Mädchenkram - Supernatural

Bears and Witches

Beaver Creek, Idaho

Er hatte es ihr gesagt. Einmal, zweimal, dreimal. Anzug, vielleicht, Fliege, wenn es sein musste, aber seine Tunnels und die Piercings blieben an Ort und Stelle. Er musste ja weder den Jamesons noch irgendjemandem, der in diesen Adels-Gelbe Seiten auftauchte, seine Zunge zeigen. Außer, sie fragten ihn, ob es in Deutschland immer noch einen Kaiser gab, oder ob er wusste, was es mit fliessend Wasser und Strom auf sich hatte. Kurzzeitig hatte er sogar überlegt, die Sleeves auf die Hände auszuweiten, aber er brauchte seine Hände, verbundene Handrücken waren beim Zeichnen eher hinderlich.

Aber er hatte es geschafft, er war glutenfreien Menüs, vegetarischer Austernpastete, der Auslage gefühlt aller Floristen von Seattle und einem Heer kichernder Frauen entkommen und hatte endlich seine Ruhe.

Niels Heckler war in Idaho angekommen.

Niels freute sich unglaublich auf eine Runde entspanntes Zeichnen. Felicity hatte ihm kurz nach seiner Ankunft einen Bildband geschenkt über den Nordwesten, seine neue Heimat, und er hatte schnell beschlossen, dass die Wälder Idahos ein lohnendes Motiv für eine Zeichensession waren. Die neue Vegetation hatte ihn gereizt, und 2013, das Jahr des letzten großen Feuers, war auch sein Schicksalsjahr gewesen. Nicht umsonst prangte in schwarzer Farbe XIX/III/MMXIII auf seinem rechten Schulterblatt.
19.3.2013. Der Tag, an dem aus Aaron Niels wurde. Sein Geburtstag. Niels’ Geburtstag

Als er aus dem Auto stieg, atmete er tief durch. Freiheit. Die Luft roch nach Freiheit, wie sie es fast überall in Amerika tat. Außer vielleicht in einem kleinen Krankenhaus am Rande der Stadt May Creek. Er zuckte innerlich, als er daran dachte, was sein Bruder ihm angekündigt hatte, aber wenn Benedikt jetzt in diesem Moment vor der Tür der Harry Truman Student’s Hall stand, hatte er Pech gehabt. Dann musste er eben selbst sehen, wie er klar kam in Amerika. Vielleicht konnte er es ja zur Abwechslung mal mit ehrlicher Arbeit versuchen.

Die Vorstellung, dass Benedikt, der noch schlechter Englisch sprach als er selbst, versuchte, in Seattle einen Job zu finden, amüsierte Niels. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf betrat er das Café und setzte sich an einen Tisch. Er hatte kaum seinen Kaffee erhalten, da fiel sein Blick auf ein ihm wohlbekanntes Gesicht. Barry Jackson stand im Gang und unterhielt sich mit einer hübschen jungen Frau. Sie hatte lange dunkle Haare und trug lockere Kleidung, Niels fand sie auf Anhieb sympathisch. Jetzt gesellte sich auch noch eine dritte Person zu den beiden: Irenes Freund Cal, den er schon in Dwight kennengelernt hatte. Irgendetwas an dem militärisch wirkenden Mann war anders seitdem, stellte Niels fest, aber vielleicht hatte er einfach nur einen schlechten Tag oder war krank. Wobei er sich nicht so recht vorstellen konnte, dass Männer wie Cal krank wurden.

Was taten Barry und Cal hier, und wer war die hübsche junge Frau? War sie auch eine Jägerin? Sie machte nicht den Eindruck, aber bei der Gesellschaft hielt er es nicht für völlig unmöglich. Niels überlegte, ob er einfach so tun sollte, als habe er die drei nicht gesehen. Aber Benedikt hatte recht: Am Ende des Tages war er immer noch ein Heckler und ein Jäger, und es juckte ihn in den Fingern, herauszufinden, was die drei hier taten. Eigentlich war er ja nur zum Zeichnen hier, aber er wusste, er würde es bereuen, sich nicht zu zeigen und wenigstens “Hallo” zu sagen. Vielleicht war die Dunkelhaarige ja einfach nur eine Verwandte von Cal, und er ein guter Bekannter von Barry. Vielleicht aber auch nicht.

Niels stand auf und ging zu dem kleinen Grüppchen. “Hi,” sagte er und begrüßte Barry, diesmal wohlweislich ohne Handschlag. Cal dagegen reichte er die Hand. Die junge Frau stellte sich als “Chloe Bush” vor. Sie war Reporterin und tatsächlich mit Barry verabredet gewesen. Es ging wohl um eine Serie von Waldbränden, die Barry und Chloe untersuchen sollten. Irgendeine Umwelt-Organisation vermutete, dass es im Sawtooth National Forest zu Brandstiftungen gekommen war. “Kennt sich jemand im Wald aus?” fragte Barry zweifelnd und sah von einem zum anderen. “Ich bin praktisch in einem aufgewachsen,” entgegnete Niels leichthin. Er spürte einen leichten Stich. Hatte er etwa schon wieder Heimweh?

Kein Wald der Welt kann es wert sein, sich wieder in die Hände von Gustav Heckler zu begeben.

Chloe wollte sich in die örtliche Niederlassung der Umwelt-Organisation begeben, um dort Nachforschungen anzustellen, und die beiden Männer wollten sie begleiten. Niels zögerte kurz, als Barry ihn auffordernd ansah. “Ich wollte doch eigentlich nur zeichnen,” murmelte er. “Du musst nicht mitkommen,” meinte Barry, aber das war genau das Falsche, was er zu einem Heckler sagen konnte. Jetzt war nicht nur Niels’ Jägerinstinkt, sondern auch sein Ehrgeiz geweckt. In Windeseile trank er seinen Kaffee aus und lief hinter den anderen her, während er sich seine Tasche wieder umhängte.

Das Büro der Umwelt-Organisation wurde von einer jungen Frau namens Rowena Myerson geleitet, Niels schätzte, dass sie nur wenig älter als er und Chloe war. Sie wirkte sehr engagiert – wahrscheinlich musste man das sein, wenn man mitten im Nichts dafür sorgen wollte, dass die Umweltverschmutzung nicht zunahm. Chloe begann gleich, der jungen Frau einige Fragen zu stellen, hauptsächlich über die Brände. Wann hatte es gebrannt? Wo hatte es gebrannt? War ein Muster festzustellen? Niels merkte recht schnell während Chloes Fragestunde, dass die Reporterin entweder aus der Großstadt kam oder in einer Wüste aufgewachsen war, von Wäldern hatte sie keine Ahnung.

Rowena bemühte sich, Chloes Fragen so gut es ging, zu antworten. Niels wusste bereits, dass es zum letzten Mal 2013 ein großes Feuer gegeben hatte, fast den gesamten August über hatte es in der Gegend gebrannt, und auch damals hatte es Todesopfer gegeben. Doch was an den kürzlich ausgebrochenen Feuern seltsam war, dass es jedesmal Tote gegeben hatte, und alle Toten waren durch Blitzschlag gestorben.

Blitzschlag? Niels wusste, wie man sich bei Gewitter im Wald zu verhalten hatte, und er ging davon aus, dass die Leute das hier in der Gegend auch wussten. Und soviele Tote auf einmal war schon sehr seltsam. Noch seltsamer war, dass es nach jedem Blitzeinschlag gebrannt hatte. Von so etwas hatte er noch nie gehört, und sein Vater hatte dafür gesorgt, dass seine Söhne mehr oder weniger eins geworden waren mit dem Wald. Eines der wenigen Dinge, für das Niels ihm dankbar war.

Rowena merkte an, dass sie nicht wusste, ob es jedesmal auch ein Gewitter gegeben hatte, sie wollte das aber in Erfahrung bringen. Allerdings kam es hier schon vor, dass sich Gewitter sehr plötzlich bildeten. Aber insgesamt wirkte die ganze Geschichte schon sehr merkwürdig.

Chloe bedankte sich bei Rowena für ihre Ausführungen. Als sie wieder vor der Tür des kleinen Büros stand, war klar, was sie als nächstes tun mussten: Eine Besichtigung der Tatorte war unumgänglich.

Vor der Tür lächelte Chloe etwas unsicher und sah dann von Cal und Niels zu Barry. “Umziehen?” fragte sie ihn, und er nickte nur. Sein Anzug und ihre High Heels waren definitiv nicht outdoor-tauglich, im Gegensatz zu Niels’ Cargohosen und Stiefeln und Cals Aufmachung.
Die beiden kehrten kurze Zeit später zurück, und mit den Autos fuhren sie zu einem Wanderparkplatz. Von dort kamen sie auf den Beaver Creek Trail, der auch durch das verbrannte Gebiet führte.

Niels packte seine Sachen in einen Rucksack und schnallte sich das Holster für die Luger um, während Barry noch den Inhalt von Cals Kofferraum bewunderte. Niels warf einen kurzen Seitenblick auf das Auto des Jägers, aber wirklich überraschend fand er das jetzt nicht. Jäger-Ausrüstung halt, zum größten Teil Standard. Wobei er sich sicher war, dass im Heckler-Keller keine Granaten und Minen lagen.

Anscheinend hatte er sich durch seine Ansage, dass er praktisch in einem Wald aufgewachsen war, zum Anführer der Gruppe gemacht, und so ging Niels voran in den Wald. Nach einiger Zeit verließen sie den offiziellen Wanderweg, um zu der Stelle zu kommen, an der ein Forstarbeiter ums Leben gekommen war, jemand, der sich definitiv hier auskannte. Niels bemerkte, dass es immer noch nach Rauch roch hier, der Wald hatte sich außerdem in den zwei Wochen, die das Feuer bereits her war, noch nicht wirklich erholt. Barry fragte sich laut, ob es keine Zeugen gab für die Brände, waren die Leute denn alle allein unterwegs gewesen?

Chloe nahm ihre Kamera aus der Tasche und begann, Bilder zu machen. Typisch Reporterin. Barry hingegen blieb wie angewurzelt an einer Stelle stehen und schien in den Wald hinein zu horchen. So ähnlich hatte er bereits in dem alten Krankenhaus in May Creek dagestanden, erinnerte sich Niels, und ein Schauer lief ihm über den Rücken, als er darüber nachdachte.

“Hier!” Chloe deutete auf einen Baum, an dem sich zwei Auswölbungen befanden, die Niels entfernt an Tierköpfe erinnerten. “Das sind zwei Bären,” erklärte sie, und Niels fragte sich, woher sie das so genau wusste. Sah sie so etwas durch ihre Kamera? Er musste sie unbedingt danach fragen.

Unterdessen war Barry in eine andere Richtung gegangen, Niels, Cal und schließlich auch Chloe folgten ihm. Der Indianer war vor einem seltsam geformten Baum stehen geblieben, auf den Chloe sofort ihre Kamera richtete.

“Oh. Ohoh,” machte sie nur, und zeigte den anderen das Bild. Niels war erstaunt. Über dem Bild des Baumes lag das Bild einer Frau Mitte 30, sie trug ein altmodisch wirkendes Kleid, und ihr bleiches Gesicht hatte einen schmerzverzerrten Ausdruck. Hatte jemand ihre Seele vor langer Zeit in den Baum gesperrt? Irgendjemand brachte die Überlegung auf, sich die Stadtgeschichte vorzunehmen, oder nach den Knochen der Frau zu suchen, um sie zu verbrennen. Doch Barry winkte für den Moment ab und bedeutete ihnen, leise zu sein, offensichtlich hatte er noch etwas gehört. Er ging einige Schritte weiter und kam zu einer Stelle, an der zwei weitere seltsam geformte Bäume standen. Genau hier, im Dreieck zwischen den drei Bäumen, waren die Menschen an den Blitzschlägen gestorben.

Chloe sah noch einmal durch ihre Kamera und nickte nur. “In diesem Baum,” sie deutete auf den verformten Baum zu ihrer Linken, “sehe ich eine sehr junge Frau. Und in diesem” – sie deutete auf den Baum auf der rechten Seite – “eine alte Frau.” “Maiden, Mother, Crone?” mutmaßte Barry. Niels nickte, von dieser Dreiteilung hatte er auch schon gehört. Heidnisches Hexengewäsch hatte sein Vater das genannt, und seinen Söhnen wieder und wieder erklärt, dass solche Frauen ihr Leben verwirkt hatten.

“Da ist noch was.” Chloe zeigte auf einen dritten knollenförmig verwachsenenen Baum. “Dort sind noch zwei Bären gefangen,” meinte Barry, und sie nickte nur. Ihnen allen war klar, dass diese Bäume etwas mit den Toten zu tun hatten, und Eile war geboten. Keiner wollte erst nach Hailey zurückfahren und dort ermitteln, während weitere Wanderer in Gefahr waren.

Barry zog eine Axt aus seinem Rucksack und sah von einem zum anderen. “Kennt sich jemand mit sowas aus?” fragte er. Niels seufzte. “Ist das eine Fangfrage?” wollte er wissen, doch der Indianer schien den Sarkasmus in seiner Stimme nicht zu bemerken. Stattdessen drückte er ihm die Axt in die Hand, und Niels legte seinen Rucksack ab und begab sich zu dem Baum, in dem Chloe die Maiden gesehen hatte.

“Wie kann ich mich eigentlich gegen einen Blitz schützen?” wollte Chloe jetzt wissen, als befürchte sie, der Baum könnte Blitze auf sie schleudern. “Sei einfach nicht geerdet,” empfahl Niels ihr, dem leicht irritierten Nicken der Reporterin entnahm er jedoch, dass sie nicht genau wusste, wovon er sprach. Sie war wohl doch ein Stadtkind.

Niels wog die Axt ein paar Mal in den Händen, dann schlug er zu. Es war lange her, dass er auf diese Weise Holz gemacht hatte, aber er war sich sehr sicher, dass Bäume nicht so reagieren sollten wie dieser. Kaum hatte er eine Kerbe in das Holz geschlagen, da peitschten auch schon zwei Äste nach ihm, an ihren Enden loderten weiße Flammen.

Fuck.

“Niels, pass auf!” Chloes Warnung kam im selben Moment, und er ließ sich geistesgegenwärtig fallen, als Barry vor ihn sprang, und zog die Luger. Cal lief mit einer Machete auf die Äste zu und hackte grimmig auf sie ein. Eine schattenartige Gestalt löste sich aus dem Baum und glitt in Richtung Barry und Niels. Chloe rief etwas, offensichtlich versuchte sie, mit dem Geist zu reden, doch die Gestalt war zu wütend, um auf die junge Frau zu hören.

Barry griff nach der am Boden liegenden Axt, um mit seiner linken Hand auf den Baum einzuschlagen, doch er bewegte sich dabei zu weit nach vorn, und die schattenhafte Gestalt erwischte ihn mit ihren feurigen Händen an der Schulter. Niels, noch immer am Boden liegend, schoß auf den Geist und traf. Cal gelang es unterdessen, einen der Äste, die immer noch wild nach Barry und Niels peitschten, abzuschlagen.

Der Geist versuchte, ein zweites Mal nach Barry zu schlagen, doch Niels schoß ein zweites Mal auf ihn und riß ein großes Loch in das Gewebe. Barry nahm die Axt in seine linke Hand und schlug damit nach der Gestalt, und diesmal traf auch er. Cal war es unterdessen gelungen, den zweiten Astarm abzuschlagen, genau im richtigen Moment, denn Niels hörte Chloe rufen “Da kommt etwas aus dem Wald!” Barry verlor keine Zeit, wich dem Geist noch einmal aus und riß dann mit seinem Haken das brennende Herz aus dem Baum.

Augenblicklich war es totenstill im Wald.

Cal nahm seine Machete und zerlegte den Baum, Niels kam es vor, als sei er ziemlich wütend. Doch plötzlich stoppte er. “Hier ist jemand vergraben,” sagte er und deutete auf Knochen im Boden. Die drei Männer sahen sich nur kurz an, sie wussten alle, was zu tun war. Während Cal Salz auf die Knochen streute, entzündete Niels ein Streichholz und warf es in das Grab. Schweigend sahen sie auf den brennenden Knochenhaufen, als plötzlich ein Grollen zu hören war. Ein Gewitter zog auf.

Sie waren sich alle einig, dass sie keine Lust hatten, herauszufinden, ob dieses Gewitter natürlichen Ursprungs war oder die Rache des Waldes für das Verbrennen der Knochen. Als die ersten Tropfen fielen, hatten sie wieder ihre Fahrzeuge erreicht und fuhren zurück nach Hailey.
Auf dem Parkplatz berieten sie kurz. “Wir könnten die Bäume mit Handgranaten sprengen,” meinte Cal, doch nur Chloe war von diesem Plan nicht gleich überzeugt. “Sollten wir nicht erst einmal recherchieren, was hier überhaupt passiert ist?” fragte sie in die Runde. Niels sah von einem zum anderen, doch Cal sagte nichts, und Barry schüttelte nur müde den Kopf. Er schien Schmerzen zu haben an seiner Schulter, wo ihn der brennende Ast getroffen hatte. “Soll ich mir das mal angucken?” wollte Niels wissen. Barry betrachtete ihn skeptisch, offenbar traute er dem jungen Mann nicht wirklich zu, dass er sich in Erster Hilfe auskannte.

Wenn du wüsstest. Das kam gleich nach dem Schießen und noch vor der Bibelstunde.

Es war später an diesem Abend, als sie sich wieder im Diner trafen. Chloe hatte bereits erste Recherchen getätigt und sich mit den Sagen und Legenden der Gegend vertraut gemacht. Es war zwar nicht explizit erwähnt worden, doch hatte sie zwischen den Zeilen auch herausgelesen, dass es hier noch im 19. Jahrhundert zu Hexenverfolgungen gekommen war. Niels verdrehte die Augen. “Das ist ja wie Zuhause hier.” Hexenverfolgungen waren nichts aus dem letzten Jahrhundert, wie Chloe vielleicht denken mochte, er erinnerte sich nur allzu lebhaft daran, wie sein Vater immer wieder gegen Hexen gewettert hatte.

Die Hexe sollst Du nicht leben lassen, Aaron, das lehrt uns die Heilige Schrift. Wenn Du so ein gottloses Weib findest, sorge dafür, dass sie niemandem mehr schadet.

Niels war sich nicht sicher, ob sein Vater wirklich eine Hexe umgebracht hatte, aber sein Großvater und sein Großonkel mit Sicherheit, und seinem Bruder Joseph traute er ebenfalls zu, dass er Frauen ermordete, die er für Hexen hielt.

“Hexenverfolgung ist bestimmt nichts aus der Vergangenheit,” erklärte er, und er spürte, wie Wut in ihm aufstieg. Die anderen sahen ihn an. Er wollte nicht wie sein Vater werden, oder wie sein Bruder Joseph. “Wie zuhause ist das hier. Da wurden auch noch Hexen verfolgt, und mit der Bibel argumentiert.. ich dachte, ich hätte das alles hinter mir gelassen.”

“Du musst das nicht machen,” erklärte Barry ruhig, aber bestimmt, während das Essen gereicht wurde. Niels funkelte ihn böse an. Vielleicht bevorzugte er nicht die gleichen Methoden wie sein Vater und seine Brüder, aber er war ein Heckler und ein Jäger. “Meinst du, ich kann das nicht?” wollte er von dem Indianer wissen, und er hörte, wie seine Stimme einen bedrohlichen Unterton annahm. “Es gibt ja noch andere,” mischte Cal sich jetzt ein. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Wütend sprang Niels auf und ging die beiden älteren Männer an. “Ich bin gut darin! Ich kann das!” rief er, doch sein Wutausbruch beeindruckte alle anderen am Tisch nicht. Chloe lächelte ihm mütterlich zu und meinte: “Sei doch nicht so bockig.” Barry sah ihn nur weiter ungerührt an. “Sei mal leiser hier,” erklärte er ihm, doch Niels war jetzt in Rage. “Ich bin so laut, wie es mir passt!” herrschte er den älteren Mann an. Cal begann zu lachen, und er lachte auch noch, als die Bedienung kam und ihn fragte, ob denn mit seinem Sohn alles in Ordnung sei. Missmutig stocherte Niels in seinem Essen herum und vermied es für den Rest des Abends, die anderen anzusehen.

Am nächsten Morgen trafen sich die Vier am Stadtarchiv von Hailey. Während Chloe im Archiv recherchierte, wartete Niels mit den Händen in der Hosentasche vor der Tür. Mit Archiven kannte er sich nicht aus, alles, was er darüber wusste, war, dass sie sich meistens in Kellern befanden. Außerdem war es ihm unangenehm, den anderen zu begegnen, er hatte sich am Vorabend wie ein Idiot benommen. Nervös kaute er auf seinem Zungenpiercing herum, als Barry und Cal vor die Tür traten, um zu rauchen. Niels gesellte sich zu ihnen, die Zigarette, die Barry ihm anbot, lehnte er jedoch ab. Rauchen hatte ihn nie interessiert. Er holte tief Luft, um dann das auszusprechen, was ihm schon den ganzen Morgen im Kopf herumging. “Tut mir leid wegen gestern,” murmelte er. Cal sah ihn nur ausdruckslos an, während Barry zwischen zwei Zügen “schon gut” meinte. “Ich will nicht so werden wie mein Vater,” setzte Niels hinzu. Cal sagte immer noch nichts, aber Barry drückte mit den Worten “Dann lass es,” seine Zigarette aus und ging wieder ins Archiv.

Als wenn das so einfach wäre. Ich bin ein Heckler, und das hat er mir ein ums andere Mal klar gemacht.

Auch Cal ging wieder hinein, während Niels vor sich hingrübelnd, die Hände in den Hosentaschen, zum Himmel sah. War es wirklich so einfach? Er hatte immer alles unternommen, sich nicht so zu benehmen wie sein Vater, sich von ihm abzusetzen. Seufzend sah er auf seine Arme. Nichts von dem, was er da sah, hätte seinem Vater gefallen, nein, verbesserte er sich in Gedanken, es hatte ihm nicht gefallen, als er in München aufgetaucht war. Mit Schaudern erinnerte er sich an die Beschimpfungen, die über sich hatte ergehen lassen müssen.

”Hab ich dir nichts beigebracht? Hast dir nicht gemerkt, was ich erzählt habe! Lässt sich bemalen wie ein Wilder! Gottloses Zeug, gottlos! Was hab ich da nur groß gezogen!” Er hebt die Hand, doch diesmal ist Niels schneller. Er packt seinen Vater am Arm und hält ihn fest. “Geh,” sagt er, seine Stimme bricht beinahe. Die Tür wird aufgeschlossen. Philip kommt herein, ein “Hallo, Schatz” begleitet ihn. Sein Blick verfinstert sich, als er Gustav sieht. “Gehen Sie. Sofort.” Niels lässt seinen Vater los, und mit einem letzten Blick verschwindet Gustav. “Widernatürlich. Gottlos!” hört Niels ihn noch auf dem Flur rufen, bevor er weinend in Philips Arme sinkt.

In diesem Moment kam Chloe aus dem Archiv, gefolgt von Barry und Cal. Sie strahlte, offensichtlich war sie fündig geworden. “Theodora, Valerie und Susan Drayper,” erklärte sie, doch niemand verstand, was sie damit meinte. Dann berichtete sie, dass sie herausgefunden hatte, dass die drei Frauen vor über hundert Jahren hier am Beaver Creek gelebt hatten, sie waren bei den Dörflern als Hexen verschrien gewesen und hatten zahme Bären bei sich gehabt. Man hatte sie eines Tages in ihrer Hütte verbrannt, auf Veranlassung eine gewissen Thornton Taylor hin, der Arzt in Hailey gewesen war. Der Arzt hatte den Frauen ihren Ruf als Weise Frauen geneidet und sich so ihrer entledigen wollen.

Plötzlich klingelte Chloes Telefon, und nach einem kurzen Wortwechsel schaltete sie auf Lautsprecher. Es war Rowena Myerson von der Umweltorganisation, sie hatte sich über die Gewitter schlau gemacht und wollte jetzt Chloe ihre Erkenntnisse mitteilen. Es hatte viele Gewitter im Naturschutzgebiet gegeben, seit 2013 hatten sie zugenommen. Auch große Brände hatte es mehrere gegeben, einen am 7. August 1915 und einen am 7. August 1964. Bei der Erwähnung des Datums sahen sich alle an. 49 Jahre. Sieben mal sieben Jahre. Eine für Hexen bedeutsame Zahl. Vor zwei Jahren war in einen der drei Hexenbäume außerdem ein Blitz eingeschlagen. Stärkten die Gewitter die Hexen? Es war eine Möglichkeit, die sie bedenken mussten.

“Was machen wir jetzt?” fragte Barry. Während Cal dafür war, die Bäume einfach zu sprengen, war Chloe für eine diplomatischere Lösung. Niels sah sie an und stellte fest, dass er sie zwar sehr mochte, aber in Sachen Geister und Dämonen hatte sie noch einiges zu lernen. Cal aber lenkte ein, wenn Chloe mit den Bäumen reden wollte, sollte sie das tun, aber zur Sicherheit würde er einen Draht zwischen den Bäumen spannen, um sie in die Luft zu jagen.

Sie fuhren wieder in den Wald hinaus, und nachdem Cal den Draht zwischen den Bäumen gespannt hatte, begann Chloe mit dem Baum zu reden, in dem sie Theodora Drayper, die älteste der drei Drayper-Damen, gesehen hatte. “Theodora? Sind Sie da?” Ein Rauschen ging durch den Wald. “Euch ist Unrecht geschehen,” fuhr Chloe fort, die das Rauschen als Zustimmung interpretierte. “Jaaaa….” war auf einmal eine flüsternde heisere Stimme zu hören, “Taylor soll Abbitte leisten.” “Aber Tayor ist lange tot,” antwortete Chloe. “Wäre euch geholfen, wenn eure Knochen in geweihter Erde liegen?” fragte sie dann. “Jaaaa…” kam es von irgendwoher, leise, uralt und bedrohlich. Ein Ast neigte sich auf den Boden, und Niels vermutete, dass dort die Knochen lagen.

Beschwingt von ihrem Erfolg ging Chloe zum nächsten Baum, doch ihr Glück war nur von kurzer Dauer. “Susan…,” begann sie, aber sie kam nicht weit, ein wütendes Grollen ertönte. Niels erinnerte sich an die Ausführungen der Reporterin, und er war sich sicher, dass hier Valerie lag, und so rief er schnell “Valerie, Valerie, Valerie.” Das Grollen verstummte, aber jetzt hatte Niels die volle Aufmerksamkeit des Geistes.

Wunderbar. Wieso muss ich eigentlich immer mit den Leuten reden?
Reiss dich zusammen, Heckler, du kannst das. Und du brauchst niemanden, der dir dabei hilft.

“Wollen Sie.. willst Du.. vielleicht Frieden?” fragte er vorsichtig. Zustimmendes Rauschen. Niels nickte den anderen zu, und Cal begann, die angezeigten Gräber auszuheben. Chloe wartete gespannt darauf, dass die drei Männer die Knochen nun aushoben und irgendwohin brachten, doch stattdessen packte Cal Salz aus. Niels sah zweifelnd von ihm zu Chloe. Ihm war nicht ganz wohl dabei, dass sie nicht nur die Geister, sondern auch die Reporterin belogen hatten. Er erklärte ihr, dass es nicht so einfach war, die Knochen in geweihter Erde beizusetzen, ohne einen Geistlichen in Hailey lief da seiner Meinung nach nichts. Die Reporterin schien immer noch nicht überzeugt, und so kam Barry Niels zu Hilfe. “Überleg doch mal, wieviel Schuld die drei auf sich geladen haben. Sie haben gemordet. Unschuldige Menschen,” sagte er leise Chloe nickte langsam. Sie setzte sich auf einen umgefallen Baumstamm und sah den drei Männern dabei zu, wie sie die Knochen von Theodora und Valerie salzten und anzündeten.

Als sie sich später umsahen, bemerkten sie, dass auch die Bärenköpfe aus den Bäumen verschwunden waren. Chloe und Barry beschlossen, in ihren Bericht für die Umweltorganisation etwas von Brandlöchern durch Blitzeinschläge zu schreiben. Das würde niemand nachprüfen können, denn die Brände würden jetzt sicher aufgehört haben. Die Hexen vom Beaver Creek waren gebannt.

Cal verabschiedete sich sehr schnell, wortlos packte er sein Equipment zusammen und fuhr davon. Barry, Niels und Chloe fuhren zurück nach Hailey, wo sie noch einen Kaffee tranken, doch dann sagte auch der Indianer Lebewohl. Niels sah Chloe gespannt an. “Und was machen wir beiden jetzt?” fragte er. Die Reporterin sah ihn erwartungsvoll an, und er fuhr fort: “Ich will jetzt endlich in Ruhe zeichnen. Hast Du Lust, mitzukommen? Du könntest Fotos machen.” Jetzt lächelte sie, und gemeinsam fuhren sie mit dem Kombi wieder zurück in die Wälder.

Niels packte seinen Zeichenblock aus und machte ein paar Skizze zum Warmwerden. “Du bist gut,” meinte Chloe und setzte sich neben ihn auf einen Fels. “Danke. Leider sieht das nicht jeder so.”

Zeichnen? Zeichnen? Wie kommst du denn auf solche Gedanken? Und was ist das überhaupt für ein Unsinn? Du bist ein Jäger, Aaron, ein Jäger!

Chloe sah ihn fragend an, und Niels seufzte. “Mein Vater findet, Zeichnen ist nichts, was ein Mann tun sollte. Er ist ziemlich konservativ.” Die Reporterin nickte. “Sowas kenne ich,” meinte sie nur. “Ich bin froh, dass ich von meiner Familie weg bin. War eine beschissene Zeit.” Er senkte den Kopf und zeichnete eifrig weiter, der Stift kratzte über das Papier des Skizzenblocks. “Ohja, Familie. Meine war nicht mit meiner Partnerwahl einverstanden,” meinte Chloe dann, und Niels sah erstaunt auf. Das kam ihm sehr bekannt vor, und unwillkürlich musste er lächeln. Offensichtlich waren Chloe und er sich näher, als er bisher angenommen hatte. “Meine auch nicht,” erklärte er, und augenscheinlich verstand sie, sie lächelte ebenfalls. Er mochte Chloe Bush.

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Timberwere

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