunden.
Laut sagt er: „Charles? Ich dachte, das wäre DeVri… Wir sollten uns um die konkrete Gefahr kümmern.“ Bei Irenes Gesichtsausdruck lenkt er lieber schnell um.

Irene wischt seine Bemerkung mit einer unwirschen Handbewegung beiseite und klingt gereizt als sie erläutert: „Ihre Mutter ist außer Gefahr. Wahrscheinlich. Wenn wir es wirklich mit einem Schwarzen Mann zu tun haben, wie ich ihn kenne, dann hat sie bei seinem Angriff alles richtig gemacht, sonst wäre sie schon tot. Der Schwarze Mann saugt seinen Opfern blitzschnell die Lebenskraft aus, wenn er einmal zugebissen hat, aber er ist an besondere Regeln gebunden. Er kann nur von vorne angreifen. Seine Opfer dürfen keine Angst haben und nicht versuchen zu fliehen, bis es zu spät ist. Mein… Charles hat mir bestätigt, dass das Profil der Wunden passt. Er hat nur noch nichts darüber gefunden, wie man ihn fachgerecht entsorgen kann.“

Jonathan atmet tief durch, als Irene erwähnt, dass seine Mutter nicht mehr in Gefahr ist. Hinterher ist seine Stimme ruhig und er wieder im Profimodus. „Ist das… Wesen intelligent oder ist es nur zufällig über eine Methode gestolpert, das perfekte Verbrechen zu begehen? Es ist ja nicht so, als würden in Altenheimen nicht häufiger Menschen sterben. Viele der Opfer können weder schnell verstehen, was vor sich geht, noch sofort fliehen. Und wer glaubt schon alten Leuten, wenn sie etwas von Schwarzen Männern erzählen? Das hier ist einer der wehrlosesten Bevölkerungsteile. “ Er schüttelt seinen Kopf. „Ist ein Schwarzer Mann gegen physische Angriffe gefeit oder braucht es dazu etwas Spezielles wie… angeblich… bei… uhm… Vampiren…?“ Man hört ihm an, dass er noch nicht richtig glauben kann, dass man so eine Konversation auch wirklich führen kann.
Vor allem nicht mitten am Tag in einem Altenpflegeheim.

Irene lässt sich eine quälende kleine Ewigkeit Zeit, ehe sie antwortet. Ihre Lippen kräuseln sich zu einem herablassenden Lächeln. „Das einzige, was gegen Vampire hilft, ist, sie einen Kopf kürzer zu machen. Mit dem Blut von Toten können Sie sie lähmen. Das war’s aber auch schon.“
Sie erhebt sich und schlendert zum Wagen, wo sie, vielleicht mit etwas zu viel Schwung, ihr Handy ins Handschuhfach pfeffert und Saitou bedeutet, es ihr gleich zu tun.
„Es gibt aber tatsächlich Wesen, die sie nur mit bestimmten Waffen verletzten können. Wie es sich beim Schwarzen Mann verhält, weiß ich nicht. Die Dinger sind selten geworden. Ihre seltsame Nahrungseinschränkung und das Kinderspiel haben sie schon vor Langem extrem dezimiert. Heute weiß buchstäblich jedes Kind, wie man sich vor ihm schützt. Die letzte Sichtung, von der ich gehört habe, war vor mindestens 10 Jahren in Mali. Und die Quelle ist eher fragwürdig. Mali ist bekanntermaßen von Farbigen bevölkert… Also, wie wir ihn wegbekommen… entweder wir stehen uns hier ein paar Stunden oder Tage die Beine in den Bauch, bis Charles sich durch sein Archiv gearbeitet hat, oder wir finden es selbst heraus. Ich würde bei den bekannten Schwächen anfangen: Das Opfer muss in der Lage sein, ihn zu sehen und frei von Angst, beziehungsweise Hoffnung sein.“

Bei dem Wort ‚Hoffnung‘ verengen sich ihre Augen zu Schlitzen. „Das dürfte in einem Altersheim wirklich die perfekte ökologische Nische für so ein Ding sein, egal ob intelligent oder nicht. Hier wartet man ja nur noch auf den Tod.“

Jonathan lässt Irenes anhaltende Sticheleien einfach an sich abgleiten. „Es ist keine besonders ansprechende Idee, mit so wenigen Informationen in eine derartige Situation zu gehen. Aber wir können die Leute hier auch nicht einfach diesem… Schwarzen Mann überlassen. Das heißt, wir müssen entweder warten, bis er sich ein neues Opfer sucht und dann hoffen, dass wir ihn besiegen können – oder ihn ködern. Allerdings bin ich nicht bereit, jemanden hier in diese Position zu bringen. Und was uns beide betrifft…“ Er zuckt mit den Schultern. „Mir ist es nicht egal, ob ich lebe oder sterbe. Wie ist es mit Ihnen?“
“Ich lebe sogar ziemlich gerne. Und ich habe noch ein Ziel vor Augen, das ich erreichen möchte, bevor ich abtrete. Ich kann ihnen zwar versichern, dass ich mich nicht sehr leicht fürchte, nichtsdestotrotz ist es ein hilfreicher Überlebensinstinkt, der sich wahrscheinlich auch bei mir bemerkbar macht, sobald mir das Wesen zu nahe kommt.” Sie vergräbt die Hände in den Hosentaschen. “Wir könnten ihm auch die Nahrungsgrundlage entziehen und hoffen, dass er dann verschwindet. Dass wir allen Heimbewohnern Beine machen können, damit sie ihm davonlaufen, halte ich für etwas unwahrscheinlich. Angst sollte jedoch kein größeres Problem darstellen.”

„Wir sollten ihnen lieber Angst vor dem Tod als Hoffnung aufs Leben machen?“ Er wirft Irene einen Seitenblick zu. „Aber abgesehen davon, dass ich alten Leuten keine Todesangst einjagen möchte, glaube ich nicht, dass das so einfach ist. Manche Bewohner hier werden gar nicht verstehen, was wir von ihnen wollen, so wie sie keine Angst vor dem Schwarzen Mann haben, weil sie gar nicht realisieren, dass sie in Gefahr sind. Außerdem wechseln die Personen hier ständig. Wie lange kann ein Schwarzer Mann warten? Monate? Bis dahin sind schon neue Leute hier eingezogen. Und dann bleibt alles beim Alten.“ Er tippt sich mit einem Finger auf die Lippen. „Gut. Ich schlage vor, wir passen den Schwarzen Mann nachts ab und versuchen, ihn zu eliminieren. Vorher reden wir mit den Bewohnern, um so vielen wie möglich zu vermitteln, dass sie nicht wirklich sterben wollen. Auf positive Weise, bitte. Dabei können wir auch analysieren, wer am stärksten gefährdet ist.“
Irenes Mienenspiel verrät, was sie von der Idee hält. Doch sie zuckt mit den Schultern und murmelt ergeben: “Wenn Sie meinen. Etwas besseres fällt mir gerade auch nicht ein. Wie stellen Sie sich das vor mit den Gesprächen? Werden wir nicht komisch angesehen, wenn wir in alle Zimmer hineinlaufen?”
Jonathan schüttelt den Kopf. „Das sollte kein größeres Problem sein. Die Heimleitung weiß Bescheid, dass ich mit den Bewohnern gesprochen habe. Da dank meiner Mutter sowieso jeder dort weiß, was ich beruflich mache…“ Er seufzt. „…bekomme ich ein gewisses Vorschussvertrauen, auch wenn ich nicht offiziell hier bin. So bin ich auch an die Kameraaufnahmen gekommen. Falls Sie nicht noch in Ihr Hotel wollen oder etwas essen, können wir sofort anfangen.“
Die Britin sieht zwar eher aus, als würde sie am liebsten davonlaufen, ringt sich dann aber doch ein tapferes Lächeln ab. “Ja, bringen wir’s hinter uns.”
Am Empfang wendet sich Jonathan an die Krankenschwester. „Entschuldigen Sie bitte, Miss Hazuki. Ist es in Ordnung, wenn wir den Bewohnern noch ein paar Fragen zu der verdächtigen Gestalt stellen? Es wird auch nicht lange dauern.“
Die junge Frau lächelt vielleicht etwas zu breit. „Kein Problem, Mr. Saitou. Bitte melden Sie sich, wenn Sie Hilfe brauchen.“
Im Weggehen sagt Jonathan zu Irene: „Wir haben natürlich keinen Freibrief, aber so lange wir uns nur friedlich unterhalten, gibt es keinen Grund, uns das zu verweigern.“ Er schaut auf seine Uhr. „Hier leben etwa dreißig Personen. Ich denke, wir können das getrennt angehen und sehen uns in einer Stunde wieder hier. Am besten vermerken wir die Namen der Leute, bei denen wir waren, damit wir nicht doppelt mit jemandem sprechen.“
“Eine Stunde für fünfzehn Leute? Für fünfzehn alte Leute? Sie belieben zu scherzen. Wir sehen uns dann heute abend wieder.” Kopfschüttelnd entschwindet Irene in den vollklimatisierten Aufenthaltsraum. Die sonnenbeschienene Terrasse lässt sie dem FBI-Mann. Drei Stunden später sitzt sie immer noch umringt von einem Trüppchen älterer Herren und ein paar Damen auf einem Sofa, lässt sich Fotos unter die Nase halten und gibt Jagdgeschichten aus drei verschiedenen Kontinenten zum Besten. Als sie wieder zu Saitou stößt, sind ihre Wangen gerötet. “Wussten Sie, dass Mr. Benson im Krieg Spion gewesen sein will? Ich hatte meine liebe Not, ihn davon abzubringen, dass er unseren Köder mimt. Mrs. und Mr. Smith, nicht verwandt und nicht verschwägert, sind garantiert keine potentiellen Opfer. Sie vergisst ihn zwar, sobald sie ihn nicht sieht, aber er umgarnt sie täglich aufs Neue und legt sich dabei mächtig ins Zeug. Die Großeltern mit den vielen Kinderfotos sehe ich auch noch als durchaus lebenslustig an. Nur zwei der Herren scheinen gewillt, ihren verstorbenen Frauen bald zu folgen. Dem einen konnte ich nahelegen, dass sein Sohn noch nicht auf weisen Rat bezüglich des Familienunternehmens verzichten kann. Dem anderen habe ich versichert, dass er auf keinen Fall erlauben kann, von seinem nichtsnutzigen Schwiegersohn beerbt zu werden, ehe die Tochter mit der Scheidung durch ist. Bei Miss Halliday, Mr. Piper und Mr. Mankiw bin ich mir nicht so sicher, ob irgendetwas von dem angekommen ist, was ich gesagt habe. Mr. Mankiw hat mir mehrfach nachdrücklich vorgeworden, was für eine Schande es ist, dass ich ihn schon so lange nicht mehr besucht habe. Keine Ahnung, für wen er mich hält, aber so energisch wie er schimpft, kann ich mir auch nicht ganz vorstellen, dass er vorhat, allzubald abzutreten. Wie sieht es bei Ihnen aus?”

Bei Irenes fast schon begeisterter Schilderung kann sich Jonathan ein Lächeln nicht verkneifen, das unerwartet strahlend und jungenhaft ist. Er bringt sein Gesicht schnell wieder unter Kontrolle, damit die Jägerin nicht auf die Idee kommen kann, er würde sich über sie lustig machen.
„Bei den meisten mache ich mir wenig Sorgen. Wie es aussieht, muss ich demnächst zu einem Kochkurs herkommen und mir zeigen lassen, wie wichtig das richtige Dashi ist…“ Er winkt einem Grüppchen von fünf asiatischen Frauen im Schatten zu, die kurz ihre hitzige Diskussion unterbrechen und zurückwinken. Eine zwinkert ihm sogar zu, was Jonathan kurz aus der Spur bringt. „Ähm. Ja. Gut. Aber ich denke, die Damen pflegen eine gesunde Rivalität, die ihnen ausreichend Lebensmut gibt. Dann habe ich wohl zugesagt, Staatsressourcen zu missbrauchen und Mr. Kekoas Tochter zu suchen und Mr. Taylor Hoffnung gemacht, dass die Rechtsstrafe seines Enkelsohns zumindest abgemildert wird.
Die einzigen, die ich für ernsthaft gefährdet halte, sind Mr. Sears und Mrs. Feng. Mr. Sears…“ Jonathan schaut in Richtung eines Mannes in Rollstuhl, der mit leerem Blick auf den Garten starrt. „…hat kaum auf mich reagiert. Ich glaube nicht, dass er einen Angriff auch nur mitbekommen würde, bis es zu spät ist. Mrs. Feng ist in ihrem Zimmer. Sie hat auf die Frage, wie es ihr geht, zu weinen angefangen und ich konnte sie kaum beruhigen, geschweige denn, ihr irgendwie Hoffnung machen.“
“Also vier Wackelkandidaten. Sears, Feng, Piper und Halliday. Das sind mir zu viele. Ich gehe mir mal ihre zwei ansehen. Sprechen Sie bitte mit meinen beiden. Wenn wir es nicht noch genauer eingrenzen können, sollten wir uns Gedanken machen, wie wir den Zugriff des Schwarzen Manns auf eine Person hin steuern können. Bis gleich!”
Den Aktendeckel nimmt die Jägerin mit. Als sie nach längerer Zeit von ihrer Visite bei Mrs. Feng zurückkehrt, wölbt sich dieser verdächtig. Irene holt sich aus einer der Thermoskannen ein Glas Tee, ehe sie sich wieder zu Saitou setzt. “Das wird so nichts. Ich denke, alle vier sind geeignete Opfer. Aber sie werden nicht glauben, wie unverantwortlich hier mit Medizinschränken umgegangen wird.” Sie setzt ein gespielt unschuldiges Gesicht auf und offenbart den hinzugekommenen Inhalt des Aktendeckels. Darin befindet sich ein abgerissener Blister mit zwei dunkelroten Tabletten und zwei aufgezogene Spritzen. Eine davon schiebt Irene zu Jonathan. Die andere steckt sie in die Jackentasche. “Stand einfach offen. In einem Haus voller dementer Leute. Tss! Was für ein glücklicher Zufall, dass ich das rechtzeitig gesehen habe, ehe jemand sich daran bedienen konnte. Und wo wir jetzt schon mit den passenden Drogen versorgt sind, können wir auf Ihren Vorschlag zurückkommen, den Schwarzen Mann zu ködern. Ich traue mich wetten, dass er, wenn man ihm die Wahl lässt, lieber das reichhaltigere Büffet wählt, statt der Diätvariante.” Mit diesen Worten drückt sie die zwei Pillen aus ihren Hüllen und spült sie mit dem Tee hinunter.
Jonathan hebt die Hände. „Sind Sie völlig…“ Dann lässt er sie wieder sinken und atmet scharf aus. „Darüber reden wir später. Was haben Sie da genommen?”
“Das ist das Zeug, das Sie vor Operationen bekommen, damit Ihnen alles egal ist,” erklärt Irene sachlich. “Es sollte in Kürze meine Fähigkeit, Angst zu empfinden, auf das absolute Minimum drücken. Ich bin ein bisschen jünger und fitter als die Bewohner dieses Hauses und damit hoffentlich ein gefundenes Fressen für unseren düsteren Gourmet. Ich fürchte nur, dass meine Reaktionen etwas darunter leiden werden. Geben Sie auf mich acht! In den Spritzen ist Epinephrin. Sozusagen die chemische Komponente der Angst. Ich hoffe, dass es das ist, was der Schwarze Mann nicht verträgt.”
Jonathan streicht sich mit der Hand über das Gesicht. „Sie wissen schon, dass es gerade mal neun ist und auch wenn es schon dunkel ist, hier noch alle wach sind? Und dass das Medikament nicht mehrere Stunden wirkt?“ Er schüttelt seinen Kopf und steht auf. „Gehen wir erst mal offiziell. Die Kreatur hier in aller Öffentlichkeit anzulocken, halte ich für keine sehr gute Idee. Abgesehen davon, dass ich ihr gerne etwas anderes entgegensetzen würde als meine leeren Hände.“ Er bietet Irene, die sich vielleicht etwas konzentrierter bewegen muss als üblich, seinen Arm an. Leiser fährt er fort: „Die Gartentür ist nicht videoüberwacht. Ich baue darauf, dass Sie die aufbekommen.“
Mit einer demonstrativen Verabschiedung am Empfang, gehen die beiden zu Jonathans Auto. Er wirft einen Blick um sich, bevor er den Kofferraum aufschließt. Sie sind alleine auf dem Parkplatz. „Eine Schusswaffe kann ich Ihnen nicht anbieten, aber das wäre ohnehin zu laut. Sie haben die Wahl zwischen einem Messer und einer Rohrzange. Ich schätze, Sie bevorzugen das Mes…“ Er dreht sich zu ihr um, die Waffe mit dem Griff voran zu reichen und sieht gerade noch, wie Irene von einer dunklen Gestalt zu Boden gerissen wird. Ihre Augen sind glasig. Die Information, dass sie gerade angegriffen wird, scheint erst anzukommen, als sie auf dem Asphalt aufschlägt. Auch dann quittiert sie das Erscheinen des Schwarzen Manns nur mit gerunzelter Stirn und einer fahrigen Abwehrbewegung, als wollte sie eine lästige Fliege verscheuchen. Das Wesen tastet auf ihrer Kleidung herum, als sei es blind, bis es eine Stelle mit nackter Haut findet, auf die es seine Hand presst. “Au,” haucht die Britin. Sie fingert unkoordiniert an ihrer Jackentasche herum. Viel zu langsam.

Jonathan zögert. Es ist eine Sache, zu wissen, dass es ein Monster gibt, es ist eine andere Sache, es auch zu sehen. Die Haut der Kreatur ist nicht einfach nur schwarz, sie ist schattig, als würde sie Licht einsaugen anstatt es zu reflektieren. Ein flaches Gesicht. Keine Augen, keine Nase, kein Mund.
Aber dafür stülpt sich ein Maul aus der Handfläche und bohrt sich unter das Hemd der Jägerin.
Irenes schwaches „Aua“ bringt Jonathan wieder zu sich. Er ist schon in Bewegung, während er noch einen Plan formuliert. Schritt 1: Die Kreatur von Miss Hooper-Winslow treten. Schritt 2: Ringergriff anbringen. Schritt 3: Epinephrin injizieren. Schritt 4: Um sicher zu gehen, das Messer benutzen. Primärziel: Hals. Sekundärziel: Mäuler. Schritt 5: Die Kreatur festhalten, bis sie stirbt.
Natürlich geht Schritt 1 schon schief. Der Schwarze Mann ist schnell, viel schneller als ein menschlicher Gegner. Er fährt herum und fegt Jonathan von den Beinen, der rückwärts auf den Boden schlägt.
In seiner Tasche knackt es. Die Spritze…
Aber der Schwarze Mann musste sein Opfer loslassen. Er streckt seine Arme wieder nach Irene aus. Speichel tropft aus seinen Handflächen.
Jonathan packt nach dem Bein des Wesens. Seine Finger rutschen, aber irgendwie findet er Halt und zerrt den Schwarzen Mann zurück. Ein Fuß trifft ihn im Gesicht. Feuchtes, warmes Blut läuft an seiner Wange herab.
„Die Spritze! Meine ist zerbrochen!“, schreit er in Richtung Irene, während er versucht, die Gliedmaßen des Schwarzen Mannes unter Kontrolle zu bekommen.
Jetzt zahlt sich aus, dass Irene von Kindheit an die richtigen Bewegungen eingehämmert wurden. Noch während sie in grausiger Faszination das Monster für seine Eleganz bewundert, zieht sie instinktiv die Beine an, um aus seiner Reichweite zu gelangen. Rollt sich unbeholfen herum. Dreht dem Ding den Rücken zu. Hinter ihr keucht Saitou. Der Schwarze Mann macht kein Geräusch. Überhaupt keines. Langsam lässt der Schmerz in ihrer Seite die körpereigene Adrenalinproduktion anspringen und das Sedativum verdrängen. Noch nicht ganz… Was sollte sie machen? Ach ja, die Spritze. Sie kommt auf die Knie, muss sich abstützen. Was fällt eigentlich ihren Händen ein, nicht ein wenig schneller auf Befehle zu reagieren? Die Spritze leistet Widerstand. Irene dreht sich um. Es ist körperlich zu spüren, wie man selbst ins Zentrum der Aufmerksamkeit des Wesens gerät, sobald man es sieht. Sie zerrt die Spritze aus der Tasche. Der Agent und das Monster bilden ein wildes Knäuel auf dem Boden. Ihre Augen haben Schwierigkeiten, den Bewegungen zu folgen. Irenes Ohren rauschen. Auf der Kanüle sitzt eine Plastikkappe. Bombenfest. Man muss die Fingergelenke abknicken, um zu greifen… Saitou gibt einen erstickten Laut von sich. Das Medikament tritt langsam den Rückzug an. Wie gegen einen Gummizug schließen sich Irenes Finger um die Kappe. Sie löst sich… Wenn jetzt nur der Schwarze Mann und Jonathan nicht so herumzappeln würden. Irene hebt den Arm und versucht zu zielen. So geht das doch nicht! Leute, haltet mal still!
Die Spritze saust herab, bohrt sich in ihren Oberschenkel. Ein vorsichtiger Druck, dann flutet das fremde gemeinsam mit dem selbstproduzierten Hormon durch ihre Adern. Knapp die Hälfte der Dosis ist noch übrig. Das muss reichen. Die Welt wird langsamer. Die geifernden Mäuler des Schwarzen Mannes schnappen nur noch in Zeitlupe auf und zu. Es ist interessant, welche Details man plötzlich wahrnimmt. Es duftet nach Hibiskus. Der Schwarze Mann weicht jedesmal zurück, wenn er im Kampf die von der zerbrochenen Spritze durchweichte Stelle auf Jonathans Hose berührt. Da, wo ihn das Epinephrin trifft, sieht es aus, als würde er substanzieller, zäher. Als würde er versteinern.
Die versteinerte Stelle glänzt. Nein, sie glänzt nicht, aber sie reflektiert das Licht der Straßenlaternen.
Die Bewegungen des Schwarzen Mannes haben sich verändert. Nach wie vor windet er sich wie ein Aal, aber jetzt greift er nicht mehr nach Irene. Jetzt kämpft er nur noch, um zu fliehen.
Auf gar keinen Fall. Du bleibst hier. Jonathan hat seine Beine um die Kreatur geschlungen, drückt mit dem Ellenbogen einen Arm auf den Boden und versucht, den anderen zu schnappen. Er sieht auf zu Irene, folgt ihrem Blick zu dem… etwas weniger dunklen Fleck.
Schwachstelle, beschließt er. Hofft er.
Er lässt den Arm des Wesens los und sofort schnappen die Mäuler nach ihm, kurze, scharfe Bisse, nicht zum Fressen, sondern zum verletzen. Aber jetzt ist Jonathans Hand frei und mit so viel Kraft wie er in dieser Position aufbringen kann, rammt er seine Faust in die versteinerte Stelle, wieder und wieder. Es knackt. Risse bilden sich, aus denen ölige Dunkelheit tropft. Der Schwarze Mann krümmt sich, aber schwächer, schwach genug, dass Jonathan ihn fixieren kann.
Zumindest für einen Moment.
„Das Epinephrin! In die Wunde!“
“Das sagen Sie so einfach,” murmelt die Jägerin, die jetzt wieder vollends zu sich kommt. Sie tänzelt mit zusammengekniffenen Augen um die ausschlagenden Schattenbeine, zielt und stößt die Spritze wie ein Florett an ihr Ziel. Aus dem Inneren des Schwarzen Mannes dringt ein Geräusch wie das augenblicklich tauende Crushed Ice, wenn man einen Cocktail eingießt. Die Gestalt bäumt sich auf, bringt durch die eigene Bewegung Haut und kristallisierenden Muskel zum Reißen. Sprünge ziehen sich bis zum Hals und den Schultern des Schwarzen Mannes. Irene packt mit einer Hand den gesichtslosen Kopf und hämmert die Nadel ein zweites Mal in das dunkle Fleisch. Dann bricht sie dem Ding das Genick und dreht weiter, bis der Kopf knackend freikommt und sie nach hinten stolpert. Angewidert wirft sie ihn zu Boden. “Igitt.”
Jonathan rappelt sich auf und lässt seinen Blick über die Überreste des Schwarzen Mannes schweifen. Nichts rührt sich. Die Stücke sehen aus, als hätten sie zu einer Obsidianstatue gehört.
Der Agent fegt einige Splitter von seinen Kleidern und mustert Irene. „Sind Sie in Ordnung, Miss Hooper-Winslow? Keine Verletzungen? Keine Nebenwirkungen?“
Wie auf sein Stichwort beginnt Irene gleichzeitig am ganzen Leib zu beben und zu kichern. Mit zittriger Hand zieht sie ihr Hemd ein Stück hoch und betrachtet die Kreise, die die Beißwerkzeuge hinterlassen haben. Ihr Lachen klingt etwas hysterisch: “Ja, alles gut. Jetzt bin ich meine eigene Trophäe!”
Was ihr vorhin an Adrenalin gefehlt hat, holt der Stoffwechsel jetzt mit Verve nach. Sie taumelt zum Wagen, lässt sich gegen das Blech sinken. “Und ich weiß jetzt, wie sich Barry an Weihnachten gefühlt hat.” Für sie scheint der Satz Sinn zu ergeben. Ihr Atem klingt fast wie Schluchzen, doch es muss wohl wirklich nur die körperliche Reaktion auf das Erlebte sein.
Obwohl sie von Zitteranfällen gebeutelt wird, geht sie neben den Bruchstücken auf die Knie, sammelt die reißzahnbewehrten Hände des Schwarzen Mannes ein, hält Saitou eine davon hin und insistiert: “Die sollten Sie aufheben. Als Erinnerung an ihr erstes eigenes Monster.”
„Das werde ich. Aber nicht als Andenken.“ Er nimmt die Hand von ihr an und geht in die Hocke, um sich noch einmal die Brocken aus der Nähe anzusehen. Es überrascht ihn selbst, wie ruhig er ist. Relativ ruhig zumindest. So ruhig man eben nach einer lebensgefährlichen Situation sein kann. Aber was eine vage Dunkelheit war, ist jetzt greifbar, verständlich, analysierbar geworden.
Jonathan atmet tief durch, steht auf und berührt Irene sanft am Arm. „Kommen Sie. Ich bringe Sie lieber an einen Ort, wo ich ein Auge auf Sie haben kann. Nicht, dass Sie Kammerflimmern bekommen.“
Nach einer Fahrt an der Küste entlang parkt er das Auto vor einem Einfamilienhaus, das direkt am Strand liegt. „Unser Haus. Oder besser, jetzt das Haus meiner Schwester. Ich hüte es, so lange sie mit ihrer Familie im Urlaub ist.“ Einfache, alltägliche Worte, und sie gehören zu der gleichen Welt wie der Schwarze Mann.
Drinnen ist alles genauso normal. Ein paar verstreute Spielzeuge. Rechnungen. Familienfotos. Ein durchgesessenes Sofa, auf dem Irene auf Jonathan warten soll, so lange er den Verbandskasten holt.
Während er Desinfektionsmittel und Pflaster auspackt, sagt er: „Darf ich Sie etwas fragen, Miss Hooper-Winslow?“
Irene hat schon seit Wochen auf den Moment gewartet, in dem das Fragenbombardement losgeht. Oder darauf gehofft, dass es losgeht?
“Bitte. Fragen Sie!”
Erst tastet er ihre Rippen ab, wo sie nähere Bekanntschaft mit dem Asphalt gemacht hat. „Geprellt, würde ich sagen. Haarrisse kann man natürlich nie ausschließen, also gehen Sie in ein Krankenhaus, wenn es schlimmer wird. Und das andere… wozu Trophäen?“
“Nur geprellt. Ich habe nicht ganz wenig Erfahrung damit, die verschiedenen Schmerzvarianten auseinanderzuhalten. Interessante Frage. Zwei Antworten. Ihre, damit Sie es morgen noch glauben. Damit Sie einen greifbaren Beweis haben, dass sie nicht spinnen. Bisher hatten Sie noch die Möglichkeit, alles weg zu rationalisieren. Der Wolfsmann war nur ein besonders häßlicher Mensch. Giffany eine gut programmierte KI. Heute haben Sie einen Alptraum besiegt. Mit bloßen Händen. Au.” Sie schiebt energisch seine Hand von einer besonders schmerzhaften Stelle. “Ich kann nicht aus eigener Erfahrung sprechen, wenn es um Verdrängung geht, aber ich habe genügend Menschen erlebt, die Geister gesehen haben und sich meisterlich in die eigene Tasche lügen, um es zu leugnen. Es wäre mir recht, wenn Sie sich nicht unter diesen Opfern einreihen.”
Irene greift sich das Desinfektionsmittel, tränkt ausgiebig ein Stück Gaze damit, legt einen Finger unter Jonathans Kinn und beginnt, mit schnellen, nicht allzu sanften Bewegungen, Blut aus seinem Gesicht zu wischen. “Das hätten wir entfernen sollen, bevor es getrocknet ist, aber es stand Ihnen so gut, dass es mir erst jetzt aufgefallen ist. Sagen sie, wenn es zu sehr weh tut. Und meine Trophäe: Das ist so ein Familiending. Ein Konkurrenzkampf. Eigentlich eine ganz praktische Sache. Sorgt dafür, dass wir uns nicht irgendwann auf unseren Lorbeeren ausruhen. Nebenbei sammeln wir Objekte, mit denen wir auch mal angeben können, wenn wir uns Respekt verschaffen müssen. Oder die wir gegen andere seltene Gegenstände tauschen können, die uns helfen, das nächste exotische Ungeheuer zu erledigen.”
Mit einem neuen Pad wiederholt sie die Prozedur und bringt grinsend ein Pflaster auf der Platzwunde an. “Die Narbe wird Miss Hazuki um den Verstand bringen. Ich habe auch eine Frage.”
“Bitte.”
“Ihre Mutter hat angedeutet, dass Ihnen alle möglichen anderen Wege auch offen gestanden hätten. Warum sind Sie zum FBI gegangen?”
„Idealismus. Auch ohne Monster ist die Welt ein gefährlicher Ort und ich weiß, was es heißt, hilflos zu sein. Davor möchte ich andere Menschen bewahren, wenn ich kann. Außerdem – auch wenn es längst nicht perfekt ist – glaube ich an unser Rechtssystem. Und was nicht perfekt ist, kann reformiert werden.“ Er gönnt sich ein leicht selbstironisches Lächeln, weil er weiß, wie unrealistisch und naiv das klingen muss. „Sie machen das alles nur aus Familientradition, Miss Hooper-Winslow?“
Da ist es wieder, das spöttische Lächeln. “Sie wissen, dass auch in Ihrer Behörde das eine oder andere nichtmenschliche Wesen sitzt und seine Strippen zieht?”
„Und das weiß eine britische Staatsbürgerin woher?“ Er zuckt mit den Schultern. „Selbst wenn, kann ich es herausfinden. Alles hinterlässt Spuren, Brüche im Muster. Selbst Ihre Monster, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht wusste, was ich mir ansah. Ich habe jetzt schon angefangen, alte Fälle durchzugehen. Wir werden sehen.“ Einen Augenblick tupft er sich schweigend Desinfektionsmittel auf die Bisse. „Allerdings hat man mir den Fall DeVries weggenommen und an die NSA gegeben, mit der Begründung “Domestic Terrorism”. Man hat mich belobigt, nicht nur, aber sicher auch, um mich ruhig zu stellen. Ich wäre nicht erstaunt, wenn in der Hinsicht noch etwas… passiert.“
Irene ist ebenfalls mit dem Antiseptikum auf den Biss an ihrer Taille losgegangen. Daneben, mehr in der Mitte, zeichnet sich rot die unschön verheilte Narbe ab, die ihr Marcus DeVries hinterlassen hat. Bei der Erwähnung seines Namens erstarrt die Hand der Britin in der Bewegung, legt sich dann unwillkürlich über die gezackte Linie auf ihrem Bauch. Sie schluckt.
“Gut für Sie. Lassen…” Die Worte sind mit rauher Stimme hervorgepresst, brechen ab. Irenes andere Hand wandert zu ihrem Hals, als würde es ihr auf einmal Schmerzen bereiten, auch nur zu flüstern. “Lassen Sie die Finger von dem Fall!”

Jonathan kann seine Überraschung für einen Moment nicht verbergen. Das war Angst, eindeutig. Er ist einen Augenblick still und wählt seine Worte vorsichtig: „Ich fürchte, dass kann ich nicht so einfach tun. Wenn er und seine Sekte wirklich gefährlich sind und im schlimmsten Fall Unterstützung haben, muss ich sie im Auge behalten. Ich kann Sie nicht zwingen, mir mehr zu erzählen, aber je mehr ich weiß, desto besser. Lassen Sie die persönlichen Details weg, wenn sie zu schmerzhaft sind. Aber Sie können sie mir erzählen, wenn Sie möchten. Sie haben mir heute sehr geholfen. Jetzt kann ich Ihnen zumindest zuhören, ohne zu urteilen.“
Von einer Sekunde auf die andere steht die Trophäenjägerin über ihm, die Hand erhoben wie zum Schlag, mit funkelnden Augen. “Und dann? Dann legen Sie eine Akte an und recherchieren ein bißchen und machen dann, dass alles gut wird?” Es hätte Gebrüll werden sollen, doch die Stimme versagt ihr immer noch den Dienst, und so wird ein jämmerliches Kieksen daraus. Tränen schimmern auf. “Wer glauben Sie denn, dass Sie sind, dass Sie sich gleich mit himmlischen Mächten anlegen können? Die Unterstützung im schlimmsten Fall? Die kommt buchstäblich von ganz oben! Das sind nicht nur ein paar Fanatiker! Das sind Gotteskrieger im Wortsinne, von den Toten auferstanden, weil es der Himmel so wollte!”
Bei den letzten, gezischten Worten hat sie sich wieder an die Kehle gegriffen, schnappt jetzt nach Luft und stolpert von Agent Saitou weg, stützt sich schwer gegen das große Panoramafenster, das tagsüber einen malerischen Blick auf Sand und Wellen bietet, gegen die Schwärze des nächtlichen Meeres aber nur ein verzerrtes Bild ihres tränenüberströmten Gesichts zurückwirft. “Lassen Sie die Finger davon! Das ist zu groß für Sie… das ist zu groß für mich.” Jetzt hat sie es ausgesprochen. Die bittere Wahrheit. “Das ist zuviel für mich!”

Einen Moment später tritt Jonathan hinter sie und legt ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter, als wäre er sich nicht sicher, ob sie sich im nächsten Augenblick auf ihn stürzen oder – noch schlimmer – an seiner Schulter ausweinen will. Er setzt mehrfach an, bevor er sagt: „Sie… Sie haben recht. Es war… arrogant von mir, anzunehmen, dass ich meine bisherigen Erfahrungen einfach so auf die neue Situation übertragen kann.“ Er blickt auf, zur Scheibe, wo sich ihre Blicke in ihren Reflexionen treffen. „Ich weiß nicht, ob ich etwas unternehme oder nicht, oder überhaupt etwas unternehmen kann. Aber wenn, wird es meine Entscheidung sein. Meine und meine alleine. Niemand anderes wird daran schuld sein.“
Er lässt ihre Schulter los und verlässt den Raum. Für einen Augenblick hört man ihn in der Küche rumoren. Als er wiederkommt, hat er eine offene Flasche guten Rotwein und zwei Kaffeetassen in der Hand. „Ich konnte die Gläser nicht finden und eigentlich sollten Sie nicht, wegen der Medikamente…“ Mit einem Schulterzucken verwirft er seine eigenen Einwände und öffnet die Terrassentür. „Und das Meer ist gleich da unten.“
Er geht den Trampelpfad hinter dem Haus herunter und überlässt es Irene, ob sie ihm folgen und sich auch in den Sand setzen oder lieber alleine sein will.
Die Nachtluft ist klar und warm. Es riecht nach Hibiskus und Salz. Im Hintergrund rauscht das Meer. Und über allem der weite Sternenhimmel.
Mehrere Minuten später taucht Irene auf. Sie trägt einen Badeanzug. Ohne Jonathan anzusehen, stapft sie an ihm vorbei, stürzt sich in die Fluten und verschwindet schnell aus seiner Sicht. Als sie zurückkehrt, ist die Wut aus ihren Zügen gewichen und hat einem traurigen, bitteren Ausdruck Platz gemacht. Sie wickelt sich in ein Handtuch, setzt sich neben den Special Agent und greift nach der Weinflasche.
“Mann kann jemandem seine Entscheidungsfreiheit lassen und trotzdem daran schuld sein, wie er sich entscheidet.”
Dann legt sie den Kopf auf die Knie, starrt auf das dunkle Meer und beginnt stockend zu erzählen.

View
The Cleansing of Souls
A Christmas Carol (aus Barrys Tagebuch)

Ich sitze am Flughafen und warte auf den nächsten Flug von Providence nach Chicago. Es ist Boxing Day, und ich möchte jetzt wirklich dringend zu meiner Familie – wie ich den Flug überstehen soll, ist eine andere Frage. Mein Herz flattert, meine Hände zittern, hin und wieder bricht mir kalter Schweiß aus, aber das liegt an dem Gift, dass mir Carlisle gespritzt hat. Wie sich das mit einer Panikattacke verträgt, will ich eigentlich gar nicht wissen, aber ich werde es demnächst herausfinden. Drei Stunden soll der Flug dauern, und ich will meine Frau und meine Kinder sehen, also sollte ich da besser nicht als Wrack ankommen.

Also schreibe ich. Schreiben, um dem zu entkommen, worüber ich schreibe.

Vielleicht fange ich lieber vorne an.

Es ging mit einem Telefonanruf los. Verzweifelte Eltern, Tochter verschwunden, Polizei uneffektiv. Das Haus, in dem das Mädchen verschwunden ist, hat einen seltsamen Ruf. Irgendwer hat Telakhon empfohlen, Tam hat den Anruf angenommen und versprochen, dass wir uns drum kümmern. Allerdings war es kurz vor Weihnachten, Brian war im Urlaub, J.D. und P.J. hatten auch Dinge vor und Tam selbst war im fünften Monat schwanger. Also blieb ich. Eigentlich wollten wir nach Chicago, um meine Eltern zu besuchen und Verwandte zu treffen, aber es war ja erst der 20. Dezember. Wir verabredeten uns also für den 25. in Chicago und ich machte mich mit dem neuesten Klappermodell auf den Weg.
Leider kam ich nicht sehr schnell voran, weil ich nach Connecticut musste und es dort seit Tagen heftig schneite. Also traf ich erst am Nachmittag des 22. Dezembers in Baltic ein, meldete mich kurz bei meinen Auftraggebern, Jesse und Naomi Baird, und glich noch einmal meine Informationen mit ihnen ab: Vor ein paar Tagen waren vier Jugendliche – Tasha Baird, Miguel Diaz, Lamar Bates und Fay Gaines – bei einer Mutprobe verschwunden. Als letztes waren sie in St. Trinity’s gewesen, einem alten Schulgebäude, das Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut wurde. 1927 verschwand der Rektor der Schule zusammen mit zehn Jungen, die über Weihnachten in der Schule geblieben waren, spurlos. Seither gilt das Haus als unheimlich und alle Projekte, es zu renovieren und wieder zu benutzen, endeten frühzeitig und ergebnislos. Im TB-Forum fand ich sogar ein Video, das Ally und Hellskitty vor einiger Zeit dort gedreht hatten – Wackelkamera, nichts groß passiert, aber die beiden fühlten sich sichtlich unwohl. Und sie spürten während ihres Aufenthalts offenbar den Drang, über vergangene Sünden zu reden. Harmlose Sachen, ein weggeworfenes Spielzeug, ein ausgespannter Freund, aber ich fragte mich, ob mir das auch passieren würde. Meine Sünden sind nicht ganz so harmlos, und es sind ziemlich viele.

Die Cops hatten die Rucksäcke der Kids in dem Haus gefunden, und es lief eine weiträumige Suche, die aber wegen des Schnees ziemlich mühsam war und bisher keine weiteren Spuren eingebracht hatte.

Ich verabschiedete mich also von den Bairds und machte mich auf den Weg zum Motel. Ich wollte eigentlich nur kurz ein Zimmer nehmen, aber als ich in die Lobby kam, fiel mir sofort ein bekanntes Gesicht auf: Irene Hooper-Winslow, die am Tresen stand und auf den Rezeptionisten wartete. Erste Reaktion? Ich habe mich gefreut. Dann fiel mir die Sache mit iHeretic ein.
Trotzdem, was sollte ich machen? Die war bestimmt nicht zum Entspannungsurlaub hier. Obwohl sie entspannt genug wirkte. Ich ging auf sie zu, um zu fragen, was sie hier wollte, als noch ein Gast die Lobby betrat. Ein junger Typ, etwa in J.D.s Alter, warmer Parka, praktische Schuhe. Eine Schwade Nikotingeruch umgab ihn.
„Ethan“, rief Irene und lächelte ihn breit an. Er lächelte zurück, obwohl das irgendwie seltsam bei ihm aussah. Nicht verkrampft… eher ungeübt. Vermutlich ein Vollzeitjäger. Er hatte so einen ‚Die Last der Welt auf meinen Schultern‘-Blick.
Bevor Irene uns vorstellen konnte, tauchte der Rezeptionist auf. Sie belegte ihn sofort mit Beschlag und forderte als erstes einen Tagungsraum. Ich fragte mich, ob sie eine Flipchart brauchte, um Monsterschwächen aufzuführen, oder ob sie eine Power-Point-Präsentation übers Jagen abhalten wollte. Leider hatte das Motel gar keinen Tagungsraum. Wir würden uns in ihrer Prinz-Alfred-Suite treffen müssen.

Also mieteten wir uns ein, trafen uns bei Irene und beschlossen nach kurzem Informationsabgleich, sofort zu St. Trinity zu fahren. Draußen stellte sich schnell heraus, dass weder Irene noch ich besonders begeisterte Autofahrer waren…

Was schreib ich da? Wen interessiert’s, was mit dem Auto oder dem Hotelzimmer war? Ist doch vollkommen unwichtig. Ich will nur nicht zurück in das Haus, nicht mal schriftlich. Aber das ist die einzige Therapie, die ich habe. Der einzige Weg, mich daran zu erinnern, dass ich ein Mensch bin und kein Monster. Scheiße. War ich deswegen so nett zu Ethan? Weil ich mir selbst etwas beweisen will?

Aber ich greife mal wieder vor und schwafele sinnlos herum. Weiter im Text. Ich habe eine Stunde, bis das Flugzeug losfliegt, und drei Stunden in der Luft. Bis Chicago will ich zumindest… ich mache es schon wieder.

Wir fuhren nach St. Trinity. Altes Haus, tiefer Schnee. Davor ein Polizeiwagen mit einem gelangweilten Polizisten. Ich ging zu ihm rüber, zeigte meine Lizenz, erklärte, dass ich für die Bairds arbeite. Irene und Ethan machte ich kurzerhand zu meinen Assistenten. Dem Cop war kalt, also rief er nur kurz bei den Bairds an und winkte uns dann durch.

Als wir auf das Haus zugingen, murmelte Irene etwas von „Déja vu“, und Ethan nickte zustimmend. Ich habe nicht gefragt. Ethan sagte dann noch etwas davon, dass wir „diesmal“ alle rausholen würden. Er klang entschlossen, aber nicht allzu hoffnungsvoll.

Es war schon dunkel draußen, als wir St. Trinity betraten. Das elektrische Licht funktionierte nicht, also mussten wir uns mit Taschenlampen behelfen. Das Haus stand schon sehr Jahren leer und war entsprechend verwahrlost: Die Wände voller Graffiti, die Fenster kaputt, Stockflecken an den Ecken und Wänden, irgendwelcher Müll auf dem Boden.
Auf dem Weg zu dem Raum, in dem die Polizisten die Rucksäcke der Jugendlichen gefunden hatte, lief Irene mit ihrer Taschenlampe vor mir. Ich dachte gerade über mein neues Projekt nach, und darüber, wie ich die Gewalt zwischen meinen Protagonisten am besten verwenden könnte, als mir der Gedanke „Ich habe ja schon lange mehr keine Frau mehr geschlagen“ durch den Kopf schoss. Daran gekoppelt war ein vages Gefühl der Enttäuschung.

Das war nicht mein Gedanke. Roman hin oder her, ich bin nicht enttäuscht, weil ich lange keine Frau geschlagen habe. Ich will nicht behaupten, dass ich das noch nie getan hätte, aber das war immer in einer Krisen- oder Kampfsituation, in der ich mich bedroht gefühlt habe. Immer, außer einmal.

Ich teilte das den anderen mit. Nicht so genau, worum es ging oder was das für ein Gedanke war, aber ich sagte ihnen, dass da eine Einflüsterung gewesen wäre. Beide nickten verständig, aber wenn sie den Einfluss zu diesem Zeitpunkt schon spürten, dann sagten sie nichts davon.

Das Zimmer, in dem Tasha und ihre Freunde sich aufgehalten hatten, lag voller Gerümpel: Alte Farbeimer mit getrockneten Farbresten, Bretter, rostige Getränkedosen. Irene entdeckte schließlich hinter einem Müllhaufen eine Plastiktüte, die irgendwie deplatziert wirkte. Vorsichtig hob sie sie auf und öffnete sie. In der Tüte war eine Art Weihnachtsengel, ein hässliches Ding, das Gesicht eine Fratze, die Flügel irgendwie zusammengeklebt, auf dem Kopf eine Krone aus einzelnen Stacheln. In den Händen hielt der Engel eine kleine Tafel, auf der ein biblisch klingender Text stand, etwas darüber, dass Gott die Sünden reinwäscht. Merkwürdiger Sprachduktus, und der Text war über einen älteren Text gekrakelt, den wir nicht entziffern konnten.
Aber kaum hatten wir den Text gelesen, als etwas mit dem Raum passierte: Der Müll verschwand, und um uns herum standen die staubigen Überreste eines Klassenzimmers. Kaputte Stühle, wacklige Tische. Die Tapete an den Wänden hing in langen Streifen herab, darunter Schimmel und rötliche Flechten. Die Luft war muffig und roch nach Rost oder Blut. Von draußen hörten wir Regen, und es war etwas wärmer – eine klamme Feuchtigkeit, die auch nicht angenehmer war als die bittere Kälte. Die hässliche Engelsfigur war verschwunden.
Vorsichtig verließen wir das Klassenzimmer. Draußen standen wir unvermittelt in einer Eingangshalle, ohne durch einen Gang zu gehen. Ich hatte ein verdammt ungutes Gefühl bei der Sache, aber ich war überzeugt, dass wir hier richtig waren. Tasha und ihre Freunde mussten hier irgendwo sein. Fast hätte ich einen blöden Witz darüber gemacht, dass wir uns trennen sollten, um die Jugendlichen schneller zu finden – wie die idiotischen Helden in einem Horrorfilm. Aber ich konnte mich zurückhalten. Ich bin nicht gut darin, die Stimmung mit irgendwelchen dummen Sprüchen zu entspannen.

War auch gut, dass ich das gelassen hatte. In der Eingangshalle fanden wir Lamars Leiche. Der Junge lag auf dem Bauch, mit einem ganz gelösten, entspannten Gesichtsausdruck. Jemand hatte an seinem Rücken mit einigen Nägeln zwei Engelsflügel befestigt, die allerdings nicht aus Federn, sondern aus Stofffetzen bestanden. Trotzdem sah er im ersten Moment aus wie ein toter Engel.
Wir konnten nicht feststellen, woran er gestorben war. An den Flügeln lag es nicht: Die Wunden waren gar nicht so tief, und sie hatten nicht viel geblutet. Vermutlich waren die Holzkonstruktionen erst nach dem Tod an seinem Körper befestigt worden.
Ich hätte ihn ja gern mitgenommen oder irgendwas getan, statt ihn da einfach liegen zu lassen, allein schon wegen seiner Eltern. Aber vielleicht lebten Tasha, Miguel und Fay noch, die hatten Priorität.

Ich hatte mich neben der Leiche hingekauert, um sicher zu gehen, dass Lamar wirklich tot war. Als ich mich dann erhob, war die Sporttasche mit Ersatzmagazinen und Erste-Hilfe-Material, die ich neben mir abgestellt hatte, spurlos verschwunden. Glücklicherweise hatten die anderen beiden ihre Taschen noch, und meine Waffen waren noch in ihren Holstern. Nur um die Axt tat es mir einen Moment lang ein bisschen leid.

Während wir noch überlegten, wo wir am besten nach den Jugendlichen suchen sollten, hörten wir einen lauten Angstschrei. Vermutlich ein junges Mädchen. Wir rannten los, dem Schrei entgegen. Ich als Erster, danach Irene und Ethan. Das war nicht so klug: Das Mädchen bog um eine Ecke, sah mich mit dem Haken statt einer rechten Hand, von hinten erleuchtet vom unsteten Licht der Taschenlampe. Voller Panik drehte sie sich um und rannte wieder zurück, direkt in das hinein, vor dem sie geflohen war.
Als wir hinter ihr um die Ecke bogen, war es zu spät. Ein Golden Retriever hatte sie angefallen und an der Kehle erwischt. Er blickte von seinem Opfer auf, und die rechte Seite seines Kopfes war vermodert, verwest, zerfallen. Die Haut fehlte oder schälte sich vom Fleisch, das in schleimigen Klumpen an den Knochen klebte, verklumpt mit dem langen, verfilzten Fell des Hundes.
Ethan stürmte vor und schlug die Bestie mit dem Kolben seines Gewehrs von dem Mädchen herunter. Ich schoss dem Zombiehund in den Kopf, und das reichte erst mal, damit er still liegen blieb.

Dem Mädchen ging es allerdings nicht viel besser: Hals und Kehle waren blutig und zerfleischt. Ich stürzte zu ihr, stabilisierte mit dem Erste-Hilfe-Kasten von Irene ihre Luftröhre und legte einen festen Verband auf die zerrissene Arterie. Wenn sie nicht sofort in ein Krankenhaus kam… ich bin kein Arzt. Ich habe nur ein paar Bücher gelesen.
Erstaunlicherweise stöhnte sie jedoch kurz danach „Goldie“ und versuchte, zu dem Hund zu kriechen. Verdammt. Vor ein paar Sekunden waren ihre Stimmbänder noch zerfetzt, und jetzt klang sie ein bisschen belegt, aber nicht mal heiser.
Irene hielt sie fest, sagte ihr, sie solle sich beruhigen. Das Mädchen weinte und flehte, sie hätte das doch nicht gewollt, es wäre ein Unfall gewesen, ein Unfall… Als Irene sie losließ, war sie völlig gesund. Der tote Hund war verschwunden.
Das Mädchen war Fay Gaines. Sie war traumatisiert und klammerte sich an Irene. Sie wusste nicht, wo die anderen waren, sie wollte hier nur raus.

So. Mein Flugzeug wurde aufgerufen. Die Sicherheitsleute wollen mich nicht mit dem Haken an Bord lassen, Prothese hin oder her, das Ding ist aus Metall und Metall ist gefährlich. Ich streite mich eine Weile mit denen herum, bis eine Flugbegleiterin kommt und mir als Ausgleich einen Sitz in einer leeren Sitzreihe anbietet. Gut, was soll ich machen, ich will ja mit. Immerhin sitzt jetzt niemand neben mir und versucht, mir zu erklären, warum Fliegen ja so sicher ist. Dem letzten Typen, der mir das erzählt hat, habe ich erklärt, warum ich trotzdem Flugangst habe. Tipp: Lass dir nicht von einem Horror-Schriftsteller erklären, warum er Angst hat. Ich glaube, der Typ von letztem Mal hat jetzt auch Flugangst.

Ich fasele schon wieder. Komm schon, Barry, gleich hebt dieses Ding ab, schreib weiter, bevor dein Hirn auf die Idee kommt, Panikattacken zu produzieren.

Während Irene und ich uns mit Fay beschäftigten, schaute Ethan auf einmal auf und runzelte die Stirn. Er hatte etwas gesehen oder gehört, machte einen Schritt in die Richtung, rief auf einmal „Carla“ und rannte los. Ich verlor ihn fast sofort aus den Augen, weil ich ja noch mit Fay beschäftigt war.
Irene wusste auch nicht, wer Carla war, aber wir waren uns einig, dass wir Ethan besser wiederfinden sollten. Also gingen wir in die Richtung, in die er verschwunden war. Aber wir kamen nur ein paar Schritte weit, ich voran, dann Irene, dann Fay. Dann ertönte hinter uns eine Stimme, die mir vage bekannt vorkam.

Ich drehte mich um. Hinter uns schwebte ein Engel. Weiße Flügel, umhüllt von Licht, Heiligenschein. Sein Gesicht war aber das von einem jüngeren Marcus deVries. Er sah Irene wütend an, enttäuscht. Verraten. Seine Hände hatte er auf Fays Schultern gelegt, und das weiße Licht, das ihn umhüllte, drang ihr aus Augen und Mund. Ihr Körper war steif, wie eine Puppe, aber sie gab keinen Laut von sich. DeVries sprach mit Irene, etwas davon, dass sie schuld daran sei, was mit ihm passiert wäre, dass sie ein Monster erschaffen hätte. Ich weiß nicht, was Irene tat, vielleicht sprach sie mit ihm, aber bevor ich in eine geeignete Schussposition kam, verschwand er wieder. Fay fiel um wie eine Marionette, deren Fäden man durchtrennt hat. Sie war nicht tot, aber ihre Augenhöhlen waren leer. Das Licht hatte ihre Augen ausgebrannt. Sie zitterte kurz krampfartig und wurde bewusstlos.
Irene ging es nicht viel besser. Blass wie Milch, ihre ganze Unbekümmertheit weggeblasen – was auch immer deVries zu ihr gesagt hatte, es hatte sie hart getroffen. Sie starrte ins Leere, vielleicht folgten ihre Augen immer noch dem Engel, und stammelte ein paar Worte vor sich hin, aber ich wurde nicht recht schlau daraus. Ich habe auch nicht richtig zugehört: Erst trennte sich Ethan von der Gruppe, dann hatte Irene eine traumatische Begegnung mit deVries… ich ging die Liste an Leuten durch, die ich hier treffen könnte. Joseph Napier? Die Frau aus dem Aufzug? Eine Horde Hillbillies? Die Krankenschwester aus Greenfield? Irgendeine der anderen Personen, die ich umgebracht oder ausgelöscht hatte oder die ich nicht beschützen konnte?

Aber das ging nicht. Wollte ich jetzt vielleicht die Nerven verlieren, bevor mich jemand angriff? Was sollte passieren? Wenn einer meiner Feinde kam und mich verletzen wollte, dann würde ich ihn eben noch mal umbringen. Ich zwang mich, keine Angst vor Schreckgespenstern zu haben. Das gibt ihnen Macht.

Ich sprach Irene an, aber sie war nicht ganz aufnahmefähig. Also legte ich ihr die Hand leicht auf die Schulter, sagte ihren Namen und bat sie, mich anzusehen. Das funktioniert bei Autisten, die in sich gefangen sind, und in diesem Fall funktionierte es auch bei Irene. Als ich wusste, dass sie mich hörte, sagte ich ihr, dass diese Erscheinungen hier im Haus nicht real waren. Dass sie Macht aus der emotionalen Verbindung mit uns ziehen würden. Je stärker wir auf diese Verbindung eingingen, behauptete ich, desto mächtiger würden sie werden und desto mehr Einfluss hätten sie auf uns.

Keine Ahnung, was es genau war, meine Worte, mein Tonfall oder einfach nur die Zeit, aber sie riss sich zusammen. Atmete tief durch und ging dann zu Fay, die stocksteif am Boden lag. Sie war wieder bei Bewusstsein und wimmerte leise. Ihre ausgebrannten Augen wuchsen nach, langsam, vermutlich schmerzhaft. Muskelfasern. Nervenstränge. Netzhaut. Iris. Augenlider. Zuletzt stachen die Wimpern durch die Haut, und Fay konnte wieder sehen.
Ich habe schon einige widerliche Dinge gesehen, aber das gehörte zu den schlimmeren.

Fay ging es nicht gut. Sie war körperlich wieder unversehrt, aber sie hatte sich weit in sich selbst zurückgezogen. Machte ab und zu ein paar Geräusche, starrte fast blind vor sich hin. Sie ließ es zu, dass Irene ihre Hand nahm, aber sie klammerte sich nicht mehr fest wie zuvor. Irene konnte sie mit sich ziehen, aber es war klar, dass wir Fay nicht sich selbst überlassen konnten, nicht mal kurz.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir das Zimmer, in dem Ethan verschwunden war. Waren aber auch nur zehn, zwölf Schritte.
Ich öffnete die Tür und blieb stehen. Es war ein Krankenhauszimmer. Ein altes Krankenhaus mit aufgerissener Deckenverkleidung. Vergilbte beige Wände. An einer davon hing ein Kalender von 1997 mit einem verblassten Landschaftsbild. Ich kannte den Raum. Natürlich kannte ich ihn. Das war der Raum im Asbestkrankenhaus in Tucson, in dem mich die Satanssekte über zwei Tage lang gefoltert hatte. Scheiße. Ich wollte da nicht rein. Oh nein.
Das Bett, auf dem ich damals lag, war durch einen Vorhang vom Rest des Raums abgeteilt. Dahinter war eine Gestalt zu sehen, die darauf lag.
Ich kämpfte mit meiner blinden Panik und versuchte, mich daran zu erinnern, was ich Irene vorher erzählt hatte. Das ist nicht real, erzählte mein Verstand. Du bist nicht an ein Bett gefesselt. Du hast eine Waffe. Es kann dir nichts passieren, wenn du jetzt nicht die Nerven verlierst. Aber die Wahrheit war, ich bin kein Kopfmensch, und mein Überlebensinstinkt schrie: Mach, dass du hier wegkommst! Lauf! Also zögerte ich und blieb in der Tür stehen. Weglaufen wollte ich auch nicht.

Irene musste bemerkt haben, dass ich nervös war, aber der Raum bedeutete ihr nichts. Vielleicht hoffte sie, Ethan hier zu finden. Sie ging zu dem Vorhang und schlug ihn zurück. Auf dem Bett lag Dr. Diana Carlisle, festgeschnallt, einen Tropf im Arm. Auf ihrem Gesicht hatte sie Brandwunden von demselben Brandeisen wie ich damals. Die gleichen Schnitte am Körper. Die Fingernägel aufgequollen und zersplittert. Sie stammelte „Nein, nein, bitte nicht, hör auf, lass mich gehen, bitte“. Habe ich das zu ihr gesagt? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht.

Im ersten Augenblick verspürte ich nichts als Befriedigung. Sie hatte das verdient. Sie hatte es verdient, jetzt hilflos da zu liegen und zur Abwechslung mal mich anzuflehen. Ich erinnerte mich an den Knebel, den sie mir in den Mund geschoben hatte, als sie meine Bitten nicht mehr aushielt. Ich erinnerte mich, wie sie meine Wunden versorgt hatte, meinen Puls geprüft, meinen Blutdruck gemessen. Die kreislaufstärkenden Mittel, die Drogen, die mich wach und bei Bewusstsein hielten. Sie hatte es verdient, verdammt, und wenn ich mich darüber freute, dass sie litt, was war schon dabei?
Was war schon dabei, dass ich es genoss, wie ein anderer Mensch litt. Dass ich es genoss.
Nein. Nein. Das wollte ich nicht. Ich bin kaltblütig, pragmatisch, effizient und völlig ohne Mitleid, wenn mich jemand angreift. Wenn jemand eine Gefahr für mich darstellt. Aber nicht so. Ich rechtfertige mich immer vor mir selbst damit, dass ich eben nicht grausam bin. Das ist so ziemlich die einzige Linie, die ich nicht überschreiten will – ich will keine Freude am Leid anderer empfinden.

Ich habe das schon einmal getan, damals, als ich Carlisle nach meiner Befreiung getroffen habe. Sie hat geweint, sie war fertig mit den Nerven. Sie wollte nicht grausam sein, aber sie dachte, sie müsste die Welt retten. Und ich habe sie getreten. Mit voller Wucht. Sie hatte Glück, dass ich keine Schuhe anhatte. Und es hat sich gut angefühlt.

Genau wie jetzt. Es fühlte sich gut an, dass sie mich anbettelte, aber ich wollte das nicht. Außer der Befriedigung fühlte ich auch Entsetzen über mich selbst. Ich musste hier raus, drehte mich um, um der Sache zu entgehen. Sie rief mir nach, „bitte, ich habe das nicht gewollt, hilf mir doch, die haben mich gezwungen“.
Gezwungen? Nein. Carlisle war bei der Sekte. Sie hat das vielleicht nicht gern gemacht, und es hat sicherlich auch hinterher leid getan, aber sie wurde nicht gezwungen, mich wieder und wieder aus der Ohnmacht zurückzuholen. Sie wurde nicht gezwungen, mich zu knebeln, als ich sie anflehte.

Ich verlor die Beherrschung. Ich vergaß, dass das hier nur das Haus war und nicht die echte Diana Carlisle. Ich drehte mich um und brüllte sie an, sie hätte genau gewusst, was sie da tat. Das wäre alles ihre Entscheidung gewesen. Das tat weh mit meiner kaputten Stimme, aber auch das fühlte sich gut an. Wenn ich noch eine Sekunde geblieben wäre, hätte ich sie umgebracht. Und Spaß daran gehabt.

Aber ich schaffe es, rechtzeitig aus dem Raum zu kommen. Ich spürte einen Moment lang wilde Befriedigung, dass ich dem Haus nicht auf den Leim gegangen war, bis mir auffiel, dass ich mich von Irene und Fay getrennt hatte. Soviel zu dem blöden Witz, den ich vor einer halben Stunde nicht erzählen wollte. Um meine Nerven zu beruhigen, steckte ich mir erst mal eine Zigarette an. Der Rauch hilft mir normalerweise, mich zu fokussieren.
Diesmal auch, zumindest halbwegs. Ich bat die Geister um Beistand, atmete tief durch, checkte meine Waffe und ging zurück in den Raum. Irene und Fay waren nicht mehr drin, aber jemand hatte Carlisle befreit. Sie stand neben dem Bett, hielt sich mühsam fest und brabbelte eine Mischung aus „es tut mir leid“ und „hilf mir doch“ vor sich hin. Ich ignorierte sie krampfhaft und suchte nach einem anderen Ausgang aus dem Raum. Carlisle war nicht real, sie war nur eine Erweiterung des Hauses, das mich manipulieren und einschüchtern wollte. Ich musste Irene wiederfinden. Oder Ethan. Oder die Jugendlichen, wegen denen wir eigentlich hier waren.
Das klappte auch soweit ganz gut. Zu gut: Als ich Carlisle den Rücken zudrehte, sprang sie mich an und stach mir eine Spritze in den Hals. Irgendein Gift. Jetzt hatte sie mich direkt angegriffen, und normalerweise hätte ich sie einfach erschossen, ohne mir weitere Gedanken zu machen. Aber als ich mich umdrehte und sie ansah, wusste ich, dass es mir Spaß machen würde, sie zu töten. Vielleicht lag das an der Spritze, vielleicht war es das Haus, aber: Nein. So nicht. Ich war kein Mensch, der zum Vergnügen tötet. Das ist eine Grenze, die ich nicht überschreiten darf.

Also nahm ich ihr die Spritze weg. Sie bettelte mich an, ihr weh zu tun. Ein Teil von mir hätte ihr den Wunsch wirklich gern erfüllt, aber das ist kein Teil von mir, den ich frei lassen wollte. Ich rang mich von ihr frei und verließ den Raum wieder. Hier würde ich Irene und Fay nicht finden.
Draußen rauchte ich meine vorletzte Zigarette. So langsam spürte ich das Zeug, das in der Spritze gewesen war, ein Aufputschmittel. Meine Ohren dröhnten. Mein Puls donnerte. Mein Herz raste und stockte. Meine Hand zitterte. Ich blies den Rauch in alle vier Himmelsrichtungen und versuchte, eine Verbindung zu den Geistern herzustellen, aber wir waren zu weit weg, oder ich war zu unkonzentriert. Trotzdem musste ich mich auf die Suche nach den anderen machen.

Ich irrte eine Weile lang desorientiert durch das Haus, bis ich von irgendwo Kampflärm hörte. Als ich darauf zuging, sah ich im Gang einen Jungen, der an einer offenen Tür stand und in das Zimmer schaute. Dort fand der Kampf statt.
Der Junge war klein und ausgemergelt, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt. Er trug eine altmodische Schuluniform und einen Haarschnitt, der vielleicht vor 100 Jahren modern gewesen war. Sein Gesicht war eingefallen, Hungeraugen, voller Angst. Er hielt sich mehr wie ein scheues Tier als wie ein Mensch. Er bemerkte mich, bevor ich den Raum erreichte und duckte sich instinktiv weg. Ich versuchte, ihn zu beruhigen, steckte die Waffe weg, zeigte die leere Hand. Er zögerte einen Moment, dann winkte er hastig und deutete in den Raum.

Drinnen rang Ethan mit einem jungen Mädchen. Sie wirkte nicht besonders lebendig, so kreidebleich wie sie war, und sie bewegte sich auch ein kleines bisschen unnatürlich. Oder das Gift gaukelte mir etwas vor. Aus ihrem Mund floss ein stetiger Blutsfaden.
Ethan versuchte, sie sich irgendwie vom Leib zu halten. Das fiel ihm nicht leicht, er war mit dem Herzen nicht bei der Sache. Ich kannte ihn ja nicht gut, aber er hatte bisher einen sehr zurückhaltenden, verschlossenen Eindruck gemacht, und jetzt war sein Gesicht ein offenes Buch voller Trauer und Schuldbewusstsein.
Ich konnte nicht recht hören, was er zu ihr sagte, weil meine Ohren so sehr dröhnten. „Du bist nicht Carla“, denke ich, und es klang, als würde es ihm weh tun. Als hätte er eine weitere Hoffnung begraben. Armer Kerl. Ich hätte blind sein müssen, um nicht zu sehen, dass er die echte Carla geliebt hatte.

Ich war kurz davor, die falsche Carla zu erschießen, aber ich war mir nicht sicher, was Ethan davon halten würde. So gut kenne ich ihn nicht. Außerdem zitterte meine Hand so stark, dass ich nicht unbedingt schießen wollte.
Während Ethan noch versuchte, sich von der falschen Carla zu lösen, rannte der Junge ins Zimmer. An der Tür stand sein Ebenbild, das ihn bösartig angrinste. Der erste Junge hatte panische Angst vor seinem Zwilling – so sehr, dass er nach meinem Haken griff und versuchte, mich mit sich zu ziehen. Da sich Ethan in diesem Moment endlich freigekämpft hatte, ergriffen wir zu dritt die Flucht.

Wir rannten um ein paar Ecken und stießen wieder auf Irene. Die versuchte gerade, den deVries-Engel davon abzuhalten, ihrer Begleiterin etwas anzutun. Erst auf den zweiten Blick bemerkte ich, dass die Begleiterin nicht Fay war, sondern Tasha.
DeVries stand relativ frei, also schoss ich auf ihn und traf trotz der zitternden Hand. Er verschwand fürs Erste. Ich habe keine Ahnung, was da zwischen deVries und Irene gelaufen war, aber er sah hier deutlich jünger aus. Meinem Schriftstellergehirn fallen allerlei interessante Konstellationen ein, vor allem, weil sich Irene definitiv schuldig fühlte, aber vielleicht höre ich auf, darüber zu spekulieren. Da kann alles Mögliche passiert sein.

Immerhin waren wir jetzt wieder zusammen. Ich zog erst mal einen Salzkreis. Nicht, weil ich dachte, dass das viel bringt, aber die anderen sahen alle angegriffen aus und so ein Ritual hilft, ein bisschen Ruhe in die Sache zu bringen.
Wir tauschten uns aus: Irene hatte Fay in dem Krankenhauszimmer verloren, danach aber Tasha gefunden. Ethan hatte Artie getroffen, das war einer der Jungen, die damals in den Zwanzigern mit dem Rektor verschwunden waren. Dann erwähnte er Peter.

Eigentlich hätte mir klar sein können, dass er nicht von Pete sprach. Aber mein Herz setzte zwei Schläge aus, als er den Namen meines Sohnes sagte, und noch einmal, als er erwähnte, Peter wäre tot. Er hat das aufgeklärt, bevor ich in heller Panik losrennen konnte, aber da habe ich völlig überreagiert. Ethans Angewohnheit, nicht in ganzen Sätzen zu sprechen, war da aber auch nicht sehr hilfreich.

Irene hat wohl gemerkt, wie angespannt ich war. Vielleicht dachte sie auch, dass ich vor emotionaler Anspannung so zittere. Oder sie brauchte selbst etwas Nähe, jedenfalls griff sie nach meiner Hand. Wenn das nicht meine einzige Hand gewesen wäre, hätte ich das ganz angenehm gefunden, aber so zuckte ich zurück und löste mich schnell mit einer gemurmelten Entschuldigung aus ihrem Griff. Im Nachhinein tut mir das ein bisschen leid, aber ich mag es nicht, wenn jemand meine Hand festhält. Schon gar nicht in einem Spukhaus.

Ethan hatte einen Brief gefunden, den Artie geschrieben hat. Der Brief eines kleinen Jungen, der in einer Welt gefangen war, in der ihn alles mit irgendeiner Schuld konfrontierte und ihn dazu bringen wollte, aufzugeben und zu sterben. Er schrieb davon, wie andere aufgegeben haben, aber er wollte leben. Als eines der anderen Kinder starb, fand er heraus, dass man das Idol zerstören musste, aber bisher hatte er es noch nicht gewagt.
Artie musste seit Jahrzehnten hier gefangen sein. Deswegen lief er wie ein gehetztes Tier. Deswegen konnte er nicht richtig sprechen – er hatte es einfach verlernt. Das war grauenhaft. Was dieses Haus dem Kind angetan hatte… immer und immer wieder… wie ein Schulhofschläger, der wieder und wieder sein Opfer in die Mülltonne warf. Wie diese Satanssekte, die versucht hatte, Menschen mit Gewalt und Folter zu brechen. Wir mussten diesen Jungen hier raus bringen. Wir mussten sie alle hier raus bringen, auch wenn es für Lamar schon zu spät war.

Artie wusste nicht, wo das Idol war, aber er nuschelte unsicher etwas vom Rektor. Offensichtlich wollte er dort nicht hin, aber ich sagte ihm, dass es vermutlich seine beste Chance war, hier wegzukommen. Also lief er los.

Unterwegs wurde Tasha von langen schwarzen Haaren angegriffen, die aus einer Wand wucherten. Ethan, Irene und ich konnten sie schnell befreien – aber was hatte sie getan, um die Strafe dieses Hauses zu verdienen? Jemandem die Haare abgeschnitten? Was sollen das für Sünden sein, die hier getilgt werden müssen?

Luftloch. Gleich wieder da.

Puh. Panikattacke. Tachykardie. War kurz bewusstlos. Sollte vielleicht in Chicago mal zum Arzt. Oder ins Krankenhaus. Haha.

Weiter. Wir waren aufmerksam, liefen weiter. Dann bemerkte Irene etwas in einem der Räume. Machte einen halben Schritt darauf zu und wurde angegriffen. Wieder der deVries-Engel, der sie in den Raum zerrte. Er sprach auf sie ein, etwas von einer durchgeschnittenen Kehle und wie es sei, zu versuchen, durch den Blutschwall zu atmen. Ich weiß nicht, ob sie ihm die Kehle durchgeschnitten hat oder ob jemand ihm die Kehle wegen ihr durchgeschnitten hat… vermutlich hatte er’s verdient. Das letzte Mal, als ich den Typen gesehen habe, hat er versucht, ein Mädchen umzubringen. (Außerdem hat er mit einer Schrotflinte auf unser Familienauto geschossen. Das nehme ich ihm mehr übel als den Streifschuss am Arm, den ich bei der Gelegenheit kassiert habe.)
Er machte etwas mit ihr, strich ihr über den Hals und sie schwankte. Rang nach Atem. Ich bewegte mich ein Stück um sie herum und schoss auf ihn. Er war so hell, dass ich den Rest des Raums nicht sehen konnte.

Die Kugel traf ihn und er verschwand, wie vorher auch. Irene ging in die Knie, aber ich achtete gar nicht auf sie. Ich starrte Fay an, die hinter deVries gestanden war. Genau in der Schussbahn der Kugel. Sie glotzte mich fassungslos mit ihren katatonischen Augen an und fragte mit brüchiger Stimme: „Warum?“ Ihre linke Schulter blutete heftig aus der Schusswunde, die ich ihr beigebracht hatte.

Ich bin ein guter Schütze. Ehrlich. Ich treffe normalerweise, was ich treffen will. Seit ich das erste Mal eine Waffe in die Hand genommen habe, habe ich mein Ziel nicht oft verfehlt. Nicht oft, aber es ist vorgekommen. Kollateralschaden. Hässliches Wort, hässlicher Fakt.
Aber ich habe erst einmal vorher ein Kind angeschossen, das ich eigentlich beschützen wollte.

…erst einmal vorher? Also nur zwei Kinder, die ich aus Versehen angeschossen habe? Hör dir mal zu. Erst zwei? Nur zwei? Vielleicht solltest du mal über dein Leben nachdenken, wenn dir das wenig vorkommt.
Aber nicht jetzt. Nicht in 2.000 Fuß Höhe mit einem Herz, das keinerlei Rhythmus mehr einhält. Später. Außerdem habe ich sie einfach nicht gesehen, weil deVries zu hell war. Großartige Entschuldigung.

Als nächstes verarztete ich Fay. Irene war völlig fertig nach ihrer Konfrontation mit deVries, und Tasha und Ethan hatten keine Ahnung von Wundversorgung. Wenigstens war es keine schlimme Verletzung, ein bisschen Muskelschaden, mehr nicht. Wird vermutlich gut abheilen.
Natürlich wurde mir dabei bewusst, dass das meine Kugel in der Schulter war. Meine Kugel aus meiner registrierten Waffe. Das konnte mich meine Lizenz kosten. Einen Moment lang kam mir die Idee, das Mädchen einfach umzubringen, um meine Lizenz zu behalten, und alle anderen gleich mit. Ja, solche Ideen kommen mir. Das heißt nicht, dass ich das wirklich ernsthaft in Erwägung gezogen hätte. ‚Bring alle um‘ ist eben eine einfache Lösung und es ist etwas, das ich gut kann – deswegen kommen mir solche Ideen. Heißt nicht, dass ich das jedes Mal mache. Sonst würden in Stuttgart viel, viel weniger Leute leben.

Gut. Nachdem wir ja jetzt geklärt haben, was ich für ein netter Typ bin, weiter zum Endspurt. Wir sind auch schon über Chicago, aber der Pilot hat gesagt, wir müssten noch ein paar Warteschleifen drehen. Großartig. Vielleicht werde ich doch noch fertig. Wenn ich es schaffe, mich kurz zu fassen und nicht ständig über meine Gefühle zu schwafeln.

Weiter mit Artie zum Rektor. Der hauste in einem Uhrenturm, ich kletterte als erster die Leiter hoch. Oben ein Raum, von außen durch das Uhrenglas erhellt, in dem neun Kinderleichen hingen. Alle mit Engelsflügeln versehen, alle mit befreitem, erlöstem Gesichtsausdruck. In einer Ecke lag Lamars Leiche, bereit, ebenfalls aufgehängt zu werden.
An einer Werkbank stand ein Mann, genauso ausgemergelt wie Artie, nackt, mit einer kaputten Brille und einem Kreuz um den Hals. Er war gerade dabei, neue Flügel zu bauen und murmelte etwas von „Kinderchen“ und „muss Flügel machen“.

Eigentlich hätte ich ihn sofort erschossen, aber mir war nicht klar, ob mein Ekel und Widerwille von mir kam oder vom Haus. Also wartete ich, bis Ethan oben ankam. Als er ohne zu Zögern sein Gewehr hob, schoss ich auch. Wir trafen beide, und der Rektor kollabierte mit einem erstaunten, klagenden Ton. Artie, der ebenfalls oben war, starrte uns beide entsetzt an.
Irene bleibt unten bei Tasha und Fay, während wir oben den Raum durchsuchen. Keine Spur von Miguel. Die neun aufgehängten Kinder waren alles Jungen, alle in altmodischer Kleidung. Wie Artie. Von Miguel, dem letzten verschwundenen Teenager, keine Spur.

Hinter uns stand der Rektor wieder auf. Genau wie Fay blieb er nicht tot. Er brabbelte weiterhin von Kinderchen, die er ins Unheil geführt hatte, wie leid ihm das täte, sie würden kommen und wir sollten gehen und ihn den Kinderchen überlassen, er hätte das verdient, sie würden uns sonst auch angreifen.
Ich packte ihn an der Kehle, schüttelte ihn und fragte, wo das Idol sei. Er faselte weiter von Kinderchen, ich schüttelte ihn noch mal, und er sagte etwas von einer Kapelle. Wo die Kapelle sei, wollte ich wissen, aber sein klarer Moment war vorbei und er redete wieder nur wirres Zeug.
Währenddessen lösten sich aus den Wänden kleine Gestalten, vielleicht halb so groß wie Artie. Kindergestalten mit unbeweglichen, starren Gesichtern und ausgestreckten Händchen. Aber das waren keine richtigen Kinder, die bewegten sich wie Puppen oder Marionetten. Glasmurmelaugen.

Ich warf den Rektor kurzerhand die Leiter hinunter. (Nein, das habe ich nicht gemacht, weil ich ihm weh tun wollte, sondern weil es einfach praktisch war. Sterben würde er daran ohnehin nicht. Das ist kalt, aber genau das ist der Punkt, an dem ich ein Monster bin.)
Unten flehte er uns weiter an, ihn den Kinderchen zu überlassen und uns in Sicherheit zu bringen. So im Nachhinein – genau jetzt – geht mir auf, dass er auch nur ein Opfer war, das von dem Haus in den Wahnsinn getrieben wurde. Der wollte den Kindern nichts tun. Sein Geist ist zerbrochen, als er sie nicht beschützen konnte.

Irene ging das Gejammer offenbar auf die Nerven. Sie schlug dem Rektor mit voller Wucht ins Gesicht, brach ihm ein paar Zähne. Dann dieser befriedigte Blick auf ihrem Gesicht… ich schnauzte sie an, das wäre ja wohl unnötig gewesen. Vielleicht übertrug ich da meine Probleme auf sie, aber in dem Moment meinte ich wirklich, den iHeretic in ihr zu erkennen, der Spaß daran hat, Schwächere fertig zu machen.

Artie wusste, wo die Kapelle war, also schubsten wir den Rektor vor uns her und machten uns auf den Weg, verfolgt von den Kinderchen. Die folgten uns nicht lange, sondern verschwanden irgendwann wieder in den Wänden, wie kleine blasse Kakerlaken, die sich in viel zu enge Zwischenräume quetschten.
Unterwegs kamen wir noch an anderen Räumen vorbei. Wieder war es Irene, die meinte, etwas zu sehen. Diesmal gingen wir gemeinsam rein. War so eine Art Kunstraum, mit maroden Staffeln und zerlaufenen Bildern. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich etwas auf uns zubewegte, aber ich wollte wissen, was das war, bevor ich darauf schoss. So bekam ich eine Staffel an den Schädel, die aber morsch war und nur einen Kratzer hinterließ. Und brachte Miguel nicht um.
Der Junge war verstört und hätte mich beinahe noch einmal angegriffen, aber Tasha rief seinen Namen. Als er sie und Fay sah, beruhigte er sich. Wir hatten alle Verschwundenen gefunden, jetzt war es wirklich Zeit, das hier zu Ende zu bringen.

Wir drehen immer noch Warteschleifen. Verdammt. Wenigstens rast mein Herz nicht mehr ständig, sondern nur aller paar Minuten. Dazwischen stottert es, und ab und zu tanzen schwarze Flecken vor meinen Augen. Aber es kann nicht mehr so lange dauern. Oder? Mir schießen ein paar dunkle Gedanken durch den Kopf – sind wir überhaupt noch in der realen Welt? Gibt es noch etwas außer dem Flugzeug? – aber ich glaube, das ist eine Geschichte von Stephen King.
Immerhin gibt mir das Zeit, fertig zu schreiben.

Schließlich kamen wir in die Kapelle. Großer Raum, vertrockneter Weihnachtsbaum, darunter ein kleines Häufchen staubiger, ungeöffneter Geschenke. Oben auf dem Baum hockte der hässliche kleine Engel, mit dem alles angefangen hatte, und griente uns höhnisch an.
Als ich ihn sah, überrollte mich eine Welle von Schuldgefühlen. Hinter mir, um mich herum, überall sah ich plötzlich eine Masse von Leuten, die ich alle kannte. Bill Toge. Joseph Napier. Eine ganze Gruppe Hollow Men mit Gesichtern aus Stroh. Roboterhafte Jet Sets. Die Toten von Mist. Simeon Eyes. Und mehr, viel mehr. Ganz vorne stand der Junge, den ich in Hill Rose umgebracht hatte. Der Junge, der ich früher gewesen war. Der schwache, sentimentale Junge, der die Reise nicht überlebt hatte. Seine schwarzen Augen starrten mich anklagend an. Was hast du aus mir gemacht, fragte er entsetzt. Sieh dir an, was du aus mir gemacht hast. Du bist ein Monster, ein Dieb, ein Mörder.
Monster, Monster, murmelten die anderen Gestalten.

Ich starrte den Jungen an und schüttelte den Kopf frei. Das waren nicht meine Schuldgefühle. Das war ein Angriff, und ich reagierte, wie ich immer reagiere, wenn ich in Gefahr bin: Ich hörte auf, Dinge zu fühlen. Wurde kalt und klar.
Monster, jammerten meine Opfer.
Ja, antwortete ich dem Haus, das mich angriff. Ich bin ein Monster. Und vielleicht hättest du eine Chance gehabt, Haus, wenn du mich allein erwischt hättest. Manchmal mache ich mir Sorgen, weil ich keine Schuld empfinde, und vielleicht – vielleicht – hättest du es geschafft, mich zu verwirren. Aber du hast einem sechszehnjährigen Mädchen die gleichen Schuldgefühle aufoktroyiert wie mir, weil sie jemandem die Haare abgeschnitten hat. Du bist nicht als ein kleinlicher Tyrann, und ich werde dich nicht gewähren lassen. Du hast das falsche Monster eingeladen.

Meine Hand hob die Waffe. Sie zitterte nicht mehr, war ruhig wie ein Fels im Sturm. Ich schoss den Spottengel vom Baum.

Neben mir Irene, mit einem trotzigen, entschlossenen Gesichtsausdruck. Und Ethan, komplexer: Entschlossen, ja, voller Schuld, ja, aber genau das schien ihn voran zu treiben. Er machte ein paar Schritte nach vorn und hob das Ding auf. Ich denke, er wollte es zerstören, aber dazu kam er nicht mehr: Kaum hatte er das Ding berührt, verschob sich die Realität. Wir standen nicht mehr in der Kapelle mit der modrigen Tapete an den Wänden, dem klammen, muffigen Geruch und dem vertrockneten Weihnachtsbaum mit seinen kahlen Ästen. Stattdessen waren wir zurück in dem alten Haus, Graffiti, Müll, eiskalte, beißende Luft. Bei uns waren der Rektor und Artie. Wir hatten das Haus nicht zerstört, aber wir waren entkommen und hatte seine Gefangenen mitgenommen.

Jetzt geht das Flugzeug in Landeanflug. Endlich. Ich hasse Landeanflüge.

Der Rest ist schnell erzählt. Ich schaute auf mein Handy, um einen Krankenwagen zu rufen und sah, dass es der 25. Dezember war. Weihnachten. Verdammt. Wir hatten drei Tage verloren.
Jemand anders musste den Krankenwagen rufen. Ich rief meine Familie an. Ja, mir ging es gut, ja, ich hatte Tasha gefunden, ja, ich würde ein Flugzeug nehmen. Katie verstand das, aber Pete war enttäuscht. Ich buchte sofort den nächsten Flug von Providence.

Danach tauchte die Polizei auf, ein Krankenwagen, ein paar Leute von der Suchmannschaft. Es ging erst mal ins Krankenhaus: Ethan hatte gebrochene Rippen, Irene bekam schlecht Luft, Fay war angeschossen und traumatisiert, Artie unterernährt, der Rektor ebenfalls.
Im Chaos aus Polizisten, Eltern, dem Bürgermeister, Krankenschwestern und Ärzten machte sich Irene aus dem Staub. War einfach nicht mehr da. Keine Ahnung, vielleicht muss sie alleine klarkommen. Oder sie wollte deVries suchen. Irgendwann möchte ich sie noch näher kennenlernen. Auf der einen Seite ist sie so positiv und unbeschwert, aber auf der anderen Seite… iHeretic. Ich bin fasziniert von ihr. Vielleicht liegt es ja nur am Akzent.

Mir gab jemand einen Haufen Pillen, empfahl mir dringend, hier zu bleiben, und falls nicht, in regelmäßigen Abständen ein EKG zu machen. Ich nickte nur.
Bevor ich ging, wollte ich noch mal nach Artie sehen. Vor seinem Zimmer saß Ethan. Wir sprachen über Artie und wie es mit ihm weitergehen sollte – Jugendamt war keine Option, nicht nach allem, was er durchgemacht hatte. Vielleicht, sagte ich, könnten wir ihn aufnehmen. Tam und ich. Müsste ich aber erst mit ihr und den Kindern besprechen. Ethan sagte nicht viel, nickte, wollte Artie auf keinen Fall im Stich lassen.
Schließlich musste ich los, zu meiner Familie. Ethan nickte wieder. In diesem Moment tat er mir wirklich leid, er wirkte so einsam, selbst so ein verlorenes Kind wie Artie. Und welche Wunden Carla auch immer hinterlassen hatte, jetzt waren sie wieder aufgerissen.
Also fragte ich ihn, ob er mitkommen wolle. Weihnachten feiern. Nicht allein sein. Ich glaube, es hat ihn gefreut, aber er wusste überhaupt nicht, wie er damit umgehen sollte. Ist wohl eine Weile her, dass jemand einfach nur mal nett zu ihm war.

Trotzdem kam er nicht mit. Hat mich nicht überrascht. Er meinte etwas davon, dass er bei Artie bleiben wolle. Auch recht. Der Kleine braucht ein vertrautes Gesicht.

Ich bin dann erst mal abgehauen, obwohl mir klar war, dass die Polizei wegen Fays Verletzung mit mir sprechen wollte. Aber es war noch zu chaotisch in Baltic, die Cops hatten keinen Überblick, also hinterließ ich meine Karte und machte mich aus dem Staub. Hatte niemand gesagt, ich solle nicht. Gibt vielleicht noch Ärger, aber ich will zu meiner Frau und zu meinen Kindern.

So. Das Flugzeug ist gelandet. Ich steige als letzter aus, meine Beine tragen mich kaum, meine Augen flimmern und jeder Atemzug tut weh. Aber ich bin angekommen. Ich bin da, wo ich hingehöre.

Nachtrag, anderthalb Wochen später:
Ich kam an, begrüßte die Kinder, dann hat Tam mich zum Arzt geschleift. War auch gut so – war kein Herzinfarkt, aber nicht so weit davon entfernt. Ich wollte nicht ins Krankenhaus, also noch mehr Tabletten und ein Haufen Ruhe.
Die nächsten drei Tage verliefen auch ruhig. Telefonierte ab und zu mit Ethan. Der erzählte mir, dass die Polizei einen Haftbefehl gegen mich erwirkt hatte, wegen Fay. Also quälte ich mich in einen Zug und fuhr am 28. Dezember wieder zurück nach Baltic, in Begleitung von Don. Mein Cousin und Anwalt. Er bestand drauf. Meinte, er würde sonst sowieso nicht zur Ruhe kommen.

In Baltic zurück wurde ich erst mal verhaftet. Verlief recht zivilisiert. Don redete mit Polizisten und Richtern, brachte ein paar ärztliche Atteste, erklärte, im Haus müsste noch eine dritte Partei gewesen sein, auf die ich geschossen hätte, als Irene angegriffen wurde, und bekam den Richter dazu, die Anklage fallen zu lassen und mir meine Lizenz nicht abzuerkennen. Gegen die Auflage, dass ich einen Schusswaffenkurs mitmache und einen Test bestehe. Glück gehabt.

Ethan war noch da. Ich habe ihn als Assistenten mit auf die Rechnung geschrieben und abgerechnet, und natürlich bezahlt. Das hat ihn völlig überrascht, wieder hatte er keine Ahnung, wie er damit umgehen sollte. Den hätte ich am liebsten auch gleich mit adoptiert.

Was Artie angeht: Tam und ich werden ihn als Pflegekind aufnehmen. Wir haben uns schon um Lisa gekümmert, das Mädchen aus der Sekte, die mit ihrem Vater verheiratet wurde. Ich will nicht sagen, dass sie keine Probleme mehr hat, aber sie macht Fortschritte. Ich hoffe, das kriegen wir mit Artie auch hin.

Das war’s. Sonstige Nachwirkungen? Alpträume. Das Krankenhaus, Carlisle mit den Wunden. Fay, die sich die blutige Schulter hält und mich traurig fragt, warum. Panikattacken. Ich habe wieder angefangen, den Milchmann überall zu sehen. Tam sagt, ich muss irgendwann über die Sache in Tucson schreiben, sonst hört das nie auf. Sie hat wahrscheinlich recht.
Und hin und wieder träume ich von dem Jungen, der ich mal war. Immer derselbe ungläubige Blick. Immer dieselbe Frage: Was hast du aus meinem Leben gemacht?

View
Ethan: Christmas in Hell

Es sind Teenager verschwunden. In einem Haus. Natürlich Teenager. Natürlich in einem Haus. Verdammt. Und natürlich zieht Ethan los, als er davon hört. Die Frage stellt sich gar nicht. Im College sind momentan ohnehin Weihnachtsferien. Keiner da. Weihnachten hier oder in Connecticut, egal. Dort kann er vielleicht wenigstens wem helfen.

Baltic, Connecticut, ist ein kleiner Ort von etwa 1.000 Einwohnern. Bekannt für ein gewisses Spukhaus, wo im Winter 1927 schon mal Leute verschwunden sind. Der Rektor und zehn Schüler, die über die Weihnachtsferien in dem Internat geblieben waren. Seither niemand mehr, aber nichts, was man dort aufziehen wollte, klappte. Ha.

Baltic hat genau ein Motel, und dort trifft Ethan beim Einchecken auf niemand anderen als Irene Hooper-Winslow, die Britin vom Roten Haus und der Schießerei im Diner. Ethan hat gerade die Hand zu einem “Hi” erhoben und so etwas wie ein halbes Lächeln zustande bekommen, als Irene von einem anderen Typen angesprochen wird. Ethan bleibt stehen. Beobachtet. Der Kerl, vielleicht zehn Jahre älter als Ethan selbst, wirkt düster. Sehr düster. Unheimlich, um genau zu sein. Er hat nur eine Hand, einen Haken als Ersatz am anderen Arm, aber das ist es nicht einmal. Es ist die ganze Aura des Mannes, die Art, wie er Ethan anstarrt, als Irene ihm sichtlich erfreut zuwinkt. Als wolle er Ethan taxieren, einschätzen, wie gefährlich er als Gegner wäre. Wie schnell er ihn umbringen könnte, wenn nötig. Aber Irene scheint den Kerl zu kennen. Ethan erwidert seinen Blick ruhig. Abwartend. Nicht provozieren.

Offensichtlich sind sie alle drei aus demselben Grund hier. Na dann. Irene fragt nach einem “Konferenzzimmer”, was ihr große Augen seitens des Motelangestellten einbringt. Hätte Ethan ihr sagen können. Das hier ist ein Motel, Lady, und zwar ein völliges Standard-Motel in einer amerikanischen Kleinstadt. Sowas wie “Konferenzräume” gibt es hier nicht. “Zimmer?” schlägt er stattdessen vor, erntet aber nur eine hochgezogene Augenbraue. Immerhin bekommt die Britin schließlich ein Familienzimmer zugewiesen, das wohl ein bisschen größer ist als die Norm.

Ehe er Irene und den anderen Typen zur Lagebesprechung trifft, kundschaftet Ethan das Motel aus. Türen und Fluchtwege und Auffälligkeiten und so. Gibt aber nicht viel auszukundschaften. Alles normal.

Irene und der Typ sitzen schon in dem “Familienzimmer”, Irenes Sachen in unterschiedlichen Stadien des Ausgepacktseins auf dem Boden und dem Bett. Interessanterweise ist der herumliegende Laptop ausgeschaltet, und die beiden kritzeln stattdessen auf einem großen Malblock herum. Ethans Brauen wandern nach oben, aber er nickt dem Fremden nur zu und nennt seinen Namen. “Jackson”, erwidert der. Ah.
Aber vorher, an der Rezeption, hat Irene ihn “Barry” genannt. Na dann.

Man teilt das gemeinsame Wissen. Nicht viel mehr, als Ethan schon gehört hatte. 1905, katholisches Jungeninternat, 1927 zehn Schüler plus Rektor verschwunden. Die Schule machte es danach nicht mehr lange, diverse andere Unternehmen ebensowenig. Ruf als Spukhaus. Zwei Userinnen aus diesem Jäger-Forum, in dem Ethan sich gelegentlich herumtreibt, waren vor ein paar Jahren mal dort, da ist aber nichts groß passiert, außer dass ihnen unheimlich war und sie vor Nervosität Dinge preisgegeben haben, die sie normalerweise vermutlich nicht erwähnt hätten. Labertaschen.
Jackson, der als Privatdetektiv arbeitet, ist von der Familie eines der jetzt verschwundenen Mädchen angeheuert worden, um sie – oder idealerweise alle vier Teenager, zwei Jungen und zwei Mädchen – wiederzufinden.

Keine großen Pläne. Hin und nachsehen, die Teenager finden. Passt Ethan gut in den Kram. “Diesmal alle”, knurrt er, woraufhin von Jackson ein “Jap, das war der Plan” zurückkommt. Klar. Der Einhändige weiß ja nicht, was an Halloween passiert ist.

Ethan fährt. Passt ihm auch gut in den Kram. Das Haus liegt abseits vom Ort. Dunkler Wald, tiefer Schnee, dann schließlich ein großes Haus im Scheinwerferlicht. Déjà vu, irgendwie. “Wenigstens kein Lehm”, brummt Ethan. Irene nickt, Barry macht ein fragendes Gesicht, lässt es aber darauf beruhen. Und keine bläulich-öligen Schlieren. Kleine Gefallen, Dank, und so.

Vor dem Haus sitzt ein letzter einsamer Polizist in einem Auto Wache. Barry geht rüber, zeigt etwas vor (einen Ausweis, scheint es), der Polizist ruft wo an, dann winkt er die drei weiter. Kein Einbruch nötig. Auch gut.

Der letzte vergebliche Versuch, etwas aus dem Haus zu machen, war ein Hotel. 13, 14 Jahre her. In der Halle sieht man schon die Anfänge einer Rezeption, Eimer mit vertrockneter Farbe, herausgerissenes Paneel, halb verlegter Teppich. Staub und Dreck überall. Ja, man könnte sicherlich etwas Schönes hier draus machen. Die Bausubstanz sieht völlig intakt aus, die Proportionen des Gebäudes ziemlich ideal. Nur halt, tja. Gruselig hier.

Das Haus ist von der Polizei schon gründlich durchsucht worden. In einem der Zimmer hat man den Rucksack und die Handtasche von zwei der Jugendlichen gefunden. Der logischste Anfangspunkt für die Suche. In den Gängen jede Menge Graffiti, aber kaum eines beendet. So, als wären die Zeichner plötzlich abgehauen. Oder verschwunden. Nein, verschwunden ist ja seit 1927 niemand mehr. Zum Glück wohl doch nur abgehauen.

Im dem Zimmer sieht man noch, dass die Kids hier wohl eine Art Séance abhalten wollten. Kerzen, Ouija-Brett, Ritualkreis. Schlau. Tasche und Rucksack hat die Polizei einkassiert, aber da liegt noch eine Plastiktüte. Irene hebt sie auf, sieht hinein. Inhalt: eine hässliche Engelsfigur, irgendwie missgestaltet. An ihren Füßen eine Aufschrift . Die eigentliche Inschrift durchgestrichen, überschrieben mit den neuen Worten “Gott wäscht Sünden rein” oder sowas in der Art.

Als Irene die Figur berührt, beginnt das Haus zu beben. Irene bringt gerade noch die Worte “Déjà Vu” heraus, und Ethan kann eben noch nicken, da verschwimmt alles, und er findet sich in der Eingangshalle des Hauses wieder. Nur dass es nicht mehr die aufgegebene Baustelle von eben ist, sondern das Internat, wie es in den 1920ern ausgesehen haben muss. Nur kaputter. Modriger Geruch. Verwitterte Holzbohlen. Toll.

Barry hatte in dem Zimmer seine Tasche abgestellt, als Irene die Plastiktüte mit dem Engel fand. Die Tasche ist nirgendwo mehr zu sehen. Ethan, der in einer Hand die Flinte, in der anderen Hand die Lampe und die Tasche mit der Ausrüstung über der Schulter trägt, hat seine noch. Irene ihren Rucksack auch. Wenigstens etwas.

Auf der Treppe liegt eine Gestalt. Einer der Jungen, wie sich herausstellt. Tot. Verdammt. Erstaunlich wenig Blut dafür, dass ihm jemand mit langen Nägeln eine Art Engelsflügel in den Rücken geschlagen hat. Sieht aber auch nicht so aus, als sei der Junge – Lamar Bates, wenn man den Fotos glaubt – daran gestorben.

Schreie aus einem der Gänge. Eine weibliche, eine junge Stimme. Verdammt. Barry ist der erste, der in den Gang läuft. Barry ist der erste, den das schreiende Mädchen – schlank, braunhaarig – zu Gesicht bekommt. Sein “Wir wollen dir helfen!” hört sie nicht, sondern rennt mit noch lauterem Schreien zurück in die Richtung, aus der sie gekommen ist. Wo kurz darauf die Angstschreie zu Schmerzensschreien werden. Dann Stille.

Über dem Mädchen am Boden steht ein Hund. Ein Golden Retriever. Eine Hälfte sieht normal aus, aber als es sich umdreht, sieht man, dass dem Tier die halbe Schnauze fehlt und ein Bein unnatürlich abgeknickt ist. Das Biest hat soeben dem Mädchen die Kehle herausgerissen. Ethan denkt nicht lange nach. Zielt auch nicht lange. Schlägt den Hund stattdessen mit seinem Gewehr weg wie mit einem Baseballschläger. Als das Tier sich in einiger Entfernung wieder aufrichtet, schießt Jackson ihm in den Kopf. Ha.

Barry leistet erste Hilfe. Ethan kann sowas zwar notdürftig auch, aber der Privatdetektiv ist sichtlich besser darin. Nicht, dass man dem Mädchen noch groß helfen könnte. Der Hund hat ihr die Kehle herausgerissen, verdammt! Und trotzdem richtet der Teen sich auf, sieht sich panisch um. Stammelt etwas von “Goldie”. “Bist du Fay?”, fragt Irene, mehrmals, bis das Mädchen endlich nickt. Die Wunde ist völlig verschwunden.

Fay hat panisch geweitete Augen. Stammelt. Klammert sich an Irenes Jacke. Aber das bekommt Ethan gar nicht mehr so recht mit. Denn da, am Ende des Ganges, um eine Ecke oder durch eine Tür, verschwindet soeben eine Gestalt in einer lindgrünen Lederjacke. Einer lindgrünen Lederjacke, die Ethan nur allzu gut kennt. “Carla?”

Die Gestalt scheint kurz zu zögern, eilt dann weiter, verschwindet in dem Raum. Ethan rennt los, seine Begleiter, seine Aufgabe, völlig vergessen. “Carla!”

Das Zimmer ist ein Schlafsaal. Die Betten bezogen und unbenutzt, aber die Laken alt und staubig, mit Stockflecken besetzt. Ein modriger Geruch liegt in der Luft. Am hintersten Bett blitzt es im Schein seiner Taschenlampe grün auf. “Carla, warte!” Und die Gestalt bleibt stehen, dreht sich zu Ethan um. Sie ist es. Sie ist es!

Carla steht neben dem Bett, lächelt ihn an. Ethan geht auf sie zu, langsam, ungläubig. Sie ist es wirklich. Vage geht in seinem Hinterkopf das Bewusstsein um, dass etwas nicht stimmen kann, denn der Blutfaden läuft ihr aus der Nase und an ihrem Mundwinkel herab, wie damals, und —

Carla legt die Hand an seine Wange, und Seligkeit durchflutet ihn. Ihre Lippen auf den seinen, während ihre Arme an seinen Seiten hinunterwandern, sich um ihn legen. Er schließt einen Moment lang die Augen, lehnt sich in die Umarmung. In seinem Hinterkopf ist die vage Stimme noch immer am Reden, doch er kann die Worte nicht hören. Er ist gefangen in Carlas Gegenwart, ihrer Berührung, ihrem Duft. Sie zieht ihn zu sich auf das Bett hinab. Wann hat sie sich hingelegt? Egal. Er lässt sich hinunterziehen, nur allzu gerne.

Ihre Umarmung wird fester. Er lächelt. Küsst sie. Die Umarmung wird vage unangenehm. Die Stimme in seinem Hinterkopf redet lauter. Die Umarmung wird schmerzhaft. Die Stimme drängender. Ein stechend-glühender Druck. Etwas knackst. Eine Rippe. Oder drei. Gebrochen oder wenigstens angebrochen. Ethan blinzelt. Hört endlich auf die Stimme. Kommt zur Besinnung. Versucht sich loszumachen. Aber entweder sie ist zu stark oder er ist zu schwach oder er wehrt sich unbewusst nicht mit voller Kraft – was es auch ist, er kommt nicht los, ohne dass sie ihm mit ihren scharfen Fingernägeln noch ein paar tiefe Schrammen über den Rücken zieht. Er verzieht das Gesicht und unterdrückt ein Stöhnen, als die angebrochenen Rippen sich bemerkbar machen. Aber vor allem ist er erleichtert, von der Erscheinung losgekommen zu sein.

Als er wieder zu dem Bett sieht, ist Carla verschwunden. Stattdessen bemerkt er aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Fährt herum und hechtet mit einem weiteren schmerzlichen Zischen – au, verdammt, die Rippen – nach seiner zu Boden gefallenen Flinte, aber es ist nur ein kleiner Junge. Naja. Nicht so klein. Dreizehn vielleicht. In altmodischer Kleidung. Er winkt Ethan zu, hektisch und verstohlen.

Ethan starrt ihn misstrauisch an, aber der Junge scheint harmlos. Er winkt erneut und zappelt nervös auf der Stelle, als wolle er jede Sekunde flüchten. Dann haut er tatsächlich ab, in Richtung der anderen Tür im Raum. Ethan wirft einen kurzen Blick über die Schulter zurück. Keine Spur von den anderen, nichts zu hören, und der Blick zeigt ihm, dass hinter der Tür, durch die er gekommen ist, nicht der Gang liegt, aus dem er gekommen ist. Ethan folgt dem Jungen. Der Kleine huscht vor ihm her, flink und schreckhaft wie ein kleiner Affe. In der Küche hält er an, verschwindet unter einem Tisch. Einem Tisch mit einem langen, weiß-stockfleckigen Tischtuch darauf. Unter das man nicht richtig sehen kann.

Mit dem Gewehrlauf hebt Ethan das Tischtuch an, linst misstrauisch darunter. Aber da ist nur der Junge, der ängstlich auf das Gewehr schaut. Ethan lässt die Waffe halb sinken und krabbelt dann selbst unter den Tisch. Sieht den Jungen fragend an. Der zeigt auf Ethan und stammelt etwas. Was er sagt, ist kaum auszumachen. Der Kleine hat lange, sehr lange, nicht mehr geredet. Aber es klingt ein bisschen wie “Fa-Heck”. “Verstecken?” Der Junge nickt eifrig und zeigt auf Ethan. “Amma!” sagt er, dann zeigt er auf sich selbst. “Huh-Hah!”

Ethan verengt die Augen. Versucht zu verstehen. “Huh-Hah?” Der Junge nickt wieder, die Augen voller Angst. “Ru-da.” Endlich begreift Ethan. “Bruder?” “Bru-da!” Ein Finger berührt ihn an der Brust. “Mama!” Oh Mann.

Ethan deutet auf sich selbst. “Ethan.” Er sieht sein Gegenüber fragend an. “Du?” “A-hie.” “Artie?” Der Junge nickt. “A-tie.” Er späht vorsichtig unter dem Tisch hervor, zupft Ethan dann am Hemd. “Hell!” Ethan folgt ihm, so schnell er kann, aber der Junge ist wirklich fix. Ethan ist selbst ja nicht ganz langsam auf den Beinen, aber gerade tut sein Brustkorb ziemlich weh. Artie muss mehrmals anhalten und auf den Jäger warten, bis sie schließlich an einem Klassenzimmer ankommen. Aus einem der Pulte holt Artie ein altes, oft gefaltetes Stück Papier und hält es Ethan hin.

Es ist ein Brief. Von Artie selbst, in vage altmodischem Englisch, an wen auch immer. Darin beschreibt der Junge, wie er und seine Schulkameraden und der Rektor in dieser seltsamen Zwischenwelt gelandet sind, wo das Haus sie immer trennt und sie immer wieder sterben, aber auch immer wieder aufstehen. Bis auf Clarence und Peter jedenfalls. Der eine hat sich einfach hingesetzt, als die Ameisen kamen, und der andere ist gar nicht mehr vor seiner Mutter weggelaufen. Artie selbst wird von seinem Bruder verfolgt, aber er weiß gar nicht recht, warum. Er wusste noch nicht mal, dass er überhaupt einen Bruder hat. Aber der ist wegen ihm nicht geboren worden, wie es scheint, und jetzt verfolgt er ihn und will ihn umbringen. Und das Idol muss zerstört werden. Steht in dem Brief.

Als Ethan fertig ist, sieht der Junge ihn ängstlich und erwartungsvoll an. Ethan faltet den Brief wieder zusammen und nickt. “Niemand kriegt dich, Artie. Wir bringen dich hier raus. Aber dazu muss ich erstmal meine Freunde finden.” Freunde. Hat er das gerade wirklich gesagt? Hat er. Huh.

Gemeinsam irren sie weiter durch die Gänge, bis sie in einem weiteren Schlafsaal landen. Artie taumelt. “Alles ok?” Der Junge sieht sich gehetzt um und schüttelt den Kopf. “Solchen… Durst…”

Verdammt. Klar. Nach, was, knapp hundert Jahren in diesem Höllenhaus? Ethan kramt in seiner Tasche herum. Findet das Weihwasser. Kniet sich vor dem Jungen hin und reicht ihm die Flasche. “Langsam.” Hält Arties Hände fest, als der Kleine die Flasche natürlich doch in einem Zug leeren will. “Langsam. Spuckst sonst alles wieder aus.”

Da. Ein Hauch von Parfum, leicht und blumig. So perfekt in diese Umgebung eingepasst, dass Ethan erst gar nicht auffällt, wie der Duft stärker wird. Ein Bild zieht vor seinen Augen auf. Sommer. Sonntag morgen. Carlas Arme, die sich von hinten um ihn legen, ihr Kinn auf seiner Schulter. Ihr leises Lachen in seinem Ohr, der zarte Duft ihres Parfums. Ihres frisch gewaschenen Haars. Seligkeit.

Mit einem Lächeln öffnet er die Augen. Sieht in Arties schreckensbleiches Gesicht. Die Flasche mit dem Weihwasser ist zu Boden gefallen. Zersprungen. Und Carlas Arme, die ihn umschlingen, drücken wieder zu. Mörderisch fest. Auf seine ohnehin schon angebrochenen Rippen.

Irgendwie gelingt es Ethan, sich loszumachen. Aber das bringt ihm mindestens einen schmerzhaften Bluterguss ein, wenn es nicht seine angeknacksten Rippen vollends bricht. Sein Brustkorb tut höllisch weh.

“Ich habe dich geliebt. So sehr. Aber du bist nicht Carla”, presst er hervor. Trotz allem kann er sich nicht dazu durchringen, sie anzugreifen. Hält nur Abstand. “Carla ist tot.”

Sie lächelt milde. “Richtig. Und du hast mich getötet.”
Wieder schließt er die Augen. “Glaub nicht, dass ich das nicht weiß. Glaub nicht, dass ich nicht daran denke. Jeden einzelnen Tag.”
“Bleib bei mir”, wispert Carla. “Hier können wir zusammen sein…”

Er denkt darüber nach. Er denkt tatsächlich darüber nach. Aber dann atmet er tief durch. Schüttelt den Kopf. “Ich muss noch leben, Carla.”
“Du musst sterben”, sagt sie ernst. “Wieder und wieder. Nur wenn du oft genug gestorben bist, kann deine Seele wieder rein werden…”

“Nein”, wiederholt er, und Carla springt mit einem wütenden Aufschrei auf ihn los. Aber plötzlich ist Barry Jackson da. Steht zwischen Ethan und Carla. Wachsam, den Revolver gezogen, bereit, den anderen zu verteidigen. Aber auch irgendwie zappelig. Sehr zappelig. Viel nervöser, als Ethan ihn bisher kennengelernt hat. Ethan blinzelt, wie eine Feder gespannt, selbst zur Verteidigung bereit, und verwundert darüber, dass Jackson ihm auf diese Weise zur Seite steht. Vor allem verwundert. Aber mitten im Sprung ist Carla verschwunden.

Ethan atmet durch. Dreht sich zu Artie um, will den Jungen beruhigen. Aber dessen Gesicht ist immer noch bleich, die Augen immer noch vor Schreck geweitet. Nur dass er jetzt nicht mehr dahin sieht, wo Carla eben noch war. Sondern zur Tür.

Dort, in der Tür, steht ein Junge. Gekleidet in dieselbe Art von altmodischen Kleidern wie Artie. Nein. Gekleidet in exakt dieselben Kleider wie Artie. Und er sieht aus wie Artie. Er sieht aufs Haar genauso aus wie Artie. Der nicht geborene Bruder. “Lauft!”

Sie laufen.

Sie irren durch Gänge und Zimmer. Ziellos, bis Kampfgeräusche sie in eine Richtung ziehen. Kampfgeräusche und der gehetzte Ruf einer Frauenstimme. “Lauf!” Irene. Irene, die mit einem kräftigen, dunkelhäutigen Mann ringt, während ein blondes Mädchen mit offenem Mund daneben steht. Tasha Baird, laut Foto. Bei dem Mann dauert es einen Moment länger, ehe Ethan weiß, wen er vor sich hat. Der Kerl ist jünger und sein Gesicht nicht so verkniffen, wie Ethan es kennt. Und die Gestalt trägt leuchtende Engelsflügel. Aber es ist deVries.

Ethan muss all seine Kraft aufwenden, um Irene aus dem Kampf mit deVries zu ziehen. Jackson schießt, sobald er freie Sicht hat. Trifft den Engel. Und der verschwindet. Mit einem abschätzigen, verächtlichen Blick auf Irene.

Aus der Hosentasche zieht Jackson, immer noch so zappelig und aufgekratzt, einen Beutel. Streut hastig einen Salzkreis um sie alle. Die Erscheinungen hier sind keine Geister im eigentlichen Sinne. Aber im Salzkreis fühlen sich trotzdem alle etwas wohler. Klar ist, dass sie alle von etwas angegriffen werden, an dem sie schuldig sind. Und Barry ist von seiner eigenen Erscheinung mit einem Aufputschmittel vollgepumpt worden, scheint es. Wer auch immer das war. Das erklärt jedenfalls seine Fahrigkeit.

Ethan fängt an, von Artie und Clarence und Peter zu erzählen. Fühlt sich unwohl mit so vielen Worten, auch wenn er heute so viel geredet hat wie gefühlt seit Jahren nicht. Seit… seit Carla. Er bricht ab, hält stattdessen einfach Barry Arties Schreiben hin. Aber der andere nimmt den Zettel nicht, sondern starrt Ethan mit einem wilden, beinahe panischen Blick an. “Peter? Pete, hier? Wo?! Ich muss ihn finden!”

Ein stirnrunzelndes “hm?” von Ethan und zwei redefreudigere Nachfragen von Irene später ist das Missverständnis ausgeräumt. Nicht Barrys Sohn Peter. Arties Mitschüler Peter. Ethan hält dem Privatdetektiv den Brief wieder hin, und jetzt nimmt Barry ihn und liest. Gibt dann auch Irene das Blatt.

Das Idol zerstören, sagt der Brief. Was für ein Idol das sein soll, ist allen sofort klar. Der hässliche Engel aus der Plastiktüte. Den der Rektor hat. Als Ethan danach fragt, weiß Artie, wo es zum Rektor geht. Der Kleine kennt sich in diesem sich ständig verändernden Haus tatsächlich richtig gut aus. Aber er wirkt immer noch sehr verängstigt und vor allem immer noch ziemlich schwach auf den Beinen. “Hat wer was zu trinken?”
Barrys Tasche ist ja in der richtigen Welt geblieben, aber Irene hat Weihwasser. Ethan reicht Artie die Flasche. “Nicht vergessen. Langsam.”

Sie sitzen noch in dem Salzkreis, da schreit Tasha plötzlich auf. Fällt nach hinten. Lange, schwarze Haare sind von irgendwo herangekrochen, haben sich um Tashas Bein gewickelt. Ziehen sie zurück. Haare? Was zum… Irene geht auf den Haarwust los. Sie wirkt nicht überrascht von dem, was sie da sieht. Barry schon, handelt aber genauso schnell. Versucht, Tasha mit seiner Hakenhand irgendwie festzuhalten. Aber dafür ist der Haken nicht gemacht, und die Manschette lockert sich. Ethan hingegen hechtet dem Mädchen hinterher. Verfängt sich selbst schmerzhaft in den lebendigen, würgenden Haaren, aber gemeinsam befreien sie Tasha doch. Mehr blaue Flecken. Verdammt. Inzwischen tut jeder Atemzug weh.

Jetzt aber. “Rektor?” Artie huscht wieder voraus. Richtung Rektor. Hofft Ethan jedenfalls, aber er vertraut dem Kleinen. Würde ihn am liebsten hinter sich halten und selbst als erster gehen, aber dafür ist der Junge zu flink. Dann muss er eben so nah hinter ihm bleiben, wie es geht. Irene folgt mit Tasha in der Mitte. Barry gibt die Nachhut.

Mitte oder nicht, plötzlich wird die Britin durch eine offene Tür gezerrt, ehe einer von den anderen reagieren kann. Als die Männer in den Raum stürmen, steht deVries in unnatürlicher Entfernung – so weit kann er in der Sekunde nicht gekommen sein! – am anderen Ende des Zimmers. Er hält Irene gepackt und zischt ihr etwas zu. “Willst du wissen, wie es sich angefühlt hat, nicht einmal mehr deinen Namen wispern zu können, weil meine Kehle durchschnitten war? Lass es mich dir zeigen…”

DeVries hält einen silbrigen Gegenstand, den Ethan schon bei dem Kampf in dem Diner an ihm gesehen hat. Das Kreuz. Die Waffe, mit der er Irene auch schon im Diner ziemlich übel verletzt hat. Jetzt hebt er die Hand und schwingt das Kreuz in Richtung Irenes Hals. Es scheint Ethan nicht einmal so, als habe der Hieb sie getroffen, aber die Britin reißt die Hände an den Hals und geht in die Knie, als sei es doch so.

“Marcus…” Ein Stöhnen, vermischt mit einem Schmerzensschrei. Barry fackelt nicht lange. Schießt auf den dunkelhäutigen Engel. Aber der verschwindet. Und Jacksons Kugel fährt in die Schulter des braunhaarigen Mädchens, das hinter ihm stand und jetzt mit geschocktem Gesicht die Hand an die Wunde hebt. Das Mädchen mit dem Hund. Fay Gaines.

Die Kleine sieht schwer mitgenommen aus. Nicht ganz bei sich. Hält nur die Hand auf den Einschuss und sieht Barry aus großen Augen an. “Warum?”
Jackson wirkt erschrocken, aber nicht übermäßig entsetzt oder schuldbewusst. “Unfälle passieren. Tut mir leid.”

Dann versorgt der Privatdetektiv Fays Schulter notdürftig. Auch Irene scheint sich wieder einigermaßen gefangen zu haben. Zumindest hat sie keine sichtbare Wunde an der Kehle. Kurz drückt die Britin Barrys Hand. Überhaupt wirken beide Jäger etwas zittrig, deswegen legt Ethan Irene unbeholfen eine Hand auf die Schulter, ehe alle durchatmen und sie sich wieder auf den Weg machen, Artie sie weiter durch die Gänge führt.

An der Treppe – mehr eine Leiter – zum Uhrturm hält der Junge inne und deutet. “O-bn.”
Und tatsächlich ist von oben leises Murmeln zu hören. Nicht so genau zu verstehen, aber irgendwas von “Kinderchen” und “muss Flügel machen”. Kurz entschlossen klettert Barry als erster hinauf. Ethan folgt etwas langsamer und auf seine schmerzenden Rippen bedacht, während Irene unten bei den Jugendlichen bleibt.

Im Raum oben herrscht ein seltsames Licht. Als würde er von außen beleuchtet, und dabei ist es Nacht. An den Wänden des Turmzimmers verteilt hängen Kinderleichen. Neun an der Zahl, in altmodischer Kleidung. Drapiert. Beinahe malerisch. Alle tragen diese aus Stäben und Stoff gefertigten Flügel. Und alle tragen sie einen befreiten, friedlichen Gesichtsausdruck. Auch Lamar, dessen Leiche in einer Ecke liegt.

Das wirre Gemurmel kommt von einem verhärmten, nackten Mann, dem eine zerbrochene Nickelbrille schief auf dem Gesicht sitzt und auf dessen Brust an einer Kordel ein hölzernes Kruzifix baumelt. Er bemerkt weder Barry noch Ethan, so versunken ist er in sein Tun – er bastelt gerade einen weiteren dieser Engelsflügel. Der Rektor.

Die beiden Männer sehen sich nicht an. Zögern keine Sekunde. Erst Barrys Revolver, und einen Moment später auch Ethans Gewehr, gehen los, treffen den Kerl in Kopf und Brust. Das Brabbeln bricht ab, als der Rektor zu Boden geht, mausetot.

Artie, der hinter Ethan nach oben gekommen ist, starrt geschockt auf die Waffen und die Leiche seines Schulleiters. Aber schon richtet der Nackte sich wieder auf, als sei nichts geschehen. Die Schusswunden sind verschwunden. Der Rektor schüttelt kurz den Kopf, brabbelt schon wieder. “Die Kinderlein!”

Offensichtlich hat Jackson genug von dem Mist. Mit zwei schnellen Schritten ist er bei dem Mann und hat ihn gepackt. Die Revolvermündung zeigt auf seine Schläfe. “Wo finden wir das Idol?”

“Die Kindlein… Lasset die Kindlein zu mir kommen!”
Barrys Revolver bohrt sich fester in die Schläfe des Rektors. “Wo ist das Idol?” Endlich flackern die Augen des Wahnsinnigen zu Barry hinüber, scheinen die Frage zu registrieren. “In der Kapelle…”

In diesem Moment tauchen aus den dunklen Ecken des Raumes Gestalten auf. Kleine Gestalten. Viele Gestalten. Puppengroße Kinderfiguren, die erschreckend schnell auf sie zugewuselt kommen. Der Rektor steht nur da. “Lasst sie… lasst mich… lasst sie mich haben… sonst holen sie euch…”

Jackson fackelt nicht lange. Stößt den Mann die Treppe hinunter, weg von den Kinderpuppen. Bedeutet dann Ethan, mit Artie als nächster zu gehen, während er die Nachhut bildet, vorher aber noch die Falltür zum Turmzimmer zuzuziehen versucht. Was dummerweise die kleinen Gestalten nicht daran hindert, ihnen weiter hinterher zu kommen.

Unten ist der Wahnsinnige noch immer dabei, von “verdient” und “der Herrgott will es” zu faseln. Irene geht das Gebrabbel anscheinend derart auf die Nerven, dass sie den am Boden liegenden Mann heftig in die Seite tritt. Das passt Barry, der gerade den letzten Schritt von der Leiter tut, gar nicht. “Hey!”

Ethan hat sich indessen zu Artie gewandt. “Weißt du den Weg zur Kapelle?” Der Junge nickt, aber er wirkt kreuzunglücklich dabei. “Muss Kapelle?” fragt er leise. Ethan nickt. Schenkt dem Kleinen ein, wie er hofft, aufmunterndes Lächeln. “Nur so kommen wir hier raus.”

Verfolgt von den kleinen Kindergestalten eilen sie los. Ethan hält Arties Hand, während Irene die Mädchen neben sich hat und Barry den Rektor vor sich her scheucht. Der sieht sich immer wieder gehetzt nach seinen Verfolgern um und stammelt ständig weiter etwas von “Lasst sie… lasst sie mich holen…”, aber irgendwann geben die Puppenfiguren tatsächlich die Verfolgung auf. Verschwinden wie die Kakerlaken in irgendwelchen Ecken und Ritzen, in die sie gar nicht passen dürften.

Eines der Klassenzimmer, durch das sie kommen, ist offenbar der Kunstsaal. In einer Ecke bewegt sich etwas, ertönt plötzlich ein erstickter Aufschrei, dann wird mit voller Wucht eine Staffelei über Jacksons Kopf gedroschen.

Zum Glück ist die volle Wucht doch nicht ganz so voll, denn der Staffeleischwinger ist ein, wenn auch durchaus kräftiger und trainierter, Teenager. Barry redet beruhigend auf ihn ein, aber das hilft nicht viel. “Geht weg! Lasst mich alle in Ruhe!”
Es bedarf des Anblicks von Tasha und Fay, ehe der Jugendliche sich beruhigt, und dann liegen er und das blonde Mädchen sich in den Armen, und der Junge – Miguel – ist sich nicht zu schade, offen zu weinen, aus Erleichterung und aus Trauer, als er von Lamar hört. Gut für ihn.

Die Tür zur Kapelle steht offen. Beinahe einladend. Klassische Bauweise. Vorne das Pult, von einem Mittelgang getrennte Bankreihen. Vermoderte Gebetbücher. In einer Ecke der Weihnachtsbaum, die Nadeln verdorrt und größtenteils abgefallen. In ausgebleichtem Papier verpackte Geschenke darunter. Und an der Spitze des Baumes prangt die Figur aus der Plastiktüte. Der hässliche Weihnachtsengel. Oder was auch immer das sein soll.

Ethan macht Anstalten hinzulaufen, während Jackson den Revolver hebt, um den Engel vom Baum zu schießen, da trifft es sie. Sie alle. Eine Welle, ein Tsunami der Schuld. Eine Sintflut. Ethan bricht in die Knie unter all den Dingen, die er sich vorzuwerfen hat. Der Tod von Jack. Der Verlust von Emily und Eunice. Dass er Felicity gegenüber nicht offen war. Dass er nie wieder mit seiner Familie in Kontakt getreten ist. Und alles andere. Kleinigkeiten zumeist. Aber vieles. So vieles. Und Carla. Allem voran Carla.

Es wäre leicht, jetzt loszulassen. So leicht. Er hat es verdient. Oh Gott, Carla, Carlas Erscheinung, hatte recht. Wenn er es nur akzeptiert, vielleicht wird seine Seele dann gereinigt. Anderenfalls ist er auf immer verloren. Wenn sie jetzt erscheint, wird er sich nicht wehren. Er hat es verdient. Es ist besser so.

Aus den Augenwinkeln sieht er die anderen. Den Rektor, der sich wimmernd und mit den Händen über den Ohren auf dem Boden windet. Die Teenager, von ihrer persönlichen Schuld niedergehalten. Und Artie. Der Junge liegt da in Embryohaltung, die Beine eng an die Brust gezogen, die Augen fest zusammengekniffen, zitternd. Artie.

Er kann jetzt nicht aufgeben. Wie er zu der Carla-Gestalt sagte. Er muss noch leben. Er jagt all diese Monster, tut all diese Dinge, damit es niemand anderer muss. Damit alle anderen – diese unschuldigen Kinder, die nie jemandem etwas getan haben – die Chance auf ein Leben in Frieden haben. Die er nicht hat. Nicht haben kann. Aber so ist es nun einmal. Ja, er hat Carla getötet. Aber dessen ist er sich bewusst. Und dafür zahlt er. Jeden Tag. Ethan stemmt sich gegen die Flut, richtet sich mühsam auf.
“Nein!”

Barry und Irene haben sich schon wieder halbwegs gefangen. Mit etwas zittriger Hand, trotzdem treffsicher genug, schießt Jackson den Engel vom Baum, während Ethan hinstolpert und die Figur aufhebt. Und als er das tut, eher er das verdammte Ding noch in zwei Stücke brechen kann, bebt das Haus um sie her, und die Umgebung verschwimmt, und als das Haus aufgehört hat zu beben und die Umgebung wieder fest geworden ist, sind sie in dem Klassenraum mit den Farbeimern und dem Ritualkreis und Barrys Tasche. Zurück in der richtigen Welt. Allesamt. Die Jäger. Die Teenager. Und auch Artie und der Rektor. Von dem hässlichen Engel ist keine Spur zu sehen.

Der Schulleiter wiegt sich stammelnd vor und zurück, aber alles ignoriert ihn. Artie allerdings sieht nicht viel besser aus, und so kniet Ethan sich zu dem Jungen und nimmt ihn schweigend in die Arme. Artie lehnt sich zitternd gegen ihn, und Ethan macht leise summende, beruhigende Geräusche tief unten in der Kehle.

Auf die anderen achtet er dabei erst einmal nicht. Aber nach einigen Minuten sind alle wieder soweit beieinander, dass sie ein wenig klarer denken können. Barry kramt sein Handy heraus und ruft einen Krankenwagen und die Polizei, in der Reihenfolge. Eigentlich hätten sie erwartet, dass der Beamte, der draußen das Haus bewacht hat, als erster hereinkommt, aber das passiert nicht. Und als die Polizei dann eintrifft, stellt sich auch heraus, warum. Es ist der 25. Dezember. Aufgebrochen waren sie am 22. Drei Tage in diesem Höllenhaus? Verdammt. Aber egal. Weihnachten gefeiert hätte Ethan sowieso nicht groß.

Barry hingegen wirkt ziemlich aufgelöst, als er von der Zeitverschiebung erfährt. Hatte anscheinend gehofft, über die Feiertage bei seiner Familie sein zu können. Verständlich, wenn man denn eine hat. Und der Jäger ist ja noch immer aufgeputscht von der Droge, die man ihm gespritzt hat.

Ethans Brustkorb schmerzt höllisch, und er ist dankbar für den Krankenwagen und die darauf folgende ärztliche Versorgung. Er ist mitgenommen genug, dass sie ihn zumindest mal über Nacht dabehalten wollen, und Ethan wehrt sich nicht gegen den Vorschlag. Auch wenn das heißt, dass er einer polizeilichen Aussage nicht entgehen wird. Aber er wird ja auch nicht gesucht. Nicht direkt, jedenfalls.

Irene hingegen hat da ein kleines Problem, scheint es. Mit einem schiefen Lächeln und einem “bald mal wieder, Gentlemen. Es war nett”, verabschiedet sie sich von den beiden Männern und setzt sich ab, ehe sie in die Verlegenheit kommen kann, von der Polizei befragt zu werden.

Auch Barry will baldmöglichst aufbrechen, um wenigstens den Rest der Feiertage mit seiner Familie zu verbringen. Aber vorher tauscht er mit Ethan noch Kontaktdaten aus. Und ein fragendes Gesicht. “Was wird mit Artie?”

Ethan kann nur mit den Schultern zucken. “Weiß nicht. Er… Kennt ihn ja keiner. Keine Papiere. Behörden. Und dann…” Er hebt wieder die Schultern. Macht eine hilflose Handbewegung. “Keine Ahnung. Ich…”

Ich würde ihn liebend gern zu mir nehmen, will er sagen. Ich würde mein Bestes tun, ihm ein guter, ein fürsorglicher Ersatzvater zu sein. Aber sieh mich doch an. Wie ich drauf bin. Was für ein Leben ich führe. Artie hat ein schweres psychisches Trauma. Wer weiß, wie lange es dauert, bis er da rauskommt. Ob er da überhaupt jemals wieder rauskommt. Der braucht jetzt alles mögliche. Aber so jemanden wie mich braucht er jetzt garantiert nicht.

Die Worte wollen nicht kommen. Aber Jackson scheint trotzdem eine ungefähre Ahnung davon zu haben, was Ethan da gerade alles nicht gesagt hat.
“Ich müsste mit meiner Frau reden. Aber vielleicht können wir ihn zu uns nehmen. Als Pflegekind oder so.”

Ethan stutzt überrascht, dann spürt er, wie seine Mundwinkel zu einem dankbaren Lächeln nach oben wandern. “Das. Das wäre schön. Wenn das geht.”
“Ich weiß nicht. Wie gesagt, ich muss mit meiner Frau reden. Aber vielleicht kommt ihr uns besuchen, wenn Artie den Bürokratie-Wahnsinn fürs erste hinter sich gebracht hat?”
Ethan nickt. Bekommt noch ein Lächeln zustande. “Gern.”

Artie sitzt in seinem Krankenhausbett, klein und verloren inmitten all der blinkenden Geräte. Die Ärzte haben neben seiner Sprachverstümmelung und seinen psychischen Problemen – die man momentan vage als von Kaspar-Hauser-artiger Vernachlässigung verursacht diagnostiziert hat – auch schwere Mangelerscheinungen und Dehydration festgestellt, und es wird eindeutig einige Tage dauern, bis sie den Jungen entlassen und die bürokratischen Mühlen zu mahlen beginnen.
“I-an?”
“Ich bin hier.”
“Eibssu ei ia?”

Als er sich zu dem Jungen ans Bett setzt, spürt er einen Moment lang Carlas Duft in seiner Nase, die Berührung ihres rotbraunen Haars an seiner Wange.
Ich habe dich getötet. Ich weiß. Ich liebe dich.

Ethan drückt Arties Hand. “Ich bleibe.”

View
Der verflixte 7. Teil
aus Barrys Tagebuch

Ich bin gerade von Chicago nach Hause gekommen. Eigentlich sollte ich entweder schlafen oder arbeiten, aber ich will kurz noch aufschreiben, was passiert ist. War ja keine große Sache. Oder vielleicht doch, keine Ahnung. Jedenfalls gab’s keine Toten, das ist doch mal eine nette Abwechslung.

Die Sache fing mit einem Telefonanruf an. Eine offensichtlich aufgebrachte Frau erklärte mir, sie wäre Nicky und Stevie läge im Koma. Einfach so. Dann erzählte sie mir noch ein bisschen was darüber, wie sie Stevie gefunden hatte und dass keiner wüsste, was der arme Junge hätte. Ich hab mich die ganze Zeit gefragt, wer diese Frau eigentlich ist und woher sie meine Telefonnummer hatte, aber ich kam gar nicht zu Wort – sie war so nervös und besorgt, dass sie einfach weiter redete. Schließlich meinte sie: „Du kennst dich doch mit so… mit so komischem Kram aus. So als Privatdetektiv? Kim hat gesagt, du kannst Stevie vielleicht helfen…“
Kim? Ach so. Kim. Meine Cousine, die Polizistin. Dann war die aufgebrachte Nicky vermutlich die Frau von Clancy, und Stevie war ihr Sohn. Ich habe eine ziemlich große Familie in Chicago, aber seitdem ich da vor zehn Jahren weggezogen bin, habe ich ein bisschen den Überblick verloren. Verdammt. Das wäre mir früher nicht passiert.
Ich stellte noch ein paar Fragen und fand heraus, dass Stevie mittlerweile fünfzehn war und seit drei Tagen im Koma lag. Warum? Wusste keiner. Die Ärzte konnten sich das nicht erklären, Stevie war nicht krank oder so, sondern einfach nicht bei Bewusstsein.
Mir kamen ein paar sehr unschöne Ideen, was dahinter stecken könnte. Ich erinnerte mich noch an meinen Kampf gegen den Traummagier Ikelos – damals lag ich selbst drei Monate im Koma.
Jedenfalls versprach ich Nicky, dass ich versuchen würde, ihr zu helfen, und buchte den nächsten Flug nach Chicago. Ich fliege ja nicht gern (Flugangst mit Panikattacken und Sahne drauf), aber Stevie ist Familie.

Am nächsten Vormittag kam ich ohne weitere Zwischenfälle am O’Hare Airport an. Nach etwas Kaffee, Zucker und Nikotin fühlte ich mich wieder fahrtauglich und machte mich mit einem Mietwagen auf den Weg nach Crystal Lake.
Dort traf ich erst mal Nicky und Clancy, die mir noch mal erzählten, dass Stevie einfach eines Morgens in seinem Bett saß und nicht aufwachen wollte. Er war auch nicht der einzige: Zwei andere Jungs aus dem Ort waren einige Tage vorher ins Koma gefallen, ebenfalls scheinbar ohne Ursache. Stevie kannte die beiden, aber Nicky wusste nicht so genau, wie gut.
Als erstes wollte ich den Jungen natürlich sehen. Vielleicht konnte ich unmittelbar etwas entdecken oder tun. Im Krankenhaus musste ich allerdings feststellen, dass der CDC da war, um zu schauen, ob die Jungs nicht eine ansteckende Krankheit hatte. Angeblich war sogar das FBI auf dem Weg.
Jedenfalls wollten die Ärzte mich nicht zu Stevie lassen. Sie gingen zwar davon aus, dass keine Ansteckungsgefahr bestand, aber sie wollten kein Risiko eingehen.
Ich stand noch da und unterhielt mich mit einer Krankenschwester, als eine elegant gekleidete Mittvierzigerin in Begleitung eines Arztes in den Vorraum rauschte und erklärte, sie wäre vom britischen Gesundheitsministerium, hätte mal einen ähnlichen Fall in London untersucht und würde gern helfen. Irgendwas kam mir verdächtig an ihr vor – der Akzent war es nicht, der klang echt, aber… irgendwie sah die Brille in ihrem Gesicht unpassend aus. So, als würde sie normalerweise gar keine Brille tragen. Vielleicht kam mir die Stimme aber auch bekannt vor. Die hatte ich vor zwei Wochen nämlich in einem ganz anderen Zusammenhang gehört.

Die angebliche Ärztin fing also an, die drei Jungs zu untersuchen. Ich konnte durch eine Glasscheibe in den Raum schauen – ich hatte nicht vor, diese Frau aus den Augen zu lassen. Was wollte die hier? Misstrauisch sah ich zu, wie sie Stevens Puls fühlte, in den Krankenakten herumblätterte und den Tropf, an dem mein Neffe hing, begutachtete.
Ich weiß bis heute nicht, was sie eigentlich mit ihrem Auftritt vorhatte. Vermutlich wollte sie nur Informationen sammeln, genau wie ich. Aber die Tour wurde ihr durch den Auftritt des FBIs grandios vermasselt.

Fünf Minuten, nachdem sie zu den Jungs gelassen wurde, tauchte nämlich Special Agent Saitou auf. Ein ziemlich junger Kerl, offenbar japanischer Abstammung, auf den ersten Blick glatt und unpersönlich wie eine Teflon-Puppe. Immerhin sehr geschmackvoll gekleidet. Auf meine Frage hin, welches Interesse denn das FBI an der ganzen Sache hätte, antwortete er ausweichend. Irgendwelche besonderen Umstände halt. Klang nach einer Handbuch-Antwort. Vermutlich hatte er gerade niemanden, den er bespitzeln oder belagern konnte.
(Ja, ich weiß. Das ist nicht sehr fair. Vermutlich hatte er auch keine Ahnung, was er in Crystal Lake eigentlich sollte. Ich bin einfach kein Fan vom FBI. Die hätten in den 70ern fast meine Mutter erschossen, das nehme ich ihnen durchaus noch übel. Nachtragend, ich weiß. Allerdings war Saitou damals wahrscheinlich nicht dabei, und er war kein völliger Agentenautomat, wie sich später zeigte.)

Saitou kannte die angebliche Ärztin. Irene Hooper-Winslow. Deswegen kam mir die Stimme so bekannt vor – das war die Frau, die Bianca in Sicherheit gebracht hatte. Eine Jägerin. Daher auch die gefälschte Identität. Sunny hat mir mal erzählt, dass viele Jäger sich gern als Abgesandte vom Gesundheitsamt, von der Strahlenschutzüberwachung, von irgendeiner Drei-Buchstaben-Agentur oder auch mal von der Hygienekontrollbehörde ausgeben. Großartige Idee – Irene kam zwar an die Jungs ran, war aber jetzt aufgeflogen.
Wo auch immer sie Saitou getroffen hatte, er war nicht sehr begeistert von ihr. Sah aus, als wollte er sie am liebsten gleich verhaften. Andererseits musste er aber auch einen Fall untersuchen. Während er noch mit diesem Dilemma rang und den Arzt wegen der Jungs ausquetschte, konnte ich ein paar Worte mit Irene wechseln. Die war bemerkenswert unbekümmert, was den FBI-Agenten anging. Wir redeten kurz über Bianca, und… ach, verdammt. Die Frau klingt wie meine Großmutter. Also mochte ich sie, nur wegen ihrer Stimme. Keine Ahnung, was sie von mir hielt, aber auch hier war sie bemerkenswert unbekümmert. Die meisten Leute reagieren etwas reservierter, wenn sie mich das erste Mal treffen.

Dann schleppte Saitou Irene erst mal in die Kantine, um ein ernsthaftes Gespräch mit ihr zu führen. Das sah ein bisschen absurd aus, zum einen, weil Saitou viel jünger war als Irene, zum anderen, weil sie einen so selbstsicheren Eindruck machte.

Während die beiden gingen, um sich auszusprechen, stellte ich der Krankenschwester ein paar Fragen. Ich erfuhr, dass die beiden anderen Jungs Neill Cole und Areef Williams hießen, dass zuerst Neill, dann drei Tage später Areef und noch mal zwei Tage später Steven ins Koma gefallen waren. Keiner der drei hatte seither gesprochen oder auf irgendwelche äußeren Stimuli reagiert. Besuch hatten die drei fast nur von ihrer Eltern bekommen. Einmal war wohl auch ein Lehrer da, aber sonst niemand. Keine verdächtigen Figuren, aber auch keine Freunde.

Ich beschloss, mich als nächstes bei Nicky und Clancy umzuschauen, und bei den anderen Eltern vielleicht auch. Auf dem Weg nach draußen traf ich Irene und Saitou wieder, die einträchtig nebeneinander liefen. Irene hatte keine Handschellen an und wirkte tatendurstig, fast schon vergnügt. Saitou trug eine professionelle Mine zur Schau, aber ich glaube, so ganz wohl war ihm nicht in seiner Haut. Wahrscheinlich hatte sie ihn zu irgendetwas überredet.
War nicht schwer, herauszufinden, zu was: Die beiden fuhren gemeinsam mit dem FBI-Mobil zum Haus meiner Verwandten. Ich fing sie noch vorher ab, und Saitou erklärte mir, dass Ms. Hooper-Winslow ihn bei dieser Angelegenheit in beratender Funktion unterstützen würde. Großartig. Ich hatte eigentlich keine Lust, ständig wieder über die beiden zu stolpern, während wir der gleichen Sache nachgingen, also schlug ich vor, dass wir zusammenarbeiten. Zugegeben, ich war ein bisschen erstaunt, als Saitou einfach nickte. Er fragte nur, ob ich eine Lizenz für meine Waffen hatte. Seltsamerweise wollte er sie dann nicht mal sehen. Was Irene ihm da im Krankenhaus wohl erzählt hatte? Immerhin hat er mich gefragt, was ich beruflich mache. Ich sagte „Schriftsteller“, nur um sein Gesicht zu sehen. Hat sich gelohnt. Er kann auch noch anders schauen als kühl und professionell. Macht ihn ein bisschen sympathischer.

Bei Nicky und Clancy untersuchten wir zunächst Stevens Zimmer. Saitou packte Tatort-Handschuhe aus und schien generell zu wissen, was er da tat, also ließ ich ihm und Irene bei der Suche den Vortritt. Manchmal glaube ich, dass ich als Detektiv nur deswegen kein totaler Versager bin, weil ich ständig Leute treffe, die sich mit Nachforschungen tatsächlich auskennen.
Gut, es brauchte keine besonders ausgeprägte Spürnase, um herauszufinden, dass Steven ein leidenschaftlicher Schachspieler war. Nicky und Clancy hatten uns vorher erzählt, dass alle drei Jungs im Schachclub in der Schule waren, und in seinem Zimmer standen mehrere Schachbretter, einige Schachbücher und ein paar Schachpokale. Oh, und Schachmangas.
Eine Freundin schien er nicht zu haben. Ich war nicht besonders überrascht. Zeitalter des Nerds hin oder her, die meisten Mädchen stehen nicht auf soziale Nichtschwimmer. In seinen Whatsapp-Nachrichten klagte Steven ausgiebig darüber, dass er nicht den Mut aufbrachte, ein Mädchen zu fragen, ob sie mit ihm zu einem Fest gehen würde. Seinen beiden Freunden schien es nicht besser zu gehen. Allerdings hörte das Gejammer vor einer oder zwei Wochen auf. Stattdessen wurde ab und zu ein Mädchen namens Giffany erwähnt.

In Stevens Computer fanden wir eine Erklärung: Er hatte gerade eine CD im Laufwerk, die den schönen Titel „Romance Academy 7“ trug. Auf dem Cover der CD stand ein niedliches Manga-Mädchen mit rosa Haaren, und der Klappentext versprach ein Spiel, bei dem schüchterne Jungs lernen, wie man richtig mit Mädchen redet. Oh Mann.
Wir haben nur mal kurz reingeschaut, weil wir sicher gehen wollten, dass auf der CD nichts anderes drauf war. Nein, war es nicht. Das Spiel lud, und als erstes wurden wir von dem rosahaarigen Mangalinchen begrüßt, das fragte, ob der Spieler nicht ihre Bücher tragen könnte. Der konnte sich eine Antwort aussuchen – „Ja, natürlich“, „Ich bin ungeduldig, geh jetzt mit mir aus“ und „Schau mal, ein Tintenfisch“ („Ich habe nur eine Hand und du siehst eigentlich fit genug aus, um deine Bücher selbst zu tragen“ war natürlich nicht eingeplant) – und bekam dann je nach Antwort Punkte. Das Mädchen war die bereits erwähnte Giffany.
Das erschien uns zunächst eher albern als wichtig. Aber als wir in den Zimmern der anderen Jungs auf deren Rechnern das gleiche Spiel fanden, und als uns die Eltern von Neill und Areef erzählten, sie hätten ihre Kinder ebenfalls in sitzender Position gefunden… und als wir bei Areef eine nicht abgeschickte Whatsapp-Nachricht fanden, in der er darüber klagte, dass Giffany so merkwürdig geworden wäre… mussten wir uns wohl oder übel näher mit dem Spiel befassen.

Also haben wir uns vor Stevens Rechner gesetzt, um das Spiel zu Recherchezwecken genauer zu testen. Ich hatte den Eindruck, dass Irene die Sache ganz spannend fand, bei Saitou hingegen war ich mir nicht sicher. Er war nicht so einfach zu lesen, aber ich vermute, ganz geheuer war ihm die Sache nicht. Aber er machte mit, zwar skeptisch, aber nicht so skeptisch, wie ich erwartet hätte. Wahrscheinlich hat er schon mal ein paar Dinge mitbekommen. Das lasse ich mir bei Gelegenheit von Irene erzählen.

Wir beschlossen, dass einer von uns das Spiel nicht mitspielen würde. Nur für den Fall. Das kam mir entgegen, ich stellte mich also an die Tür und sah den anderen beiden beim Spielen zu. Mir war die Vorstellung tatsächlich ziemlich unangenehm, ein Spiel ums Flirten und Ausgehen zu spielen. (Um das mal zu erklären: Ich bin auf der High School mit vielen Mädchen ausgegangen. Ich war damals wortgewandt und einigermaßen gutaussehend, und ich hatte nur wenige Phasen, in denen ich keine Freundin hatte. Und heute? Heute scheuen die meisten Leute instinktiv vor mir zurück. Das ist der Preis dafür, dass ich und meine Familie überlebt haben, aber ich muss nicht dringend daran erinnert werden.)

Persönlicher Exkurs, da war er wieder. Ist doch völlig egal, ob ich noch mit Frauen flirten kann. Ich bin verheiratet, verdammt.

Irene und Saitou mussten nicht sehr lange spielen, bis sie herausfanden, dass mit Giffany etwas nicht stimmte. Schon in den ersten paar Spielszenen zeigte sich, dass sie extrem besitzergreifend war und jemanden suchte, der für immer mit ihr zusammen sein würde. Einen Seelengefährten, jemanden, der immer für sie da war. Großartig. Die erinnerte mich an Claire, meine Psycho-Ex.

Irene übernahm die Initiative, schmierte Giffany Honig um den Bart und fragte sie nach Steven, Neill und Areef. Ja, Giffany erinnerte sich an die drei… das waren am Anfang ganz wundervolle Freunde, aber dann waren sie auf einmal nicht immer für sie da gewesen, obwohl sie es versprochen hatten! Also hat Giffany sie zu sich geholt, damit sie ihr Versprechen halten.
Irgendwann während des Gesprächs zog Saitou den Stecker des Mikrophons. Ich glaube, er wollte verhindern, dass Giffany die strategische Planung zwischen uns mithört. Das hat aber nicht viel gebracht, weil sie auch ohne Mikrophon genau mitbekam, worüber wir redeten.

Schließlich versprach Irene, dass sie immer für Giffany da sein würde. Es war dem Programm ziemlich egal, dass Irene eine Frau war (sie quiekte etwas von „Yuri!“), und es gab eine längere Diskussion über die weitere Gestaltung der Beziehung. Schließlich stand Irene auf, erklärte dem Programm, es müsse ihr vertrauen und die Jungs freilassen und ging Richtung Tür. Giffany rief ihr nach, sie wollte doch nur die perfekte Romanze, Irene hielt kurz inne, meinte „das wollte ich auch mal“ und verließ den Raum.
Maulend erklärte sich Giffany schließlich bereit, Steven, Neill und Areef gehen zu lassen. Zwei Minuten später hörten wir aus dem Wohnzimmer den erleichterten Jubel von Nicky und Clancy. Steven war aufgewacht.
Irene kam zurück, und Saitou drückte blitzschnell die Auswurftaste des CD-Spielers. Aber nicht schnell genug: Aus den Augenwinkeln sahen wir, wie etwas vom Bildschirm davonhuschte. Giffany? War das Manga-Mädchen von der CD ins Internet entkommen? (Habe ich das tatsächlich gerade geschrieben? Immer, wenn ich denke, mein Leben kann nicht mehr absurder werden, passiert so was.)

Wir forschten noch ein bisschen weiter, stellten fest, dass die Spielserie Romance Academy mit dem siebten Teil ein abruptes Ende gefunden hatte, weil etwas mit dem Spiel nicht stimmte. Die CD hätte gar nicht im Umlauf sein sollen. Trotz längerer Nachforschungen haben wir nicht herausbekommen, wer dahinter steckte.
Aber das war auch zunächst zweitrangig. Steven war aus dem Koma erwacht, genau wie Neill und Areef. Alle drei behaupteten, sie könnten sich an nichts erinnern, aber ich glaube, es war ihnen einfach peinlich, was passiert war. Arme Jungs. Das wird ihre Chancen bei den Mädchen wahrscheinlich nicht verbessern.

Saitou wurde aus Crystal Lake wegbeordert. Die Angelegenheit war ja geklärt, die nationale Sicherheit war nicht gefährdet, und es gibt ja noch genug andere Aufgaben für FBI-Agenten. Wir tauschten Visitenkarten aus – ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, was ich von ihm halten soll, aber er hatte es immerhin nicht nötig, auf seine Autorität als Angestellter einer Regierungsbehörde zu pochen. Und er war bereit, zuzuhören. Mal schauen, ob ich ihn noch mal wieder treffe. Und ob er dann noch ein Special Agent ist.

Irene hat sich auch wieder auf den Weg gemacht. Schade eigentlich. Ich glaube, die hätte ich gern näher kennengelernt. Nicht nur wegen dem Akzent. Die machte einen ganz brauchbaren Eindruck. Wirkte nicht so verbittert wie viele von den Langzeitjägern. Das lag aber vielleicht auch an dem eleganten Kostüm. Die meisten Jäger laufen herum wie die Holzfäller. (Zugegeben, ich auch. Immerhin normalerweise wie ein sauberer Holzfäller ohne Totalausfälle im Modebereich. Aber gute Kleider kosten Geld, und beim Jagen geht dauernd irgendwas kaputt.)
Bevor Irene sich verabschiedet hat, meinte sie noch, dass sie ab und zu das Gefühl hatte, dass sie aus Bildschirmen beobachtet wird. Von einem Mädchen mit rosa Haaren. Scheiße. Ich habe keine Ahnung, was man da machen kann.

Ich bin nach der Sache noch ein paar Tage in Chicago geblieben. Habe meine Eltern besucht, nach meinem Bruder geschaut und alle möglichen anderen Verwandten getroffen. Meine Großmutter war nicht da. Die machte eine Kreuzfahrt. Wenigstens war es kein Segeltörn, aber mit 94 muss man auch mal kürzer treten.

Und jetzt bin ich wieder zu Hause und gehe schlafen. Gute Nacht.

Nachtrag:
Ach nein. Verdammt.

War grad nach längerer Abstinenz mal wieder im TB. Wir haben eine neue Userin: GIFfany. Eine sehr penetrante Userin, die ein anderes Mitglied stalkt. Offenbar kriegt Ally sie auch nicht so einfach los.

GIFfany stalkt ausgerechnet iHeretic. Ich wollte es ja erst nicht glauben und habe ein paar Posts von dieser eingebildeten Kackbratze noch mal gelesen. Mist. Ich bin ziemlich sicher, dass iHeretic Irene Hooper-Winslow ist.

Und ich fand sie sympathisch.

Außerdem hat sie Steven geholfen. Ich schulde ihr was. Leider habe ich überhaupt keine Ahnung, wie man so etwas wie Giffany bekämpft. Brian meint, wir müssten vielleicht in die Matrix eindringen, so wie in dem Film „Tron“. Brian spinnt.

…aber ich werde mal die Ohren offen halten. Und ich schreibe Irene einen Brief. Der wird sie über die Roadhouses hoffentlich erreichen.

Ach Mensch. Warum gibt es Leute, die meinen, sie können sich im Internet aufführen wie Hooligans?

Noch ein Nachtrag:

Tam hat den Bericht gelesen und hat sich prompt Romance Academy 1 bestellt. Jetzt hockt sie mit Katie und Pete im Wohnzimmer am Rechner und spielt. Ab und zu höre ich wildes Kichern aus dem Wohnzimmer.
So kann ich nicht arbeiten. Ich glaube, ich gehe mal lieber und rette meinen Sohn, bevor der glaubt, „Schau mal, ein Tintenfisch“ wäre ein brauchbarer Anmachspruch.

Noch später:

Als wir dann abends im Bett lagen, meinte Tam plötzlich: „Irene ist auch ein schöner Name.“
Ich gab ein neutrales Grunzen von mir. Unser Baby wird ein Mädchen, und wir haben uns noch nicht auf einen Namen geeignet.
„Weißt du, was das heißt?“, fragte sie und wartete mein Nicken gar nicht ab: „Irene heißt Frieden.“

View
Spuk im Spa
gespielt am 10. 10. 2012

Spuk im Spa

Ich war noch nie in Spa. Dem Ort nach dem alle Spas dieser Welt benannt sind. Wäre mal einen Vergleich wert. Das fällt mir gerade so ein, als ich vom Wagen zum Hoteleingang hinke. Ich ärgere mich schon auf den wenigen Metern, dass ich kaum von der Stelle komme. Ich soll mich schonen. Sonst muss man mich schienen, hat man mir gesagt. Völliger Unfug. Naja, ein paar Tage Urlaub werden es schon richten. Und Schwimmen soll ja gelenkschonend sein. Also Steamboat Springs. Mir wird schon beim Anblick langweilig. Ein mir bis dato völlig unbekanntes Kurörtchen in Colorado. Das war gerade das nächstgelegene, nachdem ich so dämlich… Nein, davon wird nie eine Menschenseele erfahren. Angeblich ist das Wellnesshotel auf einem alten Indianerfriedhof erbaut, worauf der Name Chief-Ute-Spa subtil hindeutet. Es wäre schön, wenn es hier wenigstens ein paar Indianergeister gäbe. Dämonen verlange ich ja gar nicht. Soll mich ja ruhig halten.
James hat mich mitsamt den Koffern schon überholt. Das scheint ihm Spaß zu machen. Für außenstehende Beobachter dürfte seine Miene so neutral wie immer wirken. Ich vermeine da einen leicht spöttischen Zug um die Mundwinkel zu erkennen. Livriertes Hotelpersonal nimmt alle Koffer von ihm in Empfang, außer den mit den Waffen. Er fürchtet noch immer, an so einen Dussel zu geraten wie in Alice Springs. Das ist bald 12 Jahre her.
Ich buche gleich beim Einchecken eine bunte Auswahl an Massagen und stelle fest, dass es neben Pools diverser Temperaturen (was soll denn ein Indoor-“Outdoor”-Pool sein?), Animateure (oh weh), Hostessen (ah ja) und eine Gruseltour gibt. Niedlich. Die Gruseltour buche ich zur Erheiterung. Offenbar wurde hier auch mal ein Gangster erschossen. Hoffentlich muss kein armer Animations-Ferienjobber dessen Geist spielen.
Beim Verlassen der Rezeption laufe ich – oh Freude, der Tag könnte nicht besser werden – in Caleb Fisher. Hat der mich schon wieder verfolgt? Will er das blöde Horn jetzt etwa doch zurück? Auf eine Wiederholung der Geschichte nach viel zu viel Bourbon in Colma wird er doch wohl nicht aus sein? Bitte, lass ihn kein Stalker sein. Ich hätte ihn nicht für den Typen gehalten, der sofort denkt, dass er verliebt ist, nur weil er einmal richtig guten Sex hatte. Aber er hat ein Weib im Schlepptau. Ich muss zweimal hinsehen, um mir sicher zu sein, dass es wirklich eine Frau ist. Ihr Gesicht ist entstellt. Schlecht zusammengewachsen, nachdem mal irgendetwas Fetzen herausgerissen hat. Oder herausgebissen. Sie ist mir vorhin schon aufgefallen, so wenig wie sie in dieses elegante Ambiente passt. Cal versucht immerhin, sich mithilfe seines “FBI-Anzugs” ein bißchen anzupassen. Funktioniert vielleicht sogar, wenn man ihn nicht in Jeans und Lederjacke kennt. Ich frage ihn, ob er in den Flitterwochen ist. Das ist nicht nett. Warum bin ich gleich so aggressiv? So peinlich müsste mir eine whiskeygeschwängerte Nacht doch wirklich nicht sein. Er schaut auch entsprechend angefressen und fragt zurück, ob ich zum Arbeiten hier bin. Wieso sollte ich mir hier Arbeit suchen? Achso, jagen meint er. Das ist doch keine Arbeit. Das ist, naja, Lebenssinn.
Offenbar gibt es tatsächlich etwas für einen Jäger zu tun, denn er erzählt mir knapp, dass er gerufen wurde, um einen Wendigo zu jagen, der mehrere Wanderer zerrissen haben soll. Könnte auch einfach ein Bär gewesen sein. Er wurde hierher eingeladen, um das zu klären. Und ich hatte mich schon gewundert. Sieht so gar nicht nach seiner Preisklasse aus. Die Frau und noch so ein junger Latinohüpfer, dem es ein wenig an Respekt fehlt, sind nach meinem Verständnis so etwas wie seine Azubis. Im ersten Moment wirkten sie eher wie Leibwächter. Haben wohl beide einen militärischen Hintergrund.
Unsere Aufmerksamkeit wird von einem Leichenwagen auf sich gezogen. Ein neugieriges Grüppchen Hotelgäste sieht tuschelnd zu, wie er seine Lieferung in Empfang nimmt. Als hätten sie noch nie einen Leichensack gesehen. Eine dieser Seniorinnen, die Violett für die einzig tragbare Haarfarbe zu halten scheinen, lässt jeden, der es hören will oder auch nicht, wissen, dass der arme Mr. Hopkins in der Sauna einen Herzanfall gehabt hat. Hmm. Indianerfriedhof, ja? Pass auf, was du dir wünschst, Irene…
Es ist wie immer. Wenn der Jagdtrieb geweckt ist, sind Ärger und Peinlichkeiten erstmal vergessen. Wir vereinbaren, uns in einer Stunde zur Lagebesprechung in der Bar zu treffen.
Ich nehme kurz mein Zimmer in Augenschein und werfe mich in einen dieser türkisen Fetzen mit riesigen Blumen drauf, um die man auf Hawaii nie herumkommt. Dann erkunde ich die Pool- und Barlandschaft. War eigentlich auch zu erwarten, dass es hier mehr als eine Bar gibt. Die mitten im Pool mit den Hockern halb unter Wasser und den giftig bunten Cocktails voller Obst und Gemüse, schließe ich aus. Irgendwie habe ich gerade das Bedürfnis, etwas bekleideter zu bleiben. Die nächste sieht schon erwachsener aus. Eine Grotte mit gut zehn Metern blau beleuchteter Bar an der Rückwand. Quadratische braune Ledersessel, halbhohe Tische, Loungemusik. Besser. Ich lasse mich nieder so elegant es in meiner derzeitigen Situation eben geht. Mein Blick wandert über die Gäste. Erstaunlich viele graue Anzüge dafür, dass man hier eigentlich schwimmen soll. Überdurchschnittlich viele gutaussehende Leute. Einige scheinen auch auf jemanden zu warten. Zwei davon runzeln die Stirn, als würden sie überlegen, ob sie mich kennen müssten. Ich kenne sie sicher nicht. An der Bar sitzt ein graumelierter Typ, kantiges Kinn, gut trainiert, der mich ebenfalls mustert. Ich drücke ein bißchen den Rücken durch. Er winkt den Barkeeper heran, deutet auf mich. Der Barkeeper zuckt mit den Schultern. Mein Mundwinkel zuckt auch. Ja, Narben machen interessant. Und der hier hat wohl nicht viel Zeit zu verlieren. Er kommt rüber und fragt, ob ich hier schonmal war. Ich verneine. Er stellt fest, dass ich Britin bin. Ein Kellner scharwenzelt um uns herum. Der Graumelierte will mir einen Drink spendieren. Was ich denn möchte. Mir ist nach einer Margarita, aber so einfach will ich es ihm nicht machen. Er darf versuchen, meinen Geschmack zu erraten. Bekommen tue ich einen Gin Tonic. Auch nicht falsch. Jedenfalls nichts süßes und ein solider Klassiker.
Im Eingang steht Cal und schaut ein bißchen konsterniert. Weniger weil er mich mit einem Fremden sieht, als mehr, weil ihn gerade eine Frau fast umgerannt hätte. Blondine, Typ Trophywife. Sie entfernt sich eiligen Schrittes. Der Graumelierte sieht ihr ebenfalls hinterher. Wir beginnen gleichzeitig, uns zu entschuldigen, halten lachend inne. Ich darf zuerst: “Mein Kollege ist da.” Er muss was regeln. Bestimmt sieh man sich später nochmal.

Im Gegensatz zu mir hat Mr. Fisher bereits fleißig recherchiert. Guter Mann. Also, hier ist definitiv alle sieben Jahre eine Frau gestorben oder verschwunden. Gelegentlich auch mehr. Die letzte verschwand vor ziemlich genau sieben Jahren. Das trifft sich ja gut. Die meisten waren verheiratet oder mit Partner hier. Die Altersspanne war zwischen Mitte 20 und Ende 30. Alle gutaussehend. Außerhalb der 7-Jahres-Schritte verschwanden auch mal welche, auf die nicht alle Kriterien zutrafen.
Von der Gruseltour erwarten wir uns weitere Aufschlüsse. Neben der Rezeption hat sich schon ein illustres Grüppchen versammelt. Die Dame mit den lila Haaren ist wieder da. Aus der Nähe sieht sie wie eine sehr gruselige Fernseh-Großmutter aus. Mit esoterischem Schmuck behangen und überzogen liebenswürdigem Lächeln. Noch ehe der Tourguide, ein kleiner Professor für Kunstgeschichte mit großer Brille namens Archibald Reynolds, auftaucht, wissen wir alle bescheid, wie sehr sie sich für Indianer interessiert und wie aufgeregt sie schon ist, einen echten Indianerfriedhof zu sehen. Professor Archie bittet uns, an einigen Stellen der Tour besonders leise zu sein und nicht zu sprechen, um die scheuen Geister nicht zu verschrecken. Ah. Ja, sicher. Geister erschrecken sich vor Menschen.

Der vielgerühmte Indianerfriedhof entpuppt sich als ein Stück Wiese mit einem hochbettähnlichen Gestell, auf dem eine Mumie liegt. Ein Rabe sitzt darauf und pickt pittoresk daran herum. Laut Archie ein Glücksfall, denn bei der Mumie handelt es sich um eine Atrappe. Luftbegräbnisse wurden hier früher gar nicht praktiziert. Tatsächlich war hier einmal ein Handelsposten und das Begräbnisareal eher in der Gegend des jetzigen Parkplatzes. Weil wir ja hier in einem Wellnesshotel sind, stehen auch ein paar Schwitzhütten herum. Angeblich muss man dort den Dampfgeistern opfern. Und zwar das richtige, sonst wird man gefressen. Weiter geht es im Hotel. Wir sehen den Raum, in dem vor 90 Jahren ein Gangster aus Chicago, ein Rafael Lopez, erschossen wurde. Zum, äh, dramatischen Ragtime-Gedudel darf Cal den bösen Schützen stellen. Ich amüsiere mich prächtig. Ehrlich. In Spa Town soll es ein sehenswertes Mausoleum für den Gangster geben.
Über die Lounge-Bar, in der ich den netten Herren mit den Spendierhosen kennengelernt habe, hat der Professor zu erzählen, dass dort einmal im Jahr der Teufel zu Besuch kommt, um zu entspannen. Ich bemühe mich, ernst zu bleiben. Es wäre mir recht, wenn er das nicht diese Woche tut. Einige der Besucher – die immer noch zu warten scheinen – lächeln wissend. Jaja.
Das Hotel hat noch eine weitere reiche Auswahl an Geistern. Eine Frau, die von ihrer Stiefmutter in der Sauna eingesperrt wurde. Die Sauna hat man danach zur Besenkammer umfunktioniert und die jetzige Saunalandschaft gebaut, die inzwischen auch schon dreimal erweitert wurde. Aus der leeren Besenkammer dringen Schreie. Die lila Dame erschrickt ein bißchen und lässt sich von Archie die Hand tätscheln. Im Heizungskeller, einem unübersichtlichen Raum voller Rohre, kam ein Heizer zu Tode, worauf das Haus beinahe abgefackelt wäre. In einem der oberen Geschosse hat mal jemand ein Baby in einen Safe eingeschlossen. Das Zimmermädchen, das es gefunden hat, bekam daraufhin weiße Haare.
Die heißen Quellen, die dem Ort sein Einkommen bescheren, sind heilig – wir erinnern uns: Dampfgeister. Gefressen werden. Eindringlich warnt uns Archibald auch vor Wandertouren in der Umgebung, da im Wald ein Wendigo sein Unwesen treiben soll. Cal, der mit seiner Recherche nicht nur auf die Verschwundenen Frauen gestoßen ist, bemerkt trocken, dass der Wendigo bereits erledigt sei. Archie scheint das zu irritieren. Man möge doch trotzdem aufpassen. Auch ein Bär wäre hier keine Seltenheit.
Zum Ende der Tour unterhalten wir uns noch ein wenig mit dem Professor. Der hat die übernatürliche Geschichte des Hotels lange erforscht. Er glaubt tatsächlich an alles, was er hier erzählt hat, wenn er es auch für die Touristen gerne etwas aufbauscht. Den Wendigo hat er mit eigenen Augen gesehen. Vor dem hat ihn nämlich Acht-Finger-Joe gerettet. Cal weiß, wer das ist.
Den Toten aus der Sauna, der vorhin abtransportiert wurde, hält Archie für einen gewöhnlichen Herzanfall. Er hat damals ein Wörtchen beim Neubau mitgeredet und sichergestellt, dass die Örtlichkeiten weder Dampf- noch Totengeister stören.

Cal ist der Ansicht, dass ich den seltsamen Gästen in der Teufelsbar mal ein paar Drinks mit Weihwasser drin spendieren sollte, für den Fall, dass es wirklich Dämonen sind. Selber kann er das wohl nicht machen, hm? Fehlen ihm dazu die liquiden Mittel, hm? Sein Lehrling Ricky, der Latino-Bengel, musste sich schon als Animateur verdingen. Die vermeintlichen Dämonen sitzen inzwischen zusammen mit einem Haufen asiatischer Typen, die – es tut mir leid, dass ich den Blick einfach nicht abwenden kann, aber es ist wie ein Autounfall – ungeheuer riesige Klöten haben. Ich erinnere mich dunkel, dass meine japanophile Nichte zweiten Grades Ida mal völlig begeistert von solchen Geistern berichtet hat. Tanuki? Irgendwie so. Sie hat mir ein Bild gezeigt, auf dem ein Tiergeist mit seinen monströsen Hoden einen Feind vermöbelt. Diese Kultur wird mir immer suspekt bleiben.
Noch ehe ich mir überlegen kann, wie ich das Weihwasser in die Putzmittelflasche bekomme, die der Barkeeper fast so oft herumschwingt wie seine Spirituosen, nimmt mich ein freundlicher junger Mann mit kohlschwarzen Augen beiseite und erklärt mir höflich, dass die hiesigen Dämonen nicht auf Ärger mit der Familie Hooper-Winslow aus sind. Die Tanuki bahnen hier eben einen Deal an, mit dem ich nichts zu schaffen habe. Sie könnten es höchst übel nehmen, wenn ich ihre Verhandlungen störe. Hier herrsche auf Luzifers Befehl hin Waffenstillstand zwischen allen Parteien. Wenn ich mich daran halten könnte, würde mir der junge Mann garantieren, dass alles friedlich und gesittet bleibe. Ich fühle mich von der Situation ein wenig überfahren. Wohin ich auch blicke, starren kohlschwarze Augen zurück. Es wäre müßig, sich die Sekunden auszurechnen, die ich überlebe, wenn ich mich mit einem Raum voller Dämonen anlege. Aber eigentlich würde es sich so gehören, nicht wahr? Was, wenn ich es doch versuche? Er sieht das Blitzen in meinen Augen und weicht ungläubig ein Stückchen zurück. Dann bellt ihm einer der Tanuki irgendetwas zu. Mit kommt wieder Idas Bild in den Sinn. Nein, so will ich wirklich nicht sterben. Der Dämon bekommt mein zahnreichstes Lächeln. “Aber sicher doch. Auf ein andermal!”
Sei vorsichtig, was du dir wünschst, Irene.
Dämonen!
Ich weiß selbst nicht, ob ich aus Wut oder Angst zittere. Jedenfalls braucht mir niemand dabei zusehen. Ich stürzte mich mal eben in den “Gletscherpool”, der für die Saunagäste zur Verfügung steht, spüle Bilder und Erinnerungen von vor langer Zeit davon. Ians spöttisches Grinsen. Meine kleine Hand, die einer anderen ein Amulett überreicht. Tiefe Schwärze. Den Geruch nach Schießpulver im Bart meines Vaters. Das Tor meines Schulhauses. Eiswasser wäscht alles davon. Es ist so kalt, dass ich schreien möchte. Länger als eine Minute hält das kein Mensch aus!
Beim Verlassen des Pools achte ich darauf, dass mir möglichst viele der Barbesucher auf den Hintern starren können. Sollen sie das Tattoo ruhig deutlich sehen. Ihr kommt hier nicht rein!
Meine Güte, ist das kalt.
Der warme Pool mit der bunten Tropic-Bar empfängt mich wie die beruhigenden Arme meines Dads. “Ich hab dich, ich hab dich, ich hab dich.” Ich atme tief ein und lasse die Anspannung davongleiten. Alkohol. Jetzt. Viel Alkohol. Meinetwegen auch süß und bunt.
Von der Poolbar aus habe ich einen guten Rundumblick. Nicht weit entfernt liegt mein neuer Bekannter neben der Blondine, die Cal angerempelt hat. Sie zieht eine extra saure Miene, als sie mich sieht. Ah. Das hatte er also zu regeln. Hat sie Angst bekommen, dass der Sugar Daddy das Interesse an ihr verliert? Das tut mir aber leid.

Ein paar Cocktails und zwei Massagen später schlendere ich, wieder ganz in mir selbst ruhend, zu meinem Zimmer zurück. Ein unscheinbarer, drahtiger Gott mit starkem arabischen Akzent hat so lange an meinem Bein herumgeruckelt, bis es in meiner Hüfte einen höllischen Schlag getan hat und plötzlich wieder Blut dahin geflossen ist, wo es sich schon eine Weile nicht mehr aufgehalten hat. Ich sagte doch, dass das mit der Schiene Unsinn ist. Auch der Araber hatte für den Kleinstadtorthopäden, der mein Rezept ausgestellt hat, nur ein abfälliges Schnauben übrig. Also, für mich kann der Spaß jetzt losgehen.
Für den jungen Ricky hat er gerade aufgehört. Der wird mitten auf dem Gang von Cal verarztet, weil er eine Vase an den Kopf bekommen hat. Er will sich nicht recht daran erinnern können, was passiert ist. Das laute Schluchzen aus der Besenkammer könnte ein Hinweis sein. Ich muss ziemlich lange all meinen Charme aufwenden, um das Zimmermädchen zu beruhigen. Für die ersten Minuten scheint sie sich nicht so ganz sicher zu sein, wer sie eigentlich ist, was dafür spricht, dass mindestens eine der Streitparteien zeitweilig besessen gewesen sein könnte. Der positive Effekt – zumindest für Ricky – ist, dass die Erinnerung des Mädchens an das, was auch immer da genau passiert ist, zusehends verblasst. Ich gebe die mütterliche Detektivin und lenke sie mit Fragen über ungewöhnliche Ereignisse ab, bei denen sich Leute ebenfalls untypisch verhalten haben. Cal scheucht derweil den kleinen Latino auf sein Zimmer und rät ihm, sich in nächster Zeit möglichst unsichtbar zu machen.
Alles, was dem Mädchen einfällt, ist dass Mr. Marcus, der Verstorbene aus der Sauna, einen Streit mit seiner Frau hatte. Na, das ist hier ja wohl keine Seltenheit.
Ach ja. Und vor zwei Tagen fiel ein Mann vom Dach, weil seine Frau “gestolpert” ist und ihn “versehentlich” heruntergeworfen hat. Und ich dachte, hier geht es mehr um Frauenmorde.
Die nächste Lagebesprechung halten wir in Cals Zimmer. Ein Anruf bei Archie ist fällig. Wir müssen wissen, ob es hier auch noch einen Rachegeist geben könnte, der wahllos irgendwelche Paare aufeinander losgehen lässt. Von soetwas weiß er nichts, aber er kann uns genauere Auskunft über einige der verstorbenen Damen geben.
1952 wurde Carolin Matthew von ihrem Mann im Bad erwürgt.
1972 eine Leslie M. erschossen. Ebenfalls im Bad.
In den 80ern ist eine Frau vom Dach gefallen, ihr Mann wurde verhaftet. Der Name taucht in den Zeitungen nicht auf.
Zwei der Ermordeten wurden zuhause beerdigt, eine auf dem Friedhof von Spa Town.
Einen Zusammenhang mit dem Gangster schließt Archibald aus. Nicht nur ist das Mausoleum sowohl mit christlichen, als auch einigen Voodoo-Symbolen übersät, die jeden noch so rachsüchtigen Geist dort halten, wo er hingehört, sondern Rafael Lopez wurde auch bereits verbrannt. Mit Salzzugabe.
Cal ruft nochmal Taylor, die Tochter seines Kumpels an, die ihn hierher geholt und vor meiner Ankunft schon mit Infos gefüttert hat. Die scheint aber mehr daran interessiert zu sein, ihn privat zu treffen und trägt weiter nichts zu unserer Erhellung bei, als affektiertes Kichern und kindische Anzüglichkeiten. Naja, Narben machen eben interessant.
Da Schwimmen ermüdend ist und eine Mütze voll Schlaf der detektivischen Phantasie noch nie geschadet hat, lassen wir es für heute darauf beruhen.

Beim Frühstück platziere ich mich in guter Sichtlinie zu dem Graumelierten und seiner viel zu jungen Frau. Nun gut, sie hat etwa mein Alter. Sie knabbert lustlos an irgendwelchem Grünzeug. Bestimmt ist es schrecklich gesund. Ihre Körpersprache sagt mir ganz klar, dass sie gekränkt ist. Und, dass er sie wahrscheinlich schlägt. Er tut demonstrativ desinteressiert und sucht stattdessen meinen Blick. Ich stürze mich genüßlich auf Rührei und Speck. Und Pancakes mit Preiselbeermarmelade von einer lebensbedrohlichen Süße. Und Waffeln.
Auch Caleb ist das Paar ins Auge gestochen. Ich teile seinen Verdacht, dass wir hier unser nächstes Mordopfer sehen. Fragt sich nur, wer von den beiden wen umbringen will. Er stiftet mich an, den Eye-Fuck mit dem Typen zu intensivieren und das Gespräch zu suchen. Er will sich um die Frau kümmern. Genau. Cal, der Frauentröster. Ich kann mir vorstellen, wie das ausgeht.
Noch während wir planen, bekommt der Mann von seiner Frau eine volle Kaffeetasse an den Kopf. Sie rauscht davon, er will ihr folgen und fällt auch noch über einen Stuhl. Cal grinst. Ich gebe mir die allergrößte Mühe, erschreckt und mitleidig zu wirken. Man will ja nicht aus der Rolle fallen.

Mein Telefon klingelt. Es ist Professor Archie. Er hatte einen Einfall.
Vor sieben Jahren war hier ein Privatdetektiv, ein Mitchell Murphy, der entweder ein gewiefter Einmietbetrüger war oder ebenfalls verschwunden ist. Die Polizei hat ein Weilchen nach ihm gesucht. Auch ein zweiter Detektiv konnte keine Spur von ihm finden. Murphy – ich frage mich, ob es etwas zu bedeuten hat, dass so viele an diesem Fall Beteiligte Namen mit “M” haben, oder ob es nur die Ironie des Schicksals ist – hatte den Auftrag, auf die Schwester eines Klienten aufzupassen. Deren Verhältnis zu ihrem Ehemann kam dem Klienten seltsam vor. Die Frau ist verschwunden, als Murphy noch im Hotel war. Gerüchteweise könnten sie auch zusammen durchgebrannt sein. Um den Mann der Schwester wurde es still.

Ich wälze noch den Gedanken herum, ob es sich bei allen mörderischen Männern um den gleichen “M” in verschiedenen Inkarnationen gehandelt haben könnte, als ich mich wieder in den Pool mit der Tropenbar begebe, gut sichtbar im signalroten Badeanzug. Nur an der Oberweite und der Tiefe des Ausschnitts fehlt es mir zum Baywatch-Babe. Der Strawberry Daiquiri schmeckt auch gar nicht so übel für einen süßen Cocktail. Die Margarita ist zum Niederknien! Ich bin noch nicht zur Hälfte um den Salzrand herum, da kommt auch schon der von mir Erwartete. Eine kleine Bugwelle kündigt ihn an. Sam Evans, so heißt er. Das war es dann mit meiner Theorie zu “M”. Er ist Texaner, geboren allerdings in Frankreich. Europa liebt er. Wie alle Amerikaner. Nein, seine Gattin hasst es. Besonders die Deutschen und Franzosen. Ich denke mir, dass sie bestimmt spätestens jetzt auch etwas gegen Briten hat. Es ist gerade schwierig. Ach? Sie sind im verflixten siebten Jahr. Ich heuchle Überraschung.
Vom Poolrand, augenscheinlich schlafend, beobachtet uns Cal. Etwas weiter entfernt turnt Ricky durch irgendwelche Blumen und gibt vor, zu gießen. Corine, die Entstellte, ist entweder nicht da oder eine Meisterin der Tarnung. Ich tippe auf letzteres.
Vom anderen Rand des Pools kommt ein wütendes Aufstampfen, gefolgt vom Schlappschlappschlapp der hier allgegenwärtigen Reflexzonenlatschen. Schon wieder die Frau. Sam seufzt tief und folgt ihr. Cal ist schneller, er muss nicht erst zur Treppe schwimmen. Dass der Jäger seiner Frau folgt, fällt Sam nicht auf. Er ist zu erpicht darauf, beim Schwimmen seine wohlgeformten Muskeln spielen zu lassen. Darin ist er gut. Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass er seine Angetraute mit diesen Armen aller Wahrscheinlichkeit nach vertrimmt.
Gerade als die Flüchtende, mit Cal dicht auf den Fersen, außer Sicht gerät, taucht Corine auf. Sie müht sich sichtlich, eine Liege an ihren rechten Platz zu schleppen. Dabei stellt sie sich so ungeschickt an, dass sie Evans für ausreichend lange Zeit den Weg versperrt, dass er die Verfolgte aus den Augen verliert. Geschickt.

Später erzählt mir Cal, dass die liebe Ehefrau sich bei ihm bitterlich über die mangelnde Aufmerksamkeit beschwert hat, die sie von ihrem Mann bekommt. Das Spiel mit der Eifersucht sei für ihn eine Jagd, bei der Sam der Tiger sei und sie das Reh. Sehr malerisch. Waren auch ihre Worte, nicht Cals. Ich armer Lockvogel fühle mich schon ganz arg bedroht.

Als ich wieder an der Dämonenbar vorbeikomme, erkenne ich Taylors hohes Lachen. Sie unterhält sich mit dem Dämon von vorhin, der einen Arm um ihre Hüfte geschlungen hat. Ich bleibe so abrupt stehen, dass die lila Lady fast in mich hineinläuft. Entrüstete Laute. Klingt wie Schnarchen. Sie sollte mal was mit ihren Nebenhöhlen machen. Ein Aufenthalt am Meer oder so. Weit weg von hier.
Der Dämon sieht mich, starrt ein bißchen zurück. Grinst und zieht Taylor enger an sich heran. Reiz mich ruhig, Höllendiener! Ich forme mit den Lippen lautlos die ersten Worte eines Exorzismus. Er bleckt die Zähne. Einer der Japaner taucht neben ihm auf, blafft irgendwas, worauf der Dämon ihm folgt, brav wie ein Hündchen. Im Gehen, dreht er sich nochmal zu mir um. Es fehlt nicht viel und er macht dieses alberne “Ich-seh-dich”-Zeichen, dass bei den Kindern dieser Tage so beliebt ist. Taylor steht plötzlich alleine da und guckt verdattert von ihm zu mir und zurück. Ich winke sie heran. “Halt dich von dem Pack fern. Das sind Dämonen.” Wenigstens ist sie schlau genug, blass zu werden. Hat also doch Überlebenschancen. Ich lasse sie stehen. Diese Bar macht mir Gänsehaut.

Vor dem Mittagessen gehe ich eine Runde meinen Frust wegjoggen. Dämonen. Tanuki. Dampfgeister. Rachegeister. Man soll wirklich vorsichtig sein, was man sich wünscht. Eigentlich sollte ich Cal bescheid geben, dass da in der Tat Dämonen sind, und Verstärkung rufen. Aber was passiert dann? Genau. Sehr viel Blutvergießen. Nein, solange ich nicht anders für die Sicherheit der Gäste sorgen kann, werde ich keinen Krieg lostreten. Wenn sich herausstellen sollte, dass die Dämonen hinter den verschwundenen Frauen stecken, sieht das schon wieder anders aus. Doch so weit bin ich noch nicht.

Im Speisesaal sitzen Mr. und Mrs. Evans einträchtig beisammen. Ganz offensichtlich hat Sam seinen Charme spielen lassen, um seine Frau wieder milde zu stimmen, er gießt ihr Wein nach, unterhält sich lächelnd mit ihr, ist generell sehr aufmerksam. Es wirkt. Als er ihr etwas ins Ohr flüstert, kichert sie nervös, streicht sich durch die Haare. Ein Anflug von Röte überzieht ihre Wangen. Steht ihr.
Noch vor dem Dessert zieht er sie von ihrem Stuhl, greift sich einen bereitgestellten Picknickkorb und verlässt mir ihr das Hotel. Das könnte jetzt interessant werden. Cal ist bereits aufgesprungen.

Wir folgen dem Paar in den Wald. Aus sicherer Entfernung beobachten wir durch eine Hecke, was sich auf der Picknickdecke abspielt. Sam zieht eine Flasche Wein aus dem Korb, schäkert, füttert seine Frau mit Süßigkeiten, gibt ganz den reuigen Sünder und pinselt ihr recht fleißig Honig ums Mäulchen. Und die dumme Pute fällt voll darauf herein. Sie schmilz regelrecht dahin. Warum spielt sie nicht wenigstens ein paar Minuten die Spröde? Es ist kaum auszuhalten. Als die beiden sich ihrer Kleider entledigen, schüttelt auch Cal den Kopf. Also, ernsthaft? Dafür war ich jetzt gut? Dem Mann wieder die Augen für die Vorzüge seines Weibchens zu öffnen? Und das war es jetzt?
Nein, war es nicht, etwas tut sich. Während Sams Bewegungen kraftvoller werden, beginnt er… zu schimmern? Was tut er? Ich kann es nicht anders sagen: Er leuchtet. Blau. Und sein Bart wächst. Bis gerade eben war er noch glatt rasiert. Eindeutig. Sein Bart wächst. Und auch der schimmert blau. Aus seiner Frau hingegen scheint alle Energie zu weichen. Sie hängt in seinen Armen wie eine leblose Puppe. Von hier aus sieht es gar aus, als würde sie kleiner werden. Cal flucht und springt hinter dem Gebüsch hervor. Ich stürze hinterher.
Wirklich? Blaubart? Wir haben die Wahl zwischen einer Horde Dämonen, einem Rudel Tanuki, Dampfgeistern, toten Gangstern, Indianern, einem Bären und was weiß ich noch allem, und wir suchen uns eine Märchenfigur aus? Wir sind schon ein tolles Team. Na gut. Märchen haben ihren Sinn. Sie sollen eine leicht verständliche Warnung sein, für alle, die Ohren haben, zu hören. Zum Beispiel an die Weiber, vor den tyrannischen Ehemännern, die ihre Frauen drangsalieren und dann umbringen, wenn sie nicht mehr folgsam sind.
Caleb leert sein Magazin in Evans, doch es passiert so gut wie nichts. Der Kerl butet zwar blau, doch ansonsten beeindrucken ihn die Kugeln nicht sonderlich. Er lacht. Dann richtet er sich auf und steht da wie ein bösartiger Dr. Manhattan. Nur bärtiger. Gleich geht es uns an den Kragen. Das Blondchen liegt wie ausgeleert zu seinen Füßen. Aber siehst du, Charles, manchmal habe ich dir doch zugehört. Und jetzt ist sogar dein Ehering nochmal zu etwas gut, den ich in Wirklichkeit nämlich gar nicht verloren habe. Ich reiße mir die Kette vom Hals und drücke Cal das goldene Rund in die Hand. Er ist einfach kräftiger als ich. Er starrt seine Hand an. Starrt mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle. “Ehedinge,” bringe ich hervor, als mir die Absurdität der Situation bewusst wird. “Er ist empfindlich gegen Jungfräulichkeit und Ehekram.” Mit ersterem kann ich nicht dienen. Das sollte Cal wissen. Er nickt. Der Ring passt gerade so auf seinen kleinen Finger. Es ist ein langer, harter Kampf. Nur weil ihn das Gold verletzten kann, geht ein Ritter Blaubart noch lange nicht beim ersten Schlag in die Knie. Aber der zähere Kämpfer ist Fisher. Er lässt sich nicht davon beeindrucken, dass Evans größer und muskulöser ist, verlässt sich einfach auf seine Geschwindigkeit und einen miesen, dreckigen Kampfstil, dem der Herr Ritter nichts kreatives entgegenzusetzen hat. Und Wut. Irgendetwas an Blaubart hat da einen Knopf gedrückt. Ich will lieber nicht so genau wissen, welchen. Nach einer Ewigkeit ist das, was einmal Sam Evans aus Texas war, zu einer Masse aus blauen Klumpen zerdroschen, die sich schnell auflöst. Hinter der toten Frau erscheint flimmernd eine Gestalt. “Mitchell Murphy?” Der verschwundene Detektiv. Er tippt sich grüßend mit zwei Fingern an die Stirn. Jetzt, wo der Frauenmörder tot ist, scheint seine Aufgabe erledigt zu sein. Er beugt sich zu Mrs. Evans, drückt auf ihre Brust. Sie schnappt nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ich beeile mich, ihr beizustehen. Er geht davon. Ich glaube, in Wirklichkeit ist es nur die Sonne, die mich blendet, und kein überirdisches Licht. Mir fällt auf, dass Charles mir ganz sicher nie irgendetwas über Märchenfiguren erzählt hat. “Danke,” murmle ich in die Richtung des Lichts.
Wir erfinden für die Polizei eine Geschichte, in der ich Sam Evans dabei ertappt habe, wie er sich über seine vermeintlich tote Frau beugte, von ihm angegriffen und von Cal gerettet wurde. Evans sei entkommen, erzählen wir. Man wird ein bißchen nach ihm suchen, bis man zu dem Schluß kommt, dass er längst über alle Berge ist. Wenn Mrs. Evans klug ist, lässt sie ihn so bald wie rechtlich möglich, für tot erklären und sucht sich einen jungen hübschen Burschen, der zwei Köpfe kleiner ist als sie.
Cals Hand sieht übel aus. Vom vielen Zuschlagen ist sie geschwollen und blutig. Cals Blut. Das Blaue hat sich schon aufgelöst. Er bekommt den Ring nicht mehr vom Finger. Da muss ein Arzt ran. Ich sage ihm, dass er sich keinen Kopf darum machen muss, ob der Ring die Prozedur heil übersteht. Den kann er mir bei Gelegenheit wiedergeben.
Als wir zurück ins Hotel kommen, sind alle Dämonen am Aufbrechen. Ein paar werfen uns finstere Blicke zu. Ich suche den Blick dessen, der Taylor begrapscht hat. Wir zwei sehen uns noch.
Die Tanuki reisen auch ab. “Komische Party” knarrt einer. Die anderen bellen zustimmend. Wenn ich die nie wiedersehe, ist es auch noch zu früh.
Also, mich hält hier auch nichts mehr. Wellness ist nichts für mich. Wo hat eigentlich James die ganze Zeit gesteckt? Wie auf Knopfdruck steht er neben mir. Ich rege an, dass er unsere Koffer packt. Cal will noch ein paar Tage Spa dranhängen. Soll er. Hat er sich verdient. Seine Leute auch. Die haben beide auf ihre Art Potential. Der Abschied fällt kurz und knapp aus. Als wir abziehen, winkt uns die Lady in Lila seufzend nach. Ich glaube, ich sehe nicht recht. Warum… Oh. James! Du alter Schwerenöter!

View
Days of Dogs and Thunder
aus Barrys Tagebuch

Ich stecke schon wieder fest. Verdammtes Buch.

Ich hätte nie mit dieser Science-Fiction-Schiene anfangen sollen. Ich kann keine Science Fiction. Hätte mir mal auffallen sollen, bevor ich mich in der Mitte des Buchs in eine Ecke geschrieben habe.
Jetzt würde ich gerne was erschießen. Klar, sehr hilfreich. Totschlag als Heilmittel gegen Schreibblockade. Sollte ich ins TB schreiben.

Stattdessen hab ich schon wieder zehn Ideen für eine Gruselgeschichte in der Plastikvorstadt. Die hab ich aber jedes Mal nach einem Elternabend, und meine Kinder sollen hier noch eine Weile zur Schule gehen. Also fällt das aufgrund der Ähnlichkeiten der fiktiven Vorstadtzombies mit den nicht-fiktiven Leuten aus dem Ort hier aus.

Hab ein paar Zettel mit alten Notizen gefunden. Donnervogel… da war was. Hab ich das schon irgendwo aufgeschrieben? Nein? Gut. Dann mach ich das.

Okay, Leute. Das ist vor zwei oder drei Jahren passiert, danach war Ehekrise und noch ein paar andere Sachen, also kann es sein, dass ich das nicht mehr recht zusammenkriege. Aber ich schreibe das ja eh nur, um überhaupt irgendwas zu schreiben. Muss ja keiner lesen.

Das Ganze fing mit Carla an, bzw. mit ihrem Bruder Chelton. Die beiden sind Cousins von mir, und er machte sich Sorgen. Sie spielte zu diesem Zeitpunkt in einer Native-American-Punkband, Red Scare. Ich glaube, das bekannteste Ding von denen ist immer noch das Interview mit dem Leadsänger. Punk ist aber eh nicht mein Ding. Jedenfalls hatte Carla ein Stipendium bei einer renommierten Musikuni sausen lassen, um mit den Typen herumzutingeln. Chelton fand, ich solle mal mit ihr reden, von wegen „Großvater ist ja nicht mehr da“ und so. Er hatte es schon versucht, aber… er wollte nicht so richtig sagen, was da passiert war. Murmelte was von harten Drogen und einer Abtreibung. Also hab ich mich auf den Weg gemacht. Portland ist ja quasi um die Ecke.
(Ich glaube, abgesehen von Cheltons Bitte wollte ich einfach nur mal wieder unterwegs sein. Das war kurz nach der Geschichte mit diesem chinesischen Vampir-Dings, das Tam unbedingt jagen musste. Ich war damals total genervt, weil sie fast zwei Monate weg war, ohne einen Ton zu sagen – klar, wenn man auf irgendeinem Seelenverkäufer in Richtung China tuckert, hat man nicht viel Empfang. Trotzdem. Wir hatten da echt keine gute Zeit. Vergesst „Danach war Ehekrise“, da waren wir schon mitten drin.)

Portland. Ich traf Carla und die anderen Typen aus ihrer Band – D-Girl, John, Fatso und Kyle – in einem Hotel. Andere Hotelgäste? Jo und Aiden. Die wollten sich mal eine indianische Band anhören, weil Aiden ja Gitarre spielt und vielleicht außer Monster jagen noch mal was anderes in seinem Leben machen wollte. Jo verstand vermutlich gar nicht, was das denn sollte.
Noch mehr Hotelgäste? Amanda Vayne. Ja, genau, die Amanda Vayne. Ich hab nur eine vage Ahnung, warum die überhaupt berühmt ist, aber das weiß ich bei Kim Kardashian auch nicht so recht. Offenbar war ihr langweilig, jedenfalls landeten wir von der Hotellobby aus alle in einer Bar, wo die Mitglieder der Band sich munter volllaufen ließen. Amanda auch, denke ich. Aiden trinkt nicht und schaute sich das Gelage relativ verkniffen an.

Mehr oder minder besoffen und mehr oder minder glücklich schwankten wir schließlich zurück von der Bar in Richtung Hotel. Ich weiß echt nicht mehr, ob ich auch besoffen war. Vermutlich nicht, zu viele Leute mit Waffen in meiner Nähe. Obwohl, allzu klar weiß ich die folgenden Sachen nicht mehr. Könnte also sein.
Ich weiß aber noch – dank meiner Notizen – dass wir unterwegs angegriffen wurden. Aus einem fahrenden Auto, klassischer Drive-By. Irgendein Typ hat Aiden einen heftigen Elektroschock verpasst, und jemand hat in dem Auto eine Decke mit einem Donnervogel-Symbol drauf gesehen. Vermutlich Jo. Soweit ich mich erinnere, haben wir das Auto aber nicht erwischt.

Danach saßen wir mit Amanda herum und haben auf den Krankenwagen gewartet. Ich weiß nicht mehr, ob sie auch verletzt worden ist oder ob wir nur wegen Aiden gewartet haben.
Jo fing prompt wieder an, zu recherchieren. Nach dem Donnervogel. Und ihr Zauberkasten sagte ihr brav, dass es in der Nähe eine Höhlenmalerei mit diesem Donnervogel gibt.

Cool. Also machten wir vier – Jo, Aiden, Amanda und ich – uns am nächsten Tag auf den Weg zum Chinook-Reservat, um uns dort umzuhören. Wir vier? Hat sich so ergeben. Immerhin waren wir alle von den komischen Typen beschossen worden.
Auf dem Reservat haben wir erst mal von einer alten Frau erfahren, dass sie so eine Decke für einen Typ namens Steve gemacht hat. Meine Notizen behaupten, Steve wäre ein Hillbillie mit Donnervogel-Connections. Das kam mir damals genauso komisch vor wie heute, aber wir haben nie genau herausgefunden, warum der Donnervogel so gut mit diesen Hillbillies klar kam.

Als nächstes wollten wir mit Ed, dem Heiligen Mann der Chinooks, sprechen. Die alte Frau hatte uns gesagt, wir sollten ihm was von seinen Freunden Johnny, Jack oder Jim mitbringen, aber da hat sich Aiden auf die Hinterbeine gestellt: Alkohol ist schlecht, und er würde sowas nicht verschenken, schon gar nicht hier, und so weiter, und so fort.
Okay. Kann ich nachvollziehen. Ich hab genug Alkoholwracks auf der Santee-Rez gesehen. Aber Aidens Sermon ging mir trotzdem auf die Nerven. Ich glaube, wir haben uns dann schließlich auf eine Stange Zigaretten als Mitbringsel geeinigt.
Ed war damit einigermaßen zufrieden und erzählte uns, dass es hier in der Gegend Geschichten über die Feindschaft von Donnervogel und Kojote gibt. Die konnten sich nicht leiden und haben öfter mal versucht, das über verbündete Menschen auszutragen. Amanda fiel dazu sofort ein, dass Kyle, der gutaussehende Leadsänger der Band, eine Kojote-Tätowierung hatte.

Danach kriegte ich mich erst mal mit Jo in die Haare, weil die sofort davon anfing, wie schlimm und schlecht und böse alle Geister wären, und als echter Hunter müsste man die am besten ausrotten. Ich habe versucht, ihr zu erklären, dass die Geister nun mal zu dieser Welt gehören, und dass die auch nicht alle böse sind – gefährlich halt, das sind mächtige Wesen gerne mal, aber nein, weiterhin Gezeter und „was nicht so ist wie wir, muss ausgelöscht werden“-Gefasel.

Währenddessen haben Aiden und Amanda auch was getan, die waren nämlich nicht dabei. Die schlichen aber die ganze Zeit schon so komisch umeinander her. Jedenfalls kannten sie sich offenbar schon. Nur Jo kannte Amanda nicht. Wenn ich jetzt so zurückdenke… wer weiß, was da zwischen Aiden und Amanda gelaufen ist, als Jo nicht dabei war. Würde die verkrampfte Atmosphäre erklären.

Als wir schließlich zurückfuhren, hörten wir im Radio Musik: „Haha, ihr versteht’s nicht“ und „Hund besiegt Donner“. Daran kann ich mich zwar nicht mehr erinnern, aber es steht in meinen Notizen, also wird es schon so gewesen sein.
Wieder zurück im Hotel fingen Jo und Amanda an, Kyle zu bezirzen. Das klappte soweit auch ganz gut, und als Aiden und ich später dazu kamen, plauderte er auch schon munter über Kojote und machte irgendwelche Andeutungen. Auf jeden Fall, erklärte er, sollten wir morgen dringend zum Konzert kommen. Da würde irgendwas passieren.

Jetzt kommt der Teil, wo ich meine Notizen nicht mehr verstehe: Höhlenmalerei, vier Typen, Speere – Verwirrtheit. Ja, danke, vergangenes Ich. „Verwirrtheit“ ist wohl der richtige Begriff.
Ich erinnere mich vage daran, dass ich diese Höhlenmalerei irgendwo gesehen hatte – hat Kyle uns die gezeigt? Oder war das die, die Jo herausgekramt hatte? Jedenfalls waren vier Menschen mit Speeren drauf, die mit dem Donnervogel kämpften. Die sahen uns auch mehr oder weniger ähnlich; so ähnlich halt, wie Strichmännchen aussehen können. Aber zwei davon hatten gelbe Haare (wie Amanda und Jo), und einer hatte nur eine Hand.
Ich bin ziemlich sicher, dass ich danach keine Lust mehr auf Gesellschaft hatte. Flashbacks nach Tucson waren da ja quasi vorprogrammiert, auch wenn sich das im Nachhinein als überflüssig herausgestellt hat. Die Höhlenmalerei hatte nichts mit Satansrittern oder dem Apokalypsenkult zu tun, aber das wusste ich ja noch nicht.

Amanda ist kichernd mit Kyle verschwunden. Jo und Aiden wollten sich einen romantischen Abend machen (was auch immer die beiden darunter verstehen), und ich bin raus aus dem Hotel und habe ein kleines Ritual gemacht. Oder ich hatte einen Blackout. Nein, ich habe „Ritual“ aufgeschrieben. Vermutlich wollte ich einerseits den schlechten Geschmack von dem Streit mit Jo wegen der Geister loswerden, und andererseits sicher gehen, dass ich nicht genau zum falschen Zeitpunkt Flashbacks hatte.

Am nächsten Abend trafen wir uns zum Konzert wieder. Jo erzählte stolz, dass sie sich extra Schuhe mit Gummisohlen besorgt hatte, weil der Donnervogel und seine Anhänger ja sicher mit Blitzen werfen würden. Aiden hatte allerdings ganz normale Schuhe an. Egal. Ging mich nichts an. Abgesehen davon, dass ich den Cheyenne immer noch irgendwie sympathisch fand – jetzt noch mehr als gestern. Lag vielleicht an dem Ritual, der Kleine hat ja eine Verbindung zu Bär.

Das Konzert fand 75 Meilen von Portland entfernt im Mayer State Park statt. Mitten im Nichts. Erhöhte Bühne, Lichter, ein ganzer Haufen Fans – Indianer, Punks, verwirrte Einheimische von der anderen Seite des Columbia River oder aus dem umliegenden Gehölz und ein paar desorientierte Wandertouristen. War einiges los auf dem Rowena Crest Viewpoint.
Es ging also los, war richtig gut. Wie gesagt, Punk ist nicht meine Ecke, aber die Mitglieder der Band sind aus verschiedenen Stämmen und haben jeweils ihre eigenen Sprachen in die Texte einfließen lassen. Das war cool, zumindest für mich, weil ich mal ein paar direkte Vergleiche hatte. Ein Rosetta-Gegröhl, sozusagen.
Aiden hatte seinen Spaß an der Gitarrenmusik, Amanda hat die Party genossen und Jo… na, die hatte ihre Gummischuhe. Ja, das klingt, als würde ich mich über sie lustig machen, aber natürlich war das total clever von ihr. Dazu gleich mehr.

Ich hab außerdem „Was is los, Baby? Sachma“ aufgeschrieben. War das jetzt ein Liedtext? Klingt eher nach Aiden. Der hat seine Freundin ständig „Baby“ genannt. Weiß nicht, ob sie das mochte. Kann ich mir nicht vorstellen. Jo hatte immer so eine verbissene Toughness drauf, so ein „ich bin nicht niedlich“-Gehabe… Verständlich, wenn man nur mit Jäger-Machos rumhängt.

Zurück zum Konzert. Nach dem dritten Song tauchten plötzlich ein paar Typen auf und haben Stress gemacht. Um ihre Hände tanzten Blitze, die sie eher ziellos in die Menge warfen. Jos Gummischuhe waren plötzlich nicht mehr so albern.
Die Fans waren am Anfang nicht sicher, ob die Typen nicht zur Show gehörten, aber das lernten sie schnell. Danach herrschte erst mal Chaos, weil ein paar von den verwirrten Einheimischen mit den Punks aneinandergerieten, die Blitztypen ihre elektrischen Ladungen überall hin schleuderten und Jo, Aiden, Amanda und ich in den Nahkampf mit ihnen gingen. Echt clever, Jackson, mit einem Metallhaken am Arm mit diesen Kerlen herumzuringen. Aber ich wollte nicht in die Menge schießen, weil da überall noch Fans waren.

War dann auch nicht so schlimm, weil die Typen außer ihren Blitzen nicht viel drauf hatten. Nach kurzer aktiver Gegenwehr machten die sich schnell wieder vom Acker. Das hielt Kyle für ein gutes Stichwort und fing seinerseits an, zu leuchten. Aber nur kurz, dann sprang Kojote aus ihm heraus und wir vier waren plötzlich woanders.

Ach so. Klar. Passiert ja gern mal. Die anderen drei blieben auch ziemlich cool, sogar Amanda. Die ist nicht so ein Glitzerpüppchen, wie ich erst dachte. Wir schauten uns erst mal um – wir waren noch an derselben Stelle, aber offenbar nicht zur gleichen Zeit: Keine Straße, kein Highway, keine Flugzeuge am Himmel. Außerdem war es Tag.
Wir liefen gerade vom Rowena Crest Viewpoint runter zum Columbia River, als wir zwei Indianer trafen, Ixt und Môkôt. Die erwarteten uns offenbar, weil ihre Weise Frau uns in ihren Visionen gesehen hatte. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir uns mit denen verständigt haben, aber es ging irgendwie. Schade. Dazu hätte ich gern Notizen gehabt, nicht so ein Geschwafel mit undefinierbaren Zitaten oder „Verwirrheit“!

Also besuchten wir die Weise Frau. Die lebte in einem Dorf mit Barrikade, Tarnung und Langhäusern (ich weiß nicht, warum ich das aufgeschrieben habe. War nicht weiter wichtig) und erzählte uns, dass der Donnervogel die Leute hier weg haben will. Im Dorf selbst hatten sie etwas, das sie vor dem Donnervogel schützte, aber sie mussten das Dorf zum Jagen verlassen, und das war schwierig.
Aber kein Problem, jetzt waren wir ja da und würden das hinkriegen. Irgendwo in meinem Kopf fing eine kleine Stimme an, die Titelmelodie vom A-Team zu summen. Herzlichen Glückwunsch, Aiden – du bist Murdock.

Immerhin konnte uns die Weise Frau zeigen, wie wir dem Donnervogel eine Falle stellen konnten: Es gibt ein Ritual, das ihn zwingt, menschliche Gestalt anzunehmen. In dieser Gestalt trägt er einen Kopfschmuck, in dem seine Kraft versammelt ist – ohne diesen Kopfschmuck ist er viel schwächer.

Warum machten wir das? Weil wir wieder zurückwollten, weil der Donnervogel uns allen auf den Nerv ging und weil die Leute hier ja auch ganz nett zu sein schienen. Egal, es klang spannend, und nach dem Vortrag, den ich Tam über das „nicht monatelang Fehlen“ gehalten hatte, konnte ich jetzt schlecht jahrelang auf der Suche nach einem Ausweg durch die Vergangenheit wandern… na gut, hätte ich vielleicht schon gekonnt, aber ich wollte ja ohnehin mit irgendwas kämpfen, also worüber beschwerte ich mich eigentlich? Das Hühnchen mit Kojote konnte ich ja noch später rupfen.

Wir kletterten also zurück auf den Rowena Crest Viewpoint und führten das Ritual irgendwann in der Nacht durch. Pünktlich bei Sonnenaufgang war es dann soweit: Der Donnervogel tauchte auf und nahm menschliche Gestalt an. Ich rief ihm etwas weniger Freundliches zu und schoss. Er warf einen Blitz nach mir.
Gut, erste Runde ohne Ergebnis: Mein Schuss hatte zwar getroffen, aber nur ein paar Federn verwirrt; sein Blitz war eindrucksvoll, aber nicht gut gezielt. Das hat er dann aber mit dem zweiten Blitz wettgemacht, mit dem er Jo und mich angesengt hat. Okay, wir zogen uns also ganz nach Plan in Richtung des Waldes zurück. Jo verhöhnte ihn, ich habe ein Spottgedicht angestimmt.
Der Donnervogel wurde ziemlich wütend und setzte uns nach. Gut, denn so konnte Aiden aus der Deckung springen und ihm den Kopfschmuck entreißen. Aber der Donnervogel war so wütend, dass er einfach weiterrannte und schließlich ins Straucheln kam, als ihm Amanda einen Ast in den Weg schob.
Ich blieb stehen. Der Donnervogel hob seinen Kopf und blickte mich mit wutblitzenden Augen an. Im letzten Moment ging ihm auf, dass er in einer denkbar blöden Position stand, dass er das Gleichgewicht verloren hatte und dass er verwundbar war, weil er seinen Kopfschmuck nicht mehr trug. Zu spät. Ich schoss ihm in den Kopf.

Sein Körper zuckte noch ein Weilchen und spuckte hin und wieder elektrische Energie, aber er war definitiv tot.

So, Donnervogel erledigt. Das war… nicht so schwer wie befürchtet. Bis auf ein paar Verbrennungen bei mir und Jo war niemandem etwas passiert. Wir kehrten zunächst zurück ins Dorf. Die Leute da waren halbwegs erleichtert, und die Weise Frau verriet uns ein Ritual, mit dem wir in unsere Welt zurückkehren konnten. Außerdem versprach sie, unsere Heldentat als Höhlenmalerei zu verewigen. Damit war das immerhin geklärt.

Vorher hatten wir noch ein bisschen Zeit, also griff ich mir Aiden. Mit dem wollte ich schon lange mal reden. Er erzählte mir einen Haufen verquere Thesen über Bär. Er kennt den nur wütend. Richtig wütend. Eine Kraft der Zerstörung. Ich bin kein Cheyenne, ich weiß nicht, welches Verhältnis die zu Bär haben – bei uns das ein Großer Geist und kein eindeutiger Zerstörer.
Jedenfalls habe ich ihm nahe gelegt, dass er sich mal mit einem Heiligen Mann oder einer Heiligen Frau seines Stammes unterhalten solle. Dabei kam heraus, dass der Junge noch nicht mal einen indianischen Namen hat. Kein Wunder, dass er mit Bär nicht klar kommt! Ich sagte ihm, dass er auf jeden Fall eine Visionssuche machen soll, sonst nimmt das kein gutes Ende.

Nachdem wir uns trennten, verlief ich mich auf der Suche nach dem Dorf prompt ein bisschen im Wald. Kein Problem, aber als ich den Rückweg fand, kam ich an einer Schwitzhütte vorbei, in der sich gerade Amanda und Jo relativ laut unterhielten. Über – natürlich – Aiden. Mädels, so besteht ihr den Bechdel-Test nie.

Aber das ging mich nichts an, und ich hätte das gar nicht hören sollen. Als ich Amanda später traf, gab ich ihr allerdings Sunnys Nummer. Das Mädchen wirkte zu allem entschlossen, aber generell nicht sehr gut vorbereitet. Da konnte es nicht schaden, wenn sie ein paar Kontakte bekam, und das Dying of the Light ist ein sehr gesittetes Roadhouse.

Am nächsten Morgen machten wir unser Ritual und tauchten wieder beim Konzert auf. Das war gerade voll im Gang – Kyle sang munter weiter, als wäre nie ein Kojote aus ihm herausgeschlüpft, das Gerangel zwischen Punks und Einheimischen nahm versöhnlichere Züge an und endete schließlich in einer Mosh Pit und nach ein paar Stunden Rosetta-Gegröhl war es dann fertig.

Wir haben uns Kyle danach nicht zur Brust genommen. Der war kurz nach dem Konzert nämlich schon wieder total breit, genau wie die anderen in der Band. Aiden hatte die Lust verloren, da mitzumachen. Die tranken ihm zu viel.

Irgendwann später sprach ich dann doch mit Carla. Die war genervt, weil Chelton ihr einen Babysitter geschickt hatte, behauptete verkatert, alles im Griff zu haben, und überhaupt wäre sie erwachsen und das ginge weder mich noch ihren Bruder irgendwas an. Ich sagte ihr, das wäre natürlich ihre Entscheidung, aber sie solle nach der Tour gefälligst ihren Bruder und ihre Eltern besuchen. Sonst würde ich sie holen kommen. Sie fing an, mich anzuzetern, was mich das denn anginge. Ich schaute sie nur an. Leute niederstarren? Kann ich. Sie beschloss spontan, sich wieder abzuregen und eingeschüchtert zu nicken. So ganz wohl war mir nicht dabei, als sie mich so ängstlich ansah. Eigentlich will ich gar nicht, dass meine Familie Angst vor mir hat.

Mit einem blöden Gefühl in der Magengrube machte ich mich auf den Weg nach Hause. Da sind mir dann andere Sachen um die Ohren geflogen, und zwar diesmal leider nicht wegen einer Explosion, sondern weil ich Tam nur per SMS Bescheid gesagt hatte, dass ich nach Portland gefahren war. Zugegeben, das war blöd.

Danach wurde alles noch ein bisschen schlechter, aber jetzt ist es wieder besser. Carla hat ihre Eltern und ihren Bruder besucht und tourt gerade mit Red Scare und einem neuen Leadsänger durch Irland.

Jetzt bin ich fertig und sollte langsam mal wieder mit meinem Buch weitermachen. Leider hab ich überhaupt keine Idee, wie ich das wieder auf die Spur bringen soll. Vielleicht schreib ich doch eine Vampirschmonzette für Tam, die liest sowas gern. Mit einem grandios gutaussehenden Vampir mit riesigem Schlong.
…und jetzt erklärt mir mein Hirn, ich sollte doch die Vampirschmonzette mit der grusligen Vorstadt kreuzen. Desperate Housewives meets Interview mit dem Vampir. Hm.

View

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.