Mädchenkram - Supernatural

Über Engel und Weise

Lyle und Irene reden in New York

Es klingelt bei Lyle.

“Guten Tag?” Im Hintergrund Geräusche von Menschen, vielleicht in einem Café?

“Hallo, Lyle. Hier ist Irene. Irene Hooper-Winslow. Ich hoffe, ich störe nicht?”

Einen Moment Stille. Dann: “Nein, nicht wirklich. Was gibt es denn?”

“Es tut mir leid, dass ich kürzlich so überreagiert habe. Bitte verzeih mir. Aber ich muss dringend mehr über Engel wissen. Alles, was du weißt.”

“So viel weiß ich eigentlich gar nicht. Sendboten Gottes, angeblich.” Einen Moment Stille. “Wollen Sie das übers Telefon besprechen?”

“Nein, eigentlich nicht. Du hast auch Schriftzeichen erwähnt. Die würde ich gerne sehen, wenn es geht. … Und jeder, mit dem ich am Telefon darüber sprechen will, stellt mir diese Frage. Also, nein. Lieber würde ich mich mit dir treffen. Wo bist du gerade?”

“Metropolitan Museum, immer noch in New York… hier ist ein großer Park daneben. Central Park? Kennen Sie den?” Lyle erwähnt noch einen Volleyballplatz und meint, das Museum macht um 17:30 Uhr zu.

Man hört, dass Irene lächeln muss. “Ja, der ist ziemlich bekannt. Ich bin allerdings schon nicht mehr in New York. Musste zwischenzeitlich noch etwas anderes erledigen. Sekunde, ich muss nachsehen, wie lange ich dorthin brauche.”

Lyle klingt erleichtert, als er hört, dass sie nicht sofort da ist. “Ich denke, ich bin noch ein paar Tage hier”, sagt er. “Rufen Sie einfach an. Ich arbeite morgens am Hafen, aber so ab zwei hab ich Zeit.”

“Gut, dann bin ich morgen gegen halb drei am Hafen. Gibt es da einen Treffpunkt, den du gut erreichen kannst?”

“Da ist ein Bücherladen neben einem Starbuck’s. Die haben eine Leseecke. Ich warte dann auf Sie.” Von der Beschreibung her ist das irgendwo in Hell’s Kitchen. “Ich fürchte, in New York gibt es sowohl Bücherläden wie auch Starbucks wie Sand am Meer. Kannst du zum Intrepid Sea, Air and Space Museum kommen? Pier 86 ist das.”

“Klar, das ist 10 Minuten weg.”

“Gut, dann rufe ich dich an, wenn ich da bin. Falls wir uns nicht sowieso gleich sehen.”

“Okay, dann bis morgen.” Irene merkt, dass Lyle versucht, so zu klingen, als würde er sich freuen, aber so ganz gelingt ihm das nicht.
Sie kann es ihm nicht verdenken. Auch sie selber klingt eher zielstrebig als erfreut. So als würde sie sich die ganze Zeit sagen, dass sie da eben durch muss.

“Bis morgen. Und, … danke.”
Sie legt auf.

Nächster Tag. Lyle trödelt ein bisschen herum – eigentlich hat er überhaupt keine Lust auf das Treffen. Andererseits macht Ms. Hooper-Winslow nicht den Eindruck, als würde sie locker lassen, wenn er sie jetzt versetzt.
Deswegen hat er noch Cronuts besorgt und ist ein paar Minuten zu spät. Das macht er nicht ganz unabsichtlich, er will wissen, wie sie auf Unpünktlichkeit reagiert.
Sie hat ihm bereits vor 45 min. eine sms geschrieben, sie wäre in ca. 20 min. da. Jetzt sitzt sie auf einem der Begrenzungssteine aus Beton in der Nähe des Eingangs zum Museum und spielt an ihrem Handy herum. Gelegentlich hebt sich ihr Blick. Als sie Lyle sieht, erhebt sie sich, streckt die Knie durch, als hätte sie schon etwas zuviel Zeit in der unbequemen Haltung verbracht. Scheinbar hat er aber noch keine Zeitspanne gewählt, die sie nervös gemacht hätte. Ihr Lächeln ist angespannter als in Alaska, aber nicht unfreundlich. Nachdem sie das Telefon in ihrer Jackentasche verstaut hat, streckt sie ihm die Hand hin. “Hi.”
Lyle schüttelt ihr kurz die Hand. Sehr kurz, als wollte er die Berührung möglichst schnell hinter sich bringen. Er lächelt auch, strahlend und jungenhaft. Das kann er gut, und es hat nur wenig damit zu tun, wie er sich wirklich fühlt.
“Hi”, sagt er. “Sorry, dass ich zu spät bin… Ich habe Cronuts mitgebracht.” Er hält ihr die Tüte mit den zwei Gebäckstückchen hin.
“Oh, danke. Das ist aber nett. Mein Frühstück ist schon sieben Stunden her.” Sie greift ohne zu zögern in die knisternde Tüte und nimmt einen großen Bissen von einer der kleinen Kalorienbomben. “Mmh! Wollen wir ein Stück gehen? Mir sind hier zu viele Leute. Hast du Hunger auf was richtiges?”
“Klar, warum nicht?”, antwortet er. Er hatte zwar gerade schon einen Bagel, aber einerseits knurrt ihr vermutlich der Magen, andererseits kann er sowieso immer essen. “Italiener, oder lieber was anderes?”

Bei der Erwähnung des Italieners huscht kurz ein Schatten über Irenes Gesicht. Trotzdem zuckt sie mit den Schultern. “Völlig egal. Ich esse alles. Wenn es zu Fuß erreichbar und für eine Unterhaltung geeignet ist, bin ich schon froh.”
Sie schultert ihren Rucksack und bedeutet Lyle vorzugehen. Das Lächeln erreicht ihre Augen immer noch nicht und verschwindet mit jedem Mal schneller. Sie hat selbst sichtlich wenig Freude an der Aussicht auf die Unterhaltung. Trotzdem schreitet sie entschlossen vorwärts, als würde sie sich in einen Kampf stürzen wollen.
Lyle fällt ihr Widerstreben durchaus auf, es geht ihm ja genauso. Immerhin scheint es wichtig für sie zu sein.

Einen halben Block weiter gibt es in einer Seitenstraße ein kleines italienisches Restaurant, “Da Maria”. Das sieht von außen nicht sonderlich einladend aus, aber innen ist es ziemlich gemütlich, mit einem kleinen Innenhof und einer winzigen Terrasse. Angelica begrüßt die Gäste freundlich und führt sie nach draußen. Es ist gerade nicht viel los, nur Toni sitzt drin in einer Ecke und liest eine Sportzeitschrift.
Nachdem sie sich gesetzt und Getränke bestellt haben, lehnt sich Lyle zurück. Er könnte das Gespräch bestimmt noch hinauszögern, aber… Besser hinter sich bringen.
“Bevor ich Ihnen irgend etwas erzähle”, fängt er an, “würde ich gern wissen, warum. Was wollen Sie damit anfangen?”
Irene spielt ein bißchen mit dem Tafelmesser herum, ehe sie den Mund aufmacht, seufzt, neu ansetzt und schließlich vorsichtig formuliert: “Zwei Bekannte von mir haben Probleme mit Engeln…. Der eine hat seines mehr oder weniger gewaltsam zu meinem gemacht, indem er versucht hat, mich zu töten. Dem anderen schulde ich Hilfe, weil ich sein Problem verschlimmert habe. … Nach allem, was ich bisher weiß, ist es momentan genauso wenig erstrebenswert, in den Himmel zu kommen wie in die Hölle. Es scheint, als hätten die Engel Gefallen daran gefunden, mit den Mitteln der Dämonen zu arbeiten.”

Lyle überlegt eine Weile. Leuten helfen klang ganz gut, aber letzten Endes hat sie nicht gesagt, was sie mit dem Wissen tun will. Das kann immer noch nach hinten losgehen, und er kennt sie nicht gut genug und hat keine Ahnung, wie weit sie gehen würde. Das letzte, was er jetzt braucht, ist noch jemand, der ihn für irgendwelchen Engelskram benutzen will.

“Hm”, sagt er also. “Das sagt mir, warum Sie das wissen wollen, aber nicht, was Sie dann damit machen wollen…” Er zuckt die Achseln. “Ich frage mal ganz direkt: Wollen Sie denen helfen, die Apokalypse auszulösen?”
Lyle lehnt sich zurück. Notfalls gibt es hier viele Ausgänge.

Irenes Augen werden groß. “Du weißt noch mehr, als ich dachte.” Einen spannungsgeladenen Augenblick schweigt sie ihn nur an, während die Bedienung ihre Getränke und ein Brotkörbchen bringt. Dann imitiert sie seine Bewegung, lässt sich tief in die Plastikschnüre sinken, die die Rückenlehne des Terrassenstuhls bilden und sucht in seinem Gesicht nach Hinweisen auf die richtige Antwort. “Wenn ich jetzt das Falsche sage, erzählst du mir gar nichts und rennst als nächstes zu deinen himmlischen Arbeitgebern, um mich zu verpfeifen, oder? Oder du hast einen solchen Hass auf die andere Seite, dass du gerne die Menschheit untergehen siehst, wenn die Engel nur mitgerissen werden? … Aber egal. Ich stehe sowieso auf keiner davon. Und meine Bekannten stehen auf gegenüberliegenden Seiten. Der eine scheint einem Engel zu dienen, der die Apokalypse will, der andere ist einem verpflichtet, der angeblich die Menschheit beschützen möchte, aber kein Problem damit hat, eine Armee aus Seelen aufzustellen, die für ihn ihre Köpfe hinhalten sollen. Der Apokalyptiker hat zweimal versucht, mich zu erschießen. Dem anderen habe ich unwissentlich einen Ausweg aus seinem Deal verbaut. Ich zähle mich zur Menschheit dazu und lebe eigentlich ziemlich gerne. Also, nein. Wenn ich diese himmlische Schlampe davon abhalten kann, ihre Kumpels hinter den Toren hervorzuholen, dann werde ich das tun. Wenn mir irgendwelches Wissen dabei hilft, meinen Fehler wieder gutzumachen, dann werde ich dem Opfer dieses Deals beistehen, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Im Idealfall beides zusammen. Ich begnüge mich fürs Erste aber auch damit, meine Möglichkeiten überhaupt erst auszuloten. Ich habe bisher keinen blassen Schimmer, wo ich eigentlich anfangen soll.”
Während sie spricht, beobachtet sie Lyle, ob er Anstalten macht, die Flucht zu ergreifen oder eine Waffe zu ziehen, bleibt aber, äußerlich ruhig, zurückgelehnt und festigt nur leicht ihren Griff um die Stuhllehnen. Ihre Stimme dagegen verrät, wie schwer es ihr wirklich fällt, die Fassung zu bewahren. Vermutlich hat sie die ganze Fahrt über nichts anderes getan, als sich auf diesen Sermon vorzubereiten.

Als Irene etwas von “himmlischen Auftraggebern” sagt, verfinstert sich Lyles Gesicht, aber er entspannt sich im Laufe ihres Vortrags langsam wieder.
Nachdem sie fertig ist, bestellt er sich noch einen Kaffee. Mit Zucker und Milch. Schließlich schaut er nach unten und fängt an, und Irene sieht, dass ihm das nicht gerade leicht fällt.

“Okay. Ich muss vorne anfangen – Sie müssen verstehen, wie das bei den Weisen von Endor war.” Er atmet tief durch, hält seine Kaffeetasse fest wie eine Rettungsweste. Der Blick seiner Augen geht ins Leere.

“Die Sekte wurde vielleicht zehn Jahre vor meiner Geburt gegründet, von den fünf Elders. Uns Kindern wurde beigebracht, dass es immer darum ging, sich von der sündigen Welt abzuwenden und gottgefällig zu leben. Der Name kommt von Salomon und der Hexe von Endor – der sprach nämlich mit Geistern, um an Weisheit zu kommen. So ging das wohl auch los, mit Elder Canetti. Die war ein Medium, und ihre kleine Tochter noch viel mehr. Die Elders haben aber schnell gemerkt, dass es einfacher ist, Geister zu beschwören und mit ihnen zu reden, wenn man ihnen ein Kind als Gefäß anbietet. Wenn man dem Kind ein paar Drogen gibt – solche, die den Geist öffnen, am besten – dann funktioniert das noch viel besser.
Irgendwann hörten sie dann von einem Geist, dass die Apokalypse vor der Tür stand: Engel gegen Dämonen, die letzte Schlacht. Also fingen sie an, Dämonen zu beschwören und zu befragen. Wie man sie bekämpfen könnte, was Gottes Wille sei, und so weiter. Schließlich kam der Tag der Apokalypse. Und dann kam der nächste Tag. Und noch einer, und die Erde gab es noch. Weit und breit war keine Schlacht zu sehen.
Es gab ein bisschen Unruhe, es wurden mehr Dämonen beschworen und schließlich auch ein Engel. Da kam heraus, dass irgendwas mit der Apokalypse schief gelaufen war – sie war einfach nicht passiert. Luzifer war weg, Michael war weg, aber natürlich war die Apokalypse Gottes Plan und musste trotzdem passieren. Sagte zumindest der Engel, aber bevor die Weisen von Endor viel machen konnten, kamen Agent Saitou und Mr. Blackwood und haben die Sekte angegriffen und aufgelöst.”
Lyle schließt die Augen. “Ich war eins der Kinder, das als Gefäß benutzt wurde. Ich war gut darin – viele sind wahnsinnig geworden, aber ich hab’s überstanden. Aber das war schon bei Geistern nicht angenehm, bei Dämonen noch viel schlimmer und bei dem Engel…” Er schüttelt sich. Irene kann die Gänsehaut auf seinen Armen sehen. “Mein Wissen ist also eher sporadisch – ich habe ein paar Sachen mitbekommen, aber nicht alles. Die Elders wollten nie, dass wir Jüngeren zu viel erfahren. Deswegen kann ich mit der Schrift auch nicht helfen, ich habe nie gelernt, die zu lesen.” Dass er überhaupt Lesen kann, verdankt er einer älteren Schwester, die in die Sekte eingeheiratet hatte. “Aber ich kann Ihnen sagen, dass die Engel keinen Deut besser sind als die Dämonen. Die Dämonen hassen uns, alle, die sind voller Zorn und Wut und Schuld, aber… die glauben nicht, dass sie besser sind als wir. Die kann man verstehen. Aber der Engel? Der war so unglaublich hell und rein. Für den war ich nichts. Genau wie alle anderen Menschen. Der war nur Absicht, als er in mir drin war, aber… wofür? Ich glaube nicht, dass er das wirklich wusste. Da war eine riesige Leere in ihm… und in mir… “ Er schüttelt sich und trinkt einen Schluck Kaffee. “War nicht gerade angenehm”, fügt er überflüssigerweise hinzu und versucht, das alles hinwegzulächeln.

Irene lehnt sich vor, als Lyles Stimme beim Erzählen immer leiser wird. Gebannt lauscht sie und merkt erst, als er endet, dass sie beinahe die ganze Zeit vergessen hat, zu atmen.
Sie hat bereits verstanden, dass der Junge nicht besonders positiv auf Mitleidsäußerungen reagiert. Dennoch kann sie ein Zittern ihrer Lippen und ein heftiges Schaudern nicht verbergen, ehe sie sich ebenfalls ein Lächeln ins Gesicht zwingt.

Sie selbst war ein einziges Mal besessen. Nur einmal. Und daran hat sie keine Erinnerung. Der Gedanke, was in dieser Zeit passiert sein mag, dreht ihr nach dreißig Jahren noch den Magen herum. Viele Male besessen zu sein und sich auch noch daran zu erinnern, das entzieht sich ihrem Vorstellungsvermögen. Für diesen Schutzmechanismus ist sie ihrem Gehirn von Herzen dankbar.

Auf ihrer Lippe herumkauend, forscht sie nach Haken in der Geschichte des kleinen Weisen. Apokalypse, Teil zwei. Absicht ohne Motivation? “Da stellt sich mir die Frage, ob das wirklich der Plan eines angeblich allmächtigen Gottes sein kann, wenn er beim ersten Mal nicht klappt. Wenn das überhaupt das erste Mal war und nicht eines von vielen.” Sie nippt an ihrem Espresso.

“Dieser Engel. Hieß der eventuell Selathiel? Oder Deborah?”

Lyle verzieht das Gesicht, als sie Gott erwähnt.
“Ich glaube, Gott kann uns nicht leiden”, sagt er leise. Sein Gesicht ist hart, zornig, hasserfüllt. “Mein… die Elders haben uns beigebracht, dass Gott ist wie ein Vater. Ein grausamer, strenger Vater, der seine Kinder züchtigt, um sie unter seinen Willen zu zwingen. Wir sollten lernen, Gott zu lieben und die Welt zu hassen.” Er beisst sich auf die Unterlippe und sieht Irene trotzig an. “Ich mache das lieber anders herum.”
Er springt auf, läuft unruhig nach drinnen, um Zucker zu holen und sich irgendwie zu beruhigen. Das scheint zu helfen: Als er zurückkommt, ist sein Gesicht wieder viel freundlicher, aber seine Schultern verraten die Anspannung.

“Zu Ihrer Frage: Wenn man besessen ist, kriegt man nicht so viel mit. Normalerweise. Nur… Gefühle? Dass etwas passiert ist, etwas Schlechtes. Ich… ich hab etwas mehr Kontrolle gelernt. Nicht, dass ich meinen Körper kontrollieren könnte, aber… am Anfang hatte ich nur ab und zu ein paar Eindrücke davon, was mit mir geschah. Später habe ich gelernt, zurückzuschauen – Sachen über das, was in mir drin ist, herauszufinden.” Er nimmt seine Tasse und will daraus trinken, bevor er bemerkt, dass sie leer ist. “Das klingt jetzt bestimmt nicht besonders großartig, aber es ist besser, als gar nichts machen zu können.
Ja, der Engel in mir hieß Deborah. Zumindest war das der Name, den Elder Winters gerufen hat. Die hat ihm gesagt, dass er den Engeln helfen kann… die suchen irgendwas. Ich weiß nicht, was. Den anderen Namen habe ich aber auch schon gehört, allerdings von einem Dämon. Den hatte mein.. Elder Winters beschworen, als das FBI vor der Tür stand, damit ich die Agenten angreife. Das war seine Vorstellung von Gerechtigkeit, dass ich – der Verräter – die Schergen töte, denen ich geholfen hatte. Oder dass sie mich töten. Jedenfalls, als der Dämon in mir drin war, dachte er an diesen Namen.” Lyle sieht auf. “Wer ist das?”

Irene wird noch blasser, als sie seit Beginn des Gesprächs ohnehin schon ist. Bevor sie antwortet, massiert sie sich die Schläfen und fährt sich mehrfach mit den Fingern durch die Haare.
“Meine Güte, was für ein… Irrer! Deborah ist wohl eine Untergebene Selathiels. Es gibt ein Video im Internet, auf dem man sieht, was sie mit einem ganzen Bündel Dämonen macht. Hier… “ Sie tippt ein wenig auf ihrem Handy und reicht es Lyle. “Selathiel will die Apokalypse auslösen. Scheinbar kriegt sie das alleine nicht hin oder sucht zumindest soviel Verstärkung, wie sie bekommen kann. Denn sie befreit gefallene Engel von Rang und Namen, die hinter sogenannten Nephilim- oder Höllentoren weggesperrt sind. Vermutlich ist das das, was sie sucht. Asmodeus, Astarte, Belial, Moloch. Baphomet hat sie schon freibekommen. … Das alles habe ich nur aus zweiter Hand, aber die Quelle halte ich für ziemlich verlässlich. Wenn er falsch liegt, dann weil er etwas selber falsch verstanden hat oder belogen wurde.”
Sie winkt die Kellnerin heran und bestellt zwei riesige Eisbecher, während Lyle das Video ansieht, dann spricht sie weiter.
“Weißt du was, mir ist völlig egal, was dieser Gott von uns denkt. Er ist nicht der Einzige auf der Welt und nicht der erste Gott, mit dem ich mich anlege.” Ihre Stimme trieft vor Gift. “Wir wissen noch nicht mal, ob er sich überhaupt darum kümmert, was seine Engel tun. Die Erzählungen von einem Bürgerkrieg im Himmel klingen nicht so, als hätte er sie noch im Griff oder würde sich besonders darum scheren, wie es ausgeht.”
Nach kurzem Nachdenken fügt sie hinzu: “Hat dir schonmal jemand gezeigt, wie man sich vor dämonischer Besessenheit schützt?”

Lyle schüttelt den Kopf. “Nein”, sagt er überrascht. “Das wäre wohl ziemlich kontraproduktiv gewesen, nicht wahr?”
Die Kellnerin kommt und stellt die beiden Eisbecher auf den Tisch. Lyle betrachtet seine Portion ohne große Begeisterung. Er hat eigentlich überhaupt keinen Appetit, aber ‘was auf den Tisch kommt, wird gegessen’. Vorsichtig nimmt er einen Löffel und stochert damit in dem Nachtisch herum.
“Von den gefallenen Engeln habe ich schon gehört”, sagt er. “Elder Saffron hat uns davon erzählt – wie sie sich von Luzifer verführen ließen und gegen Gott rebellierten.” Er zuckt die Achseln. “Sie hat das immer erzählt, als wäre es das Schlimmste der Welt. Na, jedenfalls meinte sie, Luzifer hätte diese fünf Auserwählten gehabt: Asmodeus, den herzlosen Wissenschaftler, Baphomet, den zornigen Schlächter, Belial, den gewissenlosen Lügner und die falschen Eltern, Astarte und Moloch.” Er denkt angestrengt nach. “Ich weiß nicht… ich glaube, der Name Baphomet ist ab und zu gefallen, bevor das FBI kam. Ich hätte das gar nicht hören dürfen, aber ich habe gelauscht. Nach dem Tag der Nicht-Apokalypse war ja klar, dass irgendwas nicht stimmt.”

“Dann gib mir mal das Mobiltelefon zurück,” fordert Irene und sucht wieder kurz etwas darauf. Sekunden später gibt Lyles Handy einen Ton von sich. “Das ist ein Bild von einem Zeichen, das Dämonen den Zugang verwehrt, wenn du es trägst. Am besten lässt du dir das tätowieren. Ich habe es eingebrannt. Das geht auch. Ein Amulett würde ich nicht empfehlen. Das kann man verlieren.”

Sie zieht auch ein Laptop aus ihrem Rucksack und beginnt, schnelles Tastengeklacker zu erzeugen, derweil ihr Eisbecher vor sich hin schmilzt. "Langsam muss ich anfangen, mitzuschreiben. Das ist mehr, als ich zu hoffen gewagt habe. Hast du noch mehr Details zu den Auserwählten Luzifers?”

Lyle zuckt die Achseln. “Mir fällt gerade nichts ein”, antwortet er. “Ich glaube aber, die sind eher Engel als Dämonen… ich kann jetzt nicht genau sagen, warum, aber es fühlt sich so an.” Hilflos hebt er die Hände. “Meine Erinnerungen an die Rituale sind ziemlich löchrig. Eigentlich…” Er verstummt. Irene sieht, dass er um seine Fassung ringt.
Abrupt starrt er auf das Handy. “Kann ich mir das kurz mal leihen?”, fragt er. “Ich würde Ihnen gern was zeigen.”
“Klar.”
Lyle nimmt das Handy und verschwindet nach drinnen. Als er zurückkommt, zögert er einen Moment.
“Das ist jetzt… naja, wegen dem Zeichen. Ich weiß nicht, ob das bei mir funktioniert, ich habe schon ein Zeichen, aber ein anderes. Eins, das den Zugang öffnet.”
Er zeigt ihr das Bild, das er gerade gemacht hat: Ein Symbol aus alten Narben auf seiner Brust.

Irenes Augenbrauen haben sich zusammengezogen, als Lyle mit all ihren Kontakten davongesprungen ist. Bei seiner Rückkehr entspannt sie sich sichtlich. Bis sie das Bild sieht und tonlos murmelt:
“Puh! Diese Elders haben auch vor nichts zurückgeschreckt. Du bist mir hoffentlich nicht böse, wenn ich sage, dass das ein völlig neues Licht auf unsere Beziehung wirft. Exorcio te, omnis immundus spiritus… "
Lyle schreckt zurück, als Irene mit ihrer Formel anfängt und betrachtet sie fragend, fast ängstlich. Aber er läuft nicht davon, sondern lässt den Exorzismus über sich ergehen.
“Sind wir dann fertig?”, fragt er, nachdem sie ihn abgebrochen hat. “Haben Sie alles, was sie brauchen?”

“Sorry. Nur ein Test. Das schien mir nötig. Wenn ich jetzt die ganze Zeit einem Dämon gegenüber gesessen hätte, könnte ich mit all deinen Aussagen rein gar nichts anfangen.
Keine Ahnung, wie sich das Zeichen, das du schon hast, zusammen mit dem anderen auswirkt. Du könntest versuchen, es kaputtzumachen. Wenn ich du wäre, würde ich mir ein Messer oder irgendetwas glühendes nehmen und an ein paar strategischen Übergängen das Muster zerstören. Oder nein, wahrscheinlich besser nicht. Wer weiß, was dann für eine Wirkung entsteht. Ich würde mir einen Arzt suchen und es nach Möglichkeit völlig entfernen lassen. Vielleicht neutralisieren sich die beiden Zeichen wenigstens. Ich habe jemanden, den ich fragen kann, was er denkt, was passiert.”

Sie sendet das Bild an Charles mit der Frage, was man gegebenenfalls gegen diesen künstlichen Zugang tun kann.

Dann fällt ihr noch eine Frage ein: “Hast du mal von der Kirche der kommenden Entrückung gehört? Angeblich halten die die Weisen von Endor für verirrte Schafe, aber mir fällt es schwer, das zu glauben.”

Lyle ist schon aufgestanden, als sie mit ihrem Sprüchlein fertig war. Jetzt setzt er sich mit einem Seufzer wieder hin.
“Eigentlich habe ich das Zeichen Ihnen geschickt und nicht irgendwem, den ich nicht kenne”, sagt er abweisend. “Aber da bin ich wohl selber schuld. Ja, ich habe von der kommenden Entrückung gehört. Sind angeblich weichgespülte Möchtegernchristen, die ihre Kinder in die Schule schicken und zum Arzt gehen statt zu beten, wenn jemand krank ist. Ab und zu haben die Elders Waffen von denen gekauft.” Er steht wieder auf. “Kann ich dann gehen, oder brauchen Sie noch irgendwas von mir?”

“Du brauchst gar nicht so beleidigt zu schauen. Du hast mir bist jetzt verschwiegen, dass du ein wandelnder Gefahrenmagnet bist, und mich gleichzeitig über Sachen ausgefragt, die ich meiner eigenen Mutter noch nicht erzählt habe. Das Bild ging an meinen Mann. Ex-Mann. Egal. Ich vertraue ihm noch immer, was solche Sachen angeht. Und ich habe nicht dazugeschrieben, woher das Foto stammt. Eigentlich wäre ich davon ausgegangen, dass du gegen Hilfe, das Ding da zu inaktivieren, nichts hast. Und ja, ich brauche noch etwas. Deshalb bin ich überhaupt hier. Ich möchte, dass du mir die Zeichen aufmalst, die du bei den Ritualen gesehen hast, soweit du dich daran erinnerst. Auch wenn du nicht weißt, was sie bedeuten. Das lässt sich herausfinden.”

“Ich habe Ihnen das schon in Alaska erzählt, Ms. Hooper-Winslow. Da hat mich Mr. Gale auch schon gefragt, ob ich vielleicht besessen bin. Außerdem hätten Sie überhaupt nicht antworten müssen, wenn Ihnen das so unangenehm war”, schießt Lyle zurück. “Ich kann Ihnen die Zeichen nicht aufmalen. Wenn Sie sich erinnern, stand ich während der Rituale unter Drogen – das ist alles verschwommen und sehr, sehr unklar. Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass ich die korrekt wiedergeben kann. Oder überhaupt irgendwie.” Schreiben kann Lyle sowieso nicht gut. Er hat schon mit normalen Buchstaben genug Probleme, geschweige denn mit halberinnerten Symbolen, aber das sagt er ihr nicht. Er steht wieder auf.

“Ich brauche keine Hilfe, danke”, setzt er hinzu. “Ist bestimmt nett gemeint, aber ich komme alleine klar. Danke für das Eis.” Das im Becher geschmolzen ist.
Lyle packt seinen Rucksack und hebt ihn auf. Als er Irene wieder anschaut, ist seine Maske von einem freundlichen jungen Mann ohne größere Sorgen wieder intakt.
“Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder, würde mich freuen”, sagt er noch und wendet sich ab, um zu gehen.

“Glaube ich nicht,” knurrt Irene.

Sie klappt geräuschvoll das Laptop zu und verstaut es wieder in ihrem Rucksack.
“Es wird kein nächstes Mal geben.”

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Timberwere

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