Mädchenkram - Supernatural

Daddy Issues

Trigger Warning: Hier kommen ein paar unschöne Szenen aus Calebs Kindheit vor – Misshandlung von Kindern und Psychoterror. Ihr seid gewarnt!

Ich wechsle gerade den Verband an meinem Arm, als das Telefon klingelt. Der Verbrennung sieht schon besser aus, aber ein Stück Haut löst sich trotzdem zusammen mit der Binde. Verdammte Irrlichter.
„Ja?“ sage ich und klemme mir das Telefon unters Kinn.
„Cal? Hier ist Ben. Wo bist du gerade?“ höre ich die Stimme meines Sohns.
„Idaho.“ Ich nehme einen ordentlichen Schluck aus meiner Whiskeyflasche und kippe den Rest über meinen Arm. Autsch. Das sticht.
„Erinnerst du dich noch an Oak Creek? Das Höllentor? Na ja, Jo hat gemerkt, dass da seit drei Wochen kein Kontakt mehr besteht – nichts geht raus, nichts kommt rein, keine Anrufe, keine E-Mails, nichts.“
„Klingt scheiße.“ Ich wickele die neue Binde ab. „Dann hat dieser Arsch von DeVries das Tor also nicht zugemacht. Bastard.“ Ich genehmige mir ein schmales Lächeln, als ich an unser letztes Zusammentreffen denke, an die sich ausbreitende Blutlache unter seiner zerfetzten Schulter.
„Jo und ich schauen da nach. Bist du dabei?“
„Klar.“ Ich habe Ben schon zu lange nicht gesehen.
„Wir sind in Billings. Komm am besten vorbei.“ Einen Augenblick herrscht Stille. „Und hast du in letzter Zeit was von Aiden gehört?“
Meine Grimasse hat nichts mit der Verbrennung zu tun. Haben die beiden also immer noch nicht ihre Probleme ausgebügelt.
Obwohl ich von Sunny seine Telefonnummer bekommen habe, sage ich: „Nein.“ Keine Ahnung, was Jo daraus schließen würde, dass ich seine Nummer habe und sie nicht. Ich will mich da nicht reinhängen.

Einen halben Tag später sitze ich mit Ben und Jo in Bens kleiner Studentenbude. Er ist aus dem Wohnheim ausgezogen und hat sein eigenes Zimmer. Kein Mitbewohner, aber Pizzakartons ohne Ende. Tut mir ein bisschen weh, dass ich ihm kein Geld geben kann.
Jo zeigt uns gerade die Karte von Oak Creek, als es klopft. Aiden steht vor der Tür. Er nimmt sich erstmal eine Scheibe kalte Pizza aus einem der Kartons. Jo kann sich nicht so richtig entscheiden, ob sie ihn wütend anfunkeln oder wegsehen soll.
„Hey“, sagt Aiden zu uns und zu Jo. „Hey Baby.“
„Wer ist hier dein Baby?“ sagt Jo.
„Sorry Bab… Jo“, sagt Aiden und lässt die angebissene Scheibe wieder in die Box fallen.
„Warum hast du mich denn nicht angerufen?“ Jo fängt an, mit ihrem Messer zu spielen. Das Aiden ihr geschenkt hat, wenn ich mich nicht irre.
„Mein Handy war kaputt“, sagt Aiden. Klar Lüge, aber Jo scheint das nicht aufzufallen. Es macht sie auch nicht weniger wütend.
Ich nicke Ben zu. „Gehen wir eine rauchen“, sage ich. Die können ihren Kram ohne Zuschauer sortieren.
Wir stehen draußen eine ganze Weile schweigend rum. Ich habe in letzter Zeit häufiger mal darüber nachgedacht, was passiert, wenn mich dieser ganze Engelsdreck unter die Erde bringt. Ziemlich gute Chancen dafür.
Und ich habe darüber nachgedacht, was ich zurücklasse. Viel ist es nicht. Ein Lagerraum in Chicago voller Ausrüstung. Ein Auto. Waffen. Wenig von Bedeutung.
Wenig. Ich hole mein Portemonnaie heraus. „Ich wollte dir was geben“, sage ich. Ben schaut mich an, mit diesem total neutralen Gesichtsausdruck, den er so gut drauf hat.
Ich hole zwei Fotos heraus, keine besonders guten Aufnahmen und beide abgegriffen. Das eine ist schwarz-weiß und zeigt eine hellhaarige Frau mit großen, traurigen Augen und dem leisesten Anflug eines Lächelns.
„Meine Mutter“, sage ich. „Elise. Sie ist tot, aber…“ Ich ziehe an meiner Zigarette, um die plötzliche Gefühlsanwandlung in meiner Brust zu unterdrücken. „Aber ich will nicht, dass sie vergessen wird. Für den Fall, dass…“ Ich schüttele meinen Kopf und gebe ihm das zweite Foto. Es zeigt mich, jünger, ausnahmsweise mal lächelnd. Und es zeigt Isabelle, entspannt, fröhlich, sieht sie mich an. Wir sehen glücklich aus, oder was bei uns so unter glücklich fällt.
„Eines der wenigen Bilder, wo es uns gut geht“, sage ich. Ich weiß nicht, ob ihm klar ist, dass ich Isabelle… Wie sehr ich sie gemocht habe. Ist nicht so, als hätten wir jemals darüber geredet.
Er nimmt die Bilder einfach an. Gut. Keine Lust auf Frage-und-Antwort-Stunde. Damit die nicht doch noch kommt, sage ich: „Meinst du, wir können wieder reingehen?“
Ben zuckt mit den Schultern. „Ich denke schon.“
Für den Fall, dass Aiden und Jo sich gerade versöhnlich ficken, klopfe ich an, ehe ich die Tür öffne. Jo macht gerade ihre Hose zu und Aiden zieht sich sein Hemd runter. Hoffe, dass sie damit ihre Probleme gelöst haben.

Jo braucht noch eine Weile, bis sie alle Vorräte verstaut und dreimal überprüft hat. Sie hat ein Ritual gefunden, mit dem man Höllentore verschließen kann und will sichergehen, dass sie genug Weihwasser für drei von der Sorte hat.
Die Fahrt nach Oak Creek dauert etwa neun Stunden, in denen ich versuche, mit Ben Smalltalk zu machen. Ich frage ihn nach der Uni und sein Gesicht hellt sich auf. Er erzählt mir etwas von Posttraumatischem Stress, von Monoaminooxidase und neuralen Netzen, von Behaviorismus und der Frage, ob die Harvard Annotation besser ist als Fußnoten. Ich habe absolut keine Ahnung, wovon er redet, aber das ist mir auch egal. Er redet und er tut’s mit Begeisterung. Es macht mich stolz und es tut weh, weil ich weiß, dass er ganz andere Sachen sagen würde, wenn ich ihn aufgezogen hätte.

Die Straße nach Oak Creek ist gesperrt. Ein Baustellenfahrzeug parkt quer über die aufgerissene Straße und am Straßenrand steht ein Militärfahrzeug mit zwei Soldaten.
Das sieht nicht gut aus, aber wir ignorieren die Jungs erstmal. Dann müssen wir eben zu Fuß gehen.
Während Jo ihren ganzen Kram umpackt, kommen die beiden Soldaten zu uns rüber.
„Wo wollen Sie hin?“ fragt der ältere.
„Nach Oak Creek“, sagt Jo.
„Die Straße ist gesperrt und sie können hier nicht parken“, sagt der Soldat. „Das ist eine Baustelle. Die muss frei gehalten werden.“
Ich mustere die Typen einen Augenblick. Keine Abzeichen ihrer Division, keine Uniform, die man einer bestimmten Waffengattung zuordnen könnte. Entweder das ist eine sehr geheime Geheimmission oder das sind keine echten Soldaten. Ohne Befugnisse.
„Ich lasse meine Telefonnummer auf der Windschutzscheibe. Die können ja anrufen, wenn sie weiterarbeiten wollen“, sage ich. Wenn die Stress wollen, müssen sie sich schon anstrengen.
Er macht kurz seinen Mund auf und wieder zu. „Na gut, gehen Sie“, sagt er. Aiden und Ben sind inzwischen schon auf halbem Weg über die Baustelle. Der Soldat verzieht sein Gesicht. Als ich den anderen folge, sehe ich aus den Augenwinkeln, wie er sich die Nummer von der Windschutzscheibe nimmt und in sein Funkgerät spricht.

Wir sind nicht sehr weit gekommen, als ein Polizeiwagen die Straße hinunter auf uns zukommt. Der Fahrer steigt aus und mustert uns kurz. „John Mason, Chief of Police. Kann ich fragen, was Sie in Oak Creek wollen?“
„Wir wollen zu Harry Sullivan“, sagt Jo. „Wir sind Freunde von ihm.“
„Wirklich?“ sagt Mason. „Wenn das so ist, steigen Sie ein. Ich fahre Sie zu ihm.“
„Danke. Wir gehen zu Fuß“, sage ich, ehe jemand einsteigen kann. Die Hälfte von uns hinten auf den dem Rücksitz, hinter einem schönen, stabilen Gitter. Nein, Danke. Der Typ könnte locker ein Dämon sein.
„Wie Sie wollen.“ Er zuckt mit den Schultern. „Aber so bin ich garantiert schneller bei Harry und kann ihn fragen, ob er Sie kennt.“
Ist mir trotzdem zu riskant. Als wir nicht reagieren, steigt er ins Auto und düst davon.

Die Stadt ist überlaufen von Soldaten. Militärfahrzeuge parken an Schlüsselsektionen, kleine Gruppen patrouillieren die Straßen entlang. Mir kommt die Galle hoch. Auch ein paar Zivilisten sind unterwegs, wenige, selbst für so ein Kaff.
Ein Trupp kommt auf uns zu.
Angeführt von einem bekannten Gesicht. Caulder, der Glatzkopf aus Billings, der Aiden gefangen genommen hat und dem wir den falschen Speer angedreht haben.
Natürlich erkennt er uns. Er schnaubt und schüttelt seinen Kopf. „Ihr seid das.“
„Ja, wir sind das“, sagt Jo und hat ein sehr befriedigtes Grinsen auf dem Gesicht.
„Ihr habt mir in Billings wohl den falschen Speer gegeben“, sagt er. „Das haben wir inzwischen gemerkt.“
„Und du bist voll darauf reingefallen.“ Jo grinst immer noch wie ein Honigkuchenpferd. „Da haben wir wohl gewonnen.“
Er wirft ihr einen säuerlichen Blick zu und winkt seinen Männern, uns zu umkreisen. „Schön für euch. Ich bringe euch jetzt erstmal zum General, mit dem klären wir, was mit euch zu tun ist. Dieser Harry Sullivan kennt euch jedenfalls nicht.“

Wir werden zum Polizeipräsidium gebracht. Es wimmelt da nur so von Soldaten. Ganz offensichtlich ihr Hauptquartier. Die Tür zum Büro des Chief of Police steht offen. Ich höre noch, wie Caulder sagt: „Sir, das sind die…“
Dann ist nur noch Rauschen in meinen Ohren. Ich sehe den Mann hinter dem Schreibtisch an und Szenen blitzen vor meinen Augen auf: Wie seine Nase unter meiner Faust zerbricht, wie sich das Blut auf meinen Knöcheln anfühlt, wie sich mein Fuß in seinen Bauch bohrt, wie ich ihm meine Pistole auf die Stirn drücke und ihn frage, wer jetzt hier der Boss ist.
Wie ich ihn umbringe, wieder und wieder, jedes Mal grausamer.
Ich muss auf ihn zugegangen sein, denn plötzlich dreht mir jemand die Arme auf den Rücken.
Der Mann verengt seine Augen. Seine Hand schwebt neben seiner Pistole, dann entspannt er sich. Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. Herablassend, verächtlich, absolut überlegen.
„Na, sieh mal an, was die Katze hereingezerrt hat“, sagt er. „Caleb.“
Ich muss meine Kiefer zwingen, sich zu entspannen. Meine Hände sind so fest zu Fäusten geballt, dass meine Fingernägel sich tief in die Handflächen gebohrt haben.
„Ich dachte, dass du schon längst tot bist“, sage ich. Meine Stimme ist rau und gepresst, keinen Meter so souverän, wie ich das gerne hätte.
Er lässt seinen Blick einmal von oben nach unten über mich schweifen. „Das dachte ich auch von dir. Du warst schon immer schwach.“
Ich versuche, mich von den beiden Soldaten loszureißen. Keine Chance.
Der Mann lächelt.
„Kennst du den?“ fragt Ben. Ich weiß, dass die drei mich ansehen, aber ich starre weiter den Mann an.
„Das“, sage ich und selbst ich kann den puren Hass hören, der aus meiner Stimme trieft. „Das ist Colonel August Hagen, mein Vater.“
Stille, in die mein Vater völlig ungerührt sagt: „General August Hagen.“
„Das ist dein Vater?“ fragt Jo fassungslos.
„Ich bin nicht gerade stolz darauf, so einen Verlierer in die Welt gesetzt zu haben“, sagt der General.
Ich lache. „Wenigstens habe ich es nicht nötig, meine Frau und mein Kind wie Sklaven zu behandeln, um mein eigenes mageres Ego aufzupolieren.“
Er schüttelt seinen Kopf. „Bist du etwa ein noch größeres Weichei geworden als früher? Hast du etwas Psychologie studiert?“
Ich beiße wieder die Zähne zusammen, um nichts Unvernünftiges zu sagen. Um die Aufmerksamkeit nicht auf Ben zu lenken. Ich weiß genau, was mein Vater tun würde, wenn er wüsste, dass ich selbst Vater bin.
Er sieht mich wieder an und seine Augen funkeln. „Du machst wahrscheinlich immer noch ins Bett, wie damals mit zwölf.“
„Hey, so können Sie nicht mit Cal reden“, sagt Aiden und macht einen Schritt nach vorne. Sofort tritt einer der Soldaten vor ihn.
„Halt die Klappe“, sagt der General. „Und der Intelligenteste von euch kann mir ja mal sagen, warum ihr hier seid.“
„Das geht dich einen Scheißdreck an“, sage ich.
Der General schnalzt abfällig mit der Zunge und sagt: „Wie du willst. Wie enttäuschend auch immer, du bist immer noch mein Sohn und ich will dich nicht sofort erschießen. Verschwindet jetzt und kommt nicht mehr zurück.“
„Moment mal“, sagt Jo. „Ihr könnt uns zu gar nichts zwingen. Ihr seid nicht die US-Armee, ihr habt keine Befugnisse. Ihr könnt nicht einfach…“
Mein Vater hat plötzlich seine Pistole gezogen und zielt auf Jos Kopf. „Mach deinen Mund zu“, sagt er.
Sie klappt ihn zu und ist gerade dabei, wieder anzusetzen, da sage ich: „Schon gut. Hör auf mit dem Theater, wir gehen schon.“ Ich weiß, dass er kein bisschen Hemmungen hätte, Jo hier einfach abzuknallen.
„Dann verschwinde. Du hast schon genug von meiner Zeit verschwendet.“ Der General steckt seine Pistole wieder ein.

Caulder und seine Goons bringen uns zu unseren Autos. Wir kommen an einer rothaarigen Frau vorbei, die ihren Blick über mich schweifen lässt, mich noch einmal anschaut und ihr Gesicht verzieht. Nerv mich jetzt nicht an, Lady, ich bin nicht in der Stimmung.
Jo und Aiden zoffen sich auf dem Weg noch ein bisschen mit ihnen rum, aber ich höre kaum zu. Caulder erzählt etwas von wilden Tieren im Wald und ob er uns dort absetzen soll, dann würden wir ja sehen, wie uns das gefällt.
Als wir an unseren Autos sind, steige ich wortlos ein und fahre los, einfach die Straße lang, in Richtung Steamboat Springs. Nach ein paar Meilen halte lasse ich das Auto auf dem Seitenstreifen ausrollen und steige aus. Ich will irgendwas, irgendwen erwürgen, irgendwas, irgendwem das Licht ausblasen. Stattdessen bekommt mein Auto meine Wut ab. Ich trete gegen die Reifen, boxe gegen die Tür, bis ich nicht mehr kann. Dann lege ich meinen Arm auf das Dach und stütze meinen Kopf darauf.
Als ich wieder aufsehe, steht Ben neben mir und hält mir eine Flasche Vodka hin.
Bevor ich danach greifen kann, versperrt mir Aiden den Weg. „Das hilft dir auch nicht“, sagt er. „Bei mir und meinem Vater…“
Bang. Ich muss nicht mal nachdenken, meine Faust trifft ganz von alleine auf sein Kinn. Er fällt rückwärts um auf seinen Arsch.
„Ach, halt einfach mal deine Fresse“, schnauzt ihn Ben an. Ich glaube nicht, dass ich ihn schon mal so wütend gehört habe.
Ich schnappe mir den Vodka und leere die halbe Flasche in einem Zug. So richtig hilft es nicht, aber es dämpft den Schmerz etwas.
„Dein Vater war ein guter Mann“, sage ich zu Aiden und trinke noch ein bisschen mehr.
Nach einer Weile sagt Ben: „Das war also dein Vater.“
Ich nicke. Ich will nichts sagen, einfach schweigen, aber ein Teil von mir läuft auf Autopilot. „Erinnerst du dich an das Foto, das ich dir gegeben habe? Meine Mutter hat sich umgebracht, seinetwegen. Mein Vater hatte Regeln, jede Menge Regeln und alle waren dazu da, uns bestrafen zu können. Sie hat’s nicht mehr ausgehalten. Mein Vater war für ein paar Tage auf irgendeinem Einsatz. Selbst die Zeit ohne ihn war schrecklich. Meine Mutter und ich, wir wussten, dass er etwas finden würde, wenn er wiederkam. Dass er uns bestrafen würde, egal was wir gemacht hatten. Trotzdem. Manchmal konnte ich vergessen, dass er bald wiederkommt. Ich hatte ein Buch von einem Klassenkameraden ausgeliehen, was Gruseliges und ich habe mich gefreut, es endlich lesen zu können. Meine Mutter sagt, sie legt sich kurz hin. Ich antworte gar nicht. Also lese ich und lese und irgendwann wird es dunkel und ich denke, warum gibt es noch kein Abendessen. Ich gehe hoch und will meine Mutter wecken. Sie liegt auf dem Bett und es stinkt fürchterlich. Nach Kotze, vor allem. Sie hat alle unsere Medikamente genommen und es war keine schöner Tod. Ich habe mich neben das Bett gesetzt und gewartet. Ich weiß nicht, worauf. Vielleicht habe ich gedacht, dass sie wieder aufsteht oder dass jemand kommt und mich rettet. Stattdessen kam mein Vater. Er hat nichts gesagt, er hat den Krankenwagen gerufen und alles. Erst als wir alleine waren, nimmt er mich und legt richtig los. ‚Warum hast du sie nicht dran gehindert? Es ist deine Schuld. Du hast sie umgebracht’, sagt er. Ich konnte drei Wochen nicht in die Schule. Und was erinnert mich heute an meine Mutter? Der Geruch nach Kotze.“ Ich fühlte, wie sich ein Lachen in meiner Brust nach oben kämpft. „Was ist das denn, wenn man so an seine Mutter erinnert wird?“
Die Kinder starren mich an. Ich kann es fühlen, ihr Mitleid. „Oh, der Arme, was er für eine schwere Kindheit hatte“. Ja, ich Armer. Ich werde wieder wütend, aber ich kämpfe sie runter, bis sie auf erträglicher Flamme brennt. Das Letzte was ich will, ist, einem von ihnen wehzutun.
Miffy winselt irgendwo zu meinen Füßen. Sie schaut mich an, aus ihren kleinen, feuchten Augen. Kein Mitleid, nur Angst und Verwirrung. Ich bücke mich zu ihr herunter und streiche ihr über den Kopf. „Schon gut“, sage ich. „Schon gut.“ Vorsichtig optimistisch wedelt sie mit dem Schwanz und versucht, mein Gesicht zu lecken. Ich richte mich wieder auf.
„Heißt du dann eigentlich Hagen?“ fragt Jo. Ihre Stimme schwankt zwischen Unsicherheit und Kränkung. „Ist Caleb überhaupt dein Name?“
„Ja“, sage ich. „Fisher war der Mädchenname meiner Mutter.“ Miffy kratzt mit einer Pfote an meinem Bein.
„In Billings haben wir einen Jungen getroffen, Matthew, der hieß auch Hagen“, sagt sie. „Ich glaube, das ist dein Bruder.“
Das Bild eines schlanken Jungen taucht vor meinem inneren Auge auf, der strammstehen muss und sich freut, mal kurz in den Musikladen zu dürfen und etwas zu kaufen. Scheiße. Sie hat Recht. Das heißt, ich muss ihn auch noch da rausholen.
Klar. Kein Problem.
„Ich arbeite nicht mit meinem Vater zusammen und ich traue ihm keinen Meter weit. Was auch immer die da tun, das ist nichts Gutes“, sage ich und stecke mir eine Zigarette an. Und dann ist erstmal Schluss mit Reden. Es reicht. „Fahren wir nach Steamboat Springs.“

Wir suchen uns ein Motel. Auf dem Parkplatz posiert ein Brautpaar, kichernd, mit geröteten Wangen. Sie küssen sich und der Mann schwingt die Frau nach hinten. Sie quietscht und klammert sich an ihn. Die ganze Gruppe lacht. Ein älterer Mann legt dem Bräutigam die Hand auf die Schulter. Er hat Tränen in den Augen, lächelt aber stolz. Das Strumpfband der Braut wird geworfen und die jungen Männer schmeißen sich in einem wilden Haufen darauf. Gelächter, spielerische Schläge.
Meine Hand zuckt zu meiner Waffe. Ich hasse glückliche Menschen.

„Das sind gut dreißig Mann, vielleicht mehr. Da kommen wir mit einer Schießerei nicht sehr weit“, sage ich, als wir uns in einem der Zimmer versammelt haben.
„Warum rufen wir nicht alle Jäger, die wir kennen?“ fragt Aiden. „Suchen uns Hilfe, zeigen denen, dass man uns nicht einfach rumschubsen kann.“
„Damit die Hälfte davon abgeballert wird? In den USA und Kanada gibt es nicht mal hundert Jäger. Zieh zwanzig von denen ab und du hast eine echte Lücke. Nein. Das ist Schwachsinn“, sage ich. Aiden sieht aus, als wolle er widersprechen, hält dann aber seinen Mund.
„Die werden sich zwar alle kennen“, sagt Jo. „Aber aus der Ferne sehen sie trotzdem gleich aus. Ein paar Khakis und Shirts aus dem Army-Surplus-Store und wir können in der Stadt zumindest herumschleichen.“ Sie füttert Miffy mit einem Stück Burger. „Dieser Sullivan, mit dem ich auf Facebook Kontakt hatte, der hat auf seiner Pinnwand immer wieder Kritik an der Armee und den Kriegen gepostet. Sein Bruder ist wohl im Irak gestorben. Auch wenn er uns nicht kennt, wird er uns helfen. Da bin ich sicher.“
Ich bin nicht so sicher, aber wir können es zumindest versuchen. Und dabei die Augen offen halten, wo genau das Höllentor zu finden ist.

Die Nacht wird nicht schön. Als hätte jemand einen falschen Film in meinen Kopf geschoben, spielen sich Szenen aus meiner Kindheit vor meinen Augen ab. Meine Hände zittern, als ich mir eine Kippe anzünde. Scheiße. Ich bin nicht nur wütend wie Sau, ich habe auch Schiss.
Du kennst die Konsequenzen für Ungehorsam.
Ein Mann weint nicht.
Wie kann mein Sohn so versagen? Ich kann nicht glauben, dass ich dein Vater bin.
Siehst du, wozu du mich zwingst? Tut dir deine Mutter nicht leid?
Ich presse meine Handwurzel an den Kopf, aber der Film dreht sich weiter. Als mein Blick wie zufällig auf meine Waffe fällt, weiß ich, dass ich was unternehmen muss, sonst tue ich etwas Bescheuertes.

Ben ist noch wach, aber seine Haare sind verwuschelt, als hätte er schon im Bett gelegen.
„Hast du noch was von dem Vodka?“ frage ich. Er nickt mit einem schwachen Lächeln.
Wir trinken schweigend, keine Ahnung, wie lange. Fühlt sich wie eine halbe Ewigkeit an.
Dann fange ich an zu reden. Warum, weiß ich selbst nicht so genau. Vielleicht kann ich so die Filme anhalten. Ben sagt nichts, er unterbricht mich nicht, er hört einfach nur zu und trinkt mit mir.
„Einmal, ich war so sechs oder sieben, habe ich einen kleinen Vogel draußen gefunden. Ein Küken, noch nicht flügge. Ich durfte kein Haustier haben, ich durfte auch nicht ohne Erlaubnis rausgehen. Aber ich dachte, dass ich dem Vogel helfen müsste. Und ich wollte damals Tierarzt werden. Ich Idiot. Also habe ich den Vogel reingeholt. Ich dachte, mein Vater würde das verstehen. Ich wollte das Tier ja retten. Wer könnte das nicht verstehen?“ Ich nehme noch einen Schluck aus der Flasche und schüttele mit einem schiefen Grinsen den Kopf. „Ich Idiot. Mein Vater kommt also nach Hause und sieht den Vogel in der Pappschachtel. Er langt mir eine und sagt: ‚Du kennst die Regeln.’ Ich sage: ‚Aber ich musste ihm helfen.’ Und mein Vater sagt, dass das egal ist und dass wir den Vogel auch nicht mehr in sein Nest zurückbringen können. Die Eltern würden ihn nicht mehr annehmen und er würde nur von einer Katze gefressen. Und er sagt: ‚Das ist deine Verantwortung. Kümmere dich darum.’ Also nehme ich den Vogel in meine Hände und ich drücke. Es knackt und der Vogel schreit und ich lasse ihn fallen. Er zappelt da auf dem Boden und flattert mit seinen Stummelflügeln. Und schreit, fiepst ganz hoch, die ganze Zeit. Ich fange an zu weinen und schaue meinen Vater an. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Aber mein Vater starrt mich nur. Also hebe ich den Vogel hoch und mache weiter. Es dauert. Irgendwann ist er tot. Ich zeige meinem Vater den zerdrückten Körper. Er kommt rüber und zieht mir noch eine über’s Gesicht. ‚Ein Mann weint nicht’, sagt er.“ Ich fange an, zu lachen. „Und das beste ist, dass ich am nächsten Tag meiner Lehrerin erzählt habe, dass ein Vogel von seinen Eltern nicht mehr angenommen wird, wenn er aus dem Nest gefallen ist. Und sie sagt, nein, das stimmt nicht, das ist nur ein Gerücht.“ Ich schüttele meinen Kopf und grinse, als wäre mir erst jetzt aufgefallen, wie lustig das Ereignis eigentlich war. Ben reicht mir schweigend die Flasche. Ich trinke, aber der Vodka hilft nicht. Er erzeugt nur ein explosives Gemisch in meinem Bauch, das langsam nach oben kocht.
Ich rede weiter. „Ich hatte so kleine Autos, solche, die man zurückziehen konnte und dann sind sie ein Stück gefahren. Ich war sehr stolz auf die Dinger und ich hatte sonst nicht viel Spielzeug. Problem war, dass ich in meinem Zimmer keinen Platz hatte, ein richtiges Wettrennen zu machen. Das konnte ich nur auf dem Flur. Aber es war verboten, woanders zu spielen außer in meinem Zimmer. Als mein Vater weg war, dachte ich, ‚Okay, du machst ein schnelles Rennen und gut ist.’ Aber ich habe die Zeit vergessen und mein Vater kommt wieder und sieht mich mit den Autos. Er packt mich am Arm und schlägt mich mit dem Handrücken ins Gesicht. Nur diesmal vergisst er, seinen Ring auszuziehen. Ich blute wie ein Schwein. Habe die Narbe immer noch.“ Ich fahre mir mit einem Finger über die Stelle an meiner Wange. „Und der Stein von dem Ring, so ein billiges Klassending ohne viel Wert, der Stein bleibt an meinem Knochen hängen und springt aus der Fassung. Jetzt rastet mein Vater total aus. Aber er denkt dran, mich jetzt nur noch in den Bauch und in die Brust zu schlagen. Da, wo man es nicht so sehr sieht. Meine Mutter fällt ihm in den Arm. ‚Schon gut, schon gut’, sagt sie, ‚ich bringe ihn ins Krankenhaus, was sagen die Nachbarn.’ ‚Gut’, sagt er, aber ich sehe an seinen Augen, dass er nicht zufrieden ist. Meine Mutter bringt mich also ins Krankenhaus. Der Arzt näht meine Wange und sagt, ich sei ein ganz tapferer kleiner Soldat. Erst hinterher weine ich, weil ich nicht nach Hause will. Aber wir müssen. Zu Hause gehe ich in mein Zimmer und alle meine Sachen sind weg. Alles, was ich noch habe, sind ein paar Klamotten und die Schulbücher. ‚Siehst du’, sagt mein Vater, ‚du musst für den Ring bezahlen. Ich verkaufe deine Sachen und du bekommst so lange nichts Neues, bis er abbezahlt ist.’ Dann geht er zu meiner Mutter und zeigt ihr, wie man eine gute Ehefrau ist. Sie kann sich am nächsten Tag kaum noch bewegen.“
Die Flasche ist leer. Ben stellt eine zweite hin. Keine Ahnung, ob das Reden hilft, ob es alles noch schlimmer macht oder ob gar nichts passiert. Ich weiß nicht, wie ich mich fühle. Wie ich mich fühlen sollte.
Ich sage nichts mehr. Draußen wird es hell.

Mit der Kluft aus dem Surplus Store schleichen wir uns in den Ort. Ich fühle mich, als hätte ich die Haut einer anderen Person an. Ich kann gar nicht so viel spucken, wie ich kotzen möchte.
Jetzt, am Tag, hört man etwas entfernt von der Stadt Baulärm. In der Richtung wird wohl das Tor liegen.
Harry Sullivan steht draußen in seinem Garten und grillt Burger. Er schmeißt seinen Spatel in die Luft, als er uns sieht. „Ich, äh, habe nichts gemacht“, stottert er.
„Keine Angst“, sagt Jo. „Wir sind nicht wirklich vom Militär. Mein Name ist Jane Smith, von Facebook.“
Er schaut erst etwas skeptisch, dann hellt sich sein Gesicht auf. „Ach, die mit den vielen Schafen für Farmville, ich erinnere mich.“
Jo nickt begeistert. „Wir sind, äh, Privatdetektive und da hier etwas Komisches vorgeht… Na ja, wir sind hier, um das zu untersuchen. Können wir mit Ihnen reden?“
Er wirft einen Blick um sich. „In Ordnung. Gehen wir besser rein.“

„Diese Soldaten sind so vor drei Wochen angekommen“, sagt er. „Die sind einfach hier hereinmarschiert und haben unsere Bürgerrechte eliminiert. Sie behaupten, dass wäre nur zu unserem Besten.“ Er lacht. „Von wegen! Jedenfalls sind die Telefonleitungen gekappt, Internet geht nicht, sogar Mobiltelefone sind gestört.“
„Und was genau wollen die?“ fragt Ben.
Sullivan schüttelt seinen Kopf. „Ein Höllentor ausgraben und sprengen. Dazu haben sie ein Camp kurz vor der Stadt errichtet. Was für eine bescheuerte Begründung! Höllentor! Terroristen wären zwar immer noch kein Grund, aber ein Höllentor…“
„Sprengen!“ Jo ballt ihre Fäuste. „Die Idioten! Das geht doch sowieso schief! Man sollte Amateure halt nicht an so was dran lassen. Damit schließt man das Tor.“ Sie lässt den Haufen Blätter, in dem das Ritual steht, auf den Tisch fallen.
„Sie glauben an den Kram?“ fragt Sullivan und wird etwas blass.
„Ja“, sage ich. „Hier gibt es ein Höllentor und man muss es schließen, aber ich weiß nicht, ob die Idioten das wirklich vorhaben. Und ob das so klappt.“
„Natürlich nicht, die haben doch keine Ahnung, die hätten mit uns Experten reden sollen“, sagt Jo.
„Wenn das Tor zu ist, kann man es so schließen. Wenn es nicht zu ist…“ Ich zucke mit den Schultern.
Sullivan wird blasser. „Das ist doch Unsinn, so etwas wie Höllentore gibt es doch gar nicht.“ Er sieht jeden von uns der Reihe nach an. „Oder? Ich meine, es gab ja schon immer so ein paar Geschichten und diese Legende von den Ute-Indianern, die ich mal im Unterricht drangenommen habe…“
„Indianer?“ fragt Aiden.
„Ja, die Ute. Sind Sie auch ein Ute?“ fragt Sullivan, der Aiden mit neu gewonnenem Interesse mustert.
„Nein, ich bin kein Ute, wir sehen auch nicht alle gleich aus“, sagt Aiden und reißt sich dann sichtlich am Riemen. „Was für eine Legende?“
„Der Berg hier in der Nähe, der Ute-Berg, soll ein schlafender Riese sein. Irgendwann soll ein Weißer hier vorbeigekommen sein und böse Geister geweckt haben. Der Riese hat ihn und die bösen Geister vertrieben. Das war es eigentlich auch schon.“ Sullivan zuckt mit den Schultern. „Es gibt nicht mehr sehr viele Ute in der Gegend, aber Raven Bloodgood, die ist eine Füfzehntel-Ute, die hat schon vorher gesagt, dass man sich dem Tor nicht nähern soll.“
„Fünfzehntel-Ute?“ sagt Aiden. „Das ergibt doch gar keinen Sinn…“
„Was ist denn mit den Leuten hier? Finden die das OK, dass hier die Soldaten aufgetaucht sind und ihnen Vorschriften machen? Scheint sich ja keiner zu beschweren“, sage ich.
Sullivan seufzt. „Nicht jeder hat das mitgemacht, aber John Mason, unser Chief of Police, der ist halt ein Held, Kriegsheld und außerdem haben mal ein paar Biker die Stadt überfallen und er hat die abgewehrt. Na ja, die Soldaten haben ihn überzeugt und die Stadt glaubt an ihn. Glaubt ihm. Die meisten jedenfalls. Ein paar haben sich gegen ihn gestellt, Thomas Whitestone zum Beispiel, der hat demonstriert und dann haben sie ihn eingesperrt. Und das, obwohl er ein Freund von John ist. Und obwohl seine Tochter, na, ein bisschen verwirrt ist und ihren Vater echt bräuchte.“ Er schüttelt wütend seinen Kopf. „Aber da ist noch mehr, unser Priester, Peter Weston, der ist blind geworden und glaubt jetzt nicht mehr an Gott. Und trinkt die ganze Zeit. Außerdem müssen Leute aus der Stadt in der Grube arbeiten und dabei helfen, das Ding auszugraben. Freiwillig, wie die Soldaten sagen.“ Er schnaubt. „Ich glaube denen kein Wort. Seit die hier sind, sind schon jede Menge Leute gestorben. Jede Nacht gehen zwei Wachen zur Baustelle und meistens überleben die nicht. Das sind nicht nur Soldaten, auch Leute hier aus dem Ort sind dabei.“ Er schaut uns noch mal an. „Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich an diese Dämonensache glaube, aber wenn ihr da was machen könnt… Unsere Stadt hat es wirklich nötig.“
„Dafür sind wir hier“, sagt Jo.
Er lächelt. Nicht sehr breit, aber dankbar. „Ihr könnt erstmal hierbleiben, im Keller. Meine Tochter darf euch aber nicht sehen, ich will nicht, dass sie in Gefahr gerät.“
„Sollen wir Sie rausbringen, zusammen mit ihrer Familie?“ frage ich.
Er schüttelt seinen Kopf. „Nein. Ich bin Lehrer, meine Schüler sind auch hier im Ort, ich kann sie nicht alleine lassen. Und meine Familie soll zusammenbleiben.“
Ich nicke. Die Einstellung kann ich respektieren.

Vater Peter Weston hängt in der einzigen Bar des Ortes rum. Dar Barkeeper ist unangenehm zuvorkommend, als er unsere Uniformen sieht.
Der Vater hat weiße Verbände über seinen Augen und fischt nach seinem Whiskeyglas.
„Noch einen für den Vater“, sage ich.
„Ich bin kein Vater mehr.“ Er stürzt seinen Schnaps herunter und hält das Glas irgendwo in Richtung des Barkeepers. „Gott ist…“ Er macht fahrige Bewegungen mit dem Glas. „Nicht tot, denke ich, aber ein Arsch. Ja, so kann man das sagen. Arsch.“ Er lacht.
„Können wir uns privat mit ihnen unterhalten?“ sagt Ben. „Vielleicht an einem der Tische?“
„Geh lieber mit den netten Herren vom Militär“, mischt sich der Barkeeper ein.
Weston umklammert sein Glas etwas fester und bewegt seinen Kopf hin und her. „Ihr seid also welche von denen, was?“
„Nicht wirklich“, sagt Jo so leise, dass der Barkeeper sie nicht hören kann.
„Wie auch immer. Scheißegal. Ist mein Glas voll?“ Weston hält es wieder dem Barkeeper hin.
Ben führt ihn am Arm zu einem der Tische hinüber. Er schwankt und wankt orientierungslos.
„Was ist mit Ihren Augen passiert?“ fragt Ben, als wir sitzen.
Der Priester lacht und leert sein Glas. „Ich habe das wahre Angesicht eines Engels gesehen. Und, puff, keine Augen mehr. Ist das nicht lustig?“
Engel. Scheiße. Das hat gerade noch gefehlt.
„Da kommt dieser… dieser… angebliche General an und schwafelt mich zu, er hätte einen Engel an der Seite und der würde ihm sagen, was er tun müsse. Ich bin vorsichtig, gibt ja viele, die meinen, Gott spräche zu ihnen.“ Er dreht den Finger neben seinem Kopf. „Jaja, Spinner und so. Jetzt kann ich’s ja sagen. Also, er meint das wörtlich und zeigt mir dieses Mädchen. Keine Fünfzehn ist die. Und sie sagt ja, sie wäre ein Engel. Selathiel. Sally. Kein Wort habe ich geglaubt, davon. War diplomatisch, aber sie… sie meint: ‚Dann schaue meine wahre Gestalt.’ Und das habe ich. Jetzt bin ich blind.“ Er setzt das Glas an die Lippen und merkt dann erst, dass es schon leer ist. Er verzieht sein Gesicht. „Was soll man da machen? Ich bin ein Priester. War ein Priester. So einem Gott… Neee, dem will ich nicht dienen. Solche Drecksäcke von Engeln.“
Ich lasse gleich die restliche Flasche Whiskey an den Tisch bringen. Er nuckelt daran wie ein Kleinkind an den Titten seiner Mutter.
„Was ist mit Ihrer Gemeinde?“ fragt Jo. „Schulden Sie es denen nicht, etwas gegen die Soldaten und die Engel zu unternehmen?“
„Pfff.“ Er tastet sich zur Flaschenöffnung vor. „Was soll ich bitte machen? Ich bin blind. Ein blinder Priester, dem Gott gestohlen bleiben kann.“
„Möglich“, sagt Ben. „Aber was ist mit den Menschen? Wollen Sie denen nicht helfen? Sicher glauben sie Ihnen und würden sich mit ihnen gemeinsam gegen die Soldaten wehren. Ist das nicht besser, als sich hier zu betrinken? Dann können Sie wenigstens etwa unternehmen.“
Er drückt seine Flasche an sich. „Vielleicht“, sagt er zögernd. „Ich könnte, ich weiß nicht… Mit den Leuten reden… Aber erst leere ich die noch. Danach.“
„Seien Sie vorsichtig“, sage ich. „Die Soldaten haben garantiert keine Hemmungen, auf Sie zu schießen.“
Er zuckt mit den Schultern. „Dann sterbe ich halt. Was soll’s?“ Er lehnt sich zurück, das Gesicht entschlossen. Nur, um gleich wieder zusammenzusacken. „Aber.. was ist dann mit meiner Seele? Ich will gar nicht in den Himmel“
„Wollen Sie auch nicht“, sage ich und stecke mir eine Kippe an. „Da ist grad Bürgerkrieg. Und die Hölle ist auch scheiße.“
Der Priester krümmt sich um seine Flasche und lässt den Kopf auf den Tisch sinken. Die Kinder werfen mir einen entrüsteten Blick zu. Was denn? Soll ich etwa lügen?

Raven Bloodgood wohnt in einem Trailer am Waldrand. Andere Trailer und kleine Hütten stehen in der Nähe. Ihr Vorgarten ist wahllos mit irgendwelchen indianischen Sachen zugestellt.
„Plastik“, sagt Aiden verächtlich und klopft gegen den besonders scheußlichen Totempfahl.
Wir klopfen an. Raven ist eine Frau mittleren Alters, Marke Hippie. Sie hat eine Zigarette im Mundwinkel. „Was denn?“ fragt sie. „Meine Jungs sind schon auf der Baustelle.“
„Wir sind keine echten Soldaten“, sagt Jo und klingt schon ein bisschen genervt.
„Tja, dann solltet ihr euch wohl nicht anziehen wie welche. Das kann zu Verwechslungen führen“, sagt sie.
„Damit wir auf offener Straße erschossen werden?“ sage ich.
„Guter Punkt“, sagt sie. „Und was wollt ihr dann?“
„Über das Höllentor reden“, sagt Jo.
„Bitte.“ Raven tritt zurück und lässt uns in den Wohnwagen. Ich stecke mir eine Kippe an, wenn man da drinnen schon rauchen darf.
„Die Dinger bringen sie irgendwann noch um“, sagt Raven und zeigt mit ihrer Kippe auf mich.“
„Dito“, sage ich und grinse. Dann biete ich ihr eine von meinen Zigaretten an. Sie lacht und nimmt sie an.
Ihr Wohnwagen steht genauso mit Kitsch voll wie ihr Rasen. Räucherstäbchen, Traumfänger, Rasseln, afrikanischen Figuren mit riesigen Titten, japanische Masken. Aber ab und zu steht da was dazwischen, das echt sein könnte.
„Also, was wollt ihr mit dem Tor?“ fragt sie. „Wer seid ihr überhaupt?“
„Wir kümmern uns professionell um den Kram, könnte man sagen“, meint Jo. „Wir sind so was wie Geisterjäger.“
„Aha.“ Raven wirkt nicht beeindruckt. „Und was wollt ihr mit dem Tor?“
„Diese Idioten wollen es sprengen. Wir wollen ihnen zeigen, wie man es richtig schließt“, sagt Aiden und lehnt sich zurück.
„Hiermit!“ Jo knallt wieder ihre Aufzeichnungen zum Ritual auf den Tisch.
„Aha“, macht sie noch mal und blättert die Aufzeichnungen durch. „Habt ihr euch das Tor man angesehen? Habt ihr eine Ahnung, wie groß das Ding ist? Das hat gute dreißig Meter Durchmesser. Und das hier ist ein christliches Ritual.“
„Ja und?“ fragt Jo. „Das ist halt ein Ritual, um ein Höllentor zu schließen.“
Raven seufzt. „Jaja, ihr habt total den Durchblick. Lasst mich euch eins sagen, mit diesem Christenkram hat der ganze Ärger doch erst angefangen. Das Tor ist durch einen Ute-Ritus versiegelt worden und dann kommt so ein Depp, ein Schwarzer, so ein Fundamentalist und hat nichts besseres zu tun, als das Ding zu segnen und alle Indianersprüche damit wegzubrennen.“
„Hieß der zufällig DeVries?“ frage ich.
Sie zuckt mit den Schultern. „Ja, könnte sein. Er hat sich noch mit ein paar Mädchen rumgeärgert, weil er die für unzüchtig hielt. Christen, ehrlich.“ Sie schüttelt ihren Kopf. „Und jetzt sind die Geister hier alle wütend. Wölfe greifen Menschen an und versuchen, sie zu vertreiben. Ein Falke taucht hier immer wieder auf und hat auch mal jemanden angegriffen. Tiergeister, Naturgeister, denen gefällt nicht, was hier passiert.“
„Falke?“ Aiden richtet sich wieder auf. Als wir ihn alle ansehen, fragt er schnell: „Äh, und wie kann man das Tor dann schließen. Sie sind doch eine Ute und ihre Vorfahren haben die bösen Geister gebannt.“
Raven rollt mit den Augen. „Blöderweise habe ich so gut wie gar kein Ute-Blut. Und nur einer von denen könnte mit den Geistern kommunizieren und mit ihrer Hilfe das Tor schließen. Das Problem ist nur…“ Sie drückt ihre Zigarette energisch aus. „Die einzigen beiden Ute hier sind Thomas Whitestone und seine Tochter Lea. Thomas sitzt im Gefängnis und Lea, sie hat die Gespräche mit den Geistern nicht gut verkraftet und ist… Nun, nicht ganz klar im Kopf. John passt auf sie auf.“
„John Mason? Der Typ, der mit den Soldaten zusammenarbeitet?“ fragt Jo.
„Ja“, sagt Raven. „Andererseits… Ich weiß nicht, ob er so begeistert davon ist. Anfänglich vielleicht schon, aber inzwischen ist alles etwas aus dem Ruder gelaufen.“
„Dann meinen Sie, wir könnten ihn vielleicht überzeugen?“ fragt Ben.
Sie zuckt mit den Schultern. „Vielleicht. Ich weiß es nicht. Er ist Veteran und hat deshalb nichts gegen das Militär, aber er hat immer auf seine Stadt aufgepasst.“
„Wir sollten es trotzdem versuchen. Besonders, wenn Lea bei ihm ist. Ich würde sie mir gerne mal ansehen“, sagt Ben.
„Tut das“, sagt Raven. „Ich kann euch dann helfen, mit den Geistern in Kontakt zu treten. Du kannst mir helfen.“ Sie schaut Aiden an. „Die Geister haben dich gezeichnet, dass merke ich doch. Wer ist es? Bär? Gott sei dank ist der noch nicht hier aufgetaucht. Wo Bär auftaucht, da fließt Blut und zwar nicht zu knapp.“
Aiden senkt seinen Kopf, aber er nickt.

Vor dem Haus des Chief of Police steht eine Wache. Wir schlagen uns rückwärts durch die Büsche an den Hintereingang. Ben klopft an. Es dauert eine Weile, dann kommt ein dunkelhaariges Mädchen an die Tür. Ihr Kopf zuckt immer wieder nach links und rechts, als hätte sie etwas gehört.
„Lea“, sagt Ben. „Können wir mit dir kurz reden?“ Seine Stimme ist ganz sanft.
„Reden. Ja, nein. Nicht so viel reden.“ Sie presst ihre Hände an ihren Kopf. „Leiser, ich kann nichts hören. Zu laut.“
„Lea, sieh mich an.“ Ben legt eine Hand auf das Fliegengitter. „Wir sind Freunde, wir wollen dir helfen.“
„Aber die Tür, die Tür darf nicht geöffnet werden.“ Sie reißt die Augen auf. „Die Tür muss zubleiben!“
„Das Tor bleibt zu“, sagt Ben. „Das stimmt. Aber diese Tür kannst du aufmachen.“
„Aber John sagt nein, John sagt, lass niemanden rein, niemanden.“ Sie weicht zurück.
„Lea.“ Ben sieht sie gerade an, fängt ihren Blick. „Du brauchst keine Angst zu haben. Wir können dir helfen. Wir können dafür sorgen, dass die Stimmen weggehen.“
Sie starrt ihn an. Blinzelt, schüttelt den Kopf. Weicht zurück. Macht einen Schritt nach vorne.
„Lässt du uns rein?“ fragt Ben.
Sie schüttelt den Kopf und zuckt gleichzeitig mit den Schultern, eine verwirrte Geste. Dann macht sie die Tür auf.
Wir folgen ihr ins Wohnzimmer. Alle Vorhänge sind zugezogen. In einer Ecke steht ein kleiner Schrein zu Ehren von John Mason. Sein Purple Heart, Zeitungsartikel zum Kampf mit den Bikern.
„Aber ich muss meine Serie sehen. Ich muss“, sagt Lea und macht den Fernseher an. Doctor Sexy, M.D. Ich seufze und sehne mich nach einer Zigarette.
Wir können uns vier Episoden ansehen, bevor John Mason heimkommt. Das reicht nicht, um zu wissen, ob sich Doctor Sexy für Gonzuela, die rassige Latina oder für Doctor Whitman, die kühle britische Ärztin entscheidet.
John zieht sofort seine Waffe. Seine Augen wandern zu Lea und dann zu uns. Zur Ausbeulung der Knarre unter meiner Jacke. Ja, er könnte einen von uns erschießen, vielleicht zwei, bevor jemand seine Pistole zieht und Lea erledigt.
„Was wollt ihr?“ fragt er.
„Nur reden“, sagt Jo und hält ihre Hände hoch.
„Ihr brecht hier ein und wollt nur reden?“ Sein Blick wandert ständig über uns, auf der Suche nach dem gefährlichsten – oder dem schnellsten – Gegner.
„Ja“, sagt Jo. „Seien Sie ehrlich, glauben Sie wirklich, dass Hagen etwas Gutes im Schilde führt? Dass klappt, was die vorhaben?“
Johns Gesicht zuckt kurz. „Er hat einen Engel an seiner Seite. Was mehr braucht man, um ihm vertrauen zu können?“
Ich schnaube. „Das heißt gar nichts. Engel können ganz schöne Bastarde sein. Diese Sally hat Ihren Priester geblendet. Der Mann ist total am Ende.“
„Er hat ihr nicht geglaubt“, sagt John.
„Und deshalb hat er das verdient?“ Ich schenke ihn meinen verächtlichsten Blick. „Da glauben Sie doch nicht wirklich dran. Und was ist mit dem Rest des Ortes? Die Leute, die zur Baustelle gehen und nicht wiederkommen?“
„Außerdem ist ihr Freund Thomas im Gefängnis“, sagt Jo.
John spannt die Kiefer an. „Natürlich gefällt mir das alles nicht. Aber das Höllentor muss vernichtet werden und, egal was für ein Typ der General ist, er ist effizient.“
„Wenn es überhaupt vernichtet wird“, sagt Aiden. „Es ist mit einem indianischen Ritus verschlossen worden und den hat so ein idiotischer Christ kaputt gemacht. Man braucht genau so einen Ritus, um es wieder zu schließen. Sprengen die das Ding und es ist offen, dann fallen die bösen Geister hier über den ganzen Ort her. Über die ganze Welt.“
„Und ihr wisst es besser?“ sagt John. „Besser als eine ganze Militäreinheit?“
„Ja!“ sagt Jo.
John legt seinen Kopf schräg. „Na sicher. Ich bin übrigens auch einer von diesen dummen Christen.“
„Was Sie jetzt auch immer von uns halten“, sagt Aiden. „Also, uns Indianern, es ist trotzdem klar, dass die Natur hier was dagegen hat, dass das Tor ausgegraben wird. Die Geister sind wütend. Wenn die Natur selbst was dagegen hat, kann doch irgendwas nicht stimmen.“
„Wollen Sie wirklich das Risiko eingehen, ein Dämonentor direkt neben ihrer Stadt geöffnet zu bekommen?“ frage ich.
„Was soll den die Alternative sein?“ sagt er.
„Wir führen einen indianischen Ritus durch. Aber dafür brauchen wir einen Ute…“ Aiden schaut hinüber zu Lea. „Ihr Freund ist ja noch im Gefängnis. Wenn wir mit ihm reden können, hilft er uns vielleicht.“
„Dann würde es auch Lea besser gehen“, sagt Ben. „Die Stimmen würden aufhören, wenn die Geister zufrieden sind.“
John atmet tief durch und senkt seine Waffe. Er sieht Lea an und zum ersten Mal entspannt sich sein Gesicht etwas. „Gut. Ich gebe euch eine Chance. Ich kann Thomas nicht so ohne weiteres aus dem Knast holen, aber ich kann einen von euch reinbringen. Dann müsste man morgen eine Ablenkung starten, bei der ich die Tür öffnen kann. Sagen wir, am Mittag. Vorher rede ich noch mit dem General.“
„Ich mache das. Ich lasse mich von Ihnen gefangen nehmen und rede mit Thomas“, sagt Aiden. Und fügt dann hinzu: „Warum schaut ihr mich alle so an? Wir sind beide Indianer, das klappt schon.“

John nimmt Aiden mit zur Polizeiwache. „Denkt dran, mittags muss was passieren, dass die Wachen weg lockt“, sagt er. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht der einzige bin, der dabei ein flaues Gefühl hat. Aber soll der Junge mal machen, so von Indianer zu Indianer.
„Kein Problem“, sagt Jo zu Johns Ermahnung und präpariert in der Nähe der Wache ein Auto so, dass es gegen Mittag in die Luft fliegt. Nicht schlecht.
Dann bleibt uns nur Warten. Immerhin weiß ich jetzt, dass Doctor Whitman eigentlich die lang verschollene Schwester von Doctor Sexy ist und Gonzuela illegal in den USA und dass der Doktor sich vielleicht doch für die jungfräuliche Krankenschwester aus der Klosterschule entscheiden wird.
Noch vor dem Mittag sind draußen plötzlich Geräusche zu hören. Ein schweres Fahrzeug nähert sich dem Haus. Ich schiebe den Vorhang ein Stück zur Seite und sehe, wie ein Militärwagen vorfährt.
„Scheiße“ sage ich. „Wir müssen verschwinden. Da kommen welche von Hagens Leuten.“
Ben nimmt Lea am Arm. „Komm, wir machen einen Ausflug“, sagt er. Sie schaut ihn unsicher an, aber sie folgt ihm.
Wir schlagen uns durch die Hinterhöfe und den Waldrand zu Ravens Trailer durch. Aiden ist schon dort, die Hände auf die Knie gestützt und völlig außer Atem.
„Dein Vater ist durchgedreht“, sagt er. „Er ist mit John ins Gefängnis gekommen und plötzlich, bumm, erschießt er John und gibt mir die Knarre. ‚Lauf’, hat er gesagt und ich habe auf ihn geschossen.“
„Ist er tot?“ frage ich und weiß nicht genau, ob ich mich freuen soll. Mein Kopf und mein Gefühl melden nur Leere.
Aiden schüttelt seinen Kopf. „Streifschuss, leider. Wir müssen noch mal zurück.“ Sein Blick schweift kurz zu Lea. Leiser sagt er: „Thomas ist noch drin. Ich hatte keine Zeit mehr, ihn zu befreien.“ Er muss nicht sagen, dass er keine Zeit hatte, weil er auf den General geschossen hat. Und dass er diese Entscheidung bereut.
„Ich bleibe hier bei Lea“, sagt Ben. „Und versuche, ihr ein bisschen zu helfen. Ihr schaut nach Thomas.“

Dazu brauchen wir nicht lange. Vor der Polizeiwache stehen jede Menge Soldaten und einige Zivilisten. Mein Vater hat einen Arm verbunden und erzählt gerade laut, wie er nur knapp dem mörderischen Indianer entkommen ist.
Zwei Leichensäcke liegen vor ihm auf dem Boden.
Scheiße.
Aiden ist angespannt. Seine Hände schließen und öffnen sich und er macht unwillkürlich eine Bewegung in Richtung der Soldaten. Jo hält ihn am Arm fest.
„Nichts mehr zu tun für uns“, sage ich. „Verschwinden wir.“

Bei Ravens Trailer wartet Ben mit Lea auf uns. Sie sitze zusammengekrümmt auf der Kante einer Gartenliege und murmelt vor sich hin.
Ben schaut uns an. Ich schüttele meinen Kopf.
Ben nickt knapp und sieht zu Lea hinüber. Sie ist jetzt unsere einzige Hoffnung.
„Was ist mit meinem Vater?“ fragt sie. „Wo ist er?“
„Es ist alles in Ordnung“, sagt Ben. „Mach dir keine Sorgen. Denk daran, was wir besprochen haben: Du hilfst uns und sprichst einmal mit den Geistern, danach lassen sie dich in Ruhe.“
„Ich… Kann das nicht mein Vater machen? Wo ist er?“ Lea sieht sich um.
Ben zögert. „Du kannst deinen Vater bald wiedersehen, keine Angst.“ Seine Stimme ist ruhig, aber ich kann die Anspannung in ihr hören.
„Wirklich? Ich muss nur mit den Geistern sprechen und dann sehe ich meinen Vater wieder? Wirklich?“ Ihre Augen sind ängstlich und groß.
Ben macht seinen Mund auf und wieder zu und dann sagt er: „Nein… Nein, nicht wirklich. Dein Vater ist tot. Sie haben ihn erschossen.“ Er spricht widerwillig. Es hat ihn viel gekostet ihr die Wahrheit zu sagen. Er wirkt immer so beherrscht, manchmal vergesse ich, wie jung er noch ist und wie viele derartige Entscheidungen noch vor ihm liegen.
Leas Augen werden noch größer. Sie kippt nach vorne, beide Hände auf die Seiten ihres Gesichts gepresst. „Dad… Dad… Dad…“ flüstert sie.
Ben atmet tief durch und kniet sich neben sie. „Jetzt kannst nur noch du mit den Geistern reden. Sie können dir helfen, dich zu rächen.“
„Ich kann… Ich muss…“ Ihre Atmung wird ruhiger. „Ja, ich muss mit den Geistern reden. Sie werden mir helfen.“ Lea fletscht ihre Zähne und sieht für einen Moment verdammt wie ein Wolf aus.

Plötzlich hört man Kampfgeräusche. Eine tiefe Stimme, die sagt: „Lass mich los, verdammt noch mal.“ Und Aiden: „Sag einfach, was du hier willst.“
Raven stößt einen Fluch aus und springt auf. Sie verschwindet in ihrem Trailer und kommt gleich darauf mit einer Schrotflinte wieder hinaus.
Ein paar Meter entfernt hält Aiden einem jungen Mann sein Messer an den Hals. Der Kerl ist kräftig – richtig, richtig kräftig – und eindeutig angepisst.
„Lass meinen Sohn los!“ sagt Raven. „Du bekommst nur eine Warnung.“
„Lass ihn los“, sage ich auch noch mal an Aiden gerichtet. Wie sein Vater. Denkt nie nach.
Aiden tritt einen Schritt zurück und, war ja klar, der Kerl semmelt ihm eine.
Aiden hält sich den Kiefer, der noch von meinem Schlag gestern blau ist. „Ich habe dich losgelassen“, faucht er Ravens Sohn an.
„Du hast mich mit einem Messer bedroht!“ keift der zurück.
„Ruhe jetzt!“ sagt Raven. „Proust, warum bist du nicht auf der Baustelle?“
Mit unwirschem Gesichtsausdruck dreht sich Proust zu ihr um, dann durchfährt ihn ein Ruck. „Ach ja! Die wollen sprengen! Heute Abend!“
„Was?“ sagen Raven und ich gleichzeitig.
Scheiße, scheiße, scheiße.
„Ich kann euch zu einem Ort bringen, von dem aus ihr die Geister kontaktieren könnt“, sagt Raven. „Eigentlich bräuchte man mehr Zeit, aber… Ach, ihr wisst das ja selbst.“ An Aiden gewandt, sagt sie: „Dann solltest du erst mit Bär sprechen. Er ist gefährlich, aber vielleicht brauchen wir jetzt ein bisschen Gefahr auf unserer Seite. Er sollte dir sagen können, was Lea tun muss.“ Sie wendet sich an ihren Sohn: „Und du gehst los und bringst deine Brüder her. Das wird ungemütlich.“
Der Muskelberg nickt und rennt los.
Aiden hebt sein Kinn. „Gehen wir“, sagt er. Ich kenne den Ausdruck. Er will auch Rache.
Raven führt uns ein Stück den Berg hinauf zu einer Lichtung. Sie nickt Aiden zu.
Er zieht sein Hemd aus und öffnet mit einem Messer die Narben auf seiner Brust, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Blut tropft über seinen Bauch, während er etwas auf Cheyenne murmelt.
Es raschelt im Gebüsch. Zweige brechen und ein riesiger Grizzly tritt auf die Lichtung. Ich kenne das Biest. Seine Zähne und Klauen, die mich zerreißen… Ich schüttele die verschwommenen Erinnerungsfragmente ab. Die kann jetzt überhaupt nicht brauchen.
Der Bär trottet über die Lichtung und bleibt vor Aiden stehen. Heißer Bärenatem schlägt Aiden ins Gesicht. Er spricht das Tier auf Cheyenne an und Bilder formen sich in unseren Köpfen: Lea, die in einen Pelz gekleidet, mit blutigem Mund gen Himmel heult.
Aiden spricht weiter. Diesmal zeigt uns der Bär sich und Wölfe, die über blassen Menschengestalten auf einer Baustelle herfallen und sie zerfetzen. Dann ein Bild von Bär, wie er die Baustelle umkreist, sie aber nicht betreten kann.
„Die Geister wollen alle auf der Baustelle töten und so das Tor schließen“, sagt Aiden auf Englisch. „Aber ein Schutzkreis hindert sie daran.“
Scheiße. Den Geistern wird scheißegal sein, ob sie einen Zivilisten, einen Zwangsarbeiter oder einen Soldaten töten. Mal abgesehen davon, dass nicht jeder der Soldaten wie mein Vater ist. Ein paar davon werden auch normal sein. Hoffe ich.
„Was machen wir jetzt?“ fragt Jo.
„Wir können immer noch nicht aus vollen Rohren feuernd da reinstürmen“, sage ich. „Das sind gut vierzig Mann und ein Engel. Die hauen uns um, ehe wir am Zaun sind.“
„Drei Engel“, korrigiert mich Raven.
„Was?“ Ich starre sie an.
„Da ist diese Rothaarige und zwei Begleiter. Die springen aber immer wieder in unterschiedliche Körper“, sagt sie.
Ich atme tief durch. Drei Engel. So ein Scheißdreck. Die können uns mit einem Fingerschnipsen von der Erde fegen.
„Wir müssen ja nur den Zaun öffnen und die Geister durchlassen“, sagt Jo.
„Nein“, sage ich. „Du glaubst doch nicht, dass der und seine Freunde einen Unterschied zwischen Zivilisten und Soldaten machen.“ Als hätte er mich verstanden, brummt der Bär und sieht mich an. Er leckt sich über seine Zähne. Ich fühle mich wie ein besonders leckerer Cheeseburger. „Das sind Naturgeister. Die denken nicht wie Menschen, wenn sie angreifen, zerreißen sie dort alles, was lebendig ist.“
„Na ja, manchmal muss halt…“ Jo zuckt mit den Schultern. „Wir können ja versuchen, die Zivilisten da raus zu holen. Die Soldaten haben’s verdient.“
Ich hebe ein bisschen die Oberlippe. „Haben sie? Kannst du sie ansehen und entscheiden, ob sie Psychopathen sind wie mein Vater oder einfach nur Typen, die in einer dummen Situation stecken? Kannst du entscheiden, wer gut und wer böse ist?“
„Wir sind die Guten“, sagt sie.
Ich muss für einen Augenblick wegsehen. Ich weiß, dass sie dieses Selbstbild nicht für immer behalten können wird. Nicht nach solchen Aktionen, wenn man sieht, was die eigene Entscheidung angerichtet hat. Ich bin mit Sicherheit keiner von „den Guten“.
„Nein“, sage ich. „Wir lassen keinen Haufen Zivilisten als Kollateralschaden über die Klinge springen.“
„Und was können wir dann tun?“ fragt Ben.
„Wir müssen sie irgendwie rausholen, bevor die Geister zuschlagen“, sage ich. „Zivilisten, Soldaten, so viele wie möglich. Ich werde mit den Soldaten reden und vielleicht können deine Söhne helfen.“ Dabei schaue ich Raven an. „Und für die Engel…“ Für die Engel muss ich jemanden rufen. Die letzte Person, mit der ich sprechen will. Aber es gibt niemand anderen, der mir helfen könnte.
„Was soll ich jetzt tun?“ fragt plötzlich Lea. Sie steht ganz ruhig da, aber ihre Augen sind groß und leer. Tot.
Ein weiteres Grollen von Bär überbricht unsere Diskussion. Er will nicht weiter warten.
Aiden sagt: „Lea muss sich ein Fell umlegen, sie muss rohes Fleisch verzehren und durch ihr Heulen die Wölfe zu sich bringen. Und am besten bekommen sie und Bär noch ein Opfer, damit sie stärker werden…“ Er schaut Bär an, der kurz sein Maul aufklappt und mich hungrig anschaut.
Aber Aiden zieht wieder sein Messer und schneidet sich in seinen Arm. Blut rinnt auf die Erde vor Bärs Schnauze und das riesige Tier leckt es hungrig auf. Dann schüttelt er sich und brummt zufrieden.
Irgendwie wirkt er noch größer als vorher.

Während Aiden sich um frisches Wild für Lea kümmert, spreche ich mit Ravens Söhnen. Sie sind keine große Hilfe. Sie wollen nicht mehr zurück zu Baustelle und sie wollen nicht helfen, mit den Zivilisten zu reden. Gut, dann muss ich das alleine schaffen.

Auf dem Ritualplatz zieht sich Lea aus. Sie macht das völlig unberührt, als wäre nichts dabei, sich vor einer Gruppe Fremder zu entblößen. Es wirkt nicht im Geringsten sexuell, im Gegenteil, aber trotzdem fühle ich mich schmutzig, wenn ich sie ansehe.
Sie legt sich ein Hasenfell um die Schultern und reißt mit Zähnen und einem kleinen Messer Fleischstriemen von dem blutigen Kadaver, genauso unberührt wie sie sich ausgezogen hat. Als würde sie das jeden Tag machen.
Dann legt sie ihren Kopf in den Nacken und stößt ein tiefes Geheul aus. Die Haare auf meinen Armen stellen sich auf. Nach und nach fallen andere Stimmen in ihr Geheul ein. Graue Schatten bewegen sich zwischen den Bäumen. Gelbe Augen reflektieren das Licht.
Bär grollt eine Begrüßung, tief wie ein Erdbeben, und dann ist Lea umringt von Wölfen, riesigen Biestern, die wie eine Meute begeisterter Hunde um sie herumspringen und versuchen, das Blut von ihrem Mund zu lecken.
Ganz unberührt hebt Lea das kleine Messer und schlitzt sich den Arm auf, tief und entlang der Adern. Rot sprudelt ihren Arm herunter, bespritzt die Wölfe, die es gierig japsend mit ihren Mäulern fangen.
Lea schwankt, aber ehe sie fallen kann, ist Aiden bei ihr und hilft ihr auf den Boden. Die Wölfe drängen näher, aber er wehrt sie ab und sie greifen nicht an. Hat wohl seinen Vorteil, zu Bär zu gehören.
Aiden versorgt die Wunde an ihrem Arm. Gut sieht sie nicht aus, aber ich denke, dass Lea daran nicht sterben wird.
Jedenfalls nicht ihr Körper.

Jetzt muss ich ran und etwas tun, was ich auf keinen Fall tun wollte. „Erinnert ihr euch an A.C.? Den Typen aus Harlan und Billings? Der ist auch ein Engel. Ich kenne seinen Namen. Ich kann ihn rufen. Ich vermute, er und Sally stehen nicht auf der gleichen Seite“, sage ich.
Jo schaut mich skeptisch an. „Woher weißt du das?“
Ich zucke mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Er ist ein Joker. Vielleicht hilft er uns. Vielleicht arbeitet er mit Sally zusammen und wir sind hin. Die Sache ist, dass wir nicht mit drei Engeln fertig werden. Selathiel ist ein Erzengel, wer weiß, was die alles draufhat.“
„Dann machen wir das“, sagt Aiden. „Sonst fällt mir nichts ein.“
Ich nicke. Eigentlich habe ich keine Ahnung, wie ich A.C. kontaktiere. Ich setze mich auf einen Baumstumpf und konzentriere mich auf mein Inneres. Wie so ein Meditationsscheiß. Ich fühle mich total lächerlich. Aber ich habe das Gefühl, dass ich in meinem Inneren etwas Schmerzhaftes, Heißes berühre und ich sage: „Aziraphel… Scheiße, wir brauchen deine Hilfe.“
Motorgeräusche. Ich öffne meine Augen und tatsächlich fährt A.C.s Wagen vor
Er steigt aus. Hat immer noch diesen bescheuerten Hut.
„Cal“, sagt er. „Ich hoffe, es ist wichtig. Ich komme nicht immer gleich gesprungen, wenn einer von meinen Dienern was von mir will.“
„Diener?“ höre ich Jo leise sagen.
Ich grinse. Oder ich fletsche meine Zähne. Oder eine Mischung aus beidem. „Ich hätte dich nicht gerufen, wenn es nicht wichtig wäre. Hier gibt es ein Höllentor, ein verdammt großes Höllentor, das gesprengt werden soll. Und Selathiel ist hier. Glaube nicht, dass die aus der Güte ihres Herzens das Tor schließen will.“
A.C. schluckt und sieht sich um. „Selathiel ist hier? Wirklich? Verdammt noch mal…“ Dann sieht er mich wieder an und runzelt die Stirn. „Sicher, dass es ein Höllentor ist und kein Nephilimtor?“
Ich zucke mit den Schultern. „Keine Ahnung. Bisher hieß es immer ‚Höllentor’. Warum?“
„Kurzfassung: Selathiel will die Apokalypse auslösen. Und weil das mit Luzifer nicht geklappt hat, will sie seine Busenfreunde befreien, die anderen gefallenen Engel. Belial, Baphomet, Moloch, Astarte und Asmodeus. So weit ich weiß, wollte sie schon mal jemand befreien und es hat nicht geklappt.“ Keiner von uns sagt etwas. In Crossroads muss es auch so ein Tor gegeben haben, ein Tor, das wir unter einen Stausee begraben haben. Zusammen mit der Stadt. A.C. fährt fort: „Und dann gibt es eine Apokalypse. Es kann sein, dass es sich um ein Höllentor und ein Nephilimtor handelt und dann… Nun, ich will keine Apokalypse. Ihr?“
Ich fahre mir mit dem Daumen über die Stirn. „Okay. Kannst du Selathiel ausschalten? Ihr seid doch beide Erzengel?“
A.C. lacht. „Danke, aber ich bin kein Erzengel. Mit ihr werde ich nicht fertig.“
„Mit ihr und ihren beiden Gefährten“, sage ich.
„Drei Engel…“ Er schüttelt seinen Kopf. „Das wird ja immer besser.“
„Was ist mit der Blutrune?“ fragt Jo.
A.C. zieht eine Augenbraue hoch. „Gut mitgedacht, Mädchen. Diese Rune kennen nicht viele. Damit könntet ihr die beiden Engel loswerden, aber nicht Selathiel. Ein Erzengel ist zu stark für so ein Spielzeug.“
Als sie unsere Blicke bemerkt, sagt Jo: „Das habe ich in einem Buch gelesen. Man zeichnet eine bestimmte Rune…“ Sie zieht ein Stück Papier aus ihrer Tasche und zeigt uns das Symbol darauf. „…mit Blut und aktiviert sie, indem man die Hand darauf legt. Dann werden Engel in der Nähe verbannt.“
Hm. Gut zu wissen, falls ich A.C. mal schnell loswerden will.
„Aber löst das Ding nicht aus, wenn ich in der Nähe bin“, sagt A.C. „Sonst bin ich auch weg.“ Er schiebt seinen Hut etwas zurück und lächelt Jo an. „Du hast nicht zufällig Lust, mit mir in den Himmel zu kommen und mir bei der Recherche zu helfen?“
Jo hebt ihre Hände. „Ähm, danke für das Angebot, aber wir haben hier noch einiges zu tun…“
A.C. tippt sich an den Hut. „Wie du willst. Aber das Angebot steht. Also, falls du jemals mit mir einen Handel eingehen willst und in den Himmel…“
Es ist nicht zu glauben, Jo sieht tatsächlich interessiert aus.
„Wir haben jetzt wichtigere Probleme“, sage ich sehr laut und habe wohl schon wieder meine Zähne gefletscht, denn Jo schaut ein bisschen verschreckt. Ich zwinge mich, ruhiger zu sagen: „Wir haben etwas Hilfe. Eine Menge Naturgeister wartet darauf, das Tor zu stürmen und es zu versiegeln. Mit dem Blut aller, die sich dort herumtreiben.“
„Klingt doch vernünftig“, sagt A.C. „Ich könnte sicher Sally so lange beschäftigen, bis ihr den Kreis gebrochen habt.“
„Da sind Unschuldige drin“, sage ich. „Die werden nicht geopfert.“
Er verdreht die Augen. „Ach, immer diese menschlichen Sensibilitäten. Aber deshalb mag ich euch ja.“
„Wir müssen die Zivilisten da raus zu holen, bevor die Geister zuschlagen“, sage ich. „Wir können die nicht einfach sterben lassen.“
„Mach nur so weiter, dann wirst du noch ein Heiliger und dein Seele noch nützlicher für mich“, sagt A.C. und grinst.
Ich ein Heiliger. So weit kommt es noch.
„Seele?“ sagt Jo und starrt mich an. Sie starren mich alle an.
„Ach“, sagt A.C. „Du hast ihnen nichts von unserem Handel erzählt?“ Er schüttelt seinen Kopf. „Also wirklich.“
„Das ist jetzt egal“, knurre ich. „Wir haben wirklich Wichtigeres zu tun.“
„Bitte… Ich kann Sally nur etwa zehn Minuten beschäftigen und in der Zeit…“ Er verstummt abrupt und schaut in den Wald. „Und wo, bitte, kommen die ganzen Dämonen her?“
„Dämonen?“ Wir alle folgen seinem Blick.
„Da ist auf einmal eine große Gruppe Dämonen aufgetaucht, die in Richtung des Tores läuft“, sagt A.C.
„Keine Ahnung“, sage ich. „Aber vielleicht haben wir ähnlich Interessen.“
„Mit Dämonen? Mit denen sollen wir zusammenarbeiten?“ sagt Aiden.
„Macht mir auch keinen Spaß, aber sie sind nun mal da. Wenn sie uns helfen können, müssen wir es wenigstens versuchen“, sage ich.
Aiden schüttelt seinen Kopf, sagt aber nichts mehr.
„Okay“, sage ich. „Ich rede mit meinem Vater und versuche, so viele wie möglich dazu zu bringen, abzuhauen.“
„Ich komme mit“, sagt Ben und stellt sich neben mich. Ganz egoistisch zuckt kurze Freude durch mich. Klar will ich, dass er in Sicherheit ist, aber wenn ich in die Höhle des Löwen gehe, dann am liebsten mit meinem Sohn.
Sohn. Hört sich immer noch komisch an.
„Dann gehen wir zu den Dämonen“, sagt Jo und ignoriert Aidens finstere Miene.
„Ja, dann macht das“, sagt A.C. „Ich gehe Hilfe holen und beschäftige die gute Sally für einen Augenblick.“

Ich lege alle meine Waffen ab, bevor ich zur Baustelle gehe. Seltsam nackt fühlt sich das an. Aber wenn man unbewaffnet in ein Militärcamp geht, wissen die Jungs, dass man es mit dem Reden ernst meint. Dann knallen sie einen nicht sofort ab.
Sofort fangen uns zwei Soldaten ab und bringen uns in das Zentrum des Kreises. Mein Vater steht dort mit Caulder und Matthew. Scheiße, ich hoffe, ich kann den Jungen da irgendwie rausbringen.
Den Jungen. Meinen kleinen Bruder.
Scheiße.
„Was willst du denn schon wieder?“ fragt mein Vater. „Ich habe gerade keine Zeit für dich.“
„Wo sind die Engel?“ frage ich.
Sein Gesicht zuckt kurz. „Sie werden da sein, wenn wir sie brauchen.“
„Du kannst ihnen nicht vertrauen“, sage ich und spreche laut genug, damit auch alle um ihn herum mich verstehen können. „Selathiel will das Tor nicht schließen. Sie will einen gefallenen Engel befreien. Sie will die Apokalypse auslösen.“
Der General schüttelt seinen Kopf und lacht. „Die Apokalypse.“ Er legt eine Hand auf seine Brust. „Wie dramatisch. Etwas Besseres ist euch nicht eingefallen?“
Ich stecke mir eine Zigarette an. „Kannst du das riskieren? Sterben? Den töten und den und den…“ Ich zeige mit der glühenden Spitze auf die Soldaten und die Zivilisten. „Nur weil du mich hasst, Dad?“
Sein Gesicht wird hart. „Hör auf mit den Spielchen, Caleb. Du bist und bleibst ein Verlierer. Und nenne mich gefälligst Vater.“
„Wir haben selbst einen Engel auf unserer Seite, der weiß, was Selathiel vorhat“, sagt Ben und ich zucke innerlich zusammen, als mein Vater seine Aufmerksamkeit auf ihn richtet.
„Und wo ist der plötzlich hergekommen? Nein, so einfach könnt ihr mich nicht gegen Selathiel aufbringen.“ Der General sieht zu seinen Männern hinüber. In den Gesichtern von einigen spiegelt sich Zweifel.
„Außerhalb dieses Zaunes versammeln sich Naturgeister, Wölfe, Bären und jetzt sind auch noch Dämonen aufgetaucht. Die wollen jeden hier umbringen. Die sind nicht einfach so hierher gekommen. Die wissen, dass hier was Schlechtes abläuft.“ Ich schaue nur ihn an, aber ich weiß, dass die Soldaten alle zuhören.
„Das reicht jetzt“, sagt der General und wirft mir diesen Blick zu, den er so gut kann, diesen Blick, der sagt „Du bist nichts, weniger als eine Kakerlake, und du kannst froh sein, dass ich dich nicht sofort zertrete.“ Er machte eine kurze Handbewegung. „Du warst schon immer ein schlechter Lügner und du bist nicht besser geworden. Bringt sie weg, zu den Zivilisten.“
Matthew nickt und begleitet uns. Keiner der anderen Soldaten rührt sich. Scheiße. Na ja, ich war noch nie ein besonders guter Redner.
„Matthew“, sage ich, als wir ein Stück weg sind. „Jetzt ist der Zeitpunkt, dass du das Richtige tun musst. Hilf uns, die Zivilisten wegzubringen. Die werden hier zerfetzt.“
Er schaut mich an. Ich weiß nicht, ob Schmerz in seinen Augen liegt oder ob ich mir das nur einbilde.
„Nein“, sagt er. Dann nimmt er die Pistole aus seinem Schulterholster und gibt sie mir. „Ich kann nicht. Ich muss bei meinen Kameraden bleiben. Mein Vater…“
„Du schuldest ihm gar nichts“, sage ich.
Er sieht weg. „Trotzdem kann ich die anderen nicht im Stich lassen. Los, ihr habt nicht viel Zeit.“
Ich würde ihn am liebsten Schütteln und anschreien. Ben berührt mich am Arm und zwingt mich, ihn anzusehen. „Gehen wir“, sagt er.
Ich werfe Matthew noch einen Blick zu, aber er dreht sich um und geht. Mein Blick wandert weiter zur Mitte des Tores, wo mein Vater steht und beginnt, das Ritual durchzuführen. Die Sprengladungen sind um ihn herum angebracht. So oder so wird er es nicht überleben.
Ich könnte schießen, jetzt, und das Ritual verhindern. Meinen Vater endlich töten.
Aber ich kann nicht. Angst, Moral, Dummheit, was weiß denn ich. Ich drehe mich und renne hinter Ben her.
Die Bewohner von Oak Creek wurden in einem Container untergebracht. Ich stelle mir vor, wie der Bär den Container wie eine Sardinendose aufschlitzt und schüttele den Kopf.
Ich habe gerade den Container geöffnet, da bricht die Hölle los. Wölfe fliegen über den Zaun, überall Knurren und Heulen. Irgendwo zerbricht der Zaun und Bär brüllt, tief genug, um die Erde zu erschüttern.
Schwarzäugige Menschen greifen die Soldaten an. Schüsse, Schreie, Blut. Krieg von seiner hässlichsten Seite. Mitten im Chaos sehe ich eine hübsche, dunkelhaarige Frau, die mich aus ihren schwarzen Augen anstarrt. Ihr Mund scheint sich zu bewegen, als wolle sie etwas zu mir sagen. Scheiße. Ich muss jetzt nicht noch wegen der bescheuerten Rune auf meiner Seele von Dämonen angefallen werden.
Ich treibe die Zivilisten an, so schnell wie möglich zum Zaun zu kommen. Es sind vor allem Männer, einige Frauen. Alle in Panik. Nicht jeder wird die Nacht unbeschadet überstehen, geistig oder körperlich.
Der Zaun lässt sich schnell durchschneiden und die Gruppe hinausbringen. Wir kommen ein Stück weit die Straße hinunter, als es ohrenbetäubend donnert. Die Erde bebt. Feuer und Rauch steigen auf. Für einen panischen Augenblick glaube ich, das Tor wäre auf. Aber es war nur die Sprengung.
Nur. Ich habe ein beschissenes Gefühl im Magen.
„Ben“, sage ich. „Nimm die Leute und sichere ein Haus. Salz und so. Du kennst das ja.“ Ich muss ihm das nicht sagen. Er hat genug drauf, ich kann ihm vertrauen. „Ich suche Jo und Aiden.“
„Alles klar“, sagt er. „Pass auf dich auf.“

Noch vor der Baustelle treffe ich auf Jo und Aiden. Sie sehen richtig scheiße aus. Schusswunden, Kratzer. Sie stützen sich gegenseitig. „Alles klar?“ frage ich. Was für eine bescheuerte Frage.
Jo streicht sich die Haare aus dem Gesicht. „Nichts Lebensbedrohliches.“
„Aber dein Vater…“, sagt Aiden. „A.C. hatte recht. Sally wollte den Engel unter dem Tor befreien. Es hat geklappt. Baphomet ist da raus. Er hat ein paar Dämonen zerrissen und ist dann verschwunden. Und er hat sich deinen Vater als Gefäß ausgesucht.“
Ich lache rau. „War vielleicht eine Verbesserung.“ Mein Vater als Bringer der Apokalypse. Eindeutiger Beweis, dass es einen Gott gibt und der Spaß daran hat, uns Menschen so richtig reinzureiten.
„Ben ist in die Richtung weg“, sage ich. „Folgt ihm. Ich muss Matthew suchen.“
„Wir helfen…“ setzt Jo an, aber ich wische ihren Einwand zur Seite. „Seht euch an. Ihr braucht Ruhe. Ich schaffe das schon. Das Schlimmste dürfte vorbei sein.“
Sie atmet tief durch und humpelt dann zusammen mit Aiden weiter.

Ich finde Matthew halb begraben unter einem Stück Trümmer. Seine Seite ist von Krallen aufgerissen. Er ist totenbleich, aber er atmet. Schwach. Ich stemme den Stein zur Seite und nehme seine schlaffe Gestalt auf den Rücken. Blut sickert durch meine Jacke auf meine Haut.
Ich weiß, dass er nicht der Einzige ist, der Hilfe braucht. Es ist nicht der Einzige, der halb zerfetzt oder verbrannt wurde.
Es ist jedes Mal bitter, aber man kann nicht jeden retten. Noch bitterer, wie schnell ich diese Erklärung runterschlucke.

Aiden und Jo sind schon in den Autos untergebracht.
„Sind die Leute in Sicherheit?“ frage ich Ben.
„So sicher, wie sie sein können“, sagt er.
Wir schauen uns an. Ja, wir müssten bei ihnen bleiben, bis alles endgültig vorbei ist und der letzte Wolf und Dämon weg sind. Aber wir haben drei schwer Verwundete, die ohne unsere Hilfe keine weitere Stunde durchstehen.
Also fahren wir zum Krankenhaus.

Matt ist am schlimmsten dran. Aiden und Jo werden zusammengeflickt und wie immer unter Protest der Ärzte und freiwillig gehen gelassen.
Es ist sonnig in Steamboat Springs, so ein Wetter, zu dem Vögel singen und Kinder draußen spielen. Alles viel zu schön für die Ereignisse der letzten zwei Tage.
Wir setzen uns ein Stück vom Krankenhaus entfernt in den Außenbereich eines Dinners.
„So, jetzt müssen wir mal reden“, sagt Jo und ich verziehe unwillkürlich mein Gesicht. Das war ja klar. Aber dann dreht sie sich zu Aiden und sagt: „Was war das eigentlich mit diesem Falken? Der, der mit den Dämonen geflogen ist und sie vor den Tiergeistern beschützt hat? Du kanntest den doch!“
Aiden schaut auf den Boden. „Das ist meine Mutter.“
„Deine Mutter?“ Jo blinzelt.
„Sie… sie kommt manchmal vorbei und spricht mit mir. Hilft mir. Im Gefängnis ist sie auch zu mir gekommen und hat mit Thomas geredet. Ich weiß nicht, was sie ist. Ich dachte immer, dass sie ein Geist ist, aber was sie mit diesen Dämonen zu tun hat…“ Er schüttelt seinen Kopf. „Keine Ahnung.“
Jo nimmt seine Hand, drückt sie und sagt: „Wir finden es schon raus.“
„Und was ist mit dir und A.C.? Hast du ihm wirklich deine Seele verkauft?“ sagt sie plötzlich. Sie sieht wütend aus. Ist ja auch nicht ganz ungerechtfertigt.
„Ich muss was für ihn tun. Mache ich das nicht, bekommt er meine Seele“, sage ich. Scheiße. Ich wollte sie aus der ganzen Sache doch raushalten. Kein himmlischer Bürgerkrieg für Jo, Aiden und Ben.
„Warum?“ fragt Aiden. „Wie konntest du deine Seele verkaufen?“
„Ich hatte keine Wahl“, sage ich, die Zähne leicht zusammengebissen.
„Man hat immer eine Wahl“, sagt Jo.
„Schön wär’s.“ Ich zünde mir eine Zigarette an. Leider reicht das nicht, um sie von ihren Fragen abzulenken. Ich atme den Rauch ein und aus und sage: „In Billings, bei der Sache mit dem Speer… Da war auch eine Frau, Sofia, die Tochter eines, meines…“ Ich zögere und zucke mit den Schultern. „Ihr Vater war auch für mich auch so was wie ein Vater. Er hat mir geholfen, nachdem ich von meinem echten Vater weg bin. Geister haben ihn angegriffen, Geister, deren Knochen schon zerfallen sind. Der Speer wäre die einzige Möglichkeit gewesen.“
„Es hätte immer eine andere Möglichkeit gegeben.“ Jo beugt sich über den halben Tisch. „Wir hätten eine Möglichkeit gefunden, gemeinsam.“
„Welche denn?“ sage ich. „Er wäre innerhalb eines Tages tot gewesen. Bär wollte das Ding und hätte sicher nicht gewartet, bis ich gerade mal nach New York reise und einem alten Mann helfe. Ich konnte nur zu A.C. oder einen noch fieseren Deal machen.“
„Irgendwas hätte man sicher machen können“, sagt Jo, aber leiser. Und Aiden sagt: „Also hast du das für… Ohne dich wäre…“ Dann verschränkt er die Arme und lehnt sich zurück.
Dann sagt für eine Weile keiner etwas. Warum hat Ben dazu nichts gesagt? Ich will es gar nicht wissen.
Ein Auto hält auf dem Parkplatz des Dinners. Als hätte er unser Gespräch gerade mitbekommen, steigt A.C. aus und kommt auf uns zu.
„Na“, sagt er. „Das hat ja nicht so gut funktioniert.“
Da ich keine Lust habe, mich mit ihm über „menschliche Gefühlsduseligkeit“ zu unterhalten, frage ich: „Und wie werden wir Baphomet wieder los?“
Er schiebt seinen Hut in den Nacken. „Ich weiß es nicht. Es gab eine Kette, die ihn in der Grube festgehalten hat, aber die wird nicht mehr dort sein. Aber wie man ihn tötet…“ Er zuckt mit den Schultern. „Ich muss hoch und weiter nachforschen. Und wir müssen Sally daran hindern, noch mehr Gefallene zu befreien. Noch ist es nur einer…“ Er schaut Aiden an. „Ihr habt doch einen Draht zu den Naturgeistern. Schaut mal, ob die helfen können. Mehr kann man im Augenblick nicht tun.“
„Wo schon mal alle Karten auf dem Tisch sind“, sage ich. „Was willst du eigentlich? Sally will die Apokalypse und alle Menschen töten, aber du?“
Er grinst. „Ich will die Apokalypse verhindern. Und der neue himmlische Herrscher werden, nachdem die letzten eher weniger Erfolg hatten und Gott weg ist. Aber keine Angst, ich finde euch Menschen ja ganz knuffig, ich will euch nicht umbringen.“
Aiden schnaubt. „Toll, jetzt muss man sich schon freuen, weil man ‚ganz knuffig’ ist.“
„Immerhin besser, als wenn man euch für Ungeziefer hält. Wie es Sally tut“, sagt A.C. Er schaut mich an: „Na gut, mach du deinen Teil und halte mich auf dem Laufenden.“
Ich nicke. Ich vertraue ihm nicht weiter, als ich ihn werfen kann, scheint aber so, als hätten für den Moment die gleichen Ziele.

Matt liegt noch im Krankenhausbett, eine Infusionsnadel im Arm. Er sieht blass aus und verloren.
„Wie geht’s?“ frage ich.
Er macht eine schwache Bewegung und sinkt dann zurück ins Bett. „Könnte besser sein. Aber auch schlimmer.“
„Was hast du jetzt vor?“ sage ich und meine eigentlich: „Jetzt bist du frei.“
„Ich muss zurück ins Basislager. Wenn das ist wie bei Dämonen, dann weiß Baphomet, wo wir uns aufhalten. Wir müssen weiterziehen.“ Er zerknäult und glättet die Bettdecke zwischen seinen Fingern.
„Du kannst gehen, wohin du willst. Was schuldest du ihnen?“ sage ich.
„Es sind immer noch meine Kameraden“, sagt er. „Egal, was mit Vater ist…“
„Geh einfach. Ich bin weg, als ich sechzehn war“, sage ich.
Er nickt. „Mein anderer Bruder, er ist zum Militär, sobald er konnte und er wollte, dass ich auch gehe. Aber da war noch Agnes, meine Schwester, und Mutter. Ich konnte sie schlecht alleine lassen.“ Er schaut auf die Decke zwischen seinen Fingern. Ich weiß genau, was ihn diese Entscheidung gekostet hat. Trotzdem verstehe ich sie.
„Meine Mutter hat sich umgebracht“, sage ich. „Wegen ihm.“
„Ich weiß. Er hat manchmal darüber geredet“, sagt Matt und sein Tonfall macht klar, dass mein Vater nichts Gutes dazu zu sagen hatte. Wut flammt in meinem Bauch auf.
Matt spreizt seine Hände und legt sie flach vor sich. „Jetzt wo Vater weg ist, brauchen wir einen neuen Anführer“, sagt er. „Du hast doch Anführerqualitäten bewiesen, da unten. Willst du nicht die Truppe übernehmen?“
Ich mache automatisch einen Schritt rückwärts. Anführerqualitäten. Ich. Der manchmal wochenlang mit niemandem auch nur ein Wort gewechselt hat.
Mir liegt das ‚Nein’ schon auf der Zunge, aber vielleicht… Nicht, dass ich ein besonders guter Anführer wäre. Aber was ist die Alternative? Der fieseste Drecksack aus dem Stall meines Vaters übernimmt eine paramilitärische Einheit?
„Ich denke drüber nach“, sage ich. „Ich komme aber vorbei und schaue, wie ich helfen kann. Okay?“
„Klar“, sagt Matt, aber ich habe den Verdacht, dass er die Ablehnung in meinem Gesicht erkannt hat.
Verdammt noch mal. General Fisher. Ha.

Als ich zu den anderen zurückkomme, sagt Aiden: „Ich will zum Grab meines Vaters fahren. Kommst du mit?“
„Ich habe Matt versprochen, bei den Militärs zu helfen“, sage ich.
„Hat das nicht einen halben Tag Zeit?“ fragt er.
Na gut. Warum auch immer ihm das so wichtig ist.

Im Auto gibt er mir eine Stange Zigaretten. Ich starre sie an und frage: „Wofür soll das denn sein?“
„Nimm’s einfach. Alkohol würde ich dir halt keinen kaufen“, sagt er.
Keine Ahnung, was er von mir will. Kann nur Bestechung sein.
Wir fahren los und nach einer Weile sagt er: „Das ist, weil… Du hättest den Speer auch einfach nehmen können. Du hast mir das Leben gerettet und dabei auch noch deine Seele verkauft.“
Ich schaue aus dem Fenster. „Das war nur meine Entscheidung.“
„Nein, wirklich.“ Er umklammert das Lenkrad. „Du bis immer für uns da und hilfst uns. Und, na ja, da wollte ich danke sagen oder so.“
„Jetzt hör aber mal auf, auf die Tränendrüse zu drücken“, sage ich. Aiden ist echt ein größeres Mädchen als Jo.
Glücklicherweise kommen wir beim Friedhof an und er hat keine Gelegenheit, sich noch mal zu bedanken. Vor dem Grabstein bleiben wir stehen. Ich verzichte darauf, Whiskey auf Quentins Grab zu vergießen. Nicht nur, weil ich keinen dabei habe.
„Sag mal“, mein Aiden. „Bin ich meinem Vater ähnlich?“
Ich streiche mir mit dem Daumen über die Stirn. Ist ja nicht so, als hätte ich mich das nicht auch mal gefragt, zu meinem Vater, und Angst vor der Antwort gehabt.
„Ihr denkt beide nicht nach“, sage ich. „Ihr fühlt Kram und dann tut ihr was. Folgt euren Emotionen und so. Ich weiß nicht, ob das schlecht ist.“
Er nickt und wir stehen schweigend vor dem Grab. Und dann, ganz unvermittelt, sagt er: „Ich habe Jo betrogen.“

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Die Kristall-Aliens
Ein Eintrag aus dem True-Believers-Forum

Liebe True Believers,

ich bin ja neu in eurem Forum, und wenn der Thread hier falsch ist, bitte verschieben. :-)

Aber da ist etwas passiert in Mount Ida, das war ziemlich abgefahren. Ich habe nicht alles davon persönlich mitbekommen, aber ich habe viele Leute befragt und genau recherchiert. (ich bin Reporter, aber ich möchte erstmal nicht darüber reden, von welcher Zeitung. Vielleicht, wenn wir uns besser kennen. ;-) ).

Wie ihr bestimmt wisst, fand in Mount Ida ja letzte Woche der hoch angesehene Ufo-Kongress statt. Es waren ziemlich angesehene Leute da, darunter auch Dr. Marcus Bolton mit einigen seiner Anhänger, Professor Sleczinski, Professor Humdinger und Margo Weinberg, das Orakel. Die kennt ihr sicher.

Außerdem waren aber noch echte Experten da – so richtige Ufo-Jäger. Vollprofis! Ich wette, die arbeiten für die Regierung! Eine davon sah aus wie Amanda Vayne, aber das war vielleicht eine Doppelgängerin oder so.

Jedenfalls sind dort zwei Mädchen verschwunden, Mandy Collins und Lisa Reynolds. Hier mal eine Zeugenaussage von Bethany, einer Schülerin von Dr. Bolton:

“Hallo, ich bin Bethany. Ist das so okay? Ja? Naja, Mandy und Lisa und noch ein paar andere von uns hörten Dr. Bolton ganz gern zu, weil der echt Ahnung hatte von Aliens und so. Der stand auch wirklich in Kontakt! Ist mir egal, was die alle sagen, ich bin da in Mount Ida selber entführt worden, und das waren keine Drogen… ich weiß doch, wie sich Drogen anfühlen!
Jedenfalls waren wir so ein paar Leute, die alle in den letzten paar Tagen entführt worden waren. Dr. Bolton kannte da nämlich so einen Platz, wo wir Kontakt mit den Aliens aufnehmen konnten, so einen Kristallring, den die Aliens an so einen Berg gemacht hatten. Das war auch voll super und hat total gekribbelt. Wenn man sich gut mit Dr. Bolton verstanden hat, durfte man auch mal da hin. Mandy und Lisa waren auch da, aber die hatten Glück, die haben die Aliens nämlich mitgenommen und jetzt verbreiten sie da eine Botschaft von kosmischer Liebe oder so. Ja, da bin ich mir total sicher, ich hatte doch Kontakt zu den Aliens und die waren super-nett!
Die Leichen von den beiden, die da gefunden worden sein sollen? Ach, das ist doch Blödsinn. Da will die Regierung bestimmt was vertuschen. So wie immer.

Tja, Bethany ist ganz schön auf Draht, was? Aber sie weiß natürlich nicht alles, und ganz so harmlos war diese Aliensache wohl auch nicht. Sonst wären die Experten von der Regierung – ich nenne sie mal „Fringer“, nach der Fernsehserie – ja nicht da gewesen. Die haben sich erstmal umgehört und auch mit mir gesprochen. Hauptsächlich waren sie natürlich an Dr. Bolton interessiert.

Hier mal die Stimme von Rachel, einer Ex-Schülerin von Dr. Bolton:

“Einer von denen war bei uns am Haus und hat erzählt, er wäre hier, um Spinnen aus dem Haus zu vertreiben. Jetzt, wo Sie sagen, dass der von der Regierung war, ist es natürlich klar, dass er sich nur im Haus umsehen wollte. Aber er war ein ziemlich cooler Typ.
Später ist er dann mit Amanda Vayne und einer anderen Frau aufgetaucht. Dann haben wir erstmal geredet und gefeiert… ich weiß nicht so ganz, was da passiert ist. Jedenfalls sind die dann ziemlich schnell wieder abgehauen. Auch nicht wiedergekommen, aber nach dem Kongress kam ja dann diese Pressemeldung, dass Dr. Bolton uns die Entführungen nur mit Drogen vorgegaukelt hat. Ich schätze mal, die haben das rausgekriegt. Vertuschung? Ach, naja, ich weiß nicht. Eigentlich glaube ich gar nicht an Aliens.

Aber denk dran, Rachel: Skepsis macht Falten. ;-)

Ich habe während der Untersuchung der Fringe-Division natürlich auch selber noch nachgeforscht. Schließlich wollte ich wissen, wer die sind. Ich habe auch mit Margo Weinberg gesprochen, und die hatte echt was zu erzählen:

“Mein Lieber – die arbeiten nicht für die Regierung. Gaanz falsche Schwingungen. Aber – sie waren bei mir, weil sie meine Fähigkeiten brauchten. Wie Sie wissen, fange ich telepathische Botschaften der Aliens auf. Er – also der Mann, der dabei war – wollte meinen Rat. Er hatte auch schon Kontakt zu den Aliens, wissen Sie, und ist tief in den Bürgerkrieg der Aliens verstrickt. Ja, natürlich führen die Aliens Bürgerkrieg. Schon seit einer Weile. Worum es geht? Das kann ich in menschlichen Worten gar nicht ausdrücken – es ist ein äonenalter Zwist zwischen Ordnung und Chaos, ausgefochten im Äther des urtümlichen Seins… ach, das wollen Sie nicht wissen? Na gut. Dieser Mann jedenfalls arbeitet für einen Agenten des Chaos, der sich ‚Aziraphel‘ nennt. Er hält Aziraphel wohl für einen Engel, die arme umnachtete Seele. Tss.
Die beiden anderen waren nicht so wichtig… die ältere Frau hatte auch schon Kontakt mit den Aliens, gab sich aber als Skeptikerin. Die junge Frau – sie sah aus wie diese Schauspielerin, wissen Sie, aber sie war gar nicht betrunken – hat eine alte Seele, aber von den Aliens wurde sie noch nicht berührt. Amanda Vayne? Ich spüre ja, dass das ein Künstlername ist…

Bürgerkrieg! Klingt das nicht spannend? Die Fringer nahmen das wohl ganz schön ernst. Aber Leute, die Bombe kommt erst noch! Ich habe hier den Bericht eines Augenzeugen von einer Begegnung mit den Aliens! Der persönliche Assistent von Dr. Bolton, Lyle T.!

“Was? Eigentlich will ich nicht darüber reden… noch ein Drink? Ach, was soll’s, na gut. Jaja, Marcus… Dr. Bolton und ich haben ab und zu Leute unter Drogen gesetzt. Die sollten doch erfahren, wie Kontakt mit Aliens so ist. Dr. Bolton hat die dann immer hypnotisiert und seine eigenen Erinnerungen erzählt. Hat er mit mir auch gemacht. Das war… sooo… toll…
Die drei Leute da? Waren von der Regierung? Echt? Na, das erklärt viel. Haben sich auch so benommen. Aber Moment, war die eine nicht Amanda Vayne? Eine Doppelgängerin? Aber sie hat doch gesagt… ach so. Na gut. Wir haben die auch bedröhnt und be-alien-t, weil Dr. Bolton meinte, das wäre publicitymäßig super. Dann haben wir sie in den Wald gelegt, damit sie da aufwacht. Ich hab vorher extra noch nach Spinnen geguckt und Moos aufgeschichtet, damit die sich auch wohl fühlt.
Aber die und die zwei anderen Regierungstypen haben das geschnallt und sind wiedergekommen. Der Typ hat Marcus und mich mit einer Pistole bedroht… Ich dachte echt, gleich erschießt der mich. Oder Marcus, das wäre auch nicht in Ordnung gewesen.
Dr. Bolton ist aber ganz cool geblieben. Der Typ wollte, dass wir ihm die Drogen geben und ihn zu dem Ort bringen, wo Mandy und Lisa verschwunden sind. Das ist so ein Kristallkreis, wo Dr. Bolton immer mit den Aliens Kontakt hatte. Ein Kraftort, hat er gesagt.
Na gut, haben wir gemacht. Der Typ hat die Drogen weggeworfen, aber ich glaube, das war der Amanda-Tussi gar nicht so recht.
Und bei dem Kreis wurde es dann echt abgefahren: Dr. Bolton hat so seine Hände an die Kristalle gelegt, dann haben die geleuchtet. Haben die aber immer gemacht. Aber dann… das war so krass… dann sind die Kristalle seine Arme hochgewachsen, und er hat angefangen, zu schreien. Der Typ hat gleich auf seinen rechten Arm geschlagen, ganz fest, und er ist da auch wieder freigekommen, aber sein Arm war an zwei Stellen gebrochen.
Der andere Arm hing noch drinnen, dann hat jemand drauf geschossen, da war auf einmal überall Blut, ganz eklig, und die Hand von Marcus war irgendwie draußen aus dem Kristall, aber so richtig kaputt. Im Krankenhaus mussten sie ihm später zwei Finger abnehmen, und so richtig ganz wird die nicht mehr. Das war… echt… voll übel. Ich hab das alles gesehen. Ich brauch noch einen Drink.
Ja, danke, das hilft. Aber es wurde ja noch viel krasser: Aus so einer Höhle kamen zwei Kristallstatuen, die sahen aus wie Mandy und Lisa. Nur halt aus Kristall. Ich hab den Rest nicht so mitgekriegt, weil ich Marcus in Sicherheit bringen wollte, aber diese Fringer haben mit den Kristallaliens gekämpft. Ein von den Dingern hat Mandy dann auch losgelassen, die war nämlich noch innendrin, aber das war so eklig… noch einen.
Das Alien war irgendwie mit ihr verschmolzen, und als es da weg ist, hat es sie total zerfetzt. Das vergess ich nie. Nie. Kranke Scheiße.
Ich hab dann Marcus gepackt und bin weggelaufen. Die Fringer haben die Kristallaliens noch irgendwie… besiegt, oder was weiß ich, jedenfalls haben die uns nicht mehr verfolgt.
Nein, ich glaub nicht, dass das nette Aliens waren. Die wollen uns bestimmt erobern oder so.

Tja. Der junge Mann war ein bisschen verwirrt und am Ende ziemlich betrunken, aber wer hätte so einen Schock schon ohne geistige Narben verkraftet? Vielleicht die Fringer.

Ich habe dann noch versucht, mit den örtlichen Experten für die Kristalle in Mount Ida zu reden, aber die haben mich abgewimmelt. Das kann ich hier gar nicht schreiben, was die Frau aus dem Kristall-Laden zu mir gesagt hat. Sind ja vielleicht Minderjährige anwesend. ;-)
Aber: Sehr verdächtig – sie haben die diesjährige Weltmeisterschaft im Kristallausgraben abgesagt. Irgendwas muss wohl an der Geschichte dran sein, oder was meint ihr?

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Red Ghost

Ich habe hier schon oft über Dinge geschrieben, die unglaublich sind. Aber was ich diesmal beschreibe, ist so unglaublich, dass ich es selbst nicht richtig glauben kann.
Das macht es aber nicht weniger wahr.
Ich war gerade in Arizona, um Wüstenaufnahmen zu machen, als ich von seltsamen Ereignissen auf einer Casino-Baustelle in der Nähe von Camp Verde las – wer mag, kann den Artikel auf der Webseite der Camp Verde Gazette nachlesen.
Zwei Arbeiter wurden durch einen unbekannten Angreifer getötet. Die Frau wurde zu Tode geprügelt und der Mann starb, als der Büro-Trailer umgeworfen wurde, in den sich die Frau geflüchtet hatte.
Die Polizei schob das Ganze auf Ganger aus L.A., aber wenn das stimmt, was waren dann die seltsamen runden Abdrücke, die man auf dem Gelände fand?
Klang nach einer übernatürlichen Kreatur, wenn ihr mich fragt.
Außerdem hatte der Bauherr eine Belohnung von 10.000 $ für die Erfassung der Täter ausgeschrieben. 10.000 $ sind zwar sehr nett, aber letztlich ist die Wahrheit sich selbst Belohnung genug – und, seien wir mal ehrlich, wann hätte man schon mal ein Übernatürliches Ereignis so belegen können, dass man dafür Geld bekommen könnte?
Mit Hilfe von zwei Freunden und dem Segen des Bauherrn nahmen wir also die Ermittlungen auf. Es gab auch einige Ansätze: Es gibt ein Indianercasino ganz in der Nähe – vielleicht hatte der Bauherr seine Bauarbeiten auf heiligem Boden begonnen und die Indianer hatten ihn verflucht?
Außerdem gab es die Legende des „Roten Geistes“, der schon häufiger gesichtet wurde und häufig Leute zu Tode prügelte oder trampelte. Die erste Sichtung des „Roten Geistes“ erfolgte schon vor 150 Jahren. Geist? Wer weiß, vielleicht war es auch ein Monster.
Unser erster Stopp sollte die Baugrube sein, auf der im Augenblick die Arbeit aufgrund der Morde stillgelegt war. Doch noch auf dem Highway beobachteten wir ein Auto, dass von der Straße abgekommen war. Vielleicht nur ein Unfall – vielleicht auch mehr.
Natürlich war es mehr. Das Auto schien mit großer Wucht gegen etwas geprallt zu sein. Die Fahrerin behauptete, es sei ein großes Tier gewesen. Unter der Motorhaube steckten auch tatsächlich rötliche Haare, die mit einem ekligen Schleim bedeckt waren.
Der perfekte Augenblick, um meinen Glyzer auszuprobieren. Erinnert ihr euch daran? Ich habe vor ein paar Wochen über mein neustes Projekt gebloggt, ein aufgerüstet EMP-Messgerät. Die Bauanleitung findet ihr dort, aber Achtung, ihr solltet schon ein paar Kurse in E-Technik besucht haben, bevor ihr euch daran wagt.
Jedenfalls kann mein Glyzer nicht nur elektro-magnetische Wellen aufspüren, sondern sie auch darstellen. Wir alle wissen, dass Geister elektro-magnetische Impulse aussenden und man sie so finden kann. Und wenn ihr es noch nicht gewusst habt, wisst ihr es jetzt. Ich hoffe, dass ich irgendwann eine Sammlung von Geisterwellen anlegen kann, aus denen man Aussagen über Alter, Art und Stärke einer Geistererscheinung machen kann.
Aber das ist noch Zukunftsmusik.
Ich schaltete also meinen Glyzer an und tatsächlich, dass Ding schlug ordentlich aus. Der „Rote Geist“ musste also ein echter Geist sein. Dann die Enttäuschung: Mein Glyzer zeigte zwei überlappende Wellenlinien an. Das konnte nicht stimmen, oder? Waren es vielleicht zwei Geister, die zusammenarbeiteten?
Ich machte eine Aufnahme der Wellenlinien, um sie später gründlich analysieren zu können.
Außerdem fanden wir die „runden Spuren“ von denen wir schon gehört hatten. Sie sahen aus wie Herzen oder wie Kreise, in denen eine Ecke fehlt.

Drom tracks small

Vielleicht hat es einer von euch schon erkannt: Es waren Dromedar-Spuren.
Hört auf zu lachen, ich konnte es auch erst nicht glauben. Ein Geister-Dromedar? So ein Blödsinn!
Wir werden sehen.
Hier beschlossen wir, dass weitere Recherchen nötig waren. Ich setzte mich noch mal in das Archiv, während meine Begleiter mit den Indianern und den Kollegen der Opfer redeten.
Und Tatsache 1856 wurden in Arizona drei Dutzend Dromedare eingeführt, um sie im Krieg gegen die Indianer einzusetzen. Nur leider sind Dromedare ziemlich schlecht gelaunte Viecher, die sich nicht so gut dressieren lasen wie Pferde. Man gab also das Projekt Dromedar auf.
Trotzdem kam es in den folgenden Jahrzehnten immer wieder zu Dromedar-Sichtungen: 1901, 1913 und 1929, als ein Kamel eine Pferdeherde angriff.
Auch Angriffe auf Menschen fand ich zur Genüge. 1883 hörte ein Farmer seine Frau schreien. Als er ihr zur Hilfe eilte, hatte man ihr schon den Schädel eingeschlagen. In der Nähe fanden sich rotes Fell und herzförmige Abdrücke. Im gleichen Jahr wurde das Zelt zweier Minenarbeiter von einem großen Tier mit rotem Fell niedergetrampelt. Von ihnen wurde aber keiner verletzt.
1967 verschwanden zwei neunjährige Pfadfinderinnen mitten in der Nacht aus ihrem Camp. Ihre Leichen wurden in einem Bach gefunden. Allerdings waren ihre Körper von Blutergüssen bedeckt.
Entscheidend war aber ein Artikel: 1893 schoss ein Farmer auf ein Kamel, das sich an seinem Gemüse gütlich tat. Es floh, aber der Farmer hatte den Eindruck, dass auf seinem Rücken etwas festgebunden sei. Als er den Blutspuren folgte, fand er einen menschlichen Schädel, den er dem Stadtarchiv vermachte.
Langsam schälte sich heraus, was in Camp Verde umging, aber noch fehlte eine Information: Jacob Tanner.
Jacob Tanner war ein Soldat in den 1880ern und ein echter Schatz, wenn man sich die Liste seiner Vergehen so durchliest: Diebstahl, Trunkenheit, Körperverletzung, vor allem gegen Frauen. Zuletzt bekamen sie ihn für Desertion und Mord an einer Prostituierten dran. Die Todesstrafe wurde auf eine ganz besondere Art vollstreckt. Er wurde ausgepeitscht und auf den Rücken eines der letzten Dromedare gebunden, die noch übrig waren. Das Kamel jagte man dann in die Wüste hinaus.
Erinnert ihr euch an die überlappenden Wellenlinien? Tanner musste auf dem Kamel gestorben sein. Sein Geist und der des Dromedars vermischten sich, bis sie gemeinsam als „Roter Geist“ Arizona heimsuchten.
Und wie es aussah, hatten sie es vor allem auf Frauen abgesehen. Das hielt mich trotz der erhöhten Gefahr für mich natürlich nicht davon ab, meiner Pflicht nachzugehen und weiter zu forschen.
Bevor ich mit meinem Bericht fortfahre, hier noch mal die Zusammenfassung zu Geistern:

1. Geister sind gefährlich! So richtig gefährlich. Vielleicht gibt es auch liebe und nette Geister, aber bisher haben wir nur die Albtraumversion getroffen. Versucht also nicht, mit dem geisterhaften Bewohner eines Spukhauses zu kommunizieren, das kann nur schief gehen. Und wenn ich „schief gehen“ sage, meine ich „tödlich enden“.
2. Geister sind empfindlich gegen Steinsalz. Salz ist in vielen Kulturen ein Symbol der Reinheit, das unreine Wesen wie Geister abstößt. Wenn ihr also von einem wütenden Geist gejagt werden, schleudert Steinsalz auf es und es lässt euch für ein paar Sekunden in Ruhe. Man kann sogar Schrotpatronen mit Steinsalz füllen (die Anleitung dazu gibt es demnächst!) und mit der Flinte auf Geister schießen.
Last but not least, Geister können Salz nicht überqueren. Zieht ihr einen Salzkreis um euch, kann der Geist nicht mehr an euch ran. ABER… einige Geister, Poltergeister, um genau zu sein, können Dinge durch die Gegend werfen. Die fliegen auch in den Salzkreis, wie ich gelernt habe.
3. Eisen hat eine ähnliche Wirkung auf Geister. Ein Schüreisen ist auch eine praktische Waffe gegen Geister, nur muss man näher ran. NICHT EMPFOHLEN!
4. Geister verschwinden, wenn man ihre sterblichen Überreste beseitigt, indem man sie mit Steinsalz bestreut und verbrennt. Denkt aber dran, dass Knochen nicht innerhalb von zwei Sekunden verbrennen, das braucht etwas.

Wir brachten also die nötige Ausrüstung mit und machten uns auf zur Baustelle. Erster Halt war der Bürotrailer. Spuren ließen sich keine mehr finden, aber sowohl eine Digitalkamera wie auch ein Laptop.
Auf der Kamera waren Bilder eines Tierskeletts und auf dem Laptop ließen sich E-Mails von einem der Opfer finden, in dem sie vom Fund des Skeletts berichtete… abgeschickt am Tag ihres Todes.
Obwohl es schon mitten in der Nacht war, kletterten wir in die Grube hinunter. Mit Hilfe des Glyzers fahndete ich nach den Überresten… Ihr dürft raten, was passierte. Das Geisterkamel, Jacob Tanner auf seinen Rücken gebunden, tauchte auf. Der „Rote Geist“ war etwa zweieinhalb Meter groß, sicher eine Tonne schwer und hatte, wie der Name schon sagt, rotes Fell.
Ihr dürft wieder raten. Als Frau war ich sein Primärziel. Ich sage euch, das ist kein Spaß, wenn so ein Riesentier auf einen zurast. Und Kamele stinken. Zum Glück konnten meine Begleiter, die mit Steinsalz-Flinten bewaffnet waren, die Kreatur abhalten, bis wir die Überresten entdeckt hatten.
Um sie in Ruhe verbrennen zu können, zogen wir einen Salzkreis um das Skelett. Während meine Begleiter dem Geist trotzen, rannte ich hinüber zu meiner Ausrüstung und holte meine Kamera. Gefährlich, sicher, denn kaum hatte ich meinen Fuß außerhalb des Kreises gesetzt, stürmte das Kamel auf mich zu. Mit letzter Kraft schaffte ich es zurück in den Kreis.
Immerhin kann ich euch diese Aufnahmen präsentieren:

Dromedar youtube

Das ist der „Rote Geist“, wie er uns umkreist und uns angreifen will. Die Stelle in der Mitte, als die Aufnahme kurz verwackelt und ihr mich schreien hört, da wurde der Kreis unterbrochen und der „Rote Geist“ konnte uns angreifen. Das war echt knapp!
Am Ende hatten wir aber Erfolg. Da die Möglichkeit bestand, dass so verbundene Geister sich gegenseitig im Diesseits festhalten konnten und Jacob Tanners Schädel fehlte, trennten wir die Skelette und verbrannten jedes für sich. Das ist die Pyro-Show am Ende des Clips: Das Kamel löst sich in Luft auf.

Jetzt mussten wir nur noch den Schädel verbrennen. Er befand sich, wie gesagt, im Stadtarchiv, wo wir ihn nach einiger Mühe fanden.
Jacob Tanner fand nicht gut, was wir da taten und manifestierte sich. Leider gibt es davon keine Aufnahmen, weil die Konfrontation mit dem Soldatengeist zu hitzig war und ich keine Möglichkeit hatte, sie zu filmen. Nächstes Mal bringe ich eine kleine Kamera mit, die ich mir umschnallen kann.
Jacob Tanners Wut gegen Frauen konnte ich gegen ihn verwenden: Ich lenkte ihn ab, als er meinen Begleiter angreifen wollte, der gerade mit dem Schädel nach draußen lief und konnte ihn lange genug beschäftigen, bis der Schädel beseitigt war.
In so einer Situation will ich nicht noch mal enden. Spaß war das keiner, kann ich euch nur sagen.
Der Soldat verbrannte nicht, wie es das Kamel getan hatte, sondern es war, als würden geisterhafte Frauenhände aus dem Boden greifen, seine Beine umschlingen und ihn zu sich in die Hölle ziehen.

Ich hoffe, Jacob Tanners Opfer konnten so etwas Genugtuung erfahren und der Rote Geist ist auf immer aus Arizona verschwunden.


Private E-Mail an Hellskitty:

Hi Kitty,

alles klar bei dir? Das war was in Arizona! Geisterkamel, ich glaube es nicht. Ich hätte dich da echt gebrauchen können, das war alles ultra-unheimlich und gefährlich. Immerhin konnte ich ein paar Aufnahmen machen.
Ich habe auch ein paar von diesen Jägertypen kennengelernt, von denen du erzählt hast. Zitter Von denen will ich keinem im Dunkeln begegnen. Der eine hieß Bartholomäus und war ganz OK. Eher ein ruhiger Typ. Der andere heißt Barry und ich bin mir ziemlich sicher, dass er der Grund für die Hookman-Legende ist. Hinterher haben sie mich in ein „Roadhouse“ mitgenommen, wo sich noch mehr von der Sorte rumtreiben… Mann, die haben alle einen an der Klatsche und das meine ich in der Manson-Variante. Suuupeeer creeeepy. Wenn man so komisch sein muss, um Monster zu jagen, halte ich mich lieber an Filmaufnahmen.
Aber na ja. Vielleicht kann ich denen vom Computer aus helfen, wir hören ja immer mal was. Dann muss ich nicht mit ihnen reden. Pass bloß auf, wenn du mit denen rumhängst, nicht, dass dir was passiert! Einige haben mich angeschaut, als hätten sie seit Monaten kein Mädchen mehr gesehen. Bäh!
Indirekte Kommunikation ist viiieeel besser. Mal sehen, vielleicht treffen wir bald welche im TrueBelievers-Forum.

Jetzt muss ich noch meine Wüstenblumen-Aufgabe für die Filmklasse fertig machen. Kommst du morgen zu Professor Janistons Journalistik-Vorlesung?

Byebybe,

Ally

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Tales of the Arizonian Desert

@Anne: Hier noch das Bild für die Kachel: Camel cowboy2 300

Grad wieder zu Hause angekommen. Gemischter Erfolg: Ich bin mit meinem Paper weiter, aber die 10.000 Dollar Belohnung (oder meinen Anteil daran) habe ich nicht bekommen. War aber auch nicht zu erwarten.

Schritt zurück. Camp Verde, Arizona. In der Nähe gibt’s ein Reservat, auf dem zwei verschiedene Stämme leben und jeweils ihre eigene Sprache sprechen. Eigentlich bin ich deswegen hingefahren. Paper für das Journal of Native American Linguistics.

Dann, im Radio, eine hysterische Frau: „…Zehn-tau-send Dollar! Zehn-tau-send Dollar!“ Ihre Stimme überschlägt sich. Aber sie hat das Geld nicht beim Wettkoksen gewonnen, nein: „John Burlington zahlt zehn-tau-send Dollar an den, der den mysteriösen Mord an seinen Vorarbeitern aufklärt!“ Statt dann zu erzählen, was an den Morden so unglaublich mysteriös war, hyperventiliert sie weiter. Scheint sich zu freuen, mal „Zehn-tau-send Dollar“ sagen zu können.

Okay, denke ich mir, vermutlich ist es nichts. Ein paar hysterische Zivilisten, die noch nie einen Toten gesehen haben und jetzt durchdrehen. Andererseits liegt Camp Verde ohnehin auf dem Weg, und 10.000 Dollar machen sich in Petes College-Fund bestimmt gut. Mein Leben war in der letzten Zeit nicht so einträglich. Für das Paper krieg ich zwar Ruhm und Ehre, aber nicht besonders viele Froschhäute.

Zeitung in Camp Verde berichtet ein paar Details mehr: Beim Bau eines neuen, großen Kasinos sind zwei Leute umgekommen – ein Typ, der sich das Genick gebrochen hat, als irgendwas den Bürocontainer umwarf, in dem er drin war, und eine Frau, die zum gleichen Zeitpunkt vor dem Container totgeschlagen wurde. Seltsame runde Spuren wurden gefunden.
Der lokale Chief of Police meint, es wären Gangster aus L.A. gewesen. Klar. Auf Hüpfstäben, oder woher stammen die “runden Spuren”? Was die in der Wüste von Arizona wollten, stand nicht im Artikel.

Na gut. Scheint zumindest etwas zu sein, was ich mir mal ansehen sollte. Hoffe ja, dass es entweder kein Monster ist oder dass John Burlington ein paar Sachen weiß – ansonsten wird das nichts mit der Belohnung.

Im Stadtarchiv ist nicht viel los. Klimaanlage ausgefallen, das macht bei der Hitze keinen Spaß. Bei den Arbeitsplätzen ist ein bebrilltes Mädchen dabei, einen riesigen Stapel Papiere herumzuschleppen. Irgendwie kommt die mir bekannt vor… Verdammt. Das ist die Kleine aus dem TrueBelievers-Forum. Hab sie auf einem Wackelvideo gesehen, auf dem sie ängstlich in die Kamera schielte und etwas von “geisterhaften Emanationen” faselte. Wenn ich mich richtig erinnere, ist das TrueBeliever selbst. Sieht auch aus wie ein Nerd. Geisterjagd statt Partys und so. Großartig. Die ist bestimmt wegen den toten Vorarbeitern hier. Mädchen, du bist doch nur einmal jung.

Ich spreche sie an. Kann es nicht brauchen, dass die mir im falschen Moment zwischen den Füßen herumstolpert. Sie lässt vor Schreck den Stapel Bücher fallen und glotzt erstmal meinen Haken an. Vermutlich denkt sie an den Typen, der laut Legende die Camper mit seinem fiesen Haken erschreckt hat.

(Das war ich nicht, falls sich jemand wundert. Ich habe zwar eine Hakenvariante mit Spitze, aber die schraube ich nur selten an. Das letzte Mal habe ich mir das Teil selbst ins Bein gerammt, als mich ein hulkartiger Typ herumgeworfen hat. War nicht so lustig.)

Sie beruhigt sich nach einer Weile, und ich mache ihr klar, dass wir das Problem besser zusammen angehen sollten. Ihr Name ist Allison Dennings, genannt Ally. Sie studiert irgendwas mit Film in Billings, Ohio. Kommt mir vage bekannt vor, der Ortsname.
Während ich noch darüber nachdenke, was damit war, tippt mir irgendwer von hinten auf die Schulter. Gute Idee, Fremder, fast hätte ich dich erschossen. Aber ich kenne den Typen, wenn auch nur aus einem der Roadhouses: Brille, unauffällige Statur, Augen nicht so richtig lebendig.

Er stellt sich als Bartholomew vor. Als ich ihm sage, er soll sich nicht an mich heranschleichen, meint er nur, er habe mir ja nichts tun wollen. Einen sonderlich ausgeprägten Überlebensinstinkt scheint er nicht zu haben, der Gute.

Der ist auch wegen der Toten da. Keiner von uns ist so scharf auf die Kohle, dass er einen Alleingang versuchen will, also arbeiten wir zusammen (Ally ist ohnehin nur an „DER WAHRHEIT“ interessiert. Muss sie mal fragen, warum. Eigentlich ist die Wahrheit meistens verdammt häßlich).

Ally hat schon wild herumrecherchiert – es gibt hier eine Legende von einem Roten Geist, der ab und zu mal auftaucht und Leute umbringt. Zu mehr ist sie noch nicht gekommen. Über die Indianer hier in der Gegend, die auf ihrem Reservat auch ein Kasino haben, hat sie bisher nicht viel gefunden. Vielleicht, meint sie, gibt es hier ja einen Friedhof von denen. Oder die mögen einfach nur das neue Kasino nicht.

Nächste Station: John Burlington, der Bauherr des neuen Kasinos. Macht nicht den Eindruck, als würde er an Geister glauben. Schade. Er weiß auch nicht viel mehr als das, was in der Zeitung stand: Charlie Monroe und Lee Major sind angegriffen worden, als sie noch nach Arbeitsende auf der Baustelle waren und dort irgendwas gemacht haben. Was, weiß er aber nicht.
Drohungen oder Proteste gegen das neue Kasino gab es nicht. Eigentlich waren alle total glücklich mit dem Projekt. Sagt er zumindest.
Von irgendwelchen Gangstern weiß er nichts. Wirkt auch ehrlich, als er das sagt. Der Chief of Police hat eine einfache Erklärung gesucht, und das war wohl das, was ihm eingefallen ist – John Burlington will aber die Wahrheit wissen. Deswegen hat er die Belohnung ausgesetzt.

Noch einer, der die Wahrheit wissen will. Damit umgehen konnte er dann aber nicht. Große Überraschung.

Gut, auf zur Baustelle. Vielleicht finden wir da was. Bart fährt ein Wohnmobil, Ally ein winziges japanisches Studentenautochen, daher nehmen wir meinen Pick-up.
Unterwegs kommen wir an einem Autounfall vorbei. Keine Ahnung, ob es auch noch normale Autounfälle gibt – alle, die ich in den letzten Jahren gesehen haben, wurden entweder von etwas Übernatürlichem ausgelöst oder waren das Ergebnis irgendwelcher wüster Stunts.

Der hier gehört in die erste Kategorie. Eine Frau ist mit ihrem hellblauen Flitzer in etwas hineingefahren – sie selbst steht unter Schock und ist nicht richtig ansprechbar (Krankenwagen ist schon da). Am Kühler finden wir Schleim, ein paar wollige rote Fellhaare und eine riesige Delle. Ein paar von den runden Abdrücken kann ich auch entdecken.
(Yay, Spuren lesen! Offenbar hat der kleine Cheyenne abgefärbt. Ich hab tatsächlich welche gefunden. So sehen die also aus.)
Ally fuhrwerkt mit einer Mischung aus Walkman und Tricorder herum und erklärt verblüfft, dass sich hier zwei Geisterwellen überlagern würden. Okay, also zwei Geister. Gut zu wissen.
Dann meint sie, dass die Spuren zu einem Kamel oder Dromedar gehören würden. Passend, ist ja auch eine Wüste hier. Vielleicht der falsche Kontinent. Naja, die Weißen haben alles Mögliche hier eingeschleppt – warum nicht auch Kamele?

Wir trennen uns. Bart geht, um mit den Bauarbeitern zu reden. Die haben grad alle frei, weil Burlington nach dem Mord erstmal einen Baustopp verhängt hat. Allerdings wissen sie nicht viel darüber, was Charlie und Lee abends noch so spät auf der Baustelle gemacht haben. Eine Affäre hatten sie wohl nicht – Charlie war ja auch schließlich eine verheiratete Frau!
(Wann hat das schon mal jemanden aufgehalten? …na gut, mich hält das schon davon ab. Meistens zumindest. Meistens? Hab ich das gerade echt geschrieben? Verdammt, hoffentlich liest Tam das nicht.)

Ich fahre zum Reservat. Dort erzählt mir Nathan, der Heilige Mann, dass es die Legende vom Roten Geist ungefähr seit 150 oder 200 Jahren gibt – es ist keine indianische Legende. Der Rote Geist taucht immer mal wieder auf, ziemlich unregelmäßig, und trampelt irgendwen zu Tode. Meistens Frauen. Bisher immer in der Wüste.
Gegen das neue Kasino hat Nathan nichts. Belebt vielleicht das Geschäft auf dem Reservat mit. Mehr Touristen sind gut für alle. Sehr harmonisch hier.
Ich schaffe es natürlich nicht, zurückzufahren, bevor ich ihm nicht ein paar Fragen über die beiden Sprachen, die sie auf dem Reservat sprechen, gestellt habe. Das dauert eine Weile. Ist auch – ehrlich gesagt – interessanter als Rote Geister und totgetrampelte Leute.

Ally forscht im Archiv herum und findet heraus, dass die weißen Soldaten aus dem Fort hier in der Gegend irgendwann Anfang des 19. Jahrhunderts auf die brilliante Idee kamen, ein paar Kamele für den Wüstenkampf zu importieren. Damals waren sie auf dem Gelände den Apachen ziemlich unterlegen, weil die sich in der Wüste auskannten, daher dieser schlaue Schachzug.
Vielleicht hätten sie noch ein paar Leute mit importieren sollen, die sich mit den Kamelen auskennen. So, wie es ablief, kamen sie nämlich nicht mit den Viechern zurecht. Nach und nach starben die Tiere ihnen alle weg oder liefen davon.
Auftritt Jacob Tanner. Ein Soldat aus dem Fort, der sich gern prügelte. Am liebsten mit Frauen, die konnten wohl nicht so hart zurückschlagen. Irgendwann übertrieb er es, brachte ein Saloongirl um und wurde zum Tode verurteilt. Weil die hier nicht viel zu tun hatten, dachten sie sich eine besondere Todesart aus: Tanner wurde erst ausgepeitscht, dann auf eines der letzten Kamele gebunden und in die Wüste hinausgejagt, um dort zu sterben.

Okay, Tanner war ein Arschloch, aber was hat das Kamel denen getan, um den Tod in der Wüste zu verdienen?

Ungefähr seit Tanners Tod gibt es die Legende vom Roten Geist. Erklärt auch, warum der lieber Frauen angreift.

Ally, das emsige Bienchen, findet auch noch einen Bericht von einem Farmer, dessen Vieh nachts von einem riesigen Kamel attackiert wurde. Er erzählte später, dass da wohl etwas oder jemand auf den Rücken des Kamels saß. Als er darauf schoß, verschwand es – aber am nächsten Tag fand er einen Totenschädel. Den haben sie zur Aufbewahrung ins Archiv gebracht.

Das ist alles sehr interessant, erklärt aber noch nicht, warum Tanner und der Rote Geist die Vorarbeiter angegriffen haben. Die waren nicht in der Wüste, wo das Gespann sonst immer auftaucht. Bleibt nur eins: Wir müssen uns die Baustelle anschauen, auch wenn es langsam dunkel wird.

An der Baustelle hält uns ein Sicherheitsfuzzi auf, aber der will nur bestochen werden. Wir schauen uns erstmal den Trailer an, wo wir eine zerdellte Digitalkamera und ein zerstörtes Laptop finden. Was haben die hier für einen Chief of Police, der so etwas nicht sicherstellt?
Mit ein paar technischen Tricks schafft es Ally, Zugriff auf SD-Karte und die Festplatte des Laptops zu bekommen. Da werden ein paar Sachen klarer: Charlie und Lee haben beim Herumbuddeln das Kamelskelett gefunden. Das hat dem Kamel (oder seinem Reiter) vermutlich nicht gefallen, daher der Angriff.

Na gut, also die übliche Prozedur: Salz und Kerosin auf das Skelett und anzünden. Bart weiß Bescheid, Ally macht große Augen. Ich erkläre ihr noch mal, dass Geister gefährlich sind. Gerade dieser Geist, gerade für sie. Sie soll in unserer Nähe bleiben. Klar, nickt sie brav, das wird sie machen. Sieht auch aus, als hätte sie es kapiert.

Wir schnappen uns einen Sack Salz und einen Kanister Kerosin und gehen auf die Suche. Kaum haben wir das Skelett gefunden, taucht der Rote Geist auf und greift Ally an. Bart und ich können das Vieh mit unseren Schußwaffen im Schach halten, bis Ally einen Salzkreis um uns und das Skelett gezogen hat.
Bleibt nur noch ein Problem: Das Skelett liegt nicht frei, sondern ist noch ein gutes Stück im Wüstensand vergraben. Schaufeln liegen oben, beim Wagen. Bart und ich gehen los, um das passende Werkzeug zu holen – Ally, das liebe Kind, rennt auch aus dem Salzkreis, weil sie unbedingt ihre nachttaugliche Kamera für eine Dokumentation holen will. Großartig. Und bis zu dem Moment hat sie halbwegs vernünftig gewirkt. Wenigstens hat sie nicht versucht, mich zu filmen.

Der Rote Geist taucht auf, greift an, aber wir schaffen es knapp zurück in den Kreis. Dann geht es ans Ausgraben. Während Bart und ich schuften, reitet Tanner auf seinem brüllenden Kamel um den Kreis herum und schreit Ally wüste Beschimpfungen entgegen. Ich glaube, sie und Bart kriegen das gar nicht mit, aber seitdem mir Eyes das halbe Ohr im Mahlstrom von Myst weggeschossen hat, höre ich immer mal wieder die Stimmen von Geistern. Aber vielleicht besser so für Ally und Bart: Was Tanner da von sich gibt, ist echt widerlich.
Das Graben ist mit einer Hand und einem Haken gar nicht so leicht. Irgendwann rutscht mir die Schaufel weg und fliegt durch die Gegend. Verdammt. Salzkreis durchbrochen.
Glücklicherweise ist Bart schnell genug, um seine Schrotflinte zu schnappen und auf den Roten Geist zu schießen, während Ally den Salzkreis neu zieht. Außer ein paar blauen Flecken ist nichts passiert. Das war knapp. Sei verdammt noch mal vorsichtiger, Barry.

Schließlich haben wir das verdammte Skelett ausgebuddelt. Sind nicht nur Kamelknochen, dazwischen liegen auch die Überreste eines Menschen. Der Kopf fehlt allerdings. Vermutlich ist das Tanner.
Ally meint, wir sollten die Skelette lieber separat verbrennen, weil die Wellen ja verknüpft waren und es sein kann, dass sich beide Geisterwellen dann quasi an Jacob Tanners Schädel hängen. Okay, sortieren wir, Kamelknochen nach rechts, Menschenknochen nach links. Dann machen wir zwei kleine Freudenfeuer.

Das ist natürlich der Moment, wo der Sicherheitsfuzzi wieder auftaucht und wissen will, was hier los ist. Ich erkläre ihm, dass Ally kalt war. Geb ihm einen Benjamin Franklin. Das reicht ihm. Er stellt keine weiteren Fragen.

Wir fahren zurück zum Archiv, um Tanners Kopf zu suchen. Kann sein, dass er nicht mehr da ist – die Geschichte mit dem Farmer, der ihn gefunden hat, stammt aus den 20er Jahren.
Aber wir haben ausnahmsweise Glück: Das Stadtarchiv hat ein Außenlager, wo alter Krempel aufbewahrt wird. Bart knackt das Schloss relativ professionell – zumindest sieht es für mich professionell aus, aber ich trete verschlossene Türen ja auch immer ein. Unsubtil, ich weiß.
In einem abgeschlossenen Bereich innerhalb der Lagerhalle (kein Hindernis für Bart) finden wir den Schädel. Ruft natürlich Jacob Tanner auf den Plan. Wenigstens hat er sein Kamel nicht mehr dabei, als er uns angreift.

Bart schnappt sich den Schädel und rennt raus, um ihn zu verbrennen. Tanner hinterher. Ally brüllt ihm zu: „Hey, rennst du vor einem Mädchen davon?“ und wackelt mit dem Hintern. Ich vermute, sie will provozierend oder aufreizend sein. Naja. Scheint ihr ein bisschen an Erfahrung zu fehlen damit. Wirkt eher… nerdig.
Egal, jedenfalls funktioniert es. Tanner lässt Bart in Ruhe und stürmt auf Ally zu. Diesmal schaffe ich es, rechtzeitig dazwischen zu kommen und ihn abzuwehren. Viel macht er ohnehin nicht mehr, bevor Bart seinen Schädel verbrennt.

Er verweht nicht, wie die anderen Geister. Die Arme seiner Opfer greifen durch das Tor ins Jenseits nach ihm und zerren ihn unter wilden Kreischen hindurch. Mach’s gut, Tanner. An deiner Stelle möchte ich jetzt nicht sein. Auch wenn du’s verdient hast.

Wir verschwinden aus dem Lagerhaus. Gibt ja nicht mehr viel zu tun hier. Am nächsten Tag rede ich noch mal mit Burlington und erzähle ihm die Geschichte von dem Roten Geist. Er ruft zwar nicht gleich die Jungs mit den Hab-mich-lieb-Jäckchen, aber er schaut mich an, als wäre ich bescheuert. Ist aber zu höflich – oder zu clever – um das zu sagen. Die Belohnung gibt es jedenfalls nicht. War ja klar. Ich wollte aber nicht abhauen, ohne es wenigstens versucht zu haben.

Bevor wir uns trennen, schnappe ich mir Ally. Sage ihr noch mal, dass die übernatürliche Welt gefährlich ist und dass sie mit dem Blog vielleicht aufhören soll.
„Aber die Welt muss die Wahrheit wissen“, sagt sie.
„Die Welt will die Wahrheit nicht wissen“, erkläre ich ihr.
„Die Welt wollte auch von Guantanamo nichts wissen!“, entgegnet sie trotzig. Verdammt. Da hat sie einen Punkt. Darüber muss ich erstmal nachdenken. Wäre es nicht tatsächlich besser, wenn alle Leute wüssten, dass wir uns die Welt mit Monstern teilen? Früher wussten das die Leute doch auch. Wieso zum Teufel haben sie es eigentlich vergessen?

(Das fällt mir natürlich jetzt gerade beim Schreiben ein. Während ich mit Ally gesprochen habe, wusste ich erstmal nicht, was ich sagen sollte.)

Ich frage sie auch, ob sie es ernst meint. Will sie sich wirklich mit Monstern anlegen? Sie schaut ängstlich, aber entschlossen. Nickt. Gut. Hätte sie nicht ängstlich geschaut, hätte ich sie stehen lassen. So habe ich sie in ein Roadhouse mitgenommen. Leider ist das ‚Dying of the Light‘ zu weit weg, aber Bart meint, er kennt eins in der Gegend. Also sind wir dahin.
Was für eine Bruchbude. Jukebox, fettiger Tresen, Wirt mit Zigarrenstummel zwischen den kaputten Zähnen. Nur Vollzeitjäger da, einer kaputter als der nächste. Mindestens zwei haben Ally lüstern angestarrt. Als hätten sie seit Wochen keine Frau mehr gesehen. Nichts gegen Ally, sie ist echt nett und alles, aber besonders attraktiv ist sie nicht. Ich hab die Typen so lange angestarrt, bis sie weggeschaut haben. Gut.
Wenigstens ist James, der Wirt mit den kaputten Zähnen, aufgetaut und hat Ally ein paar Sachen erklärt. Keine Ahnung, wie viel sie mitgekriegt hat. War ziemlich nervös.

Danach haben wir uns getrennt. Bin nach Hause gefahren. Tam stand schon in den Startlöchern. Irgendwas mit Reliquien. Scheint häufiger vorzukommen in der letzten Zeit.
…manchmal hab ich das Gefühl, wir geben uns hier nur die Klinke in die Hand. Katie hat auch schon gequengelt, dass immer nur einer von uns da ist. Sollten wir mal drüber reden. Falls wir mal lang genug beide gleichzeitig zu Hause sind.

Bevor ich mit meinem Paper weitergemacht habe, bin ich noch mal ins TrueBelievers-Forum gegangen. Da hängen schon echte Deppen herum: FeenBlümchen23, die glaubt, alle übernatürlichen Wesen wären nett und lieb – sie hat angeblich mal einen Werwolf durch einfaches Kraulen besänftigt. Vielleicht sollte ich das bei Brian auch mal probieren. Das klappt bestimmt super.
Oder iHeretic, der alles anpampt und sich etwas auf seine besseren rhetorischen Fähigkeiten einbildet. Newsflash, iHeretic: Nur weil du etwas schöner ausdrücken kannst, hast du deswegen nicht recht. Nur weil du einen Post zerpflücken und einzelne Aspekte totreden kannst, sind deine Argumente nicht besser. Klar, du kannst dir dann einen runterholen, aber deswegen bist du immer noch ein Würstchen.

Durchatmen, Barry.

Solche Typen regen mich einfach auf. Arschlöcher, die auf Schwächeren herumtrampeln.

Aber bei meinem Herumgestöber habe ich dann auch noch das Video von Hellskitty gefunden: Zwei Typen, die einen anderen Kerl den Schädel einschlagen, während er auf dem Boden liegt. War angeblich ein Ghoul. Die Gesichter der Typen sind verfremdet, aber krank sieht es trotzdem aus. Ich denke, ich schreib Ally mal. Auch wenn sie dann weiß, wer ich im Forum bin. Wollte ich eigentlich vermeiden.

PM von Aragnam an TrueBeliever:

„Ally,

wir haben uns vor kurzem in Camp Verde getroffen. Ich war der Typ ohne Brille.

Ein paar Anmerkungen:
Zu deinem „Alle müssen die Wahrheit erfahren“:
- Prinzipiell hast du nicht unrecht. Aber überleg dir mal, warum nicht alle die Wahrheit kennen. Das war nicht immer so. Vielleicht haben alle nur den Kopf in den Sand gesteckt. Vielleicht gibt es aber Leute, denen die Situation ganz recht ist. Rein hypothetisch könnten diese Leute etwas dagegen haben, wenn du zu viele Fakten findest. Sei vorsichtig.
- Halbwahrheiten bringen Leute in Gefahr. Wenn jemand glaubt, man könne einen Werwolf durch Kraulen beruhigen, wie FeenBlümchen23 im Thread Klärt mich auf: Werwölfe auf Seite 2 behauptet, wird er bei einer Konfrontation mit einem echten Werwolf vermutlich zerrissen. Die Jagd auf übernatürliche Wesen ist gefährlich – das weisst du jetzt selber. Einfach einen Haufen unreflektierte Infos ins Netz zu stellen ist das Äquivalent von „Bombenbauen für den Hausgebrauch“.

Noch was: Hellskitty hat in ihrem Eintrag Klein – Monsters and Monsters ein Video verlinkt. Darauf sieht man, wie zwei Typen einem dritten Kerl, der am Boden liegt, den Schädel einschlagen. Hellskitty behauptet, das wäre ein Ghoul gewesen. Aber leider kann man einen Ghoul von einem Menschen nicht unterscheiden, schon gar nicht auf dem Video.

Nimm das Video raus. Zwei Gründe:
- Erstens ist es eklig. Sieht aus wie billiger Snuff, und lockt garantiert Typen in dein Forum, die du da nicht haben willst. Informativ für Möchtegern-Jäger ist es auch nicht.
- Zweitens kann es sein, dass doch mal ein Cop oder Fed drüberstolpert. Was meinst du, was dann passiert? Die sehen da keinen Ghoul. Die sehen einen Menschen, der von zwei anderen totgeschlagen wird. Dann: Daten beschlagnahmt, du verhaftet, bis du herausrückst, wer Hellskitty ist. Hellskitty verhaftet, bis sie das File ohne die verpixelten Gesichter hergibt. Irgendwer wird dafür im Knast landen, wenn nicht du, dann Hellskitty oder die beiden Jäger.

Also nimm es bitte raus. Das ist es echt nicht wert.

Dein Bericht von der Kamelsache ist ziemlich gut, übrigens.

Aragnam“

Ach, verdammt. Jetzt fällt mir grad wieder ein, woher ich Billings, Ohio kenne. Carol Janiston unterrichtet dort Journalistik und Mediengestaltung. Sie hat als Doktorantin in Chicago mal ein Seminar über journalistische Ethik betreut. Ich hatte gerade angefangen zu studieren und das Seminar belegt. Sie war das erste Mädchen, mit dem ich am College geschlafen habe. Hat lustige Quietschgeräusche dabei gemacht. Ich musste die ganze Zeit lachen.
Und die unterrichtet jetzt Ally? Die Welt ist echt ein Dorf, wie Ernst immer zu sagen pflegt.

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The Nest

„Versuch’s mal bei Alma Gaines. Die hat ein Antiquariat drüben in Aurora. Angeblich kann die einem alles besorgen, was man so braucht“, hatte Sunny gesagt.
Bisher habe ich einen Scheißdreck herausgefunden. Klar gibt es Informationen über Engel, überall. Viel zu viele. Und keine Möglichkeit, Echtes von Falschem zu unterscheiden.
Und natürlich nichts darüber, was wirklich da oben vor sich geht. Scheiße, irgendwer muss sich doch für einen Krieg im Himmel interessieren?

Ehe ich in Illinois ankomme, fällt mir an einer Tankstelle ein Zeitungsartikel in die Hände: Zwei Männer, Aaron und Samuel, wurden in einem Kaff in Nebraska von einem seltsamen Tier zerrissen.
Ich habe was Anderes zu tun. Vielleicht sogar was Wichtigeres.
Aber wem mache ich was vor. Ich schnaube und gebe Miffy ein Stück von dem kalten Hot Dog aus der Tanke. Engel und Kriege im Himmel hin oder her, ich habe immer noch einen Job.

Paradise heißt das Kaff. Irgendwann sehen diese Kleinstädte alle gleich aus. Eine Kreuzung, zwei Läden, ein Friseur und vielleicht ein Sheriff. Ein Laden ist immer auf Plastikblumen und Holzenten spezialisiert. Außerhalb der Stadt ist es noch öder. Weiden voller Kühe. Ab und zu ein Blechsilo oder eine Farm. Keine Menschen.
Den letzten Punkt finde ich gut.
Aber als ich in Richtung Polizeiwache fahre, wird mir klar, dass ich das abhaken kann. Ein Jeep steht vor dem kleinen Bürgerzentrum, ein Jeep, den ich gut kenne.
Jo. Aber kein Motorrad in der Nähe. Ich atme tief durch. Das kann ja nichts Gutes heißen.
Für einen Moment bin ich versucht, einfach weiterzufahren und Jo die ganze Sache zu überlassen. Mit einem Werwolf wird sie fertig. Ich könnte mich bei Alma umsehen und müsste mir nicht anhören, was mit Aiden und Jo schon wieder los ist.
Und zwischen Jo und mir ist seit Harlan auch nichts mehr in Ordnung.
Trotzdem halte ich an. Nur kurz checken, ob mit ihr alles in Ordnung ist.
Miffy springt im Auto auf und nieder, als ich die Treppe zum Bürgerzentrum hochgehe. Hat auch eine Bibliothek, kein Wunder, dass sich Jo hier herumtreibt.
Sie sitzt drinnen und unterhält sich mit einem Kerl. Nicht mit Aiden. Sie sieht okay aus. Vielleicht ein bisschen abgespannt.
Den anderen Mann habe ich schon mal in einem Roadhouse gesehen. Bartimäus, Bartholomew, irgendwie so was. Sammelt Bücher, wenn ich mich nicht irre.
Sieht jedenfalls nicht aus, als hätte Jo ihrem Lover gewechselt, während ich weg war.
„Jo“, sage ich zur Begrüßung.
„Ach, du lebst noch?“ sagt sie.
Schon OK. Das habe ich verdient.
„Bartholomäus“, stellt sich der andere Jäger vor. Ich nicke ihm zu. „Caleb.“
„Und, kümmerst du dich auch um die Morde?“ fragt Jo. Ich mache ein vage zustimmendes Geräusch.
Keine Ahnung, ob Bart was von der Spannung mitbekommen hat oder ob er absichtlich dazwischen redet. „Der Artikel ist ziemlich reißerisch“, sagt er in die Stille hinein und zeigt auf die Zeitung vor ihm. „Hier ist die Rede von einer Sekte, zu der die Opfer gehört haben. Ein Zebediah O’Manion lebt neben ihnen und hat sich über sie beschwert. Vielleicht sollte man mit dem mal reden oder mit dem Reporter, Jack Kruger.“
„Würde mit der Polizei anfangen“, sage ich.
„Gut, dann gehe ich mir Zebediah ansehen, Bart kann sich den Reporter vornehmen und du gehst zur Polizei“, sagt Jo und legt die Zeitung zur Seite. Sie schaut mich nicht richtig an.
Während wir nach draußen gehen, frage ich Jo: „Alles in Ordnung bei dir?“
„Ja. Mir geht’s gut“, sagt sie. Sie lügt.
Ich hake nicht nach.

Stattdessen fahre ich zur Polizeiwache und spreche mit dem Chief of Police. Er wird panisch, als er den FBI-Ausweis sieht.
„Die Kinder Gottes sind völlig harmlos. Wir hatten noch nie Probleme mit denen“ sagt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Irgendwer hat bei uns angerufen und „Terroristen“ gesagt. Wir müssen dem routinemäßig nachgehen“, sage ich.
Er lächelt unschlüssig und holt mir dann die Akte über den Mord raus. Wie es aussieht, besitzen die Kinder Gottes ein großes Stück Land im Norden der Stadt, auf dem sie ihre Gemeinschaft errichtet haben. Ihr „Nest“. Klingt wie aus einem Stephen King-Roman.
Einer der Männer, Samuel, war Mitte zwanzig, der andere, Aaron, etwa in meinem Alter. Eine Frau namens Judith hat angerufen und die Polizei von den Toden benachrichtigt.
Auf den Tatfotos kann man nicht viel erkennen, aber die Kratzer sind zu klein für einen Puma. Sieht mehr nach Kinderhänden aus. Kinderhänden mit scharfen Krallen.
Wie nett.
„Wenn Sie schon mal da sind, können Sie doch mal nach Zebediah O’Manion sehen. Der hat angeblich eine Bazooka. Und als ich mit ihm reden wollte, da hat er mir mit der Schrotflinte gedroht!“ Dunkle Flecken breiten sich unter seinen Armen aus.
„Ich schaue, was ich machen kann“, sage ich. Mich beschäftigt mehr, dass Jo auf dem Weg zu diesem schießwütigen Redneck ist. Bazooka oder Schrotflinte ist dann auch egal.
Sie ist noch nicht los, als ich auf den Parkplatz fahre. Bartholomäus ist auch schon zurück. Wir tauschen kurz unsere Informationen aus: Die Kinder Gottes sind so eine Art Amish, die Technologie verachten. Sie nehmen neue Namen an, wenn sie der Gemeinschaft beitreten. Das Land gehört einem Elias, der auf Zebediah geschossen hat – und Zebediah auf ihn. Zebediahs Land liegt direkt neben dem der Kinder. Ihr Anführer ist ein „Vater Michael“.
Zebediah mag den Kult nicht und lebt direkt neben ihnen. Er könnte also ein paar Informationen haben, die es nicht ganz so gefährlich machen, ins Schlangennest zu gehen.

Überraschung, er kommt mit geladener Flinte ans Tor. Sieht selbst aus wie das illegitime Kind eines Rednecks und eines Amish. Riesengroß, dicker Bart, dicke Oberarme, schmutziger Overall.
Bevor er auch nur was sagen kann, hängt sich Jo mit glänzenden Augen halb über das Gitter. „Ist das ein 55er Willy’s? So einen habe ich schon ewig nicht mehr gesehen. Davon gibt es sicher auch nicht mehr viele… Fährt der noch?“
„Ein paar kleinere Probleme, aber nichts Ernstes“, sagt Zebediah und schaut Jo auf eine Weise an, die ich nicht gut finde.
„Kann ich mal unter die Haube schauen? Ich habe meinen eigenen Wagoneer selbst repariert, vielleicht kann ich ja helfen“, sagt Jo.
„Junge Lady“, sagt Zebediah. „Ich kann sehr wohl meinen eigenen Jeep reparieren.“
„Kann ich trotzdem mal den Motor anschauen?“ Jo blinzelt ihn aus ihren großen blauen Augen an.
„Wie du willst, kleine Lady… Aber die da bleiben draußen!“
Ich hebe beschwichtigend meine Hände. Eigentlich würde ich ihm lieber eine reinhauen, so wie er Jos Hintern anstarrt, als sie sich über den Motor beugt.
Aber der Anblick scheint ihn freundlicher zu stimmen. „Ach, in Ordnung, kommen Sie rein“, sagt er zu Bart und mir. „Worum geht es denn?“
Ich sage: „Wir untersuchen ihre Nachbarn, die Kinder Gottes. Sie haben doch bestimmt mal was gese…“
„Ich spioniere meinen Nachbarn nicht nach!“ sagt er und versucht, mit seinen Fingern durch seinen Bart zu fahren. Er bleibt hängen.
„Aber Sie hatten Probleme mit ihnen?“ sage ich.
„Nicht mit allen, nur mit Elias.“ Seine Finger schließen sich etwas fester um seine Flinte. „Sehen Sie diese Bäume da? Die am Fluss? Die stehen ganz klar auf meinem Land. Aber nein, dieser Bastard meint, die Grenze ginge mitten im Fluss lang. So ein Unsinn! Jeder kann doch sehen…“ Die nächsten zehn Minuten schwafelt er uns von diesen beschissenen Bäumen voll.
„Klar“, sage ich, als er endlich fertig ist. „Sonst irgendwas bemerkt? Vielleicht irgendwelche Riten? Satanisches Zeug?“
„Ich sage doch: Ich spioniere meinen Nachbarn nicht nach!“ Er starrt mich an. Vermutlich hätte er es gerne, dass ich ihm widerspreche und er mich erschießen kann. Sorry, Kumpel, so will ich nicht sterben.
„Okay. Danke“, sage ich deshalb nur. Dann verpissen wir uns.

Zum „Nest“ geht es die Straße weiter hoch. Jos Jeep schafft nur den ersten Teil, dann ist der Weg so eng und überwachsen, dass selbst der nicht mehr weiterkommt. Neben dem Weg steht ein Schild, an das ein Kreuz genagelt ist: „Bitte respektiert, dass wir keine Technik verwenden und lasst eure Geräte hier zurück. Danke!“
Das Auto müssen wir ja sowieso stehen lassen. Den Rest nehmen wir mit.

Das Nest sieht aus wie eine verdammte Amish-Kolonie. Wo Männer noch Männer sind und Frauen machen müssen, was sie sagen, wo man sich den Arsch aufreißt, um ein Stück Brot essen zu können und wo man nach den hirnrissigen Regeln eines Buches lebt, dass schon vor fünfhundert Jahren veraltet war. Nach Gottes Willen. Oder zumindest nach dem Willen irgendeines Kultführers. So groß ist der Unterschied nicht. Jo hat einen ziemlich seltsamen Ausdruck in den Augen. Als würde ihr das gefallen.
Die Situation mit Aiden muss schlimmer sein, als ich angenommen habe.
Schwarzgekleidete Gestalten kommen auf uns zu. Lange Bärte und Frauen mit verhüllten Haaren. Vielleicht sollte das echte FBI hier mal vorbeischauen.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Ich bin Vater Michael“ sagt ein älterer Mann. Die anderen Kinder schauen ihn an. Er hat das Sagen.
„Wir sind hier, um mit Ihnen über die Morde zu sprechen“, sage ich.
„Da gibt es nichts zu besprechen“, sagt er und sieht selbstzufrieden aus. „Wir haben die Hexe gefunden, die die Dämonen gerufen hat.“
„Hexe?“ fragt Bart. „Könnte ich die einmal sehen? Man könnte sagen, dass Hexen ein Spezialgebiet von mir sind.“
„Ist das so? Ich denke nicht, dass wir einen Spezialisten brauchen. Denn wir haben Gottes Wort: ‚Ein Wahrsager oder Zeichendeuter soll sterben. Man soll ihn steinigen; sein Blut sei auf ihm’, 3. Mose 20, 12. Und so sollen wir es tun.“ Vater Michael nickt selbstzufrieden.
„Nun, abgesehen davon, dass es sich um Mose 20, 27 handelt, ist das längst nicht alles, was die Bibel zu diesem Thema zu sagen hat. Laut der Offenbarung wird sich Gott selbst um dieses Problem kümmern: ‚Aber die Verzagten, die Ungläubigen, die Gräulichen, die Mörder, die Huren und Freier, die Zauberer und Hexen, die Abgöttischen und Lügner werde ich lebendig in den Pfuhl werfen, der mit brennendem Schwefel gefüllt ist.’“ Bart schiebt seine Brille nach oben. „Aber ich halte mich auch gerne an andere Quellen. Der Hexenhammer ist nie verkehrt.“
Vater Michael verschränkt die Arme vor der Brust und nickt langsam. „Sie scheinen sich wirklich auszukennen. Vielleicht schadet es nichts, wenn Sie sich Sarah einmal ansehen. Wissen Sie, sie hat meinen eigenen Sohn verhext und zur Unzucht getrieben…“
Ich kann nur mit Mühe ein Schnauben unterdrücken und Jo beißt sich auch schon auf der Lippe herum.
„Ach, das hat erst angefangen, als du mit deiner Arroganz alles an dich gezogen hast. Meine Tochter hat nichts damit zu tun“, sagt eine Frau, die anscheinend noch nicht ganz so gehirngewaschen ist wie der Rest.
„Judith“, sagt Vater Michael. „Beherrsche dich. Ich erkenne eine Hexe, wenn ich sie sehe.“
Judith. Die Frau, die auch die Polizei gerufen hat. Ob das die Strafe ist?
„Oder der Indianer, vielleicht hatte der was damit zu tun“, fährt sie fort.
„Indianer?“ fragt Jo.
„Der Indianer, den Elias vor einiger Zeit erschossen hat“, sagt Judith.
„Was…? Er hat einen Indianer erschossen? Und keiner hat die Polizei gerufen?“ Jo macht eine reflexive Bewegung zu ihrer Waffe.
Ich lege ihr meine Hand auf die Schulter. „Jo, du gehst mit Bart und sprichst mit Sarah. Ich gehe und sehe mir diesen Indianer an.“
„Aber die haben einfach…“ Sie ballt ihre Hände zu Fäusten.
„Geh einfach.“ Ihr schaue ihr in die Augen, bis sie wegsieht. Sie knirscht mit den Zähnen. „Schon gut.“

Elias sitzt mit seinem Gewehr draußen vor seiner Hütte. „Was wollen Sie?“ fragt er mich und kneift die Augen zusammen. „Der Indianer? Der hat sich auf unserem Land herumgetrieben, jaha, mein Herr, so geht das nicht!“ Er mustert mich aus seinen Augenschlitzen. „Das ist vielleicht nichts, was ein geschniegelter Stadtmensche wie Sie verstehen könnte, aber das ist mein Land, schon seit hundert Jahren und ich will verdammt sein, wenn hier einfach eine Rothaut rumschleichen kann.“
Geschniegelter Stadtmensch. Ich lache. Das ist mal was Neues…
„Ich kenne auch einen Indianer“, sage ich. „Nerviger Typ. Wollte den auch schon ein paar Mal erschießen.“
„Sehen Sie?“ sagt Elias mit Begeisterung. „Immer diese Indianer.“
„Kann ich sehen, wo er begraben ist?“ frage ich. „Nur zur Sicherheit. Diese Indianer kennen sich mit Flüchen aus, vielleicht liegt das Dämonenproblem an ihm.“
„Meinen Sie? Hm. Na gut, da sollte man wirklich auf Nummer sicher gehen“, sagt er.

Der Indianer ist im Wald verscharrt worden. Auf den Friedhof kommt Elias so einer nicht, nahein.
Ich grabe ihn aus. Es ist kein Indianer. Es ist ein Inder. Ein Wanderer, wenn ich das richtig sehe. Seine Brieftasche und sein Handy sind noch da. Rohit Prameshvarya, Student aus Billings. Ich würde Elias gerne ins Grab ziehen und mit dem Skelett verbrennen. Monster, ja okay. Die haben ihre Instinkte. Aber Menschen? Die müssen nicht böse sein.
Nichts an Rohit deutet auf dunkle Magie oder ein Monster hin. Er hat eine kleine Figur von Parvati dabei, aber das ist eine hinduistische Muttergöttin. Kann mir nicht vorstellen, dass die irgendwelche Dämonen beschwört. Aber man weiß ja nie.
Ich salze und verbrenne die Leiche. Elias schaut mir interessiert zu.
„Hat eigentlich wer die Dämonen gesehen?“ frage ich.
„Nein, die tauchen nur nachts auf und man sieht nicht mehr als Schatten. Aber sie kichern, jaha, wie verrückte Kinder“, sagt Elias.
Kichern?

Ich treffe mich mit den anderen.
„Eine Hexe ist Sarah nicht“, sagt Bartholomäus. „Das Mädchen hat als einzige Sünde verbrochen, dass sie ein bisschen Make-Up getragen hat und sich in Vater Michaels Sohn verkuckt hat.“
„Und der Indianer ist ein Inder. Wanderer, vermutlich. Sah nicht nach einem Hexer aus. Ein Geist würde vermutlich nicht als mehrere kichernde Dämonen auftreten“, sage ich.
„Wir müssen dem Mädchen auf jeden Fall helfen“, sagt Jo.
Wir werden von den Kirchenglocken unterbrochen. Vater Michael kommt zu uns herüber.
„Da ihr unsere Gäste seid, bitte ich euch, auch an unseren Riten teilzunehmen. Es hat noch niemandem geschadet, von der Anwesenheit des Herrn gesegnet zu werden“, sagt er.
Ich verkneife mir die Frage, ob er Gott oder sich selbst meint. Wie auch immer, wir sollten uns ansehen, was in der Kirche vor sich geht.
„Klar“, sage ich ohne Begeisterung.

Die Kirchenbänke sind eng und voll. Nicht alle Kinder schauen Vater Michael mit der gleichen Begeisterung an, als er zu predigen anfängt.
„Wir alle wissen, dass Gott unser alle Vater ist und wir sind seine Kinder. Nicht immer ist alles verständlich, was er tut, doch wir müssen ihm folgen, gläubig und vertrauensvoll wie die Kinder. Manchmal mag er hart mit uns sein, wie es jetzt ist, doch ist auch das nicht die liebende Hand eines Vaters? Heißt es nicht: ‚Laß nicht ab den Knaben zu züchtigen; denn wenn du ihn mit der Rute haust, so wird man ihn nicht töten. Du haust ihn mit der Rute; aber du errettest seine Seele vom Tode.’ So sollen auch wir diese schwere Zeit sehen, als die Rute des väterlichen Gottes…“
Das reicht mir. Solche Väter kenne ich zur Genüge. Die muss ich nicht auch noch anbeten. Wenn ich hier nicht verschwinden und eine rauchen kann, laufe ich Amok.
Es gibt Gerücke und jede Menge kritischer Blicke und Flüstern, als ich aufstehe und nach draußen gehe.
Die Luft ist kühl und bis auf das Rauschen der Bäume ist alles still. Ich rauche meine Kippe in Ruhe zu Ende. Der Gottesdienst drinnen geht weiter. Ohne mich.
Stattdessen sehe ich mich in Vater Michaels Hütte um. Er hat nichts, was auf eine Beschwörung hindeuten würde. Vielleicht ist er einfach nur ein Arschloch.
Ich mache noch eine Runde durch das Dorf und erstarre, als es im Gebüsch raschelt. Irgendwas macht leise Geräusche. Kichern? Ich bin mir nicht sicher. Langsam ziehe ich meine Waffe aus dem Schultergurt.
Eine kleine schwarze Gestalt bricht aus den Büschen und springt auf mich zu. Mein Finger hat den Abzug schon betätigt, als ich meine Hand wegreiße. Der Schuss geht irgendwo in den Wald.
Miffy scharwenzelt um meine Beine herum. Sie ist komplett voller Schlamm und Kletten und… ist das Blut an ihrem Maul?
„Beinahe hätte ich dich erschossen“, brumme ich und sammele den kleinen Hund ein.
Gleich darauf bekomme ich Gesellschaft. Die Hälfte der Gemeinde starrt mich an. Jo ist dabei, aber Bart nicht.
„Dachte es wäre ein Dämon, war aber nur der Hund“, sage ich.
„Was für ein Hund? Der gehört nicht zu uns“, sagt Vater Michael mit Stirnrunzeln.
Miffy windet sich und versucht, mein Gesicht zu lecken. „Das ist mein Hund“, sage ich und setze eine finstere Miene auf. Soll einer von denen doch versuchen, Miffy was zu tun.
Vater Michaels Stirnfalten werden tiefer. „Und Waffen wollen wir hier nicht haben.“
„Was ist mit den Dämonen?“, sage ich. „Sollen die sich etwa einfach so hier herumtreiben dürfen? Man muss doch sein Land verteidigen.“
„Genau!“ sagt Elias und tätschelt sein Gewehr.
Vater Michael schüttelt seinen Kopf und murmelt etwas vor sich hin. Aber er lässt mir meine Pistole.
Kurz nachdem sich die Menge verzogen hat, kommt auch Bartholomäus aus der Kirche. Er macht in unsere Richtung eine Kopfbewegung und weist dann Richtung Jeep. Ich folge ihm etwas langsamer.
„Wo ist eigentlich Aiden?“ frage ich Jo.
„Ich weiß nicht so genau“, sagt sie und fingert an ihrer Jacke herum. „Na ja, wir hatten einen Streit. Einen ordentlichen Streit.“
„Schon wieder?“ sage ich. Scheiße. Hätte ich mir verkneifen sollen.
Sie zuckt mit den Schultern. Ich warte, dass sie mehr sagt, aber sie schweigt, bis wir beim Auto sind.

Bartholomäus hat ein großes handgeschriebenes Buch auf die Motorhaube gelegt und studiert es fasziniert.
„Ah“, sagt er. „Das ist eine der Bibeln von Habakuk von Trier, ein Mönch, der mit seiner Gemeinde Teufelsanbetung praktiziert hat. Hier drin…“ Er klopft auf das Buch. „… sind jede Menge Anleitungen, wie man Dämonen beschwört.“ Er fängt an, das Buch zuzuklappen, schlägt es wieder auf, schüttelt seinen Kopf und schließt es endgültig. „Und das verdammte Ding beeinflusst einen“, sagt er leiser.
„Was? Dann sollte man es auf keinen Fall lesen“, sagt Jo. „Solche Bücher haben wir auch gefunden. Ich habe es gelesen und plötzlich musste ich mich mit Edward rumschlagen…“
Ich habe keine Ahnung, wovon sie spricht. „Kann sein, aber vielleicht steht da was Wichtiges drin. Wir haben keine Ahnung, was Michael beschworen hat. Und wie man es umbringt.“
„Gefährlich oder nicht, bisher hat es mir nicht geschadet“, sagt Bartholomäus. „Ich denke auch, dass wir es lesen sollten.“
„Und ich denke, wir sollten es in die Fluchkiste tun und später verbrennen“, sagt Jo, aber sie ist überstimmt.
Bartholomäus überfliegt das Buch. Schließlich sagt er: „Ich vermute, dass Vater Michael Teufelchen beschworen hat: Klein, mit Hörnern und Krallen, sehr sadistisch, treten in Gruppen auf. Sie können nur mit heiligen Artefakten verwundet werden. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Michael als nächstes Judith umbringen will. Seine Predigt war… ungewöhnlich. Unterschwellige Botschaft.“
„Dann sollten wir zuerst Judith beschützen“, sagt Jo. „Das Buch kann in die Waffenkiste unter dem Sitz, da sollte es keiner finden.“ Sie verteilt noch Weihwasser, Farbe für Salomonssiegel und „heilige Artefakte“ jeglicher Machart.

Wir kommen gar nicht bis zu Judiths Heim. Aus einem Keller neben der Kirche dringen Schreie zu uns. Schreie einer verängstigten Frau.
„Verdammte Arschlöcher“, knurre ich und ziehe meine Pistole.
Der Wächter an der Tür lässt Bartholomäus passieren, macht aber Anstalten, mir in den Weg zu treten. Ich schieße zwischen seine Beine. „Der nächste sitzt weiter oben“, sage ich und er lässt Jo und mich durch.
Im Keller sitzt Sarah. auf einen Stuhl gefesselt. Sie hat Blutergüsse am ganzen Körper. Teile ihrer Kleidung sind versengt. Durch die Löcher kann man Verbrennungen sehen.
Neben ihr steht einer der Gläubigen, ein glühendes Eisen in der Hand. Zwei weitere machen sich wieder daran, sie mit ihren Fäusten zu bearbeiten, während Vater Michael irgendwelchen Bibeldreck von sich gibt.
„Hört damit auf“, sagt Bartholomäus. Er spricht nicht besonders laut, aber alle halten inne.
„Fallenlassen“, sage ich zu dem Kerl mit dem Brenneisen. Es klappert auf den Boden.
„Mischt euch nicht ein“, sagt Vater Michael. „Das hier geht euch nichts an!“
„Sie ist keine Hexe“, sagt Jo, eine Hand um ihren Pflock aus heiligem Holz gekrallt. „Lass sie gehen.“
Vater Michael hat genug. Er schüttelt seinen Kopf missbilligend und sagt: „Das ist unsere Sache. Verschwindet.“
„Nein“, sagt Jo und geht hinüber zu Sarah. Vater Michael versperrt ihr den Weg. Sie zimmert ihm eine, mitten ins Gesicht. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Gut gemacht, Mädchen.
Der gute Vater taumelt zurück und hält sich die blutende Nase„Wie ihr wollt“, sagt er etwas undeutlich. Dann breitet er seine Arme aus und sagt ein paar Worte in einer fremden Sprache. Nur das Ende ist verständlich: „Kommt zu mir, meine Kinder!“
Scheiße. Es stinkt nach Schwefel und vier Kreaturen erscheinen in einer Wolke aus schwarzem Rauch. Teufelchen trifft es verdammt gut. Die Viecher sehen wirklich aus, wie man sich einen Teufel vorstellt. Kleine, bocksbeinige Dinger mit Hörner und roter Haut – und mit scheißscharfen Krallen und Zähnen.
Kichernd werfen sie sich auf die einfachste Beute in ihrer Nähe. Sarah. Ein Teufelchen springt sie an und schlägt ihr seine Zähne in den Hals. Blut spritzt auf ihre zerschlagene Haut.
„Scheiße“, sage ich und ziehe die Figur von Parvati an einer Schnur aus meiner Tasche. Kommt mir irgendwie karmisch vor, die zu benutzen.
Jo schlägt Vater Michael gerade zum zweiten Mal. Er geht zu Boden.
In der Ecke begraben zwei Dämonen einen der Folterknechte unter sich. Er schreit und zappelt. Keine Chance. Der helle Geruch nach Blut überdeckt den nach verbranntem Fleisch.
Ich weiche dem glühenden Eisen aus, dass der Folterknecht wieder aufgehoben hat und nach mir schwingt. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass Bartholomäus ein Messer in der Hand hat, vor dem die Teufelchen einen ziemlichen Respekt haben. Mit der linken Hand ziele ich auf das Teufelchen neben ihm und drücke ab. Es ist kein besonders guter Schuss, aber das Vieh macht einen Satz in Barts Richtung, direkt vor seine Klinge. Es gibt einen Knall und Stücke von Dämon fliegen durch die Luft. Schwefel, widerlich.
„Hört endlich mit dem Scheiß auf“, sagt Jo und rammt ihren Pflock in den Dämon an Sarah. „Habt ihr nicht gesehen, dass Michael die Dämonen beschworen hat? Solltet ihr euch nicht lieber gegen die Dämonen kämpfen?“
Ein Folterknecht mit Peitsche sieht das nicht ein. Die anderen sind etwas schlauer. Der Peitschenmann schlägt nach Jo. Sie muss zurückweichen.
Die zwei Dämonen sind mit ihrem Opfer fertig und springen, Mäuler und Klauen blutverschmiert, in unsere Richtung. Einer bekommt meine Parvati-an-der-Schnur auf die Nase und hebt jammernd eine Klaue.
Bartholomäus Messer dringt bis zum Heft in seinen Rücken. Bumm. Einer weniger.
Manchmal ist ein Team doch ganz nett.
Das letzte Teufelchen… Das letzte Teufelchen keckert und macht einen Satz zu Jo. Der Peitschenmann ist immer noch an ihr dran und sie merkt gar nicht, dass die Kreatur hinter ihr auftaucht. Die Klauen fahren ihr von hinten ins Bein. Sie schreit, fällt und das Teufelchen springt ihr auf die Brust. Blut spritzt aus ihrem Bauch.
„Gottverdammt!“ Die Parvati treibt ihn zurück und Bartholomäus macht kurzen Prozess mit ihm.
Das hilft Jo aber auch nicht. Sie blutet vor sich hin. Ich mache aus meinem Shirt so gut es geht einen Druckverband. Meine Hände zittern. Verdammt noch mal. „Mach keinen Scheiß, Jo“, flüstere ich. Sie darf hier nicht sterben. Sie darf hier einfach nicht sterben. Nicht, wenn ich sie hätte retten können.
„Kannst du nach Sarah sehen?“ fragt Bartholomäus und ich hätte ihn am liebsten angeschrien, dass sie mir egal ist und dass es jetzt auf Jo ankommt… Stattdessen stehe ich auf und versorge Sarahs Halswunde. Weniger schlimm, als sie zuerst aussah. Sie wird’s überleben.
Die Mädchen zu bewegen ist eine doofe Idee. Auf einen Rettungshubschrauber zu warten auch.
Ich trage erst Jo, dann Sarah zum Jeep. Soll sich Bartholomäus um Michael und die anderen kümmern.
Als ich Sarah verstaut habe, kommt er auch nach. „Sie sollen selbst entscheiden, was sie mit Vater Michael machen“ sagt er und seine Miene macht klar, was sie seiner Meinung nach machen sollen.

Ich bekomme nur nebenbei mit, wie Bartholomäus die ganze Geschichte im Krankenhaus erzählt, während ich vor der Chirurgie auf und ab gehe. Als Jo herauskommt, ist sie ohnmächtig. „Das wird wieder“, sagt der Arzt. „Die Wunden waren ziemlich glatt und ließen sich gut nähen.“
Der Chief of Police taucht auf, völlig neben sich. „Was… was sollen wir denn jetzt machen? Sollen wir die Leute…? Ich muss Verstärkung anfordern. Sie sind doch vom FBI, kommen Sie mit!“
„Meine Begleiterin ist schwer verletzt worden“, sage ich durch zusammengebissene Zähne. „Mein Platz ist jetzt bei ihr.“
Er schluckt und macht sich davon. Das wird sicher noch Ärger geben, aber das ist mir gerade egal.

Ich muss in dem Stuhl neben Jos Bett eingeschlafen sein, denn ich schrecke hoch, als sie sich bewegt.
Sie lächelt schwach.
„Wie geht’s?“ frage ich.
„Wird schon wieder.“ Sie streckt sich mit einer Grimasse.
„Sei…“ Ich streiche mir mit dem Daumen über die Stirn. „Sei beim nächsten Mal vorsichtiger. Es hätte dich da drin beinahe erwischt.“
„Du hast mich ja gerettet“, sagt sie. Dann schaut sie auf ihre Hände. „Sag Aiden nichts davon, ja?“
Ich schnaube und bin für einen Augenblick versucht, ihr einen schlauen Ratschlag zu geben. Beziehungstipps. Von mir. Genau. Bin ich genau der Richtige dafür.
Also sage ich nur: „Okay.“ Wir schweigen beide. Unangenehm. Bevor irgendjemand auf die Idee kommen kann, zu weinen oder mich zu umarmen, stehe ich auf und sage: „Muss noch was mit Bartholomäus regeln.“

Bart trinkt gerade Kaffee in seinem Wohnwagen.
„Kannst du mir einen Gefallen tun?“ frage ich. Er schaut mich durch seine Brillengläser an und blinzelt.
Ich räuspere mich. „Okay. Du bist doch der Kerl mit den Büchern, oder? Vielleicht kannst du mal nachsehen, ob du was zu Engeln rausfindest. Richtige Infos, nicht dieser Kram, den man sowieso im Internet findet. Würde dir was schulden.“
Er nickt. „Das ist nicht gerade mein Spezialgebiet, aber ich schaue, was ich machen kann.“
An der Tür schaue ich über meine Schulter zu ihm zurück. „Und sag Jo nichts davon, okay?“
Er zieht eine Augenbraue hoch. „Das scheint bei euch ja üblich zu sein…“

Sarah ist inzwischen auch aufgewacht. Was sollen wir mit der jetzt anstellen?
„Deine Mutter wollte dich schon beschützen, so weit sie konnte“, sagt Jo. „Vater Michael wollte sie sogar deswegen umbringen. Zählt das nichts?“
„Ich will aber eigentlich nicht zurück in die Gemeinschaft“, sagt Sarah und erschaudert.
„Geht doch zusammen weg“, sagt Bart. „Keiner zwingt euch, im Nest zu bleiben.“
Sarah zuckt mit den Schultern.
„Und was ist mit Michael? Also dem jungen Michael?“ fragt Jo. „Willst du nicht mit ihm weg?“
Sarah wird ein bisschen rot. „Ich weiß nicht… der ist ja schon nett, aber da ist auch dieser Pfleger mit den dunklen Haaren, der ist echt süß… und der eine Arzt, der ist noch gar nicht so alt…“
Die kommt wieder in Ordnung. Wer auf Folter mit nicht mehr Problemen reagiert als mit Lüsternheit, kann so schlimm nicht dran sein.
Lüsternheit kann bei ihr aber ein Problem werden. Ich ziehe ein Päckchen Kondome aus der Hosentasche und lege sie auf ihren Nachttisch. Jo guckt ein bisschen komisch. Ich bin vierzig, nicht tot. Und ich habe schon einen Sohn.
„Pass einfach auf“, sage ich zu Sarah.
Sie schaut mich verständnislos an. „Sind das Süßigkeiten?“
Ich will verdammt… Also das mache ich nicht. Ich drehe mich zu Jo um und sage: „Das erklärst du ihr.“

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Engelstränen

Supernatural 3.7.2012:

Amerika treibt schon interessante Blüten. Da gibt es diesen Friedhof bei San Francisco, der eine ganze Stadt mit 1.5Mio Toten ist. Oder besser die Stadt die ein einziger Friedhof ist, mit ein paar Leuten, die von den Toten leben. Nein, nur im wirtschaftlichen Sinne. Soweit ich erkennen konnte jedenfalls. Weil Frisco keine Friedhöfe auf dem Stadtgebiet haben will, werden sämtliche Leichen der Stadt nach Colma ausgelagert.
Es ist ein beeindruckender Anblick. Gräber aller Couleur und Konfession so weit das Auge reicht.
Mich hat es hierher getrieben, wegen des angeblichen Wunders der weinenden Statue. Ein Klassiker. Engelsstatue weint Blut. Ein junger Mann (Ben Carson) wird von Krebs geheilt. Die Zeitungen berichten darüber. Leute fangen an, zu einem Grab zu pilgern.
Zusätzlich gab es noch zwei Leichen. Blutleere Mädchen mit Schnitten an den Schlagadern. Die Leute neben mir am Frühstücktisch witzeln herum, dass es sich um einen Vampir handelt und wollen mit dem Blutsaugerthema gar nicht mehr aufhören. Ihr Humor wird zunehmend niveauloser. Wenigstens gehören sie nicht zu den Vampirromantikern.
Ich habe genug gehört und suche die Bibliothek auf, um ein wenig in der übernatürlichen Geschichte der Stadt zu stöbern. Das ist eine Bibliothek? Ein Trauerspiel. Wie schafft es die Bibliothekarin trotz allem überarbeitet zu wirken?

Ich finde einen interessanten Artikel über einen Hexenprozess vor mehreren hundert Jahren, als es unter dem Tisch ein Klicken gibt, das ich ungern höre, wenn es nicht von meiner Waffe kommt. Der Jäger von dem Zwischenfall mit den Ghulen sitzt mir gegenüber. Der behauptet hat, Marcus wäre sein Partner. Name, Name,… Cal. Hat sich offenbar nochmal durch den Kopf gehen lassen, dass er mir das Horn doch nicht überlassen will. Er schlägt mir, unfreundlich aber bestimmt, einen Ausflug auf den Friedhof vor. Wohin auch sonst? Um zu sehen, wie geladen er wirklich ist, kopiere ich noch eben in aller Seelenruhe den Artikel. Naja, Seelenruhe. Ich brauche die Zeit, um mir über mögliche Auswege Gedanken zu machen und mich auf eine Art von Gespräch vorzubereiten, die ich einfach nicht gutheißen kann. Körperlich ist er mir mit hoher Wahrscheinlichkeit über. Ich habe aber schon beobachtet, dass er über ein Gewissen verfügt. Und wenn er mich umbringt, erfährt er nicht, wo das Horn ist. Allerdings sollte er auch nicht erfahren, dass er da wo es ist, nicht rankommen wird, sonst bringt er mich womöglich doch um. Ich will nicht durch die Hand eines Jägers sterben. Mein Abgang sollte schon etwas mehr von Blitz und Donner begleitet sein.

In einer schlechter einsehbaren Ecke des Friedhofs findet er schnell klar Worte. Wie vermutet, will er das Horn wieder. Ob wir das vernünftig regeln können, oder ob es die harte Tour sein muss. Filmreifer Spruch. Sehr amerikanisch. Natürlich glaubt er mir nicht, dass ich es nicht mehr habe. Die Nuance zwischen Besitz und Eigentum entging ihm. Also lasse ich mich auf einen Faustkampf mit ihm ein. Ausweichen. Müde machen. Vielleicht auch nicht. Der Mann ist gut trainiert.
“Hey, nimm deine Deckung hoch!” Eine Frau mit lateinamerikanischen Zügen, die an einem Grabstein lehnt und auffällig gut ins Hunterprofil passt, mischt sich ein. Ich bin abgelenkt. Mein Angreifer nicht. Der Schlag raubt mir den Atem und lässt mich überdenken, dass ich die Auseinandersetzung ja auch schneller beenden kann. Meine Hand wandert zur Waffe. Doch das war’s fürs erste. Cal macht einen Schritt zurück. Gibt der Frau ein bißchen contra. Sie sagt, sie sucht einen Kautionsflüchtling, dessen Foto sie uns zeigt. Ich denke, ich habe ihn vor zwei, drei Tagen in einem Roadhouse gesehen. Er wirkte leicht panisch. Wir sollen uns bei ihr melden, wenn wir ihn sehen. Auf ihrer Karte steht “Telakhon Investigation.” Sie geht. Ich würde nicht wenig Geld darauf wetten, dass sie außer gewöhnlichen Verbrechern auch noch ganz anderes Ungeziefer jagt. Und meine Vermutung geht stark in die Richtung, dass sie in uns auch Jäger erkannt hat.
Cal gibt immer noch Ruhe. Ich biete ihm an, dass er das Horn haben kann, wenn ich weiß, dass es harmlos (sprich, wertlos für mich) ist. Er murmelt etwas von “war sowieso ne blöde Idee” und scheint allen Ernstes aufzugeben. So leicht? Was ist denn das für ein Kampfgeist? Habe ich es doch nur mit einem dieser Gelegenheitsjäger zu tun, die irgend so eine persönliche Tragödie ins Geschäft gebracht hat? Bin ich zu gut geworden? Oder vergleiche ich alle Jäger gewohnheitsmäßig nur noch mit Cousin Ian, dem Gnadenlosen? Ich dachte, Cal wäre ein echter Kerl. So geht das doch nicht. Erst entführt er mich…
“Hey, warum kämpfen Sie nicht darum?”
“Willst du jetzt endlich mit den albernen Tanzschritten aufhören?”
“Können Sie etwa nicht tanzen?” Hmmm. Von der Seite habe ich den Mann noch gar nicht betrachtet. So ein alleinstehender Jäger könnte sich doch ganz leicht um den Finger wickeln lassen, wenn ich den richtigen Tonfall treffe. Lassen Sie uns Frieden schließen, Mr. Fisher. Der Zölibat wird eh gerade langweilig.
Die Ohrfeige trifft mich härter als der Schlag in die Magengrube. Was für ein Mädchen! Seid Ihr Yankees eigentlich alle solche prüden Fanatiker? Meine Güte, dann war es eben der falsche Tonfall. Pffff.

“Das war voll cool, ey, die hat krass Blut geweint. Voll die religiöse Erfahrung, Mann!”
Ach ja, da war was. Das Wunder von Colma. Schon witzig, wie man Jäger quasi auf Knopfdruck umschalten kann. Cal und ich bewegen uns wie auf ein Zeichen auf die Jugendlichen zu, die sich gerade intensiv über die weinende Statue austauschen.
Nicht lange danach stehen wir vor dem Grab der “heiligen Helen”, wie eine schon relativ extatische Menschenmasse nicht müde wird, zu betonen. Vor allem deren Vorprediger, den sich zu meiner Erleichterung Cal vornimmt. Mir tut beim Anblick von so viel Religion spontan wieder die Narbe weh, mit der mich Marcus ausgestattet hat. Aber nicht lange. Irgendwas liegt in der Luft. Meine Wange, die vor Sekunden noch gepocht hat, stellt den Protest ein. Ich fühle mich innerhalb kürzester Zeit erholt, heiter und, wie soll ich das jetzt sagen? Rosig. Keine Spur mehr von Ärger über Cals Auftritt. Gleich halte ich noch freiwillig die andere Wange hin. Normal ist das nicht. Ich spreche mit dem Priester, der mit zweifelhaftem Erfolg versucht, die Menge in Zaum zu halten. Scheinbar ist der ganz froh, dass er sich über sein Wunder bei jemandem ausweinen kann. Viel erfahren wir hier allerdings nicht. Die verstorbene Helen soll schon zu Lebzeiten einen gar engelsgleichen Charakter an den Tag gelegt haben. Bei weiterem Nachbohren gibt der Pater jedoch auch zu, dass sie ein recht undiplomatisches Wesen hatte. An wen erinnert mich das nochmal?
Ich lasse meinen geübten Jägerblick weiter über die Menge schweifen und entdecke… Kitty Munroe. Jippie. Jetzt lande ich gleich wieder in der Mutterrolle. Die Kleine hat mich im selben Augenblick erspäht und winkt erfreut. Sie weiß natürlich auch schon von dem Wunder und einen Hauch mehr über die Mordopfer. Nach viel Gefasel ihrerseits bringt uns ihre Anwesenheit wenigstens eine Probe des Blutes von der Statue auf einem Wattepad ein.
Cal wird dazu verdonnert, uns mit in die Stadt zu nehmen. Irgendwie hat diese harmonische Atmosphäre dazu geführt, dass wir automatisch zusammenarbeiten wollen. Vielleicht ist es auch nur der Jagdinstinkt, der uns jedenVorteil aufgreifen lässt, der sich uns bietet. Ganz so harmonisch ist die Atmosphäre dann auch doch nicht gewesen. Kaum, dass Cal darauf hinwies, hat sich die überschwappende Euphorie der Gläubigen in einer kurzen Prügelei entladen.
Wir verlassen diesen überaus gesegneten Ort um ein anderes Heiligtum aufzusuchen. Die Polzeistation. Wenn die weinende Statue und die Morde miteinander zu tun haben, dann würden wir doch gerne wissen, ob es sich bei den blutigen Tränen nicht am Ende um das Blut der toten Mädchen handelt. Wer weiß, was Hexen oder sonstige übernatürlichen Ärgernisse hier an widerlichem Ritualzeug durchführen. Vielleicht hat auch das Blut erst etwas Übernatürliches geweckt. Wir brauchen mehr Informationen, um die Möglichkeiten einzugrenzen.

Cal zieht den allseits beliebten Trick mit der FBI-Jacke durch. Ich bin etwas genervt davon, dass mir dieser Weg dank meines Akzents vermutlich auf ewig verschlossen bleibt und beruhige mein angeschlagenes Ego mit Shoppen. Diverse Chemikalien und alles mögliche Labormaterial für Miss Munroe, Munition für mich und ordentliche englische Zigarillos für Cal, die ich ihm unterjubeln will, damit ich in seinem Wagen nicht noch Asthma entwickle. Wenn ich das Zeug rieche, dass der Typ raucht, möchte ich Charles auf Knien danken, dass er mich zum Aufhören bewogen hat.
Als ich zurückkehre, kann ich gerade noch verhindern, dass der Mann Miss Munroe umbringt. Sie hat sein Auto geputzt – lobenswert – seiner kleinen Töle einen Lippenstift zu fressen gegeben – leichtsinnig- und versucht soeben, irgendwelche Symbole an den Autotüren zu beseitigen – lebensmüde. Ich falle ihr in den Arm. Keinen Schimmer, was das ist, aber wenn es ein Jäger an sein Auto schmiert, dann hat er Gründe. Dummes, dummes kleines Kind!
Der hartgesottene Jäger. Riecht. Anders. Miss Munroe, Sie spielen wirklich mit ihrem Leben. Himmel, die ganze Schrottkarre riecht nach ihrem Deo. So wie Cal. Ich würde lachen, wenn ich mich nicht gleich wieder da rein setzen müsste. Pink Flamingo. So entwickelt man lebenslange Traumata.
Im Hotel soll die Kleine das Blut untersuchen. Daraus wird nichts. Eine ziemlich verstörte Miss Munroe hält uns einen strahlend sauberen Wattepad hin. Doch eine Illusion? Ich will, dass sie ihn trotzdem nach Spuren untersucht.
Cal klappert derweil die Eltern der toten Mädchen ab und bringt Nachricht von einem Ex-Freund einer der beiden. Brian. Verzeihung, Bryan. Vermutlich ist das der junge Mann, der laut Polizeiakten zusammen mit beiden bei einem Goth-Club gesichtet wurde. Nicht, dass die Beschreibung eines langhaarigen Typen in schwarzer Kleidung und mit spitzen Stiefeln auf so wenige Goths zutreffen würde. Es ist ein Anfang. So wie die Leichen aufgefunden wurden (mit tief aufgeschnittenen Pulsadern und einer roten Rose auf der Brust) passt jedenfalls auch die Vorstellung von einem Emo, der etwas zu emo wurde. Ich mag aber nicht an einen Serienmörder glauben. Warum und wohin sollte der das ganze Blut verschwinden lassen, wenn es nicht etwas rituelles ist?

Der Goth-Club, den wir wohl oder übel aufsuchen müssen, heißt “Dying Rose.” Wie passend. Miss Munroe ist Feuer und Flamme für ihre Verkleidung als Emo. Die Erwachsenen sind übereingekommen, dass sie Kitty als jugendlichen Star behandeln und ihre Bodyguards spielen. So kommen wir mit einem Minimum an Änderungen aus. Ich trage einen stark taillierten Hosenanzug und eine weiße Rüschenbluse. Mehr Zugeständnisse an die Jugendkultur würden mich wirken lassen, als wäre ich verzweifelt.
Catherine, wie sich Miss Munroe im Club nennt, erspäht Bryan sofort an der Bar und umgarnt ihn bis er sich bereit erklärt, mit ihr zu tanzen. Was man hier so tanzen nennt!
Danach frisst er ihr aus der Hand und erzählt ihr alles über seine “Seelenverwandtschaft” mit der verstorbenen Sadie. Ich eigne mir mittels “Durchsuchung” seinen Autoschlüssel an, ergötze mich noch kurz an Cals Gesichtsausdruck und mache mich dann auf den Weg nach draußen, um einen näheren Blick auf die Besitztümer des Jünglings zu werfen. CDs, Kondome, eine Flasche Absinth. Papier, das mit gräßlichen Gedichten vergewaltigt wurde. “Ich habe Schmerzen in meinem Herzen, wie von tausend Kerzen.” Mit Sicherheit hat der Junge als Kind gelispelt.
Als ich den Wagen umrunde, um mir den Kofferraum vorzunehmen, weckt ein knutschendes Pärchen meine Aufmerksamkeit, das sich irgendwie seltsam benimmt. Gerade am Rande meiner Wahrnehmune stimmt an den Bewegungen des Mannes irgendetwas nicht. Er drängt das Mädchen in ein Auto und wirkt dabei, hm, manisch.
Könnte einfach nur von Drogen kommen, aber mir stehen die Nackenhaare auf, wenn ich ihn ansehe. Mit einer Hand fische ich nach den Kondomen von Bryan, mit der anderen lockere ich meine Browning. Zwei, drei Schritte, dann klopfe ich an die Scheibe des Autos und strahle den Kerl hoffentlich ziemlich dümmlich an. “Bitte, passen sie auf sich auf!” Ich halte ihm die Kondome hin. Er schaut verdutzt, greift danach und schenkt mir damit freie Sicht auf das Messer, dass er sowohl vor meinen als auch den Blicken des Mädchens zu verstecken versucht. Das genügt mir als Anlass, dass ich die Pistole direkt auf ihn richte. Ja. Vampir. Mit übermenschlicher Kraft und Geschwindigkeit stößt er mich mit der Wagentür beiseite und nimmt reißaus.
Ich schieße ihm hinterher. Das Gör auf dem Rücksitz fängt an, hysterisch zu kreischen. Ich kann es ihr nicht verdenken. Habe mich ja nicht als ihre Retterin vorgestellt. Deshalb rufe ich etwas verspätet “Stehenbleiben, FBI!” Das bringt sie wieder halbwegs zum Schweigen. Memo an mich: Diesen Satz mit amerikanischem Akzent üben.
Ich sprinte dem Monster nach und werde von Cal eingeholt, den der Schuß aus dem Club gelockt hat. “Was ist?” – “Vampir.” Das genügt. Leider sind die Macheten viele Schritte weit weg. Mir ist das einerlei. Ich will wissen, wohin der Kerl gerannt ist. Vampire haben Nester, und Vampire in Panik rennen zum Nest. Vampire in Panik hinterlassen auch herrlich tiefe Fußabdrücke. So finden wir seine Spur, die sich quer über den Gottesacker bis hinauf zu einem Parkplatz zieht. Dort steht zwar kein Vampirauto, aber dafür das der “Kopfgeldjägerin,” die darin friedlich schläft. Was für ein netter Zufall. Offenbar hat sie den Vampir davonfahren sehen ohne zu wissen, wer und was er ist. War ja nicht der von ihr Gesuchte. Ein leises Bedauern über die entgangene anderweitige Beute kann man ihr aber doch anmerken. Cal schlägt vor, dass sie den Vampir enthaupten darf, wenn er nochmal zurückkommt und fragt sie, was der Typ, den sie verfolgt, eigentlich getan hat. Eine Reliquie aus einer Kirche gestohlen und dann nicht zu seiner Verhandlung erschienen. Mm-hm. Und sie will natürlich nur das Kopfgeld. Nicht die Reliquie. Miss Munroe platzt gleich mit der Frage heraus, ob es sich bei der Reliquie um ein Horn oder einen Gral handelt. Ich erkläre der Frau, dass die Kleine noch in Ausbildung ist. Zum Glück wird sie nicht zu neugierig.

Mithilfe der FBI-Jacke (ich hasse das Ding!) können wir ausreichend viele Besitzer von Überwachungskameras davon überzeugen, uns mit dem Aufspüren des Vampirs zu helfen. Das Auto ist zu einer alten Scheune gefahren, die förmlich “Vampirnest” schreit. Mehrere von denen zusammen greifen wir sicher nicht nachts an. Also wachen wir. Ungefähr fünf Minuten. Dann stürmt der von uns Verfolgte mit all seinem Reisegepäck heraus und beginnt, den Kofferraum zu beladen. Das macht er solange, bis Cal ihm den ersten Reifen zerschießt.
Wieder flieht er zu Fuß. Wieder verfolgen wir ihn. Diesmal in den Wald. Und jetzt auch mit Macheten und meinem alten Chakram. Ich sollte eigentlich wissen, dass ich zu wenig Übung damit habe, aber ich kann es nicht lassen. Das Chakram frisst sich in einen Baum. Wenigstens ist es nicht ins Nirvana geflogen. Pragmatischer wird die Verfolgung von Cal vereinfacht. Er schießt dem Vampir in die Beine. Der kommt schneller wieder auf selbige, als wir ihn einholen können und greift den Jäger an. Ich zerre ihn von Cals Rücken, will mit der Machete ausholen – und er ist wieder auf und davon. So wird das nichts. Zu diesem Schluß ist auch mein Mitstreiter gekommen, der sich jetzt in den Arm schneidet und den Blutsauger mit dem Geruch nach Nachrung zurücklockt. Das klappt sehr gut. Flugs hängt sich der Entflohene schon wieder an ihn. Au, das muss wirklich weh tun. Und wenn Miss Munroe nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn herumhüpfen und auf den Vampir einstochern würde, könnte ich auch vernünftig ausholen, verdammt! Aber sie tritt ihm ordentlich in die Kniekehlen und ich nutze den Moment seines Strauchelns um einen sauberen Treffer zu landen. Der Körper fällt, während der Kopf so fest in Cals Hals verbissen ist, dass er an ihm hängen bleibt wie eine Zecke. Igitt. Das schmatzende Geräusch, mit er sich schließlich löst, als Cal nachhilft, wird mich noch ein paar Tage verfolgen.
Wir sehen aus wie die Metzger. Miss Munroe und ich mit feineren roten Sprenkeln überdeckt, Cal als hätte er eine größer angelegte Blutdusche genommen. Hoffentlich hat er nicht… Er verneint. Gut, sein Gesicht hat wirklich relativ wenig abbekommen. Es hätte mir leid getan, wenn ich ihn jetzt auch einen Kopf kürzer machen müsste. Der Mann kann was. “Ich verlasse mich auf ihr Wort.”
Hätte ich nur nichts gesagt! Jetzt ist Miss Munroe wieder um eine Information reicher, die sie auf ihrem albernen Blog einstellen wird. Im schlimmsten Falle wird sie damit Scharen von Twilight-Fans in die Fänge von Vampiren treiben und eine Mordwelle ungeahnten Ausmaßes auslösen. Gut, aber dagegen gibt es ja Cal. Er geigt ihr so gründlich die Meinung, dass man fast meinen könnte, er sei durchgedrungen. Sie verspricht, nur deutlich darauf hinzuweisen, dass Vampire gefährlich sind. Ja. Genau.
Ich schwöre Ihnen, Miss Munroe, an dem Tag, an dem in ihrem Blog steht, wie Vampire entstehen, suche ich mir einen Hacker, der auch noch die letzte Spur all ihrer Schmierereien beseitigt und ihren Computer in den Selbstmord treibt. Und dann versohle ich Ihnen den Hintern wie noch niemand zuvor. Und wenn das nicht hilft, breche ich Ihnen die Finger. Jedes mal, wenn Sie eine Tastatur auch nur ansehen. Wegen Leuten wie Ihnen, die den Glauben mehr und mehr schüren, werden die Monster in dieser Welt immer zahlreicher. Wegen Leuten wie Ihnen… Oh Mann, ich muss mich abregen. Sie ist ja noch so jung.
Um ihr nicht direkt an die Gurgel zu gehen, greife ich mir die Tasche, die der Vampir auch auf der Flucht an sich gepresst hatte. Sie offenbart den typischen Inhalt, den ich mir bei einem Grufti erwartet habe. Kosmetika, Haargel, ein Tagebuch. Darin elendes Gejammer, wie schrecklich es ist, ein Vampir zu sein und andauernd töten zu müssen. Seitenweise. Und schlußendlich die Erklärung für die hiesigen Morde. Der Blutsauger kam vor wenigen Tagen hier an, weil er hoffte, die Tränen der Statue könnten ihn vom Vampirismus heilen. Armer Irrer.

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Tears of an Angel

Der weinende Engel von Colma

„So ne Blonde“, sagt Jamal. Seine Aussprache ist nicht mehr die beste, seit ihm ein Pishacha mal die halbe Wange abgerissen hat. „Kommt rein, wirft einen Blick um sich und rümpft ihr Näschen. Hat dann gefragt, ob einer was über die Sache in Colma gehört hat. Mit der weinenden Figur.“
„Okay“, sage ich und gebe ihm noch eine Runde aus. Colma. Klar habe ich da schon von gehört. Wer nicht? Der größte Friedhof der USA. Gräber ausgelagert aus San Francisco. Bei 1,5 Millionen Toten müssen immer wieder mal Geister auftauchen.

Ich weiß, dass es keine gute Idee ist, Irene zu verfolgen. Ich kann ja jetzt noch nicht mal klar denken. Ist eine verzweifelte Hoffnung, dass ich ihr das Horn abnehmen kann. Aber was soll ich sonst tun? Ich brauche das verdammte Ding.
Meine Hände zittern. Scheiße. Keine Ahnung, was ich mache, wenn ich sie sehe.

Colmar ist nicht groß. Es ist nicht schwer, ihr Hotel zu finden. Sie kommt nach einer Weile raus und ich muss mich beherrschen, ihr nicht einfach hinterher zu laufen, sie auf den Boden zu werfen und ihren Kopf so lange auf den Boden zu hauen, bis sie mir das verfickte Horn gibt.
Stattdessen folge ich ihr bis zur Bibliothek und da ist meine Geduld zu Ende. Sie sitzt drinnen an einem Tisch und schaut alte Zeitungen durch. Ich setze mich ihr gegenüber hin, die Knarre unter dem Tisch.
Klick.
„Machen wir einen Friedhofsspaziergang“, sage ich.
Sie hebt eine Augenbraue. „Mr. Fisher, wie schön, Sie wiederzusehen.“
„Ist nicht beidseitig. Steh auf“, sage ich.
„Ich muss das hier noch kopieren“, sagt sie aufreizend und hebt ein Papier hoch. „Oder wollen Sie mich hier in der Bibliothek erschießen?“
Und sie zieht es durch. Okay. Mach mich nur wütend. Inzwischen hoffe ich, dass sie mir das Horn nicht sofort gibt.
Ich dirigiere sie auf einen abgelegenen Teil des Friedhofs. „Gibst du mir das Horn ist oder müssen wir es ungemütlich machen?“
„Wir müssen es wohl ungemütlich machen“, sagt sie, immer noch dieses entnervende Lächeln auf den Lippen. „Ich gebe es Ihnen nicht.“
Schieße ich ihr ins Knie? Nein. Wenn ich jetzt mit der Knarre anfange, ist gleich einer von uns tot. Ich stecke also meine Knarre weg und hole aus. Nichts von diesem Ohrfeigen, die man angeblich gegen Frauen einsetzen soll. Sie ist eine Diebin, sie ist eine Jägerin, also voll drauf. Sie weicht aus und ich streife nur ihre Schulter.
Und macht damit weiter. Verdammte Scheiße, Frau, so prügelt man sich nicht. Schlag zurück.
Aber sie will nicht. Und ich merke, wie meine Gedanken sich zusammenziehen wie ein Tunnel. Ich denke nicht mehr an mein Ziel, an das Horn, ich will sie nur noch spüren, wie meine Fingerknöchel auf Fleisch treffen, verdammt noch mal.
„Was macht ihr beiden denn da?“ fragt jemand und Irene schaut zur Seite.
Ha. Meine Faust trifft sie in die Magengrube und sie klappt vornüber, ringt nach Atem. Ich greife nach ihren Haaren, als die Stimme sagt: „Hey, ich stehe nicht so drauf, wenn Kerle ihre Frauen verprügeln.“
Darüber müssen wir beide lachen. „Das ist nicht meine Frau.“
Aber damit ist der Moment ist vorbei. Ein Teil der Wut ist weg, aber noch nicht die Verzweiflung. Ich mache einen Schritt zurück. Führt ja doch zu nichts.
Eine Frau hat sich eingemischt, Latina, sieht tough aus. „Habt ihr euch wieder eingekriegt?“ sagt sie.
„Geht dich nen Scheißdreck an“, sage ich. „Das ist eine Privatsache.“
„Du verprügelst gerade eine Frau. Das geht mich schon was an“, sagt sie.
„Sie hat mir was gestohlen“, sage ich und werfe Irene einen eisigen Blick zu.
Irene richtet sich wieder auf. „Gestohlen? Ihnen hat das Ding nicht gehört. Warum sollte ich es nicht mitnehmen dürfen?“
„Du hat es aus meinem Auto gestohlen, Blondie. Und ich vertraue dir nicht. Keine Ahnung, was du und der Spinner mit dem Horn vorhaben“, sage ich.
„Nichts. Was soll ich denn damit machen? Ich werde es bestimmt nicht blasen.“ Sie schafft es irgendwie, von oben auf mich herabzusehen, obwohl ich ihr gerade eine verpasst habe.
„Na ja, scheint ja, als könntet ihr drüber reden“, sagt die Latina. „Kann ich euch noch was fragen?“ Sie zieht ein Foto hervor. „Habt ihr den irgendwo gesehen?“
Fahndungsfoto von so einem dünnen Kerl. Ich schüttele den Kopf.
Irene schnieft. „Ja, den habe ich gesehen. In so einer Kaschemme Richtung L.A., vor… ich weiß nicht genau, ein paar Tagen.“
Die Latina sieht nicht zufrieden aus. „Was willst du von ihm?“ frage ich.
„Kautionsflüchtling. Ich habe den Auftrag, ihn aufzuspüren.“
„Lizenz?“ frage ich. Sie verzieht das Gesicht und zeigt sie mir dann mit dem alten Schnapp-Klapp-Trick. Ich schnaube. Das war keine Kopfgeldjäger-Lizenz, das war eine Karte von irgendeiner Agentur, Telakhon oder so.
Was soll’s. Ich muss ihr ja nicht sagen, wenn ich den Kerl irgendwo finde.
Endlich verzieht sie sich.
Ich bin immer noch wütend genug, um die Sache gleich fortzusetzen. „Noch mal: Wo ist das verdammte Horn?“
„Weit weg, an einem sicheren Ort, wo es erstmal untersucht wird.“ Als sie meinen Gesichtsausdruck sieht, rollt sie mit den Augen. „Schon gut. Wenn alle Untersuchungen durch sind, und ich bekommen habe, was ich will, dann kannst du das Horn von mir aus haben. Ich will es nicht benutzen.“
Sie lügt nicht. Ich starre sie einen Augenblick an. Dann. Irgendwann. Zu spät.
Meine Hände zittern schon wieder.
Wahrscheinlich ist es besser so. Ich sollte das Ding nicht in die Finger bekommen. A.C. sollte es nicht in die Finger bekommen.
Ich zünde mir eine Kippe an, atme langsam durch. „Schon gut. Vergiss es. War ne blöde Idee.“ Ich drehe mich um und gehe. Irgendwo hin. Bloß weg von hier.
„Hey!“ ruft Irene hinter mir her. „Was soll denn das? Sie müssen verhandeln! Drauf bestehen. Weitermachen.“
Ich bleibe stehen. „Weitermachen? Wirklich? Ist jetzt Schluss mit den Tanzschritten und du wirst mal ein bisschen offensiv?“
Sie lächelte breit und kommt auf mich zu. „Hmm. Können Sie denn tanzen?“
Netter Trick. Aber ich mache das schon zu lange, um mich von einem reizenden Augenaufschlag reinlegen zu lassen.
Ich schlage ihr ins Gesicht. Sie sieht ziemlich überrascht aus.
Hm. Hat sie etwa wirklich mit mir geflirtet?
Ehe ich mir darüber mehr Gedanken machen kann, kommen zwei schwarzgekleidete Teenies vorbei. „Ey, das war so cool! Die hat echt Blut geweint! Voll krass!“
Ich versperre ihnen den Weg. „Wer hat Blut geweint?“ Sie beäugen mich kurz. „Die Statue? Von der heiligen Helen? Schon seit Tagen?“ Er wedelt mit der Hand zum anderen Endes des Friedhofs, wo sich eine Menschenmenge angesammelt hat. Stimmt ja, Jamal hatte so was in der Art erwähnt.
Ich seufze. Wenn ich schon mal da bin… Und Irene noch einen auf die Fresse zu dreschen, hat sowieso keinen Sinn. Ich schaue sie an und sage: „Das ist noch nicht geklärt.“ Sie lächelt liebenswürdig.

Die Menschenansammlung besteht aus beschissenen psalmensingenden Christen. Verdammte Scheiße. Die sehen alle aus, als hätten sie extratief an der Bong gezogen, nur ist es das leider nicht. Der ganze Ort hat eine… Aura oder so einen Scheiß. Fühlt sich an, als würde man ein Bad in warmen Kaffee nehmen. Und nicht nur dass, ich kann auch sehen, wie Irenes dicke Wange vor meinen Augen abschwillt. Gut. Kann sie mir immerhin hinterher nicht die Ohren volljammern.
Ihr scheint die Aura übrigens blendend zu gefallen. Mir nicht. So was passiert nicht zufällig und schon gar aus einem guten Grund. So ist die Welt nicht.
Irgendwas stimmt mit der Aura nicht. Ein paar von den Leuten wirken überdreht, kurz vorm Durchknallen. Scheiße. Wenn das mal kein Blutbad gibt.
Ich schlängele mich zum Vorbeter durch, während Irene sich den Priester vornimmt. Der Mann versucht, irgendwie Ordnung zu halten. „Nicht auf die Blumen! Achtung, das Grab!“ ruft er immer wieder, aber die Ecke um Helens Grab herum sieht schon aus wie ein Schlachtfeld.
Der Vorbeter sieht mich mit glasigen Augen und starrem Grinsen an. „Bruder, bete mit uns!“
„Gleich, Bruder“, sage ich. „Sag’ mir erstmal, wem sich dieses Wunder zuerst enthüllt hat.“
„Allen Bruder, allen!“ Er wirft die Hände hoch. Dann lässt er sie wieder sinken. „Ach so, du meinst, das erste Mal? Der gesegneten Mary Hopkins, von Helen Sullivan, der Engelsgleichen gesegnet!“ Er zeigt auf eine alte Dame, die etwas Abseits sitzt und kopfschüttelnd strickt.
Dann erzählt er noch von der engelsgleichen Helen, ihren vielen Wundern und natürlich der weinenden Engelsfigur. Immer wieder weint sie Blut!
Engel. Ich hasse Engel. Und wie kann man eigentlich auf die Idee kommen, dass Bluttränen was Gutes sind? Blut, verdammt noch mal. Wäre es auch ein heiliges Wunder, wenn der Figur ständig Giftschlangen aus der Muschi fallen würden?
„Bete mit uns, Bruder! Bete zu Ehren von Helen!“ kreischt mir der Vorbeter ins Ohr und versucht, meine Hand zu nehmen. Soll er. Ich drücke zu.
„Nicht… so… fest… Bruder“, sagt er und sein Lächeln verschwindet endgültig, als ich ihm mein „Fass mich nicht an“-Gesicht zeige.
Er lässt meine Hand los. Dann schmeißt er sich mit doppelter Energie auf seine Mitbetenden.

Mary Hopkins schüttelt ihren Kopf und sagt zu dem Grabstein vor ihr: „Ach Ralfie, was soll der ganze Trubel? Ts, die machen ja alles kaputt. So ein Ärger.“
Ich setze mich neben sie. „Sie haben das Ding zum ersten Mal weinen gesehen?“
Sie mustert mich über die Ränder ihrer Lesebrille hinweg. „Die Figur? Ja ja, ich dachte noch, das wäre Ketchup oder so und jemand hätte sich einen Scherz erlaubt. Aber nein, es war Blut.“ Sie schnalzt mit der Zunge. „Manchmal denke ich, hätte ich doch bloß nichts gesagt, aber wahrscheinlich hätte man es sowieso gesehen.“
Ich nicke. „Haben Sie noch jemanden in der Nähe gesehen, der das gemacht haben könnte? Oder etwas gespürt? Dass es kalt wurde oder ähnliches?“
Sie saugt ein bisschen an ihrem Gebiss. Ihre Stricknadeln klappern. „Nein, da war niemand. Und gespürt, na, meine Arthritis, die ist fast weg!“ Sie schnaubt empört.
Ich muss grinsen.
„Sagen Sie, junger Mann…“ meint sie von der Seite. „Sind Sie ein Privatdetektiv oder so was?“
„Oder so was“, sage ich.
„Kann ich Ihre Waffe sehen?“ Mrs. Hopkins Augen glitzern.
„Klar.“ Ich zeige ihr meine Beretta.
„Kann ich mal damit schießen?“ fragt sie und zielt schon mal in Richtung der Menschenmenge.
Ich nehme ihr die Pistole lieber wieder aus den Händen. „Zu viele Leute hier. Vielleicht wann anders.“
Sie lässt den Kopf hängen. Dann hebt sie ihn abrupt wieder. „Sagen Sie, junge Mann, wie ist denn ihre Schuhgröße?“
„45“, sage ich und stecke meine Waffe wieder ein.
„Dann kommen Sie später wieder, dann bekommen Sie ein paar schöne Wollsocken. Weiß schon gar nicht mehr, wohin damit!“ Hätte ich früher mal eine knarreschwingende Oma gehabt…

Irene hat von dem Priester erfahren, dass Helen Sullivan zwar sehr gläubig war und sich sehr für ihre Mitmenschen eingesetzt hat, aber auch „undiplomatisch“ gewesen wäre, „so wie eine gewisse andere Person“. Sie ist überfahren worden, als sie ein verwundetes Reh mitten auf der Straße versorgen wollte. Dummheit macht noch nicht heilig, das sollte ich wissen.
Irene ist nicht alleine.
Kitty ist bei ihr.
Verdammt.
Damit ist der ruhige Teil des Abends wohl vorbei.
„Morgen, Agent White! Wie heißen Sie eigentlich wirklich?“ sagt Kitty, bei der die Aura des Ortes irgendwie keinen Unterschied bewirkt.
Netter Versuch. „Nenn mich einfach Cal“, sage ich.
Sie legt schon wieder los, von ihrem tollen Reporterberuf und dieser großartigen Möglichkeit und ob die beiden jungen Frauen wirklich von einem Vampir…
„Vampir?“ frage ich. Scheint so, als wäre die blutende Figur nicht das einzige, was hier schief läuft. Zwei junge Mädchen, Sadie und Dami, wurden ausgeblutet und auf dem Friedhof drapiert.
Kitty schwafelt dann noch was weiter, dass man doch das Blut vergleichen sollte und ob sie so tun soll, als ob sie vom Vatikan käme oder von einem christlichen Blatt oder eine christlichen Uni oder was…
„Frag ihn endlich“, knurre ich sie an und sie zischt ab.
Sie kommt bald mit einem Wattepad mit Blut dran zurück. Der Priester hat ihr aus der Hand gefressen.
„Zum Sheriff und fragen, was mit den Morden ist“, sage ich und wie aus einem Mund meinen Kitty und Irene: „Da können wir doch sicher bei Ihnen mitfahren!“.
Ich hole tief Luft.
Ja. Na klar. Steigt alle ein.

Der Chief of Police ist eine ältere Frau, die heilfroh ist, einen Teil der Arbeit an das FBI abgeben zu können und mir bereitwillig alles erzählt. Der Täter hat den Mädchen die Pulsadern aufgeschnitten – richtig, von oben nach unten – und sie dann mit einer Rose auf der Brust auf einen Grabstein gelegt. Keine Ahnung. Könnte auch ein Serienkiller sein. Soll es ja geben. Meistens steckt aber irgendein Monster dahinter.
Die Mädchen waren beide Emos und kannten sich zumindest flüchtig. Sie wurden vor dem lokalen Club gesehen, wie sie mit einem Jungen mit spitzen Schuhen gesprochen haben. Sadie hatte sich nicht gewehrt, aber Dami hatte Blutergüsse an den Armen, die höchstens von einem sehr starken Menschen stammen könnten.
Mehr kommt erstmal nicht raus.

Draußen hat Kitty mein Auto geputzt, es ordentlich mit Pink Flamingo eingesprüht und legt gerade den Lappen an die Engelssiegel. „Können die Bilder weg?“ fragt sie strahlend. Irene fällt ihr gerade so noch in den Arm. Meine FBI-Jacke riecht auch nach Pink Flamingo. Schlimmer als Hundepisse. Viel schlimmer.
„Das Blut ist verschwunden!“ platzt Kitty heraus. „Auf dem Pad! Das Blut ist einfach… weg! Wie kann das denn sein?“ Weiß ich auch nicht. Illusion?
Als ich die Tür aufmache, springt mir Miffy entgegen. Für einen Moment denke ich, sie wäre schon wieder an mein Glas mit Totenmannsblut gegangen, aber es ist… Lippenstift?! Gottverfickt! Lippenstift!
„Sie wollte spielen“, sagt Kitty ganz unschuldig. Ich packe Miffy am Genick und schiebe sie in Kittys Arme. Den lippenstiftverschmierten Mund nach vorne.
„Du hast das angerichtet, du machst das sauber“, sage ich.

Das kann sie machen, während wir die Eltern der beiden Opfer aufsuchen. Damis Eltern können nicht viel mehr erzählen, aber Sadies Mutter erzählt uns von ihrem Exfreund Brian „der sich jetzt Bryan schreibt“. Er hat es nicht leichtgenommen, dass sie sich von ihm getrennt hat und sie mit unerträglichen Liebesgedichten belästigt. Ein paar von denen zeigt uns die Mutter. „In meiner Hose trage ich für dich eine Rose, meine Tränen so weiß, meine Liebe so heiß.“ Gott, ich hoffe, der Kerl ist der Vampir. Für das Geschwafel hat er den Tod verdient.

Also müssen wir wohl den Emo-Club besuchen. „The Dying Rose.“
Kitty geht mir auf die Nerven, dass ich mich doch schwarz anziehen müsste und vielleicht ein bisschen Kajal…? Damit sie ihre Klappe hält, wechsele ich von meiner Cordjacke in Leder. Irene bringt sie mit den Vorschlag, sie könnte sich doch als Promi aufspielen und wir als ihre Bodyguards, endgültig zum schweigen.

Drinnen läuft irgend so ein schnulziger Scheiß, bei dem viel zu oft die Worte „Pain“, „Darkness“ und „Love“ fallen. Bei so was bekomme ich immer Lust, denen mal zu zeigen, was Schmerz wirklich ist.
Brian – sorry, „Bryan“ – treibt sich an der Bar rum und sülzt irgendein Mädel voll.
Wir stellen uns auch an die Bar und Irene spendiert eine Runde. Immerhin. Mit einem netten Whiskeyschleier könnte das hier erträglicher werden.
Kitty macht sich an Brian ran, dem vor Überraschung die Kinnlade in den Knien hängt. Nicht, dass man mehr von seinem Gesicht sehen könnte, der Rest ist von schlecht frisierten Haaren bedeckt.
Nach einem Tänzchen kommt sie mit ihm zurück. Irene „tastet ihn nach Waffen ab“ und macht wahrscheinlich den gleichen Trick wie sie es mal bei Kitty versucht hat. Und bei mir, fällt mir dabei ein.
Irene entschuldigt sich und geht nach draußen. Ich darf mir derweil anhören, wie Brian Kitty von Sadie verschwärmt, seine ewige Liebe, obwohl, vielleicht doch nicht sooo ewig, und er hätte ihr immer Gedichte geschrieben, er habe so viel Talent… Der Kerl ist entweder einfach nur ein Volltrottel oder er ist der beste Lügner, den ich je getroffen habe. Aber nach der Sache mit dem Vampirmädchen traue ich meiner Intuition nicht mehr.
Er schwafelt weiter. Mein Drink ist alle.
Ich habe große Lust, ihn ein paar Mal mit dem Kopf auf den Tisch zu dreschen, da fällt draußen ein Schuss.
Gott sei Dank.
Ich renne nach draußen, wo Irene gerade einen Kerl verfolgt, der exakt wie Brian gekleidet ist. Und wie alle anderen hier.
„Wer ist das?“ rufe ich ihr zu.
„Vampir“, sagt sie.
„Scheiße, Machete im Auto“, sage ich.
Wir folgen ihm auf den Friedhof. Es ist verdammt dunkel da und wir verlieren ihn erstmal.
Hinter uns keucht und schnauft es und dann klettert Kitty über die Mauer. Mit Brian im Schlepptau. Irene und ich tauschen einen Blick. Das kann doch nicht ihr Ernst sein…
„Was war das?“ schnauft sie.
„Ein Vampir“, sagt Irene.
„Dann… gibt es Vampire wirklich? So in echt?“ Sie macht große Augen. „Und Brian ist nicht der Vampir?“
„Nein“, sage ich und dann zu Brian: „Verpiss dich.“ Er braucht mir nur einmal in die Augen zu blicke und rennt wie ein Hase.
Irene sieht sich den Boden an und macht die volle Spurenleser-Sache. Wir folgen die Spuren bis zu einem Parkplatz. Dort steht zwar kein Vampirauto, aber der Wagen der angeblichen Kopfgeldjägerin. Mit ihr drin. Ich klopfe an die Scheibe. Sie greift automatisch unter den Sitz und macht dann das Fenster runter.
„Einen Wagen gesehen, der hier gerade weg ist?“ frage ich.
„Hm, ja. Mietwagen. Ist da lang gefahren“; sie zeigt in die Richtung.
„’kay. Danke.“
„Das war aber nicht mein Kerl, oder? Oder der Vampir?“
„Der Vampir“, sage ich.
„Schade“, sagt sie. „Den hätte ich gerne umgebracht.“
Ich zucke mit den Schultern. „Wenn er wiederkommt, bring ihn um. Ach ja, was hat der Kerl eigentlich gemacht?“
„Der Kautionsflüchtling? Hat eine Reliquie aus einer Kirche gestohlen und ist dann nicht zu seiner Verhandlung erschienen.“ Sie gähnt.
„Reliquie? Gral oder Horn?“ fragt Kitty und bevor sie weitersprechen kann, sage ich „Gute Nacht“ und schleppe Kitty am Kragen weg.
Hat man nicht früher manchmal Leuten die Zunge rausgeschnitten?

An der Kreuzung, die aus der Stadt führt, frage ich mit meiner FBI-Montur in einer Tankstelle nach den Sicherheitsaufnahmen. Der Angestellte haucht begeistert „Oh, Pink Flamingo! Das mag ich auch am liebsten!“ und ich bin mir ziemlich sicher, dass er mir auf den Hintern geschaut hat.
Aber er lässt mich die Sicherheitsaufnahmen ansehen.

Mit Hilfe der Aufnahmen finden wir ein altes Farmhaus etwas außerhalb der Stadt. Der Mietwagen steht davor.
Wenn es da ein Vampirnest gibt, sollten wir am Tag angreifen. Aber falls sie aufgescheucht werden, muss man dableiben. Ich lehne mich schon zurück und bereite mich auf eine weitere ungemütliche Nacht im Auto vor, da kommt der verdammte Vampir aus dem Haus, zwei Koffer und ein Handtäschchen im Schlepptau. Er fängt an, das Ganze ins Auto zu laden.
Wegfahren sollte er nicht. Ich steige also aus und feuere erstmal eine Salve in die Reifen. Der Vampir kreischt und… läuft weg, das Täschchen vor seine Brust gedrückt.
Scheiße. Was ist denn das für eine Memme?
Irene wirft noch ein komisches rundes Ding nach ihm, trifft aber nur einen Baum.
Hinterher. Scheiß auf den dunklen Wald. Der Vampir kann uns sowieso sehen, also schalte ich das Licht auf meinem Sturmgewehr an. Ich kann hören, wo er hingerannt ist und schieße in die Richtung. Irgendwas fällt um.
Ehe ich an ihm dran bin, ist er schon wieder weg.
Da packt mich etwas von hinten. Der Vampir zischt und entblößt die Zähne. Ich treffe ihn, aber die kleine Wunde steckt er leicht weg.
Irene taucht auf und tritt dem Vampir von hinten in die Kniekehlen. Er strauchelt und lässt mich los.
Jetzt stehen wir alle mit Macheten um ihn herum. Er schaut sich um und rennt schon wieder weg.
Scheiße, keinen Bock mehr auf den Dreck. Ich schneide mir mit der Machete in die Hand und hebe den Arm. Sogar ich kann das Blut riechen.
Der Vampir bricht aus dem Unterholz, Blutlust in den Augen und schlägt mir die Machete aus der Hand. Seine Zähne bohren sich in meinen Hals. Scheiße. Ich denke noch daran, dass Wunden an der Stelle rasch mal die Schlagader erwischen, dann verschwimmt alles in einem Schleier aus rotglühendem Schmerz.
Ich muss an den Emo-Song denken und grinse.
Dann lässt plötzlich das Gewicht an meinem Hals nach. Ich blinzele. Der Körper des Vampirs fällt zu Boden. Sein Kopf hängt noch an mir. Ich spanne die Kiefer an und reiße ihn an. Frisches Blut läuft mir auf die Lederjacke. Scheiße. Die kann ich wegwerfen.
Ich drücke mir einen Lappen auf die Wunde.
„Ist ihnen Blut vom Vampir in den Mund gekommen?“ fragt Irene und schwingt schon mal die Machete.
„Nein. Aber wenn ich morgen in der Sonne kokele, bring mich halt um.“
„Dann dürfte es zu spät sein“, sagt sie.
„Versuch’s doch gleich, wenn du willst…“
„Ja, schon gut“, sagt sie und steckt die Machete weg.
„Also, wenn man Blut vom Vampir…“ sagt Kitty.
„Versuchen Sie es bloß nicht, Miss Munroe“, sagt Irene.
Ich schenke ihr meinen finstersten Blick. „Und wenn du das irgendwo schreibst und dann Horden von Teenagermädchen losrennen und sich Vampirblut einflößen und anfangen, Leute umzubringen, dann klebt das ganze Blut an deinen Händen. Das ist dann deine Schuld.“
Das macht sie kleinlaut. „Ich wollte doch nur… dass Vampire gefährlich sind…“ murmelt sie.
Da soll sie ein bisschen drüber nachdenken. Glaube zwar nicht, dass es wirkt, aber der Idiotin muss mal jemand Verstand einprügeln.
In der Handtasche des Vampirs ist neben viel zu viel Haarpflegemittel auch ein Tagebuch. Er ist hergekommen, um sich von den Tränen der Heiligen kurieren zu lassen. Tja. War wohl nichts.

Die Wunde an meiner Schulter blutet kaum noch, als ich mir das ganze Vampirblut im Haus abwasche. Keine anderen Vampire, kein Nest, nur ein depressiver Spinner, der sich selbst wahnsinnig Leid getan hat.
Und jetzt ist er tot.
Buhu.
In seinem Tagebuch hat er eine Chronologie von Artikeln über die Wunder an Helens Grab gelegt. Richtig viel gibt das nicht her, aber zu Beginn sind wohl Blumen erfroren. Hm. Keine Ahnung, ob das wichtig ist, aber ich telefoniere mal rum. Kommt aber nicht viel bei raus. Dass da Geister dran schuld sein können, war ja vorher schon klar.
Irene hängt auch gerade auf und starrt das Telefon an, als wäre es eine Giftschlange.
„Probleme?“ frage ich. “Nein”, sagt sie und steckt mit eisiger Miene das Telefon ein.
„Wir sollten Helen einfach einsalzen und verbrennen“, sage ich. Oder vielleicht… Mir fällt ein, dass es ein Ritual gibt, mit dem man einen Geist an sein Grab rufen kann. Ist manchmal ganz praktisch, wenn man einen Geist von seinem Ziel ablenken will. Oder was über die Todesursache herausfinden muss.
Was aber schwer wird, wie wir am Friedhof sehen, denn dort ist trotz der späten Stunde jede Menge los. Scheiße, hören diese Christen denn nie mit dem Beten auf?
Die Kopfgeldjägerin und der Kautionsflüchtling sind auch da. Ich weiß nicht, ob ich mich da auch noch reinhängen soll – wir haben ja schon genug zu tun. Andererseits hat der Typ eine Reliquie geklaut, wer weiß, vielleicht hat er noch was anderes dabei, was den ganzen Scheiß auslöst.
„Ich lenke die ab!“ sagt Kitty fröhlich und rast zu der Frau, während Irene und ich uns zu dem Mann rüberschleichen. Mehr oder weniger.
Der Kerl schaut zu uns rüber, starrt mich direkt an und sieht so aus, als wolle er was sagen. Kenne ich den? Hm. Glaub nicht.
Aber die Frau hat ihn auch schon gesehen und natürlich macht er sich davon.
Was auch immer.
Während ich mich noch umsehe, klettert Kitty auf einen Grabstein, schreit: „Hey, das ist der Kerl, der Helen ausgraben wollte!“ und zeigt auf den Fliehenden So richtig klappt’s nicht. Ein paar Leute rennen den beiden hinterher, ein paar stellen sich schon mal in Verteidigungshaltung bereit.
Helen einfach ausgraben und verbrennen geht so natürlich nicht.
Also nutzen wir die Stunden, um uns noch ein bisschen umzusehen. Irene klettert sogar auf einen Baum und sagt, als sie wieder unten ist: „Die Blumenrabatte sehen verdächtig wie ein Pentagramm aus.“
Ein Pentagramm. Aus Blumenrabatten. Scheiße, hat den heute keiner mehr Standards?
Irene ruft noch mal ihren Kontakt an. Scheint nicht zu helfen. Sie zischt: “Geht doch zurück ins Bett zu deiner ‘wichtigen Sache’.” und legt auf. “Probleme?” frage ich und lächle ein bisschen anzüglich. Wieder der böse Blick.
Aber wie auch immer, wir beschließen, am nächsten Tag mit dem Priester und dem Gärtner zu reden. Vielleicht weiß einer von denen was.
Ich schlafe im Auto, eine Entscheidung, die ich schnell bereue. Gott, der Gestank von dem komischen Zeug, das Kitty hier versprüht hat, ist echt nicht auszuhalten.

Der nächste Tag bringt mehr Wunder. Alle Statuen innerhalb des Pentagramms weinen Blut und ich bin versucht, das Gesicht des nächsten Christen in die Bluttränen zu drücken und ihn zu fragen, ob das, scheiße noch mal, heilig sein soll.
Kitty redet wieder mit ihrem Freund, dem Priester. Nein. Der Typ lügt nicht, der hat keine Ahnung von dem Pentagramm.
Inzwischen habe ich keine Lust mehr, um die Frage herumzuspazieren und mit Andeutungen zu arbeiten. Ich frage den Friedhofsgärtner direkt, ob er die Blumen so gepflanzt hat. Nein, das ist Sache der Familie. Aber er könnte uns da sehr schöne Kränze anbieten…
Kitty macht ein schlaues Gesicht und nickt in Richtung einer Emo-Trulla hinten in der Gärtnerei. „Ich glaube, wir haben schon gefunden, wen wir suchen!“ Und marschiert einfach ab.
Das Mädchen will natürlich erst nicht so richtig reden. Schließlich sagt sie: „Helen war meine Freundin. Sie war so ein guter Mensch… Und jetzt… Ich wollte sie schützen, deshalb habe ich das Pentagramm gemacht.“
So ganz lügt sie nicht. Aber sie sagt auch nicht die Wahrheit.
„Komm, gehen wir einen Kaffee trinken“, sage ich zu ihr. Vielleicht redet sie ja lieber in entspannter Atmosphäre.
Sie wird aber sofort zickig. „Wieso soll ich mit Ihnen Kaffee trinken gehen? Sie können mir gar nichts!“
Scheiß auf den Scheiß. Ich halte ihr den FBI-Ausweis unter die Nase. Da kommt sie mit, aber nicht gerade fröhlich.
Wir suchen uns also ein Café in der Nähe und reden mit ihr. Oder versuchen es zumindest.
„Okay“, sage ich. „Du hast doch was verschwiegen. Was soll die Sache mit dem Pentagramm? Vor was willst du Helen beschützen?“
„Vor nichts, ich wollte nur… Es ist so unfair, dass ausgerechnet sie sterben musste. Helen war der beste Mensch der Welt!“ Sie sieht beleidigt aus. Tja, Kind, so ist das Leben: Scheiße.
„Was hast du gemacht?“
Ihre Augen glitzern, als sie sagt: „Ich mache es wieder gut. Ich hole sie zurück.“
Kitty springt fast aus ihrem Stuhl. „Das kannst du nicht machen! Das ist unnatürlich, da kommt nichts Gutes bei raus! Denk nur an Buffy, da wurde sie auch aus dem Himmel gerissen und war hinterher total unglücklich.“
Das Mädchen schaut sie an, als hätte sie einen an der Klatsche. „Und? Wie oft hat Buffy hinterher noch die Welt gerettet?“
„Das ist trotzdem eine Scheißidee. Habe noch nie gehört, dass so ein Ritual gut ausgeht“, sage ich.
„Klar, Sie wissen ja auch alles. Ich weiß ganz genau, was ich tue. Ich habe alles im Griff!“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust und sieht so selbstzufrieden aus, dass ich einfach mal rübergreifen und ihr Gesicht auf den Tisch knallen will.
Kitty springt schon wieder auf. „Was, indem du Helen als Zombie wiederholst? Das kann ja…“
Ich drücke sie wieder auf ihren Stuhl. „Halt die Klappe, Kitty. Mädchen, du hast nichts im Griff. Die Leute in dem Pentagramm drehen durch. Da gab es gestern schon eine handfeste Schlägerei.“
Sie kaut ein bisschen auf ihrer Lippe. „Und? Dafür werden Menschen geheilt.“
„Was genau hast du gemacht?“ bohre ich.
„Das ist wirklich raffiniert“, sagt sie und grinst überlegen. Tisch. Kopf. „Hier gibt es so viele Geister, die kann man als Energie benutzen. Und die Energie kann ich dann benutzen, um Helen wieder zurück zu holen.“
„Und das hältst du wirklich für eine gute Idee?“ fragt Irene.
„Es ist eine gute Idee. Die Welt braucht Helen. Und ihr könnt mir gar nichts. Was wollt ihr denn machen? Mich festnehmen? Ich habe ja nichts verbrochen.“ Sie lächelt breit.
Kleine Schlampe. „Überleg dir gut, ob du das wirklich machen willst, Mädchen. Wenn du das versuchst, halten wir dich auf. Egal wie.“
Sie steht auf. „Dann sind die Fronten ja geklärt.“
„Moooment“, sagt Kitty und zieht das Tagebuch des Vampirs hervor. „Du weißt schon, dass die beiden Mädchen ohne deine Aktion nicht gestorben wären?“
Sie zögert. „Bitte?“
„Es ist ein Vampir hierhergekommen und wollte sich von den Bluttränen heilen lassen. Und da hat er auch gleich Sadie und Dami umgebracht.“ Sie schiebt das Tagebuch zu Denise hinüber. Die machte einen Schritt aus vom Tisch weg. „Ich muss das nicht lesen. Ich gehe jetzt!“
Irene packt sie an der Schulter und drückt sie auf ihren Stuhl zurück. „Jetzt hör mir mal zu“, sagt sie nahe an Denise Ohr. „Du siehst dir jetzt das Tagebuch an. Sieh dir an, was du angerichtet hast.“ Sie haut den Kopf des Mädchens in das aufgeschlagene Buch. „Die beiden Mädchen sind tot und das ist dein Werk. Glückwunsch. Gut gemacht. Hoffentlich bist du stolz.“
Sie fängt an, zu schreien. „Lass mich los! Egal ob FBI oder nicht, das dürft ihr nicht! Lasst mich in Ruhe!“
Jetzt mischt sich auch der Besitzer des Cafés ein. „Hey, Sie können doch nicht…“
„Lasst sie gehen“, sage ich.
Denise dreht sich an der Tür noch einmal um, macht eine Handbewegung in Richtung Irene und sagt: „Du bist tot!“ Dann stürmt sie raus.

„Das lief ja gut“, sagt Irene draußen.
„Die Kleine will wohl nicht… Kann sein, dass wir sie…“ Das ist aber nichts, was Kitty hören sollte.
„Na, wenn Sie es nicht einsieht!“ sagt das Mädchen seelenruhig. Okay. Das hätte ich nicht erwartet.
Wir teilen uns auf. Kitty geht den Priester besuchen, Irene und ich wollen Denise einkassieren. Sie soll gar keine Zeit haben, um Helen zu erwecken. Oder Irene mit irgendeinem gezielten Fluch umzulegen.

Das Haus des Mädchens schreit geradezu Hexe. Verwilderter Garten mit verdächtigen Pflanzen, eine Horde Raben auf einem Baum und eine schwarze Katze. Fehlt nur noch ein Haufen von diesen Kids aus dem Club.
Wenigstens haben die Raben keine grünen Augen.
Wir sehen uns das Gelände kurz an, aber rein will ich da so ohne weiteres nicht. Fleischfressende Pflanzen und so.
Also muss sie raus. Ich erinnere mich da an einen Trip mit Uriah. Killerbienen, scheiße, so was habe ich noch nicht gesehen. Da hat er mir gezeigt, wie man richtig widerliche Rauchbomben bastelt. Was da reinkommt, will ich Irene gar nicht zeigen. Sie kann so lange ihr Betäubungsgewehr holen.
Ich hebe einen Stein auf und schmeiße eine der Scheiben ein. Und was passiert? Unter Krächzen und Flügelschlagen fliegen die Raben auf. Einen hole ich gleich vom Himmel, dann sind sie an uns dran. Überall um mich herum Federn, Schnäbel, Klauen. Ein Vogel direkt vor meiner Mündung. Ich drücke ab. Das Vieh explodiert in Eingeweide und schmutzige Daunen.
Einen Augenblick wird es freier. Irene hält sich die Raben mit dem Ende ihres Gewehres vom Leib, da drehen die Viecher plötzlich ab und fliegen Richtung Friedhof.
Sirenen bewegen sich in die gleiche Richtung.
„Ups“, sagt Irene.
„Was?“
Sie zeigt mir ihr Handy. Eine SMS von Kitty und sie sagt nur „Ups“.
Ich bekomme ein ganz mieses Gefühl in der Magengrube.
Scheiß auf die Hexe. Das ist jetzt dringender.

Auf halbem Weg macht Irene Wagen plötzlich eine Vollbremsung. Ein Mann ist ihr vor’s Auto gelaufen und geht jetzt zielstrebig auf ein Haus in der Nähe zu. Er läuft ungefähr zu geschmeidig wie eine Holzpuppe.
Ich steige aus und lege schon mal eine Hand auf die Knarre. Der Mann hämmert gegen die Tür und schreit: „Aufmachen, du Schlampe! Du hast mich betrogen!“
Eine Frau öffnete die Tür – Idiotin – und der Mann kreischt sie an. „Du hast mich betrogen! Wir konntest du mit Steve ins Bett gehen?“
„Was…? Wer sind Sie? Ich kenne Sie nicht…“ sagt die Frau und macht die Tür immer noch nicht zu.
Aber der Mann langt ihr eine. Sie taumelt zurück und ich packe ihn von hinten. Die Haare an meinen Armen stellen sich auf, als mir plötzlich eiskalt wird. Geist. Überraschung.
Irene taucht vor uns auf, schon Steinsalz in der Hand. „Geist?“ fragt sie und schmeißt schon mal vorsorglich das Salz. Er sackt in meinen Armen zusammen. Ein weiterer Schauer durchfährt mich, als eine durchscheinende Gestalt aus ihm herausfährt und wie an einem Seil gezogen in Richtung Friedhof verschwindet.
Ich zerre den Bewusstlosen in das Haus.
„Was war denn…? Das Ding da, das sah aus wie Peter…“ sagt die Frau und sieht dem Geist hinterher.
„Das war ein Geist. Sind sie alleine?“ frage ich und sie sagt: „Mein Sohn… Er ist oben…“
„Rufen Sie ihn und gehen Sie in die Küche.“ Entweder sie glaubt mir oder sie ist so geschockt, dass sie mir nicht widerspricht. Jedenfalls holt sie ihren Jungen und setzt sich in die Küche, wo wir einen netten Salzkreis um sie ziehen.
„Bleiben Sie da drin. Dann sind Sie vor Geistern sicher.“
Inzwischen wacht auch der Mann wieder auf. „Was? Wo bin ich? Ich hatte so ein komisches Gefühl…“
„Geschlagen haben Sie mich“, sagt die Frau und starrt ihn finster an.
„Was habe ich? Ich schlage keine Frauen!“
Sollen sie sich zoffen. Hauptsache, sie bleiben im Kreis.

Auf dem Friedhof herrscht ein Pandämonium. Geister treiben zwischen den Grabsteinen umher, stürzen sich auf Menschen. Besessene prügeln sich, küssen sich, tun was auch immer der Geist unbedingt will. Überall liegen ausgerupfte Blumen herum. Der Kreis ist zerstört.
Und auf einem Grabstein steht Kitty und filmt. Scheiße, mir drängt sich der Verdacht auf, dass das kleine Biest das absichtlich inszeniert hat.
Wenige Möglichkeiten. Wir können schlecht die ganzen Gräber finden und all diese Geister bannen. Den Kreis neu anzulegen bringt nichts. Die Geister sind ja schon draußen.
Was soll man tun? Ich gehe mit meiner Flinte und dem Salz los, ballere in körperlose Gestalten und ziehe Salzkreise, um ehemals Besessene zu schützen. Es ist inzwischen so kalt, dass mir der Atem vor dem Mund kondensiert.
„Sag Jane, dass ich sie liebe…“ flüstert ein Geist. Ein anderer kreischt mich an: „Erwin bekommt nie mein Geld, niemals!“
Ich drücke ab.
Irgendwann legt sich das Chaos etwas. Schätze, viele der Geister waren nicht richtig wach und wurden nur von Denise angezogen.
Der Rest beschäftigt sich bei Helens Grab mit der Kopfgeldjägerin und dem Flüchtling. Sie hat ihn gepackt und er schreit irgendwas vor sich hin. Leute, es gibt gerade echt Wichtigeres…
„Siehst du, der ist auch einer von denen, der arbeitet auch für A.C.“, sagt der Typ, als ich näher komme.
Was?
Alle starren mich an. Ich spiele mit dem Gedanken, den Kerl einfach zu erschießen, aber natürlich tue ich’s nicht.
„Hilf mir, bitte. Du bist doch auch einer von A.C.s Leuten“, sagt er.
„Nicht so richtig“, antworte ich.
„Bitte… Ich brauche eine Reliquie, sonst nimmt er mir meine Seele weg. Ich kann nicht in den Knast.“ Ihm laufen die Tränen über das Gesicht.
Verdammt.
„Bitte, bitte, ich brauche was von Helen, sie ist doch eine Heilige, vielleicht reicht ihm das und er lässt mich gehen“, sagt er.
„Das ist keine Heilige, das ist nur ein totes Mädchen. Die hat noch nicht mal Wunder hingekriegt. Das war ihre Freundin“, sage ich.
„Sagt er etwa die Wahrheit?“ fragt Irene mit ordentlich Zweifel in der Stimme.
„Ja“, sage ich.
Der Kerl versucht, sich loszureißen. „Bitte… Hilf mir. Ich will nicht in den Himmel…“
Die Kopfgeldjägerin rollt mit den Augen und zerrt ihn weg. „Wie auch immer. Du kommst in den Knast.“
„Bitte! Tu doch was!“ schreit er und sieht mich an.
„Was soll ich denn machen?“ sage ich. Ich weiß es wirklich nicht. Kann’s ja verstehen, aber…
„Tja, du hast nun mal verkackt und das ist die Rechnung“, sagt Kitty ganz unbewegt.
Habe ich das?
„Bitte“, fleht er wieder. „Tu doch was. Schieß sie ins Bein.“
„Schieß mich bitte nicht ins Bein“, sagt die Kopfgeldjägerin.
Das nicht. Aber ich sage: „Du weißt schon, wenn er in den Knast kommt, ist er tot.“
Sie bleibt stehen. „Wirklich?“
„Ja.“
Sie seufzt und lässt ihn los.
„Danke, danke“, sagt der Typ. „Ich… vielleicht gibt es Mexiko ja Reliquien, habe gehört, dort gibt es so was.“ Er fällt beinahe über seine eigenen Füße und rennt dann weg.
Ich werde immer noch angestarrt. Keinen Bock drauf. Ich gehe noch ein paar Geister erschießen.
Hauptsache nicht nachdenken.
Nach einer Weile kommt Kitty zu mir rüber. „Hör mal, ist ja OK, dass du nicht drüber reden willst, aber wir wollen jetzt Helen rufen und du kennst doch ein Ritual…“
Ich hole aus und sie quietscht und fällt über einen Grabstein. „Aber ich will kein einziges Wort hören, bis wir das drüben sind.“ Sie beißt sich ordentlich auf die Lippen, hält aber die Schnauze. Gut. Ich kann gerne noch mal ausholen.

Das Ritual ist nicht kompliziert. Salzkreis auf dem Grab, ein bisschen Abrakadabra murmeln und der Geist taucht auf. Eine junge Frau in einem weißen Kleidchen.
„Oh je!“ Sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Was ist denn hier los! Die armen Geister! Ich muss ihnen helfen!“ So ist das. Die Eltern lassen einen als Kind mal auf dem Schädel fallen und man kann Heilige werden.
Sie versucht, den Kreis zu verlassen. „Lasst mich gehen! Ich muss den Geistern helfen!“
„Moment. Du musst mit Denise sprechen. Das ist alles hier ihre Schuld“, sagt Irene und wählt auf ihrem Handy. „Denise? Deine Freundin möchte mit dir reden…“
Kurz darauf taucht Denise auf, total aufgepusht. Um sie herum spielen die Pflanzen verrückt.
„Was habt ihr gemacht? Seid ihr verrückt?“ schreit sie und ich werfe Kitty einen Blick zu.
Dann sieht sie Helen. „Helen… Was haben sie mit dir gemacht?“
Helen schaut Denise an. Sieht immer noch aus wie ein geistig behinderter Hippie, der Geist.
„Denise, du musst den Geistern helfen.“
„Ich vermisse dich so, Helen. Bitte komm zu mir zurück…“ Oh, hat die durchgeknallte Hexe Tränen in den Augen? Sorry, Mädchen, aber du hast lange kein Mitleid mehr verdient.
Helen wedelt mit der Hand in der Luft herum. „Nein, Denise, ich bin tot und komme nicht zurück. Aber du musst den Geistern helfen.“
Denise kaut ein bisschen auf ihrer Lippe herum und sagt dann leise: „Verstehe schon…“
„Dann ist ja gut!“ sagt Helen zufrieden. „Und jetzt hilf den Geistern. Kann ich jetzt gehen?“
Ich nicke. Helen löst sich auf.
Denise setzt sich auf ein Grab und fängt an zu schluchzen. Scheiße, du bist vielleicht jung, aber der ganze Hexendreck ist einfach nichts für Menschen.
Irene seufzt und geht zu ihr rüber. Sie legt einen Arm um das Mädchen und sagt: „Weißt du, wie das in meiner Familie ist? Wenn da jemand stirbt, versuchen wir nicht, ihn zurück zu holen. Wir übernehmen seine Aufgabe. Und du hast einiges zu tun…“
Jetzt fängt Denise laut an zu heulen. „Oh Mann, ich habe echt alles falsch gemacht! Es tut mir so leid! Ich mache alles wieder gut! Den Fluch nehme ich auch von dir. Ich… vielleicht kann Gott mir vergeben. Ich muss ihm dienen. Nonne werden oder so…“
Irene lässt das Mädchen los, als hätte sie sich verbrannt und springt auf. „Gottverdammt noch mal, ihr dummen protestantischen Amerikaner! Ein kleines Problemchen und sofort findet ihr zu Gott!“ Sie dreht sich um und marschiert davon.
Gutes Stichwort. Ich gehe ihr hinterher. Sonst will sich noch irgendjemand unterhalten.
„Ich muss mich dringend besaufen“, sage ich zu ihr. „Interesse?“
Sie atmet tief durch. „Ja, warum nicht?“
„Ich komme auch mit!“ Kitty hat sich von hinten angeschlichen. Bitte. Ich will niemandem den Alkohol verbieten.

Ich suche eine Bar in meiner Preisklasse aus, was natürlich die übelste Kaschemme im Ort ist. Ein paar alte Männer saufen sich wahrscheinlich die letzten Erinnerungen an ihre Frauen von der Seele.
Ich bestelle eine Flasche des billigsten Whiskeys und fülle erstmal Kitty ab. Geht ziemlich flott. Bald hängt sie neben ihrem Glas und nuschelt irgendwas von ihrem toten Freund vor sich hin.
Weder Irene, noch ich haben so richtig Lust auf Reden. Ab und zu äußert einer von uns, wie widerlich der Whiskey doch ist, aber das war’s dann auch.
Dann klingelt Irenes Handy. Sie macht eine ziemlich angefressene Miene und sagt: „Schön, das ist jetzt aber auch egal.“ Und legt auf. „Ich weiß schon, warum ich im Zölibat lebe“, sagt sie.
„Zölibat?“ sage ich. „Ist doch ungesund.“
„Was verstehen Sie denn davon?“ Sie zieht beide Augenbrauen hoch.
„Vom Zölibat? Nichts“, sage ich und merke, dass sich langsam ein Grinsen über mein Gesicht ausbreitet. Ja. Das wäre jetzt was. Was Echtes. Was einem zeigt, dass nicht alles scheiße ist.
„Lust auf eine kleine Zölibatspause?“ frage ich.
„Mit Ihnen?“ Wieder die Augenbrauen.
„Kitty ist schon zu betrunken, glaube ich.“ Ich leere mein Glas mit einem Zug.
„Na, um die arme Kitty vor Ihnen zu beschützen, mache ich doch alles.“ Sie drückt ein bisschen den Rücken durch. Sieht nett aus.
„Eine echte Heldin.“ Ich starre ihr ganz offen auf die Brust.
„Sehen Sie nicht meinen Heiligenschein?“ fragt sie, aber der Heiligenschein muss woanders sein.
Ich schnaube. „Ich habe keinen Bock, über Heilige und Engel und den ganzen Dreck zu reden. Am besten, wir reden gar nicht mehr.“
Sie lächelt.

Wir laden Kitty und Miffy in einem Hotelzimmer ab.
In Irenes Zimmer drücke ich sie gegen die Tür und küsse sie. Sie schmeckt immer noch nach Whiskey. Ihre Hände krallen sich in meinen Rücken.
Für einige Zeit brauche ich nicht an den ganzen Scheiß zu denken, der sonst so in meinem Leben abgeht. Ob ich ihr vertraue oder nicht, ich brauche das jetzt. Ihr Körper ist weich und fest, jeweils an genau den richtigen Stellen.
Und sie weiß, was sie tut.
Hinterher bin ich müde genug, um gleich einzuschlafen. Entweder Irene hat ihre eigenen Dämonen zu exorzieren oder sie hat’s mit dem Zölibat übertrieben, so wie sie vögelt.

Am nächsten Morgen wache ich vom Klingeln eines Handys auf und dem Zuschlagen einer Tür. Irene ist gegangen. Kann’s ihr nicht verdenken. Wer will schon Smalltalk machen?
Gott, habe schon lange nicht mehr so gut geschlafen. Als ich mir meine Morgenkippe anstecken will, sind statt meiner normalen Zigaretten irgendwelche Edeldinger in meiner Tasche. Weiber. Man geht einmal mit ihnen in die Kiste und sie meinen, einem das Leben umkrempeln zu können.
Ich nutze das schicke Badezimmer und gehe dann Miffy abholen. Kitty schläft noch. Sie schnarcht. Hätte ich mir ja denken können.
Der Hund ist am Rande der Verzweiflung und heilfroh, einen Spaziergang zum Friedhof machen zu können. Mrs. Hopkins sitzt immer noch strickend vor dem Grab ihres Mannes.
„Ach, Sie sind’s!“ sagt sie und holt drei paar dicke Wollsocken aus ihrem Korb. „Ich hatte schon gedacht, dass Sie nicht mehr kommen, wegen des ganzen Trubels und so. Hier, nehmen Sie!“
Ich stecke die Socken ein. „Habe auch was für Sie.“ Ich gebe ihr eine Mouse Gun in Messingoptik und ein Magazin. Das gute Stück habe ich mir mal zugelegt, um eine Waffe zuhaben, die man gut verstecken kann. Nur sind .380 ACP zu klein für die meisten Monster.
„Zieht leicht nach links oben. Gehen Sie erstmal zum Schießstand und probieren sie’s aus. Sollte von der Größe und vom Rückstoß aber kein Thema sein.“
Sie schaut sich die Waffe an. „Ach, das ist aber lieb, mein Junge. Mein Ralfie wollte mich nie schießen lassen. Brauchen Sie noch mehr Socken?“
„Schon in Ordnung“, sage ich. „Muss jetzt los.“
Als ich an Helens Grab vorbeikomme, bleibe ich kurz stehen und zünde mir eine Zigarette an. Ich denke an Helen und das verdammte Reh und Scheiße, wenn ich nicht genau das Gleiche mache. Stehe da wie ein bescheuertes Vieh und starre in die Scheinwerfer der heranrasenden Trucks.
Klar habe ich keine Chance. Das sind Engel. Ich bin nur ein Mensch. Aber Scheiße, ich kann’s wenigstens probieren.

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Klein - Monster über Monster
Klein, Ghule, Kitty, Caleb, DeVries, Irene, Engel, Dämon

You name it, they have it. Als Urlaubsort ist Klein wirklich nicht zu empfehlen. Glücklicherweise wollte ich gar keinen Urlaub machen. Ich hatte diesen Artikel über einen von einem unbekannten Tier zerfleischten Sportprofessor entdeckt. Aufgrund der Beschreibung war mir klar, dass es sich um etwas Übernatürliches handeln musste. Meine Partnerin fiel leider aufgrund einer Verletzung aus, weswegen ich mich allein mit ihrer Kamera auf den Weg gemacht hatte.

Erste Anlaufstelle war natürlich das Sheriffdepartment. Dieser fand mich, so sah es zumindest auf den ersten Blick aus, wohl durchaus attraktiv, weswegen er sehr hilfsbereit war und mich auf die “bösen Biker” aufmerksam machte, die am Rande der Stadt beim etwas schäbigeren Motel campierten. Seine wahren Beweggründe wurden mir erst später klar.

Während ich das Department verließ, bemerkte ich zwei FBI-Agenten, die gerade ankamen. Selbstverständlich wartete ich draussen auf die beiden. Nennen wir die beiden der Einfachheit halber Agent White und Agent Black. Letzterer kam recht bald wieder heraus und während wir gemeinsam auf seinen ‘Partner’ warteten, sprach ich mit ihm über den Fall und konnte ihn überzeugen mich mitzunehmen.

Agent White wirkte nicht sonderlich begeistert, aber er fuhr mit seinem Auto
schon mal vor in Richtung Tatort. Die Biker wollten wir uns später vornehmen. Agent Black nahm in meinem Gefährt Platz und offenbarte derweil seinen fundamentalreligiösen Charakter.

Im Haus des Opfers angekommen, war die einzige Spur, die uns weiterbrachte, ein Photo vom Opfer zusammen mit einem lokalen Sportler. Nackt. In sexueller Pose. Es war auch ein ominöses Horn, ein Musikinstrument, darauf zu sehen. Agent Black empfand das Bild übrigens als sehr unchristlich. Er war richtig aufgebracht. Er rückte aber doch damit raus, dass es sich um hierbei um die Trompete von Jericho handelte. Genau die, die auch in der Bibel erwähnt wurde.

Nun kann ich es nicht mehr versuchen zu verschleiern, an dieser Stelle wurde es offensichtlich, dass diese X-Akten unabhängige Agenten waren, die sich nur zufällig beide als FBI ausgegeben haben. Daher fügt es Agent White nur eine weitere interessante Note hinzu, dass er von diesem Hund
Miffy
begleitet wird.

Agent White fand nach einem kurzen Telefonat schnell heraus, wer der andere junge Mann auf dem Bild war. Während diesem Interview zog sich Agent Black mit einem bissigen Kommentar glücklicherweise bald zurück. Er hat ziemlich sicher ein Problem mit Homosexuellen. Ich hab dann mich dann auch bald zurückgezogen um White das Interviewfeld zu überlassen. Eine gute Sache gibt es in Klein: Hübsche durchtrainierte junge Männer. Zumindest einen. Agent Black fand ihn allerdings nicht so nett wie ich. Leider hatte er hatte aber auch nicht viele Informationen für uns, weswegen wir zum Motel aufbrachen um den Bikern auf den Zahn zu fühlen.

Hier fühlte ich mich mal nützlich, schliesslich erkannte ich an den Malereien auf den Bikes, dass sie zu einer recht friedlichen Gang gehören, die teilweise auch im True Believers rumhängen. Kleine Warnung: Nicht so friedlich. Die fahren nicht zum Spaß die Friedhöfe an.

Die beiden Agenten klopfen also an einem bewohnten Trailer an um die Biker zu befragen. Während der Versuch Agent Black zu bezirzen – also von einer Bikerin – von ihm wieder mal mit einer Tirade über Sünde abgeschmettert wurde, ging ich um den Trailer herum um einen Blick hineinzuwerfen. Sie hatten den Trailer jedoch gut abgedunkelt. Während vorne ein Streit ausbrach, weil die X-Agenten ohne Durchsuchungsbefehl unbedingt ins Innere wollten, hörte ich wie Innen eine Schrotflinte durchgeladen wurde.

Jetzt war Ärger im Anmarsch, so dass ich White warnte, was zur schnellen Bewaffnung und zum Ausbruch eines Kampfes führte. Unsere Kontrahenten waren allerdings übernatürlich stark und schnell. Black warf sich vollends in den Kampf während White mir beim Rückzug half, ich ihn aber doch von einem Biker überwältigt zurücklassen musste, nachdem White mich ins sein Auto geschubst hatte.

Ich fuhr also mit Miffy(so heißt der Hund) heulend auf dem Rücksitz zum Sheriff, um mit seiner Hilfe die X-Agenten zu retten. Dort angekommen sprach mich allerdings eine britische Lady an. Sie stellte sich vor und wies darauf hin, dass wir schon miteinander Emailkontakt hatten. Lady England, wie ich sie nennen möchte, beschwor mich, nicht den Sheriff zu informieren. Stattdessen sollte ich ihr den Weg zeigen und sie wollte mit mir die X-Agenten vor ihrem Schicksal bewahren.

Lady England sollte recht behalten. Am Motel waren die Bikes und mit Ihnen der Großteil der Biker verschwunden. Miffy nahm die Witterung auf und es stellte sich heraus, dass die beiden Agenten in einem der Motelzimmer gefangen gehalten wurden. Agent Black hatte sich allerdings schon befreit und kam uns entgegen, gefolgt von einem Biker. Alsbald stürzte sich Black mit einem Messer auf das Monster, dass ihn wiederum fressen wollte und Lady England zog eine Schusswaffe.

Ich wollte Agent White ausfindig machen und Miffy stürmte voran ins Motelzimmer. Agent White lebte noch, er hatte gerade ein Heizungsrohr aus der Wand gerissen, an welches er wohl gefesselt gewesen war. Während Kitty seine Identität überprüfte, stellte ich fest, dass der Sheriff schon seit einer Weile auf dem Teppich im Motel verwest. Der Sheriff von heute morgen war also auch ein Monster.

Es handelte sich bei den Bikern um Guhle. Diese verspeisen am liebsten Menschenfleisch und wenn sie von einem Menschen geknabbert haben, können sie auch sein Aussehen annehmen. Lady England hatte mich schon darauf vorbereitet, dass man sie nur mit der Zerstörung oder Abtrennung des Kopfes töten kann.

Ich nahm also Miffy auf den Arm damit Agent White unbehindert in den Kampf stürmen konnte. Er machte sich auch sogleich daran, mit dem Heizungsrohr auf den am Boden liegenden Guhl einzudreschen.

Selbstverständlich hatte ich es mittlerweile geschafft, die Videokamera zu holen. Ich bin leider keine so gute Kamerafrau wie meine Partnerin und musste die Gesichter verfremden. Es sind grausame Bilder, daher: Nichts für schwache Mägen!

Hier ist ein Video eingebettet, auf dem zu sehen ist, wie zwei Männer auf einen am Boden liegenden dritten, offensichtlich ein Biker, einprügeln. Der Schwarze benutzt ein Messer, der Weiße prügelt mit einem Heizungsrohr den Kopf zu Brei, es sind in kurzen Abständen zwei Schüsse zu hören, die ebenfalls den Biker treffen. Der Schütze selbst ist nicht zu sehen. Die Gesichter der beiden Täter sind großflächig verpixelt. Das Video dauert 23 Sekunden und ist verwackelt. Allerdings ist zu erkennen, dass der Biker bis fast zu Ende bei vollem Bewusstsein ist und sich mit einer Kraft wehrt, die kaum menschlich sein kann. Erst als die Eisenstange in seinem Auge steckenbleibt, wird der Körper schlaff. Dann bricht das Video ab.
Hier ist zwar ein Link auf ein Video eingebettet, doch beim Anklicken erscheint die Meldung “Dieses Video wurde vom Nutzer entfernt. Tut uns leid”

Ein Guhl weniger auf der Welt. Doch damit war mein Abenteuer noch nicht zu Ende. Da beide Agenten gefoltert worden waren und Agent Black sogar eine richtig tiefe Messerwunde hatte, die während dem Kampf nicht besser wurde, machten wir erst mal einen Abstecher im Krankenhaus.

Übrigens, es wurde auch klar, dass Agent Black und Lady England einander kannten. Sie hielt ihn für tot oder besessen, aber beides entsprach nicht der Wahrheit. Er hält sie ebenfalls für den Ausbund der Hölle, aber das ist in seinen Augen ja jeder, der sein Weltbild nicht teilt. Im Krankenhaus wurde er erstaunlich schnell wiederzusammengeflickt.

Bevor Lady England und ich zur Rettung nahten, bekamen die Guhle Besuch von einem Dämon, der Ihnen wohl das Horn abkaufen wollte. Black hatte dessen Auto noch sehen können und da es ein Firmenwagen war, standen wir alsbald auf dem Gelände.

Es handelte sich um eine Lagerhalle in der auch brennbare Materialien waren. White und ich nahmen über eine Treppe die Hintertür während England und Black vorne rein wollten. Black sollte den Dämon exorzieren (am Ende des Beitrags gibts ein besonderes Schmankerl zu dem Thema!), während wir anderen dafür sorgen wollten, dass der Dämon auch lange genug abgelenkt ist, damit Black genug Zeit hat, seinen Spruch aufzusagen.

White und ich betraten also die Halle über eine Empore. So hatten wir einen guten Überblick, aber wenig Einflußmöglichkeiten. Innen kämpfte der Dämon mit einem weiblichen Guhl, während um beide verstreut Einzelteile der anderen Guhle lagen, ein anderer Guhl stand noch, der nun allerdings um sein Leben nach draussen rannte.

Wir sprinteten die Treppe wieder nach unten, doch Black und England hatten ihn schon erledigt. Gemeinsam ging es nun doch durch die Vordertür. Während White Sperrfeuer legte, schlich ich mich um ein paar Maschinen herum und feuerte in Richtung der Kämpfenden. Der Dämon sah auf während Black/England gemeinsam anfingen mit Exorcizamus te, omnis immundus spiritus.

Der Dämon warf mit einer Handbewegung England und Black durch die Gegend, gänzlich unbeeindruckt vom Kugelhagel. Ich glaube, ich weiß woher George Lucas seine Idee der Macht hatte. Doch schliesslich öffnete das Opfer des Dämons seinen Mund, legte den Kopf in den Nacken und eine lange und große schwarze Rauchwolke schoss aus ihm heraus. Leider verstarb der Besessene sogleich an den Verletzungen, die dem Dämon egal gewesen waren.

Die Guhlin wand sich zur Flucht, White hinterher. Währenddessen blickte ich mich nach dem Horn um. Black und England jedoch, eben noch im Duet vereint, gifteten sich an. Es ging wohl um einen heiligen Gral, der nun sicher vor dem Zugriff des jeweils anderen sein sollte. Ob die wohl zu viel Indiana Jones gesehen haben?

White kommt zurück als gerade Black seine Waffe zieht und auf Englands Brust aufsetzt. Er besteht auf das Horn und sagt es sei “seine letzte Chance”. Mit einem “Niemals” auf den Lippen lehnt sich Lady England noch gegen Blacks Knarre. White kommentiert dies alles, ebenfalls mit gezogener Waffe nur mit einem “Zwing mich nicht, dich zu erschießen, Black.”

Endlich erblickte ich unter einem Tuch das Horn, schlängelte mich unter den ganzen gezogenen Waffen hindurch und wollte damit erst mal die Szenerie verlassen. Ganz ruhig und höflich bat Black mich nun das Horn in die richtigen Hände zu geben. Seine, selbstverständlich. White lachte kurz auf und sagte nur im sarkastischen Tonfall "Klar, deine. Der Fanatiker ist genau der Richtige dafür.“

Doch Black konterte und eröffnete mir, dass White einen Mann vor den Augen von dessen Familie abgeschlachtet hätte, dass White nicht zu trauen wäre. Ein Sünder.

White erstarrte, seufzte schliesslich und bat nun wiederum mich das Horn zu zerstören. Eigentlich keine schlechte Idee. Ich hob das Horn hoch und … einem Impuls folgend blies ich in das Horn hinein. Als nichts weiter geschah, wollte ich es schon fallenlassen. Doch Black brachte mich zum Zögern, in dem er damit drohte England zu erschiessen, auf die er immer noch zielte. Jetzt war Black zwar ein Fanatiker, aber ich konnte nicht glauben, dass er sie nun wirklich so eiskalt erschiessen würde. Er drohte auch mir direkt. Doch als meine Arme schwer wurden, schmetterte ich es folglich mit all meiner Kraft auf den Boden. Nun schossen Black und White beinahe gleichzeitig während England sich zur Seite warf.

Ich duckte mich schnell und als die Schiesserei vorbei war, hatte England nur einen Streifschuss abbekommen und Black lag bewusstlos in einer blutigen Lache. Aber er lebte.

Gemeinsam fuhren wir ins Krankenhaus um Black in die Notaufnahme zu bringen. Ich habe so das Gefühl, dass er es überleben wird.

Das Horn ist nun ausserhalb meiner Reichweite an einem sicheren Ort. Wer es dort hingebracht hat, werde ich allerdings nicht verraten.

Nach Blacks Vorwurf über White habe ich ein paar Nachforschungen über diesen angestellt. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass sich unter der harten Schale ein waschechter Held verbirgt. Es gab zwar auch Negativberichte, doch wie ihr weiter oben im Video sehen könnt, sehen genug Monster genauso aus wie Menschen. Ich bin sicher, wenn White die Möglichkeit gehabt hätte, das Monster zu erledigen ohne die unwissende Familie als Zeugen, so hätte er es getan. Ich vermute er wollte das Risiko nicht eingehen, dass das Monster dann die Familie des echten Menschen tötet, bevor White eine Möglichkeit bekommen würde, ihn ohne Zeugen zu erledigen. Doch hier bewege ich mich im Reich der unsichere Spekulationen. Ich, Lady England und auch Agent Black haben ihm das Leben zu verdanken, obwohl Black ihm Gründe gab ihn nicht nur an- sondern auch zu erschiessen.
Mein Waldo pflegte zu sagen, das Tiere wissen, wer ein guter Mensch ist. Und so wie sein Hund Agent White vergöttert, kann er nicht so schlecht sein.

Falls sie das hier lesen, Agent White: Sie halten sich sicherlich nicht selbst dafür, aber sie sind ein Held.

An Lady England: Ich bedanke mich für ihr Geschenk und ihre Hilfe. Ich denke so ein bisschen steckt auch in Ihnen eine Heldin.

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Das Horn von Jericho, Teil 2

Ich blinzele. Mein eines Auge will nicht richtig aufgehen. Ich schmecke Blut und kann meine Hände nicht richtig bewegen. Es klickt. Handschellen. Langsam wird meine Umgebung wieder schärfer. Ich sitze im Bad eines billigen Motelzimmers auf dem Boden, an die Heizung gefesselt.
„Wann kommt sie endlich?“ sagt jemand.
„Halt deine Klappe und iss noch was. Sie kommt schon, wir haben einen Deal“, antwortet eine bekannte Stimme. Die Titten-Bikerin.
Ein Motelzimmer voller Ghoule. Es riecht nach Schlachtbank und das kommt nicht von mir. An mir ist noch alles dran, Gott verdammt noch mal sei Dank.
Mitten im Raum liegt der Sheriff. Tot. Halb aufgefressen. DeVries haben sie auf einen Stuhl gefesselt und ihm ein Messer zwischen die Rippen gesteckt. Blutbläschen bilden sich regelmäßig vor seinem Mund. Lebt noch, der Arsch.
Es klopft. Die Ghoule schrecken auf. Titten geht an die Tür. Ein Mann kommt rein, ein echtes Wiesel.
Ein Wiesel mit schwarzen Augen.
Scheiße. Aber wenn’s nicht Engel sind, die die Tröte wollen, müssen es wohl Dämonen sein.
„Ich bin hier für die Lieferung“, sagt er.
„Hey“, sagt ein Ghoul mit Ziegenbärtchen und baut sich vor ihm auf. „Mit dir haben wir keinen Deal gemacht. Das war mit der Frau!“
Der Dämon seufzt. „Sie ist verhindert. Ich kann das Päckchen genauso annehmen. Machen wir das nicht ungemütlicher als es sein muss, ja?“
Titten hat plötzlich ihren Dolch in der Hand. „Wir können auch ungemütlich werden.“ Sie zeigt ihm die Zähne.
Der Dämon verengt die Augen und hebt eine Hand.
Ziegenbärtchen geht dazwischen. Schade eigentlich. „Okay, okay. Hauptsache, wir werden bezahlt. In Ordnung?“
Der Dämon und Titten weichen etwas zurück. Der Dämon streicht sich über seinen Anzug und sagt: „Ein Deal ist ein Deal. Gehen wir?“
Und das tun sie.

Ein Ghoul bleibt zurück und spielt auf dem Bett mit seinem Handy. Schon besser. Einen kann man schaffe.
Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass DeVries sich bewegt. Er hat sich das Messer aus der Seite gezogen und schneidet damit an den Seilen. Autsch. Na ja, zu zweit haben wir eine Chance.
Ich spucke Blut auf die weißen Kacheln. Der Ghoul sieht zu mir rüber.
„Hey“, krächze ich.
„Was ist denn?“ sagt er und schaltet den Fernseher an.
„Ich will nicht gefressen werden“, sage ich. „Ist nur natürlich. Vielleicht können wir uns irgendwie einigen?“
„Hmm.“ Er schaltet den Fernseher an. „Klar, ich könnte den anderen essen… aber die religiösen Typen, die schmecken immer so scheiße.“
„Bei meinem Kippen-Verbrauch bin ich sicher auch nicht so lecker.“
Motorengeräusche. Fährt da draußen ein Auto vor?
„Ach so ein bisschen Raucharoma…“ Er leckt sich die Lippen. Toll. „Ich glaube nicht, dass du mir was anbieten kannst.“ Er wechselt das Programm auf ‚Slutty Housewives IV’. „Magst du Porno sehen, bevor wir dich fressen?“
Dass ich das mal gefragt werde…
Ich rüttele an den Handschellen. „Ohne freie Hände ist das irgendwie nichts. Kannst mich ja losmachen.“
„Ist klar. Nene, und helfen tue ich dabei dir auch nicht.“
Genau. Das war schon immer mein geheimer Traum. Und ich hoffe, dass ich vor meinem Ende nicht sehen muss, wie ein Ghoul es sich selbst besorgt.
Draußen knirscht Kies. Da ist wirklich ein Auto. Vielleicht hat Kitty Hilfe geholt. Beim Sheriff… Scheiße.

„Mach mal lauter“, sage ich. „Hat er sein Rohr schon verlegt?“
„Ist grad voll dabei.“ Er dreht wirklich den Ton auf. Lautes Stöhnen erfüllt den den Raum.
DeVries hat endlich die verdammten Seile durchgesägt und steht auf. Der bescheuerte Ghoul ist voll mit den Hausfrauen beschäftigt und merkt nichts.
DeVries kickt das Messer zu mir hinüber und wirft mir einen Blick zu.
Verstehe schon. Du gottverschissener Bastard willst mich hier lassen. Für seine Scheißtröte lässt er jemand anderen von einem Ghoul fressen.
Ich muss echt meine Zähne aufeinander beißen, um ihn nicht sofort zu verpfeifen. Stattdessen warte ich, bis er durch die Tür ist und einen kleinen Vorsprung hat.
„Hey“, sage ich. „Deine Vorspeise macht sich gerade davon.“
Der Ghoul schaut erst den Sheriff an und dann auf DeVries leeren Stuhl. Nicht der Schlauste, was? Immerhin springt er auf und rennt hinter DeVries her.
Ich reiße an der Heizung. Ein, zwei Mal, dann löst sie sich.
„Oooh“, stöhnt die Frau im Fernseher. „Dein Rohr, es ist soooo groß und hart…“
Ich widerspreche ihr nicht, als ich mit dem Heizungsrohr hinter dem Ghoul herschleiche. Ich kann ihn schon durch die Tür sehen, ebenso wie DeVries, der wie ein Idiot in der Gegend herumsteht.

Und dann rauscht was Pelziges zwischen meinen Füßen durch. Ich will mich noch abfangen, aber die verdammten Handschellen sind mir im Weg. Der Boden kommt sehr schnell näher und ich werde sehr deutlich an die Blutergüsse überall an meinem Körper erinnert.
Direkt vor meinem Gesicht taucht eine Hundezunge auf und leckt mich voller Begeisterung ab. Miffy bellt und springt um mich herum.
„Agent White! Agent White! Oh mein Gott, was ist denn mit ihnen passiert! Ich helfe ihnen!“ Kitty zieht mich auf die Füße und quietscht dabei weiter vor sich hin.
Vor der Tür schlägt sich DeVries mit dem Ghoul. Ich bin echt versucht, ihn einfach alleine zu lassen. Aber natürlich schiebe ich Miffy mit dem Fuß zu Kitty hinüber: „Halt den Hund fest.“
Dann nehme ich mein Rohr und gehe nach draußen.
Der Ghoul ist inzwischen auf dem Boden gelandet und DeVries tritt nach ihm. Eine blonde Frau steht etwas entfernt neben einem teuren Auto und zielt auf den Ghoul.
Ich mache mit und ein paar Schläge und Tritte später ist der Ghoul-Kopf hinüber.

Er hatte die Schlüssel für die Handschellen in der Tasche. Scheiße. Ich reibe meine Handgelenke und sehe DeVries an. Er sieht ziemlich mies aus. Die Wunde an seiner Seite blutet immer noch.
Ich sehe ihm kurz in die Augen, dann schlage ich ihm voll auf die Wunde und er geht mit einem Grunzen in die Knie.
Gewalt kann so heilsam sein.
Kitty steht neben ihrem Auto, den Mund offen, eine Kamera in der Hand.
Genau das, was ich jetzt brauche. Ein Video, wie ich einen Kerl den Schädel zu Klump prügele. Ich reiße ihr die Kamera aus den Händen, schmeiße sie auf den Asphalt und trete noch mal ordentlich drauf.
Kitty explodiert. „Meine Kamera! Die ist von meiner Freundin! Die war echt teuer! Sie können doch nicht… Agent White!“
Ich ziehe das Päckchen Kippen aus meiner Brusttasche und suche mir eine, die weder voller Blut noch abgeknickt ist. Ich inhaliere tief den Rauch und atme langsam wieder aus.
Kitty schimpft immer noch. „Ich habe Ihnen das Leben gerettet, Agent White!“
Das stimmt zwar nicht ganz, aber immer hat sie’s versucht. Ich biete ihr eine Zigarette an.
„Das ist ungesund“ sagt sie und hat dabei diesen verkniffenen Nichtraucher-Ausdruck.
Gut, dann halt was anderes. Ich mache die Tür zu meinem Auto auf, lasse die blöde Töle aus Versehen wieder raus und ziehe meine Reserveflasche „Old Crow Kentucky Whiskey“ unter dem Sitz hervor.
Immerhin nimmt Kitty etwas davon und fängt prompt an, fürchterlich zu husten.
Old Crow ist absolut widerlich, ja.
Während Kitty noch um Atem ringt, klopft mir die Blondine auf die Schulter.
„Irene Hooper-Winslow“, sagt sie in einen britischen Akzent und streckt ihre Hand aus.
Ich überlege eine Sekunde, mich als „Agent White“ vorzustellen, aber ich habe wirklich keine Geduld mehr, eine dünne Coverstory aufrecht zu erhalten.
„Cal“, sage ich.
„Sind Sie ein Freund von… Agent Black?“ fragt sie.
„Partner“, sage ich. Und das ist schon übertrieben.
„Ach“, sagt sie und zieht eine Augenbraue hoch. „Wie lange denn schon?“
„Zu lange.“ Und damit gehe ich mal rüber zu DeVries. Er ist noch nicht tot, also klebe ich seine Wunde provisorisch zu.
Er stöhnt und öffnet die Augen. Seine Lippen bewegen sich.
„Halt die Klappe oder ich mache das noch mal“, sage ich und er macht seinen Mund wieder zu.
„Du da, hilf mir mal, ihn ins Auto zu bringen“, sage ich zu der Blondine. Sie dreht sich zu Kitty um: „Helfen Sie dem Mann.“ Kitty schaut sie nur an und trinkt noch mal aus der Flasche. Die Blondine presst ihre Lippen zusammen und hilft mir.
„James, das Erste-Hilfe-Paket“, sagt sie und sieht sich noch mal DeVries Wunde an. Hinter ihr taucht ein älterer Herr auf, der ihr das Paket in die Hände drückt. Sympathisch. Dass sie DeVries anschaut, als hätte sie mal was mit ihm gehabt, macht es nicht besser.
Statt Desinfektionsmittel kippt sie ihm Weihwasser in die Wunde. Er sagt: „Ich wartete des Guten und es kommt das Böse; ich hoffte aufs Licht, und es kommt Finsternis.“ Dann bespritzt er sie ebenfalls mit Weihwasser.
Keiner fängt an, zu schwelen.
Dann stieren sie sich ein bisschen an.
„Warum bist du nicht tot?“ fragt die Blondine.
„Mein Überleben habe ich nicht dir zu verdanken, Kreatur der Dunkelheit“, sagt DeVries.
Ehe die Beiden sich richtig an die Gurgel gehen können, schicke ich die Blondine weg und fahre DeVries ins Krankenhaus.
Dort wird er erstmal auf die Intensive gekarrt.

„Sagen sie Nein zu einem Tee?“ fragt mich die Blondine.
Ich schaue sie an, als wäre sie verrückt. Tee. Aber gut, wenn wir Nationalklischees leben wollen, nehme ich eben meine Old Crow mit.
Kitty, die sich inzwischen ordentlich was hinter die Binde gekippt hat, kommt auch mit. Die kaputte Kamera breitet sie auf dem Tisch aus und bastelt ein bisschen daran herum.
„Du kennst DeVries?“ frage ich die Blondine. Schluss mit irgendwelchen Lügen.
„Ja, unter dem Namen kenne ich ihn auch“, sagt sie. Kaum ein Jäger spricht freiwillig über seine Vergangenheit, kann ihr also nicht böse sein, dass sie nicht sofort mit ihrem kompletten Leben rausrückt. Und ehrlich, der Gedanke an eine Liebesgeschichte mit DeVries sorgt dafür, dass ich einen neuen Schluck aus meiner Old Crow nehmen muss.
„400 $!“ sagt plötzlich Kitty. Ich schaue sie an. „Die Kamera hat 400 $ gekostet“, sagt sie und zieht einen Flunsch. Ihre Wangen sind ziemlich rot. „Sie kaufen mir eine neue.“
„Nö“, sage ich.
Sie quietscht wieder los und die Blondine sagt: „Miss Munroe, ich kaufe ihnen eine neue Kamera.“
„Woher kennt ihr beide euch eigentlich?“ sage ich.
„Über das Internet“, sagt die Blondine. „Miss Munroe hat eine gut besuchte Website zu übernatürlichen Phänomenen.“
Ich zucke mit den Schultern. Bitte. So lange ich Kitty keine Kamera kaufen muss – nicht, dass ich das könnte.
„Was ist eigentlich mit Ihrer Speicherkarte, Miss Munroe?“ fragt die Blondine.
„Keine Ahnung“, sagt Kitty. „Die muss kaputte gegangen oder rausgefallen sein.“ Und schaut ganz unschuldig.
„Wenn der Film jemals an die Öffentlichkeit kommt, mach ich mit dir das Gleiche wie mit der Kamer“, sage ich zu Kitty. Aber sie ist völlig drohresistent.
„Sie sind doch FBI-Agent? Was soll denn das jetzt? Meinungsfreiheit, schon mal was von gehört? Steht in der Verfassung?“ Sie kreuzt die Arme vor der Brust.
Die Blondine geht rüber zu ihr und lächelt. „Aber Miss Munroe, wir wollen doch hier alle die Wahrheit sagen, nicht?“ Sie legt ihre Hände auf Kittys Schultern.
Plötzlich hüpft Kitty hoch. „Sie haben mir an die Titten gefasst!“
Die Blondine nimmt ihre Hände weg. „Oh, Entschuldigung! Ich wollte nicht…“
Hmm. Auch wenn ich es gerne glauben will, absichtlich hat sie dem Mädchen nicht an die Brust gefasst. Die Lady will noch was anderes, aber was soll man von einem Freund von DeVries auch erwarten?
„Kaufen Sie mir wenigstens die Kamera“, sagt Kitty.
„Schluss mit der Scheißkamera, wir haben echt wichtigere Probleme“, sage ich.
„Ach, welche Probleme haben Sie denn, Agent White?“ fragt die Blondine und lächelt anzüglich.
Ich zögere, weil ich nicht von der Tröte erzählen will. Am Ende sinkt sie in die Arme von DeVries und der Fanatiker hat seine Tröte.
Aber ich habe auch keine Ahnung, wo der Dämon hin ist. DeVries könnte was gesehen haben.
„Da sind immer noch mindestens acht Ghoule“, sage ich. „Und der Sheriff ist einer davon. Aber sehen wir erstmal, ob DeVries noch lebt.“

Er lebt und sieht ungewöhnlich gut dafür aus, dass ihm gerade jemand ein Messer zwischen die Rippen gerammt hat.
„Hast du gesehen, wo der Dämon hin ist?“ frage ich ihn ohne Vorspiel.
„Dämon?“ Kitty schaut uns groß an. „Dämonen gibt es auch?“
„Ja“, sage ich und DeVries fängt an: „Es gibt mehr Dinge zwischen…“
„FRESSE HALTEN“; sage ich. Gottverdammt, muss jeder Volltrottel den Scheiß zitieren?
„Also, wo ist der Dämon hin?“
„Grüner VW mit Flammen an der Seite. Das Nummerschild konnte ich auch sehen und er ist Richtung Stadtausgang gefahren“, sagt DeVries.
Ich schaue auf dem Stadtplan und versuche mir zu überlegen, wo der Dämon und die Ghoule hingefahren sein könnten.
„Ich kenne da jemanden“, meldet sich Kitty. „Mein Onkel, der arbeitet im DMV, da könnte man vielleicht…“
Sie ruft also ihren Onkel an. „Ja, ja, es geht um einen Jungen… Was? Ja, ich bin vorsichtig und werde immer, du weißt schon…“ Sie wird knallrot, was ganz nett aussieht. Nah. Sie ist zu jung und zu naiv. Immer noch mit glühenden Wangen sagt sie uns, dass das Auto zu einer Fabrik für Feuerlöscher gehört.
„Also los“, sage ich.
„Ich muss erst meine Sachen vom Bahnhof holen.“ DeVries schmollt.
„Keine Zeit. Der könnte schon sonst wo sein.“ Ich drehe mich um und gehe zum Auto. Ich will nicht, dass der Fanatiker gut ausgestattet in die Schlacht zieht. Man kennt ja seinen Ruf.
Er darf sich aber eine Pistole aus meiner Sammlung nehmen. Kitty wünscht sich eine Schrotflinte, also gebe ich ihr meine Benelli. Hoffentlich trifft sie auch was.

Die Fabrik ist nicht sehr groß. Der grüne VW und die Ghoul-Motorräder stehen vor dem Gebäude. Innen schreit jemand.
Die Blondine bringt ein paar Kabel aus dem Auto mit. „Die Flüssigkeit, aus der Feuerlöscherflüssigkeit hergestellt wird…“ fängt sie an und hält dann einen kurzen Vortrag über die Chemikalien. Blah, Ergebnis: Wenn man weiß, wie man es macht, kann man ein großes Bumm erzeugen.
Und das will sie machen.
Ich nehme Kitty mit zur Feuerleiter an der Seite. Von da oben kann man sicher Feuerschutz geben, während DeVries den Exorzismus durchführt.
Drinnen ist Titten dabei, sich mit dem Dämon zu bekämpfen. Ein anderer Ghoul ist noch übrig geblieben, der Rest liegt in Einzelteilen im Raum verstreut. Kitty quietscht ein bisschen bei all dem Blut. Ich denke noch über den besten Plan noch, da geht die Vordertür auf und Ziegenbärtchen kommt rausgerannt.
Ehe wir die Treppe runter sind, haben DeVries und die Blondine ihn schon beseitigt.
Na gut. Wenn der Dämon von Titten abgelenkt ist, können wir auch vorne rein.

Titten und der Dämon ignorieren uns erstmal. Er packt sie am Arm, dreht sich und hat ihn in der Hand. Ihr anderer Arm fehlt schon, so dass sie ihm jetzt… ins Gesicht spucken muss? Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
Ich lege erstmal Feuerschutz mit meiner Kalaschnikow, um den Dämon wenigstens so weit abzulenken, dass er DeVries nicht problemlos angehen kann.
Blondie fängt ebenfalls an, einen Exorzismus zu rezitieren, lauter als DeVries. Der Dämon findet das gar nicht lustig und macht eine Handbewegung in ihre Richtung. Sie fliegt durch die Luft und knallt gegen ein paar Maschinen.
Sie kennt den Deal. Da muss man durch.
Titten stolpert jetzt von dem Dämon weg in Richtung der Tür. Sie stürzt und schiebt sich wie eine verdammte Ghoulschlange weiter.
Plötzlich höre ich Kitty schreien. Der andere Ghoul hat sich auf sie gestürzt und, verdammt noch mal, Scheiße, deshalb nimmt man so jemanden nicht mit in einen Kampf.
DeVries muss selbst mit dem Dämon klarkommen. Er weiß, wie’s läuft: Sie nicht.
Ich feuere eine rasche Salve auf den Kopf des Ghouls, der sich in blutige Stückchen auflöst und Kitty besprüht.
Neben mir fliegt DeVries durch die Luft, aber man muss es ihm lassen: Er hört keine Sekunde auf, seinen Exorzismus aufzusagen, selbst dann nicht, als er auf den Betonboden trifft.
Der Dämon wirft den Kopf in den Nacken. Schwarzer Rauch quillt aus seinem Mund und verschwindet zwischen den Ritzen des Daches.
Sein Wirtskörper fällt zu Boden. Den Kerl hatte es spätestens im Kampf mit Titten erwischt.

Titten hat sich irgendwie wieder auf die Beine gerappelt und rennt nach draußen. Da die anderen sich nur anstarren, verfolge ich eben den Ghoul. Keine Ahnung, wie sie sich das vorstellt – mit den Beinen ihr Motorrad lenken? Ich nehme ich das Problem ab, trete sie von hinten nieder und schieße ihr in den Kopf. Schade. Die Original-Titten war echt ganz ansehnlich.

Als ich wieder in die Halle komme, höre ich gerade, wie die Blondine sagt: „…der Gral ist an einem sicheren Ort. Wo du ihn nie finden wirst.“
„Der Gral ist da, wo er hingehört.“ DeVries Mund zuckt. „Nicht bei dir, Hure von Babylon.“
Die Blondine zuckt mit keiner Wimper.
DeVries macht einen Schritt und plötzlich hat er seine Pistole in der Hand und ich lege automatisch an. Er setzt der Blondine die Mündung auf die Brust. Sie weicht nicht zurück, sondern lehnt sich nach vorne, gegen die Waffe.
„Das Horn nehme ich mit“, sagt er. „Es ist meine letzte Chance.“
„Niemals“, sagt sie.
Und ich: „Zwing mich nicht, dich zu erschießen, DeVries.“
Er schnaubt. „Gott ist mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Berg meines Heils, mein Schutz und meine Zuflucht, mein Heiland. Er führt meine Hand, weil ich glaube. Nicht so wie du, der Gott verleugnest.“
Ich versuche so etwas wie ein Grinsen. Wird mehr ein Zähnefletschen raus. „Ich glaube schon an Gott. Ich glaube, dass er ein Arschloch ist.“ Wenn ich an Gott denke, sehe ich das Gesicht meines Vaters, sehe ich jemanden, der Leid verursacht, um sich dann einen runter zu holen.
DeVries dreht sich nicht mal zu mir um. „Kein Wunder, dass Gott dich verlassen hat. Du bist seiner Liebe nicht wert.“
Was soll ich dazu noch sagen?
Irgendwo weiter hinten in der Halle räuspert sich Kitty. „Ihr… ihr wollt euch doch nicht wirklich erschießen, oder?“
„Das hängt ganz von Marcus hier ab“, sagt die Blondine.
„Dann nehme ich eben das Horn mit! Das gehört sowieso in ein Museum“, sagt Kitty und macht einen Schritt.
„Miss Munroe“, sagt DeVries. „Bleiben Sie, wo Sie sind. Wenn Sie das Horn an sich nehmen, werde ich Sie bis ans Ende der Welt verfolgen und Sie zur Strecke bringen wie ein elendes Tier. Verstehen wir uns?“
Hol mich der Teufel, etwas macht ihr doch Angst. Sie zögert.
Und ich merke, wie mein Finger sich dem Abzug nähert. Der verdammte Bastard. Die Grenze, Mann. Du hast sie weit überschritten.
Aber dann beißt sich Kitty auf die Lippen und huscht hinter Irene. Sie taucht mit einem Objekt wieder auf, das in ein Tuch geschlagen ist.
Das Horn.
Sie sieht das Ding an und macht einen Schritt in Richtung Ausgang.
„Miss Munroe“, sagt DeVries ruhig. „Bleiben Sie stehen. Sie müssen das Horn in die richtigen Hände geben. Meine.“
Ich lache. „Klar, deine. Der Fanatiker ist genau der Richtige dafür.“

Aber wessen Hände sind die Richtigen? Nicht die von DeVries, der mit dem Ding die Feinde seines Gottes töten könnte – wen auch immer, Schwule, Muslime, Leute die Spaß im Leben haben.
Über die Blondine weiß ich nichts, aber sie hat mit DeVries zusammengearbeitet und schon einen Gral gebunkert (der Heilige Gral? Na klar.). Nein, ihr kann man nicht vertrauen.
Kitty? Würde zwar keine Ungläubigen zerschmettern, aber das wäre, wie einem Kleinkind einen Flammenwerfer zu geben.
Bleibe also ich, der unbestechliche Caleb Fisher, der natürlich nur verhindern will, das jemand das Horn für die falschen Zwecke einsetzt. Der strahlende Held.
Ha. Sicher.
Natürlich bin ich genauso egoistisch wie die anderen und natürlich sind meine Hände auch die Falschen. Ich würde das Ding nehmen und zu A.C. rennen und hoffen, dass er die Rune von meiner Seele nimmt und verschwindet. Scheiß drauf, ob A.C. damit Hunderte tötet, Hauptsache, ich habe was davon.
„Hören Sie nicht auf ihn“, sagt DeVries. „Wissen Sie überhaupt, wer der Mann ist? Wie er gesündigt hat? Er hat einen Mann vor den Augen seiner Familie abgeschlachtet. Trauen Sie ihm nicht.“
Mein ganzer Körper verkrampft sich. Wo, verdammt noch mal, hat er das her? Es war so leicht, das Messer in Mitchells Herz zu drücken. Es musste sein. Es hat mich nichts gekostet. Es macht mir nichts aus. Es ist nichts in mir gestorben, was nicht sowieso schon tot war.

Scheiß drauf. Scheiß auf dem Mist. Ich presse durch meine Zähne hindurch: „Mach das Ding kaputt, Kitty. Mach es einfach kaputt.“
Sie sieht mich an, mit diesem Blick, verurteilt mich. Soll sie doch. Ich kann es aushalten. Dann hebt sie das Horn…
…und setzt es an die Lippen. Wir alle erstarren. Aber kein Ton kommt aus dem verdammten Ding. Schweiß läuft mir über die Stirn.
Sie hebt das Horn noch einmal, diesmal mit beiden Händen über den Kopf.
„Miss Munroe, wollen Sie, dass Irene stirbt?“ sagt DeVries, aber sie hält nicht Inne.
Das Horn fällt, DeVries Finger krümmt sich und ich reagiere, instinktiv. Ein Schuss knallt. Irene sackt zusammen. Dann eine Salve, meine eigene. Blut, Fleisch, Knochensplitter fliegen aus DeVries Schulter. Den Arm wird er vergessen können.
Aber er bleibt stehen, der Bastard, und zielt auf Irene. Aus dem Liegen schlingt sie ihre Beine um seine. Er knallt auf den Boden, aber es löst sich noch ein Schuss.
Ich ziele und schieße und endlich bleibt er liegen. Eine rote Lache breitet sich um seinen Arm herum aus. Er murmelt etwas und verstummt dann. Aber seine Brust hebt und senkt sich noch.
Soll ich das ändern…? Ach, Scheiße, nein.

Erstmal gehe ich hinüber zu Irene und knie mich bei ihr hin. „Alles klar?“ frage ich.
Sie verzieht das Gesicht, aber nur für eine Sekunde. Dann sieht sie wieder völlig ruhig aus. „Ja, war nur ein Streifschuss.“ Sie blutet ein bisschen, muss sich aber weggedreht haben. als er abgedrückt hat.
Also DeVries. Ich klebe ihn so notdürftig zusammen, wie nötig und schleppe ihn ins Auto. Ein Teil von mir hätte nichts dagegen, wenn er einfach auf dem Rücksitz verreckt.
Aber der Bastard verträgt mehr als eine Kakerlake. Ich lasse ihn am Hintereingang des Krankenhauses liegen. Gleich darauf entdeckt ihn ein Sanitäter und er wird rein gebracht.

Als ich zu meinem Auto zurückkomme, ist Irene schon weg. Das Horn fehlt auch. Ich habe keine Kraft mehr, wütend zu sein. Klar, das wäre auch viel zu einfach gewesen. Mich aus dem Deal mit A.C. freikaufen. Nichts für ihn tun müssen… War’s ne gute Show, Gott? Hattest du deinen Spaß?
Aber ich merke sie mir, die blonde Schlampe. Für wenn ich mal mehr Zeit habe.

Kitty ist auch nicht begeistert über den Verlust des Horns.
„Du hast versucht, das Ding zu blasen. Damit bist du die Falsche für so was Gefährliches“, sage ich. Eigentlich sollte ich sie verprügeln, so richtig, ein zwei Finger brechen und sie von diesem übernatürlichen Scheiß abbringen. Auf lange Sicht wäre es… Scheiße nein, es wäre nicht besser. Ich sollte gut genug wissen, wie so was einen Menschen kaputt macht.
Also sage ich: „Hör zu, du hättest hier leicht abkratzen können. Nächstes Mal ist vielleicht keiner da, der dich beschützen kann. Der Ghoul hätte dir den Kopf abgerissen, deine Leiche gefressen und wäre dann mit deinem Aussehen zu deinen Freunden marschiert. Die hätte er auch zerfetzt.“
Ich befürchte, dass nichts davon bei ihr ankommt. So wird sie es nicht lange machen. Vielleicht sollte ich mal Ben auf sie ansetzen, ist ja die gleiche Uni.
Sie will mir meine Schrotflinte wiedergeben. „Schon gut. Behalte sie. Wirst sie noch brauchen“, sage ich.

Ich hinterlasse DeVries eine Karte aus dem Krankenhausladen, einen Teddy mit Tränen in den Augen und gebrochenem Arm: “Lieber Marcus, komm mir noch mal unter die Augen oder in die Nähe von Kitty und ich bringe dich um. Viele Grüße, Cal.”

Dann fahre ich los. Nach Hause?
Ich halte auf einer Seitenstraße an und mache die Tür auf. Langsam rauche ich eine Zigarette und sehe mir die Landschaft an, ebenes Land zu allen Seiten. Miffy rollt sich auf meinem Schoß zusammen. Ich denke an den toten Mitchell und den lebenden DeVries. Ich habe das Gefühl, dass ich ihn nicht zum letzten Mal gesehen habe und dass beim nächsten Mal einer von uns tot sein wird.
Ich denke an das Horn, an eine vertane Chance, mich zu retten. Ich denke an A.C. und an die Rune auf meiner Seele.
Ich muss damit fertig werden. Alleine.
Bald.
„Komm“, sage ich zu Miffy. Sie stellt ihre Ohren auf und sieht mich an. „Fahren wir zu den anderen.“

View
Das Horn von Jericho
Und wenn man das Halljahrshorn bläst und es lange tönt, so werden der Stadt Mauern umfallen

Scheiße, ich brauche Urlaub. Irgendwie ziehe ich ja ganz gerne mit den Kindern rum, gerade mit Ben, aber manchmal… Jo und Aiden haben beschlossen, dass ihre Beziehung wohl doch nicht so toll ist und jetzt geht es den ganzen Tag „Rarara- Ich bin eine unabhängige Frau und mache, was ich will“ „Rarara- Das ist zu gefährlich, du solltest schön zu Hause sitzen“ und VERDAMMTE SCHEIßE, HALTET DOCH EINFACH MAL DIE FRESSE!
Bevor ich also die Schrotflinte raushole und die mir oder denen an den Kopf setze, gehe ich irgendwas umbringen.

Und wenn ich dabei noch was zum Abschleppen finde, passt das auch. Vor den Kindern habe ich da keinen Bock zu. Ich weiß noch, wie Jo bei dieser Punkerin in Berlin geschaut hat… Ne, dass brauche ich nicht.

Ich lese also einen Zeitungsartikel, dass in einem Kaff namens „Klein“ ein Kerl in Stücke gerissen wurde. Klingt doch ziemlich gradlinig. Werwolf, Shifter, so was in der Art. Nichts zum Nachdenken.
Ben sage ich bescheid, dass ich mal einen Augenblick weg bin und er soll schauen, dass die beiden Turteltauben sich nicht gegenseitig umbringen. Er nickt. Ihm geht’s bestimmt auch auf den Geist.
Miffy will ich erst dalassen, aber sie legt ihre Ohren so zurück, wimmert und ich schwöre, sie hat Tränen in den Augen. Schon gut, schon gut. Dann komm halt mit. Aber ich will nicht wieder so ein Werwolf-Fiasko.

In Klein schnappe ich mir meine FBI-Jacke (eine echte FBI-Jacke, deren Besitzer von einem Arachnid ausgesaugt wurde) und rieche erstmal dran. Miffy schaut ein bisschen schuldbewusst.
Na ja. Bin ich halt ein inkontinenter FBI-Agent.

Auf der Polizeistation steht schon ein anderer FBI-Agent rum. DeVries. Lebt also noch. Brauche wohl kein schlechtes Gewissen mehr wegen seines Höllentors haben.
Ich tue gleich mal so, als wären wir Partner. Immerhin macht er mit und nennt mich „Agent White“. Unglaublich lustig. Ich wusste gar nicht, dass der Mann Humor hat.
Er wahrscheinlich auch nicht.

Wir müssen warten, weil noch eine Reporterin mit dem Sheriff redet. Als die kurz darauf rauskommt… Sicher, wenn das Mädel eine Reporterin ist, bin ich FBI-Agent.
Dann werden wir zu Sheriff Barnes vorgelassen. Ich tische ihm eine Geschichte auf, dass das FBI geschmuggelte exotische Tiere sucht und er gibt uns bereitwillig die Akte und alle Details. Der Tote war ein Sportprofessor, der in seiner Villa am Klavier getötet wurde (Villa? Vielleicht sollte ich mir doch eine Stelle an Bens Uni geben lassen…). Die Terrassentür wurde zerschlagen und aus einer Vitrine der Musiksammlung ein altes Horn gestohlen.
Barnes hat sofort seine Verdächtigen, nämlich die Haschischrauchenden Biker bei Ma Malcolm’s Motel. Na ja. Die haben vermutlich mehr Spaß als der Herr Sheriff.
Der Sheriff schlägt vor, dass wir doch „die nette junge Reporterin“ mitnehmen sollen. DeVries bekommt gleich ein bisschen Schaum vor dem Mund, wahrscheinlich, weil er genauso scharf auf das Mädchen ist wie der Sheriff. Hat schon seinen Grund, dass der zur Begrüßung nicht aufgestanden ist.
Jedenfalls fängt DeVries irgendwas mit dem Wort „Sünde“ an und ich höre weg. Ist wahrscheinlich besser für uns beide. Hinterher ist der Sheriff sauer und ich schicke DeVries erstmal raus, damit Barnes mir noch ein paar Details zu den Bikern geben kann. Viel ist das nicht. Außer ein bisschen Alkohol und ein klein bisschen Rowdytum gibt’s da nichts.

Als ich aus der Polizeistation komme, wird DeVries gerade von der kleinen Reporterin zugetextet. „OMG, OMG, die X-Files sind so voll wahr, ich wusste es, das ist so cool, ich kann es nicht glauben, muss ich gleich twittern und im Forum, ach ne, dass darf man ja nicht, ist ja geheim, ich bin sooo hilfreich, ich kann ganz viele Sachen und ich komme mit und…“
Schrot. Flinte.

Ich fahre schon mal vor. Soll doch DeVries die Kleine mitnehmen.

Nachdem ich schon mal Professor McNabs Häuschen von außen in Augenschein genommen habe, kommen auch endlich die beiden anderen an. In einem tuckernden VW-Käfer mit Munroe am Steuer. Die redet immer noch.
Mir fällt dabei ein, dass mal jemand erzählt hat, dass DeVries kein Auto hat und mit dem Bus fährt. Pal, this is the fucking US of A, jeder hier hat ein Auto.

In der Villa nehmen wir den Tatort in Augenschein. Alles was mir auffällt, sind die Papiere auf dem Klavier. Ist ja schon vorgekommen, dass Musik Dämonen beschworen oder jemanden in den Wahnsinn getrieben hat. Munroe kennt den Komponisten und fängt gleich an zu schwärmen. Sie hat aber noch nie davon gehört, dass jemand durch seine Konzerte verrückt geworden wäre. Einmal waren alle Musiker nackt, aber ansonsten…
Nackt? Vielleicht sollte ich häufiger mal in so ein Konzert gehen.
Während wir den Garten in Augenschein nehmen, kommt DeVries aus dem Haus. Er hat ein „wichtiges Beweismittel“ gefunden und sieht dabei aus, als müsste er sich entweder übergeben oder gleich in göttliche Rage verfallen.
Am Ende ist es bloß ein Bild von einem jungen Mann, der sein beeindruckendes Horn vorzeigt und ein zweites Horn im Mund hat. Das zweite wurde gestohlen.
Auf der Rückseite steht ein Name, Rory D., und der Sheriff kann weiterhelfen. In McNabs Handy ist eine passende Nummer gespeichert.
Ich rufe den Jungen mal an und er ist bereit, mit uns zu sprechen.
Dann frage ich DeVries, was er über das Horn weiß. Er will erst nicht so recht rausrücken, tut es dann aber doch. „Die Trompete von Jericho. Ich muss dafür sorgen, dass sie nicht in die falschen Hände fällt.“
Ist klar. Wenn das mal nicht deine sind… Ich behaupte erstmal, dass ich ihn das Ding mitnehmen lasse. Mal sehen.
Mitnehmen tue ich noch ein paar kleinere Wertgegenstände aus dem Haus. Von irgendwas muss ich ja leben.

Bevor ich mich aufmachen kann, entdeckt Munroe Miffy. Das blöde Vieh fällt beinahe tot um vor Begeisterung. Der Hund freut sich auch.
Treulose Socke. Soll sie doch bei dem Mädchen mitfahren. Aha. Jetzt sind wie wieder gute Freunde, was?

Der Junge, Rory Doncaster, arbeitet in einer KFZ-Werkstatt.
Ihm scheint die ganze Sache ziemlich peinlich zu sein. Er hat sich wohl mit dem Professor eingelassen, damit der ihn ein paar bekannten Baseball-Trainern vorstellt.
DeVries legt gleich los: „Und dafür prostituierst du dich? Sünde! Der Herr sagt: Wenn ein Mann mit einem anderen Mann geschlechtlich verkehrt, haben sich beide auf abscheuliche Weise vergangen. Sie müssen getötet werden; ihr Blut findet keinen Rächer.“ Und so weiter. Okay, ich muss auch nicht unbedingt in das Horn eines anderen Kerls blasen, aber wozu sich ekeln? Ekelig, dass ist das Insektenvieh, dass Miffys Besitzerin zerplatz hat oder ein Chupacabra in Action. Zwei Kerle, die ihre Hörner reiben, sind den Stress echt nicht wert.
Ich sage: „Agent Black, warten Sie doch mal draußen…“ Ich habe das Gefühl, dass ich das noch häufiger sagen muss. Munroe geht hochrot ebenfalls raus. Hat sich wahrscheinlich vorgestellt, wie das Horn in Natur am Jungen aussieht. Ist aber auch ein ziemlich großes Horn.
Sehr viel mehr weiß der Junge aber auch nicht. Das Horn hat kein Geräusch gemacht, es stand was auf Hebräisch drauf und der Professor hat vor dem Blasen das Fenster aufgemacht „damit der Ton frei sein kann“.
Der Junge will auf keinen Fall, dass seine Eltern davon erfahren. Kein Problem. Ich sage ihm, dass er sich in den Arsch ficken lassen kann, von wem auch immer er will. Wir suchen bloß das Horn.

Bleiben noch die Biker. Wir fahren zu Ma Malcolms Hotel. Dort stehen acht Räder herum, die bunt besprüht sind. Geister, Vampire und noch nicht mal richtig viele Titten. Mir fällt bei dem Anblick ein, dass ich mal von einer Emo-Crew gehört habe, die von Friedhof zu Friedhof fährt und sich die Gräber anschaut oder irgend so einen Dreck. Munroe kennt die „aus dem Internet“, was auch immer das bedeuten soll. Laut ihr finden die Gewalt doof und sind eigentlich ganz nett, auch wenn sie dem einen in Facebook gesagt hat, dass sie nichts von ihm will.
Scheiße, das sich so was Biker nennen darf. Hab mal einen Sommer den Hell’s Angels beim Schmuggeln geholfen. Das waren Biker.
Meine Laune sinkt etwas. DeVries Laune anscheinend auch, aber bei ihm vermutlich mehr aufgrund zu vieler Titten und Nummernschildern mit der Zahl 666.
Er geht auch gleich rüber zum Trailer der Jungs und klopft an. Eine halbnackte Schnecke macht ihm auf. Durchsichtiges Top, da kommt bei DeVries sofort die ganze unterdrückte Sexualität hoch.
„Zieh dir was an“, sagt er und sie nur: „Macht dich das etwa an?“ Klar macht ihn das an, auch wenn er es nicht zugibt.
DeVries will den Trailer durchsuchen, aber die Schnecke lässt ihn nicht. Ihr Kollege kommt auch noch dazu.
Also mache ich es direkt und zeige ihnen das Bild vom toten McNab. Und scheiße, dem Mädchen schießt das Blut in die Wangen und vermutlich auch noch ganz woanders hin.
Sie weiß angeblich nichts von der Trompete. Ich sage ihr, dass sie lügt. Das sieht man ihr an den Nippeln an. Über ihre Nippel redet sie anscheinend gerne und lässt sie auch gerne ansehen. So richtig interessiert bin ich aber trotz Notstand nicht. Wen zerstückelte Leichen anmachen, den muss ich nicht im Bett haben. Selbst ich habe meine Standards…
DeVries hat genug von dem Titten-Gerede und lässt seine Frustration am Gefährten des Mädchens aus. Der lässt ihn aber nicht durch.
Plötzlich kommt Munroe zurück und sagt ganz aufgeregt: „Da lädt einer eine Schrotflinte!“
Sofort kommen die Waffen raus. DeVries wartet gar nicht auf Antworten, sondern ballert dem Typen ins Bein. Ich zögere, denn ich bin mir ehrlich nicht sicher, auf wessen Seite ich stehen sollte.
Da will ihn das Mädel anspringen wie eine Katze. Also ballere ich ihr auch mal ins Bein. Das scheint sie aber nicht sehr zu stören.
Munroe rennt inzwischen zum Auto. Brav. Schön abhauen. Das macht sie nur leider nicht, sondern holt eine Schrotflinte.
Ich ziehe mich zurück, als noch vier Kerle aus dem Motel kommen. Zu viele.
DeVries wird von der halbnackten Schnecke umgeworfen und versucht sie mit einem Dolch zu stechen. Volltrottel, verpiss dich gefälligst von da! Aber er ist in heiliger Rage oder so ein Scheiß. Vielleicht ist das auch symbolisch, mit dem Dolch die Titten-Schnecke zu durchbohren, und er hat was davon.
Soll er doch da verrecken.
Aber natürlich meint Munroe mit großen Augen: „Aber Agent Black ist doch zu Boden gegangen!“ Dann schießt sie irgendwo ins Gemüse. Scheißdreck, das kleine Ding kann ich nun nicht zurücklassen.
Verdammt. Noch. Mal. Ich erschieße noch den Typen im Trailer und versuche noch mal den Rückzug. Aber inzwischen sind die vier Kerle da. Zwei packen Munroe, einer packt mich. Den einen der beiden, die sie festhalten, kann ich noch verletzen und sie rennt endlich in mein Auto.
Hau einfach ab, denke ich noch, während mir der erste eins in die Fresse haut. DeVries sehe ich durch die Tränen zu Boden gehen. Und irgendwie ist das alles plötzlich sehr witzig. So kratze ich also ab, von ein paar dämonischen Emo-Bikern neben einem verdammten religiösen Fanatiker. Ich muss lachen, während mich die beiden Typen ordentlich vermöbeln.
Das finden sie wohl seltsam.
Ich sehe noch, wie das Auto startet, dann kommt eine Faust auf mein Gesicht zu.

Lichter aus.

Das Horn von Jericho, Teil 2

Ich blinzele. Mein eines Auge will nicht richtig aufgehen. Ich schmecke Blut und kann meine Hände nicht richtig bewegen. Es klickt. Handschellen. Langsam wird meine Umgebung wieder schärfer. Ich sitze im Bad eines billigen Motelzimmers auf dem Boden, an die Heizung gefesselt.
„Wann kommt sie endlich?“ sagt jemand.
„Halt deine Klappe und iss noch was. Sie kommt schon, wir haben einen Deal“, antwortet eine bekannte Stimme. Die Titten-Bikerin.
Ein Motelzimmer voller Ghoule. Es riecht nach Schlachtbank und das kommt nicht von mir. An mir ist noch alles dran, Gott verdammt noch mal sei Dank.
Mitten im Raum liegt der Sheriff. Tot. Halb aufgefressen. DeVries haben sie auf einen Stuhl gefesselt und ihm ein Messer zwischen die Rippen gesteckt. Blutbläschen bilden sich regelmäßig vor seinem Mund. Lebt noch, der Arsch.
Es klopft. Die Ghoule schrecken auf. Titten geht an die Tür. Ein Mann kommt rein, ein echtes Wiesel.
Ein Wiesel mit schwarzen Augen.
Scheiße. Aber wenn’s nicht Engel sind, die die Tröte wollen, müssen es wohl Dämonen sein.
„Ich bin hier für die Lieferung“, sagt er.
„Hey“, sagt ein Ghoul mit Ziegenbärtchen und baut sich vor ihm auf. „Mit dir haben wir keinen Deal gemacht. Das war mit der Frau!“
Der Dämon seufzt. „Sie ist verhindert. Ich kann das Päckchen genauso annehmen. Machen wir das nicht ungemütlicher als es sein muss, ja?“
Titten hat plötzlich ihren Dolch in der Hand. „Wir können auch ungemütlich werden.“ Sie zeigt ihm die Zähne.
Der Dämon verengt die Augen und hebt eine Hand.
Ziegenbärtchen geht dazwischen. Schade eigentlich. „Okay, okay. Hauptsache, wir werden bezahlt. In Ordnung?“
Der Dämon und Titten weichen etwas zurück. Der Dämon streicht sich über seinen Anzug und sagt: „Ein Deal ist ein Deal. Gehen wir?“
Und das tun sie.

Ein Ghoul bleibt zurück und spielt auf dem Bett mit seinem Handy. Schon besser. Einen kann man schaffe.
Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass DeVries sich bewegt. Er hat sich das Messer aus der Seite gezogen und schneidet damit an den Seilen. Autsch. Na ja, zu zweit haben wir eine Chance.
Ich spucke Blut auf die weißen Kacheln. Der Ghoul sieht zu mir rüber.
„Hey“, krächze ich.
„Was ist denn?“ sagt er und schaltet den Fernseher an.
„Ich will nicht gefressen werden“, sage ich. „Ist nur natürlich. Vielleicht können wir uns irgendwie einigen?“
„Hmm.“ Er schaltet den Fernseher an. „Klar, ich könnte den anderen essen… aber die religiösen Typen, die schmecken immer so scheiße.“
„Bei meinem Kippen-Verbrauch bin ich sicher auch nicht so lecker.“
Motorengeräusche. Fährt da draußen ein Auto vor?
„Ach so ein bisschen Raucharoma…“ Er leckt sich die Lippen. Toll. „Ich glaube nicht, dass du mir was anbieten kannst.“ Er wechselt das Programm auf ‚Slutty Housewives IV’. „Magst du Porno sehen, bevor wir dich fressen?“
Dass ich das mal gefragt werde…
Ich rüttele an den Handschellen. „Ohne freie Hände ist das irgendwie nichts. Kannst mich ja losmachen.“
„Ist klar. Nene, und helfen tue ich dabei dir auch nicht.“
Genau. Das war schon immer mein geheimer Traum. Und ich hoffe, dass ich vor meinem Ende nicht sehen muss, wie ein Ghoul es sich selbst besorgt.
Draußen knirscht Kies. Da ist wirklich ein Auto. Vielleicht hat Kitty Hilfe geholt. Beim Sheriff… Scheiße.

„Mach mal lauter“, sage ich. „Hat er sein Rohr schon verlegt?“
„Ist grad voll dabei.“ Er dreht wirklich den Ton auf. Lautes Stöhnen erfüllt den den Raum.
DeVries hat endlich die verdammten Seile durchgesägt und steht auf. Der bescheuerte Ghoul ist voll mit den Hausfrauen beschäftigt und merkt nichts.
DeVries kickt das Messer zu mir hinüber und wirft mir einen Blick zu.
Verstehe schon. Du gottverschissener Bastard willst mich hier lassen. Für seine Scheißtröte lässt er jemand anderen von einem Ghoul fressen.
Ich muss echt meine Zähne aufeinander beißen, um ihn nicht sofort zu verpfeifen. Stattdessen warte ich, bis er durch die Tür ist und einen kleinen Vorsprung hat.
„Hey“, sage ich. „Deine Vorspeise macht sich gerade davon.“
Der Ghoul schaut erst den Sheriff an und dann auf DeVries leeren Stuhl. Nicht der Schlauste, was? Immerhin springt er auf und rennt hinter DeVries her.
Ich reiße an der Heizung. Ein, zwei Mal, dann löst sie sich.
„Oooh“, stöhnt die Frau im Fernseher. „Dein Rohr, es ist soooo groß und hart…“
Ich widerspreche ihr nicht, als ich mit dem Heizungsrohr hinter dem Ghoul herschleiche. Ich kann ihn schon durch die Tür sehen, ebenso wie DeVries, der wie ein Idiot in der Gegend herumsteht.

Und dann rauscht was Pelziges zwischen meinen Füßen durch. Ich will mich noch abfangen, aber die verdammten Handschellen sind mir im Weg. Der Boden kommt sehr schnell näher und ich werde sehr deutlich an die Blutergüsse überall an meinem Körper erinnert.
Direkt vor meinem Gesicht taucht eine Hundezunge auf und leckt mich voller Begeisterung ab. Miffy bellt und springt um mich herum.
„Agent White! Agent White! Oh mein Gott, was ist denn mit ihnen passiert! Ich helfe ihnen!“ Kitty zieht mich auf die Füße und quietscht dabei weiter vor sich hin.
Vor der Tür schlägt sich DeVries mit dem Ghoul. Ich bin echt versucht, ihn einfach alleine zu lassen. Aber natürlich schiebe ich Miffy mit dem Fuß zu Kitty hinüber: „Halt den Hund fest.“
Dann nehme ich mein Rohr und gehe nach draußen.
Der Ghoul ist inzwischen auf dem Boden gelandet und DeVries tritt nach ihm. Eine blonde Frau steht etwas entfernt neben einem teuren Auto und zielt auf den Ghoul.
Ich mache mit und ein paar Schläge und Tritte später ist der Ghoul-Kopf hinüber.

Er hatte die Schlüssel für die Handschellen in der Tasche. Scheiße. Ich reibe meine Handgelenke und sehe DeVries an. Er sieht ziemlich mies aus. Die Wunde an seiner Seite blutet immer noch.
Ich sehe ihm kurz in die Augen, dann schlage ich ihm voll auf die Wunde und er geht mit einem Grunzen in die Knie.
Gewalt kann so heilsam sein.
Kitty steht neben ihrem Auto, den Mund offen, eine Kamera in der Hand.
Genau das, was ich jetzt brauche. Ein Video, wie ich einen Kerl den Schädel zu Klump prügele. Ich reiße ihr die Kamera aus den Händen, schmeiße sie auf den Asphalt und trete noch mal ordentlich drauf.
Kitty explodiert. „Meine Kamera! Die ist von meiner Freundin! Die war echt teuer! Sie können doch nicht… Agent White!“
Ich ziehe das Päckchen Kippen aus meiner Brusttasche und suche mir eine, die weder voller Blut noch abgeknickt ist. Ich inhaliere tief den Rauch und atme langsam wieder aus.
Kitty schimpft immer noch. „Ich habe Ihnen das Leben gerettet, Agent White!“
Das stimmt zwar nicht ganz, aber immer hat sie’s versucht. Ich biete ihr eine Zigarette an.
„Das ist ungesund“ sagt sie und hat dabei diesen verkniffenen Nichtraucher-Ausdruck.
Gut, dann halt was anderes. Ich mache die Tür zu meinem Auto auf, lasse die blöde Töle aus Versehen wieder raus und ziehe meine Reserveflasche „Old Crow Kentucky Whiskey“ unter dem Sitz hervor.
Immerhin nimmt Kitty etwas davon und fängt prompt an, fürchterlich zu husten.
Old Crow ist absolut widerlich, ja.
Während Kitty noch um Atem ringt, klopft mir die Blondine auf die Schulter.
„Irene Hooper-Winslow“, sagt sie in einen britischen Akzent und streckt ihre Hand aus.
Ich überlege eine Sekunde, mich als „Agent White“ vorzustellen, aber ich habe wirklich keine Geduld mehr, eine dünne Coverstory aufrecht zu erhalten.
„Cal“, sage ich.
„Sind Sie ein Freund von… Agent Black?“ fragt sie.
„Partner“, sage ich. Und das ist schon übertrieben.
„Ach“, sagt sie und zieht eine Augenbraue hoch. „Wie lange denn schon?“
„Zu lange.“ Und damit gehe ich mal rüber zu DeVries. Er ist noch nicht tot, also klebe ich seine Wunde provisorisch zu.
Er stöhnt und öffnet die Augen. Seine Lippen bewegen sich.
„Halt die Klappe oder ich mache das noch mal“, sage ich und er macht seinen Mund wieder zu.
„Du da, hilf mir mal, ihn ins Auto zu bringen“, sage ich zu der Blondine. Sie dreht sich zu Kitty um: „Helfen Sie dem Mann.“ Kitty schaut sie nur an und trinkt noch mal aus der Flasche. Die Blondine presst ihre Lippen zusammen und hilft mir.
„James, das Erste-Hilfe-Paket“, sagt sie und sieht sich noch mal DeVries Wunde an. Hinter ihr taucht ein älterer Herr auf, der ihr das Paket in die Hände drückt. Sympathisch. Dass sie DeVries anschaut, als hätte sie mal was mit ihm gehabt, macht es nicht besser.
Statt Desinfektionsmittel kippt sie ihm Weihwasser in die Wunde. Er sagt: „Ich wartete des Guten und es kommt das Böse; ich hoffte aufs Licht, und es kommt Finsternis.“ Dann bespritzt er sie ebenfalls mit Weihwasser.
Keiner fängt an, zu schwelen.
Dann stieren sie sich ein bisschen an.
„Warum bist du nicht tot?“ fragt die Blondine.
„Mein Überleben habe ich nicht dir zu verdanken, Kreatur der Dunkelheit“, sagt DeVries.
Ehe die Beiden sich richtig an die Gurgel gehen können, schicke ich die Blondine weg und fahre DeVries ins Krankenhaus.
Dort wird er erstmal auf die Intensive gekarrt.

„Sagen sie Nein zu einem Tee?“ fragt mich die Blondine.
Ich schaue sie an, als wäre sie verrückt. Tee. Aber gut, wenn wir Nationalklischees leben wollen, nehme ich eben meine Old Crow mit.
Kitty, die sich inzwischen ordentlich was hinter die Binde gekippt hat, kommt auch mit. Die kaputte Kamera breitet sie auf dem Tisch aus und bastelt ein bisschen daran herum.
„Du kennst DeVries?“ frage ich die Blondine. Schluss mit irgendwelchen Lügen.
„Ja, unter dem Namen kenne ich ihn auch“, sagt sie. Kaum ein Jäger spricht freiwillig über seine Vergangenheit, kann ihr also nicht böse sein, dass sie nicht sofort mit ihrem kompletten Leben rausrückt. Und ehrlich, der Gedanke an eine Liebesgeschichte mit DeVries sorgt dafür, dass ich einen neuen Schluck aus meiner Old Crow nehmen muss.
„400 $!“ sagt plötzlich Kitty. Ich schaue sie an. „Die Kamera hat 400 $ gekostet“, sagt sie und zieht einen Flunsch. Ihre Wangen sind ziemlich rot. „Sie kaufen mir eine neue.“
„Nö“, sage ich.
Sie quietscht wieder los und die Blondine sagt: „Miss Munroe, ich kaufe ihnen eine neue Kamera.“
„Woher kennt ihr beide euch eigentlich?“ sage ich.
„Über das Internet“, sagt die Blondine. „Miss Munroe hat eine gut besuchte Website zu übernatürlichen Phänomenen.“
Ich zucke mit den Schultern. Bitte. So lange ich Kitty keine Kamera kaufen muss – nicht, dass ich das könnte.
„Was ist eigentlich mit Ihrer Speicherkarte, Miss Munroe?“ fragt die Blondine.
„Keine Ahnung“, sagt Kitty. „Die muss kaputte gegangen oder rausgefallen sein.“ Und schaut ganz unschuldig.
„Wenn der Film jemals an die Öffentlichkeit kommt, mach ich mit dir das Gleiche wie mit der Kamer“, sage ich zu Kitty. Aber sie ist völlig drohresistent.
„Sie sind doch FBI-Agent? Was soll denn das jetzt? Meinungsfreiheit, schon mal was von gehört? Steht in der Verfassung?“ Sie kreuzt die Arme vor der Brust.
Die Blondine geht rüber zu ihr und lächelt. „Aber Miss Munroe, wir wollen doch hier alle die Wahrheit sagen, nicht?“ Sie legt ihre Hände auf Kittys Schultern.
Plötzlich hüpft Kitty hoch. „Sie haben mir an die Titten gefasst!“
Die Blondine nimmt ihre Hände weg. „Oh, Entschuldigung! Ich wollte nicht…“
Hmm. Auch wenn ich es gerne glauben will, absichtlich hat sie dem Mädchen nicht an die Brust gefasst. Die Lady will noch was anderes, aber was soll man von einem Freund von DeVries auch erwarten?
„Kaufen Sie mir wenigstens die Kamera“, sagt Kitty.
„Schluss mit der Scheißkamera, wir haben echt wichtigere Probleme“, sage ich.
„Ach, welche Probleme haben Sie denn, Agent White?“ fragt die Blondine und lächelt anzüglich.
Ich zögere, weil ich nicht von der Tröte erzählen will. Am Ende sinkt sie in die Arme von DeVries und der Fanatiker hat seine Tröte.
Aber ich habe auch keine Ahnung, wo der Dämon hin ist. DeVries könnte was gesehen haben.
„Da sind immer noch mindestens acht Ghoule“, sage ich. „Und der Sheriff ist einer davon. Aber sehen wir erstmal, ob DeVries noch lebt.“

Er lebt und sieht ungewöhnlich gut dafür aus, dass ihm gerade jemand ein Messer zwischen die Rippen gerammt hat.
„Hast du gesehen, wo der Dämon hin ist?“ frage ich ihn ohne Vorspiel.
„Dämon?“ Kitty schaut uns groß an. „Dämonen gibt es auch?“
„Ja“, sage ich und DeVries fängt an: „Es gibt mehr Dinge zwischen…“
„FRESSE HALTEN“; sage ich. Gottverdammt, muss jeder Volltrottel den Scheiß zitieren?
„Also, wo ist der Dämon hin?“
„Grüner VW mit Flammen an der Seite. Das Nummerschild konnte ich auch sehen und er ist Richtung Stadtausgang gefahren“, sagt DeVries.
Ich schaue auf dem Stadtplan und versuche mir zu überlegen, wo der Dämon und die Ghoule hingefahren sein könnten.
„Ich kenne da jemanden“, meldet sich Kitty. „Mein Onkel, der arbeitet im DMV, da könnte man vielleicht…“
Sie ruft also ihren Onkel an. „Ja, ja, es geht um einen Jungen… Was? Ja, ich bin vorsichtig und werde immer, du weißt schon…“ Sie wird knallrot, was ganz nett aussieht. Nah. Sie ist zu jung und zu naiv. Immer noch mit glühenden Wangen sagt sie uns, dass das Auto zu einer Fabrik für Feuerlöscher gehört.
„Also los“, sage ich.
„Ich muss erst meine Sachen vom Bahnhof holen.“ DeVries schmollt.
„Keine Zeit. Der könnte schon sonst wo sein.“ Ich drehe mich um und gehe zum Auto. Ich will nicht, dass der Fanatiker gut ausgestattet in die Schlacht zieht. Man kennt ja seinen Ruf.
Er darf sich aber eine Pistole aus meiner Sammlung nehmen. Kitty wünscht sich eine Schrotflinte, also gebe ich ihr meine Benelli. Hoffentlich trifft sie auch was.

Die Fabrik ist nicht sehr groß. Der grüne VW und die Ghoul-Motorräder stehen vor dem Gebäude. Innen schreit jemand.
Die Blondine bringt ein paar Kabel aus dem Auto mit. „Die Flüssigkeit, aus der Feuerlöscherflüssigkeit hergestellt wird…“ fängt sie an und hält dann einen kurzen Vortrag über die Chemikalien. Blah, Ergebnis: Wenn man weiß, wie man es macht, kann man ein großes Bumm erzeugen.
Und das will sie machen.
Ich nehme Kitty mit zur Feuerleiter an der Seite. Von da oben kann man sicher Feuerschutz geben, während DeVries den Exorzismus durchführt.
Drinnen ist Titten dabei, sich mit dem Dämon zu bekämpfen. Ein anderer Ghoul ist noch übrig geblieben, der Rest liegt in Einzelteilen im Raum verstreut. Kitty quietscht ein bisschen bei all dem Blut. Ich denke noch über den besten Plan noch, da geht die Vordertür auf und Ziegenbärtchen kommt rausgerannt.
Ehe wir die Treppe runter sind, haben DeVries und die Blondine ihn schon beseitigt.
Na gut. Wenn der Dämon von Titten abgelenkt ist, können wir auch vorne rein.

Titten und der Dämon ignorieren uns erstmal. Er packt sie am Arm, dreht sich und hat ihn in der Hand. Ihr anderer Arm fehlt schon, so dass sie ihm jetzt… ins Gesicht spucken muss? Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
Ich lege erstmal Feuerschutz mit meiner Kalaschnikow, um den Dämon wenigstens so weit abzulenken, dass er DeVries nicht problemlos angehen kann.
Blondie fängt ebenfalls an, einen Exorzismus zu rezitieren, lauter als DeVries. Der Dämon findet das gar nicht lustig und macht eine Handbewegung in ihre Richtung. Sie fliegt durch die Luft und knallt gegen ein paar Maschinen.
Sie kennt den Deal. Da muss man durch.
Titten stolpert jetzt von dem Dämon weg in Richtung der Tür. Sie stürzt und schiebt sich wie eine verdammte Ghoulschlange weiter.
Plötzlich höre ich Kitty schreien. Der andere Ghoul hat sich auf sie gestürzt und, verdammt noch mal, Scheiße, deshalb nimmt man so jemanden nicht mit in einen Kampf.
DeVries muss selbst mit dem Dämon klarkommen. Er weiß, wie’s läuft: Sie nicht.
Ich feuere eine rasche Salve auf den Kopf des Ghouls, der sich in blutige Stückchen auflöst und Kitty besprüht.
Neben mir fliegt DeVries durch die Luft, aber man muss es ihm lassen: Er hört keine Sekunde auf, seinen Exorzismus aufzusagen, selbst dann nicht, als er auf den Betonboden trifft.
Der Dämon wirft den Kopf in den Nacken. Schwarzer Rauch quillt aus seinem Mund und verschwindet zwischen den Ritzen des Daches.
Sein Wirtskörper fällt zu Boden. Den Kerl hatte es spätestens im Kampf mit Titten erwischt.

Titten hat sich irgendwie wieder auf die Beine gerappelt und rennt nach draußen. Da die anderen sich nur anstarren, verfolge ich eben den Ghoul. Keine Ahnung, wie sie sich das vorstellt – mit den Beinen ihr Motorrad lenken? Ich nehme ich das Problem ab, trete sie von hinten nieder und schieße ihr in den Kopf. Schade. Die Original-Titten war echt ganz ansehnlich.

Als ich wieder in die Halle komme, höre ich gerade, wie die Blondine sagt: „…der Gral ist an einem sicheren Ort. Wo du ihn nie finden wirst.“
„Der Gral ist da, wo er hingehört.“ DeVries Mund zuckt. „Nicht bei dir, Hure von Babylon.“
Die Blondine zuckt mit keiner Wimper.
DeVries macht einen Schritt und plötzlich hat er seine Pistole in der Hand und ich lege automatisch an. Er setzt der Blondine die Mündung auf die Brust. Sie weicht nicht zurück, sondern lehnt sich nach vorne, gegen die Waffe.
„Das Horn nehme ich mit“, sagt er. „Es ist meine letzte Chance.“
„Niemals“, sagt sie.
Und ich: „Zwing mich nicht, dich zu erschießen, DeVries.“
Er schnaubt. „Gott ist mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Berg meines Heils, mein Schutz und meine Zuflucht, mein Heiland. Er führt meine Hand, weil ich glaube. Nicht so wie du, der Gott verleugnest.“
Ich versuche so etwas wie ein Grinsen. Wird mehr ein Zähnefletschen raus. „Ich glaube schon an Gott. Ich glaube, dass er ein Arschloch ist.“ Wenn ich an Gott denke, sehe ich das Gesicht meines Vaters, sehe ich jemanden, der Leid verursacht, um sich dann einen runter zu holen.
DeVries dreht sich nicht mal zu mir um. „Kein Wunder, dass Gott dich verlassen hat. Du bist seiner Liebe nicht wert.“
Was soll ich dazu noch sagen?
Irgendwo weiter hinten in der Halle räuspert sich Kitty. „Ihr… ihr wollt euch doch nicht wirklich erschießen, oder?“
„Das hängt ganz von Marcus hier ab“, sagt die Blondine.
„Dann nehme ich eben das Horn mit! Das gehört sowieso in ein Museum“, sagt Kitty und macht einen Schritt.
„Miss Munroe“, sagt DeVries. „Bleiben Sie, wo Sie sind. Wenn Sie das Horn an sich nehmen, werde ich Sie bis ans Ende der Welt verfolgen und Sie zur Strecke bringen wie ein elendes Tier. Verstehen wir uns?“
Hol mich der Teufel, etwas macht ihr doch Angst. Sie zögert.
Und ich merke, wie mein Finger sich dem Abzug nähert. Der verdammte Bastard. Die Grenze, Mann. Du hast sie weit überschritten.
Aber dann beißt sich Kitty auf die Lippen und huscht hinter Irene. Sie taucht mit einem Objekt wieder auf, das in ein Tuch geschlagen ist.
Das Horn.
Sie sieht das Ding an und macht einen Schritt in Richtung Ausgang.
„Miss Munroe“, sagt DeVries ruhig. „Bleiben Sie stehen. Sie müssen das Horn in die richtigen Hände geben. Meine.“
Ich lache. „Klar, deine. Der Fanatiker ist genau der Richtige dafür.“

Aber wessen Hände sind die Richtigen? Nicht die von DeVries, der mit dem Ding die Feinde seines Gottes töten könnte – wen auch immer, Schwule, Muslime, Leute die Spaß im Leben haben.
Über die Blondine weiß ich nichts, aber sie hat mit DeVries zusammengearbeitet und schon einen Gral gebunkert (der Heilige Gral? Na klar.). Nein, ihr kann man nicht vertrauen.
Kitty? Würde zwar keine Ungläubigen zerschmettern, aber das wäre, wie einem Kleinkind einen Flammenwerfer zu geben.
Bleibe also ich, der unbestechliche Caleb Fisher, der natürlich nur verhindern will, das jemand das Horn für die falschen Zwecke einsetzt. Der strahlende Held.
Ha. Sicher.
Natürlich bin ich genauso egoistisch wie die anderen und natürlich sind meine Hände auch die Falschen. Ich würde das Ding nehmen und zu A.C. rennen und hoffen, dass er die Rune von meiner Seele nimmt und verschwindet. Scheiß drauf, ob A.C. damit Hunderte tötet, Hauptsache, ich habe was davon.
„Hören Sie nicht auf ihn“, sagt DeVries. „Wissen Sie überhaupt, wer der Mann ist? Wie er gesündigt hat? Er hat einen Mann vor den Augen seiner Familie abgeschlachtet. Trauen Sie ihm nicht.“
Mein ganzer Körper verkrampft sich. Wo, verdammt noch mal, hat er das her? Es war so leicht, das Messer in Mitchells Herz zu drücken. Es musste sein. Es hat mich nichts gekostet. Es macht mir nichts aus. Es ist nichts in mir gestorben, was nicht sowieso schon tot war.

Scheiß drauf. Scheiß auf dem Mist. Ich presse durch meine Zähne hindurch: „Mach das Ding kaputt, Kitty. Mach es einfach kaputt.“
Sie sieht mich an, mit diesem Blick, verurteilt mich. Soll sie doch. Ich kann es aushalten. Dann hebt sie das Horn…
…und setzt es an die Lippen. Wir alle erstarren. Aber kein Ton kommt aus dem verdammten Ding. Schweiß läuft mir über die Stirn.
Sie hebt das Horn noch einmal, diesmal mit beiden Händen über den Kopf.
„Miss Munroe, wollen Sie, dass Irene stirbt?“ sagt DeVries, aber sie hält nicht Inne.
Das Horn fällt, DeVries Finger krümmt sich und ich reagiere, instinktiv. Ein Schuss knallt. Irene sackt zusammen. Dann eine Salve, meine eigene. Blut, Fleisch, Knochensplitter fliegen aus DeVries Schulter. Den Arm wird er vergessen können.
Aber er bleibt stehen, der Bastard, und zielt auf Irene. Aus dem Liegen schlingt sie ihre Beine um seine. Er knallt auf den Boden, aber es löst sich noch ein Schuss.
Ich ziele und schieße und endlich bleibt er liegen. Eine rote Lache breitet sich um seinen Arm herum aus. Er murmelt etwas und verstummt dann. Aber seine Brust hebt und senkt sich noch.
Soll ich das ändern…? Ach, Scheiße, nein.

Erstmal gehe ich hinüber zu Irene und knie mich bei ihr hin. „Alles klar?“ frage ich.
Sie verzieht das Gesicht, aber nur für eine Sekunde. Dann sieht sie wieder völlig ruhig aus. „Ja, war nur ein Streifschuss.“ Sie blutet ein bisschen, muss sich aber weggedreht haben. als er abgedrückt hat.
Also DeVries. Ich klebe ihn so notdürftig zusammen, wie nötig und schleppe ihn ins Auto. Ein Teil von mir hätte nichts dagegen, wenn er einfach auf dem Rücksitz verreckt.
Aber der Bastard verträgt mehr als eine Kakerlake. Ich lasse ihn am Hintereingang des Krankenhauses liegen. Gleich darauf entdeckt ihn ein Sanitäter und er wird rein gebracht.

Als ich zu meinem Auto zurückkomme, ist Irene schon weg. Das Horn fehlt auch. Ich habe keine Kraft mehr, wütend zu sein. Klar, das wäre auch viel zu einfach gewesen. Mich aus dem Deal mit A.C. freikaufen. Nichts für ihn tun müssen… War’s ne gute Show, Gott? Hattest du deinen Spaß?
Aber ich merke sie mir, die blonde Schlampe. Für wenn ich mal mehr Zeit habe.

Kitty ist auch nicht begeistert über den Verlust des Horns.
„Du hast versucht, das Ding zu blasen. Damit bist du die Falsche für so was Gefährliches“, sage ich. Eigentlich sollte ich sie verprügeln, so richtig, ein zwei Finger brechen und sie von diesem übernatürlichen Scheiß abbringen. Auf lange Sicht wäre es… Scheiße nein, es wäre nicht besser. Ich sollte gut genug wissen, wie so was einen Menschen kaputt macht.
Also sage ich: „Hör zu, du hättest hier leicht abkratzen können. Nächstes Mal ist vielleicht keiner da, der dich beschützen kann. Der Ghoul hätte dir den Kopf abgerissen, deine Leiche gefressen und wäre dann mit deinem Aussehen zu deinen Freunden marschiert. Die hätte er auch zerfetzt.“
Ich befürchte, dass nichts davon bei ihr ankommt. So wird sie es nicht lange machen. Vielleicht sollte ich mal Ben auf sie ansetzen, ist ja die gleiche Uni.
Sie will mir meine Schrotflinte wiedergeben. „Schon gut. Behalte sie. Wirst sie noch brauchen“, sage ich.

Ich hinterlasse DeVries eine Karte aus dem Krankenhausladen, einen Teddy mit Tränen in den Augen und gebrochenem Arm: “Lieber Marcus, komm mir noch mal unter die Augen oder in die Nähe von Kitty und ich bringe dich um. Viele Grüße, Cal.”

Dann fahre ich los. Nach Hause?
Ich halte auf einer Seitenstraße an und mache die Tür auf. Langsam rauche ich eine Zigarette und sehe mir die Landschaft an, ebenes Land zu allen Seiten. Miffy rollt sich auf meinem Schoß zusammen. Ich denke an den toten Mitchell und den lebenden DeVries. Ich habe das Gefühl, dass ich ihn nicht zum letzten Mal gesehen habe und dass beim nächsten Mal einer von uns tot sein wird.
Ich denke an das Horn, an eine vertane Chance, mich zu retten. Ich denke an A.C. und an die Rune auf meiner Seele.
Ich muss damit fertig werden. Alleine.
Bald.
„Komm“, sage ich zu Miffy. Sie stellt ihre Ohren auf und sieht mich an. „Fahren wir zu den anderen.“

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