Mädchenkram - Supernatural

... while my guitar gently wheeps

And tell me how I’m supposed to feel
When all these nightmares become real
‘Cause I don’t know

(Rise Against, Roadside)

Es ist dunkel in George, Washington. Aus der Ferne klingen die Geräusche des alljährlichen Sasquatch Festivals herüber, während ein Pärchen engumschlungen in einer Gasse verschwindet. Im Lichtkegel einer einsamen Strassenlaterne küssen sie sich, erst zärtlich, dann immer leidenschaftlicher. Plötzlich erscheint ein Schatten, wie ein Spinnenbein, hinter dem Mädchen. Der junge Mann sieht es aus den Augenwinkeln, sieht, wie der Schatten immer größer wird, und löst sich mit angstgeweitetem Blick von seiner Partnerin. Ein Schrei entfährt ihm, in Panik rennt er davon. Die junge Frau ist zunächst verwirrt, ist es ihre Schuld? Doch dann sieht auch sie, wie sich überlebensgroße Spinnenbeine in ihr Sichtfeld schieben, und voller Angst folgt sie dem jungen Mann aus der Gasse.

Partytime! Endlich raus aus der Uni, endlich Party machen, Musik hören, chillen, und gucken, wer und was am Start ist. Niels hatte das Gefühl, dass es eine Ewigkeit her war, dass er vor die Tür kam und mit anderen Menschen etwas unternahm, die nicht seine Cousine oder der Porträtkurs von Professor Ippolita Gomez waren. Will Hensley und seine Clique hatten ihn eingeladen, mit ihnen auf das Sasquatch Festival nach George zu fahren. Er hatte zuerst etwas gestutzt, als er den Ortsnamen gehört hatte, aber da weder Will noch sonst jemand aus der Runde gelacht hatte, hatte er beschlossen, hinzunehmen, dass der Ort tatsächlich hieß wie der erste Präsident der USA. Wenn er eines gelernt hatte, seit er hier war, war, dass die Amerikaner da ganz andere Massstäbe anlegten als die Deutschen. Begeistert hatte er zugesagt, nicht zuletzt, weil er insgeheim hoffte, vielleicht doch jemanden auf dem Festival kennenzulernen. Er war nicht über Philip hinweg – noch lange nicht – aber was konnte es schaden, sich einmal umzugucken. Andere Mütter hatten auch schöne Söhne.

Das Festivalgelände lag am Ufer eines Sees, und war weit mehr als nur ein Musikfestival. Es gab Stände für alles mögliche und unmögliche Zeug, indianisches “Kunsthandwerk”, keltische Schmuckstücke, vegane Wraps und laktosefreies Bier (an das, was die Amerikaner allerdings “Bier” nannten, hatte Niels sich noch nicht gewöhnen können).
Die Besucher bauten ihre Zelte auf, und kurz danach waren alle im Getümmel verschwunden. Es war noch hell, obwohl die Uhr gegen Abend zeigte. Niels beschloss, erst einmal die Gegend auf sich wirken zu lassen, er nahm seinen Zeichenblock aus dem Rucksack und begann mit ein paar Skizzen. Eines Tages, nahm er sich vor, würde er seiner Mutter ein großes Paket schicken mit den Zeichnungen, die er im Laufe der Zeit angefertigt hatte. Er musste allerdings dafür sorgen, dass sie niemals seinem Vater in die Hände fielen, denn ansonsten fand der noch heraus, wo sein Jüngster sich aufhielt, und einer von Niels’ wiederkehrenden Alpträumen war, dass Gustav Heckler vor seiner Tür in der Harry Truman Student’s Hall stand und ihn aufforderte, nach Hause zu kommen und Geister zu jagen.
Du bist mein Fleisch und Blut, du kannst es nicht verleugnen. Du bist wie ich.
Nein, niemals.

Aus dem Augenwinkel fielen ihm zwei junge Frauen auf, die eine mit einem brünetten Pagenschitt, die andere rothaarig und blass. Sie schienen sich angeregt zu unterhalten und spielten auf dem Smartphone der einen herum. Er beschloss, sie schnell in ein paar Strichen zu zeichnen. Kurz darauf standen beide auf, ohne bemerkt zu haben, dass sie sein Motiv gewesen waren, und gingen den Hügel hinauf in Richtung Stadt.

Niels legte den Zeichenblock zur Seite und nahm jetzt ebenfalls sein Smartphone heraus. Ein paar Fotos machen für die Leute zuhause und für seine Schwester. Dass sein Vater über diesen Weg jemals herausfinden könnte, wo sein Sohn war, fürchtete er nicht, im Gegenteil, im Internet fühlt er sich sicher vor ihm, denn Computer, Fernsehen und alles, was damit zu tun hatte, waren in Gustav Hecklers Augen Teufelswerk.
Er rief seine Facebook-Seite auf, um die Bilder hochzuladen, und wurde gleich als erstes von einem Foto von Philip begrüßt, der mit einer Flasche Bier in der einen Hand und Arne aus dem Kunstgeschichte-Seminar an der anderen Hand eine lustige Party feierte. Alles in ihm krampfte sich zusammen. Verdammte Axt, hörte dieser Scheiß auch mal auf? Die Lust zu feiern war ihm vergangen. Er musste sich ablenken, irgend etwas kaputt schlagen, ansonsten, das wusste er, würde er Philip wieder etwas schreiben, es umschreiben und nochmal umschreiben und am Ende doch nicht abschicken, oder ihn anrufen und die Mailbox vollheulen. Eigentlich war er ein Feigling, dass er einfach so abgehauen war, er hätte kämpfen müssen – ein Heckler gibt nicht kampflos auf, Aaron, ein Heckler kämpft bis zum letzten – aber jetzt war es zu spät.

Missmutig stieg er den Hügel hinauf, eigentlich wusste er gar nicht, wo er genau hinwollte, aber am See sitzenbleiben wollte er nicht. Vielleicht gab es in der Stadt irgend etwas ordentliches zu trinken oder zu essen, nach veganen Quinoaburritos stand ihm wenig der Sinn, da revoltierte der Bayer in ihm. Ein Mann braucht Fleisch und Bier, und kein Vogelfutter.

Immer noch in Gedanken, fand er sich plötzlich in einer Gasse wieder, und er war offensichtlich nicht der einzige, der überlegt hatte, dass man in George, Washington wohl noch mehr finden konnte. Neben ihm ging eine junge Frau, blond und zierlich, sie erinnerte ihn vage an dieses Filmsternchen, auf das Philips Schwester Lara so abfuhr. Von der anderen Seite näherten sich zwei weitere Frauen, Niels erkannte in ihnen die beiden Mädchen, die er auf der Wiese gezeichnet hatte.

Während er so vor sich hinschlenderte, die Gedanken immer noch bei Philip, hörte er auf einmal Gitarrenspiel. Es war eine eingängige, sehr traurige Melodie, der Gitarrist legte viel Gefühl in sein Spiel. Was Niels ebenfalls auffiel, war die Tatsache, dass der Lärm des Festivals in der Gasse scheinbar völlig verebbt war, nur das leise Gitarrenspiel war noch zu hören.

Plötzlich blieb er stehen. Vor ihm, im Kegel der Strassenlaterne, bewegte sich etwas, es schien direkt aus dem Boden zu kriechen, eine Hand, ein Schatten, ein kleiner, hektischer Pantomime. “Krasse Effekte,” murmelte da das vermeintliche TV-Sternchen neben ihm, “aber die Musik ist ziemlich mau im Gegensatz dazu.” Noch bevor Niels etwas antworten konnte, waren auch die anderen beiden jungen Frauen auf das schattenhafte Wesen aufmerksam geworden, die Brünette griff nach der ausgestreckten Hand und begann daran zu ziehen. Die Rothaarige versuchte sie daran zu hindern, doch sie war erfolglos gegen die Neugier ihrer Freundin. Aber die zog ihre Hand schon zurück, während sie entsetzt rief “Igitt, das ist ja ganz nass und klebrig!”

Sie versuchte, die Hand abzuschütteln, da kam ihr das TV-Sternchen zu Hilfe und rang das Wesen nieder, mit dem Einwickelpapier ihres “Vegan Cheese and Parsley gluten-free Quinoa Burrito” gelang es ihr, den Schatten einzuwickeln. Niels staunte. Zum einen war wenigstens das Papier von diesem Zeug nützlich, und zum anderen hatte er erwartet, dass Mädchen anders auf solche Wesenheiten reagierten, eben – mädchenhafter.

Jetzt lag der kleine Schatten zitternd in essbares Burrito-Papier gehüllt vor ihnen, er wirkte so gar nicht bedrohlich. Die Brünette sah es an und meinte dann, dass es sich um den Geist eines Ertrinkenden handeln müsse, so wie der erste Geist, dem sie begegnet sei. Niels murmelte halblaut, dass Geister nicht klebten, ganz gleich, ob sie von Ertrunkenen, Erhängten oder Erschossenen stammten hör genau zu, Aaron, das wird dir das Leben retten, aber die Brünette plapperte munter weiter, bis sie merkte, dass das Einwickelpapier-Mädchen sie etwas irritiert ansah und sie fragte, ob sie das ernst meine. Die Brünette wiegelte ab, anscheinend hatte sie das alles nicht laut sagen wollen, und als das Mädchen nachhakte, erklärte sie, das habe sie nicht ernst gemeint.

Die Rothaarige hatte sich derweil zu dem zappenden Wesen begeben und sagte: “Wenn du uns nichts Böses willst, dann halte mal still!” Das Wesen gehorchte, es hörte auf, sich heftig zu bewegen, sondern zitterte nur noch. Das Einwickelpapier-Mädchen schien das als Zeichen zu deuten, dass der kleine Schatten ihnen wirklich nicht böse gesonnen war, und sie zog das Papier ab. Das Wesen war jetzt frei, doch es floh nicht. Die Rothaarige versuchte weiterhin, Kontakt mit ihm aufzunehmen, indem sie fragte “Können wir dir helfen?” Sie liess es zu, dass das Wesen sie berührte, doch an ihrer ganzen Haltung konnte Niels sehen, dass es keine angenehme Berührung war. Dann löste sie die Verbindung, und der Schatten verschwand.

Für einen Moment war es still in der Gasse, nur das Gitarrenspiel war noch zu hören, leise, und Niels konnte beim besten Willen nicht sagen, woher es kam.

Die drei Mädchen entspannten sich derweil, die Brünette stellte sich als Coco vor, sie war Journalistin und machte einen Podcast zu übersinnlichen Phänomenen. Ihre rothaarige Freundin hieß Julianna, und Niels war sich sicher, dass das, was auf ihrer Schulter saß, und was er zuvor auch neben dem Wesen hatte sitzen sehen für einen kurzen Moment, ein Eichhörnchen war. “Seid ihr so was wie ein Hexenzirkel?” fragte er, denn die drei schienen ihm doch einen Tick zu sehr vertraut mit solchen Situationen. Julianna – Juli – wiegelte schnell ab, sie zumindest studiere Biologie. Das eine schloß das andere ja nicht aus, fand Niels, aber er sagte nichts.

Das dritte Mädchen war tatsächlich Amanda Vayne, und während Coco begeistert auf diese Nachricht reagierte und Amanda mit tausend Fragen bestürmte, musste Niels feststellen, dass sie das ANDERE Sternchen war, auf das Lara so stand. Er kam sich gerade sehr dumm vor, aber er spielte einfach die “tut mir leid, ich bin Deutscher aus Bayern”-Karte, seine Universalentschuldigung, wenn er wieder etwas nicht wusste.

“Was war denn das jetzt?” fragte eines der Mädchen in die Runde, doch niemand wusste eine Antwort. Niels überlegte, dass dies einer der Momente war, in denen er bedauerte, dass die Luger in einem sicheren Schrank im Wohnheim lag. Dann aber fiel ihm ein, dass er sowieso kein Steinsalz mehr hatte – er hatte es bisher nicht gewagt, seine Cousine um welches zu bitten, und so griff er sich nur an die rechte Hosentasche seiner Baggy Pants, wo er das Gewicht der kleinen Bibel spürte, die er seit seiner Kommunion immer mit sich herumtrug.

Das Wort des Herrn hat Gewicht, Aaron. Er hat uns unsere heilige Pflicht auferlegt.

Es wurde schnell klar, dass Niels und die drei jungen Frauen den Vorfall nicht auf sich beruhen lassen konnten. Niels wusste, dass das Wesen übernatürlichen Ursprungs sein musste, und zu seinem äußersten Unmut sprangen seine Jägerinstinkte an. Zielsicher steuerte er auf das Festivalgelände zu, wo sich eine Traube von Menschen um eine Gruppe junger Frauen versammelt hatten. Aus dem Stimmengewirr konnte Niels entnehmen, dass eine von ihnen eben von etwas Kleinem, Schnellen, Klebrigen berührt worden war, und ihre Freundinnen versuchten, sie zu beruhigen. “Was ist passiert?” fragte er, sein Tonfall eine Spur zu harsch, und entsprechend sahen ihn die Mädchen an. Klang er jetzt etwa wieder wie einer dieser Hollywood-Nazis mit furchtbarem deutschen Akzent? Noch bevor er sich entschuldigen konnte, kamen seine drei Begleiterinnen hinzu, um die jungen Frauen zu beruhigen und zu befragen. Anscheinend wirkten sie weniger einschüchternd als er, denn jetzt berichteten die vier um das Mädchen, das von dem Schatten berührt worden war, was passiert war.
Mehrere Menschen kamen jetzt näher, unter anderem ein Mann, der meinte, er habe auch Gitarrenspiel gehört.

Die vier jungen Jäger horchten auf. Gitarrenspiel? Coco zögerte nicht lange und liess sich von einem der anderen Besucher eine Gitarre geben. Sie überlegte kurz, dann zupfte sie das, was sie gehört hatte, nach. Für Niels klang das zunächst eher wie einfaches Herumgezupfe, aber dann wurde es dennoch zu einer Melodie, nichts besonderes, aber doch eingängig.

“Das war es nicht,” meinte jedoch der Mann, der angegeben hatte, das Gitarrenspiel gehört zu haben, “gib mir mal die Gitarre”. Coco reichte sie ihm, und nun lauschten alle seinem Spiel. Es war ein Unterschied, fand Niels, so sehr Coco sich auch Mühe gegeben hatte, sie war wohl keine geübte Spielerin, aber der Typ hier sehr wohl. Während er spielte, murmelte Julianna etwas vor sich hin. “Schwestern.. die eine ertrinkt, die andere kann sie nicht retten..” war alles, was Niels verstand. Was ging hier vor? Ging der Geist einer der Schwestern hier auf dem Festival um? Aber wie er bereits zu Coco gesagt hatte, Geister klebten nicht, und er ging fest davon aus, dass dies hier keine Ausnahme von der Regel war.

Noch während er überlegte, was es mit Juliannas Vision auf sich hatte – das Wesen musste sehr mächtig sein, wenn es so etwas bei ihr auslösen konnte – bemerkte er, dass ein junger Mann etwas abseits stand, aber sehr interessiert zu ihnen und dem Gitarrespieler herübersah. Langsam kam er näher, und Niels spürte, wie wieder seine Jägerinstinkte die Oberhand zu übernehmen drohten- merkst Du es, Aaron, wie es durch deine Adern fließt, das Blut der Jäger, das Blut der Hecklers, du bist einer von uns. “Ihr solltet die Finger davon lassen.” Dingdingding, Jackpot! “Und warum?” Niels merkte, dass er wieder ruppiger war, als er eigentlich sein wollte, sei doch mal verbindlicher, Alter.

Der junge Mann antwortete nicht, er trat von einem Bein aufs andere und sah sich ängstlich um. “Hi,” sagte Coco und ging auf ihn zu, “ich bin Coco. Kannst du uns mehr erzählen?” “Ich bin Kenny,” stellte sich der junge Mann vor, und ein flüchtiges Lächeln huschte über sein trauriges Gesicht. So nett und verbindlich wie sie würde er nie werden, musste Niels sich eingestehen, und er überlegte, wie er dazu beitragen konnte, dass der junge Mann sich wohlfühlte. “Ich geh mal Bier holen,” erklärte er, denn er hatte festgestellt dass das, was die Amerikaner Bier nannten, auch hier Zungen löste und die Leute reden ließ.

“Na, das mit der Gitarre. Also die, die ihr hört. Die ist von Christina Ragall. War so ‘ne berühmte Gitarrenbauerin,” erklärte Kenny, dankbar nahm er währenddessen das Bier an. “Aber das ist doch nicht alles,” bohrte Julie freundlich nach, “da steckt doch mehr dahinter. Du kannst uns vertrauen.” Niels merkte, dass seine schlechte Laune etwas abflaute, aber dennoch ärgerte es ihn, dass die Mädchen mehr Erfolg hatten, Kenny eine Antwort abzuringen. Aber vermutlich stand der einfach nicht auf Männer.

“Und ihr solltet die nicht spielen. Echt nicht. Das ist gefährlich.” Er nahm einen tiefen Schluck, und in Gedanken rechnete Niels durch, wieviele Biere er Kenny ausgeben konnte, bevor er zum nächsten ATM musste. “Was genau ist denn so gefährlich?” wollte eines der Mädchen wissen. Unbewusst schob sich das kleine Grüppchen von der Menge weg, die jungen Frauen schienen sich auch wieder beruhigt zu haben und auch die umstehenden Leute hatten sich wieder zerstreut und gingen, um irgendwelchen Indie-Bands zuzuhören.

“Die Gitarre, die macht so ihre Runde auf dem Festival, wisst ihr. Wenn man die einmal spielt, dann hilft sie einem, ein Lied gegen einen Albtraum zu finden,” erklärte Kenny. Niels horchte auf. Es waren also tatsächlich keine Geister, wie er vermutet hatte.
“Und wenn man die Gitarre ein zweites Mal spielt, dann fallen alle Schatten von einem ab und man hat das Jahr seines Lebens. Aber das hat seinen Preis.” Er machte ein Pause und nahm noch einen Schluck. ”Nach dem Jahr stirbt man.”

Niels verschluckte sich beinahe an seinem Bier-Imitat. Was für eine abgefahrene Scheiße ging denn hier ab?

“Und ich, ich hab die Gitarre letztes Jahr zweimal gespielt,” fuhr Kenny fort, in jedem seiner Worte schwang das Bedauern mit. “Aber mir gings echt dreckig damals,” setzte er wie zu einer Entschuldigung hinzu. Er seufzte und nahm noch einen Schluck, dann hielt er Niels den leeren Becher hin. Ein schneller Gang zum Bierstand brachte Nachschub, und Kenny fuhr mit seiner Erzählung fort. “Ich hatte wirklich das Jahr meines Lebens. Aber jetzt ist meine Freundin schwanger, und meine Zeit läuft heute ab, und ich.. ich.. man kann die Gitarre auch dreimal spielen. “ Er nahm wieder einen tiefen Schluck. “Dreimal?” fragte eines der Mädchen leise. “Dreimal. Beim dritten Mal kann man jemanden von den Toten zurückholen, aber die Seele des Spielers ist dann auf ewig in der Musik gefangen.” Niels beobachtete seine Begleiterinnen. Täuschte er sich, oder huschte da gerade ein wissendes Aufblitzen über Amandas Gesicht?

“Die Gitarre, die geht hier so auf dem Festival rum. Momentan hat Marlowe sie,” schloß Kenny seine Erzählung, doch schon wurde er von den Mädchen bestürmt, dass er sie zu Marlowe brachte. Widerwillig trottete Kenny los, die drei jungen Frauen und Niels im Schlepptau.

Kurz darauf standen sie vor einem dunkelhaarigen Mann Anfang 20, der eine hölzerne E-Gitarre spielte, auf deren Korpus das Bild eines Drachen ins Holz geschnitzt war.

Amanda kannte offensichtlich keine Scheu und ging auf Marlowe zu, der sein Spiel unterbrach und begann, sich leise mit ihr zu unterhalten. Aus ihren Wortfetzen war zu hören, dass es wohl um ihre Schwester ging.

Niels beobachtete die Szenerie aus einiger Entfernung, denn Kennys Worte hatten einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen. War es möglich, dass er, wenn er die Gitarre nur einmal, nur ein einziges Mal spielte, Philip endlich würde vergessen können und wieder frei wäre? Was hatte er nach mancher einsamer Nacht gehofft, dass es am nächsten Morgen endlich vorbei war, dass er aufwachte und Philip ihm nicht mehr im Kopf und vor allen Dingen im Herzen herumspukte. Es hieß, die erste, die große Liebe, die vergaß man nie, doch im Moment wollte er nichts lieber als das.

Er spürte, wie sein Mund Worte zu formen begann, die er eigentlich nicht sagen wollte, er hörte, wie er nach dem Instrument fragte, doch eigentlich wollte er das nicht, das war zu einfach, zu billig..

Dämonen versprechen einem alles, Aaron, hörst du? Alles!

Er machte einen Schritt auf Marlowe und Amanda zu, da spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Vorsichtig drehte er sich und sah in Cocos dunkle Augen. “Ich möchte eine Geschichte erzählen,” sagte sie leise, “von meinem Vater. Er hat im Krieg schlimme Dinge gesehen, die er nicht verarbeiten konnte, und deswegen Rohypnol genommen. Er dachte, das sei ein schneller Weg, um seine Albträume verarbeiten zu können, aber es hat ihm nicht geholfen. Dann hat er angefangen, uns zu schlagen, wenn er nicht mehr weiter wusste. Einfache Lösungen sind nie das, was sie zu sein scheinen, sie ziehen immer einen Rattenschwanz an Probleme nach sich.” Niels sah sie erstaunt an, und er glaubte, ungeweinte Tränen in ihren Augen zu sehen. Sie wirkte so unglaublich stark und unbeschwert, und niemals hätte er gedacht, dass sie eine solche Last mit sich herumtrug.

“.. ich habe die Gitarre dann von Sadie bekommen,” erzählte Marlowe gerade Amanda, und holte Niels damit in die Wirklichkeit zurück. “Sadie hat die Gitarre dreimal gespielt, um mich ins Leben zurück zu holen.” Marlowe seufzte und setzte sich wieder auf das Mäuerchen, auf dem er die ganze Zeit gesessen und gespielt hatte. Alles an seiner Körperhaltung zeigte sein großes Bedauern über Sadies Tat und seine Trauer. “Sie hatte die Gitarre von einer gewissen Isabelle, schon seit längerer Zeit, und sie hat sie dann dreimal gespielt, um mich zurück zu bringen.” Er bemerkte den fragenden Blick der vier und erklärte dann: “Sie war meine Freundin. Sie hat mich geliebt, und ich, ich hatte nichts besseres zu tun, als besoffen gegen einen Laster zu fahren. Sie hat sich das Ding” – wie zur Unterstützung seiner Aussage hielt er die Gitarre hoch – “für mich gespielt und ist einfach verschwunden.”

Julianna trat einen Schritt vor und sah Marlowe freundlich an. “Darf ich mir das Instrument mal ansehen?” fragte sie. Der junge Mann schien nicht im Geringsten verwundert zu sein über ihre Bitte, er zog sich den Gurt über den Kopf und reichte ihr die Gitarre. Julianna betrachtete das Instrument von allen Seiten, und Niels hatte den Eindruck, dass auch das Eichhörnchen, das bisher unbeteiligt auf ihrer Schulter gehockt hatte, sich der Expertise anschloß.

“Und du “ – Marlowe wandte sich plötzlich direkt an Niels – “willst wirklich nicht spielen?”

Niels erstarrte. Noch immer Cocos Hand auf seiner Schulter spürte er, wie sein rechter Arm sich heben wollte, nach dem Instrument greifen, es sich umlegen wollte, um zu spielen. Doch vor seinem inneren Auge sah er plötzlich Philip vor sich, der nur traurig den Kopf geschüttelt hatte, als er ihm gestanden hatte, dass er fremdgegangen war – es war doch nur ein bedeutungsloser Kuss, und er wusste, dass er trotz allem, was geschehen war, diesen dummen Idioten immer noch liebte.

“Die einfachen Lösungen sind nie die Besten,” antwortete er, und gab sich Mühe, seine Stimme fest und männlich klingen zu lassen, “und vielleicht will ich ihn gar nicht vergessen. Ja, verdammt, es gibt Tage, da wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass er zurückkommt, und alles ist wie früher, und dann gibt es die Tage, da möchte ich ihn an die Wand klatschen, weil ich ihn so abgrundtief hasse für das, was er mir angetan hat, aber fuck, Alter, ich will ihn nicht vergessen. Ich muss da durch, egal wie weh es tut.”

Marlowe schien nicht beeindruckt von Niels’ Ansprache zu sein. “Dann eben nicht. Du hattest deine Chance,” sagte er. “Ich für meinen Teil, ich werde dieses Ding dreimal spielen, denn ich hoffe, dass ich dann Sadie endlich wiedersehe. Schaut nicht so, ich bin mir sicher, dass sie tot ist. Ich habe sowieso nur noch dieses Festival.” Er sah seine Besucher durchdringend an. “Was glaubt ihr denn, was ich für einen Schatten auf mir hatte, als meine Freundin ihre Seele für mich aufgegeben hat?”

Niels spürte, dass er jetzt irgendetwas tun musste, bevor er doch der Versuchung unterlag, und mit einem der Bannsprüche, die ihm Benedikt beigebracht hatte, untersuchte er die Gitarre. Es war einfach nur eine Gitarre mit einer Schnitzerei. Kurzzeitig überlegte er, dass sein Bruder jetzt dennoch empfohlen hätte, das Instrument zur Sicherheit zu verbrennen, aber er war sich sicher, dass das zu unschönen Verwicklungen führen würde, wenn er fremder Leute Eigentum verbrannte im offenen Gelände.

Derweil hatte Amanda eine Idee. Sie zerrte Kenny näher, der inzwischen ziemlich betrunken zu sein schien. “Marlowe, du hast Kenny im letzten Jahr die Gitarre gegeben, und er hat sie zweimal gespielt. Er wird heute nacht sterben, und so würde sein ungeborenes Kind ohne Vater aufwachsen. Aber wenn du für ihn spielst, dann kann er wiederkommen, und du wirst in der Musik aufgehen und bei Sadie sein.”

Warum waren sie denn darauf nicht früher gekommen? Auch Kenny war einverstanden, auch wenn er wahrscheinlich in diesem Moment gar nicht verstand, auf was er sich da eingelassen hatte.

Marlowe reichte dem zierlichen Mädchen die Hand, um den Deal zu besiegeln, und sie setzten sich zu ihm an die Mauer, um die restliche Zeit zu überbrücken. Plötzlich, kurz nach Mitternacht, stand Kenny auf, um irgendwohin zu gehen, er sagte nicht, wohin. Bevor noch einer der vier oder Marlowe ihm nachlaufen konnten, hörten sie plötzlich einen großen Tumult, von einem der Wagen war ein Faß heruntergefallen und hatte den jungen Mann tödlich am Kopf getroffen. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, nahm Marlowe die Gitarre in die Hand und begann, zu spielen.

Es war eine Sache von Sekunden: Noch während Kenny sich vom Boden erhob, verwundert die Schläfe reibend und dann von einem Sanitäter fortgeführt wurde, fiel die Gitarre mit einem dumpfen Geräusch zu Boden, und Marlowe war verschwunden. Coco sprang schnell vor, um das Instrument aufzuheben, niemand hinderte sie daran, Kennys wundersame Heilung schien alle Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sobald er aus dem Sanitätszelt zurück war, würde sie sie ihm geben.

Niels überlegte kurz, ob er ihr die Gitarre doch noch abnahm, um sie zu verbrennen, doch er hatte keine Lust, es sich mit seinen neuen Bekannten und vor allen Dingen Coco zu verscherzen. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass dies trotz allem der Beginn einer wunderbaren Freundschaft war.

Einige Tage später: Die Gitarre wird Kenny anvertraut, und Nummern und Email-Adressen ausgetauscht, falls er Fragen hat. Auch die Mädchen und Niels tauschen ihre Email-Adressen und versprechen sich, in Kontakt zu bleiben.

When the night is cold
And you feel like no one knows
What it’s like to be the only one
Buried in this hole

You can make it to the sunrise
(Our last night, Sunrise)

Comments

Niniane

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